Johann Wolfgang Goethe
Die Leiden des jungen Werther
Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden konnen, habe ich mit Fleiss gesammelt und lege es euch hier vor, und weiss, dass ihr mir's danken werdet. Ihr konnt seinem Geist und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe, seinem Schicksale eure Tranen nicht versagen. Und du gute Seele, die du eben den Drang fuhlst wie er, schopfe Trost aus seinem Leiden, und lass das Buchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen nahern finden kannst.
Erstes Buch
Am 4. Mai 1771.
Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiss, du verzeihst mir's. Waren nicht meine ubrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um ein Herz wie das meine zu angstigen? Die arme Leonore! Und doch war ich unschuldig. Konnt' ich dafur, dass, wahrend die eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung verschafften, dass eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich bildete? Und doch bin ich ganz unschuldig? Hab' ich nicht ihre Empfindungen genahrt? hab' ich mich nicht an den ganz wahren Ausdrucken der Natur, die uns so oft zu lachen machten, so wenig lacherlich sie waren, selbst ergetzt? hab' ich nicht O was ist der Mensch, dass er uber sich klagen darf! Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir's, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bisschen Ubel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkauen, wie ich's immer getan habe; ich will das Gegenwartige geniessen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. Gewiss, du hast recht, Bester, der Schmerzen waren weiss, warum sie so gemacht sind! mit so viel Emsigkeit der Einbildungskraft sich beschaftigten, die Erinnerungen des vergangenen Ubels zuruckzurufen, eher als eine gleichgultige Gegenwart zu ertragen.
Du bist so gut, meiner Mutter zu sagen, dass ich ihr Geschaft bestens betreiben und ihr ehstens Nachricht davon geben werde. Ich habe meine Tante gesprochen und bei weitem das bose Weib nicht gefunden, das man bei uns aus ihr macht. Sie ist eine muntere, heftige Frau von dem besten Herzen. Ich erklarte ihr meiner Mutter Beschwerden uber den zuruckgehaltenen Erbschaftsanteil; sie sagte mir ihre Grunde, Ursachen und die Bedingungen, unter welchen sie bereit ware, alles herauszugeben, und mehr als wir verlangten Kurz, ich mag jetzt nichts davon schreiben, sage meiner Mutter, es werde alles gut gehen. Und ich habe, mein Lieber, wieder bei diesem kleinen Geschaft gefunden, dass Missverstandnisse und Tragheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen als List und Bosheit. Wenigstens sind die beiden letzteren gewiss seltener.
Ubrigens befinde ich mich hier gar wohl. Die Einsamkeit ist meinem Herzen kostlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahrszeit der Jugend warmt mit aller Fulle mein oft schauderndes Herz. Jeder Baum, jede Hecke ist ein Strauss von Bluten, und man mochte zum Maienkafer werden, um in dem Meer von Wohlgeruchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu konnen.
Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche Schonheit der Natur. Das bewog den verstorbenen Grafen von M.., einen Garten auf einem der Hugel anzulegen, die mit der schonsten Mannigfaltigkeit sich kreuzen und die lieblichsten Taler bilden. Der Garten ist einfach, und man fuhlt gleich bei dem Eintritte, dass nicht ein wissenschaftlicher Gartner, sondern ein fuhlendes Herz den Plan gezeichnet, das seiner selbst hier geniessen wollte. Schon manche Trane hab' ich dem Abgeschiedenen in dem verfallenen Kabinettchen geweint, das sein Lieblingsplatzchen war und auch meines ist. Bald werde ich Herr vom Garten sein; der Gartner ist mir zugetan, nur seit den paar Tagen, und er wird sich nicht ubel dabei befinden.
Am 10. Mai.
Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den sussen Fruhlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen geniesse. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die fur solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glucklich, mein Bester, so ganz in dem Gefuhle von ruhigem Dasein versunken, dass meine Kunst darunter Strich, und bin nie ein grosserer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberflache der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und naher an der Erde tausend mannigfaltige Graschen mir merkwurdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzahligen, unergrundlichen Gestalten der Wurmchen, der Muckchen naher an meinem Herzen fuhle, und fuhle die Gegenwart des Allmachtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend tragt und erhalt; mein Freund! wenn's dann um meine Augen dammert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten dann sehne ich mich oft und denke: Ach konntest du das wieder ausdrucken, konntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, dass es wurde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes! Mein Freund Aber ich gehe daruber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.
Am 12. Mai.
Ich weiss nicht, ob tauschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme, himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so paradiesisch macht. Da ist gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin wie Melusine mit ihren Schwestern. Du gehst einen kleinen Hugel hinunter und findest dich vor einem Gewolbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Einfassung macht, die hohen Baume, die den Platz rings umher bedecken, die Kuhle des Orts; das hat alles so was Anzugliches, was Schauerliches. Es vergeht kein Tag, dass ich nicht eine Stunde da sitze. Da kommen dann die Madchen aus der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschaft und das notigste, das ehemals die Tochter der Konige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt die patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie, alle die Altvater, am Brunnen Bekanntschaft machen und freien, und wie um die Brunnen und Quellen wohltatige Geister schweben. O der muss nie nach einer schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens Kuhle gelabt haben, der das nicht mitempfinden kann.
Am 13. Mai.
Du fragst, ob du mir meine Bucher schicken sollst? Lieber, ich bitte dich um Gottes willen, lass mir sie vom Halse! Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuert sein, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst; ich brauche Wiegengesang, und den habe ich in seiner Fulle gefunden in meinem Homer. Wie oft lull' ich mein emportes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast du nichts gesehn als dieses Herz. Lieber! brauch' ich dir das zu sagen, der du so oft die Last getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung und von susser Melancholie zur verderblichen Leidenschaft ubergehen zu sehn? Auch halte ich mein Herzchen wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihm gestattet. Sage das nicht weiter; es gibt Leute, die mir es verubeln wurden.
Am 15. Mai.
Die geringen Leute des Ortes kennen mich schon und lieben mich, besonders die Kinder. Eine traurige Bemerkung hab' ich gemacht. Wie ich im Anfange mich zu ihnen gesellte, sie freundschaftlich fragte uber dies und das, glaubten einige, ich wollte ihrer spotten, und fertigten mich wohl gar grob ab. Ich liess mich das nicht verdriessen; nur fuhlte ich, was ich schon oft beStande werden sich immer in kalter Entfernung vom gemeinen Volke halten, als glaubten sie durch Annaherung zu verlieren; und dann gibt's Fluchtlinge und uble Spassvogel, die sich herabzulassen scheinen, um ihren Ubermut dem armen Volke desto empfindlicher zu machen.
Ich weiss wohl, dass wir nicht gleich sind, noch sein konnen; aber ich halte dafur, dass der, der notig zu haben glaubt, vom so genannten Pobel sich zu entfernen, um den Respekt zu erhalten, ebenso tadelhaft ist als ein Feiger, der sich vor seinem Feinde verbirgt, weil er zu unterliegen furchtet.
Letzthin kam ich zum Brunnen und fand ein junges Dienstmadchen, das ihr Gefass auf die unterste Treppe gesetzt hatte und sich umsah, ob keine Kameradin kommen wollte, ihr es auf den Kopf zu helfen. Ich stieg hinunter und sah sie an. "Soll ich Ihr helfen, Jungfer?" sagte ich. Sie ward rot uber und uber. "O nein, Herr!" sagte sie. "Ohne Umstande." Sie legte ihren Kringen zurecht, und ich half ihr. Sie dankte und stieg hinauf.
Den 17. Mai.
Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft habe ich noch keine gefunden. Ich weiss nicht, was ich Anzugliches fur die Menschen haben muss; es mogen tut mir's weh, wenn unser Weg nur eine kleine Strecke miteinander geht. Wenn du fragst, wie die Leute hier sind, muss ich dir sagen: wie uberall! Es ist ein einformiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den grossten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit ubrig bleibt, angstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden. O Bestimmung des Menschen!
Aber eine recht gute Art Volks! Wenn ich mich manchmal vergesse, manchmal mit ihnen die Freuden geniesse, die den Menschen noch gewahrt sind, an einem artig besetzten Tisch mit aller Offen und Treuherzigkeit sich herumzuspassen, eine Spazierfahrt, einen Tanz zur rechten Zeit anzuordnen, und dergleichen, das tut eine ganz gute Wirkung auf mich; nur muss mir nicht einfallen, dass noch so viele andere Krafte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern und die ich sorgfaltig verbergen muss. Ach das engt das ganze Herz so ein. Und doch! missverstanden zu werden, ist das Schicksal von unsereinem.
Ach, dass die Freundin meiner Jugend dahin ist, ach, dass ich sie je gekannt habe! Ich wurde sagen: Du bist ein Tor! du suchst, was hienieden nicht zu finden ist! Aber ich habe sie gehabt, ich habe das Herz gefuhlt, die grosse Seele, in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu sein, als ich war, weil ich alles war, was ich sein konnte. Guter Gott! blieb da eine einzige Kraft meiner Seele ungenutzt? Konnt' ich nicht vor ihr das ganze wunderbare Gefuhl entwikkeln, mit dem mein Herz die Natur umfasst? War unser Umgang nicht ein ewiges Weben von der feinsten Empfindung, dem scharfsten Witze, dessen Modifikationen, bis zur Unart, alle mit dem Stempel des Genies bezeichnet waren? Und nun! Ach ihre Jahre, die sie voraus hatte, fuhrten sie fruher ans Grab als mich. Nie werde ich sie vergessen, nie ihren festen Sinn und ihre gottliche Duldung.
Vor wenig Tagen traf ich einen jungen V.. an, einen offnen Jungen, mit einer gar glucklichen Gesichtsbildung. Er kommt erst von Akademien, dunkt sich eben nicht weise, aber glaubt doch, er wisse mehr als andere. Auch war er fleissig, wie ich an allerlei spure, kurz, er hat hubsche Kenntnisse. Da er horte, dass ich viel zeichnete und Griechisch konnte (zwei Meteore hierzulande), wandte er sich an mich und kramte viel Wissens aus, von Batteux bis zu Wood, von de Piles zu Winckelmann, und versicherte mich, er habe Sulzers Theorie, den ersten Teil, ganz durchgelesen und besitze ein Manuskript von Heynen uber das Studium der Antike. Ich liess das gut sein.
Noch gar einen braven Mann habe ich kennen lernen, den furstlichen Amtmann, einen offenen, treuherzigen Menschen. Man sagt, es soll eine Seelenfreude sein, ihn unter seinen Kindern zu sehen, deren er neun hat; besonders macht man viel Wesens von seiner altesten Tochter. Er hat mich zu sich gebeten, und ich will ihn ehster Tage besuchen. Er wohnt auf einem furstlichen Jagdhofe, anderthalb Stunden von hier, wohin er nach dem Tode seiner Frau zu ziehen die Erlaubnis erhielt, da ihm der Aufenthalt hier in der Stadt und im Amthause zu weh tat.
Sonst sind mir einige verzerrte Originale in den Weg gelaufen, an denen alles unausstehlich ist, am unertraglichsten ihre Freundschaftsbezeigungen.
Leb' wohl! der Brief wird dir recht sein, er ist ganz historisch.
Am 22. Mai.
Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen, und auch mit mir zieht dieses Gefuhl immer herum. Wenn ich die Einschrankung ansehe, in welcher die tatigen und forschenden Krafte des Menschen eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit dahinaus lauft, sich die Befriedigung von Bedurfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme Existenz zu verlangern, und dann, dass alle Beruhigung uber gewisse Punkte des Nachforschens nur eine traumende Resignation ist, da man sich die Wande, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zuruck, und finde eine Welt! Wieder mehr in Ahnung und dunkler Begier als in Darstellung und lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lachle dann so traumend weiter in die Welt.
Dass die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind alle hochgelahrten Schul- und Hofmeister einig; dass aber auch Erwachsene gleich Kindern auf diesem Erdboden herumtaumeln und wie jene nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, ebensowenig nach wahren Zwecken handeln, ebenso durch Biskuit und Kuchen und Birkenreiser regiert werden: das will niemand gern glauben, und mich dunkt, man kann es mit Handen greifen.
Ich gestehe dir gern, denn ich weiss, was du mir hierauf sagen mochtest, dass diejenigen die Glucklichsten sind, die gleich den Kindern in den Tag hinein leben, ihre Puppen herumschleppen, aus- und anziehen und mit grossem Respekt um die Schublade umherschleichen, wo Mama das Zuckerbrot hineingeschlossen hat, und, wenn sie das gewunschte endlich erhaschen, es mit vollen Backen verzehren und rufen: "Mehr!" Das sind gluckliche Geschopfe. Auch denen ist's wohl, die ihren Lumpenbeschaftigungen oder wohl gar ihren Leidenschaften prachtige Titel geben und sie dem Menschengeschlechte als Riesenoperationen zu dessen Heil und Wohlfahrt anschreiben. Wohl dem, der so sein kann! Wer aber in seiner Demut erkennt, wo das alles hinauslauft, wer da sieht, wie artig jeder Burger, dem es wohl ist, sein Gartchen zum Paradiese zuzustutzen weiss, und wie unverdrossen auch der Ungluckliche unter der Burde seinen Weg fortkeucht, und alle gleich interessiert sind, das Licht dieser Sonne noch eine Minute langer zu sehn ja, der ist still und bildet auch seine Welt aus sich selbst und ist auch glucklich, weil er ein Mensch ist. Und dann, so eingeschrankt er ist, halt er doch immer im Herzen das susse Gefuhl der Freiheit, und dass er diesen Kerker verlassen kann, wann er will.
Am 26. Mai.
Du kennst von alters her meine Art, mich anzubauen, mir irgend an einem vertraulichen Orte ein Huttchen aufzuschlagen und da mit aller Einschrankung zu herbergen. Auch hier habe ich wieder ein Platzchen angetroffen, das mich angezogen hat.
Ungefahr eine Stunde von der Stadt liegt ein Ort, den sie Wahlheim1 nennen. Die Lage an einem Hugel ist sehr interessant, und wenn man oben auf dem Fusspfade zum Dorf herausgeht, ubersieht man auf einmal das ganze Tal. Eine gute Wirtin, die gefallig und munter in ihrem Alter ist, schenkt Wein, Bier, Kaffee; ihren ausgebreiteten Asten den kleinen Platz vor der Kirche bedecken, der ringsum mit Bauerhausern, Scheuern und Hofen eingeschlossen ist. So vertraulich, so heimlich hab' ich nicht leicht ein Platzchen gefunden, und dahin lass' ich mein Tischchen aus dem Wirtshause bringen und meinen Stuhl, trinke meinen Kaffee da und lese meinen Homer. Das erstemal, als ich durch einen Zufall an einem schonen Nachmittage unter die Linden kam, fand ich das Platzchen so einsam. Es war alles im Felde; nur ein Knabe von ungefahr vier Jahren sass an der Erde und hielt ein anderes, etwa halbjahriges, vor ihm zwischen seinen Fussen sitzendes Kind mit beiden Armen wider seine Brust, so dass er ihm zu einer Art von Sessel diente und ungeachtet der Munterkeit, womit er aus seinen schwarzen Augen herumschaute, ganz ruhig sass. Mich vergnugte der Anblick: ich setzte mich auf einen Pflug, der gegenuber stand, und zeichnete die bruderliche Stellung mit vielem Ergetzen. Ich fugte den nachsten Zaun, ein Scheunentor und einige gebrochene Wagenrader bei, alles, wie es hinter einander stand, und fand nach Verlauf einer Stunde, dass ich eine wohlgeordnete, sehr interessante Zeichnung verfertiget hatte, ohne das mindeste von dem Meinen hinzuzutun. Das bestarkte mich in meinem Vorsatze, mich kunftig allein an die Natur zu halten. Sie allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den grossen Kunstler. Man kann zum Vorteile der Regeln viel sagen, ungefahr was man zum Lobe der burgerlichen Gesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich nach ihnen bildet, wird nie etwas Abgeschmacktes und Schlechtes hervorbringen, wie einer, der sich durch Gesetze und Wohlstand modeln lasst, nie ein unertraglicher Nachbar, nie ein merkwurdiger Bosewicht werden kann; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefuhl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstoren! Sag' du: 'Das ist zu hart! sie schrankt nur ein, beschneidet die geilen Reben' etc. Guter Freund, soll ich dir ein Gleichnis geben? Es ist damit wie mit der Liebe. Ein junges Herz hangt ganz an einem Madchen, bringt alle Stunden seines Tages bei ihr zu, verschwendet alle seine Krafte, all sein Vermogen, um ihr jeden Augenblick auszudrucken, dass er sich ganz ihr hingibt. Und da kame ein Philister, ein Mann, der in einem offentlichen Amte steht, und sagte zu ihm: 'Feiner junger Herr! Lieben ist menschlich, nur musst Ihr menschlich lieben! Teilet Eure Stunden ein, die einen zur Arbeit, und die Erholungsstunden widmet Eurem Madchen. Berechnet Euer Vermogen, und was Euch von Eurer Notdurft ubrig bleibt, davon verwehr' ich Euch nicht, ihr ein Geschenk, nur nicht zu oft, zu machen, etwa zu ihrem Geburts und Namenstage' etc. Folgt der Mensch, so gibt's einen brauchbaren jungen Menschen, und ich will selbst jedem Fursten raten, ihn in ein Kollegium zu setzen; nur mit seiner Liebe ist's am Ende und, wenn er ein Kunstler ist, mit seiner Kunst. O meine Freunde! warum der Strom des Genies so selten ausbricht, so selten in hohen Fluten hereinbraust und eure staunende Seele erschuttert? Liebe Freunde, da wohnen die gelassenen Herren auf beiden Seiten des Ufers, denen ihre Gartenhauschen, Tulpenbeete und Krautfelder zugrunde gehen wurden, die daher in Zeiten mit Dammen und Ableiten der kunftig drohenden Gefahr abzuwehren wissen.
Am 27. Mai.
Ich bin, wie ich sehe, in Verzuckung, Gleichnisse und Deklamation verfallen und habe daruber vergessen, dir auszuerzahlen, was mit den Kindern weiter geworden ist. Ich sass, ganz in malerische Empfindung vertieft, die dir mein gestriges Blatt sehr zerstuckt darlegt, auf meinem Pfluge wohl zwei Stunden. Da kommt gegen Abend eine junge Frau auf die Kinder los, die sich indes nicht geruhrt hatten, mit einem Korbchen am Arm und ruft von weitem: "Philipps, du bist recht brav." Sie grusste mich, ich dankte ihr, stand auf, trat naher hin und fragte sie, ob sie Mutter von den Kindern ware? Sie bejahte es, und indem sie dem altesten einen halben Weck gab, nahm sie das "Ich habe", sagte sie, "meinem Philipps das Kleine zu halten gegeben und bin mit meinem Altesten in die Stadt gegangen, um weiss Brot zu holen und Zucker und ein irden Breipfannchen." Ich sah das alles in dem Korbe, dessen Deckel abgefallen war. "Ich will meinem Hans (das war der Name des Jungsten) ein Suppchen kochen zum Abende; der lose Vogel, der Grosse, hat mir gestern das Pfannchen zerbrochen, als er sich mit Philippsen um die Scharre des Breis zankte." Ich fragte nach dem Altesten, und sie hatte mir kaum gesagt, dass er sich auf der Wiese mit ein paar Gansen herumjage, als er gesprungen kam und dem Zweiten eine Haselgerte mitbrachte. Ich unterhielt mich weiter mit dem Weibe und erfuhr, dass sie des Schulmeisters Tochter sei, und dass ihr Mann eine Reise in die Schweiz gemacht habe, um die Erbschaft eines Vetters zu holen. "Sie haben ihn drum betriegen wollen", sagte sie, "und ihm auf seine Briefe nicht geantwortet; da ist er selbst hineingegangen. Wenn ihm nur kein Ungluck widerfahren ist, ich hore nichts von ihm." Es ward mir schwer, mich von dem Weibe los zu machen, gab jedem der Kinder einen Kreuzer, und auch furs jungste gab ich ihr einen, ihm einen Weck zur Suppe mitzubringen, wenn sie in die Stadt ginge, und so schieden wir von einander.
Ich sage dir, mein Schatz, wenn meine Sinne gar nicht mehr halten wollen, so lindert all den Tumult der Anblick eines solchen Geschopfs, das in glucklicher Gelassenheit den engen Kreis seines Daseins hingeht, von einem Tage zum andern sich durchhilft, die Blatter abfallen sieht und nichts dabei denkt, als dass der Winter kommt.
Seit der Zeit bin ich oft draussen. Die Kinder sind ganz an mich gewohnt, sie kriegen Zucker, wenn ich Kaffee trinke, und teilen das Butterbrot und die saure Milch mit mir des Abends. Sonntags fehlt ihnen der Kreuzer nie, und wenn ich nicht nach der Betstunde da bin, so hat die Wirtin Ordre, ihn auszuzahlen.
Sie sind vertraut, erzahlen mir allerhand, und besonders ergetze ich mich an ihren Leidenschaften und simpeln Ausbruchen des Begehrens, wenn mehr Kinder aus dem Dorfe sich versammeln.
Viel Muhe hat mich's gekostet, der Mutter ihre Besorgnis zu nehmen, sie mochten den Herrn inkommodieren.
Am 30. Mai.
Was ich dir neulich von der Malerei sagte, gilt gewiss auch von der Dichtkunst; es ist nur, dass man das Vortreffliche erkenne und es auszusprechen wage, und das ist freilich mit wenigem viel gesagt. Ich habe heute eine Szene gehabt, die, rein abgeschrieben, die Dichtung, Szene und Idylle? muss es denn immer gebosselt sein, wenn wir teil an einer Naturerscheinung nehmen sollen?
Wenn du auf diesen Eingang viel Hohes und Vornehmes erwartest, so bist du wieder ubel betrogen; es ist nichts als ein Bauerbursch, der mich zu dieser lebhaften Teilnehmung hingerissen hat. Ich werde, wie gewohnlich, schlecht erzahlen, und du wirst mich, wie gewohnlich, denk' ich, ubertrieben finden; es ist wieder Wahlheim, und immer Wahlheim, das diese Seltenheiten hervorbringt.
Es war eine Gesellschaft draussen unter den Linden, Kaffee zu trinken. Weil sie mir nicht ganz anstand, so blieb ich unter einem Vorwande zuruck.
Ein Bauerbursch kam aus einem benachbarten Hause und beschaftigte sich, an dem Pfluge, den ich neulich gezeichnet hatte, etwas zurecht zu machen. Da mir sein Wesen gefiel, redete ich ihn an, fragte nach seinen Umstanden, wir waren bald bekannt und, wie mir's gewohnlich mit dieser Art Leuten geht, bald vertraut. Er erzahlte mir, dass er bei einer Witwe in Diensten sei und von ihr gar wohl gehalten werde. Er sprach so vieles von ihr und lobte sie dergestalt, dass ich bald merken konnte, er sei ihr mit Leib und Seele zugetan. Sie sei nicht mehr jung, sagte er, sie sei von ihrem ersten Mann ubel gehalten worden, wolle nicht mehr heiraten, und aus seiner Erzahlung leuchtete so merklich hervor, wie schon, wie reizend sie fur ihn sei, wie sehr er wunsche, dass sie ihn wahlen mochte, um das Andenken der Fehler ihres ersten Mannes auszuloschen, dass ich Wort fur Wort wiederholen musste, um dir die reine Neigung, die Liebe und Treue dieses Menschen anschaulich zu machen. Ja, ich musste die Gabe des grossten Dichters besitzen, um dir zugleich den Ausdruck seiner Gebarden, die Harmonie seiner Stimme, das heimliche Feuer seiner Blicke lebendig darstellen zu konnen. Nein, es sprechen keine Worte die Zartheit aus, die in seinem ganzen Wesen und Ausdruck war; es ist alles nur plump, was ich wieder vorbringen konnte. Besonders ruhrte mich, wie er furchtete, ich mochte uber sein Verhaltnis zu ihr ungleich denken und an ihrer guten Auffuhrung zweifeln. Wie reizend es war, wenn er von ihrer Gestalt, von ihrem Korper sprach, der ihn ohne jugendliche Reize gewaltsam an sich zog und fesselte, kann ich mir nur in meiner innersten Seele wiederholen. Ich hab' in meinem Leben die dringende Begierde und das heisse, sehnliche Verlangen nicht in dieser Reinheit gesehen, ja wohl kann ich sagen, in dieser Reinheit nicht gedacht und getraumt. Schelte mich nicht, wenn ich dir sage, dass bei der Erinnerung dieser Unschuld und Wahrheit mir die innerste Seele gluht, und dass mich das Bild dieser Treue und Zartlichkeit uberall verfolgt, und dass ich, wie selbst davon entzundet, lechze und schmachte.
Ich will nun suchen, auch sie ehstens zu sehn, oder vielmehr, wenn ich's recht bedenke, ich will's vermeiden. Es ist besser, ich sehe sie durch die Augen ihres Liebhabers; vielleicht erscheint sie mir vor meinen eigenen Augen nicht so, wie sie jetzt vor mir steht, und warum soll ich mir das schone Bild verderben?
Am 16. Junius.
Warum ich dir nicht schreibe? Fragst du das und bist doch auch der Gelehrten einer. Du solltest raten, dass ich mich wohl befinde, und zwar Kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz naher angeht. Ich habe ich weiss nicht.
Dir in der Ordnung zu erzahlen, wie's zugegangen ist, dass ich eins der liebenswurdigsten Geschopfe habe kennen lernen, wird schwer halten. Ich bin vergnugt und glucklich, und also kein guter Historienschreiber.
Einen Engel! Pfui! das sagt jeder von der Seinigen, nicht wahr? Und doch bin ich nicht imstande, dir zu sagen, wie sie vollkommen ist, warum sie vollkommen ist; genug, sie hat allen meinen Sinn gefangengenommen.
So viel Einfalt bei so viel Verstand, so viel Gute bei so viel Festigkeit, und die Ruhe der Seele bei dem
Das ist alles garstiges Gewasch, was ich da von ihr sage, leidige Abstraktionen, die nicht einen Zug ihres Selbst ausdrucken. Ein andermal nein, nicht ein andermal, jetzt gleich will ich dir's erzahlen. Tu' ich's jetzt nicht, so geschah' es niemals. Denn, unter uns, seit ich angefangen habe zu schreiben, war ich schon dreimal im Begriffe, die Feder niederzulegen, mein Pferd satteln zu lassen und hinauszureiten. Und doch schwur ich mir heute fruh, nicht hinauszureiten, und gehe doch alle Augenblick' ans Fenster, zu sehen, wie hoch die Sonne noch steht.
Ich hab's nicht uberwinden konnen, ich musste zu ihr hinaus. Da bin ich wieder, Wilhelm, will mein Butterbrot zu Nacht essen und dir schreiben. Welch eine Wonne das fur meine Seele ist, sie in dem Kreise der lieben, muntern Kinder, ihrer acht Geschwister, zu sehen!
Wenn ich so fortfahre, wirst du am Ende so klug sein wie am Anfange. Hore denn, ich will mich zwingen, ins Detail zu gehen.
Ich schrieb dir neulich, wie ich den Amtmann S.. habe kennen lernen, und wie er mich gebeten habe, ihn bald in seiner Einsiedelei oder vielmehr seinem kleinen Konigreiche zu besuchen. Ich vernachlassigte das, und ware vielleicht nie hingekommen, hatte mir der Zufall nicht den Schatz entdeckt, der in der stillen Gegend verborgen liegt.
Unsere jungen Leute hatten einen Ball auf dem Lande angestellt, zu dem ich mich denn auch willig finden liess. Ich bot einem hiesigen guten, schonen, ubrigens unbedeutenden Madchen die Hand, und es wurde ausgemacht, dass ich eine Kutsche nehmen, mit meiner Tanzerin und ihrer Base nach dem Orte der Lustbarkeit hinausfahren und auf dem Wege Charlotten S.. mitnehmen sollte. "Sie werden ein schones Frauenzimmer kennenlernen." sagte meine Gesellschafterin, da wir durch den weiten, ausgehauenen Wald nach dem Jagdhause fuhren. "Nehmen Sie sich in acht," versetzte die Base, "dass Sie sich nicht verlieben!" "Wieso?" sagte ich. "Sie ist schon vergeben," antwortete jene, "an einen sehr braven Mann, der weggereist ist, seine Sachen in Ordnung zu bringen, weil sein Vater gestorben ist, und sich um eine ansehnliche Versorgung zu bewerben." Die Nachricht war mir ziemlich gleichgultig.
Die Sonne war noch eine Viertelstunde vom Gebirge, als wir vor dem Hoftore anfuhren. Es war sehr schwul, und die Frauenzimmer ausserten ihre Besorgnis wegen eines Gewitters, das sich in weissgrauen, dumpfichten Wolkchen rings am Horizonte zusammenzuziehen schien. Ich tauschte ihre Furcht mit anmasslicher Wetterkunde, ob mir gleich selbst zu ahnen anfing, unsere Lustbarkeit werde einen Stoss leiden.
Ich war ausgestiegen, und eine Magd, die ans Tor kam, bat uns, einen Augenblick zu verziehen, Mamsell Lottchen wurde gleich kommen. Ich ging durch den Hof nach dem wohlgebauten Hause, und da ich die vorliegenden Treppen hinaufgestiegen war und in die Tur trat, fiel mir das reizendste Schauspiel in die Augen, das ich je gesehen habe. In dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von eilf zu zwei Jahren um ein Madchen von schoner Gestalt, mittlerer Grosse, die ein simples weisses Kleid, mit blassroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte. Sie hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein Stuck nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab's jedem mit solcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekunstelt sein "Danke!", indem es mit den kleinen Handchen lange in die Hohe gereicht hatte, ehe es noch abgeschnitten war, und nun mit seinem Abendbrote vergnugt entweder wegsprang, oder nach seinem stillern Charakter gelassen davonging nach dem Hoftore zu, um die Fremden und die Kutsche zu sehen, darin ihre Lotte wegfahren sollte. "Ich bitte um Vergebung," sagte sie, "dass ich Sie hereinbemuhe und die Frauenzimmer warten lasse. Uber dem Anziehen und allerlei Bestellungen furs Haus in meiner Abwesenheit habe ich vergessen, meinen Kindern ihr Vesperbrot zu geben, und sie wollen von niemanden Brot geschnitten haben als von mir." Ich machte ihr ein unbedeutendes Kompliment, meine ganze Seele ruhte auf der Gestalt, dem Tone, dem Betragen, und ich hatte eben Zeit, mich von der Uberraschung zu erholen, als sie in die Stube lief, ihre Handschuhe und den Facher zu holen. Die Kleinen sahen mich in einiger Entfernung so von der Seite an, und ich ging auf das jungste los, das ein Kind von der glucklichsten Gesichtsbildung war. Es zog sich zuruck, als eben Lotte zur Ture herauskam und sagte: "Louis, gib dem Herrn Vetter eine Hand." Das tat der Knabe sehr freimutig, und ich konnte mich nicht enthalten, ihn, ungeachtet seines kleinen Rotznaschens, herzlich zu kussen. "Vetter?" sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte, "glauben Sie, dass ich des Glucks wert sei, mit Ihnen verwandt zu sein?" "O," sagte sie mit einem leichtfertigen Lacheln, "unsere Vetterschaft ist sehr weitlaufig, und es ware mir leid, wenn Sie der schlimmste drunter sein sollten." Im Gehen gab sie Sophien, der altesten Schwester nach ihr, einem Madchen von ungefahr eilf Jahren, den Auftrag, wohl auf die Kinder acht zu haben und den Papa zu grussen, wenn er vom Spazierritte nach Hause kame. Den Kleinen sagte sie, sie sollten ihrer Schwester Sophie folgen, als wenn sie's selber ware, das denn auch einige ausdrucklich versprachen. Eine kleine, naseweise Blondine aber, von ungefahr sechs Jahren, sagte: "Du bist's doch nicht, Lottchen, wir haben dich doch lieber." Die zwei altesten Knaben waren hinten auf die Kutsche geklettert, und auf mein Vorbitten erlaubte sie ihnen, bis vor den Wald mitzufahren, wenn sie versprachen, sich nicht zu necken und sich recht fest zu halten.
Wir hatten uns kaum zurecht gesetzt, die Frauenzimmer sich bewillkommt, wechselsweise uber den Anzug, vorzuglich uber die Hute ihre Anmerkungen gemacht und die Gesellschaft, die man erwartete, gehorig durchgezogen, als Lotte den Kutscher halten und ihre Bruder herabsteigen liess, die noch einmal ihre Hand zu kussen begehrten, das denn der alteste mit aller Zartlichkeit, die dem Alter von funfzehn Jahren eigen sein kann, der andere mit viel Heftigkeit und Leichtsinn tat. Sie liess die Kleinen noch einmal grussen, und wir fuhren weiter.
Die Base fragte, ob sie mit dem Buche fertig ware, das sie ihr neulich geschickt hatte. "Nein," sagte Lotte, "es gefallt mir nicht, Sie konnen's wiederhaben. Das vorige war auch nicht besser." Ich erstaunte, als ich fragte, was es fur Bucher waren, und sie mir antwortete:2 Ich fand so viel Charakter in allem, was sie sagte, ich sah mit jedem Wort neue Reize, neue Strahlen des Geistes aus ihren Gesichtszugen hervorbrechen, die sich nach und nach vergnugt zu entfalten schienen, weil sie an mir fuhlte, dass ich sie verstand.
