Friedrich Nicolai
Leben und Meinungen
des Herrn
Sebaldus Nothanker
Vorrede zur vierten Auflage
(1799)
Als dieses Buch vor sechsundzwanzig Jahren zuerst erschien, regierte in Deutschland ziemlich allgemein das Vorurteil: der geistliche Stand musse, um sein Ansehen zu behaupten, sich notwendig von allen anderen Standen durch eine ungesellige Gravitat absondern. Diese orthodoxe, finstere Wurde schien sogar vielen geistlichen Herren ein Teil der Wurde der orthodoxen Religion selbst zu sein; und weil damals ein heiliger Schauder vor jeder Neuerung in der Lehre Frommigkeit hiess, so schien es vielen eifrigen Theologen auch schon die gottloseste und verdammlichste Neuerung, dass in diesem Buche Personen geistlichen Standes, gleich anderen Menschen, geschildert waren, so wie sie sind. Besonders gaben sie es fur Verachtung des geistlichen Standes aus, dass fast alle in dieser Geschichte vorkommenden Prediger und sogar die Hauptperson ganz gemeine Menschen waren. Wie arg deshalb uber mich offentlich hergefahren worden und wie weit die heimlichen Verunglimpfungen mancher orthodoxen Herren gingen, sollte man kaum glauben. Die Beschreibung davon wurde ein so widriges als lacherliches Bild geistlicher Rachsucht geben, wenn es der Muhe lohnte, alle Zuge derselben zusammenzustellen.
Von der anderen Seite ward ich auch von aufgeklarten Geistlichen der Unbilligkeit beschuldigt, weil im zweiten Bande der damals noch ganz neuen, verbesserten Theologie eben nicht viel Einfluss auf die Einwohner Berlins zugeschrieben war, da doch diese Herren glaubten, Berlin musse vermoge derselben der Brennpunkt der hochsten Aufklarung sein. Als nach einigen Jahren ein neues Gesangbuch eingefuhrt werden sollte, zeigte sich, dass meine Schilderung eines grossen Teils der Einwohner Berlins nur allzu getreu gewesen war.
In Berlin war damals schon vermoge der liberalen Denkungsart, welche Friedrich der Grosse durch sein Beispiel einfuhrte und beschutzte, von Philosophen und Theologen zur freien Entwickelung der Krafte des menschlichen Geistes sehr viel geschehen. Dies ward allgemein anerkannt, nur konnte sich die Wirkung davon nicht so geschwind in alle Stande ausbreiten, als es manche lebhafte Einbildungskraft verlangte. Doch hatte sich damals auch wohl niemand vorstellen konnen, es wurde eine Zeit kommen, da selbst in Berlin die Aufklarung in der Religion und die Anwendung der gesunden Vernunft auf die wichtigsten Angelegenheiten des menschlichen Lebens durch offentliche Gewalt sollten gehindert werden wollen. Und doch kam diese Zeit, welche nun, gottlob, vorbei ist. Menschen, deren sinnlose Herrschsucht nur mit ihrer Unwissenheit zu vergleichen war, missbrauchten die ihnen gegebene Macht auf eine Art, welche zeigt, wie schrecklich und wie zwecklos zugleich es ist, den weltlichen Arm zur Herrschaft uber Meinungen anzuwenden. Sie entblodeten sich sogar nicht, die "Allgemeine deutsche Bibliothek", ein Werk, zu welchem ich seit dreissig Jahren eine Anzahl verdienstvoller deutscher Gelehrten vereinigte, als ein Buch wider die Religion anzuklagen und ohne alle Untersuchung ein Verbot zu bewirken: ungeachtet ich einige zwanzig Jahre lang bei der Herausgabe und bei dem Abdruck bestandig alles beobachtet hatte, was die Gesetze des Staats vorschreiben. Von Leuten, welche sich dieses erlaubten, durfte man alles Widrige erwarten, auch fehlte es nicht an Proben, dass sie sich gern mehr erlaubt hatten. Es ist hier nicht der Ort, auseinanderzusetzen, auf welche so niedrige als heimtuckische Art man mich in bestandige Verlegenheit zu setzen suchte. Sollte es einmal an einem andern Ort geschehen, so wurden die Leser erstaunen. Ich bin genotigt, dieses hier anzufuhren, weil die Folgen des Einflusses gemissbrauchter offentlicher Gewalt sich auch bis auf dieses Leben des ehrlichen Sebaldus Nothanker erstreckten. Die dritte Auflage war seit beinahe vier Jahren erschopft und kein Exemplar zu haben. Es ware schon damals eine neue Ausgabe notig gewesen, aber selbst so wohlwollende als einsichtsvolle Manner rieten mir ernstlich davon ab: denn jene Menschen, welche sich schon soviel erlaubt hatten, wurden ihre auffallende Ahnlichkeit mit dem verfolgenden Stauzius erkannt und entweder den Abdruck gehindert haben, oder sie hatten gleich wie bei der "Allgemeinen deutschen Bibliothek" gerufen, dass die Religion in Gefahr sei, und hatten, wie sie so oft taten, die symbolischen Bucher, denen sie selbst nicht einmal folgten, zum Vorwande ihrer Rache und Herrschsucht gebraucht. Jetzt, da unter der Regierung Konigs Friedrich Wilhelm III. Heuchelei und Aberglauben in die verdiente Verachtung zuruckfallen und jeder freimutige Mann sein Haupt emporheben darf, erscheint diese neue Ausgabe im wesentlichen ungeandert. Nur ist in der Schreibart vieles verbessert, und es sind einige wenige Anmerkungen hinzugekommen, wodurch manche Anspielungen auf allerhand literarische Vorfalle der ehemaligen Zeit erklart werden. Viele gelehrte Erfindungen und Merkwurdigkeiten bleiben gar kurze Zeit merkwurdig und verstandlich, so ernsthaft und wichtig sie auch bei ihrer Entstehung von den gelehrten Herren behandelt werden; daher bedarf eine Schrift, welche davon redet, nach zwanzig Jahren mancher Erlauterung. Ob die Gemalde der Heuchelei, der Verfolgungssucht, der Futilitat sowie der Gutherzigkeit, der Wahrheitsliebe und uberhaupt der menschlichen Sitten und Leidenschaften, welche in diesem Buche vorkommen, noch jetzt ahnlich und ohne weitere Erklarung verstandlich sein mochten, muss ich dem Leser zu beurteilen uberlassen. Die vorigen Ausgaben wurden von dem beruhmten Herrn Daniel Chodowiecki mit sehr charakteristischen Kupferstichen geziert. Die gegenwartige Ausgabe zierte der beruhmte Herr Johann Wilhelm Meil mit Kupferstichen, in ihrer Art ebenso vorzuglich. So hat dieses Buch das Gluck, dass zwei Kunstler in Berlin, welche in charakteristischen kleinen Bildern jeder in seiner Art einzig sind, dasselbe durch ihre Kunst verschonerten. Es ist in mehrere fremde Sprachen ubersetzt. Die ruhmlich bekannte Madame de la Fite1 im Haag lieferte in Gesellschaft des jetzigen Koniglichen Geheimen Legationsrats Herrn Renfner (welcher damals im Haag als Koniglicher Gesandtschaftssekretar stand) die vorzuglichsten Stellen aus dem ersten Bande in einer kleinen Schrift: "Lettres sur divers sujets", par Me. d.l.F., a la Haye 1775, in Oktav. Eine vollstandige franzosische Ubersetzung, welcher eine Ubersetzung des Gedichts "Wilhelmine" als des Grundes dieser Geschichte vorgesetzt ist, daher sie vier Bande ausmacht, soll von einem franzosischen Prediger Herrn Wyss (oder Weiss) in der Schweiz sein. Sie ist unter dem Titel "Londres" in Lausanne zweimal, im Jahre 1774 und 1777, in Kleinoktav gedruckt. Die hollandische Ubersetzung kam zu Amsterdam in drei Banden in Grossoktav heraus, wobei auch die Kupfer des Herrn D. Chodowiecki von C.F. Fritschius ziemlich gut nachgestochen sind. Der Ubersetzer ist Herr van der Meersch, ein nunmehr verstorbener remonstrantischer Prediger in Amsterdam, der aber seinen Namen nicht nannte. Er hat einen launigen Vorbericht an den Nederlantschen Leezer vorgesetzt, worin er von der Schadlichkeit der Gottseligkeit handelt, "indem die Ketzer", wie er versichert, "durch ihr gottseliges Leben oft ihren unrechtsinnigen Meinungen Eingang schaffen, wogegen die Rechtsinnigen, welche sich mit der Gottseligkeit nicht aufhalten mogen, daruber in ubeln Ruf kommen". Die danische Ubersetzung ist zu Kopenhagen in drei Banden in den Jahren 1774 bis 1777 erschienen, die schwedische zu Stockholm im Jahre 1788. Die englandische Ubersetzung erschien zu London in drei Banden in Grossduodez in den Jahren 1796 und 1798. Auf dem Titel nennet sich als Ubersetzer ein mir ganz unbekannter Herr Thomas Dutton A.M. Aus einem auf den Titel gesetzten Motto aus Voltaires "Philosophe ignorant" und aus einigen Winken in der Zueignungsschrift an den bekannten Lord Landsdowne mochte man fast schliessen, dass die Gravitat einiger pfrundebeladenen Geistlichen der hohen englandischen Kirche und die sanften Verfolgungen, welche die dortige Hierarchie bei aller Freiheit der Nation gegen die Dissenters sich erlaubt, Gelegenheit zu dieser Ubersetzung gegeben haben, welche einen Mann verrat, der beider Sprachen sehr kundig ist. Unter den mancherlei ernsthaften Schicksalen, welche dieses Buch gehabt hat, ist auch noch ein lacherliches zu bemerken. Zufallig erfuhr ich, dass es einem gewissen Herrn Erdwin Julius Koch, der sich einen Doktor der Philosophie und Prediger an der Marienkirche nennt, im zweiten, im Jahre 1798 herausgekommenen Teil seines Kompendiums der deutschen Literaturgeschichte gefallen hat, etwas zu sagen, das sowohl den Herrn Professor Eberhard in Halle als auch mich ausserst befremden muss. Es heisst namlich Seite 281 daselbst von diesem Buche: "Auch verdienen hier die von glaubwurdigen Gewahrsmannern herruhrenden mundlichen Sagen, von welchen eine Herrn Professor J.A. Eberhard zu Halle zum alleinigen Verfasser und die andere denselben nur zum vorzuglichsten Teilnehmer macht, einer nahern Untersuchung unterworfen zu werden." Der Ehrenmann hat diese Untersuchung nicht angestellt; es ist auch nicht recht abzusehen, wie sie angestellt werden konnte. Ebensogut ware eine Untersuchung vorzuschlagen, ob nicht etwa sein Kompendium von einem Garkoch namens Erdwin Julius mochte sein zusammengetragen worden? Denn es konnte gar zu unwahrscheinlich scheinen, dass ein Doktor und Prediger, selbst wenn er zuweilen gedankenlos zu kompilieren gewohnt ware, so wenig Beurteilungskraft und Menschensinn haben sollte, um durch eine lappische Erdichtung zwei lebende namhaft gemachte Schriftsteller zu beleidigen, wovon der eine seit sechsundzwanzig Jahren als der Verfasser eines Buchs allgemein bekannt ist und der andere weder Anteil daran hat noch haben will; und dies bloss auf die vorgegebene mundliche Sage namenloser Menschen, welche nicht glaubwurdige Gewahrsmanner, sondern nur verachtliche Klatscher und Anekdotenmacher sein mussen.
Die dem dritten Bande angehangte "Nachricht" war in den vorigen Ausgaben dem zweiten Bande beigefugt. Weil ich namlich den zweiten Band nicht geschwind genug auf den ersten folgen liess, so geriet jemand darauf, einen unechten zweiten Teil herauszugeben. Auch kamen "Predigten des Herrn Magisters Sebaldus Nothanker" heraus, aber gar nicht im Sinne des Mannes, dessen Bild mir vorschwebte, als ich dies Buch schrieb. Hierdurch ward diese "Nachricht" veranlasst, welche wegen der Einkleidung vielleicht jetzt noch einigen Wert hat.
Berlin, den 14. Janner 1799
Fr. Nicolai
Vorrede zur ersten Ausgabe
Obgleich die leidigen Poeten, Komodien- und Romanenschreiber zu glauben pflegen, sie hatten das Leben ihres Helden weit genug beschrieben, wenn sie ihn bis zur Heirat bringen, so sind doch grundliche Gelehrte der Meinung, dass die Begebenheiten nach der Hochzeit oft viel merkwurdigere Dinge enthalten als die Liebesbegebenheiten vor derselben. Die Liebesbegebenheiten sind zwar fur junge Herren und fur junge Jungfern anmutiger zu lesen, aber gemeiniglich wird diese Anmut auf Kosten der Wahrheit verschafft; denn die verliebten Szenen werden nicht erzahlt, so wie sie in der Welt vorgehen, sondern nach dem Bedurfnisse des Dichters, seine Geistesgaben zu zeigen und die Leidenschaften seiner Leser zu erregen. In dieser wahrhaftigen Lebensbeschreibung hingegen wollen wir nichts der Anmut oder des Wunderbaren wegen erdichten, sondern alles ganz einfaltig melden, wie es vorgegangen ist. Dazu wird uns der Umstand nicht wenig beforderlich sein, dass wir das Leben unseres Dorfpastors erst nach seiner Heirat zu beschreiben anfangen durfen, indem schon ein anderer Verfasser die Liebesbegebenheiten desselben vor der Heirat in dem bekannten prosaisch-komischen Gedichte "Wilhelmine" beschrieben hat.
Freilich ist dieser Verfasser ein Poet und daher nicht, wie es einem grundlichen Geschichtskundigen gebuhrt, beflissen gewesen, eine richtige Chronologie zu beobachten und seine Erzahlungen von allen Erdichtungen rein zu erhalten. Es sind uberdies manche Umstande sehr verdachtig; und er scheint nicht imstande zu sein, eine einzige seiner Erzahlungen mit ungedruckten Urkunden zu belegen. Dass er gegen die Chronologie verstosst, ist offenbar, da er die Heirat des Sebaldus im Jahre 1762 und also, wie aus echten brieflichen Urkunden zu erweisen steht, mehr als zwanzig Jahre zu spat annimmt. Er ist hierin ebenso unachtsam wie sein Mitbruder, der nachlassige Virgil, in dessen "Aneide" die verpfuschte Chronologie von den gelehrtesten Kommentatoren mit vieler Muhe kaum hat in Ordnung gebracht werden konnen. In der gegenwartigen wahrhaften Lebensbeschreibung hat man die Zeitrechnung so genau beobachtet, dass man nicht allein das Jahr, sondern auch den Monat und den Tag angeben kann, wann eine jede Begebenheit vorgegangen ist; und an vollstandigen diplomatischen Beweisen wird diese Geschichte keiner anderen nachzusetzen sein. Wir besitzen die Vokation des Sebaldus und seine Absetzungsakte, die Predigten des Doktor Stauzius, Sauglings samtliche hieher gehorige Gedichte, ferner Wilhelminens, Sebaldus', Sauglings, Marianens, der Grafin von ***, Rambolds und anderer Personen Briefwechsel mit ihren Siegeln und Unterschriften, ja selbst einige sonderbare tironianische Zeichen des Bauers, der den Sebaldus beherbergte, mit welchen unverwerflichen ungedruckten Urkunden wir jedes Wort, das wir gesagt, aufs glaubwurdigste belegen konnen.
Sie wurden im Drucke nur etwa sieben bis acht Quartbande betragen. Demungeachtet konnen sie mit dieser Geschichte bloss aus einer Ursache nicht bekannt gemacht werden, wegen deren schon so manche treffliche Urkundensammlung ungedruckt geblieben ist: namlich wegen des wenigen Geschmacks unsers Jahrhunderts an grundlichen Studien. Es ware zwar der Vorschlag zu tun, dass irgendeine Gesellschaft der Wissenschaften einen kritischen Auszug daraus in einigen Banden in Grossoktav herausgabe. Allein auch dazu ist wenig Hoffnung vorhanden, und so bleibt daher nichts ubrig, als dass die wenigen Gelehrten, welche die diplomatischen Beweise zu untersuchen pflegen, dem Verfasser ebensogut auf sein Wort glauben mussen als die vielen leichtsinnigen Leser, welche die Urkunden doch nicht ansehen, wenn sie gleich den Geschichtsbuchern des breitern beigefugt sind.
Da wir ubrigens eine wahre Geschichte abhandeln, so muss man in derselben weder den hohen Flug der Einbildungskraft suchen, den ein Gedicht haben musste, noch einen so exzentrischen Plan, wie ihn neuere Kunstrichter, von Theorie und Einsicht erfullt, den Romanen vorschreiben. Alle Begebenheiten sind in unserer Erzahlung so unvorbereitet, so unwunderbar, als sie in der weiten Welt zu geschehen pflegen. Die Personen, welche auftreten, sind weder an Stande erhaben noch durch Gesinnungen ausgezeichnet, noch durch ausserordentliche Glucksfalle von gewohnlichen Menschen unterschieden. Sie sind ganz gemeine schlechte und gerechte Leute, sie strotzen nicht wie die Romanenhelden von hoher Imagination und schoner wortreicher Tugend, und die ihnen zustossenden Begegnisse sind so, wie sie in dem ordentlichen Laufe der Welt taglich vorgehen. Sollte hierdurch unsere Geschichte etwas langweilig werden, so trosten wir uns damit, dass mehrere grundliche Werke deutscher Gelehrten das namliche Schicksal hatten, als sie die unwidersprechlichsten Tatsachen in der besten Ordnung erzahlten. Hingegen konnte der Leser vielleicht durch die in dieser Geschichte bekanntgemachten Meinungen in etwas schadlos gehalten werden. Denn da fast jeder Mensch seine eigenen Meinungen fur sich hat, so ware es moglich, dass unter den hier vorgetragenen Meinungen etwas Neues und wenigstens insofern Interessantes vorhanden ware. Der Titel verspricht zwar nur die Meinungen des Magisters Sebaldus, aber man konnte deshalb doch in diesem Werke vielleicht auch die Meinungen einiger andern Leute, ja wohl selbst einige Meinungen des Verfassers finden; obgleich, mehrerer Sicherheit halben, nicht ganzlich darauf zu rechnen sein durfte, dass alle Meinungen, die er erzahlt, auch die seinigen waren.
Man beliebe sich auch nicht zu wundern, wenn es sich etwa ergeben sollte, dass, alles wohl berechnet, in diesem Werke mehr Meinungen als Geschichte und Handlungen vorkamen. Der ehrliche Sebaldus kannte nicht die grosse Welt oder das Highlife der Englander. Spekulation war die Welt, worin er lebte, und jede Meinung war ihm so wichtig als kaum manchem andern eine Handlung. Daher ist dieses Werk auch gar nicht fur die grosse Welt, sondern deutsch heraus zu reden nur fur Gelehrte geschrieben. Wir hoffen nicht von der halb unangekleideten Schonen am Nachttische gelesen zu werden, die, indem sie ihrer eigenen Grazie opfert, auf tant mieux pour elle einen schragen Blick wirft; nicht von dem pirouettierenden Petit-maitre beim Aufstehen oder Frisieren, auch nicht, wenn er en chenille mit ungepuderten Haaren von Toilette zu Toilette schwarmt; nicht von dem Hofmanne, der den Wink des Fursten und des Ministers zu studieren versteht und alle Galatage an den Fingern herbeten kann; nicht von dem Spieler; nicht von der Buhlschwester; nicht von ...
Ist aber irgendwo ein hagerer Magister, der das ganze unermessliche Gebaude der Wissenschaften aus einem Kapitel seines Kompendiums ubersieht, ein feister Superintendent, der alle Falten der Dogmatik aufhebt, worin eine Ketzerei verborgen sein konnte, ein weiser Schulmann, der uber Handel, Manufakturen und Luxus Programme geschrieben hat, ein Student mit der Kennermiene, der in seiner Dachstube die Kunst aus dem Grunde studiert, ein belesener Dorfpastor, der uber die Regierungskunst gelehrte Ratschlage geben kann so mogen sie hinzutreten und sich an dem Mahle weiden, welches hier ihrem Geiste aufgetischt wird. Dies ist wenigstens die Gattung Leser, die wir uns gewiss versprechen; ob wir auch Leser anderer Art erhalten werden, ist ebenso ungewiss als das Schicksal uberhaupt, welches dieses Werk und dessen Verfasser zu erwarten haben. Freilich ist zu vermuten, dass durch viele der hier vorgetragenen Meinungen Spaltungen in der Kirche erregt werden mochten und dass man darin Abweichungen von den allgemeinen symbolischen Buchern und von den besondern Formulis committendi einzelner Stadte oder Lander entdecken konnte. Man wird vielleicht daraus schliessen, dass der Verfasser das Staatsrecht nicht verstehe und dass er im Kirchenrecht gefahrliche Neuerungen einzufuhren zur Absicht habe; man wird sich vielleicht ins Ohr raunen, dass er verschiedene Gelehrsamkeit nicht fur Gelehrsamkeit, verschiedene Gelehrten nicht fur gelehrt und verschiedene beruhmte Leute nicht fur beruhmt halte und so weiter.
Man konnte ihn sonach etwa zum Scheiterhaufen verbannen, in den Bann tun, in eine Festung schicken oder auch ein Buch wider ihn schreiben, ein Pasquill auf ihn machen oder ihm beweisen, dass er kein gutes Herz habe, sondern ein hamischer und boshafter Mensch sei.
Doch vielleicht konnte auch von allem diesem nichts geschehen. Vielleicht lieset niemand dieses Buch, niemand findet etwas Besonders darin, und es erregt vielleicht bloss die vorubergehende Aufmerksamkeit eines Gewurzkramers, der schon bei sich uberdenkt, welche dauerhafte Kaffeetuten aus dem haltbaren Papiere konnten gemacht werden. Indes durften sich auch wohl einige wenige Leser finden, die sich an dem Leben des Sebaldus, bloss weil er ein ehrlicher, aufrichtiger Mann ist, eine Viertelstunde ergotzen oder von seinen Meinungen Gelegenheit nehmen mochten, uber gewisse Materien weiter nachzudenken; allein da offenbar dies bei weitem nur die kleinere Anzahl sein kann, so werden sie eben nicht in Anschlag gebracht werden konnen.
Erstes Buch
Erster Abschnitt
Die ersten Monate nach der Verheiratung pflegen sonst neuverehelichten Paaren die Zeit einer girrenden Zartlichkeit zu sein, aber der Pastor Sebaldus und die schone Wilhelmine waren zu Anfange ihrer Ehe in ihrem Betragen gegeneinander wenn nicht kalt, doch etwas verlegen. Die landmannische Treuherzigkeit des Mannes und die feine Hofmanier seiner jungen Frau machte einen Abstand zwischen ihnen, so dass der Pastor sich noch nicht recht dareinschicken konnte, mit ihr als mit seinesgleichen umzugehen; Wilhelminen war hingegen noch immer der wohlgeputzte Hof vor Augen, den sie verlassen hatte. Das Andenken an die prachtigen, von der Furstin abgelegten Kleider, in denen sie sich oft der gaffenden Menge der Zofen und Kammerdiener gezeigt hatte, verleidete ihr ihren landlichen, aber neugemachten Anzug. Es war ihr sogar, als ob ihr etwas fehlte, dass sie ferner nicht hohen Personen mit tiefer Verneigung aufzuwarten hatte, und das Gluck, unabhangig zu sei, schien ihr Erniedrigung. Die ungekunstelten Schonheiten der Natur, womit sie auf dem Lande umgeben war, konnten sie noch nicht wegen des Flitterstaats der Kunst schadlos halten, den sie nun nicht mehr erblickte. Sie erinnerte sich mit Sehnsucht der glanzenden Szenen von Ballen, Konzerten und Schlittenfahrten, die sie oft angesehen hatte, noch mehr des gnadigen Kopfneigens der Furstin, durch das sie zuweilen unter der Menge gaffenden Hofgesindes war hervorgezogen worden. Sie tat bei jeder Gelegenheit kleine Reisen in die Stadt und unterliess nicht, ihre Aufwartung bei Hofe zu machen. Sie merkte aber gar bald, dass man sich am Hofe um die nicht bekummert, die man nicht braucht, und dass ihre Stelle von andern eingenommen war. Dies kostete ihr zwar einige Tranen, war aber doch die erste Ursache, dass sie die gute Seite ihrer jetzigen Lage und die guten Gesinnungen ihres Sebaldus einzusehen anfing, welche zu bemerken sie bisher durch sein unmodisches Kleid und durch seine schiefgepuderte Perucke war verhindert worden. Sie erwiderte seine Liebkosungen mit freundlichen Blicken, er kam ihr mit Freundschaftsbezeugungen zuvor. Aus diesem Wechsel von Gefalligkeiten entstanden bei ihnen gegenseitige Empfindungen einer Gluckseligkeit, die sie vorher noch gar nicht gefuhlt hatten.
Von dieser Zeit an vergass die schone Wilhelmine vollig den Hof und ward ganz eine Landwirtin. Vorher hatte sie nur zu gehorchen gewusst, nun begann sie zu regieren. Es kostete ihr einige kleine Liebkosungen, so begann Sebaldus, der bisher als halber Wilder gelebt hatte, sich fleissiger den Bart zu putzen und nicht so viele Federn auf seinem schwarzen Rocke zu leiden. Durch gleiche Freundlichkeit erstreckte sie bald ihre Herrschaft auf ihre Nachbarinnen, die von ihr bisher durch ein gnadiges Hoflacheln verscheucht worden waren. Nun erwarb sie derselben Vertrauen, erteilte den Wohlhabenden guten Rat, den Armen Almosen und ward in kurzer Zeit im Kirchspiele ebenso beliebt, als ihr Mann schon vorher gewesen war.
Diese Liebe hatte sich Sebaldus durch die Sorgfalt, die er fur seine Gemeinde trug, erworben. Er war in den Hausern seiner Bauern als ein Vater und als ein Ratgeber willkommen. Nie liess er es dem Bekummerten an Trost, nie dem Hungrigen an Labsal fehlen. Er war von allen hauslichen Vorfallen unterrichtet, nicht weil er in das Hausregiment der Laien einen Einfluss zu haben suchte, sondern weil er von ihnen selbst bei allen ihren Verlegenheiten um Rat, bei allen ihren Zwistigkeiten um Vermittelung ersucht ward. Er schalt in seinen Predigten nicht auf die Laster, aber wenn ein Laster in der Gemeinde verubt wurde, pflegte er, ohne desselben zu gedenken, die entgegengesetzte Tugend einzuscharfen. Daher richtete er seine Predigten auch mehr nach den Bedurfnissen seiner Gemeinde als nach der Folge der Evangelien ein. Er hat wohl eher uber das Evangelium vom Zinsgroschen, von den Vorteilen eines massigen und nuchternen Lebens gepredigt, bloss weil sich kurz vorher ein paar Bauern in der Schenke betrunken hatten. Als er einst vergeblich versucht hatte, zwei Bauern, die in offenbarer Feindseligkeit lebten, zu vergleichen, und von dem einen hart mit Worten war angelassen worden, predigte er am Tage Sankt Stephani des Martyrers von der ersten Pflicht wahrer Christen, ihren Nachsten zu lieben, und gedachte der empfangenen Scheltworte nicht, ob ihm gleich die Worte des Evangeliums: "Jerusalem, du totest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind" die schonste Gelegenheit dazu gegeben hatten.
Zu beklagen war es freilich, dass dieser sonst gutmutige Mann und der beim Antritte seines Amtes auf die symbolischen Bucher geschworen hatte, im Herzen nichts weniger als orthodox war. Uber das Athanasianische Glaubensbekenntnis hat er sich zwar niemals erklart; nur weil er anstatt des Liedes: "Wir glauben all an einen Gott etc.", welches sonst alle Sonntage in seiner Kirche war gesungen worden, oft ein geistliches Lied von Gellert singen liess, war er bei einigen vielleicht allzu brunstig orthodoxen Landpredigern in der Nahe nicht in allzu gutem Geruche. Uber die Lehre von der Genugtuung aber ausserte er bei Gelegenheit viele Zweifel. Er verschwendete (ohne Exegese, wovon er wenig hielt) viel philosophische Spitzfindigkeit, um dieser Lehre eine bessere Form zu geben, denn er war ein eifriger Anhanger der Crusiusschen Philosophie, welche unter allen anderen Philosophien am geschicktesten scheint, die Theologie philosophischer und die Philosophie theologischer zu machen. Am meisten aber ging er in der Lehre vom Tausendjahrigen Reiche und von der Ewigkeit der Hollenstrafen von der Dogmatik ab. Er glaubte das erstere steif und fest, von der letztern hingegen hatte er sich nie uberzeugen konnen. Er glaubte, im himmlischen Jerusalem wurden alle Gottlosen fromm werden. Diese trostliche Hoffnung hatte er aus einem fleissigen Studium der prophetischen Bucher der Schrift, besonders der Apokalypse geschopft, welches Studium er schon seit langen Jahren mit unablassigem Eifer getrieben hatte. Er war auf eine sehr sonderbare Weise dazu gebracht worden, diese Bucher vorzuglich zu studieren. Schon in seinen jungern Jahren war er durch sorgfaltiges Nachdenken auf den Gedanken gekommen: der Willen Gottes, der unsere itzige und zukunftige Gluckseligkeit bestimmt, wenn auch Gott fur gut befunden habe, ihn besonders zu offenbaren, musse dennoch auch notwendig durch Vernunft eingesehen werden konnen und mit der Vernunft ubereinstimmen. Die einzige Offenbarung, die uns etwas ganz Unbekanntes entdecken konne, worauf die blosse Vernunft nie gefallen sein wurde, glaubte er, sei die prophetische Offenbarung von zukunftigen Dingen. Nachdem er also bei sich uber den Wert aller dogmatischen und moralischen Wahrheiten einig war, indem er keine dogmatische Wahrheiten fur notig und nutzlich hielt, als die auf das Verhalten der Menschen einen Einfluss haben, und sich mehr angelegen sein liess, alle moralischen Gesetze Gottes auszuuben, als sie zu zergliedern oder zu umschreiben, so hatte er sich ganz dem Studium der prophetischen Schriften gewidmet. Jeder Mensch hat sein Steckenpferd, und Sebaldus hatte die Apokalypse dazu erwahlt, welches er auch, seine ganze Lebenszeit durch, vom Montage bis zum Freitage fleissig ritt. Nur der Sonnabend, wenn er sich zu seiner Predigt vorbereitete, und der Sonntag, wenn er sie hielt, war moralischen Betrachtungen gewidmet. Denn sosehr er auch die Prophezeiungen der Untersuchung eines scharfsinnigen Kopfes wurdig hielt, sowenig, glaubte er, wurden seine Bauern davon verstehen oder nutzen konnen, und es war sein unwiderruflicher Willen, seinen Bauern nichts zu predigen, als was ihnen sowohl verstandlich als nutzlich ware.
Er hatte daher mit einer Menge seiner wohlehrwurdigen Amtsbruder eine gewisse Ahnlichkeit, ob er ihnen gleich sonst sehr unahnlich war. Viele Landpfarrer predigen sonntags mit lauter Stimme das Gesetz und wissen die Unglaubigen und Ketzer mit starken Ausrufungen und gelehrten Zitationen aus dem Grundtexte gar fein zusammenzutreiben. Ebendiese Manner aber sieht man die ganze Woche uber als dickstammige Pachter, wilde Pferdebandiger, drollichte Trinkgesellschafter oder vorsichtige Wucherer und mochte sie kaum fur ebendieselben halten. Ebenso konnte jedermann alle Sonntage horen, dass der Vortrag des Pastors Sebaldus einfaltig, herzruhrend und allen Bauern verstandlich war. Wer hatte sich da vorstellen sollen, dies sei der grundgelehrte Mann, der alle Kommentarien uber die prophetischen Bucher durchstudiert hatte, der alle alte und neue Prophezeiungen nebst ihren Erfullungen und Nichterfullungen auf ein Haar wusste, der Vorbilder und Gegenbilder wie Schachtel und Deckel zusammenpassen konnte, dem keine Meinung der Mystiker und Gnostiker entgangen war, der Buchstabenziffern und Jahrwochen, prophetische Zeitzirkel und abgekurzte Abendmorgen, bildliche Geschichte und weissagende Traume nebst der ganzen Kabbala und dem Buche Raja Mehemna ganzlich innehatte? Wer hatte sich da vorstellen sollen, dieser ganz einfache Landprediger sei der Mann, der aus seinem Reichtume von gelehrtem Stoffe mit Hilfe der Crusiusschen Philosophie, die, feiner als die feinste Nadel zugespitzt, die einfachsten Begriffe zerteilen und sogar die beiden Seiten einer Monade voneinander spalten kann, eines der scharfsinnigsten Gewebe von Prophezeiungen aus der Apokalypse gezogen hatte, welchem Crusius' unumstossliche Hypomnemata der prophetischen Theologie, Bengels unwidersprechliche Auslegung der apokalyptischen Weissagungen, Don Isaak Abarbanels Majeneh Jeschuah und Michaelis' unwiderlegliche Erklarung der siebenzig Wochen weder an Richtigkeit und Wahrheit noch an Neuheit, Scharfsinn und sinnreicher Aufklarung der dunkelsten Bilder zu vergleichen waren?
So wie die meisten grossen Begebenheiten aus sehr geringen Ursachen zu entspringen pflegen, so ging es auch derjenigen Hypothese uber die Apokalypse, auf die sich Sebaldus am meisten zugute tat. Wilhelmine war, als sie vom Hofe kam, sehr franzosisch gesinnet: sie sprach und las gern franzosisch, sie liess sich sogar merken, dass sie nichts eifriger wunschte, als einmal in ihrem Leben Paris zu sehen, und warf es ihrem Manne mehr als einmal vor, dass er gar nichts von franzosischer Artigkeit an sich hatte. Nun fugte es sich unglucklicherweise, dass der ehrliche Sebaldus schon vorher an allem, was franzosisch war, ein uberaus grosses Missfallen hegte. Es war ihm von Jugend auf in der Schule ein herzlicher deutscher Hass gegen Frankreich eingepragt und oft wiederholt worden, dass die Franzosen und die leidigen Turken Erb- und Erzfeinde Deutschlands waren, dass sie Kaiser und Reich bestandig bekrieget und ganze Provinzen vom deutschen Reiche abgezwackt hatten. Da nun Frankreich ausser dem vielen und oftern Unheile, das es auf deutschem Boden angerichtet hatte, sich auch sogar in des Sebaldus Hausangelegenheiten mengte (denn er liess sich's nicht ausreden, dass bloss die Neigung zum Franzosischen Ursache sei, dass ihn Wilhelmine nicht so herzlich liebte, als er's wunschte), so verdoppelte sich sein Hass gegen alles, was franzosisch war. Weil er nun sonst kein Mittel sah, seinen Unwillen auszulassen, so wandte er sich mit Ernst zu seiner allgemeinen Zuflucht, der Apokalypse, und forschte nach, ob denn in diesem Magazine von Weissagungen nicht eine Weissagung wider die Franzosen enthalten sein sollte.
Es hat einer von den zweihundert schwabischen tiefsinnigen Erklarern der Offenbarung Johannis es als einen sichtbaren Beweis der wirklichen gottlichen Inspiration dieses Buchs angegeben, dass man alles darin finde, was man mit aufrichtigem Herzen darin suche. Dies erfuhr auch Sebaldus. Denn da er die Apokalypse mit einem Seitenblicke auf Frankreich las, so schien ihm dies dunkle Buch ganz klarzuwerden, und er glaubte sich zuletzt uberzeugt, dass ein grosser Teil der apokalyptischen Bilder nichts als ein Kompendium der franzosischen Geschichte ware, welches vor dem Hainault und Mezeray nur den einzigen Vorteil habe, dass es etwas uber tausend Jahre eher geschrieben worden sei, als die Begebenheiten vorgingen. Er war fest versichert, dass die grosse Babylon im XVII. Kapitel weder die Stadt Rom noch die Freimaurerei, sondern die Stadt Paris andeute. Die Bedeutung der beiden Tiere im XIII. und XVII. Kapitel konnte er aus dem Propheten Daniel erlautern, den er deshalb ausdrucklich, nach der nurnbergischen Ubersetzung, durchgelesen hatte. Die Entdeckung aber, worauf er sich am meisten einbildete, war, dass die Zahl des zweiten Tieres, 666 oder , die Jesuiten bedeute, deren Verjagung aus Frankreich er wirklich einige Jahre eher wusste, als der Herzog von Choiseul daran gedacht hatte. Nebenher war er auch versichert, das Buchlein im X. Kapitel, das im Munde suss war wie Honig und hernach im Bauche grimmete, musse offenbar auf die vielen schlupfrigen, sittenverderbenden franzosischen Duodezbande gedeutet werden, die wir Deutschen mit so vieler Begierde lesen. Alle diese und mehrere neue Entdeckungen uber die Apokalypse gediehen in kurzem zu einem grossen Werke, woran unser Sebaldus unablassig arbeitete.
Freilich hatten diese gelehrten Bemuhungen nicht ganz den Beifall der schonen Wilhelmine. Sie warf sich zwar nach ihrer ganzlichen Entfernung vom Hofe in die Literatur, so wie sich die vom Hofe verwiesenen franzosischen Damen in die Devotion werfen, aber diese Literatur war von derjenigen, die Sebaldus trieb, himmelweit unterschieden. Wilhelmine war eine schone Geistin. Alle gute deutsche und franzosische Dichter hatte sie so fleissig gelesen, dass sie in der Konversation nicht selten Stellen daraus anzufuhren pflegte. Im Urteile uber den Wert der Romane war sie das Orakel der ganzen Gegend. Sie war aber auch in der ganzen Gegend die einzige, die alle unsre besten neuern Dichter ganz frisch von der Presse und die "Bremischen Beitrage", die "Sammlung vermischter Schriften" und die "Briefe die neueste Literatur betreffend" stuckweise kommen liess. Von ihr erhielten sie die wenigen gnadigen Fraulein, die Landprediger und die Konrektoren in den benachbarten kleinen Stadten, die noch in der dortigen Gegend unsere schonen Geister des Lesens wurdigten.
In der Philosophie waren Sebaldus und seine Wilhelmine noch weit mehr voneinander unterschieden. Sosehr er ein eifriger Crusianer war, ebensosehr war sie aus allen Kraften der Wolffischen Philosophie ergeben, besonders aber wusste sie desselben "Kleine Logik" auswendig. Wenn eine von ihren Freundinnen sich den Geschmack bilden wollte, so pries sie derselben das zehnte Kapitel: "Wie man von Schriften urteilen soll" nebst dem elften an: "Wie man Bucher recht mit Nutzen lesen kann". Der Crusiusschen Philosophie war sie von Herzen gram, welches auch kein Wunder war, weil sie sich niemals hatte uberwinden konnen, eine einzige von den Schriften des hochwurdigen Mannes in die Hand zu nehmen. Sebaldus gab sich alle mogliche Muhe, sie dahin zu bringen, dass sie nur wenigstens "Wustemanns Kompendium der Crusiusschen Philosophie" durchlesen mochte, welches er fur eine nahrhafte Milch fur unmundige Philosophen hielt. Umsonst! Sie legte es, nachdem sie sechs Seiten durchgelesen hatte, mit Verachtung aus der Hand und war und blieb eine Wolffianerin.
Es ist leicht zu begreifen, wie die Philosophie der schonen Wilhelmine zuweilen eine kleine Unordnung im Hauswesen habe verursachen konnen und wie moglich es gewesen, dass ein neuangekommenes Stuck der "Literaturbriefe" der zureichende Grund sein konnte, dass der Reisbrei anbrennen musste. Solche kleine hausliche Widerwartigkeiten storten aber keineswegs die beiderseitige Zufriedenheit. Da Sebaldus gemeiniglich zu ebender Zeit uber einem Gesichte aus der Apokalypse geschwitzt hatte, so schmeckte er entweder den Fehler der Speise nicht oder nahm ihn ganz gutherzig auf sich, weil er glaubte, er habe auf sich allzulange warten lassen. So gebiert das Bewusstsein eigener Schwachheiten Toleranz, und Toleranz gebiert Liebe.
Im Anfange freilich verursachten die sich gerade entgegengesetzten gelehrten Meinungen beider Eheleute unter ihnen manchen heftigen Zwist, sobald aber nur die beiderseitige Zuneigung starker geworden war, konnten die verschiedenen Meinungen nicht mehr den Wachstum ihrer Liebe hindern. Auf die Philosophie, uber die sie sich so oft ohne Erfolg gestritten hatten, liessen sie sich ferner gar nicht ein. Hingegen liess sich Sebaldus zuweilen gefallen, von Wilhelminen ein Stuck aus einem neuen deutschen Schriftsteller vorlesen zu horen (denn wider die franzosischen Schriften hatte er sich allzu deutlich erklart, als dass sie sich derselben zu erwahnen getrauet hatte). Wilhelmine war auch zuweilen so gefallig, von ihrem Manne ein Stuck seiner neuen Erklarung der Apokalypse, mit Parallelstellen aus Daniels Geschichte bestarkt, sich vorlesen zu lassen. Sie rief wohl zuweilen aus: "Sinnreich! Wirklich sehr sinnreich!" Mit diesem Beifalle war er vergnugt wie ein Konig. Er liess ihn auch nicht unbelohnt. Er setzte sich ans Klavier und spielte ungebeten einige der Oden mit Melodien, von denen er wusste, dass sie seiner Frau am angenehmsten waren. Wilhelmine sang mit frohem Herzen dazu, und gewohnlich war ein solcher Auftritt eine reiche Quelle guter Laune fur diesen und einige folgende Tage.
Gegen das Ende der erstern neun Monate ihres Ehestandes ward er mit einem Sohne gesegnet, dessen sich der Hofmarschall aus alter Bekanntschaft besonders annahm. Er liess ihn oft zu sich in die Stadt holen, beschenkte ihn und konnte lachen, dass ihm der Bauch schutterte, wenn der Junge, der von seiner ersten Jugend an versprach, einst ein durchtriebener Kopf zu werden, einen Umstehenden in die Wade zwickte oder sonst jemand einen kleinen Schabernack antat. Als der Knabe sechs Jahre alt war, so nahm er ihn ganz zu sich, so dass ihn seitdem seine Eltern nur selten zu sehen bekamen. Im vierzehnten Jahre war der Knabe so weit gekommen, dass er die mutwilligen Neckereien, die der Hofmarschall so oft in seiner ersten Kindheit an ihm bewundert hatte, auch an seinem Wohltater selbst auszuuben anfing. Dieser mochte nun wohl dem Witze des Knaben Beifall geben, wenn er andere hohnneckte, aber nicht, wenn er sich auch an ihn, den Hofmarschall selbst, wagte, und dachte daher darauf, sich dessen zu entledigen. Er besann sich, dass er einen guten Freund hatte, der Kurator uber eine etwa funfundzwanzig Meilen entlegene Furstenschule war, in derselben verschaffte er dem jungen Nothanker eine Freistelle. Als der Knabe in derselben sechs Jahre verharrt hatte und es nun Zeit schien, ihn auf Universitaten zu bringen, verschaffte er demselben durch gleiche Protektion zwei Stipendien auf einer beruhmten Universitat. Weil nun zwei Stipendien eintraglicher waren als eins, so konnte der junge Nothanker auch seine Studien mit viel glucklicherm Erfolge fortsetzen, als sonst ein armer, einfacher Stipendiat hatte tun konnen. Er studierte daher nicht allein in den Kollegien, sondern auch in den Kaffeehausern, bei den Jungemagden, in den Dorfschenken und also in der grossen Welt der Universitaten. Er machte auch Verse und Satiren, wodurch er denn bald ein Mitglied der Deutschen Gesellschaft des Ortes ward. Von der Philosophie machte er Profession und setzte sich schon in seinen Studentenjahren vor, in derselben einst grosse Veranderungen vorzunehmen; in der asthetischen Kritik aber war er so stark, dass er den Longin, Shakespeare und Homer immer beim dritten Worte zitierte. Diese Nachrichten erfreuten Wilhelminen ungemein, welche ihn als ihren wurdigen Erben ansah, obgleich Sebaldus ein wenig daruber den Kopf schuttelte und die Hoffnung, die er sich seit zehen Jahren gemacht hatte, ihn einmal zum Adjunkt seiner Pfarre zu bekommen, beinahe aufzugeben anfing.
Etwa sechs Jahre nach der Geburt des Sohnes, als eben die Zuneigung zwischen Sebaldus und Wilhelminen zur warmsten Zartlichkeit gestiegen war, wurden sie mit einer Tochter erfreut. Mariane war von ihrer ersten Jugend an der Gegenstand der vaterlichen und mutterlichen Zartlichkeit. Besonders wendete Wilhelmine ihre ganze Sorgfalt auf die Erziehung dieser Tochter. Sie unterwies sie in allen weiblichen Arbeiten und in der franzosischen Sprache, ihr Vater war ihr Lehrer in der Geschichte und Erdbeschreibung, und beide vergassen nichts, um den Geist und das Herz dieses geliebten Kindes zu bilden. Mariane hatte in ihrem sechzehnten Jahre die besten deutschen und franzosischen Schriftsteller gelesen. Nach Endigung ihrer hauslichen Arbeiten war ihr Abendgeschaft, wechselsweise ihrer Mutter vorzulesen oder auf dem Klaviere zu spielen, worin ihr Vater ihr erster Lehrmeister gewesen war und ihr eigener Fleiss sie zu mehrerer Vollkommenheit gebracht hatte. Eine sanfte Seele, ein mitleidiges Herz kronte ihre ubrige gute Eigenschaften und gab ihnen in den Augen ihrer Eltern noch einen viel grossern Wert. Als diese alteste Tochter schon erwachsen war, wurde die Familie noch mit einer kleinen Tochter vermehrt, bei deren guter Erziehung Wilhelmine mit der jungen Mariane wetteiferte.
Zweiter Abschnitt
Die hausliche Zufriedenheit hatte auf solche Art viele Jahre ununterbrochen fortgedauret. Sebaldus verrichtete seine Amtsgeschafte in der Kirche mit frohem Gemute, ebenso wie Wilhelmine in der Kuche und in der Milchkammer. Beide unterstutzten willig ihre notleidenden und bekummerten Nachbarn, und dann kehrten sie vergnugt zu ihrer eigenen Gesellschaft und zur Gesellschaft ihrer inniggeliebten Kinder zuruck. Ein frohes Herz war die Wurze jeder landlichen Mahlzeit und verschonerte ihre ruhigen Spaziergange. Das Einformige in ihrer Lebensart und in ihrem Vergnugen gewann mehrere Veranderung, so wie ihre Kinder im Alter zunahmen. Eine richtige Anmerkung oder ein witziger Einfall, den Mariane horen liess, ein neues musikalisches Stuck, das sie zum erstenmal spielte, war der elterlichen Zartlichkeit ein Fest, woran ihr Vergnugen tagelang Nahrung hatte. Der Tag, da Charlottchen zuerst das susse Wort Mutter lallte, der, da sie zuerst auf ihren kleinen Fussen drittehalb Schritte von dem Schosse der Mutter zum Vater forttaumelte, der, da sie ihm das erste von ihr genahte Saumchen vorzeigen konnte, oder der, da sie, durch ihre zartliche Schwester gelehrt, beide Eltern durch Hersagung der Gellertschen Fabel vom Zeisig uberraschte, waren in dieser kleinen Familie Galatage, deren Anmut, wider die Art der hofischen, auch noch, nachdem sie vorbei waren, genossen wurde.
So vollkommen das Gluck dieser Familie war, so drohte es doch ein kleiner Zufall zu unterbrechen. Es erschien in den letzten Jahren des vergangenen Krieges eine Schrift, "Vom Tode fur das Vaterland" betitelt. Diese kleine Schrift wurde in das ruhige Furstentum so leicht nicht eingedrungen sein, welches von neuen Schriften, sonderlich von solchen, die sich mit dem Tande der weltlichen Weisheit und mit dem Spielwerke der schonen Literatur beschaftigten, gar nicht beunruhigt wurde. Man hatte darin gewohnlicherweise ausser dem furstlichen privilegierten Gesangbuche, welches jahrlich in grobem und feinem Drucke aufgelegt ward, und einigen auswartigen Kalendern als dem "Hinkenden Staatsboten" und dem "Nurnbergischen Land- und Hauskalender" und so weiter nichts als des Herrn von Bogatzky "Tagliches Hausbuch", den kleinen Gorgel in Lebensgrosse, Schabalie, wandelnde Seele, Forsters "Expedirten Prediger" in sechs Quartbanden, die Grundrisse von Predigten der Hamburgischen Herren Pastoren nebst der "Insel Felsenburg", dem "Im Irrgarten der Liebe taumelnden Kavalier" und einigen Romanen des Dresdner Turmers, zum Beispiel: "Das Leben Peter Roberts", "Das wunderbare Schicksal Antoni", "Das Leben des Malers Michael", und dergleichen Sachen mehr.
Wilhelmine aber, welche auf alle neue Bucher neugierig war, die in die schonen Wissenschaften, in die Sittenlehre, Geschichte und so weiter einschlugen, hatte, wie wir schon erwahnt haben, fur sich selbst eine kleine auserlesene Bibliothek solcher Schriften, dergleichen in dem ganzen Furstentume nicht anzutreffen war. Sie hatte dem Buchhandler in der furstlichen Residenzstadt, ihrem Gevatter, den Auftrag gegeben, ihr alle merkwurdige neue Bucher dieser Art in ebendem Pakete zuzusenden, worin Sebaldus alle neue Schriften, die uber die Apokalypse herauskamen, empfing. So nahrte der ehrliche Hieronymus den Geist beider Eheleute mit Witz und mit Prophezeiungen.
Dieser Buchhandler hatte in seiner Jugend einige Schulstudien gehabt und dadurch vor verschiedenen seiner Handlungsgenossen den kleinen Vorzug erlangt, die Titel der Bucher, die er verkaufte, ganz zu verstehen. Er hatte in verschiedenen ansehnlichen Buchhandlungen in Holland, Frankreich und Italien als Handlungsdiener gestanden. Dabei hatte er nicht allein sein eigenes Gewerbe in einem weit grossern Umfange eingesehen, sondern auch Stadte und Sitten der Menschen kennenlernen. Daher kam es wohl, dass er zuweilen, vielleicht ohne es selbst zu wissen, ein vernunftigeres Urteil von verschiedenen Sachen fallte als sein Nachbar, der Superintendent, oder sein anderer Nachbar, der Rat in dem furstlichen Expeditionskollegium, die beide, ausser ihren auf einer benachbarten Akademie verbrachten Universitatsjahren, niemals ihre Vaterstadt verlassen hatten.
Hieronymus pflegte aber die Einsichten, die er besass, eben nicht unablassig geltend zu machen, daher hatten sie ihm auch nicht Feinde zugezogen. Er war in der kleinen Residenzstadt, in der er sich gesetzt hatte, im Ansehen, ohne von jemand beneidet zu werden, denn er war gegen jedermann dienstfertig und hatte eine naturliche Abneigung, jemand ins Gesicht zu widersprechen oder erlangte Vorteile von irgendeiner Art zur Schau zu tragen. Bei diesen Grundsatzen und einer so glucklichen Temperamentstugend war er in seinem Stadtchen wohlhabend geworden, ohne dass es eben bei seinen Nebenburgern sonderliches Aufsehen verursacht hatte.
Gleichwohl waren durch seinen Fleiss ganz unvermerkt in dem Landchen, wo er sich befand, zwei neue Handlungszweige eroffnet worden, an die vorher noch niemand gedacht hatte. Das kleine Furstentum hatte einen fruchtbaren Boden und nicht wenig Viehzucht, es brachte alles hervor, was die Einwohner nahren konnte. Sie nahrten sich auch und zehrten richtig dasjenige auf, was ihnen zuwuchs. Weil sie aber ausser ihrem massig bestellten Ackerbaue gar keine einzige Art von Kunstfleiss trieben, so war freilich unter ihnen wenig Geld. Es reichte kaum zu, die Rocke und die Strumpfe zu bezahlen, die die Handwerker eines benachbarten Herzogtums aus der Wolle, die in diesem kleinen Furstentume sehr wohlfeil verkauft ward, webten und alsdann in dasselbe wieder einfuhrten. Es war also kein Wunder, dass bisher noch kein Buchhandler in diesem Landchen hatte Bucher verkaufen konnen. Hieronymus war der erste, der sich unterstand, Bucher darin einzufuhren. Er sah aber auch nicht so genau darauf, ob er eben bar Geld erhielt. Er verkaufte mehrmal zum Beispiel das "Juristische Oraculum" in sechzehn Foliobanden fur einen fetten Ochsen, Leopolds "Landwirtschaftsbuch" fur sechs Scheffel Roggen und Riegers "Herzpostill" oder Cardilucii "Kunst, Natur- und Nahrungspostill" fur ein paar Schock Eier; ja er gab noch wohl Murdelii "Susse Geisteserquickungen" oder Meletaons "Tugendschul" in den Kauf.
Hierdurch machte er sich besonders bei den Predigern in den Stadten, Flecken und Dorfern sehr beliebt, die gern etwas von ihren Zehenten oder von ihrem Naturaldeputate daranwagten, um sich Krausens "Evangelischen und epistolischen Predigerschatz", Kleiners "Hirtenstimme", Schlichthabers "Funffache Dispositionen aller Evangelien" oder Weyhenmeyers "Epistolische Spruch- und Kernpostill" anzuschaffen und sich dadurch die schwere Last des Predigtamts, die sie so sehr druckte, zu erleichtern. Die Burger folgten bald dem Exempel ihrer Seelenhirten und schafften sich von einem Teil des Ertrags ihrer Ernte und ihrer Kalber- und Hammelzucht einige erbauliche und nutzliche Bucher an, zum Beispiel Hollazens "Gnadenordnung" und "Pilgerstrasse", das Gebetbuch "Die reine Wasserquelle", den vom Engel Raphael begleiteten "Wandersmann", Goezens "Betrachtungen uber die Dinge", die nach dem Jungsten Gerichte vorgehen werden, "Hocuspocus oder Die neuvermehrten Taschenspielkunste", Schnurrs "Kunst, Hausund Wunderbuch", "Der getreuen Bellamira wohlbelohnte Liebesproben", Heussens "Biblische Seelenweide" und dergleichen. Die furstlichen Rate und Sekretarien aber kauften Bolzens "Amts- und Gerichts-Actuarium", dessen "Anweisung zum Amthierungswerke", besonders aber des deutlichen Schwesers oder Philoparchi "Wohlunterrichteten Beamten" und so weiter.
Hieronymus erhielt also als ein Laie einen Vorteil, der sonst nur der Geistlichkeit eigen war, namlich er speisete den Geist seiner Mitburger und eignete sich dafur ihre Glucksguter zu. Er liess die eingetauschten Ochsen, Hammel und Schweine in seine Stalle treiben und das eingetauschte Getreide auf seine Boden schutten. Beides war auf den Markten des obengedachten Herzogtums fur bares Geld zu verkaufen, weil daselbst die bluhenden Manufakturen eine grossere Bevolkerung, diese aber unvermerkt einen hohern Preis der Nahrungsmittel verursacht hatte. Man kannte unsern Mann daselbst nicht unter dem Namen des Buchhandlers Hieronymus, hingegen der Namen des Korn- oder Viehhandlers Hieronymus war bei den Mullern, Backern und Schlachtern daselbst um desto bekannter.
Seine Nachbarn hatten selbst Acker und Wiesen, aber zufrieden, sich zu nahren, bauten sie wenig mehr, als gebraucht ward, und dachten nie daran, den kleinen Uberfluss ihren Nachbarn weiter als etwa bis in die nachste Landstadt zuzufuhren. Es wahrte jahrelang, bis durch die beladenen Wagen und durch die Herden Vieh, die sie so oft aus Hieronymus' Hause wegfahren und wegtreiben sahen, ihre Neugier rege gemacht ward.
Sie versuchten bald ebendiesen Weg, und da ihnen ihr Unternehmen gelang, fingen sie an, ihre Viehzucht zu vermehren und ihre Acker fleissiger zu bauen. Sie nahmen dadurch selbst an gutem Wohlstande zu, und das ganze Landchen kam in wenig Jahren in so gutes Aufnehmen, dass die Staatsklugen zu erortern anfingen, warum das Land sich so schnell verbessert habe.
Eigentlich war freilich die Ursache davon der Fleiss des Hieronymus und das Beispiel, das er seinen Mitburgern gegeben hatte. Es ist aber allen denen, die politische und Finanzvorfalle untersuchen, schon langst zur Regel geworden, nicht die kleinen Umstande anzufuhren, welche gemeiniglich die wahren Ursachen der Begebenheiten zu sein pflegen, sondern grosse Umstande aufzusuchen, welche gemeiniglich nicht die wahren Ursachen sind. Daher ward in einer in das furstliche Intelligenzblatt eingeruckten Abhandlung die schnelle Zunahme des Wohlstandes der landesvaterlichen Vorsorge des Fursten zugeschrieben (der auf seinem Lustschlosse seine Zeit zwischen der Jagd und seiner Matresse teilte) und nach derselben den klugen Anstalten seines Ersten Geheimen Rats (der in der furstlichen Residenzstadt im Kabinette unermudet arbeitete, alle Stellen im Lande mit seinen Verwandten und Kreaturen zu besetzen). Der Superintendent Doktor Stauzius hingegen, ein scharfer Gesetzprediger, nahm diese Abhandlung in der Einweihungspredigt der neuerbauten Sankt-Bartels-Kapelle ziemlich durch und versicherte, der zugenommene Wohlstand des Furstentums sei bloss ein sichtbarer Segen des Hochsten wegen der frommen Auffuhrung der Einwohner.
Man muss namlich wissen, dass in der furstlichen
Residenzstadt ein paar Jahre vorher funf Strassen nebst einer kleinen verfallenen Kapelle abgebrannt waren. Die Einwohner trugen auf die nachdruckliche Ermahnung des Superintendenten zum Baue der Kapelle, welche viel vergrossert und verschonert aufgebauet werden sollte, so reichlich bei, dass sie freilich kein Geld ubrigbehielten, zu einer Hauskollekte etwas herzugeben, die der Burgermeister veranlasset hatte, um von deren Ertrage einige gemeine Feuerspritzen anzuschaffen, weil bloss aus Mangel derselben das Feuer so weit um sich gegriffen hatte. Noch weniger kehrten sie sich an die leichtsinnigen Reden des Burgermeisters, der offentlich sagte, dass man vor allen Dingen den abgebrannten Einwohnern beispringen musse und dass es uberhaupt unnotig sei, die Kapelle wieder zu bauen, da andere Kirchen genug in der Stadt waren, noch weniger, sie zu vergrossern, solange die Hauser der Einwohner, zu deren Gebrauche die Kapelle dienen sollte, noch in der Asche lagen. Diese mussten sich freilich, da sie nirgend unterkommen konnten und gar keine Hoffnung sahen, sich wieder aufzuhelfen, in wenig Wochen zu Kolonisten nach Russland anwerben lassen und bekamen also die fur sie neuerbaute Kapelle nicht zu sehen. Hingegen hatten sie doch den Trost, dass sie die gedruckte Einweihungspredigt des Doktor Stauzius nebst den beigefugten Carminibus des Stadtministeriums und aller Primaner des furstlichen Lyzeums mit vieler Erbauung am Ufer der Wolga vorlesen horten.
Sebaldus erhielt diese gedruckte Einweihungspredigt in ebendem Pakete, worin Wilhelmine die Schrift "Vom Tode furs Vaterland" erhielt. Sie machte ihm aber nicht sonderliches Vergnugen. Doktor Stauzius hatte in derselben mehr als einmal denen, die Kirchen und Kapellen verachten und den Bau oder die Verschonerung derselben verhindern, mit der ewigen Verdammnis gedrohet. Sebaldus konnte aber an diese Lehre nie denken, ohne in eine Art von Bekummernis zu geraten, die dem Missvergnugen nahe war. Dagegen hatte der "Tod furs Vaterland" auf Wilhelminen eine ganz entgegenstehende Wirkung, denn er setzte ihren ohnedies zum Romantischen geneigten Geist schnell in Feuer. Sie fuhlte Entzuckung uber die Gedanken des Verfassers: dass auch der Untertan einer Monarchie nicht eine blosse Maschine sei, sondern seinen eigentumlichen Wert als Mensch habe, dass die Liebe furs Vaterland einer Nation eine grosse und neue Denkungsart gebe, dass sie eine Nation als ein Muster fur andere darstelle. Erhitzt von diesen Ideen, beschloss sie, in dem allgemeinen Kriege, der damals Deutschland verheerte, auch ein Beispiel ihrer Liebe furs Vaterland zu geben. Da fiel ihr gleich auf der ersten Seite folgende Stelle aufs Herz: "Sollte wohl ein Diener der Religion sich entweihen, sollte er wohl dadurch sein Amt vernachlassigen, wenn er, nachdem er tausendmal gesagt hat: Tut Busse!, auch einmal riefe: Sterbet freudig furs Vaterland?" Dieser Aufforderung Genuge zu tun, fand sie edel und gross und eilte, ihren Mann dazu aufzumuntern. Sie las ihm aus der Schrift, die ihr so sehr gefiel, die starksten Stellen vor und beschloss mit den eben angefuhrten, an die Prediger gerichteten Worten. Hierauf nahm sie alles zusammen, um ihn zu bewegen, dass er den nachsten Sonntag seiner Gemeine predigen sollte: Sterbet freudig fur das Vaterland!
Doch sie fand bei ihrem Mann einen starkern Widerstand, als sie sich vorgestellt hatte. Sebaldus wusste ihrer feurigen Uberredung hundert unerwartete kalte Grunde entgegenzusetzen; denn sein Geist geriet ohne Prophezeiung nicht leicht in Enthusiasmus, und durch Doktor Stauzius' Einweihungspredigt war er gar nicht erwarmt worden. Unter andern meinte er, ein Geistlicher, wenn er glaube, oft genug gerufen zu haben: Tut Busse!, konnte noch eine Menge Wahrheiten predigen, die ihn alle noch nutzlicher dunkten als der Tod fur das Vaterland. "Und", setzte er hinzu, "wo ist in unserm unter Krieg und Verheerung seufzenden Deutschland jetzt wohl das Vaterland zu finden? Deutsche fechten gegen Deutsche. Das Kontingent unsers Fursten ist bei dem einen Heere, und in unserm Landchen wirbt man fur das andere. Zu welcher Partei sollen wir uns schlagen? Wen sollen wir angreifen? Wen sollen wir verteidigen? Fur wen sollen wir sterben?"
Aber Wilhelmine hatte nun einmal lebhaft den Gedanken gefasst, es solle vom Tode furs Vaterland gepredigt werden, und da ihr Mann durch allgemeine Grunde nicht zu bewegen war, nahm sie zu solchen ihre Zuflucht, die ihn naher angingen. "Wie", sagte sie, "wird denn nicht in diesem Kriege wider die Franzosen gestritten? Die Deutschen sind echte Deutsche, die auf Turken und Franzosen losgehen! Sie haben mir, mein Lieber, oft von Weissagungen vom nahen Untergange Frankreichs vorgesagt, sollte in der Apokalypse keine Weissagung sein, die den itzigen Krieg angehet? Schlagen Sie doch nach. Wer weiss, ob in diesem Kriege nicht Deutsche das stolze Frankreich erobern sollen? Wenn es Ihnen nun vorbehalten ware, durch Ihre Predigt zu diesem grossen Werke den ersten Anlass zu geben? Welcher Ruhm fur Sie, wenn auch auf Sie und auf Ihre Predigt mit geweissagt ware? Konnen Sie der Kraft so vieler Grunde wohl widerstehen? Ich dachte, Sie mussten dadurch determiniert werden!"
Der arme Sebaldus war nun bei allen seinen Schwachen angegriffen, denn Wilhelmine pflegte eben nicht die Apokalypse anzufuhren, noch weniger pflegte sie der Franzosen mit widrigen Seitenblicken zu gedenken; und was den zureichenden und determinierenden Grund betraf, waren beide so schlechterdings entgegengesetzter Meinung, dass weder Sebaldus das Wort zureichend noch Wilhelmine das Wort determinierend jemals in den Mund zu nehmen pflegte. Es geschah also hier, was immer zu geschehen pflegt, namlich dass die gefallige Freundlichkeit eines Frauenzimmers die besten Grunde einer Mannsperson unkraftig macht.
Sebaldus wahlte fur den nachsten Sonntag einen schicklichen Text aus der Apokalypse, und da dieses das, erstemal war, dass er einen aus diesem von ihm so geliebten Buche auf Kanzel brachte, so hielt er seine Predigt vom Tod furs Vaterland in einem ihm sonst nicht gewohnlichen enthusiastischen Feuer und nicht ohne Frucht. Denn beim Herausgehen aus der Kirche sah er auf dem Kirchhofe einen ziemlichen Auflauf und horte jemand sehr laut reden. Als er naher hinzukam, vernahm er, dass ein im Dorfe liegender preussischer Unteroffizier, der mit in der Kirche gewesen war, zu seiner Predigt eine epanorthotische Nutzanwendung hinzutat, wodurch denn zehn junge, rasche Bauerkerle bewegt wurden, auf der Stelle Dienste zu nehmen.
Dem Sebaldus klopfte hiebei das Herz etwas angstlich, aber Wilhelmine jubilierte uber den glucklichen Erfolg ihres Vorschlags. Sie wendete auf dem Wege aus der Kirche nach Hause alles an, um ihrem Manne ebenso freudige Gesinnungen mitzuteilen. Es wurde ihr vielleicht gelungen sein, wenn nicht zwei Briefe, die sie bei ihrer Ankunft zu Hause fanden, ihre Freude etwas niedergeschlagen hatten. Der eine war von einem Professor der Universitat, wo ihr altester Sohn studierte. Er meldete ihnen ohne Umschweife, dass ihr Sohn mit Hinterlassung vieler Schulden davongelaufen sei und dass niemand wisse, wohin. Beide Eltern fuhren bei dieser unvermuteten Nachricht zusammen und zitterten vor dem zweiten Brief, an dessen Aufschrift sie ihres Sohnes Hand erkannten. Der Sohn meldete darin, ohne von seinen Schulden etwas zu erwahnen, dass er es fur einen guten Burger fur schimpflich halte, stillezusitzen, wenn das Vaterland in Not sei; dass die Romer und Griechen in ihrer Jugend Kriegsdienste getan hatten; dass er diesem glorreichen Exempel folgen wolle und daher zur Armee gegangen sei. Zugleich meldete er seinen Eltern, er habe vorderhand einen fremden Namen angenommen und wolle diesen so lange fuhren, bis er seinem wahren Namen Ehre mache. Sebaldus ward bei dieser Nachricht ganz blass, und Wilhelmine fiel mit einem lauten Geschrei rucklings aufs Kanapee. Sie besann sich aber bald, dass jetzt Gelegenheit sei, spartanische Gesinnungen zu zeigen, und sagte nach einigen Minuten mit gebrochener Stimme und mit tranenden Augen: "Ich habe ihn dazu geboren!" Sie suchte, so schwer es ihr ward, ihre heldenmutigen Gesinnungen bei sich wieder hervorzuziehen. Bald stellte sie sich die grossen Taten vor, die ihr Sohn verrichten wurde; bald bedauerte sie nur, dass er seinen Namen verandert hatte, weil sie auf diese Art vor ihr unbemerkt geschehen konnten. Bald hoffte sie wieder, dass er, wenn er etwas Grosses verrichtet hatte, gewiss seinen Namen kundtun werde. Doch konnten alle diese heroischen Gesinnungen, mit denen sie sich trostete und die dem Sebaldus gar keinen Trost gaben, weder ihre mutterliche Zartlichkeit noch des Sebaldus weise Betrachtungen unterdrucken, die sich den Rest des Tages uber bestandig dazwischenmischten. Und nun legten sie sich beiderseits in einer solchen Gemutsverfassung schlafen, dass, wenn sie vierundzwanzig Stunden vorher darin gewesen waren, Sebaldus sowenig wurde gepredigt haben: Sterbet freudig fur das Vaterland!, als Wilhelmine ihn dazu wurde haben ermuntern wollen.
Dritter Abschnitt
Indes erscholl die Nachricht von dieser Predigt und von ihren Folgen bald bis in die furstliche Residenz. Sebaldus hatte im Konsistorium zwei sehr machtige Feinde. Zuerst den Prasidenten, zugleich ein Ehrenmitglied verschiedener deutschen und lateinischen Gesellschaften. Er fertigte viele sehr fliessende deutsche Reime und viele sehr deutliche lateinische Chronodistichen auf alle am furstlichen Hofe vorfallenden Galatage, auf alle Landplagen, als Heuschrecken, Hagel, feindliche Einfalle, auf alle Promotionen der ihm untergebenen Konrektoren und Landprediger. Wilhelmine, als eine feine Kennerin, glaubte sich dem falschen Geschmack, der in ihrem Vaterlandchen beschutzt ward, widersetzen zu mussen. Sie sprach daher bei jeder Gelegenheit von den deutschen Versen des Prasidenten uberaus verachtlich, und seine lateinische Chronodistichen wusste sie aus dem "Zuschauer" mit einer Reihe Soldaten zu vergleichen, in welcher einige Riesen zwischen einer Anzahl Zwerge standen. Nun ist es bekannt, dass alle Dichter sehr empfindlich und die schlechten gemeiniglich die empfindlichsten sind. Es lasst sich also leicht erachten, wie der Prasident es fur einen unerhorten Eingriff in die Landesverfassung und die gute Subordination halten musste, dass eine Landpfarrerfrau sich uber die Verse eines Mannes wie er offentlich aufhalten durfte, und wie er keine Gelegenheit werde verabsaumet haben, seinen Widerwillen wider den guten Geschmack der Frau den Mann empfinden zu lassen. Der zweite Feind des Sebaldus war der Generalsuperintendent Doktor Stauzius, der ehemalige Dorfpfarrer, der unsern Sebaldus mit Wilhelminen getrauet hatte, der wilde Mann, der so gern vom Obersten Menzel und vom lustigen Treffen zu Rossbach sprach. Er hatte kurz nach Sebaldus' Heirat die von diesem verschmahte Ausgeberin des Prasidenten geheiratet und war dadurch Generalsuperintendent geworden. So wie er am Stande zunahm, wuchs auch sein Eifer fur die Orthodoxie, und er liess sich zum Doktor der Theologie machen, um einen doppelten Beruf zu haben, sich der Orthodoxie alles Fleisses anzunehmen. Er erhielt auch im Lande eine solche Einformigkeit in der Lehre wie ein Hauptmann in einer wohleingerichteten Kompanie Soldaten, wo jeder Rock so lang als der andere, jeder Zopf so dick als der andere, jede Stiefelette so hoch aufgeknupft ist als die andere und die sich nie nach ihrem eigenen Willen, sondern bloss nach dem Winke ihrer Obern beweget. Jeder Prediger, der nur den geringsten Geruch von Ketzerei an sich spuren liess, wurde abgeschafft. Dadurch ward das Landchen so rein gehalten, dass nur der einzige Sebaldus auf der schwarzen Liste stand. Doktor Stauzius hatte mit ihm noch als Dorfpfarrer schon oft uber die Ewigkeit der Hollenstrafen gestritten, die er eifrig behauptete, wogegen Sebaldus, wie wir den Leser schon haben merken lassen, davon zwar ganz menschenfreundliche, aber nicht orthodoxe Begriffe hegte. Seitdem nun Doktor Stauzius Generalsuperintendent geworden war, glaubte er die Lehre von der Ewigkeit der Hollenstrafen noch weniger entbehren zu konnen. Er merkte beim Antritt seines Amtes bald, dass bei den Kammerjunkern und den furstlichen Raten mit dem florentinischen Wetterglase, woraus er vormals seinen Bauern Wind und Wetter vorhersagte2, nicht viel auszurichten ware. Er legte sich also, um die Hofleute in kirchlicher Zucht zu halten, auf ein recht derbes Gesetzpredigen. Er malte ihnen den hollischen Schwefelpfuhl recht schrecklich und die Martern der Verdammten recht grasslich vor, wobei er dann mit einem hohlen klagenden Tone das Wort ewig! ewig! ewig! erschallen liess. So streng und unerbittlich er aber auf der Kanzel gegen die Sunder losdonnerte, so gefallig und nachgebend bezeigte er sich gegen seine Frau, die er aus so vornehmen Handen empfangen hatte, die ihn daher ganz regierte. Unglucklicherweise fur Sebaldus war sie auf denselben und auch auf dessen Frau sehr ubel zu sprechen, denn sie konnte es ihm noch nicht vergeben, dass er ihre Hand und mit ihr das eintraglichere Amt ausgeschlagen hatte, bloss um eine jungere und schonere Person zu heiraten. Wenn also Doktor Stauzius uber Sebaldus nur ein verdriessliches Wort sagte, so setzte sie noch zwei oder drei hinzu und brachte sowohl ihren jetzigen Mann als ihren gewesenen Herrn wider ihn auf. Es war also kein Wunder, dass Sebaldus sehr oft, auch bei den geringfugigsten Vorfallen, nachdrucklichste Verweise aus dem Konsistorium bekam.
Die gegenwartige Sache hingegen ward zu wichtig befunden, als dass sie mit einem blossen schriftlichen Verweise hatte konnen abgemacht werden. Sebaldus ward nach der furstlichen Residenz gefordert, um in Person vor dem Konsistorium zu erscheinen. Als er nun vor die Schranken trat, sah ihn der Prasident von oben bis unten an, seufzte, machte die Augen zu, hob das Angesicht gen Himmel und hielt ihm in einem feinen, etwas heisern und langgezogenen Tone seinen Unfug vor, dass er von etwas anders als von Busse und Zerknirschung des Herzens gepredigt hatte, welches den symbolischen Buchern schnurstracks zuwider sei. Kaum hatte der sanfte Prasident ausgeredet, als der heftige Generalsuperintendent aufstand. Er schrie mehr, als er sprach, zitterte vor Eifer, ward feuerrot im Gesichte, runzelte seine starken, halb grauen und halb roten Augenbrauen, konnte vor Zorn nicht sprechen und schuttete, als er endlich anfing, in einem hohlen und bellenden Tone so schnell, dass ein Wort das andere jagte, ein gestottertes Anathema uber das andere auf den armen Sebaldus aus. Er hielt ihm vor, die zehn angeworbenen Bauerkerle hatten vermutlich in den Stand der Gnade kommen konnen, da sie aber nun in dem sittenlosen preussischen Lande Atheisten wurden, mussten sie ewig verdammt werden. Auch er, Sebaldus, hatte die ewige Verdammnis dadurch verdient, dass er an dem ewigen Wehe von zehn Seelen schuld ware und was des Verdammens mehr war.
Sebaldus antwortete bescheiden mit wenig Worten und liess am Ende seiner Rede einfliessen, dass Gott gnadiger ware als erbitterte Menschen, dass er uns nach der reinen Absicht unsers Herzens, nicht aber nach einem nicht vorhergesehenen Erfolge unserer Handlungen richten werde. Stauzius fuhr ihn mit unbeschreiblicher Wut an: Ob er die Ewigkeit der Hollenstrafen glaube? Sebaldus antwortete ganz gelassen: Er glaube nicht, dass es Menschen gezieme, der Gute Gottes Mass und Ziel zu setzen. "Sie sehen, meine Herren", redete der ausserst aufgebrachte Superintendent die Anwesenden an, "dass dieser gottlose Mann in den Grundlehren des Glaubens irrig ist und schandliche grundsturzende Irrtumer behauptet; ich trage also darauf an, dass er unverzuglich seines Amtes entsetzt werde, damit er die Seelen der ihm anvertrauten Herde nicht ferner in Gefahr bringe." Der Prasident antwortete hierauf mit sanftmutiger Miene: "Es ist zwar wahr, dass Ehrn Nothanker sich eine schwere Verschuldung hat zur Last kommen lassen, doch erfordert die christliche Liebe, dass man in einer so wichtigen Sache, als die Absetzung vom Amte ist, sich nicht ubereile. Daher ist meine Meinung, dass dem Fiskal aufgetragen werde, eine in gehoriger Form abgefasste Klage zu uberreichen, welche dem Beklagten mit dem Bedeuten, sie in zwei Tagen zu beantworten, sub poena praeclusi, und dass alsdann in contumaciam wider ihn erkannt werde, zu kommunizieren sei, desgleichen dass derselbe auf nachste Session in vierzehn Tagen beschieden werde, um die alsdann abzufassende Sentenz anzuhoren." Dieser Meinung fielen alle bei, und Sebaldus verfugte sich mit schwerem Herzen nach Hause.
Die Klage des Fiskals lief in wenig Tagen ein; und weil darin noch mehr auf die Ewigkeit der Hollenstrafen als auf die gehaltene Predigt Rucksicht genommen war, so glaubten Sebaldus und Wilhelmine darin die Feder des Doktor Stauzius zu erkennen. Sebaldus beantwortete sie in den gesetzten zwei Tagen ausfuhrlich, und Wilhelmine fugte noch einige Anmerkungen hinzu, wodurch ihrer Meinung nach die Unschuld ihres Mannes so treffend bewiesen wurde, dass sie glaubte, es liesse sich auch nicht das geringste nur mit einigem Scheine dawider einwenden. Diese Verantwortung schickte Sebaldus sogleich nach der Kanzlei und schwebte indes zwischen Furcht und Hoffnung. An dem angesetzten Tage begab er sich nach der Residenz. Er musste in dem Vorzimmer der Sessionsstube eine halbe Stunde warten, wahrend das Konsistorium uber sein Schicksal ratschlagte. Darauf ward er hineinbeschieden, um die Sentenz anzuhoren, welche nach dem gewohnlichen Eingange folgendermassen lautete: "Dass Beklagter wegen irriger Lehre und Abweichung von den teuer beschworenen symbolischen Buchern, wobei er aller liebreichen Ermahnungen ohnerachtet verharret, seines Predigt- und Lehramts zu entsetzen und zu bedeuten sei, sich alles fernern Lehrens, Predigens und sonstiger Actuum ministerialium ganzlich zu enthalten, so lieb als ihm sei die Vermeidung furstlicher Ungnade und zweijahriger Zuchthausstrafe. V.R.W." Es fand keine Appellation statt. Der Konsistorialbote nahm unverzuglich dem guten Sebaldus Kragen und Mantel ab, zugleich ward er ernstlich bedeutet, die Pfarrwohnung sogleich zu raumen, indem die Pfarre bereits vergeben sei, und darauf mit einer vaterlichen Ermahnung in Frieden entlassen. Das Konsistorium aber blieb noch versammelt, um den Prasidenten ein lateinisches Chronodistichon auf diesen merkwurdigen, zur Festhaltung der reinen orthodoxen Lehre abzweckenden Actum verlesen zu horen, das er in den vierzehn Tagen seit der letzten Session zustande gebracht hatte.
Sebaldus war so betaubt, dass er alle Besonnenheit verlor. Seine Fusse trugen ihn nur mechanischerweise nach Hause. Wilhelmine hatte sich aus zureichenden Grunden von dem Ausgange des Prozesses die beste Hoffnung gemacht. Sie hatte daher in der von ihr selbst gepflanzten Laube neben dem Pfarrhause eine landliche Abendmahlzeit zugerichtet und ging darauf mit ihren beiden Tochtern ihrem Manne entgegen. Er kam endlich. Noch einige Schritte von ihm entfernt, sah sie schon in seinen wilden, starr auf sie gerichteten Augen einen Teil des uber sie schwebenden Unfalls. Er kam naher und sagte ihr in wenig Worten, wie gross ihr Ungluck sei. Wilhelmine ward blass, die Knie zitterten ihr, sie sank zur Erde, und beide Tochter warfen sich weinend auf ihre Mutter. Diese kam erst nach geraumer Zeit wieder zu sich und ward in grosser Schwachheit nach Hause gebracht. Alle Vergnugungen, die sich diese kleine Familie bei dem Abendmahle in der Laube nach der Zuruckkunft ihres Vaters versprochen hatte, waren dahin. Wilhelmine, vom heftigen Schrecken erschuttert, lag in wenig Stunden in einem starken Fieber. Mariane, ob sie gleich ihr Herzeleid in sich zu verschliessen suchte, konnte doch, indem sie ihrer Mutter Handreichungen leistete, ihre nassen Augen nicht verbergen. Die kleine Charlotte winselte unaufhorlich uber das Leiden ihrer Mutter. Sebaldus aber, uber sein Ungluck kaum so sehr niedergeschlagen als uber die Harte rachgieriger Menschen besturzt, sass staunend in der stillen Schwermut, die ausserlich kalt scheint, aber innerlich mit desto grosserer Heftigkeit auf die Lebensgeister wutet.
Vierter Abschnitt
Des andern Morgens fruh erschien vor Sebaldus' Ture ein Wagen, in welchem Magister Tuffelius, der Informator der Kinder des Generalsuperintendenten, sass. Diese Person war funf Fuss vier Zoll lang und naherte sich mehr der Magerkeit eines Kandidaten als der Feistigkeit eines Pfrundenbesitzers. Sein hageres, bleiches Gesicht war bestandig wasserrecht gerichtet, ohne sich herauf- oder herunterzuneigen. Seine Hande, die etwas langer waren, als sie hatten sein sollen, hielt er mehrenteils gerade vor sich weg und bewegte sie wellenformig wie ein Schwimmender im Wasser. Sein Gang war abgemessen und bedachtlich, als wenn er sich furchtete, auf etwas zu treten; und wenn er sprach, welches nie ohne Not geschah, war seine Stimme allezeit einen halben Ton hoher gestimmet als anderer Leute Stimme und hatte dabei etwas Quakendes, dass man glaubte, einen Star zu horen. Er liess sich durch den Bauer, der ihn gefahren hatte, anmelden, stieg nach empfangener Antwort langsam aus dem Wagen und schritt fort, bis er ins Zimmer kam, wo ihn Sebaldus und Mariane empfingen.
Er legte seinen Hut vor seinen Bauch und beide Hande in den Hut, grusste die Anwesenden mit einem halbtiefen Bucklinge, ohne Haupt und Fusse zu bewegen und ohne ein Wort zu sprechen, setzte sich, und nach verschiedenen Hem! Hem! liess er sich folgendermassen aus: "Da ich den gottlichen Beruf erhalten habe, die Seelen dieses Dorfs als ein treuer Hirte zu weiden, so wird es dann wohl notig sein, dass mir dieses Pfarrhaus als meine kunftige Wohnung sogleich geraumet werde, sintemal ich entschlossen bin, mein Amt unverzuglich anzutreten und zu dem Ende noch anheute auf meine nachstens zu haltende Antrittspredigt zu studieren." Sebaldus stellte ihm vor, dass es unmoglich sein wurde, das Haus zu raumen, um soviel mehr, da seine Frau diese Nacht krank geworden ware. Tuffelius antwortete sehr trocken: "Die dem Herrn in Person vorgelesene Sentenz enthalt deutlich, dass er die Pfarrwohnung sogleich raumen soll, und es muss jeder Christ der Obrigkeit untertan sein, die Gewalt uber ihn hat; ich rate also wohlmeinend an, sich zu huten, dass die Widersetzlichkeit nicht einst zu einem Beispiel musse angefuhrt werden, wie die Abweichung von der reinen Lehre auch zuletzt Rebellion wider die Obrigkeit hervorbringt." Sebaldus war durch diese Rede so sehr zum Erstaunen gebracht, dass er den Magister Tuffelius mit starren Augen ansah und stillschwieg. Mariane aber nahm das Wort und sagte mit sanfter und zitternder Stimme: "Wir sind nicht willens, uns zu widersetzen, wir sind auch dazu viel zu schwach, wir verlangen nur so viel Zeit, als notig ist, um eine andere Wohnung zu suchen; dazu ist ein Tag zu kurz, zudem ist meine Mutter gefahrlich krank geworden. Ein Prediger ist Bote des Friedens, er soll Ruhe, Einigkeit und Wohlwollen befordern. Wollten Sie wohl den Anfang Ihres Predigtamts damit machen, dass Sie eine ausserst schwache Kranke aus dem Hause wurfen?" Tuffelius, der mit seinen Augen bisher noch immer unverwandt gerade vor sich weg gesehen hatte, richtete sie in einer mit dem Horizonte parallelen Linie gegen Marianens Antlitz, runzelte die Stirn, zog den Mund ein wenig in die Breite und sagte mit etwas lauterer Stimme und aufgehobener rechten Hand: "Mulier taceat in rebus ecclesiasticis! Meine liebe Jungfer, ich ware nicht wert, ein vieljahriger Kandidat des heiligen Predigtamts zu sein, wenn ich die Pflichten dieses hochwichtigen Amts nicht wusste. Die erste Pflicht desselben ist wohl wahrlich, dass in Rucksicht auf geistliche und gottliche Dinge alle irdische und weltliche Dinge uns gar nicht bewegen mussen. Es wurde unverantwortlich sein, die armen verirrten Schafe einen Sonntag uber ohne Hirten zu lassen, es ist also meine hochste Pflicht, mich ihrer ohne Verzug anzunehmen und sie bald wieder auf den rechten Weg und auf die gute, gesunde Weide der reinen Lehre zu fuhren, wovon sie vielleicht leider" (hier seufzte er und tat einen halben Blick auf Sebaldus) "ganz ab- und in den stinkenden Sumpf der Heterodoxie gefuhret worden." Nach vielem Wortwechsel liess sich Tuffelius endlich mit Muhe bereden, damit zufrieden zu sein, dass ihm vorderhand eine Stube eingeraumet wurde. Er begab sich sofort in dieselbe und schrieb einen langen Brief, womit er den Bauer, der ihn gefahren hatte, zurucksendete, legte Lankischens Konkordanz, die er im Koffer mitgebracht hatte, auf den Tisch und fing an, den Faden seiner Anzugspredigt zu spinnen.
Sebaldus, Wilhelmine und Mariane hatten sich immer bloss auf ihr Recht verlassen und sahen nunmehr zu spat ein, dass, so gut eine Sache auch ist, dennoch eine machtige Protektion zu einem vorteilhaften Ausschlage nie uberflussig sein werde. Wilhelmine erinnerte sich des Hofmarschalls und des Grafen von Nimmer und glaubte, diese bedeutenden Patrone wurden sie gewiss nicht verlassen haben, wenn man sie um Hilfe ersucht hatte. Da sie bei der Schwachheit ihres Korpers nichts von der Lebhaftigkeit ihres Geistes verloren hatte, so fing sie an, wieder Hoffnung zu hegen, dass durch machtige Vorworte vielleicht ihr Schicksal noch konnte geandert werden. Sie beredete endlich ihren Mann, nach der Stadt zu gehen und bei seinen Gonnern Hilfe zu suchen. Man kam ferner uberein, die Pfarrwohnung sollte nicht freiwillig geraumet werden, und Wilhelmine wusste viele zureichende Grunde anzufuhren, warum keine Gewalt zu befurchten sei. Solange man nur im Besitze ware, glaubte sie, konnte noch wohl die Absetzung zu hintertreiben sein. Mit solchen Uberlegungen beschaftigten sich beide Betrubten bis auf den Abend, da sie sich etwas beruhigt niederlegten. Ebendies tat auch Tuffelius, nachdem er mit lauter Stimme seinen Abendsegen abgelesen und ein Abendlied von zehn Versen gesungen hatte; wir wissen aber nicht genau, ob es "Der Tag hat sich geneiget" oder "Nun sich der Tag geendet hat" gewesen sei.
Funfter Abschnitt
Den andern Morgen fruh mit Aufgange der Sonne ging Sebaldus nach der Stadt. Wilhelminen hatten ihre sussen Hoffnungen eine ruhige Nacht verschafft, wodurch sie merklich gestarkt ward. Sie liess sich einige Stunden nachher in einen Grossvaterstuhl setzen, trank Tee und hielt den Kopf der kleinen Charlotte, die selbst die Nacht sehr unruhig zugebracht hatte und uber Hitze und Bangigkeit klagte. Sie wollte sich eben von Marianen etwas aus Wielands "Sympathien" vorlesen lassen, als Tuffelius unangemeldet in ihr Schlafzimmer trat. Er war im Schlafrocke und hatte eine von seiner eigenen Hand sehr weiss gepuderte Perucke aufgesetzt. "Ich freue mich", sagte er (nachdem er ihr Friede im Herrn gewunscht hatte), "Sie ausser dem Bette und so gesund, stark und munter zu sehen, welches sehr gut ist, indem Sie mir anheute ohne Widerrede das ganze Haus einraumen mussen." Wilhelmine, ganz erstaunt, stellte ihm die Unmoglichkeit vor. Tuffelius erwiderte aber: "Es kann kein fernerer Aufschub stattfinden. Auf nachstkunftigen Sonntag wird meine Introduktion vor sich gehen, daher wird der Herr Generalsuperintendent des Sonnabends bei mir abtreten, dazu muss ich in meinem Hause alle notigen Anstalten machen, zumal da er die Jungfer Ursula Stauziin mit sich bringen wird, mit welcher ich mich in ein christliches Eheverlobnis eingelassen, so ich Ihnen aus nachbarlicher Freundschaft hiemit will notifiziert haben. Saumen Sie also nicht ferner. Es stehet geschrieben: Bittet, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter! Jetzt sind wir mitten im Sommer, und Sie konnen also wohl zufrieden sein." Hiebei blieb es. Wilhelminens Grunde, Marianens Bitten, Charlottchens Weinen und Achzen, ob sie sich gleich ihm zu Fussen warf, halfen nichts. Er fuhrte sie sauberlich eine nach der anderen zur Ture hinaus, wo sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen vier furstliche Trabanten, von einem Unteroffizier befehligt, vorfanden. Durch dieselben liess Tuffelius alles, was im Hause befindlich war, sehr behutsam auf die Strasse setzen und gab selbst Achtung, dass nicht das geringste zerbrochen ward.
Es war heller Sonnenschein, da dies geschah, es war daher nicht Tuffelius' Schuld, dass eine Viertelstunde darauf ein starker Regen fiel. Wilhelmine mit ihren Kindern fluchtete unter einen am Hause gelegenen Schuppen. Alle Bauern waren zusammengelaufen. Sie hatten bei einer anderen Gelegenheit ihrem Pfarrer vielleicht nachdrucklich Hilfe geleistet. Aber der Anblick der furstlichen Uniform und des blanken Pallasches des Unteroffiziers erinnerte sie ihrer treugehorsamsten Pflicht. Einer kratzte sich den Kopf, der andere schuttelte den Kopf, und so ging einer nach dem anderen weg, bis sie der Regen vollends zerstreute.
Nur ein Bauer, den Sebaldus bei einem gewissen
Vergehen, weshalb er ihn hatte zur Kirchenbusse zwingen konnen, bloss mit einer liebreichen Ermahnung bestraft hatte, liess sich das Elend zu Herzen gehen. Er fuhrte Wilhelminen mit ihren Kindern in sein Haus und holte mit seinem Knechte ihre Sachen nach, die er bis auf weitere Anordnung wenigstens vor dem Regen sicherstellte.
Sebaldus war unterdes in der Stadt angekommen.
Sein erster Gang war zum Hofmarschalle, bei dem er sich melden liess und auch nach einem halbstundigen Warten vorgelassen ward. Der Hofmarschall war nicht mehr so wie vor einigen zwanzig Jahren, als er Wilhelminen dem Pastor zufuhrte. Er hatte sich unterdessen mit der schonen Clarisse vermahlet. Dies war ein eitles, verschwenderisches, kokettes Ding, bei der er wenig vergnugte Stunden genoss. Sie verprasste seine Guter, putzte sich den halben Tag und brachte die andere Halfte mit ihren Liebhabern zu, die sie alle vier Wochen wechselte. Zu ihrem Gemahle kam sie nicht, als wenn sie von ihm Geld zur Bezahlung ihrer Spielschulden zu fordern oder mit ihm zu zanken hatte, und endlich nach einem zehnjahrigen Ehestande starb sie im Wochenbette, welches, wie damalige Hofnachrichten bezeugen, dem Hofmarschalle ganz unerwartet kam. Er auf seiner Seite unterliess nie, wie es einem treugehorsamen Hofmarschalle gebuhret, mehr als funfundzwanzig Jahre lang alle Hoffeste feierlich zu begehn und zur Ehre des Fursten dessen Wein nie zu sparen, sondern alle durchreisende, hochadlige, freiherrliche und grafliche Laien redlich unter den Tisch zu trinken. Hingegen war er auch freilich von manchen geistlichen Herren, als Abten, Domherren, Monchen, Kapitularen, Deutschen Rittern und Malteserrittern, wieder redlich unter den Tisch getrunken worden. So hatte er in den Diensten der gnadigen Landesherrschaft seine Gesundheit und den grossten Teil des Vermogens, das ihm die schone Clarisse noch ubriggelassen hatte, zugesetzt, welches ihm ein Recht zu geben schien, fur seine treu geleisteten Dienste mit einer ansehnlichen Pension auf Lebenszeit belohnt zu werden. Er hatte damals vor einigen Wochen darum angesucht, statt derselben aber in sehr gnadigen Ausdrucken seinen Abschied mit dem Pradikat als furstlicher Geheimer Rat erhalten. Seit dieser Zeit bekam er oftere Anfalle von Devotion, die mit den Anfallen vom Steine, vom Chiragra und Podagra abwechselten; und jetzt, da Sebaldus ihm aufwarten wollte, hatte er gerade einen Anfall von Devotion, Chiragra und Podagra zugleich. Er lag auf einer Bergere3, beide Fusse in Flanell gewickelt, und auf einer nebenstehenden Servante4 von Mahagoniholze lagen Goezens "Todesbetrachtungen auf alle Tage" und "Der wohlgerustete Himmelswagen" nebst den Frankfurter Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitungen. Sobald der Schmerz in den Handen und Fussen zu arg ward, ergriff er eins von den Buchern und las uberlaut eine Betrachtung oder Gebet uber das andere, und um desto heftiger und lauter, je mehr der Schmerz zunahm; sobald er aber nachliess, ergriff er die Zeitungen, um sich an den Berichten von den grausamen Metzelungen, welche die Reichsexekutionsarmee unter den preussischen Heeren zuletzt angerichtet hatte, in der Stille das Herz zu laben. Eben beim Zeitungslesen traf ihn Sebaldus an, und dies war fur sein Anliegen nicht vorteilhaft. Der Hofmarschall fuhr ihn ziemlich daruber an, dass er nicht Busse gepredigt hatte, anstatt durch seine Predigt eine Armee zu verstarken, wovon, wenn das verwunschte Rekrutieren nicht ware, schon kein Mann ubrig sein musste. Er hielt ihm dabei eine lange Predigt vom deutschen Vaterlande, die der beruhmte Verfasser des deutschen Nationalgeistes und der Reliquien irgendwo auch einmal gehort haben muss, weil man in diesen Buchern wortlich wiederfindet, was damals der alte podagrische Hofmarschall zum Pastor Sebaldus sagte. Nachdem diese Lektion eine halbe Stunde gedauert hatte, kam er auf Sebaldus' Anliegen zuruck, weshalb er ihn an den Konsistorialprasidenten verwies. Doch versicherte er ihn, als ein alter Hofmann, hoflich bei allen Gelegenheiten seiner Protektion und hob seine Hand auf, um an seine Schlafmutze zu greifen; weil er aber vermutlich vergass, dass er die Hand nicht wohl beugen konnte, empfand er plotzlich einen so empfindlichen Schmerz, dass er ein Sakra ... ausrief, sogleich nach Goezens "Todesbetrachtungen" griff und laut anfing zu lesen: "Betrachtung am 15. Junius."
Sebaldus war durch diesen Besuch wenig getrostet worden. Er suchte seinen Freund Hieronymus auf, horte aber, derselbe ware verreiset; er ging daher nach einem Wirtshause, wo er den Rest des Tages blieb. Des andern Morgens fruh machte er sich auf nach Rennsdorf, dem Sitze des Grafen von Nimmer, wo er gegen elf Uhr ankam. Diese Zeit, die dem burgerlichen Teil der menschlichen Gesellschaft beinahe Mittag ist, war fur den hochgraflichen Greis kaum Morgen. Seit einer halben Stunde ungefahr hatte er das Bette verlassen, hatte das wichtige Geschaft des Kuchenzettels abgefertigt und war jetzt beschaftigt, auf einem weichen Sofa seine Schokolade einzuschlurfen und auf die Verdauung der gestrigen Mahlzeiten zu warten. Sobald sich Sebaldus anmelden liess, ward er sogleich vorgelassen. Er naherte sich mit wenigstens zwanzig Bucklingen dem hochgraflichen Lager und stammelte etwas einem Komplimente Ahnliches, welches der Graf in eine Frage nach seinem Befinden verdolmetschte und nach verschiedentlichem Rauspern antwortete: "Nicht recht wohl, mein lieber Herr Pastor, mein boser Morgenhusten qualt mich alle Tage mehr! Ich kann nichts mehr essen. Gestern habe ich's gewagt, eine Auerhahnpastete zu kosten, die liegt mir heute noch im Magen. Ich bin gar zu schwach. Selbst die Melonen wollen mir nicht bekommen, die Ananas machen mir Blahungen. Ich habe mir heute bloss ein einziges Ragout fin bestellt, ich muss heute fasten, um meinen Magen wiederherzustellen. Aber ist's nicht elend, mein lieber Herr Pastor, wenn man nicht essen kann?" Sebaldus antwortete mit einem tiefen Seufzer: "Jawohl, Ew. Hochgrafliche Gnaden, beinahe ebenso schlimm, als wenn man nichts zu essen hat; ich befurchte beinahe, dass ich in diesem Falle ..." Der Graf fiel ihm ins Wort: "Sie haben recht, lieber Herr Pastor, bald wird man auch gar nichts zu essen haben, der leidige Krieg verderbt alles. Ich habe vorigen Winter recht elend zugebracht. Die Austern kamen sehr unrichtig an. Den ganzen Winter uber habe ich aus Preussen kein Birkhuhn gesehen, auch Store bekommt man nicht mehr daher. Sehn Sie, Herr Pastor, ich bin ein deutscher Patriot, ich kann das franzosische Essen nicht leiden. Ich kann ihre Consommes a la cardinale, ihre C-les d'agneau frites nicht ausstehen. Lieber Herr Pastor, wir mussen bedenken, dass wir Deutsche sind. Wir konnen uns zwar die guten franzosischen Bruhen gefallen lassen, aber unsere Speisen selbst mussen echt deutsch sein. Ich weiss, was in allen deutschen Provinzen das Beste ist. Wenige Leute verstehen zum Beispiel hierzulande, was eine pommerische grosse Murane dreiviertel Ellen lang oder eine Flunder von der Insel Hela oder ein berlinischer Zander fur Dinge sind, die habe ich sonst posttaglich bekommen. Aber jetzt, Herr Pastor, jetzt ist alles aus! Ich habe mir im vorigen Marz aus Hanau eine kalte Pastete und aus Frankfurt am Main einen gewurzten Schwartenmagen kommen lassen, den haben die preussischen Husaren bei Fulda aufgefangen; welcher Teufel soll denn auch denken, dass die Kerle schon im Marz aus den Winterquartieren sein werden? Im vorigen Oktober sollte ich Krammetsvogel vom Harze bekommen, die hatten sich die Lucknerischen Husaren wohl schmecken lassen. Im Februar habe ich Fasanen aus Bohmen verschrieben, ja, wenn nicht die Granitzer bei Wilsdruf gestanden hatten! Die Franzosen machen's nicht besser. Meine westfalischen Schinken und den Champagner, worin ich sie wollte kochen lassen, haben sie im vorigen Monate in Bielefeld geplundert. Da sieht man's klar, dass es ihnen mehr um die westfalischen Schinken als um den Westfalischen Frieden zu tun ist. Ich liess mir Kaviar aus Konigsberg kommen, da haben die Russen die Post bei Koslin angehalten und ihn bei Kohlberg auf die Flotte gebracht. Ich mochte nur wissen, was mein Kaviar auf der Flotte zu tun hatte, ich habe niemals ein Korn davon zu kosten bekommen. Jetzt habe ich aus Sonnenburg Krebse verschrieben, Herr Pastor, dies sind die schonsten Krebse an Grosse und Geschmack; aber die werden wohl die Schweden speisen, denn das 'Frankfurtische Staats-Ristretto' schreibt, sie wurden nachstens in Berlin sein. So sind wir allenthalben mit Feinden umgeben, die uns alles wegnehmen. Kein Wunder, wenn wir schon ganz ausgehungert sind!" Indem er das sagte, kam der Kammerdiener und fragte, ob es Seiner Hochgraflichen Gnaden gefallig ware, das Fruhstuck zu sich zu nehmen.
"Ja", sagte der Graf, "und gebt noch ein Kuvert fur den Herrn Pastor. Sie mussen wissen", fuhr er fort, "dass ich meinen Kuchenzettel zu Mittage und Abend selbst mache, aber das Fruhstuck zu wahlen, uberlasse ich meinem Koche; der sinnet denn, mir jeden Tag etwas Neues zu machen, das ist mir unerwartet und reizt ein wenig den Appetit. Wir wollen einmal sehen, was wir heute zum besten haben. Aha, einen Kapaun, und mit Truffeln gefullt nicht ubel, hier haben Sie, Herr Pastor!" Hiemit legte er dem Sebaldus ein Stuck vor, und nun ging weiter kein Wort aus seinem Munde, so dass Sebaldus, nachdem er ein paar Bissen verzehrt hatte, Zeit genug bekam, seine und seiner Familie Not vorzutragen. Der Graf schuttelte dabei den Kopf, sagte mit vollem Munde manches Hm und brach endlich aus: "Herr Pastor, ich wusste nicht, wie ich Ihnen helfen sollte, die Zeiten sind gar zu elend. Ja, wenn die preussischen Einfalle nicht waren! Stellen Sie sich nur vor, dass gestern der Rittmeister, der eine Meile von hier auf Postierung steht, sechzehn Stuck Rotwildbret in meinem Holze hat schiessen lassen, und noch dazu meistens Ricken. Da mochte man vergehen, jetzt in der Setzzeit." Sebaldus versicherte Seiner Graflichen Gnaden, dass er von Ihnen keine weitere Unterstutzung verlangte als nur Dero hohes Vorwort bei dem Konsistorialprasidenten, damit er nicht aus der Pfarre geworfen werde. "Ja so", versetzte der Graf, "mein Vorwort wollen Sie haben? Ich bedaure, dass ich Ihnen damit nicht dienen kann, denn ich komme jetzt gar nicht mehr nach der Stadt; sehen Sie, man isst da gar zu erbarmlich, zumal beim Prasidenten, dem komme ich in meinem Leben nicht wieder. Er hat mir vor einem halben Jahre eine Zwiebelsuppe und darin kleine Nurnberger geraucherte Wurste vorgesetzt, ich begreife gar nicht, wie eine menschliche Kreatur sich mit so etwas nahren kann. Nein, Herr Pastor, bleiben Sie heute mittag bei mir, nur auf ein Gericht Gerngesehn, aber das doch besser sein soll als ein Traktament beim Prasidenten." Sebaldus entschuldigte sich damit, dass er heute noch zu Hause sein musse. "Nun, so bedauere ich, dass ich Sie nicht bei mir sehen kann. Leben Sie wohl, Herr Pastor, meinen Empfehl an die Frau Liebste." Sebaldus stand nach also erhaltenem Abschiede voller Verwirrung auf, machte drei oder vier Bucklinge, griff dem Grafen nach dem Schlafrockzipfel, der ihn aber zuruckschlug und dafur den Pastor umarmte, der, ganz verwirrt uber diese grafliche Gnade, wieder Bucklinge vorwarts und ruckwarts zu machen anfing, so dass er nicht wusste, wie er zur Ture hinauskam, und da er hinaus war, nicht wusste, ob er freudig oder betrubt sein sollte.
Indes nach kurzer Zeit fing die Betrubnis wieder an, die Oberhand zu gewinnen. Er sah nur allzuwohl ein, dass er itzt alle Hoffnung verloren hatte, von seinen Gonnern einige Hilfe zu erlangen, und wanderte traurig nach Hause. Aber wie gross war sein Entsetzen, da er sein Haus von einem andern eingenommen, seine Familie in einer fremden Hutte, seine Frau und seine jungste Tochter auf dem Krankenbette und seine alteste Tochter ganz in Tranen zerfliessend antraf! Er sank trostlos auf eine Bank nieder, stand nach einigen Minuten auf, umarmte seine Frau und seine Kinder. "Ich bin nicht so glucklich gewesen", sagte er, "bei Menschen einige Hilfe fur uns zu finden; wir mussen alle Hilfe von dem allmachtigen Gott erwarten, und der wird die ungluckliche Unschuld nicht verlassen."
Sechster Abschnitt
Wilhelminens Krankheit nahm sehr schnell zu, und bei der kleinen Charlotte, die einige Tage in der aussersten Hitze lag, fingen sich an die Blattern zu zeigen. Der ehrliche Bauer pflegte sie so sehr, als es seine eignen notdurftigen Umstande erlaubten. Er gab ihnen seine einzige Stube ein, und er und Sebaldus schliefen abwechselnd in der Scheune und wachten bei den Kranken; Mariane aber kam ihrer kranken Mutter und Schwester nie von der Seite. Alles, was moglich war, um ihnen Erleichterung zu verschaffen, tat sie, aber leider war nur sehr wenig moglich, denn mit jedem Tage vermehrte sich das Elend. Wilhelmine in der aussersten Entkraftung, Charlottchen mit zusammenfliessenden Eiterbeulen uberdeckt, keine Arznei, wenig Speise, keinen Freund ausser dem ehrlichen Bauer, keine Hoffnung, dass dieser Zustand verbessert werden, keine Aussicht, wie man darin fortleben konne. Schon seit mehrern Wochen hatte die Familie von dem Verkaufe einiger Wasche und Mobilien gelebt, die der Bauer, wenn er zum Markte fuhr, in der Stadt verhandelte. Es war zu ubersehen, dass diese kleine Hilfe nicht lange dauren konnte. Hernach zeigte sich der kommende Winter, keine Nahrung, kein Obdach, das bitterste Elend. "O grosser Gott", rief Sebaldus aus, "verdienet eine Abweichung von den symbolischen Buchern, dass eine Familie, welche bestandig nach deinen Geboten zu wandeln beflissen gewesen, in den klaglichsten Mangel gesturzt werde!"
Inzwischen beschaftigte das gegenwartige und vergangene Elend den Geist viel zu sehr, als dass oft an das kunftige gedacht werden konnte. Jeder Tag setzte zu der grossen Masse des Kummers seinen reichlichen Anteil hinzu. Charlottchens Krankheit stieg schnell bis auf den aussersten Gipfel. Je mehr die Safte ihres Korpers in die schreckliche Garung gerieten, welche alle Teile aus der Mischung, worin sie sich einander zusammenhalten und ernahren, in die versetzet, worin sie sich einander zerstoren und auflosen, desto mehr nahm ihr zarter Geist an gezwungener Starke, an tumultuarischer Tatigkeit zu. Phantasien traten an die Stelle der Empfindungen und ein stumpfes Hinbruten an die Stelle der Ruhe, die Korper und Geist erquickt. Sie geriet endlich einen Tag lang in einen betaubenden Schlummer, woraus sie mit der Heiterkeit einer gesunden Person erwachte. Sie streckte ihre kleinen Hande mit einem zartlichen Lallen nach dem Bette ihrer schwachen Mutter aus, redete ihren Vater und ihre Schwester an, welche sie seit acht Tagen bei aller zartlichen Bemuhung derselben, ihr zu helfen, nicht gekannt hatte, richtete ihr Haupt auf, forderte ihres Vaters Segen, aber, indem er einen Schritt zu ihr trat, sank sie tot in die Arme ihrer Schwester. Mariane tat einen lauten Schrei, Sebaldus fiel auf den entseelten Korper, die schwache Wilhelmine richtete sich auf, als ob sie ihrer Tochter helfen wollte. Umsonst, sie war dahin. Nun sank Sebaldus in die tiefe Betaubung, die keinen Teil des Elends einzeln empfindet, weil das Ganze die Seele vollig eingenommen hat. Auch Marianens Krafte reichten nicht zu, so viel Ungluck zu ertragen. Sie fiel unter einem Strome von Tranen auf ihr Lager und blieb den ganzen Tag in einer betaubenden Mattigkeit, ohne dass sie imstande war, ihrer kranken Mutter die gewohnlichen zartlichen Liebesdienste zu leisten. Wilhelmine aber, welche bisher in der aussersten Entkraftung gelegen hatte, rief alle ihre Lebensgeister hervor, um ihr uberschwengliches Elend zu empfinden, denn bei grosser Wehmut ist die Wehmut selbst der einzige Genuss. So schwach sie war, fand sie doch Krafte, bald zu klagen, bald zu seufzen, bald, weil selbst der Anblick der Leiche ihre Zartlichkeit starker auf die Lebendigen zog, ihren Mann und ihre Tochter zu trosten. Sie wollte sogar aufstehen, um denen Handreichungen zu leisten, deren Handreichung sie selbst notig hatte. Aber hier merkte sie, dass ihr Korper schwacher war als ihr Geist, denn nun fiel sie ermattet nieder und konnte nur noch bloss durch Zureden Trost geben. So brachte diese ungluckliche Familie eine Nacht und einen Tag zu, ihr Elend ganz zu fuhlen und einen sehr kleinen Teil davon durch wechselseitigen Trost zu erleichtern. Am Ende dieses Tages fiel Wilhelmine in eine ausserordentliche Ermattung und in ein mit vieler Hitze verknupftes Fieber. Kaum konnte sie gegen Mitternacht einen unruhigen, unerquickenden Schlaf geniessen. Sie brachte den folgenden Tag in einem schmachtenden Zustande hin. Gegen Abend ergriff sie das Fieber mit viel starkerer Hitze, sie erwachte des andern Morgens bei Sonnenaufgang ausserst entkraftet und empfand etwas, dergleichen sie noch nie empfunden hatte. Sie legte ihre Hand in die Hand ihres Mannes, der nebst Marianen die ganze Nacht uber nicht von ihrem Bette gewichen war, und sagte mit schwacher Stimme: "Ich sterbe, ich fuhle es. Vergib es mir, lieber Mann, dass mein unbedachtsamer Enthusiasmus, den ich oft genug bereuet habe, die unerwartete Folge gehabt hat, unsere ganze Familie unglucklich zu machen. 'Der Tod furs Vaterland'' ist der Vorwand unsers Unglucks; wollte Gott, ich konnte ihn sterben, diesen Tod! Doch, ich wurde glauben, furs Vaterland gestorben zu sein, wenn unser Ungluck, von einer empfindsamen Seele nacherzahlt, unsere Geistlichen warnen konnte, wegen Verschiedenheit der Lehre nicht die bittere Feindschaft aufeinander zu werfen, die die eigentliche Ursache unsers Unglucks ist. Meine Absicht war gut. Mich und unsere Feinde richte der allmachtige Gott, der das Innerste der Herzen kennet. Lebe wohl, meine liebe Tochter, lebe so, wie dich deine Eltern gelehret haben, tugendhaft und unstraflich. Gott gebe, dass du deinen Bruder noch einmal glucklich wiedersehest. Ist's moglich, so unterstutze deinen alten Vater, solange er lebt. Gott sei dein Erhalter! Seiner Vorsorge empfehle ich dich denn leider von Menschen bist du verlassen! Umarme mich!"
Hier entrannen Tranen ihren sich brechenden Augen. Mariane kusste sie auf und druckte ihren Mund auf den Mund ihrer Mutter, deren Haupt in diesem Augenblicke sanft auf ihre linke Schulter sank, und die matten Hande glitten ab, die sie eben um ihre Mariane schlingen wollte. Sie entschlief. Mariane hatte nur noch Kraft, ein wimmerndes Seufzen horen zu lassen, indem sie ihr nochmals den kalten Mund kusste und die mutterlichen Augen zudruckte. Sie fiel stumm zuruck, ohne Trane, gleich einem unbeweglichen Bilde. Sebaldus in tranenloser Verzweiflung, stumm und staunend, sass ohne Bewegung, ausser dass er seinen dustern Blick von der Leiche seiner kleinen Tochter zu der Leiche seiner Frau wendete. So sassen zwischen zwei geliebten Leichen zwei Lebende, totenahnlich, in stummem Todeskummer. Der einzige Laut, den man horte, war von dem gutherzigen Bauer, der, auf der Bank am Ofen sitzend, den Kopf an die Wand gelehnt, innerlich schnuckte.
Sie sassen so, und der Mittag war vorbei, ohne dass jemand sich gereget oder etwas zu sich genommen hatte, als ein Mann in einem grossen Reiserocke und in einer Reisekappe vor der Ture vom Pferde stieg und in die Stube trat. Es war Hieronymus, den sein Ruckweg von einer Geschaftsreise durch dieses Dorf fuhrte und welcher daher seinen alten Freund, den Pastor, hatte besuchen wollen. Er fand aber im Pfarrhause anstatt seines Freundes den Magister Tuffelius und den Superintendenten, die eben abgespeiset hatten und nach Tische bei einem Glase Wein sich noch von alten Geschichten unterhielten, von der Konvention zu Kloster-Seven und von dem Atheismus, der in den brandenburgischen Landen statt der symbolischen Bucher eingefuhrt werden sollte, und dergleichen mehr. Sie notigten ihn aufs freundlichste hinein, sobald er aber von ihnen den ganzen Vorgang erfuhr, setzte er sich, alles Notigens ungeachtet, wieder zu Pferde und ritt nach dem ihm bezeichneten Bauerhause.
Hier fand er den traurigsten Anblick. Das Kind im Sarge, die Mutter erblasset, die Tochter halb ohnmachtig, den Vater vor Schmerz betaubt, den gutherzigen Bauer, der anfing, ihnen Trost zuzusprechen, da er selbst Trost notig gehabt hatte. Beim Anblicke des Hieronymus ergoss sich das weiche Herz Marianens in einen Tranenstrom. Sie zeigte auf die Leiche ihrer Mutter und Schwester, ihre Blicke sagten mehr als ihre gestammelten Worte. Hieronymus konnte auch nichts als Tranen anstatt Worte hervorbringen. Mariane fiel erschopft in seinen Armen in Ohnmacht. Er brachte sie mit Hilfe des gutherzigen Bauers wieder zu sich. Nun ging seine Sorge auf Sebaldus, welcher dasass, starre Blicke auf beide geliebte Leichen geheftet, ohne Empfindung dessen, was um ihn vorging. Auf alles Zureden des Hieronymus antwortete er nur durch abgebrochene Worte, tiefe Seufzer und starre Blicke gen Himmel. Endlich stand er auf, hob beide Hande empor, faltete sie und brach folgendermassen aus: "Ja, ich habe unrecht, o meine verklarte Wilhelmine, dich zu beklagen, dass du einer Welt voll Elend, voll Betrug, voll Bosheit bist entrissen worden, wo das Laster in guldenem Stucke gehet, wo Tugend und Menschenfreundschaft betteln muss, wo fuhllose Priester noch jenseit dieses Lebens ihre Verdammungen ausspenden. Wohl dir, dass du gestorben bist! Zwar betrubt mich dein Abschied jetzt sehr, aber wieviel freudiger wird unsere Zusammenkunft sein, wenn wir uns in dem himmlischen Jerusalem wiedersehen werden, wo kein Verbanntes mehr sein wird, wo wir sehen werden den lautern Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Kristall, wo die, die da siegten an dem Tiere und seinem Bilde und an der Zahl seines Namens, stehen werden und haben Gottes Harfen und singen das Lied Mosis und das Lied des Lammleins und sprechen: Gross und wundersam sind deine Werke, Herr Gott, Allmachtiger, gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du Konig der Nationen! Wer sollte dich nicht furchten, Herr, und deinen Namen verherrlichen, weil du so gnadig bist!"
Mit diesen und andern Worten der Apokalypse suchte Sebaldus Krafte, sein Leid zu ertragen. Hieronymus liess ihn in dieser beruhigenden Ekstase, ging zu seinem Mantelsacke, der noch auf dem Pferde lag, holte daraus ein paar gebratene Huhner und unter einem seiner Pistolenhalfter eine geschliffene Flasche Rheinwein hervor, denn er pflegte auf Reisen die Pistolen fur seine Feinde und den Wein fur seine Freunde bei sich zu fuhren. Er zog seinen schweren Reiserock aus und bereitete in der Scheune das Mahl, von dem er und der Bauer, ihrer Traurigkeit ungeachtet, dennoch herzlich assen, weil beide hungrig waren. Sebaldus und Mariane aber nahmen, auf wiederholtes Zureden, wenigstens so viel zu sich, dass der Korper in den Stand gesetzt ward, die Bekummernisse der Seele zu ertragen.
