1771_Haller_032 Topic 1

Albrecht von Haller

Usong

Eine Morgenlandische Geschichte,

in vier Buchern

Dem

Durchlauchtigsten Fursten und

Herrn

Peter Friedrich Ludwig

Herzoge

von Holstein Gottorp,

Erben von Norwegen.

Der grosste Ruhm unsrer Zeiten ist die bessere Auferziehung junger zur Regierung gebohrner Herren. Man bildet sie nicht mehr zu Jagern, sie sollen uber Menschen herrschen. Man zieht nicht bloss Krieger aus ihnen, auch wenn er nothig ist, bleibt der Krieg ein Uebel, und das Ziel aller Arbeiten weiser Fursten ist der Friede. Wenn man die Geschichte zu Rath zieht, und die christlichen Fursten des funfzehnten Jahrhuntes mit den meisten jetztlebenden Fursten vergleicht, so freuet sich ein redlicher Europaer uber den Vorzug unsrer Zeilen. Das Licht dringt taglich bey den Machtigsten unter den Menschen durch; sie sind uberzeugt, dass ihre Gluckseligkeit mit dem Wohlseyn ihrer Unterthanen, und dieses mit der Tugend ihres Fursten, unzertrennlich verbunden ist. Erlauben Sie also, Durchlauchtigster Herr, Sie, aus dessen erlauchten Stamme alle die Beherrscher des Nordentz entsprungen sind, dass ein Burger einer durch Ihre Gegenwart ehemals beehrten Republik, Ihrem erhabenen Namen die Wunsche eines Menschenfreundes zuschreibe; denn was ist Usong anders als das Bild eines Fursten, wie ihn ein Menschenfreund wunschet, und wie ihn die Tugenden hoffen lassen, die wir an Euer Durchlaucht verehret haben.

Der Verfasser.

Vorrede.

Die Larve ist nicht mehr nothig, mit welcher sich Usong in der ersten Auflage bedeckt hat. Man weiss uberall, und ich begehre es nicht zu verhehlen, dass ich einige Gedanken uber die vornehmsten Regierungsformen in eben so vielen Geschichten vorzutragen mir vorgenommen gehabt habe. Die Misbrauche der Despotischen Gewalt, und einige Rathe diese furchterliche Art der Regierung zu mildern, schien sich die Geschichte eines Morgenlandischen Fursten am besten zu schicken, da eben die unumschrankte Macht die einzige ist, die diese Gegenden vom Anfange der Dinge her kennen, so dass sie ein Erbe der altesten Zeiten, und nicht eine neuerliche auf den Untergang der Freyheit gegrundete Gewalt ist. Die Wahl des Fursten war freylich in meiner Willkuhr, ich wahlte auch einen Konig, der wurklich grosse Eigenschaften besass, und dessen wesentliche Geschichte, eben diejenige ist, unter welcher ich meine Gedanken vortrage. Er, und seine Art zu regieren, waren nicht so allgemein bekannt, dass der Wohlstand mich zu sehr hatte einschranken konnen, wann ich etwas mehr von ihm und von seinen Anstalten schreibe, als die ernsthafte Geschichte mir vorsagt. Ich blieb aber dennoch bey den morgenlandischen Sitten, und selbst die Einrichtung des Staates ist entweder nach China geschildert, oder sie ist wurklich unter den Enkeln Usongs in Persien wahr gewesen: denn das costume zu verletzen ist eine Freyheit, die man auch dem Racine verdacht hat, wann er sie nahm. Wann man einer Erdichtung die Wurde einer Geschichte geben will, so muss man sie allerdings der Geschichte so ahnlich machen, dass der Unterscheid nicht zu anstossig in die Augen fallt.

In dieser jetzigen Auflage ist etwas weniges verandert und vermehrt worden. Ich hatte bittere Kritiken vor mir liegen, die mir Anlass hatten geben konnen, mich zu bessern, wenn sie auf die wurklich fehlhaften Stellen meines kleinen Werks gefallen waren. Auch den Druckfehlern, die man als Verbrechen mir angeschrieben hat, werde ich schwerlich entgehen. Nur die Engellander, die uber den Mangel an Einbildungskraft geklagt haben, verfehlen ganzlich meines Zwekkes, der auf keine Geschopfe der Einbildung geht. Freunde der Tugend, der Freyheit, und des Gluckes der Menschen, werden vielleicht der Absicht zu lieb die Fehler verzeihen, die andre begierig samlen.

Bern den 9. Junii

1777. Haller.

Erstes Buch.

Zweymal hatten sich die Geschlechter der Menschen erneuert, seitdem der kaiserliche Stamm der Iwen von dem Throne in China war verdrungen worden. Die Enkel des vergotterten Oguz und des machtigen Tschengis waren in ihre ehmalige Mittelmassigkeit zuruckgesunken. Sie waren zahlreich, und ein jeder Furst lebte mit seiner Horde von der Viehzucht und von der Jagd. Die Reichthumer von China, die kostbaren Feyerkleider, der Palankine Pracht, das Gefolg unzahlbarer Mandarine, der Glanz des Thrones war verschwunden, und ein von einem reissenden Thiere erfochtener Pelz war der Putz der Nachkommen des Besitzers der Welt.

Einer von ihnen, ein Haupt des altesten Zweiges des grossen Kublai, der kuhne Timurtasch, spannte im Winter seine Zelten an dem westlichen Ufer des Kokonors1 auf. Seine zahlreichen Heerden bedeckten ein breites Gefilde, und seine getreuen Unterthanen lebten unter ihm in Vertraulichkeit und innerlichem Frieden. Im Sommer zog er sich nach und nach in die Ulanischen Geburge, wo Schatten und Weide fur seine Pferde und sein Vieh waren. Timurtasch erinnerte sich, dass er ein Abkommling der Iwen2 war, die durch ihre Abhangigkeit an die Bonzen geschwacht, und durch einen Bonzenknecht, den glucklichen Hungwu, vom Throne gesturzt worden waren: in seinem Herzen wallete ein unversohnlicher Hass gegen die Priester, deren Aberglauben die mannlichen Tugenden der Tschengiden erweicht, und deren Eigennutz den Fursten zu den Wollusten verleitet hatte. Timurtasch konnte auch dem Geschlechte des Ming nicht verzeihen, dass die Enkel eines verachtlichen Pfaffendieners auf dem schonsten Throne der Welt sitzen, und alle die Vorzuge eines Sohnes des Himmels geniessen sollten, die er fur sein Erbe ansah.

So schwach die Zahl seiner Mongalen war, so ubte dennoch Timurtasch begierig die Rache aus, die er fur seine Pflicht hielt. Er bekriegte gegen Westen unaufhorlich den vergotterten Priester, der sich zu Lassa anbeten lasst: und nach Osten streifte er in die benachbarten Provinzen von China. Die unversohnlichen Kriege, die er wider die Feinde seiner Voreltern fuhrte, gewohnten seine Horden zu den Waffen; sie wurden die tapfersten unter allen den Stammen, die den Enkeln des Tschengis gehorchten. Der Sieg belohnte ihren Muth, sie waren allen ihren Nachbarn furchterlich, und die Zuversicht, die sie zu sich selber gefasst hatten, machte sie fast unuberwindlich.

Einmal hatte Timurtasch einen Einfall gegen Westen gethan; er war mit einer auserlesenen Reuterey bis an den See Zila gekommen: als er von einem sanften Hugel ein grosses Begleit von Tibetern herunterkommen sah, das mit einer in diesen Wusten ungewohnlichen Pracht gegen Lassa seinen Weg nahm. Auf einen Elephanten war ein glanzender Thron gesetzt, und mit seidenen Vorhangen war die Person bedeckt, die diesen koniglichen Sitz einnahm. Eine Anzahl bemalter Wagen schien mit Frauenzimmer besetzt zu seyn; andere Fuhrwerke fuhrten Kostbarkeiten und furstliches Gerathe; viele Fahnen zierten diesen Aufzug, und selbst die Gewaffneten, die ihn bedeckten, waren weit kostbarer bekleidet, als sonst die Unterthanen des Dalai Lama sind.

Wie ein Falk, der auf den erschrockenen Reiger stosst, sturzte Timurtasch unter die Volker des Priesters. Sie flohen, und hinterliessen die unschatzbare Beute dem Ueberwinder.

Der Furst naherte sich dem Elephanten, begierig seine Beute naher zu kennen. Die Vorhange wurden geofnet; eine Schone im koniglichen Schmucke zeigte sich, und rief in einer unbekannten Sprache den Sieger um Verschonung an. Timurtasch hatte nie geliebt, er hatte auch unter seinen mongalischen Frauen keine Gestalt gesehen, die ihn hatte reitzen konnen. Die gefangene Furstinn war von einer Schonheit, dagegen alles ungestalt schien, was Timurtasch gesehen hatte. Sie hatte die schlanke Gestalt, die erhabenen Augenbraunen, die grossen und funkelnden Augen, und die edlen Zuge einer Einwohnerinn von Kaschmir: sie war aber eben so sehr uber die Schonen ihres Landes durch ihre eigenen Reitze erhoben, als sie es durch die Geburt war; denn sie war eine Tochter des Koniges dieses glucklichen Landes, die man Dalai Lama3, einem neulich vergotterten Junglinge, als Braut zufuhrte.

Timurtasch fuhlte Bewegungen im Herzen, die ihm neu waren. Sein Herz hatte nichts empfunden, als das Wallen eines Siegers, und das rohe Vergnugen, das eine gesattigte Rache giebt. Auf einmal fuhlte er, dass grossere Vergnugungen seyn konnten; er hoffete nunmehr von der Liebe unendlich mehr Gluckseligkeit, als er vom Ruhme und von der Rache genossen hatte. Er begegnete der Furstinn, mit der Hoflichkeit, die aus dem Herzen quillt, und die an keine Sitten und an keine Gewohnheiten gebunden ist. Seine Augen und seine Geberden sagten ihr, sie habe nichts von ihm zu besorgen, und wurde bey den Mongalen eben die Verehrung antreffen, die sie in Lassa hatte hoffen konnen. Er entliess den grossten Theil ihres Gefolges, und nahm nur diejenigen von ihren Frauen mit sich, die die Furstinn selber wahlte. Er brachte sie auf ein fluchtiges Pferd, und eilte mit ihr dem Geburge zu.

Die ganze Horde betete den siegreichen Timurtasch an, und jedermann bestrebte sich der schonen Gefangenen seine Ehrerbietung zu beweisen, da des Fursten Liebe fur dieselbe kein Geheimniss war. Sie lernte die Sprache dir Mongalen von ihrem Liebhaber; er war noch jung, und obwohl seine Zuge die Kennzeichen eines Mongalen trugen, so gab doch seine muntere Seele seiner ganzen Person ein Leben und eine Wurde. Die Furstinnen im Morgenland sind gewohnt, sich demjenigen zu ergeben, dem sie das Schicksal zufuhrt; sie sind niemals in den Umstanden, dass sie Vergleichungen anstellen, und eine Wahl sich erlauben konnen. Scheheristani, so hiess die Konigstochter von Kaschmir, liess sich die ungekunstelten Liebesbezeugungen ihres Siegers gefallen, und wurde seine Gemahlinn.

Timurtasch hatte nunmehr die Tibeter aufs heftigste beleidiget; er verdoppelte seine Einfalle wider ein Volk, von dem er die bitterste Rache zu befurchten hatte, und sein ganzes Leben war eine Reihe kleiner Siege. Seine schone Gemahlinn kam mit einem Fursten nieder, der ihr Ebenbild war. Er hatte nichts vom Mongalen, als die dauerhafte Starke eines unermudlichen Leibes: sonst war sein Wuchs ungewohnlich, und zog ihm den Namen des langen4 zu; seine Augen, seine Zuge, seine Farbe, glichen seiner liebenswurdigen Mutter, und der Adel seiner Seele leuchtete aus seiner ganzen Bildung, und aus allen seinen Geberden hervor.

Sein Vater zog ihn selbst zu den Uebungen eines scythischen Fursten. Niemand unter den Mongalen schoss gewisser, niemand zahmte ein feuriges Pferd mit mehrerm Muthe, niemand rang mit grosserer Geschicklichkeit, und niemand widerstund den kuhlen Wellen des Kokonors im Schwimmen bestandiger. Er folgte mit Entzucken seinem Vater, wenn er den furchterlichen Tieger im Dickicht reizte, und sein ganzes Heer wallete, wann die Lanze des Timurtaschs dem Ungeheuer durchs Herz drang. Usong, so hiess der junge Sohn der Scheheristani, gewohnte den Schongar5 zum Raube, er dauerte in seiner ersten Jugend auf der Jagd unermudet aus, und lachte der Gefahr und der Muhe entgegen.

Timurtasch hatte unter seinen Angehorigen noch einige Enkel der getreuen Chinesen, die der unrechtmassigen Gewalt des Ming sich nicht hatten unterwerfen wollen, und die lieber im Unglucke die Gefahrten der fluchtigen Iwen geblieben waren. Ein weiser Mann aus diesem Geschlechte, der des Kongfuzee6 Lehren eben sowohl ausubte, als wohl er sie im Gedachtnisse besass, wurde gewahlt, das Gemuth des jungen Fursten zu bilden. Begierig sog Usong die Lehren ein, die mit seinen edlen Neigungen ubereinkamen; er fand in seiner Natur selbst, dass gerecht, dass gutig, dass grossmuthig seyn denjenigen glucklich machte, der es ware. Sein Herz brannte nach dem edelsten Ruhme, der beste, der weiseste, der rechtschaffenste unter denjenigen zu seyn, die man mit ihm auferzog. Er fiel mit eben der Lust auf die Auszierung seiner Seele, die ihn zu den Uebungen des Leibes antrieb. Er las einen Theil des Schuking's7, und schrieb die zierlichsten Zuge. Sein Herz war gross genug, die Tugenden und die Vorzuge verschiedener Zeiten und verschiedener Volker zu fassen.

Unter den Aufmunterungen seiner bewundernden Eltern, war Usong nunmehr vierzehnjahrig worden: aber seine Krafte waren zu einer mehrern Reifigkeit gekommen, als sein Alter zu gestatten schien. Er gluhte vor Begierde, in einem wahren Kriege Ruhm und Erfahrenheit zu erwerben, und dennoch hatte er keine Hoffnung, die Erlaubniss dazu von seinem liebenden Vater zu erlangen. Seine Mongalen bereiteten sich eben damals zu einem Einfalle in Schensi: die auserlesenste Mannschaft rustete sich zu diesem Feldzuge wider die alten Feinde der Tschengiden. Usong entschloss sich heimlich diesem Streife beyzuwohnen. Er versah sich mit Pferd und Waffen, und einer verstellenden Kleidung, und nahm niemand mit, als seinen vertrauten Scherin, der an Tugenden und Leibesstarke ihm ahnlicher, als sonst kein Mongale, aber etwas alter war. Er gab eine Jagd nach einem Gefilde vor, das von dem Wege nach Schensi am entlegensten war. Er nahm die Zeit in acht, da die nach China bestimmten Mongalen eine Tagreise von den Zelten seines Vaters lagen, und ereilte sie auf dem Wege. Sie nahmen ihn als einen von einer freundschaftlichen Horde ihnen zugezogenen Mongalen an, und der Zug gieng vor sich, dieweil der bekummerte Timurtasch in allen westlichen Gegenden den vermissten Sohn angstlich suchen liess.

Die Scythen schwammen durch den gelben Fluss, und vermieden die grosse Mauer. Sie streiften durch die Wohnsitze eines reichen und in Sicherheit seinem Gewerbe nachgehenden Volkes, und sammelten eine unermessliche Beute. Aber ein rachender Feind wartete auf sie.

Liewang war Zongtu in Setschuen und Schensi, ein weiser und gerechter Herr, der mit den Vorzugen des Herzens alle Gaben des Verstandes vereinigte: ein wurdiger Urenkel des Kongfuzee. Er unterstund sich nicht, der ersten Muth der Mongalen sich entgegen zu setzen. Aber er erwartete ihren Ruckzug, wann sie mit einem beschwerenden Gepacke, in der grosten Sicherheit, und mit der Nachlassigkeit, die die Folge derselben ist, wieder nach ihren Wusten zurukkehren wurden. Er wahlte ein enges Thal, zwischen waldichten Hugeln, durch welches der Weg die Scythen fuhrte. Er bot die geubtesten von seinen Kriegsleuten auf, die in dieser bergichten Provinz herzhafter als im sudlichen China sind: er nahm eine Menge von denjenigen Kriegern mit sich, die aus eisernen Rohren bleyerne Kugeln durch die Gewalt des entzundeten Staubes trieben, ein Gewehr, das weit todtlicher verwundete, als die Pfeile der Scythen, das die Mongalen nicht kannten, und dem sie nichts gleich morderisches entgegen zu setzen hatten. Er fuhrte auch grosse metallene Rohren mit sich, die von Pferden fortgebracht wurden, und schwere steinerne Kugeln mit einer Gewalt von sich schleuderten, welcher keine Mauer widerstehen konnte, und die unter einer gedrungenen Schaar eine zernichtende Zerstorung anrichten.

Die ihren Feind verachtenden Mongalen kamen ohne Sorge in das ungluckliche Thal, wo ihr Untergang ihnen zubereitet war. Sie durchzogen es langsam, wegen der Menge der Gefangenen und des reichen Gepackes, womit ihr Zug beschweret war. Plotzlich ertonete das Geburge vom Knallen der todtlichen Feuerrohre; der Tod regnete auf die tapfern Scythen von den Hugeln und aus dem Gebusche herab; sie genossen nicht einmal den Trost ihren Feind zu sehen, und fechtend zu sterben. Usong, den sein ungeubter Muth, aus einem angebohrnen Triebe, an die gefahrlichste Stelle, und an die Hinterhut gefuhret hatte, ermunterte die nachsten seiner Freunde. Eilt, rief er, aus dem Thale des Mordes zuruck, und fallt dem Feinde in den Rucken. Eine geringe Anzahl der kuhnsten folgten ihm, und er stiess auf die Leibwache des Zongtu. Der junge Held offnete sich den Weg mit dem Sabel, und drang auf den verguldeten Drachen, das Zeichen der obersten Macht des Unterkoniges; er schmeichelte ihm selber mit der Hoffnung den Feldherrn selbst zu sturzen, und sich den Weg zum Ruckzuge uber die erlegten Feinde zu bahnen. Aber die Zahl der kuhnen Folger des Fursten war zu gering, sie wurden umringt, ein Theil fand an den Spiessen der Chinesen den Tod, und die ubrigen wurden entwaffnet.

Usong war dem Zongtu so nahe gekommen, dass dieser Unterkonig seine Gesichtszuge erkennen konnte. Liewang sah ihn fur einen aus dem entfernten Westen entsprungenen Fremden an, und konnte sich nicht enthalten, seine Bildung zu bewundern. Er befahl, den schonen Jungling gefangen zu nehmen, und der Befehl wurde leicht erfullt, da Usong unter sein erlegtes Pferd zu fallen gekommen war. Man brachte ihn und seinen Freund mit andern Gefangenen nach der Hauptstadt in Schensi, dem unermesslichen Singan, das dem kaiserlichen Sitze zu Pecking an der Grosse nicht weicht. Liewang wurde als der Erretter des Landes empfangen, und das Volk, das so viele Tugenden an ihm bewundert hatte, fand nunmehr an seiner sieghaften Klugheit im Kriege neue Grunde, ihn zu verehren.

Der Lerm der Geschaffte hatte den Unterkonig gehindert, den gefangenen Fremdling zu sprechen; nur hatte er ihn befragen lassen, wie sein Vaterland hiesse, und warum er in das friedliche Reich eingefallen ware? Usong kannte die mistrauischen Gesetze von China; sich fur einen Iwen erkennen zu lassen, war ein wider ihn ausgesprochenes Todesurtheil. Er liess also den Unterkonig in seinem Irrthum, und man hielt ihn fur einen Mongalen, von einer weit entlegenen und besser gebildeten Horde. Man wies ihm seinen Aufenthalt bey dem Gartner des Pallastes an, wo er zugleich die fremden und seltenen Thiere zu besorgen hatte, die der Unterkonig vornemlich zum Zeitvertreibe seiner Tochter hielt.

Liosua war zehn Jahr alt, die einzige Tochter, und die einzige Lust, des weisen Vaters. Sie hatte ihre Mutter, eine Furstinn aus dem kaiserlichen Stamme der Ming, sehr fruh verloren. Liewang vereinigte nunmehr alle die Zartlichkeit seines Herzens in der Liebe dieses angenehmen Kindes. Ihre Bildung war ausserordentlich schon, aber das Gemuth erfullte alle Wunsche des kennenden Vaters. Mildigkeit, Grossmuth, und kindliche Liebe, waren mit dem scharfesten Witze, und mit den lebhaftesten Gaben des Verstandes, begleitet. Sie ubte sich in den Wissenschaften des Reiches, und fullete ihr Gedachtniss mit den Lehren dir alten Weisen an, der Halbgotter, die zuerst unter den Menschen Ordnung und Gesetze erfunden hatten8.

Die Fluchtlinge der geschlagenen Mongalen kamen indessen traurig zu dem Ulanischen Geburge zuruck, und aus der Beschreibung des verlornen Junglings musste Timurtasch die ungluckliche Gewissheit abnehmen, dass auch sein edler Sohn das Leben eingebusset habe. Usong wusste kein Mittel, seinen Eltern seine Erhaltung einzuberichten: die Bekanntschaft mit einem Erben der Iwen ware fur ihn, und selbst fur den Boten todtlich gewesen. Der junge Furst zwang sich unter sein Schicksal. Die angeborne Munterkeit seines Gemuths machte ihm den niedrigen Zustand ertraglich, und seine Neugierigkeit fand eine angenehme Nahrung an den Blumen, und an den Thieren, die er zu warten hatte. Er blieb aber nicht lang in dieser demuthigenden Beschaftigung.

Des Unterkonigs Pallast hatte hinter sich weit ausgedahnte Garten liegen. Aus einem9 nahen Hugel quollen haufige Wasser, die bald in Teiche gesammelt, seltenen Fischen, oder schon gefiederten Wasservogeln zum Aufenthalte dieneten, und bald als schlanglichte Strome durch die Waldung schlichen, die aus einer Verschiedenheit von Baumen bald einzeln, bald in kleinen Klumpen, bald auch in Reihen gepflanzet waren. Ein Thal, umringt mit bewachsenen Hugeln, wurde von einem reinen Bache durchflossen, und endigte sich durch einen Felsen, den aber auch die Kunst aufgefuhrt hatte, und wodurch ein heimlicher Gang, gekrummt, zu einem zweyten Garten fuhrte. Diesen beschloss ein Gebusch, das unzuganglich schien, und dennoch einem Fusssteige offen war, der nach einem Tempel auf dem Hugel leitete.

Liosua hatte in dem nachsten Garten bey ihren Zimmern Goldfische, die sie aus ihrer Hand die Speisen holen gelehrt hatte; ihre unschuldige Jugend fand ein Vergnugen, auch stumme Geschopfe glucklich zu machen, die nicht danken konnten. Sie beschaftigte sich eben mit diesem Spiele ihrer Mildheit, als sie sich etwas zu niedrig bog; das Fraulein sturzte in den Teich, und wurde plotzlich vom Wasser verschlungen. Ihre Frauen schrien und eilten, wie die verstummelten Fusse es dem Chinesischen Frauenzimmer zuliessen, dem unglucklichen Teiche zu; sie waren aber zu spat gekommen, wenn Usong nicht eiliger gewesen ware.

Ihm, und allem was nicht weiblich war, war der Garten freylich verboten, der zu des Frauleins Vergnugen war auserlesen worden. Aber in einem nahen Gebusche war er eben beschaftigt, ein entkommenes Goldhun zu fangen, dessen gluhende Farben es unter dem Laube verriethen, als er das Geschrey der ohnmachtigen Weiber vernahm. Sein Feuer liess ihm keine Ueberlegung zu: er schwang sich uber das Gitterwerk, warf sich in den Teich, und in einem Augenblicke war er mit der geretteten Furstinn am Lande.

Sie war ohne Empfindung, und er musste sie umfassen, um sie in die Hohe zu heben. Er sah ihre schmachtenden halbgeschlossenen Augen, und eine unnachahmliche Anmuth auf dem selbst im Schrecken milden Angesichte. Sie holte endlich einen Seufzer, indem er sie zu ermuntern suchte, und blickte ihren Retter mit einer Freundlichkeit an, in welche sich eine zartliche Schattirung von Schamhaftigkeit mischte, und die blassen Wangen, mit einer schwachen Rosenfarbe ubergoss. Usong ubergab sie den frohlockenden Warterinnen, und entfernte sich aufs eiligste, denn er kannte die Sitten des Reichs, und die strenge Eifersucht, mit welcher die Gesetze uber die Zucht des Frauenzimmers wachen.

Man brachte das Fraulein in ihr Zimmer, und in die Arme des liebenden Vaters. Liewang war ein Verehrer der Sitten, aber seine Seele war zu gross, als dass er die Uebertretung derselben an einem Fremden hatte rachen sollen, der sich in die offenbarste Gefahr gesturzet hatte, dasjenige zu retten, was dem Unterkonige das Leben ertraglich machte. Er liess den Usong rufen. Junger Fremdling, sagte er, ich bin dir unendlich viel schuldig, wie kann ich dich belohnen?

Usong sah den Unterkonig mit dem edlen Anstand an, den eine erhabenere Geburt ihm gab, und bedachte sich einen Augenblick. Seinem lebhaften Gemuthe stellte sich zugleich die Freyheit und das Vergnugen seiner Eltern, aber auch der Vortheil dar, in der Weisheit der Chinesen sich ausbilden zu lassen. Heimlich mischte sich auch das anmuthvolle Bild der jungen Furstin in seinen Entschluss, und gab den Ausschlag. Ehrwurdiger Herr, sagte er, ich bin ein Fremdling, ich kenne etwas von der Weisheit des Landes: aber ich bin jung, gonne mir, dass ich mich in den Gesetzen, in den Gebrauchen, und den Wissenschaften eines Reiches unterweisen lasse, das seit den ersten Zeiten der Mittelpunkt der Ordnung und der offentlichen Gluckseligkeit ist.

Es war dem edlen Junglinge nicht entgangen, wie viele Vorzuge das reiche, das bevolkerte, das angebaute, das gelehrte, das weise China vor seinem verwilderten Vaterlande hatte. Er begriff, dass die Gemuther seiner Mongalen noch unverdorben, und eben so unschuldig waren, als die Hand der Natur sie erschaffen hatte: er sah ein, dass blos der Mangel an Einrichtungen, und an Wissenschaften, sie zu Barbaren machte, und dass sie alle Anlagen zu einem glucklichen Volke hatten, wenn ein Gesetzgeber das viele Gute anzuwenden wusste, das in diesen rohen Edelsteinen verborgen lag. Und dieser Gutthater meines Volks kann ich seyn, sagte sein Herz, nicht mit Worten, aber mit der lebhaftesten Empfindung, die ohne Zeitfolge, und ohne Worte, die Sprache des Herzens ist.

Junger Fremdling, sagte der Unterkonig, du verlangest nach Weisheit, du sollst sie erlangen; du bist frey, und ich werde sorgen, dass du unterrichtet werdest.

Die Freigebigkeit des Unterkonigs erstreckte sich auch auf den getreuen Scherin; er erhielt seine Freyheit: auf dass dem beliebten Usong kein Wunsch ubrig bleiben mochte. Dieser junge Furst befliss sich unter den vortreflichen Meistern, die ihm der Zongtu gab, die Weisheit der alten Herrscher von China, sich nutzlich zu machen; er fand in der Billigkeit dieser Fursten, in ihrer Bemuhung ihres Volkes Gluck zu bewirken, in ihrer Entfernung von allem Eigennutze, in ihrem Geiste der Ordnung, einen Reiz, der sein Herz erhohete. So hatte ich gedacht, das hatte ich gethan, sagte Usong zu sich selber, ihn dunkte, nichts ware schwer, was gut ware. Er kannte die Schwierigkeit noch nicht, die ein Menschenfreund findet, wenn er Gutes thun will.

Ob ihn wohl die Sitten der Chinesen abhielten, die liebenswurdige Liosua zu sehen: so war sie doch die angenehmste Beschaftigung seines Herzens. Er fand tausend Mittel eine Art eines Zuganges zu ihr sich zu offnen; und da alle ihre Dienerinnen in ihm den Retter einer angebeteten Furstin liebten: so erleichterten sie willig seine Absichten. Bald fand er seltene Blumen in den Geburgen, und bluhende Nipponische Baume in den Garten der Grossen, und liess sie der Fraulein zubringen; bald waren es die farbenreichsten Vogel, deren Fang einen Theil seiner scythischen Auferziehung ausgemacht hatte; bald neue Gedichte, die er bey seinen Meistern abschrieb. Er vernahm ihren Geburtstag, der im Pallast ein Fest war, und heftete heimlich an eine Spitzsaule in dem Garten des Frauleins einige Verse an, worinn er das Gluck der Ming10 beneidete, unter denen der Phonix gebohren ware. Das Fraulein lachelte, und nahm was von Usong kam, mit einer jugendlichen Unschuld freundschaftlich an.

Dennoch vergass er nicht, dass er ein Furst, und gebohren war, fur sein Volk zu sorgen. Er versaumte die Verhorstunden des Unterkonigs niemals: er bewunderte, wie die erfahrne Weisheit in den Rechtssachen den Knoten im Augenblick auflosete, der die Wahrheit umschlang, und den Schlussel ausfundig machte, der aus dem Labyrinthe fuhrte. Er sah mit Vergnugen die Anstalten, mit welchen Liewang dem Mangel wehrte: er erkannte die Klugheit, mit welcher er die Rechte des Ackermanns in einem Gleichgewichte gegen den Vortheil des Burgers hielt, und sowohl den Schweiss des Bauren zu belohnen, als dem armen Handwerksmanne die Nothdurft des Lebens in einem billigen Preise zu verschaffen wusste. Usong fuhlte, dass er diese edelste der Schulen nicht immer geniessen wurde, und eilte sich mit dem Lichte aufzuklaren, das die Einsicht des Unterkonigs von sich gab.

Aber der Furst war zu jung, und zu feurig, als dass seine Liebe lang hatte verschwiegen bleiben konnen. Er hatte zwey Jahre zu Singan zugebracht, als endlich sein bestandiges Bestreben dem Fraulein gefallig zu werden, den ernsthaftern unter ihren Frauen zu missfallen anfieng. Schon hatte er sich unterwunden, den eigenen Garten zu betreten, in welchem die Furstin sich erlustigte, und der fur ihn ein verbotenes Heiligthum war. Er erfand immer neue Anlasse, die seine Freyheit entschuldigen konnten. Unter den Blumen, die er ihr zutragen liess, waren ofters Verse verborgen, deren allgemeine Ausdrucke doch allemal Zeichen behielten, die nur der jungen Schonheit sich zueignen liessen, die er verehrete. Er liess Zeugnisse seiner Liebe im hellesten Feuer brennen; er weyhete selbst die Stellen, die Liosua beruhrte, mit zartlichen Sinnbildern ein.

Endlich hielten sich die Frauen verpflichtet, die Unbedachtsamkeit des Fremdlings dem Unterkonige anzuzeigen. Der weise Herr erwog, was die Sitten des Reichs und seine Eher erforderten, und dann, was Usongs liebenswurdige Eigenschaften, und gluckliche Dienste, dagegen vermogen sollten. Er liess den Sohn des Timurtasch vor sich fordern, und sagte zu ihm: Jungling, der Sohn der Schlange bewarb sich um die Tochter des Drachen; aber der Drache fragte ihn, wo sind deine Flugel? In dem Herzen des Fursten hob sich auf einmal das Angedenken des Oguz und des Tschengis, die Herrlichkeit des Kublai,11 und die ganze Grosse seines Geschlechts empor; er antwortete mit gesetztem Anstande: der Sohn der Schlange hatte Flugel, aber man sah sie nicht. Diese Antwort misfiel dem ernsthaften Herrn. Wenn der Fremdling deutlicher unterrichtet werden muss, so wird er sich erinnern, dass die Tochter der durchlauchtigen Ming nicht gebohren ist, unter einem scythischen Zelte zu wohnen. Usong wird sein Vergehen einsehen, und nicht, da er die Gesetze und die Sitten des Reiches zu lernen hier wohnet, durch unerlaubte Triebe sich des Mittels berauben, weiser zu werden. Hastig fuhr der Jungling bey diesem Verweise auf; er riss seine Oberkleider entzwey, und zeigte dem Unterkonig den gelben Gurtel, das Wahrzeichen des kaiserlichen Geblutes, das er niemals abgelegt hatte. Er stund in der Majestat eines beleidigten Kaisersohnes da. Der Sohn der Iwen, der Enkel des Tschengis, darf keine Vergleichung mit dem Ming befurchten. Nun schicke mich zum Tode hin, denn deine Verachtung ist bitterer fur mich.

Liewang liebte den Jungling; er erschrack uber die gefahrliche Erklarung, und wollte keinen ubereilten Entschluss fassen. Er liess den von Zorn errothenden Usong in ein Zimmer fuhren, und ohne Beleidigung sorgfaltig verwahren. Am folgenden Tage rief er den Fursten wieder vor sich, und sagte zu ihm mit dem gesetzten Wesen, das der grosste Vorzug der chinesischen Staatsbedienten ist, und sonst wohl oft die Weisheit selber bey ihnen ersetzen muss; der fremde Jungling kann im Reiche nicht mehr leben, ihn beschutzen ware eine Untreu, die ich am Sohne des Himmels12 begehen wurde. Auch in sein Vaterland zuruck zu kehren kann ihm nicht erlaubt werden. Die Iwen sind vom Verhangnisse zum Untergange bestimmt. Wenn aber der Fremdling in einem entfernten Lande, am aussersten Ende der Welt, sein Leben zuzubringen sich verpflichten wird, so kann vielleicht der Saamen der Weisheit bey ihm zur Reife gelangen, und bey einem andern Volke Fruchte tragen.

Usong antwortete mit der Grosse eines wahren Tschengiden: Dasjenige Land wird mir am liebsten seyn, das am entferntesten vom Throne der Ming ist.

Liewang liess den Jungling von sich; er schrieb unverzuglich an den Unterkonig von Quangtscheu13 "ein Fremder wurde aus wichtigen Ursachen aus dem Reiche verbannet; weil aber derselbe Zeichen der Tugend von sich gegeben hatte, so ware der Zongtu14 vom Liewang gebeten, diesen Fremdling auf einem nach den entferntesten Abendlandern abgehenden Schiffe wegbringen zu lassen: doch mochte er ihm dasjenige mitgeben, was Liewang ihm zu den Nothdurftigkeiten des Lebens abfolgen liesse."

Usong sah sich nunmehr gezwungen, die geliebte Liosua ewig zu meiden; jung, wie er war, konnte er sich nicht enthalten zu versuchen, den letzten Abschied von ihr zu nehmen. Er und sein Freund Scherin spaheten alle Augenblicke aus, in welchen die junge Schone in den Garten sich befinden wurde, und es gelang dem Usong, eben bey dem Teiche, aus welchem er sie gerettet hatte, unvermuthet vor ihre Fusse sich zu werfen. Tochter des Himmels,15 sagte er, Usongs Tugend, und nicht seine Abkunft, war deiner nicht wurdig. Warum habe ich nicht die Vorzuge eines Schung! Warum kann ich nicht hoffen, der Sohn eines neuen Yu zu werden!16 Er schwieg, und Thranen stiegen das erstemal in seine gluhenden Augen.

Die geruhrte Liosua erinnerte sich, was die Strenge der Sitten erforderte, sie entfernte sich, und sagte im Gehen: Usong ist ein Fremdling, und kennt unsre Gebrauche nicht, man muss ihm verzeihen. Da sie aber langsam sich ihren Frauen naherte, konnte sie sich der Wehmuth nicht erwehren, da sie sich von einem liebenswurdigen Fursten trennen sollte, der an eben dem Orte, mit der Gefahr seines eigenen Lebens, das ihrige gerettet hatte. Sie sah sich noch einmal nach ihm um, ihre Augen sagten ihm, mit einem sittsamen Schmachten, aufs deutlichste, sie verlore ihn nicht gern.

Usong verstand die Sprache; das Herz lernt sie von der Natur; er sprang auf, und eilte halb entzuckt, und halb verzweifelnd ins Gebusch.

Der Tag kam, da er mit dem getreuen Scherin verreisen musste. Er fand in Quangtscheu Reichthumer an Golde, an seidenen Zeugen, und an allen den Werken der in China so arbeitsamen Kunste. Auch der Schuking, und die geheiligten funf Bucher der alten Weisen, waren unter den Geschenken des Liewangs, und in einem derselben fand er einen Brief von dem Unterkonige.

Nun ich des edlen Usongs Angesicht nicht mehr sehen werde: so ermahne ich ihn, wie ein Vater einen auf ewig sich entfernenden Sohn ermahnet, die Weisheit und die Tugend unverruckt zu lieben. Usong hat Gaben, die ihn zum nutzlichen Fursten machen konnen: wird er diese Krafte anwenden, so kann er vom Himmel hoffen, ein Werkzeug der Gute desselben zu werden.

Usong kusste dankbar und wehmuthig dieses Vermachtnis eines Gutthaters, der seiner Liosua Vater war. Die Schiffahrt gieng ohne Hindernisse fort, und der Kaufmann setzte ihn mit seinen Schatzen zu Atschin aus: denn weiter giengen aus dem Reiche keine Schiffe. Der junge Furst hatte sich in der Einsamkeit des Schiffes einen Grundriss zu seinem kunftigen Leben entworfen: er nahm sich vor, Lander zu besuchen, wo er sich ausbilden konnte, Reiche, wo die Weisheit bluhete, und wo eine Regierung ware, die die Unterthanen glucklich machte. Er hatte zu Singan, und noch itzt durch die Bucher der Alten, und durch Liewangs glanzendes Vorbild, sich ganz mit der Begierde angefullt, sich tuchtig zu machen, am Glucke der Menschen zu arbeiten. Ihm blieb kein andrer Trieb, neben der unschuldigen Sehnsucht nach der bescheidenen tugendhaften Liosua.

Atschin stand unter einem kriegerischen und grausamen Konige. Usong hatte in China die Schonung liebgewonnen, mit welcher man, selbst wider die rachenden Gesetze, das Leben eines jeden Menschen vertheidigt, so lang als er die Gesellschaft seiner Mitburger nicht unertraglich storet. Hier sah er alle Tage auf einen blossen Befehl des Koniges, ohne Verhor, ohne Verantwortung, ohne Ueberfuhrung, und oft ohne Schuld, diejenigen den Elephanten vorwerfen, oder unter dem Sabel sterben, auf die der Unwillen des Herrschers gefallen war. So wurde ein Tiger herrschen, sagte er, wenn der Himmel zugeben konnte, dass Tiger herrscheten. Auch fand er in einem nicht unahnlichen Lande nichts von den Zierraten von China, keine durch die Hand des Fleisses zubereitete Graben zur innern Schiffarth, keine stuffenweise eingetheilte und bebaute Berge, keine den Reichthum der Einwohner verrathende Gebaude, keine Schulen der Gelehrten, und nichts als Walder, oder Hutten, worinn Sclaven sich schmiegten.

Bey dem chinesischen Kaufmanne, in dessen Haus ihn der Befehlshaber des Schiffes aus Quangtscheu gelassen hatte, fand er einen Mollah, einen fur heilig gehaltenen Hadschi,17 der von der Reise nach Mecca zuruckgekommen war, und etwas von der chinesischen Sprache verstund. Die Gestalt des jungen Fursten sprach selbst fur ihn, und sein freundschaftliches und edles Wesen gewann ihm alle Herzen. Der Mollah vernahm vom Usong, er suche ein Land, wo die Einwohner glucklich waren, und wo die Tugend im Ansehen stunde. Jungling, sagte der Mollah, alle diese Morgenlander stehen unter harten Herren, und unter keinen andern Gesetzen, als unter dem Willen der Herrscher. Aber fern in Westen, liegt ein Reich, Misr18 ist sein Namen, das mit deinem China eine Aehnlichkeit hat, aber weit kriegerischer ist. Es ist, wie Taising mit Graben durchschnitten; ein Fluss kommt vom innersten Suden, und fullt an einem gesetzten Tage diese Graben, und durch sie das ganze Land, mit einem segnenden Wasser an, wodurch es fruchtbar wird. So weit das Auge reicht, wird Aegypten zum Garten, wo die gutige Natur mit der geringsten Hulfe dreyssigfach den Saamen wiederbringt. Edle Palmenbaume bekleiden seine Busche, und eine ausgedehnte Schiffahrt fullt seine Hafen mit den Arbeiten des Morgenlandes, und mit den Werken des Fleisses der kunstlichen Volker, die noch weiter nach Abend liegen.

Aber Misr hat noch einen grossern Vorzug: nur das Verdienst macht daselbst Fursten, und aus den Fursten Konige. Unter vier und zwanzig Fursten ist das Reich eingetheilt; keiner folget seinem Vater, sie sind alle die Sohne ihrer Thaten. Einer von ihnen, dessen Vorzuge ihn zur Wahl auszeichnen, steigt auf den Thron; er ist allemal ein Fremdling, und mehrentheils ein Sclav,19 der durch den Gehorsam durch die Noth, zur Anstrengung seiner Krafte gezogen, und durch die Geschafte selber gebildet worden ist. Misr ist das Vaterland des Verdienstes, und der Tempel der belohnten Tugend.

Usong liess sich die Rathe des Mollah gefallen. Sobald die Jahreszeit gunstig war, schiffete er sich nach Dschidda ein, wodurch einige Mahometaner eine Wallfahrt nach Mecca unternahmen, und der Mollah, sein Freund, gieng selbst zum zweytenmale zum Grabe seines Propheten. Die Musse einer langen Schiffahrt brachte Usong zu, die arabische Sprache sich bekannt zu machen, worinn ihn der Mollah unterwies. Er las den Koran mit innigem Vergnugen. Das naturliche Licht fuhrte ihn zu einem einigen Gott, und er fand, dass die chinesischen Weisen zu selten, zu kalt, und zu fremd von Gott sprechen. Der Tien, sagte Usong, ist der Schutzgott des Reiches20 und des Kaisers: aber hier finde ich einen Gott, der mein Gott, und eines jeden Menschen Gott ist. Nur die Wunder, davon Usong in China auch nicht den Namen gehort hatte, und die, in dem Glauben der Bonzen eingewoben, die Abscheu der Weisen waren, verstatteten ihm nicht, dem Koran einen volligen Glauben zu geben.

Zu Dschidda trennte sich Usong von seinem mahometanischen Freunde, dem Mollah, und fand ein Fahrzeug, das ihn zu Suez aussetzte. In Alkahirah21 kam er eben zu der Zeit an, da der Soldan mit aller der Pracht eines reichen Koniges den Befehl ertheilte, den Kanal zu offnen, der das Wasser vom Nil einlasst. Die Fursten des Reiches, und die Befehlshaber der zirkassischen Krieger, erschienen in den kostbarsten Kleidungen, und auf den edelsten arabischen Pferden. Ganz Aegypten begieng sein grosstes Freudenfest, und die allgemeine Wonne druckte sich in tausend Spielen aus. Usong selbst fand etwas prachtiges in dem Befehle, den ein Mensch gab, dass ein Reich fruchtbar werden sollte. Er glaubte einen Augenblick an alle die Vorzuge, die der Mollah Aegypten zugeschrieben hatte.

Aber, als er das verworrene, das unreinliche Alkahirah sah: wie er die in Aegypten herrschende Unordnung mit der genauen Policey der Chinesen verglich: wie er den Uebermuth der zirkassischen Kriegsleute gewahr wurde, die das ubrige Volk wie Sclaven hielten: wie so viele Auflaufe unter den herrschenden Mammelucken selber entstanden, und wie bald dieser und bald jener Bey von seinen Gegnern uberfallen und getodtet wurde: wie Usong erfahren musste, dass der Diebstahl die allgemeine Gewohnheit der Einwohner war, und dass anstatt der Gesetze nur der Wille der Machtighen herrschte; so wurde seine Seele mit Unmuth geruhrt. Sollte denn Weisheit und Tugend allein in China, dem Reiche der Ming, gefunden werden, sagte er, und seufzete!

Er fand auch bald bey seinem Aufenthalte in Misr, dass nicht der Verdienst, sondern die Gewaltthatigkeit hier zum Glucke fuhrte, und derjenige unter den Fursten den Thron bestieg, dessen Sabel sich am grausamsten in dem Blute seiner Bruder gefarbet hatte. Usongs in der Liebe zum Rechte und Guten erzogene Seele verabscheute ein Land, wo er keines von beyden fand.

Er machte sich indessen die Fremdlinge von allen Volkern bekannt, die die Handlung nach Aegypten rief; sein Zweck war auszuforschen, ob unter den abendlandischen Reichen denn keines ware, wo er Weisheit und Tugend anzutreffen hoffen konnte? Er fand sich in den Salen ein, wo die Kaufleute von den entferntesten Landern sich bey dem neuerfundenen Getranke versammelten, das als ein unschuldiges Labsal der muden Seele gesucht wurde:22 und daselbst gerieth er in einigen Umgang mit einem Edlen aus Venedig, der mit dem Gesandten dieses Freystaates seinem Oheim, nach Alkahirah gereiset war; sein Name war Katharin Zeno.

Usongs Wesen war einnehmend, und er reizte die Neugier selbst durch die Entfernung, aus welcher er herkam; ein Einwohner von China, fur den man ihn hielt, war fur einen Europaer eine nie gesehene Seltenheit.

Usong kam mit dem Zeno auf die abendlandischen Staatsverfassungen zu sprechen. Kommt denn der edle Zeno nicht aus einem Lande, wo man die Wissenschaften ehret, und die Wurde der Sitten kennt? Aus seinem Betragen sollte man schliessen, es gabe Volker, denen der Namen der Barbaren mit Unrecht beygelegt wird, sagte der Furst auf arabisch. Zeno lachelte: wann uns die Morgenlander fur ungesittet ansehen, so erwiedern wit ihnen diese Unbilligkeit mit der unsrigen. Einer von uns (Marc Pol,) hat etwas von der Grosse und der Weisheit von Kathai uns erzahlt, aber insgemein halten sich die Europaer fur einzig gesittet. Und gewiss, wann Usong die Gesetze, die Ordnung, den Gottesdienst, die Kunste, die Kriegszucht zu Venedig wird gesehen haben: so wird er uns eingestehen, wir haben vor dem Volke, bey welchem wir beyde jezt leben, dennoch achte Vorzuge.

Die Vaterstadt des Zeno erweckte Usongs nachfragende Neugier, und er bezahlte seinen neuen Freund mit Nachrichten aus China. Er sah selbst aus den Waaren, die aus den Schiffen dieser freyen Stadt nach Alexandria kamen, den bluhenden Zustand der Kunste. Die Schiffe waren besser gebaut, und wurden geschickter gelenkt, als in China, und an allem Gerathe erkannte man Geschmack und Erfindung. Usong entschloss sich leicht, da des Zeno Oheim eben seine Jahre geendigt hatte, mit beyden Edeln nach Venedig zu segeln. Er legte sich mit seinem gewohnlichen Feuer auf die welsche Sprache, und auf die Kenntniss der Buchstaben: eine durch viele Windstillen verlangerte Schiffahrt half ihm, sich in beyden zu uben, und zu Venedig war er bald im Stande, seine Gedanken zu erklaren.

Diese stolze Stadt stund damals auf dem hochsten Gipfel des Wohlstandes. Niemals hatte Tyrus eine solche Uebermacht in der Handlung erworben. Unter dem Herzoge Thomas Mocengio besass, kurz vor des Usongs Ankunft, Venedig uber drey tausend Schiffe, die mit sechs und dreyssig tausend Seeleuten besetzt waren. Sein Reichthum war fast unermesslich. Es verschickte alle Jahre Waaren fur den Werth von zehn Millionen Goldmunze in fremde Hafen, und gewann an der blossen Fracht zwo Millionen. Der ganze Handel von Indien gieng uber Alexandria nach Venedig, und die Venetianer waren die allgemeinen Kaufleute aller abendlandischen Volker.

Usong erstaunte in der That, als er die hohen Thurme von Venedig sich allmahlig aus den Wellen erheben sah. Er hatte in China grossere Stadte gesehen, aber der blosse Gedanke, mitten ins Meer eine Hauptstadt, die Beherrscherin ganzer Konigreiche, zu bauen, war fur ihn mehr als menschlich. Er fand mehr Festigkeit in den steinernen Gebauden, in den Tempeln mehr Pracht, reichere Zeughauser, und einen Gottesdienst, der mehr Anstand hatte, als der kindische Gotzendienst der Bonzen, und mehr Andacht zeigte, als die kalte Verehrung der Voreltern.

Nichts besturzte aber den jungen Usong mehr, als die Staatsverfassung. Der Begriff eines Freystaates war im despotischen China noch nicht entstanden. Man glaubte viele Gotter, aber stellte sich nur einen Konig als moglich vor. Dass aber Edle mit gleicher Gewalt neben einander herrschen, und der Grosste auch vom Geringsten abhangen konnte, kam dem Usong wie eine Erscheinung aus dem Reiche der Geister, und als eine Nachricht aus einer andern Erdkugel vor. Seine Erstaunung vermehrte sich, da er vernahm, in den Abendlandern waren ehmals alle Volker frey gewesen, und durch ihre eigenen, von ihnen selbst gewahlten Obrigkeiten, beherrschet worden. Er konnte den Grund nicht einsehen, warum eben in diesen Landern eine der ubrigen Welt unbekannte Art zu herrschen ublich ware: und begriff nicht, wie unter vielen gleichmachtigen einmuthige Befehle und Maasregeln verfasst werden konnten. Er sah zwey Volker; ein herrschendes, das das kleinere war, und ein grosseres, das gehorchte, und niemals zum herrschen gelangte.

So stark sein Vorurtheil wider die Regierung der Edlen war: so fand er doch in Venedig, dass sie mit dem allgemeinen Wohlseyn bestehen konnte: denn das Volk schien reich zu seyn, es wohnte in bequemen Hausern, und seine Arbeit war nicht ubermassig. Die Kunste bluhten wie in China, alles was zu der Menschen Nutzen und Vergnugen dienen konnte, wurde hier verfertigt. Die Edlen schienen bey ihrer Obermacht bescheiden zu seyn, die Gesetze galten auch wider sie, und ihr Vorzug verhinderte ihre Bestrafung nicht, wann sie schuldig waren. Er sah die knechtische Unterwerfung nicht mehr, die in China Menschen gegen Menschen bezeigen; die Geissel war nicht, wie dort, der Zepter der Gesetze.

Der Furst der Mongalen fand sehr bald, dass der Kriegsstand besser eingerichtet war, als in dem gepriesenen Reiche der Ming: es herrschete unter den Kriegsleuten mehr Ordnung, mehr Geschicklichkeit, mehr Kriegszucht, und er lernte einen Trieb kennen, der den morgenlandischen Kriegsleuten noch fremd war: die Ehre. Er vernahm, dass die Europaer dm gewissesten Tod der Schande vorzogen, und das Fliehen bey vielen Volkern fur die grosste der Missethaten angesehen wurde.

Er liess sich belehren, dass die in China so gemeine Hungersnoth ein uberaus seltenes Uebel ware, das in Venedig die wenigsten Menschen erlebten; dass die Staatsverfassung seit etlichen Jahrhunderten nicht die geringste Erschutterung erlitten hatte: und dass uberhaupt die herrschenden koniglichen Hauser in Europa auf ihren Thronen aussturben, und fast niemals einen Umsturz zu furchten hatten; da in China so vielmal ein geringer Aufruhrer, ein Tschu, das kaiserliche Haus verdrungen, und den beraubten Thron des Tschengis und des Kublai seinen im Pobelstande gebohrnen Sohnen uberlassen hatte.

Je mehr Usong sich uberzeugte, dass in den abendlandischen Sitten, Gesetzen, und Grundsatzen ein Keim des allgemeinen Besten, ein Grund zur Ruhe und Sicherheit, und dennoch ein Trieb war, der die Menschen zu edlen Handlungen antrieb, je mehr bestrebte er sich, diese Vorzuge genauer zu kennen, die er den Europaern zugestehn musste.

Zeno erinnerte den neugierigen Usong, die despotische Herrschaft in den Morgenlandern erniedrige die Gemuther des Volkes. Wenn man den Ruhm aller edeln Thaten dem Fursten zuschreibt; wenn auch der erhabenste Unterthan durch den Blick des Herrschers in den Staub gesturzet wird; wenn schimpfliche Bestrafungen willkuhrlich uber das Volk verschwendet werden: da sinkt der Trieb durch eigne Thaten sich zu erheben. Ausgeschlossen von dem Wege zum Ruhme, lernt ein Volk sich unter das Joch beugen, und da es nichts hoffet, und alles befurchten muss, so gewohnt es sich, mit Schmeicheln die Machtigen zu versohnen, und setzt an die Stelle der Ehre, woran es verzweifelt, den Gewinnst, den man ihm gonnet, und die Wollust, die es erkaufet.