"Wie ich junger war", sagte sie, "liebte ich nichts so sehr als Romane. Weiss Gott, wie wohl mir's war, wenn ich mich Sonntags in so ein Eckchen setzen und mit ganzem Herzen an dem Gluck und Unstern einer Miss Jenny teilnehmen konnte. Ich leugne auch nicht, dass die Art noch einige Reize fur mich hat. Doch da ich so selten an ein Buch komme, so muss es auch recht nach meinem Geschmack sein. Und der Autor ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem es zugeht wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant und herzlich wird als mein eigen hauslich Leben, das freilich kein Paradies, aber doch im ganzen eine Quelle unsaglicher Gluckseligkeit ist."
Ich bemuhte mich, meine Bewegungen uber diese Worte zu verbergen. Das ging freilich nicht weit: denn da ich sie mit solcher Wahrheit im Vorbeigehen vom Landpriester von Wakefield, vom 3 reden horte, kam ich ganz ausser mich, sagte ihr alles, was ich musste, und bemerkte erst nach einiger Zeit, da Lotte das Gesprach an die anderen wendete, dass diese die Zeit uber mit offenen Augen, als sassen sie nicht da, dagesessen hatten. Die Base sah mich mehr als einmal mit einem spottischen Naschen an, daran mir aber nichts gelegen war.
Das Gesprach fiel aufs Vergnugen am Tanze. "Wenn diese Leidenschaft ein Fehler ist," sagte Lotte, "so gestehe ich Ihnen gern, ich weiss mir nichts ubers Tanzen. Und wenn ich was im Kopfe habe und mir auf meinem verstimmten Klavier einen Contretanz vortrommle, so ist alles wieder gut."
Wie ich mich unter dem Gesprache in den schwarzen Augen weidete wie die lebendigen Lippen und die frischen, muntern Wangen meine ganze Seele anzogen wie ich, in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganz versunken, oft gar die Worte nicht horte, mit denen sie sich ausdruckte davon hast du eine Vorstellung, weil du mich kennst. Kurz, ich stieg aus dem Wagen wie ein Traumender, als wir vor dem Lusthause stille hielten, und war so in Traumen rings in der dammernden Welt verloren, dass ich auf die Musik kaum achtete, die uns von dem erleuchteten Saal herunter entgegenschallte.
Die zwei Herren Audran und ein gewisser N. N. wer behalt alle die Namen , die der Base und Lottens Tanzer waren, empfingen uns am Schlage, bemachtigten sich ihrer Frauenzimmer, und ich fuhrte das meinige hinauf.
Wir schlangen uns in Menuetts um einander herum; ich forderte ein Frauenzimmer nach dem andern auf, und just die unleidlichsten konnten nicht dazu kommen, einem die Hand zu reichen und ein Ende zu machen. Lotte und ihr Tanzer fingen einen Englischen an, und wie wohl mir's war, als sie auch in der Reihe die Figur mit uns anfing, magst du fuhlen. Tanzen muss man sie sehen! Siehst du, sie ist so mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dabei, ihr ganzer Korper eine Harmonie, so sorglos, so unbefangen, als wenn das eigentlich alles ware, als wenn sie sonst nichts dachte, nichts empfande; und in dem Augenblicke gewiss schwindet alles andere vor ihr.
Ich bat sie um den zweiten Contretanz; sie sagte mir den dritten zu, und mit der liebenswurdigsten Freimutigkeit von der Welt versicherte sie mir, dass sie herzlich gern deutsch tanze. "Es ist hier so Mode," fuhr sie fort, "dass jedes Paar, das zusammen gehort, beim Deutschen zusammenbleibt, und mein Chapeau walzt schlecht und dankt mir's, wenn ich ihm die Arbeit erlasse. Ihr Frauenzimmer kann's auch nicht und mag nicht, und ich habe im Englischen gesehen, dass Sie gut walzen; wenn Sie nun mein sein wollen furs Deutsche, so gehen Sie und bitten sich's von meinem Herrn aus, und ich will zu Ihrer Dame gehen." Ich gab ihr die Hand darauf, und wir machten aus, dass ihr Tanzer inzwischen meine Tanzerin unterhalten sollte.
Nun ging's an, und wir ergetzten uns eine Weile an mannigfaltigen Schlingungen der Arme. Mit welchem Reize, mit welcher Fluchtigkeit bewegte sie sich! und da wir nun gar ans Walzen kamen und wie die Spharen um einander herumrollten, ging's freilich anfangs, weil's die wenigsten konnen, ein bisschen bunt durcheinander. Wir waren klug und liessen sie austoben, und als die Ungeschicktesten den Plan geraumt hatten, fielen wir ein und hielten mit noch einem Paare, mit Audran und seiner Tanzerin, wacker aus. Nie ist mir's so leicht vom Flecke gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswurdigste Geschopf in den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, dass alles rings umher verging, und Wilhelm, um ehrlich zu sein, tat ich aber doch den Schwur, dass ein Madchen, das ich liebte, auf das ich Anspruche hatte, mir nie mit einem andern walzen sollte als mit mir, und wenn ich druber zugrunde gehen musste. Du verstehst mich!
Wir machten einige Touren gehend im Saale, um zu verschnaufen. Dann setzte sie sich, und die Orangen, die ich beiseite gebracht hatte, die nun die einzigen noch ubrigen waren, taten vortreffliche Wirkung, nur dass mir mit jedem Schnittchen, das sie einer unbescheidenen Nachbarin ehrenhalben zuteilte, ein Stich durchs Herz ging.
Beim dritten englischen Tanz waren wir das zweite Paar. Wie wir die Reihe durchtanzten und ich, weiss Gott mit wieviel Wonne, an ihrem Arm und Auge hing, das voll vom wahrsten Ausdruck des offensten, reinsten Vergnugens war, kommen wir an eine Frau, die mir wegen ihrer liebenswurdigen Miene auf einem nicht mehr ganz jungen Gesichte merkwurdig gewesen war. Sie sieht Lotten lachelnd an, hebt einen drohenden Finger auf und nennt den Namen Albert zweimal im Vorbeifliegen mit viel Bedeutung.
"Wer ist Albert?" sagte ich zu Lotten, "wenn's nicht Vermessenheit ist zu fragen." Sie war im Begriff zu antworten, als wir uns scheiden mussten, um die grosse Achte zu machen, und mich dunkte einiges Nachdenken auf ihrer Stirn zu sehen, als wir so vor einander vorbeikreuzten. "Was soll ich's Ihnen leugnen," sagte sie, indem sie mir die Hand zur Promenade bot. "Albert ist ein braver Mensch, dem ich so gut als verlobt bin." Nun war mir das nichts Neues (denn die Madchen hatten mir's auf dem Wege gesagt) und war mir doch so ganz neu, weil ich es noch nicht im Verhaltnis auf sie, die mir in so wenig Augenblicken so wert geworden war, gedacht hatte. Genug, ich verwirrte mich, vergass mich und kam zwischen das unrechte Paar hinein, dass alles drunter und druber ging und Lottens ganze Gegenwart und Zerren und Ziehen notig war, um es schnell wieder in Ordnung zu bringen.
Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die Blitze, die wir schon lange am Horizonte leuchten gesehn und die ich immer fur Wetterkuhlen ausgegeben hatte, viel starker zu werden anfingen und der Donner die Musik uberstimmte. Drei Frauenzimmer liefen aus der Reihe, denen ihre Herren folgten; die Unordnung wurde allgemein, und die Musik horte auf. Es ist naturlich, wenn uns ein Ungluck oder etwas Schreckliches im Vergnugen uberrascht, dass es starkere Eindrucke auf uns macht als sonst, teils wegen des Gegensatzes, der sich so lebhaft empfinden lasst, teils und noch mehr, weil unsere Sinne einmal der Fuhlbarkeit geoffnet sind und also desto schneller einen Eindruck annehmen. Diesen Ursachen muss ich die wunderbaren Grimassen zuschreiben, in die ich mehrere Frauenzimmer ausbrechen sah. Die klugste setzte sich in eine Ecke, mit dem Rucken gegen das Fenster, und hielt die Ohren zu. Eine andere kniete vor ihr nieder und verbarg den Kopf in der ersten Schoss. Eine dritte schob sich zwischen beide hinein und umfasste ihre Schwesterchen mit tausend Tranen. Einige wollten nach Hause; andere, die noch weniger wussten, was sie taten, hatten nicht so viel Besinnungskraft, den Keckheiten unserer jungen Schlucker zu steuern, die sehr beschaftigt zu sein schienen, alle die angstlichen Gebete, die dem Himmel bestimmt waren, von den Lippen der schonen Bedrangten wegzufangen. Einige unserer Herren hatten sich hinabbegeben, um ein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen; und die ubrige Gesellschaft schlug es nicht aus, als die Wirtin auf den klugen Einfall kam, uns ein Zimmer anzuweisen, das Laden und Vorhange hatte. Kaum waren wir da angelangt, als Lotte beschaftigt war, einen Kreis von Stuhlen zu stellen und, als sich die Gesellschaft auf ihre Bitte gesetzt hatte, den Vortrag zu einem Spiele zu tun.
Ich sah manchen, der in Hoffnung auf ein saftiges Pfand sein Maulchen spitzte und seine Glieder reckte. "Wir spielen Zahlens!" sagte sie. "Nun gebt acht! Ich geh' im Kreise herum von der Rechten zur Linken, und so zahlt ihr auch rings herum, jeder die Zahl, die an ihn kommt, und das muss gehen wie ein Lauffeuer, und wer stockt oder sich irrt, kriegt eine Ohrfeige, und so bis tausend." Nun war das lustig anzusehen: Sie ging mit ausgestrecktem Arm im Kreise herum. "Eins", fing der erste an, der Nachbar "zwei", "drei" der folgende, und so fort. Dann fing sie an, geschwinder zu gehen, immer geschwinder; da versah's einer: Patsch! eine Ohrfeige, und uber das Gelachter der folgende auch: Patsch! Und immer geschwinder. Ich selbst kriegte zwei Maulschellen und glaubte mit innigem Vergnugen zu bemerken, dass sie starker seien, als sie den ubrigen zuzumessen pflegte. Ein allgemeines Gelachter und Geschwarm endigte das Spiel, ehe noch das Tausend ausgezahlt war. Die Vertrautesten zogen einander beiseite, das Gewitter war voruber, und ich folgte Lotten in den Saal. Unterwegs sagte sie: "Uber die Ohrfeigen haben sie Wetter und alles vergessen!" Ich konnte ihr nichts antworten. "Ich war", fuhr sie fort, "eine der Furchtsamsten, und indem ich mich herzhaft stellte, um den andern Mut zu geben, bin ich mutig geworden." Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitwarts, und der herrliche Regen sauselte auf das Land, und der erquikkendste Wohlgeruch stieg in aller Fulle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestutzt, ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tranenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte: "Klopstock!" Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung uber mich ausgoss. Ich ertrug's nicht, neigte mich auf ihre Hand und kusste sie unter den wonnevollsten Tranen. Und sah nach ihrem Auge wieder Edler! hattest du deine Vergotterung in diesem Blicke gesehen, und mocht' ich nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen horen!
Am 19. Junius.
Wo ich neulich mit meiner Erzahlung geblieben bin, weiss ich nicht mehr; das weiss ich, dass es zwei Uhr des Nachts war, als ich zu Bette kam, und dass, wenn ich dir hatte vorschwatzen konnen, statt zu schreiben, ich dich vielleicht bis an den Morgen aufgehalten hatte. ist, habe ich noch nicht erzahlt, habe auch heute keinen Tag dazu.
Es war der herrlichste Sonnenaufgang. Der tropfelnde Wald und das erfrischte Feld umher! Unsere Gesellschafterinnen nickten ein. Sie fragte mich, ob ich nicht auch von der Partie sein wollte; ihrentwegen sollt' ich unbekummert sein. "So lange ich diese Augen offen sehe", sagte ich und sah sie fest an, "so lange hat's keine Gefahr." Und wir haben beide ausgehalten bis an ihr Tor, da ihr die Magd leise aufmachte und auf ihr Fragen versicherte, dass Vater und Kleine wohl seien und alle noch schliefen. Da verliess ich sie mit der Bitte, sie selbigen Tags noch sehen zu durfen; sie gestand mir's zu, und ich bin gekommen und seit der Zeit konnen Sonne, Mond und Sterne geruhig ihre Wirtschaft treiben, ich weiss weder dass Tag noch dass Nacht ist, und die ganze Welt verliert sich um mich her.
Am 21. Junius.
Ich lebe so gluckliche Tage, wie sie Gott seinen Heiligen aufspart; und mit mir mag werden was will, so darf ich nicht sagen, dass ich die Freuden, die reinsten Freuden des Lebens nicht genossen habe. Du kennst mein Wahlheim; dort bin ich vollig etabliert, von da habe ich nur eine halbe Stunde zu Lotten, dort fuhl' gegeben ist.
Hatt' ich gedacht, als ich mir Wahlheim zum Zwekke meiner Spaziergange wahlte, dass es so nahe am Himmel lage! Wie oft habe ich das Jagdhaus, das nun alle meine Wunsche einschliesst, auf meinen weiten Wanderungen, bald vom Berge, bald von der Ebne uber den Fluss gesehn!
Lieber Wilhelm, ich habe allerlei nachgedacht, uber die Begier im Menschen, sich auszubreiten, neue Entdeckungen zu machen, herumzuschweifen; und dann wieder uber den inneren Trieb, sich der Einschrankung willig zu ergeben, in dem Gleise der Gewohnheit so hinzufahren und sich weder um Rechts noch um Links zu bekummern.
Es ist wunderbar: wie ich hierher kam und vom Hugel in das schone Tal schaute, wie es mich rings umher anzog. Dort das Waldchen! Ach konntest du dich in seine Schatten mischen! Dort die Spitze des Berges! Ach konntest du von da die weite Gegend uberschauen! Die in einander geketteten Hugel und vertraulichen Taler! O konnte ich mich in ihnen verlieren! Ich eilte hin, und kehrte zuruck, und hatte nicht gefunden, was ich hoffte. O es ist mit der Ferne wie mit der Zukunft! Ein grosses dammerndes Ganze ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung verschwimmt darin wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach! unser ganzes Wesen hinzugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, grossen, herrlichen Gefuhls ausfullen zu lassen. Und ach! wenn wir hinzueilen, wenn das Dort nun Hier wird, ist alles vor wie nach, und wir stehen in unserer Armut, in unserer Eingeschranktheit, und unsere Seele lechzt nach entschlupftem Labsale.
So sehnt sich der unruhigste Vagabund zuletzt wieder nach seinem Vaterlande und findet in seiner Hutte, an der Brust seiner Gattin, in dem Kreise seiner Kinder, in den Geschaften zu ihrer Erhaltung die Wonne, die er in der weiten Welt vergebens suchte.
Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinem Wahlheim und dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflucke, mich hinsetze, sie abfadne und dazwischen in meinem Homer lese; wenn ich in der kleinen Kuche mir einen Topf wahle, mir Butter aussteche, Schoten ans Feuer stelle, zudecke und mich dazusetze, sie manchmal umzuschutteln: da fuhl' ich so lebhaft, wie die ubermutigen Freier der Penelope Ochsen und Schweine schlachten, zerlegen und braten. Es ist nichts, das mich so mit einer stillen, wahren Empfindung ausfullte als die Zuge patriarchalischen Lebens, die ich, Gott sei Dank, ohne Affektation in meine Lebensart verweben kann.
Wie wohl ist mir's, dass mein Herz die simple, harmlose Wonne des Menschen fuhlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, das er selbst gezogen, und nun nicht den Kohl allein, sondern all die guten Tage, den schonen Morgen, da er ihn pflanzte, die lieblichen Abende, da er ihn begoss, und da er an dem fortschreitenden Wachstum seine Freude hatte, alle in einem Augenblicke wieder mitgeniesst.
Am 29. Junius.
Vorgestern kam der Medikus hier aus der Stadt hinaus zum Amtmann und fand mich auf der Erde unter Lottens Kindern, wie einige auf mir herumkrabbelten, andere mich neckten, und wie ich sie kitzelte und ein grosses Geschrei mit ihnen erregte. Der Doktor, der eine sehr dogmatische Drahtpuppe ist, unterm Reden seine Manschetten in Falten legt und einen Krausel ohne Ende herauszupft, fand dieses unter der Wurde eines gescheiten Menschen; das merkte ich an seiner Nase. Ich liess mich aber in nichts storen, liess ihn sehr vernunftige Sachen abhandeln und baute den Kindern ihre Kartenhauser wieder, die sie zerschlagen hatten. Auch ging er darauf in der Stadt herum und beklagte, des Amtmanns Kinder waren so schon ungezogen genug, der Werther verderbe sie nun vollig.
Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nachsten auf der Erde. Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller wenn ich in dem Eigensinne kunftige Standhaftigkeit und Festigkeit des Charakters, in dem Mutwillen guten Humor und Leichtigkeit, uber die Gefahren der Welt hinzuschlupfen, erblicke, alles so unverdorben, so ganz! immer, immer wiederhole ich dann die goldenen Worte des Lehrers der Menschen: "Wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen!" Und nun, mein Bester, sie, die unseresgleichen sind, die wir als unsere Muster ansehen sollten, behandeln wir als Untertanen. Sie sollen keinen Willen haben! Haben wir denn keinen? und wo liegt das Vorrecht? Weil wir alter sind und gescheiter! Guter Gott von deinem Himmel, alte Kinder siehst du und junge Kinder, und nichts weiter; und an welchen du mehr Freude hast, das hat dein Sohn schon lange verkundigt. Aber sie glauben an ihn und horen ihn nicht das ist auch was Altes! und bilden ihre Kinder nach sich und Adieu, Wilhelm! Ich mag daruber nicht weiter radotieren.
Am 1. Julius.
Was Lotte einem Kranken sein muss, fuhl' ich an meinem eigenen armen Herzen, das ubler dran ist als manches, das auf dem Siechbette verschmachtet. Sie wird einige Tage in der Stadt bei einer rechtschaffnen Frau zubringen, die sich nach der Aussage der Arzte Lotten um sich haben will. Ich war vorige Woche mit ihr, den Pfarrer von St.. zu besuchen; ein Ortchen, das eine Stunde seitwarts im Gebirge liegt. Wir kamen gegen vier dahin. Lotte hatte ihre zweite Schwester mitgenommen. Als wir in den mit zwei hohen Nussbaumen uberschatteten Pfarrhof traten, sass der gute alte Mann auf einer Bank vor der Haustur, und da er Lotten sah, ward er wie neu belebt, vergass seinen Knotenstock und wagte sich auf, ihr entgegen. Sie lief hin zu ihm, notigte ihn sich niederzulassen, indem sie sich zu ihm setzte, brachte viele Grusse von ihrem Vater, herzte seinen garstigen, schmutzigen jungsten Buben, das Quakelchen seines Alters. Du hattest sie sehen sollen, wie sie den Alten beschaftigte, wie sie ihre Stimme erhob, um seinen halb tauben Ohren vernehmlich zu werden, wie sie ihm von jungen, robusten Leuten erzahlte, die unvermutet gestorben waren, von der Vortrefflichkeit des Karlsbades, und wie sie seinen Entschluss lobte, kunftigen Sommer hinzugehen, wie sie fand, dass er viel besser aussahe, viel munterer sei als das letztemal, da sie ihn gesehn. Ich hatte indes der Frau Pfarrerin meine Hoflichkeiten gemacht. Der Alte wurde ganz munter, und da ich nicht umhin konnte, die schonen Nussbaume zu loben, die uns so lieblich beschatteten, fing er an, uns, wiewohl mit einiger Beschwerlichkeit, die Geschichte davon zu geben. "Den alten", sagte er, "wissen wir nicht, wer den gepflanzt hat; einige sagen dieser, andere jener Pfarrer. Der jungere aber dort hinten ist so alt als meine Frau, im Oktober funfzig Jahr. Ihr Vater pflanzte ihn des Morgens, als sie gegen Abend geboren wurde. Er war mein Vorfahr im Amt, und wie lieb ihm der Baum war, ist nicht zu sagen; mir ist er's gewiss nicht weniger. Meine Frau sass darunter auf einem Balken und strickte, da ich vor siebenundzwanzig Jahren als ein armer Student zum erstenmale hier in den Hof kam." Lotte fragte nach seiner Tochter; es hiess, sie sei mit Herrn Schmidt auf die Wiese hinaus zu den Arbeitern, und der Alte fuhr in seiner Erzahlung fort: wie sein Vorfahr ihn liebgewonnen und die Tochter dazu, und wie er erst sein Vikar und dann sein Nachfolger geworden. Die Geschichte war nicht lange zu Ende, als die Jungfer Pfarrerin mit dem sogenannten Herrn Schmidt durch den Garten herkam: sie bewillkommte Lotten mit herzlicher Warme, und ich muss sagen, sie gefiel mir nicht ubel; eine rasche, wohlgewachsene Brunette, die einen die kurze Zeit uber auf dem Lande wohl unterhalten hatte. Ihr Liebhaber (denn als solchen stellte sich Herr Schmidt gleich dar), ein feiner, doch stiller Mensch, der sich nicht in unsere Gesprache mischen wollte, ob ihn gleich Lotte immer hereinzog. Was mich am meisten betrubte, war, dass ich an seinen Gesichtszugen zu bemerken schien, es sei mehr Eigensinn und ubler Humor als Eingeschranktheit des Verstandes, der ihn sich mitzuteilen hinderte. In der Folge ward dies leider nur zu deutlich; denn als Friederike beim Spazierengehen mit Lotten und gelegentlich auch mit mir ging, wurde des Herrn Angesicht, das ohnedies einer braunlichen Farbe war, so sichtlich verdunkelt, dass es Zeit war, dass Lotte mich beim Armel zupfte und mir zu verstehn gab, dass ich mit Friederiken zu artig getan. Nun verdriesst mich nichts mehr, als wenn die Menschen einander plagen, am meisten, wenn junge Leute in der Blute des Lebens, da sie am offensten fur alle Freuden sein konnten, einander die paar guten Tage mit Fratzen verderben und nur erst zu spat das Unersetzliche ihrer Verschwendung einsehen. Mich wurmte das, und ich konnte nicht umhin, da wir gegen Abend in den Pfarrhof zuruckkehrten und an einem Tische Milch assen und das Gesprach auf Freude und Leid der Welt sich wendete, den Faden zu ergreifen und recht herzlich gegen die uble Laune zu reden. "Wir Menschen beklagen uns oft", fing ich an, "dass der guten Tage so wenig sind und der schlimmen so viel, und, wie mich dunkt, meist mit Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz hatten, das Gute zu geniessen, das uns Gott fur jeden Tag bereitet, wir wurden alsdann auch Kraft genug haben, das Ubel zu tragen, wenn es kommt." "Wir haben aber unser Gemut nicht in unserer Gewalt;" versetzte die Pfarrerin; "wie viel hangt vom Korper ab! Wenn einem nicht wohl ist, ist's einem uberall nicht recht." Ich gestand ihr das ein. "Wir wollen es also", fuhr ich fort, "als eine Krankheit ansehen und fragen, ob dafur kein Mittel ist?" "Das lasst sich horen," sagte Lotte, "ich glaube wenigstens, dass viel von uns abhangt. Ich weiss es an mir. Wenn mich etwas neckt und mich verdriesslich machen will, spring' ich auf und sing' ein paar Contretanze den Garten auf und ab, gleich ist's weg." "Das war's, was ich sagen wollte," versetzte ich, "es ist mit der ublen Laune vollig wie mit der Tragheit, denn es ist eine Art von Tragheit. Unsere Natur hangt sehr dahin, und doch, wenn wir nur einmal die Kraft haben, uns zu ermannen, geht uns die Arbeit frisch von der Hand, und wir finden in der Tatigkeit ein wahres Vergnugen." Friederike war sehr aufmerksam, und der junge Mensch wandte mir ein, dass man nicht Herr uber sich selbst sei und am wenigsten uber seine Empfindungen gebieten konne. "Es ist hier die Frage von einer unangenehmen Empfindung", versetzte ich, "die doch jedermann gerne los ist; und niemand weiss, wie weit seine Krafte gehen, bis er sie versucht hat. Gewiss, wer krank ist, wird bei allen Arzten herumfragen, und die grossten Resignationen, die bittersten Arzeneien wird er nicht abweisen, um seine gewunschte Gesundheit zu erhalten." Ich bemerkte, dass der ehrliche Alte sein Gehor anstrengte, um an unserm Diskurse teilzunehmen, ich erhob die Stimme, indem ich die Rede gegen ihn wandte. "Man predigt gegen so viele Laster," sagte ich, "ich habe noch nie gehort, dass man gegen die uble Laune vom Predigtstuhle gearbeitet hatte."4 "Das mussten die Stadtpfarrer tun," sagte er, "die Bauern haben keinen bosen Humor; doch konnte es auch zuweilen nicht schaden, es ware eine Lektion fur seine Frau wenigstens und fur den Herrn Amtmann." Die Gesellschaft lachte, und er herzlich mit, bis er in einen Husten verfiel, der unsern Diskurs eine Zeitlang unterbrach; darauf denn der junge Mensch wieder das Wort nahm: "Sie nannten den bosen Humor ein Laster; mich deucht, das ist ubertrieben." "Mit nichten," gab ich zur Antwort, "wenn das, womit man sich selbst und seinem Nachsten schadet, diesen Namen verdient. Ist es nicht genug, dass wir einander nicht glucklich machen konnen, mussen wir auch noch einander das Vergnugen rauben, das jedes Herz sich noch manchmal selbst gewahren kann? Und nennen Sie mir den Menschen, der ubler Laune ist und so brav dabei, sie zu verbergen, sie allein zu tragen, ohne die Freude um sich her zu zerstoren! Oder ist sie nicht vielmehr ein innerer Unmut uber unsere eigene Unwurdigkeit, ein Missfallen an uns selbst, das immer mit einem Neide verknupft ist, der durch eine torichte Eitelkeit aufgehetzt wird? Wir sehen gluckliche Menschen, die wir nicht glucklich machen, und das ist unertraglich." Lotte lachelte mich an, da sie die Bewegung sah, mit der ich redete, und eine Trane in Friederikens Auge spornte mich fortzufahren. "Wehe denen," sagte ich, "die sich der Gewalt bedienen, die sie uber ein Herz haben, um ihm die einfachen Freuden zu rauben, die aus ihm selbst hervorkeimen. Alle Geschenke, alle Gefalligkeiten der Welt ersetzen nicht einen Augenblick Vergnugen an sich selbst, den uns eine neidische Unbehaglichkeit unsers Tyrannen vergallt hat."
Mein ganzes Herz war voll in diesem Augenblicke; die Erinnerung so manches Vergangenen drangte sich an meine Seele, und die Tranen kamen mir in die Augen.
"Wer sich das nur taglich sagte:" rief ich aus, "du vermagst nichts auf deine Freunde, als ihnen ihre Freuden zu lassen und ihr Gluck zu vermehren, indem du es mit ihnen geniessest. Vermagst du, wenn ihre innere Seele von einer angstigenden Leidenschaft gequalt, vom Kummer zerruttet ist, ihnen einen Tropfen Linderung zu geben?
Und wenn die letzte, bangste Krankheit dann uber das Geschopf herfallt, das du in bluhenden Tagen untergraben hast, und sie nun daliegt in dem erbarmlichsten Ermatten, das Auge gefuhllos gen Himmel sieht, der Todesschweiss auf der blassen Stirne abwechselt, und du vor dem Bette stehst wie ein Verdammter, in dem innigsten Gefuhl, dass du nichts vermagst mit deinem ganzen Vermogen, und die Angst dich inwendig krampft, dass du alles hingeben mochtest, dem untergehenden Geschopfe einen Tropfen Starkung, einen Funken Mut einflossen zu konnen."
Die Erinnerung einer solchen Szene, wobei ich gegenwartig war, fiel mit ganzer Gewalt bei diesen Worten uber mich. Ich nahm das Schnupftuch vor die Augen und verliess die Gesellschaft, und nur Lottens Stimme, die mir rief, wir wollten fort, brachte mich zu mir selbst. Und wie sie mich auf dem Wege schalt uber den zu warmen Anteil an allem, und dass ich druber zugrunde gehen wurde! dass ich mich schonen sollte! O der Engel! Um deinetwillen muss ich leben!
Am 6. Julius.
Sie ist immer um ihre sterbende Freundin, und ist immer dieselbe, immer das gegenwartige, holde Geschopf, das, wo sie hinsieht, Schmerzen lindert und Gluckliche macht. Sie ging gestern abend mit Marianen und dem kleinen Malchen spazieren, ich wusste es und traf sie an, und wir gingen zusammen. Nach einem Wege von anderthalb Stunden kamen wir gegen die Stadt zuruck, an den Brunnen, der mir so aufs Mauerchen, wir standen vor ihr. Ich sah umher, ach, und die Zeit, da mein Herz so allein war, lebte wieder vor mir auf. "Lieber Brunnen," sagte ich, "seither hab' ich nicht mehr an deiner Kuhle geruht, hab' in eilendem Vorubergehn dich manchmal nicht angesehn." Ich blickte hinab und sah, dass Malchen mit einem Glase Wasser sehr beschaftigt heraufstieg. Ich sah Lotten an und fuhlte alles, was ich an ihr habe. Indem kommt Malchen mit einem Glase. Mariane wollt' es ihr abnehmen: "Nein!" rief das Kind mit dem sussesten Ausdrucke, "nein, Lottchen, du sollst zuerst trinken!" Ich ward uber die Wahrheit, uber die Gute, womit sie das ausrief, so entzuckt, dass ich meine Empfindung mit nichts ausdrukken konnte, als ich nahm das Kind von der Erde und kusste es lebhaft, das sogleich zu schreien und zu weinen anfing. "Sie haben ubel getan," sagte Lotte. Ich war betroffen. "Komm, Malchen," fuhr sie fort, indem sie es bei der Hand nahm und die Stufen hinabfuhrte, "da wasche dich aus der frischen Quelle geschwind, geschwind, da tut's nichts." Wie ich so dastand und zusah, mit welcher Emsigkeit das Kleine mit seinen nassen Handchen die Backen rieb, mit welchem Glauben, dass durch die Wunderquelle alle Verunreinigung abgespult und die Schmach abgetan wurde, einen hasslichen Bart zu kriegen; wie Lotte sagte: "Es ist genug!" und das Kind doch immer eifrig fortwusch, als wenn Viel mehr tate als Wenig ich sage dir, Wilhelm, ich habe mit mehr Respekt nie einer Taufhandlung beigewohnt; und als Lotte heraufkam, hatte ich mich gern vor ihr niedergeworfen wie vor einem Propheten, der die Schulden einer Nation weggeweiht hat.
Des Abends konnte ich nicht umhin, in der Freude meines Herzens den Vorfall einem Manne zu erzahlen, dem ich Menschensinn zutraute, weil er Verstand hat; aber wie kam ich an! Er sagte, das sei sehr ubel von Lotten gewesen; man solle den Kindern nichts weis machen; dergleichen gebe zu unzahligen Irrtumern und Aberglauben Anlass, wovor man die Kinder fruhzeitig bewahren musse. Nun fiel mir ein, dass der Mann vor acht Tagen hatte taufen lassen, drum liess ich's vorbeigehen und blieb in meinem Herzen der Wahrheit getreu: Wir sollen es mit den Kindern machen wie Gott mit uns, der uns am glucklichsten macht, wenn er uns in freundlichem Wahne so hintaumeln lasst.
Am 8. Julius.
Was man ein Kind ist! Was man nach so einem Blikke geizt! Was man ein Kind ist! Wir waren nach Wahlheim gegangen. Die Frauenzimmer fuhren hinaus, und wahrend unserer Spaziergange glaubte ich in mir's! du solltest sie sehen, diese Augen. Dass ich kurz bin (denn die Augen fallen mir zu vor Schlaf): siehe, die Frauenzimmer stiegen ein, da standen um die Kutsche der junge W.., Selstadt und Audran und ich. Da ward aus dem Schlage geplaudert mit den Kerlchen, die freilich leicht und luftig genug waren. Ich suchte Lottens Augen; ach, sie gingen von einem zum andern! Aber auf mich! mich! mich! der ganz allein auf sie resigniert dastand, fielen sie nicht! Mein Herz sagte ihr tausend Adieu! Und sie sah mich nicht! Die Kutsche fuhr vorbei, und eine Trane stand mir im Auge. Ich sah ihr nach und sah Lottens Kopfputz sich zum Schlage herauslehnen, und sie wandte sich um zu sehen, ach! nach mir? Lieber! In dieser Ungewissheit schwebe ich; das ist mein Trost: vielleicht hat sie sich nach mir umgesehen! Vielleicht! Gute Nacht! O, was ich ein Kind bin!
Am 10. Julius.
Die alberne Figur, die ich mache, wenn in Gesellschaft von ihr gesprochen wird, solltest du sehen! Wenn man mich nun gar fragt, wie sie mir gefallt? Gefallt! das Wort hasse ich auf den Tod. Was muss das fur ein Mensch sein, dem Lotte gefallt, dem sie nicht alle Sinne, alle Empfindungen ausfullt! Gefallt! Neulich fragte mich einer, wie mir Ossian gefiele!
Am 11. Julius.
