Christoph Martin Wieland
Geschichte des Agathon
quid Virtus, et quid Sapientia possit
Utile proposuit nobis exemplar.
Erster Teil
Vorbericht
Der Herausgeber der gegenwartigen Geschichte siehet so wenig Wahrscheinlichkeit vor sich, das Publicum uberreden zu konnen, dass sie in der Tat aus einem alten Griechischen Manuscript gezogen sei; dass er am besten zu tun glaubt, uber diesen Punct gar nichts zu sagen, und dem Leser zu uberlassen, davon zu denken, was er will. Gesetzt, dass wirklich einmal ein Agathon gewesen, (wie dann in der Tat, um die Zeit, in welche die gegenwartige Geschichte gesetzt worden ist, ein comischer Dichter dieses Namens den Freunden der Schriften Platons bekannt sein muss:) gesetzt aber auch, dass sich von diesem Agathon nichts wichtigers sagen liesse, als wenn er geboren worden, wenn er sich verheiratet, wie viel Kinder er gezeugt, und wenn, und an was fur einer Krankheit er gestorben sei: was wurde uns bewegen konnen, seine Geschichte zu lesen, und wenn es gleich gerichtlich erwiesen ware, dass sie in den Archiven des alten Athens gefunden worden sei?
Die Wahrheit, welche von einem Werke, wie dasjenige, so wir den Liebhabern hiemit vorlegen, gefodert werden kann und soll, bestehet darin, dass alles mit dem Lauf der Welt ubereinstimme, dass die Character nicht willkurlich, und bloss nach der Phantasie, oder den Absichten des Verfassers gebildet, sondern aus dem unerschopflichen Vorrat der Natur selbst hergenommen; in der Entwicklung derselben so wohl die innere als die relative Moglichkeit, die Beschaffenheit des menschlichen Herzens, die Natur einer jeden Leidenschaft, mit allen den besondern Farben und Schattierungen, welche sie durch den Individual-Character und die Umstande einer jeden Person bekommen, aufs genaueste beibehalten; daneben auch der eigene Character des Landes, des Orts, der Zeit, in welche die Geschichte gesetzt wird, niemal aus den Augen gesetzt; und also alles so gedichtet sei, dass kein hinlanglicher Grund angegeben werden konne, warum es nicht eben so wie es erzahlt wird, hatte geschehen konnen, oder noch einmal wirklich geschehen werde. Diese Wahrheit allein kann Werke von dieser Art nutzlich machen, und diese Wahrheit getrauet sich der Herausgeber den Lesern der Geschichte des Agathons zu versprechen.
Seine Hauptabsicht war, sie mit einem Character, welcher gekannt zu werden wurdig ware, in einem manchfaltigen Licht, und von allen seinen Seiten bekannt zu machen. Ohne Zweifel gibt es wichtigere als derjenige, auf den seine Wahl gefallen ist. Allein, da er selbst gewiss zu sein wunschte, dass er der Welt keine Hirngespenster fur Wahrheit verkaufe; so wahlte er denjenigen, den er am genauesten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat. Aus diesem Grunde kann er ganz zuverlassig versichern, dass Agathon und die meisten ubrigen Personen, welche in seine Geschichte eingeflochten sind, wirkliche Personen sind, dergleichen es von je her viele gegeben hat, und in dieser Stunde noch gibt, und dass (die Neben-Umstande, die Folge und besondere Bestimmung der zufalligen Begebenheiten, und was sonsten nur zur Auszierung, welche willkurlich ist, gehort, ausgenommen) alles, was das Wesentliche dieser Geschichte ausmacht, eben so historisch, und vielleicht noch um manchen Grad gewisser sei, als irgend ein Stuck der glaubwurdigsten politischen Geschichtschreiber, welche wir aufzuweisen haben.
Es ist etwas bekanntes, dass ofters im menschlichen Leben weit unwahrscheinlichere Dinge begegnen, als der Chevalier de Mouhy selbst zu erdichten sich getrauen wurde. Es wurde also sehr ubereilt sein, die Wahrheit des Characters unsers Helden deswegen in Verdacht zu ziehen, weil es ofters unwahrscheinlich ist, dass jemand so gedacht oder gehandelt habe, wie er. Wenn es unmoglich sein wird, zu beweisen, dass ein Mensch, und ein Mensch unter den besondern Bestimmungen, unter welchen sich Agathon von seiner Kindheit an befunden, nicht so denken oder handeln konne, oder wenigstens es nicht ohne Wunderwerke, Einflusse unsichtbarer Geister, oder ubernaturliche Bezauberung hatte tun konnen: So glaubt der Verfasser mit Recht erwarten zu konnen, dass man ihm auf sein Wort glaube, wenn er positiv versichert, dass Agathon wirklich so gedacht oder gehandelt habe. Zu gutem Glucke finden sich in den beglaubtesten Geschichtschreibern, und schon allein in den Lebensbeschreibungen des Plutarch Beispiele genug, dass es moglich sei, so edel, so tugendhaft, so enthaltsam, oder, nach der Sprache des Hippias, und einer ansehnlichen Classe von Menschen zu reden, so seltsam, so eigensinnig und albern zu sein als es unser Held in einigen Gelegenheiten seines Lebens ist.
Man hat an verschiedenen Stellen des gegenwartigen Werks die Ursachen angegeben, warum man aus dem Agathon kein Modell eines vollkommen tugendhaften Mannes gemacht hat. Da die Welt mit ausfuhrlichen Lehrbuchern der Sittenlehre angefullt ist, so steht einem jeden frei, (und es ist nichts leichtere) sich einen Menschen einzubilden, der von der Wiege an bis ins Grab, in allen Umstanden und Verhaltnissen des Lebens, allezeit und vollkommen so empfinde, denkt und handelt, wie eine Moral. Damit Agathon das Bild eines wirklichen Menschen ware, in welchem viele ihr eigenes erkennen sollten, konnte er, wir behaupten es zuversichtlich, nicht tugendhafter vorgestellt werden, als er ist; und wenn jemand hierin andrer Meinung sein sollte, so wunschten wir, dass er uns (wenn es wahr ist, dass derjenige der Beste ist, der die besten Eigenschaften mit den wenigsten Fehlern hat,) denjenigen nenne, der unter allen nach dem naturlichen Lauf Gebornen, in ahnlichen Umstanden, und alles zusammen genommen, tugendhafter gewesen ware, als Agathon.
Es ist moglich, dass irgend ein junger Taugenichts, wenn er siehet, dass ein Agathon den reizenden Verfuhrungen der Liebe und einer Danae endlich unterliegt, eben den Gebrauch davon machen kann, welchen der junge Charea beim Terenz von einem Gemalde machte, welches eine von den Schelmereien des Vater Jupiters vorstellte, und dass er, wenn er mit herzlicher Freude gelesen haben wird, dass ein so vortrefflicher Mann habe fallen konnen, zu sich selbst sagen mag: Ego homuncio hoc non facerem? ego vero illud faciam ac lubens.
Es ist eben so moglich, dass ein ubelgesinnter oder ruchloser Mensch, den Discurs des Sophisten Hippias lesen, und sich einbilden kann, die Rechtfertigung seines Unglaubens und seines lasterhaften Lebens darin zu finden: Aber alle rechtschaffnen Leute werden mit uns uberzeugt sein, dass dieser junge Bube, und dieser ruchlose Freigeist beides gewesen und geblieben waren, wenn gleich keine Geschichte des Agathon in der Welt ware.
Dieses letztere Beispiel fuhrt uns auf eine Erlauterung, wodurch wir der Schwachheit gewisser gutgesinnter Leute, deren Wille besser ist, als ihre Einsichten, zu Hulfe zu kommen, und und sie vor unzeitig genommenem Argernis oder ungerechten Urteilen zu verwahren, uns verbunden glauben. Wir gestehen gerne, dass in das Bewusstsein der Redlichkeit unsrer Absichten eingehullt, nicht daran gedacht hatten, dass diese Sorgfalt notig ware, wenn uns nicht die Anmerkung stutzen gemacht hatte, welche einer unsrer Freunde, ohne unser Vorwissen, auf der Seite pag. * unter den Text zu setzen, gut befunden.
Diese Erlauterung betrifft die Einfuhrung des Sophisten Hippias in unsere Geschichte, und den Discurs, wodurch er den Agathon von seinem liebenswurdigen und tugendhaften Enthusiasmus zu heilen, und zu einer Denkungsart zu bringen hofft, welche er nicht ohne guten Grund fur geschickter halt, sein Gluck in der Welt zu machen. Leute, die aus gesunden Augen gerade vor sich hin sehen, wurden ohne unser Erinnern aus dem ganzen Zusammenhang unsers Werkes, und aus der Art, wie wir bei aller Gelegenheit von diesem Sophisten und seinen Grundsatzen reden, ganz deutlich eingesehen haben, wie wenig wir dem Mann und dem System gunstig sind; und ob es sich gleich weder fur unsere eigene Art zu denken, noch fur den Ton und die Absicht unsers Buches geschickt hatte, mit dem heftigen Eifer gegen ihn auszubrechen, welcher einen jungen Magister treibt, wenn er, um sich seinem Consistorio zu einer guten Pfrunde zu empfehlen, gegen einen Tindal oder Bolingbroke zu Felde zieht: So hoffen wir doch bei vernunftigen und ehrlichen Lesern keinen Zweifel ubrig gelassen zu haben, dass wir den Hippias fur einen schlimmen und gefahrlichen Mann, und sein System, (in so fern es den echten Grundsatzen der Religion und der Rechtschaffenheit widerspricht) fur ein Gewebe von Trugschlussen ansehen, welche die menschliche Gesellschaft zu grunde richten wurden, wenn es moralisch moglich ware, dass der grossere Teil der Menschen damit angesteckt werden konnte. Wir glauben also vor allem Verdacht uber diesen Artikel sicher zu sein. Aber da unter unsern Lesern ehrliche Leute sein konnen, welche uns wenigstens eine Unvorsichtigkeit Schuld geben, und davor halten mochten, dass wir diesen Hippias entweder gar nicht einfuhren, oder wenn dieses der Plan unsers Werkes ja erfodert hatte, seine Lehrsatze ausfuhrlich hatten widerlegen sollen: So sehen wir fur billig an, ihnen die Ursachen zu sagen, warum wir das erste getan, und das andere unterlassen haben.
Weil nach unserm Plan der Character unsers Helden auf verschiedene Proben gestellt werden sollte, durch welche seine Denkensart und seine Tugend erlautert, und dasjenige, was darin ubertrieben, und unecht war, nach und nach abgesondert wurde; so war es um so viel notiger ihn auch dieser Probe zu unterwerfen, da Hippias, bekannter massen, eine historische Person ist, und mit den ubrigen Sophisten derselben Zeit sehr vieles zur Verderbnis der Sitten unter den Griechen beigetragen hat. Uberdem diente er den Charakter und die Grundsatze unsers Helden durch den Contrast, den er mit selbigen macht, in ein desto hoheres Licht zu setzen. Und da es mehr als zu gewiss ist, dass der grosseste Teil derjenigen, welche die grosse Welt ausmachen, wie Hippias denkt, oder doch nach seinen Grundsatzen handelt; so war es auch in dem Plan der moralischen Absichten, welche wir uns bei diesem Werke vorgesetzt haben, zu zeigen, was fur einen Effect diese Grundsatze machen, wenn sie in den gehorigen Zusammenhang gebracht werden. Und dieses sind die hauptsachlichsten Ursachen, warum wir diesen Sophisten (welchen wir nicht schlimmer vorgestellt haben, als er wirklich war, und seine Bruder noch heutiges Tages sind) in die Geschichte des Agathon eingeflochten haben.
Eine ausfuhrliche Widerlegung dessen, was in seinen Grundsatzen irrig und gefahrlich ist: (Denn in der Tat hat er nicht allemal unrecht,) ware in Absicht unsers Plans ein wahres hors d'oeuvre gewesen, und schien uns auch in Absicht der Leser uberflussig; indem nicht nur die Antwort, welche ihm Agathon gibt, das beste enthalt, was man dagegen sagen kann; sondern auch das ganze Werk (wie einem jeden in die Augen fallen wird, sobald man das Ganze wird ubersehen konnen) als eine Widerlegung desselben anzusehen ist. Agathon widerlegt den Hippias beinahe auf die namliche Art wie Diogenes den Sophisten, welcher leugnete, dass eine Bewegung sei: Diogenes liess den Sophisten schwatzen, so lang er wollte; und da er fertig war, begnugte er sich vor seinen Augen ganz gelassen auf und ab zu gehen. Dieses war unstreitig die einzige Widerlegung, die er verdiente.
Wir wurden dem zweiten Teile, dessen Ausgabe von der Aufnahme des ersten abhangen wird, den Vorteil der Neuheit und den Lesern zu gleicher Zeit ein kunftiges Vergnugen rauben, wenn wir den Inhalt desselben vor der Zeit bekannt machten. Genug, dass man unsern Helden in der Folge in eben so sonderbaren und interessanten Umstanden und Verwicklungen sehen wird, als in dem ersten Teil. Alles, was wir vorlaufig von der Entwicklung sagen konnen, ist dieses: dass Agathon in der letzten Periode seines Lebens, welche den Beschluss unsers Werkes macht, ein eben so weiser als tugendhafter Mann sein wird, und (was uns hiebei das beste zu sein deucht,) dass unsre Leser begreifen werden, wie und warum er es ist; warum vielleicht viele unter ihnen, weder dieses noch jenes sind; und wie es zugehen musste, wenn sie es werden sollten.
Erstes Buch
Erstes Capitel
Anfang dieser Geschichte
Die Sonne neigte sich bereits zum Untergang, als Agathon, der sich in einem unwegsamen Walde verirret hatte, von der vergeblichen Bemuhung einen Ausgang zu finden abgemattet, an dem Fuss eines Berges anlangte, welchen er noch zu ersteigen wunschte, in Hoffnung von dem Gipfel desselben irgend einen bewohnten Ort zu entdecken, wo er die Nacht zubringen konnte. Er schleppte sich also mit Muhe durch einen Fussweg hinauf, den er zwischen den Gestrauchen gewahr ward; allein da er ungefahr die Mitte des Berges erreicht hatte, fuhlt er sich so entkraftet, dass er den Mut verlor den Gipfel erreichen zu konnen, der sich immer weiter von ihm zu entfernen schien, je mehr er ihm naher kam. Er warf sich also ganz Atemlos unter einen Baum hin, der eine kleine Terrasse umschaltete, auf welcher er die einbrechende Nacht zuzubringen beschloss.
Wenn sich jemals ein Mensch in Umstanden befunden hatte, die man unglucklich nennen kann, so war es dieser Jungling in denjenigen, worin wir ihn das erstemal mit unsern Lesern bekannt machen. Vor wenigen Tagen noch ein Gunstling des Glucks, und der Gegenstand des Neides seiner Mitburger, befand er sich, durch einen plotzlichen Wechsel seines Vermogens, seiner Freunde, seines Vaterlands beraubt, allen Zufallen des widrigen Glucks, und selbst der Ungewissheit ausgesetzt, wie er das nackte Leben, das ihm allein ubrig gelassen war, erhalten mochte. Allein ungeachtet so vieler Widerwartigkeiten, die sich vereinigten seinen Mut niederzuschlagen, versichert uns doch die Geschichte, dass derjenige, der ihn in diesem Augenblick gesehen hatte, weder in seiner Mine noch in seinen Gebarden einige Spur von Verzweiflung, Ungeduld oder nur von Missvergnugen hatte bemerken konnen.
Vielleicht erinnern sich einige hiebei an den Weisen der Stoiker von welchem man ehmals versicherte, dass er in dem gluhenden Ochsen des Phalaris zum wenigsten so glucklich sei, als ein Morgenlandischer Bassa in den weichen Armen einer jungen Circasserin. Da sich aber in dem Lauf dieser Geschichte verschiedne Proben einer nicht geringen Ungleichheit unsers Helden mit dem Weisen des Seneca zeigen werden, so halten wir fur wahrscheinlicher, dass seine Seele von der Art derjenigen gewesen sei, welche dem Vergnugen immer offen stehen, und bei denen eine einzige angenehme Empfindung hinlanglich ist, sie alles vergangnen und kunftigen Kummers vergessen zu machen. Eine Offnung des Waldes zwischen zween Bergen zeigte ihm von fern die untergehende Sonne. Es brauchte nichts mehr als diesen Anblick, um die Empfindung seiner widrigen Umstande zu unterbrechen. Er uberliess sich der Begeisterung, worin dieses majestatische Schauspiel empfindliche Seelen zu setzen pflegt, ohne eine lange Zeit sich seiner dringendsten Bedurfnisse zu erinnern. Endlich weckte ihn doch das Rauschen einer Quelle, die nicht weit von ihm aus einem Felsen hervor sprudelte, aus dem angenehmen Staunen, worin er etliche Minuten sich selbst vergessen hatte; er stand auf, und schopfte mit der hohlen Hand von diesem Wasser, dessen fliessenden Cristall, seiner Einbildung nach, eine wohltatige Nymphe seinen Durst zu stillen, aus ihrem Marmorkrug entgegen goss; und anstatt die von Cyprischem Wein sprudelnde Becher der Athenischen Gastmahler zu vermissen, deuchte ihm, dass er niemals angenehmer getrunken habe. Er legte sich hierauf wieder nieder, entschlief unter dem sanftbetaubenden Gemurmel der Quelle, und traumte, dass er seine geliebte Psyche wieder gefunden habe, deren Verlust das einzige war, was ihm von Zeit zu Zeit einige Seufzer auspresste.
Zweites Capitel
Etwas ganz Unerwartetes
Wenn es seine Richtigkeit hat, dass alle Dinge in der Welt in der genauesten Beziehung auf einander stehen, so ist nicht minder gewiss, dass diese Verbindung unter einzelnen Dingen oft ganz unmerklich ist; und daher scheint es zu kommen, dass die Geschichte zuweilen viel seltsamere Begebenheiten erzahlt, als ein Romanen-Schreiber zu dichten wagen durfte. Dasjenige, was unserm Helden in dieser Nacht begegnete, gibt mir neue Bekraftigung dieser Beobachtung ab. Er genoss noch der Sussigkeit des Schlafs, den Homer fur ein so grosses Gut halt, dass er ihn auch den Unsterblichen zueignet; als er durch ein lermendes Getose plotzlich aufgeschreckt wurde. Er horchte gegen die Seite, woher es zu kommen schiene, und glaubte, in dem vermischten Getummel ein seltsames Heulen und Jauchzen zu unterscheiden, welches von den entgegenstehenden Felsen auf eine furchterliche Art widerhallte. Agathon, der nur im Schlaf erschreckt werden konnte, beschloss diesem Getose mit eben dem Mut entgegen zu gehen, womit in spatern Zeiten der unbezwingbare Ritter von Mancha dem nachtlichen Klappern der Walkmuhlen Trotz bot. Er bestieg also den obern Teil des Berges mit so vieler Eilfertigkeit als er konnte, und der Mond, dessen voller Glanz die ganze Gegend weit umher aus den dammernden Schatten hob, begunstigte sein Unternehmen. Das Getummel nahm immer zu, je naher er dem Rucken des Berges kam; er unterschied izt den Schall von Trummeln und das Flustern regelloser Floten, und fing an zu erraten, was dieser Lerm zu bedeuten haben mochte; als sich ihm plotzlich ein Schauspiel darstellte, welches fahig scheinen konnte, den Weisen selbst, dessen wir oben erwahnet haben, seiner eingebildeten Gottlichkeit vergessen zu machen. Ein schwarmender Haufen von jungen Thracischen Weibern war es, welche von der Orphischen Wut begeistert, sich in dieser Nacht versammelt hatten, die unsinnigen Gebrauche zu begehen, die das heidnische Altertum zum Andenken des beruhmten Zuges des Bacchus aus Indien eingesetzt hatte. Ohne Zweifel konnte eine ausschweifende Einbildungskraft, oder der Griffel eines la Fage von einer solchen Scene ein ziemlich verfuhrerisches Gemalde machen; allein die Eindrucke die der wurkliche Anblick auf unsern jungen Helden machte, waren nichts weniger als von der reizenden Art. Das sturmisch fliegende Haar, die rollenden Augen, die beschaumten Lippen und die aufgeschwollnen Muskeln, die wilden Gebarden und die rasende Frohlichkeit, mit der diese Unsinnigen in frechen Stellungen, ihre mit zahmen Schlangen umwundnen Thyrsos schuttelten, ihre Klapperbleche zusammen schlugen, oder abgebrochne Dithyramben mit lallender Zunge stammelten; alle diese Ausbruche einer fanatischen Wut, die ihm nur desto schandlicher vorkam, weil sie den Aberglauben zur Quelle hatte, machten seine Augen unempfindlich, und erweckten ihm einen Ekel vor Reizungen, die mit der Schamhaftigkeit alle ihre Macht auf ihn verloren hatten. Er wollte zuruck fliehen, aber es war unmoglich, weil er in eben dem Augenblick, da er sie erblickte, von ihnen bemerkt worden war. Der unerwartete Anblick eines Junglings, an einem Ort und bei einem Feste, welches kein mannliches Aug entweihen durfte, hemmte plotzlich den Lauf ihrer larmenden Frohlichkeit, um alle ihre Aufmerksamkeit auf diese Erscheinung zu wenden.
Hier konnen wir unsern Lesern einen Umstand nicht langer verhalten, der in diese ganze Geschichte einen grossen Einfluss hat. Agathon war von einer so wunderbaren Schonheit, dass die Rubens und Girardons seiner Zeit, weil sie die Hoffnung aufgaben, eine vollkommnere Gestalt zu erfinden, oder aus den zerstreuten Schonheiten der Natur zusammen zu setzen, die seinige zum Muster nahmen, wenn sie den Apollo oder Bacchus vorstellen wollten. Niemals hatte ihn ein weibliches Aug erblickt, ohne die Schuld ihres Geschlechts zu bezahlen, welches die Natur fur die Schonheit so empfindlich gemacht zu haben scheint, dass diese einzige Eigenschaft den meisten unter ihnen die Abwesenheit aller ubrigen verbirgt. Agathon hatte ihr in diesem Augenblick noch mehr zu danken; sie rettete ihn von dem Schicksal des Pentheus. Seine Schonheit setzte diese Manaden in Erstaunen. Ein Jungling von einer solchen Gestalt, an einem solchen Ort, zu einer solchen Zeit! Konnten sie ihn fur etwas geringers halten, als fur den Bacchus selbst? In dem Taumel worin sich ihre Sinnen befanden, war nichts naturlichers als dieser Gedanke; auch gab er ihrer Phantasie auf einmal einen so feurigen Schwung, dass, da sie die Gestalt dieses Gottes vor sich sahen, sie alles ubrige hinzudichteten, was ihm zu einem vollstandigen Dionysus mangelte. Ihre bezauberten Augen stellten ihnen die Silenen und die Ziegenfussigen Faunen vor, die um ihn her schwarmten, und Tiger und Leoparden die mit liebkosender Zunge seine Fusse leckten; Blumen, so deucht es sie, entsprangen unter seinen Fusssohlen, und Quellen von Wein und Honig sprudelten von jedem seiner Tritte auf, und rannen in schaumenden Bachen die Felsen hinab. Auf einmal erschallte der ganze Berg, der Wald und die benachbarten Felsen von ihrem lauten Evan, Evan! mit einem so entsetzlichen Getose der Trummeln und Klapperbleche, dass Agathon, bei dem das, was er in diesem Augenblick sah und horte, alles uberstieg, was er jemals gesehen, gehort, gedichtet oder getraumt hatte, von Entsetzen und Erstaunung gefesselt, wie eine Bildsaule stehen blieb, indes, dass die entzuckten Bacchantinnen gaukelnde Tanze um ihn her machten, und durch tausend unsinnige Gebarden ihre Freude uber die vermeinte Gegenwart ihres Gottes ausdruckten.
Allein die unmassigste Schwarmerei hat ihre Grenzen, und weicht endlich der Obermacht der Sinnen. Zum Ungluck fur den Helden unsrer Geschichte kamen diese Unsinnigen allmahlich aus einer Entzukkung zuruck, woruber sich vermutlich ihre Einbildungskraft ganzlich algemattet hatte, und bemerkten immer mehr menschliches an demjenigen, den seine ungewohnliche Schonheit in ihren trunknen Augen vergottert hatte. Etliche, die das Bewusstsein ihrer eignen stolz genug machte, die Ariadnen dieses neuen Bacchus zu sein, naherten sich ihm, und setzten ihn durch die Art womit sie ihre Empfindungen ausdruckten in eine desto grossere Verlegenheit, je weniger er geneigt war, ihre ungestumen Liebkosungen zu erwidern. Dem Ansehn nach wurde unter ihnen selbst ein grimmiger Streit entstanden, und Agathon zuletzt das tragische Schicksal des Orpheus, der ehmals aus ahnlichen Ursachen von den thracischen Manaden zerrissen worden war, erfahren haben, wenn nicht die Unsterblichen, die das Gewebe der menschlichen Zufalle leiten, in eben dem Augenblick ein Mittel seiner Errettung herbeigebracht hatten, da weder seine Starke, noch seine Tugend ihn zu retten hinlanglich war.
Drittes Capitel
Unvermutete Unterbrechung des Bacchus-Festes
Eine Schar Cilicischer Seerauber, welche frisches Wasser einzunehmen bei nachtlicher Weile an dieser Kuste gelandet, hatten von fern das Getummel der Bacchantinnen gehort, und sogleich fur einen Aufruf zu einer ansehnlichen Beute aufgenommen. Sie erinnerten sich, dass die vornehmsten Frauen dieser Gegend die geheimnisvollen Orgya um diese Zeit zu begehen pflegten; und dass sie, wenn sie sich zu solchem Ende versammelten, in ihrem schonsten Putz aufzuziehen pflegten, ob sie gleich vor Besteigung des Berges sich dessen wieder entledigten, und alles bis zu ihrer Wiederkunft von einer Anzahl Sclavinnen bewachen liessen. Die Hoffnung, ausser diesen Weibern, von denen sie die schonsten fur die Asiatischen Harems bestimmten, eine Menge von kostbaren Kleidern und Juwelen zu erbeuten, schien ihnen wohl wert, sich etwas langer aufzuhalten. Sie teilten sich also in zween Haufen, davon der eine sich derer bemachtigte, welche die Kleider huteten, indessen dass die ubrigen den Berg bestiegen, und mit grossem Geschrei unter die Thracierinnen einsturmend, sich von ihnen Meister machten, ehe sie Zeit oder Mut hatten, sich zur Wehr zu setzen. Die Umstande waren allerdings so beschaffen, dass sie sich allein mit den gewohnlichen und anstandigsten Waffen ihres Geschlechts verteidigen konnten. Allein diese Cilicier waren allzusehr Seerauber, als dass sie auf die Tranen und Bitten, noch selbst auf die Reizungen dieser Schonen einige Achtung gemacht hatten, welche doch in diesem Augenblick, da Schrecken und Zagheit ihnen die Weiblichkeit (wenn es erlaubt ist, dieses Wort einem grossen Dichter abzuborgen) wiedergegeben hatte, selbst dem sittsamen Agathon so verfuhrerisch vorkamen, dass er vor gut befand, seine nicht gerne gehorchende Augen an den Boden zu heften. Allein die Rauber hatten izt andre Sorgen, und waren nur darauf bedacht, wie sie ihre Beute aufs schleunigste in Sicherheit bringen mochten. Und so entging Agathon, fur etliche nicht allzufeine Scherze uber die Gesellschaft, worin man ihm gefunden hatte, und fur seine Freiheit, einer Gefahr, aus der er seinen Gedanken nach sich nicht zu teuer loskaufen konnte. Der Verlust der Freiheit schien ihn in den Umstanden worin er war, wenig zu bekummern; und in der Tat, da er alles ubrige verloren hatte was die Freiheit schatzbar macht, so hatte er wenig Ursache sich wegen eines Verlusts zu kranken, der ihm wenigstens eine Veranderung im Ungluck versprach.
Viertes Capitel
Agathon wird zu Schiffe gebracht
Nachdem die Cilicier mit ihrer gesamten Beute wieder zu Schiffe gegangen, und die Teilung derselben mit grosserer Eintracht, als womit die Vorsteher einer kleinen Republik sich in die offentlichen Einkunfte zu teilen pflegen, geendiget hatten; brachten sie den Rest der Nacht mit einem Schmause zu, bei welchem sie nicht vergassen, sich wegen der mehr als stoischen Unempfindlichkeit, die sie bei Eroberung der thracischen Schonen bewiesen hatten, schadlos zu halten. Unterdessen aber, dass das ganze Schiff beschaftiget war, das angefangne Bacchusfest zu vollenden, hatte sich Agathon unbemerkt in einen Winkel zuruck gezogen, wo er vor Mudigkeit abermals einschlummerte, und den Traum gerne fortgesetzt hatte, aus welchem ihn das Evan Evan der berauschten Manaden geweckt hatte.
Funftes Capitel
Eine Entdeckung
Die aufgehende Sonne, die von der rosenfingrichten Aurora angekundiget, das Jonische Meer mit ihren ersten Strahlen vergoldete, fand alle diejenigen, mit dem Virgil zu reden, von Wein und Schlaf begraben, welche die Nacht durch dem Bacchus und seiner Gottin Schwester geopfert hatten. Nur Agathon, der gewohnt war mit der Morgenrote zu erwachen, wurde von den ersten Strahlen geweckt, die in horizontalen Linien an seiner Stirne hinschlupften. Indem er die Augen aufschlug, sah er einen jungen Menschen in einer Sclaven-Kleidung vor sich stehen, der ihn mit grosser Aufmerksamkeit betrachtete. So schon als Agathon war, so schien er doch von diesem liebenswurdigen Jungling an Feinheit der Gestalt und Farbe ubertroffen zu werden; in der Tat hatte er in seiner Gesichtsbildung und in seiner ganzen Figur etwas so jungfrauliches, dass er, gleich dem schonen Liebling des Horaz, in weiblicher Kleidung unter einer Schar von Madchen gemischt, gar leicht das Auge des scharfsten Kenners betrogen haben wurde. Agathon erwiderte den Anblick dieses jungen Sclaven mit einer Aufmerksamkeit, in welcher ein angenehmes Erstaunen nach und nach sich bis zur Entzuckung erhob. Eben diese Bewegungen enthullten sich auch in dem anmutigen Gesichte des jungen Sclaven; ihre Seelen erkannten einander in eben demselben Augenblicke, und schienen durch ihre Blicke schon in einander zu fliessen, eh ihre Arme sich umfangen, und die von Entzuckung bebende Lippen Psyche Agathon, ausrufen konnten. Sie schwiegen eine lange Zeit; dasjenige, was sie empfanden, war uber allen Ausdruck; und wozu bedurften sie der Worte? Der Gebrauch der Sprache hort auf, wenn sich die Seelen einander unmittelbar mitteilen, sich unmittelbar anschauen und beruhren, und in einem Augenblick mehr empfinden, als die Zunge der Musen selbst in ganzen Jahren auszusprechen vermochte. Die Sonne wurde vielleicht unbemerkt uber ihrem Haupt hinweg, und wieder in den Ocean hinab gestiegen sein, ohne dass sie in den fortdaurenden Augenblick der Entzuckung den Wechsel der Stunden bemerkt hatten; wenn nicht Agathon dem es allerdings zukam hierin der erste zu sein, sich mit sanfter Gewalt aus den Armen seiner Psyche losgewunden hatte, um von ihr zu erfahren, durch was fur einen Zufall sie in die Gewalt der Seerauber gekommen sei. Die Zeit ist kostbar, liebste Psyche, sagte er, wir mussen uns der Augenblicke bemachtigen, da diese Barbaren, von der Gewalt ihres Gottes bezwungen, zu Boden liegen. Erzahle mir, durch was fur einen Zufall wurdest du von meiner Seite gerissen, ohne dass es mir moglich war zu erfahren, wie oder wohin? Und wie finde ich dich izt in diesem Sclavenkleid, und in der Gewalt dieser Seerauber?
Sechstes Capitel
Erzahlung der Psyche
Du erinnerst dich, antwortete ihm Psyche, jener unglucklichen Stunde, da die eifersuchtige Pythia unsre Liebe, so geheim wir sie zu halten vermeinten, entdeckte. Nichts war ihrer Wut zu vergleichen, und es fehlte nur noch, dass ihre Rache nicht mein Leben zum Opfer verlangte; denn sie liess mich einige Tage alles erfahren, was verschmahte Liebe erfinden kann, eine gluckliche Nebenbuhlerin zu qualen. Ob sie es nun gleich in ihrer Gewalt hatte, mich deinen Augen ganzlich zu entziehen, so hielt sie sich doch niemals sicher, so lang ich zu Delphi sein wurde. Sie machte bald ein Mittel ausfundig, sich meiner zu entledigen, ohne einigen Argwohn zu erwecken; sie schenkte mich einer Verwandten, die sie zu Syracus hatte, und weil sie mich an diesem Orte weit genug von dir entfernt hielt, saumte sie nicht, mich in der grossten Stille nach Corinth, und von da nach Sicilien bringen zu lassen. Die Torin! kannte sie die Macht der Liebe nicht, die Agathon einflosst? Wusste sie nicht, dass keine Scheidung der Leiber durch Lander und Meere meine Seele verhindern konne, aus einer Zone in die andre zu fliegen, und gleich einem liebenden Schatten um dich her zu schweben? Oder hoffte sie, reizender in deinen Augen zu werden, wenn du mich nicht mehr neben ihr sehen wurdest? Wie wenig kannte sie unsre Liebe! Nein, wahre Liebe kann so wenig eifersuchtig sein, als sich selbst fuhlende Starke zittern kann. Ich verliess Delphi mit zerrissnem Herzen. Als ich den letzten Blick auf diese bezauberten Haine heftete, wo deine Liebe mir ein neues Wesen gab, eine neue Wurklichkeit, gegen die mein voriges Leben eine ekelhafte Abwechslung von einformigen Tagen und Nachten, ein ungefuhltes Pflanzen-Leben war, als ich diese geliebte Gegend endlich aus den Augen verlor. Nein, Agathon, ich kann es nicht beschreiben, du kannst es empfinden, du allein Als ich mich selbst wieder fuhlte, erleichtert ein Strom von Tranen mein gepresstes Herz. Es war eine Art von Wollust in diesen Tranen, ich liess ihnen freien Lauf, ohne mich zu bekummern, dass sie gesehen wurden. Die Welt schien mir ein leerer Raum, und alle Gegenstande um mich her Traume und Schatten; du und ich waren allein; ich sah, ich horte nur dich, ich lag an deiner Brust, ich legte meinen Arm um deinen Hals ich zeigte dir meine Seele in meinen Augen, ich fuhrte dich in die heiligen Schatten, wo du mich die Gegenwart der Unsterblichen fuhlen lehrtest; ich lag zu deinen Fussen, und meine an deinen Lippen hangende Seele glaubte den Gesang der Musen zu horen, wenn du sprachest; wir wandelten Hand in Hand beim sanften Mondschein durch elysische Gegenden, oder setzten uns unter die Blumen, stillschweigend, indem unsre Seelen, in ihrer eignen geistigen Sprache sich einander enthullten, und lauter Licht und Wonne um sich her sahen, und unsterblich zu sein wunschten, um sich ewig lieben zu konnen. Unter diesen Erinnerungen, deren Lebhaftigkeit alle aussre Empfindungen verdunkelte, beruhigte sich mein Herz allgemach. Ich, die sich selbst nur fur einen Teil deines Wesens hielt, konnte nicht glauben, dass wir immer getrennt bleiben wurden. Diese Hoffnung machte nun mein Leben aus, und bemachtigte sich meiner so sehr, dass ich wieder heiter wurde. Denn ich zweifelte nicht, ich wusste es, dass du nicht aufhoren konntest, mich zu lieben. Ich uberliess dich der gluhenden Leidenschaft einer machtigen und reizenden Nebenbuhlerin, ohne sie einen Augenblick zu furchten. Ich wusste, dass wenn sie es auch so weit bringen konnte, deine Sinnen zu verfuhren, sie doch unfahig sei, dir eine Liebe einzuflossen wie die unsrige, und dass du dich bald wieder nach derjenigen sehnen wurdest, die dich allein glucklich machen, weil sie allein dich lieben kann, wie du geliebt zu sein wunschest. Unter tausend solchen Gedanken kam ich endlich zu Syracus an. Die vorsichtige Priesterin hatte Anstalt gemacht, dass ich nirgend Mittel finden konnte, dir von meinem Aufenthalt Nachricht zu geben. Meine neue Gebieterin war von der guten Art von Geschopfen, die gemacht sind sich selbst zu gefallen, und sich alles gefallen zu lassen. Ich wurde zu der Ehre bestimmt, den Aufputz ihres schonen Kopfes zu besorgen; und die Art, wie ich dieses Amt verwaltete, erwarb mir ihre Gunst so sehr, dass sie mich beinahe so viel liebte, als ihren Schosshund. In diesem Zustand hielt ich mich fur so glucklich, als ich es ohne deine Gegenwart in einem jeden andern hatte sein konnen, bis die Ankunft des Sohnes meiner Gebieterin die Scene veranderte.
Siebentes Capitel
Fortsetzung der Erzahlung der Psyche
Narcissus, so hiess dieser junge Herr, war von seiner Mutter nach Athen geschickt worden, die Weisen daselbst zu horen, und die feinen Sitten der Athenienser an sich zu nehmen. Allein er hatte keine Zeit gefunden, weder das eine noch das andre zu tun. Einige junge Leute, die er seine Freunde nannte, machten jeden Tag eine neue Lustbarkeit ausbundig, die ihn verhinderte, die schwermutigen Spaziergange der Philosophen zu besuchen. Uber das hatten ihm die artigsten Straussermadchen von Athen gesagt, dass er ein sehr liebenswurdiger junger Herr ware; er hatte es ihnen geglaubt, und sich also keine Muhe gegeben, erst zu werden, was er nach einem so vollgultigen Zeugnis, schon war. Er hatte sich also mit nichts beschaftiget, als seine Person in das gehorige Licht zu setzen; niemand in Athen konnte sich ruhmen lacherlicher geputzt zu sein, weigere Zahne und sanftere Hande zu haben als Narcissus. Er war der erste in der Kunst, sich in einem Augenblick zweimal auf einem Fuss herum zu drehen, einen Facher aufzuheben, oder ein Blumenstrausschen an die Stirne einer Dame zu stecken. Bei solchen Vorzugen glaubte er einen naturlichen Beruf zu haben, sich dem weiblichen Geschlecht anzubieten. Die Leichtigkeit womit seine Verdienste uber die zartlichen Herzen der Straussermadchen gesiegt hatten, machte ihm Mut sich an die Kammermadchen zu wagen, und von diesen Nymphen erhob er sich endlich zu den Gottinnen selbst. Ohne sich zu bekummern, wie sein Herz aufgenommen wurde, hatte er sich angewohnt zu glauben, dass er unwiderstehlich sei; und wenn er nicht allemal Proben davon erhielt, so machte er sich dafur schadlos, indem er sich der Gunstbezeugungen am meisten ruhmte, die er nicht genossen hatte. Wunderst du dich, Agathon, woher ich so wohl von ihm unterrichtet bin? Von ihm selbst. Was meine Augen nicht an ihm entdeckten, das sagte mir sein Mund. Denn er selbst war der unerschopfliche Inhalt seiner Gesprache, so wie der einzige Gegenstand seiner Bewunderung. Ein Liebhaber von dieser Art sollte dem Ansehen nach wenig zu bedeuten haben. Eine Zeit lang belustigte mich seine Torheit; allein er wurde ungestum. Er fand es unanstandig, dass eine Aufwarterin seiner Mutter unempfindlich gegen ein Herz bleiben sollte, um welches die Strausser-Madchen zu Athen einander beneidet hatten. Ich ward endlich genotiget, meine Zuflucht zu seiner Mutter zu nehmen. Allein eben diese leutselige Organisation, welche sie gutig gegen sich selbst, gegen ihr Schosshundchen und gegen alle Welt machte, machte sie auch gutig gegen die Torheiten ihres Sohnes. Sie schien es so gar ubel zu nehmen, dass ich von den Vorzugen eines so liebreizenden jungen Herrn nicht starker geruhrt wurde. Die Ungeduld uber die Anfalle, denen ich bestandig ausgesetzt war, gab mir tausendmal den Gedanken ein, mich heimlich hinweg zu stehlen. Allein ich hatte keine Nachricht von dir; ein Reisender von Delphi hatte uns zwar gesagt, dass du daselbst unsichtbar geworden, aber niemand konnte sagen wo du seiest. Diese Ungewissheit sturzte mich in eine Unruhe, die meiner Gesundheit nachteilig zu werden anfing; als eben dieser Narcissus, dessen lacherliche Liebe zu sich selbst mich so lange gequalt hatte, mir ohne seine Absicht das Leben wieder gab, indem er erzahlte, dass ein gewisser Agathon von Athen, nach einem Sieg uber die aufruhrischen Einwohner von Euboa, diese Insel seiner Republik wieder unterworfen habe. Die Umstande die er von diesem Agathon hinzu fugte, liessen mich nicht zweifeln, dass du es seiest. Eine Sclavin, die mir gewogen war, beforderte meine Flucht. Sie hatte einen Liebhaber, der sie beredet hatte, sich von ihm entfuhren zu lassen. Ich half ihr, dieses Vorhaben auszufuhren und begleitete sie; der junge Sicilianer verschaffte mir zur Dankbarkeit dieses Sclavenkleid, und brachte mich auf ein Schiff, welches nach Athen bestimmt war. Ich wurde fur einen Sclaven ausgegeben, der seinen Herrn zu Athen suchte, und uberliess mich zum zweitenmal den Wellen, aber mit ganz andern Empfindungen als das erstemal, da sie nun anstatt mich von dir zu entfernen, uns wieder zusammen bringen sollten.
Achtes Capitel
Psyche beschlieft ihre Erzahlung
Unsre Fahrt war einige Tage glucklich, ausser dass ein Wind der uns westwarts trieb, unsre Reise ungewohnlich verlangerte. Allein am Abend des sechsten Tages erhob sich ein heftiger Sturm, der uns in wenigen Stunden wieder einen grossen Weg zuruck machen liess; unsre Schiffer waren endlich so glucklich, eine von den unbewohnten Cycladen zu erreichen, wo wir uns vor dem Sturm in Sicherheit setzten. Wir fanden in eben der Bucht wohin wir uns gefluchtet hatten, ein anders Schiff liegen, worin sich eben diese Cilicier befanden, denen wir izt zugehoren. Sie hatten eine griechische Flagge aufgesteckt, sie grussten uns, sie kamen zu uns heruber, und weil sie unsre Sprache redeten, so hatten sie keine Muhe uns so viele Marchen vorzuschwatzen, als sie notig fanden, uns sicher zu machen. Nach und nach wurde unser Volk vertraulich mit ihnen; sie brachten etliche grosse Kruge mit Cyprischem Weine, wodurch sie in wenig Stunden alle unsre Leute wehrlos machten. Sie bemachtigten sich hierauf unsers ganzen Schiffes, und begaben sich, so bald sich der Sturm in etwas gelegt hatte, wieder in die See. Bei der Teilung wurde ich einmutig dem Hauptmann der Rauber zuerkannt. Man bewunderte meine Gestalt ohne mein Geschlecht zu mutmassen. Allein diese Verborgenheit half mir nicht so viel, als ich gehofft hatte. Der Cilicier, den ich fur meinen Herrn erkennen musste, verzog nicht lange, mich mit einer ekelhaften Leidenschaft zu qualen. Er nannte mich Ganymedes, und schwur bei allen Tritonen und Nereiden, dass ich ihm sein musste, was dieser trojanische Prinz dem Jupiter gewesen sei. Wie er sah, dass seine Schmeicheleien ohne Wurkung waren, notigte er mich zuletzt, ihm zu zeigen, dass ich mein Leben gegen meine Ehre fur nichts halte. Dieses verschaffte mir bisher einige Ruhe, und ich fing an, auf ein Mittel meiner Befreiung zu denken. Ich gab dem Rauber zu verstehen, dass ich von einem ganz andern Stande sei, als mein Sclavenmassiger Anzug zu erkennen gabe, und bat ihn aufs instandigste mich nach Athen zu fuhren, wo er fur meine Erledigung erhalten wurde, was er nur fodern wollte. Allein uber diesen Punkt war er unerbittlich, und jeder Tag entfernte uns weiter von diesem geliebten Athen, welches, wie ich glaubte, meinen Agathon in sich hielt. Wie wenig dachte ich, dass eben diese Entfernung, uber die ich so untrostbar war, uns wieder zusammen bringen wurde? Aber, ach! in was fur Umstanden finden wir uns wieder! Beide der Freiheit beraubt, ohne Freunde, ohne Hulfe, ohne Hoffnung befreit zu werden; verurteilt ungesitteten Barbaren dienstbar zu sein. Die unsinnige Leidenschaft meines Herrn wird uns so gar des einzigen Vergnugens berauben, das unsern Zustand erleichtern konnte. Seitdem ihm meine Entschlossenheit die Hoffnung benommen seinen Endzweck zu erreichen, scheint sich seine Liebe in eine wutende Eifersucht verwandelt zu haben, die sich bemuht, dasjenige was man selbst nicht geniessen kann, wenigstens keinem andern zu Teil werden zu lassen. Der Barbar wird dir keinen Umgang mit mir verstatten, da er mir kaum sichtbar zu sein erlaubt. Doch die ungewisse Zukunft soll mir nicht einen Augenblick von der gegenwartigen Wonne rauben. Ich sehe dich, Agathon, und bin glucklich. Wie begierig hatte ich vor wenigen Stunden einen Augenblick wie diesen mit meinem Leben erkauft! Indem sie dieses sagte, umarmte sie den glucklichen Agathon mit einer so ruhrenden Zartlichkeit, dass die Entzuckung, die ihre Herzen einander mitteilten, eine zweite sprachlose Stille hervorbrachte; und wie sollten wir beschreiben konnen, was sie empfanden, da der Mund der Liebe selbst nicht beredt genug war, es auszudrucken?
Neuntes Capitel
Wie Psyche und Agathon wieder getrennt werden
Nachdem unsre Liebhaber aus ihrer Entzuckung zuruckgekommen waren, verlangte Psyche von Agathon eben dieselbe Gefalligkeit, die sie durch Erzahlung ihrer Begebenheiten fur seine Neugierde gehabt hatte. Er meldete ihr also, wiewohl ihm die Zeit nicht erlaubte umstandlich zu sein, auf was Weise er von Delphi entflohen, wie er mit einem Athenienser bekannt geworden, und wie sich entdecket habe, dass dieser Athenienser sein Vater sei; wie er durch einen Zufall in die offentlichen Angelegenheiten verwickelt und durch seine Beredsamkeit dem Volke angenehm geworden; die Dienste, die er der Republik geleistet; durch was fur Mittel seine Neider das Volk wider ihn aufgebracht, und wie er vor wenig Tagen mit Verlust aller seiner vaterlichen Guter und Anspruche lebenslanglich aus Athen verbannt worden; wie er den Entschluss gefasst, eine Reise in die Morgenlander vorzunehmen, und durch was fur einen Zufall er in die Hande der Cilicier geraten. Sie fingen nun auch an, sich uber die Mittel ihrer Befreiung zu beratschlagen; allein die Bewegungen, welche die allmahlich erwachenden Rauber machten, notigten Psyche sich aufs eilfertigste zu verbergen, um einem Verdacht zuvorzukommen, wovon der Schatten genug war, ihren Geliebten das Leben zu kosten. Sie beklagten izt bei sich selbst, dass sie, nach dem Beispiel der Liebhaber in den Romanen, eine so gunstige Zeit mit unnotigen Erzahlungen verloren, da sie doch voraus sehen konnten, dass ihnen kunftig wenig Gelegenheit wurde gegeben werden, sich zu besprechen. Allein was sie hieruber hatte trosten konnen, war, dass alle ihre Beratschlagungen und Erfindungen vergeblich gewesen waren. Denn an eben diesem Morgen erhielt der Hauptmann Nachricht von einem reichbeladnen Schiffe, welches im Begriff sei, von Lesbos nach Corinth abzugehen, und welches, nach den Umstanden die der Bericht angab, unterwegs aufgefangen werden konnte. Diese Zeitung veranlasste eine geheime Beratschlagung unter den Hauptern der Rauber, wovon der Ausschlag war, dass Agathon mit den gefangnen Thracierinnen und einigen andern jungen Sclaven unter einer Bedeckung in eine Barke gesetzt wurde, um ungesaumt nach Smirna gefuhrt und daselbst verkauft zu werden; indes, dass die Galeere mit dem grossten Teil der Seerauber sich fertig machte, der reichen Beute, die sie schon in Gedanken verschlangen, entgegen zu gehen. In diesem Augenblick verlor Agathon die Gelassenheit, mit der er bisher alle Sturme des widrigen Glucks ausgehalten hatte. Der Gedanke, von seiner Psyche wieder getrennt zu werden, setzte ihn ausser sich selbst. Er warf sich zu den Fussen des Ciliciers, er schwur ihm, dass der verkleidete Ganymedes sein Bruder sei; er bot sich selbst zu seinem Sclaven an, er flehte, er weinte. Aber umsonst. Der Seerauber hatte die Natur des Elements, welches er bewohnte, und die Syrenen selbst hatten ihn nicht bereden konnen, seinen Entschluss zu andern. Agathon erhielt nicht einmal die Erlaubnis, von seinem geliebten Bruder Abschied zu nehmen; die Lebhaftigkeit, die er bei diesem Anlass gezeigt, hatte ihn dem Hauptmann verdachtig gemacht. Er wurde also, von Schmerz und Verzweiflung betaubt, in die Barke getragen, und befand sich schon eine geraume Zeit ausser dem Gesichtskreis seiner Psyche, eh er wieder erwachte, um den ganzen Umfang seines Elends zu fuhlen.
Zehntes Capitel
Ein Selbstgesprach
Da wir uns zum unverbruchlichen Gesetze gemacht haben, in dieser Geschichte alles sorgfaltig zu vermeiden, was gegen die historische Wahrheit derselben einigen gerechten Verdacht erwecken konnte; so wurden wir uns ein Bedenken gemacht haben, das Selbstgesprach, welches wir hier in unserm Manuscript vor uns finden, mitzuteilen, wenn nicht der ungenannte Verfasser die Vorsicht gebraucht hatte uns zu melden, dass seine Erzahlung sich in den meisten Umstanden auf eine Art von Tagebuch grunde, welches (sichern Anzeigen nach) von der eignen Hand des Agathon sei, und wovon er durch einen Freund zu Crotona eine Abschrift erhalten. Dieser Umstand macht begreiflich, wie der Geschichtschreiber habe wissen konnen, was Agathon bei dieser und andern Gelegenheiten mit sich selbst gesprochen; und schutzet uns gegen die Einwurfe, die man gegen die Selbstgesprache machen kann, worin die Geschichtschreiber den Poeten so gerne nachzuahmen pflegen, ohne sich, wie sie, auf die Eingebung der Musen berufen zu konnen.
Unsre Urkunde meldet also, nachdem die erste Wut des Schmerzens, welche allezeit stumm und Gedankenlos zu sein pflegt, sich geleget, habe Agathon sich umgesehen; und da er von allen Seiten nichts als Luft und Wasser um sich her erblickt, habe er, seiner Gewohnheit nach, also mit sich selbst zu philosophieren angefangen:
War es ein Traum, was mir begegnet ist, oder sah ich sie wurklich, hort' ich wurklich den ruhrenden Accent ihrer sussen Stimme, und umfingen meine Arme keinen Schatten? Wenn es mehr als ein Traum war, warum ist mir von einem Gegenstand, der alle andern aus meiner Seele ausloschte nichts als die Erinnerung ubrig? Wenn Ordnung und Zusammenhang die Kennzeichen der Wahrheit sind, o! wie ahnlich dem ungefahren Spiel der traumenden Phantasie sind die Zufalle meines ganzen Lebens! Von Kindheit an unter den heiligen Lorbeern des Delphischen Gottes erzogen, schmeichle ich mir unter seinem Schutz, in Beschauung der Wahrheit und im geheimen Umgang mit den Unsterblichen, ein stilles und sorgenfreies Leben zuzubringen. Tage voll Unschuld, einer dem andern gleich, fliessen in ruhiger Stille, wie Augenblicke vorbei, und ich werde unvermerkt ein Jungling. Eine Priesterin, deren Seele eine Wohnung der Gotter sein soll, wie ihre Zunge das Werkzeug ihrer Ausspruche, vergisst ihre Gelubde, und bemuht sich meine unerfahrne Jugend zu Befriedigung ihrer Begierde zu missbrauchen. Ihre Leidenschaft beraubt mich derjenigen, die ich liebe; ihre Nachstellungen treiben mich endlich aus dem geheiligten Schutzort, wo ich, seit dem ich mich selbst empfand, von Bildern der Gotter und Helden umgeben, mich einzig beschaftigt hatte, ihnen ahnlich zu werden. In eine unbekannte Welt ausgestossen, finde ich unvermutet einen Vater und ein Vaterland, die ich nicht kannte. Ein schneller Wechsel von Umstanden setzt mich ebenso unvermutet in den Besitz des grossten Ansehens in Athen. Das blinde Zutrauen eines Volkes, das in seiner Gunst so wenig Mass halt als in seinem Unwillen, notigt mir die Anfuhrung seines Kriegsheers auf; ein wunderbares Gluck kommt allen meinen Unternehmungen entgegen, und fuhrt meine Anschlage aus; ich kehre siegreich zuruck. Welch ein Triumph! Welch ein Zujauchzen! Welche Vergotterung! Und wofur? Fur Taten, an denen ich den wenigsten Anteil hatte. Aber kaum schimmert meine Bildsaule zwischen den Bildern des Cecrops und Theseus, so reisst mich eben dieser Pobel, der vor wenigen Tagen bereit war, mir Altare aufzurichten, mit ungestumer Wut zum Gerichtsplatz hin. Die Missgunst derer, die das Ubermass meines Glucks beleidigte, hat schon alle Gemuter wider mich eingenommen, und alle Ohren gegen meine Verteidigung verstopft; Handlungen, woruber mein Herz mir Beifall gibt, werden auf den Lippen meiner Anklager zu Verbrechen, mein VerdammungsUrteil wird ausgesprochen. Von allen verlassen, die sich meine Freunde genannt hatten, und kurz zuvor die eifrigsten gewesen waren, neue Ehrenbezeugungen fur mich zu erfinden, fliehe ich aus Athen, mit leichtem Herzen, als womit ich vor wenigen Wochen, unter dem Zujauchzen einer unzahlbaren Menge, durch ihre Tore eingefuhrt wurde; und entschliesse mich den Erdboden zu durchwandern, ob ich einen Ort finden mochte, wo die Tugend, von auswartigen Beleidigungen sicher, ihrer eigentumlichen Gluckseligkeit geniessen konnte, ohne sich aus der Gesellschaft der Menschen zu verbannen. Ich nahm den Weg nach Asien, um an den Ufern des Oxus die Quellen zu besuchen, aus denen die Geheimnisse des Orphischen Gottesdiensts zu uns geflossen sind. Ein Zufall fuhrt mich unter einen Schwarm rasender Bacchantinnen, und ich entrinne ihrer verliebten Wut bloss dadurch, dass ich in die Hande seerauberischer Barbaren falle. In diesem Augenblicke, da mir von allem was man verlieren kann nur noch das Leben ubrig ist, finde ich meine Psyche wieder; aber kaum fange ich an meinen Sinnen zu glauben, dass sie es sei, die ich in meinen Armen umschlossen halte, so verschwindet sie wieder, und ich finde mich auf diesem Schiffe, um zu Smyrna als ein Sclave verkauft zu werden Wie ahnlich ist alles dieses einem Traum, wo die schwarmende Phantasie, ohne Ordnung, ohne Wahrscheinlichkeit, ohne Zeit oder Ortin Betracht zu ziehen, die betaubte Seele von einem Abenteur zu dem andern, von der Crone zum Bettlers-Mantel, von der Wonne zur Verzweiflung, vom Tartarus ins Elysium fortreisst? Und ist denn das Leben ein Traum, ein blosser Traum, so eitel, so unwesentlich, so unbedeutend als ein Traum? Ein unbestandiges Spiel des blinden Zufalls, oder unsichtbarer Geister, die eine grausame Belustigung darin finden, uns zum Scherz bald glucklich bald unglucklich zu machen? Oder, ist es eben diese allgemeine Seele der Welt, deren Dasein die geheimnisvolle Majestat der Natur ankundiget; ist es dieser allesbelebende Geist, der die menschlichen Sachen anordnet; warum herrschet in der moralischen Welt nicht eben diese unveranderliche Ordnung und Zusammenstimmung, wodurch die Elemente die Jahres- und Tages-Zeiten, die Gestirne und die Kreise des Himmels in ihrem gleichformigen Lauf erhalten werden? Warum leidet der Unschuldige? Warum sieget der Betruger? Warum verfolgt ein unerbittliches Schicksal die Tugendhaften? Sind unsre Seelen den Unsterblichen verwandt, sind sie Kinder des Himmels; warum verkennt der Himmel sein Geschlecht und tritt auf die Seite seiner Feinde? Oder hat er uns die Sorge fur uns selbst ganzlich uberlassen, warum sind wir keinen Augenblick unsers Zustandes Meister? Warum vernichtet bald Notwendigkeit, bald Zufall, die weisesten Entwurfe?
Hier hielt Agathon eine Zeitlang inne; sein in Zweifeln verwickelter Geist arbeitete sich loszuwinden, bis ein neuer Blick auf die majestatische Natur die ihn umgab, eine andre Reihe von Vorstellungen in ihm entwickelte. Was sind, fuhr er mit sich selbst fort, meine Zweifel anders, als Eingebungen der eigennutzigen Leidenschaft? Wer war diesen Morgen glucklicher als ich? Alles war Wollust und Wonne um mich her. Hat sich die Natur binnen dieser Zeit verandert, oder ist sie minder der Schauplatz einer grenzenlosen Vollkommenheit, weil Agathon ein Sclave, und von Psyche getrennet ist? Schame dich, Kleinmutiger, deiner trubsinnigen Zweifel, und deiner unmannlichen Klagen! Wie kannst du Verlust nennen, dessen Besitz kein Gut war? Ist es ein Ubel, deines Ansehens, deines Vermogens, deines Vaterlandes beraubt zu sein? Alles dessen beraubt warst du in Delphi glucklich, und vermisstest es nicht. Und warum nennest du Dinge dein, die nicht zu dir selbst gehoren, die der Zufall gibt und nimmt, ohne dass es in deiner Willkur steht sie zu erlangen oder zu erhalten? Wie ruhig, wie heiter und glucklich floss mein Leben in Delphi hin, ehe ich die Welt, ihre Geschafte, ihre Sorgen, ihre Freuden und ihre Abwechselungen kannte; eh ich genotiget war, mit den Leidenschaften andrer Menschen, oder mit meinen eigenen zu kampfen, mich selbst und den Genuss meines Daseins einem undankbaren Volke aufzuopfern, und unter der vergeblichen Bemuhung, Toren oder Lasterhafte glucklich zu machen, selbst unglucklich zu sein! Meine eigene Erfahrung widerlegt die ungerechten Zweifel des Missvergnugens am besten. Es waren Augenblicke, Tage, lange Reihen von Tagen, da ich glucklich war, glucklich in den frohen Stunden, da meine Seele, vom Anblick der Natur begeistert, in tiefsinnigen Betrachtungen und sussen Ahnungen, wie in den bezauberten Garten der Hesperiden irrte; glucklich, wenn mein befriedigtes Herz in den Armen der Liebe, aller Bedurfnisse, aller Wunsche vergass, und nun zu verstehen glaubte, was die Wonne der Gotter sei; glucklicher, wenn in Augenblicken, deren Erinnerung den bittersten Schmerz zu versussen genug ist, mein Geist in der grossen Betrachtung des Ewigen und Unbegrenzten sich verlor Ja du bist, alles beseelende, alles regierende Gute ich sah, ich fuhlte dich! Ich empfand die Schonheit der Tugend, die dir ahnlich macht; ich genoss die Gluckseligkeit, welche Tagen die Schnelligkeit der Augenblicke, und Augenblicken den Wert von Jahrhunderten gibt. Die Macht der Empfindung zerstreut meine Zweifel; die Erinnerung der genossenen Gluckseligkeit heilet den gegenwartigen Schmerz, und verspricht eine bessere Zukunft. Alle diese allgemeine Quellen der Freude, woraus alle Wesen schopfen, fliessen, wie ehmals, um mich her; meine Seele ist noch eben dieselbige, wie die Natur, die mich umgibt O Ruhe meines Delphischer Lebens, und du, meine Psyche! Dich allein, von allem, was ausser mir ist, nenne ich mein, weil du die wertere Halfte meines Wesens bist Wenn ihr auf ewig verloren waret, dann wurde meine untrostbare Seele nichts auf Erden finden, dass ihr die Liebe zum Leben wieder geben konnte. Aber ich besass beide, ohne sie mir selbst gegeben zu haben, und die wohltatige Macht, die sie gab, kann sie wiedergeben. Teure Hoffnung, du bist schon ein Anfang der Gluckseligkeit, die du versprichst! Es ware zugleich gottlos und toricht, sich einem Kummer zu uberlassen, der den Himmel beleidigt, und uns selbst der Krafte beraubt, dem Ungluck zu widerstehen, und der Mittel, wieder glucklich zu werden. Komm denn, du susse Hoffnung einer bessern Zukunft, und fessle meine Seele mit deinen schmeichelnden Bezauberungen! Ruhe und Psyche Dieses allein, ihr Gotter, so moget ihr Lorbeer-Kranze und Schatze geben, wem ihr wollt!
Eilftes Capitel
Agathon kommt zu Smyrna an, und wird verkauft
Das Wetter war unsern Seefahrern so gunstig, dass Agathon gute Musse hatte, seinen Betrachtungen so lange nachzuhangen, als er wollte; zumal da seine Reise von keinem der Umstande begleitet war, womit eine poetische Seefahrt ausgeschmuckt zu sein pflegt. Denn man sahe da weder Tritonen, die aus krummen Ammons-Hornern bliesen, noch Nereiden, die auf Delphinen, mit Blumen-Kranzen gezaumet, uber den Wellen daherritten; noch Syrenen, die mit halbem Leib aus dem Wasser hervorragend, die Augen durch ihre Schonheit, und das Ohr durch die Sussigkeit ihrer Stimme bezaubert hatten. Die Winde selbst waren etliche Tage lang so zahm, als ob sie es mit einander abgeredet hatten, uns keine Gelegenheit zu irgend einer schonen Beschreibung eines Sturms oder eines Schiffbruchs zu geben; kurz, die Reise ging so glucklich von statten, dass die Barke am Abend des dritten Tages in den Haven von Smyrna einlief, wo die Rauber, nunmehr unter dem Schutz des grossen Konigs gesichert, sich nicht saumten, ihre Gefangenen ans Land zu setzen, in der Hoffnung, auf dem SclavenMarkte keinen geringen Vorteil aus ihnen zu ziehen. Ihre erste Sorge war, sie in eines der offentlichen Bader zu fuhren, wo man nichts vergass, was dazu dienen konnte, sie den folgenden Tag verkauflicher zu machen. Agathon war noch zu sehr von allem demjenigen, was mit ihm vorgegangen war, eingenommen, als dass er auf das gegenwartige aufmerksam sein konnte. Er wurde gebadet, abgerieben, mit Salben und wohlriechenden Wassern begossen, mit einem Sclaven-Kleid von vielfarbichter Seide angetan, mit allem was seine Gestalt erheben konnte, ausgeschmuckt, und von allen, die ihn sahen, bewundert; ohne dass ihn etwas aus der vollkommnen Unempfindlichkeit erwecken konnte, welche in gewissen Umstanden eine Folge der ubermassigen ist. In dasjenige vertieft, was in seiner Seele vorging, schien er, weder zu sehen, noch zu horen; weil er nichts sah, oder horte, was er wunschte; und nichts als der Anblick, der sich ihm auf dem Sclaven-Markte darstellte, war vermogend, ihn aus dieser wachenden Traumerei aufzurutteln. Diese Scene hatte zwar das Abscheuliche nicht, das ein Sclaven-Markt zu Barbados so gar fur einen Europaer haben konnte, dem die Vorurteile der gesitteten Volker noch einige Uberbleibsel des angebornen menschlichen Gefuhls gelassen hatten; allein sie hatte doch genug, um eine Seele zu emporen, die sich gewohnt hatte, in den Menschen mehr die Schonheit ihrer Natur, als die Erniedrigung ihres Zustandes; mehr das, was sie nach gewissen Voraussetzungen sein konnten, als was sie wurklich waren, zu sehen. Eine Menge von traurigen Vorstellungen stieg in gedrangter Verwirrung bei diesem Anblick in ihm auf; und in eben dem Augenblick, da sein Herz von Mitleiden und Wehmut zerfloss, brannte es von einem zurnenden Abscheu vor den Menschen, dessen nur diejenigen fahig sind, welche die Menschheit lieben. Er vergass uber diesen Empfindungen seines eignen Unglucks, als ein Mann von edelm Ansehen, welcher schon bei Jahren zu sein schien, im Vorubergehn seiner gewahr ward, stehen blieb, und ihn mit besondrer Aufmerksamkeit betrachtete. Wem gehort dieser junge Leibeigene? fragte endlich der Mann einen von den Ciliciern, der neben ihm stand. Dem, der ihn von mir kaufen wird, versetzte dieser. Was versteht er fur eine Kunst? fuhr jener fort. Das wird er dir selbst am besten sagen konnen, erwiderte der Cilicier. Der Mann wandte sich also an den Agathon selbst, und fragte ihn, ob er nicht ein Grieche sei? ob er sich nicht in Athen aufgehalten? und ob er in den Kunsten der Musen unterrichtet worden? Agathon bejahete diese Fragen: "Kannst du den Homer lesen?" Ich kann lesen; und ich meine, dass ich den Homer empfinden konne. "Kennst du die Schriften der Philosophen?" Nein, denn ich verstehe sie nicht. "Du gefallst mir, junger Mensch! Wie hoch haltet ihr ihn, mein Freund?" Er sollte, wie die andern, durch den Herold ausgerufen werden, antwortete der Cilicier, aber fur zwei Talente ist er euer. Begleite mich mit ihm in mein Haus, erwiderte der Alte, du sollst zwei Talente haben, und der Sclave ist mein. Dein Geld muss dir sehr beschwerlich sein, sagte Agathon; woher weisst du, dass ich dir fur zwei Talente nutzlich sein werde? Wenn du es nicht warest, versetzte der Kaufer, so bin ich unbesorgt, unter den Damen von Smyrna zwanzig fur eine zu finden, die mir auf deine blosse Mine hin wieder zwei Talente fur dich geben. Und mit diesen Worten befahl er dem Agathon, ihm in sein Haus zu folgen.
Zweites Buch
Erstes Capitel
Wer der Kaufer des Agathon gewesen
Der Mann, der sich fur zwei Talente das Recht erworben hatte, den Agathon als seinen Leibeignen zu behandeln, war einer von den merkwurdigen Leuten, die unter dem Namen der Sophisten in den griechischen Stadten umherzogen, sich der edelsten und reichsten Junglinge bemachtigten, und durch die Annehmlichkeiten ihres Umgangs und die prachtigen Versprechungen, ihre Freunde zu vollkommnen Rednern, Staatsmannern und Feldherren zu machen, das Geheimnis gefunden hatten, welches die Alchymisten bis auf den heutigen Tag vergeblich gesucht haben. Sie wurden von aller Welt mit dem ehrenvollen Namen der Sophisten oder Weisen benennt; allein die Weisheit, von der sie Profession machten, war von der Socratischen, die durch einige Verehrer dieses Atheniensischen Burgers so beruhmt worden ist, so wohl in ihrer Beschaffenheit, als in ihren Wurkungen unendlich unterschieden; oder besser zu sagen, sie war die vollkommne Antipode derselbigen. Die Sophisten lehrten die Kunst, die Leidenschaften andrer Menschen zu erregen; Socrates die Kunst, seine eigene zu dampfen. Jene lehrten, wie man es machen musse, um weise und tugendhaft zu scheinen; dieser lehrte, wie man es sei. Jene munterten die Junglinge von Athen auf, sich der Regierung des Staats anzumassen; Socrates, dass sie vorher die Halfte ihres Lebens anwenden sollten, sich selbst regieren zu lernen. Jene spotteten der Socratischen Weisheit, die nur in einem schlechten Mantel aufzog, und sich mit einer Mahlzeit fur sechs Pfenninge begnugte, da die ihrige in Purpur schimmerte, und offne Tafel hielt. Die Socratische Weisheit war stolz darauf, den Reichtum entbehren zu konnen; die ihrige wusste, ihn zu erwerben. Sie war gefallig, einschmeichelnd, und wusste alle Gestalten anzunehmen; sie vergotterte die Grossen, kroch vor ihren Dienern, tandelte mit den Damen, und schmeichelte allen, welche es bezahlten. Sie war allenthalben an ihrem rechten Platz; beliebt bei Hofe, beliebt an der Toilette, beliebt beim Spiel-Tisch, beliebt beim Adel, beliebt bei den Finanz-Pachtern, beliebt bei den Theater-Gottinnen, beliebt so gar bei der Priesterschaft. Die Socratische war weit entfernt, so liebenswurdig zu sein; sie war trocken und langweilig; sie wusste nicht zu leben; sie war unertraglich, weil sie alles tadelte, und immer Recht hatte; sie wurde von dem geschaftigen Teil der Welt fur unnutzlich, von dem mussigen fur abgeschmackt, und von dem andachtigen gar fur gefahrlich erklart. Wir wurden nicht fertig werden, wenn wir diese Gegensatze so weit treiben wollten, als wir konnten. Genug, dass die Weisheit der Sophisten einen Vorzug hatte, den ihr die Socratische nicht streitig machen konnte; sie verschaffte ihren Besitzern Reichtum, Ansehen, Ruhm, und ein Leben, das von allem, was die Welt glucklich nennet, uberfloss.
Hippias (so hiess der neue Herr unsers Agathon) war einer von diesen Glucklichen, dem die Kunst, sich die Torheiten andrer Leute zinsbar zu machen, ein Vermogen erworben hatte; wodurch er sich im Stande sah, sich der Ausubung derselben zu begeben, und die andre Halfte seines Lebens in den Ergotzungen eines beguterten Mussiggangs zu zubringen; zu deren angenehmsten Genuss das zunehmende Alter viel geschickter scheint, als die ungestume Jugend. Er hatte sich zu diesem Ende Smyrna zu seinem WohnOrt ausersehen, weil die Annehmlichkeiten des Jonischen Clima, die schone Lage dieser Stadt, der Uberfluss, der ihr durch die Handlung aus allen Teilen des Erdbodens zustromte, und die Verbindung des griechischen Geschmacks mit der wollustigen Uppigkeit der Morgenlander ihm diesen Aufenthalt vor allen andern, die er kannte, vorzuglich machte. Hippias hatte den Ruhm, dass ihm in den Talenten seiner Profession wenige den Vorzug streitig machen konnten. Ob er gleich uber funfzig Jahre hatte, so war ihm doch von der Gabe zu gefallen, die ihm in seiner Jugend so nutzlich gewesen war, noch genug ubrig geblieben, dass sein Umgang von den artigsten Personen des einen und andern Geschlechts gesucht wurde. Er hatte alles, was die Art von Weisheit, die er ausubte, verfuhrisch machen konnte; eine edle Gestalt, eine einnehmende Gesichts-Bildung, einen angenehmen Ton der Stimme, einen behenden und geschmeidigen Witz, und eine Beredsamkeit, die desto mehr gefiel, weil sie mehr ein Geschenk der Natur, als eine durch Fleiss Kunst zu sein schien. Diese Beredsamkeit, oder vielmehr diese Gabe angenehm zu schwatzen, mit einer Tinctur von allen Wissenschaften, einem feinen Geschmack in dem Schonen und Angenehmen, und eine vollstandige Kenntnis der Welt, war mehr als er notig hatte, um in den Augen aller derjenigen, mit denen er umging, (denn er ging mit keinen Socraten um) fur einen Genie vom ersten Rang, fur einen Mann zu gelten, welcher alles wisse; welchem schon zugelachelt wurde, eh man wusste, was er sagen wollte, und wider dessen Ausspruche nicht erlaubt war, etwas einzuwenden. Indessen war doch dasjenige, dem er sein Gluck vornehmlich zu danken hatte, die besondere Gabe, die er besass, sich der schonem Halfte der Gesellschaft gefallig zu machen. Er war so klug, fruhzeitig zu entdecken, wie viel an der Gunst dieser reizenden Geschopfe gelegen ist, welche in den policierten Teilen des Erdbodens die Macht wurklich ausuben, die in den Marchen den Feen beigelegt wird; die mit einem einzigen Blick, oder durch eine kleine Verschiebung des Halstuchs starker uberzeugen, als Demosthenes und Lysias durch lange Reden; die mit einer einzigen Trane den Gebieter uber Legionen entwaffnen, und durch den blossen Vorteil, den sie von ihrer Gestalt und einem gewissen Bedurfnis des starkern Geschlechts zu ziehen wissen, sich zu unumschrankten Beherrscherinnen derjenigen machen, in deren Handen das Schicksal ganzer Volker liegt. Hippias hatte diese Entdeckung von so grossem Nutzen gefunden, dass er keine Muhe gesparet hatte, es in der Anwendung derselben zu dem hochsten Grade der Vollkommenheit zu bringen; und dasjenige, was er in seinem Alter noch davon hatte, bewies, was er in seinen schonen Jahren gewesen sein musse. Seine Eitelkeit ging so weit, dass er sich nicht enthalten konnte, die Kunst, die Zauberinnen zu bezaubern, in die Form eines Lehr-Begriffs zu bringen, und seine Erfahrungen und Beobachtungen hieruber der Welt in einer sehr gelehrten Abhandlung mitzuteilen, deren Verlust nicht wenig zu bedauern ist, und schwerlich von einem heutigen Schriftsteller unsrer Nation zu ersetzen sein mochte.
Nach allem, was wir bereits von diesem weisen Manne gesagt haben, war es uberflussig, eine Abschilderung von seinen Sitten zu machen. Sein LehrBegriff, von der Kunst zu leben, wird uns in kurzem umstandlich vorgelegt werden; und er besass eine Tugend, welche nicht die Tugend der Moralisten zu sein pflegt; er lebte nach seinen Grundsatzen.
Zweites Capitel
Absichten des weisen Hippias
Unter andern Neigungen, in deren Befriedigung man den rechten Gebrauch des Reichtums zu setzen pflegt, hatte Hippias einen besondern Geschmack an allem, was gut in die Augen fiel. Er wollte, dass die Seinigen, in seinem Hause wenigstens, sich nirgends hinwenden sollten, ohne einem schonen Gegenstande zu begegnen. Die schonsten Gemalde, die schonsten Bildsaulen und Schnitzwerke, die reichsten Tapeten, das schonste Hausgerate, die schonsten Gefasse befriedigten seinen Geschmack noch nicht; er wollte auch, dass der belebte Teil seines Hauses mit dieser allgemeinen Schonheit ubereinstimmen sollte; und seine Bediente und Sclavinnen waren die ausgesuchtesten Gestalten, die er in einem Lande, wo die Schonheit gewohnlich ist, hatte finden konnen. Die Gestalt Agathons mochte also allein hinreichend gewesen sein, ihm seine Gunst zu erwerben; zumal da er eben einen Leser notig hatte, und aus dem Anblick und den ersten Worten desselben urteilte, dass er sich zu einem Dienst vollkommen schicken wurde, wozu eine gefallende Gesichts-Bildung und eine musicalische Stimme die notigsten Gaben sind. Allein Hippias hatte noch eine geheime Absicht, die er durch diesen Jungling zu erreichen hoffte. Obgleich die Liebe zu den Wollusten der Sinne seine herrschende Neigung zu sein schien, so hatte doch die Eitelkeit nicht weniger Anteil an den meisten Handlungen seines Lebens. Er hatte, bevor er sich nach Smyrna begab, um die Fruchte seiner Arbeit zu geniessen, den schonsten Teil seines Lebens zugebracht, die edelste Jugend der griechischen Stadte zu bilden; er hatte Redner gebildet, die durch eine kunstliche Vermischung des Wahren und Falschen, und den klugen Gebrauch gewisser Figuren, einer schlimmen Sache den Schein und die Wurkung einer guten zu geben wussten; Staats-Manner, welche die Kunst besassen, mitten unter den Zujauchzungen eines betorten Volks die Gesetze durch die Freiheit und die Freiheit durch schlimme Sitten zu vernichten; um diejenigen, die sich der heilsamen Zucht der Gesetze nicht unterwerfen wollten, der willkurlichen Gewalt ihrer Leidenschaften zu unterwerfen; kurz, er hatte Leute gebildet, die sich Ehren-Saulen dafur aufrichten liessen, dass sie ihr Vaterland zu Grunde richteten. Allein dieses befriedigte seine Eitelkeit noch nicht: Er wollte auch jemand hinterlassen, der seine Kunst fortzusetzen geschickt ware; eine Kunst, die in seinen Augen allzuschon war, als dass sie mit ihm sterben sollte. Schon lange hatte er einen jungen Menschen gesucht, bei dem er das naturliche Geschicke, der Nachfolger eines Hippias zu sein, in derjenigen Vollkommenheit finden mochte, die dazu erfodert wurde. Seine Gabe, aus der Gestalt und Mine das Inwendige eines Menschen zu erraten, beredete ihn, im Agathon zu finden, was er suchte; wenigstens hielt er es der Muhe wert, den Versuch mit ihm zu machen; und da er von seiner Tuchtigkeit ein so gutes Vorurteil gefasset hatte, so fiel ihm nur nicht ein, in seine Willigkeit zu den grossen Absichten, die er mit ihm vorhatte, einigen Zweifel zu setzen.
Drittes Capitel
Verwunderung, in welche Agathon gesetzt wird
Agathon wusste noch nichts, als dass er einem Manne zugehore, dessen ausserliches Ansehen ihm gefiel; als er bei dem Eintritt in sein Haus durch die Schonheit des Gebaudes, die Bequemlichkeiten der Einrichtung, die Menge und die gute Mine der Bedienten, und durch einen Schimmer von Pracht und Uppigkeit, der ihm allenthalben entgegen glanzte, in eine Art von Verwunderung gesetzt wurde, die ihm sonst nicht gewohnlich war, und die nur desto mehr zunahm, wie er horte, dass er die Ehre haben sollte, ein Haus-Genosse von Hippias, dem Weisen, zu werden. Er war noch im Nachdenken begriffen, was fur eine Art von Weisheit dieses sein mochte, als Hippias, der indes seinem Zahlmeister befohlen hatte, den Cilicier zu befriedigen, ihn in sein Cabinet rufen liess, und ihm seine kunftige Bestimmung in diesen Worten ankundigte: Die Gesetze, Callias, (denn dieses soll kunftig dein Name sein) geben mir zwar das Recht, dich als meinen Leibeigenen anzusehen; aber es wird nur von dir abhangen, so glucklich in meinem Hause zu sein, als ich selbst. Alle deine Verrichtungen werden darin bestehen, den Homer bei meinem Tische, und die Aufsatze, mit deren Ausarbeitung ich mir die Zeit vertreibe, in meinem Hor-Saal vorzulesen. Wenn dieses Amt leicht zu sein scheint, so versichre ich dich, dass ich nicht leicht zu befriedigen bin, und dass du Kenner zu Horern haben wirst. Ein Jonisches Ohr will nicht nur ergotzt, es will bezaubert sein. Die Annehmlichkeit der Stimme, die Reinigkeit und das Weiche der Aussprache, die Richtigkeit des Accents, das Muntre, das Ungezwungene, das Musicalische ist nicht hinlanglich; wir fodern eine vollkommne Nachahmung, einen Ausdruck, der jedem Teile des Stucks, jeder Periode, jedem Vers das Leben, den Affect, die Seele gibt, die sie haben sollen; kurz, die Art, wie gelesen wird, soll das Ohr an die Stelle aller Ubrigen Sinne setzen. Das Gastmahl des Alcinous soll diesen Abend dein Probstuck sein. Die Fahigkeiten, die ich an dir zu entdekken hoffe, werden meine Absichten mit dir bestimmen; und vielleicht wirst du in der Zukunft Ursache finden, den Tag, an dem du dem Hippias gefallen hast, unter deine Glucklichen zu zahlen. Mit diesen Worten verliess er unsern Jungling, und ersparte sich dadurch die Demutigung zu sehen, wie wenig der neue Callias durch die Hoffnungen geruhrt schien, wozu ihn diese Erklarung berechtigte. In der Tat hatte die Bestimmung, die Jonischen Ohren zu bezaubern, in Agathons Augen nicht edels genug, dass er sich deswegen hatte glucklich schatzen sollen; und uber dem war etwas in dem Ton dieser Anrede, welches ihm missfiel, ohne dass er eigentlich wusste, warum? Inzwischen vermehrte sich seine Verwunderung, je mehr er sich in dem Hause des weisen Hippias umsah; und er begriff nun ganz deutlich, dass sein Herr, was auch sonst seine Grundsatze sein mochten, wenigstens von der Ertodung der Sinnlichkeit, wovon er ehmals den Plato zu Athen sehr schone Dinge sagen gehort hatte, keine Profession mache. Allein wie er sah, was die Weisheit in diesem Hause fur eine Tafel hielt, wie prachtig sie sich bedienen liess, was fur reizende Gegenstande ihre Augen, und was fur wollustige Harmonien ihre Ohren ergotzten, wahrend dass der SchenkTisch mit den ausgesuchtesten Weinen und den angenehm-betaubenden Getranken der Asiaten beladen, den Sinnen zum Genuss so vieler Wolluste neue Krafte zu geben schien; wie er die Menge von jungen Sclaven sah, die den Liebes-Gottern ahnlich schienen, die Chore von Tanzerinnen und Lauten-Spielerinnen, die durch die Reizungen ihrer Gestalt so sehr als durch ihre Geschicklichkeit bezauberten, und die nachahmenden Tanze, in denen sie die Geschichte der Leda oder Danae durch blosse Bewegungen mit einer Lebhaftigkeit vorstellten, die einen Nestor hatte Verjungern konnen; wie er die uppigen Bader, die bezauberten Garten, kurz, wie er alles sah, was das Haus des weisen Hippias zu einem Tempel der ausgekunsteltsten Sinnlichkeit machte, so stieg seine Verwunderung bis zum Erstaunen; und er konnte nicht begreifen, was dieser Sybarite getan haben musse, um den Namen eines Weisen zu verdienen, oder wie er sich einer Benennung nicht schame, die ihm, seinen Gedanken nach, eben so gut anstund, als dem Alexander von Phera, wenn man ihn den Leutseligen, oder der Phryne, wenn man sie die Keusche hatte nennen wollen. Alle Auflosungen, die er sich selbst hieruber machen konnte, befriedigten ihn so wenig, dass er sich vornahm, bei der ersten Gelegenheit dieses Problem dem Hippias selbst vorzulegen.
Viertes Capitel
Welches bei einigen den Verdacht erwecken wird,
dass diese Geschichte erdichtet sei
Die Verrichtungen des Agathon liessen ihm so viel Zeit ubrig, ja dass er in wenigen Tagen in einem Hause, wo alles Freude atmete, sehr lange Weile hatte. Zwar lag die Schuld nur an ihm selbst, wenn es ihm an einem Zeit-Vertreib mangelte, der sonst die hauptsachlichste Beschaftigung der Leute von seinem Alter auszumachen pflegt. Die Nymphen dieses Hauses waren von einer so gefalligen Gemuts-Art, von einer so anziehenden Figur, und von einem so gunstigen Vorurteil fur den neuen Haus-Genossen eingenommen, dass es weder die Furcht abgewiesen zu werden, noch der Fehler ihrer Reizungen war, was den schonen Callias so zuruckhaltend oder umempfindlich machte.
Verschiedene, die aus seinem Betragen schlossen, dass er noch ein Neuling sein musse, liessen sich die Muhe nicht dauern, ihm die Schwierigkeiten, die ihm seine Schuchternheit, ihren Gedanken nach, in den Weg legte, zu erleichtern; Sie gaben ihm Gelegenheiten, die den Zaghaftesten hatten unternehmend machen sollen. Allein (wir mussen es nur gestehen, was man auch von unserm Helden deswegen denken mag) er gab sich eben so viel Muhe, diese Gelegenheiten auszuweichen, als man sich geben konnte, sie ihm zu machen. Wenn dieses anzuzeigen scheint, dass er entweder einiges Misstrauen in sich selbst, oder ein allzugrosses Vertrauen in die Reizungen dieser schonen Verfuhrerinnen gesetzt habe, so dienet vielleicht zu seiner Entschuldigung, dass er noch nicht alt genug war, ein Xenocrates zu sein; und dass er, vermutlich nicht ohne Ursache, ein Vorurteil wider dasjenige gefasst hatte, was man im Umgang von jungen Personen beiderlei Geschlechts unschuldige Freiheiten zu nennen pflegt. Dem sei inzwischen wie ihm wolle, so ist gewiss, dass Agathon durch dieses seltsame Bezeugen einen Argwohn erweckte, der ihm bei allen Gelegenheiten sehr beissende Spottereien von den ubrigen Hausgenossen, und selbst von den Schonen zuzog, die sich durch seine Sprodigkeit nicht wenig beleidigt fanden, und ihm auf eine feine Art zu verstehen gaben, dass sie ihn fur geschickter hielten, die Tugend der Damen zu bewachen, als auf die Probe zu stellen. Agathon fand nicht ratsam, sich in einen Wett-Streit einzulassen, wo er besorgen musste, dass die Begierde, recht zu haben, die sich in der Hitze des Streites auch der Klugsten zu bemeistern pflegt, ihn zu gefahrlichen Erorterungen fuhren konnte. Er machte daher bei solchen Anlassen eine so alberne Figur, dass man von seinem Witz eine eben so verdachtige Meinung bekommen musste, als man schon von seiner Person gefasst hatte; und die Verachtung, in die er deswegen bei jedermann fiel, trug vielleicht nicht wenig dazu bei, ihm den Aufenthalt in einem Hause beschwerlich zu machen, wo ihm ohnehin, alles, was er sah und horte, argerlich war. Er liebte diejenigen Kunste sehr, uber welche, nach dem Glauben der Griechen, die Musen die Aufsicht hatten. Allein die Gemalde, womit alle Sale und Gange dieses Hauses ausgeziert waren, stellten so schlupfrige und unsittliche Gegenstande vor, dass er seinen Augen um so weniger erlauben konnte, sich darauf zu verweilen, je vollkommner die Natur darin nachgeahmt war, und je mehr sich der Genie bemuht hatte, der Natur selbst neue Reizungen zu leihen. Eben so weit war die Musik, die er alle Abende nach der Tafel horen konnte, von derjenigen unterschieden, die seiner Einbildung nach allein der Musen wurdig war. Er liebte eine Musik, welche die Leidenschaften besanftigte, und die Seele in ein angenehmes Staunen wiegte, oder das Lob der Unsterblichen mit einem feurigen Schwung von Begeistrung sang, wodurch das Herz in heiliges Entzucken und in ein schauervolles Gefuhl der gegenwartigen Gottheit gesetzt wurde; und wenn sie Zartlichkeit und Freude ausdruckte, so sollte es die Zartlichkeit der Unschuld und die ruhrende Freude der einfaltigen Natur sein. Allein in diesem Hause hatte man einen ganz andern Geschmack. Was Agathon horte, waren Syrenen-Gesange, die den uppigsten Liedern des tejischen Dichters einen Reiz gaben, der auch aus unangenehmen Lippen verfuhrerisch gewesen ware; Gesange, die durch den nachahmenden Ausdruck des verschiednen Tons der schmeichelnden, seufzenden und schmachtenden, oder der triumphierenden und in Entzuckung aufgelosten Leidenschaft die Begierde erregten, dasjenige zu erfahren, was in der Nachahmung schon so reizend war; Lydische Floten, deren girrendes, verliebtes Flustern die redenden Bewegungen der Tanzerinnen erganzte, und ihrem Spiel eine Deutlichkeit gab, die der Einbildungs-Kraft nichts zu erraten ubrig liess; Symphonien, welche die Seele in ein bezaubertes Vergessen ihrer selbst versenkten, und, nachdem sie alle ihre edlere Krafte entwaffnet hatte, die erregte und willige Sinnlichkeit der ganzen Gewalt der von allen Seiten eindringenden Wollust auslieferten. Agathon konnte bei diesen Scenen, wo so viele Kunste, so viele Zauber-Mittel sich vereinigten, den Widerstand der Tugend zu ermuden, nicht so gleichgultig bleiben, als diejenigen zu sein schienen, die derselben gewohnt waren; und die Unruhe, in die er dadurch gesetzt wurde, machte ihm, was auch die Stoiker sagen mogen, mehr Ehre, als dem Hippias und seinen Freunden ihre Gelassenheit. Er befand also fur gut, sich allemal, wenn er seine Rolle, als Homerist, geendiget hatte, hinweg und an einen Ort zu begeben, wo er in ungestorter Einsamkeit sich von den widrigen Eindrucken befreien konnte, die das geschaftige und frohliche Getummel des Hauses, und der Anblick von so vielen Gegenstanden, die seine moralischen Sinne beleidigten, den Tag uber auf sein Gemute gemacht hatten.
Funftes Capitel
Schwarmerei des Agathon
Die Wohnung des Hippias war auf der mittaglichen Seite von Garten umgeben, in deren weitlaufigem Bezirk die Kunst und der Reichtum alle ihre Krafte aufgewandt hatten, die einfaltige Natur mit ihren eignen und mit fremden Schonheiten zu uberladen. Gefilde voll Blumen, die aus allen Teilen der Erde gesammelt, jeden Monat zum Fruhling eines andern Clima machten, Lauben von allerlei wohlriechenden Stauden, Lust-Gange von Citronen-Baumen, Ol-Baumen und Cedern, in deren Lange der scharfste Blick sich verlor, Haine von allen Arten der fruchtbaren Baume, und Irrgange von Myrthen und Lorbeer-Hecken, mit Rosen von allen Farben durchwunden, wo tausend marmorne Najaden, die sich zu regen und zu atmen schienen, kleine murmelnde Bache zwischen die Blumen hingossen, oder mit mutwilligem Platschern in spiegelhellen Brunnen spielten, oder unter uberhangenden Schatten von ihren Spielen auszuruhen schienen. Alles dieses machte die Garten des Hippias den bezauberten Gegenden ahnlich, diesen Spielen einer dichtrischen und malerischen Phantasie, die man erstauntist, ausserhalb seiner Einbildung zu sehen. Hier war es, wo Agathon seine angenehmsten Stunden zubrachte; hier fand er die Heiterkeit der Seele wieder, die er dem angenehmsten Taumel der Sinne unendlich weit vorzog; hier konnt' er sich mit sich selbst besprechen; hier war er von Gegenstanden umgeben, die sich zu seiner Gemuts-Beschaffenheit schickten, obgleich die seltsame Denk-Art, wodurch er die Erwartung des Hippias so sehr betrog, auch hier nicht ermangelte, sein Vergnugen durch den Gedanken zu vermindern, dass alle diese Gegenstande weit schoner waren, wenn sich die Kunst nicht angemasset hatte, die Natur ihrer Freiheit und ruhrenden Einfaltigkeit zu berauben. Oft wenn er beim Mond-Schein, den er mehr als den Tag liebte, so einsam im Schatten lag, erinnert' er sich der frohen Scenen seiner ersten Jugend, der unbeschreiblichen Eindrucke, die jeder schone Gegenstand, jeder ihm neue Auftritt der Natur auf seine jugendlichen unverwohnten Sinnen gemacht hatte, der sussen Stunden, die ihm in den Entzuckungen einer ersten und unschuldigen Liebe zu Augenblicken geworden waren. Diese Erinnerungen, mit der Stille der Nacht, und dem Gemurmel sanfter Bache und der sanft wehenden Sommer-Lufte, wiegten seine Sinnen in eine Art von leichtem Schlummer ein, worin die innerlichen Krafte der Seele mit verdoppelter Starke wurken; dann bildeten sich ihm die reizenden Aussichten einer bessern Zukunft vor; er sah alle seine Wunsch' erfullt, er fuhlte sich etliche Augenblicke glucklich; und wenn sie vorbei waren, beredete er sich, dass diese Hoffnungen ihn nicht so lebhaft ruhren, nicht in eine so gelassene Zufriedenheit senken wurden, wenn es nur nachtliche Spiele der Phantasie, und nicht vielmehr innerliche Ahnungen waren, Blicke, welche der Geist in der Stille und Freiheit, die ihm die schlummernden Sinne lassen, in die Zukunft und in eine weitere Sphare tut, als diejenige, die von der Schwache ihrer corperlichen Sinne umschrieben wird.
In einer solchen Stunde war es, als Hippias, den die Anmut einer schonen Sommer-Nacht zum Spaziergang einlud, ihn unter diesen Beschauungen uberraschte, denen er, in der Meinung, allein zu sein, sich zu uberlassen pflegte. Hippias blieb eine Weile vor ihm stehen, ohne dass Agathon seiner gewahr wurde; endlich aber redet' er ihn an, und liess sich in ein Gesprach mit ihm ein; welches ihn nur allzusehr in dem Argwohn bestarkte, den er von dem Hang unsers Helden zu demjenigen, was er Schwarmerei nannte, bereits gefasst hatte.
Sechstes Capitel
Ein Gesprach zwischen Hippias und seinem Sclaven HIPPIAS. Du scheinst in Gedanken vertieft, Callias? AGATHON. Ich glaubte allein zu sein. HIPPIAS. Ein andrer an deiner Stelle wurde sich die Freiheit meines Hauses besser zu Nutze machen. Doch vielleicht gefallst du mir um dieser Zuruckhaltung willen nur desto besser. Aber mit was fur Gedanken vertreibst du dir die Zeit, wenn man fragen darf? AGATHON. Die allgemeine Stille, der Mondschein, die ruhrende Schonheit der schlummernden Natur, die mit den Ausdunstungen der Blumen durchwurzte Nachtluft, tausend angenehme Empfindungen, deren liebliche Verwirrung meine Seele trunken machte, setzte sie in eine Art von Entzuckung, worinnen ein andrer Schauplatz von unbekannten Schonheiten sich vor mir auftat; es war nur ein Augenblick, aber ein Augenblick, den ich um eines von den Jahren des Konigs von Persien nicht vertauschen wollte. HIPPIAS lachelt. AGATHON. Dieses brachte mich hernach auf die Gedanken, wie glucklich der Zustand der Geister sei, die den groben tierischen Leib abgelegt haben, und im Anschauen des wesentlichen Schonen, des Unverganglichen, Ewigen und Gottlichen, Jahrtausende durchleben, die ihnen nicht langer scheinen als mir dieser Augenblick; und in den Betrachtungen, denen ich hieruber nachhing, bin ich von dir uberraschet worden. HIPPIAS. Du schliefst doch nicht, Callias; du hast wie ich sehe, mehr Talente als du notig hast; du kannst auch wachend traumen? AGATHON. Es gibt vielerlei Arten von Traumen, und bei einigen Menschen scheint ihr ganzes Leben Traum zu sein; wenn dieses Traume sind, so sind sie wenigstens angenehmer als alles, was ich in dieser Zeit wachend hatte erfahren konnen. HIPPIAS. Du gedenkest also vielleicht einer von diesen Geistern zu werden, die du so glucklich preisest? AGATHON. Ich hoff' es zu werden, und wurde ohne diese Hoffnung mein Dasein fur kein Gut achten. HIPPIAS. Besitzest du etwan ein Geheimnis, korperliche Wesen in geistige zu erhohen, einen Zaubertrank von der Art derjenigen, womit die Medeen und Circen der Dichter so wunderbare Verwandlungen zuwege bringen? AGATHON. Ich verstehe dich nicht, Hippias. HIPPIAS. So will ich deutlicher sein. Wenn ich anders dich verstanden habe, so haltst du dich fur einen Geist, der in einen tierischen Leib eingekerkert ist? AGATHON. Wofur sollt ich mich sonst halten? HIPPIAS. Sind die vierfussigen Tiere, die Vogel, die Fische, die Gewurme, auch Geister, die in einen tierischen Leib eingeschlossen sind? AGATHON. Vielleicht. HIPPIAS. Und die Pflanzen? AGATHON. Vielleicht auch diese. HIPPIAS. Du bauest also deine Hoffnung auf ein Vielleicht. Wenn die Tiere vielleicht auch nicht Geister sind, so bist du vielleicht eben so wenig einer; denn das ist einmal gewiss, dass du ein Tier bist. Du entstehest wie die Tiere, wachsest wie sie, hast ihre Bedurfnisse, ihre Sinnen, ihre Leidenschaften, wirst erhalten wie sie, vermehrest dich wie sie, stirbst wie sie, und wirst wie sie wieder zu einem bisschen Wasser und Erde, wie du vorher gewesen warst. Wenn du einen Vorzug vor ihnen hast, so ist es eine schonere Gestalt, ein paar Hande, mit denen du mehr ausrichten kannst als ein Tier mit seinen Pfoten, eine Bildung gewisser Gliedmassen, die dich der Rede fahig macht, und ein lebhafterer Witz, der von einer schwachern und reizbarem Beschaffenheit deiner Fibern herkommt; und der doch alle Kunste, womit wir uns so gross zu machen pflegen, den Tieren abgelernt hat. AGATHON. Wir haben also sehr verschiedene Begriffe von der menschlichen Natur, du und ich. HIPPIAS. Vermutlich, weil ich sie fur nichts anders halte, als wofur meine Sinnen und eine Beobachtung ohne Vorurteile sie mir geben. Doch ich will freigebig sein; ich will dir zugeben, dasjenige was in dir denkt sei ein Geist, und wesentlich von deinem Korper unterschieden. Worauf grundest du die Hoffnung, dass dieser Geist noch denken werde, wenn dein Leib zerstort sein wird? Was fur eine Erfahrung hast du, eine Meinung zu bestatigen, die von so vielen Erfahrungen bestritten wird? Ich will nicht sagen, dass er zu nichts werde; aber dein Leib verliert durch den Tod die Form die ihn zu deinem Leibe machte; woher hoffest du, dass dein Geist die Form nicht verlieren werde, die ihn zu deinem Geiste macht? AGATHON. Weil ich mir unmoglich vorstellen kann, dass der oberste Geist, dessen Geschopfe oder Ausflusse die ubrigen Geister sind, ein Wesen zerstoren werde, das er fahig gemacht hat, so glucklich zu sein, als ich es schon gewesen bin. HIPPIAS. Ein neues Vielleicht? Woher kennst du diesen obersten Geist? AGATHON. Woher kennst du den Phidias, der diesen Amor gemacht hat? HIPPIAS. Weil ich ihm zusah wie er ihn machte; denn vielleicht konnt ein Bildsaule auch entstehe, ohne dass sie von einem Kunstler gemacht wurde. AGATHON. Wie so? HIPPIAS. Eine ungefahre Bewegung ihrer kleinsten Elemente konnte diese Form endlich hervorbringen. AGATHON. Eine regellose Bewegung ein regelmassiges Werk? HIPPIAS. Warum das nicht? Du kannst im Wurfelspiel von ungefahr alle drei werfen. So gut als dieses moglich ist, konntest du auch unter etlichen Billionen von Wurfen einen werfen, wodurch eine gewisse Anzahl Sandkorner in eine cirkelrunde Figur fallen wurde. Die Anwendung ist leicht zu machen. AGATHON. Ich verstehe dich. Aber es bleibt allemal unendlich unwahrscheinlich, dass die ungefahre Bewegung der Elemente nur eine Muschel, deren so unzahlich viele an jenem Ufer liegen, hervorbringen; und die Ewigkeit selbst scheint nicht lange genug zu sein, nur diese Erdkugel, diesen kleinen Atomen des ganzen Weltalls auf solche Weise entstehen zu machen. HIPPIAS. Es ist genug, dass unter unendlich vielen ungefahren Bewegungen, die nichts regelmassiges und dauerhaftes hervorbringen, eine moglich ist, die eine Welt hervorbringen kann. Dieses setzt der Wahrscheinlichkeit deiner Meinung ein Vielleicht entgegen, wodurch sie auf einmal entkraftet wird. AGATHON. So viel als das Gewicht einer unendlichen Last, durch die Hinwegnahm eines einzigen Sandkorns. HIPPIAS. Du hast vergessen, dass eine unendliche Zeit in die andere Waagschale gelegt werden muss. Doch ich will diesen Einwurf fahren lassen, ob er gleich weiter getrieben werden kann; was gewinnt deine Meinung dadurch? Vielleicht ist die Welt immer in der allgemeinen Verfassung gewesen, worin sie ist? Vielleicht ist sie selbst das einzige Wesen, das durch sich selbst bestehet? Vielleicht ist der Geist von dem du sagtest, durch die wesentliche Beschaffenheit seiner Natur gezwungen, diesen allgemeinen Weltkorper nach den Gesetzen einer unveranderlichen Notwendigkeit zu beleben? Und gesetzt, die Welt sei, wie du meinest, das Werk eines verstandigen und freien Entschlusses; vielleicht hat sie viele Urheber? Mit einem Worte, Callias, du hast viele mogliche Falle zu vernichten, eh du nur das Dasein deines obersten Geistes ausser Zweifel gesetzt hast. AGATHON. Ich brauche zu meiner eignen Beruhigung keinen so weitlaufigen Weg. Ich sehe die Sonne, sie ist also; ich empfinde mich selbst, ich bin also; ich empfinde, ich sehe diesen obersten Geist, er ist also. HIPPIAS. Ein Traumender, ein Kranker, ein Wahnwitziger sieht, und doch ist das nicht, was er sieht. AGATHON. Weil er in diesem Zustande nicht recht sehen kann. HIPPIAS. Wie kannst du beweisen, dass du nicht gerad in diesem Punct krank bist? Frage die Arzte; man kann in einem einzigen Stuck wahnwitzig, und in allen Ubrigen klug sein; so wie eine Laute bis auf eine einzige falsche Saite wohl gestimmt sein kann. Der rasende Ajax sieht zwo Sonnen, ein doppeltes Thebe. Was fur ein untrugliches Kennzeichen hast du, das Wahre von dem was nur scheint; das was du wurklich empfindest, von dem was du dir nur einbildest; das was du richtig empfindest, von dem was eine verstimmte Nerve dich empfinden macht, zu unterscheiden? Und wie, wenn alle Empfindung betroge, und nichts von allem was ist, so ware, wie du es empfindest? AGATHON. Darum bekummere ich mich wenig. Gesetzt, die Sonne sei nicht so, wie ich sie sehe und fuhle; fur mich ist sie darum nicht minder so, wie ich sie sehe und fuhle, und das ist fur mich genug. Ihr Einfluss in das System aller meiner ubrigen Empfindungen ist darum nicht weniger wurklich, wenn sie gleich nicht so ist, wie sie sich meinen Sinnen darstellt, ja wenn sie gar nicht ist. HIPPIAS. Die Anwendung hievon, wenn dirs beliebt? AGATHON. Die Empfindung, die ich von dem hochsten Geiste habe, hat in das innerliche System des meinigen den namlichen Einfluss, den die Empfindung die ich von der Sonne habe, auf mein korperliches System hat. HIPPIAS. Wie so? AGATHON. Wenn sich mein Leib ubel befindet, so vermehrt die Abwesenheit der Sonne das Unbehagliche dieses Zustands. Der wiederkehrende Sonnenschein belebt, ermuntert, erquicket meinen Korper wieder, und ich befinde mich wohl, oder doch erleichtert. Eben diese Wurkung tut die Empfindung des alles beseelenden Geistes auf meine Seele; sie erheitert, sie beruhiget, sie ermuntert mich; sie zerstreut meinen Unmut, sie belebt meine Hoffnung; sie macht, dass ich in einem Zustande nicht unglucklich bin, der mir ohne sie unertraglich ware. HIPPIAS. Ich bin also glucklicher als du, weil ich alles dieses nicht notig habe. Erfahrung und Nachdenken haben mich von Vorurteilen frei gemacht; ich geniesse alles was ich wunsche, und wunsche nichts, dessen Genuss nicht in meiner Gewalt ist. Ich weiss also wenig von Unmut und Sorgen. Ich hoffe wenig, weil ich mit dem Genuss des Gegenwartigen zu frieden bin. Ich geniesse mit Massigung, damit ich desto langer geniessen konne, und wenn ich einen Schmerz fuhle, so leide ich mit Geduld, weil dieses das beste Mittel ist, seine Dauer abzukurzen. AGATHON. Und worauf grundest du deine Tugend? Womit nahrest und belebest du sie? Womit uberwindest du die Hinternisse, die sie aufhalten; die Versuchungen, die von ihr ablocken, das anstekkende der Beispiele, die Unordnung der Begierden, und die Tragheit, welche die Seele so oft erfahrt, wenn sie sich erheben will? HIPPIAS. O Jungling, lange genug hab ich deinen Ausschweifungen zugehort. In was fur ein Gewebe von Hirngespinsten hat dich die Lebhaftigkeit deiner Einbildungskraft verwickelt? Deine Seele schwebt in einer bestandigen Bezauberung, in einer Abwechselung von qualenden und entzuckenden Traumen, und die wahre Beschaffenheit der Dinge bleibt dir so verborgen, als die sichtbare Gestalt der Welt einem Blindgebornen. Ich bedaure dich, Callias. Deine Gestalt, deine Gaben berechtigen dich nach allem zu trachten, was das menschliche Leben gluckliches hat; deine Denkungsart allein wird dich unglucklich machen. Angewohnt lauter idealische Wesen um dich her zu sehen, wirst du die Kunst niemals lernen, von den Menschen Vorteil zu ziehen. Du wirst in einer Welt, die dich so wenig kennen wird als du sie, wie ein Einwohner
des Monds herum irren, und nirgends am rechten
Platze sein, als in einer Einode oder im Fasse des
Diogenes. Was soll man mit einem Menschen an
fangen, der Geister sieht? Der von der Tugend fo
dert, dass sie mit aller Welt und mit sich selbst in
bestandigem Kriege leben soll? Mit einem Men
schen, der sich in den Mondschein hinsetzt, und
Betrachtungen uber das Gluck der entkorperten
Geister anstellt? Glaube mir, Callias, (ich kenne
die Welt und sehe keine Geister) deine Philosophie
mag vielleicht gut genug sein eine Gesellschaft mu
ssiger Kopfe statt eines andern Spiels zu belustigen;
aber es ist eine Torheit sie ausuben zu wollen.
Doch du bist jung; die Einsamkeit deiner ersten Ju
gend und die morgenlandischen Schwarmereien,
die etliche griechische Mussigganger von den Egyp
tern und Chaldaern nach Hause gebracht, haben
deiner Phantasie einen romanhaften Schwung gege
ben; die ubermassige Empfindlichkeit deiner Orga
nisation hat den angenehmen Betrug befodert; Leu
ten von dieser Art ist nichts schon genug, was sie
sehen, nichts angenehm genug, was sie fuhlen; die
Phantasie muss ihnen andre Welten erschaffen, die
Unersattlichkeit ihres Herzens zu befriedigen. Al
lein diesem Ubel kann noch geholfen werden.
Selbst in den Ausschweifungen deiner Einbildungs
kraft entdeckt sich eine naturliche Richtigkeit des
Verstandes, der nichts fehlt als auf andre Gegen
stande angewendet zu werden. Ein wenig Gelehrig
keit und eine unparteiische Uberlegung dessen, was
ich dir sagen werde, ist alles was du notig hast, um
von dieser seltsamen Art von Wahnwitz geheilt zu
werden, die du fur Weisheit haltst. Uberlass es mir,
dich aus den unsichtbaren Welten in die wurkliche
herabzufuhren; sie wird dich anfangs befremden,
aber nur weil sie dir neu ist, und wenn du sie ein
mal gewohnt bist, wirst du die atherischen so
wenig vermissen als ein Erwachsner die Spiele sei
ner Kindheit. Diese Schwarmereien sind Kinder der
Einsamkeit und der Musse; ein Mensch der nach an
genehmen Empfindungen durstet, und der Mittel
beraubt ist, sich wurkliche zu verschaffen, ist geno
tiget sich mit Einbildungen zu speisen, und aus
Mangel einer bessern Gesellschaft mit den Sylphen
umzugehen. Die Erfahrung wird dich hievon am
besten uberzeugen konnen. Ich will dir die Ge
heimnisse einer Weisheit entdecken, die zum
Genuss alles dessen fuhrt, was die Natur, die Kunst,
die Gesellschaft, und selbst die Einbildung (denn
der Mensch ist doch nicht gemacht immer weise zu
sein) Gutes und Angenehmes zu geben haben; und
ich musste mich ganz mit dir betrugen, wenn die
Stimme der Vernunft, die du noch niemals gehort
zu haben scheinst, dich nicht von einem Irrwege
zuruckrufen konnte, wo du am Ende deiner Reise
in das Land der Hoffnungen dich um nichts reicher
befinden wurdest, als um die Erfahrung dich betro
gen zu haben. Izo ist es Zeit schlafen zu gehen;
aber der nachste ruhige Morgen den ich habe, soll
dein sein. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie zu
frieden ich mit der Art bin, wie du bisher dein Amt
versehen hast; und ich wunsche nichts, als dass eine
bessere Ubereinstimmung unsrer Denkungsart mich
in den Stand setze, dir Beweise von meiner Freund
schaft zu geben. Mit diesen Worten begab sich Hippias hinweg, und liess unsern Agathon in einer Verfassung, die der Leser aus dem folgenden Capitel ersehen wird.
Siebentes Capitel
Worin Agathon fur einen Schwarmer ziemlich gut
rasonniert
Wir zweifeln nicht, dass verschiedene Leser dieser Geschichte in der Vermutung stehen werden, Agathon musse uber diese nachdrucksvolle Apostrophe des weisen Hippias nicht wenig betroffen, oder doch wenigstens in einige Unruhe gesetzt worden sein. Das Alter des Hippias, der Ruf der Weisheit, worin er stand, der zuversichtliche Ton, womit er sprach, der Schein von Wahrheit der uber seine Rede ausgebreitet war; und was nicht das wenigste scheint, das Ansehen, welches ihm seine Reichtumer gaben; alle diese Umstande hatten nicht fehlen sollen, einen Menschen aus der Fassung zu setzen, der ihm so viele Vorzuge eingestehen musste, und uber das noch sein Sclave war. Allein man kann sich irren. Agathon hatte diese ganze emphatische Rede mit einem Lacheln angehort, welches fahig gewesen ware, alle Sophisten der Welt irre zu machen, wenn die Dunkelheit und das Vorurteil des Redners fur sich selbst es hatten bemerken lassen; und kaum befand er sich allein, so war die erste Wurkung derselben, dass dieses Lacheln sich in ein Lachen verwandelte, welches er zum Nachteil seines Zwerchfells langer zuruckzuhalten unnotig hielt, und welches immer wieder anfing, so oft er sich die Mine, den Ton und die Gebarden vorstellte, womit der weise Hippias die nachdrucklichsten Stellen seiner Rede von sich gegeben hatte. Allein diese mechanische Bewegung machte bald ernsthaftem Gedanken Platz, und es fehlte wenig, so hatte er sich selbst Vorwurfe daruber gemacht, dass er fahig gewesen daruber zu lachen, dass ein so grosser Unterschied zwischen Hippias und Agathon war. Ein Mensch, der so lebt wie Hippias, dacht' er, muss so denken; und wer so denkt wie Hippias wurde unglucklich sein, wenn er nicht so leben konnte. Ich muss lachen, fuhr er mit sich selbst fort, wenn ich an den Ton der Unfehlbarkeit denke, womit er sprach. Dieser Ton ist mir nicht so neu, als der weise Hippias glauben mag. Ich habe Gerber und Sacktrager zu Athen gekannt, die sich nicht zu wenig deuchten, mit dem ganzen Volk in diesem Ton zu sprechen. Du glaubst mir etwas neues gesagt zu haben, wenn du meine Denkungsart Schwarmerei nennst, und mir mit der Gewissheit eines Propheten die Schicksale ankundigest, die sie mir zuziehen wird. Wie sehr betrugst du dich, wenn du mich dadurch erschreckt zu haben glaubst! O! Hippias, was ist das, was du Gluckseligkeit nennest? Niemals wirst du fahig sein, zu wissen was Gluckseligkeit ist. Was du so nennst ist Gluckseligkeit, wie das Liebe ist, was dir deine Tanzerinnen einflossen.. Du nennst die meinige Schwarmerei; lass mich immer ein Schwarmer sein, und sei du ein Weiser. Die Natur hat dir diese Empfindlichkeit, diese innerlichen Sinnen versagt, die den Unterschied zwischen uns beiden machen; du bist einem Tauben ahnlich, der die frohlichen Bewegungen, welche die begeisternde Flote eines Damon in alle Glieder seiner Horer bringt, dem Wein oder der Unsinnigkeit zuschreibt; er wurde tanzen wie sie, wenn er horen konnte. Die Weltleute sind in der Tat nicht zu verdenken, wenn sie uns andre fur ein wenig mondsuchtig halten; wer will ihnen zumuten, dass sie glauben sollen, es fehle ihnen etwas, das zu einem vollstandigen Menschen gehort? Ich kannte zu Athen ein junges Frauenzimmer, welches die Natur wegen der Hasslichkeit ihrer ubrigen Figur durch sehr artige Fusse getrostet hatte. Ich mochte doch wissen, sagte sie zu einer Freundin, was diese jungen Gecken an der einbildischen Timandra sehen, dass sie sonst fur niemand Augen haben als fur sie? Es ist wahr, sie hat keine unfeine Farbe, ihre Zuge sind so so, ihre Augen wenigstens aufmunternd genug, und sie ist sehr besorgt, ihre Bewunderer durch Auslegung gewisser schlupfriger Schonheiten fur die Gleichgultigkeit ihres Gesichts schadlos zu halten; aber was sie fur Fusse hat! Wie kann man einen Anspruch an Schonheit machen, ohne einen feinen Fuss zu haben? Du hast Recht, versetzte die Freundin, die der Natur nichts schones zu danken hatte, als ein paar uberaus kleine Ohren; man muss einen Fuss haben wie du, um schon zu sein; aber was sagst du zu ihren Ohren, Hermia? So wahr mir Diana gnadig sei, sie wurden einem Faunen Ehre machen. So sind die Menschen, und es ware unbillig ihnen ubel zu nehmen, dass sie so sind. Die Nachtigall singt, der Rabe krachzt, und er musste kein Rabe sein, wenn er nicht dachte, dass er gut krachze; er hat noch recht, wenn er denkt, die Nachtigall krachze nicht gut; es ist wahr, dann geht er zu weit, wenn er uber die Nachtigall spottet, dass sie nicht so gut krachzt wie er; aber sie wurde eben so Unrecht haben, wenn sie uber ihn lachte, dass er nicht singe wie sie; er singt nicht, aber er krachzt doch gut, und das ist fur ihn genug. Aber Hippias ist besorgt fur mich, er bedaurt mich, er will mich so glucklich machen, wie er ist. Das ist grossmutig! Er hat ausfundig gemacht, dass ich das Schone liebe, dass ich gegen den Reiz des Vergnugens nicht unempfindlich bin. Diese Entdeckung war leicht zu machen; aber in den Schlussen, die er daraus zieht, konnt' er sich betrogen haben. Der kluge Ulysse zog sein steinichtes kleines Ithaca, wo er frei war, und sein altes Weib mit der er vor zwanzig Jahren jung gewesen war, der bezauberten Insel der schonen Calyps vor, wo er unsterblich und ein Sclave gewesen ware; und der Schwarmer Agathon wurde mit allem seinem Geschmack fur das Schone, und mit aller seiner Empfindlichkeit fur die Ergotzungen, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, lieber in das Fass des Diogenes kriechen, als den Palast, die Garten, das Serail und die Reichtumer des weisen Hippias besitzen, und Hippias sein.