Nach der Mahlzeit trug Hieronymus mit dem Bauer Wilhelminens erblassten Korper und den Sarg der kleinen Tochter in die Scheune, die dem Sebaldus bisher zum Nachtlager und noch kurzlich zum Speisezimmer gedient hatte. Er riet Sebaldus und Marianen, nunmehr ihren Korper zu pflegen, da sie die Toten nicht mehr pflegen konnten. Er versprach, in zwei Tagen wiederzukommen und fur Wilhelminens und des Kindes Begrabnis zu sorgen. Zuletzt erbot er sich, alsdann Sebaldus und Marianen mit sich nach der Stadt zu nehmen, wo sie in seinem Hause willkommen sein sollten. Beide nahmen ein so freundschaftliches Anerbieten mit Dank an. Hieronymus bat Vater und Tochter nochmals, ihre Traurigkeit zu massigen, gab, als er seinen Reiserock aus der Scheune holte, dem Bauer etwas Geld, um sie besser pflegen zu konnen, umarmte sie und ritt nach Hause.
Siebenter Abschnitt
Nach zwei Tagen erschien Hieronymus vor des Bauers Hutte, abermal zu Pferde. Ihm folgten zwei von seinen Kornwagen, leer, nur dass auf einem ein Sarg stand, worin Wilhelminens Leichnam gelegt ward. Unterdes der Bauer mit seinen und Hieronymus' Knechten des Sebaldus samtliche Mobilien auf die Wagen packte, ging Hieronymus zum Magister Tuffelius, um fur die doppelte Beerdigung die Gebuhren zu bezahlen. Tuffelius bezeigte uber des Sebaldus Unfalle ein christliches Mitleiden, versicherte, er hege gegen denselben gar keine Feindschaft, und um sein vertragliches Gemut zu zeigen, erbot er sich sogar, der sel. Frau Pastorin eine offentliche Leichenpredigt zu halten, wenn es dem Herrn Hieronymus beliebte, die Gebuhren dafur zu entrichten. Dieser fand es aber nicht notig, sondern kehrte nach dem Bauerhause zuruck, wo er mit Beihilfe des gutherzigen Bauern die Beerdigung beider Leichen besorgte und unmittelbar darauf Sebaldus und Marianen mit sich nach der Stadt nahm.
Sie hielten sich einige Monate in Hieronymus' Hause auf, ohne dass ihnen der geringste Unfall begegnet ware. Zwar hielt Doktor Stauzius den Sonntag nach ihrer Ankunft eine scharfe Gesetzpredigt uber den Spruch: Einen ketzerischen Menschen meide!, worin er sehr deutlich zeigte, dass derjenige, der einen ketzerischen Menschen beherberget, sich seiner Sunden teilhaftig machet, welches er mit 2. Joh. V. 10 bestatigte. Doch hatte er das Missvergnugen, dass diese Predigt gar nicht auf Sebaldus, sondern auf einen katholischen Zuckerbacker gedeutet ward, den der Furst aus Wien hatte kommen lassen. Und da durch Veranlassung dieser Predigt, auf dem eben vorseienden Landtage, die Stande aus diesem Zuckerbacker ein Landesgravamen machten und Seiner Durchlaucht in Untertanigkeit vorstellten, das susse Konfekt dieses Mannes konne nimmermehr die Bitterkeit der papistischen Lehre versussen, so bekam Doktor Stauzius noch dazu aus dem Furstlichen Kabinette einen Verweis, den er zu den Trubsalen rechnete, die der Satan frommen Lehrern erwecket, und den er in Geduld ertrug, bis ihm die am Ende des Landtages zu haltende Predigt Gelegenheit gab, sich wider diejenigen, die den Wachtern Zions ihre Wachsamkeit verweisen, mit doppeltem Nachdrucke zu erklaren.
Sebaldus und Mariane hatten die ihnen zugedachte Abkanzelung nicht einmal erfahren und lebten indes sehr ruhig und vergnugt; Mariane beschaftigte sich mit weiblichen Arbeiten und mit dem Unterricht der zwei kleinen Tochter des Hieronymus. Sebaldus aber brachte die meiste Zeit in Hieronymus' Laden zu, um aus alten prophetischen Schriften Kollektaneen zu seinem apokalyptischen Kommentare zu sammeln. Er durfte auch nicht befurchten, dass ihn hier etwa einer von seinen Feinden storen mochte, denn weder der Prasident noch der Generalsuperintendent hatten im Buchladen etwas zu tun. Der erste war ein Genie, und einem Genie steht nicht an, viel zu lesen; der andere erwartete alle Wirkung seiner Predigten von der selig machenden Gnade und hielt also menschliche Gelehrsamkeit fur ganz uberflussig.
So zufrieden aber auch die beiden Vertriebenen in dem Hause ihres freundschaftlichen Wirtes waren, so lagen sie ihm doch bestandig an, sich nach Stellen fur sie zu erkundigen, worin sie ihren Unterhalt erwerben konnten. Kurz darauf fand sich eine solche fur Marianen. Denn als Hieronymus wieder in Geschaften verreisete, erfuhr er, dass von einer adeligen Dame eine franzosische Demoiselle zur Erziehung ihrer beiden Fraulein gesucht ward. Hierzu schlug er Marianen vor, die auch sehr gern einwilligte. "Diese Stelle", sagte Hieronymus, "scheint fur Sie vorteilhaft zu sein, aber ich rate Ihnen, nicht Ihren Namen zu fuhren. Die Dame ist eine weitlauftige Verwandtin des Doktor Stauzius, und ich befurchte, er mochte aus Rachgier Ihnen auch dort uble Dienste leisten. Und ob es gleich heisst, dass Sie zur Erziehung der jungen Fraulein berufen werden, so wird doch, wie ich wohl merke, die Ubung im franzosischen Sprechen das Vornehmste sein, worauf man siehet. Ich habe Sie also als die Tochter eines von den Russen vertriebenen franzosischen Predigers aus einem Stadtchen in der Neumark angekundigt. Dessen Namen mussen Sie nun fuhren, weil der Name vielleicht nicht wenig beigetragen hat, dass Sie andern Kompetentinnen sind vorgezogen worden."
Mariane nahm also einen franzosischen Namen an (ob in en oder in ere oder in on oder in ac, haben wir nicht eigentlich erfahren konnen) und reisete mit demselben und einem Empfehlungsschreiben des Hieronymus versehen nach dem Gute der Frau von Hohenauf, welches sechzehn Meilen von der furstlichen Residenzstadt entlegen war.
Zweites Buch
Erster Abschnitt
Sebaldus hatte seine Mobilien grosstenteils verkauft und das daraus gelosete wenige Geld Marianen zur notigen Einrichtung mitgegeben. Er hatte sich in den Zustand jenes Philosophen versetzt, dass er alles das Seinige bei sich tragen konnte. Nunmehr bestand er darauf, auf irgendeine Art und wo moglich ausser der Stadt, in der seine Feinde wohnten, selbst seinen Unterhalt zu verdienen.
Nach einiger Uberlegung nahm ihn Hieronymus mit sich, als er nach Leipzig zur Messe reisete, wo er ihm bald bei einigen grossen Buchdruckereien die Stelle eines Korrektors verschaffte. Sebaldus mietete eine kleine Dachstube im sechsten Stockwerke und war, obwohl bei durftigem Auskommen, uberaus vergnugt mit seinem Zustande, weil er nur ein Drittel des Tages mit Korrekturen zu tun hatte und die ubrige Zeit auf seine apokalyptische Erklarung wenden konnte, die ihm wie ein alter Freund in seinen Widerwartigkeiten nur noch lieber geworden war.
Ob ubrigens Sebaldus zuerst den Herrn Doktor Ernesti oder den Herrn Doktor Crusius besucht habe, wissen wir nicht. Vielleicht hat er bedacht, dass ein armer Korrektor nicht so leicht zu einem vertraulichen Umgange mit solchen Mannern gelange und dass es unnutz sei, einen Gelehrten auf eine halbe Viertelstunde zu besuchen, um sein Gesicht zu begaffen, und ist also gar zu Hause geblieben. Ob er jemals Professor Gellerts moralischen Vorlesungen beigewohnt oder jemals mit Magister Froriep uber die symbolischen Bucher oder uber die Nunnation der arabischen Nennworter disputiert habe, lasst sich auch so genau nicht sagen. Ob er in der Nikolaikirche des in Leipzig und dessen samtlichen Vorstadten beruhmten Magisters Matthesius salbungsvolle Predigten wider die Schaubuhne mit angehort oder ob er zu ebender Zeit, da sie gehalten wurden, im Kuchengarten des ebenso weit beruhmten Handels5 von Butter triefende Maulschellen und Wetzsteine verzehrt habe, daruber sind gar keine Nachrichten vorhanden.
Es haben sehr ernsthafte Gelehrte behauptet, dass die Wahrheit das Wesen der Geschichte sei. Wir sind weit entfernt, Mannern, welche scharf demonstrierte Theorien der Geschichte zusammensetzen konnen, zu widersprechen; nur unterstehen wir uns, zu mutmassen, ob man gleich in der Geschichte lauter wahre Begebenheiten erzahlen soll, so konne doch der grosste Teil derselben fuglich unerzahlt bleiben. Es sind funfzigtausend Bande voll Wahrheit uber die Geschichte Deutschlands zusammengetragen worden, so dass der schon ein Geschichtskundiger heisst, der nur den funfzigsten Teil dieser Wahrheiten gelesen hat. Dieser Uberfluss von Wahrheit hat manchen braven Deutschen zu dem angenehmen Lugner Voltaire gefuhret, der uns ein halbes Jahrhundert in wenigen Blattern ubersehen lasst, aber dafur auch oft unverantwortlicherweise eine Hildegardis hinsetzt, wo eine Mathilda stehen sollte, oder die Jahrzahl funfzig angibt, wo die Jahrzahl sechzig sollte angegeben werden. Der Unterschied zwischen unsern deutschen wahrhaften Geschichtschreibern und den oft lugenhaften Franzosen sowie auch die Erklarung der Ursachen, warum Haberlin und Senkenberg ihren blossen Auszug der deutschen Geschichte ungleich korpulenter haben werden lassen als Voltaire seine ganze allgemeine Weltgeschichte, bestehen darin: Der gelehrte Deutsche verschweigt dem Leser nichts, was er gewiss weiss, und das ist denn sehr viel, aber er bedenkt oft nicht, was der Leser zu wissen verlange, welches gemeiniglich sehr wenig ist. Hingegen der Franzose, der nur wenig weiss, tut sich auch aufs Wissen nichts zugute, sondern erzahlt nur das, was seine Leser etwa zu wissen verlangen konnten, macht sich aber auch kein Bedenken, es ihnen zuweilen mit einer kleinen Bruhe von Erdichtung schmackhafter zu machen.
Wir, die wir diese Beispiele vor uns sehen, spiegeln uns an denselben. Wir wissen von Sebaldus' Aufenthalte in Leipzig sehr viele Umstande, welche wir nicht gleich den deutschen Geschichtschreibern samt und sonders erzahlen, sondern sie vielmehr mit einiger Verleugnung unterdrucken wollen, weil wir nach reifer Uberlegung gefunden haben, unsere Leser wurden weder Nutzen noch Vergnugen daraus schopfen konnen. Hingegen soll die Wahrheit auch das Wesen dieser Geschichte bleiben, und wir werden daher keineswegs gleich dem leidigen Voltaire Umstande verstellen oder erdichten, um unsere Erzahlung interessanter zu machen. Damit man aber nicht etwa glaube, wir wussten nichts, wenn wir nichts sagen, so wollen wir, um das Gegenteil zu zeigen, aus der grossen Menge der vor uns liegenden Nachrichten einige bei Sebaldus' Aufenthalte in Leipzig vorgefallene Abendgesprache mitteilen.
Neben der Dachstube des Sebaldus wohnte ein alter Magister, mit dem er bald bekannt und in kurzem vertraut wurde, weil es sich ausserte, dass derselbe, so wie er, an der Ewigkeit der Hollenstrafen zweifelte. Dieser Mann besass grundliche Kenntnisse der alten Sprachen und alles dessen, was zur Philologie gehort. Er hatte die alten griechischen Philosophen fleissig gelesen und sie mit den Schriften neuerer Philosophen verglichen, wodurch er sich gute Einsichten in die Philosophie erwarb. Aber weil seinen Kenntnissen der Zuschnitt nach der Mode fehlte und weil er uberaus schuchtern und angstlich war, sobald er mit Menschen reden sollte, so hatte er sich nie getrauet, um ein Amt, selbst nicht um ein Schulamt anzuhalten; man wurde es ihm vielleicht auch nicht gegeben haben. Er war daher als Korrektor bei verschiedenen Buchdruckereien grau geworden. Er kannte alle Vorfalle des Verleger- und Autorgewerbes. Denn gleichwie ein Lichtputzer in der Komodie zuweilen einen stummen Staatsminister oder einen Lakaien, der ein paar Worte redet, vorstellen muss, so war auch er, obgleich eigentlich nur ein Korrektor, dennoch von seinem Verleger oft zum Ubersetzer, ja wohl gar zum Schreiber einer zuverlassigen Nachricht oder schriftund vernunftmassiger Gedanken gebraucht worden.
Einige Tage nach Sebaldus' Ankunft besuchte ihn der Magister, um den Abend bei einer sehr frugalen Abendmahlzeit zu verplaudern. Der Magister fragte, wie ihm Leipzig gefiele. Sebaldus, der nichts fur merkwurdig hielt, was nicht einem Buche ahnlich sah, hatte auch in Leipzig nichts als die vielen Buchdrukkereien und Buchladen bemerkt. Ihm war gar nicht in die Augen gefallen, ob die Einwohner den Rang oder die Bequemlichkeit liebten, ob sie gesellig oder steif waren, ob die Damen lieber geputzt als schon zu sein suchten, ob die Studenten ein soldatisches oder ein gelehrtes, ein liederliches oder ein galantes Ansehen affektierten, ob die Jungemagde Niedlichkeit und Artigkeit fur den ersten Zweck ihres Daseins hielten oder nicht. Ihm war nie in den Sinn gekommen, zu untersuchen, wie etwa die Bauart der Hauser den Zweck der Eigentumer, bei wenigem Platze ihre Wohnungen bequem zu machen, verraten mochte, welchen Beweis des ehemaligen Wohlstandes der Einwohner die vielen schonen Garten und Gartenhauser in den Vorstadten darboten und ob daselbst Reichtum und Kenntnis des Schonen mit gleichen Schritten fortgegangen sei. Er hatte sich auf den Strassen nie umgesehen, und es war ihm nie eingefallen, zu erortern, ob das Homannische Haus oder die Waage schoner gebauet sei, ob am Erker des Romanusschen Hauses mit Rechte zwei ubereinanderstehende Saulenordnungen auf einem Kragsteine ruhen oder ob im Grossbosischen Garten die fleissige Kunst die schonsten Anlagen der Natur verderbt habe. Den Richterschen, damals den schonsten Garten in den Leipziger Vorstadten, hatte er ebensowenig als die reizende Aussicht aus demselben nach dem Zschocherschen Holzchen gesehen. Er hatte nie daran gedacht, ins Rosenthal zu gehen, die schone Gegend hinter Raschwitz war ihm nicht zu Gesichte gekommen, und von den Linkischen, Winklerischen und Richterischen Kabinetten hatte er nicht einmal reden horen. Weil die Ratsbibliothek und die Universitatsbibliothek, die einzigen Gegenstande seiner Neugierde, in der Messe nicht offen waren, so hatte er alle Tage seines Aufenthalts in Leipzig damit zugebracht, von Buchdruckerei zu Buchdruckerei und von Buchhandlung zu Buchhandlung zu wandern. Noch ganz voll von diesen Gegenstanden, rief er aus:
"Wie sollte mir Leipzig nicht gefallen, der echte Sitz der Gelehrsamkeit, die wahre Stapelstadt gelehrter Kenntnisse, welche aus Deutschland hier eingesammelt und von hier aus allen anderen deutschen Provinzen wieder mitgeteilet werden! Hier sieht man die unzahlbaren Fruchte der Nachtwachen einer grossen Anzahl gelehrter Manner, welche, nachdem sie jahrelang ihren Geist durch Lektur mit allen nutzlichen Kenntnissen bereichert und durch unermudetes Nachdenken vervollkommnet haben, nun ihre Schriften der Welt mitteilen und sie dadurch zu erleuchten suchen. Wenn ich die hiesigen unermesslichen Bucherniederlagen betrachte, wird mir die unausgesetzte Geschaftigkeit der Gelehrten recht ehrwurdig. Ich hatte nie gedacht, dass so viele Bucher in der Welt waren, als ich hier beisammen finde, noch weniger, dass jahrlich einige hundert oder tausend hinzukommen."
Magister: Und daruber freuen Sie sich? Ich nicht. Sie kommen mir vor wie ein hungriger Ankommling an einer reichbesetzten Tafel, der den grossen Vorrat von Speisen sieht und schon uberschlagt, wie gut er sich mit diesen herrlich aussehenden Nahrungsmitteln futtern wolle. Ich bin einer von den Gasten, die schon oft an dieser Tafel sassen und schon oft hungrig aufstanden. Einige Speisen hatten einen sehr widrigen Hautgout, andere schmeckten angenehm, aber waren ausserst unverdaulich, andere waren nicht gar gekocht, andere verrauchert und andere blosse Schauessen. Endlich blieb ich zu Hause, ass mein Stuck Kase und Brot und verwunschte alle Koche.
Sebaldus: Aber ist es nicht ein herrliches Schauspiel, eine so grosse Menge gelehrter Werke zusammen zu sehen, wodurch doch, durch jedes in seiner Art, die Menschen kluger, gelehrter, weiser, tugendhafter, kurz, besser werden?
Magister: Ein Schauspiel wie manches andere, von dem uns die Einbildungskraft, ehe wir es sehen, die angenehmsten Vorstellungen macht. Wer wie Sie vom Lande, aus der Einsamkeit kommt, ist sehr geneigt, sich durch jeden ersten Glanz blenden zu lassen und alles fur schoner anzusehen, als es ist. Mein lieber Freund, wenn die Gelehrten durch ihre Bucher sonst nichts zu erlangen suchten, als was Sie da sagen, so wurden neun Zehnteile der Bucher nie geschrieben werden. Wie die Menschen kluger, weiser und besser werden sollen? Ich wette, daran haben vierzehn Funfzehnteile der Schriftsteller, deren Werke die Messe zur Messe machen, gar nicht gedacht. Sie haben ganz andere Absichten zu erlangen und ganz andere Bedurfnisse zu befriedigen!
Sebaldus: Welche konnten die sein? Ein Gelehrter hat freilich viele Absichten und Bedurfnisse als Mensch mit anderen Menschen gemein. Was konnte er aber als Gelehrter fur ein anderes Bedurfnis haben, als seinen Geist durch alle nutzliche Kenntnisse aufzuklaren, und, wenn er erleuchteter ist als andere, was folget naturlicher drauf als die Absicht, anderen seine Kenntnisse mitzuteilen, das heisst ein Schriftsteller zu werden?
Magister: Die Folge scheint so naturlich! Gleichwohl muss sie nicht notwendig sein, denn gewiss sehr viele Schriftsteller haben nicht untersucht, ob ihr Geist aufgeklart genug sei, noch weniger, ob er aufgeklarter sei als der Geist anderer Leute, und gleichwohl sind sie Schriftsteller in bester Form und, wenn Zeitungslob und Eigenlob etwas gilt, grosse beruhmte Schriftsteller. Hingegen haben wir beide, Sie, mein Freund, und ich, von Jugend auf gearbeitet, unsere Kenntnisse zu erweitern und vollkommner zu machen, und ich darf sagen, wir wissen auch, dass wir manche Sachen besser einsehen als manche andere Leute, und gleichwohl durften wir beide vielleicht nie Schriftsteller werden.
Sebaldus: Ich weiss nicht, was Sie zu tun willens sind. Ich aber, ich muss es mit einiger Schuchternheit gestehen ich arbeite schon seit vielen Jahren an einem Kommentare uber die Apokalypse.
Magister: Uber die Apokalypse? Da sind Sie bei mir mehr als jemand im Verdachte, dass nicht allein die von Ihnen vorher angefuhrten schonen Absichten, sondern einige kleine Nebenabsichten Sie zum Schriftsteller machen?
Sebaldus: Ich bin mir keiner Nebenabsichten bewusst. Welche konnte ich auch haben?
Magister: Ich weiss nicht. Vielleicht ein wenig Ruhmsucht. Sie wollen der Welt gern etwas Neues und Scharfsinniges sagen, denn etwas dem menschlichen Geschlechte Nutzliches werden Sie doch schwerlich sagen konnen. Die Apokalypse ist eine dickschalige Zitrone, woraus so viele hundert Kommentatoren den wenigen Saft schon langst ausgepresst haben.
Sebaldus: Wenn sie keinen Saft in sich hat, so konnte sie doch vielleicht noch Ol enthalten. Glauben Sie nicht, es wurde dem menschlichen Geschlechte wichtig sein, wenn ich zeigte, dass alles, was man bisher uber dies seit vielen Jahrhunderten vielen Menschen so wichtig scheinende Buch geschrieben hat, alberne Fratzen sind, voller Unsinn, auf Kosten des gesunden Menschenverstandes, der Religion und der Geschichte gesagt? Ware es nicht ein Verdienst, soviel Lugen um ihr Ansehen zu bringen, wenn ich auch nur wenig Wahrheit an die Stelle setzen konnte? Und gleichwohl, ohne ruhmredig zu sein, versichere ich, die erfullten historischen Weissagungen aus der Geschichte anzuzeigen und von einigen wenigen noch unerfullten solche Mutmassungen an die Hand zu geben, die selbst Konigen und Fursten nicht gleichgultig sein durften. Dennoch schatze ich diese meine historische Entdeckungen sehr gering gegen diejenigen, die etwas beitragen konnen, den moralischen Zustand des Menschen zu verbessern. Wie, wenn ich nun aus diesem Buche von dem kunftigen Zustande der Auserwahlten die sichersten Schlusse ziehen, wenn ich hier funkelten dem ehrlichen Sebaldus die Augen aus demselben die Lehre, die Sie wie ich verabscheuen, die Ewigkeit der Hollenstrafen, ganzlich widerlegen und deutlich zeigen konnte, wie in Gottes Haushaltung alle Bestrafung auf Besserung abzielen muss und wird konnte dies dem menschlichen Geschlechte gleichgultig sein?
Magister: Mein Freund, Sie haben wirklich eine gute Anlage zum Schriftsteller. Sie kommen in Feuer, wenn Sie von Ihrem Buche reden. Doch es scheint mir, indem Sie beweisen wollen, dass die Ruhmsucht nicht der Bewegungsgrund Ihres Schreibens ist, so ruhmen Sie sich so sehr, als man sich ruhmen kann.
Sebaldus: Den Ruhm, der aus einer wohlgelungenen Ausfuhrung eines nutzlichen Unternehmens entspringt, verachte ich gar nicht. Er ist jedem rechtschaffenen Manne angenehm und kann mit der Begierde, der Welt zu nutzen, sehr wohl bestehen; und so wird es vermutlich auch wohl mit den Nebenabsichten sein, die Sie andern Schriftstellern schuld geben.
Magister: Nicht vollig ebenso. Die meisten Schriftsteller schreiben, um bekannt zu werden, ein Amt zu erschreiben, einem Patron ein Buch zu dedizieren, einen Freund zu erheben oder einen Feind zu erniedrigen. Ob die Welt von ihren Buchern Nutzen oder Schaden habe, kummert sie wenig, wenn sie nur ihren Privatendzweck erreichen.
Sebaldus: Den konnen sie aber nicht erreichen, wenn sie nicht zugleich etwas Nutzliches schreiben. Denn es kann doch niemand so unverschamt sein, ein Buch herauszugeben, um etwas Bekanntes oder Langweiliges oder Nichtsbedeutendes zu sagen.
Magister: Das sollte freilich nicht sein! Wie will es aber ein armer Schriftsteller machen, wenn er nichts Neues, Interessantes und Wichtiges zu sagen hat und doch ein Buch schreiben soll. Meinen Sie nicht, dass ein wichtiges und nutzliches Buch viel Geschicklichkeit erfordere, dass man sehr viel mehr wissen musse, als was man sagt, dass man vorher alles nachlesen musse, was andere bekannte Schriftsteller uber diese Materie geschrieben haben, dass man sich aber doch nicht musse merken lassen, wieviel man gelesen habe, dass man seine ganze Materie wohl uberlegen und anordnen musse und dass zu allem diesem sehr viel Zeit und Arbeit gehore?
Sebaldus: Allerdings!
Magister: Meinen Sie aber, dass derjenige, der bekannt werden, ein Amt erschreiben, seinem Patron ein Buch dedizieren, seinen Freund erheben oder seinen Feind erniedrigen will, allemal Geschicklichkeit haben werde oder viel Zeit und Arbeit werde anwenden konnen?
Sebaldus: Nein! Wenn aber dies nicht ist, so muss er auch gar kein Buch schreiben, denn den wahren Hauptzweck des Schriftstellens unwichtigen Nebenzwecken aufzuopfern ist eines wahren Gelehrten ganz unwurdig.
Magister: Ja freilich, eines Gelehrten! Aber ein Schriftsteller kann es im Laufe seines Gewerbes nicht so genau nehmen.
Sebaldus: Ich weiss nicht, wie Sie sprechen. Ein Buchdrucker oder ein Buchhandler mag ein Gewerbe mit Buchern haben, aber ein Schriftsteller ist ein Gelehrter. Der will der Welt nutzliche Kenntnisse mitteilen, der will Wahrheit und Weisheit befordern.
Magister: Ihre Einbildungskraft, mein liebster Freund, fliegt noch ziemlich hoch; lassen Sie sich herunter und kommen Sie der Erde naher. Der grosste Haufen der Schriftsteller von Profession treibt ein Gewerbe so wie die Tapetenmaler oder die Kunstpfeifer und sieht die wenigen wahren Gelehrten fast ebenso fur zudringliche, unzunftige Pfuscher an als jene Handwerker einen Mengs oder Bach. Durch solches Gewerbe und nicht aus Begierde, das menschliche Geschlecht zu erleuchten, entsteht die unsagliche Menge von Buchern, welche Sie so bewundern; denn Leipzig ist freilich seit mehr als hundert Jahren die Stapelstadt der Waren der gelehrten Handwerker.
Sebaldus: Sie haben ein sonderbares Vergnugen daran, Worter zusammenzusetzen, deren Begriffe offenbar miteinander streiten. Gelehrsamkeit ein Handwerk? Bucherschreiben ein Gewerbe?
Magister: Allerdings, und zwar ein solches Gewerbe, worin jeder den Nutzen so sehr auf seine Seite zu ziehen sucht, als nur moglich ist. Der Autor will gern dem Verleger sowenig Bogen Manuskript als moglich fur soviel Geld, als moglich ist, uberliefern. Der Verleger will gern so viele Alphabete als moglich so wohlfeil als moglich einhandeln und so teuer als moglich verkaufen. Der Autor will gern sowenig Zeit, Muhe, Uberlegung und Geschicklichkeit an sein Buch wenden und doch soviel Ruhm, Belohnung, Beforderung von der Welt einernten als moglich. Zu dem letzten sind leider nur allzuviel Mittel vorhanden!
Sebaldus: Sie sagen mir da so unerhorte Sachen, dass ich vor grossem Erstaunen mich fast nicht getraue, ein Wort dagegen einzuwenden, und doch ist mir alles unbegreiflich. Was fur Mittel konnen vorhanden sein, Ruhm und Belohnung durch ein Buch zu erlangen, worin man keine Talente zeigt und worauf man wenig Zeit gewendet hat? Magister: Ei, sehr viele! Zum Beispiel ein Professor muss Amts wegen ein Kollegium lesen, dazu schreibt er ein besonderes Kompendium der ganzen Wissenschaft. Dies kostet wenig Zeit und Muhe, erfordert auch wenig Talente, und doch gibt's bei den Studenten das Ansehen, als hatte man die Sachen ergrundet, und bei der Welt das Ansehen, als konne man ein Buch schreiben.
Sebaldus: Aber die Welt kann doch unmoglich ein blosses Kompendium einer bekannten Wissenschaft fur ein Buch ansehen?
Magister: Die deutsche Welt ist gutwillig, sie hat sich schon sehr viele Kompendienschreiber fur Schriftsteller aufdringen lassen. Und es weiss mancher Lehrer noch wirtschaftlicher mit seinem Pfunde zu wuchern! Will das Kompendium nicht Ruhm genug bringen, so lasst man einen Teil des Diskurses oder der Amplifikation des Kompendiums unter einem Modetitel drucken, und dann ist man ein Schriftsteller in bester Form.
Sebaldus: Ja, aber doch sind, meines Erachtens, Studenten und Leser sehr unterschieden.
Magister: Ja freilich, darum werden auch die Stadthistorchen, die Anspielungen auf die Herren Kollegen, die Schwanke, womit die Benevolenz der Herren Kommilitonen kaptiviert werden soll, weggelassen, wenigstens von denen, die Kenntnis der Welt und Lebensart im Munde fuhren.
Sebaldus: Das ist ganz gut! Aber ich dachte doch, der ganze Ton musste verandert werden. Ein Lehrer kann voraussetzen, dass er mehr Einsichten habe als seine Zuhorer; deswegen kann er ihnen manches sagen, was er nicht fuglich den Lesern sagen darf, weil er vermuten muss, dass darunter viele sein mochten, die ebensoviel und mehr Einsichten haben als er.
Magister: Sehr wenige Professoren denken so fein wie Sie! Ich kenne mehr als einen, der in seinen Schriften seine Leser vollig ebenso im Lehrertone anredet, als ob sie lauter junge Studenten waren.
Sebaldus: Das befremdet mich sehr. Ich wenigstens, wenn ich in dem Falle ware, wurde mir immer vorstellen, dass die erleuchtetsten Leute meiner Zeit meine Leser sein konnten und welche armselige Figur ich gegen sie machen musste, wenn ich ihnen ganz bekannte Sachen vordozieren wollte, die sie viel besser wussten! Uberhaupt, dachte ich, ein Lehrer in einem Kollegium fur junge Leute musse sich nach dem Verstandnisse des Geringsten unter seinen Zuhorern bequemen, hingegen ein Schriftsteller suche hauptsachlich den Verstandigsten unter seinen Lesern zu gefallen, daher konne das beste Kollegium nicht leicht ein gutes Buch werden.
Magister: Ei, Sie machen sich die rechten Schwierigkeiten! Wissen Sie hiemit: Was gedruckt werden kann, kann ein Buch werden. Eine Dissertation, eine Prolusion, eine Oration, ein Programma, ein Osteroder Pfingstanschlag, den ein Schulmann oder Professor amtshalber schreiben muss, ist ja wohl noch weniger ein Buch.
Sebaldus: Ich wenigstens halte die Verfertigung solcher Aufsatze fur ein Opus operatum, wobei gewohnlicherweise mehr die Hand als der Kopf in Bewegung gesetzt wird.
Magister: Oh, man kann ein Schriftsteller von vielen Banden werden, ohne den Kopf sonderlich anzustrengen! Was denken Sie wohl zum Beispiel von einem Prediger, der seine gehaltene Predigten drucken lasst?
Sebaldus: Wenn meine Gemeinde die meinigen verlangte, wurde ich sie sehr gern zu ihrem Gebrauche drucken lassen; denn warum sollte ich ihr nicht schriftlich sagen, was ich ihr mundlich sagte? Aber auch nur bloss fur sie sollten meine Predigten gedruckt werden. Ich habe mich in meinen Vortragen immer besonders nach den Umstanden meiner gewohnlichen Zuhorer gerichtet. Nun wurde ich immer denken, die Welt mochte sowenig nutzen konnen, was ich bloss meiner Gemeinde zu sagen hatte, als das, was ich als Vater meinen Kindern zu ihrem bessern Verhalten einscharfe.
Magister: Vielleicht wurde doch die Welt das, was Sie so bescheiden ankundigen, mit mehrerm Nutzen lesen als die Predigten der Herren, welche die ganze Welt fur ihre Diozese halten.
Sebaldus: Es kann sein, dass auch etwas Gemeinnutziges darin ware, aber doch wurde das Bandchen, das ich mir der Welt vorzulegen getraute, immer sehr klein sein.
Magister: Das Bandchen? Weder Johann Melchior Goeze noch Johann Andreas Cramer haben mit dem vierzehnten Bande aufgehort.
Sebaldus: Wie? Vierzehn Bande Predigten? Dazu gehort mehr Herz, als ich habe!
Magister: Freilich, Sie haben viel Bedenklichkeiten. Wenn Sie eine Dedikation an einen Patron zu machen hatten und Sie konnten kein Buch schreiben, so dachten Sie auch wohl nicht daran, das erste beste alte Buch wieder drucken zu lassen und es Ihrem Gonner zuzueignen?
Sebaldus: Ich dachte, der Patron wurde mir wenig danken, wenn ich ihm anstatt etwas Neues nur etwas Aufgewarmtes vorsetzte.
Magister: Als wenn der Patron nicht zufrieden sein musste, dass sein Namen vor dem Buche stehet, und als wenn er es auch noch wurde lesen wollen! Genug, mancher Journalist wird Ihnen danken, dass Sie durch die neue Herausgabe unserer Literatur einen so grossen Dienst geleistet haben! Und Sie konnen als ein noch wichtigerer Mann erscheinen, wenn Sie dem Buche eine Vorrede vorsetzen, um es durch Ihren Namen der Welt anzupreisen.
Sebaldus: Wenn man aber nicht wirklich sehr beruhmt ist, so gehort viel Scharlatanerie dazu, so eine vornehme Miene zu affektieren.
Magister: Ja, wenn Sie Ihren Namen selbst nicht fur beruhmt halten, so sind Sie auf gutem Wege, ihn nie beruhmt zu machen. Ich merke wohl, Sie wollen inkognito arbeiten; damit ist Ihnen auch zu dienen. Da ist mehr als ein Buchhandler, der seinen Autoren auftragt, was er fur verkauflich halt: Geschichte, Romanen, Mordgeschichten, zuverlassige Nachrichten von Dingen, die man nicht gesehen hat, Beweise von Dingen, die man nicht glaubt, Gedanken von Sachen, die man nicht versteht. Zu solchen Buchern bedarf der Verleger keine Autoren, die einen Namen haben, sondern solche, die nach der Elle arbeiten. Ich kenne einen, der in seinem Hause an einem langen Tische zehn bis zwolf Autoren sitzen hat und jedem sein Pensum furs Tagelohn abzuarbeiten gibt. Ich leugne es nicht denn warum sollte ich Armut fur Schande halten? , ich habe auch an diesem langen Tische gesessen. Aber ich merkte bald, dass ich zu diesem Gewerbe nichts taugte, denn ich kann zwar ohne Gedanken eine Korrektur lesen, aber nicht ohne Gedanken Bucher schreiben; und bei solchen Buchern ist immer der am angenehmsten, der am geschwindesten schreibt, auch wenn er am schlechtesten schriebe.
Sebaldus: Am schlechtesten? Da handelt ja der Verleger wider seinen eigenen Vorteil; denn was kann die Welt mit den schlechten Buchern machen! Magister: Was geht den Verleger die Welt an? Er bringt sein Buch auf die Messe.
Sebaldus: Nun und durch die Messe kommen die Bucher in die Welt.
Magister: Freilich, nur mit dem Unterschiede, dass sie vorher vertauscht werden und dass also der Verleger am besten daran ist, der die schlechtesten Bucher hat, weil er leicht etwas Bessers bekommt.
Sebaldus: Aber denn mussen doch einigen Buchhandlern die schlechtesten Bucher bleiben, und die bedaure ich.
Magister: Weswegen? Es ist ihnen ja unbenommen, Narren zu suchen, die aus dem schlechtesten Buche klug zu werden denken oder die es um Gottes willen lesen, wie mein alter Konrektor wollte, dass ich die schlechten Prediger horen sollte.
Sebaldus: Nun fangt mir an ein Licht aufzugehen! So konnte es ja wohl der Vorteil der Buchhandler erfordern, zuweilen schlechte Bucher zu verlegen?
Magister: Dies mag wohl sein; wenigstens scheint es nicht, als hatten sie notig, sich sonderlich darum zu bekummern, ob die Bucher gut sind oder nicht.
Sebaldus: Ja, wenn wahr ist, was Sie sagen, so wurde ich freilich von der Menge der nutzlichen Bucher, uber deren Dasein ich mich gefreuet habe, alle abziehen mussen, welche die Konvenienz der Schriftsteller und die Laune der Buchhandler zur Welt bringt.
Magister: Und rechnen Sie immer auch den grossten Teil der ungeheuer grossen Anzahl von Buchern ab, womit Deutschland vermittelst unserer Ubersetzungsmanufakturen uberschwemmt wird.
Sebaldus: Habe ich recht gehort? Ubersetzungsmanufakturen? Was soll denn das bedeuten?
Magister: Manufakturen, in welchen Ubersetzungen gemacht werden, das ist ja deutlich.
Sebaldus: Aber Ubersetzungen sind ja keine Leinwand oder keine Strumpfe, dass sie auf einem Stuhle gewebt werden konnten.
Magister: Und doch werden sie beinahe ebenso verfertigt, nur dass man wie bei Strumpfen bloss die Hande dazu notig hat und nicht wie bei der Leinwand auch die Fusse. Auch versichere ich Sie, dass keine Lieferung von Hemden und Strumpfen fur die Armee genauer bedungen wird und richtiger auf den Tag muss abgeliefert werden als eine Ubersetzung aus dem Franzosischen, denn dies wird in diesen Manufakturen fur die gemeinste, aber auch fur die gangbarste Ware geachtet.
Sebaldus: Alles, was Sie sagen, scheint mir unerhort. Also gibt es unter den Ubersetzungen und unter den Ubersetzern auch wohl einen Rang oder Unterschied?
Magister: Allerdings! Ein Ubersetzer aus dem Englandischen ist vornehmer als ein Ubersetzer aus dem Franzosischen, weil er seltner ist. Ein Ubersetzer aus dem Italienischen lasst sich schon bitten, ehe er zu arbeiten anfangt, und lasst sich nicht allemal den Tag vorschreiben, an dem er abliefern soll. Einen Ubersetzer aus dem Spanischen findet man fast gar nicht, daher kommt es, dass zuweilen Leute aus dieser Sprache ubersetzen, die gar nichts davon verstehen. Ubersetzer aus dem Lateinischen und Griechischen sind haufig, werden aber gar nicht gesucht, bieten sich daher mehrenteils selbst an. Ausserdem gibt's auch Ubersetzer, die zeitlebens gar nichts anders tun als ubersetzen; Ubersetzer, die ihre Ubersetzungen in Nebenstunden zur Erholung machen wie Frauenzimmer die Knotchenarbeiten Marly und Filet. Vornehme Ubersetzer, diese begleiten ihre Ubersetzungen mit einer Vorrede und versichern die Welt, dass das Original sehr gut sei; gelehrte Ubersetzer, diese verandern es, begleiten es mit Anmerkungen und versichern, dass es sehr schlecht gewesen, dass sie es aber mit deutschem Fleisse erst vortrefflich gemacht hatten. Es gibt sogar Ubersetzer, welche durch Ubersetzungen Originalschriftsteller werden. Diese nehmen ein franzosisches oder englandisches Buch, lassen Anfang und Ende weg, andern und verbessern das ubrige nach Gutdunken, setzen ihren Namen keck auf den Titel und geben das Buch fur eigene Arbeit aus. Endlich gibt es solche, die ihre Ubersetzungen selbst machen, und solche, die sie von andern machen lassen.
Sebaldus: Sie vergessen, dunkt mich, noch einen wichtigen Unterschied: unter Ubersetzern, welche der Sachen und beider Sprachen kundig, und solchen, welche beider unkundig sind. Ich wenigstens glaube einen grossen Unterschied dieser Art bei den Ubersetzern der Apokalypse bemerkt zu haben.
Magister: Vielleicht mag die Kenntnis der Sachen und Sprachen bei der Apokalypse einen merklichen Unterschied machen, aber bei unsern gewohnlichen Ubersetzungen aus dem Franzosischen und Englandischen wird so genau darauf nicht geachtet.
Sebaldus: Und doch, dachte ich, musste besonders der Verleger seines eigenen Nutzens wegen acht darauf haben.
Magister: Keineswegs! Hieran denkt er gemeiniglich gar nicht oder sehr wenig. Hat er etwa drei Alphabete in Grossoktav oder in Grossquart zu Komplettierung seiner Messe noch notig, so sucht er unter allen neuen, noch unubersetzten Buchern von drei Alphabeten dasjenige aus, dessen Titel ihm am besten gefallt. Ist sodann ein Arbeiter gefunden (welches eben nicht schwer ist), der noch drei Alphabete bis zur nachsten Messe ubernehmen kann, so handeln sie uber den armen Franzosen oder Englander wie zwei Schlachter uber einen Ochsen oder Hammel nach dem Ansehen oder auch nach dem Gewichte. Wer am teuersten verkauft oder am wohlfeilsten eingekauft hat, glaubt, er habe den besten Handel gemacht. Nun schleppt der Ubersetzer das Schlachtopfer nach Hause und totet es entweder selbst oder lasst es durch den zweiten oder dritten Mann toten.
Sebaldus: Durch den zweiten oder dritten Mann? Wie ist das zu verstehen?
Magister: Das ist eben das Manufakturmassige bei der Sache. Sie mussen wissen, es gibt beruhmte Leute, welche die Ubersetzungen im grossen entreprenieren, wie ein irlandischer Lieferant das Pokelfleisch fur ein Geschwader, und sie hernach wieder an ihre Unterubersetzer austeilen. Diese Leute erhalten von allen neuen ubersetzbaren Buchern in Frankreich, Italien und England die erste Nachricht, wie ein Makler in Amsterdam Nachricht von Ankunft der ostindischen Schiffe in Texel hat. Alle ubersetzungsbedurftige Buchhandler wenden sich an sie, und sie kennen wieder jeden ihrer Arbeiter, wozu er zu gebrauchen ist und wie hoch er im Preise stehet. Sie wenden den Fleissigen Arbeit zu, bestrafen die Saumigen mit Entziehung ihrer Protektion, merzen die Fehler der Ubersetzungen aus oder bemanteln sie mit ihrem vornehmen Namen, denn mehrenteils sind Unternehmer dieser Art stark im Vorredenschreiben. Sie wissen auch genau, wieviel Fleiss an jede Art der Ubersetzung zu wenden notig ist und welche Mittel anzuwenden sind, damit ihre Ubersetzungen allenthalben angepriesen und dem beruhmten Manne offentlich gedanket werde, der die deutsche gelehrte Welt damit hat beglucken wollen.
Sebaldus: Sie wissen, wieviel Fleiss an eine jede Art der Ubersetzung zu wenden notig ist? Gehort denn nicht einerlei Grad von Fleiss zu jeder Ubersetzung, wenn sie in ihrer Art gut sein soll? Magister: Keinesweges! Dies kann nach den Umstanden sehr verschieden sein. Zum Beispiel zu theologischen Buchern tut gemeiniglich ein hochwurdiger Herr einem Buchhandler den Vorschlag, sie unter seinem Namen und mit seiner Vorrede ubersetzen zu lassen; es versteht sich aber, dass er das Buch nicht selbst ubersetzt, sondern er gibt es gegen zwei Dritteile der mit dem Verleger abgeredeten Bezahlung an einen seiner Arbeiter ab.
Dieser verdingt es gemeiniglich gegen drei Vierteile dessen, was ihm der hochwurdige Herr gonnen will, an einen dritten, der es zuweilen, wenn die Manufaktur stark gehet, an einen vierten gegen funfzehn Sechzehnteile dessen, was er bekommt, ablasst. Dieser ubersetzt es wirklich, so gut oder schlecht er kann. Bei dicken Beweisen, dass der Messias schon gekommen ist6, bei biblischen Geschichten in zwolf Banden, bei voluminosen Dogmatiken, bei Predigten, aus dem Franzosischen oder Englandischen ubersetzt, kann dies ohne Bedenken gewagt werden; denn die Leser solcher Bucher merken nicht, ob irgendwo etwas falsch ubersetzt sei; und die theologischen Kunstrichter sind nicht so schlimm, dass sie durch den Namen eines beruhmten Vorredners oder durch ein hofliches Schreiben eines Bruders im Herrn nicht sollten zur Duldung und Schonung einer schlechten Ubersetzung bewegt werden konnen. Die Ausgaben der Ubersetzungen historischer Werke, Reisebeschreibungen und dergleichen sind meistens das Werk der Buchhandler, die sich dazu einen wohlgebornen oder hochedelgebornen Herrn aussuchen, weil in diesem Fache die Ubersetzungsunternehmer nicht so haufig sind als im theologischen Fache. Doch werden solche Ubersetzungen gemeiniglich auch an Unterarbeiter ausgeteilt.7 Diese mussen sich aber schon mehr in acht nehmen, dass sie wenigstens die eigenen Namen richtig ubersetzen und die Jahrzahlen recht abschreiben, denn auf solche Sachen lauern unsere historische Rezensenten wie Falken. Dagegen ist auch nicht soviel daran gelegen, ob etwa die Vorstellungen der Begebenheiten und die eingestreuten Reflexionen etwas fluchtig und schielend ubertragen waren; auf die Art werden sie der Schreibart einiger deutschen Geschichtschreiber desto ahnlicher, die in ihrer Freunde gelehrten Zeitungen und Journalen gewohnt sind, am lautesten gelobt zu werden! Aber neue Komodien und neue Romane muss meistens der selbst ubersetzen, der als Ubersetzer bekannt sein will, weil diese Bucher allzu vielen Lesern in die Hande kommen; und hier sind die Kunstrichter gleich bei der Hand und lassen sich selten durch einen beruhmten Namen vom Tadel abschrecken.
Sebaldus: Ich erstaune immer mehr uber das, was Sie da sagen. Es ist mir, als ob Sie von einer andern Welt redeten. Sie konnen auch unmoglich Deutschland im Sinne haben!
Magister: Sie vielmehr kommen aus einer andern Welt, aus der schonen Welt der Imagination, wo jeder beruhmte Mann viel Verdienste hat, wo jeder Schriftsteller zu Untersuchung der Wahrheit schreibt, wo die Vorreden wahre Nachrichten vom Buche enthalten, wo niemals ein Journalist den Verfasser anschwarzt, dem er nicht wohlwill, wo kein beleidigter Schriftsteller Kabalen macht, wo ein Lehrer der Tugend auch allemal tugendhaft und ein Lehrer der Weisheit weise ist. Mein lieber Freund, traumen Sie nicht ferner, so angenehm Sie auch traumen mogen; sehen Sie um sich herum, was in Deutschland vorgeht, und Sie werden finden, was ich Ihnen sage, ist keine Erdichtung.
Sebaldus: Nun, wenn auch jemand einmal so etwas unternahme, so kann doch das Publikum nicht lange in der Verblendung bleiben; und dann wird es mit der Manufaktur bald zu Ende gehen.
Magister: Unser Publikum ist sehr nachsehend, zumal bei dicken Buchern, das heisst bei denjenigen, welche die Ubersetzer von Profession am liebsten wahlen. Ich versichere Sie, dass wenigstens der dritte Teil der deutschen Bucher auf diese Art fabriziert wird. Denn ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass beinahe die Halfte der neuen deutschen Bucher Ubersetzungen sind, und ich sage gewiss zuwenig, wenn ich nur zwei Drittel der Ubersetzungen als Manufakturarbeit ansehe.
Sebaldus: Gott behute! Die Halfte unserer neuen Bucher sind Ubersetzungen! Was wird denn alles ubersetzt?
Magister: Was? Bogen und Alphabete! Um den Inhalt bekummert sich weder Verleger noch Ubersetzer, zum hochsten der Leser, wenn er will und kann.
Sebaldus: Allein da wird denn auch der Leser gemeiniglich sehr unzufrieden sein.
Magister: Ach nicht doch! Die Leser der Ubersetzungen sind gutwillige Seelen. Sie haben gegen alles, was schwarz auf weiss gedruckt ist, eine grosse Ehrerbietung. Und wenn sie auch etwas nicht recht verstehen, so nehmen sie die Schuld selbst auf sich und zahlen Ubersetzer und Verfasser los. Kein deutscher Leser wird das Ungluck einer neuen Ubersetzung machen, sowenig als noch ein deutsches Parterre jemals eine neue ubersetzte Komodie ausgepfiffen hat.8
Sebaldus: Aber wenn auch niemand es merket, so ist's doch einem Gelehrten unanstandig, die Gelehrsamkeit bloss zu einem schimpflichen Gewerbe zu machen und die Fortpflanzung der Wahrheit und Tugend ganz aus den Augen zu setzen.
Magister: Seien Sie aus allzu grosser Gerechtigkeit nicht ungerecht. Unser Vaterland kann von den Gelehrten nicht mehr fordern, als es um sie verdient. Wo ist das deutsche Land, wo ein deutscher Gelehrter als Gelehrter leben kann? Wo ist es moglich, ohne besonders gluckliche Umstande die Musse zu finden, die ein Schriftsteller braucht, wenn er in seiner Kunst gross werden will?9 Unser bestes, wunschenswurdigstes Schicksal ist ein Amt, in dessen Erwartung wir verhungern mussen, wenn wir kein Erbteil zuzusetzen haben, und wobei wir, wenn wir es erhalten, vor vieler Amtsarbeit alle Gelehrsamkeit vergessen mussen. Die besten deutschen Schriftsteller haben zuweilen die Musse, die sie zu ihren vortrefflichsten eigenen Werken notig hatten, durch Ubersetzungen kummerlich verdienen mussen. Es ist leider fast gar kein anderes Mittel da, um einen Gelehrten, der kein Amt hat und kein Amt bekommen kann, vor dem Hunger zu verwahren. Verlangen Sie nicht mehr, als wir leisten konnen.
Sebaldus: Dies Bild der deutschen Literatur ist sehr traurig. Aber ich bleibe dennoch dabei: Entwikkelung und Verbreitung der Wahrheit ist die Hauptpflicht eines Autors. Ich wurde nie daran gedacht haben, einen Kommentar uber die Apokalypse zu schreiben, wenn ich nicht geglaubt hatte, unbekannte, nutzliche Wahrheiten entdeckt zu haben.
Magister: Die auch trotz Ihrem Kommentar unbekannt bleiben werden. Denn glauben Sie mir, Bengel ist im Besitze des apokalyptischen Reichs, woraus Sie ihn nicht vertreiben werden! Wir haben in Deutschland noch kein Beispiel, dass ein abgesetzter Dorfpfarrer gegen einen Pralaten recht behalten hatte.
Sebaldus: Ich kann uber das Schicksal meines Kommentars ruhig sein. Genug, wenn ich die Wahrheit sage, so wie ich sie erkenne und weil es Wahrheit ist, nicht aber deswegen, weil ich mit einem Buchhandler einen Kontrakt gemacht habe, ihm funfzig Bogen zu liefern. Wohin soll es mit der deutschen Gelehrsamkeit kommen, wenn der grosste Teil der Schriftsteller nicht die Beforderung der Gelehrsamkeit, sondern die Beforderung seines Ruhms und Nutzens sucht?
Magister: Und wohin soll es mit der deutschen Gelehrsamkeit kommen, wenn deutsche Gelehrsamkeit in unserm eigenen Vaterlande fur schimpflich gehalten wird? Ist's nicht das sicherste Mittel zu darben, wenn man sich auf Kenntnisse legt, welche unsere Mitburger erleuchten, aber nicht ihren Wollusten dienen oder ihren Beutel fullen konnen? Bleibt ein einziges Mittel ubrig, dem Gelehrten, der weder Kuppler noch Plusmacher sein will, in der Welt sein Auskommen zu geben? Wenn man uns recht belohnen will, schickt man uns auf eine Universitat, wo wir unsere notigen Einkunfte von dem Wohlwollen einer unwissenden und ungezahmten Jugend suchen mussen; oder man verstosst uns in ein Amt, wozu uns alles, was wir gelernt haben, unnutz ist und wo uns wegen der edlen Empfindsamkeit, welche durch die Wissenschaften in unsern Seelen entwickelt worden, die Ausubung unserer Pflicht oft weit beschwerlicher wird als einem fuhllosen Diener der Absichten jedes Gewaltigen im Lande.
Sebaldus: Ich bin ganz ausser mir uber alles, was ich horen muss! So schlecht sieht es mit der Gelehrsamkeit in Deutschland aus? Wie soll es dann um Wahrheit und Tugend gut stehen, wenn die Herolde derselben, die Gelehrten, nur Eigennutz und Eigenlob suchen? Wie soll unser Vaterland durch die Wissenschaften erleuchtet werden, wenn man sie zu einem niedrigen Gewerbe missbraucht? Nein, dies ist mir ein unertraglicher Gedanken!
Magister: Geben Sie sich zufrieden! Was ist der deutschen Gelehrsamkeit damit geholfen, wenn ein paar arme Korrektoren eine unruhige Nacht haben! Wir wollen uns die Fehler unserer Literatur nicht verhehlen, aber wir wollen uns auch uber das nicht abharmen, was, ohne die Schuld unserer Gelehrten, nicht anders sein kann; es musste sich denn in Deutschland mehr andern, als sich so leicht andern wird.
Hiermit gab der Magister dem Sebaldus die Hand und wunschte ihm, wohl zu schlafen.
Zweiter Abschnitt
Sebaldus schlief, der Ermahnung des Magisters ungeachtet, sehr unruhig und beseufzte noch am folgenden Tage den unvollkommnen Zustand der deutschen Gelehrsamkeit und das Schicksal der deutschen Gelehrten. Nachmittags ging er zu seinem Freunde Hieronymus, um ihm sein gestriges Gesprach mit dem Magister zu erzahlen und ihn zu fragen, ob desselben Nachrichten zuverlassig waren.
"Ich finde", sagte Hieronymus, "dass der Herr Magister von allen diesen Dingen sehr wohl unterrichtet ist; aber warum beunruhigt Sie diese Erzahlung so gar sehr?"
Sebaldus: Es kranket mich, dass ich so viel von der Hochachtung ablassen muss, die ich fur die deutsche Gelehrsamkeit und fur die deutschen Gelehrten hegte. Ich habe bestandig einen Mann, der ein Buch schreiben kann, mit Ehrfurcht angesehen, und den ganzen Haufen der Schriftsteller habe ich mir als eine Anzahl einsichtvoller und menschenfreundlicher Leute vorgestellt, die bestandig beschaftigt waren, alles, was der menschliche Verstand Edles, Schones und Wissenswurdiges hervorbringen kann, zu erforschen und es zur Aufklarung des menschlichen Geschlechts in ihren Buchern offentlich bekanntzumachen. Nun tut's mir weh, dass ich sie bloss als geschaftige Schmierer ansehen soll, die Wahrheit und Einsicht zu einem schimpflichen Gewerbe machen, die mit ihrer Schriftstellerei bloss fur sich selbst Ruhm, Nutzen oder Nahrung suchen.
Hieronymus: Und es tut Ihnen um desto weher, weil Sie selbst in die Zahl der Schriftsteller zu treten gedenken! Nicht wahr? Aber trosten Sie sich, alle Schriftsteller und Ubersetzer sind nicht so beschaffen, wie sie Ihr Magister beschrieben hat. Er hat nur von neun Zehnteilen geredet. Es ist noch das zehnte Zehnteil ubrig, namlich Manner, die es wirklich mit dem Fortgange der Wissenschaften gut meinen, welche der Eitelkeit und den Vergnugungen der Jugend entsagen, um sich grundliche Kenntnisse zu erwerben, und welche Nachte durchwachen, um ihre Nebenmenschen weiser, erleuchteter und gesitteter zu machen. In deren Gesellschaft zu treten durfen Sie sich nicht schamen.
Sebaldus: Und dieser ware nur eine so geringe Anzahl? Wenn Sie die Anzahl der nutzlichen Bucher so gering machen, wissen Sie wohl, dass Sie sich selbst erniedrigen?
Hieronymus: Wieso?
Sebaldus: Ich habe immer der Buchhandlung vor allen Arten der Handlung den Vorzug gegeben, weil ich glaube, dass durch ihre Vermittelung die gelehrten Kenntnisse unter die Menschen gebracht werden, weil sie nicht bluhen kann, als wenn eine grundliche und nutzliche Gelehrsamkeit bluhet.
Hieronymus: Da haben Sie einen sehr falschen Begriff von der Buchhandlung. Sie stehet nur in rechtem Flore, wenn die Leute sehr dumm sind.
Sebaldus: Wenn die Leute sehr dumm sind? Das kann ich nicht begreifen. Dumme Leute werden ja keine Bucher kaufen.
Hieronymus: Weswegen nicht? Sie kaufen dumme Bucher, und die sind in grosserer Anzahl und machen grossere Bande aus. Es ist auch viel leichter und bequemer, fur dumme Leute zu schreiben und zu verlegen als fur kluge. Sehen Sie nur meine Kollegen, die Buchhandler in den katholischen Provinzen, an, grosstenteils reichere Leute als alle protestantischen Buchhandler auf der Leipziger Messe. Sie finden in ihren Verzeichnissen schone Folianten uber das Jus canonicum, herrliche Fasten- und Fronleichnamspredigten, derbe Kontroverspredigten wider alle Ketzer, trostliche Legenden der Heiligen, Gebetbucher und Breviarien in Menge, aber oft kein einziges vernunftiges Buch, das ich, so einfaltig auch meine liebe Vaterstadt ist, in meinen Buchladen legen oder Sie, wenn Sie noch so reich waren, in Ihre Bibliothek wurden setzen wollen.
Hier ergriff er ein auf seinem Pulte liegendes Bucherverzeichnis eines katholischen Buchhandlers in Augsburg und fragte: Wie gefallen Ihnen die Titel: Laurentii von Schnifis (ord. Capucin.) "Mirantische Mayenpfeife", mit Kupfern; P. Sennenzwickels "Ernstliche Kurzweil fur die zenonische Gesellschaft der machiavellischen Staatsklugler, worin das edle Paar Gebrudrichen Atheismus und Naturalismus samt den Hallerischen Gedichten dem Sileno als Riesenschrocker aufgeopfert werden"; P. Dionysii von Luxemburg verbesserte "Legend der Heiligen" von P. Martin von Cochem; "Der himmlische Gnadenbrunn St. Walburga"; "Die geistliche Sonnenblum, d.i. kurze tagliche Besuchungen des allerheiligen Sakraments des Altars"; P. Biners "Muckentanz der Herren Pradicanten zu Zurch um das Licht der katholischen Wahrheit"; Alexii Riederers "Geistliches Seelennetz oder 150 geistreiche Betrachtungen"; Bulffers "Mit kurzen, doch guten Waren handelnder evangelischer Kaufmann oder kurze Sonn- und Feyertagspredigten"; "Der christkatholische goldne Schlussel, mit welchem die Schatzkammer der zeitlich- und ewigen Guter kann aufgesperrt werden"; Hausingers "Geistliches Fruhstuck oder auserlesene Sittenlehren". Wollen Sie etwa diese und andere dergleichen schone Sachelchen mehr kaufen?
Sebaldus: Nein, was sollte ich mit dem unsinnigen Zeuge machen?
Hieronymus: Nicht? Desto schlimmer fur den Buchhandler, dass Sie so klug sind! Er mag sich dumme Kaufer schaffen, oder er ist verloren.
Sebaldus: Der Buchhandel ist also, wie ich merke, ein so leichtes Geschaft, als es eintraglich ist. Dumme Bucher verlegen und sich viel dumme Kaufer dazu suchen erfordert ja wahrlich keine grosse Kunst, denn die dummen Menschen sind unzahlig.
Hieronymus: Und doch ist's schwerer, als Sie es sich vorstellen. Vergessen Sie nicht, dass Millionen dumme und kluge Menschen gar keine Bucher brauchen. Das konnen Sie daraus sehen, dass von den meisten Buchern im deutschen Buchhandel etwa funfhundert und hochstens bis ein paar tausend Exemplare gedruckt und selten samtlich verkauft werden, und doch reden an dreissig Millionen Menschen die deutsche Sprache. Und dann muss der Kaufer das Buch suchen, nicht das Buch den Kaufer. Die dummen Menschen, welche zum Glucke der Buchhandler noch dumme Bucher kaufen wollen, haben jeder ihre eigene Art der Dummheit fur sich und suchen nur diese. Glauben Sie mir, der Arten der Dummheiten sind in Deutschland sehr viele da sogar die gelehrte Klugheit vieler Schriftsteller dumm genug ist! Es gehort also bei dem Buchhandler viel Erfahrung dazu, die rechte Art dummer Bucher zu verlegen und anzuschaffen. Denn fallt er auf die unrechten dummen Bucher, so bleiben auch diese liegen, und er kommt sodann auch mit der Dummheit nicht vorwarts.
Sebaldus: Das gonne ich ihm herzlich! Denn ich behaupte: ein Buchhandler ist nur dazu da, um der Gelehrsamkeit aufzuhelfen, daher sollte er keine andere als gute Bucher drucken und verkaufen.
Hieronymus: Das heisst von dem Buchhandler zuviel gefordert, der sich selten nach dem Geschmacke der Gelehrten, ja selbst nicht nach seinem eigenen richten kann, sondern nach dem Geschmacke des grossen Haufens richten muss; und dieser macht es ihm nur allzu leicht, die meisten guten Schriftsteller beinahe ganz zu entbehren.
Sebaldus: Dies tun die Buchhandler freilich, aber sie sollten es nicht tun, sondern sollten billig dem Geschmacke der grossten Gelehrten folgen; und ich habe mich schon oft uber Sie selbst gewundert, da Sie wissen, was grosse Gelehrte von Buchern urteilen, und doch schlechte Bucher drucken und verkaufen.
Hieronymus: Mein Freund, der Geschmack grosser Gelehrten ist der Geschmack sehr weniger Leute; der Buchhandler aber braucht sehr viele Kaufer, wenn er sein Geschaft treiben will. Wenn nun sogar dumme Bucher oft nicht Kaufer finden, wieviel mehr wird es den gelehrten und klugen Buchern so gehen, da der gelehrten und klugen Leute offenbar die wenigsten sind? Daher kommt es, dass so oft Autor und Verleger bei dem besten beiderseitigen Willen sich nicht vereinigen konnen. Jener will den innern Wert seines Buchs verkaufen, dieser bloss eine Wahrscheinlichkeit des Absatzes kaufen. Jener schatzt seinen und seines Buches Wert nach dem Beifalle einiger wenigen Edlen, das heisst derjenigen Freunde, die er fur die wenigen Edlen halt. Dieser uberlegt, ob es moglich oder wahrscheinlich sei, dass viele nach dem Buche lustern sein mochten, ohne in Anschlag zu bringen, ob sie gelehrt oder ungelehrt, weise oder einfaltig, nach Unterricht oder nach Zeitvertreib begierig sind. Sehen Sie den Tiroler, der dort geschliffene optische Glaser zum Verkaufe herumtragt? Er hat kein Flintglas und keine Dollondsche Fernrohre. Fragen Sie ihn, warum er nicht vorzuglich sich erkundigt, was fur Glaser die grossten Astronomen verlangen. Er wird antworten: Ich verkaufe meine Glaser, unbekummert ob man sie in Teleskope setzt, um unbekannte Sterne zu observieren, oder in Perspektive, um einen entfernten Feind zu entdecken oder den Freund, der uns besuchen will, fruher zu erblicken, oder in Mikroskope, um im Samentierchen zu unterscheiden, ob der erste Keim des Menschen ein Fisch oder eine Faser ist, oder in Brennglaser, um Flotten oder Tabakspfeifen anzuzunden, oder in Brillen, um feine Schrift zu lesen. Soviel ist gewiss, irgendwozu muss die Ware brauchbar sein, sonst fuhre ich sie nicht. Doch hat mich die Erfahrung soviel gelehret, dass Brillen starker abgehen als Teleskope10, zumal in meinem Lande, wo viele Leute ein blodes Gesicht haben und sich nur die Exjesuiten auf die Astronomie legen.
Sebaldus: Und dennoch ist's unrichtig, dass die Buchhandlung durch dumme Bucher in Flor kommt, denn Sie konnen doch nicht leugnen, dass, seitdem die Lektur in Deutschland mehr Mode geworden, die Buchhandlung mehr floriere.
Hieronymus: Das leugne ich gradezu. Zur Zeit der schonen, dicken Postillen, der zentnerschweren Konsultationen, der Arzneibucher in Folio, der Opera omnia, der klassischen Autoren und Kirchenvater in vielen Folianten, der theologischen Bedenken und Leichenpredigten in vielen Banden, der Labyrinthe der Zeit, der Schaubuhnen der Welt war die Buchhandlung im Flore. Was gibt man uns jetzt anstatt dieser wichtigen Werke? Eine Menge kleiner Buchelchen, die aus Hand in Hand gehen, wenig gelesen und wenig gekauft werden, wodurch denn endlich den Lesern die alten Kernbucher anstinken. Sehen Sie, das ist der Vorteil, den wir Buchhandler vom Lesen der Bucher haben.
Sebaldus: Nun, das ist doch zu arg! Wenn man die Bucher nicht lesen soll, was soll man denn damit tun?
Hieronymus: Sie zerreissen oder Wande damit tapezieren.
Sebaldus: Gott behute, was sagen Sie da!
Hieronymus: Was alle Tage geschiehet. Meine besten Kunden sind Schulknaben, Handwerksbursche, Bauern, gute Mutterchen, die beten und singen und die Knablein und Magdlein oft mit sich in die Wochenpredigten nehmen, die dann aus Langerweile fleissig die Gebetbucher und Gesangbucher zerreissen. Die Gewurzkramer machen auch eine wichtige Konsumtion von Buchern; und in diesem Kriege sind viele Streitschriften wider die Ketzer, die mir zur Last lagen, in Patronen verschossen worden.
Sebaldus: Aber es werden doch nicht alle Bucher zerrissen und in Patronen verschossen?
Hieronymus: Freilich nicht! Viele werden zu Pappe eingestampft oder sonst bogenweise verbraucht. Nicht zu rechnen, dass viele Tausende in den Buchladen halbe Jahrhunderte lang liegen.
Sebaldus: Die Bucher mussen doch gelesen werden! Dazu sind sie gedruckt.
Hieronymus: O ja, viele werden gelesen, ehe sie eingestampft werden, doch meist kaum von zehn Lesern. Schon funf Monate nach einer Messe sind die meisten in derselben erschienenen Bucher vergessen; es musste denn sein, dass sie erst nach sechs Monaten rezensiert wurden. Vorzeiten war es anders, da dachte man lange an alte Bucher, selbst an die schlechten. Damals wurden sie nach vielen Jahren noch in die Hande genommen, weil ihrer sehr viel weniger waren und die damalige Art zu studieren mehr Bucher erforderte. Jetzt wollen unsere klugen Leute selbst denken, dazu braucht man wenig Bucher, und doch drucken wir mehr als sonst. Und vollends bei unsern jungen Leuten, sie mogen nun junge Philosophen oder junge Poeten sein, wird der Verstand und der Genius so fruh reif, dass sie gar keine Bucher zu lesen wurdigen als ihre eigenen. Wande mit Buchern tapezieren oder, um gelehrter zu reden, grosse Bibliotheken errichten war zu der Zeit Mode, als die vorhergenannten grossen Werke noch verkauft und wahrlich auch gelesen wurden. Jetzt hat die leidige Sucht, Gedichte und kleine Modebucher zu lesen, die grossen Bibliotheken und die schwerfallige Art zu studieren, wozu grosse Bibliotheken notig waren, ganz aus der Mode gebracht, und seitdem ist eine sehr ergiebige Quelle des Reichtums der Buchhandler verstopft. Wenn auch irgendeine tuchtige Feuersbrunst einem Buchhandler aufhelfen konnte, so wird selten eine verbrannte Bibliothek wieder angeschafft.
Sebaldus: So ist dies das Schicksal der Bucher, der Fruchte des Fleisses so vieler verdienstvollen wurdigen Gelehrten? Zerrissen, zu Tuten verbraucht oder verbrannt oder eingestampft oder vergessen zu werden? Daruber mochte man Blut weinen.
Hieronymus: Geben Sie sich zufrieden. Wir reden von zwei ganz verschiednen Dingen. Erinnern Sie sich nur aus ihrem Gesprache mit dem Herrn Magister, auf welche Art die marktgangige Bucherware verfertigt wird, so werden Sie finden, dass das meiste davon eigentlich noch ein schlechteres Schicksal verdiente.
Sebaldus: Wenn auch alles wahr ware, was Sie da sagen, so wunschte ich doch, dass es nicht wahr ware.
Hieronymus: Ich auch nicht.
Sebaldus: Und doch sagen Sie selbst, dass es Ihr Vorteil erfordere, dass die Welt dumm bleibe.
Hieronymus: Wenn ich als Kaufmann rede, so muss ich freilich wissen, was eigentlich mein Vorteil ist; aber ich liebe meinen Vorteil nicht so sehr, dass ich ihn mit dem Schaden der ganzen Welt erkaufen wollte. Ich liebe die Aufklarung des menschlichen Geschlechts, sie fangt auch an, sich bei uns zu zeigen; allein sie gehet noch mit sehr langsamen Schritten fort. Ich habe den Wirkungen derselben oft mit Vergnugen bis in die Winkel nachgespurt, wohin keine gelehrte Nachricht reicht. Ich merke seit einiger Zeit, dass in meiner Vaterstadt verschiedene schlechte, sonst oft verkaufte Bucher liegenbleiben, und freue mich daruber.
Sebaldus: Ich frage Sie aufs Gewissen, mein lieber Freund, ist nicht ein wenig Selbstlob bei dieser Grossmut, deren Sie sich ruhmen?
Hieronymus: Mitnichten, denn es ist gar keine Grossmut. Ich habe Korrespondenz nach dummern Stadten und Provinzen, wo diese schlechten Bucher begierig gekauft werden.
Sebaldus: Wenn nun diese auch einmal klug werden?
Hieronymus: Sehr wohl. Alsdenn bin ich ganz gefasst, den Buchhandel niederzulegen und bloss beim Kornhandel zu bleiben. Seitdem die physiokratischen Prinzipien aus Frankreich bei uns Mode werden wollen und alles ruft: Fahrt nur viel Korn weg, so werdet ihr viel haben!, ist in meinem Vaterlande und in den benachbarten Gegenden so oft Kornmangel, dass es sich der Muhe belohnt, ein Kornhandler zu sein. Auf allen Fall werden in meinem Vaterlande noch keine Zeuge zu Schlafrocken, noch keine Mutzen, Hute und Strumpfe gemacht, ich kann also noch Manufakturen anlegen. Aber wehe den Buchhandlern in dummen Landern, wo schon viel Manufakturen sind und wo die Handlung uberhauft ist! Wenn ein solches Land einmal erleuchtet wird, so ist fur sie kein Mittel zur Nahrung weiter ubrig.
Sebaldus: Aber ich habe doch gehort, dass in England und in Frankreich sich die Buchhandler bei guten Buchern sehr wohl stehen sollen.
Hieronymus: Das kommt daher, weil in Frankreich und in England die Klasse der Schriftsteller der Klasse der Leser entspricht; weil jene schreiben, was diese zu lesen notig haben und lesen konnen.
Sebaldus: Ist es denn in Deutschland nicht ebenso?
Hieronymus: Keinesweges. Der Stand der Schriftsteller beziehet sich in Deutschland beinahe bloss auf sich selber oder auf den gelehrten Stand. Sehr selten ist bei uns ein Gelehrter ein Homme de lettres. Ein Gelehrter ist bei uns ein Theologe, ein Jurist, ein Mediziner, ein Philosoph, ein Professor, ein Magister, ein Direktor, ein Rektor, ein Konrektor, ein Subrektor, ein Bakkalaureus, ein Collega infimus, hochstens ein schiefer Belesprit oder ein schwerfalliger Spekulant, welcher glaubt, die Krafte des menschlichen Geistes ergrundet zu haben, wenn er seine Gedichte oder sein gangbares System im Kopfe hat, und die Welt zu kennen glaubt, wenn er sein Studierstubchen oder hochstens die Universitat kennt, wo er sich mit seinem bisschen theoretischen Wissen blahen kann, oder den Zirkel seiner funfzehn Anbeter, wo er seine Launen auskramen darf, wo er fur einen grossen Mann gehalten wird und sich daher allein darin gefallt. Dieses gelehrte Volkchen von Lehrern und Lernenden, das etwa zwanzigtausend Menschen stark ist, verachtet die ubrigen zwanzig Millionen Menschen, die ausser ihnen deutsch reden, so herzlich, dass es sich nicht die Muhe nimmt, fur sie zu schreiben, und wenn es zuweilen geschieht, so riecht das Werk gemeiniglich dermassen nach der Lampe11, dass es niemand anruhren will. Weder in England noch in Frankreich konnen so sehr platte gelehrte Originale wie hier in Deutschland sich zeigen, ohne allgemein ausgelacht zu werden. Unsere gelehrten Originale werden zwar in den gelehrten Zeitungen, das heisst in der einzigen Welt, wo sie leben, hoch gepriesen, aber die ubrige Welt wurdigt sie nicht einmal der Ehre, sie auszulachen. Die zwanzig Millionen Ungelehrten vergelten den zwanzigtausend Gelehrten Verachtung mit Vergessenheit; sie wissen kaum, dass sie in der Welt sind. Weil nun fast kein Gelehrter fur Ungelehrte schreiben kann und dennoch die ungelehrte Welt so gut ihr Bedurfnis zu lesen hat als die gelehrte, so bleibt das Amt, fur Ungelehrte zu schreiben, die nicht Franzosisch lesen konnen, endlich den Verfassern der "Insel Felsenburg" und der "Moralischen Wochenblatter", deren Fahigkeiten den Fahigkeiten der Leser, die sie sich gewahlt haben, in der Tat viel genauer entsprechen als die Fahigkeiten der grossten Gelehrten ihren Lesern, die daher weit mehr gelesen werden als die grossten Genien, die sich in ihrer Exzentrizitat von ihnen Grosse genannt so sehr wiegen, daher aber auch ihre Leser nicht um einen Daumbreit hoher hinaufheben, sondern vielmehr sehr oft nicht wenig beitragen, dass das Licht der wahren Gelehrten sich nicht auf die Ungelehrten ausbreitet. Daher sind einige Stadte bei uns so helle, und ganze Lander liegen in der grossten Finsternis.
Sebaldus: Aber die Wissenschaften konnen nicht allemal so fasslich vorgetragen werden, dass sie der grosse Haufen begreife. Dadurch wurden sie nicht allein nicht erweitert werden, sondern endlich nur in ein seichtes Geschwatz ausarten, das man bei halbem Hinhoren schon versteht; aber ihre wichtigsten Wahrheiten wurden sie entbehren mussen, weil diese nicht durch fluchtige Lektur, sondern bloss durch ein grundliches Studium gefasst werden konnen. Ich erinnere mich, gehort zu haben, dass die Franzosen auf diese Art verschiedenen Wissenschaften geschadet haben, weil sie popular vortragen wollten, was sich nicht popular vortragen lasst. Man wurde auch dem Gelehrten alle Begierde nach neuen Entdeckungen nehmen, wenn er nie fur den Gelehrten, sondern nur fur den Unwissenden schreiben sollte. Es mussen also gelehrte Bucher bloss fur Gelehrte geschrieben werden.
Hieronymus: Ganz recht! Nur wenn die Nation durch die Schriften der Gelehrten soll erleuchtet werden, so muss sich die Anzahl der bloss fur Gelehrte geschriebenen Bucher zu den fur das ganze menschliche Geschlecht geschriebenen verhalten wie die Anzahl der Gelehrten zu dem ubrigen menschlichen Geschlechte: ungefahr wie achttausend zu dreissig Millionen. Ich befurchte nur, es wird in Deutschland gerade umgekehrt sein.
Sebaldus: Wenn nun aber in Deutschland die Anzahl der Gelehrten grosser ist, die sich fahig finden, durch neue Erfindungen die Grenzen der Wissenschaften zu erweitern, als derjenigen, die sich fahig finden, die schon erfundenen Wahrheiten fur das Publikum fasslich zu machen?
Hieronymus: Ich zweifle, dass deshalb die deutschen Gelehrten bloss fur Gelehrte schreiben, weil sie viel neue Entdeckungen zu machen hatten. Es sind in Deutschland nach einer gewiss nicht zu starken Berechnung seit hundert Jahren achthundert bis neunhundert Logiken geschrieben worden12; vielleicht in dreien oder vieren mag diese Wissenschaft durch einige kleine neue Entdeckungen bereichert sein, die ubrigen schreiben sich aus, und aufs hochste haben sie einige Definitionen verandert oder einige Lehrsatze anders eingekleidet. Das sind dann die neuen Erfindungen, worauf sie stolz tun. Sind solche Entdeckungen wohl der Muhe wert? Und ware es, wenn so wenig Neues zu entdecken war, nicht besser gewesen, das schon Entdeckte lieber gemeinnutzig zu machen? Es kommt mir vor, als ob in Deutschland in den beiden vorigen Jahrhunderten Materialien zu dem grossen Gebaude der Wissenschaften gesammlet wurden, die aber in ziemlicher Unordnung untereinander herumlagen, Quadersteine, Backsteine, Dachziegel, Balken, Bretter, Eisenwerk und so weiter. Im vorigen Jahrhunderte war die Beschaftigung der Gelehrten, die Materialien abzusondern und jede Art in zierliche Schichten ubereinanderzusetzen. In diesem Jahrhunderte hatten Baumeister kommen sollen, die aus denselben, dem menschlichen Geschlechte zum Besten, Gebaude aufgefuhrt hatten. Aber jeder deutsche Gelehrte fahrt fort, sein Schichtchen Bruchsteine vor sich her dicht aufeinanderzulegen, und nennt es ein Lehrgebaude. Ist jemand so glucklich, auf einem Spaziergange ein paar einzelne Steine zu finden und sie in guter Ordnung zu seinem Haufchen hinzuzufugen, so heisst er ein Erfinder. Der, welcher grosse Quadersteine in Graben nebeneinanderwalzt, dass sie einem Gebaude zum Fundamente dienen konnten, heisst ein tiefsinniger, grundlicher Mann. So tun unsere samtlichen Gelehrten nichts, als Materialien in Ordnung bringen oder einen Grund legen. Fangt aber jemand an, aus diesem verschiedenen grossen Haufen, der jahrhundertelang dicht ubereinandergepackt stand, auf den schon gelegten Grund ein Gebaude zu bauen, so verspottet man ihn als einen seichten Kopf, der Materialien und Grund von andern nimmt und dessen Ordnung voller Lucken ist, und mutet ihm wohl gar zu, das Gebaude abzureissen, um einen neuen ganz dichten Grund zu legen, worauf ein so zusammenhangendes Gebaude zu bauen sei, dass darin gar keine Lucken waren. Man bedenkt nicht, dass weise Baumeister in jedem Gebaude Lukken lassen mussen, damit Licht hineinfalle und Menschen hineingehen konnen, wogegen in einen dichten Haufen weder Licht noch Warme dringen und keine menschliche Kreatur zur Wohnung einkehren kann. Unsere deutschen Gelehrten sind sehr bemuht, jede Wissenschaft fur sich in ein dichtes oder dunkles Lehrgebaude zu ordnen; aber fast keiner denkt daran, eine jede Wissenschaft auf die ubrigen und sie alle zum Besten der menschlichen Gesellschaft anzuwenden.
Sebaldus: Aber ich wiederhole noch einmal, die Wissenschaften wurden seicht werden, wenn man nicht fortfuhre, ihre Theorien zu untersuchen. Wohin soll es endlich mit ihnen kommen, wenn man bloss das, was davon dem gemeinen Haufen fasslich ist, bearbeiten will?
Hieronymus: Und wohin soll es endlich mit der Beforderung der Entwickelung aller Krafte des Geistes, mit der Erleuchtung des ganzen menschlichen Geschlechts kommen, die der vorzuglichste Zweck der Wissenschaften ist, wenn die Gelehrten bloss fur sich und jede Art von Gelehrten besonders fur sich in ihrem kleinen Zirkel bleiben und den grossen Zirkel der ubrigen ganzen Nation ihrer Achtsamkeit unwurdig halten wollen? Es mussen zwar immer einige Gelehrte von Profession vorhanden sein, deren jeder uber seine Wissenschaft einzeln nachdenkt und seine Bemerkungen den Gelehrten mitteilet; dies kann aber nicht ausschliessend alles ausmachen, was an unsrer Literatur schatzbar ist. Haben denn die Gelehrten gar keine Pflichten gegen das ubrige menschliche Geschlecht? Der Bauer besaet das Feld, der Weber bereitet Zeuge, der Maurer bauet Hauser, der Kaufmann bringet die zur Notwendigkeit und Bequemlichkeit gereichenden Dinge zusammen. Sie tragen jeder durch ihren Fleiss das Ihrige zum gemeinen Besten bei, und auch die Gelehrten werden durch sie genahret, bekleidet, vor den Ungemachlichkeiten des Wetters bewahrt und mit Bequemlichkeiten versehen. Sollten die Gelehrten nun ein Recht haben, ihre Einsichten bestandig nur unter sich zu behalten und sie nie dem geschaftigen Teile der Nation fur die Wohltaten, die sie taglich von ihm empfangen, mitzuteilen? Dies kann nicht allein dadurch geschehen, wenn sie gewisse gemeinnutzige Wahrheiten fasslich vortragen, welche Beschaftigung die meisten deutschen Gelehrten deshalb verachten, weil sie glauben, dass nur massige Geschicklichkeit dazu gehore13. Es gibt noch eine hohere Art der Gemeinnutzigkeit, wozu Genie, Gelehrsamkeit, Anstrengung aller Geisteskrafte erfordert wird und die man dadurch erreicht, wenn man, wie ich schon gesagt habe, nicht allein jede Wissenschaft fur sich selbst, sondern auch in Absicht auf alle andern und alle in Absicht auf die menschliche Gesellschaft betrachtet und anwendet. Hierin fehlen die meisten deutschen Schriftsteller, die ihre Wissenschaft zwar aus dem Grunde verstehen, aber sie bloss allein fur sich und nie in dem Zusammenhange der ubrigen Wissenschaften und nie in Absicht auf den Nutzen des menschlichen Geschlechts betrachten. Ein Kriminalist ist ein grundgelehrter Mann, wenn er alle Ausgaben der peinlichen Halsgerichtsordnung mit ihren Kommentarien durchgelesen und verglichen hat und genau zu bestimmen weiss, in welchem Falle und im wievieltsten Grade man zur Tortur schreiten soll. Er halt den fur einen schwachen Kopf, der noch erst untersuchen will, ob ein Erforschungsmittel der Wahrheit, das im Heiligen Romischen Reiche schon vor mehr als zweihundert Jahren durch Gesetze vorgeschrieben worden, unzulanglich, ja gar unmenschlich sein konne. Ein Lehrer des deutschen Kirchenrechts wird mit grossester Belesenheit beweisen, dass im Heiligen Romischen Reiche nur zwei Religionen existieren durfen und wie reichsgesetzwidrig es sei, wenn derjenige, der keiner dieser beiden Religionen beifallt, nicht sogleich des deutschen Vaterlandes verwiesen werde. Lass den friedfertigen Gottesgelehrten, lass den menschenfreundlichen Philosophen, lass den einsichtvollen Politiker dawider auftreten und versichern, wahre Religion, Wohl des Menschen und Wohl des Staats erfordere, dass man niemand dogmatischer Lehren wegen verdamme und keinen Ketzer, sobald er ein guter Burger ist, aus dem Lande jage; er wird sie bloss bedauern, dass sie in der Kenntnis des deutschen Kirchenrechts so unwissend sind. Und wollten sie sich auf die gesunde Vernunft berufen, so wird er vollends voll Verachtung antworten, das deutsche Kirchenrecht sowenig als das deutsche Staatsrecht musse nach der Vernunft beurteilt werden, sondern es gelte das Herkommen. Ebenso sammelt der Geschichtschreiber eine Menge geschehener Dinge ohne Wahl und Absicht, ohne sie durch Philosophie, Politik oder Kenntnis des Menschen zu erlautern; und der Philologe gibt klassische Autoren heraus, weil er Lesearten sammeln und Varianten berichtigen will, ohne ein einzig Mal seine Leser auf den Geist der alten Schriftsteller, auf den Zweck, warum sie geschrieben haben, zu fuhren. Wenn ich nicht gewohnt ware, weder im guten noch im bosen von Gottesgelehrten zu reden, so wurde ich die anfuhren, die mit ihren Nebengottesgelehrten bestandig Dogmatik, Exegese und Polemik wechseln, ohne jemals zu uberlegen, welchen Einfluss Dogmatik, Exegese und Polemik auf die Verbesserung des menschlichen Geistes haben konne und wie sie sich gegen Geschichte, Philosophie und Politik verhalten. Wenn jemals die deutschen Schriftsteller anfangen, die Wissenschaften aus solchen und ahnlichen Augenpunkten zu betrachten, so werden sie sie mit glucklicherm Erfolge unserm Geiste interessant machen als durch trockne Kompendien, leere Spekulationen und absichtlose Kompilationen; sie werden fur Gelehrte schreiben und doch den Lesern aus allen Standen interessant werden. Selbst durch dieses Interesse werden sie alle Arten von Lesern zum Studieren wissenschaftlicher Kenntnisse ermuntern: die Wissenschaften werden sich in mehrere Stande ausbreiten, und gelehrte Schriftsteller werden den mehr erleuchteten Lesern fasslich schreiben konnen, ohne der seichten Denkungsart des grossen Haufens zu Gefallen eine unrechtverstandene Popularitat zu affektieren.
Sebaldus: Ich finde, dass Sie vollkommen recht haben. Ich kenne keinen hohern Nutzen der Wissenschaften als die Erleuchtung des menschlichen Geschlechts. Aber hiezu haben gewiss vortreffliche deutsche Schriftsteller auch das Ihrige beigetragen; ich darf nur aus dem Fache, das ich kenne, Sie an die wurdigen Gottesgelehrten unsers Vaterlandes erinnern, die sich mit glucklichem Erfolge bemuhten, Dogmatik, Exegese und Polemik nach dem Nutzen und dem Schaden, den sie dem menschlichen Geschlechte bringen konnen, zu betrachten.
Hieronymus: Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich von keinem Gottesgelehrten urteilen will. Ich verehre die grossen Schriftsteller aller Art, welche Geist genug haben, mehrere Wissenschaften zugleich zu uberschauen, und die, von philosophischen und menschenfreundlichen Absichten belebt, das wahre Verhaltnis einer jeden zur allgemeinen Erkenntnis zu bestimmen suchen. Deutschland hat deren einige, sie sind vortrefflich, aber in sehr geringer Anzahl. Die meisten deutschen Schriftsteller, voll pedantischen Stolzes, pflegen gewohnlich den Teil der Wissenschaften fur den wichtigsten auszugeben, den sie kennen oder lehren, er mag nun klein, unbetrachtlich, ja wohl gar schadlich sein; und ihnen deucht, um zu meinem vorigen Gleichnisse zuruckzukommen, der kleine Haufen, woran sie sammeln und wo sie Stein uber Stein aufstapeln und herzahlen, sei wichtiger und nutzlicher als das grosste Gebaude, worin Menschen wohnen.
Sebaldus: Mein Freund, Sie sind wirklich ungerecht gegen die deutschen Gelehrten, und, nehmen Sie es mir nicht ubel, fast muss ich glauben, dies komme von Ihrer ungelehrten Erziehung her. Sie selbst haben die Tiefen der Gelehrsamkeit nicht erforschet und wissen also auch nicht, wie ein wahrer Gelehrter eigentlich beschaffen ist. Ein Gelehrter sieht alle Gegenstande der menschlichen Erkenntnis in einem weit hellern Lichte als ein Ungelehrter und kann daher von ihrem Werte und Unwerte besser urteilen; er wird nie die Wissenschaft, in der er arbeitet, hoher achten, als sie es wert ist, oder deshalb die andern Wissenschaften, wenn sie wichtiger sind, vernachlassigen. Die Wissenschaften, mein lieber Herr Hieronymus, sind durch ein allgemeines Band verbunden, und wer bloss die seinige schatzen wollte und die anderen nicht, wurde so toricht handeln, dass sich dies von keinem echten Gelehrten vermuten lasst. Lernen Sie die Gelehrten besser kennen und urteilen Sie nicht zu geschwind daruber.
Hieronymus: Haben Sie den Messkatalog von dieser Messe schon gelesen?
Sebaldus: Wie kommen Sie darauf? Nein, noch nicht.
Hieronymus: Wir wollen versuchen, daraus die Beschaffenheit der neuen deutschen Bucher zu beurteilen. Lassen Sie uns einmal zusammenrechnen, wieviel Bucher uber jede Art der Wissenschaften herausgekommen sind, und hernach daruber Betrachtungen anstellen.
Sebaldus: Sehr gern. Dies wird Sie am besten widerlegen. Wahre Gelehrte sehen allemal, das lasse ich mir nicht ausreden, auf dasjenige, was dem Ganzen vorteilhaft ist, nicht was ihnen insbesondere gefallt.
Sie fingen also an, den Messkatalog durchzusehen, und fanden 350 Ubersetzungen14 aus verschiedenen Sprachen, 65 neue Stucke von Journalen, 40 Kompendien und Lesebucher, 74 Dissertationen und Programmen, 53 Bande Predigten, 67 theologische Bucher von allerhand Art, aber nur 9 juristische, weil die Anweisungen zum Reichsprozesse und zum Kriminalprozesse schon oben unter den Kompendien gerechnet werden, 23 medizinische Bucher, 16 Wochenblatter, 5 Geschichtbucher, 37 diplomatische Bande, 27 Romanen, meistens in Erfurt, Dresden und Regensburg gedruckt, 31 Gedichte, 3 mathematische Bucher, 10 okonomische Werke, 1 physikalisches und 15 aus der Naturhistorie. Hingegen fanden sie nur zwei ein paar Monate vor der Messe erschienene Bucher, worin die Wissenschaften in ihrer Verbindung und im Verhaltnisse auf die Menschheit betrachtet wurden; und von diesen hatten schon verschiedene gelehrte Zeitungen voll Verachtung versichert, dass ihre Verfasser seichte Kopfe waren, ohne grundliche Einsichten in die Wissenschaften, welche bloss durch eine gute Schreibart bei dem gelehrten Pobel Beifall erschlichen hatten; denn eine gute Schreibart ist solchen gelehrten Herren nur ein sehr geringes Verdienst.
Hieronymus ging in ein Nebenzimmer, um diese Zeitungsstucke zu suchen; weil er aber dabei etwas verweilte, hatte Sebaldus eiligst dreizehn Titel von neuen Buchern uber die Apokalypse, die er sich beim Durchsehen des Katalogs heimlich mit dem Nagel gezeichnet hatte, auf einem Zettel ausgezogen, womit er dem Hieronymus entgegenkam und ihn sehr angelegentlich bat, ihm diese Bucher zu leihen. Der gefallige Hieronymus fing gleich an zu suchen, und kaum hatte er sie herbeigeholt, als Sebaldus, des bisherigen Gesprachs ganz uneingedenk, sie unter den Arm nahm und damit nach Hause eilte, um eins nach dem anderen durchzulesen.
Den dritten Tag brachte er diese Bucher seinem Freunde zuruck und nahm sich unterweges vor, zwar dafur zu danken, aber ihm doch den Kopf zurechtzusetzen wegen seiner irrigen Meinung, dass die deutschen Gelehrten nur fur ihre Lieblingsspekulationen und sonst fur nichts Sinn hatten; allein er fand zu seinem Missvergnugen, dass der gute Hieronymus bereits abgereiset war, und musste also sowohl seinen Dank als seine Ermahnung bei sich behalten.
Dritter Abschnitt
Inzwischen konnte Sebaldus die Gesprache mit seinen beiden Freunden gar nicht vergessen. Er sollte zufolge derselben beinahe die ganze Vorstellung andern, die er sich vom Zwecke des gelehrten Lebens und vom Zustande der deutschen Schriftstellerei gemacht hatte, sollte glauben, der grosste Teil der Schriftsteller von Profession ware nicht, gleich ihm selbst, bloss um die Ausbreitung der Wahrheit besorgt. Dies war ihm so unertraglich, dass es ihm bestandig im Sinn lag, daher er mit jedem davon redete, der ihm vorkam. Besonders geriet er an einen seiner Nebenkorrektoren, der es als eine Versorgung ansah, bis zu dem Posten eines Ubersetzers fortzuschreiten, und auch so glucklich gewesen war, wir wissen nicht, ob von einer Paraphrase ubers Neue Testament in einigen Foliobanden oder von einer antideistischen Bibel in einigen Quartbanden, die einem Ubersetzungsunternehmer in Bausch und Bogen waren verdungen worden, durch die vierte Hand ein halbes Alphabet zum Ubersetzen zu erhalten. Durch das Vergnugen, seine Handschrift gedruckt zu sehen, fand er sich um einen Zoll grosser als ein gemeiner Korrektor und konnte nicht umhin, diese Grosse seinen Nebenkorrektor Sebaldus fuhlen zu lassen. Es befremdete ihn nicht wenig, dass dieser von dem Geschafte eines Ubersetzers mit der aussersten Verachtung sprach; daher entstand zwischen ihnen ein ziemlich lebhafter Wortwechsel, welcher endlich heftig ward, da sie, ich weiss nicht wie, auch auf die Apokalypse gerieten, wovon der Korrektor die rechtglaubigen bengelisch-crusianischen Begriffe hatte. Er erstaunte schon gar sehr daruber, dass Sebaldus die Apokalypse fur eine Wiederholung der Geschichte Frankreichs ausgab, anstatt sie fur eine Weissagung auf die christliche Kirche zu erklaren; aber er geriet in Wut, da er vernahm, dass Sebaldus aus der Einrichtung des himmlischen Jerusalems die Endlichkeit der Hollenstrafen behaupten wollte. Voll Abscheu uber solche Ketzerei lief er sogleich zu verschiedenen Buchdruckern, die ihm und Sebaldus die meisten Bogen zu korrigieren gaben. Er klagte ihnen nicht etwa Sebaldus' unrichtige Erklarungen der Apokalypse, welches vielleicht nicht viel Eindruck gemacht haben wurde, sondern dass Sebaldus gegen jedermann die Ubersetzungsmanufakturen als einen der Gelehrsamkeit nachteiligen Missbrauch verdammte und dass er bei dieser Gelegenheit von den Buchdruckern und Verlegern, die mit Ubersetzungen ein nutzliches Gewerbe treiben, nicht mit der gebuhrenden Ehrfurcht gesprochen habe. Als nun Sebaldus wieder bei seinen gebietenden Herren erschien, fand er die Mienen kalt, die Stirnen gerunzelt, und darauf folgten dann Klagen uber die schlechten Zeiten, weshalb jetzt weniger gedruckt wurde, daher man ihm weniger Korrekturen geben konne. In kurzem bekam er in der Tat gar keine mehr; und weil sein rachsuchtiger Kollege ihn als einen Menschen, der die Endlichkeit der Hollenstrafen glaubte, an solchen Ortern abgemalt hatte, wo dieser Vorwurf mehr Eindruck machte als bei Buchdruckern, so empfand er bald, dass jedermann sich vor ihm scheute. Er ward endlich genotigt, die Dachstube, wo er so vergnugt gewesen war, mit einem Keller in der Vorstadt zu vertauschen, worin ihn ein armer Mann aufnahm, den er zur Zeit seines Wohlstandes als Markthelfer bei einem Buchhandler angebracht hatte. Dieser Mann und sein gewesener Nachbar, der Magister, waren nun seine einzigen Freunde, deren Guttaten gerade hinreichten, ihm das Leben zu erhalten.
Eines Tages, den er ungegessen zugebracht hatte, war er gegen Abend zu seinem Freunde, dem Magister, gegangen, der sehr gern sein durftiges Einkommen mit ihm teilte und seinem Geiste durch freundschaftliche und lehrreiche Gesprache die Tatigkeit wiedergab, die das Elend zu vernichten pflegt. Er kam, zwar als es schon dunkel ward, doch beizeiten nach seinem Keller zuruck, weil der Torgroschen ein Kapital war, das er zu sparen notig hatte. Er war schon in den finstern Gang getreten, der zu seiner Schlafstatte fuhrte, als er in einiger Entfernung sich etwas regen sah und bei naherer Untersuchung einen Menschen in einem Winkel sitzend fand.
Sebaldus hielt ihn fur einen Dieb, und ob er sich gleich etwas entsetzte, so sagte er doch ganz kalt:
"Freund, wenn du etwas zu stehlen suchst, so bist du hier an den unrechten Ort gekommen."
"Ach, mein lieber Herr", antwortete eine unbekannte Stimme, "ich bin kein Rauber, verraten Sie einen Unglucklichen nicht."
"Nein, Freund", sagte Sebaldus, "ein Mensch, der selbst elend ist, ist nicht grausam." Und hiemit ging er in die schon geoffnete Kellerstube, schlug Licht an (denn sein Wirt, der Markthelfer, war noch nicht zu Hause) und erblickte einen jungen Menschen, wohlgestaltet, aber totenblass. Sebaldus bot ihm die Hand, fuhrte ihn hinein, hiess ihn gutes Mutes sein und fragte, wie er hieherkame.
"Ich habe", sagte der Jungling, "studiert; aber bei einer unglucklichen Schwarmerei auf einem Dorfe, welche die Jugend Lustbarkeit nennt, in einer Stunde, wo ich meiner Sinne nicht machtig war, habe ich mich zum Soldaten anwerben lassen. Die Reue folgte auf diesen Schritt nur allzubald. Ich wusste, dass mein Vater Vermogen hat, meine Loskaufung zu bezahlen. Er ist Generalsuperintendent in ***."
"Wie? In ***? Und er heisst?"
"Stauzius."
"Ich kenne Ihren Vater", sagte Sebaldus sehr gelassen, "und Sie sollen hier einen sichern Aufenthalt haben, bis Sie an Ihren Vater schreiben konnen."
"Das ist schon geschehen. Er antwortete mir, dass er morgen vormittag mit der Landkutsche hier eintreffen werde. Ich sollte aber schon morgen fruh mit einem Rekrutentransporte abgehen. Ich war ausser mir vor Furcht, dass alsdann meines Vaters Hilfe zu spat kommen mochte, und da die Schildwacht auf einen Augenblick nicht aufmerksam genug war, entsprang ich im Dunkeln und dachte, in diesem Winkel unentdeckt zu bleiben. Was ich morgen tun soll, weiss ich nicht; denn mein Vater ist ein strenger und harter Mann, und ich furchte mich beinahe so sehr, ihm unter die Augen zu treten als meinen Werbern."
"Furchten Sie sich nicht, er wird vaterliche Gesinnungen haben. Ich bin auch Vater; wenn ihn auch fremdes Ungluck nicht ruhrt, wird das Ungluck eines Sohnes ihn ruhren. Ich will Ihren Vater aufsuchen, wenn ich nur einigermassen weiss, wo ich ihn treffe."
"Er ist leicht zu finden, er wird im 'Blauen Hechte' abtreten, wo Sie nur nach dem Passagier fragen durfen, der mit der jenaischen Landkutsche angekommen ist."
Unter diesem Gesprache kam der Hauswirt, der ehrliche Markthelfer, nach Hause. Ob er sich gleich vor den Soldaten sehr furchtete, so liess er sich doch durch naturliches Mitleid und durch Sebaldus' Zureden bewegen, den Fremden aufzunehmen, und stand ihm einen Anteil an dem gemeinschaftlichen Strohlager zu.
Des andern Morgens ging Sebaldus beizeiten nach dem "Blauen Hechte" und ward sogleich in das Zimmer des Fremden gefuhrt, den er suchte. Die Kleidung des Sebaldus und die Hagerkeit seines Gesichts zeigte, dass er ein Sohn des Elendes war; und Stauzius, den das Bewusstsein eigener Wichtigkeit niemals verliess, konnte sich nichts anders vorstellen, als Sebaldus, vom Elende niedergedruckt, wolle eine reinere Orthodoxie angeloben und sich zu anderweiter Beforderung empfehlen. Weil er aber noch nicht geneigt war, einem alten Gegner seiner Meinungen so geschwind zu vergeben, dass dessen Grundsatze vernunftiger gewesen als die seinigen, so fuhr er ihn beim ersten Anblicke an:
"Ist es nicht entsetzlich, dass einen die Bettler uberlaufen, wenn man kaum aus dem Wagen gestiegen ist? Was will Er, Freund? Denke Er nur nicht, dass ich Ihm glauben werde, wenn Er mir etwas vom Widerrufe seiner grundsturzenden Irrtumer vorschwatzen will; das sind lauter leere Worte. Er ist viel zu lange in Finsternis gewandelt, als dass man von Ihm eine aufrichtige Besserung hoffen konnte. Wir wollen bei uns keine Wolfe in Schafskleidern haben; ich mochte einem Menschen, der einmal so verdammliche Grundsatze gehabt hat, nicht einmal einen Kusterdienst anvertrauen. Was will Er also von mir? Ich kann Ihm nicht helfen."
Sebaldus antwortete sehr gelassen:
"Ich komme nicht meinetwegen, ich kenne Sie und mich zu genau, als dass ich von Ihnen Hilfe erwarten sollte."
"Und doch", sagte Stauzius, der den Sebaldus von oben bis unten ansah und in diesem Augenblicke auf seine Leibesgestalt ein Projekt baute, "und doch konnte ich Ihm vielleicht einige Hilfe angedeihen lassen! Er ist in elenden Umstanden, das sehe ich, im geistlichen Stande ist nichts fur Ihn zu tun, was will Er also anfangen? Hore Er an, werde Er Soldat; zwar ist Er nicht mehr jung, aber Er ist beinahe sechs Fuss lang, und man wird's daher nicht so genau mit dem Alter nehmen. Kann Er ja die Strapazen nicht ausstehen, so wird Er ins Lazarett gebracht, und da ist Er versorgt. Lasse Er sich also anwerben, es finden sich gewiss Leute, die Ihm ein gutes Handgeld geben werden."
Sebaldus sagte lachelnd: "Es war eine Zeit, wo es mir sehr ubelgenommen ward, dass ich Leuten geraten hatte, in den Krieg zu gehen."
"Ja, das war etwas anders, an heiliger Statte schickte sich dies nicht. Aber jetzt ..."
"Soll ich an Ihres Sohnes Stelle vielleicht Soldat werden?"
"An meines Sohnes Stelle? Was weiss Er von meinem Sohne?"
"Ich weiss, dass Ihr Sohn sich hat anwerben lassen, dass er gestern abend aus der Wache entsprungen ist, dass ich ihn bei mir aufgenommen habe und dass ich bloss zu Ihnen gekommen bin, um Ihnen zu melden, dass er bei mir in sichrer Verwahrung bleiben soll, bis Sie sein Schicksal werden konnen zu verbessern suchen. Ich verlange von Ihnen keinen Dank dafur, weil ich gegen einen Menschen Mitleid empfand und es ihm bloss deshalb nicht versagen wollte, weil er Ihr Sohn war. Wollen Sie noch, dass ich mich fur ihn soll anwerben lassen? Wenn dies das einzige Mittel ware, Sie und Ihren Sohn glucklich zu machen, so ware es in dem Elende, worin ich schmachte, nur ein geringes Opfer."
Stauzius war ganz erstaunt und versetzte stammelnd, dass Sebaldus wirklich sehr gutig ware; und nun folgte eine Unterredung, deren Schluss war, dass der junge Stauzius so lange bei Sebaldus bleiben sollte, bis der Vater seine Loslassung bewirkt hatte.
Nun ging Sebaldus nach Hause, den Jungling zu trosten. Aber er hatte kaum Zeit, das Vorgegangene zu erzahlen, als ein Kommando Soldaten in die Stube sturzte und beide auf die Hauptwache schleppte, wo sie den ehrlichen Markthelfer schon fanden.
Stauzius erfuhr diesen Vorfall sehr bald und dachte ihn sogleich zu seinem Vorteile anzuwenden. Es war ihm rechter Ernst gewesen, seinen Feind Sebaldus oder den Markthelfer anstatt seines Sohnes anzuwerben und dadurch desselben Loslassung um einen desto wohlfeilern Preis zu bewirken. Er fand aber sehr bald, dass die Loslassung des jungen Stauzius jetzt weit mehr Schwierigkeiten habe als vorher, da der Hauptmann gar nicht geneigt war, anstatt eines Rekruten, den er losgeben sollte, sich einen vorschlagen zu lassen, den er auch schon in seiner Gewalt hatte.
In diesem Zustande blieben die Sachen einige Tage, in denen Sebaldus alles, was Elend und Kummer Schreckliches haben kann, ausstehen musste. Ohne Nahrung, ohne Lager, war er den ganzen Tag dem Larmen und dem Spotte roher Soldaten ausgesetzt, und innerlich nagte ihn der Kummer, dass dadurch sein Wohltater, der Markthelfer, auch unglucklich geworden war. Mit diesen traurigen Gedanken beschaftigte er sich eines Tages, als der Unteroffizier, der ehemals durch seine Predigt zehn Rekruten erhalten hatte, in die Wache trat, um sich nach einem Arrestanten zu erkundigen. Er erblickte unter andern den Sebaldus, lief auf ihn zu, druckte ihm treuherzig die Hand und fragte, wie er hieherkame. Sebaldus erzahlte es kurzlich. Der Unteroffizier schwor mit einem kraftigen Fluche, dass ein so rechtschaffener Mann nicht langer im Gefangnisse bleiben sollte, ging stehenden Fusses zu seinem Major, der das Bataillon kommandierte, und in weniger als einer Stunde kam er zuruck, befreite sowohl Sebaldus als den Markthelfer und fuhrte den erstern sogleich mit sich zum Major.
Dieser war ein Mann in seinem siebenundfunfzigsten Jahre, der seit seiner ersten Jugend Soldat gewesen und von unten auf gedienet hatte. Er war brav wie sein Degen, aber seine moralischen Grundsatze wurden, wenn man sie nach Millers Einleitung in die Mosheimische "Sittenlehre" oder nach sonst irgendeiner theoretischen Moral hatte prufen wollen, freilich sehr unzusammenhangend und widersprechend erfunden worden sein. Er glaubte die Unsterblichkeit der Seele nicht und bekummerte sich doch sehr wenig um die Fortdauer seines Lebens, sondern setzte es sehr oft ohne sonderliche Notwendigkeit in Gefahr. Er war eben nicht sehr religios und auch eben nicht ein Lobredner des geistlichen Standes; dennoch aber ehrte und beschutzte er ihn vor allen andern. Er ging selten in die Kirche, aber seine Soldaten hielt er sehr streng dazu an. Er schwor und fluchte sehr oft, aber kein Subaltern durfte fluchen, wenn er es horte. Er war aus Temperament keusch; aber auf einen jungen Soldaten, von dem er wusste, dass er sich niemals in ein Madchen verliebt hatte, liess er bestandig achtgeben, weil er sich nicht viel Gutes zu ihm versah. Sein Versprechen, wenn er es einmal gegeben hatte, war unwiderruflich; gleichwohl widersprach er seiner eignen Meinung schnell, sobald er merkte, er konnte geirret haben. Er beleidigte kein Kind, aber, beleidigt, war er ausserst rachgierig aus dem Grundsatze: ein braver Mann musse nichts auf sich sitzen lassen.
Als Sebaldus vor ihm erschien, nahm er ihn bei der Hand und dankte ihm fur die zehn schonen Rekruten, die er durch seine geistreiche Predigt dem Bataillon verschafft hatte. Als ihm aber Sebaldus in der Folge des Gesprachs erzahlte, welche traurige Folgen diese Predigt fur ihn und seine Familie gehabt habe, geriet er in ein tiefes Nachsinnen, worin er den Sebaldus von Zeit zu Zeit anblickte, und als dieser fortfuhr zu erzahlen, dass der Superintendent Stauzius, der Vater des arretierten Rekruten, die eigentliche Ursache seines Unglucks sei, sprang er auf und rief mit einem kraftigen Schwure aus:
"Wohl mir, dass ich den alten Schurken in meiner Gewalt habe! Solange ich in Feindes Lande bin, habe ich noch keinen Menschen gepeinigt, aber, Herr, den Bosewicht will ich peinigen. Der Sohn soll ewig Soldat bleiben, und den alten Barenhauter will ich krumm schiessen lassen, bis er alles Unrecht ersetzt, das er einem so braven Manne wie Er, Herr Magister, getan hat!"
Hier rief er den Unteroffizier herein: "Hor Er", sagte er, "den Augenblick arretiere Er den fremden Superintendenten im 'Blauen Hechte', der Kerl ist ein Spion, er ist ...", hier schloss ihm der Zorn den Mund.
Der Unteroffizier, der einen Teil von Stauzius' Geschichte wusste, strich sich den Bart und sagte lachelnd, er ware eben unten im Hause.
"Gut, so lass Er den Schurken gleich heraufkommen", rief der Major.
Sebaldus bat, gehort zu werden, und liess nicht ab, zu bitten, dass er den Superintendenten wenigstens nur jetzt, in dieser Gemutsverfassung, nicht sehen mochte. Der Major liess sich bewegen und rief zur Tur hinaus, der Superintendent sollte warten.
Sebaldus fing nun an, dem Major weitlauftig vorzustellen, dass ihm mit dem Unglucke der beiden Stauze gar nicht gedient sei, dass er die Rettung des Sohnes wunsche und dem Vater von Herzen vergebe, weil Religion und Moral ihm verboten, Rache zu hegen, dass ...
"Zum tausend Element, Herr", rief der Major, "lasse Er sich von der Religion verbieten, was Er will, mir soll sie nimmer verbieten, dass ich einen Schurken bestrafe und einem ehrlichen Manne Recht verschaffe, wenn ich zu beiden die Gewalt in Handen habe."
"Sie wollen gerecht gegen meinen Feind sein, Herr Major, sein Sie es auch gegen mich. Was sollen tugendhafte Leute von mir denken, wenn ich eine so grausame Rache an meinem Feinde nehme?"
"Was sie denken werden? Herr, dass Er recht hat! Der alte Bosewicht hat Ihn nicht allein von Haus und Hof gebracht, er ist auch am Tode Seiner Frau schuld, er hat Seine Kinder unglucklich gemacht. Herr, ich habe nie Frau oder Kinder gehabt, aber, straf mich Gott, hatt ich sie, so wurd ich sie lieben wie meine Seele, und wer mich darum brachte, den hasste ich bis in den Tod und wollte ihm den Degen durch die Rippen jagen, sobald ich ihn vor mir hatte."
"Aber wollten ihm doch nicht durch einen andern hinterrucks einen Dolch in die Seite stossen lassen?"
"Herr, Herr! Wofur sieht Er mich an? Ich selbst sehe meinem Feinde das Weisse im Auge und lass' ihn dann sich verteidigen, wenn er kann."
"Mein Freund, Herr Major, ist ja wehrlos! Ware es Ihnen anstandig, einem verteidigungslosen Manne den Dolch ins Herz zu stossen? Wurde es mir anstandig sein? Mein Stand verbietet mir, Unrecht mit dem Schwerte zu rachen; meine Religion gebietet mir, es zu vergeben und Boses mit Gutem zu vergelten. Ich ware nicht wert, Friede und Versohnung gepredigt zu haben, wenn ich durch Sie mich an meinem Feinde rachen wollte, da er ohne Verteidigung in Ihrer Gewalt ist, wenn sich diese schreckliche Rache bis auf einen unschuldigen Jungling erstrecken sollte, der mich nie beleidigt hat, noch mehr, der mein Gastfreund ist, der in meiner elenden Schlafstelle Schutz und Zuflucht gesucht hat. Nein, Herr Major, erniedrigen Sie mich nicht so sehr! Lassen Sie den jungen Menschen frei. Lassen Sie mich an dem Vater die viel edlere Rache nehmen, ihm zu zeigen, dass der, den er beleidigt hat, sein wahrer Freund ist. Seine Bestrafung uberlassen Sie seinem eigenen Gewissen, das in niemand schlaft, der eine bose Tat begangen hat."
"Blitz und Hagel! Dass ein Pfaffe nobler denken soll als ein Soldat! Herr, Er hat recht!" (Hier wischte er ein paar Tranen ab, die ihm uber seine grauen Augenwimper tropfelten.) "Der junge Kerl soll los. Aber der Kapitan wird ihn nicht umsonst losgeben, das will ich auch nicht. Ich will ihn dem Hauptmanne bezahlen, aber Ihm, Herr Magister, soll der Vater das Losegeld geben; ich schenke Ihm den Rekruten zwar, aber ich will das Losegeld bestimmen."
Sebaldus mochte einwenden, was er wollte, der Major schritt nach der Ture zu und rief den Superintendenten hinein.
Stauzius, der eben mit Schrecken die Wendung der Sache vernahm, war vor Angst halb ausser sich und trat in der Stellung eines armen Sunders hinein. Der Major sah ihn von oben bis unten an und sagte: "Sein Sohn, Herr, ist ein Deserteur und muss hangen oder sechsunddreissigmal Spiessruten laufen. Einem so schlechten Kerl zu Gefallen, wie Er ist, Herr Superintendent, oder was Er sonst sein mag, wurde ich ihn zwar nimmermehr losgeben; aber hier steht ein ehrlicher Mann, auf dessen Furbitte soll Seinem Sohne nicht allein die Strafe erlassen sein, sondern Er soll ihn auch loshaben, wenn Er tausend Taler fur ihn bezahlt."
Stauzius, halb erfreut, halb besturzt, stellte stammelnd vor, dass eine so starke Summe nicht moglich ware.
"Herr, rasoniere Er nicht. Der Kerl hat elf Zoll, Er soll tausend Taler geben, und zwar keine Bernburger; oder Sein Sohn soll Gassen laufen, und Ihn will ich hinstecken lassen, wo Ihn Sonne und Mond nicht bescheint, weil Er ein Schurke ist und dieser Herr Magister hier ein ehrlicher Mann, den Er ums Amt gebracht hat, und rasoniere Er kein Wort weiter."
Stauzius wusste sich vor Schrecken nicht zu fassen; seine Frau hatte ihm eingebunden, ihr nicht eher vor die Augen zu kommen, bis er ihren einzigen Sohn mitbrachte, und der Prasident, der fur den jungen Menschen eine beinahe vaterliche Zartlichkeit hegte, hatte ihm zu dessen Befreiung eine ansehnliche Summe in Golde mitgegeben, wodurch seinem eigenen Geize die Ranzion sehr erleichtert ward. Er bequemte sich also und zahlte in 77 Stuck alten Louisdoren, das Stuck zu 13 Rthlr. gerechnet, das ganze Losegeld auf den Tisch.
Der Major nahm es an und uberreichte es dem Sebaldus, der wahrend der ganzen Unterhandlung, ob er gleich einigemal zu reden versucht hatte, von dem Major nie war zum Worte gelassen worden. "Dies soll", sagte er, "eine kleine Ersetzung des Schadens sein, den der Kerl Ihm zugefugt hat."
"Herr Major", sagte Sebaldus, "Sie haben mir den jungen Menschen geschenkt. Schenken Sie mir ihn ganz, namlich mit der Freiheit, ihn wieder zu verschenken. Er hat Schutz in meiner Wohnstatte gesucht, diesen Schutz kann ich ihm nicht verkaufen, ohne geradezu wider meine Denkungsart zu handeln. Was mir dieser Herr kann zuwider getan haben, habe ich ihm langst vergeben. Er hat gesucht fur die Reinigkeit der Lehre zu wachen, ich muss noch weit mehr bemuht sein, fur die Reinigkeit meiner Handlungen zu sorgen. Hier, Herr Generalsuperintendent, nehmen Sie das Geld zuruck."
Stauzius stand da wie ein Knabe, dem ein Gast einen Leckerbissen in den Mund stecken will, der Mund lauft voll Wasser, aber er trauet sich nicht, ihn aufzutun, aus Furcht vor dem Prazeptor, der es verboten hat. Er sah den Major mit furchtsamen Augen an, der ihn mit einem grimmigen Blicke abschreckte.
Sebaldus horte indes nicht auf, bei dem Major ernstlich anzuhalten, der endlich dem Sebaldus auf die Achsel schlug und sagte: "Nun, tue Er, was Er will. Ich mochte gern bose sein, wenn ich nur konnte."
Sebaldus gab dem Stauzius das Geld, der es begierig in die Tasche schob und den Sebaldus mit einem Eifer umarmte, der genugsam zeigte, dass ihm sein Geld nicht weniger lieb war als sein Sohn. Er nannte ihn seinen Erretter, er bat ihn sehr demutig um Verzeihung, er versicherte, dass er auf ewig dankbar sein werde, dass er erkenne, wie grossmutig Sebaldus handele, da er ihm ohne Rache vergebe, die er ganzlich in seiner Gewalt gehabt hatte, da er nicht einmal die Ranzion seines Sohnes annehmen wolle.