Frau M.. ist sehr schlecht; ich bete fur ihr Leben, weil ich mit Lotten dulde. Ich sehe sie selten bei einer Freundin, und heute hat sie mir einen wunderbaren Vorfall erzahlt. Der alte M.. ist ein geiziger, rangiger Filz, der seine Frau im Leben was Rechts geplagt und eingeschrankt hat; doch hat sich die Frau immer durchzuhelfen gewusst. Vor wenigen Tagen, als der Arzt ihr das Leben abgesprochen hatte, liess sie ihren Mann kommen (Lotte war im Zimmer) und redete ihn also an: "Ich muss dir eine Sache gestehen, die nach meinem Tode Verwirrung und Verdruss machen konnte. Ich habe bisher die Haushaltung gefuhrt, so ordentlich und sparsam als moglich; allein du wirst mir verzeihen, dass ich dich diese dreissig Jahre her hintergangen habe. Du bestimmtest im Anfange unserer Heirat ein Geringes fur die Bestreitung der Kuche und anderer hauslichen Ausgaben. Als unsere Haushaltung starker wurde, unser Gewerbe grosser, warst du nicht zu bewegen, mein Wochengeld nach dem Verhaltnisse zu vermehren; kurz, du weisst, dass du in den Zeiten, da sie am grossten war, verlangtest, ich solle mit sieben Gulden die Woche auskommen. Die habe ich denn ohne Widerrede genommen und mir den Uberschuss wochentlich aus der Losung geholt, da niemand vermutete, dass die Frau die Kasse bestehlen ohne es zu bekennen, getrost der Ewigkeit entgegengegangen, wenn nicht diejenige, die nach mir das Hauswesen zu fuhren hat, sich nicht zu helfen wissen wurde, und du doch immer darauf bestehen konntest, deine erste Frau sei damit ausgekommen."
Ich redete mit Lotten uber die unglaubliche Verblendung des Menschensinns, dass einer nicht argwohnen soll, dahinter musse was anders stecken, wenn eins mit sieben Gulden hinreicht, wo man den Aufwand vielleicht um zweimal so viel sieht. Aber ich habe selbst Leute gekannt, die des Propheten ewiges Olkruglein ohne Verwunderung in ihrem Hause angenommen hatten.
Am 13. Julius.
Nein, ich betriege mich nicht! Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre Teilnehmung an mir und meinem Schicksal. Ja ich fuhle, und darin darf ich meinem Herzen trauen, dass sie o darf ich, kann ich den Himmel in diesen Worten aussprechen? dass sie mich liebt! Mich liebt! Und wie wert ich mir selbst werde, wie ich dir darf ich's wohl sagen, du hast Sinn fur so etwas wie ich mich selbst anbete, seitdem sie mich liebt! Ob das Vermessenheit ist oder Gefuhl des wahren dem ich etwas in Lottens Herzen furchtete. Und doch wenn sie von ihrem Brautigam spricht, mit solcher Warme, solcher Liebe von ihm spricht da ist mir's wie einem, der aller seiner Ehren und Wurden entsetzt und dem der Degen genommen wird.
Am 16. Julius.
Ach wie mir das durch alle Adern lauft, wenn mein Finger unversehens den ihrigen beruhrt, wenn unsere Fusse sich unter dem Tische begegnen! Ich ziehe zuruck wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich wieder vorwarts mir wird's so schwindelig vor allen Sinnen. O! und ihre Unschuld, ihre unbefangne Seele fuhlt nicht, wie sehr mich die kleinen Vertraulichkeiten peinigen. Wenn sie gar im Gesprach ihre Hand auf die meinige legt und im Interesse der Unterredung naher zu mir ruckt, dass der himmlische Atem ihres Mundes meine Lippen erreichen kann: ich glaube zu versinken, wie vom Wetter geruhrt. Und, Wilhelm! wenn ich mich jemals unterstehe, diesen Himmel, dieses Vertrauen ! Du verstehst mich. Nein, mein Herz ist so verderbt nicht! Schwach! schwach genug! Und ist das nicht Verderben?
Sie ist mir heilig. Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart. Ich weiss nie, wie mir ist, wenn ich bei ihr umkehrte. Sie hat eine Melodie, die sie auf dem Klaviere spielet mit der Kraft eines Engels, so simpel und so geistvoll! Es ist ihr Leiblied, und mich stellt es von aller Pein, Verwirrung und Grillen her, wenn sie nur die erste Note davon greift.
Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik ist mir unwahrscheinlich. Wie mich der einfache Gesang angreift! Und wie sie ihn anzubringen weiss, oft zur Zeit, wo ich mir eine Kugel vor den Kopf schiessen mochte! Die Irrung und Finsternis meiner Seele zerstreut sich, und ich atme wieder freier.
Am 18. Julius.
Wilhelm, was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne ist ohne Licht! Kaum bringst du das Lampchen hinein, so scheinen dir die buntesten Bilder an deine weisse Wand! Und wenn's nichts ware als das, als vorubergehende Phantome, so macht's doch immer unser Gluck, wenn wir wie frische Jungen davor stehen und uns uber die Wundererscheinungen entzucken. Heute konnte ich nicht zu Lotten, eine unvermeidliche Gesellschaft hielt mich ab. Was war zu tun? Ich schickte meinen Diener hinaus, nur um einen Menschen um mich zu haben, der ihr heute nahe gekommen ware. Mit welcher Ungeduld ich ihn erwartete, mit welcher Freude ich ihn und gekusst, wenn ich mich nicht geschamt hatte.
Man erzahlt von dem Bononischen Steine, dass er, wenn man ihn in die Sonne legt, ihre Strahlen anzieht und eine Weile bei Nacht leuchtet. So war mir's mit dem Burschen. Das Gefuhl, dass ihre Augen auf seinem Gesichte, seinen Backen, seinen Rockknopfen und dem Kragen am Surtout geruht hatten, machte mir das alles so heilig, so wert! Ich hatte in dem Augenblick den Jungen nicht um tausend Taler gegeben. Es war mir so wohl in seiner Gegenwart. Bewahre dich Gott, dass du daruber lachest. Wilhelm, sind das Phantome, wenn es uns wohl ist?
Den 19. Julius.
"Ich werde sie sehen!" ruf' ich morgens aus, wenn ich mich ermuntere und mit aller Heiterkeit der schonen Sonne entgegenblicke; "ich werde sie sehen!" Und da habe ich fur den ganzen Tag keinen Wunsch weiter. Alles, alles verschlingt sich in dieser Aussicht.
Den 20. Julius.
Eure Idee will noch nicht die meinige werden, dass ich mit dem Gesandten nach *** gehen soll. Ich liebe die Subordination nicht sehr, und wir wissen alle, dass der Mann noch dazu ein widriger Mensch ist. Meine Mutter mochte mich gern in Aktivitat haben, sagst du, das hat mich zu lachen gemacht. Bin ich jetzt nicht auch aktiv, und ist's im Grunde nicht einerlei, ob ich Erbsen zahle oder Linsen? Alles in der Welt lauft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der um anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedurfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer ein Tor.
Am 24. Julius.
Da dir so sehr daran gelegen ist, dass ich mein Zeichnen nicht vernachlassige, mochte ich lieber die ganze Sache ubergehen als dir sagen, dass zeither wenig getan wird.
Noch nie war ich glucklicher, noch nie war meine Empfindung an der Natur, bis aufs Steinchen, aufs Graschen herunter, voller und inniger, und doch Ich weiss nicht, wie ich mich ausdrucken soll, meine vorstellende Kraft ist so schwach, alles schwimmt und schwankt so vor meiner Seele, dass ich keinen Umriss packen kann; aber ich bilde mir ein, wenn ich Ton hatte oder Wachs, so wollte ich's wohl herausbilden. Ich werde auch Ton nehmen, wenn's langer wahrt, und kneten, und sollten's Kuchen werden!
Lottens Portrat habe ich dreimal angefangen, und habe mich dreimal prostituiert; das mich um so mehr verdriesst, weil ich vor einiger Zeit sehr glucklich im gemacht, und damit soll mir g'nugen.
Am 26. Julius.
Ja, liebe Lotte, ich will alles besorgen und bestellen; geben Sie mir nur mehr Auftrage, nur recht oft. Um eins bitte ich Sie: keinen Sand mehr auf die Zettelchen, die Sie mir schreiben. Heute fuhrte ich es schnell nach der Lippe, und die Zahne knisterten mir.
Am 26. Julius.
Ich habe mir schon manchmal vorgenommen, sie nicht so oft zu sehn. Ja wer das halten konnte! Alle Tage unterlieg' ich der Versuchung und verspreche mir heilig: morgen willst du einmal wegbleiben. Und wenn der Morgen kommt, finde ich doch wieder eine unwiderstehliche Ursache, und ehe ich mich's versehe, bin ich bei ihr. Entweder sie hat des Abends gesagt: "Sie kommen doch morgen?" Wer konnte da wegbleiben? Oder sie gibt mir einen Auftrag, und ich finde schicklich, ihr selbst die Antwort zu bringen; oder der Tag ist gar zu schon, ich gehe nach Wahlheim, und wenn ich nun da bin, ist's nur noch eine halbe Stunde zu ihr! Ich bin zu nah in der Atmosphare Zuck! so bin ich dort. Meine Grossmutter hatte ein Marchen vom Magnetenberg: die Schiffe, die zu nahe kamen, wurden auf einmal alles Eisenwerks beraubt, die Nagel flogen dem Berge zu, und die armen Elenden scheiterten zwischen den ubereinandersturzenden Brettern.
Am 30. Julius.
Albert ist angekommen, und ich werde gehen; und wenn er der beste, der edelste Mensch ware, unter den ich mich in jeder Betrachtung zu stellen bereit ware, so war's unertraglich, ihn vor meinem Angesicht im Besitz so vieler Vollkommenheiten zu sehen. Besitz! Genug, Wilhelm, der Brautigam ist da! Ein braver, lieber Mann, dem man gut sein muss. Glucklicherweise war ich nicht beim Empfange! Das hatte mir das Herz zerrissen. Auch ist er so ehrlich und hat Lotten in meiner Gegenwart noch nicht ein einzigmal gekusst. Das lohn' ihm Gott! Um des Respekts willen, den er vor dem Madchen hat, muss ich ihn lieben. Er will mir wohl, und ich vermute, das ist Lottens Werk mehr als seiner eigenen Empfindung; denn darin sind die Weiber fein und haben recht; wenn sie zwei Verehrer in gutem Vernehmen mit einander erhalten konnen, ist der Vorteil immer ihr, so selten es auch angeht.
Indes kann ich Alberten meine Achtung nicht versagen. Seine gelassene Aussenseite sticht gegen die Unruhe meines Charakters sehr lebhaft ab, die sich er an Lotten hat. Er scheint wenig uble Laune zu haben, und du weisst, das ist die Sunde, die ich arger hasse am Menschen als alle andre.
Er halt mich fur einen Menschen von Sinn; und meine Anhanglichkeit zu Lotten, meine warme Freude, die ich an allen ihren Handlungen habe, vermehrt seinen Triumph, und er liebt sie nur desto mehr. Ob er sie nicht manchmal mit kleiner Eifersuchtelei peinigt, das lasse ich dahingestellt sein, wenigstens wurd' ich an seinem Platze nicht ganz sicher vor diesem Teufel bleiben.
Dem sei nun wie ihm wolle, meine Freude, bei Lotten zu sein, ist hin. Soll ich das Torheit nennen oder Verblendung? Was braucht's Namen! erzahlt die Sache an sich! Ich wusste alles, was ich jetzt weiss, ehe Albert kam; ich wusste, dass ich keine Pratension an sie zu machen hatte, machte auch keine das heisst, insofern es moglich ist, bei so viel Liebenswurdigkeit nicht zu begehren Und jetzt macht der Fratze grosse Augen, da der andere nun wirklich kommt und ihm das Madchen wegnimmt.
Ich beisse die Zahne auf einander und spotte uber mein Elend, und spottete derer doppelt und dreifach, die sagen konnten, ich sollte mich resignieren, und weil es nun einmal nicht anders sein konnte. Schafft mir diese Strohmanner vom Halse! Ich laufe in den Waldern herum, und wenn ich zu Lotten komme, und Albert bei ihr sitzt im Gartchen unter der Laube, und ich nicht weiter kann, so bin ich ausgelassen narrisch und fange viel Possen, viel verwirrtes Zeug an. "Um Gottes willen," sagte mir Lotte heut, "ich bitte Sie, keine Szene wie die von gestern abend! Sie sind furchterlich, wenn Sie so lustig sind." Unter uns, ich passe die Zeit ab, wenn er zu tun hat; wutsch! bin ich drauss, und da ist mir's immer wohl, wenn ich sie allein finde.
Am 8. August.
Ich bitte dich, lieber Wilhelm, es war gewiss nicht auf dich geredet, wenn ich die Menschen unertraglich schalt, die von uns Ergebung in unvermeidliche Schicksale fordern. Ich dachte wahrlich nicht daran, dass du von ahnlicher Meinung sein konntest. Und im Grunde hast du recht. Nur eins, mein Bester! In der Welt ist es sehr selten mit dem Entweder Oder getan; die Empfindungen und Handlungsweisen schattieren sich so mannigfaltig, als Abfalle zwischen einer Habichts und Stumpfnase sind.
Du wirst mir also nicht ubelnehmen, wenn ich dir dein ganzes Argument einraume und mich doch zwischen dem Entweder Oder durchzustehlen suche.
Entweder, sagst du, hast du Hoffnung auf Lotten, oder du hast keine. Gut, im ersten Fall suche sie zu umfassen: im anderen Fall ermanne dich und suche einer elenden Empfindung los zu werden, die alle deine Krafte verzehren muss. Bester! das ist wohl gesagt, und bald gesagt.
Und kannst du von dem Unglucklichen, dessen Leben unter einer schleichenden Krankheit unaufhaltsam allmahlich abstirbt, kannst du von ihm verlangen, er solle durch einen Dolchstoss der Qual auf einmal ein Ende machen? Und raubt das Ubel, das ihm die Krafte verzehrt, ihm nicht auch zugleich den Mut, sich davon zu befreien? Zwar konntest du mir mit einem verwandten Gleichnisse antworten: Wer liesse sich nicht lieber den Arm abnehmen, als dass er durch Zaudern und Zagen sein Leben aufs Spiel setzte? Ich weiss nicht! und wir wollen uns nicht in Gleichnissen herumbeissen. Genug Ja, Wilhelm, ich habe manchmal so einen Augenblick aufspringenden, abschuttelnden Muts, und da wenn ich nur wusste wohin, ich ginge wohl.
Abends.
Mein Tagebuch, das ich seit einiger Zeit vernachlassiget, fiel mir heut wieder in die Hande, und ich bin erstaunt, wie ich so wissentlich in das alles, Schritt vor Schritt, hineingegangen bin! Wie ich uber meinen Zustand immer so klar gesehen und doch gehandelt habe nen Anschein zur Besserung hat.
Am 10. August.
Ich konnte das beste, glucklichste Leben fuhren, wenn ich nicht ein Tor ware. So schone Umstande vereinigen sich nicht leicht, eines Menschen Seele zu ergetzen, als die sind, in denen ich mich jetzt befinde. Ach so gewiss ist's, dass unser Herz allein sein Gluck macht. Ein Glied der liebenswurdigen Familie zu sein, von dem Alten geliebt zu werden wie ein Sohn, von den Kleinen wie ein Vater, und von Lotten! dann der ehrliche Albert, der durch keine launische Unart mein Gluck stort; der mich mit herzlicher Freundschaft umfasst; dem ich nach Lotten das Liebste auf der Welt bin! Wilhelm, es ist eine Freude, uns zu horen, wenn wir spazierengehen und uns einander von Lotten unterhalten: es ist in der Welt nichts Lacherlichers erfunden worden als dieses Verhaltnis, und doch kommen mir oft daruber die Tranen in die Augen.
Wenn er mir von ihrer rechtschaffenen Mutter erzahlt: wie sie auf ihrem Todbette Lotten ihr Haus und ihre Kinder ubergeben und ihm Lotten anbefohlen habe, wie seit der Zeit ein ganz anderer Geist Lotten belebt habe, wie sie, in der Sorge fur ihre Wirtschaft und in dem Ernste, eine wahre Mutter geworden, wie Arbeit verstrichen, und dennoch ihre Munterkeit, ihr leichter Sinn sie nie dabei verlassen habe. Ich gehe so neben ihm hin und pflucke Blumen am Wege, fuge sie sehr sorgfaltig in einen Strauss und werfe sie in den voruberfliessenden Strom und sehe ihnen nach, wie sie leise hinunterwallen. Ich weiss nicht, ob ich dir geschrieben habe, dass Albert hier bleiben und ein Amt mit einem artigen Auskommen vom Hofe erhalten wird, wo er sehr beliebt ist. In Ordnung und Emsigkeit in Geschaften habe ich wenig seinesgleichen gesehen.
Am 12. August.
Gewiss, Albert ist der beste Mensch unter dem Himmel. Ich habe gestern eine wunderbare Szene mit ihm gehabt. Ich kam zu ihm, um Abschied von ihm zu nehmen; denn mich wandelte die Lust an, ins Gebirge zu reiten, von woher ich dir auch jetzt schreibe, und wie ich in der Stube auf und ab gehe, fallen mir seine Pistolen in die Augen. "Borge mir die Pistolen", sagte ich, "zu meiner Reise." "Meinetwegen," sagte er, "wenn du dir die Muhe nehmen willst, sie zu laden; bei mir hangen sie nur pro forma." Ich nahm eine herunter, und er fuhr fort: "Seit mir meine Vorsicht einen so unartigen Streich gespielt hat, mag ich mit dem Zeuge nichts mehr zu tun haben." Ich war mich", erzahlte er, "wohl ein Vierteljahr auf dem Lande bei einem Freunde auf, hatte ein paar Terzerolen ungeladen und schlief ruhig. Einmal an einem regnichten Nachmittage, da ich mussig sitze, weiss ich nicht, wie mir einfallt: wir konnten uberfallen werden, wir konnten die Terzerolen notig haben und konnten du weisst ja, wie das ist. Ich gab sie dem Bedienten, sie zu putzen und zu laden; und der dahlt mit den Madchen, will sie erschrecken, und Gott weiss wie, das Gewehr geht los, da der Ladstock noch drin steckt, und schiesst den Ladstock einem Madchen zur Maus herein an der rechten Hand und zerschlagt ihr den Daumen. Da hatte ich das Lamentieren, und die Kur zu bezahlen obendrein, und seit der Zeit lass' ich alles Gewehr ungeladen. Lieber Schatz, was ist Vorsicht? die Gefahr lasst sich nicht auslernen! Zwar... " Nun weisst du, dass ich den Menschen sehr lieb habe bis auf seine Zwar; denn versteht sich's nicht von selbst, dass jeder allgemeine Satz Ausnahmen leidet? Aber so rechtfertig ist der Mensch! wenn er glaubt, etwas Ubereiltes, Allgemeines, Halbwahres gesagt zu haben, so hort er dir nicht auf zu limitieren, zu modifizieren und ab und zuzutun, bis zuletzt gar nichts mehr an der Sache ist. Und bei diesem Anlass kam er sehr tief in Text: ich horte endlich gar nicht weiter auf ihn, verfiel in Grillen, und mit einer auffahrenden Gebarde druckte ich mir die Mundung der Pistole ubers rechte Aug' an die Stirn. "Pfui!" sagte Albert, indem er mir die Pistole herabzog, "was soll das?" "Sie ist nicht geladen." sagte ich. "Und auch so, was soll's?" versetzte er ungeduldig. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch so toricht sein kann, sich zu erschiessen; der blosse Gedanke erregt mir Widerwillen."
"Dass ihr Menschen," rief ich aus, "um von einer Sache zu reden, gleich sprechen musst: 'das ist toricht, das ist klug, das ist gut, das ist bos!' Und was will das alles heissen? Habt ihr deswegen die innern Verhaltnisse einer Handlung erforscht? Wisst ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu entwickeln, warum sie geschah, warum sie geschehen musste? Hattet ihr das, ihr wurdet nicht so eilfertig mit euren Urteilen sein."
"Du wirst mir zugeben," sagte Albert, "dass gewisse Handlungen lasterhaft bleiben, sie mogen geschehen, aus welchem Beweggrunde sie wollen."
Ich zuckte die Achseln und gab's ihm zu. "Doch, mein Lieber," fuhr ich fort, "finden sich auch hier einige Ausnahmen. Es ist wahr, der Diebstahl ist ein Laster; aber der Mensch, der, um sich und die Seinigen vom gegenwartigen Hungertode zu erretten, auf Raub ausgeht, verdient der Mitleiden oder Strafe? Wer hebt den ersten Stein auf gegen den Ehemann, der im gerechten Zorne sein untreues Weib und ihren nichtswurdigen Verfuhrer aufopfert? Gegen das Madchen, das in einer wonnevollen Stunde sich in den unaufhaltsamen Freuden der Liebe verliert? Unsere Gesetze selbst, diese kaltblutigen Pedanten, lassen sich ruhren und halten ihre Strafe zuruck."
"Das ist ganz was anders," versetzte Albert, "weil ein Mensch, den seine Leidenschaften hinreissen, alle Besinnungskraft verliert und als ein Trunkener, als ein Wahnsinniger angesehen wird."
"Ach ihr vernunftigen Leute!" rief ich lachelnd aus. "Leidenschaft! Trunkenheit! Wahnsinn! Ihr steht so gelassen, so ohne Teilnehmung da, ihr sittlichen Menschen, scheltet den Trinker, verabscheut den Unsinnigen, geht vorbei wie der Priester und dankt Gott wie der Pharisaer, dass er euch nicht gemacht hat wie einen von diesen. Ich bin mehr als einmal trunken gewesen, meine Leidenschaften waren nie weit vom Wahnsinn, und beides reut mich nicht: denn ich habe in meinem Masse begreifen lernen, wie man alle ausserordentlichen Menschen, die etwas Grosses, etwas Unmoglichscheinendes wirkten, von jeher fur Trunkene und Wahnsinnige ausschreien musste.
Aber auch im gemeinen Leben ist's unertraglich, fast einem jeden bei halbweg einer freien, edlen, unerwarteten Tat nachrufen zu horen: 'Der Mensch ist trunken, der ist narrisch!' Schamt euch, ihr Nuchternen! Schamt euch, ihr Weisen!"
"Das sind nun wieder von deinen Grillen," sagte Albert, "du uberspannst alles und hast wenigstens hier gewiss unrecht, dass du den Selbstmord, wovon jetzt die Rede ist, mit grossen Handlungen vergleichst: da man es doch fur nichts anders als eine Schwache halten kann. Denn freilich ist es leichter zu sterben, als ein qualvolles Leben standhaft zu ertragen."
Ich war im Begriff abzubrechen; denn kein Argument bringt mich so aus der Fassung, als wenn einer mit einem unbedeutenden Gemeinspruche angezogen kommt, wenn ich aus ganzem Herzen rede. Doch fasste ich mich, weil ich's schon oft gehort und mich ofter daruber geargert hatte, und versetzte ihm mit einiger Lebhaftigkeit: "Du nennst das so Schwache? Ich bitte dich, lass dich vom Anscheine nicht verfuhren. Ein Volk, das unter dem unertraglichen Joch eines Tyrannen seufzt, darfst du das schwach heissen, wenn es endlich aufgart und seine Ketten zerreisst? Ein Mensch, der uber dem Schrecken, dass Feuer sein Haus ergriffen hat, alle Krafte gespannt fuhlt und mit Leichtigkeit Lasten wegtragt, die er bei ruhigem Sinne kaum bewegen kann; einer, der in der Wut der Beleidigung es mit sechsen aufnimmt und sie uberwaltigt, sind die schwach zu nennen? Und, mein Guter, wenn Anstrengung Starke ist, warum soll die Uberspannung das Gegenteil sein?" Albert sah mich an und sagte: "Nimm mir's nicht ubel, die Beispiele, die du da gibst, scheinen hieher gar nicht zu gehoren." "Es mag sein", sagte ich, "man hat mir schon ofters vorgeworfen, dass meine Kombinationsart manchmal an Radotage grenze. Lasst uns denn sehen, ob wir uns auf eine andere Weise vorstellen konnen, wie dem Menschen zu Mute sein mag, der sich entschliesst, die sonst angenehme Burde des Lebens abzuwerfen. Denn nur insofern wir mitempfinden, haben wir Ehre, von einer Sache zu reden.
Die menschliche Natur", fuhr ich fort, "hat ihre Grenzen: sie kann Freude, Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald der uberstiegen ist. Hier ist also nicht die Frage, ob einer schwach oder stark ist, sondern ob er das Mass seines Leidens ausdauern kann, es mag nun moralisch oder korperlich sein. Und ich finde es ebenso wunderbar zu sagen, der Mensch ist feige, der sich das Leben nimmt, als es ungehorig ware, den einen Feigen zu nennen, der an einem bosartigen Fieber stirbt."
"Paradox! sehr paradox!" rief Albert aus. "Nicht so sehr, als du denkst." versetzte ich. "Du gibst mir zu, wir nennen das eine Krankheit zum Tode, wodurch die Natur so angegriffen wird, dass teils ihre Krafte verzehrt, teils so ausser Wirkung gesetzt werden, dass sie sich nicht wieder aufzuhelfen, durch keine gluckliche Revolution den gewohnlichen Umlauf des Lebens wieder herzustellen fahig ist.
Nun, mein Lieber, lass uns das auf den Geist anwenden. Sieh den Menschen an in seiner Eingeschranktheit, wie Eindrucke auf ihn wirken, Ideen sich bei ihm festsetzen, bis endlich eine wachsende Leidenschaft ihn aller ruhigen Sinneskraft beraubt und ihn zugrunde richtet.
Vergebens, dass der gelassene, vernunftige Mensch den Zustand des Unglucklichen ubersieht, vergebens, dass er ihm zuredet! Ebenso wie ein Gesunder, der am Bette des Kranken steht, ihm von seinen Kraften nicht das geringste einflossen kann."
Alberten war das zu allgemein gesprochen. Ich erinnerte ihn an ein Madchen, das man vor weniger Zeit im Wasser tot gefunden, und wiederholte ihm ihre Geschichte. "Ein gutes, junges Geschopf, das in dem engen Kreise hauslicher Beschaftigungen, wochentlicher bestimmter Arbeit herangewachsen war, das weiter keine Aussicht von Vergnugen kannte, als etwa Sonntags in einem nach und nach zusammengeschafften Putz mit ihresgleichen um die Stadt spazierenzugehen, vielleicht alle hohen Feste einmal zu tanzen und ubrigens mit aller Lebhaftigkeit des herzlichsten Anteils manche Stunde uber den Anlass eines Gezankes, einer ubeln Nachrede mit einer Nachbarin zu verplaudern deren feurige Natur fuhlt nun endlich innigere Bedurfnisse, die durch die Schmeicheleien der Manner vermehrt werden; ihre vorigen Freuden werden ihr nach und nach unschmackhaft, bis sie endlich einen Menschen antrifft, zu dem ein unbekanntes Gefuhl sie unwiderstehlich hinreisst, auf den sie nun alle ihre Hoffnungen wirft, die Welt rings um sich vergisst, nichts hort, nichts sieht, nichts fuhlt als ihn, den Einzigen, sich nur sehnt nach ihm, dem Einzigen. Durch die leeren Vergnugungen einer unbestandigen Eitelkeit nicht verdorben, zieht ihr Verlangen gerade nach dem Zweck, sie will die Seinige werden, sie will in ewiger Verbindung all das Gluck antreffen, das ihr mangelt, die Vereinigung aller Freuden geniessen, nach denen sie sich sehnte. Wiederholtes Versprechen, das ihr die Gewissheit aller Hoffnungen versiegelt, kuhne Liebkosungen, die ihre Begierden vermehren, umfangen ganz ihre Seele; sie schwebt in einem dumpfen Bewusstsein, in einem Vorgefuhl aller Freuden, sie ist bis auf den hochsten Grad gespannt, sie streckt endlich ihre Arme aus, all ihre Wunsche zu umfassen und ihr Geliebter verlasst sie. Erstarrt, ohne Sinne steht sie vor einem Abgrunde; alles ist Finsternis um sie her, keine Aussicht, kein Trost, keine Ahnung! denn der hat sie verlassen, indem sie allein ihr Dasein fuhlte. Sie sieht nicht die weite Welt, die vor ihr liegt, nicht die vielen, die ihr den Verlust ersetzen konnten, sie fuhlt sich allein, verlassen von aller Welt, und blind, in die Enge gepresst von der entsetzlichen Not ihres Herzens, sturzt sie sich hinunter, um in einem rings umfangenden Tode alle ihre Qualen zu ersticken. Sieh, Albert, das ist die Geschichte so manches Menschen! und sag', ist das nicht der Fall der Krankheit? Die Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der verworrenen und widersprechenden Krafte, und der Mensch muss sterben.
Wehe dem, der zusehen und sagen konnte: 'Die Torin! Hatte sie gewartet, hatte sie die Zeit wirken lassen, die Verzweifelung wurde sich schon gelegt, es wurde sich schon ein anderer sie zu trosten vorgefunden haben.' Das ist eben, als wenn einer sagte: 'Der Tor, stirbt am Fieber! Hatte er gewartet, bis seine Krafte sich erholt, seine Safte sich verbessert, der Tumult seines Blutes sich gelegt hatten: alles ware gut gegangen, und er lebte bis auf den heutigen Tag!'"
Albert, dem die Vergleichung noch nicht anschaulich war, wandte noch einiges ein, und unter andern: ich hatte nur von einem einfaltigen Madchen gesprochen; wie aber ein Mensch von Verstande, der nicht so eingeschrankt sei, der mehr Verhaltnisse ubersehe, zu entschuldigen sein mochte, konne er nicht begreifen. "Mein Freund," rief ich aus, "der Mensch ist Mensch, und das bisschen Verstand, das einer haben mag, kommt wenig oder nicht in Anschlag, wenn Leidenschaft wutet und die Grenzen der Menschheit einen drangen. Vielmehr Ein andermal davon..." sagte ich und griff nach meinem Hute. O mir war das Herz so voll Und wir gingen auseinander, ohne einander verstanden zu haben. Wie denn auf dieser Welt keiner leicht den andern versteht.
Am 15. August.
Es ist doch gewiss, dass in der Welt den Menschen nichts notwendig macht als die Liebe. Ich fuhl's an Lotten, dass sie mich ungern verlore, und die Kinder haben keinen andern Begriff, als dass ich immer morgen wiederkommen wurde. Heute war ich hinausgegangen, Lottens Klavier zu stimmen, ich konnte aber nicht dazu kommen, denn die Kleinen verfolgten mich um ein Marchen, und Lotte sagte selbst, ich sollte ihnen den Willen tun. Ich schnitt ihnen das Abendbrot, das sie nun fast so gern von mir als von Lotten annehmen, und erzahlte ihnen das Hauptstuckchen von der Prinzessin, die von Handen bedient wird. Ich lerne viel dabei, das versichre ich dich, und ich bin erstaunt, was es auf sie fur Eindrucke macht. Weil ich manchmal einen Inzidentpunkt erfinden muss, den ich beim zweitenmal vergesse, sagen sie gleich, das vorigemal war' es anders gewesen, so dass ich mich jetzt ube, sie unveranderlich in einem singenden Silbenfall an einem Schnurchen weg zu rezitieren. Ich habe daraus gelernt, wie ein Autor durch eine zweite, veranderte Ausgabe seiner Geschichte, und wenn sie poenem Buche schaden muss. Der erste Eindruck findet uns willig, und der Mensch ist gemacht, dass man ihn das Abenteuerlichste uberreden kann; das haftet aber auch gleich so fest, und wehe dem, der es wieder auskratzen und austilgen will!
Am 18. August.
Musste denn das so sein, dass das, was des Menschen Gluckseligkeit macht, wieder die Quelle seines Elendes wurde?
Das volle, warme Gefuhl meines Herzens an der lebendigen Natur, das mich mit so vieler Wonne uberstromte, das rings umher die Welt mir zu einem Paradiese schuf, wird mir jetzt zu einem unertraglichen Peiniger, zu einem qualenden Geist, der mich auf allen Wegen verfolgt. Wenn ich sonst vom Felsen uber den Fluss bis zu jenen Hugeln das fruchtbare Tal uberschaute und alles um mich her keimen und quellen sah; wenn ich jene Berge, vom Fusse bis auf zum Gipfel, mit hohen, dichten Baumen bekleidet, jene Taler in ihren mannigfaltigen Krummungen von den lieblichsten Waldern beschattet sah, und der sanfte Fluss zwischen den lispelnden Rohren dahingleitete und die lieben Wolken abspiegelte, die der sanfte Abendwind am Himmel heruberwiegte; wenn ich dann die Vogel um mich den Wald beleben horte, und Strahle der Sonne mutig tanzten, und ihr letzter zukkender Blick den summenden Kafer aus seinem Grase befreite, und das Schwirren und Weben um mich her mich auf den Boden aufmerksam machte, und das Moos, das meinem harten Felsen seine Nahrung abzwingt, und das Geniste, das den durren Sandhugel hinunter wachst, mir das innere, gluhende, heilige Leben der Natur eroffnete: wie fasste ich das alles in mein warmes Herz, fuhlte mich in der uberfliessenden Fulle wie vergottert, und die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegten sich allbelebend in meiner Seele. Ungeheure Berge umgaben mich, Abgrunde lagen vor mir, und Wetterbache sturzten herunter, die Flusse stromten unter mir, und Wald und Gebirg erklang; und ich sah sie wirken und schaffen ineinander in den Tiefen der Erde, alle die unergrundlichen Krafte; und nun uber der Erde und unter dem Himmel wimmeln die Geschlechter der mannigfaltigen Geschopfe. Alles, alles bevolkert mit tausendfachen Gestalten; und die Menschen dann sich in Hauslein zusammen sichern und sich annisten und herrschen in ihrem Sinne uber die weite Welt! Armer Tor! der du alles so gering achtest, weil du so klein bist. Vom unzuganglichen Gebirge uber die Einode, die kein Fuss betrat, bis ans Ende des unbekannten Ozeans weht der Geist des Ewigschaffenden und freut sich jedes Staubes, der ihn vernimmt und lebt. Ach damals, wie oft habe ich mich mit Fittichen eines Kranichs, der uber mich hin flog, zu dem Ufer des ungemessenen Meeres gesehnt, aus dem schaumenden Becher des Unendlichen jene schwellende Lebenswonne zu trinken und nur einen Augenblick in der eingeschrankten Kraft meines Busens einen Tropfen der Seligkeit des Wesens zu fuhlen, das alles in sich und durch sich hervorbringt.