Immer Selbstgesprache, horen wir den Leser sagen. Wenigstens ist dieses eines, und wer kann davor? Agathon hatte sonst niemand, mit dem er hatte reden konnen als sich selbst; denn mit den Baumen und Nymphen reden nur die Verliebten. Wir mussen uns schon entschliessen, ihm diese Unart zu gut zu halten, und wir sollten es desto eher tun konnen, da ein so feiner Weltmann als Horaz unstreitig war, sich nicht geschamt hat zu gestehen, dass er ofters mit sich selbst zu reden pflege.
Achtes Capitel
Vorbereitungen zum Folgenden
Agathon hatte noch nicht lange genug unter den Menschen gelebt, um die Welt so gut zu kennen, als ein Theophrast sie zu der Zeit kannte, da er sie verlassen musste. Allein was ihm an Erfahrung abging, ersetzte seine naturliche Gabe in den Seelen zu lesen, die durch die Aufmerksamkeit gescharft worden war, womit er die Menschen und die Auftritte des Lebens, die er zu sehen Gelegenheit gehabt, beobachtet hatte. Daher kam es, dass seine letzte Unterredung mit dem Hippias, anstatt ihn etwas zu lehren, nur den Verdacht rechtfertigte, den er schon einige Zeit gegen den Character und die Denkungsart dieses Sophisten gefasst hatte. Er konnte also auch leicht erraten von was fur einer Art die geheime Philosophie sein wurde, von welcher er ihm so grosse Vorteile versprochen hatte. Dem ungeachtet verlangte ihn nach dieser Zusammenkunft, teils weil er neugierig war, die Denkungsart eines Hippias in ein System gebracht zu sehen, teils weil er sich von der Beredsamkeit desselben diejenige Art von Ergotzung versprach, die uns ein geschickter Gaukler macht, der uns einen Augenblick sehen lasst, was wir nicht sehen, ohne es bei einem klugen Menschen so weit zu bringen, dass man in eben demselben Augenblick nur daran zweifeln sollte, dass man betrogen wird. Mit einer Gemutsverfassung, die so wenig von der Gelehrigkeit hatte, welche Hippias foderte, fand sich Agathon ein, als er nach Verfluss einiger Tage an einem Morgen in das Zimmer des Sophisten gerufen wurde, welcher auf einem Ruhbette liegend seiner erwartete, und ihm befahl sich neben ihm niederzusetzen und das Fruhstuck mit ihm zu nehmen. Diese Hoflichkeit war nach der Absicht des weisen Hippias eine Vorbereitung, und er hatte, um die Wurkung derselben zu befordern, das schonste Madchen in seinem Hause ausersehen, sie hiebei zu bedienen. In der Tat die Gestalt dieser Nymphe, und die gute Art womit sie ihr Amt versah, machten ihre Aufwartung fur einen Weisen von Agathons Alter ein wenig beunruhigend. Das schlimmste war, dass die kleine Hexe, um sich wegen der Gleichgultigkeit zu rachen, womit Agathon ihre zuvorkommende Gutigkeit bisher vernachlassiget hatte, keinen von den Kunstgriffen verabsaumte, wodurch sie den Wert des von ihm verscherzten Gluckes empfindlicher zu machen glaubte. Sie hatte die Bosheit gehabt, sich in einem so niedlichen, so sittsamen und doch so verfuhrerischen Morgen konnte zu denken, die Gratien selbst konnten, wenn sie gekleidet erscheinen wollten, keinen Anzug erfinden, der auf eine wohlanstandigere Art das Mittel, zwischen der eigentlichen Kleidung und ihrer gewohnlichen Art sich sehen zu lassen, hielte. Die Wahrheit zu sagen, das rosenfarbe Gewand, welches sie umfloss, war eher demjenigen ahnlich, was Petron einen gewebten Wind oder einen leinenen Nebel nennt, als einem Zeug der den Augen etwas entziehen soll; und die kleinste Bewegung entdeckte Reizungen, die desto gefahrlicher waren, da sie sich gleich wieder in verraterische Schatten verbargen, und der Einbildungskraft noch mehr als den Augen nachzustellen schienen. Dem ungeachtet wurde unser Held sich vielleicht ganz wohl aus der Sache gezogen haben, wenn er nicht beim ersten Anblick die Absichten des Hippias und der schonen Cyana (so hiess das junge Frauenzimmer) erraten hatte. Diese Entdeckung setzte ihn in eine Art von Verlegenheit, die desto merklicher wurde, je grossere Gewalt er sich antat, sie zu verbergen; er errotete zu seinem grossten Verdruss bis an die Ohren, er machte allerlei gezwungne Gebarden, und sah alle Gemalde in dem Zimmer nach einander an, um seine Verwirrung unmerklich zu machen; aber alle seine Muhe war umsonst, und die Geschaftigkeit der schalkhaften Cyane fand immer neuen Vorwand seinen zerstreuten Blick auf sich zu ziehen. Doch der Triumph, dessen sie in diesen Augenblicken genoss, wahrte nicht lange. So empfindlich die Augen Agathons waren, so waren sie es doch nicht mehr als sein moralischer Sinn; und ein Gegenstand, der diesen beleidigte, konnte keinen so angenehmen Eindruck auf jene machen, dass er nicht von der unangenehmen Empfindung der andern ware uberwogen worden. Die Forderungen der schonen Cyane, das Gekunstelte, das Schlaue, das Schlupfrige, das ihm an ihrer ganzen Person anstossig war, loschte das Reizende so sehr aus, und erkaltete seine Sinnen so sehr, dass ein grosserer Grad davon, gleich dem Anblick der Medusa, fahig gewesen ware, ihn in einen Stein zu verwandeln. Die Freiheit und Gleichgultigkeit, die ihm dieses gab, blieb Cyanen nicht verborgen; und er sorgte dafur, sie durch gewisse Blicke, und ein gewisses Lacheln, dessen Bedeutung ihr ganz deutlich war, zu uberzeugen, dass sie zu fruh triumphiert habe. Dieses Betragen war fur ihre Reizungen allzu beleidigend, als dass sie es so gleich fur ungezwungen hatte halten sollen; der Widerstand, den sie fand, forderte sie zu einem Wettstreit heraus, worin sie alle ihre Kunste anwandte, den Sieg zu erhalten; allein die Starke ihres Gegners ermudete endlich ihre Hoffnung, und sie behielt kaum noch so viel Gewalt uber sich selbst, den Verdruss zu verbergen, den sie uber diese Demutigung ihrer Eitelkeit empfand. Hippias, der sich eine zeitlang stillschweigend mit diesem Spiel belustigte, urteilte bei sich selbst, dass es nicht leicht sein werde, den Verstand eines Menschen zu fangen, dessen Herz selbst auf der schwachsten Seite, so wohl befestiget schien. Allein diese Anmerkung bekraftigte ihn nur in seinen Gedanken von der Methode, die er bei seinem neuen Schuler gebrauchen musse; und da er selbst von seinem System besser uberzeugt war, als irgend ein Bonze von der Kraft der Amulete, die er seinen dankbaren Glaubigen austeilt, so zweifelte er nicht, dass Agathon durch einen freimutigen Vortrag besser zu gewinnen sein wurde, als durch die rednerischen Kunstgriffe, deren er sich bei schwachern Seelen mit gutem Erfolg zu bedienen pflegte. Sobald also das Fruhstuck genommen, und die beschamte Cyane abgetreten war, fing er nach einem kleinen Vorbereitungs-Gesprach, den merkwurdigen Discurs an, durch dessen vollstandige Mitteilung wir desto mehr Dank zu verdienen hoffen, da wir von Kennern versichert worden, dass der geheime Verstand desselben den buchstablichen an Wichtigkeit noch weit ubertreffe, und der wahre und unfehlbare Process, den Stein der Weisen zu finden, darin verborgen liege.
Drittes Buch
Erstes Capitel
Vorbereitung zu einem sehr interessanten Discurs
Wenn wir auf das Tun und Lassen der Menschen acht geben, mein lieber Callias, so scheint zwar, dass alle ihre Sorgen und Bemuhungen kein andres Ziel haben als sich glucklich zu machen; allein die Seltenheit dererjenigen die es wurklich sind, oder es doch zu sein glauben, beweiset zugleich, dass die meisten nicht wissen, durch was fur Mittel sie sich glucklich machen sollen, wenn sie es nicht sind; oder wie sie sich ihres guten Gluckes bedienen sollen, um in denjenigen Zustand zu kommen den man Gluckseligkeit nennt. Es gibt eben so viele die im Schosse des. Ansehens, des Glucks und der Wollust, als solche die in einem Zustande von Mangel, Dienstbarkeit und Unterdruckung elend sind. Einige haben sich aus diesem letztem Zustand emporgearbeitet, in der Meinung, dass sie nur darum ungluckselig seien, weil es ihnen am Besitz der Guter des Glucks fehle. Allein die Erfahrung hat sie gelehrt, dass wenn es eine Kunst gibt, die Mittel zur Gluckseligkeit zu erwerben, es vielleicht eine noch schwerere, zum wenigsten eine seltnere Kunst sei, diese Mittel recht zu gebrauchen. Es ist daher allezeit die Beschaftigung der Verstandigsten unter den Menschen gewesen, durch Verbindung dieser beiden Kunste diejenige heraus zu bringen, die man die Kunst glucklich zu leben nennen kann, und in deren wurklichen Ausubung, nach meinem Begriffe, die Weisheit besteht, die so selten ein Anteil der Sterblichen ist. Ich nenne sie eine Kunst, weil sie von der fertigen Anwendung gewisser Regeln abhangt, die nur durch die Ubung erlangt werden kann: Allein sie setzt wie alle Kunste einen gewissen Grad von Fahigkeit voraus, den nur die Natur gibt, und den sie nicht allen zu geben pflegt. Einige Menschen scheinen kaum einer grossern Gluckseligkeit fahig zu sein als die Austern, und wenn sie ja eine Seele haben, so ist es nur so viel als sie brauchen, um ihren Leib eine Zeitlang vor der Faulnis zu bewahren. Ein grosserer und vielleicht der grosste Teil der Menschen befindet sich nicht in diesem Fall; aber weil es ihnen an genugsamer Starke des Gemuts, und an einer gewissen Zartlichkeit der Empfindung mangelt, so ist ihr Leben gleich dem Leben der ubrigen Tiere des Erdbodens, zwischen Vergnugen, die sie weder zu wahlen noch zu geniessen, und Schmerzen, denen sie weder zu widerstehen noch zu entfliehen wissen, geteilt. Wahn und Leidenschaften sind die Triebfedern dieser menschlichen Maschinen; beide setzen sie einer unendlichen Menge von Ubeln aus, die es nur in einer betrognen Einbildung, aber eben darum wo nicht schmerzlicher doch anhaltender und unheilbarer sind, als diejenigen die uns die Natur auferlegt. Diese Art von Menschen ist keines gesetzten und anhaltenden Vergnugens, keines Zustandes von Gluckseligkeit fahig; ihre Freuden sind Augenblicke, und ihre ubrige Dauer ist entweder ein Wirkliches Leiden, oder ein unaufhorliches Gefuhl verworrener Wunsche, eine immerwahrende Ebbe und Flut von Furcht und Hoffnung, von Phantasien und Gelusten; kurz eine unruhige Bewegung die weder ein gewisses Mass noch ein festes Ziel hat, und also weder ein Mittel zur Erhaltung dessen was gut ist sein kann, noch dasjenige geniessen lasst, was man wurklich besitzt. Es scheint also unmoglich zu sein, ohne eine gewisse Zartlichkeit der Empfindung, die uns in einer weitern Sphare, mit feinem Sinnen und auf eine angenehmere Art geniessen lasst, und ohne diejenige Starke der Seele, die uns fahig macht das Joch der Phantasie und des Wahns abzuschutteln, und die Leidenschaften in unsrer Gewalt zu haben, zu demjenigen ruhigen Zustande von Genuss und Zufriedenheit zu kommen, der die Gluckseligkeit ausmacht. Nur derjenige ist in der Tat glucklich, der sich von den Ubeln die nur in der Einbildung bestehen, ganzlich frei zu machen; diejenigen aber, denen die Natur den Menschen unterworfen hat, entweder zu vermeiden, oder doch zu vermindern und das Gefuhl derselben einzuschlafern, hingegen sich in den Besitz alles des Guten, dessen uns die Natur fahig gemacht hat, zu setzen, und was er besitzt, auf die angenehmste Art zu geniessen weiss; und dieser Gluckselige allein ist der Weise.
Wenn ich dich anders recht kenne, Callias so hat dich die Natur mit den Fahigkeiten es zu sein so reichlich begabt, als mit den Vorzugen, deren kluger Gebrauch uns die Gunstbezeugungen des Glucks zu verschaffen pflegt. Dem ungeachtet bist du weder glucklich, noch hast du die Mine es jemals zu werden, so lange du nicht gelernt haben wirst, von beiden einen andern Gebrauch zu machen als du bisher getan hast. Du wendest die Starke deiner Seele an, dein Herz gegen das wahre Vergnugen unempfindlich zu machen, und beschaftigest deine Empfindlichkeit mit unwesentlichen Gegenstanden, die du nur in der Einbildung siehest, und nur im Traume geniessest; die Vergnugungen, welche die Natur dem Menschen zugeteilt hat, sind fur dich Schmerzen, weil du dir Gewalt antun musst sie zu entbehren; und du setzest dich allen Ubeln aus, die sie uns vermeiden lehrt, indem du anstatt einer nutzlichen Geschaftigkeit dein Leben mit den sussen Einbildungen wegtraumest, womit du dir die Beraubung des wurklichen Vergnugens zu ersetzen suchst. Dein Ubel, mein lieber Callias, entspringt von einer Einbildungskraft, die dir ihre Geschopfe in einem uberirdischen Glanze zeigt, der dein Herz verblendet, und ein falsches Licht uber das was wurklich ist ausbreitet; einer dichterischen Einbildungskraft, die sich beschaftiget schonere Schonheiten, und angenehmere Vergnugungen zu erfinden als die Natur hat; einer Einbildungskraft, ohne welche weder Homere, noch Alcamene, noch Polygnote waren; welche gemacht ist unsre Ergotzungen zu verschonern, aber nicht die Fuhrerin unsers Lebens zu sein. Um weise zu sein, hast du nichts notig als die gesunde Vernunft an die Stelle dieser begeisterten Zauberin, und die kalte Uberlegung an den Platz eines sehr oft betruglichen Gefuhls zu setzen. Bilde dir auf etliche Augenblick' ein, dass du den Weg zur Gluckseligkeit erst suchen mussest; frage die Natur, hore ihre Antwort, und folge dem Pfade, den sie dir vorzeichnen wird.
Zweites Capitel
Theorie der angenehmen Empfindungen
Und wen anders als die Natur konnen wir fragen, um zu wissen wie wir leben sollen, um wohl zu leben? "Die Gotter?" Wenn eine Gottheit ist, so ist sie entweder die Natur selbst, oder die Urheberin der Natur; in beiden Fallen ist die Stimme der Natur die Stimme der Gottheit. Sie ist die allgemeine Lehrerin aller Wesen; sie lehrt jedes Tier vom Elephanten bis zum Insect, was seiner besondern Verfassung gut oder schadlich ist. Um so glucklich zu sein als es diese innerliche Einrichtung erlaubt, braucht das Tier nichts weiter, als dieser Stimme der Natur zu folgen, welche bald durch den sussen Zug des Vergnugens, bald durch das ungedultige Fodern des Bedurfnisses, bald durch das angstliche Pochen des Schmerzens es zu demjenigen locker, was ihm zutraglich ist, oder es zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gattung auffordert, oder es vor demjenigen warnet, was seinem Wesen die Zerstorung drauet. Sollte der Mensch allein von dieser mutterlichen Vorsorge ausgenommen sein, oder er allein irren konnen, wenn er der Stimme folget, die zu allen Wesen redet? Oder ist nicht vielmehr die Unachtsamkeit und der Ungehorsam gegen ihre Erinnerungen die einzige wahre Ursache, warum unter einer unendlichen Menge von lebenden Wesen der Mensch das einzige Ungluckselige ist?
Die Natur hat allen ihren Werken eine gewisse Einfalt eingedruckt, die ihre muhsamen Anstalten und eine genaue Regelmassigkeit unter einem Schein von Leichtigkeit und ungezwungner Anmut verbirgt. Mit diesem Stempel sind auch die Gesetze der Gluckseligkeit bezeichnet, die sie dem Menschen vorgeschrieben hat. Sie sind einfaltig, leicht auszuuben, und fuhren gerade und sicher zum Zweck. Die Kunst glucklich zu leben, wurde die gemeinste unter allen Kunsten sein, wie sie die leichteste ist, wenn die Menschen nicht gewohnt waren sich einzubilden, dass man grosse Absichten nicht anders, als durch grosse Anstalten erreichen konne. Es scheint ihnen zu einfaltig, dass alles was ihnen die Natur durch den Mund der Weisheit zu sagen hat, in diese drei Erinnerungen zusammen fliessen soll: Befriedige deine Bedurfnisse, vergnuge alle deine Sinnen, und erspare dir so viel du kannst alle schmerzhaften Empfindungen. Und doch wird dich eine kleine Aufmerksamkeit uberfuhren, dass die vollstandigste Gluckseligkeit deren die Sterblichen fahig sind, in die Linie eingeschlossen ist, die von diesen dreien Formuln bezeichnet wird.
Es hat Narren gegeben, welche die Frage muhsam untersucht haben, ob das Vergnugen ein Gut, und der Schmerz ein Ubel sei? Es hat noch grossere Narren gegeben, welche wurklich behaupteten, der Schmerz sei kein Ubel, und das Vergnugen kein Gut; und was das lustigste dabei ist, beide haben Toren gefunden, die albern genug waren, diese Narren fur weise zu halten. Das Vergnugen ist kein Gut, sagen sie, weil es Falle gibt wo der Schmerz ein grosseres Gut ist; und der Schmerz ist kein Ubel, weil er zuweilen besser ist als das Vergnugen. Sind diese Wortspiele einer Antwort wert? Was wurd' ein Zustand sein, der in einem vollstandigen unaufhorlichen Gefuhl des hochsten Grades aller moglichen Schmerzen bestunde? Wenn dieser Zustand das hochste Ubel ist, so ist der Schmerz ein Ubel. Doch wir wollen die Schwatzer mit Worten spielen lassen, die ihnen bedeuten mussen was sie wollen. Die Natur entscheidet diese Frage, wenn es eine sein kann, auf eine Art, die keinen Zweifel ubrig lasst. Wer ist, der nicht lieber vernichtet als unaufhorlich gepeiniget werden wollte? Wer sieht nicht einen schonen Gegenstand lieber, als einen ekelhaften? Wer hort nicht lieber den Gesang einer Grasmucke, als das Geheul der Nachteule? Wer zieht nicht einen angenehmen Geruch oder Geschmack einem widrigen vor? Und wurde nicht der enthaltsame Callias selbst lieber auf einem Lager von Blumen in den Rosenarmen irgend einer schonen Nymphe ruhen, als in den gluhenden Armen des ehernen Gotzenbildes, welchem die Andacht gewisser Syrischer Volker, wie man sagt, ihre Kinder opfert? Eben so wenig scheint es einem Zweifel unterworfen zu sein, dass der Schmerz und das Vergnugen so unvertraglich sind, dass eine einzige gepeinigte Nerve genug ist, uns gegen die vereinigten Reizungen aller Wolluste unempfindlich zu machen. Die Freiheit von allen Arten der Schmerzen ist also unstreitig eine unumgangliche Bedingung der Gluckseligkeit; allein da sie nichts positives ist, so ist sie nicht so wohl ein Gut, als der Zustand, worin man des Genusses des Guten fahig ist. Dieser Genuss allein ist es, dessen Dauer den Stand hervorbringt, den man Gluckseligkeit nennt.
Es ist unleugbar, dass nicht alle Arten und Grade des Vergnugens gut sind. Die Natur allein hat das Recht uns die Vergnugen anzuzeigen, die sie uns bestimmt hat. So unendlich die Menge dieser angenehmen Empfindungen zu sein scheint, so ist doch leicht zu sehen, dass sie alle entweder zu den Vergnugungen der Sinne, oder der Einbildungskraft, oder zu einer dritten Classe, die aus beiden zusammen gesetzt ist, gehoren. Die Vergnugen der Einbildungskraft sind entweder Erinnerungen an ehmals genossene sinnliche Vergnugen; oder Mittel uns den Genuss derselben reizender zu machen; oder angenehme Dichtungen und Traume, die entweder in einer neuen willkurlichen Zusammensetzung der angenehmen Ideen, die uns die Sinne gegeben, oder in einer dunkel eingebildeten Erhohung der Grade jener Vergnugen, die wir erfahren haben, bestehen. Es sind also, wenn man genau reden will, alle Vergnugungen im Grunde sinnlich, indem sie, es sei nun unmittelbar oder vermittelst der Einbildungskraft, von keinen andern als sinnlichen Vorstellungen entstehen konnen.
Die Philosophen reden von Vergnugen des Geistes, von Vergnugen des Herzens, von Vergnugen der Tugend. Alle diese Vergnugen sind es fur die Sinnen oder fur die Einbildungskraft, oder sie sind nichts. Warum ist Homer unendlich mal angenehmer zu lesen als Heraclitus? Weil die Gedichte des ersten eine Reihe von Gemalden darstellen, die entweder durch die eigentumliche Reizungen des Gegenstandes, oder die Lebhaftigkeit der Farben, oder einen Contrast, der das Vergnugen durch eine kleine Mischung mit widrigen Empfindungen erhohet, oder die Erregung angenehmer Bewegungen, unsre Phantasie bezaubern. Da die trocknen Schriften des Philosophen nichts darstellen, als eine Reihe von Wortern, womit man abgezogne Begriffe bezeichnet, von denen sich die Einbildungskraft nicht anders als mit vieler Anstrengung und einer bestandigen Bemuhung, die ganzliche Verwirrung so vieler unbestimmter Schattenbilder einige Ideen machen kann; wenn anders dasjenige so genennt zu werden verdient, was in Absicht seines wurklichen Gegenstands in der Natur, kaum so viel ist als ein Schatten gegen den Korper der ihn zu werfen scheint. Es ist wahr, es gibt abgezogene Begriffe, die fur gewisse enthusiastische Seelen entzuckend sind; aber warum sind sie es? In der Tat bloss darum, weil ihre Einbildungskraft sie auf eine schlaue Art zu verkorpern weiss. Untersuche alle angenehmen Ideen von dieser Art, so unkorperlich und geistig sie scheinen mogen, und du wirst finden, dass das Vergnugen, so sie deiner Seele machen, von den sinnlichen Vorstellungen entsteht, womit sie begleitet sind. Bemuhe dich so sehr als du willst, dir Gotter ohne Gestalt, ohne Glanz, ohne etwas das die Sinnen ruhrt, vorzustellen; es wird dir unmoglich sein. Der Jupiter des Homer und Phidias, die Idee eines Hercules oder Theseus, wie unsre Einbildungskraft sich diese Helden vorzustellen pflegt, die Ideen eines uberirdischen Glanzes, einer mehr als menschlichen Schonheit, eines ambrosischen Geruchs, werden sich unvermerkt an die Stelle derjenigen setzen, die du dich vergeblich zu machen bestrebtest; und du wirst noch immer an dem irdischen Boden kleben, wenn du schon in den empyreischen Gegenden zu schweben glaubst. Sind die Vergnugen des Herzens weniger sinnlich? Sie sind die Allersinnlichsten. Ein gewisser Grad derselben verbreitet eine wollustige Warme durch unser ganzes Wesen, belebt den Umlauf des Blutes, ermuntert das Spiel der Fibern, und setzt unsre ganze Maschine in einen Zustand von Behaglichkeit, der sich der Seele um so mehr mitteilet, als ihre eigne naturliche Verrichtungen auf eine angenehme Art dadurch erleichtert werden. Die Bewunderung, die Liebe, das Verlangen, die Hoffnung, das Mitleiden, jeder zartliche Affect bringt diese Wurkung in einigem Grad hervor, und ist desto angenehmer, je mehr er sich derjenigen Wollust nahert, die unsre Alten wurdig gefunden haben, in der Gestalt der personificierten Schonheit, aus deren Genuss sie entspringt, unter die Gotter gesetzt zu werden. Derjenige, den sein Freund niemals in Entzuckungen gesetzt hat, die den Entzuckungen der Liebe ahnlich sind, ist nicht berechtiget von den Vergnugen der Freundschaft zu reden. Was ist das Mitleiden, welches uns zur Guttatigkeit treibt? Wer anders ist desselben fahig als diese empfindlichen Seelen, deren Auge durch den Anblick, deren Ohr durch den achzenden Ton des Schmerzens und Elends gequalet wird, und die in dem Augenblick, da sie die Not eines Unglucklichen erleichtern, beinahe dasselbige Vergnugen fuhlen, welches sie in eben diesem Augenblick an seiner Stelle gefuhlt hatten? Wenn das Mitleiden nicht ein wollustiges Gefuhl ist, warum ruhrt uns nichts so sehr als die leidende Schonheit? Warum lockt die klagende Phadra in der Nachahmung zartliche Tranen aus unsern Augen, da die winselnde Hasslichkeit in der Natur nichts als Ekel erweckt? Und sind etwan die Vergnugen der Wohltatigkeit und Menschenliebe weniger sinnlich? Dasjenige, was in dir vorgehen wird, wenn du dir die contrastierenden Gemalde einer geangstigten und einer frohlichen Stadt vorstellest, die Homer auf den Schild des Achilles setzt, wird dir diese Frage auflosen! Nur diejenigen, die der Genuss des Vergnugens in die lebhafteste Entzuckung setzt, sind fahig, von den lachenden Bildern einer allgemeinen Freude und Wonne so sehr geruhrt zu werden, dass sie dieselbige ausser sich zu sehen wunschen; das Vergnugen der Guttatigkeit wird allemal mit demjenigen in Verhaltnis stehen, welches ihnen der Anblick eines vergnugten Gesichts, eines frohlichen Tanzes, einer offentlichen Lustbarkeit macht; und es ist nur der Vorteil ihres Vergnugens, je allgemeiner diese Scene ist. Je grosser die Anzahl der Frohlichen und die Mannigfaltigkeit der Freuden, desto grosser die Wollust, wovon diese Art von Menschen, an denen alles Sinn, alles Herz und Seele ist, beim Anblick derselben uberstromet werden. Lasst uns also gestehen, Callias, dass alle Vergnugen, die uns die Natur anbeut, sinnlich sind; und dass die hochfliegendste, abgezogenste und geistigste Einbildungskraft uns keine andre verschaffen kann, als solche, die wir auf eine weit vollkommnere Art aus dem rosenbekranzten Becher, und von den Lippen der schonen Cyane saugen konnten.
Es ist wahr, es gibt noch eine Art von Vergnugen, die beim ersten Anblick eine Ausnahme von meinem Satz zu machen scheint. Man konnte sie kunstliche nennen, weil wir sie nicht aus den Handen der Natur empfangen, sondern nur gewissen Ubereinkommnissen der menschlichen Gesellschaft zu danken haben, durch welche dasjenige, was uns dieses Vergnugen macht, die Bedeutung eines Gutes erhalten hat. Allein die kleinste Uberlegung ist hinlanglich uns zu uberzeugen, dass diese Dinge uns keine andre Art von Vergnugen machen, als die wir vom Besitz des Geldes haben; welches wir mit Gleichgultigkeit ansehen wurden, wenn es uns nicht fur alle die wurklichen Vergnugen Gewahr leistete, die wir uns dadurch verschaffen konnen. Von dieser Art ist dasjenige, welches der Ehrgeizige empfindet, wenn ihm Bezeugungen einer scheinbaren Hochachtung oder Unterwurfigkeit gemacht werden, die ihm als Zeichen seines Ansehens und der Macht, die ihm dasselbe uber andre gibt, angenehm sind. Ein morgenlandischer Despot bekummert sich wenig um die Hochachtung seiner Volker; sclavische Unterwurfigkeit ist fur ihn genug. Ein Mensch hingegen, dessen Gluck in den Handen solcher Leute liegt, die seines gleichen sind, ist genotiget, sich ihre Hochachtung zu erwerben. Allein diese Unterwurfigkeit ist dem Despoten, diese Hochachtung ist dem Republicaner nur darum angenehm, weil sie das Vermogen oder die Gelegenheit gibt, die Leidenschaften und die Begierden desto besser zu befriedigen, welche die unmittelbaren Quellen des Vergnugens sind. Warum ist Alcibiades ehrgeizig? Alcibiades bewirbt sich um einen Ruhm, der seine Ausschweifungen, seinen Ubermut, seinen schleppenden Purpur, seine Schmause und Liebeshandel bedeckt; der es den Atheniensern ertraglich macht, den Liebesgott, mit dem Blitze Jupiters bewaffnet, auf dem Schilde seines Feldherrn zu sehen; der die Gemahlin eines spartanischen Konigs so sehr verblendet, dass sie stolz darauf ist, fur seine Buhlerin gehalten zu werden. Ohne diese Vorteile wurde ihm Ansehn und Ruhm so gleichgultig sein, als ein Haufen Rechenpfennige einem corinthischen Wucherer. Allein, spricht man, wenn es seine Richtigkeit hat, dass die Vergnugen der Sinne alles sind, was uns die Natur zuerkannt hat, was ist leichter und was braucht weniger Kunst und Anstalten, als glucklich zu sein? "Wie wenig bedarf die Natur um zu Frieden zu sein?" Es ist wahr, die rohe Natur bedarf wenig. Ihre Unwissenheit ist ihr Reichtum. Eine Bewegung, die seinen Korper munter erhalt, eine Nahrung die den Hunger stillt, ein Weib, schon oder hasslich, wenn ihn die Ungeduld eines gewissen Bedurfnisses beunruhiget, ein schattichter Rasen, wenn er des Schlafs bedarf und eine Hohle, sich vor dem Ungewitter zu sichern, ist alles was der wilde Mensch notig hat, um in dem Lauf von achtzig oder hundert Jahren sich nur nicht einmal einfallen zu lassen, dass man mehr brauchen konne. Die Vergnugen der Einbildungskraft und des Geschmacks sind nicht fur ihn; er geniesst nicht mehr als die ubrigen Tiere, und geniesst wie sie. Wenn er glucklich ist, weil er sich nicht fur unglucklich halt, so ist er es doch nicht in Vergleichung mit demjenigen, fur den die Kunste des Witzes und des Geschmacks die angenehmste Art der Bedurfnisse der Natur zu geniessen, und eine unendliche Menge von Ergotzungen der Sinne und der Einbildung erfunden haben, wovon die Natur in dem rohen Zustande, worin wir sie uns in den altesten Zeiten vorstellen, keinen Begriff hat. Diese Vergleichung, es ist wahr, findet nur in dem Stand einer Gesellschaft statt, die sich in einer langen Reihe von Jahrhunderten endlich zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit erhoben hat. In einem solchen aber wird alles das zum Bedurfnis, was der Wilde nur darum nicht vermisset, weil es ihm unbekannt ist; und ein Diogenes konnte zu Corinth nicht glucklich sein, wenn er nicht ein Narr ware. Gewisse poetische Kopfe haben sich ein goldnes Alter, ein Arcadien, ein angenehmes Hirtenleben getraumt, welches zwischen der rohen Natur und der Lebensart des beguterten Teils eines gesitteten und sinnreichen Volkes das Mittel halten soll. Sie haben die verschonerte Natur von allem demjenigen entkleidet, wodurch sie verschonert worden ist, und dieses idealische Wesen die schone Natur genannt. Allein ausserdem, dass diese schone Natur, in dieser nackten Einfalt, welche man ihr gibt, niemals irgendwo vorhanden war; wer siehet nicht dass die Lebensart des goldnen Alters der Dichter, zu derjenigen welche durch die Kunste mit allem bereichert und ausgeziert worden, was der Witz zu erfinden fahig ist, um uns in den Armen einer ununterbrochnen Wollust, vor dem Uberdruss der Sattigung zu bewahren; dass, sage ich, jene dichtrische Lebensart zu dieser sich eben so verhalt, wie die Lebensart des wildesten Sogdianers zu jener? Wenn es angenehmer ist in einer bequemen Hutte zu wohnen als in einem hohlen Baum, so ist es noch angenehmer in einem geraumigen Hause zu wohnen, das mit den ausgesuchtesten und wollustigsten Bequemlichkeiten versehen, und, wohin man die Augen wendet, mit Bildern des Vergnugens ausgeziert ist; und wenn eine mit Bandern und Blumen geschmuckte Phyllis reizender ist als eine schmutzige und zottichte Wilde, muss nicht eine von unsern Schonen, deren naturliche Reizungen durch einen wohlausgesonnenen und schimmernden Putz erhoben werden, um eben so viel besser gefallen als eine Phyllis?
Drittes Capitel
Die Geisterlehre eines echten Materialisten
Wir haben die Natur gefragt, Callias, worin die Gluckseligkeit bestehe, die sie uns zugedacht habe, und wir haben ihre Antwort. Ein schmerzenfreies Leben, die angenehmste Befriedigung unsrer naturlichen Bedurfnisse, und der abwechslende Genuss aller Arten von Vergnugen, womit die Einbildungskraft, der Witz und die Kunste unsern Sinnen zu schmeicheln fahig sind. Dieses ist alles was der Mensch Lodern kann, und wenn es eine erhabnere Art von Gluckseligkeit gibt, so konnen wir wenigstens gewiss sein, dass sie nicht fur uns gehort, da wir nicht einmal fahig sind, uns eine Vorstellung davon zu machen. Es ist wahr, der enthusiastische Teil unter den Verehrern der Gotter schmeichelt sich mit einer zukunftigen Gluckseligkeit, zu welcher die Seele nach der Zerstorung des Korpers erst gelangen soll. Die Seele, sagen sie, war ehmals eine Freundin und Gespielin der Gotter, sie war unsterblich wie sie, und begleitete (wie Plato homerisiert) den geflugelten Wagen Jupiters, um mit den ubrigen Unsterblichen die unvergangliche Schonheiten zu beschauen, womit die unermesslichen Raume uber den Spharen erfullt sind. Ein Krieg, der unter den Bewohnern der unsichtbaren Welt entstand, verwickelte sie in den Fall der Besiegten; sie ward vom Himmel gesturzt, und in den Kerker eines tierischen Leibes eingeschlossen, um durch den Verlust ihrer ehmaligen Wonne, in einem Zustand, der eine Kette von Plagen und Schmerzen ist, ihre Schuld auszutilgen. Das unendliche Verlangen, der nie gestillte Durst nach einer Gluckseligkeit, die sie in keinem irdischen Gut findet, ist das einzige, das ihr zu ihrer Qual von ihrem vormaligen Zustand ubrig geblieben ist; und es ist unmoglich, dass sie diese vollkommne Seligkeit, wodurch sie allein befriediget werden kann, wieder erlange, eh sie sich wieder in ihren ursprunglichen Stand, in das reine Element der Geister empor geschwungen hat. Sie ist also vor dem Tode keiner andern Gluckseligkeit fahig als derjenigen, deren sie durch eine freiwillige Absonderung von allen irdischen Dingen, durch Ertodung aller irdischen Leidenschaften und Entbehrung aller sinnlichen Vergnugen, fahig gemacht wird. Nur durch diese Entkorperung wird sie der Beschauung der wesentlichen und gottlichen Dinge fahig, worin die Geister ihre einzige Nahrung und diese vollkommne Wonne finden, wovon die sinnlichen Menschen sich keinen Begriff machen konnen. Solchergestalt kann sie nur, nachdem sie durch verschiedne Grade der Reinigung, von allem was tierisch und korperlich ist, gesaubert worden, sich wieder zu der uberirdischen Sphare erheben, mit den Gottern leben, und im Unverwandten Anschauen des wesentlichen und ewigen Schonen, wovon alles Sichtbare bloss der Schatten ist, Ewigkeiten durchleben, die eben so grenzenlos sind, als die Wonnen, von der sie uberstromet werden.
Ich zweifle nicht daran, Callias, dass es Leute geben mag, bei denen die Milzsucht hoch genug gestiegen ist, dass diese Begriffe eine Art von Wahrheit fur sie haben. Es ist auch nichts leichtere, als dass junge Leute von lebhafter Empfindung und feuriger Einbildungskraft, durch eine einsame Lebensart und den Mangel solcher Gegenstande und Freuden, worin sich dieses ubermassige Feuer verzehren konnte, von diesen hochfliegenden Schimaren eingenommen werden, welche so geschickt sind, ihre nach Vergnugen lechzende Einbildungskraft durch eine Art von Wollust zu tauschen, die nur desto lebhafter ist, je verworrener und dunkler die bezaubernden Phantomen sind die sie hervorbringen; allein ob diese Traume ausser dem Gehirn ihrer Erfinder, und derjenigen, deren Einbildungskraft so glucklich ist ihnen nachfliegen zu konnen, einige Wahrheit oder Wurklichkeit haben, ist eine Frage, deren Erorterung nicht zum Vorteil derselben ausfallt, wenn sie der gesunden Vernunft aufgetragen wird. Je weniger die Menschen wissen, desto geneigter sind sie, zu wahnen und zu glauben. Wem anders als der Unwissenheit und dem Aberglauben der altesten Welt haben die Nymphen und Faunen, die Najaden und Tritonen, die Furien und die erscheinenden Schatten der Verstorbnen ihre vermeinte Wurklichkeit zu danken? Je besser wir die Korperwelt kennen lernen, desto enger werden die Grenzen des Geisteo nichts davon sagen, ob es wahrscheinlich sei, dass die Priesterschaft, die von jeher einen so zahlreichen Orden unter den Menschen ausgemacht, bald genug die Entdeckung machen musste, was fur grosse Vorteile man durch diesen Hang der Menschen zum Wunderbaren von ihren beiden heftigsten Leidenschaften, der Furcht und der Hoffnung, ziehen konne. Wir wollen bei der Sache selbst bleiben. Worauf grundet sich die erhabne Theorie, von der wir reden? Wer hat jemals diese Gotter, diese Geister gesehen, deren Dasein sie voraussetzt? Welcher Mensch erinnert sich dessen, dass er ehmals ohne Korper in den etherischen Gegenden geschwebt, den geflugelten Wagen Jupiters begleitet, und mit den Gottern Nectar getrunken habe? Was fur einen sechsten oder siebenten Sinn haben wir, um die Wurklichkeit der Gegenstande damit zu erkennen, womit man die Geisterwelt bevolkert? Sind es unsre innerlichen Sinnen? Was sind diese anders als das Vermogen der Einbildungskraft die Wurkungen der aussern Sinnen nachzuaffen? Was sieht das inwendige Auge eines Blindgebornen? Was hort das innere Ohr eines gebornen Tauben? Oder was sind diese Scenen, in welche die erhabenste Einbildungskraft auszuschweifen fahig ist, anders als neue Zusammensetzungen, die sie gerade so macht, wie ein Madchen aus den Blumen, die in einem Parterre zerstreut stehen, einen Kranz flicht; oder hohere Grade dessen was die Sinnen wurklich empfunden haben, von welchen man jedoch immer unfahig bleibt, sich einige klare Vorstellung zu machen; Denn was empfinden wir bei dem Eherischen Schimmer, oder den ambrosischen Geruchen der homerischen Gotter? Wir sehen, wenn ich so sagen kann, den Schatten eines Glanzes in unsrer Einbildung; wir glauben einen lieblichen Geruch zu empfinden; aber wir sehen keinen etherischen Glanz, und empfinden keinen ambrosischen Geruch. Kurz, man verbiete den Schopfern der uberirdischen Welten sich keiner irdischen und sinnlichen Materialien zu bedienen so werden ihre Welten, um mich eines ihrer Ausdrucke zu bedienen, plotzlich wieder in den Schoss des Nichts zuruckfallen, woraus sie gezogen worden. Und brauchen wir wohl noch einen andern Beweis, um uns diese ganze Theorie verdachtig zu machen, als die Methode, die man uns vorschreibt, um zu der geheimnisvollen Gluckseligkeit zu gelangen, welcher wir diejenige aufopfern sollen, die uns die Natur und unsre Sinnen anbieten? Wir sollen uns den sichtbaren Dingen entziehen, um die unsichtbaren zu sehen; wir sollen aufhoren zu empfinden, damit wir desto lebhafter phantasieren konnen. Verstopfet eure Sinnen, sagen sie, so werdet ihr Dinge sehen und horen, wovon diese tierischen Menschen, die gleich dem Vieh mit den Augen sehen, und mit den Ohren horen, sich keinen Begriff machen konnen. Eine vortreffliche Diat, in Wahrheit; die Schuler des Hippokrates werden dir beweisen, dass man keine bessere erfinden kann, um wahnwitzig zu werden. Es scheint also sehr wahrscheinlich, dass alle diese Geister, diese Welten, welche sie bewohnen, und diese Gluckseligkeiten, welche man nach dem Tode mit ihnen zu teilen hofft, nicht mehr Wahrheit haben, als die Nymphen, die Liebesgotter und die Grazien der Dichter, als die Garten der Hesperiden und die Inseln der Circe und Calypso; kurz, als alle diese Spiele der Einbildungskraft, welche uns belustigen, ohne dass wir sie fur wurklich halten. Die Religion unsrer Vater befiehlt uns einen Jupiter, eine Venus zu glauben; ganz gut; aber was fur eine Vorstellung macht man uns von ihnen? Jupiter soll ein Gott, Venus eine Gottin sein: Allein der Jupiter des Phidias ist nichts mehr als ein heroischer Mann, noch die Venus des Praxiteles mehr als ein schones Weib; von dem Gott und der Gottin hat kein Mensch in Griechenland den mindesten Begriff. Man verspricht uns nach dem Tod ein unsterbliches Leben bei den Gottern; aber die Begriffe die wir uns davon machen, sind entweder aus den sinnlichen Wollusten, oder den feinern und geistigem Freuden, die wir in diesem Leben erfahren haben, zusammengesetzt; es ist also klar, dass wir gar keine echte Vorstellung von dem Leben der Geister und von ihren Freuden haben. Ich will hiemit nicht leugnen, dass es Gotter, Geister oder vollkommnere Wesen als wir sind, haben konne oder wurklich habe. Alles was meine Schlusse zu beweisen scheinen, ist dieses, "dass wir unfahig sind, uns eine richtige Idee von ihnen zu machen, oder kurz, dass wir nichts von ihnen wissen." Wissen wir aber nichts, weder von ihrem Zustande noch von ihrer Natur, so ist es fur uns eben so viel, als ob sie gar nicht waren. Anaxagoras bewies mir einst mit dem ganzen Enthusiasmus eines Sternsehers, dass der Mond Einwohner habe. Vielleicht sagte er die Wahrheit. Allein was sind diese Mondbewohner fur uns? Meinest du, der Konig Philippus werde sich die mindeste Sorge machen, die Griechen mochten sie gegen ihn zu Hulfe rufen? Es mogen Einwohner im Monde sein; fur uns ist der Mond weder mehr noch weniger als eine leere glanzende Scheibe, die unsre Nachte erheitert, und unsre Zeit abmisst. Hat es aber diese Bewandtnis, wie es denn nicht anders sein kann, wie toricht ist es, den Plan seines Lebens nach Schimaren einzurichten, und sich der Gluckseligkeit deren man wurklich geniessen konnte, zu begeben, um sich mit ungewissen Hoffnungen zu weiden; die Frucht seines Daseins zu verlieren, so lange man lebt, in Hoffnung sich dafur schadlos zu halten, wenn man nicht mehr sein wird! Denn dass wir izt leben, und dass dieses Leben auf horen wird, das wissen wir gewiss; ob ein andres alsdann anfange, ist wenigstens ungewiss, und wenn es auch ware, so ist es doch unmoglich, das Verhaltnis desselben gegen das izige zu bestimmen, da wir kein Mittel haben uns einen echten Begriff davon zu machen. Lass uns also den Plan unsers Lebens auf das grunden, was wir kennen und wissen; und nachdem wir gefunden haben, was das gluckliche Leben ist, den geradesten und sichersten Weg suchen, auf dem wir dazu gelangen konnen.
Viertes Capitel
Worin Hippias bessere Schlusse macht
Ich habe schon bemerkt, dass die Gluckseligkeit, welche wir suchen, nur in dem Stand einer Gesellschaft, die sich schon zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit erhoben hat, statt finde. In einer solchen Gesellschaft entwickeln sich alle diese mannichfaltigen Geschicklichkeiten, die bei dem wilden Menschen, der so wenig bedarf, so einsam lebt, und so wenig Leidenschaften hat, immer mussige Fahigkeiten bleiben. Die Einfuhrung des Eigentums, die Ungleichheit der Guter und Stande, die Armut der einen, der Oberfluss, die Uppigkeit und die Tragheit der andern, dieses sind die wahren Gotter der Kunste, die Mercure und die Musen, denen wir ihre Erfindung oder doch ihre Vollkommenheit zu danken haben. Wie viel Menschen mussen ihre Bemuhungen vereinigen, um einen einzigen Reichen zu befriedigen! Diese bauen seine Felder und Weinberge, andre pflanzen seine Lustgarten, noch andre bearbeiten den Marmor, woraus seine Wohnung aufgefuhrt wird; tausende durchschiffen den Ocean um ihm die Reichtumer fremder Lander zuzufuhren; tausende beschaftigen sich, die Seide und den Purpur zu bereiten, die ihn kleiden; die Tapeten, die seine Zimmer schmucken; die kostbaren Gefasse, woraus er isst und trinkt; und die weichen Lager, worauf er der wollustigsten Ruhe geniesst. Tausende mussen in schlaflosen Nachten ihren Witz verzehren, um neue Bequemlichkeiten, neue Wolluste, eine leichtere und angenehmere Art die leichtesten und angenehmsten Verrichtungen, die uns die Natur auferlegt, zu tun, fur ihn zu erfinden, und durch die Zaubereien der Kunst, die den gemeinsten Dingen einen Schein der Neuheit zu geben weiss, seinen Ekel zu tauschen, und seine vom Genuss ermudeten Sinnen aufzuwecken. Fur ihn arbeitet der Maler, der Tonkunstler, der Dichter, der Schauspieler, und uberwindet unendliche Schwierigkeiten, um Kunste zur Vollkommenheit zu treiben, welche die Anzahl seiner Ergotzungen vermehren sollen. Allein alle diese Leute, welche fur den glucklichen Menschen arbeiten, wurden es nicht tun, wenn sie nicht selbst glucklich zu sein wunschten. Sie arbeiten nur fur denjenigen, der ihre Bemuhung fur sein Vergnugen belohnen kann. Der Konig von Persien selbst ist nicht machtig genug, den Zeuxes zu zwingen, dass er ihm eine Leda male. Nur die Zauberkraft des Goldes, welchem eine allgemeine Ubereinkunft der gesitteten Volker den Wert aller nutzlichen und angenehmen Dinge beigelegt hat, kann den Genie und den Fleiss einem Midas dienstbar machen, der ohne seine Schatze kaum so viel wert ware, dem Maler, der fur ihn arbeitet, die Farben zu reiben. Die Kunst, sich die Mittel zur Gluckseligkeit zu verschaffen, ist also schon gefunden, mein lieber Callias, sobald wir die Kunst gefunden haben, einen genugsamen Vorrat von diesem Steine der Weisen zu bekommen, der uns die ganze Natur unterwirft, der Millionen von unsers Gleichen zu freiwilligen Sclaven unsrer Uppigkeit macht, und der uns in jedem schlauen Kopf einen dienstwilligen Mercur, und durch den unwiderstehlichen Glanz eines goldnen Regens, in jeder Schonen eine Danae finden lasst. Die Kunst reich zu werden, Callias, ist im Grunde nichts anders, als die Kunst, sich des Eigentums andrer Leute mit ihrem guten Willen zu bemachtigen. Ein Despot hat unter dem Schutz eines Vorurteils, welches demjenigen sehr ahnlich ist, womit die Egypter den Crocodil vergotterten, in diesem Stuck einen ungemeinen Vorteil: Da sich seine Rechte so weit erstrecken als seine Macht, und diese Macht durch keine Pflichten eingeschrankt ist, weil ihn niemand zwingen kann, sie zu erfullen; so kann er sich das Vermogen seiner Untertanen zueignen, ohne sich darum zu bekummern, ob es mit ihrem guten Willen geschieht. Es kostet ihn keine Muhe, unermessliche Reichtumer zu erwerben, und, um mit der unmassigsten Schwelgerei in einem Tag Millionen zu verschwenden, hat er nichts notig, als denjenigen Teil des Volkes, den seine Durftigkeit zu einer immerwahrenden Arbeit verdammt, an diesem Tage fasten zu lassen. Allein ausser dem, dass dieser Vorteil nur sehr wenigen Sterblichen zu Teil werden kann, so ist er nicht so beschaffen, dass ein weiser Mann ihn beneiden konnte. Das Vergnugen horet auf Vergnugen zu sein, so bald es uber einen gewissen Grad getrieben wird. Das Ubermass der sinnlichen Wolluste zerstoret die Werkzeuge der Empfindung; das Ubermass der Vergnugen der Einbildungskraft, verderbt den Geschmack des echten Schonen, indem fur unmassige Begierden nichts reizend sein kann, was in die Verhaltnisse und das Ebenmass der Natur eingeschlossen ist. Daher ist das gewohnliche Schicksal der morgenlandischen Fursten, die in die Mauern ihres Serails eingekerkert sind, in den Armen der Wollust vor Ersattigung und Uberdruss umzukommen; indessen, dass die sussesten Geruche von Arabien vergeblich fur sie duften, dass die geistigen Weine ihnen ungekostet aus Cristallen entgegenblinken, dass tausend Schonheiten, deren jede zu Paphos einen Altar erhielte, alle ihre Reizungen, alle ihre buhlerische Kunste umsonst verschwenden, ihre schlaffen Sinnen zu erwecken, und zehen tausend Sclaven ihrer Uppigkeit in die Wette eifern, um unerhorte und ungeheure Wolluste zu erdenken, welche fahig sein mochten, wenigstens die gluhende Phantasie dieser ungluckseligen Glucklichen auf etliche Augenblicke zu betrugen. Wir haben also mehr Ursache, als man insgemein glaubt, der Natur zu danken, wenn sie uns in einen Stand setzt, wo wir das Vergnugen durch Arbeit erkaufen mussen, und vorher unsre Leidenschaften massigen lernen, eh wir zu einer Gluckseligkeit gelangen, die wir ohne diese Massigung nicht geniessen konnten.
Da nun die Despoten und die Strassenrauber die einzigen sind, denen es, jedoch auf ihre Gefahr, zusteht, sich des Vermogens andrer Leute mit Gewalt zu bemachtigen: So bleibt demjenigen, der sich aus einem Zustand von Mangel und Abhanglichkeit empor schwingen will, nichts anders ubrig, als dass er sich die Geschicklichkeit erwerbe, den Vorteil und das Vergnugen der Lieblinge des Gluckes zu befordern. Unter den vielerlei Arten, wie dieses geschehen kann, sind einige dem Menschen von Genie, mit Ausschluss aller ubrigen, vorbehalten, und teilen sich nach ihrem verschiednen Endzweck in zwo Classen ein, wovon die erste die Vorteile, und die andre das Vergnugen des betrachtlichsten Teils einer Nation zum Gegenstand hat. Die erste, welche die Regierungsund Kriegs-Kunste in sich begreift, scheint ordentlicher Weise nur in freien Staaten Platz zu finden; die andre hat keine Grenzen als den Grad des Reichtums und der Uppigkeit eines jeden Volks, von welcher Art seine Staatsverfassung sein mag. In dem armen Athen wurde ein guter Feld-Herr unendlichmal hoher geschatzt, als ein guter Maler; in dem reichen und wollustigen Athen gibt man sich keine Muhe zu untersuchen, wer der tuchtigste sei, ein Kriegsheer anzufuhren; man hat wichtigere Dinge zu entscheiden; die Frage ist, welche unter etlichen Tanzerinnen die artigsten Fusse hat, und die schonsten Sprunge macht? ob die Venus des Praxiteles, oder des Alcamenes die schonere ist? Die Kunste des Genie von der ersten Classe fuhren fur sich allein selten zum Reichtum. Die grossen Talente, die grossen Verdienste und Tugenden, die dazu erfodert werden, finden sich gemeinlich nur in armen und emporstrebenden Republiken, die alles, was man fur sie tut, nur mit Lorbeerkranzen bezahlen. In Staaten aber, wo Reichtum und Uppigkeit schon die Oberhand gewonnen haben, braucht man alle diese Talente und Tugenden nicht, welche die Regierungskunst zu erfodern scheint. Man kann in solchen Staaten Gesetze geben, ohne ein Solon zu sein; man kann ihre Kriegsheere anfuhren, ohne ein Leonidas oder Themistokles zu sein Perikles, Alcibiades, regierten zu Athen den Staat, und fuhrten die Volker an; obgleich jener nur ein Redner war, und dieser keine andre Kunst kannte, als die Kunst sich der Herzen zu bemeistern. In solchen Republiken hat das Volk die Eigenschaften, die in einem despotischen Staate der Einzige hat, der kein Sclave ist; man braucht ihm nur zu gefallen, um zu allem tuchtig befunden zu werden. Perikles herrschte, ohne die ausserlichen Zeichen der koniglichen Wurde zu tragen, so unumschrankt in dem freien Athen, als Artaxerxes in dem untertanigen Asien. Seine Talente, und die Kunste die er von der schonen Aspasia gelernt hatte, erwarben ihm eine Art von Oberherrschaft, die nur desto unumschrankter war, da sie ihm freiwillig zugestanden wurde; die Kunst eine grosse Meinung von sich zu erwecken, die Kunst zu uberreden, die Kunst von der Eitelkeit der Athenienser Vorteil zu ziehen und ihre Leidenschaften zu lenken; diese machten seine ganze Regierungskunst aus. Er verwickelte die Republik in ungerechte und ungluckliche Kriege, er erschopfte die offentliche Schatzkammer, er erbitterte die Bundsgenossen durch gewaltsame Erpressungen; und damit das Volk keine Zeit hatte, eine so schone Staats-Verwaltung genauer zu beobachten, so bauete er Schauspielhauser, gab ihnen schone Statuen und Gemalde zu sehen, unterhielt sie mit Tanzerinnen und Virtuosen, und gewohnte sie so sehr an diese abwechselnden Ergotzungen, dass die Vorstellung eines neuen Stucks, oder der Wettstreit unter etlichen Flotenspielern zuletzt Staats-Angelegenheiten wurden, uber welchen man diejenigen vergass die es in der Tat waren. Hundert Jahre fruher wurde man einen Perikles fur eine Pest der Republik angesehen haben; allein damals wurde Perikles ein Aristides gewesen sein. In der Zeit worin er lebte, war Perikles, so wie er war, der grosste Mann der Republik; der Mann der Athen zu dem hochsten Grade der Macht und des Glanzes erhub, den es zu erreichen fahig war; der Mann, dessen Zeit als das goldne Alter der Musen in allen kunftigen Jahrhunderten angezogen werden wird; und, was fur ihn selbst das interessanteste war, der Mann, fur den die Natur die Euripiden und Aristophane, die Phidias, die Zeuxes, die Damonen, und die Aspasien zusammen brachte, um sein Privatleben so angenehm zu machen, als sein offentliches Leben glanzend war. Die Kunst uber die Einbildungskraft der Menschen zu herrschen, die geheimen, ihnen selbst verborgnen Triebfedern ihrer Bewegungen nach unserm Gefallen zu lenken, und sie zu Werkzeugen unsrer Absichten zu machen, indem wir sie in der Meinung erhalten, dass wir es von den ihrigen sind, ist also, ohne Zweifel, diejenige, die ihrem Besitzer am nutzlichsten ist, und dieses ist die Kunst welche die Sophisten lehren und ausuben; die Kunst, welcher sie das Ansehen, die Unabhanglichkeit und die glucklichen Tage, deren sie geniessen, zu danken haben. Du kannst dir leicht vorstellen, Callias, dass sie sich in etlichen Stunden weder lehren noch lernen lasst; allein meine Absicht ist auch fur izt nur, dir uberhaupt einen Begriff davon zu geben. Dasjenige, was man die Weisheit der Sophisten nennt, ist die Geschicklichkeit sich der Menschen so zu bedienen, dass sie geneigt sind, unser Vergnugen zu befordern, oder uberhaupt die Werkzeuge unsrer Absichten zu sein. Die Beredsamkeit, welche diesen Namen erst alsdann verdient, wenn sie im Stand ist, die Zuhorer, wer sie auch sein mogen, von allem zu uberreden, was wir wollen, und in jeden Grad einer jeden Leidenschaft zu setzen, die zu unsrer Absicht notig ist; eine solche Beredsamkeit ist unstreitig ein unentbehrliches Werkzeug, und das vornehmste wodurch die Sophisten diesen Zweck erreichen. Die Grammatici bemuhen sich, junge Leute zu Rednern zu bilden; die Sophisten tun mehr, sie lehren sie Uberreder zu werden, wenn mir dieses Wort erlaubt ist. Hierin allein besteht das Erhabne einer Kunst, die vielleicht noch niemand in dem Grade besessen hat, wie Alcibiades, der in unsern Zeiten so viel Aufsehens gemacht hat. Der Weise bedient sich dieser Uberredungs-Gabe nur als eines Werkzeugs zu hohern Absichten. Alcibiades uberlasst es einem Antiphon sich mit Ausfeilung einer kunstlichgesetzten Rede zu bemuhen; er uberredet indessen seine Landsleute, dass ein so liebenswurdiger Mann wie Alcibades das Recht habe zu tun, was ihm einfalle; er uberredet die Spartaner zu vergessen, dass er ihr Feind gewesen, und dass er es beider ersten Gelegenheit wieder sein wird; er uberredet die Konigin Timea, dass sie ihn bei sich schlafen lasse, und die Satrapen des grossen Konigs, dass er ihnen die Athenienser zu eben der Zeit verraten wolle, da er die Athenienser uberredet, dass sie ihm Unrecht tun, ihn fur einen Verrater zu halten. Diese Uberredungskraft setzt die Geschicklichkeit voraus, jede Gestalt anzunehmen, wodurch wir demjenigen gefallig werden konnen, auf den wir Absichten haben; die Geschicklichkeit, sich der verborgensten Zugange seines Herzens zu versichern, seine Leidenschaften, je nachdem wir es notig finden, zu erregen, zu liebkosen, eine durch die andre zu verstarken, oder zu schwachen, oder gar zu unterdrucken, sie erfodert eine Gefalligkeit, die von den Sittenlehrern Schmeichelei genennt wird, aber diesen Namen nur alsdann verdient, wenn sie von den Gnathonen die um die Tafeln der Reichen sumsen, nachgeafft wird, -eine Gefalligkeit, die aus einer tiefen Kenntnis der Menschen entspringt, und das Gegenteil von der lacherlichen Sprodigkeit gewisser Phantasten ist, die den Menschen ubel nehmen, dass sie anders sind, als wie diese ungebetenen Gesetzgeber es haben wollen; kurz, diejenige Gefalligkeit ohne welche es vielleicht moglich ist, die Hochachtung, aber niemals die Liebe der Menschen zu erlangen; weil wir nur diejenigen lieben konnen, die uns ahnlich sind, die unsern Geschmack haben oder zu haben scheinen, und so eifrig sind, unser Vergnugen zu befordern, dass sie hierin die Aspasia von Milet zum Muster nehmen, welche sich bis ans Ende in der Gunst des Perikles erhielt, indem sie in demjenigen Alter, worin man die Seele der Damen zu lieben pflegt, sich in die Grenzen der Platonischen Liebe zuruckzog, und die Rolle des. Korpers durch andre spielen liess. Ich lese in deinen Augen, Callias, was du gegen diese Kunste einzuwenden hast, die sich so ubel mit den Vorurteilen vertragen, die du gewohnt bist fur Grundsatze zu halten. Es ist wahr, die Kunst zu leben, welche die Sophisten lehren, ist auf ganz andre Begriffe von dem, was in sittlichem Verstande schon und gut ist gebaut, als diejenigen hegen, die von dem idealischen Schonen, und von einer gewissen Tugend, die ihr eigner Lohn sein soll, so viel schone Dinge zu sagen wissen. Allein, wenn du noch nicht mude bist mir zuzuhoren, als ich es bin zu schwatzen; so denke ich, dass es nicht schwer sein werde dich zu uberzeugen, dass das Idealische Schone und die Idealische Tugend mit jenen Geistermarchen, wovon wir erst gesprochen haben, in die namliche Classe gehoren.
Funftes Capitel
Der Anti-Platonismus in Nuce
Was ist das Schone? Was ist das Gute? Eh wir diese Fragen beantworten konnen, mussen wir, deucht mich, vorher fragen: Was ist das, was die Menschen schon und gut nennen? Wir wollen vom Schonen den Anfang machen. Was fur eine unendliche Verschiedenheit in den Begriffen, die man sich bei den verschiedenen Volkern des Erdbodens von der Schonheit macht! Alle Welt kommt darin uberein, dass ein schones Weib das schonste unter allen Werken der Natur sei. Allein wie muss sie sein, um fur eine vollkommne Schonheit in ihrer Art gehalten zu werden? Hier fangt der Widerspruch an. Stelle dir eine Versammlung von so vielen Liebhabern vor, als es verschiedne Nationen unter verschiednen Himmelsstrichen gibt; was ist gewisser, als dass ein jeder den Vorzug seiner Geliebten vor den ubrigen behaupten wird? Der Europaer wird die blendende Weisse, der Mohr die rabengleiche Schwarze der seinigen vorziehen; der Grieche wird einen kleinen Mund, eine Brust, die mit der hohlen Hand bedeckt werden kann, und das angenehme Ebenmass einer feinen Gestalt; der Africaner wird die eingedruckte Nase, und die aufgeschwollnen dickroten Lippen; der Persianer die grossen Augen und den schlanken Wuchs, der Serer die kleinen Augen, die Kegelrunde Dicke und winzigen Fusse an der seinigen bezaubernd finden. Hat es mit dem Schonen in sittlichen Verstande, mit dem was sich geziemt, eine andre Bewandtnis? Die Spartanischen Tochter scheuen sich nicht, in einem Aufzug gesehen zu werden, wodurch in Athen die geringste offentliche Metze sich entehrt hielte. In Persien wurd' ein Frauenzimmer, das an einem offentlichen Orte sein Gesicht entblosste, eben so angesehen, als in Smyrna eine die sich nackend sehen liesse. Bei den morgenlandischen Volkern erfodert der Wohlstand eine Menge von Beugungen und untertanigen Gebarden, die man gegen diejenigen macht, die man ehren will; bei den Griechen wurde diese Hoflichkeit fur eben so schandlich und sclavenmassig gehalten werden, als die attische Politesse zu Persepolis grob und baurisch scheinen wurde. Bei den Griechen hat eine freigeborne ihre Ehre verloren, die sich den jungfraulichen Gurtel von einem andern, als ihrem Manne auflosen lasst; bei gewissen Volkern die jenseits des Ganges wohnen, ist ein Madchen desto vorzuglicher, je mehr es Liebhaber gehabt hat, die seine Reizungen aus Erfahrung anzuruhmen wissen. Diese Verschiedenheit der Begriffe vom sittlichen Schonen zeigt sich nicht nur in besondern Gebrauchen und Gewohnheiten verschiedner Volker, wovon sich die Beispiele ins Unendliche haufen liessen; sondern selbst in dem Begriff, den sie sich uberhaupt von der Tugend machen. Bei den Romern ist Tugend und Tapferkeit einerlei; bei den Atheniensern schliesst dieses Wort alle Arten von nutzlichen und angenehmen Eigenschaften in sich. Zu Sparta kennt man keine andre Tugend als den Gehorsam gegen die Gesetze; in despotischen Reichen keine andre, als die sclavische Untertanigkeit gegen den Monarchen und seine Satrapen; am caspischen Meere ist der tugendhassteste der am besten rauben kann, und die meisten Feinde erschlagen hat; und in dem warmsten Striche von Indien hat nur der die hochste Tugend erreicht, der sich durch eine vollige Untatigkeit, ihrer Meinung nach, den Gottern ahnlich macht. Was folget nun aus allen diesen Beispielen? Ist nichts an sich selbst schon oder recht? Gibt es kein gewisses Modell, wornach dasjenige, was schon oder sittlich ist, beurteilt werden muss? Wir wollen sehen. Wenn ein solches Modell ist, so muss es in der Natur sein. Denn es ware Torheit, sich einzubilden, dass ein Pygmalion eine Bildsaule schnitzen konne, welche schoner sei als Phryne, die kuhn genug war, bei den Olympischen Spielen, in eben dem Aufzug worin die drei Gottinnen um den Preis der Schonheit stritten, das ganze Griechenland zum Richter uber die ihrige zu machen. Die Venus eines jeden Volks ist nichts anders als die Abbildung eines Weibes, die bei einer allgemeinen Versammlung dieses Volks fur diejenige erklart wurde, bei der sich die National-Schonheit im hochsten Grade befinde. Allein welches unter so vielerlei Modellen ist denn an sich selbst das schonste? Der Grieche wird fur seine rosenwangichte, der Mohr fur seine rabenschwarze, der Perser fur seine schlanke, und der Serer fur seine runde Venus mit dem dreifachen Kinn streiten. Wer soll den Ausschlag geben? Wir wollen es versuchen. Gesetzt, es wurde eine allgemeine Versammlung angestellt, wozu eine jede Nation den schonsten Mann und das schonste Weib, nach ihrem National-Modell zu urteilen, geschickt hatten; und wo die Weiber zu entscheiden hatten, welcher unter allen diesen Mitwerbern um den Preis der Schonheit der schonste Mann, und die Manner, welche unter allen das schonste Weib ware: Ich sage also, man wurde gar bald diejenigen aus allen ubrigen aussondern, die unter diesen milden und gemassigten Himmelsstrichen geboren worden, wo die Natur allen ihren Werken ein feineres Ebenmass der Gestalt, und eine angenehmere Mischung der Farben zu geben pflegt. Denn die vorzugliche Schonheit der Natur in den gemassigten Zonen erstreckt sich vom Menschen bis auf die Pflanzen. Unter diesen Auserlesnen von beiden Geschlechtern wurde vielleicht der Vorzug lange zweifelhaft sein; allein endlich wurde doch unter den Mannern derjenige den Preis erhalten, bei dessen Landesleuten die verschiednen gymnastischen Ubungen am starksten, und Verhaltnisweise in dem hochsten Grade der Vollkommenheit getrieben wurden; und alle Manner wurden mit einer Stimme diejenige fur die schonste unter den Schonen erklaren, die von einem Volke abgeschickt worden, welches bei der Erziehung der Tochter die moglichste Entwicklung und Cultur der naturlichen Schonheit zur Hauptsache machte. Der Spartaner wurde also vermutlich fur den schonsten Mann, und die Perserin fur das schonste Weib erklart werden. Der Grieche, welcher der Anmut den Vorzug vor der Schonheit gibt, weil die griechischen Weiber mehr reizend als schon sind, wurde nichts desto weniger zu eben der Zeit, da sein Herz einem Madchen von Paphos oder Milet den Vorzug gabe, bekennen mussen, dass die Perserin schoner sei; und eben dieses wurde der Serer tun, ob er gleich das dreifache Kinn und den Wanst seiner Landsmannin reizender finden wurde. Lass uns zu dem sittlichen Schonen fortgehen. So gross auch hierin die Verschiedenheit der Begriffe unter verschieden Zonen ist, so wird doch schwerlich geleugnet werden konnen, dass die Sitten derjenigen Nation, welche die geistreichste, die munterste, die geselligste, die angenehmste ist, den Vorzug der Schonheit haben. Die ungezwungne und einnehmende Hoflichkeit des Atheniensers muss einem jeden Fremden angenehmer sein, als die abgemessene, ernsthafte und ceremonienvolle Hoflichkeit der Morgenlander; das verbindliche Wesen, der Schein von Leutseligkeit, so der erste seinen kleinsten Handlungen zu geben weiss, muss vor dem steifen Ernst des Persers, oder der rauhen Gutherzigkeit des Scythen eben so sehr den Vorzug erhalten, als der Putz einer Dame von Smyrna, der die Schonheit weder ganz verhullt, noch ganz den Augen preis gibt, vor der Vermummung der Morgenlanderin oder der tierischen Blosse einer Wilden. Das Muster der aufgeklartesten und geselligsten Nation scheint also die wahre Regul des sittlichen Schonen, oder des Anstandigen zu sein, und Athen und Smyrna sind die Schulen, worin man seinen Geschmack und seine Sitten bilden muss. Allein nachdem wir eine Regul fur das Schone gefunden haben, was fur eine werden wir fur das, was Recht ist finden? wovon so verschiedene und widersprechende Begriffe unter den Menschen herrschen, dass eben dieselbe Handlung, die bei dem einen Volke mit Lorbeerkranzen und Statuen belohnt wird, bei dem andern eine schmahliche Todesstrafe verdient; und dass kaum ein Laster ist, welches nicht irgendwo seinen Altar und seinen Priester habe. Es ist wahr, die Gesetze sind bei dem Volke, welchem sie gegeben sind, die Richtschnur des Rechts und Unrechts; allein was bei diesem Volk durch das Gesetz befohlen wird, wird bei einem andern durch das Gesetz verboten. Die Frage ist also: Gibt es nicht ein allgemeines Gesetz, welches bestimmt, was an sich selbst Recht ist? Ich antworte ja, und dieses allgemeine Gesetz kann kein andres sein, als die Stimme der Natur, die zu einem jeden spricht: Suche dein Bestes; oder mit andern Worten: Befriedige deine naturliche Begierden, und geniesse so viel Vergnugen als du kannst. Dieses ist das einzige Gesetz, das die Natur dem Menschen gegeben hat; und so lang er sich im Stande der Natur befindet, ist das Recht, das er an alles hat, was seine Begierden verlangen, oder was ihm gut ist, durch nichts anders als das Mass seiner Starke eingeschrankt; er darf alles, was er kann, und ist keinem andern nichts schuldig. Allein der Stand der Gesellschaft, welcher eine Anzahl von Menschen zu ihrem gemeinschaftlichen Besten vereiniget, setzt zu jenem einzigen Gesetz der Natur, suche dein eignes Bestes, die Einschrankung, ohne einem andern zu schaden. Wie also im Stande der Natur einem jeden Menschen alles recht ist, was ihm nutzlich ist; so erklart im Stande der Gesellschaft das Gesetz alles fur unrecht und strafwurdig, was der Gesellschaft schadlich ist, und verbindet hingegen die Vorstellung eines Vorzugs und belohnungswurdigen Verdienstes mit allen Handlungen, wodurch der Nutzen oder das Vergnugen der Gesellschaft befordert wird. Die Begriffe von Tugend und Laster grunden sich also eines Teils auf den Vertrag den eine gewisse Gesellschaft unter sich gemacht hat, und in so ferne sind sie willkurlich; andern Teils auf dasjenige, was einem jeden Volke nutzlich oder schadlich ist; und daher kommt es, dass ein so grosser Widerspruch unter den Gesetzen verschiedner Nationen herrschet. Das Clima, die Lage, die Regierungsform, die Religion, das eigne Temperament und der National-Character eines jeden Volks, seine Lebensart, seine Starke oder Schwache, seine Armut oder sein Reichtum, bestimmen seine Begriffe von dem, was ihm gut oder schadlich ist; daher diese unendliche Verschiedenheit des Rechts oder Unrechts unter den policiertesten Nationen; daher der Contrast der Moral der gluhenden Zonen mit der Moral der kalten Lander, der Moral der freien Staaten mit der Moral der despotischen Reiche; der Moral einer armen Republik, welche nur durch den kriegerischen Geist gewinnen kann, mit der Moral einer reichen, die ihren Wohlstand dem Geist der Handelschaft und dem Frieden zu danken hat; daher endlich die Albernheit der Moralisten, welche sich den Kopf zerbrechen, um zu bestimmen, was fur alle Nationen recht sei, ehe sie die Auflosung der Aufgabe gefunden haben, wie man machen konne, dass dasselbe fur alle Nationen gleich nutzlich sei.
Die Sophisten, deren Sittenlehre sich nicht auf abstracte Ideen, sondern auf die Natur und wurkliche Beschaffenheit der Dinge grundet, finden die Menschen an einem jeden Ort, so, wie sie sein konnen. Sie schatzen einen Staatsmann zu Athen, an sich selbst, nicht hoher als einen Gaukler zu Persepolis, und eine ehrbare Matrone von Sparta ist in ihren Augen kein vortrefflicheres Wesen als eine Lais zu Corinth. Es ist wahr, der Gaukler wurde zu Athen, und die Lais zu Sparta schadlich sein; allein ein Aristides wurde zu Persepolis, und eine Spartanerin zu Corinth wo nicht eben so schadlich, doch wenigstens ganz unnutzlich sein. Die Idealisten, wie ich diese Philosophen zu nennen pflege, welche die Welt nach ihren Ideen umschmelzen wollen, bilden ihre Lehrjunger zu Menschen, die man nirgends fur einheimisch erkennen kann, weil ihre Moral eine Gesetzgebung voraussetzt, welche nirgends vorhanden ist. Sie bleiben arm und ungeachtet, weil ein Volk nur demjenigen Hochachtung und Belohnung zuerkennt, der seinen Nutzen befordert oder doch zu befordern scheint; ja sie werden als Verderber der Jugend, und als heimliche Feinde der Gesellschaft angesehen, und die Landesverweisung oder der Giftbecher ist zuletzt alles, was sie fur die undankbare Bemuhung davon tragen, die Menschen zu entkorpern, um sie in die Classe der idealischen Wesen, der mathematischen Puncte, Linien und Dreiecke zu erhohen. Kluger, als diese eingebildeten Weisen, die, wie jener Flotenspieler von Aspondus, nur fur sich selbst singen, uberlassen die Sophisten den Gesetzen eines jeden Volks ihre Burger zu lehren, was Recht oder Unrecht sei. Da sie selbst zu keinem besondern Staatskorper gehoren, so geniessen sie die Vorrechte eines Weltburgers, und indem sie den Gesetzen und der Religion eines jeden Volkes bei dem sie sich befinden, eine ausserliche Achtung bezeugen, wodurch sie vor allen Ungelegenheiten mit den Handhabern derselben gesichert werden; so erkennen und befolgen sie doch in der Tat kein andres als jenes allgemeine Gesetz der Natur, welches dem Menschen sein eignes Bestes zur einzigen Richtschnur gibt. Alles wodurch ihre naturliche Freiheit eingeschrankt wird, ist die Beobachtung einer nutzlichen Klugheit, die ihnen vorschreibt ihren Handlungen die Farbe, den Schnitt und die Auszierung zu geben, wodurch sie denjenigen, mit welchen sie zu tun haben, am gefalligsten werden. Das moralische Schone ist fur unsre Handlungen eben das, was der Putz fur unsern Leib; und es ist eben so notig, seine Auffuhrung nach den Vorurteilen und dem Geschmack derjenigen zu modeln, mit denen man lebt, als es notig ist sich so kleiden wie sie. Ein Mensch, der nach einem gewissen besondern Modell gebildet worden, sollte, wie die wandelnden Bildsaulen des Dadalus, an seinen vaterlichen Boden angefesselt werden; denn er ist nirgends an seinem Platz als unter seines gleichen. Ein Spartaner wurde sich nicht besser schicken, die Rolle eines obersten Sclaven des Artaxerxes zu spielen, als ein Sarmater sich schickte Polemarchus zu Athen zu sein. Der Weise hingegen ist der allgemeine Mensch, der Mensch, dem alle Farben, alle Umstande, alle Verfassungen und Stellungen anstehen, und er ist es eben darum, weil er keine besondre Vorurteile und Leidenschaften hat, weil er nichts als ein Mensch ist. Er gefallt allenthalben, weil er, wohin er kommt, sich die Vorurteile und Torheiten gefallen lasst, die er antrifft. Wie sollte er nicht geliebt werden, er, der immer bereit ist sich fur die Vorteile andrer zu beeifern, ihre Begriffe zu billigen, ihren Leidenschaften zu schmeicheln? Er weiss, dass die Menschen von nichts uberzeugter sind, als von ihren Irrtumern, und nichts zartlicher lieben als ihre Fehler; und dass es kein gewisseres Mittel gibt sich ihren Abscheu zuzuziehen, als wenn man ihnen eine Wahrheit entdeckt, die sie nicht wissen wollen. Weit entfernt also, ihnen die Augen wider ihren Willen zu eroffnen, oder ihnen einen Spiegel vorzuhalten, der ihnen ihre Hasslichkeit vorruckte, bestarkt er den Toren in dem Gedanken, dass nichts abgeschmackter sei als Verstand haben, den Verschwender in dem Wahn, dass er grossmutig, den Knicker in den Gedanken, dass er ein guter Haushalter, die Hasslichkeit in der sussen Einbildung, dass sie desto geistreicher, und den Reichen in der Uberredung, dass er ein Staatsmann, ein Gelehrter, ein Held, ein Gonner der Musen und ein Liebling der Damen sei. Er bewundert das System des Philosophen, die einbildische Unwissenheit des Hofmanns, und die grossen Taten des Generals; er gestehet dem Tanzmeister ohne Widerrede zu, dass Cimon der grosste Mann in Griechenland gewesen ware, wenn er die Fusse besser zu setzen gewusst hatte; und dem Maler, dass man mehr Genie braucht, ein Zeuxes als ein Homer zu sein. Diese Art mit den Menschen umzugehen, ist von unendlich grosserm Vorteil, als man beim ersten Anblick denken mochte. Sie erwirbt ihm ihre Liebe, ihr Zutrauen, und eine desto grossere Meinung von seinem Verdienste, je grosser diejenige ist, die er von den ihrigen zu haben scheint. Sie ist das gewisseste Mittel, zu den hochsten Stufen des Glucks empor zu steigen. Meinest du, dass es allein die grossten Talente die vorzuglichsten Verdienste seien, die einen Archonten, einen Heerfuhrer, einen Satrapen, oder den Gunstling eines Fursten machen? Sich dich in den Republiken um; du wirst finden, dass dieser sein Ansehen der lachelnden Mine zu danken hat, womit er die Burger grusst; ein andrer der emphatischen Peripherie seines Wanstes; ein dritter der Schonheit seiner Gemahlin, und ein vierter seiner brullenden Stimme. Gehe an die Hofe, du wirst Leute finden, welche das Gluck, worin sie schimmern, der Empfehlung eines Kammerdieners, der Gunst einer Dame, die sich fur ihre Talente verburgt hat, oder der Gabe des Schlafs schuldig sind, womit sie befallen werden, wenn der Vezier mit ihren Weibern scherzt. Nichts ist in diesem Lande der Bezauberungen gewohnlicher, als einen unbartigen Knaben in einen General, einen Pantomimen in einen Staatsminister, einen Kupplerin einen Oberpriester verwandelt zu sehen; ein Mensch ohne alle Verdienste kann oft durch ein einziges Talent, und wenn es auch nur das Talent eines Esels ware, zu einem Glucke gelangen, das ein andrer durch die grossten Verdienste vergeblich zu erhalten gesucht hat. Wer konnte demnach zweifeln, dass die Kunst der Sophisten nicht fahig sein sollte, ihrem Besitzer auf diese oder jene Art die Gunst des Gluckes zu verschaffen? Vorausgesetzt, dass er die naturlichen Gaben besitze, ohne welche der Mann von Verstand in der Welt allezeit dem Narren Platz machen muss, der damit versehen ist. Allein selbst auf dem Wege der Verdienste ist niemand gewisser sein Gluck zu machen, als ein Sophist. Wo ist der Platz, den er nicht mit Ruhm bekleiden wird? Wer ist geschickter die Menschen zu regieren als derjenige, der am besten mit ihnen umzugehen weiss? Wer schickt sich besser zu offentlichen Unterhandlungen? Wer ist fahiger der Ratgeber eines Fursten zu sein? Ja, wofern er nur das Gluck auf seiner Seite hat, wer wird mit grosserm Ruhm ein Kriegsheer anfuhren als er? Wer wird die Kunst besser verstehen, sich fur die Geschicklichkeit und die Verdienste seiner Subalternen belohnen zu lassen? Wer wird die Vorsicht, die er nicht gehabt, die klugen Anstalten, die er nicht gemacht, die Wunden, die er nicht bekommen hat, besser gelten zu machen wissen, als er?
Doch es ist Zeit einen Discurs zu enden, der fur beide ermudend zu werden anfangt. Ich habe dir genug gesagt, um den Zauber zu vernichten, den die Schwarmerei auf deine Seele gelegt hat; und wenn dieses nicht genug ist, so wurde alles uberflussig sein was ich sagen konnte. Glaube ubrigens nicht, Callias, dass der Orden der Sophisten einen unansehnlichen Teil der menschlichen Gesellschaft ausmache. Die Anzahl derjenigen die unsre Kunst ausuben, ist in allen Standen sehr betrachtlich, und du wirst unter denen die ein grosses Gluck gemacht haben, schwerlich einen einzigen finden, der es nicht einer geschickten Anwendung unsrer Grundsatze zu danken habe. Diese Grundsatze machen die gewohnliche Denkungsart der Hofleute, der Leute die sich dem Dienste der Grossen gewidmet haben, und uberhaupt derjenigen Classe von Menschen aus, die an jedem Orte die edelsten und angesehensten sind, und (die wenigen Falle ausgenommen, wo das spielende Gluck durch einen blinden Wurf einen Narren an den Platz eines klugen Menschen fallen lasst) sind die geschickten Kopfe, die von diesen Maximen den besten Gebrauch zu machen wissen, allezeit diejenigen, die es auf der Bahn der Ehre und des Glucks am weitesten bringen.
Sechstes Capitel
Ungelehrigkeit des Agathon
Hippias konnte sich wohl berechtiget halten, einigen Dank bei seinem Lehrjunger verdient zu haben, da er sich so viele Muhe gegeben hatte, ihn weise zu machen. Allein wir mussen es nur gestehen, er hatte es mit einem Menschen zu tun, der nicht fahig war, die Wichtigkeit dieses Dienstes einzusehen, oder die Schonheit eines Systems zu empfinden, welches seinen vermeinten Empfindungen so zuwider war. Seine Erwartung wurde also nicht wenig betrogen, als Agathon, wie er sah, dass der weise wo Hippias zu reden aufgehort hatte, ihm diese kurze Antwort gab: Du hast eine schone Rede gehalten, Hippias; deine Beobachtungen sind sehr fein, deine Schlusse sehr bundig, deine Maximen sehr practisch, und ich zweifle nicht, dass der Weg, den du mir vorgezeichnet hast, zu der Gluckseligkeit wurklich fuhre, deren Vorzuge vor meiner Art glucklich zu sein, du in ein so helles Licht gesetzt. Dem ungeachtet empfinde ich nicht die mindeste Lust so glucklich zu sein, und wenn ich mich anders recht kenne, so werde ich schwerlich eher ein Sophist werden, bis du deine Tanzerinnen entlassest, dein Haus zu einem offentlichen Tempel der Diana widmest, und nach Indien ziehst, ein Bramine zu werden. Hippias lachte uber diese Antwort, ohne dass sie ihm desto besser gefiel. Und was hast du gegen mein System einzuwenden? fragte er. Dass es mich nicht uberzeugt, erwiderte Agathon. "Und warum nicht?" Weil meine Erfahrung und Empfindung deinen Schlussen widerspricht. "Ich mochte wohl wissen, was dieses fur Erfahrungen und Empfindungen sind, die demjenigen widersprechen, was alle Welt erfahrt und empfindt." Du wurdest beweisen, dass es Schimaren sind. "Und wenn ich es bewiesen hatte?" Du wurdest es nur dir beweisen, Hippias; du wurdest nichts beweisen, als dass du nicht Callias bist. "Aber die Frage ist, ob Hippias oder Callias richtig denkt?" Wer soll Richter sein? "Das ganze menschliche Geschlecht." Was wurde das wider mich beweisen? "Sehr viel. Wenn zehen Millionen Menschen urteilen, dass zween oder drei aus ihrem Mittel Narren sind, so sind sie es; das ist unleugbar." Aber wie, wenn die zehen Millionen, deren Ausspruch dir so entscheidend vorkommt, zehn Millionen Toren waren, und die drei waren klug? "Wie musste das zugehen?" Konnen nicht zehn Millionen die Pest haben, und Socrates allein gesund herum gehen? "Diese Instanz beweist nichts fur dich. Ein Volk hat nicht immer die Pest; Allein die zehn Millionen denken immer so wie ich. Sie sind also in ihrem naturlichen Zustande, wenn sie so denken; und wer anders denkt, gehort folglich entweder zu einer andern Gattung von Wesen, oder zu den Wesen, die man Toren nennt." So ergeb ich mich in mein Schicksal. "Es gibt noch eine Alternative, junger Mensch. Du schamest dich, entweder deine Gedanken so schnell zu verandern, oder du bist ein Heuchler." Keines von beiden, Hippias. "Leugne mir zum Exempel, wenn du kannst, dass dir die schone Cyane, die uns beim Fruhstuck bediente, Begierden eingeflosst hat, und dass du verstohlne Blicke " Ich leugne nichts. "So gestehe, dass das Anschauen dieser runden schneeweissen Arme, dieses aus der flatternden Seide hervoratmenden Busens, die Begierde in dir erregt, ihrer zu geniessen." Ist das Anschauen kein Genuss? "Keine Ausfluchte, junger Mensch!" Du betrugst dich, Hippias, wenn es erlaubt ist einem Weisen das zu sagen; ich bedarf keiner Ausfluchte. Ich mache nur einen Unterschied zwischen einem mechanischen Instinct, der nicht ganzlich von mir abhangt, und dem Willen meiner Seele. Ich habe den Willen nicht gehabt, dessen du mich beschuldigest. "Ich beschuldige dich nichts, als dass du meiner spottest. Ich denke, dass ich die Natur kennen sollte. Die Schwarmerei kann in deinen Jahren keine so unheilbare Krankheit sein, dass sie wider die Reizung des Vergnugens sollte aushalten konnen." Deswegen vermeide ich die Gelegenheiten. "Du gestehest also, dass Cyane reizend ist." Sehr reizend. "Und dass ihr Genuss ein Vergnugen ware?" Vermutlich. "Warum qualest du dich dann, dir ein Vergnugen zu versagen, das in deiner Gewalt ist." Weil ich mich dadurch vieler andern Vergnugen berauben wurde, die ich hoher schatze. "Kann man in deinem Alter so sehr ein Neuling sein? Was fur Vergnugen, die allen ubrigen Menschen unbekannt sind, hat die Natur fur dich allein aufbehalten? Wenn du noch grossere kennest als dieses, doch ich merke dich. Du wirst mir wieder von den Vergnugungen der Geister, von Nectar und Ambrosia sprechen; aber wir spielen izt keine Comodie, mein Freund. Die Erscheinung einer Cyane in einem von den Gebuschen meiner Garten wurde fahig sein, so gar deinen Geistern Korper zu geben." Hippias, ich rede wie ich denke. Ich kenne Vergnugen, die ich hoher schatze als diejenigen, die der Mensch mit den Tieren gemein hat. "Zum Exempel?" Das Vergnugen eine gute Handlung zu tun. "Was nennest du eine gute Handlung?" Eine Handlung, wodurch ich, mit einiger Anstrengung meiner Krafte, oder Aufopferung eines Vorteils oder Vergnugens, andrer Bestes befordere. "Du bist also toricht genug zu glauben, dass du andern mehr schuldig seiest, als dir selbst?" Das nicht; sondern ich finde fur gut, ein geringeres Vergnugen dem grossern aufzuopfern, welches ich alsdann geniesse, wenn ich das Gluck meiner Nebengeschopfe befordern kann. "Du bist sehr dienstfertig; gesetzt aber es sei so, wie hangt dieses mit demjenigen zusammen, wovon izt die Rede ist?" Das ist leicht zu sehen. Gesetzt, ich uberliesse mich den Eindrucken, welche die Reizungen der schonen Cyane auf mich machen konnten; gesetzt, sie liebte mich, und liesse mich alles erfahren, was die Wollust berauschendes hat; eine Verbindung von dieser Art konnte von keiner langen Dauer sein; aber wurden die Erinnerungen der genossnen Freuden nicht die Begierde erwecken, sie wieder zu geniessen? "Eine neue Cyane" wurde mir wieder gleichgultig werden, und eben diese Begierden zuruck lassen. "Eine immerwahrende Abwechslung ist also hierin, wie du siehst, das Gesetz der Natur." Aber auf diese Art wurde ichs gar bald so weit bringen, keiner Begierde widerstehen zu konnen. "Wozu brauchst du zu widerstehen, so lange deine Begierden in den Schranken der Natur und der Massigung bleiben?" Wie aber, wenn endlich das Weib meines Freundes, oder welche es sonst ware, die der ehrwurdige Name einer Mutter gegen den blossen Gedanken eines unkeuschen Anfalls sicher stellen soll; oder wie, wenn die unschuldige Jugend einer Tochter, die vielleicht kein andres Heuratsgut als ihre Unschuld und Schonheit hat; der Gegenstand dieser Begierden wurde, uber die ich durch so vieles Nachgeben alle Gewalt verloren hatte? "So hattest du dich in Griechenland wenigstens vor den Gesetzen vorzusehen. Allein was musste das fur ein Hirn sein, das in solchen Umstanden kein Mittel ausfundig machen konnte, seine Leidenschaft zu vergnugen, ohne sich mit den Gesetzen abzuwerfen? Ich sehe, du kennest die Damen zu Athen und Sparta nicht." O! was das betrifft, ich kenne so gar die Priesterinnen zu Delphi. Aber ists moglich, dass du im Ernste gesprochen hast? "Ich habe nach meinen Grundsatzen gesprochen. Die Gesetze haben in gewissen Staaten, (denn es gibt einige, wo sie mehr Nachsicht haben) notig gefunden, unser naturliches Recht an eine jede, die unsre Begierden erregt, einzuschranken. Allein da dieses nur geschah, um gewisse Ungelegenheiten zu verhindern, die aus dem ungescheuten Gebrauch jenes Rechts in solchen Staaten zu besorgen waren, so siehst du, dass der Geist und die Absicht des Gesetzes nicht verletzt wird, wenn man vorsichtig genug ist zu den Ausnahmen die man davon macht keine Zeugen zu nehmen." O Hippias! rief Agathon hier aus, ich habe dich, wohin ich dich bringen wollte. Du siehest die Folgen deiner Grundsatze. Wenn alles an sich selbst recht ist, was meine Begierden wollen; wenn die ausschweifenden Forderungen der Leidenschaft unter dem Namen des Nutzlichen, den sie nicht verdienen, die einzige Richtschnur unsrer Handlungen sind; wenn die Gesetze nur mit einer guten Art ausgewichen werden mussen, und im Dunkeln alles erlaubt ist; wenn die Tugend, und die Hoffnungen der Tugend nur Schimaren sind; was hindert die Kinder, sich wider ihre Eltern zu verschworen? Was hindert die Mutter, sich selbst und ihre Tochter dem Meistbietenden Preis zu geben? Was hindert mich, wenn ich dadurch gewinnen kann, den Dolch in die Brust meines Freundes zu stossen, die Tempel der Gotter zu berauben, mein Vaterland zu verraten, oder mich an die Spitze einer Rauberbande zu stellen; und, wenn ich anders Macht genug habe, ganze Lander zu verwusten, ganze Volker in ihrem Blute zu ertranken? Siehest du nicht, dass deine Grundsatze, die du so unverschamt Weisheit nennest, und durch eine kunstliche Vermischung des Wahren mit dem Falschen scheinbar zu machen suchst, wenn sie allgemein wurden, die Menschen in weit argere Ungeheuer, als Hyanen, Tiger und Crocodile sind, verwandeln wurden? Du spottest der Tugend und Religion? Wisse, nur den unausloschlichen Zugen, womit ihr Bild in unsre Seelen eingegraben ist, nur dem geheimen und wunderbaren Reiz, der uns zu Wahrheit, Ordnung und Gute zieht, und den Gesetzen besser zu starten kommt, als alle Belohnungen und Strafen, ist es zuzuschreiben, dass es noch Menschen auf dem Erdboden gibt, und dass unter diesen Menschen noch ein Schatten von Sittlichkeit und Gute zu finden ist. Du erklarst die Ideen von Tugend und sittlicher Vollkommenheit fur Phantasien. Siehe mich hier, Hippias, so wie ich hier bin, biete ich den Verfuhrungen aller deiner Cyanen, den scheinbarsten Uberredungen deiner Weisheit, und allen Vorteilen, die In mir deine Grundsatze und dein Beispiel versprechen, trotz. Eine einzige von diesen Phantasien ist hinreichend die unwesentliche Zauberei aller dieser Blendwerke zu zerstreuen. Lass die Tugend immer eine Schwarmerei sein, diese Schwarmerei macht mich glucklich, und wurde alle Menschen glucklich, und den ganzen Erdboden zu einem Himmel machen, wenn deine Grundsatze, und diejenige, welche sie ausuben, nicht, so weit ihr ansteckendes Gift dringt, Elend und Verderbnis ausbreiteten.
Agathon wurde ganz gluhend, indem er dieses sagte; und ein Maler, um den zurnenden Apollo zu malen, hatte sein Gesicht in diesem Augenblick zum Urbild nehmen mussen. Allein der weise Hippias erwiderte diesen Eifer mit einem Lacheln, welches dem Momus selbst Ehre gemacht hatte, und sagte ohne seine Stimme zu verandern: Nunmehr glaube ich dich zu kennen, Callias, und du wirst von meinen Verfuhrungen weiter nichts zu besorgen haben. Die gesunde Vernunft ist nicht fur so warme Kopfe gemacht, wie der deinige. Wie leicht, wenn du mich zu verstehen fahig gewesen warest, hattest du dir den Einwurf selbst beantworten konnen, dass die Grundsatze der Sophisten und Weltleute verderblich waren, wenn sie allgemein wurden? Die Natur hat schon davor gesorgt, dass sie nicht allgemein werden, doch ich wurde mir selbst lacherlich sein, wenn ich deine begeisterte Apostrophe beantworten, oder dir zeigen wollte, wie sehr auch der Affect der Tugend das Gesicht verfalschen kann. Sei tugendhaft, Callias; fahre fort dich um den Beifall der Geister, und die Gunst der Eherischen Schonen zu bewerben; ruste dich, dem Ungemach, das dein Platonismus dir in dieser Unterwelt zuziehen wird, grossmutig entgegen zu gehen, und troste dich, wenn du Leute siehst, die niedrig genug sind, sich an irdischen Gluckseligkeiten zu weiden, mit dem frommen Gedanken, dass sie in dem andern Leben, wo die Reihe an dich kommt, glucklich zu sein, sich in den Flammen des Phlegeton walzen werden.
Mit diesen Worten stund Hippias auf, warf einen verachtlich mitleidigen Blick auf den Agathon, und wandte ihm den Rucken zu, um ihm mit einer unter seines gleichen gewohnlichen Hoflichkeit zu verstehen zu geben, dass er sich zuruckziehen konne.
Viertes Buch
Erstes Capitel
Geheimer Anschlag, den Hippias gegen die Tugend
unsers Helden macht
Wir vermuten, dass es einigen Lesern scheinen werde, Hippias habe in seinem Discurs bei Agathon einen grossern Mangel von Erfahrung und Kenntnis der Welt vorausgesetzt, als er, nach allem, was bereits mit ihm vorgegangen war, haben konnte. Wir mussen also zur Entschuldigung dieses Weisen sagen, dass Agathon, aus Ursachen die uns unbekannt geblieben, fur gut befunden habe, von dem glanzenden Teil seiner Begebenheiten, und sogar von seinem Namen ein Geheimnis zu machen. Denn sein Name war durch die Rolle, die er zu Athen gespielt hatte, in den griechischen Stadten allzubekannt worden, als dass er es nicht auch dem Hippias hatte sein sollen; ob dieser gleich, seit dem er in Smyrna wohnte, sich wenig um die Staatsangelegenheiten der Griechen bekummerte, die er in den Handen seiner Freunde und Schuler ganz wohl versorgt hielte. Da nun Agathon so sorgfaltig gewesen war, ihm alles zu verbergen, was einigen Verdacht hatte erwecken konnen, dass er jemals etwas mehr als ein Aufwarter in dem Tempel zu Delphi gewesen; so konnte Hippias mit desto besserm Grunde voraussetzen, dass er noch ein vollkommner Neuling in der Welt sei, als weder die Denkungsart noch das Betragen dieses jungen Menschen so beschaffen war, dass ein Kenner auf gunstigere Gedanken hatte gebracht werden sollen. Leute von seiner Art konnen, in der Tat zehen Jahre hinter einander in der grossen Welt gelebt haben, ohne dass sie dieses fremde und entlehnte Ansehen verlieren, welches beim ersten Blick verkundiget, dass sie hier nicht einheimisch sind; geschweige, dass sie fahig waren, sich jemals zu dieser edeln Freiheit von den Fesseln der gesunden Vernunft, zu dieser weisen Gleichgultigkeit gegen alles was die schwarmerischen Seelen Empfindung nennen, und zu dieser verzartelten Feinheit des Geschmacks zu erheben, wodurch die Weltleute sich auf eine so vorteilhafte Art unterscheiden. Solche Leute konnen wohl Beobachtungen machen; allein da ihnen dieser Instinct, dieses sympathetische Gefuhl mangelt, mittelst dessen jene einander so schnell und zuverlassig ausfundig machen; oder deutlicher zu reden, da sie von allem auf eine andre Art geruhrt werden, als jene; und sich, so sehr sie sich auch anstrengten, niemals an ihre Stelle setzen konnen: so bleiben sie doch immer in einem unbekannten Lande, wo ihre Erkenntnis nur bei Mutmassungen stehen bleibt, und ihre Erwartung alle Augenblicke durch unbegreifliche Zufalle und unverhoffte Veranderungen betrogen wird. Mit allen seinen Vorzugen war Agathon doch in eben dieser Classe, und es ist also kein Wunder, dass er, ungeachtet der tiefen Betrachtungen die er uber seine Unterredung mit dem Hippias bei sich selbst anstellte, sehr weit entfernt war, die Gedanken zu erraten, womit dieser Sophist izt umging, dessen Eitelkeit durch den schlechten Fortgang seines Vorhabens, und den Eigensinn dieses seltsamen Junglings weit mehr beleidiget war, als er sich hatte anmerken lassen. Agathon, wenn er das wurklich ware, was er zu sein schien, ware (dachte der weise Mann nicht ohne Grund) eine lebendige Widerlegung seines Systems. Wie? sagte er zu sich selbst, (ein Umstand, der ihm selten begegnete) ich habe mehr als vierzig Jahre in der Welt gelebt, und unter einer unendlichen Menge von Menschen von allen Standen und Classen, nicht einen einzigen angetroffen, der meine Begriffe von der menschlichen Natur nicht bestatiget hatte, und dieser junge Mensch sollte mich noch an die Tugend glauben lehren? Es kann nicht sein; er ist ein Phantast oder ein Heuchler. Was er auch sein mag, ich will es ausfundig machen. Gut! Das ist ein vortrefflicher Einfall! Ich will ihn auf eine Probe stellen, wo er unterliegen muss, wenn er ein Schwarmer, und wo er die Maske ablegen wird, wenn er ein Comodiant ist. Er hat gegen Cyane ausgehalten, dies hat ihn stolz und sicher gemacht. Aber das beweist noch nichts. Wir wollen ihn auf eine starkere Probe setzen; wenn er in dieser den Sieg erhalt, so muss er ja, so will ich meine Nymphen entlassen, mein Haus den Priestern der Cybele vermachen, und an den Ganges ziehen, und in der Hohle eines alten Palmbaums, mit geschlossnen Augen und den Kopf zwischen den Knien, so lange in der namlichen Positur sitzen bleiben, bis ich, allen meinen Sinnen zu trotz, mir einbilde, dass ich nicht mehr bin! Dies war ein hartes Gelubde; auch hielt sich Hippias sehr uberzeugt, dass es so weit nicht kommen wurde, und damit er keine Zeit versaumen mochte; so machte er noch an demselbigen Tag Anstalt, seinen Anschlag auszufuhren.
Zweites Capitel
Hippias stattet einer Dame einen Besuch ab
Die Damen zu Smyrna hatten damals eine Gewohnheit, welche ihrer Schonheit mehr Ehre machte als ihrer Sittsamkeit. Sie pflegten sich in den warmen Monaten gemeiniglich alle Nachmittage eines kuhlenden Bades zu bedienen, und, um keine lange Weile zu haben, nahmen sie um diese Zeit die Besuche derjenigen Mannspersonen an, die das Recht eines freien Zutritts in ihren Hausern hatten. Diese Gewohnheit war in Smyrna eben so unschuldig als es der Gebrauch bei unsern westlichen Nachbarinnen ist, Mannspersonen bei der Toilette um sich zu haben; auch kam diese Freiheit nur den Freunden zu statten, und, den besondern Fall ausgenommen, wenn die hartnackige Blodigkeit eines noch unerfahrnen Neulings einiger Aufmunterung notig hatte, waren die Liebhaber ganzlich davon ausgeschlossen. Unter einer grossen Anzahl von Schonen, bei denen der weise Hippias dieses Vorrecht genoss, war auch eine, die unter dem Namen Danae den ersten Rang in derjenigen Classe von Frauenzimmern einnahm, die man bei den Griechen Freundinnen, oder noch eigentlicher Gesellschafterinnen zu nennen pflegte. Diese Gattung von Damen war damals unter ihrem Geschlecht, was die Sophisten unter dem mannlichen; sie stunden in keiner geringern Achtung, und konnten sich ruhmen, dass die vollkommensten Modelle aller Vorzuge ihres Geschlechts, wenn man die strenge Tugend ausnimmt, die Aspasien, die Leontium und die Phrynen sich kein Bedenken machten von ihrem Orden zu sein. Was die Danae betrifft, so machten die Mannspersonen zu Smyrna kein Geheimnis daraus, dass sie, ihrem Urteil nach, an Schonheit und Artigkeit alle andre Frauenzimmer, galante und sprode, tugendhafte und andachtige, ubertreffe. Es ist wahr, die Geschichte meldet nicht, dass die Damen sich sehr beeifert hatten, das Urteil der Mannspersonen durch ihren offentlichen Beitritt zu bestatigen; allein soviel ist gewiss, dass keine unter ihnen war, die sich selbst nicht gestanden hatte, dass, eine einzige Person ausgenommen, die sie niemals offentlich nennen wollten, die schone Danae alle ubrigen eben so weit ubertreffe, als sie von dieser einzigen Ungenannten ubertroffen werde. In der Tat war ihr Ruhm von dieser Seite so festgesetzt, dass man das Gerucht nicht unwahrscheinlich fand, welches versicherte, dass sie in ihrer ersten Jugend den beruhmtesten Malern zum Modell gedient habe; und dass sie bei einer solchen Gelegenheit den Namen erhalten, unter welchem sie in Jonien beruhmt war. Izo hatte sie zwar das dreissigste Jahr schon zuruckgelegt, allein ihre Schonheit hatte dadurch mehr gewonnen als verloren; und der blendende Jugendglanz, der mit dem Mai des Lebens zu verschwinden pflegt, wurde durch tausend andre Reizungen ersetzt, welche ihr, nach dem Urteil der Kenner, eine gewisse Anziehungskraft gaben, die man, ohne sich eines schwulstigen Ausdrucks schuldig zu machen, in gewissen Umstanden fur unwiderstehlich halten konnte. Dem ungeachtet scheute sich, unter der Aegide der Gleichgultigkeit, worin ihn damals ordentlicher Weise auch die schonsten Figuren zulassen pflegten, der weise Hippias nicht, seine Tugend ofters dieser Gefahr auszusetzen. Er war der schonen Danae unter dem Titel eines Freundes vorzuglich angenehm, und die geheime Geschichte sagt so gar, dass sie ihn ehmals nicht unwurdig gefunden, ihm eine Zeitlang eine noch interessantere Stelle, bei ihrer Person anzuvertrauen; eine Stelle die nur von den liebenswurdigsten seines Geschlechts bekleidet zu werden pflegte. Diese Dame war es, deren Beihulfe Hippias sich zu Ausfuhrung seines Anschlags wider den Agathon bedienen wollte, dessen schwarmerische Tugend, seinen Gedanken nach, eine Beschimpfung seiner Grundsatze war, die er viel weniger leiden konnte, als die allerscharfsinnigste Widerlegung in forma. Er begab sich also zu der gewohnlichen Stunde zu ihr, und war kaum in den Saal getreten, wo sie sich befand, und in den Bedurfnissen des Bades, von zween jungen Knaben, welche eher ein paar Liebesgotter zu sein schienen, bedient wurde als sie schon in seinem Gesicht etwas bemerkte, das mit seiner gewohnlichen Heiterkeit einen Absatz machte. Was hast du, Hippias, sagte sie zu ihm, dass du eine so tiefsinnige Mine mitbringst? Ich weiss nicht, antwortete er, warum ich tiefsinnig aussehen sollte, wenn ich eine Dame im Bade besuche; aber das weiss ich, dass ich dich noch nie so schon gesehen habe, als in diesem Augenblick. Gut, sagte sie, das beweist, dass ich recht geraten habe. Ich bin gewiss, dass ich heute nicht besser aussehe als das letztemal, da du mich sahest; aber deine Phantasie ist hoher gestimmt als gewohnlich, und du schreibst den Einfluss, den sie auf deine Augen hat, grossmutig auf die Rechnung des Gegenstands, den du vor dir hast; ich wollte wetten, dass die hasslichste meiner Kammermadchen, dir in diesem Augenblick eine Grazie scheinen wurde. Ich habe, versetzte Hippias, keine Anspruche an eine lebhaftere Einbildungskraft zu machen als Zeuxes und Aglaophon, welche sich nichts vollkommners zu erfinden getrauten als Danae. Welche schone Gelegenheit zu einer neuen Verwandlung, wenn ich Jupiter ware! "Und was fur eine Gestalt wolltest du annehmen, um zu gleicher Zeit meine Sprodigkeit und deine liebe Gemahlin zu hintergehen? Denn ich glaube kaum, dass unter allen geflugelten, vierfussigen und kriechenden Tieren eines ist, das nicht schon einem Unsterblichen hatte dienen mussen, irgend ein ehrliches Madchen zu beschleichen." Ich wurde mich nicht lange besinnen, sagte Hippias; was fur eine Gestalt konnte ich annehmen, die dir angenehmer und mir zu meiner Absicht bequemer ware, als dieses Sperlings, der deine Liebhaber so oft zu einer gerechten Eifer sucht reizt; der, durch die zartlichsten Namen aufgemuntert, mit solcher Freiheit um deinen Nacken flattert, oder mit mutwilligem Schnabel den schonsten Busen neckt, und die Liebkosungen allezeit doppelt wieder empfangt, die er dir gemacht hat. Es ist dir leichter wie es scheint, versetzte die Dame, einen Sperling an deine Stelle, als dich an die Stelle eines Sperlings zu setzen; bald konntest du mir die Schmeicheleien meines kleinen Lieblings verdachtig machen. Aber genug von den Wundern, die du meiner Schonheit zutrauest; wir wollen von was anderm reden. Weissest du, dass ich meinem Liebhaber den Abschied gegeben habe? "Dem schonen Hyacinthus?" Ihm selbst, und was noch mehr ist, mit dem festen Entschluss, seine Stelle nimmer zu ersetzen. "Das ist eine tragische Entschliessung, schone Danae." Nicht so sehr als du denkest. Ich versichre dich, Hippias, meine Geduld reicht nicht mehr zu, alle Torheiten dieser abgeschmackten Gecken auszustehen, welche die Sprache der Empfindung reden wollen und nichts fuhlen; deren Herz nicht so viel als mit einer Nadelritze verwundet ist, ob sie gleich von Martern und von Flammen reden; die unfahig sind etwas anders zu lieben als sich, und denen meine Augen nur zum Spiegel dienen sollen, um darin den Wert ihrer kleinen unverschamten Figur zu bewundern. Kaum glauben sie ein Recht an unsre Gutigkeit zu haben, so bilden sie sich ein, dass sie uns viel Ehre erweisen, wenn sie unsere Liebkosungen mit einer zerstreuten Mine dulden. Ein jeder Blick, den sie auf mich werfen, sagt mir, dass ich ihnen nur zum Spielzeug diene; und die Halfte meiner Reizungen geht an ihnen verloren, weil sie keine Seele haben, um die Schonheiten einer Seele zu empfinden. Dein Unwille ist gerecht, versetzte der Sophist; es ist verdriesslich, dass man diesen Mannsleuten nicht begreiflich machen kann, dass die Seele das liebenswurdigste an einem schonen Frauenzimmer ist. Aber beruhige dich; nicht alle Manner denken so unedel, und ich kenne einen, der dir gefallen wurde, wenn du, zur Abwechslung, einmal Lust hattest, es mit einem geistigen Liebhaber zu versuchen. "Und wer kann das sein, wenn man fragen darf?" Es ist ein Jungling, gegen den deine Hyacinthe nur Meerkatzengesichter sind, schoner als Adonis. "Fi, Hippias, das ist als wie wenn du sagtest, susser als Honigseim. Du begreifst nicht, wie sehr mir vor diesen schonen Herren ekelt." O! das hat nichts zu bedeuten; ich stehe dir fur diesen. Er hat keinen von den Fehlern der schonen Narcissen, die dir so argerlich sind. Kaum scheint er es zu wissen, dass er einen Leib hat. Das ist ein Mensch wie man nicht viele sieht, schon wie Apollo, aber geistig wie ein Zephyr; ein Mensch, der lauter Seele ist, der dich, wie du hier bist, fur eine blosse Seele ansehen wurde, und der alles auf eine geistige Art tut, was wir andere korperlich tun. Du verstehst mich ja, schone Danae? "Nicht allzuwohl; aber deine Beschreibung gefallt mir nichts desto minder. Du sprichst doch im Ernst?" In ganzem Ernst: Wenn du Lust hast die metaphysische Liebe zu kosten, so habe ich deinen Mann gefunden. Er ist platonischer als Plato selbst denn ich denke, du konntest uns geheime Nachrichten von diesem beruhmten Weisen geben. "Ich erinnere mich, antwortete Danae lachelnd, dass er einmal mit einer meiner Freundinnen eine kleine Zerstreuung gehabt hat, die du ihm nicht ubel nehmen musst. Wo ist ein Geist, dem ein hubsches Madchen von achtzehn Jahren nicht einen Korper geben konnte?" Du kennest meinen Mann noch nicht, erwiderte Hippias; die Gottin von Paphos, ja du selbst wurdest es bei ihm so weit nicht bringen. Du kannst ihn Tag und Nacht um dich haben. Du kannst ihn auf alle Proben stellen, du kannst ihn bei dir schlafen lassen, Danae, ohne dass er dir Gelegenheit geben wird, nur die mindeste kleine Ausrufung anzubringen; kurz, bei ihm kann deine Tugend ganz ruhig einschlummern, ohne jemals in Gefahr zu kommen, aufgeweckt zu werden. "Ach! nun verstehe ich dich; es verlohnte sich der Muhe nicht, den Scherz so weit zu treiben. Ich verlange keinen Liebhaber der sich nur darum an meine Seele halt, weil ihm das ubrige zu nichts nutze ist." Auch ist derjenige, den ich dir anpreise, weit entfernt in diese Classe zu gehoren; mache dir daruber keinen Kummer. Was du fur die Folge einer physischen Notwendigkeit haltst, ist bei ihm die Wurkung der Tugend, und der erhabnen Philosophie, von der er Profession macht. "Du machst mich sehr neugierig ihn zu sehen; aber weisst du, Hippias, dass meine Eitelkeit nicht zu frieden ware, auf eine so kaltsinnige Art geliebt zu sein. Es ist wahr, ich bin dieser mechanischen Liebhaber von Herzen uberdrussig; aber ich wurde mit einem andern eben so ubel zu frieden sein, der gegen dasjenige ganz unempfindlich ware, wofur jene allein empfindlich sind. Ein Frauenzimmer findet allezeit ein Vergnugen darin, Begierden einzuflossen, auch wann sie nicht im Sinn hat, sie zu vergnugen. Die Sproden selbst sind von dieser Schwachheit nicht ausgenommen. Wozu haben wir notig, dass uns ein Liebhaber sagt, dass wir reizend sind? Wir wollen es aus den Wurkungen sehen, die wir auf ihn machen. Je weiser er ist, desto schmeichelnder ist es fur unsre Eitelkeit, wenn wir ihn aus seiner Fassung setzen konnen. Nein, du begreifst nicht, wie sehr das Vergnugen, das uns der Anblick aller der Torheiten macht, wozu wir diese Herren der Schopfung bringen konnen, alle andre ubertrifft, die sie uns zu machen fahig sind. Ein Philosoph, der zu meinen Fussen wie eine Turteldaube girret, der mir zu Gefallen seine Haare und seinen Bart krauseln lasst, der so wohl riecht wie ein Arabischer Salbenhandler, der mir den Hof zu machen, mit meinem Schosshund schwatzt und Oden auf meinen Sperling macht ah! Hippias, man muss ein Frauenzimmer sein, um zu begreifen, was das fur ein Vergnugen ist!" Ich bedaure dich; erwiderte der schalkhafte Sophist, dass du diesem Vergnugen bei dem Liebhaber, von dem ich rede, entsagen musst. Er hat seine Proben schon gemacht. Er ist zartlich wie ein junger Seufzer, aber, wie gesagt, er ist es nur fur die Seele der Schonen; alles ubrige macht keinen grossern Eindruck auf ihn, als ein Gemalde, oder eine Bildsaule. "Das wollen wir sehen, versetzte Danae; ich verlange schlechterdings, dass du ihn diesen Abend zu mir bringest; du wirst nur eine kleine Gesellschaft finden, die uns nicht hindern soll. Aber wer ist denn dieser Ungenannte, von dem wir schon so lange schwatzen?" Es ist ein Sclave, den ich vor etlichen Wochen von einem Cilicier gekauft habe, aber ein Sclave, wie man sonst nirgends sieht. Er ist zu Delphi im Tempel des Apollo erzogen worden, und, so viel ich vermute, wird er sein Dasein der antiplatonischen Liebe dieses Gottes zu irgend einer artigen Schaferin zu danken haben, die sich zu weit in seinen Lorbeerhain gewagt haben mag. Er ist hernach eine geraume Zeit zu Athen gewesen, und die schonen Reden des Plato haben die romanhafte Erziehung vollendet, die er in den geheiligten Hainen zu Delphi erhalten. Er geriet durch einen Zufall in die Hande Cilicischer Seerauber, und aus diesen in die meinige. Er nannte sich Pythokles; aber weil ich diese Art von Namen nicht leiden kann, so hiess ich ihn Callias, und er verdient so zu heissen, denn er ist der schonste Mensch, den ich jemals gesehen habe. Seine ubrigen Gaben bestatigen die gute Meinung, die sein Anblick von ihm erweckt. Er hat Verstand, Geschmack, und Wissenschaft; er ist ein Liebhaber und ein Gunstling der Musen; aber mit allen diesen Vorzugen ist er doch nichts weiter als ein wunderlicher Kopf, ein Schwarmer und ein unbrauchbarer Mensch. Er nennt seinen Eigensinn Tugend, weil er sich einbildet, die Tugend musse die Antipode der Natur sein; er halt die Ausschweifungen seiner Phantasie fur Vernunft, weil er sie in einen gewissen Zusammenhang gebracht hat; und sich selbst fur weise, weil er auf eine methodische Art raset. Er gefiel mir beim ersten Anblick, ich fasste den Entschluss, etwas aus diesem jungen Menschen zu machen; aber alle meine Muhe war umsonst; und wenn es moglich ist, dass er durch jemand zu recht gebracht werden kann, so muss es durch ein Frauenzimmer geschehen; denn ich glaube bemerkt zu haben, dass man nur durch sein Herz in seinen Kopf kommen kann. Die Unternehmung ware deiner wurdig, schone Danae, und wenn sie dir nicht gelingt, so ist er unverbesserlich, und verdient nichts, als dass man ihn seiner Torheit und seinem Schicksal uberlasse.