In den meisten Landern des Morgens dampft die Harte der Regierung alle die Triebe, die das Herz des Volkes erhohen sollten. In China haben die ersten Kaiser unter dem Volke die Tugend aufgesucht, um sie dem Throne zu nahern; sie haben mit Ausschliessung ihrer Sohne, das Zepter dem Wurdigsten abgetreten; lange haben die Kaiser den Rath der Unterthanen willig angenommen, ihre Fehler erkannt, und dem treuen Diener den Ruhm gelassen, dass die bessern Thaten des Fursten von seinen Warnungen herkamen. Aber auch in China ist die alte Einfalt der Herrscher durch die Schmeichler verdrungen; Usong gestund es. Die Belohnungen werden durch den Rath unwurdiger Verschnittenen ausgetheilt, der obersten Mandarinen Unterdruckungen ubersehen, und das Joch auf das Volk erschweret. Noch gewinnen zuweilen die glanzenden Beyspiele tugendhafter Kaiser, und die siegreiche Beredsamkeit alter Weisen, das Herz eines Fursten, und bereden ihn, sein Vergnugen, im Glucke des Landes zu suchen. Aber das Uebel ist geschehen, das Herz des Volkes ist in den Koth getreten, und keiner edlen Begierden mehr fahig.

Bey den Abendlandern ist die Gleichheit der Burger viel langer beybehalten worden, uber welche die Konige nur als blosse Feldherren, als die besten Jager, zu Anfuhrern gesetzt worden, aber uber ihr Volk keine Gewalt gehabt haben. Was ein jedes Mitglied der Gesellschaft ihr zum Besten verrichtete, war sein Eigenthum, und der Ruhm seiner That blieb ihm gesichert. Tausenderley Ermunterungen, und die vornehmste von allen, die laute Hochachtung der Mitburger, belohnte einen jeden Tugendhaften, da der neidische Despot alles Lob als einen Weihrauch ansieht, der nur den Gottern und ihm zugehort. Nicht gewohnt Beschimpfungen zu erdulden, bleiben freye Volker gegen eine jede Schande hochst empfindlich, und ziehn ihr den Tod vor: weil ohne Ehre zu leben ein fortwahrendes Elend ist.

Aber warum sind eben Freystaate in den Abendlandern, und im Morgen unumschrankte Herrschaften entstanden?

Zeno versetzte: so viel ich von der Geschichte der Welt kenne, so sind in den ausserst unfruchtbaren Landern, wo die Menschen wegen der sparsamen Nahrung uberaus zerstreuet wohnen, weder Fursten noch Obrigkeiten. Man hat unter dem nordlichen Angelstern23 Volker entdeckt, die unter einem eisernen Himmel leben, deren Erde nur Stein und Eis ist, und die bloss das sturmische Meer ernahrt. Diese Volker sind alle vollkommen ohne Obrigkeiten, und leben ohne Gesetze und ohne Strafe. Da die Erde fur sie zu gross ist, und sie selten mit einander zu streiten haben, da, sie nichts gemeinschaftliches besitzen, so leben sie, fast wie die ihnen ahnlichen Thiere, ungesellig und ohne Regierung.

In kalten, aber doch zur Jagd gelegenen Landern, leben die Menschen naher beysammen, und die Furcht vor den reissenden Thieren hat sie gezwungen, durch ein gesellschaftliches Leben sich zu verstarken. Diese Volker sind auch frey, und alle Glieder der Gesellschaft einander gleich. Ihre zu allen Beschwerden abgeharteten Gemuther lassen sich weder schrecken noch zwingen, und sie ubergeben das angebohrne Vorrecht der Freyheit keinem Tyrannen. Nur hat ein Anfuhrer eine eingeschrankte Macht, die vormals mit der Nothwendigkeit zu Ende gieng. Auf diese Grundsatze waren ursprunglich alle europaische Herrschaften gegrundet.

In den mildesten Gegenden, wo wenige Morgen Acker viele Hausgesinde ernahren konnen, wohnten die Menschen dichter beysammen, und bauten die ersten Stadte. Der Werth des Besitzes war hier grosser, und der Streit zwischen den Burgern, und einer jeden Stadt mit den benachbarten Stadten, war gemeiner. Die Natur macht die Einwohner der mildern Gegenden fur die Wollust empfindlicher und begieriger, in ihrem Zorn und in ihrem Hasse grausamer, und in allen ihren Trieben unmassiger. Die Heftigkeit der Leidenschaften in diesen Gegenden wurde sie zu Missethaten fuhren; die Eifersucht und die Rachbegierde, wurden die Bande der Gesellschaft zerreissen, wenn sie nicht mit Zwangmitteln gezaumet wurden. Hier entstunden Konige, denen man eine schnelle Ausfuhrung der Macht anvertraute, weil sie schnellen Uebeln, und den Ausbruchen wutender Leidenschaften, Einhalt thun mussten. Aber einmal mit Macht gewaffnet, erhielten sie uber die weichlichen Gemuther der Morgenlander eine uneingeschrankte Herrschaft, weil der Schrecken alles auf dieselben vermochte, und ihre Glieder weder durch die rauhe Luft, noch durch die zu ihrer Nahrung unvermeidliche Arbeit, wie bey den nordlichen Volkern, abgehartet worden waren. Hier entstunden zuerst erbliche, und willkuhrlich gebietende Einzelherren; das feige Volk ist des Joches gewohnt, und lernt den Namen der Freyheit von seinen knechtischen Eltern nicht.

Usong belehrte sich taglich um desto leichter, je besser er sich nunmehr in der Landessprache ausdrukken konnte. Er unternahm kleine Schiffahrten im adriatischen Seebusen, und sah mit Vergnugen die Ordnung und die Leichtigkeit, mit denen ein Schiffshauptmann sein Volk lenkt: hier sieht man, sagte er, den Ursprung und den Nutzen einer unwidersprochenen Macht: sie wird nothwendig, wo der geringste Verschub des Gehorsams die Gesellschaft umsturzt.

Er besah die Heere, die aus Venedig gegen den benachbarten Herzog zu Meiland auszogen, und begleitete sie als ein Freywilliger. Mit Verwunderung sah er, wie die Europaer, die seit einer sehr kurzen Zeit, das Geschutz kannten, es so viel besser als die Chinesen zu gebrauchen wussten. Auch dieser Vorzug, sagte Zeno zu seinem Freunde, ist die Folge der Freyheit, und des Triebes zur Ehre. Durch ihn werden alle Kunste lebend, sie steigen in die Hohe, weil jeder Kunstler seine Mitbruder zu ubertreffen strebet. In China bleibt der Sohn bey den Handgriffen seines Vaters, er stellt sich nicht vor, dass jenseit der Weisheit seiner Voreltern etwas zu entdecken seyn konne, er entdeckt auch nichts, und ubergiebt seinem Sohne seine Kunst, wie er sie von Vater empfangen hat.

Die geraden Glieder, in welche in Europa die Kriegsleute traten, ihre Ordnung im Gehen, im Stehen, die genaue Aufsicht, und die Staffeln der Gewalt, die ungeschwacht vom obersten Feldherrn zum untersten Kriegsknechte geht, der Muth in den Sturmen, und im freywilligen Unternehmen der gefahrlichsten Angriffe, alles entzuckte den tapfern Usong. Gegen die Europaer kamen ihm seine Mongalen wie streitbare, aber blos von der Natur gewaffnete Thiere, die Chinesen aber wie Sclaven vor, denen man Waffen leihen, aber keinen Muth mittheilen kan.

Usong fand die Policey und die Uebungen der Gerechtigkeit nicht schlechter als in China. Die Ehre halt, sagte er selbst, die Richter hier ab, der Ungerechtigkeit sich zu uberlassen, die die Nachrede bestrafen wurde. In jenem Reiche ists nur eine ausserordentliche Tugend, die einen Richter gerecht macht. Liewang war gerecht, aber selten schenkt der Himmel dem Lande einen Liewang, und taglich straft er es mit feilen Mandarinen.

Er begriff endlich, wie in einem Rathe gleichmachtiger Edeln die Einigkeit Platz haben kan, indem sich alle dem Schlusse der mehrern unterziehn. Er sah ein, dass die Obermacht unter freyen Mitherrschern einzig durch die Obermacht in den Gaben erhalten werden kan, und dass Tausende ihre Neigung nicht einem einzigen unterwerfen, wenn er nicht durch die Starke seiner Grunde sie bezwingen, oder durch seine Beredsamkeit sie gewinnen kan. Auch hierinn liegt ein Mittel, den Trieb zur Vollkommenheit zu erhohen, da sie der Weg nicht nur zur Ehre, sondern auch zur Gewalt wird.

Aber Zeno selbst gestund nicht ohne Kummer seinem einsichtsvollen Freunde, alle diese Vortheile wurden verschwinden, wenn jemals die Anzahl der Edlen zu klein wurde. Ein Freystaat ist nur so lange glucklich, als seine Herrscher von einander unabhangend sind, und durch keine andere Bande zusammen verknupft werden, als durch das allgemeine Beste. In einem zahlreichen Regierungsrathe gleicher Edlen konnen die kleinen Verbindungen des Blutes und der Freundschaft, keinen grossen und schadlichen Einfluss haben, er dehnet sich auf wenige aus, denen die vielen Unabhangenden leicht widerstehen. Wann aber die Anzahl der Mitherrscher gering wurde, so konnten eben diese kleinern Verbindungen die Entschlusse der Regierung nach dem Willen der Wenigen lenken, die sich zu eben dem Zwecke vereinigten. Es konnte alsdann das Blut, die Freundschaft, der gemeinschaftliche Vortheil, eine solche Macht zusammenknupfen, deren die ubrigen unabhangenden Edlen nicht zu widerstehn vermochten, und alsdann wurden die besondern Absichten machtiger Burger starker seyn, als der gemeine Nutzen des Staates. Ferne sey von meinem Leben, sagte der Redliche, die Stunde, in welcher ein Edler einen andern Vortheil, als den Vortheil des Vaterlandes, einzugestehn sich entbloden wird!

Der Furst von Kokonor las, besah und verglich, er wuchs taglich an Einsicht und Kenntniss. Aber ein Krieg, in den die Republik mit dem machtigen Morad gerieth, rief ihn von Venedig weg.

Georg Castriot, der Erbe Thomas des Fursten in Epirus, war durch seine fast fabelhafte Tapfekeit der Liebling des Sultans geworden. Georg war ein Held, sein Muth war so gross als seine Leibeskrafte, und gegen beyde war niemand zu vergleichen. Er fuhlte seine Rechte, er trennte sich in einer Schlacht vom Morad, und entriss ihm den Sieg. Er erpresste von demjenigen, der des Sultans Siegel bewahrte, einen Befehl, dass man dem Erben von Epirus Croja, seine Hauptstadt, ubergeben sollte, und eilte diesen Befehl zur Wirklichkeit zu bringen. Es gelang ihm; aber Morad drang auf ihn mit der Uebermacht geubter Kriegsleute: die Jenjitscheri waren schon damals der Schrecken der Volker. Die Republik sah an den Osmannen Sturmwolken, die noch von weitem drohten, aber taglich sich naherten, und bald uber sie mit zerstohrenden Strahlen losbrechen wurden: die Klugheit rieth, dieses Ungewitter von ihren Grenzen entfernt zu halten. Venedig schickte dem tapfern Castrioten die verlangte Hulfe, und Usong konnte der Begierde nicht widerstehen, einem Helden zu dienen, der eben so grosse Thaten wirklich vollbracht hatte, als die Poeten erdichtet haben.

Der Feldzug war lebhaft, und Georgs tapfere Faust vernichtete alle Vortheile, die die Menge und die Erfahrung den Osmannen gab. Zwey junge Venetianer, die nicht sowol Usongs Freygebigkeit, als der Reiz seiner Sitten gewonnen hatte, begleiteten ihn, und waren mit dem getreuen Scherin nachwerts die Gefahrten seiner Reisen, und seiner Thaten. Usong folgte mit allem Feuer der Jugend dem Fursten von Empirus ins dickste des Gefechtes, und fuhlte, nicht ohne Vergnugen, sein Herz am hochsten schlagen, wann der Tod auf allen Seiten auf ihn drang. Einmal sturmte er auf den Sultan selbst mit einer Heftigkeit zu, die auch von den tapfern Albaniern nicht nachgeahmet werden konnte; er wurde umringt, und wurde unter den Augen des Sultans sein Leben eingebusst haben, winn dieser Herr nicht eben so gutig gewesen ware, als sieghaft er war.

Zum zweytenmale hielt die Tapferkeit und die ausnehmende Bildung des Tschengiden24 das todliche Schwerdt zuruck, das uber seinem Kopfe schwebte. Morad befahl, man sollte den Jungling schonen. Nach dem Treffen liess er ihn vor sich bringen, und fragte ihn, warum er eines Sultans Feind ware, der einen Aufruhrer zu bestrafen sich gewaffnet hatte: denn Usongs Zuge verriethen gleich, dass er nicht in Europa gebohren war.

Der Furst buckte sich ehrerbietig; ich bin an den aussersten Granzen des Morgens gebohren, ich reisete nach dem letzten Abende, Tugend und Tapferkeit zu lernen, und beydes hab ich bey meinem Ueberwinder gefunden.

Morad, dessen Herz so mild, als unerschrocken sein Muth war, lachelte gegen den Jungling, und fragte ihn, ob er denn einem Fursten nicht dienen wollte, an dem er gute Eigenschaften erkennte. Usong gestund freymuthig, er habe zu Venedig die grossmuthigste Begegnung erfahren, und wurde sich entehren, wenn er seinen Degen wider seine Freunde zoge.

Nun so sollst du doch auch den Osmannen nicht gefahrlich seyn. Ich werde dich wieder nach Morgenland schicken, mich dunkt, fuhr Morad lachelnd fort, du hast den Krieg gelernt.

Der Sultan25 liess fur ihn seine Guter beym Feldherrn der Venediger abfordern, und befahl ihn nach Escander26 einzuschiffen, den Hafen von welchem er durch Halep nach Persien sich begeben sollte.

Usong hatte gern mehrere Staaten in Europa gesehn, und die Verfassung der Reiche sich bekannt gemacht, die von Konigen beherrschet wurden.

Aber er unterzog sich seinem Schicksale. Scherin brachte ihm seine Schatze, und beyde kamen uber Escander in dem volkreichen Halep an, das sich stuffenweise auf seinen Hugeln erhebt.

Usong hatte in der kurzen Zeit, die er in Morads Lager und bey den Osmannen zubrachte, auf die zunehmende Grosse dieses furchterlichen Reiches seine Aufmerksamkeit gerichtet. Unter sechs Fursten waren die Turken aus einem unbekannten Volke zu Herrschern von klein Asien, und von dem ostlichen Theile von Europa geworden. Vieles hatte dazu die innere Grosse ihrer Sultanen beygetragen, die fast alle tapfere und unermudete Feldherren gewesen waren. Morad ubertraf alle seine Vorganger an den Vorzugen der Seele. Er war in der Brust der mildeste, der grossmuthigste der Menschen, und er sass auf dem Throne wider die geheimen Wunsche seines nach Ruhe strebenden Herzens. Morad war ein aufrichtiger Anbeter Gottes: zweymal trat er vom Throne, um sich ganz den Pflichten der Religion zu weihen, zweymal zwang ihn der vereinigte Ruf der Osmannen, sich wieder an die Spitze der Volker zu stellen, weil sie keinen Sieg hofften, wenn Morad sie nicht anfuhrte. Morad besass den kuhlen Muth, der mitten in den Gefahren sich besitzt, und nicht nur fahig ist, eine Schaar ins Feuer der Schlacht zu fuhren, sondern ein ganzes Heer bestandig in seinen Augen zu behalten vermag, der jedes Treffen allgegenwartig zu lenken, sich aller Vortheile zu bedienen, und allen Gefahren die besten Anstalten entgegen zu setzen weiss.

Die Sultanen lebten bestandig bey dem Heere, sie kannten keine von den Sussigkeiten des Harems27, worinn andere morgenlandische Fursten ihre Gluckseligkeit suchten. Die Osmannen verehrten in ihren Fursten nicht nur ihre Erbherren, sondern vornemlich auch die tapfersten und die geubtesten Befehlshaber unter ihrem kriegerischen Volke. Jeder Sultan hatte seine Sohne bey sich im Lager auferzogen, und von der ersten Jugend an, sie wie junge Lowen, zum Streite und zum Siege angefuhrt.

Aber noch furchterlicher schien dem nachdenkenden Usong die Einrichtung der Jenjitscheri28. Man las die starksten, die muntersten Junglinge aus; man ubte sie unaufhorlich in den Waffen; sie wurden vom Ehestand, von allen Arbeiten des burgerlichen Lebens ausgeschlossen, und auch im Frieden waren ihre Kammern nur grossere Zelten. Sie hatten schon durch wiederholte Siege den Stolz angenommen, der wiederum zu Siegen fuhrt. Sie hielten sich fur unuberwindlich, und eben deswegen konnte ihnen niemand widerstehen. Unter den damaligen Volkern waren sie im Gebrauche des noch neuen Geschutzes die geubtesten, und man konnte kein Fussvolk finden, das wider sie zu stehen vermochte. Bey allem dem angebohrnen Muthe der abendlandischen Volker, konnten sie den grimmigen Anfall der Jenjitscheri nicht ausstehen, weil diese einzig unter allen Kriegern bestandig in der Uebung der Waffen blieben, und nicht, wie die europaischen Volker, geworben und abgedankt wurden, sondern unter den Fahnen ihr Leben ununterbrochen zubrachten. Der ausserordentliche Muth eines Castrioten, und die unzahlbare Menge der timurischen Reuter, konnten den Osmannen einen Sieg abringen: aber in der Dauer musste der Jenjitscheri niemals verminderte Kriegszucht allen andern Volkern uberlegen seyn, die die Waffen nur in einer Noth ergreiffen, und nach der Gefahr wieder ablegten.

Usong nahm sich vor, zu Basra sich einzuschiffen, und durch Indostan in die Gegenden zu reisen, wo noch Tschengiden herrschten. Dem tapfersten, oder weisesten derselben, wollte er seine Dienste weihen, und das ubrige uberliess er dem Verhangnisse, dessen Lenkung ein Sterblicher nicht vorsehn, und dessen Gewalt er nicht widerstehen kan.

Er reisete gewaffnet durch die grosse Wuste, die zwischen Halep und Basra liegt: er hatte die Palmenstadt29 besehen, in deren Schutt sich die Spuren der alten Pracht reicher Burger mit den traurigen Beweisen der Grausamkeit der Ueberwinder vereinigen, und wo die streifenden Araber ihre Zelten zwischen dem marmornen Gemauer verfallener Triumphbogen aufrichten. Er reisete durch die schwulen Sandstriche des oden Arabiens die Nacht durch, und wollte bey dem Aufgange der Sonne unter einem nahen Palmenwalde die Ruhe suchen, als er einen ehrwurdigen Greiss, mit einem wohlgebildeten Junglinge begleitet, an dem Rande des Busches hervor treten sah.

Eben hob die Sonne ihre blendende Scheibe uber die ostlichen Geburge von Arabien empor, da die beyden Araber sich auf die Erde niederwarfen, und der Greiss sagte mit gefalteten Handen, und mit einer Stimme, die die innerste Ruhrung seiner Seele ausdruckte30:

Herr aller Volker, aller Welten, aller Zeiten! wiederum schickst du den Herold deiner Gute, dich den Sterblichen mit Wohlthaten zu verkundigen. Fur menschliche Augen zu strahlend, aber lauter Gute, die Quelle alles Lebens, alles Segens, und Schonheit, ist die Sonne das echte Sinnbild ihres unermesslichen Schopfers. O dass doch das Licht der ewigen Sonne unsre Herzen durchstrahlte, dass alle Sterbliche fuhlen mochten, wie deine Gnade ihr einziges Gluck, wie die Ewigkeit der Zweck ihres Lebens ist!

Der Emir, denn er war ein Furst eines arabischen Stammes, und ein Nachkommling des Ali, wurde hier durch das Geschrey einiger Sonnischen Bedwinen unterbrochen; Stirb, riefen die blinden Eiferer, du Unglaubiger, der die Nachfolger des Propheten verflucht31. Schon rannten sie mit ihren gesenkten Speeren auf die unbewaffneten Anbeter zu. Aber Usong fuhlte mit der edlen Ungeduld eines grossmuthigen Herzens die Unwurdigkeit eines unverdienten Mordes, er sprengte mit seinem tapfern Gefolge unter die Rauber: die kuhnsten fielen, und die ubrigen zerstreuten sich.

Der Geist, der angebetet hatte, streckte seine Arme gegen seinen Erretter. Gesegnet sey Gott, sagte er, der in ein so liebenswurdiges Geschopf eine so erhabene Seele gesetzet hat. Der Sohn, denn es war der Erbe des Emirs, warf sich vor dem Helden nieder, und seine Dankbarkeit stromte in Lobeserhebungen aus.

Komm in unsre Gezelte, sagte der Alte, dass ich dich segne, edles Werkzeug der gottlichen Gute. Er gieng, und Usong folgte ihm in ein Thal nach, wo um eine Quelle die schwarzen Zelte des Stammes gespannt waren, der unter dem Emir stand. Alle Morgen sonderte sich der Rechtschaffene von seinen Folgern ab, und betete in der Einsamkeit zu Gott: sein Name war Hassan, und er hatte alle die Untergebenen uberlebt, die seinem Vater gehorcht hatten. Was die dankbare Freygebigkeit des Fursten vermochte, das schuttete er freudig zu den Fussen seines Befreyers aus, der nichts annahm, als einen kurzen Aufenthalt bey seinen Erretteten.

Hassans Herz uberfloss vom Preise Gottes. Ich hoffe ihn bald zu sehen, sagte er: schon itzt hebt mich dieser wallende Gedanke von der Erde, sie sinkt unter mir. Tapfrer Jungling, fuhr er fort, du hast vielleicht im lachenden Fruhling deiner Jahre noch nicht genug dich mit Gott bekannt gemacht, lass die letzten Reden eines sterbenden Freundes die Belohnung deiner Wohlthat seyn.

Der Ruhm, der Reichthum, die Wollust, sind Spielwerke unerfahrner Kinder, die der grosse Vater ihnen nicht misgonnt, weil sie Kinder sind. Aber sie sollen nicht ewig Kinder bleiben; jenseits des Grabes erwartet sie ein Leben, ein unveranderliches, ein ohne Ziel daurendes Leben, dessen Wurde keine Spiele mehr vertragt, dessen Ernst alle die Puppen verachtlich macht, womit irrdische Fursten ihre Jahre vertandeln. In diesem Leben deine Gnade gewinnen, ist die einzige Weisheit; dich, uberschwengliches gutiges Wesen zu kennen, dich zu lieben, deine Worte zu horen, zu erfullen, darzu haben wir den unsterblichen Geist empfangen, dessen die Erde nicht werth ist.

Thranen drangen dem Ehrwurdigen aus den Augen, sie quollen auch aus des muntern Junglings empfindlicher Seele. Hassan unterhielt taglich den aufmerksamen Usong von der Grosse der Tugend, von dem Werthe des Guten, von dem Glucke der Frommen. Usong fand sich geruhrt: ohne Muhammeds gewaltthatige Erhebung zu billigen, betete er zu dem einigen Gott, und hielt sich zu den Anrufern des obersten Wesens: er liess sich den Namen Hassan beylegen, und sah sich als einen Sohn des Rechtschaffenen an, der ihn Gott kennen gelehrt hatte.

Usong setzte endlich seine Reise fort. Schon sah er von weitem Anah, eine lange Stadt an beyden Ufern des Euphrats, das Ziel der Wuste, wo die Erde wiederum ihren Schmuck annimmt, den die Arbeit der Menschen verbessert. Dattelnbusche, Felder mit dem vortreflichsten Getreide trachtig, bluhende Garten, Quellen des Ueberflusses, glanzten um den edlen Strom.

Aber die Menschen genossen nichts von dem Guten, das die Natur ihnen anbot. In diesen unglucklichen Zeiten sah man taglich Gewaltthaten ausuben. Usong traf auf der Strasse einen Emir mit grauem Haupte an, der seine Kleider zerriss, und alle Zeichen der Verzweiflung von sich gab. Ach! sie haben meine Tochter geraubet, die Enkelin der Helden, die reine Perle meines Stammes: da schleppen sie sie hin, zum Bette der Unehre, zur ewigen Schmach. Und ich Armer sehe sie vernichten, und vermag sie nicht zu retten. So sagte der Greis zu dem fragenden Usong.

Der Enkel des Tschengis hob die Augen auf, und sah auf dem Wege nach der Stadt einen Staub aufgehn, zwischen welchem er zuweilen ein rennendes Kameel erblickte, das seine Fuhrer zur Eil antrieben. Er verfolgte ungesaumt diese Spur, und fand die junge Forstin, die sich die schwarzen Haare ausriss, und erbarmlich um Hulfe schrie, so oft sie den Mund frey machen konnte. Eine Schaar berittener Rauber umringte sie.

Die Zahl war ungleich, und der Angriff gefahrlich. Aber Usong mass seine Unternehmungen nicht nach seinen Kraften; sein Herz folgte den edeln Empfindungen, die es uberstromten. Er fiel wie eine Lowin, welcher man die Jungen wegfuhrt, die Diener des Fursten von Anah an: denn diese hatten die Tochter des Emirs ihrem Vater geraubt, und eilten sie den Wollusten ihres Herrn zu ubergeben, der ein Sohn eines der Krieger des machtigen Timurs war. Mit bessern Waffen, mit vottreflichern Pferden, mit mehrerer Uebung im Streite, und insonderheit mit der Flamme seines vom Anblicke des Unrechts sich entzundenden Muthes, uberwand Usong, und rettete das Fraulein.

Sie war das reizendeste Frauenzimmer, das Usongs Augen gesehn hatten. Schonste der Furstentochter, rief er, eile deinen verzweifelnden Vater zu trosten. Er lenkte das Kameel, und die Tochter des Emirs, die furs erstemal ohne Schleyer einen fremden Jungling ansah, errothete wie eine aufbluhende Rose: schamhaft liess sie sich fuhren, schlug die Augen nieder, und unterstund sich nicht, ihrem Retter zu danken.

Sie ereilten den alten Vater bald, den sein Unmuth aufhielt, und der sich seinen Klagen uberliess. Er sah die Geliebte seiner Seele, und traute seinem Glucke kaum. Bist du es meine Emete? sagte er, seh ich dich unbefleckt wieder, soll dein Stamm ohne Schande bleiben, und kan dein Vater zu Grabe gehn, ohne seine Ehre verlohren zu haben!

Die Stelle ist gefahrlich, sagte er gleich nach diesem ersten Ausdrucke seiner Freude. Eile, edler Fremdling, lass mich meinen wieder gefundenen Schatz in die Sicherheit bringen. Er fuhrte den Usong zu einem Walde, der zuerst dunn war, sich aber nach und nach verdickte, und endlich keinen Durchgang mehr zeigte. Aber der Emir kannte den gewundenen Steig, der zwischen den Palmbaumen durchfuhrte, und ihn zu einem Thale brachte, das der Wald verbarg, und in welchem seine Gezelte gespannt waren.

Emete' verbarg ihr beschamtes Angesicht in dem Schoose ihrer Mutter. Vergieb, sagte sie, vergieb deinem Kinde, dass es sich entschleyert hat: es war unter den Handen der Barbaren, die keine Sitten kennen. Die Mutter benetzte ihr Kind mit Freudenthranen. Zierde deines Stammes, rief sie, komm in die verschlossene Hutte wieder, noch bist du meine Tochter.

Der edle Abuschir, so hiess der Emir, hatte die Rache und die Uebermacht des Fursten von Anah zu befurchten: er selbst wallete vor Rachbegierde: ein Araber, den man an der Ehre, und zugleich an seiner Liebe angreift, ist ein gereizter Tieger. Er schickte zu allen den Stammen der Wuste, von Basra bis gen Halep Boten aus. Edle Emire, liess er ihnen sagen, wollt ihr euch eure Tochter, eure Ehre rauben lassen; wollt ihr zugeben, dass euer Stamm in die Schande sinke?

Das Feuer, das im Herzen des alten Abuschirs wallte, steckte die arabischen Fursten mit gleicher Rachbegierde an. Sie hassten ohnedem die Fursten der Stadte, von denen sie allerley Zunothigungen erlitten hatten, und die ihre Macht durch gedungene Kriegsvolker erhielten, unter denen keine Kriegszucht, und keine Einschrankung der Luste bekannt war.

Die Emire versammelten sich bey dem rachgierigen Abuschir, und in wenig Wochen wurden sie zu einem Heer. Auch Dschuneid, der Sohn des ehrwurdigen Hassans, kam mit einer auserwahlten Mannschaft, und freute sich seinen Brudern die Rettung anruhmen zu konnen, die er dem grossmuthigen Usong zu danken hatte. Er umarmte seinen Freund, denn Usongs Liebe hatte er durch seine unschuldige Tugend gewonnen, und brachte ihm Segen des dankbarenden Hassans.

Usong war bey seinen neuen Freunden nicht mussig: seine Thaten, und der Adel, der alles begleitete, was er vornahm, gab ihm bey ihnen ein verdientes Ansehn. Er ermahnte die zwanglosen Araber, sich wider einen Feind vorzubereiten, der in allem, nur nicht im Kriegswesen, verachtlich war. Da alle die Einwohner der Wuste zu Pferde kriegen, so lehrte er sie in Gliedern sich bilden, und in geschlossenen Reihen mit gesenkten Speeren in den Feind setzen: er sah vor, dass dem Einbruche ihrer muthigen Pferde und ihrer furchterlichen Lanzen nichts widerstehen wurde.

Der Furst von Anah war ein Rauber und ein Wollustling, er hatte den Emir aufs heftigste beleidigt, und dennoch glaubte er sich berechtiget, Rache zu suchen. Man hatte ihm den Vorwurf seiner unordentlichen Begierden entrissen, und er war gewohnt, alles fur sein Eigenthum anzusehen, was sein Sabel bezwingen konnte. Er sammelte seine Kriegsleute, und erhielt Hulfe von andern Fursten, die in andern Theilen des zerrissenen Persiens herrschten, und von eben der Abkunft waren, da sie durchgehends von Timurs Befehlshabern abstammten.

Beyde Heere begegneten einander bald, da sie beyde einander suchten. Usong erhielt von den Emiren, dass sie eine auserlesene Schaar unter seinem Freunde, dem Dschuneid, hinter eine Anhohe verbargen, die auf der Seite des Schlachtfeldes lag: es ward ihm nicht leicht zu erhalten, dass die Araber sich bis zu einer Kriegslist erniedrigten.

Die Emire fuhrten ihre Reuterey Gliederweise, mit verhangtem Zugel, und mit gesenkten Speeren, an die Feinde, und warfen sie im Augenblicke ubern Haufen. Aber hinter den Reutern stund ein Treffen zu Fuss, das den Arabern aus seinen Rohren ein furchterliches Feuer entgegen schickte, und sie in Unordnung zu weichen zwang. Allein in eben dem Augenblicke fiel Dschuneid diesem Fussvolke in die Seite, und warf es ohne Widerstand zu Boden. Dis Schlacht dauerte nicht lang, die zerstreuten Araber kamen zuruck, und wenige unter den Feinden konnten sich retten, da kein andres Pferd einem arabischen entgehen kan.

Die Fursten eilten gegen Anah, nicht in der Absicht die Stadt fur sich zu erobern, kein Araber wagt sich zwischen Mauren, sondern mit dem Vorsatze, ihren Feind auszurotten. Aber der rauberische Herr von Anah war im Treffen zertreten worden, und die Einwohner zogen den Emiren mit Palmenzweigen, und mit allen Zeichen der lebhaftesten Freude entgegen: sie erkannten die Sieger fur ihre Erretter: denn sie hatten unter dem hartesten Joche geschmachtet, und weder das Gut, noch die Ehre, noch das Leben eines einzigen von ihnen, war unter der eisernen Hand ihres Fursten in Sicherheit gewesen.

Beym Anblicke dieser Eroberung rief Abuschir: wir Araber verlangen keine Stadte, lasst uns aber dankbar seyn: wir sind den Sieg den Rathen des Fremdlings schuldig, er hat das Leben und die Ehre eurer Bruder gerettet. Edle Freunde, erwerbet einen freundschaftlichen Nachbar, schenkt ihm das willige Anah; was kan ruhmlicher fur die Araber seyn, als die Tugend belohnen; was konnen sie den Einwohnern selber fur eine grassere Wohlthat erzeigen als wenn sie ihnen einen edelmuthigen Herrn geben.

Der Rath des alten Abuschirs wurde von allen Emiren wiederholt, ein allgemeiner Beyfall bestatigte das Geschenk, und Usong wurde Furst zu Anah.

Der Emir erfreute sich uber die Erhebung seines Freundes: er setzte seiner Dankbarkeit keine Schranken, und dachte dem Usong die schone Emete zu, die dieser junge Furst gerettet hatte. Arabien hatte nichts vollkommeners hervorgebracht, und Usong war in dem Alter, wo der Eindruck schoner Augen auf das Herz die groste Macht ausubet. Aber Dschuneid hatte bey einer seltenen Gelegenheit sie gesehn, die sich von ungefehr den Tag ereignet hatte, da Abuschir zur Schlacht sich waffnete, und ihm seine schone Tochter einen Talisman32 umhieng, der einen geliebten Vater vor aller Gefahr bewahren sollte. Dschuneid verliebte sich aufs heftigste, und vertraute sich dem edeln Enkel des Tschengis. Usong blieb allemal seiner selbst wurdig: er wandte bey dem Emir die Verbindlichkeit an, in welcher der Vater der schonen Emete gegen ihn stand, er erhielt sie fur seinen Freund, und rettete ihm, so sagte Dschuneid, zum zweytenmale das Leben.

Er nahm nunmehr sein Furstenthum in Besitz: er erinnerte sich an die letzten Worte des weisen Liewangs, und sah Anah als eine Prufung des Himmels an, der ihm einen Anlass gab zu zeigen, ob er zu herrschen wurdig ware. Mit solchen Gesinnungen zur Herrschaft zu gelangen, ist der unfehlbare Vorbot einer ruhmlichen Regierung.

Usong befliss sich, die weisesten und erfahrensten von seinen Unterthanen zu kennen: er holte die Meinung eines jeden Hauptes eines Geschlechtes ein, er rief alle diejenigen zu sich, deren gute Eigenschaften man ihm anruhmte, er sprach mit ihnen, er ergrundete ihre Denkungsart mit angemessenen Fragen, er trug alles, was er von den Tugendhaften vernommen, und was er selber bemerk hatte, ist ein Buch der Wurdigen ein. Er gab denjenigen, die einen Vorzug zeigten, zuerst Auftrage, die durch ihre eigene Beschaffenheit auf eine Zeit eingeschrankt waren: er wachte aufmerksam uber ihr Begehen, und wenn sie seiner Hoffnung entsprachen, so zog er sie zu bestandigen Aemtern.

Er nahm Richter unter den weisesten von Anah an; aber er kam alle Tage selbst in den Gerichtssaal, liess sie uber die Rechtsfrage sich erklaren, widerlegen und antworten: horte ihr Urtheil an, und bestatigte es mit einem freundschaftlichen Gutheissen, oder verbesserte es, nachdem er die Grunde erofnet hatte, warum er von den Richtern abgieng.

Er hielt sich eine kleine Leibwache, die er aus den edelsten Junglingen wahlte, und die er durch den Scherin, und durch die welschen Gefehrten seiner Reisen, den Riva und den Antonino, in den Waffen uben liess. Oft fuhrte er sie selber an, er machte ihnen die besten Bewegungen vor: er lehrte sie Glieder und Ordnung halten, und das europaische Feuergewehr gebrauchen: er setzte Preise aus, und beforderte diejenigen, die sich durch ihre Geschicklichkeit und durch ihren Fleiss ausnahmen.

Da er keine Pracht liebte, wenige Kriegsvolker besoldete, und keinen Harem hatte, so war sein Aufwand gering: hierdurch befreyete er sich von der Nothwendigkeit grosse Steuern zu fordern, er erliess dem Volke die Halfte der Auflagen, die Anah bezahlt hatte, und sicherte die Einwohner wider alle die Erpressungen, die unter ihren vorigen Herren ein jeder ihnen abtrotzte, der einige Gewalt hatte.

Er suchte die Elenden und Armen in ihren Hutten auf: jenen gab er gegen eine geringe Arbeit, die ihnen am wenigsten schwer wurde, den nothigen Unterhalt: und diesen wies er Land und Vieh an, womit ihn die dankbaren Emire uberflussig versehen hatten. Da sein Gebiet nicht gross war, so kannte er bald einen jeden seiner Unterthanen, und munterte die Tugendhaften durch seinen Beyfall, und durch allerley Vortheile auf: so wie er die Lasterhaften und Tragen zuerst warnte, ihnen dann sein Misfallen, und endlich seine Strafe fuhlen liess.

Die Tugend eines Fursten ist das Gluck seines Landes, und die Unterthanen mussten den Fursten lieben, der fur sie so kraftig sorgte, der einer jeden Klage den Zugang verstattete, jeder Noth abhalf, und keine gute Eigenschaft unbelohnet liess. Der Ruhm des vortreflichen Usongs stieg aus dem Herzen des Volkes in die Hohe, und breitete sich unter allen Gegenden aus, die einen Umgang mit Anah hatten. Verschiedene kleine Lander machten sich von ihren Tyrannen los, und suchten unter dem einzigen Fursten Schutz, der seit der Jugend der altesten Greise Mesopotamien geliebt hatte.

Persien war damals im verwirrtesten Zustande. Die nordlichen Provinzen stunden unter dem Abusaid, dem Enkel Timurs, einem gewaltthatigen Herrscher. Schehan Schach, ein Turkuman, beherrschete mit einem eisernen Zepter Aderbeitschan, Irak, Fars, und Kerman; Schiras stund unter dem Mirza Jusuf; Bagdad, Basra, und viele andere Stadte und Landschaften hatten kleine Fursten, die in bestandigen Kriegen gegen einander lebten, und den Unterthanen ihr ganzes Vermogen abpresseten, grosse Heere und zahlreiche Harem zu halten. So weit als Persien war, horte der Himmel nichts als Klagen der Unterdruckten.

Diarbekir33 warf sich begierig in die Arme des Usongs. Bagdad und Basra flehten um das Gluck ihn zum Fursten zu haben: er musste seine Sorgen theilen, und seine Kriegsmacht vergrossern. Aber die Munterkeit seines Geistes wachte ihm alle Arbeit leicht, und die Absicht, die er nie aus den Augen liess, ein Werkzeug der segnenden Vorsicht zu werden, umschuf fur ihn die wachsende Beschwerde du Herrschaft zur reinesten Wollust.

Es fanden sich allgemach aus ganz Persien weise und redliche Manner ein, die den Usong aufforderten, sich der bedrangten Menschlichkeit anzunehmen, und nicht, fast unter seinen Augen, so viele tausende von Unschuldigen unter der Unterdruckung schmachten zu lassen. Usongs Edelmuth fand einen Reiz in der grossen Unternehmung, Persiens Heiland zu seyn: aber so jung er war, so fuhlte er doch die Schwierigkeit der Bezwingung machtiger Tyrannen, und erschrack uber den Werth des Blutes, das sie kosten wurde.

Er fragte endlich den ehrwurdigen Hassan um Rath: er erofnete ihm die Antrage, die ihm gemacht waren, und verlangte des Anbeters Gottes Meinung, ob er die Befreyung Persiens unternehmen sollte. Hassan sah in dieser Heldenpflicht nichts als das Gluck ganzer Millionen: Die Morgenlander sind gewohnt, das kleine Beste einzelner Menschen zu verachten, wo ein allgemeines Gut zu erhalten ist, das Blut einiger Redlichen schien dem frommen Hassan nicht zu theuer, Persiens Losegeld zu werden. Er munterte selbst den Usong zur Annahme des Anerbietens der Perser auf.

Nun war der Enkel des Tschengis entschlossen, da der Tugendhafteste unter den Menschen seine Unternehmung gut hiess. Er warb bey seinen Freunden, den arabischen Fursten, um auserlesene und freywillige Reuter, und erhielt sie leicht: sie eilten ihrem verehrten Anfuhrer zu dienen. Dschuneid riss sich aus den Armen der wunderschonen Emete', und fuhrte eine erwahlte Schaar rustiger Araber an. Aus dem benachbarten Kurdistan erhielt Usong ein vortrefliches Hulfsvolk, das lange nach ihm unveranderlich der persischen Fursten sicherste Macht ausgemacht hat. Ganz Diarbekir und Algezira wollte fur den geliebten Helden zu den Waffen greifen; Usong wahlte aber nur den streitbarsten und muntersten. Er brachte also ein kleines und auserlesenes Heer zusammen, das er selbst in den Waffen ubte, und uber welches er diejenigen Kriegsleute zu Befehlshabern setzte, die er zu Anah gebildet hatte.

Der erste Tyrann, der seine Waffen fuhlte, war Schehan Schach, aus dem Geschlechte des schwarzen Schafes. Er war schon bey Jahren, und ein grausamer Furst, der sich dennoch seinen geilen Lusten und der Trunkenheit unbereut uberliess. Er wollte den wachsamen Usong mit einem fliegenden Heere uberfallen; aber sein unordentliches Leben sturzte ihn in die Grube. Usong uberfiel ihn, da ihn der Wein ausser Stand gesetzt hatte, zu widerstehen. Der Enkel des Tschengis liess die Zelten seines Feindes in Brand stecken: in einer schrecklichen Nacht sahen die unglucklichen Volker des Turkumanns sich von den Flammen und vom Schwerdte umringt. Ihr Furst fiel selber in der Schlacht, und von seinem Heere entrannen nur wenige Fluchtlinge; die erpressten Reichthumer des turkumannischen Wuterichs fielen in die Hande der Araber und der Kurden, und frischten sie zu neuen Siegen an.

Hassan Ali, des Schehans ahnlicher Sohn, brachte ein zahlreiches Heer zusammen, das zehnmal starker war, als die Volker des Usongs. Aber es schien, die Vorsehung fuhre den Tschengiden mit sichtbaren Kraften auf den Thron des Cyrus und des Nuschirwans. Usong traf den Hassan Ali schon uberwunden an. Abusaid, ein Enkel des siegreichen Timurs, war wider ihn zu Felde gezogen, und die Volker dieses unglucklichen Fursten, hatten ihn grostentheils verlassen. Usong fand keine Schwierigkeit die ubrigen zu schlagen, und Hassan Ali blieb im Treffen.

Der machtige Abusaid, ruckte indessen bis in Aderbeitschan, und Usongs Heer war viel zu klein eine Schlacht gegen ihn zu wagen. Aber der kluge Furst von Anah kannte den Vortheil, den seine fluchtige arabische Reuterey ihm geben konnte. Er vertheilte sie in verschiedene Haufen, denen Usong ihre Stellorte vorschrieb, und deren jeder eine Gegend hatte, worinn er taglich herumschweifte; und dann einen Ort, wo sich die zertrennten Schaaren wiederum versammelten. Die Araber schnitten dem Abusaid alle Zufuhr ab: sie bemachtigten sich alles Vorrathes, den man ihm zubrachte. Wann die schwere Reuterey des Timuriden wider sie auszog, so zerstreuten sich die Araber, und in wenigen Tagen, waren sie wieder versammelt, und thaten einen neuen Anfall. Usong hatte zu Carabag eine so vortheilhafte Stellung genommen, dass Abusaid ihn anzugreifen unmoglich fand.

Die morgenlandischen Heere haben kein anderes Band, als den Fortgang ihrer Waffen; das Ungluck macht sie muthlos, und zertrennet sie; sie entfernen sich von dem Fursten, dessen Gestirn zu schwach ist, sie zum Siege zu leiten. Abusaid wurde von seinen Mangel leidenden Volkern verlassen, und gefangen vor den grossmuthigen Usong gebracht. Enkel des Timurs, sprach er zu dem Ueberwundenen, ich bedaure dein Schicksal, ob du mich wol ungereizt angegriffen hast; bleib bey mir, und bieg dich unter dein Verhangnis. Aber die edle Gesinnung des Siegers erreichte ihren Zweck nicht; einige Perser, deren Rachgier durch die gewaltsame Herrschaft des Abusaids war gereizt worden, ergriffen eine Gelegenheit, da Usong abwesend war, und brachten den Gefangenen um34.

Usong verfolgte nunmehr die Ueberbleibsel des Stammes mit dem schwarzen Schafe, und eroberte Fars fast ohne Schwerdtschlag. Khorossan stund unter verschiedenen Timuriden, die einander durch innerliche Kriege entkraftet hatten; bey der Annaherung der persischen Volker entflohen die einen zu den Usbekken, und Badizzaman ergab sich selbst dem Sieger, dessen Gutigkeit der Welt bekannt war: er wurde zu Tabris koniglich unterhalten. Mirza Jusuf, der zu Schiras herrschete, war ein leichtes Opfer der siegreichen Waffen. Die Europaer finden es schwer, die Geschwindigkeit zu begreifen, mit welcher in den Morgenlandern ganze Reiche erobert werden. Aber es waren keine Festungen in Persien, das Herz des Volkes eilte dem geliebten Usong entgegen35, die vielen kleinen Herrscher waren die Geisel und der Abscheu der Perser, und das weite Reich war erobert, ohne dass der Sieger fast einen Freund verlohren hatte.

Er berief nunmehr nach Caswin die Vornehmsten der Perser, die Aeltesten des Volkes, die Haupter der Stamme, und die Weisen des Landes. Sie versammelten sich in einer breiten Flache, und die unzahlbare Menge ihrer Pferde bedeckte die Erde. Das Heer, das unter dem Usong so manche Feinde uberwunden hatte, umringte seinen Feldherrn mit triumphirender Pracht. Sie trugen die zahlreichen Fahnen, die sie erobert hatten, die Rustungen der erlegten Fursten, die Zeichen der obersten Herrschaft der Timuriden. Ihr unaufhorlicher Zuruf verkundigte den versammelten Persern ihre Verehrung gegen den weisen, den gutigen, den tapfern Anfuhrer, der durch alle Gefahren eines grossen Krieges sie ohne Verlust zum Siege geleitet hatte.

Usong erschien unter ihnen in dem kriegerischen Schmucke, der seine zierliche Bildung aufs vortheilhafteste darstellte. Edle Perser, sagte er, ihr seyd versammelt, eurem Reiche ein Haupt zu geben. Es war in zwanzig Frustenthumer zerstreut; die Barbaren traten das alteste Reich der Welt mit Fussen! jetzt ist es vereiniget. Wahlt euch einen Herrscher, der Persien seinen alten Glanz wieder gebe. Lange lebe Usong Padischah36, so sieghaft als Cyrus, so weise als Nuschirwan; er herrsche so lange als Sapor37, war der Ruf, der von einem Ende der unubersehbaren Menge bis zum andern erschallte, und nicht ein Perser war, der dem allgemeinen Zurufe seine Stimme entzog.

Usong neigte sich gegen sein Volk. Euer Zutrauen ist gross, edle Perser, sagte er geruhrt, es moge ihm Usong entsprechen: die einzige Absicht seines Lebens wird euer Gluck seyn!

Unter dem lautesten Freudengeschrey bestieg er den Thron des Cyrus, und gurtete Rustans38 Schwerdt um, des Helden, das als ein Heiligthum bewahret wurde. Er vertheilte alles was er besass, unter seine Freunde die Araber, unter die Kurden, und unter seine getreuen Perser, und hielt sich mit der Hoffnung reich genug. Die Emire zogen vergnugt und bereichert nach ihren Zelten, nur Dschuneid, dem indessen ein Sohn war gebohren worden, konnte sich nicht so geschwind dem Umgange seines erhabenen Freundes entziehn.

Fussnoten

1 Ein grosser See in der Mongaley, westwarts von Schensi. 2 Siehe die allgemeine Weltgeschichte, u.s.w. 3 Der Dalai Lama ist noch zu unsern Zeiten ein vergotterter Mensch. Die Lama, oder die Priester der Tanguter und Tibeter, lehren das Volk, der Fo beseele den Dalai Lama; wann der vermeynte Gott stirbt, so wird ein Jungling, der dem Verstorbenen ahnlich ist, zur Ehre erwahlt, vom Fo besessen zu werden. Einem solchen Junglinge fuhrte man die Furstinn von Kaschmir zu: denn in Ansehung der Luste der Sinne ist er ein Mensch. 4 Hassan al Tawil. 5 Ein nordischer hochgeschatzter Geyerfalk. 6 Confucius. 7 Schuking ist eines der kanonischen Bucher der Chinesen, worinn die weisen Rathe der alten Kaiser, und ihrer Minister, vom Confucius verzeichnet worden sind. 8 Yao, Schung-Yu, Wuwang, Wenwang. 9 So sind die Garten und Pallaste in China beschaffen. 10 Der Kaiserstamm der Enkel des Tschengis hiess Iwen, das Haus des Hongwu, das bis zum izigen Kaiserthume herrschte, hiess Ming. Die Chinesen haben auch ihren fabelhaften Fonghoang, einen Phonix, von dem sie glauben, er zeige sich nur unter den gluckhaftigen Beherrschern des Reiches. 11 Des ersten chinesischen Kaisers vom Stamme Iwen. 12 Der Kaiser. 13 Das Canton der Europaer. 14 Unterkonig zweyer Provinzen. 15 Als eine Enkelinn der Sohne des Himmels, der Kaiser. 16 In der zweyten Dynastie nahm Yu den Schung wegen seiner Tugend zum Schwiegersohn und zum Thronfolger an. 17 So heissen diejenigen, die nach Mecca die Wallfahrt verrichtet haben. 18 Der morgenlandische Namen von Aegypten. 19 Man hat dieses geleugnet; aber in den Zeiten Usongs, und bis zum Umsturze der Mammeluckischen Regierung, wurden allerdings lauter Sclaven auf den Thron gesetzt: auch unter den Osmannen blieb dieses Gesetz fur die Beye, die Aegypten unter dem Pascha beherrschten, mehrentheils in Uebung. Ali-Bey, der neuliche Soldan, ist ein Sclav gewesen. 20 Der Kaiser allein opfert dem Tien. 21 Cairo. 22 Dem in den damaligen Zeiten eingefuhrten Kaffee. 23 Gronland. 24 Enkel des Tschengis, des grossen Siegers, den die Abendlander Zengis Kan heissen. 25 Amurat II. 26 Alexandrette. 27 Serrail. 28 Janitscharen. 29 Palmyra. 30 Von dem Eifer der Mahometaner in ihrem Gebete, siehe Guys Voy. liter. da la Grece I. s. 416. 31 Die Aliden verfluchten den Abukeker, Omar, und Otmann, als unrechtmassige Thronfolger des Mahomeds, die den Ali von seinem Erbrechte verdrungen haben. 32 Die Araber waren zu allen Zeiten diesem Aberglauben ergeben. 33 Bizzaro de reb. pers. 34 Die Abendlander sagen, ein Kriegsrath habe ihn zum Tode verurtheilt. 35 Diese Geschwindigkeit, mit welcher Usong Persien in zwey Jahren eroberte, findet man in allen abendlandischen Geschichtschreibern, nur setzen sie die Eroberung einige Jahre spater. 36 Dieses Wort ist der uralte Titel der Konige der Parther, und findet sich im zweyten Jahrhunderte auf des Moneses Munzen: (Swinton Phil. Trans. Vol. L.P.I.) Der turkische Sultan fuhrt ihn, und ubersetzt den Kaisertitel der Europaer durch Padischah. Die Beherrscher von Persien, aus dem Stamme der Aliden, haben ihn bestandig gefuhrt. 37 Siebenzig Jahre. 38 Eines Helden der ersten Perser, von dem man viele colossalische Denkmale findet.

Zweytes Buch.

Die ersten Tage des neuen Kaisers waren sehr unruhig. Mit der freygebigen Hoffnung der Jugend hatte sich Usong auf Persiens Thron geschwungen: jetzt aber fuhlte er das Gewicht, dem er sich unterzogen hatte. Ein Fremdling, ohne angestammte Rechte des Blutes, nur seit zwey Jahren in Persien bekannt, ubernahm ein unermessliches Reich zu regieren, das seit Jahrhunderten zerruttet, weder Gesetze, noch Ordnung, noch Verfassung gekannt hatte, und unter schwachen Fursten bestandig unglucklich, gegen seine Beherrscher aber abgeneigt geworden war. Das Kriegswesen, die Steuersachen, die Gerechtigkeit, die Sitten waren in der grossten Verwirrung, und alles musste, und musste auf einmal, in Ordnung gebracht werden.

Mitten unter diesen Sorgen, wachte dennoch der angenehmen Liosua Angedenken auf. Die Ahndung Liewangs ist erfullt, sagte Usong zum erfreuten Scherin, geh' trage diese Geschenke, und diesen Brief, an den erlauchten Zongtu von Schensi, und an seine tugendhafte Tochter. Der Kaiser belud seinen Vertrauten mit den Seltenheiten, die er aus Europa gebracht hatte, und mit den edelsten Fruchten Persiens; und Scherin verreisete. Er hatte auch den Auftrag dem ehrwurdigen Timurtasch die Erhebung seines Sohnes zu verkundigen; mehrere Boten, die Usong von Anah aus zu den Mongalen abgeschickt hatte, waren bey den Unordnungen in Persien, und in den Wusten der Tartarey verungluckt, ohne Timurtaschs Zelten erreichen zu konnen.