"Genug hievon!" fiel ihm Sebaldus in die Rede. "Gott vergibt ohne Suhnopfer und Losegeld, und wer Gott furchtet, wird ihm nachzuahmen suchen. Wenn Sie erkennen, dass Sie mir unrecht getan haben, so bin ich ganzlich befriedigt."
Stauzius versicherte aufs heiligste, er erkenne dies, aber es sei nicht genug, er verspreche ihm, seinen Schaden tatig zu ersetzen, und wenn er wieder nach Hause zuruckkommen wolle, werde er ihm sobald als moglich eine gute Versorgung zu verschaffen suchen.
Sebaldus dankte fur seinen guten Willen, aber verbat ihn.
Der Major sagte, es sei unnotig, denn er wolle dem Sebaldus die erste vakante Feldpredigerstelle und wo moglich bei seinem eignen Bataillon verschaffen, bis dahin nehme er die Sorge fur dessen Unterhalt auf sich.
Unter diesen Gesprachen trat der junge Stauz in das Zimmer, welchen der Major frei erklarte und ihn seinem Vater ubergab, der nicht eher mit Bitten nachliess, als bis ihm Sebaldus in den "Blauen Hecht" zum Mittagsmahle nachfolgte.
Vierter Abschnitt
Hier genoss Sebaldus das susse Vergnugen, von seinem Feinde verdienten Dank einzuernten. Vater und Sohn uberhauften ihn mit Liebkosungen. Jener wiederholte mit Eifer den Vorschlag zu einer guten Versorgung und beteuerte, er wolle alles Ansehen dazu anwenden, das er im Furstentume hatte. Der Sohn unterstutzte diesen Vorschlag, so dass Sebaldus endlich anfing, zu wanken und sich eine ruhige Beforderung in seinem Vaterlande als eine wunschenswurdige Sache vorzustellen.
Er befragte den Major uber diesen Vorschlag und wunderte sich nicht wenig, dass dieser gar nicht dazustimmen wollte. Da er die Ehrlichkeit aller Menschen nach seiner eignen beurteilte, so konnte er gar nicht begreifen, dass der Major gegen des Superintendenten Aufrichtigkeit soviel Argwohn hegte. Er hielt dies fur ein allzuweit getriebenes Misstrauen und befestigte sich immer mehr in seinem Vorhaben, durch eine Predigerstelle in seinem Vaterlande Ruhe zu suchen.
Als der Major sah, dass sein Entschluss, der Einladung des Stauzius zu folgen, fest gefasst war, so wollte er ihm nicht ferner hinderlich sein. Er liess den alten Stauzius zu sich kommen und band ihm aufs allerernstlichste ein, sein Versprechen zu halten. Er bedeutete ihn, dass er dem Sebaldus einen Brief an den Obersten, der jetzt in der furstlichen Residenz kommandierte, mitgegeben hatte, um diesen Offizier, seinen vertrauten Freund, zu bitten, den Sebaldus zu beschutzen und jeden, der sich unterstehen wurde, ihn zu verfolgen, aufs empfindlichste zu bestrafen. Stauzius versprach mehr, als er vorher versprochen hatte, und versicherte, noch mehr zu leisten.
Als Sebaldus vom Major Abschied nahm, empfing er von ihm, ausser dem obengedachten Schreiben an den Obersten, noch ein Empfehlungsschreiben an einen seiner vertrauten Freunde in Berlin. Er versicherte, wenn Sebaldus einmal nach Berlin kommen sollte, werde ihn dieser Freund auf Vorzeigung des Briefes freundschaftlich aufnehmen, und bei demselben wurde er auch bestandig Nachricht von des Majors Aufenthalt bekommen konnen. Er gebot ihm, von diesem Briefe Gebrauch zu machen, wenn, wie er noch immer befurchtete, Stauzius sein Versprechen nicht halten sollte, und gelobte ihm mit den heiligsten Schwuren seinen Beistand, sobald er desselben benotigt sei und nur Nachricht davon geben wolle.
Was den Major gegen den guten Generalsuperintendenten so gar sehr misstrauisch gemacht habe, ist schwer zu sagen. Vermutlich war es dessen Physiognomie. Ob aber insbesondere ein weit gegen das Ende der Nase vor sich gehendes Naslappchen15 oder eine spitze Stirn oder eine eingekerbte Oberlefze oder grunlichte Zahne oder ein horbarer Atem oder nur uberhaupt sein superintendentenmassiges Ansehen16 daran schuld gewesen, wurde der beruhmte Herr Lavater am sichersten berichten konnen, wenn er den Generalsuperintendenten Stauzius gesehen hatte. Der Erfolg schien indes, wenigstens anfanglich, das Misstrauen des Majors gar nicht zu rechtfertigen. Stauzius nahm den Sebaldus mit sich in die furstliche Residenzstadt zuruck. Er hatte ihn in sein Haus aufgenommen, aber Sebaldus wollte nirgend als bei seinem Freunde Hieronymus abtreten. Inzwischen erwies ihm Stauzius alle mogliche Hoflichkeiten, und er ward von demselben sowohl als von dem Prasidenten nicht selten zu Gaste geladen; sonderlich nachdem der fremde Oberste, dem er sein Empfehlungsschreiben uberreicht hatte, sich offentlich fur seinen Beschutzer erklart und ihn dem Prasidenten zu einer baldigen Wiederbeforderung ausdrucklich empfohlen hatte. Auch ward er wirklich in den nachsten drei Monaten zu zwei im Lande vakant gewordenen Pfarren vorgeschlagen. Nur war unglucklicherweise auf die eine schon vorher einem andern die Anwartschaft gegeben worden, und die andere hielt der Prasident fur nicht eintraglich genug, obgleich Sebaldus meinte, sie sei eintraglicher als seine verlassene Pfarre. Der Generalsuperintendent widerlegte ihm dies und gab ihm zu verstehen, dass man einem solchen Manne eine Spezialsuperintendentur zu geben gedachte. Nun waren zwar alle Spezialsuperintendenten des Furstentums in der Blute ihrer Jahre, befanden sich wohl an Fleisch und Knochen, assen und tranken gut und studierten wenig, so dass man freilich auf eine Vakanz in kurzem nicht gewiss rechnen konnte. Da aber doch ein Schlagfluss den Gesundesten befallen kann und ein hitziges Fieber auch keinen Spezialsuperintendenten verschont, so war es nicht offenbar unmoglich, dass Sebaldus, obgleich beinahe sechzig Jahre alt und vom Mangel und Kummer etwas gebeugt, eine solche Stelle vor seinem Ende noch unvermutet erhalten konnte.
Sebaldus liess sich indes, bis zur Erfullung dieser Hoffnung, die Zeit gar nicht lang werden, da er bei seinem Freunde Hieronymus aufs freundschaftlichste aufgenommen war. Weil er in dessen Laden immer bekannter ward, so fing er an, bei dessen oftmaligen Reisen verschiedenes fur ihn zu besorgen. Wenn hingegen sein Freund zugegen war, hatte er vollige Musse, an seinem Kommentare uber die Apokalypse zu arbeiten, worin er sich so vertiefte, dass er die Hoffnung zu einer Pfarre vielleicht ganz vergessen haben wurde, wenn sie Stauzius nicht erneuert hatte, sooft er ihn zu Gaste bat.
Inzwischen war in den ersten Monaten des folgenden Jahres der allgemeine Frieden geschlossen worden, welchem zufolge der fremde Oberste mit seinen Truppen wegging. Diese Veranderung brachte eine grosse Veranderung in den Herzen und auf den Gesichtern vieler Leute in dem kleinen Furstentume hervor. Insbesondere schienen der Prasident und der Generalsuperintendent den ehrlichen Sebaldus nicht mehr so genau zu kennen als vorher. Sie liessen ihn nicht mehr zu sich bitten. Wenn er sich bei dem erstern anmeldete, so sagte der Bediente schon an der Ture, dass Seine Exzellenz Mittagsruhe hielten oder dass Sie eben Geschafte hatten oder dass Sie heute niemand sprachen. Wenn er den letztern zu sprechen verlangte, so kamen, nachdem er eine halbe Stunde in dem Visitenzimmer gewartet hatte, Seine hochwurdige Magnifizenz zwar im Schlafrocke, mit oder ohne Perucke, zum Vorscheine und vergassen auch niemals, beim Weggehen ihn Ihrer Gewogenheit zu versichern; aber obgleich verschiedene Vakanzen vorfielen, dachte doch niemand mehr daran, den guten Sebaldus vorzuschlagen.
Endlich ward nach ein paar Monaten eine Predigerstelle in einem benachbarten kleinen Stadtchen offen, die Sebaldus unter andern deshalb gern gehabt hatte, weil Hieronymus den dasigen Viehmarkt zu besuchen pflegte und er sich ein grosses Vergnugen dabei vorstellte, seinen einzigen Freund jahrlich zweimal zu sehen und in seinem Hause aufzunehmen. Er wagte es also, dem Generalsuperintendenten abermal aufzuwarten und zum ersten Male sich selbst um eine Stelle zu melden.
Stauzius warf die Sache nicht ganz weg; aber nach einigem Ha und Hem fing er an, dem Sebaldus vorzustellen: er wurde selbst einsehen, wie notig es ware, wenn von seiner wirklichen Beforderung die Rede sein sollte, das gegebene Argernis dadurch zu heben, dass er vor dem Konsistorium seine irrige Meinungen, besonders von der Ewigkeit der Hollenstrafen, widerriefe, auch sich wegen der hochstwichtigen Lehre von der Genugtuung dem Sinne der symbolischen Bucher gemass erklare, indem er sich mit Betrubnis erinnere, in Leipzig daruber von ihm eine hochst bedenkliche Ausserung gehort zu haben.
Sebaldus sagte mit Erstaunen: er wundere sich uber diese Zumutung, werde aber um keines zeitlichen Vorteils willen die einmal erkannte Wahrheit verleugnen.
Stauzius verwies ihm in nicht vollig sanftem Tone seine Hartnackigkeit, gebot ihm, von seiner ketzerischen Lehre abzustehen, und erinnerte ihn zuletzt, indem er durch einen Griff an seine violettne Mutze das Zeichen zum Abschiede gab, mit trocknem Amtsgesichte: dass jetzt die Zeit nicht mehr ware, da man durch feindliche Gewalt in den Weinberg des Herrn einzudringen suchen musse. Gottlob, es sei jetzt Frieden!
Als Sebaldus seinem Freunde Hieronymus diesen Vorgang erzahlte, fand dieser bestatigt, was er schon langst befurchtet hatte, namlich dass fur den Sebaldus in dem Furstentume weiter keine Beforderung zu hoffen sei.
Nach einigen Tagen erfuhr man, dass der Prasident einem Fiskale aufgegeben habe, den Sebaldus fiskalisch anzuklagen, weil er im Kriege fur fremde Truppen Rekruten geworben, zehen wirklich aus dem Lande geschafft und den Sohn des Generalsuperintendenten fur Geld habe loslassen wollen.
Sebaldus lachte uber eine so ungereimte Anklage und konnte nicht es erwarten, sich vor Gerichte zu stellen, um durch blosse Erzahlung der Wahrheit seine Feinde zu beschamen.
Hieronymus aber versicherte ihn, vermoge seiner Erfahrung in Welthandeln: dass derjenige, der wissentlich eine falsche Anklage tue, nicht durch die Wahrheit beschamet werde; dass man einen machtigen Mann alsdann am meisten furchten musse, wenn er offenbar ungerecht anklage, und dass bei einem fiskalischen Prozesse nie etwas zu gewinnen, sehr oft aber viel zu verlieren sei.
Nachdem beide den wahren Zustand der Sachen reiflich uberlegt hatten, so kamen sie uberein, dass des Sebaldus machtige Feinde ihn im Lande nicht dulden wurden, daher es fur ihn jetzt sicherer sein mochte, abzuziehen als sich mit Gewalt wegtreiben zu lassen.
Das Empfehlungsschreiben des Majors nach Berlin ward also hervorgesucht. Hieronymus stellte seinem Freunde eine Summe Geldes zu, welche er aus den bei ihm zuruckgelassenen Mobilien geloset zu haben versicherte, die aber Sebaldus' Erwartung so sehr ubertraf, dass er vermutete und es sich merken liess, sein Freund habe auch hier freundschaftlich gehandelt.
Die Post nach Berlin war bestellt. Sebaldus, weil er noch nicht wusste, wie lange sein Aufenthalt in Berlin dauern konne, nahm nur in einem kleinen Koffer das Allernotwendigste mit sich. Das ubrige nebst seinem Kommentare uber die Apokalypse, der schon zu ein paar hundert Heften angewachsen sein mochte, liess er bei seinem Freunde Hieronymus stehen.
Nun setzte er sich, nach zartlichem Abschiede, auf den Postwagen und trat seine Reise an.
In der zweiten Nacht ward der Wagen, unweit der brandenburgischen Grenze, in einem Walde unvermutet von Raubern uberfallen, dergleichen damals nach eben geschlossenem Frieden mehrere herumschwarmten. Sie schlugen den Postillon auf der Stelle tot, und Sebaldus, der einzige Passagier, empfing einen Schlag auf den Kopf, wovon er betaubt zur Erden fiel. Als er wieder zu sich kam, war die Sonne aufgegangen, der Postillon lag tot ausgestreckt, der Postwagen war beraubt und sein eigner Koffer ganzlich ausgeleert. Seine Kleider hatten ihm die Rauber gelassen, vermutlich weil deren schlechtes Ansehen sie nicht in Versuchung fuhren konnte, und er fand auch in einer Tasche noch etwas kleines Geld. Sein Rekommandationsbrief war aber weg, welches ihn zwar besturzt machte; doch trostete er sich dadurch etwas, dass er so klug gewesen, seinen Kommentar uber die Apokalypse zuruckzulassen, welcher sonst auch der grossten Gefahr, verlorenzugehen, wurde ausgesetzt gewesen sein. Er suchte aus dem Walde herauszukommen und folgte der ersten Landstrasse, die er fand, ohne zu wissen, wohin sie ihn fuhrte.
Drittes Buch
Erster Abschnitt
Sobald Mariane nebst ihrem franzosischen Namen auf dem Wohnsitz des Herrn von Hohenauf anlangte, war die gute franzosische Aussprache der erste Gegenstand der Untersuchung. Die gnadige Frau konnte sehr fuglich daruber urteilen, weil sie selbst mit einem angenehm gemischten halb thuringischen, halb wetterauischen Akzente Franzosisch sprach. Sie erklarte nach einer viertelstundigen Unterredung, dass Marianens Aussprache ohne Tadel sei, und fragte ihren Gemahl, ob sich nicht gleich die Aussprache einer gebornen Franzosin von der Aussprache einer Deutschen durch ein gewisses je ne sais quoi unterscheide, welches dieser mit einem deutlichen "Allerdings!" bekraftigte, da ihn seine Gemahlin schon seit den ersten Tagen ihrer Vermahlung gewohnt hatte, alles, was sie mit einem gewissen Tone fragte, sogleich zu bejahen.
Nun schritt die gnadige Frau zur Instruktion der kunftigen Hofmeisterin ihrer Kinder. Der Hauptpunkt war, dass sie bestandig franzosisch und niemals deutsch mit ihnen sprechen und die Kinder anweisen sollte, sich als Personen von Stande zu betragen und jederzeit artige Manieren zu haben. Hierauf ward gefragt, ob sie Gelegenheit gehabt habe, ofter Personen von Stande zu sehen und ihr Betragen zu beobachten. Mariane, ob sie gleich hier eine Franzosin vorstellte, hatte doch das zuversichtliche Bejahen noch nicht gelernt, welches schon oft sowohl mancher franzosischen Hofmeisterin und Kammerjungfer als manchem franzosischen Kammerdiener und Projektmacher aus der Not geholfen hat; sie bekannte daher mit Erroten, sie sei selten in dem Falle gewesen.
"Desto schlimmer", sagte der Herr von Hohenauf, "denn bei der Erziehung vornehmer Kinder ist das notwendigste, ihnen standesmassige Manieren beizubringen. Zum Glucke kann Sie dem Mangel abhelfen, Mamsell, wenn Sie fleissig auf meine Gemahlin achthat, denn die ist ein vollkommenes Muster standesmassiger Auffuhrung."
Die Frau von Hohenauf neigte ihr mit starken Knochen versehenes Vorderhaupt nachlassig auf die rechte Schulter, blinzelte mit ihren grauen, rotunterlaufenen Augen, lachelte uber ein Paar vorwarts geworfene Lippen und sagte:
"Sie sind sehr gutig, Herr von Hohenauf; aber wahr ist's, dass ich immer die decence in meinem Betragen zu beobachten suche, die Personen vom Stande eigen ist. Hiernach, Mamsell, muss Sie meine Fraulein auch bilden, damit sie sich niemals vergessen, sondern bestandig vor Augen haben, wer sie sind. Dies muss Sie selbst auch niemals aus den Augen lassen, sondern bedenken, dass Sie in meinen Fraulein Personen von Stande vor sich hat. Sie muss ihnen bestandig mit Nachsicht begegnen, ihnen niemals befehlen, noch weniger gegen sie strenge oder unfreundlich sein, wenn sie auch ein wenig Lebhaftigkeit zeigen, denn Jugend hat keine Tugend. Es ist genug, wenn sie nur die decence und ihre Geburt nie vergessen. Nachstdem kann Sie ihnen oft gute franzosische Bucher geben, dass sich der Geist aufklart. Wir lassen deshalb monatlich den 'Mercure de France' kommen, darin stehen die neuesten enigmes und logogriphes, wie sie am Hofe zu Versailles eben gange und gabe sind; auch schone poesies fugitives, daruber mussen die Fraulein urteilen lernen, damit sie, wenn kunftig ihr amant ihnen ein Madrigal a Silvie mit einem galanten envoy zusenden wird, die finesse davon einsehen und mit esprit antworten konnen. Auch sind im 'Mercure' Nachrichten von den neuesten operas comiques und von den neuesten almanachs, modes und chansons, dadurch lernen sie loben, was jetzt in Paris du bon ton ist. Hauptsachlich aber muss Sie gute Romanen mit ihnen lesen, als 'Hippolyte Comte de Douglas', die 'Memoires d'une dame de qualite qui ne s'est point retiree du monde', die 'Lettres d'une religieuse portugaise' und so weiter, damit die Fraulein beizeiten lernen, wie eine affaire de cur gefuhrt wird, und damit sie die grace plus belle que la beaute sich eigen machen, durch die unser Geschlecht uber das mannliche einen so sichern Sieg zu erhalten weiss."
Hier minaudierte sie aus dem rechten Augenwinkel, in Ermanglung einer andern Mannsperson, auf ihren Gemahl, der, dadurch beherzt gemacht, sein Wort auch dazugeben wollte und sagte: "Imgleichen Gellerts Fabeln konnten auch wohl mit den Kindern gelesen werden."
"Ja", versetzte die gnadige Frau mit trubem Blicke und etwas gerumpfter Nase, "Gellerts Fabeln gehen allenfalls an, aber andere deutsche Bucher mussen die Fraulein nicht lesen, denn das deutsche Zeug nutzt ihnen nichts, wenn sie nach Hofe kommen. Picard, mein homme de chambre, sagt immer, es ist kein brin von bon ton darin, und das ist auch wirklich wahr. Es klingt alles so deutsch, wahrhaftig, ich bekomme vapeurs, wenn ich nur die gotischen Buchstaben sehe."
Marianen war alles, was ihr gesagt ward, so unerhort, dass sie sich dunkte in einer ganz neuen Welt zu sein. Sie verstand von dieser Rede nicht den dritten Teil, zumal da sie von einer etwas stammigen deutschen Dame in dem nachlassigen Tone einer Petitemaitresse dahingelallt ward, versprach aber doch mehrere Gelehrigkeit, als sie sich vorderhand noch selbst zutraute. Ebenso horte sie, ohne ein Wort dawider einzuwenden, die Anordnung ihres hauslichen Lebens an. Man sagte ihr namlich, dass sie in Nebenstunden fur die gnadige Frau und die beiden Fraulein Putz machen und der Kammerjungfer helfen musse Kleider garnieren. Man gab ihr zu verstehn, dass man erwarte, sie werde helfen den Tisch anordnen, wenn grosse Gesellschaft da ware, und, wenn die Jungemagd viel zu tun hatte, auch darnach sehen, dass die Schranke gebohnt und der Staub von den porzellanen Aufsatzen abgewischt werde. Zuletzt erfuhr sie, dass sie zwar der Fraulein wegen die Gnade haben sollte, an die hochadelige Tafel gezogen zu werden, wenn die Herrschaft allein sei; ware aber Gesellschaft da, so wurde sie sich selbst bescheiden, mit den ubrigen Domestiken hohern Rangs zu essen.
Dies waren samtlich Personen, die nutzliche Talente besassen, feine Sitten hatten und die Welt kannten. Sie bestanden in dem franzosischen Friseur der gnadigen Frau, in dem Gerichtsaktuar, der zu gleicher Zeit das Amt eines Tafeldeckers wahrnahm, in der Kammerjungfer der gnadigen Frau, welche in den Kohlgarten vor Leipzig in der Schule der artigen Lebensart gewesen war, in der Ausgeberin, welche bei einem Hauptmanne die Okonomie gelernt hatte, dem sie drei Kampagnen durch als Kochin gefolgt war, in einem ausgedienten Fahnenschmiede, der im Hause ehrenhalber der Stallmeister des gnadigen Herrn tituliert ward, und in einem armen, vater- und mutterlosen Verwandten, welcher als Fahnenjunker von einem Regimente bloss deswegen war weggejagt worden, weil er in der Schlacht bei Rossbach zuerst sich umgekehrt hatte, da denn ein Teil des Regiments der Fahne nachgeeilt war.
Dieser Herr Vetter ward auch, wie Mariane, zur Tafel gezogen, wenn keine Gesellschaft vorhanden war. Dagegen liess er sich gefallen, allerhand kleine Dienste zu leisten, zum Beispiel den Stuhl wegzurukken, wenn seine gnadige Tante aufstand, den Pfropfenzieher zu holen, wenn sein gnadiger Oheim trinken, oder die Pfeife zu stopfen, wenn er nach Tische rauchen wollte, laut zu lachen, wenn er einen Schwank erzahlte, und augenblicklich stillzuschweigen, sobald sie durch eine gerunzelte Stirne zu erkennen gab, dass sie keinen Gefallen daran hatte. Er musste auf jede Frage sogleich eine Antwort bereit haben und, wenn die Antwort missfiel, sich nicht verdriessen lassen, dass ihm Stillschweigen geboten oder vom Tische aufzustehen befohlen ward, durfte auch nicht sauer aussehen, wenn er wieder erschien. Kurz, er hatte den Posten manches Kammerjunkers an manchen furstlichen Hofen; einen Posten, der seines ausserlichen Glanzes wegen von denen, die ihn nicht haben konnen, so oft gewunscht und von denen, die ihn bekleiden, so oft vermaledeiet wird; einen Posten, fur den, ob er gleich in Deutschland allenthalben besetzt ist, doch in der an Konversationsausdrucken armen deutschen Sprache noch keine besondere Benennung zu finden ist und fur den die in der Konversationssprache so reichen Franzosen und Englander noch keine bessere Benennung haben finden konnen, als dass sie die Inhaber desselben Schlangen- und Krotenesser17 nennen.
Zweiter Abschnitt
Es ist leicht zu erachten, da der Herr Vetter, ein junger Herr von guter Familie, sich gegen das hochadelige Paar so gefallig zu betragen hatte, wie sehr man von Marianen ebensoviel, wo nicht mehr Gefalligkeit verlangte und wie hart dies ihr anfanglich vorkommen musste, einer Person, seit ihrer ersten Kindheit so glucklich unabhangig, dass sie von nichts als von ihrer eigenen Vernunft und von der Vernunft und der Liebe zartlicher Eltern regiert worden war. Das unschatzbare Gluck der Unabhangigkeit ist durch keine andere Vorteile zu ersetzen. Man mag von dem machtigsten, von dem reichsten Manne, ja selbst von seinem eigenen Freunde abhangen, so fuhlt man die Fesseln, sie mogen noch so weit losgelassen und noch so schon geschmuckt sein. Wem das Schicksal die Unabhangigkeit versagt, der mache sich gefasst, einigen der Rechte eines frei gebornen Menschen zu entsagen. Er lerne vergessen, was er am eifrigsten wunscht, nach dem trachten, was ihm verachtlich ist, Frohlichkeit seines Herzens verbeissen und bei nagendem Kummer ein heiteres Gesicht annehmen. Ist seine Seele zu stark und sein Herz zu empfindlich, als dass er, sooft es verlangt wird, fremden Irrtum eigener Uberzeugung vorziehen konne, so kampfe er den bittern Kampf, uber seinen eigenen Verstand zu siegen.
Diesen Kampf hatte Mariane zu bestehen, mit allem, was er Herbes und fur den menschlichen Geist Erniedrigendes hat. Sie sah sich jetzt in einem Zustande, den bloss das Wohlwollen ihrer Obern ertraglich machen konnte, und nahm sich ernstlich vor, solange es hohere Pflichten erlaubten, sich in allen Dingen ohne Widerrede nach dem Willen der Frau von Hohenauf zu richten und sogar, wenn es moglich ware, ihren Wunschen zuvorzukommen.
Dies war nun freilich ein schwer auszufuhrendes Unternehmen, denn die Frau von Hohenauf war sehr auffahrend, sehr eigensinnig und sehr ungleich in ihrem Betragen. Auf ihren Adel ausserst stolz, schien sie alle Personen burgerlichen Standes fur Geschopfe von einer andern Gattung zu halten, welche sie bestandig den grossen Abstand fuhlen liess, der zwischen ihr und ihnen bleiben musse.
Und dennoch stammte sie selbst aus burgerlichem Stande. Ihr Vater, namens Saugling, war ein reicher Pachter gewesen, und ihr Bruder war ehemals ein Tuchhandler in einer Handelsstadt und erwarb nachher im Kriege durch Lieferung an die Armeen ein sehr grosses Vermogen. Dieses burgerlichen Ursprungs aber war sie nie eingedenk. Vielmehr ging ihr ganzes Tun und Lassen dahin, das Ansehen einer Dame von Stande zu erlangen und der Familie ihres Gemahls, die seit langer als hundert Jahren auf ihren angeerbten Gutern Kohl gepflanzt hatte, einen neuen Glanz zu geben. Ware es nur irgend wahrscheinlich gewesen, dass sie an einem deutschen furstlichen Hofe hatte konnen zur Cour gelassen werden, aus deren Atmosphare hochstbilligerweise alle Personen ausgeschlossen sind, die keine Ahnen aufzuweisen haben, und ware ihr Gemahl nur irgend zu etwas anderm geschickt gewesen, als auf die Jagd zu gehen, zu trinken und alle Anordnungen seiner Gemahlin zu bewundern, so hatte sie nicht eher geruhet, bis er sich mit ihr nach Hofe begeben. Hatte sie einen Sohn gehabt, so wurde sie ihn zu einem adeligen Amte erzogen haben, und sollte es auch nur eine Fahnrichsstelle gewesen sein. Da sie aber bloss Tochter hatte, so ging sie damit um, ihnen eine so galante Erziehung zu geben, dass sie durch ihr Vermogen und ihre Reize Grafen, Minister oder Generale fesseln konnten, durch welche vorteilhafte Vermahlungen sie noch hoffte, am Hofe und vielleicht im ganzen Lande in hohes Ansehen zu kommen: die grosste Gluckseligkeit, die sie sich in ihrer Einbildung vorstellen konnte!
Mariane war nun das Werkzeug, wodurch beide junge Fraulein zu so wichtigen Absichten geschickt gemacht werden sollten. Hiezu war notig, mit fertigen Lippen von nichts und uber nichts franzosisch zu plappern; alle Vorteile des Putzes ihrem Korper gemass so zu gebrauchen, damit er, es sei im nachlassigen Nachtkleide oder in der sittsamen Roberonde oder in der prachtigen Galarobe mit ausgespreizetem Panier und schwimmender Schleppe, Augen und Herzen der Kavaliere an sich ziehen musste; den Verstand aber hauptsachlich zu der wichtigen Untersuchung zu bilden, ob die eroberten Herzen behalten oder ob sie, nachdem damit eine Zeitlang wie mit einem Balle gespielet worden, in den Winkel geworfen werden sollten. Sobald sie dies alles verstanden, so hatten sie die hauptsachlichsten Wissenschaften gelernt, welche ihre Mutter jeder jungen Dame notig hielt, die in grossen Gesellschaften glanzen will.
Im Grunde schien Mariane zur Lehrerin so wichtiger Dinge nicht eben geschickt zu sein. Nach ihrem schlichten, gesunden Verstande glaubte sie, der Vorzug eines Frauenzimmers bestehe vielmehr darin, dass sie gut als dass sie schon und galant sei. Obgleich selbst sehr wohlgebildet, hatte sie doch niemals Wert darauf gesetzt, vielleicht weil ihr noch nie eine Mannsperson gesagt hatte, sie sei schon. Zum Putze hatte sie zwar, ohne es zu wissen, eine naturliche Geschicklichkeit, indem ihr alles sehr wohl anstand, was sie selbst anlegte oder fur andere wahlte, welches den Friseur Picard bewog, sie fur eine wirkliche Franzosin zu halten; aber sie hatte den Putz noch niemals gebraucht, um Absichten damit zu erreichen. Sie kannte die Reize der grossen Welt nicht und verlangte auch nicht, sie zu kennen, denn ihre massigen Wunsche waren bisher sehr leicht befriediget worden. Ihr hochster Wunsch war vorher, die Liebe ihrer Eltern zu verdienen, und jetzt, ihre Pflicht zu erfullen.
Wenn Mariane eine schlechte Lehrerin war, so waren die beiden Fraulein ebenso schlechte Schulerinnen, denn sie hatten zum vornehmen Leben gar keine Anlage. Sie waren ein paar gute Landmadchen mit roten Backen, die vor Gesundheit strotzten. Auf dem Hofe herumzuspringen oder des Abends die blokenden Herden eintreiben zu sehen war ein Fest fur sie. Im leichten Rockchen und im glatten Nachthaubchen mit himmelblauem Bande umsteckt gefielen sie sich besser als in dem reichen Anzuge eines stoffenen Schnurkleides mit Pompons besetzt. Wenn Picard seine ganze Kunst an ihren Kopfen beweisen wollte, ward ihnen die Zeit lang; sie gahnten oder sprangen auf und liefen ein paarmal in der Stube herum oder haschten einen Schmetterling, der eben zum Fenster hereingeflogen war. Wenn ihre Mutter, wie es oft geschah, Assembleen hielt, wo in dem schon erleuchteten grossen Saale der wohlgeputzte benachbarte Adel mit dem ernsten Geschafte, die Zeit zu toten, an zwanzig Spieltischen beschaftigt war, schlich sich die alteste Fraulein, Adelheid, oft in den Garten, die untergehende Abendsonne zu betrachten, den Nachtigallen zuzuhoren oder den Duft der Nachtviolen und des Jasmins einzuziehen. Sie hatten beide keinen glanzenden Verstand, wenn es glanzender Verstand heisst, uber alle Gegenstande vorschnell und mit Selbstgenugsamkeit ein Redespiel zu halten, noch lebhaften Witz, wenn es lebhafter Witz heisst, Grunde mit Einfallen beantworten und mit Hohngelachter diejenigen aufziehen, die verstandiger sind als wir. Aber sie hatten den gesunden Verstand, der sich mit Bescheidenheit und mit Lehrbegierde wohl vertragt, und so viel Anteil an Witz und Scharfsinn, als notig ist, Gegenstande im Gesprache anschaulicher darzustellen. Von dem Stolze ihrer Mutter, der sich auf Verachtung anderer grundete, besassen sie gar nichts. Sie empfanden die Vorzuge ihres Standes bloss alsdann, wenn sie dadurch Gelegenheit hatten, wohlzutun, Almosen auszuteilen oder einem Bedienten, der etwas versehen hatte, bei ihren Eltern Vergebung zu erbitten.
Durch so ahnliche Gemutsart entstand bei der Lehrerin und den Schulerinnen sehr bald eine wechselseitige Zuneigung. Diese Ubereinstimmung machte auch das mutterliche Verbot ganz unnotig, dass den Fraulein nicht strenge begegnet werden sollte; aber uberhaupt nahm ihre Erziehung eine Wendung, die den Absichten der Frau von Hohenauf nicht vollig gemass schien. In den Lehrstunden war anstatt vom adeligen Stande, von der decence und von artigen Manieren vielmehr sehr oft die Rede von den Pflichten gegen Gott und die Nebenmenschen. Anstatt zu lehren, wie ein Schminkpflasterchen mit Koketterie zu legen oder wie eine affaire de cur am rechten Ende einzufadeln sei, worin die gute Mariane ohnedies sehr unwissend war, suchte sie den Kindern vielmehr einzupragen, dass sie ihren Geist mit nutzlichen Kenntnissen auszieren und ihr Herz der Wohltatigkeit und der Menschenliebe bestandig offen erhalten mussten. Die "Lettres d'une religieuse portugaise" wurden daher sehr bald von Basedows "Elementarbuch" und "Hippolyte Comte de Douglas" von Reimarus' "Naturlicher Religion" verdranget.
Hieraus ist leicht abzunehmen, dass anstatt der gebotenen franzosischen sehr oft die verbotene deutsche Lektur insgeheim werde uberhandgenommen haben. Mariane besass viel zuwenig monde, um einzusehen, dass jungen deutschen Damen die deutsche Sprache ganz unnotig ist. Sie hatte noch keinen Begriff davon, dass man, um standesmassig zu leben, in seinem eigenen Vaterlande fremde werden musse. Wie konnte es auch anders sein? Die grosse Welt kannte sie sowenig als die jungen Fraulein, welche sie unterrichten sollte; sie glaubte treuherzigerweise, man lebe nur, um selbst besser zu werden und um andere Menschen glucklicher zu machen. In solchen spiessburgerlichen Grillen wollte sie auch ihre Fraulein erziehen; daher war der Schaden eben so gross nicht, wenn sie auch Deutsch mit denselben las, indem sie doch die franzosische Lektur nicht avec gout zu wahlen wusste. Sie las lieber "L'ami de ceux qui n'en ont point" als "Les egarements de l'esprit et du cur" und lieber "Memnon, histoire orientale" als die "Lettres de Ninon Lenclos" oder den "Almanach de toilette". Mit diesem Geschmacke stimmte der Geschmack der jungen Fraulein nur allzusehr uberein; denn wenn diese im "Mercure de France" blatterten, so uberschlugen sie meistens alle pieces fugitives, chansons, enigmes, logogriphes und presentations und verweilten sich bei einem "Conte moral" von Marmontel oder la Dixmerie, die damals einzeln im "Mercure" zu erscheinen pflegten, oder suchten einen zuweilen eingeruckten trait de bienfaisance auf.
In diesem allen fand sich noch sehr wenig du bon ton, welches doch die Hauptsache war, wozu die Frau von Hohenauf ihre Fraulein wollte angefuhrt wissen. Es ist also leicht zu erachten, dass sie mit einer so burgerlichen Erziehung schwerlich zufrieden sein konnte. Schon in den ersten vier Wochen schien es beinahe, dass sie ihre neue franzosische Mamsell sehr bald wieder abschaffen wurde, denn sie gab derselben bei aller Gelegenheit bittere Verweise und tadelte alle ihre Anordnungen. Die Fraulein schienen ihr bloder, seit sie bei Marianen waren, hatten gar keine bonne grace, hatten gar keinen esprit, antworteten zu langsam und zu kurz, wenn man sie fragte; ungefragt plauderten sie sehr selten, wussten ihre Reverenz nicht abzumessen und beugten die Knie tief gegen einen Verwalter oder homme d'affaires, wo ein Kopfneigen oder ein nachlassiger Knicks im Vorbeigehen hinlanglich gewesen ware.
Ausser andern Erfordernissen, die Marianen mangelten, um eine gute franzosische Mamsell zu sein, fehlte es ihr freilich auch an der den franzosischen Hofmeisterinnen so gewohnlichen Politik, allen Leidenschaften der hochadeligen Mutter zu schmeicheln, alles dreifach zu loben, was die Mutter an den Kindern lobt, ihren eignen oder fremden Witz die Kinder auswendig lernen zu lassen und sie zu gewohnen, denselben mit dreister Naseweisheit in Gesellschaft an Mann zu bringen, wodurch denn jedermann, der zu leben weiss, uber die fruhzeitigen Gaben der Kinder erstaunt, der Mutter uber das kleine Wunderwerk, das sie unter ihrem Herzen getragen hat, ein verbindliches Kompliment macht und auch nicht vergisst, der Mamsell im besten zu gedenken.
Hiervon wusste Mariane gar nichts. Sie war vielmehr beim Antritte ihres Amts so unerfahren, dass sie ihren Fraulein eine anstandige Bescheidenheit anpries, eine gar nicht glanzende Eigenschaft, welche die Frau von Hohenauf hochstens von ihren Bedienten forderte. Sie wurde also Marianen sehr bald uberdrussig geworden sein ohne einen kleinen Umstand, wovon in keinem der Systeme der Padagogik18, in welchen noch ein Kapitel von franzosischen Mamsellen befindlich ist, ein einziges Wortchen angetroffen wird.
Mariane hatte von Jugend auf eine grosse Sorgfalt fur ihre eigne Person getragen und hielt sich uberaus reinlich in Kleidung und Wasche. Sie besass die naturliche Gabe, allen weiblichen Putz sogleich nach dessen Bestandteilen zu ubersehen, also auch ihn nachzumachen, nach ihrem Geschmacke zu verbessern und neuen zu erfinden. Dieses Talent kam ihr jetzt sehr wohl zustatten. Wenn ihre Fraulein besonders fleissig und gehorsam waren, so belohnte sie ihren Fleiss mit einem nach neuer Mode gesteckten Kopfzeuge oder anderm Frauenzimmerputze, den sie so zu wahlen wusste, dass dadurch derselben naturliche gute Leibesgestalt mehr erhoben und in kurzer Zeit ihr ganzer alter Putz mit neuem nach dem besten Geschmacke verwechselt wurde. Den scharfsinnigen Augen der Frau von Hohenauf entging eine so wichtige Veranderung nicht, sondern gereichte ihr vielmehr zu so grossem Wohlgefallen, dass sie Marianen wegen ihrer Geschicklichkeit im Putzmachen den Vorwitz, die Seelen ihrer Fraulein bilden zu wollen, zu vergeben anfing. Doch die Gunst ward noch grosser, als, durch so glucklichen Erfolg aufgemuntert, Mariane es wagte, fur die Frau von Hohenauf selbst zu arbeiten, die bisher ihren samtlichen Putz aus der ersten Quelle, aus Paris, verschrieben hatte. Sie brachte eine comete aux zephyrs19 zustande, die in der nachsten Assemblee ein grosses Aufsehen unter den Damen machte, weil Frau von Hohenauf wenigstens um sechs Jahr junger aussah. Man kann leicht denken, dass dies wichtige Verdienst Marianens Talente zur Erziehungskunst in ein vollig neues Licht setzte. Man fuge hinzu, dass Mariane die Fraulein, die vorher in ihrer Kleidung etwas nachlassig, ja zuweilen unreinlich gewesen waren, durch ihr eigenes Beispiel zu der Frauenzimmern so anstandigen Nettigkeit im Anzuge gewohnte. Man fuge hinzu, dass sie die jugendliche Wildheit der Fraulein, die an das, was wohlanstandig ist, vorher noch nie gedacht hatten, durch kleine leutselige Erinnerungen bis zu der kindlichen Freimutigkeit massigte, die mit Bescheidenheit und Sanftmut sehr wohl bestehen kann. Man fuge endlich noch hinzu, dass die Fraulein wenigstens in ihrer Mutter Gegenwart bestandig franzosisch redeten und in ihrer Fertigkeit in dieser Sprache sichtlich zunahmen; und man wird begreifen, dass die Frau von Hohenauf im zweiten Monate mit ihrer franzosischen Mamsell weit zufriedener war als im ersten. Wenn sie ja an den Fraulein etwas fand, das sie fur bas und bourgeois hielt, so nahm sie sich die Muhe, ihnen selbst daruber einen Verweis zu geben. Sie setzte zuweilen die nachsichtsvolle Anmerkung hinzu, dass man freilich von ihrer Mamsell nicht alles fordern konnte, weil sie nicht de qualite sei, wodurch sie in gedrungener Kurze zugleich Marianen tadelte und ihren eigenen Vorzugen ein verbindliches Kompliment machte.
Dritter Abschnitt
Im dritten Monate von Marianens Aufenthalte bei der Frau von Hohenauf bekam diese einen Besuch von ihrem Neffen, dem Sohne des Tuchhandlers Saugling. Die Bedienten wurden befehligt, ihn Ew. Gnaden zu nennen, und sie stellte ihn allem benachbarten Adel unter dem Namen des Herrn von Saugling vor. Dieser junge Mensch war mit seinen Universitatsstudien halb fertig, denn er hatte schon zwei Jahre auf einer Universitat zugebracht, und es kam nur noch darauf an, dass er ein oder zwei Jahre auf einer andern zubrachte, wohin ihn sein Vater den kunftigen Fruhling mit einem neuen Hofmeister senden wollte, den er fur ihn selbst ausgesucht hatte. Der Sohn hatte den Plan gemacht, sich mit Genehmhaltung seines Vaters den Winter uber auf seiner Tante Gute aufzuhalten. Weil sie von Adel war und mit dem benachbarten Adel viel Umgang hielt, der wie sie den Aufenthalt auf dem Lande nicht mit landlichen Vergnugungen zubrachte, sondern nach stadtischer Etikette, mit Besuchen, Gastmahlen, Assembleen, Spielpartien und Ballen, so glaubte er, hier Kenntnis der grossen Welt zu erlangen und alles, was sich vom Schulstaube noch etwa an ihm finden mochte, rein abzuschutteln.
Dieses Schulstaubes konnte nicht so gar viel sein, denn er hatte, als ein reicher Jungling, sich nicht auf Brotstudien gelegt und noch weniger sich mit den alten Sprachen und mit trocknen wissenschaftlichen Lehrgebauden beschaftigt, sondern seine Studien waren angenehm und bestanden in Kollegien uber die belles lettres und in fleissigem Lesen aller deutschen Poeten, sonderlich derjenigen, die Freude, Wein und Liebe besungen haben. Uberdies hatte er Franzosisch, Englandisch und Italienisch gelernt und war in den Dichtern und besten Kritikern, welche in diesen Sprachen schrieben, nicht unbelesen.
Er hatte sehr viel Gedichte an Phyllis und Doris gemacht, und dies blieb noch bestandig, nebst der Sorge fur seinen Anzug, seine vornehmste Beschaftigung. Dabei hielt er sehr viel von seiner eignen kleinen Person, die daher auch bestandig geputzt, geschniegelt und auf vier Nadeln gezogen war. Es konnte nicht fehlen, dass er dadurch sich selbst sehr wohl gefiel; nachst diesem aber war sein hauptsachlichstes Augenmerk, dem Frauenzimmer zu gefallen, daher er moglichst alle Gesellschaften vermied, die bloss aus Mannspersonen bestanden. In vermischten Gesellschaften sass er allemal einem Frauenzimmer zur Seite und, wenn er wahlen konnte, allemal bei der, die den sanftesten Blick hatte. Er bewunderte, um Bekanntschaft zu machen, ihre Arbeit, die sie eben verfertigte, lobte ihr wohlgestecktes demi-ajuste20 und sagte ihr uber einen assassin tausend artige Sachen. Von da ging er unvermerkt zum Erforschen ihres Verstandes uber. Er sagte ihr mit sanft lispelnder Stimme, er sehe die kleinen Amorn und Amoretten auf ihrem postillon auf- und niedersteigen und sich unter den Falten ihrer respectueuse verbergen oder andere dergleichen niedliche Imaginationchen. Wenn er nun merkte, dass sie Verstand und Geschmack genug hatte, mit seinen lieblichen Empfindungen zu sympathisieren, so fing er gemeiniglich an zu stammeln, sah etwas schafmassig aus und langte sodann aus seiner Tasche einige von seinen Gedichten, die er ihr vorlas, wobei er von Zeit zu Zeit mit seitwarts schielenden Augen die Wirkung seiner Geistesfrucht zu erforschen suchte. Erhielt er ein ruhiges Gehor und durch einen lachelnden Mund und ein sanftes Kopfneigen gutigen Beifall, so hatte er ein vergnugtes Tagewerk gehabt. Empfing er aber eine laute Bewunderung, bat man sich eine Abschrift des Gedichts aus oder bemerkte er gar, dass der Busen seiner Zuhorerin sich zu einem Seufzer emporhob oder dass sie aus blauen Augen (denen er, als seinem eigenen schmachtenden Charakter am gemassesten, vor allen andern den Vorzug gab) einen empfindsamen Blick auf ihn schiessen liess, so zerfloss er in sanften Empfindungen, uberliess sich ganz einer zerschmelzenden Zartlichkeit und war von dem Augenblick an der Sklave der Schonheit, die so gut zu empfinden wusste, was er gedacht hatte. Er holte alsdann aus der Begeisterung ihrer Augen Stoff zu neuen Gedichten, und je mehr ihm diese gefielen, desto mehr gefiel ihm die Schone, die sie veranlasst hatte und an die sie gemeiniglich gerichtet wurden.
Doch so zartlich seine Liebe war, pflegte sie nicht allzulange zu dauren. Nicht als ob er unbestandig gewesen ware, sondern weil der Gegenstand seiner Zartlichkeit gewohnlich nach einiger Zeit seine Gedichte nicht mehr so feurig verlangte und wohl gar unvermerkt das Vorlesen zu vermeiden suchte. Sobald er dies merkte, ward er sehr traurig, klagte den Waldern und den Fluren sein Leiden, trostete sich aber, wenn ihm ein zartliches Liedchen uber die Untreue seiner Chloris gelang, und fand gemeiniglich um diese Zeit eine andere Zuhorerin, mit der ebenderselbe Roman von vorn an gespielt ward.
Dieser kleine Mann schien freilich denjenigen, die seine zuckersussen Empfindungen nicht ganz nachempfinden konnten, etwas ungeschmackt21, aber sonst war er das unschadlichste Geschopfchen unter der Sonne. Er tat nie etwas Boses, war nachgebend, gefallig, mitleidig und gutherzig, beleidigte kein Kind, und, beleidigt, war er nie geneigt, sich zu rachen; kurz, er war aller guten Eigenschaften fahig, zu denen nicht notwendig Starke des Geistes erfordert wird. Wenn es wahr ist, dass durch die Poesie das Herz ihrer Liebhaber weich wird, so war sie es vermutlich, die sein Gemut so breiweich gemacht hatte, dass es einer herzhaften Tat oder einer kraftvollen Entschliessung sowenig im guten als im bosen fahig war. Seine lebhafteste Empfindung war immer die Begierde, seine Gedichte, und besonders vom Frauenzimmer gelobt zu sehen. Dieser Absicht wegen war sein Kleid immer nach der neuesten Mode geschnitten, sein seidner Strumpf milchweiss und seine Spitzenmanschetten kaffeebraun gewaschen, dieser Absicht wegen sagte er zuerst seinen Nachbarn und Nachbarinnen verbindliche Dinge vor, war gefallig, nachgebend, kam jedermann mit Hoflichkeit zuvor und pries mit gleicher Behendigkeit bei den modischen Schonen das Putzwerk, bei den Tugendhaften die Tugend und bei den Witzigen den Witz. War er aber gleichwohl so unglucklich, seine Absicht nicht zu erlangen, so war er viel zu bescheiden, um jemand anders als den stillen Wanden sein Leid zu klagen, und viel zu gutherzig, um diejenigen, denen seine Gedichte nicht gefielen, zu hassen. Sobald er nur wirklich merkte, dass jemand seine Gedichte beschwerlich waren, so drang er sie ihm nie auf. Wenn er daher zur Last fiel, geschah es sicherlich ohne sein Wissen; denn seine Absicht war allemal, Vergnugen und Zufriedenheit, die er in so grossem Masse in sich selbst fand, durch seine Gedichte auch um sich herum zu verbreiten.
Vierter Abschnitt
Ein Kenner der Verdienste des schonen Geschlechts, so wie Saugling, musste Marianen unter den ubrigen im Hause vorhandenen Frauenzimmern sehr bald vorteilhaft unterscheiden, zumal da sie, gleich ihrer Mutter Wilhelmine, bei schwarzen Haaren die schonsten hellblauen Augen hatte. Es war keine von den andern weiblichen Personen mit ihr nur in Vergleichung zu stellen, denn die Frau von Hohenauf hatte grosse graue Augen mit langhaarigten Augenbramen; das Kammermadchen besass ein Paar flachgeschlitzte Augen, aus deren Winkeln bestandig ein Paar matte rotgelbe Augapfel liebaugelten; die beiden Fraulein waren noch allzu jung, und die ubrigen weiblichen Geschopfe waren unter der Notiz eines feinen Mannes wie Saugling. Hierzu kam, dass bei der ersten Unterredung Mariane untrugliche Kennzeichen ihres guten Geschmacks merken liess, wodurch Saugling Herz bekam, ihr ein Gedicht vorzulesen, welches Mariane mit so grossem Beifalle anhorte und dessen Schonheiten so fein hervorzusuchen wusste, dass unser Mannchen vor Entzucken ausser sich war.
Dies veranlasste eine nahere Bekanntschaft, in der Saugling bald Marianens vor der Frau von Hohenauf bisher so geheimgehaltene Bibliothek von guten deutschen Buchern entdeckte. Er erstaunte nicht wenig, eine Franzosin so aufmerksam auf die deutsche Literatur zu finden. Da er gewohnt war, alles, was er sah, auf seine kleine Person zuruckzufuhren, so fiel er schnell darauf, wie moglich es sei (wenn er, wie er zuverlassig hoffte, unter den besten Dichtern Deutschlands einen Platz verdienen wurde), dass sein Ruhm auch ausser Deutschland sich ausbreiten, dass seine Gedichte ins Franzosische ubersetzt und von den Damen an allen Hofen Europens gelesen werden konnten. Er wusste es Marianen Dank, dass sie zuerst eine so schmeichelhafte Hoffnung in seiner Seele erreget hatte, und dies zog das Band der angefangenen Bekanntschaft noch fester zusammen.
Mariane auf ihrer Seite sah ihn auch gern, denn er war ein feiner und bescheidener junger Mensch, der sie mit Poesie, wozu ihr die Neigung mit der Muttermilch war eingeflosst worden, angenehm unterhielt. Ausserdem war er die erste Mannsperson, die ihr gesagt hatte, dass sie schon sei und dass ihre blauen Augen mit sanfter, herzruhrender Kraft wirkten; und auch ein sittsames und ganz philosophisches Frauenzimmer wird eine solche Nachricht aufs hochste mit einem kleinen Verweise bestrafen.
Die Kenner wollen bemerkt haben, die erste Vereinigung zwischen jungen Personen zweierlei Geschlechts bleibe selten lange so, wie sie war, und trenne sich entweder bald oder pflege nicht allein bestandig unvermerkt fortzurucken, sondern auch zuweilen, durch einen ganz kleinen Umstand, mit einem so starken Sprunge fortzuschreiten, dass diejenigen, denen das verborgene Ding, das menschliche Herz, nicht genau bekannt ist, glauben mochten, es geschehe durch eine Art von Zauberei. Dies war der Fall mit Sauglingen und Marianen, die bei einer unvermuteten und dem Anscheine nach ganz geringen Veranlassung von einer blossen Bekanntschaft und wechselseitigen Hochachtung zur Freundschaft und beinahe zu mehr als Freundschaft ubergingen.
Es fiel in den Wintermonaten der Geburtstag der Frau von Hohenauf ein. Mariane hatte im Sinne, eine gewisse Absicht durchzusetzen, womit einige Schwierigkeiten verknupft waren; dies brachte sie, zum erstenmal in ihrem Leben, auf den Gedanken, ihren Zweck durch einen Umweg zu erreichen. Sie sann deshalb ein kleines Fest aus, womit dieser Geburtstag sollte gefeiert werden, und teilte ihre Gedanken Sauglingen als einem Poeten mit, der ganz entzuckt daruber war, einen Anlass zu haben, seine Talente im Drama zu zeigen, da er bisher nichts als kleine Liederchen gedichtet hatte. Er machte einen Plan zu einem mythologisch-historischen Schaferspiele von drei Personen, der Marianens Beifall erhielt. Hierauf waren alle insgeheim sehr geschaftig: Saugling, sein Spiel in Verse zu bringen, die Kinder, sie zu lernen, und Mariane, fur Fraulein Adelheid die Tracht einer Nymphe und fur die jungste Fraulein und den kleinen Sohn des Predigers im Dorfe Schaferkleider zu verfertigen.
Am Tage des Geburtsfestes war die Gesellschaft sehr glanzend, denn es waren die Standespersonen aus der ganzen umliegenden Gegend zusammengebeten. Nach der Mittagstafel wurden sie unter einem andern Vorwande in das Orangeriehaus gefuhret und durch eine Symphonie uberrascht, indem sich der Schauplatz offnete. Er stellte entweder die elysaischen Felder oder die hesperischen Garten vor und bestand aus acht grossen, bluhenden und fruchtetragenden Pomeranzenbaumen, die Hinterwand aber war von dem Gartner mit Wintergrun und Blumenkranzen zusammengesetzt. Die Kinder traten auf, an deren Putze Mariane ihren ganzen Geschmack und an deren Kopfen Picard seine ganze Kunst erschopft hatte. Dies machte, dass das Spiel den Beifall der Frau von Hohenauf erhielt, wozu auch nicht wenig beitragen mochte, dass sie darin als eine Gottin und ihr Geburtstag als ein Gotterfest vorgestellt war.
Die ganze Gesellschaft erteilte einen lauten Beifall; und da die Kinder nach Endigung des Spiels in ihrem Anzuge vom Theater herabstiegen, wurden sie von jedermann und auch von der Frau von Hohenauf mit Liebkosungen uberhauft. So wie sie alle Dinge aus ihrem eigenen Gesichtspunkte betrachtete, so konnte sie nicht genug bewundern, wie naturlich der Schaferhabit dem kleinen Predigersohne stande; aber sie fand, dass ebendiese Art von Kleidung ihr jungstes Fraulein verstelle, ob sie gleich, mit einem gnadigen Kopfneigen gegen Marianen, bemerkte, die Arbeit daran ware sehr artig. Fraulein Adelheid hingegen, in ihrer von Zindel und Flittern glanzenden Nymphentracht, hatte ihren ganzen Beifall. Sie umarmte sie und spielte mit ihren uber den Busen gelegten falschen Locken, die ihr prinzessinnenmassig vorkamen.
"Dieser majestatische Anzug schickt sich besser fur ein Fraulein deines Standes", sagte sie, "als das Schaferkleid deiner Schwester."
Die kleine Adelheid, die ihrer Schwester den leichten fliegenden Anzug und die naturlich herabfallenden Locken beneidet hatte, schlug die Augen nieder und durfte nicht widersprechen.
"Nicht wahr, mein Kind", fuhr die Mutter fort, "nicht wahr, ein Schmuck von Juwelen wurde dir besser stehen als dieser schlechte Blumenkranz?"
"Ach nein, gnadige Mama, er wurde doch nicht so schon riechen als die Blumen."
"Einfaltiges Kind! Was ist Geruch gegen Glanz? Du hast gespielt wie ein Engel, ich muss dich dafur belohnen. Eine Zitternadel ..."
Hier erinnerte sich die kleine Adelheid einer Rolle, die ihr, ausser der von Sauglingen aufgeschriebenen, von Marianen mundlich aufgetragen war.
Es hatte ein armer Pachter eines Bauerguts auf des Herrn von Hohenauf Wildbahn geschossen. Der Jager hatte ihm das Gewehr weggenommen. Seit sechs Wochen lag er im Gefangnisse, und man machte ihm den Prozess, um ihn an die Karre schmieden zu lassen. Indes der Wirt und Versorger des Hauses fehlte, schmachteten seine Frau und funf Kinder im Elende. Die gutherzige Mariane hatte ihnen, so gut sie konnte, beigestanden. Sie hatte auch langst gern fur den armen Gefangenen eine Vorbitte eingelegt, aber sie empfand, dass sie es ohne Hoffnung des Erfolgs wagen wurde. Sie hatte daher zuerst darauf gedacht, dieses Fest anzustellen, um dabei durch Fraulein Adelheid, den Liebling ihrer Mutter, die Loslassung des Gefangenen zu bewirken, wenn ihre Eltern, durch das Vergnugen des Festes in gute Laune gebracht, geneigter sein mochten, ihr Herz dem Mitleide zu offnen.
Fraulein Adelheid hatte also kaum gehort, dass sie fur ihr Spielen belohnt werden sollte, so ergriff sie diese Gelegenheit begierig, fiel ihrer Mutter zu Fussen und rief aus: "Ach, gnadige Mama, wenn Sie mich belohnen wollen, so lassen Sie mich selbst die Belohnung wahlen. Geruhen Sie, mir eine einzige Bitte zu gewahren, schlagen Sie mir nicht ab, was ich Sie bitten will."
"Was verlangst du, mein Kind? Ich kann dir nichts abschlagen."
"Oh, meine gnadige Mama, so erbarmen Sie sich einer armen Frau und funf Kinder, alle noch viel kleiner, viel unerzogener als ich und die ihren Vater so notig haben. Bitten Sie den gnadigen Papa, dass er den armen Jakob loslasse, der im Gefangnisse liegt; geben Sie das Geld fur die Zitternadel, die Sie mir zugedacht haben, seiner armen Frau und Kindern."
"Fraulein", sagte die Frau von Hohenauf mit einem Angesichte voll kalten Ernstes22, "was geht mich und dich das Diebsgesindel an?"
"Ach, gnadige Mama, wenn Sie sehen sollten, wie elend die Leute sind, wie sie an allem Mangel leiden, was wir im Uberflusse haben, wie sie frieren, wie sie hungern, wie drei von den Kindern auf elendem Strohe krank liegen."
"Madchen, woher kannst du dies wissen?"
"Ach, ich habe es gesehen, liebste, beste Mama, ich habe es selbst gesehen."
"Gesehen? Ich erstaune ganz; wie kommst du mit dem Lumpenpacke zusammen? Gleich gestehe es mir, ich will es wissen!" Fraulein Adelheid, stammelnd, blickte Marianen an, die ihre Augen niederschlug. Die Frau von Hohenauf wiederholte ihren Befehl, und das Fraulein berichtete:
"Ach, meine Mamsell hat mich hingefuhrt. Sie glauben nicht, gnadige Mama, wie gut sie ist, sie hat die armen Leute schon seit sechs Wochen erhalten, dass sie nicht vor Hunger und Frost umgekommen sind. Ach, ich habe auch gern mein ganzes Spargeld hingegeben, mehr konnte ich nicht, aber Sie, gnadige Mama, konnen mehr, Sie konnen die Kinder glucklich machen, wenn Sie den Vater loslassen."
"So, Mademoiselle", sagte Frau von Hohenauf, indem sie Marianen mit selbstgefalliger Wurde uber die linke Achsel ansah, "Sie fuhrt meine Fraulein in schone Gesellschaft, um Lebensart und monde zu lernen."
"Ach, gnadige Mama ..."
"Schweig still, das verstehst du nicht. Es sind Diebe, die deines Vaters Forsten bestohlen haben, sie mussen hart gestraft werden, damit sich das andere Gesindel daran spiegele."
"Ach, der arme Jakob verspricht Besserung, er will kunftig lieber hungern als Wild schiessen. Aber, gnadige Mama, die Kinder, die armen kleinen Kinder hatten nichts zu essen."
"Schweig! Um solch Lumpengesindel musst du dich nicht bekummern."
"Ach, liebste Mama", rief Fraulein Adelheid schluchzend, "es sind Gottes Geschopfe, Menschen wie wir und unglucklich!"
"Fi, Fraulein, ist das auch eine von den schonen Lehren, die dir deine Mamsell gibt? Menschen wie du? Du bist von Stande, die Bauern nicht, sage mir kein Wort mehr hievon."
"Ach, gnadige Mama, sie bauen ja das Getreide, das wir essen. Mein Grosspapa ist ja auch ein Pachter gewesen, erbarmen Sie sich Grosspapa ist ja auch wohl arm gewesen, ehe er reich ward."
Eine derbe Ohrfeige von der Hand der in ausserste Wut gesetzten Mutter unterbrach das gute Kind. Bisher war dies wichtige genealogische Geheimnis jedermann, soviel wie immer moglich, verborgen worden; und hier ward es offentlich, in einer grossen Gesellschaft von turnier- und stiftsfahigem Adel beiderlei Geschlechts ausgeplaudert! Dies war freilich ein niederschlagender Vorfall, zumal da in dem Gesichte mancher Umstehenden, denen das Bewusstsein von sechzehn reinen Quartieren ein gut Gewissen gab, einige Mienen ein wenig Schadenfreude uber diese Demutigung einer mesallierten Familie erkennen zu geben schienen.
Die Frau von Hohenauf wollte noch einige Minuten Kontenance halten und fragte das Fraulein mit zorniger Miene, wer ihr solch dummes Zeug in den Kopf gesetzt hatte.
Das Kind konnte auf wiederholtes Befragen nicht leugnen, es von ihrer Mamsell gehort zu haben. Dies brachte die Frau von Hohenauf aufs neue in Wut. Sie befahl Marianen, ihr den Augenblick aus den Augen zu gehen, stiess ihre Tochter von sich und wurde ihr vielleicht nochmals ubel begegnet haben, wenn sie nicht die umstehenden Damen in Schutz genommen und der Frau von Hohenauf durch allerhand Grunde zugeredet hatten, dem Kinde ein unbedachtsames Wort zu vergeben und, einem so vergnugten Tage zu Gefallen, vielmehr ihre Bitte zu gewahren. Aber die Frau von Hohenauf ward durch diese Vorstellungen sehr wenig besanftigt, ob sie gleich sich zwingen und mit verbissenen Lippen hofliche Antworten geben musste.
Endlich wendete sich die Grafin von ***, die unter den Vorbitterinnen sich am geschaftigsten erwiesen hatte, an den Herrn von Hohenauf, der bei der ganzen Szene sich noch nicht getrauet hatte, ein Wort zu aussern. Sie bat ihn, dem Geburtsfeste seiner Gemahlin zu Ehren, den Gefangenen loszulassen.
Der Herr von Hohenauf, mit eiskaltem Schweisse vor der Stirne, konnte mehr nicht als ein gestammeltes "In der Tat ... meine gnadige Grafin ..." hervorbringen. Es war ihm wirklich gleich unmoglich, einer so vornehmen Dame eine so kleine Bitte abzuschlagen als wider den ausdrucklich erklarten Willen seiner Gemahlin etwas zu tun.
Die Grafin, die ihren Mann sogleich ubersah, wendete sich abermal an die Frau von Hohenauf, nahm sie bei der Hand und sagte mit liebreizender Miene: "Die Gottinnen konnen nicht Rache halten, sondern lieben die Vergebung. Kein Gotterfest kann ohne Wohltun vollbracht werden. Ich fordere den Gefangenen von Ihnen als ein Dessert bei der Abendtafel; wollen Sie uns ohne Dessert lassen nach Hause fahren?"
Die Frau von Hohenauf hatte unter diesen Reden Zeit gehabt, sich zu besinnen, was der Anstand erfordere; sagte also mit gezwungen verbindlicher Miene: "Sie verlangen von mir eine Sache, wider die ich gar nichts einzuwenden habe, sondern die bloss von dem Herrn von Hohenauf abhangt. Der ist Erb-, Lehnsund Gerichtsherr."
"Nun, mein gnadiger Herr von Hohenauf", sagte die Grafin, indem sie sich zu ihm wendete, "habe ich eine Fehlbitte getan?"
Dieser, mit einem Male seit einer halben Viertelstunde wieder tief frische Luft schopfend, machte einen sehr tiefen Reverenz und murmelte einige Worte her, die, obgleich unverstandlich, doch nichts anders als seine Einwilligung bedeuten konnten.
Sobald die Grafin davon gewiss war, so riss sie Sauglingen, der uber dem grossen Larmen voll Todesangst dagestanden hatte, den Hut aus den Handen, warf einige Karolinen hinein und gab ihn ihm zuruck. Dieser, erfreut uber den Wink, ahmte ihr nach und ging mit dem Hute in der Hand zu allen anwesenden Gasten, in der ehrenvollen Beschaftigung, fur bedurftige Ungluckliche eine Beisteuer zu sammeln, schamte sich auch nicht, aus Freuden uber den glucklichen Ausgang einer Sache, uber die ihm von Anfange an das Herz geklopft hatte, manche Trane fliessen zu lassen, worin ihm die Grafin und noch mehrere schone Augen Gesellschaft leisteten. Indem dieses geschah, fuhrte die Grafin die zitternde Adelheid zur volligen Versohnung in ihrer Mutter Umarmung und erhielt auch, mit einiger Muhe, fur Marianen die Erlaubnis, wieder zu erscheinen und durch Kussung des Rocks der Frau von Hohenauf um Vergebung zu bitten, dass sie menschlich gedacht hatte.
Die Gesellschaft ging darauf in den grossen Saal, um sich zum Spiele zu setzen. Saugling aber, der sich ein viel susseres Vergnugen vorbehielt, schlich nach dem Hinterhofe, liess einen Wagen anspannen, erlosete den ganz betaubten Jakob aus dem Gefangnisse, fuhrte ihn selbst wieder zu seiner bisher verlassenen Familie und schuttete die ansehnliche Summe, die er fur sie gesammelt hatte, in den Schoss der Hausmutter aus, die bei so vielem Glucke, das auf so viel Ungluck so schnell folgte, vor Freuden verstummte. Er genoss die Wollust, das Haus des Elends und des Klagens in ein Haus der Freude verwandelt zu sehen, genoss den stammelnden Dank des Hausvaters und der Hausmutter, empfand den Druck der kleinen Hande der Kinder, die vor Freude weinend an seine beiden Seiten hingen, und neigte sich liebreich zu den lallenden kleinen Kranken, die, von ihren Eltern ermuntert, aus dem Strohlager ihre matten Hande emporzuheben suchten, um ihrem Wohltater zu danken.
Er hatte sehr gern Marianen mitgenommen, um sie diese susse Szene, die Frucht ihrer menschenfreundlichen Anlage, mit geniessen zu lassen, wenn er nicht die Denkungsart seiner Tante allzu genau gekannt hatte. Er hatte ein fur schone Handlungen empfindliches Herz, und obgleich seine kleine Eigenliebe nicht ermangelte, ihm daruber ein Kompliment zu machen, dass dieser Endzweck durch sein Drama erreichet worden, so war er doch durch Marianens grossmutige Gesinnungen, deren ganzes Verdienst um die ungluckliche Familie er jetzt erst in seinem volligen Umfange erfahren hatte, ausserst geruhrt. Er stieg bei seiner Zuruckkunft sogleich in ihrem Zimmer ab, und nachdem er ihr von seiner kurzen Fahrt Bericht erstattet hatte, liess er seiner warmen Empfindung freien Lauf, er pries sie als die Ehre ihres Geschlechts, als die schonste Seele, welche ihrer Tugend wegen das glucklichste Schicksal verdiente.
Mariane, voll von dem heitern Vergnugen des edelmutigen Wohltuns, aber von allem Dunkel entfernt, sagte: "Loben Sie mich einer Kleinigkeit wegen nicht allzusehr! Ich habe nur eine sehr gemeine Pflicht beobachtet; denn Sie werden doch nicht glauben, dass eine weibliche Seele solcher Empfindungen weniger fahig sei, die billig ein jeder Mensch haben sollte."
Indem sie dieses sagte, warf sie, ohne es selbst zu wissen, auf Sauglingen einen Blick, der seine ganze Seele traf, einen Blick, wovon diejenigen, die er jemals traf, versichern, dass er tief empfunden werde, aber dass sich seine Wirkung nicht beschreiben lasse. Professor Stiebritz, der Wolffische Philosoph, wurde ihn vielleicht folgendermassen definiert haben: Es sei ein Blick gewesen, wodurch auf einmal Sauglings symbolische Kenntnis von Marianens Vollkommenheiten anschauend geworden sei. Soviel ist gewiss, dass von diesem Augenblicke an mit seiner Hochachtung fur Marianen eine wahre Freundschaft verknupft ward. Wenn nun, wie man sagt, die Freundschaft zwischen Personen zweierlei Geschlechts sehr bald einen viel zartlichern Namen zu verdienen pflegt, so ging in diesem Augenblicke in Sauglings Herzen eine Veranderung vor, deren ganze Wichtigkeit er erst in der Folge spurte.
Funfter Abschnitt
Wenig Tage darauf brachte Saugling ein Gedicht auf die Errettung des armen Pachters zustande, welches an Marianen gerichtet und worin ihr Lob sehr kluglich mit dem seinigen verbunden war. Mariane las dieses Gedicht mit Wohlgefallen, denn es wehte darin eine in Sauglings Liedern sonst ungewohnte Warme der Empfindung, womit ihr Herz innig sympathisierte. Auch ihr Lob las sie mit geheimem Vergnugen. Wenn es einem jungen Frauenzimmer uberhaupt leicht zu vergeben ist, dass sie sich von einem ganz artigen und witzigen jungen Menschen nicht ungern loben lasst, wieviel eher war ihr hier zu verzeihen, da sie fuhlte, dass sie mit Wahrheit und uber eine aus der unbescholtensten Neigung fliessende Tat gelobt wurde?
Dies war der Anfang einer nahern Bekanntschaft zwischen beiden. Sie gingen oft, bei den ersten heitern Blicken der Sonne nach dem Winter, im Garten spazieren. Saugling las ihr seine Gedichte vor, horte mit innerer Zufriedenheit ihren Beifall und liess sich auch ihre Verbesserungen sehr wohl gefallen, welche sie ihm mit so grosser Bescheidenheit als feiner Empfindung zuweilen an die Hand gab. Kurz, er betrachtete sie als eine Muse, die ihn zu neuem Schwunge seiner Gedichte begeistern konnte, sie ihn als einen angenehmen Gesellschafter, der sie ihrer Neigung nach mit Lektur und Gesprachen angenehm zu unterhalten wusste.
Anfanglich hatten beide bei ihrem vertrauten Umgange keine andere Absicht als diese. Da Saugling aber Marianen taglich sah und taglich an ihrer Person und an ihrem Geiste neue Schonheiten entdeckte, so verlor er sich endlich in Bewunderung. Er empfand, er wusste nicht was, und betrug sich dabei, er wusste nicht wie, daher er in seinem Wesen trubsinnig und angstlich ward. Als nun Mariane, der wahren Ursach unwissend, ihn daruber zuweilen in einem Anfalle von lustiger Laune ein wenig aufzuziehen pflegte, so geriet er in noch grossere Verlegenheit und trauete sich nicht, nur ein Wortchen von seinen innigen Gefuhlen zu sagen. Er nahm seine Zuflucht zur Dichtkunst und liess in die Gedichte, die er Marianen vorlas oder sie selbst lesen liess, unvermerkt ganz kleine Zuge seiner Empfindung einfliessen, aber mit vieler Zuruckhaltung, wie ein furchtsamer Mensch, schuchterner Poet und bescheidener Liebhaber. Mariane fuhlte keine von allen diesen feinen Anspielungen. Saugling wusste nicht, was er beginnen sollte, ward noch angstlicher in seinem Betragen, verehrte Marianen stillschweigend, kam allem ihrem Begehren aufs dienstwilligste zuvor, hielt sich sehr belohnt, wenn er einen lachelnden Blick von ihr erhielt, und in Ermangelung dessen war es schon Seligkeit, wenn er sie nur sehen und mit schweigender Zartlichkeit aus ihren Augen die Nahrung seines Daseins ziehen konnte.
Es ist leicht zu erachten, dass er alle Gelegenheiten, in Marianens Gesellschaft zu sein, werde mit Sorgfalt aufgesucht haben; aber auch dabei musste er sehr behutsam zu Werke gehen. Die Gesinnungen der Frau von Hohenauf waren ihm so genau bekannt, dass er schon bei dem Gedanken zitterte, sie mochte von seiner Zuneigung zu Marianen etwas merken.
Mariane war ohnedies seit dem unglucklichen Geburtsfeste noch in Ungnade, ob ihr gleich die Frau von Hohenauf dem Anscheine nach vergeben hatte. Es halfen keine reichen Garnituren, womit sie die Kleider der gnadigen Frau schmuckte, kein neuer Kopfputz, nach dem letzten Geschmacke gesteckt, nicht dreifache Manschetten von den feinsten Netzchen, die ihre kunstreiche Hand mit Blumen von Kammertuch unterlegt und mit funferlei Pointstichen durchbrochen hatte. So angenehm auch diese Opfer waren, wodurch der Zorn der Frau von Hohenauf sollte versohnt werden, so schienen doch Marianens Sunden fast in die Klasse der unvergeblichen zu gehoren: sie hatte den Fraulein nicht nur die burgerliche Herkunft ihrer Mutter entdeckt, sondern sie sogar mehr zu guten Menschen als zu Putzdamen erziehen wollen.
Daher war die Frau von Hohenauf seit der Zeit gegen Marianen mehr als gewohnlich zuruckhaltend und wiederholte ofter noch die weisen Lehren, gute Romane zu lesen und den Fraulein das air allemand abzugewohnen. Dass Mariane sich unterstehen konnte, den Fraulein deutsche Bucher in die Hande zu geben, ware der Frau von Hohenauf gar nicht in den Sinn gekommen. Unglucklicherweise aber traf sie einst Fraulein Adelheid, welche aus der "Bestimmung des Menschen" ihrer Hofmeisterin die "Menschlichen Erwartungen"23 vorlas. Die Frau von Hohenauf, die durchaus nicht wollte, dass ihre Tochter andere Erwartungen haben sollten, als geputzt, bewundert, angebetet, reiche und galante Frauen und womoglich Hofdamen zu werden, konfiszierte augenblicklich das Buch, schon als deutsch. Nachdem sie aber eine halbe Viertelstunde lang den Inhalt untersucht hatte, warf sie es mit grossem Ungestume in den Kamin, als hochstverderblich fur alle Fraulein, die in der grossen Welt ihr Gluck machen wollen.
Von diesem Augenblicke an war das Vertrauen der Frau von Hohenauf zu Marianen so sehr vermindert, dass es jedermann wahrnahm. Nun glich dieses vornehme Haus vollkommen einem Hofe, wo dem, der in Ungnade fallt, von allen Hofleuten der Rucken zugekehret wird; daher vermieden alle Hausgenossen Marianen, und auch Saugling musste aus Furcht, Aufsehen zu erwecken, oft die besten Gelegenheiten vorbeigehen lassen, sich mit ihr zu unterhalten. Dieser Zwang ward ihm in kurzem sehr peinlich, und wenn er sich nicht noch durch Versmachen hatte Luft schaffen konnen, wurde seine ohnedies eben nicht starke Seele von der Beklemmung zusammengedruckt worden sein. Seine Liebe zu Marianen fing an, durch die Hindernisse noch inniger zu werden, und sie zu verschweigen ward ihm nach und nach unertraglich; daher nahm er sich vor, so bald als moglich das Stillschweigen zu brechen.
An einem heitern Maitage ging Mariane nach dem Mittagsessen in den Garten. Saugling folgte ihr von weitem, und als er so weit vom Hause entfernt war, dass er nicht bemerkt zu werden glaubte, eilte er ihr nach, um sie einzuholen. Sein Herz klopfte ihm uber dem mutigen Vorhaben, ihr seine so lange verschwiegene Liebe zu offenbaren; je naher er ihr kam, desto mehr goss sich ein zartliches Schaudern durch alle seine Glieder, und da er sie endlich erreichte und sie stehenblieb, um ihn zu bewillkommen, sah er starr in ihre hellblauen Augen, die Zunge stammelte, der Atem fehlte ihm, und nach einem Stillschweigen von anderthalb Minuten sagte er endlich:
"Es ist heute wirklich recht sehr schones Wetter."
"Die Bemerkung ist eines so witzigen Kopfes recht sehr wurdig!" sagte Mariane lachelnd. "Sie hatten in der Tat das Ansehen, als ob Sie mir etwas Wichtigeres sagen wollten."
Saugling, durch diese Antwort niedergeschlagen, sah sie abermal starr an und schwieg einige Minuten lang stille.
"Aber wie kommt es", fuhr Mariane fort, "dass Sie heute eine so tragische Physiognomie annehmen? Sehen Sie, wie alles um Sie herum erfreut ist, diese blaue Veilchen, wie sie hervorsprossen und angenehmen Duft verbreiten." Hier pfluckte sie einige Veilchen und uberreichte sie ihm. Saugling nahm den Strauss an, betrachtete ihn und seufzte.
"Wie sind doch die schonen Geister so nachsinnend! Mich dunkt, ich sehe es an Ihren Augen, dass Sie denken:
Ich sah den jungen Mai,
Seine Silberglocken
Hingen um den Schlaf.
Als er vom Himmel fuhr,
Bluhten alle Wipfel;
Als er den Boden trat,
Liess er Violen und Hyazinthen im Fusstritt zu
ruck."24
Saugling schlug die Augen auf und antwortete: "Ach nein, meine Seele ist zu voll, um die Schonheiten der Natur zu empfinden." "Ausgenommen die Schonheit des Wetters?"
"Spotten Sie meiner nicht. Bloss weil ich meine innigsten Gedanken mich nicht zu sagen getrauete, sagte ich etwas ganz Gemeines. Ach, Mariane, Sie haben recht, ich hatte Ihnen etwas viel Wichtigeres zu sagen ..."
"Nun, so sagen Sie doch an!"
"Sehen Sie diese Veilchen, sie sind klein, aber verbreiten sussen Duft. Die allgewaltige Kraft der Sonne lockt sie aus der Erde hervor, ohne sie wurden sie weder bluhen noch duften. Ach, meine Mariane, ich bin dieses Veilchen, Sie sind meine Sonne!"
Mariane errotete, und nachdem sie eine halbe Minute lang Luft geschopft hatte, sagte sie mit niedergeschlagenen Augen: "Sie haben mich fur meinen kleinen Scherz doppelt bezahlt; ich werde mich huten mussen, wieder zu scherzen."
"O schonste Mariane, suchen Sie nicht Scherz aus einer Sache zu machen, die mir so ernsthaft ist. Schon lange hat Sie mein Herz stillschweigend angebetet, aber nun kann ich nicht mehr schweigen. Ich muss Ihnen sagen, was ich fur Sie empfinde, dass ich Ihre Schonheit, Ihre Tugend verehre darf ich es sagen , dass ich Sie liebe, dass ich nie aufhoren werde, Sie zu lieben, dass ich ..."
"Nein! Wahrlich! Sie machen, dass ich mich wegbegeben muss." Sie trat einen Schritt zuruck.
"Grausame! So konnen Sie mich verlassen? Nein, zu Ihren Fussen wiederhole ich Ihnen, dass Sie meine ganze Seele liebt, dass ich ewig ..."
"Ich bitte Sie, stehen Sie auf!"
"Nein! Ich stehe nicht auf, bis Sie mein Schicksal bestimmen, bis Sie mir sagen, ob ich hoffen darf, von Ihnen wiedergeliebt zu werden."
"Ich bitte Sie noch mal, stehen Sie auf. Was soll man von uns denken, wenn jemand dieses Weges kommt. Sie wissen, dass ich Sie bestandig geschatzt habe, so wie Sie es auch verdienen aber Sie wissen auch selbst, unsere beiderseitige Lage ist so beschaffen, dass zwischen uns keine nahere Verbindung stattfinden kann."
"Warum nicht? Warum nicht? Lassen Sie mich nur in Ihr Herz sehen, lassen Sie mich erfahren, ob es mich wiederliebt, und alle Schwierigkeiten verschwinden. Sagen Sie, schonste Mariane, ich beschwore Sie, ob Sie mich hassen konnen?"
"Stehen Sie doch nur auf! Ich habe Sie nie gehasset."
"Wie konnten Sie auch mich hassen, da ich Sie aufs innigste liebe! Aber darf ich fur die reinste, fur die zartlichste Liebe von Ihnen Gegenliebe hoffen?" Hier kusste er ihr voll Inbrunst die Hand.
Mariane errotete abermals. "Ich bitte Sie, dringen Sie nicht ferner in mich!"
"Lassen Sie mich mein Schicksal erfahren. Darf ich hoffen, so bin ich der glucklichste Sterbliche. Fragen Sie Ihr Herz, lassen Sie mich dessen Empfindungen wissen. Sie seufzen? Wie glucklich ware ich ..."
"Dringen Sie nicht ferner in mich. Mein Herz hat Sie bestandig geschatzt, aber ..."
"O wie glucklich bin ich! Sie lieben mich, Schonste!" Hier kusste er abermal ihre Hand. Mariane zog die Hand zuruck und richtete ihn auf.
"Ich bitte Sie, stehen Sie auf und geben Sie nicht einer wilden Leidenschaft Gehor. In der Hitze derselben denken Sie, was Sie vielleicht bei kalterer Uberlegung ..."
"Wie, ich sollte untreu, ich sollte unbestandig werden? Nein, meine Schonste! Bestatigen Sie mir nur, dass ich Ihre Liebe hoffen darf, und meine Liebe wird nicht wanken, es mag auch geschehen, was da wolle. Die Liebe wird mich lehren, den aussersten Gefahren zu trotzen."
"Warum wollen Sie aber sich und mich den aussersten Gefahren blossgeben? Unterdrucken Sie lieber eine Leidenschaft, die Sie und mich nicht glucklich machen kann. Ich will aufrichtig mit Ihnen reden. Mein Herz hat Sie nie gehasset. Sie haben viel liebenswurdige Eigenschaften, die ich hochschatzen muss, aber ich wiederhole es nochmals, geben Sie der Vernunft Gehor und bedenken Sie, dass unuberwindliche Schwierigkeiten ..."
"Oh, meine Schonste, der Liebe sind keine Schwierigkeiten unuberwindlich. Lieben Sie mich nur ..."
"Wir wollen lieber die Schwierigkeiten vermeiden, als sie zu uberwinden suchen. Ich schatze Sie aufrichtig hoch, damit sein Sie zufrieden. Ich werde bestandig Ihre wahre Freundin sein, aber ..."
Indem sie dieses sagte, trat wider alles Vermuten hinter einer geschnittenen Hecke die Frau von Hohenauf hervor, die, seit der letzten Entdeckung von Marianens deutscher Lektur misstrauisch, bestandig alle ihre Schritte beobachtet hatte. Sie schalt ihren Neffen heftig aus wegen seiner niedertrachtigen Neigung gegen ein gemeines Madchen. Der armen Mariane aber machte sie die bittersten Vorwurfe, dass sie einen jungen Menschen von Stande verfuhren wollte, welchen Ausdruck sie oft wiederholte. Sie verbot ihr aufs nachdrucklichste, ihren Neffen je wieder allein zu sehen, und liess sie auch von der Zeit an nicht einen Augenblick aus den Augen.
Indes wurde ihr freilich diese genaue Aufsicht auf zwei Liebende bald sehr beschwerlich geworden sein, wenn nicht zwei Tage darauf Herr Rambold, der Hofmeister, den der alte Saugling seinem Sohne sendete, angelanget ware. Sie saumte also nicht, sondern schickte beide nach ein paar Tagen auf die Universitat, wohin sie bestimmt waren, und empfahl dem Hofmeister, auf Sauglings Auffuhrung ein wachsames Auge zu haben.
Der verliebte Saugling war trostlos. Seine Seele zerschmolz in Zartlichkeit, aber war auch von Zartlichkeit so voll, dass kein einziger Gedanke, wie es moglich sein sollte, Marianen vor seiner Abreise zu sehen, darin Platz finden konnte. Je mehr er daran dachte, desto unmoglicher schien es ihm. Ihm fiel keines von den sinnreichen Mitteln ein, welche die Romanenschreiber unserer lehrbegierigen Jugend so freigebig an die Hand geben, zum Beispiel auf einer Strickleiter ins Fenster zu kriechen; sich in einen Kasten sperren und zu ihr bringen zu lassen; sich einen doppelten Schlussel zu verschaffen, um ihre Ture zu offnen; ja nicht einmal die einfaltigen auch ausser Romanen so oft ausgeubten Mittel, das Kammermadchen zu bestechen oder unter dem Fenster der Schonen hin und her zu spazieren und so lange zu husten oder zu pfeifen, bis sie am Fenster erscheine. Da ihm also gar kein Anschlag in den Sinn kommen wollte, so musste er mit schwerem Herzen abreisen, ohne von seiner Geliebten Abschied zu nehmen.
Als er an den Ort seiner Bestimmung anlangte, nahm seine Traurigkeit sehr zu. Er wendete sich zu seiner gewohnlichen Zuflucht, der Dichtkunst, und schrieb eine Heroide unter dem Namen des Leander an die Hero, worin er seinen ganzen zartlichen Schmerz uber die Abwesenheit seiner Geliebten auszudrucken suchte. Nachdem er damit meist fertig war, fiel ihm plotzlich der Gedanken ein, dass er nicht die geringste Hoffnung habe, diese Epistel seiner Geliebten in die Hande zu bringen. Er ging mit dem Papiere in der Hand in seinem Zimmer so tiefsinnig auf und nieder spazieren, dass er seinen Hofmeister nicht eher erblickte, als bis derselbe vor ihm stand, ihm das Papier aus der Hand nahm und es lachelnd durchlas.
Saugling sank vor Schrecken beinahe nieder, weil er fur sich und seine Geliebte aus dieser Entdeckung die schlimmsten Folgen furchtete. Glucklicherweise fur ihn gehorte Rambold nicht zu den murrischen Hofmeistern, die ihrer untergebenen Jugend alles Vergnugen versagen. Vielmehr hatte er sehr politisch berechnet, dass ein junger reicher Patrizier nur ein oder zwei Jahre auf Universitaten von seiner Aufsicht abhange, hingegen hernach viel langer weil Vater sterblich sind und so weiter seines Vermogens geniessen und seinem Hofmeister eine kleine bewiesene Gefalligkeit reichlich vergelten konne. Anstatt also Sauglingen zu schelten, zog er ihn bloss wegen seiner zuckersussen Empfindungen ein wenig auf, denn er war ein witziger Kopf, der in den verschiedenen Stationen seines Lebens die Seele aller Kotterien, Schmause und Trinkgesellschaften gewesen war. Endlich, um Sauglingen, der noch immer in grosser Verlegenheit dastand, ganzlich zu beruhigen, versprach er ihm treuherzig, er wolle es selbst seine Sorge sein lassen, die zartliche Epistel in Marianens Hande zu bringen. Er sagte ihm auch, dass er dies durch Hilfe des Kammermadchens der Frau von Hohenauf bewerkstelligen werde; denn er hatte mit derselben wahrend seines zweitagigen Aufenthalts auf dem Gute des Herrn von Hohenauf eine so vertraute Bekanntschaft gemacht, dass er ihr eine solche Verrichtung gar wohl glaubte auftragen zu konnen.
Unterdes befand sich Mariane in grosser Unruhe. Sauglings Zuneigung zu ihr hatte schon lange vorher, ehe er sie gestand, ihrer weiblichen Scharfsichtigkeit nicht entgehen konnen. Sie hatte Wohlgefallen daran gehegt, nur als an der blossen Hoflichkeitsbezeugung eines artigen jungen Menschen, ohne zu denken, dass diese sich jemals in eine feurige Liebe verwandeln oder dass diese Liebe Eindruck auf sie machen konne. Als er nach seiner Liebeserklarung zugleich in demselben Augenblicke von ihr getrennet ward, fand sie zwar ihr Herz tief verwundet, glaubte aber, dass dies von ihrer beleidigten Empfindlichkeit und vom Widerwillen gegen die Harte der Frau von Hohenauf herruhre. Nur nach Sauglings Abreise, da sie in der Heftigkeit ihrer Leidenschaft sich vorstellte, dass sie ihn nie wiedersehen wurde, merkte sie erstlich, vor sich selbst errotend, wie sehr sie ihn liebte. Bald war sie zornig, dass er nicht von ihr Abschied genommen hatte, bald entschuldigte sie ihn mit dem Gedanken, wie untrostlich er selber sein musse; und dieses Bild ihrer Einbildungskraft selbst machte ihn ihrem Herzen liebenswurdiger. Jeden Ort, wo sie ihn gesehen hatte, besuchte sie mit einer zartlichen Schwermut, und des Nachts stand sein geliebtes Bild bestandig vor ihren Augen.
Einst ergriff sie von ungefahr die "Lettres d'une religieuse portugaise", die sie auf Befehl so oft ihren Fraulein ganz ruhig vorgelesen hatte. Sie erstaunte daruber, dass ihr jetzt die Bilder so belebt, die Klagen so herzruhrend, die Empfindnisse so tief aus der Seele herausgezogen schienen, welches alles sie vorher gar nicht bemerkt hatte. So sehr wahr ist es, dass Bucher voll verliebter Empfindungen, die auf den Weisen und Gleichgultigen wenig Eindruck machen, in ein junges unerfahrnes Herz, das den ersten Eindrucken dieser gefahrlichen Leidenschaft offensteht, das susse Gift weit tiefer hineinflossen als selbst die Reden des Geliebten. Die erhitzte Einbildungskraft, mit ihren eigenen Geschopfen nach Belieben spielend, stellt die Empfindnisse viel reiner und inniger vor, als sie in der wirklichen Welt sein konnen, in der sie mit hundert ganz gemeinen gleichgultigen Umstanden vermischt und dadurch gemildert werden.
Nun wurden die Briefe der portugiesischen Nonne Marianens tagliche Lektur. Sie wunschte, dass ihr Saugling solche Briefe voll Liebe und Bestandigkeit schreiben mochte als der Ritter v.C., und sie gelobte sich selbst, ihm mit ebensoviel Inbrunst und Sehnsucht zu antworten als dessen Geliebte. In einem Briefwechsel dieser Art sah sie eine so anmutige Beschaftigung voraus, dass sie die Zeit nicht erwarten konnte, bis er seinen Anfang nehmen wurde. Es waren schon einige Wochen verlaufen, und sie hatte schon alle zartliche Grunde ererschopft, um das Stillschweigen ihres Geliebten zu entschuldigen, als ihr das Kammermadchen Sauglings Heroide, mit einem prosaischen Briefe begleitet, ubergab, worin er alles ausgedruckt hatte, was er bei ihrer beiderseitigen Trennung empfand, und sie beschwor, ihn wenigstens schriftlich wissen zu lassen, dass sie gegen seine Zartlichkeit nicht unempfindlich sei, wozu er ihr das Kammermadchen als ein sicheres Werkzeug empfahl.
Die verliebte Mariane las beide Sendschreiben mit heftiger Begierde und uberlas sie funf- oder sechsmal mit noch innigerm Vergnugen. Als sie sich aber niedersetzen wollte, um sie zu beantworten, durchdrang sie die unaussprechliche Empfindung eines wohlgezogenen Frauenzimmers, die immer mit gewissenhafter Strenge ihre Pflichten beobachtet und noch nie einen Schritt getan hat, den sie hatte verhehlen durfen. Errotend erschrak sie vor sich selbst. Ob ihr gleich in den sussen Vorstellungen ihrer Einbildungskraft oft der Wunsch entfahren war, die Feder ansetzen zu konnen, um ihre innersten Neigungen auszudrucken, so sank sie ihr doch nun aus der Hand, und je ofter sie es versuchte, desto mehr verlor sie den Mut, es zu wagen. Auch half es nichts, dass das Kammermadchen mehrmals erinnerte, ihr auf den Brief eine Antwort zu geben. Im Gegenteile, da das dienstwillige Madchen, welcher die feinen Skrupel, die Marianens Gemut beunruhigten, in ihrem Leben nie in den Sinn gekommen waren, die ganze Sache sehr auf die leichte Achsel nahm, so musste dies noch widrigere Wirkung tun, indem Marianens Zartgefuhl dadurch die Sache von einer Seite zu betrachten anfing, von der sie bald den Blick wegwandte, aus Furcht, allzusehr daruber nachzudenken.
Sechster Abschnitt
Saugling war von allem Troste verlassen, als er erfuhr, dass Mariane weder seine Poesie noch seine Prose einer Antwort wurdigen wolle. Er hielt sich fur den unglucklichsten unter allen Menschen und wusste, da seine Dichtkunst die erwartete Hilfe nicht leistete, jetzt bloss zu bittern Tranen seine Zuflucht zu nehmen. Rambold hingegen, der bei weniger Zartlichkeit etwas mehr Erfahrung besss und dem das Kammermadchen auch in ihrem Antwortschreiben einen gewissen Wink gegeben hatte, tat keck den Vorschlag, dass Saugling in seiner Gesellschft insgeheim nach dem Gute der Frau von Hohenauf reiten und Marianen besuchen sollte. Saugling erschrak vor diesem Gedanken, sowohl wegen dessen Folgen als wegen der Beschwerlichkeit eines Ritts von funf Meilen. Allein Rambold wusste diese Bedenklichkeiten mit seinem gewohnlichen Witze lacherlich zu machen, so dass Saugling anfing, diesen Vorschlag nur von der angenehmen Seite zu betrachten, und darinwilligte.
Sie ritten also an einem schonen Sommermorgen aus, und Saugling, uber seinen eigenen Mut erstaunt, kam sich, nachdem er eine Meile zuruckgelegt hatte und die Beschwerlichkeiten der Reise zu empfinden anfing, als ein anderer Leander vor, der durch die Gefahr der wilden Wellen zu seiner geliebten Hero eilte. Sie langten des Abends sehr ermudet auf einem Vorwerke an, das etwa zweihundert Schritte von dem Dorfe entlegen war. Des andern Morgens sehr fruh ermannte sich Saugling, seiner Mudigkeit ungeachtet, und wanderte mit Rambold nach dem herrschaftlichen Garten, in den sie durch eine von dem schlauen Kammermadchen geoffnete Hintertur traten. Sie fuhrte Sauglingen ferner nach einer etwas abgelegenen grunen Laube, wo Mariane, in der Meinung, ganz allein zu sein, mit susser Schwermut Sauglings Heroide las.
Marianne tat einen lauten Schrei, als sie ihn erblickte, und wollte forteilen. Ihre Fusse versagten ihr aber glucklicherweise diesen Dienst, denn der zitternde Saugling war selbst in so grosser Verlegenheit, dass er schwerlich Besonnenheit genug gehabt haben wurde, sie zuruckzuhalten. Er stand mit herunterhangenden Handen wie ein stummes Bild da, und es wahrte einige Minuten, ehe er mit stammelnder Zunge eine Entschuldigung seiner Verwegenheit vorbrachte. Da er in Marianens Augen keinen Zorn wahrnahm, so fasste er das Herz, sich ihr zu Fussen zu werfen, ihr nochmals die ganze Innigkeit seiner Liebe zu entdekken und sie um Gegenliebe anzuflehen. Mariane wollte noch zuruckhalten, aber sie konnte ihrer innern Zartlichkeit selbst nicht Widerstand tun und entdeckte, unter sanftem Erroten, alles, was sie fur ihn fuhlte. Saugling glaubte in den dritten Himmel versetzt zu sein, dankte ihr mit den herzruhrendsten Ausdrucken, und beide schworen sich unverbruchliche Treue und Zartlichkeit.
Sie hatten sich so viel zu sagen, dass einige Stunden vergingen, ehe sie voneinander schieden. Die Wollust dieser Unterredung war zu gross, als dass nicht noch mehrere gleich geheime Zusammenkunfte auf diese hatten folgen sollen, in denen beide Liebenden ihre Herzen aufs genaueste miteinander vereinigten und den sussesten Reiz in dem Versprechen fanden, alles Widerstandes ungeachtet sich ewig zu lieben.
Indes hatte die Frau von Hohenauf insgeheim erfahren, dass Mariane taglich sehr fruh aufstande, in den Garten ginge und sich daselbst einige Stunden aufhielte. Sie schlich ihr eines Tages nach, ohne die wahre Ursache nur im geringsten zu vermuten, und behorchte das verliebte Paar, als sie eben in der zartlichsten Unterredung waren. Sie kam ausser sich vor heftiger Wut, fuhr wie eine Furie auf die arme Mariane los, belegte sie mit den schimpflichsten Namen, stiess sie aus der Laube weg; und indem sie dem ganz erschrockenen Saugling, der wie eine unbewegliche Bildsaule dastand, zuschrie, ihr nimmermehr wieder vor die Augen zu kommen, schleppte sie die halbtote Mariane nach dem Hause zu.
Saugling stand noch einige Zeit in zitternder Untatigkeit, bis er sich endlich besann, es werde am besten sein, wegzugehen. Er fand aber zu seinem grossen Erschrecken die Hintertur des Gartens verschlossen. Rambold, der sich mit dem Kammermadchen in einem etwa funfzig Schritte von der Laube entfernten ziemlich dichten Gebusche befand, vielleicht um ihr ein Kapitel aus dem vierten Bande der "Insel Felsenburg" zu erklaren, war bei dem ersten Larmen davongelaufen und hatte in der Eil die Ture hinter sich zugeschlagen. So sah sich der arme Saugling allein und eingeschlossen und wusste nicht, was vor Angst beginnen. Er konnte keinen Ausgang finden; denn uber die Mauer zu steigen, ob sie gleich nicht sehr hoch war, war fur ihn eine unmogliche Sache; er fing also an zu zittern, als ware er in der Gewalt seines argsten Feindes. Nachdem er aber eine Viertelstunde im Garten in der Irre gelaufen war, fiel ihm endlich ein, dass die grosse Gartenture offen sein mochte. Sie war es wirklich, und er ging, ohne von jemand bemerkt zu werden, mit Zittern und Zagen durch den Hof und durch das Haus auf die freie Strasse des Dorfs.
Nun eilte er mit verdoppelten Schritten nach dem Vorwerke, wo er die Pferde schon gesattelt und Rambolden seiner erwartend antraf. Sie setzten sich sogleich zu Pferde, Saugling in der grossten Traurigkeit, die durch Rambolds Lustigkeit und Schrauberei nicht zu mildern war. Sie brachten auf der Zuruckreise zwei Tage zu, demungeachtet legte sich Saugling sogleich bei der Ankunft ins Bette, um sich teils von einem Fieber heilen zu lassen, welches die Gemutsbewegung, teils von einigen andern kleinen Beschwerlichkeiten auszuruhen, welche ein Ritt von funf Meilen seinem zarten Korper zugezogen hatte.
Der unglucklichen Mariane ward von der Frau von Hohenauf mit der aussersten Harte begegnet. Keine Entschuldigung ward angenommen, die schimpflichsten Vorwurfe wurden nicht gesparet. Ohne die Furcht, dass Saugling durch ihr Ungluck noch naher mit ihr verbunden werden mochte, ware sie sogleich auf die Strasse geworfen worden. Sie ward also eingesperrt, bis sich eine Gelegenheit fande, sie ganzlich wegzuschaffen.
Die Frau von Hohenauf besann sich, dass die Grafin von *** bei ihrer Anwesenheit im Diskurse beilaufig geaussert hatte, sie wunschte eine Person von guter Auffuhrung und von Talenten um sich zu haben, die ihr Gesellschaft leisten und ihr vorlesen konnte. Die Grafin, obgleich aus einem der altesten Geschlechte und unter der Pracht und den Lustbarkeiten des Hofes erzogen, schatzte Verdienst mehr als Adel und die Schonheiten der Natur und eine in der Stille wohlverbrachte Zeit mehr als glanzenden Pomp. Dies war den Neigungen der Frau von Hohenauf so schnurgerade zuwider, dass zuweilen zwischen ihnen einiger Wortwechsel daruber entstanden war; daher die letztere die erstere wie es immer zu geschehen pflegt, wenn ein Tor gegen einen Klugen unrecht hat herzlich zu hassen anfing, ob sie gleich freilich dem Wohlstande gemass eine Dame von diesem Range ausserlich mit den grossten Freundschaftsbezeugungen uberhaufte.
"Ha", sagte die Frau von Hohenauf, "fur diesen Zieraffen wird die schone Mariane eine wurdige Gesellschaft sein." Hierzu kam, dass die Guter der Grafin an funfundzwanzig Meilen entfernt lagen, indem sie zur Zeit des Geburtsfestes, nur um eine Verwandtin zu besuchen, in diese Gegend gekommen war. Die Frau von Hohenauf schrieb also an die Grafin und trug ihr Marianen zur Gesellschafterin an, doch ohne die wahre Ursache dieses Vorschlags im geringsten zu erwahnen. Die Grafin, welche sich Marianens Betragen gegen den armen Pachter noch mit Vergnugen erinnerte, antwortete nach Wunsche.
Nun trat die Frau von Hohenauf in Marianens Gefangnis, zwang sich zu einer Freundlichkeit, die ihr gar nicht von Herzen ging, stellte ihr die unverdiente Gnade vor, dass sie ihr, anstatt sie zu strafen, einen so guten Platz verschafft habe. Sie versicherte zugleich, sie wolle alles Vergangene vergessen, verlangte aber auch von Marianen das Versprechen, alle Verbindung mit Sauglingen aufzuheben, ja ihm nie ihren Aufenthalt zu melden.
Mariane, die einige Wochen in grosser Verlegenheit uber ihr jetziges und kunftiges Schicksal zugebracht hatte, war sehr erfreut, dass es eine so gluckliche Wendung nahm. Sie hatte die vortrefflichen Gesinnungen der Grafin bei derselben Anwesenheit kennenlernen und sah also sehr wohl ein, dass der Vorfall mit Sauglingen derselben Zutrauen zu ihr mindern konnte. Sie versprach daher mehr, als verlangt wurde, namlich niemand, wer es auch sei, das geringste von der Sache zu entdecken; ja sie versprach sich selbst, wenn sie von Saugling nichts mehr horte, ihn ganz zu vergessen, und hoffte dadurch wieder so ruhig zu werden als vormals, ehe sie die Wirkungen dieser unglucklichen Liebe erfuhr.
Um jedermann den Ort ihres kunftigen Aufenthalts zu verbergen, ward sie des Nachts mit Postpferden nach einer nicht weit von den Gutern der Grafin gelegenen Stadt gebracht, wo ein Wagen der Grafin auf sie wartete, um sie abzuholen.
Viertes Buch
Erster Abschnitt
Sebaldus wanderte auf der von ungefahr gefundenen Landstrasse, ohne zu wissen wohin. Er war schon ein paar Meilen einsam fortgegangen, als er von weitem einen Fussganger erblickte, den er einzuholen suchte. Er verdoppelte seine Schritte und sah nun einen Mann, gekleidet in einen grauen Rock von feinem Tuche, eine runde ungepuderte Perucke auf dem Kopfe, einen kleinen Bundel an einem Stabe auf der Schulter tragend, der mit heller Stimme das Lied: "Wachet auf, ruft uns die Stimme" sang. Sebaldus, ein Freund des Singens geistlicher Lieder, zumal gewisser enthusiastischer Melodien, gesellte sich zu dem Manne und summete halblaut eine extemporierte Basspartie zu dem Liede.
Nach dessen Endigung grussten sich die beiden Wanderer, und Sebaldus fragte den Fremden, wohin der Weg fuhre, auf dem sie gingen.
"Nach Wustermark", sagte der Fremde, "wo ich Nachtlager zu halten und den andern Morgen nach Berlin zu gehen gesonnen bin."
Sebaldus freute sich, dass er auf dem rechten Wege war; denn ob er gleich nach dem Verluste seiner Empfehlungsbriefe nicht wusste, was er in Berlin machen sollte, so wusste er doch ebensowenig, was er an irgendeinem andern Orte in der Welt hatte machen sollen.
Er bat also den Fremden um Erlaubnis, in seiner Gesellschaft zu gehen, und erzahlte ihm den Unfall, den er auf dem Postwagen gehabt hatte.
Jener kreuzte und segnete sich uber diese Begebenheit und lobte seine eigene Vorsicht, dass er lieber zu Fusse gegangen sei, da die Wege nach dem Frieden so unsicher waren. "Nicht eben", setzte er hinzu, "als ob ich viel Geld bei mir hatte. Ich bin zufrieden, wenn ich reich bin im Heilande. Aber der Herr hat doch meine Uberlegung gesegnet."
Sebaldus versetzte: "Ich habe an dergleichen Vorsicht nicht gedacht, denn ich hatte noch keinen Begriff davon, dass ein Mensch seinen Nebenmenschen mit kaltem Blute anfallen und berauben konnte."
"Ach, mein lieber Bruder, die arme menschliche Natur ist ganz verderbt. Wenn wir nicht durch die Gnade ergriffen werden, so sind wir in grundlosem, unerforschlichem, tiefem Verderbnisse!"
"Ei, mein Freund, von den Lastern einiger Bosewichter kann man nicht auf die Natur der Menschen uberhaupt schliessen. Wir sind von Natur nicht geneigt, wie die wilden Tiere uns anzufallen, sondern in Gesellschaft zu leben und uns zu unterstutzen."
"Ach, wir armen Menschen! Wie konnten wir uns unterstutzen, wenn uns die Gnade nicht unterstutzte? Wie konnten wir etwas Gutes wirken, wenn es die alleinwirkende Gnade nicht wirkte?"
"Freilich, wir haben alles durch die gottliche Gnade, sie wirkt aber nicht wie der Keil auf den Klotz. Gott hat die Krafte zum Guten in uns selbst gelegt, hat uns Verstand und Willen, Neigungen und Leidenschaften gegeben, hat Wurde und Gute in die menschliche Natur gelegt, damit wir zum Guten tatig sein sollen und konnen."
"O welch ein Selbstbetrug, mein lieber Bruder!" rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer aus. "Wenn wir Gott wohlgefallig werden wollen, so mussen wir nichts als lauter Elend und Unwurdigkeit an uns sehen.
Wollt ihr zu Jesu Herden,
So musst ihr gottlos werden!
Das heisst, ihr musst die Sunden
Erkennen und empfinden,
wie ein teurer Knecht Gottes singet.25 Wir mussen an der Gnade hangen, die Gnade alles wirken lassen, der Gnade alles zuschreiben; dann wird die Gnade in uns erst recht gross, wenn wir recht klein, recht unwurdig werden.
Wenn wir uns mit den Siechen
Ins Lazarett verkriechen!"
Sebaldus zuckte die Achseln und sagte: "Dies sind gesalbte Schalle ohne Sinn, die nur einer verderbten Einbildungskraft heilig scheinen. Wir besitzen Krafte zum Guten. Wer dies leugnen wollte, wurde Gottes Schopfung schanden, der uns so viel Vollkommenheiten gegeben hat. Ohne den Einfluss einer ubernaturlich wirkenden Gnade konnen wir Tugenden und edle Taten ausuben. Oder sind etwa Wohlwollen, Menschenliebe, Freundschaft, Grossmut, Mitleiden, Dankbarkeit nicht Tugenden?"
"Scheintugenden, mein lieber Bruder, weltliche ehrbare Scheintugenden. Mit solchem Bettlermantel will der unwiedergeborne Mensch den Aussatz seiner von Grund aus verderbten Natur bedecken! Mit diesen sogenannten Tugenden aber kann man auf ewig in den Schwefelpfuhl geworfen werden, aus welchem keine Erlosung ist! Wenn Tugenden nicht aus der Gnade entspringen, so sind sie geschminkte Laster zu nennen."
"Wozu soll man so seltsame Benennungen erdenken? Ich vergebe zum Beispiel den Raubern, die mich beraubt haben, ich wunsche ihre Besserung. Dies ist sowenig die Wirkung einer ubernaturlichen Gnade, dass es vielleicht bloss die Wirkung meines Alters oder Temperaments ist. Ist dies aber deshalb Gott nicht gefallig? Ist es ein Laster?"
"Wenn es nicht aus Herzlichkeit zu dem blutigen Versohner geschieht, so ist es nichts als ein weltliches Tugendbild, eine nachgemachte Frommigkeit, wobei man ewig verlorengehen kann!"
"Sprechen Sie doch nicht so! Hiermit kann man alten Mutterchen allenfalls eine Furcht einjagen, aber man beweiset nichts. Ich habe uber diese Sachen reiflich nachgedacht und finde, dass weder eine blutige Versohnung noch eine ewige Verdammnis mit den erhabenen Begriffen zusammenstimmen, die wir von Gott haben mussen, sobald wir den Begriff Gott denken wollen."
"Ja, ja, so geht es! Je mehr die Menschen alles durch ihre blosse Vernunft einsehen wollen, desto weniger erkennen sie die ihnen angeborne Blindheit und Finsternis. Mir fallt hierbei ein, was ein lieber Sohn des Heilandes sagt26: 'Es ist unvermeidlich, dass Seelen, die sich nicht so ganz in das evangelische Wesen verloren haben, dass sie ihren Bissen Brot, den sie in den Mund stecken, gleichsam in dem Heilande verzehren, und denen das im Namen Jesu auf den Abtritt gehen noch ein Geheimnis ist, in allerhand Bedenklichkeiten verfallen; aber die Gnaden- und Bundesleute verstehen sich auf halbe Worte und wissen die Teilung des Tempels des Heiligen Geistes in allen Einund Ausgangen ohne Kopfzerbrechen zu machen.'"
Sebaldus starrete den Fremden an, ohne ein Wort zu sagen. Dieser glaubte vielleicht, er verstumme aus Bewunderung oder Entzuckung; er fuhr also fort: "Ach, Lieber! Lass dich von der alleinwirkenden Gnade ergreifen! Lass dich von der Kraft des Bundesblutes anfassen. Bete herzlich um die Wiedergeburt. Bete, dass du bald zum Durchbruche kommen mogest. Bete, bete, ich will mit dir beten, lieber Bruder!"
Sebaldus sagte sehr kalt:
"Ich pflege das Vaterunser zu beten; darin steht nichts vom Durchbruche, nichts vom Bundesblute, nichts von der Wiedergeburt oder von der alleinwirkenden Gnade."
Der Pietist schlug die Hande uber sein Haupt zusammen und rief aus:
"Welcher Unglauben! Welche fleischliche Sicherheit! O betruge dich nicht, Mensch! Die Ewigkeit wird kommen! Qual ohne Ende fur den Sunder!"
Sebaldus geriet in Eifer und fing an, die Ewigkeit der Hollenstrafen mit den besten ihm beiwohnenden Grunden zu widerlegen, aber der Pietist, der sich von jeher auf inneres Gefuhl, nie aber auf Grunde eingelassen hatte, antwortete nichts, sondern schlug nochmals die Hande zusammen, hob die Augen gen Himmel und fing an, so laut er konnte, nachfolgendes Lied27 zu singen:
"Zu spat ist's zu erfahren, was Holl' und Ewigkeit.
Ach, willst du's darauf sparen, tu's nicht, heut ist's
noch Zeit.
Bekehre dich von Herzen, dass du der Qual ent
gehst;
denk, dann gibt es nicht Scherzen, wenn du vorm
Richter stehst.
Der dir das Urteil fallet, das Leben rund abspricht,
zum Teufel dich gesellet des ew'gen Tods Gericht.
O Zeter! Ach! Weh! Jammer! Welch Heulen wird
da sein,
wenn in die Marterkammer der Henker schleppt
hinein.
Dahin, wo keine Reue, kein Klagen helfen kann,
die Marter geht aufs neue nach tausend Jahren an!
Da ist kein Glied so kleine, das nicht sein Leiden
hat;
der Leib, der fuhlt das seine, die Seel' auch fruh
und spat.
In grosser Furcht und Schrecken, in finstrer Dunkel
heit,
wird die Verdammten decken, Angst, Grauen,
Traurigkeit;
die Zahne werden klappen fur Frost und grosser
Hitz
und werden blindlings tappen nach einem frischen
Sitz.
Sie werden ewig fallen ins Loch, das keinen Grund,
und aufeinanderprallen zusammen in den Schlund,
sich beissen, fressen, nagen, sich fluchen, lastern
stets,
der Tod wird sie recht plagen, ohn Ende: Seht, so
geht's!
So geht es den Verfluchten in ihrem Hollenloch,
den Schlemmern und Verruchten, ach, glaubet's,
glaubet's doch.
Wollt ihr daran noch zweifeln? So wahr ist's, so
wahr Gott,
ihr fahret zu den Teufeln, wo ihr das halt't fur
Spott!"
Dies Lied sang Sebaldus nicht mit, vielmehr zeigte er unter Absingung desselben sichtbare Kennzeichen der Ungeduld. Nach dessen Endigung geriet er einige Minuten lang in ein tiefes Nachsinnen und fragte endlich seinen Mitwanderer:
"Sind Sie denn also ein Wiedergeborner?"
"Ja", antwortete er mit sehr sanfter Stimme, "das bin ich durch Gottes Gnade. Vor drei Jahren, den 11. September, nachmittags um 5 Uhr, hatte ich zuerst das selige, innere Gefuhl der Gnade, die bei mir zum Durchbruche kam; seitdem habe ich an der Gnade bestandig gehangen, bin nie der Gnade satt geworden."
"Also glauben Sie doch gewiss, ewig selig zu werden?"
"Ach ja! Dessen bin ich gewiss:
Denn ich will stets ein Bienelein
Auf des Lammes Wunden sein
Und fahren so in'n Himmel 'nein."
"So! Und werden ewige Freude haben und werden ganz geruhig zusehen28, wie Millionen ihrer Nebenmenschen sich beissen, fressen, nagen, sich fluchen und lastern, wie der Tod sie recht plagt ohne Ende. Welcher Greuel! Konnen Menschen ihre Nebenmenschen so verdammen und konnen mit Wohlgefallen von ihrer Verdammung ein feierliches Lied singen!"
Der Pietist lachelte und sagte mit sanfter Stimme: "Da sieht man den naturlichen Menschen! Ich verdamme sie ja nicht, sondern" (er lachelte nochmals) "die Bibel verdammet sie. Da steht es deutlich."
Sebaldus fuhr sehr heftig heraus: "Nein, das steht nicht in der Bibel, und wenn es darin stande, so ware sie nicht Gottes Wort. Ich mochte lieber ein Atheist sein, als solche abscheuliche Begriffe von Gott haben, dass er uns das Leben rund abspricht, dass er uns dem Teufel zugesellet, dass er uns durch Henker in Marterkammern schleppen lasst, wo keine Reue, keine Klage helfen kann. Entsetzlich! Von ihm so zu denken, dem Vater des Lebens, dem Geber alles Guten!"
Sebaldus war in grossen Eifer geraten; er brach plotzlich ab, wie der gute Mann gemeiniglich tat, sobald er an sich ungewohnliche Heftigkeit bemerkte, denn er pflegte alsdann zu uberlegen, ob er sich auch vergangen oder zuviel geredet habe.
Der Pietist bewegte den Zeigefinger seiner rechten Hand zweimal auf und nieder und sagte sanftmutiglich:
"Lieber Bruder, ich beweine deinen erschrecklichen Unglauben! Und kannst noch in ungottlichen Eifer geraten! Hier lasst sich der Unterschied des Standes der Natur und der Gnade sichtbar spuren. Wer in der Gnade steht, der ist so ruhig, der ertragt alles, der erduldet alles, stellet alles Gott anheim."
Indem er dies sagte, sprangen Rauber, von welchen damals die ganze Gegend wimmelte, aus einem dikken Gebusche und fielen mit blanken Sabeln die Reisenden an. Sebaldus gab mit dem ruhigen Bewusstsein, dass er sich nicht wehren konnte, das wenige Silbergeld her, das ihm ubriggeblieben war. Der Pietist hingegen war unter den Handen der Rauber totenblass, bezeigte sich sehr ungebardig, walzte sich auf die Erde, suchte seine Uhr zu verbergen, empfing aber daruber verschiedene Stosse und Schlage, alle seine Taschen wurden demungeachtet ausgeleert. Man nahm ihm auch sein feines Kleid, und dem einen Rauber gelustete endlich nach seinen ganz neuen Stiefeln. Er musste, alles Weigerns ungeachtet, sich auf die Erde setzen, um sie auszuziehen. Unterdes entstand ein Gerausch im Busche, und ein Hund schlug an, hieruber wurden die Rauber fluchtig. Der Pietist sprang auf und schrie aus Leibeskraften: "Halt, Diebe! Halt, Diebe!" Als aber niemand erschien, setzte er sich mit dem Stiefel in der Hand abermals unter einen Baum, um recht herzlich auf die Strassenrauber zu fluchen.29 Zugleich sagte er, indem er dem Sebaldus im Stiefel ein geheimes Taschchen zeigte, worin er sein Gold verwahret hatte: "Sehen Sie nun, wie der Herr die Gottlosen mit Blindheit schlagt. Ist nicht dies Gold durch ein Wunder gerettet worden?" Hier zog er seinen Stiefel an und stand auf.
Sebaldus versetzte: "Ich finde wirklich, der Stand der Natur und der Gnade ist unterschieden, so wie Sie bemerkten. Ich naturlicher Mensch kann den Verlust meines Geldes ruhig ertragen. Es waren freilich nur wenige Groschen, aber auch mein letzter Heller ist weg. Ihnen ist noch weit mehr ubriggeblieben, als ich vorher hatte. Ei, ei, ein Wiedergeborner sollte wenigstens nicht fluchen!"