Du hast meinen ganzen Ehrgeiz rege gemacht, Hippias, versetzte die schone Danae; bringe ihn diesen Abend mit; ich will ihn sehen, und wenn er aus eben denselben Elementen zusammengesetzt ist, wie andre Erder eine Probe machen, ob Danae ihrer Lehrmeisterin wurdig ist.
Hippias war sehr erfreut, den Zweck seines Besuchs so glucklich erreicht zu haben, und versprach beim Abschied, zur bestimmten Zeit diesen wunderbaren Jungling aufzufuhren, an welchem die schone Danae so begierig war, die Macht ihrer Reizungen zu versuchen.
Drittes Capitel
Geschichte der schonen Danae
Die Dame, mit welcher unsre Leser im vorigen Capitel Bekanntschaft gemacht, hat vermutlich einem guten Teil derselben nicht so ubel gefallen, dass sie nicht eine nahere Nachricht von dem Character und der Geschichte derselben erwarten sollten; und wir sind desto geneigter, ihrem Verlangen ein Genuge zu tun, je notiger der Verfolg unsrer Geschichten zu machen scheint, dass der Leser in den Stand gesetzt werde, der schonen Danae Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Die allgemeine Meinung zu Smyrna war, dass sie eine Tochter der beruhmten Aspasia von Milet sei, die, nachdem sie in ihrer Vaterstadt die Kunst der Galanterie, wovon sie Profession machte, durch die Verbindung derselben mit der Philosophie und den Kunsten der Musen, zu jenem Grade der Vollkommenheit erhoben hatte, der sie zur wahren Erfinderin derselben zu machen schien, nach Athen gezogen war, wo sie sich ihrer seltnen Vorzuge auf eine so kluge Art zu bedienen gewusst, dass sie sich endlich zur unumschrankten Beherrscherin des grossen Perikles, der das ganze Griechenland beherrschte, oder wie die comischen Dichter ihrer Zeit sich ausdruckten, zur Juno dieses atheniensischen Jupiters erhoben hatte. Allein die Vermutungen, worauf sich diese Meinung von der Abkunft der Danae grundete, konnen nicht fur hinlanglich angesehen werden, das Zeugnis verschiedner Geschichtschreiber zu uberwagen, welche versichern, dass sie aus der Insel Scios geburtig gewesen, und nach dem Tod ihrer Eltern, in ihrem vierzehnten Jahr mit einem Bruder nach Athen gekommen, um in dieser Stadt, worin alle angenehmen Talente willkommen waren, durch die ihrigen ihren Unterhalt zu gewinnen. Die Kunst, welche sie hier trieb, war eine Art von pantomimischen Tanzen, wozu gemeiniglich nur eine oder zwo Personen erfordert wurden, und worin die tanzende Person, nach der Modulation einer Flote oder Leier, gewisse Stucke aus der Gotter- und Heldengeschichte der Griechen, durch Gebarden und Bewegungen vorstellte. Allein, da diese Kunst wegen der Menge derer die sie trieben, nicht zureichte sie zu unterhalten, so sahe sich die junge Danae genotiget, den Kunstlern zu Athen die Dienste eines Models zu tun; und erhielt dadurch ausser dem Nutzen, den sie davon zog, die schmeichelnde Ehre, bald als Diana, bald als Venus auf die Altare gestellt, die Bewunderung der Kenner und die Anbetung des Pobels zu erhalten. Bei einer solchen Gelegenheit trug es sich zu, dass sie von dem jungen Alcibiades uberraschet, und in der Stellung der Danae des Acrisius, welche sie eben vorstellte, allzureizend befunden wurde, als dass einem geringern als Alcibiades auch nur der Anblick so vieler Schonheiten erlaubt sein sollte. Auf der andern Seite wurde die junge Danae von der Figur, den Manieren, dem Stand und den Reichtumern dieses liebenswurdigen Verfuhrers so sehr eingenommen, dass er keine grosse Muhe hatte, sie zu bereden sich in seinen Schutz zu begeben. Er brachte sie also in das Haus der Aspasia, welches zu gleicher Zeit eine Academie der schonsten Geister von Athen, und eine Frauenzimmer-Schule war, worin junge Madchen von den vorzuglichsten Gaben, unter der Aufsicht einer so vollkommnen Meisterin, eine Erziehung erhielten, welche sie zu der Bestimmung geschickt machen sollte, die Grossen und die Weisen der Republik in ihren Ruhestunden zu ergotzen. Danae machte sich diese Gelegenheit so wohl zu Nutze, dass sie die Gunst, und endlich selbst die Vertraulichkeit der Aspasia erhielt, welche, weit uber die Niedertrachtigkeit gemeiner Seelen erhaben, sich mit so vielem Vergnugen in dieser jungen Person wieder hervorgebracht sah, dass sie dadurch zu der Vermutung Anlass gab, deren wir bereits Erwahnung getan haben. Inzwischen genoss Alcibiades allein der Fruchte einer Erziehung, wodurch die naturlichen Gaben seiner jungen Freundin zu einer Vollkommenheit entwickelt wurden, die ihr den Namen der zweiten Aspasia erwarb; und die schone Danae legte sich selbst die Pflicht auf, eine Treue gegen ihn zu beobachten, die er nicht zu erwidern notig fand. Da die Liebe zur Veranderung eine starkere Leidenschaft bei ihm war, als die Liebe die ihm irgend ein Frauenzimmer einflossen konnte, so musste auch Danae, nachdem sie sich eine geraume Zeit in dem ersten Platz bei ihm erhalten hatte, einer andern weichen, die keinen Vorzug vor ihr hatte, als dass sie ihm neu war. So schwach Danae von einer gewissen Seite sein mochte, so edel war ihr Herz in andern Stucken. Sie liebte den Alcibiades, weil sie von seiner Person und von seinen Eigenschaften bezaubert war, und dachte wenig daran, von seinen Reichtumern Vorteil zu ziehen. Sie wurde also nichts von ihm ubrig behalten haben, als das Andenken von dem liebenswurdigsten Mann ihrer Zeit geliebt worden zu sein; wenn er nicht eben so stolz und freigebig gewesen ware, als sie, wider die Gewohnheit ihrer Gespielen, uneigennutzig war. Ich verlasse dich Danae, sagte er zu ihr, allein ich werde nicht zugeben, dass diejenige, die einst dem Alcibiades zugehorte, jemals genotiget sein soll, dem Reichsten zu uberlassen, was nur dem Liebenswurdigsten gehort. Mit diesen Worten drang er ihr eine Summe auf, die mehr als zulanglich war, sie von dieser Seite ausser aller Gefahr zu setzen. Der Tod der Aspasia und die Veranderungen, die er nach sich zog, bewogen sie, wenige Jahre darauf Athen zu verlassen, und nach etlichen Begebenheiten, an denen ihr Herz keinen geringen Anteil hatte, Smyrna zu ihrem bestandigen Sitz zu erwahlen. Hier hatte sie Gelegenheit dem jungern Cyrus bekannt zu werden, dessen liebenswurdige Eigenschaften durch die Feder des Xenophon eben so bekannt worden sind, als der ungluckliche Ausgang der Unternehmung, wodurch er sich auf den Thron des ersten Cyrus zu schwingen hoffte. Ihr erster Anblick unterwarf ihr das Herz dieses Prinzen, der so empfindlich gegen diejenige Art von Reizungen war, wodurch sich die Schulerinnen der Aspasia von den lebenden Statuen unterschieden, die in den Morgenlandern zum Vergnugen der Grossen bestimmt werden, und in der Tat zu dem einzigen Gebrauch den diese von ihnen zu machen wissen, wenig Seele notig haben, allein so schmeichelhaft diese Eroberung fur sie war, so konnte sie doch nichts bewegen, ihn nach Sardes zu begleiten, und ihre Freiheit der Ehre aufzuopfern, die erste seiner Sclavinnen zu sein. Sie blieb also in Smyrna zuruck, wo sie durch die grossmutige Freigebigkeit des Cyrus, der sich hierin von keinem Athenienser ubertreffen lassen wollte, in den Stand gesetzt war, ihre einzige Sorge sein zu lassen, wie sie auf die angenehmste Art leben wollte. Sie bediente sich dieses Glucks, wie es der Name der zwoten Aspasia erfoderte. Ihre Wohnung schien ein Tempel der Musen und Grazien zu sein, und wenn Amor von einer so reizenden Gesellschaft nicht ausgeschlossen war, so war es jener Amor, den die Musen beim Anacreon mit Blumenkranzen binden, und der sich in dieser Gefangenschaft so wohl gefallt, dass Venus ihn vergeblich bereden will, sich in seine vorige Freiheit setzen zu lassen. Die Spiele, die Scherze und die Freuden, (wenn es uns erlaubt ist, die Sprache Homers zu gebrauchen, wo die gewohnliche zu matt scheint), schlossen mit den lachelnden Stunden einen unaufloslichen Reihentanz um sie her, und Schwermut, Uberdruss, und Langeweile waren mit allen andern Feinden der Ruhe und des Vergnugens aus diesem Wohnplatz der Freude verbannt.
Wir haben, deucht uns, schon mehr als genug gesagt, um unsre Leser in keine mittelmassige Sorge fur die Tugend unsers Helden zu setzen. In der Tat hatte er sich noch niemals in Umstanden befunden, wo wir weniger hoffen durfen, dass sie sich werde erhalten konnen; die Gefahr worin sie bei der uppigen Pythia, unter den rasenden Bacchantinnen und in dem Hause des weisen Hippias, welches dem Stalle der Circe so ahnlich sah, geschwebet hatte, verdient nur nicht neben derjenigen genannt zu werden, welcher wir ihn bald ausgesetzt sehen werden, und deren wir ihn gerne uberhoben hatten, wenn uns die Pflichten eines Geschichtschreibers erlaubten, unsrer freundschaftlichen Parteilichkeit fur ihn, auf Unkosten der Wahrheit nachzugeben.
Viertes Capitel
Wie gefahrlich es ist, der Besitzer einer
verschonernden Einbildungskraft zu sein
Wenn eine lebhafte Einbildungskraft ihrem Besitzer eine unendliche Menge von Vergnugen gewahrt, die den ubrigen Sterblichen versagt sind; wenn ihre magische Wurkung alles Schone in seinen Augen verschonert, und ihn da in Entzuckung setzt, wo andre kaum empfinden; wenn sie in glucklichen Stunden, ihm diese Welt zu einem Paradiese macht, und in traurigen seine Seele von der Scene seines Kummers hinwegzieht, und in andre Welten versetzt, die durch die vergrossernden Schatten einer vollkommnen Wonne seinen Schmerz bezaubern: So mussen wir auf der andern Seite gestehen, dass sie nicht weniger eine Quelle von Irrtumern, von Ausschweifungen und von Qualen fur ihn ist, wovon er, selbst mit Beihulfe der Weisheit und mit der feurigsten Liebe zur Tugend, sich nicht eher losmachen kann, bis er, auf welche Art es nun sein mag, so weit gekommen ist, die allzugrosse Lebhaftigkeit derselben zu massigen. Der weise Hippias hatte, die Wahrheit zu gestehen, unserm Helden sehr wenig Unrecht getan, als er ihm eine Einbildungskraft von dieser Art zuschrieb; ob wir ihm gleich in Absicht des Mittels nicht vollig beifallen konnen, wodurch selbige, seiner Meinung nach, am besten in das gehorige Gleichgewicht mit den ubrigen Kraften der Seele gesetzt werden konne. Die schlaue Danae hatte sich aus der Beschreibung des Hippias eine solche Vorstellung von dem Agathon gemacht, dass sie alles gewonnen zu haben glaubte, wenn sie nur seine Einbildungskraft auf ihre Seite gebracht haben wurde. Hippias, dachte sie, hatte nur darin gefehlt, dass er ihn durch die Sinnen verfuhren wollte. Auf diese Voraussetzung machte sie einen Plan, uber den sie nicht wenig vergnugt war; und dachte so wenig daran, dass die Ausfuhrung sie ihr eignes Herz kosten konnte, als Agathon sich von der Gefahr traumen liess, die dem seinigen zubereitet wurde. Endlich kam die Stunde, die dem Hippias bestimmt worden war. Agathon begleitete seinen Herrn, ohne zu wissen wohin. Sie traten in einen Palast, der auf einer doppelten Reihe von jonischen Saulen ruhte, und mit vielen vergoldeten Bildsaulen ausgezieret war. Das Inwendige dieses Hauses stimmte vollkommen mit der Pracht des ausserlichen Anblicks uberein. Allenthalben begegnete ihm das geschaftige Gewimmel von unzahlichen Sclaven und Sclavinnen, wovon die erstern alle unter zwolf Jahren zu sein schienen, und so wie die letztern von ausserordentlicher Schonheit waren. Ihre Kleidung stellte dem Aug' eine angenehme Verbindung der Einformigkeit mit der Abwechslung vor; einige waren weiss, andre in himmelblau, andre in rosenfarb, andre in andre Farben gekleidet, und jede Farbe schien eine besondere Classe zu bezeichnen, welcher ihre eigne Dienste angewiesen waren. Agathon, auf den alles lebhaftere Eindrucke machte, als es notig war, um nach dem Massstab der Moralisten genug zu sein, wurde durch alles was er sah, so sehr bezaubert, dass er sich in eine von seinen idealischen Welten versetzt glaubte. Allein eh er Zeit hatte zu sich selbst zu kommen, fuhrte ihn Hippias in einen grossen und hellerleuchteten Saal, worin die Gesellschaft versammelt war, welche sie vermehren sollten. Er hatte kaum einen Blick auf sie geworfen, als die schone Danae ihm mit einer Anmut und Leutseligkeit die ihr eigen war, entgegen kam, und ihm sagte, dass ein Freund des Hippias das Recht habe, sich in ihrem Hause und in dieser Gesellschaft als einheimisch anzusehen. Ein so verbindliches Compliment verdiente wohl eine Antwort in eben diesem Ton; allein Agathon war in diesem Augenblick ausser Stand, hoflich zu sein: Ein Blick, womit man den aussersten Grad des angenehmsten Erstaunens malen musste, war alles, was er auf diese Anred' erwidern konnte. Die Gesellschaft, die er versammelt fand, war aus lauter solchen Personen zusammengesetzt, welche die Vorrechte des vertrautesten Umgangs in diesem Hause genossen, und die attische Urbanitat, die von der sproden, regelmassigen und manierenreichen Politesse der heutigen Europaer so sehr verschieden war, in einem so hohen Grad als Danae selbst, besassen. In einer Gesellschaft nach der heutigen Art wurde Agathon, in den ersten Augenblikken, da er sich darstellte, zu einer unendlichen Menge von boshaften und spottischen Anmerkungen Stoff gegeben haben; allein in dieser war ein fluchtiger Blick alles, was er auszuhalten hatte. Die Unterredung wurde fortgesetzt, niemand zischelte dem andern ins Ohr, oder schien das Erstaunen zu bemerken, mit der seine Augen die schone Danae zu verschlingen schienen; kurz, man liess ihm alle Zeit die er brauchte um wieder zu sich selbst zu kommen, wofern sich anders dieser Ausdruck fur die Verfassung schickt, in der er sich diesen ganzen Abend durch befand. Vielleicht erwartet man, dass wir eine nahere Erlauterung uber diesen ausserordentlichen Eindruck geben sollen, welchen Danae auf unsern allzureizbaren Helden machte; allein wir sehen uns noch ausser Stand, die Neugierde des Lesers uber einen Punct zu befriedigen, wovon Agathon selbst noch nicht fahig gewesen ware, Rechenschaft zu geben: Soviel konnen wir inzwischen sagen, dass diese Danae dem Anschein nach niemals weniger erwarten konnte, eine solche Wurkung zu machen; so wenig Muhe hatte sie sich gegeben, durch einen schlauen Putz ihre Reizungen in ein gunstiges Licht zu setzen. Ein Kleid von weissem Taft, mit kleinen Streifen von Purpur, und eine halberoffnete Rose in ihrem schwarzen Haar, machte ihren ganzen Staat aus; und von der Durchsichtigkeit, wodurch die Kleidung der Cyane den Augen unsers Helden anstossig gewesen, war die ihrige so weit entfernt, dass man mit besserm Recht an ihr hatte aussetzen konnen, dass sie zu sehr verhullt sei. Es ist wahr, sie hatte Sorge getragen, dass ein kleiner niedlicher Fuss, der an Weisse den Alabaster ubertraf, dem Auge nicht immer entzogen wurde; und die ganze Schonheit ihres Gesichts war nicht vermogend, den Agathon aufmerksam zu erhalten, wenn sich dieser reizende Fuss sehen liess, allein dieses, und eine schneeweisse Hand mit dem Anfang eines vollkommen schonen Arms war alles, was das neidische Gewand den vorwitzigen Blicken nicht versagte; was es also auch sein mochte, was in seinem Herzen vorging, so ist doch dieses gewiss, dass an der Person und dem Betragen der schonen Danae nicht das mindeste zu entdecken war, das einige besondere Absicht auf unsern Helden hatte anzeigen konnen; und dass sie, es sei nun aus Unachtsamkeit oder Bescheidenheit, nicht einmal zu bemerken schien, dass Agathon fur sie allein Augen, und uber ihrem Anschauen den Gebrauch aller andern Sinnen verloren hatte.
Funftes Capitel
Pantomimen
Nach Endigung der Mahlzeit, bei welcher Agathon beinahe einen blossen Zuschauer abgegeben hatte, trat ein Tanzer und eine junge Tanzerin herein, die nach der Modulation eben so vieler Floten die Geschichte des Apollo und der Daphne tanzten. Die Geschicklichkeit der Tanzenden befriedigte alle Zuschauer; alles an ihnen war Seele und Ausdruck, und man glaubte sie immer zu horen, ob man sie gleich nur sah. Wie gefallt dir diese Tanzerin, Callias, fragte Danae den Agathon, welcher nur mittelmassig aufmerksam auf dieses Spiel zu sein schien, und der einzige war, der nicht beobachtete, dass die Tanzerin von ungemeiner Schonheit, und eben so wie Cyane, kaum mit etwas mehr als gewebter Luft umhullt war. Mich deucht, versetzte Agathon, der izt erst anfing sie aufmerksamer anzusehen, mich deucht, dass sie, vielleicht aus allzugrosser Begierde zu gefallen, den Character verlasst den sie vorstellen soll. Warum sieht sie sich im Fliehen um? Und mit einem Blick, der es ihrem Verfolger zu verweisen scheint, dass er nicht schneller ist als sie? Gut, sehr gut! (fuhr er fort, wie die Stelle kam, wo Daphne den Flussgott um Hulfe anruft,) unverbesserlich! Wie sie mitten in ihrem Gebet sich verwandelt! Wie sie erbleicht! Wie sie schauert! Ihre Fusse wurzeln mitten in einer schreckhaften Bewegung ein; umsonst will sie ihre ausgebreiteten Arme zuruckziehen. Aber warum dieser zartlich-bange Blick auf ihren Liebhaber? Warum diese Trane, die in ihrem Auge zu erstarren scheint? Ein allgemeines Lacheln beantwortete die Frage Agathons. Du tadelst gerade, versetzte zuletzt einer von den Gasten, was wir am meisten bewundern. Eine gewohnliche Tanzerin wurde nicht fahig gewesen sein, deinen Tadel zu verdienen. Es ist unmoglich mehr Geist, mehr Feinheit und einen schonern Contrast in diese Rolle zu bringen, als die kleine Psyche, (so hiess die Tanzerin) getan hat. Daphne selbst war nicht besturzter gewesen, da sie sich verwandelt fuhlte, als Agathon in dem Augenblick, als er den Namen Psyche horte; er stockte mitten in einem Worte, das er sagen wollte; er errotete, und seine Verwirrung war so merklich, dass Danae, welche sie der Beschamung seines Tadels zuschrieb, fur notig hielt, ihm zu Hulfe zu kommen. Der Tadel des Callias, sagte sie, beweist, dass er den Geist, womit Psyche ihre Rolle gespielt, so gut empfunden hat, als Phadrias. Aber vielleicht ist er darum nicht minder gegrundet. Psyche sollte die Person der Daphne gespielt haben, und hat ihre eigene gespielt; ist es nicht so, Psyche? Du dachtest, wie wurde mir's an Daphnens Stelle gewesen sein? Und wie hatte ichs anders machen konnen, meine Gebieterin? fragte die kleine Tanzerin. "Du hattest den Character annehmen sollen, den ihr die Dichter geben, und hast dich begnugt dich selbst in ihre Umstande zu setzen." Was fur ein Character ist denn das, erwiderte Psyche. Einer Sproden, sagte der weise Hippias; das ist der Lieblings-Character des Callias. Abermalige Gelegenheit zum Erroten fur den guten Agathon. Du hast es nicht erraten, sagte er; der Character, den Daphne nach meiner Idee haben soll, ist Gleichgultigkeit und Unschuld; sie kann beides haben, ohne eine Sprode zu sein. Psyche verdient also desto mehr Lob, erwiderte Phadrias (fur den sie, wie die Geschichte meldet, noch etwas mehr als eine Tanzerin war) weil sie den Character verschonert hat, den sie vorstellen sollte. Der Streit zwischen Liebe und Ehre erfordert mehr Genie um nachgeahmt zu werden, und ist fur den Zuschauer ruhrender, als die Gleichgultigkeit, die ihr Callias geben will. Und zudem, wo ist die junge Nymphe, die gegen die Liebe eines so schonen Gottes wie Apollo ist, gleichgultig sein konnte? Ich bin deiner Meinung, sagte Hippias. Daphne flieht vor dem Apollo, weil sie ein junges Madchen ist; und weil sie ein junges Madchen ist, so wunscht sie heimlich, dass er sie erhaschen moge. Warum sieht sie sich so oft um, als um ihm zu verweisen, dass er nicht schneller sei? Wie er ihr so nahe ist, dass sie nicht mehr entfliehen kann, so fleht sie dem Flussgotte, dass er sie verwandeln soll. Grimasse! Warum sturzte sie sich nicht in den Fluss, wenn es ihr Ernst war? Sie tat was eine Nymphe tun soll, da sie den Flussgott anrief; das war in der Ordnung: Aber wer konnte auch furchten, so schnell erhort zu werden? Und in welchem Augenblick konnte sie es weniger wunschen, als in eben diesem, da sie sich von den begierigen Armen ihres Liebhabers schon umschlungen fuhlte? Hatte sie sich denn aus einem andern Grund ausser Atem geloffen, als damit er sie desto gewisser erhaschen mochte? Was ist also naturlicher als der Unwille, der Schmerz und die Traurigkeit, womit sie sein Betragen erwidert, da sie die Arme, womit sie ihn zuruckstossen will, zu Lorbeerzweigen erstarret fuhlt? Selbst der zartliche Blick ist naturlich; die Verstellung hort auf, wenn man in einen Lorbeerbaum verwandelt wird. War nicht dieses das ganze Spiel der Psyche? Und kann etwas naturlicher sein? Es ist der Character eines jungen Madchens; eines von denen jungen Madchen, versteht sichs, mein lieber Callias, wie man sie in dieser materiellen Welt findet. Ich ergebe mich, versetzte Agathon; die Tanzerin hat alles getan, was man von ihr fodern konnte, und ich war lacherlich zu erwarten, dass sie die Idee ausfuhren sollte, die ich von einer Daphne in meiner Phantasie habe. Agathon hatte dieses kaum gesprochen, als Danae, ohne ein Wort zusagen, aufstund, der Tanzerin einen Wink gab, und mit ihr verschwand. In einer kleinen Weile kam die Tanzerin allein wieder zuruck, die Floten fingen wieder an, und Apollo und Daphne wiederholten ihre Pantomime. Aber wie erstaunte Agathon als ersah, dass es Danae selbst war, die in der Kleidung der Tanzerin die Person der Daphne spielte! Armer Agathon! Allzureizende Danae! Wer hatte es glauben sollen? Ihr ganzes Spiel druckte die eigenste Idee des Agathon aus, aber mit einer Anmut, mit einer Zauberei, wovon ihm seine Phantasie keine Idee gegeben hatte. Die Empfindungen, von denen seine Seele in diesen Augenblicken uberfallen wurde, waren so lebhaft, dass er sich bemuhte, seine Augen von diesem zu sehr bezaubernden Gegenstand abzuziehen; aber vergeblich! Eine unwiderstehliche Gewalt zog sie zuruck. Wie edel, wie schon waren ihre Bewegungen! Mit welch einer ruhrenden Einfalt druckte sie den Character der Unschuld aus! Er sah noch in sprachloser Entzuckung nach dem Orte, wo sie zum Lorbeerbaum erstarrte, als sie schon wieder verschwunden war, ohne das Lob und das Handeklatschen der Zuschauer zu erwarten, welche nicht Worte genug finden konnten, das Vergnugen auszudrucken, das ihnen Danae durch diese unerwartete Probe ihres Talents gemacht hatte. In wenigen Minuten kam sie schon wieder in ihrer eignen Person zuruck. Wie sehr ist Callias dir verbunden, schone Danae, sagte Phadrias indem sie hereintrat! Du allein konntest seinen Tadel rechtfertigen, nur diejenige konnte es, die liebenswurdig genug ist, um die Sprodigkeit selbst reizend zu machen. Wie sehr ware ein Apollo zu bedauren, fur den du Daphne warest! Es war glucklich fur den guten Agathon, dass er, indem dieses mit einem bedeutenden Blick gesagt wurde, in dem Anschauen der schonen Danae so verloren war, dass er nichts horte; denn sonst wurde ein abermaliges Erroten die Auslegung zu diesem Text gemacht haben. Das Lob dieser Dame, und ein Gesprach uber die Tanzkunst fullte den Uberrest der Zeit aus, welche diese Gesellschaft noch beieinander zubrachte; ein Gesprach, dessen Mitteilung uns der Leser gerne nachlassen wird, da wir seine Begierde nach angelegenern Materien zu befriedigen haben. Nur diesen Umstand konnen wir nicht vorbeigehen, dass Agathon bei diesem Anlass auf einmal so beredt wurde, als er vorher tiefsinnig und stillschweigend gewesen war; eine lachelnde Heiterkeit schimmerte um sein ganzes Gesicht, und noch niemal hatte sein Witz sich mit solcher Lebhaftigkeit hervorgetan. Er erhielt den Beifall der ganzen Gesellschaft, und die schone Danae selbst konnte sich nicht enthalten, ihn von Zeit zu Zeit mit einem Ausdruck von Vergnugen und Zufriedenheit anzusehen; indessen dass in seinen nur selten von ihr abgewandten Augen etwas glanzte, fur welches wir uns umsonst bemuhet haben, in der Sprache der Menschen einen Namen zu finden.
Sechstes Capitel
Geheime Nachrichten
Wir haben von unserm Freunde Plutarch gelernt, dass sehr kleine Begebenheiten ofters durch grosse Folgen merkwurdig werden, und sehr kleine Handlungen uns nicht selten tiefere Blicke in das Inwendige der Menschen tun lassen, als die feierlichen Handlungen, wozu man, weil sie dem offentlichen Urteil ausgesetzt sind, sich ordentlicher Weise in eine gewisse mit sich selbst abgeredete Verfassung zu setzen pflegt. Die Grundlichkeit dieser Beobachtungen hat uns bewogen, in der Geschichte der Pantomime, welche das vorige Capitel ausfullt, so umstandlich zu sein; und wir hoffen uns deshalb vollkommen zu rechtfertigen, wenn wir diese Erzahlung durch dasjenige erganzen, was die liebenswurdige Psyche betrifft, mit welcher der Leser schon im ersten Buche, wiewohl nur im Vorbeigehen, bekannt zu werden angefangen hat. Diese Psyche, so wie sie war, hatte bisher unter allen Wesen, welche in die Sinne fallen, (wir setzen diese Einschrankung nicht ohne Ursach hinzu, so seltsam sie auch in anti-platonischen Ohren klingen mag) den ersten Platz in seinem Herzen eingenommen, und er hatte, seitdem sie von ihm entfernt war, kein Frauenzimmer gesehen, die nicht durch die blosse Erinnerung an Psyche alle Macht uber sein Herz und selbst uber seine Sinnen verloren hatte; deren Bewegungen, wie man weiss, sonst nicht immer mit den erstern so parallel laufen, als gewisse Romanenschreiber vorauszusetzen scheinen. Die Wahrheit zu gestehen, so war dieses nicht die Wurkung derjenigen heroischen Treue und Standhaftigkeit in der Liebe, welche in besagten Romanen zu einer Tugend von der ersten Classe gemacht wird; Psyche erhielt sich im Besitz seines Herzens, weil ihm die Erinnerungen, die er von ihr hatte, angenehmer waren, als die Empfindungen, die ihm irgend eine andre Schone einzuflossen vermocht, oder weil er bisher keine andre gesehen hatte, die so sehr nach seinem Herzen gewesen ware. Eine Erfahrung von etlichen Jahren beredete ihn, dass es allezeit so sein wurde, und daher kam vielleicht die Besturzung, wovon er befallen wurde, als der erste Anblick der schonen Danae ihm eine Vollkommenheit darstellte, die seiner Einbildung nach allein jenseits des Mondes anzutreffen sein sollte. Er musste nicht Agathon gewesen sein, wenn diese Erscheinung sich nicht seiner ganzen Seele so sehr bemeistert hatte, wie wir gesehen haben. Niemals, deuchte ihn, hatte er in einem so hohen Grad und in einer so seltnen Harmonie alle diese feinern Schonheiten, von denen gemeine Seelen nicht geruhrt zu werden fahig sind, vereiniget gesehen. Ihre Gestalt, ihre Blicke, ihr Lacheln, ihre Gebarden, ihr Gang, alles hatte diese Vollkommenheit, welche die Dichter den Gottinnen zuzuschreiben pflegen. Was Wunder also, dass er in den ersten Stunden nichts als anschauen und bewundern konnte, und dass seine entzuckte Seele noch keine Zeit hatte auf dasjenige acht zu geben, was in ihr vorging. In der Tat waren alle ihre ubrigen Krafte so gebunden, dass er wider seine Gewohnheit in dieser ganzen Zeit sich seiner Psyche eben so wenig erinnerte, als ob sie nie gewesen ware. Allein als die junge Tanzerin zum Vorschein kam, welche die Person der Daphne spielte, so stellte einige Ahnlichkeit, die sie wurklich in der Gesichtsbildung und Figur mit Psyche hatte, ihm auf einmal, wie wohl ohne dass er sich dessen deutlich bewusst war, das Bild seiner abwesenden Geliebten vor die Augen; seine Einbildungskraft setzte durch eine gewohnliche mechanische Wurkung Psyche an die Stelle dieser Daphne, und wenn er so vieles an der Tanzerin auszusetzen fand, so war es im Grunde nur darum, weil die Vergleichung den Betrug des ersten Anblicks entdeckte, oder weil sie nicht Psyche war. So gewohnlich dergleichen Spiele der Einbildung sind, so selten ist es, dass man den Einfluss deutlich unterscheidet, den sie auf unsre Urteile oder Neigungen zu haben pflegen. Agathon selbst, der sich von seiner ersten Jugend an eine Beschaftigung daraus gemacht hatte, den geheimen Triebfedern seiner innerlichen Bewegungen nachzuspuren, merkte dennoch nicht eher, was bei diesem Anlass in seiner Phantasie vorging, bis der Name Psyche, dieser Name, dessen blosser Ton sonst Musik in seinen Ohren gewesen war, ihn erschutterte, und in eine Verwirrung von Empfindungen setzte, die er selbst zu beschreiben Muhe gehabt hat; wenn wir anders hievon nach der besondern Dunkelheit, die in unsrer Urkunde uber diese Stelle liegt, urteilen durfen. Was auch die Ursache dieser Besturzung gewesen sein mag, so ist gewiss, dass er weit davon entfernt war nur zu argwohnen, der Genius seiner ersten Liebe stutze vielleicht daruber, eine Nebenbuhlerin in einem Herzen zu finden, welches er von Psyche allein ausgefullt zu sehen gewohnt war. Sein Selbstbetrug, wofern es anders einer war, scheint desto mehr Entschuldigung zu verdienen, weil dieser geliebte Name wurklich in wenig Augenblicken seine ganze Zartlichkeit rege machte. Er bemerkte nun erst deutlich die Ahnlichkeiten, welche die beiden Psychen mit einander hatten; er verglich sie mit einem Vorurteile, welches der Abwesenden so gunstig war, dass die Gegenwartige ihr nur zum Schatten dienen musste; ja wir wissen nicht, ob eine so lebhafte Erinnerung nicht endlich der schonen Danae selbst Abbruch getan hatte, wenn diese, gleich als ob sie durch eine Art von Divination erraten hatte was in seiner Seele vorging, auf den glucklichen Einfall gekommen ware, sich an den Platz der kleinen Tanzerin zu setzen, um die Vorstellung auszufuhren, welche sich Agathon von einer idealischen Daphne gemacht, und deren die Geschmeidigkeit ihres Geistes sich so schnell und so glucklich zu bemachtigen gewusst hatte. Einen schlimmern Streich konnte sie in der Tat der einen und der andern Psyche nicht spielen. Beide wurden von ihrem blendenden Glanze, wie benachbarte Sterne von dem vollen Mond, ausgeloscht. Und wie hatte ihn auch das Bild seiner abwesenden Geliebten noch langer beschaftigen konnen, da alle Anschauungskrafte seiner Seele, auf diesen einzigen bezaubernden Gegenstand geheftet, ihm kaum zureichend schienen, dessen ganze Vollkommenheit zu empfinden; da er diese sittliche Venus mit allen ihren geistigen Grazien wurklich vor sich sah, zu deren blossen Schattenbild ihn Psyche zu erheben vermocht hatte?
Wir wissen nicht, ob man eben ein Hippias sein musste, um zu glauben, dass gewisse Schonheiten von einer nicht so unkorperlichen, wiewohl in ihrer Art eben so vollkommenen Natur, weit mehr als Agathon selbst gewahr wurde, zu dieser Verzuckung in die idealischen Welten beigetragen haben konnten, worin er wahrend dem pantomimischen Tanz der Danae sich befand. Die Nymphen-massige Kleidung, welche dieser Tanz erforderte, war nur allzugeschickt diese Reizungen in ihrer ganzen Macht und in dem mannigfaltigsten Lichte zu entwickeln; und wir mussen gestehen, die Gottin der Liebe selbst hatte sich nicht zuversichtlicher als die untadeliche Danae dem Auge der scharfsten Kenner, ja selbst den Augen einer Nebenbuhlerin, in diesem Aufzug uberlassen durfen. Der Charakter der ungeschminkten Unschuld, welchen sie so unverbesserlich nachahmte, schien dadurch einen noch lebhaftern Ausdruck zu erhalten; aber einen so lebhaften, dass ein jeder andrer als ein Agathon dabei in Gefahr gewesen ware, die seinige zu verlieren Freilich hatten die ubrigen Zuschauer Muhe genug, sich zu enthalten, die Rolle des Apollo in ganzem Ernste zu machen; aber von unsern Helden hatte Danae nichts zu besorgen; und sie fand dass Hippias nicht zuviel von ihm versprochen hatte. Diese materiellen Schonheiten, die er nicht einmal deutlich unterschied, weil sie in seinen Augen mit den geistigen in Eins zusammengeflossen waren, mochten den Grad der Lebhaftigkeit seiner Empfindungen noch so sehr erhohen, so konnten sie doch die Natur derselben nicht verandern; niemals in seinem Leben waren sie reiner, Begierden-freier, unkorperlicher gewesen. Kurz, so widersinnisch es jenen aus groberm Stoff gebildeten Erdensohnen, welche in dem vollkommensten Weibe nur ein Weib sehen, scheinen mag, so gewiss war es, dass Danae mit einer Gestalt und in einem Aufzug, welcher (mit dem weisen Hippias zu reden) einen Geist hatte verkorpern mogen, diesen seltsamen Jungling in einen so volligen Geist verwandelte, als man jemals diesseits und vielleicht auch jenseits des Mondes gesehen hat.
Funftes Buch
Erstes Capitel
Was die Nacht durch in den Gemutern einiger von
unsern Personen vorgegangen
Wir haben schon so viel von der gegenwartigen Gemutsverfassung unsers Helden gesagt, dass man sich nicht verwundern wird, wenn wir hinzusetzen, dass er den ubrigen Teil der Nacht in ununterbrochenem Anschauen dieser idealen Vollkommenheit zubrachte, die seine Einbildungskraft mit einer ihr gewohnlichen Kunst, und ohne dass er den Betrug merkte, an die Stelle der schonen Danae geschoben hatte. Dieses Anschauen setzte sein Gemut in eine so angenehme und ruhige Entzuckung, dass er, gleich als ob nun alle seine Wunsche befriediget waren, nicht das geringste von der Unruhe, den Begierden, der innerlichen Garung, der Abwechslung von Frost und Hitze fuhlte, womit die Leidenschaft, mit der man ihn, nicht ohne Wahrscheinlichkeit, behaftet glauben konnte, sich ordentlicher Weise anzukundigen pflegt.
Was die Danae betrifft, welche die Ehre hatte, diese erhabene Entzuckungen in ihm zu erwecken, so brachte sie den Rest der Nacht wo nicht mit eben so erhabenen doch in ihrer Art mit ebenso angenehmen Betrachtungen zu. Agathon hatte ihr gefallen, sie war mit dem Eindruck, den sie auf ihn gemacht, zufrieden; und sie glaubte, nach den Beobachtungen, die ihr dieser Abend bereits an die Hand gegeben, dass sie sich selbst mit gutem Grunde zutrauen konne, ihn, durch die gehorigen Gradationen, zu einem zweiten und vielleicht standhaftern Alcibiades zu machen. Nichts war ihr hiebei angenehmer als die Bestatigung des Plans, den sie sich uber die Art und Weise, wie man seinem Herzen am leichtesten beikommen konne, gemacht hatte. Es ist wahr, dass der Einfall, sich an die Stelle der Tanzerin zu setzen, ihr erst in dem Augenblick gekommen war, da sie ihn ausfuhrte; allein sie wurde ihn nicht ausgefuhrt haben, wenn sie nicht die gute Wurkung davon mit einer Art von Gewissheit vorausgesehen hatte. Hatte sie in dem ersten Augenblick, da sie sich ihm darstellte, in ihren Gebarden, oder in ihrem Anzug das mindeste gehabt, das ihm anstossig hatte sein konnen, so wurde es ihr schwer gewesen sein, den widrigen Eindruck dieses ersten Augenblicks jemals wieder gut zu machen. Agathon musste in den Fall gesetzt werden, sich selbst zu hintergehen, ohne es gewahr zu werden; und wenn er fur subalterne Reizungen empfindlich gemacht werden sollte, so musste es durch Vermittlung der Einbildungskraft und auf eine solche Art geschehen, dass die geistigen und die materiellen Schonheiten sich in seinen Augen vermengten, und dass er in den letztern nichts als den Widerschein der ersten zu sehen glaubte. Danae wusste sehr wohl, dass die intelligible Schonheit keine Leidenschaft erweckt, und dass die Tugend selbst, wenn sie (wie Plato sagt) in sichtbarer Gestalt unaussprechliche Liebe einflossen wurde, diese Wurkung mehr der blendenden Weisse und dem reizenden Contour eines schonen Busens, als der Unschuld, die aus demselben hervorschimmerte, zuzuschreiben haben wurde. Allein das wusste Agathon noch nicht; er musste also betrogen werden, und, so wie sie es anging, konnte sie mit der grossten Wahrscheinlichkeit hoffen, dass es ihr gelingen wurde.
Der weise Hippias hatte zuviel Ursache, den Agathon bei dieser Gelegenheit zu beobachten, als dass ihm das geringste entgangen ware, was ihn von dem glucklichen Fortgang seines Anschlags zu versichern schien. Allein er schmeichelte sich zuviel, wenn er hoffte, Callias werde, in dem ecstatischen Zustande, worin er zu sein schien, ihn zum Vertrauten seiner Empfindungen machen. Das Vorurteil, welches dieser wider ihn gefasst hatte, verschloss ihm den Mund, so gern er auch dem Strome seiner Begeisterung den Laufgelassen hatte. Eine Danae war in seinen Augen ein so vortrefflicher Gegenstand, und das was er fur sie empfand, so rein, so weit uber die brutale Denkungsart eines Hippias erhaben; dass er durch eine unzeitige Vertraulichkeit gegen diesen Ungeweihten beides zu entheiligen geglaubt hatte.
Zweites Capitel
Eine kleine metaphysische Abschweifung
Es gibt so verschiedne Gattungen von Liebe, dass es, wie uns ein Kenner derselben versichert hat, nicht unmoglich ware, drei oder vier Personen zu gleicher Zeit zu lieben, ohne dass sich eine derselben uber Untreue zu beklagen hatte. Agathon hatte in einem Alter von siebzehn Jahren fur die Priesterin zu Delphi etwas zu empfinden angefangen, das derjenigen Art von Liebe glich, die, nach dem Ausdruck des Fieldings, ein wohlzubereiteter Rostbeef einem Menschen einflosst, der guten Appetit hat. Diese Liebe hatte, ehe er selbst noch wusste, was daraus werden konnte, der Zartlichkeit weichen mussen, welche ihm Psyche einflosste. Die Zuneigung, die er zu diesem liebenswurdigen Geschopfe trug, war eine Liebe der Sympathie, eine Harmonie der Herzen, eine geheime Verwandtschaft der Seelen, die sich denen, so sie nicht aus Erfahrung kennen, unmoglich beschreiben lasst; eine Liebe an der das Herz und der Geist mehr Anteil nimmt als die Sinnen, und die vielleicht die einzige Art von Verbindung ist, welche, (wofern sie allgemein sein konnte) den Sterblichen einigen Begriff von den Verbindungen und Vergnugen himmlischer Geister zu geben fahig ware. Wir sehen voraus, dass unsre meisten Leser bei dieser Stelle die Nase rumpfen, und zweifeln werden, ob wir uns selbst verstehen; allein wir lassen uns dieses gar nicht anfechten. Sancho, wenn er (wie es ihm zuweilen begegnete) eine Menge schoner Sachen vorgebracht hatte, wovon weder sein Herr noch irgend ein andrer, oder auch er selbst etwas verstehen konnte, pflegte sich damit zu trosten, dass er sagte: Gott versteht mich; und der Geschichtschreiber des Agathons kann es ganz wohl leiden, dass diese und ahnliche Stellen seines Werkes von allen andern Lesern fur Galimathias gehalten werden, da er versichert ist, dass *** ihn versteht Agathon konnte also von dieser gedoppelten Art von Liebe, wovon eine die Antipode der andern ist, aus Erfahrung sprechen; allein diejenige, worin jene beiden sich in einander mischen, die Liebe, welche die Sinnen, den Geist und das Herz zugleich bezaubert, die heftigste, die reizendste und gefahrlichste aller Leidenschaften, war ihm mit allen ihren Symptomen und Wurkungen noch unbekannt; und es ist also kein Wunder, dass sie sich schon seines ganzen Wesens bemeistert hatte, eh es ihm nur eingefallen war, ihr zu widerstehen. Es ist wahr, dasjenige was in seinem Gemute vorging, nachdem er in zween oder drei Tagen die schone Danae weder gesehen, noch etwas von ihr gehort hatte, hatte den Zustand seines Herzens einem unbefangnen Zuschauer verdachtig gemacht; aber er selbst war weit entfernt das geringste Misstrauen in die Unschuld seiner Gesinnungen zu setzen. Was ist naturlicher, als das Verlangen, das vollkommenste und liebenswurdigste unter allen Wesen, nachdem man es einmal gesehen hat, immer zu sehen? Solche Schlusse macht die Leidenschaft. "Aber was sagte denn die Vernunft dazu?" Die Vernunft? O, die sagte gar nichts. Ubrigens mussen wir doch, es mag nun zur Entschuldigung unsers Helden dienen oder nicht, den Umstand nicht aus der Acht lassen, dass er von der schonen Danae nichts anders wusste, als was er gesehen hatte. Der Charakter, den ihr die Welt beilegte, war ihm ganzlich unbekannt; er hatte noch keinen Anlass, und, die Wahrheit zu sagen, auch kein Verlangen gehabt, sich darnach zu erkundigen.
Drittes Capitel
Worin die Absichten des Hippias einen merklichen
Schritt machen
Inzwischen waren ungefahr acht Tage verflossen, welche dem stillschweigenden und melancholischen Agathon, zu grossem Vergnugen des boshaften Sophisten, achthundert Jahre dauchten, als dieser an einem Morgen zu ihm kam, und mit einer gleichgultigen Art zu ihm sagte: Danae hat einen Aufseher uber ihre Garten und Landguter vonnoten; was sagst du zu dem Einfall, den ich habe, dich an diesen Platz zu setzen? Mich daucht, du wurdest dich nicht ubel zu einem solchen Amte schicken; hast du nicht Lust in ihre Dienste zu treten? Ein Wort, welches Besturzung und ubermassige Freude, Misstrauen und Hoffnung, Erblassen und Gluhen zu gleicher Zeit ausdruckte, wurde uns wohl zustatten kommen, die Verwirrung auszudrucken, worein diese Anrede den guten Agathon setzte. Sie war zu gross, als dass er sogleich hatte antworten konnen. Allein die Augen des Hippias, in denen er einen Teil der Bosheit lase, die der Sophist zu verbergen sich bemuhte, gaben ihm bald die Sprache wieder. Wenn du Lust hast, dich auf diese Art von mir los zu machen, versetzte er mit so vieler Fassung als ihm moglich war, so hab ich nur eine Bedenklichkeit "Und diese ist?" dass ich mich sehr schlecht auf die Landwirtschaft verstehe. Das hat nichts zu bedeuten, antwortete der Sophist; du wirst Leute unter dir haben, die sich desto besser darauf verstehen, und das ist genug. Im ubrigen glaube ich, dass du mit Vergnugen in diesem Hause sein wirst. Du liebest das Landleben, und du wirst Gelegenheit haben alle seine Annehmlichkeiten zu schmecken. Wenn du es zufrieden bist, so geh ich, um diese Sache in Richtigkeit zu bringen. Du hast dir das Recht erkauft, mit mir zu machen was du willt, erwiderte Agathon. Die Wahrheit zu sagen, fuhr Hippias fort, ungeachtet der kleinen Misshelligkeiten unsrer Kopfe, verlier ich dich ungern: allein Danae scheint es zu wunschen, und ich habe Verbindlichkeiten gegen sie; sie hat, ich weiss nicht woher, eine grosse Meinung von deiner Fahigkeit gefasst, und da ich alle Tage Gelegenheit haben werde, dich in ihrem Hause zu sehen, so kann ich mirs um so eher gefallen lassen, dich an eine Freundin abzutreten, von der ich gewiss bin, dass dir so begegnet werden wird, wie du es verdienest. Agathon beharrte in dem Ton der Gleichgultigkeit, den er angenommen hatte, und Hippias, dem es Muhe genug kostete, die Spottereien zuruckzuhalten, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen kamen, verliess ihn, ohne sich merken zu lassen, dass er wusste, was er von dieser Gleichgultigkeit denken sollte. Das Betragen Agathons bei diesem Anlass wird ihn vielleicht in den Verdacht setzen, dass er sich bewusst gewesen sei, dass es nicht richtig in seinem Herzen stehe, warum hatte er sonst notig gehabt sich zu verbergen? Allein man muss sich der Vorurteile erinnern, die er wider den Sophisten gefasst hatte, um zu sehen, dass er vollkommen in seinem Charakter blieb, indem er Empfindungen vor ihm zu verbergen suchte, die einem so unverbesserlichen Anti-Platon ganz unverstandlich oder vollkommen lacherlich gewesen waren. Die Freude, welcher er sich uberliess, so bald er sich allein sah, lasst uns keinen Zweifel ubrig, dass er damals noch nicht das geringste Misstrauen in sein Herz gesetzt habe. Diese Freude war uber allen Ausdruck.
Liebhaber von einer gewissen Art konnen sich eine Vorstellung davon machen, welche der allerbesten Beschreibung wert ist; und den ubrigen wurde diese Beschreibung ohngefahr so viel helfen, als eine Seekarte einem Fussganger. Die unvergleichliche Danae wieder zu sehen; nicht nur wieder zu sehen, in ihrem Hause zu sein, unter ihren Augen zu leben, ihres Umgangs zu geniessen, vielleicht ihrer Freundschaft gewurdiget zu werden hier hielt seine entzuckte Einbildungskraft stille. Die Hoffnungen eines gewohnlichen Liebhabers wurden weiter gegangen sein; allein Agathon war kein gewohnlicher Liebhaber. Ich liebe die schone Danae, sagte Hyacinthus, da er nach ihrem Genuss lustern war; eben darum liebt ihr sie nicht, wurde ihm die Socratische Diotima geantwortet haben. Derjenige, der in dem Augenblick, da ihm seine Geliebte den ersten Kuss auf ihre Hand gestattet, einen Wunsch nach einer grossern Gluckseligkeit hat, muss nicht sagen, dass er liebe.
Viertes Capitel
Veranderung der Scene
Danae hatte von der Freigebigkeit des Prinzen Cyrus, ausser dem Hause, welches sie zu Smyrna bewohnte, ein Landgut, in der anmutigsten Gegend ausserhalb dieser Stadt, wo sie von Zeit zu Zeit einige dem Vergnugen geweihte Tage zuzubringen pflegte. Hieher musste sich Agathon begeben, um von seinem neuen Amte Besitz zu nehmen, und dasjenige zu veranstalten, was zum Empfang seiner Gebieterin notig war, welche sich vorgenommen hatte, den Rest der schonen Jahrszeit auf dem Lande zu geniessen. Wir widerstehen der Versuchung, eine Beschreibung von diesem Landgut zu machen, um dem Leser das Vergnugen zu lassen, sich dasselbe so wohlangelegt, so prachtig und so angenehm vorzustellen als er selbst es will. Alles, was wir davon sagen wollen, ist, dass diejenigen, deren Einbildungskraft einiger Unterstutzung notig hat, den sechszehnten Gesang des befreiten Jerusalems lesen mussten, um sich eine Vorstellung von dem Orte zu machen, den sich diese griechische Armide zum Schauplatz der Siege auswahlte, die sie uber unsern Helden zu erhalten hoffte. Sie fand nicht fur gut, oder konnte es nicht uber sich selbst erhalten, ihn lange auf ihre Ankunft warten zu lassen; und sie war kaum angelangt, als sie ihn zu sich rufen liess, und ihn durch folgende Anrede in eine angenehme Besturzung setzte: "Die Bekanntschaft, die wir vor einigen Tagen mit einander gemacht haben, ware, auch ohne die Nachrichten, die mir Hippias von dir gegeben, schon genug gewesen, mich zu uberzeugen, dass du fur den Stand nicht geboren bist, in den dich ein widriger Zufall gesetzt hat. Die Gerechtigkeit, die ich Personen von Verdiensten widerfahren zu lassen fahig bin, gab mir das Verlangen ein, dich aus einer Abhanglichkeit von dem Hippias zu setzen, welche die Verschiedenheit deiner Denkungsart von der seinigen, dir in die Lange beschwerlich gemacht hatte. Er hatte die Gefalligkeit, dich mir als eine Person vorzuschlagen, die sich schickte, die Stelle eines Aufsehers in meinem Hause zu vertreten. Ich nahm sein Erbieten an, um das Vergnugen zu haben, den Gebrauch davon zu machen, den ich deinen Verdiensten und meiner Denkungsart schuldig bin. Du bist frei, Callias, und vollkommen Meister zu tun was du fur gut befindest. Kann die Freundschaft, die ich dir anbiete, dich bewegen bei mir zu bleiben, so wird der Name eines Amtes, von dessen Pflichten ich dich vollig freispreche, wenigstens dazu dienen, der Welt eine begreifliche Ursache zu geben, warum du in meinem Hause bist; wo nicht, so soll das Vergnugen, womit ich zu Beforderung der Entwurfe, die du wegen deines kunftigen Lebens machen kannst, die Hand bieten werde, dich von der Lauterkeit der Bewegungsgrunde uberzeugen, welche mich so gegen dich zu handeln angetrieben haben." Die edle und ungezwungene Anmut, womit dieses gesprochen wurde, vollendete die Wurkung, die eine so grossmutige Erklarung auf den Empfindungs-vollen Agathon machen musste. "Was fur eine Art zu denken! was fur eine Seele!" Konnt' er weniger tun, als sich zu ihren Fussen werfen, um in Ausdrucken, deren Verwirrung ihre ganze Beredsamkeit ausmachte, der Bewundrung und der Dankbarkeit Luft zu machen, deren Ubermass seine Brust zersprengen zu wollen schien. Keine Danksagungen, Callias unterbrach ihn die grossmutige Danae, was ich getan habe, ist nicht mehr als ich einem jeden andern, der deine Verdienste hatte, eben sowohl schuldig zu sein glaubte Ich habe keine Ausdrucke fur das was ich empfinde, anbetungswurdige Danae, rief der entzuckte Agathon, ich nehme dein Geschenk an, um das Vergnugen zu geniessen, dein freiwilliger Sclave zu sein eine Ehre, gegen die ich die Crone des Konigs von Persien verschmahen wurde. Ja, schonste Danae, seitdem ich dich gesehen habe, kenne ich kein grosseres Gluck als dich zu sehen; und wenn alles, was ich in deinem Dienste tun kann, fahig sein kann, dich von der unaussprechlichen Empfindung, die ich von deinem Werte habe, zu uberzeugen; wurdig sein kann, mit einem zufriednen Blick von dir belohnt zu werden o Danae! wer wird denn so glucklich sein als ich? Lasst uns, sagte die bescheidne Nymphe, ein Gesprach enden, das die allzugrosse Dankbarkeit deines Herzens auf einen zu hohen Ton gestimmt hat. Ich habe dir gesagt, auf was fur einem Fuss du hier sein wirst. Ich sehe dich als einen Freund meines Hauses an, dessen Gegenwart mir Vergnugen macht, dessen Wert ich hoch schatze, und dessen Dienste mir in meinen Angelegenheiten desto nutzlicher sein konnen, da sie freiwillig und die Frucht einer uneigennutzigen Freundschaft sein werden. Mit diesen Worten verliess sie den dankbaren Agathon, in dessen Erklarung einige vielleicht Schwulst und Unsinn, oder wenigstens zuviel Feuer und Entzuckung gefunden haben werden. Allein sie werden sich zu erinnern belieben, dass Agathon weder in einer so gelassenen Gemutsverfassung war, wie sie; noch alles wusste, was sie durch unsere Indiscretion von der schonen Danae erfahren haben Wir wissen freilich was wir ungefahr von ihr denken sollen; allein in seinen Augen war sie eine Gottin; und zu ihren Fussen liegend konnte er, zumal bei der Verbindlichkeit, die er ihr hatte, naturlicher Weise, diese Danae nicht mit einer so philosophischen Gleichgultigkeit ansehen, wie wir andern.
Agathon war nun also ein Hausgenosse der schonen Danae, und entfaltete mit jedem Tage neue Verdienste, die ihn dieses Glucks wurdig zeigten, und die seine geringe Achtung fur den Hippias ihn verhindert hatte, in dessen Hause sehen zu lassen. Da nebst den besondern Ergotzungen des Landlebens diese feinere Art von Belustigungen, an denen der Witz und die Musen den meisten Anteil haben, die hauptsachlichste Beschaftigung war, wozu man die Zeit in diesem angenehmen Aufenthalt anwendete; so hatte er Gelegenheit genug, seine Talente von dieser Seite schimmern zu lassen; und seine bezauberte Phantasie gab ihm so viele Erfindungen an die Hand, dass er keine andre Muhe hatte, als diejenigen auszuwahlen, die er am geschicktesten glaubte, seine Gebieterin und die kleine Gesellschaft von vertrauten Freunden, die sich bei ihr einfanden, zu ergotzen. So weit war es schon mit demjenigen gekommen, der vor wenigen Wochen es fur eine geringschatzige Bestimmung hielt, in der Person eines unschuldigen Anagnosten die Jonischen Ohren zu bezaubern.
In der Tat konnen wir langer nicht verbergen, dass diese unbeschreibliche Empfindung (wie er dasjenige nannte was ihm die schone Danae eingeflosst hatte) dieses ich weiss nicht was, welches wir, so wenig er es auch gestanden hatte, ganz ungescheut Liebe nennen wollen, in dem Lauf von wenigen Tagen so sehr zugenommen hatte, dass einem jeden andern als einem Agathon die Augen uber den wahren Zustand seines Herzens aufgegangen waren. Wir wissen wohl, dass die Umstandlichkeit unsrer Erzahlung bei diesem Teile seiner Geschichte, den Ernsthaftern unter unsern Lesern, wenn wir anders dergleichen haben werden, sehr langweilig vorkommen wird. Allein die Achtung, die wir ihnen schuldig sind, kann uns nicht verhindern, uns die Vorstellung zu machen, dass diese Geschichte vielleicht kunftig, und wenn es auch nur aus einem Gewurzladen ware, einem jungen noch nicht ganz ausgebruteten Agathon in die Hande fallen konnte, der aus einer genauern Beschreibung der Veranderungen, welche die Gottin Danae nach und nach in dem Herzen und der Denkungsart unsers Helden hervorgebracht, sich gewisse Beobachtungen und Cautelen ziehen konnte, von denen er vielleicht einen guten Gebrauch zu machen Gelegenheit bekommen mochte. Wir glauben also, wenn wir diesem zukunftigen Agathon zu Gefallen uns die Muhe nehmen, der Leidenschaft unsers Helden von der Quelle an in ihrem wiewohl noch geheimen Lauf nachzugehen, desto eher entschuldiget zu sein, da es allen ubrigen, die mit diesen Anecdoten nichts zu machen wissen, frei steht, das folgende Capitel zu uberschlagen.
Funftes Capitel
Naturliche Geschichte der Platonischen Liebe
Die Quelle der Liebe, sagt Zoroaster, oder hatte es doch sagen konnen, ist das Anschauen eines Gegenstandes, der unsre Einbildungskraft bezaubert. Der Wunsch diesen Gegenstand immer anzuschauen, ist der erste Grad derselben. Je bezaubernder dieses Anschauen ist, und je mehr die an dieses Bild der Vollkommenheit angeheftete Seele daran zu entdecken und zu bewundern findet, desto langer bleibt sie in den Grenzen dieses ersten Grades der Liebe stehen. Dasjenige was sie hiebei erfahrt, kommt anfangs demjenigen ausserordentlichen Zustande ganz nahe, den man Verzuckung nennt; alle andere Sinnen, alle wurksamen Krafte der Seele scheinen stille zu stehen, und in einen einzigen Blick, worin man keiner Zeitfolge gewahr wird, verschlungen zu sein. Dieser Zustand ist zugewaltsam, als dass er lange dauern konnte; langsamer oder schneller macht er der Empfindung eines unaussprechlichen Vergnugens Platz, welches die naturliche Folge jenes ecstatischen Anschauens ist, und wovon, wie einige Adepten uns versichert haben, keine andre Art von Vergnugen oder Wollust uns einen bessern Begriff geben kann, als der unreine und dustre Schein einer Pechfackel von der Klarheit des unkorperlichen Lichts, worin, nach der Meinung der Morgenlandischen Weisen, die Geister als in ihrem Elemente leben. Dieses innerliche Vergnugen aussert sich bald durch die Veranderungen, die es in dem mechanischen Teil unsers Wesens hervorbringt; es wallt mit hupfender Munterkeit in unsern Adern, es schimmert aus unsern Augen, es giesst eine lachelnde Heiterkeit uber unser Gesicht, und gibt allen unsern Bewegungen eine neue Lebhaftigkeit und Anmut: es stimmt und erhohet alle Krafte unsrer Seele, belebt das Spiel der Phantasie und des Witzes, und kleidet, so zu sagen, alle unsre Ideen in den Schimmer und die Farbe der Liebe. Ein Liebhaber ist in diesem Augenblick mehr als ein gewohnlicher Mensch; er ist (wie Plato sagt) von einer Gottheit voll, die aus ihm redet und wurket; und es ist keine Vollkommenheit, keine Tugend, keine Heldentat so gross, wozu er in diesem Stande der Begeistrung und unter den Augen des geliebten Gegenstands nicht fahig ware. Dieser Zustand dauert noch fort, wenn er gleich von demselben entfernt wird, und das Bild desselben, das seine ganze Seele auszufullen scheint, ist so lebhaft, dass es einige Zeit braucht, bis er der Abwesenheit des Urbildes gewahr wird. Aber kaum empfindet die Seele diese Abwesenheit, so verschwindet jenes Vergnugen mit seinem ganzen bezauberten Gefolge; man erfahrt in immer zunehmenden Graden das Gegenteil von allen Wurkungen jener Begeisterung, wovon wir geredet haben; und derjenige der vor kurzem mehr als ein Mensch schien, scheint nun nichts als der Schatten von sich selbst, ohne Leben, ohne Geist, zu nichts geschickt als in einoden Wildnissen wie ein Gespenst umherzuirren, den Namen seiner Gottin in Felsen einzugraben, und den tauben Baumen seine Schmerzen vorzuseufzen; ein klaglicher Zustand, in Wahrheit, wenn nicht ein einziger Blick des Gegenstands, von dem diese seltsame Bezauberung herruhrt, hinlanglich ware, in einem Wink diesem Schatten wieder einen Leib, dem Leib eine Seele, und der Seele diese Begeisterung wieder zu geben, durch welche sie ohne Beobachtung einiger Gradation von der Verzweiflung zu unermesslicher Wonne ubergeht. Wenn Agathon dieses alles nicht vollig in so hohem Grad erfuhr, als andre von seiner Art, so muss dieses vermutlich allein dem Einfluss beigemessen werden, den seine werte Psyche noch in dasjenige hatte, was in seinem Herzen vorging. Allein wir mussen gestehen, dieser Einfluss wurde immer schwacher; die lebhaften Farben, womit ihr Bild seiner Phantasie ehemals vorgeschwebt hatte, wurden immer matter; und anstatt dass ihn sonst sein Herz an sie erinnert hatte, musste es izt von ohngefahr und durch einen Zufall geschehen. Endlich verschwand dieses Bild ganzlich; Psyche horte auf fur ihn zu existieren, ja kaum erinnerte er sich alles dessen, was vor seiner Bekanntschaft mit der schonen Danae vorgegangen war anders, als ein erwachsener Mensch sich seiner ersten Kindheit erinnert. Es ist also leicht zu begreifen, dass seine ganze vormalige Art zu empfinden und zu sein, einige Veranderung erlitt, und gleichsam die Farbe und den Ton des Gegenstands bekam, der mit einer so unumschrankten Macht auf ihn wurkte. Sein ernsthaftes Wesen machte nach und nach einer gewissen Munterkeit Platz, die ihm vieles, das er ehmals missbilliget hatte, in einem gunstigern Lichte zeigte; seine Sittenlehre wurde unvermerkt freier und gefalliger, und seine ehmaligen guten Freunde, die etherischen Geister, wenn sie ja noch einigen Zutritt bei ihm hatten, mussten sich gefallen lassen, die Gestalt der schonen Danae anzunehmen, um vorgelassen zu werden. Vor Begierde der Beherrscherin seines Herzens zu gefallen, vergass er, sich um den Beifall unsichtbarer Zuschauer seines Lebens zu bekummern; und der Zustand der entkorperten Seelen deuchte ihn nicht mehr so beneidenswurdig, seitdem er im Anschauen dieser irdischen Gottin ein Vergnugen genoss, welches alle seine Einbildungen uberstieg. Der Wunsch immer bei ihr zu sein, war nun erfullt, dem zweiten, der auf diesen gefolget sein wurde, dem Verlangen ihre Freundschaft zu besitzen war sie selbst gleich anfangs grossmutiger Weise zuvorgekommen, und die verbindliche und vertraute Art, wie sie etliche Tage lang mit ihm umging, liess ihm von dieser Seite nichts zu wunschen ubrig. Er hatte ihre Freundschaft, nun wunschte er auch ihre Zartlichkeit zu haben Ihre Zartlichkeit! Ja, aber eine Zartlichkeit, wie nur die Einbildungskraft eines Agathon fahig ist, sich vorzustellen. Kurz, da er anfing zu merken, dass er sie liebe, so wunschte er wieder geliebt zu werden. Allein er liebte sie mit einer so uneigennutzigen, so geistigen, so begierdenfreien Liebe, als ob sie eine Sylphide gewesen ware; und der kuhnste Wunsch, den er zu wagen fahig war, war nur, in derjenigen sympathetischen Verbindung der Seelen mit ihr zu stehen, wovon ihm Psyche die Erfahrung gegeben hatte. Wie angenehm (dacht er) wie entzukkungsvoll, wie sehr uber alles, was die Sprache der Sterblichen ausdrucken kann, musste eine solche Sympathie mit einer Danae sein, da sie mit Psyche schon so angenehm gewesen war! Zum Ungluck fur unsern Platoniker war dieses ein Plan, wozu Danae, welche dieses mal keine Sylphide spielen wollte, sich nicht so gut anliess, als er es gewunscht hatte. Sie fuhr immer fort sich in den Grenzen der Freundschaft zu halten, und, die Wahrheit zu sagen, sie war entweder nicht geistig genug, sich von dieser intellectualischen Liebe, von der er ihr so viel schones vorsagte, einen rechten Begriff zu machen; oder sie fand es lacherlich, in ihrem Alter und mit ihrer Figur eine Rolle zu spielen, die, nach ihrer Denkungsart, sich nur fur eine Person schickte die im Bade keine Besuche mehr annimmt; wenn sie gleich allzu bescheiden war, ihm dieses mit Worten zu sagen, so fand sie doch Mittel genug, ihm ihre Gedanken uber diesen Punct auf eine vielleicht eben so nachdruckliche Art zu erkennen zu geben. Gewisse kleine Nachlassigkeiten in ihrem Putz, ein verraterischer Zephyr, oder ihr Sperling, der indem sie neben Agathon auf einer Ruhebank sass, mit mutwilligem Schnabel an dem Gewand zerrte, das zu ihren Fussen herabfloss, schienen seiner atherischen Liebe zu spotten, und ihm Aufmunterungen zu geben, die ein minder bezauberter Liebhaber nicht notig gehabt hatte. Danae hatte Ursache mit der Wurkung dieser kleinen Kunstgriffe zufrieden zu sein. Agathon, welcher sich angewohnt hatte, den Leib und die Seele als zwei verschiedene Wesen zu betrachten, und in dessen Augen Danae eine geraume Zeit nichts anders, als (nach dem Ausdruck des Guidi) eine himmlische Schonheit in einem irdischen Schleier gewesen war, vermengte diese beiden Wesen je langer je mehr in seiner Phantasie mit einander, und er konnte es desto leichter, da in der Tat alle korperlichen Schonheiten seiner Gottin so beseelt waren, und alle Schonheiten ihrer Seele so lebhaft aus diesem reizenden Schleier hervorschimmerten, dass es beinahe unmoglich war, sich eine ohne die andre vorzustellen. Dieser Umstand brachte zwar keine wesentliche Veranderung in seiner Art zu lieben hervor; doch ist gewiss, dass er nicht wenig dazu beitrug, ihn unvermerkt in eine Verfassung zu setzen, welche die Absichten der schlauen Danae mehr zu begunstigen als abzuschrecken schien. O du, fur den wir aus grossmutiger Freundschaft uns die Muhe gegeben haben, dieses dir allein gewidmete Capitel zu schreiben, halte hier ein und frage dein Herz. Wenn du eine Danae gefunden hast (armer Jungling! welche Molly Seagrim kann es nicht in deinen bezauberten Augen sein?) und du verstehest den Schluss dieses Capitels, so kommt unsre Warnung schon zu spat, und du bist verloren, fliehe, von dem Augenblick an, da du sie gesehen fliehe; und erstecke den Wunsch sie wieder zu sehen! Wenn du das nicht kannst; wenn du, nachdem du diese Warnung gelesen, nicht willst: so bist du kein Agathon mehr, so bist du was wir andern alle sind; tue was du willst, es ist nichts mehr an dir zu verderben.
Sechstes Capitel
Worin der Geschichtschreiber sich einiger
Indiscretion schuldig macht
Die schone Danae war sehr weit entfernt, gleichgultig gegen die Vorzuge des Callias zu sein, und es kostete ihr wurklich, so gesetzt sie auch war, einige Muhe, ihm zu verbergen, wie sehr sie von seiner Liebe geruhrt war, und wie gern sie sich dieselbe zu Nutz gemacht hatte. Allein aus einem Agathon einen Alcibiades zu machen, das konnte nicht das Werk von etlichen Tagen sein, und um so viel weniger, da er durch unmerkliche Schritte, und ohne, dass sie selbst etwas dabei zu tun schien, zu einer so grossen Veranderung gebracht werden musste, wenn sie anders dauerhaft sein sollte. Die grosse Kunst war, unter der Maske der Freundschaft seine Begierden zu eben der Zeit zu reizen, da sie selbige durch eine unaffectierte Zuruckhaltung abzuschrecken schien. Allein auch dieses war nicht genug; er musste vorher die Macht zu widerstehen verlieren; wenn der Augenblick einmal gekommen sein wurde, da sie die ganze Gewalt ihrer Reizungen an ihm zu prufen entschlossen war. Eine zartliche Weichlichkeit musste sich vorher seiner ganzen Seele bemeistern, und seine in Vergnugen schwimmende Sinnen mussten von einer sussen Unruhe und wollustigen Sehnsucht eingenommen wer den, ehe sie es wagen wollte, einen Versuch zu machen, der, wenn er zu fruh gemacht worden ware, gar leicht ihren ganzen Plan hatte vereiteln konnen. Zum Ungluck fur unsern Helden ersparte ihr seine magische Einbildungskraft die Halfte der Muhe, welche sie aus einem Ubermass von Freundschaft anwenden wollte, ihm die Verwandlung, die mit ihm vorgehen sollte, zu verbergen. Ein Lacheln seiner Gottin war genug, ihn in Vergnugen zu zerschmelzen; ihre Blicke schienen ihm einen uberirdischen Glanz uber alles auszugiessen, und ihr Atem der ganzen Natur den Geist der Liebe einzuhauchen: Was musste denn aus ihm werden, da sie zu Vollendung ihres Sieges alles anwendete, was auch den unempfindlichsten unter allen Menschen zu ihren Fussen hatte legen konnen? Agathon wusste noch nicht, dass sie die Laute spielte, und in der Musik eine eben so grosse Virtuosin als in der Tanzkunst war. Die Feste und Lustbarkeiten, in deren Erfindung er unerschopflich war, um ihr den landlichen Aufenthalt angenehmer zu machen, gaben ihr Anlass, ihn durch Entdeckung dieser neuen Reizungen in Erstaunen zu setzen. Es ist billig, sagte sie zu ihm, dass ich deine Bemuhungen, mir Vergnugen zu machen, durch eine Erfindung von meiner Art erwidre. Diesen Abend will ich dir den Wettstreit der Sirenen und der Musen geben, ein Stuck des beruhmten Damons, das ich noch aus Aspasiens Zeiten ubrig habe, und das von den Kennern fur das Meisterstuck der Tonkunst erklart wurde. Die Anstalten sind schon dazu gemacht, und du allein sollst der Zuhorer und Richter dieses Wettgesangs sein. Niemals hatte den Agathon eine Zeit langer gedaucht, als die wenigen Stunden, die er in Erwartung dieses versprochenen Vergnugens zubrachte. Danae hatte ihn verlassen um durch ein erfrischendes Bad ihrer Schonheit einen neuen Glanz zu geben, indessen dass er die verschwindenden Strahlen der untergehenden Sonne einen nach dem andern zu zahlen schien. Endlich kam die angesetzte Stunde. Der schonste Tag hatte der anmutigsten Nacht Platz gemacht, und eine susse Dammerung hatte schon die ganze schlummernde Natur eingeschleiert; als plotzlich ein neuer zauberischer Tag, den eine unendliche Menge kunstlich versteckter Lampen verursachte, den reizenden Schauplatz sichtbar machte, welchen die Fee dieses Orts zu diesem Lustspiel hatte zubereiten lassen. Eine mit Lorbeerbaumen beschattete Anhohe erhob sich aus einem spiegelhellen See, der mit Marmor gepflastert, und ringsum mit Myrten und Rosenhecken eingefasst war. Kleine Quellen schlangelten den Lorbeerhain herab, und rieselten mit sanftem Murmeln oder lachelndem Klatschen in den See, an dessen Ufer hier und da kleine Grotten, mit Corallenmuscheln und andern Seegewachsen ausgeschmuckt hervorragten, und die Wohnung der Nymphen dieses Wassers zu sein schienen. Ein kleiner Nachen in Gestalt einer Perlenmuschel, der von einem marmornen Triton emporgehalten wurde, stund der Anhohe gegen uber am Ufer, und war der Sitz, auf welchem Agathon als Richter den Wettgesang horen sollte.
Siebentes Capitel
Magische Kraft der Musik
Agathon hatte seinen Platz kaum eingenommen, als man in dem Wasser ein wuhlendes Platschern, und aus der Ferne, wie es liess, eine sanft zerflossene Harmonie horte, ohne jemand zu sehen, von dem sie herkame. Unser Liebhaber, den dieser Anfang in ein stilles Entzucken setzte, wurde, ungeachtet er zu diesem Spiele vorbereitet war, zu glauben versucht, dass er die Harmonie der Spharen hore, von deren Wurklichkeit ihn die Pythagorischen Weisen beredet hatten; allein, wahrend dass sie immer naher kam und deutlicher wurde, sah er zu gleicher Zeit die Musen aus dem kleinen Lorbeerwaldchen und die Sirenen aus ihren Grotten hervorkommen. Danae hatte die jungsten und schonsten aus ihren Aufwarterinnen ausgelesen, diese Meernymphen vorzustellen, die, nur von einem wallenden Streif von himmelblauem Byssus umflattert, mit Cithern und Floten in der Hand sich uber die Wellen erhuben, und mit jugendlichem Stolz untadeliche Schonheiten vor den Augen ihrer eifersuchtigen Gespielen entdeckten. Allein kleine Tritonen bliesen, um sie her schwimmend, aus krummen Hornern, und neckten sie durch mutwillige Spiele; indes dass Danae mitten unter den Musen, an den Rand der kleinen Halbinsel herabstieg, und, wie Venus unter den Gratien, oder Diana unter ihren Nymphen hervorglanzend, dem Auge keine Freiheit liess, auf einem andern Gegenstande zu verweilen. Ein langes schneeweisses Gewand floss, unter dem halbentblossten Busen mit einem goldnen Gurtel umfasst, in kleinen wallenden Falten zu ihren Fussen herab; ein Kranz von Rosen wand sich um ihre Locken, wovon ein Teil in kunstloser Anmut um ihren Nacken schwebte; ihr rechter Arm, auf dessen Weisse die Homerische Juno eifersuchtig hatte sein durfen, umfasste eine Laute von Elfenbein. Die ubrigen Musen, mit verschiednen Saiteninstrumenten versehen, lagerten sich zu ihren Fussen; sie allein blieb in einer unnachahmlich reizenden Stellung stehen, und horte lachelnd der Aufforderung zu, welche die ubermutigen Syrenen ihr entgegensangen. Man muss ohne Zweifel gestehen, dass das Gemalde, welches sich in diesem Augenblick unserm Helden darstellte, nicht sehr geschickt war, weder sein Herz noch seine Sinnen in Ruhe zu lassen; allein die Absicht der Danae war nur, ihn durch die Augen zu den Vergnugungen eines andern Sinnes vorzubereiten, und ihr Stolz verlangte keinen geringern Triumph, als ein so reizendes Gemalde durch die Zaubergewalt ihrer Stimme und ihrer Saiten in seiner Seele auszuloschen. Sie schmeichelte sich nicht zu viel. Die Sirenen horten auf zu singen, und die Musen antworteten ihrer Ausforderung durch eine Symphonie, welche auszudrucken schien, wie gewiss sie sich des Sieges hielten. Nach und nach verlor sich die Munterkeit, die in dieser Symphonie herrschte; ein feierlicher Ernst nahm ihren Platz ein, das Geton wurde immer einformiger, bis es nach und nach in ein dunkles gedampftes Murmeln und zuletzt in eine ganzliche Stille erstarb. Ein allgemeines Erwarten schien dem Erfolg dieser vorbereitenden Stille entgegen zu horchen, als es auf einmal durch eine liebliche Harmonie unterbrochen wurde, welche die geflugelten und seelenvollen Finger der schonen Danae aus ihrer Laute lockten. Eine Stimme, welche fahig schien, die Seelen ihren Leibern zu entfuhren, und Tote wieder zu beseelen (wenn wir einen Ausdruck des Liebhabers der schonen Laura entlehnen durfen) eine so bezaubernde Stimme beseelte diese reizende Anrede. Der Inhalt des Wettgesangs war uber den Vorzug der Liebe, die sich auf die Empfindung, oder derjenigen, die sich auf die blosse Begierde grundet. Nichts konnte ruhrender sein, als das Gemalde, welches Danae von der ersten Art der Liebe machte; in solchen Tonen, dacht Agathon, ganz gewiss in keinen andern, drucken die Unsterblichen einander aus, was sie empfinden; nur eine solche Sprache ist der Gotter wurdig. Die ganze Zeit da dieser Gesang dauerte, deuchte ihn ein Augenblick, und er wurde ganz unwillig, als Danae auf einmal aufhorte, und eine der Sirenen, von den Floten ihrer Schwestern begleitet, kuhn genug war, es mit seiner Gottin aufzunehmen. Allein er wurde bald gezwungen anders Sinnes zu werden, als er sie horte; alle seine Vorurteile fur die Muse konnten ihn nicht verhindern, sich selbst zu gestehen, dass eine fast unwiderstehliche Verfuhrung in ihren Tonen atmete. Ihre Stimme, die an Weichheit und Biegsamkeit nicht ubertroffen werden konnte, schien alle Grade der Entzuckungen auszudrucken, deren die sinnliche Liebe fahig ist; und das weiche Geton der Floten erhohte die Lebhaftigkeit dieses Ausdrucks auf einen Grad, der kaum einen Unterschied zwischen der Nachahmung und der Wahrheit ubrig liess. Wenn die Sirenen, bei denen der kluge Ulysses vorbeifahren musste, so gesungen haben, (dachte Agathon) so hatte er wohl Ursache, sich an Handen und Fussen an den Mastbaum binden zu lassen. Kaum hatten die Sirenen diesen Gesang geendiget, so erhub sich ein frohlockendes Klatschen aus dem Wasser, und die kleinen Tritonen stiessen in ihre Horner, den Sieg anzudeuten, den sie uber die Musen erhalten zu haben glaubten. Allein diese hatten den Mut nicht verloren: Sie er munterten sich bald wieder, und fingen eine Symphonie an, wovon der Anfang eine spottende Nachahmung des Gesanges der Sirenen zu sein schien. Nach einer Weile wechselten sie die Tonart und den Rhythmus durch ein Andante, welches in wenigen Tagen nicht die mindeste Spur von den Eindrucken ubrig liess, die der Syrenen Gesang auf das Gemute der Horenden gemacht haben konnte. Eine susse Schwermut bemachtigte sich Agathons; er sank in ein angenehmes Staunen, unfreiwillige Seufzer entflohen seiner Brust, und wollustige Tranen rollten uber seine Wangen herab. Mitten aus dieser ruhrenden Harmonie erhob sich der Gesang der schonen Danae, welche durch die eifersuchtigen Bestrebungen ihrer Nebenbuhlerin aufgefordert war, die ganze Vollkommenheit ihrer Stimme, und alle Zauberkrafte der Kunst anzuwenden, um den Sieg ganzlich auf die Seite der Musen zu entscheiden. Ihr Gesang schilderte die ruhrenden Schmerzen einer wahren Liebe, die in ihren Schmerzen selbst ein melancholisches Vergnugen findet; ihre standhafte Treue und die Belohnung, die sie zuletzt von der zartlichsten Gegenliebe erhalt. Die Art wie sie dieses ausfuhrte, oder vielmehr die Eindrucke, die sie dadurch auf ihren Liebhaber machte, ubertrafen alles was man sich davon vorstellen kann. Sein ganzes Wesen war Ohr, und seine ganze Seele zerfloss in die Empfindungen, die in ihrem Gesange herrscheten. Er war nicht so weit entfernt, dass Danae nicht bemerkt hatte, wie sehr er ausser sich selbst war, und wie viel Muhe er hatte, um sich zu halten, aus seinem Sitz sich in das Wasser herabzusturzen, zu ihr hinuber zu schwimmen, und seine in Entzuckung und Liebe zerschmolzene Seele zu ihren Fussen auszuhauchen. Sie wurde durch diesen Anblick selbst so geruhrt, dass sie genotiget war, die Augen von ihm abzuwenden, um ihren Gesang vollenden zu konnen: Allein sie beschloss bei sich selbst, die Belohnung nicht langer aufzuschieben, welche sie einer so vollkommenen Liebe schuldig zu sein glaubte. Endlich endigte sich ihr Lied; die begleitende Symphonie horte auf; die beschamten Sirenen flohen in ihre Grotten; die Musen verschwanden; und der staunende Agathon blieb in trauriger Entzuckung allein.
Achtes Capitel
Eine Abschweifung, wodurch der Leser zum
Folgenden vorbereitet wird
Wir konnen die Verlogenheit nicht verbergen, in welche wir uns durch die Umstande gesetzt finden, worin wir unsern Helden zu Ende des vorigen Capitels verlassen haben. Sie drohen dem erhabnen Charakter, den er bisher mit einer so ruhmlichen Standhaftigkeit behauptet, und wodurch er sich zweifelsohne in eine nicht gemeine Hochachtung bei unsern Lesern gesetzt hat, einen Abfall, der denenjenigen, welche von einem Helden eine vollkommene Tugend fordern, eben so anstossig sein wird, als ob sie, nach allem was bereits mit ihm vorgegangen, naturlicher Weise etwas bessers hatten erwarten konnen.
Wie gross ist in diesem Stucke der Vorteil eines Romanendichters vor demjenigen, welcher sich anheischig gemacht hat, ohne Vorurteil oder Parteilichkeit, mit Verleugnung des Ruhms, den er vielleicht durch Verschonerung seiner Charakter, und durch Erhebung des Naturlichen ins Wunderbare sich hatte erwerben konnen, der Natur und Wahrheit in gewissenhafter Aufrichtigkeit durchaus getreu zu bleiben! Wenn jener die ganze grenzenlose Welt des Moglichen zu freiem Gebrauch vor sich ausgebreitet sieht; wenn seine Dichtungen durch den machtigen Reiz des Erhabnen und Erstaunlichen schon sicher genug sind, unsre Einbildungskraft und unsre Eitelkeit auf seine Seite zu bringen; wenn schon der kleinste Schein von Ubereinstimmung mit der Natur hinlanglich ist, die Freunde des Wunderbaren, welche immer die grosseste Zahl ausmachen, von ihrer Moglichkeit zu uberzeugen; ja, wenn er volle Freiheit hat, die Natur selbst umzuschaffen, und, als ein andrer Prometheus, den geschmeidigen Ton, aus welchem er seine Halbgotter und Halbgottinnen bildet, zu gestalten wie es ihm beliebt, oder wie es die Absicht, die er auf uns haben mag, erheischet: So sieht sich hingegen der arme Geschichtschreiber genotiget, auf einem engen Pfade, Schritt vor Schritt in die Fussstapfen der vor ihm hergehenden Wahrheit einzutreten, jeden Gegenstand so gross oder so klein, so schon oder so hasslich, wie er ihn wurklich findet, abzumalen; die Wurkungen so anzugeben, wie sie vermoge der unveranderlichen Gesetze der Natur aus ihren Ursachen herfliessen; und wenn er seiner Pflicht ein volliges Genugen getan hat, sich gefallen zu lassen, dass man seinen Helden am Ende um wenig oder nichts schatzbarer findet, als der schlechteste unter seinen Lesern sich ohngefahr selbst zu schatzen pflegt.
Vielleicht ist kein unfehlbarers Mittel mit dem wenigsten Auf wand von Genie, Wissenschaft und Erfahrenheit ein gepriesener Schriftsteller zu werden, als wenn man sich damit abgibt, Menschen (denn Menschen sollen es doch sein) ohne Leidenschaften, ohne Schwachheit, ohne allen Mangel und Gebrechen, durch etliche Bande voll wunderreicher Abenteure, in der einformigsten Gleichheit mit sich selbst, herumzufuhren. Eh ihr es euch verseht, ist ein Buch fertig, das durch den erbaulichen Ton einer strengen Sittenlehre, durch blendende Sentenzen, durch Charaktere und Handlungen, die eben so viele Muster sind, den Beifall aller der gutherzigen Leute uberraschet, welche jedes Buch, das die Tugend anpreist, vortrefflich finden. Und was fur einen Beifall kann sich ein solches Werk erst alsdenn versprechen, wenn der Verfasser die Kunst oder die naturliche Gabe besitzt, seine Schreibart auf den Ton der Begeisterung zu stimmen, und, verliebt in die schonen Geschopfe seiner erhitzten Einbildungskraft, die Meinung von sich zu erwekken, dass ers in die Tugend selber sei. Umsonst mag dann ein verdachtiger Kunstrichter sich heiser schreien, dass ein solches Werk eben so wenig fur die Talente seines Urhebers beweise, als es der Welt Nutzen schaffe; umsonst mag er vorstellen, wie leicht es sei, die Definitionen eines Auszugs der Sittenlehre in Personen, und die Maximen des Epictets in Handlungen zu verwandeln; umsonst mag er beweisen, dass die unfruchtbare Bewunderung einer schimarischen Vollkommenheit, welche man nachzuahmen eben so wenig wahren Vorsatz als Vermogen hat, das ausserste sei, was diese wackere Leute von ihren hochfliegenden Bemuhungen zum Besten einer ungelehrigen Welt erwarten konnen: Der weisere Tadler heisst ihnen ein Zoilus, und hat von Gluck zu sagen, wenn das Urteil das er von einem so moralischen Werke des Witzes fallt, nicht auf seinen eignen sittlichen Charakter zuruckprallt, und die gesundere Beschaffenheit seines Gehirns nicht zu einem Beweise seines schlimmen Herzens gemacht wird. Und wie sollte es auch anders sein konnen? Unsre Eitelkeit ist zusehr dabei interessiert, als dass wir uns derjenigen nicht annehmen sollten, welche unsre Natur, wiewohl eignen Gewalts, zu einer so grossen Hoheit und Wurdigkeit erhalten. Es schmeichelt unserm Stolze, der sich ungern durch so viele Zeichen von Vorzugen des Stands, des Ansehens, der Macht und des ausserlichen Glanzes unter andre erniedriget sieht, die Mittel (wenigstens so lange das angenehme Blendwerk daurt) in seiner Gewalt zu sehen, sich uber die Gegenstande seines Neides hinauf schwingen, und sie tief im Staube unter sich zurucklassen zu konnen. Und wenn gleich die unverhehlbare Schwache unsrer Natur uns auf der einen Seite, zu grossem Vorteil unsrer Tragheit, von der Ausubung heroischer Tugenden loszahlt; so ergotzt sich doch inzwischen unsre Eigenliebe an dem sussen Wahne, dass wir eben so wundertatige Helden gewesen sein wurden, wenn uns das Schicksal an ihren Platz gesetzt hatte.
Wir mussen uns gefallen lassen, wie diese gewagten Gedanken, so naturlich und wahr sie uns scheinen, von den verschiednen Classen unsrer Leser aufgenommen werden mogen: Und wenn wir auch gleich Gefahr laufen sollten, uns ungunstige Vorurteile zuzuziehen; so konnen wir doch nicht umhin, diese angefangene Betrachtung um so mehr fortzusetzen, je grosser die Beziehung ist, welche sie auf den ganzen Inhalt der vorliegenden Geschichte hat.
Unter allen den ubernaturlichen Charaktern, welche die mehrbelobten romanhaften Sittenlehrer in einen gewissen Schwung von Hochachtung gebracht haben, sind sie mit keinem glucklicher gewesen, als mit dem Heldentum in der Grossmut, in der Tapferkeit und in der verliebten Treue. Daher finden wir die Liebensgeschichten, Ritterbucher und Romanen, von den Zeiten des guten Bischofs Heliodorus bis zu den unsrigen, von Freunden, die einander alles, sogar die Forderungen ihrer starksten Leidenschaften, und das angelegenste Interesse ihres Herzens aufopfern; von Rittern, welche immer bereit sind, der ersten Infantin, die ihnen begegnet, zu gefallen, sich mit allen Riesen und Ungeheuern der Welt herumzuhauen; und (bis Crebillon eine bequemere Mode unter unsre Nachbarn jenseits des Rheins aufgebracht hat) beinahe von lauter Liebhabern angefullt, welche nichts angelegners haben, als in der Welt herumzuziehen, um die Namen ihrer Geliebten in die Baume zu schneiden, ohne dass die reizendesten Versuchungen, denen sie von Zeit zu Zeit ausgesetzt sind, vermogend waren, ihre Treue nur einen Augenblick zu erschuttern. Man musste wohl sehr eingenommen sein, wenn man nicht sehen sollte, warum diese vermeinten Heldentugenden in eine so grosse Hochachtung gekommen sind. Von je her haben die Schonen sich berechtiget gehalten, eine Liebe, welche ihnen alles aufopfert, und eine Bestandigkeit, die gegen alle andre Reizungen unempfindlich ist, zu erwarten. Sie gleichen in diesem Stucke den grossen Herren, welche verlangen, dass unserm Eifer nichts unmoglich sein solle, und die sich sehr wenig darum bekummern, ob uns dasjenige, was sie von uns fordern, gelegen, oder ob es uberhaupt recht und billig sei, oder nicht. Eben so ist es fur unsre Beherrscherinnen schon genug, dass der Vorteil ihrer Eitelkeit und ihrer ubrigen Leidenschaften sich bei diesen vorgeblichen Tugenden am besten befindet, um einen Artabanus oder einen Grafen von Comminges zu einem grossern Mann in ihren Augen zu machen, als alle Helden des Plutarchs zusammengenommen. Und ist die unedle Eigennutzigkeit oder der feige Kleinmut, womit wir (zumal bei jenen Volkern, wo der Tod aus sittlichen Ursachen mehr als naturlich ist, gefurchtet wird) den grossesten Teil der burgerlichen Gesellschaft angesteckt sehen, vielleicht weniger interessiert, eine sich selbst ganz vergessende Grossmut und eine Tapferkeit, die von nichts erzittert, zu vergottern? Je vollkommener andre sind, desto weniger haben wir notig es zu sein; und je hoher sie ihre Tugend treiben, desto weniger haben wir bei unsern Lastern zu besorgen.
Der Himmel verhute, dass unsre Absicht jemals sei, in schonen Seelen diese liebenswurdige Schwarmerei fur die Tugend abzuschrecken, welche ihnen so naturlich und ofters die Quelle der lobenswurdigsten Handlungen ist. Alles was wir mit diesen Bemerkungen abzielen, ist allein, dass die romanhaften Helden, von denen die Rede ist, noch weniger in dem Bezirke der Natur zu suchen seien als die geflugelten Lowen und die Fische mit Madchenleibern; dass es moralische Grotesken seien, welche eine mussige Einbildungskraft ausbrutet, und ein verdorbner moralischer Sinn, nach Art gewisser Indianer, destomehr vergottert, je weiter ihre verhaltniswurdige Missgestalt von der menschlichen Natur sich entfernet, welche doch, mit allen ihren Mangeln, das beste, liebenswurdigste und vollkommenste Wesen ist das wir wurklich kennen und dass also der Held unsrer Geschichte, durch die Veranderungen und Schwachheiten, denen wir ihn unterworfen sehen, zwar allerdings, wir gestehen es, weniger ein Held, aber destomehr ein Mensch, und also desto geschickter sei, uns durch seine Erfahrungen, und selbst durch seine Fehler zu belehren.
Wir konnen indes nicht bergen, dass wir aus verschiednen Grunden in Versuchung geraten sind, der historischen Wahrheit dieses einzige mal Gewalt anzutun, und unsern Agathon, wenn es auch durch irgend einen Deum ex Machina hatte geschehen mussen, so unversehrt aus der Gefahr, worin er sich wurklich befindet, herauszuwickeln, als es fur die Ehre des Platonismus, die er bisher so schon behauptet hat, allerdings zu wunschen gewesen ware. Allein da wir in Erwagung zogen, dass diese einzige poetische Freiheit uns notigen wurde, in der Folge seiner Begebenheiten so viele andre Veranderungen vorzunehmen, dass die Geschichte Agathons wurklich die Natur einer Geschichte verloren hatte, und zur Legende irgend eines moralischen Don Esplandians geworden ware: So haben wir uns aufgemuntert, uber alle die ekeln Bedenklichkeiten hinauszugehen, die uns anfanglich stutzen gemacht hatten, und uns zu uberreden, dass der Nutzen, den unsre verstandigen Leser sogar von den Schwachheiten unsers Helden in der Folge zu ziehen Gelegenheit bekommen konnten, ungleich grosser sein durfte, als der zweideutige Vorteil, den die Tugend dadurch erhalten hatte, wenn wir, durch eine unwahrscheinlichere Dichtung als man im ganzen Orlando unsers Freunds Ariost finden wird, die schone Danae in die Notwendigkeit gesetzt hatten, in der Stille von ihm zu denken, was die beruhmte Phryne bei einer gewissen Gelegenheit von dem weisen Xenocrates offentlich gesagt haben soll.
So wisset dann, schone Leserinnen, (und hutet euch, stolz auf diesen Sieg eurer Zaubermacht zu sein,) dass Agathon, nachdem er eine ziemliche Weile in einem Gemutszustand, dessen Abschilderung den Pinsel eines Thomsons oder Gessners erfoderte, allein zuruckgeblieben war, wir wissen nicht ob aus eigner Bewegung oder durch den geheimen Antrieb irgend eines antiplatonischen Genius den Weg gegen einen Pavillion genommen, der auf der Morgenseite des Gartens in einem kleinen Hain von Citronen- Granaten- und Myrthenbaumen auf jonischen Saulen von Jaspis ruhte; dass er, weil er ihn erleuchtet gefunden, hineingegangen, und nachdem er einen Saal, dessen herrliche Auszierung ihn nicht einen Augenblick aufhalten konnte, und zwei oder drei kleinere Zimmer durchgeeilet, in einem Cabinet, welches fur die Ruhe der Liebesgottin bestimmt schien, die schone Danae auf einem Sofa von nelkenfarbem Atlas schlafend angetroffen; dass er, nachdem er sie eine lange Zeit in unbeweglicher Entzuckung und mit einer Zartlichkeit, deren innerliches Gefuhl alle korperliche Wollust an Sussigkeit ubertrifft, betrachtet hatte, endlich von der Gewalt der allmachtigen Liebe bezwungen, sich nicht langer zu enthalten vermocht, zu ihren Fussen kniend, eine von ihren nachlassig ausgestreckten schonen Handen mit einer Inbrunst, wovon wenige Liebhaber sich eine Vorstellung zu machen jemals verliebt genug gewesen sind, zu kussen, ohne dass sie daran erwacht ware; dass er hierauf noch weniger als zuvor sich entschliessen konnen, so unbemerkt als er gekommen, sich wieder hinwegzuschleichen; und kurz, dass die kleine Psyche, die Tanzerin, welche seit der Pantomime, man weiss nicht warum, gar nicht seine Freundin war, mit ihren Augen gesehen haben wollte, dass er eine ziemliche Weile nach Anbruch des Tages, allein, und mit einer Mine, aus welcher sich sehr vieles habe schliessen lassen, aus dem Pavillion hinter die Myrthenhecken sich weggestohlen habe.
Neuntes Capitel
Nachrichten zu Verhutung eines besorglichen
Missverstandes
Die Tugend (pflegt man dem Horaz nachzusagen) ist die Mittelstrasse zwischen zween Abwegen, welche beide gleich sorgfaltig zu vermeiden sind. Es ist ohne Zweifel wohl getan, wenn ein Schriftsteller, der sich einen wichtigern Zweck als die blosse Ergotzung seiner Leser vorgesetzt hat, bei gewissen Anlassen, anstatt des zaumlosen Mutwillens vieler von den neuern Franzosen, lieber die bescheidne Zuruckhaltung des jungfraulichen Virgils nachahmet, welcher bei einer Gelegenheit, wo die Angola's und Versorand's alle ihre Malerkunst verschwendet, und sonst nichts besorget hatten, als dass sie nicht lebhaft und deutlich genug sein mochten, sich begnugt uns zu sagen:
"Dass Dido und der Held in Eine Hohle kamen."
Allein wenn diese Zuruckhaltung so weit ginge, dass die Dunkelheit, welche man uber einen schlupfrigen Gegenstand ausbreitete, zu Missverstand und Irrtum Anlass geben konnte: So wurde sie, deucht uns, in eine falsche Scham ausarten; und in solchen Fallen scheint uns ratsamer zu sein, den Vorhang ein wenig wegzuziehen, als aus ubertriebener Bedenklichkeit Gefahr zu laufen, vielleicht die Unschuld selbst ungegrundeten Vermutungen auszusetzen. So argerlich also gewissen Leserinnen, deren strenge Tugend bei dem blossen Namen der Liebe Dampf und Flammen speit, der Anblick eines schonen Junglings zu den Fussen einer selbst im Schlummer lauter Liebe und Wollust atmenden Danae billig sein mag; so konnen wir doch nicht vorbeigehen, uns noch etliche Augenblicke bei diesem anstossigen Gegenstande aufzuhalten. Man ist so geneigt, in solchen Fallen der Einbildungskraft den Zugel schiessen zu lassen, dass wir uns lacherlich machen wurden, wenn wir behaupten wollten, dass unser Held die ganze Zeit, die er (nach dem Vorgeben der kleinen Tanzerin) in dem Pavillion zugebracht haben soll, sich immer in der ehrfurchtsvollen Stellung gehalten habe, worin man ihn zu Ende des vorigen Capitels gesehen hat. Wir mussen vielmehr besorgen, dass Leute, welche nichts dafur konnen, dass sie keine Agathons sind, vielleicht so weit gehen mochten, ihn im Verdacht zu haben, dass er sich den tiefen Schlaf, worin Danae zu liegen schien, auf eine Art zu Nutze gemacht haben konnte, welche sich ordentlicher Weise nur fur einen Faunen schickt, und welche unser Freund Johann Jacob Rousseau selbst nicht schlechterdings gebilliget hatte, so scharfsinnig er auch (in einer Stelle seines Schreibens an Herrn Dalembert) dasjenige zu rechtfertigen weisst, was er "eine stillschweigende Einwilligung abnotigen" nennet. Um nun unsern Agathon gegen alle solche unverschuldete Mutmassungen sicher zu stellen, mussen wir zur Steuer der Wahrheit melden, dass selbst die reizende Lage der schonen Schlaferin, und die gunstige Leichtigkeit ihres Anzugs, welche ihn einzuladen schien, seinen Augen alles zu erlauben, seine Bescheidenheit schwerlich uberrascht haben wurden, wenn es ihm moglich gewesen ware, der zauberischen Gewalt der Empfindung, in welche alle Krafte seines Wesens zerflossen schienen, Widerstand zu tun. Wir wagen nicht zuviel, wenn wir einen solchen Widerstand in seinen Umstanden fur unmoglich erklaren, nachdem er einem Agathon unmoglich gewesen ist. Er uberliess also endlich seine Seele der vollkommensten Wonne ihres edelsten Sinnes, dem Anschauen einer Schonheit, welche selbst seine idealische Einbildungskraft weit hinter sich zurucke liess; und (was nur diejenigen begreifen werden, welche die wahre Liebe kennen,) dieses Anschauen erfullte sein Herz mit einer so reinen, vollkommnen, unbeschreiblichen Befriedigung, dass er alle Wunsche, alle Ahnungen einer noch grossern Gluckseligkeit daruber vergessen zu haben schien. Vermutlich (denn gewiss konnen wir hieruber nichts entscheiden) wurde die Schonheit des Gegenstands allein, so ausserordentlich sie war, diese sonderbare Wurkung nicht getan haben; allein dieser Gegenstand war seine Geliebte, und dieser Umstand verstarkte die Bewundrung, womit auch die Kaltsinnigsten die Schonheit ansehen mussen, mit einer Empfindung, welche noch kein Dichter zu beschreiben fahig gewesen ist, so sehr sich auch vermuten lasst, dass sie den mehresten aus Erfahrung bekannt gewesen sein konne. Diese namenlose Empfindung ist es allein, was den wahren Liebhaber von einem Satyren unterscheidet, und was eine Art von sittlichen Grazien sogar uber dasjenige ausbreitet, was bei diesem nur das Werk des Instinkts, oder eines animalischen Hungers ist. Welcher Satyr wurde in solchen Augenblikken fahig gewesen sein, wie Agathon zu handeln? Behutsam und mit der leichten Hand eines Sylphen zog er das seidene Gewand, welches Amor verraterisch aufgedeckt hatte, wieder uber die schone Schlafende her, warf sich wieder zu den Fussen ihres Ruhebettes, und begnugte sich, ihre nachlassig ausgestreckte Hand, aber mit einer Zartlichkeit, mit einer Entzuckung und Sehnsucht an seinen Mund zu drukken, dass eine Bildsaule davon hatte erweckt werden mogen. Sie musste also endlich erwachen. Und wie hatte sie auch sich dessen langer erwehren konnen, da ihr bisheriger Schlummer wurklich nur erdichtet gewesen war? Sie hatte aus einer Neugierigkeit, die in ihrer Verfassung naturlich scheinen kann, sehen wollen, wie ein Agathon bei einer so schlupfrigen Gelegenheit sich betragen wurde; und dieser letzte Beweis einer vollkommnen Liebe, welche, ungeachtet ihrer Erfahrenheit, alle Annehmlichkeiten der Neuheit fur sie hatte, ruhrte sie so sehr, dass sie, von einer ungewohnten und unwiderstehlichen Empfindung uberwunden, in einem Augenblick, wo sie zum erstenmal zu lieben und geliebt zu werden glaubte, nicht mehr Meisterin von ihren Bewegungen war. Sie schlug ihre schonen Augen auf, Augen die in den wollustigen Tranen der Liebe schwammen, und dem entzuckten Agathon sein ganzes Gluck auf eine unendlich vollkommnere Art entdeckten, als es das beredteste Liebesgestandnis hatte tun konnen. O Callias! (rief sie endlich mit einem Ton der Stimme, der alle Saiten seines Herzens widerhallen machte, indem sie, ihre schonen Arme um ihn windend, den Gluckseligsten aller Liebhaber an ihren Busen druckte,) was fur ein neues Wesen gibst du mir? Geniesse, o! geniesse, du Liebenswurdigster unter den Sterblichen, der ganzen unbegrenzten Zartlichkeit, die du mir einflossest. Und hier, ohne den Leser unnotiger Weise damit aufzuhalten, was sie ferner sagte, und was er antwortete, uberlassen wir den Pinsel einem Correggio, und schleichen uns davon.
Aber wir fangen an, zu merken, wiewohl zu spate, dass wir unsern Freund Agathon auf Unkosten seiner schonen Freundin gerechtfertiget haben. Es ist leicht vorauszusehen, wie wenig Gnade sie vor dem ehrwurdigen und glucklichen Teil unsrer Leserinnen finden werde, welche sich bereden (und vermutlich Ursache dazu haben) dass sie in ahnlichen Umstanden sich ganz anders als Danae betragen haben wurden. Auch sind wir weit davon entfernt, diese allzuzartliche Nymphe entschuldigen zu wollen, so scheinbar auch immer die Liebe ihre Vergehungen zu bemanteln weiss. Indessen bitten wir doch die vorbelobten Lukretien um Erlaubnis, dieses Capitel mit einer kleinen Nutzanwendung, auf die sie sich vielleicht nicht gefasst gemacht haben, schliessen zu durfen. Diese Damen (mit aller Ehrfurcht die wir ihnen schuldig sind, sei es gesagt) wurden sich sehr betrugen, wenn sie glaubten, dass wir die Schwachheiten einer so liebenswurdigen Creatur, als die schone Danae ist, nur darum verraten hatten, damit sie Gelegenheit bekamen, ihre Eigenliebe daran zu kitzeln. Wir sind in der Tat nicht so sehr Neulinge in der Welt, dass wir uns uberreden lassen sollten, dass eine jede, welche sich uber das Betragen unsrer Danae argern wird, an ihrer Stelle weiser gewesen ware. Wir wissen sehr wohl, dass nicht alles, was das Geprage, der Tugend fuhrt, wurklich echte und vollhaltige Tugend ist; und dass sechszig Jahre, oder eine Figur, die einen Satyren entwaffnen konnte, kein oder sehr wenig Recht geben, sich viel auf eine Tugend zu gut zu tun, welche vielleicht niemand jemals versucht gewesen ist, auf die Probe zu stellen. Wir zweifeln mit gutem Grunde sehr daran, dass diejenigen, welche von einer Danae am unbarmherzigsten urteilen, an ihrem Platz einem viel weniger gefahrlichen Versucher als Agathon war, die Augen auskratzen wurden: Und wenn sie es auch taten, so wurden wir vielleicht anstehen, ihrer Tugend beizumessen, was eben sowohl die mechanische Wurkung unreizbarer Sinnen, und eines unzartlichen Herzens, hatte gewesen sein konnen. Unser Augenmerk ist bloss auf euch gerichtet, ihr liebreizenden Geschopfe, denen die Natur die schonste ihrer Gaben, die Gabe zu gefallen, geschenkt ihr, welche sie bestimmt hat, uns glucklich zu machen; aber, welche eine einzige kleine Unvorsichtigkeit in Erfullung dieser schonen Bestimmung so leicht in Gefahr setzen kann, durch die schatzbarste eurer Eigenschaften, durch das was die Anlage zu jeder Tugend ist, durch die Zartlichkeit eures Herzens selbst, unglucklich zu werden: Euch allein wunschten wir uberreden zu konnen, wie gefahrlich jene Einbildung ist, womit euch das Bewusstsein eurer Unschuld schmeichelt, dass es allezeit in eurer Macht stehe, der Liebe und ihren Forderungen Grenzen zu setzen. Mochten die Unsterblichen (wenn anders, wie wir hoffen, die Unschuld und die Gute des Herzens himmlische Beschutzer hat,) mochten sie uber die eurige wachen! Mochten sie euch zu rechter Zeit warnen, euch einer Zartlichkeit nicht zu vertrauen, welche, bezaubert von dem grossmutigen Vergnugen, den Gegenstand ihrer Liebe glucklich zu machen, so leicht sich selbst vergessen kann! Mochten sie endlich in jenen Augenblicken, wo das Anschauen der Entzuckungen, in die ihr zu setzen fahig seid, eure Klugheit uberraschen konnte, euch in die Ohren flustern: Dass selbst ein Agathon, weder Verdienst noch Liebe genug hat, um wert zu sein, dass die Befriedigung seiner Wunsche euch die Ruhe eures Herzens koste.
Zehentes Capitel
Welches alle unsre verheiratete Leser, wofern sie
nicht sehr glucklich oder vollkommne Stoiker sind
uberschlagen konnen
Die schone Danae war keine von denen, welche das, was sie tun, nur zur Halfte tun. Nachdem sie einmal beschlossen hatte, ihren Freund glucklich zu machen, so vollfuhrte sie es auf eine Art, welche alles was er bisher Vergnugen und Wonne genannt hatte, in Schatten und Wolkenbilder verwandelte. Man erinnert sich vermutlich noch, dass eine Art von Vorwitz oder vielmehr ein launischer Einfall, die Macht ihrer Reizungen an unserm Helden zu probieren, anfangs die einzige Triebfeder der Anschlage war, welche sie auf sein Herz gemacht hatte. Die personliche Bekanntschaft belebte dieses Vorhaben durch den Geschmack, den sie an ihm fand; und der tagliche Umgang, die Vorzuge Agathons, und, was in den meisten Fallen die Niederlage der weiblichen Tugend wo nicht allein verursacht, doch sehr befordert, die ansteckende Kraft, das Sympathetische der verliebten Begeisterung, welcher der gottliche Plato mit Recht die wundertatigsten Krafte zuschreibt; alles dieses zusammen genommen, verwandelte zuletzt diesen Geschmack in Liebe, aber in die wahreste, zartlichste und heftigste, welche jemals gewesen ist. Unserm Helden allein war die Ehre auf behalten (wenn es eine war) ihr eine Art von Liebe einzuflossen, worin sie, ungeachtet alles dessen, was uns von ihrer Geschichte schon entdeckt worden ist, noch so sehr ein Neuling war, als es eine Vestalin in jeder Art von Liebe sein soll. Kurz, er, und er allein, war darzu gemacht, den Widerwillen zu uberwinden, den ihr die gemeinen Liebhaber, die schonen Hyacinthe, diese tandelnden Gecken, an denen (um uns ihres eigenen Ausdrucks zu bedienen) die Halfte ihrer Reizungen verloren ging; gegen alles was die Mine der Liebe trug, einzuflossen angefangen hatten.
Die meisten von derjenigen Classe der Naturkundiger, welche mit dem Herrn von Buffon davorhalten, dass das Physikalische der Liebe das beste davon sei, werden ohne Bedenken eingestehen, dass der Besitz, oder (um unsern Ausdruck genauer nach ihren Ideen zu bestimmen) der Genuss einer so schonen Frau als Danae war, an sich selbst betrachtet die vollkommenste Art von Vergnugungen in sich schliesse, deren unsre Sinnen fahig sind; eine Wahrheit, welche, ungeachtet einer Art von stillschweigender Ubereinkunft, dass man sie nicht laut gestehen wolle, von allen Volkern und zu allen Zeiten so allgemein anerkannt worden ist, dass Carneades, Sextus, Cornelius Agrippa, und Bayle selbst sich nicht getrauet haben, sie in Zweifel zu ziehen. Ob wir nun gleich nicht Mut genug besitzen, gegen einen so ehrwurdigen Beweis als das einhellige Gefuhl des ganzen menschlichen Geschlechts abgibt, offentlich zu behaupten, dass diejenigen Vergnugungen der Liebe, welche der Seele eigen sind, den Vorzug vor jenen haben: So werden doch nicht wenige mit uns einstimmig sein, dass ein Liebhaber, der selbst eine Seele hat, im Besitz der schonsten Statue von Fleisch und Blut, die man nur immer finden kann, selbst jene von den neuern Epicuraern so hoch gepriesene Wollust nur in einem sehr unvollkommnen Grade erfahren wurde; und dass diese allein von der Empfindung des Herzens jenen wunderbaren Reiz erhalte, welcher immer fur unaussprechlich gehalten worden ist, bis Rousseau, der Stoiker, sich herabgelassen, sie in dem funf und vierzigsten der Briefe der neuen Heloise, in einer Volkommenheit zu schildern, welche sehr deutlich beweist, was fur eine begeisternde Kraft die blosse halberloschene Erinnerung an die Erfahrungen seiner glucklichen Jugend uber die Seele des Helvetischen Epictets ausgeubt haben musse. Ohne Zweifel sind es Liebhaber von dieser Art, Saint Preux und Agathons, welchen es zukommt, uber die beruhrte Streitfrage einen entscheidenden Ausspruch zu tun; sie, welche durch die Feinheit und Lebhaftigkeit ihres Gefuhls eben so geschickt gemacht werden, von den physicalischen, als durch die Zartlichkeit ihres Herzens, oder durch ihren innerlichen Sinn fur das sittliche Schone, von den moralischen Vergnugungen der Liebe zu urteilen. Und wie wahr, wie naturlich werden nicht diese jene Stelle finden, die den Verehrern der animalischen Liebe unverstandlicher ist als eine Hetruscische Aufschrift den Gelehrten, "O, entziehe mir immer diese berauschenden Entzuckungen, fur die ich tausend Leben gabe! Gib mir nur das alles wieder was nicht sie, aber tausendmal susser ist als sie"
Die schone Danae war so sinnreich, so unerschopflich in der Kunst (wenn man anders dasjenige so nennen kann, was Natur und Liebe allein, und keine ohne die andre geben kann) ihre Gunstbezeugungen zu vervielfaltigen, den innerlichen Wert derselben durch die Annehmlichkeiten der Verzierung zu erhohen, ihnen immer die frische Blute der Neuheit zu erhalten, und alles Eintonige, alles was die Bezauberung hatte auflosen, und dem Uberdruss den Zugang offnen konnen, kluglich zu entfernen; dass sie oder eine andre ihres gleichen den Herrn von Buffon selbst dahin gebracht hatte, seine Gedanken von der Liebe zu andern, welches vielleicht alle Marquisinnen von Paris zusammengenommen nicht von ihm erhalten wurden. Diese gluckseligen Liebenden brauchten, um ihrer Empfindung nach, den Gottern an Wonne gleich zu sein, nichts als ihre Liebe: Sie verschmahten izt alle diese Lustbarkeiten, an denen sie vorher so viel Geschmack gefunden hatten; ihre Liebe machte alle ihre Beschaftigungen und alle ihre Ergotzungen aus: Sie empfanden nichts anders, sie dachten an nichts anders, sie unterhielten sich mit nichts anderm; und doch schienen sie sich immer zum erstenmal zu sehen, zum erstenmal zu umarmen, zum erstenmal einander zu sagen, dass sie sich liebten; und wenn sie von einer Morgenrote zur andern nichts anders getan hatten, so beklagten sie sich doch uber die Kargheit der Zeit, welche zu einem Leben, das sie zum Besten ihrer Liebe unsterblich gewunscht hatten, ihnen Augenblikke fur Tage anrechne. Welch ein Zustand, wenn er dauern konnte! ruft hier der griechische Autor aus.