Zugleich schrieb der Kaiser an die weisen Herrscher zu Venedig, und fertigte den Riva mit einem wichtigen Auftrage, und mit kostbaren Geschenken ab.

Er aber uberdachte nunmehr, wie Persiens elender Zustand zu verbessern ware. Er sammelte alles in sein Gedachtniss, was er von den alten Weisen in China gelernt, und was er sonst vom erfahrnen Liewang gehort hatte. Er verglich es mit dem Lichte, das ihm auf seinen Reisen bey der klugen Herrschaft zu Venedig, und bey dem tugendhaften Morad aufgegangen war. Seine eigene Scharfsinnigkeit leitete ihn durch den Labyrinth, und einige alte Perser, deren Verdienste er entdeckt hatte, halfen ihm zu einem Leitfaden.

Zuerst entwarf er die Ordnung seines eigenen Lebens. Mit der Sonne stund er auf, er liess alle Thore der Burg offnen, und in der Ordnung, wie ein jeder sich angezeigt hatte, die Perser eintreten. Diejenigen, die Bittschriften eingaben, hatten das Vergnugen, sie dem Kaiser selber einzuhandigen, und nach einiger Zeit den Entschluss abzuholen. Die Rechtssachen wurden in seiner Gegenwart vorgetragen und geschlichtet. Nach diesem offentlichen Verhore arbeitete Usong mit seinen Staatsbedienten uber die Geschaffte des Reiches, die nach der Abtheilung, die er gemacht hatte, in Tage vertheilt waren. Auf den Abend ritt er aus, zeigte sich dem Volke, erkundigte sich um alle Umstande der Policey und der Gerechtigkeit: seine Vertrauten, die er taglich abwechselte, blieben bis in die Nacht, und gaben ihm von allen wichtigen Geschafften die nothige Nachricht. Usong fand kein Vergnugen an der Jagd, am Spiele, an den Mahlzeiten, an der Musik; eines Fursten Stunden, sagte er, gehoren alle seinem Reiche. Sein Vergnugen bestand in einem freundschaftlichen Umgange, und in den Buchern der Geschichte, zu denen er die heissern und unthatigen Stunden des Tages anwandte.

Persien, das er nunmehr zu beherrschen hatte, war unendlich grosser als Anah. Usong konnte nicht mehr hoffen, die letzten und aussersten Zweige der untern Geschaffte des Reiches selber einzuschauen: ihm blieb ubrig, getreue Diener auszusuchen, durch deren Augen er sehen konnte. Er schickte in eine jede Provinz einen Abgesandten aus1: denn so hiess er ihn, und hierzu bediente er sich mehrentheils der Manner, deren Rechtschaffenheit er in Mesopotamien erfahren hatte. Ihr Befehl war, des Volkes Huldigung anzunehmen, und ihm anzusagen, der Kaiser wurde bis zum ersten Naurus2 die Steuern einrichten und ausschreiben lassen, die der Glanz des Thrones und die Bedurfnisse des Reiches erforderten; indessen erwartete er von einem jeden Perser eine freywillige Steuer, die aber derselbe nach seinen Mitteln berechnen, und dabey sich allemal die Nothdurft seines Hauses vorbehalten sollte.

Ganz Persien wurde uber die Mildigkeit des neuen Beherrschers geruhrt, und die Steuer ubertraf, was Usong gefordert haben wurde, wenn er sie selber ausgeschrieben hatte.

Hierbey hatten die Abgesandten Befehl, dass ein jeder in seiner Provinz sich erkundigen sollte, wer an jedem Ort fur redlich, fur fahig, fur tugendhaft angesehen wurde. Die Manner sollten sie vor sich kommen lassen, ihre Gaben prufen, nach ihrer Rechtschaffenheit sich immer sorgfaltiger erkundigen, und aus denselben einen Vorschlag zu obrigkeitlichen Aemtern, und zu Richtern machen, so dass dem Kaiser zu jeder Stelle eine Wahl von drey Mannern, und die Grunde zum Vorschlag eines jeden vorgetragen wurden. Diese Wahl sollten sie bereit halten, wann der Kaiser das Land durchreisen wurde, auf dass die Vorgeschlagenen sich vor ihm stellen mochten.

Usong verhielt den Abgesandten nicht, er wurde es keinem vergeben, der ihn betroge, und keiner wurde sein Angesicht wieder sehen, der ihm einen untugendhaften oder einen untuchtigen Mann vorschluge; oder von dem der Kaiser ausfinden wurde, dass er sich durch Gaben hatte gewinnen lassen.

Der Kaiser trat seine Reise etliche Monate vor dem Naurus an: er durchzog alle funfzehn Landschaften seines weiten Reichs, er hielt sich in allen Hauptstadten einige Tage auf, er nahm alle Bittschriften an, liess sich die Bedurfnisse des Landes vortragen, und prufte selber die zu den Aemtern vorgeschlagenen Manner, von denen er fur ein Jahr denjenigen erwahlte, der in seinen Reden am meisten Weisheit, und die lebhaftesten Empfindungen zur Tugend gezeigt hatte. Alle Vorgeschlagene wurden in die Bucher der Wurdigen eingetragen, und alle Jahre mussten die Abgesandten eingeben, was fur Verdienste, und was fur Mangel, sie an einem jeden wahrgenommen hatten, und mit wem sie ihre Zahl zu vermehren Grunde fanden.

Usong fand die meisten Stadte verfallen, viele Dorfer verlassen, und die Wasserleitungen eingegangen3, ohne die Persien eine durre Wuste ist: Das sind die Fruchte, sagte er seufzend zum Dschuneid, der untuchtigen Herrscher, die ihre Unterthanen nicht geliebt haben. Eiligst liess er die Wassergraben raumen und aufgraben: er setzte Preise auf das Ausfinden neuer oder eingegangener Quellen: er liess tausende von Schafen und Ochsen von seinen Freunden den Kurden einkaufen, und lieh sie den mangelnden Unterthanen ohne Zinse, so dass sie nach drey Jahren solche an die Krone zu bezahlen anfangen sollten, und noch drey Jahre von dieser Schuld sich frey zu machen ubrig behielten. Er befahl von den Flussen des innern Persiens das Wasser durch woleingerichtete Graben und Schleussen in die durre Flache zu leiten. Andre Preise setzte er auf fruchtbare Baume, und zumal auf den Pflegvater der Seidenwurmer, den Maulbeerbaum, und versprach sie demjenigen, der am meisten von diesen Baumen pflanzen wurde, halb im ersten Jahre, und die andre Halfte fur die Zahl reichen zu lassen, die nach drey Jahren ubrig bleiben wurde.

Zum Wiederherstellen der schadhaften Hauser bot er eine Beysteuer an. Die verabsaumten Landstrassen und Brucken sollten, wiewol erst in mehrern Jahren, alle in den besten Stand gesetzt werden, wozu die Krone zwey Drittel beyzutragen versprach, und das Land die Arbeit fur den letzten Drittel thun sollte. Er versprach eine jede Provinz ofters zu besuchen, und der wird mein Freund seyn, sagte er, der seinen Acker am besten baut, und die meisten wolerzogenen Kinder dem Staate schenkt.

Ueberall berief er die Kunstler und die Handelsleute; er ermunterte sie, ihm anzuzeigen, was Kunst und Natur an jedem Orte hervorbrachten, was beyde mehrers hervorbringen konnten, was die Lage und die Eigenschaften jeder Gegend fur Waaren am leichtesten und wolfeilsten zu zeugen versprachen: und die Mittel, wodurch diese Fruchte des Fleisses, und der gottlichen Gute, verbessert und vermehret werden konnten. Alle Vorschlage wurden aufgezeichnet, und mit Verschweigung der Angeber andrer Verstandigen Anmerkungen uber einen jeden eingeholt. Persien ist arm, sagte Usong, aber es hat die Wurzeln zum Reichthum in sich selber.

Die Steuern schienen ihm die eilfertigste der Einrichtungen zu seyn, die er zu machen hatte. Er erinnerte sich der Pachten, die bey den Osmannen im Gebrauche waren, und der Verwaltung, die er in China gesehen hatte. Er fand unter seinen Rathen einige, die zu den Pachten riethen. Ein kleiner Staat, sagten sie, kan die Kammersachen verwalten, der Furst kan die Rechnungen durchsehen, und den Unterschleif verhuten. Aber in einem unermessenen Kaiserthume, wie Persien, ist keine Wachsamkeit des Fursten zureichend, zu hindern, dass das Gold der Unterthanen an den Handen gieriger Steuereinnehmer klebe: und wenn der Geiz sie nicht zu einer thatigen Besorgung ihrer Pflichten aufweckt, so entzieht ihre Saumseligkeit dem Fursten die Halfte seiner Einkunfte. Durch Pachten kan der Kaiser auf einmal die Einnahme seines weiten Reiches ubersehen, und auch den Klagen der Unterthanen vorkommen, wenn er die Pachten auf kurze Zeit hingiebt, und die Strafe der Abanderung auf alle Erpressungen legt.

Usong hatte in China gelernt, dass der Kaiser der Vater seines Volkes ist, und sein Herz fuhlte diese Pflicht mit den lebhaftesten Wallungen. Nimmermehr, sagte er, werde ich das Vorrecht aus meinen Handen lassen, meinem Volke Gutes zu thun. Wann die Heuschrecken4 eine Landschaft verwusten, soll sie dennoch die Steuern bezahlen? wann der Landmann durch eine Seuche sein Ackervieh verliert, soll er doch die Grundzinse seines Ackers entrichten, ob er schon weder pflugen noch erndten kan? Der Pachter verdoppelt alle Auflagen; er zahlt auf alle nur mogliche Ungewissheit, und zieht jede nur wahrscheinliche Gefahr von dem Pachtgelde ab, das er dem Fursten erlegen soll: so verliert der Furst, und dem Volke presst der Pachter durch tausend Kunste so viel aus, dass er bey einer furstlichen Pracht dasjenige seinen Lusten aufopfern kan, wovon des Landmanns Kinder leben sollten. Usong hatte bey den Osmannen die Unbilligkeit der Pachter, und das Schmachten der Unterthanen, unter einem weisen und gutigen Sultan, mitleidig angesehn.

Der Kaiser entschloss sich, China und Indostan nachzuahmen, und seine Steuern von dem Acker zu beziehen5. In Persien hatte man in den meisten Provinzen, schon seit der Regierung des weisen Nuschirwans, alle Felder des weiten Reiches in Buchern verzeichnet, und mit ihren Massen ausgemarchet, weil die unentbehrlichen Wasserleitungen nach dem Maasse eines jeden Ackers abgetheilt werden mussten. Usong erinnerte sich, dass in Indostan die alten Konige, die man wegen ihrer Gute vergottert hat, drey Zehendtel von den Fruchten des Feldes fur ihren Antheit genommen hatten, und bey dieser Steuer fanden die Volker ihre guldenen Zeiten. Persien kan minder tragen, sagte er, als die Reissfelder am reichen Ganges und am Caweri6: ein armeres Volk bedarf Hulfe und Nachsicht, und die Bedurfnisse des Staates erfordern keine grossere Auflage. Er belegte einen jeden Morgen fruchtbaren Landes jahrlich mit einer halben Unze. Silbers, die nicht vollig den zwolften Theil des Betrages der Erndte machte, und es blieb noch eine unermessliche Strecke Landes ubrig, die man als Kronguter verpachten, oder andere offentliche Ausgaben darauf anweisen, oder endlich den Leidenden damit beyspringen konnte.

Die Steuern in einem Reiche, sagte Usong zu seinen Rathen, mussen so einfach seyn, dass sie von den Stadtobrigkeiten bezogen werden konnen. Sobald sie, wie in Europa, vielfach und verwickelt sind, so erfordern sie eigene Bedienten, und so entsteht ein Heer von Geyern, die das Herz der Unterthanen verzehren, und die der Furst dennoch ernahren muss. In Persien soll ein jeder Landmann, nach dem Maasse seiner Guter, das Silber dem Rathe in der nachsten Stadt entrichten: dieser soll es dem Schatzmeister der Provinz zustellen, und also soll die Abgabe, ohne Abzug und ohne Last, des Herrn oder des Volkes, in den allgemeinen Schatz der Krone kommen. Da die Auflage durch das Maas der Aecker unveranderlich bestimmt ist, so ist kein Irrthum moglich, und die Behandigung hat keine Schwierigkeit. Bey der massigen Auflage wird Persien nicht verarmen, und der Kaiser dennoch reich seyn7.

Geht ein strafendes Ungewitter uber eine Landschaft; schickt die zurnende Gottheit ihre Heere aus, alles wachsende aufzuzehren; versagt der eiserne Himmel der Erde seinen Regen, und seine Warme, so ist es dem Kaiser ein leichtes, durch die Abgesandten die Klagen seines Volkes zu erforschen, die Grosse ihres Unglucks zu ermessen, und ihrem Untergange durch eine vaterliche Schonung vorzukommen.

Neben dieser Auflage soll keine andere seyn8. Freylich konnte der arbeitsame Fleiss der Kunstler etwas von seinem Erworbenen entbehren; freylich konnte der reiche Wechsler zur Nothdurft des Staates von seinem Ueberflusse einen Theil abgeben. Aber die Schatzung des Erworbenen wurde zu willkuhrlich, und die Billigkeit unmoglich seyn. Ein Kunstler wurde abgeschreckt, seinen Verdienst zu vergrossern, wenn er die Frucht seines Fleisses mit dem Kaiser theilen musste, und nichts ist unertraglicher, als Auflagen, die kein gesetztes Maas haben, die die Gunst erleichtern, und der Hass verdoppeln kan.

Der Landmann selbst soll bey der Vermehrung seiner Erndten der Erhohung der Steuer nicht unterworfen seyn, der Gewinnst soll sein Eigenthum bleiben: so wie dem Nachlassigen zur Strafe dienen wird, dass er von dem durch seinen Fehler unfruchtbar gewordenen Acker eben so viel Silber abzutragen hat, als vorher, da er in gutem Stande war.

Eine einzige Auflage behielt Usong neben der Landsteuer bey, die Zolle beym Eintritte der Waaren in das Reich. Sie wurden aber auf das geringste Maas herunter gesetzt. Des Kaisers Absicht war nicht, Schatze von der Handelschaft zu erpressen; dieser Zoll belehrte ihn aber von der Menge der ausgehenden und eingehenden Waaren. Usong machte durch denselben die Wunden ausfundig, wodurch Persien seinen Lebenssaft verlohr, und wurde gewarnt, sie zu stopfen. Er vernahm, was fur Waaren ins Reich kamen, die man entbehren, oder die man durch persische Waaren ersetzen konnte. Denn Usong hatte allzuviel Einsicht, dass er nicht die Nothwendigkeit gefuhlt hatte, die Waagschaale bey der Handlung aufrecht zu halten. Kein Reich kan einigen Wohlstand hoffen, das einen mehrern Werth an Waaren von den Fremden jahrlich annimmt, als es verschickt.

Dieses war der erste Entwurf des Kaisers in Absicht auf die Kammersachen. Sein nachster Blick gieng auf die Gerechtigkeit, und auf die Policey.

Er hatte zu Venedig deutlich eingesehen, dass das Gleichgewicht zwischen dem Kriegsstande und dem burgerlichen, eine der ersten Sorgen des weisen Fursten ist. Dieser Freystaat, der fast bestandig Kriege fuhrte, hatte dennoch von den Kriegsvolkern niemals die geringste Unruhe erlitten: da hingegen zu Rom so oft der Thron bald durch die Leibwache, und bald durch andere Legionen, war umgesturzt worden, und Karthago nach dem Sicilischen Kriege mehr Gefahr von seinen eigenen Heeren, als von den siegenden Romern, erlitten hatte.

Venedig wahlte allemal fremde Feldherren, die keinen Anhang und keine Verbindungen im Lande hatten, und die es nur fur gewisse Jahre annahm, wol belohnte, und streng bestrafte. Alle Statthalterschaften, die vollige Regierung, die Gerechtigkeit, die Policey, die Steuerkammer, die Obrigkeiten, stunden niemals unter den Kriegsleuten: so blieb das ganze Volk unabhangend, und ein genugsames Gleichgewicht gegen den Ehegeiz oder die Gewalt der Kriegsmacht war erhalten.

Zu Rom war die Kriegsmacht alles. Wann der Rath zuweilen den Geist der Freyheit fuhlte, und sich seiner alten Grosse erinnerte, so unterdruckte das Schwerdt der Leibwache gleich die aufsteigende Wallung. Wenige Kriegsleute sturzten den edlen Galba vom Throne, und setzten auf denselben den gefalligen Gefahrten der Wolluste des verabscheuten Nero. Der Rath und das Volk war entwaffnet und ohne Krafte. Eine zahlreiche Leibwache in einem festen Lager war fur die Hauptstadt ein Joch, das sie abzuwerfen nicht vermogend war.

Usong sah es als einen Fehler an, der der Ottomannen Reich zerstoren wurde, dass die Stadthalter der Provinzen zugleich auch die Feldherren und die Haupter des Kriegsvolkes waren. Hier blieb gar kein Gleichgewicht, und das Volk schmachtete in der Sclaverey, es blieben keine zwey Machten, die einander beobachten und in den Schranken erhalten konnten. Der Statthalter war dem Throne um desto gefahrlicher, je harter die Urtheile morgenlandischer Fursten sind. Ein bewaffneter Statthalter hat bey der Auflehnung wider den Sultan nichts mehr zu befurchten, als von der leisen Verleumdung eines schwarzen Beschnittenen: der giftige Hauch des letzten ist eben so todtlich, als das bey einem Aufstande siegende Schwerdt des Fursten. Bey seiner Aufruhr findet der Pascha keinen unabhangenden Oberbeamten, der ihm widerstehen kan, er opfert das Volk der Kriegsmacht auf, und herrscht durch dieselbe ohne Aufsicht und unumschrankt. So lang ein Bajazid, ein Morad an der Spitze seiner Heere steht, selbst befiehlt, selbst ficht, und den Glanz des Thrones durch eigne Vorzuge verherrlicht, so lang hat das Reich der Osmannen nichts zu besorgen. Aber alle Kaiserstamme in China, sagte der kluge Zuhorer Liewangs, fiengen bey Helden an, und giengen unter Schwelgern zu Grunde. Die Wolluste des Harems, die berauschenden Vergnugungen der Sinne, werden die Sultanen nicht verschonen, ihr Reich wird sich zergliedern, und jeder Pascha selbst ein Sultan werden.

Diesen Mangel der morgenlandischen Regierungen suchte Usong aufs sorgfaltigste zu verhuten. Er trennte von der Kriegsmacht alle Verwaltung der Schatze, der Gerechtigkeit, und der Policey. Die Bewaffneten hatten am Statthalter der Provinz, am Oberrichter, am Schatzmeister, und am wirksamsten an dem Abgesandten des Kaisers so viele wachsame Aufseher, die die ersten aufsteigenden Gedanken zu einer Auslehnung verrathen wurden. Usong vermied auch, grosse Feldherren in den Provinzen zu behalten; er liess sie am Hofe und in des Kaisers Aufenthalt leben: und die Kriegsmacht blieb unter vielen Obersten zertheilt. Er wollte auch Cohorten haben, und keine Legionen. Die Wirkung des Misvergnugens eines so grossen und innigst verbundenen Haufens ist zu gross und zu gefahrlich.

Zur Policey liess er sich durch den Abgesandten im Anfange in jedem Dorfe ein Haupt, in jeder Stadt zu den unmittelbaren Anstalten und derselben Ausfuhrung einen Begewaltigten, mit einigen Beysitzern zu den minder eilfertigen Geschaften vorschlagen. In den grossen Stadten war ein Daroga, in den kleinern ein Kalentar, selbst in jedem Dorfe ein Aeltester. Diese Obrigkeiten stunden unter dem Statthalter, der mehrentheils aus ihrem Mittel, und unter denjenigen genommen wurde, die in den untern Stellen Fahigkeit und Tugend bewiesen hatten. Usong wollte, dass alle Wahlen nach Hof kamen: er begriff zwar, dass die Last fur den Kaiser eines so weiten Reiches zu gross seyn wurde, alles selbst zu ubersehen, und uberliess dem Statthalter und dem Abgesandten durchgehends die untern Wahlen. Aber dennoch glaubte er, es ware nutzlicher, dass beyde diese Vorgesetzten bey einem jeden Falle erwarten mochten, der Kaiser wurde die eingeschickten Grunde erforschen, und ihre Standhaftigkeit einsehen wollen. Usong that es auch sehr oft, bald bey dieser und bald bey jener Provinz, oder er ubergab die Prufung seinen Vertrauten; und niemals wurde es sicher gewesen seyn, ihn betrugen zu wollen: denn in diesem Falle war er unversohnlich.

Eben die Obrigkeiten hatten die Einnahme der Steuern, und Usong wies ihnen nach ihrem Stande allemal zureichende Besoldungen an, die sie von der Versuchung befreyten, in unrechtmassigen Mitteln ihre Unterhaltung zu suchen; hingegen, liess er ihnen nicht die allergeringste Moglichkeit zu andern Einkunften.

Die Gerechtigkeit hatte nunmehr ihre eigene Richter. Alles war in Persien willkuhrlich, und es war kein Gesetz gewesen, als die Gewalt. Usong liess die Gesetze des weisen Nuschirwans sammlen, er befahl zu erganzen, wo die veranderten Zeiten nothwendig eine Abanderung erfoderten, und jedem Gerichtshofe eine Abschrift zu geben, nach welcher die Richter urtheilen mussten. Er behielt in allen Hauptstadten der Provinzen einen Gerichtshof, wozu er niemals die Obrigkeiten des Ortes wahlte. Der Richter einziges Geschafte sollte die Gerechtigkeit seyn. Sie wurden ansehnlich besoldet, und vom Kaiser selber geehrt. Die Mehrheit der Stimmen gab den Ausschlag, und der Weiseste, den man ausfinden konnte, hatte den Vorsitz und die Leitung. Geringe Sachen blieben bey diesem Gerichte, grossere kamen an das kaiserliche Divan, und vor die Oberrichter des Hofes, bey denen sehr oft, und an ungewissen Tagen, der Kaiser selbst auf dem Throne sass, und die Grunde der Klagenden anhorte.

Er setzte auf die bey den Morgenlandern so gewohnliche Annehmung der Geschenke nicht den Tod, denn Usong schonte des Blutes der Unterthanen, wie seines eigenen, aber die Entsetzung und die Ehrlosigkeit; er hielt auf diesem Gesetze mit unerbittlicher Strenge. Er verbot auch ihm selber einiges Geschenk zu bringen, das von einigem Werth ware: denn sobald der Kaiser Geschenke annimmt, wird der Grosse sie gedoppelt vom Volke erpressen.

Alle Jahre giengen die Abgesandten durch die Provinzen. Sie liessen sich die Bucher aufschlagen, worin die Grunde der Urtheile verwahrt lagen: sie untersuchten einen Theil der Spruche, und wann sie Ursache fanden, der Richter Schlusse zu misbilligen, so wurden dieselben gewarnet, bey wiederholten Fehlern aber vor den Kaiser gefodert, die Sache von den obersten Richtern, auch wol vom Kaiser selber, untersucht, und bey wiederholten und schweren Fallen die Richter entlassen, dabey aber dem Reiche bekannt gemacht, worinn sie sich vergangen hatten. Das ganze Volk hat einen angebohrnen Anspruch auf die Gerechtigkeit des Herrschers: das ganze Volk, sagte Usong, muss belehret werden, dass ich mich bestrebe, die Ungerechtigkeit von ihm abzuwenden. Auch die Unwissenheit ist ein Laster, wann sie unterdruckt.

Persien erinnerte sich an die Tage der ersten Kaiser; sie sind, sagte das Volk, wieder erneuert. Tausend Jahre lang hat seit dem Nuschirwan9 die Gerechtigkeit das Reich verlassen, aber Usong hat sie vom Himmel wieder zu uns gebracht.

Das Kriegswesen bekummerte den Kaiser. Er konnte sich selber nicht verbergen, dass eine stehende Kriegsmacht einen Theil der Burger dem Pfluge entzieht, sie vom Ehestande abruft, und in Pflichten verweiset, die nur ihre Zeiten haben: da hingegen eben diese besondern Pflichten des Kriegsmanns, die bestandigen Pflichten eines nutzlichen Burgers verhindern. Der grosse Aufwand, den der Kriegsstaat erfodert, macht schwere Steuren unvermeidlich, und ist die harteste Last fur die Unterthanen.

Und dennoch fand Usong, Persien konnte sich ohne eine solche Kriegsmacht nicht erhalten. Die Osmannen waren noch in den entfernten Abendlandern beschafftigt; aber es war leicht abzusehen, dass das taglich schwindende Bysanz in wenigen Jahren fallen wurde. Schon blieb dem Erben des Constantins jenseits den Mauern seiner Hauptstadt nichts mehr eigenes, ein Kadi hatte selbst neben seinem Throne seinen Richterstuhl aufgerichtet. Wann nun die Osmannen das schon entwaffnete Bysanz wurden bezwungen haben, so sah Usongs Vorsicht leicht ein, dass der Ehrgeiz dieser Sieger ihre Waffen gegen Morgen lenken wurde: er kannte alles, was diese Feinde furchterlich machte, und Persien konnte ihnen nicht ohne eine Kriegesmacht widerstehen, die bestandig in den Waffen geubt ware. Dieses Heer musste mit Fussvolk und mit Feuergewehr versehen sey, wenn es den Jenjitscheri die Stirn bieten sollte. Die Waffen waren aber den Persern unbekannt, und im Fussvolke zu dienen, bezeugten sie einen allgemeinen Widerwillen.

Korassan lag den Usbekischen Tataren offen, einem unter zwanzig Fursten zertheilten Volke, mit dem man keinen standhaften Frieden schliessen konnte; das zwar nicht Lander zu bezwingen, aber die Einwohner der Granzen elend zu machen fahig war. Diese Granze erforderte eine leichte und allzeit fertige Reuterey.

Kandahar hatte an den Afganen gefahrliche Nachbarn, einem streitbaren Volke, das durch seine Siege in Indien mehr als einmal eigene Reiche aufgerichtet hatte, wo es unter dem Namen der Patanen, der Schrecken der Gotzendiener war. Auch hier waren die besten Volker nothig, ein harteres Geschlecht, als die Perser waren, in den Schranken zu halten.

Usong suchte Mittel, seinem Reiche die Sicherheit zu verschaffen, ohne es zu drucken, oder zu entvolkern. Er hatte die Kurden10 kennen lernen, ein hartes Bergvolk, ungastfrey und kuhn, frey und ohne Fursten, das an der westlichen Granze von Persien unter den Zelten lebte, und von der Viehzucht seinen Unterhalt hatte. Usongs Namen machte alle Unterhandlungen leicht; er schloss mit diesen Bergleuten einen Vergleich: sie blieben in ihren Granzen frey, und gaben an das Reich einige tausend streitbare Manner ab, die den Kern der persischen Macht ausmachten. Eine Auswahl der kernhaftesten diente dem Kaiser als eine Leibwache, und unter denselben bildete Usong die meisten seiner Feldherren. Die ubrigen wohnten unter den Zelten an der westlichen Granze, aber unter der Kriegeszucht und in bestandiger Uebung der Waffen. Sie bedeckten die westlichen Provinzen von Persien, mit dem starkesten aller Walle, der standhaften Brust eines streitbaren Volkes. Usong erfreute sich, dass durch ertragliche Gutthaten, um einen geringen Sold, und noch mehr durch die Hoffnung der Beforderung, er eine Macht erwarb, wodurch Persien sein bestes Blut ersparen konnte.

Georgien stand noch nicht unter Persien. Die Gewissheit des Soldes, die schmeichelnde Ehre unter dem grossten Fursten von Asien zu dienen, die unfehlbare Belohnung geleisteter Dienste, bewogen aber dennoch die Georgier, haufig aus ihren Bergen zu kommen: und Usong brachte aus ihnen eine Reuterey zusammen, die in ganz Asien die beste war, und welcher er das wichtige Kandahar anvertraute.

In Khorassan befestigte er einige Bergschlosser, wohin das Landvolk seine Zuflucht nahm, und bey einem plotzlichen Einfalle der Usbecken seine Kinder und seine beste Haabe in Sicherheit bringen konnte. Er verlegte an die Granze die persische Reuterey, die mit den edelsten Pferden, und mit Sabeln vom scharfsten Stahle versehen, unter einem jede Tugend freygebig belohnenden Fursten, den gefurchteten Usbecken in wenigen Jahren uberlegen wurde. Usong liess auf den Bergen, in gewissen Entfernungen, Holzhauffen aufrichten, wobey eine Wacht wohnte. Bey einem Einfalle der fluchtigen Tataren wurde der Holzstoss angezundet, und das ganze Land war in einer Stunde von der Gefahr gewarnt. Die Perser sammleten sich in angewiesenen Platzen, und giengen auf den Feind los, dessen Stellung der erste aufsteigende Rauch verrieth. Die Usbecken, bey denen kein Trieb zur Ehre die Furcht des Todes verminderte, verloren gar bald die Lust, den Sabeln der Perser sich bloszugeben, und liessen von ihren Streifereyen ab.

Die Kriegsvolker aufzumuntern, versammelte sie Usong bey seinen jahrlichen Reisen: er liess sie unter seinen Augen allerley Kriegsubungen vornehmen, ziehen, schlagen, belagern: er gab Preise fur die Gemeinen, theilte Turbane, silberne Palmzweige, Kranze und ruhmliche Schaumunzen aus: er beforderte die Befehlshaber, er erhob die Verdienten zu den hochsten Stuffen der Ehre, und alles dieses konnte er mit einer sichern Wahl thun, weil er eines jeden Mannes Vorzuge selbst beobachtet hatte.

Aber Usong hatte grossere Absichten. Er wollte die Sicherheit seines Reiches nicht den Fremden anvertrauen, deren Ehrgeitz sich die Ohnmacht der ungeubten Perser hatte zu Nutz machen konnen. Er suchte alle Perser zu Soldaten ihres Vaterlandes zu bilden. Er befahl, dass in den Zeiten, wo der Ackerbau nicht eine bestandige Arbeit erfoderte, alle acht Tage, am Tage der Ruh, der dritte Theil der Erwachsenen sich mit den Waffen versammeln, sich in denselben uben, und allen den Anstalten sich unterwerfen sollten, wodurch die Kriegszucht streitbare Manner erschafft. Folglich wurde die ganze Nation, ohne einen fuhlbaren Verlust der nothigen Zeit, in dem Gebrauche der Waffen unterrichtet. Die Landleute erhielten ihre eigenen Hauptleute und Befehlshaber, aus der Zahl der Sieger, die unterm Usong Persien befreyet hatten. Ihnen waren, wie den ordentlich besoldeten, Preise und Ehrenzeichen zur Aufmunterung ausgesetzt. Der Kaiser erschien auch bey ihren Uebungen, und zeigte ihnen eben die Zuneigung, die er den Besoldeten bewies. Von der unzahlbarn Menge Perser, die die Waffen zu tragen fahig waren, wurde der hundertste Mann genommen, und aus diesem Ausschusse der fertigsten und starksten Manner, entstund ein zahlreiches Heer11, das in die Stadte verlegt in Friedenszeiten Dienste that. Alle drey Jahre wurden alle diejenigen, die es verlangten, entlassen, und andere an ihre Stelle ausgehoben: diejenigen aber, die sich hervorgethan hatten, wurden unter die Besoldeten aufgenommen, und zu hohern Stellen befordert. Alle Perser erhielten durch diese Anstalt eine Geschicklichkeit in den Waffen, die in Kriegszeiten sehr bald zu einer volligen Fertigkeit erhohet werden konnte; das Gemuth selbst erhob sich durch das Vertrauen, das der Kaiser seinem Kriegsvolke zeigte, sie sahen sich nicht mehr als Knechte eines harten Herrn, sondern als Beschutzer des Vaterlandes, als Persiens Krieger an.

Unermudet in der Arbeit, allzeit munter und froh seinem grossen Berufe genug zu thun, fuhr Usong fort, taglich die Einrichtung seines Reiches zu verbessern, da Riva von Venedig wieder kam, und eine zahlreiche Gesellschaft, samt vielem Feuergewehre mit sich brachte.

Dieser Diener des grossen Usongs hatte desselben Briefe an den Herzog und an die Herrschaft zu Venedig abgegeben. Der Kaiser that dem Freystaate seine Erhebung zu wissen; er bezeugte ein verbindliches Angedenken wegen der mit verschiedenen Edeln gepflogenen Freundschaft: er trug dem Rathe sein Bundniss an, und liess merken, dass die Osmannen fur Venedig, und fur Persien, gleich gefahrlich waren: er ersuchte um die Erlaubniss einen Vorrath an Gewehren aus Brescia, und einige Kunstler mitzunehmen, die Feuergewehre fur den Kaiser verfertigen sollten.

Venedig fand seinen Vortheil mit dem Vortheil von Persien verbunden: ein ehrerbietiges Antwortschreiben versprach dem Kaiser eine Bothschaft, die naher mit ihm uber das gemeine Beste beyder Staaten sich besprechen sollte, und die Waffen und Waffenschmiede wurden dem Riva vergonnt mitzunehmen.

Der, eben wie Venedig, gegen die Osmannen eifersuchtige Soldan von Egypten ofnete den Gesandten willig die syrischen Hafen, und der erfreute Usong vertheilte die Waffen unter seine verschiedenen Leibwachen: die Kunstler aber wurden in eigenen Gebauden, mit Stahl und Eisen, und mit allen zu ihren Arbeiten erforderten Zubehore versehen, wo sie bestandig sich mit Verfertigung des Feuergewehres, und mit dem Giessen der grossern metallenen Rohren beschaftigten, die schon damals gebraucht wurden, das Schicksal der Schlachten zu entscheiden, und die Mauern der festesten Stadte niederzuwerfen.

Unter den Briefen aus Westen war auch ein Brief des Zeno, der in der Zwischenzeit in dem Rathe der Republik seinen Sitz genommen hatte. Er bezeugte dem ehmaligen Fursten von Kokonor seine aufrichtige Freude, und liess verspuren, er hoffte das Vergnugen, seinen ehmaligen Freund wieder zu sehen.

Aber eine wichtigere Zeitung verdoppelte Usongs Gluckseligkeit. Puldan, ein Nowian12 aus seinem eigenen Stamme, brachte auf einem fluchtigen Pferde dem Kaiser Briefe vom unermudeten Scherin. Dieser Freund seines Herrn hatte sich uber Atschin nach Quangtscheu begeben, wo er bey dem Kaufmann abtrat, der ehmals auf Liewangs Veranstaltung dem edeln Usong die Nothwendigkeiten zum Einschiffen verschafft hatte: er fand ihn beym Leben, und vernahm, der Zongtu von Schensi stehe noch in seiner Wurde, da das allgemeine Verlangen der Landschaft bey dem Kaiser diese Gnade ausgewurkt habe. Scherin setzte seine Reise nach Singan fort, und horte mit grossem Vergnugen, die Tochter des Zongtu sey noch unvermahlt. Verschiedene ansehnliche Freyer hatten sich um diese Zierde ihres Hauses bemuht, sie hatten ganze Schatze fur ihren Besitz angeboten: aus Ursachen aber, die man nicht absehen konnte, hatte der Zongtu alle Antrage abgelehnt.

Scherin war in Liewangs Pallast so bekannt, dass er bald zu einem Verhore gelangte. Er ubergab dem ehrwurdigen Herrn mit der gebuhrenden Ehrerbietung ein Schreiben. Usong, Kaiser in Persien, dem wurdigen Liewang. Eines Weisen Muthmassungen sind Weissagungen. Usong beherrscht eines der grosten Reiche der Welt. Aber er wird erst alsdann sich glucklich schatzen, wann er seinen Thron mit der tugendhaften Liosua theilen kan.

Scherin ubergab zugleich die Geschenke des Kaisers, die das Maas seiner Hochachtung ausdruckten. Unter denselben waren verschiedene Bucher der Abendlander uber die Gesetze, und die Geschichte ihrer Reiche. Scherin, der an der guten Auferziehung seines Fursten Theil gehabt hatte, war der Uebersetzer dieser Werke, die fur den weisen Liewang ein neuer und unerwarteter Schatz waren, und die er weit uber alle Perlen von Bahrein schatzte, weil sie die Fruchte der Weisheit entlegener Volker waren, die man in China fur Barbaren hielt.

Die Bedachtsamkeit, die in China herrschet, erlaubte dem Freunde Usongs nicht, eine schleunige Antwort zu hoffen. Er verreisete, dieweil sich Liewang Zeit zum Bedenken nahm, zu den Mongalen: er eilte zum alten Timurtasch, dem, und der Furstin, er die frohliche Nachricht der Erhaltung und der Erhebung Usongs brachte, und die fur seine Eltern vom Kaiser mitgegebenen Briefe und Geschenke ubergab. Die Freude so viele Jahre nach dem Verluste eines ihrer Liebe so wurdigen Sohnes zu vernehmen, dass er eine der Grosse seines Anherrn, des gefurchteten Tschengis, entsprechende Wurde bekleide, zogen bey den Eltern Freudenthranen, und bey der ganzen Horde tausend Bezeugungen des allgemeinen Vergnugens nach sich. Verschiedene Nowiane machten sich bereit, ihrem erlauchten Verwandten ihre Dienste anzubieten, und tausend der tapfersten Mongalen waren ihre Begleiter. Dieses ansehnliche Gefolge naherte sich dem Wege nach Kandahar, und erwartete am See Tsarich die Kaiserin; denn Scherin hatte dem Fursten Timurtasch nicht verschwiegen, dass er hoffte, die Gemahlin des machtigen Usongs ihm zuzufuhren.

Nach einigen Monaten kam Scherin nach Singan zuruck, und brachte Briefe vom Fursten Timurtasch mit, worinn er den Zongtu um seine Tochter begrussete, und bezeugte, er wurde eine so tugendhafte Furstin mit Vergnugen in das Hans des Tschengis eintreten sehen.

Liewang zweifelte an der Einwilligung der vernunftigen Liosua nicht, die nunmehr ihr achtzehntes Jahr erreicht, und durch tausenderley Ausfluchte die vorgeschlagenen Vermahlungen bey dem liebreichen Vater abgebeten hatte. Die Liebe des Fursten von Kokonor, seine grossen Eigenschaften, und der Adel seiner Bildung, hatten auf das sanfte Herz der nachdenkenden Schonen einen grossen Eindruck gemacht. Von welcher Seite sie den Usong mit ihren Chinesen verglich, so fand sie, alle andere Menschen schienen erschaffen zu seyn, dass Usong uber sie herrschete. Die kleinen Tugenden die in China durch die Sitten erzielt werden, verschwanden gegen die naturliche Grosse, die aus allen Eigenschaften des nunmehrigen Beherrschers von Persien strahlte.

Dennoch trug Liewang diese Vermahlung seiner Tochter, als eine Entschliessung vor, die er einzig von ihr erwartete. Ich weiss, sagte er, dass deine Hand zu vergeben das Recht eines Vaters ist; aber das Herz ist dein: ich liebe dich viel zu zartlich, dich dahin zu geben, wohin dein Herz nicht mitgeht.

Der Zongtu hatte in der That seine Bedenken. Der Stamm Iwen, wovon Usong eines der Haupter war, konnte von den Ming nicht anders als wie ein feindliches Haus angesehen werden. Und obwohl in China alles, was das Frauenzimmer betrifft, in dem Umfange der innern Wohnungen bleibt, und niemals ins Gesprach der Leute kommt, so konnte doch Liewang nicht hoffen, dass eine Ehe, die bey den Mongalen so ein allgemeines Aufsehen gemacht hatte, bey Hofe verschwiegen bleiben wurde.

Die Furstin errothete uber den Antrag ihres ehrwurdigen Vaters, sie schlug die Augen sittsam nieder, kniete und sprach: Einen Zweig von Iwen in sein Haus aufzunehmen, konnte meinen gnadigen Herrn in Gefahr setzen. Man vernehme den Willen des Kaisers.

Swen Zong war ein loblicher Furst, obwol schon damals die Krankheiten anfiengen, die endlich den Stamm der Ming zum Verderben fuhrten. Er antwortete: der Sohn der Iwen ist zu ausserst nach Abend entfernt, was kan er dem Reiche schaden? Liewang ist Herr uber die Hand der Furstin: so hiess sie der Kaiser, weil sie aus seinem Hause abstammte.

Liewang hatte nun kein Bedenken mehr: denn obwol er mit seiner Tochter das ganze Vergnugen seines Lebens hingab, und ob er wol ein einsames Alter vorsah, wenn er die liebenswurdige Schmeichlerin wurde verloren haben, so war er zu weise zu verlangen, dass das Vergnugen der wenigen Jahre eines sterbenden Greises gegen das Gluck einer bluhenden Tochter vorwagen sollte. Liosua versprach ihrem Vater ohne Widerstand allen Gehorsam, und der Zongtu liess den Scherin vor sich rufen. Hier ist die Antwort an den Beherrscher von Persien. Mein Kind wurde China wegen eines Thrones nicht verlassen, aber sie folget dem Reize der Tugend. Denn es war dem Zongtu nicht unbekannt geblieben, dass Usong mit aller Weisheit der ersten Kaiser das Reich des Cyrus verwaltete.

Die Furstin bereitete sich festlich, nach den gesetzten Sitten des Landes zum Abzuge: sie machte aber nicht nur blosse Anstalten zum Schmucke und zu der Pracht, mit welcher eine kaiserliche Braut erscheinen sollte. Sie hatte sich vom Scherin belehren lassen, was fur Kunste in China bluheten, die Persien noch nicht kannte, und sie nahm sich vor, einen wurdigern Brautschatz mitzubringen, als Perlen und Rubinen.

Scherin legte nunmehr die Geschenke des Kaisers zu ihren Fussen. Alle prachtige Steine, aller furstliche Schmuck, und die Seltenheiten, die durch so viele Siege in Usongs Hande gefallen waren, wurden vor der Furstin ausgeschuttet. Aber was der zartlichen Liosua schatzbarer als die Diamanten war, las sie aus des Kaisers Schreiben. Das Gluck, sagte er, hat den Usong auf den Thron gefuhrt, aber was ist ein Thron, wenn ihm die Tugend ihre Liebe versagte? Nein, sprach die nunmehr freymuthig gewordene Schone, nein Liosua hat in dem edeln Usong die Morgenrothe der Tugend geliebt: was muss sie fuhlen, da der Glanz seiner Verdienste von seiner volligen Hohe die Welt uberstrahlet.

Der Tag kam, der dennoch peinliche Tag, da Liosua von ihrem grauen Vater den letzten Abschied nehmen sollte. Segne doch, gnadiger Herr, dein Kind, sagte sie, auf den Knien, und in Thranen schwimmend. O wie fuhle ich, dass alles Gluck der Welt unvollkommen ist! Liebe mich, liebe mich immer, ewig werde ich deine liebende, deine zartliche Tochter seyn. Liewang musste fast mit Gewalt sie aus seinen Armen reissen lassen, und alle Wurde der Weisheit konnte seine Thranen nicht unterdrucken.

Sie verreisete mit ihrem Gefolge, und mit dem vertrauten Scherin, der durch ihre Frauen ihr tausend edle Thaten ihres Gemahls erzahlte, die der Wehmuth nicht zuliessen, sie einzig zu beschafftigen. Sie traf am See Tsarich die Nowiane, und die Begleitung an, die mit ihr nach Persien gehen sollte. Die Sitten ihres Vaterlandes erlaubten ihr nicht, sich sehen zu lassen: aber tausend Freudentone erschallten mit aller der Wildheit der ungezierten Natur taglich um ihren Palankin, den ihre neuen Unterthanen frolockend umgaben: und sie war nahe an den Granzen von Kandahar, als Puldan sie verliess, und die frohe Botschaft dem Kaiser brachte.

Dem edeln Usong wallte das Herz vor Freuden bey dem Anbringen des Nowians: er umarmte ihn, und versicherte ihn von seiner unveranderlichen Freundschaft. Nunmehr, sagte er zu seinem Freunde, dem Dschuneid, nunmehr bin ich fur meine Bemuhungen belohnt. Freudig will ich dem Wohlseyn des Reiches die Tage aufopfern, da mich alle Abend die Gesellschaft der weisesten, der tugendhaftesten Schonen erwartet, die nicht zu einer blossen Buhlschaft erniedriget ist, und deren aufgeheiterter Geist meine ermudeten Sinnen mit Gesprachen ermuntern wird, worin die Anmuth sich mit den Vorzugen des Geistes vereiniget.

Er liess seinen Persern durch seine Abgesandten wissen, der Kaiser fodere von ihnen bey seiner Vermahlung keine Steuer, und keinen Aufwand. Seine Gemahlinn sey zu edel gesinnet, als dass sie Feyerlichkeiten verlangen sollte, wobey sein Volk auch nur die zu seinem eigenen Vergnugen dienenden Mittel zusetzen wurde. Aber er wurde es als ein Zeichen der Liebe der Perser ansehen, wenn sie mit Blumen, mit Gesangen, mit Tanzen und mit den Zeichen einer ungekunstelten Freude ihre kunftige Kaiserin empfiengen.

Die Perser ergriffen mit Freuden die Gelegenheit, an den Tag zu legen, wie feurig sie ihren Kaiser verehrten. Sobald Liosua die persische Granze betreten hatte, reisete sie durch eine ununterbrochene Reihe von grunen Lustbogen, von belaubten Mayen, und von bluhenden Baumen, durch eine triumphsingende Menge frolicher Landleute hin. Die odesten Berge waren mit dem Zulaufe ihrer Unterthanen bevolkert, die ihr den Ruhm ihres Gemahls zuriefen. Die schonsten Tochter der landlichen Dorfer traten in glanzende Reihen auf beyden Seiten ihres Palankins, und bestreuten sie mit Blumen. Die leutselige Furstin rief oft die artigsten zu sich, liess sich sehen, und theilte ihnen chinesische Geschenke aus.

Der Kaiser war im Feuer seiner Jahre, sein Herz eilte seiner Geliebten entgegen; aber er wollte den Sitten ihres Vaterlandes nicht zu nahe treten, die keiner Braut zulassen, ihrem Brautigam sich zu zeigen, ehe sie getraut ist. Sie kam endlich, die erwartete Schone, und der Seder von Persien verband das edle Paar, dieweil Schiras mit unaufhorlichem Freudenzurufe erschallte. Die sittsame Liosua hob nunmehr den Schleyer auf, und zeigte dem Usong die Zuge der Anmuth, auf denen die Tugend und die Liebe zugleich herrschten. Sie war in ihrer Bluthe, China hatte nichts schoneres gezeugt; aber die edle Seele, die alle ihre Reize belebte, erhob sie uber alle Vergleichung. Sie wollte vor dem Kaiser auf die Knie fallen; er umarmte sie aber aufs zartlichste. Sey willkommen, sagte er, edelste der Gaben des freygebigen Himmels, herrsche ewig uber Persien, und im Herzen deines Usongs.

Der Kaiser hatte Schiras zum Wohnplatze seiner Gemahlin ausersehen. Die milde Luft, die schonen Bache vom reinsten Wasser, die in den Rosen bluhende, und in den edelsten Trauben fruchtbare Natur, die lachenden Garten, der Ueberfluss des vortreflichsten Obstes, die koniglichen Granatbaume, die guldenen Aepfel, machten diese Stadt zur angenehmsten in Persien. Usong hatte sie mit starken Mauern wider den Anfall der Feinde sicher gesetzt. Liosua dachte nunmehr an die Erfullung ihres Entwurfes. Sie sorgte, dass an durren Orten, wo kleine Kiesel kein Gras spriessen liessen, Maulbeerbaume in geraden Zeilen ausgesaet wurden, die man unter der Zucht der Schere behielt, und wobey erfahrne Chinesen die Perser lehren sollten, den Seidenwurm ohne Pflege sich aushekken, sich futtern, und sich einspinnen zu lassen. Sie machte sich ein Vergnugen, die Anfangerinnen selbst in dem Seidenbaue zu unterrichten, und arbeitete ihnen vor. So hatte die Gemahlin des vergotterten Fohi gelebt.

Sie liess sich zuweilen auf das Land tragen, dieweil ihre Bedienten das Volk abhielten, wie es die Sitten erforderten. Sie sah eine grasichte Flache ab, wohin man aus dem Corremderrhe13 reichliches Wasser ableiten konnte; hier befahl sie Hauser fur die Spinner, Bleicher, Weber und Mahler der feinsten baumwollenen Tucher, zu bauen, eines Zeuges, das Koromandel an alle Morgenlander sonst verkaufte.

Sie fand durch die Erfahrnen, die sie mitgebracht hatte, die zwey nothigen Erdarten aus, davon die eine zu Glas schmelzen wurde, wenn die andere das Verglasen nicht hinderte: die erforderlichen Schmelzofen wurden gebaut, und ob man wohl die Vollkommenheit der chinesischen Waare nicht ganzlich erreichte, so erwuchs doch hieraus ein Arbeitshaus, wo man Geschirre verfertigte, die selbst auf der kaiserlichen Tafel an die Stelle des Goldes und des Silbers gebraucht wurden.

Die leutselige Furstin erkundigte sich nach allen den Elenden, die keine Hulfe hatten: sie schickte den blinden, den bettlagrichten, den schwachen und mit Kindern beladenen Wittwen, wochentliche Geschenke. Sie erforschete unter den Landsleuten den fleissigsten Ackermann, die sorgfaltigste Mutter, und ihre Freygebigkeit suchte den demuthigen Verdienst in seinen Hutten auf. Sie that das Gute ohne Gerausch, ohne den Dank zu erwarten.

Die Gemahlinnen, und die Tochter der Grossen, denen ihr Stand einen Zutritt zu der Kaiserinn ofnete, lernten von ihr die Tugend uber alles schatzen. Sie erhob vor ihnen das Gluck eines Gewissens, das kein Laster beunruhiget; die Wurde einer Gemahlinn, deren einziger Zweck das Vergnugen ihres Gatten ist; die Sussigkeit der Eintracht in den Familien; sie zeigte das kleine in der Pracht und im Schmucke, der den Pobel verblendet, und fast allemal ein Zeichen ist, dass die Auszierung des Gemuthes verabsaumet wird. Liosua war die liebreichste Lehrerin der Tugend, die Anmuth ihres Vortrages machte ihre Lehren reitzend, und ihr Beyspiel leicht.

Taglich erfand sie neue unschuldige Erlustigungen fur den arbeitsamen Usong, wann er von den Sorgen des Reiches ermudet in ihren Armen Ruhe suchte. Sie wiederholte ihm, was sie neues, was sie ehrwurdiges in ihren Buchern gelesen hatte; sie liess durch ihre Frauen Schauspiele vorstellen, worinn die Beyspiele der erhabensten Tugend ruhrend erneuert wurden; sie sammelte Seltenheiten, daran Usong ein Vergnugen empfand, Werke der Natur, der Kunste, und des Witzes. Selbst der Unterscheid zwischen dem sanften Gemuthe der Furstin, und dem Feuer des Gemahls, und die Fremdheit der Liosua in den abendlandischen Gebrauchen, gaben den Unterredungen des erhabenen Paares Neuigkeit und Leben.

Sie trug schon die Hoffnung von Persien unter dem Herzen, da Zeno, der Freund Usongs, als Botschafter von Venedig anlangte. Er nahm noch mehr als ein Verehrer der Verdienste des neuen Kaisers, als wie der Gesandte eines freundschaftlichen Staates, einen wahren Antheil an der Erhohung des edeln Tschengiden. Er brachte dem Kaiser verschiedene Geschenke, worunter diesem Herrn die neuen Bucher am besten gefielen, die ohne Feder und mit einer Kunst gedruckt waren, die Liosua der Chinesischen noch vorzog, weil eben die Buchstaben tausendmal dienen konnten, da in China die geschnittene Tafel zu keiner neuen Zusammensetzung tuchtig ist.

Zeno brachte auch neue und bequemere Erfindungen, des Feuergewehres Gebrauch zu beschleunigen, und auch groberes Geschutu, das zwar kleinere Kugeln schoss, aber geschwinder im abschiessen war. Er hatte aus dem unerschopflichen Europa das neueste mitgenommen, was zur Bequemlichkeit des Lebens, und zur Pracht eines Hofes dienen konnte.

Er ertheilte dem Kaiser die Nachricht von dem Waffenstillstande, den die Republik mit dem weisen Morad geschlossen hatte. Denn so wenig Venedig sich uber die Grosse der Osmannen erfreute, so konnte man dennoch diesem Sultane die Verehrung nicht versagen, die die Belohnung wahrer Tugend ist, und zum Feinde war er so furchterlich, als zuverlassig seine Freundschaft war.