Bruder, nur die Erinnerung jener Stunden macht mir wohl. Selbst diese Anstrengung, jene unsaglichen Gefuhle zuruckzurufen, wieder auszusprechen, hebt meine Seele uber sich selbst und lasst mich dann das Bange des Zustandes doppelt empfinden, der mich jetzt umgibt.
Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offenen Grabes. Kannst du sagen: Das ist! da alles vorubergeht? da alles mit der Wetterschnelle voruberrollt, so selten die ganze Kraft seines Daseins ausdauert, ach, in den Strom fortgerissen, untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird? Da ist kein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her, kein Augenblick, da du nicht ein Zerstorer bist, sein musst; der harmloseste Spaziergang kostet tausend armen Wurmchen das Leben, es zerruttet ein Fusstritt die muhseligen Gebaude der Ameisen und stampft eine kleine Welt in ein schmahliches Grab. Ha! nicht die grosse, seltne Not der Welt, diese Fluten, die eure Dorfer wegspulen, diese Erdbeben, die eure Stadte verschlingen, ruhren mich; mir untergrabt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt; die nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbar, nicht sich selbst zerstorte. Und so taumle ich beangstigt. Himmel und Erde und ihre webenden Krafte um mich her: ich sehe nichts als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkauendes Ungeheuer.
Am 21. August.
Umsonst strecke ich meine Arme nach ihr aus, morgens, wenn ich von schweren Traumen aufdammere, vergebens suche ich sie nachts in meinem Bette, wenn mich ein glucklicher, unschuldiger Traum getauscht hat, als sass' ich neben ihr auf der Wiese und hielt' ihre Hand und deckte sie mit tausend Kussen. Ach, wenn ich dann noch halb im Taumel des Schlafes nach ihr tappe und druber mich ermuntere ein Strom von Tranen bricht aus meinem gepressten Herzen, und ich weine trostlos einer finstern Zukunft entgegen.
Am 22. August.
Es ist ein Ungluck, Wilhelm, meine tatigen Krafte sind zu einer unruhigen Lassigkeit verstimmt, ich kann nicht mussig sein und kann doch auch nichts tun. Ich habe keine Vorstellungskraft, kein Gefuhl an der Natur, und die Bucher ekeln mich an. Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles. Ich schwore dir, manchmal wunschte ich, ein Tagelohner zu sein, um nur des Morgens beim Erwachen eine Aussicht auf den kunftigen Tag, einen Drang, eine Hoffnung zu haben. Oft beneide ich Alberten, den ich uber die Ohren in Akten begraben sehe, und bilde mir ein, mir ware wohl, wenn ich an seiner Stelle ware! Schon etlichemal ist mir's so aufgefahren, ich wollte dir schreiben und dem Minister, um die Stelle bei der Gesandtschaft anzuhalten, die, wie du versicherst, mir nicht versagt werden wurde. Ich glaube es selbst. Der Minister liebt mich seit langer Zeit, hatte lange mir angelegen, ich sollte mich irgendeinem Geschafte widmen; und eine Stunde ist mir's auch wohl drum zu tun. Hernach, wenn ich wieder dran denke und mir die Fabel vom Pferde einfallt, das, seiner Freiheit ungeduldig, sich Sattel und Zeug auflegen lasst und zuschanden geritten wird ich weiss nicht, was ich soll. Und, mein Lieber! ist nicht vielleicht das Sehnen in mir nach Veranderung des Zustands eine innere, unbehagliche Ungeduld, die mich uberallhin verfolgen wird?
Am 28. August.
Es ist wahr, wenn meine Krankheit zu heilen ware, so wurden diese Menschen es tun. Heute ist mein Geburtstag, und in aller Fruhe empfange ich ein Packchen von Alberten. Mir fallt beim Eroffnen sogleich eine der blassroten Schleifen in die Augen, die Lotte vor hatte, als ich sie kennen lernte, und um die ich sie seither etlichemal gebeten hatte. Es waren zwei Buchelchen in Duodez dabei, der kleine Wetsteinische Homer, eine Ausgabe, nach der ich so oft verlangt, um mich auf dem Spaziergange mit dem Ernestischen nicht zu schleppen. Sieh! so kommen sie meinen Wunschen zuvor, so suchen sie alle die kleinen Gefalligkeiten der Freundschaft auf, die tausendmal werter sind als jene blendenden Geschenke, wodurch uns die Eitelkeit des Gebers erniedrigt. Ich kusse diese Schleife tausendmal, und mit jedem Atemzuge schlurfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten ein, mit denen mich jene wenigen, glucklichen, unwiederbringlichen Tage uberfullten. Wilhelm, es ist so, und ich murre nicht, die Bluten des Lebens sind nur Erscheinungen! Wie viele gehn voruber, ohne eine Spur hinter sich zu lassen, wie wenige setzen Frucht an, und wie wenige dieser Fruchte werden reif! Und doch sind deren noch genug da; und doch O mein Bruder! konnen wir gereifte Fruchte vernachlassigen, verachten, ungenossen verfaulen lassen?
Lebe wohl! Es ist ein herrlicher Sommer; ich sitze oft auf den Obstbaumen in Lottens Baumstuck mit dem Obstbrecher, der langen Stange, und hole die Birnen aus dem Gipfel. Sie steht unten und nimmt sie ab, wenn ich sie ihr herunterlasse.
Am 30. August.
Unglucklicher! Bist du nicht ein Tor? Betriegst du dich nicht selbst? Was soll diese tobende, endlose Leidenschaft? Ich habe kein Gebet mehr als an sie; meiner Einbildungskraft erscheint keine andere Gestalt als die ihrige, und alles in der Welt um mich her sehe ich nur im Verhaltnisse mit ihr. Und das macht mir denn so manche gluckliche Stunde bis ich mich wieder von ihr losreissen muss! Ach Wilhelm! wozu mich mein Herz oft drangt! Wenn ich bei ihr gesessen bin, zwei, drei Stunden, und mich an ihrer Gestalt, an ihrem Betragen, an dem himmlischen Ausdruck ihrer Worte geweidet habe, und nun nach und nach alle meine Sinne aufgespannt werden, mir es duster vor den Augen wird, ich kaum noch hore, und es mich an die Gurgel fasst wie ein Meuchelmorder, dann mein Herz in wilden Schlagen den bedrangten Sinnen Luft zu machen sucht und ihre Verwirrung nur vermehrt Wilhelm, ich weiss oft nicht, ob ich auf der das Ubergewicht nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt, auf ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen, so muss ich fort, muss hinaus, und schweife dann weit im Felde umher; einen jahen Berg zu klettern ist dann meine Freude, durch einen unwegsamen Wald einen Pfad durch zuarbeiten, durch die Hecken, die mich verletzen, durch die Dornen, die mich zerreissen! Da wird mir's etwas besser! Etwas! Und wenn ich vor Mudigkeit und Durst manchmal unterwegs liegen bleibe, manchmal in der tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond uber mir steht, im einsamen Walde auf einen krumm gewachsenen Baum mich setze, um meinen verwundeten Sohlen nur einige Linderung zu verschaffen, und dann in einer ermattenden Ruhe in dem Dammerschein hinschlummre! O Wilhelm! die einsame Wohnung einer Zelle, das harene Gewand und der Stachelgurtel waren Labsale, nach denen meine Seele schmachtet. Adieu! Ich sehe dieses Elendes kein Ende als das Grab.
Am 3. September.
Ich muss fort! Ich danke dir, Wilhelm, dass du meinen wankenden Entschluss bestimmt hast. Schon vierzehn Tage gehe ich mit dem Gedanken um, sie zu verlassen. Ich muss fort. Sie ist wieder in der Stadt bei einer
Am 10. September.
Das war eine Nacht! Wilhelm! nun uberstehe ich alles. Ich werde sie nicht wiedersehn! O dass ich nicht an deinen Hals fliegen, dir mit tausend Tranen und Entzuckungen ausdrucken kann, mein Bester, die Empfindungen, die mein Herz besturmen. Hier sitze ich und schnappe nach Luft, suche mich zu beruhigen, erwarte den Morgen, und mit Sonnenaufgang sind die Pferde bestellt.
Ach, sie schlaft ruhig und denkt nicht, dass sie mich nie wieder sehen wird. Ich habe mich losgerissen, bin stark genug gewesen, in einem Gesprach von zwei Stunden mein Vorhaben nicht zu verraten. Und Gott, welch ein Gesprach!
Albert hatte mir versprochen, gleich nach dem Nachtessen mit Lotten im Garten zu sein. Ich stand auf der Terrasse unter den hohen Kastanienbaumen und sah der Sonne nach, die mir nun zum letztenmale uber dem lieblichen Tale, uber dem sanften Fluss unterging. So oft hatte ich hier gestanden mit ihr und eben dem herrlichen Schauspiele zugesehen, und nun Ich ging in der Allee auf und ab, die mir so lieb war; ein geheimer sympathetischer Zug hatte mich hier so oft gehalten, ehe ich noch Lotten kannte, und wie freuten wir uns, als wir im Anfang unserer BePlatzchen entdeckten, das wahrhaftig eins von den romantischsten ist, die ich von der Kunst hervorgebracht gesehen habe.
Erst hast du zwischen den Kastanienbaumen die weite Aussicht ach, ich erinnere mich, ich habe dir, denk' ich, schon viel davon geschrieben, wie hohe Buchenwande einen endlich einschliessen und durch ein daranstossendes Boskett die Allee immer dusterer wird, bis zuletzt alles sich in ein geschlossenes Platzchen endigt, das alle Schauer der Einsamkeit umschweben. Ich fuhle es noch, wie heimlich mir's ward, als ich zum erstenmale an einem hohen Mittage hineintrat; ich ahnete ganz leise, was fur ein Schauplatz das noch werden sollte von Seligkeit und Schmerz.
Ich hatte mich etwa eine halbe Stunde in den schmachtenden, sussen Gedanken des Abscheidens, des Wiedersehens geweidet, als ich sie die Terrasse heraufsteigen horte. Ich lief ihnen entgegen, mit einem Schauer fasste ich ihre Hand und kusste sie. Wir waren eben heraufgetreten, als der Mond hinter dem buschigen Hugel aufging; wir redeten mancherlei und kamen unvermerkt dem dustern Kabinette naher. Lotte trat hinein und setzte sich, Albert neben sie, ich auch; doch meine Unruhe liess mich nicht lange sitzen; ich stand auf, trat vor sie, ging auf und ab, setzte mich wieder: es war ein angstlicher Zustand. Sie machte uns aufmerksam auf die schone Wirkung des Mondenlichtes, das am Ende der Buchenwande die ganze Terrasse vor uns erleuchtete: ein herrlicher Anblick, der um so viel frappanter war, weil uns rings eine tiefe Dammerung einschloss. Wir waren still, und sie fing nach einer Weile an: "Niemals gehe ich im Mondenlichte spazieren, niemals, dass mir nicht der Gedanke an meine Verstorbenen begegnete, dass nicht das Gefuhl von Tod, von Zukunft uber mich kame. Wir werden sein!" fuhr sie mit der Stimme des herrlichsten Gefuhls fort; "aber, Werther, sollen wir uns wieder finden? wieder erkennen? Was ahnen Sie? Was sagen Sie?"
"Lotte," sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte und mir die Augen voll Tranen wurden, "wir werden uns wiedersehn! Hier und dort wiedersehn! " Ich konnte nicht weiterreden Wilhelm, musste sie mich das fragen, da ich diesen angstlichen Abschied im Herzen hatte!
"Und ob die lieben Abgeschiednen von uns wissen," fuhr sie fort, "ob sie fuhlen, wann's uns wohl geht, dass wir mit warmer Liebe uns ihrer erinnern? O! die Gestalt meiner Mutter schwebt immer um mich, wenn ich am stillen Abend unter ihren Kindern, unter meinen Kindern sitze und sie um mich versammelt sind, wie sie um sie versammelt waren. Wenn ich dann mit einer sehnenden Trane gen Himmel sehe und wunsche, dass sie hereinschauen konnte einen Augenblick, wie ich mein Wort halte, das ich ihr in der Stunde des Todes gab: die Mutter ihrer Kinder zu sein. Mit welcher Empfindung rufe ich aus: 'Verzeihe mir's, Teuerste, wenn ich ihnen nicht bin, was du ihnen warst. Ach! tue ich doch alles, was ich kann; sind sie doch gekleidet, genahrt, ach, und, was mehr ist als das alles, gepflegt und geliebt. Konntest du unsere Eintracht sehen, liebe Heilige! du wurdest mit dem heissesten Danke den Gott verherrlichen, den du mit den letzten, bittersten Tranen um die Wohlfahrt deiner Kinder batest.'"
Sie sagte das! o Wilhelm, wer kann wiederholen, was sie sagte! Wie kann der kalte, tote Buchstabe diese himmlische Blute des Geistes darstellen! Albert fiel ihr sanft in die Rede: "Es greift Sie zu stark an, liebe Lotte! ich weiss, Ihre Seele hangt sehr nach diesen Ideen, aber ich bitte Sie..." "O Albert," sagte sie, "ich weiss, du vergissest nicht die Abende, da wir zusammensassen an dem kleinen, runden Tischchen, wenn der Papa verreist war, und wir die Kleinen schlafen geschickt hatten. Du hattest oft ein gutes Buch und kamst so selten dazu, etwas zu lesen War der Umgang dieser herrlichen Seele nicht mehr als alles? Die schone, sanfte, muntere und immer tatige Frau! Gott kennt meine Tranen, mit denen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf: er mochte mich ihr gleich machen."
"Lotte!" rief ich aus, indem ich mich vor sie hinwarf, ihre Hand nahm und mit tausend Tranen netzte, "Lotte! der Segen Gottes ruht uber dir und der Geist deiner Mutter!" "Wenn Sie sie gekannt hatten," sagte sie, indem sie mir die Hand druckte, "sie war wert, von Ihnen gekannt zu sein!" Ich glaubte zu vergehen. Nie war ein grosseres, stolzeres Wort uber mich ausgesprochen worden und sie fuhr fort: "Und diese Frau musste in der Blute ihrer Jahre dahin, da ihr jungster Sohn nicht sechs Monate alt war! Ihre Krankheit dauerte nicht lange; sie war ruhig, hingegeben, nur ihre Kinder taten ihr weh, besonders das kleine. Wie es gegen das Ende ging und sie zu mir sagte: 'Bringe mir sie herauf!' und wie ich sie hereinfuhrte, die kleinen, die nicht wussten, und die altesten, die ohne Sinne waren, wie sie ums Bette standen, und wie sie die Hande aufhob und uber sie betete, und sie kusste nach einander und sie wegschickte und zu mir sagte: 'Sei ihre Mutter!' Ich gab ihr die Hand drauf! 'Du versprichst viel, meine Tochter', sagte sie, 'das Herz einer Mutter und das Aug' einer Mutter. Ich habe oft an deinen dankbaren Tranen gesehen, dass du fuhlst, was das sei. Habe es fur deine Geschwister, und fur deinen Vater die Treue und den Gehorsam einer Frau. Du wirst ihn trosten.' Sie fragte nach ihm, er war ausgegangen, um uns den unertraglichen Kummer zu verbergen, den er fuhlte, der Mann war ganz zerrissen.
Albert, du warst im Zimmer. Sie horte jemand gehn und fragte und forderte dich zu sich, und wie sie dich ansah und mich, mit dem getrosteten, ruhigen Blicke, dass wir glucklich sein, zusammen glucklich sein wurden..." Albert fiel ihr um den Hals und kusste sie und rief: "Wir sind es! wir werden es sein!" Der ruhige Albert war ganz aus seiner Fassung, und ich wusste nichts von mir selber.
"Werther," fing sie an, "und diese Frau sollte dahin sein! Gott! wenn ich manchmal denke, wie man das Liebste seines Lebens wegtragen lasst, und niemand als die Kinder das so scharf fuhlt, die sich noch lange beklagten, die schwarzen Manner hatten die Mama weggetragen!"
Sie stand auf, und ich ward erweckt und erschuttert, blieb sitzen und hielt ihre Hand. "Wir wollen fort," sagte sie, "es wird Zeit." Sie wollte ihre Hand zuruckziehen, und ich hielt sie fester. "Wir werden uns wieder sehen," rief ich, "wir werden uns finden, unter allen Gestalten werden wir uns erkennen. Ich gehe," fuhr ich fort, "ich gehe willig, und doch, wenn ich sagen sollte auf ewig, ich wurde es nicht aushalten. Leb' wohl, Lotte! Leb' wohl, Albert! Wir sehn uns wieder." "Morgen, denke ich." versetzte sie scherzend. Ich fuhlte das Morgen! Ach, sie wusste nicht, als sie ihre Hand aus der meinen zog . Sie gingen die Allee hinaus, ich stand, sah ihnen nach im Mondscheine und warf mich an die Erde und weinte mich aus und sprang auf und lief auf die Terrasse hervor und sah noch dort unten im Schatten der hohen Lindenbaume ihr weisses Kleid nach der Gartentur schimmern, ich streckte meine Arme aus, und es verschwand.
Zweites Buch
Am 20. Oktober 1771.
Gestern sind wir hier angelangt. Der Gesandte ist unpass und wird sich also einige Tage einhalten. Wenn er nur nicht so unhold ware, war' alles gut. Ich merke, ich merke, das Schicksal hat mir harte Prufungen zugedacht. Doch gutes Muts! Ein leichter Sinn tragt alles! Ein leichter Sinn? Das macht mich zu lachen, wie das Wort in meine Feder kommt. O ein bisschen leichteres Blut wurde mich zum Glucklichsten unter der Sonne machen. Was! da, wo andere mit ihrem bisschen Kraft und Talent vor mir in behaglicher Selbstgefalligkeit herumschwadronieren, verzweifle ich an meiner Kraft, an meinen Gaben? Guter Gott, der du mir das alles schenktest, warum hieltest du nicht die Halfte zuruck und gabst mir Selbstvertrauen und Genugsamkeit?
Geduld! Geduld! es wird besser werden. Denn ich sage dir, Lieber, du hast recht. Seit ich unter dem Volke alle Tage herumgetrieben werde und sehe, was sie tun und wie sie's treiben, stehe ich viel besser mit mir selbst. Gewiss, weil wir doch einmal so gemacht sind, dass wir alles mit uns und uns mit allem vergleichen, so liegt Gluck oder Elend in den Gegenstanden, fahrlicher als die Einsamkeit. Unsere Einbildungskraft, durch ihre Natur gedrungen sich zu erheben, durch die phantastischen Bilder der Dichtkunst genahrt, bildet sich eine Reihe Wesen hinauf, wo wir das unterste sind und alles ausser uns herrlicher erscheint, jeder andere vollkommner ist. Und das geht ganz naturlich zu. Wir fuhlen so oft, dass uns manches mangelt, und eben was uns fehlt, scheint uns oft ein anderer zu besitzen, dem wir denn auch alles dazu geben, was wir haben, und noch eine gewisse idealische Behaglichkeit dazu. Und so ist der Gluckliche vollkommen fertig, das Geschopf unserer selbst.
Dagegen, wenn wir mit all unserer Schwachheit und Muhseligkeit nur gerade fortarbeiten, so finden wir gar oft, dass wir mit unserem Schlendern und Lavieren es weiter bringen als andere mit ihrem Segeln und Rudern und das ist doch ein wahres Gefuhl seiner selbst, wenn man andern gleich oder gar vorlauft.
Am 26. November 1771.
Ich fange an, mich insofern ganz leidlich hier zu befinden. Das beste ist, dass es zu tun genug gibt; und dann die vielerlei Menschen, die allerlei neuen Gestalten machen mir ein buntes Schauspiel vor meiner Seele. Ich habe den Grafen C.. kennen lernen, einen weiten, grossen Kopf, und der deswegen nicht kalt ist, weil er viel ubersieht; aus dessen Umgange so viel Empfindung fur Freundschaft und Liebe hervorleuchtet. Er nahm teil an mir, als ich einen Geschaftsauftrag an ihn ausrichtete und er bei den ersten Worten merkte, dass wir uns verstanden, dass er mit mir reden konnte wie nicht mit jedem. Auch kann ich sein offnes Betragen gegen mich nicht genug ruhmen. So eine wahre, warme Freude ist nicht in der Welt, als eine grosse Seele zu sehen, die sich gegen einen offnet.
Am 24. Dezember 1771.
Der Gesandte macht mir viel Verdruss, ich habe es vorausgesehn. Er ist der punktlichste Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt und umstandlich wie eine Base; ein Mensch, der nie mit sich selbst zufrieden ist, und dem es daher niemand zu Danke machen kann. Ich arbeite gern leicht weg, und wie es steht, so steht es; da ist er imstande mir einen Aufsatz zuruckzugeben und zu sagen: "Er ist gut, aber sehen Sie ihn durch, man findet immer ein besseres Wort, eine reinere Partikel." Da mochte ich des Teufels werden. Kein Und, kein Bindewortchen darf aussenbleiben, und von allen Inversionen, die mir manchmal entfahren, ist er ein Todfeind; wenn man seinen Period nicht nach der hergebrachten Melodie heraborgelt, so vereinem Menschen zu tun zu haben.
Das Vertrauen des Grafen von C.. ist noch das einzige, was mich schadlos halt. Er sagte mir letzthin ganz aufrichtig, wie unzufrieden er mit der Langsamkeit und Bedenklichkeit meines Gesandten sei. "Die Leute erschweren es sich und andern. Doch", sagte er, "man muss sich darein resignieren wie ein Reisender, der uber einen Berg muss; freilich, ware der Berg nicht da, so ware der Weg viel bequemer und kurzer; er ist nun aber da, und man soll hinuber!"
Mein Alter spurt auch wohl den Vorzug, den mir der Graf vor ihm gibt, und das argert ihn, und er ergreift jede Gelegenheit, Ubels gegen mich vom Grafen zu reden, ich halte, wie naturlich, Widerpart, und dadurch wird die Sache nur schlimmer. Gestern gar brachte er mich auf, denn ich war mit gemeint: zu so Weltgeschaften sei der Graf ganz gut, er habe viele Leichtigkeit zu arbeiten und fuhre eine gute Feder, doch an grundlicher Gelehrsamkeit mangle es ihm wie allen Belletristen. Dazu machte er eine Miene, als ob er sagen wollte: "Fuhlst du den Stich?" Aber es tat bei mir nicht die Wirkung; ich verachtete den Menschen, der so denken und sich so betragen konnte. Ich hielt ihm stand und focht mit ziemlicher Heftigkeit. Ich sagte, der Graf sei ein Mann, vor dem man Achtung haben musse, wegen seines Charakters sowohl als wegen seiner Kenntnisse. "Ich habe", sagt' ich, "niemand gekannt, dem es so gegluckt ware, seinen Geist zu erweitern, ihn uber unzahlige Gegenstande zu verbreiten und doch diese Tatigkeit furs gemeine Leben zu behalten." Das waren dem Gehirne spanische Dorfer, und ich empfahl mich, um nicht uber ein weiteres Deraisonnement noch mehr Galle zu schlukken.
Und daran seid ihr alle schuld, die ihr mich in das Joch geschwatzt und mir so viel von Aktivitat vorgesungen habt. Aktivitat! Wenn nicht der mehr tut, der Kartoffeln legt und in die Stadt reitet, sein Korn zu verkaufen, als ich, so will ich zehn Jahre noch mich auf der Galeere abarbeiten, auf der ich nun angeschmiedet bin.
Und das glanzende Elend, die Langeweile unter dem garstigen Volke, das sich hier neben einander sieht! die Rangsucht unter ihnen, wie sie nur wachen und aufpassen, einander ein Schrittchen abzugewinnen; die elendesten, erbarmlichsten Leidenschaften, ganz ohne Rockchen. Da ist ein Weib, zum Exempel, die jedermann von ihrem Adel und ihrem Lande unterhalt, so dass jeder Fremde denken muss: Das ist eine Narrin, die sich auf das bisschen Adel und auf den Ruf ihres Landes Wunderstreiche einbildet. Aber es ist noch viel arger: eben das Weib ist hier aus der Nachbarschaft eine Amtschreiberstochter. Sieh, ich kann das Menschengeschlecht nicht begreifen, das so wenig Sinn hat, um sich so platt zu prostituieren.
Zwar ich merke taglich mehr, mein Lieber, wie toricht man ist, andere nach sich zu berechnen. Und weil ich so viel mit mir selbst zu tun habe und dieses Herz so sturmisch ist ach ich lasse gern die andern ihres Pfades gehen, wenn sie mich auch nur konnten gehen lassen.
Was mich am meisten neckt, sind die fatalen burgerlichen Verhaltnisse. Zwar weiss ich so gut als einer, wie notig der Unterschied der Stande ist, wie viel Vorteile er mir selbst verschafft: nur soll er mir nicht eben gerade im Wege stehen, wo ich noch ein wenig Freude, einen Schimmer von Gluck auf dieser Erde geniessen konnte. Ich lernte neulich auf dem Spaziergange ein Fraulein von B.. kennen, ein liebenswurdiges Geschopf, das sehr viele Natur mitten in dem steifen Leben erhalten hat. Wir gefielen uns in unserem Gesprache, und da wir schieden, bat ich sie um Erlaubnis, sie bei sich sehen zu durfen. Sie gestattete mir das mit so vieler Freimutigkeit, dass ich den schicklichen Augenblick kaum erwarten konnte, zu ihr zu gehen. Sie ist nicht von hier und wohnt bei einer Tante im Hause. Die Physiognomie der Alten gefiel mir nicht. Ich bezeigte ihr viel Aufmerksamkeit, mein Gesprach war meist an sie gewandt, und in minder als einer halben Stunde hatte ich so ziemlich weg, was mir das Fraulein nachher selbst gestand: dass die liebe Tante in ihrem Alter Mangel von allem, kein anstandiges Vermogen, keinen Geist und keine Stutze hat als die Reihe ihrer Vorfahren, keinen Schirm als den Stand, in den sie sich verpalisadiert, und kein Ergetzen, als von ihrem Stockwerk herab uber die burgerlichen Haupter wegzusehen. In ihrer Jugend soll sie schon gewesen sein und ihr Leben weggegaukelt, erst mit ihrem Eigensinne manchen armen Jungen gequalt, und in den reifern Jahren sich unter den Gehorsam eines alten Offiziers geduckt haben, der gegen diesen Preis und einen leidlichen Unterhalt das eherne Jahrhundert mit ihr zubrachte und starb. Nun sieht sie im eisernen sich allein und wurde nicht angesehn, war' ihre Nichte nicht so liebenswurdig.
Den 8. Januar 1772.
Was das fur Menschen sind, deren ganze Seele auf dem Zeremoniell ruht, deren Dichten und Trachten jahrelang dahin geht, wie sie um einen Stuhl weiter hinauf bei Tische sich einschieben wollen! Und nicht, dass sie sonst keine Angelegenheit hatten: nein, vielmehr haufen sich die Arbeiten, eben weil man uber den kleinen Verdriesslichkeiten von Beforderung der wichtigen Sachen abgehalten wird. Vorige Woche gab es bei der Schlittenfahrt Handel, und der ganze Spass wurde verdorben. den Platz gar nicht ankommt, und dass der, der den ersten hat, so selten die erste Rolle spielt! Wie mancher Konig wird durch seinen Minister, wie mancher Minister durch seinen Sekretar regiert! Und wer ist dann der Erste? Der, dunkt mich, der die andern ubersieht und so viel Gewalt oder List hat, ihre Krafte und Leidenschaften zu Ausfuhrung seiner Plane anzuspannen.
Am 20. Januar.
Ich muss Ihnen schreiben, liebe Lotte, hier in der Stube einer geringen Bauernherberge, in die ich mich vor einem schweren Wetter gefluchtet habe. Solange ich in dem traurigen Nest D.. unter dem fremden, meinem Herzen ganz fremden Volke herumziehe, habe ich keinen Augenblick gehabt, keinen, an dem mein Herz mich geheissen hatte, Ihnen zu schreiben; und jetzt in dieser Hutte, in dieser Einsamkeit, in dieser Einschrankung, da Schnee und Schlossen wider mein Fensterchen wuten, hier waren Sie mein erster Gedanke. Wie ich hereintrat, uberfiel mich Ihre Gestalt, Ihr Andenken, o Lotte! so heilig, so warm! Guter Gott! der erste gluckliche Augenblick wieder.
Wenn Sie mich sahen, meine Beste, in dem Schwall von Zerstreuung! Wie ausgetrocknet meine Sinne werden! Nicht einen Augenblick der Fulle des Herzens, nicht eine selige Stunde! nichts! nichts! Ich Mannchen und Gaulchen vor mir herumrucken, und frage mich oft, ob es nicht optischer Betrug ist. Ich spiele mit, vielmehr, ich werde gespielt wie eine Marionette und fasse manchmal meinen Nachbar an der holzernen Hand und schaudere zuruck. Des Abends nehme ich mir vor, den Sonnenaufgang zu geniessen, und komme nicht aus dem Bette; am Tage hoffe ich, mich des Mondscheins zu erfreuen, und bleibe in meiner Stube. Ich weiss nicht recht, warum ich aufstehe, warum ich schlafen gehe.
Der Sauerteig, der mein Leben in Bewegung setzte, fehlt; der Reiz, der mich in tiefen Nachten munter erhielt, ist hin, der mich des Morgens aus dem Schlafe weckte, ist weg.
Ein einzig weibliches Geschopf habe ich hier gefunden, eine Fraulein von B.., sie gleicht Ihnen, liebe Lotte, wenn man Ihnen gleichen kann. "Ei!" werden Sie sagen, "der Mensch legt sich auf niedliche Komplimente!" Ganz unwahr ist es nicht. Seit einiger Zeit bin ich sehr artig, weil ich doch nicht anders sein kann, habe viel Witz, und die Frauenzimmer sagen, es wusste niemand so fein zu loben als ich (und zu lugen, setzen Sie hinzu, denn ohne das geht es nicht ab, verstehen Sie?). Ich wollte von Fraulein B.. reden. Sie hat viel Seele, die voll aus ihren blauen Augen hervorblickt. Ihr Stand ist ihr zur Last, der keinen der Wunsche ihres Herzens befriedigt. Sie sehnt sich aus dem Getummel, und wir verphantasieren manche Stunde in landlichen Szenen von ungemischter Gluckseligkeit; ach! und von Ihnen! Wie oft muss sie Ihnen huldigen, muss nicht, tut es freiwillig, hort so gern von Ihnen, liebt Sie.
O sass' ich zu Ihren Fussen in dem lieben, vertraulichen Zimmerchen, und unsere kleinen Lieben walzten sich mit einander um mich herum, und wenn sie Ihnen zu laut wurden, wollte ich sie mit einem schauerlichen Marchen um mich zur Ruhe versammeln.
Die Sonne geht herrlich unter uber der schneeglanzenden Gegend, der Sturm ist hinuber gezogen, und ich muss mich wieder in meinen Kafig sperren. Adieu! Ist Albert bei Ihnen? Und wie ? Gott verzeihe mir diese Frage!
Den 8. Februar.
Wir haben seit acht Tagen das abscheulichste Wetter, und mir ist es wohltatig. Denn so lang ich hier bin, ist mir noch kein schoner Tag am Himmel erschienen, den mir nicht jemand verdorben oder verleidet hatte. Wenn's nun recht regnet und stobert und frostelt und taut: Ha! denk' ich, kann's doch zu Hause nicht schlimmer werden, als es draussen ist, oder umgekehrt, und so ist's gut. Geht die Sonne des Morgens auf und verspricht einen feinen Tag, erwehr' ich mir niemals sches Gut, worum sie einander bringen konnen! Es ist nichts, worum sie einander nicht bringen. Gesundheit, guter Name, Freudigkeit, Erholung! Und meist aus Albernheit, Unbegriff und Enge und, wenn man sie anhort, mit der besten Meinung. Manchmal mocht' ich sie auf den Knieen bitten, nicht so rasend in ihre eigenen Eingeweide zu wuten.
Am 17. Februar.
Ich furchte, mein Gesandter und ich halten es zusammen nicht mehr lange aus. Der Mann ist ganz und gar unertraglich. Seine Art zu arbeiten und Geschafte zu treiben ist so lacherlich, dass ich mich nicht enthalten kann, ihm zu widersprechen und oft eine Sache nach meinem Kopf und meiner Art zu machen, das ihm denn, wie naturlich, niemals recht ist. Daruber hat er mich neulich bei Hofe verklagt, und der Minister gab mir einen zwar sanften Verweis, aber es war doch ein Verweis, und ich stand im Begriffe, meinen Abschied zu begehren, als ich einen Privatbrief5 von ihm erhielt, einen Brief, vor dem ich niedergekniet, und den hohen, edlen, weisen Sinn angebetet habe. Wie er meine allzu grosse Empfindlichkeit zurechtweiset, wie er meine uberspannten Ideen von Wirksamkeit, von Einfluss auf andere, von Durchdringen in Geschaften als jugendlichen guten Mut zwar ehrt, sie nicht auszusie ihr wahres Spiel haben, ihre kraftige Wirkung tun konnen. Auch bin ich auf acht Tage gestarkt und in mir selbst einig geworden. Die Ruhe der Seele ist ein herrliches Ding und die Freude an sich selbst. Lieber Freund, wenn nur das Kleinod nicht eben so zerbrechlich ware, als es schon und kostbar ist.
Am 20. Februar.