Eilftes Capitel
Eine bemerkenswurdige Wurkung der Liebe, oder
von der Seelenmischung
Ein alter Schriftsteller, den gewiss niemand beschuldigen wird, dass er die Liebe zu metaphysisch behandelt habe, und den wir nur zu nennen brauchen, um allen Verdacht dessen, was materielle Seelen fur Platonische Grillen erklaren, von ihm zu entfernen; mit einem Worte, Petronius, bedient sich irgendwo eines Ausdrucks, welcher ganz deutlich zu erkennen gibt, dass er eine verliebte Vermischung der Seelen nicht nur fur moglich, sondern fur einen solchen Umstand gehalten habe, der die Geheimnisse der Liebesgottin naturlicher Weise zu begleiten pflege. Jam alligata mutuo ambitu corpora animarum quoque mixturam fecerant, sagt dieser Oberaufseher der Ergotzlichkeiten des Kaisers Nero; um vermutlich eben dasselbe zu bezeichnen, was er an einem andern Ort ungleich schoner also ausdruckt:
Et transfudimus hinc & hinc labellis
Errantes animas
Ob er selbst die ganze Starke dieses Ausdrucks eingesehen, oder ihm so viel Bedeutung beigelegt habe, als wir; ist eine Frage, die uns (nach Gewohnheit der meisten Ausleger) sehr wenig bekummert. Genug, dass wir diese Stellen einer Hypothese gunstig finden, ohne welche sich, unsrer Meinung nach, verschiedene Phanomena der Liebe nicht wohl erklaren lassen, und vermoge welcher wir annehmen, dass bei wahren Liebenden, in gewissen Umstanden, nicht (wie einer unsrer tugendhaftesten Dichter meint) ein Tausch, sondern eine wurkliche Mischung der Seelen vorgehe. Wie dieses moglich sei zu untersuchen, uberlassen wir billig den weisen und tiefsinnigen Leuten, welche sich, in stolzer Musse und seliger Abgeschiedenheit von dem Getummel dieser sublunarischen Welt, mit der nutzlichen Speculation beschaftigen, die Art und Weise ausfundig zu machen, wie dasjenige was wurklich ist, ohne Nachteil ihrer Meinungen und Lehrgebaude, moglich sein konne. Fur uns ist genug, dass eine durch unzahliche Beispiele bestatigte Erfahrung ausser allen Zweifel setzt, dass diejenige Gattung von Liebe, welche Schaftesbury mit bestem Recht zu einer Art des Enthusiasmus macht, und gegen welche Lucrez aus eben diesem Grunde sich mit so vielem Eifer erklart, solche Wurkungen hervorbringe, welche nicht besser als durch jenen Petronischen Ausdruck abgemalt werden konnen.
Agathon und Danae, die uns zu dieser Anmerkung Anlass gegeben haben, hatten kaum vierzehn Tage, welche freilich nach dem Calender der Liebe nur vierzehn Augenblicke waren, in diesem gluckseligen Zustande, worin wir sie im vorigen Capitel verlassen haben, zugebracht: als diese Seelenmischung sich in einem solchen Grade bei ihnen ausserte, dass sie nur von einer einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt und begeistert zu werden schienen. Wurklich war die Veranderung und der Absatz ihrer gegenwartigen Art zu sein, mit ihrer vorigen so gross, dass weder Alcibiades seine Danae, noch die Priesterin zu Delphi den sproden und unkorperlichen Agathon wieder erkannt haben wurden. Dass dieser aus einem speculativen Platoniker ein practischer Aristipp geworden; dass er eine Philosophie, welche die reinste Gluckseligkeit in Beschauung unsichtbarer Schonheiten setzt, gegen eine Philosophie, welche sie in angenehmen Empfindungen, und die angenehmen Empfindungen in ihren nachsten Quellen, in der Natur, in unsern Sinnen und in unsern Herzen sucht, vertauschte; dass er von den Gottern und Halbgottern, mit denen er vorher umgegangen war, nur die Grazien und Liebesgotter beibehielt; dass dieser Agathon, der ehmals von seinen Minuten, von seinen Augenblicken der Weisheit Rechenschaft geben konnte, izt fahig war (wir schamen uns es zu sagen) ganze Stunden, ganze Tage in zartlicher Trunkenheit wegzutandeln Alles dieses, so stark der Abfall auch ist, wird dennoch den meisten begreiflich scheinen. Aber dass Danae, welche die Schonsten und Edelsten von Asien, welche Fursten und Satrapen zu ihren Fussen gesehen hatte, welche gewohnt war, in den schimmerndsten Versammlungen am meisten zu glanzen, einen Hof von allem, was durch Vorzuge der Geburt, des Geistes, des Reichtums und der Talente wurdig war, nach ihrem Beifall zu streben, um sich her zu sehen: Dass diese Danae izt verachtliche Blicke in die grosse Welt zuruckwarf, und nichts angenehmers fand als die landliche Einfalt, nichts schoners als in Hainen herumzuirren, Blumenkranze fur ihren Schafer zu winden, an einer murmelnden Quelle in seinem Arm einzuschlummern, von der Welt vergessen zu sein, und die Welt zu vergessen dass sie, fur welche die Liebe der Empfindung sonst ein unerschopflicher Gegenstand von witzigen Spottereien gewesen war, izt von den zartlichen Klagen der Nachtigall in stillheitern Nachten bis zu Tranen geruhrt werden oder wenn sie ihren Geliebten unter einer schattichten Laube schlafend fand, ganze Stunden, unbeweglich, in zartliches Staunen und in den Genuss ihrer Empfindungen versenkt, neben ihm sitzen konnte, ohne daran zu denken, ihn durch einen eigenutzigen Kuss aufzuwecken, dass diese Schulerin des Hippias, welche gewohnt gewesen war, nichts lacherlichers zu finden, als die Hoffnung der Unsterblichkeit, und diese sussen Traume von bessern Welten, in welche sich empfindliche Seelen so gerne zu wiegen pflegen dass sie izt, beim dammernden Schein des Monds, an Agathons Seite auf Blumen hingegossen, schon entkorpert zu sein, schon in den seligen Talern des Elysiums zu schweben glaubte -mitten aus den berauschenden Freuden der Liebe sich zu Gedanken von Grabern und Urnen verlieren, dann ihren Geliebten zartlicher an ihre Brust druckend den gestirnten Himmel anschauen, und ganze Stunden von der Wonne der Unsterblichen, von unverganglichen Schonheiten und himmlischen Welten phantasieren konnte, und, von den Wunschen ihrer grenzenlosen Liebe getauscht, in der Hoffnung einer immer wahrenden Dauer izt so wenig Ausschweifendes fand, dass ihr kein Gedanke naturlicher, keine Hoffnung gewisser schien; dieses waren in der Tat Wunderwerke der Liebe, und Wunderwerke, welche nur die Liebe eines Agathons, nur jene Vermischung der Seelen, durch welche ihrer beider Denkungsart, Ideen, Geschmack und Neigungen in einander zerflossen, zuwege bringen konnte. Welches von beiden bei dieser Vermischung gewonnen oder verloren habe, wollen wir unsern Lesern zu entscheiden uberlassen, von denen der zartlichere Teil vielleicht der schonen Danae den Vorteil zuerkennen wird: Aber dieses, deucht uns, wird niemand so roh oder so stoisch sein zu leugnen, dass sie glucklich waren felices errore suo glucklich in dieser sussen Betorung, welcher, um dasjenige zu sein, was die Weisen schon so lange gesucht und nie gefunden haben, nichts abgeht, als dass sie (wie der griechische Autor hier abermal mit Bedauern ausruft) nicht immer wahren kann.
Sechstes Buch
Erstes Capitel
Ein Besuch des Hippias
Zufallige Ursachen hatten es so gefuget, dass Hippias sich auf einiche Wochen von Smirna hatte entfernen mussen, und dass die Zeit seiner Abwesenheit gerade in diejenige Zeit fiel, worin die Liebe unsers Helden und der schonen Danae den aussersten Punkt ihrer Hohe erreichte. Dieser Umstand hatte sie ganzlich Meister von einer Zeit gelassen, welche sie zum Vorteil der Liebe und des Vergnugens so wohl anzuwenden wussten. Keiner von Danaes ehemaligen Verehrern hatte sich erkuhnt, ihre Einsamkeit zu storen; und die Freundinnen, mit denen sie ehmals in Gesellschaft gestanden war, hatten zu gutem Gluck alle mit ihren eignen Angelegenheiten so viel zu tun, dass sie keine Zeit behielten, sich um Freunde zu bekummern. Zudem war ihr Aufenthalt auf dem Lande nichts ungewohnliches, und der allgemeine Genius der Stadt Smirna war der Freiheit in der Wahl der Vergnugungen allzugunstig, als dass eine Danae (von der man ohnehin keine vestalische Tugend foderte) uber die ihrigen, wenn sie auch bekannt gewesen waren, sehr strenge Urteile zu besorgen gehabt hatte.
Allein Hippias war kaum von seiner Reise zuruckgekommen, so liess er eine seiner ersten Sorgen sein, sich in eigner Person nach dem Fortgang des Entwurfs zu erkundigen, den er mit ihr zu Bekehrung des allzuplatonischen Callias gemeinschaftlich angelegt hatte. Die besondere Vertraulichkeit, worin er seit mehr als zehn Jahren mit ihr gelebt hatte, gab ihm das vorzugliche Recht, sie auch alsdann zu uberraschen, wenn sie sonst fur niemand sichtbar war. Er eilte also, so bald er nur konnte, nach ihrem Landgute; und hier brauchte er nur einen Blick auf unsre Liebende zu werfen, um zu sehen, wie viel in seiner Abwesenheit mit ihnen vorgegangen war. Ein gewisser Zwang, eine gewisse Zuruckhaltung, eine Art von schamhafter Schuchternheit, welche ihm besonders an der Pflegtochter Aspasiens fast lacherlich vorkam, war das erste, was ihm an beiden in die Augen fiel. Wahre Liebe (wie man langst beobachtet hat) ist eben so sorgfaltig ihre Gluckseligkeit zu verbergen, als jene frostige Liebe, welche Coquetterie oder Langeweile zur Mutter hat, begierig ist, ihre Siege auszuposaunen. Allein dieses war weder die einzige noch die vornehmste Ursache einer Zuruckhaltung, welche unsre Liebenden, aller angewandten Muhe ungeachtet, einem so scharfsichtigen Beobachter nicht entziehen konnten. Das Bewusstsein der Verwandlung, welche sie erlitten hatten; die Furcht vor dem comischen Ansehen, welches sie ihnen in den Augen des Sophisten geben mochte; die Furcht von einem Spott, vor dem sie die mutwilligen Ergiessungen bei jedem Blicke, bei jedem Lacheln erwarteten; dieses war es, was sie in Verlegenheit setzte, und was den artigsten Gesichtern in ganz Jonien etwas Verdriessliches gab, welches von einem jeden andern als Hippias fur ein Zeichen, dass seine Gegenwart unangenehm sei, hatte aufgenommen werden mussen. Allein dieser nahm es fur das auf, was es in der Tat war; und da niemand besser zu leben wusste, so schien er so wenig zu bemerken, was in ihnen vorging, machte den Unachtsamen und Sorglosen so naturlich, hatte so viel von seiner Reise und tausend gleichgultigen Dingen zu schwatzen, und wusste dem Gesprach einen so freien Schwung von Munterkeit zu geben, dass sie alle erforderliche Zeit gewannen, sich wieder zu erholen, und sich in eine ungezwungene Verfassung zu setzen. Wenn Agathon hiedurch so sehr beruhiget wurde, dass er wurklich hoffte, sich in seinen ersten Besorgnissen betrogen zu haben, so war die feinere Danae weit davon entfernt, sich durch die Kunstgriffe des Sophisten ein Blendwerk vormachen zu lassen. Sie kannte ihn zu gut, um nicht in seiner Seele zu lesen; sie sah wohl, dass es zu einer Erorterung mit ihm kommen musse, und war nur daruber unruhig, wie sie sich entschuldigen wollte, dass sie, uber der Bemuhung den Charakter des Agathons umzubilden, ihren eignen oder doch einen guten Teil davon verloren hatte. Mit diesen Gedanken hatte sie sich in den Stunden der gewohnlichen Mittagsruhe beschaftiget, und war noch nicht recht mit sich selbst einig, wie weit sie sich dem Sophisten vertrauen wolle; als er in ihr Zimmer trat, und mit der vertraulichen Freimutigkeit eines alten Freundes ihr entdeckte, dass es die Neugier uber den Fortgang ihres geheimen Anschlags sei, was ihn so bald nach seiner Wiederkunft zu ihr gezogen habe. Die Gluckseligkeit des Callias (setzte er hinzu) schimmert zu lebhaft aus seinen Augen und aus seinem ganzen Betragen hervor, schone Danae, als dass ich durch uberflussige Fragstucke das reizende Incarnat dieser liebenswurdigen Wangen zu erhohen suchen sollte. Und findest du ihn also der Muhe wurdig, die du auf seine Bekehrung ohne Zweifel verwenden musstest? Der Muhe? sagte Danae lachelnd; ich schwore dir, dass mir in meinem Leben keine Muhe so leicht geworden ist, als mich von dem liebenswurdigsten Sterblichen, den ich jemals gekannt habe, lieben zu lassen. Denn das war doch alle Muhe Nicht ganz und gar, (unterbrach sie Hippias) wenn du so auf richtig sein willt, als es unsrer Freundschaft gemass ist. Ich bin gewiss, dass er an keine Verstellung dachte, da er noch in meinem Hause war; und die Veranderung, die ich an ihm wahrnehme ist so gross, verbreitet sich so sehr uber seine ganze Person, hat ihn so unkenntlich gemacht, dass Danae selbst, auf deren Lippen die Uberredung wohnt, mich nicht uberreden soll, dass eine solche Seelenwandlung im Schlafe vorgehen konne. Keine Zuruckhaltungen, schone Danae, die Wurkungen zeugen von ihren Ursachen; ein grosses Werk setzt grosse Anstalten voraus; wenn ein Callias dahin gebracht wird, dass er wie ein Liebling der Venus herausgeputzt ist, dass er mit einer Sybaritischen Zunge von der Niedlichkeit der Speisen und dem Geschmack der Weine urteilt; dass er die wollustigsten Laufe eines in Liebe schmelzenden Liedes mit entzucktem Handeklatschen wiederholen heisst, und sich die Trinkschale von einer jungen Circasserin mit unverhulltem Busen eben so gleichgultig reichen lasst, als er sich in die weichen Polster eines Persischen Ruhebettes hineinsenkt wahrhaftig, schone Danae, das nenn ich eine Verwandlung, welche in so kurzer Zeit zu bewerkstelligen, ich keiner von allen unsterblichen Gottinnen zugetraut hatte. Ich weiss nicht, was du damit sagen willst, erwiderte Danae mit einer angenommenen Zerstreuung; mich deucht nichts naturlichers, als alles, woruber du dich so verwundert stellst; und gesetzt, dass du dich in deinem Urteil von Callias betrogen hattest, ist es seine Schuld? Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll, so kann nichts unahnlichers sein, als wie du ihn mir abgeschildert, und wie ich ihn gefunden habe. Du machtest mich einen Pedantischen Toren, den Gegenstand einer Comodie erwarten, und ich wiederhole es, du magst uber mich lachen so lange du willt, Alcibiades selbst im Fruhling seiner Jahre und Reizungen war nicht liebenswurdiger als derjenige, den du mir fur ein comisches Mittelding von einem Phantasten und von einer Bildsaule gegeben hast. Wenn eine Verschiedenheit zwischen Callias und den Besten ist, fur welche ich ehmals aus Dankbarkeit, Geschmack oder Laune, Gefalligkeiten gehabt habe, so ist sie ganzlich zu seinem Vorteil; so ist es, dass er edler, aufrichtiger, zartlicher ist, dass er mich liebet, da jene nur sich selbst in mir liebten; dass ihn mein Vergnugen glucklicher macht als sein eignes; dass er das grossmutigste und erkenntlichste Herz mit den glanzendesten Vorzugen des Geistes, mit allem was den Umgang reizend macht, vereinigt besitzt. Welch ein Strom von Beredsamkeit, rief Hippias mit dem Lacheln eines Fauns aus; du sprichst nicht anders als ob du seine Apologie gegen mich machen musstest; und wenn habe ich denn was anders gesagt? Beschrieb ich ihn nicht als liebenswurdig? Sagt' ich dir nicht, dass er dir die Hyacinthe, und alle diese artigen gaukelnden Sommervogel unertraglich machen wurde? Aber wir wollen uns nicht zanken, schone Danae. Ich sehe, dass Amor hier mehr Arbeit gemacht als ihm aufgetragen war; er sollte dir nur helfen, den Callias zu unterwerfen; aber der ubermutige kleine Bube hat es fur eine grossere Ehre gehalten, dich selbst zu besiegen; diese Danae, welche bisher mit seinen Pfeilen nur gescherzt hatte. Bekenne, Danae Ja, (fiel sie ihm lebhaft ein) ich bekenne, dass ich liebe wie ich nie geliebt habe; dass alles was ich sonst Gluckseligkeit nannte, kaum den Namen des Daseins verdient hat; ich bekenne es, Hippias, und bin stolz darauf, dass ich fahig ware, alles was ich besitze, alle Ergotzlichkeiten von Smirna, alle Anspruche an Beifall, alle Befriedigungen der Eitelkeit, und eine ganze Welt voll Liebhaber wie eine Nussschale hinzuwerfen, um mit Callias in einer mit Stroh bedeckten Hutte zu leben, und mit diesen Handen, welche nicht zu weiss und zartlich dazu sein sollten, die Milch zuzubereiten, die ihm, vom Felde wiederkommend, weil ich sie ihm reichte, lieblicher schmecken wurde, als Nektar aus den Handen der Liebesgottin.
O, das ist was anders, rief Hippias, der sich nun nicht langer halten konnte, in ein lautes Gelachter auszubrechen; wenn Danae aus diesem Tone spricht, so hat Hippias nichts mehr zu sagen. Aber, fuhr er fort, nachdem er sich die Augen gewischt und den Mund in Falten gelegt hatte; in der Tat, schone Freundin, ich lache zur Unzeit; die Sache ist ernsthafter als ich beim ersten Anblick dachte, und ich besorge nun in ganzem Ernste, dass Callias, so sehr er dich anzubeten scheint, nicht Liebe genug haben mochte, die deinige zu erwidern. Ich erlasse dem Hippias diese Sorge, sagte Danae mit einem spottischen Lacheln, welches ihr sehr reizend liess; das soll meine Sorge sein; und mich deucht, Hippias, welcher ein so grosser Meister ist, von den Wurkungen auf die Ursachen zu schliessen, sollte ganz ruhig daruber sein konnen, dass sich Danae nicht wie ein vierzehnjahriges Madchen fangen lasst. Die Gotter der Liebe und Freude verhuten, dass meine Worte einen ubelweissagenden Sinn in sich fassen, erwiderte Hippias! Du liebest, schone Danae; du wirst geliebt; kein wurdigers Paar glucklich zu sein, kein geschickteres sich glucklich zu machen, hat Amor nie vereiniget. Erschopfet alles, was die Liebe reizendes hat! Trinket immer neue Entzukkungen aus ihrem nektarischen Becher; und moge die neidenswerte Bezauberung so lang als euer Leben dauern!
Zweites Capitel
Eine Probe von den Talenten eines Liebhabers
In einem so freundschaftlichen und schwarmerischen Ton stimmte der gefallige Sophist seine Sprache um, als Agathon hereintrat, und ihnen einen Spaziergang in die Garten vorschlug, worin er sich das Vergnugen machen wollte, sie mit einer in geheim veranstalteten Ergotzung zu uberraschen. Man liess sich den Vorschlag gefallen, und nachdem Hippias eine Reihe von neuen Gemalden, womit die Galerie vermehrt worden war, gesehen hatte, begab man sich in den Garten, in welchem, nach Persischem Geschmack, grosse Blumenstucke, Spaziergange von hohen Baumen, kleine Weiher, kunstliche Wildnisse, Lauben und Grotten in anmutiger Unordnung unter einander geworfen schienen. Das Gesprach ward izt wieder gleichgultig, und Hippias wusste es so zu lenken, dass Agathon unvermerkt veranlasst wurde, die neue Wendung, welche seine Einbildungskraft bekommen hatte, auf hundertfaltige Art zu verraten. Inzwischen neigte sich die Sonne, als sie beim Eintritt in einen kleinen Wald von Myrthen- und Citronenbaumen, an welchen die Kunst keine Hand angelegt zu haben schien, von einem versteckten Concert, welches alle Arten von Singvogel nachahmte, empfangen wurden. Aus jedem Zweig, aus jedem Blatte schien eine besondere Stimme hervorzugehen; so volltonig war diese Musik, in welcher die Nachahmung der kunstlosen Natur in der scheinbaren Unregelmassigkeit phantasierender Tone, die lieblichste Harmonie hervorbrachte, die man jemals gehort hatte. Die Dammerung des heitersten Abends, und die eigne Anmut des Orts vereinigten sich damit, um diesem Lusthain die Gestalt der Bezauberung zu geben. Danae, welche seit wenigen Wochen eine ganz neue Empfindlichkeit fur das Schone der Natur und die Vergnugungen der Einbildungskraft bekommen hatte, sahe ihren sich ganz unwissend stellenden Liebling mit Augen an, welche ihm sagten, dass nur die Gegenwart des Hippias sie verhindere, ihre schonen Arme um seinen Hals zu werfen: als unversehens eine Anzahl von kleinen Liebesgottern und Faunen aus dem Hain hervorhupfte; jene von flatterndem Silberflor, der mit nachgeahmten Rosen durchwurkt war, leicht bedeckt; diese nackend, ausser dass ein Epheukranz, mit gelben Rosen durchflochten, ihre milchweissen Huften schurzte, und um die kleinen verguldeten Horner sich schlang, die aus ihren schwarzen kurzlockichten Haaren hervorstachen. Alle diese kleine Genii streuten aus zierlichen Korbchen von Silberdraht die schonsten Blumen vor Danae her, und fuhrten sie tanzend in die Mitte des Waldchens, wo Gebusche von Jasminen, Rosen und Acacia eine Art von halbcirkelndem Amphitheater machten, unter welchem ein zierlicher Thron von Laubwerk und Blumenkranzen fur die schone Danae bereitet stand. Nachdem sie sich hier gesetzt hatte, breiteten die Liebesgotter einen Persischen Teppich vor ihr aus, indem von den kleinen Faunen einige beschaftigt waren, den Boden mit goldnen und cristallenen Trinkschalen von allerlei niedlichen Formen zu besetzen, andre unter der Last voller Schlauche mit possierlichen Gebarden herbeigekrochen kamen, und im Vorbeigehen den weisen Hippias durch hundert mutwillige Spiele neckten. Auf einmal schlupften die Grazien hinter einer Myrthenhecke hervor, drei jugendliche Schwestern, deren halbaufgebluhte Schonheit ein leichtes Gewolk von Gase mehr zu entwickeln als zu verhullen eifersuchtig schien. Sie umgaben ihre Gebieterin, und indem die erste einen frischen Blumenkranz um ihre schone Stirne wand, reichten ihr die beiden andern kniend in goldnen Schalen die auserlesensten Fruchte und Erfrischungen dar; indes die Faunen den Hippias mit Epheu kranzten, und wohlriechende Salben uber seine Glatze und seinen halbgrauen Bart heruntergossen. Beide bezeugten ihr Vergnugen uber dieses kleine Schauspiel, welches das lachendste Gemalde von der Welt machte; als eine zartliche Symphonie von Floten aus der Luft, wie es schien, herabtonend, die Augen zu einer neuen Erscheinung aufmerksam machte. Die Liebesgotter, die Faunen und die Grazien waren indes verschwunden, und es offnete sich der Danae gegenuber die waldichte Scene, um den Liebesgott darzustellen, auf einem goldnen Gewolke sitzend, welches uber den Rosenbuschen von Zephyren emporgehalten wurde. Ein schalkhaftes Lacheln, das sein liebliches Gesicht umscherzte, schien die Herzen zu warnen, sich von der tandelnden Unschuld dieses schonen Gotterknabens nicht sorglos machen zu lassen. Er sang mit lieblicher Stimme, und der Inhalt seines Gesangs druckte seine Freude aus, dass er endlich eine bequeme Gelegenheit gefunden habe, sich an der schonen Danae zu rachen. "Gleich der Liebesgottin, meiner Mutter (sang er) herrscht sie unumschrankt uber die Herzen, und haucht allgemeine Liebe umher: Von ihren Blicken beseelt, wendet ihr die Natur, als ihrer Gottin, sich zu; verschonert, wenn sie lachelt, traurig und welkend, wenn sie sich von ihr kehrt: Verlassen stehn die Altare zu Paphos, die Seufzer der Liebenden wallen nur ihr entgegen; und indem ihre siegreichen Augen ringsum sie her jedes Herz verwunden und entzucken, lacht sie, die Stolze, meiner Pfeile, und trotzt mit unbezwungner Brust der Macht, vor welcher Gotter zittern: Aber nicht langer soll sie trotzen; hier ist der scharfste Pfeil, scharf genug einen Busen von Marmor zu spalten, und die kalteste Seele in Liebesflammen hinwegzuschmelzen. Zittre, ungewahrsame Schone! dieser Augenblick soll Amorn und seine Mutter rachen! Tiefseufzend sollst du auffahren, wie ein junges Reh auffahrt, das unter Rosen schlummernd den geflugelten Pfeil des Jagers fuhlt; schmerzenvoll und trostlos sollst du in einsamen Hainen irren, und auf oden Felsen sitzend den schleichenden Bach mit deinen Tranen mehren."
So sang er und spannte boshaft-lachelnd den Bogen; schon war der Pfeil angelegt, schon zielte er nach ihrem leichtbedeckten Busen: als er plotzlich mit einem lauten Schrei zuruckfuhr, seinen Pfeil zerbrach, den Bogen von sich warf, und mit zartlich schuchterner Gebarde auf die schone Danae zuflatterte. O Gottin, vergib, (sang er, indem er bittend ihre Knie umfasste) vergib, vergib, schone Mutter, dem Irrtum meiner Augen! wie leicht war es zu irren! Ich sahe dich fur Danae an.
In dem namlichen Augenblick, da er dieses gesungen hatte, erschienen die Grazien, die Liebesgotter und die kleinen Faunen wieder, und endigten diese Scene mit Tanzen und Gesangen, zum Preis derjenigen, welche auf eine so schmeichelhafte Art zur Gottin der Schonheit und der Liebe erklart worden war. Dieses uberraschende Compliment, welches damals noch den Reiz der Neuheit hatte, weil es noch nicht an die Daphnen und Chloen so vieler neuern Poeten verschwendet worden war, schien ihr Vergnugen zu machen; und der doppelt belustigte Hippias gestand, dass sein junger Freund einen sehr guten Gebrauch von seiner Einbildungskraft zu machen gelernt habe. Dachte ich nicht, Callias, sagte er leise zu ihm, indem er ihn auf die Schultern klopfte, dass ein Monat unter den Augen der schonen Danae dich von den Vorurteilen heilen wurde, womit du gegen Grundsatze eingenommen warest, die du bereits so meisterhaft auszuuben gelernt hast.
Der ubrige Teil des Abends wurde auf eine eben so angenehme Weise zugebracht, bis endlich Hippias, welcher den folgenden Morgen wieder in Smirna sein musste, in einem Zustande, worin er mehr dem Vater Silen als einem Weisen glich, von den kleinen Faunen zu Bette gebracht wurde.
Agathon hatte nun nichts dringenders als von Danae zu erfahren, was der Gegenstand ihrer einzelnen Unterredung mit dem Hippias gewesen sei. Man wird es dieser Dame zu gut halten konnen, dass sie die Aufrichtigkeit ihres Berichts nicht so weit trieb, ihm das Complot einzugestehen, worein sie sich von dem Sophisten anfangs hatte ziehen lassen; und dessen Ausgang so weit von der Anlage des ersten Plans entfernt gewesen war. Die zartlichste und vertrauteste Liebe verhindert nicht, dass man sich nicht kleine Geheimnisse vorbehalten sollte, bei deren Entdeckung die Eigenliebe ihre Rechnung nicht finden wurde. Sie begnugte sich also ihm zu sagen, dass Hippias viel Gutes von ihm gesprochen, und sie versichert habe, dass er ihn weit aufgeweckter und artiger finde als er vorher gewesen, es hatte sie bedunkt, dass er mehr damit sagen wollen, als seine Worte an sich selbst gesagt hatten; sie hatte aber eben so wenig daran gedacht ihn zum Vertrauten ihrer Liebe zu machen, als sie Ursache hatte, eine Achtung zu verbergen, welche man den personlichen Verdiensten des Callias nicht versagen konne, im ubrigen hatte sie seine Munterkeit auf die Rechnung der Zeit, welche das Andenken seiner Unglucksfalle schwache, und der vollkommnern Freiheit geschrieben, die er in ihrem Hause hatte. Agathon liess sich durch diese Erzahlung nicht nur beruhigen; sondern, wie seine Einbildungskraft gewohnt war, ihn immer weiter zu fuhren, als er im Sinne hatte zu gehen, so fuhlte er sich, nachdem sie eine Zeitlang von dieser Materie gesprochen hatten, so mutig, dass er sich vornahm den Scherzen des Hippias, wofern es demselben je einfallen sollte uber seine Freundschaft mit Danae zu scherzen, in gleichem Ton zu antworten; eine Entschliessung, welche (ob er es gleich nicht gewahr wurde) in der Tat mehr Unverschamtheit voraussetzte, als selbst ein langwieriger Fortgang auf den Abwegen, auf die er verirrt war, einem Agathon jemals geben konnte.
Drittes Capitel
Convulsivische Bewegungen der wiederauflebenden
Tugend
Wenige Tage waren seit dem Besuch des Hippias verflossen; als ein Fest, welches er alle Jahre seinen Freunden zu geben pflegte, Gelegenheit machte, der schonen Danae und ihrem Freunde eine Einladung zuzusenden. Weil sie keinen guten Vorwand zu geben hatten, ihr Ausbleiben zu entschuldigen, so erschienen sie auf den bestimmten Tag, und Agathon brachte eine Lebhaftigkeit mit, welche ihm selbst Hoffnung machte, dass er sich so gut halten wurde, als es die Anfalle, die er von der Schalkhaftigkeit des Sophisten erwartete, nur immer erfordern konnten. Hippias hatte nichts vergessen, was die Pracht seines Fests vermehren konnte; und nach demjenigen, was im zweiten Buch von den Grundsatzen, der Lebensart und den Reichtumern dieses Mannes gemeldet worden, konnen unsre Leser sich so viel davon einbilden als sie wollen, ohne zu besorgen, dass wir sie durch uberflussige Beschreibungen von den wichtigern Gegenstanden, die wir vor uns haben, aufhalten wurden.
Agathon hatte uber der Tafel die Rolle eines witzigen Kopfs so gut gespielt; er hatte so fein und so lebhaft gescherzt, und bei Gelegenheiten die Ideen, wovon seine Seele damals beherrscht wurde, so deutlich verraten; dass Hippias sich nicht enthalten konnte, ihm in einem Augenblick, wo sie allein waren, seine ganze Freude daruber auszudrucken. Ich bin erfreut, Callias (sagte er zu ihm) dass du, wie ich sehe, einer von den Unsrigen worden bist. Du rechtfertigest die gute Meinung vollkommen, die ich beim ersten Anblick von dir fasste; ich sagte immer, dass einer so feurigen Seele wie die deinige, nur wurkliche Gegenstande mangelten, um ohne Muhe von den Schimaren zuruckzukommen, woran du vor einigen Wochen noch so stark zu hangen schienest. Zum Gluck fur den guten Agathon rettete ihn die Darzwischenkunft einiger Personen von der Gesellschaft, mitten in der Antwort, die er zu stottern angefangen hatte; aber aus der Unruhe, welche diese wenige Worte des Sophisten in sein Gemut geworfen hatten, konnte ihn nichts retten.
Alle Muhe, die er anstrengte, alle Zeitkurzungen, wovon er sich umgeben sah, waren zu schwach ihn wieder aus einer Verwirrung herauszuziehen, welche sogar durch den Anblick der schonen Danae vermehrt wurde. Er musste einen Anstoss von Ubelkeit vorschutzen, um sich eine Zeitlang aus der Gesellschaft wegzubegeben, um in einem entlegnen Cabinet den Gedanken nachzuhangen, deren auf einmal dahersturmende Menge ihm eine Weile alles Vermogen benahm, einen von dem andern zu unterscheiden. Endlich fasste er sich doch so weit, dass er seinem beklemmten Herzen durch dieses oft abgebrochene Selbstgesprach Luft machen konnte: Wie? Ich bin erfreut, dass du einer von den Unsrigen geworden? Ists moglich? Einer von den Seinigen? Dem Hippias ahnlich? Ihm, dessen Grundsatze, dessen Leben, dessen vermeinte Weisheit mir vor kurzem noch so viel Abscheu einflossten? Und die Verwandlung ist so gross, dass sie ihm keinen Zweifel ubrig lasst? Gutige Gotter! Wo ist euer Agathon? Ach! es ist mehr als zu gewiss, dass ich nicht mehr ich selbst bin! Wie? sind mir nicht alle Gegenstande dieses Hauses, von denen meine Seele sich ehmals mit Ekel und Grauen wegwandte, gleichgultig oder gar angenehm worden? Diese uppigen Gemalde diese schlupfrigen Nymphen diese Gesprache, worin alles, was dem Menschen gross und ehrwurdig sein soll, in ein comisches Licht gestellt wird diese Verschwendung der Zeit diese muhsam ausgesonnenen und uber die Forderung der Natur getriebenen Ergotzungen Himmel! wo bin ich? An was fur einem jahen Abhang find ich mich selbst welch einen Abgrund unter mir O Danae, Danae! hier hielt er inn, um den trostvollen Einflussen Raum zu lassen, welche dieser Name und die zauberischen Bilder, so er mit sich brachte, uber seine sich selbst qualende Seele ausbreiteten. Mit einem schleunigen Ubergang von Schwermut zu Entzukkung, durchflog sie izt alle diese Scenen von Liebe und Gluckseligkeit, welche ihr die letztverflossnen Tage zu Augenblicken gemacht hatten; und von diesen Erinnerungen mit einer innigen Wollust durchstromt, konnte sie oder wollte sie vielmehr den Gedanken nicht ertragen, dass sie in einem so beneidenswurdigen Zustand unter sich selbst heruntergesunken sein konne. Gottliche Danae, rief der arme Kranke in einem verdoppelten Anstoss des wiederkehrenden Taumels aus; wie? Kann es ein Verbrechen sein, das Vollkommenste unter allen Geschopfen zu lieben? Ist es ein Verbrechen glucklich zu sein? In diesem Ton fuhr Amor, (welchen Plato sehr richtig den grossten unter allen Sophisten nennt) desto ungehinderter fort ihm zuzureden, da ihm die Eigenliebe zu Hilfe kam, und seine Sache zu der ihrigen machte. Denn was ist unangenehmers, als sich selbst zugleich anklagen und verurteilen mussen? Und wie gerne horen wir die Stimme der sich selbst verteidigenden Leidenschaft? Wie grundlich finden wir jedes Blendwerk, womit sie die richterliche Vernunft zu einem falschen Ausspruch zu verleiten sucht? Agathon horte diese betriegliche Apologistin so gerne, dass es ihr gelang, sein Gemute wieder zu besanftigen. Er schmeichelte sich, dass ungeachtet einer Veranderung seiner Denkungsart, die er sich selbst fur eine Verbesserung zu geben suchte, der Unterscheid zwischen ihm und Hippias noch so gross, so wesentlich sei als jemals. Er verbarg seine schwache Seite hinter die Tugenden, deren er sich bewusst zu sein glaubte; und beruhigte sich endlich vollig mit einem idealischen Entwurf eines seinen eignen Grundsatzen gemassen Lebens, zu welchem er seine geliebte Danae schon genug vorbereitet glaubte, um ihr selbigen ohne langern Aufschub vorzulegen. Er kehrte nunmehr, nachdem er ungefahr eine Stunde allein gewesen war, mit einem so aufgeheiterten Gesicht zur Gesellschaft, welche sich in einem Saale des Gartens versammelt hatte, zuruck, dass Danae und Hippias selbst sich bereden liessen, seinen vorigen Anstoss einer vorubergehenden Ubelkeit zuzuschreiben. Ergotzlichkeiten folgten izt auf Ergotzlichkeiten so dicht aneinander, und so mannigfaltig, dass die uberladene Seele keine Zeit behielt sich Rechenschaft von ihren Empfindungen zu geben; und nach Gewohnheit des Landes wurde die ganze Nacht bis zum Anbruch der Morgenrote in brausenden Vergnugungen hingebracht. Die Gegenwart der liebenswurdigen Danae wurkte mit ihrer ganzen magischen Kraft auf unsern Helden, ohne verhindern zu konnen, dass er von Zeit zu Zeit in eine Zerstreuung fiel, aus welcher sie ihn, sobald sie es gewahr wurde, zu ziehen bemuht war. Die Gegenstande, welche seinen sittlichen Geschmack ehmals beleidiget hatten, waren hier zu haufig, als dass nicht mitten unter den fluchtigen Vergnugungen, womit sie gleichsam uber die Oberflache seiner Seele hinglitscheten, ein geheimes Gefuhl seiner Erniedrigung seine Wangen mit Schamrote vor sich selbst dem Vorboten der wiederkehrenden Tugend, hatte uberziehen sollen.
Dieses begegnete insonderheit bei einem pantomimischen Tanze, womit Hippias seine grosstenteils vom Bacchus gluhenden Gaste noch eine geraume Zeit nach Mitternacht vom Einschlummern abzuhalten suchte. Die Tanzerin, ein schones Madchen, welches ungeachtet seiner Jugend, schon lange in den Geheimnissen von Cythere eingeweiht war, tanzte die Fabel der Leda. Dieses beruchtigte Meisterstuck der eben so vollkommnen als uppigen Tanzkunst der Alten, von dessen Wurkungen Juvenal in einer von seinen Satyren ein so zugelloses Gemalde macht. Hippias und die meisten seiner Gaste bezeugten ein unmassiges Vergnugen uber die Art, wie seine Tanzerin diese schlupfrige Geschichte nach der wollustigen Modulation zwoer Floten, allein durch die stumme Sprache der Bewegung, von Scene zu Scene bis zur Entwicklung fortzuwinden wusste. Zeuxes, und Homer selbst, riefen sie, konnte nicht besser, nicht deutlicher mit Farben oder Worten, als die Tanzerin durch ihre Bewegungen malen. Die Damen glaubten genug getan zu haben, dass sie auf dieses Schauspiel nicht Acht zu geben schienen; aber Agathon konnte den widrigen Eindruck, den es auf ihn machte, und den innerlichen Granen, womit sein Gemut dabei erfullt wurde, kaum in sich selbst verschliessen. Er wollte wurklich etwas sagen, welches allerdings in der Gesellschaft, worin er war, ubel angebracht gewesen ware; als ein beschamter Blick auf sich selbst, und vielleicht die Furcht belacht zu werden, und den ausgelassenen Hippias zu einer allzuscharfen Rache zu reizen, seine Rede auf seinen Lippen erstickte; und weil doch die ersten Worte nun einmal gesagt waren, den vorgehabten Tadel in einen gezwungenen Beifall verwandelten. Er hatte nun keine Ruhe, bis er die schone Danae bewogen hatte, sich mit einer von ihren Freundinnen aus einer Gesellschaft wegzuschleichen, aus welcher die Grazien schamrot wegzufliehen anfingen; und sein Unwille ergoss sich wahrend dass sie nach Hause fuhren, in eine scharfe Verurteilung des verdorbenen Geschmacks des Sophisten, welche so lange dauerte, bis sie bei Anbruche des Tages wieder auf dem Landhause der Danae anlangten, um die von Ergotzungen abgemattete Natur zu derjenigen Zeit, welche zu den Geschaften des Lebens bestimmt ist, durch Ruhe und Schlummer wiederherzustellen.
Viertes Capitel
Dass Traume nicht allemal Schaume sind
Die Stoiker, dieser strenge moralische Orden, dessen Abgang der vortreffliche Prasident von Montesquieu als einen Verlust fur das menschliche Geschlecht ansieht, hatten unter andern Sonderlichkeiten, eine grosse Meinung von der Natur und Bestimmung der Traume. Sie trieben es so weit, dass sie sich die Muhe gaben, eben so grosse Bucher uber diese Materie zu schreiben, als diejenigen, womit die gelehrte Welt noch in unsern Tagen, von einigen weisen Monchen uber die erhabne Kunst, die Gespenster zu prufen und zu bannen, beschenkt worden ist. Sie teilten die Traume in mancherlei Gattungen und Arten ein, wiesen ihnen ihre geheime Bedeutungen an, gaben den Schlussel dazu, und trugen kein Bedenken, einige Arten derselben ganz zuversichtlich dem Einfluss derjenigen Geister zuzuschreiben, womit sie alle Teile der Natur reichlich bevolkert hatten. In der Tat scheinen sie sich in diesem Stuck lediglich nach einem allgemeinen Glauben, der sich von je her unter allen Volkern und Zeiten erhalten hat, gerichtet, und dasjenige in die Form einer schlussformigen Theorie gebracht zu haben, was bei ihren Grossmuttern ein sehr unsichers Gemische von Tradition, Einbildung und Blodigkeit des Geistes gewesen sein mochte. Dem sei nun wie ihm wolle, so ist gewiss, dass wir zuweilen Traume haben, in denen so viel Zusammenhang, so viel Beziehung auf unsre vergangne und gegenwartige Umstande, wiewohl allezeit mit einem kleinen Zusatz von Wunderbarem und Unbegreiflichem, anzutreffen ist; dass wir uns um jener Merkmale der Wahrheit willen geneigt finden, in diesem letztern etwas geheimnisvolles und vorbedeutendes zu suchen. Traume von dieser Art den Geistern ausser uns, oder, wie die Pythagoraer taten, einer gewissen prophetischen Kraft und Divination unsrer Seele beizumessen, welche unter dem tiefen Schlummer der Sinne bessere Freiheit habe, sich zu entwickeln: So sinnreiche Auflosungen uberlassen wir denjenigen, welche zum Besitz jener von Lucrez so enthusiastisch gepriesenen Gluckseligkeit, die Ursachen der Dinge einzusehen, in einem vollern Masse gelangt sind als wir. Indessen haben wir uns doch zum Gesetz gemacht, den guten Rat unsrer Amme nicht zu verachten, welche uns, da wir noch das Gluck ihrer einsichtsvollen Erziehung genossen, unter Anfuhrung einer langen Reihe von Familienbeispielen, ernstlich zu vermahnen pflegte, die Warnungen und Fingerzeige der Traume ja nicht fur gleichgultig anzusehen.
Agathon hatte diesen Morgen, nachdem er in einer Verwirrung von uneinigen Gedanken und Gemutsbewegungen endlich eingeschlummert war, einen Traum, den wir mit einigem Recht zu den kleinen Ursachen zahlen konnen, durch welche grosse Begebenheiten hervorgebracht worden sind. Wir wollen ihn erzahlen, wie wir ihn in unsrer Urkunde finden, und dem Leser uberlassen, was er davon urteilen will. Ihn deuchte also, dass er in einer Gesellschaft von Nymphen und Liebesgottern auf einer anmutigen Ebne sich erlustige. Danae war unter ihnen. Mit zauberischem Lacheln reichte sie ihm, wie Ariadne ihrem Bacchus, eine Schale voll Nectars, welchen er an ihren Blicken hangend mit wollustigen Zugen hinunterschlurfte. Auf einmal fing alles um ihn her zu tanzen an; er tanzte mit; ein Nebel von sussen Duften schien rings um ihn her die wahre Gestalt der Dinge zu verbergen, und tausend liebliche Gestalten gaukelten vor seiner Stirne, welche wie Seifenblasen eben so schnell zerflossen als entstunden. In diesem Taumel tanzte und hupfte er eine Zeit lang fort, bis auf einmal der Nebel und seine ganze frohliche Gesellschaft verschwand: Ihm war als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte; und da er die Augen aufschlug, sah er sich an der Spitze eines jahen Felsens, unter welchem ein reissender Strom seine sprudelnden Wellen fortwalzte. Gegen ihm uber, auf dem andern Ufer des Flusses, stand Psyche; ein schneeweisses Gewand floss zu ihren Fussen herab; ganz einsam und traurig stand sie, und heftete Blicke auf ihn, die ihm das Herz durchbohrten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, sturzte er sich in den Fluss hinab, arbeitete sich ans andre Ufer hinuber, und eilte, sich seiner Psyche zu Fussen zu werfen. Aber sie entschlupfte wie ein Schatten vor ihm her, ohne dass sie aufhorte, sichtbar zu sein; ihr Gesicht war traurig, und ihre rechte Hand wies in die Ferne, wo er die goldnen Turme und die heiligen Haine des delphischen Tempels ganz deutlich zu unterscheiden glaubte. Tranen liefen bei diesem Anblick uber seine Wangen herab; er streckte seine Arme, flehend, und von unaussprechlichen Empfindungen beklemmt, nach der geliebten Psyche aus; aber sie floh eilends von ihm weg, einer Bildsaule der Tugend zu, welche unter den Trummern eines verfallnen Tempels, einsam und unversehrt, in majestatischer Ruhe auf einem unbeweglichen Cubus stand. Psyche umarmte diese Bildsaule, warf noch einen tiefsinnigen Blick auf ihn und verschwand. Verzweifelnd wollte er ihr nacheilen, als er sich plotzlich in einem tiefen Schlamme versenket sah; und die Bestrebung, die er anwendete, sich herauszuarbeiten, war so heftig, dass er daran erwachte.
Ein Strom von Tranen, in welchen sein berstendes Herz ausbrach, war die erste Wurkung des tiefen Eindruckes, den dieser sonderbare Traum in seiner erwachten aber noch ganz von ihren Gesichten umgebnen Seele zuruckliess. Er weinte so lange und so heftig, dass sein Hauptkussen ganz davon durchnetzt wurde. Ach Psyche! Psyche! rief er von Zeit zu Zeit aus, indem er seine gerungenen Arme wie nach ihrem Bilde austreckte; und dann brach eine neue Flut aus seinen schwellenden Augen. Wo bin ich, rief er wiederum aus, und sah sich um, als ob er besturzt ware, sich in einem mit Persischen Tapeten behangnen, und von tausend Kostbarkeiten schimmernden Zimmer auf dem weichsten Ruhbette liegend zu finden O Psyche was ist aus deinem Agathon worden? O unglucklicher Tag, an dem mich die verhassten Rauber deinem Arm entrissen! Unter solchen Vorstellungen und Ausrufungen stund er auf; ging in heftiger Bewegung auf und nieder, warf sich abermal auf das Ruhbette, und blieb eine lange Zeit stumm, und mit zu Boden starrenden Blicken unbeweglich, wie in Gedanken verloren, sitzen. Endlich raffte er sich wieder auf, kleidete sich an, und stieg in die Garten herab, um in dem einsamsten Teil des Hains die Ruhe zu suchen, welche er notig hatte, uber seinen Traum, seinen gegenwartigen Zustand und die Entschliessungen, die er zu fassen habe, nachdenken zu konnen. Unter allen Bildern, welche der Traum in seinem Gemute zuruckgelassen hatte, ruhrte ihn keines lebhafter als die Vorstellung der Psyche, wie sie mit ernstem Gesicht auf den Tempel und die Haine von Delphi wies die geheiligten Orter, wo sie einander zuerst gesehen, wo sie so oft sich eine ewige Liebe geschworen, wo sie so rein, so tugendhaft sich geliebt hatten, wie sich im hohen Olymp die Unverkorperten lieben.
Diese Bilder hatten etwas so ruhrendes, und der Schmerz, womit sie ihn durchdrangen, wurde durch die lebhaftesten Erinnerungen seiner ehmaligen Gluckseligkeit so sanft gemildert, dass er eine Art von Wollust darin empfand, sich der zartlichen Wehmut zu uberlassen, wovon seine Seele dabei eingenommen wurde. Er verglich seinen izigen Zustand mit jener seligen Stille des Herzens, mit jener immer lachelnden Heiterkeit der Seele, mit jenen sanften und unschuldsvollen Freuden, zu welchen, seiner Einbildung nach, unsterbliche Zuschauer ihren Beifall gegeben hatten: Und indem er unvermerkt, anstatt die Vergleichung unparteiisch fortzusetzen, sich dem schleichenden Lauf seiner erregten Einbildungskraft uberliess; deuchte ihn nicht anders, als ob seine Seele nach jener elysischen Ruhe, wie nach ihrem angebornen Elemente, sich zurucksehne. Wenn es auch Schwarmereien waren, rief er seufzend aus, wenn es auch blosse Traume waren, in die mein halbabgeschiedner, halbvergotterter Geist sich wiegte welch eine selige Schwarmerei! Und wie viel glucklicher machten mich diese Traume, als alle die rauschenden Freuden, welche die Sinnen in einem Wirbel von Wollust dahinreissen, und wenn sie voruber sind, nichts als Beschamung und Reue, und ein schwermutiges Leeres im unbefriedigten Geist zurucklassen!
Vielleicht werden unsre Leser aus demjenigen, was damals in dem Gemute unsers Helden vorging, sich viel Gutes fur seine Wiederkehr zur Tugend weissagen. Aber mit Bedauern mussen wir gestehen, dass sich eine andre Seele in seinem Inwendigen erhob, welche die Wurkung dieser guten Regungen in kurzem wieder unkraftig machte; es sei nun, dass es die Stimme der Natur oder der Leidenschaft war, oder dass beide sich vereinigten, ihn ohne Abbruch seiner Eigenliebe wieder mit sich selbst und dem Gegenwartigen auszusohnen.
In der Tat war es bei der Lebhaftigkeit, welche alle Ideen und Gemutsbewegungen dieses sonderbaren Menschens charakterisierte, kaum moglich, dass der uberspannte Affect, worin wir ihn gesehen haben, von langer Dauer hatte sein konnen. Die Starke seiner Empfindungen rieb sich an sich selbst ab; seine Einbildungskraft pflegte in solchen Fallen so lange in geradem Lauf fortzuschiessen, bis sie sich genotiget fand, wieder umzukehren. Er fing nun an, sich zu uberreden, dass mehr Schwarmerei als Wahrheit und Vernunft in seiner Betrubnis sei; er glaubte bei naherer Vergleichung zu finden, dass seine Leidenschaft fur Danae durch die Vollkommenheit des Gegenstands ganzlich gerechtfertiget wurde, und so vorzuglich ihm kurz zuvor die Gluckseligkeit seines delphischen Lebens, und die unschuldigen Freuden der ersten noch unerfahrnen Liebe geschienen hatten; so unwesentlich fand er sie izt in Vergleichung mit demjenigen, was ihn die schone Danae in ihren Armen hatte erfahren lassen. Das blosse Andenken daran setzte sein Blut in Feuer, und seine Seele in Entzuckung; seine angestrengteste Einbildung erlag unter der Bestrebung eine vollkommnere Wonne zu erfinden.
Psyche schien ihm izt, so liebenswurdig sie immer sein mochte, zu nichts anderm bestimmt gewesen zu sein, als die Empfindlichkeit seines Herzens zu entwickeln, um ihn fahig zu machen, die Vorzuge der unvergleichlichen Danae zu empfinden. Er schrieb es einem Ruckfall in seine ehmalige Schwarmerei zu, dass er sich durch einen Traum, welchen er mit aller seiner sonderbaren Beschaffenheit, doch fur nichts mehr als ein Spiel der Phantasie halten konnte, in so heftige Bewegungen hatte setzen lassen. Das einzige, was ihn noch beunruhigte, war der Vorwurf der Untreue gegen seine einst so zartlich geliebte und so zartlich wieder liebende Psyche. Allein die Unmoglichkeit von der unwiderstehlichen Danae nicht uberwunden zu werden; (ein Punct, wovon er so vollkommen als von seinem eignen Dasein uberzeugt zu sein glaubte;) der Verlust aller Hoffnung, Psyche jemals wieder zu finden, (welchen er, ohne genauere Untersuchung, fur ausgemacht annahm,) beides schien ihm gegen diesen Vorwurf von grossem Gewicht zu sein; und um sich desselben ganzlich zu entledigen, geriet er endlich gar auf den Gedanken, dass seine Verbindung mit Psyche mehr die Liebe eines Bruders zu einer Schwester, eine blosse Liebe der Seelen, als dasjenige gewesen sei, was im eigentlichen Sinn Liebe genennt werden sollte; eine Entdeckung, die ihm bei Vergleichung der Symptomen dieser beiden Arten von Liebe, unwidersprechlich zu sein deuchte. Diese Vorstellungen stiegen nach und nach, zumal an einem Orte, wo jede schattichte Laube, jede Blumenbank, jede Grotte, ein Zeuge genossner Gluckseligkeiten war, zu einer solchen Lebhaftigkeit, dass sie eine Art von Ruhe in seinem Gemute wieder herstellten; wenn anders die Verblendung eines Kranken, der in der Hitze seines Fiebers gesund zu sein wahnt, diesen Namen verdienen kann. Doch verhinderten sie nicht, dass, diesen ganzen Tag uber, ein Eindruck von Schwermut und Traurigkeit in seinem Gemute zuruckblieb; die Bilder der Psyche und der Tugend, welche er so lange gewohnt gewesen war zu vermengen, stellten sich immer wieder vor seine Augen; umsonst suchte er sie durch Zerstreuungen zu entfernen; sie uberraschten ihn in seinen Arbeiten, und beunruhigten ihn in seinen Ergotzungen; er suchte ihnen auszuweichen, der Ungluckliche! und wurde nicht gewahr, dass eben dieses ein vollstandiger Beweis sei, dass es nicht so richtig mit ihm stehe, als er sich selbst zu uberreden suchte.
Funftes Capitel
Ein starker Schritt zu einer Catastrophe
Danae liebte zu zartlich, als dass ihr der stille Kummer, der eine wiewohl anmutige Dusternheit uber das schone Gesicht unsers Helden ausbreitete, hatte unbemerkt bleiben konnen; aber aus eben diesem Grunde war sie zu schuchtern, ihn voreilig um die Ursache einer so unerwarteten Veranderung zu befragen. Es war leicht zu sehen, dass sein Herz leiden musse; aber mit aller Scharfsichtigkeit, welche den Augen der Liebe eigen ist, konnte sie doch nicht mit sich selbst einig werden, was die Ursache davon sein konne. Ihr erster Gedanke war, dass ihm vielleicht ein zu weit getriebner Scherz des boshaften Hippias anstossig gewesen sein mochte. Allein was auch Hippias gesagt haben konnte, schien ihr nicht genugsam, eine so tiefe Wunde zu machen, als sie in seinem Herzen zu sehen glaubte. Das Interesse ihres eignen brachte sie bald auf einen andern Gedanken, dessen sie vermutlich nicht fahig gewesen ware, wenn ihre Liebe nicht die Eitelkeit uberwogen hatte, welche bei den meisten Schonen die wahre Quelle dessen ist, was sie uns fur Liebe geben wollen. Wie, wenn seine Liebe zu erkalten anfinge; sagte sie zu sich selbst erkalten? Himmel! wenn das moglich ist, so werde ich bald gar nicht mehr geliebt sein. Dieser Gedanke war zu entsetzlich fur ein so vollig eingenommenes Herz, als dass sie ihn sogleich hatte verbannen konnen wie bescheiden macht die wahre Liebe! Sie, welche gewohnt gewesen war, in allen Augen die Wurkungen ihres alles besiegenden Reizes zu sehen; sie, welche unter den Vollkommensten ihres Geschlechts nicht Eine kannte, von der sie jemals in dem sussen Bewusstsein ihrer Vorzuglichkeit nur einen Augenblick gestort worden ware mit einem Wort Danae fing an mit Zittern sich selbst zu fragen: ob sie auch liebenswurdig genug sei, das Herz eines so ausserordentlichen Mannes in ihren Fesseln zu behalten? Und wenn gleich die Eigenliebe sie von Seiten ihres personlichen Wertes hieruber beruhigte; so war sie doch nicht ohne Sorgen, dass in ihrem Betragen etwas gewesen sein mochte, wodurch das Sonderbare in seiner Denkungsart, oder die ekle Zartlichkeit seiner Empfindungen hatte beleidiget werden konnen. Hatte sie ihm nicht zuviel Beweise von ihrer Liebe gegeben? Hatte sie ihm seinen Sieg nicht schwerer machen sollen? War es sicher, ihn die ganze Starke ihrer Leidenschaft sehen zu lassen, und sich wegen der Erhaltung seines Herzens allein auf die ganzliche Dahingebung des Ihrigen zu verlassen? Diese Fragen waren weder spitzfundig noch so leicht zu beantworten, als manches gute Ding sich einbildet, dem man eine ewige Liebe geschworen hat, und dessen geringster Kummer nun ist, ob man ihr werde Wort halten konnen. Die schone Danae kannte die Wichtigkeit derselben in ihrem ganzen Umfange; und alles was sie sich selbst daruber sagen konnte, stellte sie doch nicht so zufrieden, dass sie nicht fur notig befunden hatte, einen gelegnen Augenblick zu belauschen, um sich uber alle ihre Zweifel ins Klare zu setzen; im ubrigen sehr uberzeugt, dass es ihr nicht an Mitteln fehlen werde, dem entdeckten Ubel zu helfen, es mochte nun auch bestehen, worin es immer wollte. Agathon ermangelte nicht, ihr noch an dem namlichen Tag Gelegenheit dazu zu geben.
Schwermut und Traurigkeit machen die Seele nach und nach schlaff, und eroffnen sie allen weichen und zartlichen Regungen. Dieser Satz ist so wahr, dass tausend Liebesverbindungen in der Welt keinen andern Ursprung haben. Ein Liebhaber verliert einen Gegenstand, den er anbetet; er ergiesst seine Klagen in den Busen einer Freundin, fur deren Reizungen er bisher vollkommen gleichgultig gewesen war Sie bedauert ihn; er findet sich dadurch erleichtert, dass er sich frei und ungehindert beklagen kann; und die Schone ist erfreut, dass sie Gelegenheit hat, ihr gutes Herz zu zeigen: Ihr Mitleiden ruhrt ihn, und erregt seine Aufmerksamkeit: Sobald eine Frauensperson zu interessieren anfangt, sobald entdeckt man Reizungen an ihr: Die Regungen, worin beide sich befinden, sind der Liebe gunstig; sie verschonern die Freundin, und blenden die Augen des Freundes: Uberdem sucht der Schmerz naturlicher Weise eine Zerstreuung, und ist geneigt sich an alles zu hangen, was ihm Trost und Linderung verspricht: Eine dunkle Ahnung neuer Vergnugungen; der Anblick eines Gegenstands, der solche geben kann; die gunstige Gemutsstellung, worin man denselben sieht, auf der Einen die Eitelkeit, diese grosse Treibfeder des weiblichen Herzens; das Vergnugen, so zu sagen, einen Sieg uber eine Nebenbuhlerin davon zu tragen, indem man liebenswurdig genug ist, ihren Verlust zu ersetzen; die Begierde, selbst ihr Andenken auszuloschen; vielleicht, auch die Gutherzigkeit der menschlichen Natur, und das Vergnugen glucklich zu machen, auf der andern Seite wie viel Umstande, welche sich vereinigen, unvermerkt den Freund in einen Liebhaber, und die Vertraute in die Hauptperson eines neuen Romans zu verwandeln.
In einer Gemutsverfassung von dieser Art befand sich Agathon, als Danae, welche vernommen hatte, dass er den ganzen Abend in der einsamsten Gegend des Gartens zugebracht, sich nicht mehr zuruckhalten konnte ihn aufzusuchen. Sie fand ihn mit halbem Leib auf einer grunen Bank liegen, das Haupt unterstutzt, und so zerstreut, dass sie eine Weile vor ihm stand, ehe er sie gewahr wurde. Du bist traurig, Callias, sagte sie endlich mit einer geruhrten Stimme, indem sie Augen voll mitleidender Liebe auf ihn heftete. Kann ich traurig sein, wenn ich dich sehe? erwiderte Agathon, mit einem Seufzer, welcher seine Frage zu beantworten schien. Auch gab ihm Danae keine Antwort auf ein so verbindliches Compliment, sondern fuhr fort, ihn stillschweigend, aber mit einem Gesicht voll Seele, und Augen die voller Wasser standen, anzusehen. Er richtete sich auf, und sahe sie eine Weile an, als ob er bis in den Grund ihrer Seele schauen wollte. Ihre Herzen schienen durch ihre Blicke in einander zu zerfliessen. Liebest du mich, Danae? fragte endlich Agathon mit einer von Zartlichkeit und Wehmut halberstickten Stimme, indem er einen Arm um sie schlang, und fortfuhr sie mit wassrichten Augen anzusehen. Sie schwieg eine Zeit lang. Ob ich dich liebe? War alles was sie sagen konnte; aber der Ausdruck, der Ton, womit sie es sagte, hatte durch alle Beredsamkeit des Demosthenes nicht ersetzt werden konnen. Ach Danae! (erwidert Agathon) ich frage nicht, weil ich zweifle Kann ich eine Versichrung, von welcher das ganze Gluck meines Lebens abhangt, zu oft von diesen geliebten Lippen empfangen? Wenn du mich nicht liebtest wenn du aufhoren konntest mich zu lieben Was fur Gedanken, mein liebster Callias? unterbrach sie ihn: Wie elend war ich, wenn du sie in deinem Herzen fandest wenn dieses dir sagte, dass eine Liebe wie die unsrige aufhoren konne? Ein ubelverhehlter Seufzer war alles was er antworten konnte. Du bist traurig, Callias, fuhr sie fort; ein geheimer Kummer bricht aus allen deinen Zugen hervor Du begreifst nicht, nein, du begreifst nicht, was ich leide, dich traurig zu sehen, ohne die Ursache davon zu wissen. Wenn mein Vermogen, wenn meine Liebe, wenn mein Leben selbst hinlanglich ist, sie von dir zu entfernen, mein Geliebter, o! so verzogre keinen Augenblick, dein Innerstes mir aufzuschliessen Der Ausdruck, die Blicke, der Ton der Stimme, womit sie dieses sagte, ruhrte den gefuhlvollen Agathon bis zu sprachloser Entzuckung. Er wand seine Arme um sie, druckte sein Gesicht auf ihre klopfende Brust, und konnte lange nur durch die Tranen reden, womit er sie benetzte.
Nichts ist ansteckenders als der Affect einer in Empfindung zerfliessenden Seele. Danae, ohne die Ursach aller dieser Bewegungen zu wissen, wurde so sehr von dem Zustand geruhrt, worin sie ihren Liebhaber sah, dass sie eben so sprachlos als er selbst, sympathetische Tranen mit den Seinigen vermischte. Diese Scene, welche fur den gleichgultigen Leser nicht so interessant sein kann, als sie es fur unsre Verliebten war, dauerte eine ziemliche Weile. Endlich fasste sich Agathon, und sagte in einer von diesen zartlichen Ergiessungen der Seele, an welchen die Uberlegung keinen Anteil hat, und worin man keine andre Absicht hat als ein volles Herz zu erleichtern: Ich liebe dich zu sehr, unvergleichliche Danae, und fuhle zu sehr, dass ich dich nicht genug lieben kann, um dir langer zu verhehlen, wer dieser Callias ist, den du, ohne ihn zu kennen, deines Herzens wurdig geachtet hast. Ich will dir das Geheimnis meines Namens und die ganze Geschichte meines Lebens, so weit ich in selbiges zuruckzusehen vermag, entdekken; und wenn du alles wissen wirst ich weiss es, dass ich einer so grossen Seele, wie die deinige, alles entdecken darf- Denn wirst du vielleicht naturlich finden, dass der fluchtigste Zweifel, ob es moglich sein konne deine Liebe zu verlieren, hinlanglich ist, mich elend zu machen. Danae stutzte, wie man sich vorstellen kann, bei einer so unerwarteten Vorrede; sie sah unsern Helden so aufmerksam an, als ob sie ihn noch nie gesehen hatte, und verwunderte sich izt uber sich selbst, dass ihr nicht langst in die Augen gefallen war, dass weit mehr unter ihrem Liebhaber verborgen sei, als die Nachrichten des Hippias, und die Umstande, worin sich ihre Bekanntschaft angefangen, vermuten liessen. Sie dankte ihm auf die zartlichste Art fur die Probe eines vollkommnen Zutrauens, welche er ihr geben wolle, und nach einigen vorbereitenden Liebkosungen, womit sie ihre Dankbarkeit bestatigte, fing Agathon die folgende Erzahlung an:
Siebentes Buch
Erstes Capitel
Die erste Jugend des Agathons
Ich war schon achtzehn Jahre alt, eh ich denjenigen kannte, dem ich mein Dasein zu danken habe. Von der ersten Kindheit an, in den Hallen des delphischen Tempels erzogen, war ich gewohnt, die Priester des Apollo mit diesen kindlichen Empfindungen anzusehen, welche das erste Alter uber alle, die fur unsre Erhaltung Sorge tragen, zu ergiessen pflegt. Ich war noch ein kleiner Knabe, als ich schon mit dem geheiligten Gewand, welches die jungen Diener des Gottes von den Sclaven der Priester unterschied, bekleidet, und zum Dienst des Tempels, wozu ich gewidmet war, zubereitet wurde.
Wer Delphi gesehen hat, wird sich nicht verwundern, dass ein Knabe von gefuhlvoller Art, der beinahe von der Wiegen an daselbst erzogen worden, unvermerkt eine Gemutsbildung bekommen muss, welche ihn von den gowohnlichen Menschen unterscheidet. Ausser der besondern Heiligkeit, welche ein uraltes Vorurteil und die geglaubte Gegenwart des Pythischen Gottes der ganzen delphischen Landschaft beigelegt hat, war in den Bezirken des Tempels selbst kein Platz, der nicht von irgend einem ehrwurdigen oder glanzenden Gegenstand erfullt, oder durch das Andenken irgend eines Wunders verherrlichet war. Wie nun der Anblick so vieler wundervoller Dinge das erste war, woran meine Augen gewohnt wurden: So war die Erzahlung wunderbarer Begebenheiten die erste mundliche Unterweisung, die ich von meinen Vorgesetzten erhielt; eine Art von Unterricht, den ich notig hatte, weil es ein Teil meines Berufs sein sollte, den Fremden, von welchen der Tempel immer angefullt war, die Gemalde, die Schnitzwerke und Bilder, und den unsaglichen Reichtum von Geschenken, wovon die Hallen und Gewolbe desselben schimmerten, zu erklaren.
Fur ungewohnte Augen ist vielleicht nichts blendenders als der Anblick eines von so vielen Konigen, Stadten und reichen Particularen in ganzen Jahrhunderten zusammengehauften Schatzes von Gold, Silber, Edelsteinen, Perlen, Elfenbein und andern Kostbarkeiten: Fur mich, der dieses Anblicks gewohnt war, hatte die bescheidne Bildsaule eines Solon mehr Reiz, als alle diese schimmernde Tropheen einer aberglaubischen Andacht, welche ich gar bald mit eben der verachtenden Gleichgultigkeit ansahe, womit ein Knabe die Puppen und Spielwerke seiner Kindheit anzusehen pflegt. Noch unfahig, von den Verdiensten und dem wahren Wert der vergotterten Helden mir einen echten Begriff zu machen, stand ich oft vor ihren Bildern, und fuhlte, indem ich sie betrachtete, mein Herz mit geheimen Empfindungen ihrer Grosse und mit einer Bewundrung erfullt, wovon ich keine andre Ursache als mein innres Gefuhl hatte angeben konnen. Einen noch starkern Eindruck machte auf mich die grosse Menge von Bildern der verschiednen Gottheiten, unter welchen unsre Voreltern die erhaltenden Krafte der Natur, die manchfaltigen Vollkommenheiten des menschlichen Geistes und die Tugenden des geselligen Lebens personificiert haben, und wovon ich im Tempel und in den Hainen von Delphi mich allenthalben umgehen fand. Meine damalige Erfahrung, schone Danae, hat mich seitdem oftmals auf die Betrachtung geleitet, wie gross der Beitrag sei, welchen die schonen Kunste zu Bildung des sittlichen Menschen tun konnen; und wie weislich die Priester der Griechen gehandelt, da sie die Musen und Grazien, deren Lieblinge ihnen so grosse Dienste getan, selbst unter die Zahl der Gottheiten aufgenommen haben. Der wahre Vorteil der Religion, in so fern sie eine besondere Angelegenheit des priesterlichen Ordens ist, scheinet von der Starke der Eindrucke abzuhangen, die wir in denjenigen Jahren empfangen, worin wir noch unfahig sind, Untersuchungen anzustellen. Wurden unsre Seelen in Absicht der Gotter und ihres Dienstes von der Kindheit an leere Tafeln gelassen, und anstatt der unsichern und verworrenen aber desto lebhaftern Begriffe, welche wir durch Fabeln und Wunder-Geschichten, und in etwas zunehmendem Alter durch die Musik und die abbildenden Kunste von den ubernaturlichen Gegenstanden bekommen, allein mit den unverfalschten Eindrucken der Natur und den Grundsatzen der Vernunft uberschrieben; so ist sehr zu vermuten, dass der Aberglaube noch grossere Muhe haben wurde, die Vernunft als, in dem Falle, worin die meisten sich befinden, die Vernunft Muhe hat, den Aberglauben von der einmal eingenommenen Herrschaft zu verdrangen. Der grosste Vorteil, den dieser uber jene hat, hanget davon ab, dass er ihr zuvorkommt. Aber wie leicht wird es ihm alsdenn sich einer noch unmundigen Seele zu bemeistern, wenn alle diese zauberische Kunste, welche die Natur im Nachahmen selbst zu ubertreffen scheinen, ihre Krafte vereinigen, die entzuckten Sinnen zu uberraschen? Wie naturlich muss es demjenigen werden die Gottheit des Apollo zu glauben, ja endlich sich zu bereden, dass er ihre Gegenwart und Einflusse fuhle, der in einem Tempel aufgewachsen ist, dessen erster Anblick das Werk und die Wohnung eines Gottes ankundet? Demjenigen, der gewohnt ist den Apollo eines Phidias vor sich zu sehen, und das mehr als menschliche, welches die Kenner so sehr bewundern, der Natur des Gegenstands, nicht dem schopferischen Geiste des Kunstlers zuzuschreiben?
So viel ich die Natur unsrer Seele kenne, deucht mich, dass sich in einer jeden, die zu einem gewissen Grade von Entwicklung gelangt, nach und nach ein gewisses idealisches Schone bilde, welches (auch ohne dass man sich's bewusst ist) unsern Geschmack und unsre sittliche Urteile bestimmt, und das Modell abgibt, wornach unsre Einbildungskraft die besondern Bilder dessen was wir gross, schon und vortrefflich nennen, zu entwerfen scheint. Dieses idealische Modell formiert sich (wie mich izo wenigstens deucht, nachdem neue Erfahrungen mich auf neue oder erweiterte Betrachtungen geleitet haben) aus der Beschaffenheit und dem Zusammenhang der Gegenstande, worin wir zu leben anfangen.
Daher (wie die Erfahrung zu bestatigen scheint) so viele besondere Denk- und Sinnesarten als man verschiedene Erziehungen und Stande in der menschlichen Gesellschaft antrifft. Daher der Spartanische Heldenmut, die Attische Urbanitat, und der aufgedunsene Stolz der Asiaten; daher die Verachtung des Geometers fur den Dichter, oder des speculierenden Kaufmanns gegen die Speculationen des Gelehrten, die ihm unfruchtbar scheinen, weil sie sich in keine Darici verwandeln wie die seinigen; daher der grobe Materialismus des plumpen Handwerkers, der rauhe Ungestum des Seefahrers, die mechanische Unempfindlichkeit des Soldaten, und die einfaltige Schlauheit des Landvolks; daher endlich, schone Danae, die Schwarmerei, welche der weise Hippias deinem Callias vorwirft; diese Schwarmerei, die ich vielleicht in einem minder erhabnen Licht sehe, seitdem ich ihre wahre Quelle entdeckt zu haben glaube; aber die ich nichts desto weniger fur diejenige Gemutsbeschaffenheit halte, welche uns, unter den notigen Einschrankungen, glucklicher als irgend eine andre machen kann.
Du begreifest leicht, schone Danae, dass unter lauter Gegen- standen, welche uber die gewohnliche Natur erhaben, und selbst schon idealisch sind, jenes phantastische Modell, dessen ich vorhin erwahnte, in einem so ungewohnlichen Grade abgezogen und uberirdisch werden musste, dass bei zunehmendem Alter alles was ich wurklich sah, weit unter demjenigen war, was sich meine Einbildungskraft zu sehen wunschte. In dieser Gemutsverfassung war ich, als einer von den Priestern zu Delphi aus Absichten, welche sich erst in der Folg' entwickelten, es ubernahm, mich in den Geheimnissen der Orphischen Philosophie einzuweihen; der einzigen, die von unsern Priestern hochgeachtet wurde, weil sie die Vernunft selbst auf ihre Partei zu ziehen, und den Glauben von dessen unbeweglichem Ansehen das ihrige abhing, einen festern Grund als die Tradition und die Fabeln der Dichter, zu geben schien.
Nichts, was ich jemals empfunden habe, gleicht der Entzuckung, in die ich hingezogen wurde, als ich in den Handen dieses Egyptiers, der die geheime Gotterlehre seiner Nation zu uns gebracht hat, in das Reich der Geister eingefuhrt, und zu einer Zeit, da die erhabensten Gemalde Homers und Pindars ihren Reiz fur mich verloren hatten, mitten in der materiellen Welt mir eine Neue, mit lauter unsterblichen Schonheiten erfullt, und von lauter Gottern bewohnt, eroffnet wurde.
Das Alter, worin ich damals war, ist dasjenige, worin wir, aus dem langen Traum der Kindheit erwachend, uns selbst zuerst zu finden glauben, die Welt um uns her mit erstaunten Augen betrachten, und neugierig sind, unsre eigne Natur und den Schauplatz, worauf wir uns ohn unser Zutun versetzt sehen, kennen zu lernen. Wie willkommen ist uns in diesem Alter eine Philosophie, welche den Vorteil unsrer Wissensbegierde mit dieser Neigung zum Wunderbaren und dieser arbeitscheuen Fluchtigkeit, welche der Jugend eigen sind, vereiniget, welche alle unsre Fragen beantwortet, alle Ratsel erklart, alle Aufgaben aufloset; eine Philosophie, welche destomehr mit dem warmen und gefuhlvollen Herzen der Jugend sympathisiert, weil sie alles Unempfindliche und Tote aus der Natur verbannet, und jeden Atom der Schopfung mit lebenden und geistigen Wesen bevolkert, jeden Punct der Zeit mit verborgnen Begebenheiten und grossen Scenen befruchtet, welche fur kunftige Ewigkeiten heranreifen; ein System, welches die Schopfung so unermesslich macht, als ihr Urheber ist, welches uns in der anscheinenden Verwirrung der Natur eine majestatische Symmetrie, in der Regierung der moralischen Welt einen unveranderlichen Plan, in der unzahlbaren Menge von Classen und Geschlechtern der Wesen einen einzigen Staat, in den verwickelten Bewegungen aller Dinge einen allgemeinen Richtpunct, in unsrer Seele einen kunftigen Gott, in der Zerstorung unsers Corpers die Wiedereinsetzung in unsre ursprungliche Vollkommenheit, und in dem nachtvollen Abgrund der Zukunft helle Aussichten in grenzenlose Wonne zeigt? Ein solches System ist zu schon an sich selbst, zu schmeichelhaft fur unsern Stolz, unsern innersten Wunschen und wesentlichsten Trieben zu angemessen, als dass wir es in einem Alter, wo alles Grosse und Ruhrende so viel Macht uber uns hat, nicht beim ersten Anblick wahr finden sollten. Vermutungen und Wunsche werden hier zu desto starkern Beweisen, da wir in dem blossen Anschauen der Natur zuviel Majestat, zuviel Geheimnisreiches und Gottliches zu sehen glauben, um besorgen zu konnen, dass wir jemals zu gross von ihr denken mochten. Und, soll ich dirs gestehen, schone Danae? Selbst izt, da mich gluckliche Erfahrungen das Schwarmende und Unzuverlassige dieser Art von Philosophie gelehrt haben, fuhle ich mit einer innerlichen Gewalt, die sich gegen jeden Zweifel emport, dass diese Ubereinstimmung mit unsern edelsten Neigungen, welche ihr das Wort redet, der rechte Stempel der Wahrheit ist, und dass selbst in diesen Traumen, welche dem materialischen Menschen so ausschweifend scheinen, fur unsern Geist mehr Wurklichkeit, mehr Unterhaltung und Aufmunterung, eine reichere Quelle von ruhiger Freude und ein festerer Grund der Selbstzufriedenheit liegt, als in allem was die Sinne uns angenehmes und Gutes anzubieten haben. Doch ich erinnere mich, dass es die Geschichte meiner Seele, und nicht die Rechtfertigung meiner Denkensart ist, wozu ich mich anheischig gemacht habe. Es sei also genug, wenn ich sage, dass die Lehrsatze des Orpheus und des Pythagoras, von den Gottern, von der Natur, von unsrer Seele, von der Tugend, und von dem was das hochste Gut des Menschen ist, sich meines Gemuts so ganzlich bemeisterten, dass alle meine Begriffe nach diesem Urbilde gemodelt, alle meine Reizungen davon beseelt, und mein ganzes Betragen, so wie alle meine Entwurfe fur die Zukunft, mit dem Plan eines nach diesen Grundsatzen abgemessenen Lebens, dessen Beurteilung mich unaufhorlich in mir selbst beschaftigte, ubereinstimmig waren.
Zweites Capitel
En animam & mentem cum qua Di nocte loquantur! Der Priester, der sich zu meinem Mentor aufgeworfen hatte, schien uber den ausserordentlichen Geschmack, den ich an seinen erhabnen Unterweisungen fand, sehr vergnugt zu sein, und ermangelte nicht, meinen Enthusiasmus bis auf einen Grad zu erhohen, welcher mich, seiner Meinung nach, alles zu glauben und alles zu leiden fahig machen musste. Ich war zu jung und zu unschuldig, um das kleinste Misstrauen in seine Bemuhungen zu setzen, bei welchen die Aufrichtigkeit meines eignen Herzens die edelsten Absichten voraussetzte. Er hatte die Vorsicht gebraucht, es so einzuleiten, dass ich endlich aus eigner Bewegung auf die Frage geraten musste, ob es nicht moglich sei, schon in diesem Leben mit den hohern Geistern in Gemeinschaft zu kommen? Dieser Gedanke beschaftigte mich lange bei mir selbst; ich fand moglich, was ich mit der grossesten Lebhaftigkeit wunschte. Die Geschichte der ersten Zeiten schien meine Hoffnung zu bestatigen. Die Gotter hatten sich den Menschen bald in Traumen, bald in Erscheinungen entdeckt; verschiedene waren so gar glucklich genug gewesen, Gunstlinge der Gotter zu sein. Hier kam mir Ganymed, Endymion und so viele andre zu statten, welche von Gottheiten geliebt worden waren. Ich gab demjenigen, was die Dichter davon erzahlen, eine Auslegung, welche den erhabenen Begriffen gemass war, die ich von den hohern Wesen gefasset hatte; die Schonheit und Reinigkeit der Seele, die Abgezogenheit von den Gegenstanden der Sinne, die Liebe zu den unsterblichen und ewigen Dingen, schien mir dasjenige zu sein, was diese Personen den Gottern angenehm, und zu ihrem Umgang geschickt gemacht hatte. Ich entdeckte endlich dem Theogiton (so hiess der Priester) meine lange geheim gehaltene Gedanken. Er erklarte sich auf eine Art daruber, welche meine Neubegierde rege machte, ohne sie zu befriedigen; er liess mich merken, dass dieses Geheimnisse seien, welche er Bedenken trage, meiner Jugend anzuvertrauen: Doch sagte er mir, dass die Moglichkeit der Sache keinem Zweifel unterworfen sei, und bezauberte mich ganz mit dem Gemalde, so er mir von der Gluckseligkeit derjenigen machte, welche von den Gottern wurdig geachtet wurden, zu ihrem geheimen Umgang zugelassen zu werden. Die geheimnisvolle Mine, die er annahm, so bald ich nach den Mitteln hiezu zu gelangen fragte, bewog mich, den Vorsatz zu fassen, zu warten, bis er selbst fur gut finden wurde, sich deutlicher zu entdecken. Er tat es nicht; aber er machte so viele Gelegenheiten, meine erregte Neugierigkeit zu entflammen, dass ich mich nicht lange enthalten konnte, neue Fragen zu tun. Endlich fuhrte er mich einsmals tief im geheiligten Hain des Apollo in eine Grotte, welche ein uralter Glaube der Bewohner des Landes von den Nymphen bewohnt glaubte, deren Bilder, aus Cypressenholz geschnitzt, in Blinden von Muschelwerk das Innerste der Hohle zierten.
Hier liess er mich auf eine bemooste Bank niedersitzen, und fing nach einer viel versprechenden Vorrede an, mir, wie er sagte, das geheime Heiligtum der gottlichen Philosophie des Hermes und Orpheus aufzuschliessen. Unzahliche religiose Waschungen, und eine Menge von Gebeten, Raucherungen und andre geheimen Anstalten mussten vorhergehen, einen noch in irdische Glieder gefesselten Geist zum Anschauen der himmlischen Naturen vorzubereiten. Und auch alsdenn wurde unser sterblicher Teil den Glanz der gottlichen Vollkommenheit nicht ertragen, sondern (wie die Dichter unter der Geschichte der Semele zu erkennen gegeben) ganzlich davon verzehrt und vernichtet werden, wenn sie sich nicht mit einer Art von korperlichem Schleier umhullen, und durch diese Herablassung uns nach und nach fahig machen wurden, sie endlich selbst, entkorpert und in ihrer wesentlichen Gestalt anzuschauen. Ich war einfaltig genug alle diese vorgegebene Geheimnisse fur echt zu halten; ich horte dem ernsten Theogiton mit einem heiligen Schauer zu, und machte mir seine Unterweisungen so wohl zu Nutze, dass ich Tag und Nacht an nichts anders dachte als an die ausserordentliche Dinge, wovon ich in kurzem die Erfahrung bekommen wurde.
Du kannst dir einbilden, Danae, ob meine Phantasie in dieser Zeit mussig war. Ich wurde nicht fertig werden, wenn ich alles beschreiben wollte, was damals in ihr vorging, und mit welch einer Zauberei sie mich in meinen Traumen bald in die glucklichen Inseln, welche Pindar so prachtig schildert, bald zum Gastmahl der Gotter, bald in die Elysischen Taler, der Wohnung seliger Schatten, versetzte.
So seltsam es klingt, so gewiss ist es doch, dass die Krafte der Einbildung dasjenige weit ubersteigen, was die Natur unsern Sinnen darstellt: Sie hat etwas glanzenders als Sonnenglanz, etwas lieblichers als die sussesten Dufte des Fruhlings zu ihren Diensten, unsre innern Sinnen in Entzuckung zu setzen; sie hat neue Gestalten, hohere Farben, vollkommnere Schonheiten, schnellere Veranstaltungen, eine neue Verknupfung der Ursachen und Wurkungen, eine andere Zeit kurz, sie erschafft eine neue Natur, und versetzt uns in der Tat in fremde Welten, welche nach ganz andern Gesetzen als die unsrige regiert werden. In unsrer ersten Jugend sind wir noch zu unbekannt mit den Triebfedern unsers eignen Wesens, um deutlich einzusehen, wie sehr diese scheinbare Magie der Einbildungskraft in der Tat naturlich ist. Wenigstens war ich damals leichtglaubig genug, Traume von dieser Art, ubernaturlichen Einflussen beizumessen, und sie fur Vorboten der Wunderdinge zu halten, welche ich bald auch wachend zu erfahren hoffte.
Einsmals, als ich nach der Vorschrift des Theogitons acht Tage lang mit geheimen Ceremonien und Weihungen, und in einer unablassigen Anstrengung mein Gemut von allen ausserlichen Gegenstanden abzuziehen, zugebracht hatte, und mich nunmehr berechtiget hielt, etwas mehr zu erwarten, als was mir bisher begegnet war, begab ich mich in spater Nacht, da alles schlief, in die Grotte der Nymphen, und nachdem ich eine Menge von schwulstigen Liedern und Anrufungsformeln hergesagt hatte, legte ich mich, mit dem Angesicht gegen den vollen Mond gekehrt, welcher eben damals in die Grotte schien, auf die Ruhebank zuruck, und uberliess mich der Vorstellung, wie mir sein wurde, wenn Luna aus ihrer Silbersphare herabsteigen, und mich zu ihrem Endymion machen wurde. Mitten in diesen ausschweifenden Vorstellungen, unter denen ich allmahlich zu entschlummern anfing, weckte mich plotzlich ein liebliches Geton, welches in einiger Entfernung uber mir zu schweben schien, und wie ich bald erkannte, aus derjenigen Art von Saitenspiel erklang, welche man dem Apollo zuzueignen pflegt. Einem naturlich gestimmten Menschen wurde gedeucht haben, er hore ein gutes Stuck von einer geschickten Hand ausgefuhrt; und so hatte er sich nicht betrugen konnen. Aber in der Verfassung, worin ich damals war, hatte ich vielleicht das Gequake eines Chors von Froschen fur den Gesang der Musen gehalten. Die Musik, die ich horte, ruhrte, fesselte, entzuckte mich; sie ubertraf, meiner eingebildeten Empfindung nach (denn die Phantasie hat auch ihre Empfindungen,) alles was ich jemals gehort hatte, nur Apollo, der Vater der Harmonie, dessen Laute die Spharen ihre Gotteo uberirdische Tone hervorbringen. Meine Seele schien davon wie aus ihrem Leibe emporgezogen zu werden, und, lauter Ohr, uber den Wolken zu schweben; als diese Musik plotzlich aufhorte, und mich in einer Verwirrung von Gedanken und Gemutsregungen zuruckliess, die mir diese ganze Nacht kein Auge zu schliessen, gestattete.
Des folgenden Tages erzahlte ich dem Theogiton, was mir begegnet war. Er schien nichts sehr besonders daraus zu machen doch gab er, nachdem er mich um alle Umstande befragt hatte, zu, dass es Apollo, oder eine von den Musen gewesen sein konne. Du wirst lacheln, Danae, wenn ich dir gestehe, dass ich, so jung ich war, und ohne mir selbst recht bewusst zu sein, warum? Doch lieber gesehen hatte, wenn es eine Muse gewesen ware. Ich unterliess nun keine Nacht, mich in der Grotte einzufinden, um die vermeinte Muse wieder zu horen: Aber meine Erwartung betrog mich; es war Apollo selbst. Nach etlichen Nachten worin ich mich mit der stummen Gegenwart der Nymphen von Cypressenholz hatte begnugen mussen, kundigte mir ein heller Schein, der auf einmal in die Grotte fiel, und durch die allgemeine Dunkelheit und meinen Wahnwitz zu einem uberirdischen Licht erhoben wurde, irgend eine ausserordentliche Begebenheit an. Urteile, wie besturzt ich war, als ich mitten in der Nacht, den Gott des Tages, auf einer hellglanzenden Wolke sitzend, vor mir sah, der sich mir zu lieb den Armen der schonen Thetis entrissen hatte. Goldgelbe Locken flossen um seine weissen Schultern; eine Crone von Strahlen schmuckte seine Scheitel; das silberne Gewand, das ihn umfloss, funkelte von tausend Edelsteinen; und eine goldne Leier lag in seinem linken Arm. Meine Einbildung tat das ubrige hinzu, was zu Vollendung einer idealischen Schonheit notig war. Allein Besturzung und Ehrfurcht erlaubte mir nicht, dem Gott genauer ins Gesicht zu sehen; ich glaubte geblendet zu sein, und den Glanz von Augen, welche die ganze Welt erleuchteten, nicht ertragen zu konnen. Er redete mich an; er bezeugte mir sein Wohlgefallen an meinem Dienst, und an der feurigen Begierde, womit ich, mit Verachtung der irdischen Dinge mich den himmlischen widmete. Er munterte mich auf, in diesem Wege fortzugehen, und mich den Einflussen der Unsterblichen leidend zu uberlassen; mit der Versicherung, dass ich bestimmt sei, die Anzahl der Glucklichen zu vermehren, welche er seiner besondern Gunst gewurdiget habe. Er verschwand, indem er diese Worte sagte, so plotzlich, dass ich nichts dabei beobachten konnte; und so voreingenommen als mein Gemut war, hatte dieser Apollo seine Rolle viel ungeschickter spielen konnen, ohne dass mir ein Zweifel gegen seine Gottheit aufgestiegen ware. Theogiton, dem ich von dieser Erscheinung Nachricht gab, wunschte mir Gluck dazu, und sagte mir von den alten Helden unsrer Nation, welche einst Lieblinge der Gotter gewesen, und nun als Halbgotter selbst altare und Priester hatten, so viel herrliche Sachen vor, als er notig erachten mochte, meine Betorung vollkommen zu machen. Am Ende vergass er nicht, mir Anweisung zu geben, wie ich mich bei einer zweiten Erscheinung gegen den Gott zu verhalten hatte. Insonderheit ermahnte er mich, mein Urteil uber alles zuruckzuhalten, mich durch nichts befremden zu lassen, und der Vorschrift unsrer Philosophie immer eingedenk zu bleiben, welche eine ganzliche Untatigkeit von uns fodert, wenn die Gotter auf uns wurken sollen. Man musste so unerfahren sein, als ich war, um keine Schlange unter diesen Blumen zu merken. Nichts als die Entwicklung dieser heiligen Mummerei konnte mir die Augen offnen. Ich konnte unmoglich aus mir selbst auf den Argwohn geraten, dass die Zuneigung einer Gottheit eigennutzig sein konne. Ich hatte vielmehr gehofft, die grossesten Vorteile fur meine Wissens-Begierde von ihr zu ziehen, und mit mehr als menschlichen Vorzugen begabt zu werden. Die Erklarungen des Apollo befremdeten mich endlich, und seine Handlungen noch mehr; zuletzt entdeckte ich, was du schon lange vorher gesehen haben musst, dass der vermeinte Gott kein andrer als Theogiton selber war; welcher, sobald er sein Spiel entdeckt sah, auf einmal die Sprache anderte, und mich bereden wollte, dass er diese Comodie nur zu dem Ende angestellt habe, um mich von der Eitelkeit der Theosophie, in die er mich so verliebt gesehen hatte, desto besser uberzeugen zu konnen. Er zog die Folge daraus: Dass alles, was man von den Gottern sagte, Erfindungen schlauer Kopfe waren, womit sie Weiber und leichtglaubige Knaben in ihr Netz zu ziehen suchten; Kurz, er wandte alles an, was eine unsittliche Leidenschaft einem schamlosen Verachter der Gotter eingeben kann, um die Muhe einer so wohl ausgesonnenen und mit so vielen Maschinen aufgestutzten Verfuhrung nicht umsonst gehabt zu haben Ich verwies ihm seine Bosheit mit einem Zorne, der mich stark genug machte, mich von ihm loszureissen. Des folgenden Tags hatte er die Unverschamtheit, die priesterlichen Verrichtungen mit eben der heuchlerischen Andacht fortzusetzen, womit er mich und jeden andern bisher hintergangen hatte. Er liess nicht die geringste Veranderung in seinem Betragen gegen mich merken, und schien sich des Vergangenen eben so wenig zu erinnern, als ob er den ganzen Lethe ausgetrunken hatte. Diese Auffuhrung vermehrte meine Unruhe sehr; ich konnte noch nicht begreifen, dass es Leute geben konne, welche, mitten in den Ausschweifungen des Lasters, Ruhe und Heiterkeit, die naturlichen Gefahrten der Unschuld, beizubehalten wissen. Allein in weniger Zeit darauf befreite mich die Unvorsichtigkeit dieses Betrugers von den Besorgnissen, worin ich seit der Geschichte in der Grotte geschwebet hatte. Theogiton verschwand aus Delphi, ohne dass man die eigentliche Ursache davon erfuhr. Aus dem, was man sich in die Ohren murmelte, erriet ich, dass Apollo endlich uberdrussig geworden sein mochte, seine Person von einem andern spielen zu lassen. Einer von unsern Knaben, der ein Verwandter des Ober-Priesters war, hatte (wie man sagte) den Anlass dazu gegeben.
Diese Begebenheiten fuhrten mich naturlicher Weise auf viele neue Betrachtungen; aber meine Neigung zum Wunderbaren und meine Lieblings-Ideen verloren nichts dabei; sie gewannen vielmehr, indem ich sie nun in mich selbst verschloss, und die Unsterblichen allein zu Zeugen desjenigen machte, was in meiner Seele vorging. Ich fuhr fort, die Verbesserung derselben nach den Grundsatzen der Orphischen Philosophie mein vornehmstes Geschafte sein zu lassen. Ich fing nun an zu glauben, dass keine andre als eine idealische Gemeinschaft zwischen den Hohern Wesen und den Menschen moglich sei; dass nichts als die Reinigkeit und Schonheit unsrer Seele vermogend sei, uns zu einem Gegenstande des Wohlgefallens jenes Unnennbaren, Allgemeinen, Obersten Geistes zu machen, von welchem alle ubrige, wie die Planeten von der Sonne, ihr Licht und die ganze Natur ihre Schonheit und unwandelbare Ordnung erhalten; und dass endlich in der Ubereinstimmung aller unsrer Krafte, Gedanken und geheimsten Neigungen mit den grossen Absichten und den allgemeinen Gesetzen dieses Beherrschers der sichtbaren und unsichtbaren Welt, das wahre Geheimnis liege, zu derjenigen Vereinigung mit demselben zu gelangen, welche ich fur die naturliche Bestimmung und das letzte Ziel aller Wunsche eines unsterblichen Wesens ansah. Beides, jene geistige Schonheit der Seele und diese erhabene Richtung ihrer Wurksamkeit nach den Absichten des Gesetzgebers der Wesen, glaubte ich am sichersten durch die Betrachtung der Natur zu erhalten; welche ich mir als einen Spiegel vorstellte, aus welchem das Wesentliche, Unvergangliche und Gottliche in unsern Geist zuruckstrahle, und ihn nach und nach eben so durchdringe und erfulle, wie die Sonne einen angestrahlten Wasser-Tropfen. Ich uberredete mich, dass die unverruckte Beschauung der Weisheit und Gute, welche so wohl aus der besondern Natur eines jeden Teils der Schopfung, als aus dem Plan und der allgemeinen Oeconomie des Ganzen hervorleuchte, das unfehlbare Mittel sei, selbst weise und gut zu werden. Ich brachte alle diese Grundsatze in Ausubung. Jeder neue Gedanke, der sich in mir entwickelte, wurde zu einer Empfindung meines Herzens; und so lebte ich in einem stillen und lichtvollen Zustand des Gemuts, dessen ich mich niemals anders als mit wehmutigem Vergnugen erinnern werde, etliche gluckliche Jahre hin; unwissend (und glucklich durch diese Unwissenheit) dass dieser Zustand nicht dauern konne; weil die Leidenschaften des reifenden alters, und (wenn auch diese nicht waren) die unvermeidliche Verwicklung in dem Wechsel der menschlichen Dinge jene Fortdauer von innerlicher Heiterkeit und Ruhe nicht gestatten, welche nur ein Anteil entcorperter Wesen sein kann.
Drittes Capitel
Die Liebe in verschiedenen Gestalten
Inzwischen hatte ich das achtzehnte Jahr erreicht, und fing nun an, mitten unter den angenehmen Empfindungen, von denen meine Denkungs-Art und meine Beschaftigungen unerschopfliche Quellen zu sein schienen, ein Leeres in mir zu fuhlen, welches sich durch keine Ideen ausfullen lassen wollte. Ich sah die manchfaltigen Scenen der Natur wie mit neuen Augen an; ihre Schonheiten hatten fur mich etwas Herz-ruhrendes, welches ich sonst nie auf diese Art empfunden hatte. Der Gesang der Vogel im Haine schien mir was zu sagen, das er mir nie gesagt hatte, ohne dass ich wusste, was es war; und die neu belaubten Walder schienen mich einzuladen, in ihren Schatten einer wollustigen Schwermut nachzuhangen, von welcher ich mitten in den erhabensten Betrachtungen wider meinen Willen uberwaltiget wurde. Nach und nach verfiel ich in eine weichliche Untatigkeit: Mich deuchte, ich sei bisher nur in der Einbildung glucklich gewesen; und mein Herz sehnete sich nach einem Gegenstand, in welchem ich jene idealische Vollkommenheiten wurklich geniessen mochte, an denen ich mich bisher nur wie an einem getraumten Gastmahle geweidet hatte. Damals zuerst stellten sich mir die Reizungen der Freundschaft in einer vorher nie empfundenen Lebhaftigkeit dar: Ein Freund (bildete ich mir ein) ein Freund wurde diese geheime Sehnsucht meines Herzens befriedigen. Meine Phantasie malte sich einen Pylades aus, und mein verlangendes Herz bekranzte dieses schone Bild mit allem, was mir das Liebenswurdigste schien, selbst mit jenen ausserlichen Annehmlichkeiten, welche in meinem System den naturlichen Schmuck der Tugend ausmachten. Ich suchte diesen Freund unter der bluhenden Jugend, welche mich umgab. Mehr als einmal betrog mich mein Herz, ihn gefunden zu haben; aber eine kurze Erfahrung machte mich meines Irrtums bald gewahr werden. Unter einer so grossen Anzahl von auserlesenen Junglingen, welche die Liverei des Gottes zu Delphi trugen, war nicht ein einziger, den die Natur so vollkommen mit mir zusammen gestimmt hatte, als die Spitzfindigkeit meiner Begriffe es erfoderte.
Um diese Zeit geschah es, dass ich das Ungluck hatte, der Ober-Priesterin eine Neigung einzuflossen, welche mit ihrem geheiligten Stande und mit ihrem Alter einen gleich starken Absatz machte; sie hatte mich schon seit geraumer Zeit mit einer vorzuglichen Gutigkeit angesehen, welche ich, so lang ich konnte, einer mutterlichen Gesinnung beimass, und mit aller der Ehrerbietung erwiderte, die ich der Vertrauten des Delphischen Gottes schuldig war. Stelle dir vor, schone Danae, was fur ein Modell zu einer Bild-Saule des Erstaunens ich abgegeben hatte, als sich eine so ehrwurdige Person herabliess, mir zu entdecken, dass alle Vertraulichkeit, die ich zwischen ihr und dem Apollo voraussetzte, nicht zureiche, sie uber die Schwachheiten der gemeinsten Erden-Tochter hinwegzusetzen. Die gute Dame war bereits in demjenigen Alter, worin es lacherlich ware, das Herz eines Mannes von einiger Erfahrung einer jungen Nebenbuhlerin streitig machen zu wollen. Allein einem Neuling, wofur sie mich mit gutem Grund ansah, die ersten Unterweisungen zu gehen, dazu konnte sie sich ohne ubertriebene Eitelkeit fur reizend genug halten. Sie war zu den Zeiten des Heiligen Kriegs in der Blute ihrer Schonheit gewesen; hatte sich aber, wie die meisten ihres Standes, so gut erhalten, dass sie noch immer Hoffnung haben konnte, in einer Versammlung herbstlicher Schonheiten vorzuglich bemerkt zu werden. Setze zu diesen ehrwurdigen Uberbleibseln einer vormals beruhmten Schonheit eine Figur, wie man die blonde Ceres zu bilden pflegt, grosse schwarze Augen, unter deren affectiertem Ernst eine wollustige Glut hervorglimmte, und zu allem diesem eine ungemeine Sorgfalt fur ihre Person, und die schlaue Kunst, die Vorteile ihrer Reizungen mit der strengen Sittsamkeit ihrer priesterlichen Kleidung zu verbinden: so kannst du dir eine genugsame Vorstellung von dieser Pythia machen, um den Grad der Gefahr abnehmen zu konnen, worin sich die Einfalt meiner Jugend bei ihren Nachstellungen befand.
Es ist leicht zu erachten, wie viel es sie Muhe kosten musste, die ersten Schwierigkeiten zu uberwinden, welche ein mehr Ehrfurcht als Liebe einflossendes Frauenzimmer, in den hartnackigen Vorurteilen eines achtzehnjahrigen Junglings findet. Ihr Stand erlaubte ihr nicht, sich deutlich zu erklaren; und meine Blodigkeit verstand die Sprache nicht, deren sie sich zu bedienen genotigt war. Zwar braucht man sonst zu dieser Sprache keinen andern Lehrmeister als sein Herz; allein unglucklicher Weise sagte mir mein Herz nichts. Es bedurfte der lange geubten Geduld einer bejahrten Priesterin, um nicht tausendmal das Vorhaben aufzugeben, einem Menschen, der aus lauter Ideen zusammengesetzt war, ihre Absichten begreiflich zu machen. Und dennoch fand sie sich endlich genotigt, sich des einzigen Kunstgriffs zu bedienen, von dem man in solchen Fallen eine gewisse Wurkung erwarten kann; sie hatte noch Reizungen, welche die ungewohnten Augen eines Neulings blenden konnten. Die Verwirrung, worein sie mich durch den ersten Versuch von dieser Art gesetzt sah, schien ihr von guter Vorbedeutung zu sein; und vielleicht hatte sie sich weniger in ihrer Erwartung betrogen, wenn nicht ein Umstand, von dem ihr nichts bekannt war, meinem Herzen eine mehr als gewohnliche Starke gegeben hatte.
Unsre Tugend, oder diejenigen Wurkungen, welche das Ansehen haben, aus einer so edeln Quelle zu fliessen, haben insgemein geheime Triebfedern, die uns, wenn sie gesehen wurden, wo nicht alles, doch einen grossen Teil unsers Verdienstes dabei entziehen wurden. Wie leicht ist es, der Versuchung einer Leidenschaft zu widerstehen, wenn ihr von einer starkern die Waage gehalten wird?
Kurz zuvor, eh die schone Pythia ihren physicalischen Versuch machte, war das Fest der Diana eingefallen, welches zu Delphi mit aller der Feierlichkeit begangen wird, die man der Schwester des Apollo schuldig zu sein vermeint. Alle Jungfrauen uber vierzehn Jahre erschienen dabei in schneeweissem Gewand, mit aufgelosten fliegenden Haaren, den Kopf und die Arme mit Blumen-Kranzen umwunden, und sangen Hymnen zum Preis der jungfraulichen Gottin. Auch alte halb verloschne Augen heiterten sich beim Anblick einer so zahlreichen Menge junger Schonen auf, deren geringster Reiz die frischeste Blum der Jugend war. Urteile, schone Danae, ob derjenige, den der bunte Schimmer eines bluhenden Blumen-Stucks schon in eine Art von Entzuckung setzte, bei einem solchen Auftritt unempfindlich bleiben konnte? Meine Blicke irrten in einer zartlichen Verwirrung unter diesen anmutsvollen Geschopfen herum; bis sie sich plotzlich auf einer einzigen sammelten, deren erster Anblick meinem Herzen keinen Wunsch ubrig liess, etwas anders zu sehen. Vielleicht wurde mancher sie unter so vielen Schonen kaum besonders wahrgenommen haben; denn der schonste Wuchs, die regelmassigsten Zuge, langes Haar, dessen wallende Locken bis zu den Knien herunterflossen, und eine Farbe, welche Lilien und Rosen, wenn sie ihre eigene Schonheit fuhlen konnten, beschamt hatte, alle diese Reizungen waren ihr mit ihren Gespielen gemein; viele ubertrafen sie noch in einem und dem andern Stucke der Schonheit, und wenn ein Maler unter der ganzen Schar hatte entscheiden sollen, welche die Schonste sei, so wurde sie vielleicht ubergangen worden sein; allein mein Herz urteilte nicht nach den Regeln der Kunst. Ich empfand, oder glaubte zu empfinden, (und dieses ist in Absicht der Wurkung allemal eins) dass nichts liebenswurdigers als dieses junge Madchen sein konne, ohne dass ich daran gedachte, sie mit den ubrigen zu vergleichen; sie loschte alles andre aus meinen Augen aus. So (dacht ich) musste die Unschuld aussehen, wenn sie, sichtbar zu werden, die Gestalt einer Grazie entlehnte; so ruhrend wurden ihre Gesichts-Zuge sein; so still-heiter wurden ihre Augen; so holdselig ihre Wangen lacheln; so wurden ihre Blicke, so ihr Gang, so jede ihrer Bewegungen sein. Dieser Augenblick brachte in meiner Seele eine Veranderung hervor, welche mir, da ich in der Folge fahig wurde, uber meinen Zustand zu denken, dem Ubergang in eine neue und vollkommnere Art des Daseins gleich zu sein schien. Aber damals war ich zu stark geruhrt, zu sehr von Empfindungen verschlungen, um mir meiner selbst recht bewusst zu sein. Meine Entzuckung ging so weit, dass ich nichts mehr von dem Pomp des Festes bemerkte; und erst, nachdem alles ganzlich aus meinen Augen verschwunden war, ward ich, wie durch einen plotzlichen Schlag, wieder zu mir selbst gebracht. Izt hatte ich Muhe, mich zu uberzeugen, dass ich nicht aus einem von den Traumen erwacht sei, worin meine Phantasie, in uberirdische Spharen verzuckt, mir zuweilen ahnliche Gestalten vorgestellt hatte. Der Schmerz, eines so sussen Anblicks beraubt zu sein, konnte das vollkommene Vergnugen nicht schwachen, womit das Innerste meines Wesens erfullt war. Selbigen ganzen Abend, und den grossesten Teil der Nacht, hatten alle Krafte meiner Seele keine andere Beschaftigung, als sich dieses geliebte Bild bis auf die kleinsten Zuge mit allen diesen namenlosen Reizen, welche vielleicht ich allein an dem Urbilde bemerkt hatte, und mit einer Lebhaftigkeit vorzumalen, die ihm immer neue Schonheiten lehnte; mein Herz schmuckte es mit allem, was die Natur Anmutiges hat, mit allen Vorzugen des Geistes, mit jeder sittlichen Schonheit, mit allem was nach meiner Denkungs-Art das Vollkommenste und Beste war, aus was fur ein Gemalde, wozu die Liebe die Farben gibt! Und doch glaubte ich immer, zu wenig zu tun; und bearbeitete mich in mir selbst, noch etwas schoners als das Schonste zu finden, um die Idee, die ich mir von meiner Unbekannten machte, ganzlich zu vollenden, und gleichsam in das Urbild selbst zu verwandeln. Diese liebenswurdige Person hatte mich zu eben der Zeit, da ich sie erblickte, wahrgenommen; und es war (wie sie mir in der Folge entdeckte) etwas mit den Regungen meines Herzens Ubereinstimmendes in dem ihrigen vorgegangen. Ich erinnerte mich, (denn wie hatte ich die kleinste Bewegung, die sie gemacht hatte, vergessen konnen?) dass unsre Blicke sich mehr als ein mal begegnet waren, und dass sie sogleich mit einer Scham-Rote, welche ihr ganzes liebliches Gesicht mit Rosen uberzog, die Augen niedergeschlagen hatte. Ich war zu unerfahren, und in der Tat auch zu bescheiden, aus diesem Umstand etwas besonderes zu meinem Vorteil zu schliessen; aber doch erinnerte ich mich desselben mit einem so innigen Vergnugen, als ob es mir geahnet hatte, wie glucklich mich die Folge davon machen wurde. Ich hatte die Eitelkeit nicht, welche uns zu schmeicheln pflegt, dass wir liebenswurdig seien; ich dachte an nichts weniger, als auf Mittel, wie ich mich lieben machen wollte. Aber die Schonheit der Seele, die ich in ihrem Gesichte ausgedruckt gesehen hatte; diese sanfte Heiterkeit, die aus dem naturlichen Ernst ihrer Zuge hervorlachelte, hauchten mir Hoffnung ein, dass ich geliebet werden wurde. Und welch einen Himmel von Wonne eroffnete diese Hoffnung vor mir! Was fur Aussichten! Welches Entzucken! Wenn ich mir vorstellte, dass mein ganzes Leben, dass selbst die Ewigkeiten, in deren grenzenlosen Tiefen, der Gluckliche die Dauer seiner Wonne so gerne sich verlieren lasst, in ihrem Anschauen und an ihrer Seite dahinfliessen wurden!
So lebhafte Hoffnungen setzten voraus, dass ich sie wieder finden wurde; und dieser Wunsch brachte die Begierde mit sich, zu wissen wer sie sei. Aber wen konnt' ich fragen? Ich hatte keinen Freund, dem ich mich entdecken durfte; von einem jeden andern glaubte ich, dass er bei einer solchen Frage mein ganzes Geheimnis in meinen Augen lesen wurde; und die Liebe, die ein sehr guter Ratgeber ist, hatte mich schon einsehen gemacht, wie viel daran gelogen sei, dass der Pythia nicht das Geringste zu Ohren komme, was ihr den Zustand meines Herzens hatte verraten, oder sie zu einer misstrauischen Beobachtung meines Betragens veranlassen konnen. Ich verschloss also mein Verlangen in mich selbst, und erwartete mit Ungeduld, bis irgend ein meiner Liebe gunstiger SchutzGeist mir zu dieser gewunschten Entdeckung verhelfen wurde. Nach einigen Tagen fugte es sich, dass ich meiner geliebten Unbekannten in einem der Vorhofe des Tempels begegnete. Die Furcht, von jemand beobachtet zu werden, hielt mich in eben dem Augenblick zuruck, da ich auf sie zueilen und meine Entzukkung uber diesen unverhofften Anblick in Gebarden, und vielleicht in Ausrufungen, ausbrechen lassen wollte. Sie blieb, indem sie mich erblickte, einige Augenblicke stehen, und sah mich an.
Ich glaubte ein plotzliches Vergnugen in ihrem schonen Gesicht aufgeben zu sehen; sie errotete, schlug die Augen wieder nieder, und eilte davon. Ich durft' es nicht wagen, ihr zu folgen; aber meine Augen folgten ihr, so lang es moglich war; und ich sahe, dass sie zu einer Tur einging, welche in die Wohnung der Priesterin fuhrte. Ich begab mich in den Hain, um meinen Gedanken uber diese angenehme Erscheinung ungestorter nachzuhangen. Der letzte Umstand, den ich bemerkt hatte, und ihre Kleidung, brachte mich auf die Vermutung, dass sie vielleicht eine von den Aufwarterinnen der Pythia sei, deren diese Dame eine grosse Anzahl hatte, die aber (ausser bei besondern Feierlichkeiten) selten sichtbar wurden. Diese Entdekkung beschaftigte mich noch nach der ganzen Wichtigkeit, die sie fur mich hatte, als ich, in der Tat zur ungelegensten Zeit von der Welt, zu der zartlichen Priesterin gerufen wurde. Die Begierde und die Hoffnung, meine Geliebte bei dieser Gelegenheit wieder zu sehen, machte mir anfanglich diese Einladung sehr willkommen; aber meine Freude wurde bald von dem Gedanken vertrieben, wie schwer es mir sein wurde, wenn meine Unbekannte zugegen ware, meine Empfindungen fur sie den Augen einer Nebenbuhlerin zu verbergen. Die Kunste der Verstellung waren mir zu unbekannt, und meine Gemuts-Regungen bildeten sich (auch wider meinen Willen) zu schnell und zu deutlich in meinem Ausserlichen ab, als dass ich mich bei allen meinen Bestrebungen, vorsichtig zu sein, sicher genug halten konnte. Diese Gedanken gaben mir (wie ich glaube) ein ziemlich verwirrtes Aussehen, als ich vor die Pythia gefuhrt wurde. Allein, da ich niemand, als eine kleine Sclavin von neun oder zehen Jahren, bei ihr fand, erholte ich mich bald wieder; und sie selbst schien mit ihren eigenen Bewegungen zu sehr beschaftigt, um auf die meinige genau Acht zu gehen, oder (welches wenigstens eben so wahrscheinlich ist) sie legte die Veranderung, die sie in meinem Gesichte wahrnehmen musste, zu Gunsten ihrer Reizungen aus, von denen sie sich dieses mal desto mehr Wurkung versprechen konnte, je mehr sie vermutlich darauf studiert hatte, sie in dieses reizende Schatten-Licht zu setzen, welches die EinbildungsKraft so lebhaft zum Vorteil der Sinnen ins Spiel zu ziehen pflegt. Sie sass oder lag (denn ihre Stellung war ein Mittelding von beiden) auf einem mit Silber und Perlen reich bestickten Ruhe-Bette; ihr ganzer Putz hatte dieses Zierlich-Nachlassige, hinter welches die Kunst sich auf eine schlaue Art versteckt, wenn sie nicht dafur angesehen sein will, dass sie der Natur zu Hulfe komme; ihr Gewand, dessen bescheidene Farbe ihrer eigenen eben so sehr als der Anstandigkeit ihrer Wurde angemessen war, wallte zwar in vielen Falten um sie her; aber es war schon dafur gesorgt, dass hier und da der schone Contour dessen, was damit bedeckt war, deutlich genug wurde, um die Augen auf sich zu ziehen, und die Neugier lustern zu machen. Ihre Arme, die sie sehr schon hatte, waren in weiten und halb aufgeschurzten Armeln fast ganz zu sehen; und eine Bewegung, welche sie, wahrend unsers Gesprachs unwissender Weise gemacht haben wollte, trieb einen Busen aus seiner Verhullung hervor, welcher reizend genug war, ihr Gesicht um zwanzig Jahre junger zu machen. Sie bemerkte diese kleine Unregelmassigkeit endlich; aber das Mittel, wodurch sie die Sachen wieder in Ordnung zu bringen suchte, war mit der Unbequemlichkeit verbunden, dass dadurch ein Fuss bis zur Halfte sichtbar wurde, dessen die schonste Spartanerin sich hatte ruhmen durfen. Die tiefe Gleichgultigkeit, worin mich alle diese Reizungen liessen, machte ohne Zweifel, dass ich Beobachtungen machen konnte, wozu ein geruhrter Zuschauer die Freiheit nicht gehabt hatte. Indes gab mir doch eine Art von Scham, die ich anstatt der guten Pythia auf meinen Wangen gluhen fuhlte, ein Ansehen von Verwirrung, womit die Dame, welche in zweifelhaften Fallen alle mal zu Gunsten ihrer Eigenliebe urteilte, ziemlich wohl zufrieden schien. Sie schrieb es vermutlich einer schuchternen Unentschlossenheit oder einem Streit zwischen Ehrfurcht und Liebe bei, dass ich (ungeachtet des starken Eindrucks, den sie auf mich machte) ihr keine Gelegenheit gab, die Delicatesse ihrer Tugend sehen zu lassen. Ich hatte Aufmunterungen notig, zu welchen man bei einem geubtern Liebhaber sich nicht herablassen wurde. Die Geschicklichkeit, die man mir in der Kunst, die Dichter zu lesen, beilegte, diente ihr zum Vorwand, mir einen Zeit-Vertrieb vorzuschlagen, von dem sie sich einige Befoderung dieser Absicht versprechen konnte. Sie versicherte mich, dass Homer ihr Lieblings-Autor sei, und bat mich, ihr das Vergnugen zu machen, sie eine Probe meines gepriesenen Talents horen zu lassen. Sie nahm einen Homer, der neben ihr lag, und stellte sich, nachdem sie eine Weile gesucht hatte, als ob es ihr gleichgultig sei, welcher Gesang es ware; sie gab mir den ersten den besten in die Hande; aber zu gutem Glucke war es gerade derjenige, worin Juno, mit dem Gurtel der Venus geschmuckt, den Vater der Gotter in eine so lebhafte Erinnerung der Jugend ihrer ehelichen Liebe setzt. Von dem dichterischen Feuer, welches in diesem Gemalde gluhet, und dem sussen Wohlklang der Homerischen Verse entzuckt, beobachtete sie nicht, in was fur eine verfuhrische Unordnung ein Teil ihres Putzes durch eine Bewegung der Bewunderung, welche sie machte, gekommen war. Sie nahm von dieser Stelle Anlass, die unumschrankte Gewalt des Liebes-Gottes zum Gegenstande der Unterredung zu machen. Sie schien der Meinung derjenigen gunstig zu sein, welche behaupten, dass der Gedanke, einer so machtigen Gottheit widerstehen zu wollen, nur in einer vermessenen und ruchlosen Seele geboren werden konne. Ich pflichtete ihr bei, behauptete aber, dass die meisten in den Begriffen, welche sie sich von diesem Gotte machten, der grossen Pflicht, von der Gottheit nur das Wurdigste und Vollkommenste zu denken, sehr zu nahe traten und dass die Dichter durch die allzusinnliche Ausbildung ihrer allegorischen Fabeln in diesem Stucke sich keines geringen Vergebens schuldig gemacht hatten. Unvermerkt schwatzte ich mich in einen Enthusiasmus hinein, in welchem ich, nach den Grundsatzen meiner geheimnisreichen Philosophie, von der intellectualischen Liebe, von der Liebe welche der Weg zum Anschauen des wesentlichen Schonen ist, von der Liebe welche die geistigen Flugel der Seele entwickelt, sie mit jeder Tugend und Vollkommenheit schwellt, und zuletzt durch die Vereinigung mit dem Urbild und Urquell des Guten in einen Abgrund von Licht, Ruhe und unveranderlicher Wonne hineinzieht, worin sie ganzlich verschlungen und zu gleicher Zeit vernichtigt und vergottert wird so erhabne, mir selbst meiner Einbildung nach sehr deutliche, der schonen Priesterin aber so unverstandliche Dinge sagte, dass sie in eben der Proportion, nach welcher sich meine Einbildungs-Kraft dabei erwarmte, nach und nach davon eingeschlafert wurde. In der Tat konnte im Prospect eines so schonen Busens, als ich vor mir sahe, nichts seltsamers sein, als eine Lob-Rede auf die intellectualische Liebe; auch gab die betrogne Pythia nach einer solchen Probe alle Hoffnung auf, mich, diesen Abend wenigstens, zu einer naturlichen Art zu denken und zu lieben herumzustimmen. Sie entliess mich also bald darauf, nachdem sie mir, wiewohl auf eine ziemlich ratselhafte Art, zu vernehmen gegeben hatte, dass sie besondere Ursachen habe, sich meiner mehr anzunehmen, als irgend eines andern Kostgangers des Apollo. Ich verstund aus dem, was sie mir davon sagte, so viel, dass sie eine nahe Anverwandtin meines mir selbst noch unbekannten Vaters sei; dass es ihr vielleicht bald erlaubt sein werde, mir das Geheimnis meiner Geburt zu entdecken; und dass ich es allein diesem nahern Verhaltnis zu zuschreiben habe, wenn sie mich durch eine Freundschaft unterscheide, welche mich, ohne diesen Umstand, vielleicht hatte befremden konnen. Diese Eroffnung, an deren Wahrheit mich ihre Mine nicht zweifeln liess, hatte die gedoppelte Wurkung mich zu bereden, dass ich mich in meinen Gedanken von ihren Gesinnungen betrogen haben konne und sie auf einmal zu einem interessanten Gegenstande fur mein Herz zu machen. In der Tat fing ich, von dem Augenblick, da ich horte, dass sie mit meinem Vater befreundet sei, an, sie mit ganz andern Augen anzusehen; und vielleicht wurde sie von den Dispositionen, in welche ich dadurch gesetzt wurde, in kurzer Zeit mehr Vorteil haben ziehen konnen, als von allen den Kunstgriffen, womit sie meine Sinnen hatte uberraschen wollen. Aber die gute Dame wusste entweder nicht, wie viel man bei gewissen Leuten gewonnen, wenn man Mittel findet, ihr Herz auf seine Seite zu ziehen; oder sie war uber mein seltsames Betragen erbittert, und glaubte, ihre verachteten Reizungen nicht besser rachen zu konnen, als wenn sie mich in eben dem Augenblick von sich entfernte, da sie in meinen Augen las, dass ich gerne langer geblieben ware. Alles Bitten, dass sie ihre Gutigkeit durch eine deutlichere Entdeckung des Geheimnisses meiner Geburt vollkommen machen mochte, war umsonst; sie schickte mich fort, und hatte Grausamkeit genug, eine geraume Zeit vorbei gehen zu lassen, eh sie mich wieder vor sich kommen liess. Zu einer andern Zeit wurde das Verlangen, diejenigen zu kennen, denen ich das Leben zu danken hatte, mir diesen Aufschub zu einer harten Strafe gemacht haben; aber damals brauchte es nur wenige Minuten, wieder allein zu sein, und einen Gedanken an meine geliebte Unbekannte, um die Priesterin mit allen ihren Reizen, und mit allem was sie mir gesagt und nicht gesagt hatte, aus meinem Gemute wieder auszuloschen. Es war mir unendlich mal angelegener zu wissen, wer diese Unbekannte sei, und ob sie wurklich (wie ich mir schmeichelte) fur mich empfinde, was ich fur sie empfand, als in Absicht meiner selbst aus einer Unwissenheit gezogen zu werden, gegen welche die Gewohnheit mich fast ganz gleichgultig gemacht hatte: So lange ich das nicht wusste, wurde ich die Entdeckung, der Erbe eines Konigs zu sein, mit Kaltsinn angesehen haben. Der Blick, den sie diesen Abend auf mich geheftet hatte, schien mir etwas zu versprechen, das fur mein Herz unendlich mehr Reiz hatte, als alle Vorteile der glanzendsten Geburt. Mein ganzes Wesen schien von diesem Blicke, wie von einem uberirdischen Lichte, durchstrahlt und verklart- ich unterschied zwar nicht deutlich, was in mir vorging aber so oft ich sie mir wieder in dieser Stellung, mit diesem Blicke, mit diesem Ausdruck in ihrem lieblichen Gesichte vorstellte, (und dieses geschah allemal so lebhaft, als ob ich sie wurklich mit Augen sahe) so schien mir mein Herz vor Liebe und Vergnugen in Empfindungen zu zerfliessen, fur deren durchdringende Sussigkeit keine Worte erfunden sind. Hier wurde Agathon (dessen Einbildungs-Kraft, von den Erinnerungen seiner ersten Liebe erhitzt, einen hubschen Schwung, wie man sieht, zu nehmen anfing,) durch eine ziemlich merkliche Veranderung in dem Gesichte seiner schonen Zuhorerin mitten in dem Lauf seiner unzeitigen Schwarmerei aufgehalten, und aus seinem achtzehnten Jahr, in welches er in dieser kleinen Ecstase zuruckversetzt worden war, auf einmal wieder nach Smyrna, zu sich selbst und der schonen Danae gegenuber, gebracht.