Venedig liess herbey dennoch dem Kaiser die allgemeine Gefahr vorstellen, die Europa und Asien von diesem siegreichen Hause drohte. Morad hatte nun schon Thracien und Macedonien bezwungen, und den Sitz seines Reiches nach Edrene'14 verlegt, das dem zitternden Constantinopel aus der Nahe drohete. Byzanz war ohne Krafte und Hulfe. Europa war unter eine Menge von Fursten zertheilt; um die geringsten Vortheile hatten sie unaufhorliche Fehden mit einander, die kurze und unsichere Vertrage mehr einschlaferten als endigten. Kein Furst hatte durch seine Thaten, oder nur durch seine Bemuhungen Thaten zu verrichten, die Hoffnung erweckt, dass er die allgemeine Freyheit wider die drohenden Osmannen zu schutzen vermochte. Castriot und der Hunniade waren mehr unerschrockene Freybeuter, als Monarchen: mit ihrem Tode verlohr Europa alles, was den siegreichen Morad einschranken konnte. Venedig war wachsam und gewaffnet, seine Seemacht war den Osmannen noch uberlegen, aber zu Lande war es viel zu schwach, den zahlreichen Heeren geubter Kriegsvolker zu widerstehen.

Noch war sonst des Rathes herrschender Grundsatz, alle Gefahren lieber zu ubernehmen, als etwas einzugehn, das die Ehre der Republik schmalerte. Die Gefahr, sagten die Edeln, wird durch eine Niedertrachtigkeit nicht abgewandt, sie verdoppelt sich durch den Muth des Feindes, den sie vermehrt, und durch die Verachtung, die sie bey den Nachbarn erweckt. Byzanz hatte es erfahren, jeder schimpfliche Frieden hatte es geschwacht, und es war, ohne Schlachten zu verlieren, zu nichts geworden. Ein Feldzug, den der Sultan unternehmen wurde, musste der letzte seyn.

Die Herrschaft hat den machtigen Usong zu betrachten, wie nah ihm selber die Gefahr ware. Sie warnte ihn selber ehrerbietig, als den einzigen Beschutzer des Gleichgewichtes der Welt, im Frieden seine Krafte zu vermehren, um zu dem Kriege gerustet zu seyn, den Persien nicht lange vermeiden wurde. Sie trug dem Kaiser ihre Freundschaft, und alles an, was sie zu seiner Verstarkung, beytragen konnte.

Usong war uber diesen Vortrag aufmerksam; den wurdigen Morad anzugreifen, so lange Persien keine Beleidigung von ihm erlitten hatte, war wider die Liebe zur Gerechtigkeit, die alle Triebe des Kaisers beherrschte. Er sah sich auch noch nicht gerustet. Seine Perser wollten sich zum Gebrauche der Feuerrohre nicht gewohnen; sie verabscheuten zu Fuss zu dienen, nicht weil sie die Gefahr furchteten, sondern weil die Muhe in den heissen Himmelsstrichen das grosste Uebel ist, das die Morgenlander scheuen. Kaum hatte Usong einige wenige Kurden und Perser gewonnen, die unter seiner eigenen Aufsicht in eine Gesellschaft getreten waren, deren Geschaft und Belustigung die Uebung mit dem Feuergewehr war.

Bey seinen Bemuhungen fur Persiens Glucke, liess der muntere Usong den Muth niemals sinken; mit unablassigem Bestreben hofte er, wird die Hinderniss endlich uberwunden, die die ersten Anfalle nicht bezwingen konnen. Ein Bach bat einen Felsen, sagte er zu seinen Persern, ihm den Durchgang zu gonnen. Stillschweigend widersetzte sich der Fels. Der Bach liess nicht ab, diesen Durchgang zu erzwingen: er arbeitete ganze Menschenleben durch, ehe man eine Rinne im Felsen gewahr ward: aber endlich brach der unermudliche Strom durch, er nahm den Weg, den seine Standhaftigkeit ihm erofnet hatte, und umschuf ein durftiges Gefilde zu den schonsten Wiesen.

Das grobe Geschutz wurde zwar gegossen: aber die Perser zweifelten, dass es durch die engen Wege, und uber die steilen Geburge wurde gebracht werden konnen. Auch liess der Kaiser kleinere Stucke verfertigen, die auf Kameele geladen werden konnten, und die in den Schlachten von einem ausnehmenden Nutzen waren.

Die Werkhauser der Waffen fanden tausend Hindernisse: alle Kunste sind verschwistert, und die eine kan nicht aufbluhen, wenn sie den Schutz der andern entbehren muss. Tausenderley Werkzeuge mangelten in Persien den in Welschland angeworbenen kunstlichen Europaern; ein Theil von ihnen starb unter einem ungewohnten Himmel, und die uberlebenden arbeiteten mit Verdruss, weil die Hoffnung sie nicht aufmunterte, in ihrer Unternehmung zur Vollkommenheit zu gelangen.

Usong verbarg seine Sorgen dem Zeno nicht, und versprach sich von der Republik, sie wurde ihm mit kundigen Arbeitern, mit Werkzeugen, und mit Geschutze beystehen. Die itzigen Kunstler munterte er mit Geschenken, mit freundlichem Zuspruche, und noch am meisten mit den Proben seiner eigenen Kenntniss auf: denn einen Kunstler kan nichts kraftiger aufmuntern, als die Versicherung, fur einen Herrn zu arbeiten, der seine Geschicklichkeit zu schatzen weiss.

Die Zeit kam, da sich Usong vorgesetzt hatte sein Reich zu besehen: er nahm diesesmal sich vor, bis nach Eriwan zu gehen, und Irak, Aderbeitschan, Diarbekir und Algezira zu besehen. Dschuneid und Zeno begleiteten ihn mit einer auserlesenen Gesellschaft der aufmerksamsten Perser, und einiger Nowiane, alle zu Pferde, mit kriegerischem Ernste, und ohne dem Pomp der morgenlandischen Monarchen. Nirgends liess Usong sich bewirthen, er trat bey keinem Grossen ab, und wohnte bestandig unter Zelten: er vermied allen Aufwand, der das Volk hatte drucken konnen, das allemal es schmerzlich fuhlt, wenn die Konige prachtige Feyerlichkeiten begehen. Das Reich soll seinen Herrscher zu sehen wunschen, und nicht furchten, sagte Usong; die Pracht eines Hosts wurde eine neue Last fur mein Volk seyn.

Er riss sich aus den liebenden Armen seiner sehnenden Gemahlin, und eilte nach Tschehelminar, dem kaiserlichen Sitze der machtigen Hystaspiden. Sie hatten sich eine fruchtbare Flache erwahlt, wodurch tausend erfrischende Bache rannen, und wo die schonsten Blumen, ohne die Hulfe der Kunst aufkeimten, und die Augen an sich lockten. Zeno musste den Stolz dieser Schutthaufen bewundern, deren Alterthum jenseits aller Geschichte hinaufstieg, und, die Ueberreste von Palasten waren, deren Riesengrosse die Kruft der menschlichen Hande zu ubersteigen schienen. In den Felsen waren die grossen Thaten der alten persischen Heiden in kolossalischer Gestalt eingegraben.

Usong fand auf den alten Denkmalern verschiedene Sinnbilder, die er auch in Aegypten wahrgenommen hatte, und zumal die geflugelte Kugel, die er fur ein Zeichen der Gottheit hielt. Er sah die von etlichen Mannern kaum zu umklafternden Saulen fur die Ueberbleibsel des Palastes an, worinn Cyrus seinen Thron gesetzt hatte: und Zeno als ein Kenner, bewunderte zwar nicht den Geschmack der Zeichnung, aber die feinste Ausarbeitung der hartesten Steine. Alle gestunden, kein heutiger Furst wurde solche Gebaude zu unternehmen genugsame Schatze besitzen, und auch bey den erfindsamsten Volkern wurden die Werkzeuge mangeln, die ungeheuren Lasten zu verfahren und aufzurichten.

Indem des Kaisers Gesellschaft sich unter dem Marmor und dem Porphyr verweilte, sah Dschuneid auf einem oden Berge ein Feuer aufgehn15. Er fragte, wozu doch auf dem durren Felsen, ein so grosses Feuer unterhalten wurde? Die Perser antworteten, er sahe ein ewiges Feuer der Gebern, das ihnen zum Tempel diente. Dschuneid fuhlte, dass ein Alide war, er fuhr auf: ists moglich sagte er zum Kaiser, dass ein Verehrer Gottes diese Anbeter der Elemente duldet?

Usong lachelte. Diese prachtvollen Ruinen waren der Sitz der Magen, und Cyrus war ein Geber. Persien zu befreyen, hat seine erhabene Tugend ein langes Leben in bestandigen Kriegen durchgearbeitet, und wir geniessen nach zwanzig Jahrhunderten die Fruchte seiner Bemuhung. Aber im Ernst, sagte er zu seinem Freunde: sollte Persien viele tausend arbeitsame Hunde missen, die besten Ackersleute verbannen, und ganze Lander zur Wuste machen, weil die armen Gebern in ihrem Gottesdienste irren? Hat Ali, hat Mahomet nicht die Christen geduldet, die er fur Gotzendiener ansah? Hat Omar selbst nicht des Abu Obeidah mildere Befehle gebilliget, der der Christen Blut schonte, und das siegreiche Schwerdt aus der Faust des unuberwindlichen Khaleds gerissen16, eben weil es allzugierig unter den Unglaubigen wurgte?

Persien, fuhr er fort, ist mehr als halb eine Wusteney; die Natur hat es gesegnet; es ist am armsten an Menschen. Nur arbeitende Hande konnen den Segen der Erde erwerben, und sie zu dem Zwecke bringen, den Menschen zu ernahren, wozu sie erschaffen worden ist. Die Gebern sind friedfertig und geduldig; vielleicht werden viele von ihnen die Wahrheit eines korperlosen und unermessenen Gottes von uns abnehmen, die hingegen Gotzen von Erde und Leim anbeten wurden, wenn wir sie zwangen, nach Indostan zu fliehen.

Usong kam in die lachenden Gegenden um Mayn, den Sitz der reinsten und reichsten Wasserquellen, durch das uralte Yezdekast, wo die Erde das edelste Getraide hervorbringt, und in das grosse Ispahan. Diese Stadt, sagte er, ist zur Hauptstadt von Persien gebildet: sie liegt fast von allen Granzen gleich entfernt, und der Senderud wurde die gesammelten tausende der Perser ohne Muhe nahren, indem er der ganzen Flache eine unerschopfliche Fruchtbarkeit mittheilte. Aber die mildere Luft, deren Gelindigkeit der zartlichen Liosua unentbehrlich geworden war, zog Schiras den Vorzug zu, und die Kriege riefen bald hernach den Kaiser nach Tabris.

Kaschan zog die Augen des Fursten nach sich, weil es der Sitz der Seidenarbeiter war, die einen Theil des Morgenlandes mit den schonsten Stoffen versorgten, und Zeuge verarbeiteten, die ausser seinen Mauern niemand zu verfertigen wusste. Hier nahm Usong die mit menschlichen Bildern durchwobenen Sammte, die er seiner verbundeten Republik schenkte, und die dieser Sitz der abendlandischen Kunste bewunderte, und eingestehen musste, Venedig hatte keine Hande, welche die Geschicklichkeit der Perser nachahmen konnten.

Usong hatte zu Kaschan einen unerwunschten Anlass zu zeigen, dass er werth war, auf des gerechten Nuschirwans Throne zu sitzen. Zeno sah ihn einen Abend ungewohnlich niedergeschlagen. Was mag das widrige Schicksal so zerschmetterndes im Rusthause seines Zornes haben, dass Usong unter der Gewalt erliegen sollte? Morgen wird mein Freund es sehen, sagte der Kaiser. Er hielt seinen Diwan in der Burg der alten Konige; die Fursten und die Grossen stunden neben seinem Throne, und ein unzahlbares Volk umringte den Pallast. Man rief einen Mustassem, einen Gartner, der in der Vorstadt von Kaschan wohnte. Sieh dich um Mustassem: kennst du den Beklagten? Der Perser warf sich vor dem Kaiser nieder: hier ist er, sagte er, und wies auf einen Nowian, dessen Namen Kulkas war, und der als einer der Hauptleute einen Theil der kaiserlichen Leibwache anfuhrte.

Kulkas, mein Vetter, sagt der Mann wahr? fragte Usong mit einer ernsthaften Stimme, die kein Perser noch an ihm gehort hatte. Der Nowian sah beschamt auf die Erde, und sein Verstummen bewies seine Schuld.

Kulkas, sagte der Kaiser, wir sind nicht von den Ufern des einsamen Kokonors gekommen, die Perser zu unterdrucken. Gott hat mich auf den Thron gesetzt, sein Statthalter zu seyn. Ersetze, was du an der Tochter des Gartners begangen hast, lass sie dir antrauen, wirf ihr den grossten Wittwenschatz aus, den du einer Furstin aus dem Hause des Tschengis anbieten wurdest: morgen sollst du mir Zeugen bringen, dass du gehorcht hast.

Der Mowian warf sich auf die Erde nieder, und gieng mit den Geberden weg, die eine vollige Unterwerfung bezeugten.

Den andern Morgen erschien er, und Mustassen mit ihm; hier ist der Ehebrief, sagte Kulkas, hier ist das Vermachtniss.

Ist Mustassen zufrieden? Er verbeugte sich. Aber das Gesetz ist es nicht. Kulkas, rief der Kaiser, Persien hat mich zu seinem Richter berufen. Die Gerechtigkeit ist die grosse Beylage, die Gott mir anvertrauet hat. Sollen freyer Manner unbefleckte Tochter unter den Augen des Kaisers geraubet werden, und soll er nicht zurnen? Ich werde das Blut des grossen Tschengis nicht vergiessen. Aber fliech Kulkas, suche Lander, wo die Gewaltsamkeit herrscht, und wo der Machtige des Schwachen Ehre ungehindert unter die Fusse tritt. Meide meine Augen und Persien. Der Nowian entfernte sich, und floh zu den wilden Usbekken.

Bey der freundschaftlichen Abendtafel erzahlte der Kaiser, was Dschneid und Zeno zwar erriethen. Ich ritt einsam aus, sagte er, und horte eine laute Klage aus einem wohlgebauten Garten erschallen, der voll der schonsten Blumen war. Mich wunderte es, vom Spitze der unschuldigen Wollust solches Winseln aufsteigen zu horen. Ich liess die Leute rufen: Herr, sagte der verzweifelnde Vater, der mich fur einen Befehlshaber aus der Leibwache ansah, einer eurer Bruder hat meine Tochter mit Gewalt aus meinen Armen gerissen: sie war unbefleckt in der ersten Bluthe ihrer Jugend, ich war zu schwach zu widerstehen, und die Schmach wird mein Tod seyn.

Ich befahl ihm im Diwan zu erscheinen, und sich durch den Scherin, der mit mir ritt, bey dem Kaiser melden zu lassen.

Nun ermessen meine Freunde, wie mein Herz zwischen meiner Pflicht, und der Liebe, meines eigenen Blutes, beklemmt war. Der Mowian war mir nahe verwandt; ich beleidige vielleicht alle die Mongalen, die der Name eines Tschengiden aus den Granzen der Welt zu mir gelocket hat, und deren Liebe die Stutze meines Thrones seyn sollte. Und dennoch wie konnte ich anders handeln? Ist ein Nutzen moglich, der der Pflicht vorgeht.

Zeno erwiederte: in meinem Vaterlande schutzt kein Namen wider die Gesetze. Ein Zeno, es war mein Ahnvater, war der Retter seines Vaterlandes gewesen, niemand konnte leugnen, dass seine Tapferkeit die siegreiche Macht des feindlichen Genua bezwungen hatte. Er begieng einen geringen Fehler, wenn es ja ein Fehler war; seine Lorbern beschirmten ihn vor der Strafe nicht, er wurde gefangen gesetzt, verwiesen, und von allen den Belohnungen ausgeschlossen, die sein Verdienst erwarten sollte. Diese Strenge ist unvermeidlich, fuhr Zeno fort, und der Kaiser hat heute seinen Thron befestiget. Denn nirgends als auf die Herzen seiner Unterthanen kan ein Konig seine Herrschaft mit Sicherheit grunden.

Zu Kom betete Dschuneid auf den Grabern der Imamsade', oder der Nachkommen des Ali, die in dieser Stadt begraben lagen, und die dieser Furst unter seine Ahnen zahlte. Usong besah die Werkstatte der Waffen, und war uber die Gewehre vergnugt, die man daselbst aus einem uberaus harten Stahl verfertigte.

Kaswin, eine der Hauptstadte des machtigen Parthiens, war damals verfallen, und Usong dachte an die Mittel, der alten Stadt aufzuhelfen: er nahm sich vor, eine Zeitlang seinen Thron daselbst aufzuschlagen. Ihm missfiel, dass die morgenlandischen Fursten eine einzige Stadt zu ihrem Sitze wahlten, wodurch sie die entfernten Provinzen aller Nahrung beraubten, und erodeten, und dem Reiche ein ungeheures Haupt gaben, das den Gliedern den Lebenssaft entzog.

Bey Sultanie fand der Kaiser einen Theil der grossen Stutereyen, die wegen der fruchtbaren Wiesen und des reinem Wassers, schon seit den alten Konigen der Parther hier angelegt worden waren. Noch schoner aber sind die grossen Flachen, die von Aderbeitschan nach Tabris fuhren, wo unabsehliche Felder mit dem edelsten Futterkraute bedeckt sind, das eben aus dieser Gegend sich in die Abendlander ausgebreitet hat, und wo viele tausende der schonsten Pferde von Persien weiden17.

Das weit ausgedehnte Tabris war damals die grosste Stadt im Reiche: aber wie alle andere persischen Stadte ohne alle Befestigung. Usong sah ein, dass es den Waffen der Osmannen blos gesetzt seyn wurde, und befahl eine Festung daselbst zu erbauen, wohin er einen Theil seines groben Geschutzes bringen liess: er sah sich auch eine Stelle zu einer koniglichen Wohnung aus, wo er einen Pallast aufzufuhren die Anstalten machte. Er that eine kurze Reise nach Amadan, dem Sitz des Thrones des Dejoces, nunmehr in ein weites Dorf verfallen.

Er kam nach Irwan, einer Granzstatt, die den Osmannm noch mehr ausgesetzt war, und entwarf drey einander einfassende Festungen, die alle hoher als die Stadt, auf dem Wege nach den beschneyten Geburgen lagen, worauf der gemeinen Sage nach, der Kasten zur Ruhe kam, worin der zweite Urheber der Menschen in der allgemeinen Ueberschwemmung ist gerettet worden.

Hier, fast am abendlichen Ende des Reiches, wurden Klagen uber den Abgesandten des Kaisers gefuhrt, der von der Entlegenheit vom Hofe eine Straflosigkeit hoffete, Geschenke nahm, und untuchtige Leute zu verschiedenen Richterstellen dem Kaiser vorgeschlagen hatte. Usong hatte freylich niemals erwartet, unter fehlervollen Menschen lauter rechtschaffene zu wahlen, er liess seinen Scherin zuruck, der die Klagenden gegen den Abgesandten verhoren, und wie allemal geschah, ein Urtheil samt den Grunden zur Einsicht des Kaisers entwerfen sollte. Der Abgesandte wurde schuldig erfunden. Usong uberzeugte sich von den Vergehungen desselben durch seine eigene Untersuchung, und liess ihn vor den Diwan fodern.

Du warst, liess der Kaiser dem Schuldigen durch den zu den hochsten Aemtern erhobenen Scherin sagen, der Vertraute des Kaisers: er ist nicht Gott, und muss durch die Augen der Menschen sehen. Er hoffte von dir die Wahrheit, du warest zum ruhmlichen Amte eines Fursprechers des Volkes auserwahlt, du solltest seine Klagen vor den Thron tragen, und den Ruhm geniessen, dass durch dich den Gedruckten Hulfe wiederfuhre. Aber was verdient der, der eine Arzney geben soll, und Gift giebt? Der Kaiser heisst dich von seinen Augen fliehn; gehe nach Kerman, und uberschreite die Granze dieser Provinz niemals: dort allein lasst dir das Gesetz das verwirkte Leben.

Von Irwan eilte Usong nach Mausel, dem ehemaligen Haupte der Assyrischen Macht: und von da nach Anah, das seiner Reise Ziel war. Hier sammelte sich ein unzahlbares Volk um seinen Diwan, und das Lob dieses glucklichen Fursten erscholl bis an den Himmel. Von seinen alten Unterthanen zu Anah war nicht ein einziger, der durch die Erhebung seines Herrn nicht glaubte, selbst glucklicher worden zu seyn. Jeder ehmaliger Diener, jeder Burger drangte sich zu ihm, und war erst zufrieden, wenn er den Saum seines Rockes gekusst hatte. Usong wurde durch die treue Liebe seines Volkes geruhrt, und versprach sich selber, sie noch besser zu verdienen.

Die Arabischen Fursten, die Mitgefahrten seiner ersten Kriege, besuchten ihn, und erhielten von ihm prachtige Geschenke. Der alte Abuschir wiederholte, wie viel er dem Usong schuldig war: nur Hassans graues Alter gonnte ihm die Krafte zu dieser Reise nicht. Usong liess Anah, die Furth des Euphrats, in einen guten Wehrstand setzen, und beurlaubte sich hier vom Zeno, und vom Dschuneid, die mit einander die Reise bis zur Palmenstadt fortsetzten. Dem Zeno gab er die Antwort an seinen Staat, vertraut und aufrichtig: er wurde aufmerksam auf die Unternehmungen der Osmannen seyn, und ihrem Ehrgeitze Schranken setzen, wenn er die Klauen zeigen wollte. Venedigs getreuester Bundsgenosse wurde er bleiben. Er gab bem Zeno Geschenke mit, reiche Seidenzeuge, kostbare Teppiche, heilsame Mumie, die aus den Felsen von Khorossan quillt, und alle Wunden heilt, echte Bezoarsteine, wahres Rosenol, das von Schiras kommt, und an Werth das Gold ubersteigt, Turkisse aus dem alten Felsen Firuz-Kuh, Perlen von Bahrein, edle Pferde, und Sabel vom besten Stahl. Er umarmte ihn: Usong wird ewig derjenige gegen Zeno bleiben, der er zu Alkahirah war, sagte der Kaiser. Den liebenswurdigen Dschuneid beurlaubte er mit zartlichen Ausdrucken seiner Liebe: sage dem Diener Gottes, dem Hassan, Usong sey sein Sohn, und dein Bruder. Hiemit trennten sich beyde Freunde, und Usong gieng uber den Euphrat, nach Bagdad.

Dieser Sitz der der machtigen Befehlshaber der Glaubigen war durch den Halaku halb verwustet, und unter den schlechten Fursten noch mehr eingegangen. Aber seine Lage, die den Tiger beherrschete, und zu einer Vormauer des sudwestlichen Persiens dienen konnte, bewog den Kaiser, Bagdad aufs starkste befestigen zu lassen, und hier liess er eine der zahlreichsten Besatzungen von Persern.

Er verfugte sich nach Basra, dem Sitze der Seehandlung des Reiches. Erliess sich aufs genaueste unterrichten, was fur Kaufleute dahin kamen, was sie fur Waaren aus den Morgenlandern brachten, was wiederum von Persien ausgefuhrt wurde. Er nahm Entwurfe mit, wie auch auf der See der persische Namen furchtbar gemacht werden konnte, und hoffte die Obermacht in dem Meerbusen ernst zu behaupten. Er sah ein, wie nachtheilig es fur Persien war, dass man lauter fremde Schiffe zu Basra sah, und die Perser von der Willkuhr der Auslander abhingen, die ihre Waaren in ihrem eigenen Preise den Persern aufdrangen, und hingegen sie nothigten, die Waaren des Reiches ihnen niedriger, als ihr Werth war, zu uberlassen; weil das Reich keinen andern Ausweg hatte, die Fruchte der Natur oder der Kunst auszufuhren. Aber Usong war zu Einsichtsvoll, als dass er alles auf einmal ubernommen hatte, und Portugalls Seemacht hinderte unter seinen Nachfolgern Persien, die seinige zu vergrossern.

Von Bagdad kam der Kaiser nach Jondisabur, dem ehemaligen Sitze der Wissenschaften unter den Sassanischen Herrschern, das aber nunmehr verfallen, und ode war; und nach Suster, dem prachtigen Sitze des grossmachtigen Ahaswers. Er eilte uber Tschehelminar nach Schiras zuruck, um bey der Niderkunft seiner Gemahlin gegenwartig zu seyn.

Er gab der Tochter, die sie ihm schenkte, den Namen Nuschirwani: sie sollte ein neues Pfand seyn, dass er sich den grossen Herrscher zum Vorbilde nahme, der diesen Namen getragen hatte. Gerecht im Frieden, siegreich in den Kriegen aufmerksam auf alle Theile des allgemeinen Wohlstandes, war Nuschirwan gewesen, und war nunmehr Usong.

Der zarte Bau des Leibes, der mit dem sanften Gemuthe der Kaiserin ubereinstimmte, litt bey ihren Niederkunften, und den Geburten der Nuschirwani, und her zwey Fursten, die auf dieselbe folgeten. Liosua nahm taglich ab; sie uberwand aber die Schwachheit ihrer Glieder, und zeigte dem Kaiser nichts als die angenehme Gelassenheit, die allem ihrem Wesen angebohren war. Sie bat sich einmal seine Gesellschaft aus, und wies ihm ihre Seidenhecken, ihre Porcellanofen, ihre Baumwollenmalereyen, und die ubrigen Anstalten, die unter ihrer Aufmunterung erwachsen waren. Der Kaiser sah mit Vergnugen ein, dass die blosse Natur ohne einige Hulfe der Kunst zureichte, das kostbare Gewurme auszuhecken, und sein Gespinnst zum brauchbaren Stande zu bringen. Er berechnete leicht, mit der richtigen Einsicht, die ihm eigen war, dass diese Seide wohlfeiler, als die von zahmen und mit Menschenhanden gefutterten Wurmern erzielte Seide, und folglich eine Waare seyn wurde, die Persiens Seidenstoffen einen Vorzug geben musste. Er liess die Erfindung, in freyer Luft auf den Baumen die Wurmer, ohne Zuthun des Menschen, spinnen zu lassen, durch alle seine Abgesandten bekannt machen, und vertheilte durch die bequemsten Provinzen einen Theil der chinesischen Arbeiter, die den Persern die leichten Handgriffe zeigen sollten, zu dieser freywilligen Gabe der Natur zu gelangen.

Eben so vergnugt war er mit den vortreflich gemahlten, und an Feinheit alle abendlandische Webereyen ubertreffenden baumwollenen Zeugen, deren Farben unnachahmlich schon waren. Er gab das Beyspiel, sie zu leichten Sommerkleidern zu brauchen: der Hof und das Volk, das seinene Kaiser anbetete, verschafften den Werkhausern einen solchen Abgang, dass man die Arbeiter vermehren, und neue aus China verschreiben musste. Persien gewann dabey grosse Schatze, die sich sonst jahrlich nach Masulipatan und Surat verlohren hatten.

Der Kaiser sagte zu seiner Geliebten, indem er sie innig umarmte: die Hutten, die meine Liosua hat auffuhren lassen, sind dem Reiche nutzlicher, als die Riesensaulen zu Tschehelminar, und als die Pyramiden zu Gize. Die wahre Grosse ist im Nutzen, und derjenige Furst verherrlicht seinen Namen, der die Unterthanen durch Fleiss und Anschlagigkeit glucklich macht. Denn es ware ein Unsinn, wenn eine Konigin der Peris18 mir schon Hauser voller Gold und Diamanten zuwurfe, und ich dadurch jeden Perser reich, und alle Arbeit entbehrlich machen wollte. Ich wunsche mir ein wohlhabendes Volk, aber das blos durch seine Arbeit reich werde. Liosua bereichert Persien zugleich an neuen Kunsten, und an ersparten Schatzen.

Die Kaiserin besass alle Gaben des Verstandes: sie machte sich die persische Sprache in kurzer Zeit eigen, und da sie in den Gedichten des Saadi eine Aehnlichkeit mit der Weisheit der Chineser gefunden hatte, so liess sie dem Sittenlehrer, dessen Ueberbleibsel nahe bey Schiras lagen, ein ansehnliches Grabmal auffuhren: sie hiess sein Lob auf eine marmorne Spitzsaule schreiben, und bestellte zu seinem Grabe einen gelehrten Mollah, der alle Tage einige Verse des weisen Dichters der Jugend vorlesen, und daruber Erklarungen beyfugen sollte, welche die Tugend reitzend abmahlten.

Fussnoten

1 Intendans nennt sie Ohardin; Missi dominici hiessen sie bey den Karlowingen. 2 Das Neujahrsfest. 3 Dieses wurde im 17. Jahrhunderte von einem weisen Wazir fur ein allgemeines Ungluck gehalten. 4 In Persien eilten noch im vorigen Jahrhunderte, nach einer allgemeinen Landplage, die Landleute an den Hof, und legten dem Kaiser die ledigen Aehren und die Heuschrecken vor, von denen ihre Aecker waren verwustet worden. Sie erhielten allemal eine Nachlassung. 5 Ich glaubte, wie ich dieses schrieb, dem Herrn Poivre in seinem Voyageur philosophique, China kenne keine andere Auflage als die Landsteuer. Aber P. Navarette, der lang in China gelebt, und die Sprache verstanden hat, belehrt mich nunmehr eines andern. Man hat in China eine Kopfsteuer, man bezahlt Zolle, und andre Auflagen. Nur in Indostan ist freylich die Landsteuer die einzige Auflage, die aber unter den jetzigen fremden und harten Herrschern bis auf sieben Zehntel der ganzen Landesfruchte gestiegen ist, und dennoch die Hohe noch nicht erreicht hat, auf welche die Landsteuren in verschiedenen Provinzen Frankreichs gebracht worden sind. 6 Ein Fluss im Koromandel, mit welchem man die Reissfelder wassert. 7 Nach einer massigen Berechnung Omina belaufen sich diese Einkunfte auf 1,500,000 Mark Silbers. 8 In einem Lande dessen Einkunfte durchgehends in den Fruchten des Landes bestehen, kan die einzige Steuer angehn: In Holland, wo die Manufacturen einen eben so grossen Theil der Steuern aufbringen mussen, ware die Landsteuer unzureichend. 9 Ist der grosse Cosroes der Griechen, der Ueberwinder des Belisarius, dessen Siege, aber die Perser minder verehren, als seine Gerechtigkeit. 10 Die Abendlander nennen anstatt der Kurden die Turkumannen. Diese wilden Rauber scheinen aber der Kriegszucht unfahig, und die Kortschi waren lange die tapfersten Volker von Asien. Saladin und Kelaun, zween Stammvater egyptischer Soldane, waren beyde Kurden. 11 Schach Abbas konnte zu Tabris sechzigtausend Mann den fremden Bottschaftern auf einmal zeigen, davon keiner ein eigentlicher Soldat war. Della Valle. 12 Furst vom Geblute bey den Tschengiden. 13 Dem Flusse der durch Schiras lauft. 14 Adrianopel. 15 Um Tschelminar sieht man verschiedene Feuertempel der Gebern. 16 Aus der arabischen Geschichte des Okley. 17 Medien. 18 Feyen der Mahometaner.

Drittes Buch.

Usong liebte den Frieden, weil er sein Volk liebte; aber die Ehre Persiens war ihm noch theurer als der Frieden, weil ohne dieselbe kein Friede bestehen konnte. Er sah sich gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Zeno wurde zu Halep von einem gierigen Statthalter des neuen egyptischen Soldans angehalten, mishandelt, und eines Theils der Geschenke beraubt, die er nach Venedig bringen sollte. Ungeachtet Usong dem Zeno einen Abgeordneten mitgegeben hatte, der mit ihm nach Venedig reisen musste, und allen Vorstellungen zuwider, die der Perser bey den zirkassischen Raubern that, war weiter nichts zu erhalten gewesen, als dass Zeno, halb geplundert entlassen wurde.

Usong konnte die Beleidigungen nicht ungeahndet lassen, die dem Botschafter einer freundschaftlichen Macht widerfuhren, der unter seinem Schutze gereiset war. Er konnte auch die Gemeinschaft mit Venedig nicht entbehren, die zu seinen grossen Absichten unentbehrlich war. Er schickte einen der Hauptleuten seiner Leibwache, den Merwan, einen gesetzten und standhaften Perser nach Alkahirah. Er stellte dem ohnlangst erwahlten Soldan Ol Malek ot Thaher vor, Persien und Aegypten seyen durch die Natur selbst verbundet, da sie beyde einen gemeinschaftlichen Feind an den Osmannen hatten. Das gute Verstandniss, das zwischen Persien und Venedig herrsche, hatte eben die Absicht, ein Gegengewicht wider die zunehmende Macht dieses unternehmenden Reiches auszumachen. Usong verlangte blos, dass der Soldan seines Statthalters Frevel fur ein Unrecht erklarte, woran er selbst keinen Antheil hatte.

Der Statthalter von Halep war einer der vier und zwanzig Fursten, die aus Sclaven zu Herren von Egypten worden waren. Er stund unter seinen Brudern in grossem Ansehen, und er hatte zu der Erhebung des Soldans nicht wenig beygetragen. Dieser gekronte Sclave hatte weder den Willen, noch den Muth, die Uebelthat seines Freundes zu bestrafen. Er liess den Abgeordneten des Kaisers lang ohne Antwort, und gab endlich eine Entschuldigung fur die Beraubung des Zeno, die fast so beleidigend, als die That selber war. Am agyptischen Hofe hatten keine gesetzten Berathschlagungen Platz. Der Soldan mussigte sich vom Genusse seiner Wollust selten ab, und dann nahm er eine schleunige Entschliessung, wie sie ihm von den Verschnittenen, oder von einem gefurchteten Bey angerathen wurde.

Merwan eilte nach Schiras, und Usong machte, so ungern er das Blut der seinigen verspritzte, Anstalt zum Kriege. Die unter den Zelten dienenden Kurden wurden aufgeboten. Zu Tabris stiess eine auserlesene Reuterey aus Georgien zum Lager, und die Halfte der persischen stehenden Volker fuhrte der Kaiser an, der die wenigen Buchsenschutzen mitnahm, die er selbst unterrichtet hatte. Das auserlesene Heer vereinigte sich in den fetten Wiesen von Aderbeitschan. Usong fuhrte es durch Erbil und Merdin gegen Halep und drohete der Stadt Orsa, die unter dem Soldan stund. Dschuneid eilte mit den freywilligen Arabern zu seinem Freunde.

Die alten Zirkassen waren zwar durch die Wolluste von Aegypten erweicht, da aber alle Jahre neue Schwarme von Nogaiern, und Crimeern, von Kabardinern und Zirkassen die mamelukischen Volker erganzten, so unterhielten diese rohen Leute den Muth der Nation durch die Herzhaftigkeit, die unverdorbener Volker Vorzug ist. Der Soldan kam mit einem machtigen Heere, worinn viel Geschutz, und ganze Schaaren mit Feuerrohren bewafnet waren.

Usong kannte seine Perser. Dieses sinnreiche und nicht unedle Volk ist dem Triebe der Ehre gehorsam, und fallt den Feind tapfer an, aber sein Muth sinkt beym Ungluck allzuleicht. Er nahm eine vortheilhafte Stellung, und liess durch seine Reuterey taglich kleine Treffen wagen, worin der persische Sabel, und die bessere Ordnung der Glieder, fast allemal den Sieg erhielt. Er brachte hierdurch seinem Heere ein Zutrauen zu sich selber bey, und machte es dem Feinde furchterlich. Taglich liess er seine Volker vor dem Lager ausrucken, und sich in Schlachtordnung stellen. Die Aegyptier thaten ein gleiches; ehe es aber zum schlagen kam, zog Usong seine Volker ins Lager zuruck, das durch verschanzte Anhohen bedeckt, durch das grobe Geschutz beschirmt war, und keinen Angriff zu befurchten hatte. Zehn Tage nach einander ruckte er vor, und zog wiederum zuruck, bis endlich die Zirkassen dieser unbedeutenden Bewegungen gewohnt wurden, und es als ein Spiel ansahen, wann schon die Perser in ihrer Schlachtordnung ausruckten. Aber den eilften Tag, da die Mammeluken nunmehr sicher geworden waren, ruckte Usong zwey Stunden vor dem Aufgange der Sonne aus, und da dieselbe eben ihre ersten Strahlen zeigte, gab er das Zeichen zum Angriffe. Persiens Sinnbild war die aufsteigende Sonne. Usong rief den Hauptern seines Heeres zu: denkt dass Persien auf euch sieht, eure Thaten zahlt, und mit ewiger Hochachtung belohnen wird. Das Wort war Persiens Ehre. Die Perser brachen, wie neu beseelt in die unbereiteten Feinde, viele tausende fielen, und die ubrigen verliessen ganz Obersyrien und Halep1 dem Ueberwinder.

Usong fuhrte sein siegendes Heer durch die schonsten Provinzen Asiens, gegen Syrien hin: seine Absicht war aber nicht, Aegypten allzusehr zu schwachen, ein Reich, das er als eine Vormauer von Persien ansah. Er erfuhr mit Vergnugen, dass Abgeordnete von Alkahirah kamen, und Friedensvorschlage thaten: Usong foderte nach dem Siege nicht mehr, als er zuerst gefodert hatte: der Statthalter von Alep wurde seiner Wurde entsetzt, er verlohr seine Stelle unter den vier und zwanzig Fursten: man suchte die Kostbarkeiten zusammen, die man dem Zeno entwendet hatte, und gab sie zuruck. Nur machte Usong es zum Bedinge des Friedens, dass seine Unterhandlungen mit Venedig kunftig ohne Hindernis durch die Lander und Hafen des Soldans fortgesetzt, und Leute und Waaren frey durchgelassen werden sollten. Der eroberte Theil von Algezira blieb den Persern.

Usong hatte seinen Zweck erreicht, des Reiches Ruhm war behauptet, und die edle Absicht war fast ohne Blut erhalten worden. Er verlangte keine mehrere Lander, da Persien auch fur einen grossern Ehrgeitz weit genug war; er entliess die Gefangenen, und vertheilte sein Heer in den Flachen um Tabris. Aber ehe es sich trennte, theilte er angemessene Geschenke und Ehrenbezeugungen unter die Fursten, unter die Befehlshaber, und unter die Gemeinen aus: er hatte sich genau nach jeder lobwurdigen That erkundigt, und liess keine unbelohnt. Er sprach zu den Verdientesten selbst, er dankte ihnen im Namen Persiens, und die Feldherren mussten dem ganzen Heere des Kaisers Vergnugen und Hochachtung bezeugen.

Der Kaiser eilte in die Arme seiner Liosua, und fand die chinesische Colonie mit vielen neuen Kunstlern vermehrt. Der Abgeschickte war zuruckgekommen, und Briefe vom weisen Liewang warteten auf den Kaiser. Der ehrwurdige Zongtu hatte alle seine Aemter niedergelegt, und sich nach Kioso, in die Geburtsstadt seines grossen Ahnherrn des Kong-fu-tse begeben, wo er, wie er sagte, uber den Uebungen der Weisheit den Tod erwartete. Er liess merken, dass das Verderben am Hofe zunahm. YngZong war ein Kind, die Tataren verwusteten das Reich, der Kaiser selbst wurde eine kurze Zeit hernach von den Mongalen in einer Hauptschlacht gefangen, und in die Tatarey weggefuhrt. Liewang sah den Untergang des Reiches, der zwar lange hernach erst vollendet wurde, dessen Ursachen aber schon itzt wirksam und unheilbar waren.

Von Timurtasch kamen auch Nachrichten, der an den Siegen einen grossen Antheil hatte, die uber China errungen wurden. Aber Usongs Wohlstand vergnugt mich mehr als alle Siege, sagte der liebende Vater.

Zu eben der Zeit kam ein angesehener Araber mit einem Schreiben vom ehrwurdigen Hassan: er hatte Befehl es in die eigenen Hande des Kaisers abzugeben. Der alte Alide wunschte dem Sohne seiner Liebe zu allem dem Guten Gluck, das die Welt an ihm ruhmte. Eines fehlete an der Vollkommenheit seiner Einrichtungen; Hasan fande nicht, dass etwas fur die Religion ware gethan worden. Die Meschiden waren ode, man horete kein Wort der Vermahnung. Das Volk verwilderte, es vergasse nicht nur den Propheten, sondern Gott selber.

Usong hatte fur das hochste Wesen die aufrichtigste Ehrerbietung: von des Propheten Wundern war er nicht uberzeugt, ob er wohl glaubte, die Welt sey dem Mahomet verpflichtet, weil er dem Gotzendienste Einhalt gethan, und seine Araber den einigen Gott anrufen gelehrt hatte. Er hatte auch den Gottesdienst nicht vergessen; zu wohl wusste der weise Herrscher, dass die Religion das wahre Band der menschlichen Gesellschaft ist, dass sie die sterblichen zu Brudern macht, und dass sie die Volker am kraftigsten gewinnt, dem Fursten als dem Statthalter Gottes zu gehorchen. Zu sehr hatte er sich in China uberzeugt, dass ohne die Furcht des obersten Wesens die Menschen zwar eine ausserliche Ehrbarkeit beobachten, aber ihren Begierden kein genugsam kraftiges Gleichgewicht entgegen setzen konnen.

Hassans Klagen waren gegrundet. Aber Usong hatte die Unmoglichkeit erfahren, wurdige Diener der Gottheit zu finden. Er traf in Persien keine Schulen an, wo man ein Lehrer der Religion bilden konnte, und keinen Imam, dessen Wissenschaft und Sitten die Wurde gehabt hatten, die zu einem Vorsteher des Gottesdienstes erfodert wird.

Usong bat den ehrwurdigen Aliden, dass er selbst die Anstalten moglich machen wollte, die er so eifrig anrieth. Er mochte unter den frommsten in Arabien Manner aussuchen, die man bey den Meschiden2 der Hauptstadte dem Gottesdienste vorsetzen konnte. Er mochte auch um Gelehrte sich bemuhen, die der Jugend die Gesetze des Glaubens und andere Wissenschaften beyzubringen fahig waren. Usong erkannte die ausserste Nothwendigkeit, das Herz und den Verstand des Volkes zu bilden, und zu verbessern. Er verbarg aber dem eifrigen Hassan nicht, dass sein Absehen auf den Dienst eines einigen Gottes, und nicht auf die Zankereyen zwischen den Secten der Glaubigen gienge: und bat seinen alten Freund, auf Manner zu sehen, zu deren Auswahl, des wahren Gottes Kenntniss, und ein gottesfurchtiges Leben die einzige Absicht waren. Er verachtete die unschuldigen Gebrauche, und das gottesdienstliche Waschen nicht, nur dass er fur kindisch hielt, Gott mit etwas gefallen zu wollen, das auch von einem bosen Herzen verrichtet werden konnte.

Er liess indessen die Meschiden in den Stadten wieder in den Stand setzen, dass die Glaubigen sich in denselben versammeln konnten. Er suchte durch seine Abgesandten ehrbare Manner auf, die an den Feyertagen diejenigen Abschnitte des Korans dem Volke vorlasen, die Mollah Abdul von Tabris3, und Mollah Mahomed Raze Emuni, der Schuler desselben, ausgezeichnet hatten: und worinn die grossen Eigenschaften Gottes, die Pflicht sich nach der Vorschrift des obersten Wesens zu bilden, und die Mittel angezeigt wurden, zu diesem heilsamsten der Zwecke zu gelangen. Er erlaubte diesen Vorlesern, aus den allgemeinen Gesetzen der Natur, und aus der Sittenlehre, die Beweggrunde beyzufugen, die im Koran mangeln mochten. Die funf taglichen Gebete wurden allen Glaubigen anbefohlen.

Allen Dienern des Gottesdienstes wies Usong einen genugsamen Lebensunterhalt an: sie erhielten den zehnten Theil der Landsteuer: Usong wollte ihnen aber weder das Richteramt ubergeben, wie es bey den Osmannen eingefuhrt war, noch sie dem gewohnten Richterstuhle entziehn. Er hatte in der Geschichte der Abendlander gesehen, was fur entsetzliche Folgen der Fehler der nazarenischen Fursten gehabt hatte, durch deren Schwachheit die Geistlichen zu einem eigenen Orden, und endlich zu einem Reiche erwachsen waren, welches das Volk von Mitteln erschopfte, alle Freyheit unterdruckte, und den Thron der Fursten umzusturzen stark genug war, die dem Gehorsam gegen das Oberhaupt der Priester Schranken setzen wollten. Der oberste Mollah an der Meschid des Kaisers war in Persien nicht sowohl das Haupt der Geistlichkeit, als des Fursten Oberaufseher uber dieselbe.

Hassan erfuhr, wie schwer es war, Menschen zu finden, deren Herz von den Wahrheiten durchdrungen ware, die ihr Mund lehrete. Er that aber, was ihm das allgemeine Verderben zuliess; er wahlte selbst die ehrbarsten Geistlichen aus, er lockte aus den Einoden diejenigen Weisen, die sich ganz der Betrachtung ubergeben hatten, und die kleine Zahl, die er hatte auswahlen konnen, schickte er, nachdem sie durch ihn selbst gepruft worden waren, dem Kaiser zu, der ihnen die koniglichen Meschiden in den vornehmsten Stadten ubergab. Die meisten waren Aliden aus dem Geschlechts Hassans, des Propheten, und ihre Nachkommen behielten auch noch lange hernach die oberste Stelle unter der Geistlichkeit.

Mit grosserm Fortgange richtete Usong uberall in den Stadten Schulen auf. Der Perser ist scharfsinnig, und zu den Wissenschaften von Natur zubereitet, die zur Sittenlehre, zum Witze, und zur Rechenkunst gehoren. Das Reich hatte erhabene Dichter, grundliche Sittenlehrer, und grosse Sternkundiger zu allen Zeiten erzeugt. Usong richtete auch obere Schulen auf, in welchen anshnlichere4 Manner, auch wohl die Grossen von Persien, die hohere Aemter bedient hatten, der Junglinge weitere Ausbildung ubernahmen, und die Jugend war eben so bereit, die Lehren der Weisheit anzuhoren. Des Kaisers gnadige Aufsicht, und seine Aufmerksamkeit, die geschicktesten Junglinge zu befordern, gab allen Anstalten ein wirksames Leben. Er liess sie in den Wissenschaften, denen sie oblagen, offentliche und unvermuthete Proben uber Fragen ablegen, die ihnen durchs Loos vorgelegt worden waren. Er selbst, und wo er nicht seyn konnte, sein Abgesandter, waren bey den Proben gegenwartig: das Verhalten der jungen Leute wurde offentlich in Gegenwart aller Anwesenden in Bucher eingetragen, und wer dreymal ein ruhmliches Zeugniss verdient hatte, konnte seiner Beforderung gewiss seyn. Usong liess aus solchen Junglingen Richter nehmen, die drey Jahre bey dem nachsten Gerichtshofe zuhoren mussten, und nach einer neuen, aber auch offentlichen Probe, wirklich auf die Bank zu sitzen kamen. Der Kaiser hatte die chinesische Einrichtung gesehen, aber er verhutete, dass Bestechung und Geschenke nicht der Ungeschicklichkeit den Ruhm zukunsteln konnten, der die Belohnung des wahren Verdienstes seyn soll.

Usong hoffte von dem Zulaufe der neugierigen Perser, und von ihrem scharfen Witze, welcher der bemerkten Fehler zu schonen nicht gewohnt war, diese offentlichen Proben wurden dem Einflusse der Gunst und der Geschenke vorbeugen. Jeder Richter, jeder Abgesandter des Kaisers musste sich schamen, vor kundigen Zeugen ein Urtheil uber die Fahigkeit eines Gepruften einschreiben zu lassen, das der Wahrheit entgegen ware. Die allgemeinen Grundsatze des Kaisers waren, streng zu strafen, wer ihn zu betriegen sich unterstand, und hier konnte der Betrug sich nicht verbergen, eine ganze Stadt hatte uber die Proben die Aufsicht. Das Loos hinderte gleichfalls alle strafbare Begunstigung: es wurde am Abend geworfen und versiegelt, und sobald die Sonne aufgieng, erfolgten die Proben.

Aber Usong errichtete noch andere Schulen, davon Persien kein Exempel bey einem andern Volke gefunden hatte. Er liess grosse5 Gebaude auffuhren, in welchen verschiedene Kunstler mit kaiserlichen Besoldungen unterstutzt fur den Hof arbeiteten: er zog diejenigen Kunste vor, wobey eine gewisse Erfindungskraft erfordert wurde, und worinn der Verstand, und nicht einzig die Uebung, der Kunst eine mehrere Vollkommenheit geben konnte. Er erhielt Mahler und Baumeister: man fand in eigenen Wohnungen andere Kunstler, die aus Stahl und Erzt Gewehre fur den Kaiser zubereiteten; andere stickten und ahmten mit Seide die Blumen der Natur nach; andere fassten mit Geschmack die Edelsteine des benachbarten Indostans, und die persischen Perlen in Gold und Silber ein; noch andere woben Sammte, deren Gute kein ander Volk erreichen konnte; wiederum andere gaben der Seide und der Wolle die Hellesten und dennoch bestandigsten Farben, die den erfahrnen Europaern mangeln. Die geschicktesten wurden ansehnlich besoldet, und der Lohn von aller ihrer Arbeit wurde ihnen unvermindert uberlassen, sie waren auch der kaiserlichen Gute fur ihr ganzes Leben gewiss. Durch diese weise Anstalt erhielt Persien auf einmal nicht nur eine Menge wirklich ausnehmender Kunstler, sondern auch eine vortrefliche Schule fur das ganze Reich. Es genoss mehrere Jahrhunderte nach dem Tode Usongs die Fruchte seiner Weisheit. Da sonst die Perser keine Erfinder sind, und die Bequemlichkeit den Gebrauch ihrer Gaben dampfet, so konnte man durch fremde und einberufene Erfinder, und durch anschlagige Europaer, den Persern Muster vorstellen, die ihre nachahmende Gemuthsart zu leiten dienten. Man konnte von jedem Reiche Vorganger in denjenigen Kunsten borgen, die in denselben einen bekannten Vorzug besassen.

Persien brachte es in der That in vielen Kunsten auf eine ansehnliche Hohe. Man verfertigt daselbst noch heut zu Tage die kostbarsten Goldstucke. Man webet zu Yezd Stoffe, deren Zoll auf vier und zwanzig6 Unzen Silber zu stehen kommt. Die persischen Tapeten sind ein Zierath fur alle Reiche der Welt. Die halbdurchsichtigen feinen irdenen Geschirre wurden harter als die von Tschingtetsching, und die Farben hoher. Die Garberey, das Drechslen, die zinnernen und kupfernen Gefasse, die Waffen, der Bogen, die Stahlarbeit, haben in Persien einen Varzug vor dem ganzen Morgenlande. Die Seide machte in den folgenden Zeiten die reichste Waare zur Ausfuhr von Persien aus: das Reich nahm fur dieses kostbare Gespinnst jahrlich uber tausend Centner Silber ein. Alle diese Quellen ersetzten, was Persien aus andern Landern zur Nothdurft, oder zur Pracht bedurfte, die so vieles uberflussiges zur Nothwendigkeit macht: es bereicherte sich, und zugleich seinen Beherrscher.

Auch nicht das blos Angenehme entgieng des Kaisers Aufmerksamkeit. Er liess zu Schiras, und hernach zu Tabris und zu Ispahan, konigliche Garten anlegen. Hohe Reihen von schattigten Tschinaren, reine Wasserleitungen, sprudelnde Springbrunnen, reiche Fruchtbaume, wurden dem Volke zur Lust zubereitet; denn der Kaiser verbot, einen Perser zu hindern, das Vergnugen in seinen Garten, oder das Obst zu geniessen, das fur sein Volk gepflanzet war7.

Persien fuhlte nach und nach sein neues Wohlseyn, und aus allen Provinzen kamen vergnugende Nachrichten ein. Die unterirdischen Wassergraben waren erneuert, die Persiens Nil sind, und ohne die es eine durre Wuste ware. Sie werden mit einer diesem Volke eigenen, und durch die Nothwendigkeit vollkommen gewordenen Kunst, zwolf Faden tief unter der Erde eine ganze Tagreise weit fortgefuhrt. Man hatte auch verschiedene neue Quellen in den bergigten Theilen Persiens entdeckt, und Strecken Landes fruchtbar gemacht, die verlassen gewesen waren. Um den Bendemir, um den Senderud, und um andere persische Flusse war die Flache zu einem unermesslichen Garten geworden, da nunmehr das lechzende Erdreich die erquickende Kraft des Wassers empfand. Zu diesen Landern fanden sich bald Einwohner, die das Gluck suchten, unter einer gutigen Herrschaft zu wohnen. Die Bucher, worinn die zinsbaren Landereyen den Zahlen und der Ordnung der Wassergraben nach eingetragen waren, schwollen taglich an. Persien erhielt neue Burger, und die Einkunften der Krone vermehrten sich mit den Kraften des Reichs, und dem Glucke des Unterthanen.

Usong entschloss sich zu einer neuen Reise: sie war

muhsam und gefahrlich: aber eine jede Pflicht war fur diesen Fursten eine Nothwendigkeit, von welcher keine Schwierigkeit ihn lossprechen konnte. Er nahm seinen Weg gerade nach Kerman: diese Provinz war ohne Wasser, und fast ein blosses Sandmeer, wo die Winde die Strassen alle Augenblicke mit neuem Sande bedeckten. Usong musste das nothige Wasser auf Kameelen nachtragen lassen; er wollte aber nicht, dass jemand nach ihm leiden sollte, was er selber gelitten hatte. Er liess Brunnen aufgraben, die an entfernten Stellen aus einigen Felsen sparsam quollen; er befahl offentliche Ruhstatte nach der Gewohnheit der Morgenlander bey den Wassern zu bauen, und die Strassen wurden mit hohen Saulen ausgezeichnet, die so nahe an einander gesetzt wurden, dass man allemal die nachstfolgende sehen konnte. Siebenzehn Tage hatte er ohne alle Bequemlichkeit unter dem schwulsten Himmel zugebracht, da er Kerman, ein zerstreutes Dorf erreichte.