Gott segne euch, meine Lieben, geb' euch alle die guten Tage, die er mir abzieht! Ich danke dir, Albert, dass du mich betrogen hast: ich wartete auf Nachricht, wann euer Hochzeittag sein wurde, und hatte mir vorgenommen, feierlichst an demselben Lottens Schattenriss von der Wand zu nehmen und ihn unter andere Papiere zu begraben. Nun seid ihr ein Paar, und ihr Bild ist noch hier! Nun, so soll es bleiben! Und warum nicht? Ich weiss, ich bin ja auch bei euch, bin dir unbeschadet in Lottens Herzen, habe, ja ich habe den zweiten Platz darin und will und muss ihn behalten. O ich wurde rasend werden, wenn sie vergessen konnte Albert, in dem Gedanken liegt eine Holle. Albert, leb' wohl! Leb' wohl, Engel des Himmelst Leb' wohl, Lotte!
Den 15. Marz.
Ich habe einen Verdruss gehabt, der mich von hier wegtreiben wird. Ich knirsche mit den Zahnen! Teufel! er ist nicht zu ersetzen, und ihr seid doch allein schuld daran, die ihr mich sporntet und triebt und qualtet, mich in einen Posten zu begeben, der nicht nach meinem Sinne war. Nun habe ich's! nun habt ihr's! Und dass du nicht wieder sagst, meine uberspannten Ideen verdurben alles, so hast du hier, lieber Herr, eine Erzahlung, plan und nett, wie ein Chronikenschreiber das aufzeichnen wurde.
Der Graf von C.. liebt mich, distinguiert mich, das ist bekannt, das habe ich dir schon hundertmal gesagt. Nun war ich gestern bei ihm zu Tafel, eben an dem Tage, da abends die noble Gesellschaft von Herren und Frauen bei ihm zusammenkommt, an die ich nie gedacht habe, auch mir nie aufgefallen ist, dass wir Subalternen nicht hineingehoren. Gut. Ich speise bei dem Grafen, und nach Tische gehn wir in dem grossen Saal auf und ab, ich rede mit ihm, mit dem Obristen B.., der dazu kommt, und so ruckt die Stunde der Gesellschaft heran. Ich denke, Gott weiss, an nichts. Da tritt herein die ubergnadige Dame von S.. mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebruteten Ganslein Tochter mit der flachen Brust und niedlichem Schnurleibe, machen en passant ihre hergebrachten, hochadeligen Augen und Naslocher, und wie mir die Nation von Herzen zuwider ist, wollte ich mich eben empfehlen und wartete nur, bis der Graf vom garstigen Gewasche frei ware, als meine Fraulein B.. hereintrat. Da mir das Herz immer ein bisschen aufgeht, wenn ich sie sehe, blieb ich eben, stellte mich hinter ihren Stuhl und bemerkte erst nach einiger Zeit, dass sie mit weniger Offenheit als sonst, mit einiger Verlegenheit mit mir redete. Das fiel mir auf. Ist sie auch wie all das Volk, dacht' ich, und war angestochen und wollte gehen, und doch blieb ich, weil ich sie gerne entschuldigt hatte und es nicht glaubte und noch ein gut Wort von ihr hoffte und was du willst. Unterdessen fullt sich die Gesellschaft. Der Baron F.. mit der ganzen Garderobe von den Kronungszeiten Franz des Ersten her, der Hofrat R.., hier aber in qualitate Herr von R.. genannt, mit seiner tauben Frau etc., den ubel fournierten J.. nicht zu vergessen, der die Lucken seiner altfrankischen Garderobe mit neumodischen Lappen ausflickt, das kommt zu Hauf, und ich rede mit einigen meiner Bekanntschaft, die alle sehr lakonisch sind. Ich dachte und gab nur auf meine B.. acht. Ich merkte nicht, dass die Weiber am Ende des Saales sich in die Ohren flusterten, dass es auf die Manner zirkulierte, dass Frau von S.. mit dem Grafen redete (das alles hat mir Fraulein B.. nachher erzahlt), bis endlich der Graf auf mich losging und mich in ein Fenster nahm. "Sie wissen", sagt' er, "unsere wunderbaren Verhaltnisse; die Gesellschaft ist unzufrieden, merke ich, Sie hier zu sehn. Ich wollte nicht um alles" "Ihro Exzellenz", fiel ich ein, "ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hatte eher dran denken sollen, und ich weiss, Sie vergeben mir diese Inkonsequenz; ich wollte schon vorhin mich empfehlen. Ein boser Genius hat mich zuruckgehalten." setzte ich lachelnd hinzu, indem ich mich neigte. Der Graf druckte meine Hande mit einer Empfindung, die alles sagte. Ich strich mich sacht aus der vornehmen Gesellschaft, ging, setzte mich in ein Kabriolett und fuhr nach M.., dort vom Hugel die Sonne untergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu lesen, wie Ulyss von dem trefflichen Schweinhirten bewirtet wird. Das war alles gut.
Des Abends komm' ich zuruck zu Tische, es waren noch wenige in der Gaststube; die wurfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuch zuruckgeschlagen. Da kommt der ehrliche Adelin hinein, legt seinen Hut nieder, indem er mich ansieht, tritt zu mir und sagt leise: "Du hast Verdruss gehabt?" "Ich?" sagt' ich. "Der Graf hat dich aus der Gesellschaft gewiesen." "Hol' sie der Teufel!" sagt' ich, "mir war's lieb, dass ich in die freie Luft kam." "Gut," sagt' er, "dass du's auf die leichte Achsel nimmst. Nur verdriesst mich's, es ist schon uberall herum." Da fing mich das Ding erst an zu wurmen. Alle, die zu Tisch kamen und mich ansahen, dachte ich, die sehen dich darum an! Das gab boses Blut. Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich bedauert, da ich hore, dass meine Neider nun triumphieren und sagen: da sahe man's, wo es mit den Ubermutigen hinausginge, die sich ihres bisschen Kopfs uberhoben und glaubten, sich darum uber alle Verhaltnisse hinaussetzen zu durfen, und was des Hundegeschwatzes mehr ist da mochte man sich ein Messer ins Herz bohren; denn man rede von Selbstandigkeit was man will, den will ich sehen, der dulden kann, dass Schurken uber ihn reden, wenn sie einen Vorteil uber ihn haben; wenn ihr Geschwatze leer ist, ach da kann man sie leicht lassen.
Am 16. Marz.
Es hetzt mich alles. Heut' treff' ich die Fraulein B.. in der Allee, ich konnte mich nicht enthalten, sie anzureden und ihr, sobald wir etwas entfernt von der Gesellschaft waren, meine Empfindlichkeit uber ihr neuliches Betragen zu zeigen. "O Werther", sagte sie mit einem innigen Tone, "konnten Sie meine Verwirrung so auslegen, da Sie mein Herz kennen? Was ich gelitten habe um Ihrentwillen, von dem Augenblicke an, da ich in den Saal trat! Ich sah alles voraus, hundertmal sass mir's auf der Zunge, es Ihnen zu sagen. Ich wusste, dass die von S.. und T.. mit ihren Mannern eher aufbrechen wurden, als in Ihrer Gesellschaft zu verderben darf, und jetzt der Larm!" "Wie, Fraulein?" sagt' ich und verbarg meinen Schrecken; denn alles, was Adelin mir ehegestern gesagt hatte, lief mir wie siedend Wasser durch die Adern in diesem Augenblicke. "Was hat mich es schon gekostet!" sagte das susse Geschopf, indem ihr die Tranen in den Augen standen. Ich war nicht Herr mehr von mir selbst, war im Begriffe, mich ihr zu Fussen zu werfen. "Erklaren Sie sich!" rief ich. Die Tranen liefen ihr die Wangen herunter. Ich war ausser mir. Sie trocknete sie ab, ohne sie verbergen zu wollen. "Meine Tante kennen Sie," fing sie an, "sie war gegenwartig und hat o, mit was fur Augen hat sie das angesehen! Werther, ich habe gestern nacht ausgestanden und heute fruh eine Predigt uber meinen Umgang mit Ihnen, und ich habe mussen zuhoren Sie herabsetzen, erniedrigen, und konnte und durfte Sie nur halb verteidigen."
Jedes Wort, das sie sprach, ging mir wie ein Schwert durchs Herz. Sie fuhlte nicht, welche Barmherzigkeit es gewesen ware, mir das alles zu verschweigen, und nun fugte sie noch hinzu, was weiter wurde getratscht werden, was eine Art Menschen daruber triumphieren wurde. Wie man sich nunmehr uber die Strafe meines Ubermuts und meiner Geringschatzung anderer, die sie mir schon lange vorwerfen, kitzeln und freuen wurde. Das alles, Wilhelm, von ihr zu horen, mit der Stimme der wahrsten Teilnehmung ich war zerstort und bin noch wutend in mir. Ich wollte, dass sich einer unterstunde, mir's vorzuwerfen, dass ich ihm den Degen durch den Leib stossen konnte; wenn ich Blut sahe, wurde mir's besser werden. Ach, ich hab' hundertmal ein Messer ergriffen, um diesem gedrangten Herzen Luft zu machen. Man erzahlt von einer edlen Art Pferde, die, wenn sie schrecklich erhitzt und aufgejagt sind, sich selbst aus Instinkt eine Ader aufbeissen, um sich zum Atem zu helfen. So ist mir's oft, ich mochte mir eine Ader offnen, die mir die ewige Freiheit schaffte.
Am 24. Marz.
Ich habe meine Entlassung vom Hofe verlangt und werde sie, hoffe ich, erhalten, und ihr werdet mir verzeihen, dass ich nicht erst Erlaubnis dazu bei euch geholt habe. Ich musste nun einmal fort, und was ihr zu sagen hattet, um mir das Bleiben einzureden, weiss ich alles, und also Bringe das meiner Mutter in einem Saftchen bei, ich kann mir selbst nicht helfen, und sie mag sich gefallen lassen, wenn ich ihr auch nicht helfen kann. Freilich muss es ihr wehe tun. Den schonen Lauf, den ihr Sohn gerade zum Geheimenrat und Gesandten ansetzte, so auf einmal Halte zu sehen, und ruckwarts mit dem Tierchen in den Stall! Macht nun Falle, unter denen ich hatte bleiben konnen und sollen; genug, ich gehe, und damit ihr wisst, wo ich hinkomme, so ist hier der Furst **, der vielen Geschmack an meiner Gesellschaft findet; der hat mich gebeten, da er von meiner Absicht horte, mit ihm auf seine Guter zu gehen und den schonen Fruhling da zuzubringen. Ich soll ganz mir selbst gelassen sein, hat er mir versprochen, und da wir uns zusammen bis auf einen gewissen Punkt verstehn, so will ich es denn auf gut Gluck wagen und mit ihm gehen.
Zur Nachricht.
Am 19. April.
Danke fur deine beiden Briefe. Ich antwortete nicht, weil ich dieses Blatt liegen liess, bis mein Abschied vom Hofe da ware; ich furchtete, meine Mutter mochte sich an den Minister wenden und mir mein Vorhaben erschweren. Nun aber ist es geschehen, mein Abschied ist da. Ich mag euch nicht sagen, wie ungern man mir ihn gegeben hat, und was mir der Minister schreibt ihr wurdet in neue Lamentationen ausbrechen. Der Erbprinz hat mir zum Abschiede funfundzwanzig Dukaten geschickt, mit einem Wort, das mich bis zu Tranen geruhrt hat; also brauche ich von der Mutter das Geld nicht, um das ich neulich schrieb.
Am 5. Mai.
Morgen gehe ich von hier ab, und weil mein Geburtsort nur sechs Meilen vom Wege liegt, so will ich den auch wiedersehen, will mich der alten, glucklich vertraumten Tage erinnern. Zu eben dem Tore will ich hinein gehn, aus dem meine Mutter mit mir heraus fuhr, als sie nach dem Tode meines Vaters den lieben, vertraulichen Ort verliess, um sich in ihre unertragliche Stadt einzusperren. Adieu, Wilhelm, du sollst von meinem Zuge horen.
Am 9. Mai.
Ich habe die Wallfahrt nach meiner Heimat mit aller Andacht eines Pilgrims vollendet, und manche unerwarteten Gefuhle haben mich ergriffen. An der grossen Linde, die eine Viertelstunde vor der Stadt nach S.. zu steht, liess ich halten, stieg aus und hiess den Postillon fortfahren, um zu Fusse jede Erinnerung ganz neu, lebhaft, nach meinem Herzen zu kosten. Da stand ich nun unter der Linde, die ehedem, als Knabe, das Ziel und die Grenze meiner Spaziergange gewesen. Wie anders! Damals sehnte ich mich in glucklicher Unwissenheit hinaus in die unbekannte Welt, wo ich fur mein Herz so viele Nahrung, so vielen Genuss hoffte, meinen strebenden, sehnenden Busen auszufullen und zu befriedigen. Jetzt komme ich zuruck aus der weiten Welt o mein Freund, mit wie viel fehlgeschlagenen Hoffnungen, mit wie viel zerstorten Planen! Ich sah das Gebirge vor mir liegen, das tausendmal der Gegenstand meiner Wunsche gewesen war. Stundenlang konnt' ich hier sitzen und mich hinuber sehnen, mit inniger Seele mich in den Waldern, den Talern verlieren, die sich meinen Augen so freundlichdammernd darstellten; und wenn ich dann um die bestimmte Zeit wieder zuruck musste, mit welchem Widerwillen verliess ich nicht den lieben Platz! Ich kam der Stadt naher, alle die alten, bekannten Gartenhauschen wurden von mir gegrusst, die neuen waren mir zuwider, so auch alle Veranderungen, die man sonst vorgenommen hatte. Ich trat zum Tor hinein und fand mich doch gleich und ganz wieder. Lieber, ich mag nicht ins Detail gehn; so reizend, als es mir war, so einformig wurde es in der Erzahlung werden. Ich hatte beschlossen, auf dem Markte zu wohnen, gleich neben unserem alten Hause. Im Hingehen bemerkte ich, dass die Schulstube, wo ein ehrliches altes Weib unsere Kindheit zusammengepfercht hatte, in einen Kramladen verwandelt war. Ich erinnerte mich der Unruhe, der Tranen, der Dumpfheit des Sinnes, der Herzensangst, die ich in dem Loche ausgestanden hatte. Ich tat keinen Schritt, der nicht merkwurdig war. Ein Pilger im heiligen Lande trifft nicht so viele Statten religioser Erinnerungen an, und seine Seele ist schwerlich so voll heiliger Bewegung. Noch eins fur tausend. Ich ging den Fluss hinab, bis an einen gewissen Hof; das war sonst auch mein Weg, und die Platzchen, wo wir Knaben uns ubten, die meisten Sprunge der flachen Steine im Wasser hervorzubringen. Ich erinnerte mich so lebhaft, wenn ich manchmal stand und dem Wasser nachsah, mit wie wunderbaren Ahnungen ich es verfolgte, wie abenteuerlich ich mir die Gegenden vorstellte, wo es nun hinflosse, und wie ich da so bald Grenzen meiner Vorstellungskraft fand; und doch musste das weiter gehen, immer weiter, bis ich mich ganz in dem Anschauen einer unsichtbaren Ferne verlor. Sieh, mein Lieber, so beschrankt und so glucklich waren die herrlichen Altvater! so kindlich ihr Gefuhl, ihre Dichtung! Wenn Ulyss von dem ungemessnen Meer und von der unendlichen Erde spricht, das ist so wahr, menschlich, innig, eng und geheimnisvoll. Was hilft mich's, dass ich jetzt mit jedem Schulknaben nachsagen kann, dass sie rund sei? Der Mensch braucht nur wenige Erdschollen, um drauf zu geniessen, weniger, um drunter zu ruhen.
Nun bin ich hier, auf dem furstlichen Jagdschloss. Es lasst sich noch ganz wohl mit dem Herrn leben, er ist wahr und einfach. Wunderliche Menschen sind um ihn herum, die ich gar nicht begreife. Sie scheinen keine Schelmen und haben doch auch nicht das Ansehen von ehrlichen Leuten. Manchmal kommen sie mir ehrlich vor, und ich kann ihnen doch nicht trauen. Was mir noch leid tut, ist, dass er oft von Sachen redet, die er nur gehort und gelesen hat, und zwar aus eben dem Gesichtspunkte, wie sie ihm der andere vorstellen mochte.
Auch schatzt er meinen Verstand und meine Talente mehr als dies Herz, das doch mein einziger Stolz ist, das ganz allein die Quelle von allem ist, aller Kraft, aller Seligkeit und alles Elendes. Ach, was ich weiss, kann jeder wissen mein Herz habe ich allein.
Am 25. Mai.
Ich hatte etwas im Kopfe, davon ich euch nichts sagen wollte, bis es ausgefuhrt ware: jetzt, da nichts draus wird, ist es ebenso gut. Ich wollte in den Krieg; das hat mir lange am Herzen gelegen. Vornehmlich darum bin ich dem Fursten hierher gefolgt, der General in ***schen Diensten ist. Auf einem Spaziergang entdeckte ich ihm mein Vorhaben; er widerriet mir es, und es musste bei mir mehr Leidenschaft als Grille gewesen sein, wenn ich seinen Grunden nicht hatte Gehor geben wollen.
Am 11. Junius.
Sage was du willst, ich kann nicht langer bleiben. Was soll ich hier? die Zeit wird mir lang. Der Furst halt mich, so gut man nur kann, und doch bin ich nicht in meiner Lage. Wir haben im Grunde nichts gemein mit einander. Er ist ein Mann von Verstande, aber von ganz gemeinem Verstande; sein Umgang unterhalt mich nicht mehr, als wenn ich ein wohl geschriebenes Buch lese. Noch acht Tage bleibe ich, und dann ziehe ich wieder in der Irre herum. Das Beste, was ich hier getan habe, ist mein Zeichnen. Der Furst fuhlt in der Kunst und wurde noch starker fuhlen, wenn er nicht durch das garstige wissenschaftliche Wesen und durch die gewohnliche Terminologie eingeschrankt ware. Manchmal knirsche ich mit den Zahnen, wenn ich ihn mit warmer Imagination an Natur und Kunst herumfuhre und er es auf einmal recht gut zu machen denkt, wenn er mit einem gestempelten Kunstworte dreinstolpert.
Am 16. Junius.
Ja wohl bin ich nur ein Wandrer, ein Waller auf der Erde! Seid ihr denn mehr?
Am 18. Junius.
Wo ich hin will? Das lass dir im Vertrauen eroffnen. Vierzehn Tage muss ich doch noch hier bleiben, und dann habe ich mir weisgemacht, dass ich die Bergwerke im **schen besuchen wollte; ist aber im Grunde nichts dran, ich will nur Lotten wieder naher, das ist alles. Und ich lache uber mein eigenes Herz und tu' ihm seinen Willen.
Am 29. Julius.
Nein, es ist gut! es ist alles gut! Ich ihr Mann! O Gott, der du mich machtest, wenn du mir diese Seligkeit bereitet hattest, mein ganzes Leben sollte ein anhaltendes Gebet sein. Ich will nicht rechten, und verzeihe mir diese Tranen, verzeihe mir meine vergeblichen Wunsche! Sie meine Frau! Wenn ich das liebste Geschopf unter der Sonne in meine Arme geschlossen hatte Es geht mir ein Schauder durch den ganzen Korper, Wilhelm, wenn Albert sie um den schlanken Leib fasst.
Und, darf ich es sagen? Warum nicht, Wilhelm? Sie ware mit mir glucklicher geworden als mit ihm! O er ist nicht der Mensch, die Wunsche dieses Herzens alle zu fullen. Ein gewisser Mangel an Fuhlbarkeit, ein Mangel nimm es, wie du willst; dass sein Herz nicht sympathetisch schlagt bei o! bei der Stelle eines lieben Buches, wo mein Herz und Lottens in einem zusammentreffen; in hundert andern Vorfallen, wenn es kommt, dass unsere Empfindungen uber eine Handlung eines Dritten laut werden. Lieber Wileine Liebe, was verdient die nicht!
Ein unertraglicher Mensch hat mich unterbrochen. Meine Tranen sind getrocknet. Ich bin zerstreut. Adieu, Lieber!
Am 4. August.
Es geht mir nicht allein so. Alle Menschen werden in ihren Hoffnungen getauscht, in ihren Erwartungen betrogen. Ich besuchte mein gutes Weib unter der Linde. Der alteste Junge lief mir entgegen, sein Freudengeschrei fuhrte die Mutter herbei, die sehr niedergeschlagen aussah. Ihr erstes Wort war: "Guter Herr, ach, mein Hans ist mir gestorben!" Es war der jungste ihrer Knaben. Ich war stille. "Und mein Mann", sagte sie, "ist aus der Schweiz zuruck und hat nichts mitgebracht, und ohne gute Leute hatte er sich heraus betteln mussen, er hatte das Fieber unterwegs gekriegt." Ich konnte ihr nichts sagen und schenkte dem Kleinen was; sie bat mich, einige Apfel anzunehmen, das ich tat und den Ort des traurigen Andenkens verliess.
Am 21. August.
Wie man eine Hand umwendet, ist es anders mit mir. Manchmal will wohl ein freudiger Blick des Lebens wieder aufdammern, ach, nur fur einen Augenblick! Wenn ich mich so in Traumen verliere, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren: wie, wenn Albert sturbe? Du wurdest! ja, sie wurde und dann laufe ich dem Hirngespinste nach, bis es mich an Abgrunde fuhret, vor denen ich zuruckbebe.
Wenn ich zum Tor hinausgehe, den Weg, den ich zum erstenmal fuhr, Lotten zum Tanze zu holen, wie war das so ganz anders! Alles, alles ist vorubergegangen! Kein Wink der vorigen Welt, kein Pulsschlag meines damaligen Gefuhles. Mir ist es, wie es einem Geiste sein musste, der in das ausgebrannte, zerstorte Schloss zuruckkehrte, das er als bluhender Furst einst gebaut und mit allen Gaben der Herrlichkeit ausgestattet, sterbend seinem geliebten Sohne hoffnungsvoll hinterlassen hatte.
Am 3. September.
Ich begreife manchmal nicht, wie sie ein anderer lieb haben kann, lieb haben darf, da ich sie so ganz allein, so innig, so voll liebe, nichts anders kenne, noch weiss, noch habe als sie!
Am 4. September.
Ja, es ist so. Wie die Natur sich zum Herbste neigt, wird es Herbst in mir und um mich her. Meine Blatter werden gelb, und schon sind die Blatter der benachbarten Baume abgefallen. Hab' ich dir nicht einmal von einem Bauerburschen geschrieben, gleich da ich herkam? Jetzt erkundigte ich mich wieder nach ihm in Wahlheim; es hiess, er sei aus dem Dienste gejagt worden, und niemand wollte was weiter von ihm wissen. Gestern traf ich ihn von ungefahr auf dem Wege nach einem andern Dorfe, ich redete ihn an, und er erzahlte mir seine Geschichte, die mich doppelt und dreifach geruhrt hat, wie du leicht begreifen wirst, wenn ich dir sie wiedererzahle. Doch wozu das alles? warum behalt' ich nicht fur mich, was mich angstigt und krankt? warum betrub' ich noch dich? warum geb' ich dir immer Gelegenheit, mich zu bedauern und mich zu schelten? Sei's denn, auch das mag zu meinem Schicksal gehoren!
Mit einer stillen Traurigkeit, in der ich ein wenig scheues Wesen zu bemerken schien, antwortete der Mensch mir erst auf meine Fragen; aber gar bald offner, als wenn er sich und mich auf einmal wiedererkennte, gestand er mir seine Fehler, klagte er mir sein Ungluck. Konnt' ich dir, mein Freund, jedes seiner Worte vor Gericht stellen! Er bekannte, ja er erzahlte mit einer Art von Genuss und Gluck der Wiedererinnerung, dass die Leidenschaft zu seiner Hausfrau sich in ihm tagtaglich vermehrt, dass er zuletzt nicht gewusst habe, was er tue, nicht, wie er sich ausdruckte, wo er mit dem Kopfe hingesollt. Er habe weder essen noch trinken noch schlafen konnen, es habe ihm an der Kehle gestockt, er habe getan, was er nicht tun sollen; was ihm aufgetragen worden, hab' er vergessen, er sei als wie von einem bosen Geist verfolgt gewesen, bis er eines Tages, als er sie in einer obern Kammer gewusst, ihr nachgegangen, ja vielmehr ihr nachgezogen worden sei; da sie seinen Bitten kein Gehor gegeben, hab' er sich ihrer mit Gewalt bemachtigen wollen; er wisse nicht, wie ihm geschehen sei, und nehme Gott zum Zeugen, dass seine Absichten gegen sie immer redlich gewesen, und dass er nichts sehnlicher gewunscht, als dass sie ihn heiraten, dass sie mit ihm ihr Leben zubringen mochte. Da er eine Zeitlang geredet hatte, fing er an zu stocken, wie einer, der noch etwas zu sagen hat und sich es nicht herauszusagen getraut; endlich gestand er mir auch mit Schuchternheit, was sie ihm fur kleine Vertraulichkeiten erlaubt, und welche Nahe sie ihm vergonnet. Er brach zwei , dreimal ab und wiederholte die lebhaftesten Protestationen, dass er das nicht sage, um sie schlecht zu machen, wie er sich ausdruckte, dass er sie liebe und schatze wie vorher, dass so etwas nicht uber seinen Mund gekommen sei und dass er es mir nur sage, um mich zu uberzeugen, dass er kein ganz verkehrter und unsinniger Mensch sei. Und hier, mein Bester, fang' ich mein altes Lied wieder an, das ich ewig anstimmen werde: Konnt' ich dir den Menschen vorstellen, wie er vor mir stand, wie er noch vor mir steht! Konnt' ich dir alles recht sagen, damit du fuhltest, wie ich an seinem Schicksale teilnehme, teilnehmen muss! Doch genug, da du auch mein Schicksal kennst, auch mich kennst, so weisst du nur zu wohl, was mich zu allen Unglucklichen, was mich besonders zu diesem Unglucklichen hinzieht.
Da ich das Blatt wieder durchlese, seh' ich, dass ich das Ende der Geschichte zu erzahlen vergessen habe, das sich aber leicht hinzudenken lasst. Sie erwehrte sich sein; ihr Bruder kam dazu, der ihn schon lange gehasst, der ihn schon lange aus dem Hause gewunscht hatte, weil er furchtet, durch eine neue Heirat der Schwester werde seinen Kindern die Erbschaft entgehn, die ihnen jetzt, da sie kinderlos ist, schone Hoffnungen gibt; dieser habe ihn gleich zum Hause hinausgestossen und einen solchen Larm von der Sache gemacht, dass die Frau, auch selbst wenn sie gewollt, ihn nicht wieder hatte aufnehmen konnen. Jetzt habe sie wieder einen andern Knecht genommen, auch uber den, sage man, sei sie mit dem Bruder zerfallen, und man behaupte fur gewiss, sie werde ihn heiraten, aber er sei fest entschlossen, das nicht zu erleben.
Was ich dir erzahle, ist nicht ubertrieben, nichts verzartelt, ja ich darf wohl sagen, schwach, schwach hab' ich's erzahlt, und vergrobert hab' ich's, indem ich's mit unsern hergebrachten sittlichen Worten vorgetragen habe.
Diese Liebe, diese Treue, diese Leidenschaft ist also keine dichterische Erfindung. Sie lebt, sie ist in ihrer grossten Reinheit unter der Klasse von Menschen, die wir ungebildet, die wir roh nennen. Wir Gebildeten zu Nichts Verbildeten! Lies die Geschichte mit Andacht, ich bitte dich. Ich bin heute still, indem ich das hinschreibe; du siehst an meiner Hand, dass ich nicht so strudele und sudele wie sonst. Lies, mein Geliebter, und denke dabei, dass es auch die Geschichte deines Freundes ist. Ja so ist mir's gegangen, so wird mir's gehn, und ich bin nicht halb so brav, nicht halb so entschlossen als der arme Ungluckliche, mit dem ich mich zu vergleichen mich fast nicht getraue.
Am 5. September.
Sie hatte ein Zettelchen an ihren Mann aufs Land geschrieben, wo er sich Geschafte wegen aufhielt. Es fing an: "Bester, Liebster, komme, sobald du kannst, ich erwarte dich mit tausend Freuden." Ein Freund, der hereinkam, brachte Nachricht, dass er wegen gewisser Umstande so bald noch nicht zuruckkehren wurde. Das Billett blieb liegen und fiel mir abends in die Hande. Ich las es und lachelte; sie fragte woruber? "Was die Einbildungskraft fur ein gottliches genblick vorspiegeln, als ware es an mich geschrieben." Sie brach ab, es schien ihr zu missfallen, und ich schwieg.
Am 6. September.
Es hat schwer gehalten, bis ich mich entschloss, meinen blauen einfachen Frack, in dem ich mit Lotten zum erstenmale tanzte, abzulegen, er ward aber zuletzt gar unscheinbar. Auch habe ich mir einen machen lassen ganz wie den vorigen, Kragen und Aufschlag, und auch wieder so gelbe Weste und Beinkleider dazu.
Ganz will es doch die Wirkung nicht tun. Ich weiss nicht. Ich denke, mit der Zeit soll mir der auch lieber werden.
Am 12. September.
Sie war einige Tage verreist, Alberten abzuholen. Heute trat ich in ihre Stube, sie kam mir entgegen, und ich kusste ihre Hand mit tausend Freuden.
Ein Kanarienvogel flog von dem Spiegel ihr auf die Schulter. "Einen neuen Freund," sagte sie und lockte ihn auf ihre Hand, "er ist meinen Kleinen zugedacht. Er tut gar zu lieb! Sehen Sie ihn! Wenn ich ihm Brot gebe, flattert er mit den Flugeln und pickt so artig. Er kusst mich auch, sehen Sie!"
Als sie dem Tierchen den Mund hinhielt, druckte es sich so lieblich in die sussen Lippen, als wenn es die Seligkeit hatte fuhlen konnen, die es genoss.
"Er soll Sie auch kussen." sagte sie und reichte den Vogel heruber. Das Schnabelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen, und die pickende Beruhrung war wie ein Hauch, eine Ahnung liebevollen Genusses.
"Sein Kuss", sagte ich, "ist nicht ganz ohne Begierde, er sucht Nahrung und kehrt unbefriedigt von der leeren Liebkosung zuruck."
"Er isst mir auch aus dem Munde." sagte sie. Sie reichte ihm einige Brosamen mit ihren Lippen, aus denen die Freuden unschuldig teilnehmender Liebe in aller Wonne lachelten.
Ich kehrte das Gesicht weg. Sie sollte es nicht tun, sollte nicht meine Einbildungskraft mit diesen Bildern himmlischer Unschuld und Seligkeit reizen und mein Herz aus dem Schlafe, in den es manchmal die Gleichgultigkeit des Lebens wiegt, nicht wecken! Und warum nicht? Sie traut mir so! sie weiss, wie ich sie liebe!
Am 15. September.
Man mochte rasend werden, Wilhelm, dass es Menschen geben soll ohne Sinn und Gefuhl an dem wenidie Nussbaume, unter denen ich bei dem ehrlichen Pfarrer zu St.. mit Lotten gesessen, die herrlichen Nussbaume, die mich, Gott weiss, immer mit dem grossten Seelenvergnugen fullten! Wie vertraulich sie den Pfarrhof machten, wie kuhl! und wie herrlich die Aste waren! Und die Erinnerung bis zu den ehrlichen Geistlichen, die sie vor vielen Jahren pflanzten. Der Schulmeister hat uns den einen Namen oft genannt, den er von seinem Grossvater gehort hatte; und so ein braver Mann soll er gewesen sein, und sein Andenken war immer heilig unter den Baumen. Ich sage dir, dem Schulmeister standen die Tranen in den Augen, da wir gestern davon redeten, dass sie abgehauen worden abgehauen! Ich mochte toll werden, ich konnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat. Ich, der ich mich vertrauern konnte, wenn so ein paar Baume in meinem Hofe stunden und einer davon sturbe vor Alter ab, ich muss zusehen. Lieber Schatz, eins ist doch dabei: Was Menschengefuhl ist! Das ganze Dorf murrt, und ich hoffe, die Frau Pfarrerin soll es an Butter und Eiern und ubrigem Zutrauen spuren, was fur eine Wunde sie ihrem Orte gegeben hat. Denn sie ist es, die Frau des neuen Pfarrers (unser alter ist auch gestorben), ein hageres, krankliches Geschopf, das sehr Ursache hat, an der Welt keinen Anteil zu nehmen, denn niemand nimmt Anteil an ihr. Eine Narrin, die sich abgibt, gelehrt zu sein, sich in die Untersuchung des Kanons meliert, gar viel an der neumodischen, moralisch kritischen Reformation des Christentumes arbeitet und uber Lavaters Schwarmereien die Achseln zuckt, eine ganz zerruttete Gesundheit hat und deswegen auf Gottes Erdboden keine Freude. So einer Kreatur war es auch allein moglich, meine Nussbaume abzuhauen. Siehst du, ich komme nicht zu mir! Stelle dir vor: die abfallenden Blatter machen ihr den Hof unrein und dumpfig, die Baume nehmen ihr das Tageslicht, und wenn die Nusse reif sind, so werfen die Knaben mit Steinen darnach, und das fallt ihr auf die Nerven, das stort sie in ihren tiefen Uberlegungen, wenn sie Kennikot, Semler und Michaelis gegen einander abwiegt. Da ich die Leute im Dorfe, besonders die alten, so unzufrieden sah, sagte ich: "Warum habt ihr es gelitten?" "Wenn der Schulze will, hier zu Lande," sagten sie, "was kann man machen?" Aber eins ist recht geschehen. Der Schulze und der Pfarrer, der doch auch von seiner Frauen Grillen, die ihm ohnedies die Suppen nicht fett machen, was haben wollte, dachten es mit einander zu teilen; da erfuhr es die Kammer und sagte: "Hier herein!" Denn sie hatte noch alte Pratensionen an den Teil des Pfarrhofes, wo die Baume standen, und verkaufte sie an den Meistbietenden. Sie liegen! O, wenn ich Furst ware! Ich wollte die Pfarrerin, den Schulzen und die Kammer Furst! Ja wenn ich Furst ware, was kummerten mich die Baume in meinem Lande!