Viertes Capitel
Fortsetzung des Vorhergehenden
Es ist eine alte Bemerkung, dass man einer schonen Dame die Zeit nur schlecht vertreibt, wenn man sie von den Eindrucken, die eine andre auf unser Herz gemacht hat, unterhalt. Je mehr Feuer, je mehr Wahrheit, je mehr Beredsamkeit wir in einem solchen Falle zeigen, je reizender unsre Schilderungen, je schoner unsre Bilder, je beseelter unser Ausdruck ist, desto gewisser durfen wir uns versprechen, unsre Zuhorerin einzuschlafern. Diese Beobachtung sollten sich besonders diejenigen empfohlen sein lassen, welche eine wurklich im Besitz stehende Geliebte mit der Geschichte ihrer ehemaligen verliebten Abenteuer unterhalten. Agathon, welcher noch weit davon entfernt war, von seiner Einbildungn Augen verloren, da er einmal auf die Erzahlung seiner ersten Liebe gekommen war. Die Lebhaftigkeit seiner Wiedererinnerungen schien sie in Empfindungen zu verwandeln; er bedachte nicht, dass es weniger anstossig ware, eine Geliebte, wie Danae, mit der ganzen Metaphysik der intellectualischen Liebe, als mit so enthusiastischen Beschreibungen der Vorzuge einer andern, und der Empfindungen, welche sie eingeflosst, zu unterhalten. Eine Art von Mittelding zwischen Gahnen und Seufzen, welches ihr an der Stelle, wo wir seine Erzahlungen abgebrochen haben, entfuhr, und ein gewisser Ausdruck von langer Weile, der aus einer erzwungnen Mine von vergnugter Aufmerksamkeit hervorbrach, machte ihn endlich seiner Unbesonnenheit gewahr werden; er stutzte einen Augenblick, er errotete, und es fehlte wenig, dass er den Zusammenhang seiner Geschichte daruber verloren hatte. Doch erholte er sich noch geschwinde genug wieder, um seiner Verwirrung irgend einen zufalligen Vorwand zu gehen, und setzte seine Erzahlung fort, indem er fest bei sich beschloss, genauer auf sich selbst Acht zu gehen, und seine Beschreibungen so sehr abzukurzen, als es nur immer moglich sein wurde; ein Vorsatz, bei welchem unsre Leser sich wenigstens eben so wohl befinden werden, als die schone Danae, wenn er anders fahig sein wird, sich selbst Wort zu halten.
Die sussen Traume, (fuhr der Held unsrer Geschichte fort) worin mein Herz sich so gerne zu wiegen pflegte, hatten nicht wurkliches genug, diesen angenehmen Zustand meines Gemutes lange zu unterhalten. Eine zartliche Schwermut, welche jedoch nicht ohne eine Art von Wollust war, bemachtigte sich meiner so stark, dass ich Muhe hatte, sie vor denjenigen zu verbergen, mit denen ich einen Teil des Tages zubringen musste. Ich suchte die Einsamkeit; und weil ich den Tag uber, nur wenige Stunden in meiner Gewalt hatte, so fing ich wieder an, den grossten Teil der Zeit, worin andere schliefen, in den angenehmen Hainen, die den Tempel umgehen, mit meinen Gedanken und dem Bilde meiner Unbekannten zu durchwachen. In einer dieser Nachte begegnete es, dass ich von ungefahr in eine Gegend des Hains verirrte, welche das Ansehen einer Wildnis, aber der anmutigsten, die man sich nur einbilden kann, hatte. Mitten darin liess das Gebusche, welches in labyrinthischen Krummungen mit hohen Cypressen und vielen selbst gewachsenen Lauben abgesetzt, sich um sich selbst herumwand, einen offnen Platz, der mit einem halben Circul von wilden Lorbeer-Baumen, von denen sich immer eine Reue uber die andere erhub, eingefasst, auf der andern Seite aber nur mit niedrigem Myrthen Gestrauch und Rosen-Hecken leicht umkranzt war. Mitten darin lagen einige Nymphen von weissem Marmor, von uberhangendem Rosen-Gestrauche beschattet, welche auf ihren Urnen zu schlafen schienen, indes sich aus jeder Urne eine Quelle in ein geraumiges Becken von poliertem schwarzem Granit Marmor ergoss, worin die Frauens-Personen, welche unter dem Schutz des delphischen Apollo stunden, sich im Sommer zu baden pflegten. Dieser Ort war (einer alten Sage nach) der Diana heilig; und kein mannlicher Fuss durfte, bei Strafe, sich den Zorn dieser unerbittlichen Gottin zu zuziehen, sich unterstehen, ihrem geheiligten RuhePlatz nahe zu kommen. Vermutlich machte die Gottin eine Ausnahme zu Gunsten eines unschuldigen Schwarmers, der (ohne den mindesten Vorsatz, ihre Ruhe zu storen, und ohne einmal zu wissen, wohin er kam,) sich hieher verirrt hatte. Denn anstatt mich ihren Zorn empfinden zu lassen, begunstigte sie mich vielmehr mit einer Erscheinung, welche mir angenehmer war, als wenn sie selbst, mich zu ihrem Endymion zu machen, zu mir herabgestiegen ware. Weil ich in eben dem Augenblick, da ich diese Erscheinung hatte, den Ort, wo ich mich befand, fur denjenigen erkannte, der mir ofters, um ihn desto gewisser vermeiden zu konnen, beschrieben worden war; so war wurklich mein erster Gedanke, dass es die Gottin sei, welche, von der Jagd ermudet, unter ihren Nymphen schlummere. Von einem heiligen Schauer erschuttert, wollte ich schon den Fuss zuruckziehn; als ich beim Glanz des seitwarts einfallenden Mond-Lichts gewahr wurde, dass es meine Unbekannte war. Ich will es nicht versuchen, zu beschreiben wie mir in diesem Augenblicke zu Mute war; es war einer von denen, an welche ich mich nur erinnern darf, um zu glauben, dass ein Wesen, welches einer solchen Wonne fahig ist, zu nichts geringers als zu der Wonne der Gotter bestimmt sein konne. Izt konnt' ich naturlicher Weise nicht mehr denken, mich unbemerkt zuruckzuziehen; meine einzige Sorge war, die liebenswurdige Einsame zu einer Zeit und an einem Orte, wo sie keinen Zeugen, am allerwenigsten einen mannlichen vermuten konnte, durch keine plotzliche Uberraschung zu erschrecken. Die Stellung, worin sie an eine der marmornen Nymphen angelegt lag, gab zu erkennen, dass sie staunte; ich betrachtete sie eine geraume Weile, ohne dass sie mich gewahr wurde. Dieser Umstand erlaubte mir meine eigene Stelle zu verandern, und eine solche zu nehmen, dass sie, so bald sie die Augen aufschluge, mich unfehlbar erkennen musste. Diese Vorsicht hatte die verlangte Wurkung. Sie erblickte mich; sie stutzte; aber sie erkannte mich doch zu schnell, um mich fur einen Satyren anzusehen. Meine Erscheinung schien ihr mehr Vergnugen als Unruhe zu machen. Ein jeder andrer, so gar ein Satyr, wurde irgend ein artig gedrehtes Compliment in Bereitschaft gehabt haben, um seine Freude uber eine so reizende Erscheinung auszudrucken; die Gelegenheit konnte nicht schoner sein, sie fur eine Gottin, oder wenigstens fur eine der Gespielen Dianens anzusehen, und diesem Irrtum gemass zu begrussen. Aber ich, von neuen, nie gefuhlten, unbeschreiblichen Empfindungen gedruckt, ich konnte gar nichts sagen. Zu ihren Fussen hatte ich mich werfen mogen; aber die Schuchternheit, welche (zumal in meinem damaligen Alter) mit der ersten Liebe so unzertrennlich verbunden ist, hielt mich zuruck; ich besorgte, dass sie sich einen nachteiligen Begriff von der tiefen Ehrerbietung, die ich fur sie empfand, aus einer solchen Freiheit machen mochte. Meine Unbekannte war nicht so schuchtern; sie hub sich, mit dieser sittsamen Anmut, wodurch sie sich das erste mal, als ich sie gesehen, in meinen Augen von allen ihren Gespielen unterschieden hatte, vom Boden auf, und ging ein paar Schritte gegen mich. Wie finde ich den Agathon hier? sagte sie mit einer Stimme, die ich noch zu horen glaube; so lieblich, so ruhrend schien sie unmittelbar in meine Seele sich einzuschmeicheln. In der sussen Verwirrung, worin ich war, fand ich keine bessere Antwort, als sie zu versichern, dass ich nicht so verwegen gewesen ware, ihre Einsamkeit zu storen, wenn ich vermutet hatte, sie hier zu finden. Das Compliment war nicht so artig, als es ein junger Athenienser bei einer solchen Gelegenheit gemacht hatte; aber Psyche (so erfuhr ich in der Folge, dass meine Unbekannte genennt werde) war zu unschuldig, um Complimente zu erwarten. Ich erkenne meine Unvorsichtigkeit, wiewohl zu spat, versetzte sie: Was wird Agathon von mir denken, da er mich an diesem abgelegenen Ort in einer solchen Stunde allein findet? Und doch (setzte sie errotend hinzu) ist es glucklich fur mich, wenn ich ja einen Zeugen meiner Unbesonnenheit haben musste, dass es Agathon war. Ich versicherte sie, dass mir nichts naturlicher vorkomme, als der Geschmack, den sie in der Einsamkeit, in der Stille einer so schonen Nacht, und in einer so anmutigen Gegend zu finden scheine. Ich setzte noch vieles von den Annehmlichkeiten des Mondscheins, von der majestatischen Pracht des sternvollen Himmels, von der Begeistrung, welche die Seele in diesem feierlichen Schweigen der ganzen Natur erfahre, von dem Einschlummern der Sinne, und dem Erwachen der innern geheimnisvollen Krafte unsers unsterblichen Teils, hinzu Dinge, welche bei den meisten Schonen, zumal in einem so anmutigen Myrthen-Gebusche, und in der einladenden Dammerung einer so lauen Sommer Nacht, sehr ubel angebracht gewesen waren, aber bei der gefuhlvollen Psyche ruhrten sie die empfindlichsten Saiten ihres Herzens. Das Gesprach, worin wir uns unvermerkt verwickelten, entdeckte eine Ubereinstimmung in unserm Geschmack und in unsern Neigungen, welche gar bald ein eben so freundschaftliches und vertrauliches Verstandnis zwischen unsern Seelen hervorbrachte, als ob wir uns schon viele Jahre geliebet hatten. Mir war, als ob ich alles, was sie sagte, durch eine unmittelbare Anschauung in ihrer Seele lese; und hinwieder schien das, was ich sagte, so abgezogen, idealisch und dichterisch, es immer sein mochte, ein blosser Widerhall oder die Entwicklung ihrer eigenen Empfindungen und solcher Ideen zu sein, welche als Embryonen in ihrer Seele lagen, und nur den erwarmenden Einfluss eines geubtern Geistes notig hatten, um sich zu entfalten, und durch ihre naive Schonheit die erhabensten und sinnreichsten Gedanken der Weisen zu beschamen. Die Zeit wurde uns bei dieser Unterhaltung so kurz, dass wir kaum eine Stunde bei einander gewesen zu sein glaubten, als uns die aufgehende Morgenrote erinnerte, dass wir uns trennen mussten. Ich hatte durch diese Unterredung erfahren, dass meine Geliebte von ihrer Herkunft eben so wenig wisse, als ich von der meinigen; dass sie von ihrer Amme, in der Gegend von Corinth bis ins sechste Jahr erzogen, hernach aber von Raubern entfuhrt, und an die Priesterin zu Delphi verkauft worden, welche sie in allen weiblichen Kunsten, und da sie eine besondere Neigung zum Lesen an ihr bemerkt, auch in der Kunst die Dichter recht zu lesen, habe unterrichten lassen, und sie in der Folge zu ihrer Leserin gemacht habe. Diese Umstande waren fur meine Liebe zu der jungen Psyche nicht sehr schmeichelhaft; allein das Vergnugen der gegenwartigen Augenblicke liess mich gar nicht an das Kunftige denken; unbekummert, wohin die Empfindungen, von denen ich eingenommen war, in ihren Folgen endlich fuhren konnten, uberliess ich mich ihnen mit aller Gutherzigkeit der jugendlichen Unschuld; meine kleine Psyche zu sehen, zu lieben, es ihr zu sagen, und aus ihrem schonen Munde zu horen, in ihren seelenvollen Augen zu sehen, dass ich wieder geliebt werde. Das waren izt alle Gluckseligkeiten, die ich wunschte, und uber welche hinaus ich keine andere kannte. Ich hatte ihr etwas von den Eindrucken gesagt, die ihr erster Anblick auf mein Herz gemacht hatte; und sie hatte diese Eroffnungen mit dem Gestandnis der vorzuglichen Meinung, welche ihr das allgemeine Urteil zu Delphi von mir gegeben hatte, erwidert; aber meine zartliche und ehrfurchtsvolle Schuchternheit erlaubte mir nicht, ihr alles zu sagen, was mein Herz fur sie empfand. Meine Ausdrucke waren lebhaft und feuerig; aber sie hatten mit der gewohnlichen Sprache der Liebe so wenig ahnliches, dass ich weniger zu sagen glaubte, indem ich in der Tat unendlich mal mehr sagte, als ein gewohnlicher Liebhaber, der mehr von seinen Begierden beunruhigt, als von dem Werte seiner Geliebten geruhrt ist. Allein da wir uns scheiden mussten, wurde mich mein allzuvolles Herz verraten haben, wenn die unerfahrne Jugend der guten Psyche ihr erlaubt hatte, einiges Misstrauen in Empfindungen zu setzten, welche sie nach der Unschuld ihrer eigenen beurteilte. Ich zerfloss in Tranen, und setzte ihr auf eine so zartliche, so bewegliche Art zu, mir zu versprechen, sich in der folgenden Nacht wieder in dieser Gegend finden zu lassen, dass es ihr unmoglich war, mich ungetrostet wegzuschicken. Wir setzen also, da uns alle Gelegenheit, uns bei Tage zu sprechen, abgeschnitten war, diese nachtliche Zusammenkunfte fort; und unsere Liebe wuchs und verschonerte sich zusehends, ohne dass wir dachten, dass es Liebe sei. Wir nannten es Freundschaft; und genossen ihrer reinsten Sussigkeiten, ohne durch einige Besorgnisse, Bedenklichkeiten oder andre Symptome der Leidenschaft, beunruhigt zu werden. Psyche hatte sich eine Freundin, wie ich mir einen Freund, gewunscht; nun glaubten wir beide gefunden zu haben, was wir wunschten. Unsere Denkungs-Art, und die Gute unserer Herzen, flosste uns ein vollkommenes und unbegrenztes Zutrauen gegen einander ein. Meine Augen, welche schon lange gewohnt waren, anders zu sehen, als man sonst in meinen damaligen Jahren zu sehen pflegt, sahen in Psyche kein reizendes Madchen, sondern die schonste, die liebenswurdigste der Seelen, deren geistige Reizungen aus dem durchsichtigen Flor eines irdischen Gewandes hervorschimmerten; und die wissensbegierige Psyche, welche nie glucklicher war, als wenn ich ihr die erhabenen Geheimnisse meiner dichterischen Philosophie entfaltete, glaubte den gottlichen Orpheus oder den Apollo selbst zu horen, wenn ich sprach. Es ist in der Natur der Liebe (so zartlich und uncorperlich sie immer sein mag) so lange zuzunehmen, bis sie das Ziel erreicht hat, wo die Natur sie zu erwarten scheint. Die unsrige nahm auch zu, und ging nach und nach durch mehr als eine Verwandlung; aber sie blieb sich selbst doch immer ahnlich. Nachdem uns der Name der Freundschaft nicht mehr bedeutend genug schien, dasjenige, was wir fur einander empfanden, auszudrucken, wurden wir eins, dass unter allen Zuneigungen, derer uns die Natur fahig mache, die Liebe eines Bruders und einer Schwester zugleich die starkste und die reineste sei. Die Vorstellung, die wir uns davon machten, entzuckte uns; und nachdem wir oft bedauert hatten, dass uns die Natur diese Gluckseligkeit versagt habe, wunderten wir uns zuletzt, wie wir nicht balder eingesehen hatten, dass es nur von uns abhange, ihre Kargheit in diesem Stucke zu ersetzen. Wir waren also Bruder und Schwester, und blieben es einige Zeit, ohne dass die Vertraulichkeit und die unschuldigen Liebkosungen; wozu uns diese Namen berechtigten, in unsern Augen wenigstens, der Tugend, welcher wir zugleich mit der Liebe eine ewige Treue geschworen hatten, den geringsten Abbruch taten. Wir waren enthusiastisch genug, die Vermutung oder vielmehr die blosse Moglichkeit, einander vielleicht so nahe verwandt zu sein, als wir wunschten, in den zartlichen Ergiessungen unserer Herzen zuweilen fur die Stimme der Natur zu halten; zumal da eine wurkliche oder eingebildete besondere Ahnlichkeit unserer Gesichts-Zuge diesen Wahn zu rechtfertigen schien. Da wir uns aber die Betruglichkeit dieser vermeinten Sprache des Blutes nicht immer verbergen konnten, so fanden wir desto mehr Vergnugen darin, die Vorstellungen von einer naturlichen Verschwisterung der Seelen, einem sympathetischen Zug der einen zu der anderen, einer schon in einem vorhergehenden Zustand in bessern Welten angefangenen Bekanntschaft nachzuhangen, und sie in tausend angenehme Traume auszubilden. Aber auch bei diesem Grade liess uns der phantastische Schwung, den die Liebe unsern Seelen gegeben hatte, nicht stille stehen. Wir strengten das ausserste Vermogen unserer Einbildungs-Kraft an, um uns einen Begriff von derjenigen Art zu lieben zu machen, womit in den uberirdischen Spharen die Geister einander liebten. Keine andere schien uns zu gleicher Zeit der Starke und der Reinigkeit unserer Empfindungen genug zu tun, noch fur Wesen sich zu schicken, die im Himmel entsprungen, und dahin wiederzukehren bestimmt waren. Ich gestehe dir, schone Danae, dass ich bei der Erinnerung an diese gluckselige Schwarmerei meiner ersten Jugend mich kaum erwehren kann zu wunschen, dass die Bezauberung ewig hatte dauern konnen. Und dennoch ist nichts gewissers, als dass sich diese allzugeistige Empfindungen endlich verzehrt, und die Natur, welche ihre Rechte nie verliert, uns zuletzt unvermerkt auf eine gewohnlichere Art zu lieben gefuhrt haben wurde; wenn uns nur die schone Pythia so viel Zeit, als dazu erfodert wurde, gelassen hatte. Diese Dame hatte etliche Wochen verstreichen lassen, ohne (dem Ansehen nach) sich meiner zu erinnern; und ich hatte sie in dieser Zeit so ganzlich vergessen, dass ich ganz betroffen war, als ich wieder zu ihr berufen wurde. Ich fand gar bald, dass die Gottin von Paphos, welche sich vielleicht wegen irgend einer ehemaligen Beleidigung an ihr zu rachen beschlossen, sie in dieser Zwischen-Zeit nicht so ruhig gelassen hatte, als es fur sie und mich zu wunschen war. Vermutlich hatte sie (wie die tragische Phadra) allen ihren weiblichen und priesterlichen Stolz zusammengerafft, um eine Leidenschaft zu unterdrucken, deren Ubelstand sie sich selbst unmoglich verbergen konnte; allein eben so vermutlich mochte sie sich selbst durch die trostlichen Trug-Schlusse, welche Euripides der Amme dieser ungluckseligen Princessin in den Mund legt, wieder beruhigt, und endlich den herzhaften Entschluss gefasst haben, ihrem Verhangnis nachzugeben. Denn, nachdem sie alle ihre Muhe, mich das, was sie mir zu sagen hatte, erraten zu lassen, verloren sah, brach sie endlich ein Stillschweigen, dessen Bedeutung ich eben so wenig verstehen wollte, und entdeckte mir mit einer Deutlichkeit und mit einem Feuer, welche mich erroten und erzittern machten; dass sie liebe und wieder geliebt sein wolle. Der reizende Anzug und die verfuhrische Stellung, worin sie dieses Gestandnis machte, schien ausgewahlt zu sein, mich den Wert des mir angebotenen Gluckes mehr als jemals empfinden zu lassen. Ich muss noch izt erroten, wenn ich an die Verwirrung denke, worin ich mit allen meinen erhabenen Begriffen in diesem Augenblick war. Die menschliche Natur so erniedrigt den Namen der Liebe so entweihet zu sehen! In der Tat, die Pythia selbst konnte von der Art, wie ich ihre Zumutungen abwies, nicht empfindlicher beschamt und gequalt werden, als ich es durch die Notwendigkeit war, worein ich mich gesetzt sah, ihr so ubel zu begegnen. Ich bestrebte mich, die Hartigkeit meiner Antworten durch die sanftesten Ausdrucke zu mildern, die ich in der Verwirrung finden konnte. Aber ich erfuhr bald, dass heftige Leidenschaften sich so wenig als Sturm-Winde durch Worte beschworen lassen. Die ihrer selbst nicht mehr machtige Priesterin nahm fur beleidigenden Spott auf, was ich aus der wohl gemeinten, aber allerdings unzeitigen Absicht, ihrer versinkenden Tugend zu Hulfe zu kommen, sagte. Sie geriet in eine Wut, welche mich in die ausserste Verlegenheit setzte; sie brach in Verwunschungen und Drohungen, und einen Augenblick darauf in einen Strom von Tranen und in so bewegliche Apostrophen aus, dass ich beinahe schwach genug gewesen ware, mit ihr zu weinen, ohne mein Herz geneigter zu finden, dem ihrigen zu antworten. Ich ergriff endlich das einzige Mittel, das mir ubrig blieb, mich der albernen Rolle, die ich in dieser Scene spielte, zu erledigen; ich entfloh. In eben dieser Nacht sah ich meine geliebte Psyche wieder an dem gewohnlichen Orte; mein Gemut war von der Geschichte dieses Abends zu sehr beunruhigt, als dass ich ihr ein Geheimnis davon hatte machen konnen. Wir bedaurten die Priesterin, so schwer es uns auch war, von der Wut und den Qualen einer Liebe, welche mit der unserigen so wenig ahnliches hatte, uns eine Vorstellung zu machen; aber wir bedaurten noch vielmehr uns selbst. Die Raserei, worin ich die Pythia verlassen hatte, hiess uns das Argste besorgen. Wir zitterten eines fur des andern Sicherheit; und aus Furcht, dass sie unsere Zusammenkunfte entdecken mochte, beschlossen wir, (so hart uns dieser Entschluss ankam) sie eine Zeitlang seltner zu machen. Dieses war das erste mal, dass die reinen Vergnugungen unserer schuldlosen Liebe von Sorgen und Unruhe unterbrochen wurden, und wir mit schwerem Herzen von einander Abschied nahmen. Es war, als ob es uns ahnete, dass dieses das letzte mal sei, da wir uns zu Delphi sahen; und wir sagten uns wohl tausend mal Lebe wohl; ohne uns eines aus des andern Armen loswinden zu konnen. Wir redeten mit einander ab, uns erst in der dritten Nacht wieder zu sehen. Zufalliger Weise fugte sichs, dass ich in der Zwischen-Zeit mit der Priesterin in Gesellschaft zusammenkam. Es war naturlich, dass sie in Gegenwart fremder Leute ihrem Betragen gegen mich den freundschaftlichen Ton der Anverwandtschaft gab, welche zwischen uns vorausgesetzt wurde, und durch welche sie notig befunden hatte, ihren Umgang mit mir gegen die Urteile strenger Sitten-Richter sicher zu stellen. Allein ausser diesem bemerkte ich, dass sie etliche mal, da sie von niemand beobachtet zu sein glaubte, die zartlichsten Blicke auf mich heftete. Ich war zu gutherzig, Verstellung unter diesen Zeichen der wiederkehrenden Liebe zu argwohnen; und der Schluss, den ich daraus zog, beruhigte mich ganzlich uber die Besorgnis, dass sie meinen Umgang mit Psyche entdeckt haben mochte. Ich flog mit ungedultiger Freude zu unserer abgeredeten Zusammenkunft; ich wartete so lange, dass mich der Tag beinahe uberrascht hatte; ich durchsuchte den ganzen Hain; aber da war keine Psyche. Eben so ging es in der folgenden und dritten Nacht. Mein Schmerz und meine Betrachtungen waren unaussprechlich. Damals erfuhr ich zum ersten mal, dass meine Einbildungs-Kraft, welche bisher nur zu meinem Vergnugen geschaftig war, in eben dem Masse, wie sie mich glucklich gemacht hatte, mich elend zu machen fahig sei. Ich zweifelte nun nicht mehr, dass die Priesterin unsere Liebe entdeckt habe; und die Folgen, welche dieser Umstand fur Psyche haben konnte, stellten sich mir mit allen Schrecknissen einer sich selbst qualenden Einbildung dar. Ich fasste in der Wut meines Schmerzens tausend heftige Entschliessungen, von denen immer eine die andere verschlang; ich wollte zu der Priesterin gehen, und meine Psyche von ihr fodern ich wollte das Ausschweifendste, was man in der Verzweiflung wollen kann; ich glaube, dass ich fahig gewesen ware, den Tempel anzuzunden, wenn ich hatte hoffen konnen, meine Psyche dadurch zu retten. Und doch hielt mich ein Schatten von Hoffnung, dass sie durch zufallige Ursachen habe verhindert werden konnen, ihr Wort zu halten, noch zuruck, einen unbesonnenen Schritt zu tun, welcher ein bloss eingebildetes Ubel wurklich und unheilbar hatte machen konnen. Vielleicht (dachte ich) weiss die Priesterin noch nichts von unserm Geheimnis; und wie unselig war' ich in diesem Fall, wenn ich selbst der Verrater davon ware? Dieser Gedanke fuhrte mich zum vierten mal in den Ruhe-Platz der Diana. Nachdem ich wohl zwo Stunden vergebens gewartet hatte, warf ich mich, in einer Betaubung von Schmerz und Verzweiflung, zu den Fussen einer von den Nymphen hin. Ich lag eine Weile, ohne meiner selbst machtig zu sein. Als ich mich wieder erholt hatte, sah ich einen frischen Blumen-Kranz um den Hals und die Arme einer von den Nymphen gewunden; ich sprang auf, um genauer zu erkundigen, was dieses bedeuten mochte, und fand ein Briefchen an den Kranz geheftet, worin mir Psyche meldete: dass ich sie in der folgenden Nacht um eine bestimmte Stunde unfehlbar an diesem Platz antreffen wurde; sie versparete es auf diese Besprechung, mir zu sagen, durch was fur Zufalle sie diese Zeit uber verhindert worden, mich zu sehen, oder mir Nachricht von ihr zu geben; ich durfte aber vollkommen ruhig und gewiss sein, dass die Priesterin nichts von unserer Bekanntschaft wisse. Die heftige Begierde, womit ich wunschte, dass dieses Briefchen von Psyche geschrieben sein mochte, liess mich nicht daran denken, ein Misstrauen darein zu setzen, ungeachtet mir ihre Handschrift unbekannt war. Ich ging also plotzlich von dem aussersten Grade des Schmerzens zu der aussersten Freude uber. Ich wand den Gluck-weissagenden Blumen-Kranz um mich herum, nachdem ich die unsichtbaren Spuren der geliebten Finger, die ihn gewunden hatten, auf jeder Blume weggekusst hatte. Den folgenden Abend wurde mir jeder Augenblick bis zur bestimmten Zeit ein Jahrhundert. Ich ging eine halbe Stunde fruher, den guten Nymphen zu danken, dass sie unsere Liebe in ihren Schutz genommen hatten. Endlich glaubte ich, Psyche zwischen den Myrthen-Hecken hervorkommen zu sehen. Die Nacht war nur durch den Schimmer der Sterne beleuchtet; aber ich erkannte die gewohnliche Kleidung der Psyche, und war von dem ersten Rauschen ihrer Annaherung schon zu sehr entzuckt, um gewahr zu werden, dass die Gestalt, die sich mir naherte, mehr von dem uppigen Contour einer Bacchantin als von der jungfraulichen Geschmeidigkeit meiner Freundin hatte. Wir flogen einander mit gleichem Verlangen in die Arme. Die sprachlose Trunkenheit des ersten Augenblicks verstattet nicht, Bemerkungen zu machen; aber es wahrte doch nicht lange, bis ich notwendig fuhlen musste, dass ich mit einer Heftigkeit, welche mit der unschuldigen Zartlichkeit einer Psyche den starksten Absatz machte, an einen kaum verhullten und ungestum klopfenden Busen gedruckt wurde. Das konnte nicht Psyche sein. Ich wollte mich aus ihren Armen loswinden aber sie verdoppelte die Starke, womit sie mich umschlang, zugleich mit ihren wollustigen Liebkosungen; und da ich nun auf einmal mit einem Entsetzen, welches mir alle Sehnen lahmte, meinen Irrtum erkannte; so machte die Gewalt, die ich anwenden wollte, mich von der rasenden Priesterin loszureissen, dass wir mit einander zu Boden sanken. Ich wunschte aus Hochschatzung des Geschlechts, welches in meinen Augen der liebenswurdigste Teil der Schopfung ist, dass ich diese Scene aus meinem Gedachtnis ausloschen konnte. Die Bestrebungen dieser Ungluckseligen emporten endlich alle meine Geister zu einem Grimm, der mich ihrer eigenen Wut uberlegen machte. Ich hatte alle meine Vernunft notig, um nicht alle Achtung, die ich wenigstens ihrem Geschlecht schuldig war, aus den Augen zu setzen. Aber ich zweifle nicht, dass eine jede Frauens-Person welche noch einen Funken von sittlichem Gefuhl ubrig hatte lieber den Tod, als die Vorwurfe und die Verwunschungen, womit sie uberstromt wurde, ausstehen wollte. Sie krummete sich, in Tranen berstend zu meinen Fussen. Dieser Anblick war mir unertraglich ich wollte entfliehen; sie verfolgte mich, sie hing sich an, und bat mich, ihr den Tod zu geben. Ich verlangte mit Heftigkeit, dass sie mir meine Psyche wieder geben sollte. Diese Worte schienen sie unsinnig zu machen. Sie erklarte mir, dass das Leben dieser Sclavin in ihrer Gewalt sei, und von dem Entschluss, den ich nehmen wurde, abhange. Sie sah die Veranderung, die diese Drohung auf einmal in meinem ganzen Wesen machte; wir verstummten beide eine Weile. Endlich nahm sie einen sanftern, aber nicht weniger entschlossenen Ton an, um mir ihre vorige Erklarung zu bekraftigen. Die Eifersucht machte sie so vieles sagen, dass ich Zeit bekam mich zu fassen, und eine Drohung weniger furchterlich zu finden, zu deren Ausfuhrung ich sie, wenigstens aus Liebe zu sich selbst, unfahig glaubte. Ich antwortete ihr also mit einem kalten Blute, welches sie stutzen machte: dass sie auf ihre eigene Gefahr uber das Leben meiner jungen Freundin disponieren konne. Doch ersuchte ich sie, sich zu erinnern, dass sie selbst mich zum Meister uber das Ihrige, und uber das, was ihr noch lieber als das Leben sein sollte, gemacht habe. Das meinige (setzte ich lebhafter hinzu) hort mit dem Augenblick auf, da Psyche fur mich verloren ist; denn bei dem Gott, dessen Gegenwart dieses heilige Land erfullt, keine menschliche Gewalt soll mich aufhalten, ihrem geliebten Geist in eine bessere Welt zu folgen, wohin uns das Laster nicht folgen kann, unsere geheiligte Liebe zu beunruhigen! Meine Standhaftigkeit schien, den Mut der Priesterin niederzuschlagen. Sie sagte mir endlich: Sie merkte sehr wohl, dass ich trotzig darauf sei, dass ich in meiner Gewalt habe, sie zu Grunde zu richten ich konnte tun, was ich wollte; nur sollte ich versichert sein, dass ihr Psyche fur jeden Schritt antworten sollte, den ich machen wurde. Mit diesen Worten entfernte sie sich, und liess mich in einem Zustande, dessen Abscheulichkeit, nach der Empfindung die ich davon hatte, abgemessen, uber allen Ausdruck ging. Ich wusste nun, dass die Priesterin Mittel gefunden haben musse, unser Geheimnis zu entdecken, und dass der Blumen Kranz ein Kunstgriff von ihrer Erfindung gewesen war. Nach dieser Niedertrachtigkeit war keine Bosheit so ungeheuer, deren ich diese Elende nicht fahig gehalten hatte. Ich besorgte nichts fur mich selbst, aber alles fur die arme Psyche, welche ich der Gewalt einer Nebenbuhlerin uberlassen musste, ohne dass mir alle meine Zartlichkeit fur sie das Vermogen geben konnte, sie davon zu befreien.
Funftes Capitel
Agathon entfliehet von Delphi, und findet seinen
Vater
Nachdem ich etliche Tage in der grausamen Ungewissheit, was aus meiner Geliebten geworden sein mochte, zugebracht hatte, erfuhr ich endlich von einer Sclavin der Pythia, welche ihre Freundin gewesen war, dass sie nicht mehr in Delphi sei. Dieses war alle Nachricht, die ich von ihr ziehen konnte; aber es war genug, mir den Aufenthalt von Delphi unertraglich zu machen. Nunmehr bedacht' ich mich keinen Augenblick, was ich tun wollte. Ich stahl mich in der nachsten Nacht hinweg, ohne um die Folgen eines so unbesonnenen Schrittes bekummert zu sein; oder richtiger zu sagen, in einem Gemuts-Zustande, worin ich unfahig war, einige vernunftige Uberlegung zu machen. Ich irrte eine Zeitlang an allen Orten herum, wo ich eine Spur von meiner Freundin zu entdecken hoffte; toricht genug mir einzubilden, dass sie mich, wo sie auch sein mochte, durch die magische Gewalt der Sympathie unsrer Seelen nach sich ziehen wer de. Aber meine Hoffnung betrog mich; niemand konnte mir die geringste Nachricht von ihr geben. Unempfindlich gegen alles Elend, welches ich auf dieser unsinnigen Wanderschaft erfahren musste, fuhlte ich keinen andern Schmerz als die Trennung von meiner Geliebten und die Ungewissheit, was ihr Schicksal sei; ich wurde die Versicherung, dass es ihr wohl gehe, gerne mit meinem Leben bezahlt haben. Endlich fuhrte mich der Zu fall oder eine mitleidige Gottheit nach Corinth. Die Sonne war eben untergegangen, als ich von den Beschwerlichkeiten der Reise, und einer Diat, deren ich nicht gewohnt war, ausserst abgemattet, vor dem Hofe eines von den prachtigen Landgutern ankam, welche die Kusten des Corinthischen Meeres verschonern. Ich warf mich unter eine hohe Cypresse nieder, und verlor mich in den Vorstellungen der naturlichen, und dennoch in der Hitze der Leidenschaft nicht vorhergesehenen Folgen meiner Flucht von Delphi. In der Tat war meine Situation fahig, den herzhaftesten Mut niederzuschlagen. In eine Welt ausgestossen, worin mir alles fremd war, ohne Freunde, unwissend wie ich ein Leben werde erhalten konnen, dessen Urheber mir nicht einmal bekannt war warf ich traurige Blicke um mich her die ganze Natur schien mich verlassen zu haben auf dem weiten Umfang der mutterlichen Erde sah ich nichts, worauf ich einen Anspruch machen konnte als ein Grab, wenn mich die Last des Elends endlich aufgerieben haben wurde, und selbst dieses konnte ich nur von der Frommigkeit irgend eines mitleidigen Wanderers hoffen. Diese melancholischen Gedanken wurden durch die Erinnerung meiner vergangnen Gluckseligkeit, und durch das Bewusstsein, dass ich mein Elend durch keine Bosheit des Herzens oder irgend eine entehrende Ubeltat verdient hatte, noch empfindlicher gemacht. Ich sah mit tranenvollen Augen um mich her, als ob ich ein Wesen in der Natur suchen wollte, dem mein Zustand zu Herzen ginge. In diesem Augenblick erfuhr ich den wohltatigen Einfluss dieser gluckseligen Schwarmerei, welche die Natur dem empfindlichsten Teil der Sterblichen, zu einem Gegenmittel gegen die Ubel, denen sie durch die Schwache ihres Herzens ausgesetzt sind, gegeben zu haben scheint. Ich wandte mich an die Unsterblichen mit denen meine Seele schon so lange in einer Art von unsichtbarer Gemeinschaft gestanden war. Der Gedanke dass sie die Zeugen meines Lebens, meiner Gedanken, meiner geheimsten Neigungen gewesen seien, goss lindernden Trost in mein verwundetes Herz. Ich sahe meine geliebte Psyche unter ihre Flugel gesichert. Nein, rief ich aus, die Unschuld kann nicht unglucklich sein, noch das Laster seine Absichten ganz erhalten! In diesem majestatischen All, worin Spharen und Atomen sich mit gleicher Unterwurfigkeit nach den Winken einer weisen und wohltatigen Macht bewegen, war es Unsinn und Gottlosigkeit, sich einer entnervenden Kleinmut zu uberlassen. Mein Dasein ist der Beweis, dass ich eine Bestimmung habe. Hab' ich nicht eine Seele welche denken kann, und Gliedmassen, welche ihr als Sclaven zur Ausrichtung ihrer Gedanken zugegeben sind? Bin ich nicht ein Grieche? Und wenn mich mein Vaterland nicht erkennen will, bin ich nicht ein Mensch? Ist nicht die Erde mein Vaterland? Und gibt mir nicht die Natur ein unverlierbares Recht an Erhaltung und jedes wesentliche Stuck der Gluckseligkeit, sobald ich meine Krafte anwende die Pflichten zu erfullen, die mich mit der Welt verbinden? Diese Gedanken beschamten meine Tranen, und richteten mein Herz wieder auf. Ich fing an, die Mittel zu uberlegen, die ich in meiner Gewalt hatte, mich in bessere Umstande zu setzen; als ich einen Mann von mittlerm alter gegen mich herkommen sah, dessen Ansehen und Mine mir beim ersten Anblick Zutrauen und Ehrerbietung einflossten. Ich raffte mich sogleich vom Boden auf, und beschloss mit mir selbst, ihn anzureden, ihm meine Umstande zu entdecken, und mir seinen Rat auszubitten. Er kam mir zuvor. Du scheinest vom Weg ermudet zu sein, junger Fremdling, sagte er zu mir, mit einem Ton, der ihm sogleich mein Herz entgegen wallen machte; und da ich dich unter dem wirtschaftlichen Schatten meines Baumes gefunden habe, so hoffe ich, du werdest mir das Vergnugen nicht versagen, dich diese Nacht in meinem Hause zu beherbergen. Dieser Mann, den ich hieraus fur den Herrn des Hauses, welches ich vor mir sah, erkannte, betrachtete mich mit einer sonderbaren Aufmerksamkeit, indem ich ihm fur seine Leutseligkeit dankte, und mit einer Offenherzigkeit, welche von meiner wenigen Kenntnis der Welt zeugte, bekannte; dass ich im Begriff gewesen sei, ihn um dasjenige zu ersuchen, was er mir auf eine so edle Art anbiete; nachdem ich durch einen Zufall in diese Gegenden, wo ich niemand kenne, geraten sei. Ich weiss nicht, was ihn zu meinem Vorteil einzunehmen schien; mein Aufzug wenigstens konnte es nicht sein; denn ich hatte, aus Sorge entdeckt zu werden, meine Delphische Kleidung gegen eine schlechtere vertauscht, welche auf meiner Wanderschaft ziemlich abgenutzt worden war. Er wiederholte mir wie angenehm es ihm sei, dass mich der Zufall vielmehr ihm als einem seiner Nachbarn zugefuhrt habe; und so folgte ich ihm in sein Haus, dessen Weitlaufigkeit, Bauart und Pracht einen Besitzer von grossem Reichtum und vielem Geschmack ankundigte. Der Saal in dem wir zuerst abtraten, war mit Gemalden von den beruhmtesten Meistern, und mit einigen Bild-Saulen und Brust-Bildern von Phidias und Alcamenes ausgeziert. Ich liebe wie dir bekannt ist, die Werke der schonen Kunste bis zur Schwarmerei, und mein langer Aufenthalt in Delphi hatte mir einige Kenntnis davon gegeben. Ich bewunderte einige Stukke, setzte an andern dieses oder jenes aus, nannte die Kunstler, deren Hand oder Manier ich erkannte, und nahm Gelegenheit von andern Meisterstucken zu reden, die mir von ihnen bekannt waren. Ich bemerkte, dass mein Wirt mich mit Verwunderung von neuem betrachtete, und so aussah, als ob er betroffen ware, einen jungen Menschen, den er in einem so wenig versprechenden Aufzug unter einem Baum liegend gefunden, mit so vieler Kenntnis von Kunsten sprechen zu horen, von denen gemeiniglich nur Leute von Stand und Vermogen im Ton der Kenner zu reden pflegen. Nach einer kleinen Weile wurde gemeldet, dass das Abend-Essen aufgetragen sei. Er fuhrte mich hierauf in einen kleinen Saal, dessen Mauern von einem der besten Schuler des Parrhasius mit Wasser-Farben niedlich ubermalt waren. Wir speiseten ganz allein. Die Tafel, das Gerate, die Aufwarter, alles stimmte mit dem Begriff uberein, den ich mir bereits von dem Geschmack und dem Stande des Haus-Herrn gemacht hatte. Unter dem Essen trat ein junger Mensch von feinem Ansehen und zierlich gekleidet, auf, und recitierte ein Stuck aus der Odyssee mit vieler Geschicklichkeit. Mein Wirt sagte mir, dass er bei Tische diese Art von Gemuts-Ergotzung den Tanzerinnen und Flotenspielerinnen vorzoge, womit man sonst bei den Tafeln der Griechen sich zu unterhalten pflege. Das Lob das ich seinem Leser beilegte, gab zu einem Gesprach uber die beste Art zu recitieren, und uber die Griechischen Dichter Anlass, wobei ich meinem Wirte abermal Gelegenheit gab, zu stutzen, und mich immer aufmerksamer, und wie mich deuchte, mit einer Art von zartlicher Gemuts-Bewegung anzusehen. Er sah dass ich es gewahr wurde, und sagte mir hierauf, dass mich die Verwunderung womit er mich von Zeit zu Zeit betrachte, weniger befremden wurde, wenn ich die ausserordentliche Ahnlichkeit meiner Gesichts-Bildung und Mine mit einer Person, welche er ehmals gekannt habe, wisste; doch du sollst selbst hievon urteilen, setzte er hinzu, und hierauf fing er an von andern Dingen zu reden, bis der Wein und die Fruchte aufgestellt wurden. Bald darauf stunden wir auf, und nachdem wir eine Weile in einer langen Galerie, die auf einer doppelten Reihe Corinthischer Saulen von buntem Marmor ruhte, und prachtig erleuchtet war, auf und abgegangen waren, fuhrte er mich in ein Cabinet, worin ein Schreibtisch, ein Buchergestell, einige Polster, und ein Gemalde in Lebensgrosse auf welches ich nicht gleich acht gab, alle Mobeln und Zieraten ausmachten. Er hiess mich niedersitzen, und nachdem er das Bildnis, welches ihm gegenuber hing, eine ziemliche Weile mit Bewegung angesehen hatte, redete er mich also an: Deine Jugend, liebenswurdiger Fremdling, die Art wie sich unsere Bekanntschaft angefangen, die Eigenschaften die ich in dieser kurzen Zeit an dir entdeckt, und die Zuneigung die ich in meinem Herzen fur dich finde, rechtfertigen mein Verlangen, von deinem Namen, und von den Umstanden benachrichtiget zu sein, welche dich in einem solchen Alter von deiner Heimat entfernt und in diese fremde Gegenden gefuhrt haben konnen. Es ist sonst meine Gewohnheit nicht, mich beim ersten Anblick fur jemand einzunehmen. Aber bei deiner Erblickung hab ich einem geheimen Reiz, der mich gegen dich zog nicht widerstehen konnen, und du hast in diesen wenigen Stunden meine voreilige Neigung so sehr gerechtfertiget, dass ich mir selbst Gluck wunsche, ihr Gehor gegeben zu haben. Befriedige also mein Verlangen, und sei versichert, dass die Hoffnung, dir vielleicht nutzlich sein zu konnen, weit mehr Anteil daran hat, als ein unbescheidener Vorwitz. Du siehest einen Freund in mir, dem du dich, ungeachtet der kurzen Dauer unsrer Bekanntschaft, mit allem Zutrauen eines langwierigen und bewahrten Umgangs entdecken darfst. Ich wurde durch diese Anrede so sehr geruhrt, dass sich meine Augen mit Tranen fullten ich glaube, dass er darin lesen konnte was ihm mein Herz antwortete, ob ich gleich eine Weile keine Worte finden konnte. Endlich sagte ich ihm, dass ich von Delphi kame; dass ich daselbst erzogen worden; dass man mich Agathon genennt hatte; dass ich niemalen habe entdecken konnen, wem ich das Leben zu danken habe; und dass alles was ich davon wisse, dieses sei, dass ich in einem Alter von vier oder funf Jahren in den Tempel gebracht, mit andern Knaben, welche man dem Dienst des Gottes zu Delphi gewidmet, erzogen, und nachdem ich zu mehrern Jahren gekommen, von den Priestern mit einer vorzuglichen Achtung angesehen, und in allem was zur Erziehung eines freigebornen Griechen erfordert werde, geubet worden sei. Stratonicus (so wurde mein Wirt genannt) hatte wahrend dass ich dieses sagte, Muhe sich ruhig zu halten; sein Gesicht veranderte sich; er wollte anfangen zu reden, schien sich aber wieder anders zu bedenken, und ersuchte mich nur, ihm zu sagen, warum ich Delphi verlassen hatte. So naturlich die Aufrichtigkeit sonst meinem Herzen war, so konnte ich doch dieses mal unmoglich uber die Bedenklichkeiten hinaus kommen, welche mir uber meine Liebe zu Psyche den Mund verschlossen. Einem Freunde von meinen Jahren, fur den ich mein Herz eben so eingenommen gefunden hatte, als fur den Stratonicus, wurde ich das Innerste meines Herzens ohne Bedenken aufgeschlossen haben, so bald ich hatte vermuten konnen, dass er meine Empfindungen zu verstehen fahig sei: Aber hier hielt mich etwas zuruck, davon ich mir selbst die Ursache nicht recht angehen konnte. Ich schob also die ganze Schuld meiner Entweichung von Delphi auf die Pythia, indem ich ihm so ausfuhrlich, als es meine jugendliche Schamhaftigkeit gestatten wollte, von den Versuchungen, in welche sie meine Tugend gefuhrt hatte, Nachricht gab. Er schien sehr wohl mit meiner Auffuhrung zufrieden, und nachdem ich meine Erzahlung bis auf den Augenblick, wo ich ihn zuerst erblickt, und dasjenige was ich sogleich fur ihn empfunden, fort gefuhrt; stund er mit einer lebhaften Bewegung auf, warf seine Arme um meinen Hals, und sagte mit Tranen der Freude und Zartlichkeit in seinen Augen; Mein liebster Agathon, siehe deinen Vater hier, setzte er hinzu, indem er mich sanft umwendete, und auf das Gemalde wies, welchem ich bisher den Rucken zugekehrt hatte, hier, in diesem Bilde, erkenne die Mutter, deren geliebte Zuge mich beim ersten Anblick in deiner Gesichts-Bildung geruhrt, und diese Bewegung erregt haben, die ich nun fur die Stimme der Natur erkenne. Du kennest mich zu gut, liebenswurdige Danae, um dir meine Empfindungen in diesem Augenblicke nicht lebhafter einzubilden, als ich sie beschreiben konnte. Solche Augenblicke sind keiner Beschreibung fahig; fur solche Freuden hat die Sprache keine Namen, die Natur keine Bilder, und die Phantasie selbst keine Farben. Das Beste ist, zu schweigen, und den Zuhorer seinem eigenen Herzen zu uberlassen. Mein Vater schien durch meine Entzuckung, welche sich lange Zeit nur durch Tranen und sprachlose Umarmungen und abgebrochene Tone der zartlichsten Regungen, deren die Natur fahig ist, ausdrucken konnte, doppelt glucklich zu sein. Das Vergnugen, womit er mich fur seinen Sohn erkannte, schien ihn selbst wieder in die glucklichsten Augenblicke seiner Jugend zu versetzen, und Erinnerungen wieder aufzuwecken, denen mein Anblick ein neues Leben gab. Da er naturlicher Weise voraussetzen konnte, dass ich begierig sein werde, die Ursachen zu wissen, welche meinen Vater, der mich mit so vielem Vergnugen fur seinen Sohn erkannte, hatten bewegen konnen, mich so viele Jahre von sich verbannt zu halten; so gab er mir hieruber alle Erlauterungen, die ich nur wunschen konnte, durch eine umstandliche Erzahlung der Geschichte seiner Liebe zu meiner Mutter. Seine Bekanntschaft mit ihr hatte sich zufalliger Weise in einem Alter angefangen, worin er noch ganzlich unter der vaterlichen Gewalt stund. Sein Vater war das Haupt eines von den edelsten Geschlechtern in Athen. Meine Mutter war sehr jung, sehr schon, und eben so tugendhaft als schon, unter der Aufsicht einer alten Frau, die sich ihre Mutter nannte, dahin gekommen. Die strenge Eingezogenheit, worin sie sehr kummerlich von ihrer Hand-Arbeit lebte, verwahrte die junge Musarion vor den Augen und vor den Nachstellungen der mussigen reichen Junglinge, welche gewohnt sind, junge Madchen, die keinen andern Schutz als ihre Unschuld, und keinen andern Reichtum als ihre Reizungen haben, fur ihre naturliche Beute anzusehen. Dem ungeachtet konnte sie nicht verhintern, durch einen Zufall, den ich ubergehen will, meinem Vater bekannt zu werden, welcher sich durch seine gesittete und bescheidene Lebens-Art von den meisten jungen Atheniensern seiner Zeit unterschied. Sein tugendhafter Character konnte ihn nicht verwahren, von den Reizungen der jungen Musarion geruhrt zu werden; aber er machte, dass seine Liebe die Eigenschaft seines Characters annahm. Sie war tugendhaft, bescheiden, und eben dadurch starker und dauerhafter. Sein Stand, sein guter Ruf und sein zuruckhaltendes Betragen gegen den unschuldigen Gegenstand seiner, Liebe gaben zusammengenommen einen Beweg-Grund ab, der die Nachsicht entschuldigen konnte, womit die Alte seine geheime Besuche duldete, ob sie gleich immer haufiger wurden. Nichts kann naturlicher sein, als dasjenige, was man liebt, dem Mangel nicht ausgesetzt sehen zu konnen; aber nichts ist auch in den Augen der Welt zweideutiger, als die Freigebigkeit eines jungen Menschen gegen eine junge Person, welche das Ungluck hat, durch ihre Annehmlichkeiten den Neid, und durch ihre Armut die Verachtung des grossen Haufens zu erregen. Man kann sich nicht bereden, dass in einem solchen Fall derjenige, welcher gibt, nicht eigennutzige Absichten habe; oder diejenige, welche annimmt, ihre Dankbarkeit nicht auf Unkosten ihrer Unschuld beweise. Stratonicus gebrauchte deswegen die ausserste Vorsichtigkeit, um die Wohltaten, womit er diese kleine Familie von Zeit zu Zeit unterstutzte, vor aller Welt und vor ihnen selbst zu verbergen. Allein sie entdeckten doch zuletzt ihren unbekannten Wohltater; und diese neue Proben seiner edelmutigen Sinnes-Art vollendeten den Eindruck, den er schon lange auf das unerfahrne Herz der zartlichen Musarion gemacht hatte, und gewannen es ihm ganzlich. Niemals wurde die Liebe von der zartlichsten Gegenliebe erwidert, zwei Herzen glucklicher gemacht haben, wenn die Umstande der jungen Schonen einer gesetzmassigen Vereinigung nicht Schwierigkeiten in den Weg gelegt hatten, welche ein jeder anderer als ein Liebhaber fur unuberwindlich gehalten hatte. Endlich war Stratonicus so glucklich, zu entdecken, dass seine Geliebte wurklich eine Atheniensische Burgerin sei, die Tochter eines zwar armen, aber rechtschaffenen Mannes, welcher im Pelopponesischen Kriege sein Leben auf eine ruhmliche Art verloren hatte. Nunmehr wagte er es, seinem Vater das Geheimnis seiner Liebe zu entdecken; er wandte alles an, seine Einwilligung zu erhalten; aber der Alte, welcher alle Reizungen und alle Tugenden der jungen Musarion fur keinen genugsamen Ersatz des Reichtums, der ihr fehlte, ansah, blieb unerbittlich. Stratonicus liebte zu inbrunstig, um dem Befehl, nicht weiter an seine Geliebte zu denken, gehorsam zu sein; er wurde sich selbst fur den Unwurdigsten unter den Menschen gehalten haben, wenn er fahig gewesen ware, ihr nur das Wenigste von seinen Empfindungen zu entziehen. Die Widerwartigkeiten und Hinternisse, womit seine Liebe kampfen musste, taten vielmehr die Wurkung, welche sie in einem solchen Falle bei edeln und wahrhaftig eingenommenen Gemutern allemal tun werden; sie concentrierten das Feuer ihrer gegenseitigen Zuneigung, und bliesen eine Flamme, welche, so lange sie von Hoffnung genahrt wurde, drei Jahre lang sanft und rein fortgebrannt hatte, zu der heftigsten Leidenschaft an. Das Herz ermudet endlich durch den langen Kampf mit seinen sussesten Regungen; es verliert die Kraft zu widerstehen; und je langer es unter den Qualen einer zugleich verfolgten und unbefriedigten Liebe geseufzet hat, je heftiger sehnet es sich nach einer Gluckseligkeit, wovon ein einziger Augenblick genugsam ist, das Andenken aller ausgestandenen Leiden auszuloschen, das Gefuhl der gegenwartigen zu ersticken, und die Augen, von der sussen Trunkenheit der glucklichen Liebe benebelt, gegen alle kunftige Not blind zu machen. Ausser diesem hatte Musarion noch den Beweg-Grund einer Dankbarkeit, von deren druckender Last ihr Herz sich zu erleichtern suchte. Kurz: Sie schwuren einander eine ewige Treue, uberliessen sich dem sympathetischen Verlangen ihres Herzens, und bedienten sich der Gewalt, die ihnen die Liebe gab, einander glucklich zu machen. Die Gluckseligkeit, welche eines dem andern zu danken hatte, unterhielt und befestigte die zartliche Vereinigung ihrer Herzen, anstatt sie zu schwachen oder gar aufzulosen; denn noch niemals ist der Genuss das Grab der wahren Zartlichkeit gewesen. Ich, schone Danae, war die erste Frucht ihrer Liebe. Glucklicher Weise fiel meinem Vater eben damals durch den letzten Willen eines Oheims ein kleines Vorwerk auf einer von den Insuln zu, welche unter der Botmassigkeit der Athenienser stehen. Dieses musste meiner Mutter zur Zuflucht dienen; ich wurde daselbst geboren, und genoss drei Jahre lang ihrer eigenen Pflege; bis sie mir durch eine Schwester entzogen wurde, deren Leben der liebenswurdigen Musarion das ihrige kostete. Stratonicus hatte inzwischen manchen Versuch gemacht, das Herz seines Vaters zu erweichen; aber allemal vergebens. Es blieb ihm also nichts ubrig, als seine Verbindung mit meiner Mutter und die Folgen derselben geheim zu halten. Ihr fruhzeitiger Tod vernichtete die Entwurfe von Gluckseligkeit, die er fur die Zukunft gemacht hatte, ohne die zartliche Treue, die er ihrem Andenken widmete, zu schwachen. Die Sorge fur das, was ihm von ihr ubrig geblieben war, hielt ihn zuruck, sich einer Traurigkeit vollig zu uberlassen, welche ihn lange Zeit gegen alle Freuden des Lebens gleichgultig, und zu allen Beschaftigungen desselben verdrossen machte. Der Tempel zu Delphi schien ihm der tauglichste Ort zu sein, mich zu gleicher Zeit zu verbergen, und einer guten Erziehung teilhaft zu machen. Er hatte Freunde daselbst, denen ich besonders empfohlen wurde, mit dem gemessensten Auftrag, mich in einer ganzlichen Unwissenheit uber meinen Ursprung zu lassen. Sein Vorsatz war, so bald der Tod seines Vaters ihn zum Meister uber sich selbst und seine Guter gemacht haben wurde, mich von Delphi abzuholen, und nach Athen zu bringen, wo er so dann seine Verbindung mit meiner Mutter bekannt machen, und mich offentlich fur seinen Sohn und Erben erklaren wollte. Aber dieser Zufall erfolgte erst wenige Monate vor meiner Flucht, und seit demselben hatten ihn dringendere Geschafte genotigt, meine Abholung aufzuschieben.
Nachdem mein Vater diese Erzahlung geendigt hatte, liess er einen alten Freigelassenen zu sich rufen, und fragte ihn: Ob er den kleinen Agathon kenne, den er vor vierzehn Jahren dem Schutz des Delphischen Apollo uberliefert habe? Der gute Alte, dessen Zuge mir selbst nicht unbekannt waren, erkannte mich desto leichter, da er binnen dieser Zeit von meinem Vater etliche male nach Delphi abgeschickt worden war, sich meines Wohlbefindens zu erkundigen. Nunmehr wurde in wenigen Augenblicken das ganze Haus mit allgemeiner Freude erfullt; die Zufriedenheit meines Vaters uber mich, und das Vergnugen, womit alle seine Haus-Genossen mich, als den einzigen Sohn ihres Herrn, bewillkommten, machte die Freude vollkommen, die ich bei einem so unverhofften und plotzlichen Ubergang von dem Elend eines sich selbst unbekannten, nackten und allen Zufallen des Schicksals preis gegebenen Fluchtlings zu einem so blendenden Glucks-Stand notwendig empfinden musste. Blendend hatte er wenigstens fur manchen andern sein konnen, der durch die Art seiner Erziehung weniger als ich vorbereitet gewesen ware, einen solchen Wechsel mit Bescheidenheit zu ertragen. Inzwischen bin ich mir selbst die Gerechtigkeit schuldig, zu sagen, dass die Versicherung, ein Burger von Athen, und durch meine Geburt und die Tugend meiner Voreltern zu Verdiensten und schonen Taten berufen zu sein, mir ungleich mehr Vergnugen machte, als der Anblick der Reichtumer, welche die Gutigkeit meines Vaters mit mir zu teilen so begierig war, und welche in meinen Augen nur dadurch einen Wert erhielten, weil sie mir das Vermogen zu geben schienen, desto freier und vollkommener nach den Grund-Satzen, die ich eingesogen hatte, leben zu konnen. Ich unterhielt mich nun mit einer neuen Art von Traumen, welche durch ihre Beziehung auf meine neu entdeckten Verhaltnisse fur mich so wichtig, als durch ihre Ausfuhrung eben so viele Wohltaten fur das menschliche Geschlecht zu sein schienen. Ich machte Entwurfe, wie die erhabenen Lehr Satze meiner idealischen Sitten-Lehre auf die Einrichtung und Verwaltung eines gemeinen Wesens angewendt werden konnten. Diese Betrachtungen, welche einen guten Teil meiner Nachte wegnahmen, erfullten mich mit dem lebhaftesten Eifer fur ein Vaterland, welches ich nur aus Geschichtschreibern kannte; ich zeichnete mir selbst, auf den Fussstapfen der Solons und Aristiden, einen Weg aus, bei welchem ich an keine andere Hinternisse dachte, als solche, die durch Mut und Tugend zu uberwinden sind. Dann setzte ich mich in meinen patriotischen Entzukkungen an das Ende meiner Laufbahn, und sah in Athen, nichts geringers als die Hauptstadt der Welt, die Gesetzgeberin der Nationen, die Mutter der Wissenschaften und Kunste, die Konigin des Meers, den Mittelpunct der Vereinigung des ganzen menschlichen Geschlechts. Kurz, ich machte ungefahr eben so schimarische, und eben so ungeheure Projecte, als Alciabiades; aber mit dem wesentlichen Unterscheid, dass ein von Gute und allgemeiner Wohltatigkeit beseeltes Herz die Quelle der meinigen war. Sie hatten noch dieses Besondere, dass ihre Ausfuhrung, (die moralische Moglichkeit derselben vorausgesetzt,) keiner Mutter eine Trane, und keinem Menschen in der Welt mehr, als die Aufopferung seiner Vorurteile, und solcher Leidenschaften, welche die Ursachen alles Privat-Elends sind, gekostet hatten. Ihre Ausfuhrung schien mir, weil ich mir die Hinternisse nur einzeln, und nicht in ihrem Zusammenhang und vereinigtem Gewichte vorstellte, so leicht zu sein, dass ich nur allein daruber verwundert war, dass ein Perikles unter den kleinfugigen Bemuhungen Athen zur Meisterin von Griechenland zu machen, habe ubersehen konnen, wie viel leichter es sei, es zum Tempel eines ewigen Friedens und der allgemeinen Gluckseligkeit der Welt zu machen. Diese schonen Speculationen gaben etliche mal den Stoff zu den Unterredungen ab, womit ich meinem Vater des Abends die Zeit zu verkurzen pflegte. Die Lebhaftigkeit meiner Einbildungskraft schien ihn eben so sehr zu belustigen, als sein Herz, dessen Ebenbild er in dem meinigen erkannte, sich an den tugendhaften Gesinnungen vergnugte, welche er, wie ich selbst, (vielleicht beide ein wenig zu parteiisch) fur die Triebfedern meiner politischen Traume hielt. Alles, was er mir von den Schwierigkeiten ihrer Ausfuhrung, die er mit der Quadratur des Cirkels in eine Classe setzte, sagen konnte, uberzeugte mich so wenig, als einen Verliebten die Einwendungen eines Freundes, der bei kaltem Blut ist, uberzeugen werden. Ich hatte eine Antwort fur alle; und dieser neue Schwung, den mein Enthusiasmus bekommen hatte, wurde bald so stark, dass ich es kaum erwarten konnte, mich in Athen, und in Umstanden zu sehen, wo ich die erste Hand an dieses grosse Werk, wozu ich gewidmet zu sein glaubte, legen konnte.
Sechstes Capitel
Agathon kommt nach Athen, und widmet sich der
Republik
Eine Probe der besondern Natur desjenigen Windes,
welcher vom Horaz aura popularis genennet wird Mein Vater hielt sich nur so lange zu Corinth auf, als es seine Geschafte erfoderten, und eilte selbst, mich so bald es nur moglich war, in dieses Athen zu versetzen, welches sich meiner verschonernden Einbildung in einem so herrlichen Lichte darstellte. Ich gestehe dir, Danae, (und hoffe, die fromme Pflicht gegen meine Vaterstadt nicht dadurch zu beleidigen) dass der erste Anblick mit dem was ich erwartete einen starken Absatz machte. Mein Geschmack war zu sehr verwohnt, um das Mittelmassige, worin es auch sein, mochte, ertraglich zu finden; er wollte gleichsam alles in diese feine Linie eingeschlossen sehen, in welcher das Erhabene mit dem Schonen zusammenfliesst; und wenn er diese Vollkommenheit an einzelnen Teilen gewahr wurde, so wollte er, dass alle zusammenstimmen, und ein sich selbst durchaus ahnliches, symmetrisches Ganzes ausmachen sollten. Von diesem Grade der Schonheit war Athen, so wie vielleicht eine jede andere Stadt in der Welt, noch weit entfernt; indessen hatte sie doch der gute Geschmack und die Verschwendung des Perikles, mit Hulfe der Phidias, der Alcamenen, und andrer grosser Meister, in einen solchen Stand gestellt, dass sie mit den prachtigsten Stadten des politesten Teils der Welt um den Vorzug streiten konnte; und ich hielt mit Recht davor, dass die Erganzung und Vollendung dessen, was ihr von dieser Seite noch abging, der leichteste Teil meiner Entwurfe, und eine naturliche Folge derjenigen Veranstaltungen sein werde, welche sie, meiner Einbildung nach, zum Mittelpunct der Starke, und der Reichtumer des ganzen Erdbodens machen sollten.
Sobald wir in Athen angekommen waren, liess mein Vater seine erste Sorge sein, mich auf eine gesetzmassige und offentliche Art fur seinen Sohn erkennen, und unter die Atheniensischen Burger aufnehmen zu lassen. Dieses machte mich eine Zeit lang zu einem Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit. Die Athenienser sind, wie dir nicht unbekannt ist, mehr als irgend ein anders Volk in der Welt geneigt, sich plotzlich mit der aussersten Lebhaftigkeit fur oder wider etwas einnehmen zu lassen. Ich hatte das Gluck, ihnen beim ersten Anblick zu gefallen; die Begierde mich zu sehen, und Bekanntschaft mit mir zu machen, wurde eine Art von epidemischer Leidenschaft unter Jungen und Alten; jene machten in kurzem einen glanzenden Hof um mich, und diese fassten Hoffnungen von mir, welche mich, ohne es an mir selbst gewahr zu werden, mit einem geheimen Stolz erfullten, und die allzuhochfliegende Meinung, die ich ohnehin geneigt war, von meiner Bestimmung zu fassen, bestatigten. Dieser subtile Stolz, der sich hinter meinen besten Neigungen und tugendhaftesten Gesinnungen verbarg, und dadurch meinem Bewusstsein sich entzog, benahm mir nichts von einer Bescheidenheit, wodurch ich vor den meisten jungen Leuten meiner Gattung mich zu unterscheiden schien; und ich gewann dadurch, nebst der allgemeinen Achtung des geringern Teils des Volkes, den Vorteil, dass die Vornehmsten, die Weisesten und Erfahrensten mich gerne um sich haben mochten, und mir durch ihren Umgang, eine Menge besondere Kenntnisse mitteilten, welche mir bei meinem fruhzeitigen Auftritt in der Republik sehr wohl zu statten kamen. Die Reinigkeit meiner Sitten, der gute Gebrauch, den ich von meiner Zeit machte, der Eifer, womit ich mich zum kunftigen Dienst meines Vaterlandes vorbereitete, die fleissige Besuchung der Gymnasien, und der Preis, den ich in den Ubungen vor den mehresten meines Alters davon trug: Alles dieses vereinigte sich, das gunstige Vorurteil zu unterhalten, welches man einmal fur mich gefasst hatte; und da mir noch die Verdienste meines Vaters, und einer langen Reihe von Voreltern den Weg zur Republik bahnten; so ist es nicht zu verwundern, dass ich in einem Alter, worin die meisten Junglinge nur mit ihren Vergnugungen beschaftiget sind, den Mut hatte, in den offentlichen Versammlungen aufzutreten, und das Gluck, mit einem Beifall aufgenommen zu werden, welcher mich in Gefahr setzte, eben so schnell, als ich empor gehoben wurde, so wohl durch meine eigene Vermessenheit, als durch den Neid meiner Nebenbuhler wieder gesturzt zu werden.
Die Beredsamkeit ist in Athen, und in allen Freistaaten, wo das Volk Anteil an der offentlichen Verwaltung hat, der nachste Weg zu Ehrenstellen, und das gewisseste Mittel sich auch ohne dieselben Ansehen und Einfluss zu verschaffen. Ich liess es mir also sehr angelegen sein, die Geheimnisse einer Kunst zu studieren, von deren Ausubung und dem Grade der Geschicklichkeit, den ich mir darin erwerben wurde, die gluckliche Ausfuhrung aller meiner Entwurfe abzuhangen schien. Denn wenn ich bedachte, wozu Perikles und Alciabades die Athenienser zu bereden gewusst hatten: So zweifelte ich keinen Augenblick, dass ich sie mit einer gleichen Geschicklichkeit zu Massnehmungen wurde uberreden konnen, welche, ausserdem, dass sie an sich selbst edler waren, zu weit glanzendern Vorteilen fuhrten, ohne so ungewiss und gefahrlich zu sein. In dieser Absicht besuchte ich die Schule des Platons, welcher damals zu Athen in seinem grossesten Ansehen stund, und indem er die Weisheit des Socrates mit der Beredsamkeit eines Gorgias und Prodicus vereinigte, nach dem Urteil meiner alten Freunde, weit geschickter, als diese Wortkunstler, war, einen Redner zu bilden, der vielmehr durch die Starke der Wahrheit, als durch die Blendwerke und Kunstgriffe einer hinterlistigen Dialectik sich die Gemuter seiner Zuhorer unterwerfen wollte. Der vertrautere Zutritt, den mir dieser beruhmte Weise vergonnte, entdeckte eine Ubereinstimmung meiner Denkungsart mit seinen Grundsatzen, welche die Freundschaft, die ich fur ihn fasste, in eine fast schwarmerische Leidenschaft verwandelte. Sie wurde mir schadlich gewesen sein, wenn man damals schon so von ihm gedacht hatte, wie man dachte, nachdem er, durch die Bekanntmachung seiner metaphysischen Dialogen, bei den Staatsleuten, und selbst bei vielen, welche seine Bewundrer gewesen waren, den Vorwurf, welchen Aristophanes ehemals (wiewohl hochst unbillig) dem weisen Socrates gemacht, sich mit besserm Grund oder mehr Scheinbarkeit zugezogen hatte. Aber damals hatte Plato weder seinen Timaus noch seine Republik geschrieben. Indessen existierte diese letztere doch bereits in seinem Gehirne; sie gab sehr oft den Stoff zu unsern Gesprachen in den Spaziergangen der Academie ab; und er bemuhete sich desto eifriger, mir seine Begriffe von der besten Art, die menschliche Gesellschaft einzurichten, und zu regieren, eigen zu machen, da er das Vergnugen zu haben hoffte, sie wenigstens in so fern es die Umstande zulassen wurden, durch mich realisiert zu sehen. Sein Eifer in diesem Stucke mag so gross gewesen sein, als er will, so war er doch gewiss nicht grosser, als meine Begierde, dasjenige auszuuben, was er speculierte. Allein, da meine Vorstellung von der Wichtigkeit der Pflichten, welche derjenige auf sich nimmt, der sich in die offentlichen Angelegenheiten mischet, der Lauterkeit und innerlichen Gute meiner Absichten proportioniert war, und ich desto weiter von Ehrsucht, und andern eigennutzigen Leidenschaften entfernt zu sein glaubte, je gewisser ich mir bewusst war, dass ich (wenn ich es fur erlaubt gehalten hatte, mich in der Wahl einer Lebensart bloss meiner Privatneigung zu uberlassen,) eine von dem Stadtischen Getummel entfernte Musse, und den Umgang mit den Musen, die ich alle zugleich liebte, der Ehre, eine ganze Welt zu beherrschen, vorgezogen hatte: So glaubte ich mich nicht genug vorbereiten zu konnen, eh ich auf einem Theater erschiene, wo der erste Auftritt gemeiniglich das Gluck des ganzen Schauspiels entscheidet. Ich widerstund bei etlichen Gelegenheiten, welche mich aufzufodern schienen, so wohl dem Zubringen meiner Freunde, als meiner eigenen Neigung, ob es gleich, seit dem Alcibiades mit so gutem Erfolg den Anfang gemacht hatte, nicht an jungen Leuten fehlte, welche, ohne sich durch andre Talente, als die Geschicklichkeit ein Gastmahl anzuordnen, sich zierlich zu kleiden, zu tanzen, und die Cithar zu spielen, bekannt gemacht zu haben, vermessen genug waren, nach einer durchgeschwarmten Nacht aus den Armen einer Buhlerin in die Versammlung des Volks zu hupfen, und von Salben triefend mit einer tandelhaften Geschwatzigkeit von den Gebrechen des Staats, und den Fehlern der offentlichen Verwaltung zu plaudern.
Endlich ereignete sich ein Fall, wo das Interesse eines Freundes, den ich vorzuglich liebte, alle meine Bedenklichkeiten uberwog. Eine machtige Cabale hatte seinen Untergang geschworen; er war unschuldig; aber die Anscheinungen waren gegen ihn; die Gemuter waren wider ihn eingenommen; und die Furcht, sich den Unwillen seiner Feinde zu zuziehen, hielt die wenigen, welche besser von ihm dachten, zuruck, sich seiner offentlich anzunehmen. In diesen Umstanden stellte ich mich als sein Verteidiger dar. Da ich von seiner Unschuld uberzeugt war, so wurkten alle diese Betrachtungen, wodurch sich seine ubrigen Freunde abschrecken liessen, bei mir gerade das Widerspiel. Ganz Athen wurde aufmerksam, da es bekannt wurde, dass Agathon, des Stratonicus Sohn, auftreten wurde, die Sache des schon zum voraus verurteilten Lysias zu fuhren. Die Zuneigung, welche das Volk zu mir trug, veranderte auf einmal die Meinung, die man von dieser Sache gefasst hatte; die Athenienser fanden eine Schonheit, von der sie ganz bezaubert waren, in der Grossmut und Herzhaftigkeit, womit ich (wie sie sagten) mich fur einen Freund erklarte, den alle Welt verlassen und der Wut und Ubermacht seiner Feinde preis gegeben hatte. Man tat nun die eifrigsten Gelubde, dass ich den Sieg davon tragen mochte, und der Enthusiasmus, womit einer den andern ansteckte, wurde so gross, dass die Gegenpartei sich genotigt sah, den Tag der Entscheidung so weit hinauszusetzen, als sie fur notig hielten, um die erhitzten Gemuter sich wieder abkuhlen zu lassen. Sie sparten inzwischen keine Kunstgriffe, wodurch sie sich des Ausgangs zu versichern glaubten; allein der Erfolg vereitelte alle ihre Massnehmungen. Die Zujauchzungen, womit ich von einem grossen Teil des Volkes empfangen wurde, munterten mich auf; ich sprach mit einem gesetztern Mut, als man sonst von einem jungen Menschen erwarten konnte, der zum ersten mal vor einer so zahlreichen Versammlung redete; und vor einer Versammlung, wo der geringste Handwerksmann sich fur einen Kenner und rechtmassigen Richter der Beredsamkeit hielt. Die Wahrheit tat auch hier die Wurkung, die sie alle mal tut, wenn sie in ihrem eigenen Lichte und mit derjenigen Lebhaftigkeit, welche die eigene Uberzeugung des Redners gibt, vorgetragen wird; sie uberwaltigte alle Gemuter. Lysias wurde losgesprochen, und Agathon, der nunmehr der Held der Athenienser war, im Triumph nach Hause begleitet. Von dieser Zeit erschien ich ofters in den offentlichen Versammlungen; die Leidenschaft, welche das Volk fur mich gefasst hatte, und der Beifall, der mir, wenn ich redete, entgegen flog, machten mir Mut, nun auch an den allgemeinen Angelegenheiten Teil zu nehmen; und da das Gluck beschlossen zu haben schien, mich nicht eher zu verlassen, bis es mich auf den Gipfel der Republicanischen Grosse erhoben haben wurde; so machte ich auch in dieser neuen Laue Gunst, worin ich bei dem Volk stund, das Ansehen der Machtigsten zu Athen im Gleichgewicht erhielt; und dass meine heimlichen Feinde selbst, um dem Volk angenehm zu sein, genotigt waren, offentlich die Zahl meiner Bewunderer zu vermehren. Der Tod meines Vaters, der um diese Zeit erfolgte, beraubte mich eines Freundes und Fuhrers, dessen Klugheit mir in dem gefahrvollen Ocean des politischen Lebens unentbehrlich war. Ich wurde dadurch in den Besitz der grossen Reichtumer gesetzt, mit denen er nur dadurch dem Neid entgangen war, weil er sie mit grosser Bescheidenheit gebrauchte. Ich war nicht so vorsichtig. Der Gebrauch, den ich davon machte, war zwar an sich selbst edel und loblich; ich verschwendete sie, um Gutes zu tun; ich unterstutzte alle Arten von Burgern, welche ohne ihre Schuld in Ungluck geraten waren; mein Haus war der SammelPlatz der Gelehrten, der Kunstler und der Fremden; mein Vermogen stund jedem zu Diensten, der es benotigt war; aber eben dieses war es, was in der Folge meinen Fall beforderte. Man wurde mir eher zu gut gehalten haben, wenn ich es mit Gastmahlern, mit Buhlerinnen und mit einer immerwahrenden Abwechslung prachtiger und ausschweifender Lustbarkeiten durchgebracht hatte. Indes stund es eine geraume Zeit an, bis die Eifersucht, welche ich durch eine solche Lebens Art in den Gemutern der Angesehensten unter den Edeln zu Athen erregte, es wagen durfte, in sichtbare Wurkungen auszubrechen. Das Volk, welches mich vorhin geliebet hatte, fing nun an, mich zu vergottern. Der Ausdruck, den ich hier gebrauche, ist nicht zu stark; denn da ein gewisser Dichter, der sich meines Tisches zu bedienen pflegte, sich einst einfallen liess, in einem grossen und elenden Gedicht mir den Apollo zum Vater zu gehen, so fand diese mir selbst lacherliche Schmeichelei bei dem Pobel (dem ohnehin das Wunderbare allemal besser als das Naturliche einleuchtet) so grossen Beifall, dass sich nach und nach eine Art von Sage unter dem Volk befestigte, welche meiner Mutter die Ehre beilegte, den Gott zu Delphi fur ihre Reizungen empfindlich gemacht zu haben. So ausschweifend dieser Wahn war, so wahrscheinlich schien er meinen Gonnern aus der untersten Classe; dadurch allein glaubten sie die mehr als menschliche Vollkommenheiten, die sie mir zuschrieben, erklaren, und die ungereimten Hoffnungen, welche sie sich von mir machten, rechtfertigen zu konnen. Denn das Vorurteil des grossen Haufens ging weit genug, dass viele offentlich sagten, Athen konne durch mich allein zur Gebieterin des ganzen Erdbodens gemacht werden, und man konne nicht genug eilen, mir eine einzelne und unumschrankte Gewalt zu ubertragen, von welcher sie sich nichts geringers als die Wiederkehr der goldenen Zeit, die ganzliche Aufhebung des verhassten Unterscheids zwischen Armen und Reichen, und einen seligen Mussiggang mitten unter allen Wollusten und Ergotzlichkeiten des Lebens versprachen. Bei diesen Gesinnungen, womit in grosserm oder kleinerm Grade der Schwarmerei das ganze Volk zu Athen fur mich eingenommen war, brauchte es nur eine Gelegenheit, um sie dahin zu bringen, die Gesetze selbst zu Gunsten ihres Lieblings zu uberspringen. Diese zeigte sich, da Euboa und einige andre Insuln sich des ziemlich harten Joches, welches ihnen die Athenienser aufgelegt hatten, zu entledigen, einen Aufstand erregten; worin sie von den Spartanern heimlich unterstutzt wurden. Man konnte (diejenige Theorie, welche man zu Hause erwerben kann, ausgenommen) des Kriegs Wesens nicht unerfahrner sein, als ich es war. Ich hatte das Alter noch nicht erreicht, welches die Gesetze zu Bekleidung eines offentlichen Amts erfoderten; wir hatten keinen Mangel an geschickten und geubten Kriegs-Leuten; ich selbst wandte alles Ansehen, das ich hatte, an, um einen davon, den ich, seines moralischen Characters wegen, vorzuglich hoch schatzte, zum Feld-Herrn gegen die Emporten erwahlen zu machen; aber das alles half nichts gegen die warme Einbildungs-Kraft des lebhaftesten und leichtsinnigsten Volks in der Welt. Agathon, welchem man alle Talente zutraute, und von welchem man sich berechtigt hielt, Wunder zu erwarten, war allein tauglich, die Ehre des Atheniensischen Namens zu behaupten, und die hochfliegenden Traume der politischen Mussigganger zu Athen, welche bei diesem Anlass in die Wette eiferten, wer die lacherlichsten Projecte machen konne, in die Wurklichkeit zu setzen. Diese Art von Leuten war so geschaftig, dass es ihnen gelang, den grossesten Teil ihrer Mitburger mit ihrer Torheit anzustecken. Jede Nachricht, dass sich wieder eine andere Insul aufzulehnen anfange, verursachte eine allgemeine Freude; man wurde es gerne gesehen haben, wenn das ganze Griechenland an dieser Sache Anteil genommen hatte; auch fehlte es nicht an Zeitungen, welche das Feuer grosser machten, als es war, und endlich so gar den Konig von Persien in den Aufstand von Euboa verwickelten, um dem Agathon einen desto grossern Schau-Platz zu geben, die Athenienser durch Heldentaten zu belustigen und durch Eroberungen zu bereichern. Ich wurde also (so sehr ich mich entgegenstraubte) mit unumschrankter Gewalt uber die Armee, uber die Flotten, und uber die Schatz-Kammer, zum Feld-Herrn gegen die abtrunnigen Insuln ernannt; und da ich nun einmal genotigt war, dem Eigensinn meiner Mitburger nachzugeben, so entschloss ich mich, es mit einer guten Art zu tun, und die Sache von derjenigen Seite anzusehen, welche mir eine erwunschte Gelegenheit zu geben schien, den Anfang zur Ausfuhrung meiner eigenen Entwurfe zu machen. Da ich wusste, dass die Insulaner gerechte Klagen gegen Athen zu fuhren hatten, und eine Regierung nicht lieben konnten, von der sie unterdruckt, ausgesogen, und mit Fussen getreten wurden; so grundete ich meinen ganzen Plan ihrer Beruhigung und Wiederbringung auf den Weg der Gute, auf Abstellung der Missbrauche, wodurch sie erbittert worden waren, auf eine billige Massigung der Abgaben, welche man gegen ihre Freiheiten und uber ihr Vermogen, von ihnen erpresst hatte; und auf ihre Wiedereinsetzung in alle Rechte und Vorteile, deren sie sich als Griechen und als Bunds-Genossen, vermoge vieler besondern Vertrage, zu erfreuen haben sollten. Allein ehe ich von Athen abreisen konnte, war es um so notiger, die Gemuter vorzubereiten und auf einen Ton zu stimmen, der mit meinen Grund-Satzen und Absichten ubereinkame, da ich sahe, wie lebhaft die ausschweifenden Projecte, womit die Eitelkeit des Alcibiades sie ehemals bezaubert hatte, bei dieser Gelegenheit wieder aufgewacht waren. Ich versammelte also das Volk, und wandte alle Krafte der Rede-Kunst, welche bei keinem Volk der Welt so viel vermag, als bei den Atheniensern, dazu an, sie von der Grundlichkeit meiner Entwurfe zu uberzeugen, von welchen ich sie so viel sehen liess, als zu Erreichung meiner Absicht notig war. Nachdem ich ihnen die Grosse und den Flor, wozu die Republik, vermoge ihrer naturlichen Vorteile und innerlichen Starke, gelangen konne, mit den reizendesten Farben abgemalt hatte; bemuhte ich mich zu beweisen, dass weitlaufige Eroberungen, ausser der Gefahr, womit sie durch die Unbestandigkeit des Kriegs-Glucks verbunden seien, den Staat endlich notwendiger Weise unter der Last ihrer eigenen Grosse erdrucken mussten; dass es einen weit sicherern und kurzern Weg gebe, Athen zur Konigin des Erdhodens zu machen, indem etwas unleugbares sei, dass allezeit diejenige Nation den Ubrigen Gesetze vorschreiben werde, welche zu gleicher Zeit die klugste und die reichste sei; dass der Reichtum allezeit Macht gebe, so wie die Klugheit den rechten Gebrauch der Macht lehre; dass Athen in beidem allen andern Volkern uberlegen sein werde, wenn sie auf der einen Seite fortfahre, die Pfleg-Mutter der wissenschaften und aller nutzlichen und schonen Kunste zu sein; auf der andern aber alle ihre Gedanken darauf richte, sich in der Herrschaft uber das Meer fest zu setzen; nicht in der Absicht Eroberungen zu machen, sondern sich in eine solche Achtung bei den Auswartigen zu setzen, dass jedermann ihre Freundschaft suche, und niemand es wagen durfe, ihren Unwillen zu reizen; dass fur einen am Meer gelegenen Frei-Staat ein gutes Vernehmen mit allen ubrigen Volkern, und eine so weit als nur moglich ausgebreitete Handlung, der naturliche und unfehlbare Weg sei, nach und nach zu einer Grosse zu gelangen, deren Ziel nicht abzusehen sei, dass aber hiezu die Erhaltung seiner eigenen Freiheit, und zu dieser die Freiheit aller ubrigen, sonderheitlich der benachbarten, oder wenigstens ihre Erhaltung bei ihrer alten und naturlichen Form und Verfassung, notig sei; dass Bundnisse mit seinen Nachbarn, und eine solche Freundschaft, wobei der andere eben so wohl seinen Vorteil finde, als wir den unsrigen, einem solchen Staat weit mehr Macht, Ansehen und Einfluss auf die allgemeine Verfassung des politischen Systems der Welt geben mussten, als die Unterwerfung derselben, weil ein Freund allezeit mehr wert sei, als ein Sclave; dass die Gerechtigkeit der einzige Grund der Macht und Dauer eines Staats, so wie das einzige Band der Gesellschaft zwischen einzelnen Menschen und ganzen Nationen, sei; dass diese Gerechtigkeit fodre, eine jede politische Gesellschaft (sie moge gross oder klein sein) als unsers gleichen anzusehen und ihr eben die Rechte zu zugestehen, welche wir fur uns selbst foderten; dass ein nach diesen Grund-Satzen eingerichtetes Betragen das gewisseste Mittel sei, sich ein allgemeines Zutrauen zu erwerben, und anstatt einer gewaltsamen, und mit allen Gefahren der Tyrannie verknupften Oberherrschaft eine freiwillig eingestandene Autoritat zu behaupten, welche in der Tat von allen Vorteilen der erstern begleitet sei, ohne die verhasste Gestalt und schlimmen Folgen derselben zu haben. Nachdem ich alle diese Wahrheiten in ihrer besondern Anwendung auf Griechenland und Athen, in das starkste Licht gesetzt, und bei dieser Gelegenheit die Torheit der Projecte des Alcibiades und andrer ehrsuchtiger Schwindelkopfe ausfuhrlich erwiesen hatte: Bemuhte ich mich darzutun, dass der Aufstand der Inseln, welche bisher unter dem Schutz der Athenienser gestanden, in neuerlichen Zeiten aber durch Schuld einiger boser Ratgeber der Republik, als unterworfene Sclaven behandelt worden seien, die glucklichste Gelegenheit anbiete, auf der einen Seite das ganze Griechenland von der gerechten und edelmutigen Denkungsart der Athenienser zu uberzeugen, auf der andern durch eine ansehnliche Vermehrung der Seemacht, wovon die Unkosten durch die grossere Sicherheit und Erweiterung der Handelschaft reichlich ersetzt wurden, sich in ein solches Ansehen zu setzen, dass niemand jenes gelinde und grossmutige Verfahren, mit dem mindesten Schein, einem Mangel an Vermogen sich Genugtuung zu verschaffen, werde beimessen konnen. Ich unterstutzte diese Vorschlage mit allen den Grunden, welche auf die lebhafte Einbildungskraft meiner Zuhorer den starksten Eindruck machen konnten, und hatte das Vergnugen, dass meine Rede mit einem Beifall, der meine Erwartung weit ubertraf, aufgenommen wurde. Ausserdem, dass die Athenienser, ihrer Gemutsart nach, sich von Wahrheit und gesunden Grundsatzen eben so leicht einnehmen liessen, als von den Blendwerken einer falschen Staatskunst, wenn ihnen jene nur in einem eben so reizenden Licht, und mit eben so lebhaften Farben vorgetragen wurden, als sie verwohnt worden waren, von einem jeden, der zu den offentlichen Angelegenheiten redete, zu fodern; so waren sie gleichgultig, durch was fur Mittel Athen zu derjenigen Grosse gelangen moge, welche das Ziel aller ihrer Wunsche war; und ein grosser Teil der Burger, denen der Friede mehr Vorteile brachte, als der Krieg, liessen sichs vielmehr wohlgefallen, dass dieses Ziel ihrer Eitelkeit auf eine mit ihrem Privatnutzen ubereinstimmigere Art erhalten werde. Meine heimlichen Feinde, welche nicht zweifelten, dass diese Expedition auf eine oder andere Art Gelegenheit zu meinem Fall geben wurde, waren weit entfernt, meinen Massnehmungen offentlich zu widerstehen; aber (wie ich in der Folge erfuhr) unter der Hand desto geschaftiger, ihren Erfolg zu hemmen, Schwierigkeiten aus Schwierigkeiten hervor zu spinnen, und die missvergnugten Insulaner selbst durch geheime Aufstiftungen ubermutig, und zu billigen Bedingungen abgeneigt zu machen. Die Verachtung, womit man anfangs diesen Aufstand zu Athen angesehen hatte; das ansteckende Beispiel, und die Ranke andrer Griechischen Stadte, welche die Obermacht der Athenienser mit eifersuchtigen Augen ansahen, hatten zu wege gebracht, dass indessen auch die Attischen Colonien, und der grosseste Teil der Bundesgenossen kuhn genug worden waren, sich einer Unabhanglichkeit anzumassen, deren schadliche Folgen sie sich selbst unter dem reizenden Namen der Freiheit verbargen; es war die hochste Zeit, einer allgemeinen Emporung und Zusammenverschworung gegen Athen zuvorzukommen; und meine Landsleute, welche bei Annaherung einer Gefahr, die ihnen in der Ferne nur Stoff zu witzigen Einfallen und Gassenliedern gegeben hatte, sehr schnell von der leichtsinnigsten Gleichgultigkeit zu einer eben so ubermassigen Kleinmutigkeit ubergingen, vergrosserten sich selbst das Ubel so sehr, dass ich genotiget wurde unter Segel zu gehen, ehe die Zurustungen noch zur Halfte fertig waren. Ich hatte die Vorsichtigkeit gebraucht, meinen Freund, uber welchen mir die Gunst des Volks einen so unbilligen Vorzug gegeben hatte, als meinen Unterbefehlshaber mitzunehmen; die Bescheidenheit, womit ich mich des Ansehens, welches mir meine Commission uber ihn gab, bediente, kam einer Eifersucht zuvor, die den Erfolg unsrer Unternehmung hatte vereiteln konnen; wir handelten aufrichtig, und ohne Nebenabsichten, nach einem gemeinschaftlich abgeredeten Plan, und das Gluck begunstigte uns so sehr, dass in einer einzigen Expedition alle Inseln, Colonien und Schutzverwandte der Athenienser nicht nur beruhiget, und wieder in die alte Schranken gesetzt, sondern durch die Abstellung alles dessen, wodurch sie unbilliger Weise beschweret worden waren, und durch die Bestatigung ihrer Freiheiten, die ich ihnen bewilligte, mehr als jemals geneigt gemacht wurden, die Freundschaft der Athenienser allen andern Verbindungen, die ihnen angetragen worden waren, vorzuziehen. In allem diesem folgte ich, ohne besondere Verhaltungsbefehle einzuholen, meiner eignen Denkungsart mit desto grossrer Zuversicht, da ich den ehemaligen Missvergnugten nichts zugestanden hatte, was sie nicht so wohl nach dem Naturrecht als in Kraft alterer Vertrage zu fodern vollkommen berechtiget waren, hingegen durch diese Nachgiebigkeit neue und sehr betrachtliche Vorteile fur die Athenienser erkaufte; Vorteile, welche dem ganzen gemeinen Wesen zuflossen, da hingegen aller Nutzen der Unterdruckung, worunter sie geseufzet hatten, lediglich in die Cassen einiger Privatleute und ehmaligen Gunstlinge des Volks geleitet worden war.
Ich kehrete also mit dem Vergnugen, Gutes getan zu haben, mit dem Beifall und der lebhaftesten Zuneigung der samtlichen Colonien und Bundesgenossen, und mit der vollen Zuversicht, dass ich die Belohnung, die ich verdient zuhaben glaubte, in der Zufriedenheit meiner Mitburger einernten wurde, an der Spitze einer dreimal starkern Flotte, als womit ich ausgelaufen war, nach Athen zuruck. Ich schmeichelte mir, dass ich mir durch eine so schleunige Beilegung einer Unruhe, welche so weit aussehend und gefahrlich geschienen, einiges Verdienst um mein Vaterland erworben hatte. Ich hatte aus unsern Feinden, Freunde, und aus unsichern Untertanen, zuverlassige Bundesgenossen gemacht, deren Treu desto weniger zweifelhaft sein musste, da ich ihre Sicherheit und ihren Wohlstand durch unzertrennliche Bande mit dem Interesse von Athen verknupft hatte; ich hatte, des gemeinen Schatzes zu schonen, mein eignes Vermogen zugesetzt, und durch mehr als hundert ausgerustete Galeeren, die ich von dem guten Willen der wieder beruhigten Insulaner erhalten, unsrer Seemacht eine ansehnliche Verstarkung gegeben; ich hatte das Ansehen der Athenienser befestiget, ihre Neider abgeschreckt, und ihrer Handlung einen Ruhestand verschafft, dessen Fortdauer nunmehr, wenigstens auf lange Zeiten, von ihrem eigenen Betragen abhing. Das Vergnugen, welches sich uber mein Gemut ausbreitete, wenn ich alle diese Vorteile meiner Verrichtung uberdachte, war so lebhaft, dass ich uber alle andere Belohnung, ausser dem Beifall und Zutrauen meiner Mitburger, weithinaus sah: Aber die Athenienser waren, in dem ersten Anstoss ihrer Erkenntlichkeit, keine Leute, welche Mass halten konnten. Ich wurde im Triumph eingeholt, und mit allen Arten der Ehrenbezeugungen in die Wette uberhauft; die Bildhauer mussten sich Tag und Nacht an meinen Statuen mude arbeiten; alle Tempel, alle offentlichen Platze und Hallen wurden mit Denkmalern meines Ruhms ausgeziert; und diejenige, welche in der Folge mit der grossesten Heftigkeit an meinem Verderben arbeiteten, waren izt die eifrigsten, ubermassige und zuvor nie erhorte Belohnungen vorzuschlagen, welche das Volk in dem Feuer seiner schwarmerischen Zuneigung gutherziger Weise bewilligte, ohne daran zu denken, dass mir diese Ausschweifungen seiner Hochachtung in kurzem von ihm selbst zu eben so vielen Verbrechen gemacht werden wurden.
Da ich sahe, dass alle meine Bescheidenheit nicht zureichend war, dem uberfliessenden Strom der popularen Dankbarkeit Einhalt zu tun; so glaubte ich am besten zu tun, wenn ich mich eine Zeitlang von Athen entfernte, und bis die Atheniensische Lebhaftigkeit durch irgend eine neue Comodie, einen fremden Gaukler, oder eine frisch angekommene Tanzerin einen andern Schwung bekommen haben wurde, auf meinem Landgut zu Corinth in Gesellschaft der Musen und Grazien einer Musse zu geniessen, welche ich durch die Arbeiten eines ganzen Jahres verdient zu haben glaubte. Ich dachte wenig daran, dass ich in einer Stadt, deren Liebling ich zu sein schien, Feinde habe, die indessen, dass ich mich mit aller Sorglosigkeit der Unschuld den Vergnugungen des Landlebens, und der geselligen Freiheit uberliess, einen eben so boshaften als wohlausgesonnenen Plan zu meinem Untergang anzulegen beschaftiget seien.
Alles, womit ich mir bei der scharfsten Prufung meines offentlichen und Privatlebens in Athen, bewusst bin, mein Ungluck, wo nicht verdient, doch befodert zu haben, ist Unvorsichtigkeit, oder der Mangel an einer gewissen Republicanischen Klugheit, welche nur die Erfahrung geben kann. Ich lebte nach meinem Geschmack, und nach meinem Herzen, weil ich gewiss wusste, dass beide gut waren, ohne daran zu denken, dass man mir andre Absichten bei meinen Handlungen andichten konne, als ich wirklich hatte. Ich lebte mit einer gewissen Pracht, weil ich das Schone liebte, und Vermogen hatte; ich tat jedermann gutes, weil ich meinem Herzen dadurch ein Vergnugen verschaffte, welches ich allen andern Freuden vorzog; ich beschaftigte mich mit dem gemeinen Besten der Republik, weil ich dazu geboren war, weil ich eine Tuchtigkeit dazu in mir fuhlte, und weil ich durch die, Zuneigung meiner Mitburger in den Stand gesetzt zu werden hoffte, meinem Vaterland und der Welt nutzlich zu sein. Ich hatte keine andere Absichten, und wurde mir eher haben traumen lassen, dass man mich beschuldigen werde, nach der Crone des Konigs von Persien, als nach der Unterdruckung meines Vaterlands zu streben. Da ich mir bewusst war niemands Hass verdient zu haben, so hielt ich einen jeden fur meinen Freund, der sich dafur ausgab, um so mehr, als kaum jemand in Athen war, dem ich nicht Dienste geleistet hatte. Aus eben diesem Grunde dachte ich gleich wenig daran, wie ich mir einen Anhang mache, als wie ich die geheimen Anschlage von Feinden, welche mir unsichtbar waren, vereiteln wolle. Denn ich glaubte nicht, dass die Freimutigkeit, womit ich, ohne Galle oder Ubermut, meine Meinung bei jeder Gelegenheit sagte, eine Ursache sein konne, mir Feinde zu machen. Mit einem Wort, ich wusste noch nicht, dass Tugend, Verdienste und Wohltaten gerade dasjenige sind, wodurch man gewisse Leute zu dem todlichsten Hass erbittern kann. Eine traurige Erfahrung konnte mir allein zu dieser Einsicht verhelfen; und es ist billig, dass ich sie wert halte, da sie mir nicht weniger, als mein Vaterland, die Liebe meiner Mitburger, meine schonsten Hoffnungen, und das gluckselige Vermogen, vielen Gutes zu tun, und von niemand abzuhangen, gekostet hat.
Siebentes Capitel
Agathon wird von Athen verbannt
Der Zeitpunct meines Lebens, auf den ich nunmehr gekommen bin, fuhrt allzuunangenehme Erinnerungen mit sich, als dass ich nicht entschuldiget sein sollte, wenn ich so schnell davon wegeile, als es die Gerechtigkeit zulassen wird, die ich mir selbst schuldig bin. Es mag sein, dass einige von meinen Feinden aus Beweggrunden eines republicanischen Eifers gegen mich aufgestanden sind, und sich durch meinen Sturz eben so verdient um ihr Vaterland zu machen geglaubt haben, als Harmodius und Aristogiton durch die Ermordung der Pisistratiden. Aber es ist doch gewiss, dass diejenige, welche die Sache mit der grossesten Wut betrieben, keinen andern Beweggrund hatten, als die Eifersucht uber das Ansehen, welches mir die allgemeine Gunst des Volkes gab, und welches sie, nicht ohne Ursache, fur ein Hinternis ihrer ehrgeizigen und gewinnsuchtigen Absichten hielten. Die meisten glaubten auch, dass sie Privatbeleidigungen zu rachen hatten. Einige nahrten noch den alten Groll, den sie bei meinem ersten Auftritt in der Republik gegen mich fassten, da ich meinen rechtschaffenen Freund, den Wirkungen ihrer Bosheit entriss; andere schmerzte es, dass ich ihnen bei der Wahl eines Befehlshabers gegen die Emporten Inseln vorgezogen worden war; viele waren durch den Verlust des Vorteils, welchen sie von den ungerechten Bedruckungen derselben gezogen hatten, beleidiget worden. Bei diesen allen half mir nichts, dass ich keine Absicht gehabt hatte sie zu beleidigen, und dass es nur zufalliger Weise dadurch geschehen war, dass ich meiner Uberzeugung und meinen Pflichten gemass gehandelt hatte. Sie beurteilten meine Handlungen aus einem ganz andern Gesichtspuncte, und es war bei ihnen ein ausgemachter Grundsatz, dass derjenige kein ehrlicher Mann sein konne, der ihren Privatabsichten Schranken setzte. Zum Ungluck fur mich, machten diese Leute einen grossen Teil von den Edelsten und Reichesten in Athen aus. Hiezu kam noch, dass ich meiner immer fortdauernden Liebe zu Psyche, die vorteilhaftesten Verbindungen, welche mir angeboten worden waren, aufgeopfert, und mich dadurch der Unterstutzung und des Schutzes beraubet hatte, den ich mir von der Verschwagerung mit einem machtigen Geschlechte hatte versprechen konnen. Ich hatte nichts, was ich den Ranken und der vereinigten Gewalt so vieler Feinde entgegen setzen konnte, als meine Unschuld, einige Verdienste, und die Zuneigung des Volks; schwache Brustwehren, welche noch nie gegen die Angriffe des Neides, der Arglist und der Gewalttatigkeit ausgehalten haben. Die Unschuld kann verdachtig gemacht, und Verdiensten selbst durch ein falsches Licht das Ansehen von Verbrechen gegeben werden; und was ist die Gunst eines enthusiastischen Volkes, dessen Bewegungen immer seinen Uberlegungen zuvorkommen; welches mit gleichem Ubermass liebet und hasset, und wenn es einmal in eine fiebrische Hitze gesetzt ist, gleich geneigt ist, dieser oder einer entgegengesetzten Direction, je nachdem es gestossen wird, zu folgen? Was konnte ich mir von der Gunst eines Volkes versprechen, welches den grossen Beschutzer der griechischen Freiheit im Gefangnis hatte verschmachten lassen? Welches den tugendhaften Aristides, bloss darum, weil er den Beinamen des Gerechten verdiente, verbannet, und in einer von seinen gewohnlichen Launen so gar den Socrates zum Gift-Becher verurteilt hatte, weil er der weiseste und tugendhafteste Mann seines Jahrhunderts war. Diese Beispiele sagten mir sogleich bei der ersten Nachricht, die ich von dem uber mir sich zusammenziehenden Ungewitter erhielt, zuverlassig vorher, was ich von den Atheniensern zu erwarten hatte; sie machten, dass ich ihnen nicht mehr zutraute, als sie leisteten; und trugen nicht wenig dazu bei, mich ein Ungluck mit Standhaftigkeit ertragen zu machen, in welchem ich so vortreffliche Manner zu Vorgangern gehabt hatte.
Derjenige, den meine Feinde zu meinem Anklager auserkoren hatten, war einer von diesen witzigen Schwatzern, deren feiles Talent gleich fertig ist, Recht oder Unrecht zu verfechten. Er hatte in der Schule des beruchtigten Gorgias gelernt, durch die Zaubergriffe der Rede-Kunst den Verstand seiner Zuhorer zu blenden, und sie zu bereden, dass sie sahen, was sie nicht sahen. Er bekummerte sich wenig darum, dasjenige zu beweisen, was er mit der grossesten Dreistigkeit behauptete; aber er wusste ihm einen so lebhaften Schein zu geben, und durch eine zwar willkurliche, aber desto kunstlichere Verbindung seiner Satze die Schwache eines jeden, wenn er an sich und allein betrachtet wurde, so geschickt zu verbergen, dass man, so gar mit einer grundlichen Beurteilungs-Kraft, auf seiner Hut sein musste, um nicht von ihm uberrascht zu werden. Der hauptsachlichste Vorwurf seiner Anklage sollte, seinem Vorgeben nach, die schlimme Verwaltung sein, deren ich mich als Ober-Befehlshaber in der Angelegenheit der emporten Schutz Verwandten schuldig gemacht haben sollte; denn er bewies mit grossem Wort-Geprange, dass ich in dieser ganzen Expedition nichts getan hatte, das der Rede wert ware; dass ich vielmehr, anstatt die Emporten zu zuchtigen und zum Gehorsam zu bringen, ihren Sachwalter vorgestellt; sie fur ihren Aufruhr belohnt; ihnen noch mehr, als sie selbst zu fodern die Verwegenheit gehabt, zugestanden; und durch diese unbegreifliche Art zu verfahren, ihnen Mut und Krafte gegeben hatte, bei der ersten Gelegenheit sich von Athen ganzlich unabhangig zu machen; er bewies (sage ich) alles dieses nach den Grundsatzen einer Politik, welche das Widerspiel von der meinigen war, aber den Leidenschaften der Athenienser und eines jeden andern Volks allzusehr schmeichelte, um nicht Eingang zu finden. Er hatte noch die Bosheit, nicht entscheiden zu wollen, ob ich aus Unverstand oder geflissentlich so gehandelt habe; doch erhub er auf der einen Seite meine Fahigkeiten so sehr, und legte so viel Wahrscheinlichkeiten in die andere Waag-Schale, dass sich der Ausschlag von selbst geben musste. Dieses fuhrte ihn zu dem zweiten Teil seiner Anklage, welcher in der Tat (ob er es gleich nicht gestehen wollte) das Hauptwerk davon ausmachte. Und hier wurden Beschuldigungen auf Beschuldigungen gehauft, um mich dem Volk als einen Ehrsuchtigen abzumalen, der sich einen Plan gemacht habe, sein Vaterland zu unterdrucken, und unter dem Schein der Grossmut, der Freigebigkeit und der Popularitat, sich zum unumschrankten Herrn desselben aufzuwerfen. Eine jede meiner Tugenden war die Maske eines Lasters, welches im Verborgenen am Untergang der Freiheit und Gluckseligkeit der Athenienser arbeitete. In der Tat hatte die Beredsamkeit meines Anklagers hier ein schones Feld, sich zu ihrem Vorteil zu zeigen, und seinen Zuhorern das republicanische Vergnugen zu machen, eine Tugend, welche mir zu grosse Vorzuge vor meinen Mitburgern zu gehen schien, heruntergesetzt zu sehen. Indessen, ob er gleich keinen Teil meines Privat-Lebens (so untadelhaft es ehemals meinen Gonnern geschienen hatte) unbeschmitzt liess; so mochte er doch besorgen, dass die Kunstgriffe, deren er sich dazu bedienen musste, zu stark in die Augen fallen mochten. Er raffte also alles zusammen, was nur immer fahig sein konnte, mich in ein verhasstes Licht zu stellen; und da es ihm an Verbrechen, die er mir mit einiger Wahrscheinlichkeit hatte aufburden konnen, mangelte, so legte er mir fremde Torheiten, und selbst die ausschweifenden Ehren-Bezeugungen zur Last, welche mir in der Flut meines Gluckes und meiner Gunst bei dem Volk aufgedrungen worden waren. Ich musste izt so gar fur die elenden Verse Rechenschaft geben, womit einige Dichter, denen ich aus einem vielleicht zu weit getriebenen Mitleiden erlaubte, mir taglich um die Essens-Zeit ihren Besuch abzustatten, mir die Dankbarkeit ihres Magens, auf Unkosten ihres Ruhms und des meinigen, zu beweisen gesucht hatten. Man beschuldigte mich in ganzem Ernst, dass ich ubermutig und gottlos genug gewesen sei, mich fur einen Sohn des delphischen Apollo auszugeben; und mein Anklager liess diese Gelegenheit nicht entgehen, uber meine wahre Geburt Zweifel zu erregen, und, unter vielen scherzhaften Wendungen, die Meinung derjenigen wahrscheinlich zu finden, welche (wie er sagte) benachrichtigt zu sein glaubten, dass ich mein Dasein den verstohlenen Liebes-Handeln irgend eines delphischen Priesters zu danken hatte. In dieser ganzen Rede ersetzte ein von Bosheit beseelter Witz den Abgang grundlicher Beweise; aber die Athenienser waren schon lange gewohnt, sich Witz fur Wahrheit verkaufen zu lassen, und sich einzubilden, dass sie uberzeugt wurden, wenn ihr Geschmack belustigt und ihre Ohren gekitzelt wurden. Sie machte also allen den Eindruck, und vielleicht noch mehr, als meine Feinde sich davon versprochen hatten. Die Eifersucht, welche sie in den Gemutern anblies, verwandelte die ubermassige Zuneigung, deren Gegenstand ich zwei Jahre lang gewesen war, in einer Zeit von zwo Stunden in den bittersten Hass. Die Athenienser erschraken vor dem Abgrund, an dessen Rand sie sich, durch ihre Verblendung fur mich, unvermerkt hingezogen sahen. Sie erstaunten, dass sie meine Unfahigkeit zur Staats-Verwaltung, meine Begierde nach einer unumschrankten Gewalt, meine weit aussehenden Absichten, und mein heimliches Verstandnis mit ihren Feinden nicht eher wahrgenommen hatten; und da es nicht naturlich gewesen ware, die Schuld davon auf sich selbst zu nehmen, so schrieben sie es lieber einer Bezauberung zu, wodurch ich ihre Augen eine Zeitlang zu verschliessen gewusst hatte. Ein jeder glaubte nun, durch die verderblichen Anschlage, welche ich gegen die Republik gefasst habe, von der Dankbarkeit vollkommen losgezahlt zu sein, die er mir fur Dienste oder Wohltaten schuldig sein mochte; welche nun als die Lockspeise angesehen wurden, womit ich die Freiheit, und mit ihr das Eigentum meiner Mitburger, wegzuangeln getrachtet. Kurz: Eben dieses Volk, welches vor wenigen Monaten mehr als menschliche Vollkommenheiten an mir bewunderte, war izt unbillig genug, mir nicht das geringste Verdienst ubrig zu lassen; und eben diejenigen, welche auf den ersten Wink bereit gewesen waren, mir die Oberherrschaft in einem allgemeinen Zusammenlauf aufzudringen, waren izt begierig, mich einen Anschlag, den ich nie gefasst, gegen eine Freiheit, deren sie sich in diesem Augenblicke selbst begaben, mit meinem Blute bussen zu sehen. Mein Urteil war zu eben der Zeit, da mir die gewohnliche Frist zur Verantwortung gegeben wurde, durch die Mehrheit der Stimmen schon gefallt; und das Vergnugen, womit ich von einer unzahlbaren Menge Volks ins Gefangnis begleitet wurde, wurde vollkommen gewesen sein, wenn die Gesetze gestattet hatten, mich, anstatt dahin, ohne weitere ProcessFormlichkeiten, zum Richt-Platz zu fuhren.