Seine gutige Absicht war belohnt worden. Die fast ganz verodete Landschaft war nunmehr bebaut und bewohnt. Die Gebern hatten das Gebiet der Patanen8 und Balluschen9 haufig verlassen, und unter dem Schutze Usongs ein ruhiges Leben gesucht. Ihr Fleiss hatte die Erde verbessert, sie war wie ein Garten bebaut, und die Wuste selbst wimmelte von unzahlbaren Schaafen, deren feine Wolle beym Gebrauche des frischen Grases von sich selber abfallt; ein neuer Reichthum fur Persien, der fast dem Werthe der Seide gleich kommt. Denn die leichten, aus dieser Wolle gewobenen, Zeuge werden den seidenen gleich geschatzt. Usong fand auch feine irdene Waare, die man daselbst verfertigte.

Er hatte hier einen Streit zu schlichten, der zwischen seinem Abgesandten und den Benjanen entstanden war. Der Abgesandte foderte dieses alteste unter den Volkern auf, in seiner Reihe die Waffen zu tragen, und sich in denselben zu uben. Die Benjanen verabscheuten alles Blutvergiessen, und folglich die Werkzeuge des Krieges, die Waffen. Usong erinnerte sich, dass sie die nutzlichsten Unterthanen von Persien waren; er wollte sie zu nichts zwingen, das ihr Gewissen beleidigte. Nimmermehr, sagte der Gutige, muss man die Menschen in die Versuchung setzen, zwischen dem zeitlichen und ewigen Wohl zu wahlen. Er entliess die Friedliebenden vom Tragen der Waffen, gegen eine kleine Auflage, die man auf jeden Kopf legte, und die unter die Perser vertheilt wurde, die allein die Last der Waffen tragen sollten. Die Benjanen warfen sich zu des Usongs Fussen, und verehrten den Nachfolger des Cyrus und des Gustasps10.

Usong eilte von Kerman durch eben dergleichen ode Sandfelder nach Gomron. Er sah die Hengisehstaude, und den geduldigen Geber taglich eine neue Scheibe von der entblosseten Wurzel abschneiden, deren Saft zu einer in Indien hochgeschatzten Waare wurde, und eine Quelle des Reichthums der Perser war. Aber die Krafte des zu allem Ungemach abgeharteten Usongs reichten doch nicht zu, der schwulen Luft, dem schlechten Wasser, und den giftigen Dunsten der Erde zu widerstehen: er fiel zu Gomron an einem gefahrlichen Fieber krank, da er eben die Perlenfischerey zu Bahrein selbst besehen wollte. Man trug den schmachtenden Kaiser unverweilt in die Palmenwalder, die am Fusse der Berge Genau und Gerun liegen, wo die Luft gesund ist, wo die reinsten Bache die Erde erfrischen, und ein bestandiger Fruhling herrscht. Er kam kaum noch athmend in diese gluckselige Gegend; aber die erfahrnen Aerzte von Lar11 setzten dem todtlichen Fieber die Zitronen dieser heissen Gegend, und der kuhlenden Melonen labendes Wasser entgegen: und die Veranderung der Luft dampfte langsam das Feuer, das Usongs Lebenskrafte verzehrte.

Im ganzen Reiche erscholl die Gefahr des Kaisers, und das eilfertige Gerucht kundigte bald darauf seinen Tod an. Ganz Persien zitterte uber den unersetzlichen Verlust: das Reich hatte vieler Menschen Leben durch unter bosen Fursten gelitten, kein Greiss konnte sich an einen Herrscher erinnern, der nicht ein Tyrann gewesen ware. Und nun sollte es den Herrn verlieren, dessen erste Jahre das Reich nur fur die Morgenrothe hielt, die vor dem fruchtbarn Tage hergieng, in welchem eine segenreiche Sonne mit vollem Glanze uber Persien ihre Strahlen ausschutten wurde. Die Mutter riefen ihre Kinder zum Flehen auf; wir mussen vor euch sterben, aber nun stirbt auch der, der nach unserm Tode euer Vater gewesen ware. Man schrie, der Gerechte, der Gutige, der Weise, der Sieghafte, das Ebenbild Gottes wird uns entzogen, wer wird ihn ersetzen! Hundert eilende Laufer rannten von allen Theilen des grossen Reiches, eine Nachricht vom Zustande des Kaisers einzuholen, nach welcher man mit Zittern verlangte. Die Stimme der Freude wurde nicht mehr gehort. Die Hande der Arbeit stunden still, der Liebe Spiele verstummten, ein banges Erwarten herrschte durch das erschrockene Persien, wie vor dem allgemeinen Gerichte.

Man konnte die entsetzliche Zeitung der Kaiserinn nicht verheelen. Ich will gehen, rief sie aus, und mit ihm sterben. Niemand kennte sie abhalten, die gefahrliche Reise zu unternehmen, die kein Dienst der Menschen erleichtern konnte. Sie liess sich auf einen Palankin bringen, da weder Pferde noch Kameele die unwegsamen Geburge ersteigen konnen. Sie eilte, ohne sich einige Ruhe zu gonnen, mit abgewechselten Tragern, uber das Geburge, an entsetzlichen Absturzen, wo der schmale Steg uber den Felsen, und uber die in der Tiefe kaum sichtbarn Schlunde hangt: sie trank das bittere Wasser, das die Natur sparsam hergiebt: sie achtete die schwulen Winde um Lar nicht, die oft wie feurige Schlangen den Reisenden im Augenblicke todten: sie hauchte die heissen und erstikkenden12 Dunste, die aus der Erde steigen, und athmete die gesalzene Luft, die einen unausloschlichen Durst verursachet: sie setzte zu Kurestun uber den gefahrlichen Bendemir, der oft wie ein Meer sich plotzlich ergiesst, und in wenigen Stunden das ganze Land einnimmt: sie langte in unglaublicher Eile in den Dattenwaldern an, und warf sich in die Arme ihres schwachen Gemahls. Nun, rief sie, will ich leben, da ich meinen Usong wieder sehe.

Des Kaisers fuhlendes Herz vernahm nicht ohne Ruhrung die Liebe seines Volkes, und sah nicht ohne die innigste Empfindung die alle Gefahren verachtende Treu seiner Gemahlin: ihre Umarmungen, ihre holde Pflege, ihre unermudet sorgende Bemuhung, ihm einige Erquickung zu schaffen, schienen ihm Krafte zu geben; er genas, wiewohl langsam, und liess sich noch schwach und verfallen nach Schiras tragen.

Hier versammelte sich ganz Persien. Alle Provinzen schickten ihre angesehensten Manner, dem wieder auflebenden Kaiser die Verlangerung der Tage anzuwunschen, die Persiens guldene Zeiten waren: sie brachten die wahren Opfer der getreuen Herzen der Unterthanen, und ihre Ruhrung strahlte aus den mit Thranen glanzenden Augen. Tausend Freudensbezeugungen waren das allgemeine Geschafte aller Perser, und von den Tempeln so vieler verschiedenen Glaubensgenossen stieg ein allgemeiner Dank zu dem obersten Wesen auf.

Scherin, der Freund der Jugend Usongs, hatte mit dem Glucke der Perser Sitten angenommen. Er hielt sich ein zahlreiches Harem, das mit den theuersten Schonen aus Georgien bevolkert war, und fand in ihrem Genusse seine Gluckseligkeit. Innigst liebte er den Kaiser; an einem der Abende, die Usong wechselsweise seinen Freunden gab, bat ihn Scherin, von einem aufrichtigen Diener eine Frage anzuhoren.

Was kan Usong vom Scherin nicht anhoren? was kan er ihm versagen? bin ich so klein geworden, dass mich der Stolz undankbar mache? Scherin neigte sich: wir danken dem Tien, der uns den Trost Persiens wieder schenkt: der auch dem Usong Erben seines Thrones gegeben hat, von denen wir die Tugenden des Usongs und des Tschengis erwarten konnen. Aber die Ruhe der Welt beruht auf wenigen Augen. Wie bald konnen durch die abissinische Krankheit die jungen Blumen verwelken, ehe ihre Zeit kommt, fur Persien Fruchte zu tragen. Warum entzieht sich der Kaiser in seiner muntersten Jugend das Recht, das alle Beherrscher der Morgenlander schon vor dem Cyrus genossen haben? warum schrankt er die Hofnung der Erde auf eine einzige Gemahlin ein? warum unterstutzt er das Haus, nicht mehr des Tschengis, sondern des wurdigern Usongs, nicht mit mehrern Sohnen, die ihn die Natur hoffen liesse?

Mein Scherin, lachelte der Kaiser, giebt mir ein Zeichen seiner echten Freundschaft, er wunscht den Usong so glucklich zu sehen, als er selbst ist. Doch Usong ist es schon: er findet mehr Vergnugen im Umgange mit einer einzigen Geliebten, die Reitze genug fur ihn hat, aber deren Sitten, deren Auferziehung, deren Witz, und deren Wissenschaft, sie zum Umgange angenehmer machen, als erkaufte Sclavinnen, die nichts als die leichte Kunst zu buhlen gelernt haben.

Aber Scherin kennt die chinesische Geschichte, er weiss das Ende der Enkel des furchtbaren Timurs, er hat mit mir den Schutt des Palastes der Kalife zu Bagdad besehen; er ist auch in den Abendlandern mit mir gewesen. Scherin wird sich erinnern, dass seit Jahrhunderten ein einziges konigliches Haus unter den Nazarenern durch das Schwerdt ausgeloscht worden13 ist, das war aber eine That des unversohnlichen Hasses eines gekronten Priesters. Sonst sterben die herrschenden Hauser auf dem Throne ihrer ersten Ahnen aus, oder stehen, wie die Capetiden, viele Jahrhunderte durch unerschuttert.

Oft habe ich uberdacht, warum in China, in dem gesitteten, in dem gelehrten China, der ein und zwanzigste Kaiserstamm herrsche; warum so manches vergottertes Haus mit allen seinen Zweigen, durch das Schwerdt ausgerottet worden sey; warum es einem verwegenen Bonzenknechte so leicht gewesen seyn moge, die Enkel des Tschengis vom Throne zu verdrangen. Ich wiederhole eben die Frage bey den Kalifen, bey den Gasnewiden, bey allen koniglichen Stammen in Asien, davon noch keiner zweyhundert Jahre im Besitze des Thrones geblieben ist.

Die Enkel der Helden, die ihren Stamm durch ihre grossen Eigenschaften auf den Thron erhoben, sammlen sich ein Harem, sie finden in den Armen der Schonen eine Gluckseligkeit, die leichter zu erwerben ist, als die schwere Kunst, seiner Unterthanen Wohlstand zu ersorgen. Ein Kaiser fangt an schlafrig zu werden, noch erwacht er zu Zeiten, und hat den Muth, seinen Schonen zu entgehen. Sein Sohn schlaft tiefer, und der Enkel erwacht nicht mehr. Der Monarch bleibt auch im Alter ein Jungling, was seine Veranderung seyn sollte, wird sein Geschafte. Die Verschnittenen, die Wazire, die Haupter der Leibwache herrschen fur ihn, tausenderley Unterdruckungen nehmen unter dem Schutze Gaben nehmender Grossen uberhand. Der leidende Unterthan findet keine Hulfe, er hat sein ganzes Leben durch den Kaiser nicht gesehen, und seine helfende Hand nie gefuhlt. Eifersucht und Furcht rath an, die Beschutzer des Landes selber zu sturzen; die schwachen Regenten verlangen nicht mehr kriegerische Feldherren, die ihnen gefahrlich seyn konnten. Alle Arme der Regierung werden gelahmt: das Herz des Volkes ist verlohren. Hier wird ein Turke, eine Buide, der erbliche Oberherr der angebeteten Kaliffen: dort sturzt ein Tschu den unentschlossenen Tauwang Timur vom ersten Throne der Welt, und treibt ihn in die Wusteneyen Scythiens. Unter den streitbaren Usbecken reiben die Enkel des machtigen Timurs einander grimmig auf. Musste nicht Ulugbeg, der weise, noch neulich von den Handen eines Vatermorders sterben? Wo ist nun der Vorzug der vielen Frauen, der zahlreichen Enkel?

Usong hoffet, der junge Dschuneid werde durch den Unterricht weiser Manner, und durch die Ermahnungen seiner vortreflichen Mutter, zu einem Fursten erwachsen, bey dem die Volker den Usong vergessen. Er schmeichelt sich sein Stamm werde frey vom Brudermorde bleiben: und eine gute Auferziehung ist, nach seinen Gedanken, die wahre Stutze eines herrschenden Erbhauses.

Scherins Herz ergab sich nicht, das sanfte Gift der Wollust hatte ihn bezaubert, aber sein Verstand fand keine Antwort.

Doch wagte er noch einen Angriff auf seinen erhabenen Freund. Ist es moglich, sagte er, dass Usongs Krafte der Arbeit widerstehen, deren er sich unterzieht? wird er nicht an den Jahren eines abgekurzten Lebens mehr Stunden verlieren, als er itzt sich selber, seiner billigen Erquickung missgonnt? Ist denn der Thron ein Ort der Strafe, wovon die Ruhe verbannt ist, wo kein Lust dem erschopften Herrscher sich nahern darf?

Das sollten mein Freund und ich uberlegt haben, als wir von Anah auszogen, unsere Hoffnungen bis zu Persiens Throne sich schwingen hiessen, und die Besorgung so vieler Millionen Menschen ehrsuchtig ubernahmen. Itzt ists zu spat, sich der Muhe zu entziehn, die zur Pflicht geworden ist. Doch ich ofne dir mein Herz. Ich fuhle keine Last, mir ist der Zepter nicht schwer. Ich sehe jede Stunde wie eine Gnade an, die das oberste Wesen auf mich fallen lasst, tropfenweise fallen lasst, auf dass ich nicht viele Stunden auf einmal verschwende. Aber eben diese Stunden sind gezahlt, sie sind Schulden, die ich gegen den Ewigen eingegangen bin, wofur ich Rechnung abzulegen habe. Mich ruhrt kein Ehrgeitz, meinen Namen zu vergrossern, ich sehe das kindische des Nachruhms nach meinem Tode in seiner verachtlichen Kleinheit. Aber jeden Tag will ich anwenden, jede Stunde will ich etwas Gutes verrichten, jeder Gedanke soll das Wohlseyn Persiens zum Zwecke haben. So freue ich mich des Morgens, wie die ihrer segnenden Macht bewusste Sonne, den Lauf eines Tages anzutreten, den ich mit einer guten That auszuzeichnen hoffe: so freue ich mich jeden Abend, den verstrichenen Tag mit nutzlichen Handlungen bestreut zu finden: so werde ich im Alter, wenn die Welt mich verlasst, auf mein angewandtes Leben zuruck schauen, und kummerlos sterben: ich werde nicht auf eine mit Mussiggang oder Lastern verdornete Wuste, sondern auf ein Feld zuruck sehen, woran ich muhsam gearbeitet, und dessen Fruchte ich erschwitzt habe, den Zins, den ich dem Herrn schuldig war, dessen Lehen mein Thron ist.

Der Abgeordnete, den der Kaiser mit dem Zeno nach den Abendlandern geschickt hatte, kam endlich zuruck. Er brachte Briefe vom Rathe zu Venedig, und vom Zeno: sie enthielten die Vermehrung der Sorgen, die die Siege der Osmannen erweckten. Ein nazarenischer Konig hatte mit Vortheil den alternden Morad bekriegt, und ihn zum Frieden gezwungen, den der stille Morad um desto lieber eingegangen war, weil er beschlossen hatte, den Thron seinem Sohne einzuraumen. Der christliche Konig14 brach den beschwornen Frieden, auf das Anhalten eines machtigen Priesters, er drang bis ans schwarze Meer. Die Jenjitscheri kannten den jungen Machmud noch nicht, sie glaubten, sein Arm ware nicht stark genug, des Hunniaden Schwerdte zu widerstehen. Sie erbaten vom Morad, dass er sich an die Spitze der Osmannen stellte. Machmud wich bescheiden, stieg vom Throne, und focht unter seinem Vater. In einer grossen Schlacht wankten die Osmannen, und Morad sah sich dem Untergange ganz nahe. Er rief den Gott an, auf dessen angebetenen Namen die Christen den Frieden beschworen hatten. Er bat, der Himmel wolle doch ein Zeichen geben, dass die Untreu ihm missfiele, und andere Fursten abschrecken, die Versprechungen zu brechen, welche der Gottheit Namen geheiliget hatte. Der Muth kam bey den wankenden Jenjitscheri wieder, der Konig wurde erschlagen, und der gefurchtete Hunniade gerieth in der Turken Hande15. Morad hatte nach dem Siege den Thron wiederum verlassen, und beyde Sultane hatten das in den Morgenlandern seltene Beyspiel gegeben, dass die kindliche Ehrfurcht so stark als die vaterliche Liebe, und beyde machtiger als der Reiz des Zepters seyn konnen.

Der junge Monarch der Turken war im Lager gebohren, und so feurig, als gesetzt Morad gewesen war. Er durstete nach Ruhm und Siegen. Man zweifelte nicht, seine erste Unternehmung wurde der Umsturz des Reiches zu Byzanz seyn. Venedig sah den Sturm im fernen donnern, und warnte nochmals den Kaiser.

Man schickte ihm Modelle von neuen Erfindungen die Geschutze furchtbarer zu machen, die kleinern Feuergewehre schneller abzuschiessen, und aus grossen erztenen Morsern schwere Kugeln, mit innerm Feuer schwanger, uber alle Mauren zu werfen. Einige Waffenschmiede von Brescia kamen mit dem Abgeordneten, die Usong in seine neue Schule nothiger Kunste aufnahm. Aber die Perser blieben bey ihrem Bogen, den sie am besten von allen Volkern zu verfertigen wissen, und der unterm Cyrus, wie sie meynten, Asien bezwungen, und unterm Nuschirwan Rom zum Zittern gebracht hatte. Das grobe Geschutz war noch weniger nach dem Schwunge des Gemuths dieses Volkes, und keine Aufmunterung war vermogend, sie in dem Gebrauche desselben geubt zu machen.

Eine noch traurigere Zeitung kam aus den Morgenlandern. Der alte Hofmeister des ehrwurdigen Liewangs kam nach Schiras, und trat bey seinem Freunde dem Scherin-Kan ab. Ich habe Schriften und Packe bey mir, die dem Kaiser gehoren, aber bereite sein Gemuth, und zumal das Herz der Kaiserin, zu einer traurigen Botschaft.

Usong erlag nicht unter einer Sorge: aber der Kaiserin musste geschont werden, deren Gesundheit durch die muhsame Reise nach den Dattelbuschen noch schwacher geworden war. Man sagte ihr, Liewang sey krank. Tod ist er, rief die liebende Tochter, und sank auf ein Soffa halb ohnmachtig hin. Es war umsonst das Uebel verhehlen zu wollen. Liewang war in einem hohen Alter in der Vaterstadt des Weisen gestorben, die auch die seine war. Er hatte vor seinem Hinscheiden seine Ahnentafel an die Kaiserin geschickt; an ihr ists, hatte er gesagt, den Ahnen die schuldige Ehre zu beweisen, sie ist mir mehr als ein Sohn. Er schickte dem Kaiser einige die Kunst zu herrschen lehrende Schriften des Kongfutsee mit seinen eigenen Anmerkungen, und der Kaiserin einige Seltenheiten aus dem Reiche. Der Tien, schrieb er, hat den Usong zu grossen Dingen ausersehen, wozu hatte er sonst die ausserordentlichen Gaben, und die grosste der Gaben empfangen, die Vorzuge seines Geistes zum Guten anzuwenden. Die Kaiserin versicherte er seiner unveranderlichen Liebe, und ihr Namen war das letzte Wort gewesen, womit sich sein Mund beschaftiget hatte.

Liosua fand, wie zarte Herzen pflegen, ein Vergnugen, sich mit der Ursache ihrer Traurigkeit zu beschaftigen: sie verlangte die Umstande zu wissen, mit denen Liewang aus dem Leben geschieden ware.

Gelassen und kaltsinnig, wie Kongfutsee, sagte der Hofmeister: er hatte an Kraften nun schon lang abgenommen, und sah deutlich, dass die ubeln Umstande des Reichs, und eine geheime Sehnsucht, seine Krafte noch mehr erschopften, als die Jahre. Den letzten Morgen, nach einer schlaflosen Nacht, liess er sich aus dem Saale der Voreltern seine Ahnentafel bringen: er durchgieng die grossen Namen, die in einem Zeitraume von dreissig Menschenleben auf dieser Tafel schimmerten: er hielt sich bey dem grossen Kongfutsee etwas auf und lachelte. Mein Stamm loscht aus, sagte er, vielleicht waren meine Enkel ihrer Ahnen nicht werth gewesen. Aber ich hinterlasse eine Tochter, die ist ihrer werth. Segne sie, Herr des Himmels, sie war eine gehorsame Tochter, sie erfullte alle Pflichten, und lebte nach allen Regeln des Weisen.

Diese Beschaftigung hatte den Ehrwurdigen ermudet, er fuhlte, dass seine Krafte verschwanden. Meine Zeit ist zu Ende, sagte er leise, du weisst, o Tien, ob ich sie nach deinem Willen angewandt habe. Doch du kennest die Menschen, keiner ist zu allen Stunden weise, keiner ist dem Bilde ahnlich, das du in den alten Weisen ihnen zum Muster gegeben hast. Aber du liebest die willigen, breite auch uber mich deine verschonende Gnade, aus: und hiermit verschied er, ohne Furcht, ohne Ungeduld, ohne Zucken, wie die reife Frucht Litschi, wann die Natur sie von ihrem Baume ruft, oder wie die Sonne in der Abendsee untergeht.

Liosua nahm, mit dem Beyfalle des Kaisers, die grosse Trauer an: sie liess auch ein Zimmer mit der ernsthaftesten Wurde fur die Ahnentafel einrichten, dessen ganzes Gerathe aus China kam, und wohin sie ihre Buchersammlung versetzte. Hieher begab sie sich fast alle Tage, ihren Verlust zu beweinen, und sich das Gemuth mit dem erlauchten Beyspiele ihrer wurdigen Ahnen anzufullen.

Aber Usong sah, dass die Geschafte des Reichs unumganglich seine Thatigkeit erfoderten, und fuhr fort, alle seine Augenblicke dazu anzuwenden. Er umarmte die Kaiserin aufs zartlichste: Freude meines Lebens, sagte er, traure so, dass du dich erinnerst, deinem Usong konne ohne dich nichts die Last des Lebens ertraglich machen.

Mit dem Hofmeister des wurdigen Liewangs war ein Mandarin der Wissenschaften gekommen, der arm schien, und von des Kongfutsee Nachkommen war. Es ist so selten, einen Burger von China an einem fremden Hofe zu sehen, dass Usong den Mandarin bemerkte, und etwas an ihm fand, das ihm unterhaltend vorkam. An einem der Abende, die Usong seinen Freunden gab, fragte er den Fremdling, was doch die Ursachen seyn mochten, warum er sein gesittetes Vaterland verlassen hatte, und bey einem Volke Ruhe suchte, das er von Jugend auf fur barbarisch angesehen haben musste?

Oel-fu antwortete, nirgends kan die Barbarey herrschen, wo Usong auf dem Throne sitzt. Ich bin zu Kio-so, des Weisen Vaterstadt, in der Provinz Schang-tong gebohren: ich wurde zu den Wissenschaften erzogen, und durchgieng die gewohnlichen Stufen. Ich muss flehen, sagte er ferner mit einer tiefen Verbeugung, wenn der Kaiser meine Geschichte verlangt, dass ich frey reden dorfe. Die Arbeit, die man mir vorlegte, schien mir allemal zu leicht, und die Proben nicht schwer genug: ich hatte das Werk eines Jahres in einer Stunde verrichten mogen, um die Wissenschaft zu erlangen, nach welcher meine Seele hungerte. Ich trachtete die zwolf Pflichten zu erfullen, und da ich viel schrieb, so empfahl ich uber alles die Tugend, als den einzigen Weg zum Vergnugen. Ich wurde bald, und jung, in einige Betrachtung gezogen; aber die Beforderung wurde mir schwer gemacht. Wann eine Stelle aus den schonen Wissenschaften ledig war, so hiess es, ich sey ein Sternenkenner: waren es Aemter die zur Staatskunst gehorten, so war ich ein Dichter.

Endlich wurde in einer von meiner Vaterstadt entlegenen Provinz eine Mandarinstelle in den Wissenschaften ledig: ich kannte niemand daselbst, und wurde berufen. Nunmehr verdoppelte ich meine Bestrebung, der Hofnung des Zongtu zu entsprechen. Man gab mir das Amt eines Richters der Bucher: ich musste sie lesen, in einen Auszug bringen, und mit einem Zeichen unterscheiden, ob ich die Schriften gut hiess. Ich zog einen blauen Kreiss um den Namen des Verfassers, wenn sein Werk mir missfiel, und die Billigung druckte ich mit einem roten Kreise aus.

Ich that nach meiner besten Einsicht, ich sparte dennoch aus Menschenfreundschaft meinen blauen Pinsel, und brauchte immer mehr Roth, als ich nach der Strenge hatte thun sollen. Dennoch wurde es bekannt, dass ich der Bucherrichter war, und alle Gelehrte verschwuren sich wider mich: ich wurde mit Vertheidigungen, mit Widerlegungen, und mit Spottschriften umringt, und fast unterdruckt. Ein Freund rieth mir: entweder lege den Pinsel nieder, oder entschlage dich der blauen Farbe. Ich zog das erstere vor: und glucklich war ich; denn der Zongtu, der dir mein Amt anvertraut hatte, war schon entschlossen, mir es wieder zu entziehen: er schmeichelt, sagte der ernsthafte Greis, und vergisst seine Pflicht gegen das allgemeine Beste.

Ich kam in eine andere Provinz, wo man mir eine angemessene Stelle versprach. Aber die Bonzen lehnten sich wider mich auf: der Zongtu war ihnen ergeben. Der Mann glaubt an keinen Gott, riefen sie, und mein Gluck verschwand mir unter den Handen. Die Bonzen schutteten tausend Verleumdungen wider mich aus.

Ich trostete mich, weil die Beschuldigung ungegrundet war: und kam nach Fokien, wo die Bonzen verhasst waren. Der Zongtu nahm mich unter seine Freunde auf, und ich war der Gefahrte seiner Abendstunden. Er glaubte aber selbst an den Tien nicht; und nach seiner Meinung war kein Richter der Menschen, und kein Unterscheid des Guten und des Bosen. Er hielt mich fur einen Anhanger des Laokings16. Da ich aber nicht verbergen wollte, dass ich den Tien verehrte, und die Tugend dem Laster vorzog, so verlohr ich auch diese Stelle: der Zongtu erniedrigte sich so weit, dass er in harten Ausdrucken wider mich schrieb, ob er wohl meine Schriften niemals gelesen hatte.

Ich kam nach Peking, und wurde in Staatsgeschaften gebraucht: es wurden Schriften mir anvertraut, die von der grossten Wichtigkeit waren; ich musste des Reiches Rechte zu den Inseln Liu Kiu vertheidigen, die Nipon in Anspruch genommen hatte. Nun, dachte ich, hab ich das Vertrauen meiner Obern erworben: aber meine Eitelkeit wurde sehr bald bestraft. Ich hatte Nipons Rechte nach allem meinem Vermogen entkraftet, und man rief, er ist ein Niponier.

Ich warf mich in den Schoos der Wissenschaften, und suchte bey ihnen meinen Trost; ich fand ihn, und erfreute mich uber einen Schatz, der zu meinem Glukke zureichte, und den mir niemand rauben konnte. Aber auch diese Zuflucht wurde mir abgeschnitten. Man setzte sich mit Nipon; die Hoflinge, die fur dieses Reich waren, verfolgten mich nunmehr, weil ich Taisings Rechte verfochten hatte, und ich empfand bey allen Gelegenheiten ihren Hass.

Der Tien, sagte ich endlich, spricht zu den Menschen durch keinen Mund eines Sterblichen. Der Herold seines Willens ist seine Verfugung; er befiehlt mir China zu meiden, dem ich auf keine Weise mich gefallig machen kan. Und wohin wurde ich geflohen seyn, als zum grossen Muster der Weisheit und der Gute; denn Liewang, der ihm sein geliebtes Kind anvertrauet hat, verheelte mir seine Hochachtung fur den Sohn seiner Wahl nicht.

Usong antwortete: bey den Sterblichen die Belohnung der Tugend suchen zu wollen, ist ein eiteles Verlangen: die Weisen eifern taglich uber der Menschen Leidenschaften und uber ihre Laster, und wie konnen sie sich verwundern, wenn sie erfahren, dass ihr Gemalde dem Urbilde ahnlich ist? Ich bin dem Oel-fu verpflichtet, der gehoft hat, Hulfe bey mir zu finden. Usong brauchte den Chinesen zu geheimen Bedenken: er ubergab ihm Geschafte zu entwickeln, die er niemand gern vertraute: und weil der Kaiser diese Aufsatze selbst durchlas, so erkannte er einen brauchbaren Diener am Oel-fu, an dem man in China so viele widersprechende Laster gefunden hatte. Aber Usong hatte selber aus des Oel-fu Unglucken auf seine Tugenden geschlossen. Oel-fu war bestandig seiner Ueberzeugung gefolget, und hatte dadurch wechselsweise die einen oder die andern beleidiget, die nicht das gemeine Beste, sondern ihre eigenen Absichten zu befordern suchten. Die Machtigen lieben nur denjenigen, der allemal mit ihnen dahin sich umlenket, wohin ihr Vortheil fuhret.

Der Kaiser beschaftigte sich unermudet mit der Wohlfahrt seines Reiches. Die weisen Manner, denen er die Arbeit aufgetragen hatte, waren mit der Uebersetzung der Gesetze Nuschirwans fertig geworden. Der Kaiser durchsah sie mit der grossten Aufmerksamkeit, und suchte alle Worte so richtig zu bestimmen, dass sie niemals zweyerley Deutung haben konnten. Er sorgte, dass sie einfach waren, dass sie aus den allgemeinsten Fallen durch ordentliche Treppen auf die besondern herunter stiegen, dass sie mit einander in ein harmonisches Ganzes ubereinstimmten, und dass sie viele Falle entschieden, ohne dieselben einzeln zu nennen. Der Gesetzgeber muss alle einzelne Falle sich vorstellen, und sein Gesetz so einrichten, dass es sie alle entscheidet, und uber dasjenige spricht, das allen Fallen gemein ist. Usong gab allen Gesetzen einen Hang zum Besten der Armen, der Waisen und des Unterthanen. Des Kaisers Zepter ist ein Schwerdt, sagte er; des Grossen Macht ist sein Schild; das Gesetz muss fur die Wehrlosen sorgen. Er versah, dass niemand von diesen Gesetzen sollte ausgenommen seyn: die Priester, die Kriegsleute, des Kaisers eigenthumliche Landguter und seine Vorrechte, waren eben den Gesetzen unterworfen, denen sich ein Bauer unterziehen musste. Die Ordnung die Streitsachen zu entscheiden, war auf gewisse Tage eingeschrankt: sie bestund in wenigen Klagen und in kurzen Zwischenzeiten. Die Geschenke waren bey Strafe der Entehrung den Richtern untersagt. Der Kaiser fuhr fort, zwey Tage in der Woche dem obersten Gerichtshofe beyzuwohnen.

Kurz hernach gab Usong die Kriegsgesetze aus; sie bezogen sich blos auf die Geschafte der Waffen, und auf die Kriegszucht: in andern Streitigkeiten und in allen Fehlern gegen die gemeine Sicherheit, setzte er die besoldeten Kriegsleute unter die gemeinen Richter. Die Obermacht der Krieger ist, zumal auch in den Morgenlandern, zu gross, und wurde unertraglich, wenn man Kriegsleute vor Kriegsleuten belangen musste. Auf den Gehorsam gegen die Befehle, auf die Enthaltung von aller Vergewaltigung, auf die Standhaftigkeit in der Gefahr, wurde mit der grossten Strengigkeit gehalten. Wenn der Feldherr selbst das Panier von Persien nicht zuruck rief, so war ein Weichender des Todes schuldig: und das Zerstreuen von der Fahne wurde auch beym befohlenen Ruckzuge mit dem Tode geahndet. Usong wusste, dass selbst die freyesten Volker in den Abendlandern sich durch die Strenge ihrer Kriegszucht unuberwindlich gemacht hatten, und dasjenige, was allemal und ohne Schonen gestraft wird, endlich nicht mehr in den Gedanken der Menschen aufsteigt, und nicht mehr widerfahrt17.

Der Kaiser brachte es dahin, dass die Unterthanen18 die Gegenwart der Kriegsvolker fur ein Gluck hielten, die sonst in andern Landern fast so verderblich als die Feinde sind. Der persische Kriegsmann konnte von seinem Solde reichlich leben, ein edler Stolz hielt ihn von allen Gewaltthaten ab. Er wurde sich als entehrt angesehen haben, wenn er eine Frucht ohne Erlaubniss vom Baume abgerissen hatte. Lasst die Osmannen ihr eigenes Volk berauben, wir sind Persiens Beschutzer.

Nuschirwani war nunmehr in ihrem zehnten Jahre. Usong befahl, dass sie eben die Auferziehung erhalten sollte, die fur ihre jungen Bruder bestimmet war, wenn sie die zarteste Jugend wurden uberstanden haben. Sie wurde in der Geschichte, in den Gesetzen, in der Kenntniss des Landes, und der Fruchte der Kunst und der Natur, in den Einrichtungen, wodurch die offentliche Sicherheit, der Ueberfluss, und die Gerechtigkeit gesichert wird, und in allen Tugenden eines Fursten unterwiesen. Die junge Kaisertochter hatte die Standhaftigkeit ihres Vaters, und eine Bildung, die eine Aehnlichkeit mit dem sanften Gemuthe der Liosua massigte. Ihrem Verstande war nichts zu schwer, und Usong sah mit entzuckendem Vergnugen, dass, auf welchen Thron das Schicksal seine Tochter fuhrte, sie fur ihr Reich ein Geschenk des Himmels seyn wurde.

Er rustete sich zu einer neuen Reise, und gieng mit seinem vertrauten Gefolge nach Persiens nordwestlichen Provinzen ab. Aller Orten liess er sich die Bucher der Gerichte vorlegen, und selten fand er Ursache zu andern. Er musterte sowohl die ordentlichen Kriegsvolker, als die gewaffnete Landmacht Persiens: beyde fand er, mit Ausnahme der Feuerrohre, geschickt und geubt. Er besah die Werkhauser der Kunste, und liess sich von den Bergwerken, von den Stahlgruben in Masanderan, von den Turkissen des Berges Firuzkuh, und von andern Quellen des persischen Reichthums, die genaueste Nachricht ertheilen. Er erfreute sich uber die vermehrten Maulbeerbaume, und uber die neuen Garten und Wiesen, die er in allen Provinzen antraf. Ueberall sah er neue Hauser, und in allen Stadten den Schutt weggeraumt, den die ehemaligen Zerstorer verursacht hatten: und neue Gebaude stiegen aus den erodeten Platzen auf. Von seiner Strengigkeit liess er wenige und unvermeidliche Spuren, von seiner Gnade und Freygebigkeit unzahlbare nach sich.

An einem einsamen Orte, auf dem Wege nach Masanderan, entfernte er sich mit Fleiss von seinem Gefolge, und ritt einer mit Stroh bedeckten Hutte zu, die vom Wege entfernt auf einem Hugel lag. Dieser Hugel war durch kleine leimerne Mauren in Stuffen abgetheilt, und jede Hohe war mit den dazu sich schickenden Gewachsen bepflanzt. Den Kaiser befremdete der Anblick des Hugels in der Ferne, der Fleiss des Bewohners zog ihn an sich, es war eine Nachahmung der chinesischen Aemsigkeit. Ein uralter Greis sass unter seinen Enkeln, und gab ihnen seine Rathe bey der Arbeit, an welcher sie mit einem freudigen Eifer sich beschaftigten. Guter Alter, sagte Usong, wieviel sind deiner Jahre? Herr, ihrer sind viele, ich habe auf dem Felde, von dem du kommst, Timurs Gezelt gespannt gesehen. Wie waren die ehemaligen Zeiten? wie gefallen dir die itzigen? Das Rohr, sagte der Alte, wird nicht ausgewurzelt, weil es sich beugt. Ich habe den Timur gesehen: er herrschte wie der Lowe, er griff nur den Raub an, der ihm widerstehen konnte, der Schwachen schonte er. Es folgten Fursten, sie herrschten wie die Schakalen19, sie zerrissen auch den, der nicht widerstund, der wie ein Todter alles leiden musste. Nun dunkt mich, herrscht der Elephant, der von den Geschenken der Erde lebt, der niemand beraubet und dennoch gross ist. Timurs Kriegsleute nahmen uns die Lebensmittel: aber unter seinen Enkeln war die Unschuld unsrer Kinder vor ihrem Raube nicht sicher. Itzt sind die Kinder, das Vieh, und die Fruchte meines Schweises alle mein. Wenn Usong lebt, soll dieser ganze Hugel ein Garten, und diese Hutte ein Dorf werden, das meine Enkel einzig bevolkern. Der Greis war ein Mongal, der als ein Gefangener nach China gefuhrt worden war, und daselbst den vollkommenern Bau der Erde gelernt hatte. Usong lachelte vergnugt, und hinterliess dem glucklichen Alten Zeichen seiner Gute. Der Tartar vernahm niemals, dass der Beherrscher von Persien unter seine demuthige Hutte abgetreten war.

Usong eilte nach Masanderan, um im Fruhlinge diese Provinz durchzureisen, zu einer Zeit, da sie durch die vielen Bache erfrischt zum Paradiese wird. Die Blumen, die Tulpen, die die Garten der Osmannischen Herrscher zieren, die Hyacinthen, die Pracht der abendlandischen Garten, allen Schmuck der Erde giebt die Natur hier ungesaet und ungewartet hervor. Die Weinstocke schlingen sich aus eigenem Triebe an die Baume, sie kennen das Schneidemesser und die Hacke nicht, und tragen dennoch die edelsten Trauben, woraus man den besten der Weine presst. Schattichte Walder bekranzten die Hugel, wo sonst in Persien eine traurige Durre herrscht. Usong fand die fruchtbare Provinz in der jugendlichen Pracht der schonsten Jahreszeit.

Er nahm einen grossen Umweg, die Wuste zu vermeiden, die er mit Bedauren einen betrachtlichen Theil seines Reiches einnehmen sah20: er gieng uber Caswin, und musste dennoch die beschwerlichsten Geburge, durch die gefahrlichsten Wege, ubersteigen, ehe er nach Estrerabad kommen konnte. Er liess daselbst einige Festungswerke auffuhren, und erwahlte einen Standort fur eine genugsame Zahl Reuter, die sowohl die zur Unruh geneigten Hirkanier, als die benachbarten wilden Truchmannen in den Schranken halten sollten. Er ruhmte den Fleiss der Burger des blumichten Reschd, die mehr Mittel sich zu erwerben wussten, als ganze Provinzen. Er belobte in Gilan die Emsigkeit der wohlgebildeten Weiber, die in dieser fruchtbaren Landschaft einen grossen Theil der Landarbeit ubernehmen. Er folgte dem caspischen Meere, und wandte sich weiter nach Westen; er befahl dem Abgesandten, den ausserst verdorbenen Sitten der Bergleute um Kuawer zu steuren, wo von undenklichen Zeiten her die hasslichsten Laster im Schwang giengen, und wo die Einwohner alles Gefuhl der Schaam verlohren hatten. An den Schuldigsten wollte er ein Beyspiel seiner Abscheu gezeigt, und die ubrigen bedrohet wissen, dass sie ganzlich ausgerottet werden sollten, wenn sie fortfuhren ein Schandfleck Persiens zu seyn. Er verlegte auch dahin eine genugsame Macht streitbarer christlicher Georgier, die der Gerechtigkeit Hande starken sollten. Er setzte uber den beruhmten Araxis, und besuchte Schirwan, und das den Lesgiern zu nah gelegene Schamachie.

Zu Baku hielt er sich auf, und glaubte, es wurde keine zu niedrige Beschaftigung seyn, wenn er die Wunder der Schopfung auf der Halbinsel Okesra betrachtete. Er fand ein Vergnugen an allen Seltenheiten der reichen Natur. Er besah die ewigen Feuer, die an vielen Stellen aus der Erde hervorbrechen; die Quellen des weissen Naphta, dessen Dunst Feuer fangt, und unausloschlich fortbrennet; den brausenden See der bestandig Bergol in die Hohe stosst, und den Hugel Jugtopa, aus dessen Spitze ein fetter Leim unaufhorlich hervor dringt, und auch wohl in die Luft, wie ein steigendes Wasser, wutend aufsprudelt21.

Das Ziel der Reise des Kaisers war das uralte Derbent. Usong empfieng daselbst die Abgeordneten der Lesgier, und diese streitbaren Bergvolker begaben sich, durch die blosse Verehrung seiner Tugenden geruhrt, unter den Schutz des Kaisers: wobey sie ihre niemals verlohrnen Freyheiten vorbehielten. Er liess diese von dem grossen Alexander angelegte Stadt, als den nordlichen Schlussel von Persien, befestigen, das Schloss in den besten Stand setzen, und einen Theil seiner kurdischen Volker dahin verlegen.

Wiederum uber unwegsame und uber die Wolken sich erhebende Geburge kam der Kaiser nach dem in blumichten Wiesen erbauten Ardewil zuruck, wo viele Ueberbleibsel alter Graber der geheiligten Aliden sind, und wo die schonsten Schaafweiden von Persien liegen.

Der Kaiser traf bey seiner Zuruckkunft seinen Freund Dschuneid an, der seinen ehrwurdigen Vater verlohren, und seine Trauer eben zu Ende gebracht hatte. Er stellte dem Kaiser seinen Sohn, den jungen Haider vor, das Ebenbild der schonen Emete'.

Aber eben damals fieng Usongs Gluckseligkeit an abzunehmen. Das Verhangniss, das ihn aus der Gefangenschaft auf den Thron von Persien geleitet hatte, wollte nunmehr auch im Unglucke seine Standhaftigkeit prufen, nachdem er den Glucksstand so wurdig ertragen hatte. Kurz nach seiner Zuruckkunft brachen die abissinischen Blattern22 mit einer Wuth in Schiras ein, die sie seit vielen Jahren nicht gezeigt hatten. Tausende der schonsten Frauen, und unzahlbare Kinder wurden weggeraft. Endlich drang die morderische Seuche in die Burg des Kaisers: Dschuneid und Rustan, seine zwey hoffnungsvolle Sohne, wurden angesteckt. Liosua schatzte die Gefahr ihres eigenen Lebens gering, man konnte die liebende Mutter von dem Lager ihrer Kinder nicht abhalten. Sie wartete ihnen in der eckelhaften Krankheit bis zu ihrem Tode ab, sie hauchte den giftigen Dunst der Faulung, der aus dem ganzen Leibe der Sterblichen stieg, und wurde zwar nicht angesteckt, aber ihre Gesundheit litt dennoch dabey, und der zartliche Bau ihres Lebens naherte sich merklich seiner Auflosung.

Usong sah besturzt die Hoffnung des Reiches aus seinen Armen sinken, ihm blieb kein Erb ubrig, als die edle Nuschirwani: er betrauerte seinen Verlust noch mehr wie ein Kaiser, der sein Volk liebte, als wie ein Vater, der die holdesten Kinder begrabt. Er fieng an zu befurchten, alle seine Arbeit mochte verlohren seyn, und sein Reich in die alte Unordnung zuruckfallen; er sah kein Mittel wider ein so grosses Uebel, als die Vermahlung seiner Erbtochter.

Da er mit ihrer Hand den Zepter von Persien zu vergeben hatte, so sah er sorgfaltig sich um einen Fursten um, der ihrer wurdig ware, und von dem er hoffen konnte, dass unter dem Zepter desselben das Gluck seiner Volker gesichert seyn wurde.

Er verwarf alle die Beherrscher eigener Reiche. Persien, das den Kaiser so aufrichtig liebte, sollte keine Provinz eines andern Landes werden, sollte nicht unter die gierigen Hande fremder Grossen kommen, die nicht seine Sohne waren, und die es als eine Beute ansehen wurden.

Seine eigenen Blutsverwandten, die Tschengiden, schloss der rechtschaffene Herr ebenfalls aus. Die Nowianen seines Hofes hatten sein vaterlich gegen sein Volk gesinntes Herz ofters betrubt: diese Mongalen hatten nicht gelernt, ihren Leidenschaften zu widerstehen, und konnten sich nicht unter das Joch der Gesetze beugen. Ihr rauher Sinn war des zartlichen Gefuhles unfahig, ohne welches ein Furst kein Vater seines Volkes wird.

Usongs Hofnung blieb auf dem jungen Haider stehen, einem Enkel des Ali, und des Ismaels, dessen Glauben mit dem Glauben der meisten Perser ubereinstimmte, den die Hosseniden, und alle Geistlichen, als ein Geschenk des Himmels dem Volke anpreisen wurden, den Usong durch seinen Unterricht und durch seine Anfuhrung glaubte ausbilden zu konnen, und bey dessen sanftem Gemuthe, und reitzender Bildung, er hoffen durfte, dass Nuschirwani glucklich seyn wurde.

Er liess zuerst die junge Furstin von allen Provinzen zur Erbtochter von Persien annehmen. Es war kein Perser, der dem angebeteten Vater etwas hatte abschlagen konnen. Sie kannten ihn zu wohl, als dass ihnen ein Zweifel hatte ubrig bleiben sollen; sobald Usong in seinem Ausschreiben versicherte, er ware von der Fahigkeit und von der Tugend seiner Tochter so uberzeugt, dass er, unbesorgt fur das Gluck seines Volkes, sie als seine Erbin vorschluge. Er versprach zugleich; er wurde bey ihrer Vermahlung eine solche Wahl treffen, wie sie des Reiches Wohlfarth erfoderte. Er liess bey allen Gerichtshofen, und in allen den verschiedenen Abtheilungen der Rechte, des Kriegswesens, der Policey und Kammer, und der Religion sie als Erbfurstin des Reiches nachst seinem eigenen Namen den Buchern des Staates einverleiben.

Er erofnete hiernachst seine Gedanken, indem er sie innig umarmte, der noch immer traurenden Liosua, und bat sie, die Furstin zu der beschlossenen Verehlichung zuzubereiten, auch es so einzurichten, dass Nuschirwani, ohne sich bloszusetzen, den edeln Anstand des jungen Aliden selber bemerken konnte.

Das letztere geschah, indem einige Ritterspiele in den innern Hofen der kaiserlichen Burg unter den Sohnen der Grossen veranstaltet wurden, die eben die Festsetzung der Erbfolge zum Vorwand hatten, wodurch Persien Usongs Tochter zu seiner Beherrscherin angenommen hatte.

Nuschirwani war in ihrem dreyzehnten Jahre, ihr Leib und ihr Verstand war weit besser ausgebildet, als es dieses Alter sonst verspricht. Sie hatte ein fuhlendes Herz und lebhafte Empfindungen. An dem jungen Fursten war nichts, das nicht liebenswurdig war, sein Alter ubertraf das Alter der kaiserlichen Schonen um vier Jahre.

Die Kaiserin nahm die Zeit wahr, ihrer Tochter die grosse Veranderung zu erofnen, die ihr erhabner Vater fur sie beschlossen hatte. Nuschirwani, sagte die liebreiche Mutter, ware wurdig und fahig selber Usongs Zepter zu tragen. Aber die Vorurtheile der Volker erfodern Nachsicht. Usong hat einen Fursten ausersehen, der die Last der Regierung der Erbfurstin erleichtern soll; seine Wahl vereiniget alles, was Persien, und was das Herz seiner Tochter wunschen kan.

Nuschirwani errothete, sie schwieg einige Augenblicke, warf sich vor ihrer vortreflichen Mutter auf die Knie, kusste ihre Hand, benetzte sie mit einigen Thranen, und bat sich, in einer Sache, von welcher ihr Schicksal, und das Gluck von so vielen tausenden abhienge, einige Bedenkzeit aus.

Liosua hatte ein viel zu durchdringendes Auge, als dass sie diesen Aufschub fur eine blosse Wirkung einer jungfraulichen Zuruckhaltung hatte ansehen sollen; sie sah, dass etwas im Herzen der Erbfurstin herrschete, das sich wider dieses Band auflehnte.

Sie wollte doch diese Bedenkzeit der uber die Kindheit langst erhabenen Furstin nicht misgonnen. In acht Tagen wird Nuschirwani sich erklaren; aber nimmermehr will ich von ihr hoffen, dass sie einen andern Willen haben werde, als den Willen eines weisen und liebenden Vaters, der ihr Kaiser ist.

Die acht Tage waren fur die verlegene Furstin allzugeschwind vorbey. Sie kniete nochmals vor ihrer liebreichen Mutter nieder. Meine Hand und mein Leben ist des Kaisers; wenn er verlangt, dass ich beyde ihm aufopfere, so bin ich zum Gehorsam bereit.

Und warum spricht Nuschirwani von ihrem Leben? Weil ich es nicht zu behalten hoffe, wenn ich meine Hand an den Haider vergeben muss.

Die Kaiserin kannte an ihrer Tochter eine Entschlossenheit, dadurch sie ihrem standhaften Vater gleich kam: Liosua verlangte zu wissen, was der Furstin an dem jungen Haider missfallen konnte.

Nuschirwani unterdruckte lang ihren geheimen Widerwillen, sie konnte aber der Liebe ihrer Mutter nicht widerstehen, und endlich gestund sie: wenn sie sich vermahlen sollte, so wurde sie ihrem Gemahl ihre ganze Liebe uneingeschrankt gewahren: sie erwarte aber eben auch ein ungetheiltes Herz von einem Gemahl: sie kenne die Freyheiten wohl, die in den Morgenlandern der Gemahl sich heraus nehme: sie sey aber von Kindheit an gewohnt, den Kaiser niemand neben der sein ganzes Herz verdienenden Liosua lieben zu sehen: sie hatte immer angemerkt, wie sehr das Gluck der Kaiserin auf diesen so ruhmlichen Vorzug sich grundete, und sie selbst wurde ohne eben dieses Gluck die elendeste Furstin der Welt, und um so viel unglucklicher seyn, je zartlicher ihre Empfindungen fur ihren Gemahl seyn wurden.

Sie hatte von einer ihrer Frauen von dem jungen Aliden sprechen gehort, noch eher als Haider sich hatte schmeicheln dorfen, um die Hand der edlen Nuschirwani zu werben. Sulime', hatte sie vernommen, eine Georgierin, deren Schonheit vollkommen, und deren Gemuth eben so anmuthig als ihre Bildung ist, besitzt Haiders Herz unumschrankt. Selbst in der Gesellschaft seines Vaters hat er sie mitgebracht, weil er ohne sie nicht leben kan. Ich denke meinen Gemahl zu lieben, fuhr die Erbfurstin fort: ohne diese Hofnung wurde der Brautkranz mir schwerer als eiserne Fesseln seyn. Ich kan die Erwartung nicht vertragen, die eckelhafte Frau eines uberdrussigen Gemahls zu seyn, dessen Herz bey einer andern seyn wurde, dieweil er mich zu umarmen sich zwange. Eben so wenig kan ich es als ein ertragliches Schicksal ansehen, wenn ich meiner Rechte eingedenk, mich rachen, und die Feindin desjenigen seyn sollte, den man mir als das Werkzeug meines wahren Gluckes vermahlt hatte.

Die Kaiserin war betreten, sie entliess die junge Furstin. Man wird trachten, sagte sie mit freundlichem Ernste, dass der Nuschirwani Gehorsam nicht ihr Ungluck werde: sie wird sich aber auch erinnern, dass Usongs Aussichten grosser sind, als dass sie den Bedenklichkeiten weichen sollten, die einer Fraulein vergonnt, aber fur die Erbtochter von Persien zu jugendlich waren.

Liosua liess den Kaiser glauben, Nuschirwani setzte dem Rathe ihrer Mutter Verzuge der Schamehaftigkeit entgegen, und schickte ihre Vertrauteste zur schonen Sulime': die Kaiserin verlangt die Zierde Arabiens zu sprechen, sagte die Abgeschickte, und ohne die erschrockene Schone sprechen zu lassen; Sulime' kan von der bekannten Sanftmuth der Kaiserin nichts zu besorgen haben; aber die Unterredung ist unvermeidlich.

Die geliebte Sclavin musste gehorchen; sie warf sich vor die Knie der Kaiserin: ich bin des Todes werth, weinte sie: soll die erkaufte Sulime' das Herz eines Fursten der Erbtochter von Persien streitig machen? denn sie zweifelte an der Ursache nicht, um welche die Kaiserin sie hatte verfodern lassen.

Die schone Sulime', sagte die leutselige Kaiserin mit ihrer alles bezwingenden Anmuth, verbindet mich, indem sie mir ihr Herz erofnet. Aber ich verdiene auch ihr Vertrauen. Hore mich, Geliebte des Haiders, hore mich, wie man eine liebende Mutter horet.