Der Pietist ward feuerrot und stotterte: "Die Bosewichter verdienen den Fluch, weil sie Menschen wie wilde Tiere anfallen, da wir uns einander unterstutzen sollten, wie Sie vorhin ganz richtig sagten. Ach, und das wenige Gold hat der Herr nicht meinetwegen mir so wunderlich erhalten, sondern um notleidender Bruder und Schwestern willen, fur die ich es von christlichen Seelen gesammelt habe. Wiewohl ich jetzt selbst notleidend bin."
Er hatte nicht ganz unrecht, denn er stand im blossen Hemde da, indes ein ziemlich starker Regen zu fallen anfing. Sebaldus zog ungebeten seinen alten Uberrock aus und uberreichte ihm denselben.
"Nehmen Sie", sagte er, "es ist freilich ein geschminktes Laster, Ihnen diesen alten Kittel anzubieten. Aber der Regen fallt allzu stark, als dass wir jetzt feine Distinktionen machen konnten."
Der Pietist nahm den Uberrock stillschweigend an; und weil beide Wanderer vielleicht uber das Vorgefallene nachzudenken fur gut fanden, so schwiegen sie auch den ubrigen Teil des Weges, bis sie gegen Abend in Wustermark ankamen.
Zweiter Abschnitt
Es scheint, der Pietist war einer von den angesehenen Mannern des Konventikels, deren Heiligkeitsgeruch sich gemeiniglich zehn bis zwolf Meilen in die Runde ausbreitet, die daher auf ihren Reisen im Hause jedes Bruders und jeder Schwester ebenso zuversichtlich einsprechen als ein wandernder Monch in ein am Ende seiner Tagereise liegendes Kloster. Unser Mann hatte Wustermark deswegen zum Nachtlager erwahlt, weil daselbst eine fromme, wohlhabende Bauerwitwe wohnte, in deren Haus er auch sogleich ging und den Sebaldus in der Dorfschenke unter allerhand Gesindel seinem Schicksale uberliess.
Bei den Frommlingen mannlichen Geschlechts ist mit heissem Eifer fur fromme Ubungen sehr oft eine grosse Hartherzigkeit verknupft, seltener bei denen von weiblichem Geschlechte. Die Bauerin horte von ihrem Gaste kaum, dass er noch einen Reisegefahrten habe, welcher gleich ihm von Raubern geplundert worden, so kam sie in die Schenke, um den Sebaldus zu sich einzuladen. Sie trug auf, was ihr Haus vermochte, und die Wanderer erquickten sich.
Nach Tische fing der Pietist die Betstunde an, womit die reisenden Heiligen gemeiniglich ihre Zeche zu bezahlen pflegen. Sebaldus, ob er gleich eine durre Dogmatik und eine storrische Polemik hasste, war doch ein Freund herzlicher Andacht. Er war daher sehr erbaut von der stillen Aufmerksamkeit der Bauerin und ihrer Kinder. Sogar auch der Vortrag seines Reisegefahrten war ihm weniger zuwider, als er erwartet hatte; denn dieser besass vollkommen die Biegsamkeit, womit Leute seiner Art sich bestreben, bei denjenigen, die sie nicht bekehren konnen, wenigstens eine gute Meinung von sich zu hinterlassen. Er vermied daher sehr weislich alle Punkte, woruber etwa Sebaldus anderer Meinung sein konnte, und hielt sich bei asketischen Betrachtungen auf, welche der Bauerfamilie begreiflich und seinem Reisegefahrten nicht zuwider waren, so dass sich jedermann sehr zufrieden zur Ruhe legte.
Morgens sehr fruh, nach eingenommenem reichlichen Fruhstucke, dankten sie ihrer Wohltaterin und setzten ihren Weg weiter fort. Sebaldus genoss den schonen Sonnenaufgang, sang ein frohliches Morgenlied und war so innig vergnugt, dass er weder an seinen misslichen Zustand noch an den Zweck seiner Reise dachte, bis sein Gefahrte selbst das Gesprach auf Berlin brachte, wohin sie gingen. Denn er beseufzte mit auf die linke Achsel gesenktem Haupte und gen Himmel erhobenen Augen das Elend dieser grossen Stadt und versicherte, dass daselbst die Religion ein Gespotte sei, niemand in die Kirche gehe, Rotten und Ketzereien regierten und ein jeder rechtschaffener Christ verachtet werde. Er beklagte recht geflissentlich seinen Reisegefahrten als einen Fremdling, der sich nicht in den besten Umstanden befinde und in dieser Stadt voll Unglaubens und Irrglaubigkeit ganz gewiss werde umkommen mussen.
"Ich habe", sagte Sebaldus, "bessere Hoffnung. Ich weiss aus der Erfahrung, dass die Liebe des Nachsten sehr wohl mit den Gesinnungen bestehen kann, welche von vielen Leuten als Unglauben gebrandmarkt werden."
"Nein! Nein!" rief der Pietist mit erhabener Stimme. "Wo Glauben ist, da ist auch Liebe! Die findet man aber in dieser Stadt, ja in diesem ganzen Lande gar nicht. Da herrscht lauter Eigennutz und Betrug, da gehen alle Laster im Schwange, da ist die Ruchlosigkeit aufs hochste gestiegen, da ist alle christliche Liebe erloschen." Er sagte dieses so dreist und versicherte so fest, dass es eine weltbekannte Sache sei und dass er Berlin genau kenne, weil er sich oft da aufgehalten habe; dass endlich Sebaldus anfing, daruber nachdenkend zu werden.
"Ich gestehe", sagte er nach einiger Uberlegung, "wenn die Einwohner dieser Stadt, ja dieses ganzen Landes Ihrer Beschreibung gleichen, so muss es ein wahres Ungluck sein, unter ihnen zu wohnen. Aber", fuhr er nach einigem Staunen30 fort, "sollten Menschen, die so gesinnet sind, wohl in Gesellschaft leben konnen? Sollte ein Staat wohl in kurzer Zeit bluhend werden konnen, der lauter solche Burger enthielte? Und doch soll, nach allgemeiner Versicherung, der preussische Staat nur seit Menschengedenken sehr bluhend geworden sein; besonders soll ja Berlin am Wohlstande seit dreissig Jahren sichtlich zugenommen haben."
Der Pietist, welcher den Sinn dieser Rede nicht fassen konnte, sagte mit dummer Gleichgultigkeit: "Was hat das Zeitliche mit dem Himmlischen zu tun? Die Kinder dieser Welt sind immer kluger als die Kinder des Lichts! Glauben Sie mir gewiss, es gibt in dieser grossen Stadt, wenige fromme Seelen ausgenommen, die noch ihren Heiland liebhaben, nichts als bose Atheisten, die keinen Gott, keinen Teufel und keine Holle glauben."
"Ei nun", sagte Sebaldus, "wenn diese Leute keinen Gott glauben, so glaube ich einen und weiss, dass er keinem seiner Geschopfe mehr Elend auflegen wird, als es tragen kann."
Dritter Abschnitt
Sie waren unter dergleichen Gesprachen durch Spandau gegangen und kamen unvermerkt bei Charlottenburg an. Sebaldus erblickte mit Vergnugen jenseit der Spree, im koniglichen Garten, die lange Allee dichtbelaubter Kastanienbaume, worunter einige einzelne Spazierganger auf und ab wandelten. Er blieb auf der Brucke stehen, um noch einmal darnach zuruckzuschauen. Das Schloss hingegen liess er liegen, ohne dass ihm auch nur eingefallen ware, zu fragen, was fur ein grosses Gebaude dies sei. So sehr ward er von den Schonheiten der Natur geruhrt, und so wenig aufmerksam war er auf alle Pracht der Kunst.
Je weiter sie in den berlinischen Tiergarten kamen, desto mehr ward Sebaldus entzuckt. Es war in der Nacht ein starker Regen gefallen, welcher den Sand, womit die Natur in diesen Gegenden so freigebig gewesen ist, zum Stehen gebracht und den Staub von den Baumblattern abgewaschen hatte, den tausend Frauenzimmerschleppen nebst einer verhaltnismassigen Anzahl von Wagenradern und Pferdefussen bei trockenem Wetter im Tiergarten zu erregen pflegen. Den Vormittag hatte sich das Wetter aufgeklart, und der Baume mannigfaltiges Grun ward durch den heitern Sonnenschein und durch die vollig reine Luft noch mehr erhoben.
Die Wanderer sahen die gluckliche Mischung dunkler Fichten mit schlanken Ulmen, hellgrunen, weissrindigen Birken und freundlichen Akazien, denen hundertjahrige majestatische Eichen zum Hintergrunde dienen. Melancholische Gange von dichtem Larchenholze und von dustern Eiben fuhren auf grune Sale, mit Statuen geziert und mit Hecken von jungen Eichen und von immergrunem Nadelholze umkranzt. Sie traten in Gange, beschattet von Linden und breitbelaubten Platanusbaumen, hinter welchen dichte Gebusche von Erlen und Espen die feuchten Grunde anfullen; neben ihnen der dichtere Wald, wo einsam der sokratische Ahorn wachst und die Pappel und der Masholder, wo die weit sich ausbreitende Buche ihre gestreckten Aste wiegt und der Tannenfichten schlanke und gerade Stamme ihre erhabene Krone einzeln himmelan strecken. Der frische Geruch des Nadelholzes, vom Regen ausgelockt, und balsamische Lindenblute erquickten die Wanderer; die Aussicht begrenzte der benachbarte Spreestrom und die aufgespannten Segel der auf ihm hinabgleitenden Schiffe.
So kamen sie endlich gegen drei Uhr auf den Platz bei den Zelten, den gewohnlich sonntags nachmittags eine Menge Spazierganger anfullt. Zwar war noch nicht die modische sechste Stunde da, welche in dem Zirkel des Tiergartens die schone Welt zusammenbringt, um zu sehen und gesehen zu werden. Die Exzellenzen und die gnadigen Damen hatten sich eben zur Tafel gesetzt. Die Kenner im Essen kaueten noch an den reichgewurzten Frikasseen, schmeckten die zusammenkonzentrierten Safte der feinen Ragouts in Schusseln, mit Asa foetida gerieben, und zogen im voraus das Fumet des raren Wildes in sich, das ihrer Zahne wartete. Die reichen Kapitalisten waren eben vom Burgunder und sechsundzwanziger Rheinweine gesattigt und begannen, den Peter Semeyns, Syrakuser, Rivesaltes und Capwein beim Desserte aus kleinen Glasern zu schlurfen. Die schonen Damen burgerliches Standes schickten sich an, zu Kaffeevisiten zu fahren, und ordneten die Geschichte des Tages, so wie sie zu erzahlen ware, in ihrem Kopfe zusammen; und die franzosische Kolonie war noch in der Vesperpredigt.
Kurz, es war drei Uhr und also von der schonen Welt noch wenig zu sehen; hingegen wimmelte der Platz von den glucklichen Sohnen der Erde, welche alle Sorgen der Woche am Sonntage vollig vergessen und sich und ihr Leben bei einem Spaziergange und bei einem geringen Labetrunke herzlich geniessen. Arbeiter auf Weberstuhlen und in Schmiedeessen fullten die Zelte an und liessen ihren Groschen unter lautem Gelachter aufgehen oder steckten ernsthaftiglich uber das gemeine Beste ihre Kopfe zusammen, weissagten neue Auflagen und fallten Urteile uber Geruchte von bevorstehenden Kriegen.
Der Zirkel, der nach drei Stunden der Schauplatz der Schonen vornehmen Standes sein sollte, war jetzt im Besitze des gemeinen Mannes, im besten Anputze und voll frohlichen Mutes. Da war mancher gesunder Jungling im neugewendeten Rocke und mit goldner Troddel am Hute kostlich geputzt, neben ihm in silberbebramter Mutze seine rotbackige Liebste, die zur Feier dieses ihm langst versprochenen Spazierganges ihre samtlichen sechs Rocke ubereinandergezogen und die neuen kalmankenen Schuhe nicht vergessen hatte. Hinter ihnen, das Bild der ehelichen Vertraglichkeit, ein ehrlicher Handwerksmann, der seinen jungsten Knaben im langen Rocke auf dem Arme trug, indes die Mutter ihres Mannes Stock in der rechten Hand fuhrte, zur Linken ihre funfzehnjahrige Tochter in der Schonheit der Jugend, mit niedergeschlagenen Augen, unter der emporstehenden Haube sanft hervorblickend. Die grosse Allee von der Stadt her war bedeckt von Spaziergangern zu Fusse und zu Pferde, und einige Wagen brachten bis ans Tor wohlbeleibte Tanten und burgerlich erzogene Nichten, die nur die Reize eines angenehmen Spazierganges suchten und auf wohlfrisierte Kopfe und Aufsatze nach der neusten Mode achtzuhaben nicht waren gewohnt worden.
Sebaldus' Stirn erheiterte sich bei dem Anblicke so vieler vergnugten Leute. Des Pietisten Stirn aber runzelte sich vor geistlichem Verdrusse. "Siehe da", rief er aus, "siehe da, die Kinder Belials, wie sie den Lusten des Fleisches nachziehen! Wie sie den Weg der Sunden gehen, reiten und fahren! Immer gerade in den hollischen Schwefelpfuhl hinein!"
"Behute Gott!" sagte Sebaldus. "Ich finde nichts Sundliches darin, dass diese Leute den herrlichen Tag geniessen, den uns Gott gibt; soweit ich sehen kann, ist ihr Vergnugen sehr unschuldig."
"Oh, wie sundlich", sagte der Pietist mit entflammten Augen, "das ist eben des Teufels Lockspeise, wenn er uns mit dem weltlichen Vergnugen ankornen kann. Ein recht echtes Gnadenkind soll kein anderes Vergnugen haben, als sein eignes Elend zu kennen und zu fuhlen, was es heisst, ein armer Sunder zu sein."
Sebaldus, dem diese gesalbten Weidspruche nicht gefielen, antwortete nichts, wurde auch nicht zum Worte gekommen sein; denn der Pietist, den die Herzlichkeit zum Heilande ergriffen hatte, begann, die Vorubergehenden zu ermahnen, ihnen die Abscheulichkeit des Spaziergehens an einem schonen Sonntage vorzustellen und dafur das Seitenhohlchen anzupreisen, worin sie recht selige Spaziergange halten konnten.
Einige gingen vorbei, beinahe ohne ihn zu horen, andere gafften ihn an, ohne zu wissen, was sie aus ihm machen sollten, andere schuttelten den Kopf. Endlich versammelte sich doch allerhand Pobel, welcher schrie und larmte und vom Tollhause zu reden anfing, ja einige hoben Erdklosse auf und warfen sie uber ihn weg.
Sebaldus furchtete jetzt, der Auftritt mochte ernsthafter werden, und suchte seinen Reisegefahrten von seinem Vornehmen abzuhalten, diesen aber hatte der geringe Anschein, eine Art von Martyrer zu werden, den Kopf angeflammt; er erhob seine Stimme noch mehr, um den Vorubergehenden ein Wort ans Herz zu legen.
Endlich geriet er an einen Menschen, der nach seinem braunen Rocke und rund um den Kopf herum abgeschnittenen Haaren nichts anders als ein Schlachter oder Gerber sein konnte. "Mein Freund", redete er ihn an, "Er gehet, um sich die Zeit zu vertreiben. Oh, wenn Er wusste, wie wohl dem ist,
Der da seine Stunden
In den Wunden
Des geschlacht'ten Lamms verbringt."
"Herr", sagte der Kerl mit starren Augen, "was kann mir das helfen? Ich bin vorigen Sonntag im 'Lamme' gewesen, aber das Bier war sauer." Und damit ging er fort. Der umstehende Pobel schlug ein Gelachter auf und verliess unsre Reisenden. Der Pietist verstummte.
Die Enthusiasten pflegen in der Hitze ihres Eifers gewohnlicherweise einen Kotregen und allenfalls auch einige Faustschlage nicht zu achten, wenn es ihnen nur gelingt, Aufmerksamkeit zu erregen. Werden sie aber trocknerweise ausgelacht und niemand bleibt bei ihnen stehen, so kuhlet sich der Eifer ab, und sie begnugen sich allenfalls, zwischen den Zahnen murmelnd, die dem Worte ungehorsamen Weltkinder dem Teufel zu ubergeben.
So war es auch hier. Der Pietist schwieg murrisch still, und Sebaldus, da sie indes ins Tor traten und Unter den Linden fortgingen, genoss die Schonheit dieser Allee, sog den Blutenduft ein und freute sich uber die frohlichen Gesichter, die ihm allenthalben entgegenkamen.
Sie gingen einige Strassen stillschweigend fort und bei einer Kirche vorbei, worin sie noch predigen horten.
"Siehe da", rief der Pietist aus, "wie leer der Weg zum Gotteshause ist, und wie angefullt war der Weg zu den Hausern des Teufels! Oh, wie ist doch alle Gottesfurcht, alle Liebe zum Heilande in dieser grossen Stadt ganz ausgetilget! Wie wandelt doch jedermann im Pfade der Ruchlosigkeit, lauft dem Teufel gerade in den Rachen und sturzt sich in das ewige Verderben!"
Sebaldus schaute ungeduldig einigemal rechts und links um sich.
"O Stadt", fuhr der Pietist fort, "die du bist wie Sodom und Gomorrha, wie bald wird Gott seinen feurigen Schwefelregen uber dich ergiessen! Und dies ware schon lange geschehen, wenn nicht wenige Gerechte noch in dir waren, um derentwillen dich der Herr schonet! Ja, mein Freund!" (Hier fing er an zu weinen.) "Es gibt hier einige erwahlte Seelen, die bis uber den Kopf in den Wunden des Lammes sitzen, die zu einem Punktlein, zu einem Staublein, zu einem Nichts geworden sind und sich nur in das blutige Lamm verliebt haben, diese halten noch die verworfene Stadt, dass sie nicht fallt."
Indem er dieses sagte, blieb er plotzlich an einer Ecke stehen, zog des Sebaldus alten Uberrock aus und gab ihn zuruck. Sebaldus bat ihn, denselben so lange zu behalten, als er ihn brauchte. "Nein", sagte er, "ich trete nunmehr bei einem lieben Bruder ab. Wie wird dem sein, wenn er an meiner Nacktheit siehet, was ich um des Heilandes willen gelitten habe! Er wird dann tun, soviel ihn der Heiland heisst." Hier druckte er dem Sebaldus die Hand, wunschte ihm den Segen des Herrn, verliess ihn, klopfte an ein vierzig Schritte davon entferntes grosses, wohlgebautes Haus und ging, nachdem es geoffnet worden, hinein.
Sebaldus stand noch an der Ecke mit dem Uberrokke auf dem Arme, und nachdem er denselben angezogen hatte, befand er sich an einem sehr heissen Nachmittage nichts besser. Er ging voller Gedanken die Strasse wieder herunter, die er gekommen war, und da er an die Kirche kam, so trat er hinein, weil er nichts Bessers zu tun wusste.
Er fand die Kirche wider Vermuten so gestopft voll, dass es ihm einige Muhe kostete, sich bis dahin durchzudrangen, wo er den Prediger deutlich verstehen konnte. Dies war ein junger Kandidat voll zierlichen Anstandes, der eine erbauliche Rede von der wahren christlichen Liebe beinahe zu Ende gebracht hatte und jetzt eben bei der Nutzanwendung war. Das Herz des guten Sebaldus erweiterte sich wieder, da er die vielen schonen Lehren des Predigers und die Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuhorer betrachtete; und die finstere Vorstellung von Berlin, welche seines Reisegefahrten Bericht bei ihm verursacht hatte, fing an, in seinem Geiste sich etwas aufzuheitern.
Vierter Abschnitt
Indes war der Gottesdienst geendigt. Alle Zuhorer verliessen die Kirche, und Sebaldus mit ihnen. Nun fiel ihm wieder ein, dass er nicht wusste, wohin er gehen sollte, indem er keinen Pfennig in seiner Tasche hatte und in dieser weitlaufigen Stadt ganz unbekannt war.
Er begann daruber verschiedene traurige Betrachtungen zu machen, als eben der Kandidat voruberging, welcher gepredigt hatte. Sein volles und rundes Gesicht, auf welchem die fruhe Jugend bluhte, war in eine weissgepuderte, in sanften Locken herabwallende Perucke gehullt. Er dankte mit susser, selbstgefalliger Miene und mit langsamem Kopfneigen rechts und links den gemeinen Leuten, die seinen steifgestarkten Kragen und den auf seinem Rucken schwimmenden Mantel grussten, den er zuweilen mit der linken Hand zierlich aufnahm, indes er, mit dem Hute in der rechten Hand, den Laien fur ihren Gruss eine Art von Segen zu erteilen schien.
Er trat in ein nicht weit entlegenes Haus, und in Sebaldus' Geiste stieg plotzlich der gute Gedanke oder, nach gelehrter Exegese zu reden, die Offenbarung auf, dass er sich in seiner gegenwartigen Bekummernis am besten an den Jungling wenden konnte, welcher so fein von der christlichen Liebe gepredigt hatte. Er klopfte also an die Ture an.
Diese offnete ein altlicher Mann, wie sich nachher auswies, der Vater des Kandidaten, ein ehrlicher, guter Kramer, der in den Abendstunden und Sonntagsnachmittagen gern Erbauungsschriften las, die er nicht ganz verstand. Er war daher in des hochtrabenden Omler, in des mystischen Trescho, in des wortreichen Tiede Schriften sehr belesen und galt deshalb bei seinen Nachbarn fur einen gelehrten Mann.
Das Herz hupfte dem ehrlichen Kramer, als Sebaldus nach dem Prediger fragte, von welchem er eben die schone Predigt von der Liebe gehort habe. "Es ist mein Sohn", rief er freudig aus, "treten Sie doch naher, mein lieber Herr", und damit fuhrte er ihn in die Stube.
Sebaldus fand den Kandidaten unter den Handen seiner uber die erste Predigt ihres Sohnes noch entzuckten Mutter, die ihm eben einen leichten Schlafrock angezogen und eine weisse Mutze aufgesetzt hatte und noch beschaftigt war, ihm den gelehrten Schweiss von der Stirne zu wischen.
Sebaldus redete ihn an: Seine Predigt mache ihm Mut, sich bei seiner jetzigen Verlegenheit an ihn zu wenden. Er sei selbst ein Prediger, obgleich seines Amts entsetzt. Er habe zweimal durch Rauber seinen letzten Heller nebst seinen Empfehlungsbriefen verloren. Er bitte ihn nur um Obdach und um guten Rat, wie er notdurftig sein Brot verdienen konne.
Der Kandidat fragte ihn mit sehr weiser Miene: Warum er sei entsetzet worden?
Sebaldus glaubte, dem Berichte seines gewesenen Reisegefahrten zufolge, er werde sich am besten empfehlen, wenn er sich als einen Heterodoxen angebe. Er gestand also ohne Umstande, dass er wegen Abweichungen von den symbolischen Buchern sein Amt verloren habe.
"Abweichungen!" rief der alte Kramer. "Oh, wenn Sie doch das schone Buchlein gelesen hatten, das wir neulich hier hatten. Fritz, wo war's doch gedruckt, in Nurnberg, oder in Jena? Da wurden Sie haben lesen konnen, wie der liebe Mann die Abweicher abfuhrt, 's ist' n gelehrter Mann, wahrlich' n gelehrter Mann, er wurde Sie verachten, wenn er Sie kennte. Der Mann halt was auf Orthodoxie."
Er hatte noch weit mehr geplaudert, aber der Kandidat, der es ungern sah, dass sein ungelehrter Vater geschwinder antworten wollte als er, rief mit pathetischer Stimme: "Es tut mir sehr leid, dass Sie nicht besser auf die symbolischen Bucher gehalten haben. Hierzulande schworen wir leider zwar nicht darauf, sie sind aber doch ein Pactum, und pacta sunt servanda. Und worin", fuhr er mit aufgeworfenem Unterkinne fort, "worin fanden Sie denn fur so notig, von den symbolischen Buchern abzugehen?"
Sebaldus, etwas kleinlaut, antwortete: "In der Lehre von der Ewigkeit der Hollenstrafen."
Der Kandidat schlug seine Hande uber seine weisse Mutze zusammen und rief aus: "Wie ist es moglich, dass jemand an einer so gottlichen Lehre zweifeln kann? Haben Sie denn den ersten Teil meiner Predigt nicht gehort?"
"Nein", sagte Sebaldus, "weil ich erst gegen das Ende derselben kam."
"Das tut mir leid", sagte der Kandidat, "denn ich habe darin bewiesen, die wahre christliche Liebe erfordere, dass man alle diejenigen, welche nicht den wahren evangelischen, seligmachenden Glauben haben, durch alle nur mogliche Mittel zu demselben zuruckzubringen suche, eben deshalb, damit man ihre Seelen rette und sie nicht ewig verdammet wurden."
Er wurde seine ganze Predigt wiederholt haben, wenn nicht der Vater in grossem Eifer aufgefahren ware: "Wie, keine ewige Hollenstrafen? Das ware schon, wenn mein Nachbar an der Ecke gegenuber nicht sollte ewig verdammt werden! Er, der das Predigtamt verachtet, der in gar keine Kirche gehet, der mir einen Prozess an den Hals geworfen, der ihn gewonnen hat, der gottlose Mann, der Atheist, der Separatist!"
Sebaldus wollte sich verteidigen; aber der Kramer nahm ihn beim Arme und schob ihn hoflich zur Ture hinaus.
Sebaldus war sehr betreten, weil er aber sah, wie ausserst notwendig es sei, sich an irgend jemand zu wenden, so ging er zum Nachbar gegenuber, von dem er bessere Gesinnungen hoffte, weil er nicht so orthodox sein sollte als der Kramer.
Er fand einen Mann von blassem, sanftmutigem Ansehen in einem simpeln grauen Rocke und einer baumwollenen Perucke an seinem Pulte sitzend, der einen Posten in sein Hauptbuch trug.
Sebaldus erzahlte ihm, was in des Nachbars Hause vorgefallen war, und wiederholte seine Bitte um einen guten Rat.
Der Separatist sagte mit schwacher und sanfter Stimme: "Ich wundere mich nicht uber meines Nachbars unchristliche Rede, denn er hat den Geist nicht, der das Leben gibt. Freilich sind die symbolischen Bucher eine Erfindung des Teufels, so wie der ganze geistliche Stand. Ein jeder wahrer Christ ist ein Hoherpriester. Die Geistlichen haben die Welt von jeher verfuhrt; und da Er, mein Freund, von dem Stande ist, so gehe Er in Gottes Namen, wohin Er will, ich habe nichts mit Ihm zu schaffen."
Sebaldus klopfte noch an einigen Turen an, wo man ihn als einen gemeinen Bettler abwies.
Endlich geriet er in ein Gelag, wo vier lockere Bruder zwischen acht Flaschen sassen und samtlich vom Weine gluheten. Sie hatten schon dreimal ihren gewohnlichen Zirkel von schlupfrigen Wortspielen und abgeschmackten Spottereien durchgegangen, hatten schon dreimal sich gekitzelt, uber das zu lachen, was nicht lacherlich ist, und waren eben im Begriffe, trotz der Dunste des Weins, womit sie ihre hirnlosen Kopfe anfeuerten, in ein allgemeines Gahnen zu geraten. Der Zufall fuhrte ihnen den Sebaldus zu, dem sie gleich ansahen, dass er sehr leicht aufzuzaumen sein wurde. Der Witzigste unter ihnen, nachdem er den andern einen Wink gegeben hatte, nahm den Sebaldus, der eben wieder aus der Ture zurucktreten wollte, mit freundlicher Miene bei der Hand, liess ihn niedersitzen und fragte dem guten Manne, dessen Herz gewohnlicherweise auf seiner Zunge sass, sehr bald seine Geschichte ab und erfuhr auch von ihm seine Neigung zur Apokalypse, der er den lautesten Beifall zu geben schien, indes seine Gefahrten im innern Munde lachten. Er bedauerte nun mit scheinheiliger Miene den Sebaldus wegen seiner vielen erlittenen Unglucksfalle und fragte ihn, wie er sie habe so geduldig ertragen konnen.
"Unvermeidliches Ungluck zu ertragen wird dem leicht, der die Hoffnung jenes Lebens ..."
Hier konnte sich einer der Gaste, der dem Sebaldus gegenubersass und ihn schon lange, den Kopf auf beide Ellenbogen gestutzt, angegafft hatte, nicht langer halten, sondern schlug uber jenes Leben eine laute Lache auf.
"Du alter Narr", rief er, "du wirst ebensowohl in Nichts verwandelt werden als ich und wir alle, drum lass uns noch eins trinken. Denn" (er sang)
"Unser Leben wahret kurz,
Es vergeht geschwinde."
Hiermit schenkte er ein volles Glas ein und brachte es dem Sebaldus. "Da, trink mit, auf der babylonischen Hure Gesundheit!" Alle vier brachen in ein Pferdegelachter aus; und Sebaldus, der jetzt erst merkte, in was fur Gesellschaft er war, liess sich durch kein Zureden aufhalten, sondern eilte zur Ture hinaus und schopfte nicht eher wieder frische Luft, bis er auf der Strasse war.
Er empfand den ehrlichen Unwillen eines verstandigen Mannes, wenn er merkt, dass er einer Gesellschaft von Narren zum Schauspiele dienen soll. Hiezu kam die Bekummernis uber seine nun mehrmals fehlgeschlagene Hoffnung, sich die ersten Bedurfnisse des Lebens zu schaffen.
Er wollte eben in laute Klagen ausbrechen, als ihm sein gewesener Reisegefahrte begegnete. Dieser war in einen guten tuchenen Rock gekleidet, ging mit nieder- geschlagenen Augen ernsthaft einher, in Gesellschaft eines braunen, von der Sonne verbrannten Menschen von widriger Miene, der in Reisekleidern und mit einem Hirschfanger umgurtet war. Er wurde den Sebaldus nicht angesehen haben, wenn dieser ihn nicht bei der Hand genommen und ihn also angeredet hatte:
"Ach! Sie haben wohl recht, dass in dieser Stadt alle christliche Liebe erloschen ist. Aus den Hausern weiset man mich weg, und auf der Strasse bin ich unter hundert Menschen, die bei mir vorbei ihren Vergnugungen oder Geschaften nacheilen, ebenso einsam als in einer Wuste. Der Tag fangt an sich zu neigen, und ich weiss noch nicht, wo ich ein Obdach finden soll. Grosser Gott, was soll aus mir werden?"
"Ja freilich", sagte der Pietist, "wo die seligmachende Gnade nicht ist, da ist keine Liebe, aber ein Christ muss doch nicht verzagen. Wissen Sie was, wenn es dunkler wird, so gesellen Sie sich zu den Nachtwachtern und gehen mit ihnen auf eine Hauptwache, da konnen Sie schlafen. Morgen fruh wird sich wohl etwas finden. Leben Sie wohl, ich muss eilen."
Sebaldus wollte ihn noch aufhalten, aber er riss sich los; denn er sollte einem jungen Herrn noch heute unverzuglich Geld verschaffen, und das Pfand war sehr sicher.
Sebaldus, von aller Hilfe verlassen, irrte noch einige Stunden fast ohne Besinnung auf den Strassen herum. Er hatte seit dem fruhen Morgen noch nichts gegessen, war ausserst ermudet von der Reise, sein Herz vom Gram zerrissen; seine Glieder ermatteten, alle Hoffnung verliess ihn, und er sank, als es jetzt dunkler ward, beinahe ohne es selbst zu wissen, unter dem Bogengange der Stechbahn in einen Winkel trostlos nieder. Hier lag er unter den traurigsten Betrachtungen. Bald fiel ihm die Hartherzigkeit des Stauzius und des Prasidenten ein, die ihm in seinem Vaterlande nicht einmal die Luft gegonnet hatten, bald ging ihm die Gleichgultigkeit der Einwohner Berlins ans Herz, die auf das Elend eines Nebenmenschen so wenig achthatten. Die Standhaftigkeit, die ihm sonst sein ruhiges Temperament gewahrte, hatte ihn ganz verlassen. Er stiess laute Seufzer und die bittersten Klagen aus. Er erregte dadurch die Aufmerksamkeit vieler Vorubergehenden, die von Gastereien oder Spaziergangen zuruckkamen. Einige sagten: "Da liegt ein Mensch!", andere: "Was muss das fur ein Mensch sein?", andere warfen ihm ein paar Dreier zu, die einen Mann, dessen Gesinnungen das Elend noch nicht ganz hatte erniedrigen konnen, demutigten, ohne ihm zu helfen.
Endlich, da es schon ganz dunkel war, ging ein Mann mit einer Laterne in der Hand voruber, eben als Sebaldus einen tiefen Seufzer ausstiess und in unzusammenhangende Klagen ausbrach. Der Mann leuchtete ihm mit der Laterne gerade ins Gesicht und fragte, was er begehre.
"Ha", sagte Sebaldus mit starren Augen, "ich mochte wohl einen mitleidigen Menschen sehen, denn in dieser Stadt kann eine menschliche Kreatur auf der Strasse verschmachten, indes in allen Hausern Wohlleben und Freude herrschet."
Der Vorubergehende fragte weiter und erfuhr in wenig Worten, wer Sebaldus sei und die fehlgeschlagenen Versuche dieses Tages.
"Sie haben sich, mein Freund", sagte der Mann mit der Laterne lachelnd, "nur an allzu reiche Leute gewendet. Ein wohlhabender Mann kennt das wahre Bedurfnis eines Unglucklichen nicht recht, wirft ihm aufs hochste einen Dreier oder Pfennig zu und geht weg. Konigen konnen am besten Konige und Armen am besten Arme helfen. Stehen Sie auf!" Er hob ihn auf und fuhrte ihn mit sich.
Dieser Mann war Schulmeister in einer von den Freischulen fur arme Kinder, die eine rechtschaffne Patriotin31 aus Liebe zu guten Handlungen zuerst angelegt hat und die bisher durch die Mildtatigkeit von Menschenfreunden unterhalten wurden. Er hatte bei einer sauern Arbeit ungefahr das notwendigste Auskommen. Seine Frau und einzige Tochter halfen arbeiten, um sich zu erhalten. Er stellte ihnen bei seiner Zuhausekunft den Sebaldus vor, der mit herzlicher Gastfreundschaft empfangen ward. Sie erquickten ihn mit einer frugalen Abendmahlzeit, und hernach ward ihm, in einer Art von Abschlage auf dem Boden, ein Lager von frischem Strohe angewiesen, zu dessen Verbesserung sowohl der Alte als das gute Madchen jeder ein Stuck Bette hergab.
Funfter Abschnitt
Sebaldus wachte erst gegen acht Uhr auf, sehr gestarkt durch die Ruhe, und fand schon seinen Wohltater bei seinen Schulern, dessen Frau beim Seidewikkeln und die Tochter bei einem Nahrahmen beschaftigt. Er fing sogleich ungebeten an, seinem Wohltater in seiner Schularbeit zu helfen. Nach dem Mittagsessen dankte er ihm von ganzem Herzen fur seine gastfreie Aufnahme und fugte die Bitte hinzu, dass er ihm Anleitung geben mochte, selbst sein Brot zu verdienen.
"Was meinen Sie zu verstehen", antwortete der Schulmeister, "das hier in Berlin brauchbar ware und das Sie lehren oder ausuben konnten?" "Ich habe gedacht", sagte Sebaldus, "da doch in dieser grossen Residenz die wichtigsten Landes- und Regierungsangelegenheiten, Kriegsanschlage, Handlungs- und Nahrungsgeschafte und so weiter vorkommen mussen und da keine von diesen Sachen ohne Philosophie gefuhret werden kann, so wurde ich am besten mein Auskommen finden, wenn ich Unterricht in der Philosophie gabe. Wenn ich auch nicht an die Grossen kame, so muss doch ein jeder Burger vernunftig zu leben suchen, und dies kann ich nach den neuesten und grundlichsten Grundsatzen des Herrn Doktor Crusius lehren. Ich kann aus der Thelematologie aufs unwiderleglichste die Ethik, die naturliche Moraltheologie, das Recht der Natur und die allgemeine Klugheitslehre herleiten. Denen, die nicht so tief eindringen wollen, kann ich einen halbjahrigen Kursus uber Wustemanns Einleitung in die Philosophie des Herrn Doktor Crusius halten."
"Wer ist der Crusius, und wer ist der Wustemann?"
"Wie! Herr Doktor Crusius ist ein weltberuhmter Mann, den alle Gelehrte aus einem Munde preisen, der die Thelematologie erfunden hat, der sich dem Wolffischen Fatalismus entgegengesetzt hat; dessen Schriften mussen ja wohl alle Gelehrte in Berlin sich zum taglichen Studium machen."
"Vielleicht! Ich bin kein Gelehrter, doch bin ich in vielen Hausern in Berlin bekannt, ich war drei Jahre Schreiber bei einem Mitgliede der Akademie der Wissenschaften, zwei Jahre Bedienter bei einem Minister und anderthalb Jahre Kuster bei einem sehr gelehrten Prediger, der mir alle seine Manuskripte vorlas, und doch habe ich den Namen Crusius in meinem Leben nicht nennen horen. Und wie hiess der andere?"
"Magister Wustemann. Dieser hat die freilich etwas weitlauftigen Schriften des Herrn Doktors in einen kurzen Begriff gebracht. Ich dachte, er musste auswarts ebenso beruhmt sein als Wichmann, Reinhard, Schmid, Pezold, die des Herrn Doktors lateinische Schriften, den Ungelehrten zum Besten, ins Deutsche ubersetzten. Zudem wird, wie ich hore, in Leipzig und in Wittenberg uber seine Einleitung gelesen."
"Ich habe schon mehrmal bemerkt, dass Leute, die auf Universitaten fur sehr beruhmt gehalten werden, in Berlin keinem Menschen bekannt sind. Ich glaube uberhaupt nicht, dass Sie in Berlin durch Philosophie Ihr Gluck machen konnen. Da hilft Gunst und Protektion, tiefes Beugen und langes Warten oft mehr als das beste System. Was haben Sie sonst studiert? Womit haben Sie sich ausser der Philosophie am meisten beschaftigt?"
"Ich habe meine Nebenstunden hauptsachlich zur Verfertigung eines Kommentars uber die Apokalypse angewendet. Ich habe ihn bei einem Freunde niedergelegt. Mir fallt eben ein, ich konnte ihn kommen lassen; denn, unter uns gesagt, ich beweise darin, dass der Konig von Preussen in kurzem ansehnliche Provinzen erhalten wird nebst vielen andern wichtigen und nutzlichen Dingen." "Mein lieber Freund, die Apokalypse ist in Berlin noch weniger in gutem Geruche als die Philosophie. Wollten Sie weissagen, so mussten Sie vor drei oder vier Jahren kommen, als wir noch Krieg hatten, denn da galten noch die Weissagungen etwas. Und doch ist die Frage, ob nicht Pfannenstiel der Leinweber weit uber Sie gewesen sein wurde, welcher nicht allein die Schlacht bei Zorndorf auf den Tag vorhersagte, da sie wirklich geschah, sondern auch, was noch mehr war, den Gesang, der den darauf folgenden Sonntag in der Kirche gesungen werden sollte. Nein, mit Weissagungen kommen wir nun in Berlin nicht mehr fort. Verstehen Sie nichts anders? Konnen Sie Franzosisch, konnen Sie rechnen, konnen Sie tanzen, konnen Sie den Hunden den Tollwurm schneiden? Dies sind Kunste, die ihren Mann ernahren."
"Von alledem verstehe ich nichts", sagte Sebaldus ganz kleinmutig. "Ich verstehe zwar noch etwas, aber das wird mich auch zu nichts fuhren, da man in Berlin sogar mit der Philosophie nicht fortkommt. Ich kann ein wenig auf dem Klaviere spielen, aber was kann mir das nutzen?"
"Halt, mein Freund, damit kommen wir weiter als mit allem andern. Diese Geschicklichkeit wird Ihnen nicht reichliches, aber doch notdurftiges Brot geben. Sie werden auch Noten schreiben konnen. Mit diesen beiden Kunsten habe ich mich selbst uber zwei Jahre erhalten."
Sebaldus ward also zu einem Musiker von der untern Klasse umgeschaffen. Er unterwies gemeiner Leute Kinder auf dem Klaviere, und fur vornehmere schrieb er Noten. Er ward hierdurch zu seinem grossen Vergnugen in gar kurzer Zeit in den Stand gesetzt, seinem Wohltater und vertrauten Freunde nicht ferner beschwerlich zu fallen, ob er gleich fortfuhr, bei ihm zu wohnen.
Es waren schon ein paar Monate in Zufriedenheit und ohne merkwurdige Vorfalle verflossen, als eines Tages dem Sebaldus von einem gewissen Herrn F. einige Musikalien zum Abschreiben zugeschickt wurden. Er ward auf diesen Namen sehr aufmerksam, weil er glaubte, ihn irgendwo gehort zu haben. Nach naherer Erkundigung erfuhr er, dass dieser Mann bei einem Grafen Hofmeister gewesen, von dem er noch eine ansehnliche Pension erhalte. Nun besann er sich, dass das Rekommandationsschreiben des Majors in Leipzig an einen Mann dieses Namens gerichtet gewesen ware, an welches er, seitdem es verloren war, nie gedacht hatte. Um diesen Mann naher kennenzulernen, uberbrachte er seine Abschriften selbst, gab sich zu erkennen und ward von Herrn F. mit der grossten Freundschaft aufgenommen. Noch mehr, er erfuhr von ihm, dass der Major, durch Wunden zum Dienste untuchtig, in Berlin von einem Gnadengehalte lebe.
Er sah denselben noch an ebendem Tage in Gesellschaft des Herrn F. und ward von ihm mit herzlichem Handedrucke empfangen. Der Major biss die Zahne zusammen, als er horte, wie treulos Stauzius nach dem Abmarsche des Obersten gegen seinen Freund gehandelt habe, und erbot sich auf die treuherzigste Weise, ihm durch Vorsprache noch eine Feldpredigerstelle zu verschaffen, bis dahin aber sein Gehalt mit ihm zu teilen. Sebaldus, obgleich uber diese grossmutigen Antrage geruhrt, verbat sie doch. Das unabhangige Leben fing an, ihm zu gefallen, und gewohnt, wenig zu bedurfen, erwarb er mit seiner Arbeit mehr, als er zu seinem Unterhalte notig hatte.
Mit Muhe liess er sich bereden, bei dem Herrn F eine bequemere Wohnung einzunehmen und desselben Tischgenosse zu werden, weil derselbe, seitdem er Witwer war und seine Kinder verloren hatte, in der Einsamkeit einen Gesellschafter zu haben wunschte.
Sechster Abschnitt
Einsmal, nach dem Mittagsessen, verlangte Herr F. vom Sebaldus die ausfuhrliche Erzahlung seiner Schicksale. Als sie geendigt war, gingen sie, weil es einer von den schonen Herbsttagen war, die unter diesem Himmelsstriche oft den Sommertagen weit vorzuziehen sind, nach dem Weidendamme. Sebaldus war uber die Schonheit dieses Spaziergangs entzuckt. Mitten in einer bewohnten weitlaufigen Stadt erblickte er eine grosse grunende Wiese, umkranzt mit Weiden, hoch und belaubt, wie sonst nur Ulmen und Linden zu sein pflegen32; dieser landlichen Szene gegenuber Garten und Gartenhauser, Werke der Kunst, ohne Pracht, aber anmutig, und zwischen beiden Aussichten den Spreestrom, von Schwanen bewohnt. Er genoss ganz das Vergnugen des reizenden Anblicks; er wollte es seinem Gesellschafter mitteilen, aber nun ward er erst gewahr, dass derselbe in tiefen Gedanken einherging und, anstatt auf seine Ausrufungen zu antworten, einigemal tief seufzte.
"Was fehlt Ihnen?" fragte ihn Sebaldus. "Sie scheinen ganz tiefsinnig zu sein."
"Ihre Geschichte", antwortete Herr F., "bringt mir das ganze finstere Gemalde der Intoleranz und der Priestergewalt lebhaft wieder zu Gemute. Ich bin selbst ein Opfer derselben gewesen. Ich habe erfahren, was es heisse, seine gesunde Vernunft unter den Gehorsam vorgeschriebener symbolischer Bucher gefangenzunehmen; ich habe erfahren, welchen bequemen Vorwand solche Vorschriften herrschsuchtigen und eigennutzigen Geistlichen darbieten, um ihre Absichten in der Stille auszufuhren; ich habe erfahren, wie bitter der Hass ist, den sie augenblicklich gegen jeden erregen, den sie einer Abweichung zeihen konnen. Und das wird ihnen leicht, solange sie das Volk in der Meinung zu erhalten wissen, dass solche Vorschriften unwiderruflich feststehen bleiben mussen."
Sebaldus war begierig, diese Geschichte zu horen, und Herr F. erzahlte sie folgendermassen:
"Ich war in meinen jungern Jahren dritter Diakon an der Kirche einer Stadt eines kleinen Furstentums. Ich lebte vergnugt, ich hatte Freunde. Der Superintendent war ein ganz feiner Mann, auch nicht fremd in verschiedenen Arten der Gelehrsamkeit. Wir unterredeten uns oft von Verbesserung der Mangel der Religion, denn ob er gleich nichts dazu beizutragen Lust hatte, so mochte er doch gern unter vier Augen davon sprechen. Er freute sich, dass ich selbst dachte. Ich durfte ihm meine Zweifel vortragen; und da ich oft mit seinen Beantwortungen zufrieden war, gewann er mich lieb. Die Hauptneigung dieses alten Mannes war die Naturgeschichte, und zwar hauptsachlich die Nomenklatur und Klassifikation derselben, welches nun freilich eben nicht meine Neigung war. Er wollte mich belohnen, indem er mich zum Mitgliede einer Gesellschaft aufnehmen liess, welche er mit dem Burgermeister, dem Konrektor und dem Apotheker errichtet hatte. Diese sammelten Insekten, Vogel, Steine, Versteinerungen, Mineralien, tauschten mit benachbarten Liebhabern, brachten Kabinette zusammen, ordneten sie bald nach diesem, bald nach jenem Systeme, lasen sich lange Abhandlungen daruber vor, wozu der Superintendent die Theologie lieh und keinen Insektenflugel, keine Vogelklaue oder Quarzdruse ohne erbauliche Nutzanwendung liess. Dies war alles ganz gut, nur fur mich ein wenig langweilig. Ich fing also nach einiger Zeit an, seltener in die Gesellschaft zu kommen, und vermied, soviel ich konnte, auf die Insektenjagd zu gehen. Hieruber bekam ich einen Verweis vom Superintendenten, denn so freundschaftlich er war, hatte er doch den kleinen Fehler, dass er sich derer ganz bemachtigte, die er in Affektion genommen hatte. Er ordnete ihre Studien an, er bestellte ihr Hauswesen, er erdachte Vergnugungen fur sie und hatte fur alles weise Grunde anzufuhren, denen man nicht widersprechen durfte. Ich konnte mir also nicht merken lassen, dass Sammlereien und Klassifikationstabellen, wie er sie liebte, fur mich sehr wenig Reiz hatten, sonderlich wenn dabei bloss die Augen und das Gedachtnis, keineswegs aber der Verstand beschaftigt ist. Hingegen musste ich geduldig zuhoren, wenn er mir als eine vaterliche Weisung einpragte, dass Spekulation den Geist nicht bessere, dass man bei tiefsinnigen Untersuchungen uber Raum und Zeit ein Deist bleiben konne, dass hingegen durch Walpurgers 'Kosmotheologische Betrachtungen'33 schon mancher Freigeist bekehret worden sei. Er stichelte mit solchen Worten zugleich auf den Umgang, den ich mit einem jungen Offizier angefangen hatte, einem Junglinge von guten Gaben und guten Gesinnungen, der, obgleich ein wackerer Soldat, gleichwohl die Wissenschaften liebte und sich, gleich mir, gern mit philosophischen und moralischen Untersuchungen beschaftigte. Dieser Umgang hatte auf keine Weise den Beifall des Superintendenten; denn weil ihm ein sehr hoher Begriff von der Wurde des geistlichen Standes beiwohnte, so wollte er, dass ein Geistlicher nur mit seinen Amtsbrudern oder mit andern alten ernsthaften, angesehenen Mannern umgehen sollte. Er verlangte, jeder Schritt eines Geistlichen solle verraten, dass er zu den Lehrern des menschlichen Geschlechts gehore; er verlangte, dass er vor allem vermeiden solle, sich auf irgendeine Art zu kompromittieren; dass er sich bestandig bedachtig anstellen und sogar auf der Strasse langsamer gehen solle als die Laien. Ich war freilich anderer Meinung. Ich bildete mir ein, es ware sehr nutzlich, wenn ein Geistlicher sich im Umgange nicht auf Personen seines Standes einschranke, sondern auch ofters mit Weltleuten umginge; ich glaubte, er wurde dadurch ein gewisses steifes Wesen ablegen, das man von der Universitat und aus dem Kandidatenstande mitbringt; er wurde, wenn er die mannigfaltigen Einsichten und Verdienste von Personen anderer Stande oft vor Augen hatte, sich den Lehrerton abgewohnen, der bei verstandigen Leuten den Prediger nie ehrwurdiger macht, oft aber wohl zur Zuruckhaltung und zum Kaltsinne Anlass gibt; er wurde, wenn er sich der Sitten, der Beschaftigungen, der Vergnugungen anderer Menschen nicht schamte, weit eher ihr Zutrauen erhalten, wurde sie genauer kennen und folglich auch ihren Gemutszustand besser beurteilen lernen, als wenn er bloss mit Leuten umginge, die mit ihm aus ebendem steifen Kompendium der theologischen Moral rasonieren, worin nicht selten Dinge als ausgemachte Wahrheiten behauptet werden, die oft ein einziger Blick in die Natur des Menschen und in den Lauf der Welt widerlegt.
Dies waren die Vorteile, die ich mir von der Freundschaft mit dem jungen Offiziere versprach und von den ausgesuchten Gesellschaften, in die er mich zuweilen fuhrte. Indessen brachte dieser mein sogenannter weltlicher Umgang mir bei dem Superintendenten grossen Nachteil. Sowie ich den Zirkel uberschritt, den er mir angewiesen hatte, ward er gegen mich kalter und feierlicher, und sowenig er sich gegen mich deutlich erklarte, konnte ich doch merken, dass seine Zuneignug abgenommen hatte.
Mein Unstern trieb mich endlich, ein Buch zu schreiben, worin ich mich uber gewisse dogmatische und moralische Materien freimutig erklarte, woruber ich lange und reiflich nachgedacht hatte. Dies machte im Stadtchen Aufsehen. Weder der Superintendent noch meine ubrigen Kollegen nebst ihren Vorfahren seit drei Generationen hatten jemal ein Buch geschrieben. Man hielt mich also fur naseweis, dass ich, der jungste Diakon, hierin eine Neuerung machte. Selbst der Superintendent billigte diesen Schritt nicht, besonders war ihm die dreiste Art sehr missfallig, womit ich verjahrte Vorurteile angegriffen hatte. Vergebens erinnerte ich ihn, dass dieses zum Teile ebendie Satze waren, die ich aus seinem eigenen Munde gehort hatte und uber deren Richtigkeit wir in unsern Unterredungen ubereingekommen waren.
'Das war ganz etwas anders', versetzte er etwas erhitzt. 'Dergleichen Sachen kann man wohl unter vier Augen untersuchen, aber man muss sie nicht offentlich sagen. Und Sie am wenigsten, als ein Prediger, hatten sich hieruber so positiv erklaren sollen. Wir mussen uns dem Urteile des gemeinen Haufens nicht blossstellen; er erschrickt uber ungewohnte Wahrheiten, und wir verlieren das Zutrauen, das wir zu seiner Besserung anwenden konnten. Wenn ein Prediger Zweifel uber dogmatische Satze hat, so ist's am besten, dass er sie ganz verschweige; aufs hochste kann er lateinisch daruber schreiben, fur gelehrte Theologen, die davon so viel in die Welt konnen kommen lassen, als sie notig finden.'
Vergebens stellte ich ihm vor, wie notig es sei, den grossen Haufen uber gewisse Wahrheiten zu belehren; vergebens bemerkte ich, dass viele Zweifel deshalb nicht unbekannt blieben, wenn auch die Gottesgelehrten davon schwiegen, indem sie den sogenannten Weltleuten aus andern Buchern und durch Unterhaltungen mit denkenden Kopfen schon langst bekannt und ebendarum naher beleuchtet und erortert werden mussten, damit ihre Wirkung nicht noch nachteiliger werden moge. Ich ging noch weiter; ich wollte ihm zeigen, dass ich aus notiger Klugheit noch verschiedene Gedanken verschwiegen hatte, die ich offentlich bekanntzumachen noch nicht fur ratsam hielte. Ich entdeckte ihm einige, sie gefielen ihm nicht, er wollte mich widerlegen, ich suchte mich zu verteidigen, und was das schlimmste war, ich hatte recht. Er ward hitzig, nahm ein saures Amtsgesicht an, tat einen Machtspruch und brach das Gesprach ab.
Der gute alte Mann sah es zwar ganz gern, wenn andere insoweit frei dachten, als er sich selbst das Ziel gesteckt hatte; aber denjenigen, der nur einen Schritt weiter gehen wollte, verachtete und hasste er noch mehr als den, der alles beim alten liess. Er hat es mir nachher nie vergeben, dass ich hatte weiter sehen wollen als er. Nun war ferner auf keine Freundschaft mit ihm zu rechnen. Er missbilligte offentlich mein Buch, um sich zugleich selbst desto kraftiger vor dem Verdacht der Heterodoxie zu sichern, und machte dadurch meinen Kollegen mehr Mut, die schon langst den jungen gelehrten Diakon mit scheelen Augen angesehen hatten. Man vermied mich, man lud mich ferner nicht zu den gewohnlichen Zusammenkunften ein, und ich blieb ganz einzeln mit meinem Freunde, dem Offiziere.
Ich hatte nur ein sehr kummerliches Auskommen. Man weiss, wie schlecht uberhaupt die festgesetzte Geldeinnahme der Prediger ist. Ihr hauptsachlicher Unterhalt beruht auf zufalligen Einkunften, besonders auf dem Beichtgelde. Zu der Zeit, da die Laien glaubten, dass sie bloss von dem Priester durch Beichte und Absolution die Vergebung der Sunden erhalten konnten, wendeten sie auf eine so notige Ware freilich schon ein Erkleckliches. Nachdem man ihnen aber in Schriften und von den Kanzeln so nachdrucklich eingepragt hat, ohne wahre Besserung des Herzens habe die Absolution gar keine Kraft, so merkt die grosse Menge, welche nie willens gewesen ist, sich zu bessern, dass sie ihr Geld fur eine leere Zeremonie ausgebe, und verlangt also die Absolution viel seltner und bezahlt sie viel karglicher. Da nun folglich hierauf wenig mehr zu rechnen war, so konnten wohlgesinnte gelehrte Prediger, die nur ihre Pflichten zu erfullen suchten, ganz ruhig darben; aber okonomische Prediger, die ihr Amt als eine Art von Pachtung betrachteten, welche aufs beste zu benutzen ware, sahen sich zu einer ganz andern Art von Industrie genotigt. Sie gingen in die Hauser, machten sich ihren Pfarrkindern notwendig, erkundigten sich nach ihrem Hauswesen, erforschten ihre Zwistigkeiten, um sie zu schlichten, und gewannen durch fromme Unterredungen das Zutrauen der reichen Burgerweiber. Da nun die Kirchkinder merkten, dass der Pfarrer etwas furs Geld tat, so bezahlten sie ihn auch reichlicher, der gelegentlichen Braten, Kuchen, Zuckerhute, Magenmorsellen und anderer Geschenke nicht zu gedenken. Ohne dergleichen Priesterkunste wird ein ehrenfester Burgerssohn, der im geistlichen Stande nur ein gemachliches Leben sucht und sonst als ein Pachter oder als ein Kramer auch sein gutes Auskommen hatte haben konnen, es schwerlich der Muhe wert finden, ein Prediger zu sein. Meine Kollegen ubten diese Kunste in ihrem ganzen Umfange aus und hatten auch vollkommen Musse dazu, weil sie weder durch Studieren noch durch Nachdenken davon abgehalten wurden Dinge, womit ich die meiste Zeit zubrachte, die mir von meinen ordentlichen Amtsgeschaften ubrigblieb.
Ich wurde den druckenden Mangel noch gern ertragen haben, weil ich mich von Jugend auf gewohnt hatte, wenig zu bedurfen. Aber ich hatte mich in ein junges, schones und verstandiges Frauenzimmer verliebt, die nicht das geringste Vermogen besass. Die grosste Gluckseligkeit meines Lebens hing von dieser Verbindung ab, welche bei meinem geringen Einkommen unmoglich schien. Bloss um dies Hindernis zu heben, wunschte ich eine Verbesserung meiner Umstande, aber mit dem Verluste der Freundschaft des Superintendenten war alle Hoffnung dazu in meiner jetzigen Lage verschwunden. Ich hatte mir nicht zu raten gewusst, wenn mir nicht mein Freund, der junge Offizier, eine eintragliche Pfarre in einem benachbarten Furstentume verschafft hatte.
Ich nahm sie ohne Bedenken an. Wahrend des Gnadenjahres heiratete ich meine Braut und traumte von weiter nichts als von Gluck und Vergnugen, indes an dem Orte meines kunftigen Aufenthaltes sich ein Wetter wider mich zusammenzog. Ein anderer Prediger hatte sich grosse Hoffnung zu meiner Stelle gemacht und konnte mir nicht verzeihen, dass alle seine Bewerbungen fruchtlos gewesen waren. Er breitete grassliche Geruchte von meiner Heterodoxie aus und berief sich auf mein gedrucktes Buch, wo sie schwarz auf weiss zu lesen stande. Die Schneider und die Schornsteinfeger in meiner Diozese lasen eine philosophische Abhandlung, die nicht fur sie geschrieben war, und fanden Ketzerei uber Ketzerei darin.
Als ich also mein Amt antreten wollte, fand ich meine ganze Gemeinde wider mich eingenommen; die Leute auf der Gasse gafften mich als ein Wundertier an und drangten sich vor mein Haus, um den neuangekommenen Ketzer zu sehen. Zugleich erfuhr ich alsdann erst, dass in diesem Furstentume ein paar symbolische Bucher mehr als in jenem andern mussten beschworen werden und dass die Prediger in dieser Stadt sich auf eine besondere Formulam committendi voll abgeschmackter Schuldistinktionen mussten verpflichten lassen, in welche noch (weil mein Gegner bei Leuten von Ansehen ebensowenig mussig gewesen war als bei dem Pobel) wider meine besondere Ketzereien drei spitzfindige und verfangliche Klauseln waren einverleibt worden, die ich zu unterschreiben hatte, ehe ich mein Amt antrate.
Ich war wie vom Blitze geruhrt. Es war sehr hart, etwas zu beschworen und zu unterschreiben, das ich nicht glaubte; und gleichwohl, wenn ich es nicht tat, brachte ich mich selbst an den Bettelstab und sturzte meine Frau ins ausserste Elend, die seit einigen Monaten schwanger war und die ich wie meine Seele liebte.
Mein Entschluss musste kurz gefasst werden, denn man hielt auf mich, ob ich mich weigern wurde. Ich war in der angstlichsten Verlegenheit, welche ich aus Zartlichkeit meiner geliebten Gattin zu verbergen suchte. Ich ging den folgenden Morgen mit Aufgange der Sonne zum Tore hinaus, um meinen Gedanken nachzuhangen, und folgte der Landstrasse, die mich an einen Wald fuhrte. In demselben hatte ich eine Zeitlang herumgeirret, als mir unvermutet ein hagerer, blasser Mensch entgegenlief, dem die Verzweiflung an der Stirn geschrieben war. Er hielt mir einen starken Knuttel vors Gesicht und forderte mit einem schrecklichen Fluche mein Geld oder mein Leben. Ich war erschrocken und wehrlos, gab ihm also meinen Beutel, der, von einigen Talern kleiner Munze schwer, mehr wert schien, als er es war. Der Rauber sah ihn starr an und rief: 'Nein! Das ist zuviel!' Er band den Beutel auf, wollte etwas herausnehmen, aber die Hand zitterte ihm. Er warf den Knuttel weg, fiel vor mir auf die Knie, hielt mir den Beutel vor und schrie laut:
'Ich kann nicht! Ich kann nicht! Nein, lieber Herr, ich bin kein Strassenrauber! Ich bin ein unglucklicher Vater.
Geben Sie mir selbst nur so viel, dass meine Frau und meine armen Kinder nicht noch heute Hungers sterben!'
Ich rief voll Entsetzen: 'Nimm, Freund! Ich bin arm, aber nicht so arm als du!' Indem horte ich in der Nahe einen weiblichen Schrei. Eine Frau mit einem vierteljahrigen Kinde im Mantel schleppte sich zu uns, drei kleine Kinder in Lumpen folgten ihr. 'Mann! Was willst du machen!' schrie sie und sank halb tot zu meinen Fussen.
'Dich und deine Kinder nicht vor meinen Augen verschmachten sehen!' rief er mit wildem Tone.
Ich suchte diese Leute zu besanftigen. Ich setzte mich zu ihnen nieder, fragte, wie sie hieherkamen und was dies alles bedeuten solle.
'Lieber Herr', sagte der Mann, nachdem er ein wenig Atem geschopft hatte, 'ich bin ein Baumwollenweber. Ich wohnte in einem Flecken in Bohmen und hatte sonst mein gutes Auskommen, aber unser Gutsherr war ein harter Mann; er wollte uns nicht Gott nach unserm Glauben dienen lassen, wir sollten in die Messe gehen, und wir hielten dies wider unser Gewissen. Ich will mich aufmachen, sagte ich, und in ein protestantisches Land gehen, wo ich Gewissensfreiheit habe. Ich fluchtete; ich kam bis in eine Stadt einige Meilen von hier, ich ward wohl aufgenommen und konnte frei in die Kirche gehen. Doch es ist nicht genug, in die Kirche zu gehen, man muss auch Frau und Kinder ernahren. Ich fing also an, mit Muhe einen Stuhl zurechtzubringen, und webte Kotonade. Dieses Zeug war dort bisher noch unbekannt gewesen, es fand viele Kaufer, sobald es bekannt wurde. Plotzlich ward ich auf das Rathaus gerufen und bekam Befehl, meine Arbeit einzustellen. Ich fragte erstaunt: Weswegen? Weil Ihr ein Pfuscher seid, rief der Altmeister der Raschmacher, welches die starkste Zunft in der Stadt ist, weil Ihr keinen Lehrbrief vorzeigen konnt und weil Ihr kein Meisterstuck gemacht habt. In Bohmen, erwiderte ich, gibt man keine Lehrbriefe, sondern es kann weben, wer will und was er will; und was das Meisterstuck anbetrifft, so seht meine Ware an, ob sie nicht so gut ist als irgend Kotonade sein kann. Ebendieses Zeug sollt Ihr gar nicht machen; es ist verboten, sagte ein Ratsherr sehr ernsthaft. Weswegen? sagte ich, noch mehr erstaunt. Weil es nicht der Vorschrift gemass ist, weil es der Grundverfassung der Stadt zuwider sein wurde. Schon vor langen Jahren haben die Gewerke Streit miteinander gehabt, und da ist durch ein Gesetz festgesetzt worden, was fur Zeuge und wer sie machen soll: die Leinweber Leinwand, die Tuchmacher Tuch und die Raschmacher Rasch. Aber, lieber Gott, rief ich, was kann ich dafur, dass derjenige, der das Gesetz machte, alle moglichen Zeuge in Leinwand, Tuch und Rasch abteilte und nicht daran dachte, es konne auch Zeug in der Welt geben, das aus Leinen und Baumwolle gewebt wird. Kurzum, hiess es, Euer Gesuch ist wider alle gute Polizei, lasst ab, das neue Zeug zu machen, das wir nicht dulden wollen, oder man wird Euch Ernst weisen.
Ich musste aber fortarbeiten, wenn ich leben wollte; und so kamen des andern Tages die Altmeister, schlugen meinen Stuhl auseinander und brachten ihn mit allem meinem Werkzeuge aufs Rathaus. Ich schrie uber Gewalt. Hat man Euch nicht genug gewarnt? sagte der Ratsherr frostig. Aber, lieber Gott! Ich muss ja Hungers sterben, wenn ich nicht arbeiten soll. Wer sagt denn, sprach der Ratsherr mit weiser Miene, dass Ihr nicht arbeiten sollt? Ihr sollt nur nicht solches Zeug machen, das wir hier bei uns nicht leiden wollen; es sind ja sonst Handwerke genug. Aber, lieber Herr, sagte ich, die werden auch zunftig sein und werden mich nicht aufnehmen, und denn habe ich einmal nichts anders gelernt als Kotonade weben. Ich merke wohl, Ihr seid widerspenstig; seht zu, ob man Euch sonstwo dulden will, bei uns werden wir Euretwegen die Gesetze nicht andern. Dies war mein Abschied.
Ich musste also mit meiner Familie fort. Gestern abend kamen wir bei der benachbarten Stadt an, wo man uns nicht einlassen wollte, weil wir keinen Pass hatten. Ich besass keinen Heller mehr, wir alle hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Wir mussten in diesem Walde unter einem Baume bleiben, die Kinder schrien bis nach Mitternacht um Brot. Ich war ausser mir, dass ich ihnen nichts geben konnte. Nach ein paar Stunden unruhigen Schlummers erwachte ich vor Sonnenaufgange; ich betrachtete meine ungluckliche Frau und Kinder und sah sie voll Entsetzen alle in diesem Walde verschmachten. Ich erblickte von fern einen einzelnen wohlgekleideten Menschen. Die Verzweiflung gab mir einen bosen Rat.- Ich stutzte einen Augenblick beim ersten Schritte; aber der Anblick meiner schmachtenden Kinder brachte mich aufs neue in Wut. Und wenn er sich wehrt und deiner machtig wird? dacht ich. Ei nun, so mag man mich gefangennehmen; aber dann wird man doch meine Frau und Kinder im Spitale versorgen mussen. Ich sturzte wie ein Unsinniger auf Sie zu. Aber Sie wehrten sich nicht, Sie gaben mir ruhig, und mehr, als ich fur die jetzige Not brauchte. War's nicht abscheulich, den Mann zu berauben, der mir gutwillig wurde gegeben haben? Ich bin in Ihren Handen, machen Sie mit mir, was Sie wollen, aber retten Sie meine ungluckliche Frau und Kinder!'
Ich war ausserst geruhrt. Ich liess den unglucklichen Leuten, was im Beutel war, und eilte fort, um mich ihrem Danke zu entziehen.
Mein Gott, dachte ich, dieser arme Mann leidet auch, weil die Vorfahren ein Symbolum fur die Weber erdacht und alle Zeuge, die man weben soll, auf Tuch, Rasch und Leinwand eingeschrankt haben! Und dieser ubelverstandnen Formalie wegen sollen seine vier armen Kinder Hungers sterben? Er ist in Verzweiflung geraten. Naturlich! Das zahmste Tier wird wutend, wenn es seine Jungen darben sieht! Und ich, der ich auch Vater bin, soll ich mich in Gefahr setzen, die Meinigen darben zu sehen? Oder soll ich ... ja, ich will unterschreiben, was man fordert. Die Erhaltung meiner selbst und der Meinigen ist die erste Pflicht, der alle andern weichen mussen, die damit in Kollision kommen. Kann ich den Lauf der Welt andern? Die Konige und die Priester haben den Erdkreis unter sich geteilt, so dass nichts mehr ubrig ist. Auf dem Flecke, auf dem ich atme, regiert jemand; wohin ich mich wenden konnte, wird ein anderer regieren. Sowenig ich fur mich unabhangig bestehen, ohne Regenten sein oder mir Regenten und Regierungsform nach meinem Gefallen einrichten kann, ebensowenig kann ich fur mich allein, mit meiner besondern Religion leben. Jede Religionspartei, die Gewalt hatte, zog einen Zaun um sich; habe ich nicht ihr Schibboleth, so heisst es noch Menschenliebe, wenn sie mich bloss ausstosst. Ich kann ihretwegen in die ganze weite Welt laufen; aber wohin ich trete, bin ich im Zaune einer andern, die mich wieder ausstosst. Wohl denn! Ich will bleiben, wo ich bin, und dulden, was ich nicht andern kann.
Mit diesen Gedanken kehrte ich zuruck, unterschrieb, ohne die Augen aufzutun, und trat mein Amt an. Meine Pfarrkinder, die mich predigen und Beichte sitzen und Kranke trosten sahen so wie meine Vorfahren, wurden bald mit mir versohnt und wunderten sich selbst, wie sie mich fur einen so garstigen Ketzer hatten halten konnen. Aber nicht so meine Gegner, welche, ob sie gleich vorderhand stillschwiegen, nur auf eine Gelegenheit lauerten, mir den empfindlichsten Stoss zu versetzen. Ich gab sie ihnen selbst an die Hand, durch einige Abhandlungen ohne meinen Namen, die ich in ein Wochenblatt einrucken liess. Mein Superintendent entdeckte bald, dass weder die Rechtfertigung noch die Wiedergeburt, noch die Erbsunde, noch der tatige Gehorsam, noch die Homousie an der Stelle standen, wohin er sie gesetzt wissen wollte. Ich wurde vor eine meinetwegen niedergesetzte Kommission zitiert. Man begegnete mir im voraus als einem teuflischen Ketzer, man verlangte Erklarung mit Ja oder Nein, ob ich den symbolischen Buchern, quia, beifiele oder nicht. Ich verteidigte mich und brachte die Kommissarien noch mehr in Harnisch, denn sie hatten einen blossen Widerruf und Abbitte von mir erwartet. Kurz, meine Absetzung war vorher schon unwiderruflich beschlossen, und ich hatte vielleicht mein Leben als ein Ubeltater in einem Kerker endigen oder mein Brot erbetteln mussen, wenn nicht mein edelmutiger Freund, der junge Offizier, sich abermals meiner angenommen und mir eine Hofmeisterstelle bei einem jungen Reichsgrafen verschafft hatte. Ich bin mit meinem Grafen durch ganz Europa gereiset. Ich habe gesehen, dass allenthalben, sogar in dem aufgeklarten Grossbritannien, Aberglauben und Priestergewalt sich der Erleuchtung des menschlichen Geschlechts mit unuberwindlicher Macht entgegensetzen, dass allenthalben Dummkopfe, die eingefuhrten Lehren und Gebrauchen folgen, laut sprechen und herrschen und dass weise Leute, welche Missbrauche einsehen und ihnen abhelfen konnten, nicht laut sprechen wollen oder durfen. Nachdem mein Graf volljahrig geworden, bin ich nun ganz unabhangig und danke Gott, mich in einer Lage zu finden, in der ich meine Gedanken nicht ferner verhehlen noch meine Ausdrucke auf Schrauben setzen darf."
"Jawohl", sagte Sebaldus, "das ist die grosse Gluckseligkeit, die man in Berlin geniesset. Hier ist das wahre Land der Freiheit, wo jedermann seine Gedanken sagen darf, wo man niemand verketzert, wo christliche Liebe und Erleuchtung in gleichem Masse herrschen."
"Ei! Sie haben ja von Berlin eine sehr gute Meinung", sagte Herr F. lachelnd. "Freilich, wer so wie Sie und ich kein Amt sucht und nicht von der Meinung des Publikums abhangen darf, kann in Berlin denken und sagen, was er will; mit demjenigen aber, dem es nicht so ganz gleichgultig ist, wie man seine Religionsmeinungen beurteilt, ist es eine ganz andere Sache. Die Regierung begunstigt die Freiheit zu denken, besonders in Religionssachen; wir haben auch einige sehr wurdige Geistliche, welche nicht Untersuchungen wichtiger Wahrheiten zu Ketzerei machen; aber das Publikum ist nicht vollig so tolerant. Die Einwohner von Berlin sind sowenig als die Einwohner irgendeiner andern Stadt geneigt, Neuerungen in der Lehre zu begunstigen."
"Das sollte ich kaum denken, wenigstens stehen sie auswarts in einem ganz andern Rufe. Man glaubt vielmehr, Berlin sei voll von Atheisten, Deisten, Naturalisten und wer weiss von was fur isten mehr. Man glaubt, jeder durfe sich daselbst in Religionssachen erlauben, was er wolle. Ich selbst, ob ich gleich nicht lange in Berlin bin, habe zuweilen zufalligerweise Reden gehort, die man an vielen andern Orten nicht so frei hatte fuhren durfen, ohne offentliche Ahndung zu befurchten."
"Nein! Offentliche Ahndung hier freilich nicht. Unsere Regierung hat schon seit langen Jahren kluglich eingesehen, dass man die Meinungen der Menschen von Religionssachen deshalb nicht bessert, wenn man sie einschrankt und ahndet, sondern dass man vielmehr dadurch jede Torheit eines Eiferers oder Schwarmers zu einer wichtigen Sache macht. Sie verfolgt niemand wegen Meinungen, weshalb auch gute und schlechte Meinungen in Berlin uberhaupt nicht so viel Aufsehen machen als an andern Orten. Daher kommt es, dass in dieser Hinsicht die Menschen sich hier mehr so zeigen, wie sie sind, und dass es der Heuchler weniger gibt. Sie konnen in Berlin vielleicht unter spekulativen Gelehrten einige gefunden haben, welche die Offenbarung fur unnotig halten, und unter lockern Weltleuten auch wohl viele, die alle Religion verachten. Aber Leute von solchen Grundsatzen werden Sie unter Gelehrten und unter Weltleuten allenthalben, obgleich nur verborgen, finden. Allein auch in Berlin machen sie gewiss verhaltnismassig eine geringe Anzahl aus, wenigstens wer solche Meinungen an sich merken lasst, wird deswegen weder hochgeschatzt noch geliebt. Der berlinische Pobel ist noch ebenso beschaffen als der, welcher im Jahre 1747, nachdem er Sussmilchs erbauliche Predigt wider die Freigeister gehort hatte, dem bekannten Edelmann die Fenster einwarf. Und den Pobel ungerechnet, sind auch unsere gute berlinische Burger uberhaupt zu nichts weniger als zu so freien Meinungen geneigt. Ich wollte wohl Burge fur sie sein, dass sie auch nicht die geringste Heterodoxie verschlucken wurden, sie mussten sie denn etwa mit gutem Herzen fur Orthodoxie halten."
"Das dachte ich doch nicht. Sie mussen neuen Meinungen nicht ganz abgeneigt sein; wenigstens haben die Versuche, durch Gebrauch der Vernunft die Vorurteile in der Religion wegzuraumen, bisher noch in Berlin den grossten Beifall erhalten."
"Ja, vergleichungsweise, weil sie an vielen andern Orten ganz und gar nicht geduldet werden. Aber wenige Schriftsteller und ihre wenigen Freunde verlieren sich unter den vielen tausend Einwohnern. Wenn diese je von der Dogmatik abgehen oder irgendworin uber die Schnur hauen sollten, so mochte es gewiss minder von der Seite der Vernunft als von der Seite der erhitzten Einbildungskraft34 geschehen. Seit dem Anfange dieses Jahrhunderts hatten wir Inspirierte, welche weissagten und Wunder taten, und haben noch einige dergleichen. Keine grosse Stadt in Deutschland hat so viel Schwarmer gehabt als Berlin; und jetzt, wenn ich doch den allgemeinen Charakter der Burger von Berlin mit einem Worte bezeichnen sollte, so wurde ich eher sagen, sie waren pietistisch als heterodox."
"Pietistisch?" rief Sebaldus voll Erstaunen. "Die Burger von Berlin pietistisch!"
"Ja, ja!" versetzte Herr F. "Pietistisch oder orthodox von der pietistischen Seite; denn Sie wissen, es sind noch nicht funfzig Jahre, dass grosse Streitigkeiten zwischen der orthodoxen Orthodoxie und zwischen der pietistischen Orthodoxie gefuhret wurden, und zu der letztern hat sich ein grosser Teil der Einwohner von Berlin schon damals und in der Folge geneigt. Woher ware sonst der grosse Beifall entstanden, den nebst Leuten wie Spener und Schade auch Fuhrmann, Schulz, Woltersdorf und andere nacheinander gehabt haben?"
"Sie reden von vergangenen Zeiten, seitdem aber hat sich wohl in Berlin vieles gar sehr abgeandert."
"In gedruckten Schriften ist die Veranderung geschwinder und allgemeiner gewesen als in den Gemutern der Einwohner. Diese sind in Absicht auf Religionsgesinnungen noch beinahe ebendas, was sie vor vierzig Jahren waren. Ich habe sogar bemerkt, dass sich ihre dogmatischen Gesinnungen nach den Gegenden der Stadt, wo sie wohnen, modifizieren. In der alten guten Stadt Berlin findet man noch alte Gewohnheiten und auch alte Dogmatik.
Die Pfarrkinder der uralten Pfarrkirche zu Sankt Nikolai, am Molkenmarkte und in der Stralauer Strasse bis zur Paddengasse hinauf halten am meisten auf reine Orthodoxie. Ich versichere Sie, dass daselbst noch ehrenfeste Burger uber Erbsunde und Wiedergeburt disputieren, desgleichen haben die Gartner und Viehmaster in den berlinischen Vorstadten noch alle lobliche Anlage, auf einen Ketzer mit Fausten loszuschlagen. In Kolln, in der Gegend des Schlosses, mochten noch am ersten die Freigeister anzutreffen sein. In dieser Gegend schrieb der Propst Reinbeck im Haudenschen Buchladen auf der Schlossfreiheit seine 'Betrachtungen uber die Augspurgische Konfession', welche zuerst in den Damm, welchen Eifer und verjahrtes Vorurteil gegen die menschliche Vernunft fur die Orthodoxie aufgeworfen hatten, ein kleines Loch machten, das hernach so sehr erweitert worden ist. Die Nachbarschaft des Hofes tragt auch wohl etwas bei, dass die Leute hier freier denken. Man komme aber nur in die burgerlichen Gegenden der Fischerstrasse und Lappstrasse, und man wird die Neigung fur die Orthodoxie viel starker finden; ja ich vermute, dass sie bei den Gerbern, Pergamentmachern und Seifensiedern in Neukolln bis zum Eifer steigt. In den dumpfigen Gassen des Werders wohnen die Separatisten, welche Gott einsam dienen; in den hoher gelegenen die stillen Gichtelianer35, die ruhige Beschaulichkeit lieben und unerkannt wohltun. Schon um die Gegend der Hospitalkirche zu Sankt Gertraud zeigen sich die Herrnhuter; und weiterhin, in den folgenden breiten und hellen Strassen der Friedrichsstadt, fangen auch die Religionsgesinnungen der Einwohner immer mehr an, luftiger und geistiger zu werden. Pietisten, die in Gefuhlen und innigen Empfindungen ihre Religion suchen, und Schwarmer von allen Gattungen finden sich hier, so dass der innere Trieb der Raschmacher und Wollkammer oft in Erbauungsstunden und Weissagungen ausbricht. Die Dorotheenstadt wird zum Teile von Reformierten und Franzosen bewohnt. Jedoch in allen Gegenden der Stadt ist eine andere Gattung Leute verbreitet, die ich oft in Gesellschaften angetroffen habe, denen man es anmerkt, dass sie niemals weder Orthodoxie noch Heterodoxie untersucht haben, bei denen es hingegen feststeht, dass alles darin bleiben soll, wie es war. Es gibt unter ihnen sogar deliierte Weltleute, welche scherzen, Karten spielen, mit Frauenzimmern tandeln und doch die Nase rumpfen konnen, wenn sich die geringste Ketzerei spuren lasst."
"Dies sollte mir herzlich leid tun", sagte Sebaldus, "denn wenn solcher Leute in Berlin viele sind, so kommt mir Ihre Nachricht nur allzu glaubwurdig vor, dass hier die Erleuchtung und die Freiheit zu denken noch nicht so gross ist, als ich mir vorgestellt habe. Ich fand immer, dass diejenigen, die aus Tragheit und Nachlassigkeit die Wahrheit nicht suchen wollen, die Selbstdenker am meisten hassen, weil sie sich sonst ihrer Tragheit und Nachlassigkeit schamen mussten. Immer ist mir aber selbst derjenige viel ehrwurdiger gewesen, der durch Liebe zur Untersuchung der Wahrheit auf Irrtumer verfallt, als derjenige, der sie gar nicht untersuchen mag."
"In diesen Gesinnungen", antwortete Herr F., "werden viele Einwohner Berlins nicht mit Ihnen ubereinstimmen, und vielleicht nicht einmal alle berlinische Geistliche."
Siebenter Abschnitt
Wahrend solcher Unterredungen hatten sie sich unvermerkt von ihrem Spaziergange linker Hand geschlagen und waren in die Lindenallee geraten, wo sie sich ziemlich ermudet auf eine Bank niedersetzten, an deren anderm Ende ein Prediger mit einem Kandidaten in tiefem Gesprache sass.
"Es mussen doch noch einige andere Ursachen sein", sagte der Kandidat, "warum die Freidenkerei so sehr in Berlin uberhandgenommen hat. Uppigkeit und Wollust gehen in andern grossen Stadten auch im Schwange, aber man sieht da nicht soviel offentliche Freidenker."
"Freilich", versetzte der Prediger, "unsere schone heterodoxe Herren, welche die Religion so menschlich machen wollen und dabei die Wurde unseres Standes ganz aus der Acht lassen, sind am meisten schuld daran. Sie wollen den Freidenkern nachgeben, sie wollen sie gewinnen. Als ob es sich fur uns schickte, mit Leuten solches Gelichters Wortwechsel zu fuhren! Man muss ihnen kurz und nachdrucklich den Text lesen, man muss ihnen das Maul stopfen, man muss sich bei ihnen in der Ehrfurcht zu erhalten wissen, die sie uns schuldig sind." "Das ist wahr. Nur ist es zu beklagen, dass diese Leute fur alle ehrwurdige Sachen und besonders fur den Predigerstand nicht die gehorige Ehrfurcht hegen."
"Daran sind wieder die neumodischen Theologen schuld! Sie benehmen sich selbst die Mittel, womit man die Laien im Zaume halten sollte. Sie schwatzen viel vom Nutzen des Predigtamts und vergessen daruber das Wesen des Predigtamts. Sie selbst geben sich als die nutzlichen Leute an" (hier verbreitete sich ein mildes ironisches Lacheln dicht unter seinem breiten Schiffhute), "die der Staat verordnet hat, Weisheit und Tugend zu lehren. Eine rechte Wurde! Weisheit und Tugend dunkt sich jetzt jeder Wochenblattler oder Romanschreiber zu lehren! Damit werden wir eine feine Ehrfurcht von Laien fordern konnen! Aber wenn wir, so wie es recht ist, darauf bestehen, dass unser Beruf ein gottlicher Beruf ist, dass die Ordination, die wir empfangen haben, nicht eine leere Zeremonie ist, sondern dass sie uns zu Nachfolgern der Apostel, zu Boten Gottes, zu Handhabern seiner Geheimnisse macht, dass sie uns das Amt der Schlussel ubertragt, so wird unser Orden bald wieder zu seiner vorigen Wurde gelangen, und dann wird auch naturlicherweise die Religion mehr geschatzt werden. Unsre feinen Lehrer der Rechtschaffenheit hingegen haben eine so grosse Begierde, nutzlich zu sein, dass sie daruber sich und ihren Orden und damit die Religion selbst vergessen."
"Es ist wahr", sagte der Kandidat, indem er den Kopf schuttelte, "es scheint mir auch fast, dass die Protestanten aus unuberlegter Furcht vor einer papstischen Hierarchie den geistlichen Stand andern Standen allzu gleich machen."
"Oh, ein wenig Papsttum ware uns sehr notig, oder wir werden nie wieder Glaubenseinigkeit und Glaubensreinigkeit erlangen. Ich kann es Luthern und Melanchthon nicht vergeben, dass sie die Hierarchie ganz aufgehoben und auf die Vorzuge des geistlichen Standes so wenig geachtet haben. Daraus ist dann endlich der ganze Verfall des Christentums entstanden. Wer gibt wohl darauf Achtung, was ein elender Prediger sagt? Hingegen wenn ein Erzbischof spricht, so mussen die Freigeister schweigen. Man sieht es ja: an den protestantischen Orten, wo den Geistlichen ein Schatten von Autoritat ubrig ist, wird auch die Religion geachtet. Ich wollte unsern Freidenkern raten, einem Senior in Hamburg oder einem Prapositus in Mecklenburg oder einem Superintendenten in Sachsen oder einer theologischen Fakultat in Greifswald oder in Giessen in die Hande zu fallen; da wurde ihnen ein kurzer Prozess gemacht werden. Aber mit uns armen berlinischen Predigern konnen sie bald fertig werden: wir haben keine Wurde mehr, wir verdienen keine Ehrfurcht mehr, wir haben sie uns selbst vergeben, da wir vernunfteln und beweisen wollen, anstatt dass wir solchen Leuten imponieren, dass wir ihnen den Daumen aufs Auge drucken sollten."
"Ach", rief der Kandidat mit einem Seufzer aus, "seitdem ich mich dem geistlichen Stande gewidmet habe, habe ich schon oft beklagt, dass dies nicht mehr so recht angehen will. Nun muss man schon aus der Not eine Tugend machen, muss die Zweifel der Gegner kennenlernen, muss sich auf Widerlegungen und Beweise gefasst machen ..."
"Damit", fiel ihm der Prediger ins Wort, "werden Sie nicht weit kommen. Die Laien mussen glauben, was ihnen an Gottes Statt gesagt wird, und ihre Zweifel unterdrucken. Darauf muss man dringen! Die Dogmatik ist ein statutarisches Recht, dem gehorsamet werden muss, wenn man es auch gar nicht bis aufs Recht der Natur zuruckfuhren kann. Zuletzt wurde bei dem Vernunfteln doch nichts herauskommen! Ich wiederhole nochmals, dem Laien muss und soll man nicht erklaren und beweisen, sondern er muss glauben. Es kommt hier gar nicht auf die Vernunft, sondern auf die Bibel, auf eine ubernaturliche Offenbarung an. Hier muss man nur nicht schmeicheln, sondern die menschliche Vernunft in ihrer Ohnmacht zeigen, ihr aber keinesweges, wie unsere treffliche Tugendprediger tun, ein Recht in Glaubenssachen zugestehen."
Herr F. horte dieses Gesprach stillschweigend an, das Gesicht auf seinen Stock gestutzt. Sebaldus aber ward dabei unruhig und ruckte sich auf der Bank hin und her, so dass er unvermerkt dem Prediger naher kam.
Dieser fuhr fort: "Und unsere neumodische Theologen, unsere Erleuchter der Welt, die so viel untersuchen, vernunfteln, philosophieren, wie wenig haben sie ausgerichtet! Wie mussen sie sich krummen und winden! Sie philosophieren Satze aus der Dogmatik weg und lassen doch die Folgen dieser Satze stehen; sie brauchen Worter in mancherlei Verstande, sie verwickeln sich in ihre eignen Schlingen, sie sind aufs ausserste inkonsequent ..."
Sebaldus fiel ihm schnell in die Rede: "Und wenn sie denn nun inkonsequent waren? Wer den Mut hat, wenigstens einzelne Vorurteile zu bestreiten, aber viele andere damit verbundene nicht bestreiten mag oder darf, kann wohl zuweilen seiner Ehrlichkeit und Einsicht unbeschadet inkonsequent sein oder scheinen. Die Verbesserer der Religion mogen immerhin ein zerrissenes Buch sein, das weder Titel noch Register hat und in welchem hin und wieder Blatter fehlen; aber auf den vorhandenen Blattern stehen notige, nutzliche, vortreffliche Sachen. Ich will diese Blatter ohne Zusammenhang lieber haben als Meenens 'Beweis der Ewigkeit der Hollenstrafen', und wenn dies Buch noch so komplett ware!"
Der Prediger, mit stierem Blicke und verlangertem Angesichte, schaute dem Sebaldus gerade ins Gesicht, zog seinen Hut langsam ab und sagte, sich gegen ihn neigend, mit dem Tone steifer Wurde:
"Sie sind also, wie ich merke, ein Gonner der neuern heterodoxen Theologen. Sie werden vermutlich alles, was dahin gehort, wohl uberlegt haben, denn Herren Ihrer Art handeln ja niemals unuberlegt. Sagen Sie mir also doch, was fur ein Christentum wir bekommen mochten, wenn diese Herren so fortfahren, wie sie angefangen haben?"
"Ei nun", versetzte Sebaldus, "es konnte wohl ein sehr christliches Christentum werden."
"Christlich? Ein heidnisches Christentum wird es werden. Horen Sie wohl? Heidnisch ist der wahre Name!"
"Mag es doch heissen, wie es will; das menschliche Geschlecht wird durch eine Benennung weder glucklich noch unglucklich."
"So? Wenn Sie denn also meinen, so mogen die Herren immer auf den Naturalismus fortarbeiten; Indifferentisten sind sie ohnehin schon. Auf die Art konnten sie ziemlich fortschreiten. Zum Glucke aber", setzte er mit weiser Miene hinzu, "sind sie seichte Kopfe, die sich in kurzem vor sich selbst scheuen und so wie in ihrer Philosophie auch in ihrer Theologie auf dem halben Wege stehenbleiben."
"Wenn es der Weg zur Wahrheit ist, so besteht meines Erachtens schon kein geringes Verdienst darin, bis auf den halben Weg zu kommen. Dieser Weg ist so steil und ungebahnt, dass der eine fruh und der andere spat ermuden kann. Ein jeder gehe so weit es ihm seine Krafte erlauben. Auch derjenige, der nur einen einzigen Schritt fortgeht, auch derjenige, der nur eine ganz kleine Strecke durch seinen Fleiss zu bahnen sucht, ist mir ehrwurdig. Aber der nicht, welcher aus Stolz den Weg gar nicht antreten will, welcher aus Tragheit, um nicht einen Schritt weiter zu gehen, die Falschheit, die vor den Fussen liegt, fur Wahrheit ausgibt."
"Also", rief der Prediger mit einem spottischen Lacheln aus, "wollen Sie erst neue Wege zur Wahrheit bahnen? Sie kommen zu spat, lieber Herr! Der Weg ist schon ganz gebahnt, er heisst die Bibel. Und dabei haben uns unsere Vorfahren einen ganz untruglichen Wegweiser gesetzt, der heisst die symbolischen Bucher. Die haben Sie freilich vermutlicherweise nicht gelesen, denn die Herren Selbstdenker pflegen nicht sehr belesen zu sein. Wenn Sie mich zuweilen besuchen wollen, so konnen Sie sich naher belehren. Ich will Ihnen unsere altere Theologen zu lesen geben, denn die werden Ihnen wohl ganzlich unbekannt sein. Sie werden darin zu Ihrer Verwunderung alle Streitfragen langst erortert, alle Zweifel langst bestimmt und alle die neuen Meinungen, worauf sich die neuen Heterodoxen soviel zugute tun, langst widerlegt finden. Leben Sie wohl, mein lieber Herr! Ich wohne in der ... Strasse."
Hiermit stand er auf, das susse Lacheln der Selbstzufriedenheit auf seinen Lippen. Die andern standen gleichfalls auf, und jeder ging seinen Weg.
Achter Abschnitt
Nach einer kurzen Pause sagte Sebaldus: "Hatte ich doch nimmermehr gedacht, dass man auf diese Art in Berlin von den symbolischen Buchern reden wurde. Ein untruglicher Wegweiser! Ich dachte, kein vernunftiger Mensch wurde blindlings einem Wegweiser folgen, den man vor mehr als zweihundert Jahren gesetzt hat. Er wurde bedenken, durch wie viele Vorfalle entweder der Wegweiser seit zweihundert Jahren konne verruckt oder der Weg konne geandert worden sein. Wenn man die offenbare Truglichkeit uberlegt, so muss man sich sehr wundern, dass die Menschen so grosses Verlangen bezeigen, sich nach Lehrformeln, Synodalschlussen und symbolischen Buchern zu richten."
"Die Menschen ein Verlangen?" rief Herr F. aus. "Dies glaube ich ebensowenig, als dass die Menschen ein Verlangen haben, sich an der Nase herumfuhren zu lassen. Aber diejenigen, welche die Menschen unvermerkt beherrschen wollen, drehen ihnen gern wachserne Nasen an, weil dadurch ihr Endzweck am besten erreicht wird. Glauben Sie denn, dass der Mann, der jetzt soviel von symbolischen Buchern redete, ihnen ebenso strenge anhangt, als er verlangt, dass ihnen andere anhangen sollen?"
"Dies muss ich dahingestellt sein lassen, weil ich den Mann nicht genug kenne."
"Ich lasse es auch dahingestellt sein. Ich kenne aber nicht wenig Geistliche von hohem Sinne, die vielleicht auch Heterodoxe wurden, wenn dadurch Ruhm oder ansehnliche Amter zu erlangen standen. Wenn sie aber sehen, dass andere schon durch Heterodoxien grossen Ruhm erworben haben, wenn sie dagegen bei sich nicht Geschicklichkeit und Mut genug spuren, noch wichtigere Neuerungen zu wagen, so ekelt ihnen davor, Heterodoxe vom zweiten oder dritten Range zu sein. Sie ergreifen daher die viel bequemere und sicherere Partei, stellen sich an die Spitze der Orthodoxen ihrer Stadt oder ihrer Provinz und brauchen die Lebhaftigkeit des Geistes, wodurch sie Ketzereien hatten anstiften konnen, um sich Ketzereien zu widersetzen. Sich auf die altern Theologen und auf die symbolischen Bucher als auf unwidersprechliche Grundgesetze zu berufen ist schon eine so abgenutzte politische Maxime dieser Leute, dass die Klugern unter ihnen bereits auf ganz andere Mittel denken, um den Ruhm, der durch neue Heterodoxien nicht zu erhalten stand, durch eine neue Orthodoxie von ihrer eignen Schopfung zu erlangen. Denn wenn diese Herren sich fur noch so altorthodox ausgeben, so ist doch gemeiniglich die Art, wie sie orthodox sein wollen, sehr neu."
"Dies kann wohl nicht anders sein", erwiderte Sebaldus, "denn je mehr ich den Gang bedenke, welchen der menschliche Verstand in seiner Entwicklung von jeher genommen hat, desto unmoglicher scheint es mir, dass alles so bleiben sollte, wie es vor zweihundert Jahren gewesen ist, und fur desto ungereimter muss es halten, dass man durch Vorschriften von irgendeiner Art die Veranderungen der Meinungen und ihren Fortgang hindern will. Die symbolischen Bucher waren sehr gut fur die Beschaffenheit der Zeit und der Umstande, da sie gemacht wurden. Regierungsart, Wissenschaften und Sitten haben sich seitdem merklich geandert. Wenn nun die symbolischen Bucher unveranderliche Gesetze sein sollten, so wurden wir endlich eine Theologie bekommen, die sich fur die Zeit, worin wir leben, auf keine Weise schickte."
"Sie haben ganz recht. Wenn unsere Theologen die symbolischen Bucher des sechzehnten Jahrhunderts zur bestandigen Norm des Glaubens annehmen, so handeln sie gerade, als wenn unsere Schneider die steifen Kragen, kurzen Mantel und weiten, mit Pelz bebramten Rocke ebendieses Jahrhunderts zur bestandigen Norm der Kleidertracht festsetzen wollten. Die Erfahrung lehret uns, dass die Meinungen sich nicht minder verandern als die Kleidertrachten. Es geht daher auch den symbolischen Buchern ebenso wie der Kleidung der Geistlichen. Als jene geschrieben wurden, enthielten sie bloss die allgemein angenommenen Meinungen der damaligen Glieder der lutherischen Kirche, so wie die damalige Kleidung der Geistlichen dem Schnitte nach die Kleidung aller gelehrten Leute und der schwarzen Farbe nach die Farbe war, worin jeder angesehene Mann feierlich erschien. Da aber die Kleidermoden sich anderten, blieben die Geistlichen immer vierzig oder funfzig Jahre darin zuruck, so wie noch oft in der Literatur und Philosophie. Endlich anderte sich die Welt so sehr, dass der Schnitt des Glaubens und der Kleidung, der zu Luthers Zeiten allen guten Leuten gemein war, das Symbolum eines besondern Standes blieb. Und dennoch befurchte ich, es geht noch in anderer Rucksicht der Konformitat mit den symbolischen Buchern wie den Armeln und den Manteln der Geistlichen. Obgleich jene immer Orthodoxie heisst und diese immer schwarz bleiben, so haben sie doch beide, sonderlich seit funfzig Jahren, viele kleine, aber wesentliche Abweichungen erlitten. Glauben Sie mir, ein guter alter orthodoxer Dorfpastor, der seit Buddeus' Zeiten weder in der Gelehrsamkeit noch in den Rockschossen und Perucken an Veranderungen gedacht hat, mochte wohl bei aller Konformitat von einem jungen orthodoxen Diakon itziger Zeit, der vier Jahre lang in den adeligen Hausern Hofmeister gewesen ist, ebenso stark in der Kleidertracht als in der Glaubenslehre verschieden sein."
Sebaldus sagte lachelnd: "Es dunkt mich doch fast, die geistliche Dogmatik habe seit meiner Jugend mehrere Veranderungen erlitten als die Kleidertracht der Geistlichen. Ich dachte, sie gingen noch ebenso wie vor vierzig Jahren in schwarzen Rocken und in Kragen und Manteln."
"Ebenso? Ich dachte nicht! Sie haben nur auf jene Veranderung mehr achtgegeben als auf diese, welche ebenso merklich ist. Ja, sie entstand oft aus Begierde, sich von andern Glaubensgenossen zu unterscheiden; und dann ward sie sogar ein Stuck der Kirchengeschichte."
"Sie scherzen. Wie kann die Glaubenslehre auf die Kleidertracht einen Einfluss haben! Ausserdem siehet ja in der ganzen protestantischen Kirche eine Priesterkleidung der andern ahnlich."
"Keinesweges! Der steife Wolkenkragen in Hamburg, Braunschweig, Breslau, Leipzig und das feine Uberschlagelchen anderer Lander, die enge Summarie in Mecklenburg und Holstein, der weite Priesterrock in Sachsen und Anhalt, der Mantel in Brandenburg, das sammetne Kalottchen, das der Danziger Prediger auf seine Perucke nahet, sind wesentliche Unterschiede der Kleidung protestantischer Geistlichen, haben, wie alle Dinge in der Welt, ihren zureichenden Grund" (determinierenden Grund, dachte Sebaldus heimlich bei sich), "und vielleicht oft zunachst in der Lehre. Hier habe ich eben in der Tasche eine ungedruckte Handschrift, betitelt: 'Historische Versuche uber Berlin', die mir ein Freund mitgeteilt hat. Ich will Ihnen daraus etwas weniges von der Geschichte der Hute und Mantel der berlinischen Geistlichkeit vorlesen. Vielleicht merken Sie daraus, dass die Eingeweihten aller Orden Zeichen haben, die den Augen der Profanen entgehen."
Sie setzten sich abermals auf eine Bank, und Herr F. las wie folget:
"Philipp Jakob Spener, ein gutmutiger, redlicher Mann, bescheiden und friedliebend in einem Zeitalter voll theologischen Stolzes und theologischer Zankerei, der gern alle dogmatische Spitzfindigkeiten vermieden hatte, der sie zwar nach dem Genius seines Zeitalters nicht vermeiden konnte, aber vorzuglich auf die Rechtschaffenheit und auf die Lauterkeit des Herzens drang, befliss sich nicht, in seiner Kleidung etwas Sonderliches zu haben. Sein ehrwurdiges Haupt36, von welchem sein silberweisses Haar in naturlichen Locken hinabfiel, warmte ein kleines Kalottchen; und sein weitgefalteter Mantel (die damals gewohnliche Tracht der Gelehrten, welche noch bis in das erste Vierteil dieses Jahrhunderts alle Schuler in Berlin trugen) hing, als eine brauchbare Bedeckung, ungekunstelt uber Schultern und Arme herab. Bald nach seiner Zeit gelustete einen Teil der berlinischen Geistlichkeit nach dem modischen Putze der spanischen Perukken37, welche sie auf den Hauptern der Edelknaben und der Geheimen Rate an dem prunkvollen Hofe unsers guten Konigs Friedrich I. gesehen hatten. Obgleich beim Regierungsantritte Konig Friedrich Wilhelms meist alle Leute die grossen Perucken ablegten, so mochten doch selbst die pietistischen Prediger diese so oft abgekanzelte und nebst den Fontangen der Frauenzimmer vom Einblasen des leidigen Teufels hergeleitete Kopfzierde ferner nicht verschmahen. Vermutlich der Gravitat wegen; denn nunmehr begannen sie, gleich den Leuten, die ihre Denkzettel breit und die Saume an ihren Kleidern gross machten38, in ihrer Kleidung sich geflissentlich von andern Menschen zu unterscheiden39. Sie setzten an ihre Kragen einen breiten Saum. Ein grosser, nur zweimal aufgestutzter Schiffhut beschattete vorn und hinten ihr Haupt, und in den Mantel wickelten sie den Unterleib dermassen ein, dass die Fusse gar wenig Raum ubrigbehielten; daher auch derjenige unter ihnen, der von Natur nicht bedachtig war, einen bedachtigen Gang annehmen musste. Da um diese Zeit unsere ganze lutherische Geistlichkeit sich von der hamburgischen Orthodoxie der polternden Mayer und Neumeister zum sanftern Pietismus neigte, so ward dieser eben beschriebene Anzug sehr bald das Merkzeichen eines jeden lutherischen Pfarrers. Denn die Reformierten, dem Hofe naher, wollten sich nicht so sehr wie jene von der gewohnlichen Kleidung abwenden. Sie behielten den dreimal aufgestutzten Hut bei; und den Mantel40, dessen viele pedantische Falten sie unvermerklich verminderten, schlugen sie von den Schultern zuruck und hoben ihn im Gehen mit der linken Hand zierlich auf, so dass sie mit mehrerm Anstande fortschreiten konnten. Nach einiger Zeit fingen sie an, den Mantel41, den sie mit der linken Hand emporgehalten hatten, zu mehrerer Bequemlichkeit ganz auf den linken Arm zu legen. Unter den Lutheranern, welche schon langst den schmalern Mantel und die freiern Fusse der Reformierten mit heimlichem Neide mochten angesehen haben, wagte es zuerst ein Mann, in grossen Dingen klein und in kleinen Dingen gross, den Mantel42 um den Leib zu schlagen und mit freien Fussen einherzutreten, worin er bald viele Nachahmer bekam. Es ware zu weitlaufig, zu erzahlen, welche Widerspruche jede von diesen Veranderungen leiden musste, wie oft man aus der veranderten Art, den Mantel zu tragen, auf eine Neuerung in der Lehre geschlossen hat und wie oft eine Neuerung in der Lehre unbemerkt durchgegangen ist, weil der Neuerling den Mantel noch nach der alten Art trug. Genug, die alte symbolische Reinigkeit des Manteltragens bekam einen noch grossern Fleck, da einige Kryptokalvinisten sich unterstanden, den Mantel nach Art der Reformierten auf den Arm zu legen, ob sie ihn schon, um sich jenen nicht ganz gleich zu stellen, auf dem rechten Arme trugen43. In kurzem ward dieser kleine Unterschied der Konfessionen auch nicht mehr beobachtet. Die Mantel wurden ohne irgendeine Regel rechts oder links getragen, wie es jedem einfiel. Und nun konnte man einen lutherischen Prediger von einem reformierten desto weniger auf der Strasse unterscheiden, da eben zu der Zeit einige unsrer Geistlichen sich unterfingen, den ehrbaren Schiffhut, das bisherige Schibboleth eines berlinischen lutherischen Geistlichen, mit dem dreieckigen Hute zu vertauschen, den nebst allen Einwohnern Berlins auch die reformierten Geistlichen trugen. So vielem Widerspruche auch dies Unternehmen anfangs ausgesetzt war44, so ging es doch ohne weitere Ahndung durch. Denn nunmehr war die Zeit gekommen, da die Unordnung und Lauigkeit in der Lehre, die sich schon lange in die Herzen eingeschlichen hatte, auch an den Kleidern sichtbar werden sollte. Vorzeiten hatten sich die Lutherischen und Reformierten soviel wie moglich voneinander abgesondert, auch wohl eine Folge des Eifers fur eines jeden Symbolum weidlich miteinander gehadert, nicht weniger eine Folge des Haders einander herzlich gehasset; nunmehr aber, da sich ihre Geistlichen auch nicht einmal mehr der Kleidung nach voneinander unterschieden, war fast gar nicht mehr die Frage, ob jemand lutherisch oder reformiert sei. Diese Indifferentisterei hatte aber auch andere schadliche Folgen. Denn die geistliche Kleidung verlor einen grossen Teil ihrer symbolischen Deutung und zugleich einen grossen Teil ihrer Gravitat. In der allgemeinen Sorglosigkeit gegen alle bestimmte ausserliche Zeichen wurden die Mantel immer schmaler, leichter und kurzer45 und hingen als eine zwecklose Verzierung den Rucken herunter; die Perucken, die sonst in feierlicher Zierde uber den Nacken herabwallten oder in sanften Seitenlocken auf den Schultern ruhten, gewannen taglich ein weltlicheres Ansehen, hoben sich in Taubenflugeln und gesteckten Locken in die Hohe; und endlich trugen Prediger kein Bedenken, ohne Perucken, ja sogar ohne alle Amtskleidung46 in blauen, grauen und braunen Rocken auf der Strasse und in Gesellschaften zu erscheinen und sich keiner gleichgultigen Handlung zu entziehen, die ein jeder anderer unbescholtener Burger auch verrichten darf."
Und nun fragte Herr F. lachelnd: "Was sagen Sie zu diesen Veranderungen der Kleidertracht, die doch offenbar mit gewissen Veranderungen in den Glaubensgesinnungen Schritt gehalten haben?"
"Ich sage", antwortete Sebaldus sehr ernsthaft, "dass sie nur merkwurdig werden, wenn sie merkwurdige Folgen haben, und die haben sie nur, wenn man sie fur etwas halt. Macht man ein unwichtiges Ding wichtig, sei es nun ein Rockarmel oder ein symbolisches Buch, so kann uber dessen Veranderung Zank und Bitterkeit, ja wohl gar Aufruhr und burgerlicher Krieg entstehen. Ebendeshalb sollte man, meines Erachtens, in Dingen, die von der Meinung der Menschen abhangen, nicht allzuviel bestimmen und durch Zeichen festsetzen wollen, weil dadurch Nebendingen mehr Wert beigelegt wird, als sie eigentumlich haben. Das Bezeichnete ist wesentlich, das Zeichen willkurlich. Hat ein jetziger Geistlicher Speners edelmutige Gesinnungen, so wird er gleich verehrungswert sein, er mag sich schwarz oder grun kleiden; und jeder rechtschaffene Mann, der, soviel er kann, tugendhafte Taten tut, verdient Achtung, er mag seine Gedanken vor sich selbst weglaufen lassen oder sie an irgendein Symbolum heften wollen. Wenn mich nicht alles trugt, was ich als Kennzeichen der Wahrheit erkenne, so muss ich glauben, Gott selbst werde uns nach unsern Gesinnungen und nicht nach unsern Spekulationen richten; er werde jedem gnadig sein, der so viel Gutes tut, als er in seiner Lage tun kann, und werde niemand verdammen, weil er symbolische Bucher entweder nicht verstehen oder nicht billigen konnte, die irgendeine machtigere Partei zur Richtschnur festzusetzen suchte."
Neunter Abschnitt
Unter diesem Gesprache waren sie aufgestanden und bis vor die Wohnung ihres beiderseitigen Freundes, des Majors, gekommen, dem sie diesen Abend einen Besuch zugedacht hatten. Indem sie ins Haus traten, sahen sie zu ihrem grossen Erstaunen, dass der Armenschulmeister, Sebaldus' Freund, von zwei Bedienten mit Gewalt die Treppe hinuntergeworfen ward. Der Pietist, mit welchem Sebaldus nach Berlin gekommen war, folgte ihnen mit weggewandtem Angesichte, schlug die Hande uber das Haupt zusammen und drangte sich eiligst durch die Haustur auf die Strasse. Herr F. und Sebaldus stiessen die Bedienten zuruck, die den wehrlosen und totenblassen Schulmeister noch ubler behandeln wollten; und der Major, der im Erdgeschosse wohnte und bei dem heftigen Larm seine Tur geoffnet hatte, nahm ihn in Schutz und fuhrte ihn ins Zimmer, wo er ihn in einen Armstuhl sich niedersetzen liess.
Sobald der Mann wieder etwas Atem zu schopfen anfing, war die allgemeine Frage: was die Ursache des Larms gewesen sei und was er mit dem im ersten Stockwerke wohnenden jungen Herrn, dessen Bedienten ihm so hart begegnet, zu tun gehabt habe.
Der Schulmeister antwortete bloss durch tiefes Schluchzen und durch die klaglichsten Ausrufungen: "Ich elender Mann! Ich unglucklicher Mann! Ich bin ohne Rettung verloren!"
Sebaldus suchte ihn durch die besten Grunde wieder zur Fassung zu bringen, der Major bot ihm seinen Arm, Herr F. seine Borse und alle sonst nur mogliche Hilfe an. Vergebens! Er wiederholte seine trostlosen Ausrufungen mit den Gebarden eines Verzweifelten, bedeckte einmal uber das andere sein Angesicht mit beiden Handen und weinte bitterlich. Nach langem Zureden beruhigte er sich endlich so weit, dass er, mit vielen untermischten Seufzern, folgendes erzahlen konnte:
"Sie wissen es", sagte er, indem er sich zu Sebaldus wandte und ihm wehmutig die Hand druckte, "wie ruhig und wie glucklich ich war. Obgleich arm, hatte ich doch mein Auskommen. Ich arbeitete nebst meiner Frau fleissig; und meine Tochter- o mein einziges Kind! Sie war nie ihren Eltern ungehorsam gewesen, sie hatte uns nie den geringsten Verdruss gemacht, sie ubertraf uns an Fleiss, sie machte uns mit ihrer kunstlichen Arbeit Vergnugen; wenn wir Eltern nur gerade die Notdurft erwerben konnten, so verschaffte uns ihre Emsigkeit zuweilen einen festlichen Tag. Sie war mein Augapfel, ich war mehr als glucklich, als der heuchlerische Bosewicht, den Sie haben aus der Ture rennen sehen, meine ganze Gluckseligkeit zerstorte. Er setzte sich in der Sankt-GertraudsKirche oft neben mir, wo er auch wohl zuerst meine Tochter mag gesehen haben. Er suchte meine Bekanntschaft, indem er zwei arme Knaben in meine Schule brachte, fur die, wie er sagte, gottselige Leute das Schulgeld bezahlen wollten. Er sah und lobte meiner Tochter Arbeit; er brachte in kurzem einen Menschen mit, der feine ausgenahte Arbeit bestellte und reichlich bezahlte. Dies war, wie ich hernach erfahren habe, der Kammerdiener des wollustigen Mussiggangers, der in diesem Hause wohnt; ein undeutscher Kerl, ohne Redlichkeit, ohne Menschengefuhl, den das Wimmern der zugrunde gerichteten Unschuld sowenig ruhrt als den Schlachter das Bloken des Lammes, dem er die Kehle abstechen will. Mit diesem hatte der schandliche Unterhandler vermutlich den abscheulichen Entwurf ins reine gebracht, mich und mein Kind ins Ungluck zu sturzen. Er fuhrte meine Tochter, in Gesellschaft ihrer Mutter, zu seiner angeblichen Muhme, die ausgenahte Arbeit verfertigte und verfertigen liess. Sie schien zufrieden mit meiner Tochter Arbeit, zeigte ihr aber noch feinere und gab ihr zu verstehen, sie wolle dergleichen von ihr verfertigen lassen und ihr mehrere Vorteile dabei zeigen; nur musse sie unter ihren Augen arbeiten. Mein Kind freute sich, mehr lernen zu konnen, und wir fanden kein Bedenken, sie in das Haus einer Matrone zu schicken, bei der alles ein frommes und verstandiges Ansehen hatte. Sie ging einige Monate lang taglich in dies Haus. Sie nahm zu an Geschicklichkeit, und wir glaubten, diese Bekanntschaft ware ein Gluck fur unser Kind. Ach, leider, wir wussten nicht, dass sie schon unwiederbringlich unglucklich war. In den ersten Tagen ihres Aufenthalts in diesem Hause war der junge Herr selbst, unter dem Vorwande, Arbeit zu bestellen, dahin gekommen; er hatte meine Tochter gesehen und ihre Arbeit gleichgultig gelobt. In kurzem ward er zudringender, die Wirtin liess ihn mit meiner Tochter geflissentlich allein oder ward von ihrem Vetter zu andern Geschaften gerufen. Nun wandte der Bosewicht alle verfuhrerische Kunste an, um ein junges Herz zu gewinnen, das noch nicht gelernt hatte, sich gegen betrugerische Anlockungen zur Wehre zu stellen. Das susse Gift der Schmeichelei betort wohl oft einen gesetzten Mann; wie sollte ihm ein junges, unerfahrnes Madchen widerstehen konnen, das noch keinen hinterlistigen Menschen gesehen hatte, das jedes Herz fur so ehrlich hielt als ihr eigenes! Kurz, sie ward ihrer Unschuld beraubt. Die Folgen davon liessen sich bald spuren, und das schreckliche Geheimnis konnte ihrer Mutter nicht langer verborgen bleiben. Wir waren wie vom Blitze geruhrt; aber Klagen und Verwunschungen halfen zu nichts: wir mussten nur unser armes Kind zu retten suchen, das sich das Leben abharmte in Kummer uber ihren Fehltritt, den sie nun erst in seiner wahren Gestalt sah. Auf der andern Seite wollte der Verfuhrer auch nicht eher von ihr ablassen, bis er ihrer vollig satt ware. Er sandte taglich Botschaften und Briefe, die nicht angenommen wurden. Der Kammerdiener schlich sich einigemal ins Haus, wo ich ihn unsanft abwies. Endlich meldete sich heute der Unterhandler, der sich seit langer Zeit nicht hatte sehen lassen. Mit gleisnerischem Wortgeprange bedauerte er den Unfall, den ich hatte erfahren mussen; und nach vielen Umschweifen kam er endlich auf seinen Antrag, namlich dass ich mit dem Herrn selbst sprechen mochte, weil er mir Vorschlage tun wollte, die so vernunftig und billig waren, dass dadurch ein grosser Teil des geschehenen Schadens konne ersetzt werden. So gross auch mein Widerwillen war, dem Verfuhrer meiner Tochter ohne Verwunschung in die Augen zu sehen, so ging ich doch mit dem dienstfertigen Unterhandler hin. Was meinen Sie, dass der vernunftige und billige Vorschlag war?" (Hier drang abermal ein Strom von Tranen aus seinen Augen.) "Meine Tochter sollte Ausgeberin bei dem Verrater ihrer Ehre werden, und ihr Vater sollte einen schimpflichen monatlichen Gehalt haben, um die Frucht des unerlaubten Umgangs zu erziehen. Hier konnte ich mich nicht massigen; ich stiess aus, was der Unwillen einem ehrlichen, obwohl armen Vater eingeben kann, dem ein vornehmer Wollustling zumuten darf, der Kuppler seiner eignen Tochter zu werden. Der Kammerdiener, der wahrend der ganzen Unterhandlung ebensoviel gesprochen hatte als der Herr selbst, fand es sehr lacherlich, dass ich mich einem Arrangement widersetzen wollte; dass der gnadige Herr der petite fille ja weiter nichts Ubels tun wolle und dergleichen mehr. Ich liess meinen ganzen Unmut aus und wollte unverzuglich zur Ture hinaus, als der Unterhandler ins Mittel trat. Er versicherte, dass er den ersten Vorschlag selbst nicht billige, weil dadurch den Schwachen manches Argernis gegeben werden konne; er erklarte also, dass der Kammerdiener meine Tochter heiraten und das Kind als sein eignes aufnehmen musste, dagegen werde ihn der gnadige Herr zum Haushofmeister machen, sobald er sich mit seinen Glaubigern vollig gesetzt habe und wieder zum Genusse seiner Guter gekommen sei. Nein! Langer konnte ich mich nicht halten. Ebenso gern wurde ich meine Tochter dem Buttel gegeben haben, der diesen Buben hatte brandmarken sollen, welcher das vornehmste Werkzeug zur Verfuhrung meiner Tochter gewesen war. Ich sagte nunmehr dem Herrn geradeheraus, dass ich sein Bubenstuck auf keine Weise durch meinen Beitritt billigen wolle, dass ich die wenige Gerechtigkeit, die mir der Richter widerfahren lassen konne, aus allen Kraften suchen wurde und dass er mit meinem Willen meine Tochter nie wieder solle zu Gesichte bekommen. Er geriet daruber in die grosste Wut und befahl den Bedienten, mich hinauszuwerfen; der Unterhandler wollte ihn zwar besanftigen, aber er hiess ihn auch zum Teufel gehen und lief als ein Rasender ins andere Zimmer." Als er die Erzahlung geendigt hatte, verbarg er abermal sein Angesicht und uberliess sich einer trostlosen Verzweiflung.