So glucklich meinen Feinden ihr Anschlag von statten gegangen war, so glaubten sie doch, sich meines Untergangs noch nicht genug versichert zu haben; sie furchteten die Unbestandigkeit eines Volks, von welchem sie allzuwohl wussten, wie leicht es in entgegengesetzte Bewegungen zu setzen war. Es blieb moglich, dass ich mit einer blossen Verbannung auf einige Jahre durchwischen konnte; und diese liess eine Veranderung der Scene besorgen, bei welcher weder ihr Hass gegen mich, noch ihre Sicherheit, ihre Rechnung fanden. Man musste also noch eine andere Mine springen lassen, durch die mir, wenn ich einmal aus Athen vertrieben ware, alle Hoffnung, jemals wieder zuruckzukommen, abgeschnitten wurde. Man musste beweisen, dass ich kein Burger von Athen sei; dass meine Mutter keine Burgerin, und Stratonicus nicht mein Vater gewesen; dass er mich, in Ermanglung eines Erben von seinem eigenen Blute, aus Hass gegen denjenigen, der es, den Gesetzen nach, gewesen ware, angenommen und unterschoben habe; und dass also die Gesetze mir kein Recht an seine Erbschaft zugestunden. Da es zu Athen an Leuten niemal fehlt, welche gegen eine proportionierte Belohnung alles gesehen und gehort haben, was man will; und da alle diejenigen gestorben waren, welche der Wahrheit das beste Zeugnis hatten geben konnen: so war es meinen Gegnern ein Leichtes, alles dieses eben so gut zu beweisen, als sie meine Staats-Verbrechen bewiesen hatten. Es wurde also eine neue Klage angestellt. Derjenige, der sich zum Klager wider mich aufwarf, war ein Neffe von meinem Vater, durch nichts als durch die luderlichste Lebens-Art bekannt, wodurch er sein Erb Gut schon vor einigen Jahren verprasset hatte. Seine Unverbesserlichkeit hatte ihn endlich der Freundschaft meines Vaters, so wie der Achtung aller rechtschaffenen Leute, beraubt; und dieses Umstands bediente er sich nun, mich um eine Erbschaft zu bringen, die er, als der nachste Erbe, eh mich Stratonicus fur seinen Sohn erklarte, in seinen Gedanken schon verschlungen hatte. Die Geschicklichkeit des Redners, dessen Dienste er zu Ausfuhrung seines Bubenstucks erkaufte, der machtige Beistand meiner Feinde, die Umstande selbst, in denen er mich unvermutet uberfiel, und vornehmlich die Gefalligkeit seiner Zeugen, alle die Unwahrheiten zu beschworen, welche er zu seiner Absicht notig hatte: Alles dieses zusammen genommen, versicherte ihn des glucklichen Ausgangs seiner Verraterei; und die Reichtumer, die ihm dadurch zufielen, waren in den Augen eines gefuhllosen Elenden, wie er war, wichtig genug, um mit Verbrechen, die ihn so wenig kosteten, erkauft zu werden.
Dieser letzte Streich, der vollstandigste Beweis, auf was fur einen Grad die Wut meiner Feinde gestiegen war, und wie gewiss sie sich des Erfolgs hielten, liess mir keine Hoffnung ubrig, die ihrige zu Schanden zu machen. Denn alle meine vermeinten Freunde, bis auf wenige, deren guter Wille ohne Vermogen war, hatten, so bald sie mich vom Gluck verlassen sahen, mich auch verlassen; andere, welche zwar von dem Unrecht, das mir angetan wurde, uberzeugt waren, hatten den Mut nicht, sich fur eine Sache, welche sie nicht unmittelbar anging, in Gefahr zu setzen; und der einzige, dessen Character, Ansehen und Freundschaft mir vielleicht hatte zu statten kommen konnen, befand sich seit einiger Zeit am Hofe des jungen Dionysius zu Syracus. Ich gestehe, dass ich, so lange die ersten Bewegungen dauerten, mein Ungluck in seinem ganzen Umfang fuhlte. Fur ein redliches, und dabei noch wenig erfahrnes Gemut ist es entsetzlich zu empfinden, dass man sich in seiner guten Meinung von den Menschen betrogen, habe, und sich zu der abscheulichen Wahl genotiget zu sehen, entweder in einer bestandigen Unsicherheit vor der Schwachheit der einen, und vor der Bosheit der andern zu leben, oder sich ganzlich aus ihrer Gesellschaft zu verbannen. Aber die Kleinmutigkeit, welche eine Folge meiner ersten melancholischen Betrachtungen war, dauerte nicht lange. Die Erfahrungen, die ich seit meiner Versetzung auf den Schauplatz einer grossern Welt, in so kurzer Zeit gemacht hatte, weckten die Erinnerungen meiner glucklichen Jugend in Delphi mit einer Lebhaftigkeit wieder auf, worin sie sich mir unter dem Getummel des Stadtischen und politischen Lebens niemals dargestellt hatten. Die Bewegung meines Gemuts, die Wehmut, wovon es durchdrungen war, die Gewissheit, dass ich in wenigen Tagen von allen den Gunstbezeugungen, womit mich das Gluck so schnell, und mit solchem Ubermass uberschuttet hatte, nichts, als die Erinnerung, die uns von einem Traum ubrig bleibt, und von allem, was ich mein genannt hatte, nichts als das Bewusstsein meiner Redlichkeit, aus Athen mit mir nehmen wurde; setzten mich auf einmal wieder in diesen gluckseligen Enthusiasmus, worin wir fahig sind, dem Aussersten, was die vereinigte Gewalt des Glucks und der menschlichen Bosheit gegen uns vermag, ein standhaftes Herz und ein heiters Gesicht entgegen zu stellen. Der unmittelbare Trost, den meine Grundsatze uber mein Gemut ergossen, die Warme und neubeseelte Starke die sie meiner Seele gaben, uberzeugten mich von neuem von ihrer Wahrheit. Ich verwies es der Tugend nicht, dass sie mir den Hass und die Verfolgungen der Bosen zugezogen hatte; ich fuhlte, dass sie sich selbst belohnt. Das Ungluck schien mich nur desto starker mit ihr zu verbinden; so wie uns eine geliebte Person desto teurer wird, je mehr wir um ihrentwillen leiden. Die Betrachtungen, auf welche mich diese Gesinnungen leiteten, lehrten mich, wie geringhaltig auf der Waage der Weisheit, alle diese schimmernden Guter sind, welche ich im Begriff war, dem Gluck wieder zuruckzugeben, und wie wichtig diejenige seien, welche mir keine republicanische Cabale, kein Decret des Volks zu Athen, keine Macht in der Welt nehmen konnte. Ich verglich meinen Zustand in der hochsten Flut meines Gluckes zu Athen mit der seligen Ruhe des contemplativen Lebens, worin ich in einer glucklichen Unwissenheit des glanzenden Elends und der wahren Beschwerden einer beneideten Grosse, meine schuldlose Jugend hinweggelebt; worin ich meines Daseins, und der innern Reichtumer meines Geistes, meiner Gedanken, meiner Empfindungen, der eigentumlichen und von aller ausserlichen Gewalt unabhangigen Wirksamkeit meiner Seele froh geworden war, und glaubte bei dieser Vergleichung, alles gewonnen zu haben, wenn ich mich, mit freiwilliger Hingabe der Vorteile, die mir indessen zugefallen waren, wieder in einen Zustand zuruckkaufen konnte, den mir meine Einbildungskraft mit ihren schonsten Farben, und in diesem uberirdischen Lichte, wenn er dem Zustande der himmlischen Wesen ahnlich schien, vormalte. Der Gedanke, dass diese Seligkeit nicht an die Haine von Delphi gebunden sei, dass die Quellen davon in mir selbst lagen, und dass eben diese vermeintlichen Guter, welche mir mitten in ihrem Genuss so viel Unruhe zugezogen, und mich in einem immerwahrenden Wirbel von mir selbst hinweggerissen hatten, die einzigen Hinternisse meines wahren Glucks gewesen seien. Dieser Gedanke setzte mich in eine Entzukkung, die mich, zum Erstaunen meiner wenigen noch ubriggebliebenen Freunde, gegen alle Bitterkeiten meines widrigen Schicksals unempfindlich machte; und dieses ging zuletzt so weit, dass ich nach dem Tage meiner Verurteilung ganz ungeduldig wurde.
Allein eben diese Denkart, welche mir so viel Gleichgultigkeit gegen den Verlust meines Ansehens und Vermogens gab, machte, dass ich das Betragen der Athenienser in einem moralischen Gesichtspunct ansah, aus welchem es mir Abscheu und Ekel erweckte. Meine Freunde schienen mir durch die Leidenschaften, von denen sie getrieben wurden, einigermassen entschuldiget zu sein: Aber das Volk, welches bei meinem Umsturz nichts gewann, welches so viele Ursachen hatte, mich zu lieben, welches mich wirklich so sehr geliebt hatte, und izt durch eine blosse Folge seiner Unbestandigkeit und Schwachheit, ohne selbst recht zu wissen, warum, sich dummer Weise zum Werkzeug fremder Leidenschaften und Absichten machen liess; dieses Volk wurde mir so verachtlich, dass ich kein Vergnugen mehr an den Gedanken fand, ihm Gutes getan zu haben. Diese Athenienser, die auf ihre Vorzuge vor allen andern Nationen der Welt so eitel waren, stellten sich meiner beleidigten Eigenliebe, als ein abschatziger Haufen bloder Toren dar, die sich von einer kleinen Rotte verschmitzter Spitzbuben bereden liessen, weiss fur schwarz anzusehen; die bei aller Feinheit ihres Geschmacks, wenn es darauf ankam, uber die Versification eines Trinklieds, oder die Fusse einer Tanzerin zu urteilen, weder Kenntnis noch Empfindung von Tugend und wahrem Verdienst hatten; die bei der heftigsten Eifersucht uber ihre Freiheit, niemals grossere Sclaven waren, als wenn sie ihr schimarisches Palladium am tapfersten behauptet haben; die sich jederzeit der Fuhrung ihrer ubelgesinntesten Schmeichler mit dem blindesten Vertrauen uberlassen, und nur in ihre tugendhaftesten Mitburger, in ihre zuverlassigsten Freunde, das grosseste Misstrauen gesetzt hatten. Sie verdienen es, sagte ich zu mir selbst, dass sie betrogen werden; aber diesen Triumph sollen sie nicht haben, zu erleben, dass Agathon sich vor ihnen demutige. Sie sollen fuhlen, was fur ein Unterschied zwischen ihm und ihnen ist; sie sollen fuhlen, dass er nur desto grosser ist, wenn sie ihm alle diese kindischen Zieraten von Flittergold, womit sie ihn, wie Kinder, eine auf kurze Zeit geliebte Puppe, umhangt haben wieder abnehmen; und eine zu spate Rene soll sie vielleicht in kurzem lehren, dass Agathon ihrer leichter, als sie des Agathons entbehren konnen. Du siehest, schone Danae, dass ich mich nicht scheue, dir auch meine Schwachheiten zu gestehen. Dieser Stolz, der zu einer desto riesenmassigern Gestalt aufschwoll, je mehr mich die Athenienser zu Boden drucken wollten, hatte ohne Zweifel einen guten Teil von eben der Eitelkeit in sich, welche ich ihnen zum Verbrechen machte; aber vielleicht gehort er auch unter die Triebfedern, womit die Natur edle Gemuter versehen hat, um dem Druck widerwartiger Zufalle mit gleich starker Reaction zu widerstehen, und sich dadurch in ihrer eigenen Gestalt und Grosse zu erhalten. Die Athenienser ruhmten ehmals meine Bescheidenheit und Massigung zu einer Zeit, da sie alles taten, was mich diese Tugenden verlieren machen konnte; diese Bescheidenheit hatte mit dem Stolz, der ihnen izt so anstossig an mir war, dass er vielleicht mehr, als alle Bemuhungen meiner Feinde zu meinem Fall beitrug, einerlei Quelle; ich war mir eben so wohl bewusst, dass ich ihre Misshandlungen nicht verdiente, wie ich ehmals fuhlte, dass die Achtung ubertrieben war, die sie mir bewiesen; desto bescheidener, je mehr sie mich erhuben; desto stolzer und trotziger, je mehr sie mich herunter setzen wollten.
Meine Freunde hatten sich inzwischen in der Stille so eifrig zu meinem Besten verwendet, dass sie mir Hoffnung machten, alles konne noch gut gehen, wenn ich mich entschliessen konne, meine Apologie nach dem Geschmack, und der Erwartung des Volks einzurichten. Ich sollte mich zwar von Punkt zu Punkt so vollstandig rechtfertigen, als es immer moglich ware; aber am Ende sollte ich mich doch den Atheniensern auf Gnade oder Ungnade zu Fussen werfen; meinen Feinden durfte ich nach aller Scharfe des Selbstverteidigungs- und Wiedervergeltungsrechts begegnen; aber den Atheniensern sollte ich schmeicheln, und anstatt ihre Eigenliebe durch den mindesten Vorwurf zu beleidigen, sollte ich bloss ihr Mitleiden zu erregen suchen. Es ist zu vermuten, dass der Erfolg diesen Rat meiner Freunde, der sich auf die Kenntnis des Characters eines freien Volks grundete, gerechtfertiget hatte: Wenigstens ist gewiss, dass die erste Bewegungen dieser Unbestandigen bereits angefangen hatten, dem Mitleiden und den Regungen ihrer vormaligen Liebe zu weichen. Ich lase es, da ich das Geruste bestieg, von welchem ich zu dem Volk redete, in vieler Augen, wie sie nur darauf warteten, dass ich ihnen einen Weg zeigen mochte, mit guter Art, und ohne etwas von ihrer democratischen Majestat zu vergeben, wieder zuruck zu kommen. Aber sie fanden sich in ihrer Erwartung sehr betrogen. Die Verachtung, womit mein Gemut beim Anblick dieses Volkes erfullt wurde, welches mich vor wenigen Tagen mit so ausschweifender Freude ins Gefangnis begleitet hatte, und das Gefuhl meines eigenen Wertes, waren beide zu lebhaft; die Begierde, ihnen gutes zu tun, welche die Seele aller meiner Handlungen und Entwurfe gewesen war, hatte aufgehort; ich wurdigte sie nicht, eine Apologie zu machen, die ich fur eine Beschimpfung meines Characters und Lebens gehalten hatte; aber ich wollte ihnen zum letztenmal die Wahrheit sagen: Ehmals, wenn es darum zu tun gewesen war, sie von ihren eignen wahren Vorteilen zu uberzeugen, hatte ich aller meiner Beredsamkeit aufgeboten; aber izo, da die Rede bloss von mir selbst war, verschmahte ich den Beistand einer Kunst, worin der Ruf mir einige Geschicklichkeit zuschrieb. In diesem Stucke blieb ich meinem gefassten Vorsatz getreu; aber nicht der Kurze und Gelassenheit, die ich mir vorgeschrieben hatte; der Affect, in den ich unvermerkt geriet, machte mich weitlaufig und etlichemal bitter.
Meine Rede enthielt eine zusammengezogene Erzahlung meines ganzen Lebenslaufs in Athen; der Grundsatze, welchen ich in der Republik gefolgt war; und meiner Gedanken von dem wahren Interesse der Athenienser. Ich ging bei dieser Gelegenheit ein wenig strenge mit ihren Urteilen und Lieblingsprojecten um; und sagte ihnen, dass ich in der Sache der Schutzverwandten eine Probe gegeben hatte, nach was fur Maximen ich jederzeit in Verwaltung des Staats gehandelt haben wurde; und da diese Maximen so weit von ihrer Gemutsbeschaffenheit und Denkart entfernt waren: So wurden sie sehr weislich handeln, einen Menschen aus ihrem Mittel zu verbannen, welcher nicht gesonnen sei, der Wahrheit und den Pflichten eines allgemeinen Freunds der Menschen zu entsagen, um ein guter Burger von Athen zu sein.
Der Schluss meiner Rede liegt mir noch so lebhaft im Gedachtnis, dass ich ihn, zu einer Probe des Ganzen, wiederholen will. Die Gotter, (sagte ich) haben mich zu einer Zeit, da ich es am wenigsten hoffte, meinen Vater finden lassen: Sein Ansehen und seine Reichtumer gaben mir viel weniger Freude, als die Entdeckung, dass ich mein Leben einem rechtschaffenen Mann zu danken hatte. Athen wurde durch ihn mein Vaterland. Ich sah es als den Platz an, den mir die Gotter angewiesen, um das Beste der Menschen zu befodern. Das Interesse dieser einzelnen Stadt, war in meinen Augen ein zu kleiner Gegenstand, um dem allgemeinen Besten der Menschheit vorgesetzt zu werden; aber ich sah beides so genau mit einander verknupft, dass ich nur alsdenn gewiss sein konnte, jenes wirklich zu erhalten, wenn ich dieses befoderte. Nach diesen Grundsatzen habe ich in meinem offentlichen Leben gehandelt, und diese Handlungen, deren sich selbst belohnendes Bewusstsein mir in eine bessere Welt, den unverganglichen Wohnplatz der tugendhaften Seelen, folgen wird; diese Handlungen haben mir euern Unwillen zugezogen. Die Athenienser wollen auf Unkosten des menschlichen Geschlechts gross sein; und das werden sie so lange sein wollen, bis sie in Ketten, welche sie sich selbst schmieden, und deren sie wurdig sind, sobald sie uber Sclaven gebieten wollen, allen ihren Ehrgeiz auf den ruhmlichen Vorzug einschranken werden, die besten Sprachlehrer, und die gelenkigsten Pantomimen in der Welt zu sein. Aber Agathon ist nicht dazu gemacht, euern Lauf auf diesem Wege, den die Gefalligkeit eurer Redner mit Blumen bestreut, beschleunigen zu helfen. Mein Privatleben hat euch bewiesen, dass die Grundsatze, nach welchen ich eure offentlichen Handlungen zu leiten gewunscht hatte, die Massregeln meines eigenen Verhaltens sind. Mein Vermogen hat mehr zum Gebrauch eines jeden unter euch, als zu meinem eigenen gedienet. Ich habe mir Undankbare verbindlich gemacht, und diese Erfahrung lehrt mich, Guter mit Gleichgultigkeit zuruckzulassen, welche ich ubel anwendete, da ich sie am besten anzuwenden glaubte. Dieses, ihr Athenienser, ist alles, was ich zu meiner Verteidigung zu sagen habe. Ihr seid nun, weil euch die Menge eurer Arme zu meinen Herren macht, Meister uber meine Umstande, und wenn ihr wollt, uber mein Leben. Verlangt ihr meinen Tod, so meldet mir nur, was ich in euerm Namen, dem weisen und guten Socrates sagen soll, zu dem ihr mich schicken werdet. Begnugt ihr euch aber, mich aus euern Augen zu verbannen, so werde ich mit dem letzten Blicke nach einem einst geliebten Vaterland, eine Trane auf das Grab eurer Gluckseligkeit fallen lassen; und, indem ich aufhore ein Athenienser zu sein, in der Welt, die mir offen steht, in einem jeden Winkel, wo es der Tugend erlaubt ist, sich zu verbergen, ein besseres Vaterland finden.
Es ist leicht zu vermuten, schone Danae, dass eine Apologie aus diesem Ton nicht geschickt war, mir ein gunstiges Urteil auszuwirken. Die Erbitterung, die dadurch in den Gemutern der meisten erregt wurde, welche das angenehme Schauspiel, mich vor ihnen gedemutiget zu sehen, zu geniessen erwartet hatten, war auf ihren Gesichtern ausgedruckt. Dem ungeachtet sah ich niemal eine grossere Stille unter dem Volk, als da ich aufgehort hatte zu reden. Sie fuhlten, wie es schien, wider ihren Willen, dass die Tugend auch ihren Hassern Ehrfurcht einpraget; aber eben dadurch wurde sie ihnen nur desto verhasster, je starker sie den Vorzug fuhlten, den sie dem beklagten, verlassenen und von allen Auszierungen des Glucks entblossten Agathon uber die Herren seines Schicksals gab. Ich weiss selbst nicht, wie es zuging, dass mir mein guter Genius aus dieser Gefahr heraushalf: Aber, wie die Stimmen gesammelt wurden, so fand sich, dass die Richter, gegen die Hoffnung meiner Anklager sich begnugten, mich auf ewig aus Griechenland zu verbannen, die Halfte meiner Guter zum gemeinen Wesen zu ziehen, und die andere Halfte meinen Verwandten zuzusprechen. Die Gleichgultigkeit, womit ich mich diesem Urteil unterwarf, wurde in diesem fatalen Augenblick, der alle meine Handlungen in ein falsches Licht setzte, fur einen Trotz aufgenommen, welcher mich alles Mitleidens unwurdig machte; doch erlaubte man meinen Freunden, sich um mich zu versammeln, mir ihre Dienste anzubieten, und mich aus Athen zu begleiten: welches ich, ungeachtet mir eine langere Frist gegeben worden war, noch in eben der Stunde, mit so leichtem Hetzen verliess, als wie ein Gefangener den Kerker verlasst, aus dem er unverhofft in Freiheit gesetzt wird. Die Tranen der wenigen, welche mein Fall nicht von mir verscheucht hatte, und meiner guten Hausgenossen, waren das einzige, was bei einem Abschiede, den wir auf ewig von einander nahmen, mein Herz erweichte; und ihre guten Wunsche alles, was ich von den Wirkungen ihrer mitleidigen und dankbaren Sorgfalt annahm.
Ich befand mich nun wieder ungefahr in eben den Umstanden, worin ich vor einigen Jahren unter dem Cypressenbaum im Vorhofe meines noch unbekannten Vaters zu Corinth gelegen war. Die grossen Veranderungen, die manchfaltigen Scenen von Reichtum, Ansehen, Gewalt und ausserlichem Schimmer, durch welche mich das Gluck in dieser kurzen Zwischenzeit herumgedreht hatte, waren nun wie ein Traum voruber; aber die wesentlichen Vorteile, die von allen diesen Begegnissen in meinem Geist und Herzen zuruckgeblieben waren, uberzeugten mich, dass ich nicht getraumt hatte. Ich fand mich um eine Menge nutzlicher und angenehmer Kenntnisse, um die Entwicklung meiner Fahigkeiten, um das Bewusstsein vieler guten Handlungen, und um eine Reihe wichtiger Erfahrungen, reicher als zuvor. Ich hatte den Geist der Republiken, den Character des Volks, und die Eigenschaften und Wirkungen vieler mir vorher unbekannten Leidenschaften kennen gelernt, und Gelegenheiten genug gehabt, vieler irrigen Einbildungen los zu werden, welche man sich von der Welt zu machen pflegt, wenn man sie nur von Ferne, und ohne selbst in ihre Geschafte eingeflochten zu sein, betrachtet. Zu Delphi hatte man mich (zum Exempel) gelehrt, dass sich das ganze Gebaude der Republicanischen Verfassung auf die Tugend grunde; die Athenienser lehrten mich hingegen, dass die Tugend an sich selbst nirgends weniger geschatzt wird, als in einer Republik; den Fall ausgenommen, da man ihrer vonnoten hat; und in diesem Fall wird sie unter einem jeden Tyrannen eben so hoch geschatzt, und oft besser belohnt. Uberhaupt hatte mein Aufenthalt in Athen, die erhabene Theorie von der Vortrefflichkeit und Wurde der menschlichen Natur, wovon ich eingenommen war, sehr schlecht bestatiget; aber ich fand mich nichts desto geneigter von ihr zuruckzukommen. Ich legte alle Schuld auf die Contagion allzugrosser Gesellschaften, auf die Mangel der Gesetzgebung, auf das Privatinteresse, welches bei allen policierten Volkern, durch ein unbegreifliches Versehen ihrer Gesetzgeber, in einem bestandigen Streit mit dem gemeinen Besten liegt. Kurz, ich dachte darum nicht schlimmer von der Menschheit, weil sich die Athenienser unbestandig, ungerecht und undankbar gegen mich bewiesen hatten; aber ich fasste einen desto starkern Widerwillen gegen eine jede andere Gesellschaft, als eine solche, welche sich auf ubereinstimmende Grundsatze, Tugend und Bestrebung nach moralischer Vollkommenheit grundete. Der Verlust meiner Guter, und die Verbannung aus Athen schien mir die wohltatige Veranstaltung einer fur mich besorgten Gottheit zu sein, welche mich dadurch meiner wahren Bestimmung habe wiedergeben wollen. Es ist sehr vermutlich, dass ich durch Anwendung gehoriger Mittel, durch das Ansehen meiner auswartigen Freunde, und selbst durch die Unterstutzung der Feinde der Athenienser, welche mir gleich anfangs meines Processes, heimlich angeboten worden war, vielleicht in kurzem wieder Woge gefunden haben konnte, meine Gegner in dem Genuss der Fruchte ihrer Bosheit zu storen, und im Triumphe wieder nach Athen zuruck zu kehren. Allein solche Anschlage, und solche Mittel schickten sich nur fur einen Ehrgeizigen, welcher regieren will, um seine Leidenschaften zu befriedigen. Mir fiel es nicht ein, die Athenienser zwingen zu wollen, dass sie sich von mir gutes tun lassen sollten. Ich glaubte durch einen Versuch, der mir durch ihre eigene Schuld misslungen war, meiner Pflicht gegen die burgerliche Gesellschaft ein Genuge getan zu haben, und nun vollkommen berechtiget zu sein, die naturliche Freiheit, welche mir meine Verbannung wieder gab, zum Vorteil meiner eigenen Gluckseligkeit anzuwenden. Ich beschloss also den Vorsatz, welchen ich zu Delphi schon gefasst hatte, nunmehr ins Werk zu setzen, und die Quellen der morgenlandischen Weisheit, die Magier, und die Gymnosophisten in Indien zu besuchen, in deren geheiligten Einoden ich die wahren Gottheiten meiner Seele, die Weisheit und die Tugend, von denen, wie ich glaubte, nur unwesentliche Phantomen unter den ubrigen Menschen herumschwarmten, zu finden hoffte.
Aber eh ich auf die Zufalle komme, durch welche
ich an der Ausfuhrung dieses Vorhabens gehintert, und in Gestalt eines Sclaven nach Smyrna gebracht wurde; muss ich mich meiner jungen Freundin wieder erinnern, die wir seit meiner Versetzung nach Athen aus dem Gesichte verloren haben.
Achtes Capitel
Agathon endigt seine Erzahlung
Die Veranderung, welche mit mir vorging, da ich aus den Hainen von Delphi auf den Schauplatz der geschaftigen Welt, in das Getummel einer volkreichen Stadt, in die unruhige Bewegungen einer zwischen der Democratie und Aristocratie hin und her treibenden Republik, und in das moralische Chaos der burgerlichen Gesellschaft, worin Leidenschaften mit Leidenschaften, Absichten mit Absichten, in einem allgemeinen und ewigen Streit gegen einander rennen, und unter dem unharmonischen Zusammenstoss unformlicher Missgestalten, nichts bestandiges, noch gewisses ist, nichts das ist, was es scheint, noch die Gestalt behalt die es hat, diese Veranderung war so gross, dass ich ihre Wirkung, auf mein Gemut durch nichts anders zu bezeichnen weiss, als durch die Vergleichung mit der Betaubung, worin nach meinem Freunde, Plato, unsre Seele eine Zeit lang, von sich selbst entfremdet, liegen bleibt, nachdem sie aus dem Ocean des reinen ursprunglichen Lichts, der die uberhimmlischen Raume erfullet, plotzlich in den Schlamm des groben irdischen Stoffes heruntergesturzt worden ist. Die Menge der neuen Gegenstande, welche von allen Seiten auf mich eindrang, verschlang die Erinnerung derjenigen, welche mich so viele Jahre umgeben hatten; und zuletzt hatte ich fast Muhe, mich selbst zu uberreden, dass ich eben derjenige sei, der im Tempel zu Delphi den Fremden die Merkwurdigkeiten des selben gewiesen und erklart hatte. So gar das Andenken meiner geliebten Psyche wurde eine Zeit lang von diesem Nebel, der meine Seele umzog, verdunkelt, allein dieses dauerte nur so lange, bis ich des neuen Elements, worin ich izt lebte, gewohnt worden war; denn da vermisste ich ihre Gegenwart desto lebhafter wieder, je grosser das Leere war, welches die Beschaftigungen und selbst die Ergotzungen meiner neuen Lebensart in meinem Herzen liessen. Die Schauspiele, die Gastmahler, die Tanze, die Musikubungen, konnten mir jene seligen Nachte nicht ersetzen, die ich in den Entzuckungen einer zauberischen Schwarmerei, an ihrer Seite zugebracht hatte. Aber, so gross auch meine Sehnsucht nach diesen verlornen Freuden war, so beunruhigte mich doch die Vorstellung des unglucklichen Zustands noch weit mehr, worein die rachbegierige Eifersucht der Pythia sie vermutlich versetzt hatte. Den Ort ihres Aufenthalts ausfundig zu machen, schien beinahe eine Unmoglichkeit; denn entweder hatte die Priesterin sie (fern genug von Delphi, um uns alle Hoffnung des Wiedersehens zu benehmen,) verkaufen, oder gar an irgend einer entlegnen barbarischen Kuste ausetzen und dem Zufall Preis geben lassen. Allein da der Liebe nichts unmoglich ist, so gab ich auch die Hoffnung nicht auf, meine Psyche wieder zu bekommen. Ich belud alle meine Freunde, alle Fremden, die nach Athen kamen, alle Kaufleute, Reisende und Seefahrer mit dem Auftrag, sich allenthalben, wohin sie kamen, nach ihr zu erkundigen; und damit sie weniger verfehlt werden konnte, liess ich eine unzahlige Menge Copeien ihres Bildnisses machen, das ich selbst, oder vielmehr der Gott der Liebe mit meiner Hand in der vollkommensten Ahnlichkeit, nach dem gegenwartigen Original, gezeichnet hatte, da wir noch in Delphi waren; und diese Copeien teilte ich unter alle diejenigen aus, welche ich durch Verheissung grosser Belohnungen, anzureizen suchte, sich fur ihre Entdeckung Muhe zu gehen. Ich gestehe dir so gar, dass das Verlangen meine Psyche wieder zu finden, (anfanglich wenigstens) der hauptsachlichste Bewen suchte. Denn, nachdem mir alle andre Mittel fehlgeschlagen hatten, schien mir kein andres ubrig zu bleiben, als meinen Namen so bekannt zumachen, dass er ihr zu Ohren kommen musste; sie mochte auch sein, wo sie wollte. Dieser Weg war in der Tat etwas weitlaufig; und ich hatte zwanzig Jahre in einem fort grossere Taten tun konnen, als Hercules und Theseus, ohne dass die Hyrcanier, die Massageten, die Hibernier, oder die Lastrigonen, in deren Hande sie inzwischen hatte geraten konnen, mehr von mir gewusst hatten, als die Einwohner des Mondes. Zu gutem Gluck fand der SchutzGeist unsrer Liebe einen kurzern Weg, uns zusammenzubringen; aber in der Tat nur, um uns Gelegenheit zu geben, auf ewig von einander Abscheid zu nehmen.
Hier fuhr Agathon fort, der schonen Danae die Begebenheiten zu erzahlen, die ihm auf seiner Wanderschaft bis auf die Stunde, da er mit ihr bekannt wurde, zugestossen, und wovon wir dem geneigten Leser bereits im ersten und zweiten Buche dieser Geschichte Rechenschaft gegeben haben; und nachdem er sich auf Unkosten des weisen Hippias ein wenig lustig gemacht, entdeckte er seiner schonen Freundin (welche seine ganze Erzahlung nirgends weniger langweilig fand, als an dieser Stelle,) alles, was von dem ersten Augenblick an, da er sie gesehen, in seinem Herzen vorgegangen war. Er uberredete sie mit eben der Aufrichtigkeit, womit er es zu empfinden glaubte, dass sie allein dazu gemacht gewesen sei, seine Begriffe von idealischen Vollkommenheiten und einem uberirdischen Grade von Gluckseligkeit zu realisieren; dass er, seit dem er sie liebe, und von ihr geliebet sei, ohne seiner ehemaligen Denkungs-Art ungetreu zu werden, von dem, was darin ubertrieben und schimarisch gewesen, bloss dadurch zuruckgekommen sei, weil er bei ihr alles dasjenige gefunden, wovon er sich vorher, nur in der hochsten Begeisterung einer EinbildungsKraft einige unvollkommene Schatten-Begriffe habe machen konnen; und weil es naturlich sei, dass die Einbildungs-Kraft, als der Sitz der Schwarmerei zu wurken aufhore, so bald der Seele nichts zu tun ubrig, als anzuschauen und zu geniessen. Mit einem Wort: Agathon hatte vielleicht in seinem Leben nie so sehr geschwarmt, als izt, da er sich in dem hochsten Grade der verliebten Betorung einbildete, dass er alles das, was er der leichtglaubigen Danae vorsagte, eben so gewiss und unmittelbar sehe und fuhle, als er ihre schonen, von dem ganzen Geist der Liebe und von aller seiner berauschenden Wollust trunknen Augen auf ihn geheftet sah, oder das Klopfen ihres Herzens unter seinen verirrenden Lippen fuhlte. Er endigte damit, dass er ihr aus seiner ganzen Erzahlung begreiflich gemacht zu haben glaube, warum es, nachdem er schon so oft bald von den Menschen, bald vom Glukke, bald von seinen eigenen Einbildungen betrogen worden, entsetzlich fur ihn sein wurde, wenn er jemals sich in der Hoffnung betrogen fande, so vollkommen und bestandig von ihr geliebt zu werden, als es zu seiner Gluckseligkeit notig sei. Er gestund ihr mit einer Offenherzigkeit, welche vielleicht nur eine Danae ertragen konnte, dass eine lebhafte Erinnerung an die Zeiten seiner ersten Liebe, zugleich mit der Vorstellung aller der seltsamen Zufalle, Veranderungen und Catastrophen, die er in einem Alter von funf und zwanzig Jahren bereits erfahren habe, ihn auf eine Reihe melancholischer Gedanken gebracht, worin er Muhe gehabt habe, seine gegenwartige Gluckseligkeit fur etwas wurkliches, und nicht fur ein abermaliges Blendwerk seiner Phantasie, zu halten. Eben das Ubermass derselben, sagte er, eben dies ist es, was mich besorgen machte, jemals aus einem so schonen Traum aufzuwachen. Kannst du mich verdenken, liebenswurdige Danae, o du, die durch die Reizungen deines Geistes, auch ohne diese Liebeatmende Gestalt, ohne diese Schonheit, deren Anschauen himmlische Wesen dir gegenuber anzufesseln vermogend ware, durch die blosse Schonheit deiner Seele, und den magischen Reiz eines Geistes, der alle Vorzuge, alle Gaben, alle Grazien in sich vereinigt, meinen Geist aus dem Himmel selbst zu dir herunterziehen wurdest. Konntest du mich verdenken, dass ich, vor dem Gedanken, deine Liebe jemals verlieren zu konnen, wie vor der Vernichtung meines ganzen Wesens, erzittre? Lass mich, lass mich die Gewissheit, dass es nie geschehen werde, dass es unmoglich sei, immer in deinen Augen lesen, immer von deinen Lippen horen, und in deinen Armen fuhlen; und wenn diese vergotternde Bezauberung jemals aufhoren soll, so nimm, im letzten Augenblick, alle deine Macht zusammen, und lass mich vor Entzuckung und Liebe zu deinen Fussen sterben.
Von der Antwort, womit Danae diese Ergiessungen einer gluhenden Zartlichkeit erwiderte, lasst sich das Wenigste mit Worten ausdrucken; und dieses kann sich, nach allem, was wir bereits von ihren Gesinnungen fur unsern Helden gesagt haben, der kaltsinnigste von unsern Lesern so gut vorstellen, als wir es ihm sagen konnten oder sich's auch nicht vorstellen, wenn es ihm beliebt. Dass sie ihm ubrigens sehr hoflich fur die Erzahlung seiner Geschichte gedankt, und eine ungemeine Freude daruber empfunden habe, in diesem Sclaven, der die Alcibiaden und den liebenswurdigen Cyrus selbst aus ihrem Herzen ausgeloscht hatte, den ruhmvollen Agathon, den Mann, den das Geruchte zum Wunder seiner Zeit gemacht hatte, zu finden; und dass sie ihm hieruber viel schones gesagt haben werde- verstehet sich von selbst. Dieses und alles, was eine jede andere, die keine Danae gewesen ware, in den vorliegenden Umstanden auch gesagt hatte, wollen wir, nebst allen den feinen Anmerkungen und Scherzen, wodurch sie in gewissen Stellen seine Erzahlung unterbrochen hatte, uberhupfen, um zu andern Dingen, die in ihrem Gemute vorgingen, zu kommen, welche der grosseste Teil unserer Leserinnen (wir besorgen es, oder hoffen es vielmehr,) nicht aus sich selbst erraten hatte, und welche wichtig genug sind, ein eigenes Capitel zu verdienen.
Neuntes Capitel
Ein starker Schritt zur Entzauberung unsers Helden
Die vertrauliche Erzahlung, welche Agathon seiner zartlichen Freundin von seinem ganzen Lebens-Lauf gemacht; die Offenherzigkeit, womit er ihr die innersten Triebfedern seiner Seele aufgedeckt; und die vollstandige Kenntnis, welche sie dadurch von einem Liebhaber erhalten hatte, an dessen Erhaltung ihr so viel gelegen war; liessen sie gar bald einsehen, dass sie vielleicht mehr Ursache habe, uber die Bestandigkeit seiner Liebe beunruhigt zu sein, als er uber die Dauer der ihrigen. So schmeichelhaft es fur ihre Eitelkeit war, von einem Agathon geliebt zu sein; so hatte sie doch fur die Ruhe ihres Herzens lieber gewollt, dass er keine so schimmernde Rolle in der Welt gespielt hatte. Sie besorgte nicht unbillig, dass es schwer sein wurde, einen jungen Helden, der durch so seltene Talente und Tugenden zu den edelsten Auftritten des geschaftigen Lebensbestimmt schien, immer in den Blumen-Fesseln der Liebe und eines wollustigen Mussiggangs gefangen zu halten. Nun schien zwar die Art seiner Erziehung, der sonderbare Schwung, den seine Einbildungs-Kraft dadurch erhalten, seine herrschende Neigung zur Unabhangigkeit und Ruhe des speculativen Lebens, welche durch die Streiche, die ihm das Gluck in einer so grossen Jugend bereits gespielt, eine neue Starke bekommen hatte; und der Hang zum Vergnugen, welcher, im Gleichmass mit der ausserordentlichen Empfindlichkeit seines Herzens, die Ruhm-Begierde und die Ambition bei ihm nur zu subalternen Leidenschaften machte alles dieses schien ihr zwar in dem Vorhaben, ihn der Welt zu rauben, und fur sich selbst zu behalten, nicht wenig beforderlich zu sein; aber eben diese schwarmerische EinbildungsKraft, eben diese Lebhaftigkeit der Empfindungen schienen ihr, auf einer andern Seite betrachtet, mit einer gewissen naturlichen Unbestandigkeit verbunden zu sein, von welcher sie alles zu befurchten hatte. Konnte sie, mit aller Eitelkeit, wozu sie das Bewusstsein ihrer selbst und der allgemeine Beifall berechtigte, sich selbst bereden, dass sie diese idealische Vollkommenheit wurklich besitze, welche die bezauberten Augen ihres enthusiastischen Liebhabers an ihr sahen? Und da nicht sie selbst, sondern diese idealische Vollkommenheit der eigentliche Gegenstand seiner Liebe war, auf was fur einen unsichern Grund beruhete also eine Hoffnung, welche voraussetzte, dass die Bezauberung immer dauern werde?
Diese letzte Betrachtung machte sie zittern; denn sie fuhlte mit einer immer zunehmenden Starke, dass Agathon zu ihrer Gluckseligkeit unentbehrlich geworden war. Aber (so ist die betrugliche Natur des menschlichen Herzens!) eben darum, weil der Verlust ihres Liebhabers sie elend gemacht haben wurde, hatten alle Vorstellungen, welche ihr mit seinem bestandigen Besitz schmeichelten, doppelte Kraft ein Herz zu uberreden, welches nichts anders suchte, als getauscht zu sein. Sie bildete sich also ein, dass der Hang zu demjenigen, was man die Wolllust der Seele nennen kann, den wesentlichsten Zug von der Gemuts-Beschaffenheit unsers Helden ausmache. Seine Philosophie selbst schien ihr diese Meinung zu bestatigen, und, bei aller ihrer Erhabenheit uber den groben Materialismus des grossten Haufens der Sterblichen, in der Tat mit den Grundsatzen des Aristippus, welche vormals ihre eigenen gewesen waren, in dem namlichen Punct zusammenzulaufen. Der ganze Unterscheid schien ihr darin zu liegen, dass dieser die Wolllust, welche er zum letzten Ziel der Weisheit machte, mehr in der angenehmen Bewegung der Sinnen, den Befriedigungen eines gelauterten Geschmacks, und den Ergotzlichkeiten eines von allen unruhigen Leidenschaften befreiten geselligen Lebens Agathon hingegen diese feinere Wollust, von welcher er in den stillen Hainen des Delphischen Tempels sich ein so liebenswurdiges Phantom in den Kopf gesetzt hatte, mehr in den Vergnugen der Einbildungs-Kraft und des Herzens suchte; eine Philosophie, bei welcher er (nach der scharfsinnigen Beobachtung unsrer Schonen) so gar von Seiten der sinnlichen Lust mehr gewann, als verlor; indem diese von den verschonernden Einflussen einer begeisterten Einbildung und den zartlichen Ruhrungen und Ergiessungen eines gefuhlvollen Herzens ihren machtigsten Reiz erhalt. Dieses als gewiss vorausgesetzt, glaubte sie von der Unbestandigkeit, welche sie, nicht ohne Grund, als eine Eigenschaft einer allzuwurksamen und hoch gespannten Einbildungs-Kraft ansah, nichts zu besorgen zu haben; so lange es ihr nicht an Mitteln fehlen wurde, seinen Geist und sein Herz zugleich und, mit einer solchen Abwechslung und Mannigfaltigkeit zu vergnugen, dass eine weit langere Zeit, als die Natur dem Menschen zum Geniessen angewiesen hat, nicht lange genug ware, ihn eines so angenehmen Zustandes uberdrussig zu machen. Sie hatte Ursache, dieses um so mehr zu glauben, da sie aus Erfahrung wusste, dass die Wurksamkeit der Einbildungs-Kraft desto mehr abnimmt, je weniger leeres der Genuss wurklicher Vergnugungen im Herzen zurucklasst, und je weniger ihm Zeit gelassen wird, etwas angenehmers als das Gegenwartige zu wunschen.
Es ist dermalen noch nicht Zeit, dass wir uber diese Grundsatze der schonen Danae unsere eigenen Gedanken sagen. Sie mochten, von einer Seite betrachtet, richtig genug sein; aber wir besorgen sehr, dass sie sich in dem Gebrauch der Mittel, wodurch sie ihren Zweck zu erhalten hoffte, von der Liebe betrogen finden werde. In der Tat liebte sie zu aufrichtig und zu heftig, um gute Schlusse zu machen; und ihr Herz fuhrte sie nach und nach, ohne dass sie es gewahr wurde, weit uber die Grenzen der Massigung weg, bei welcher sie sich anfangs so wohl befunden hatte. Vielleicht mochte auch eine geheime Eifersucht uber die gute Psyche (so wenig sie gleich, aller Wahrscheinlichkeit nach, zu befurchten hatte, dass sie jemals personlich auftreten, und das Herz ihres Liebhabers von ihr zuruckfodern werde) sich mit ins Spiel gemischt, und sie begierig gemacht haben, so gar die Erinnerung an die Freuden seiner ersten Liebe, welche ihr vielleicht noch allzulebhaft zu sein schien, aus seinem Gedachtnis auszuloschen. So viel ist gewiss, dass sie (vor lauter Begierde, unsern Helden mit Gluckseligkeiten zu uberschutten,) ihm eine grenzenlose Liebe zu zeigen, und ihn einen solchen Grad von Wonne, uber welchem dem Herzen nichts zu wunschen, und der Phantasie nichts zu denken ubrig bliebe, erfahren zu machen, einen Weg einschlug, auf welchen sie ihres Zwecks fast notwendig verfehlen musste. Der vortreffliche Brief des liebenswurdigsten Moralisten der neuern Zeiten, des Saint Evremond, in den Briefen der Ninon Lenclos an den Marquis von Sevigne, uberhebt uns der Muhe, dem unerfahrnen Teil unserer schonen Leserinnen zu erklaren, wie es zugehe, dass die Liebe von allzuvieler Nahrung abzehrt; und dass ein unvorsichtiges Ubermass von Zartlichkeit gerade das gewisseste Mittel ist, einen Ungetreuen zu machen. Wir wollen sie also auf die bemeldete Unterweisung eines der besten Kenner des menschlichen Herzens verwiesen haben, und uns begnugen, ihnen zu sagen, dass Agathon, nachdem er (dem neuen Plan seiner mehr zartlichen als behutsamen Geliebten zufolge) etliche Wochen lang von allem, was die Liebe susses und entzuckendes hat, mehr erfahren hatte, als selbst die gluhende Einbildungs-Kraft des Marino fahig war, seinen Adon in den Armen der Liebes-Gottin geniessen zu lassen, unvermerkt in eine gewisse Mattigkeit der Seele verfiel, welche wir nicht kurzer zu beschreiben wissen, als wenn wir sagen, dass sie vollkommen das Widerspiel von der Begeisterung war, worin wir ihn bisher gesehen haben. Man wurde sich vermutlich sehr irren, wenn man diese Entgeisterung einer so unedeln Ursache beimessen wollte, als diejenige war, welche den verachtenswurdigen Helden des Petronius notigte, seine Zuflucht zu den Beschworungen und BrennNesseln der alten Enothea zu nehmen. Nach allem, was wir von unserm Helden wissen, kann kein Verdacht von dieser Art auf ihn fallen. Wir finden weit wahrscheinlicher, dass die wahre Ursache davon in seiner Seele lag, und aus einer Uberfullung mit Vergnugen, auf welche notwendig eine Art von Betaubung folgen musste, ihren Ursprung nahm. Unsere Seele (mit Erlaubnis derjenigen Philosophen, welche von der grenzenlosen Capacitat und Unersattlichkeit ihrer Begierden so viel schones zu sagen wissen,) ist doch nur eines gewissen Masses von Vergnugen fahig, und kann einen anhaltenden Zustand von Entzuckung eben so wenig ertragen, als eine lange Dauer des aussersten Schmerzens. Beides spannt endlich ihre Nerven ab, und bringt sie zu einer Art von Ohnmacht, in welcher sie gar nichts mehr zu empfinden fahig ist. Was indessen auch die Ursache einer fur die Absichten der Danae so nachteiligen Veranderung gewesen sein mag; so ist gewiss, dass die Wurkungen derselben in kurzer Zeit so sehr uberhand nahmen, dass Agathon selbst Muhe hatte, sich in sich selbst zu erkennen, oder zu begreifen, wie es mit dieser seltsamen Verwandlung der Scene zugegangen sei. Ein magischer Nebel schien vor seinen erstaunten Augen wegzufallen; die ganze Natur zeigte sich ihm in einer andern Gestalt, verlor diesen reizenden Firniss, den ihr der Geist der Liebe gegeben hatte; diese Garten, vor wenigen Tagen der geliebte Aufenthalt, aller Freuden und Liebes-Gotter, diese elysischen Haine, diese maandrischen Rosen-Gebusche, worin die lauschende Wollust sich so gerne verborgen hatte, um das Vergnugen zu haben, sich erhaschen zu lassen erweckten izt durch ihren Anblick nichts mehr, als jeder andre schattichte Platz, jedes andre Gebusche; die Luft, die er atmete, war nicht mehr dieser susse Atem der Liebe, von dem jeder Hauch die Flammen seines Herzens starker aufzuwehen schien; Danae war bereits von der idealischen Vollkommenheit zu dem gewohnlichen Wert einer jeden andern schonen Frau herabgesunken; und er selbst, der vor kurzem sich an Wonne den Gottern gleich geschatzet hatte, fing an, sehr starke Zweifel zu bekommen: Ob er in dieser weibischen Gestalt, worein ihn die Liebe verkleidet hatte, den Namen eines Mannes verdiene? Man wird nicht zweifeln, dass in diesem Zustand die Erinnerungen dessen, was er ehemals gewesen war der wundervolle Traum, den er je langer je mehr fur die Wurkung irgend eines wohltatigen Geistes, und vielleicht des abgeschiedenen Schattens seiner geliebten Psyche selbst, zu halten bewogen war die Stimme der Tugend, die er einst angebetet, und welcher er alles aufgeopfert hatte und die Vorwurfe, die sie ihm schon vor einiger Zeit uber ein in mussiger Wollust unruhmlich dahin schmelzendes Leben zu machen angefangen, gute Gelegenheit hatten, sein Herz, dessen beste Neigungen selbst auf ihrer Seite waren, mit vereinigter Starke wieder anzugreifen. Sie hatten es fast ganzlich wieder eingenommen, als er erst deutlich gewahr wurde, wohin ihn die Betrachtungen, denen er sich uberliess, notwendig fuhren mussten. Er erschrak, da er sah, dass ihm nichts als die Flucht von dieser allzureizenden Zauberin seine vorige Gestalt wieder geben konne. Sich von Danae zu trennen! Auf ewig zu trennen! Dieser Gedanke benahm seiner Seele auf einmal alle die Starke wieder, welche sie wieder in sich zu fuhlen anfing, und weckte alle Erinnerungen, alle Empfindungen seiner entschlummerten Leidenschaft wieder auf Sie, die ihn so inbrunstig liebte, sie, die ihn so glucklich gemacht hatte zu verlassen fur alle ihre Liebe, fur alles was sie fur ihn getan hatte, und auf eine so verbindliche, so edle Art getan hatte, den Qualen einer mit Undank belohnten Liebe preis zu geben : Nein, zu einer so niedertrachtigen, so hasslichen Tat, (wie diese in seinen Augen war) konnte sich sein Herz nicht entschliessen. Die Tugend selbst, welcher er seine eigene Befriedigung aufzuopfern bereit war, konnte ein so undankbares und grausames Verfahren nicht gut heissen. Wir uberlassen es der Entscheidung kalter Sitten-Lehrer: ob die Tugend das konnte, oder nicht; aber unser Held war von dem letztern so lebhaft uberzeugt, dass er, anstatt auf Grunde zu denken, womit er die Sophistereien der Liebe hatte vernichten konnen, in vollem Ernst auf Mittel bedacht war, das Interesse seines Herzens und die Tugend, welche ihm nicht unvertraglich zu sein schienen, auf immer mit einander zu vereinigen.
Die zartliche Danae hatte inzwischen, wie leicht zu erachten ist, die Veranderung, welche in der Seele unsers Helden vorgegangen war, im ersten Augenblick, da sie merklich wurde, wahrgenommen. Allein die gute Dame war weit entfernt, seinem Herzen die Schuld davon zu geben; sie betrog sich selbst uber die wahre Ursache, und glaubte, dass die Veranderung des Orts, und vielleicht eine kleine Entfernung, ihm in kurzem alle die Lebhaftigkeit der Empfindung wieder geben wurde, die er verloren zu haben schien. Die Wiederkehr in die Stadt, wo sie einander nicht immer sehen wurden, wo ihre Liebe sich zu verbergen genotigt sein, und dadurch den Reiz eines geheimen Verstandnisses erhalten wurde, die Zerstreuungen des Stadt Lebens, die Gesellschaft, die Lustbarkeiten, wurden ihn (glaubte sie) bald genug wieder so feuerig als jemals wieder in ihre Arme fuhren. Sie uberredete ihn also, mit ihr nach Smyrna zuruckzugehen, obgleich die schone Jahrs-Zeit noch nicht ganz zu Ende war. Hier wusste sie, (ohne dass es schien, dass sie Hand dabei habe,) eine Menge Gelegenheiten zu veranstalten, wodurch sie einander seltner wurden; wenn sie sich wieder allein befanden, flog sie ihm zwar eben so zartlich in die Arme, als ehemals; aber sie vermied alles, was zu jener allzuwollustigen Berauschung (in welche sie ihn, wenn sie wollte, durch einen einzigen Blick setzen konnte) gefuhrt hatte, und tat es mit einer so guten Art, dass er keinen besondern Vorsatz dabei gewahr werden konnte: Kurz, sie wusste die feurigste Liebe unvermerkt so geschickt in die zartlichste Freundschaft zu verwandeln, dass Agathon, welcher weder Kunst noch Absicht unter ihrem Betragen argwohnte, ganz treuherzig in die Schlinge fiel, und in kurzem wieder so zartlich und dringend wurde, als ob er erst anfangen musste, sich um ihr Herz zu bewerben. Zwar war es nicht in ihrer Gewalt, ihm diese Begeisterung mit allem ihrem zauberischen Gefolge wieder zu geben, welche, wenn sie einmal verschwunden ist, nicht wieder zu kommen pflegt; aber die Lebhaftigkeit, womit ihre Reizungen auf seine Sinnen, und die Empfindungen der Dankbarkeit und Freundschaft auf sein Herz wurkten, brachten doch ungefahr die namliche Phanomena hervor; und da man gewohnt ist, gleiche Wurkungen gleichen Ursachen zu zuschreiben, so ist es nicht unbegreiflich, wie beide sich eine Zeitlang hierin betrugen konnten, ohne nur zu vermuten, dass sie betrogen wurden.
Es ist sehr zu vermuten, dass es bei dieser schlauen Massigung, wodurch die schone Danae die Folgen ihrer vorigen Unvorsichtigkeit wieder gut zu machen wusste, um unsern Helden geschehen gewesen ware; und dass seine Tugend unter diesem zweifelhaften Streit mit seiner Leidenschaft, bei welchem wechselsweise bald die eine, bald die andere die Oberhand behielt, endlich gefallig genug worden ware, sich mit ihrer schonen Feindin in einen vielleicht nicht allzuruhmlichen Vergleich einzulassen, und die Gluckseligkeit der liebenswurdigen Danae dadurch auf immer sicher zu stellen; wenn nicht der unglucklichste Zufall, der ihr mit einem so sonderbaren Mann, als Agathon war, nur immer begegnen konnte, sie auf einmal mit seiner Hochachtung alles dessen beraubt hatte, was sie noch im Besitz seines Herzens erhalten hatte. Eine einst geliebte Person behalt (auch wenn das Fieber der Liebe vorbei ist) noch immer eine grosse Gewalt uber unser Herz, so lange sie unsere Hochachtung nicht verloren hat. Agathon war zu edelmutig, die schone Danae fur die Schwachheit, welche sie gegen ihn gehabt hatte, (das einzige, was die Hochachtung hatte vermindern konnen, welche sie durch so viele schone Eigenschaften des Geistes und des Herzens verdiente,) dadurch zu bestrafen, dass er ihr deswegen nur das mindeste von der seinigen entzogen hatte. Aber so bald es dahin gekommen war, dass er sich in seiner Meinung von ihrem Character und moralischen Werte betrogen zu haben glaubte; so bald er sich gezwungen sah, sie zu verachten; horte sie auf, Danae fur ihn zu sein; und durch eine ganz naturliche Folge wurde er in dem namlichen Augenblick wieder Agathon.
Ende des ersten Teils
Zweiter Teil
Achtes Buch
Erstes Capitel
Vorbereitung zum Folgenden
Die Laune eines Dichters, die Treue einer Buhlerin, und die Freundschaft eines Hippias, sind vielleicht die drei unzuverlassigsten Dinge unter allen in der Welt; es ware denn, dass man die Gunst der Grossen fur das Vierte halten wollte, welche gemeiniglich eben so leicht verloren als gewonnen wird, und mit den Gunstbezeugungen gewisser Nymphen noch diese Ahnlichkeit hat, dass derjenige, welcher unvorsichtig genug gewesen ist davon zu kosten, einen kurzen Traum von Vergnugen gemeiniglich mit langwierigen Schmerzen bezahlen muss.
Hippias nannte sich einen Freund der schonen Danae, und wurde von ihr dafur gehalten; eine Bekanntschaft von mehr als zwolf Jahren hatte dieses beiden zur Gewohnheit gemacht. Hiezu kam noch die naturliche Verwandtschaft, welche unter Leuten von Witz und feiner Lebenr Denkungs-Art, und Neigungen; vielleicht auch die besondere Vorrechte, die er, der gemeinen Meinung nach, eine Zeit lang bei ihr genossen. Alles dieses hatte diese Art von Vertraulichkeit unter ihnen hervorgebracht, welche von den Weltleuten, aus einem Missverstande dessen sie sich nur nicht vermuten, fur Freundschaft gehalten wird, und auch in der Tat alle Freundschaft, deren sie fahig sind, ausmacht; ob es gleich gemeiniglich eine bloss mechanische Folge zufalliger Umstande, und im Grunde nichts bessers als eine stillschweigende Ubereinkommnis ist, einander so lange gewogen zu sein, als es einem oder dem andern Teil gelegen sein werde; und daher auch ordentlicher Weise keinen Augenblick langer daurt, als bis sie auf irgend eine Probe, wobei sich die Eigenliebe einige Gewalt antun musste, gesetzt werden wollte.
Die schone Danae, deren Herz unendlich mal besser war als des Sophisten seines, ging inzwischen ganz aufrichtig zu Werke, indem sie in die vermeinte Freundschaft dieses Mannes nicht den mindesten Zweifel setzte. Es ist wahr, er hatte einen guten Teil von ihrer Hochachtung, und also zugleich von ihrem Vertrauen verloren, seitdem die Liebe so sonderbare Veranderungen in ihrem Character gewurkt hatte. Je mehr Agathon gewann, je mehr musste Hippias verlieren. Allein das war so naturlich und kam so unvermerkt, dass sie sich dessen kaum, oder nur sehr undeutlich bewusst war; und vielleicht so wenig, dass sie, ohne die mindeste Besorgnis, er werde tiefer in ihr Herz hineinschauen als sie selbst, an nichts weniger dachte, als einige Vorsichtigkeit gegen ihn zu gebrauchen. Ein Beweis hievon ist, dass sie, anstatt ihm bei ihrem Liebhaber schlimme Dienste zu tun, sich vielmehr bei jedem Anlass bemuhete, ihn bei demselben in bessere Achtung zu setzen. Und dieses war ihr auch, bei der besondern Sorgfalt, womit der Sophist seit einiger Zeit ihre Bemuhung beforderte, so wohl gelungen, dass Agathon anfing eine bessere Meinung von seinem Character zu fassen, und sich unvermerkt so viel Vertrauen von ihm abgewinnen liess, dass er kein Bedenken mehr trug, sich so gar uber die Angelegenheiten seines Herzens in vertrauliche Unterredungen mit ihm einzulassen.
Unsre Liebende verliefen sich also mit der sorglosesten Unvorsichtigkeit, welche sich Hippias nur wunschen konnte, in die Fallstricke die er ihnen legte; und liessen sich nicht einfallen, dass er Absichten haben konne, eine Verbindung wieder zu vernichten, die gewissermassen sein eigenes Werk war. Diese Sorglosigkeit konnte vielleicht desto tadelhafter scheinen, da beiden so wohl bekannt war, nach was fur Grundsatzen er lebte. Allein es ist eine Beobachtung, die man alle Tage zu machen Gelegenheit hat, dass edle Gemuter mit Leuten von dem Character unsers Sophisten betrogen werden mussen, sie mogen es angehen, wie sie wollen. Sie mogen die Denkens-Art dieser Leute noch so gut kennen, noch so viele Proben davon haben, dass derjenige, dessen Neigungen und Handlungen allein durch das Interesse seiner eigennutzigen Leidenschaften bestimmt wird, keines rechtschaffenen Betragens fahig ist; es wird ihnen doch immer unmoglich bleiben, alle Krummen und Falten seines Herzens so genau auszuforschen, dass nicht in irgend einer derselben noch eine geheime Schalkheit lauren sollte, deren man sich nicht versehen hatte, wenn sie endlich zum Vorschein kommt. Agathon und Danae, zum Exempel, kannten den Hippias gut genug, um uberzeugt zu sein, dass er sich, sobald sein Interesse dem Vorteil ihrer Liebe entgegenstunde, nicht einen Augenblick bedenken wurde, die Pflichten der Freundschaft seinem Eigennutzen aufzuopfern. Denn was sind Pflichten fur einen Hippias? Hingegen konnten sie nicht begreifen, was fur einen Vorteil er darunter haben konnte, ihre Herzen zu trennen; und dieses machte sie sicher. In der Tat hatte er keinen; auch hatte er eigentlich die Absicht nicht sie zu trennen. Aber er hatte ein Interesse, ihnen einen Streich zu spielen, welcher, dem Character des Agathon nach, notwendig diese Wurkung tun musste. Und das war es, woran sie nicht dachten.
Wir haben im vierten Buche dieser Geschichte die Absichten entdeckt, welche den Sophisten bewogen hatten, unsern Helden mit der schonen Danae bekannt zu machen. Der Entwurf war wohl ausgesonnen, und hatte, nach den Voraussetzungen, die dabei zum Grunde lagen, ohnmoglich misslingen konnen, wenn man auf irgend eine Voraussetzung Rechnung machen durfte, sobald sich die Liebe ins Spiel mischt. Dieses mal war es ihm gegangen, wie es gemeiniglich den Projectmachern geht; er hatte an alles gedacht, nur nicht an den einzigen Fall, der ihm seine Absichten vereitelte. Wie hatte er auch glauben konnen, dass eine Danae fahig sein sollte, ihr Herz an einen Platonischen Liebhaber zu verlieren? Ein gleichgultiger Philosoph wurde daruber betroffen gewesen sein, ohne bose zu werden; aber es gibt sehr wenig gleichgultige Philosophen. Hippias fand sich in seinen Erwartungen betrogen; seine Erwartungen grundeten sich auf Schlusse; seine Schlusse auf seine Grundsatze, und auf diese das ganze System seiner Ideen, welches (wie man weiss) bei einem Philosophen wenigstens die Halfte seines geliebten Selbsts ausmacht. Wie hatte er nicht bose werden sollen? Seine Eitelkeit fuhlte sich beleidiget. Agathon und Danae hatten die Gelegenheit dazu gegeben. Er wusste zwar wohl, dass sie keine Absicht ihn zu beleidigen dabei gehabt haben konnten; allein darum bekummert sich kein Hippias. Genug, dass sein Unwille gegrundet war; dass er einen Gegenstand haben musste; und dass ihm nicht zu zumuten war, sich uber sich selbst zu erzurnen. Leute von seiner Art wurden eher die halbe Welt untergehen sehen, eh sie sich nur gestehen wurden, dass sie gefehlt hatten. Es war also naturlich, dass er darauf bedacht war, sich durch das Vergnugen der Rache fur den Abgang desjenigen zu entschadigen, welches er sich von der vermeinten und verhofften Bekehrung unsers Helden versprochen hatte.
Agathon liebte die schone Danae, weil sie, selbst nachdem der ausserste Grad der Bezauberung aufgehort hatte, in seinen Augen noch immer das vollkommenste Geschopfe war, das er kannte. Was fur ein Geist! was fur ein Herz! was fur seltene Talente! welche Anmut in ihrem Umgang! was fur eine Manchfaltigkeit von Vorzugen und Reizungen! wie hochachtungswert musste sie das alles ihm machen! wie vorteilhaft war ihr die Erinnerung an jeden Augenblick, von dem ersten an, da er sie gesehen, bis zu demjenigen, da sie von sympathetischer Liebe uberwaltiget die seinige glucklich gemacht hatte! Kurz alles was er von ihr wusste, war zu ihrem Vorteil, und von allem was seine Hochschatzung hatte schwachen konnen, wusste er nichts.
Man kann sich leicht vorstellen, dass sie so unvorsichtig nicht gewesen sein werde, sich selbst zu verraten. Es ist wahr, sie hatte sich nicht entbrechen konnen, die vertraute Erzahlung, welche er ihr von seinem Lebens-Lauf gemacht, mit Erzahlung des ihrigen zu erwidern; aber wir zweifeln sehr, dass sie sich zu einer eben so gewissenhaften vertraulichkeit verbunden gehalten habe. Und woher wissen wir auch, dass Agathon selbst, mit aller seiner Offenherzigkeit, keinen Umstand zuruck gehalten habe, von dem er vielleicht, wie ein guter Maler oder Dichter, vorausgesehen, dass er der schonen Wurkung des Ganzen hinderlich sein konnte. Wer ist uns Burge dafur, dass die verfuhrische Priesterin nicht mehr uber ihn erhalten habe, als er eingestanden? Wenigstens hat einigen von unsern Lesern, (welche vielleicht vergessen haben, dass sie keine Agathons sind) die tiefe Gleichgultigkeit etwas verdachtig geschienen, worin ihn, bei einer gewissen Gelegenheit, Reizungen, die, ihrer Meinung nach, in seiner blossen Beschreibung schon verfuhren konnten, gelassen haben sollen. In der Tat; man mag so schuchtern oder so Platonisch sein als man will; eine schone Frau, welche sich vorgenommen hat, die Macht ihrer Reizungen an uns zu prufen, selbst von dem Gott der Liebe begeistert, und was noch schlimmer ist, eine Priesterin in einer so belaurenden Stellung, mit so schwarzen Augen, mit einem so schonen Busen ist ganz unstreitig ein gefahrlicher Anblick fur einen jeden, der (wie Phryne sagt) keine Statue ist: Und die Poesie musste die magischen Krafte nicht haben, welche ihr von jeher zugeschrieben worden sind, wenn in einer solchen Situation das Lesen einer Scene, wie die Verfuhrung Jupiters durch den Gurtel der Venus in der Iliade ist, den naturlichen Wurkungen eines damit so ubereinstimmenden Gegenstands, nicht eine verdoppelte Starke hatte geben sollen. Allein dem sei nun wie ihm wolle, so ist gewiss, dass Danae, in der Erzahlung ihrer Geschichte mehr die Gesetze des Schonen und Anstandigen als die Pflichten einer genauen historischen Treue zu ihrem Augenmerk genommen, und sich kein Bedenken gemacht, bald einen Umstand zu verschonern, bald einen andern gar wegzulassen, so oft es die besondere Absicht auf ihren Zuhorer erfodern mochte. Denn fur diesen allein, nicht fur die Welt, erzahlte sie; und sie konnte sich also durch die strengen Forderungen, welche die Letztere (wie wohl vergebens) an die Geschichtschreiber macht, nicht so sehr gebunden halten. Nicht, als ob sie ihm irgend eine hauptsachliche Begebenheit ihres Lebens ganzlich verschwiegen, oder ihn statt der wurklichen durch erdichtete hintergangen hatte. Sie sagte ihm alles. Allein es gibt eine gewisse Kunst, dasjenige was einen widrigen Eindruck machen konnte, aus den Augen zu entfernen; es kommt soviel auf die Wendung an; ein einziger kleiner Umstand gibt einer Begebenheit eine so verschiedene Gestalt von demjenigen, was sie ohne diesen kleinen Umstand gewesen ware; dass man ohne eine merkliche Veranderung dessen was den Stoff der Erzahlung ausmacht, tausend sehr bedeutende Treulosigkeiten an der historischen Wahrheit begehen kann. Eine Betrachtung, die uns (im Vorbeigehen zu sagen) die Geschichtschreiber ihres eignen werten Selbsts, keinen Xenophon noch Marcus Antoninus, ja selbst den offenherzigen Montaigne nicht ausgenommen, noch verdachtiger macht, als irgend eine andre Classe von Geschichtschreibern.
Die schone und kluge Danae hatte also ihrem Liebhaber weder ihre Erziehung in Aspasiens Hause, noch ihre Bekanntschaft mit dem Alcibiades, noch die glorreiche Liebe, welche sie dem Prinzen Cyrus eingeflosst hatte, verhalten. Alle diese, und viele andre nicht so schimmernde Stellen ihrer Geschichte machten ihr entweder Ehre, oder konnten doch mit der Geschicklichkeit, worin sie die zweite Aspasia war, auf eine solche Art erzahlt werden, dass sie ihr Ehre machten. Allein was diejenigen Stellen betraf, an denen sie alle Kunst, die man auf ihre Verschonerung wenden mochte, fur verloren hielt; es sei nun, weil sie an sich selbst, oder in Beziehung auf den eigenen Geschmack unsers Helden, in keiner Art von Einkleidung, Wendung oder Licht gefallen konnten: uber diese hatte sie kluglich beschlossen, sie mit ganzlichem Stillschweigen zu bedecken; und daher kam es dann, dass unser Held noch immer in der Meinung stund, er selbst sei der erste gewesen, welchem sie sich durch Gunst-Bezeugungen von derjenigen Art, womit er von ihr uberhauft worden war, verbindlich gemacht hatte. Ein Irrtum, der nach seiner spitzfundigen Denkens-Art zu seinem Glucke so notwendig war, dass ohne denselben alle Vollkommenheiten seiner Dame zu schwach gewesen waren, ihn nur einen Augenblick in ihren Fesseln zu behalten. Ihm diesen Irrtum zu benehmen, war der schlimmste Streich, den man seiner Liebe und der schonen Danae spielen konnte; und dieses zu tun, war das Mittel, wodurch der Sophist an beiden auf einmal eine Rache zu nehmen hoffte, deren blosse Vorstellung sein boshaftes Herz in Erzuckung setzte. Er laurte dazu nur auf eine bequeme Gelegenheit, und diese pflegt zu einem bosen Vorhaben selten zu entgehen.
Ob dieses letztere der Geschaftigkeit irgend eines bosen Damons zu zuschreiben sei, oder ob es daher komme, dass die Bosheit ihrer Natur nach eine lebhaftere Wurksamkeit hervorbringt als die Gute; ist eine Frage, welche wir andern zu untersuchen uberlassen. Es sei das eine oder das andere, so wurde eine ganz naturliche Folge dieser fast alltaglichen ErfahrungsWahrheit sein, dass das Bose in einer immer wachsenden Progression zunehmen, und, wenigstens in dieser sublunarischen Welt, das Gute zuletzt ganzlich verschlingen wurde; wenn nicht aus einer eben so gemeinen Erfahrung richtig ware, dass die Bemuhungen der Bosen, so glucklich sie auch in der Ausfuhrung sein mogen, doch gemeiniglich ihren eigentlichen Zweck verfehlen, und das Gute durch eben die Massregeln und Ranke, wodurch es hatte gehindert werden sollen, weit besser befordern, als wenn sie sich ganz gleichgultig dabei verhalten hatten.
Zweites Capitel
Verraterei des Hippias
Unter andern Eigenschaften, welche den Character der Danae schatzbar machten, war auch diese, dass sie eine vortreffliche Freundin war. So gleichgultig sie, bis auf die Zeit da sich Agathon ihres Herzens bemeisterte, gegen den Vorwurf der Unbestandigkeit in der Liebe auch immer gewesen war: so zuverlassig und standhaft war sie jederzeit in der Freundschaft gewesen. Sie liebte ihre Freunde mit einer Zartlichkeit, welche von Leuten, die bloss nach dem ausserlichen Ausdruck urteilen, leicht einem eigennutzige Affect beigemessen werden konnte; denn diese Zartlichkeit stieg bis zum wurksamsten Grade der Leidenschaft, sobald es darauf ankam, einem unglucklichen Freunde Dienste zu leisten. Es war kein Vergnugen, welches sie nicht in einem solchen Falle den Pflichten der Freundschaft auf geopfert hatte.
Eine Veranlassung von dieser Art (wovon die Umstande mit unsrer Geschichte in keiner Beziehung stehen) hatte sie auf einige Tage von Smyrna abgerufen. Agathon musste zuruckbleiben, und die gutherzige Danae, mit dem Beweise zufrieden, den ihr sein Schmerz bei ihrem Abschied von seiner Liebe gab, versusste sich ihren eigenen durch die Vorstellung, dass die kurze Trennung ihm den Wert seiner Gluckseligkeit weit lebhafter zu fuhlen geben werde, als eine ununterbrochene Gegenwart. Ruhig uber den Besitz seines Herzens empfahl sie ihm desto eifriger, sich wahrend ihrer Abwesenheit den Freuden, welche das reiche und wollustige Smyrna verschaffen konnte, zu uberlassen, je gewisser sie war, dass sie von dergleichen Zerstreuungen nichts zu besorgen habe.
Allein Agathon hatte bereits angefangen, den Geschmack an diesen Lustbarkeiten zu verlieren. So lebhaft, so manchfaltig, so berauschend sie sein mogen, so sind sie doch nicht fahig einen Geist wie der seinige war, lange einzunehmen. Als eine Beschaftigung betrachtet, konnen sie es nur fur Leute sein, die sonst zu nichts taugen; und Vergnugungen bleiben sie nur solange als sie neu sind. Je lebhafter sie sind, desto balder folgen Sattigung und Ermudung; und alle ihre anscheinende Manchfaltigkeit kann bei einem fortgesetzten Gebrauch das Einformige nicht verbergen, wodurch sie endlich selbst der verdienstlosesten Classe der Weltleute ekelhaft werden. Die Abwesenheit der Danae benahm ihnen vollends noch den einzigen Reiz, den sie noch fur ihn gehabt hatten, das Vergnugen sie daran Anteil nehmen zu sehen. Er brachte also bei nahe die ganze Zeit ihrer Abwesenheit in einer Einsamkeit zu, von welcher ihn das beschaftigte Leben zu Athen und die wollustige Musse zu Smyrna schon etliche Jahre entwohnet hatten. Hier ging es ihm anfangs wie denen welche aus einem stark erleuchteten Ort auf einmal ins Dunkle kommen. Seine Seele fuhlte sich leer, weil sie allzuvoll war; er schrieb dieses der Abwesenheit seiner Freundin zu; er fuhlte dass sie ihm mangelte, und dachte nicht daran, dass er sie weniger vermisst haben wurde, wenn die Nerven seines Geistes durch die Gewohnheit einer wollustigen Passivitat nicht eingeschlafert worden waren. Die ersten Tage schlichen fur ihn in einer Art von zartlicher Melancholie vorbei, welche nicht ohne Anmut war. Danae war beinahe der einzige Gegenstand, womit seine in sich selbst zuruckgezogene Seele sich beschaftigte; oder wenn seine Erinnerung in vorhergehende Zeiten zuruck ging, wenn sie ihm das Bild seiner Psyche, oder die schimmernden Auftritte seines Republicanischen Lebens vorhielt, so war es nur, um den Wert der unvergleichlichen Danae und die ruhige Gluckseligkeit eines allein der Liebe, der Freundschaft, den Musen, und den Gottinnen der Freude geweihten Privatlebens in ein hoheres Licht zu setzen. Seine Liebe belebte sich aufs neue. Sie verbreitete wieder diese begeisternde Warme durch sein Wesen, welche die Triebfedern des Herzens und der Einbildungs-Kraft so harmonisch zusammenspielen macht. Er entwarf sich die Idee einer Lebens-Art, welche (Dank seiner dichterischen Phantasie!) mehr das Leben eines Gottes, als eines Sterblichen schien. Danae glanzte darin aus einem Himmel von lachenden Bildern der Freude und Gluckseligkeit hervor. Entzuckt von diesen angenehmen Traumen, beschloss er bei sich selbst, sein Schicksal auf immer mit dem ihrigen zu vereinigen. Er hielt sie fur wurdig, diesen Agathon glucklich zu machen, welcher zu stolz gewesen ware, das schimmerndste Gluck aus der Hand eines Konigs anzunehmen. Dieser Entschluss, welcher bei tausend andern eine nur sehr zweideutige Probe der Liebe sein wurde, war in der Tat, nach seiner Art zu denken, der Beweis, dass die seinige auf den hochsten Grad gestiegen war.
In einem fur die Absichten der Danae so gunstigen Gemuts-Zustand befand er sich, als Hippias ihm einen Besuch machte, um sich auf eine Freundschaftliche Art uber die Einsamkeit zu beklagen, worin er seit der Entfernung der schonen Danae lebte. Danae sollte zu frieden sein, sagte er in scherzhaftem Ton, den liebenswurdigen Callias fur sich allein zu behalten, wenn sie gegenwartig sei; aber ihn auch in ihrer Abwesenheit der Welt zu entziehen, das sei zuviel, und musse endlich die Folge haben, die Schonen zu Smyrna in eine allgemeine Zusammenverschworung gegen sie zu ziehen. Agathon beantwortete diesen Scherz in dem namlichen Ton; unvermerkt wurde das Gesprach interessant, ohne dass der Sophist eine besondere Absicht dabei zu haben schien. Er bemuhte sich seinem Freunde zu beweisen, dass er Unrecht habe, der Gesellschaft zu entsagen, um sich mit den Dryaden von seiner Liebe zu besprechen, und die Zephyrs mit Seufzern und Botschaften an seine Abwesende zu beladen. Er malte ihm mit verfuhrischen Farben die Vergnugungen vor, deren er sich beraube, und vergass auch das Lacherliche nicht, welches er sich durch eine so seltsame Laune in den Augen der Schonen gebe. Seiner Meinung nach sollte ein Callias sich an einer einzigen Eroberung, so glanzend sie auch immer sein mochte, nicht begnugen lassen; er, dem seine Vorzuge das Recht geben, seinem Ehrgeiz in dieser Sphare keine Grenzen zu setzen, und der nur zu erscheinen brauche um zu siegen. Er bewies die Wahrheit dieser Schmeichelei mit den besondern Anspruchen, welche einige von den beruhmtesten Schonheiten zu Smyrna auf ihn machten; seinem Vorgeben nach, lag es nur an Agathon, seine Eitelkeit, seine Neubegier und seinen Hang zum Vergnugen zu gleicher Zeit zu befriedigen, und auf eine so mannichfaltige Art glucklich zu sein, als sich die verzarteltste Einbildung nur immer wunschen konne.
Agathon hatte auf alle diese schone Vorspieglungen nur Eine Antwort seine Liebe zu Danae. Der Sophist fand sie unzulanglich. Eben diese Ursachen, welche seine Liebe zu Danae hervorgebracht hatten, sollten ihn auch fur die Reizungen andrer Schonen empfindlich machen. Seiner Meinung nach machte die Abwechselung der Gegenstande das grosseste Gluck der Liebe aus. Er behauptete diesen Satz durch eine sehr lebhafte Ausfuhrung der besondern Vergnugungen, welche mit der Besiegung einer jeden besondern Classe der Schonen verbunden sei. Die Unwissende und die Erfahrne, die Geistreiche und die Blode, die Schone und die Hassliche, die Cokette, die Sprode, die Tugendhafte, die Andachtige kurz jeder besondere Character beschaftige den Geschmack, die Einbildung, und so gar die Sinnen (denn von dem Herzen war bei ihm die Rede nicht) auf eine eigene Weise erfordre einen andern Plan, setze andre Schwierigkeiten entgegen, und mache auf eine andre Art glucklich. Das Ende dieser schonen Ausfuhrung war, dass es unbegreiflich sei, wie man so viel Vergnugen in seiner Gewalt haben, und es sich nur darum versagen konne, um die einformigen Freuden einer einzigen, mit romanhafter Treue in gerader Linie sich fortschleppenden Leidenschaft bis auf die Hefen zu erschopfen.
Agathon gab zu, dass die Abwechselung, wozu ihn Hippias aufmuntre, fur einen mussigen Wollustling ganz angenehm sein moge, der aus dieser Art von Zeitvertreib das einzige Geschafte seines Lebens mache. Er behauptete aber, dass diese Art von Leuten niemalen erfahren haben musste, was die wahre Liebe sei. Er uberliess sich hierauf der ganzen Schwarmerei seines Herzens, um dem Hippias eine Abschilderung von demjenigen zu machen, was er von dem ersten Anblick an bis auf diese Stunde fur die schone Danae empfunden; er beschrieb eine so wahre, so delicate, so vollkommene Liebe, breitete sich mit einer so begeisterten Entzuckung uber die Vollkommenheiten seiner Freundin, uber die Sympathie ihrer Seelen, und die fast vergotternde Wonne, welche er in ihrer Liebe geniesse, aus, dass man entweder die Bosheit eines Hippias oder die freundschaftliche Hartherzigkeit eines Mentors haben musste, um fahig zu sein, ihn einem so begluckenden Irrtum zu entreissen.
Die Reizungen der schonen Danae sind zu bekannt, versetzte der Sophist, und ihre Vorzuge in diesem Stucke werden sogar von ihrem eigenen Geschlecht so allgemein eingestanden, dass Lais selbst, welche den Ruhm hat, dass die Edelsten der Griechen und die Fursten auslandischer Nationen den Preis ihrer Nachte in die Wette steigern, lacherlich sein wurde, wenn sie sich einfallen lassen wollte, mit ihr um den Preis der Liebenswurdigkeit zu streiten. Aber dass sie jemals die Ehre haben wurde, eine so ehrwurdige, so metaphysische, so uber alles was sich denken lasst erhabene Liebe einzuflossen dass der Macht ihrer Reizungen noch dieses Wunder aufbehalten sei, das einzige welches ihr noch abging das hatte sich in der Tat niemand traumen lassen konnen, ohne sich selbst uber einen solchen Einfall zu belachen.
Hier ging unserm Helden, welcher die boshafte Vergleichung mit der Corinthischen Lais schon auf die befremdlichste Art argerlich gefunden hatte, die Geduld ganzlich aus. Er setzte den Sophisten mit aller Hitze eines in dem Gegenstande seiner Anbetung beleidigten Liebhabers wegen des zweideutigen Tons zu Rede, womit er sich anmasse, von einer Person wie Danae zu sprechen; und sein Unwille sowohl als seine Verwirrung stieg auf den aussersten Grad, da ein Satyr-massiges Gelachter die ganze Antwort des Hippias war.
Es ist so leicht voraus zu sehen, was fur einen Ausgang diese Scene nehmen musste, dass wir nach allem was von den Absichten des Sophisten bereits gesagt worden ist, den Leser seiner eignen Einbildung uberlassen konnen. Ungeduldige Fragen auf der einen Ausfluchte und schalkhafte Wendungen auf der andern Seite; bis sich Hippias auf vieles Zureden endlich das Geheimnis des wahren Standes der schonen Danae, und derjenigen Anecdoten, welche wir (wiewohl aus unschuldigern Absichten) unsern Lesern schon im dritten Capitel des vierten Buches verraten haben, mit einer Gewalt, welcher seine vorgebliche Freundschaft fur Agathon nicht widerstehen konnte, abnotigen liess.
Wir haben schon bemerkt, wie viel es bei Erzahlung einer Begebenheit auf die Absicht des Erzahlers ankomme, und wie verschieden die Wendungen seien, welche sie durch die Verschiedenheit derselben erhalt. Danae erzahlte ihre Geschichte mit der unschuldigen Absicht zu gefallen. Sie sah naturlicher Weise ihre Auffuhrung, ihre Schwachheiten, ihre Fehltritte selbst in einem mildern, und (lasset uns die Wahrheit sagen) in einem wahrern Licht als die Welt; welche auf der einen Seite von allen den kleinen Umstanden, die uns rechtfertigen oder wenigstens unsre Schuldvermindern konnten, nicht unterrichtet, und auf der andern Seite boshaft genug ist, um ihres grossern Vergnugens willen das Gemalde unsrer Torheiten mit tausend Zugen zu uberladen, um welche es zwar weniger wahr aber desto comischer wird. Unglucklicher Weise fur sie erforderte die Absicht des Hippias, dass er diese schalkhafte Kunst, eine Begebenheit ins Hassliche zu malen, so weittreiben musste, als es die Gesetze der Wahrscheinlichkeit nur immer erlauben konnten.
Unser Held glich wahrend dieser Entdeckungen mehr einer Bild-Saule oder einem Toten als sich selbst. Kalte Schauer und fliegende Glut fuhren wechselsweise durch seine Adern. Seine von den widerwartigsten Leidenschaften auf einmal besturmte Brust atmete so langsam, dass er in Ohnmacht gefallen ware, wenn nicht Eine davon plotzlich die Oberhand behalten, und durch den heftigsten Ausbruch dem gepressten Herzen Luft gemacht hatte. Das Licht, worin ihm Hippias seine Gottin zeigte, machte mit demjenigen, worin er sie zu sehen gewohnt war, einen so beleidigenden Contrast; der Gedanke, sich so sehr betrogen zu haben, war so unertraglich, dass es ihm unmoglich fallen musste, dem Sophisten Glauben beizumessen. Der ganze Sturm, der seine Seele schwellte, brach also uber den Verrater aus. Er nannte ihn einen falschen Freund, einen Verleumder, einen Nichtswurdigen rief alle rachende Gottheiten gegen ihn auf- schwur, wofern er die Beschuldigungen, womit er die Tugend der schonen Danae zu beschmitzen sich erfrechete, nicht bis zur unbetruglichsten Evidenz erweisen werde, ihn als ein das Sonnenlicht befleckendes Ungeheuer zu vertilgen, und seinen verfluchten Rumpf unbegraben den Vogeln des Himmels preis zu geben.
Der Sophist sah diesem Sturm mit der Gelassenheit eines Menschen zu, der die Natur der Leidenschaften kennt; so ruhig, wie einer der vom sichern Ufer dem wilden Aufruhr der Wellen zusieht, dem er glucklich entgangen ist. Ein mitleidiger Blick, dem ein schalkhaftes Lacheln seinen zweideutigen Wert vollends benahm, war alles, was er dem Zorn des aufgebrachten Liebhabers entgegensetzte. Agathon stutzte daruber. Ein schrecklicher Zweifel warf ihn auf einmal auf die entgegengesetzte Seite. Rede, Grausamer, rief er aus, rede! Beweise deine hassenswurdigen Anklagen so klar als Sonnenschein; oder bekenne, dass du ein verratrischer Elender bist, und vergeh vor Scham! Bist du bei Sinnen, Callias, antwortete der Sophist mit dieser verruchten Gelassenheit, welche in solchen Umstanden der triumphierenden Bosheit eigen ist-komm erst zu dir selbst; sobald du fahig sein wirst, Vernunft anzuhoren, will ich reden.
Agathon schwieg; denn was kann derjenige sagen, der nicht weiss was er denken soll?
Wahrhaftig, fuhr der Sophist fort, ich begreife nicht, was fur eine Ursache du zu haben glaubst, den rasenden Ajax mit mir zu spielen. Wer redet von Beschuldigungen? Wer klagt die schone Danae an? Ist sie vielleicht weniger liebenswurdig, weil du weder der erste bist der sie gesehen, noch der erste, der sie empfindlich gefunden hat? Was fur Launen das sind! Glaube mir, jeder andrer als du hatte nichts weiter notig gehabt als sie zu sehen, um meine Nachrichten glaubwurdig zu finden; Ihr blosser Anblick ist ein Beweis. Aber du forderst einen starkern; du sollst ihn haben, Callias. Was sagtest du, wenn ich selbst einer von denen gewesen ware, welche sich ruhmen konnen, die schone Danae empfindlich gesehen zu haben? Du? rief Agathon mit einem unglaubigen Erstaunen, welches eben nicht schmeichelhaft fur die Eitelkeit des Sophisten war. Ja, Callias; ich; erwiderte jener; ich, wie du mich hier siehest, zehn oder zwolf Jahre abgerechnet, um welche ich damals geschickter sein mochte, den Beifall einer schonen Dame zu erhalten. Du glaubest vielleicht ich scherze; aber ich bin uberzeugt, dass deine Gottin selbst zu edel denkt, um dir wenn du sie mit guter Art fragen wirst, eine Wahrheit verhalten zu wollen, von welcher ganz Smyrna zeugen konnte.
Hier fuhr der barbarische Mensch fort, ohne das geringste Mitleiden mit dem Zustande, worein er den armen Agathon durch seine Prahlereien setzte, die Gluckseligkeiten, welche er in den Armen der schonen Danae (der Himmel weiss mit welchem Grunde) genossen zu haben vorgab, von Stuck zu Stuck mit einem Ton von Wahrheit, und mit einer Munterkeit zu beschreiben, welche seinen Zuhorer beinahe zur Verzweiflung brachte. Es ist vorbei, fiel er endlich dem Sophisten mit einer so heftigen Bewegung in die Rede, dass er in diesem Augenblick mehr als ein Mensch zu sein schien Es ist vorbei! O Tugend, du bist gerochen! Hippias, du hast mich unter der lachelnden Maske der Freundschaft mit einem giftigen Dolch durchbohret aber ich danke dir deine Bosheit leistet mir einen wichtigern Dienst als alles was deine Freundschaft fur mich hatte tun konnen. Sie eroffnet mir die Augen zeigt mir auf einmal in den Gegenstanden meiner Hochachtung und meines Zutrauens, in dem Abgott meines Herzens und in meinem vermeinten Freunde, die zwei verachtlichsten Gegenstande, womit jemals meine Augen sich besudelt haben. Gotter! die Buhlerin eines Hippias! Kann etwas unter diesem untersten Grade der Entehrung sein? Mit dieser Apostrophe warf er den verachtungsvollesten Blick, der jemals aus einem Menschlichen Auge geblitzt hat, auf den betroffenen Sophisten, und begab sich hinweg.
Drittes Capitel
Feigen des Vorhergehenden
Die menschliche Seele ist vielleicht keines heftigern Schmerzens fahig, als derjenige ist, wenn wir uns genotiget sehen, den Gegenstand unsrer zartlichsten Gesinnungen zu verachten. Alles was man davon sagen kann ist zu schwach, die Pein auszudrucken, die durch eine so gewaltsame Zerreissung in einem gefuhlvollen Herzen verursacht wird. Wir wollen also lieber gestehen, dass wir uns unvermogend finden, den Tumult der Leidenschaften, welche in den ersten Stunden nach einer so grausamen Unterredung in dem Gemute Agathons wuteten, abzuschildern, als durch eine frostige Beschreibung zu gleicher Zeit unsre Vermessenheit und unser Unvermogen zu verraten.
Das erste was er tat, sobald er seiner selbst wieder machtiger wurde, war, dass er alle seine Krafte anstrengte, sich zu uberreden, dass ihn Hippias betrogen habe. War es zuviel, das Schlimmste von einem so ungeheuern Bosewicht zu denken, als dieser Sophist nunmehr in seinen Augen war? Was fur eine Gultigkeit konnte ein solcher Zeuge gegen eine Danae haben? Oder vielmehr, was fur einen machtigen Apologisten hattest du, schone Danae, in dem Herzen deines Agathon! Was hatte Hyperides selbst, ob er gleich beredt genug war, die Athenienser von der Unschuld einer Phryne zu uberzeugen, starkers und scheinbarers zu deiner Verteidigung sagen konnen, als was er sich selbst sagte? Vermutlich wurde die Vernunft allein von dieser sophistischen Beredsamkeit der Liebe uberwaltiget worden sein: Aber die Eifersucht, welche ihr zu Hulfe kam, gab den Ausschlag. Unter allen Leidenschaften ist keine, welcher die Verwandlung des Moglichen ins Wurkliche weniger kostet als diese. In dem zweifelhaften Lichte, welches sie uber seine Seele ausbreitete, wurde Vermutung zu Wahrscheinlichkeit und Wahrscheinlichkeit zu Gewissheit; nicht anders als wenn er mit der spitzfundigen Delicatesse eines Julius Casars die schone Danae schon darum schuldig gefunden hatte, weil sie bezuchtiget wurde. Er verglich ihre eigene Erzahlung mit des Hippias seiner, und glaubte nun, da das Misstrauen sich seines Geistes einmal bemachtiget hatte, hundert Spuren in der ersten wahrzunehmen, welche die Wahrheit der letztern bekraftigten. Hier hatte sie einem Umstand eine gekunstelte Wendung geben mussen; dort war sie, (wie er sich zu erinnern glaubte) verlegen gewesen, was sie aus einem andern machen sollte, der ihr unversehens entschlupft war.
Mit einem eben so schielenden Auge durchging er ihr ganzes Betragen gegen ihn. Wie deutlich glaubte er izt zu sehen, dass sie von dem ersten Augenblick an Absichten auf ihn gehabt habe! Tausend kleine Umstande, welche ihm damals ganz gleichgultig gewesen waren, schienen ihm izt eine geheime Bedeutung gehabt zu haben. Er besann sich, er verglich und combinierte so lange, bis es ihm ganz glaublich vorkam, dass alles was bei dem ersten Besuche, den er ihr mit Hippias gemacht, bis zu seinem Ubergang in ihre Dienste vorgegangen, die Folgen eines zwischen ihr und dem Sophisten abgeredeten Plans gewesen seien. Wie sehr vergiftete dieser Gedanke alles was sie fur ihn getan hatte! wie ganzlich benahm er ihren Handlungen diese Schonheit und Grazie, die ihn so sehr bezaubert hatte! Er sah nun in diesem vermeinten Urbild einer jeden idealen Vollkommenheit nichts mehr als eine schlaue Buhlerin, welche von einer grossen Fertigkeit in der Kunst die Herzen zu bestricken den Vorteil uber seine Unschuld erhalten hatte! Wie verachtlich kamen ihm izt diese Gunstbezeugungen vor, welche ihm so kostbar gewesen waren, so lang er sie fur Ergiessungen eines fur ihn allein empfindlichen Herzens angesehen hatte! Wie verachtlich diese Freuden, die ihn in jenem glucklichen Stande der Bezauberung den Gottern gleich gemacht! Wie zurnte er izt uber sich selbst, dass er toricht genug hatte sein konnen, in ein so sichtbares, so handgreifliches Netz sich verwickeln zu lassen!
Das Bild der liebenswurdigen Psyche konnte sich ihm zu keiner ungelegnern Zeit fur Danae darstellen als izt. Aber es war naturlich, dass es sich darstellte; und wie blendend war das Licht, worin sie ihm izt erschien! Wie wurde sie durch die verdunkelte Vorzuge ihrer unglucklichen Nebenbuhlerin herausgehoben! Himmel! wie war es moglich, dass die Beischlaferin eines Alcibiades, eines Hippias eines jeden andern, der ihr gefiel, fahig sein konnte, diese liebenswurdige Unschuld auszuloschen, deren keusche Umarmungen, anstatt seine Tugend in Gefahr zu setzen, ihr neues Leben, neue Starke gegeben hatten? Er trieb die Vergleichung so weit sie gehen konnte. Beide hatten ihn geliebt; aber, welch ein Unterschied in der Art zu lieben! welch ein Unterschied zwischen jener Nacht an die er sich izt mit Abscheu erinnerte wo Danae, nachdem sie alle ihre Reizungen, alles was die schlaueste Verfuhrungn der Musik aufgeboten, seine Sinnen zu berauschen und sein ganzes Wesen in wollustige Begierden aufzulosen, sich selbst mit zuvorkommender Gute in seine Arme geworfen hatte und den elysischen Nachten, die ihm an Psychens Seite in der reinen Wonne entkorperter Geister, wie ein einziger himmlischer Augenblick, vorubergeflossen waren! Arme Danae! So gar die Reizungen ihrer Figur verloren bei dieser Vergleichung einen Vorzug, den ihnen nur das parteilichste Vorurteil absprechen konnte. Diese Gestalt der Liebes-Gottin, bei deren Anschauen seine entzuckte Seele in Wollust zerflossen war, sank izt, mit der jungfraulichen Geschmeidigkeit der jungen Psyche verglichen, in seiner gramsuchtigen Einbildung zu der uppigen Schonheit einer Bacchantin herab- -der Wut eines Wein-triefenden Satyrs wurdiger als der zartlichen Entzuckungen, welche er sich izt schamte, in einer unverzeihlichen Betorung seiner Seele, an sie verschwendet zu haben.
Ohne Zweifel werden unsre tugendhafte Leserinnen, welche den Fall unsers Helden nicht ohne gerechten Unwillen gegen die feine Buhler-Kunste der schonen Danae betraurt haben, von Herzen erfreut sein, die Ehre der Tugend, und gewisser massen das Interesse ihres ganzen Geschlechts an dieser Verfuhrerin gerochen zu sehen. Wir nehmen selbst vielen Anteil an dieser ihrer Freude; aber wir konnen uns doch, mit ihrer Erlaubnis nicht entbrechen zu sagen, dass Agathon in der Vergleichung zwischen Danae und Psyche eine Strenge bewies, welche wir nicht allerdings billigen konnen, so gerne wir ihn auch von einer Leidenschaft zuruckkommen sehen, deren langere Dauer uns in die Unmoglichkeit gesetzt hatte, diesen zweiten Teil seiner Geschichte zu liefern.
Danae mag wegen ihrer Schwachheit gegen unsern Helden so tadelnswurdig sein, als man will, so war es doch offenbar unbillig, sie zu verurteilen, weil sie keine Psyche war; oder, um bestimmter zu reden, weil sie in ahnlichen Umstanden sich nicht vollkommen so wie Psyche betragen hatte. Wenn Psyche unschuldiger gewesen war, so war es weniger ein Verdienst, als ein physicalischer Vorzug, eine naturliche Folge ihrer Jugend und ihrer Umstande: Danae war es vermutlich auch, da sie, unter der Aufsicht ihres edeln Bruders, mit aller Naivitat eines Landmadchens vor vierzehen Jahren bei den Gastmahlern zu Athen, nach der Flote tanzte, oder den Alcamenen, fur die Gebuhr, das Model zu dem halbaufgebluhten Busen einer Hebe vorhielt. War es ihre Schuld, dass sie nicht zu Delphi erzogen worden? Oder, dass sich die ersten Empfindungen ihres jugendlichen Herzens fur einen Alcibiades, und nicht fur einen Agathon entfalteten? Psyche liebte unschuldiger; wir geben's zu; aber die Liebe bleibt doch in ihren Wurkungen allezeit sich selbst ahnlich. Sie erweitert ihre Foderungen so lange bis sie im Besitz aller ihrer Rechte ist; und die treuherzige Unerfahrenheit ist am wenigsten im Stande, ihr diese Forderungen streitig zu machen. Es war glucklich fur die Unschuld der zartlichen Psyche, dass ihre nachtliche Zusammenkunfte unterbrochen wurden, eh diese auf eine so geistige Art sinnliche Schwarmerei, worin sie beide so schone Progressen zu machen angefangen hatten, ihren hochsten Grad erreichte. Vielleicht noch wenige Tage, oder auch spater, wenn ihr wollt; aber desto gewisser wurden die guten Kinder, von einer unschuldigen Ergiessung des Herzens zur andern, von einem immer noch zu schwachen Ausdruck ihrer unaussprechlichen Empfindungen zum andern, sich endlich, zu ihrer eignen grossen Verwunderung, da gefunden haben, wo die Natur sie erwartet hatte; und wo wurde da der wesentlichste Vorzug der Unschuld geblieben sein? Ein andrer Umstand, worin Psyche glucklicher Weise den Vorteil uber Danae hatte, war dieser, dass ihr Liebhaber eben so unschuldig war als sie selbst, und bei aller seiner Zartlichkeit nur nicht den Schatten eines Gedankens hatte, ihrer Tugend nachzustellen. Wissen wir, wie sie sich verhalten hatte, wenn sie auf die Probe gestellt worden ware? Sie wurde widerstanden haben; daran ist kein Zweifel; aber, setzet hinzu; so lang es ihr moglich gewesen ware. Denn dass sie stark genug gewesen ware ihn zu fliehen, ihn gar nicht mehr zu sehen, das ist nicht zu vermuten. Sie wurde also endlich doch von den sussen Verfuhrungen der Liebe uberschlichen worden sein, so weit sie auch den Augenblick ihrer Niederlage hatte zuruckstellen mogen. Man konnte sagen: Gesetzt auch, sie wurde die Probe nicht ausgehalten haben, so hatte sie doch widerstanden; Danae hingegen habe ihren Fall nicht nur vorausgesehen, und beschleunigt, sondern er sei sogar das Werk ihrer eignen Massnehmungen gewesen; und wenn sie ihn aufgezogen habe, so sei es allein des Vorteils ihrer Liebe und ihres Vergnugens wegen, nicht aus Tugend, geschehen. Alles das ist nicht zu leugnen; allein vorausgesetzt, dass sie sich endlich doch ergeben haben wurde, (welches auf eine oder die andere Art doch allemal der stillschweigende Vorsatz einer jeden ist, die sich in eine Liebes-Angelegenheit waget) wozu wurde ein langwieriger eigensinniger Widerstand gedient haben, als sich selbst und ihrem Liebhaber unnotige Qualen zu verursachen? Genung, dass der strengeste Wohlstand der heutigen Welt nicht halb soviel Zeit fodert, als sie anwandte, dem Agathon seinen Sieg zu erschweren. Und glauben wir etwan, dass sie sich keine Gewalt habe antun mussen, einen so vollkommenen Liebhaber, einen Liebhaber dessen ausserordentlicher Wert die Heftigkeit ihrer Neigung so gut rechtfertigte, so lange schmachten zu lassen? oder dass die Selbstverleugnung, welche dazu erfordert wurde, eine Person, deren Einbildungs-Kraft mit den lebhaftesten Vergnugungen der Liebe schon so bekannt war, nicht zum wenigsten eben soviel gekostet habe, als einer noch unerfahrenen Person der ernstlichste Widerstand kosten kann?
Wir sagen dieses alles nicht, um die schone Danae zu rechtfertigen; sondern nur zu zeigen, dass Agathon in der Hitze des Affects zu strenge uber sie geurteilt habe. Es war unbillig, ihr eine Gutigkeit zum Verbrechen zu machen, welche ihn so glucklich gemacht hatte, als er elend gewesen sein wurde, wenn sie schlechterdings darauf beharret ware, die heftige Leidenschaft, von der er verzehrt wurde, bloss allein durch die ruhigen Gesinnungen der Freundschaft erwidern zu wollen. Allein das Vorurteil, von welchem er nun eingenommen war, machte ihn unfahig ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Gedanke, dass sie einen Hippias eben so begunstiget habe als ihn, machte ihm alles verdachtig, was ihn hatte uberzeugen konnen, dass wenn ihm gleich andere in dem Genuss ihrer Gunstbezeugungen zuvorgekommen, er doch der erste gewesen sei, der ihr Herz wahrhaftig geruhrt habe. Kurz, er sah nun nichts in ihr als eine Buhlerin, welche in dem Gesichtspunct, worin sie ihm izt erschien, vor den ubrigen ihrer Classe keinen andern Vorzug hatte, als dass sie gefahrlicher war.
Indessen konnte sein Unwille gegen sie nicht so heftig sein als er war, ohne sich gegen sich selbst zu kehren. Die Vorstellung, dass er die Stelle eines Hippias, eines Hyacinths, bei ihr vertreten habe, machte ihn in seinen eigenen Augen zum verachtlichsten Sclaven; er schamte sich vor seinem ehmaligen bessern Selbst, wenn er an die Rechenschaft dachte, welche er sich von seinem Aufenthalt zu Smyrna schuldig sei. Wurde er so gar, wenn Danae wurklich diejenige gewesen ware, wofur er sie in der Trunkenheit der Leidenschaft gehalten hatte, vor dem Gerichtstuhl der Tugend haben bestehen konnen? Was wollte er dann nun antworten, da er sich selbst anklagen musste, eine so lange Zeit ohne irgend eine lobenswurdige Tat, verloren fur seinen Geist, verloren fur die Tugend, verloren fur sein eigenes und das allgemeine Beste, in untatigem Mussiggang, und, was noch schlimmer war, in der verachtlichen Bestrebung den wollustigen Geschmack einer Danae zu belustigen, ihre Begierden, ihre von dem Rest des uppigen Feuers ihrer Jugend noch erhitzte Einbildung zu befriedigen, unruhmlich verschwendet zu haben? Er trieb die Vorwurfe, welche er bei diesen gelbsuchtigen Vorstellungen sich selbst machte, so weit als sie der Affect einer allzufeurigen, aber mit angeborner Liebe zur Tugend durchdrungenen Seele treiben kann. Die Schmerzen wovon sein Gemut dadurch zerrissen wurde, waren so heftig, dass er die ganze Nacht, welche auf diesen traurigen Tag folgte, in einer fiebrischen Hitze zubrachte, welche, mit dem Zustande, worin sich seine Seele befand, zusammengenommen, ein sehr fugliches Bild derjenigen Pein hatte abgeben konnen, worin, nach dem allgemeinen Glauben aller Volker, die Lasterhaften in einem andern Leben die Verbrechen des gegenwartigen bussen.
Wir haben schon einmal angemerkt, dass das Missvergnugen uber uns selbst ein allzuschmerzhafter Zustand sei, als dass ihn unsre Seele lange ausdauern konnte. Es ist naturlich, dass die Selbstliebe allen ihren Kraften aufbeut, um sich Linderung zu verschaffen; und wenn wir betrachten, wie wenig Gutes ein anhaltendes Gefuhl von Scham und Verachtung seiner selbst wurken kann, und wie nachteilig im Gegenteil Gram und Niedergeschlagenheit, naturliche Folgen, der wiederkehrenden Tugend sein mussen: so haben wir vielleicht Ursache, die Geschaftigkeit der Eigenliebe, uns bei uns selbst zu entschuldigen, fur eine von den notigsten Springfedern unsrer Seele, in diesem Stande des Irrtums und der Leidenschaften, worin sie sich befindet, anzusehen. Die Reue ist zu nichts gut, als uns einen tiefen Eindruck von der Hasslichkeit eines torichten oder unsittlichen Verhaltens, dessen wir uns schuldig fuhlen, zu geben. Sobald sie diese Wurkung getan hat, soll sie aufhoren; ihre Dauer wurde uns nur die Krafte benehmen, uns in einen bessern Zustand emporzuarbeiten, und dadurch eben so schadlich werden als eine allzugrosse Furcht, die zu nichts dient, als uns dem Ubel desto gewisser auszuliefern, welchem wir behutsam entfliehen oder mutig widerstehen sollten.
Agathon hatte desto mehr Ursache, diesen wohltatigen Eingebungen der Eigenliebe Gehor zu geben, da ihm seine allezeit zu warme Einbildungs-Kraft seine Vergehungen und den Gegenstand derselbigen wurklich in einem weit hasslichern Lichte gezeigt hatte, als die gelassene und unparteiische Vernunft getan haben wurde. Die seltsame Abwechselung dieser launischen Zauberin, und wie wenig ihr der plotzliche Ubergang von dem aussersten Grad eines Affects zum entgegen gesetzten kostet, wird vermutlich einem guten Teil unsrer Leser aus eigner Erfahrung so wohl bekannt sein, dass sie sich nicht verwundern werden, zu vernehmen, dass die Begierde sich selbst in seinen eignen Augen zu rechtfertigen, oder doch wenigstens soviel moglich zu entschuldigen, unsern Helden unvermerkt dahin gebracht habe, auch der schonen Danae einen Teil der Gerechtigkeit wieder angedeihen zu lassen, der ihr von den strengesten Verehrern der Tugend nicht versagt werden kann. Es war schwer, sehr schwer, wurde ein Socrates gesagt haben, den Reizungen eines so schonen Gegenstandes, den Verfuhrungen so vieler vereinigter Zauberkrafte zu widerstehen; die Flucht war das einzige sichere Rettungs-Mittel; es war freilich fast eben so schwer; aber das Vermogen dazu war wenigstens anfangs in eurer Gewalt; und es war unvorsichtig an euch, nicht zu denken, dass eine Zeit kommen wurde, da ihr keine Krafte mehr zum fliehen haben wurdet. So ungefahr mochte derjenige gesagt haben, der den Critobulus, weil er den schonen Knaben des Alcibiades gekusst hatte, einen Wagehals nannte; und dem jungen Xenophon riet, vor einem schonen Gesichte so behende wie vor einem Basilisken davon zu laufen. Allein so bescheiden und so wahr klang die Sprache der Eigenliebe nicht. Es war unmoglich, sagte sie unserm Helden, so machtigen Reizungen zu widerstehen; es war unmoglich zu entfliehen. Sie nahm die ganze Lebhaftigkeit seiner Einbildungs-Kraft zu hulfe, ihm die Wahrheit dieser trostlichen Versicherungen zu beweisen; und wenn sie es nicht so weit brachte, ein gewisses innerliches Gefuhl, welches ihr widersprach, und welches vielleicht das gewisseste Merkmal der Freiheit unsers Willens ist, ganzlich zu betauben, so gelang es ihr doch unvermerkt, den Gram aus seinem Gemute zu verbannen, und dieses sanfte Licht wieder darin auszubreiten, worin wir ordentlicher Weise alles, was zu uns selbst gehort, zu sehen gewohnt sind.
Allein Danae gewann wenig bei dieser ruhigern Verfassung seines Herzens. Ihre Vollkommenheiten rechtfertigten zwar die hohe Meinung die er von ihrem Character gefasset hatte, und beides; die Grosse seiner Leidenschaft; er vergab sich selbst, sie so sehr geliebet zu haben, so lang er Ursache gehabt hatte, die Schonheit ihrer Seele fur eben so ungemein zu halten als es die Reizungen ihrer Person waren: Aber sie verlor mit dem Recht an seine Hochachtung alle Gewalt uber sein Herz. Der Entschluss sie zu verlassen war die naturliche Folge davon, und dieser kostete ihn, da er ihn fasste, nur nicht einen Seufzer; so tief war die Verachtung, wovon er sich gegen sie durchdrungen fuhlte. Die Erinnerung dessen was er gewesen war, das Gefuhl dessen was er wieder sein konne, sobald er wolle, machte ihm den Gedanken unertraglich, nur einen Augenblick langer der Sclave einer andern Circe zu sein, die durch eine schandlichere Verwandlung als irgend eine von denen welche die Gefahrten des Ulysses erdulden mussten, den Helden der Tugend in einen mussigen Wollustling verwandelt hatte.
Bei so bewandten Umstanden war es nicht ratsam, ihre Wiederkunft zu erwarten, welche, nach ihrem Bericht, langstens in dreien Tagen erfolgen sollte. Denn sie hatte keinen Tag vorbeigehen lassen, ohne ihm zu schreiben; und die Notwendigkeit, ihr eben so regelmassig zu antworten, setzte ihn, nach der grossen Revolution die in seinem Herzen vorgegangen war, in eine desto grossere Verlegenheit, da er zu aufrichtig und zu lebhaft war, Empfindungen vorzugeben, die sein Herz verleugnete. Seine Briefchen wurden dadurch so kurz, und verrieten so vielen Zwang, dass Danae auf einen Gedanken kam, der zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber doch der naturlichste war, der ihr einfallen konnte. Sie vermutete, ihre Abwesenheit konnte eine von den Schonen zu Smyrna verwegen genug gemacht haben, ihr einen so beneidenswurdigen Liebhaber entfuhren zu wollen. Wenn ihr Stolz zu einem so vermessenen Vorhaben lachelte; so liebte sie doch zu zartlich, um so ruhig dabei zu sein, als man aus der muntern Art, womit sie uber seine Erkaltung scherzte, hatte schliessen sollen. Indessen behielt doch das Bewusstsein ihrer Vorzuge die Oberhand, und liess ihr keinen Zweifel, dass es nur ihre Gegenwart brauche, um alle Eindrucke, welche eine Nebenbuhlerin auf der Oberflache seines Herzens gemacht haben konne, wieder auszuloschen. Und wenn sie dessen auch weniger gewiss gewesen ware, so war sie doch zu klug, ihn merken zu lassen, dass sie ein Misstrauen in sein Herz setze, oder fahig sein konnte, sich ihm jemals durch eine grillenhafte Eifersucht beschwerlich zu machen. Bei allem dem beschleunigte dieser Umstand ihre Zuruckkunft; und der Gedanke, dass es ihr vielleicht einfallen konnte, ihn durch eine fruhere Ankunft, als sie in ihrem letzten Briefe versprochen hatte, uberraschen zu wollen, (ein Gedanke, den wir sehr geneigt sind der Eingebung des Schutzgeistes seiner Tugend zu zuschreiben, so prophetisch war er) stellte ihm die Notwendigkeit der schleunigsten Flucht so dringend vor, dass er sich, sobald er den Boten der Danae abgefertiget hatte, nach dem Haben begab, sich um ein Schiff um zu sehen, welches ihn noch in dieser Nacht von Smyrna entfernen mochte.
Viertes Capitel
Eine kleine Abschweifung
Unsere Leser werden, wenn sie diese Geschichte mit etwas weniger Fluchtigkeit als einen Franzosischen Roman du jour zu lesen wurdigen, bemerkt haben, dass die Wiederherstellung unsers Helden aus einem Zustande, in welchem er diesen Namen allerdings nicht verdient hat, eigentlich weder seiner Vernunft noch seiner Liebe zur Tugend zu zuschreiben sei; so angenehm es uns auch gewesen ware, der einen oder der andern die Ehre einer so schonen Cur allein zu zuwenden. Mit aller der aufrichtigen Hochachtung, welche wir fur beide hegen, mussen wir gestehen, dass wenn es auf sie allein angekommen ware, Agathon noch lange in den Fesseln der schonen Danae hatte liegen konnen; ja wir haben Ursache zu glauben, dass die erste gefallig genug gewesen ware, durch tausend schone Vorspiegelungen und Schlusse die andre nach und nach ganzlich einzuschlafern, oder vielleicht gar zu einem gutlichen Vergleich mit der Wollust, ihrer naturlichen und gefahrlichsten Feindin, zu bewegen. Wir leugnen hiemit nicht, dass sie das ihrige zur Befreiung unsers Freundes beigetragen; indessen ist doch gewiss, dass Eifersucht und beleidigte Eigenliebe das meiste getan haben, und dass also, ohne die wohltatigen Einflusse zwoer so verschreiter Leidenschaften, der ehmals so weise, so tugendhafte Agathon ein glorreich angefangenes Leben, allem Anscheinen nach, zu Smyrna unter den Rosen der Venus unruhmlich hinweggescherzet haben wurde.
Wir wollen durch diese Bemerkung dem grossen Haufen der Moralisten eben nicht zugemutet haben, gewisse Vorurteile fahren zu lassen, welche sie von ihren Vorgangern, und diese, wenn wir um einige Jahrhunderte bis zur Quelle hinaufsteigen wollen, von den Monchen und Einsamen, womit die Morgenlander von jeher unter allen Religionen angefullt gewesen sind, durch eine den Progressen der gesunden Vernunft nicht sehr gunstige Uberlieferung geerbt zu haben scheinen. Hingegen wurde uns sehr erfreulich sein, wenn diese gegenwartige Geschichte die gluckliche Veranlassung geben konnte, irgend einen von den echten Weisen unsrer Zeit aufzumuntern, mit der Fakkel des Genie in gewisse dunkle Gegenden der MoralPhilosophie einzudringen, welche zu betrachtlichem Abbruch des allgemeinen Besten, noch manches JahrTausend unbekanntes Land bleiben werden, wenn es auf die vortrefflichen Leute ankommen sollte, durch deren unermudeten Eifer seit geraumen Jahren die deutschen Pressen unter einem in alle mogliche Formen gegossenen Mischmasch unbestimmter und nicht selten willkurlicher Begriffe, schwarmerischer Empfindungen, andachtiger Wortspiele, grotesker Charactern, und schwulstiger Declamationen zu seufzen gezwungen werden. Fur diejenigen, welche unsern frommen Wunsch zu erfullen geschickt sind, uns daruber deutlicher zu erklaren, oder ihnen den Weg zur Entdeckung dieser moralischen Terra incognita genauer andeuten zu wollen, als es hie und da in dieser Geschichte geschehen sein mag, wurde einer Vermessenheit gleich sehen, wozu uns die Empfindung unsrer eignen Schwache oder vielleicht unsre Tragheit wenig innerliche Versuchung lasst. Wir lassen es also bei diesem kleinen Winke bewenden, und begnugen uns, da wir nunmehr, allem Ansehen nach, unsern Helden aus der grossesten der Gefahren, worin seine Tugend jemals geschwebt hat, oder kunftig geraten mag, glucklich herausgefuhrt haben, einige Betrachtungen daruber anzustellen doch nein; wir bedenken uns besser was fur Betrachtungen konnten wir anstellen, dass nicht diejenige welche Agathon selbst, sobald er Musse dazu hatte, uber sein Abenteur machte, um soviel naturlicher und interessanter sein sollten, als er sich wurklich in dem Falle befand, worein wir uns erst durch Hulfe der Einbildungs-Kraft setzen mussten, und die Gedanken sich ihm freiwillig darboten, ja wohl wider Willen aufdrangen, welche wir erst aufsuchen mussten. Wir wollen also warten, bis er sich in der ruhigern Gemutsverfassung befinden wird, worin die sich selbst wiedergegebene Seele aufgelegt ist, das Vergangene mit prufendem Auge zu ubersehen. Nur mog' es uns erlaubt sein, eh wir unsre Erzahlung fortsetzen, zum besten unsrer jungen Leser, zu welchen wir uns nicht entbrechen konnen eine vorzugliche Zuneigung zu tragen, einige Anmerkungen zu machen, fur welche wir keinen schicklichern Platz wissen, und welche diejenigen, die wie Schah Baham keine Liebhaber vom moralisieren sind, fuglich uberschlagen, oder, bis wir damit fertig sind, sich indessen, wenn es ihnen beliebe, die Zeit damit vertreiben konnen, die Spitze ihrer Nase anzuschauen.