Am 10. Oktober.
Wenn ich nur ihre schwarzen Augen sehe, ist mir es schon wohl! Sieh, und was mich verdriesst, ist, dass Albert nicht so begluckt zu sein scheinet, als er hoffte als ich zu sein glaubte wenn Ich mache nicht gern Gedankenstriche, aber hier kann ich mich nicht anders ausdrucken und mich dunkt deutlich genug.
Am 12. Oktober.
Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrangt. Welch eine Welt, in die der Herrliche mich fuhrt! Zu wandern uber die Heide, umsaust vom Sturmwinde, der in dampfenden Nebeln die Geister der Vater im dammernden Lichte des Mondes hinfuhrt. Zu horen vom Gebirge her, im Gebrulle des Waldstroms, halb verwehtes Achzen der Geister aus ihren Hohlen, und die Wehklagen des zu Tode sich jammernden Madchens, um die vier moosbedeckten, grasbewachsenen Steine des Edelgefallnen, ihres Geliebten. Wenn ich ihn dann finde, den wandelnden grauen Barden, der auf der weiten Heide die Fussstapfen seiner Vater sucht und, ach, ihre Grabsteine findet und dann jammernd nach dem lieben Sterne des Abends hinblickt, der sich ins rollende Meer verbirgt, und die Zeiten der Vergangenheit in des Helden Seele lebendig werden, da noch der freundliche Strahl den Gefahren der Tapferen leuchtete und der Mond ihr bekranztes, siegruckkehrendes Schiff beschien. Wenn ich den tiefen Kummer auf seiner Stirn lese, den letzten verlassenen Herrlichen in aller Ermattung dem Grabe zuwanken sehe, wie er immer neue, schmerzlich gluhende Freuden in der kraftlosen Gegenwart der Schatten seiner Abgeschiedenen einsaugt und nach der kalten Erde, dem hohen, wehenden Grase niedersieht und ausruft: "Der Wanderer wird kommen, kommen, der mich kannte in meiner Schonheit, und fragen: 'Wo ist der Sanger, Fingals trefflicher Sohn?' Sein Fusstritt geht uber mein Grab hin, und er fragt vergebens nach mir auf der Erde." O Freund! ich mochte gleich einem edlen Waffentrager das Schwert ziehen, meinen Fursten von der zuckenden Qual des langsam absterbenden Lebens auf einmal befreien und dem befreiten Halbgott meine Seele nachsenden.
Am 19. Oktober.
Ach diese Lucke! diese entsetzliche Lucke, die ich hier in meinem Busen fuhle! Ich denke oft, wenn du sie nur einmal, nur einmal an dieses Herz drucken konntest, diese ganze Lucke wurde ausgefullt sein.
Am 26. Oktober.
Ja es wird mir gewiss, Lieber, gewiss und immer gewisser, dass an dem Dasein eines Geschopfes wenig gelegen ist, ganz wenig. Es kam eine Freundin zu Lotten, und ich ging herein ins Nebenzimmer, ein Buch zu nehmen, und konnte nicht lesen, und dann nahm ich eine Feder, zu schreiben. Ich horte sie leise reden; sie erzahlten einander unbedeutende Sachen, Stadtneuigkeiten: Wie diese heiratet, wie jene krank, sehr krank ist. "Sie hat einen trocknen Husten, die Knochen stehn ihr zum Gesichte heraus, und kriegt Ohnmachten; ich gebe keinen Kreuzer fur ihr Leben." sagte die eine. "Der N. N. ist auch so ubel dran." sagte Lotte. "Er ist schon geschwollen." sagte die andere. Und meine lebhafte Einbildungskraft versetzte mich ans Bett dieser Armen; ich sah sie, mit welchem Widerwillen sie dem Leben den Rucken wandten, wie sie Wilhelm! und meine Weibchen redeten davon, wie man eben davon redet dass ein Fremder stirbt. Und wenn ich mich umsehe und sehe das Zimmer an, und rings um mich Lottens Kleider und Alberts Skripturen und diese Mobeln, denen ich nun so befreundet bin, sogar diesem Dintenfass, und denke: Siehe, was du nun diesem Hause bist! Alles in allem. Deine Freunde ehren dich! Du machst wenn es ohne sie nicht sein konnte; und doch wenn du nun gingst, wenn du aus diesem Kreise schiedest? wurden sie, wie lange wurden sie die Lucke fuhlen, die dein Verlust in ihr Schicksal reisst? wie lange? O, so verganglich ist der Mensch, dass er auch da, wo er seines Daseins eigentliche Gewissheit hat, da, wo er den einzigen wahren Eindruck seiner Gegenwart macht, in dem Andenken, in der Seele seiner Lieben, dass er auch da verloschen, verschwinden muss, und das so bald!
Am 27. Oktober.
Ich mochte mir oft die Brust zerreissen und das Gehirn einstossen, dass man einander so wenig sein kann. Ach die Liebe, Freude, Warme und Wonne, die ich nicht hinzubringe, wird mir der andere nicht geben, und mit einem ganzen Herzen voll Seligkeit werde ich den andern nicht beglucken, der kalt und kraftlos vor mir steht.
Am 27. Oktober abends.
Ich habe so viel, und die Empfindung an ihr verschlingt alles; ich habe so viel, und ohne sie wird mir alles zu Nichts.
Am 30. Oktober.
Wenn ich nicht schon hundertmal auf dem Punkte gestanden bin, ihr um den Hals zu fallen! Weiss der grosse Gott, wie einem das tut, so viele Liebenswurdigkeit vor einem herumkreuzen zu sehen und nicht zugreifen zu durfen; und das Zugreifen ist doch der naturlichste Trieb der Menschheit. Greifen die Kinder nicht nach allem, was ihnen in den Sinn fallt? Und ich?
Am 3. November.
Weiss Gott! ich lege mich so oft zu Bette mit dem Wunsche, ja manchmal mit der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen: und morgens schlage ich die Augen auf, sehe die Sonne wieder, und bin elend. O dass ich launisch sein konnte, konnte die Schuld aufs Wetter, auf einen Dritten, auf eine fehlgeschlagene Unternehmung schieben, so wurde die unertragliche Last des Unwillens doch nur halb auf mir ruhen. Wehe mir! ich fuhle zu wahr, dass an mir allein alle Schuld liegt nicht Schuld! Genug, dass in mir die Quelle alles Elendes verborgen ist, wie ehemals die Quelle aller Seligkeiten. Bin ich nicht noch ebenderselbe, der ehemals in aller Fulle der Empfindung herumschwebte, dem auf jedem Tritte ein Paradies folgte, der ein Und dies Herz ist jetzt tot, aus ihm fliessen keine Entzuckungen mehr, meine Augen sind trocken, und meine Sinne, die nicht mehr von erquickenden Tranen gelabt werden, ziehen angstlich meine Stirn zusammen. Ich leide viel, denn ich habe verloren, was meines Lebens einzige Wonne war, die heilige, belebende Kraft, mit der ich Welten um mich schuf; sie ist dahin! Wenn ich zu meinem Fenster hinaus an den fernen Hugel sehe, wie die Morgensonne uber ihn her den Nebel durchbricht und den stillen Wiesengrund bescheint, und der sanfte Fluss zwischen seinen entblatterten Weiden zu mir herschlangelt, o! wenn da diese herrliche Natur so starr vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen, und alle die Wonne keinen Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das Gehirn pumpen kann, und der ganze Kerl vor Gottes Angesicht steht wie ein versiegter Brunnen, wie ein verlechter Eimer. Ich habe mich oft auf den Boden geworfen und Gott um Tranen gebeten, wie ein Ackersmann um Regen, wenn der Himmel ehern uber ihm ist und um ihn die Erde verdurstet.
Aber, ach, ich fuhle es, Gott gibt Regen und Sonnenschein nicht unserm ungestumen Bitten, und jene Zeiten, deren Andenken mich qualt, warum waren sie so selig, als weil ich mit Geduld seinen Geist erwartete und die Wonne, die er uber mich ausgoss, mit ganzem, innig dankbarem Herzen aufnahm!
Am 8. November.
Sie hat mir meine Exzesse vorgeworfen! Ach, mit so viel Liebenswurdigkeit! Meine Exzesse, dass ich mich manchmal von einem Glase Wein verleiten lasse, eine Bouteille zu trinken. "Tun Sie es nicht!" sagte sie, "denken Sie an Lotten!" "Denken!" sagte ich, "brauchen Sie mir das zu heissen? Ich denke! ich denke nicht! Sie sind immer vor meiner Seele. Heute sass ich an dem Flecke, wo Sie neulich aus der Kutsche stiegen..." Sie redete was anders, um mich nicht tiefer in den Text kommen zu lassen. Bester, ich bin dahin! sie kann mit mir machen, was sie will.
Am 15. November.
Ich danke dir, Wilhelm, fur deinen herzlichen Anteil, fur deinen wohlmeinenden Rat und bitte dich, ruhig zu sein. Lass mich ausdulden, ich habe bei aller meiner Mudseligkeit noch Kraft genug durchzusetzen. Ich ehre die Religion, das weisst du, ich fuhle, dass sie manchem Ermatteten Stab, manchem Verschmachtenden Erquickung ist. Nur kann sie denn, muss sie denn das einem jeden sein? Wenn du die grosse Welt ansiehst, so siehst du Tausende, denen sie es nicht war, Tausende, denen sie es nicht sein wird, gepredigt oder ungepredigt, und muss sie mir es denn sein? Sagt nicht selbst der Sohn Gottes, dass die um ihn sein wurden, die ihm der Vater gegeben hat? Wenn ich ihm nun nicht gegeben bin? Wenn mich nun der Vater fur sich behalten will, wie mir mein Herz sagt? Ich bitte dich, lege das nicht falsch aus; sieh nicht etwa Spott in diesen unschuldigen Worten; es ist meine ganze Seele, die ich dir vorlege; sonst wollte ich lieber, ich hatte geschwiegen: wie ich denn uber alles das, wovon jedermann so wenig weiss als ich, nicht gern ein Wort verliere. Was ist es anders als Menschenschicksal, sein Mass auszuleiden, seinen Becher auszutrinken? Und ward der Kelch dem Gott vom Himmel auf seiner Menschenlippe zu bitter, warum soll ich grosstun und mich stellen, als schmeckte er mir suss? Und warum sollte ich mich schamen, in dem schrecklichen Augenblick, da mein ganzes Wesen zwischen Sein und Nichtsein zittert, da die Vergangenheit wie ein Blitz uber dem finstern Abgrunde der Zukunft leuchtet und alles um mich her versinkt und mit mir die Welt untergeht? Ist es da nicht die Stimme der ganz in sich gedrangten, sich selbst ermangelnden und unaufhaltsam hinabsturzenden Kreatur, in den innern Tiefen ihrer vergebens aufarbeitenden Krafte zu knirschen: "Mein Gott! mein Gott! warum hast du mich verlassen?" Und sollt' ich mich des Ausdruckes schamen, sollte mir es vor dem Augenblicke bange sein, da ihm der nicht entging, der die Himmel zusammenrollt wie ein Tuch?
Am 21. November.
Sie sieht nicht, sie fuhlt nicht, dass sie ein Gift bereitet, das mich und sie zugrunde richten wird; und ich mit voller Wollust schlurfe den Becher aus, den sie mir zu meinem Verderben reicht. Was soll der gutige Blick, mit dem sie mich oft oft? nein, nicht oft, aber doch manchmal ansieht, die Gefalligkeit, womit sie einen unwillkurlichen Ausdruck meines Gefuhls aufnimmt, das Mitleiden mit meiner Duldung, das sich auf ihrer Stirne zeichnet?
Gestern, als ich wegging, reichte sie mir die Hand und sagte: "Adieu, lieber Werther!" Lieber Werther! Es war das erstemal, dass sie mich Lieber hiess, und es ging mir durch Mark und Bein. Ich habe es mir hundertmal wiederholt, und gestern nacht, da ich zu Bette gehen wollte und mit mir selbst allerlei schwatzte, sagte ich so auf einmal: "Gute Nacht, lieber Werther!" und musste hernach selbst uber mich lachen.
Am 22. November.
Ich kann nicht beten: "Lass mir sie!" und doch kommt sie mir oft als die Meine vor. Ich kann nicht beten: "Gib mir sie!" Denn sie ist eines andern. Ich witzle mich mit meinen Schmerzen herum; wenn ich mir's nachliesse, es gabe eine ganze Litanei von Antithesen.
Am 24. November.
Sie fuhlt, was ich dulde. Heute ist mir ihr Blick tief durchs Herz gedrungen. Ich fand sie allein; ich sagte nichts, und sie sah mich an. Und ich sah nicht mehr in ihr die liebliche Schonheit, nicht mehr das Leuchten des trefflichen Geistes, das war alles vor meinen Augen verschwunden. Ein weit herrlicherer Blick wirkte auf mich, voll Ausdruck des innigsten Anteils, des sussesten Mitleidens. Warum durft' ich mich nicht ihr zu Fussen werfen? warum durft' ich nicht an ihrem Halse mit tausend Kussen antworten? Sie nahm ihre Zuflucht zum Klavier und hauchte mit susser, leiser Stimme harmonische Laute zu ihrem Spiele. Nie habe ich ihre Lippen so reizend gesehn; es war, als wenn sie sich lechzend offneten, jene sussen Tone in sich zu schlurfen, die aus dem Instrument hervorquollen, und nur der heimliche Widerschall aus dem reinen Munde zuruckklange Ja wenn ich dir das so sagen konnte! Ich widerstand nicht langer, neigte mich und schwur: Nie will ich es wagen, einen Kuss euch aufzudrucken, Lippen, auf denen die Geister des Himmels schweben. Und doch ich will Ha! siehst du, das steht wie eine Scheidewand vor meiner Seele diese zubussen Sunde?
Am 26. November.
Manchmal sag' ich mir: Dein Schicksal ist einzig; preise die ubrigen glucklich so ist noch keiner gequalt worden. Dann lese ich einen Dichter der Vorzeit, und es ist mir, als sah' ich in mein eignes Herz. Ich habe so viel auszustehen! Ach, sind denn Menschen vor mir schon so elend gewesen?
Am 30. November.
Ich soll, ich soll nicht zu mir selbst kommen! Wo ich hintrete, begegnet mir eine Erscheinung, die mich aus aller Fassung bringt. Heute! o Schicksal! o Menschheit!
Ich gehe an dem Wasser hin in der Mittagsstunde, ich hatte keine Lust zu essen. Alles war ode, ein nasskalter Abendwind blies vom Berge, und die grauen Regenwolken zogen das Tal hinein. Von fern seh' ich einen Menschen in einem grunen, schlechten Rocke, der zwischen den Felsen herumkrabbelte und Krauter zu suchen schien. Als ich naher zu ihm kam und er sich auf das Gerausch, das ich machte, herumdrehte, sah ich eine gar interessante Physiognomie, darin eine stille Trauer den Hauptzug machte, die aber sonst nichts als einen geraden guten Sinn ausdruckte; seine schwarzen Haare waren mit Nadeln in zwei Rollen gesteckt, und die ubrigen in einen starken Zopf geflochten, der ihm den Rucken herunter hing. Da mir seine Kleidung einen Menschen von geringem Stande zu bezeichnen schien, glaubte ich, er wurde es nicht ubelnehmen, wenn ich auf seine Beschaftigung aufmerksam ware, und daher fragte ich ihn, was er suchte? "Ich suche", antwortete er mit einem tiefen Seufzer, "Blumen und finde keine." "Das ist auch die Jahrszeit nicht." sagte ich lachelnd. "Es gibt so viele Blumen." sagte er, indem er zu mir herunterkam. "In meinem Garten sind Rosen und Jelangerjelieber zweierlei Sorten, eine hat mir mein Vater gegeben, sie wachsen wie Unkraut; ich suche schon zwei Tage darnach und kann sie nicht finden. Da haussen sind auch immer Blumen, gelbe und blaue und rote, und das Tausendguldenkraut hat ein schones Blumchen. Keines kann ich finden." Ich merkte was Unheimliches, und drum fragte ich durch einen Umweg: "Was will Er denn mit den Blumen?" Ein wunderbares, zukkendes Lacheln verzog sein Gesicht. "Wenn Er mich nicht verraten will," sagte er, indem er den Finger auf den Mund druckte, "ich habe meinem Schatz einen Strauss versprochen." "Das ist brav." sagte ich. "O!" sagte er, "sie hat viel andere Sachen, sie ist reich." "Und doch hat sie Seinen Strauss lieb." versetzte ich. "O!" fuhr er fort, "sie hat Juwelen und eine Krone." "Wie heisst sie denn?" "Wenn mich die Generalstaaten bezahlen wollten," versetzte er, "ich war' ein anderer Mensch! Ja, es war einmal eine Zeit, da mir es so wohl war! Jetzt ist es aus mit mir. Ich bin nun... " Ein nasser Blick zum Himmel druckte alles aus. "Er war also glucklich?" fragte ich. "Ach ich wollte, ich ware wieder so!" sagte er. "Da war mir es so wohl, so lustig, so leicht wie einem Fisch im Wasser!" "Heinrich!" rief eine alte Frau, die den Weg herkam, "Heinrich, wo steckst du? Wir haben dich uberall gesucht, komm zum Essen." "Ist das Euer Sohn?" fragt' ich, zu ihr tretend. "Wohl, mein armer Sohn!" versetzte sie. "Gott hat mir ein schweres Kreuz aufgelegt." "Wie lange ist er so?" fragte ich. "So stille", sagte sie, "ist er nun ein halbes Jahr. Gott sei Dank, dass er nur so weit ist, vorher war er ein ganzes Jahr rasend, da hat er an Ketten im Tollhause gelegen. Jetzt tut er niemand nichts, nur hat er immer mit Konigen und Kaisern zu schaffen. Er war ein so guter, stiller Mensch, der mich ernahren half, seine schone Hand schrieb, und auf einmal wird er tiefsinnig, fallt in ein hitziges Fieber, daraus in Raserei, und nun ist er, wie Sie ihn sehen. Wenn ich Ihnen erzahlen sollte, Herr... " Ich unterbrach den Strom ihrer Worte mit der Frage: "Was war denn das fur eine Zeit, von der er ruhmt, dass er so glucklich, so wohl darin gewesen sei?" "Der torichte Mensch!" rief sie mit mitleidigem Lacheln, "da meint er die Zeit, da er von sich war, das ruhmt er immer; das ist die Zeit, da er im Tollhause war, wo er nichts von sich wusste." Das fiel mir auf wie ein Donnerschlag, ich druckte ihr ein Stuck Geld in die Hand und verliess sie eilend.
Da du glucklich warst! rief ich aus, schnell vor mich hin nach der Stadt zu gehend, da dir es wohl war wie einem Fisch im Wasser! Gott im Himmel! hast du das zum Schicksale der Menschen gemacht, dass sie nicht glucklich sind, als ehe sie zu ihrem Verstande kommen und wenn sie ihn wieder verlieren! Elender! und auch wie beneide ich deinen Trubsinn, die Verwirrung deiner Sinne, in der du verschmachtest! Du gehst hoffnungsvoll aus, deiner Konigin Blumen zu pflucken im Winter und trauerst, da du keine findest, und begreifst nicht, warum du keine finden kannst. Und ich und ich gehe ohne Hoffnung, ohne Zweck heraus und kehre wieder heim, wie ich gekommen bin. Du wahnst, welcher Mensch du sein wurdest, wenn die Generalstaaten dich bezahlten. Seliges Geschopf, das den Mangel seiner Gluckseligkeit einer irdischen Hindernis zuschreiben kann! Du fuhlst nicht, du fuhlst nicht, dass in deinem zerstorten Herzen, in deinem zerrutteten Gehirne dein Elend liegt, wovon alle Konige der Erde dir nicht helfen konnen.
Musse der trostlos umkommen, der eines Kranken spottet, der nach der entferntesten Quelle reist, die seine Krankheit vermehren, sein Ausleben schmerzhafter machen wird! der sich uber das bedrangte Herz erhebt, das, um seine Gewissensbisse loszuwerden und die Leiden seiner Seele abzutun, eine Pilgrimschaft nach dem heiligen Grabe tut. Jeder Fusstritt, der seine Sohlen auf ungebahntem Wege durchschneidet, ist ein Linderungstropfen der geangsteten Seele, und mit jeder ausgedauerten Tagereise legt sich das Herz um viele Bedrangnisse leichter nieder. Und durft ihr das Wahn nennen, ihr Wortkramer auf euren Polstern? Wahn! O Gott! du siehst meine Tranen! Musstest du, der du den Menschen arm genug erschufst, ihm auch Bruder zugeben, die ihm das bisschen Armut, das bisschen Vertrauen noch raubten, das er auf dich hat, auf dich, du All liebender! Denn das Vertrauen zu einer heilenden Wurzel, zu den Tranen des Weinstockes, was ist es als Vertrauen zu dir, dass du in alles, was uns umgibt, Heil und Linderungskraft gelegt hast, der wir so stundlich bedurfen? Vater, den ich nicht kenne! Vater, der sonst meine ganze Seele fullte und nun sein Angesicht von mir gewendet hat, rufe mich zu dir! Schweige nicht langer! Dein Schweigen wird diese durstende Seele nicht aufhalten Und wurde ein Mensch, ein Vater, zurnen konnen, dem sein unvermutet ruckkehrender Sohn um den Hals fiele und riefe: "Ich bin wieder da, mein Vater! Zurne nicht, dass ich die Wanderschaft abbreche, die ich nach deinem Willen langer aushalten sollte. Die Welt ist uberall einerlei, auf Muhe und Arbeit Lohn und Freude; aber was soll mir das? mir ist nur wohl, wo du bist, und vor deinem Angesichte will ich leiden und geniessen." Und du, lieber himmlischer Vater, solltest ihn von dir weisen?
Am 1. Dezember.
Wilhelm! Der Mensch, von dem ich dir schrieb, der gluckliche Ungluckliche, war Schreiber bei Lottens Vater, und eine Leidenschaft zu ihr, die er nahrte, verbarg, entdeckte und woruber er aus dem Dienst geschickt wurde hat ihn rasend gemacht. Fuhle bei diesen trocknen Worten, mit welchem Unsinne mich die Geschichte ergriffen hat, da mir sie Albert ebenso gelassen erzahlte, als du sie vielleicht liesest.
Am 4. Dezember.
Ich bitte dich Siehst du, mit mir ist's aus, ich trag' es nicht langer! Heute sass ich bei ihr sass, sie spielte auf ihrem Klavier, mannigfaltige Melodien, und all den Ausdruck! all! all! Was willst du? Ihr Schwesterchen putzte ihre Puppe auf meinem Knie. Mir kamen die Tranen in die Augen. Ich neigte mich, und ihr Trauring fiel mir ins Gesicht meine Tranen flossen Und auf einmal fiel sie in die alte, himmelsusse Melodie ein, so auf einmal, und mir durch die Seele gehn ein Trostgefuhl und eine Erinnerung des Vergangenen, der Zeiten, da ich das Lied gehort, der dustern Zwischenraume des Verdrusses, der fehlgeschlagenen Hoffnungen, und dann Ich ging in der Stube auf und nieder, mein Herz erstickte unter dem Zudringen. "Um Gottes willen," sagte ich, mit einem heftigen Ausbruch hin gegen sie fahrend, "um Gottes willen, horen Sie auf!" Sie hielt und sah mich starr an. "Werther," sagte sie mit einem Lacheln, das mir durch die Seele ging, "Werther, Sie sind sehr krank, Ihre Lieblingsgerichte widerstehen Ihnen. Gehen Sie! Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich." Ich riss mich von ihr weg und Gott! du siehst mein Elend und wirst es enden.
Am 6. Dezember.
Wie mich die Gestalt verfolgt! Wachend und traumend fullt sie meine ganze Seele! Hier, wenn ich die Augen schliesse, hier in meiner Stirne, wo die innere Sehkraft sich vereinigt, stehen ihre schwarzen Augen. Hier! ich kann dir es nicht ausdrucken. Mache ich meine Augen zu, so sind sie da; wie ein Meer, wie ein Abgrund ruhen sie vor mir, in mir, fullen die Sinne meiner Stirn. mangeln ihm nicht eben da die Krafte, wo er sie am notigsten braucht? Und wenn er in Freude sich aufschwingt oder im Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da zu dem stumpfen, kalten Bewusstsein wieder zuruckgebracht, da er sich in der Fulle des Unendlichen zu verlieren sehnte?
Der Herausgeber an den Leser
Wie sehr wunscht' ich, dass uns von den letzten merkwurdigen Tagen unsers Freundes so viel eigenhandige Zeugnisse ubrig geblieben waren, dass ich nicht notig hatte, die Folge seiner hinterlassnen Briefe durch Erzahlung zu unterbrechen.
Ich habe mir angelegen sein lassen, genaue Nachrichten aus dem Munde derer zu sammeln, die von seiner Geschichte wohl unterrichtet sein konnten; sie ist einfach, und es kommen alle Erzahlungen davon bis auf wenige Kleinigkeiten miteinander uberein; nur uber die Sinnesarten der handelnden Personen sind die Meinungen verschieden und die Urteile geteilt.
Was bleibt uns ubrig, als dasjenige, was wir mit wiederholter Muhe erfahren konnen, gewissenhaft zu erzahlen, die von dem Abscheidenden hinterlassnen Briefe einzuschalten und das kleinste aufgefundene Blattchen nicht gering zu achten; zumal da es so nur einer einzelnen Handlung zu entdecken, wenn sie unter Menschen vorgeht, die nicht gemeiner Art sind.
Unmut und Unlust hatten in Werthers Seele immer tiefer Wurzel geschlagen, sich fester untereinander verschlungen und sein ganzes Wesen nach und nach eingenommen. Die Harmonie seines Geistes war vollig zerstort, eine innerliche Hitze und Heftigkeit, die alle Krafte seiner Natur durcheinanderarbeitete, brachte die widrigsten Wirkungen hervor und liess ihm zuletzt nur eine Ermattung ubrig, aus der er noch angstlicher empor strebte, als er mit allen Ubeln bisher gekampft hatte. Die Beangstigung seines Herzens zehrte die ubrigen Krafte seines Geistes, seine Lebhaftigkeit seinen Scharfsinn auf, er ward ein trauriger Gesellschafter, immer unglucklicher, und immer ungerechter, je unglucklicher er ward. Wenigstens sagen dies Alberts Freunde; sie behaupten, dass Werther einen reinen, ruhigen Mann, der nun eines lang gewunschten Gluckes teilhaftig geworden, und sein Betragen, sich dieses Gluck auch auf die Zukunft zu erhalten, nicht habe beurteilen konnen, er, der gleichsam mit jedem Tage sein ganzes Vermogen verzehrte, um an dem Abend zu leiden und zu darben. Albert, sagen sie, hatte sich in so kurzer Zeit nicht verandert, er war noch immer derselbige, den Werther so vom Anfang her kannte, so sehr schatzte und ehrte. Er liebte Lotten uber alles, er war stolz auf sie und wunschte sie auch von jedermann als das herrlichste Geschopf anerkannt zu wissen. War es ihm daher zu verdenken, wenn er auch jeden Schein des Verdachtes abzuwenden wunschte, wenn er in dem Augenblicke mit niemand diesen kostlichen Besitz auch auf die unschuldigste Weise zu teilen Lust hatte? Sie gestehen ein, dass Albert oft das Zimmer seiner Frau verlassen, wenn Werther bei ihr war, aber nicht aus Hass noch Abneigung gegen seinen Freund, sondern nur weil er gefuhlt habe, dass dieser von seiner Gegenwart gedruckt sei.
Lottens Vater war von einem Ubel befallen worden, das ihn in der Stube hielt, er schickte ihr seinen Wagen, und sie fuhr hinaus. Es war ein schoner Wintertag, der erste Schnee war stark gefallen und deckte die ganze Gegend.
Werther ging ihr den andern Morgen nach, um, wenn Albert Sie nicht abzuholen kame, sie hereinzubegleiten.
Das klare Wetter konnte wenig auf sein trubes Gemut wirken, ein dumpfer Druck lag auf seiner Seele, die traurigen Bilder hatten sich bei ihm festgesetzt, und sein Gemut kannte keine Bewegung als von einem schmerzlichen Gedanken zum andern.
Wie er mit sich in ewigem Unfrieden lebte, schien ihm auch der Zustand andrer nur bedenklicher und verworrner, er glaubte, das schone Verhaltnis zwischen Albert und seiner Gattin gestort zu haben, er machte sich Vorwurfe daruber, in die sich ein heimlicher Unwille gegen den Gatten mischte.
Seine Gedanken fielen auch unterwegs auf diesen Gegenstand. "Ja, ja," sagte er zu sich selbst, mit heimlichem Zahneknirschen, "das ist der vertraute, freundliche, zartliche, an allem teilnehmende Umgang, die ruhige, dauernde Treue! Sattigkeit ist's und Gleichgultigkeit! Zieht ihn nicht jedes elende Geschaft mehr an als die teure, kostliche Frau? Weiss er sein Gluck zu schatzen? Weiss er sie zu achten, wie sie es verdient? Er hat sie, nun gut, er hat sie Ich weiss das, wie ich was anders auch weiss, ich glaube an den Gedanken gewohnt zu sein, er wird mich noch rasend machen, er wird mich noch umbringen Und hat denn die Freundschaft zu mir Stich gehalten? Sieht er nicht in meiner Anhanglichkeit an Lotten schon einen Eingriff in seine Rechte, in meiner Aufmerksamkeit fur sie einen stillen Vorwurf? Ich weiss es wohl, ich fuhl' es, er sieht mich ungern, er wunscht meine Entfernung, meine Gegenwart ist ihm beschwerlich."
Oft hielt er seinen raschen Schritt an, oft stand er stille und schien umkehren zu wollen; allein er richtete seinen Gang immer wieder vorwarts und war mit diesen Gedanken und Selbstgesprachen endlich gleichsam wider Willen bei dem Jagdhause angekommen.
Er trat in die Tur, fragte nach dem Alten und nach Lotten, er fand das Haus in einiger Bewegung. Der alteste Knabe sagte ihm, es sei druben in Wahlheim ein Ungluck geschehn, es sei ein Bauer erschlagen worden! Es machte das weiter keinen Eindruck auf ihn. Er trat in die Stube und fand Lotten beschaftigt, dem Alten zuzureden, der ungeachtet seiner Krankheit hinuber wollte, um an Ort und Stelle die Tat zu untersuchen. Der Tater war noch unbekannt, man hatte den Erschlagenen des Morgens vor der Haustur gefunden, man hatte Mutmassungen: der Entleibte war Knecht einer Witwe, die vorher einen andern im Dienste gehabt, der mit Unfrieden aus dem Hause gekommen war.
Da Werther dieses horte, fuhr er mit Heftigkeit auf. "Ist's moglich!" rief er aus, "ich muss hinuber, ich kann nicht einen Augenblick ruhn." Er eilte nach Wahlheim zu, jede Erinnerung ward ihm lebendig, und er zweifelte nicht einen Augenblick, dass jener Mensch die Tat begangen, den er so manchmal gesprochen, der ihm so wert geworden war.
Da er durch die Linden musste, um nach der Schenke zu kommen, wo sie den Korper hingelegt hatten, entsetzt' er sich vor dem sonst so geliebten Platze. Jene Schwelle, worauf die Nachbarskinder so oft gespielt hatten, war mit Blut besudelt. Liebe und Treue, die schonsten menschlichen Empfindungen, hatten sich in Gewalt und Mord verwandelt. Die starken Baume standen ohne Laub und bereift, die schonen Hecken, die sich uber die niedrige Kirchhofmauer wolbten, waren entblattert, und die Grabsteine sahen mit Schnee bedeckt durch die Lucken hervor.
Als er sich der Schenke naherte, vor welcher das ganze Dorf versammelt war, entstand auf einmal ein Geschrei. Man erblickte von fern einen Trupp bewaffneter Manner, und ein jeder rief, dass man den Tater herbeifuhre. Werther sah hin und blieb nicht lange zweifelhaft. Ja, es war der Knecht, der jene Witwe so sehr liebte, den er vor einiger Zeit mit dem stillen Grimme, mit der heimlichen Verzweiflung umhergehend angetroffen hatte.
"Was hast du begangen, Unglucklicher!" rief Werther aus, indem er auf den Gefangnen losging. Dieser sah ihn still an, schwieg und versetzte endlich ganz gelassen: "Keiner wird sie haben, sie wird keinen haben." Man brachte den Gefangnen in die Schenke, und Werther eilte fort.
Durch die entsetzliche, gewaltige Beruhrung war alles, was in seinem Wesen lag, durcheinandergeschuttelt worden. Aus seiner Trauer, seinem Missmut, seiner gleichgultigen Hingegebenheit wurde er auf einen Augenblick herausgerissen; unuberwindlich bemachtigte sich die Teilnehmung seiner, und es ergriff ihn eine unsagliche Begierde, den Menschen zu retten. Er fuhlte ihn so unglucklich, er fand ihn als Verbrecher selbst so schuldlos, er setzte sich so tief in seine Lage, dass er gewiss glaubte, auch andere davon zu uberzeugen. Schon wunschte er fur ihn sprechen zu konnen, schon drangte sich der lebhafteste Vortrag nach seinen Lippen, er eilte nach dem Jagdhause und konnte sich unterwegs nicht enthalten, alles das, was er dem Amtmann vorstellen wollte, schon halblaut auszusprechen.