Alles, was Sebaldus und Herr F. taten, um ihn aufzurichten, verfing nichts. Er rief mit klaglicher Stimme aus: "Alle Hoffnung ist fur mich verloren! Selbst die Gesetze haben keinen Schutz fur mich. Mein Gegner darf mich ungestraft beleidigen, ungestraft unglucklich machen!"
"Nein! Das soll er nicht", rief der Major, der schon lange mit starrer Aufmerksamkeit zugehort hatte. "Wir wollen sehen, was der Bursche zu tun vermeint."
Er rief seinen Reitknecht, liess sich bei seinem Nachbar eine Treppe hoch melden, und ein paar Minuten drauf nahm er seinen Hut und Degen und stieg hinauf, ohne erst Antwort zu erwarten.
Er fand den jungen Herrn im Vorsaale, im Begriffe auszugehen, um diesen Besuch zu vermeiden. Er wollte sogleich eine hofliche Entschuldigung stammeln, aber der Major trat ihm in den Weg und rief mit gerunzelter Stirne: "Herr! Sind Sie ein Edelmann?"
"Ich dachte", war die Antwort, "ich konnte mich in ein hohes Stift aufnehmen lassen, wenn ich wollte. Aber um Vergebung, wozu diese Frage, die mich befremden konnte?"
"Wozu? Weil ich dachte, dass ein Edelmann auch ein ehrlicher Mann sein musste, ehe er ein Edelmann sein kann."
"Wieso? Mein Herr! Sie kommen in meine eigene Wohnung, mich zu beleidigen; geben Sie wohl acht!"
"Herr, die Wahrheit ist gut zu sagen, wo es auch ist. Sie haben, Herr, eines ehrlichen Mannes Tochter verfuhrt und haben noch dazu den Vater groblich beleidigt; das tut kein Mann, der Ehre im Leibe hat, und das haben Sie getan."
"Herr Major, wenn ich nicht fur Ihr Alter Achtung hatte so wurde ich ... Aber parbleu, ich weiss auch noch nicht, was Sie von mir eigentlich wollen. Meinen Sie etwa den Kerl, der eben hier war? Der geht mich gar nichts an. Mein homme de chambre hat mit seiner Tochter was zu tun gehabt, und daruber larmt der Vater. Aber er hat unrecht, denn mein homme de chambre will das Mensch heiraten."
Der Kammerdiener trat vertraulich hervor und versicherte den Major in gebrochenem Deutsch, dass er noch zur Heirat bereit sei.
Der Major sah ihn flamisch uber die Achsel an und sagte: "Patron, wenn ich mit dir werde reden wollen, werde ich dir's sagen. Mit Ihnen habe ich's zu tun, Herr, der Sie sich ins Herz schamen sollten. Meinen Sie, Herr, dass ich nicht weiss, wer mit dem Madchen zu tun gehabt hat? Denken Sie, Herr, dass die Tochter eines ehrlichen Mannes, weil Sie sie geschandet haben, nun fur Ihren Kuppler gut genug ist?"
"Das ist doch besonders ganz besonders; und Sie massigen sich noch dazu gar nicht in Worten lassen Sie doch die Leute die Sache ausmachen, die Sache geht mich ja gar nichts an; und darf ich fragen, wie Sie dazu kommen, daran teilzunehmen?"
"Wie? Herr, weil der Mann mein Freund ist."
"Ah pardi, das ist eine andere Sache. Ich habe nicht gewusst, dass Sie unter Leuten solcher Art auch Freunde hatten."
"Ja, Herr! Ich schame mich nicht, eines ehrlichen Mannes Freund zu sein, und scheue mich nicht, jeden Schurken zur Rede zu setzen, der ihm ungestraft unrecht tun will."
"Ich bin ganz betroffen, Herr Major; da ich gar nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, kommen Sie in meine Wohnung und sagen mir voll Ungestum Dinge vor, die ich weiss gar nicht ... Was verlangen Sie denn, das ich dem Manne und dem Madchen tun soll?"
"Herr! Genugtuung sollen Sie beiden geben, und ... Doch durch welche Genugtuung konnen Sie ein so schimpfliches Verfahren wiedergutmachen!" Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn.
"Sie sehen also selbst, Herr Major, dass ich bei der Sache nichts weiter tun kann, und wenn mein homme de chambre das Madchen heiratet und ich ihr, in Ansehung seiner, ein Heiratsgut gebe ..."
"Nein, Herr, mir sollen Sie Genugtuung geben, weil Sie ein Schurke sind und sich unterstehen, mit mir unter einem Dache zu wohnen!" Und hiermit zog er den Degen.
"Herr Major, horen Sie doch vernunftige ..."
"Herr! Zieh Er, oder, straf mich Gott!, ich will Ihm zeigen, dass Er nicht wert ist, einen Degen an der Seite zu tragen."
"Gut, Herr Major, ich will Ihnen Satisfaktion geben aber auf Pistolen. Ich schlage mich nicht anders als auf Pistolen."
"Herr, mach Er kein Federlesens, zieh Er auf der Stelle, oder ich will Ihn ..."
Dem jungen Herrn, so ungern er wollte, blieb nichts ubrig, als den Degen zu ziehen. Der Major drang auf ihn ein. Der Kammerdiener kam seinem Herrn mit gezogenem Hirschfanger zu Hilfe; und plotzlich fuhr der Hirschfanger tief in des Majors Rucken, ob von ungefahr oder vorsatzlicherweise, war nicht auszumachen.
Franz, der Reitknecht, fasste den Kammerdiener in die Gurgel und gab ihm einen deutschen Faustschlag auf den andern ins Gesicht. Der Major lag in seinem Blute, der Edelmann machte ihm eine verbindliche Entschuldigung wegen dieses unglucklichen Vorfalls, die der Major bloss mit einem Blicke voll Verachtung beantwortete. Herr F. schickte nach der Wache. Der Kammerdiener und sein Herr wurden in Verhaft genommen. Der Major ward von einem Wundarzte verbunden und in sein Bette gebracht; und der Schulmeister, noch mehr ausser aller Fassung uber seines Verteidigers Unfall als uber seinen eigenen, ward halbtot in eine Mietskutsche gesetzt und von Herrn F. und von Sebaldus nach Hause begleitet.
Zehnter Abschnitt
Des Majors Wunde schien im Anfange nicht gefahrlich, aber nach einigen Tagen verschlimmerten sich die Umstande sehr. Die Entzundung und das Wundfieber wurden heftiger, daher der Arzt erklarte, dass sehr wenige Hoffnung zur Wiedergenesung sei. Die Freunde des Majors waren ausserst niedergeschlagen; der gute Franz aber, der uber dreissig Jahre in des Majors Diensten gestanden hatte, weinte unablassig, so dass ihn der Kranke selbst trostete, der allein des Wundarztes Nachricht mit Gleichmut anhorte. Die geschwinde Abnahme seiner Krafte liess nur allzusehr befurchten, dass der Wundarzt richtig geurteilt habe.
Eines Tages ward der Kranke besonders schwach. Gegen Mittag aber fiel er in einen sanften Schlummer, worin er einige Stunden verblieb, und schien darauf ausserlich ein wenig erquickt. Franz, sehr traurig uber dessen misslichen Zustand, ergriff die Gelegenheit, da der Major heiteres Gemuts und er mit ihm allein war, nach vorgangiger Entschuldigung eine Frage zu tun, die ihm schon lange auf dem Herzen gelegen hatte, namlich:
Ob der Herr Major nicht das Sakrament nehmen wolle.
"Lieber Franz, du meinst es recht gut", sagte der Kranke, "aber wozu? Ich habe das Abendmahl immer nur genommen, wenn entweder das Regiment kommunizierte oder wenn ich besondere Ursache fand, mich zu sammeln und ernsthaft uber mich nachzudenken; aber glaube mir, Franz, ein Krankenlager von drei Wochen gibt an sich selbst Gelegenheit genug zum ernsthaften Nachdenken."
"Aber, lieber Herr Major, ein Mensch muss doch so schwer sterben, wenn er nicht gebeichtet hat."
"Hore nur, mit der Beichte habe ich niemals etwas zu tun gehabt. Anstatt der Beichte sagte ich allemal laut und ernstlich: Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist, verwirf mich nicht von deinem Angesichte, und sei mir gnadig! Damit war mein Feldprediger zufrieden, und ich denke, Gott wird auch damit zufrieden sein, wenn ich's jetzt sage. Aber hore, Franz, ich will jetzt tun, was ich sonst bei der Beichte tat, ich will dich wegen alles dessen um Vergebung bitten, was ich dir kann zuwidergetan haben; vergib es mir."
Hier reichte er Franzen die Hand.
Franz kusste und benetzte sie mit seinen Tranen und sagte schluchzend: "Ach, Herr Major, ich kann Ihnen nichts vergeben, Sie sind immer mein guter Herr gewesen und haben an mir mehr Liebe bewiesen, als ich verdiente. Vergeben Sie mir nur, wenn ich zu vorschnell gewesen bin. Ich dachte doch, man konne nicht ruhig sterben, wenn man nicht von einem geistlichen Herrn ordentlich vorbereitet wurde. Als Sie daher schliefen, lief ich geschwind zu einem Prediger, der nicht weit von hier wohnt, aber er war nicht zu Hause."
"Du hast's recht gut gemeint, Franz; da er aber nicht zu Hause war, ist's nun auch ebenso gut. Ich habe mit diesen Herren nicht gern etwas zu tun, wenn ich sie nicht vorher genau kenne. Ich lag, du weisst es, hart verwundet auf dem Schlachtfelde bei Torgau an zwolf Stunden, ehe du mich unter den Toten und Blessierten herausfandest. Damals konnte mir kein Feldprediger zusprechen, und ich war zum Tode ebenso bereit wie jetzt."
Indem er dieses sagte, trat Sebaldus herein, um ihn zu besuchen.
"Sie kommen, mein lieber Freund", sagte der Kranke, "gerade zur rechten Zeit. Ich werde von diesem Lager nicht wieder aufkommen, ich weiss es und bin gefasst zu sterben. Nun meint mein guter Franz" (er druckte demselben die Hand), "es sei notig, dass ich von einem Geistlichen zum Tode bereitet wurde. Dies wunschte ich von niemand lieber als von Ihnen, mein Freund. Tun Sie, als ob Sie mein Beichtvater waren. Fragen Sie mich, lehren Sie mich, beten Sie mit mir."
Sebaldus sagte sehr geruhrt: "Der Zuspruch auf dem Totenbette ist allezeit eine sehr schwere und zuweilen eine vergebliche Sache. Es kann daselbst kaum noch eine Veranderung der Gesinnung vorgehen, wenn sie nicht vorher im ganzen Leben vorbereitet ward. Glaubens lehren zu beweisen, ist die Zeit zu kurz und der Geist nicht heiter genug, Pflichten einzuscharfen ist zu spat. Die Schwachen aufrichten kann ein menschenfreundlicher Prediger noch am leichtesten"
Major: Herr, ich bin nicht schwach! Schonen Sie meiner gar nicht, sondern gehen Sie mit mir um, wie ein Pfarrherr am Totenbette tun soll, recht wie es vorgeschrieben ist.
Sebaldus: Ich wurde mich wahrlich freuen, wenn ich zur Beruhigung eines Mannes, den ich so sehr wertschatze, etwas beitragen konnte. Da Ihr Gemut gelassen ist, so ist es vielleicht am nutzlichsten, wenn ich Sie an Wahrheiten erinnere, die allen Menschen ehrwurdig und wichtig sein mussen. Ich kann nicht wissen, ob Sie dieselben in gehoriger Verbindung gedacht haben; ware dieses nicht, so wurden vielleicht ihre Wirkungen vermehrt, wenn ich durch eine kurze Uberlegung eine Lucke zwischen denselben ausfullen konnte. Dieserhalb wunschte ich Ihre Gesinnung uber gewisse Lehrpunkte zu wissen.
Major: Ganz recht, examinieren Sie mich nur, ich will auf alles antworten.
Sebaldus: Sie glauben vermutlich, dass ein Gott ist, der Himmel und Erde geschaffen hat?
Major: Ja, freilich! Wer sollte nicht an Gott glauben?
Sebaldus: Sie glauben auch, dass Gott die Welt und alle Dinge darin mit einer weisen Vorsehung regieret?
Major: Freilich! Ohne Gott geschiehet nichts.
Sebaldus: Und dass nach diesem Leben noch ein kunftiges zu gewarten ist?
Major: Nein, mit dem Tode ist alles aus.
Sebaldus: Ich habe zuweilen aus Ihren Reden geschlossen, dass Sie eine solche Meinung hegten, ohne dass es sich gefugt hatte, naher daruber zu sprechen. Ware diese Meinung wahr, so blieben wir, wie Sie selbst nicht leugnen werden, in vielen Begegnissen des Lebens vollig trostlos. Gott hat aber, wie ich glaube, so wie er kein Ubel ohne zu einem guten Zwecke zulasst, als ein gutiger Vater fur jedes Ubel auch den Trost in die Natur gelegt. Dies veranlasste mich schon vor langen Jahren, uber die von Ihnen gehegte Meinung naher nachzudenken; ich weiss daher, dass in der Vernunft und in der Schrift viele Grunde zu finden sind, die sehr bald das Gegenteil wahrscheinlich und bei reiferm Nachdenken gewiss machen.
Major: Herr, ich habe immer gedacht, dass die Vernunft nicht einmal weiss, wenn ein Toter recht tot ist; wie sollte sie wissen, was nach dem Tode vorgeht? Wenigstens meine Vernunft reicht so weit nicht. Was die Bibel betrifft, so steht viel Gutes darin. Ich habe alles gelesen. Es lasst sich vieles hier in diesem Leben recht wohl nutzen. Aber von einem kunftigen Leben so wie von so viel andern unbegreiflichen Dingen glaube ich nichts, wenn's auch in einem Buche steht.
Sebaldus: Wenn Sie also die Bibel gelesen haben, glauben Sie dann, dass darin der Willen Gottes enthalten ist, dem wir folgen sollen?
Major: Gottes Willen ist, dass ein Mensch ein rechtschafftner Kerl sein und nicht unrecht tun soll. Das weiss jeder, und es steht auch in der Schrift. Das ubrige mag fur Euch Herren Geistlichen gut sein. Ein Soldat kann nicht so vielerlei Dinge in seinen Kopf kriegen, woruber Ihr Euch disputiert.
Sebaldus: Sie gestehen also, dass kein Mensch unrecht tun sollte. Gleichwohl tun die meisten, ja man kann wohl sagen alle Menschen mannigfaltig unrecht. Wie ist es nun, wenn wir mit unsern Sunden Bestrafung verdient hatten?
Major: So mogen wir sie leiden. Wer heisst uns sundigen?
Sebaldus: Diese Frage lasst sich vielleicht nicht so geradehin entscheiden. Denn wenn nun unsere Natur so unvollkommen ist, dass wir nicht ohne Sunde bleiben konnen? Wenn wir nun zu schwach sind, den Willen Gottes vollkommen zu befolgen?
Major: Ei, dann kann Gott auf uns nicht zurnen! Er hat uns selbst gemacht und wahrhaftig recht mit grosser Klugheit gemacht, dass nichts an uns ohne Ursache ist. Wie konnte er also von uns etwas verlangen, was wir nicht leisten konnten? Sehen Sie hier meinen Huhnerhund, der ist ein Huhnerhund und weiter nichts: er wird vor einem Huhne stehn; aber wenn ich verlangen wollte, dass er eine Sau stellen sollte, so kann ich nicht sagen, der Hund sundigt, wenn er's nicht kann.
Sebaldus: Sie schliessen wohl allzu rasch. Wenn wir Ihre Einwendung grundlich untersuchen wollten, wurden wir langsamer zu Werke gehen mussen, dazu fehlt uns jetzt aber die Zeit. Lassen Sie uns auf das kunftige Leben zuruckkommen. Uberlegen Sie wohl, dass, wenn es wegfallt, auch alle Belohnungen und Bestrafungen wegfallen, welche Tugend und Laster, wie es offenbar ist, in diesem Leben nicht in angemessenem Masse erhalten. Und damit wurden also auch sehr kraftige Bewegungsgrunde zur Tugend wegfallen.
Major: Warum das? Ein ehrlicher Kerl muss recht tun, weil es recht ist, und nicht, weil er dafur belohnt sein will. Werde ich belohnt, so ist's gut; werde ich es nicht, so muss ich doch rechtschaffen handeln. Ich habe im letztern Kriege oft mein Leben gewagt, ob ich gleich immer Major geblieben bin. Oder glauben Sie, Herr, dass ich nur deswegen den Schurken da oben zur Rede gestellt habe, damit ich dadurch in jenem Leben konnte Oberstleutnant werden?
Sebaldus: Belohnungen sollen aber doch Folgen guter Taten sein. Auch in diesem Leben verlangt ein Soldat fur seine Tapferkeit vom Konige Belohnung und ist unzufrieden, wenn er sie nicht bekommt.
Major: Ei, ist's nicht Belohnung genug, wenn ich weiss, dass ich recht tue? Und dann, Herr, ist's mit Gott eine ganz andere Sache als mit dem Konige. Der Herr ist ein Mensch wie ich und kann nicht alles wissen, sonst ware ich auch wohl weiter. Aber Gott weiss alles, und da hat's gute Wege, der wird mir schon zukommen lassen, was mir gehort.
Sebaldus: Setzen Sie nun aber einmal auf einen Augenblick voraus, dass ein kunftiges Leben ware, welches doch, wie Sie gestehen werden, an sich nicht unmoglich ist; setzen Sie voraus, dass alle unsere Handlungen, gute und bose, auch in jenem Leben Folgen haben und dass diese Folgen, wenn uns gleich die Art noch unbegreiflich ist, uberschwenglich gross sein konnen. Wird nun derjenige nicht sicherer gehen, der seine Handlungen nach einer strengen Richtschnur so einrichtete, wie er sie auch in jenem Leben zu verantworten gedenkt, als derjenige, der in der Meinung, es sei nach dem Tode alles aus, alles tat, was ihm beliebte, und in dieser Sorglosigkeit vieles beging, das er nicht rechtfertigen und dessen Folgen er in jenem Leben nicht andern kann? Und uberlegen Sie, welcher unter beiden in dieser Welt ein besserer Burger und ein rechtschaffnerer, tugendhafterer Mensch sein werde.
Der Major sah seinen Freund starr an und schwieg Sebaldus auch.
Endlich brach der Kranke aus:
"Herr, daran habe ich noch in meinem Leben nicht gedacht. Ein Soldat hat auch nicht Zeit, so weit hinzudenken. Aber ich besinne mich jetzt eben. Wenn auch ein kunftiges Leben und ein Jungster Tag ist, so glaube ich, ich werde dann ein Herz fassen und weder vor Gott noch vor dem Teufel erschrecken. Lass ihn kommen, den Teufel, wenn er mich anklagen will, er muss mich doch vor Gott anklagen; und der weiss, dass ich nie wissentlich etwas Boses getan habe. Oh, du mein allmachtiger Schopfer, wurde ich sagen" (er richtete sich ein wenig auf und faltete seine Hande), "du weisst, dass ich nie den hilflosen Unglucklichen gedruckt, dass ich nie Witwen und Waisen betrubt, dass ich nie wissentlich, diese Hande zum Bosen gebraucht habe. Zwar" (hier schwieg er ein wenig still und schlug seine Augen nieder), "ich hatte noch mehr Gutes tun konnen! Aber" (hier hob er seine Augen abermals empor), "allgutiges Wesen, ich werfe mich in deine Hande. Du hast mich zum Menschen machen wollen, also sollte ich wohl nicht ganz vollkommen sein. Ich verlange auch nicht, wenn ein Himmel ist, im Himmel obenan zu stehen."
Hier sank er, von der Anstrengung entkraftet, sanft zuruck, die Luft fehlte ihm, er erholte sich und sprach noch mit stammelnder Stimme, indem er dem Sebaldus die Hand druckte: "Ach, mein Freund, wenn Gott ein Regiment von Seligen hat, so ware es schon genug, wenn unsereiner darin nur ein Gemeiner werden konnte."
Er wollte noch etwas sagen, aber der Stickfluss nahm uberhand: er fing an zu rocheln, und nach einigen fruchtlosen Versuchen, ihm zu helfen, verschied er; und Sebaldus druckte ihm weinend die Augen zu.
Elfter Abschnitt
Kaum war er entschlafen, als der Prediger, welchen Sebaldus unter den Linden auf der Bank getroffen hatte, schnell in das Zimmer trat. Er hatte bei seiner Zuhausekunft die durch Franzen an ihn gebrachte Botschaft erfahren. Er eilte, sosehr er konnte, an einen Ort, wo er sich, wie ein anderer Fresenius, durch die Bekehrung eines Freigeistes auf dem Totenbette zu signalisieren dachte; denn weil er alles wissen musste, was in seinem Kirchensprengel vorging, so war ihm unverborgen geblieben, dass der Major besondere Meinungen hegte und weder ihn noch einen von seinen Kollegen zum Beichtvater hatte. Als er sah, dass er zu spat kam, rief er aus: Prediger: O Gott, wie gross sind deine Gerichte! Auch diesen Sunder, dem du so lange Zeit zur Besserung gegeben und der die Gnadenzeit mutwillig hat verstreichen lassen, hast du ins Gericht der Verstokkung dahingegeben! Daran mag sich jeder spiegeln und Busse tun, weil es noch heute heisset! Sebaldus: Mein Herr, schmahen Sie diesen toten Leichnam nicht! Der selige Major war ein rechtschaffener Mann. Sein Innerstes wird Gott richten, vor dessen Richterstuhle er stehet. Prediger: Wie konnen Sie einen verstockten Sunder selig nennen? Wissen Sie wohl, dass dieser ungluckliche Mensch kein ewiges Leben, keinen Himmel und Holle, keinen Gott und keinen Teufel geglaubt hat? Und so ist er in seinen Sunden dahingefahren!
Sebaldus: Er mag wohl viel Trugschlusse gemacht haben, aber Trugschlusse sind nicht Sunden.
Prediger: Wie? Was? Sie sind wohl ein arger Indifferentist! Soll es etwa gleichgultig sein, was man glaubt oder ob man gar nichts glaubt?
Sebaldus: Das nun wohl nicht. Nur kann ich niemand deshalb verdammen, weil er falsche Meinungen hegt, und wenn sie auch noch so sehr irrig waren. Daher habe ich schon oft gewunscht, und dieser Fall erneuert bei mir den Wunsch, dass der Gebrauch einer gesunden Philosophie unter der ganzen Nation gemein wurde, damit auch unstudierte Personen uber manche Satze, die sich aufs Ubersinnliche beziehen, richtigere Begriffe bekamen. Jeder Mensch ...
Prediger: Oh, Sie mogen wohl selbst sehr irrige Begriffe haben. Wie gehort eine weltliche Philosophie hieher? Der Weg zum Heile ist in Gottes Wort vorgeschrieben und in den Schriften bewahrter Theologen, die es erklart haben; die wollen Sie doch wohl nicht verwerfen? Wollen Sie?
Sebaldus: Davon ist nicht die Rede. Meine Meinung ist nur: Wer sich bei der gewohnlichen Auslegung oder bei der gewohnlichen Dogmatik beruhigen kann, der tue es; kann er aber nicht und will er seine Zweifel verfolgen, so wage er sich nicht ohne das Licht einer gesunden Philosophie in die Irrgange der Dogmatik und Exegese, er wird sich sonst immer mehr in Zweifel verwickeln. Doch kann ich nicht glauben, dass Gott jemand verdammen werde, weil er nicht richtig genug gedacht hat47; und Menschen sollten es auch nicht tun.
Prediger: O der feinen Philosophie! O der sundlichen Weichherzigkeit eines naturlichen Menschen! Wer Gottes Wort nicht fur Gottes Wort halt, wer sich der Sakramente als von Gott gegebener Gnadenmittel nicht bedient und so in seinen Sunden dahinstirbt, der ist verdammt.
Sebaldus: Wenn Sie nahere Nachrichten von dem Zustande in jenem Leben haben, so muss ich es geschehen lassen Ich aber kann mich nicht uberzeugen, dass ein Mensch, der, soviel er konnte, seinen Pflichten nachlebte und Gutes tat, der uneigennutzig, gerecht und wohltatig gewesen und sich bei seinem Ende in des barmherzigen Gottes Arme geworfen hat dass dieser von Gott ausdrucklich musse verdammt werden. Ist es anders, so weiss ich es wenigstens nicht.
Prediger: Ja! Ich aber weiss es besser! Ich, als ein berufener und verordneter Diener Gottes, sage Ihnen, dass Gottes Wort ausdrucklich lehret: Wer nicht an den dreieinigen Gott glaubt, der ist ewig verdammt, und ist keine Erlosung fur ihn, weder in Zeit noch in Ewigkeit.
Sebaldus, dessen Blut durch das Wort ewige Verdammnis sehr leicht erhitzt ward, fuhr auf und wollte heftig antworten. Er fasste sich aber zum Glucke bald und sagte bloss, indem er nach der Ture ging:
"In der Tat, nur der, welcher glaubt, er sei ein unmittelbarer Gesandter Gottes, darf sich unterstehen, das Schicksal eines Verstorbenen so positiv zu bestimmen. Verantworten Sie dies bei dem, der Sie gesandt hat zu verdammen." Und so ging er zur Tur hinaus.
Der Prediger, weil er niemand anders hatte, wendete sich an Franzen. Er bewies ihm, der Major musse ewig verdammt sein. Franz weinte, schlug sich an die Brust und rief aus:
"Ach, er war doch so sehr bose nicht, dass nicht fur seine arme Seele Hilfe sein sollte. Ich wollte gern selbst fur ihn hundert Rosenkranze beten, wenn ich seine Seele aus dem Fegefeuer retten konnte. Doch was kann ich armer einfaltiger Mensch! Nein! Ich kenne einen frommen Prior in Bohmen, dessen Kloster der Major vom Anzunden und Plundern gerettet hat, der wird ihm gern von den guten Werken des Klosters etwas zukommen lassen, den will ich bitten, dass er fur ihn Seelmessen lese."
Der Prediger entdeckte nun mit Erstaunen, dass Franz katholisch sei. In dem Eifer seiner Bekehrungssucht fing er an, ihm den Greuel des papistischen Sauerteiges recht lebhaft vorzumalen, und drohte ihm, wenn er sich nicht zur reinen seligmachenden evangelischen Lehre wendete, musse er ebenso wie sein Herr ewig verdammt werden.
Franz, der solche Worte nie bei dem Major gehort hatte, sah den Prediger starr an und segnete sich uber solche Lasterungen; und da der Prediger fortfuhr, den Papst den Antichrist zu nennen, schalt er ihn eine ketzerische Bestie und lief zur Tur hinaus.
Der Prediger blieb also bei dem Leichnam allein; und da derselbe auf seine Verdammungen weiter nichts antworten konnte, so begab er sich auch fort. Als er uber den Hausflur ging, machte Franz zwei grosse Kreuze vor sich und spie ihm nach.
Zwolfter Abschnitt
Herr F. und Sebaldus lebten nun den Winter uber sehr eingezogen. Ihre Unterhaltung, vordem durch die Gesellschaft des Majors viel mannigfaltiger, ward jetzt etwas einformig. Sie bezog sich mehrenteils auf gelehrte Gegenstande, hatte aber bald das gewohnliche Schicksal gelehrter Unterredungen unter vier Augen, die nicht sonderlich gemeinnutzig und lehrreich werden, wenn jeder nur sein eigenes Steckenpferd dem andern vorreiten will. Herr F. hatte sich auf den Sensus kommunis ein Lehrgebaude der Sittenlehre und der naturlichen Theologie gebauet, welches dem Sebaldus gar nicht einleuchten wollte, der seine Ethik als ein echter Crusianer auf die Thelematologie grundete. Dieser hingegen suchte seine neuen Entdeckungen uber die Apokalypse seinem Freunde mitzuteilen, welche aber gar kein Gehor fanden, sondern geradezu ausgelacht wurden, indem Herr F. schon langst bei sich ausgemacht hatte, dass in der ganzen Apokalypse kein Sensus kommunis zu finden sei. Sebaldus fing zu seiner eignen Verteidigung an, das der Apokalypse sowie der theoretischen Philosophie im Wege stehende Grundgesetz des Sensus kommunis zu untergraben. Er suchte mit philosophischen Grunden zu zeigen, welch ein schwankender Begriff dies sogenannte Principium sei, und bewies standhaft, dass eine Appellation an den Sensus kommunis, als an ein untrugliches Gericht uber den Wert spekulativer Wahrheiten, nicht viel mehr als eine Appellation an ein inneres Gefuhl bedeute, welches von Menschen zu Menschen verschieden sein musse und folglich nicht erwarten lasse, dass dadurch irgend etwas mit Erfolge behauptet oder widerlegt werden konne. Vergebens! Herr F. hatte sein System lieb; Sebaldus wollte sich seine Weissagungen nicht nehmen lassen: sie wurden also heftig, machten nichts aus, und endlich, ob sie gleich nicht aufhorten, sich hochzuschatzen, so fand doch nach und nach einer nicht mehr so viel Vergnugen in des andern Gesellschaft.
So standen die Sachen am Ende des Winters, als Herr F. von seinem Freunde, dem Offiziere, dem er so viel zu danken hatte, einen Brief bekam. Dieser edle Mann, nachdem er in allen Feldzugen des letzten Krieges fur das Vaterland gefochten und ehrenvolle Wunden erworben hatte, begab sich auf seine Guter, um in Gesellschaft einer wurdigen Gattin den Rest seines Lebens in hauslicher Zufriedenheit zuzubringen. Aber er wollte, dass nicht er allein, sondern auch andere glucklich sein sollten. Er betrachtete sich als den allgemeinen Vater seiner Untertanen, und in dieser Absicht sorgte er fur die Erziehung ihrer Kinder. Er wunschte, zum Schulmeister einen verstandigen, menschenfreundlichen Mann zu haben, der nicht etwa die Jugend bloss die Fragen und Antworten einer unverstandlichen, zwecklosen Heilsordnung auswendig lernen liesse, sondern ihr auch ihre Pflichten gegen Gott und Menschen deutlich mache, der die Kinder fruh vor den Vorurteilen bewahre, die sich sonst beim Bauren Jahrhunderte lang fortpflanzen, und der ihnen richtige Begriffe vom Landbaue, den sie zu treiben bestimmt waren, beibringe: kurz, der sie zu kunftig vernunftigen Menschen und guten Bauern erzoge. Einen solchen Mann wollte der Menschenfreund aus seinen eignen Mitteln besolden48, und er bat seinen Freund F., ihm einen solchen Mann zu verschaffen.
Herr F. schlug unserm Sebaldus diese Stelle vor, der sie auch vielleicht wurde angenommen haben, wenn er nicht uberlegt hatte, dass sein Wohltater, der Armenschulmeister, sie so gut als er verwalten konne und dass diesem Manne nach der unverschuldet erlittenen Beschimpfung seiner Familie die Entfernung von seinen bisherigen Bekannten zur Beruhigung gereichen wurde. Er empfahl also denselben, und Herr F. nahm ihn an.
Indes verliess Sebaldus dennoch Berlin gegen den Fruhling. Er hatte seit geraumer Zeit keine Nachricht von seiner Tochter, welches ganz naturlich zuging. Der Frau von Hohenauf war daran gelegen, dass niemand Marianens Aufenthalt wissen sollte. Sie hatte daher fur gut befunden, den Brief zu verbrennen, welchen Mariane vor ihrer Abreise zur Grafin ***, unter Einschluss des Hieronymus, an ihren Vater geschrieben hatte. Als sich Hieronymus auf Sebaldus' wiederholtes Bitten bei der Frau von Hohenauf nach Marianen erkundigte, war derselben kaltsinnige Antwort: die Mamsell habe sich heimlich fortgemacht, und sie wisse nicht, wohin. Durch diese Nachricht ward Sebaldus sehr beunruhigt und beschloss, im Fruhlinge selbst seinen Freund zu besuchen, um womoglich von seiner Tochter nahere Nachricht zu erhalten.
Ob es auf diese Entschlusse nicht einigen Einfluss gehabt habe, dass weder Herr F. noch sonst jemand in Berlin von seiner Auslegung der Apokalypse etwas horen wollte und dass er Ursach finden mochte, zu glauben, der Offizier werde nicht sehr apokalyptisch gesinnet sein, so vorteilhaft auch sonst Herr F. denselben schilderte, wollen wir den Schreibern metaphysisch-moralischer Systeme zu untersuchen uberlassen, welche auf ein Haarbreit anzugeben wissen, aus welchen Grundsatzen die menschlichen Handlungen entspringen sollen und nicht entspringen.
Genug Sebaldus, der bei seiner fleissigen Arbeit und sparsamen Lebensart eine fur ihn betrachtliche Summe zuruckgelegt hatte, nahm im Maimonate von Herrn F. Abschied, setzte sich auf die Post und befand sich in wenig Tagen bei seinem lieben Hieronymus und bei seinem ihm ebenso lieben Kommentar uber die Apokalypse.
Dreizehnter Abschnitt
Sebaldus konnte wider sein Vermuten durch Hieronymus nichts vom Aufenthalte seiner Tochter erfahren, und dieser widerriet ihm auch, deshalb zur Frau von Hohenauf zu reisen, weil schon vorauszusehen war, alle Nachforschung wurde vergeblich sein. Er trostete sich indes damit, dass er Gelegenheit hatte, seinen Kommentar der Apokalypse aufs neue zu ubersehen und zu vermehren. Nachdem er langer als einen Monat damit zugebracht hatte, fing er an, der mussigen Lebensart uberdrussig zu werden, und wunschte sich wieder eine ordentliche Beschaftigung. In der furstlichen Residenzstadt hatte er kein Amt zu hoffen. Zu Herrn F. zuruckzukehren, trug er kein Belieben, und andere Aussichten konnte er in Berlin nicht wohl haben. Es fugte sich aber, dass ein gewisser Edelmann, der vormal am furstlichen Hofe Kammerjunker49 gewesen war und nachher im Holsteinischen ansehnliche Guter erheiratet hatte, vom Hieronymus einen Aufseher seiner Bibliothek und seines Antiquitatenkabinetts verlangte. Sebaldus liess sich leicht bereden, die Stelle anzunehmen. Hieronymus gab ihm einen Empfehlungsbrief an den Kammerjunker mit; und weil er eben an der magdeburgischen Grenze Rechnungen fur verkauftes Getreide abzutun hatte, so setzte er sich mit demselben auf die Post, um ihn, so weit sein Weg ging, zu begleiten.
Nachdem sie einige Meilen gereiset waren, gesellte sich zu ihnen ein Mann zu Pferde, der wie ein Verwalter aussah und den Hieronymus als einen Bekannten begrusste; und in der folgenden Station bestieg den Postwagen, nebst andern unbedeutenden Reisenden, ein Mann ernsthaften Ansehens, der ihnen nach der ersten Begrussung selbst sagte, er sei ein Gelehrter und sein Hauptstudium die arabische Sprache. Er galt in der Tat, wie man nachher unterderhand erfahren hat, auf ein paar kleinen Universitaten fur einen grundgelehrten Mann, der Hebraisch, Arabisch, Persisch, Syrisch, Samaritanisch, Phonizisch und Koptisch aus dem Grunde verstehe. Er hatte nicht allein, gleich andern Kennern der hohern Exegese, das Hebraische durch das Arabische zu erklaren gesucht, sondern war auch auf eine Hohe gestiegen, die noch kein anderer Exeget erreicht hatte, namlich zu dem Versuche, das Arabische durch das Hebraische in helleres Licht zu setzen. Er war in Leipzig gewesen, wo freilich seine geruhmte arabische Kenntnis bei Reisken nicht grossen Beifall gefunden haben soll, welcher glaubte, dass sie sich nicht weit uber des Golius Lexikon erstrecke. Unser Mann hielt dies aber, wie billig, fur Neid, und wandte sich nach Wittenberg. Er hatte eine Sammlung der vermittelst des Arabischen von ihm neuentdeckten Beweisspruche der Bibel bei sich, wodurch die vornehmsten Artikel der Dogmatik noch mehr befestigt wurden; und er glaubte dadurch in dieser orthodoxen Stadt gewiss eine ansehnliche Belohnung oder Beforderung zu erhalten. Aber zu seinem Erstaunen hielten auch dortige Doktoren der Gottesgelahrtheit seine neuen Beweisstucke fur ganz uberflussig, weil sie meinten, die Dogmatik sei durch die "Augspurgische Konfession" und durch das Konkordienbuch befestigt genug. Zum Glucke konnte ihm seine arabische Gelehrsamkeit so gut dienen als weiland dem Ritter Hudibras seine Logik:
... who wou'd dispute,
Confute, change hands, and still confute.
Er zog also mit Hilfe der arabischen Sprache eine grosse Menge Erklarungen aus der Schrift, wodurch die vornehmsten Artikel der Dogmatik zweifelhaft gemacht wurden, und war jetzt eben im Begriffe, mit diesem Schatze neuer Entdeckungen ins Brandenburgische zu reisen, wo sie, wie er gewiss glaubte, Ware fur den Platz sein mussten.
Dieser Mann wandte sich sogleich an Sebaldus als an einen Gelehrten und suchte ihm einen hohen Begriff von seinen Entdeckungen beizubringen. Er bewies ihm weitlauftig, die hebraische Sprache sei ganzlich ausgestorben, und ohne die arabischen Wurzeln sei an keine Palingenesie derselben zu gedenken. Er legte ihm daher verschiedene ganz nagelneue Erklarungen vor: zum Beispiel, dass im I. Buch Mose, XLIX, Vers 10, wo man einige Jahrhunderte lang den Messias zu finden geglaubt habe, von einer Uberschwemmung die Rede sei; dass Buch der Richter, VII, Vers 13, wo Luther von gerosteten Gerstenbroten redet, von einem aus der Scheide gezogenen Schwerte verstanden werden musse und dergleichen schone Sachelchen mehr. Sebaldus, der kein Freund vom Exegesieren, am allerwenigsten von einer so ausschweifenden Exegese war, schwieg ganz still, bis ihn der Fremde zu wiederholten Malen fragte, was ihm von dieser Erklarungsart dunke und ob sie nicht vollig neu und sehr sinnreich sei.
Sebaldus sagte ganz kalt: "Neu und sinnreich mag sie sein; aber ich sehe auch wohl, dass man mit einer solchen Erklarungsart leicht Schwarz in Weiss verwandeln und einen Autor sagen lassen kann, was man will."
Der Fremde, der laute Bewunderung erwartet hatte, fing nochmals an, mit sehr beredten Grunden darzutun, dass die Bedeutungen der hebraischen Worter verlorengegangen waren und dass man in den Wurzeln der verwandten Sprachen, besonders der arabischen, diese Bedeutungen wieder auffinden musse.
Sebaldus versetzte: "Es scheint mir ganz unmoglich, die genauen Bedeutungen der deutschen Worter, wenn sie ganz verlorengegangen waren, nach ein paar tausend Jahren in den Wurzeln der danischen, schwedischen und engellandischen wiederzufinden. Wer die deutsche Sprache nur in den Wurzeln kennte und zum Beispiel im Danischen die Wurzelworter Tisch, Topf und Nacht gefunden hatte und nun daraus schliessen wollte, Nachttisch und Nachttopf mussten Sachen von einerlei Art sein und beide nur in der Nacht gebraucht werden, dem wurde es gerade so gehen wie unsern heutigen arabischen Philologen. Ich habe kurzlich eine Schrift des beruhmten Reiske50 gelesen, der die Unmoglichkeit zeigt, die arabische Sprache jetzt schon auf die hebraische anzuwenden. Er versichert, dass noch nicht der tausendste Teil der nutzlichen arabischen Manuskripte bekannt ist und gebraucht werden kann; dass die meisten Theologen, die das Hebraische aus dem Arabischen meistern wollen, aus des Golius Lexikon nur eine sehr durftige Kenntnis erschnappt haben oder aufs hochste ein paar Suren aus dem Alkoran lesen konnen; dass wir selbst vom Alkoran nicht einmal so viel wissen, um zu entscheiden, ob der von Maraccius oder von Hinkelmann eingefuhrte Text nach der Lesart der Schule zu al Kufah oder al Basrah sei, welches, wie er sagt, ein so grosser Unterschied ist als zwischen Lutheranern oder Katholiken. Er sagt ausdrucklich, dass man noch einhundert Jahre hindurch gute arabische Bucher drucken und sich bis dahin die Lust, daruber zu philosophieren, ganz vergehen lassen sollte. Er vergleicht, sehr treffend, die Theologen, die jetzt schon das Hebraische aus dem Arabischen erlautern wollen, mit den alten Philosophen, welche die Wirkungen der Dinge in der Natur a priori demonstrieren wollten, ehe sie noch die Natur durchstudieret hatten, und dadurch die lacherlichsten Grillen in die Physik brachten. Habe ich unrecht", fuhr Sebaldus fort, "wenn ich Reisken, dem grossten Kenner der arabischen Sprache, hierin glaube?"
"Ei", rief der Fremde ziemlich entrustet, "Reiske kann hiervon nicht urteilen; der Mann versteht zwar etwas Arabisch, aber von dem Hebraischen und andern orientalischen Sprachen weiss er so viel als nichts. Und Sie, mein guter Herr, der Sie in allen diesen gelehrten Sachen ganz und gar unwissend, Sie sollten davon auch ganz und gar nicht urteilen, sondern Ehrfurcht fur die Bemuhungen gelehrter Manner haben, die durch ihre arabische Philologie der Bibel ein neues Licht anzunden."
"Ebendeswegen bekummere ich mich nebst andern Ungelehrten darum", sagte Sebaldus, "weil es uber unsere Haut hergeht. Von der einen Seite wird uns zugerufen, dass wir ohne den geschriebenen Willen Gottes nicht selig werden konnen; und von der andern Seite kommen gelehrte Leute, erklaren uns mit Hilfe von einigen Wurzeln und Konjekturen hinein und hinaus, was ihnen beliebt. Und das sollen wir mit Ehrfurcht glauben, weil wir nicht den Golius nachgeschlagen haben oder nicht den arabischen Alkoran exponieren konnen? Nein! Das Wohl des menschlichen Geschlechts kann unmoglich auf solchen Wortklaubereien beruhen! Hat man einen seltsamern Zirkel gesehen als den, worin man uns herumfuhren will? Der Willen Gottes im Alten Testamente ist hebraisch geschrieben. Zu den Zeiten der Apostel und der ersten Christen wusste man nichts davon, dass die Bedeutung der hebraischen Worter verlorengegangen ware. In den folgenden Jahrhunderten auch nicht; aber wohl vergass man den hebraischen Text beinahe ganz und gar und hielt sich an die Vulgata. Als man die hebraische Sprache wieder hervorsuchen wollte, musste sie Reuchlin von den Juden lernen, ohne zu wissen, dass diese ihr Hebraisch selbst nicht verstanden, welches sie sich auch nicht traumen liessen. Auf diese Kenntnis der hebraischen Sprache wurden sowohl Luthers deutsche Ubersetzung als auch alle unsere symbolischen Bucher gebaut; wir stritten beinahe zwei Jahrhunderte lang mit bitterm Eifer uber darauf gegrundete Lehrsatze; und endlich, nach zweihundert Jahren, erfahren wir, dass die Bedeutung der meisten Worter der hebraischen Sprache verlorengegangen ist und dass wir sie im Arabischen aufsuchen mussen. Nun haben wir wieder zweihundert Jahre zu streiten. Alsdann kommt vielleicht jemand, der uns berichtet, dass sich die Bedeutung der arabischen Worter auch verandert hat51, so wie es in allen Sprachen in der Welt gegangen ist, und dass wir diese Bedeutung jetzt in der persischen Sprache52 oder wer weiss wo aufsuchen mussen." Hier ward Sebaldus durch ein heftiges Geschrei unterbrochen, welches sich auf der Landstrasse einige hundert Schritte von dem Postwagen erhob. Der Postillon trieb die Pferde an, um zu sehen, was es bedeute. Was dieses nun fur ein Geschrei gewesen, wollen wir kunftig berichten und indes zur Geschichte Marianens und Sauglings zuruckkehren.
Funftes Buch
Erster Abschnitt
Mariane ward bei ihrer Ankunft auf dem Gute der Grafin von *** mit offnen Armen empfangen. Diese Dame, welche in der schonen Jahreszeit haufige Besuche hatte, fand sich mehrenteils vom Eintritte der rauhen Herbstwitterung an einsam. Alle ihre Nachbarn, denen kaum der heitere Sonnenschein und die grunenden Baume den Landaufenthalt hatten ertraglich machen konnen, eilten nach der Residenzstadt, um zu Vergnugungen zuruckzukehren, die ihnen angemessener waren: zu Cour Tagen, wo man sich tief neiget, um seinen Stolz zu zeigen; zu Ballen, wo jeder sich bis uber die Zahne vermummt, obgleich keiner mit einer Maske spricht oder tanzt, die er nicht kennet; zu grossen Mittagsmahlen, wozu man alles, was vornehm und angesehen ist, zusammenbittet, um vier Stunden Langeweile zu haben; und zu feinen Abendmahlzeiten, zu welchen man sich mit leichtsinnigen oder sittenlosen Leuten einschliesst, um sich ein paar Stunden lang einzubilden, man sei vergnugt gewesen. Die Grafin, welche alle diese herrlichen Vergnugungen jahrelang geschmeckt hatte und davon sehr bald war gesattigt worden, trug kein Verlangen, im Winter ihre Guter zu verlassen. Sie hatte gelernt, sich selbst genug sein. Die Besorgung ihrer Angelegenheiten, kleine weibliche Arbeiten und die Lektur konnten sehr wohl den grossten Teil ihrer Zeit beschaftigen. Nur fehlte ihr noch eine Gesellschafterin ihres Geschlechts von unbescholtenen Sitten und die Verstand und Geist genug besasse, um an derselben bei Spaziergangen (die sie auch in schonen Wintertagen nicht verabsaumte) und bei ihren wohltatigen Besuchen ihrer Untertanen eine Gefahrtin zu haben, in deren Gesellschaft sich der Geist, der in der Einsamkeit erschlafft, zu angenehmer Unterhaltung wieder anspannen konne. Eine solche Gesellschafterin fand sie an Marianen, welche ihr daher alle Tage werter ward.
Mariane auf ihrer Seite lebte sehr glucklich. Die Grafin verbannte aus ihrer Gesellschaft alle Art von Dienst; sie bedurfte einer Freundin. So verflossen die Wintermonate unter gemeinschaftlichen Arbeiten, Lektur und Unterhaltung. Es ist leicht zu erachten, dass der Umgang mit einer Dame, welche so viel Verstand mit so viel Erfahrung und Weltkenntnis verknupfte, Marianen zu ihrer Bildung ungemein lehrreich sein musste. Die von der Grafin sehr wohl gewahlte Lektur trug das ihrige dazu bei; und obgleich Mariane dadurch belesener ward, so wusste die Grafin doch durch feinen Scherz sie von der kleinen Torheit, ihre Belesenheit in Gesellschaft zu zeigen, in kurzem ganz zu heilen.
Die einzige Storung der Reihe von sanften Vergnugungen, worin Mariane lebte, war das Andenken an Saugling; und vielleicht ist eine solche Storung einem jungen und lebhaften Frauenzimmer behaglich, weil dadurch die Einformigkeit ihrer Empfindungen mannigfaltiger wird. Sie dachte sehr oft an den schnellen Abschied, wodurch sie getrennt worden, und war zuweilen ungehalten, dass er ihr keine Nachrichten von sich gebe; dann uberlegte sie wieder, dass er ihren Aufenthalt nicht wissen werde, und indem sie ganz leise den Gedanken dachte, dass sie an ihn schreiben konne, errotete sie als vor einem ihr unanstandigen Schritte. Sie klagte sodann wieder in Gedanken uber die Unmoglichkeit, von ihm Nachricht zu erhalten, dann fiel ihr ein, dass sie der Frau von Hohenauf versprochen hatte, alle Verbindung mit Saugling aufzuheben; und dann entschloss sie sich, ihn vollig zu vergessen. Indem sie aber diesen Entschluss recht zu befestigen suchte, ward sein Bild unvermerkt in ihrer Einbildungskraft lebhafter, und sie vernichtete ihren Vorsatz selbst, indem sie ihn auszufuhren dachte.
Saugling, auf seiner Universitat, zerbrach sich nicht weniger den Kopf uber Marianens Zustand. Er hatte vermittelst des Kammermadchens nichts weiter erfahren konnen, als dass Mariane in der Nacht in einem Wagen ware weggebracht worden. Er spannte seine ganze Einbildungskraft an, um zu mutmassen, wohin sie geraten sei, aber vergebens. Er musste sich begnugen, an ihr geliebtes Schattenbild die zartlichsten Seufzer abzusenden. So verging der Winter damit, dass er an Marianen dachte, ihren Namen in Ermangelung eines Baums in sein Schreibepult schnitt, wenn er sie besingen wollte, und uber beides von Rambold geschraubt ward.
Im Fruhlinge, nachdem er auf dieser zweiten Universitat ein Jahr gewesen war, berief ihn sein Vater, der sich nach geendigtem Kriege in Westfalen ein Landgut gekauft hatte, nach Hause. Er reisete mit Rambold ab und nahm seinen Weg uber den Landsitz seiner Tante, die sich stellte, als hatte sie den Vorfall mit Marianen ganz vergessen, und ihn mit vieler Freundlichkeit aufnahm. Demungeachtet wagte er nicht, sich nach Marianen zu erkundigen. Aber die Tante selbst nahm einst Gelegenheit, mit lachelndem Munde eine Neuigkeit zu sagen, die wie ein Blitz in seine Seele fuhr: dass die Mariane, die einst ein fluchtiger Gegenstand seiner Neigung gewesen, in Franken bei einem Edelmanne franzosische Mamsell worden und kurzlich den Informator, dem der gnadige Herr eine erledigte Pfarre gegeben hatte, geheiratet habe.
Sie erdichtete diese Nachricht nicht ohne besondere Absichten. Zufolge ihrer bestandigen Leidenschaft, ihre Familie zu erheben, wunschte sie, dass ihr Neffe eine Adelige heiraten mochte. Ihre Augen waren dabei auf das Fraulein von Ehrenkolb gerichtet, die von altem Adel, aber nicht von grossem Vermogen war und mit ihrer Mutter, einer Witwe, auf einem kleinen Gute in der Nachbarschaft wohnte. Die Frau von Hohenauf zweifelte nicht, dass die Frau von Ehrenkolb durch den grossen Reichtum, welchen der junge Saugling als ein einziger Sohn zu erwarten hatte, leicht bewogen werden konne, in diese Heirat zu willigen. Sie sah schon in Gedanken, der alte Saugling, da er bereits ein Rittergut besitze, werde sich adeln lassen und seinem Sohne eine ansehnliche Bedienung kaufen; und nun wiegte sie sich schon im voraus mit dem angenehmen Traume, dass durch ihn ihre Familie in ein paar Generationen zu den angesehensten des Landes gezahlet werden konne.
Die Frau von Hohenauf hatte ihrem Neffen von diesen ihren politischen Absichten noch nichts gesagt; und er konnte sich ihm so fremde Gedanken nicht aus eignem Triebe in den Kopf kommen lassen: denn er war bloss mit seinen Gedichten und mit seiner Liebe zu Marianen beschaftigt. Seitdem er von ihr so plotzlich war geschieden worden, gang er gar fleissig an sie gerichtete Lieder und las sie in der Deutschen Gesellschaft des Ortes vor. Diese Sammlung hatte er kurz vor seiner Abreise unter die Presse gegeben. Er war, wie jeder junge Autor, uber den Gedanken, dass seine Gedichte gedruckt wurden, vor Freuden ausser sich und ergotzte sich dabei mit den angenehmsten Traumen, welche zartliche Szenen erfolgen wurden, wenn er einmal von Marianen Nachricht erhalten und ihr diese Folge von Gedichten uberreichen sollte. Man urteile also, wie gross sein Schmerz sein musste, zu horen, dass Mariane seine Liebe leichtsinnigerweise sollte vergessen haben und dass folglich alle diese zartlichen Liebesseufzer ihre Wirkung verfehlen wurden. Zwar gehorte er nicht zu den starken, selbstandigen Seelen, welche, wenn ihnen ihre Geliebte vor dem Munde weggeheiratet wird, sich notwendig erschiessen oder in einen Fluss sturzen mussen; dennoch irrte er oft trostlos in dem nahe gelegenen Walde, achtete weder Wind noch Regen, sondern klagte dem Echo und den murmelnden Bachen seine Not. Er sang manche Lieder voll verliebter Verzweiflung und endlich eins, worin er der Liebe ganz und gar entsagte. Dies letztere gefiel ihm ausserordentlich, denn es schien ihm feierlicher als alle seine vorigen Lieder. Sein verliebter Schmerz brachte also neue Geisteswerke hervor und ward durch das Wohlgefallen daran nach und nach gelindert.
Zweiter Abschnitt
Die Frau von Ehrenkolb nebst ihrem Fraulein Tochter begaben sich auf geschehene Einladung nach dem Gute der Frau von Hohenauf. Das Fraulein stand in der Blute ihrer Jahre, denn sie war noch nicht vollig achtzehn alt. Ihre standesmassige Erziehung hatte sie der Aufsicht einer Franzosin zu danken, die in ihrem Vaterlande eine Trodelkramerin gewesen war, in Deutschland aber, mit dem Reste ihrer Bude ausgeschmuckt, sich zur Komtesse erhob. Nachdem diese Pariserin verschiedene deutsche Hofe besucht und auf maskierten Ballen und auf Lustschlossern mit Herzogen und Reichsfursten gegessen und gespielt hatte, liess sie sich endlich, des Hoflebens satt, aus angeborner Gutherzigkeit bereden, ein deutsches Landfraulein zur Dame umzuschaffen und es auf den guten Ton zu stimmen, den sie selbst in Paris gelernt hatte, obgleich freilich nur aus der dritten oder vierten Hand. Das Fraulein machte einem so trefflichen Unterrichte ungemeine Ehre, indem sie alles, was ihr die Franzosin anpries, noch zu ubertreiben wusste. Sie konnte mit gelaufiger Zunge jedermann Rede angewinnen, alles verachten, sich zu allem drangen, sich nichts ubelnehmen, dreierlei auf einmal sprechen und tun, um in Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; widersprechen, um eigensinniger Laune Lauf zu lassen, die oft fur lebhaften Geist genommen wird; nachgeben, um mit Zierlichkeit schmollen zu konnen; in einem Nachmittage an sechs Orten und allenthalben abwesend sein; in der ganzen Gesellschaft am lautesten reden und am wenigsten sagen; sich putzen, schminken, spielen, tanzen, liebaugeln und Sentiments plaudern, alles zugleich und ohne daran zu denken. Kurz, sie besass den bon ton vollkommen und hatte sich, um ihn an Mann zu bringen, den vergangenen Winter an einem benachbarten furstlichen Hofe zum erstenmal als eine ausgemachte Petitemaitresse gezeigt. Sie war mit ihrem Anfange selbst nicht ubel zufrieden, denn sie hatte mehr Aufsehen gemacht als irgendein anderes Fraulein; einige ihrer Moden waren nachgeahmt worden, die Schonheiten des vorigen Winters kamen gegen sie nicht mehr in Betrachtung, die Anbeter drangten sich um sie, Geschenke, Nachtmusiken, Balle, wovon sie die Konigin war, folgten sich unaufhorlich, und sie besass wirklich ein sehr grosses Paket Liebesbriefe von den bestfrisierten Kopfen des Hofes.
Die Frau von Ehrenkolb gehorte zu den guten Muttern, die sich selbst in ihren Tochtern geniessen. Dass ihr Fraulein Aufsehn machte und geruhmt wurde, gefiel dem mutterlichen Herzen; und wenn sich ihre Erfahrung auch wider manche Frivolitat setzte, so war doch die kleinste Liebkosung der Tochter hinlanglich, die schwache Frau nachgebend zu machen, ja ein ruhiger Nachmittag war genug, ihr einzubilden, ihre Tochter ware gesetzt und weise.
So ungelegen dem Fraulein der verdriessliche Fruhling kam, der sie aus der furstlichen Residenz aufs Land trieb, so angenehm war ihr die Einladung zur Frau von Hohenauf. Sie hatte bei derselben schon oft grosse glanzende Gesellschaften gesehen und hoffte also, daselbst wieder viel schone Welt und unter derselben viele Anbeter zu finden. Sie probierte schon in Gedanken die Rollen, welche sie spielen wollte, und traumte schon viel von zahlreichen Partien, vom Neide anderer Damen und von einer muntern Jugend, die sie mit einem Blicke an ihrem Siegeswagen hinter sich zog. Wie sehr erschrocken war sie daher, als sie niemand antraf, denn den schuchternen Saugling, der eine so rauschende Petite-maitresse als ein nie gesehenes Wundertier anstaunte und eine Reverenz uber die andere machte, rechnete sie wirklich fur nichts. Sie sah sich einige Tage lang in der traurigen Notwendigkeit, drei Stunden nach Sonnenaufgange aufzustehn, sich zu putzen, ohne gesehen zu werden, den lieben langen Tag in frischer Luft und in grunen Auen herumzugehn und des Abends sich zu einer einsamen Whistpartie zu setzen, wobei sie keine andere Beschaftigung hatte, als aufs Spiel achtzugeben.
Da indes die Frau von Hohenauf ihren Neffen soviel moglich in dem besten Lichte darzustellen suchte und er selbst, dem es zur andern Natur geworden war, holdselig gegen jedes Frauenzimmer zu sein, an Achtsamkeiten gegen das Fraulein nichts ermangeln liess, so fasste sie ihn endlich in die Augen und wollte, da sie an seiner Kleidung einen ziemlichen Geschmack bemerkte, aus Langerweile versuchen, ob aus ihm etwas zu machen ware. Dies gelang ihr uber Vermuten; denn kaum hatte sie den ersten Bogen von Sauglings gedruckten Gedichten gelobt, welche er nicht ermangelte, ihr vorzulesen, so zeigte er sich gleich als einen ganz andern Menschen. Seine weibische Schuchternheit hatte der ungestume Rambold durch Schrauberei wegzuspotten vergebens versucht, aber sie verschwand, da er einer petillierenden Petite-maitresse gefiel und ihr wieder gefallen wollte. Er fing an, zu schwatzen, zu widersprechen, sich dreimal in einer Minute herumzudrehen, zu antworten, ehe die Frage vorbei war, und zu fragen, ohne Antwort zu verlangen, jedermann dreist in die Augen zu sehen und sich des c'est pour cela!, eh mais!, tant pis! und tant mieux! so geschickt zu bedienen, dass man schier hatte glauben mogen, er habe monde. Dabei war, weil er seine liebe Poesie nie vergass, das Fraulein der Gegenstand aller seiner Gedichte; ja weil er uberhaupt (wie mehrere junge Poeten und alte Poeten, die lange jung bleiben) nur allzu geneigt war, seine poetischen Phantasien ins wirkliche Leben zu ubertragen, so dunkte ihm oft, dass er etwas fur das Fraulein empfinde, welches er ohne Bedenken wurde Liebe genannt haben, wenn ihm nicht sein gutes Herzchen augenblicklich geklopft und ihn erinnert hatte, dass er seine obgleich ungetreue Mariane noch nicht vergessen musse. Das Fraulein ihrerseits betrachtete ihn als ihre Kreatur und triumphierte, einen Anbeter, und zwar einen Anbeter von einer so neuen Gattung, als ihr ein Poet war, erworben zu haben. Denn sie hatte noch nie deutsche Verse gesehen, noch weniger Verse, deren Gegenstand sich auf sie selbst bezog. Diese neue Seltsamkeit war hauptsachlich die Ursach, warum sie Sauglings Gedichte so allerliebst fand, obgleich der Verfasser wirklich glaubte, die Vortrefflichkeit seiner Verse hatte das allein bewirkt. Ein sehr gewohnlicher Irrtum! Denn wenn zum Beispiel unsere deutschen Hofleute neben ihrer gewohnlichen standesmassigen franzosischen Lektur zuweilen auch ein deutsches Buch durchblattern und davon reden, so geschieht es gemeiniglich bloss deshalb, weil sie dadurch am Hofe einen gewissen Anstrich von Sonderbarkeit zu erhalten meinen, der sie unter den ubrigen flachen Hofgesichtern ein wenig hervorziehen konnte; indes halten dies unsere gutherzigen deutschen Genien doch fur einen wirklichen Beifall und traumen wohl gar, die Zeit sei nahe, da sich der reichste und wollustigste Teil der Nation des witzigsten und verstandigsten nicht mehr schamen wird.
Saugling, dem kein Zweifel uber die Wirkung seiner Gedichte einfallen konnte, schwamm in dem Vergnugen, seine Geisteswerke von einem so schonen Fraulein bewundert zu sehen. In dieser Entzuckung kam er auf den Gedanken, ihr seine Sammlung von Gedichten zuzueignen, da deren Abdruck eben geendigt werden sollte. Dies setzte ihn ganz in die Gunst des Frauleins. Ihren Namen gedruckt zu erblicken, sich vor dem ganzen Heiligen Romischen Reiche Deutscher Nation fur schon und witzig erklart zu sehen (denn Saugling hatte in seiner Zueignungsschrift die poetischen Floskeln nicht gespart) war ihr so schmeichelhaft, dass ihr Saugling ein homme adorable schien und sie bei sich Kraft fuhlte, ihn wirklich vierzehn Tage nacheinander zu lieben.
Nun waren beide unzertrennlich. Obgleich diese bestandigen Zusammenkunfte eigentlich nur Galanterie und Eigenliebe zum Grunde hatten, so hielt sich doch die Frau von Hohenauf fest versichert, dass Liebe im Spiele ware; denn sie hatte das Parchen vom Anfange an mit aufmerksamen Augen betrachtet und trauete sich nicht wenig Geschicklichkeit zu, die Geheimnisse anderer zu erraten. Sie freute sich insgeheim, dass ihr Anschlag fast ohne ihre Bemuhung anfinge, so gut vonstatten zu gehen.
Als nun die Frau von Ehrenkolb nebst ihrem Fraulein nach einiger Zeit auf die Ruckreise nach ihrem Gute dachte, tat Frau von Hohenauf schlau genug den Vorschlag, dass ihr Neffe nebst seinem Hofmeister in ihrer Gesellschaft reisen sollte, weil der Wohnort der Frau von Ehrenkolb wirklich auf dem Wege nach Westfalen lag, den jene zu machen hatten. Dass dem Fraulein dieser Vorschlag angenehm gewesen sei, ist leicht zu erachten; und die Mutter war gleichfalls damit zufrieden, denn Saugling hatte auch ihre Gunst erlangt, indem er sich zuweilen zu ihr setzte, mit ihr zu schwatzen, und, wenn sie im Tambour stickte, ihre Arbeit zu loben wusste.
Ubrigens fand die Frau von Hohenauf noch nicht fur gut, der Frau von Ehrenkolb ihre Absichten zu entdecken. Ihren Neffen aber liess sie kurz vor der Abreise ihren Willen vernehmen, der dazu nicht nein sagen durfte, aber auch nicht ja sagte. Ein schones Fraulein, und das seine Gedichte liebte, war zwar eine sehr verfuhrerische Anlockung, allein das Andenken an seine Mariane verstattete es ihm noch nicht, in volligem Ernste an eine andere Verbindung zu denken.
Sie reiseten nunmehr samtlich nach dem Landsitze der Frau von Ehrenkolb. Hier ging Sauglings Umgang mit dem Fraulein anfanglich auf die ehemalige Art fort, bis nach einigen Tagen die Ankunft eines jungen Obersten, den das Fraulein vorigen Winter bei Hofe hatte kennenlernen, den Sachen ein etwas anderes Ansehen gab. Er war dreiundzwanzig Jahre alt, wohlgebildet, plapperte im Tone der grossen Welt, trug eine glanzende Uniform und eine reiche Schulterschleife, fuhr mit sechsen, hielt einen Laufer und vier Lakaien: alles Dinge, die ihm bei einem jungen Fraulein nach der Welt einen grossen Vorzug vor dem armen Saugling zuwege bringen mussten, denn dieser hatte ausser seiner kleinen netten, geschniegelten Person, einem geringen Anfange von Weltmanieren und vielen Gedichten dem Obersten nichts entgegenzusetzen. Er stellte also von dem Augenblicke an, da jener erschien, nur die zweite Person vor. Glucklicherweise ward er dieses nicht einmal gewahr; denn das Fraulein verstand nicht allein die Kunst sehr wohl, sich mit mehr als einem Anbeter zu unterhalten, sondern der Oberste, ein feiner Weltmann, der alle Dinge so zu nehmen wusste, wie sie waren, wollte auch nicht umsonst mit einem ihm so neuen Geschopfe wie ein deutscher Poet vierzehn Tage lang in Gesellschaft gewesen sein. Er hatte sich schon seit einiger Zeit in der am Hofe so nutzlichen Kunst geubt, sich anzustellen, als ob er jedes Ding verstehe oder daran Anteil nehme, was er etwa zu verstehen oder woran er Anteil zu nehmen scheinen wollte. Diese von vielen Hofleuten fur ein grosses politisches Geheimnis geachtete Kunst besteht im Grunde bloss in einigen Gebarden und kahlen Gemeinspruchen, welche, wie in manchen Landern geringhaltige Munze, in der grossen Welt fur vollgultig angenommen werden. Die Hofschranzen sehen zuletzt diese Grimasse fur etwas Wirkliches an und bilden sich ein, sie verstanden viel und nahmen an vielen Dingen Anteil, merken aber nicht, dass sie gemeiniglich von denen durch und durch gesehen werden, welche sie am meisten getauscht zu haben glauben.
Vermittelst dieser falschberuhmten Kunst stellte sich der Oberste, als ob er von Gedichten entzuckt wurde, woran ihm eigentlich nichts gelegen war und wovon er weder etwas verstand noch empfand. Saugling war sehr zufrieden, da er eben nicht weit sah und besonders gern glaubte, man musse es aufrichtig meinen, wenn man seine Gedichte lobte. Der Oberste war es auch, weil er seine Geschicklichkeit genoss, einen andern zu uberlisten. Das Fraulein auch, weil sie anstatt eines Anbeters zwei hatte. Und endlich die Frau von Ehrenkolb auch, weil sie glaubte, es konne zwischen ihrer Tochter und dem reichen Obersten eine Vermahlung geschlossen werden. Denn dass Saugling, ein burgerlicher Poet, auf ihre Tochter sollte Anspruch machen wollen, kam ihr gar nicht in den Sinn; und Saugling selbst hatte mit gutem Herzen, was ihm die Frau von Hohenauf daruber gesagt hatte, vollig vergessen. Sein ganzer Geist war von dem Vergnugen, seine Gedichte taglich vorzulesen und gelobt zu horen, so eingenommen, dass er selbst nur in wenigen, der Phantasie gewidmeten Minuten an seine ungetreue Mariane denken konnte.
Dritter Abschnitt
Die Sachen standen auf diese Art in dem Schlosse der Frau von Ehrenkolb, als sie sich vornahm, die Grafin von *** zu besuchen, welche einige Meilen von ihr wohnte. Ihre Tochter hatte schon einigemal diese Reise hintertrieben, weil ihre Gesinnungen mit den Gesinnungen der Grafin gar nicht ubereinstimmten und sie sich von dem Aufenthalte bei ihr nicht das geringste Vergnugen versprach. Jetzt bestand aber die Mutter darauf, und die Tochter durfte nicht ferner widersprechen.
Die ganze Gesellschaft fuhr also ab; und Saugling wiegte sich mit dem Gedanken, vor der Grafin, deren guten Geschmack er schon kannte, mit seinen gedruckten Gedichten zu glanzen, unwissend, dass seiner ganz andere Vorfalle warteten.
Die Grafin empfing sie bei ihrer Ankunft in einem offnen Gartensaale. Der Oberste fuhrte die Frau von Ehrenkolb, Saugling das Fraulein. Kaum hatte die Grafin ihre Freundin umarmen konnen, als das Fraulein von Sauglings Hand auf sie zurauschte und sich mit einem: "Ah, ma chere Comtesse, que je suis ravie de vous embrasser, c'est un million d'annees qu'on ne vous a pas vue" in ihre Arme warf. Indem dieses geschah, erblickte Mariane Sauglingen und ward feuerrot; Saugling warf zu gleicher Zeit die Augen auf Marianen und stand mit einem Male wie eine Salzsaule, so dass er auch weder die Grafin noch Marianen grusste. Die Grafin redete ihn an, er ward blass und rot, wollte seine Verwirrung verbergen und sah noch damischer aus. Sie stellte ihm Marianen als eine vorige Bekanntschaft vor, er fing an zu stammeln und nannte sie Madame. Die Grafin lachte und fragte, ob er seine ehemalige Freundin nicht kenne. Saugling stotterte abermal und besann sich zu spat, zu sagen, dass er sich im Gesichte geirret hatte, wusste aber noch nicht, welche Miene er annehmen sollte.
Nachdem er sich von seiner ersten Besturzung ein wenig erholt hatte, sah er wohl ein, er sei von seiner Tante hintergangen worden, konnte auch die Absicht ihrer List leicht erraten. Nun entbrannte seine Liebe zu Marianen wieder viel starker als zuvor. Er hing wieder an ihren Augen, seine Gedichte waren wieder an sie gerichtet, und er schrieb ihr fast taglich Briefe, indem er sehr selten das Gluck genoss, sich mit ihr unter vier Augen zu unterreden.
Mariane hingegen war gegen ihn ungemein zuruckhaltend. Sie hatte der Grafin, mit der sie sonst auf einem sehr vertraulichen Fuss lebte, nichts von ihrer Neigung zu Saugling, noch weniger von den Verdriesslichkeiten, die sie deshalb erfahren hatte, entdeckt, wollte sich also nunmehr auch keinem Verdachte aussetzen. Dies war die Ursache, die sie sich selbst angab, aber sie hatte noch eine andere und geheimere. Sie bemerkte namlich an Saugling eine grosse Veranderung, wodurch er nicht wenig gewonnen hatte. Sonst war er angstlich bescheiden, in der Meinung, dem Frauenzimmer gefalle das Sanfte; jetzt hatte er einer rauschenden Hofschonheit gefallen wollen und war lebhafter und ungezwungner geworden. Mariane war scharfsichtig genug, diese Veranderung der rechten Ursache zuzuschreiben, zumal da ihr gewisse Achtsamkeiten Sauglings gegen das Fraulein nicht unbemerkt entgehen konnten und da sie, sonderlich im Anfange, des Frauleins Augen oft auf Sauglings Augen gerichtet fand. Dies nebst der gedruckten Zueignungsschrift, die ihr auch nicht verborgen bleiben konnte, schien sie von einer nahern Verbindung zwischen Saugling und dem Fraulein zu uberzeugen und erregte bei ihr eine kleine Eifersucht, zu deren Verbergung das Frauenzimmer gemeiniglich eine kalte Zuruckhaltung am dienlichsten halt und dadurch dieselbe gemeiniglich am ersten verrat.
Auf der andern Seite fiel Mariane auch dem Obersten in die Augen. Da nun in seinem Herzen fur mehr als eine Liebe Raum genug war und er es, vermoge der hohen Meinung von seiner eignen Person, nicht fur moglich hielt, dass ihm ein Frauenzimmer widerstehen sollte, so glaubte er, Mariane konne gar wohl ein fluchtiger Gegenstand seiner Neigung werden und sein Zweck musse bei ihr bald zu erreichen sein. Er griff sie mit der zuversichtlichen Stellung eines Hofmannes an, so wie ein kuhner Eroberer eine Festung sturmt, ohne sie aufzufordern oder Laufgraben zu eroffnen. Gleichwie aber ein Belagerer, wenn ihm ein zu fruher Sturm abgeschlagen worden, oft nicht weiss, welche Miene er gegen den Belagerten annehmen soll, so war auch der Oberste durch die kalte und verachtliche Art, womit Mariane seine Liebeserbietungen ausschlug, um deutsch zu reden, ziemlich aus der Fassung gebracht und deshalb, um undeutsch zu reden, nicht wenig intrigiert.
Das Fraulein ubersah mit einem Blicke, dass ihr Mariane ihre beiden Liebhaber raubte, und setzte alle Krafte der Schonheit und der Koketterie in Bewegung, um den Sieg uber sie davonzutragen.
Indes alle diese Personen ihre kleinen Entwurfe machten, dachte Rambold, Sauglings Hofmeister, einen Meisterstreich auszufuhren. Rambold war ein schwarzhaariger, rotbackiger, wohlbewadeter Magister, der auf Universitaten zwar sehr locker gelebt, aber doch auch mit Hilfe eines offnen Kopfes so viel von den Wissenschaften erschnappt hatte, dass er ziemlich fertig davon plaudern konnte. Er hielt sich selbst fur sehr gelehrt, weil er mit der Selbstgenugsamkeit eines Gecken, der von allem hat reden horen und uber nichts nachgedacht hat, uber alles entscheiden konnte. Sein Eigendunkel trieb ihn, jedermann zu hohnnecken, auch den, der kluger war als er, und zu widersprechen, ehe er hoch wusste, was er sagen wollte. Stimmte jemand seiner Meinung bei, so war dies genug fur ihn, um das Gegenteil zu behaupten; denn er glaubte seinen Witz zu zeigen, wenn er den andern niederschreien, und seinen Scharfsinn, wenn er auch den ungereimtesten Satz verteidigen konnte. Ob er wahr oder falsch sei, war ihm einerlei, denn seine Philosophie hatte entschieden, dass Wahrheit sowohl als Schonheit und Tugend nur relative Begriffe waren. Diesen Satz glaubte er nicht nur, sondern wendete ihn auch im gemeinen Leben fleissig an, daher er in der Wahl der Mittel, seine Absichten auszufuhren, eben nicht delikat war.
Dieser feine Mann hatte auf Marianen ein Auge geworfen und ging damit um, sie zu heiraten, wovon er ihr doch nicht ein Wort sagte, weil er durch einen Umweg seinen Zweck besser zu erreichen meinte. Er war von dem Plane der Frau von Hohenauf sehr wohl unterrichtet. Sie hatte ihm sogar eine eintragliche Pfarre versprochen, die auf ihren Gutern nachstens offen werden musste, wenn er etwas dazu beitragen wurde, dass Saugling das Fraulein von Ehrenkolb heiratete. Daher glaubte er zwei Schlage mit einem Streiche zu tun, wenn er der Frau von Hohenauf von Sauglings und Marianens Zusammenkunft Nachricht gabe und die Folgen derselben zu verhindern suchte.
Er schrieb ihr also: sie musse Marianen, welche sie aus weisen Absichten von ihrem Schlosse entfernt hatte, auch hier wegschaffen, weil ihr Neffe, solange er ihren Aufenthalt wisse, auch nach seiner Abreise nicht von ihr ablassen wurde. Er tat dabei den unmassgeblichen Vorschlag, sie solle insgeheim einen Wagen mit drei starken Kerlen senden, und er nahm es auf sich, ohne grosses Aufsehen Marianen in ihre Hande zu liefern. Zuletzt gab er zu verstehen, dass, wenn nur erst die bewusste Pfarre vakant ware, sich auch ein anstandiger Ehemann fur Marianen finden wurde, wodurch denn Sauglings unbedachtsamer Liebe und Ihro Gnaden Furcht auf einmal konnte ein Ende gemacht werden.
Er schmeichelte sich, Mariane solle es vermoge seiner klugen Einrichtung nie merken, dass er an der Entfuhrung teilhabe; und sobald er nur seinen jungen Herrn nach Hause gebracht hatte, nahm er sich vor, zuruckzukehren und aus den Handen der Frau von Hohenauf eine reiche Pfarre und eine schone Frau zu erhalten; denn dass sich etwa Mariane weigern konnte, seine Hand anzunehmen, fiel ihm gar nicht ein.
Vierter Abschnitt
Nachdem Rambold auf diese Art sein Planchen so einfach als kunstlich angelegt hatte, erwartete er ruhig den erwunschten Erfolg, sehr zufrieden mit seiner schlauen Erfindung. Die ubrigen Personen hingegen wurden durch ihre Lage unvermerkt immer unruhiger, unzufriedener und unwilliger gegeneinander.
Marianen missfiel es, dass ihr der Oberste bestandig nachfolgte und fortfuhr, sie mit vieler Dreistigkeit seiner Liebe zu versichern, so trocken und frostig sie ihn auch abgewiesen hatte. Nicht weniger unzufrieden war sie mit Saugling, den sie im Verdachte hielt, dass er das Fraulein heimlich liebte; und weder seine Briefchen, worauf sie nie antwortete, noch seine Verschen, von denen sie argwohnte, dass sie mehr aus der Phantasie als aus dem Herzen herruhrten, konnten sie zufriedenstellen.
Das Fraulein war ausserst erbittert, alle Versuche, ihre beiden Liebhaber wieder zu sich zuruckzubringen, fruchtlos zu sehen. Weil sie aus Politik ihren Zorn nicht ganz auslassen durfte, so blieb nichts ubrig als der armselige Behelf, Marianen das Ubergewicht eines hohern Standes fuhlen zu lassen. Dies veranlasste verschiedene kleine unangenehme Szenen, wodurch doch die uble Laune des Frauleins nicht vermindert ward, da sie Marianen nur krankten, ohne sie zu demutigen.
Der Oberste war nicht wenig verdriesslich, weil das Fraulein seiner Liebe gegen Marianen im Wege stand, welche er gern mit seiner Liebe gegen das Fraulein vereinigt hatte, zumal da er die Verbindung mit der letztern anstandigerweise nicht ganz und gar aufheben konnte. Sauglingen war er herzlich gram, weil er sich einbildete, dieser sei bei Marianen besser gelitten als er; und mit Marianen war er auch nicht sonderlich zufrieden, weil dies kleine Madchen, welcher er die Ehre einer gelegentlichen Eroberung zugedacht hatte, sich gegen eine Person von seinen Verdiensten so gar sprode bezeigte, dass es noch ungewiss schien, ob sie nicht auch einer formlichen Belagerung wurde widerstehen wollen.
Saugling war unglucklich, denn er liebte Marianen herzlich, daher konnte er ihre Zuruckhaltung nicht ertragen, die er bloss einer wirklichen Abneigung gegen ihn zuzuschreiben wusste, da er ihre verborgene Eifersucht nicht merkte. Dies kostete ihm viele Seufzer und nicht wenig Verse. Aber eben sein zweites Ungluck war, dass seine Gedichte, deren gute Aufnahme in dieser Gesellschaft ihm bisher eine so seltne Gluckseligkeit verschafft hatte, nun sehr zu fallen anfingen, wovon er die Ursachen gar nicht einzusehen vermochte. Sie waren gleichwohl sehr naturlich. Mariane schwieg davon gemeiniglich ganz still, weil sie sich furchtete, ihre geheimen Bewegungen unvermerkt zu verraten, welche sie zu verbergen so wichtige Ursachen fand. Das Fraulein hatte immer etwas daran zu tadeln, weil ihr die Eifersucht eingab, sie waren an Marianen gerichtet oder spielten auf sie an; und der Oberste, der sich nie im Ernste um Verse bekummert hatte, fand nicht notig, wie vormals sich zu stellen, als ob sie ihm gefielen, vielmehr pflegte er in seiner jetzigen ublen Laune sich oft geradezu daruber aufzuhalten. Zum Unglucke fur Saugling ward er darin zuweilen von der Grafin unterstutzt, deren feiner Geschmack schon langst in Sauglings Liedern eine gewisse Einformigkeit und Schlaffheit wahrgenommen hatte, wofur ihm selbst der Sinn fehlte. Da er nun unablassig fortfuhr, taglich neue Gedichte vorzulesen, so nahm sich die Grafin im Ernste vor, dem sonst unbescholtenen guten Junglinge die kleine Torheit des Versemachens abzugewohnen.
Als einst die Frau von Ehrenkolb Mittagsruhe hielt und die ubrige Gesellschaft im Garten spazierte, ergriff die Grafin Sauglings Arm, fuhrte ihn in einen Gang besonders, und nachdem sie das Gesprach auf Lektur gebracht hatte, sagte sie ihm geradeheraus: Gedichte waren nicht die Lektur, die sie am meisten liebte.
Saugling, nicht wenig beschamt und besturzt, versetzte mit stammelnder Stimme: "Ew. Gnaden scherzen vielleicht. Es schien mir doch sonst, als ob Sie die schone Literatur liebten."
Grafin: O ja, ich liebe sie ungemein. Aber Sie wissen, sie hat einen weiten Umfang, und die Poesie ist nur ein Teil davon. Diesen zu hassen, bin ich weit entfernt. Ich liebe vielmehr Gedichte herzlich, aber nur, wenn sie vortrefflich sind; sie wirken alsdann mit unbeschreiblichem Reize auf mich und bleiben meiner Seele tief eingepragt. Aber Sie wissen, der ganz vortrefflichen Gedichte sind nur sehr wenige. Was die ubrigen anbetrifft, so sind sie ganz gute Dingerchen, die man allenfalls einmal anhoren, aber auch entbehren kann; und mich dunkt immer, die Augenlider sind einem leichter, wenn man sie entbehrt.
Saugling: Vielleicht sprechen Ew. Gnaden nicht ganz im Ernste; die Damen pflegen doch sonst, wenigstens glaube ich es so gefunden zu haben, unter aller ubrigen Lektur am meisten Gedichte zu lieben ...
Grafin: Glauben Sie das nicht, mein lieber Saugling; oft kaum, wenn wir darin gelobt werden, finden wir sie ertraglich. Unter uns gesagt, wir haben oft herzliche Langeweile, wenn man sie uns vorlieset. Wir gahnen innerlich und trauen uns nicht, den Mund aufzutun.
Saugling: Ach, ich merke schon, hier ist ein kleines Missverstandnis. Sie wollen sagen:
Die grossen Verse, welche man
Auf einem grossen Amboss schmiedet,
Die lies't man nicht, man wird ermudet;
Ihr Donner storet unsre Ruh.
So grosser Larm, wozu? wozu?
Allein die kleinen niedlichen Verse:
Die kleinen Dingerchen, die sich
Gefallig zu Gedanken schmiegen,
Zwar nicht bis an den Himmel fliegen,
Jedoch auch nicht, dahin verstiegen
Und dann gesturzet, jammerlich
Zerschmettert auf der Erde liegen:
Die kleinen Dingerchen lieb ich!
Sie pflegen sich mit Artigkeit
In das Gedachtnis einzuschleichen,
Darin zu bleiben und nicht weit
Den grossen Versen auszuweichen.
Grafin: Ach, das ist meine Meinung gar nicht; am wenigsten, wenn die kleinen Dingerchen voll kalter Tandeleien sind! Meinen Sie denn, dass dem Frauenzimmer das Susse und Tandelhafte so sehr gefallt? Wir sind nun freilich, weil es Ihrem Geschlechte so beliebt, das schwachere; aber glauben Sie mir, wir lieben an uns selbst die Schwache nur, insofern sie uns schon und niedlich macht, und wer weiss, ob's nicht gar blosse Eitelkeit bei uns ist, dass wir die Mannspersonen nicht niedlich sehen mogen? Wissen Sie wohl, Saugling, dass Sie zu schon sind und dass ich auf Sie eifersuchtig bin? Wenn Sie mich beruhigen wollen, waschen Sie sich und Ihre Gedichte nicht mehr mit Essenzen und lassen sich lieber ein wenig von der Sonne verbrennen. Horen Sie wohl! Schreiben Sie mir eine gute derbe Prose, so fur den gesunden Menschenverstand, ohne Niedlichkeit. Oder, nehmen Sie sich in Acht, wenn Sie mich bose machen, verdamme ich Sie zum grossen Amboss ...
Indem die Grafin dieses sagte, erblickte sie das Fraulein und den Obersten, die aus einer benachbarten Allee auf sie zukamen.
"Kommen Sie", rief sie, weil sie den armen Saugling ein wenig qualen wollte, "kommen Sie, meine Liebe, helfen Sie mir die kleinen tandelnden Liederchen gegen den Herrn von Saugling verteidigen. Stellen Sie sich nur vor, er will ihnen entsagen! Wenn wir ihn gehenlassen, so wird er grosse, machtige Hexameter schmieden wollen, und dann ist er fur uns verloren."
Das Fraulein antwortete mit sauersusser Miene: "Ach nein, dazu ist der Herr von Saugling viel zu zartlich! Er wird nur merken, was ich schon lange gedacht habe, dass die deutsche Sprache uberhaupt zu baurisch ist, um liebliche Ideen auszudrucken. Er wird kunftig franzosisch schreiben fur die grosse Welt, nicht fur die ungeschliffenen deutschen Burger. Er liebt ja ohnedies die franzosische Nation vor allen andern." Hiebei blickte sie Marianen, die aus einer andern Allee zu ihnen kam, spottisch uber die Achsel an.
Die Grafin verstand den Stich, wollte ihn aber nicht verstehen, fuhr daher im scherzenden Tone fort:
"Nein, Saugling, wenn doch einmal das Schicksal beschlossen hat, dass es Ihnen unglucklich gehen soll, so werden Sie lieber ein Original als ein solches Mittelding, wie die meisten Schriftsteller sind, die in Deutschland franzosisch schreiben: in Frankreich fremd, in Deutschland nicht zu Hause. C'est a Paris qu'il faut ecrire! ruft der Franzose mit vollen Backen, und wenn er von seiner Sprache redet, mag er immer recht haben."
Unter diesem Gesprache erreichten sie eine Laube, wo sie sich niedersetzten, und kurz darauf kam ein Bedienter, der Grafin zu melden, dass von der durchfahrenden Landkutsche ein wohlgebildetes, aber todkrankes Frauenzimmer bei dem Prediger sei abgesetzt worden. Die Grafin, bei welcher Handlungen der Wohltatigkeit allen Vergnugungen vorgingen, begab sich sogleich dahin und nahm Marianen mit sich.
In ihrer Abwesenheit nahm das Gesprach eine nicht sehr angenehme Wendung. Das Fraulein hatte mit dem Obersten uber ihr beiderseitiges Missvergnugen kurz vorher eine Erlauterung unter vier Augen gehabt, wodurch ihre gute Laune eben nicht vermehrt worden war. Von Natur eigensinnig und auffahrend, wie sich's auch fur eine Petite-maitresse gebuhrt, war sie nun ausserst bitter daruber, dass man ihren Reizungen den Sieg streitig machen wollte, und liess jetzt ihren Zorn durch eine Menge Spottereien uber Sauglings unveranderliche Ergebenheit gegen Marianen ausbrechen. Der Oberste, ganz froh, dass ihre Pfeile nur auf Saugling gerichtet waren, hielt sich ausser dem Schusse und sagte bloss etwa hie und da ein Wort. Saugling aber bekam Mut von seiner Liebe, und da er sich ohnedies vorgenommen hatte, mit dem Fraulein, das er nie geliebt hatte, ganz zu brechen, so verteidigte er sich nachdrucklich, obgleich anstandig; ja sein offnes Herz floss von Marianens Lobe uber, wovon es immer voll war. Das Fraulein verlor daruber alle Geduld und Fassung und ruckte auf dem Stuhle hin und her, aus Verdruss stillschweigend.
Gerade zu dieser Zeit kam Mariane zuruck, ohne etwas von diesem Gesprache zu wissen. Sie erzahlte, indem sie sich die Augen trocknete: "Das ungluckliche Frauenzimmer ist hochst zu bedauern. Sie ist eine Person burgerlichen Standes von guter Herkunft. Sie hat einen Leutnant aus Liebe geheiratet, der kurz vor dem Frieden in einem Scharmutzel totlich verwundet ward. Er erhielt zwar wegen seines Wohlverhaltens eine Kompanie, aber das Regiment ward nach erfolgtem Frieden abgedankt. Sie hat, in seinem langwierigen Krankenlager, was sie gehabt, zu seiner Heilung verwendet, und nun ist er gestorben. Sie steht im Begriffe, zu weit entfernten Verwandten ihre Zuflucht zu nehmen. Von Gram und Nachtwachen entkraftet, ist sie unterwegs so krank geworden, dass sie ohne Lebensgefahr nicht weiterreisen kann. Den Beweis dieser Aussage haben wir in einigen Briefschaften der Kranken gefunden. Die Grafin ist sehr geruhrt und hat mich vorausgeschickt, um einen Reitknecht nach der Stadt zu einem Arzte zu senden und einen Wagen anspannen zu lassen, denn sie will die Kranke selbst nach dem Schlosse begleiten. Sie lasst sich bei der Gesellschaft ihres langen Aussenbleibens wegen entschuldigen."
Sauglingen trat eine mitleidige Trane ins Auge, der Oberste drehte sich auf einem Absatze herum, und das Fraulein, dessen innerer Unmut aufs hochste gestiegen war, fuhr hart heraus: "Die Grafin beweiset in der Tat ubertriebene Gutigkeit, dass sie alles Gesindel bei sich aufnimmt. Eine Person von der Landstrasse! Am Ende geht's Personen so, die sich uber ihren Stand erheben wollen. Wer weiss, wo sie Kammermadchen oder Gesellschaftsjungfer gewesen ist. Es ist Zeit, dass wir abreisen, denn die Gesellschaft ..." Hier nahm sie eine Prise zur Kontenance, liess ihre Dose fallen und rief Marianen: "Mein Kind, nehme Sie mir doch die Dose auf!" Mariane, uber die ganze Szene erstaunt, stand sprachlos da, denn soweit hatte das Fraulein die Unhoflichkeit noch nie getrieben. Saugling sprang auf und uberreichte dem Fraulein die Dose.
"Lassen Sie", rief sie, "lassen Sie, Herr von Saugling, Mariane wird sie schon ..."
Saugling nahm allen seinen Ernst zusammen und versetzte: "Verzeihen Sie, gnadiges Fraulein! Ihnen aufzuwarten halte ich nur fur meine Schuldigkeit."
Das Fraulein mass ihn mit den Augen von oben bis unten und schlug ein bitteres Gelachter auf.
Mariane, welche empfand, dass die Demutigung, wodurch sie bis zu einer gemeinen Dienstmagd heruntergesetzt werden sollte, zu den Beleidigungen gehore, wofur man keine Worte hat, um sich daruber zu beschweren, so grob sie auch sind, konnte nicht verhindern, dass sich nicht eine Trane in ihr Auge drangte, und ging stillschweigend ab, doch nicht ohne auf Saugling einen Blick zu werfen, worin er ihr ganzes Herz las.
Der Oberste, ob er schon an sich Marianen diese Demutigung erspart hatte, war doch wohl damit zufrieden, weil er glaubte, sie wurde Sauglingen verdriessen, den er hasste, weil er ihn von Marianen geliebt glaubte. Um ihn noch mehr zu kranken, spottete er unhoflich uber Marianen, nachdem sie weggegangen war.
Beleidigungen, die stufenweise steigen, konnen endlich den geruhigsten Menschen aufbringen, und wenn er edel denkt wie Saugling, so wird er die Beleidigung seiner Geliebten hoher empfinden als seine eigene.
Saugling antwortete also dem Obersten lauter und entschlossener als jemals; der Oberste fuhr im hohnneckenden Tone immer weiter fort, bis ihm Saugling sehr trocken sagte:
"Ich kann Ihnen in Gegenwart des Frauleins hierauf weiter nicht gehorig antworten, aber wir wollen uns deshalb besonders sprechen."
Der Oberste lachte ihm in die Zahne und rief spottisch: "Mein gutes Herrchen, trotz des kleinen Federhuts, den es Ihnen zu tragen beliebt, sind Sie nicht von solchem Stande, dass ich Ihnen Satisfaktion geben werde."
"So", rief Saugling, "Sie halten mich fur wehrlos und erlauben sich doch, mich anzugreifen? Ist dies wie ein Mann von Ehre gedacht? Aber ich bin nicht wehrlos. Wenn Sie mir nicht Genugtuung geben wollen, werde ich sie mir nehmen, oder Sie mussten jede kahle Stichelei doppelt von mir zuruckbekommen und es ruhig ertragen wollen."
Der Oberste ward lauter, Saugling auch. Das Fraulein sass ruhig und wiegte sich mit dem Gedanken, auszusprengen, dass um ihretwillen ein Zweikampf geschehen ware. Die Grafin kam zuruck, nachdem sie die Kranke bis in das fur sie bereitete Zimmer begleitet hatte, forschte nach der Ursache des Streits, gab dem Obersten unrecht und vereinigte beide um soviel leichter, weil der Oberste eben kein Liebhaber vom Halsbrechen war und sich wirklich eingebildet hatte, der sanfte Saugling sei ein blosses Jungferngesicht und werde, was es auch sei, ohne Antwort einstecken.
Unterdes ging Mariane im Garten herum, um sich zu fassen, weil sie die Grafin mit Erzahlung des unangenehmen Vorfalles nicht kranken wollte, zumal da sie wusste, die Ehrenkolbische Familie werde nachstens abreisen. Rambold begegnete ihr, indem er, voll von seinem Projekte, im Garten irrte. Sie gab ihm den Arm, weil sie durch seine Unterhaltung ihre Gedanken am geschwindesten zu zerstreuen hoffte. Rambold schwatzte, wie schon gedacht, vielerlei von gelehrten Sachen, war voll von Anekdoten und Journalhistorchen, und die gute Mariane, mit einem ziemlichen Ansatze, eine Gelehrte vorzustellen, mochte gern diese gelehrten Diskurse horen, um soviel mehr, da aus der Gesellschaft der Grafin alles Ansehen von Belesenheit verbannt war.
Rambold hub also an die lange Geschichte von der Regierung Konigs Johann Christoph des Dummen und Konigs Johann Jakob des Gescheuten53 und von ihrem Streiten um die Monarchie und von ihren Schlachten und wie sie gewannen, indem sie verloren, und verloren, indem sie gewannen. Und wie unter vielem Getummel und fruchtlosem Streben nach der Alleinherrschaft der Geist der Freiheit erwacht sei unter dem Volke und entstanden seien Demagogen, die Literaturbriefsteller, die laut gerufen, das ganze Volk habe gleiches Recht, seine Meinung zu sagen uber alle Vorfalle; und wie keine Oberherrschaft sei gewesen und wie jedermann habe gedacht und getan, was ihm recht deuchte; und wie man die Demagogen im Verdachte gehabt habe, dass sie wollten Konige werden und Ephoren der Konige; und wie diese schwachen Kopfe nicht daran gedacht, sondern ihre Hantierung getrieben hatten, ohne ins Forum zu kommen, und wie da gar keine Zucht und Ordnung sei gewesen unter der Menge. Und wie sich da hatten weise und erlauchte Manner zusammengetan und hatten festgesetzt, dem Volke sei es nutzlich, wenn es beherrscht werde. Hatten ausgemacht, dass stattliche und ernsthafte Manner sollten am Regimente sein, sollten umtun lange Feierkleider und aufsetzen grune Eichenkranze, sollten sitzen auf breiten Stuhlen und sollte ihnen jedermann tiefe Reverenzen machen und desgleichen mehr. Hatten auch Ratsfahrten angesetzt und Gerichtstage, Gesetze gemacht und Strafen verordnet; und ware nunmehr alles richtig: nur, wer regieren solle, wisse man noch nicht, daruber waren die Herren sehr uneins; und solange diese Uneinigkeit dauere, habe mancher noch Hoffnung, in den Rat zu kommen; und wurden daruber heimliche Unterhandlungen gepflogen, woran er, Rambold, vielen Anteil habe und gewiss glaube, wegen seiner weitlauftigen Verbindung mit vielen Zunftmeistern und Ausrufern noch ein ansehnliches Ehrenamt davonzutragen.
Alle diese Nachrichten horte Mariane an, bloss weil sie ihr ganz neu waren, ob sie gleich sonst an diesen gelehrten Reichsangelegenheiten, bei aller ihrer Liebe zur Lektur, keinen Teil zu nehmen wusste; so wie etwa wunderbare Geschichten von neuentdeckten Volkern im Sudmeere der Sonderbarkeit wegen Aufmerksamkeit erregen auch bei denen, die sonst nicht Lust haben, diese fremden Volker zu besuchen, die sich weder von den otaheitischen Jungfern voll Sussigkeit wollen liebkosen noch von den neuseelandischen Herren voll Starke wollen fressen lassen.
Unter diesem langen Gesprache hatte sie Rambold unvermerkt in das an den Garten stossende Waldchen gefuhrt; sie waren in demselben schon eine ziemliche Strecke fortgegangen, als plotzlich einige starke Kerle hinter einem Baume hervorsprangen und Marianen ergriffen. Rambold war unbewaffnet. Er suchte zwar von einem Baume einen Knuttel abzureissen, hielt sich aber so lange dabei auf, dass Mariane gemachlich in einen nahe stehenden sechsspannigen Wagen geschleppt werden konnte, der sogleich eiligst fortfuhr. Rambold lief zwar hinterher, und Mariane, die ihn erblickte, suchte herauszuspringen, aber sie ward festgehalten, und der Wagen kam ihm bald aus dem Gesichte. Er verweilte noch einige Zeit im Walde, damit die Entfuhrer Zeit hatten, sich zu entfernen; hernach eilte er zuruck, um ausser Atem und mit erschrocknem Gesichte Marianens Entfuhrung zu verkundigen. Die ganze Gesellschaft erstaunte. Saugling, dessen Nerven durch den Zank mit dem Obersten schon ziemlich erschuttert waren, bekam eine Anwandlung von Ohnmacht, erholte sich aber augenblicklich und eilte in den Stall, um ein Pferd satteln zu lassen, sosehr ihm auch Rambold dies zuwiderraten suchte, der endlich, als Saugling auf seinem Sinne blieb, selbst mit ihm Marianen nachritt. Der Oberst wollte ein gleiches tun, aber das Fraulein verlangte seinen Arm und seine Gesellschaft, fuhrte ihn in den grossen Saal und zwang ihn, Pikett zu spielen.
Funfter Abschnitt
Saugling kam den folgenden Tag ermudet und trostlos zuruck, ohne Marianen gefunden zu haben, welches sehr naturlich zuging, weil Rambold ihn auf einen ganz andern Weg gefuhrt hatte, als den der Wagen nahm. Er fand einen Brief von seiner Tante. Diese wollte nunmehr, nachdem Mariane aus dem Wege geschafft war, weiter keine Zeit verlieren und empfahl ihm, alles anzuwenden, damit seine Verbindung mit dem Fraulein zustande kame. Dies war aber bei seinem jetzigen, ganz neuen Schmerze uber Marianens Verlust eine Sache, woran er weder denken konnte noch mochte. Die Frau von Hohenauf schrieb zu gleicher Zeit einen Brief an die Frau von Ehrenkolb, worin sie derselben die Absichten ihres Neffen auf das Fraulein ziemlich deutlich zu verstehen gab. Aber auch dieser Brief kam sehr zur Unzeit. Denn teils hatte sich die Frau von Ehrenkolb niemals vorgestellt, dass ein Mensch wie Saugling, der nicht von Familie war, an ihre Tochter denken durfte, teils hatte sie jetzt ein viel notwendigeres Geschaft im Sinne. Das Fraulein von Ehrenkolb verband mit allen Launen einer verfehlten Petite-maitresse noch allen Eigensinn eines verzartelten Muttertochterchens. Sie hatte daher den vorigen Abend dem Obersten, der ihrer bestandigen Eifersucht ohnedies uberdrussig war und den Marianens unvermutete Entfernung noch verdiesslicher machte, so ubel mitgespielt, dass er ganz kurz mit ihr abbrach, den andern Morgen sich der Gesellschaft empfahl und nach seinem Gute zuruckreisete. Das Fraulein vermisste in ihm nur einen Anbeter, dessen Verlust sie zwar in der jetzigen Einsamkeit bemerkte, aber kunftig bald zu ersetzen vermeinte; ihre Mutter hingegen, welche die Sache vom Anfange an viel ernsthafter ansah, befurchtete, einen reichen Schwiegersohn zu verlieren, der ihre verschuldeten Guter wieder instand setzen konnte. Die Mutter hatte also mit der Tochter eine lange Konferenz uber diese wichtige Sache, und die letztere ward endlich so grundlich uberzeugt, welch ein nutzliches Ding ein Mann von Range und Reichtum fur eine Dame sei, die am Hofe leben will, dass sie mit ihrer Mutter ubereinkam, den Liebeshandel mit dem Obersten von neuem wieder anzuknupfen. Aus allen diesen Ursachen antwortete die Frau von Ehrenkolb der Frau von Hohenauf in kalten und stolzen Ausdrucken und reisete den folgenden Tag mit ihrer Tochter nach ihrem Gute zuruck, wobei Saugling kaum ein massiges Kopfneigen beim Abschiede erhielt.
Der Grafin hatte Sauglings Liebe gegen Marianen nicht verborgen bleiben konnen. Da sie mit Marianen auf einem sehr vertraulichen Fusse lebte, so hatte sie auch derselben Neigung gegen ihn zu erforschen gesucht; Mariane war aber in diesem Stucke gegen sie sehr zuruckhaltend gewesen. Jetzt aber glaubte sie, durch die Entfuhrung schnell ein Licht in dieser Sache zu erlangen. Sie war sehr geneigt, Sauglingen fur den Urheber dieser Freveltat zu halten, worin, wie sie glaubte, Mariane mochte gewilligt haben. Sie ward in dieser Vermutung bestarkt, da sie unter Marianens Sachen viele zartliche Briefe und Gedichte, von Sauglings Hand geschrieben, fand, nebst verschiedenen Entwurfen zu Briefen von Marianens Hand, die zwar nicht waren abgesendet worden, aber jetzt doch ein unwiderlegliches Zeugnis wider sie abzulegen schienen. Die Grafin war daher gegen die arme Mariane ausserst entrustet und ebenso zornig auf Sauglingen, welcher, wie sie glaubte, die Gastfreiheit schandlich beleidigt und eine romanhafte Liebe vorgegeben hatte, um ihr ihre Gesellschafterin aus ihrem Schlosse zu entfuhren, wobei sie ihm, seines zuchtigen Anstandes ungeachtet, eben nicht die reinsten Absichten zutraute. Sie setzte Rambolden uber die Auffuhrung seines Zoglings zur Rede, der ihr in allen ihren Vermutungen recht gab, um nur den Verdacht von sich abzuwalzen. Er unterliess nicht, Marianen noch starker anzuklagen, und erzahlte die Geschichte ihrer Entlassung von der Frau von Hohenauf auf eine ihr sehr unvorteilhafte Art. Die Grafin hielt nun ihre Vermutung fur vollkommen bewiesen, und ohne sich naher zu erklaren, liess sie den unschuldigen Saugling so viel Unwillen merken, dass er, ob er gleich weder die Ursache davon begriff noch darnach zu fragen wagte, sich entschloss, unverzuglich seinen Weg weiter fortzusetzen. In diesem Vorhaben ward er von Rambold gar sehr bestarkt, der nichts mehr wunschte, als ihn nur erst zu seinem Vater nach Wesel gebracht zu haben, damit er bald zur Frau von Hohenauf zuruckkehren und die Fruchte seiner Treulosigkeit einernten konnte. Sie nahmen also von der Grafin Abschied und wurden von ihr bloss mit kalten Hoflichkeitsbezeugungen entlassen.
Auf diese Art ward die Gesellschaft plotzlich zerstreut, und jeder war einzeln fur sich missvergnugt: bis auf den boshaften Rambold, der sich heimlich freute, dass sein Anschlag so gut zu gelingen schien; und bis auf Sauglingen, der einen schwachen Trost darin fand, wahrend der Reise uber seine Entfernung von Marianen einige Stanzen in seine Schreibtafel zu schreiben.
Sechster Abschnitt
Unterdessen dies vorging, war Mariane mit ihren Entfuhrern einen Tag und eine Nacht lang fortgefahren, ohne dass sie durch oftere Fragen hatte erfahren konnen, wohin sie sollte gebracht werden. Die Landstrassen wurden soviel moglich vermieden und nur auf abgelegenen Vorwerken schon bestellte Pferde gewechselt, ohne dass Mariane aussteigen durfte. Den zweiten Tag mussten sie notwendig quer uber einen Hochweg. Mariane erblickte auf demselben einen Postwagen. Sie schrie, so stark sie konnte. Ihre Begleiter wollten sie zwar zuruckhalten und riefen dem Kutscher, er solle eilen, welches auch geschah; aber auf Marianens fortdaurendes Geschrei fuhr der Postwagen nicht allein geschwinder, sondern ein Mann zu Pferde, der neben demselben ritt, kam immer naher und holte in kurzem die Kutsche ein. Er gebot dem Kutscher zu halten, der sich aber daran nicht kehrte, und aus der Kutsche ward eine Buchse auf den Reiter gerichtet; allein indem sie losgedruckt wurde, schlug er sie mit seinem Hirschfanger herunter, so dass sie ihn nur am Fusse mit grobem Hagel verwundete. In diesem Augenblicke offnete Mariane auf der andern Seite den Schlag und sprang heraus. Der auf dem Bocke sitzende Bediente traute sich nicht, dieses zu hindern, weil der Postwagen ganz nahe kam, von dem vier oder funf Reisende absprangen und zu Hilfe eilten, daher der Kutscher mit verhangtem Zugel davonjagte.
Mariane war im Springen gefallen, doch ohne Schaden. Der eine Reisende, der mit einem spanischen Rohre in der Hand vorangelaufen war und den Wagen beinahe erreicht hatte, hob sie auf. Sie erkannte ihn sogleich fur ihren Freund Hieronymus; und kaum erholte sie sich von ihrem ersten Erstaunen, so erblickte sie ihren Vater und lag in dessen Armen. Wahrend beide sich ihrer Freude uber diese unerwartete Zusammenkunft uberliessen, besichtigten die ubrigen Reisenden den Verwalter, den das Schrot nahe am Schienbeine gestreift hatte. Sie hoben ihn vom Pferde und auf den Postwagen, welchen Mariane gleichfalls bestieg; das Pferd ward an den Wagen gebunden, und so zogen sie fort bis in das nachste, nicht weit entlegene Stadtchen.
Hier blieben sie liegen, um ihren Verwundeten verbinden zu lassen, dessen Beschadigung, nachdem den andern Tag der Verband abgenommen war, nicht gefahrlich befunden ward. Sie beschlossen also, zur Grafin zuruckzukehren, zumal da der Verwalter in der Nachbarschaft wohnte. Hieronymus mietete dazu einen halbbedeckten dreisitzigen Wagen. In denselben setzte sich Mariane und der Verwundete vorwarts; Hieronymus musste den Rucksitz einnehmen, denn Sebaldus, durch die Freude, seine Tochter wiedergefunden zu haben, ganz verjunget, setzte sich, alles Zuredens ungeachtet, auf des Verwalters Pferd und trabte frisch neben dem Wagen her. Da ihm dies in kurzem beschwerlich ward, so kam er auf den Gedanken, voranzureiten und in dem Dorfe, wo sie mittags anzuhalten gedachten, die Mahlzeit zu bestellen. Der Kutscher bezeichnete es ihm sehr genau und versicherte, der Weg sei nicht zu verfehlen. Sebaldus stiess also sein Tier in die Seite, und sie verloren ihn bald aus dem Gesichte.
Als sie mittags im Dorfe ankamen, fanden sie nicht nur keine Mahlzeit bestellt, sondern, was noch mehr, auch Sebaldus war nicht zu sehen. Mariane und Hieronymus wurden dadurch nicht wenig beunruhigt. Nachdem sie ein paar Stunden vergeblich auf seine Ankunft gehofft hatten, schickten sie einige Bauern auf verschiedenen Wegen aus, die aber zuruckkamen, ohne etwas von ihm gehort zu haben, wodurch sich ihre Angst nicht wenig vermehrte. Sie warteten noch diesen und den folgenden Tag auf ihn; da er aber nicht erschien, so reiseten sie in grosser Bekummernis weiter, nachdem sie eine Nachricht fur ihn zuruckgelassen hatten.
Sie gelangten in kurzem auf dem Gute der Grafin an. Mariane begab sich sogleich mit Hieronymus nach dem Schlosse. Sie hoffte von der Grafin mit Vergnugen empfangen zu werden; aber diese Dame war, besonders durch Rambolds tuckische Einblasungen, sehr wider die gute Mariane eingenommen, welche daher von ihr sehr kalt bewillkommt wurde. In der Tat war der ausserliche Anschein ganz wider Marianen. Auf die Frage der Grafin, wie die Entfuhrung veranlasset worden, konnte sie nichts mehr antworten, als sie sei von unbekannten Leuten auf einen unbekannten Weg gefuhret, ohne dass sie die geringste Veranlassung dazu gegeben habe. Dies klang unwahrscheinlich, und es tat Marianen im Gemute der Grafin noch mehr Schaden, dass sie schien die Wahrheit wissentlich verhehlen zu wollen. Die Grafin warf ihr vor, dass sie ihr ungeachtet ihres vertraulichen Umgangs aus den Vorfallen bei der Frau von Hohenauf und aus ihrer Verbindung mit Sauglingen ein Geheimnis gemacht hatte, obgleich aus Sauglings gefundenen Briefen die Beschaffenheit der beiderseitigen Verbindung genugsam erhelle. Sie erinnerte Marianen an ihre und seine Verlegenheit bei seiner Ankunft und an viele andere kleine, vorher nicht bemerkte Umstande, wozu noch der ungewohnte Eifer kam, womit Saugling sie gegen den Obersten verteidigt hatte. Alles dies zeugte wider Marianens Aussage, die sich durch nichts rechtfertigen konnte als durch ihre Tranen; und die Grafin wusste wohl, dass Tranen oft die Waffen der Unschuld, aber ebenso oft auch der Deckmantel der Verstellung sind. Hieronymus' Vorstellungen, dem uberdies alle vorgefallenen Begebenheiten unbekannt waren, konnten wenig Gewicht haben.
Die Grafin brach endlich kurz ab und sagte zu Marianen: "Es ist in dieser Sache ein Geheimnis, das ich nicht aufzuklaren vermag. Ich liebe Sie und wunsche daher, Sie mochten unschuldig sein. Sind Sie es, so erinnern Sie sich doch aufs kunftige, dass ein Frauenzimmer jedem Manne einen ungebuhrlichen Vorteil uber sich einraumt, mit dem sie sich in einen geheimen verliebten Briefwechsel einlasst, ware es auch in der unschuldigsten Absicht, und dass dadurch Verdacht erregt werden kann, wo sie es am wenigsten wunschet. Eine solche kleine Intrige kommt einem jungen Madchen, ich weiss wohl, gar allerliebst empfindsam vor; es dunkt sich so vom gemeinen Haufen unterschieden, einer Sappho oder Hero so ahnlich, wenn es an seinen Phaon oder Leander denken und schreiben kann. Dieses romantische Wesen aber (wozu Sie, liebe Mariane, einige Anlage haben) ist zwar in Buchern und in Gedichten schon und gut; allein wenn es ins gemeine Leben gebracht wird, verursacht es, dass sich niemand in die Lage schickt, in die er vom Schicksale gesetzt ist, sondern eine eigne Welt fur sich allein haben will. Ich wenigstens bin keine Liebhaberin der Seltsamkeit und verlange eine Gesellschafterin, die davon ganz frei ist. Die unbekannte Person, die sich fur Sie so stark interessiert, wird nicht sogleich ablassen; und dies konnte sich in eine neue Entfuhrung oder sonst in eine unvermutete romanhafte Szene endigen, dergleichen ich in meinem Hause nicht erfahren mag. Wir konnen also nicht auf dem vorigen Fusse zusammenbleiben. Indes sollen Sie nicht verstossen sein. Bleiben Sie bei mir, bis Sie auf eine anstandige Art versorgt werden; und wenn Sie sich uber den letztern unerklarlichen Vorfall rechtfertigen konnen, will ich selbst fur Ihr ferneres Gluck Sorge tragen."
Mariane weinte bitterlich, dass sie erst ihren Vater und nun auch ihre Gonnerin verloren hatte und dass sie, ohne ihr Verschulden, in einen Verdacht kam, den sie nicht widerlegen konnte und der noch dazu unglucklicherweise wahrscheinlich war. Sie uberlegte mit Hieronymus, was in ihren jetzigen Umstanden zu tun sei, oder vielmehr Hieronymus uberlegte es allein; denn die gute Mariane lag in ihrem Zimmer halb sinnlos auf einem Lehnstuhle, in Tranen zerfliessend. Hieronymus dachte auf verschiedene Vorschlage, die er wieder verwarf. Endlich besann er sich auf den Freiherrn von D. Dieser wurdige Mann veranlasste eigentlich Wilhelminens Heirat mit Sebaldus54, und Mariane war seine Pate. Er hatte, als er noch am Hofe war, den unuberlegten Vorsat gefasst, ein ehrlicher Mann zu sein, nie zu schmeicheln, keinen machtigen Bosewicht erheben und keinen rechtschaffnen Mann unterdrucken zu helfen. Es konnte also nicht fehlen, dass er nicht endlich ein Opfer der List und der Ranke der Hofschranzen werden musste und in Ungnade kam; wenn man es Ungnade nennen kann, der Abhangigkeit entzogen und sich selbst, seinen Gutern und seiner Familie wiedergegeben zu werden. Der Herr von D. lebte seitdem auf seinen Gutern im Hildesheimischen im Schosse seiner Familie und als Vater seiner Untertanen. Er hatte sich noch kurzlich nach seiner Pate erkundigt, der er in ihrer ersten Jugend sehr gewogen gewesen war, welches den Hieronymus auf die Gedanken brachte, dass Mariane bei ihm die sicherste Zuflucht finden konnte.
Er uberlegte abends mit seinem Reisegefahrten, dem Verwalter, wie dieser Vorsatz am besten auszufuhren sei. Denn seine Geschafte riefen ihn auf einen entgegengesetzten Weg; und hier wollte er Marianen auch nicht lassen, weil er wirklich das Geheimnis der Entfuhrung nicht ergrunden konnte und noch mehrere Folgen davon befurchtete. Der Verwalter, dem Marianens Unfall sehr zu Herzen zu gehen schien, bestarkte ihn in diesen Gedanken; und um ihn noch mehr zu beruhigen, schlug er vor, er wolle Marianen mit sich nach Hause nehmen, wo sie so lange bei seiner Frau bleiben konne, bis seine Wunde vollig geheilt sei; alsdann wolle er sie selbst zum Herrn von D. bringen, der ihm sehr wohl bekannt sei, auch denselben vorher benachrichtigen.
Hieronymus billigte diesen Vorschlag, mit dem auch die Grafin, die Marianen im Grunde herzlich liebte und des Herrn von D. vortreffliche Eigenschaften kannte, sehr wohl zufrieden war. Sie nahm von Marianen den freundschaftlichsten Abschied, gab ihr mit mutterlicher Fulle des Herzens die weisesten Lehren und beschenkte sie mit einer ansehnlichen Summe. Mariane empfand, was sie an dieser edlen Dame verlor, kusste ihr weinend die Hande, umarmte ihren Freund Hieronymus, und so stieg sie mit schwerem Herzen in den Wagen und kam in kleinen Tagesreisen in der Wohnung des Verwalters an.