Sulime' wird nicht erwarten, dass Dschuneid seinem Stamme den Thron des Cyrus entziehen werde, damit sein Sohn eine junge Schone ungetheilt lieben konne. Die Heyrath wird vor sich gehen; die Reitze der einnehmenden Sulime' werden ihr vielleicht eine Zeitlang das Herz des jungen Haiders versichern: aber was wird ihr Schicksal seyn? Ganz Persien wird die Zauberkraft ihrer Schonheit hassen, durch welche seine Erbtochter, die Tochter Usongs, unglucklich seyn wird. Dschuneid wird ernsthaft die vaterliche Gewalt anwenden, einen Sohn von seiner Geliebten zu trennen: die ganze Welt wird wider Sulime', und niemand fur sie seyn, als das Herz eines Junglings. Wird dieses Herz den Folgen des Genusses, der vereinigten Gewalt der vaterlichen, der ehlichen, und der freundschaftlichen Liebe widerstehen? Wenn es endlich so vielen verehrungswurdigen Rathgebern, und dem Wunsche aller Perser nachgiebt, was wird dann Sulime' werden, deren Herze die Liebkosungen eines liebenswurdigen Fursten zur Nothwendigkeit geworden sind?

Doch Sulime' hat eben so viel Verstand als Schonheit: sie wird einsehen, dass die Liebe eines Junglings einige Jahre dauert, und dass ihr ubriges Leben eine Wuste ohne Trost seyn wird. Sie wird dem allgemeinen Glucke eine Liebe aufopfern, die die blosse Fluchtigkeit der unbestandigen Jugend ohnedem so leicht ausloschen kan. Und Persien hat nichts an Ehr und an Glucke, das sie nicht zu erwarten habe, wenn sie das Hinderniss wegraumt, das der Ruhe des Reichs entgegen ist.

Sulime' horte bedachtlich zu; sie besann sich, doch nicht allzu lange; sie kusste ehrerbietig den Rock der Kaiserin. Was bin ich, sagte sie, dass ich mein Schicksal gegen das Schicksal von Persien abwegen soll? die Befehle der verehrungswurdigen Liosua werden meine Richtschnur seyn.

Die Kaiserin behielt sie im Harem, und gab ihr eine angesehene Stelle an ihrem Hofe. Die Gnade, womit sie die Georgierin uberschuttete, sowohl als die Reitze der schonen Sulime', bewogen einen Grossen vom Hofe, um sie zu werben: sie wurde als eine Freundin der Kaiserin ausgestattet, und ein dauerhaftes Gluck war die Belohnung der Aufopferung einer jugendlichen Liebe.

Haider liebte seine Sulime' mit dem Feuer eines Junglings und eines Arabers. Aber er durfte seine Regungen durch kein Zeichen gegen seinen Vater merken lassen, der das Gluck der Aliden, die Ausbreitung des wahren Glaubens, und den Thron seines Sohnes mit einer lebhaften Entzuckung sich vorstellte. Haider reichte ohne Widerstand seine Hand der schonen Nuschirwani, und sie machte auch keine Schwierigkeit mehr, den Gemahl anzunehmen, den Usongs Weisheit fur sie ausersehen hatte.

Sie bemuhte sich, das Herz des jungen Fursten zu gewinnen, und sie beherrschte es sehr bald uneingeschrankt durch die vereinigten Reitze ihrer Zuge, und ihres mit allen den Gaben des Witzes und der Wissenschaften gezierten Verstandes.

Noch einmal brach Usong auf, und durchreisete die ostlichen Provinzen, und zumal auch das wichtige Kandahar. Er besah zuerst das wegen seiner Schonen beruhmte Yezd, das wie eine fruchtbare Insel mitten in den Sandwusten liegt. Es bereitet das kostbare Rosenol, das ein schatzbares Geschenk morgenlandischer Konige ist: und verfertigt die reichsten Goldstucke. Usong kaufte eine betrachtliche Menge dieser theuren Stoffe, so wie er uberall that, wo eine gemeinnutzige Anstalt zu begunstigen war. Er durchreisete das einsame Segestan, und kam ins Geburge nach Kandahar. Er empfing Besuche von den Afganischen Fursten, die ihn freywillig fur ihren Schutzherrn erkannten, doch dass sie unabhangig blieben. Der Kaiser wandte alle die Krafte seiner angebohrnen Leutseligkeit an, und streute die Zeichen seiner Freygebigkeit haufig unter diese streitbare Barbaren aus. Er liess aber nichts desto weniger Kandahar mit einem dreyfachen Umfange starker Mauern befestigen, die den ganzen Raum zwischen den Geburgen einnahmen, und den Durchgang nach Indien vollkommen beherrschten: er hielt auch ein bestandiges Lager von etlich tausend Georgiern zu Pferd in der Nahe der Festung: denn seine Weisheit durchdrang die Zeiten, und sah die Gefahr ein, die dem Reiche von diesen wilden Bergleuten bevorstund, wenn jemals der Zepter von Persien in schwachere Hande fallen sollte23.

Indostan war damals in der grossten Verwirrung, und es wurde dem wohlbewafneten Persien ein leichtes gewesen seyn, einige Provinzen dieses geschwachten Reiches an sich zu reissen. Aber Usong dachte beydes edler und weiser: er sah uberhaupt den Krieg fur eine Strafe Gottes, und fur den Schauplatz unvermeidlicher Grausamkeiten an: nichts als die Nothwendigkeit konnte, nach des Kaisers Meynung, einen Fursten entschuldigen, der so viel Elend unter die Menschen brachte. Er sah dabey Persien fur nur allzuweitlauftig an, und die Geburge machten gegen Osten eine naturliche Granze aus, die nur ein blinder Ehrgeitz zu uberschreiten anrathen konnte.

Die Zeit war nunmehr gekommen, da Usong den grossten Unfall leiden sollte, der noch sein Leben betroffen hatte. Liosua war, seitdem sie nach Persien gekommen war, immer etwas schwachlich gewesen. Selbst zu Schiras war ihr die Luft zu rauh und zu bergicht. Schwere Entbindungen, und den Verlust ihres Vaters, und ihrer Sohne, hatten die zartliche Verfassung ihrer Glieder noch tiefer angegriffen. Sie fuhlte sich abnehmen, ohne eigentlich krank zu seyn: und sie sah den Tod als unvermeidlich an. Da sie die Liebe ihres Gemahls kannte, und die Beunruhigung seines rechtschaffenen Gemuthes fur das Grosste aller Uebel ansah, so verbarg sie, was sie fuhlte, und ermunterte sich in seiner Gegenwart mit einer solchen Aufmerksamkeit, dass der Kaiser zwar seine Gemahlin abfallen sah, aber es bald zufalligen Ursachen zuschrieb, und bald mit einer Besserung sich schmeichelte, die niemals erfolgen konnte.

Sie lag ihm nunmehr selbst an, die wichtige Provinz Khorossan zu besuchen, die ganz auf den nordostlichen Granzen lag, und die unruhigen Usbecken zu Nachbarn hatte, von deren Streifereyen sie niemals viele Jahre frey blieb. In eben die Zeit sollte die Niederkunft der Nuschirwani einfallen, und auch dieser ihrer Tochter wollte Liosua das traurige Schauspiel ihres Todes ersparen. Sie liess sich nach Fagrabad in einen Lustgarten bringen, wo sie sich erholen wurde, wie sie versicherte, und die zum Reisen allzuweit schon gekommene Erbfurstin blieb zu Schiras.

Der Kaiser kam nach Khorossan, er besah die grosse und fruchtbare Provinz, er bedauerte die weit ausgedehnten Sandflachen. Er besuchte zu Meschet das Grab des Imam Reza, eines der vornehmsten Aliden, und sah eine grosse Handelsstadt, fahig die Vermittlerin zwischen den Schatzen von Bockhara und von Indien, und den Fruchten des Fleisses der Perser zu werden. Er kam nach Nisabur, in dessen Nahe die Turkisberge sind, und das wegen seiner Tapeten beruhmte Herat. Verschiedene Usbeckische Fursten besuchten ihn: er empfieng sie mit allen Zeichen der Freundschaft, und kannte dabey die Unbestandigkeit dieses Volkes viel zu wohl, als dass er einiges Vertrauen auf sie hatte setzen sollen. Der Kaiser hatte Marschirhar wohl befestigt, etliche unersteigliche Schlosser erbaut, und Waffenplatze angelegt, wo ein bestandiges Heer stehen sollte. Er war schon auf dem Ruckwege nach Schiras, als er die erschrecklichste aller Zeitungen empfieng.

Liosua, ihrer Auflosung gewiss, behielt bey einem schmachtenden Leibe die heitere Stille ihres gesetzten Gemuthes. Sie liess ihre Zimmer mit frischen Blumen auszieren, und wahlte Kleider von hellern Farben. Alle Abende liess sie einige von ihren Frauen in ihrem Schlafzimmer singen, und in verschiedener Musik in ihrer Gegenwart sich uben. Ihre Absicht war, vor dem ganzen Hofe den drohenden Zustand ihrer Gesundheit zu verbergen.

Sie brachte einen Tag mit Schreiben zu, und versiegelte die Briefe. Die Nacht darauf war sie so schwach, dass sie ihr Lager nicht mehr verlassen konnte. Sie behielt nur die vertrautesten unter ihren Frauen bey sich. Sieh nun, schone Sulime', wozu die Tugend nutzt, sieh mich ruhig von dem Throne, und von meinem Gemahle mich trennen, der mir theurer als alle Thronen ist.

Du hast mir den Weg zum Leben und zum Tode gezeigt, weiser Liewang, ich fuhle den Werth deiner Lehre. Empfange, o Tien, deine Tochter, die du mit Gnaden uberschuttet hast. Beschutze die Nuschirwani, belohne das Gute, das du in meinen Usong selbst geleget hast. Sie sprach und starb im Lacheln. Das letzte Bild, das ihre Einbildung fullte, war Usong, so wie er der erste Gegenstand ihrer Liebe gewesen war.

Und nun war der grosse Unfall nicht mehr zu verbergen. Ein Laufer eilte dem Kaiser entgegen, und brachte ihm das kurze Schreiben, das die letzten Worte der holdseligen Liosua in sich hielt.

Wenn Usong dieses Siegel erbrechen wird, so wird Liosua nicht mehr auf Erden seyn. O erinnere dich, Grosster der Sterblichen, des Guten, das du vom Tien empfangen hast. Zurne nicht uber meinen Hinscheid. Die Erde ist die Schaubuhne, worauf der oberste Herrscher die Menschen Proben vom Gebrauche seiner Gaben ablegen lasst. Niemals ist Usong minder gross am Willen, als an den erhabenen Eigenschaften gewesen, die ihm der Tien geschenket hat. Sey ferner, Theurester meiner Seele, auch in dieser schweren Tugend das Beyspiel der Sterblichen. Ertrage mit Gelassenheit die Leitung eines niemals irrenden Verfugers. Schenke deiner Liosua eine getreue Zahre, und erscheine wiederum den unzahlbaren deines Volkes zum Troste, mit der wahren Munterkeit eines sein Volk einzig liebenden Beherrschers. Die Thranen von den Augen der Bedruckten abwischen, ist der wurdigste Trost eines Usongs.

Usongs geubtes Herz widerstund dem unvorgesehenen Schlage nicht; er verschloss sich in sein Gezelt; er verbot jemanden vorzulassen, und blieb einen langen Tag und eine schreckliche Nacht in der Betrachtung seines Verlustes stumm. Er fuhlte den Werth, den unersetzlichen Werth des Schatzes, den er verlohr, mit aller der Empfindlichkeit des zartesten Gemuths: er sah in seinem Leben eine Wuste vor sich, wo nichts als Arbeit, ohne Belohnung, fur ihn blieb, wo nach seinen bemuhten Tagen er traurige und einsame Abende, zu erwarten hatte, und wo er die einzige Freundin missete, welcher er alles vertrauen konnte, und die unerschopflich an Mitteln war, jede Sorge ihm zu versussen.

Dschuneid, der den Kaiser begleitet hatte, fand in den ersten Tagen keinen Zutritt zu seinem Herzen. Usong sprach nicht, weinte nicht, und brutete mit Gefalligkeit seinen ewigen Kummer. Nuschirwani ware vielleicht die einzige Trosterin gewesen, die der liebende Vater angehort hatte: sie war aber entfernt, und man musste auch vor ihr die traurige Zeitung verheelen.

Aus dem Schlummer des unthatigen Unmuths weckte ein Donnerschlag den Kaiser von Persien. Ein schneller Bote brachte von den westlichen Granzen des Reichs die gewisse Nachricht, Machmud der zweyte habe, nachdem Morad den Thron noch einmal verlassen, Byzanz mit sturmender Hand erobert. Der letzte Nachfolger Constantins habe sein Leben fur den sinkenden Thron der Griechen zugesetzt, und alle osmannische Lander erschallen vom Frohlocken des Sieges, vom Ruhme des jungen Kaisers zu Rom, und vom Gejauchze der Hofnung zur allgemeinen Herrschaft der Welt.

Usong musste nun dem Kummer, den er liebte, und den er fur eine Pflicht eines nicht unnaturlich verharteten Herzens hielt, unumganglich sich entschlagen: er sah, dass er an das Ruder treten musste, da der furchterlichste Sturm sich naherte. Er kam nicht nach Schiras zuruck, wo man die Ueberbleibsel der vollkommensten der Frauen mit stiller Pracht beysetzte, er verfugte sich nach Tabris, und durcheilte noch einmal die westlichen Granzen des Reiches. Er verstarkte die georgische Reuterey mit neuen Anwerbungen, er setzte die Zahl der kurdischen Granzvolker bis auf siebenzigtausend24, er liess das gegossene grobe Geschutz nach Wan und Irwan bringen; er befahl, dass man die jahrliche Landmacht der sechszigtausend gewafneten Perser aufs doppelte erhohen sollte. Durchs ganze Reich liess er zu den Waffenubungen doppelte Tage nehmen, und bey den Waffenwerkstatten die Tage durch die Nachte verlangern. Er schickte eigene Abgeordnete nach Alkahirah, und liess den schlummernden Fursten der Zirkassen auffodern, die allgemeine Gefahr zu beherzigen, die den Aegyptiern so nah drohete. Vier Bottschafter giengen nach Venedig, und hatten eben denselben Auftrag. Er fand einen neuen, aber allzuschwachen Verbundeten am David, dem sogenannten Kaiser von Trapezunt.

Man musste endlich auch der Furstin den Hinscheid ihrer durchlauchtigsten Mutter gestehen, da sie unaufhorlich nach derselben fragte. Sie ertrug dieses Ungluck mit wenigerer Standhaftigkeit als man gehoft hatte; gute Gemuther fuhlen ihre eigenen Leiden minder, als die Leiden derer, die sie lieben. Nuschirwani konnte lange nicht zu ihrer Munterkeit wieder gelangen; Haider war abwesend, ihr verehrungswurdiger Vater mit Sorgen und Gefahren umringt, und das im Abend drohende Ungewitter schien immer naher zu kommen.

Sobald sie sich erholt hatte, so bat sie den Kaiser ihr zu erlauben, ihm nach Tabris zu folgen. Sie fiel dem untrostbaren Vater zu Fussen. Nimm, gnadiger Herr, deiner Tochter Dienste gutig an, lass sie einen Theil des Verlustes ersetzen, den dir niemand wurdig ersetzen wird. Der Kaiser liebte die junge Furstin als ein Vater, und schatzte sie wegen ihren grossen Einsichten hoch; er gewohnte sich wechselsweise die Abendtafel bey ihr zu halten, und Nuschirwani sammelte aus allen Landern Nachrichten und Seltenheiten ein, womit sie den Kaiser einen Augenblick seinen Sorgen entziehen konnte. Der Hof blieb eine lange Zeit in Tabris.

Die vollige Bezwingung des griechischen Europa, und verschiedene schwere Feldzuge an die Donau, beschaftigten den feurigen Machmud noch einige Jahre, und Persien blieb in einer Ruhe, deren Sussigkeit doch durch die Erwartung eines unvermeidlichen Krieges verbittert wurde.

Die junge Erbin von Persien hatte Gelegenheit, vieles von den guten Eigenschaften der Furstin Martha, der sogenannten Despoina, oder der Kaisers Tochter von Trapezunt zu horen. Ihr Gemuth ware mild und gutig, ihre Gestalt reizend und fein, ihre Zuge auf griechisch schon25. Die Unglucksfalle die sie befurchtete, hatten sie zu einer Demuth bewogen, die unter Furstinnen selten zu hoffen war. Nuschirwani fiel auf ein Mittel, eine liebenswurdige Freundin fur sich selber zu erlangen, dieselbe aus dem bevorstehenden Umsturze ihres Hauses zu erretten, und des Kaisers Gedanken in eine andere Stellung zu bringen. Die Grossmuthige hofte auch, die Erbfolge von Persien zu versichern. Sie unternahm, die Furstin von Trapezunt mit dem Kaiser zu vermahlen.

Da sie einen taglichen Umgang mit ihm hatte, so bezeigte sie, wie sehr sie wunschte, dass die schweren Sorgen des Reiches durch das Vergnugen versusset werden mochten, das eine treue Liebe einzig einem edlen Gemuthe versprechen kan. Sie gewann nach und nach den Kaiser: David erhielt den Antrag durch einen Gesandten. So tief Trapezunt gesunken war, so erinnerte sich doch David der Grosse Constantins, und legte dem anwerbenden Usong zum ersten Bedinge vor, dass die Furstin bey dem christlichen Gottesdienste frey bleiben sollte. Usong war nicht aberglaubisch, er fand bey den Christen das Wesentliche aller Religionen, die Anbetung eines einzigen Gottes, der alles regieret, ein kunftiges Leben, fur die Guten eine ewige Belohnung, und eine der vollkommensten Gerechtigkeit Gottes angemessene Bestrafung der Lasterhaften.

Die wirklich liebenswurdige Despoina wurde dem Kaiser zugefuhrt, und durch den armenischen Patriarchen von Ekmiasin in den Zimmern der Nuschirwani getraut. Usong fand an ihr eine lenksame und tugendhafte Gemahlin: aber ihre Auferziehung hatte ihren Geist in engen Schranken gehalten: sie war den kleinen Feyerlichkeiten ergeben, die das Entbehrliche der Religion ausmachen, und ihr mangelten die Kenntnisse, die sie zum Umgange und zur Unterhaltung des alles ubersehenden Usongs hatten auszieren sollen. Nuschirwani war ihre Freundin, und ersetzte, was zur Anmuth und der Lebhaftigkeit des Umganges der neuen Kaiserin mangelte. Martha hatte ihre noch in der kindischen Unschuld bluhende Schwester Eudoxia mit sich an den persischen Hof gebracht.

Nuschirwani kam, dieweil der Krieg mit den Osmannen wie aufgeschoben war, mit einem Fursten nieder, und diese Begebenheit half des Kaisers Kummer besanftigen. Der Kaiser liess den jungen Erbfursten Ismael nennen, welches der Namen des Urhebers der Koreischiten, und des Stammvaters des Mohammeds und des Ali war. Er sah nunmehr die Thronfolge befestiget, und erfreute sich, dass hierdurch so vieles Uebel abgewandt wurde. Ein einziges Leben rettet in diesem Falle das Leben von Millionen, und wendet von ganzen Reichen die Zerruttung ab.

Ein unglucklicher Zufall beschleunigte den Bruch mit den Osmannen. Machmud hatte die Sultane von Karamanien bekriegt, sie geschlagen, und sich ihrer Lander bemachtigt. Einer von ihnen, Pir Hamet, entfloh, und suchte Schutz beym grossmuthigen Usong.

Der alles vor sich niederfallen zu sehen gewohnte Machmud foderte durch einen Kriegsbedienten den unglucklichen Fursten ab, und der trotzige Osmann liess sich einige Drohworte entfallen.

Der siegreiche Usong fuhlte die Unwurdigkeit dieser Begegnung: der Truchmen, sagte er gegen seine Grossen, bleibt allemal ein Viehhirte, wie zu Timurs26 Zeiten. Ihn verhohnte, dass ein Furst, dessen Voreltern vor zwey Jahrhunderten in den Gefilden von Turkestan von der Viehzucht gelebt hatten, und durch Untreu und Meineid auf den Furstenthron gestiegen waren, dem Enkel des Tschengis trotzen sollte, dessen Ahnen sich in die Dunkelheit der ersten Zeiten der Welt verlohren. Aber Usong war ein Weiser, und liebte sein Volk. Er schickte einen Gesandten an den Machmud, und liess ihm vorstellen, die Pforte des Kaisers der Perser sey die Zuflucht der Welt, und seine Ehre lasse ihm nicht zu, denjenigen zum Tode auszuliefern, der gunstig genug von ihm gedacht hatte, Schutz bey ihm zu suchen. Der Kaiser erbot sich sonst zum Frieden, und zur Freundschaft, mit dem Sultane der Osmannen. Er bat, Machmud mochte Karamanien und Trapezunt verschonen, und kostbare Geschenke begleiteten die Bitte.

Die Antwort des durch das Gluck verwohnten Machmuds war rauh: er konne denjenigen nicht fur seinen Freund ansehen, der seine Feinde beherbergete. Er ruckte mit vieler Bitterkeit dem Kaiser seinen Bund mit den unglaubigen Nazarenern vor, die auszurotten Usong dem Sultan billig behulflich seyn sollte. Er fuhr fort, Karamanien zu verwusten, er bemachtigte sich des reichen Tocats, und die osmannischen Volker verschonten der angranzenden Kurden, und des Theiles von Armenien nicht, der unter Persien stund: der Pascha von Amasia ruckte auch in die Lande des Kaisers von Trapezunt ein.

Eine grosse Gesandschaft kann indessen von Venedig. Der Botschafter schloss mit dem Kaiser einen engen Bund; er versprach im Namen seiner Herrschaft, die venetianische Flotte sollte sich auf den Kusten von Karamanien zeigen, die Seestadte angreifen, und den Sultan nothigen, seine Macht zu theilen: es sollten auch diejenigen Kriegsnothwendigkeiten nach Persien geschickt werden, die dieses Reich selbst nicht erzeugte.

Der unbestandige Hof von Aegypten wollte sich durch keine Vorstellungen aufwecken lassen, und liess sich nicht bewegen, der allgemeinen Gefahr zu steuren, eh dass sie unwiderstehbar wurde: die nazarenischen Fursten blieben auch bey ihrer Gewohnheit, die wichtigsten Angelegenheiten zu versaumen, und uber kleinen Vergrosserungen die allgemeine Sicherheit von Europa zu verabsaumen.

Usong sah die Schwierigkeiten und Gefahren dieses Krieges vor. Schon hatte Machmud seinen Sohn, den jungen Bajazid, mit einem alten und versuchten Feldherrn, und mit einem auserlesenen Heere, nach Karamanien abgeschickt. Er selbst folgte nach, und mit ihm die ganze Kriegsmacht, die in Europa gelegen war, und die den Kern seiner Heere ausmachte. Denn die Bosnier, die Bergleute, die zwischen Ungarn und Griechenland leben, die Epiroten, die Macedonier, sind, wie ihr Land und ihr Himmel, harter, als die Einwohner des mildern Asiens. Machmud brachte auch eine grosse Macht der im Feuer geubten Jenjitscheri, und ein zahlreiches grobes Geschutz mit sich. Seine Kriegsvolker hatten seit vielen Jahren keinen Frieden gekannt, und die Gefahr und die Muhseligkeiten waren ihnen zur Natur geworden: ihre bestandigen Siege hatten ihnen auch den Muth erhohet, sie sahen sich fur unuberwindlich an, weil sie noch immer uberwunden hatten. Machmud war auch bey aller der Harte seines Gemuthes, ein versuchter und kuhner Feldherr, und sein Geist war durch die Wissenschaften viel aufgeklarter worden, als die ihm gehassigen Abendlander eingestehen. Sein Ehrgeitz, und seine Liebe zum Kriege, waren freylich Fehler an ihm, die aber selber zum Siege fuhrten.

Der Kaiser von Persien hatte den Osmannen seine Kurden entgegen zu setzen, eine versuchte und abgehartete Reuterey. Seine Georgier waren auch die besten Volker zu Pferd, die Asien kannte, aber sie waren nicht zahlreich. Die persische Landmacht hatte selten den Krieg gesehen, und Usong konnte von ihnen die Standhaftigkeit alter Kriegsleute nicht hoffen. Die grosste Ungleichheit war in den Waffen. Zu Pferd, und mit dem Sabel in der Faust, hofte Usong die Oberhand zu behaupten, und ein Perser hielt sich fur besser, als zwey Osmannen. Aber Persien hatte so wenig Fussvolk, dass der Kaiser nicht einsah, wie er der gedrungenen Phalanx der Jenjitscheri widerstehen wurde: noch weniger konnte er diesen stolzen Siegern ein gleiches Feuer entgegen setzen, und bey dem groben Geschutze war weder die Zahl, noch die Uebung der Perser, den Osmannen zu vergleichen.

Nichts blieb dem weisen Usong ubrig, als er selbst. Er versprach sich durch einen klugen Gebrauch seiner Krafte, und durch die vollkommene Liebe seines Volkes, den Osmannen das Vorrucken, den Unterhalt, und den Krieg so sehr zu erschweren, dass sie in einer von der Hauptstadt ihres Reichs so entlegenen Landschaft nicht lang die unendlichen Unbequemlichkeiten wurden aushalten konnen, die er ihnen zubereitete. Er kannte dabey die Osmannen, die wutende Anfalle wagen, aber die Standhaftigkeit eines Feindes zu bezwingen leicht mude werden.

Der erste Feldzug geschah durch die leichte Reuterey, die er dem feurigen Pir Hamet mitgab, und die bald mit einer Menge Karamanier verstarkt wurde, die ihrem Fursten frohlockend zufielen. Usong hatte den jungen Fursten gewarht, er hatte sogar befohlen, keine Feldschlacht mit den Osmannen zu wagen. Pir Hamet war eine Zeitlang glucklich: das ganze Land war wider die Feinde, und keine Hand blieb, die sich nicht fur ihren Fursten wafnete. Er hatte bald ein zahlreiches Heer, und schlug verschiedene Schaaren der Osmannen. Der alte Achmet nahm bey Tocat eine vortheilhafte Stellung: er lagerte sich auf einem gelinden Hugel, der das Gefild ubersah, und den er mit dem Geschutze furchterlich bepflanzte. Unter ihm giengen bis in die Flache abhangende Weinberge mit schmalen Strassen durchzogen: auch diese Zugange besetzte er mit seinen Jenjitscheri. Hinter ihm lag das grosse Tocat, und versicherte seinen Rucken.

Pir Hamet war so blind, so voll jugendlicher Hofnung, dass er glaubte, auch in dieser Lage wurden die Osmannen ihm nicht widerstehen. Er griff wutend mit der Reuterey die Weinberge an. Ein Hagel von todtlichem Bley regnete von der Hohe, und von jeder Mauer; die kuhnsten blieben, die ubrigen Karamanier flohen, und litten im Ruckzuge noch sehr vieles von dem Donner des groben Geschutzes. Der Unfall benahm den ungeubten Unterthanen des Pir Hamets den allzugeschwind gewachsenen Muth, sie zerstreuten sich. Ihr Furst musste sein Lager und seine Erblande verlassen, und floh mit den wenigen ubriggebliebenen nach Tabris, wo ihn die Schaam so sehr niederschlug, dass er es nicht wagen wolle, vor dem Kaiser zu erscheinen.

So weislich Usong die Gefahr zu vermeiden hatte, so unerschrocken war er, wann sie ihn umringte. Er hiess den Pir Hamet an den Hof kommen, und sprach ihm Muth ein. Mein Freund, sagte der Kaiser, hat erfahren, dass die gerechte Sache auch die schwachere seyn kan; ich hoffe aber, er soll wiederum ein Zeuge seyn, dass das Gluck sich durch die Geduld lenken lasst.

Usong drang in Karamanien ein; Bajazid und der alte Achmet waren triumphirend zum Machmud gestossen, und der feurige Vater freute sich, da er hoffen durfte, der Osmannen Ruhm wurde unter seinem Sohne nicht abnehmen. Ein andrer Feldherr, Morad27, ein abgefallener Christ, aus dem kaiserlichen Geblute der Paleologen, fuhrte die Osmannen an. Ehrgeitz und Jugend hatten den ehemaligen Fursten von Byzanz verleitet, seinen Glauben zu verlassen, und eben dieser Ehrgeitz machte ihn niedertrachtig genug, dem Zerstorer seines Hauses zu dienen.

Der Kaiser von Persien befolgte seinen Entwurf: er theilte sein Heer, das in blosser Reuterey bestand, in viele Haufen. Alle Nachte gab er dem Haupte eines jeden Haufens seine Vorschrift, wohin er eilen, und wo er wieder zu andern Haufen stossen sollte. Die Perser waren aller Orten, und doch konnten die Osmannen sie nirgends antreffen. Usongs Reuter hieben alles nieder, was von dem Hauptheere sich entfernte. Wollte der Seraskier eine Zufuhr von Kriegsnothdurft an sich ziehen, so stiessen drey persische Haufen zusammen, ubermannten die Bedeckung, erschlugen die Osmannen, und nahmen den Vorrath weg. Gieng Morad auf sie los, so zerstreute sich das persische Heer in mehrere Haufen, und die vortreflichen Pferde brachten sie sehr bald aus den Augen der Osmannen. Ein jeder Karamanier wurde ein Ausspaher, kein Schritt der Feinde war den Persern unbekannt, dieweil Morad in einer bestandigen Ungewissheit blieb.

Die Osmannen wurden taglich auf diese Weise abgemattet, und Morad, der den Tod eben so sicher zu Byzanz, als in den Flachen von Tocat, vor sich sah, fasste den verzweifelten Entschluss, an allen Orten, wo er ihn nur antrafe, den Kaiser anzugreifen.

Usong vernahm die Verlegenheit, und den Entschluss des Seraskiers, augenblicklich. Nun ist es Zeit zu schlagen, sagte er zu Pir Hamet. Er rief alle die getheilten Schaaren seines Heeres zusammen, in eine Flache, die hinter seiner itzigen Stellung lag. Der Zuruckzug des Kaisers vermehrte den Muth des abtrunnigen Feldherren: er drang mit aller Beschleunigung auf die weichenden Perser.

Da die Osmannen noch zwey Farsangen28 weit von der Perser Hintertreffen waren, so liess der Kaiser plotzlich den allgemeinen Befehl ergehen, ohne kriegerisches Spiel, und mit dem wenigsten Gerausche vorzurucken. Da er an Volkern nunmehr uberlegen war, so theilte er sie in drey Theile. Zwey Flugel umringten die Osmannen auf den Seiten, und Usong griff den Seraskier vor der Stirn an. Er befahl, seine Volker sollten, ausser der Macht des Feuergewehrs, sich in Ordnung stellen, und dann mit verhangtem Zugel, und mit dem Sabel in der Faust, auf allen drey Seiten einbrechen. Die Osmannen sahen ihren Untergang vor Augen, und den Tod auf allen Seiten an sie dringen. Sie riefen verzweifelnd, es ist das Schicksal29, und verlohren allen Gebrauch ihrer Krafte. Sie wurden im Augenblicke zertrennt, viele tausende niedergemacht, und die ubrigen bis auf wenige Fluchtlinge gefangen, die am wenigsten verdient hatten, dem Tode zu entgehn. Morad sand den Tod minder furchterlich, als den zornigen Anblick seines Herrn, er suchte ihn auf der Wahlstadt30. Persien erkaufte den grossen Sieg mit so wenigem Blute, dass Usong sagen konnte, sein Triumph koste keine Thranen.

Er kam nach Tabris triumphirend zuruck, nachdem sich fast ganz Karamanien in seine Arme geworfen, und die osmannischen Besatzungen aus den meisten Stadten verjagt hatte. Der Kaiser fand es der Weisheit angemessen, hier eine Pracht zu zeigen, die sonst weit unter seinem Gemuthe war. Der Perser Muth zu erhohen, liess er die Gefangenen mit ihren Waffen auf den unermesslichen Platz zu Tabris einrucken; sie giengen in geschlossenen Gliedern, mit den Feuerrohren, zwischen zwey Reihen geharnischter persischer Reuter. Das grobe Geschutz, die Fahnen, die Rossschweife, die Befehlstabe, und alle Zeichen der kriegerischen Pracht folgeten den Gefangenen. Mitten auf dem Platze sass Usong auf einem erhabenen Sofa, das Panier von Persien flatterte uber seinem Thronhimmel. Die Feldherren, die Fursten der Mongalen, die Grossen aus Persien, umringten den Thron in den prachtigsten Kleidungen. Der junge Ismael stund selbst gewafnet neben seinem grossen Ahnherrn. Vor den Augen des Kaisers mussten die Gefangenen die Waffen ablegen, und wurden abgefuhrt, um in alle Provinzen vertheilt zu werden, auf dass alle Perser die Zeugnisse des Sieges vor ihren Augen haben mochten. Hierauf erschienen diejenigen Krieger vor dem Throne, deren Thaten in dem Feldzuge der Kaiser selbst angesehen, oder von denen ihm sonst angezeigt worden war, dass sie zu dem grossen Siege tapfere Werkzeuge gewesen waren. Sie erhielten von dem Kaiser prachtige Geschenke, edle mit dem kostbarsten Zeuge behangene Pferde, Sabel die von Edelsteinen schimmerten, Fahnen die ihren Ruhm bis zu den Nachkommen aufbewahren sollten, Helme mit glanzenden Federbuschen, stahlerne Rustungen, Lorbeerzweige, in welchen kostbare Steine eingestochen waren.

Das grosse Tabris erschallte von einem Triumphgeschrey, das ganze Stunden dauerte: es lebe der neue Cyrus, der Herr der Welt, der Schatten Gottes.

Das Gerucht trug Usongs Ruhm bis in die entferntesten Gegenden. Die durch so viele Geburge, und durch unermessliche Wusten von Persien abgesonderten Mongalen, jauchzten uber das Gluck eines Enkels des Tschengis. Indostan schickte ihm Gesandte, und in den Abendlandern stieg die Hofnung auf, der Held sey gefunden, der dem Ehrgeitze der Osmannen Granzen setzen wurde.

Der folgende Feldzug war nicht so blutig, aber dennoch siegreich. Usong bemachtigte sich des ubrigen Theiles von Karamanien, und erlegte etliche tausende in kleinen Treffen. Aber ihr Feldherr hatte den strengsten Befehl vom Sultan31, eine Schlacht zu vermeiden, und nahm auf den Bergen, womit dieses Land angefullet ist, solche Stellungen, dass Usong es abermal unmoglich fand, mit seiner von Fussvolk entblossten Reuterey die Feinde anzugreifen.

Aber nun war die Donnerwolke, die sich langsam vom Abend her fortgewalzt hatte, endlich bis zur Granze von Persien gekommen. Das grosse Heer des nach Rache lechzenden Machmuds war in Karamanien, unter des Sultans eigener Anfuhrung, eingeruckt: ein unglaublich grosser Zug von grobem Geschutze folgte dem Heere. Der Kern aller Osmannen, die Jenjitscheri, die europaischen Volker, ruckten in furchterlicher Menge an, die krimmischen und nogahischen Tataren schwebten auf den Flugeln des weit ausgedehnten Lagers, und versicherten seine Seiten. Alles was unter den Turken tapfer war, alle die versuchten Feldobersten Morads, kamen aus ihren Ruhplatzen, und drangten sich unter die Fahne des kriegerischen Sultans.

Usong hatte alle Krafte von Persien an sich gezogen, nur musste er Tabris und das kaiserliche Haus zu bedecken, ein kleines Heer in dieser Stadt lassen. Was aber den Kaiser am meisten bekummerte, war die Langsamkeit der venetianischen Hulfe. Die Republik hatte allerdings ihre Schiffmacht an die Kuste von Cicilien geschickt, wo sie oftere Landungen that, und etliche Seeplatze einnahm; der Befehlshaber hatte auch zur Vorschrift, alles zu thun, was Usong ihm auftragen werde. Der Botschafter brachte viel guldenes und silbernes Geschirr zum Geschenke, wovon die Arbeit den Werth des Metalles ubertraf32; und hundert Buchsenmeister begleiteten das grobe Geschutz unter ihrem Hauptmanne Thomas von Imola. Er brachte einen Ueberfluss an dem Zugehore zum Gebrauche dieser zu den Belagerungen fester Stadte gegossenen Stucke. Es kamen auch zahlreiche Buchsenschmiede, und andere Kunstler mit, deren Persien bedurftig war. Aber der Anfuhrer der Venediger war zu langsam gewesen, und diese ganz wichtige Hulfe kam erst nach der blutigen Schlacht an, die Asiens Schicksal entscheiden sollte.

Usong zog dem wutenden Machmud entgegen. Der ergrimmte Sultan liess alles verbrennen, und verwusten. Vor seinem Heere, sagten die Osmannen selber, war das Land ein Paradies, und hinter ihm eine rauchende Wuste. Er ruckte bis zehn Tagreisen von Tabris vor, und drohete dieser grossen und bluhenden Stadt, in welche Usong alle die Nothwendigkeiten verlegt hatte, die zur Unterhaltung eines grossen Heeres erfodert werden.

Gern hatte der kluge Kaiser eine Schlacht vermieden: seine Meynung war unveranderlich, die Osmannen in kleinen Treffen abzumatten, und ihnen die Lebensmittel abzuschneiden. Aber die grossten Manner sind die Bescheidensten. Usong gab endlich dem Rathe des feurigen Haiders, des Pir Hamets, der unerschrockenen Nowianen, und der Grossen von Persien nach, die alle ihre Stimmen vereinigten, dem Kaiser vorzustellen, der Verlust von Tabris wurde der Untergang von Persien seyn. Viele tausende getreuer Unterthanen wurden jammerlich ermordet werden, und die Mittel, den Krieg fortzufuhren, wurden verlohren gehen. Die Eiferer fur des Ali Geschlecht entsetzten sich vor dem blossen Gedanken, die heiligen Graber zu Ardewil mochten von den Sonniten entweiht werden. Mit der Reuterey konnte man keine Zugange verwehren, keine Stellungen nehmen, wohin die Jenjitscheri nicht eindringen konnten. Sie erinnerten den Kaiser an seine zahlreichen Siege, und baten ihn, an dem Muthe der Perser nicht zu zweifeln, davon der letzte sein Blut hingeben wurde, ehe dass er Usongs Kriegsruhm wurde bestecken lassen.

Der Kaiser gab nach, und ruckte gegen den Feind, den er in der Gegend von Arzendgan antraf, in einer grossen Flache unweit des Euphrats, wo sich die persische Reuterey ausbreiten konnte.

Machmud stand mitten in einem gevierten Treffen von funfzigtausend Jenjitscheri, die um sich das grobe Geschutz hatten, das den Tod ganzer Tausende um sich schleuderte. Sie giengen in funfzig Gliedern, eine unzertrennliche, furchterliche Feuersaule. Auf den Flugeln waren die Spahi, und die krimischen Tataren, die ihr Kan anfuhrte.

Usong nahm mit den Kurden, und mit den auserlesensten Persern, seinen Stand gegen die Jenjitscheri, die ubrige Reuterey vertheilte sich auf die Flugel. Er gab eben die Befehle, wie in der sieghaften Schlacht wider den Pascha Morad, er ruckte langsam fort, bis er die Entfernung erreicht hatte, wo das feindliche Geschutz anfieng todtlich zu werden. Er hob die Augen gen Himmel, den er, wie es schien, um seinen Schutz anrief, und gab dann zum Feldgeschrey, Persiens Heil. Hiermit befahl er dem Reichspanier ihn nie zu verlassen, und rannte durch den Dampf des schmetternden Geschutzes in den Feind.

Die beyden Flugel warfen die Reuterey der Turken und Tatarn im Augenblicke ubern Haufen: sie fielen nach dem erhaltenen Befehl, den Osmannen in die Seite, nachdem sie einen genugsamen Haufen in voller Schlachtordnung hatten stehen lassen, die versicherten, dass die feindlichen Flugel sich nicht erholen konnten.

Den Sabel in der Faust zertrennten die Perser einige Glieder der Jenjitscheri. Aber diese geubten Kriegsleute wandten ihre Feuergewehre gegen alle Seiten, und alle Augenblicke fielen die herzhaftesten unter ihren Angreifern. Usong sah den Sultan im dicksten Haufen zu Pferde halten: ein mit Zobel verbramter Mantel, und die drey Reigerbusche machten ihn kenntlich. Sieben Rossschweife mit guldenen Knopfen stunden neben ihm in die Hohe. Der Kaiser von Persien sah kein Mittel zum Siege, als die Erlegung des Sultans: er drang gegen ihn mit allen den vereinigten Kraften des Muthes und einer halben Verzweiflung. Aber der todtlichste Blitz schlug aller Orten ihm entgegen. Der Kern der Perser fiel, die meisten Fursten aus dem Hause des Tschengis, Pir Hamet selbst, fur dessen Sache dieses Blutbad entstanden war, wurden an der Seite des Kaisers getodtet. Dschuneid, der Freund des Kaisers, setzte das Leben fur ihn zu33. Endlich fuhr ein feindliches Bley auf die Brust des edlen Haiders, und zerschmetterte sein treues Herz neben dem Pferde des Kaisers. Usong sah den Fall, und suchte den Tod.

Er wurde ihn in wenigen Augenblicken gefunden haben. Scherin trug das Reichspanier von Persien. Der Getreue fiel dem Kaiser in den Zaum, und drehte sein Pferd um. Vergib deinem alten Diener, sagte er, aber Persien kan nach einer Niederlage sich erholen, nach Usongs Tode nicht: er befahl auf den beyden grossen Trommeln das Zeichen zum Abzug zu geben, ohne des Kaisers Antwort zu erwarten. Der Ruckzug war so gefahrlich, als der Anfall, noch mancher Held musste unter dem Geschutze fallen; doch hieb sich der persische Sabel einen Weg durch die dicken Glieder der Jenjitscheri, und der Kaiser kam in Sicherheit.

Scherin warf sich zu seinen Fussen, und erkannte sich des Todes schuldig, weil er den Abzug anzubefehlen uber sich genommen, und selbst dem Kaiser einigermassen Gewalt angethan hatte. Aber der dankbare Usong ubersah die Umstandlichkeiten, und drang in die innere Absicht des eifrigen Dieners, er umarmte ihn, und dankte ihm, dass er sich in einem Augenblikke besassen hatte, wo Haiders Tod den Kaiser aus aller Verfassung gebracht hatte.

Der Sultan unterstund sich nicht, die Feinde zu verfolgen: sein Fussvolk war unbedeckt, wenn seine dicke Phalanx sich getrennt hatte, so war sein Untergang unvermeidlich. Er sah in geschlossenen Linien auf beyden Seiten einen Theil der Perser stehen: er schloss selbst seine zerbrochenen Glieder, liess aus dem groben Geschutze ein allgemeines Feuer, als ein Siegeszeichen machen, und blieb in Schlachtordnung. Die Osmannen34 hatten weit mehr Volk verlohren, als die Perser. Aber den grossen Usong vom Schlachtfelde getrieben zu haben, schien dem Machmud genug, seinen Namen zu verewigen.

Die Perser zogen sich, nach dem Entwurfe des Kaisers, in eine Stellung zuruck, wo sie Wasser und Lebensmittel fanden. Seufzend musste er so manchen Freund, so manche Stutze seines Reichs unbegraben lassen. Und wer wird meine Nuschirwani trosten, sagte er selber trostlos? Er kannte noch nicht ihre ganze Grosse.

Er vertheilte sein Heer auf beyde Flugel der Osmannen, und gab den vorigen Befehl, die Lebensmittel abzuschneiden, und die einzelnen Schaaren, die der Feind wegen des Futters ausschicken schicken musste, mit Vorsicht anzufallen. Denn das Schlachtfeld war ein durrer Anger35.

In drey Tagen hatte ein vom Scherin abgeschickter Bote die ungluckliche Zeitung nach Tabris gebracht. Die grosse Stadt wallte, wie ein Meer im Sturme, von der Furcht furs kunftige, und vom Entsetzen uber das vergangene. Nuschirwani horte ohne Thranen alles das zertrummernde, das in der Zeitung lag. Hier ist keine Zeit zum Weinen, sagte sie, und begab sich auf den weiten Meidan, auf einen zum Kriege ausgerusteten Elephanten. Sie liess durch die grossen Trommeln die Haupter der zu Tabris liegenden Volker versammeln, und zugleich die Vornehmsten der volkreichen Stadt zusammenfodern. Das Heil von Persien, sagte sie durch einen Herold, beruht auf dem Gebrauche dieses Augenblickes. In einer Stunde mussen die Kriegsvolker aufbrechen, zum Kaiser zu stossen: morgen mochte er von der Obermacht der Feinde erdruckt seyn. Und wer unter den Einwohnern des grossen Tabris sein Vaterland, und seine Kinder liebt, der wird mich begleiten: ohne neue Krafte, womit der Kaiser die Feinde aufhalten kan, ist in wenigen Tagen Tabris ein angezundeter Schutthaufen, worinn die Leichen seiner Burger zu Asche werden.

Tabris griff zu den Waffen, zehntausend streitbare Manner, der Ausbund seiner tausenden, vereinigten sich mit der Kriegsmacht, und zogen augenblicklich gegen Arzendgan. Alle Greise, die Persien hatten befreyen helfen, griffen zur Lanze, und stellten sich vor die Gewafneten. Eilende Boten flogen voran, den Kaiser aufzusuchen, und ihm anzukundigen, dass die Verstarkung anruckte. Andere Boten beriefen auf fluchtigen Pferden Persiens Landmacht zusammen. Nuschirwani zog mitten unter den Kriegern aus, ihren Vater zu retten. Hat doch Ajeschah, sagte sie, in einer weit schlimmern Sache, auf einem Kameele die Schlagenden angefrischt36.

Sie sorgte fur die Gemahlin ihres edlen Vaters, und liess sie, halb verschmachtend, mit einer genugsamen Bedeckung, auf das Schloss Karpurt37 bringen, dessen feste Lage es vor einem feindlichen Ueberfalle sicher stellte.

Machmund ruckte langsam und zweifelhaft fort. Seine Reuterey war vernichtet, ein Theil seiner Jenjitscheri war unter den Sabeln der verzweifelnden Perser gefallen, er besorgte ohne Wasser und ohne Mundvorrath zu seyn, und sah in einiger Entfernung die persischen Heere ihn beobachten.

In wenigen Tagen vereinigte sich das neue Heer mit dem Kaiser, und alle Stunden kamen Verstarkungen an, die eine Wirkung der von der standhaften Nuschirwani ausgesandten Boten waren. Ganz Persien stund auf, ein einziger Wille herrschte in dem grossmuthigen Volke; den Kaiser und des Vaterlandes Ehre retten, war der einzige Wunsch, gegen den die Liebe des Lebens verstummete.

Nuschirwani liess sich ungesaumt zu ihrem erlauchten Vater bringen. Alles ist gerettet, da Usong lebet, sagte sie, und eilte zu seinen Fussen. Der Kaiser sah keinen weiblichen Zug in ihrem Angesichte, keine Spur der Furcht oder der Niedergeschlagenheit, sie athmete nichts als Grossmuth, und die Bestrebung das Reich zu retten, glanzte in ihren Angen. Usong umarmte sie aufs zartlichste. Mit einer solchen Tochter, sagte er mit Wehmuth lachelnd, wer konnte Sohne wunschen!

Machmud hatte keine Hofnung mehr Tabris zu erobern, er musste befurchten, seine ermudeten Volker wurden umringt, und ein Raub des Schwerdtes werden. Er zog sich langsam zuruck, und kein Haus rauchte in Persien von den Fackeln des siegenden Heeres. Aber Machmud war grausam, er liess die verwundeten und auf dem Schlachtfeld aufgehobenen Perser niedermetzeln, und wollte keine gemeine Rache ausuben, sondern liess auf einen jeden Tag hundert dieser Unglucklichen ermorden38. Er zog sich nach Karamanien, verwustete was noch verschont geblieben war, und fuhrte sein Heer gegen das schwache Trapezunt.

David war ausser Stand dem Sieger zu widerstehen, er ubergab sich dem Machmud, der ihm sein Leben versicherte. Aber dieser blutdurstige Sultan kannte die wahre Ehre und die Wurde seines Wortes nicht, er liess den ganzen kaiserlichen Stamm der Comnenen ausrotten.

Fussnoten

1 Bizarrs hat diesen Sieg angemerkt. 2 Moscheen. 3 Unter den Aliden blieb diese Einrichtung. 4 Chardin in seiner Reisebeschreibung. 5 Chardin descr. d'Ispahan. 6 Chardin T.V. 7 Della Valle T. II. 8 Volker im Geburge zwischen Persien und Multan. 9 Volker zwischen Kerman und Sind. 10 Darius der Sohn des Hydaspes. 11 Auch Della Valle ruhmt sie. 12 Chardins Reise. 13 Schwaben. 14 Uladislaus, Konig in Polen und Ungarn. 15 Die Schlacht bey Varna. 16 Des chinesischen Epicurs. 17 Im Jahr 1409 ruckten die freyen Helvetier durch den halb gefrornen Rhein gegen die Oesterreicher an: wie sie im Strome stunden, so siel etwas vor, das nicht zuliess, sie fortrucken zu lassen. Diese tapfern Manner, die keinen Feldherrn, und ihre Kinder und Bruder zu Hauptleuten hatten, stunden die Kalte und die Ungeduld ganze Stunden aus, und zogen nicht eher ans Ufer, als bis es ihnen etwa befohlen wurde. 18 Della Valle T. IV. & V. 19 Raubthiere, die des Nachts die Leichen auswuhlen. 20 Das kaspische Meer schwillt aus den persischen Ufern, und macht das nachste Land zum ungesunden Sumpfe. 21 Kampfer. 22 Kinderpocken. 23 Unter dem Mir Wais und Machmud. 24 So waren sie vor dem Schach Abbas. 25 Dieses Volk besitzt von den alten Zeiten her, und noch itzt, den Vorzug der edelsten Zuge. 26 Timur hatte eben so vom Bajazid gesprochen. 27 Bizarro. 28 Starke Stunden. 29 Dieses ist der Gebrauch der Turken bey Uebeln, wider die sie kein Mittel wissen. 30 Bizarro hat diese Schlacht. 31 Bizarro erzahlt den Feldzug, als ob Machmud selber die Turken angefuhrt hatte. Der hitzige Sieger wurde schwerlich seinem Feinde ausgewichen seyn. 32 Zu Paris gemacht, sagt die Geschichte. 33 Die abendlandischen Geschichtschreiber machen diesen Dschuneid zum Sohne des Usongs. Marco Guazzo schreibt eben diesem Dschuneid, den er Dschenial nennt, den Befehl in der Schlacht, und seiner Verwegenheit zu, dass Persien dieselbe verlohren habe. Usong hatte ihm verboten zu schlagen. Der junge Furst, der zwey Pascha uberwunden hatte, ware aber wider den vaterlichen Willen vorgeruckt, von Machmud umringt, und mit dem ganzen Heere erlegt worden. Aber des Bizarro Erzahlung ist glaublicher, und hochst unwahrscheinlich, dass der erfahrne Usong bey einer so wichtigen Gelegenheit den Befehl des persischen Heeres einem jungen Herrn uberlassen habe. 34 40000 Mann gegen 8000 Perser. Bizarro 35 Gansefelder nennt es Bizarro. 36 In der Schlacht des Kameels, wo die Syrer vom Ali geschlagen wurden. 37 Bizarro. 38 Bizarro.

Viertes Buch.

Das persische Heer lagerte sich in den Wiesen um Tabris. Usong hielt es nicht der Klugheit gemass, einen sieghaften Feind zu verfolgen, der die Krafte nicht verlohren hatte, wodurch er den Persern war uberlegen gewesen. Der Kaiser hatte immer eingesehen, dass ohne Fussvolk eine standhafte Saule von Jenjitscheri nicht zu bezwingen war, und nunmehr hatte die Erfahrung das ahnden seiner Weisheit bestatiget. Er erhielt zwar die spate Hulfe von Venedig, aber sie ersetzte den Mangel an Volkern nicht, die im Gebrauche der Feuergewehre geubt waren.

Eine schaudrichte Stille herrschte in den Zusammenkunften, und auch im kaiserlichen Hause. In jenen durfte niemand sich nach dem Schicksale der Kriegsbedienten erkundigen, weil er selbst eine leidige Zeitung zu vernehmen, oder andere in Betrubniss zu setzen befurchten musste. Ganz Persien war in Trauer, und kein angesehenes Haus war, das nicht einen wurdigen Abkommling verloren hatte.

Nuschirwani hatte gesagt, nun darf ich weinen, und hatte sich eingeschlossen, ihr Ungluck zu betrauern. In den Jahren, wo sie hoffen sollte, das Vergnugen einer glucklichen Ehe lange zu geniessen, verlor sie einen liebenden Gemahl, den sie mit allem dem Feuer liebte, das in ihrem Gemuthe herrschete. Sie sah des Kaisers Munterkeit abnehmen, seit dem Tode der holdseligen Liosua hatte ihn niemand frohlich gesehen. Ihre ganze Zartlichkeit vereinigte sich auf den jungen Ismael, dessen Auferziehung sie selbst ubernahm, ob sie wohl dabey die weisesten und tugendhaftesten Perser sich helfen liess.