Als er in die Stube trat, fand er Alberten gegenwartig, dies verstimmte ihn einen Augenblick; doch fasste er sich bald wieder und trug dem Amtmann feurig seine Gesinnungen vor. Dieser schuttelte einigemal den Kopf, und obgleich Werther mit der grossten Lebhaftigkeit, Leidenschaft und Wahrheit alles vorbrachte, was ein Mensch zur Entschuldigung eines Menschen sagen kann, so war doch, wie sich's leicht denken lasst, der Amtmann dadurch nicht geruhrt. Er liess vielmehr unsern Freund nicht ausreden, widersprach ihm eifrig und tadelte ihn, dass er einen Meuchelmorder in Schutz nehme; er zeigte ihm, dass auf diese Weise jedes Gesetz aufgehoben, alle Sicherheit des Staats zugrund gerichtet werde; auch setzte er hinzu, dass er in einer solchen Sache nichts tun konne, ohne sich die grosste Verantwortung aufzuladen, es musse alles in der Ordnung, in dem vorgeschriebenen Gang gehen.
Werther ergab sich noch nicht, sondern bat nur, der Amtmann mochte durch die Finger sehn, wenn man dem Menschen zur Flucht behulflich ware! Auch damit wies ihn der Amtmann ab. Albert, der sich endlich ins Gesprach mischte, trat auch auf des Alten Seite. Werther wurde uberstimmt, und mit einem entsetzlichen Leiden machte er sich auf den Weg, nachdem ihm der Amtmann einigemal gesagt hatte: "Nein, er ist nicht zu retten!"
Wie sehr ihm diese Worte aufgefallen sein mussen, sehn wir aus einem Zettelchen, das sich unter seinen Papieren fand und das gewiss an dem namlichen Tage geschrieben worden: "Du bist nicht zu retten, Unglucklicher! ich sehe wohl dass wir nicht zu retten sind." Was Albert zuletzt uber die Sache des Gefangenen in Gegenwart des Amtmanns gesprochen, war Werthern hochst zuwider gewesen: er glaubte einige Empfindlichkeit gegen sich darin bemerkt zu haben, und wenn gleich bei mehrerem Nachdenken seinem Scharfsinne nicht entging, dass beide Manner recht haben mochten, so war es ihm doch, als ob er seinem innersten Dasein entsagen musste, wenn er es gestehen, wenn er es zugeben sollte.
Ein Blattchen, das sich darauf bezieht, das vielleicht sein ganzes Verhaltnis zu Albert ausdruckt, finden wir unter seinen Papieren: "Was hilft es, dass ich mir's sage und wieder sage, er ist brav und gut, aber es zerreisst mir mein inneres Eingeweide; ich kann nicht gerecht sein." Weil es ein gelinder Abend war und das Wetter anfing, sich zum Tauen zu neigen, ging Lotte mit Alberten zu Fusse zuruck. Unterwegs sah sie sich hier und da um, eben als wenn sie Werthers Begleitung vermisste. Albert fing von ihm an zu reden, er tadelte ihn, indem er ihm Gerechtigkeit widerfahren liess. Er beruhrte seine ungluckliche Leidenschaft und wunschte, dass es moglich sein mochte, ihn zu entfernen. "Ich wunsch' es auch um unsertwillen," sagt' er, "und ich bitte dich," fuhr er fort, "siehe zu, seinem Betragen gegen dich eine andere Richtung zu geben, seine oftern Besuche zu vermindern. Die Leute werden aufmerksam, und ich weiss, dass man hier und da druber gesprochen hat." Lotte schwieg, und Albert schien ihr Schweigen empfunden zu haben, wenigstens seit der Zeit erwahnte er Werthers nicht mehr gegen sie, und wenn sie seiner erwahnte, liess er das Gesprach fallen oder lenkte es woanders hin.
Der vergebliche Versuch, den Werther zur Rettung des Unglucklichen gemacht hatte, war das letzte Auflodern der Flamme eines verloschenden Lichtes; er versank nur desto tiefer in Schmerz und Untatigkeit; besonders kam er fast ausser sich, als er horte, dass man ihn vielleicht gar zum Zeugen gegen den Menschen, der sich nun aufs Leugnen legte, auffordern konnte.
Alles was ihm Unangenehmes jemals in seinem wirksamen Leben begegnet war, der Verdruss bei der Gesandtschaft, alles was ihm sonst misslungen war, was ihn je gekrankt hatte, ging in seiner Seele auf und nieder. Er fand sich durch alles dieses wie zur Untatigkeit berechtigt, er fand sich abgeschnitten von aller Aussicht, unfahig, irgendeine Handhabe zu ergreifen, mit denen man die Geschafte des gemeinen Lebens anfasst; und so ruckte er endlich, ganz seiner wunderbaren Empfindung, Denkart und einer endlosen Leidenschaft hingegeben, in dem ewigen Einerlei eines traurigen Umgangs mit dem liebenswurdigen und geliebten Geschopfe, dessen Ruhe er storte, in seine Krafte sturmend, sie ohne Zweck und Aussicht abarbeitend, immer einem traurigen Ende naher.
Von seiner Verworrenheit, Leidenschaft, von seinem rastlosen Treiben und Streben, von seiner Lebensmude sind einige hinterlassne Briefe die starksten Zeugnisse, die wir hier einrucken wollen.
"Am 12. Dezember.
Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jene Unglucklichen gewesen sein mussen, von denen man glaubte, sie wurden von einem bosen Geiste umhergetrieben. Manchmal ergreift mich's; es ist nicht Angst, nicht Begier es ist ein inneres, unbekanntes Toben, das meine Brust zu zerreissen droht, das mir die Gurgel zupresst! Wehe! wehe! und dann schweife ich umher in den furchtbaren nachtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahrszeit.
Gestern abend musste ich hinaus. Es war plotzlich Tauwetter eingefallen, ich hatte gehort, der Fluss sei ubergetreten, alle Bache geschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal uberschwemmt! Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein furchterliches Schauspiel, vom Fels herunter die wuhlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehen, uber Acker und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine sturmende See im Sausen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und uber der schwarzen Wolke ruhte, und vor mir hinaus die Flut in furchterlich herrlichem Widerschein rollte und klang: da uberfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab! hinab! und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinabzuden Fuss vom Boden zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden! Meine Uhr ist noch nicht ausgelaufen, ich fuhle es! O Wilhelm! wie gern hatte ich mein Menschsein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde die Wolken zu zerreissen, die Fluten zu fassen! Ha! und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal diese Wonne zuteil?
Und wie ich wehmutig hinabsah auf ein Platzchen, wo ich mit Lotten unter einer Weide geruht, auf einem heissen Spaziergange, das war auch uberschwemmt, und kaum dass ich die Weide erkannte! Wilhelm! Und ihre Wiesen, dachte ich, die Gegend um ihr Jagdhaus! wie verstort jetzt vom reissenden Strome unsere Laube! dacht' ich. Und der Vergangenheit Sonnenstrahl blickte herein, wie einem Gefangenen ein Traum von Herden, Wiesen und Ehrenamtern. Ich stand! Ich schelte mich nicht, denn ich habe Mut zu sterben. Ich hatte Nun sitze ich hier wie ein altes Weib, das ihr Holz von Zaunen stoppelt und ihr Brot an den Turen, um ihr hinsterbendes, freudeloses Dasein noch einen Augenblick zu verlangern und zu erleichtern."
"Am 14. Dezember.
Was ist das, mein Lieber? Ich erschrecke vor mir selbst! Ist nicht meine Liebe zu ihr die heiligste, reinbaren Wunsch in meiner Seele gefuhlt? Ich will nicht beteuern Und nun, Traume! O wie wahr fuhlten die Menschen, die so widersprechende Wirkungen fremden Machten zuschrieben! Diese Nacht! ich zittere, es zu sagen, hielt ich sie in meinen Armen, fest an meinen Busen gedruckt, und deckte ihren liebelispelnden Mund mit unendlichen Kussen; mein Auge schwamm in der Trunkenheit des ihrigen! Gott! bin ich strafbar, dass ich auch jetzt noch eine Seligkeit fuhle, mir diese gluhenden Freuden mit voller Innigkeit zuruckzurufen? Lotte! Lotte! Und mit mir ist es aus! Meine Sinne verwirren sich, schon acht Tage habe ich keine Besinnungskraft mehr, meine Augen sind voll Tranen. Ich bin nirgend wohl, und uberall wohl. Ich wunsche nichts, verlange nichts. Mir ware besser, ich ginge." Der Entschluss, die Welt zu verlassen, hatte in dieser Zeit, unter solchen Umstanden in Werthers Seele immer mehr Kraft gewonnen. Seit der Ruckkehr zu Lotten war es immer seine letzte Aussicht und Hoffnung gewesen; doch hatte er sich gesagt, es solle keine ubereilte, keine rasche Tat sein, er wolle mit der besten Uberzeugung, mit der moglichst ruhigen Entschlossenheit diesen Schritt tun. Seine Zweifel, sein Streit mit sich selbst blicken aus einem Zettelchen hervor, das wahrscheinlich ein angefangener Brief an Wilhelm ist und ohne Datum unter seinen Papieren gefunden worden: "Ihre Gegenwart, ihr Schicksal, ihre Teilnehmung an dem meinigen presst noch die letzten Tranen aus meinem versengten Gehirne.
Den Vorhang aufzuheben und dahinter zu treten! das ist alles! Und warum das Zaudern und Zagen? Weil man nicht weiss, wie es dahinten aussieht? und man nicht wiederkehrt? Und dass das nun die Eigenschaft unseres Geistes ist, da Verwirrung und Finsternis zu ahnen, wovon wir nichts Bestimmtes wissen." Endlich ward er mit dem traurigen Gedanken immer mehr verwandt und befreundet und sein Vorsatz fest und unwiderruflich, wovon folgender zweideutige Brief, den er an seinen Freund schrieb, ein Zeugnis abgibt.
"Am 20. Dezember.
Ich danke deiner Liebe, Wilhelm, dass du das Wort so aufgefangen hast. Ja, du hast recht: mir ware besser, ich ginge. Der Vorschlag, den du zu einer Ruckkehr zu euch tust, gefallt mir nicht ganz; wenigstens mochte ich noch gern einen Umweg machen, besonders da wir anhaltenden Frost und gute Wege zu hoffen willst, mich abzuholen; verziehe nur noch vierzehn Tage, und erwarte noch einen Brief von mir mit dem Weiteren. Es ist notig, dass nichts gepfluckt werde, ehe es reif ist. Und vierzehn Tage auf oder ab tun viel. Meiner Mutter sollst du sagen: dass sie fur ihren Sohn beten soll, und dass ich sie um Vergebung bitte wegen alles Verdrusses, den ich ihr gemacht habe. Das war nun mein Schicksal, die zu betruben, denen ich Freude schuldig war. Leb' wohl, mein Teuerster! Allen Segen des Himmels uber dich! Leb' wohl!" Was in dieser Zeit in Lottens Seele vorging, wie ihre Gesinnungen gegen ihren Mann, gegen ihren unglucklichen Freund gewesen, getrauen wir uns kaum mit Worten auszudrucken, ob wir uns gleich davon, nach der Kenntnis ihres Charakters, wohl einen stillen Begriff machen konnen, und eine schone weibliche Seele sich in die ihrige denken und mit ihr empfinden kann.
So viel ist gewiss, sie war fest bei sich entschlossen, alles zu tun, um Werthern zu entfernen, und wenn sie zauderte, so war es eine herzliche, freundschaftliche Schonung, weil sie wusste, wie viel es ihm kosten, ja dass es ihm beinahe unmoglich sein wurde. Doch ward sie in dieser Zeit mehr gedrangt, Ernst zu machen; es schwieg ihr Mann ganz uber dies Verhaltnis, wie sie auch immer daruber geschwiegen hatte, und um so mehr war ihr angelegen, ihm durch die Tat zu beweisen, wie ihre Gesinnungen der seinigen wert seien.
An demselben Tage, als Werther den zuletzt eingeschalteten Brief an seinen Freund geschrieben, es war der Sonntag vor Weihnachten, kam er abends zu Lotten und fand sie allein. Sie beschaftigte sich, einige Spielwerke in Ordnung zu bringen, die sie ihren kleinen Geschwistern zum Christgeschenke zurecht gemacht hatte. Er redete von dem Vergnugen, das die Kleinen haben wurden, und von den Zeiten, da einen die unerwartete Offnung der Tur und die Erscheinung eines aufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zukkerwerk und Apfeln in paradiesische Entzuckung setzte. "Sie sollen," sagte Lotte, indem sie ihre Verlegenheit unter ein liebes Lacheln verbarg, "Sie sollen auch beschert kriegen, wenn Sie recht geschickt sind; ein Wachsstockchen und noch was." "Und was heissen Sie geschickt sein?" rief er aus; "wie soll ich sein? wie kann ich sein? beste Lotte!" "Donnerstag abend", sagte sie, "ist Weihnachtsabend, da kommen die Kinder, mein Vater auch, da kriegt jedes das Seinige, da kommen Sie auch aber nicht eher." Werther stutzte. "Ich bitte Sie," fuhr sie fort, "es ist nun einmal so, ich bitte Sie um meiner Ruhe willen, es kann nicht, es kann nicht so bleiben." Er wendete seine Augen von ihr und ging in der Stube auf und ab und murmelte das "Es kann nicht so bleiben!" zwischen den Zahnen. Lotte, die den schrecklichen Zustand fuhlte, worein ihn diese Worte versetzt hatten, suchte durch allerlei Fragen seine Gedanken abzulenken, aber vergebens. "Nein, Lotte," rief er aus, "ich werde Sie nicht wiedersehen!" "Warum das?" versetzte sie, "Werther, Sie konnen, Sie mussen uns wiedersehen, nur massigen Sie sich. O warum mussten Sie mit dieser Heftigkeit, dieser unbezwinglich haftenden Leidenschaft fur alles, was Sie einmal anfassen, geboren werden! Ich bitte Sie," fuhr sie fort, indem sie ihn bei der Hand nahm, "massigen Sie sich! Ihr Geist, Ihre Wissenschaften, Ihre Talente, was bieten die Ihnen fur mannigfaltige Ergetzungen dar! Sein Sie ein Mann, wenden Sie diese traurige Anhanglichkeit von einem Geschopf, das nichts tun kann als Sie bedauern." Er knirrte mit den Zahnen und sah sie duster an. Sie hielt seine Hand. "Nur einen Augenblick ruhigen Sinn, Werther!" sagte sie. "Fuhlen Sie nicht, dass Sie sich betriegen, sich mit Willen zugrunde richten! Warum denn mich, Werther? just mich, das Eigentum eines andern? just das? Ich furchte, ich furchte, es ist nur die Unmoglichkeit, mich zu besitzen, die Ihnen diesen Wunsch so reizend macht." Er zog seine Hand aus der ihrigen, indem er sie mit einem starren, unwilligen Blick ansah. "Weise!" rief er, "sehr weise! hat vielleicht Albert diese Anmerkung gemacht? Politisch! sehr politisch!" "Es kann sie jeder machen." versetzte sie drauf. "Und sollte denn in der weiten Welt kein Madchen sein, das die Wunsche Ihres Herzens erfullte? Gewinnen Sie's uber sich, suchen Sie darnach, und ich schwore Ihnen, Sie werden sie finden; denn schon lange angstigt mich, fur Sie und uns, die Einschrankung, in die Sie sich diese Zeit her selbst gebannt haben. Gewinnen Sie es uber sich, eine Reise wird Sie, muss Sie zerstreuen! Suchen Sie, finden Sie einen werten Gegenstand Ihrer Liebe, und kehren Sie zuruck, und lassen Sie uns zusammen die Seligkeit einer wahren Freundschaft geniessen."
"Das konnte man", sagte er mit einem kalten Lachen, "drucken lassen und allen Hofmeistern empfehlen. Liebe Lotte! lassen Sie mir noch ein klein wenig Ruh, es wird alles werden!" "Nur das, Werther, dass Sie nicht eher kommen als Weihnachtsabend!" Er wollte antworten, und Albert trat in die Stube. Man bot sich einen frostigen Guten Abend und ging verlegen im Zimmer neben einander auf und nieder. Werther fing einen unbedeutenden Diskurs an, der bald aus war, Albert desgleichen, der sodann seine Frau nach gewissen Auftragen fragte und, als er horte, sie seien noch nicht ausgerichtet, ihr einige Worte sagte, die Werthern kalt, ja gar hart vorkamen. Er wollte gehen, er konnte nicht und zauderte bis acht, da sich denn sein Unmut und Unwillen immer vermehrte, bis der Tisch gedeckt wurde, und er Hut und Stock nahm. Albert lud ihn zu bleiben, er aber, der nur ein unbedeutendes Kompliment zu horen glaubte, dankte kalt dagegen und ging weg.
Er kam nach Hause, nahm seinem Burschen, der ihm leuchten wollte, das Licht aus der Hand und ging allein in sein Zimmer, weinte laut, redete aufgebracht mit sich selbst, ging heftig die Stube auf und ab und warf sich endlich in seinen Kleidern aufs Bette, wo ihn der Bediente fand, der es gegen eilfe wagte hineinzugehn, um zu fragen, ob er dem Herrn die Stiefeln ausziehen sollte, das er denn zuliess und dem Bedienten verbot, den andern Morgen ins Zimmer zu kommen, bis er ihm rufen wurde.
Montags fruh, den einundzwanzigsten Dezember, schrieb er folgenden Brief an Lotten, den man nach seinem Tode versiegelt auf seinem Schreibtische gefunden und ihr uberbracht hat, und den ich absatzweise hier einrucken will, so wie aus den Umstanden erhellet, dass er ihn geschrieben habe. "Es ist beschlossen, Lotte, ich will sterben, und das schreibe ich dir ohne romantische Uberspannung, gelassen, an dem Morgen des Tages, an dem ich dich zum letzten Male sehen werde. Wenn du dieses liesest, meine Beste, deckt schon das kuhle Grab die erstarrten Reste des Unruhigen, Unglucklichen, der fur die letzten Augenblicke seines Lebens keine grossere Sussigkeit weiss, als sich mit dir zu unterhalten. Ich habe eine schreckliche Nacht gehabt und, ach, eine wohltatige Nacht. Sie ist es, die meinen Entschluss befestiget, bestimmt hat: ich will sterben! Wie ich mich gestern von dir riss, in der furchterlichen Emporung meiner Sinne, wie sich alles das nach meinem Herzen drangte und mein hoffnungsloses, freudeloses Dasein neben dir in grasslicher Kalte mich anpackte ich erreichte kaum mein Zimmer, ich warf mich ausser mir auf meine Knie, und o Gott! du gewahrtest mir das letzte Labsal der bittersten Tranen! Tausend Anschlage, tausend Aussichten wuteten durch meine Seele, und zuletzt stand er da, fest, ganz, der letzte, einzige Gedanke: ich will sterben! Ich legte mich nieder, und morgens, in der Ruhe des Erwachens, steht er noch fest, noch ganz stark in meinem Herzen: ich will sterben! Es ist nicht Verzweiflung, es ist Gewissheit, dass ich ausgetragen habe, und dass ich mich opfere fur dich. Ja, Lotte! warum sollte ich es verschweigen? Eins von uns dreien muss hinweg, und das will ich sein! O meine Beste! in diesem zerrissenen Herzen ist es wutend herumgeschlichen, oft deinen Mann zu ermorden! dich! mich! So sei es denn! Wenn du hinaufsteigst auf den Berg, an einem schonen Sommerabende, dann erinnere dich meiner, wie ich so oft das Tal heraufkam, und dann blicke nach dem Kirchhofe hinuber nach meinem Grabe, wie der Wind das hohe Gras im Scheine der sinkenden Sonne hin und her wiegt. Ich war ruhig, da ich anfing, nun, nun weine ich wie ein Kind, da alles das so lebhaft um mich wird. " Gegen zehn Uhr rief Werther seinem Bedienten, und unter dem Anziehen sagte er ihm, wie er in einigen Tagen verreisen wurde, er solle daher die Kleider auskehren und alles zum Einpacken zurecht machen; auch gab er ihm Befehl, uberall Kontos zu fordern, einige ausgeliehene Bucher abzuholen und einigen Armen, denen er wochentlich etwas zu geben gewohnt war, ihr Zugeteiltes auf zwei Monate voraus zu bezahlen.
Er liess sich das Essen auf die Stube bringen, und nach Tische ritt er hinaus zum Amtmanne, den er nicht zu Hause antraf. Er ging tiefsinnig im Garten auf und ab und schien noch zuletzt alle Schwermut der Erinnerung auf sich haufen zu wollen.
Die Kleinen liessen ihn nicht lange in Ruhe, sie verfolgten ihn, sprangen an ihm hinauf, erzahlen ihm, dass, wenn morgen, und wieder morgen, und noch ein Tag ware, sie die Christgeschenke bei Lotten holten, und erzahlten ihm Wunder, die sich ihre kleine Einbildungskraft versprach. "Morgen!" rief er aus, "und wieder morgen! und noch ein Tag!" und kusste sie alle herzlich und wollte sie verlassen, als ihm der Kleine noch etwas in das Ohr sagen wollte. Der verriet ihm, die grossen Bruder hatten schone Neujahrswunsche geschrieben, so gross! und einen fur den Papa, fur Albert und Lotten einen und auch einen fur Herrn Werther; die wollten sie am Neujahrstage fruh uberreichen. Das ubermannte ihn, er schenkte jedem etwas, setzte sich zu Pferde, liess den Alten grussen und ritt mit Tranen in den Augen davon.
Gegen funf kam er nach Hause, befahl der Magd, nach dem Feuer zu sehen und es bis in die Nacht zu unterhalten. Den Bedienten hiess er Bucher und Wasche unten in den Koffer packen und die Kleider einnahen. Darauf schrieb er wahrscheinlich folgenden Absatz seines letzten Briefes an Lotten.
"Du erwartest mich nicht! du glaubst, ich wurde gehorchen und erst Weihnachtsabend dich wieder sehn. O Lotte! heut oder nie mehr. Weihnachtsabend haltst du dieses Papier in deiner Hand, zitterst und benetzest es mit deinen lieben Tranen. Ich will, ich muss! O wie wohl ist es mir, dass ich entschlossen bin." Lotte war indes in einen sonderbaren Zustand geraten. Nach der letzten Unterredung mit Werthern hatte sie empfunden, wie schwer es ihr fallen werde, sich von ihm zu trennen, was er leiden wurde, wenn er sich von ihr entfernen sollte.
Es war wie im Vorubergehn in Alberts Gegenwart gesagt worden, dass Werther vor Weihnachtsabend nicht wieder kommen werde, und Albert war zu einem Beamten in der Nachbarschaft geritten, mit dem er Geschafte abzutun hatte, und wo er uber Nacht ausbleiben musste.
Sie sass nun allein, keins von ihren Geschwistern war um sie, sie uberliess sich ihren Gedanken, die stille uber ihren Verhaltnissen herumschweiften. Sie sah sich nun mit dem Mann auf ewig verbunden, dessen Liebe und Treue sie kannte, dem sie von Herzen zugetan war, dessen Ruhe, dessen Zuverlassigkeit recht vom Himmel dazu bestimmt zu sein schien, dass eine wackere Frau das Gluck ihres Lebens darauf grunden sollte; sie fuhlte, was er ihr und ihren Kindern auf immer sein wurde. Auf der andern Seite war ihr Werther so teuer geworden, gleich von dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an hatte sich die Ubereinstimmung ihrer Gemuter so schon gezeigt, der lange dauernde Umgang mit ihm, so manche durchlebte Situationen hatten einen unausloschlichen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Alles, was sie Interessantes fuhlte und dachte, war sie gewohnt mit ihm zu teilen, und seine Entfernung drohete in ihr ganzes Wesen eine Lucke zu reissen, die nicht wieder ausgefullt werden konnte. O, hatte sie ihn in dem Augenblick zum Bruder umwandeln konnen, wie glucklich ware sie gewesen! Hatte sie ihn einer ihrer Freundinnen verheiraten durfen, hatte sie hoffen konnen, auch sein Verhaltnis gegen Albert ganz wieder herzustellen!
Sie hatte ihre Freundinnen der Reihe nach durchgedacht und fand bei einer jeglichen etwas auszusetzen, fand keine, der sie ihn gegonnt hatte.
Uber allen diesen Betrachtungen fuhlte sie erst tief, ohne sich es deutlich zu machen, dass ihr herzliches, heimliches Verlangen sei, ihn fur sich zu behalten, und sagte sich daneben, dass sie ihn nicht behalten konne, behalten durfe; ihr reines, schones, sonst so leichtes und leicht sich helfendes Gemut empfand den Druck einer Schwermut, dem die Aussicht zum Gluck verschlossen ist. Ihr Herz war gepresst, und eine trube Wolke lag uber ihrem Auge.
So war es halb sieben geworden, als sie Werthern die Treppe heraufkommen horte und seinen Tritt, seine Stimme, die nach ihr fragte, bald erkannte. Wie schlug ihr Herz, und wir durfen fast sagen zum erstenmal, bei seiner Ankunft. Sie hatte sich gern vor ihm verleugnen lassen, und als er hereintrat, rief sie ihm mit einer Art von leidenschaftlicher Verwirrung entgegen: "Sie haben nicht Wort gehalten." "Ich habe nichts versprochen." war seine Antwort. "So hatten Sie wenigstens meiner Bitte stattgeben sollen," versetzte sie, "ich bat Sie um unser beider Ruhe."
Sie wusste nicht recht, was sie sagte, ebensowenig was sie tat, als sie nach einigen Freundinnen schickte, um nicht mit Werthern allein zu sein. Er legte einige Bucher hin, die er gebracht hatte, fragte nach andern, und sie wunschte, bald dass ihre Freundinnen kommen, bald dass sie wegbleiben mochten. Das Madchen kam zuruck und brachte die Nachricht, dass sich beide entschuldigen liessen.
Sie wollte das Madchen mit ihrer Arbeit in das Nebenzimmer sitzen lassen; dann besann sie sich wieder anders. Werther ging in der Stube auf und ab, sie trat ans Klavier und fing eine Menuett an, sie wollte nicht fliessen. Sie nahm sich zusammen und setzte sich gelassen zu Werthern, der seinen gewohnlichen Platz auf dem Kanapee eingenommen hatte.
"Haben Sie nichts zu lesen?" sagte sie. Er hatte nichts. "Da drin in meiner Schublade", fing sie an, "liegt Ihre Ubersetzung einiger Gesange Ossians; ich habe sie noch nicht gelesen, denn ich hoffte immer, sie von Ihnen zu horen; aber zeither hat sich's nicht finden, nicht machen wollen." Er lachelte, holte die Lieder, ein Schauer uberfiel ihn, als er sie in die Hande nahm, und die Augen standen ihm voll Tranen, als er hineinsah. Er setzte sich nieder und las. "Stern der dammernden Nacht, schon funkelst du in Westen, hebst dein strahlend Haupt aus deiner Wolke, wandelst stattlich deinen Hugel hin. Wornach blickst du auf die Heide? Die sturmenden Winde haben sich gelegt; von ferne kommt des Giessbachs Murmeln; rauschende Wellen spielen am Felsen ferne; das Gesumme der Abendfliegen schwarmet ubers Feld. Wornach siehst du, schones Licht? Aber du lachelst und gehst, freudig umgeben dich die Wellen und baden dein liebliches Haar. Lebe wohl, ruhiger Strahl. Erscheine, du herrliches Licht von Ossians Seele!
Und es erscheint in seiner Kraft. Ich sehe meine geschiedenen Freunde, sie sammeln sich auf Lora, wie in den Tagen, die voruber sind. Fingal kommt wie eine feuchte Nebelsaule; um ihn sind seine Helden, und, siehe! die Barden des Gesanges: Grauer Ullin! stattlicher Ryno! Alpin, lieblicher Sanger! und du, sanft klagende Minona! Wie verandert seid ihr, meine Freunde, seit den festlichen Tagen auf Selma, da wir buhlten um die Ehre des Gesanges, wie Fruhlingslufte den Hugel hin wechselnd beugen das schwach lispelnde Gras.
Da trat Minona hervor in ihrer Schonheit, mit niedergeschlagenem Blick und tranenvollem Auge, schwer floss ihr Haar im unsteten Winde, der von dem Hugel herstiess. Duster ward's in der Seele der Helden, als sie die liebliche Stimme erhob; denn oft hatten sie das Grab Salgars gesehen, oft die finstere Wohnung der weissen Colma. Colma, verlassen auf dem Hugel, mit der harmonischen Stimme; Salgar versprach zu kommen; aber ringsum zog sich die Nacht. Horet Colmas Stimme, da sie auf dem Hugel allein sass.
Colma
Es ist Nacht! Ich bin allein, verloren auf dem sturmischen Hugel. Der Wind saust im Gebirge. Der Strom heult den Felsen hinab. Keine Hutte schutzt mich vor Regen, mich Verlassne auf dem sturmischen Hugel.
Tritt, o Mond, aus deinen Wolken, erscheinet, Sterne der Nacht! Leite mich irgend ein Strahl zu dem Orte, wo meine Liebe ruht von den Beschwerden der Jagd, sein Bogen neben ihm abgespannt, seine Hunde schnobend um ihn! Aber hier muss ich sitzen allein auf dem Felsen des verwachsenen Stroms. Der Strom und der Sturm saust, ich hore nicht die Stimme meines Geliebten.
Warum zaudert mein Salgar? Hat er sein Wort vergessen? Da ist der Fels und der Baum und hier der rauschende Strom! Mit einbrechender Nacht versprachst du hier zu sein; ach! wohin hat sich mein Salgar verirrt? Mit dir wollt' ich fliehen, verlassen Vater und Bruder, die stolzen! Lange sind unsere Geschlechter Feinde, aber wir sind keine Feinde, o Sal
Schweig eine Weile, o Wind! still eine kleine Weile, o Strom, dass meine Stimme klinge durchs Tal, dass mein Wanderer mich hore. Salgar! ich bin's, die ruft! Hier ist der Baum und der Fels! Salgar! mein Lieber! hier bin ich; warum zauderst du zu kommen?
Sieh, der Mond erscheint, die Flut glanzt im Tale, die Felsen stehen grau den Hugel hinauf; aber ich seh' ihn nicht auf der Hohe, seine Hunde vor ihm her verkundigen nicht seine Ankunft. Hier muss ich sitzen allein.
Aber wer sind, die dort unten liegen auf der Heide? Mein Geliebter? Mein Bruder? Redet, o meine Freunde! Sie antworten nicht. Wie geangstet ist meine Seele! Ach sie sind tot! Ihre Schwerter rot vom Gefechte! O mein Bruder, mein Bruder, warum hast du meinen Salgar erschlagen? O mein Salgar, warum hast du meinen Bruder erschlagen? Ihr wart mir beide so lieb! O du warst schon an dem Hugel unter Tausenden! Es war schrecklich in der Schlacht. Antwortet mir! hort meine Stimme, meine Geliebten! Aber ach, sie sind stumm, stumm auf ewig! Kalt wie die Erde ist ihr Busen!
O von dem Felsen des Hugels, von dem Gipfel des sturmenden Berges, redet, Geister der Toten! redet! mir soll es nicht grausen! Wohin seid ihr zur Ruhe gegangen? In welcher Gruft des Gebirges soll ich euch finden? Keine schwache Stimme vernehme ich im Winde, keine wehende Antwort im Sturme des Hugels.
Ich sitze in meinem Jammer, ich harre auf den Morgen in meinen Tranen. Wuhlet das Grab, ihr Freunde der Toten, aber schliesst es nicht, bis ich komme. Mein Leben schwindet wie ein Traum; wie sollt' ich zuruckbleiben! Hier will ich wohnen mit meinen Freunden an dem Strome des klingenden Felsens Wenn's Nacht wird auf dem Hugel, und Wind kommt uber die Heide, soll mein Geist im Winde stehn und trauern den Tod meiner Freunde. Der Jager hort mich aus seiner Laube, furchtet meine Stimme und liebt sie; denn suss soll meine Stimme sein um meine Freunde, sie waren mir beide so lieb! Das war dein Gesang, o Minona, Tormans sanft errotende Tochter. Unsere Tranen flossen um Colma, und unsere Seele ward duster.
Ullin trat auf mit der Harfe und gab uns Alpins Gesang Alpins Stimme war freundlich, Rynos Seele ein Feuerstrahl. Aber schon ruhten sie im engen Hause, und ihre Stimme war verhallet in Selma. Einst kehrte Ullin zuruck von der Jagd, ehe die Helden noch fielen. Er horte ihren Wettegesang auf dem Hugel. Ihr Lied war sanft, aber traurig. Sie klagten Morars Fall, des ersten der Helden. Seine Seele war wie Fingals Seele, sein Schwert wie das Schwert Oskars Aber er fiel, und sein Vater jammerte, und seiner Schwester Augen waren voll Tranen, Minonas Augen waren voll Tranen, der Schwester des herrlichen Morars. Sie trat zuruck vor Ullins Gesang, wie der Mond in Westen, der den Sturmregen voraussieht und sein schones Haupt in eine Wolke verbirgt. Ich schlug die Harfe mit Ullin zum Gesange des Jammers.
Ryno
Vorbei sind Wind und Regen, der Mittag ist so heiter, die Wolken teilen sich. Fliehend bescheint den Hugel die unbestandige Sonne. Rotlich fliesst der Strom des Bergs im Tale hin. Suss ist dein Murmeln, Strom; doch susser die Stimme, die ich hore. Es ist Alpins Stimme, er bejammert den Toten. Sein Haupt ist vor Alter gebeugt und rot sein tranendes Auge. Alpin, trefflicher Sanger, warum allein auf dem schweigenden Hugel? Warum jammerst du wie ein Windstoss im Walde, wie eine Welle am fernen Gestade?