Siebenter Abschnitt
Der Verwalter gehorte zu den Leuten, von denen man zu sagen pflegt, dass sie wissen, wie es in der Welt zugeht. Dergleichen Leute glauben bemerkt zu haben, dass diejenigen am weitesten kommen, die sich um den Nutzen anderer viel weniger als um ihren eignen bekummern, die niemand Gutes tun, als den sie zu brauchen gedenken, und also den hilflosen Unglucklichen liegenlassen, wenn er vor ihren Fussen niederfallt, ohne ihn anzusehen, und sich zu dem drangen, der sie ein paar Schritte weiterbringen kann. Mit diesen brauchbaren Grundsatzen war er in der Welt ziemlich fortgekommen; denn er hatte sich aus dem allerniedrigsten Stande bis zur Stelle eines Verwalters ansehnlicher adeliger Guter geschwungen und verwaltete diese mit so gutem Erfolge, dass er die Moglichkeit sah, in einigen Jahren einen Teil davon zu kaufen. Dabei hielt er freilich Recht und Unrecht fur Dinge, womit man entweder etwas vor sich bringen oder in Gefangnis und Geldstrafe geraten kann; solange er also dieses nur nicht zu befurchten hatte, war sein Augenmerk bestandig auf jenes gerichtet. Marianens Entfuhrung, wovon sie selbst die Veranlassung nicht anzugeben wusste, hatte ihn neugierig gemacht; daher er, wahrend Mariane und Hieronymus auf dem Schlosse waren, einige Bediente der Grafin ausfragte, die sich in der Schenke einfanden, wo er abgetreten war. Aus den ihm erzahlten Begebenheiten von der Gesellschaft, die zuletzt auf dem Schlosse gewesen war, und aus allen Umstanden zog er nun den Schluss: der Oberste, dessen Neigung zu hubschen Madchen er sehr wohl kannte, werde die ganze Sache veranstaltet haben. Er hutete sich aber wohl, davon etwas gegen Hieronymus und Marianen zu erwahnen; denn er glaubte sich durch diese Entdeckung fur das Pferd, mit welchem Sebaldus verlorengegangen war, und fur die Wunde, die ihm seine unbefugte Neugier (denn was ging es ihn eigentlich an, dass jemand auf der Landstrasse entfuhrt wurde?) zugezogen hatte, reichlich bezahlt zu machen. Anstatt also Marianens Aufenthalt dem Freiherrn von D. zu melden, meldete er denselben lieber mundlich dem Obersten und benannte ihm zugleich den Preis, um welchen er sie an einen ihm beliebigen Ort bringen wollte. Er ging hiebei deshalb so offenherzig zu Werke, weil er im Laufe der Welt schon oft erfahren hatte, dass vornehmere Leute als er, wenn er sie seiner Absichten wegen zu bestechen notig fand, sobald es wirklich ihr Ernst gewesen war, Wort zu halten, lieber geradezu vorher um den Preis ihrer Protektion hatten handeln als sich auf eine ungewisse Freigebigkeit verlassen wollen.
Der Oberste, der sich das Gluck nicht traumen liess, Marianen so bald wiederzusehen, noch weniger, sie in seiner Gewalt zu haben, ging alle Bedingungen ein. Der Verwalter holte also Marianen ab, unter dem Vorwande, sie zum Herrn von D. zu bringen, und nahm ein Nachtlager auf einem der Guter des Obersten. Es war bereits in der Schenke bestellt, dass sie nicht aufgenommen werden konnten, weil alles schon besetzt ware; der Verwalter fuhr also nach dem herrschaftlichen Hause, wo er den Aufseher zu kennen vorgab. Hier verliess er des Nachts heimlich Marianen, und den folgenden Morgen bekam sie unvermutet den Obersten zu sehen.
Der Oberste war ein Mannchen, das, wie wir schon bemerkt haben, von seiner Person eine nicht geringe Meinung hegte. Er hatte zwei Jahre auf Universitaten reiten lernen und Billard gespielt, darauf etwa ein halbes Jahr vor erfolgtem Frieden sich ein Regiment gekauft, das er bei verschiedenen wohlbedeckten Furagierungen und bei einigen Ruckmarschen in der Avantgarde kommandiert und es darauf wohlbehalten in die Winterquartiere gefuhrt hatte, worauf er dann die folgende Zeit meist am Hofe zubrachte. Aus diesem glorreichen Lebenslaufe, glaubte er, musse erhellen, dass er ein Mann sei, gelehrt, tapfer und voll Weltkenntnis. Er suchte alle Dinge zu affektieren, die ihm die Natur versagt zu haben schien. Ungeachtet sein ganzes Wesen fluchtig und lappisch war, pflegte er doch gemeiniglich eine weise Miene anzunehmen und den Zeigefinger an die Nase zu legen, als sagte er etwas gar Tiefsinniges. Ungeachtet ihm die Bequemlichkeit uber alles ging und seine Launen jede Stunde wechselten, redete er doch bestandig von Standhaftigkeit, von Anstrengung und Anspannung der Krafte, von festen Vorsatzen, die man unverruckt ausfuhren musste. Obgleich durch fruhzeitige Ausschweifungen fast zu allen Wollusten untuchtig, war doch Genuss immer sein drittes Wort. Nach dieser Beschreibung sollte man kaum glauben, dass ein solcher feierlicher Hasenfuss in der menschlichen Gesellschaft habe ertraglich sein konnen, wenn man nicht taglich sahe, dass eine vornehme Geburt, reiche Einkunfte, eine englandische Kutsche mit einem Zuge von sechsen und ein ziemlich leidliches Angesicht ebenso grosse und grossere Toren zu liebenswurdigen Kerlchen machten.
Unser Mann hegte ubrigens den erspriesslichen Grundsatz, man musse in allen Vorfallen um sein selbst willen handeln, daher derjenige, der Kraft habe, denjenigen, der schwacher sei, ohne Bedenken zwingen durfe, seinen, des Starkern, Absichten zu folgen. Da nun das weibliche das schwachere Geschlecht ist, so folgerte er ganz naturlich, dass alle Mannspersonen ein unwidersprechliches Recht hatten, alle Frauenzimmer nach eignem Willen zu behandeln. Zwar gab er zu, dass Stand, Erziehung, Stolz, Sprodigkeit und Eigensinn dem Frauenzimmer eine gewisse Art von zufalliger Starke geben konnten, die man Tugend nenne; aber er meinte auch, wenn ein Mann neben der seinem Geschlechte eigentumlichen Kraft noch genugsamen Verstand habe, die schwache Seite eines Frauenzimmers zu finden, werde er unfehlbar uber sie triumphieren. Da er sich nun Verstand in hohem Masse zutrauete, so sieht man leicht, wie uberzeugt er war, kein Frauenzimmer konne ihm widerstehen.
Er dachte daher, auch bei Marianen leicht zu seinem Zwecke zu gelangen. Ihre bisherige Zuruckhaltung hielt er fur Stolz. Diesem zu schmeicheln, glaubte er, wurde das Hauptsachlichste sein. Er begegnete ihr daher vom Anfange an mit der grossten Hoflichkeit, selbst mit Unterwurfigkeit. Er ersuchte sie, sein Haus als das ihrige anzusehen, bis der Verwalter zuruckkame, der, wie er vorgab, wegen eines unvermuteten Geschaftes eine Reise von einigen Meilen habe tun mussen, und versprach, sie allenfalls in seiner eignen Kutsche weiterzubringen. Mariane liess sich aber in dieser Falle nicht fangen. Sie bestand darauf, unverzuglich auf dem ersten, dem besten Bauerwagen oder auch zu Fusse weiterzugehen. Sie sagte dies so ernsthaft, dass er seinen Angriff anderte. Seine gluhende, uberschwengliche Liebe wurde vorgebracht und seine Anbetung einer Gottin, zu deren Fussen er sich und sein ganzes Vermogen niederlegen wollte. Mariane, voll edlen Unwillens, wurdigte ihn keiner Antwort, sondern wollte stehendes Fusses weggehen; das aussere Zimmer aber war verschlossen. Er sagte ihr auf die hoflichste Weise, sie solle in allen Dingen uber ihn und sein Haus zu befehlen haben, den einzigen Punkt ausgenommen, dass sie sich nicht wegbegeben musse. Mariane, voll Unwillen, fragte, wer das Recht habe, sie aufzuhalten. Er wendete wieder seine Liebe vor; er bat, er beschwor sie, er versicherte auf den Knien, sie habe von ihm nichts Unanstandiges zu besorgen; selbst ihrer Gesellschaft, so angenehm sie ihm sei, wolle er sich entziehen, wenn er ihr beschwerlich falle. Mariane warf sich in einen Stuhl und weinte, er fuhr fort, zu bitten und zu versprechen, sie musste der Gewalt nachgeben und wider ihren Willen dableiben.
Sie begab sich in das ihr angewiesene Zimmer und untersuchte sorgfaltig, ob irgendwo ein verdeckter Eingang sein konne, aber es war alles sicher. Sie fruhstuckte allein. Nachher ging sie in den Garten. Sie bemerkte wohl, dass sie von verschiedenen Personen von fern beobachtet ward und dass sie nicht werde entfliehen konnen; aber der Oberste liess sich nicht sehen. Es vergingen einige Tage, in denen sie alles empfand, was ihr jetziger Zustand Schreckliches und die Aussicht ins Kunftige Beunruhigendes hatte. Der Oberste, der seinen Anschlag nie aus dem Sinne liess, fand sich unvermutet auf ihren Spaziergangen, wo ihm nicht auszuweichen war. Er begegnete ihr mit grosster Ehrfurcht. Sie konnte ihm zuletzt nicht abschlagen, zuweilen bei Tische oder bei einem kurzen Spaziergange in seiner Gesellschaft zu sein. Er fuhr fort zu beteuren, dass er sie auf das innigste liebe und dass er ihre Gegenliebe nicht zu erzwingen, sondern zu verdienen suchen wolle. Mariane fuhr fort, ihn aufs entschlossenste zu versichern, dass er ihre Gegenliebe auf keine Weise erhalten werde, dass er sie also nicht ferner qualen, sondern sie wegreisen lassen mochte; und sie selbst sann bestandig auf ein Mittel, sich aus dieser unangenehmen Lage zu ziehen.
Der Oberste ward durch einen so starken Widerstand, den er nicht vermutet hatte, noch mehr erhitzt und fing an, andere Plane zu entwerfen, um seinem Zwecke naherzukommen. Er wiederholte sich in Gedanken alle sinnreiche Mittel entflammter Liebhaber, die widerspenstige Gebieterinnen zahmen wollen: zum Beispiel die Ehe zu versprechen und sein Wort nicht zu halten oder sich durch einen verkleideten Kammerdiener trauen zu lassen, seiner Geliebten einen Schlaftrunk zu geben und sich zu ihr zu schleichen, im Fussboden ihres Zimmers eine Fallture machen zu lassen oder durch einen Kamin hineinzusteigen und so weiter. Weil ihm diese aber samtlich nicht gefielen, nahm er seine Zuflucht zur Lesung der Geschichte der Clarissa Harlowe, um seine Einbildungskraft durch den Charakter des Lovelace anzufeuern, einen Charakter, den er bestandig ausserst bewundert hatte, und nicht ohne Ursache, da ihm selbst Leibesund Geisteskrafte zum Guten und zum Bosen fehlten, um ein Lovelace zu sein. Bei dieser Lektur fiel ihm auf, dass er das, was Lovelacen der Zufall gewahrte55, durch ausdruckliche Anstalt erlangen konnte. Er liess wirklich eines Morgens, kurz vor Anbruch des Tages, in Marianens Vorzimmer ein paar Vorhange und ein paar Bunde Stroh anzunden und pochte nachher mit grossem Getose an ihr Zimmer, um sie aufzuwecken. Er glaubte gewiss, sie in dem allerleichtesten Nachtanzuge zu treffen. Er irrte sich aber, denn Mariane, von Anfang an sehr misstrauisch, hatte in ihren gewohnlichen Kleidern geschlummert. Sie offnete die Tur voll Entsetzen, und da allenthalben Rauch und Flammen hereinschlugen, ergriff sie nur ihre Tasche und Uhr und folgte dem Obersten, der seine Beute durch Dampf und Funken nach einem abgelegenen Gartenhause schleppte, wo sich Mariane atemlos niedersetzte. Der Oberste wollte ihre erste Besturzung nutzen, fiel ihr zu Fussen und wiederholte seine Liebeserklarung feuriger als jemals; aber da er in kurzem unbescheiden ward, stiess ihn Mariane mit beiden Handen so heftig von sich, dass das Mannchen, zwar in Worten, aber nicht an Kraften ein Herkules, rucklings zu Boden fiel. Ehe er, vom Falle betaubt, noch aufstehen konnte, sprang Mariane in den Garten. Dieser war von dem daranstossenden weitlaufigen Parke durch eine grune, aber hin und wieder etwas verdorrte Hecke gesondert. Diese Stellen hatte sich Mariane bei ihren Spaziergangen schon langst gemerkt. Sie Schaffte sich durch die durren, zerbrechlichen Strauche einen Weg in den Park, und da sie schnell das Ende desselben erreicht hatte, so lief sie geradeaus ins Feld, ohne sich umzusehen.
Sechstes Buch
Erster Abschnitt
Es ist Zeit, dass wir zum Sebaldus zuruckkehren, den wir auf dem Pferde des Verwalters verlassen haben, auf dem er voranritt, um in dem nachsten Dorfe fur die nachkommende Gesellschaft eine Mittagsmahlzeit zu bestellen. Der Fuhrmann hatte ihn versichert, der Weg sei nicht zu verfehlen. Dies war auch vielleicht einem Kutscher nicht moglich, aber wohl einem Manne wie Sebaldus, der selten ganz genau auf die Dinge um ihn her Achtung gab, am wenigsten auf das Gleis einer Landstrasse. Er war kaum einige hundert Schritte fortgeritten, als er sich in eine Betrachtung uber die zweite Posaune in der Apokalypse vertiefte, wogegen sein Pferd, dem der Zugel an der Mahne hinabhing, sich kurz darauf an einen vier Schritte vom Wege stehenden Heuschober machte. Nach einigen Minuten merkte Sebaldus, dass das Pferd nicht fortging, und spornte es an, ohne es zu lenken. Es trabte daher gerade fort uber Wiesen und Brachfelder, bis es wieder auf einen Weg kam. Nachdem Pferd und Mann auf demselben ein paar Stunden fortgeeilt waren, wunderte sich Sebaldus, noch kein Dorf vor sich zu sehen; doch liess er sich nicht traumen, dass er den rechten Weg konne verfehlt haben. Nach einiger Zeit erblickte er ein Dorf. Er zweifelte gar nicht, dass es das rechte ware, ritt vor die Schenke, stieg vom Pferde und ubergab es einem vor dem Hause stehenden Knechte, der es seitwarts nach dem Stalle zu fuhrte. Er selbst trat sogleich ins Haus, bestellte die Mittagsmahlzeit fur vier Personen und setzte sich in die Gaststube, um auszuruhen. Nachdem er so eine Weile unter einem Gerausche von vielen Menschen gesessen hatte, stand er auf, um seiner Gesellschaft entgegenzugehen, weil er aus der Lange der verflossnen Zeit schloss, sie musste schon dicht vor dem Dorfe sein. Er wanderte fort, das Gemut voll von dem doppelten Vergnugen, seine Tochter bald wiederzusehen und eine neue Erklarung der zweiten Posaune erfunden zu haben. Er hing sonderlich diesem letztern Vergnugen so stark nach, dass er erst nach geraumer Zeit aus untruglichen Kennzeichen merkte, er sei auf einem ganz andern Wege, als auf dem er gekommen war; denn er befand sich dicht vor einem andern Dorfe und sah aus der Hohe der Sonne, es sei wirklich Mittag. Er eilte also zuruck und fand zu seinem grossen Erstaunen, dass die Gesellschaft noch nicht angekommen war. Er befurchtete, ihr mochte ein Ungluck begegnet sein, und forderte sein Pferd, um ihr entgegenzureiten; aber noch mehr erstaunte er, da niemand von seinem Pferde etwas wissen wollte. Er hatte einen fremden Kerl fur einen Knecht aus dem Hause angesehen und ihm sein Pferd gegeben, der sich aber, sobald Sebaldus ins Haus gegangen war, darauf geschwungen und es fortgeritten hatte. So war er also um seine Gesellschaft und um sein Pferd gekommen und hatte zum Troste nichts als seine apokalyptische Entdeckung und ein ubergares Mittagsessen auf vier Personen, davon er bei allem seinen Appetite sich doch nicht zu essen getraute, weil er immer noch auf die Ankunft seiner Gesellschaft hoffte. Endlich notigte ihn der Hunger, sein Anteil davon zu verzehren, und die Wirtin notigte ihn, das Ganze zu bezahlen.
Er wartete den Tag und noch ein paar folgende auf seine Gesellschaft und war in der grossten Verlegenheit, da sie nicht ankam. Weil er weder den Namen des Dorfes, wo sie ihn einholen sollte, noch den Namen der Grafin, noch den Namen ihres Gutes behalten hatte, so sah er sich auf einmal wieder in die weite Welt versetzt. Sein einziger Trost war, dass er des Hieronymus Empfehlungsbrief an den Kammerjunker in Holstein und noch so viel Geld bei sich hatte, um dahin zu reisen. Da er erfuhr, dass der Postwagen nach Holstein den folgenden Tag durch dies Dorf gehen wurde, so setzte er sich ohne ferneres Verweilen darauf.
In wenigen Tagen kam er bei dem weiland Kammerjunker an. Dieser hatte am Hofe den Mangel des Verstandes durch reiche Kleider56 zu ersetzen gesucht. Nachdem er aber mit einer reichen alten Witwe verheiratet und dadurch in Stand gesetzt war, den Hof zu verlassen, begab er sich auf seiner Frauen Guter und verdeckte nun den obengedachten, noch immer fortdauernden Mangel durch eine andere Art von Virtu. Er sammelte antike und moderne Munzen und Gemmen, Kopien und Abgusse alter Statuen und Basreliefe und allerhand echte und unechte griechische und romische Altertumer. Diese Sammlung zu vermehren, zu ordnen, seinen Besuchern zu zeigen und daruber zu schwatzen war seine hauptsachlichste, einer verstandigen und gelehrten so ahnlich scheinende Beschaftigung, dass er sich selbst oft einbildete, er habe Verstand und Gelehrsamkeit. Freilich ging es ihm mit seinem Kabinette zuweilen wie ehemals mit seinem Kleiderputze. Bei diesem musste oft Strass anstatt Juwelen, Plusch statt Sammet und ein bunter Lack von Martin statt Goldes dienen. Ebenso war auch jenes, anstatt wahrer Altertumer Munzen und Gemmen, meist mit allerhand Lumpenzeuge angefullt, welches er nur aufbewahrte, weil es alt, zerbrochen, beschmutzt und unbrauchbar aussah. Der kleine Mann war aber in allen antiquarischen Kenntnissen, wodurch er hatte auf den Verdacht kommen konnen, seine Altertumer waren unecht, glucklicherweise so unwissend, dass ihm seine alten Lampen, Urnen, Opferbeile, Scheidemunzen und Petschafte vollig ebendas Vergnugen machten, was sie einem echten Altertumskenner wurden gemacht haben, wenn sie tausend Jahre alter gewesen waren. Er besass weiter keine Kenntnisse, als die sich aus Kompendien und Journalen aufraffen lassen und die ihm die Verkaufer von Munzen und Gemmen einpragten. Auch fand er diese zu seinem Zwecke, sich als eine wichtige Person zu fuhlen, so vollkommen hinlanglich, dass er nicht daran dachte, andere und bessere zu erwerben, zumal da er noch dabei die gluckliche Gabe besass, wenn er gelehrte Leute reden horte, stillzuschweigen und, was sie gesagt hatten, in der nachsten Viertelstunde wortlich als seine eignen Gedanken zu wiederholen. Dies tat ihm, wie so vielen andern reichen Sammlern, in vielen Vorfallen beinahe ebendie Dienste, als ob er selbst gedacht und geurteilt hatte.
Der hochwohlgeborne Kenner empfing den Sebaldus mitten in seinem Kabinette, wo alle seine Herrlichkeiten zur Schau ausgestellt waren, sitzend auf einer Sella curulis, nicht zwar von Elfenbein, doch aber von weiss angestrichnem Holze, mit blossem, halbgeschornem Haupte, wie ein romischer Konsul, und in einem Schlafrocke, zugeschnitten nach dem echten Modell einer Trabea, welches ihm gegen reichliche Bezahlung von einem gelehrten Professor war mitgeteilt worden, der ausdrucklich die Schneiderkunst gelernt hatte, um den echten Schnitt dieses romischen Feierkleides endlich einmal herauszubringen. Dieses ist bekanntlich vielen sonst grundgelehrten Leuten, die uber die Kleidung der Alten geschrieben haben, noch bisher nicht gelungen, vielleicht bloss deswegen, weil sie alle nicht wussten, ob man einen Pelzmantel in die Lange oder in die Quere des Zeuges zuschneiden muss.
Nachdem der Kammerjunker des Hieronymus Brief gelesen hatte, versicherte er den Sebaldus zwar sehr ernsthaft seiner Gnade (denn seitdem er reich geworden, ergriff er gern jede Gelegenheit, wobei er den Mazen spielen konnte), doch bedauerte er, einen so grundgelehrten Mann wie Sebaldus nicht zu seinem Bibliothekar haben zu konnen. Diese Stelle war namlich bereits durch einen gelehrten Magister besetzt worden, den Schwestersohn eines Mannes, der ihm viele Altertumer und noch kurzlich eine rare Kamee, im echten Ambra (dergleichen der ehemals beruhmte Klotz besass), und nicht etwa in Bernstein geschnitten, verkauft hatte.
Indes lud er doch den Sebaldus auf den andern Morgen zum Fruhstucke ein, hauptsachlich sich selbst zu Gefallen. Denn weil es seinen Nachbarn, die ohnedies von allen Altertumern aufs hochste alte Pokale und alte Bankotaler liebten, schon bekannt war, dass unser gelehrter Landjunker diejenigen, die er einmal in sein Kabinett bekommen konnte, sobald nicht wieder herausliess, so konnte er nur selten jemand finden, der es besehen wollte.
Der gute Sebaldus, obgleich von aller Kennerschaft weit entfernt, musste denn auch unter manchem Gahnen und Rauspern wirklich uber funf Stunden aushalten. Zuerst ward er in einen Saal gefuhrt, wo verschiedene Abgusse von beruhmten antiken Bildsaulen aufgestellt waren. "Man muss damit", sagte der Besitzer, "schon zufrieden sein, weil man die Originale nicht haben kann." Er ging ziemlich geschwind dabei voruber; doch fuhr er seiner Venus von Medici sanft uber den Rucken herunter und fragte den ganz erstaunten Sebaldus, ob ihm derselben Hinterteile auch so wohl gefielen als dem gelehrten Smollett57. Ohne Antwort zu erwarten, wandte er sich schnell zu seinen geliebten Antiken, bei deren Deutung er sich weitlaufig aufhielt. Da war mehr als eine dickbauchige Venus und dickplunschige Minerva, desgleichen verschiedene Apolle, die wie Schneidergesellen aussahen, breitschultrige Merkure und Jupiter mit spitzen Stirnen und aufgestutzten Nasen. Sodann kamen sie in verschiedene Zimmer voll zerbrochner Urnen, Topfe und Teller, voll rostiger Degenklingen und Beile und einer unzahligen Menge unbrauchbaren Hausgerates, woraus mit Verwunderung zu ersehen sein sollte, dass die Leute vor tausend Jahren Messer, Schnallen und Schlussel gehabt hatten, beinahe ebenso wie wir. Von da traten sie ins Allerheiligste, wo die Gemmen und Munzen aufbehalten wurden. Mitten im Zimmer stand des beruhmten Lipperts Sammlung von Abdrucken auf einem zierlichen Gestelle. Der Kammerjunker zog ein paar Schubladen davon nachlassig auf und sagte: "Sie sind ganz artig, aber doch nur Abdrucke, ich halte auf Originale." Er besass wirklich eine grosse Menge von plumpen und verzerrten Gesichtern, sehr stumpf in allerhand Steine geschnitten, denen er einen grossen Wert beilegte. Auch zeigte er seine Munzen, auf deren vielen er den Sebaldus den edlen Rost bemerken liess. Sie waren alle unverfalscht antik und zu mehrerer Bequemlichkeit in sehr dicke Pappen gefasst, so dass man Seite und Ruckseite, nicht aber die Rander sehen konnte58. Er versicherte, dass diese Einrichtung sehr niedlich ware und dass ihm die ganze Sammlung von einem gelehrten Antiquare so gefasst sei verkauft worden. Was er aber mehr als alles andere zu schatzen schien, war eine Sammlung von Belagerungs- und Notmunzen. Er hatte in der Tat viele Stuckchen gestempeltes Blech, Zinn und Leder nebst Stuckchen von silbernen Tellern mit allerlei Figuren. Er sagte, mit erhabener Nase, er besitze nicht wenig Munzen dieser Art, die selbst der beruhmte Klotz in seinem gelehrten Werke "De numis obsidionalibus" nicht gekannt habe, und er hoffe, in kurzem ein kapitales Stuck zu erhalten, namlich eine Notmunze, in einer der Festungen geschlagen, die der beruhmte Oberste Shandy durch seinen Feuerwerksmeister Trim mit ledernen Kanonen beschiessen liess.
Indem er so mit grossem Eifer seine Seltenheiten herausstrich, erblickte er von ungefahr an des Sebaldus Finger dessen Petschierring, worin ein Anker gegraben war.59
"Ei", rief er aus, "was fur eine schone Antike haben Sie da?"
Sebaldus versicherte ihn, dass der Ring sehr modern sei und von einem Petschierstecher in einer kleinen Stadt in Thuringen sei gegraben worden.
Der Antiquar versetzte mit sonderbar schlauer Miene: "Ja, ja! Aber, ob er gleich modern ist, so mochte ich ihn doch wohl haben. Die geschnittenen Steine von eine gewissen Farbe, von einem edlen Ziegelrot, gefallen mir. Ich will ihn Ihnen abkaufen."
Sebaldus antwortete: er habe den Ring bisher zum Andenken seiner Wilhelmine getragen, wenn er aber wurdig sei, in dieses Kabinett aufgenommen zu werden, so wolle er ihm solchen schenken. Der Kammerjunker liess sich die Schenkung nochmals mit einem Handschlage bestatigen; und nun konnte er seine versteckte Freude nicht mehr bergen. Er druckte dem Sebaldus die Hand, zeigte ihm hin und wieder ein Punktchen auf dem Steine, versicherte mit selbstzufriedener Miene, er sei ein Kenner antiker Arbeit; der Stein sei ungezweifelt echt antik und fur ihn unschatzbar, weil er eine Form von Ankern abbilde, die weder Bayfius noch Amnelius in ihren Werken "De re nautica veterum" angefuhrt hatten. Und nunmehr nahm er den Sebaldus, welcher verstummte und sich nicht getraute, dem gelehrten Kenner zu widersprechen, im Ernste in seine Protektion, gab ihm sogleich ein Zimmer in seinem Schlosse ein und verschaffte ihm in wenig Tagen die Stelle eines Hofmeisters bei dem Sohne eines Pfarrers in einem benachbarten Stadtchen.
Sebaldus schrieb an seinen Freund Hieronymus, um ihm die Unfalle seiner Reise, seine Ankunft beim Kammerjunker und seine Beforderung zu melden, bat ihn um Nachrichten von Marianens Aufenthalte und ging darauf nach seinem neuen Posten zum Archidiakon Mackligius ab.
Zweiter Abschnitt
Der Archidiakon Mackligius hatte weder viel gute noch viel bose Eigenschaften und nur gerade so viel studiert, als zum Predigen und zum Beichtesitzen notig waren: das heisst sehr wenig. Er predigte aber von seinen Kandidatenjahren an einen sehr hellklingenden, vernehmlichen Tenor, welcher der samtlichen erbgesessenen Burgerschaft sehr gefallen musste, denn er war fruhzeitig zum Diakon an einer Kirche seiner Vaterstadt erwahlt worden. Mit der Zeit ruckte er nicht nur in die Archidiakonatsstelle, sondern ein Edelmann, der die Pfarre eines nahe an der Stadt gelegenen kleinen Fleckens zu vergeben hatte, welche gewohnlich das Filial eines Stadtpredigers war, gab ihm dieselbe noch nebenher zu verwalten.
Mackligius hatte beim Antritte seines Amts alle Bucher, die man in diesem Winkel Holsteins fur symbolisch hielt, unbesehen beschworen und, was in der besondern Formula committendi seines Stadtchens von jedem Prediger verlangt wurde, ohne Umstande unterschrieben. Er war dabei sehr beruhigt, weil er nunmehr durch einen heiligen Eid alles Nachdenkens uber die samtlichen in den symbolischen Buchern enthaltenen Lehren uberhoben zu sein glaubte. Zwar wusste er wohl, es sei noch erlaubt, dieselben in der Absicht ferner zu untersuchen, um mehrere Beweisgrunde dazu aufzufinden, hielt aber weislich fur gut, dies zu unterlassen, weil er gar nicht einsehen konnte, wozu noch mehrere Beweisgrunde notig sein sollten. Denn es hatten ja alle Geistlichen einen schweren Eid geleistet, sie zu lehren, und man wusste seit mehr als hundert Jahren in den Marschlandern kein Beispiel, dass ein Laie einen Zweifel daruber gehabt hatte; uberdies war in unvermutetem Falle leicht abzusehen, dass man einen solchen durch Versagung der Absolution und Wegweisung vom Abendmahle genugsam wurde im Zaume halten konnen. Er hielt sich also im Gewissen verbunden, die Zweifel, die ihm, obwohl sehr selten, aufstiessen, denen zur Verantwortung zu uberlassen, von denen er war vereidet worden. Da er also bloss zu lehren, nicht aber zu untersuchen hatte, so konnte er sein Amt beinahe ganz mechanisch ausuben. Die Zeit, die ihm davon ubrigblieb, brachte er zur Motion mit Graben und Pflanzen in seinem Pfarrgarten zu; er war namlich ein grosser Kenner und Liebhaber von allen raren Nelkenarten und Tulpenzwiebeln und zog sie in grosser Vollkommenheit. Eine unverdachtige Beschaftigung, denn man will bemerkt haben, dass die Liebhaber derselben weder in der Kirche noch in dem Staate Unruhen zu erregen pflegen. Er hielt auch viel auf Federvieh, welches er taglich selbst zu futtern und seine tolligen Huhner, eine nach der andern, beim Namen zu sich zu rufen pflegte. Daneben hatte er noch einen schonen Taubenschlag, der ihm manche halbe Stunde vertrieb. Bibelfest war er sehr und pflegte bei aller Gelegenheit Spruche anzufuhren, welches ihm, wenn sich der Inhalt auch gar nicht zur Sache schickte, sondern nur etwa ein Wort einen ahnlichen Klang hatte, nicht unerbaulich schien. Sonst las er eben nicht in Buchern, und weil er meist aus dem Stegreife predigte, so kam auch das Schreiben selten an ihn, ausser dass er akkurate Listen von allen bei ihm beichtenden Kommunikanten hielt und selbige wochentlich nachtrug. Diese hatte er in so guter Ordnung, dass mit einem Blicke zu ubersehen war, wer im letzten Vierteljahre nicht gebeichtet hatte. Ein solches Beichtkind zeichnete er sich an, um bei demselben, sobald sich's tun liess, einen Hausbesuch abzustatten, wobei er dann gegen die Verachter der Beichte ein wenig zu eifern pflegte, weil er wirklich auf diesen Glaubensartikel am strengsten hielt. Sonst tat er niemand etwas Boses; und ob er gleich, wenn es sein Evangelium mit sich brachte, auch von der Kanzel weidlich auf die Sunder zu schelten wusste, so war er doch im gemeinen Leben ein ganz umganglicher Mann, der, wenn sich jemand an ihn wendete, gern mit Rat an die Hand ging, auch zuweilen mit Tat, nur nicht mit Gelde, welches, wie wir der Wahrheit zur Steuer bekennen mussen, dem ehrlichen Mackligius ziemlich fest ans Herz gewachsen war.
Eben auch die Begierde, seine Einkunfte nicht zu vermindern, bewog ihn, den Sebaldus in sein Haus zu nehmen, und der Unterricht seines Sohnes war eigentlich nur eine Nebensache. Denn da Ehrn Mackligius der heilsamen alten Meinung war, dass man auf Schulen die menschlichen Studien (Humaniora), das heisst bloss Wortkenntnis treiben musse, dass hingegen die wenige Sachenkenntnis, die ein Theologe braucht, sehr fuglich bis zur Universitat verspart werden konne, so bestand die Unterweisung des jungen Heinz Mackligius beinahe bloss darin, dass er wechselsweise ein Pensum aus Dietericii "Institutionibus catecheticis", aus Rhenii "Grammatica latina" und aus Wellerii "Grammatica graeca" auswendig lernen musste und nebenher ein wenig Hebraisch buchstabierte. Nun besass Heinz Mackligius (der, nach dem zu urteilen, was man in fruhen Jugendjahren an ihm bemerkt hat, gewiss noch ein Pfeiler der orthodoxen Kirche werden muss) eine so gluckliche Gabe, Regeln, die er nicht verstand, auswendig zu lernen, dass er seinem Lehrmeister beinahe gar keine Muhe machte. Sein Vater hatte daher dessen Unterricht neben seinem Predigtamte, Gartenbaue und Huhnerfuttern ganz gemachlich abwarten konnen, wurde also auch wohl nicht daran gedacht haben, fur denselben einen Hofmeister anzunehmen, wenn ihm nicht bei herannahendem Alter das Predigen in seinem Filiale allzu beschwerlich gefallen ware. Der Weg war weit, und wenn er nach geendigter Predigt in der Sakristei den Klingebeutel ausschuttete, so schien er ihm nicht halb bezahlt zu sein. Das verdross ihn dergestalt, dass er einst das Filial ganz aufgeben wollte. Nachdem er aber uberlegt hatte, dass die Artikel des Beichtgeldes, der Taufen, Trauungen und Beerdigungen in der Haushaltung ein Loch machen wurden, wenn sie ausblieben, ungerechnet noch die Kase und die Butter nebst den fetten Hammeln und Gansen, woran die gottseligen Marschlandsbauren ihre Seelenhirten keinen Mangel leiden liessen, so ward er ganz unruhig und wusste nicht, wozu er sich entschliessen sollte.
Endlich fiel er auf den glucklichen Gedanken, dass er einen Hofmeister fur seinen Sohn annehmen und demselben die sonntaglichen und meisten festtaglichen Predigten im Filiale auftragen wollte. Die Einkunfte des Klingebeutels dachte er ihm zum Hofmeistergehalte anzuweisen; das Beichtgeld hingegen nebst den Tauf, Trauungs- und Leichengebuhren behielt er sich selbst vor. Auf diese Art berechnete er klaren Vorteil. Er walzte den Unterricht seines Sohnes und die beschwerlichen Filialpredigten von sich ab, und doch wurden seine Einkunfte nur um etwas sehr weniges vermindert.
Dieses sehr wenige war indes nebst freier Wohnung und Kost fur den genugsamen Sebaldus vollig hinreichend. Er trat also sein doppeltes Amt mit herzlicher Zufriedenheit an, unterwies seinen Zogling und predigte jeden Sonntag fleissig. So lebte er einige Wochen lang sehr zufrieden, bis ein kleiner Umstand seine Ruhe storte und in dem ganzen Stadtchen einen unvermuteten Rumor erregte.
Dritter Abschnitt
Es hatten damals die Herren Landprediger zwei Meilen in der Runde um dieses Stadtchen ein sehr nutzliches Institut angefangen, das wir allen Landpredigern innerhalb und ausserhalb Holstein zur Nachahmung hochlich anpreisen wollen. Es ist ein sehr gemeiner und oft nicht ungegrundeter Vorwurf, den man diesen Landgeistlichen macht, dass sie endlich selbst zu Bauern wurden und ganzlich vergassen, dass sie Gelehrte sind. Die Hauptursache davon ist wohl, dass sie selten zusammenkommen, ausser etwa auf Synodalversammlungen oder auf Witwenkassenberechnungen. Sie erfahren daher nichts von dem, was in der gelehrten Welt vorgehet, und verlieren alle Lust, sich um gelehrte Sachen zu bekummern, die ganz ausser ihrem Gesichtskreise liegen.
Diesem Ubel vorzubeugen, war auf Veranlassung des jungsten Diakonus in der Stadt, Ehrn Pypsnovenius, unter den samtlichen Landpredigern dieser Diozes die Verabredung getroffen worden, dass sie, besonders im Sommer, alle Freitage nachmittags zur Stadt kamen. Sie liessen sich zuforderst samtlich barbieren, auch sollen sie wohl unterderhand Dispositionen von vorjahrigen Predigten gegeneinander ausgewechselt haben, die dadurch auf dieses Jahr wieder brauchbar wurden. Alsdann begaben sie sich zu Ehrn Pypsnovenius, wo sie die neuen Stucke der "Hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit"60 allemal auf dem Tische fanden. Wenn diese gelesen und daruber diskutiert worden war, so wurden wohl, wenn es die Zeit erlaubte, noch andre neue oder nutzliche Bucher vorgelesen: zum Beispiel des Herrn Doktor Heins "Patriotischer Medikus", verschiedene deutsche Schriften des Herrn Doktor Crusius, als der "Gnomon oder Zeiger zum richtigen Verstande des Propheten Jesaias", der "Plan der Offenbarung Johannis", die "Prophetische Theologie" und andere mehr; die neuesten lateinischen Verse der hamburgischen Gymnasiasten, auch wohl einige ungedruckte neue exegetische Entdeckungen des Herrn Erichson in Storkow oder neue politische Remarken und Epigramme vom Herrn Westphal in Tonning.
Wenn dieses abgetan war, wurde um sechs Uhr, damit die fremden Gaste beizeiten nach ihrer Heimat zuruckreisen konnten, gegen eine gesetzte Zeche von sechs Lubschschillingen eine Abendmahlzeit von holsteinischem Rauchfleische und Schlackwursten nebst gutem Eutiner Biere aufgetragen. Dabei zeigte sich die Gesellschaft frohlich, und jeder der Gaste erzahlte dann, was an seinem Orte Merkwurdiges vorgefallen war. Jubelhochzeiten, Zwillinge oder Drillinge, Kalber mit sechs Fussen oder Hunde mit zwei Kopfen, Mordgeschichten und Hagelschaden wurden nicht leicht ubergangen. Eine Neuerung in der Lehre oder in der Kirchenzucht aber durfte kaum irgendwo aufducken, so ward sie unfehlbar in dieser Versammlung angezeigt, die auswartigen herzlich beseufzet, die inlandischen aber (die freilich sehr selten vorfielen) zur Ahndung empfohlen. Durch diese Anstalt ward die Reinigkeit der Lehre in dem ganzen Kirchsprengel nicht wenig befordert; denn Ehrn Pypsnovenius trug das, was in der Versammlung berichtet worden war, jederzeit am folgenden Sonntage nach geendigter Vesper dem Kirchenpropste Ehrn Doktor Puddewustius zu, der sodann nach Beschaffenheit der Umstande die weisesten Massregeln nehmen konnte.
Einst berichtete auch in dieser Versammlung einer der Landprediger, Ehrn Suursnutenius, dass sein Schulmeister, ein Leinweber und feiner wachsamer Mann, der die symbolischen Bucher ad unguem auswendig wisse, am vergangnen Sonntage in dem Filiale Ehrn Mackligii von dessen Informator eine Predigt gehort habe, worin behauptet worden: man musse die Christen von andern Religionsparteien als seine Bruder lieben. Ehrn Suursnutenius setzte fur sich hinzu: Hieraus wurde folgen, man musse auch die Kalvinisten als seine Bruder lieben; welcher Satz bei jetzigen Umstanden um so viel bedenklicher sei, da ja bekanntlich, aller Vorstellungen Rev. Ministerii ungeachtet, verschiedene kalvinische Tuchmacher in der Stadt das Burgerrecht erhalten hatten, zum grossen Schaden und Argernisse der alt-evangelischen Einwohner, die noch wohl wurden in Hutten und Keller weichen oder gar den Wanderstab ergreifen mussen, wenn's so fortginge Noch wolle der Schulmeister erzahlen, der Informator habe auch gepredigt: Gott sehe aufs Herz und nicht auf die Lehre; man musse daher auch tugendhafte Juden und Heiden nicht geradezu verdammen. Er, Suursnutenius, aber wolle, weil es, gar zu arg sein wurde, der christlichen Liebe gemass glauben, der Schulmeister konne hierin wohl falsch gehort haben.
Die Gesellschaft ging auseinander. Aber diese Nachricht ward, wie gewohnlich, den folgenden Sonntag von Ehrn Pypsnovenius dem Kirchenpropste Doktor Puddewustius wiedererzahlt. Doktor Puddewustius schuttelte ziemlich den Kopf, fragte nochmals nach den Umstanden und schuttelte wieder. Er stiess manches Hum und Hem aus, legte zwei- oder dreimal den linken Zeigefinger an die Nase, und nach reifer Uberlegung entschloss er sich, beim Archidiakonus Ehrn Mackligius selbst nahere Anfrage zu tun.
Um bei der Untersuchung solcher wichtigen Angelegenheit desto weniger Aufsehen zu erregen, besuchte der Propst und der Diakon den Archidiakon am Montage nach Tische, als ob es nur von ungefahr im Vorbeigehen geschahe. Sie fanden ihn im Garten, im Kamisole, eine alte Nachtmutze auf dem Kopfe und eine Schurze vorgebunden, den Spaten in der Hand, beschaftigt, den vorher auf ein Salatfeld ausgebreiteten Dunger unterzugraben.
Bei der unvermuteten Ankunft des Propstes war zwar der Archidiakon ziemlich betroffen, holte aber gar bald aus dem nahe liegenden Gartenhause eine genahte baumwollne Perucke nebst einer alten Summarie, die ihm im Hause statt eines Schlafrocks diente, so dass es, weil der Kirchenpropst sehr langsam einherging und der Archidiakon sich sehr geschwind umzog, nicht lange wahrte, bis letzterer imstande war, seinen geistlichen Obern zu empfangen.
Nach den ersten Bewillkommungskomplimenten, nachdem die Materie vom schonen Wetter abgehandelt und die Nachfrage nach dem Flusse in der Schulter und den Ruckenschmerzen, denen Se. Hochwurden zuweilen unterworfen waren, geendigt worden, folgte die Klage uber die schlechten, verderbten Zeiten, bei welchen die in der Stadt angesetzten kalvinischen Tuchmacher erwahnt wurden; und hiervon kam Doktor Puddewustius ganz naturlich auf die Predigt, die Sebaldus von der Liebe gegen Mitglieder anderer Religionsparteien sollte gehalten haben. Ehrn Mackligius war uber den Inhalt derselben nicht wenig besturzt. Er versicherte, er wurde an keinem seiner Hausgenossen solche irrige Lehre dulden und wolle sogleich den Informator rufen lassen, dass er sich selbst in Gegenwart Sr. Hochwurden verantworte. Der Propst aber wollte dies nicht gestatten, damit es nicht etwa in der Stadt ein Aufsehen geben mochte. Er ermahnte nur Ehrn Mackligium, seinen Informator insgeheim zu vernehmen, ob er wohl wirklich so gepredigt habe, und ihn vor fernerer Neuerung in der Lehre ernstlich zu warnen, im weitern Ubertretungsfalle aber ihn gleich abzuschaffen. Er versicherte, aus der Erfahrung zu haben, dass die Hornviehseuche durchs Totschlagen der kranken Haupter und die Heterodoxie durch Absetzen und Wegschaffen der irrigen Lehrer am sichersten vertilgt wurden und dass in beiden Fallen alle anderen Mittel zu weitlauftig und uberdies zu unkraftig waren. Hiermit nahmen die beiden Geistlichen Abschied.
Vierter Abschnitt
Mackligius liess den Sebaldus sofort rufen und befragte ihn uber seine am Sonntage vor acht Tagen gehaltene Predigt. Sebaldus leugnete gar nicht, dass der Inhalt so gewesen, wie ihn der Kuster angegeben hatte. Der Archidiakonus erstaunte zwar nicht wenig, weil er aber sonst mit seinem Informator wohl zufrieden war und auf so leidliche Bedingungen nicht so bald einen andern zu erhalten hoffen konnte, gab er sich die Muhe, die er sich sonst nicht leicht gab, einen Versuch zu machen, ihn zu uberzeugen, dass er sich auf einer gefahrlichen Lehre habe betreten lassen, der er notwendig absagen musse.
Sebaldus: Und was ware denn an dieser Lehre Verwerfliches? Gebietet uns nicht die Schrift, unsern Nachsten zu lieben als uns selbst? Ist davon der Nebenmensch ausgenommen, der in Glaubenssachen anders denkt als wir?
Mackligius: Dies will ich nun freilich eben nicht sagen; nur dunkt mich, in Absicht auf die Sektierer ist's ' gesagt, dass sie unsere Nachsten sein sollen. Wir mogen sie immer lieben, wenn sie nur weit weg sind. Wenigstens in dieser guten Stadt ist's nun einmal der Grundverfassung gemass, dass bloss rechtglaubige Lutheraner darin wohnen konnen, und dabei muss man festhalten. Es ist also hier sehr bedenklich zu predigen, man solle die Irrglaubigen lieben; denn wenn sie erst wissen, dass wir sie lieben, werden sie auch bei uns wohnen wollen, und sodann geht's immer weiter. Dann wurden auch die symbolischen Bucher kaum mehr helfen, und es wurde keine Einigkeit und Reinigkeit der Lehre mehr dasein. Haben sich nicht so bei uns die kalvinischen Tuchmacher eingenistelt? Was half das Widersprechen? Selbst der billige Vorschlag wurde verworfen, dass jede kalvinistische Feuerstelle dem Pastor ihres Kirchspiels jahrlich einen Portugaloser abgeben sollte, weil doch sonst die Jura stolae litten, indem auf ebendemselben Flecke ein rechtglaubiger Lutheraner hatte wohnen konnen. Ach, lieber Herr Magister, bei der einmal festgesetzten Grundverfassung muss man halten, es geht sonst nicht.
Sebaldus: Und doch steht von solchen Grundverfassungen, die unserm Nebenmenschen nicht die Luft gonnen wollen, im ganzen Neuen Testamente nicht ein Wort. Jura stolae, symbolische Bucher und dergleichen Dinge mehr sind auch darin nicht geboten.
Viel Disputierens war Mackligius' Sache nicht. Er wollte sich also weiter nicht auf Grunde einlassen, sondern rief nur angstlich aus: "Die Grundverfassung unsrer Stadt ist einmal nicht zu andern! Auf die symbolischen Bucher sind wir auch verpflichtet! Man muss keine Neuerungen gestatten! Die Verbindung ist einmal unverbruchlich festgesetzt und eidlich bestatiget, dass wir bei der alten Lehre bleiben und uns jeder fremden Lehre standhaft widersetzen wollen; und nun kann man nicht erst untersuchen, sondern die Sache muss ganz und gar ihr Bewenden haben! Wir konnen nun einmal keine Irrlehrer, Kalvinisten und dergleichen bei uns zugeben; also muss man auch nicht lehren, dass man sie lieben musse."
Sebaldus mochte immer einwenden, die Vernunft sage uns, eine ungereimte Verfassung konne gar wohl verandert werden, und eine Verbindung, die sich auf Unwahrheit stutze, konne nicht verbindlich sein. Vergebens! Mackligius blieb dabei, man musse in Glaubenssachen bei einer einmal eingegangenen Verbindung fest verharren, sie sei beschaffen, wie sie wolle; auf die Vernunft aber musse man in Glaubenssachen gar nicht achten, sondern sich dem fugen, was die Voreltern festgesetzt hatten. Und so drang er dem Sebaldus einen Handschlag ab, dass er ferner den Irrglaubigen vorteilhafte Lehren gar nicht predigen, sondern sie lieber ganz mit Stillschweigen ubergehen wolle.
Funfter Abschnitt
Einige Tage darauf sollte im Filiale das Kind eines Schiffers getauft werden. Mackligius ging mit dem Sebaldus hinaus. Als der erstere an den Taufstein trat, erblickte er einen Paten, den er nicht kannte. Er liess ihn in die Sakristei treten, um sich naher zu erkundigen, und erfuhr zu seiner nicht geringen Besturzung, dass er ein reformierter Kaufmann aus Bremen sei. Mackligius sagte ihm darauf geradeheraus, er konne ihn nicht zum Taufzeugen annehmen, weil Rev. Ministerium noch kurzlich sich verbunden habe, niemals einen reformierten Paten bei irgendeiner Taufe zuzulassen. Der Kaufmann wunderte sich hieruber nicht wenig, und der Schiffer erschrak sehr, denn der Kaufmann war Sein Reeder und ihm zu Gefallen ausdrukklich von Bremen zum Kindtaufen gekommen. Man suchte den Mackligius zu uberreden, man ward hitzig; aber er blieb unbeweglich.
Der Kaufmann fasste sich endlich und sagte: "Wollen Sie mir nicht erklaren, Herr Pastor, was bei einem Taufzeugen das Wesentliche und was dabei das Zufallige ist?"
"Ich merke schon", rief Mackligius, "dass Sie etwas von Mitteldingen, von Adiaphoris schwatzen wollen; das gehort aber gar nicht hieher."
"Nicht doch", versetzte der Kaufmann, "vom Wesentlichen und Ausserwesentlichen wollen wir reden. Meinen Sie nicht, das Wesentliche eines Taufzeugen sei, zu bezeugen, wenn es notig ist, dass das Kind getauft worden, und in Ermangelung der Eltern und Vormunder fur des Tauflings Erziehung zu sorgen?"
Mackligius konnte dies nicht leugnen.
"Und nun", fuhr der Kaufmann fort, "ist nicht das Opfer, das ins Becken geworfen wird, etwas Zufalliges bei der Taufe?"
Mackligius, nach einigem Stocken, bejahte es.
"Gut", sagte der Kaufmann, "horen Sie also einen Vorschlag zum Vergleiche: Ich will, weil es denn Rev. Ministerium nicht anders haben will, allen wesentlichen Pflichten eines Taufzeugen entsagen. Ich will jedermann in Ungewissheit lassen, ob das Kind getauft worden; ich will mich huten, fur seine Erziehung zu sorgen, und wenn es auch Vater und Mutter verlieren und von seinen Vormundern verlassen werden sollte. Kann mir denn nun wenigstens nicht erlaubt werden, das Zufallige eines Taufzeugen zu verrichten und nach vollbrachter Handlung diese Dukaten ins Becken zu opfern?"
Mackligius war in keiner geringen Verlegenheit. Endlich bewog ihn die Distinktion des Kaufmanns und das Bitten des Vaters, fur dieses Mal einen reformierten Taufzeugen zuzulassen.
Kaum waren sie wieder zu Hause angekommen, so ruckte ihm Sebaldus vor, dass er nicht nach seinen eignen Grundsatzen handele. Denn wenn eine feierliche Verbindung jederzeit unverbruchlich musse gehalten werden, so wurde er unrecht haben, wider dieselbe einen reformierten Taufzeugen anzunehmen.
"Ja", rief Mackligius ein wenig verlegen, "hier war eine Ausnahme. Zudem sah ich wohl, der Bremer war ein ganz guter Mann, der sich gerade bei uns nicht wird niederlassen wollen."
Sebaldus: Ei, nun sei Gott Dank! Wenn nur ein Mitglied einer andern Konfession ein guter Mann ist, so mogen's auch wohl mehrere sein. Ich kann also auch wohl eine Ausnahme von dem Ihnen getanen Versprechen machen; denn warum sollten wir solche gute Leute nicht lieben, wie der Bremer Kaufmann und seine Glaubensgenossen sind?
Mackligius: Herr Magister! Ich bitte Sie sehr, fangen Sie ja nicht wieder an, dergleichen zu predigen; Sie konnen sonst sich und mich unglucklich machen. Weshalb wollen wir denn die Kalvinisten und dergleichen Leute so sehr lieben? Wozu? Im Lande durfen sie sich doch nicht weiter ausbreiten, als sie leider bereits getan haben; denn es muss ein Glaube, ein Hirt und eine Herde im Lande sein, sonst kommt alles in Unordnung.
Sebaldus: Oh, damit schrecken Sie mich nicht! Ich komme eben jetzt aus dem Brandenburgischen, wo Menschen von zwanzigerlei Religionsgesinnungen meist ganz friedlich nebeneinander leben; und wenn sie sich ja zuweilen ein wenig zanken, so bleibt doch alles im Staate in sehr guter Ordnung. Lassen Sie uns nur nicht wahnen, alle Wahrheit und gute Gesinnung sei ausschliessend bei unserer Religionspartei; lassen Sie uns vielmehr untersuchen, ob diejenigen, die wir fur Irrlehrer halten, nicht mehr Wahrheit mogen erkannt haben und lobenswurdiger leben als wir: und dann finden wir vielleicht, dass wir sie verehren und lieben mussen. Ich wiederhole nochmals, lassen Sie uns untersuchen, und lassen Sie keine Verabredung, kein Lehrgebaude, kein symbolisches Buch uns aufhalten, wenn wir Wahrheit suchen und finden konnen.
Mackligius: Ach, mein lieber Herr Magister, Sie wollen doch immer soviel spekulieren! Diese Sucht mogen Sie wohl aus dem leidigen brandenburgischen Lande mitgebracht haben. Da soll's arg zugehen; da soll alles voll Rotten und Sekten sein. Das kommt her von dem unchristlichen Vernunfteln! Da wird immer einer an dem andern irre! Wenn einem ja auch hin und wieder ein Zweifel einfallt, so ist's besser, man unterdruckt ihn gleich. Dies ist viel kurzer und besser, als davon soviel Redens zu machen, daruber dann andere auch irregehen. Nein, lassen Sie mir immer die Lehrformeln und die symbolischen Bucher in Ehren. Sie sind, aufs wenigste gerechnet, ein notwendiges Ubel. Da ist ja so vieles in der Bibel, woraus man sich sogleich nicht finden kann, und so wurde man wahrend seiner ganzen Lebenszeit untersuchen mussen, was man glauben soll, wenn's nicht schon in der "Augspurgischen Konfession" vorgeschrieben ware.
Sebaldus: Schon! Aber dies ist ebendasselbe Argument, das die Katholiken fur die unfehlbare Autoritat der Kirche anfuhren! Wir selbst konnen, sagen sie, die Bibel nicht hinlanglich erklaren, dies tut die Kirche fur uns; darum mussen wir glauben, was die Kirche glaubt. Also hatten wir bei der Reformation nur eine Unfehlbarkeit mit der andern verwechselt, der wir blindlings trauen mussten? Wenn also der Papst die "Augspurgische Konfession" gemacht hatte, so wurden Sie, Herr Pastor, ohne Bedenken ein Papist sein!
Mackligius: Behute mich Gott, was reden Sie? Herr Magister! Herr Magister! Sie wissen ja, dass ich der echten, ungeanderten evangelischen Lehre zugetan bin.
Sebaldus: Ja, dem Buchstaben nach, aber nicht im wahren Geiste. Eine blinde Unterwurfigkeit unter die Ausspruche der geistlichen Obern ist nicht der wahre Geist des Protestantismus. Was wir glauben sollen, davon mussen wir uberzeugt sein. Die blosse Annehmung einer Lehre, weil sie in einem Buche verzeichnet ist, es mag dies Buch Bibel, symbolisches Buch oder wie man sonst will heissen, ist keine Uberzeugung. Sollen wir uberzeugt werden, so mussen wir untersuchen, und erst dann, wann wir einen Satz durch vernunftige Untersuchung fur wahr erkennen, kann er moralische Wirkungen veranlassen.
Mackligius: Aber, Herr Magister, wohin wurden wir kommen, wenn wir erst von neuem anfangen wollten zu untersuchen? Musste man da nicht sein ganzes Leben lang studieren? Zumal in unsern jetzigen letzten, betrubten Zeiten, da, wie man aus den "Hamburgischen Nachrichten" zuweilen sieht, an der Ober-Elbe so viele neuerungssuchtige Leute sind, die nichts wollen als untersuchen, die uns eine ganz neue Theologie, ja sogar eine ganz neue Bibel machen wollen? Ja wahrhaftig, eine neue Bibel! Da schickt mir der Postmeister neulich mit den Zeitungen einen Zettel, dass ich 234 Mark auf eine Bibel pranumerieren soll, die einer in England (ich glaube, der Mensch heisst Kennikott) will drucken lassen. Ja, dass Gott erbarm'! 234 Mark in diesen schweren Zeiten! Und da sollen in dieser Bibel viele tausend Stellen ganz anders sein als in unserer lutherischen Bibel! Nun sehen Sie einmal selbst, was das fur eine Verwirrung in unserm guten Holstein geben wurde, wenn man nicht schon wusste, was man zu glauben hatte.
Sebaldus: Ich habe von dieser Bibel auch gehort, glaube aber, sie wird ganz und gar keine Verwirrung anrichten, sondern kann vielmehr einen sehr grossen Nutzen haben. Denn wenn die Theologen, wie es nicht unterbleiben wird, uber die Menge der Varianten, die der arbeitsame Englander fur seine funfzigtausend Taler zusammengelesen hat, sich funfzig Jahre lang werden mude disputiert haben, so wird man endlich wohl einsehen, dass die Gluckseligkeit des menschlichen Geschlechts, die Gott bei seiner Offenbarung zum Zwecke gehabt haben muss, nicht auf Schreibfehlern und Varianten, Mutmassungen und Wortklaubereien beruhen kann. Also auch von dieser Untersuchung uber Varianten will ich niemand abschrecken. Ich glaube, die wahre Religion kann und wird die strengsten Untersuchungen von aller Art aushalten; darum mag man in Gottes Namen fortfahren, alle Meinungen der Menschen zu Sichten und den Weizen von der Spreu zu sondern.
Mackligius rief sehr erschrocken: "Nein, nein! Die Menschen mussen nicht zu vorwitzig sein. Wenn wir nicht der Untersuchungssucht ein Ziel setzen, wer weiss, wohin wir noch geraten. Da konnen wir noch Synkretisten und Indifferentisten, ja endlich gar Naturalisten werden."
Sebaldus: Ich glaube nicht, dass uns die Untersuchung so weit fuhren werde; aber ich fur meine Person folge dem Wege der Wahrheit ganz gelassen, wohin er mich auch fuhret.
Mackligius: Ach, Herr Magister, Herr Magister! Ich will ja lieber bleiben, wo ich bin, als mich so weit wagen. Ich werde gar zu unruhig, wenn ich an solche Dinge denke; darum vermeide ich sie, und das tun Sie nur fein auch.
Sebaldus: Wenigstens will ich niemand zureden, hierin weiter zu gehen, als ihn seine Neigung fuhrt. Indes erhellet aus allem diesen so viel, dass wir uns die Unfehlbarkeit in Glaubenssachen nicht zueignen konnen und also die Andersdenkenden lieben durfen und wenigstens tolerieren mussen.
Mackligius: Nun ja, tolerieren ist auch viel kurzer, als wenn man soviel untersucht. Wir wollen sie, wie Sie ganz recht sagen, lieber tolerieren. Doch um wieder aufs Vorige zu kommen, tun Sie mir's immer zu Gefallen und predigen nicht ferner davon, dass man sie lieben musse. Sehen Sie, wir haben hier in unserer Stadt unsere besondere Verfassung; und dann ist's bedenklich wegen der Neuerung mit den kalvinischen Tuchmachern.
Sebaldus: Sehr gern! Ich habe uberhaupt nicht geglaubt, dass die Lehre, die ich predigte, so neu ware, dass dadurch Aufsehen erregt werden konnte; ich meinte wahrlich nur eine schon bekannte nutzliche Lehre weiter einzuscharfen. Freilich, wenn die Ermahnung, unsere Bruder von andern Konfessionen mehr zu lieben, den Erfolg haben sollte, dass man sie mehr hasste, so ist's besser, ganz davon zu schweigen.
Mackligius gab ihm von ganzem Herzen darin recht, dass schweigen hier das beste ware, und versicherte ihn, er kenne die rechtglaubigen Holsteiner und wisse gewiss, dass die Ermahnung, die Kalvinisten zu lieben, bei ihnen nur Hass zuwege bringen werde. Der ehrliche Sebaldus beseufzete eine so unchristliche Gemutsverfassung und geriet in das Lob einer wahren christlichen Toleranz, und Mackligius, wohl zufrieden, dass er nur den Hauptpunkt wegen des Predigens von ihm erlangt hatte, stimmte ihm in allem bei. Sebaldus fuhr fort: dass sich die Menschen uber allerhand Meinungen, die noch nicht ausgemacht waren und auch wohl nicht ausgemacht werden konnten, nicht hassen, sondern sich vielmehr untereinander ertragen sollten; und Mackligius sagte ja, einmal uber das andere.
Indem sie in diesem Gesprache begriffen waren, trat ein Jude aus Rendsburg ins Zimmer, welcher beim Mackligius Geld umzusetzen und sonst zu handeln pflegte. Die beiden Geistlichen hatten sich durch die schonen Traume von christlicher Toleranz die Einbildung so erhitzt und das Gemut in eine so selbstgefallige wohltatige Lage gebracht, dass sie sich stark genug fuhlten, dieses Juden Bekehrung zu versuchen. Mackligius bewies ihm mit vielen Grunden, der Messias sei schon gekommen. Der Jude versetzte: es konne sehr wohl ein Messias gekommen sein, nur nicht der Messias der Juden, wofur er zum unwiderleglichen Grunde anfuhrte, dass widrigenfalls er, der Jude, ein vornehmer Mann sein musste, hingegen Mackligius vielleicht wurde alte Kleider kaufen und Zerbster Drittel einwechseln mussen. Sebaldus hielt sich an das himmlische Jerusalem; der Jude aber wollte nur vom irdischen Jerusalem horen, wohin alle Juden in der Welt, wie er gewiss glaubte, noch einst wurden versammelt werden. Alle drei wurden sehr hitzig. Endlich brach der Jude kurz ab: wenn der Herr Pastor heute nichts zu handeln habe, wolle er ein andermal wiederkommen, und ging zur Tur hinaus. Mackligius schalt nicht wenig uber den blinden und verstockten Juden. Sebaldus sass eine Weile, den Kopf auf den Tisch gestutzt; endlich schlug er sich an die Brust und rief aus:
"Ach, er ist ein Mensch wie wir, glaubt von seiner Meinung uberzeugt zu sein wie wir, die ihn mit sich zufrieden macht wie uns die unsrige. Lassen Sie uns, dem barmherzigen Gott gleich, der uns alle ertragt, unsre Toleranz nicht nur auf alle Christen, sondern auch auf Juden und alle andere Nichtchristen ausdehnen!"
Sechster Abschnitt
Der Vorfall mit dem reformierten Taufzeugen erregte in der Stadt kein geringes Aufsehen. Der Pastor Ehrn Lic. Wulkenkragenius eiferte in den Vormittagspredigten wider einen solchen grundsturzenden Irrtum, und der Archidiakon Ehrn Macklagius, ob er gleich sonst am Streiten keinen Gefallen hatte, war doch genotigt, da seine Reinigkeit in der Lehre seinen Beichtkindern verdachtig zu werden anfing, sich in den Nachmittagspredigten zu verteidigen. Die Erbitterung nahm taglich zu. Das ehrwurdige Ministerium teilte sich in zwei Parteien, wovon die grossere Halfte wider Mackligius war, und man fasste einen Ministerialschluss, vermittelst dessen sowohl der Archidiakon als der Informator vor dem Konsistorium wegen falscher Lehre verklagt wurden.
Wahrend dieses auf Tapet kam, starb ein reicher Brauer, welcher mit der ganzen Schule, mit Wachslichtern und Schildern und mit einer Leichenpredigt begraben ward. Das ganze geistliche Ministerium ging mit zur Leiche. Da war der Propst Ehrn Doktor Puddewustius, der Pastor Ehrn Buhkvedderius, der Pastor Ehrn Lic. Wulkenkragenius, der Archidiakonus Ehrn Weelsteertius, der Archidiakonus Ehrn Mackligius, der Diakonus Ehrn Mag. Slaborderius und der Diakonus Ehrn Pypsnovenius.
Ehrn Wulkenkragenius hielt eine Leichenpredigt von der Bewahrung der reinen Lehre. Er ruhmte den Abscheu, welchen der Seligverstorbene bestandig vor den kalvinischen Greueln gehegt habe, so dass die mit Unrecht der Stadt aufgedrungenen Kalvinisten gewiss wurden haben verdursten mussen, wenn alle andere Brauer wie er dem Eifer fur die Rechtglaubigkeit den weltlichen Vorteil nachgesetzt hatten. Nach geendigter Leichenpredigt und verrichteter Beerdigung kamen sie samtlich im Trauerhause zur Trauermahlzeit zusammen, wo diese Materie wieder vorgenommen und die Indifferentisterei, dass man reformierte Taufzeugen zuliesse, sehr bitter gerugt wurde. Ehrn Weelsteertius nahm sich des bedrangten Mackligius an. Der Streit ward sehr heftig; beide Teile schrien so stark, dass keiner den andern verstand; und weil die ministerialische Partei die heftigste und auch die starkste war, so wurde es vielleicht gar zu Tatlichkeiten gekommen sein, wenn nicht die Minoritat, ihrer Schwache sich bewusst, am Ende der Mahlzeit nach der Hausture geeilt ware. Doch hatte das Gezank auch auf der Gasse noch kein Ende. Der Pobel lief zusammen, nahm an dem Streite der geistlichen Herren Anteil, und da, gerade als der Eifer fur die Rechtglaubigkeit angezundet war, unglucklicherweise ein kalvinischer Tuchmacher uber die Strasse ging, so ward derselbe zur Bestatigung der rechtglaubigen Lehre mit Fussen getreten und ihm ein Auge ausgeschlagen.
Dieser Vorgang, wobei sich die Regierung zu Gluckstadt sehr unorthodoxerweise der Kalvinisten annahm und dem geistlichen Ministerium mehrere Vertraglichkeit und Behutsamkeit empfahl, machte des Mackligius Sache bei seinen Kollegen eben nicht besser. Lic. Wulkenkragenius, ein cholerischer Mann, der nicht verwinden konnte, dass ihm von der Obrigkeit, die doch nur aus Laien bestand, so ein trockner Verweis war gegeben worden, arbeitete eifrig daran, den guten Mackligius ganz und gar vom Amte abzusetzen. Hierin stand ihm unterderhand Diakon Pypsnovenius nicht wenig bei, als welcher durch den machtigen Beistand seines Gonners, des Kirchenpropstes Doktor Puddewustius, in die Archidiakonatsstelle zu rucken dachte. Aber Archidiakon Weelsteertius und Diakon Slaborderius, welche zur Gegenpartei gehorten und uberdem von der Vakanz, die durch Mackligius' Absetzung entstanden sein wurde, keinen Vorteil ziehen konnten, wussten ihre Bekanntschaften in vornehmen Hausern, wo sie Hofmeister gewesen waren, dergestalt zu benutzen, dass aus dem Oberkonsistorialgerichte bloss ein Befehl an Mackligius erging, seinen Informator nie wieder die Kanzel besteigen zu lassen und sich der Reinigkeit der Lehre wegen mit einem neuen Eide zu verbinden. Diesen leistete er zwar ungesaumt, verlor aber nichtsdestoweniger sein Filial. Denn der Edelmann, der sich fur die Reinigkeit der Lehre hatte erstechen lassen, hatte von ihm durch die heimlichen Einblasungen des Diakons Pypsnovenius eine so widrige Meinung bekommen, dass er ihn weiter auf seinem Erbgute nicht dulden wollte. Er verlieh daher seine Filialpfarre dem Landprediger Ehrn Suursnutenius, einem ehrbaren, konkordanzfesten Manne, zu nicht geringem Missvergnugen des Diakons Ehrn Pypsnovenius, welcher, da ihm die Archidiakonatsstelle zu Wasser ward, durch die kraftige Rekommandation des Kirchenpropstes das Filial gewiss nicht zu verfehlen gedachte. Gleichwie man aber leider mehrere Beispiele hat, dass die Kirche der Kuche weichen muss, so war auch hier die Rekommandation des Propstes nicht so kraftig als die Rekommandation der Haushalterin des Edelmanns, welcher Suursnutenius von ihrer Base war empfohlen worden, die da war eine Halbschwester eines Dingvogts, dessen Mutter Gevatterin war von einem Geschwisterkinde der Frau eines Kammerdieners, dessen gnadige Frau eine Kammerjungfer hatte, welche Beichtkind war eines Predigers in einer andern Stadt, dessen Kinder Ehrn Suursnutenius eine Zeitlang unentgeltlich unterrichtet hatte. Dies verursachte zwischen Ehrn Suursnutenius und Ehrn Pypsnovenius einigen Wortwechsel und nachher nicht geringen Kaltsinn, welches endlich Anlass gab, dass die gewohnliche Freitagsversammlung sich ganz und gar zerschlug. Der Himmel weiss, wie es seitdem mit der Kenntnis der neuen Literaturgeschichte und mit den Barten der Landprediger in diesem Teile Holsteins beschaffen sein mag.
Doch mit dem guten Sebaldus war es auf alle Weise noch viel schlechter beschaffen. Da Ehrn Mackligius ihn bloss des Filials wegen zu sich genommen hatte, so wusste er ihn nunmehr ferner gar nicht zu gebrauchen, sondern dankte ihn unverzuglich ab. In der Stadt wollte niemand einen Mann unter sein Dach nehmen, der die gottlose Irrlehre gepredigt hatte, man musse alle seine Nebenmenschen lieben, wenn sie auch von anderer Religion waren. Der Kammerjunker, ein Mann von feiner politischer Weisheit, hielt es seinem guten Vernehmen mit verschiedenen Mannern, die im Lande ansehnliche Amter bekleideten, nicht zutraglich, einen Heterodoxen zu beschutzen. Sebaldus wurde also unter freiem Himmel haben verschmachten mussen, wenn nicht der Schiffer, dessen Kind in Beisein eines reformierten Taufzeugen getauft worden war, ihm freiwillig sein Haus angeboten hatte.
Kaum war dies geschehen, so erhielt er von seinem Freunde Hieronymus auf den an ihn geschriebenen Brief eine Antwort, welche seine Betrubnis vollkommen machte. Hieronymus hatte sich bei dem Verwalter nach Marianen erkundigt und weiter nichts zur Antwort erhalten, als sie sei mit Zurucklassung aller ihrer Sachen, die er fur das vom Sebaldus mitgenommene Pferd zuruckbehalten habe, entlaufen, niemand wisse wohin.
Diese Nachricht brach dem Sebaldus ganzlich das Herz. Von seinem Sohne hatte er schon seit vielen Jahren keine Nachricht. Seine Tochter war nunmehr auch fur ihn verloren, und ihre Auffuhrung schien seiner unwurdig zu sein. Er selbst hatte bloss dem Mitleiden ein Obdach zu verdanken, und er sah keine Aussicht, wie er sein muhseliges Leben auch nur kummerlich fortschleppen konnte.
Der Schiffer, dem sein Zustand zu Herzen ging, schlug ihm vor, dass er nach Ostindien gehen solle, der allgemeinen Zuflucht unglucklicher Europaer, und erbot sich, ihn nach Amsterdam, wohin sein Schiff eben absegelte, umsonst mitzunehmen. Dieser Vorschlag ward von dem bekummerten Sebaldus mit beiden Handen ergriffen, da er nun nichts mehr hatte, was ihn in diesem Weltteile zuruckhalten konnte. Er nahm schriftlich von Hieronymus, seinem einzigen Freunde, den letzten Abschied und empfahl ihm, seinen Kommentar uber die Apokalypse in Verwahrung zu behalten, bis er aus Ostindien von ihm Nachricht bekame. Darauf fuhr er mit dem Schiffer nach Brunsbuttel, wo dessen Schiff lag. Er stieg an Bord, und in wenig Tagen lichteten sie die Anker, erreichten Kuxhaven und stachen mit gutem Winde in die See.
Siebentes Buch
Erster Abschnitt
Das Schiff, worauf sich Sebaldus befand, segelte eine Zeitlang mit gutem Winde und naherte sich schon der hollandischen Kuste. Plotzlich aber stieg in Osten ein Sturm auf, schleuderte das Schiff, Vlie und Texel vorbei, und warf es an die nordhollandische Kuste, wo es, da der Wind in Nordwest lief, unweit Egmont scheiterte. Der Schiffer und die vornehmsten Personen wollten sich in einem Boote retten, aber es sprangen zu viele hinein, und das Boot sank in dem Augenblikke, da die darin befindlichen Unglucklichen das auf dem Sande festsitzende Schiff von den Wellen zerschmettert sahen.
Jeder arbeitete mit ausserster Anstrengung gegen die ungestumen Wogen, aber die meisten ermatteten und gingen zugrunde. Sebaldus war unter den wenigen, die von den Wellen ans flache sandige Ufer geworfen wurden. Er kroch mit ausserster Muhe den Strand hinan, denn durch den heftigen Regen und Wind, das verschluckte Seewasser und die ausgestandenen Muhseligkeiten waren seine Krafte beinahe ganz erschopft. Nahe bei ihm ward der Korper des Schiffers ans Land geworfen. Der halbtote Sebaldus strengte sich an, um seinem Wohltater zu helfen; umsonst, es war kein Zeichen des Lebens an dem Korper hervorzubringen. Dieser neue Kummer uberwaltigte die geringen Lebenskrafte des kaum noch Atem schopfenden Sebaldus. Er sank in Ohnmacht, worin er eine geraume Zeit liegenblieb. Als er ein wenig zu sich selbst kam, sah er in dem schrecklichsten Wetter, da sich nur das ausserste Wuten des Sturms gelegt hatte, einige Strandbewohner beschaftigt, die Uberbleibsel der Ladung des zertrummerten Schiffes aufs eilfertigste plundern, ehe sie der Schout in Egmont etwa ertappen konnte; um ihn aber bekummerte man sich so wenig als um die toten Korper. So lag der hilflose Mann den Rest des Tages, verlassen von der ganzen Natur. Trostlos, das Leben, dessen er schon vorher satt war, nicht weiter wunschend, fiel er endlich aus ganzlicher Ermattung in ein taubes Hinbruten zwischen Schlummer und Ohnmacht; sein letztes Bewusstsein war der Wahn, dass sein Hinsinken des Todes Anfang sei.
Mit Tagesanbruche erwachte er, nur zu empfinden den erwarmenden Strahl der Sonne und die Ruhe des besanftigten Meeres, aber ohne Kraft, sich zu bewegen, ohne Anschein von Hilfe, in der Totenstille der Gegend; die Hoffnung des nahen Todes sein einziger Gedanken.
So fand ihn nach einigen Stunden ein gutherziger nordhollandischer Fischer. Da an ihm noch einige Zeichen des Lebens zu spuren waren, schleppte ihn der Fischer weiter den Strand hinauf, erquickte ihn, so gut er konnte, und fand endlich Mittel, ihn bis in seine Hutte zu bringen. Hier verpflegte ihn der mildtatige Nordhollander, wie es seine eigene Armut erlaubte, so dass der Kranke bald wieder an Kraften zunahm.
Beide konnten nur mit vieler Muhe einander verstehen, durch Hilfe des Plattdeutschen, das Sebaldus in Holstein gelernet hatte. Dieser verhehlte seine Verlegenheit nicht, von allem Notwendigen entblosst, die weite Reise nach Ostindien zu unternehmen, die in dem gegenwartigen Elende noch seine einzige Hoffnung war. Da der Fischer vernahm, dass Sebaldus lutherisch und ein Prediger sei, schlug er ihm vor, ihn zu einem lutherischen Prediger nach Alkmar zu bringen, der ihm zu fernerem Fortkommen behilflich sein werde.
"Weg", rief Sebaldus, durch mannigfaltiges Ungluck erbittert, "weg mit den Geistlichen, sie sind an allen meinen Leiden schuld! Wehe mir, wenn ich mich wieder an sie wenden sollte!"
"Aber dieser", sagte der Fischer, "ist ein frommer, wohltatiger Mann."
"Wohltatig?" rief Sebaldus voll Unwillen. "Ich kenne sie! Sind sie nicht kalt und hartherzig, so tun sie nur denen Gutes, die mit ihnen im gleichen engen Zirkel ihrer Lehrmeinungen herumgehen; ausser demselben bestreiten sie, verdammen, lassen Hungers sterben, sosehr sie vermogen."
"Dieser ist aber doch ein recht guter Mann", versetzte der Fischer. "Der vorige Prediger hat immer mit der ehrwurdigen Klassis viel Streit gehabt; dieser aber vertragt sich mit den Reformierten und mit den Mennoniten so wie mit seinen eignen Glaubensbrudern."
"Er ist vertraglich?" rief Sebaldus. "Wohl, so lasst uns zu ihm gehen. Doch, lieber Mann", sagte er seufzend, indem sie fortgingen, "wisst Ihr nicht einen gutherzigen Kramer oder Bauern? Zu dem wurde ich mehr Zutrauen haben." Der Fischer wusste sonst niemand, und sie gingen nach Alkmar.
Als sie in des Predigers Haus traten und ihn zu sprechen verlangten, rief ihnen die Magd entgegen: "Ihr werdet ihn jetzt nicht sprechen konnen, denn er ist eben von dem Leichenbegangnisse seines einzigen Sohnes zuruckgekommen und noch ganz in Traurigkeit versunken." Doch als sie die Fremdlinge anmeldete, wurden sie vorgelassen.
Der Fischer sagte ihm kurz, er bringe ihm einen auf der See verungluckten lutherischen Prediger aus Deutschland, der nach Ostindien habe gehen wollen, weil er sonst nirgend habe Hilfe finden konnen.
Der Prediger fragte den Sebaldus lateinisch, was ihn bewogen habe, sein Vaterland zu verlassen.
"Ungluck und Mangel", antwortete Sebaldus, sich nicht getrauend, gegen den Prediger eine nahere Veranlassung anzugeben.
"Aber Ungluck und Mangel lasst sich besser in der Nahe abhelfen, ohne die Seinigen zu verlassen."
"Ach, mir ist niemand ubrig, der mich vermissen konnte, niemand ist" (die Tranen flossen ihm uber die abgeharmten Wangen) "in diesem ganzen Weltteile, den ich den Meinigen nennen konnte."
"Du bist also nicht verheiratet, Freund, hast keine Kinder?"
Er sah den Sebaldus starr an und seufzte.
"Ach, meine Frau ist langst vor Kummer gestorben. Kinder? Ach ja, leider, ich habe Kinder. Eine Tochter, die meiner ganz unwurdig ist; einen Sohn, der in der Welt herumirret, seinen Vater langst vergessen hat oder vielleicht auch" setzte er verzweifelnd hinzu "nicht mehr herumirret, denn seit zwei Jahren habe ich keine Nachricht von ihm."
"Und du nennest dich unglucklich, Freund, da du Kinder hast? Sieh mich an!" Er bedeckte sein Angesicht mit der Rechten. "Mein einziger Sohn ist tot, die Stutze meines Alters ist dahin! Wollte Gott, er irrte noch in der Welt herum. Ich wollte auf ihn warten, jahrelang warten! Hatte er Fehler begangen, welches gottliche Vergnugen, ihn zu bessern, ihm in meinen vaterlichen Armen zu vergeben! Du hast unrecht, Freund! Dein Sohn wird von seinen Wanderungen zuruckkehren, deine Tochter wird den Irrweg verlassen, ins vaterliche Haus, zur Tugend zuruckkehren wollen und das vaterliche Haus ist leer! Ihr Vater ist von ihnen geflohen! Ach, Freund, sie sind unglucklicher als du!"
"Fur mich ist kein Haus mehr da!" Er sah den Prediger mit starrer Verzweiflung an. "Nicht einmal ein Obdach in diesem ganzen Weltteile!" Sein Haupt senkte sich, und er legte seine gefalteten Hande auf die Knie.
"Und wer hat es dir genommen?" sagte der Prediger mit einem Tone voll hollandischer Kalte, die Sebaldus fur Gleichgultigkeit nahm.
"Priester haben mich verfolgt", versetzte Sebaldus auffahrend, "weil ich die Wahrheit bekannte" er stand hitzig auf , "haben mich von Lande zu Lande gejagt, wollen mich nicht einen Bissen Brot essen lassen."
"Und, Freund, du bist gewurdigt worden, um der Wahrheit willen zu leiden, und nennest dich unglucklich? Weisst du nicht, welcher Lohn deiner dort wartet? Wer waren die Feinde, die dich verfolgten? Vermutlich herrschsuchtige Pralaten, blutgierige Monche, die Gott einen Dienst zu tun glauben, wenn sie die Ketzer vom Erdboden vertilgen? Unsere reformierte Bruder in Deutschland denken wohl zu gut, um ihre protestantischen Bruder zu verfolgen, wie hierzulande noch bisweilen geschieht."
"Ach, Reformierte? Lutheraner waren es, der Reformation Erstgeborne, die auch nur allein die reine Lehre geerbt zu haben glauben."
Und nun, weil der gute Mann durch den Anblick der niederdruckenden Last seiner Unglucksfalle seine gewohnliche Sanftmut und mit der Hoffnung eines bessern Zustandes auch seine Besonnenheit verloren hatte, kam seine ganze Geschichte und alle seine heterodoxen Meinungen an den Tag.
Der Prediger, voll Erstaunen, sass einige Minuten stille, schlug die Hande zusammen und rief:
"Wie? Keine Genugtuung, keine Erbsunde, keine ewigen Strafen? Freund, du behauptetst verderbliche Irrtumer, die mit dem einzigen Wege zur Seligkeit nicht bestehen konnen!"
Sebaldus hob ungeduldig die Augen empor und redete den Fischer in gebrochenem Hollandisch an:
"Kennt Ihr keinen Handwerker oder Taglohner, der noch nichts vom einzigen Wege zur Seligkeit gehort hat, der wird vielleicht noch einen Bissen Brot mit mir teilen. Ich sagt's Euch ja gleich, dass wir hier nichts ausrichten wurden."
Damit wandte er sich zornig um und wollte zur Ture hinausgehen.
Der Prediger sprang auf, drehte den Sebaldus mit beiden Handen herum, hielt ihn fest, schaute ihm gerade ins Gesicht und rief:
"Mensch! Warum verabscheust du einen Menschen, der den Weg zur Seligkeit fur einzig halt? Warum hassest du ihn, ehe du ihn kennest?"
Sebaldus, bei dem der schnelle Zorn allemal der Ubergang zur Selbsterkenntnis war, antwortete mit sehr gemassigter Stimme:
"Ich hasse niemand; aber, Gott weiss es, diese Priester, welche ausschliessende Seligkeit an Lehrformeln binden, haben mich gezwungen, sie zu verabscheuen, weil sie jeden hassen und verfolgen, der, so wie ich, glaubt, dass Leben und nicht Lehre hier rechtschaffen und dort selig mache."
"Und wenn du", erwiderte der Prediger, indem er die Hande sinken liess und seine Rechte auf Sebaldus' Schulter legte, "glaubst, dass man bei jeder Lehrmeinung rechtschaffen sein kann, warum willst du, dass man es nur bei der orthodoxen lutherischen Lehre nicht sein konne, welche fromme Leute in Form gebracht haben, welche die Kirche angenommen und die Obrigkeit bestatigt hat?"
"Guter Alter", versetzte Sebaldus etwas stammelnd, "wenn du soviel Ungemach von herrschenden Rechtglaubigen erlitten hattest als ich, so wurdest du die Frage nicht tun. Sie verdammen den, der anders denkt als sie, in alle Ewigkeit, und hier auf Erden hassen sie ihn als einen Verdammten und vertreiben ihn, soweit sie ihn erreichen konnen."
"Und das tun alle? Kennst du sie alle? Freilich, mein Freund, wer herrschen will, wird verfolgen. Auch ich lebe unter einer herrschenden Kirche, die verfolgt, soweit es die Obrigkeit zulasst. Aber dazu treibt nicht Lehre, sondern Herrschsucht und Rechthaberei. Du hast Ungemach erlitten von heftigen und herrschsuchtigen Mannern, die orthodox waren. Freund! Hast du noch keinen Heterodoxen gesehen, der auch herrschsuchtig war? Dann hattest du weniger Erfahrung als ich. Ich habe schon oft mit dem ersten Keime der Heterodoxie auch Eigendunkel und Rechthaberei aufsprossen sehen."
Sebaldus, beschamt, vermeinte: die bose Lehre von der ewigen Verdammnis mache doch die Gemuter so sehr geneigt, denjenigen, den man schon als einen kunftig ewig Verdammten ansieht, auch schon hier zu verabscheuen.
"Mein Freund", rief der Prediger, "die dordrechtischen Rechtglaubigen dieses Landes haben nebst der Ewigkeit der Hollenstrafen noch die unbedingte Pradestination. Und dennoch ist in Alkmar so mancher brave Kalvinist, der mich nicht fur pradestiniert halt, aber doch mich herzlich liebt. Ich bin lange in Amsterdam gewesen, wo hundert Sekten sich ihrem Lehrsysteme nach verdammen und friedlich nebeneinander leben."
"Ich bin", fiel ihm Sebaldus hastig ins Wort, "in Berlin gewesen, wo auch Religionsverwandten aller Art friedlich miteinander umgehen, und ich habe dort nichts vom Verdammen gehort ausgenommen etwa einmal."
"Ei", rief der Prediger, "wenn du es auch nur einmal gehort hast, so wird es doch wohl auch dort mehrmal geschehen. Hore meine Meinung: Nach meinem Lehrsysteme, das ich jahrelang durchgedacht habe, bist du ich kann es nicht bergen in Irrtumern, die deiner kunftigen Seligkeit hinderlich sind, wenn Gottes Gnade nicht viel weiter geht als die Einsichten, die ich aus seinem Worte schopfen kann. Hieruber getraue ich mir aber nicht zu bestimmen. Sei also Gott und deinem Gewissen uberlassen! Und nun? Warum sollt ich dich nicht lieben, wenn du sonst Liebe verdienst? Ich sagte vorher, wenn mein Sohn, dessen Tod ich beweine, bloss verirrt ware und endlich wieder zu mir kame, wurde ich ihm vergeben und ihn zu bessern suchen. So halte ich auch jeden verirrten Glaubensbruder ebenso gewiss, als ich wunsche, dass jeder Glaubensbruder, wenn ich mich verirre, gegen mich so handele. Auch dich, Freund, sehe ich als meinen Bruder an! Nicht dieser ganze Weltteil hat dich verstossen; hier ist noch ein Ort, und er ist hoffentlich nicht der einzige, wo Einfalt der Sitten, Eintracht und Gastfreundschaft herrschen. Bleib bei mir, mein Bruder! Mein Haus ist das deinige, und meinen Bissen teile ich mit dir, solange ich selbst noch einen Bissen habe."
Hiemit schloss er ihn in seine Arme, und Sebaldus, beschamt wegen seiner Ubereilung, stumm vor freudigem Erstaunen, konnte nur durch Tranen antworten.
Der Prediger hielt redlich, was er versprochen hatte. Er nahm den Sebaldus in sein Haus auf und versah ihn mit den notwendigsten Erfordernissen. Sie hatten den freundschaftlichsten Umgang. Freilich konnte es nicht fehlen, dass nicht beide sehr bald uber Erbsunde, Wiedergeburt und Genugtuung zu disputieren anfingen, aber dies machte in den menschenfreundlichen Gesinnungen des Predigers keine Anderung, selbst alsdann noch nicht, wann Sebaldus Argumente vorbrachte, bei denen der gute Prediger einige Minuten stillschweigen und sich erst auf Gegenargumente besinnen musste.
Auf diese Art gingen einige Wochen vorbei, bis ein Kaufmann aus Rotterdam, der eine Partei Guter auf dem gestrandeten Schiffe gehabt hatte, deshalb nach Egmont kam und sich bei dieser Gelegenheit einige Tage in Alkmar aufhielt, wo er den lutherischen Prediger, seinen alten Bekannten, besuchte. Er sah daselbst den Sebaldus, und nach naherer Erkundigung trug er diesem die Erziehung seines zweiten Sohnes unter vorteilhaften Bedingungen an. Sebaldus beurlaubte sich also bei seinem Wohltater und reisete mit dem Kaufmanne nach Rotterdam.
Zweiter Abschnitt
Der Kaufmann hatte bereits in seinem Hause einen Hofmeister, der zur Erziehung seiner beiden Sohne gar wohl hatte hinlanglich sein konnen. Allein er hatte eine lutherische Frau, und in den Ehepakten war festgesetzt, dass das erste Kind reformiert und das zweite lutherisch erzogen werden sollte. Seine Frau, eine gutmutige Matrone, mit der er in allen Dingen, auch selbst in Absicht der zwischen ihnen verschiedenen Konfession in grosster Eintracht lebte, wurde mit dem einen Hofmeister, ob er gleich reformiert war, sehr wohl zufrieden gewesen sein, wenn nicht Domine Ter Breidelen, ihr lutherischer Gewissensrat, ihr die Nichterfullung dieses Teils der Ehepakten so oft zu einer Gewissenssache gemacht und uber diese Beeintrachtigung der reinen Lehre bei ihren mitlutherischen Vettern und Muhmen so oft bittere Klagen gefuhrt hatte, dass Frau Elsabe endlich anfangen musste, ihrem Manne uber diese Sache in den Ohren zu liegen. Dieser wurde auch zu Befestigung des Hausfriedens sowie des Kirchenfriedens schon langst ihrem Verlangen ein Genuge getan haben. Bloss der Mangel eines dazu fahigen lutherischen Kandidaten war bisher daran hinderlich gewesen.
Es ward also der zweite Sohn des Kaufmanns dem Sebaldus ubergeben, zu nicht geringem Missvergnugen des reformierten Hofmeisters Meester Puistma, der den Knaben schon als sein Eigentum betrachtete und der es als ein Misstrauen gegen einen so gelehrten Mann auslegte, dass man einem andern das Kind anvertrauen wollte, dessen Erziehung er schon angefangen hatte. Wahr ist es, er besass ganz besondere Talente zu Erziehung der Jugend. Er war nicht umsonst funf Jahre in Groningen und in Utrecht gewesen, um daselbst alle Worte der beruhmtesten Hochlehrer nachzuschreiben und den reichsten Schatz hollandischer Schulgelehrsamkeit und hollandischer Rechtglaubigkeit einzusammeln. Er hatte alle Spitzfindigkeiten der Voetischen und Coccejanischen Theologie durchkrochen und wusste so genau, in wie mancherlei Sinne alle mogliche Theologanten in den sieben vereinigten Provinzen die Haushaltungen des gottlichen Gnadenbundes geordnet und verstanden hatten, dass er noch eine neue Haushaltung hatte erdenken konnen. Er konnte auf ein Haar bestimmen, ob Christus im Alten Testamente nur ein Burge und Fidejussor fur das menschliche Geschlecht gewesen oder noch etwas anderes. Dabei hatte Meester Puistma einen besondern Fleiss auf die gesegnete Lehre von der Pradestination gewendet und konnte trotz einem von Miltons philosophischen Teufeln uber Vorherbestimmung und freien Willen disputieren.61 Ja was noch mehr ist! Da nach Miltons Berichte selbst die Teufel sich aus dem Dispute uber diese Materien nicht herausfinden konnten, schien dieser hollandische Theologant einen hoheren Scharfsinn zu besitzen; denn ihm standen so genau zusammengekettete Schlussfolgen zu Gebot, um den partikularsten Partikularismus zu behaupten, dass er sogar sich selbst der Verdammnis wurde ubergeben haben, wenn ihm hatte bewiesen werden konnen, dass er nicht pradestiniert ware.
Diese theologantische Weisheit hatte Puistma denn auch unverzuglich bei seinen beiden Zoglingen an den Mann gebracht und sie bereits ziemlich tief in die Haushaltungen hineingefuhrt. Zugleich, da er sich erinnerte, dass diese Knaben einst Burger eines Freistaates werden sollten, war er bemuht, ihnen die nutzlichsten Stucke der vaterlandischen Geschichte zu erklaren. Dahin gehorte besonders die Geschichte des Synods zu Dordrecht mit seinen politischen und theologischen Veranlassungen und wie wohl man getan, die Remonstranten lieber nicht zu horen, damit man sie desto gemachlicher verdammen konnte, desgleichen die Vorfalle mit der sogenannten Loevesteinschen Partie nebst der loblichen Hinrichtung des unruhigen Oldenbarnevelt und so weiter. Als er aber einst wahrnahm, dass die Knaben, indem er pathetischerweise beklagte, dass das Schloss Loevestein nicht jetzt noch zum Gefangnisse fur die widerspenstigen Unrechtsinnigen gebraucht wurde, indes unter dem Tische mit Keulchen und papiernen Vogeln spielten, so ward er dadurch nicht wenig entrustet und erklarte, nach dem Beispiele erfahrner Padagogen, welche unartigen Knaben die Leckerbissen versagen, ihnen das kostliche Fest dieser Erzahlungen kunftig so lange zu entziehen, bis sie selbst hungrig darnach wurden.
Daher bestand zu der Zeit, als Sebaldus ins Haus kam, der Unterricht der beiden Knaben bloss darin, dass sie taglich aus dem Heidelbergischen Katechismus ein Pensum der Abteilung von des Menschen Elende auswendig lernen und hersagen, dabei taglich ein Kapitel aus Bezas lateinischer Ubersetzung des Neuen Testaments exponieren mussten und von einem besondern Lehrmeister in den funf Spezien der Rechenkunst unterrichtet wurden, weil, wie leicht zu erachten, ein so gelehrter Mann wie Meester Puistma sich mit so gemeinen Dingen nicht abgeben konnte.
Sebaldus verfuhr bei seinem Zoglinge auf eine andere Art. Er lehrte ihn nebst dem Katechismus, der lateinischen und hochdeutschen Sprache und dem Schonschreiben noch die Geschichte und die Erdbeschreibung. Dieses gefiel den Eltern, obgleich der gelehrte Puistma uber die unnutzen Dinge seine Verachtung bezeugte. Als aber Sebaldus sich freiwillig erbot, beide Knaben das Rechnen und die Musik zu lehren, fing Meester Puistma daruber Feuer, lief zu dem reformierten Domine Dwanghuysen und klagte, dass man den altesten Knaben lutherisch zu machen suche, indem ihm der lutherische Informator Stunden geben solle. Domine Dwanghuysen war mit dieser Neuerung freilich nicht zufrieden; weil indes der Kaufmann gedeputeerde Ouderling oder Kirchenvorsteher war, so wollte er ihn in etwas schonen und sprach noch vorjetzt den eifrigen Puistma zufrieden.
Noch schlimmer ward es, als Sebaldus anfing, seinen Zogling im Griechischen zu unterweisen, und der Kaufmann seinem altesten Sohne, aus dem er einen gelehrten Mann machen wollte, befahl, diesen Lehrstunden beizuwohnen. Sebaldus liess darin Xenophons "Denkwurdigkeiten des Sokrates" lesen und ubersetzen und erklarte auch einige Stellen aus Antonins "Betrachtungen". Er nahm hierbei Gelegenheit, den Knaben gute moralische Grundsatze einzupragen und sie ihnen durch Erklarung dieser vortrefflichen Bucher anschaulich zu machen. Allein hieruber setzte Puistma, in Gegenwart beider Eltern, den neuen Lehrer aufs heftigste zur Rede. Er sagte sonder Scheu: wenn Sebaldus ein rechter Christ ware, so wurde er den Kindern nichts als die gewyde Bladeren62 und andere christliche Bucher vorlegen, ihnen aber nicht solche ungeweihte blinde Heiden wie Sokrates und Antonin zu Beispielen vorstellen, deren Tugend schon der heilige Augustin als blendende Laster verdammt habe. Sebaldus verteidigte sich; aber was konnte vernunftige Verteidigung bei einem Manne wie Puistma helfen? Dieser schrie, ohne Grunde anzuhoren, und lief voll Wut abermals zu Domine Dwanghuysen, ihm diese neue Ketzerei zu berichten.
Menschliche Tugenden, besonders die Tugenden der Heiden standen zu der Zeit in Rotterdam eben nicht im besten Rufe. Zwar hatte Domine Hofstede damals noch nicht die Laster der beruhmten Heiden angezeigt, zum Beweise, wie unbedachtsam man dieselben seliggepriesen.63 Es ist aber leicht zu erachten, dass die unsinnige Behauptung, die grossten Manner des Altertums waren, ohne Ausnahme, lasterhaft gewesen, nicht auf einmal in eines Menschen Gehirn kommen kann, ohne dass vorbereitende Torheiten anderer Leute vorhergegangen sind. Wirklich war schon seit geraumer Zeit in Friesland und durch das ganze Sudholland die Meinung gange und gabe gewesen, das menschliche Geschlecht sei von Natur elend, dumm und zum Guten unfahig. Wenn jemand auf irgendeine Art das Gegenteil behaupten, besonders wenn er sich etwa auf die guten Handlungen der Heiden berufen wollte, so war es sehr gewohnlich, von Arminianischer Ansteckung, Pelagianischem Sauerteige und Socinianischem Gifte zu reden, auch wohl zu schreiben. Domine Dwanghuysen war nicht der Geringste unter den rechtsinnigen Verdammern der Heiden; also begreift man leicht, in welche Bewegung ihn Meester Puistmas Klage gesetzt haben mag.
Er ging unverzuglich zum Kaufmanne, und in dessen Gegenwart fuhr er den Sebaldus heftig an: wie er der Jugend heidnische Schriften in die Hande geben konne, um ihr daraus Beispiele der heidnischen, sundlichen Tugend zur Nachahmung vorzustellen? Er entschied, dass weder Xenophon noch Sokrates, noch Antonin pradestiniert gewesen, dass sie wegen ihrer bloss scheinbaren Tugenden kein Gegenstand der gottlichen Barmherzigkeit sein konnten und also in dem hollischen Schwefelpfuhle ewig braten mussten. Sebaldus unternahm es unbedachtsamerweise, jene grosse Manner wider dies harte Verdammungsurteil zu verteidigen, machte aber dadurch das Ubel viel arger; denn Dwanghuysen ward sehr heftig ergrimmt, dass man gegen ihn als einen Seelenhirten ohne Scheu solche seelenverderbliche Meinungen behaupten wolle, und schrie, indem er aus dem Zimmer schritt, dem Kaufmanne zu, einen solchen heidnischen Unchristen nicht einen Augenblick unter seinem Dache ferner zu dulden, weil er sonst fur nichts stehen konne, wenn der seinen Hirten liebende Pobel, sobald er ein solches Anathema Maran Atha64 verspure, Unheil anfangen sollte.
Der Kaufmann, der Frieden haben wollte und wohl wusste, mit welcher Heftigkeit Domine Dwanghuysen das durchzusetzen pflegte, was er einmal beschlossen hatte, ware sehr geneigt gewesen, von Sebaldus zu scheiden. Aber seine Frau nahm ihren Hofmeister in Schutz und wollte ihn eher nicht wegschaffen, bis auch ihr lutherischer Gewissensrat sein Gutachten daruber gegeben hatte.
Dritter Abschnitt
Domine Ter Breidelen ward demnach ersucht, am folgenden Tage in dem Hause des Kaufmanns zu erscheinen; und der eifrige Dwanghuysen, welcher dies sogleich von Meester Puistma erfuhr, fand sich ungebeten dazu ein.
Die Sitzung wurde damit eroffnet, dass sich Ter Breidelen den ganzen Kasus vortragen liess, welches Meester Puistma mit vieler Redseligkeit verrichtete. Darauf sagte der Domine viel triftige Dinge von der Unnutzlichkeit der heidnischen Weisheit und sprach formlich das Urteil der ewigen Verdammnis uber Sokrates und Antonin aus. Sebaldus wollte ihre Tugend und folglich ihre Seligkeit verteidigen, aber dadurch zog er sich selbst den Ausspruch der Verdammung zu. Domine Dwanghuysen neigte sich hierauf freundlichst gegen Domine Ter Breidelen und zeigte in einer wohlgesetzten Rede: so herzlich er sonst auch seine lutherischen Bruder liebe, konne er doch eine so gefahrliche Lehre, wie Sebaldus hege, auf keine Weise entschuldigen. Ter Breidelen rief: Sebaldus sei kein Lutheraner, sondern ein Synergist und Pelagianer, der die echte lutherische Lehre von der geistlichen Verderbnis der menschlichen Natur verschmahe. Dwanghuysen erwiderte: fast sollte man denselben der Holland so schadlichen Sekte der Arminianer beigetan halten, weil er zu behaupten schiene, die bekehrende Gnade sei lenis suasio oder eine sanfte Uberredung, welche Lehre in den Kanonen des Dordrechtschen Synods, Kap. IV, 7, verdammet worden. Ter Breidelen rumpfte ein wenig die Nase bei Erwahnung des Dordrechtschen Synods. Sebaldus, erschrocken, dass er bei Behauptung der unschuldigsten Wahrheiten verdammt ward, und durch vorhergehende Verfolgung furchtsam gemacht, suchte, soweit es anginge, sich dem angenommenen Lehrbegriffe gemasser auszudrukken. Dies verursachte einen weitlauftigen polemischen Wortwechsel, in welchem beide Domine sehr hart aneinandergerieten. Denn ob sie gleich vollig einig waren, den Sebaldus zu verdammen, so wurden sie doch durch seine Verteidigung uber die Ursache der Verdammung wieder uneins. Ter Breidelen besorgte namlich, die Meinung des Sebaldus fuhre zu der schadlichen Lehre von der Pradestination; Dwanghuysen hingegen vermeinte, sie fuhre zu weit von dieser heilsamen Lehre ab. Dies brachte sie in einen langen Disput uber den Vorzug der "Augspurgischen Konfession" und des Dordrechtischen Synods, wobei sie von Sebaldus' Meinungen ganz abgerieten und nur endlich, da die Mittagsglocke sie ans Weggehn erinnerte, ubereinkamen, dass Sebaldus nach keinem von beiden lehre. Er ward also abermals unwiderruflich verdammt. Dwanghuysen ermahnte, als sie zur Tur hinausgingen, seinen Kirchenvorsteher und Ter Breidelen sein Kirchkind, einen so heillosen Menschen, der mit keinem einzigen Symbolum ubereinstimmte, sogleich von sich zu lassen; und Dwanghuysen besonders erwahnte nochmals beilaufig des hirtenliebenden Jan Hagel.
Gutmutige Laien, welche aufmerksam zuhoren, wenn geistliche Herren uber die Orthodoxie und Heterodoxie eines andern streiten, befinden sich ungefahr in der Lage, als wenn gewohnliche Menschen bei der Konsultation gelehrter Arzte uber den ungewissen Zustand eines Kranken zugegen sind. Nicht allein trauen sie dem Patienten bald alle die fremden Krankheiten zu, deren griechische Namen ihm von beiden Seiten zugeworfen werden, sondern es fangt sie wohl selbst an, ein Schwindel, Kopfweh oder Gliederreissen anzuwandeln, wenn man die ganze Pathologie so vor ihnen die Musterung passieren lasst.
So ging es dem Kaufmanne und seiner Frau, die voll Betaubung den ganzen Streit angehort hatten. Sie blickten bald ganz furchtsam den Sebaldus daruber an, dass er wider alles Vermuten so grassliche Lehren behaupte; bald wollten sie ihn entschuldigen mit dem vielen Guten, das sie sonst an ihm bemerkt hatten; bald fingen sie an, fur sich selbst zu furchten, ob sie wohl in ihrem Christentume so lau geworden, um die Irrlehren nicht zu fuhlen; bald gereute es sie, dass die wohlangefangene Erziehung ihrer Kinder wieder liegenbleiben sollte.
So herrschte beim Mittagsmahle ein totes Stillschweigen, und einer sah den andern angstlich an, bis Meester Puistma, der nach so wohl vollbrachter Verrichtung sich Essen und Trinken sehr gut hatte schmecken lassen, noch zeitiger als sonst zu seinem gewohnlichen Mittagsschlafchen vom Tische wegschlich.
Als er fort war, sagte Frau Elsabe zu Sebaldus mit niedergeschlagnen Augen: "Aber lieber Meister, warum habt Ihr auch meinen Kindern heidnische Bucher vorgelegt?"
"Weil Eure Kinder Griechisch lernen sollten und diese Bucher gut griechisch geschrieben sind."
"Aber warum habt Ihr ihnen so bose, gottlose Leute zur Nachahmung vorgestellt?"
"Urteilt selbst", versetzte Sebaldus, "ob sie bose und gottlos gewesen." Hier erzahlte er ausfuhrlich die Geschichte des Sokrates und schilderte den Charakter des Antonin. Er fragte, ob es nicht vielmehr gottlos sei, einen Fursten zu verdammen, der nach seiner eignen Nachricht von seinem Grossvater gelernet: leutselig zu sein und sich nicht zu erzurnen; von seinem Vater: bescheiden und mannlich zu werden; von seiner Mutter: Gottesfurcht und Freigebigkeit und nicht nur nichts Boses zu tun, sondern es auch nicht einmal zu denken65, und so weiter.
Der Kaufmann und seine Frau horten aufmerksam zu.
Frau Elsabe gestand, wenn dieser Heide so gesinnet gewesen, konne es wohl nicht verdammlich sein, ihn zum Beispiele darzustellen. Ja sie mochte sich selbst nicht unterstehen, einen so guten Heiden zu verdammen.
Hiermit stimmte der Kaufmann uberein. "Aber dies ist nicht meine Sorge", sagte er zu Sebaldus, "denn die Domine wissen mit dem Verdammen geschwinder umzuspringen als unsereiner. Das schlimmste ist, dass ich Euch wider Willen der Domine nicht im Hause behalten kann, weil sie allen Leuten sagen werden, dass Ihr keine rechte gewisse Religion habt."
"Eine rechte gewisse Religion? Mein Herr, die habe ich, Gottlob, denn ich weiss, an wen ich glaube. Aber dass mein Glauben mit dem, was verschiedene andere Leute glauben oder was sie andern Leuten als Formulare zu glauben vorschreiben, zuweilen nicht ubereinstimmt, ist nicht meine Schuld. Der Glauben ist eine Gewissenssache, welche nicht kann geboten werden. Ich lasse gern einen jeden glauben, wovon er uberzeugt zu sein meinet; warum wollt Ihr mir dieses nicht auch frei lassen?"
"Ich wohl", versetzte der Kaufmann, "aber die Domine schwerlich. Die lassen sich nicht gern widersprechen. Wenn Ihr einmal nicht fur rechtsinnig gehalten werdet, werden sie bestandig gegen Euch was einzuwenden haben; und auch gegen mich, wenn ich Euch in meinem Hause behalte."
"Und wenn Ihr nicht recht lutherisch seid", rief Frau Elsabe, "wird's immer heissen, unsern Ehepakten sei kein Genuge geschehen, denen zufolge doch mein zweiter Sohn recht lutherisch erzogen werden muss."
"Lutherisch!" rief Sebaldus aus. "Sind es denn etwa lutherische Glaubensartikel, woruber gestritten worden? Ja ware auch nur uberhaupt der geringste Streit entstanden, wenn Euer Meester Puistma nicht einen so unvernunftigen Larmen gemacht hatte? Ich sondere mich ja von der lutherischen Kirche nicht ab. Und wenn ich es auch tate! Sind denn die Menschen jeder Konfession durchaus auch in eine ebenso eingeschrankte burgerliche Gesellschaft eingeschlossen? Muss der, welcher sich von dieser oder jener Lehrmeinung nicht uberzeugen kann, deshalb auch aller burgerlichen Gemeinschaft entsagen? Darf man ohne den genauesten Glauben an theologische Formulare nicht die alten Sprachen oder die Geographie lehren? Macht ein Verdacht des Pelagianismus auch eine Wechselrechnung unrichtig oder eine Leibrentenberechnung unsicher? Wie weit wird endlich die Einschrankung durch Bekenntnisbucher gehen? Fragt man nicht fast schon, wenn man einen Balgentreter, Pedell oder Einheizer braucht, ob er auch rechtsinnig sei? Endlich wird man nicht Luft schopfen oder einen Tritt ins Land tun durfen, wenn man nicht erst die symbolischen Bucher unterschreibt!"
"Nein", versetzte der Kaufmann, "da geht Ihr zu weit, mein lieber Meister! Unsere hochmogenden und edelmogenden Herren dulden in den sieben vereinigten Provinzen jedermann, wes Glaubens er auch sei. Nur freilich unsere ehrwurdigen Herren examinieren diejenigen genauer, die sich in den Hausern der Rechtsinnigen aufhalten. Wenn Ihr nicht in meinem Hause waret, konntet Ihr glauben, was Ihr wolltet. Aber da Euch nun die Domine anklagen, kann ich Euch freilich nicht bei mir behalten, denn mit dem hirtenliebenden Jan Hagel mag ich nichts zu tun haben."
"Wahr ist's", sagte Frau Elsabe mit einem Seufzer, "Domine Ter Breidelen wurde es mir bei allen Hausbesuchen vorhalten."
"Ja", fuhr der Kaufmann fort, "und Domine Dwanghuysen wurde es mir in den kerkelyken Zamenkomsten bestandig zu horen geben, dass ich einen Arminianer herbergte."
"Grosser Gott!" rief Sebaldus, die Hande gen Himmel hebend. "Gutigstes Wesen voll allgemeiner Liebe, voll allmachtigen Wohltuns! Wie ist's moglich, dass die, welche sich deine Diener nennen, beinahe selbst die Sonne, die du uber Gerechte und Ungerechte scheinen lassest, denen entziehen wollen, die dir auch dienen, nur nicht nach fremder Vorschrift, sondern nach eigenem Gewissen, dass sie sie aus der Welt stossen mochten, wenn's anginge!" Er legte seine Stirn in seine linke Hand.
Frau Elsabe sagte, indem sie die Augen trocknete: "Nicht aus der Welt, lieber Meister! Es wird sich fur Euch ein anderer Aufenthalt finden."
"Und ich will", setzte der Kaufmann hinzu, "Euch dazu alle mogliche Anleitung geben. Wollt Ihr nach Alkmar zuruck oder sonst nach einer andern Stadt?"
Sebaldus, ohne ihn zu horen, fuhr in seinem Selbstgesprache fort:
"Was sollte deine vernunftige Geschopfe zu Vertraglichkeit und Liebe mehr vereinigen als dein Dienst; und was trennt sie mehr zu bitterm Zanke und Feindschaft!"
Der Kaufmann nahm ihn bei der Hand und sagte: "Beruhigt Euch. Hort mich! Wollt Ihr zuruck nach Alkmar zu dem guten Pfarrer, oder wollt Ihr wieder nach Deutschland, oder denkt Ihr noch nach Ostindien zu fahren? Es sei, wo es sei! Ich will Euch Rat, Empfehlung, Unterstutzung geben."
Sebaldus sah ihn an, schlug die Augen wieder nieder und sagte staunend: "Nach Alkmar? Ja, da war ein guter lieber Mann so gut wie Ihr, mein Herr! Aber wer steht mir dafur, dass irgendein Eiferer nicht auch ihn, so wie Euch, notiget, mir einen Platz unter seinem Dache zu versagen? Nach Deutschland? Soll ich da schmerzliche Erinnerungen an das, was mir lieb war, holen und vielleicht noch eine neue Art von Verfolgern kennenlernen? Nein, lieber nach Ostindien, so weit und so gefahrlich der Weg auch ist. Vielleicht ist man dort noch vertragsam. Wo das Schulgezank noch nicht Menschen gegeneinander aufgehetzt hat, wird wohl die Liebe nicht an Konfessionen gebunden sein. Vielleicht fande sich da eine Gesellschaft, die, streitige Lehrmeinungen beiseite setzend, nur gemeinsam erkannte Wahrheiten nutzen wollte, die, ohne nach Lehrformeln zu fragen, sich versammelte, um sich gemeinschaftlich zum Lobe Gottes zu ermuntern, sich gemeinschaftlich an gemeinnutzige Pflichten zu erinnern. Welches Gluck fur mich, eine solche Gesellschaft anzutreffen! Welches Vergnugen, sie zu errichten! Oder ist's nur ein schoner Traum? Mag's doch! Dort ist wenigstens moglich, was in Europa durch Konfessionen und Synoden unmoglich gemacht wird."
"Unmoglich? Doch wohl nicht ganz", versetzte der Kaufmann. "Wenn Ihr, lieber Freund, sonst keine Ursachen habt, nach Ostindien zu gehen, als eine solche Gesellschaft zu suchen, so konnt Ihr sie viel naher, bei uns finden ..."
"Wie? Wo?" fiel ihm Sebaldus hastig ins Wort.
"In den vereinigten Provinzen und selbst auch hier in Rotterdam. Sie heissen Kollegianten oder Reinsburger, von einem Dorfe bei Leyden, wo sie jahrlich zweimal zusammenkommen, um das Abendmahl zu halten. Man findet sie besonders in Amsterdam, wo sie auch ein Waisenhaus haben. Daselbst bin ich bei ihren gottesdienstlichen Versammlungen auf der Kaisersgracht im Oranienapfel oft mit inniger Erbauung gegenwartig gewesen."
Der Kaufmann erzahlte nun dem Sebaldus auf Verlangen kurzlich die Geschichte und die Verfassung dieser bisher in ihrer Art einzigen Gesellschaft.
Sie entstand um 161966, als wegen politischer Ursachen, denen die Religion zum Vorwande dienen musste, die Remonstranten so sehr verfolgt wurden, dass man ihnen auch nicht verstatten wollte, Gottesdienst zu halten. Damals stifteten vier Bruder, Manner von unstraflichem Wandel, um der Harte der Gesetze zu entgehen, anstatt der verbotenen Kirchen Kollegien oder Zusammenkunfte, wovon die Gesellschaft den Namen behalten hat. In der Folge gesellten sich zu ihnen viele von den friedsamen Taufgesinnten, doch nicht sie allein; denn die Kollegianten lassen zu ihren bruderlichen Versammlungen alle Christen, ohne auf besondere Lehrmeinungen oder Konfessionen zu sehen, weil sie sagen, dass man in die Stadt Gottes durch verschiedene Tore eingehen konne.67 Jeden unbescholtenen Mann und der keine Meinungen vortragt, die ausdrucklich der Bibel zuwider sind, lassen sie nicht allein zum gemeinschaftlichen Genusse des Abendmahls, sondern verstatten ihm auch, offentlich uber gemeinnutzige Wahrheiten zu reden, wozu sie keine besonders bestellte Lehrer haben. Denn jeder, der Kraft in sich fuhlt, nutzliche Lehren zu geben, tragt sie ohne Lehrton wie ein Freund an Freunde vor und pflegt am Ende seiner Rede die Versammlung bescheiden zu fragen: ob jemand wider diesen Vortrag etwas einzuwenden habe oder zur fernern Aufklarung der Wahrheit noch etwas beitragen wolle. Und hierauf fahrt fort, wer will, mit gleicher Bescheidenheit seine Gedanken zu eroffnen.
Sebaldus war entzuckt uber diese Nachricht und wunschte nichts, als bald ein Glied einer Versammlung zu sein, die mit seinen Wunschen so vollkommen ubereinstimmte. Da er in Rotterdam weder bleiben wollte noch konnte, so bekam er von dem Kaufmanne, nachdem er fur seine Hofmeisterschafte anstandig belohnet worden, Empfehlungsschreiben an einen ihm wohlbekannten Kollegianten in Amsterdam. Sebaldus suchte sogleich seine Sachen zusammen, die ein massiges Packchen ausmachten, fuhr nach Gouda, setzte sich daselbst in die Nachtschuit und liess sich unter den frohesten Erwartungen fortziehen.
Vierter Abschnitt
Er langte des Morgens fruh um funf Uhr vor Amsterdam, an dem Utrechter Tore, an. Gleich bei dem Aussteigen aus der Schuit kam ihm ein Deutscher entgegen, der ihn sehr dienstfertig: "Herr Landsmann!" anredete und sich erbot, ihn in eine gute Herberge zu bringen.
Sebaldus versetzte: "Wenn sie nur nicht zu kostbar ist, denn meine Barschaft ist gering. Ich bin ein armer abgesetzter Prediger."
"Sie sollen sehr billig behandelt und doch gut bedienet werden", rief der Herr Landsmann und griff nach Sebaldus' Reisesack, den er dienstwillig auf die Schulter nahm.
So traten sie bei Eroffnung des Tores in die Stadt. Sebaldus konnte nicht umhin, seine Freude zu bezeugen, dass er einen Deutschen gefunden, der ihn in dieser grossen Stadt zurechteweise, zumal da er der Sprache noch nicht ganzlich kundig sei.
"Ach ja, ehrwurdiger Herr", sagte sein Begleiter, "es ist mir Ihretwegen selbst lieb, dass ich mich von ungefahr am Tore befunden. Sie konnen gar nicht glauben, ehrwurdiger Herr, wie gefahrlich es in dieser Stadt ist. Insonderheit gibt es bose Leute, die man Seelenverkaufer nennet, welche die unerfahrnen Fremden, besonders Deutsche, mit List in ihre Hauser lokken, um sie nach Ostindien in ein unbeschreibliches Elend zu verkaufen."
Sebaldus erstaunte, dass es so boshafte Menschen geben konne. Indem schrie sie ein gemeines Weib auf hollandisch heftig an:
"Sieh den verdammten Seelhund, da hat er wieder eine Seele!"
"Kommen Sie geschwind", raunte ihm sein Begleiter ins Ohr, "dies ist eine Kreatur der Seelenverkaufer, welche mit uns Zank anfangen will, damit Sie im Tumulte den Bosewichtern in die Hande fallen sollen."
Sie verdoppelten also ihre Schritte, um diesem Unglucke zu entgehen, und kamen endlich an das Haus, wo die Herberge sein sollte. Sie gingen eilig hinein. Die Tur ward hinter ihnen zugeschlossen. Wie erschrak aber Sebaldus, als ihn sein Begleiter in eine Art von Unterkammer stiess, wo ungefahr dreissig elende Menschen auf Stroh lagen. Er brach in die heftigsten Vorwurfe gegen seinen Begleiter aus, die dieser, nachdem er ihm einigemal in trotzigem Tone stillzuschweigen geboten hatte, durch derbe Schlage mit einem dicken Seile beantwortete, wovon Sebaldus ganz betaubt auf das Strohlager niederfiel.