Sie verliess den alles versprechenden Knaben fast niemals. Sie hatte von der Kindheit an ihn lallend angenommen, und selber unterwiesen. Die ersten Grunde der Weisheit hatte sie ihm aus den Fabeln beygebracht, die Locman oder Saadi hinterlassen, oder sie selbst erfunden hatte. So wie er anwuchs, wurden die Fabeln zu Erzahlungen, in denen er allemal die Tugend loben und belohnen, allemal das Laster schelten und bestrafen horte.

Die Erbfurstin machte einen nutzlichen Gebrauch von der Kunst der Mahler1: sie wusste, dass sinnliche Bilder die Kinder mehr aufwecken, und unendlich mehr anziehen, als abgezogene Begriffe. Sie fand Mittel, fast die ganze Sittenlehre in Gemahlde einzukleiden, die eine Erzahlung erklarte. Der kunftige Held gewann an dieser Art ihn zu unterrichten einen solchen Geschmack, dass man ihn nicht ersattigen konnte. Bald stellte ein Gemahlde einen Sultan vor, der in ein odes Zimmer trat, wo nichts als ein Schaferkleid und ein Hirtenstab war: der Sultan sah erzurnt die ihm nachfolgenden Hoflinge an. Nuschirwani erklarte das Bild durch die bekannte Geschichte des persischen Staatsdieners aus Kerman. Sie liess dann den Fursten selber seine Schlusse aus der Geschichte ziehen, und half ihm zur Anwendung. Ismael siehet, sagte sie, dass ein Furst den Verleumdungen der Neider unterworfen ist, und dass er sich huten soll, als wahr anzunehmen, was nicht erwiesen ist. Denn der getreue Diener liess sich nicht bewegen, zum zweytenmale seines Herrn Wankelmuthigkeit sich bloszustellen, und der Konig verlor die Stutze seines Reiches. Mehemet Ali Bey war der treueste Diener, und seine Tugend konnte ihn nicht vor dem Neide schutzen. Der Konig sollte sich aber erinnert haben, dass es eine blosse Sage war, das verschlossene Zimmer verheele grosse Schatze. Hatte er die Pflicht eines weisen Fursten beobachtet, so hatte er aus den Rechnungen des Ali Bey's selber wissen konnen, ob dieser Wasir untreu ware.

Auf einem andern Blatte sah man in einer Entfernung Byzanz in seiner Herrlichkeit liegen, und Timur, dessen Bildung kenntlich, und auch dem jungen Erbfursten bekannt war, die Augen von der prachtigen Aussicht abwenden. Was sagte Timur, der Schrecken der Welt? Er wurde von dem griechischen Kaiser gebeten, seinen Hof zu besuchen; denn Timur hatte ihn vom Bajazid errettet, dem Ahnherrn Machmuds. Aber Timur antwortete: die Stadt ist zu schon, ich mochte versucht werden, sie behalten zu wollen. Er zog ab, und nahm kein Dorf fur den Lohn seiner Hulfe an, die doch vielen tausenden muthigen Tartaren das Leben gekostet hatte.

Auf diese Weise fullte sich Ismaels Gemuth mit den glanzenden Bildern der Tugend, bis dass sie ihm zur Natur wurde. Auch in Bildern lernte er die verschiedenen Geschopfe, womit die Welt ausgezieret ist, die Reiche, in welche die Menschen die Erde getheilt haben, die einem jeden Lande eigenen Reichthumer, und die Ordnung der Himmel. Oefters schlug ihm die Kaiserstochter zur Strafe ab, ihm eine Geschichte zu erklaren, und lernen war seine Belohnung.

Andere auserwahlte Manner unterrichteten ihn in den Leibesubungen, die einem Fursten zur Zierde dienen. Aber man sorgte aufs genaueste, dass unter seinen Meistern kein untugendhafter sich einschleichen konnte, und dass kein Wort gesprochen wurde, das in der reinen Seele des Knaben einen Flecken gelassen hatte.

So wie er alter wurde, lehrte man ihn sein kunftiges Volk, und eine jede Landschaft von Persien kennen, und ihre wichtigsten Stadte, und die Fruchte der Natur und der Kunst unterscheiden. Nuschirwani brachte bey einer jeden gelesenen Stelle eine edle Geschichte an. Hier wurde die schone Panthea gefangen, und ihrem Gemahle wieder unberuhrt zugeschickt: und dieser Gemahl setzte hernach das Leben fur den enthaltsamen Cyrus zu. Das gewinnt man, sagte Nuschirwani, mit der Tugend, sie erwirbt uns die Zuneigung der Volker, und ist der einzige Preiss, um welchen man die unschatzbare Treu wahrer Freunde erkaufen kann.

Nunmehr war Ismael reif von Gott zu horen. Nuschirwani brachte ihm die unumschrankten Begriffe bey, die doch nur einen Theil der Grosse von Gott ausdrucken. Sein Sinn wurde mit lebhafter Liebe gegen den Gutthater der Menschen belebet, und er lernte mit Zittern den Namen des Richters der Welt verehren, vor dem die Kaiser Menschen sind. Die Kaiserstochter arbeitete unermudet, dem Gifte der Schmeichler vorzukommen, und den Erben von Persien zu uberzeugen, dass der Thron nur darinn seinem Besitzer eine wahre Grosse gebe, weil er auf demselben mehr Gutes thun konne. Gott, sagte sie, erwartet aber auch von demjenigen am meisten, dem er seine Macht anvertrauet hat. Wehe dem, der in der Beylage ungetreu ist, fur die er ewig antworten soll?

Sie lehrte ihn die Anfanger der kaiserlichen Hauser kennen, den Cyrus, den Ardeschir2, den Yao, den Wuwang, den Oguz. In der Tugend dieser Helden, in ihrem unermudeten Eifer fur das Wohlseyn ihrer Volker lag die Wurzel ihrer Grosse, und ihres ewigen Ruhmes. Auf eben die Weise zeigte sie ihm die Fursten, unter denen die grossten Reiche zu Grunde gegangen waren, den Sardanpul, den Balschazzar, den Tscheu, die letzten Abassischen Kalifen. Die Wollust, sagte sie, erniedrigt das Herz, und beugt es in die Zunft der Thiere. Ein Furst, der sich ihr ubergiebt, verliert das Zutrauen der Volker, und er verfallt in die heimliche Verachtung der Schmeichler selber, die ihn beherrschen: unter seinem Sohne sinkt der wankende Thron ein, den seines Vaters Untugend erschuttert hat.

Sieh deinen Ahnherrn, sagte die edle Nuschirwani mit Entzucken, sieh ihn, einen kleinen Fursten der Mongalen, einen Gefangenen, einen Sclaven, sich durch seine Tugend auf den Thron von Persien schwingen. Dieser Tugend ist mein Ismael die Erwartung des schonsten Thrones der Welt schuldig. Usong ist durch sie fur sich selbst glucklich geworden, und seine Enkel geniessen den Lohn seiner Verdienste. Und was kostet ihn dieser Thron? Nichts als die willige Befolgung seiner Pflichten, wobey er mehr Vergnugen fand, als die elenden Kalifen bey ihren Buhlschaften, unter dem eisernen Stabe ihrer Veziere, unter dem drohenden Sabel ihrer eigenen Leibwache, und unter der taglich sich erneuernden Furcht, noch vor dem folgenden Morgen vom Throne in einen umgitterten Thurm gestossen zu werden. Usong wird von der Liebe seiner Unterthanen wie mit flammenden Schwerdtern bewacht: sein Herz giebt ihm das einzig uberzeugende Zeugniss seiner innern Wurde: es fuhlt keine Triebe, die es vor der Tugend zu verbergen wunschte: sein Feuer wird fur die Welt lauter Licht und fruchtbare Warme. Die ganze Erde wiederholt das Zeugniss seines Herzens, und von dem Munde hundert Volker umschallt den Usong der Ruhm seiner grossen Eigenschaften.

Das Herz brannte dem edlen Knaben: soll ich ein Enkel Usongs, und nicht tugendhaft seyn, nicht den Ruhm der Welt verdienen, nicht dem obersten Wesen gefallen, ein unwurdiger Mensch, er Verworfner vor Gott, der Welt und den Nachkommen seyn?

Der Krieg wider die Osmannen wurde zwar durch keinen Frieden geendigt, aber ohne Hitze gefuhrt. Machmud hielt seine Eroberungen besetzt, ohne Persien anzugreifen, und hatte eine Wuste zwischen ihm und dem Usong gemacht, die keiner von beyden mit einem Heere durchziehen konnte, ohne sich dem Untergange bloszusetzen. Usong hatte nach Pir Hamets Tode keine Ursache mehr, Karamanien in Besitz zu nehmen, er kannte die Schwierigkeiten des Krieges, und die Schatten der unersetzlichen Freunde schwebten bestandig vor seinen Augen, die bey Arzendgan gefallen waren. Doch that er einen Feldzug wider einige georgische Fursten, die den Lowen gereitzt hatten, den sie fur tod hielten. Aber Usong bewies ihnen sehr bald, dass Persien nichts von seiner Macht verloren hatte, und zwang die Fursten Gorgora und Pancraz, jahrlich ein vorgeschriebenes Gewicht Gold zum Zeichen ihrer Unterwerfung ihm zu bringen3.

Der Hof zu Tabris vergrosserte sich durch die Ankunft einer zahlreichen Bothschaft vom machtigen Konige der Patanen. Sie brachte ansehnliche Geschenke, Elephanten und andere seltene Thiere, die Usong mit Vergnugen sah. Der Patan hatte bey dieser Bothschaft keine andere Absicht, als die Begierde, einen Herrscher naher zu kennen, von dem das Gerucht so viel erhabenes ausbreitete.

Eine andere Bothschaft kam im Namen verschiedener Stamme der Mongalen. Sie brachten die Zeitung vom Absterben des Timurtaschs, und vereinigten sich, die Herrschaft ihrer Horden seinem erhabenen Sohne anzubieten, dessen grosse Thaten bis zu ihnen, in die Wusten der ostlichen Tartarey, durchgedrungen waren.

Usong erklarte sich gegen die Unterthanen seines Vaters nach einigem Bedenken: Euer Gluck, sagte er, edle Bruder, erfordert einen gegenwartigen Fursten: mich hat das Schicksal auf den Thron von Persien abgerufen. Euer Zutrauen ruhret mich, ich werde ihm entsprechen. Tarkemisch, aus dem Blute des Tschengis, ist der getreue Gefahrte meiner Gefahren gewesen, er ist bey Arzendgan verschont worden, da so viele Helden von eurem Blute fielen. Ihn schlag ich euch zum Khane vor. Er hat Tugenden, die euer Eigenthum seyn werden. Usong musste euch durch andere rathen. Tarkemisch wurde auf einen Schild erhoben, den die Edlen unter den Mongalen mit ihren Kopfen stutzten, und reisete mit ihnen ab. Er schwur dem grossmuthigen Usong eine ewige Dankbarkeit zu, und der Kaiser erinnerte sich des Versprechens, das Liewang von ihm gefodert hatte, niemals der Nachbar von China zu werden.

Die Bothschafter hielten sich eine lange Zeit zu Tabris auf. Usong liess sie zu den freundschaftlichen Abendmahlzeiten bitten, die er wechselsweise seinen Vertrauten, und denjenigen gab, deren Verdienste er auszeichnen wollte. Ein Freund des Kaisers zu seyn, war der Preiss erhabener Eigenschaften, und das Ziel der tugendhaften Ehrbegierde. Der Kaiser war in dieser auserlesenen Gesellschaft freymuthig, und sah auch gern, wenn die Gaste ihm den Anlass gaben, uber die wichtigsten Angelegenheiten der Regierung sich zu erklaren.

Der Patan fieng an: Herr der Zeiten4, sagte er, wie ich bey der Pforte deiner Burg anlangte, so fragte ich nach deinem Wasir, dem wollte ich die Briefe von dem Wasir meines Herrn, und die Geschenke ubergeben, die der hohen Stelle angemessen waren, auf welcher Persiens Polstern erhoben ist5. Man kennt hier keinen Wasir, war die Antwort. Ich glaubte, vielleicht hat Persien seine Kolas, oder seine Haupter in einer jeden Abtheilung der verschiedenen Geschafte des Reiches. Ich fragte nach dem Haupte des Kriegswesens: es fand sich keines, und eben so gieng es mit den Kammersachen, der Gerechtigkeit, und der innern Ordnung.

Gott hat dem weisen Usong seines Ahnherrn, des gefurchteten Tschengis, Geist gegeben, er ubersieht, wie die Sonne, sein ganzes ausgebreitetes Reich auf einmal. Ist aber Usong, wie die Sonne, unermudlich? Sie glanzt heute uber dem Haupte des Kaisers eben so lebhaft, als sie uber dem Oguz glanzete. Kann aber ein Sterblicher sich schmeicheln, unermessliche Lasten zu tragen, und niemals zu ermuden? Das Wesen, das den Usong von allen Sterblichen mit so grossen Eigenschaften unterschieden hat, lasst ihn dennoch in der Reihe der Sterblichen, deren Oberster er ist! Mochte es deine Tage verlangern, wie die Tage der ersten Kaiser, wie die Tage des Cajumaras6! Aber Usong muss alt werden, er wird einen Nachfolger haben. Werden die Krafte des ehrwurdigen Greises die Last tragen konnen, welcher der jungere Usong gewachsen war? Werden deine Nachfolger eben die Riesenschultern der Burde, des Staates unterziehen, mit denen Usong Persiens Wohlfarth stutzet? Verzeihe, Weisester der Herrscher, wenn der Diener deines Freundes einen Zweifel aussert, der eine Wirkung der aufrichtigsten Theilnehmung an deinem Wohlstand ist. Konnte Usong nicht, wie andere Herren, Hulfe in treuen Dienern finden, er, der scharfsichtig, sie wohl zu wahlen, und aufmerksam ware, sie ihren Pflichten getreu zu erhalten?

Usong sagte mit der Freundlichkeit, die bey ihm nach dem Tode der geliebten Liosua die Stelle seines frohlichen Lachelns vertretten musste: Ich erkenne es als eine Gluckseligkeit, dass auch weise Freunde mich lieben: es wolle der Khan meine Antwort horen.

Einen Wasir Azem7 wurde ich nimmermehr annehmen, so eingeschrankt meine Krafte sind. Ich will von meinem Volke geliebet seyn: ich will, dass es glucklich sey. Ist der Wasir ein wurdiger Verweser des Staates, so bleibt der Dank des Volkes bey ihm stehen, so wie die Wohlthaten von ihm kommen. Der Wasir wacht uber den Gesetzen, er erhalt die Ordnung, seine sind die Siege, sein die Erhorung der Bittschriften, sein die Gerechtigkeit. Ein solcher Wasir ware eine Wolke zwischen mir und meinem Volke. Die Perser sahen an ihm den Glanz, ich bliebe ungesehen und verborgen. Mein Ehrgeitz ist, gutes zu thun, ich muss also selbst sehen, selbst befehlen.

Hat der Wasir Fehler, ist er unfahig, ist er habgierig, beredet ihn sein Ehrgeitz Eroberungen zu machen, lasst er sich von seinen Gunstlingen einnehmen, druckt er die allzuschimmernden Verdienste anderer Diener des Reiches: hat das Volk Ursache zu gerechten Klagen, so trift den Usong die Schuld, den unweisen Usong, der ubel gewahlt hat, den tragen Usong, der auf dem Throne sitzen will, aber die Pflichten des Zepters zu schwer findet. Usong ist unglucklich, sein Volk liebt ihn nicht mehr. Aber er ist noch viel elender, denn sein Volk ist unglucklich. Und wenn er schon erwacht, wenn er den Wasir sturzt, der das Volk zu murren gezwungen hat, so ist vieles Gutes verabsaumt, das ohne den Untuchtigen hatte geschehen konnen, viel Boses geschehen, das ein minder machtiger Diener nicht wurde gewagt haben, das nicht geschehen ware, wenn Usong selbst die Geschaffte gekannt und geleitet hatte. Und wo ist die Sicherheit, dass ein zweyter Wasir ohne Fehler seyn werde?

Ein Furst hat keine Ursache geitzig zu seyn, er sinkt unter dem Ueberflusse. Er soll nicht eifersuchtig uber gute Diener seyn, von ihnen kann er nicht verdrungen werden, er hat sie nicht zu befurchten. Ein jedes Verdienst im Reiche macht den Herrscher grosser, weil es das Reich glucklicher macht. Kein fleissiger Landmann ergrabt eine neue Quelle, die mich nicht bereichere: kein Pflug entsteht, dessen Arbeit ich nicht geniesse: kein Zweig der Handlung erweitert sich, ohne den Glanz meines Thrones zu vermehren. Usong leidet hingegen von allen Fehlern seiner Bedienten. Er ist also innigst durch sein eigenes Gluck verbunden, alle Guten zu lieben, alle Bosen zu entfernen, alle Theile des offentlichen Wohlseyns zu vermehren, alle Arten von Ungemach vom Reiche abzuwenden: denn die Ruhe seines Gemuthes, und die Liebe der Perser ist sein theurestes Eigenthum. Wird ein anderer besser fur den Usong sorgen, als Usong fur sich selber?

Ich will die Geschichte nicht anfuhren, worinn ich doch die Folgen erwiesen finde, die der Fursten Fehler oder Tugenden haben. In den Abendlandern dulden die Volker auch bose Fursten viel ruhiger, und sie leiden sie als Strafen des Hochsten, wie die Blitze, und den Hagel, den Gott als Zeichen seines Zornes auf schuldige Lander ausschickt. Und doch selbst in den Abendlandern habe ich gefunden, dass die Tugenden und die Laster der grossen Staatsdiener die Thronen umgesturzt haben. Drey machtige Wasire drungen bey den Franken die Enkel ihrer Helden vom Throne weg8, und erniedrigten sie in den Stand geschorner Derwische: und schlimme Staatsverweser haben andere Reiche von ihren Schatzen entblosst, ihr wahres Wohl verabsaumt, und das Schiff des Staates, woran sie das Steuer fuhrten, gerade an die Klippen geleitet.

So lang Usong Krafte fuhlt, fur sein Volk zu arbeiten, so lang wird diese Arbeit seine Wollust seyn. Das hat die Tugend vor der Wollust bevor, dass beyde durch die Gewohnheit zur Natur werden: dass aber die Tugend den Menschen erhebt, und die Wollust ihn erniedrigt; dass bey jener das Vergnugen durch die Gewohnheit zunimmt, und bey dieser die Empfindung taglich schwacher, und endlich zum Eckel wird. Usong ist dabey nicht zu bedauren: er geniesst, was ihn einzig vergnugen kann, den taglichen Anblick des Wohlstandes seiner Perser. Welche Georgische Schone kann den Reitz haben, den ich bey einer Stadt finde, die aus ihrem Schutte steigt, oder bey einem neuen Dorfe geniesse, dessen Einwohner wohlgekleidet, freudig ihren Pflug mit starken Ochsen treiben, und am Abende unterm Schatten eines Tschinars ihrer Kinder Vergnugen, und die Aufnahme ihrer Felder uberdenken.

Meine spaten Nachfolger kann ich nicht kennen, meine Verpflichtung geht nicht so weit, ihre Fehler sich nicht die meinigen. Davon ist aber Usong uberzeugt, dass unter einem Fursten keine Volker glucklich seyn konnen, der nicht selbst arbeitet, nicht selbst fur sie sorget. Alles, was ich thun kann, ist, meinen nachsten Nachfolger so zu bilden, dass ich hoffen konne, er werde ein Kaiser, und nicht die Larve eines Kaisers seyn, durch die ein andrer sprechen und befehlen musse. Die gute Auferziehung des Thronerben ist das einzige Mittel, das einen herrschenden Stamm auf dem Throne befestigen, und den Wohlstand des Reiches verewigen kan.

Usong sprach mit einem Feuer, das in alle Gemuther drang, und eine dauerhafte Verehrung seiner Tugend bey den erlauchten Fremden bewirkte. Dennoch brachte der Gesandte von Venedig seine Zweifel an. Er war ein Sohn der Freyheit, der die Harte der Regierung, und die despotische Gewalt verabscheute: ihm war unbegreiflich, wie eine Herrschaft gerecht gefuhrt werden konnte, wo ein einziger Wille fur alle zum Gesetze wurde. Verzeih, erhabner Freund der Tugend, sagte er, wenn ein in entfernten Landern gebohrner mit befremdeten Augen die morgenlandischen Staatsverfassungen ansieht. Gewahre mir die Gnade, die Zweifel aufzulosen, die in meinem Herzen wider die Regierung eines einzigen, vielleicht durch blosse Vorurtheile erzeuget, geherrschet haben. Wenn jemals die unumschrankte Gewalt einen sieghaften Vertheidiger finden kann, so wird es Usong seyn, der diese Gewalt so offenbar zum Besten der Welt anwendet.

Aber wie manchen Usong wird die Geschichte unter den unumschrankten Herrschern der Morgenlander finden? Mir kommt die Regierung eines einzigen wie eine gesetzliche Tyranney vor, die ihre grausamen Wirkungen unfehlbar ausubt, wenn nicht ein Wunder der Welt auf dem Throne sitzt. Ich habe mir Haruns Alraschids, ich habe mir Timurs, und so vieler andern morgenlandischen Helden Geschichte bekannt gemacht: sie waren grosse Fursten, herzhaft, edelmuthig, ofters auch gerecht: sie beschutzten die Wissenschaften, und hatten uberhaupt einen Gefallen an der Tugend, und an den Gemuthsgaben ihrer Unterthanen. Aber diese guten Eigenschaften erfullen noch nicht die Pflichten eines Beherrschers, sie versichern das Leben und das Gluck der Volker nicht. Wie grausam hat nicht Harun aus einer niedertrachtigen Eifersucht den edlen Giafar, und das wurdigste Geschlecht unter den Arabern, die Barmekiden, unterdruckt? Wurde ein solches Unrecht moglich gewesen seyn, wenn sein Rath uber das Blut des unschuldigen Giafars gerichtet hatte, der bloss die Rechte der Natur einem unsinnigen Verbote vorgezogen hatte9? Wie oft hat Timur ganze Volker ausgerottet, wie oft hat er den ihre Schlussel bringenden Stadten Gnade versprochen, und dennoch dem Schwerdte den Lauf gelassen: Wie manche Kriege hat bloss der Ehrgeitz bey den gesetzfreyen Fursten erweckt? Wie haben die Osmannen halb Asien verwustet, und Europa mit den rauchenden Spuren der Verheerung angefullt, bloss weil ein Sultan nach dem Namen eines Gazi10, und nach dem Rechte einer Dschiami11 lustern war?

In freyen Staaten werden alle Entschlusse von vielen genommen. Es ist nicht leicht moglich, dass ein ungerechter Entschluss von vielen ungleich denkenden, von vielen mit einander eifernden Mannern angenommen werde, dabey nicht mancher, oder dabey gar keiner, seinen eigenen Vortheil siehet. Der heimliche Stolz, der auch in tugendhaften Herzen keimt, waffnet die Beredsamkeit derjenigen, die den Verfechter eines ungerechten Anschlages nicht lieben; es wird schwerlich geschehen konnen, dass er zugleich dem Hasse seiner Gegner, und der Wahrheit zu widerstehen vermoge, die der Beweggrund des uneingenommenen ist.

Aber bey einem unumschrankten Herrscher ist der Zorn eines Augenblickes ein Todesurtheil, eine aufwallende Leidenschaft zerstoret eine Stadt, und der Grimm uber ein hartes Wort wird zur Kriegeserklarung. Der Strahl fallt augenblicklich nach dem Blitze, und die Reu kommt nach dem Unglucke.

Ich sehe, dass Usong nach den Gewohnheiten Persiens unumschrankt herrscht, dass er auch eine eigenthumliche Herrschaft besitzt, die ihren Sitz in den Herzen der Volker hat. Wie hat aber seine Tugend das Mittel gefunden, dass unter einer keinen Gesetzen unterworfenen Macht niemand leidet, niemand klaget, und so viel tausend Munde sich alle zu seinem Lobe vereinigen?

Eine aus vielen weisen Mannern bestehende Regierung kann nicht auf einmal verfallen. Der Tod des einen wurdigen lasst sich verschmerzen, wo so viele andere ubrig sind. Zeno starb, aber Venedig blieb bluhend. Unter Monarchen hangt das Gluck des Reiches am Athem eines Sterblichen. Kaum hat die Welt einen Timur bewundert, so folgen auf ihn unwurdige Enkel, wollustige, trage, unfahige Fursten. Die Wahl, die in einem freyen Staate den verachteten, den ehrlosen, den untuchtigen ausschliesst, hat keine Kraft wider die Rechte der Geburt. Ein grosses Volk muss sich einem Wutriche, einem Sardan-Pul unterziehen, und geht mit ihm zu Grunde. So sind die Timuriden verschwunden, die Enkel der Geisel der Welt.

Usong sprach: Ich will den abendlandischen Weisen nicht die Ungerechtigkeiten entgegen setzen, die durch den Rath freyer Staaten nicht eben selten begangen worden sind. Ich will nicht darauf dringen, dass zu Rom der Ehrgeitz den Rath, und selbst einen tugendhaften Cato, eben so oft zu ungerechten Kriegen aufgebracht hat, als bey den Osmannen oder beym Timur die Lust zur Vergrosserung. Ich gestehe es auch ein, dass es gefahrlich ist, einem Menschen eine unumschrankte Macht zu lassen; bey Gott ist die Allmacht an ihrer Stelle, denn er ist allweise, und allgutig. Ich finde selbst, dass mein Herz sich wider die plotzlichen und unuberlegten Todesurtheile erhebet, die in den Morgenlandern so gemein sind; diese schleunige Ausubung morderischer Befehle ist fur den Unterthan unertraglich, und auch fur den Herrscher gefahrlich. Wann es nichts kostet als zu wollen, so werden die Menschen immer zu viel wollen, und durch eben diese willkuhrliche Anwendung ihrer Gewalt verlieren die Fursten das Zutrauen ihrer Unterthanen, und werden zuletzt durch den gesammelten allgemeinen Hass wie reissende Thiere uberwaltiget. Mir ist das Blut des geringsten Persers unschatzbar: niemand hat die Macht es zu vergiessen, als das Gesetz.

In Persien habe ich getrachtet eine Staatsverfassung einzufuhren, die fur den Herrscher nicht gefahrlich ware, und wobey das Volk die Ausbruche willkuhrlicher Leidenschaften nicht zu besorgen hatte. Eine freye Staatsverfassung scheint den Morgenlandern nicht angemessen (Hier buckte sich der Patan, und bezeugte durch seine Geberden, dass er eine Einwendung hatte, schwieg aber mit Ehrerbietung); ihre heftigen Leidenschaften scheinen also Schranken zu bedurfen, die nur die monarchische Macht nachdrucklich behaupten kann. Es blieb ubrig, die Perser vor der Unterdruckung sicher zu stellen.

Ein jeder Unterthan, ein jeder Gerichtshof, ein jeder Theil der Staatsverwaltung, muss das Recht haben, sich an den Kaiser zu wenden: sie mussen nicht nur ihre eigenen Angelegenheiten zu betreiben, sondern auch die Nothdurft des Reiches zu beherzigen frey seyn: uber alle Zweige der Regierung nimmt hier der Beherrscher ungeahndet und ungestraft Vorstellungen an.

Der Kaiser verdammt niemand, auch diejenigen nicht zum Tode, die so frech waren, ihn personlich zu beleidigen. Alle Strafen, alle Verurtheilungen werden von den Gerichtshofen uberlegt, und daruber die mehrern Meynungen eingeholt. Ein guter Kaiser hat nicht zu befurchten, dass derjenige ungestraft hingehen werde, der gegen ihn gefrevelt hat. Er behalt dabey das Recht zu begnadigen, und ein kluger Furst wird es willig ausuben. Das Gesetz bestraft den Schuldigen, und dem Herrscher bleibt das edle Vorrecht, zu vergeben.

Die Abtheilungen der Staatsverfassung bleiben von einander unabhangend: der Gottesdienst, das Kriegswesen, die Gerechtigkeit und die Kammersachen mit der Policey, sind vollig getrennte Korper, bey denen jeder Befehl von den obersten Hauptern zu den untersten gehorchenden, ungestort hinabsteigt. Der Kaiser ist der einige Mittelpunkt, wo sich die Vortrage aller dieser Abtheilungen vereinigen. Die Trennung der Machten in einem Reiche versichert den Thron der Fursten, und verhindert die Verbindungen, die wider ihn entstehen konnten. Es wird zwischen den verschiedenen Staatsgliedern allemal einige Eifersucht, und einige Fremdheit bleiben.

Der Kaiser verfugt in keiner dieser Eintheilungen der Reichsverwaltung einige neue Verordnung, ohne eben diejenige angehort zu haben, in die das Geschafft gehort. Dreymal soll der Kaiser ihre Grunde anhoren und untersuchen lassen, und die Ausschreibung der Befehle soll stille stehen: endlich aber muss des Kaisers Befehlen Gehorsam geleistet werden, weil doch ein Ende des Zweifels seyn muss.

Der Kaiser findet seine Sicherheit auch in seinen Abgesandten. Sie machet keinen Theil eines der Staatsglieder aus, und haben keine Beysitzer auch keine eigene Macht, als die Ausfuhrung zu hemmen, wann sie glauben, dieselbe wurde nachtheilig seyn, und einen Bedienten des Staates in die Unthatigkeit zu versetzen, beydes, bis des Kaisers Wille eroffnet ist. Der Kaiser wird auch uber des Abgesandten Vorstellungen die Grunde des Hofes anhoren, wohin die Sache gehoret. Sonst soll der Abgesandte uber alles ohne Aufnahme wachen, was zum Besten des Reiches abzwecket, und uber alles an den Kaiser uneingeschrankt einberichten. Er wird auch auf dasjenige seine Aufmerksamkeit richten, was nicht eigentlich in die grossen Abtheilungen gehort; die Handlung, die Schiffahrt, die Gelehrsamkeit, werden seiner Aufsicht anbefohlen.

In allen Befehlen sollen die nothigen Feyerlichkeiten beobachtet werden, alles wird man in die erforderlichen Bucher eintragen. An diesen ausserlichen Einschrankungen ist alles gelegen: sie unterscheiden eine ordentliche Regierung von der Herrschaft der barbarischen Gewalt.

Mit diesen Vorsorgen glaubte ich, ware der Uebereilung gesteuert: und der Wahrheit bliebe der Zugang zum Throne offen: und dennoch bleibt dem Usong mehr Gewalt, als er auszuuben gedenkt.

Endlich wird mein Freund zugeben, dass eine monarchische Herrschaft einen wesentlichen Vorzug uber die Regierung von vielen hat. Die letztere sinkt langsamer ins Verderben, aber dieses Verderben ist unheilbar, keine Heldentugenden einzelner Manner konnen dem zum Untergang hinreissenden Wirbel widerstehen. Die Tugenden eines Agis, eines zweyten Cato sind in dem verdorbenen Sparta und Rom verlohren, und fuhren beyde zu spat gebohrne Rechtschaffene ohne Nutzen fur ihr Vaterland in das Verderben. Die Sparsamkeit wird lacherlich. Die Strengigkeit zieht dem Gerechten den Hass seiner Mitburger zu, und das heimliche Gestandniss ihrer Unwurdigkeit macht alle diejenige zu unversohnlichen Feinden des Tugendhaften, deren Niedertrachtigkeit sein glanzendes Beyspiel beschamt. Hingegen kann ein einziger Monarch, wann er ernstlich will, ein in die groste Unordnung gerathenes Reich wieder in den besten Zustand bringen. Vespasian heilte die Wunden, die sechs bose Herrscher seinem Rom geschlagen hatten, und nach dem heimtuckischen Domitien lebte es mit verdoppeltem Glanze unter dem Trajan auf. Aber die Republik sank von den Gracchen an immer tiefer, und eilte unrettbar zu ihrer Zerstorung. Da die Herzen verdorben waren, so liessen sich die Gesetze selbst zur Unterdruckung der Freyheit missbrauchen, und die Staatsverfassung wurde unter dem Vorwand ihrer Erhaltung gesturzt.

Der Kaiser schwieg, aber es stiegen doch in seinen Gedanken Entwurfe einiger Verbesserungen auf, die er nachwarts ins Werk setzte. Er wandte sich gegen den Patan, und fragte ihn, was er fur ein Bedenken bey dem Satze hatte, dass keine Freystaaten in den Morgenlandern sich haben erhalten konnen.

Ein neues Volk erscheint seit einiger Zeit an dem Ufer des Indus, sagte der Patan, das allerdings im genauesten Verstande ein Freystaat ist. Man halt dafur, es sey aus Tibet entsprungen. Diese Fremdlinge sind zahlreich, und in zwolf Stamme abgetheilt. Im Frieden haben sie kein Oberhaupt; ihr Gesetzbuch liegt auf einem Altare, und nach demselben richten ihre Aeltesten. Im Kriege wahlen sie einen obersten Feldherrn. Sie haben sich fast des ganzen Indus bis an die See bemachtigt. Ihre Liebe zur Freyheit herrschet bis in den Gottesdienst: sie kennen keine ausserlichen Feyerlichkeiten, und beten in der Stille einen einigen Gott an12. Usong dankte dem Bothschafter fur die Neuigkeit, und wandte sich gegen den Bothschafter von Venedig. Nun haben die Helvetier einem dem ihrigen ahnlichen Bund in Indostan: denn Usong kannte jenes Volk auch insbesondre wegen der Kriegszucht, die bey demselben neben der vollkommensten Freyheit dennoch uberaus scharf war, und, wie der Kaiser anmerkte, das meiste zu den Siegen dieser Bergleute beygetragen haben mochte.

Der Kaiser vernahm bald darauf Machmuds Tod, den ein schmerzhaftes Uebel gewaltsam weggeraft hatte. Der Sultan hatte seine Waffen gegen die Abendlander gewandt, und einen Einfall in Italien gethan; er schien das alte Rom zerstoren zu wollen, so wie er das neue bezwungen hatte. Seinen Thron bestieg Bajazid, ein friedfertiger Herr, der mit seinem eigenen Bruder zu kampfen hatte, und alle Gedanken ablegte, Persien zu beunruhigen.

Usong hielt nunmehr seine Gegenwart zu Tabris nicht mehr fur nothig. Geheime Triebe zogen ihn nach Schiras, wo er eine mildere Luft fur sein annahendes Alter zutraglich zu seyn glaubte, und wo der Sitz der Kunste war, die unter seiner unmittelbaren Aufsicht stunden, und durch seine Freygebigkeit unterstutzt wurden. Das Frauenzimmer gieng mit dem Thronfolger dahin ab: der Kaiser aber bereisete zum letztenmale die westlichen Provinzen, und besuchte die Stadte die er noch nicht gesehen hatte.

Er sah das den Persern unterworfene Armenien, das wichtige, und durch seine Lage befestigte Tiflis, und die Gegenden, wo der Euphrat und der Tiger ihren Ursprung nehmen. Er hatte einen taglichen Anlass zu dem wahrhaftigsten Vergnugen. Alle Aecker waren bebaut, unzahlbare Pfluge machten Gefilde fruchtbar, wo einzelne Antilopen geweidet hatten.

Die Flusse im heissen Mesopotamien, und in Irak, waren uberall zum wassern abgegraben, und eine segensreiche Fruchtbarkeit durch die durstigen Flachen vertheilt. In allen Dorfern sah Usong neue Hauser, wohlgekleidete Bauern, mit ihren Weibern, mit Silber geschmuckt, die Stimme der Freude und des Frohlokkens stieg aus allen Hutten. Usong war nicht mehr einer sinnlichen Freude fahig, aber das Herz des Helden schwoll dennoch von Vergnugen auf, das so viele Gluckseligkeit erweckte, woran er einen so wesentlichen Antheil hatte. Zuweilen musste er dennoch bestrafen.

Er fand unweit Amadan einen Landmann, der ein wohl zugerustetes Pferd leitete, und vernahm, dass es einem der Richter dieser Stadt zugefuhrt wurde. Der Richter war in den persischen Dichtern wohl belesen, selbst scharfsinnig, und wegen seines angenehmen Witzes dem Kaiser vortheilhaftig bekannt worden. Usong liess auf den Landmann achten, und vernahm bald, das Geschenk sey angenommen, und das Geschafft vor dem Richter betrafe eine der Wasserleitungen, die unter den Landleuten allemal die heftigsten Zwiste veranlassen. Beyde wurden vor den Diwan gefodert: sie mussten ihren Fehler eingestehen. Du, sprach der Kaiser zum Landmann, hast einen nutzlichen Mann verfuhrt, der alle Eigenschaften zu einem einsichtigen Richter besass: du hast Persien beraubt; was hat es theurers als tugendhafte Manner? du sollst in Mogostan leben, und dein erster Fehler soll dein Tod seyn. Usong wandte sich hierauf nach dem zitternden Gelehrten: Wer hat besser gewusst als du, dass Geschenke arger als Raubereyen sind, dass sie aus den Handen der Unschuld ihr rechtmassiges Eigenthum reissen, und es dem Verfuhrer zutheilen? du sollst auch in Mogostan, in eben dem Dorfe mit demjenigen wohnen, von dem du dich hast bestechen lassen: so oft ihr einander sehet, soll euer Anblick euch erinnern, dass kein Laster in Persien unbestraft bleibet.

Usong kam endlich in Schiras zuruck. Seine Kunstler hatten manche Jahre ihres Beschutzers entbehrt, und kein Geld befruchtet die Kunste, wie das Auge des Herrn. Er suchte Hulfe fur diejenigen Werke, die geschwacht waren, er munterte die Fleissigen auf, er belud sich mit einem grossen Theil der Waaren, die sie verfertigten. Die Chinesen hatten nun ganze Dorfer mit fruchtbaren Maulbeerhecken, und mit Schildereyen baumwollener Tucher besetzt: und die chinesischen Geschirre wurden in Persien an vielen Orten vortreflich nachgeahmt, auch wohl an Festigkeit, am lebhaften Firnisse, und an gutem Geschmacke ubertroffen.

Der erste Befehl des Kaisers war, seiner geliebten Liosua ein Denkmal aufzurichten. Er erwahlte dazu einen Hugel, auf den man vom Palaste eine freye Aussicht hatte. Das Grabmahl wurde nach dem chinesischen Geschmacke ausgefuhrt, und in silbernen Lampen brannte Tag und Nacht weisses Naphtha um den Sarg. Einige der altesten Diener der Kaiserinn wurden zu Hutern gesetzt, denen das leichte Amt zum Troste ihres Alters dienete.

Usong gab hier verschiedene Verordnungen aus: denn der bemuhte Kaiser beschaftigte sich mit einer jeden Angelegenheit seines unermesslichen Reiches, und eines jeden Theils desselben, als wenn er nur etliche Dorfer zu beherrschen gehabt hatte13. Er sah die Handlung bluhen, die Karawanen kamen von Halep, mit den Waaren der Abendlander beladen, nach Mosul. Die tatarischen Schatze wurden von Bockhara nach Mesched gebracht, und aus Indostan giengen die Reichthumer dieser fruchtbaren Gegenden uber Kandahar nach Schiras. Die Schiffe aus Arabien, aus Gusurat und Atschin brachten nach Basra die Fruchte ihrer Lander, und die Reichthumer des glucklichen Serendibs14.

Usong wusste, wie die Handlung die zweyte Stutze des Reiches ist, denn dem Ackerbau gab er den Vorzug, der so unmittelbar unentbehrlich ist. Einige Karawanen waren angegriffen worden, die Usbeken streiften noch dann und wann, und schadeten dem Handel nach Bockhara. Usong gab ein Gesetz, nach welchem er versprach, dem Ueberwaltigten aus dem Schatze alle die geraubten Guter zu bezahlen, die auf der Landstrasse mit Gewalt weggenommen wurden, und der Statthalter sollte von der Landschaft die Ersetzung desjenigen wieder verlangen, das inner ihren Granzen geraubet worden ware. Dieses grossmuthige Gesetz, das auch die gesittetesten Volker nachzuahmen nicht uneigennutzig genug sind, ist in Persien15 auch unter den gewaltsamsten Regierungen heilig geblieben. Die Landschaften fanden ein leichtes Mittel, dass keine Rauberey mehr so leicht ihnen zur Last gereichen konnte. Sie nahmen Strassenreuter16 an, deren Anzahl der Gefahr nach bestimmt wurde, und diese leichte Anstalt reinigte sehr bald die Strassen so vollkommen, dass man mit unbedecktem Gelde von Orsa bis nach Kandahar reisen konnte, ohne einen Angriff zu befurchten. Denn da diese Reuter auf allen Landstrassen bestandig hin und her eilten, da man die Fremden nothigte, bey jeder Stadt Zeugnisse zu nehmen, und ohne dergleichen Scheine niemand durchgelassen wurde, so verlohren die Rauber alle Hoffnung, unverfolgt zu bleiben, und vermieden mit der grossten Sorgfalt die persischen Granzen. Alle Perser, und insbesondre die ganze Landmacht hatte Befehl, den Strassenreutern beyzustehen, und Usong wurde den Stolz der Kriegsleute streng bestraft haben, die von dem Reiche sich besolden liessen, aber zu dessen inneren Ruhe nicht hatten dienen wollen. Alle die Unbequemlichkeit der Rauberey fiel nun auf die keiner Ordnung fahigen Osmannen, deren Lander von ganzen Schaaren von Freybeutern geplundert wurden.

Der Kaiser erinnerte sich an den Einwurf des Patanischen Bothschafters, sein zunehmendes Alter erforderte einige Verminderung seiner Arbeit. Er gab nunmehr den grossen Abtheilungen der Reichsverwaltung Haupter; eine jede hatte einen Vorgesetzten, der mit dem Kaiser arbeitete. Vier Tage waren fur diese vier obersten Staatsbedienten bestimmt, an den ubrigen arbeitete er in Gegenwart aller der Haupter uber die allgemeinen Geschaffte des Reiches. Da nicht alle dieser Abtheilungen gleich viel Geschaffte anbrachten, so blieb die ubrige Zeit fur die Schreiben der Abgesandten. Jedes Haupt hatte vier Beysitzer, alle aber wurden aus eben der Abtheilung genommen, deren sie vorgesetzt waren. In dem gewohnlichen Laufe trug das Haupt dem Kaiser vor: alle Beweise mussten bey der Hand seyn. Denn sehr oft, und zumal auf die Warnung hin eines Abgesandten, untersuchte der Kaiser auf der Stelle, ob der Vortrag mit den Beylagen ubereinkame, und er war unerbittlich, wann er im geringsten Umstande eine Unrichtigkeit verspurte. War das Geschafft zu weitlauftig, so liess er sich alle Urkunden geben, und untersuchte es, sobald er Zeit fand, oder gab es einem Vertrauten zu untersuchen. Er blieb beym Gebote, dass vor dem endlichen Entschlusse ein jedes Haupt, und alle Beysitzer, ihre Meinung schriftlich von sich geben sollten: das Aufbehalten der Schriften machte sie behutsam im Anfuhren des Verlaufs, da nicht die geringste Unrichtigkeit ubrig bleiben musste. Usong hob aber das Recht nicht auf, das ein jeder Unterthan hatte, sich an den Kaiser zu wenden, und die offentlichen Verhore giengen taglich vor sich.

Ismael war so weit herangewachsen, dass er zu wichtigern Lehren tuchtig war. Der Kaiser gab ihm aus jeder Abtheilung einen geschickten und dennoch angenehmen Mann zum Lehrer, und fugte einen funften bey, der uber die allgemeinen Angelegenheiten des Reiches den Erbfursten unterrichtete. So lernte er von Jugend auf den Gottesdienst, den Kriegsstaat, die Rechte, die Steuersachen, und die Policey des ihm zugedachten Reiches im innersten kennen. Zu den Kriegsubungen der kaiserlichen Leibwache, auch der um die Stadte verlegen Landmacht wurde er zugezogen, weil doch die Jugend am besten durch die Sinne sich unterrichten lasst. Man zeigte ihm die nothigen Kunste, das Giessen des Geschutzes, die Werkstatte der Waffen, und der vornehmsten Waaren. Der Kaiser liess den Schach Sadu den Rechtsfragen beywohnen, und die Beweise der vortragenden Richter, und die Grunde anhoren, worauf sich das Urtheil grundete. Zu den Uebungen im Reiten, im Fechten, sogar im Schwimmen, wurde er angefuhrt. Sein Gemuth war zugleich feurig und biegsam, er flog zur Ehre durch alle Wege, und das Beyspiel seines grossen Ahnherrn spornte ihn zur Vollkommenheit an.

Usong liess ihn die jahrlichen Reisen unternehmen, die nunmehr dem Kaiser zu beschwerlich waren. Ihm wurden auserlesene Begleiter mitgegeben, die seine Aufmerksamkeit auf alle wurdige Gegenstande richteten. Er that selber den Vortrag an den Kaiser, und brachte die Anmerkungen uber alles an, was er in den vier Abtheilungen wichtiges gesehen hatte. Das Volk liebt allemal seine jungen Fursten, und ein gunstiges Vorurtheil entsteht in allen Herzen, wenn sie mit der Bluthe der Jahre die Keime der Weisheit vereinigt finden. Leutselig wie sein Ahnherr, fahig wie Nuschirwani, schon wie Haider, gewann Ismael aller Herzen, und frohlockete uber die Zeichen der Liebe, mit denen man ihn uberschuttete.

Usong war zu gross, eifersuchtig zu seyn; er wollte, dass Ismael auch im Kriege sich uben sollte. Die Aufruhr einiger Balluschen, eines wilden Bergvolkes, das ein Stamm der Patanen ist, aber weiter nach Suden wohnt, nothigte den Kaiser, ein kleines Heer wider sie auszuschicken. Der erfahrne Scherin fuhrte es an, und Ismael gieng als ein Freywilliger mit zu Felde. Scherin zeigte ihm die Absicht eines jeden Befehls, den er gab, und eines jeden Schrittes, den das Lager that.

Der Khan drang sehr vorsichtig in die Geburge, machte sich allemal aller Anhohen Meister, ehe das Hauptlager vorruckte, und das Feuergewehr, so wenig er desselben hatte, machte ihn sehr bald den halb ungewaffneten Wilden so furchterlich, dass sie sich unterwerfen mussten. Sie legten vor einem Rasenhugel die Waffen nieder, worauf Ismael in einer prachtigen Rustung stund, und gaben Geisel. Man fuhrte an den nothigsten Orten einige Befestigungen auf, die man besetzte, und ein fliegendes Lager blieb einige Jahre am Eingang der Geburge stehen. Ismael kam voll jugendlicher Freude wieder, seinem Ahnherrn die Begebenheiten des Feldzugs zu erzahlen: sein Herz wallete vom machtigen Gefuhle des ersten Sieges. Usong umarmte den liebenswurdigen Erbfursten, und zog ihn nunmehr zu den Versammlungen der vier Abtheilungen; er fragte ihn zuweilen um seine Meynung, billigte sie, oder brachte ihn liebreich zurechte, und bog ihn unter die Last, die ihm nunmehr nach dem Laufe der Natur bald auffallen musste.

Nuschirwani war unermudet besorgt, die anwachsenden Jahre ihrem grossen Vater angenehm zu machen. Bald liess sie wilde Thiere mit einander streiten, womit sich der Kaiser belustigte, weil doch allemal, wie er sagte, ein Rauber starb. Sie liess die seltensten Thiere zusammenbringen; man fand an Usongs Hofe den mit einer Mahne dem Lowen sich nahernden Baburath, dessen rothlichter Pelz17 mit schwarzen Flekken beworfen war. Die athiopische Giraffa, mit dem Kameelhalse und den Pamherflecken zeigte in der fremdesten Gestalt die mildesten Sitten. Bald liess die Erbfurstin die verschiedenen Leibwachen sich in den Waffen uben: bald erschien eine Menge Arbeiter, deren jeder die Waaren trug, die er verfertigt hatte, und wobey Nuschirwani allemal etwas neues und unerwartetes anzubringen wusste. Bald wurden dem Kaiser indische Edelsteine gebracht, deren Werth und Fehler er sehr wohl kannte, und mit denen er in einer mussigen Viertelstunde sich beschafftigte. Bald liess man Dichter kommen, die ihre Gesange ablasen. Sie liess auch einige Kampfer um Preise streiten, ohne einander zu verletzen; andere Preise wurden dem schnellsten Laufer, und auch wohl dem fluchtigsten Pferde ausgetheilt. Diese letztern Kampfe hielt Usong fur nutzlich, weil sie die Perser anfrischeten, ihre edle Pferde mit arabischen Hengsten zu verbessern, die man den persischen noch vorzieht.

Usong sah wohl, dass diese Veranderungen lauter Kunste der sorgfaltigen Liebe der klugen Nuschirwani waren; er zeigte auch eben deswegen ein mehreres Vergnugen an allen diesen Schauspielen, als wie er wurklich fuhlte. Er hatte seine Munterkeit niemals wieder erhalten, nachdem er seine Gemahlinn verlohren hatte: obwohl er mit der Trapezuntischen Despoina als ein liebreicher Gemahl lebte, und sie um desto glucklicher zu machen suchte, je harter, auch wohl Usongs wegen, ihres Hauses Schicksal gewesen war. Auch die Gesundheit hatte bey seiner ehemaligen Krankheit gelitten. Er fuhlte seine Krafte abnehmen, und ein allgemeiner Eckel gewann bey ihm die Oberhand. Man sah ihn oft des Nachts nach dem Grabmahle der Liosua sehen, und ob er wohl zu gutig war, mit seinem Kummer seine Gemahlinn zu betruben, so merkte man doch wohl, dass er nicht mehr lang von seiner Verstorbenen getrennt zu bleiben hoffte.

Eine neue Gesandschaft von Venedig unterbrach des Kaisers Schwermuth. Joseph Barbaro, ein Edler, wurde von Venedig abgeschickt, um des Kaisers beharrliche Freundschaft anzusuchen. Er brachte wiederum Kriegsvorrath und Leute mit, die in der Verfertigung der Waffen, und im Gebrauche des Geschutzes erfahren waren. Ihn begleitete Nicolo Crespo, Herzog einiger Inseln im ageischen Meere, ein junger und liebenswurdiger Herr, der die Anmuth der europaischen Sitten mit den grosten Vorzugen der Bildung verband.

Zeno lebte noch; er schickte seinem durchlauchtigsten Freunde eine Anzahl Bucher, die nach der nicht mehr seltenen Erfindung mit zinnernen Buchstaben abgedruckt waren. Die besten Geschichtschreiber von Italien, und vom alten Rom waren unter der Zahl derselben. Der edle Zeno bezeugte sein Vergnugen, dass er unter den ersten gewesen ware, die innere Grosse des jungen Usongs zu kennen, und ihn zu lieben.

Die Gemahlinn des Kaisers genoss alle Freyheit, die sie bey den morgenlandischen Christen wurde gehabt haben: sie hatte eine eigene Kirche, worinn sie ihre Andacht verrichtete. Ihre jungere Schwester, die schone Eudoxia, begleitete sie bey einer der grossen Feyerlichkeiten der Christen. Crespo fand sich auch dabey ein, und bemerkte die aus der bescheidensten Kleidung ausbrechenden Reitze der jungen Furstin von Trapezunt. Es war ein anmuthiges Gemische von Andacht, von Demuth, und von einer furstlichen Wurde. Der Herzog von Naxos sah ihre Schonheit nicht unempfindlich an; ihm gefielen noch uber die reizenden Zuge die Spuren der Tugend, die er in dem ganzen Wesen der jungen Schonen wahrnahm. Er fand noch mehrere Gelegenheit sie zu sehen, und entzundete sich taglich mehr.

Die kaiserliche Gemahlinn sah alle Christen als ihre Verwandten an, und gab dem Fursten von Naxos den Vorzug, den seine Geburt und seine angenehmen Eigenschaften verdienten. Durch ihre Gute aufgemuntert, wagte er es der Despoina zu eroffnen wie sehr er wunschte, ihrer liebenswurdigen Schwester Hand zu verdienen. Usongs Gemahlinn trennte sich ungern von ihrer Schwester, sie fand aber unendlich mehr Hoffnung zu der Gluckseligkeit der jungen Eudoxia bey einem christlichen Fursten, als bey irgend einer Vermahlung mit einem Mahometaner. Sie selbst hatte den Unterschied des Glaubens nicht zu bussen gehabt; sie wusste aber, wie sehr sonst die morgenlandischen Fursten auf die Annehmung ihrer Grundsatze bey allen den schonen Einwohnerinnen ihres Harems zu dringen pflegten. Sie machte dem Crespo Hoffnung, und leitete es dahin ein, dass er der jungen Furstin seine innigste Liebe zu erkennen geben konnte. Crespo gewann einen so grossen Antheil an ihrer Hochachtung, dass Eudoxia kein anderes Beding vorschrieb, als die Einwilligung ihres Beschutzers, des Usongs. Sie war nicht schwer zu erhalten. Seine weise Gute sah nur auf das wahre Gluck derer die er liebte; er fand keinen gultigen Einwurf wider des Crespo Ansuchen, und die Trauung sollte in der Stille vor sich gehen: aber ein tiefes Stillschweigen herrschte uber die ganze Sache, da es im Morgenlande einer bescheidenen Fraulein schon misfallt, auch nur genannt zu werden.