Was wurdet ihr also dazu sagen, meine jungen Freunde, wenn ich euch mit der Amts-Mine eines Sittenlehrers auf der Catheder, in geometrischer Methode beweisen wurde, dass ihr zu einer vollkommnen Unempfindlichkeit gegen diese liebenswurdige Geschopfe verbunden seid, fur welche eure Augen, euer Herz, und eure Einbildungs-Kraft sich vereinigen, euch einen Hang einzuflossen, der, so lang er in einem unbestimmten Gefuhl besteht, euch immer beunruhiget, und so bald er einen besondern Gegenstand bekommt, die Seele aller eurer ubrigen Triebe wird?
Dass wir einen solchen Beweis fuhren, und was noch ein wenig grausamer ist, dass wir euch die Verbindlichkeit aufdringen konnten, keines dieser anmutsvollen Geschopfe, so vollkommen es immer in euern bezauberten Augen sein mochte, eher zu lieben, bis es euch befohlen wird, dass ihr sie lieben sollt ist eine Sache, die euch nicht unbekannt sein kann. Aber eben deswegen, weil es so oft bewiesen wird, konnen wir es als etwas ausgemachtes voraussetzen; und uns deucht, die Frage ist nun allein, wie es anzufangen sei, um euer widerstrebendes Herz fur Pflichten gelehrig zu machen, gegen welche ihr tausend scheinbare Einwendungen zu machen glaubt, wenn ihr uns am Ende doch nichts anders gesagt habt, als ihr habet keine Lust, sie auszuuben.
Die Auflosung dieser Frage deucht uns die grosse Schwierigkeit, worin uns die gemeinen Moralisten mit einer Gleichgultigkeit stecken lassen, die desto unmenschlicher ist, da wenige unter ihnen sind, welche nicht auf eine oder die andere Art erfahren hatten, dass es nicht so leicht sei einen Feind zu schlagen, als zu beweisen, dass er geschlagen werden solle.
Indessen nun, bis irgend ein wohltatiger Genius ein sicheres, kraftiges und allgemeines Mittel ausfundig gemacht haben wird, diese Schwierigkeiten zu heben, erkuhnen wir uns, euch einen Rat zu geben, der zwar weder allgemein noch ohne alle Ungelegenheiten ist, aber doch, alles wohl uberlegt, euch bis zu Erfindung jenes unfehlbaren moralischen Laudanums, in mehr als einer Absicht von betrachtlichem Nutzen sein konnte.
Wir setzen hiebei zwei gleich gewisse Wahrheiten voraus: die eine; dass die meisten jungen Leute, und vielleicht auch ein guter Teil der Alten, entweder zur Zartlichkeit oder doch zur Liebe im popularen Sinn dieses Wortes, einen starkern Hang als zu irgend einer andern naturlichen Leidenschaft haben. Die andere: dass Socrates, in der Stelle, deren in dem vorigen Capitel erwahnt worden, die schadlichen Folgen der Liebe, in so ferne sie eine heftige Leidenschaft fur irgend einen einzelnen Gegenstand ist; (denn von dieser Art von Liebe ist hier allein die Rede) nicht hoher getrieben habe, als die tagliche Erfahrung beweiset. Du Ungluckseliger! (sagt er zu dem jungen Xenophon, welcher nicht begreifen konnte, dass es eine so gefahrliche Sache sei, einen schonen Knaben, oder nach unsern Sitten zu sprechen, ein schones Madchen zu kussen; und leichtsinnig genug war zu gestehen, dass er sich alle Augenblicke getraute, dieses halsbrechende Abenteuer zu unternehmen) was meinst du dass die Folgen eines solchen Kusses sein wurden? Glaubst du, du wurdest deine Freiheit behalten, oder nicht vielmehr ein Sclave dessen werden, was du liebest? Wirst du nicht vielen Aufwand auf schadliche Wolluste machen? Meinst du, es werde dir viel Musse ubrig bleiben, dich um irgend etwas grosses und Nutzliches zu bekummern, oder du werdest nicht vielmehr gezwungen sein, deine Zeit auf Beschaftigungen zu wenden, deren sich so gar ein Unsinniger schamen wurde? Man kann die Folgen dieser Art von Liebe, in so wenigen Worten nicht vollstandiger beschreiben Was half' es uns, meine Freunde, wenn wir uns selbst betrugen wollten? Selbst die unschuldigste Liebe, selbst diejenige, welche in jungen enthusiastischen Seelen so schon mit der Tugend zusammen zustimmen scheint, fuhrt ein schleichendes Gift bei sich, dessen Wurkungen nur desto gefahrlicher sind, weil es langsam und durch unmerkliche Grade wurkt Was ist also zu tun? Der Rat des alten Cato, oder der, welchen Lucrez nach den Grundsatzen seiner Secte gibt, ist, seinen Folgen nach, noch schlimmer als das Ubel selbst. So gar die Grundsatze und das eigne Beispiel des weisen Socrates sind in diesem Stucke nur unter gewissen Umstanden tunlich und (wenn wir nach unsrer Uberzeugung reden sollen) wir wunschten, aus wahrer Wohlmeinenheit gegen das allgemeine System, nichts weniger als dass es jemals einem Socrates gelingen mochte, den Amor vollig zu entgottern, seiner Schwingen und seiner Pfeile zu berauben, und aus der Liebe eine blosse regelmassige Stillung eines physischen Bedurfnisses zu machen. Der Dienst, welcher der Welt dadurch geleistet wurde, musste notwendig einen Teil der schlimmen Wurkung tun, welche auf eine allgemeine Unterdruckung der Leidenschaften in der menschlichen Gesellschaft erfolgen musste.
Hier ist also unser Rat die Tartuffen, und die armen Kopfe, welche die Welt bereden wollen, die Excremente ihres milzsuchtigen Gehirns fur Reliquien zu kussen, mogen ihre Kopfe schutteln so stark sie konnen! Meine jungen Freunde, beschaftiget euch mit den Vorbereitungen zu eurer Bestimmung oder mit ihrer wurklichen Erfullung. Bewerbet euch um die Verdienste, von denen die Hochachtung der Vernunftigen und der Nachwelt die Belohnung ist; und um die Tugend, welche allein den innerlichen Wohlstand unsers Wesens ausmacht Haltet ein, Herr Sittenlehrer, rufet ihr; das ist nicht was wir von euch horen wollten, alles das hat uns Claville besser gesagt, als ihr es konntet, und Abbt besser als Claville euer Mittel gegen die Liebe? Mittel gegen die Liebe? dafur behute uns der Himmel! oder wenn ihr dergleichen wollt, so findet ihr sie bei allen moralischen Quacksalbern, und in allen Apotheken. Unser Rat geht gerade auf das Gegenteil. Wenn ihr ja lieben wollt oder musst nun, so kommt alles, glaubet mir, auf den Gegenstand an Findet ihr eine Aspasia, eine Leontium, eine Ninon so bewerbet euch um ihre Gunst, und, wenn ihr konnt, um ihre Freundschaft. Die Vorteile, die ihr daraus fur euern Kopf, fur euern Geschmack, fur eure Sitten ja, meine Herren, fur eure Sitten, und selbst fur die Pflichten eurer Bestimmung, von einer solchen Verbindung ziehen werdet, werden euch fur die Muhe belohnen Gut! Aspasien! Ninons! die mussten wir im ganzen Europa aufsuchen Das raten wir euch nicht; die Rede ist nur von dem Falle, wenn ihr sie findet Aber, wenn wir keine finden? So suchet die vernunftigste, tugendhafteste und liebenswurdigste Frau auf, die ihr finden konnet Hier erlauben wir euch zu suchen, nur nicht (um euch einen Umweg zu ersparen) unter den Schonsten; ist sie liebenswurdig, so wird sie euch desto starker einnehmen; ist sie tugendhaft, so wird sie euch nicht verfuhren; ist sie klug, so wird sie sich von euch nicht verfuhren lassen. Ihr konnet sie also ohne Gefahr lieben- Aber dabei finden wir unsre Rechnung nicht; die Frage ist, wie wir uns von ihr lieben machen Allerdings, das wird die Kunst sein; der Versuch ist euch wenigstens erlaubt; und wir stehen euch dafur, wenn sie und ihr jedes das seinige tut, so werdet ihr euern Roman zehen Jahre durch in einer immer nahernden Linie fort fuhren, ohne dass ihr dem Mittelpunct naher sein werdet als anfangs Und das ist alles, was wir euch sagen wollten.
Funftes Capitel
Schwachheit des Agathon; unverhoffter Zufall, der
seine Entschliessungen bestimmt
Wir kommen zu unserm Agathon zuruck, den wir zu Ende des dritten Capitels auf dem Wege nach dem Haven von Smyrna verlassen haben.
Man konnte nicht entschlossener sein, als er es beim Ausgehen war; das erste Fahrzeug, das er zum Auslaufen fertig antreffen wurde, zu besteigen, und hatte es ihn auch zu den Antipoden fuhren sollen. Allein so gross ist die Schwache des menschlichen Herzens! da er angelangt war, und eine Menge von Schiffen vor den Augen hatte, welche nur auf das Zeichen den Anker zu heben wartete: So hatte wenig gefehlt, dass er wieder umgekehrt ware, um, anstatt vor der schonen Danae zu fliehen, ihr mit aller Sehnsucht eines entflammten Liebhabers in die Arme zu fliegen.
Doch, wir wollen billig sein; eine Danae verdiente wohl, dass ihn der Entschluss sie zu verlassen, mehr als einen fluchtigen Seufzer kostete; und es war sehr naturlich, dass er, im Begriff seinen tugendhaften Vorsatz ins Werk zu setzen, einen Blick ins Vergangene zuruckwarf, und sich diese Gluckseligkeiten lebhafter vorstellte, denen er nun freiwillig entsagen wollte, um sich von neuem, als ein im Ocean der Welt herumtreibender Verbannter, den Zufallen einer ungewissen Zukunft auszusetzen. Dieser letzte Gedanke machte ihn stutzen; aber er wurde bald von andern Vorstellungen verdrangt, die sein gefuhlvolles Herz weit starker ruhrten als alles was ihn allein und unmittelbar anging. Er setzte sich an die Stelle der Danae. Er malte sich ihren Schmerz vor, wenn sie bei ihrer Wiederkunft seine Flucht erfahren wurde. Sie hatte ihn so zartlich geliebt! Alles Bose, was ihm Hippias von ihr gesagt, alles was er selbst hinzugedacht hatte, konnte in diesem Augenblick die Stimme des Gefuhls nicht ubertauben, welches ihn uberzeugte, dass er wahrhaftig geliebt worden war. Wenn die Grosse unsrer Liebe das naturliche Mass unsrer Schmerzen uber den Verlust des Geliebten ist, wie unglucklich musste sie werden! Das Mitleiden, welches diese Vorstellung in ihm erregte, machte sie wieder zu einem interessanten Gegenstand fur sein Herz. Ihr Bild stellte sich ihm wieder mit allen den Reizungen dar, deren zauberische Gewalt er so oft erfahren hatte. Was fur Erinnerungen! Er konnte sich nicht erwehren, ihnen etliche Augenblicke nach zuhangen; und fuhlte immer weniger Kraft, sich wieder von ihnen loszureissen. Seine schon halb uberwundene Seele widerstand noch, aber immer schwacher. Amor, um desto gewisser zu siegen, verbarg sich unter die ruhrende Gestalt des Mitleidens, der Grossmut, der Dankbarkeit Wie? er sollte eine so inbrunstige Liebe mit so schnodem Undank erwidern? Einer Geliebten, in dem Augenblick, da sie in die getreue Arme eines Freundes zuruck zu eilen glaubt, einen Dolch in diesen Busen stossen, welcher sich von Zartlichkeit uberwallend an den seinigen drucken will? in der Tat, eine ruhrende Vorstellung; und wie viel mehr wurde sie es noch durch die unvermerkt sich einschleichende Erinnerung, was fur ein Busen das war! Sie verlassen; sich heimlich von ihr hinweg stehlen wurde sie den Tod von seiner Hand, in Vergleichung mit einer solchen Grausamkeit, nicht als eine Wohltat angenommen haben? So wurde es ihm gewesen sein, wenn er sich an ihren Platz setzte; und das tut die Leidenschaft allezeit, wenn sie ihren Vorteil dabei findet.
Allen diesen zartlichen Bildern stellte sein gefasster Entschluss zwar die Grunde, welche wir konnen, entgegen: Aber diese Grunde hatten von dem Augenblick an, da sich sein Herz wie der auf die Seite der schonen Feindin seiner Tugend neigte, die Halfte von ihrer Starke verloren. Die Gefahr war dringend: jede Minute war, so zu sagen, entscheidend. Denn die Wiederkunft der Danae war ungewiss; und es ist nicht zu zweifeln, dass sie, wofern sie noch zu rechter Zeit angelangt ware, Mittel gefunden hatte, alle die widrigen Eindrucke der Verraterei des Sophisten aus einem Herzen, welches so viel Vorteil dabei hatte sie unschuldig zu finden, auszuloschen.
Ein glucklicher Zufall doch, warum wollen wir dem Zufall zuschreiben, was uns beweisen sollte, dass eine unsichtbare Macht ist, welche sich immer bereit zeigt, der sinkenden Tugend die Hand zu reichen fugte es dass Agathon, in diesem zweifelhaften Augenblick unter dem Gedrange der Fremden, welche die Handelschaft von allen Wel, einen Mann erblickte, den er zu Athen vertraulich gekannt, und durch betrachtliche Dienstleistungen sich zu verbinden Gelegenheit gehabt hatte. Es war ein Kaufmann von Syracus, der mit den Geschicklichkeiten seiner Profession, einen rechtschaffenen Character, und, was bei uns, in der einen Halfte des deutschen Reichs wenigstens, eine grosse Seltenheit ist, mit beiden die Liebe der Musen verband; Eigenschaften, welche ihn dem Agathon desto angenehmer, so wie sie ihn desto fahiger gemacht hatten, den Wert Agathons zu schatzen. Der Syracusaner bezeugte die lebhafteste Freude uber eine so angenehm uberraschende Zusammenkunft, und bot unserm Helden seine Dienste mit derjenigen Art an, welche beweist, dass man begierig ist, sie angenommen zu sehen; denn Agathons Verbannung von Athen war eine zu bekannte Sache, als dass sie in irgend einem Teil von Griechenlande hatte unbekannt sein konnen.
Nach einigen Fragen, und Gegenfragen, wie sie unter Freunden gewohnlich sind, die sich nach einer geraumen Trennung unvermutet zusammenfinden, berichtete ihm der Kaufmann als eine Neuigkeit, welche wurklich die Aufmerksamkeit aller Europaischen Griechen beschaftigte, die ausserordentliche Gunst, worin Plato bei dem jungern Dionysius zu Syracus stehe; die philosophische Bekehrung dieses Prinzen; und die grossen Erwartungen, mit welchen Sicilien den gluckseligen Zeiten entgegensehe, die eine so wundervolle Veranderung verspreche. Er endigte damit, dass er den Agathon einlud, wofern ihn keine andre Angelegenheit in Smyrna zuruckhielte, ihm nach Syracus zu folgen, welches nunmehr im Begriff sei, der Sammelplatz der Weisesten und Tugendhaftesten zu werden. Er meldete ihm dabei, dass sein Schiff, welches er mit Asiatischen Waren beladen hatte, bereit sei, noch diesen Abend abzusegeln.
Ein Funke, der in eine Pulvermine fallt, richtet keine plotzlichere Entzundung an, als die Revolution war, die bei dieser Nachrichtin unserm Helden vorging. Seine ganze Seele loderte, wenn wir so sagen konnen, in einen einzigen Gedanken auf Aber was fur eine Gedanke war das! Plato, ein Freund des Dionysius Dionysius, beruchtiget durch die ausschweifendeste Lebens-Art, in welcher sich eine durch unumschrankte Gewalt ubermutig gemachte Jugend dahin sturzen kann der Tyrann Dionysius, ein Liebhaber der Philosophie, ein Lehrling der Tugend und Agathon, sollte die Blute seines Lebens in mussiger Wollust verderben lassen? Sollte nicht eilen, dem Gottlichen Weisen, dessen erhabene Lehren er zu Athen so ruhmlich auszuuben angefangen hatte, ein so glorreiches Werk vollenden zu helfen, als die Verwandlung eines zugellosen Tyrannen in einen guten Fursten, und die Befestigung der allgemeinen Gluckseligkeit einer ganzen Nation? was fur Arbeiten! was fur Aussichten fur eine Seele wie die seinige! Sein ganzes Herz wallte ihnen entgegen; er fuhlte wieder, dass er Agathon war fuhlte diese moralische Lebens-Kraft wieder, die uns Mut und Begierden gibt, uns zu einer edeln Bestimmung geboren zu glauben; und diese Achtung fur sich selbst, welche eine von den starksten Schwingfedern der Tugend ist. Nun brauchte es keinen Kampf, keine Bestrebung mehr, sich von Danae loszureissen, um mit dem Feuer eines Liebhabers, der nach einer langen Trennung zu seiner Geliebten zuruckkehrt, sich wieder in die Arme der Tugend zu werfen. Sein Freund von Syracus hatte keine Uberredungen notig; Agathon nahm sein Anerbieten mit der lebhaftesten Freude an. Da er von allen Geschenken, womit ihn die freigebige Danae uberhauft hatte, nichts mit sich nehmen wollte, als das wenige, was zu den Bedurfnissen seiner Reise unentbehrlich war, so brauchte er wenig Zeit, um reisefertig zu sein. Die gunstigsten Winde schwellten die Segel, welche ihn aus dem verderblichen Smyrna entfernen sollten; und so herrlich war der Triumph, den die Tugend in dieser glucklichen Stunde uber ihre Gegnerin erhielt, dass er die anmutsvollen Asiatischen Ufer aus seinen Augen verschwinden sah, ohne den Abschied, den er auf ewig von ihnen nahm, nur mit einer einzigen Trane zu zieren.
So? Und was wurde nun (so deucht mich hor' ich irgend eine junge Schone fragen, der ihr Herz sagt, dass sie es der Tugend nicht verzeihen wurde, wenn sie ihr ihren Liebhaber so unbarmherzig entfuhren wollte) was wurde nun aus der armen Danae? Von dieser war nun die Rede nicht mehr? Und der tugendhafte Agathon bekummerte sich wenig darum, ob seine Untreue, ein Herz welches ihn glucklich gemacht hatte, in Stucken brechen werde oder nicht? Aber, meine schone Dame, was hatte er tun sollen, nachdem er nun einmal entschlossen war? Um nach Syracus zu gehen, musste er Smyrna verlassen; und nach Syracus musste er doch gehen, wenn sie alle Umstande unparteiisch in Betrachtung ziehen; denn sie werden doch nicht wollen, dass ein Agathon sein ganzes Leben wie ein Veneris Passerculus (lassen Sie Sich das von Ihrem Liebhaber verdeutschen) am Busen der zartlichen Danae hatte hinweg buhlen sollen? Und sie nach Syracus mit zunehmen, war aus mehr als einer Betrachtung auch nicht ratsam; gesetzt auch, dass sie um seinetwillen Smyrna hatte verlassen wollen. Oder meinen Sie vielleicht er hatte warten, und die Einwilligung seiner Freundin zu erhalten suchen sollen? Das ware alles gewesen, was er hatte tun konnen, wenn er eine geheime Absicht gehabt hatte, da zu bleiben. Alles wohl uberlegt, konnte er also, deucht uns, nichts mehr tun als was er tat. Er hinterliess ein Briefchen, worin er ihr sein Vorhaben mit einer Aufrichtigkeit entdeckte, welche zugleich die Rechtfertigung desselben ausmacht. Er spottete ihrer nicht durch Liebes-Versicherungen, welche der Widerspruch mit seinem Betragen beleidigend gemacht hatte; hingegen erinnerte er sich dessen, was sie um ihn verdient hatte zu wohl, um sie durch Vorwurfe zu kranken. Und dennoch entwischte ihm beim Schluss ein Ausdruck, den er vermutlich grossmutig genug gewesen ware, wieder auszuloschen, wenn er Zeit gehabe hatte, sich zu bedenken; denn er endigte sein Briefchen damit, dass er ihr sagte; er hoffe, die Halfte der Starke des Gemuts, womit sie den Verlust eines Alcibiades ertragen, und den Armen eines Hyacinths sich entrissen habe, werde mehr als hinlanglich sein, ihr seine Entfernung in kurzem gleichgultig zu machen. Wie leicht, setzte er hinzu, kann Danae einen Liebhaber missen, da es nur von ihr abhangt, mit einem einzigen Blicke so viele Sclaven zu machen, als sie haben will! das war ein wenig grausam Aber die Gemuts-Verfassung, worin er sich damals befand, war nicht ruhig genug, um ihn fuhlen zu lassen, wie viel er damit sagte.
Und so endigte sich also die Liebes-Geschichte des Agathon und der schonen Danae; und so, meine schone Leserinnen, so haben sich noch alle Liebes-Geschichten geendigt, und so werden sich auch kunftig alle endigen, welche so angefangen haben.
Sechstes Capitel
Betrachtungen, Schlusse und Vorsatze
Wer aus den Fehlern, welche von andern vor ihm gemacht worden, oder noch taglich um ihn her gemacht werden, die Kunst lernte selbst keine zu machen; wurde unstreitig den Namen des Weisesten unter den Menschen mit grosserm Recht verdienen als Confucius, Socrates oder Konig Salomon, welcher letzte, wider den gewohnlichen Lauf der Natur, seine grossesten Torheiten in dem Alter beging, wo die meisten von den ihrigen zuruckkommen. Unterdessen bis diese Kunst erfunden sein wird, deucht uns, man konne denjenigen immer fur weise gelten lassen, der die wenigsten Fehler macht, am baldesten davon zuruckkommt, und sich gewisse Cautelen fur zukunftige Falle darauszieht, mittelst deren er hoffen kann, kunftig weniger zu fehlen.
Ob und in wie fern Agathon dieses Pradicat verdiene, mogen unsre Leser zu seiner Zeit selbst entscheiden; wir unsers Orts haben in keinerlei Absicht einiges Interesse ihn besser zu machen, als er in der Tat war; wir geben ihn fur das was er ist; wir werden mit der bisher beobachteten historischen Treue fortfahren, seine Geschichte zu erzahlen; und versichern ein fur allemal, dass wir nicht dafur konnen, wenn er nicht allemal so handelt, wie wir vielleicht selbst hatten wunschen mogen, dass er gehandelt hatte.
Er hatte wahrend seiner Fahrt nach Sicilien, welche durch keinen widrigen Zufall beunruhiget wurde, Zeit genung, Betrachtungen uber das, was zu Smyrna mit ihm vorgegangen war anzustellen. Wie? rufen hier einige Leser, schon wieder Betrachtungen? Allerdings, meine Herren; und in seiner Situation wurde es ihm nicht zu vergeben gewesen sein, wenn er keine angestellt hatte. Desto schlimmer fur euch, wenn ihr, bei gewissen Gelegenheiten, nicht so gerne mit euch selbst redet als Agathon; vielleicht wurdet ihr sehr wohl tun, ihm diese kleine Gewohnheit abzulernen.
Es ist fur einen Agathon nicht so leicht, als fur einen jeden andern, die Erinnerung einer begangenen Torheit von sich abzuschutteln. Braucht es mehr als einen einzigen Fehler, um den Glanz des schonsten Lebens zu verdunkeln? Wie verdriesslich, wenn wir an einem Meisterstucke der Kunst, an einem Gemalde oder Gedichte zum Exempel, Fehler finden, welche sich nicht verbessern lassen, ohne das Ganze zu vernichten? Wie viel verdriessliche, wenn es nur ein einziger Fehler ist, der dem schonen Ganzen die Ehre der Vollkommenheit raubt? Ein Gefuhl von dieser Art war schmerzhaft genug, um unsern Mann zu vermogen, uber die Ursachen seines Falles scharfer nachzudenken. Wie errotete er izt vor sich selbst, da er sich der allzutrotzigen Herausforderung erinnerte, wodurch er ehmals den Hippias gereizt, und gewissermassen berechtiget hatte, den Versuch an ihm zu machen, ob es eine Tugend gebe, welche die Probe der starksten und schlauesten Verfuhrung aushalte Was machte ihn damals so zuversichtlich? die Erinnerung des Sieges, den er uber die Priesterin zu Delphi erhalten hatte? Oder das gegenwartige Bewusstsein der Gleichgultigkeit, worin er bei den Reizungen der jungen Cyane geblieben war? Die Erfahrung, dass die Versuchungen, welche seiner Unschuld im Hause des Sophisten auf allen Seiten nachstellten, ihn weniger versucht als emport hatten? der Abscheu vor den Grundsatzen des Hippias und das Vertrauen auf die eigentumliche Starke der seinigen? Aber, war es eine Folge, dass derjenige, der etliche mal gesiegt hatte, niemals uberwunden werden konne? War nicht eine Danae moglich, welche das auszufuhren geschickt war, was die Pythia, was die Thrazischen Bacchantinnen, was Cyane, und vielleicht alle Schonen im Serail des Konigs von Persien nicht vermochten, oder vermocht hatten? Und was fur Ursache hatte er, sich auf die Starke seiner Grundsatze zu verlassen? Auch in diesem Stucke schwebte er in einem subtilen Selbstbetrug, den ihm vielleicht nur die Erfahrung sichtbar machen konnte. Entzuckt von der Idee der Tugend, liess er sich nicht traumen, dass das Gegenteil dieser intellectualischen Schonheit jemals Reize fur seine Seele haben konnte. Die Erfahrung musste ihn belehren, wie betruglich unsere Ideen sind, wenn wir sie unvorsichtig realisieren Betrachtet die Tugend in sich selbst, in ihrer hochsten Vollkommenheit so ist sie gottlich, ja (nach dem kuhnen aber richtigen Ausdruck eines vortrefflichen SchriftStellers) die Gottheit selbst. Aber welcher Sterbliche ist berechtigt, auf die allmachtige Starke dieser idealen Tugend zu trotzen? Es kommt bei einem jeden darauf an wie viel die seinige vermag. Was ist hasslicher als die Idee des Lasters? Agathon glaubte sich also auf die Unmoglichkeit, es jemals liebenswurdig zu finden, verlassen zu konnen, und betrog sich, weil er nicht daran dachte, dass es ein zweifelhaftes Licht gibt, worin die Grenzen der Tugend und der Untugend schwimmen; worin Schonheit und Grazien dem Laster einen Glanz mitteilen, der seine Hasslichkeit uberguldet, der ihm sogar die Farbe und Anmut der Tugend gibt? und dass es allzuleicht ist, in dieser verfuhrischen Dammerung sich aus dem Bezirk der letztern in eine unmerkliche Spiral-Linie zu verlieren, deren Mittel-Punct ein susses Vergessen unsrer selbst und unsrer Pflichten ist.
Von dieser Betrachtung, welche unsern Helden die Notwendigkeit eines behutsamen Misstrauens in die Starke guter Grundsatze lehrte; und wie gefahrlich es sei, sie fur das Mass unsrer Krafte zu halten; ging er zu einer andern uber, die ihn von der wenigen Sicherheit uberzeugte, welche sich unsre Seele in diesem Zustand eines immerwahrenden moralischen Enthusiasmus versprechen kann, wie derjenige, worin die seinige zu eben der Zeit war, als sie in dem feingewebten Netze der schonen Danae gefangen wurde. Er rief alle Umstande in sein Gemute zuruck, welche zusammen gekommen waren, ihm diese reizungsvolle Schwarmerei so naturlich zu machen; und erinnerte sich der verschiednen Gefahren, denen er sich dadurch ausgesetzt gesehen hatte. Zu Delphi fehlte es wenig, dass sie ihn den Nachstellungen eines verkappten Apollo preis gegeben hatte zu Athen hatte sie ihn seinen arglistigen Feinden wurklich in die Hande geliefert. Doch, aus diesen beiden Gefahren hatte er seine Tugend davon gebracht; ein unschatzbares Kleinod, dessen Besitz ihn gegen den Verlust alles andern, was ein Gunstling des Gluckes verlieren kann, unempfindlich machte. Aber durch eben diesen Enthusiasmus unterlag sie endlich den Verfuhrungen seines eignen Herzens eben so wohl als den Kunstgriffen der schonen Danae. War nicht dieses zauberische Licht, welches seine Einbildungs-Kraft gewohnt war, uber alles, was mit seinen Ideen ubereinstimmte, auszutreiben; war nicht diese unvermerkte Unterschiebung des Idealen an die Stelle des Wurklichen, die wahre Ursache, warum Danae einen so ausserordentlichen Eindruck auf sein Herz machte? War es nicht diese begeisterte Liebe zum Schonen, unter deren schimmernden Flugeln verborgen, die Leidenschaft mit sanftschleichenden Progressen sich endlich durch seine ganze Seele ausbreitete? War es nicht die lange Gewohnheit sich mit sussen Empfindungen zu nahren, was sie unvermerkt erweichte, um desto schneller an einer so schonen Flamme dahinzuschmelzen? Musste nicht der Hang zu phantasierten Entzuckungen, so geistig auch immer ihre Gegenstande sein mochten, endlich nach denenjenigen lustern machen, vor welchen ihm ein unbekanntes, verworrenes, aber desto lebhafteres innerliches Gefuhl den wurklichen Genuss dieser vollkommensten Wonne versprach, wovon bisher nur voruberblitzende Ahnungen seine Einbildung beruhrt, und durch diese leichte Beruhrung schon ausser sich selbst gesetzt hatten? Hier erinnerte sich Agathon der Einwurfe, welche ihm Hippias gegen diesen Enthusiasmus, und diejenige Art von Philosophie, die ihn hervorbringt und unterhalt, gemacht hatte; und befand sie izt mit seiner Erfahrung so ubereinstimmend, als sie ihm damals falsch und ungereimt vorgekommen waren. Er fand sich desto geneigter, der Meinung des Sophisten, von dem Ursprung und der wahren Beschaffenheit dieser hochfliegenden Begeisterung Beifall zu geben; da es ihm, seitdem er sie in den Armen der schonen Danae verloren hatte, unmoglich geblieben war, sich wieder in sie hineinzusetzen; und da selbst das lebhaftere Gefuhl fur die Tugend, wovon sein Herz wieder erhitzt war, weder seinen sittlichen Ideen diesen Firniss, den sie ehemals hatten, wiedergeben, noch die dichterische Metaphysik der Orphischen Secte wieder in die vorige Achtung bei ihm setzen konnte. Er glaubte durch die Erfahrung uberwiesen zu sein, dass dieses innerliche Gefuhl, durch dessen Zeugnis er die Schlusse des Sophisten zu entkraften vermeint hatte, nur ein sehr zweideutiges Kennzeichen der Wahrheit sei; dass Hippias eben soviel Recht habe, seinen tierischen Materialismus und seine verderbliche Moral, als die Theosophen ihre geheimnisvolle Geister-Lehre durch die Stimme innerlicher Gefuhle und Erfahrungen zu autorisieren; und dass es vermutlich allein dem verschiednen Schwung unsrer Einbildungs-Kraft beizumessen sei, wenn wir uns zu einer Zeit geneigter fuhlen, uns mit den Gottern, zu einer andern mit den Tieren verwandt zu glauben; wenn uns zu einer Zeit alles sich in einem ernsthaften, und schwarzlichten, zu einer andern alles in einem frohlichen Lichte darstellt; wenn wir izt kein wahres und grundliches Vergnugen kennen, als uns mit stolzer Verschmahung der irdischen Dinge in melancholische Betrachtungen ihres Nichts, in die unbekannten Gegenden jenseits des Grabes, und die grundlosen Tiefen der Ewigkeit hineinzusenken; ein andermal kein reizenderes Gemalde einer beneidenswurdigen Wonne, als den jungen Bacchus, wie er, sein Epheubekranztes Haupt in den Schoss der schonsten Nymphe zuruckgelehnt, und mit dem einen Arm ihre blendenden Huften umfassend, den andern nach der duftenden Trinkschale ausstreckt, die sie ihm lachelnd voll Nectars schenkt, von ihren eignen schonen Handen aus strotzenden Trauben frisch ausgepresst; indes die Faunen und die frohlichen Nymphen mit den Liebes-Gottern mutwillig um ihn her hupfen, oder durch Rosengebusche sich jagen, oder mude von ihren Scherzen, in stillen Grotten zu neuen Scherzen ausruhen. Der Schluss, den er aus allen diesen Betrachtungen, und einer Menge andrer, womit wir unsre Leser verschonen wollen, zog, war dieser: Dass die erhabnen Lehrsatze der Zoroastrischen und Orphischen Theosophie, wahrscheinlicher Weise (denn gewiss getraute er sich uber diesen Punct noch nichts zu behaupten) nicht viel mehr Realitat haben konnten, als die lachenden Bilder, unter welchen die Maler und Dichter die Wolluste der Sinnen vergottert hatten; dass die ersten zwar der Tugend gunstiger, und das Gemute zu einer mehr als menschlichen Hoheit, Reinigkeit und Starke zu erheben schienen, in der Tat aber der wahren Bestimmung des Menschen wohl eben so nachteilig sein durften, als die letztern; teils, weil es ein widersinniges und vergebliches Unternehmen scheine, sich besser machen zu wollen, als uns die Natur Laben will, oder auf Unkosten des halben Teils unsers Wesens nach einer Art von Vollkommenheit zu trachten, die mit der Anlage desselben im Widerspruch steht; teils weil solche Menschen, wenn es ihnen auch gelange, sich selbst zu Halbgottern und Intelligenzen umzuschaffen, eben dadurch zu jeder gewohnlichen Bestimmung des geselligen Menschen desto untauglicher wurden. Aus diesem Gesichtspunct deuchte ihn der Enthusiasmus des Theosophen zwar unschadlicher als das System des Wollustlings; aber der menschlichen Gesellschaft eben so unnutzlich: indem der erste sich dem gesellschaftlichen Leben entweder ganzlich entzieht (welches wurklich das Beste ist, was er tun kann) oder wenn er von dem beschaulichen Leben ins wurksame ubergeht, durch Mangel an Kenntnis einer ihm ganz fremden Welt, durch abgezogene Begriffe, welche nirgends zu den Gegenstanden, die er vor sich hat, passen wollen, durch ubertrieben moralische Zartlichkeit, und tausend andre Ursachen, die ihren Grund in seiner vormaligen Lebens-Art haben, andern wider seine Absicht ofters, sich selbst aber allezeit schadlich wird.
In wie fern diese Satze richtig seien, oder in besondern Fallen einige Ausnahmen zulassen, zu untersuchen, wurde zu weit von unserm Vorhaben abfuhren, genug fur uns, dass sie dem Agathon begrundet genug schienen, um sich selbst desto leichter zu vergeben, dass er, wie der Homerische Ulyss in der Insel der Calypso, sich in dem bezauberten Grunde der Wollust hatte aufhalten lassen, sein erstes Vorhaben, die Schuler des Zoroasters und die Priester zu Sais zu besuchen, sobald als ihm Danae seine Freiheit wieder geschenkt hatte, ins Werk zu setzen. Kurz, seine Erfahrungen machten ihm die Wahrheit seiner ehemaligen Denkungs-Art verdachtig, ohne ihm einen gewissen geheimen Hang zu seinen alten Lieblings-Ideen benehmen zu konnen. Seine Vernunft konnte in diesem Stucke mit seinem Herzen und sein Herz mit sich selbst nicht recht einig werden; und er war nicht ruhig genug, oder vielleicht auch zu trage, seine nunmehrige Begriffe in ein System zu bringen, wodurch beide hatten befriedigt werden konnen. In der Tat ist ein Schiff eben nicht der bequemste Ort, ein solches Werk, wozu die Stille eines dunkeln Hains kaum stille genug ist, zu Stande zubringen; und Agathon mag daher zu entschuldigen sein, dass er diese Arbeit verschob, ob es gleich eine von denen ist, welche sich so wenig aufschieben lassen, als die Ausbesserung eines baufalligen Gebaudes, denn so wie dieses mit jedem Tage, um den seine Wiederherstellung aufgeschoben wird, dem ganzlichen Einsturz naher kommt; so pflegen auch die Lucken in unsern moralischen Begriffen und die Misshelligkeiten zwischen dem Kopf und dem Herzen immer grosser und gefahrlicher zu werden, je langer wir es aufschieben sie mit der erforderlichen Aufmerksamkeit zu untersuchen, und eine richtige Verbindung und Harmonie zwischen den Teilen und dem Ganzen herzustellen.
Doch dieser Aufschub war in dem besondern Falle, worin sich Agathon befand, desto weniger schadlich, da er, von der Schonheit der Tugend und der unaufloslichen Verbindlichkeit ihrer Gesetze mehr als jemals uberzeugt, eine auf das wahre allgemeine Beste gerichtete Wurksamkeit fur die Bestimmung aller Menschen, oder wofern ja einige Ausnahme zu Gunsten der bloss contemplativen Geister zu machen ware, doch gewiss fur die seinige hielt. Vormals war er nur zufalliger Weise, und gegen seine Neigung in das active Leben verflochten worden: izo war es eine Folge seiner nunmehrigen, und wie er glaubte gelauterten Denkungs-Art, dass er sich dazu entschloss. Ein sanftes Entzucken, welches ihm in diesen Augenblicken den sussesten Berauschungen der Wollust unendlich vorzuziehen schien, ergoss sich durch sein ganzes Wesen bei dem Gedanken, der Mitarbeiter an der Wiedereinsetzung Siciliens in die unendlichen Vorteile der wahren Freiheit und einer durch weise Gesetze und Anstalten verewigten Verfassung zu sein Seine immer verschonernde Phantasie malte ihm die Folgen seiner Bemuhungen in tausend reizende Bilder von offentlicher Gluckseligkeit aus er fuhlte mit Entzucken die Krafte zu einer so edeln Arbeit in sich; und sein Vergnugen war desto vollkommener, da er zugleich empfand, dass Herrschsucht und eitle Ruhm-Begierde keinen Anteil daran hatten; dass es die tugendhafte Begierde, in einem weiten Umfang gutes zu tun, war, deren gehoffete Befriedigung ihm diesen Vorschmack des gottlichsten Vergnugens gab, dessen die menschliche Natur fahig ist. Seine Erfahrungen, so viel sie ihn auch gekostet hatten, schienen ihm izt nicht zu teuer erkauft, da er dadurch desto tuchtiger zu sein hoffte, die Klippen zu vermeiden, an denen die Klugheit oder die Tugend derjenigen zu scheitern pflegt, welche sich den offentlichen Angelegenheiten unterziehen. Er setzte sich fest vor, sich durch keine zweite Danae mehr irre machen zu lassen. Er glaubte sich in diesem Stucke desto besser auf sich selbst verlassen zu konnen, da er stark genug gewesen war, sich von der ersten loszureissen, und es mit gutem Fug fur unmoglich halten konnte, jemals auf eine noch gefahrlichere Probe gesetzt zu werden. Ohne Ehrgeiz, ohne Habsucht, immer wachsam auf die schwache Seite seines Herzens, die er kennen gelernt hatte, dachte er nicht, dass er von andern Leidenschaften, welche vielleicht noch in seinem Busen schlummerten, etwas zu besorgen haben konne. Keine ubelweissagende Besorgnisse storten ihn in dem unvermischten Genusse seiner Hoffnungen; sie beschaftigten ihn wachend und selbst in Traumen; sie waren der vornehmste Inhalt seiner Gesprache mit dem syracusischen Kaufmanne, sie machten ihm die Beschwerden der Reise unmerklich, und entschadigten ihn uberflussig fur den Verlust der ehemals geliebten Danae; einen Verlust der mit jedem neuen Morgen kleiner in seinen Augen wurde; und so fuhrten ihn gunstige Winde und ein geschickter Steuermann nach einer kurzen Verweilung in einigen griechischen See-Stadten, wo er sich nirgends zu erkennen gab, glucklich nach Syracus, um an dem Hof' eines Fursten zu lernen, dass auf dieser schlupfrigen Hohe die Tugend entweder der Klugheit aufgeopfert werden muss, oder die behutsamste Klugheit nicht hinreichend ist, den Fall des Tugendhaften zu verhindern.
Siebentes Capitel
Eine oder zwo Digressionen
Wir wunschen uns Leserinnen zu haben; (denn diese Geschichte, wenn sie auch weniger wahr ware, als sie ist, gehort nicht unter die gefahrlichen Romanen, von welchen der Verfasser des gefahrlichsten und lehrreichsten Romans in der Welt die Jungfrauen zuruckschreckt) und wir sehen es also nicht gerne, dass einige unter ihnen, welche noch Geduld genug gehabt, dieses achte Buch bis zum Schluss zu durchblattern in der Meinung, dass nun nichts interessantes mehr zu erwarten sei, nachdem Agathon durch einen Streich von der verhasstesten Art, durch eine heimliche Flucht der Liebe den Dienst aufgesagt habe den zweiten Teil seiner Geschichte ganz kaltsinnig aus ihren schonen Handen entschlupfen lassen, und vielleicht den Sopha, oder die allerliebste kleine Puppe des Hrn. Bibiena ergreifen, um die Vapeurs zu zerstreuen, die ihnen die Untreue und die Betrachtungen unsers Helden verursachet haben.
Woher es wohl kommen mag, meine schonen Damen, dass die meisten unter Ihnen geneigter sind, uns alle Torheiten, welche die Liebe nur immer begehen machen kann, zu verzeihen, als die Wiederherstellung in den naturlichen Stand unsrer gesunden Vernunft? Gestehen Sie, dass wir Ihnen desto lieber sind, je besser wir durch die Schwachheiten, wozu Sie uns bringen konnen, die Obermacht Ihrer Reizungen uber die Starke der mannlichen Weisheit beweisen Was fur ein interessantes Gemalde ist nicht eine Deanira mit der Lowes nervichten Liebhabers umgeben, und mit seiner Keule auf der Schulter, wie sie einen triumphierend-lachelnden Seitenblick auf den Bezwinger der Riesen und Drachen wirft, der, in ihre langen Kleider vermummt, mitten unter ihren Madchen mit ungeschickter Hand die weibische Spindel dreht? Wir konnen eine oder zwo, auf welche diese kleine Exclamation nicht passt; aber wenn wir ohne Schmeichelei reden sollen, (welches wir freilich nicht tun sollten, wenn wir die Klugheit zu Rate zogen,) so zweifeln wir, ob die Weiseste unter allen, zu eben der Zeit, da sie sich bemuht, den Torheiten ihres Liebhabers Schranken zu setzen, sich erwehren kann, eine solche kleine still-triumphierende Freude daruber zu fuhlen, dass sie liebenswurdig genug ist, einen Mann von Verdiensten seines eignen Werts vergessen zu machen.
Eine alltagliche Anmerkung werden Kenner denken, welche weder mehr noch weniger sagt, als was Gay in einer seiner Fabeln tausend mal schoner gesagt hat, und was wir alle langst wissen dass die Eitelkeit die wahre Triebfeder aller Bewegungen des weiblichen Herzens ist Wir erkennen unsern Fehler, ohne gleichwohl den Kennern einzugestehen, dass unsre Anmerkung so viel sage. Aber nichts mehr hievon!
Hingegen konnen wir unsern besagten Leserinnen, um sie wieder gut zu machen, eine kleine Anecdote aus dem Herzen unsers Helden nicht verhalten, und wenn er auch gleich dadurch in Gefahr kommen sollte, die Hochachtung wieder zu verlieren, in die er sich bei den ehrwurdigen Damen, welche nie geliebt haben, und, Dank sei dem Himmel! nie geliebt worden sind, wieder zu setzen angefangen hat. Hier ist sie
So vergnugt Agathon uber seine Entweichung aus seiner angenehmen Gefangenschaft in Smyrna, und in diesem Stucke mit sich selbst war; so wenig die Bezauberung, unter welcher wir ihn gesehen haben, die characteristische Leidenschaft schoner Seelen, die Liebe der Tugend, in ihm zu ersticken vermocht hatte; so aufrichtig die Gelubde waren, die er tat, ihr kunftig nicht wieder ungetreu zu werden; so gross und wichtig die Gedanken waren, welche seine Seele schwellten; so sehr er, um alles mit einem Wort zu sagen, wieder Agathon war: So hatte er doch Stunden, wo er sich selbst gestehen musste, dass er mitten in der Schwarmerei der Liebe und in den Armen der schonen Danae glucklich gewesen sei. Es mag immer viel Verblendung, viel Uberspanntes und Schimarisches in der Liebe sein, sagte er zu sich selbst, so sind doch gewiss ihre Freuden keine Einbildung ich fuhlte es, und ich fuhl' es noch, so wie ich mein Dasein fuhle, dass es wahre Freuden sind, so wahr in ihrer Art, als die Freuden der Tugend und warum sollt' es unmoglich sein, Liebe und Tugend mit einander zu verbinden? Sie beide zu geniessen, das wurde erst eine vollkommne Gluckseligkeit sein.
Hier mussen wir zu Verhutung eines besorglichen Missverstandes eine kleine Parenthese machen, um denen, die keine andre Sitten kennen, als die Sitten des Landes oder Ortes, worin sie geboren sind, zu sagen, dass ein vertrauter Umgang mit Frauenzimmern von einer gewissen Classe, oder (nicht so franzosisch, aber weniger zweideutig zu reden) welche mit dem was man etwas uneigentlich Liebe zu nennen pflegt, ein Gewerbe treiben, bei den Griechen eine so erlaubte Sache war, dass die strengesten Vater sich lacherlich gemacht haben wurden, wenn sie ihren Sohnen, so lange sie unter ihrer Gewalt stunden, eine Liebste aus der bemeldten Classe hatten verwehren wollen. Frauen und Jungfrauen genossen den besondern Schutz der Gesetze, wie allenthalben, und waren durch die Sitten und Gebrauche dieses Volkes vor Nachstellungen ungleich besser gesichert, als sie es bei uns sind. Ein Anschlag auf ihre Tugend war so schwer zu bewerkstelligen, als die Bestrafung eines solchen Verbrechens strenge war. Ohne Zweifel geschah es, diese in den Augen der Griechischen Gesetzgeber geheiligte Personen, die Mutter der Burger, und diejenige welche zu dieser Ehre bestimmt waren, den Unternehmungen einer unbandigen Jugend desto gewisser zu entziehen, dass der Stand der Phrynen und Laiden geduldet wurde; und so ausgelassen uns auch der asotische Witzling Aristophanes die Damen von Athen vorstellet, so ist doch gewiss, dass die Weiber und Tochter der Griechen uberhaupt sehr sittsame Geschopfe waren; und dass die Sitten einer Vermahlten und einer Buhlerin bei ihnen eben so stark mit einander absetzten, als man dermalen in gewissen Hauptstadten von Europa bemuht ist, sie mit einander zu vermengen.
Ob diese ganze Einrichtung loblich war, ist eine andre Frage, von der hier die Rede nicht ist; wir fuhren sie bloss deswegen an, damit man nicht glaube, als ob die Reue und die Gewissens-Bisse unsers Agathon aus dem Begriff entstanden, dass es unrecht sei mit einer Danae der Liebe zu pflegen. Agathon dachte in diesem Stucke, wie alle andern Griechen seiner Zeit. Bei seiner Nation (die Spartaner vielleicht allein ausgenommen) durfte man, wenigstens in seinem Alter, die Nacht mit einer Tanzerin oder Flotenspielerin zubringen, ohne sich deswegen einen Vorwurf zu zuziehen, in so ferne nur die Pflichten seines Standes nicht darunter leiden mussten, und eine gewisse Massigung beobachtet wurde, welche nach den Begriffen dieser Heiden, die wahre Grenzlinie der Tugend und des Lasters ausmachte. Wenn man dem Alcibiades ubel genommen hatte, dass er sich im Schoss der schonen Nemea, als wie vom Siege ausruhend, malen liess, oder dass er den Liebesgott mit Jupiters Blitzen bewaffnet in seinem Schilde fuhrte; (und Plutarch sagt uns, dass nur die altesten und ernsthaftesten Athenienser sich daruber aufgehalten; Leute, deren Eifer ofters nicht sowohl von der Liebe der Tugend gegen die Torheiten der Jugend gewaffnet wird, als von dem verdriesslichen Umstand, beim Anblick derselben zu gleicher Zeit, wie weit sie von ihrer eignen Jugend entfernt und wie nahe sie dem Grabe sind, erinnert zu werden): Wenn man, sage ich, dem Alcibiades diese Ausschweifungen ubel nahm, so war es nicht sein Hang zu den Ergotzungen oder seine Vertraulichkeit mit einer Person, welche durch Stand und Profession, wie so viel andre, allein dem Vergnugen des Publici gewidmet war; sondern der Ubermut, der daraus hervorleuchtete, die Verachtung der Gesetze des Wohlstandes, und einer gewissen Gravitat, welche man in freien Staaten mit Recht gewohnt ist von den Vorstehern der Republik, wenigstens ausserhalb dem Cirkel des Privatlebens, zu fodern. Man wurde ihm, wie andern, seine Schwachheiten, oder seine Ergotzungen ubersehen haben; aber man vergab ihm nicht, dass er damit prahlte; dass er sich seinem Hang zur Frohlichkeit und Wollust, bis zu den unbandigsten Ausgelassenheiten uberliess. Dass er, von Wein und Salben triefend, mit dem vernachlassigten und abgematteten Ansehen eines Menschen, der eine Winternacht so durchschweigt hatte, noch warm von den Umarmungen einer Tanzerin, in die Rats-Versammlungen hupfte, und sich, so ubel vorbereitet, doch uberflussig tauglich hielt, (und vielleicht war ers wurklich) die Angelegenheiten Griechenlands zu besorgen, und den grauen Vatern der Republik zu sagen, was sie zu tun hatten: Das war es, was sie ihm nicht vergeben konnten, und was ihm die schlimmen Handel zuzog, von denen der Wohlstand Athens und er selbst endlich die Opfer wurden.
Uberhaupt ist es eine langst ausgemachte Sache, dass die Griechen von der Liebe ganz andere Begriffe hatten als die heutigen Europaer denn die Rede ist hier nicht von den metaphysischen Spielwerken oder Traumen des gottlichen Platons Ihre Begriffe scheinen der Natur, und also der gesunden Vernunft naher zu kommen, als die unsrigen, in welchen Scythische Barbarei und Maurische Galanterie auf die seltsamste Art mit einander contrastieren. Sie ehrten die ehliche Freundschaft; aber von dieser romantischen Leidenschaft, welche wir im eigentlichen Verstande Liebe nennen, und welche eine ganze Folge von Romanschreibern bei unsern Nachbaren jenseits des Rheins und bei den Englandern bemuhet gewesen ist, zu einer heroischen Tugend zu erheben; von dieser wussten sie eben so wenig als von der weinerlich-comischen, der abenteurlichen Hirngeburt einiger Neuerer, meistens weiblicher Scribenten, welche noch uber die Begriffe der ritterlichen Zeiten raffiniert, und uns durch ganze Bande eine Liebe gemalt haben, die sich von stillschweigendem Anschauen, von Seufzern und Tranen nahrt, immer unglucklich und doch selbst ohne einen Schimmer von Hoffnung immer gleich standhaft ist. Von einer so abgeschmackten, so unmannlichen, und mit dem Heldentum, womit man sie verbinden will, so lacherlich abstechenden Liebe wusste diese geistreiche Nation nichts, aus deren schoner und lachender Einbildungskraft die Gottin der Liebe, die Grazien, und so viele andre Gotter der Frohlichkeit hervorgegangen waren. Sie kannten nur die Liebe, welche scherzt, kusst und glucklich ist; oder, richtiger zu reden, diese allein schien ihnen, unter gehorigen Einschrankungen, der Natur gemass, anstandig und unschuldig. Diejenige, welche sich mit allen Symptomen eines fiebrischen Paroxysmus der ganzen Seele bemachtiget, war in ihren Augen eine von den gefahrlichsten Leidenschaften, eine Feindin der Tugend, die Storerin der hauslichen Ordnung, die Mutter der verderblichsten Ausschweifungen und der hasslichsten Laster. Wir finden wenige Beispiele davon in ihrer Geschichte; und diese Beispiele schert wir auf ihrem tragischen Theater mit Farben geschildert, welche den allgemeinen Abscheu erwecken mussten; so wie hingegen ihre Comodie keine andre Liebe kennt, als diesen naturlichen Instinct, welchen Geschmack, Gelegenheit und Zufall fur einen gewissen Gegenstand bestimmen, der, von den Grazien und nicht selten auch von den Musen verschonert, das Vergnugen zum Zweck hat, nicht besser noch erhabener sein will als er ist, und wenn er auch in Ausschweifungen ausbrechend, sich gegen den Zwang der Pflichten aufbaumt, doch weniger Schaden und leichter zu bandigen ist, als jene tragische Art zu lieben, welche ihnen vielmehr von der Fackel der Furien als des Liebesgottes entzundet, eher die Wurkung der Rache einer erzurnte Gottheit als dieser sussen Betorung gleich zu sein schien, welche sie, wie den Schlaf und die Gaben des Bacchus, des Gebers der Elende, fur ein Geschenke der wohltatigen Natur, ansahen, uns die Beschwerden des Lebens zu versussen, und zu den Arbeiten desselben munter zu machen.
Ohne Zweifel wurden wir diesen Teil der Griechischen Sitten noch besser kennen, wenn nicht durch ein Ungluck, welches die Musen immer beweinen werden, die Comodien eines Alexis, Menander, Diphilus, Philemon, Apollodorus, und andrer beruhmter Dichter aus dem schonsten Zeit-Alter der attichen Musen ein Raub der monchischen und Saracenischen Barbarei geworden ware. Allein es bedarf dieser Urkunden nicht, um das was wir gesagt haben zu rechtfertigen. Sehen wir nicht den ehrwurdigen Solon noch in seinem hohen Alter, in Versen welche des Alters eines Voltaire wurdig sind, von sich selbst gestehen, "dass er sich aller andern Beschaftigungen begeben habe, um den Rest seines Lebens in Gesellschaft der Venus, des Bacchus und der Musen auszuleben, der einzigen Quellen der Freuden der Sterblichen?" Sehen wir nicht den weisen Socrates kein Bedenken tragen, in Gesellschaft seiner jungen Freunde, der schonen und gefalligen Theodota einen Besuch zu machen, um uber ihre von einem aus der Gesellschaft fur unbeschreiblich angepriesene Schonheit den Augenschein einzunehmen? Sehen wir nicht, lass er seiner Weisheit nichts zu vergeben glaubt, indem er diese Theodota, auf eine scherzhafte Art in der Kunst Liebhaber zu fangen unterrichtet? War er nicht ein Freund und Bewunderer, ja, wenn Plato nicht zuviel gesagt hat, ein Schuler der beruhmten Aspasia, deren Haus, ungeachtet der Vorwurfe, welche ihr von der zaumlosen Frechheit der damaligen Comodie gemacht wurden, der Sammelplatz der schonsten Geister von Athen war? So enthaltsam er selbst, bei seinen beiden Weibern, in Absicht der Vergnugen der Paphischen Gottin immer sein mochte; so finden wir doch seine Grundsatze uber die Liebe mit der allgemeinen Denkungsart seiner Nation ganz ubereinstimmend. Er unterschied das Bedurfnis von der Leidenschaft; das Werk der Natur, von dem Werk der Phantasie; er warnte vor dem Letztern, wie wir im vierten Capitel schon im Vorbeigehen bemerkt haben; und riet zu Befriedigung der ersten (nach Xenophons Bericht) eine solche Art von Liebe, (das Wort dessen sich die Griechen bedienten, druckt die Sache bestimmter aus) an welcher die Seele so wenig als moglich Anteil nehme. Ein Rat, welcher zwar seine Einschrankungen leidet; aber doch auf die Erfahrungs-Wahrheit gegrundet ist; dass die Liebe, welche sich der Seele bemachtiget, sie gemeiniglich der Meisterschaft uber sich selbst beraube, entnerve, und zu edeln Anstrengungen untuchtig mache.
"Und wozu, (horen wir den scheinheiligen Theogiton mit einem tiefen Seufzer, in welchem ein halbunterdrucktes Anathema murmelt, fragen) wozu diese ganze schone Digression? Ist vielleicht ihre Absicht, die argerlichen Begriffe und Sitten blinder, verdorbener Heiden unsrer ohnehin zum Bosen so gelehrigen Jugend zum Muster vorzulegen?" Nein, mein Herr; das ware unnotig; der grosseste Teil dieser Jugend, welche unser Buch lesen wird (es musste dann in die Gewurzbuden kommen) hat schon den Horaz, den Ovid, den Martial, den Petron, den Apulejus, vielleicht auch den Aristophanes gelesen; und was noch sonderbarer scheinen konnte, hat seine Bekanntschaft mit diesen Schriftstellern, welche nach Dero Grundsatzen lauter Seelengift sind, in den Schulen gemacht. Wir haben also dieser Jugend nicht viel neues gesagt; und gesetzt, wir hatten? Alle Welt weiss, dass andre Verfassungen, andre Gesetze, eine andre Art des Gottesdiensts, auch andre Sitten hervorbringen und erfodern. Aber das verhindert nicht, dass es nicht gut sein sollte, auch zu wissen, nach was fur Begriffen man ausserhalb unserm kleinen Horizont, unter andern Himmelsstrichen und zu andern Zeiten gedacht und gelebt hat "Und wozu sollte das gut sein konnen?" Vergebung, Herr Theogiton! das sollten Sie wissen, da Sie davon Profession machen, die Menschen zu verbessern; und das hatten Sie, nehmen Sie's nicht ubel, vorher lernen sollen, ehe Sie Sich unterfangen hatten, einen Beruf zu ubernehmen, worin es so leicht ist, ein Pfuscher zu sein Doch genug; Sie sollen horen, warum diese kleine Abschweifung notwendig war. Es ist hier darum zu tun, den Agathon zu schildern; ein wenig genauer und richtiger zu schildern, als es ordentlicher Weise in den Personalien einer Leichenpredigt geschieht Sie schutteln den Kopf, Herr Theogiton beruhigen Sie Sich; man malt solche Schildereien weder fur Sie, noch fur die guten Seelen, welche sich unter Ihre Direction begeben haben; Sie mussen ja den Agathon nicht lesen; und, die Wahrheit zu sagen, Sie wurden wohl tun gar nicht zu lesen, was Sie nicht zu verstehen fahig sind Aber Sie sollen glauben dass es sehr viele ehrliche Leute gibt, die nicht unter Ihrer Direction stehen, und einige von diesen werden den Agathon lesen, werden alles in dem naturlichen, wahren Lichte sehen, worin ungefalschte, gesunde Augen zu sehen pflegen, und werden sich seufzen Sie immer soviel Sie wollen daraus erbauen. Fur diese also haben wir uns anheischig gemacht, den Agathon, als eine moralische Person betrachtet, zu schildern. Es ist hier um eine Seelen-Malerei zu tun Sie lacheln, mein Herr? Nicht wahr, ich errate es, dass ihnen bei diesem Worte die punctierte Seele in Comenii Orbe picto einfallt? Aber das ist nicht was ich meine; es ist darum zu tun, dass uns das Innerste seiner Seele aufgeschlossen werde; dass wir die geheimern Bewegungen seines Herzens, die verborgenern Triebfedern seiner Handlungen kennen lernen "Eine schone Kenntnis! und die etwan viel Kopf zerbrechens braucht? Ein Herz zu kennen, von dem ich Ihnen, kraft meines Systems, gleich bei der ersten Zeile Ihres Buchs hatte vorhersagen konnen, dass es durch und durch nichts taugt" Ich bitte Sie, Herr Theogiton, nichts mehr; Sie mogen wohl Ihr System nicht recht gelernt haben, oder das muss ein System sein! Aber; in unserm Leben nichts mehr, wenn ich bitten darf. Ich sehe, die Natur hat Ihnen das Werkzeug versagt, wodurch wir uns gegen einander erklaren konnten. Ich hatte Unrecht, Ihnen von geheimen Triebfedern zu sprechen Sie kennen nur eine einzige Gattung derselben, die in der Casse der guten Seelen liegt, die sich Ihrer Fuhrung uberlassen haben; und diese rechtfertiget freilich Ihr System besser als alles was Sie zu seinem Behuf sagen konnten Also zu unserm Agathon zuruck!
Nach den gewohnlichen Begriffen seiner Zeit ware es so schwer nicht gewesen, Liebe und Tugend mit einander zu verbinden; auch unsre jungen Moralisten hatten hierzu gleich ein Recipe fertig, oder es wimmelt vielmehr wurklich von dergleichen in allen Buchladen. Aber Agathon hatte grossere und feinere Begriffe von der Tugend Die Begriffe einer gewissen idealischen Vollkommenheit waren zu sehr mit den Grundzugen seiner Seele verwebt, als dass er sie sobald verlieren konnte, oder vielleicht jemals verlieren wird. Was ist fur eine delicate Seele Liebe ohne Schwarmerei? Ohne diese Zartlichkeit der Empfindungen, diese Sympathie welche ihre Freuden vervielfaltiget, verfeinert, veredelt? Was sind die Wolluste der Sinnen, ohne Grazien und Musen? Das Socratische System uber die Liebe mag fur viele gut sein; aber es taugt nicht fur die Agathons. Agathon hatte diese Art zu lieben, wie er die schone Danae geliebt hatte, und wie er von ihr geliebt worden war, gerne mit der Tugend verbinden mogen; und von diesem Wunsch, sah er alle Schwierigkeiten ein. Endlich deuchte ihn, es komme alles auf den Gegenstand an; und hier erinnerte ihn sein Herz wieder an seine geliebte Psyche. Ihr Bild stellte sich ihm mit einer Wahrheit und Lebhaftigkeit dar, wie es ihm seit langer Zeit, seinen Traum ausgenommen, niemals vorgekommen war. Er errotete vor diesem Bilde, wie er vor der gegenwartigen Psyche selbst errotet haben wurde; aber er empfand mit einem Vergnugen, wovon das uberlegte Bewusstsein ein neues Vergnugen war, dass sein Herz, ohne nur mit einem einzigen Faden an Danae zu hangen, wieder zu seiner ersten Liebe zuruckkehrte. Seine wieder ruhige Phantasie spiegelte ihm, wie ein klarer tiefer Brunnen die Erinnerungen der reinen, tugendhaften, und mit keiner andern Lust zu vergleichenden Freuden vor, die er durch die zartliche Vereinigung ihrer Seelen in jenen elysischen Nachten erfahren hatte. Er empfand izt alles wieder fur sie was er ehemals empfunden, und diese neben Empfindungen noch dazu, welche ihm Danae eingeflosst hatte; aber so sanft, so gelautert durch die moralische Schonheit des veranderten Gegenstandes, dass es nicht mehr eben dieselben schienen. Er stellte sich vor, wie glucklich ihn eine unzertrennliche Verbindung mit dieser Psyche machen wurde, welche ihm eine Liebe eingehaucht, die seiner Tugend so wenig gefahrlich gewesen war, dass sie ihr vielmehr Schwingen angesetzt hatte er versetzte sich in Gedanken mit Psyche in den Ruheplatz der Diana zu Delphi und liess den Gott der Liebe, den Sohn der himmlischen Venus, das uberirdische Gemalde ausmalen. Eine susse weissagende Hoffnung breitete sich durch seine Seele aus; es war ihm, als ob eine geheime Stimme ihm zulisple, dass er sie in Sicilien finden werde. Psyche schickte sich vortrefflich in den Plan, den er sich von seinem bevorstehenden Leben gemacht hatte was fur eine Perspective stellte ihm die Verbindung seiner Privat-Gluckseligkeit mit der offentlichen vor, welcher er alle seine Krafte zu widmen entschlossen war! Aber er wollte erst verdienen glucklich zu sein Und nun, sagen sie mir, meine schonen Leserinnen, verdient nicht ein Mann, der so edel denkt glucklich zu sein? verdient er nicht die beste Frau? Seien Sie ruhig; er soll sie haben, sobald wir sie finden werden.
Neuntes Buch
Erstes Capitel
Veranderung der Scene
Character der Syracusaner, des Dionysius und
seines Hofes
Da wir im Begriff sind, unserm Helden auf einen neuen Schauplatz zu folgen, wird es nicht uberflussig sein, denenjenigen, welche in der alten Geschichte nicht so gut bewandert sind, als vielleicht im FeenLande, einige vorlaufige Nachrichten von den Personen zu geben, mit welchen man ihn in diesem und dem folgenden Buche verwickelt sehen wird.
Syracus, die Hauptstadt Siciliens, verdiente in vielerlei Betrachtungen den Namen des zweiten Athen. Nichts kann ahnlicher sein, als der Character ihrer Einwohner. Beide waren im hochsten Grad eifersuchtig uber eine Freiheit, in welcher sie sich niemals lange zu erhalten wussten, weil sie Mussiggang und Lustbarkeiten noch mehr liebten, als diese Freiheit; und man muss gestehen, dass sie ihnen durch den schlechten Gebrauch, den sie von ihr zu machen wussten, mehr Schaden getan hat, als ihre Tyrannen zusammengenommen. Die Syracusaner hatten den Genie der Kunste und der Musen; sie waren lebhaft, sinnreich und zum spottenden Scherze aufgelegt; heftig und ungestum in ihren Bewegungen, aber so unbestandig, dass sie in einem Zeitmass von wenigen Tagen von dem aussersten Grade der Liebe zum aussersten Hass, und von dem wurksamsten Enthusiasmus zur untatigsten Gleichgultigkeit ubergehen konnten; lauter Zuge, durch welche sich, wie man weiss, die Athenienser vor allen andern griechischen Volkern ausnahmen. Beide emporten sich mit eben so viel Leichtsinn gegen die gute Regierung eines einzigen Gewalthabers, als sie fahig waren mit der niedertrachtigsten Feigheit sich an das Joch des schlimmesten Tyrannen gewohnen zulassen: Beide kannten niemals ihr wahres Interesse, und kehrten ihre Starke immer gegen sich selbst: Mutig und heroisch in der Widerwartigkeit, allezeit ubermutig im Gluck, und gleich dem asopischen Hund im Nil, immer durch schimmernde Entwurfe verhindert, von ihren gegenwartigen Vorteilen den rechten Gebrauch zu machen; durch ihre Lage, Verfassung, und den Geist der Handelschaft, der Spartanischen Gleichheit unfahig, aber eben so ungeduldig, an einem Mitburger grosse Vorzuge an Verdiensten, Ansehen oder Reichtum zu ertragen; daher immer mit sich selbst im Streit, immer von Parteien und Factionen zerrissen; bis, nach einem langwierigen umwechslenden Ubergang von Freiheit zu Sclaverei und von Sclaverei zu Freiheit, beide zuletzt die Fesseln der Romer geduldig tragen lernten; und sich weislich mit der Ehre begnugten, Athen die Schule, und Syracus die Korn-Kammer dieser Majestatischen Gebieterin des Erdbodens zu sein.
Nach einer Reihe von so genannten Tyrannen, das ist, von Beherrschern, welche sich der einzelnen und willkurlichen Gewalt uber den Staat bemachtiget hatten, ohne auf einen Beruf von den Burgern zu warten, war Syracus und ein grosser Teil Siciliens mit ihr endlich in die Hande des Dionysius gefallen; und von diesem, nach einer langwierigen Regierung, unter welcher die Syracusaner gewiesen hatten, was sie zu leiden fahig seien, seinem Sohne, dem jungeren Dionysius endlich angefallen. Das Recht dieses jungen Menschen an die konigliche Gewalt, deren er sich nach seines Vaters Tod (den er selbst durch einen Schlaftrunk beschleuniget hatte) anmasste, war noch weniger als zweideutig; denn sein Vater konnte ihm kein Recht hinterlassen, das er selbst nicht hatte. Aber eine starke Leibwache, eine wohlbefestigte Citadelle, und eine durch die Beraubung der reichesten Sicilianer angefullte Schatzkammer ersetzte den Abgang eines Rechts, welches ohnehin alle seine Starke von der Macht zieht, die es gelten machen muss, und aus eben diesem Grunde dessen leicht entbehren kann. Hiezu kam noch, dass in einem Staat, worin der Geist der politischen Tugend schon erloschen ist, und grenzenlose Begierden nach Reichtumern, und der schmeichelhaften Freiheit alles zu tun, was die Sinne gelusten (der einzigen Art von Freiheit, welche von der Tyrannie eben so sehr begunstiget als sie von der echten burgerlichen Freiheit ausgeschlossen wird) die Oberhand gewonnen haben; dass, sage ich, in einem solchen Staat, eine ausgelassene und allein auf Befriedigung ihrer Leidenschaften erpichte Jugend sich mit gutem Grunde von der unumschrankten Regierung eines Einzigen ihrer Art, unendlich mehr Vorteile versprach als von der Aristocratie, deren sich die altesten und Verdienstvollesten bemachtigen; oder von der Democratie, worin man ein abhangiges und ungewisses Ansehen mit soviel Beschwerlichkeiten, Cabalen, Unruh und Gefahr, oft auch mit Aufopferung seines Vermogens teurer erkaufen muss, als es sich der Muhe zu verlohnen scheint.
Der junge Dionysius setzte sich also durch einen Zusammenfluss gunstiger Umstande, in den ruhigen Besitz der hochsten Gewalt zu Syracus; und es ist leicht zu erachten, wie ein ubelgezogner, und vom Feuer seines Temperaments zu allen Ausschweifungen der Jugend hingerissener Prinz, unter einem Schwarme von Parasiten, dieser Macht sich bedient haben werde. Ergotzungen, Gastmahler, Liebeshandel, Feste welche ganze Monate dauerten, kurz eine stete Berauschung von Schwelgerei, machten die Beschaftigungen eines Hofes von torichten Junglingen aus, welche nichts angelegeners hatten, als durch Erfindung neuer Wolluste sich in der Zuneigung des Prinzen fest zu setzen, und ihn zu gleicher Zeit zu verhindern, jemals zu sich selbst zu kommen, und den Abgrund gewahr zu werden, an dessen blumichtem Rand er in unsinniger Sorglosigkeit herumtanzte.
Man kennt die Staatsverwaltung wollustiger Prinzen aus altern und neuern Beispielen zu gut, als dass wir notig hatten, uns daruber auszubreiten. Was fur eine Regierung ist von einem jungen Unbesonnenen zu erwarten, dessen Leben ein immerwahrendes Bacchanal ist? Der keine von den grossen Pflichten seines Berufs kennt, und die Krafte, die er zu ihrer Erfullung anstrengen sollte, bei nachtlichen Schmausen und in den feilen Armen uppiger Buhlerinnen verzettelt? Der, unbekummert um das Beste des Staats, seine Privat-Vorteile selbst so wenig einsieht, dass er das wahre Verdienst, welches ihm verdachtig ist, hasset, und Belohnungen an diejenigen verschwendet, die unter der Maske der eifrigsten Ergebenheit und einer ganzlichen Aufopferung, seine gefahrlichen Feinde sind? Von einem Prinzen, bei dem die wichtigsten Stellen auf die Empfehlung einer Tanzerin oder der Sclaven, die ihn aus- und ankleiden, vergeben werden? Der sich einbildet, dass ein Hofschranze, der gut tanzt, ein Nachtessen wohl anzuordnen weiss, und ein uberwindendes Talent hat, sich bei den Weibern in Gunst zu setzen, unfehlbar auch das Talent eines Ministers oder eines Feldherrn haben werde; oder, dass man zu allem in der Welt tuchtig sei, sobald man die Gabe habe ihm zu gefallen? Was ist von einer solchen Regierung zu erwarten, als Verachtung aller gottlichen und menschlichen Gesetze, Missbrauch der Formalitaten der Gerechtigkeit, Gewaltsamkeiten, schlimme Haushaltung, Erpressungen, Geringschatzung und Unterdruckung der Tugend, allgemeine Verdorbenheit der Sitten? Und was fur eine Staatskunst wird da Platz haben, wo Leidenschaften, Launen, voruberfahrende Anstosse von lacherlichem Ehrgeiz, die kindische Begierde von sich reden zu machen, die Convenienz eines Gunstlings oder die Intriguen einer Buhlerin die Triebfedern der StaatsAngelegenheiten, der Verbindung und Trennung mit auswartigen Machten, und des offentlichen Betragens sind? Wo, ohne die wahren Vorteile des Staats, oder seine Krafte zu konnen, ohne Plan, ohne kluge Abwagung und Verbindung der Mittel doch, wir geraten unvermerkt in den Ton der Declamation, welcher uns bei einem langst erschopften und doch so alltaglichen Stoffe nicht zu vergeben ware. Mochte niemand, der dieses liest, aus der Erfahrung seines eignen Vaterlands wissen, wie einem Volke mitgespielt wird, welches das Ungluck hat, der Willkur eines Dionysius preis gegeben zu sein!
Man wird sich nach allem, was wir eben gesagt haben, den Dionysius als einen der schlimmsten Tyrannen, womit der Himmel jemals eine mit geheimen Verbrechen belastete Nation gegeisselt habe, vorstellen; und so schildern ihn auch die Geschichtschreiber. Allein ein Mensch der aus lauter schlimmen Eigenschaften zusammengesetzt ware, ist ein Ungeheuer, das nicht existieren kann. Eben dieser Dionysius wurde Fahigkeit genug gehabt haben, ein guter Furst zu werden, wenn er so glucklich gewesen ware, zu einer Bestimmung gebildet zu werden. Aber es fehlte soviel, dass er die Erziehung die sich fur einen Prinzen schickt, bekommen hatte, dass ihm nicht einmal diejenige zu teil wurde, die man einem jeden jungen Menschen von mittelmassigem Stande gibt. Sein Vater, der feigherzigste Tyrann der jemals war, liess ihn, von aller guten Gessellschaft abgesondert, unter niedrigen Sclaven aufwachsen, und der prasumtive Thronfolger hatte kein andres Mittel sich die Langeweile zu vertreiben, als dass er kleine Wagen, holzerne Leuchter, Schemel und Tisch'gen verfertigte. Man wurde unrecht haben, wenn man diese selbstgewahlte Beschaftigung fur einen Wink der Natur halten wollte; es war vielmehr der Mangel an Gegenstanden und Modellen, welche dem allen Menschen angebornen Trieb Witz und Hande zu beschaftigen, der sich in ihm regete, eine andere Richtung hatten geben konnen: Er wurde vielleicht Verse gemacht haben, und bessere als sein Vater, (der unter andern Torheiten auch die Wut hatte, ein Poet sein zu wollen) wenn man ihm einen Homer in seine Clause gegeben hatte. Wie manche Prinzen hat man gesehen, welche mit der Anlage zu Augusten und Trajanen, aus Schuld derjenigen, die uber ihre Erziehung gesetzt waren, oder durch die Unfahigkeit eines dummen, mit klosterlichen Vorurteilen angefullten Monchen, dem sie auf Discretion uberlassen wurden in Nerone und Heliogabale ausgeartet sind? Eine genaue und ausfuhrliche Entwicklung, wie dieses zugehe; wie es unter gewissen gegebenen Umstanden nicht anders moglich sei, als dass durch eine so fehlerhafte Veranstaltung das beste Naturell, in ein Caricaturenmassiges moralisches Missgeschopfe verzogen werden musse, ware, wie uns deucht, ein sehr nutzlicher Stoff, den wir der Bearbeitung irgend eines Mannes von Genie empfehlen, der bei philosophischen Einsichten eine hinlangliche Kenntnis der Welt besasse. Unsre aufgeklarten und politen Zeiten sind weder dieses noch jenes in so hohem Grade, dass ein solches Werk uberflussig sein sollte; und wenn die Ausfuhrung der Wurde des Stoffes zusagte, so zweifeln wir nicht, dass es glucklich genug werden konnte, von mancher Provinz die lange Folge von Plagen abzuwenden, welche ihr vielleicht durch die fehlerhafte Erziehung ihrer noch ungebornen Beherrscher in den nachsten hundert Jahren bevorstehen.
Zweites Capitel
Character des Dion. Anmerkungen uber denselben
Eine Digression
Die Syracusaner waren des Jochs schon zu wohl gewohnt, um einen Versuch zu machen, es nach dem Tode des alten Dionysius abzuschutteln. Es war nicht einmal soviel Tugend unter ihnen ubrig, dass einige von denen, welche besser dachten als der grosse Haufen, und die verachtliche Brut der Parasiten, den Mut gehabt hatten, sich durch diese letztern hindurch bis zu dem Ohre des jungen Prinzen zu drangen, um ihm Wahrheiten zu sagen, von denen seine eigene Gluckseligkeit eben so wohl abhing, als die Wohlfahrt von Sicilien. Ganz Syracus hatte nur einen Mann, dessen Herz gross genug hiezu war; und auch dieser wurde sich vermutlich in eben diese sichere aber unruhmliche Dunkelheit eingehullet haben, worein ehrliche Leute unter einer ungluckweissagenden Regierung sich zu verbergen pflegen; wenn ihn seine Geburt nicht berechtiget, und sein Interesse genotiget hatte, sich um die Staat
Dieser Mann war Dion, ein Bruder der Stiefmutter des Dionys, und der Gemahl seiner Schwester; der Nachste nach ihm im Staat, und der Einzige, der sich durch seine grosse Fahigkeiten, durch sein Ansehen bei dem Volke, und durch die unermessliche Reichtumer, die er besass, furchtbar und des Projects verdachtig machen konnte, sich entweder an seine Stelle zu setzen, oder die republicanische Verfassung wiederherzustellen. Wenn wir den Geschichtschreibern, insonderheit dem tugendhaften und gutherzigen Plutarch einen unumschrankten Glauben schuldig waren, so wurden wir den Dion unter die wenigen Helden und Champions der Tugend zahlen mussen, welche sich, (um dem Plato einen Ausdruck abzuborgen) zu der Wurde und Grosse guter Damonen, oder Beschutzender Genien und Wohltater des Menschen-Geschlechts emporgeschwungen haben welche fahig sind, aus dem erhabenen Beweggrunde einer reinen Liebe der sittlichen Ordnung und des allgemeinen Besten zu handeln, und uber dem Bestreben, andere glucklich zu machen, sich selbst aufzuopfern, weil sie unter dieser in die Sinne fallenden sterblichen Hulle ein edleres Selbst tragen, welches seine angeborne Vollkommenheit desto herrlicher entfaltet, je mehr jenes animalische Selbst unterdruckt wird welche im Gluck und im Ungluck gleich gross, durch dieses nicht verdunkelt werden, und von jenem keinen Glanz entlehnen, sondern immer sich selbst genugsam, Herren ihrer Leidenschaften, und uber die Bedurfnisse gemeiner Seelen erhaben, eine Art von sublunarischen Gottern sind. Ein solcher Character fallt allerdings gut in die Augen, ergotzt den moralischen Sinn (wenn wir anders dieses Wort gebrauchen durfen, ohne mit Hutchinson zu glauben, dass die Seele ein besonderes geistiges Werkzeug, die moralische Dinge zu empfinden habe) und erweckt den Wunsch, dass er mehr als eine schone Schimare sein mochte. Aber wir gestehen, dass wir, aus erheblichen Grunden, mit zunehmender Erfahrung, immer misstrauischer gegen die menschlichen und warum also nicht gegen die ubermenschlichen Tugenden werden.
Es ist wahr, wir finden in dem Leben Dions Beweise grosser Fahigkeiten, und vorzuglich einer gewissen Erhabenheit und Starke des Gemuts, die man gemeiniglich mit grobern, weniger reizbaren Fibern und derjenigen Art von Temperament verbunden sieht, welches ungesellig, ernsthaft, stolz und sprode zu machen pflegt. An jede Art von Temperament grenzen wie man weisst, gewisse Tugenden; und wenn es sich noch fugt, dass die Entwicklung dieser Anlage zu demselben durch gunstige Umstande befordert wird, so ist nichts naturlichers, als dass sich daraus ein Character bildet, der durch gewisse hervorstechende Tugenden blendet, die eben darum zu einer volligern Schonheit gelangen, weil kein innerlicher Widerstand sich ihrem Wachstum entgegensetzt. Diese Art von Tugenden finden wir bei dem Dion in grossem Grade: Aber ihm, oder irgend einem andern ein Verdienst daraus zu machen, ware eben so viel, als einem Athleten die Elasticitat seiner Sehnen, oder einem gesunden bluhenden Madchen ihre gute Farbe und die Wolbung ihres Busens als Verdienste anrechnen, welche ihnen ein Recht an die allgemeine Hochachtung geben sollten. Ja, wenn Dion sich durch diejenige Tugenden vorzuglich unterschieden hatte, zu denen er von Natur nicht aufgelegt war; und wenn er es so weit gebracht hatte, sie mit eben der Leichtigkeit und Grazie auszuuben, als ob sie ihm angeboren waren aber wie viel daran fehlte, dass er der Philosophie seines Lehrers und Freundes Platon soviel Ehre gemacht hatte, davon finden wir in den eigenen Briefen dieses Weisen, und in dem Betragen Dions in den wichtigsten Auftritten seines Lebens die zuverlassigsten Beweise: Niemals konnte er es dahin bringen, oder vielleicht gefiel es ihm nicht, den Versuch zu machen, und beides lauft auf Eines hinaus, diese Austeritat, diese Unbiegsamkeit, diese wenige Gefalligkeit im Umgang, welche die Herzen von sich zuruckstiess, zu uberwinden. Vergebens ermahnte ihn Plato den Huldgottinnen zu opfern, und erinnerte ihn, dass Sprodigkeit sich nur fur Einsiedler schicke; Dion bewies durch seine Ungelehrigkeit uber diesen Punct, dass die Philosophie ordentlicher Weise uns nur die Fehler vermeiden macht, zu denen wir keine Anlage haben, und uns nur in solchen Tugenden befestiget, zu denen wir ohnehin geneigt sind.
Indessen war er nichts desto weniger derjenige, auf welchen ganz Sicilien die Augen gerichtet hatte. Die Weisheit seines Betragens, seine Abneigung von allen Arten der sinnlichen Ergotzungen, seine Massigung, Nuchternheit und Frugalitat, erwarben ihm desto mehr Hochachtung, je starker sie mit der zugellosen Schwelgerei und Verschwendung des Tyrannen contrastierte. Man sah, dass er allein im Stande war, ihm das Gleichgewicht zu halten, und man erwartete das Beste von ihm, es sei nun dass er sich der Regierung fur sich selbst, oder die jungen Sohne seiner Schwester bemachtigen, oder sich begnugen wurde, der Mentor des Dionysius zu sein.
Die naturliche Unempfindlichkeit Dions gegen die Reizungen der Wollust, welche den Syracusanern soviel Vertrauen zu ihm gab, blendete in der Folge auch die Griechen des festen Landes, zu denen er sich vor dem Tyrannen zu fluchten genotiget wurde. Selbst die Academie, diese damals so beruhmte Schule der Weisheit, scheint stolz darauf gewesen zu sein, einen so nahen Verwandten des wiewohl unrechtmassigen Beherrschers von Sicilien, unter ihre Pflegsohne zahlen zu konnen. Die konigliche Pracht, welche er in seiner Lebensart affectierte, war in ihren Augen (so gewiss ist es, dass auch weise Augen manchmal durch die Eitelkeit verfalscht werden) der Ausdruck der innern Majestat seiner Seele; sie schlossen ungefahr nach eben der Logik, welche einen Verliebten von den Reizungen seiner Dame auf die Gute ihres Herzens schliessen macht; und sahen nicht, oder wollten nicht sehen, dass eben dieser von den republicanischen Sitten so weit entfernte Pomp ein sehr deutliches Zeichen war, dass es weniger einer Erhabenheit uber die gewohnlichen Schwachheiten der Grossen und Reichen, als dem Mangel der Begierden zu zuschreiben sei, wenn derjenige gegen die Vergnugungen der Sinne gleichgultig war, der sich von der Eitelkeit dahinreissen liess, durch ein Geprange mit Reichtumern, deren er sich als der Fruchte seiner Verhaltnisse mit der Familie des Tyrannen vielmehr hatte schamen sollen, unter einem freien Volke sich unterscheiden zu wollen.
Doch, indem ich diese Gelegenheit ergreife, die ubertriebene Lobspruche zu massigen, welche an die Gunstlinge des Gluckes verschwendet zu werden pflegen, sobald sie einigen Schimmer der Tugend von sich werfen; begehre ich nicht in Abrede zu sein, dass Dion, so wie er war, einen Thron eben so wurdig erfullt haben wurde, als wenig er sich schickte, mit einem durch die lange Gewohnheit der Fesseln entnervten Volke, in dem Mittelstand zwischen Sclaverei und Freiheit, worein er dasselbe in der Folge durch die Vertreibung des Dionysius setzte, so sanft und behutsam umzugehen, als es hatte geschehen mussen, wenn seine Unternehmung fur die Syracusaner und ihn selbst glucklich hatte ausschlagen sollen. Plutarch vergleicht dieses Volk, in dem Zeitpunct, da es das Joch der Tyrannie abzuschutteln anfing, sehr glucklich mit Leuten, die von einer langwierigen Krankheit wieder aufstehen, und, ungeduldig sich der Vorschrift eines klugen Arztes in Absicht ihrer Diat zu unterwerfen, sich zu fruh wie gesunde Leute betragen wollen. Aber darin konnen wir nicht mit ihm einstimmen, dass Dion dieser geschickte Arzt fur sie gewesen sei. Sehr wahrscheinlich hat die platonische Philosophie selbst, von deren idealischer Sitten- und Staats-Lehre er ein so grosser Bewunderer war, sehr vieles dazu beigetragen, dass er weniger als ein Andrer, der nicht nach so sehr abgezogenen Grundsatzen gehandelt hatte, zum Arzt eines ausserst verdorbenen Volkes geeigenschaftet war. Vielfaltige Erfahrungen zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Volkern haben es gewiesen, dass die Dion, die Caton, die Brutus, die Algernon Sidney allemal unglucklich sein werden, wenn sie einen von alten bosartigen Schaden entkrafteten und zerfressenen Staats-Korper in den Stand der Gesundheit wieder herzustellen versuchen. Zu einer solchen Operation gehoren viele Gehulfen; und Manner von einer so ausserordentlichen Art sind unter einer Million Menschen allein: Es ist genug, wenn das Ziel, wie Solon von seinen Gesetzen sagte, das Beste ist, das in den vorliegenden Umstanden zu erreichen sein mag; und Sie wollen immer das Beste, das sich denken lasst: Alle Mittel welche zugleich am gewissesten und baldesten zu diesem Ziel fuhren, sind die Besten; und Sie wollen keine andre gebrauchen, als welche nach den strengesten Regeln einer oft allzuspitzfundigen Gerechtigkeit und Gute, rechtmassig und gut sind. Loblich, vortrefflich, gottlich! rufen die schwarmerischen Bewunderer der heroischen Tugend Wir wollten gerne mitrufen, wenn man uns nur erst zeigen wollte, was diese hochgetriebene Tugend dem menschlichen Geschlecht jemals geholfen habe Dion zum Exempel, von den erhabenen Ideen seines Lehrmeisters eingenommen, wollte dem befreiten Syracus eine Regierungs-Form geben, welche so nah als moglich an die Platonische Republik grenzte und verfehlte daruber, zu seinem eignen Untergang, die Mittel, ihr diejenige zu geben, deren sie fahig war. Brutus half den Grossesten der Sterblichen, den Fahigsten, eine ganze Welt zu regieren, der jemals geboren worden ist, ermorden; weil ihm, in Rucksicht auf die Mittel wodurch er zur hochsten Gewalt gelanget war, die Definition eines Tyrannen zukam. Brutus wollte die Republik wiederherstellen. Noch einen Dolch fur den Marcus Antonius, (wie es der nicht so erhaben aber richtiger denkende Cassius verlangte) so waren Strome von Blut, so ware das edelste Blut von Rom, das kostbare Leben der besten Burger gesparet worden, und der gluckliche Ausgang der ganzen Unternehmung versichert gewesen. Hatte sich derjenige, der dem vermeinten allgemeinen Besten seines Vaterlandes ein so grosses Opfer gebracht hatte als Casar war, ein Bedenken machen sollen, seinem majestatischen Schatten einen Antonius nachzuschicken? Um eine Tat, welche, ohne Success wie sie blieb, in den Augen seiner Zeitgenossen ein verabscheuungswurdiger Meuchelmord war, und der unparteiischern Nachwelt im gelindesten Lichte betrachtet, wahnsinniger Enthusiasmus scheinen muss, zu einer so glorreichen Unternehmung zu machen, als jemals die grosse Seele eines Romers geschwellt hatte. Aber Brutus hatte Bedenklichkeiten, welche ihm eine unzeitige Gute eingab; sein Ansehen entschied; Antonius bedankte sich fur sein Leben, und begrub den Platonischen Brutus unter den Trummern, der auf ewig umgesturzten Republik. Was half also sein Platonismus dem Vaterlande? Wir haben uns vielleicht zu lange bei dieser Betrachtung aufgehalten; aber die Beobachtung, die uns dazu verleitet hat, so alt sie ist, scheint uns wichtig und an practischen Folgerungen fruchtbar, deren Nutzbarkeit sich uber alle Stande ausbreiten, und besonders bei denjenigen welche mit der Regierang und moralischen Disciplinierung der Menschen beschaftiget sind, sich vorzuglich aussern wurde, wenn sie besser eingesehen und mit eben so viel Redlichkeit als Klugheit angewendet wurden. Vielleicht wurden die Augen derjenigen, welche weder durch einen Nebel noch durch gefarbte Glaser sehen, mit dem weinerlichlacherlichen Schauspiel von so vielen ehrlichen Leuten verschont bleiben, die aus allen Kraften und mit der feirlichsten Ernsthaftigkeit leeres Stroh dreschen, und wenn sie das ganze Jahr durch gedreschet haben, sich sehr verwundern, dass nichts als Stroh auf der Tenne liegt der Patriotische Phlegon wurde sich durch den allzuhitzigen Eifer, seine in allen Teilen verdorbene Republik auf einmal durch eben so hitzige Mittel wieder gesund zu machen, nicht so viel Verdruss zuziehen, und durch diesen Verdruss und die Vergeblichkeit seiner undankbaren Bemuhungen nicht veranlasset werden, sich zu Tode zu trinken Der redliche Macrin wurde sich nicht auf Unkosten seiner Freiheit und vielleicht seines Lebens in den Kopf setzen, aus einem Caligula einen Marc Aurel zu machen Der wohlmeinende Diophant wurde einsehen, wie wenig Hoffnung er sich zu machen habe, Leute, welche noch sehr weit entfernt sind ertragliche Menschen zu sein, in eine Engelahnliche Vollkommenheit hinein zu declamieren Doch genug von einer Materie, welche um gehorig ausgefuhrt zu werden, eine eigene Abhandlung erfoderte.
Wie leicht es doch ist, seine nichts ubels besorgende Leser in einen Labyrinth von Parenthesen und Digressionen hineinzufuhren, wenn man sich einmal uber eine aberglaubische Regelmassigkeit hinausgesetzt hat! Zwar haben wir die Unsrigen schon lange benachrichtiget, dass wir uns bei Gelegenheit dergleichen Freiheiten erlauben wurden Und doch wollen wir so ehrlich sein und gestehen, dass wir uns weder in diesem Stuck, noch, die Wahrheit zu sagen, in irgend einem andern, Nachahmer zu bekommen wunschen. Nicht als ob uns bange davor sei, man werde Ordnung und Zusammenhang in dieser unsrer pragmatisch-critischen Geschichte vermissen; sondern weil es in der Tat unendlich mal leichter ist Miscellanien zu schreiben, als ein ordentliches Werk, und es daher leicht geschehen konnte, dass ein junger Scribent, der sich seiner bessern Bequemlichkeit wegen unsrer Methode bedienen wollte, sich die Horazische Frage zuziehen konnte: Currente rota cur urceus exit? Und wenn auch dieses nicht zu besorgen ware, so gibt es sehr wackere Leute, denen es schwer fallt, sich aus dergleichen maandrischen Abschweifungen wieder herauszuhelfen, und, sobald es dem Verfasser beliebt, wieder auf dem Punct zu stehen, wo er mit ihnen ausgegangen ist. Was hat man uns, werden solche Leser, zum Exempel fragen, in diesem ganzen Capitel denn eigentlich sagen wollen? Merken sie auf, meine Herren, das war es dass dieser Dion von dem die Rede war, und um den Sie Sich ubrigens, wie ich vermute, sehr wenig bekummern, eine ganz gute Art von Prinzen, aber doch nicht ganz so sehr ein Held von Tugend gewesen sei, wie ihn ein gewisser ehrlicher Ober-Priester zu Charonea sich eingebildet oder wenn man ihm auch eingestehen wollte, dass er's gewesen sei, eben dadurch an seinem Platz nicht soviel getaugt habe, als Sie, meine Herren, indem Sie ihrem Hauswesen wohl vorstehen, sich wohl mit ihrer Gemahlin betragen, ihr Rechnungs-Buch in guter Ordnung halten, und was dergleichen mehr ist Nun verstehen wir einander doch?
Drittes Capitel
Eine Probe, dass die Philosophie so gut zaubern
konne, als die Liebe
Die vorlaufigen Nachrichten, welche wir dem Leser zu geben haben, entfernen uns ziemlich lange von unserm Helden; allein, fur Eins, so sind sie zum Verstandnis des Folgenden unentbehrlich; und furs Andere, so hatten wir auch dermalen nichts wichtigers von ihm zu sagen, als dass er im Begriff sei, den Hausgottern seines Freundes, des Kaufmanns, eine andachtige Libation zu bringen; mit seiner Familie Bekanntschaft zu machen, und nach einer leichten Abendmahlzeit von den Beschwerden der Seefahrt auszuruhen.
Dion sah die Ausschweifungen des Dionys mit der Verachtung eines kaltsinnigen Philosophen an, der keine Lust hatte Teil daran zu nehmen; und mit dem Verdruss eines Staatsmannes, der sich in Gefahr sah, durch einen Haufen junger Wollustlinge, Lustigmacher, Pantomimen und Narren, welche kein anderes Verdienst hatten, als den Prinzen zu belustigen, von dem Ansehen, und dem Anteil an der Regierung, der ihm aus so guten Grunden gebuhrte, nach und nach ausgeschlossen zu werden. Bei solcher Bewandtnis hatte der Patriotismus das schonste Spiel, und die grossen Beweggrunde der allgemeinen Wohlfahrt, die uneigennutzige Betrachtung der verderblichen Folgen, welche aus einer so heillosen Beschaffenheit des Hofes uber den ganzen Staat dahersturzen mussten, wurden durch jene geheimern Triebfedern so kraftig unterstutzt, dass er den festen Entschluss fasste, alles zu versuchen, um seinen Verwandten auf einen bessern Weg zu bringen.
Er urteilte, den Grundsatzen Platons zufolge, dass die Unwissenheit des Dionysius, und die Gewohnheit unter dem niedriggesinntesten Pobel (es waren mit alle dem junge Herren von sehr gutem Adel darunter) zu leben, die Haupt-Quelle seiner verdorbenen Neigungen sei. Diesem nach hielt er sich seiner Verbesserung versichert, wenn er die beste Gesellschaft um ihn her versammeln, und ihm diese edle Wissensbegierde einflossen konnte, welche bei denenjenigen, die von ihr begeistert sind, die animalischen Triebe wo nicht ganzlich zu unterdrucken, doch gewiss zu dammen und zu massigen pflegt. Er liess also keine Gelegenheit vorbei (und die unzahlichen Fehler, welche taglich in der Staats-Verwaltung gemacht wurden, gaben ihm Gelegenheit genug) dem Tyrannen die Notwendigkeit vorzustellen, Manner von einem grossen Ruf der Weisheit um sich zu haben; und er fuhrte so viele Beweggrunde an, dass er, unter einer Menge sehr erhabener, die an einem Dionysius verloren gingen, endlich auch den einzigen traf, der seine Eitelkeit interessierte. Doch selbst dieser schlupfte nur leicht an seinen Ohren hin, und ob er gleich dem Dion immer Recht gab, und die besondern Unterredungen, welche sie uber dergleichen Materien hatten, allemal mit der Versicherung beschloss, dass er nicht ermangeln werde, von so gutem Rat, Gebrauch zu machen; so wurde doch schwerlich jemals mit Ernst daran gedacht worden sein, wenn nicht ein kleiner physicalischer Umstand dazu gekommen ware, der den Vorstellungen des weisen Dion eine Starke gab, die nicht ihre eigene war.
Dionysius hatte, man weiss nicht aus welcher Veranlassung, seinem Hof, der an Glanz und verschwenderischer Uppigkeit es mit den Asiatischen aufnehmen konnte, ein Fest gegeben, welches, nach der Versicherung der Geschichtschreiber, drei Monate in einem fort daurte. Die ausschweifendeste Einbildungs-Kraft kann nicht weiter gehen, als auf der einen Seite, Pracht und Aufwand, und auf der andern Schwelgerei und asotische Freiheit an diesem langwierigen Bacchanal getrieben wurden; denn diesen Namen verdiente es um so mehr, weil, nachdem alle andre Erfindungen erschopft waren, die letzten Tage des dritten Monats, welche in die Weinlese fielen, zu einer Vorstellung des Triumphes des Bacchus und seiner ganzen poetischen Geschichte angewendet wurden. Dionys, der durch eine Anspielung auf seinen Namen den Bacchus machte, trieb die Nachahmung so weit uber das Original selbst, dass die Feder eines Aretin und der Griffel eines la Fage sich unvermogend hatten bekennen mussen, weiter zu gehen. Die Quellen der Natur wurden erschopft, und die unmachtige Begierde ihre Grenzen zu erweitern Doch, wir wollen kein Gemalde machen, das bei Gegenstanden dieser Art die Absicht, Abscheu zu erwecken, bei manchen verfehlen mochte. Genug dass Dionys mit den Silenen, Nymphen, Faunen und Satyren, seinen Gehulfen, die Tibere und Neronen der spatern Zeiten in die Unmoglichkeit setzte, etwas mehr als blosse Copisten von ihm zu sein. Wer sollte sich vorstellen, dass aus einer so schlammichten Quelle die heftigste Liebe der Philosophie, und eine Reformation, welche ganz Sicilien und Griechenland in Erstaunen setzte, habe entspringen konnen? Aber im Himmel und auf Erden sind eine Menge Dinge, wovon kein Wort in unserm Compendio steht- sagt der Shakespearische Hamlet zu seinem Schulfreunde, Horazio.
Das unbandigste Temperament kann auf die Weise, wie es Dionysius anging, endlich zu paaren getrieben werden. Unsre Bacchanten fanden sich von der Unmassigkeit, womit sie eine so lange Zeit den Gottern der Freude geopfert, und von der Wut womit sie ihre Orgya beschlossen hatten, so erschopft, dass sie genotiget waren, aufzuhoren. Insonderheit befand sich Dionys in einem Stande der Vernichtung, der ihm weder Hoffnung noch Begierden ubrig liess, jemals wieder eine solche Rolle zu spielen. Zum ersten mal seit dem berauschenden Augenblicke, da er sich im Besitz der Gewalt, allen seinen Leidenschaften den Zugel zu lassen sah, fuhlte er ein Leeres in sich, in welches er mit Grauen hineinschaute Zum ersten mal fuhlte er sich geneigt, Reflexionen zu machen, wenn er das Vermogen dazu gehabt hatte. Aber er erfuhr, mit einem lebhaften Unwillen uber sich selbst und alle diejenigen, welche ihn zu einem Tier zu machen geholfen hatten, dass er nichts in sich habe, das er dem Ekel vor allen Vergnugungen der Sinne, und der Langenweile, worin er sich verzehrte, entgegenstellen konnte. Alles was er indessen sehr lebhaft fuhlte, war dieses, dass er mitten unter lauter Gegenstanden, welche ihm seine scheinbare Grosse und Gluckseligkeit ankundigten, in dem Zustande worin er war, sich selbst gegen uber eine sehr elende Figur machte. Kurz, alle Fibern seines Wesens hatten nachgelassen er verfiel in eine Art von dummer Schwermut, aus welcher ihn alle seine Hoflinge nicht herauslachen, und alle seine Tanzerinnen nicht heraustanzen konnten.
In diesem klaglichen Zustande, den ihm die naturliche Ungeduld seines Temperaments unertraglich machte, warf er sich in die Arme des Dions, der sich wahrend der letzten drei Monate in ein entferntes Landgut zuruckgezogen hatte; horte seine Vorstellungen mit einer Aufmerksamkeit an, deren er sonst niemals fahig gewesen war; und ergriff mit Verlangen die Vorschlage, welche ihm dieser Weise tat, um so gross und gluckselig zu werden, als er izt in seinen eignen Augen verachtlich und elend war. Man kann sich also vorstellen, dass er nicht die mindeste Schwierigkeiten machte, den Plato unter allen Bedingungen, welche ihm sein Freund Dion nur immer anbieten wollte, an seinen Hof zu berufen; er, der in dem Zustande, worin er war, sich von dem ersten besten Priester der Cybele hatte uberreden lassen, mit Aufopferung der wertern Halfte seiner selbst in den Orden der Corybanten zu treten.
Dion wurde bei so starken Anscheinungen zu einer vollkommenen Sinnes-Anderung des Tyrannen von seiner Philosophie nicht wenig betrogen. Er schloss zwar sehr richtig, dass die Rasereien des letzten Festes Gelegenheit dazu gegeben hatten; aber darin irrte er sehr, dass er aus Vorurteilen, die einer Philosophie eigen sind, welche gewohnt ist die Seele, und was in ihr vorgeht, allzusehr von der Maschine in welche sie eingeflochten ist, abzusondern, nicht gewahr wurde, dass die guten Dispositionen des Dionys ganz allein von einem physicalischen Ekel vor den Gegenstanden, worin er bisher sein einziges Vergnugen gesucht hatte, herruhreten. Er hielt die naturlichen Folgen der Uberfullung fur Wurkungen der Uberzeugung, worin er nunmehr stehe, dass die Freuden der Sinne nicht glucklich machen konnen; er setzte voraus, dass eine Menge Sachen in seiner Seele vorgegangen seien, woran Dionysens Seele weder gedacht hatte, noch zu denken vermogend war; kurz, er beurteilte, wie wir fast immer zu tun pflegen, die Seele eines andern nach seiner Eigenen, und grundete auf diese Voraussetzung ein Gebaude von Hoffnungen, welches zu seinem grossen Erstaunen zusammenfiel, sobald Dionys wieder Nerven hatte.
Die Berufung des Plato war eine Sache, an welcher schon geraume Zeit gearbeitet worden war; allein er hatte grosse Schwierigkeiten gemacht, und wurde, ungeachtet des Zuspruchs seiner Freunde, der Pythagoraer in Italien, welche die Bitten Dions unterstutzten, auf seiner Verweigerung bestanden sein, wenn die erfreulichen Nachrichten, die ihm Dion von der glucklichen Gemuts-Verfassung des Tyrannen gab, und die dringenden Einladungen, die in desselben Namen an ihn ergingen, ihm nicht Hoffnung gegeben hatten, der Schutzgeist Siciliens, und vielleicht der Stifter einer neuen Republik nach dem Model derjenigen, die er uns in seinen Schriften hinterlassen hat, werden zu konnen.
Plato erschien also am Hofe zu Syracus mit aller Majestat eines Weisen, dem die Grosse seines Geistes ein Recht gibt, die Grossen der Welt fur etwas weniger als seines gleichen anzusehen. Denn ob es gleich damals noch keine Stoiker gab, so pflegten doch die Philosophen von Profession bereits sehr bescheidentlich zu verstehen zu geben, dass sie in ihren eigenen Augen, eine hohere Classe von Wesen ausmachten, als die ubrigen Erdenbewohner. Diesesmal hatte die Philosophie das Gluck eine Figur zu machen, deren Glanz dieser hohen Einbildung ihrer Gunstlinge gemass war. Plato wurde wie ein Gott aufgenommen, und wurkte durch seine blosse Gegenwart eine Veranderung, welche, in den Augen der erstaunten Syracusaner, nur ein Gott zu wurken machtig genug schien. In der Tat glich das Schauspiel welches sich demjenigen, der diesen Hof vor wenigen Wochen gesehen hatte, nunmehro darstellte, einem Werke der Zauberei Aber o! ccas hominum mentes! Wie naturlich geht auch das ausserordentlichste zu, sobald wir die wahren Triebrader davon kennen!
Der erste Schritt, welchen der gottliche Plato in den Palast des Dionysius tat, wurde durch ein feirliches Opfer, und die erste Stunde, worin sie sich mit einander besprachen, durch eine Reforme, welche sich sogleich uber den ganzen Hof ausbreitete, bezeichnet. In wenigen Tagen glaubte Plato selbst in seiner Academie zu Athen zu sein, so bescheiden und eingezogen sah alles in dem Hause des Prinzen aus. Die Asiatische Verschwendung machte auf einmal der philosophischen Einfalt Platz. Die Vorzimmer, welche vorher von schimmernden Gecken, und allen Arten lustigmachender Personen gewimmelt hatten, stellten izt academische Sale vor, wo man nichts als langbartige Weise sah, welche einzeln oder paarweise, mit gesenktem Haupt und gerunzelter Stirne, in sich selbst und in ihre Mantel eingehullt auf und ab schritten, bald alle zugleich, bald gar nichts, bald nur mit sich selbst sprachen, und wenn sie vielleicht am wenigsten dachten, eine so wichtige Mine machten, als ob der geringste unter ihnen mit nichts kleinerm umginge, als die beste Gesetzgebung zu erfinden, oder den Gestirnen einen regelmassigern Lauf anzuweisen. Die uppigen Bankette, bei denen Comus und Bacchus mit tyrannischem Scepter die ganze Nacht durch geherrschet hatten, verwandelten sich in Pythagorische Mahlzeiten, wo man sich bei einem Braten und Salat mit sinnreichen Gesprachen uber die erhabensten Gegenstande des menschlichen Verstandes, erlustigte; Statt frecher Pantomimen und wollustiger Floten liessen sich Hymnen zum Lob der Gotter und der Tugend horen; und den Gaum zum Reden anzufeuchten, trank man aus kleinen Socratischen Bechern Wasser mit Wein vermischt.
Dionys fasste eine Art von Leidenschaft fur den Philosophen; Plato musste immer um ihn sein, ihn aller Orten begleiten, zu allem seine Meinung sagen. Die begeisterte Imagination dieses sonderbaren Mannes, welche vermoge der naturlichen AnsteckungsKraft des Enthusiasmus sich auch seinen Zuhorern mitteilte, wurkte so machtig auf die Seele des Dionys, dass er ihn nie genug horen konnte; ganze Stunden wurden ihm kurzer, wenn Plato sprach, als ehemals in den Armen der kunsterfahrensten Buhlerin. Alles, was der Weise sagte, war so schon, so erhaben, so wunderbar! erhob den Geist so weit uber sich selbst warf Strahlen von so gottlichem Licht in das Dunkel der Seele! In der Tat konnte es nicht anderst sein, da die gemeinsten Ideen der Philosophie fur Dionysen den frischesten Reiz der Neuheit hatten. Und nehmen wir zu allem diesem noch, dass er das wenigste recht verstund (ob er gleich, wie viele andere seines gleichen, zu eitel war, es merken zu lassen) noch alles verstehen konnte, weil der begeisterte Plato sich wurklich zuweilen selbst nicht allzuwohl verstund; nehmen wir ferner die erstaunliche Gewalt, welche ein in schimmernde Bilder eingekleidetes Galimathias uber die Unwissenden zu haben pflegt; so werden wir begreifen, dass niemals etwas naturlichers gewesen, als der ausserordentliche Geschmack, welchen Dionys an dem Gott der Philosophen, (wie ihn Cicero nennt) gefunden; zumal da er noch uber dies ein hubscher und stattlicher Mann war, und sehr wohl zu leben wusste.
Ohne dass sich die Uberredungs-Kunst des gottlichen Plato, oder die Contagion der Philosophischen Schwarmerei darein mischte, teilte sich die plotzliche Wissens-Begierde des Dionys, so bald man sah, dass es Ernst war, eben so plotzlich allen seinen Hoflingen mit. Nicht, als ob ihnen viel daran gelegen gewesen ware, ihre kleinen Affen-Seelen nach dem gottlichen Modell der Ideen umzubilden, oder als ob sie sich darum bekummert hatten, was in den uberhimmlischen Raumen zu sehen sei; aber sie taten doch dergleichen; der Ton der Philosophie war nun einmal Mode; man musste Metaphysik in geometrischen Ausdrucken reden, um sich dem Fursten angenehm zu machen. Man trug also am ganzen Hofe keine andre als philosophische Mantel; alle Sale des Palasts waren, nach Art der Gymnasien mit Sand bestreut, um mit allen den Dreiecken, Vierecken, Pyramiden, Achtecken und Zwanzigecken uberschrieben zu werden, aus welchen Plato seinen Gott diese schone runde Welt zusammenleimen lasst; alle Leute, bis auf die Koche, sprachen Philosophie, hatten ihr Gesicht in irgend eine geometrische Figur verzogen, und disputierten uber die Materie und die Form, uber das was ist und was nicht ist, uber die beiden Enden des Guten und Bosen, und uber die beste Republik. Alles dieses machte freilich ein ziemlich seltsames Aussehen, und konnte den Verdacht erwecken, als ob Plato an dem Syracusischen Hofe eher die Rolle eines aufgeblasenen Pedanten unter einem Haufen unbartiger Scholaren gespielt habe, als eines weisen Mannes, der sich einen grossen Zweck vorgesetzt hat, und die Mittel dazu, nach den Umstanden des Orts, der Zeit und der Personen, kluglich zu bestimmen weiss. Aber man wurde sich irren. Er hatte an den lacherlichen Ausschweifungen der Hofleute wenig Anteil; ob er gleich ganz gern sah, dass diese unnutze Hummeln, welche er nicht auf einmal austreiben konnte, auf solche Spielwerke verfielen, die doch immer als eine Art von Vorubungen angesehen werden konnten, wodurch sie unvermerkt von ihren vorigen Gewohnheiten abgezogen, und durch den Geschmack an Wissenschaft zu der allgemeinen Verbesserung, welche er zu bewurken hoffte, vorbereitet wurden. Allein seine eigene hauptsachlichsten Bemuhungen bezogen sich unmittelbar auf den Dionysius selbst; und indem er ihn durch die Reizungen seines Umgangs und seiner Beredsamkeit zu humanisieren, und an sich zu gewohnen suchte, trachtete er, ohne es allzudeutlich zu erkennen zu geben, dahin, ihm die Verachtung seines vorigen Zustandes, die Liebe der Tugend, Begierden nach ruhmwurdigen Taten; kurz, solche Gesinnungen einzuflossen, welche ihn durch unmerkliche Grade von sich selbst auf die Gedanken bringen wurden, ein unrechtmassiges Diadem von sich zu werfen, und sich an der Ehre, der erste unter seines gleichen zu sein, genugen zu lassen. Die Anscheinungen liessen ihn den vollkommensten Success hoffen. Dionys schien in wenigen Tagen nicht mehr der vorige Mann. Seine Wissens-Begierde, seine Gelehrigkeit gegen die Rate des Philosophen, das Sanfte und Ruhige in seinem ganzen Betragen ubertraf alles, was sich Dion von ihm versprochen hatte. Ganz Syracus empfand sogleich die Wurkungen dieser glucklichen Veranderung. Er ging mit einer unglaublichen Behendigkeit von dem hochsten Grade des tyrannischen Ubermuts zu der Popularitat eines Atheniensischen Archonten uber; setzte alle Tage einige Stunden aus, um jedermann mit einnehmender Leutseligkeit anzuhoren, nannte sie Mitburger, wunschte sie alle glucklich machen zu konnen; machte wurklich den Anfang, verschiedene gute Anordnungen zu veranstalten, und erweckte durch so viele gunstige Vorzeichen die allgemeine Erwartung einer gluckseligen Revolution, welche nun auf einmal der Gegenstand aller Wunsche, und der Inhalt aller Gesprache unter dem Volke wurde.
Es konnte genug sein, gegen diejenige, die eine so grosse und schnelle Verwandlung eines Prinzen, den wir fur ein kleines Ungeheuer von Lastern und Ausschweifungen gegeben haben, unglaublich vorkommen mochte, uns auf die einhellige Aussage der Geschichtschreiber zu berufen; aber wir konnen noch mehr tun; es ist leicht, die Moglichkeit und Wahrscheinlichkeit derselben begreiflich zu machen. Aufmerksame Leser, welche einige Kenntnis des menschlichen Herzens haben, werden die Grunde hierzu in unsrer bisherigen Erzahlung schon von selbsten entdeckt haben. In einem Gemuts-Zustande, worin die Leidenschaften schweigen, wo uns vor den Ergotzungen der Sinne ekelt, und der Mangel an angenehmen Eindrucken uns in einen beschwerlichen Mittelstand zwischen Sein und Nichtsein versenkt in einem solchen Zustande, ist die Seele begierig, einen jeden Gegenstand zu umfassen, der sie aus diesem unleidlichen Stillstand ihrer Krafte ziehen kann, und also am besten aufgelegt, den Reiz sittlicher und intellectualischer Schonheiten zu empfinden. Allerdings wurde ein trockner Zergliederer metaphysischer Begriffe sich nicht dazu geschickt haben, solche Gegenstande fur einen Menschen zu zurichten, der zu einer scharfen Aufmerksamkeit eben so ungeduldig als unvermogend war. Allein die Beredsamkeit des Homers der Philosophen wusste sie auf eine so reizende Art fur die Einbildungs-Kraft zu vercorpern, wusste die Leidenschaften und innersten Triebe des Herzens so geschickt fur sie ins Spiel zu setzen, dass sie nicht anders als gefallen und ruhren konnten. Hiezu kam noch die Jugend des Tyrannen, welche seine noch nicht verhartete Seele neuer Eindrucke fahig machte. Warum sollte es also nicht moglich gewesen sein, ihm unter solchen Umstanden auf etliche Wochen die Liebe der Tugend einzuflossen, da hiezu weiter nichts notig war, als seinen Neigungen unvermerkt andre Gegenstande an die Stelle derjenigen, deren er uberdrussig war, zu unterschieben Denn in der Tat war seine Bekehrung nichts anders, als dass er nunmehr, anstatt irgend einer Wollustatmenden Nymphe, ein schones Phantom der Tugend umarmte, und statt in Syracusischem Weine sich in platonischen Ideen berauschte und dass eben diese Eitelkeit, welche ihn vor weniger Zeit angetrieben hatte, mit dem Bacchus und einer andern Gottheit, welche wir nicht nennen durfen, in die Wette zu eifern, sich izt durch die Vorstellung kitzelte, als Regent und Gesetzgeber den Glanz der beruhmtesten Manner vor ihm zu verdunkeln, die Augen der Welt auf sich zu heften, sich von allen bewundert, und von den Weisen selbst vergottert zu sehen.