Als er sich ein wenig erholte, sah er um sich eine Anzahl elender Schatten ahnlicher Menschen, durch Hunger, Blosse, Schlage, Krankheit und Kummer ganz ausgemergelt, von ihrem Strohlager aufkriechen. Neben ihm lag ein Mensch, gunstigen Ansehens, aber vom Fieber ganz abgezehrt, der ihm auf seine laute Klagen mit matt aufgehobener Hand und schwacher Stimme hochdeutsch zusprach: "Sei geduldig, Freund, denn es wartet dein noch mehr Elend; das meinige ist hoffentlich bald zu Ende."
Sebaldus fiel wieder in schwermutiges Staunen, aus welchem er ungefahr nach einer Stunde erweckt wurde, da man ihn holte, um vor dem Seelenverkaufer zu erscheinen, der nicht langst aufgestanden war.
Er fand diesen Mann in einem sauber aufgeputzten Seitenzimmer, mit Huysums und Mignons Meisterstucken ausgeziert, das von dem Elende, womit im Keller Menschen gequalt wurden, sowenig Spur zeigte als das wohlbeleibte Ansehen des hartherzigen Besitzers. Dieser nahm mit zufriedner Gebarde sein Fruhstuck zu sich, und vor ihm lagen Erbauungsbucher, aus denen er eben seine Morgenandacht hergelesen hatte. Denn Bucher dieser Art sind dem Schurken und dem schwachen ehrlichen Manne gleich behaglich. Der letztere zieht Trost im Unglucke und Befestigung frommer Entschliessungen aus ihnen; jener aber, der den Mangel innerer Rechtschaffenheit durch aussere Religion ersetzen will und tagliche Gottlosigkeit unstrafbar gemacht zu haben glaubt, wenn er sie morgens und abends in vorgeschriebenen Gebeten bereuet, sucht die Unruhe seines Gewissens in der Ruhe einer selbstgefalligen Andacht zu ersticken.
Auch dieser Bube, der mit kalter Fuhllosigkeit jeden Menschen im Elende konnte schmachten sehen, liess es dabei an keiner ausserlichen Religionsubung mangeln. Er war in der gangbaren Landestheologie sehr bewandert und fand sogar durch dieselbe eine Hintertur, alles Bose, was ihn zu tun gelustete, mit seiner phlegmatischen Gewissensruhe zu vereinigen; denn er hatte sich uberzeugt, alles sei absolut notwendig, er sei daher pradestiniert, die Moffen68 zu schinden, und die Moffen seien pradestiniert, sich von ihm schinden zu lassen. Deshalb konnte er mit ebender Gleichmutigkeit einen Moffen in seinen Keller stossen sehen, womit der Koch einen lebendigen Krebs in den siedenden Kessel wirft.
Er fragte den Sebaldus, dessen geistlichen Stand er von seinem Unterhandler erfahren hatte, zuvorderst nach der Geschichte seiner Absetzung und nach seinen folgenden Begebenheiten; und da er dadurch dessen heterodoxe Meinungen erfuhr, liess er sich mit ihm in einen theologischen Disput ein, dessen Ende war, zu behaupten, dass die dem Sebaldus aufgestossnen widrigen Begegnisse eine Folge der gottlichen Strafgerechtigkeit waren, deren unwurdiges Werkzeug er jetzt auch sein solle. Er fuhrte ihm dabei zu Gemute, dass er Gott versuchen wurde, wenn er lieber zu den stinkenden Ketzern, den Kollegianten, gehen wollte als nach Batavia, der orthodoxen Stadt, wohin sich noch nie eine Ketzerei habe wagen durfen. Er legte also dem Sebaldus einen schon aufgesetzten Kontrakt zur Unterschrift vor. Allein dieser weigerte sich, weil ihm die Art, wie er zu dieser Reise gezwungen werden sollte, eine schreckliche Aussicht gab, und verlangte endlich nach verschiedenem Hinundwiderreden wenigstens Bedenkzeit, welche ihm auch bis auf den morgenden Tag, aber langer nicht, verstattet ward, worauf ihn der Seelenverkaufer entliess und sich wieder ruhig zu seinem Erbauungsbuche kehrte.
Als Sebaldus in den Keller zuruckkam, sah er das Stroh aufgeraumt und seine Unglucksgefahrten teils in stummem Kummer, teils in fuhlloser Sorglosigkeit, teils in tobender Verzweiflung. Nur sein vorheriger Nachbar lag noch in grosser Schwachheit. Da Sebaldus' geistlicher Stand schon bekannt war, so verlangte der Kranke seinen Zuspruch, den ihm dieser, so trostlos er auch selbst war, von ganzem Herzen gewahrte. Der Kranke wurde dadurch in etwas erquickt und konnte nun die Erzahlung und die Klagen des Sebaldus anhoren, dem noch alles, was ihm diesen Morgen begegnet war, als ein Traum vorkam und der besonders sich noch nicht zu uberreden wusste, dass Menschen so tief sinken konnten, ihre Nebenmenschen vorsatzlich ins Elend zu sturzen.
"Was bewegt diese Leute zu solcher Ungerechtigkeit?" rief er zuletzt aus. "Warum sind wir hier wie Ubeltater eingeschlossen? Was will man mit uns anfangen? Darf man in diesem Lande der Freiheit den friedsamen Wanderer unverschuldet ins Gefangnis schleppen? Ist bei der Obrigkeit kein Schutz wider so scheussliche Unterdruckung zu finden?"
"Er wurde gewiss zu finden sein", sagte der Kranke mit schwacher Stimme, "wenn ihr unsere Not nur bekannt werden konnte. Aber wahrend der sechs Wochen, die ich in diesem abscheulichen Loche zugebracht habe, merkte ich genugsam, welche sichere Massregeln unsere Peiniger nehmen, um dies unmoglich zu machen. Von aussen hat diese Einrichtung das Ansehen, als ob der Zweck sei, ganz armen Leuten, die von allen Hilfsmitteln entblosset sind und freiwillig nach Ostindien gehen wollen, bis zur Abfahrt Nahrung und Equipierung zu reichen und sich durch das Handgeld, welches die Ostindische Kompanie gibt, und durch eine Verpfandung des kunftigen Soldes wieder bezahlt zu machen. Es kann sein, dass die Absicht im Anfange ganz gut gewesen, aber jetzt wird sie durch die List hartherziger Bosewichter fast immer zu schandlichem Missbrauche. Wenige gehen freiwillig, viele werden durch Ranke ins Garn gelockt, durch Peinigungen zur Unterschrift gezwungen, in Gefangnisse gesperrt, mit der elendesten Kost kaum beim Leben erhalten und zuletzt oft, von ubler Begegnung und Kummer abgemergelt, anstatt aller Erfordernisse zu einer Seereise von einigen tausend Meilen kaum mit ein paar groben Hemden versehen. Und fur diese elende Verpflegung werden so grosse Kosten angesetzt, dass das ungluckliche Schlachtopfer in Ostindien wohl sechs oder sieben Jahre nicht fur sich, sondern fur den Seelhund arbeiten muss. Oh, konnte doch die christliche Obrigkeit dieses Landes solche unmenschliche Begegnung allezeit wissen, sie wurde gewiss die Gerechtigkeit, die sie sonst immer ausubt, auch hier ausuben. Sie hat wirklich schon in den wenigen Fallen, die zu ihrer Kenntnis gekommen sind, exemplarisch gestraft. Konnte die edle Ostindische Kompanie doch nur erfahren, wie unerhort man oft ihren Namen missbraucht, sie wurde zu ihrem Ruhme und zu ihrem Nutzen den Bosewichtern dies schandliche Handwerk dadurch legen, dass sie selbst auf dem ostindischen Hause diejenigen, die sich ihrem Dienste widmen wollen, offentlich und freiwillig annehmen und unter der Aufsicht redlicher Leute unterhalten und ausrusten liesse. Aber bis einst ein Menschenfreund die Stimme solcher Notleidenden zu den Ohren derer bringt, die dem Elende bis in die geheimsten Winkel nachspuren und ihm abhelfen konnen, ware sehr zu wunschen, dass diese schreienden Ungerechtigkeiten wenigstens in Deutschland nicht unbekannt blieben. Man sollte sie dort in den Seestadten, auf allen Strassen, in allen Wirtshausern, bei allen Zunften bekanntmachen, man sollte auf den Kanzeln davor warnen. Denn die Bosewichter schicken ihre Unterhandler nicht nur bis an die Stadttore Amsterdams, nicht nur bis an die Grenze, sie schicken sie nach Hamburg, Bremen und Stade. Sie gebrauchen unzahlige Ranke, um den unvorsichtigen Seemann, den einfaltigen Handwerker, den treuherzigen Bauer in ihre Schlingen zu ziehen. Ich selbst bin von ihnen aus Bremen durch die sussesten Vorspiegelungen weggelockt und in diesen elenden Zustand gebracht worden; ich habe aber zur Vorsicht das Vertrauen, dass er sich nun bald endigen wird."
Hier schwieg der Kranke aus Entkraftung, und Sebaldus war wieder seinen traurigen Gedanken uberlassen. Er blieb darin den ganzen ubrigen Tag, die Zeit ausgenommen, da eine sparsame Mahlzeit verzehrt wurde, die zugleich so beschaffen war, dass kaum der harteste Hunger den Widerwillen dagegen bezwingen konnte. Abends musste er sich unter den ubrigen auf das elende Strohlager hinstrecken.
Den andern Morgen ward er wieder vor den Seelenverkaufer gebracht. Dieser suchte ihn durch freundliches Zureden und durch starkes Getrank zur Unterschrift zu verleiten. Da Sebaldus sich aber standhaft weigerte und aus seiner ungerechten Gefangenschaft entlassen zu werden verlangte, so hiess es endlich: er mochte vierzehn Gulden fur Wohnung und Kost des gestrigen Tages zahlen, dann konne er frei weggehen. Sebaldus, froh, griff in die Tasche; aber ein angestellter Bube hatte ihm in der Nacht sein Geld gestohlen. Er ward nunmehr hart angefahren und ihm nur noch bis auf den Abend Bedenkzeit gegeben; und als er auch da noch bei seiner Weigerung blieb, ward er auf den Soller gefuhrt, an einen Pfosten gebunden und so lange unbarmherzig gegeisselt, bis die Schmerzen ihn notigten, endlich die verlangte Einwilligung zu geben.
Er ward in den Keller zuruckgebracht und konnte die ganze Nacht kein Auge schliessen, teils wegen Schmerzen, teils wegen der Seufzer seines kranken Nachbars, welcher mit dem Tode rang und gegen Morgen starb. Sebaldus fiel in die stumpfe Fuhllosigkeit, durch die der tiefste Jammer erduldet wird, und erwartete sonder Bewegung, in welches unbekannte Land man ihn schleppen wurde und welchem unbekannten Elende er noch entgegensehen sollte.
Indes verschaffte der Tod des einen Unglucklichen den ubrigen unvermutet einige Erleichterung, denn der Geiz allein konnte den Seelenverkaufer etwas menschlicher machen. Er glaubte ein Kapital verloren zu haben, indem er den Verstorbenen sechs Wochen vergebens genahrt hatte. Bei einigen Ubergebliebenen ausserten sich noch dazu Schwachheiten, wodurch die Furcht entstand, es mochte ein ansteckendes Fieber unter ihnen einreissen. Dies bewirkte den Entschluss, sie samtlich, nachdem sie mit Wein und starken Getranken etwas erquickt worden, frische Luft schopfen zu lassen. Vorher ward jeder, der unterweges nur mucksen wurde, mit der scharfsten Strafe bedrohet; und so liess sie der Seelenverkaufer, unter Begleitung sechs seiner Knechte und Unterhandler, ausgehen: wenn das Schleichen solcher durch Krankheit und Kummer abgezehrten Gestalten noch Gehen benennet werden kann. Mancher ehrliche Burgersmann sah ihnen mit Mitleiden nach. Hin und wieder zuckte ein Vornehmer uber sie die Achsel und rief: "'s sind ja nur Mofjes!" So zogen sie durch die schattigen Gange der Plantage endlich zum Muider-Tore hinaus, um auf dem Dyk nach Seeburg reine Luft zu geniessen.
Sebaldus' Geist, obgleich von tiefem Elende niedergedruckt, erhob sich bei Erblickung der Aussicht, die nirgend ihresgleichen hat: auf dem Y und auf der Sudersee tausend Segel, das ganze Gewuhl des arbeitsamen Fleisses; auf der Landseite grunende Wiesen und Garten, die ruhige Schonheit der Natur.
Die Gesellschaft warf sich ins Gras und ruhte eine Stunde lang, erquickt von dem kuhlen Wehen der Luft und dem frischen Geruche des federweichen Lagers. Sebaldus, insonderheit an Geist und Korper erfrischt, brach, in der Fulle seines Herzens, endlich in ein lautes Lob des Allmachtigen aus, der fur seine geplagtesten Kreaturen in den einfachsten Genuss seiner Schopfung Trost und Starkung legte.
Der Schall des Dankgebets erweckte die Aufmerksamkeit zweier Geistlichen, die in der Gegend spazierengingen. Sie hatten vorher die ungluckliche Gesellschaft nur mit der allgemeinen Teilnehmung betrachtet, welche die Menschenliebe keinem Elenden versagt. Jetzt traten sie naher, durch Sebaldus' Stimme und Gebarden geruhrt, ob sie gleich seine Worte nicht verstehen konnten. Sie betrachteten ihn aufmerksam, besonders schien der Altere von beiden sehr bewegt, hob endlich die Hande empor, tat einen Ausruf und wollte auf den Sebaldus zugehen. Der andere hielt ihn zuruck, und man horte, dass er sagte: "Lasst es sein, Ihr wurdet es sonst nur noch schlimmer machen." Sie kehrten sich darauf um und sprachen einander ins Ohr.
Sebaldus, in frommer Entzuckung, hatte diesen Vorfall nicht einmal bemerkt, aber seine Gefahrten fingen an, die Kopfe zusammenzustecken. Dies war genug fur die argwohnischen Wachter, den ganzen Trupp sogleich aufstehen zu lassen und ihn nach Hause zu fuhren. Die beiden Geistlichen, nachdem der Zug sich in etwas entfernt hatte, folgten demselben von weitem bis an des Seelenverkaufers Haus, das sie auf diese Art entdeckten.
Funfter Abschnitt
Der Geistliche, welcher den Sebaldus anreden wollte, war niemand anders als der rechtschaffene Prediger aus Alkmar. Er hatte wegen der Erbschaft eines Waisen eine Reise nach Amsterdam tun mussen und erblickte bei diesem zufalligen Spaziergange den Mann, dessen Elend er schon einmal gemildert hatte, in noch grosserer Not.
Er war zu dessen abermaliger Errettung jetzt nicht minder tatig als vorher. Es wahrte nicht eine Stunde, so hatte er schon bei dem Hoofd-Offizier Anzeige getan und kam in Begleitung eines Gerichtsdieners in des Seelenverkaufers Haus, den Sebaldus zu fordern. Nur um wenig Minuten hatte er spater kommen durfen, so war seine menschenfreundliche Bemuhung vergeblich. Denn da die Knechte wohl merkten, dass die beiden Geistlichen, aller ihrer Vorsicht ungeachtet, dem Zuge nicht ohne Ursach nachfolgten, so war der Seelenverkaufer eben im Begriffe zu tun, was sonst geschah, wenn er eine Entdeckung befurchtete: namlich in das Haus eines seiner Mitgenossen den Gefangenen zu schicken, um ihn den Nachforschungen der Obrigkeit zu entziehen. Auch jetzt sollte er verleugnet werden, aber der Gerichtsdiener, der dieses Haus der Tyrannei schon kannte, liess sich durch keine Einwendungen abweisen. Der Seelenverkaufer hatte daher kaum Zeit, in der grossten Verwirrung in den Keller zu laufen, dem Sebaldus seinen Reisesack wiederzugeben und auf die kriechendste Weise denselben fast fussfallig zu bitten, ihn nicht unglucklich zu machen, als ihm schon der Gerichtsdiener mit dem Geistlichen folgte. Der rechtschaffne Prediger umarmte den Sebaldus, und da er aus andern Vorfallen die Gewohnheit eines solchen Hauses wohl kannte, so zahlte er sogleich dem Seelenverkaufer ohne Einwendung eine betrachtliche Summe, die fur das Elend von sechs oder sieben Tagen gefordert ward. Aber sobald dieses geschehen, sagte er ihm auch ins Gesicht, dass er alles anwenden wurde, seine gewissenlose Behandlung unschuldiger Menschen zur Bestrafung ans Licht zu ziehen. Er liess sich weder durch des Seelenverkaufers vielfaltige Entschuldigungen noch selbst durch Sebaldus' Bitten zuruckhalten. Er tat dem Hoofd-Offizier noch eine ausfuhrlichere Anzeige, worauf dieser, seinem Amte gemass, auf dem Stadthause vor den Schoppen den Seelenverkaufer anklagte. Sebaldus ward uber alle Umstande der erlittenen grausamen Begegnung vernommen. Der Seelenverkaufer ward in Verhaft gezogen und nach volliger Untersuchung der Sache ins Raspelhaus gesetzt, obgleich der Prediger vor Endigung des Prozesses nach Alkmar zuruckreisen musste und Sebaldus, frei von aller Rachbegierde, deshalb weiter keinen Schritt tat.
Indes fuhrte der Prediger den Sebaldus, sobald er ihn aus den Handen des Bosewichts erloset hatte, in das Haus seines Freundes, mit dem er vorher spazierengegangen war. Dieser, ein mennonitischer Lehrer, ein Mann von Verstand und Redlichkeit, stand mit den Kollegianten in Bekanntschaft, unterrichtete den Sebaldus von der Verfassung dieser friedsamen Gesellschaft noch naher und ging nun selbst mit ihm und dem lutherischen Prediger in derselben gottesdienstliche Versammlung. Da stimmten sie alle, die Verschiedenheit ihres Lehrbegriffs und alle streitige Fragen vergessend, in gemeinsamer Andacht das Lob Gottes an und betrachteten gemeinsam erkannte Wahrheit zu ihrer Erbauung. Eine Art des Gottesdienstes, die Sebaldus' Wunsche ganz befriedigte.
Nach der Versammlung begleiteten sie ihn, um das Empfehlungsschreiben aus Rotterdam an den Kollegianten abzugeben, welcher krankheitshalber nicht zugegen gewesen war. Er nahm den Empfohlnen als ein Vater und als ein Freund in sein Haus auf, so dass derselbe bei dieser liebreichen Begegnung in kurzem seine vorigen Widerwartigkeiten vergass.
Der Kollegiant war ein wohlhabender Mann, dabei aber auch von ausgebreiteter Gelehrsamkeit und von edlen Gesinnungen, der seine Musse zum Besten der Wahrheit und Tugend anwendete. Er hatte schon verschiedene schatzbare Werke auf seine Kosten drucken lassen und eben jetzt eine gelehrte Zeitschrift angefangen, in der Absicht, den Weg zu bahnen, dass gemeinnutzige Religionsbegriffe von leeren Schulspitzfindigkeiten gesondert wurden. Er schrieb sie in lateinischer Sprache, weil damals in Holland die Vorurteile fur eine hergebrachte Orthodoxie noch so stark waren, dass sich niemand so wie jetzt69 getrauete, Meinungen, die nicht im Kompendium stehen, in der Landessprache vorzutragen. Denn die Gottesgelehrten in allen Landern lassen immer noch eher geschehen, dass man in der gelehrten Sprache neue Meinungen und Zweifel fur sie allein bekanntmache, um ihrer Streitkunst eine stattliche Ubung zu verschaffen, als in der Muttersprache, um gemeinnutzige Wahrheiten in die Gemuter aller Einwohner eines Landes zu verbreiten.
Sebaldus, der die Arbeit liebte, erbot sich in kurzem selbst, seinem Wirte in dessen Beschaftigungen behilflich zu sein. Er tat dadurch zugleich seiner vorzuglichsten Neigung Genuge, Ideen, die ihm wichtig waren, zu entwickeln und auszubilden.
Der Kollegiant hingegen musste einen Mann bald liebgewinnen, dessen Neigungen mit den seinigen so sehr ubereinstimmten. Sie arbeiteten uber verschiedene Materien im Anfange gemeinschaftlich, bald aber blieb die Arbeit dem Sebaldus allein uberlassen, da die Krankheit des Kollegianten schnell zunahm. Der rechtschaffene Mann ward immer schwacher und starb nach einigen Monaten. Vorher noch vermachte er seinem Freunde den Vorrat und das Verlagsrecht seiner samtlichen Werke, besonders der gelehrten Zeitschrift, welche anfing Aufsehen zu machen und daher sehr viel gelesen ward.
Sebaldus beweinte von Herzen den Tod seines Freundes und Wohltaters. Ob er gleich dessen Umgang sehr vermisste, so war doch nun sein Zustand ganz seinen Wunschen gemass. Er hatte durch den Verkauf der ihm vermachten Werke und durch die Fortsetzung der periodischen Schrift ein zwar sehr massiges, aber fur ihn hinlangliches Auskommen, war unabhangig, konnte seine Lieblingsneigung, die Spekulation, befriedigen, konnte in Frieden seiner Uberzeugung gemass Gott dienen und war noch nicht wegen Religionsmeinungen angefeindet worden.
So wunschenswert nun diese Lage war, so schien es doch Sebaldus' Schicksal zu sein, dass er, wenn er am meisten Nutzen zu schaffen glaubte, durch einen gering scheinenden Zufall selbst Gelegenheit geben musste, seinen Zustand zu verschlimmern.
Er hatte schon beim Leben seines Wohltaters sich in der hollandischen Sprache festzusetzen gesucht. Nachher trieb ihn die Einsamkeit langer Winterabende auf die Lesung englandischer Bucher, die er schon in seiner Jugend geliebt hatte. Er fand unter andern ein Buch70, dessen Inhalt ihm grosstenteils so wohl gefiel, dass er auf den Gedanken kam, es zu ubersetzen, weil er meinte, dass es auch den Hollandern nutzlich sein konnte.
Er beschaftigte sich einige Monate lang mit dieser Arbeit; und da er meist damit fertig war, ging er zu Mynheer van der Kuit, dem Buchhandler, der bisher den Verkauf der samtlichen Werke des verstorbenen Kollegianten und auch des gelehrten Tagebuchs besorgt hatte, um ihm diese Ubersetzung zum Verlage anzubieten.
Van der Kuit unterliess nicht, die gewohnlichen Schwierigkeiten zu machen: dass er mit Verlag uberhauft, dass der Handel gefallen sei, dass Druck und Papier immer teurer werde, dass man vorher etwas von dem Werke sehen, dass man es allenfalls gelehrten Leuten zur Prufung ubergeben und besonders dass man, der Kunstrichter wegen, erforschen musse, ob nicht wider die Reinigkeit der hollandischen Sprache gefehlet sei.
Auf diese Erklarung zog Sebaldus einige Hefte seiner Ubersetzung aus der Tasche. Indem dieses geschah, trat Domine de Hysel, ein gelehrter reformierter Prediger, herein, welchen Sebaldus kannte, weil er ihn oft im Buchladen gesehen hatte. Sebaldus erbot sich also, beiden etwas von seiner Arbeit vorzulesen. Sie traten samtlich in die Schreibstube des Buchhandlers, und der Ubersetzer las wie folget:
Sechster Abschnitt
"Dass viele Prediger alle Neununddreissig Artikel71 beschworen, ohne sie alle zu glauben, liegt am Tage, und man muss es entschuldigen. Wer ein Hausvater ist und sich und seine Familie um ungerechter Formalien willen nicht in die bitterste Not sturzen will, sei von mir nicht verdammt. Verdamme ihn ein hartherziger Rechtglaubiger, wenn er's vermag!
Aber wie steht's um die Wahrheit? Muss die noch immer weg den Neununddreissig Artikeln nachstehen? Ware es nicht die Pflicht der gesetzgebenden Macht, zu sorgen, dass durch keine Formulare die Ausbreitung der Wahrheit gehindert werde, und sollten die Bischofe nicht selbst die Hand dazu bieten? Wenn jene Artikel die Kette sind, welche die ausserste Weite misst, worin der Verstand eines Geistlichen sich bewegen darf, so ist es vergeblich, nach Wahrheit zu forschen."
*
"Ist's nicht hochst seltsam, dass man denjenigen, welche sich uber die Strenge der Neununddreissig Artikel beklagen, vorsagen will, ihre Klage sei ungerecht? Denn, heisst es, nachdem sie die besten Jahre ihres Lebens angewendet haben, um sich zu einem geistlichen Amte geschickt zu machen, durfen sie ja nur kein geistliches Amt suchen oder es niederlegen, wenn sie es schon angetreten haben.
Dies ist also die Gnade, die man uns anbietet? Die Uniformitatsakte verursachte, dass im Jahre 1662 am Bartholomaustage an zweitausend dissentierende Prediger auf einen Tag ihr Amt niederlegten, daher zweitausend Familien ohne Brot und zweitausend Gemeinden ohne Gottesdienst waren. Einen solchen Bartholomaustag fur England, so traurig als fur Frankreich die Bartholomausnacht, wunscht Ihr also wieder, die Ihr so kalt daherplaudern konnt: damit gar kein Gewissenszwang da sei, ware nur notig, dass jeder, der nicht nachbeten will, sein Amt niederlege. Das nennt Ihr Schonung der Dissenter? Das nennt Ihr Toleranz und Sanftmut?
Bei Gott, diese Sanftmut der Verteidiger der Neununddreissig Artikel gemahnt mich wie die Schonung der Rabbinen, die dem Verurteilten nur neununddreissig Streiche geben. Wahrlich, ob er gleich den vierzigsten nicht bekommt, so schmerzt doch deshalb keiner von den neununddreissigen weniger."
*
"Die Schriftgelehrten gleich den scholastischen Philosophen haben von jeher ihre Lehrgebaude so kunstlich angelegt, dass jeder das seine trotz aller Widerlegung beweisen kann. Sie gleichen Bergschlossern, die noch dazu mit hohen Wallen und tiefen Graben umgeben sind, so dass derjenige, der darin ist, sich ewig verteidigen und derjenige, der draussen ist, sie nimmer mit Vorteile angreifen kann. Aber wie, wenn wir diese Festungen, die uns eigentlich nichts hindern, liegenliessen und mit der gesunden Vernunft geradezu ins Land drangen? Die Priester hatten bis ins sechzehnte Jahrhundert ihr System in gar kunstliche dialektische Schlingen verwickelt. Luther liess sie und ging gerade auf die Bibel, die er allen, die lesen konnten, in der Landessprache in die Hande gab. Die fleissige Lesung dieses Buchs erwarmte das Herz und erleuchtete den Verstand dadurch, dass sie das Nachdenken beforderte. Wollen wir auf einem gleichen Wege nicht weiter fortgehen? Freies Nachdenken und Uberlegen fuhren sicherer zur Wahrheit als spitzfindige Lehrgebaude."
*
"Man setzet immer die Vernunft der Offenbarung entgegen. Dies mag der notig finden, der an eine unerklarliche Theopneustie glaubt. Ich hoffe aber, es sei niemand jetzt mehr so einfaltig, sich einzubilden, Gott habe die heiligen Bucher unmittelbar und ubernaturlich eingehaucht. Es sind Bucher, welche zu schreiben Vernunft hat mussen angewendet werden und zu deren Lesen und Verstehen auch Vernunft gehort."
*
"Samuel Werenfels72, einer der gelehrtesten und rechtschaffensten Gottesgelehrten in der Schweiz, schrieb in seine Bibel:
Hic liber est, in quo sua quaerit dogmata quisque;
Invenit et pariter dogmata quisque sua. Dass dieses wahr sei, lehret die Kirchengeschichte aller Sekten. Wer viel und wer wenig glaubet, der Rechtglaubige wie der Schwarmer suchen und finden ihre Lehre in der Bibel. Wie nun? Ich meine, was geschehen ist, sei nicht ohne weise Absichten der gottlichen Vorsehung geschehen. Gott hat aber weder das Alte Testament noch das Neue Testament selbst unmittelbar aufgezeichnet. Er hat gute Leute ausersehen, welche Bucher geschrieben haben, die durch verschiedene Vorfalle bei einem grossen Teile des menschlichen Geschlechts in solches Ansehen kamen, dass derselbe aus ihnen seine Pflichten hat kennenlernen wollen. Die Bucher aber sind so eingerichtet, dass diese Erkenntnis nicht ohne Betrachtungen und Schlusse, folglich nicht ohne Nachdenken erlanget werden kann. Also sind diese Bucher insofern eine Quelle der Wahrheit, als sie das Nachdenken uber Wahrheit befordern. Mogen immer die Schlusse und Folgerungen aus denselben verschieden sein! Wenn sie nur alle zuletzt in gemeinsame Wahrheit zusammenfliessen, wollen wir uns gern beruhigen. Der heilige Hieronymus73 hat schon gesagt: 'Das Wort Gottes ist eine Perle. Jawohl, eine Perle! Denn gleichwie die Kunstler die Perlen, wo es ihnen gut dunkt, durchbohren, so haben alle Sekten Gottes Wort nach ihrem Sinne ausgelegt' und es auf den Faden ihres Lehrsystems gereihet.
Die heiligen Bucher sollen mir bestandig Quellen des Nachdenkens uber Wahrheit bleiben; aber nie werde ich den verdammen, der andere Quellen des Nachdenkens uber Wahrheit zu finden glaubt, besonders wenn er mit mir auf gleiche gemeinsame Wahrheit zuruckkommt. Verdamme, wer will, fast ganz Asien und Afrika und den grossten Teil von Amerika. Millionen ihrer Einwohner kennen diese Bucher nicht; und doch hat sie der allgemeine Vater gewiss nicht ohne Wahrheit und ohne Gluckseligkeit, die Folge derselben, lassen wollen."
*
"Wenn ich in den heiligen Buchern eine Stelle finde, in welcher von einem Gott die Rede ist, und lese, erst nach Jahrhunderten sei gefunden worden, dass ein durch ein zu dunnes Pergament durchgeschlagener Querstrich74 diesen Gott veranlasset hat wenn ich lese, dass nach Jahrhunderten entdeckt worden, es habe sich ein 'nicht'75 in den Text geschlichen, so dass anstatt der nicht sundigenden die sundigenden verstanden werden mussen: bin ich verdammenswert, weil ich glaube, die blossen Buchstaben einer Offenbarung, welche so vielen Veranderungen unterworfen waren, uber deren wahre Lesarten man noch nicht einig ist, konnen nicht bloss und allein den Grund der Wahrheit und meiner kunftigen Gluckseligkeit enthalten?
Wenn ich in der Kirchengeschichte lese, man habe jahrhundertelang gestritten, welche Bucher kanonisch sein sollten und welche nicht wenn ich finde, dass der Kanon auf Konzilien bestimmt worden, und aus der Kirchengeschichte weiss, wie die Konzilien beschaffen waren wenn ich das Buch des weisen Sirach unter den apokryphischen und ein anderes Buch voll mystischer Bilder unter den kanonischen finde: kann ich mich enthalten, zu zweifeln und weiter zu untersuchen? Und was kann ich dazu brauchen als meine Vernunft, die auch eine Gabe Gottes ist?
Wenn ich in einem der geoffenbarten Bucher lese76: 'Wer ubertritt und bleibet nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott ... So jemand zu euch kommt und bringet diese Lehre nicht, den nehmet nicht zu Hause und grusset ihn nicht, denn wer ihn grusset, der macht sich teilhaftig seiner bosen Werke' wenn ich in einem andern lese77: 'Der HErr brachte um, die da nicht glaubeten': bin ich verfluchenswert, weil ich nicht mit blindem Kohlerglauben alles annehme, wie es buchstablich dastehet, sondern vermeine, dass in diesen Buchern vieles nicht fur die allgemeine Menschheit, vieles nicht fur mich geschrieben sei, aber dennoch alles das Gute und Nutzliche, was ich in diesen Buchern finde, zu der Masse der Erkenntnis schlage, die ich aus Natur und Erfahrung geschopft habe?"
*
"Wenn ich zuruckdenke, was man ein paar Jahrtausende lang mit der Bibel vorgenommen hat, um alles, was man wollte, darin zu finden, so muss ich erstaunen. Man hat sie dogmatisch, exegetisch, typisch, mystisch, prophetisch erklart. Man hat sie ubersetzt und kommentiert, parallelisiert und analysiert, abgekurzt und wieder paraphrasiert!
But that's78 no news to the poor injur'd page;
It has been us'd as ill in every age,
And is constrain'd with patience all to take,
For what defence can Greek and Hebrew make!"
*
"Ist zwischen blindem Glauben an die Offenbarung und schandlichem Unglauben gar kein Mittelweg? Ist jeder Freidenker verwunschenswurdig? O Waterland! Waterland!79 Wenn du gleich den Biedermann Herbert und den Sittenlehrer Shaftesbury mit Rochester, Etherege und Villiers in eine Klasse wirfst, glaube mir, es kommt eine Zeit, wo weise Gottesgelehrten einem Tindal den Beweis, dass das Christentum so alt als die Welt ist, verdanken werden."
*
"Das folgende Kapitel soll Doktor Pococke in einem zu Kairo befindlichen Kodex anstatt des 22. Kap. des I. Buchs Mose gefunden haben. Kanonisch oder nicht, ich gebe das erste bis neunte Kapitel des ersten Buchs der Chroniken dafur.
1. Nach diesen Geschichten begab sich's,
dass Abraham sass in der Tur seines Hauses,
da der Tag am heissesten war.
2. Und siehe, ein Mann kam von der Wusten her.
Er war gebuckt vor Alter,
und sein schneeweisser Bart hing ihm bis auf
seinen Gurtel
und er lehnete sich auf einen Stab.
3. Und da ihn Abraham sah, stand er auf
und lief ihm entgegen von der Tur seiner Hutte
und sprach:
4. Komm herein, ich bitte dich.
Man soll dir Wasser bringen, deine Fusse zu
waschen,
und du sollst essen und die Nacht bleiben,
morgen aber magst du deinen Weg ziehen.
5. Und der Mann sagte:
Nein, ich will unter diesem Baume bleiben.
6. Aber Abraham bat ihn sehr;
da wandte er sich und ging in die Hutte.
7. Und Abraham trug auf Butter und Milch und
Kuchen,
und sie assen und wurden satt.
8. Da aber Abraham sah, dass der Mann nicht Gott
segnete,
sprach er zu ihm:
Warum ehrest du nicht den allmachtigen Gott,
den Schopfer des Himmels und der Erden?
9. Und der Mann sprach: Ich ehre nicht deinen Gott,
auch rufe ich seinen Namen nicht an;
denn ich habe mir selbst Gotter gemacht,
die in meinem Hause wohnen
und horen mich, wenn ich sie anrufe.
10. Und Abrahams Zorn entbrannte gegen den Mann,
und er stand auf und fiel auf ihn
und trieb ihn fort in die Wusten.
11. Und Gott rief Abraham; und er antwortete:
Hie bin ich!
12. Und der Herr sprach:
Wo ist der Fremdling, der bei dir war?
13. Und Abraham antwortete und sprach:
Herr, er wollte dich nicht ehren und deinen
Namen anrufen,
darum habe ich ihn von meinem Angesichte
getrieben in die Wusten.
14. Und der Herr sprach zu Abraham:
Habe ich ihn nicht ertragen diese
hundertundachtundneunzig Jahre
und habe ihm gegeben Nahrung und Kleider,
ob er sich gleich gegen mich auflehnet,
und du konntest ihn nicht eine Nacht ertragen?
15. Und Abraham sprach:
Lass den Zorn des Herrn nicht entbrennen gegen
seinen Knecht.
Siehe, ich habe gesundigt,
vergib mir, ich bitte dich.
16. Und Abraham stand auf und ging fort in die
Wusten
und rief und suchte den Mann und fand ihn
und kehrte mit ihm zuruck in seine Hutte
und tat ihm gutlich,
und den andern Morgen fruh liess er ihn ziehen in
Frieden."
*
"Doktor Thornton sagt in seiner Verteidigung der Neununddreissig Artikel: 'Zu behaupten, es sei nicht notig, dass die Meinungen der Prediger mit den symbolischen Buchern ubereinstimmen mussten, wurde ebenso ungereimt sein, als zu behaupten, es sei besser, dass die Decken auf den viereckigen Tischen, welche mitten in unsern Zimmern stehen, schief und zipfelig lagen als gerade und rechtwinklig.' Wahr ist's, zu den Zeiten der Konigin Elisabeth war unser Religionssystem wie unsere Philosophie einem unansehnlichen viereckigen Tische ahnlich, den wir dennoch mitten im Zimmer stehenliessen. Er hatte also die Decke sehr notig, und sie passte auch ganz wohl darauf. Aber seit einiger Zeit siehet man, besonders bei Leuten nach der Welt, gar keine Tische in der Mitte des Zimmers, sondern an den Wanden zierlich ausgeschweifte Marmorplatten, die auf vergoldeten Fussen ruhen. Die bedurfen aber keiner Decke, und wollte man die alte Decke darauf legen, so wurde sie ebendeswegen zipfelig hangen, weil sie viereckig ist. Hat aber noch jemand einen Tisch nach der alten Art in seinem Zimmer, der lege meinetwegen auch die alte Decke darauf."
*
"Der du einen neuen, geraden Weg bahnen willst, hore mich! Du wirst auf Hugel stossen. Lass dich keine Muhe reuen, sie abzutragen, um den schonen Weg nach der Schnur zu fuhren. Aber wenn dein neuer Weg auf ein Haus stosset, reiss es nicht um, solange Menschen darin wohnen; achte nicht, dass der Weg lieber etwas gekrummt daneben weggehe! Es kommt in der Zukunft wohl noch eine Zeit, dass das Haus wegen Baufalligkeit oder aus andern Ursachen neu muss gebauet werden; alsdann wird ein kluger Mann nicht versaumen, es auf eine andere Stelle zu setzen und den Weg ganz gerade zu machen. Sei mit dem zufrieden, was du nach dem Masse deiner Krafte und der Umstande hast tun konnen, und uberlass das ubrige der Nachkommenschaft."
Siebenter Abschnitt
Hier hielt Sebaldus mit Lesen inne und fragte seine beiden Zuhorer, was ihnen von dem Buche dunke.
Van der Kuit antwortete: "Hm, solch Buch sollte sich wohl verkaufen" und sah dabei mit sonderbar schlauer Miene den Domine an.
Domine de Hysel versetzte mit niedergeschlagenen Augen:
"Das mag mein Herr van der Kuit am besten verstehen."
Van der Kuit tat noch einige Fragen, um den Domine auszuholen. Dieser aber wich aus, kam auf eine andere Rede, fragte, ob von Sebaldus' Journale nicht ein neues Stuck herausgekommen sei, sah nach seiner Uhr, sagte, er musse eilen, empfahl sich und ging fort.
Sebaldus liess seine fertigen Hefte in den Handen des Buchhandlers, bat ihn, die Sache zu uberlegen, und weil eben einer der ersten Fruhlingstage war, machte er, sehr zufrieden, seinen Lieblingsspaziergang auf dem Dyk nach Seeburg, um sich an der Aussicht auf das Y zu laben.
Der Buchhandler, nachdem er sowohl den Domine als den Sebaldus bis vor die Tur seines Ladens begleitet hatte, ging bedachtig in seine Schreibstube zuruck, um zu uberlegen, ob nicht eine Spekulatie zu machen sei.
Mynheer van der Kuit war ein Buchhandler, der das Handwerk verstand, und trieb es auch als ein Handwerk. Ein Buch sah er als ein Ding an, das verkauft werden konnte; weiter kummerte ihn nichts dabei. Aber hierzu wusste er auch alle Vorteile zu suchen und, noch besser, sich dabei vor allem Nachteile zu huten. Dabei bemuhte er sich nicht etwa um kleine gemeine Vorteile: zum Beispiel fur ein neues Buch einen pfiffigen Titel zu ersinnen, uber ein verlegenes Buch nebst einer neuen Jahrzahl einen neumodischen Titel zu schlagen, sich des Verlagsrechts eines zu ubersetzenden Buches dadurch zu versichern, dass man es ankundigt, ehe es noch im Originale erschienen ist, und dergleichen mehr. Nein! Mynheer van der Kuit spekulierte ins grosse. Er war von weitem her achtsam auf alles, was ihm einmal dienen konnte, und tat, als ob die Leute, die er zu nichts zu nutzen wusste, ja selbst als ob die Bucher, die er nicht hatte, nicht in der Welt waren. Sein Hauptgrundsatz war, was er selbst brauchen konne, musse ein anderer nicht haben. Hierzu wusste er, oft durch die vierte Hand, Maschinen in Bewegung zu setzen und konnte nachher ganz unbefangen dabei aussehen, als ob ihm die Sachen so ganz naturlicherweise in die Hande gelaufen waren. Es ist wahr, er handelte dabei nicht allemal ganz genau nach den gewohnlichen Grundsatzen der Ehrlichkeit und der Menschenliebe. Er hatte aber seine Partie dergestalt genommen, dass er von Ehrlichkeit und Menschenliebe ganz fein zu reden wusste; und da man ihm weder die Ehrlichkeit absprechen konnte, dass er seine Schulden richtig bezahlte und auch ebenso punktlich eintrieb, noch die Menschenliebe, dass er keinen Bedurftigen ohne Almosen weggehen liess, wenn jemand zugegen war, und keinen Schuldner verklagte, von dem er vorher sah, dass er nicht wurde bezahlen konnen, so stand keinesweges zu beweisen, dass er mit seiner Schlangenklugheit nicht auch die Falschlosigkeit einer Taube verbinde.
Dieser Mann hatte lange mit Widerwillen angesehen, dass er bei dem Drucke der so gut verkauflichen Werke des Kollegianten nichts als nur der Namenleiher sein sollte. Besonders war ihm dieses bei dem gelehrten Tagebuche aufgefallen, wovon er monatlich eine grosse Anzahl Exemplare absetzte, zu seinem Missvergnugen, weil ihm bei jedem Exemplare einfiel, dieses Werk sollte eigentlich sein Eigentum sein und nicht des Kollegianten, der dabei nur die Kleinigkeit tat, dass er es schrieb. Indes da der Kollegiant ein reicher und angesehener Mann war und der eine zahlreiche Bibliothek hielt, so musste van der Kuit schon sein Missvergnugen in sich schlucken. Da aber Sebaldus, ein armer unbekannter Fremdling, das Eigentum dieses Werks erhielt, sah der erfahrne Buchhandler keinen Grund, warum er mit demselben ferner ebensoviel Nachsicht haben sollte. Er setzte also bei sich fest, er musse dieses Werk einst ganz an sich ziehen. Zu diesem Behufe hatte er dem Sebaldus einige wohlausgesonnene Vorschlage getan, welche dieser, der in Geschaften ziemlich kurzsichtig war, sich sehr leicht wurde haben gefallen lassen; wenn nicht van der Kuit, der zu viel Absichten auf einmal erreichen wollte, ihm zugleich ein paar Mitarbeiter hatte aufdrangen wollen, die zwar nach van der Kuit's, nicht aber nach Sebaldus' Absichten wurden gearbeitet haben. Er bekam also eine ausdruckliche abschlagige Antwort. Diese Widerspenstigkeit eines Autors brachte ihn nicht wenig auf und bestarkte ihn in seinem loblichen Entschlusse, das Journal zu besitzen und zugleich es nach eigenem Gefallen zu regieren.
Dieser Plan lag ihm bestandig im Sinne, zumal da er seine Ehre dabei interessiert glaubte, nachdem einmal ein Schritt deshalb von ihm getan war. Da er nun jetzt uber das Schicksal von Sebaldus' Ubersetzung spekulierte und einesteils wohl erwog, sie mochte verkauflich sein, andernteils aber auch Verdriesslichkeiten mit der Geistlichkeit besorgte, durch deren Kundschaft er so manche schone uitlegkundige Vermaaklykheeden, Verklaaringen und Leer-Reeden verkaufte, so konnte er mit sich gar nicht einig werden, wie der Gewinn davon mit rechter Vorsicht und doch unbeschnitten konnte erlangt werden.
Mit einem Male fing seine Spekulation an, einen andern Weg zu nehmen. Er hangte das Angesicht, krummte die Unterlippe, legte den Zeigefinger der linken Hand an die Nase, und endlich schien es ihm ganz naturlich vor Augen zu stehen, dass durch diese Ubersetzung, auch wenn sie nicht gedruckt wurde, das gelehrte Tagebuch sein Eigentum werden musste. Diese wichtige Entdeckung machte ihn unruhig; er ging aus seiner Schreibstube in den Laden, aus dem Laden in die Schreibstube, schnalzte mit den Fingern, ruckte die Perucke, zog die Beinkleider auf, rieb sich die Hande, eilte mit Sebaldus' Ubersetzung nach Hause, die er, ohne ans Abendessen zu denken, ganz durchlas, die notigen Stellen mit einem Kniffe bezeichnete, sein Projekt nochmals durchdachte und sich darauf voller Zufriedenheit zu Bette legte.
Den folgenden Tag, bei fruher Morgenzeit, verfugte er sich zu Domine de Hysel, dem er die ganze Ubersetzung vorlegte und ihm zugleich die Beschaffenheit des Buchs erklarte. Er las ihm jede angezeichnete Stelle, worin er eine derbe Ketzerei zu finden vermeinte. Er versicherte, er wisse, dass Sebaldus gefahrliche Absichten gegen die Landesreligion im Schilde fuhre und dass er ein Socinianer sei. Er suchte zugleich den Domine zu bewegen, dieses gefahrliche Buch der Obrigkeit anzuzeigen. Oder, wenn man aus Menschenliebe dies noch unterlassen wollte, so gab er zu verstehen, der Domine werde doch in seiner Gegenwart dem Sebaldus das Gewissen ruhren wegen der gottlosen Meinungen, die, wie er vernommen, auch schon hin und wieder in dem Journale zutage lagen und, wenn dieses, wie zu befurchten ware, nicht helfen sollte, allenfalls bei der Obrigkeit zeugen, dass er einen Teil dieses bosen Buchs vorlesen horen und dass es habe zum Drucke befordert werden sollen.
Mynheer van der Kuit hoffte den besten Erfolg von dieser wohlausstudierten Rede. Wider Vermuten aber antwortete Domine de Hysel auf verschiedene Fragen gar nichts und erklarte endlich mit zerstreuter Miene, dass er gestern wirklich nicht recht achtgegeben habe, als das Heft vorgelesen worden. Im Grunde sei manches doch auch nicht so schlimm und konne besser ausgelegt werden, ob er's gleich auch nicht verteidigen wolle. Da das Buch noch nicht gedruckt sei, ware es ohnedies zu hart, die Bestrafung von der Obrigkeit zu verlangen. Er durfe dem Herrn Nothanker ja nur den Verlag abschlagen welches er ihm zwar auch nicht eigentlich raten wolle. Kurz, er bate ihn, zu glauben, dass er gestern gar nicht achtgegeben habe, und niemand ihre heutige Unterredung zu entdekken. Er konne sich nicht wohl in die Sache mischen. Und bei diesem allen liess er deutliche Zeichen der Verlegenheit merken.
Van der Kuit konnte gar nicht begreifen, wie die Entdeckung eines Ketzers auf diesen rechtsinnigen Geistlichen so wenig Eindruck machen konne, denn er hatte gewiss geglaubt, ihn ganz bei seiner Schwache zu fassen. Da er nun merkte, dass der Beistand verfehlt war, den er gewiss von dem Domine zu erhalten hoffte, und nicht dienlich fand, demselben die wahre Ursache seines Antrags naher zu erklaren, so ging er, nachdem er sich dienstlich empfohlen, ziemlich betroffen zur Tur hinaus.
Wollte der geneigte Leser etwa aus diesem Vorfalle schliessen, dass Domine de Hysel heimlich heterodoxe Gesinnungen geheget, so wurde er sich irren; denn der Domine wollte an keinem einzigen Schlusse des Dordrechtschen Synods etwas geandert wissen.
Wollte man etwa vermeinen, der Domine habe die Meinungen des Buchs fur unschadlich gehalten und geglaubt, man konne sie dulden, so wurde man noch das rechte Ziel nicht treffen; denn er war gar nicht geneigt, sie zu billigen.
Kurz, um alles zu erklaren, darf man nur wissen, dass Domine de Hysel, so wie mehrere ehrwurdige Manner, sich bloss deswegen mit theologischen Studien beschaftigt hatte, um ein geistliches Amt zu erhalten. Da nun dieser Zweck erreicht war, bekummerte er sich, seine notwendigsten Amtsgeschafte ausgenommen, um geistliche Angelegenheiten ganz und gar nicht und war daher gegen Orthodoxie und Heterodoxie, gegen Duldung und Verfolgung eigentlich vollig gleichgultig. Er wurde durch Aufmerksamkeit auf diese Dinge auch nur an seiner Lieblingsbeschaftigung, an dem sussen Umgange mit den lieblichen Musen Latiens, gehindert worden sein; denn er wendete alle seine Zeit auf das Studium der lateinischen Sprache, die er in gesuchter Reinigkeit schrieb. Besonders machte er die zierlichsten lateinischen Gedichte, und er hatte kurzlich einen Band davon drukken lassen, wovon er nur vor acht Tagen dem ehrlichen Sebaldus als Verfasser eines gelehrten Journals ein schon gebundenes Exemplar gesendet hatte, mit einer hineingeschriebenen Carmine elegiaco abgefassten Epistel ad Sebaldum V. Cl. Nun befurchtete er, dass wenn er sich in diese Sache mengen wollte, wovon er ohnedies keinen Zweck absah, konnten seine Gedichte, fur die er eine grosse Zartlichkeit hegte, einem widrigen Urteile ausgesetzt sein; daher hielt er's furs sicherste, in dieser Sache nicht mit zu erscheinen.
Ubrigens sagte er darin keine Unwahrheit, dass er vorigen Tag auf Sebaldus' Vorlesung nicht achtgegeben habe; denn da er kein Liebhaber von Prose, am allerwenigsten von hollandischer war, so hatte er wahrend dem Lesen eine sapphische Ode auf den Dordrechtschen Synod zu Ende bringen wollen, wozu ihm noch ein paar Ausgange von Strophen fehlten. Wirklich vernahm er also damals wenig von dem Inhalte der Handschrift und wusste es jetzt dem Buchhandler schlechten Dank, dass er ihn damit bekannt machte; ja er wurde sich vor demselben haben verleugnen lassen, wenn er dessen Anbringen nur hatte vermuten konnen.
Van der Kuit ging voll Kopfschuttelns uber seine fehlgeschlagene Erwartung nach Hause, als ihm plotzlich einfiel, dass noch nichts verloren ware, wenn Sebaldus nur glauben wollte, dass Domine de Hysel wirklich gesagt hatte, was van der Kuit wunschte, dass er gesagt haben mochte. Er kehrte wieder um und ging zum Sebaldus, den er nach dem gestrigen Spaziergange und einem ruhigen Schlafe wohlbehaglich bei Durchlesung eines neuen Buchs antraf, worin er so viel gute Gedanken, so viel menschenfreundliche Gesinnungen fand, dass dadurch sein Herz zu allen angenehmen Eindrucken geoffnet war.
Der Buchhandler erzahlte ihm gleich, mit angenommener angstlicher Miene, dass Domine de Hysel erst die Handschrift und nachher ihn selbst habe zu sich holen lassen, dass er ihm darin viel gottlose Meinungen gewiesen und sich hoch vermessen habe, den Ubersetzer bei der Obrigkeit anzugeben, um ihn zur Strafe zu ziehen.
Eine schreckliche Nachricht macht desto starkern Eindruck, je mehr das Gemut vorher dem Vergnugen geoffnet gewesen. Sebaldus war daher ganz betaubt; und da van der Kuit fortfuhr, grassliche Marchen zu lugen, von der Strenge, womit man in diesem Lande gegen die Ketzer verfahre, dass man sie in Zuchthauser bringe, zur Festungsarbeit anschmiede, in entfernte Kolonien verbanne und dergleichen mehr, so ward der gute Mann, der in Welthandeln vollig unerfahren war und sich nie um die Verfassung irgendeines Landes bekummert hatte, ganz ausser Fassung gebracht. Es stellten sich ihm zugleich Dwanghuysen, Puistma, der Seelenverkaufer, Stauzius, Wulkenkragenius, der Prasident und alle widrige Begebenheiten seines Lebens so schreckenvoll dar, dass er den treulosen van der Kuit bei der Hand ergriff und angstlich ausrief:
"Ach, mein Gott, was ist das! Konnte ich doch nur aus diesem grausamen Lande entfliehen, ich wollte gehen, so weit mich meine Fusse tragen konnten."
Van der Kuit war eigentlich nur willens gewesen, da er Sebaldus' geringe Weltkenntnis ubersah, ihn durch einen eingebildeten Rechtshandel so in Verlegenheit zu bringen, dass er sich ganz in seine Arme werfen musste, wodurch denn der Zweck wegen des Tagebuchs und der unterzuschiebenden Mitarbeiter desto leichter zu erlangen sein musste. Da ihm aber Sebaldus aus ubertriebener Angstlichkeit noch ein sichereres Mittel an die Hand gab, so fasste er, als ein weltkluger Mann, gleich dessen Gedanken auf und sagte mit treuherzig scheinender Miene, er glaube in der Tat, es sei fur ihn kein Heil als in einer schnellen Flucht zu finden.
"Freilich", rief Sebaldus, herzlich beklemmt, "ich muss weg! Aber wohin? Wie soll ich so schnell und auch unerkannt aus dem Lande kommen? Ich weiss weder Weg noch Steg, habe auch kein Geld! Nach Ostindien zu gehen, habe ich allen Mut verloren. Nach Deutschland? Wie soll ich dahin zuruckkommen? Grosser Gott, was wird aus mir werden."
Diesen Zeitpunkt nahm van der Kuit wahr, ihn mit vielen schonen Worten zu versichern, dass ein jeder ehrlicher Mann dem andern beistehen musse. Er setzte hinzu, er wolle mit ebender Ehrlichkeit und Freundschaft, womit er ihn vor Unglucke gewarnt habe, ihm nicht allein zur Flucht nach Deutschland behilflich sein, sondern sogar auch mit Gelde helfen, wenn ihm Sebaldus nur den Vorrat und das Verlagsrecht der Werke des Kollegianten, besonders des gelehrten Tagebuchs, abtreten wolle. Sie wurden bald um etwa hundert Gulden einig, woruber van der Kuit, mit der ihm eignen Tatigkeit in Geschaften, sogleich eine Verschreibung aufsetzte und auch unverzuglich das Geld auszahlte.
Darauf eilte van der Kuit dienstfertigerweise, den Sebaldus unter fremdem Namen auf die Post nach Arnheim einschreiben zu lassen, ging auch hernach nicht einen Augenblick von ihm, bis er ihn den andern Morgen fruh um sechs Uhr nach dem Cingel80 gebracht hatte und ihn und sein weniges Gepack wohlbehalten auf dem Postwagen sah.
Sebaldus fuhr in grosser Herzensangst fort und sah sich bestandig um, ob nicht ein Wagen mit Gerichtsdienern hinter ihm kame, um ihn einzuholen. Diese heftige Gemutsbewegung hatte auf seine Gesundheit einen solchen Einfluss, dass er abends ein heftiges Fieber hatte, als er in Arnheim ankam. Er wollte sich dennoch, der eingebildeten Gefahr wegen, nicht einen Augenblick aufhalten. Gleichwohl war es zu spat, annoch wieder aus der Stadt zu kommen; er musste also voll Sorge und Bekummernis die Nacht aushalten. Des Morgens aber, mit Tagesanbruche, ging er in grosster Eil zu Fusse nach dem zwei Stunden entlegenen ersten klevischen Stadtchen Sevenaer, wo er, von Fieberhitze und Ermattung ubernommen, liegenblieb.
Die Krankheit ward gefahrlich, und da er nach etlichen Wochen zu genesen anfing, war durch die Kosten der Reise, des Wirts und des Arztes sein Geldvorrat fast ganzlich aufgezehret, so dass er in grosser Schwachheit und Armut weiterschlich. So kurz seine Tagereisen waren, so musste er fast immer einen Tag um den andern wegen grosser Mattigkeit liegenbleiben, bis er endlich in einem Dorfchen wieder vom Fieber ergriffen wurde, so dass er nicht weiterkonnte. Er liess den Mut ganzlich sinken, erwartete alle Nachte ruhig den Tod, bei Tage aber hatte er kaum so viel Kraft, sich bis an den Eingang des Dorfs zu schleppen, wo er beflissen war, den Reisenden das Heck aufzumachen, und von ihrem geringen Almosen nur kummerlich sein Leben hinhalten konnte, dessen er nun vollig satt war.
Achtes Buch
Erster Abschnitt
Die frische Luft und der wohltatige Einfluss der Sonne gaben unvermerkt dem matten Korper des Sebaldus wieder einige Krafte. Dabei ward auch sein Geist ruhiger, und er fing an, seinen elenden Zustand zu ertragen.
Eines Tages sah er zwei Leute zu Pferde von weitem ankommen, einen mit einem blauen Frack bekleidet, auf einem mutigen Hengste, und den andern in einem rosenroten Rocke mit silbernen Fransen, auf einem gemachlichen Passganger. Er eilte, so geschwind als es seine Schwachheit erlaubte, das Heck aufzumachen, und zeigte, indem er seine Mutze abzog, sein vor Alter, Ungemach und Gram gereiftes Haupthaar.
Als die Reiter naher kamen, meinte der Blaurock fur seinen Stuber noch den dienstfertigen Torwachter hohnnecken zu durfen.
"Alter Knasterbart", rief er, in einem Tone, der spasshaft sein sollte, "was fur einen zureichenden Grund hast du, das Heck aufzumachen?"
"Ich habe einen determinierenden Grund", sagte der Alte mit bescheidener Miene. "Krankheit und Mangel haben mich auf diesen Posten gestellt."
"Determinierend?" schrie der Blaurock mit einem lauten Gelachter. "Ich glaube wahrhaftig, in dem zerrissenen Kittel steckt ein verdorbner Crusianer. He, weisst du nicht auch 'ne kleine Weissagung aus der Apokalypse?"
"Ja", sagte Sebaldus und sah ihn ernsthaft an. "Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir, zu geben einem jeglichen, wie seine Werke sein werden."81
"Ha! Ha! Ha!" rief der Blaue. "Er moralisiert auch! Wahrhaftig, Herr Saugling" (denn die beiden Reiter waren niemand anders als Saugling und Rambold), "siehe da, eine Szene fur ihren empfindsamen Roman, der Kerl hat einen wahren Lorenzokopf! Hat er nicht?"
Dieses zu verstehen, muss man wissen, dass Saugling, seitdem ihm die Grafin abgeraten hatte, Verse zu machen, auf den Gedanken gekommen war, einen Roman zu schreiben, worin ihn Rambold bestarkte, damit er Gelegenheit hatte, ihn taglich damit aufzuziehen.
Rambold warf seinen Stuber hin und sprengte fort; Saugling ritt vorbei, indem der Alte sich buckte, aber kaum war er vier Schritte weg, so kehrte er um und steckte dem Alten, mit einem herzlich mitleidigen Blicke, einen Gulden in die Hand.
Ob er der Armut oder der schonen Szene oder dem Lorenzokopfe das Almosen gegeben habe, kann niemand, auch vielleicht der Geber selbst nicht bestimmen. Genug, Sebaldus rief:
"Gott segne Sie, junger Herr! Auch den Segen eines armen alten Mannes lasst Gott auf einem mitleidigen Junglinge ruhen."
Saugling spornte sein Pferd, und da er Rambolden einholte, floss ihm eine Trane sanft die Wange herunter.
"Ich glaube gar, Sie weinen", spottete Rambold. "Pfui, wer wird so weibisch sein!"
Saugling verteidigte seine Empfindsamkeit, Rambold fiel in seine gewohnliche Schrauberei, und so ritten sie weiter.
Der Leser wird vermutlich wissen wollen, wie Saugling und Rambold hier so in der Nahe erschienen. Sie waren von dem Schlosse der Grafin gerade nach Wesel gegangen, wohin sie Sauglings Vater beschieden hatte, weil er sich daselbst Geschafte wegen eine Zeitlang aufhielt. Nach deren Endigung ging er, obgleich der Herbst schon eintrat, mit seinem Sohne und dessen ehemaligem Hofmeister nach einem Gute, das er in der dortigen Gegend gekauft hatte. Saugling war seitdem bestandig bei seinem Vater geblieben, wo er seinen poetischen Phantasien ungestort nachhangen konnte. Rambold hingegen, der weiter keine Hoffnung hatte, durch die Frau von Hohenauf befordert zu werden, nachdem zu seinem Erstaunen Mariane gleichsam verschwunden war, rechnete zwar einigermassen auf den alten Saugling; weil aber der Aufenthalt bei demselben, besonders im Winter, fur seinen unruhigen Geist viel zu einformig war, so machte er Bekanntschaft mit dem Herrn von Haberwald, einem benachbarten Edelmanne. Dieser war, so wie Rambold, ein Liebhaber des Trunks, des Spiels und der Jagd und hielt, so wie jener, eben nicht auf die strengste Sittenlehre, daher durch diese Gleichheit der Neigungen die Freundschaft sehr bald so heiss ward, dass der Herr von Haberwald nicht einen Augenblick ohne seinen Rambold sein konnte und ihn vermochte, ganz zu ihm zu ziehen. Zuweilen besuchte indes Rambold noch seinen ehemaligen Zogling, und eben an diesem Tage war er mit ihm spazierengeritten, um einen sehr schonen Sommertag zu geniessen.
Als sie nach Hause kamen und Rambold gegen Abend nach dem Rittersitze des Herrn von Haberwald zuruckgekehrt war, beschaftigte sich Saugling den Rest des Abends mit Sebaldus' Figur, die in sein weiches Herz einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Er liess den andern Morgen ein Kariol anspannen und fuhr allein nach dem Dorfe, wo Sebaldus wieder am Hecke zu finden war. Auf Verlangen erzahlte ihm der Alte seine vornehmsten Unglucksfalle. Saugling war zu gutmutig, um einen solchen Mann langer in einem so traurigen Zustande schmachten zu sehen. Er liess ihn neben sich ins Kariol sitzen, fuhr mit ihm nach seines Vaters Dorfe zuruck, befahl ihn einem Pachter an, versorgte ihn mit reiner Wasche und Kleidern und mit notigen Nahrungsmitteln.
Beim Mittagstische erzahlte er seinem Vater die Begebenheiten des unglucklichen Alten und zugleich, dass er denselben bei dem Pachter untergebracht habe. Ob die Befriedigung der kleinen Eitelkeit, seine gute Handlung auch andern kundzutun, an dieser Erzahlung mehr oder weniger Anteil konne gehabt haben als die Begierde, seinen Vater zur fernern Wohltatigkeit gegen Sebaldus zu veranlassen, wird jeder Schreiber einer theologischen Moral, je nachdem die Falschheit der menschlichen Tugenden mit seinem Lehrgebaude mehr oder weniger verbunden ist, zu bejahen oder zu verneinen wissen. Genug, des alten Sauglings Neugier ward erregt, und er begehrte den Sebaldus selbst zu sprechen.
Zweiter Abschnitt
Saugling der Vater war ein Mann, der weder grosse Tugenden noch grosse Laster hatte. Sein naturliches Phlegma verliess ihn nur bloss in dem Falle, wenn er im Handel einen sichern Gewinn vor sich sah. Daher hatte er vom ersten Anfange des Krieges an viel mit Lieferungen fur die Armeen zu tun, wodurch er einen Reichtum erwarb, der selbst seine Erwartungen uberstieg. Den Wert des Geldes kannte er zwar so gut als jemand, doch war er eben nicht geizig, ob er gleich auch nichts vom Verschwenden hielt. Sobald der Krieg zu Ende zu gehen schien und er die Moglichkeit sah, dass ein Lieferant Schaden haben konnte, entsagte er allen fernern Unternehmungen und kaufte dieses Rittergut, wo er nunmehr seine grossen Reichtumer geniessen wollte. Er fand aber bald, dies mochte, sonderlich mit einem Geiste ohne Kenntnisse und ohne Tatigkeit, schwerer sein, als er wohl anfanglich gedacht hatte. Er fing an zu bauen, ward aber sehr bald fertig, mit einem Hause, das schon grosser war, als er es brauchte. Es fanden sich zu ihm bald Kunstkenner, fleissige, betriebsame Personen, welche ausdrucklich fur reiche Leute, die keine Kenntnisse haben, aus Werken der Stumper und Lehrlinge Gemalde der grossten Meister verfertigen lassen und sie durch verdorbenen Firnis und verschossenes Kolorit meisterhafterweise zu erheben wissen. Diese verfehlten aber bei ihm ganzlich ihren Zweck, weil sie ihm den ersten allen reichen Kunstliebhabern notigen Schritt nicht abgewinnen konnten, namlich ihm einzubilden, dass er Geschmack besitze. Sie vermochten daher nicht, ihn dahin zu bringen, sich ein Kabinett anzuschaffen, weil er ihnen immer mit dummer Ehrlichkeit ins Gesicht gestand, dass er an ihren so schon gepriesenen Rubens, van Dyk, Guercino und Luca Giordano keine Augenweide finden konne und dass ihm die Bildnisse seiner Voreltern mit ihren Kragen, guldnen Ehrenketten und Knotenperucken viel besser gefielen. Alles, was ihnen ubrigblieb, war, ihm ein paar von Jakobs van der Laenen oder Jan Steens Fratzengemalden anzuschwatzen, bei denen nicht viel verdient wurde, weil sie wirklich echt waren. Sie verliessen ihn also, mit vielem Achselzucken uber seine unbegreifliche Unwissenheit. Es fanden sich zwar andere Leute von Geschmack, welche ihn lehren wollten, seinen Garten nach der neuesten englisch-chinesischen Art anzulegen, die damals in Westfalen noch ganz unerhort war. Da aber zu diesem Behufe der grosste Teil seines Parks umgehauen und, zufolge der erhabenen Nachahmung der Natur, ein chinesischer Turm und hinter demselben verschiedene Wildnisse, Felsen und Abgrunde gerade auf dem Platze angelegt werden sollten, wo sein bestes Franzobst und alle seine Spargelbeete befindlich waren, so folgte er wieder seiner einfaltigen Uberlegung, dass er vermittelst dieser Verbesserung viele Jahre lang weder Spargel noch Obst kosten und vielleicht zeitlebens nie wieder Schatten und Kuhlung geniessen wurde, und liess alles, wie es war. Er hatte zwar gern Gesellschaften gehabt und setzte sich daher auf den Fuss, offne Tafel zu halten, aber es kam selten jemand, weil ihn der benachbarte Adel uber die Achsel ansah. Der Herr von Haberwald, welcher ihn freilich wegen der Rehe und Hasen seiner Wildbahn und wegen des guten Weins in seinem Keller oft besuchte, war ihm zu larmend so wie Rambold zu spitzfindig und hohnisch. Sein Sohn blieb folglich seine einzige Gesellschaft. Er horte dessen Gedichte auch wohl bei seiner Nachmittagspfeife an und freuete sich, wenn er bei seiner Morgenpfeife in den Zeitungen zuweilen schwarz auf weiss las, dass derselbe ein grosser Poet ware; aber dies wollte doch gegen seine grosse Portion von Langerweile nicht aushalten, wowider er nach langem Nachsinnen nichts erdenken konnte, als dass er begann, da die Winterabende allzu melancholisch wurden, wochentlich dreimal Betstunde zu halten.
Da er nun den Sebaldus kennenlernte, warf er die Augen auf ihn als einen Mann, der geschickt ware, ihm bestandig Gesellschaft zu leisten. Sebaldus war ungefahr von gleichem Alter, von gleichem ruhigem Gemute, er konnte bestandig um ihn sein, konnte von sehr vielen Sachen sprechen, die dem alten Saugling doch einige Beschaftigung darboten, ohne seinen zur Bemuhung nicht gewohnten Geist durch Anstrengung zu ermuden.
Er trug also dem aufgefundenen Armen nebst freier
Kost und Wohnung ein jahrliches Gehalt an, welches, wie leicht zu erachten, sehr willig angenommen ward. Dieser kam dadurch aus dem tiefsten Elende in einen Stand der Ruhe und Gemachlichkeit, der ihn aufs neue zum Genusse des Lebens empfindlich machte. Der Hauch vaterlandischer deutscher Luft erweckte wieder das Verlangen nach seiner Tochter und nach seinem Sohne. Bloss der ganzliche Mangel an Nachricht von diesen geliebten Kindern unterbrach zuweilen die Behaglichkeit, in der er lebte und die seine leicht zu befriedigende Wunsche sonst ganz erschopfte.
Seine vornehmste Pflicht war, beim Fruhstucke die
Zeitungen aller Art vorzulesen. Der alte Saugling hatte diese Lektur von der ersten Zeit seiner Einsamkeit an als ein hauptsachliches Hilfsmittel wider die Langeweile gebraucht. Die Zeitungen geben undenkenden Kopfen eine so unschuldige Gelegenheit, ihre wenigen Seelenkrafte auf eine halbe Stunde in eine Art von Bewegung zu setzen, und veranlassen wohl noch ein viertelstundiges Gesprach bei der Mittagstafel, wo ihnen oft der Bissen viel leichter in den Mund als das Wort aus dem Munde zu gehen pflegt, dass sie ihnen des Morgens zu einer ebenso notwendigen Seelenatzung geworden sind als das Kartenspiel des Abends. Dazu kam, dass die Zeitungsschreiber damals wenigstens monatlich ein paarmal Besorgnis wegen eines bevorstehenden Krieges ausserten. So oft dieses geschah, berechnete der alte Saugling in Gedanken und oft auch auf dem Papiere, wieviel Lieferungen von mancherlei Art fur die Armeen notig sein mochten, und machte Entwurfe, wie sie in den verschiedenen Landern, wo der Schauplatz des Krieges vorausgesetzet ward, konnten herbeigeschafft werden. Denn ob er gleich gar nicht willens war, selbst wieder etwas zu unternehmen, so waren doch Spekulationen dieser Art, wie er aus der Erfahrung sehr wohl wusste, ein sicheres Mittel, seinen Geist in der anspannungslosen Tatigkeit zu erhalten, wodurch der Korper, die vornehmste Sorge reicher mussiger Leute, so wohlbehaglich genahret wird, dass alle sechs nichtnaturlichen Dinge82 in der besten Ordnung vonstatten gehen.
Ein gleiches wirksames Hilfsmittel waren die vielen Zahlenlotterien, wovon ihm die Zeitungen Nachricht mitteilten. Er setzte in alle. Die Spekulationen uber die an verschiedenen Orten herausgekommenen und noch herauszukommenden Zahlen, die Komponierung und Dekomponierung verschiedener Einsetzungsarten und dergleichen mehr fuhrten ihn in so mancherlei ernsthaft aussehende Rechnungen, aus denen so viele sonderbar scheinende Resultate entsprangen, dass er zuweilen verleitet ward, seine Hirngespinste mit Wohlgefallen fur mathematische Einsichten zu halten. Dazu kam, dass die geringe Furcht, zu verlieren, und die grossere Hoffnung, zu gewinnen, der Verdruss, die Zahlen verfehlet, und die Freude, sie erraten zu haben, seine sonst so leere Seele mit etwas Leidenschaftahnlichem erfullten, welches machte, dass er weniger trage zu denken und lebhafter zu sprechen begann, und wodurch zugleich seine Safte in so ordentlicher Wirkung und Gegenwirkung erhalten wurden, dass er nie weniger von Indigestionen zu befurchten hatte als kurz vor und kurz nach den verschiedenen Ziehungstagen. Man kann also leicht erachten, wie sehr er in guter Gesundheit erhalten worden, da verschiedene Patrioten in verschiedenen Provinzen Deutschlands sorgen, dass keine Woche vorbeigeht, ohne dass irgendwoher den Reichen ein so stattliches Digestivmittel dargeboten werde, fur sie allemal wohltatig oder unschuldig und nur bloss den Armen zuweilen etwas allzu drastisch.
Wenige Tage nachdem Sebaldus in sein Amt eines Zeitungslesers eingesetzt worden war, stand in einer Zeitung die Gewinnliste ich weiss nicht welcher Zahlenlotterie. Er musste sie ganz vorlesen, weil sie dem alten Saugling wegen vieler Spekulationen uber die Folge der Zahlen in dieser Lotterie sehr interessant war. Sebaldus verstand ebensowenig davon, als ob sie polnisch geschrieben ware. Der alte Saugling hingegen, der schon mehrmal, wenn er in den Zeitungen uber manche Namen und Sachen zweifelte, Sebaldus' historische und geographische Kenntnisse nachgebend hatte annehmen mussen, tat sich jetzt was Rechts darauf zugute, ihm erklaren zu konnen, was Ambe und Terne und andere zur Lotterie gehorige Worte bedeuteten. Er geriet dabei in solchen Eifer, dass er dem Sebaldus anlag, sich funf Zahlen auszulesen und auf dieselben zu setzen. Sebaldus hatte keine Lust und verirrte sich in die Logik der Wahrscheinlichkeit, um zu beweisen, dass keine Zahl vor der andern mehr Wahrscheinlichkeit herauszukommen habe und dass er also keine vor der andern zu wahlen wisse. Der alte Saugling, voll Begierde, vermeinte auf dem rechten Wege zu sein, indem er den Inhalt des "Arabischen Lotteriewahrsagers" und des "Vademecums fur Zahlenlotterien" mit seinen daraus gezogenen Deutungen und Verbindungen dem Sebaldus vorerzahlte. Zuletzt, nach vielem Hinundwiderreden, verblieb Saugling wie es einem reichen Manne gegen seinen Hausgenossen gebuhret auf seiner Meinung und verlangte: Sebaldus sollte nur eine Zahl anzeigen, die er im Sinne hatte, so wolle er ihm die ubrigen vier daraus ziehen.
Sebaldus sagte: "In meinem Sine ist gar keine Zahl als die Zahl 666."
"Gut!" rief der alte Saugling. "Sehen Sie 6 und 66 ist drin, verdoppeln Sie die erste und teilen Sie die letztere, kommt 12 und 33, ziehen Sie diese beiden voneinander ab, bleibt 21. Sehen Sie: 6, 12, 21, 33, 66. Da haben wir's aber wahrhaftig schlechte Zahlen. Die einzige 21 ist gut. Sie verstehen's Spiel noch nicht, Herr Nothanker, das sieht man. Die geraden Zahlen kommen dieses Jahr in dieser Lotterie nicht heraus, am wenigsten in dem ersten Funfzig. Aber so ist's, solche junge Anfanger mussen Lehrgeld geben. Bleiben Sie nur bei Ihren Zahlen. Ich will Ihnen meine nicht sagen, aber die 21 ist dabei. Wir wollen sehen, uber drei Wochen, wenn die Ziehung vorbei ist! Die 21 kommt heraus und noch eine Zahl. Aber st! Lassen Sie uns die Satze regulieren. Sie sollen sechs Taler setzen, dies ist allemal mein Satz in jeder Lotterie."
Der alte Saugling besorgte den Einsatz nebst seinem eigenen und stellte dem Sebaldus den Schein zu. Zugleich machte er bei Vergleichung der Satze seiner Einsicht nochmals ein Kompliment und spekulierte, wie gewohnlich, noch einige Tage uber verschiedene Verbindungen der Zahlen, wogegen Sebaldus die Sache vergass, da sie kaum geschehen war.
Dritter Abschnitt
Einige Zeit darauf fiel Saugling der Vater, als er nur seinen gewohnlichen Fruhlingsschnupfen zu erhalten vermeinte, plotzlich in ein starkes Fieber, welches ihn einige Tage bettlagerig hielt. Da er sich besserte und einmal nachmittags ruhen wollte, machte Sebaldus in Gesellschaft des jungen Saugling einen kleinen Spaziergang. Eben unter der Zeit kam Rambold angeritten. Als er auf diese Art niemand sprechen konnte, durchlief er aus Langerweile die Zeitungen und uberlas die Aufschriften der Briefe, die der Postbote vor kurzem gebracht hatte und die noch auf dem Tische lagen. Er fand unter den Briefen einen an den jungen Saugling, dessen Handschrift ihm bekannt schien, und steckte ihn zu sich, um einen Schabernack damit zu machen, wovon er, wie wir schon wissen, ein Liebhaber war. Ehe er sich aber recht darauf bedenken konnte, kam der junge Saugling schon zuruck, und mit ihm Sebaldus, den er hier noch nicht gesehen hatte. Dieser entfernte sich sogleich wieder, um nach dem Kranken zu sehen, und liess Rambolden freies Feld, Sauglingen wegen seiner Neigung zu einem Bettler gewohnlicher Art nach aufzuziehen. Dennoch horte er Sauglings Erzahlung von Sebaldus' Namen, Stand und Begebenheiten mit besonderer Aufmerksamkeit an, fragte auch selbst, mit mehr als gewohnlicher Neugier, nach verschiedenen Umstanden. Da indes Saugling fortfuhr, mit warmer Teilnehmung die Geschichte zu erzahlen, schien Rambold etwas betroffen zu sein, ward wider seine Gewohnheit ernsthaft, stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder, lehnte sich unruhig ins Fenster, nahm, ohne daran zu denken, den Brief aus der Tasche, erbrach ihn in der Zerstreuung, las ihn, ward feuerrot, nahm mit einem Male eine ganz andere, vergnugte Miene an, schlug in die Hande, sah nach der Uhr, brach kurz ab, rief aus dem Fenster, man solle sein Pferd gleich satteln, sagte, er musse unumganglich gleich wieder nach Hause, umarmte Sauglingen, schwang sich aufs Pferd und ritt schnell davon.
Saugling wusste nicht, welcher Veranlassung er Rambolds plotzlichen Aufbruch zuschreiben sollte; da er indes an demselben schon mancherlei Launen gewohnt war, so dachte er weiter nicht daran oder glaubte vielleicht wirklich, Rambold werde durch ein Geschaft nach Hause gerufen. Dieser hingegen ritt einen ganz andern Weg; wie berichtet werden soll, wenn wir erst zuruckgesehen haben, wo Mariane blieb, von der wir, seitdem sie dem Obersten entsprang, keine Nachricht erhalten haben.
Vierter Abschnitt
Nachdem Mariane beinahe eine halbe Meile lang, so geschwind sie konnte, gelaufen war, musste sie sich endlich, unweit der Landstrasse, aus Mangel des Atems niedersetzen. Als sie sich ein wenig erholet hatte, fing sie an, ihren Zustand zu uberdenken. Sie sah sich in einer unbekannten Gegend, von jedermann verlassen, und musste befurchten, ihrem Nachsteller, der sie vermutlich verfolgen lassen wurde, wieder in die Hande zu geraten. Als sie indes in ihrer Tasche ihr Geld wiederfand, so verzweifelte sie nicht an der Moglichkeit, sich geschwinder zu entfernen; und da eben ein Bauerwagen vorbeifuhr, setzte sie sich auf denselben und liess sich unverzuglich weiterbringen. Sie kam auf diese Art, beinahe ohne auszuruhen, von Dorfe zu Dorfe, in der Absicht, des Freiherrn von D. Guter zu erreichen. Da sie aber selbst den Weg dahin nicht recht wusste und niemand als Bauern darum fragen konnte, deren Kenntnis sich gemeiniglich nicht weiter als einige Tagesreisen in die Runde erstrecket, so ward sie anstatt ins Hildesheimische tief in Westfalen hineingefahren. Nach einer ununterbrochenen Reise von acht Tagen fiel ihr das eingefallne Regenwetter beschwerlich, da sie nur ganz leicht bekleidet war. Indes bestand sie doch darauf weiterzufahren, bis ein Platzregen und Ungewitter sie notigte, in ein im Walde stehendes einzelnes Haus abzutreten. Der Regen horte den ganzen Tag nicht auf; der Bauer wollte nicht warten, weil er morgen einen Hofdienst zu tun hatte; und da sie von dem Bewohner des Hauses, der in seiner Jugend Soldat gewesen war und daher die Gegend weit und breit kannte, auf ihre Erkundigung nach dem Wege vernahm, dass sie sehr weit von dem Hildesheimischen entfernt sei, so entschloss sie sich kurz, den Bauer abzulohnen und bis zur Besserung des Wetters in diesem Hause zu bleiben.
Es ward von einem Greise, seiner Frau und seiner Tochter bewohnt, die sich teils vom Spinnen erhielten, der gewohnlichen Winternahrung der westfalischen Hausleute, teils die Milch einer Kuh und die Fruchte eines Krautgartens verzehrten, der durch ihren eignen Fleiss war urbar gemacht worden. Der alte Hauswirt verband mit der treuherzigen Ehrlichkeit eines Landmanns die Weltkenntnis, welche durch lange Feldzuge erlangt wird. Er hatte mit seinem Gutsherrn, der sein Oberster gewesen war, alle Gefahren der Feldzuge in Brabant geteilt und in allen Vorfallen sich ihm so ergeben gezeigt, dass der Gutsherr aus edler Dankbarkeit das Schicksal seines treuen Kriegskameraden zu verbessern suchte. Er ward im Alter auf Leibzucht83 gesetzt, der Hof aber seinem Sohne gegeben. Der Markenherr verlieh seinem ehemaligen Kriegsgefahrten nicht allein aus der Mark einen betrachtlichen Zuschlag und liess dessen Tochter, von Hofediensten frei, mit auf die Leibzucht ziehen, sondern baute ihm auch in einem angenehmen Sundern84 ein eignes bequemeres Haus mit einem Schornsteine, so dass sich der Leibzuchter nicht, wie seine Nachbarn, mit seinen Schinken zugleich rauchern durfte. Dabei hatte er unter seinem Strohdache eine besondere abgeschlagene Kammer, welche eigentlich diente, seinen Wintervorrat zu verwahren, jetzt aber Marianen zur Schlafkammer angewiesen ward.
Sie genoss darin, nach einer ungewohnt langen Reise, die erste Nacht eine susse Ruhe. Des Morgens stand sie erquickt auf, das Wetter hatte sich abgeklart, sie sah aus dem Fenster das Waldchen im schonsten Laube und hinter demselben grunende Wiesen. Als sie herunterkam, ward sie von den Hausleuten mit landlicher Gastfreundschaft empfangen. Nach dem Fruhstucke spazierte sie in der umliegenden Gegend, wo sie die Natur in aller ihrer Schonheit fand. Sie irrte auf einem Fusssteige, der zwischen dichten Buschen zu einem kleinen grun bewachsenen Hugel fuhrte, neben dem sich ein klarer Bach schlangelte. Diese Gegend schien ihr ungemein reizend. Sie bestieg den kleinen Hugel, von welchem sie in dem Waldchen umherschauen konnte und in der Ferne die Aussicht auf wallende Getreidefelder hatte. Hier uberlegte sie ihren Zustand. Sie sah, dass sie von dem Zwecke ihrer Reise weit entfernt war, dass sie, wenn sie auch wieder zuruckkehren wollte, nicht gewiss wissen konne, in welchen Gesinnungen sie den Herrn von D. finden mochte, dass sie vielleicht von ungefahr dem Obersten wieder in die Hande fallen konne und dergleichen mehr. Dagegen schien ihr dieser Winkel der Erde ganz paradiesisch zu sein. Es dunkte also ihrem ohnedies etwas zum Romantischen geneigten Geiste das zutraglichste, wenn es moglich ware, in diesem Aufenthalte der Ruhe und der Unschuld von der ganzen Welt abgesondert zu leben.
Sie entdeckte diesen Vorsatz ihren Wirtsleuten, welche sich denselben wohl gefallen liessen, falls sie mit ihrem Hauswesen, so wie es war, vorliebnehmen wollte. Mariane war vielmehr entzuckt daruber. Ihr Wirt, mit seinem ehrwurdigen schneeweissen Haupte und mit seiner ungekunstelten Aufrichtigkeit, kam ihr nebst seiner redlichen Hausfrau wie Philemon und Baucis vor, das Hauschen wie ein Tempel und die Gegend wie eine arkadische Flur. Alles verschonerte sich in ihren Augen. Wenn sie mit Spinnen und andern hauslichen Arbeiten einen Tag zubrachte, einen andern mit Besorgung der Milchkammer oder wenn sie einmal ihr eigenes Gericht pflucken und in den Topf werfen konnte, glaubte sie aus dem Prunke eines verderbten Zeitalters zur Einfalt und auch zur Unschuld der ersten Welt zuruckgekehrt zu sein. Wenn sie am Abende mit der Tochter ihres Wirtes, einem guten Madchen, nach dem Hugel spazierte oder sich mit ihr am Rande des Baches ins Gras setzte, schien sie sich zu den Nymphen Dianens zu gehoren; und wenn sie sang, welches oft geschah, schienen ihr die Hamadryaden aus dem Walde von fern zu antworten.
Wahr ist's inzwischen, dass diese reizenden Vorstellungen, wie mehrere poetische Phantasien, ins gemeine Leben gebracht, nicht allzulange stichhielten und dass nach einem Monate die gute Mariane ihre Einbildungskraft schon anstrengen musste, wenn sie in das seelenvolle Gefuhl ubergehen wollte, das ihr anfanglich so naturlich war. Als aber vollends der spate Herbst die Blatter streifte und der Nordwind mit ungestumem Brausen jeden Schritt ausser dem Hause verwehrte, sank Philemon in ihrer Idee wirklich zu einem gemeinen Bauern herab und Baucis zu einer westfalischen Hausmutter, die auch wohl, wenn ihr in der Wirtschaft nicht alles nach Sinne ging, schelten und schmollen konnte. Der Tempel ward wieder eine enge und unbequeme Hutte, in welcher zuweilen die harte Kost nicht schmecken wollte, sosehr sie der Einfalt unschuldiger Hirtenvolker gemass war. Ja Mariane hat nachher gestanden, sie sei zuweilen, ihrer phantasiereichen Vorstellungen ungeachtet, bei einem patriarchalischen Milchbrei in einer holzernen Satte nach einem wohlfiltrierten Kaffee in meissnischer Schale lustern gewesen.
In den ersten Tagen dieser landlichen Einsamkeit hatte sie sich, in liebliche Ideen von arkadischer Unschuld versenkt, bereden wollen, dass ihr Herz von Liebe frei sei. Aber ebendiese kleinen empfindsamen Schwarmeleien offneten es jedem sussen Eindrucke. Sie lebte die vorigen glucklichen Zeiten in Gedanken noch einmal, sie erinnerte sich ihres Sauglings ehrerbietiger, zartlicher, inbrunstiger Gesinnungen, sie besann sich, wie er sich ihrer bei einer schimpflichen Beleidigung angenommen hatte. Dann machte sie sich Vorwurfe, dass sie ihm, wider ihre Neigung, so kalt begegnet sei, und konnte nun nicht begreifen, wie sie ihr Herz vor ihm nicht habe ausgiessen wollen.
Diese Erinnerung war ihr einziger Trost, als im Winter durch Langeweile und Widerwillen ihr Geist taglich mehr zu erschlaffen begann. Sie wiegte sich in dem Gedanken, dass Saugling sie wirklich noch liebe, dass sie noch einst mit ihm vereinigt und glucklich sein werde. Sie mass seinen Schmerz, von ihr entfernt zu sein, nach dem ihrigen ab und fand oft Wollust darin, wenn sie, indem sie ihren eignen Schmerz beweinte, den Schmerz ihres Geliebten zu beweinen glaubte.
Als bei herannahender milderer Witterung alle ihre Empfindungen heiterer wurden, drangen mit jedem Fruhlingshauche die zartlichen Gefuhle tiefer in ihre Brust. Sauglings Bild spiegelte sich ihr in jedem hervorgrunenden Blatte, in jeder entfalteten Knospe. Bei ihren einsamen Spaziergangen nach dem Bachlein begleitete es sie. Dann sass sie in wonnetrunknem Staunen, dann glaubte sie es zu umfassen, dann sprang sie auf, errotend vor ihrem eignen Phantome. Dann wandelte sie am Ufer und sang Lieder, die er auf sie gemacht hatte, zu dem Falle des kleinen Stroms, der uber glatte Kiesel hinabrieselte und, indem er sich ausbreitete, den lieblichen Wiesengrund zu Entsprossung neuer Blumen befeuchtete.
Mit diesen anmutsreichen Phantasien verband sie auch Betrachtungen uber ihren gegenwartigen Zustand. Sie fuhlte, es sei ihr unmoglich, noch einen Winter in diesem Hause zuzubringen; gleichwohl sah sie auch kein Mittel, wie sie auf eine anstandige Art ihre Lage verandern konne. Sie schien sich einzeln und von der Welt ausgeschlossen zu sein, besonders nachdem sie auf einen Brief an Hieronymus schon seit ein paar Monaten keine Antwort erhalten hatte, vermutlich weil er ihm nicht zu Handen gekommen war. Da nunmehr ihre Liebe zu Sauglingen sich ihrer ganzen Seele bemachtigte und sich das Verlangen, von seinen Gesinnungen gegen sie unterrichtet zu sein, in ihre innerste Gedanken einflocht, so entschloss sie sich endlich nach vielem vergeblichem Zaudern, ihm nach Wesel, wohin sie wusste, dass er mit Rambolden hatte reisen sollen, ihren Aufenthalt zu melden.
Der Entwurf dieses Briefes kostete verschiedene Tage. Sie hatte sich fest vorgenommen, alle Merkmale der Liebe daraus wegzuwischen und bloss als ein ungluckliches Frauenzimmer zu schreiben, das sich, von jedermann verlassen, an einen edelmutigen Jungling wenden muss. Aber sie hatte die Spuren ihrer Empfindungen nicht ganz ausloschen konnen; denn die Liebe, wie ein susser Geruch, duftet unvermerkt um sich. Saugling, dessen Gesinnungen den ihrigen so sehr entsprachen, wurde auch gewiss unnennbare Wollust gefuhlet haben, wenn er so glucklich gewesen ware, diesen Brief zu erhalten. Der Brief ward vom Postamte zu Wesel nach seines Vaters Gute gesendet und war ebenderselbe, welchen Rambold erst aus Schakerei einsteckte und nachher aus Zerstreuung erbrach. Als er Marianens Wohnort daraus ersah, wollte er nicht einen Augenblick saumen, zu ihr zu eilen, indem ihr Aufenthalt kaum eine Meile entlegen war.
Rambold tat, als ob ihn ein ungefahrer Zufall dahin gefuhrt hatte, und hutete sich wohl, von dem gelesenen Briefe etwas zu erwahnen. Mariane verwunderte und freute sich, ihn zu sehen, in der Hoffnung, durch ihn Nachricht von ihrem Saugling zu erhalten. Aber er schwieg; und da sie endlich mit einigen Umschweifen nach demselben fragte, nahm er eine betrubte Miene an und versicherte, weil ihm eben nichts anders einfiel, dass Saugling gestorben sei. Diese Nachricht setzte Marianen ausser sich. Rambold war zwar sehr bemuht, sie zu bereden, dass sie sich diesen Tod nicht gar zu sehr zu Sinne ziehen mochte, weil Saugling ein Haschen gewesen, der allen Frauenzimmern Sussigkeiten vorgesagt hatte, allein bei Marianen wollten diese leidigen Trostgrunde keinen Eingang finden, daher kurzte er seinen Besuch ab und ritt nach Hause.
Er unterliess indes nicht, oft wiederzukommen, und ward von der bekummerten Mariane gern gesehen, weil er sie an Sauglingen erinnerte, von dem er ihr auf ihre Fragen allerhand Marchen erzahlte, welche, so unbetrachtlich sie waren, doch in Marianens zum Trauern gestimmter Einbildungskraft ein mitleidiges Wohlgefallen erregten.
Der Herr von Haberwald merkte Rambolds oftere Abwesenheit und unterliess nicht, ihn daruber zu hohnnecken. Rambold musste endlich gestehen, dass er ein hubsches Madchen besuche, welches er zu seiner Frau machen wurde, wenn er eine Versorgung hatte. Herr von Haberwald spitzte hierbei die Ohren und bestand darauf, dass er ihn mitnehmen sollte. Dies geschah, und weil Rambold dem Herrn von Haberwald einen Wink gegeben hatte, so wusste er sich so ehrbar und klug zu betragen, dass Mariane an beider Auffuhrung nichts auszusetzen haben konnte.
Als nach ihrer Zuruckkunft bei einigen Flaschen Wein Marianens Schonheit von beiden Teilen war gepriesen worden, ward von dem Herrn von Haberwald die weise Anmerkung gemacht, dass eine hubsche Frau Pastorin in einem Kirchenspiele eine nutzliche Sache ware. Vermittelst dieser Ausserung eroffnete sich eine kleine Unterhandlung, die, umstandlich auf dem Papiere beschrieben, Lesern von feinen Empfindungen niedertrachtig und widerwartig scheinen konnte, obgleich im Laufe der Welt unter manchen Leuten ohne Bedenken dergleichen stattfindet, eben weil sie keine feine Empfindungen haben. Das Resultat derselben war, dass der Herr von Haberwald feierlich versprach: sobald Rambold von Marianen das Jawort erhalten hatte, sollte er die Adjunktur des abgelebten Pfarrers mit einem bestimmten Gehalte bekommen.
Rambold warb nun im Ernste um sie. Mariane gab ihm zwar eine ausdruckliche abschlagige Antwort und brachte in ihrem Herzen dem Andenken ihres Sauglings dieses Opfer. Indes wiederholte Rambold, obgleich ohne Hoffnung einigen Erfolgs, so oft einen Antrag, uber den an sich ein junges lediges Frauenzimmer niemals zornig wird, er musste denn geradezu wider ihre Absichten streiten, dass ihn Mariane mit einiger Nachsicht anhorte. Die Heldin eines Romans hatte freilich eine unverletzte Bestandigkeit an den Tag legen und sich eher toten lassen mussen, als sich einem Gegenstande zu ergeben, fur den sie nicht die heisseste Liebe fuhlte. Aber im gemeinen Leben haben wir haufige Beispiele, dass wohlgezogene Frauenzimmer, selbst in nicht so misslicher Lage wie Mariane, wenn sie gleich zur innigsten Leidenschaft Zunder in sich fuhlten, dennoch mit kalter Vernunft uberlegt haben, was vieles junge Volk nicht wissen will, dass feurige Liebe nicht ewig in gleicher Anspannung dauern kann und dass neben der Liebe, so wunschenswert sie ist, noch mehrere Gegenstande in der Welt sind, woran edle Seelen auch denken durfen. Da nun Rambold von Person nicht widrig war, da er sich seit der ersten Zeit seines Umgangs mit Marianen in ihre Gemutsart geschickt und sich dabei so fein zu verstellen gewusst hatte, dass sie von seiner schlechten Seite fast nichts merken konnte, so ist schwer zu entscheiden, wozu sie vielleicht noch endlich sich mochte entschlossen haben, wenn das Schicksal, welches, wie die Poeten versichern, bestandig uber Verliebte wachen soll, ihr die Nachricht von Sauglings Leben fortdauernd verweigert hatte.
Funfter Abschnitt
Saugling, der seit Marianens Entfuhrung von allen ihren Begebenheiten nichts wusste, blieb in der Zuneigung gegen seine Geliebte bestandig. Sie war noch immerfort der Gegenstand aller seiner einsamen Phantasien. An sie waren alle verliebte Verse gerichtet, die er nicht unterlassen konnte, von Zeit zu Zeit zu machen. Er gab sich Muhe, obwohl fruchtlos, Nachricht von ihr einzuziehen. Er beklagte sich deshalb oft bei dem treulosen Rambold, welcher aber, besonders in den letzten Zeiten, seine Liebe zu einer abwesenden Person, die vielleicht wer weiss wo in der Welt herumschweifen mochte, mit gewohnlicher Narrenteiding zu bespotteln suchte. Doch dieses konnte auf das Gemut des treuen Sauglings, so empfindlich er sonst auch gegen das Lacherliche war, keinen Eindruck machen.
Ob nun gleich Mariane immer die Konigin seines Herzens blieb, der alle seine Gedanken gewidmet waren, so wurde doch seine so weiblich gestimmte Seele unglucklich gewesen sein, wenn er nicht mit einem gegenwartigen Frauenzimmer oft hatte umgehen konnen. Auf dem Gute seines Vaters aber war kein weibliches Geschopf seiner Achtsamkeit wurdig; ein Gluck fur ihn also, dass sich bald eine Gelegenheit fand, mit einem jungen Frauenzimmer in der Nachbarschaft bekannt zu werden!
Die Betstunden, welche Saugling der Vater zu halten anfing, machten ihn mit der Frau Gertrud bekannt, einer reichen Witwe, die in einem benachbarten Stadtchen wohnte. Ihr seliger Gemahl, Herr Gertrud, war ein betriebsamer Mann und bestandig bedacht gewesen, sein kleines Talent so gut wie moglich, und zwar hauptsachlich zu seinem eigenen Vorteile zu nutzen. Weil er wusste, wieviel leichter es ist, auf gutmutigen Menschen zu reiten als pfiffige Kunden zu uberlisten, und weil er von Natur ein ehrbares und bedachtiges Ansehen hatte, so trieb er sein Wesen hauptsachlich unter verschiedenen enthusiastischen und separatistischen Religionsparteien. Er fugte sich ganz in ihre Einrichtungen, drang sehr geflissentlich in die ihnen am Herzen liegenden Glaubenspunkte ein, besorgte ihre Angelegenheiten, korrespondierte mit den entfernten Bruderschaften und verteilte ihre Almosen. So hatte er sich lange bei den Herrnhutern aufgehalten und war nur erst alsdann von ihnen geschieden, da man ihn uber gewisse Verwaltungen bruderlich befragen wollte, uber welche er bruderlich zu antworten nicht gemeinet war. Seine Frau war ihm, ehe dies geschah, durchs Los des Heilandes zugefallen, und dieses Los behagte ihm sehr wohl; denn sie war in ihrem neunzehnten Jahre, hatte eine feine Haut, ein wohlbeleibtes Ansehen und grosse blaue Augen, die sie bei geistlichen und weltlichen Entzuckungen andachtig zu verdrehen pflegte. Als er starb, liess er seiner Witwe nebst einem Vermogen von funfzigtausend Talern eine einzige Tochter, die Jungfer Anastasia Gertrud. Diese war jetzt in ihrem achtzehnten Jahre und sah ungefahr ebenso aus als ihre Mutter zu der Zeit, da sie dem Vater durchs Los zufiel. Sie hatte das gebenedeite Ansehn, welches der Frommling aus der Zerknirschung des Herzens herleitet und der Weltling zuweilen in ganz anderm Verstande nimmt. Ihre Augen waren fast immer niedergeschlagen; doch wenn sie zuweilen aufsahen, war ihr Blick sehr durchdringend, sank aber sogleich wieder ehrbarlich nieder. Sie trieb keine Kleiderpracht und ging weder in Samt noch Seide; jedoch das allerfeinste Leinen, die ausgesuchtesten Spitzen, die Zitse erster Sorte, obgleich sittsamer Farbe, dienten, eine sehr zarte Haut und eine volle Wange zu erhohen, die, ohne dass es das Ansehn hatte, doch sehr sorgfaltig gepflegt wurden. Sie sprach wenig, eigentlich weil sie nicht viel zu sprechen wusste; aber diese Einfalt diente ihr zu einer frommen Koketterie. Sie schien aus verschamter Zuruckhaltung zu schweigen, indem sie sanft seufzete und das Haupt langsam seitwarts sinken liess.
Mit diesem jungen Frauenzimmer unterhielt sich Saugling der Sohn, wenn ihre Mutter seinen Vater oder er sie besuchte, welches fast wochentlich geschah. Unterdes die Frau Gertrud mit seinem Vater die Materie von Hypotheken und Schuldscheinen durchging oder mit Sebaldus uber theologische Materien disputierte, wie sie denn in der Dogmatik so gut wie in der Polemik bewandert war, pflegte Saugling mit der Jungfer Anastasia die sussen Gedanken zu teilen, die wie Honig von seinen Lippen flossen. Dass sie von ihr nicht verstanden wurden, tat wenig zur Sache; sie machte doch einen bescheidenen Knicks, als begriffe sie etwas davon, schlug ihre grossen Augen kurz auf und wieder nieder und errotete zuweilen, wenn etwas von Liebe oder heidnischer Mythologie vorkam. Saugling, der, einem Frauenzimmer zu gefallen, gern alle Gestalten annahm, versuchte einige geistliche Lieder nach bekannten Melodien zu machen. Dieses gelang ihm uber Vermuten. Denn die Jungfer Anastasia begann sie nicht allein mit vieler Begierde zu lesen, und ihr schoner Mund sang sie ihm vor, sondern die Frau Gertrud fand auch so viel Salbung darin, dass sie, aus eignem Betriebe, sich dahin zu verwenden versprach, diese Lieder sollten in ein Gesangbuch eingeruckt werden, wovon man eben im Herzogtume Julich eine verbesserte und vermehrte Auflage besorgte. Eine Hoffnung, welche Sauglings kleiner Eitelkeit nicht wenig schmeichelte. Auf diese Art ward der Umgang zwischen dem Dichter und der frommen Anastasia taglich genauer, und es ward die schuchterne Jungfer, obgleich in aller Ehrbarkeit, etwas gesprachiger und unterhaltender, welches beiderseits Eltern sehr wohl gefiel. Denn Saugling der Vater, welcher den Reichtum der Frau Gertrud kannte, berechnete bald, dass sein Sohn keine bessere Partie treffen konnte; und Frau Gertrud, welche auch wohl wusste, wie warm der alte Saugling sass, fing an, der Sache etwas naherzutreten, indem sie zuweilen bemerkte, dass die Ehen im Himmel geschlossen wurden und dass die Menschen, sobald dies ersichtlich sei, dem Himmel nicht widerstreben mussten.
Saugling der Sohn argwohnte alle diese Absichten gar nicht, sondern der Umgang mit einem Frauenzimmer diente ihm nur, wie einer Uhr das Ol, um seine zartlichen Phantasien in gleichem Gange zu erhalten. Er lebte mit der Jungfer Anastasia ganz unbefangen und widmete nichtsdestoweniger bestandig seiner abwesenden Mariane die zartlichste Liebe.
Sechster Abschnitt
Nachdem Saugling der Vater von seiner Krankheit genesen war, wurde er einst mit seinem Sohne zu der Frau Gertrud in die Stadt zu Mittage eingeladen. Die schone Anastasia, welche gleich ihrer Mutter des jungen Sauglings Achtsamkeiten ganz ernsthaft auslegte, hatte diesen Tag alle ihre sittsame Reizungen aufgeboten, weil sie nunmehr zutraglich hielt, sein Herz ganz zu fesseln. Man fand an ihr heute nicht bloss die andachtige Selbstgenugsamkeit wohlbeguterter Betschwestern, nicht nur das ihnen sonst gewohnliche selbstbehagliche Achtgeben auf gesundes Ansehen, auf Weiche der Haut, auf Glatte der Bekleidung, auf Gelindigkeit der ganzen Person, welches sogar bei Nonnen die Stelle alles weltlichen Putzes vertritt, sondern ihr mit brabantischen Spitzen besetztes Haubchen war auch einen halben Zoll hoher auf die Stirne geruckt, sie schlug die Augen ofter lieblich empor und liess sie mit langsamerm Schmachten niedersinken, und ihre immer weichlich lispelnde Stimme erstarb heute auf ihren Lippen mit einer holdem Lacheln nahekommenden Freundlichkeit.
Alle diese schmachtende Reize liess sie, mit der andachtelnden Madchen so eignen zuruckhaltenden Innigkeit, auf Sauglingen wirken, als sie nach dem Mittagsmahle mit ihm allein im Garten spazierenging. Jungfer Anastasia, die bald in seinen Augen die unverstellten Merkmale des Wohlgefallens las, glaubte sichere Zeichen ihres geheimen Sieges zu finden und ihrem wohlmeinenden Zwecke, aus einem weltlichen Junglinge einen frommen Ehemann zu bilden, ziemlich nahe zu sein.
Doch da sie nun mit stillem Herzklopfen einer zartlichen Erklarung entgegensah, liess sich Saugling weit gefehlt, dass er seiner einzig geliebten Mariane nur einen Augenblick hatte untreu werden sollen durch ihre anmutige Vertraulichkeit zu nichts anders bewegen, als dass er einige von seinen Lieblingsliedern uber die Freuden des Lebens aus der Tasche zog, die er sich bisher noch nicht getrauet hatte, ihr vorzulesen. Sie horte sie an, mit volliger Ergebung in ihr Schicksal. Bei feinen Gedanken, die sie nicht verstand, sah sie freilich ein wenig damisch aus; aber dies ward durch das sanfte Lacheln vergutet, welches zugleich diente, ihre schonen Zahne und die Grubchen in ihren runden Wangen zu zeigen. Bei verliebten Stellen errotete sie nicht gleich wie sonst, sondern schlug die Augen seitwarts auf, mit einem Blicke zwischen Verschamtheit und Sehnsucht, und wenn sie dann im Herabsinken dem auf ihren Beifall gierigen Blicke Sauglings begegneten, stieg ein sanftes Rot auf ihre vollen Wangen, indem ihre Augen nochmals furchtsam aufblinzten.
Indem dieses vorging, hatte sich ein mitgebetener Freund der Frau Gertrud des alten Saugling bemachtigt und ihn nach Tische ebenfalls in eine andere Gegend des Gartens gefuhret. Er brachte, ungezwungnerweise, das Gesprach auf die Jungfer Anastasia und breitete sich ausfuhrlich uber das grosse Heiratsgut aus, das sie zu gewarten habe. Er erzahlte zugleich, es hatten sich schon viele Partien gefunden, die aber, weil sie Weltkinder gewesen, von der Frau Gertrud waren abgewiesen worden, bis sich kurzlich erst ein annehmlicher Brautigam, sogar ein Edelmann, gefunden hatte, dessen Ansuchen jetzt wirklich in Erwagung gezogen wurde.
Diese Nachricht tat auf den alten Saugling die begehrte Wirkung. Er ward etwas still, blies einige Minuten lang den Rauch aus seiner Pfeife langsamer von sich und fragte, so gleichgultig als er konnte, ob denn der bewusste Brautigam schon das Jawort erhalten habe.
"Bis jetzt noch nicht", sagte der Freund des Hauses, "die Sache ist noch in Uberlegung und verdient sie."
"Ich wunschte", sagte der alte Saugling, nachdem er wieder einige Minuten pausieret hatte, "dass ich eher etwas davon gewusst hatte; denn ich muss gestehen, dass ich die Jungfer Anastasia immer fur eine schickliche Partie fur meinen Sohn gehalten habe."
Der Hausfreund versicherte, dass hierbei noch nichts verloren ware; man sei mit dem andern Brautigam auf keine Weise gebunden, und obgleich derselbe ein rechtes frommes Gnadenkind geworden, so sei er doch ein Mann von Stande und ein Offizier, und man wisse wohl, dass Leute dieser Art am leichtesten in Ruckfall geraten konnten; daher werde die Frau Gertrud seinem Sohne gewiss den Vorzug geben, nur musse er, wie leicht zu erachten, sich sehr bald deshalb erklaren.
Der alte Saugling ward uber diese Nachricht ungemein vergnugt und versicherte, er werde morgen unverzuglich mit seinem Sohne reden, welcher ihm schon langst eine besondere Neigung zur Jungfer Anastasia zu haben schiene; und da er gar nicht zweifelte, derselbe werde zu dieser Heirat die grosseste Begierde zeigen, so nahm er zugleich mit dem Hausfreunde die Abrede, dass dieser nebst der Frau Gertrud und ihrer Tochter auf den ubermorgenden Tag zum Mittagsessen gebeten werden solle, damit alsdann der erste Antrag geschehen und vielleicht gar die Sache gleich in Richtigkeit gebracht werden konne. Der Freund der Frau Gertrud bestarkte den alten Saugling sehr in diesem Vorsatze und fuhr fort, ihm uber das Vermogen derselben eine ausfuhrliche Auskunft zu geben nebst andern dahin einschlagenden, dem Alten ungemein angenehmen Gesprachen. Es entspann sich daher zwischen beiden eine wechselseitige Vertraulichkeit, und sie hatten einander so viel zu sagen, dass, als gegen Abend die Zeit zur Abfahrt herankam, der alte Saugling sich ohne Umstande in den Wagen des fremden Herrn setzte, damit sie in ihrem Gesprache fortfahren und ihre Ratschlage und Entwurfe ferner ins reine bringen konnten.
Der junge Saugling fuhr also ganz allein. Dieser war durch die Lieblichkeit der Jungfer Anastasia und durch den Weihrauch, den sie seinen Gedichten angezundet hatte denn er hielt ihr Seufzen und Erroten bloss fur eine starke Wirkung seiner Gedichte , in die wohlgefalligste Laune gesetzt worden. Es war einer der schonsten Sommerabende. Er stieg daher aus dem Wagen, als der Weg neben einem Walde vorbeiging, um im Grunen zu spazieren. Der Kutscher beschrieb ihm einen Fusssteig, der nach einer Viertelmeile wieder aus dem Walde herausfuhre. Dahin ward der Wagen beschieden, und Saugling ging in das Gebusch, um, mit der Schreibtafel in der Hand, unter den Einflussen der schonen Gegend einer Szene in seinem empfindsamen Romane nachzudenken.
Er war schon eine geraume Zeit in aller Wollust der Autorempfangnis fortgewandelt, als er, ungefahr dreissig Schritte vom Fusssteige ab, im Walde einen angenehmen Gesang zu horen glaubte. Noch mehr ward er aufmerksam gemacht, da ihm die Melodie bekannt war; noch mehr, da es ihm bei naherm Hinzugehen eines seiner Lieder zu sein schien; noch mehr, da ihm die Stimme wie Marianens Stimme vorkam. Er eilte durch das Gestrauch. Es war wirklich Mariane, die bei ihrem gewohnlichen einsamen Abendspaziergange sich am Ufer des kleinen Baches niedergesetzt hatte, um ihren schwermutigen Gedanken uber ihren geliebten, ihr so fruhzeitig geraubten Saugling nachzuhangen, und in diesem sussen Staunen ein von demselben ehemals an sie gerichtetes Lied sang.
Als sie Sauglingen erblickte, sprang sie auf und tat einen lauten Schrei, weil sie glaubte, ein Gespenst zu sehen. Er uberzeugte sie aber bald, dass er lebte, da er sie aufs feurigste in seine Arme schloss und den ersten Kuss auf ihre jungfraulichen Lippen druckte. Unnennbare Freude zitterte aus beiden in dieser Umarmung, zu innig fur alle Beschreibung. Marianens ganze Zuruckhaltung zerfloss in diesem Gefuhle, wie Eis beim Blicke der Sonne im Mai. Sie schwor, die Seinige zu sein, sie war die Seinige.
In dieser wonnevollen Unterhaltung verstrich eine Stunde, ohne dass sie es merkten. Sauglings Bedienter, der am abgeredeten Orte mit dem Wagen so lange gewartet hatte, ward endlich unruhig, suchte seinen Herrn im Walde, fand ihn und erinnerte ihn, nach Hause zu fahren.
Siebenter Abschnitt
Saugling langte so spat an, dass er seinen Vater diesen Abend nicht mehr sprechen konnte. Nach einer Nacht voll unruhigen Schlafs liess er bei fruhem Morgen seinen Passganger satteln und ritt ganz allein nach dem Hause im Walde. Wie ihn Mariane empfangen habe, in deren Herzen nach langem freudelosem Harren die heisseste Liebe wallte, kann nicht beschrieben werden und ist unnotig zu beschreiben. Beide waren im ersten Taumel wechselseitig gestandener Liebe, wo jedes halb gestammelte Wort Entzuckung ist und jeder Blick ein Gelubde, dass diese Entzuckung ewig dauern soll. Ihre gestrige Zusage, einander auf immer treu zu bleiben, ward durch den heissesten Kuss besiegelt. Saugling steckte ihr einen brillantenen Ring an den Finger, der beim Drucke einer kleinen Feder aufsprang und ein Sinnbild entdeckte, mit der Uberschrift: Ewig treu. Mariane schenkte ihm ebenden kleinen Demantring in Form eines flammenden Herzens, den ihre Mutter einst ihrem Vater am Tage ihrer Verlobung gab85 und den sie bisher als ein wertes Andenken an ihrem Finger getragen hatte.
Auf diese Art kam der Mittag heran, da sie ein landliches Mahl unter den baurischen Gluckwunschungen der ehrlichen Hausleute mit herzlicherm Wohlgeschmacke verzehrten, als die teure Kuche des liebeentbehrenden Schwelgers gewahren kann.
Erst nachmittags konnte Mariane ihrem Saugling Rambolds Betrug, wovon sie freilich den schandlichsten Teil nicht wusste, ausfuhrlich erzahlen. In den ersten wonnetrunknen Ausbruchen der Liebe hatte sie ihn kaum mit wenig Worten beruhrt. Beide entbrannten uber seine niedertrachtige Erdichtung, wodurch ihr Gluck so lange war zuruckgehalten worden. Als ihr Unmut gegen ihn aufs hochste gestiegen war, sahen sie ihn unvermutet selbst ankommen, um einen seiner gewohnlichen Besuche abzulegen. Er war nicht wenig betroffen, Sauglingen zu finden, und wollte sich erst mit seiner gewohnlichen Hohnneckerei heraushelfen; da ihm aber sowohl von Sauglingen als von Marianen seine Niedertrachtigkeit mit den bittersten Worten vorgeworfen ward, brachte ihn der Zorn daruber und der Verdruss, sein Projekt ganzlich misslungen zu sehen, so ausser aller Fassung, dass er unversehens und fast ehe Saugling sich in Verteidigung setzen konnte, mit blossem Degen uber ihn herfiel. Mariane warf sich zwischen beide; aber vielleicht wurde dies dem erbosten Rambold doch nicht Einhalt getan haben, wenn nicht der alte Hauswirt, welcher ein Zeuge dieses Auftritts war, der auf einem grunen Platze vor dem Hause vorging, mit einer Wagenrunge so wirksam nach Rambolds Schulter gefahren ware, dass dieser sein Schwert einsteckte und unter vielen Fluchen sein Pferd wieder bestieg und davonjagte.
Dieser Vorfall unterbrach in etwas das Vergnugen des Tages; als sich aber Mariane von ihrem Schrecken erholet hatte, ward er ein Quell noch zartlicherer Empfindungen. Beide verloren sich in der Vorstellung des Glucks einer ewigen Verbindung, wozu Saugling, als er spat gegen Abend endlich Abschied nehmen musste, die Einwilligung seines Vaters in moglichster Geschwindigkeit zu erlangen versprach.
Neuntes Buch
Erster Abschnitt
Des andern Morgens liess Saugling der Vater, welcher schon den ganzen vorigen Tag mit Ungeduld nach seinem Sohne gefragt hatte, denselben sehr fruh zum Tee rufen.
"Ich furchte mich", sagte der Alte, "du mochtest mir sonst heute wieder wegreisen wie gestern."
"Ich mochte auch wohl", versetzte der Sohn, "nur erst muss ich Ihnen von meiner gestrigen Reise wichtige Dinge erzahlen, bester Vater!"
Vater: Lass sein! Ich habe dir noch viel wichtigere Dinge zu sagen. Hor nur, ob du gleich meinst, du machst alle deine Dinge so heimlich, dass es niemand merkt, so hab ich dir's doch lange angesehen, dass du eine Zuneigung zur Jungfer Gertrud hast. Ich habe sie heute nebst ihrer Mutter zu Mittage gebeten. Nun, wie war's, wenn ich fur dich heute um sie anhielte? He?
Saugling (erstaunt): Aber, liebster Vater! Wie konnen Sie darauf kommen, dass ein Mensch von Talenten mit einem einfaltigen, ganz unkultivierten Madchen sein ganzes Leben werde zubringen wollen? Welche Gesellschaft fur einen Geist wie ich!
Vater: Einen Geist wie du? Da schweben wir wieder oben im hohen Himmel! Aber glaub mir, hienieden kenne ich fur einen Mussigganger und das bist du doch wohl , der wohl zeitlebens nicht auf eine Entreprise denken wird, keine bessere Gesellschaft als funfzigtausend Taler, und die wird die Jungfer Gertrud einmal wohlgezahlt von ihrer Mutter erben. Horst du! Funfzigtausend Taler!
Saugling: Nein! Reichtum kann mich nicht glucklich machen. Mich, zum Umgange mit Musen und Grazien gewohnt nur Liebe, uberschwengliche Liebe ...
Vater: Und wie uberschwenglich muss dann die Liebe sein? Ihr wart doch bestandig gern beieinander, hattet auch immer was zu flustern, und wenn du die Jungfer Anastasia acht Tage lang nicht gesehen hattest, so war's dann, als ob dir was fehlte. Das sah mir doch so ziemlich wie Liebe aus.