Die schone Eudoxia besuchte einmal die tugendhafte Nuschirwani, als unvermuthet Ismael in seiner geliebten Mutter Zimmer trat, bey welcher er eine jugendliche Bitte anzubringen hatte. Die furstliche Fraulein konnte nicht entweichen, sie war ohne Schleyer, und in aller Freyheit, die der Besuch einer vertrauten Freundinn giebt. Ismael sah sie nur zu wohl, und fand an ihr eben die Reitze, die der griechische Furst verehrte. Sie verliess zwar, sobald es ihr moglich war, das Zimmer der Kaiserstochter: aber ihre Augen hatten ihre ungluckliche Macht schon ausgeubt. Ismael war mit aller der Lebhaftigkeit eines Junglings, und mit der Heftigkeit eines Morgenlanders entflammt, und sah kein Gluck mehr vor sich, als in dem Besitze der schonen Griechinn.

Er konnte seine Leidenschaft nicht bezwingen, und bat seine erlauchte Mutter um ihre Fursprache beym Kaiser. Da er doch Persiens einziger Thronerbe ware, da er nicht unvermahlt bleiben wurde, so hoffte er, man wurde ihm die einzige Braut nicht versagen, bey welcher er glucklich zu seyn hoffen konnte.

Nuschirwani liebte ihren Sohn, aber noch mehr die Tugend: sie hatte eben das zarte Gefuhl der Gerechtigkeit, wodurch jener Kaiser so beruhmt worden war, dessen Namen sie trug. Sie belehrete den feurigen Ismael uber die wahren Umstande, und suchte ihn zu uberzeugen, Eudoxia sey nicht mehr frey, und seine Liebe sey den Gesetzen entgegen. Er stiess die bittersten Klagen aus: und selbst die Verehrung seiner Mutter konnte ihn nicht verhindern, wider seinen Mitbuhler sich einige Worte zu erlauben, die heimliche Drohungen waren. Man vernahm auch von seinen Vertrauten, er hatte die heftigste Leidenschaft geaussert, sobald er von seiner Mutter zuruck in seine Zimmer gekommen ware.

Nuschirwani hoffte, der grosse Usong wurde den feurigen Fursten besanftigen, und einem Ausbruche vorkommen, der dem Kaiser sehr unangenehm seyn wurde, ihm der die Mildigkeit selbst war, und in dessen erlauchtem Hause noch niemals eine Leidenschaft war bekannt worden, welche die Tugend hatte missbilligen konnen.

Usong liess den Erbfursten von Persien vor sich kommen. Ismael, sagte der ehrwurdige Monarch, zweifelt an meiner Liebe nicht: er ist der einzige Zweck aller meiner Arbeiten: alles, was ich fur Persien thue, das thue ich fur ihn, und in der Absicht, ihm ein ruhiges und gluckliches Reich zu verlassen. Aber ich liebe den tugendhaften, den sich zu einem guten Herrscher bereitenden Ismael: einen ungerechten, einen gewaltthatigen Ismael wurde ich nicht lieben, auch nicht wenn er meiner Nuschirwani Sohn ware.

Ismael ist nur zwey Schritte vom Throne entfernt, er wird in wenig Jahren selbst fuhlen, wie schwer der Zepter ist. Dennoch ist es moglich, diese Last zu erleichtern. Wann Ismael mit dem Ruhme eines tugendhaften Fursten den Thron besteigt, wann Persien von ihm sein Gluck hoffen kann, so werden ihm alle Herzen entgegen gehen, und alle seine Befehle werden der Wille des Volkes seyn.

Wie aber, wenn derjenige, der auf mich folgen soll, ein Furst ware, der seine Begierden der Gerechtigkeit vorzieht, der versprochene Braute ihren Verlobten entreissen, und Bande trennen will, die keine Menschen mehr auflosen sollen? was wird Persien von Ismael erwarten, wann der junge Tieger an der Kette der vaterlichen Gewalt schon raubet, schon seinem Grimme die noch zarten Klauen leihet? wer wird vor dem erschrecklichen Wutriche sicher seyn, wenn ihn kein Gesetz, keine Ehrerbietung mehr einschranken wird?

Aber so unglucklich wird Ismael nicht seyn: er wird fur den Einfall eines Augenblickes die Ehre nicht verscherzen, ein tugendhafter Furst zu seyn: eine jugendliche Begierde wird nicht mehr auf ihn vermogen, als die Hoffnung einer glucklichen Regierung, der Beyfall aller seiner Perser, und das Gluck eines ganzen lange vor ihm ausgedahnten Lebens.

Ismael war feurig, aber tugendhaft: er buckte sich, kusste des Kaisers Hand, ihm blieb die einzige Bitte, abwesend zu seyn, wenn er die edle Eudoxia auf ewig verlieren sollte. Vor seinen Augen sie in die Arme eines geliebten Mitbuhlers gehen zu sehen, ware fur seine schwache Tugend zu viel.

Die Usbecken hatten nach einer langen Ruhe unter neuen und gierigen Fursten einen Einfall in Khorassan gethan, und Usong liess unter dem Nortimur, einem der wenigen ubriggebliebenen Nowianen, ein fliegendes Heer wider sie zu Felde gehen. Ismael zog mit den Persern wider die Rauber, seine Erfahrung in Kriegssachen zu vermehren. Nortimur wollte die Usbecken nicht nur zurucktreiben, Persien wurde nur eine kurze Ruhe genossen haben. Er nahm sich vor sie zu bestrafen, und fur eine lange Zeit abzuschrecken, ihre friedlichen Nachbaren zu reizen.

Sie waren, sobald sie den Anzug der Perser vermerkt, gegen ihre Granzen zuruckgewichen. Die Flachen von Khorassan lagen hinter ihnen, und sie hatten sich eines engen Thales zwischen gahen Felsen bemachtigt, das sie gegen ihre Lande fuhrte.

Nortimur versah sich mit einer Heerde Pferde, dem angenehmsten Raube fur die Usbecken. Er lagerte sich in der Flache, die hieher des vom Feinde besetzten Thales war. Er zog seine Volker nahe zusammen, so dass der Haufen klein schien. Die Pferde liess er zwischen ihm und dem Feinde unter einer schwachen Bedeckung grasen. Die Rauber, deren Begierden nichts, als die Furcht zahmen konnte, glaubten eine leichte Beute zu finden. Sie fielen aus ihrem festen Lager, und bemachtigten sich der Pferde begierig, deren Bedeckung entfloh; Nortimur selbst zog sich um etwas zuruck.

Er sah die Usbecken nunmehr beschafftiget, die fluchtigen Pferde zu haschen; ein jeder von ihnen hatte fast ein Pferd zu schleppen, das seinem unbekannten Meister ungern folgete, als Nortimur das Panier von Persien vorrucken hiess. Die Volker kannten das Wahrzeichen, und brachen mit verhangtem Zugel, und dem hirkanischen Sabel in der Faust, in die zerstreuten Usbecken. Sie fanden wenig Widerstand bey den mit ihrer Beute bemuhten Feinden; die Rauber flohen nach der Enge, wodurch sie sich zuruckbegeben mussten. Da sie aber fast nur einzeln durchkommen konnten, so wurden die meisten von den Persern der Rache aufgeopfert, die sie oft gereizt hatten, und wenige konnten entkommen.

Der Feldherr ruckte ihnen nach, und besetzte ihre besten Stadte; denn nichts ist feiger, als geschlagene Rauber. Seine Absicht war nicht, Persiens Granzen auszudahnen, aber er gewahrete den besturzten Feinden nicht eher den Frieden, bis sie ihm eine Anzahl ihrer Mursen zu Geiseln gegeben hatten, die sie alle drey Jahre gegen eine gleiche Zahl verwechseln sollten. Die Geisel wurden in die festen Platze von Khorossan vertheilt, und genossen, ausser der Freyheit, sonst alle Mildigkeit von Seiten der Perser. Usong wollte versuchen, ihre Herzen zu gewinnen, und es gelang ihm bey vielen.

Dieweil Persiens Ehre vom Nortimur behauptet wurde, und Ismael den beschaftigten Eifer eines herzhaften Junglings mit dem Ruhme sattigte, den er durch seine Tapferkeit und Kriegswissenschaft erwarb, wurde die schone Eudoxia getraut, und verliess Schiras. Ihr Haus setzte sich zu Venedig, und ihre Tochter18 vermalten sich nachwarts in die edelsten Geschlechter der Republik. Usong beschenkte die Schwester seiner Gemahlinn mit einer Freygebigkeit, die seiner wurdig war: und als Ismael frohlockend zuruck kam, waren alle Vorwurfe seiner Leidenschaft entfernet.

Usongs vornehmstes Geschaffte war nunmehr der Unterricht, den er fur seinen Thronfolger selbst aufsetzte, und davon er eine Abschrift bey jeder der vier Abtheilungen der Staatsverfassung niederlegte, auf dass das Reich wissen mochte, was Usongs Staatsregeln waren, und auf dass Ismael erwarten musste, man wurde seine Regierung gegen die Rathe seines grossen Ahnherrn halten, und so von ihm urtheilen, wie er diese Rathe befolgen wurde. Ich habe kein Geheimniss, sagte der edle Usong: mochte doch jeder Perser in mein Herz schauen, und die Triebe einsehen, die es lenken! Die vornehmste Urkunde hatte er sich vorgenommen, dem Ismael bey einer Feyerlichkeit zu ubergeben, die in seinen Gedanken schon festgesetzt war: sie war von Usongs eigener Hand geschrieben, und sie enthielt wesentlich, was man in diesem Auszuge lieset.

Usongs, Kaisers der Perser

Letzte Rathe

Schach Sade' Ismael.

Usong giebt seinem geliebten Enkel die Rathe, die er selbst heilsam gefunden hat. Er hat lang gelebt und lang geherrscht, und allemal gefunden, dass die Tugend Weisheit ist.

Furchte nichts so sehr, mein Sohn, als deine eigene Macht: sie ist unumschrankt, Persien hat mich mit volligem Vertrauen uber sich gesetzt, ohne mir Bedinge vorzuschreiben. Diese grosse Macht ist nur alsdann ein Gut, wann die Weisheit sie lenkt; sie wird zu deines Volkes Unglucke, sobald dein Wille der Beweggrund deiner Thaten seyn wird. Schranke dich selbst ein, theile deine Macht mit den Gesetzen mit den Feyerlichkeiten, mit der Staatsverfassung, behalte nur so viel, als das allgemeine Beste zu bewirken erfodert wird. Beleuchte eine jede Foderung deines Willens, eine jede aufsteigende Begierde, ehe sie zur That wird: verwirf sie, sobald du sie nicht deinem Volke bekennen darfst, sie ist deine Feindinn.

Gedenk, dass wir dasjenige lieben, wodurch wir glucklich werden. Wann die Perser unter deiner Herrschaft in Ruhe und Freyheit leben, wann kein ausserer Feind sie beunruhigt, wann die Frucht ihres Schweises ihr Eigenthum ist, wann sie die Gerechtigkeit in den Gerichtshofen finden, wann niemand leidet, als wen das Gesetz bestraft: dann werden alle Perser den Kaiser lieben, unter dem sie so viel Gutes geniessen, und auch fremde Volker werden unter deinen Flugeln Schutz zu suchen, herzueilen.

Aber dass dein Reich wohl verwaltet werde, so must du selbst herrschen. Der Wasir, der unter einem aufmerksamen Konige klug und gerecht das Reich verwaltet, wurde unter einem unachtsamen Herrscher, dem Tugend und Laster an seinem Bedienten gleichgultig ist, entweder trag oder ein Tyrann. Erwarte nicht, dass ein anderer treuer fur dich arbeite, als du selbst. Liebe also die Arbeit, setze allen Geschafften ihre Zeit aus: versaume keine der Stunden, die du dem Staate versprochen hast, es ware ein Diebstahl, den du an Persien begiengest. Wenn du dich gewohnest, deiner Pflicht treu zu seyn, so wird sie dir leicht und angenehm werden. Wenn du sie mehrmalen verabsaumtest, so wurdest du sie bald bestandig verabsaumen; die Unordnung macht unordentlich.

Furchte die Arbeit nicht, sie ist die Mutter der Ehre, und die Ehre zeuget die Sicherheit. Bleibst du der Tugend getreu, so wirst du mit Recht dir selber Beyfall geben, und deine innere Wurde wird die Stimme des Lasters wegschrecken; es wird sich deinem Herzen nicht nahern dorfen, worinn es kein heimliches Verstandniss findet. Wirst du den Wollusten nachhangen, so wirst du dich selber nicht mehr ehren konnen, und wie werden dich andere ehren, wann du selbst dich verachten musst?

Die Tragheit ist eines Fursten grosster Fehler. Er verrath sein Volk, er verkauft es, den Mussiggang fur sich selbst zu erhandeln, und liefert es in die Hande seiner Diener. Er entsagt dem Ruhme, die Quelle des allgemeinen Wohlstandes zu seyn, und erniedriget sich bis zu dem Stande eines Schattens, der einen Mann vorstellt, aber nur fremden Bewegungen folget. Unter einem tragen Fursten leiden die Unterthanen mehr als unter einem bosen, weil die Unterdruckung so vieler losgelassenen untern Bedienten sich in die Hutten eines jeden Landmannes erstreckt, und die Wuth eines Tyrannen nur dem Hoflinge gefahrlich ist19. Ein arbeitsamer Furst kann niemals ein ganz schlimmer Furst seyn. Das Wohlseyn der Unterthanen ist das Wohl des Staates, der des Fursten Erbgut ist. Dieses zu befordern wird er, wenn er die Mangel kennt, sich selbst zu Liebe trachten. Da er die Arbeit liebt, so reissen ihn die Wolluste nicht hin, sein Gluck vom Glucke des Staates zu trennen. Seine Untergebenen werden nicht mehr das Volk drucken, weil der Furst es sieht, der die Verwuster seines Erbes bestrafen wurde.

Lerne den Unterscheid eines gutigen Fursten, und eines guten Konigs. Gutig nennt das irrig urtheilende Volk den Fursten, der unter diejenigen Geschenke austheilt, die um ihn sind, der zuweilen einem Elenden aus der Noth hilft, wann das Ungefehr ihn vor die mitleidigen Augen des Fursten bringt. Enge sind die Schranken dieser Tugend. Der gute Konig sorget fur aller seiner Unterthanen Wohlseyn, fur die, die er nie gesehen hat, fur die kunftige Enkel seines Volkes. Er leitet sie zur Tugend, zum Fleisse, er offnet ihnen die Wege zur Nahrung, zum Vergnugen, das auf die Arbeit folgen soll. Er entblosst nicht sein Volk, wenige Gluckseelige doppelt zu bedecken. Ardeschir20 der Hystaspide war ein gutiger Herr, Nuschirwan der Gerechte war ein guter Konig.

Es wird dem Kaiser in Persien weder an schonen Frauen, noch an edeln Fruchten mangeln. Aber lass das sinnliche Vergnugen nicht deinen Zweck seyn: es wurde dich zum ernsthaften und zur Arbeit untuchtig machen, ohne die dein Thron nur ein Faulbette seyn wird, worauf du deine Ehre und deine Gluckseligkeit verschlafst.

Setze dein Vergnugen in dem Glucke der Unterthanen, freue dich, wenn du ihren Wohlstand siehest, schatze dich reicher, wann ihre Anzahl sich vermehret, und herrlich, wann ein jeder deiner Perser seiner Nahrung gewiss ist.

Steh fruh auf, ein Tag ist verlohren, der spat anfangt. Verhore alle Tage alle deine Unterthanen, die sich schon halb getrostet glauben, wann du ihre Klage gehoret hast. Bezwinge dich, wann es dir ekelt, auf deinem Reichsthrone zu sitzen, lass nicht den Unmuth dein Gesicht verstellen: denk, dass jede angewandte Stunde zehn andere Stunden glucklich, und jede verabsaumte zehn andere elend macht.

Ergieb dich der Jagd nicht, dein Leben ist zu edel, die Stunden davon zu verschleudern: ein jeder Tag, den du aufs Gewild wendest, kostet dich das Gluck vieler Unterthanen.

Berathschlage dich alle Tage mit den Hauptern der Staatsverwaltung: eine der Saulen des Reiches wurde sinken, sobald du eine der Abtheilungen verabsaumtest.

Du kannst nicht alles selbst sehen, aber doch vieles. Lass bey keinem Diener die Hoffnung entstehen, er werde das Unrecht dir anrathen konnen, und nicht entdeckt werden. Wache uber sie, plotzlich uberfall sie, und prufe in einem Geschaffte ihre Rechtschaffenheit.

Nimm keine Geschenke an: lass nicht zu, dass jemand Geschenke annehme. Sie sind fur die Grossen ein Gift, fur das Volk eine unertragliche Last; denn auf ihm liegt die Burde, wann der Grosse den Hof beschenkt. Lass es ganz Persien wissen, dass du lieber Raubereyen als Geschenke dulden willst21.

Belege deine Unterthanen selten mit neuen Vorschriften, lass sie den Gesetzen gehorchen, aber vermehre ihre Pflichten nicht. Mische dich nicht in ihre Hausgeschaffte, miss ihnen die Kleider nicht vor, umschranke sie nicht mit entbehrlichen Befehlen. Alle Gesetze schranken den freyen Willen des Menschen ein, viele hindern sie am Genuss des von der Natur ihnen angebotenen Gutes: nur die Nothwendigkeit kann einen guten Fursten verleiten, seinem Volke Fesseln anzulegen, und weiter als die Nothwendigkeit wird er sie nicht einschranken. Gesetze die den Trieben der Natur entgegen streben, werden mit Unwillen befolget. Sie mussen mit Strenge im Strafen zur Ausubung verstarkt werden, oder sie werden hindan gesetzt. Jenes erreget Unwillen, dieses macht die Regierung verachtlich: das Volk, das in einem Gesetze lernt des Fursten Befehle zu verachten, wird gereizt, auch in andern ungehorsam zu werden, und die ganze Regierung nahert sich entweder der Tyranney, oder wird zu einer verachteten Aufdringung unwurksamer Vorschriften.

Die Perser lieben die Pracht: die Pracht erfodert Unkosten, sie macht die Grossen arm und haabgierig, der Reichthum wird durch die zur einzigen Tugend, und Verdienste werden verachtet, wenn sie mit ausserlichem Glanze nicht schimmern. Der Arme, der kaum das Nothige hat, muss den Ueberfluss des Machtigen bezahlen, und hungern, auf dass der Grosse verschwenden konne. Der Glanz des Thrones erfodert beym Kaiser eine Pracht, des Pobels Aufmerksamkeit zu erwerben. Aber ruhme die Pracht niemals an deinen Dienern, gieb niemals reichen Kleidern einen Vorzug, ehre den nicht, der mit Diamanten schimmert. Lass dein ganzes Volk wissen, dass du die Verschwender hassest, und keine Uneigennutzigkeit von einem Diener hoffest, den eine unersattliche Nothdurft druckt.

Liebe die Wissenschaften, sie sind zugleich angenehm und nutzlich; sie erhohen die Seele, sie halten ihr bestandig den umstrahlten Kranz vor, den die Verehrung der Welt der Tugend des wurdigen Herrschers aufsetzt. Hilf den Wissenschaften auch beym Volke auf; niemand ist aufruhrischer, als Barbaren, und gesittete Volker lassen sich mit einer Schnur lenken, da bey jenen ein Gebiss nothig ist.

Suche dein Reich nicht zu vergrossern. Ein Reich ist weit genug, wenn es seine Nachbarn nicht zu furchten hat, und die Eroberungen sind des Ungluckes nicht werth, was ein Sieger auf sein Volk bringt. Greif niemand an, aber vertheidige dich standhaft, wenn man deine Unterthanen druckt, oder des Reiches Ehre kranket, beydes bist du schuldig.

Vertiefe dich nicht in Schulden, bezahle unverzuglich, unternimm nichts, wozu du die Gelder nicht bereit hast. Die Schulden eines Staates zwingen den Fursten sein Volk zu unterdrucken: wenn der Krieg sie nothwendig gemacht hat, so bleibt die Last des Krieges auch im Frieden auf dem Volke liegen.

Halt aufs genaueste Treu und Glauben. Die Untreu kann zuweilen in einem Augenblicke vortheilhaft seyn, aber sie hinterlasst ein dauerhaftes Uebel. Ein Konig, der sein Versprechen nicht halt, hat alle Nachbarn zu heimlichen Feinden. Setze ihn in Gefahr, er wird keinen Freund finden.

Vermeide allen Stolz gegen andere Fursten. Mancher grosse Herrscher hat sich dadurch gesturzt, dass er allen umliegenden Herren seine Verachtung bezeigt hatte. Einer lehnte sich wider den stolzen Fursten auf, und alle fielen ihm bey. Warum solltest du thun, was du von andern nicht leiden willst?

Habe keinen Liebling: dein Ohr ist eines jeden deiner Unterthanen, deine Gerechtigkeit muss fur alle gleich wachen, deine Belohnungen dem Verdienste eigen bleiben. Deinen Liebling wurde deine Gunst berauschen, sie ist zu stark, wenn sie nicht vertheilt wird. Deine Geschenke wurden ihn bereichern, aber dein Volk bezahlt diese Geschenke.

Verandere die Verfassung von Persien nicht, auch bey den scheinbarsten Grunden, ohne den Rath aller vier Abtheilungen: und auch diesen lass dir unterschrieben geben; und dennoch nimm dir Zeit, den Vorschlag noch einmal zu uberlegen. Alle Gesetze berasen sich, und erhalten langsam vom Volke eine Verehrung, die auf ihre Dauerhaftigkeit sich grundet: Neue Gesetze sind ein Gestandniss, dass der Gesetzgeber gefehlt hat, und warum sollte er nicht wiederum fehlen konnen?

Hute dich jemals zuzugeben, dass ein Amt erblich werde. Durch diesen Fehler haben die machtigsten Fursten in den Abendlandern ihr Reich verlohren. Verlege auch keine Besoldungen auf die Einkunfte einiger Dorfer22; deine Unterthanen wurden von machtigen Dienern unterdruckt, und der schwachere Beamte an seinem Lohne verkurzet. Zahle alles aus dem Schatze.

Ehre den Gottesdienst, besuche die offentliche Meschid. Deine Unterthanen werden dich ehren, und dir nachahmen. Verachtest du den Gottesdienst, so wird die Gottesfurcht bey deinen Unterthanen sich verlieren.

Bleib bey dem Glauben deines Ahnherrn des Ali; vertraue auf einen einigen Gott, und erinnere dich, dass er dich siehet, und Rechenschaft von dir fodern wird. Aber dulde alle andere Glaubensverwandte, so werden sie sich vereinigen, fur dich anzubeten. Drukkest du sie, so machst du dir tausende zu Feinden, deren Treu du in deinen Handen hattest. Und warum solltest du Feinde haben, du, der du des Volkes Vater bist?

Halt auf die Schulen: erwahle fromme Mollah; wie kann der die Tugend in anderer Herzen erwecken, der sie aus dem seinigen verbannet hat?

Brauche die Geistlichen nicht zu weltlichen Geschafften. Sie haben eine schwere Pflicht, die Ewigkeit ist ihr Geschafft. Sie wurden schlechte Geistliche werden, und enge Begriffe in der Verwaltung des Staates beybehalten. Hute dich vor dem Beyspiele der Osmannen; ein Mufti, der durch ein Fetfah einem Wasir das Leben abspricht, wird lernen, seinen Sultan verurtheilen.

Muntere die Derwische nicht auf, sich zu vermehren: warum solltest du dein Reich entvolkern? Ein Verehlichter hat einen Antheil am Wohl des Staates, seiner Kinder erben an dem allgemeinen Wohlstande. Er giebt aber auch dem Vaterlande Pfander, sie mussen zugleich leiden, wenn es dem Staate nicht wohl gehet.

Liebe den Frieden, aber lerne das Kriegswesen, denn nur durch eine gute Verfassung zum Kriege wirst du Frieden erhalten. Alle Uebungen, alle Anstalten zum Kriege mussen dir bekannt seyn. Fuhre selbst deine Volker an. In der Gegenwart seines Kaisers wird der Perser mit doppeltem Muthe fechten. Belohnung und Ehre ist bey einem Feldherrn ungewiss. Der Feldherr hat Freunde, seine Gunst ist eingeschrankt; der Kaiser hat Unterthanen, er liebt sie alle.

Ehre gute Feldobersten, aber keinem vertraue das Ganze. Belohne die Kriegsleute, besolde sie mit der vollkommensten Richtigkeit; verschaffe ihnen einen reichlichen Unterhalt, aber erlaube niemals dass sie den Unterthan unterdrucken. Sollten die Beschutzer eines Volkes wie seine Feinde handeln? Halte auf der Mannszucht unerbittlich, doch schone des Blutes. Das Leben kommt nicht von dir, von dem Sold und Ehre kommt.

Lass deine Volker sich unaufhorlich in den Waffen uben: wohlgeubte und fertige Volker mussen einer wilden Herzhaftigkeit allemal uberlegen bleiben. Bemuhe dich der Europaer Kriegsanstalten zu lernen, sie erfinden und verbessern.

Trachte Fussvolk zu bilden: der Mangel daran kann Persiens Untergang seyn. Waffne lieber Sclaven23, wann der bequeme und stolze Perser auf dem Pferde beharret. Vermehre den Gebrauch des Feuergewehres und des Geschutzes, sonst wirst du die Schmach dulden mussen, die Osmannen zu furchten.

Lass den Verdienst den gemeinsten Reuter in die hochste Stelle heben. Aber erhohe ihn allgemach, und nicht mit willkuhrlichen Sprungen: ein vortrefflicher Hauptmann konnte ein elender Feldherr werden. Erfinde noch mehrere Preise und Ehrenzeichen: sie feuern den Muth an, und fallen dem Lande nicht zur Last.

Halt die Granzen nach Osten, nach Westen und nach Norden wohl bewahrt. Befestige die Stadte daselbst, und versehe sie mit Besatzungen. Das Innere des Reiches beschwere weder mit Schanzen, noch mit stehenden Volkern.

Lass die Kriegsmacht nicht eingehen, du wurdest verachtlich werden: vermehre sie nicht zu sehr, du musstest dein Volk unterdrucken.

Die Gerechtigkeit ist die Stutze deines Thrones: deine erste Sorge sey, dass du sie deinem Volke unverfalscht und leicht verschaffest.

Sey aufmerksam auf die Richter. Verstosse keinen, ohne dass seine Fehler erwiesen seyen. Der Richter muss sicher seyn, dass keine Ungunst der Grossesten ihn sturzen kann. Aber bleib unerbittlich gegen diejenigen, die das Recht um eines Vortheils willen gebogen haben.

Bezeuge den Oberrichtern die groste Achtung: ihr Beystand wird dich beym Volke vertreten, sie werden nicht zugeben, dass eine ungesittete Macht den Thron sturze, von dessen Strahlen auch sie selber leuchten. Vertraue ihnen deine eigene Sache. Lass die Gerichtshofe zwischen dir und einem Landmann mit Freyheit sprechen; lobe sie, wenn sie dich mit Grund verurtheilen. Ein Verlust von einigen Morgen wird tausendfaltig durch das Zutrauen ersetzt werden, das das Volk zu einem Herrscher hat, bey dem die Gerechtigkeit mehr als sein Schatz gilt.

Halte heiliglich uber die Feyerlichkeiten des Rechtes, sonst wird alles willkurlich. Beobachte die gesetzten Tage unverletzlich, du konntest keinen Burger begunstigen, dass nicht ein anderer litte.

Niemals empfiel eiste Sache einem Richter, du wurdest thun, was der Feind Gottes zu thun sucht, einen Gerechten verfuhren. Niemals erwahle du eigene Richter zu einer Bestrafung: dein Volk wurde auch die Schuldigen fur unschuldig halten, wenn sie durch ein willkuhrliches Gericht verurtheilt wurden.

Sitze oft im obersten Gerichte, untersuche zuweilen eine Rechtssache selber. Eine geringe Muhe wird die Richter unstraflich machen, weil sie allemal deine Gerechtigkeit furchten mussen.

Strafe nicht hart, nicht grausam; aber lass auch kein Verbrechen ungestraft. Spare das Blut; und wo du das Leben des Schuldigen beybehaltest, so trachte es so zu gebrauchen, dass es dem gemeinen Wesen nutzlich sey, und ihm selbst zur Verbesserung dienen konne.

Erlaube nicht, dass man unter einigem Vorwande Schatzungen auflege, oder die Steuern vermehre. Wirst du reicher seyn, wann dein Volk armer worden ist? Der ertragliche Zustand des Landmanns in Persien wird ihm Krafte ubrig lassen, dass er das gebaute Land erweitern, und Wusten zu Aeckern machen kann. Der Fremde, von harten Fursten unterdruckt, wird flehen, dass man ihm erlaube, Persiens ode Gefilde zu bebauen. Auf beyde Weisen wirst du eben deswegen deine Einkunfte vermehren, weil du sie nicht erhohest. Freue dich, wann dem Perser uber das Unentbehrliche etwas zum Vergnugen ubrig bleibt. Sie sind Menschen, und empfinden wie du.

Erhalte die Strassen rein, bequem und sicher. Schutze die Kaufleute, sie sind Stutzen des Staates. Ehre sie, der Glanz deines Thrones ist die Frucht ihrer Arbeit.

Usong hat keine Zeit gefunden, der Schiffahrt aufzuhelfen, und Persiens Kusten sind Wusteneyen. Erinnere dich, dass die Handlung zu Land Schranken hat, zur See aber sich ins Unendliche erweitern kann. Sie hat Venedig aus einer Fischerinsel zur Koniginn gemacht.

Beschutze alle Kunste, unterstutze sie mit Preisen, mit Besoldungen, mit Ehrenbezeugungen: nicht mit Darleihen, die einen Anfanger sturzen, weil sie ihn bewegen, mehr zu unternehmen, als seine Krafte zureichen. Sieh den Erfinder eines bessern Pfluges als einen Wohlthater des Reiches an, und der sey dein Bruder, der dich lehrt, auf einem Morgen mehr Garben zu schneiden. Zieh einen wohlgebauten Acker allen Lustgarten vor, halt einen Waizenhalm fur schoner als die Blume Mogori24. Aller Vorzug kommt vom Beytrage zum allgemeinen Besten.

Du wirst reich und machtig seyn, wenn Persien reich an Menschen ist. Die Schlachten werden durch die Hande gewonnen, und die Schatze durch Hande erworben. Ein unbewohntes Paradies ist unfruchtbar. Besorge niemals, die Erde werde ihre zahlreichen Einwohner nicht nahren konnen, sie wird lieber aus einem Acker zum Garten werden. Je weiter ein Land ist, je schwacher ist es, wenn ihm die Menschen mangeln, seine Granzen sind schwach, und die Hulfe entfernt.

Die Statthalter sollen des Kaisers Ansehen, vorstellen: ihnen gehort eine Pracht, die der Geringern Gehorsam erleichtert. Die Policey der Provinz, das Gluck der Volker, die Aufnahme der Handlung und des Ackerbaues ist ihnen aufgetragen. Wahle sie wohl, o Kaisers Sohn, aus ihnen wird Persien von dir urtheilen. Du wirst ihnen einen umstandlichen Unterricht geben25, wie zahlreich die Einwohner ihrer Provinz, was die Einkunfte, die Fruchte des Fleisses oder der Natur seyen, was die Handlung nahre. Die Regeln mussen ihnen vorgeschrieben werden, nach welchen sie regieren sollen. Das ode Kerman muss man nicht regieren wollen, wie die reichen Gefilde um Tabris; der Geber gehorcht dem Kaiser, und der Kurde ist sein Freund.

Die Stadte sind der Sitz des Reichthums in einem Lande: nicht dass man das Land verachten solle. Es ist vortheilhafter fur das Reich, dass der Landmann sein Brod erwerben musse: er wird durch die Gewohnheit hart, und durch die Massigkeit gesund, bey ihm ist die Pflanzschule der Krieger. Er ist unter einem guten Fursten der glucklichste Theil der Nation, weil seine Hofnungen so gross als seine Begierden sind. Wer ist frolicher als der Schnitter unter der brennenden Sonne, als der Winzer, der den Weinberg im Herbste pflucket. Der Landmann besitzt Gesundheit und Krafte, die bey den stadtischen Arbeiten niemals sich erhalten konnen: er verdient das ruhmliche Vorrecht das Vaterland zu vertheidigen.

Die Stadte gehoren den Handwerken und der Handlung zu: die Kunste gedeyhen besser, wann sie beysammen sind, und eine jede arbeitet fur ihre Schwestern. Ohne die Stadte wurden tausenderley Bequemlichkeiten des Lebens nicht verfertigt werden konnen: und sie wurden zum Tribute, den Persien den Fremden, und vielleicht seinen Feinden bezahlen musste. Sie sind die Vormauern gegen die Feinde, deren Raub ohne sie das flache Land seyn wurde. Die Stadte mussen den Landmann ernahren, indem sie ihm seine erarbeiteten Fruchte abnehmen, und gegen seine Nothdurften austauschen; ohne sie wurde die mildeste Natur zwar die Nahrung, aber niemals die Mittel verschaffen konnen, die Metalle und andere Unentbehrlichkeiten zu erhalten.

Schutze also die Stadte; sorge, dass sie tuchtige Calantar, und die Hauptstadte erfahrne Daroga haben. Nimm sie aus der Zahl ihrer Beysitzer, alle Menschen mussen sich durch die Geschaffte unterweisen lassen. Besolde sie, dass sie keiner Nebengewinnste bedurfen, lass sie hoffen, durch gute Dienste hoher zu steigen: aus ihnen nimm die Abgesandten, doch lass niemand in seiner vaterlichen Provinz dieses Amt verwalten.

Tausend Kleinigkeiten beschafftigen die Handhaber der Policey, eine gewisse Lange musst du dem Leitseile geben, womit du diese untersten Theile der Verwaltung lenkest. Aber dennoch lass alle diese Bedienten unter der Furcht der Abgesandten und der Untersuchung stehen: sie werden dein Volk nicht unterdrucken, wann sie gegen kleine Gewinnste unfehlbare Strafen zu erwarten haben.

Hilf den Stadten mit einigen Beysteuern auf: rechne ein schones Burgershaus fur einen deiner Palaste, es tragt noch mehr zum Besten des Reiches bey, als die Colossalischen Saulen der Hystaspiden. Gute Hauser sind Rosenfesseln fur die Burger, die sie unter deinem Zepter behalten, und wer zu verlieren hat, macht sich minder leicht strafbar.

Persien ist heiss, und seine Strassen ode; die Hugel sind ohne Waldung: muntere dein Volk auf, Baume zu pflanzen: waldichte Berge werden wiederum Wasser sammlen, und Wusteneyen werden bebauet werden konnen, wenn du Bache erschaffest. Ein Acker, den du der Unfruchtbarkeit entziehest, ist zwanzig Aecker werth, die du einem Feinde abgewinnst.

Deine Abgesandten sind deine Augen: aber deine Hande lass sie nicht seyn. Wenn du die Strafen ihnen anvertrautest26, so wurde ihre willkuhrliche Gewalt zur Tyranney werden. Aber sie sollen auf die Geistlichkeit, auf die Kriegsmacht die Gerechtigkeit, die Policey, die Steuern, auf alle Wurzeln des gemeinen Besten wachen, und die Uebel zeitig anzeigen, die diese Wurzeln anstecken mochten. Beschutze sie standhaft, so lange sie die Wahrheit sagen: unter deinem Schatten sollen sie das Drohen des Feldherrn, die Kunste des Staatsmanns, auch das Murren des Volkes selbst, nicht zu befurchten haben. Auf die Stimme des Volkes horcht zwar ein weiser Herrscher mit Aufmerksamkeit; es sind entfernte Donner, die in Strahlen ausbrechen, wenn sie nicht zertheilt werden. Aber noch ehrwurdiger ist die Stimme der Wahrheit, die erwarte von deinem Abgesandten. Er soll weder die Gewaltthat der Grossen, noch die Tragheit der Vorgesetzten der Stadte, noch die Gierigkeit der Steuereinnehmer verschweigen: er soll jedem Seufzer des Unterdruckten bis zum Throne helfen. Dein ist alsdann die Pflicht, die Anzeige zu untersuchen, und durch Warnungen und Strafen dem einschleichenden Uebel zu wehren.

Der Abgesandte ist dir die grosste Wirksamkeit, und die reinste Wahrheit schuldig. Entspricht er seinem wichtigen Berufe, so sey er der nachste bey deinem Throne. Misbraucht er die hohe Beylage deines Vertrauens, so sey seine Strafe die harteste.

Ich habe dir mein Geliebter, die Wege zum wahren Glucke eroffnet, die mir bekannt sind, und Usong wird willig sterben, wenn er sich versprechen kann, dass es deine Wege seyn werden.

Usong machte auch eine Verordnung fur die Auferziehung eines Thronfolgers, der seinen Vater zu fruh verlohren hatte. Persiens Wohlfahrt, sagte er, hangt einzig von der Weisheit und von der Arbeitsamkeit seiner Beherrscher ab: ein so weites Reich muss unumganglich in eine verderbende Unordnung gerathen, wenn es einen unachtsamen, oder unwissenden Kaiser hat. Wenn also Persien verwaisen sollte, so sollen die Haupter der Abtheilungen der Staatsverwaltung, mit der Mutter des unmundigen Kaisers, seiner Auferziehung vorstehen: die Mutter wird die Sicherheit des Schwachen beschutzen; die Haupter besitzen Weisheit, ihn zu einem wurdigen Beherrscher eines grossen Volkes zu bilden. Sie, die auf der obersten Stelle im Reiche stehen, sollen die grosse Beylage heilig bewahren, die ihnen anvertrauet ist. Sie sollen die fahigsten und tugendhaftesten Manner auslesen, die dem jungen Erbfursten die Tugend, die Liebe zum Volke, und die Wissenschaft beybringen, es werkthatig zu lieben. Die Haupter sollen wachen, dass die theuren Stunden nicht verlohren gehen, in welchen das zarte Gemuth gelenkt werden kann; sie sollen mit heiligem Abscheu die Schmeichler ansehen, die dem kunftigen Kaiser seine Fehler verschweigen, oder ihn dem Unterrichte zu entziehen nachgeben wurden. Allerdings wird zu dieser Standhaftigkeit gegen seinen Herrn mehr Muth erfordert, als zu Schlachten und Siegen. Aber ein treuer Sohn seines Vaterlandes soll das Heil desselben seinem Leben vorziehen. Und ein vernachlassigter Furst wird seinen Vormundern gefahrlich, ein zum Guten umgebogener Furst aber fur ihren grossmuthigen Ernst dankbar seyn.

In der That nahm Usong sichtbarlich ab, sein Alter wurde mit einem kleinen Fieber begleitet, das nach und nach seine Krafte verzehrte. Man nahm einige Monate nachher wahr, dass ein gewisser Nazarener oft um ihn war, sein Nahme war Veribeni. Er war ein Waffenschmied, der von Brescia nach Persien mit dem Thomas von Imola gekommen war. In den Thalern zwischen Frankreich und Welschland war er gebohren, und stund nunmehr als das Haupt diesen Kunstlern vor. Alle Tage besprach sich der Kaiser ganze Stunden mit ihm, und allemal ohne Zeugen. Man merkte nicht, dass Veribeni einige Geschaffte zu betreiben hatte, er verlangte auch niemals einige Gnade: seine Kleidung war seinem Stande angemessen, und sein Anstand immer ernsthaft, ohne das geringste Gemische von Traurigkeit. Man fand im Anfange dieser Vertraulichkeit, dass Usong trauriger wurde, man sah ihn seufzen, und die Augen gegen den Himmel wehmuthig aufheben.

Nuschirwani, deren einzige Sorge die Erhaltung ihres erlauchten Vaters war, konnte das Geheimniss nicht vertragen, das zwischen ihm und diesem unbekannten Fremdlinge war. Sie wagte es, dem Kaiser ihre Besorgniss zu eroffnen, Veribeni mochte zu dem Unmuthe beytragen, der an ihrem unschatzbaren Vater merklich ware, und vor der Zeit seine Tage abzukurzen drohte. Usong umarmte seine geliebte Tochter, aber bat sie, nicht in ihn zu dringen; du sollst wissen, woruber ich mit dem Christen spreche, die Zeit ist aber noch nicht gekommen.

Nach und nach erheiterte sich Usongs Angesicht, er blieb ernsthaft, aber mit einer Ruhigkeit, die auf seiner Stirn sich zeigte, und uber alles sein Thun leuchtete. Seine Gesundheit wurde nicht besser, aber es schien eine reine und erhabene Hoffnung in seinem Herzen zu herrschen, vor welcher heilsamen Strahlen der Unmuth verschwunden war.

Usong hatte langst gefuhlt, dass sein Leib einsank, und sich seiner Verwesung naherte: er sah sich durch einen unwiderstehbaren Strom zur Ewigkeit hinreissen. Seine Einsicht war zu grundlich, als dass er sich hatte verbergen konnen, dass in der Ewigkeit die Zeit der Vergeltung seyn wurde, wo das oberste Wesen seinen Beyfall, oder sein Misfallen, seinen denkenden Geschopfen zeigen musste, da er beide in diesem Leben verbirgt, und oft den Tugendhaften leiden, den Bosen aber in einem bestandigen Glucksstande hie leben lasst.27

So tugendhaft Usong war, so weislich er Persien beherrschte, so fuhlte er doch, dass er mit diesen ausserlichen Tugenden seine Schuld gegen das oberste Wesen nicht abgetragen hatte. Sein Gewissen, durch seine Weisheit gestarkt, hielt ihm seine Fehler vor, und den grosten aller Fehler, dessen sich die meisten, und die besten der Menschen schuldig machen, den Undank gegen Gott, die Kalte in der Liebe und in der Verehrung des Gebers alles Guten, die Anhangigkeit an das gegenwartige, das heimliche Zutrauen auf das zerstreuende der Eitelkeit.

Mit einem entfremdeten Herzen gegen Gott, mit einem an den verganglichen Geschafften des Lebens einzig hangenden Gemuthe, hoffte Usong nicht Gott gefallen zu konnen, dem er sein Herz niemals anders als ungerecht getheilt geschenkt hatte. Und wie sollten seine Fehler vergeben werden. Wer konnte die ewige Gerechtigkeit Gottes abhalten, dasjenige mit Misfallen anzusehen, was ihr Misfallen verdiente, und dieses Misfallen Gottes ist die Holle.

Lange arbeiteten im Herzen Usongs diese nagende Gedanken, und schlugen alle seine Hofnungen zu Boden. Da er einmal mit tiefem Unmuth in die Werkstatte der Waffen kam, und mit abwesenden Augen die sonst ihm so angelegenen Zubereitungen ubersah, wagte es endlich Veribeni, der seines gutigen Herrn Schwermuth nun schon lange angesehen hatte, und warf sich zu des Kaisers Fussen.

Was bin ich, sagte der alte Ehrwurdige, dass ich mich unterstehe, in des Kaisers Herz sehen zu wollen? Und dennoch kann ich nicht widerstehn, ich muss frech seyn, und sollte ich den Tod verdienen, ich muss fragen, was doch fur ein Kummer des grossen Usongs Herz einnehme: vielleicht bin ich das geringe, und dennoch das ausersehene Werkzeug, etwas zur Befriedigung seiner Sorgen beyzutragen.

Usong antwortete gutig und offnete sich dem liebenden Fremdlinge noch nicht. Aber sein Herz hatte einen Vertrauten nothig, er sah beym Veribeni Ernst, Grundlichkeit, Rechtschaffenheit, und Verschwiegenheit, er gestund ihm bald hernach was ihm am Herzen nagete, und alle Ruhe von seinem Gemuthe verscheuchte.

Veribeni war ein achter Christ, der nicht in Feyerlichkeiten, nicht in aussern dem verdorbensten Herzen leichten Thaten seine eigene Beruhigung suchte, der seine Zuversicht auf die Versprechungen Gottes setzte, und den Weg zur Rettung da suchte, wo ihn die geoffenbarten Bucher zeigten. Er leitete nach und nach den Kaiser auf die vollige Kenntniss der Verdorbenheit des Menschen, auf sein Unvermogen der gottlichen Gerechtigkeit genug zu thun, auf die Mittel, die die Erbarmung des Richters erfunden hatte, mit seiner Gerechtigkeit die Rettung des Sundigers zu vereinigen. Usong trat begierig in die Bahn, die einzig zur Hoffnung fuhrte, er glaubte, und von dem Augenblikke an verschwanden seine Sorgen: eine Aussicht in eine endlose Gluckseligkeit offnete sich seinen aufgeschlossenen Augen, und er sah mit Gefalligkeit die Annaherung einer Ewigkeit, die ihn zu einem versohnten Gott zuruck fuhrte.

Nicht lang hernach erklarte sich der Kaiser, er ware gesinnet, dem Schach Sade' den Thron abzutreten. Die Geschaffte der Reichsverwaltung waren ihm zu schwer geworden, er wollte sie nicht verabsaumen, und sein Volk nicht ohne ein thatiges Haupt lassen. Usong hatte fur sich selber ein wichtiges Geschaffte, das alle seine Krafte und seine Stunden erfoderte, vielleicht wurde diese Ruhe, sagte er freundlich gegen die bekummerte Nuschirwani, seine Tage um etwas zu verlangern.

Der Tag wurde angesetzt; die Feldherren, die Haupter aller Abtheilungen, die Abgesandten, die vornehmsten Richter, die Daroga, die Statthalter in den Provinzen, die noch ubrigen Nowiane, erschienen vor dem grossen Diwan. Ein Thron wurde in den grossen offenen Saal gesetzt, die Seiten des Meidans besetzten die besten Krieger des Reiches, und den Raum ein unzahlbares Volk. Usong trat mit allem Pomp eines orientalischen Kaisers auf den Thron, neben ihm und niedriger sass der Thronfolger.

Haupter der Perser, sprach Usong, indem er aufstund, heute sind funfzig Jahre verflossen, seitdem ihr mich auf diesen Thron setztet: habt Dank fur euer Vertrauen, habt Dank fur eure Treu. Kein Perser hat den Usong mit seinem Widerwillen betrubt, keinen Perser hat er zum Feinde gehabt. Ich bin nicht mehr derjenige, der fur euch zu Felde zog, meine Arme sind schlapp geworden, meine Augen sehen dunkler, meine Stimme wird undeutlich, und in kurzer Zeit wurde ich ein blosser Schatten eines Herrschers seyn.

Zum letztenmale seht ihr mich: ich werde aber Persien nicht verwaiset verlassen. Ich habe alles gethan, einen wurdigen Thronfolger zu bilden, empfangt ihn mit Vertrauen, liebt ihn, wie ihr mich geliebet habt. In ihm vereinigt sich das edelste Blut unter den Menschen, des Ismaels, und des Tschengis. Es lebe Ismael Padischa, der Kaiser der Perser! Hiermit stieg er herunter, er gurtete seinem Enkel Rustans geweihetes Schwerdt um, und leitete ihn auf den erledigten Thron.

Halb besturzt, wehmuthig, und dennoch durch des wohlgebildeten Junglings edeln Anstand geruhrt, gewohnt alle Rathe des Usongs als die Ausspruche der Weisheit zu verehren, rief das Volk: Es lebe Ismael Padischa, er herrsche wie Usong!

Die Grossen bezeugten, nach der Weise der Morgenlander, dem neuen Kaiser ihre Ehrerbietung, und Usong suchte ermattet die Ruhe.

Veribeni verliess ihn selten mehr: die Krafte nahmen taglich ab, und taglich fullten sich seine Augen mit einem hohern Vergnugen, dessen Quelle nicht in der Welt entsprang. Er liess zum letztenmal seinen Nachfolger zu sich bitten. Ismael ist jung, er liebt aber die Tugend. Hore, mein Sohn, die Rathe deiner Mutter, dein Ahnherr hat sie gehort, und nutzlich gefunden, wer wird dich besser lieben? Traue nicht zu viel auf deine Krafte, zieh zu Rath, erwage und dann entschliesse. Ich habe getrachtet, die Aemter mit wurdigen Mannern zu fullen, verandere sie nicht plotzlich. Liebe deines Ahnherrn Freunde, sie sind ihm treu gewesen, und die Erfahrung hat sie weise gemacht. Er umarmte den besturzten Ismael, wandte sich zur weinenden Nuschirwani, und sagte mit dem zartlichsten Anblicke: Fahre wohl, meine Tochter, die wurdig war meine Freundinn zu seyn. Brauche alle die sieghafte Anmuth deines Geistes, deinen Sohn im Vertrauen gegen dich zu behalten, das Schicksal von Persien beruht auf eurer Freundschaft. Nach meinem Hinscheide wird Veribeni dir die Worte sagen, die mir den Tod zum Wunsche gemacht haben. Fahre wohl, sterbe wie Usong.

Er umarmte die in Thranen schwimmende Gemahlinn, und bat sie, in der Nuschirwani Freundschaft ihren Trost zu suchen. Er beurlaubte sich vom getreuen Scherin, und von seinen Vertrautesten. Er ersuchte hernach, dass man ihn allein lassen mochte: ich kann nicht mehr, sagte er schmachtend. Nur Veribeni blieb: man horte den Kaiser zuweilen auf einige Zureden des ehrbarn Waldensers antworten; es blieb bald bey einem blossen ja, und endlich redete Veribeni allein.

Nuschirwani, die im nachsten Zimmer war, konnte sich nicht mehr halten, und sturzte vor das Bette des Sterbenden. Mein Vater, rief sie mit ringenden Handen! Usong sah sie mit einem Antlitz an, auf dem der Glanz der himmlischen Freude sich verbreitete, still, aber ohne Wolken; der Blick war der letzte, sterbend heftete er sein Auge auf die Geliebte, und schloss sie auf ewig.

Man bot dem Veribeni, zur Vergeltung seiner treuen Dienste, alle Geschenke einer kaiserlichen Freygebigkeit an. Nein, sagte er, was ich gethan habe, wird seinen Belohner finden, ich werde frolich sterben, der Groste der Menschen hat die Wahrheit erkannt. Aber niemand muss mich verdachtigen, dass ich zeitliche Absichten gehabt habe. Diese einzige Bitte bleibt mir: nimm, durchlauchtigste Nuschirwani, diese einfaltige Erzahlung der letzten Stunden deines verklarten Vaters an, sie ist sein letztes Vermachtniss. Veribeni begab sich in eine Einsamkeit, sein Wunsch wurde erfullt, er starb bald hernach ohne Freunde, ohne Zeugen, ohne menschlichen Trost; aber derjenige blieb bey ihm, der in Ewigkeit keine Thranen in die Augen seiner Geliebten kommen lasst.

Fussnoten

1 Nach der Strenge des Korans sollten keine Gemahlde bey den Mosiemim Platz haben. Aber die Mahlerey hat zu allen Zeiten im Morgenland eine Ausnahme genossen. Ich habe beym Ritter Sloane alle Grossen des Hofes von Indostan, und den Aureng Zeb von einem persischen Mahler geschildert gesehen; die Arbeit war vom grossten Fleisse, nur zu flach, und ohne genugsamen Schatten. 2 Artaxerxes, der erste der Sassaniden, die auf die Parthen folgeten. 3 Bizarro. 4 So hiessen die Morgenlander den Tschengis und den Timur, sie verstunden dadurch das Gestirn, dar eben zu derselben Zeit alles beherrschte. 5 Der Titel des ersten Ministers. 6 Des ersten Menschen in der fabelhaften Geschichte von Persien. Er soll etliche hundert Jahre geherrscht haben. 7 Grossvezier. 8 Karl Martel und beyde Pipine. 9 Harun hatte ihm seine geliebte Schwester Abassai vermahlt, aber ihm den Gebrauch der Rechte untersagt, die die Ehe giebt. 10 Eroberers. Die sieghaften Sultane fugen ihn ihren Titeln bey. 11 Einer eigenen Meschid, die nur derjenige Sultan erbauen darf, der die Granzen des Reiches erweitert hat. 12 Die heut zu Tage machtigen Scheiken. 13 Dieses sagte noch Della Valla vom ersten Abbas. 14 Zeilon. 15 Noch Schach Nadir hat der englischen Gesellschaft die zu Asterabad von den Aufruhrern geraubten Guter ersetzt. 16 Rahdar Della Valle T. VI. 17 Aus den Gesandschaften des Contarini und Barbaro an den Usong. 18 Bizarro. 19 Tiberius, Hadrianus, Abas waren gefahrliche Fursten fur ihre Hoflinge und fur die Grossen, dabey aber gute und nutzliche Regenten fur das Reich. 20 Artaxerxes mit der lagen Hand. 21 Das Geschenknehmen ist der grosse Fehler, und der Untergang aller morgenlandischen Staatsverfassungen. 22 Diese Tyul sind einer der grossten Saaatsfehler in Persien. Chardin T. VI. 23 Das haben Usongs Nachfolger gethan. 24 Den grossen gefullten wohlriechenden Jasmin. 25 Chardin T. VI. 26 Wie da, wo die Intendans besiegelte Briefe in ihrer Gewalt haben. 27 In dieser Traurigkeit hat Abas der Grosse seine letzten Jahre hingelegt.