Alpin
Meine Tranen, Ryno, sind fur den Toten, meine Stimme fur die Bewohner des Grabs. Schlank bist du auf dem Hugel, schon unter den Sohnen der Heide. Aber du wirst fallen wie Morar, und auf deinem Grabe wird der Trauernde sitzen. Die Hugel werden dich vergessen, dein Bogen in der Halle liegen ungespannt.
Du warst schnell, o Morar, wie ein Reh auf dem Hugel, schrecklich wie die Nachtfeuer am Himmel. Dein Grimm war ein Sturm, dein Schwert in der Schlacht wie Wetterleuchten uber der Heide. Deine Stimme glich dem Waldstrome nach dem Regen, dem Donner auf fernen Hugeln. Manche fielen von deinem Arm, die Flamme deines Grimmes verzehrte sie. Aber wenn du wiederkehrtest vom Kriege, wie friedlich war deine Stirne! dein Angesicht war gleich der Sonne nach dem Gewitter, gleich dem Monde in der schweigenden Nacht, ruhig deine Brust wie der See, wenn sich des Windes Brausen gelegt hat.
Eng ist nun deine Wohnung, finster deine Statte! Mit drei Schritten mess' ich dein Grab, o du, der du ehe so gross warst! Vier Steine mit moosigen Hauptern sind dein einziges Gedachtnis; ein entblatterter Baum, langes Gras, das im Winde wispelt, deutet dem Auge des Jagers das Grab des machtigen Morars. Keine Mutter hast du, dich zu beweinen, kein Madchen mit Tranen der Liebe. Tot ist, die dich gebar, gefallen die Tochter von Morglan.
Wer auf seinem Stabe ist das? Wer ist es, dessen Haupt weiss ist vor Alter, dessen Augen rot sind von Tranen? Es ist dein Vater, o Morar, der Vater keines Sohnes ausser dir. Er horte von deinem Ruf in der Schlacht, er horte von zerstobenen Feinden; er horte Morars Ruhm! Ach! nichts von seiner Wunde? Weine, Vater Morars, weine! Aber dein Sohn hort dich nicht. Tief ist der Schlaf der Toten, niedrig ihr Kissen von Staube. Nimmer achtet er auf die Stimme, nie erwacht er auf deinen Ruf. O wann wird es Morgen im Grabe, zu bieten dem Schlummerer: Erwache!
Lebe wohl, edelster der Menschen, du Eroberer im Felde! Aber nimmer wird dich das Feld sehen, nimmer der dustere Wald leuchten vom Glanze deines Stahls. Du hinterliessest keinen Sohn, aber der Gesang soll deinen Namen erhalten, kunftige Zeiten sollen von dir horen, horen von dem gefallenen Morar. Laut war die Trauer der Helden, am lautesten Armins berstender Seufzer. Ihn erinnerte es an den Tod seines Sohnes, er fiel in den Tagen der Jugend. Carmor sass nah bei dem Helden, der Furst des hallenden Galmal. 'Warum schluchzet der Seufzer Armins?' sprach er, 'was ist hier zu weinen? Klingt nicht Lied und Gesang, die Seele zu schmelzen und zu ergetzen? sie sind wie sanfter Nebel, der steigend vom See aufs Tal spruht, und die bluhenden Blumen fullet das Nass; aber die Sonne kommt wieder in ihrer Kraft, und der Nebel ist gegangen. Warum bist du so jammervoll, Armin, Herrscher des seeumflossenen Gorma?'
'Jammervoll! Wohl das bin ich, und nicht gering die Ursache meines Wehs. Carmor, du verlorst keinen Sohn, verlorst keine bluhende Tochter; Colgar, der Tapfere, lebt, und Annira, die schonste der Madchen. Die Zweige deines Hauses bluhen, o Carmor; aber Armin ist der Letzte seines Stammes. Finster ist dein Bett, o Daura! dumpf ist dein Schlaf in dem Grabe Wann erwachst du mit deinen Gesangen, mit deiner melodischen Stimme? Auf, ihr Winde des Herbstes! auf, sturmt uber die finstere Heide! Waldstrome, braust! Heult, Sturme, im Gipfel der Eichen! Wandle durch gebrochene Wolken, o Mond, zeige wechselnd dein bleiches Gesicht! Erinnre mich der schrecklichen Nacht, da meine Kinder umkamen, da Arindal, der Machtige, fiel, Daura, die Liebe, verging.
Daura, meine Tochter, du warst schon, schon wie der Mond auf den Hugeln von Fura, weiss wie der gefallene Schnee, suss wie die atmende Luft! Arindal, dein Bogen war stark, dein Speer schnell auf dem Felde, dein Blick wie Nebel auf der Welle, dein Schild eine Feuerwolke im Sturme!
Armar, beruhmt im Kriege, kam und warb um Dauras Liebe; sie widerstand nicht lange. Schon waren die Hoffnungen ihrer Freunde.
Erath, der Sohn Odgals, grollte, denn sein Bruder lag erschlagen von Armar. Er kam, in einen Schiffer verkleidet. Schon war sein Nachen auf der Welle, weiss seine Locken vor Alter, ruhig sein ernstes Gesicht. 'Schonste der Madchen,' sagte er, 'liebliche Tochter von Armin, dort am Felsen, nicht fern in der See, wo die rote Frucht vom Baume herblinkt, dort wartet Armar auf Daura; ich komme, seine Liebe zu fuhren uber die rollende See.'
Sie folgt' ihm und rief nach Armar; nichts antwortete als die Stimme des Felsens. 'Armar! mein Lieber! mein Lieber! warum angstest du mich so? Hore, Sohn Arnarths! hore! Daura ist's, die dich ruft!'
Erath, der Verrater, floh lachend zum Lande. Sie erhob ihre Stimme, rief nach ihrem Vater und Bruder: 'Arindal! Armin! Ist keiner, seine Daura zu retten?'
Ihre Stimme kam uber die See. Arindal, mein Sohn, stieg vom Hugel herab, rauh in der Beute der Jagd, seine Pfeile rasselten an seiner Seite, seinen Bogen trug er in der Hand, funf schwarzgraue Doggen waren um ihn. Er sah den kuhnen Erath am Ufer, fasst' und band ihn an die Eiche, fest umflocht er seine Huften, der Gefesselte fullte mit Achzen die Winde.
Arindal betritt die Wellen in seinem Boote, Daura heruber zu bringen. Armar kam in seinem Grimme, druckt' ab den grau befiederten Pfeil, er klang, er sank in dein Herz, o Arindal, mein Sohn! Statt Eraths, des Verraters, kamst du um, das Boot erreichte den Felsen, er sank dran nieder und starb. Zu deinen Fussen floss deines Bruders Blut, welch war dein Jammer, o Daura!
Die Wellen zerschmettern das Boot. Armar sturzt sich in die See, seine Daura zu retten oder zu sterben. Schnell sturmte ein Stoss vom Hugel in die Wellen, er sank und hob sich nicht wieder.
Allein auf dem seebespulten Felsen hort' ich die Klagen meiner Tochter. Viel und laut war ihr Schreien, doch konnt' sie ihr Vater nicht retten. Die ganze Nacht stand ich am Ufer, ich sah sie im schwachen Strahle des Mondes, die ganze Nacht hort' ich ihr Schreien, laut war der Wind, und der Regen schlug scharf nach der Seite des Berges. Ihre Stimme ward schwach, ehe der Morgen erschien, sie starb weg wie die Abendluft zwischen dem Grase der Felsen. Beladen mit Jammer starb sie und liess Armin allein! Dahin ist meine Starke im Kriege, gefallen mein Stolz unter den Madchen.
Wenn die Sturme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellen hochhebt, sitz' ich am schallenden Ufer, schaue nach dem schrecklichen Felsen. Oft im sinkenden Monde seh' ich die Geister meiner Kinder, halb dammernd wandeln sie zusammen in trauriger Eintracht.'" Ein Strom von Tranen, der aus Lottens Augen brach und ihrem gepressten Herzen Luft machte, hemmte Werthers Gesang. Er warf das Papier hin, fasste ihre Hand und weinte die bittersten Tranen. Lotte ruhte auf der andern und verbarg ihre Augen ins Schnupftuch. Die Bewegung beider war furchterlich. Sie fuhlten ihr eigenes Elend in dem Schicksale der Edlen, fuhlten es zusammen, und ihre Tranen vereinigten sich. Die Lippen und Augen Werthers gluhten an Lottens Arme; ein Schauer uberfiel sie; sie wollte sich entfernen, und Schmerz und Anteil lagen betaubend wie Blei auf ihr. Sie atmete, sich zu erholen, und bat ihn schluchzend fortzufahren, bat mit der ganzen Stimme des Himmels! Werther zitterte, sein Herz wollte bersten, er hob das Blatt auf und las halb gebrochen: "Warum weckst du mich, Fruhlingsluft? Du buhlst und sprichst: Ich betaue mit Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens ist nahe, nahe der Sturm, der meine Blatter herabstort! Morgen wird der Wanderer kommen, kommen der mich sah in meiner Schonheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen und wird mich nicht finden. "
Die ganze Gewalt dieser Worte fiel uber den Unglucklichen. Er warf sich vor Lotten nieder in der vollen Verzweifelung, fasste ihre Hande, druckte sie in seine Augen, wider seine Stirn, und ihr schien eine Ahnung seines schrecklichen Vorhabens durch die Seele zu fliegen. Ihre Sinne verwirrten sich, sie druckte seine Hande, druckte sie wider ihre Brust, neigte sich mit einer wehmutigen Bewegung zu ihm, und ihre gluhenden Wangen beruhrten sich. Die Welt verging ihnen. Er schlang seine Arme um sie her, presste sie an seine Brust und deckte ihre zitternden, stammelnden Lippen mit wutenden Kussen. "Werther!" rief sie mit erstickter Stimme, sich abwendend, "Werther!", und druckte mit schwacher Hand seine Brust von der ihrigen; "Werther!" rief sie mit dem gefassten Tone des edelsten Gefuhles. Er widerstand nicht, liess sie aus seinen Armen und warf sich unsinnig vor sie hin. Sie riss sich auf, und in angstlicher Verwirrung, bebend zwischen Liebe und Zorn, sagte sie: "Das ist das letzte Mal! Werther! Sie sehn mich nicht wieder." Und mit dem vollsten Blick der Liebe auf den Elenden eilte sie ins Nebenzimmer und schloss hinter sich zu. Werther streckte ihr die Arme nach, getraute sich nicht, sie zu halten. Er lag an der Erde, den Kopf auf dem Kanapee, und in dieser Stellung blieb er uber eine halbe Stunde, bis ihn ein Gerausch zu sich selbst rief. Es war das Madchen, das den Tisch decken wollte. Er ging im Zimmer auf und ab, und da er sich wieder allein sah, ging er zur Ture des Kabinetts und rief mit leiser Stimme: "Lotte! Lotte! nur noch ein Wort! Ein Lebewohl!" Sie schwieg. Er harrte und bat und harrte; dann riss er sich weg und rief: "Lebe wohl, Lotte! Auf ewig lebe wohl!"
Er kam ans Stadttor. Die Wachter, die ihn schon gewohnt waren, liessen ihn stillschweigend hinaus. Es stiebte zwischen Regen und Schnee, und erst gegen eilfe klopfte er wieder. Sein Diener bemerkte, als Werther nach Hause kam, dass seinem Herrn der Hut fehlte. Er getraute sich nicht, etwas zu sagen, entkleidete ihn, alles war nass. Man hat nachher den Hut auf einem Felsen, der an dem Abhange des Hugels ins Tal sieht, gefunden, und es ist unbegreiflich, wie er ihn in einer finstern, feuchten Nacht, ohne zu sturzen, erstiegen hat.
Er legte sich zu Bette und schlief lange. Der Bediente fand ihn schreibend, als er ihm den andern Morgen auf sein Rufen den Kaffee brachte. Er schrieb folgendes am Briefe an Lotten: "Zum letztenmale denn, zum letztenmale schlage ich diese Augen auf. Sie sollen, ach, die Sonne nicht mehr sehn, ein truber, neblichter Tag halt sie bedeckt. So traure denn, Natur! dein Sohn, dein Freund, dein Geliebter naht sich seinem Ende. Lotte, das ist ein Gefuhl ohnegleichen, und doch kommt es dem dammernden Traum am nachsten, zu sich zu sagen: das ist der letzte Morgen. Der letzte! Lotte, ich habe keinen Sinn fur das Wort: der letzte! Stehe ich nicht da in meiner ganzen Kraft, und morgen liege ich ausgestreckt und schlaff am Boden. Sterben! was heisst das?
Siehe, wir traumen, wenn wir vom Tode reden. Ich habe manchen sterben sehen; aber so eingeschrankt ist die Menschheit, dass sie fur ihres Daseins Anfang und Ende keinen Sinn hat. Jetzt noch mein, dein! dein, o Geliebte! Und einen Augenblick getrennt, geschieden vielleicht auf ewig? Nein, Lotte, nein Wie kann ich vergehen? wie kannst du vergehen? Wir sind ja! Vergehen! Was heisst das? Das ist wieder ein Wort, ein leerer Schall, ohne Gefuhl fur mein Herz. Tot, Lotte! eingescharrt der kalten Erde, so eng! so finster! Ich hatte eine Freundin, die mein alles war meiner hulflosen Jugend; sie starb, und ich folgte ihrer Leiche und stand an dem Grabe, wie sie den Sarg hinunterliessen und die Seile schnurrend unter ihm weg und wieder herauf schnellten, dann die erste Schaufel hinunterschollerte, und die angstliche Lade einen dumpfen Ton wiedergab, und dumpfer und immer dumpfer, und endlich bedeckt war! Ich sturzte neben das Grab hin ergriffen, erschuttert, geangstet, zerrissen mein Innerstes, aber ich wusste nicht, wie mir geschah wie mir geschehen wird Sterben! Grab! ich verstehe die Worte nicht!
O vergib mir! vergib mir! Gestern! Es hatte der letzte Augenblick meines Lebens sein sollen. O du Engel! Zum ersten Male, zum ersten Male ganz ohne Zweifel durch mein innig Innerstes durchgluhte mich das Wonnegefuhl: Sie liebt mich! Sie liebt mich! Es brennt noch auf meinen Lippen das heilige Feuer, das von den deinigen stromte, neue, warme Wonne ist in meinem Herzen. Vergib mir! vergib mir!
Ach, ich wusste, dass du mich liebtest, wusste es an den ersten seelenvollen Blicken, an dem ersten Handedruck, und doch, wenn ich wieder weg war, wenn ich Alberten an deiner Seite sah, verzagte ich wieder in fieberhaften Zweifeln.
Erinnerst du dich der Blumen, die du mir schicktest, als du in jener fatalen Gesellschaft mir kein Wort sagen, keine Hand reichen konntest? o, ich habe die halbe Nacht davor gekniet, und sie versiegelten mir deine Liebe. Aber ach! diese Eindrucke gingen voruber, wie das Gefuhl der Gnade seines Gottes allmahlich wieder aus der Seele des Glaubigen weicht, die ihm mit ganzer Himmelsfulle in heiligen, sichtbaren Zeichen gereicht ward.
Alles das ist verganglich, aber keine Ewigkeit soll das gluhende Leben ausloschen, das ich gestern auf deinen Lippen genoss, das ich in mir fuhle! Sie liebt mich! Dieser Arm hat sie umfasst, diese Lippen haben auf ihren Lippen gezittert, dieser Mund hat an dem ihrigen gestammelt. Sie ist mein! du bist mein! ja, Lotte, auf ewig.
Und was ist das, dass Albert dein Mann ist? Mann! Das ware denn fur diese Welt und fur diese Welt Sunde, dass ich dich liebe, dass ich dich aus seinen Armen in die meinigen reissen mochte? Sunde? Gut, und ich strafe mich dafur; ich habe sie in ihrer ganzen Himmelswonne geschmeckt, diese Sunde, habe Lebensbalsam und Kraft in mein Herz gesaugt. Du bist von diesem Augenblicke mein! mein, o Lotte! Ich gehe voran! gehe zu meinem Vater, zu deinem Vater. Dem will ich's klagen, und er wird mich trosten, bis du kommst, und ich fliege dir entgegen und fasse dich und bleibe bei dir vor dem Angesichte des Unendlichen in ewigen Umarmungen.
Ich traume nicht, ich wahne nicht! Nahe am Grabe wird mir es heller. Wir werden sein! wir werden uns wieder sehen! Deine Mutter sehen! ich werde sie sehen, werde sie finden, ach, und vor ihr mein ganzes Herz ausschutten! Deine Mutter, dein Ebenbild."
Gegen eilfe fragte Werther seinen Bedienten, ob wohl Albert zuruckgekommen sei? Der Bediente sagte: ja, er habe dessen Pferd dahinfuhren sehen. Darauf gibt ihm der Herr ein offenes Zettelchen des Inhalts: "Wollten Sie mir wohl zu einer vorhabenden Reise Ihre Pistolen leihen? Leben Sie recht wohl!" Die liebe Frau hatte die letzte Nacht wenig geschlafen; was sie gefurchtet hatte, war entschieden, auf eine Weise entschieden, die sie weder ahnen noch furchten konnte. Ihr sonst so rein und leicht fliessendes Blut war in einer fieberhaften Emporung, tausenderlei Empfindungen zerrutteten das schone Herz. War es das Feuer von Werthers Umarmungen, das sie in ihrem Busen fuhlte? War es Unwille uber seine Verwegenheit? War es eine unmutige Vergleichung ihres gegenwartigen Zustandes mit jenen Tagen ganz unbefangener, freier Unschuld und sorglosen Zutrauens an sich selbst? Wie sollte sie ihrem Manne entgegengehen, wie ihm eine Szene bekennen, die sie so gut gestehen durfte, und die sie sich doch zu gestehen nicht getraute? Sie hatten so lange gegen einander geschwiegen, und sollte sie die erste sein, die das Stillschweigen brache und eben zur unrechten Zeit ihrem Gatten eine so unerwartete Entdeckung machte? Schon furchtete sie, die blosse Nachricht von Werthers Besuch werde ihm einen unangenehmen Eindruck machen, und nun gar diese unerwartete Katastrophe! Konnte sie wohl hoffen, dass ihr Mann sie ganz im rechten Lichte sehen, ganz ohne Vorurteil aufnehmen wurde? Und konnte sie wunschen, dass er in ihrer Seele lesen mochte? Und doch wieder, konnte sie sich verstellen gegen den Mann, vor dem sie immer wie ein kristallhelles Glas offen und frei gestanden und dem sie keine ihrer Empfindungen jemals verheimlicht noch verheimlichen konnen? Eins und das andre machte ihr Sorgen und setzte sie in Verlegenheit; und immer kehrten ihre Gedanken wieder zu Werthern, der fur sie verloren war, den sie nicht lassen konnte, den sie leider! sich selbst uberlassen musste, und dem, wenn er sie verloren hatte, nichts mehr ubrig blieb.
Wie schwer lag jetzt, was sie sich in dem Augenblick nicht deutlich machen konnte, die Stockung auf ihr, die sich unter ihnen festgesetzt hatte! So verstandige, so gute Menschen fingen wegen gewisser heimlicher Verschiedenheiten unter einander zu schweigen an, jedes dachte seinem Recht und dem Unrechte des andern nach, und die Verhaltnisse verwickelten und verhetzten sich dergestalt, dass es unmoglich ward, den Knoten eben in dem kritischen Momente, von dem alles abhing, zu losen. Hatte eine gluckliche Vertraulichkeit sie fruher wieder einander naher gebracht, ware Liebe und Nachsicht wechselsweise unter ihnen lebendig worden und hatte ihre Herzen aufgeschlossen, vielleicht ware unser Freund noch zu retten gewesen.
Noch ein sonderbarer Umstand kam dazu. Werther hatte, wie wir aus seinen Briefen wissen, nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er sich diese Welt zu verlassen sehnte. Albert hatte ihn oft bestritten, auch war zwischen Lotten und ihrem Mann manchmal die Rede davon gewesen. Dieser, wie er einen entschiedenen Widerwillen gegen die Tat empfand, hatte auch gar oft mit einer Art von Empfindlichkeit, die sonst ganz ausser seinem Charakter lag, zu erkennen gegeben, dass er an dem Ernst eines solchen Vorsatzes sehr zu zweifeln Ursach' finde, er hatte sich sogar daruber einigen Scherz erlaubt und seinen Unglauben Lotten mitgeteilt. Dies beruhigte sie zwar von einer Seite, wenn ihre Gedanken ihr das traurige Bild vorfuhrten, von der andern aber fuhlte sie sich auch dadurch gehindert, ihrem Manne die Besorgnisse mitzuteilen, die sie in dem Augenblicke qualten.
Albert kam zuruck, und Lotte ging ihm mit einer verlegenen Hastigkeit entgegen, er war nicht heiter, sein Geschaft war nicht vollbracht, er hatte an dem benachbarten Amtmanne einen unbiegsamen, kleinsinnigen Menschen gefunden. Der uble Weg auch hatte ihn verdriesslich gemacht.
Er fragte, ob nichts vorgefallen sei, und sie antwortete mit Ubereilung: Werther sei gestern abends dagewesen. Er fragte, ob Briefe gekommen, und er erhielt zur Antwort, dass ein Brief und Pakete auf seiner Stube lagen. Er ging hinuber, und Lotte blieb allein. Die Gegenwart des Mannes, den sie liebte und ehrte, hatte einen neuen Eindruck in ihr Herz gemacht. Das Andenken seines Edelmuts, seiner Liebe und Gute hatte ihr Gemut mehr beruhigt, sie fuhlte einen heimlichen Zug, ihm zu folgen, sie nahm ihre Arbeit und ging auf sein Zimmer, wie sie mehr zu tun pflegte. Sie fand ihn beschaftigt, die Pakete zu erbrechen und zu lesen. Einige schienen nicht das Angenehmste zu enthalten. Sie tat einige Fragen an ihn, die er kurz beantwortete, und sich an den Pult stellte, zu schreiben.
Sie waren auf diese Weise eine Stunde nebeneinander gewesen, und es ward immer dunkler in Lottens Gemut. Sie fuhlte, wie schwer es ihr werden wurde, ihrem Mann, auch wenn er bei dem besten Humor ware, das zu entdecken, was ihr auf dem Herzen lag; sie verfiel in eine Wehmut, die ihr um desto angstlicher ward, als sie solche zu verbergen und ihre Tranen zu verschlucken suchte.
Die Erscheinung von Werthers Knaben setzte sie in die grosste Verlegenheit; er uberreichte Alberten das Zettelchen, der sich gelassen nach seiner Frau wendete und sagte: "Gib ihm die Pistolen." "Ich lasse ihm gluckliche Reise wunschen." sagte er zum Jungen. Das fiel auf sie wie ein Donnerschlag, sie schwankte aufzustehen, sie wusste nicht, wie ihr geschah. Langsam ging sie nach der Wand, zitternd nahm sie das Gewehr herunter, putzte den Staub ab und zauderte, und hatte noch lange gezogert, wenn nicht Albert durch einen fragenden Blick sie gedrangt hatte. Sie gab das ungluckliche Werkzeug dem Knaben, ohne ein Wort vorbringen zu konnen, und als der zum Hause hinaus war, machte sie ihre Arbeit zusammen, ging in ihr Zimmer, in dem Zustande der unaussprechlichsten Ungewissheit. Ihr Herz weissagte ihr alle Schrecknisse. Bald war sie im Begriffe, sich zu den Fussen ihres Mannes zu werfen, ihm alles zu entdecken, die Geschichte des gestrigen Abends, ihre Schuld und ihre Ahnungen. Dann sah sie wieder keinen Ausgang des Unternehmens, am wenigsten konnte sie hoffen, ihren Mann zu einem Gange nach Werthern zu bereden. Der Tisch ward gedeckt, und eine gute Freundin, die nur etwas zu fragen kam, gleich gehen wollte und blieb, machte die Unterhaltung bei Tische ertraglich; man zwang sich, man redete, man erzahlte, man vergass sich.
Der Knabe kam mit den Pistolen zu Werthern, der sie ihm mit Entzucken abnahm, als er horte, Lotte habe sie ihm gegeben. Er liess sich Brot und Wein bringen, hiess den Knaben zu Tische gehen und setzte sich nieder, zu schreiben. "Sie sind durch deine Hande gegangen, du hast den Staub davon geputzt, ich kusse sie tausendmal, du hast sie beruhrt! Und du, Geist des Himmels, begunstigst meinen Entschluss, und du, Lotte, reichst mir das Werkzeug, du, von deren Handen ich den Tod zu empfangen wunschte, und ach! nun empfange. O ich habe meinen Jungen ausgefragt. Du zittertest, als du sie ihm reichtest, du sagtest kein Lebewohl! Wehe! wehe! kein Lebewohl! Solltest du dein Herz fur mich verschlossen haben, um des Augenblicks willen, der mich ewig an dich befestigte? Lotte, kein Jahrtausend vermag den Eindruck auszuloschen! und ich fuhle es, du kannst den nicht hassen, der so fur dich gluht." Nach Tische hiess er den Knaben alles vollends einpacken, zerriss viele Papiere, ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung. Er kam wieder nach Hause, ging wieder aus vors Tor, ungeachtet des Regens, in den graflichen Garten, schweifte weiter in der Gegend umher und kam mit anbrechender Nacht zuruck und schrieb. "Wilhelm, ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Himmel gesehen. Leb wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Troste sie, Wilhelm! Gott segne euch! Meine Sachen sind alle in Ordnung. Lebt wohl! wir sehen uns wieder und freudiger." "Ich habe dir ubel gelohnt, Albert, und du vergibst mir. Ich habe den Frieden deines Hauses gestort, ich habe Misstrauen zwischen euch gebracht. Lebe wohl! ich will es enden. O dass ihr glucklich waret durch meinen Tod! Albert! Albert! mache den Engel glucklich! Und so wohne Gottes Segen uber dir!"
Er kramte den Abend noch viel in seinen Papieren, zerriss vieles und warf es in den Ofen, versiegelte einige Packe mit den Adressen an Wilhelm. Sie enthielten kleine Aufsatze, abgerissene Gedanken, deren ich verschiedene gesehen habe; und nachdem er um zehn Uhr Feuer hatte nachlegen und sich eine Flasche Wein geben lassen, schickte er den Bedienten, dessen Kammer wie auch die Schlafzimmer der Hausleute weit hinten hinaus waren, zu Bette, der sich dann in seinen Kleidern niederlegte, um fruhe bei der Hand zu sein; denn sein Herr hatte gesagt, die Postpferde wurden vor sechse vors Haus kommen.
"Nach eilfe.
Alles ist so still um mich her, und so ruhig meine Seele. Ich danke dir, Gott, der du diesen letzten Augenblicken diese Warme, diese Kraft schenkest.
Ich trete an das Fenster, meine Beste, und sehe, und sehe noch durch die sturmenden, voruberfliehenden Wolken einzelne Sterne des ewigen Himmels! Nein, ihr werdet nicht fallen! der Ewige tragt euch an seides Wagens, des liebsten unter allen Gestirnen. Wenn ich nachts von dir ging, wie ich aus deinem Tore trat, stand er gegen mir uber. Mit welcher Trunkenheit habe ich ihn oft angesehen, oft mit aufgehabenen Handen ihn zum Zeichen, zum heiligen Merksteine meiner gegenwartigen Seligkeit gemacht! und noch O Lotte, was erinnert mich nicht an dich! umgibst du mich nicht! und habe ich nicht, gleich einem Kinde, ungenugsam allerlei Kleinigkeiten zu mir gerissen, die du Heilige beruhrt hattest!
Liebes Schattenbild! Ich vermache dir es zuruck, Lotte, und bitte dich, es zu ehren. Tausend, tausend Kusse habe ich darauf gedruckt, tausend Grusse ihm zugewinkt, wenn ich ausging oder nach Hause kam.
Ich habe deinen Vater in einem Zettelchen gebeten, meine Leiche zu schutzen. Auf dem Kirchhofe sind zwei Lindenbaume, hinten in der Ecke nach dem Felde zu; dort wunsche ich zu ruhen. Er kann, er wird das fur seinen Freund tun. Bitte ihn auch. Ich will frommen Christen nicht zumuten, ihren Korper neben einen armen Unglucklichen zu legen. Ach, ich wollte, ihr begrubt mich am Wege, oder im einsamen Tale, dass Priester und Levit vor dem bezeichneten Steine sich segnend vorubergingen und der Samariter eine Trane weinte.
Hier, Lotte! Ich schaudre nicht, den kalten, schrecklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest mir ihn, und ich zage nicht. All! all! So sind alle die Wunsche und Hoffnungen meines Lebens erfullt! So kalt, so starr an der ehernen Pforte des Todes anzuklopfen.
Dass ich des Gluckes hatte teilhaftig werden konnen, fur dich zu sterben! Lotte, fur dich mich hinzugeben! Ich wollte mutig, ich wollte freudig sterben, wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines Lebens wiederschaffen konnte. Aber ach! das ward nur wenigen Edeln gegeben, ihr Blut fur die Ihrigen zu vergiessen und durch ihren Tod ein neues, hundertfaltiges Leben ihren Freunden anzufachen.
In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, du hast sie beruhrt, geheiligt; ich habe auch deinen Vater darum gebeten. Meine Seele schwebt uber dem Sarge. Man soll meine Taschen nicht aussuchen. Diese blassrote Schleife, die du am Busen hattest, als ich dich zum ersten Male unter deinen Kindern fand O kusse sie tausendmal und erzahle ihnen das Schicksal ihres unglucklichen Freundes. Die Lieben! sie wimmeln um mich. Ach wie ich mich an dich schloss! seit dem ersten Augenblicke dich nicht lassen konnte! Diese Schleife soll mit mir begraben werden. An meinem Geburtstage schenktest du sie mir! Wie ich das alles verschlang! Ach, ich dachte nicht, dass mich der Weg hierher fuhren sollte! Sei ruhig! ich bitte dich, sei ruhig! Sie sind geladen Es schlagt zwolfe! So sei es denn! Lotte! Lotte, lebe wohl! lebe wohl!" Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und horte den Schuss fallen; da aber alles stille blieb, achtete er nicht weiter drauf.
Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit dem Lichte. Er findet seinen Herrn an der Erde, die Pistole und Blut. Er ruft, er fasst ihn an; keine Antwort, er rochelt nur noch. Er lauft nach den Arzten, nach Alberten. Lotte hort die Schelle ziehen, ein Zittern ergreift alle ihre Glieder. Sie weckt ihren Mann, sie stehen auf, der Bediente bringt heulend und stotternd die Nachricht, Lotte sinkt ohnmachtig vor Alberten nieder.
Als der Medikus zu dem Unglucklichen kam, fand er ihn an der Erde ohne Rettung, der Puls schlug, die Glieder waren alle gelahmt. Uber dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirn war herausgetrieben. Man liess ihm zum Uberfluss eine Ader am Arme, das Blut lief, er holte noch immer Atem.
Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schliessen, er habe sitzend vor dem Schreibtische die Tat vollbracht, dann ist er heruntergesunken, hat sich konvulsivisch um den Stuhl herumgewalzt. Er lag gegen das Fenster entkraftet auf dem Rucken, war in volliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste.
Das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt kam in Aufruhr. Albert trat herein. Werthern hatte man auf das Bett gelegt, die Stirn verbunden, sein Gesicht schon wie eines Toten, er ruhrte kein Glied. Die Lunge rochelte noch furchterlich, bald schwach, bald starker; man erwartete sein Ende.
Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken. "Emilia Galotti" lag auf dem Pulte aufgeschlagen.
Von Alberts Besturzung, von Lottens Jammer lasst mich nichts sagen.
Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingesprengt, er kusste den Sterbenden unter den heissesten Tranen. Seine altesten Sohne kamen bald nach ihm zu Fusse, sie fielen neben dem Bette nieder im Ausdrucke des unbandigsten Schmerzens, kussten ihm die Hande und den Mund, und der alteste, den er immer am meisten geliebt, hing an seinen Lippen, bis er verschieden war und man den Knaben mit Gewalt wegriss. Um zwolfe mittags starb er. Die Gegenwart des Amtmannes und seine Anstalten tuschten einen Auflauf. Nachts gegen eilfe liess er ihn an die Statte begraben, die er sich erwahlt hatte. Der Alte folgte der Leiche und die Sohne, Albert vermocht's nicht. Man furchtete fur Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.
Fussnoten
1 Der Leser wird sich keine Muhe geben, die hier genannten Orte zu suchen; man hat sich genotigt gesehen, die im Originale befindlichen wahren Namen zu verandern. 2 Man sieht sich genotiget, diese Stelle des Briefes zu unterdrucken, um niemand Gelegenheit zu einiger Beschwerde zu geben. Obgleich im Grunde jedem Autor wenig an dem Urteile eines einzelnen Madchens und eines jungen, unsteten Menschen gelegen sein kann. 3 Man hat auch hier die Namen einiger vaterlandischen Autoren weggelassen. Wer teil an Lottens Beifalle hat, wird es gewiss an seinem Herzen fuhlen, wenn er diese Stelle lesen sollte, und sonst braucht es ja niemand zu wissen. 4 Wir haben nun von Lavatern eine treffliche Predigt hieruber, unter denen uber das Buch Jonas. 5 Man hat aus Ehrfurcht fur diesen trefflichen Herrn gedachten Brief und einen andern, dessen weiter hinten erwahnt wird, dieser Sammlung entzogen, weil man nicht glaubte, eine solche Kuhnheit durch den warmsten Dank des Publikums entschuldigen zu konnen.