Saugling: Liebe? Dies geschah bloss, weil in dieser Einsamkeit kein anderes junges Frauenzimmer zu finden war. Mir ist aber wirklich der Umgang mit einem Frauenzimmer notwendig, damit in meinem Herzen sanfte und gefallige Empfindungen herrschen und in meine Gedichte hinuberfliessen mogen.
Vater: Ei nun, so heirate die Jungfer Gertrud, so wird dir ihr Umgang noch aus einer Ursach notwendig. Zeit ist's ohnedies, dass du heiratest.
Saugling: Das ist auch mein Vorsatz, mein bester Vater! Dies war die wichtige Nachricht, die ich Ihnen von meiner gestrigen Reise erzahlen wollte. Ich habe sie wiedergefunden, die Gottin meiner Seele, die ich schon lange liebe, die nun auch mich liebt, die meiner ganzen Liebe wurdig ist. Jung! Schon! Edel! Verstandig! Witzig! Sie lebt eine Meile von hier in einer Schaferhutte im Walde, in aller Unschuld des Goldnen Zeitalters! Ihr habe ich ewige Treue geschworen, und nie soll eine andere dies Herz ruhren, dies Herz voll von brennendem zartlichem Gefuhle gegen die gottliche Schone.
Vater: Was redst du da? Was fur ein romanhaftes Geschwatz? Eine Gottin, die in einer Hutte lebt? Ei nun ja, die wird freilich auch wohl kein Geld haben, denn das braucht man weder im Himmel noch im Goldnen Zeitalter. Aber sage mir nur, ist's moglich, dass du mir solche Streiche machst? Gleich sag heraus: Wer ist das Mensch?
Saugling: Aber, lieber Papa! Aber wirklich Sie sprechen in Ausdrucken ... von dem edelsten, sussesten Madchen. Es ist doch auch nicht ein bisschen ... Sie machen mich wahrhaftig ganz verwirrt.
Vater: So, der Herr Sohn meint, ich brauchte nicht Respekt genug! Gar fein! Wer ist denn also deine Gottin? Wem gehort sie an?
Saugling: Bester, liebster Vater! Es ist die schonste Seele in dem schonsten Korper, sanft, gut, gefallig ...
Vater: Bester, liebster Herr Sohn! Wem sie angehort? Wer ihre Eltern sind, mochte ich wissen.
Saugling: Sie ist die Tochter eines wurdigen Mannes, eines redlichen Predigers, eines unglucklichen Mannes, der von den Feinden vertrieben worden. Sie hat unschuldig viele Verfolgungen ausstehen mussen, die Vorsicht hat sie mir nach langer Abwesenheit wieder zugefuhrt. Ich habe sie nun, ich liebe sie mit innigster Zartlichkeit und werde nimmer von ihr lassen.
Der Alte liess vor Schrecken seine Pfeife zu Boden fallen. Den schonen Entwurf, seinen Sohn mit einem reichen Frauenzimmer zu verbinden, den er fur ganz ausgemacht hielt, sah er mit einem Male vernichtet; sein Sohn war in ein armes Madchen vergafft, das, Gott weiss woher, in eine benachbarte Hutte sollte gekommen sein, und was das schlimmste war denn sein Phlegma stellte sich allemal die nachsten Verlegenheiten als die grossten vor , er wusste gar nicht, was er mit der Frau Gertrud, mit ihrer Tochter und dem Freiwerber anfangen sollte, die er heute zum Mittagessen gebeten hatte, um den Heiratsantrag zu tun, in der ganz zuverlassigen Voraussetzung, dass sein Sohn nichts lieber wunsche.
Endlich ermannte er sich, um dem Sohne zu beweisen, dass es sich fur ihn gar nicht schicke, ein armes Madchen zu nehmen; und sein Sohn ermangelte nicht, mit vielen Gegengrunden darzutun, dass ein Madchen, die er liebe, das einzige Gluck seines Lebens machen werde. In diesem Streite ward die kaltsinnige Ruhigkeit des Vaters bald von der feurigen Heftigkeit des Sohnes betaubt. Da Saugling also merkte, dass sein Vater stiller ward, bekam er mehr Mut und bot alle seine Beredsamkeit auf, um denselben zu uberzeugen. Indem er nun mit heller Stimme fur seine Meinung kampfte und dabei mit den Handen focht, erblickte der Vater den Ring mit dem flammenden Herzen an der linken Hand seines Sohnes.
"He da!" rief er und nahm ihn bei der Hand: "Lass sehen, Junge! Ich glaube, du hast dich im ganzen Ernste verplempert! Ich will nicht hoffen, dass du den Ring von dem Madchen hast?"
"Ja, von ihr!" rief der Sohn und kusste den Ring, indem er ihn dem Vater vorhielt. "Sie ist die susseste Seele, voll Unschuld und Liebe, weiss und glanzend wie diese Steine."
"Wahrhaftig", sagte der Vater bedachtig, indem er den Ring gegen das Fenster kehrte, "der Mittelbrillant ist vom ersten Wasser. Hore nur, das Madchen kann doch wohl nicht ganz arm sein, wenn sie solche Ringe verschenkt. Sehen Sie, Herr Pastor, einen schonen Stein, einen ausbundigen Stein ...", fuhr er gegen Sebaldus fort, der eben mit den Zeitungen in der Hand hereintrat.
Sebaldus hatte kaum den Stein erblickt, als er voll Erstaunen ausrief:
"Gott! Woher haben Sie den Ring? Er gehort meiner Tochter!"
"Ihrer Tochter?" riefen Vater und Sohn.
"Ich habe den Ring", fuhr der Sohn fort, "von dem besten, edelsten Madchen, das ich unaussprechlich liebe und ewig lieben werde. Ist sie Ihre Tochter? Wohl mir! So ist sie die Tochter eines sehr redlichen Mannes."
Der junge Saugling erzahlte einige Umstande, die dem Sebaldus keinen Zweifel mehr ubrigliessen. Sebaldus bat den Alten, ihn sogleich zu seiner Tochter fahren zu lassen; der junge Saugling bat seinen Vater fussfallig, dass er mitfahren durfe. Dieser bewilligte endlich beides, nur mit dem Bedinge, dass sie zur Mittagsmahlzeit wiederkamen und dass sie sich gegen die Frau Gertrud und ihre Tochter von allem Vorgefallnen nichts sollten merken lassen, wodurch er sich wenigstens aus seiner heutigen Verlegenheit zu ziehen hoffte. Der junge Saugling sprang gleich fort, um selbst die geschwinde Anspannung eines Wagens zu besorgen. Unterdes verlangte Saugling der Vater vom Sebaldus einen Handschlag, dass er die Heirat seines Sohnes mit Marianen nicht befordern wolle. Sebaldus gab ihm deshalb ausdrucklich sein Wort; und der alte Herr, der Sebaldus' ehrliche Denkungsart kannte, machte seiner eignen Klugheit insgeheim ein Kompliment, indem er dadurch seinem Sohne einen starken Schritt abgewonnen zu haben glaubte.
Sebaldus fuhr in Gesellschaft des jungen Saugling nach dem Hause im Walde. Sobald Mariane den Wagen ankommen sah, flog sie ihrem Liebhaber entgegen; er war aber kaum aus dem Wagen gesprungen, als sie ihren Vater erblickte. Allzuviel Freude auf einmal zu ertragen, ist ein menschliches Herz zu schwach. Sie fiel in Ohnmacht. Kaum war sie einigermassen wieder zu sich gekommen, so sturzte sie, mit Wonne ohne Mass, in ihres Vaters Arme, welche er mit vaterlicher Inbrunst um sie schloss. Aber bald mischten sich traurige Empfindungen in ihre Freude. Ihr Vater hielt ihr seine jetzige Lage gegen den alten Saugling vor. Er gab ihr zu uberlegen, ob er nicht dessen Guttatigkeit mit Undank belohnen und die heiligsten Rechte der Gastfreundschaft verletzen musse, wenn er wie es allemal scheinen wurde, aus Eigennutz zu ihrer Heirat mit dem jungen Saugling wider des Vaters Willen seine Einwilligung geben wolle. Er erklarte ihr endlich, dass er dem Alten formlich deshalb sein Wort gegeben habe, und nun forderte er auch von ihr ein ausdruckliches Versprechen, alle Gedanken daran fahrenzulassen.
Marianens innrer Streit war sehr heftig. Sie war noch nie ihrem Vater ungehorsam gewesen, sie fuhlte, es wurde unedel sein, ihm jetzt in demjenigen nicht zu gehorchen, was er mit vaterlichem Ernste und aus guten Grunden verlangte; aber sie fuhlte auch, es heisse sich das Herz ausreissen, wenn man dem einzig Geliebten plotzlich ganz entsagen soll. Kindliche Pflicht siegte endlich in der edlen Seele, obgleich, wie Pflicht uber Leidenschaft allemal: mit Muhe. Sie benetzte ihres Vaters Hand mit Tranen und schwor, nichts wider seinen Willen zu tun, nichts, das ihr und ihm unanstandig ware.
Sie ermahnte selbst Sauglingen, mit einem Strome von Tranen, standhaft zu sein, sie zu vergessen. Aber der hohe Schmerz selbst, womit ihr Auge, bei ihrer grossmutigen Entsagung, auf ihn blickte, beforderte seine Liebe bis auf den hochsten Grad. Er geriet in die heftigste Leidenschaft; er schwor zu ihren Fussen, nimmer von ihr zu lassen; er schwor, weder ihr noch sein Vater wurden seiner Liebe Hindernisse entgegensetzen; er schloss sie in seine Arme und bot der ganzen Welt Trotz, sie von ihm zu reissen. Marianens tranende Bitten, gemischt aus allem, was Liebe Bitteres und Susses hat, Sebaldus' beweglichste Vorstellungen halfen nichts. Er schloss sie nochmals in seine Arme und beteuerte mit den heftigsten Schwuren, sie solle ewig die Seinige sein.
Sebaldus hatte sich noch nie in so unaussprechlicher Verlegenheit befunden. Er liebte sein Kind zartlich, und doch bewogen ihn Vernunft und Pflicht, ihr zu versagen, was sie glucklich machen wurde, wie er wohl einsah; auch war nicht abzusehen, wenn gleich Mariane gehorsamte, wie die heftige Leidenschaft des Junglings zu zahmen sein mochte.
Indes verstrich die Zeit, und Sebaldus, eingedenk des Versprechens, zur Mittagsmahlzeit zuruckzukehren, erinnerte Sauglingen an die Abreise. Saugling aber war durch keine Vorstellung zu bewegen, sich von Marianen zu trennen, und schwor abermal, nicht eher zu seinem Vater zuruckzukehren, bis er dessen Einwilligung zu seiner Verbindung erhalten hatte. Sebaldus sah endlich, nach vielen fruchtlosen Versuchen, der Jungling sei jetzt zur Ruckreise nicht zu zwingen; und ihn zuruckzulassen, hielt er sehr bedenklich, weil sonst in so konvulsivischer Leidenschaft heftige unuberlegte Ratschlage zu furchten waren. Er entschloss sich also in dieser aussersten Verwirrung der Sache (ob er gleich nicht wusste, wie dies der alte Saugling ansehen mochte), seine Tochter mitzunehmen und bei sich zu behalten, weil er vermeinte, auf solche Art den weitern Gang dieser Angelegenheit besser zu ubersehen und gemeinschaftlich mit dem Alten die zutraglichsten Massregeln ergreifen zu konnen.
Verliebte sind wie Kinder. Kaum vernahm Saugling des Sebaldus Entschluss, als er von der aussersten Wut zur aussersten Freude uberging. Mit seiner Mariane, deren gegenwartige Trennung von ihm seine Leidenschaft als das ausserste Ungluck darstellte, nun unter ebendem Dache zu wohnen schien ihm das ausserste Gluck. Er umarmte den Sebaldus, er kusste dessen Hand, er bat ihn um Vergebung wegen aller unuberlegten Worte, die er in der Wut ausgestossen hatte. Sein Gemut war plotzlich umgestimmt, vernunftigen Vorstellungen Gehor zu geben; er versprach, sich zu massigen, versprach, seinen Vater zu schonen, versprach alles; Marianens Gesellschaft uberwog alles, fullte seine Seele ganz, liess keinem andern Gefuhle Raum.
Sie setzten sich samtlich in den Wagen und fuhren zuruck, ausserlich beruhigt.
Zweiter Abschnitt
Saugling der Vater befand sich in ziemlicher Unruhe, teils weil sein Sohn zur gesetzten Zeit nicht nach Hause kam, teils wegen seiner Ungewissheit, wie er sich gegen die Frau Gertrud und deren Tochter betragen sollte, die mittags erwartet wurden und von dem grossen Hindernisse der gemeinschaftlichen Absichten noch gar nichts ahnen konnten. Indes ward ihm ein Teil dieser Verlegenheit benommen, da die Jungfer Anastasia nicht erschien. Entweder Sauglings Gedichte oder die Furcht und Hoffnung wegen seiner Entschliessung oder andere Ursachen mochten auf ihre zarten Nerven allzu stark gewirkt haben. Sie war denselben Morgen mit Kopfweh, Ubelkeiten und Zittern der Glieder befallen worden, eine Krankheit, weswegen ihre Mutter in ziemlichen Sorgen zu sein schien.
Kurz nachher kam auch der junge Saugling mit seiner Gesellschaft an. Mariane ward indes in Sebaldus' Zimmer gefuhrt, bis man dem Alten den Vorgang berichten konnte.
Bei Tische war die ganze Gesellschaft nicht sonderlich aufgeraumt. Alle suchten ihre innerliche Verlegenheit zu verbergen und dachten ihren besondern Entwurfen nach. Nach Tische zog der Feind der Frau Gertrud den alten Saugling in das Fenster eines Nebenzimmers, wo sie bald in ein tiefes Gesprach uber die Heiratssache gerieten. Der junge Saugling schlich sich, ohne dass jemand darauf achthatte, zu seiner Mariane; und die Frau Gertrud blieb mit Sebaldus auf einem Kanapee sitzen, weil sie sich heute vorgenommen hatte, die wichtige Lehre von dem geistlichen Verderben der menschlichen Natur mit ihm aus dem Grunde abzuhandeln. Sebaldus hatte in allen vorigen Disputen der menschlichen Natur Krafte zur Besserung zugestanden, die Frau Gertrud aber schrieb hierbei alles der Gnade zu. Sie war schon einigemal vom Sebaldus mit verschiedenen Argumenten ziemlich eingetrieben worden, heute aber hatte sie sich vorbereitet, ihn schlechterdings daniederzuschlagen. Da das Geschnatter einer Religionskontroversistin, zumal sobald es zu einer gewissen Starke kommt, schwer zu uberwaltigen ist und da der gute Sebaldus ohnedies von Marianens kritischer Lage den Kopf voll hatte, so konnte dieses Mal die Frau Gertrud viel leichter gewonnenes Spiel haben. Sie hieb also alle menschliche Tugenden unbarmherzig nieder, um der Gnade daraus ein Siegeszeichen zu errichten. Sie erzahlte mit gelaufiger Zunge alle Wunder, die an unwiedergebornen Menschen, im Leben und auf dem Todbette, je haben durch die Gnade verrichtet sein sollen. Sie plunderte die dustern Schriften eines Hans Engelbrecht, Gerber, Reiz, Bogatzky und anderer; und zuletzt, weil doch jeder Heiliger gern ein Wunder von seinem eignen Machwerke zu haben pflegt, erzahlte sie, dass in dem Wirtshause, ihrer Wohnung gegenuber, ein junger Fahnrich im Quartier liege, der zwar immer ein naturlich guter, aber doch ein unwiedergeborner Mensch gewesen sei; nachdem er nun aber, seit langer als einem halben Jahre, die Erbauungsstunden besucht habe, die sie in ihrem Hause halte, sei er von der Gnade so kraftig ergriffen worden, dass sie seine merkwurdige Bekehrungsgeschichte aufgezeichnet und nach Magdeburg geschickt habe, wie sie in das geistliche Magazin, den Unglaubigen zur Beschamung, eingeruckt werden solle.
Unter diesen Gesprachen fuhr ein Wagen vor die Ture, aus welchem der Herr von Haberwald halbbetrunken heraustaumelte. Die Frau Gertrud wollte mit solchem Weltkinde nichts zu tun haben, liess sich also vom Sebaldus in den Garten fuhren, ehe der Herr von Haberwald heraufkam. Dieser, nachdem er sich mit einer Flasche Wein erfrischt hatte, legte sich in den Lehnstuhl und fing an zu schwatzen:
"Ich komme da vom Landtage zuruck, wo der Sechsundzwanziger geflossen ist, und dann hatte der Pralat von *** ein Ohmchen Neuner, so just fur 'nen Kenner. Doch haben wir auch ubers Landes Beste die Kopfe zusammengesteckt; denn so wahr ich lebe, Nachbar Saugling, was mich betrifft, ich bin weise wie Sankt Paulus, wenn ich getrunken habe. Ja nun, was wollte ich doch sagen ... der Landtag war aus; so muss man doch auch 'n bisschen sehen, wie's zu Hause aussieht so fahren wir denn zuruck, und ich komme heute um halb elfe nach ***, da hab ich im, 'Roten Lowen' bei dem putzigen Wirte mit der Stumpfnase gegessen. Der Kerl hat Burgunder so gut wie in Luttich. Force! Feuer! Wer ihn nicht versteht, den wirft er untern Tisch. Ja was wollte ich doch sagen ... Gegenuber wohnt, du weisst's, Nachbar Saugling, die alte reiche Hexe, die Gertrud; mit einem Male, wie wir im besten Trinken sind, wird ein Larm im Hause, die Leute laufen vor der Ture zusammen und wir ans Fenster ..."
"Wieso?" fragte der Freiwerber. "Es war doch wohl nicht Feuer im Hause?"
"Ei, warum nicht gar! Aber vor neun Monaten mag wohl Feuer gewesen sein, da kriegt nun die Tochter jetzt 'nen Zufall ... Hi! Hi! Und die Mutter ist nicht 'nmal zu Hause, druber wird 'n Aufruhr, 's Madchen holt 'n Doktor, ja, der tut's noch nicht. 'He', schrie Stumpfnase und wies mir 'n alt Weib auf der Strasse, 'da haben sie Mutter Ilsen von der andern Ecke geholt, die wird's in Gleis bringen; und der Fahnrich, der bei mir im Quartiere liegt, ist auch schon herubergeschlichen.' Ei, dass dich ubern Fahnrich, wenn doch unsereiner auch 'nmal so im Quartiere lage!"
Hierbei schlug Haberwald eine wiehernde Lache auf; und der Freiwerber, dem sich wahrend der ganzen Erzahlung die Kinnbacken verlangert hatten, eilte in den Garten, um der Frau Gertrud diesen fur ihre Absichten so verdriesslichen Vorfall mit moglichster Vorsicht zu hinterbringen.
Er storte sie in einer sehr glucklichen Lage; denn da sie ihre heutige Uberlegenheit uber Sebaldus vermerkte, hatte sie ihn warmgehalten und war jetzt eben im Beweise begriffen, dass die dritte Posaune in der Apokalypse86 die Indifferentisten bedeute, welche von Erbsunde und Wiedergeburt nichts wissen wollen und dadurch eine bittere Religionsmengerei verursachen, wogegen Sebaldus, der aber gar nicht zum Worte kommen konnte, vermeinte, dass gewiss dadurch die franzosischen Atheisten angedeutet wurden, welche die ersten Quellen der menschlichen Gluckseligkeit vergiften.
Der Freiwerber raunte der Frau Gertrud die ungluckliche Nachricht ins Ohr, wodurch sie aus aller Fassung gebracht ward. Sie fiel beinahe in Ohnmacht, kam wieder zu sich, ward in ihren Wagen gepackt und nach Hause gefahren.
Der Herr von Haberwald machte sich mit noch ein paar Flaschen vollends fertig und ward in ein Bette gebracht, um seinen Rausch auszuschlafen. Seine Pferde aber, die nuchterner waren, gingen mit Rambold nach Hause.
Des alten Sauglings Nerven, keiner Anstrengung gewohnt, waren durch die mannigfaltigen Begebenheiten dieses Tages dermassen erschuttert, dass er sich halb betaubt auf seinen Sorgestuhl warf. Gleichwohl sollte er noch nicht zur Ruhe kommen; denn der junge Saugling stellte ihm, wider alles Vermuten, Marianen vor. Beide warfen sich ihm zu Fussen. Sein Sohn, mit der grossten Heftigkeit flehend, in ihre Verbindung zu willigen; Mariane, mit Tranen versichernd: sosehr sie seinen Sohn liebe, werde sie doch ohne seine Einwilligung nie demselben ihre Hand geben. Ihr Vater bestarkte sie in diesem Entschlusse und setzte beilaufig den Undank ins Licht, dessen sie beide sich sonst schuldig machen wurden.
Der alte Saugling hob Marianen auf, versicherte sie, dass er sie und ihren Vater hochachte, aber ihre Heirat mit seinem Sohne nicht zugeben konne. Ubrigens bat er alle, ihn nur heute ruhig zu lassen; denn er konne nun kein Wort weiter sagen.
Der Abend nahte heran, und die ganze Hausgenossenschaft ging beizeiten zu Bette; aber niemand schlief ruhig als der Herr von Haberwald, welcher im Dunste des luttichschen Burgunders nach Herzenslust schnarchte.
Der alte Saugling schlief nicht, weil ihm der Querstrich mit der Jungfer Anastasia im Kopfe lag und weil er gar nicht absehen konnte, wie er seinen lieben Sohn zufriedenstellen sollte. Er konnte leicht erachten, derselbe werde von seiner Liebschaft nicht so leicht ablassen, und er konnte sich doch auch nicht entschliessen, in die Heirat seines einzigen Erben mit einem armen Madchen zu willigen. Nach langem Hinundhersinnen wollte ihm nichts Bessers beifallen, als dass er seine vaterliche Autoritat zusammennehmen und seinem Sohne rundheraus sagen musse: aus der Sache werde nichts. Nachdem er diesen Entschluss genommen hatte, ward er etwas ruhiger und schlief endlich ein.
Sebaldus konnte nicht einschlafen, weil ihm Marianens misslicher Zustand am Herzen lag. Doch war an seiner Unruhe auch nicht wenig schuld, dass die Frau Gertrud seine Erklarung der dritten Posaune so schnode verworfen hatte. Er fing an, sich die Grunde fur seine Meinung ausfuhrlich zu wiederholen. Je mehr er daruber nachdachte, desto richtiger fand er sie und desto mehr beruhigte er sich uber den Widerspruch der ungelehrten Frau, so dass er endlich einschlief.
Der junge Saugling und Mariane hatten jedes fur sich eine schlaflose Nacht, und zwar aus einerlei Ursach: namlich weil sie verliebt waren und weil ihrer Liebe ein beinahe unubersteigliches Hindernis im Wege lag. Sie beschaftigten sich, jeder besonders, wer weiss wieviel spanische Schlosser in die Luft zu bauen, und taten daruber bis an den hellen Morgen kein Auge zu.
Dritter Abschnitt
Des folgenden Tages erschien Saugling der Sohn ungerufen sehr fruh beim Teetische seines Vaters. Seine heftige Leidenschaft hatte nun einiger Uberlegung Raum gegeben. Er sah ein, dass ohne seines Vaters Einwilligung nichts auszurichten sei, und suchte ihn nun auf irgendeine Art zu bewegen. Er hatte ausgerechnet, dass sein Vater ihn liebe und sonst eben nicht allzu standhaft sei. Er suchte also die Nacht uber alle schwache Seiten auf, die er seinem Vater abgewinnen konnte, und griff ihn diesen Morgen mit einer Inbrunst und Beredsamkeit an, die er fur unwiderstehlich hielt.
Er betrog sich aber. Der Vater runzelte, seinem genommenen Entschlusse gemass, die Stirn und gebot ihm in einem verdriesslichen Tone, von dieser Sache kein Wort mehr zu reden, weil es sich fur ihn nun einmal nicht schicke, ein Madchen ohne alles Vermogen zu heiraten.
Der Sohn wollte Einwendungen machen, aber der Vater setzte trockenerweise hinzu, die Sache sei so klar, dass er Marianens eignen Vater zum Schiedsrichter annehmen wolle.
Sebaldus fiel ihm vollig bei. Der junge Saugling, dem, trotz seiner schonen Rede, wovon er sich die kraftigste Wirkung versprochen hatte, von beiden zukunftigen Schwiegervatern seine Braut abgesprochen wurde, stand starr da wie eine Bildsaule.
Der alte Saugling ersuchte den Sebaldus, die Zeitungen zu lesen, um nur von diesem unangenehmen Diskurse abzukommen.
Nachdem verschiedene Nachrichten durchgelaufen waren, kam Sebaldus endlich auf folgende Stelle:
"Bei der ***sten Ziehung der Koniglichen ***schen privilegierten Zahlenlotterie, welche den ***ten dieses Monats mit gewohnlichen Formalitaten offentlich vollzogen worden, sind die Nummern 33, 42, 12, 66, 6 aus dem Glucksrade gekommen."
"Lass sehen", rief der alte Saugling, indem er seine Lose aus dem Schranke holte und nachsah, "wahrhaftig wieder nicht eine einzige Zahl. Der verdammte 'Arabische Lotteriewahrsager'! Und doch sind mir die Nummern so bekannt, ich dachte, ich hatte sie raten mussen. Wie ist's denn? Von Ihren Zahlen wird auch wohl keine heraus sein? Sehen Sie doch nach, Herr Pastor!"
Sebaldus nahm seinen Zettel aus der Schreibtafel; der alte Saugling las die Zahlen ab und verglich jede mit der Zeitung.
Sein Auge ward starr, sein Gesicht lang. Endlich rief er: "Was zum Teufel: 33, 12, 66, 6. Ist's moglich! Eine Quaterne! Sie sind ein Gluckskind, Herr Pastor!"
"Habe ich was damit gewonnen?" fragte Sebaldus ruhig.
"Gewonnen?" rief der Alte und ergriff Bleistift und Papier, um auszurechnen "Lass sehen: 1 Quaterne a 41/2 Stuber 4500 Rthlr. 4 Ternen a 30 Stuber 10600 6 Amben a 33/4 Stuber 101 15 St. Macht wahrhaftig 15201 Rthlr. 15 St. Dass dich doch! Bin ich nicht ein Schops, dass ich nicht die Nummern genommen habe?"
"Wie? Was? Funfzehntausend Taler!" rief der junge Saugling, indem er sich seinem Vater zu Fussen warf. "Nun sagen Sie nicht, dass meine Mariane arm ist. Ich umfasse Ihre Knie und stehe eher nicht auf, bis Sie mir Ihre Einwilligung geben. Nun ist alle Hindernis gehoben!"
"Mein Sohn", rief der Alte, "du denkst bloss an deine Heirat davon ist jetzt die Rede nicht , ich denke an den verwunschten 'Lotteriewahrsager'!" (Indem warf er das Buch unwillig ins Kaminfeuer, und das Lotterievademecum flog hinterher.) "Dass dich doch! Aber wie war's dann, Herr Pastor? Ist Mamsell Mariane Ihr einziges Kind?"
Sebaldus antwortete seufzend: "Ich habe noch einen Sohn, von dem ich aber keine Nachricht habe, seit er in den Krieg gegangen ist."
"Sie sehen", rief Saugling der Sohn, der seines Vaters Meinung erriet, "meine Mariane ist das einzige Kind. Wer weiss, bei welcher Aktion der Sohn geblieben ist. Funfzehntausend Taler! Hatte ich doch nicht geglaubt, dass mir Geld Vergnugen machen konnte! Ich bitte Sie, liebster Vater, bedenken Sie, dass Mariane ubrig reich fur mich ist!"
"Lass mich gehen, mein Sohn! Wer weiss, ob auch das Geld richtig ausgezahlt wird?"
"Liebster Papa! Bedenken Sie doch eine Konigliche Lotterie sollte nicht bezahlen!"
Damit sprang er auf, um Marianen ihr beiderseitiges Gluck zu hinterbringen.
Als er weg war, sassen die beiden Alten stockstille. Der alte Saugling fuhr fort, sich zu argern, dass er die Zahlen nicht fur sich gewahlt hatte, und mass an der Entzuckung, die er in Sebaldus' Augen las, die Freude ab, worin er selbst gewesen sein wurde, wenn er die Quaterne gewonnen hatte.
Sebaldus sass wirklich ganz entzuckt da, aber nicht uber das gewonnene Geld; denn ob ihm gleich die vorteilhafte Wendung der Sachen erfreulich war, so ruhrte doch eigentlich seine Wonne daher, dass ihn die Zahlen durch verwandte Ideen an die Apokalypse und an seinen Kommentar erinnerten. Er uberdachte seine Meinung, dass alle bosen Menschen, durch Strafen gebessert, in dem neuen Jerusalem gut und glucklich sein wurden, welche reizende Vorstellung ihn allemal in die innigste Freude versetzte.
Saugling der Sohn kam bald mit Marianen zuruck. Beide warfen sich zu seines Vaters Fussen, der, nach wenigen Schwierigkeiten, seine Einwilligung gab, welche Sebaldus auch bekraftigte.
Vierter Abschnitt
Die beiden Liebenden gingen in den Garten, und die Alten blieben zusammen: Saugling der Vater, um dem Sebaldus einen Brief wegen Bezahlung der Quaterne zu diktieren, und Sebaldus, um ihn zu schreiben.
Kaum war diese Arbeit fertig, als Rambold angefahren kam, um den Herrn von Haberwald abzuholen. Dies war seine gewohnliche Verrichtung, wenn sein Gonner sich so wohl tat, dass er nicht nach Hause kommen konnte. Weil dieser aber noch schnarchte, so trat er zum alten Saugling ein.
Er entfarbte sich nicht wenig, als er den Sebaldus wieder erblickte, den er seit der letzten Zusammenkunft87 nicht gesehen hatte. Dennoch wollte er diese Gelegenheit nicht vorbeilassen, seine Rache gegen den jungen Saugling auszufuhren. Er nahm eine scheinheilige Miene an und sagte, sein Gewissen, da er ehemals der Hofmeister des jungen Herrn gewesen, verbinde ihn, dem alten Herrn eine unangenehme Nachricht zu geben, namlich dass der junge Herr Saugling sich an eine Landlauferin gehanget habe, die sich demselben zu Gefallen in einem nicht weit entlegenen Hause aufhalte.
Der Alte sagte lachelnd: "Ich weiss es wohl. Aber eine Landlauferin ist sie nicht, sondern ein Madchen, das gute funfzehntausend Taler hat."
Rambold schlug eine laute Lache auf: "Lassen Sie sich doch so etwas von Ihrem Sohne nicht einbilden. Sie hat gar nichts. Kein Mensch weiss, wem sie angehort."
Der alte Saugling, der sich bei diesem Missverstandnisse genoss, sagte mit belehrender Gebarde: "Wenn's kein Mensch weiss, so weiss ich's doch. Sehen Sie, das Madchen, das Sie fur eine Landlauferin halten, ist des Herrn Pastors hier einzige Tochter. Er hat in der letzten Ziehung der ***schen Lotterie eine Quaterne von funfzehntausend Talern gewonnen. Sie ist meines Sohnes Braut, denn ich habe meine Einwilligung gegeben und ihr Vater auch. Also kommt Ihr guter Rat zu spat, mein lieber Herr Rambold."
Rambold war ausserst betreten. Seine naturliche Unverschamtheit verliess ihn. Er ward bald blass, bald rot, sah bald voll Verwirrung den Sebaldus an, bald wieder weg, biss sich die Nagel, schien etwas sagen zu wollen, ohne dass er etwas herausbringen konnte. Murmelte endlich: "Aber wirklich funfzehntausend Taler hat dieser Herr gewonnen!", sah wieder nach Sebaldus mit betroffner Miene und schlug halb beschamt die Augen nieder, wollte wieder zu reden anfangen, und das Wort schien ihm auf dem Munde zu vergehen.
Wahrend dies vorging, traten Saugling der Sohn und Mariane ins Zimmer.
"Kommen Sie, meine Tochter", rief der alte Saugling schmunzelnd. "Verteidigen Sie sich! Hier dieser Herr wollte mich eben vor Ihnen als vor der Verfuhrerin meines Sohnes warnen."
"Nichtswurdiger!" rief Mariane und sah Rambolden mit einem Blicke voll tiefster Verachtung an. "Du denkst schandlich genug, um zur Verfolgung noch Verleumdung hinzuzutun. Deine niedertrachtige Liebe, die nur Bosheit war ..."
"Und doch sollen Sie mich gewiss noch lieben", fiel ihr der faselhafte Rambold greiflachend ins Wort, gewohnt, bei einer Geckerei, die ihm in den Kopf kam, alle ernsthafte Gedanken zu vergessen.
"Wie?" rief Mariane hochst erzurnt. "Nimmermehr!"
"Aber doch gewiss, liebstes Marianchen!" neckte Rambold weiter.
Mariane erblasste vor Zorn uber diese unglaubliche Unverschamtheit und wiederholte: "Nimmermehr! Niedertrachtiger!"
"Ja gewiss!" erwiderte Rambold, der seine Geckenmiene in eine ernsthafte verwandeln wollte und unbeschreiblich einfaltig aussah. "Zwar nicht als Liebhaber, aber doch als Bruder. Ich bin Ihr Sohn", rief er und warf sich zu Sebaldus' Fussen. "Ich fuhle die grosste Reue, dass ich Ihnen nicht geschrieben und mich Ihnen hier nicht eher zu erkennen gegeben habe. Ich wollte aber mein Gluck erst festsetzen, ehe ich meinen im Kriege angenommenen Namen88 verliesse. Ich bin weit herumgeirrt. Ich habe, nachdem Sie von Hause vertrieben worden, nie Nachricht von Ihnen gehabt. Erst ganz kurzlich habe ich erfahren, wer Sie waren. Da war ich gleich ausserordentlich unruhig. Ich wollte ... Ich wusste nicht recht ..." Hier stammelte er noch einige kahle Entschuldigungen, an denen es schlechten Leuten nie fehlet.
Alle erstaunten. Sebaldus fasste sich nach einigen Augenblicken und sagte: "Mein Sohn! Du kanntest mich also doch? Edler ware es gewesen, wenn du mich nicht verschmahet hattest, als ich noch in elenden Umstanden war! Aber ich vergebe dir." Er hob ihn auf und umarmte ihn.
Auch der junge Saugling umarmte ihn. Mariane tat ein gleiches, aber nicht mit der Fulle des Herzens, womit sie sonst einen Bruder wurde umarmet haben.
Rambold hingegen war guter Dinge, als ob alles so recht ware, und da der Herr von Haberwald endlich auch aus seinem Schlafzimmer hervorkam, erzahlte er ihm lachend, dass er seinen Vater und seine Schwester gefunden habe, und stellte ihm dieselben vor.
Letzter Abschnitt
Die Quaterne wurde bezahlt und Saugling kurz darauf mit Marianen verbunden. Die ersten Honigmonate verflossen in allen Entzuckungen einer zartlichen Liebe. Saugling machte sich den schonsten Plan zu einem arkadischen Schaferleben, voll Zartlichkeit, Unschuld, Liebe und besonders voll lieblicher Gedichte; doch ging es in der folgenden Zeit nicht ganz nach diesem schon ausgesonnenen Plane. Mariane hatte wahrend ihres einsamen Winteraufenthaltes in dem Hause im Walde und sonst Gelegenheit genug gehabt zu erfahren, wie eitel poetische Phantasien sind, wenn sie ins gemeine Leben gebracht werden. Ihr kleiner Hang zu romantischen Gesinnungen und ihre von Jugend an so gern gehegten Aufwallungen der Einbildung verschwanden, da sie in die wichtigen Verhaltnisse des wirklichen Lebens trat. Ihre sussen empfindsamen Phantasien machten wirklicher Liebe Platz, unbestimmte Aussichten auf uberschwengliche himmlische Seligkeiten wurden durch gemassigtes, aber wahres Wohlbefinden ersetzt. Gesprache vom Wohltun gingen nun in wohltatige Geschafte uber. Sie weihte sich ganz ihren Pflichten, ward eine Landwirtin, versorgte ihr Haus und erzog ihre Kinder. Sie verschmahte auch nicht die kleinen Unannehmlichkeiten, die das hausliche Leben mit sich fuhrt, denn ihrem edlen Geiste ward dadurch von seiner feinen Empfindung nichts entzogen, die vielmehr dadurch mehr Krafte gewann. Mariane ward nunmehr inne, wie weit sentimentales Gefuhl, im wirklichen Leben tatig angewendet, das leichte Geschwatz davon uberwieget. Sie merkte bald, dass Hausfrau und Mutter zu sein Wohlwollen mit sich fuhrt, das keine jugendliche Phantasei erreichen kann, so weit sie auch zu fliegen scheint. Saugling, immer gewohnt, dem Frauenzimmer zu folgen, modelte sich unvermerkt nach Marianen. Er erinnerte sich, dass er ein Mann, nicht mehr ein Jungling sei. Er entsagte, freilich nach einigen kleinen Kampfen, erst seiner allzu genauen Achtsamkeit auf den Kleiderputz, dann seinen zierlichen Gesinnungen und endlich selbst seinen Gedichten. Nicht nur hatte er sogar an seinen empfindsamen Roman nicht weiter gedacht, sondern ist auch allmahlich ein volliger Landwirt geworden. Er steht mit dem Morgen auf, teilet seinen Leuten ihr Tagewerk aus, reitet in aller Witterung zu ihnen aufs Feld und hat sich durch unablassige Tatigkeit eine solche praktische Kenntnis des Akkerbaues erworben, dass er auf seines Vaters Gutern die wichtigsten Verbesserungen zustande bringt. Indes da sich lange angewohnte Untaten selten ganz ausrotten lassen und weil einmal geschrieben stehet:
Qui a bu, boira!
Qui a ecrit, ecrira!,
so ist er doch unterderhand wieder ein Schriftsteller geworden; denn es wird nachstens von ihm eine Abhandlung vom Bau der Kartoffeln gedruckt werden, welche er nach einer ihm eignen Methode zu vervielfaltigen weiss und womit er in den teuren Jahren die armen Heuerleute seiner Gegend aus eignem Vorrate beinahe ganz erhalten hat. Als der Frau von Hohenauf die vorhabende Verbindung zwischen ihrem Neffen und Marianen gemeldet ward, antwortete sie in kaltem Tone, sie wisse langst, dass ihr Bruder bestandig nur niedrig denke und ihre Bemuhungen, die Familie aus dem Staube zu heben, nie gehorig geschatzt habe. Da kurz darauf ihr Gemahl starb, vermahlte sie sich abermals, mit einem wohlgewachsnen unmittelbaren Reichsritter, dessen alter stiftsfahiger Adel allein schon aus den Akten eines weitlauftigen, uber hundert Jahre bei dem Reichskammergerichte schwebenden Konkursprozesses zu beweisen stand. Um die Guter ihres Gemahls, wo moglich, von Schulden zu befreien, ging sie mit demselben nach Wetzlar mit Empfehlungsschreiben an den hernach durch die Reichskammergerichtsvisitation beruhmt gewordenen Juden Nathan. Da ihr aber zu Wetzlar, wo man auf das Recht des Heiligen Romischen Reichs und auf das Recht alter Ahnen zu halten weiss, in den Assembleen einige Krankungen begegneten und ihr Mann nachdem er sich, in Ansehung seines alten Adels und seiner zartlichen Liebe gegen die schone Witwe, in den Ehepakten vollige Gewalt uber ihr Vermogen hatte verschreiben lassen mit einer durchreisenden Tanzerin nach Paris ging, so kehrte sie unverrichtetersachen nach ihres Gemahls Herrschaft zuruck. Sie bringt daselbst, weil ihre altadligen Nachbarn aus Etikette mit ihr nicht umgehen mogen, einsam und unmutig ihre Tage damit zu, dass sie alle Sonntage und Festtage die Kirche besucht, um fur den Kaiser und fur die gnadige Gutsherrschaft bitten zu horen, und dass sie in der einen Halfte der Werkeltage ihre Kammermadchen ausschilt und in der andern mit einem armen Fraulein von guter Familie Pikett spielt. Die Grafin von ***, nachdem sie die wahren Umstande von Marianens Entfuhrung erfahren hatte, liess derselben Charakter die vollkommenste Gerechtigkeit widerfahren und ward wieder ihre wahre Freundin. Beide haben sich einigemal personlich gesehen und unterhalten einen freundschaftlichen Briefwechsel. Doktor Stauzius fiel um diese Zeit, nach dem Tode des Prasidenten, wegen einiger allzu scharfen Gesetzpredigten in die Ungnade des Fursten. Man setzte ihm daher, ohne sein Verlangen, einen Adjunkt, einen schonen Geist, welcher nach damals neuester Art in morgenlandischen Bildern und in abgebrochenen Kraftphrasen bloss fur das Gefuhl predigte. Dieser Vizegeneralsuperintendent bediente sich auch in seinen Predigten vieler Prosopopoien, Fragen und Ausrufungen, aber alles in einer so melodiereichen Aussprache, dass der Furst, welcher zuweilen schnell aufgefahren war, wenn Stauzius die Ewigkeit der hollischen Strafen herausbrullte, nun bei hochstem Wohlsein in seiner Loge auf seinem Polsterstuhle unter der Predigt sanft ruhen konnte. Der Neuling kam daher in so grosse Gnade, dass Stauzius, als er sich uber einige von dessen Anordnungen beschweren wollte, aus hochsteigener Bewegung, ganzlich pro emerito erklart ward. Dies ging ihm sehr nahe, zumal da er, ausser dem offentlichen Verluste seines Ansehens, zu Hause seiner Unvorsichtigkeit halber von seiner Frau taglich die bittersten Vorwurfe horen musste. Diese Unglucksfalle machten, dass er des Lebens satt und dadurch vielleicht auch gegen seine Feinde versohnlicher wurde. Da er von Hieronymus die Glucksveranderung des Sebaldus vernahm, liess er deshalb an ihn ein hofliches Gratulationsschreiben gelangen, welches aber unbeantwortet blieb. Hieronymus nahm wahren Anteil an der glucklichen Lage seines Freundes Sebaldus und an Marianens Verbindung. Er besuchte sie personlich und brachte zugleich seinem alten Freunde nebst dem ebengedachten Gratulationsschreiben des Doktor Stauzius auch den bisher treulich verwahrten Kommentar uber die Apokalypse mit. Nothanker der Sohn, alias Rambold, veruneinigte sich bald mit dem Herrn von Haberwald wegen einer Spielschuld und verlor also alle Hoffnung, sich dem alten Pfarrer desselben adjungiert zu sehen. Daher ist er auf andere Ratschlage zu seiner Versorgung gefallen. Er hat sich in den Kopf gesetzt, Professor der praktischen Philosophie oder der schonen Wissenschaften auf irgendeiner Universitat oder allenfalls an einem akademischen Gymnasium zu werden, weil er sich einbildet, in diesen Wissenschaften wichtige Entdeckungen gemacht zu haben. Wenn er eine solche Stelle eher erhalt, als der Fahnrich den gesuchten Abschied bekommt, so konnte er auch wohl etwa noch die Jungfer Anastasia heiraten, bei welcher er seit einiger Zeit, wie es scheint, nicht ohne Absicht, fleissig aus und ein gehet. Indes lebt er bei seinem Vater und lasst sich seit einigen Jahren gefallen, dessen Kommentar uber die Apokalypse ins reine zu schreiben, so wie er fertig wird. Dabei ist er in Nebenstunden beflissen, Abhandlungen und Rezensionen in verschiedene Journale und Zeitungen einzusenden. Wenn man irgendwo schielende und ungereimte Urteile lieset uber Dinge, wovon, wie offenbar zu sehen ist, der Verfasser nichts verstanden hat; wenn dabei verdiente Manner mit naseweisem Geschnatter fein superklug uber die ersten Grunde der Kunst oder Wissenschaft, worin sie vorzuglich gross sind, belehrt werden; wenn unbescheidner Eigendunkel fur deutsche Freimutigkeit, ungehobelter Gernwitz fur Laune und plumpe Exzentrizitat fur hohes Genie verkauft wird; wenn verstandloses vonvorniges Gewasch uber jede Wahrheit entscheiden und verwirrtes Traumen einer angebrannten Einbildungskraft der hochste Schwung der Dichterei sein soll; wenn besonders dabei pompose und sinnleere Waidspruche und Floskelchen gebraucht werden, worauf sich diejenigen etwas einzubilden pflegen, die sich auf weiter nichts etwas einbilden konnen: so wird man, wenn sonst nicht etwa sicher bekannt ist, welcher andere Geck die Feder gefuhrt hat, nicht unwahrscheinlich schliessen konnen, dass der Rambold dahintersteckt. Sebaldus hat sich in der Nachbarschaft seines Schwiegersohns ein kleines Gut gekauft, wo er, vergnugt und geehrt, in ruhigem und glucklichem Alter lebt. Er teilt seine Zeit unter die Besorgung seiner Angelegenheiten, unter die Gesellschaft seiner Kinder und weniger Freunde, unter wohltatige Unterstutzung seiner bedurftigen Nachbarn und unter fleissiges Studieren, das er nun vollig seiner Neigung gemass treiben kann. Verschiedene denkende Manner unter seinen Freunden, welche, ohne selbst sehr konsequent zu sein, nicht leiden mogen, dass andere Leute inkonsequent sind, haben sich viel Muhe gegeben, ihn sowohl von der Crusiusschen Philosophie (welcher, ihrer Meinung nach, kein Mensch mehr beigetan sein sollte) als auch von seinem Irrglauben an die Apokalypse zu bekehren. Da aber niemand sein System zu andern pflegt, wenn er uber funfzig Jahre alt ist, so sind diese Dispute so unglucklich ausgeschlagen, dass Sebaldus, anstatt bekehrt zu werden, in seinen Meinungen vielmehr bestarkt worden ist. Verschiedene dieser seiner Freunde haben ihm beweisen wollen, dass von einigen Wahrheiten, die er fur ungezweifelt halt, sogar nach den Satzen der Crusiusschen Philosophie gerade das Gegenteil folgen wurde. Sie sind aber ganz an ihm irre geworden, da er auf eine eigne, ihm gelaufige Weise alles aus der Crusiusschen Philosophie bewiesen hat, was sie meinten nur aus der Wolffischen oder Federischen oder wer weiss aus welcher noch neueren, folglich zehn Jahre lang noch wahreren Philosophie folgern zu konnen. Einige haben daher den alten Mann, obgleich mit einigem Kopfschutteln, sein lassen, wie er ist. Andere hingegen, weise, systematische Manner, haben ihn dadurch vollig in die Enge zu treiben vermeint, dass sie ihm demonstrierten, sein eigner Charakter (in welchem ohnedies, wenn man die in dem Gedichte "Wilhelmine" befindlichen Nachrichten fur historisch richtig annehme, vieles bedenklich sein musse) konne gar nicht zusammenhangen, wenn er bei seinen herrlichen theologischen Einsichten zugleich an ein so ungereimtes Ding, wie die Apokalypse sei, ferner glauben wolle. Aber hierbei ist der gute Sebaldus, wider Vermuten, ungeduldig geworden, welches diese tiefen Kenner der menschlichen Natur wiederum mit seinem sonst so sanften Charakter nicht zusammenzureimen wussten. Sie haben vielleicht dabei nur nicht gleich an eine sehr gemeine Bemerkung gedacht, welche durch das Beispiel des seligen Don Quijote und durch das Beispiel verschiedener noch lebender deutscher Genies bestarkt wird, namlich: dass ein Mensch sehr wohl in allen Dingen so denken und handeln konne, dass ihn die ganze ubrige Welt fur verstandig gelten lasst, dabei aber in einem einzigen so, dass man ihn fur einen Toren halten mochte. Sie hatten sich auch wohl erinnern konnen, dass der beste und bescheidenste Mensch ein Ding, woruber er seine Geisteskrafte einmal bis zu einer gewissen Anspannung angestrengt hat, sich nicht so leicht werde nehmen lassen; dass daher ein Gelehrter ein Buch, besonders ein biblisches Buch, woruber er eine ihm wichtig scheinende Hypothese erfunden hat, niemals ganz werde fahrenlassen wollen. Sie mogen ubrigens deshalb unbesorgt sein, dass des Sebaldus vermeintliche aberglaubische Achtung gegen das, was sie fur Fratzen halten, seinen andern guten Eigenschaften und guten Meinungen schaden werde. Der Mann, der seine Menschenliebe und seine Toleranz durch die bildliche Vorstellung des neuen Jerusalems noch fester begrundet, zumal wenn er ein scharfsinniger Kopf ist, wird seine Theorie von Eingebung und Prophezeiung auch schon so zu modeln wissen, dass seinen menschenfreundlichen Gesinnungen dadurch kein Eintrag geschieht. Und warum sollte dies an sich schwerer sein, als solche Theorien so zu formen, dass sie zu herrschsuchtigen und verdammenden Absichten gemissbraucht werden konnen? Wirklich beschaftigt sich Sebaldus seit einiger Zeit mehr als jemals mit der Apokalypse und hat seinen Kommentar daruber beinahe vollig geendigt. Er hat auch schon seinem Freunde Hieronymus den Verlag desselben angetragen, welchen dieser aber, mit aller Schonung gegen einen Autor, der zugleich ein Freund ist, zu verbitten gewusst hat. Hieronymus mag freilich wohl einsehen, was Sebaldus noch nicht glauben will, dass, seitdem Oder und nach ihm Semler die Echtheit dieses Buchs verdachtig gemacht haben, niemand mehr etwas uber die Apokalypse lesen mag; sogar nicht einmal in Schwaben, wo jetzt, statt der vorherigen allgemeinen Beschaftigung mit diesem sonst fur das Buch der Bucher geachteten Buche, durch eine fur die theologischen Wissenschaften gluckliche Veranderung, so weit man Neckarwein trinkt, das Variantensammeln und arabisch Exponieren89 eingetreten ist. Diese abschlagige Antwort seines Freundes hat Herrn Sebaldus Nothanker auf die Gedanken gebracht, seine Erklarung und Auslegung uber die Offenbarung Johannes, die Frucht einer Arbeit von mehr als dreissig Jahren, nach dem Beispiele anderer grossen Gelehrten, auf Subskription drucken zu lassen. Es wird daher hierdurch bekanntgemacht, dass sie drei starke Bande in Grossquart betragen wird und auf feines weisses Druckpapier abgezogen werden soll. Sobald sich eine hinlangliche Anzahl Subskribenten meldet, allenfalls auch nur zu einer kleinen Auflage von etwa zweitausend Exemplaren, wird der Druck sogleich angefangen werden und vier Monate nachher die Ablieferung des ersten Teils geschehen.
Zuverlassige Nachricht
von einigen nahen Verwandten
des Herrn Magisters
Sebaldus Nothanker
Aus ungedruckten Familiennachrichten gezogen
Unsers Sebaldus Vater war ein ehrlicher Handwerksmann in einem kleinen Stadtchen in Thuringen, der durch Fleiss und Sparsamkeit sich ein Vermogen von einigen hundert Talern erworben hatte und ein solches Ansehen in seiner Vaterstadt erhielt, dass er zum Ratmanne und zum Vorsteher des Gotteskastens erwahlt ward. Indes brachten diese Ehrenstellen, die verschiedene von seinen Vorgangern bereichert hatten, ihm gar keinen Nutzen. Denn er war ein so schlechter Wirt, dass er nicht allein fur seine Arbeit auf dem Rathause und bei der Kirche keine Einkunfte annehmen wollte, sondern auch zum gemeinen Besten verschiedenes aufwendete, wozu er gar nicht hatte konnen gezwungen werden. Es kann also der okonomische Leser leicht ermessen, dass des ehrlichen Mannes Vermogen sich habe verringern mussen, da er bei seinen Amtern keine Einnahme und nicht wenig Ausgaben hatte. Den Uberrest zehrte die Vormundschaft uber verschiedene arme Waisen auf, die er freiwillig ubernahm, so dass er bei seinem Tode gerade so viel hinterliess, um begraben werden zu konnen.
Er war Vater von drei Sohnen: Erasmus, Sebaldus und Elardus, welche seine Frau Hedwig, die mehr ihrer Frommigkeit als ihres Verstandes wegen bekannt war, schon in Mutterleibe dem geistlichen Stande widmete.
Erasmus, der Alteste, war funf Fuss und zehn Zoll hoch, breitschultrig, wohlgewachsen und weiss und rot im Gesichte. Von seiner ersten Jugend an liebte er seine eigene Person und hatte von seinen Talenten eine hohe Meinung. Nach geendeten Universitatsjahren brachte ihm sein schlanker Korper eine Hofmeisterstelle in einem vornehmen Hause zuwege, wo man wohlgewachsene Leute liebte. Darauf ward er Prediger in einer Stadt, wo ihm seine ansehnliche Leibesgestalt, sein ernsthafter, wohlbedachtiger Gang und seine vornehmliche Stimme unter seinen Kirchkindern nicht wenig Liebe und Ehrfurcht erwarben. In kurzem wusste er eine junge, reiche Witwe von einundzwanzig Jahren, sein Beichtkind, so zu gewinnen, dass sie ihn heiratete. Von der Zeit an legte Erasmus sein Amt nieder, ob er gleich den geistlichen Stand beibehielt, des Ansehens wegen, das er dadurch in der Stadt zu erhalten vermeinte. Er genoss nunmehr seinen Reichtum und wendete ihn zu mancherlei Dingen an, wodurch von ihm geredet werden konnte. Er liess Waisenkinder erziehen, stiftete Stipendien, liess Kirchen ausputzen und Altare kleiden, pranumerierte auf alle Bucher, denen die Namen der Pranumeranten vorgedruckt wurden, nahm Zueignungsschriften gegen bare Bezahlung an, schenkte Geld zum Baue der Kirchturme und Orgeln und dergleichen mehr. An bestimmten Tagen teilte er Geld und Brot unter die Armen aus, welche sich scharenweise vor seiner Tur versammelten. Und weil er nicht allein seinen Reichtum, sondern auch seinen Verstand und seine Person zur Schau tragen wollte, pflegte er freiwillig alle sechs oder acht Wochen eine zierliche Predigt zu halten, bei welcher sich alle seine Klienten einfinden mussten und nicht unterliessen, nach Beschaffenheit der Umstande, durch Weinen in der Kirche oder durch lautes Lob ausser derselben sich in seine fernere Gunst einzuschmeicheln.
Elardus, ein mageres, blasses Mannchen, vier Fuss und zwei Zoll hoch, war, als das jungste Kind, das geliebte Sohnchen seiner Mutter, die ihn von seiner ersten Jugend an taglich wohl mit Speisen stopfte und mit dem Lernen nicht sehr angreifen liess. Indes glaubte er doch in seinem funfundzwanzigsten Jahre genug gelernt zu haben, um eine Predigerstelle bekleiden zu konnen, welche zu erlangen sein ausserster Wunsch war. Dies wollte ihm aber, soviel Muhe er sich auch deshalb gab, auf keine Weise gelingen, daher er dreissig Jahre alt ward, ehe er recht wusste, was er einmal in der Welt vorstellen sollte. Zwar bekam er einst, durch Empfehlung seines alteren Bruders, den Antrag, Rechnungsfuhrer bei einer Stuterei und Hundezucht zu werden, welche ein benachbarter Furst zum Besten seiner Parforcejagd angelegt hatte, ein Amt, wozu nur Rechnen und Schreiben gefordert ward und das doch an achthundert Gulden eintrug. Elardus aber, der die Wurde des gelehrten Standes gehorig zu schatzen wusste, wies ein solches Anerbieten mit Verachtung von sich. Indes liess er sich nach nochmaligem zweijahrigem Harren bereden, die Stelle eines Konrektors an einer lateinischen Schule anzunehmen, die ebenderselbe Furst, um des ungestumen Anhaltens seiner Landstande loszuwerden, in seiner Residenz gestiftet hatte. Hier waren ihm zwanzig Gulden fixes Gehalt, ein halber Wispel Roggen, etwas Flachs und andere Naturalien nebst freier Wohnung ausgesetzt, welche letztere aber vorderhand wegen Baufalligkeit nicht gebraucht werden konnte. Alles war ungefahr auf achtzig Gulden geschatzt, weil der Furst der gnadigsten Meinung war, den Lehrern der Jugend in seiner Residenz nur ungefahr den zehnten Teil dessen zukommen zu lassen, was die Erzieher seiner Pferde und Hunde forderten. Die Geheimen Rate des Fursten hielten dies fur sehr billig; teils weil es ungleich leichter sein musse, vernunftige Menschen zu erziehen als unvernunftige Bestien abzurichten, teils weil jedes Schulkind noch wohl wochentlich einen oder zwei Groschen Schulgeld geben konne, welches die Fullen und jungen Hunde nicht aufzubringen vermochten.
Unglucklicherweise hatte der ehrliche Elardus nicht recht gelernt, was zu einem tuchtigen Schulmanne erforderlich ist. Im Hebraischen war er beim kleinen Danz stehengeblieben, im Griechischen konnte er zwar ziemlich ohne Anstoss das Neue Testament und die goldenen Spruche des Pythagoras exponieren, mehr aber nicht; und ob er zwar Lateinisch ganz gut verstand, um es zu lesen, so wollte es doch mit der lateinischen Schreibart nicht recht fort, und Verse konnte er in dieser Sprache gar nicht machen. Es ist wahr, er besass einen ziemlich guten naturlichen Verstand, hatte ferner seine Muttersprache so gut in seiner Gewalt, dass er einen ganz artigen deutschen Aufsatz machen konnte, welches er auch seine Schuler lehrte und sich dabei alle Muhe gab, ihnen von Geographie, Geschichte, Sittenlehre und andern Sachen, wovon er glaubte, dass sie in der Welt zu brauchen sein mochten, einige Begriffe beizubringen. Weil aber die Einwohner der Residenz ihre Sohne in der langst erwunschten neuen lateinischen Schule nun auch zu recht gelehrten Leuten erzogen wissen wollten, so hatten sie zu des Elardus deutscher Lehrart gar kein Vertrauen, sondern schickten ihre Kinder in die Privatstunde zum Rektor, einem grundgelehrten Manne, der alle halbe Jahre ein lateinisches Programm schrieb, der die Altertumer lehrte und ausser den gewohnlichen gelehrten Sprachen noch Syrisch, Arabisch und Samaritanisch verstand. Der gute Elardus musste sich also sehr schlecht behelfen, wenigstens des Tages zwolf Stunden offentlich lehren und Privatunterricht im Deklinieren, im Rechnen und so weiter geben. Daneben, weil er nie seinen sehnlichen Wunsch vergass, sich einst aus dem Schulstaube zu dem Predigerstande zu erheben, arbeitete er bis nach Mitternacht an geistlichen Reden und bestieg fast alle Sonntage die Kanzel, bald fur diesen, bald fur jenen Prediger. Allein er war, wie schon gesagt, nur klein von Person, hatte eine schwache Stimme, und aus Mangel grundlicher Gelehrsamkeit, weil er weder die Philologie studiert noch die Dogmatik, Polemik und Hermeneutik genugsam getrieben hatte, waren seine Predigten bloss moralisch; daher fanden sie keinen Beifall, und er hatte zu seiner unbeschreiblichen Krankung meist die leeren Chore und Kirchenstuhle vor sich. So brachte der gute Elardus sein Leben in Gram und Kummer zu und starb an der Schwindsucht im sechsunddreissigsten Jahre seines Alters.
Erasmus hatte einen einzigen Sohn, Cyriakus genannt, einen Polyhistor und schonen Geist. Alles wusste Cyriakus, und was er nicht wusste, dunkte er sich zu wissen. Er selbst dachte eben nicht viel, aber wohl wiederholte er so oft, was andere gedacht hatten, dass er meinte, er habe es selbst gedacht. Er las sehr viel, und alles, was er las, gefiel ihm, und was ihm gefiel, wollte er nachmachen. Daher versuchte er alle Schreibarten und schrieb wechselsweise hoch wie Klopstock, sanft wie Jakobi, fromm wie Lavater, pomphaft wie Clodius, tiefdunkel wie Herder, popular wie Sturm. In allen Wissenschaften und schonen Kunsten war er gleich stark. Man hat einmal von ihm in einer Messe eine Schrift von den Dudaim des Ruben, einen Band anakreontischer Gedichte, eine Abhandlung von der Natur der Seele und ein halbes Alphabet historischer Erzahlungen gelesen. Ein Amt hat Cyriakus nie bekleidet; denn in seiner Jugend war sein Vater ein reicher Mann, und er glaubte also sich nicht auf Brotwissenschaften legen zu durfen. Nachdem aber Erasmus durch viele Unternehmungen, die seinen Namen verewigen sollten, sein Vermogen sehr verringert und nach dessen Tode sein Sohn Cyriakus den Rest davon aus Liebe zu den schonen Kunsten und Wissenschaften auf der Universitat verschwendet hatte, so befand sich der letztere in sehr bedurftigen Umstanden. Er trieb sich an verschiedenen Orten herum, so dass von mehrern Jahren seines Lebens die zuverlassigen Nachrichten fehlen. Soviel weiss man, dass er eine Zeitlang Hofpoet bei einem jovialischen Abte in einem Kloster in Franken gewesen, dass er hernach Lehrer der Philosophie bei einem Kreisregimente geworden, dessen Offiziere, weil sie sonst nichts zu tun hatten, Gelehrte werden wollten, und dass er zuletzt bei einer kleinen gelehrten Republik auf einer sichern deutschen Universitat, welche in Ermanglung eines Eichenhains ihre Landtage in einem Kaffeegarten vor dem Tore hielt, als Nasenrumpfer gestanden hat.
Diese Familiennachrichten dem Publikum mitzuteilen, wird man veranlasset durch eine Schrift, betitelt: "Predigten des Herrn Magister Sebaldus Nothanker, aus seinen Papieren gezogen"90. Leipzig, in der Weigandschen Buchhandlung, 1774, Oktav.
Es konnte schon sehr sonderbar scheinen, dass ein Fremder diese Predigten aus den Papieren des Herrn Magisters Sebaldus Nothanker sollte gezogen haben, da dieser im Jahre 1774 noch bei gutem Wohlsein lebte, seine samtlichen Papiere besass und nie geneigt gewesen ist, etwas daraus, am wenigsten aber Predigten, herauszugeben. Waren indes diese Predigten nur dem Charakter des Herrn Magisters Sebaldus Nothanker gemass geschrieben, so wurde man sein Urteil noch zuruckhalten und dahingestellt sein lassen, ob etwa die Handschrift derselben auf eine unbekannte Art dem Herausgeber mochte in die Hande geraten sein; allein wer den Herrn Magister Sebaldus etwas genauer und personlich gekannt hat, wird sich bald uberzeugen, dass jene Predigten unmoglich von diesem guten Manne herruhren konnen.
Wenn man nur S. L der Vorrede die Anmerkungen lieset, die am Rande der Handschrift der Predigten sollen gestanden haben, so sieht man gleich, dass darin ein unertraglicher Egoismus herrschet, der dem von allem Eigendunkel entfernten Charakter des Sebaldus ganz zuwider ist.
Zum Beispiel: "Ich danke meinem Gott alle Tage, dass er mich in einen Stand gesetzt hat, in welchem ich zur Erleuchtung des Landmannes so viel beitragen kann." So hatte Sebaldus nie von sich geredet, der in aller Einfalt seine Pflicht tat und Gutes stiftete, soviel er konnte, ohne zu glauben, dass er so viel tate, ohne feierlich auszurufen: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie andere Leute!
Ebenso ist die Anmerkung S. LII beschaffen. "Ich gebe meine Predigten nicht fur Muster aus, wonach meine Kollegen sich bilden sollten. Wenn sie nur daraus absehen, was ungefahr sie vortragen ..." usw., usw.
Oh, wie hatte der bescheidene Sebaldus, der, wenn er predigte und seine Kirchkinder trostete und sie zum Guten ermahnte, nur ganz gewohnlicherweise seine Pflicht getan zu haben glaubte, sich auch nur die Idee in den Sinn kommen lassen, er konne jemand ein Muster werden oder es konnten andere von ihm etwas absehen!
Dass ferner bei diesen Predigten keine biblischen Texte vorhanden sind, zeigt auch genugsam, dass sie weder Sebaldus noch irgend sonst ein Prediger, der die Gesinnungen der Landleute kennet, gemacht haben kann. Sebaldus wusste viel zu gut, wieviel Gewalt auch nur der blosse Ton eines biblischen Spruchs uber die Seele eines Bauren hat, als dass er ein so unschadliches Hilfsmittel, nutzliche Wahrheiten einzupragen, hatte vernachlassigen sollen.
Doch selbst aus der Nachricht des Herausgebers, wie er zu der Handschrift dieser Predigten gekommen sei, erhellet nicht allein deutlich, dass sie nicht wohl vom Sebaldus gewesen sein konnten, sondern wir kommen dadurch auch auf eine sehr wahrscheinliche Vermutung, wo sich diese Papiere eigentlich herschreiben mogen.
Es heisst S. XLV der Vorrede "Vor einiger Zeit kam ein dessauischer Jude zu mir, der, nebst andern Waren, verschiedene Paar schwarze seidne Strumpfe, Halskrausen und so weiter, fast alles in beschriebenes Papier eingewickelt, mir zum Verkaufe anbot. 'Aber, mein guter Mann', sprach ich, 'wie kommt Er denn zu christlichen Halskrausen?' 'In einem Dorfe, nicht weit von hier', antwortete er, 'hat sie mir ein Bauer verkauft, der sie vor einigen Jahren, nebst dem ubrigen, an der Landstrasse gefunden zu haben vorgab.' Kurz vorher hatte ich Nothankers Geschichte gelesen. Gleich fiel mir's aufs Herz, ob diese Sachen nicht von dem geplunderten Postwagen sein mochten."
Ist diese Erzahlung richtig, so hatte auf den Titel gesetzt werden sollen: Aus dem Makulatur eines dessauischen Juden abgedruckt, nicht aber: Aus Sebaldus' Papieren gezogen, denn dies letztere Vorgeben ist durch nichts erwiesen. Der Herausgeber hat bei seiner Mutmassung, die er bloss auf seine Erzahlung bauet, in der Tat sehr wenig historische Kritik gezeigt, worin wir Deutsche doch sonst so stark sind. Hatte er nur mehr auf die Chronologie, welche die Fackel der Geschichte ist, geachtet! Ist es wohl wahrscheinlich, dass Kleidungsstucke, welche 1763 auf einem Postwagen verlorengegangen sind, noch 1773 unverkauft, mit dem Papiere, worin sie anfanglich gewickelt gewesen, in den Handen eines Juden sein sollten? Und warum tat denn der unbekannte Herr an den Juden die unnotige Frage, wie er zu christlichen Halskrausen komme? Es ist ja bekannt, dass die Juden abgetragene christliche Kleider mit ebensowenig Bedenken in ihre Laden aufnehmen, als die Christen manche abgetragene judische Lehre in ihre Dogmatik aufgenommen haben! Und wie kann er auf des Juden unbestimmte und unbewiesene Antwort das geringste bauen? Waren auch alle die Sachen, die der Jude zum Verkaufe anbot, wirklich auf der Landstrasse gefunden worden, so konnen sie doch sicherlich nicht unserm Sebaldus gehort haben. Wie ware er, der zeitlebens in einer landlichen Einfalt gelebt hatte und der aus Not seine besten Sachen hatte verstossen mussen, zu seidnen Strumpfen gekommen? Wozu hatte er wohl, nachdem er abgesetzt worden, Halskrausen91 mit sich gefuhrt Und da er bei seiner Abreise, wie S. 134 des ersten Teils seines Lebens berichtet worden, seinen ihm so werten Kommentar uber die Apokalypse bei seinem Freunde Hieronymus zuruckliess, ist es wohl wahrscheinlich, dass er die Konzepte von alten Predigten solle mitgenommen haben?
Die Mutmassung des ungenannten Herausgebers ist also hochst unwahrscheinlich. Wenn man nun aber hingegen aus den sichersten Familiennachrichten weiss, dass Cyriakus seines Vaters Kleider, Halskrausen und Manuskripte sowie auch den geringen Nachlass des fruhzeitig verstorbenen Elardus geerbt hat, wenn ferner unwidersprechlich bewiesen werden kann, dass Cyriakus, als er 1772 von Leipzig wegreisen wollte, seine samtliche Kleidung, Bucher und Papiere zu einem Trodler getragen hat, der vor dem Grimmischen Tore in der Gegend des Richterschen Kaffeegartens wohnt und seinen hauptsachlichen Abzug an dessauische Juden hat, so wird es nun vielmehr sehr wahrscheinlich, dass die dem ungenannten Herausgeber so zufalligerweise in die Hande geratenen Predigten, wenn sie gleich nicht von Sebaldus Nothanker sind, dennoch sehr wohl von Erasmus Nothanker, von Elardus Nothanker und von Cyriakus Nothanker herruhren konnen.
Diese Mutmassung wird beinahe zur Gewissheit, wenn man die innere Beschaffenheit dieser Predigten betrachtet. Gleich der erste Absatz der ersten Predigt, von der Einigkeit in der Ehe, kann ganz unmoglich aus Sebaldus' Feder geflossen sein; denn es kommt darin, ob er gleich nur eine halbe Seite lang ist, sechzehnmal das liebe Ich vor. Man hore: "Nichts wunsche Ich so sehr, als dass ihr glucklich sein moget. Ihr werdet es von Mir uberzeugt sein, Meine lieben Zuhorer, dass Ich dieses aufrichtig wunsche; denn ihr wisst, wie Ich zu euch eile, um euch zu trosten, wenn ihr traurig seid, und wie gern Ich auch an euren Freuden Anteil nehme, wenn ihr einen frohlichen Tag habt. Mein Amt und Mein Herz macht Mir dieses zur Pflicht. Mein Amt, weil es Mir zunachst aufgetragen ist, euch an Meiner Hand durch die Bahn dieses Lebens zu fuhren und euch zu einem seligen Leben, das euch nach diesem erwartet, zu bereiten. Aber auch Mein Herz macht es Mir zur Pflicht, weil Ich euch aufs herzlichste liebe. Ein Hirt kann nicht so sehr seine Schafe, ein Vater nicht so sehr seine Kinder lieben als Ich euch."
So ein grober Egoist war der bescheidene Sebaldus keineswegs. Er sprach nicht so viel von sich. Er liebte seine Kirchkinder; aber diese Liebe trug er nicht offentlich zur Schau. Er stand seinem Amte vor, er tat seine Pflicht; aber er hatte sein wichtiges Amt, seine teure Pflicht, nicht immer auf der Zunge, um seinem guten Herzen ein Kompliment zu machen. Hingegen der ruhmsuchtige Erasmus, der hauptsachlich nur deswegen predigte, um sich von der Kanzel herab in seiner Grosse zu zeigen, redete bestandig von sich selbst, von seinem guten Willen gegen seine Zuhorer, von seinem Herzen, von seiner Liebe, von seinem Vertrauen; kurz, er predigte sich selbst, um sein Selbst willen.
Wenn ferner diese Predigt vom Sebaldus oder auch nur von irgendeinem andern Landprediger an Bauern gehalten ware, so wurde darin nicht so mancherlei vorkommen: von Geld und Gut; von einem Geizhalse, der einen Freier abweiset, wenn er nicht soviel Gut und Geld hat als seine Tochter; von einem unehrbaren Madchen, das man nicht heiraten sollte, wenn sie auch noch soviel Geld hatte. Wenn Sebaldus uber diese Gegenstande zu reden gehabt hatte, so wurde er von Vieh, Ackern, Wiesen und Garten gesprochen haben; denn darin bestand das Vermogen seiner Bauern, so wie der allermeisten Bauern in der Welt. Dass Sebaldus' Vaterland zwar fruchtbar, aber ohne bares Geld gewesen, kann der Leser schon aus der Art schliessen, wie der ehrliche Hieronymus seinen Buchhandel treiben musste.
Ebenso heisst es S. 4: "Ich will euch jetzt nichts davon sagen, dass der Reichtum ofters eurer Seele hochst schadlich ist, dass er eine Versuchung ist zu allem Bosen und dass unser weisester Lehrer sagt, dass die Reichen nicht in das Reich Gottes kommen werden. Daran will ich euch jetzt nicht erinnern, weil ich unlangst von der Schadlichkeit des Reichtums ausfuhrlich zu euch geredet habe." Dies ist ein klarer Beweis, dass Sebaldus nicht der Verfasser dieser Predigt sein konne; denn man kann sich fur ihn sicher verburgen, dass er ein ungeschmacktes Postillengeschwatz von der Schadlichkeit des Reichtums seinen Zuhorern nie werde vorgeredet haben. Er war vielmehr bestandig beflissen, seinen Bauern zu predigen, dass sie fruh aufstehen, ihr Vieh fleissig warten, ihren Acker und Garten aufs beste bearbeiten sollten, alles in der ausdrucklichen Absicht, dass sie wohlhabend werden, dass sie Vermogen erwerben, dass sie reich werden sollten. Sebaldus wusste nur allzuwohl, dass die niederdrukkende Durftigkeit, welche notwendig statthaben muss, wenn der Bauer nicht wohlhabend sein soll, eine fruchtbarere Mutter der Barberei und verderbter Sitten ist als der baurische Reichtum, der bloss eine Folge des Fleisses sein kann, wer daher den Bauern von der Schadlichkeit des Reichtums predigen wollte, ihnen ausdrucklich die Faulheit empfehlen musste. Dagegen weiss man, dass Erasmus, seitdem er selbst reich geworden war, den erbaulichen Gemeinort von der Nichtigkeit und Schadlichkeit des Reichtums sehr oft im Munde gefuhrt habe, einen Gemeinort, uber den sich in der Tat am zierlichsten reden lasst, wenn man an nichts Mangel leidet.
Noch eine andere Stelle gibt die starkste Vermutung an die Hand, dass niemand anders als Erasmus Nothanker der Verfasser dieser Predigt sein konne. S. 6 heisst es: "Es entspringt viele Uneinigkeit unter euch daher, dass ihr gemeiniglich mit euren Schwiegereltern unter einem Dache wohnet. Es ist mir leid, dass ich es sagen muss, aber leider ist es durch die Erfahrung gegrundet, dass nur sehr wenige Eheleute in Einigkeit leben, wenn sie ihre Schwiegereltern bei sich im Hause haben. Ihr wurdet euch ofters nicht zanken, wenn nicht zuweilen eines der Schwiegereltern Ol ins Feuer gosse. Die Schwiegereltern glauben, man konne sie nicht zu gut halten und ihnen nicht dankbar genug sich beweisen. Sie sind uberzeugt, in allen Stucken alles besser zu wissen als die jungen Eheleute, und wollen alles im Hause anordnen. Nichts kann man ihnen recht tun. Hiezu kommt noch, dass das Alter sie ohnehin murrisch und verdriesslich und mit sich selbst und der ganzen Welt unzufrieden macht. Haben nun die Eheleute einen kleinen Zwist untereinander, so tritt der Schwiegervater oder die Schwiegermutter auf die eine oder andere Seite und vergrossert den Streit, statt dass diese Alten ihn schlichten und die streitenden Parteien versuhnen sollten."
Lasst es sich wohl denken, dass der sittsame Sebaldus auf eine so plumpe Art alle Schwiegereltern, die bei ihren Kindern wohnen, habe offentlich von der Kanzel herab beschimpfen wollen? Dass er dieses vor Bauern habe tun wollen, welche ihre Schwiegereltern gewiss bloss, wenn sie aus Armut oder aus Alter und Schwachheit ihren eigenen Acker nicht mehr bauen konnen, bei sich haben werden? Zwar wird S. 12 den Zuhorern empfohlen, dass sie ihre Schwiegereltern in Ehren halten, ihrem guten Rate folgen und sie pflegen sollen; aber wie werden sie das tun, wie werden sie ihre Schwiegereltern auch nur im Hause leiden wollen, wenn der Prediger diese schon vorher als die bosartigsten, verdriesslichsten, zankischsten Geschopfe abgeschildert hat, die zu den Hauptursachen der ehelichen Uneinigkeit gehoren, die bei den hauslichen Zwistigkeiten Ol ins Feuer giessen, die einen Streit vergrossern, anstatt ihn zu schlichten? Dieses unbedachtsame Epiphonema sieht dem stolzen Erasmus sehr ahnlich, der wirklich mit seiner Schwiegermutter anfanglich in einem Hause wohnte, hernach aber mit ihr in bestandiger Uneinigkeit lebte, nachdem sie ihm sehr vernunftige Vorstellungen daruber gemacht hatte, dass er das Vermogen ihrer Tochter aus Eitelkeit verschwende, daher er sie wohl oft mag abgekanzelt haben.
Auch von der folgenden Predigt wider die Prozesse ist derselbe hochstwahrscheinlich der Verfasser. Man findet darin S. 18 unter andern folgende sehr anstossige Stelle: "Der Advokat musse ein allzu uneigennutziger Mann sein, wenn er euren Rechtshandel nicht so lange auszudehnen suchte, als es moglich ist, um recht vieles von euch einzunehmen. Es hat zwar den Anschein, als wenn kein Advokat diese Absicht hatte, denn zuerst sucht er euch gemeiniglich mit eurem Gegner zu vergleichen, oder es wird, wie man sich ausdruckt, ein Termin zur Gute angestellt. Habt ihr aber jemals gehort, dass ein Termin zur Gute einen erwunschten Erfolg gehabt hatte? Der Advokat musste seinen Vorteil gar nicht verstehen, wenn er nicht, statt euch mit eurem Gegner zu vergleichen, in euch eine grossere Lust erweckte, dem Rechte seinen Lauf zu lassen." Ferner S. 22: "Der grosste Teil der Leute von diesem Stande scheint den Eigennutz zu seinem Gott gemacht zu haben, den er allein anbetet und dem er Ehre, Gewissen, Redlichkeit, alles aufopfert ..." und so weiter.
Wie ware es moglich, dass der sanftmutige Sebaldus einen ganzen dem gemeinen Wesen notigen und nutzlichen Stand auf eine so bittere und zugleich so tolpische Weise habe offentlich verunglimpfen wollen? Sollte wohl ein verstandiger Mann zweifeln konnen, ob jemals ein Termin zur Gute den erwunschten Erfolg gehabt habe? Dies sieht wirklich viel weniger einem unbefangenen Dorfprediger wie Sebaldus ahnlich als einem aufgeblasenen Rentenierer wie Erasmus, der verlangte, dass sich jedermann vor ihm beugen und nach seinem Willen handeln solle, und deshalb eine Menge Prozesse hatte, in welchen freilich kein einziger Termin zur Gute jemals einen erwunschten Erfolg haben konnte: ganz naturlich, weil Erasmus bestandig seinem Eigensinn folgen und niemals vernunftigen Vorstellungen Gehor geben wollte.
Die Predigten wider den Aberglauben, von der Zufriedenheit, von der Gesundheit, von der Kinderzucht, von der Gluckseligkeit des Landmannes scheinen von Elardus Nothanker, dem jungern Bruder unsers Sebaldus, herzuruhren. Es sind ganz leidliche, gutgemeinte, etwas weltschweifige Homilien, die den Predigtlesern in Stadten ganz gut gefallen mogen; nur findet man darin freilich Spuren, dass sie nicht vor Bauern gehalten worden oder fur Bauern bestimmt gewesen. Wie wurde man zum Beispiel (S. 57) darauf kommen, diesen vorzusagen: "Geld und Ehre machen nicht wahrhaftig glucklich"? Der Bauer hat ja gemeiniglich kein Geld und verlangt keine Ehre.
Die beiden Fragmente der Predigten von der Ewigkeit der Hollenstrafen und vom Tode furs Vaterland haben ohne Zweifel den witzigen Cyriakus zum Verfasser. Es ist schon oben gesagt worden, dass er in allen Schreibarten Versuche machte, und man sieht es diesen Fragmenten nur allzusehr an, dass sie Versuche sind, und zwar Versuche eines jungen Menschen. Ein Mann, der so viel Uberlegung besass wie Sebaldus, wurde seinen Bauern nicht von der Endlichkeit der Hollenstrafen eine ausdruckliche Predigt gehalten haben, wenigstens sicherlich nicht auf die Art wie hier. Er hatte gewiss bedacht: ehe er uber diese Materie mit Nutzen predigen konnte, wurde er noch vorher in den grossen Vorstellungen seiner Bauern von gottlichen Strafen, von den Folgen der Untugend, von dem Zusammenhange der Dinge uberhaupt, von Vergebung und Besserung sehr viel andern und berichtigen mussen. Hierbei, fuhlte er wohl, hatte er fur einen gemeinen Bauerverstand leicht zu subtil werden konnen, weshalb er, wie wir von ihm selbst erfahren haben, von dieser Materie seinen Bauern niemals etwas gesagt, sondern ihnen nur Gott als ein allgerechtes und allgutiges Wesen vorgestellt hat, das seine Strafen nach weisen Absichten verhangt und dessen Plan dabei allemal das wahre Wohl des Menschen ist ohne sich in die transzendenten Begriffe von Ewigkeit und Endlichkeit einzulassen, die kein Bauer recht genau fassen wird und die ihm zur Besserung des Lebens, welche Sebaldus fur den einzigen Zweck seiner Predigten hielt, nichts helfen konnen.
Das Fragment der Predigt vom Tode furs Vaterland ist gleichfalls gewiss nicht vom Sebaldus, welches schon daraus erhellet, dass man in diesem Fragmente nichts von dem enthusiastischen Feuer findet, in welchem nach S. 40 des ersten Teils seiner wahrhaften Lebensgeschichte diese Predigt gehalten worden, so dass, wenn sie so kahl und kalt gewesen ware als dieses Fragment, schwerlich nur ein einziger Bauerkerl dadurch wurde bewogen worden sein, Kriegsdienste zu nehmen. Es scheint, Magister Cyriakus hat bloss einen Versuch machen wollen, zu zeigen, wie etwa die Predigt, um welcher willen sein Oheim Sebaldus abgesetzt worden, moge ausgesehen haben. Allein dieser Versuch misslang, weil Cyriakus nicht Sebaldus ist, obgleich beide Nothanker heissen.
Ubrigens will man freilich den Satz, dass Erasmus Nothanker, Elardus Nothanker und Cyriakus Nothanker die Verfasser der sogenannten Nothankerschen Predigten sind, fur weiter nichts als fur eine wahrscheinliche Mutmassung ausgeben. Wen dies zu wenig dunkt, der bedenke, dass die Resultate der tiefsinnigsten historischen Untersuchungen oft weiter nichts als blosse Mutmassungen sind, wogegen mit unserer Mutmassung noch die unstreitige Wahrheit verbunden ist, dass gedachte Predigten, ihr Verfasser sei auch, wer er wolle, wenigstens gewiss nicht von Sebaldus Nothankern sind.
Man hat auch ferner aus sichern Privatnachrichten erfahren, dass hin und wieder auf den Webestuhlen einiger gelehrten Manufakturen zu verschiedenen Zeugen die Ketten angedreht worden sind, wozu der ehrliche Sebaldus Nothanker und seine Bekannten den Einschlag geben sollen. Zum Beispiel Sebaldus Nothankers Beicht-, Bet- und Kommunionbuch; Sebaldus Nothankers Betrachtungen auf alle Tage im Jahre; Sebaldus Nothankers Sonn- und Festtagspredigten uber alle Evangelien und Episteln; Sebaldus Nothankers schrift-, und vernunftmassige Auslegung der Offenbarung Johannes; des Herrn Doktor Stauzius Aufmunterung zur Bewahrung der Rechtglaubigkeit und Warnung vor falscher Lehre; Kochbuch von 5000 Speisen nach der Anlage Seiner Exzellenz des Herrn Grafen von Nimmer nebst einem Anhange von Fastenspeisen; Rambolds philosophisch-asthetisches Lehrbuch; Hieronymus' Tischreden, Einfalle und Meinungen und anderes mehr. Daher will man das Publikum warnen, sich durch diese und andere dergleichen verfangliche Titel nicht hintergehen zu lassen. Denn Herr Sebaldus Nothanker wurde, was er etwa der Welt vorlegen wollte, schon selbst herausgegeben haben; von den ubrigen Personen aber mochten wohl keine echten Schriften zu erwarten sein.
Zuletzt ist der geneigte Leser zu benachrichtigen, dass ein kurzweiliger Mann darauf gefallen ist, "Das Leben und die Meinungen des Herrn Magisters Sebaldus Nothanker", ohne die geringsten Nachrichten davon zu besitzen, aus seinem eigenen Gehirne fortzusetzen und einen sogenannten zweiten Band unter dem Druckorte Frankfurt und Leipzig, 1774, drucken zu lassen, welcher zu Hamburg in der Zeitungsbude der Frau Witwe Tramburgin im Brodtschrangen nebst andern Zeitungsblattern offentlich verkauft wird. Der geneigte Leser kann freilich in dem unechten zweiten Bande den wahren ferneren Verlauf der Geschichte des Herrn Magisters Sebaldus Nothanker nicht finden, weil der ungenannte Verfasser selbst nichts davon wusste; aber wem daran gelegen ist, kann allenfalls daraus ersehen, was fur eine Vorstellung vom Sebaldus Nothanker in dem Kopfe eines solchen Menschen, wie der ungenannte Verfasser ist, existieren mag.
Diese unechte Fortsetzung kann auch noch einen andern Nutzen haben. In dem echten zweiten Bande wird man, der Wahrheit gemass, sehr viele Meinungen und nur sehr wenige Handlungen antreffen, weil der ehrliche Sebaldus wirklich meistens nur gedacht, hingegen wenig gehandelt hat. Sollte es nun Leser geben, welche wunschten, dass man ihnen lieber Handlungen als Meinungen erzahle, so konnen sie versuchen, ob sie vielleicht ihre Rechnung bei dem unechten zweiten Bande finden mochten, worin alles voll Bewegung und Handlung ist, und zwar voll ganz ungemein merkwurdiger Handlungen. Zum Beispiel: Wie Sebaldus, nachdem ihm die Rauber auf dem Postwagen ein Loch in den Kopf geschlagen haben, ein Glas Kirschbranntwein trinkt, welches alle Grillen vertrieb. Wie Tuffelius die Frau seines Schulmeisters verfuhrt, welcher ihn dafur durchs ganze Dorf peitscht. Wie sich eine alte Jungfer Sibylle in Sebaldus verliebt und ihn nachts in seinem Bette besucht. Wie Saugling mit Marianen heimliche Zusammenkunfte halt, wobei die Vertraulichkeit zu dem Grade steigt, sich so laut zu kussen, dass man es in einer ziemlichen Entfernung horet. Wie Hieronymus den Doktor Stauzius auf einem Wagen in einen Kasten setzt, worin Schweine und Ganse gewesen, wobei Stauzius sehr andachtig singt: "So fahre fort und schone dort" nebst nicht wenig Hochzeiten und andern possierlichen Begebenheiten, woraus abzunehmen ist, dass der Verfasser, der solche schnackische Dinge hat erdenken konnen, ein pudelnarrisches Menschengesicht sein musse.
Fussnoten
1 Diese gelehrte Frau ist in Adelungs Gelehrtenlexikon und in Schlichtegrolls Nekrolog nicht angefuhrt. Sie war eine geborene Boue aus Hamburg und Gattin des Herrn Johann de la Fite, welcher im Jahre 1781 als Kapellan des Statthalters und Prediger der wallonischen Kirche im Haag starb. Sie fuhrte im Jahre 1780 in Gesellschaft des Herrn Geheimen Legationsrats Renfner die mit sehr grossen Schwierigkeiten verknupfte Ubersetzung des ersten Teils von Lavaters grosser Physiognomik sehr glucklich aus. Da Madame de la Fite aber nach dem Tode ihres Mannes den Ruf als Vorleserin der Konigin von England erhielt (in welchem Amte sie im Jahre 1795 zu London starb), so ubersetzte Herr Renfner den zweiten und dritten Band allein, welche auch gedruckt wurden. Den vierten Band hat er auch halb ubersetzt; aber schon seit dem Jahre 1790 hat Herr Lavater aus unbekannten Ursachen die Herausgabe dieser Ubersetzung ganz abgebrochen und hat nicht bewogen werden konnen, den Abdruck des mit so vieler Muhe und Kosten angefangenen Werks in franzosischer Sprache beendigen zu lassen. 2 Siehe "Wilhelmine", S. 105. 3 Ein Lehnstuhl mit vorstehendem Sessel, um darauf die Fusse zu legen. 4 Eine Art von kleinem Tische. 5 So weit beruhmt ist dieser Kuchenbacker nicht als sein Namensvetter, der Musiker. Doch hat Goethe ein Gedicht zu dessen Lobe gesungen, welches aber nicht in seine Werke aufgenommen ist. Es beginnt:
O Handel! dessen Ruhm vom Sud zum Norden
reicht,
Vernimm den Paan, der zu deinen Ohren steigt.
Du backst, was Gallier und Briten emsig suchen,
Mit schopfrischem Genie originale Kuchen.
6 Kaum kennt jetzt jemand noch: Kidders Beweis, dass der Messias gekommen ist, Stackhousens dicke Dogmatik und biblische Geschichte, Nelsons antideistische Bibel, Doddridgens Paraphrasis des Neuen Testaments in mehrern dicken Banden; aber sie sind wirklich, so wie viele andere dicke, nun vergessene Bucher aller Art, vor dreissig und mehr Jahren ins Deutsche ubersetzt worden, mit stattlichen Vorreden der damaligen rustigen Ubersetzungsunternehmer. 7 Wie bekannt, wurden die ersten Bande der allgemeinen Welthistorie, die Biographia Britannica, die Geschichte der Lander und Volker von Amerika und andere aus dem Englandischen und Franzosischen ubersetzte dicke Bucher mancherlei Art von einem hochwurdigen Herrn en entreprise ausgegeben. Seit siebenundzwanzig Jahren, da obiges geschrieben ward, haben sich dergleichen ganz dicke ubersetzte Bucher ziemlich aus der deutschen Literatur verloren, indem jetzt von den deutschen gelehrten Handwerkern dickdunne Originale fabriziert werden. Daher gehet auch die Tendenz unserer neuern Buchermacher so mutig auf Originalitat! Sind nicht Rittergeschichten, Naturrechte, von dem selbstgesetzten Ich gesetzt, und hochst weise vonvornige Politik und Asthetik die Wunder unsers Jahrzehents? 8 Seitdem obiges geschrieben ward, haben auch die deutschen Parterres hin und wieder an Mut so zugenommen, dass es wirklich zuweilen mit einem ubersetzten oder originalen Schauspiele bis zum Auspfeifen kam. Ob nicht viel zuwenig und ob immer am rechten Orte gepfiffen worden, kann hier nicht untersucht werden. 9 Auch hierin hat sich viel verandert. In unserm glucklichern Jahrzehente leben wirklich eine Menge Schriftsteller en hommes de lettres in geschaftiger Musse. Alle freilich werden nicht in ihrer Kunst gross, sogar einige, welche allzu geschwind gross wurden, erschienen in jedem neuen Buche, das sie schrieben, immer kleiner. 10 Dass diese Erfahrung des Tirolers auch schon im vorigen Jahrhunderte richtig befunden worden, zeigt die weise Frau Verlegerin eines hochst wichtigen turkisch geschriebenen Geschlechtregisters, mit dessen Ubersetzung und Kommentierung Wilhelm Schickard, Professor zu Tubingen, im Jahre 1628 die orientalische Geschichte aufklaren wollte. Schickard glaubte gewiss, sein Buch wurde viel Kaufer haben, weil es nicht zu den gemeinen, alle Tage vorkommenden Buchern gehorte, sondern er darin den Gelehrten von einer neuen und fremden Materie viel Neues und Fremdes berichten konnte. Aber aus dieser Ursache befurchtete die Frau Verlegerin das Gegenteil. Sie versicherte, aus der Erfahrung zu wissen, dass die Bauerkalender viel haufiger verkauft wurden als die astronomischen Ephemeriden, aus denen sie gemacht sind. Siehe Lessings "Beitrage zur Geschichte und Literatur". Erster Beitrag, S. 91 11 Der Verfasser, als ein Deutscher, der sich dessen, was deutsch ist, in nichts schamet, bekennt gern, dass auch dieses Werk von diesem Geruche nicht wenig an sich hat. Er warnet alle Weltleute, nicht zu wagen, es zu lesen. 12 Bloss von 1782 bis 1798 sind in Deutschland vielleicht funfhundert Bande und Bandchen uber die kritische Philosophie geschrieben worden, woruber grosstenteils schon im Jahre 1799 der Schleier der Vergessenheit ruhet. 13 Dass hierin, seitdem dieses zuerst geschrieben ward, in Deutschland viel verbessert worden, ist sehr zu ruhmen. Aber doch ist zu beklagen, dass im ganzen unsere Schriftsteller noch immer am liebsten auf einseitige Spekulationimaginationen ausgehen und die Leser nicht kennen, fur die sie schreiben. Es ist daher auch unsere deutsche Literatur den Bedurfnissen deutscher Leser bei weitem nicht angemessen genug, hat daher immer noch auf die dreissig Millionen Menschen, welche deutsch reden, viel weniger Einfluss, als sie haben sollte. 14 Diejenigen, denen etwa die Anzahl der Ubersetzungen und Journale verhaltnismassig allzu stark dunken sollte, mussen bedenken, dass es eine Michaelmesse war. Denn wenn auch einige Schriftsteller im Sommer spazierengehen, so arbeiten doch Ubersetzer und Journalisten im Sommer und Winter mit gleicher Tatigkeit fort. 15 Man s. Lavaters "Kleine Physiognomik", II. T., S. 117 u. folg. 16 Siehe ebendaselbst, S. 36. 17 Avaleurs de couleuvres toad-eaters. 18 Ungelehrten Vatern und Muttern zugute sei hier angemerkt, dass die Gelehrten mit diesem griechischen Worte die Kunst der Erziehung andeuten. Diese feierliche Benennung wird gebraucht, seitdem die Gelehrten diese Kunst in verschiedene Systeme gebracht haben, deren jedes gleich den philosophischen Systemen fur sich sehr genau zusammenhangt und dem andern schnurstracks widerspricht. 19 Unmodischen Lesern und Leserinnen sei kund, dass dies eine Art eines kleinen Kopfzeuges ist, das, glaubwurdigen Nachrichten zufolge, im Winter 1772/1773 allgemein getragen ward. Es ist zu hoffen, ausser den Buchgelehrten werde jedermann in Deutschland wissen, dass ein Komete ein kleiner Kopfputz war, unter welchem ganz frisierte Haare getragen wurden. Aux zephyrs aber ward dieser Komete benannt, weil daran hinterwarts gewisse haarigte Zieraten (von der Art, die in der Putzmachersprache chenilles oder Raupen heisst) frei herunterhingen, womit die angenehmen Zephyren sehr leicht spielen konnten, wenn sie nur im Winter geweht hatten. 20 Weil zu vermuten ist, dass eher Buchgelehrte als gens du bon ton dieses Werk lesen werden, so mussen, wegen der Unwissenheit der erstern, hier schon einige Worter erklart werden, die sonst jedermann versteht, des qu'il entre dans le monde. Ein bonnet en demi-ajuste ist ein Kopfzeug, unter dem eine Dame halb frisiert sein muss. Ein assassin ist nichts als ein Schonpflasterchen, das aber seiner Grosse wegen, wenn ein gemeines Schonfleckchen verwundet, gar wohl totschlagen kann. Ein postillon d'amour ist eine grosse Brustschleife von Band, welche weder Pferd noch Horn hat. Eine respectueuse ist eine Bedeckung des Busens mit Spitzen, Filet und anderm durchsichtigen Zeuge, die vermutlich den Namen davon fuhrt, weil sie nicht Ehrfurcht veranlasst. 21 Wir haben im Deutschen fur das franzosische "absurde" das Wort abgeschmackt, fur "fade", insofern es von Speisen gebraucht wird, haben wir unschmackhaft, dies Wort aber wird nicht wohl zu brauchen sein, wenn der Begriff des franzosischen auf Geistesbeschaffenheit angewendet wird. Man kann nicht fuglich sagen ein unschmackhafter Mensch. Daher mochte es wohl dienlich sein, das Wort ungeschmackt zu brauchen. Adelung, in seinem Worterbuche, ist der Meinung, man musse schreiben und sprechen ungeschmack. So wichtig auch sonst dessen Autoritat ist, so ware doch zu zweifeln, dass ihm jemand hierin beifallen mochte. 22 Die deutsche Sprache, an Konversationsausdrukken sehr arm, hat kein eigentliches Wort fur Sostenutezza, und doch ist an vielen gnadigen und nichtgnadigen deutschen Herren und Damen die Sostenutezza eine der gewohnlichsten Eigenschaften. 23 Nach der Ausgabe Leipzig 1768, S. 119. 24 Ramlers lyrische Gedichte. Berlin 1772, S. 266. 25 Woltersdorfs samtliche neue Lieder. Berlin 1768, S. 37. 26 Der Pietist hatte diese Worte buchstablich aus den "Budingischen Sammlungen", 8. St., S. 257, genommen. 27 Der Leser glaube nicht etwa, dass ein solches Lied zum Behufe dieses Gesprachs erdichtet worden. Er darf auch nicht glauben, dass es etwa ein unbedeutender Schwarmer fur den Winkel eines fanatischen Konventikels verfertigt habe. Nein! Dies Lied steht Seite 792 eines in vielen evangelisch-lutherischen Kirchen der Kurmark eingefuhrten Gesangbuchs, betitelt: "Geistliche und liebliche Lieder, welche der Geist des Glaubens durch Doktor M. Luther, Joh. Hermann, Paul Gerhard und andere seiner Werkzeuge in den vorigen und itzigen Zeiten gedichtet und die bisher in den Kirchen und Schulen der Konigl. Preuss. und ausgegeben von Johann Porst, Konigl. Preuss. Konsistorialrat, Probst und Inspektor zu Berlin. Gedruckt zu Berlin, in Langduodez. Unter mehrern Gemeinden entstanden im Jahre 1781 die grossten Bewegungen, als man anstatt dieses schlechten Gesangbuchs ein vernunftigeres und folglich besseres einfuhren wollte. 28 Manchem eifrigen Gottesgelehrten mag es wohl nicht so anstossig sein als dem ehrlichen Sebaldus, dass die Seligen im Himmel die ewige Qual der Verdammten ganz geruhig, ohne Mitleid ansehen sollen. Zum Beispiel in M. Cyriacus Hofers "Kurzem und richtigem Himmelsweg", wie ein Kind in vierundzwanzig Stunden lernen kann, wie es soll der Hollen entgehen und ewig selig werden, in 735 Fragen und Antworten, einem Katechismus, der im Kurfurstentume Sachsen und vielleicht auch in andern Provinzen in vielen Schulen zur Unterweisung der Jugend gebraucht wird und der noch im Jahre 1797 zu Leipzig mit gnadigstem Privilegium gedruckt worden, findet man Seite 97 folgende Fragen und Antworten: "Wenn du welche der Deinen wurdest in der Holle sehen, wurde dir die Marter zu Herzen gehen, oder wurde sie dir nicht zu Herzen gehen?" Antwort: "Sie wurde mir nicht zu Herzen gehen." "Warum wird sie dir nicht zu Herzen gehen?" Gottes ubereinstimmen wird." Solange wir noch solche Ungereimtheiten durch unsere Katechismen in den Schulen lehren, durfen wir Voltairen nicht anklagen, der einem Kapuziner die Worte in den Mund legt: Et moi predestine, Je rirai bien quand vous serez damne. 29 Er soll, wie verschiedene Nachrichten bezeugen, den frommen Wunsch hinzugetan haben, dass ihnen, wenn das eiskalte Fieber ihre Glieder zerruttete, weder bittre Essenz noch Kirchengebet helfen mochten; welchen Wunsch der Verfasser des Gedichts "Wilhelmine", der, nach Art der Dichter, wegen der genauen Bestimmung der Zeiten und Personen wohl die ungedruckten Urkunden nicht eben mag nachgeschlagen haben, dem Sebaldus beilegt (s. "Wilhelmine", S. 97). Es ist aber um so unwahrscheinlicher, dass Sebaldus einen solchen Wunsch sollte getan haben, da aus sichern Nachrichten erhellet, er sei der Meinung gewesen, dass das Kirchengebet uberhaupt keine Krankheiten lindere. 30 Haller hat schon das Wort Staunen fur das franzosische "rever" gebraucht. Wir haben kein anderes Wort dafur; denn Nachsinnen sagt zuviel, und In-Gedanken-Stehen ist weitschweifig. 31 Die sel. Feldmarschallin von Spaen setzte zuerst ein Kapital zu einer Freischule aus, die im Jahre 1699 eroffnet ward. Auch die folgenden Freischulen sind bloss durch Vermachtnisse und freiwillige Beitrage edelmutiger Wohltater bestanden. Im Jahre 1797 wurden in denselben 1567 Kinder umsonst unterrichtet. 32 Im Jahre 1772 ist ein Teil dieser Wiese bebauet worden, aber wenigstens ein kleiner Teil der schonen Weidenbaume sind glucklicherweise stehengeblieben, von denen der Naturkundige Schreber sagt, dass er sie von solcher Hohe und Schonheit auf seinen Reisen noch nirgend gesehen habe. 33 Ein Buch in vier dicken Quartbanden. 34 Berlin ist vielleicht die einzige Stadt in der Welt, wo man auf den Einfall geraten ist, in Versen zu predigen. Verschiedene Prediger versuchten dies zu verschiedenen Zeiten mit Beifall der Zuhorer, bis endlich durch einen ausdrucklichen Befehl des Oberkonsistoriums das Predigen in Versen verboten ward. 35 Diese harmlose Religionspartei unterscheidet sich ruhmlich durch sehr ansehnliche Almosen (zuweilen von einigen tausend Talern), die sie gibt, und zwar mehrenteils so unbekannterweise, dass man die Geber nur mutmassen kann. 36 Fig. 1. 37 Fig. 2. 38 Matth. XXIII, 5. 39 Fig. 2. 40 Fig. 3. 41 Fig. 4. 42 Fig. 5. 43 Fig. 6. 44 Unter andern fanden in einer gewissen Kirche, in welcher wechselsweise lutherisch, und reformiert gepredigt ward, beide Gemeinden Ursache, sich uber diese Neuerung zu beklagen. Es war bisher die Gewohnheit gewesen, dass der Prediger, ehe er in die Sakristei trat, aussen neben der Tur derselben seinen Hut anhangte, woraus die Zuhorer gleich abnehmen konnaber der Hut seine symbolische Kraft verloren hatte, so konnten die irregemachten Kirchkinder nunmehr weiter an keinem Kennzeichen unterscheiden, ob die Predigt, die sie horten, lutherisch oder reformiert sei. 45 Fig. 7. 46 Fig. 8. 47 Diese Meinung des Sebaldus, welche von vielen eifrigen Gottesgelehrten als nach Ketzerei schmekkend verdammt werden mochte, hegte auch ein sehr verstandiger und gottseliger Mann. Er sagt: "So ist es im Heidentume den Epikureern, und im Judentume den Sadducaern ergangen. Wobei mir ein ofters eingekommener Gedanke wieder einfallt: was doch die Ursache sein musse, dass unser Heiland, der bei allen Gelegenheiten die Pharisaer so hart anlasset, weit gelinder mit den Sadducaern umgeht, die doch, weil sie die Auferstehung und ein anderes Leben, wo das Gute belohnt und das Bose bestraft wird, das Dasein der Geister, mithin auch gute und bose Engel leugneten, den Grund aller Religion umstiessen. Ich erinnere mich nicht, irgendwo etwas Grundliches daruber gelesen zu haben. Sollte vielleicht daraus zu schliessen sein, dass in Gottes Augen die Heuchelei, der geistliche Hochmut und der verstockte Aberglauben fur grossere Fehler angesehen werden, als die blossen Irrtumer des Verstandes, wenn sie auch noch so wichtige Gegenstande betreffen?" (Siehe von Bunau. "Betrachtungen uber die Religion", Leipzig 1769, in Oktav, 1. Buch, S. 90) 48 Wenn die Chronologie, welche in unserer wahren Geschichte das Hauptwerk ist, nur auf irgendeine Art, sollte es auch durch eine Hypothese sein, sich vereinigen liesse, so wurde im ubrigen diese ganze Beschreibung vollkommen auf den verehrungswurdigen Herrn v. Rochow auf Rekahn passen, welcher durch seine Schulen und durch seinen Versuch eines Schulbuchs fur Landleute alles das oben Erzahlte und noch mehr getan hat. 49 Siehe "Wilhelmine", S. 99. 50 Dieses sehr gelehrten und sehr aufrichtigen Mannes Gedanken, wie man der arabischen Literatur aufhelfen konne und solle, stehen in den von ihm verfertigten Zusatzen zu den Abhandlungen der k. Akademie der schonen Wissenschaften zu Paris, die den elften Teil der deutschen Ubersetzung (Leipzig 1751., Grossoktav) ausmachen. Diese kleine Schrift verdiente, bekannter zu sein und von vielen gelesen zu werden, zumal zu jetziger Zeit, da wieder allenthalben (Anmerkung der ersten Auflage) Jetzt sind auf den theologischen Jahrmarkten Deutschlands mit der arabischen Gaukeltasche keine Zuschauer zusammenzubringen. Dagegen wird jetzt gar behende gespielt, aus der Gaukeltasche der Religion innerhalb den Grenzen der blossen Vernunft. Aus derselben halt man uns ein in der Philosophie postuliertes (d.h. auf deutsch, unbewiesen angenommenes) kategorisches Moralgesetz vor und heisst es uns hier als das Gebot Gottes betrachten, nachdem man uns vorher in der Kritik der praktischen Vernunft versichert hat: Gott sei nichts als eine Idee, welche der Mensch wegen des in ihm liegenden kategorischen Moralgesetzes notwendig annehmen musse. Das Gebot einer Idee kann wohl nichts als ein Gaukelspiel sein. Als daher im Jahre 1797 Magister Niethammer in Jena auf das Fundament dieser Lehre Doktor der Theologie ward, versicherten die theologischen Philosophen auf eben dieser Universitat: "Da Niethammer behauptet habe: Man konne von dem theologischen Standpunkte aus die christliche Religionslehre fur Offenbarung ansehen, so sei dies mehr ein erschlichenes Kompliment des neuen Doktors der Theologie an eine christliche Universitat als Uberzeugungen", und sie fugen hinzu: "Der Mensch schaffet die Gottheit und die Offenbarung aus sich selbst und fur sich allein." (Siehe die jenaische "Allgemeine Literaturzeitung", 1797, Nr. 413, S. 805) [Anmerkung der vierten Auflage]. 51 Wenn der Fremde wieder zum Worte gekommen ware, so hatte er vermutlich standhaft behauptet, dass keine einzige Bedeutung eines einzigen arabischen Worts jemals sich verandert hatte. Dies versicherte wenigstens im Jahre 1771 Magister Schelling, welcher, sitzend in seiner Studierstube im herzoglichen Stifte zu Tubingen, unwidersprechlich uberzeugt war, dass die arabische Sprache "noch jetzt eben dieselbe ist, die sie bald nach der Zeit ihrer Entstehung war", und ein feines Kapitel "von der wunderbaren Erhaltung der Arabischen Sprache in ihrer ersten Reinigkeit von den alleraltesten Zeiten bis auf den heutigen Tag" zu erzahlen weiss, wie aus seiner "Abhandlung von der Arabischen Sprache" (Stuttgart 1771, Oktav), besonders S. 16 bis 21, des mehrern zu ersehen. Freilich der Reisende Niebuhr, welcher in Arabien gewesen ist, berichtet, die jetzige arabische Sprache sei von der alten wie das Italienische vom Lateinischen unterschieden; die jetzigen arabischen Gelehrten mussten die Sprache des Alkorans und anderer Schriften in ihren Schulen als eine tote Sprache lernen; die jetzige arabische Sprache sei so wie alle Sprachen des Erdbodens in viele Dialekte verteilt und dergleichen mehr. Aber was tut das zur Sache? Niebuhr ist ja ein ungelehrter Ingenieur und kein gelehrter Philologe! 52 Der gelehrte Englander Sir William Jones hat in der Vorrede zu seiner persischen Grammatik schon einen Wink gegeben, den ein deutscher Professor der Philologie, der vor seinen Zuhorern mit neuen Entdekkungen glanzen will, bald wird missbrauchen konnen 53 Gelehrte Meinungen, wenn sie auch eine Zeitlang noch so erheblich scheinen, und noch mehr die gelehrten Streitigkeiten daruber werden gemeiniglich bald vergessen. Daher ist's vielleicht nicht uberflussig, zu bemerken, dass sich Rambold und Mariane hier von Johann Christoph Gottsched und von Johann Jakob Bodmer und von einigen folgenden Begebenheiten in der gelehrten Republik unterhielten, wovon jetzt gar nicht mehr die Rede ist. 54 Siehe "Wilhelmine", S. 100. 55 Siehe "Geschichte der Clarissa", deutsche Ubersetzung, V. Teil, 7. Brief, S. 70 u.f. 56 Siehe "Wilhelmine", S. 99. 57 Man s. Smolletts "Reisen", nach der deutschen Ubersetzung, S. 297. 58 Es ist bekannt, dass die betriebsamenLeute, welche den Kunstkennern viele Wunder aufheften, auch erfunden haben, Munzen auseinanderzusagen und die Hauptseite und Kehrseite verschiedener Stucke zusammenzusetzen, woraus denn ganz neue, sonderbare Munzen entstehen. Dergleichen haben schon zu sehr gelehrten Erklarungen Gelegenheit gegeben, welche nur durch genaue Betrachtung der Rander zu widerlegen waren. 59 Man s. "Wilhelmine", S. 50 60 Diese gelehrte Zeitung ist eigentlich angst vergessen, aber so wie manche Straucher nicht unter dem Linneischen, wohl aber unter dem Trivialnamen bekannt sind, mochten sich vielleicht noch einige des Trivialnamens der schwarzen Zeitungen erinnern. [Anmerkung der vierten Auflage.] 61 Others apart sat on a hill retir'dIn thoughts more elevate, and reason'd high
Of providence, foreknowledge, will, and fate,
Fix'd fate, free will, foreknowledge absolute,
And found no end, in wandring mazes lost.
Milton's "Paradise lost", Buch II, Vers 557. 62 Geweihte Blatter, d.h. die Bibel. 63 Dieses Buch ist ins Deutsche ubersetzt. Leipzig 1769, Oktav. 64 I. Kor., XVI., 22. In dem Streite uber die Seligkeit der Heiden, welcher damals in Holland sehr hitzig gefuhrt ward, drohte der eifrige Domine Hofstede und sein Anhang sehr oft denen, welche es moglich hielten, dass tugendhafte Heiden selig wurden, mit dem Jan Hagel oder Pobel, der, wie sie sagten, seine Hirten, d.h. Domine Hofstede und Konsorten, sehr liebe. 65 Man s. Antonins "Betrachtungen uber sich selbst", I. Buch, im Anfange. 66 Wer von dieser vortrefflichen Gesellschaft umstandlichere Nachrichten verlangt, kann sie finden in S.F. Rues' "Nachrichten von dem gegenwartigen Zustande der Mennoniten oder Taufgesinnten, wie auch der Kollegianten oder Reinsburger". Jena 1743, Oktav, S. 241 u.f. 67 Man s. Rues, S. 277. 68 So pflegt der niederlandische Pobel die Deutschen, besonders die Niedersachsen und Westfalinger, zu nennen. 69 In den "Vaterlandsen Letter-Oeffeningen", einer gelehrten Zeitschrift, die in den siebenziger Jahren in Holland herauskam. Die vornehmsten Verfasser derselben waren Kollegianten. 70 "Remarks on men, manners, and things", by the Author of "The Life of John Buncle", London, Grossoktav. Doktor Amory soll ein Buch unter diesem Titel geschrieben haben, welches aber, wenn es existiert, so rar geworden ist, dass es sich selbst in grossen englandischen Buchhandlungen und Bibliotheken nicht findet. Der Verfasser dieser Geschichte bekennet jetzt, dass die Stellen, welche unten als aus diesem Buche ubersetzt angefuhrt werden, von ihm selbst sind; ausgenommen das 22. Kapitel des I. Buchs Mose, welches von dem beruhmten Franklin ist, der es dem Perser Saadi soll nacherzahlt haben. (Man s. die "Berlinische Monatsschrift", 1783, Oktober, S. 307) [Anmerkung der vierten Auflage.] 71 Das Glaubensbekenntnis der englandischen bischoflichen Kirche ist im Jahre 1562 unter der Regierung der Konigin Elisabeth auf 39 Artikel festgesetzt und 1571 durch eine Parlamentsakte bestatigt worden. Wer irgendein Amt von der Regierung erhalt, muss sie beschworen. Sie sind das, was in den meisten deutschen Provinzen die symbolischen Bucher sind. 72 Siehe Sam. Werenfelsii "Opuscula theologica philosophica et philologica". Lausannae 1739, 4to, Tom. II., p. 509. Lessing hat diese Verse folgendermassen ubersetzt:
Von Gott gemacht ist dieses Buch,
Dass jeder seine Lehr' drin such',
Und so gemacht, dass jedermann
Auch seine Lehr' drin finden kann.
73 Siehe Hieronymus in Epistolis: Margaritum est Verbum Dei, ex omni parte forari potest. Nimirum ut Diatraetarii margaritas, prout commodum visum fuerit, perforant: ita haeretici verba Dei pro captu suo interpretantur, ut volunt. (Man s. Fried. Lindenbrogii Var. Quaest. n. 2. adj. Altercationi Hadriani Aug. et Epicteti Philosophi. Francof. 1628, Oktav) 74 Im Alexandrinischen Kodex scheint der mittelste Querstrich des ersten E, in dem Worte EYCEBEIAC, durch das Pergament gerade an der Stelle durch, wo der Spruch I. Tim. III, 16 geschrieben ist. Dadurch scheint das O in OC ein zu sein, deshalb man lange Zeit C gelesen, welches die Abbreviatur von ;;; ist. (Man s. Wetstenii Proleg. in N.T. Edit. Halens., S. 54 u. folg.) 75 Clericus warf zuerst Rom. V, 14 das ; aus dem Texte, in einem Briefe, welcher der zweiten Ausgabe von Mills N.T. vorgedruckt ist, und in Arte crit. P. III. Sect 1 c. XV. 15. Unter den deutschen Auslegern hat Semler ebendieses aus guten Grunden getan. (Man s. dessen Apparat ad libr. N.T. interpr., S. 59, 76 2. Brief Joh V, 9 11. 77 Brief Juda V, 5. 78 Nach Sebaldus' Ubersetzung:
Das arme Buch! Was muss es nicht ertragen!
Von jeher hat es sich geduldig lassen plagen
Und schief verzerrn nach jedes Lehrers Lehren;
Griech'sch und Hebraisch kann sich ja nicht weh
ren!
79 Doktor Waterland war ein eifriger Verteidiger der anglikanischen Orthodoxie. 80 Ein Platz in Amsterdam, wo alle Morgen die Post nach Arnheim abfahrt. 81 Offenb. Joh. XXII, 12. 82 Die Arzte begreifen unter dieser Benennung: Atemholen, Speise und Trank, Ausfuhrungen, Schlaf, Bewegung, Leidenschaften. 83 Leibzucht heisst in Westfalen die Wohnung eines vom Hofe abgegangenen Bauers. 84 Ein Sundern heisst in Westfalen ein betrachtliches Geholz, welches in Absicht der Viehweide offen, einem Herrn zustandig ist. (Man s. Mosers "Patriotische Phantasien", II. T., S. 493) 85 Siehe Wilhelmine, S. 50. 86 Offenb. Joh. VIII, 10. 87 Man s. [Achtes Buch, Dritter Abschnitt]. 88 Man s. [Erstes Buch, Ende des zweiten Abschnitts]. 89 Das war damals der Fall. Auf das arabisch Exponieren ist zu unsern Zeiten im schwabischen und unschwabischen Deutschlande bekanntlich das Exponieren der kritischen Philosophie nebst dem Setzen des absoluten Ichs eingetreten, worauf sicherlich einmal etwas anders folgen wird. [Anmerkung der vierten Auflage.] 90 In Meusels "Gelehrtem Deutschlande" wird berichtet, der Verfasser dieser Predigten sei Herr Professor Seybold, ehemals in Buchsweiler, jetzt in Tubingen. Es ist aber nicht zu vermuten, dass diese Nachricht gegrundet ist. Denn teils wurde der Herr Professor vermutlich besser geschrieben haben, teils sind die folgenden Mutmassungen von dem wahren Verfasser der Predigten viel glaubwurdiger, da sie aus den Nothankerischen Familiennachrichten herstammen. [Anmerkung der vierten Auflage.] 91 In einigen deutschen Provinzen wurde das Wort Halskrausen bloss Halstucher bedeuten, aber der Zusatz christliche Halskrausen scheint anzudeuten, dass es runde Priesterkragen oder Wolkenkragen gewesen, die man in Sachsen Krausen nennet.