Dass dieses Urteil von der Bekehrung des Dionys richtig sei, hat sich in der Folge wurklich bewiesen; und man hatte, deucht uns, ohne die Gabe der Divination zu besitzen, voraussehen konnen, dass eine so plotzliche Veranderung keinen Bestand haben werde. Aber wie sollten die in einer grossen Angelegenheit verwickelten Personen fahig sein, so gelassen und uneingenommen davon zu urteilen, wie entfernte Zuschauer, welche das Ganze bereits vor sich liegen haben, und bei einer kalten Untersuchung des Zusammenhangs aller Umstande sehr leicht mit vieler Zuverlassigkeit beweisen konnen, dass es nicht anders habe gehen konnen, als wie sie wissen, dass es gegangen ist? Plato selbst liess sich von den Anscheinungen betrugen, weil sie seinen Wunschen gemass waren, und ihm zu beweisen schienen, wieviel er vermoge. Die voreilige Freude uber einen Success, dessen er sich schon versichert hielt, liess ihm nicht zu, sich alle die Hindernisse, die seine Bemuhungen vereiteln konnten, in der gehorigen Starke vorzustellen, und in Zeiten darauf bedacht zu sein, wie er ihnen zuvorkommen mochte. Gewohnt in den ruhigen Spaziergangen seiner Academie unter gelehrigen Schulern idealische Republiken zu bauen, hielt er die Rolle, die er an dem Hofe zu Syracus zu spielen ubernommen hatte, fur leichter als sie in der Tat war. Er schloss immer richtig aus seinen Pramissen; aber seine Pramissen setzten immer mehr voraus, als war; und er bewies durch sein Exempel, dass keine Leute mehr durch den Schein der Dinge hintergangen werden, als eben diejenige welche ihr ganzes Leben damit zubringen, inter Sylvas Academi dem was wahrhaftig ist nachzuspahen. In der Tat hat man zu allen Zeiten gesehen, dass es den speculativen Geistern nicht gegluckt hat, wenn sie sich aus ihrer philosophischen Sphare heraus und auf irgend einen grossen Schauplatz des wurksamen Lebens gewaget haben. Und wie hatte es anders sein konnen, da sie gewohnt waren, in ihren Utopien und Atlantiden zuerst die Gesetzgebung zu erfinden, und erst wenn sie damit fertig waren, sich so genannte Menschen zu schnitzeln, welche eben so richtig nach diesen Gesetzen handeln mussten, wie ein Uhrwerk durch den innerlichen Zwang seines Mechanismus die Bewegungen macht, welche der Kunstler haben will. Es war leicht genug zu sehen (und doch sahen es diese Herren nicht) dass es in der wurklichen Welt gerade umgekehrt ist. Die Menschen in derselben sind nun einmal wie sie sind; und der grosse Punct ist, diejenige die man vor sich hat, nach allen Umstanden und Verhaltnissen so lange zu studieren, bis man so genau als moglich weiss, wie sie sind. Sobald ihr das wisst, so geben sich die Regeln, wornach ihr sie behandeln musst, wenn ihr euern Zweck erhalten wollt, von sich selbst; dann ist es Zeit moralische Projecte zu machen aber wenn, ihr grossen Lichter unsers alleraufgeklartesten Jahrhunderts, wenn glaubt ihr, dass diese Zeit fur das Menschen-Geschlecht kommen werde?
Viertes Capitel
Philistus und Timocrates
Wahrend, dass die Philosophie und die Tugend durch die Beredsamkeit eines einzigen Mannes eine so ausserordentliche Veranderung der Scene an dem Hofe zu Syracus hervorbrachte, waren die ehmaligen Vertrauten des Dionysius sehr weit davon entfernt, die Vorteile, welche sie von der vorigen Denkungs Prinzen gezogen hatten, so willig hinzugeben, als man es aus ihrem ausserlichen Bezeugen hatte schliessen sollen. Als schlaue Hoflinge wussten sie zwar ihren Unmut uber die sonderbare Gunst, worin Plato bei demselben stund, sehr kunstlich zu verbergen. Gewohnt sich nach dem Geschmacke des Prinzen zu modeln, und alle Gestalten anzunehmen, unter welchen sie ihm gefallen oder zu ihren geheimen Absichten am besten gelangen konnten, hatten sie, so bald sie die neue Laune ihres Herrn gewahr werden waren, die ganze Aussenseite des philosophischen Enthusiasmus mit eben der Leichtigkeit angenommen, womit sie eine Maskeraden-Kleidung angezogen hatten. Sie waren die ersten, die dem ubrigen Hofe hierin mit ihrem Beispiel vorgingen; sie verdoppelten ihre Aufwartung bei dem Prinzen Dion, dessen Ansehen seit Platons Ankunft ungemein gestiegen war; sie waren die erklarten Bewunderer des Philosophen; sie lachelten ihm Beifall entgegen, so bald er nur den Mund auftat; alle seine Vorschlage und Massnehmungen waren bewundernswurdig; sie wussten nichts daran auszusetzen, oder wenn sie ja Einwurfe machten, so war es nur um sich belehren zu lassen, und auf die erste Antwort sich seiner hohern Weisheit uberwunden zu gehen. Sie suchten seine Freundschaft so gar mit einem Eifer, woruber sie den Fursten selbst zu vernachlassigen schienen; und besonders liessen sie sich sehr angelegen sein, die Vorurteile zu zerstreuen, die man von der vorigen Staats-Verwaltung wider sie gefasst haben konnte. Durch diese Kunstgriffe erreichten sie zwar die Absicht, den weisen Plato sicher zu machen, nicht so vollkommen, dass er nicht immer einiges gerechtes Misstrauen in die Aufrichtigkeit ihres Bezeugens gesetzt hatte; er beobachtete sie genau; allein da sie gar nicht zweifelten, dass er es tun wurde, so war es ihnen leicht davor zu sein, dass er mit aller seiner Scharfsichtigkeit nichts sah. Sie vermieden alles, was ihrem Betragen einen Schein von Zuruckhaltung, Zweideutigkeit und Geheimnis hatte geben konnen, und nahmen ein so naturliches und einfaches Wesen an, dass man entweder ihres gleichen sein, oder betrogen werden musste. Diese schone Kunst ist eine von denen, in welchen nur den Hofleuten gegeben ist, Meister zu sein. Man konnte die Tugend selbst herausfordern, in einem hohern Grad und mit besserm Anstand Tugend zu scheinen, als diese Leute es in ihrer Gewalt haben, so bald es ein Mittel zu ihren Absichten werden kann, die eigenste Mine, Farbe, und ausserliche Grazie derselben an sich zu nehmen.
Was wir hier sagen, versteht sich insonderheit von zweenen, welche bei dieser Veranderung des Tyrannen am meisten zu verlieren hatten. Philistus war bisher der vertrauteste unter seinen Ministern, und Timocrates sein Liebling gewesen. Beide hatten sich mit einer Eintracht, welche ihrer Klugheit Ehre machte, in sein Herz, in die hochste Gewalt, wozu er nur seinen Namen hergab, und in einen betrachtlichen Teil seiner Einkunfte geteilt. Izt zog die gemeinschaftliche Gefahr das Band ihrer Freundschaft noch enger zusammen. Sie entdeckten einander ihre Besorgnisse, ihre Bemerkungen, ihre Anschlage; sie redeten die Massregeln mit einander ab, die in so critischen Umstanden genommen werden mussten; und gingen, weil sie die schwache Seite des Tyrannen besser kannten, als irgend ein andrer, mit so vieler Schlauheit zu Werke, dass es ihnen nach und nach gluckte, ihn gegen Platon und Dion einzunehmen, ohne dass er merkte, dass sie diese Absicht hatten.
Wir haben schon bemerkt, dass die Syracusaner, vermoge einer Eigenschaft, welche aller Orten das Volk characterisiert, der Hoffnung durch Vermittlung des Platon ihre alte Freiheit wieder zu erlangen, mit einer so voreiligen Freude sich uberliessen, dass die bevorstehende Staats-Veranderung der Inhalt aller Gesprache wurde. In der Tat ging die Absicht Dions bei Berufung seines Freundes auf nichts geringers. Beide waren gleich erklarte Feinde der Tyrannie und der Democratie; von denen sie (mit welchem Grunde, wollen wir hier nicht entscheiden) davorhielten, dass sie unter verschiedenen Gestalten, und durch verschiedene Wege, am Ende in einem Puncte, namlich in Mangel der Ordnung und Sicherheit, Unterdruckung und Sclaverei zusammenliefen. Beide waren fur diejenige Art der Aristocratie, worin das Volk zwar vor aller Unterdruckung hinlanglich sicher gestellt, folglich die Gewalt der Edeln, oder wie man bei den Griechen sagte, der Besten, durch unzerbrechliche Ketten gefesselt ist; hingegen die eigentliche Staats-Verwaltung nur bei einer kleinen Anzahl liegt, welche eine genaue Rechenschaft abzulegen verwunden sind. Es war also wurklich ihr Vorhaben, die Tyrannie, oder was man zu unsern Zeiten eine uneingeschrankte Monarchie nennt, aus dem ganzen Sicilien zu verbannen, und die Verfassung dieser Insel in die vorbemeldte Form zu giessen. Dem Dionys zu gefallen, oder vielmehr, weil nach Platons Meinung die vollkommenste StaatsForm eine Zusammensetzung aus der Monarchie, Aristocratie und Democratie sein musste, wollten sie ihrer neuen Republik zwei Konige geben, welche in derselben eben das vorstellen sollten was die Konige in Sparta; und Dionys sollte einer von denselben sein. Dieses waren ungefahr die Grundlinien ihres Entwurfs. Sie liessen keine Gelegenheit vorbei, dem Prinzen die Vorteile einer gesetzmassigen Regierung anzupreisen; aber sie waren zu klug, von einer so delicaten Sache, als die Einfuhrung einer republicanischen Verfassung war, vor der Zeit zu reden, und den Tyrannen, eh ihn Plato vollkommen zahm und bildsam gemacht haben wurde, durch eine unzeitige Entdeckung ihrer Absichten in seine naturliche Wildheit wieder hineinzuschrecken.
Unglucklicher Weise war das Volk so vieler Massigung nicht fahig, und dachte auch ganz anders uber den Gebrauch, den es von seiner Freiheit machen wollte. Ein jeder hatte dabei eine gewisse Absicht, die er noch bei sich behielt, und die gerade zu auf irgend einen Privat-Vorteil ging. Jeder hielt sich fur mehr als fahig, dem gemeinen Wesen gerade in dem Posten zu dienen, wozu er die wenigste Fahigkeit hatte, oder hatte sonst seine kleine Forderungen zu machen, welche er schlechterdings bewilliget haben wollte. Die Syracusaner verlangten also eine Democratie; und da sie sich ganz nahe bei dem Ziel ihrer Wunsche glaubten, so sprachen sie laut genug davon, dass Philistus und seine Freunde Gelegenheit bekamen, den Tyrannen aus seinem angenehmen Platonischen Enthusiasmus zu sich selbst zuruckzurufen.
Das erste was sie taten, war, dass sie ihm die Gesinnungen des Volkes, und die zwar von aussen noch nicht merklich in die Augen fallende, aber innerlich desto starker garende Bewegung desselben mit sehr lebhaften Farben, und mit ziemlicher Vergrosserung der Umstande vormalten. Sie taten dieses mit vieler Vorsichtigkeit, in gelegenen Augenblicken, nach und nach, und auf eine solche Art, dass es dem Dionys scheinen musste, als ob ihm endlich die Augen von selbst aufgingen; und dabei versaumten sie keine Gelegenheit, den Plato und den Prinzen Dion bis in die Wolken zu erheben; und besonders in Ausdrucken, welche von der schlauesten Bosheit ausgewahlt wurden, von der ausserordentlichen Hochachtung zu sprechen, worein sie sich bei dem Volke setzten. Um den Tyrannen desto aufmerksamer zu machen, wussten sie es durch tausend geheime Wege, wobei sie selbst nicht zum Vorschein kamen, dahin einzuleiten, dass haufige und zahlreiche Privat-Versammlungen in der Stadt angestellt wurden, wozu Dion und Plato selbst, oder doch immer jemand von den besondern Vertrauten des einen oder des andern eingeladen wurde. Diese Versammlungen waren zwar nur auf Gastmahler und freundschaftliche Ergotzungen angesehen; aber sie gaben doch dem Philistus und seinen Freunden Gelegenheit mit einer Art davon zu reden, wodurch sie den Schein politischer Zusammenkunfte bekamen; und das war alles was sie wollten.
Durch diese und andre dergleichen Kunstgriffe gelang es ihnen endlich, dem Dionys Argwohn beizubringen. Er fing an, in die Aufrichtigkeit seines neuen Freundes ein desto grosseres Misstrauen zu setzen, da er uber das besondere Verstandnis, welches er zwischen ihm und dem Dion wahrnahm, eifersuchtig war; und damit er desto balder ins Klare kommen mochte, hielt er fur das Sicherste, den seit einiger Zeit vernachlassigten Timocrates wieder an sich zu ziehen; und so bald er sich versichert hatte, dass er, wie vormals auf seine Ergebenheit zahlen konne ihm seine Wahrnehmungen und geheime Besorgnisse zu entdekken. Der schlaue Gunstling stellte sich anfangs, als ob er nicht glauben konne, dass die Syracusaner im Ernste mit einem solchen Vorhaben umgehen sollten; wenigstens (sagte er mit der ehrlichsten Mine von der Welt) konne er sich nicht vorstellen, dass Plato und Dion den mindesten Anteil daran haben sollten; ob er gleich gestehen musste, dass seit dem der erste sich am Hofe befinde, die Syracusaner von einem seltsamen Geiste beseelt wurden, und zu den ausschweifenden Einbildungen, welche sie sich zu machen schienen, vielleicht durch das ausserordentliche Ansehen verleitet wurden, worin dieser Philosoph bei dem Prinzen stehe: Es sei nicht unmoglich, dass die Republicanisch-Gesinnte sich Hoffnung machten, Gelegenheit zu finden, indessen, dass der Hof die Gestalt der Academie gewanne, dem Staat unvermerkt die Gestalt einer Democratie zu geben; indessen musse er gestehen, dass er nicht Vertrauen genug in seine eigene Einsicht setze, seinem Herrn und Freunde in so delicaten Umstanden einen sichern Rat zu geben; und Philistus, dessen Treue dem Prinzen langst bekannt sei, wurde durch seine Erfahrenheit in Staats-Geschaften unendlichmal geschickter sein, einer Sache von dieser Art auf den Grund zu sehen.
Dionysius hatte so wenig Lust sich einer Gewalt zu begeben, deren Wert er nach Proportion, dass seine Fibern wieder elastischer wurden, von Tag zu Tag wieder starker zu empfinden begann; dass die Einstreuungen seines Gunstlings ihre ganze Wurkung taten. Er gab ihm auf, mit aller notigen Vorsichtigkeit, damit niemand nichts davon gewahr werden konnte, den Philistus noch in dieser Nacht in sein Cabinet zu fuhren, um sich uber diese Dinge besprechen, und die Gedanken desselben vernehmen zu konnen. Es geschah; Philistus vollendete was Timocrat angefangen hatte. Er entdeckte dem Prinzen alles was er beobachtet zu haben vorgab, und sagte gerade so viel, als notig war, um ihn in den Gedanken zu bestarken, dass ein geheimes Complot zu einer Staats-Veranderung im Werke sei, welches zwar vermutlich noch nicht zu seiner Reife gekommen, aber doch so beschaffen sei, dass es Aufmerksamkeit verdiene. Und wer kann der Urheber und das Haupt eines solchen Complots sein, fragte Dionys? Hier stellte sich Philistus verlegen er hoffe nicht, dass es schon so weit gekommen sei Dion bezeuge so gute Gesinnungen fur den Prinzen Rede aufrichtig, wie du denkst, fiel ihm Dionys ein; was haltst du von diesem Dion? Aber keine Complimenten, denn du brauchst mich nicht daran zu erinnern, dass er meiner Schwester Mann ist; ich weiss es nur zu wohl Aber ich traue ihm nicht desto besser er ist ehrgeizig "Das ist er" immer finster, zuruckhaltend, in sich selbst eingeschlossen In der Tat, so ist er, nahm Philist das Wort, und wer ihn genau beobachtete, ohne vorhin eine bessere Meinung von ihm gefasst zu haben, wurde sich des Argwohns kaum erwehren konnen, dass er missvergnugt sei, und an Gedanken in sich selbst arbeite, die er nicht fur gut befinde, andern mitzuteilen Glaubst du das, Philistus? fiel Dionys ein; so hab' ich immer von ihm gedacht; wenn Syracus unruhig ist, und mit Neuerungen umgeht, so darfst du versichert sein, dass Dion die Triebfeder von allem ist wir mussen ihn genauer beobachten Wenigstens ist es sonderbar, fuhr Philistus fort, dass er seit einiger Zeit, sich eine Angelegenheit davon zu machen scheint, sich der Freundschaft der angesehensten Burger zu versichern (Hier fuhrte er einige Umstande an, welche, durch die Wendung die er ihnen gab, seine Wahrnehmung bestatigen konnten.) Wenn ein Mann von solcher Wichtigkeit, wie Dion, sich herablasst eine Popularitat zu affectieren, die so ganzlich wider seinen Character ist, so kann man glauben, dass er Absichten hat und wenn Dion Absichten hat, so gehen sie gewiss auf keine Kleinigkeiten Was es aber auch sein mag, so bin ich gewiss, setzte er hinzu, dass Platon, ungeachtet der engen Freundschaft, die zwischen ihnen obwaltet, zu tugendhaft ist, um an heimlichen Anschlagen gegen einen Prinzen, der ihn mit Ehren und Wohltaten uberhauft, Teil zu nehmen Wenn ich dir sagen soll was ich denke, Philistus, so glaub' ich, dass diese Philosophen, von denen man so viel Wesens macht, eine ganz unschuldige Art von Leuten sind; in der Tat, ich sehe nicht, dass an ihrer Philosophie so viel gefahrliches sein sollte, als die Leute sich einbilden; ich liebe, zum Exempel, diesen Platon, weil er angenehm im Umgang ist; er hat sich seltsame Dinge in den Kopf gesetzt, man konnte sichs nicht schnakischer traumen lassen, aber eben das belustiget mich; und bei alle dem muss man ihm den Vorzug lassen, dass er gut spricht; es hort sich ihm recht angenehm zu, wenn er euch von der Insel Atlantis, und von den Sachen in der andern Welt eben so umstandlich und zuversichtlich spricht, als ob er mit dem nachsten Marktschiffe aus dem Mond angekommen ware (hier lachten die beiden Vertrauten, als ob sie nicht aufhoren konnten, uber einen so sinnreichen Einfall, und Dionys lachte mit) ihr mocht lachen so lang ihr wollt, fuhr er fort; aber meinen Plato sollt ihr mir gelten lassen; er ist der gutherzigste Mensch von der Welt, und wenn man seine Philosophie, seinen Bart und seine hieroglyphische Physionomie zusammennimmt, so muss man gestehen, dass alles zusammen eine Art von Leuten macht, womit man sich, in Ermanglung eines bessern, die Zeit vertreiben kann (o gottlicher Platon! du, der du dir einbildetest, das Herz dieses Prinzen in deiner Hand zu haben, du der sich das grosse Werk zutraute, einen Weisen und tugendhaften Mann aus ihm zu machen warum standest du nicht in diesem Augenblick hinter einer Tapete, und hortest diese schmeichelhafte Apologie, wodurch er den Geschmack, den er an dir fand, in den Augen seiner Hoflinge zu rechtfertigen suchte!) In der Tat, sagte Timocrates, die Musen konnen nicht angenehmer reden als Plato; ich wisste nicht, was er einen nicht uberreden konnte, wenn er sichs in den Kopf gesetzt hatte Du willst vielleicht scherzen, fiel ihm der Prinz ein; aber ich versichre dich, es hat wenig gefehlt, dass er mich letzthin nicht auf den Einfall gebracht hatte, Sicilien dahinten zu lassen, und eine philosophische Reise nach Memphis und zu den Pyramiden und Gymnosophisten anzustellen, die seiner Beschreibung nach eine seltsame Art von Creaturen sein mussen wenn ihre Weiber so schon sind, wie er sagt, so mag es keine schlimme Partie sein, den Tanz der Spharen mit ihnen zu tanzen; denn sie leben in dem Stand der vollkommen schonen Natur, und treten dir, allein mit ihren eigentumlichen Reizungen geschmuckt, das ist, nackender als die Meer-Nymphen, mit einer so triumphierenden Mine unter die Augen, als die schonste Syracusanerin in ihrem reichesten Fest-Tags-Putz. Dionys war, wie man sieht, in einem Humor, der den erhabenen Absichten seines Hof-Philosophen nicht sehr gunstig war; Timocrates merkte sichs, und baute in dem namlichen Augenblick ein kleines Project auf diese gute Disposition, wovon er sich eine besondere Wurkung versprach. Aber der weiter sehende Philistus fand nicht fur gut, seinen Herrn in dieser leichtsinnigen Laune fortsprudeln zu lassen. Er nahm das Wort wieder: Ihr scherzet, sprach er, uber die Wurkungen der Beredsamkeit Platons; es ist nur allzugewiss, dass er in dieser Kunst seines gleichen nicht hat; aber eben dieses wurde mir keine kleine Sorgen machen, wenn er weniger ein rechtschaffner Mann ware, als ich glaube dass er ist. Die Macht der Beredsamkeit ubertrifft alle andre Macht; sie ist fahig funfzigtausend Arme nach dem Gefallen eines einzigen wehrlosen Mannes in Bewegung zu setzen, oder zu entnerven. Wenn Dion, wie es scheint, irgend ein gefahrliches Vorhaben brutete, und Mittel fande, diesen uberredenden Sophisten auf seine Seite zu bringen, so besorg ich, Dionysius konnte das Vergnugen seiner sinnreichen Unterhaltung teuer bezahlen mussen. Man weiss was die Beredsamkeit zu Athen vermag, und es fehlt den Syracusanern nichts als ein paar solche Wortkunstler, die ihnen den Kopf mit Figuren und lebhaften Bildern warm machen, so werden sie Athenienser sein wollen, und der Erste Beste, der sich an ihre Spitze stellt, wird aus ihnen machen konnen was er will.
Philistus sah, dass sein Herr bei diesen Worten auf einmal tiefsinnig wurde; er schloss daraus, dass etwas in seinem Gemut arbeitete, und hielt also inn; was fur ein Tor ich war, rief Dionys aus, nachdem er eine Weile mit gesenktem Kopf zu staunen geschienen hatte. Das war wohl der Genius meines guten Glucks, der mir eingab, dass ich dich diesen Abend zu mir rufen lassen sollte. Die Augen gehen mir auf einmal auf Wozu mich diese Leute mit ihren Dreiecken und Schlussreden nicht gebracht hatten? Kannst du dir wohl einbilden, dass mich dieser Plato mit seinem sussen Geschwatze beinahe uberredet hatte, meine fremden Truppen, und meine Leibwache nach Hause zu schicken? Ha! nun seh ich wohin alle diese schonen Vergleichungen mit einem Vater im Schosse seiner Familie, und mit einem Saugling an der Brust seiner Amme, und was weiss ich, mit was noch mehr, abgesehen waren! Die Verrater wollten mich durch diese sussen Wiegenliedchen erst einschlafern, hernach entwaffnen, und zuletzt wenn sie mich mit ihren gebenedeiten Maximen so fest umwunden hatten, dass ich weder Arme noch Beine nach meinem Gefallen hatte ruhren konnen, mich in ganzem Ernst, zu ihrem Wikkelkind, zu ihrer Puppe, und wozu es ihnen eingefallen ware, gemacht haben! Aber sie sollen mir die Erfindung bezahlen! Ich will diesem verratrischen Dion bist du toricht genug, Philistus, und bildest dir ein, dass er sich nur im Traum einfallen lasse, diese Spiessburger von Syracus in Freiheit zu setzen? Regieren will er, Philistus; das will er, und darum hat er diesen Plato an meinen Hof kommen lassen, der mir, indessen dass er das Volk zur Emporung reizen, und sich einen Anhang machen wollte, so lange und so viel von Gerechtigkeit, und Wohltun, und goldnen Zeiten, und vaterlichem Regiment, und was weiss ich von was fur Salbadereien vorschwatzen sollte, bis ich mich uberreden liesse, meine Galeeren zu entwaffnen, meine Trabanten zu entlassen, und mich am Ende in Begleitung eines von diesen zottelbartigen Knaben, die der Sophist mit sich gebracht hat, als einen Neuangeworbenen nach Athen in die Academie schicken zu lassen, um unter einem Schwarm junger Gecken daruber zu disputieren, ob Dionysius recht oder unrecht daran getan habe, dass er sich in einer so armseligen Mausfalle habe fangen lassen Aber ists moglich, fragte Philistus mit angenommener Verwunderung, dass Plato den sinnlosen Einfall haben konnte, meinem Prinzen solche Rate zu geben? Es ist moglich, weil ich dir sage, dass ers getan hat. Ich habe selbst Muhe zu begreifen, wie ich mich von diesem Schwatzer so bezaubern lassen konnte Das soll sich Dionys nicht verdriessen lassen, erwiderte der gefallige Philistus; Plato ist in der Tat ein grosser Mann in seiner Art; ein vortrefflicher Mann, wenn es darauf ankommt, den Entwurf zu einer Welt zu machen, oder zu beweisen, dass der Schnee nicht wurklich weiss ist; aber seine Regierungs-Maximen sind, wie es scheint, ein wenig unsicher in der Ausubung. In der Tat, das wurde den Atheniensern was zu reden gegeben haben, und es ware wahrlich kein kleiner Triumph fur die Philosophie gewesen, wenn ein einziger Sophist, ohne Schwertschlag, durch die blosse Zauberkraft seiner Worte zu Stande gebracht hatte, was die Athenienser mit grossen Flotten und Kriegs-Heeren vergeblich unternommen haben Es ist mir unertraglich nur daran zu denken, sagte Dionys, was fur eine einfaltige Figur ich ein paar Wochen lang unter diesen Grillenfangern gemacht habe; hab ich dem Dion nicht selbst Gelegenheit gegeben, mich zu verachten? Was mussten sie von mir denken, da sie mich so willig und gelehrig fanden? Aber sie sollen in kurzem sehen, dass sie sich mit aller ihrer Wissenschaft der geheimnisvollen Zahlen gewaltig uberrechnet haben. Es ist Zeit, der Comodie ein Ende zu machen Um Vergebung, mein Gebietender Herr, fiel ihm Philistus hier ins Wort; die Rede ist noch von blossen Vermutungen; vielleicht ist Plato, ungeachtet seines nicht allzuwohl uberlegten Rats, unschuldig; vielleicht ist es so gar Dion; wenigstens haben wir noch keine Beweise gegen sie. Sie haben Bewunderer und Freunde zu Syracus, das Volk ist ihnen geneigt, und es mochte gefahrlich sein, sie durch einen ubereilten Schritt in die Notwendigkeit zu setzen, sich diesem Freiheit-traumenden Pobel in die Arme zu werfen. Lasset sie noch eine Zeitlang in dem an genehmen Wahn, dass sie den Dionysius gefangen haben. Gebet ihnen, durch ein kunstlich verstelltes Zutrauen Gelegenheit, ihre Gesinnungen deutlicher herauszulassen Wie, wenn Dionysius sich stellte, als ob er Lust hatte die Monarchie aufzugeben, und als ob ihn kein andres Bedenken davon zuruckhielte, als die Ungewissheit, welche Regierungs-Form Sicilien am glucklichsten machen konnte. Eine solche Eroffnung wird sie notigen, sich selbst zu verraten; und indessen, dass wir sie mit academischen Fragen und Entwurfen aufhalten, werden sich Gelegenheiten finden, den regiersuchtigen Dion in Gesellschaft seines Ratgebers mit guter Art eine Reise nach Athen machen zu lassen, wo sie in ungestorter Musse Republiken anlegen, und ihnen, wenn sie wollen, alle Tage eine andre Form geben mogen.
Dionys war von Natur hitzig und ungestum; eine jede Vorstellung, von der seine Einbildung getroffen wurde, beherrschte ihn so sehr, dass er sich dem mechanischen Trieb, den sie in ihm hervorbrachte, ganzlich uberliess; aber wer ihn so genau kannte als Philistus, hatte wenig Muhe, seinen Bewegungen oft durch ein einziges Wort, eine andere Richtung zu geben. In dem ersten Anstoss seiner unbesonnenen Hitze waren die gewaltsamsten Massnehmungen, die ersten, auf die er fiel: Aber man brauchte ihm nur den Schatten einer Gefahr dabei zu zeigen, so legte sich die auffahrende Lohe wieder; und er liess sich eben so schnell uberreden, die sichersten Mittel zu erwahlen, wenn sie gleich die niedertrachtigsten waren.
Nachdem wir die wahre Triebfeder seiner vermeinten Sinnes-Anderung oben bereits entdeckt haben, wird sich niemand verwundern, dass er von dem Augenblick an, da sich seine Leidenschaften wieder regten, in seinen naturlichen Zustand zurucksank. Was man bei ihm fur Liebe der Tugend angesehen, was er selbst dafur gehalten hatte, war das Werk zufalliger und mechanischer Ursachen gewesen; dass er ihr zu lieb seinen Neigungen die mindeste Gewalt hatte tun sollen, so weit ging sein Enthusiasmus fur sie nicht. Die ungebundene Freiheit worin er vormals gelebt hatte, stellte sich ihm wieder mit den lebhaftesten Reizungen dar; und nun sah er den Plato fur einen verdriesslichen Hofmeister an, und verwunschte die Schwachheit, die er gehabt hatte, sich so sehr von ihm einnehmen, und in eine Gestalt, die seiner eigenen so wenig ahnlich sah, umbilden zu lassen. Er fuhlte nur allzuwohl, dass er sich selbst eine Art von Verbindlichkeit aufgelegt hatte, in den Gesinnungen zu beharren, die er sich von diesem Sophisten, wie er ihn izt nannte, hatte einflossen lassen: Er stellte sich vor, dass Dion und die Syracusaner sich berechtiget halten wurden, die Erfullung des Versprechens von ihm zu erwarten, welches er ihnen gewisser massen gegeben hatte, dass er kunftig auf eine gesetzmassige Art regieren wolle. Diese Vorstellungen waren ihm unertraglich, und hatten die naturliche Folge, seine ohnehin bereits erkaltete Zuneigung zu dem Philosophen von Athen in Widerwillen zu verwandeln; den Dion aber, den er nie geliebt hatte, ihm doppelt verhasst zu machen. Dieses waren die geheimen Dispositionen, welche den Verfuhrungen des Timocrates und Philistus den Eingang in sein Gemut erleichterten. Es war schon so weit mit ihm gekommen, dass er vor diesen ehmaligen Vertrauten sich der Person schamte, die er einige Wochen lang, gleichsam unter Platons Vormundschaft, gespielt hatte; und es ist zu vermuten, dass es von dieser falschen und verderblichen Scham herruhrte, dass er in so verkleinernden Ausdrucken von einem Manne, den er anfanglich beinahe vergottert hatte, sprach, und seiner Leidenschaft fur ihn einen so spasshaften Schwung zu geben bemuht war. Er ergriff also den Vorschlag des Philistus mit der begierigen Ungeduld eines Menschen, der sich von dem Zwang einer verhassten Einschrankung je balder je lieber loszumachen wunscht; und damit er keine Zeit verlieren mochte, so machte er gleich des folgenden Tages den Anfang, denselben ins Werk zu setzen. Er berief den Dion und den Philosophen in sein Cabinet, und entdeckte ihnen mit allen Anscheinungen des vollkommensten Zutrauens, und indem er sie mit Liebkosungen uberhaufte, dass er gesonnen sei, sich der Regierung zu entschlagen, und den Syracusanern die Freiheit zu lassen, sich diejenige Verfassung zu erwahlen, die ihnen die angenehmste sein wurde.
Ein so unerwarteter Vortrag machte die beiden Freunde stutzen. Doch fassten sie sich bald. Sie hielten ihn fur eine von den sprudelnden Aufwallungen einer noch ungelauterten Tugend welche gern auf schone Ausschweifungen zu verfallen pflegt und hoffeten also, dass es ihnen leicht sein werde, ihn auf reifere Gedanken zu bringen. Sie billigten zwar seine gute Absicht; stellten ihm aber vor, dass er sie sehr schlecht erreichen wurde, wenn er das Volk, welches immer als unmundig zu betrachten sei, zum Meister uber eine Freiheit machen wollte, die es, allem Vermuten nach, zu seinem grossesten Schaden missbrauchen wurde. Sie sagten ihm hieruber alles was die gesunde Politik sagen kann; und Plato insonderheit bewies ihm, dass es nicht auf die Form der Verfassung ankomme, wenn ein Staat glucklich sein solle, sondern auf die innerliche Gute der Gesetzgebung, auf tugendhafte Sitten, auf die Weisheit desjenigen, dem die Handhabung der Gesetze anvertraut sei. Seine Meinung ging dahin, dass Dionys nicht notig habe, sich der obersten Gewalt zu begeben, indem es nur von ihm abhange, durch die vollkommene Beobachtung aller Pflichten eines weisen und tugendhaften Regenten die Tyrannie in eine rechtmassige Monarchie zu verwandeln; welcher die Volker sich desto williger unterwerfen wurden, da sie durch ein naturliches Gefuhl ihres Unvermogens sich selbst zu regieren, geneigt gemacht wurden, sich regieren zu lassen; ja denjenigen als eine gegenwartige Gottheit zu verehren, welcher sie schutze, und fur ihre Gluckseligkeit arbeite.
Dion stimmte hierin nicht ganzlich mit seinem
Freunde uberein. Die Wahrheit war, dass er den Dionys besser kannte, und weil er sich wenig Hoffnung machte, dass seine guten Dispositionen von langer Dauer sein wurden, gerne so schnell als moglich einen solchen Gebrauch davon gemacht hatte, wodurch ihm die Macht Boses zu tun, auf den Fall, dass ihn der Wille dazu wieder ankame, benommen worden ware. Er breitete sich also mit Nachdruck uber die Vorteile einer wohlgeordneten Aristocratie vor der Regierung eines Einzigen aus, und bewies, wie gefahrlich es sei, den Wohlstand eines ganzen Landes von dem zufalligen und wenig sichern Umstand, ob dieser Einzige tugendhaft sein wolle oder nicht, abhangen zu lassen. Er ging so weit, zu behaupten, dass von einem Menschen, der die hochste Macht in Handen habe, zu verlangen, dass er sie niemalen missbrauchen solle, eine Forderung sei, welche uber die Krafte der Menschheit gehe; dass es nichts geringers sei, als von einem mit Mangeln und Schwachheiten beladenen Geschopfe, welches keinen Augenblick aufs ich selbst zahlen kann, die Weisheit und Tugend eines Gottes zu erwarten. Er billigte also das Vorhaben des Dionys, die konigliche Gewalt aufzugeben, im hochsten Grade; aber darin stimmte er mit seinem Freunde uberein, dass anstatt die Einrichtung des Staats in die Willkur des Volks zu stellen, er selbst, mit Zuzug der Besten von der Nation, sich ungesaumt der Arbeit unterziehen sollte, eine daurhafte und auf den moglichsten Grad des allgemeinen Besten abzielende Verfassung zu entwerfen; wozu er dem Prinzen allen Beistand, der von ihm abhange, versprach. Dionys schien sich diesen Vorschlag gefallen zu lassen. Er bat sie, ihre Gedanken uber diese wichtige Sache in einen vollstandigen Plan zu bringen, und versprach, so bald als sie selbsten daruber, was man tun sollte, einig sein wurden, zur Ausfuhrung eines Werkes zu schreiten, welches ihm, seinem Vorgeben nach, sehr am Herzen lag.
Diese geheime Conferenz hatte bei dem Tyrannen eine gedoppelte Wurkung. Sie vollendete seinen Hass gegen Dion, und setzte den Platon aufs Neue in Gunst bei ihm. Denn ob er gleich nicht mehr so gern als anfangs von den Pflichten eines guten Regenten sprechen horte; so hatte er doch sehr gerne gehort dass Plato sich als einen Gegner des popularen Regiments, und als einen Freund der Monarchie erklart hatte. Er ging aufs neue mit seinen Vertrauten zu Rat, und sagte ihnen, es komme nun allein darauf an, sich den Dion vom Halse zu schaffen. Philistus hielt davor, dass eh ein solcher Schritt gewaget werden durfe das Volk beruhiget und die wankende Autoritat des Prinzen wieder fest gesetzt werden musse. Er schlug die Mittel vor, wodurch dieses am gewissesten geschehen konne; und in der Tat waren dabei keine so grosse Schwierigkeiten; denn er und Timocrat hatten die vorgebliche Garung in Syracus weit gefahrlicher vorgestellt, als sie wurklich war. Dionys fuhr auf sein Anraten fort, eine besondere Achtung fur den Plato zu bezeugen, einen Mann, der in den Augen des Volks eine Art von Propheten vorstellte, der mit den Gottern umgehe und Eingebungen habe. Einen solchen Mann, sagte Philistus, muss man zum Freunde behalten, so lange man ihn gebrauchen kann. Plato verlangt nicht selbst zu regieren; er hat also nicht das namliche Interesse wie Dion; seine Eitelkeit ist befriediget, wenn er bei demjenigen, der die Regierung fuhrt, in Ansehen steht, und Einfluss zu haben glaubt. Es ist leicht, ihn, so lang es notig sein mag, in dieser Meinung zu unterhalten, und das wird zugleich ein Mittel sein, ihn von einer genauern Vereinigung mit dem Dion zuruckzuhalten. Der Tyrann, der sich ohnehin von einer Art von Instinct zu dem Philosophen gezogen fuhlte, befolgte diesen Rat so gut, dass Plato davon hintergangen wurde. Insonderheit affectierte er, ihn immer neben sich zu haben, wenn er sich offentlich sehen liess; und bei allen Gelegenheiten, wo es Wurkung tun konnte, seine Maximen im Munde zu fuhren. Er stellte sich als ob es auf Einraten des Philosophen geschahe, dass er dieses oder jenes tat, wodurch er sich den Syracusanern angenehm zu machen hoffte; ungeachtet alles die Eingebungen des Philistus waren, der ohne dass es in die Augen fiel, sich wieder einer ganzlichen Herrschaft uber sein Gemut bemachtiget hatte. Er zeigte sich ungemein leutselig und liebkosend gegen das Volk; er schaffte einige Auflagen ab, welche die unterste Classe desselben am starksten druckten; er belustigte es durch offentliche Feste, und Spiele; er beforderte einige von denen, deren Ansehen am meisten zu furchten war, zu eintraglichen Ehrenstellen, und liess die ubrigen mit Versprechungen wiegen, die ihn nichts kosteten, und die namliche Wurkung taten; er zierte die Stadt mit Tempeln, Gymnasien, und andern offentlichen Gebauden: Und tat alles dieses, mit Beistand seiner Vertrauten, auf eine so gute Art, dass Plato alles sein Ansehen dazu verwandte, einem Prinzen, der so schone Hoffnungen von sich erweckte, und seine philosophische Eitelkeit mit so vielen offentlichen Beweisen einer vorzuglichen Hochachtung kitzelte, (ein Beweggrund, den der gute Weise sich vielleicht selbst nicht gerne gestund) alle Herzen zu gewinnen.
Diese Massnehmungen erreichten den vorgesetzten Zweck vollkommen. Das Volk, welches nicht nur in Griechenlande, sondern aller Orten, in einer immerwahrenden Kindheit lebt, horte auf zu murmeln; verlor in kurzer Zeit den blossen Wunsch einer Veranderung; fasste eine heftige Zuneigung fur seinen Prinzen; erhob die Gluckseligkeit seiner Regierung; bewunderte die prachtige Kleidung und Waffen, die er seinen Trabanten hatte machen lassen; betrank sich auf seine Gesundheit; und war bereit allem was er unternehmen wollte, seinen dummen Beifall zu zuklatschen.
Philistus und Timocrat sahen sich durch diesen glucklichen Ausschlag in der Gunst ihres Herrn aufs neue befestiget; aber sie waren nicht zufrieden, so lange sie selbige mit dem Plato teilen mussten, fur welchen er eine Art von Schwachheit behielt, die ihren Grund vielleicht in der naturlichen Obermacht eines grossen Geistes uber einen Kleinen hatte. Timocrat geriet auf einen Einfall, wozu ihm die geheime Unterredung in dem Schlafzimmer des Dionys den ersten Wink gegeben hatte, und wodurch er zu gleicher Zeit sich ein Verdienst um den Tyrannen zu machen, und das Ansehen des Philosphen bei demselben zu untergraben hoffen konnte.
Dionys hatte, von ihm aufgemuntert, angefangen, unvermerkt wieder eine grossere Freiheit bei seiner Tafel einzufuhren; die Anzahl und die Beschaffenheit der Gaste, welche er fast taglich einlud, gab den Vorwand dazu; und Plato, welcher bei aller erhabenen Austeritat seiner Grundsatze, einen kleinen Ansatz zu einem Hofmanne hatte, machte es, wie es gewisse ehrwurdige Manner an gewissen Hofen zu machen pflegen; er sprach bei jeder Gelegenheit von den Vorzugen der Nuchternheit und Massigkeit, und ass und trank immer dazu, wie ein andrer. Diese kleine Erweiterung der allzuengen Grenzen der academischen Frugalitat, von welcher der Vater der Academie selbst gestehen musste, dass sie sich fur den Hof eines Fursten nicht schicke, erlaubte den vornehmsten Syracusanern, und jedem, der dem Prinzen seine Ergebenheit bezeugen wollte, ihm prachtige Feste zu geben; wo die Freude zwar ungebundener herrschte, aber doch durch die Gesellschaft der Musen und Grazien einen Schein von Bescheidenheit erhielt, welcher die Strenge der Weisheit mit ihr aussohnen konnte. Timocrat machte sich diesen Umstand zu Nutz. Er lud den Prinzen, den ganzen Hof, und die Vornehmsten der Stadt ein, auf seinem Landhause die Wiederkunft des Fruhlings zu begehen, dessen alles verjungende Kraft, zum Ungluck fur den ohnehin ubelbefestigten Platonismus des Dionys, auch diesem Prinzen die Begierden und die Krafte der Jugend wieder einzuhauchen schien. Die schlaueste Wollust, hinter eine verblendende Pracht versteckt, hatte dieses Fest angeordnet. Timocrat verschwendete seine Reichtumer ohne Mass, mit desto frohlicherm Gesichte, da er sie eben dadurch doppelt wieder zu bekommen versichert war. Alle Welt bewunderte die Erfindungen und den Geschmack dieses Gunstlings; Dionys bezeugte, sich niemals so wohl ergotzt zu haben; und der gottliche Plato, der weder auf seinen Reisen zu den Pyramiden und Gymnosophisten, noch zu Athen so etwas gesehen hatte, wurde von seiner dichterischen Einbildungs-Kraft so sehr verraten, dass er die Gefahren zu vergessen schien, welche unter den Bezauberungen dieses Orts, und dieser Verschwendung von Reizungen zum Vergnugen, laurten. Der einzige Dion erhielt sich in seiner gewohnlichen Ernsthaftigkeit, und machte durch den starken Contrast seines finstern Bezeugens mit der allgemeinen Frohlichkeit, Eindrucke auf alle Gemuter, welche nicht wenig dazu beitrugen, seinen bevorstehenden Fall zu befordern. Indes schien niemand darauf acht zu geben; und in der Tat liess die Vorsorge, welche Timocrat gebraucht hatte, dass jede Stunde, und beinahe jeder Augenblick ein neues Vergnugen herbeifuhren musste, wenig Musse, Beobachtungen zu machen. Dieser schlaue Hofling hatte ein Mittel gefunden, dem Plato selbst, bei einer Gelegenheit, wo es so wenig zu vermuten war, auf eine feine Art zu schmeicheln. Dieses geschah durch ein grosses pantomimisches Ballet, worin die Geschichte der menschlichen Seele, nach den Grundsatzen dieses Weisen, unter Bildern, welche er in einigen seiner Schriften an die Hand gegeben hatte, auf eine allegorische Art vorgestellt wurde. Timocrat hatte die jungsten und schonsten Figuren hierzu gebraucht, welche er zu Corinth und aus dem ganzen Griechenlande hatte zusammenbringen konnen. Unter den Tanzerinnen war eine, welche dazu gemacht schien, dasjenige, was der gute Plato in etlichen Monaten an dem Gemute des Tyrannen gearbeitet, in etlichen Augenblikken zu zerstoren. Sie stellte unter den Personen des Tanzes die Wollust vor; und wurklich passten ihre Figur, ihre Gesichtsbildung, ihre Blicke, ihr Lacheln, alles so vollkommen zu dieser Rolle, dass das anacreontische Beiwort Wollustatmend ausdrucklich fur sie gemacht zu sein schien. Jedermann war von der schonen Bacchidion bezaubert; aber niemand war es so sehr als Dionys. Er dachte nicht einmal daran, der Wollust, welche eine so verfuhrische Gestalt angenommen hatte, um seine erkaltete Zuneigung zu ihr wieder anzufeuren, Widerstand zu tun; kaum dass er noch so viel Gewalt uber sich selbst behielt, um von demjenigen was in ihm vorging nicht allzudeutliche Wurkungen sehen zu lassen. Denn er getraute sich noch nicht, wieder ganzlich Dionysius zu sein, ob ihm gleich von Zeit zu Zeitkleine Zuge entwischten, welche dem beobachtenden Dion bewiesen, dass er nur noch durch einen Rest von Scham, dem letzten Seufzer der ersterbenden Tugend, zuruckgehalten werde. Timocrat triumphierte in sich selbst; seine Absicht war erreicht; die allzureizende Bacchidion bemachtigte sich der Begierde, des Geschmacks und so gar des Herzens des Tyrannen: Und da er den Timocrat zum Unterhandler seiner Leidenschaft, welche er eine Zeitlang geheim halten wollte, notig hatte, so war Timocrat von diesem Augenblick an wieder der nachste an seinem Herzen. Der weise Plato bedaurte zu spat, dass er zu viel Nachsicht gegen den Hang dieses Prinzen nach Ergotzungen getragen hatte; er fuhlte nun gar zu wohl, dass die Gewalt seiner metaphysischen Bezauberungen durch eine starkere Zaubermacht aufgelost worden sei, und fing an, um sich nicht ohne Nutzen beschwerlich zu machen, den Hof seltner zu besuchen. Dion ging weiter: Er unterstund sich, dem Dionys wegen seines geheimen Verstandnisses mit der schonen Bacchidion, Vorwurfe zu machen und ihn seiner Verbindlichkeiten mit einem Ernst zu erinnern, den der Tyrann nicht mehr ertragen konnte. Dionys sprach im Ton eines asiatischen Despoten, und Dion antwortete wie ein Missvergnugter, der sich stark genug fuhlt, den Drohungen eines ubermutigen Tyrannen Trotz zu bieten. Philistus hielt den Dionys zuruck, der im Begriff war alles zu wagen, indem er seiner Wut den Zugel schiessen lassen wollte. Allein in den Umstanden worin man mit dem beleidigten Dion war, musste ein schleuniger Entschluss gefasst werden. Dion verschwand auf einmal, und erst nach einigen Tagen machte Dionys bekannt: Dass ein gefahrliches Complot gegen seine Person, und die Ruhe des Staats, woran Dion in geheim gearbeitet, ihn genotiget hatte, denselben auf einige Zeit aus Sicilien zu entfernen. Es bestatigte sich wurklich, dass Dion in der Nacht unvermutet in Verhaft genommen, zu Schiffe gebracht und in Italien ans Land gesetzt worden war. Um das angebliche Complot wahrscheinlich zu machen, wurden verschiedene Freunde Dions, und eine noch grossere Anzahl von Creaturen des Philistus, welche gegen diesen Prinzen zu reden bestochen waren, in Verhaft genommen. Man unterliess nichts, was seinem Process das Ansehen der genauesten Beobachtung der Justiz-Formalitaten geben konnte; und nachdem er durch die Aussage einer Menge von Zeugen uberwiesen worden war, wurde seine Verbannung in ein formliches Urteil gebracht, und ihm bei Strafe des Lebens verboten, ohne besondere Erlaubnis des Dionys, Sicilien wieder zu betreten. Dionys stellte sich, als ob er dieses Urteil ungern und allein durch die Sorge fur die Ruhe des Staats gezwungen unterzeichne; und um eine Probe zu geben, wie gern er eines Prinzen, den er allezeit besonders hochgeschatzt habe, schonen mochte, verwandelte er die Strafe der Confiscation aller seiner Guter in eine blosse Zuruckhaltung der Einkunfte von denselben: Aber niemand liess sich durch diese Vorspieglungen hintergehen, da man bald darauf erfuhr, dass er seine Schwester, die Gemahlin des Dion, gezwungen habe, die Belohnung des unwurdigen Timocrat zu werden.
Plato spielte bei dieser unerwarteten Catastrophe eine sehr demutigende Rolle. Dionys affectierte zwar noch immer, ein grosser Bewunderer seiner Wissenschaft und Beredsamkeit zu sein; aber sein Einfluss hatte so ganzlich aufgehort, dass ihm nicht einmal erlaubt war, die Unschuld seines Freundes zu verteidigen. Er wurde taglich zur Tafel eingeladen; aber nur, um mit eignen Ohren anzuhoren, wie die Grundsatze seiner Philosophie, die Tugend selbst, und alles was einem gesunden Gemut ehrwurdig ist, zum Gegenstand leichtsinniger Scherze gemacht wurden, welche sehr oft den echten Witz nicht weniger beleidigten als die Tugend. Und damit ihm alle Gelegenheit benommen wurde, die widrigen Eindrucke, welche den Syracusanern gegen den Dion beigebracht worden waren, wieder auszuloschen, wurde ihm unter dem Schein einer besondern Ehrenbezeugung eine Wache gegeben, welche ihn wie einen Staats-Gefangenen beobachtete und eingeschlossen hielt. Der Philosoph hatte denjenigen Teil seiner Seele, welchem er seinen Sitz zwischen der Brust und dem Zwerch-Fell angewiesen, noch nicht so ganzlich gebandiget, dass ihn dieses Betragen des Tyrannen nicht hatte erbittern sollen. Er fing an wie ein freigeborner Athenienser zu sprechen, und verlangte seine Entlassung. Dionys stellte sich uber dieses Begehren besturzt an, und schien alles anzuwenden, um einen so wichtigen Freund bei sich zu behalten; er bot ihm so gar die erste Stelle in seinem Reich, und, wenn Plutarch nicht zuviel gesagt hat, alle seine Schatze an, wofern er sich verbindlich machen wollte, ihn niemals zu verlassen; aber die Bedingung, welche er hinzusetzte, bewies, wie wenig er selbst erwartete, dass seine Erbietungen angenommen werden wurden. Denn er verlangte, dass er ihm seine Freundschaft fur den Dion aufopfern sollte; und Plato verstund den stillschweigenden Sinn dieser Zumutung. Er beharrete also auf seiner Entlassung, und erhielt sie endlich, nachdem er das versprechen von sich gegeben hatte, dass er wieder kommen wolle, so bald der Krieg, welchen Dionys wider Carthago anzufangen im Begriff war, geendigt sein wurde. Der Tyrann machte sich eine grosse Angelegenheit daraus, alle Welt zu uberreden, dass sie als die besten Freunde von einander schieden; und Platons Ehrgeiz (wenn es anders erlaubt ist, eine solche Leidenschaft bei einem Philosophen vorauszusetzen) fand seine Rechnung zu gut dabei, als dass er sich hatte bemuhen sollen, die Welt von dieser Meinung zuheilen. Er gehe, sagte er, nur Dion und Dionys wieder zu Freunden zu machen. Der Tyrann bezeugte sich sehr geneigt hierzu, und hob, zum Beweis seiner guten Gesinnung den Beschlag auf, den er auf die Einkunfte Dions gelegt hatte. Plato hingegen machte sich zum Burgen fur seinen Freund, dass er nichts widriges gegen Dionysen unternehmen sollte. Der Abschied machte eine so traurige Scene, dass die Zuschauer, (ausser den wenigen, welche das Gesicht unter der Maske kannten) von der Gutherzigkeit des Prinzen sehr geruhrt wurden; er begleitete den Philosophen bis an seine Galeeren, erstickte ihn fast mit Umarmungen, netzte seine ehrwurdigen Wangen mit Tranen, und sah ihm so lange nach, bis er ihn aus den Augen verlor: Und so kehrten beide, mit gleich erleichtertem Herzen; Plato in seine geliebte Academie, und Dionys in die Arme seiner Tanzerin zuruck.
Dieser Tyrann, dessen naturliche Eitelkeit durch die Discurse des Atheniensischen Weisen zu einer heftigen Ruhmbegierde aufgeschwollen war, hatte sich unter andern Schwachheiten in den Kopf gesetzt, fur einen Gonner der Gelehrten, fur einen Kenner, und so gar fur einen der schonen Geister seiner Zeit gehalten zu werden. Er war sehr bekummert, dass Plato und Dion den Griechen, denen er vorzuglich zu gefallen begierig war, die gute Meinung wieder benehmen mochten, welche man von ihm zu fassen angefangen hatte; und diese Furcht scheint einer von den starksten Beweggrunden gewesen zu sein, warum er den Plato bei ihrer Trennung mit so vieler Freundschaft uberhauft hatte. Er liess es nicht dabei bewenden. Philistus sagte ihm, dass Griechenland eine Menge von speculativen Mussiggangern habe, welche so beruhmt als Plato, und zum teil geschickter seien, einen Prinzen bei Tische oder in verlornen Augenblicken zu belustigen als dieser Mann, der die Schwachheit habe ein lacherlich ehrwurdiges Mittelding zwischen einem Egyptischen Priester, und einem Staatsmanne vorzustellen, und seine unverstandlich-erhabene Grillen fur Grundsatze wornach die Welt regiert werden musse, auszugeben. Er bewies ihm mit den Beispielen seiner eigenen Vorfahren, dass ein Furst sich den Ruhm eines unvergleichlichen Regenten nicht wohlfeiler anschaffen konne, als indem er Philosophen und Poeten in seinen Schutz nehme; Leute, welche fur die Ehre seine Tischgenossen zu sein, oder fur ein massiges Gehalt, bereit seien, alle ihre Talente ohne Mass und Ziel zu seinem Ruhm und zu Beforderung seiner Absichten zu verschwenden. Glaubest du, sagte er, dass Hieron der wundertatige Mann, der Held, der Halbgott, das Muster aller furstlichen, burgerlichen und hauslichen Tugenden gewesen sei, wofur ihn die Nachwelt halt? Wir wissen was wir davon denken sollen; er war was alle Prinzen sind, und lebte wie sie alle leben; er tat was ich und ein jeder andrer tun wurde, wenn wir zu unumschrankten Herren einer so schonen Insel, wie Sicilien ist, geboren waren Aber er hatte die Klugheit, Simoniden und Pindare an seinem Hofe zu halten; sie lobten ihn in die Wette, weil sie wohl gefuttert und wohl bezahlt wurden; alle Welt erhob die Freigebigkeit dieses Prinzen, und doch kostete ihn dieser Ruhm nicht halb soviel, als seine Jagdhunde Wer wollte ein Konig sein, wenn ein Konig das alles wurklich tun musste, was sich ein mussiger Sophist auf seinem Faulbette oder Diogenes in seinem Fasse einfallen lasst, ihm zu Pflichten zu machen? Wer wollte regieren, wenn ein Regent allen Forderungen und Wunschen seiner Untertanen genug tun musste? Das meiste, wo nicht alles, kommt auf die Meinung an, die ein grosser Herr von sich erweckt; nicht auf seine Handlungen selbst, sondern auf die Gestalt und den Schwung, den er ihnen zu geben weiss. Was er nicht selbst tun will, oder tun kann, das konnen witzige Kopfe fur ihn tun. Haltet euch einen Philosophen, der alles demonstrieren, einen sinnreichen Schwatzer, der uber alles scherzen, und einen Poeten, der uber alles Gassenlieder machen kann. Der Nutzen, den ihr von dieser kleinen Ausgabe zieht, fallt zwar nicht sogleich in die Augen; ob es gleich an sich selbst schon Vorteils genug fur einen Fursten ist, fur einen Beschutzer der Musen gehalten zu werden. Denn das ist in den Augen von neun und neunzig hundertteilen des menschlichen Geschlechts ein untruglicher Beweis, dass er selbst ein Herr von grosser Einsicht, und Wissenschaft ist; und diese Meinung erweckt Zutrauen, und ein gunstiges Vorurteil fur alles was er unternimmt. Aber das ist der geringste Nutzen, den ihr von euern witzigen Kostgangern zieht. Setzet den Fall, dass es notig sei eine neue Auflage zu machen; das ist alles was ihr braucht, um in einem Augenblick ein allgemeines Murren gegen eure Regierung zu erregen; die Missvergnugten, eine Art von Leuten, welche die klugste Regierung niemals ganzlich ausrotten kann, machen sich einen solchen Zeitpunct zu nutze; setzen das Volk in Garung, untersuchen eure Auffuhrung, die Verwaltung eurer Einkunfte, und tausend Dinge, an welche vorher niemand gedacht hatte; die Unruhe nimmt zu, die Reprasentanten des Volks versammeln sich, man ubergibt euch eine Vorstellung, eine Beschwerung um die andere; unvermerkt nimmt man sich heraus die Bitten in Forderungen zu verwandeln, und die Forderungen mit ehrfurchtsvollen Drohungen zu unterstutzen; kurz, die Ruhe euers Lebens ist, wenigstens auf einige Zeit, verloren, ihr befindet euch in critischen Umstanden, wo der kleinste Fehltritt die schlimmesten Folgen nach sich ziehen kann, und es braucht nur einen Dion, der sich zu einer solchen Zeit einem missvergnugten Pobel an den Kopf wirft, so habt ihr einen Aufruhr in seiner ganzen Grosse. Hier zeigt sich der wahre Nutzen unsrer witzigen Kopfe. Durch ihren Beistand konnen wir in etlichen Tagen allen diesen Ubeln zuvorkommen. Lasst den Philosophen demonstrieren, dass diese Auflage zur Wohlfahrt des gemeinen Wesens unentbehrlich ist, lasst den Spassvogel irgend einen lacherlichen Einfall, irgend eine lustige Hof- Anecdote oder ein boshaftes Marchen in der Stadt herumtragen, und den Poeten eine neue Comodie und ein paar Gassenlieder machen, um dem Pobel was zu sehen und zu singen zu gehen: So wird alles ruhig bleiben; und indessen dass die politischen Mussigganger sich daruber zanken werden, ob euer Philosoph recht oder unrecht argumentiert habe, und die kleine argerliche Anecdote reichlich ausgeziert und verschonert, den Witz aller guten Gesellschaften im Atem erhalt: Wird der Pobel ein paar Fluche zwischen den Zahnen murmeln, seinen Gassenhauer anstimmen, und bezahlen. Solche Dienste sind, deucht mich wohl wert, etliche Leute zu unterhalten, die ihren ganzen Ehrgeiz darin setzen, Worte zierlich zusammenzusetzen, Sylben zu zahlen, Ohren zu kitzeln und Lungen zu erschuttern; Leute, denen ihr alle ihre Wunsche erfullt, wenn ihr ihnen so viel gebt, als sie brauchen, kummerlos durch eine Welt, an die sie wenig Anspruche machen, hindurchzuschlentern, und nichts zu tun, als was der Wurm im Kopf, den sie ihren Genie nennen, ihnen zum grossesten Vergnugen ihres Lebens macht.
Dionys befand diesen Rat seines wurdigen Ministers vollkommen nach seinem Geschmack. Philistus ubergab ihm eine Liste von mehr als zwanzig Candidaten, aus denen man, wie er sagte, nach Belieben auswahlen konnte. Dionys glaubte, dass man dieser nutzlichen Leute nicht zuviel haben konne, und wahlte alle. Alle schonen Geister Griechenlands wurden unter blendenden Verheissungen an seinen Hof eingeladen. In kurzer Zeit wimmelte es in seinen Vorsalen von Philosophen und Priestern der Musen. Alle Arten von Dichtern, Epische, Tragische, Comische, Lyrische, welche ihr Gluck zu Athen nicht hatten machen konnen, zogen nach Syracus, um ihre Leiern und Floten an den anmutigen Ufern des Anapus zu stimmen, und sich satt zu essen. Sie glaubten, dass es ihnen gar wohl erlaubt sein konne, die Tugenden des Dionys zu besingen, nachdem der gottliche Pindar sich nicht geschamt hatte, die Maulesel des Hieron unsterblich zu machen. So gar der cynische Antisthenes liess sich durch die Hoffnung herbeilocken, dass ihn die Freigebigkeit des Dionys in den Stand setzen wurde, die Vorteile der freiwilligen Armut und der Enthaltsamkeit mit desto mehr Gemachlichkeit zu studieren; Tugenden, von deren Schonheit, nach dem stillschweigenden Gestandnis ihrer eifrigsten Lobredner, sich nach einer guten Mahlzeit am beredtesten sprechen lasst. Kurz, Dionys hatte das Vergnugen, ohne einen Plato dazu notig zu haben, sich mitten an seinem Hofe eine Academie fur seinen eignen Leib zu errichten, deren Vorsteher und Apollo er selbst zu sein wurdigte, und in welcher uber die Gerechtigkeit, uber die Grenzen des Guten und Bosen, uber die Quelle der Gesetze, uber das Schone, uber die Natur der Seele, der Welt und der Gotter, und andere solche Materien, welche nach den gewohnlichen Begriffen der Weltleute zu nichts als zur Conversation gut sind, mit so vieler Schwatzhaftigkeit, mit so viel Subtilitat und so wenig gesunder Vernunft disputiert wurde, als es in irgend einer Schule der Weisheit der damaligen Zeiten zu geschehen pflegte. Er hatte das Vergnugen sich bewundern, und wegen einer Menge von Tugenden und Helden-Eigenschaften lobpreisen zu horen, die er sich selbst niemals zugetraut hatte. Seine Philosophen waren keine Leute, die, wie Plato, sich herausgenommen hatten ihn hofmeistern, und lehren zu wollen, wie er zuerst sich selbst, und dann seinen Staat regieren musse. Der strengeste unter ihnen war zu hoflich, etwas an seiner Lebensart auszusetzen, und alle waren bereit es einem jeden Zweifler sonnenklar zu beweisen, dass ein Tyrann der Zueignungs-Schriften, und Lobgedichte so gut bezahlte so gastfrei war, und seine getreuen Untertanen durch den Anblick so vieler Feste und Lustbarkeiten glucklich machte, der wurdigste unter allen Konigen sein musse.
In diesen Umstanden befand sich der Hof zu Syracus, als der Held unsrer Geschichte in dieser Stadt ankam; und so war der Furst beschaffen, welchem er, unter ganz andern Voraussetzungen, seine Dienste anzubieten gekommen war.
Funftes Capitel
Agathon wird der Gunstling des Dionysius
Agathon erfuhr die hauptsachlichsten Begebenheiten, welche den Inhalt des vorhergehenden Capitels ausmachen, bei einem grossen Gastmahl, welches sein Freund der Kaufmann, des folgenden Tages gab, um Agathons Ankunft in Syracus, und seine eigene Wiederkunft feirlich zu begehen. Der Name eines Gastes, der eine Zeit lang den Griechen so viel von sich zu reden gegeben hatte, zog unter andern Neugierigen auch den Philosophen Aristippus herbei, der sowohl wegen der Annehmlichkeiten seines Umgangs, als wegen der Gnade, worin er bei dem Tyrannen stund, in den besten Hausern zu Syracus sehr willkommen war. Dieser Philosoph hatte sich, bei jener grossen Migration der schonen Geister aus Griechenland nach Syracus, auch dahin begeben, mehr um einen beobachtenden Zuschauer abzugeben, als in der Absicht, durch parasitische Kunste die Eitelkeit des Dionys seinen Bedurfnissen zinsbar zu machen. Agathon und Aristippus hatten einander zu Athen gekannt; aber damals contrastierte der Enthusiasmus des Ersten mit dem kalten Blut, und der Humoristischen Art zu philosophieren des Andern zu stark, als dass sie einander wahrhaftig hatten hochschatzen konnen, obgleich Aristipp sich ofters bei den Versammlungen einfand, welche damals aus Agathons Haus einen Tempel der Musen, und eine Academie der besten Kopfe von Athen machten. Die Wahrheit war, dass Agathon mit allen seinen schimmernden Eigenschaften in Aristipps Augen ein Phantast, dessen Ungluck er seinen Vertrauten ofters vorhersagte und Aristipp mit allem seinem Witz nach Agathons Begriffen ein blosser Sophist war, den seine Grundsatze geschickter machten, weibische Sybariten noch sybaritischer, als junge Republicaner zu tugendhaften Mannern zu machen. Der Eindruck, welcher beiden von dieser ehmals von einander gefassten Meinung geblieben war, machte sie stutzen, da sie sich nach einer Trennung von drei oder vier Jahren so unvermutet wieder sahen. Es ging ihnen in den ersten Augenblicken, wie es uns zu gehen pflegt, wenn uns deucht, als ob wir eine Person kennen sollten, ohne uns gleich deutlich erinnern zu konnen, wer sie ist, oder wo und in welchen Umstanden wir sie gesehen haben. Das sollte Agathon das sollte Aristipp sein, dachte jeder bei sich selbst, war uberzeugt, dass es so sei, und hatte doch Muhe, seiner eigenen Uberzeugung zu glauben. Aristipp suchte im Agathon den Enthusiasten, welcher nicht mehr war; und Agathon glaubte im Aristipp den Sybariten nicht mehr zu finden; vielleicht allein, weil seine Art, Personen und Sachen ins Auge zu fassen, seit einiger Zeit eine merkliche Veranderung erlitten hatte. Ein Umgang von etlichen Stunden losete beiden das Ratsel ihres anfanglichen Irrtums auf, zerstreute den Rest des alten Vorurteils, und flosste ihnen Dispositionen ein, bessere Freunde zu werden. Unvermerkt erinnerten sie sich nicht mehr, dass sie einander ehmals weniger gefallen hatten; und ihr Herz liebte den kleinen Selbstbetrug, dasjenige was sie izt fur einander empfanden, fur die blosse Erneuerung einer alten Freundschaft zu halten. Aristipp fand bei unserm Helden, eine Gefalligkeit, eine Politesse, eine Massigung, welche ihm zu beweisen schien, dass Erfahrungen von mehr als einer Art eine starke Revolution in seinem Gemute gewurkt haben mussten. Agathon fand bei dem Philosophen von Cyrene etwas mehr als Witz, einen Beobachtungs-Geist, eine gesunde Art zu denken, eine Feinheit und Richtigkeit der Beurteilung, welche den Schuler des weisen Socrates in ihm erkennen liessen. Diese Entdeckungen flosseten ihnen naturlicher Weise ein gegenseitiges Zutrauen ein, welches sie geneigt machte, sich weniger vor einander zu verbergen, als man bei einer ersten Zusammenkunft zu tun gewohnt ist. Agathon liess seinem neuen Freunde sein Erstaunen daruber sehen, dass die Hoffnungen, welche man sich zum Vorteil Siciliens von Platons Ansehen bei dem Dionys gemacht, so plotzlich, und auf eine so unbegreifliche Art, vernichtet worden. In der Tat bestund alles was man in der Stadt davon wusste, in blossen Mutmassungen, die sich zum Teil auf allerlei unzuverlassige Anecdoten grundeten, welche in Stadten, wo ein Hof ist von mussigen Leuten, die sich das Ansehen geben wollen, als ob sie von den Geheimnissen und Intriguen des Hofes vollkommene Wissenschaft hatten, von Gesellschaft zu Gesellschaft herumgetragen zu werden pflegen. Aristipp hatte in der kurzen Zeit, seit dem er sich an Dionysens Hofe aufhielt, die schwache Seite dieses Prinzen, den Character seiner Gunstlinge, der Vornehmsten der Stadt, und der Sicilianer uberhaupt so gut ausstudiert, dass er, ohne sich in die Entwicklung der geheimern Triebfedern (womit wir unsre Leser schon bekannt gemacht haben) einzulassen, den Agathon leicht uberzeugen konnte, dass ein gleichgultiger Zuseher von den Anschlagen, Dions und Platons, den Dionys zu einer freiwilligen Niederlegung der monarchischen Gewalt zu vermogen, sich keinen glucklichern Ausgang habe versprechen konnen. Er malte den Tyrannen von seiner besten Seite als einen Prinzen ab, bei dem die unglucklichste Erziehung ein vortreffliches Naturell nicht habe verderben konnen; der von Natur leutselig, edel, freigebig, und dabei so bildsam und leicht zu regieren sei, dass alles bloss darauf ankomme, in was fur Handen er sich befinde. Seiner Meinung nach war, eben diese allzubewegliche Gemutsart und der Hang fur die Vergnugungen der Sinnen die fehlerhafteste Seite dieses Prinzen. Plato hatte die Kunst verstehen sollen, sich dieser Schwachheiten selbst auf eine feine Art zu seinen Absichten zu bedienen; aber das hatte eine Geschmeidigkeit, eine kluge Mischung von Nachgiebigkeit und Zuruckhaltung erfordert, wozu der Verfasser des Cratylus und Timaus niemals fahig sein werde. Uberdem hatte er sich zu deutlich merken lassen, dass er gekommen sei, den Hofmeister des Prinzen zu machen; ein Umstand, der schon fur sich allein alles habe verderben mussen. Denn die schwachsten Fursten seien allemal diejenigen, vor denen man am sorgfaltigsten verbergen musse, dass man weiter sehe als sie; sie wurden sich's zur Schande rechnen, sich von dem grossesten Geist in der Welt regieren zu lassen, so bald sie glauben, dass er eine solche Absicht im Schilde fuhre; und daher komme es, dass sie sich oft lieber der schimpflichen Herrschaft eines Cammerdieners oder einer Maitresse unterwerfen, welche die Kunstgriffe besitzen, ihre Gewalt uber das Gemut des Herrn unter sclavischen Schmeicheleien oder schlauen Liebkosungen zu verbergen. Plato sei zu einem Minister eines so jungen Prinzen zu spitzfundig, und zu einem Gunstling zu alt gewesen; zudem habe ihm seine vertraute Freundschaft mit dem Dion geschadet, da sie seinen heimlichen Feinden bestandige Gelegenheit gegeben, ihn dem Prinzen verdachtig zu machen. Endlich habe der Einfall, aus Sicilien eine platonische Republik zu machen, an sich selbst nichts getaugt. Der National-Geist der Sicilianer sei eine Zusammensetzung von so schlimmen Eigenschaften, dass es, seiner Meinung nach, dem weisesten Gesetzgeber unmoglich bleiben wurde, sie zur republicanischen Tugend umzubilden; und Dionys, welcher unter gewissen Umstanden fahig sei ein guter Furst zu werden, wurde, wenn er sich auch in einem Anstoss von eingebildeter Grossmut hatte bereden lassen, die Tyrannie aufzuheben, allezeit ein sehr schlimmer Burger gewesen sein. Diese allgemeine Ursachen seien, was auch die nahern Veranlassungen der Verbannung des Dion und der Ungnade oder wenigstens der Entfernung des Platon gewesen sein mogen, hinlanglich begreiflich zu machen, dass es nicht anders habe gehen konnen; sie bewiesen aber auch (setzte Aristipp mit einer anscheinenden Gleichgultigkeit hinzu) dass ein Anderer, der sich die Fehler dieser Vorganger zu Nutzen zu machen wisste, wenig Muhe haben wurde, die unwurdigen Leute zu verdrangen welche sich wieder in den Besitz des Zutrauens und der Autoritat des Tyrannen geschwungen hatten.
Agathon fand diese Gedanken seines neuen Freundes so wahrscheinlich, dass er sich uberreden liess, sie fur wahr anzunehmen. Und hier spielte ihm die Eigenliebe einen kleinen Streich, dessen er sich nicht zu ihr vermutete. Sie flusterte ihm so leise, dass er ihren Einhauch vielleicht fur die Stimme seines Genius, oder der Tugend selbsten hielt, den Gedanken zu wie schon es ware, wenn Agathon dasjenige zu Stande bringen konnte, was Plato vergebens unternommen hatte. Wenigstens deuchte es ihn schon, den Versuch zu machen; und er fuhlte eine Art von ahnendem Bewusstsein, dass eine solche Unternehmung nicht uber seine Krafte gehen wurde. Diese Empfindungen (denn Gedanken waren es noch nicht) stiegen, wahrend dass Aristippus sprach, in ihm auf; aber er nahm sich wohl in Ach, ihn das geringste davon merken zu lassen; und lenkte, aus Besorgnis von einem so schlauen Hoflinge unvermerkt ausgekundschaftet zu werden, das Gesprach auf andre Gegenstande. Uberhaupt vermied er alles, was die Aufmerksamkeit der Anwesenden vorzuglich auf ihn hatte richten konnen, desto sorgfaltiger, da er wahrnahm, dass man einen ausserordentlichen Mann in ihm zu sehen erwartete. Er sprach sehr bescheiden, und nur so viel als die Gelegenheit unumganglich erfoderte, von dem Anteil, den er an der Staats-Verwaltung von Athen gehabt hatte, liess die Anlasse entschlupfen, die ihm von einigen mit guter Art (wie sie wenigstens glaubten) gemacht wurden, um seine Gedanken von Regierungs-Sachen, und von den Syracusanischen Angelegenheiten auszuholen; sprach von allem wie ein gewohnlicher Mensch, der sich auf das was er spricht versteht, und begnugte sich bei Gelegenheit sehen zu lassen, dass er ein Kenner aller schonen Sachen sei, ob er sich gleich nur fur einen Liebhaber gab. Dieses Betragen, wodurch er allen Verdacht, als ob er aus besondern Absichten nach Syracus gekommen sei, von sich entfernen wollte, hatte die Wurkung, dass die Meisten, welche mit einem Erwartungsvollen Vorurteil fur ihn gekommen waren, sich fur betrogen hielten, und mit der Meinung weggingen, Agathon halte in der Nahe nicht, was sein Ruhm verspreche: Ja, um sich dafur zu rachen, dass er nicht so war, wie er ihrer Einbildung zu lieb hatte sein sollen, lieben sie ihm noch einige Fehler, die er nicht hatte, und verringerten den Wert der schonen Eigenschaften, welche er entweder nicht verbergen konnte, oder nicht verbergen wollte; gewohnliches Verfahren der kleinen Geister, wodurch sie sich unter einander in der trostlichen Beredung zu starken suchen, dass kein so grosser Unterscheid, oder vielleicht gar keiner, zwischen ihnen und den Agathonen sei- und wer wird so unbillig sein, und ihnen das ubel nehmen?
Sobald sich unser Mann allein sah, uberliess er sich den Betrachtungen, die in seiner gegenwartigen Stellung die naturlichsten waren. Sein erster Gedanke, sobald er gehort hatte, dass Plato entfernt, und Dionys wieder in der Gewalt seiner ehemaligen Gunstlinge und einer neuangekommenen Tanzerin sei, war gewesen, sich nur wenige Tage bei seinem Freunde verborgen zu halten, und sodann nach Italien uberzufahren, wo er verschiedne Ursachen hatte zu hoffen, dass er in dem Hause des beruhmten Archytas zu Tarent willkommen sein wurde. Allein die Unterredung mit dem Aristippus hatte ihn auf andre Gedanken gebracht. Je mehr er dasjenige, was ihm dieser Philosoph von den Ursachen der vorgegangenen Veranderungen gesagt hatte, uberlegte; je mehr fand er sich ermuntert, das Werk, welches Plato aufgegeben hatte, auf einer andern Seite, und, wie er hoffte, mit besserm Erfolg, anzugreifen. Von tausend manchfaltigen Gedanken hin und her gezogen, brachte er den grossesten Teil der Nacht in einem Mittelstand zwischen Entschliessung und Ungewissheit zu, bis er endlich mit sich selbst einig wurde, es darauf ankommen zu lassen, wozu ihn die Umstande bestimmen wurden. Inzwischen machte er sich auf den Fall, wenn ihn Dionys an seinen Hof zu ziehen suchen sollte, einen Verhaltungs-Plan; er stellte sich eine Menge Zufalle vor, welche begegnen konnten, und setzte die Massregeln bei sich selbst feste, nach welchen er in allen diesen Umstanden handeln wollte. Die genaueste Verbindung der Klugheit mit der Rechtschaffenheit war die Seele davon. Sein eigner Vorteil kam dabei in gar keine Betrachtung; dieser Punct lag durch aus zum Grunde seines ganzen Systems; er wollte sich durch keine Art von Banden fesseln lassen, sondern immer die Freiheit behalten, sich so bald er sehen wurde, dass er vergeblich arbeite, mit Ehre zuruckzuziehen. Das war die einzige Rucksicht, die er dabei auf sich selbst machte. Die lebhafte Abneigung, die er, aus eigener Erfahrung gegen alle populare Regierungs-Arten gefasst hatte, liess ihn nicht daran denken, den Sicilianern zu einer Freiheit behulflich zu sein, welche er fur einen blossen Namen hielt, unter dessen Schutz die Edeln eines Volkes und der Pobel einander wechselweise arger tyrannisieren als es irgend ein Tyrann zu tun fahig ist; der so arg er immer sein mag, doch durch seinen eigenen Vorteil abgehalten wird, seine Sclaven ganzlich aufzureiben; da hingegen der Pobel, wenn er die Gewalt einmal an sich gerissen hat, seinen wilden Bewegungen keine Grenzen zu setzen fahig ist. Diese Reflexion traf zwar nur die Democratie; aber Agathon hatte von der Aristocratie keine bessere Meinung. Eine endlose Reihe von schlimmen Monarchen schien ihm etwas, das nicht in der Natur ist; und ein einziger guter Furst, war, nach seiner Voraussetzung, vermogend, das Gluck seines Volkes auf ganze Jahrhunderte zu befestigen; da hingegen (seiner Meinung nach) die Aristocratie anders nicht als durch die ganzliche Unterdruckung des Volks auf einen dauerhaften Grund gesetzt werden konne, und also schon aus dieser einzigen Ursache die schlimmste unter allen moglichen Verfassungen sei. So sehr gegen diese beide Regierungs-Arten eingenommen als er war, konnte er nicht darauf verfallen, sie mit einander vermischen, und durch eine Art von politischer Chemie aus so widerwartigen Dingen eine gute Composition herausbringen zu wollen. Eine solche Verfassung deuchte ihn allzuverwickelt, und aus zu vielerlei Gewichtern und Radern zusammengesetzt, um nicht alle Augenblicke in Unordnung zu geraten, und sich nach und nach selbst aufzureiben. Die Monarchie schien ihm also, von allen Seiten betrachtet, die einfacheste, edelste, und der Analogie des grossen Systems der Natur gemasseste Art die Menschen zu regieren; und dieses vorausgesetzt, glaubte er alles getan zu haben, wenn er einen zwischen Tugend und Laster hin und her wankenden Prinzen aus den Handen schlimmer Ratgeber ziehen; durch einen klugen Gebrauch der Gewalt, die er uber sein Gemut zu bekommen hoffte, seine Denkungs-Art verbessern; und ihn nach und nach durch die eigentumlichen Reizungen der Tugend endlich vollkommen gewinnen konnte. Und gesetzt auch, dass es ihm nur auf eine unvollkommene Art gelingen wurde; so hoffte er, wofern er sich nur einmal seines Herzens bemeistert haben wurde, doch immer im Stande zu sein, viel gutes zu tun, und viel Boses zu verhindern, und auch dieses schien ihm genug zu sein, um beim Schluss der Action mit dem belohnenden Gedanken, eine schone Rolle wohl gespielt zu haben, vom Theater abzutreten. In diesen sanfteinwiegenden Gedanken schlummerte Agathon endlich ein, und schlief noch, als Aristippus des folgenden Morgens wiederkam, um ihn im Namen des Dionys einzuladen, und bei diesem Prinzen aufzufuhren.
Die Seite, von der sich dieser Philosoph in der gegenwartigen Geschichte zeigt, stimmt mit dem gemeinen Vorurteil, welches man gegen ihn gefasst hat, so wenig uberein, als dieses mit den gewissesten Nachrichten, welche von seinem Leben und von seinen Meinungen auf uns gekommen sind. In der Tat scheint dasselbe sich mehr auf den Missverstand seiner Grundsatze und einige argerliche Marchen, welche Diogenes von Laerte und Athenaus, zween von den unzuverlassigsten Compilatoren in der Welt, seinen Feinden nacherzahlen, als auf irgend etwas zu grunden, welches ihm unsre Hochachtung mit Recht entziehen konnte. Es hat zu allen Zeiten eine Art von Leuten gegeben, welche nirgends als in ihren Schriften tugendhaft sind; Leute, welche die Verdorbenheit ihres Herzens, und ihre geheimen Laster durch die Affectation der strengesten Grundsatze in der Sittenlehre bedecken wollen; moralische Pantomimen, qui Curios simulant & Bacchanalia vivunt; Leute, welche sich das Ansehen einer ausserordentlichen Delicatesse der Ohren in moralischen Dingen geben, und von dem blossen Schall des Worts Wollust, mit einem heiligen Schauer, errotend oder erblassend, zusammenfahren; kurz, Leute, welche jedermann verachten wurde, wenn nicht der grosseste Haufen dazu verurteilt ware, sich durch Masken-Gesichter, Minen, Gebarden, Inflexionen der Stimme, verdrehte Augen, und- weisse Schnupftucher betrugen zu lassen. Diese vortrefflichen Leute, (welche wir etwas genauer beschrieben haben, weil es nicht mehr gebrauchlich ist, denenjenigen einen Bundel Heu vor die Stirne zu binden, denen man nicht allzunahe kommen darf,) taten schon damals ihr Bestes, den guten Aristipp fur einen Wollustling auszuschreien, dessen ganze Philosophie darin bestehe, dass er die Forderungen unsrer sinnlichen Triebe zu Grundsatzen gemacht, und die Kunst gemachlich und angenehm zu leben, in ein System gebracht habe.
Es ist hier der Ort nicht, die Unbilligkeit und den Ungrund dieses Urteils zu beweisen; und dieses ist auch so notig nicht, nachdem bereits einer der ehrwurdigsten und verdienstvollesten Gelehrten unsrer Zeit, ein Mann der durch die Eigenschaften seines Verstandes und Herzens den Namen eines Weisen verdient, wenn ihn ein Sterblicher verdienen kann, ungeachtet seines Standes den Mut gehabt hat, in seiner critischen Geschichte der Philosophie diesem wurdigen Schuler des Socrates Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Ohne uns also um Aristipps Lehrsatze zu bekummern, begnugen wir uns, von seinem personlichen Character so viel zu sagen als man wissen muss, um die Person, die er an Dionysens Hofe vorstellte, richtiger beurteilen zu konnen. Unter allen den vorgeblichen Weisen, welche sich damals an diesem Hofe befanden, war er der einzige, der keine heimliche Absichten auf die Freigebigkeit des Prinzen hatte; ob er sich gleich kein Bedenken machte, Geschenke von ihm anzunehmen, die er nicht durch parasitische Niedertrachtigkeiten erkaufte. Durch seine naturliche Denkungs-Art eben so sehr als durch seine, in der Tat ziemlich gemachliche Philosophie, von Ambition und Geldgierigkeit gleich entfernt, bediente er sich eines zulanglichen Erbguts, (welches er bei Gelegenheit durch den erlaubten Vorteil, den er von seinen Talenten zog, zu vermehren wusste) um, nach seiner Neigung, mehr einen Zuschauer als einen Acteur auf dem Schauplatz der Welt vorzustellen. Da er einer der besten Kopfe seiner Zeit war, so gab ihm diese Freiheit, worin er sich sein ganzes Leben durch erhielt, Gelegenheit sich einen Grad von Einsicht zu erwerben, der ihn zu einem scharfen und sichern Beurteiler aller Gegenstande des menschlichen Lebens machte. Meister uber seine Leidenschaften, welche von Natur nicht heftig waren; frei von allen Arten der Sorgen, und in den Tumult der Geschafte selbst niemals verwickelt, war es ihm nicht schwer, sich immer in dieser Heiterkeit des Geistes, und in dieser Ruhe des Gemutes zu erhalten, welche die Grundzuge von dem Character eines weisen Mannes ausmachen. Er hatte seine schonsten Jahre zu Athen, in dem Umgang mit Socrates und den grossesten Mannern dieses beruhmten Zeitalters zugebracht; die Euripiden und Aristophane, die Phidias und die Polygnote, und die Wahrheit zu sagen, auch die Phrynen, und Laiden, Damen, an denen die Schonheit die geringste ihrer Reizungen war, hatten seinen Witz gebildet, und jenes zarte Gefuhl des Schonen in ihm entwickelt, welches ihn die Munterkeit der Grazien mit der Severitat der Philosophie auf eben diese unnachahmliche Art verbinden lehrte, die ihm den Neid aller philosophischen Mantel und Barte seiner Zeit auf den Hals zog. Nichts ubertraf die Annehmlichkeit seines Umgangs; niemand wusste so gut wie er, die Weisheit unter der gefalligen Gestalt des lachelnden Scherzes und der guten Laune in solche Gesellschaften einzufuhren, wo sie in ihrer eignen Gestalt nicht willkommen ware. Er besass das Geheimnis, den Grossen selbst die unangenehmste Wahrheiten mit Hulfe eines Einfalls oder einer Wendung ertraglich zu machen, und sich an dem langweiligen Geschlechte der Narren und Gecken, wovon die Hofe der (damaligen) Fursten wimmelten, durch einen Spott zu rachen, den sie dumm genug waren, mit dankbarem Lacheln fur Beifall anzunehmen. Die Lebhaftigkeit seines Geistes und die Kenntnis, die er von allen Arten des Schonen besass, machte dass er wenige seines Gleichen hatte, wo es auf die Erfindung sinnreicher Ergotzlichkeiten, auf die Anordnung eines Festes, die Auszierung eines Hauses, oder auf das Urteil uber die Werke der Dichter, Tonkunstler, Maler und Bildhauer ankam. Er liebte das Vergnugen, weil er das Schone liebte; und aus eben diesem Grunde liebte er auch die Tugend: Aber er musste das Vergnugen in seinem Wege finden, und die Tugend musste ihm keine allzubeschwerliche Pflichten auflegen; dem einen oder der andern seine Gemachlichkeit aufzuopfern, so weit ging seine Liebe nicht. Sein vornehmster Grundsatz, und derjenige, dem er allezeit getreu blieb, war; dass es in unsrer Gewalt sei, in allen Umstanden glucklich zu sein; des Phalaris gluhenden Ochsen ausgenommen; denn wie man in diesem sollte glucklich sein konnen, davon konnte er sich keinen Begriff machen. Er setzte voraus, dass Seele und Leib sich im Stande der Gesundheit befinden mussten, und behauptete, dass es als dann nur darauf ankomme, dass wir uns nach den Umstanden richten; anstatt, wie der grosse Haufe der Sterblichen, zu verlangen, dass sich die Umstande nach uns richten sollen, oder ihnen, zu diesem Ende Gewalt antun zu wollen. Von dieser sonderbaren Geschmeidigkeit kam es her, dass er das vielbedeutende Lob verdiente, welches ihm Horaz gibt, dass ihm alle Farben, alle Umstande des gunstigen oder widrigen Gluckes gleich gut anstunden; oder wie Plato von ihm sagte, dass es ihm allein gegeben war, ein Kleid von Purpur, und einen Kittel von Sackleinwand mit gleich guter Art zu tragen.
Es ist kein schwacher Beweis, wie wenig es dem Dionys an Fahigkeit das Gute zu schatzen gefehlt habe, dass er Aristippen um aller dieser Eigenschaften willen hoher achtete, als alle andern Gelehrten seines Hofes; dass er ihn am liebsten um sich leiden mochte, und sich ofters von ihm durch einen Scherz zu guten Handlungen bewegen liess, wozu ihn seine Pedanten mit aller ihrer Dialectik und schulgerechten Beredsamkeit nicht zu vermogen fahig waren.
Diese characteristische Zuge vorausgesetzt, lasst sich, deucht uns, keine wahrscheinlichere Ursache angeben, warum Aristipp, so bald er unsern Helden zu Syracus erblickte, den Entschluss fasste, ihn bei dem Dionys in Gunst zu setzen, als diese; dass er begierig war zu sehen, was aus einer solchen Verbindung werden, und wie sich Agathon in einer so schlupfrigen Stellung verhalten wurde. Denn auf einige besondere Vorteile fur sich selbst konnte er dabei kein Absehen haben, da es nur auf ihn ankam, ohne einen Mittelsmann zu bedurfen, sich die Gnade eines Prinzen zu Nutzen zu machen, der in einem Anstoss von prahlerhafter Freigebigkeit fahig war, die Einkunfte von einer ganzen Stadt an einen Luftspringer oder Citharspieler wegzuschenken.
Dem sei indessen wie ihm wolle, so hatte Aristipp nichts angelegners, als des nachsten Morgens den Prinzen, dem er bei seinem Aufstehen aufzuwarten pflegte, von dem neuangekommenen Agathon zu unterhalten, und eine so vorteilhafte Abschilderung von ihm zu machen, dass Dionys begierig wurde, diesen ausserordentlichen Menschen von Person zu kennen. Aristipp erhielt also den Auftrag, ihn unverzuglich nach Hofe zu bringen; und er vollzog denselben, ohne unsern Helden merken zu lassen, wieviel Anteil er an dieser Neugier des Prinzen gehabt hatte.
Agathon sah eine so bald erfolgende Einladung als ein gutes Omen an, und machte keine Schwierigkeit sie anzunehmen. Er erschien also vor dem Dionys, der ihn mitten unter seinen Hofleuten auf eine sehr leutselige Art empfing. Er erfuhr bei dieser Gelegenheit abermal, dass die Schonheit eine stumme Empfehlung an alle Menschen, welche Augen haben, ist. Diese Gestalt des Vaticanischen Apollo, die ihm schon so manchen guten und schlimmen Dienst getan, die ihm die Verfolgungen der Pythia und die Zuneigung der Athenienser zugezogen, ihn in den Augen der thrazischen Bacchantinnen zum Gott, und in den Augen der schonen Danae zum liebenswurdigsten der Sterblichen gemacht hatte Diese Gestalt, diese einnehmende Gesichts-Bildung, diese mit Wurde und Anstand zusammenfliessende Grazie, welche allen seinen Bewegungen und Handlungen eigen war taten ihre Wurkung, und zogen ihm beim ersten Anblick die allgemeine Bewunderung zu. Dionys, welcher als Konig zu wohl mit sich selbst zufrieden war, um uber einen Privat-Mann wegen irgend einer Vollkommenheit eifersuchtig zu sein, uberliess sich dem angenehmen Eindruck, den dieser schone Fremdling auf ihn machte. Die Philosophen hofften, dass das Inwendige einer so viel versprechenden Aussenseite nicht gemass sein werde, und diese Hoffnung setzte sie in den Stand, mit einem Nasenrumpfen, welches den geringen Wert, den sie einem solchen Vorzug beilegten, andeutete, einander zu zuraunen, dass er schon sei Aber die Hoflinge hatten Muhe ihren Verdruss daruber zu verbergen, dass sie keinen Fehler finden konnten, der ihnen den Anblick so vieler Vorzuge ertraglich gemacht hatte. Wenigstens waren dieses die Beobachtungen, welche der kaltsinnige Aristipp bei dieser Gelegenheit zu machen glaubte.
Agathon verband in seinen Reden und in seinem ganzen Betragen so viel Bescheidenheit und Klugheit mit dieser edeln Freiheit und Zuversichtlichkeit eines Weltmannes, worin er sich zu Smyrna vollkommen gemacht hatte; dass Dionys in wenigen Stunden ganz von ihm eingenommen war. Man weiss, wie wenig es oft bedarf, den Grossen der Welt zu gefallen, wenn uns nur der erste Augenblick gunstig ist. Agathon musste also dem Dionys, welcher wurklich Geschmack hatte, notwendig mehr gefallen, als irgend ein anderer, den er jemals gesehen hatte; und das, in immerzunehmendem Verhaltnis, so wie sich, von einem Augenblick zum andern, die Vorzuge und Talente unsers Helden entwickelten. In der Tat besass er deren so viele, dass der Neid der Hoflinge, der in gleicher Proportion von Stunde zu Stunde stieg, gewisser massen zu entschuldigen war; die guten Leute wurden sich viel auf sich selbst eingebildet haben, wenn sie nur diejenigen Eigenschaften, in einem solchen Grad, einzeln besessen hatten, welche in ihm vereinigt, dennoch den geringsten Teil seines Wertes ausmachten. Er hatte die Klugheit, anfanglich seine grundlichere Eigenschaften zu verbergen, und sich bloss von derjenigen Seite zu zeigen, wodurch sich die Hochachtung der Weltleute am sichersten uberraschen lasst. Er sprach von allem mit dieser Leichtigkeit des Witzes, welche nur uber die Gegenstande dahinglitscht, und wodurch sich oft die schalesten Kopfe in der Welt (auf einige Zeit wenigstens) das Ansehen, Verstand und Einsichten zu haben, zu gehen wissen. Er scherzte; er erzahlte mit Anmut; er machte andern Gelegenheit sich horen zu lassen; und bewunderte die guten Einfalle, welche dem schwatzhaften Dionys unter einer Menge von mittelmassigen und frostigen zuweilen entfielen, mit einer Art welche, ohne seiner Aufrichtigkeit oder seinem Geschmack zuviel Gewalt anzutun, diesen Prinzen uberzeugte; dass Agathon unendlich viel Verstand habe.
Die grossen Herren haben gemeiniglich eine Lieblings-Schwachheit, wodurch es sehr leicht wird, den Eingang in ihr Herz zu finden. Der grosse Tanzai von Scheschian, ein Kenner ubrigens von Verdiensten, kannte doch kein grosseres als die Leier gut zu spielen. Dionys hegte ein so gunstiges Vorurteil fur die Cithar, dass der beste Cithar-Spieler in seinen Augen der grosseste Mann auf dem Erdboden war. Er spielte sie zwar selbst nicht; aber er gab sich fur einen Kenner, und ruhmte sich die grossesten Virtuosen auf diesem wundertatigen Instrument an seinem Hofe zu haben. Zu gutem Glucke hatte Agathon zu Delphi die Cithar schlagen gelernt, und bei der schonen Danae, welche eine Meisterin auf allen Saiten-Instrumenten der damaligen Zeit war, einige Lectionen genommen, die ihn vollkommen gemacht hatten. Kurz, Agathon nahm das dritte oder vierte mal, da er mit dem Dionys zu Nacht ass, eine Cithar, begleitete darauf einen Dithyramben des Damon, (der von einer feinen Stimme gesungen, und von der schonen Bacchidion getanzt wurde) und setzte seine Hoheit dadurch in eine so ubermassige Entzuckung, dass der ganze Hof von diesem Augenblick an fur ausgemacht hielt, ihn in kurzem zur Wurde eines erklarten Gunstlings erhoben zu sehen. Dionys uberhaufte ihn in der ersten Aufwallung seiner Bewunderung mit Liebkosungen, welche unserm Helden beinahe allen Mut benahmen. Himmel! dachte er, was werde ich mit einem Konig anfangen, der bereit ist, den ersten Neuangekommenen an die Spitze seines Staats zu setzen, weil er ein guter Citharschlager ist? Dieser erste Gedanke war sehr grundlich, und wurde ihm vieles Ungemach erspart haben, wenn er seiner Eingebung gefolget hatte. Aber eine andere Stimme (war es seine Eitelkeit, oder der Gedanke ein grosses Vorhaben nicht um einer so geringfugigen Ursache willen aufzugeben? oder war es die Schwachheit, die uns geneigt macht, alle Torheiten der Grossen, welche Achtung fur uns zeigen, mit nachsichtvollen Augen einzusehen?) flusterte ihm ein: Dass der Geschmack fur die Musik, und die besondere Anmutung fur ein gewisses Instrument, eine Sache sei, welche von unsrer Organisation abhange; und dass es ihm nur desto leichter sein werde, sich des Herzens dieses Prinzen zu versichern, je mehr er von den Geschicklichkeiten besitze, wodurch man seinen Beifall erhalten konne.
Die Gunst, in welche er sich in so kurzer Zeit und durch so zweideutige Verdienste bei dem Tyrannen gesetzt, stieg bald darauf, bei Gelegenheit einer academischen Versammlung, welche Dionys mit grossen Feierlichkeiten veranstaltete, zu einem solchen Grade, dass Philistus, der bisher noch zwischen Furcht und Hoffnung geschwebet hatte, seinen Fall nunmehr fur gewiss hielt.
Dionys hatte vom Aristipp in der Stille vernommen, dass Agathon ehmals ein Schuler Platons gewesen, und wahrend seines Glucksstandes zu Athen fur einen der grossesten Redner in dieser schwatzhaften Republik gehalten worden sei. Erfreut, eine Vollkommenheit mehr an seinem neuen Liebling zu entdecken, saumte er sich keinen Augenblick, eine Gelegenheit zu veranstalten, wo er aus eigner Einsicht von der Wahrheit dieses Vorgebens urteilen konnte; denn es kam ihm ganz ubernaturlich vor, dass man zu gleicher Zeit ein Philosoph, und so schon, und ein so grosser Citharschlager sollte sein konnen. Die Academie erhielt also Befehl sich zu versammeln, und ganz Syracus wurde dazu, als zu einem Fest eingeladen, welches sich mit einem grossen Schmaus enden sollte. Agathon dachte an nichts weniger, als dass er bei diesem Wettstreit eines Haufens von Sophisten (die er nicht ohne Grund fur sehr uberflussige Leute an dem Hofe eines guten Fursten ansah) eine Rolle zu spielen bekommen wurde; und Aristipp hatte, aus dem obenberuhrten Beweggrunde, der der Schlussel zu seinem ganzen Betragen gegen unsern Helden ist, ihm von Dionysens Absicht nichts entdeckt. Dieser eroffnete als Prasident der Academie (denn seine Eitelkeit begnugte sich nicht an der Ehre, ihr Beschutzer zu sein) die Versammlung durch einen ubel zusammengestoppten, und nicht allzuverstandlichen, aber mit Platonismen reich verbramten Discurs, welcher, wie leicht zu erachten, mit allgemeinem Zujauchzen begleitet wurde; ungeachtet er dem Agathon mehr das ungezweifelte Vertrauen des koniglichen Redners in den Beifall, der ihm von Standes wegen zukam, als die Grosse seiner Gaben und Einsichten zu beweisen schien. Nach Endigung dieser Rede, nahm die philosophische Hetze ihren Anfang; und wofern die Zuhorer durch die subtilen Geister, die sich nunmehr horen liessen, nicht sehr unterrichtet wurden, so fanden sie sich doch durch die Wohlredenheit des einen, die klingende Stimme und den guten Accent eines andern, die paradoxen Einfalle eines dritten, und die seltsamen Gesichter, die ein vierter zu seinen Distinctionen und Demonstrationen machte, ertraglich belustiget. Nachdem dieses Spiel einige Zeit gedauert hatte, und ein unhofliches Gahnen bereits zwei Dritteile der Zuhorer zu ergreifen begann, sagte Dionys: Da er das Gluck habe, seit einigen Tagen einen der wurdigsten Schaler des grossen Platons in seinem Hause zu besitzen; so ersuchte er ihn, zufrieden zu sein, dass der Ruhm, der ihm allenthalben vorangegangen sei, den Schleier, womit seine Bescheidenheit seine Verdienste zu verhullen suche, hinweggezogen, und ihm in dem schonen Agathon einen der beredtesten Weisen der Zeit entdeckt habe: Er mochte sich also nicht weigern, auch in Syracus sich von einer so vorteilhaften Seite zu zeigen, und sich mit den Philosophen seiner Academie in einen Wettstreit uber irgend eine interessante Frage aus der Philosophie einzulassen. Zu gutem Glucke sprach Dionys, der sich selbst gerne horte, und die Gabe der Weitlaufigkeit in hohem Masse besass, lange genug, um unserm Manne Zeit zu geben, sich von der kleinen Besturzung zu erholen, worein ihn diese unerwartete Zumutung setzte. Er antwortete also ohne Zaudern: Er sei zu fruh aus den Horsalen der Weisen auf den Markt-Platz zu Athen gerufen, und in die Angelegenheiten eines Volkes, welches bekannter massen seinen Hofmeistern nicht wenig zu schaffen mache, verwickelt worden, als dass er Zeit genug gehabt haben sollte, sich seine Lehrmeister zu Nutzen zu machen; indessen sei er, wenn es Dionys verlange, aus Achtung gegen ihn bereit, eine Probe abzulegen, wie wenig er das Lob verdiene, welches ihm aus einem allzugunstigen Vorurteil beigelegt worden sei.
Dionys rief also den Philistus auf, (man weiss nicht, ob von ungefahr oder vermog einer vorhergenommenen Abrede, wiewohl das letztere nicht wahrscheinlich zu sein scheint,) eine Frage vorzuschlagen, fur und wider welche von beiden Seiten gesprochen werden sollte. Dieser Minister bedachte sich eine kleine Weile, und in Hoffnung den Agathon, der ihm furchtbar zu werden anfing, in Verlegenheit zu setzen, schlug er die Frage vor welche Regierungs-Form einen Staat glucklicher mache, die Republicanische oder die Monarchische? Man wird, dachte er, dem Agathon die Wahl lassen, fur welche er sich erklaren will; spricht er fur die Republik, und spricht er gut, wie er um seines Ruhms willen genotiget ist, so wird er dem Prinzen missfallen; wirft er sich zum Lobredner der Monarchie auf, so wird er sich dem Volke verhasst machen, und Dionys wird den Mut nicht haben, die Staats-Verwaltung einem Auslander anzuvertrauen, der bei seinem ersten Auftritt auf dem Schauplatz, einen so schlimmen Eindruck auf die Gemuter der Syracusaner gemacht hat. Allein dieses mal betrog den schlauen Mann seine Erwartung. Agathon erklarte sich, ungeachtet er die Absicht des Philistus merkte, mit einer Unerschrockenheit, welche diesem keinen Triumph prophezeite, fur die Monarchie; und nachdem seine Gegner, (unter denen Antisthenes und der Sophist Protagoras alle ihre Krafte anstrengeten, die Vorzuge der Freistaaten zu erheben) zu reden aufgehort hatten, fing er damit an, dass er ihren Grunden noch mehr Starke gab, als sie selbst zu tun fahig gewesen waren. Die Aufmerksamkeit war ausserordentlich; jedermann war mehr begierig, zu horen, wie Agathon sich selbst, als wie er seine Gegner wurde uberwinden konnen. Seine Beredsamkeit zeigte sich in einem Lichte, welches die Seelen der Zuhorer blendete, die Wichtigkeit des Augenblicks, der den Ausgang seines ganzen Vorhabens entschied, die Wurde des Gegenstandes, die Begierde zu siegen, und vermutlich auch die herzliche Abneigung gegen die Democratie, welche ihm aus Athen in seine Verbannung gefolget war; alles setzte ihn in eine Begeisterung, welche die Krafte seiner Seele hoher spannte; seine Ideen waren so gross, seine Gemalde so stark gezeichnet, mit so vielem Feuer gemalt, seine Grunde jeder fur sich selbst so schimmernd, und lieben einander durch ihre Zusammenordnung so viel Licht; der Strom seiner Rede, der anfanglich in ruhiger Majestat dahinfloss, wurde nach und nach so stark und hinreissend; dass selbst diejenigen, bei denen es zum voraus beschlossen war, dass er Unrecht haben sollte, sich wie durch eine magische Gewalt genotiget sahen, ihm innerlich Beifall zu geben. Man glaubte den Mercur oder Apollo reden zu horen, die Kenner (denn es waren einige zugegen, welche davor gelten konnten) bewunderten am meisten, dass er die Kunstgriffe verschmahte, wodurch die Sophisten gewohnt waren, einer schlimmen Sache die Gestalt einer guten zu geben Keine Farben, welche durch ihren Glanz das Betrugliche falscher oder umsonst angenommener Satze verbergen mussten; keine kunstliche Austeilung des Lichts und des Schattens. Sein Ausdruck glich dem Sonnenschein, dessen lebender und fast geistiger Glanz sich den Gegenstanden mitteilt, ohne ihnen etwas von ihrer eigenen Gestalt und Farbe zu benehmen.
Indessen mussen wir gestehen, dass er ein wenig grausam mit den Republiken umging. Er bewies, oder schien doch allen die ihn horten zu beweisen, dass diese Art von Gesellschaft ihren Ursprung in dem wilden Chaos der Anarchie genommen, und dass die Weisheit ihrer Gesetzgeber sich mit schwachem Erfolg bemuhet hatte, Ordnung und Consistenz in eine Verfassung zu bringen, welche ihrer Natur nach, in steter Unruh und innerlicher Garung alle Augenblicke Gefahr laufe, sich durch ihre eigene Krafte aufzureiben, und welche des Ruhestandes so wenig fahig sei, dass eine solche Ruhe in derselben vielmehr die Folge der aussersten Verderbnis, und gleich einer Windstille auf dem Meer, der gewisse Vorbote des Sturms und Untergangs sein wurde. Er zeigte, dass die Tugend, dieses geheiligte Palladium der Freistaaten, an dessen Erhaltung ihre Gesetzgeber das ganze Gluck derselben gebunden hatten, eine Art von unsichtbaren und durch verjahrten Aberglauben geheiligten Gotzen sei, an denen nichts als der Name verehrt werde; dass man in diesen Staaten einen stillschweigenden Vertrag mit einander gemacht zu haben scheine, sich durch den Namen und ein gewisses Phantom von Gerechtigkeit, Massigung, Uneigennutzigkeit, Liebe des Vaterlandes und des gemeinen Besten von einander betrugen zu lassen; und dass unter der Maske dieser politischen Heuchelei, unter dem ehrwurdigen Namen aller dieser Tugenden, das Gegenteil derselben nirgends unverschamter ausgeubt werde. Es wurden, meinte er, eine Menge besonderer Umstande, welche sich in etlichen tausend Jahren kaum einmal in irgend einem Winkel des Erdbodens zusammenfinden konnten dazu erfordert, um eine Republik in dieser Mittelmassigkeit zu erhalten, ohne welche sie von keinem Bestand sein konne: Und daher dass dieser Fall so selten sei, und von so vielen zufalligen Ursachen abhange, komme es, dass die meisten Republiken entweder zu schwach waren, ihren Burgern die mindeste Sicherheit zu gewahren; oder dass sie nach einer Grosse strebten, welche nach einer Folge von Misshelligkeiten, Cabalen, Verschworungen und Burgerkriegen endlich den Untergang des Staats nach sich ziehe, und demjenigen, welcher Meister vom Kampf Platze bliebe, nichts als Einoden zu bevolkern und Ruinen wieder aufzubauen uberlasse. So gar die Freiheit, auf welche diese Staaten mit Ausschluss aller andern Anspruch machten, finde kaum in den despotischen Reichen Asiens weniger Platz; weil entweder das Volk sich demutiglich gefallen lassen musse, was die Edeln und Reichen, ihrem besondern Interesse gemass, schlossen und handelten; oder wenn das Volk selbst den Gesetzgeber und Richter mache, kein ehrlicher Mann sicher sei, dass er nicht morgen das Opfer derjenigen sein werde, denen seine Verdienste im Wege stehen, oder die durch sein Ansehen und Vermogen reicher und grosser zu werden hoffeten. In keinem andern Staat sei es weniger erlaubt von seinen Fahigkeiten Gebrauch zu machen, selbst zu denken, und uber wichtige Gegenstande dasjenige was man fur gemeinnutzlich halte, ohne Gefahr, bekannt werden zu lassen; alle Vorschlage zu Verbesserungen wurden unter dem verhassten Namen der Neuerungen verworfen, und zogen ihren Urhebern geheime oder offentliche Verfolgungen zu. Selbst die Grundpfeiler der menschlichen Gluckseligkeit, und dasjenige, was den gesitteten Menschen eigentlich von dem Wilden und Barbaren unterscheide, Wahrheit, Tugend, Wissenschaften, und die liebenswurdigen Kunste der Musen, seien in diesen Staaten verdachtig oder gar verhasst; wurden durch tausend im Finstern schleichende Mittel entkraftet, an ihrem Fortgang verhindert, oder doch gewiss weder aufgemuntert noch belohnt; und allein zu Unterstutzung der herrschenden Vorurteile und Missbrauche verurteilt Doch genug! wir haben zu viel Ursache gunstiger von freien Staaten zu denken wenn es auch nur darum ware, weil wir die Ehre haben unter einer Nation zu leben, deren Verfassung selbst republicanisch ist, und in der Tat die wunderbarste Art von Republik vorstellt, welche jemals auf dem Erdhoden gesehen worden ist als dass wir diesen Auszug einer fur den Ruhm der Freistaaten so nachteiligen Rede ohne Widerwillen sollten fortsetzen konnen. Es geschah aus diesem namlichen Grunde, dass wir, anstatt den Discurs des Agathon seinem ganzen Umfange nach aus unsrer Urkunde abzuschreiben, uns begnugt haben, einige Zuge davon, als eine wiewohl sehr unvollkommene Probe des Ganzen anzufuhren. Ferne soll es allezeit von uns sein, irgend einem Erdenbewohner die Stellung worin er sich befindet, unangenehmer zu machen, als sie ihm bereits sein mag; oder Anlass zu geben, dass die Gebrechen einiger langst zerstorten Griechischen Republiken, aus denen Agathon seine Gemalde hernahm, zur Verunglimpfung derjenigen missbraucht werden konnten, welche in neuern Zeiten als ehrwurdige Freistatte und Zufluchts-Platze der Tugend, der gesunden Denkungs-Art, der offentlichen Gluckseligkeit und einer politischen Gleichheit, welche sich der naturlichen moglichst nahert, angesehen werden konnen. Unsrer ubrigens ganz unmassgeblichen Meinung nach, gehort die Frage, uber welche hier disputiert wurde, unter die wichtigen Fragen ob Scaramuz, ob Scapin besser tanze und so viele andre von diesem Schlage, (wenn sie gleich ein ernsthafteres Ansehen haben) woruber bis auf unsre Tage so viel Zeit und Muhe von Gansespulen, Papier und Dinte nichts zu sagen verloren worden, ohne dass sich absehen liesse, wie, worin oder um wieviel die Welt jemals durch ihre Auflosung sollte gebessert werden konnen. Wir konnten diese unsre Meinung rechtfertigen; aber es ist unnotig; ein jeder hat die Freiheit anders zu meinen wenn er will, ohne dass wir ihn zur Rechenschaft ziehen werden; hanc veniam petimus, damusque vicissim; denn in der Tat, ein Buch wurde niemalen zu Ende kommen, wenn der Autor schuldig ware, alles zu beweisen, und sich uber alles zu rechtfertigen. Wir ubergehen also auch, aus einem andern Grunde, den wir den Liebhabern der Ratsel und Logogryphen zu erraten geben, die Lobrede, welche Agathon der monarchischen Staats-Verfassung hielt. Die Beherrscher der Welt scheinen (mit Recht, wurde Philistus sagen, denn ich machte es an ihrem Platz auch so) ordentlicher Weise sehr gleichgultig uber die Meinung zu sein, welche man von ihrer Regierungs-Art hat Es gibt Falle, wir gestehen es, wo dieses eine Ausnahme leidet aber diese Falle begegnen selten, wenn man die Vorsichtigkeit gebraucht, hundert und funfzigtausend wohlbewaffnete Leute bereit zu halten, mit deren Beistand man sehr wahrscheinlich hoffen kann, sich uber die Meinung aller friedsamen Leute in der ganzen Welt hinwegsetzen zu konnen. Sind nicht eben diese hundert und funfzigtausend oder wenn ihrer auch mehr sind; desto besser! ein lebendiger, augenscheinlicher, ja der beste Beweis, der alle andre unnotig macht, dass eine Nation glucklich gemacht wird? Genug also (und dieser Umstand allein gehort wesentlich zu unsrer Geschichte) dass diese Rede, worin Agathon alle Gebrechen verdorbener Freistaaten und alle Vorzuge wohlregierter Monarchien, in zwei contrastierende Gemalde zusammendrangte, das Gluck hatte, alle Stimmen davon zu tragen, alle Zuhorer zu uberreden, und dem Redner eine Bewunderung zu zuziehen, welche den Stolz des eitelsten Sophisten hatte sattigen konnen. Jedermann war von einem Manne bezaubert, welcher so seltne Gaben mit einer so grossen Denkungs-Art und mit so menschenfreundlichen Gesinnungen vereinigte. Denn Agathon hatte nicht die Tyrannie, sondern die Regierung eines Vaters angepriesen, der seine Kinder wohl erzieht und glucklich zu machen sucht. Man sagte sich selbst, was fur goldene Tage Sicilien sehen wurde, wenn ein solcher Mann das Ruder fuhrte. Er hatte nicht vergessen, im Eingang seines Discurses dem Verdacht vorzukommen, als ob er die Republiken aus Rachsucht schelte, und die Monarchie aus Schmeichelei und geheimen Absichten erhebe: Fr hatte bei dieser Gelegenheit zu erkennen gegeben, dass er entschlossen sei, nach Tarent uberzugehen, um in der ruhigen Dunkelheit des Privatstandes, welchen er seiner Neigung nach allen andern vorziehe, dem Nachforschen der Wahrheit und der Verbesserung seines Gemuts obzuliegen (Redensarten, die in unsern Tagen seltsam und lacherlich klingen wurden, aber damals ihre Bedeutung und Wurde noch nicht ganzlich verloren hatten.) Jedermann tadelte oder bedaurte diese Entschliessung, und wunschte, dass Dionys alles anwenden mochte, ihn davon zuruckzubringen. Niemalen hatte sich die Neigung des Prinzen mit den Wunschen seines Volkes so gleichstimmig befunden wie dieses mal. Die starke Zuneigung, die er fur die Person unsers Helden, und die hohe Meinung, die er von seinen Fahigkeiten gefasset hatte, war durch diesen Discurs auf den hochsten Grad gestiegen. So wenig bestandiges auch in Dionysens Character war, so hatte er doch seine Augenblicke, wo er wunschte, dass es weniger Verleugnung kosten mochte, ein guter Furst zu sein. Die Beredsamkeit Agathons hatte ihn wie die ubrige Zuhorer mit sich fortgerissen; er fuhlte die Schonheit seiner Gemalde, und vergass daruber, dass eben diese Gemalde eine Art von Satyre uber ihn selbst enthielten. Er setzte sich vor, dasjenige zu erfullen, was Agathon auf eine stillschweigende Art von seiner Regierung versprochen hatte; und um sich die Pflichten, die ihm dieser Vorsatz auferlegte, zu erleichtern, wollte er sie durch eben denjenigen ausuben lassen, der so gut davon reden konnte. Wo konnte er ein tauglicheres Instrument finden, den Syracusanern seine Regierung beliebt zu machen? Wo konnte er einen andern Mann finden, der so viele angenehme Eigenschaften mit so vielen nutzlichen vereinigte? Dionys hatte sich, wie wir schon bemerkt haben, angewohnt, zwischen seine Entschliessungen und ihre Ausfuhrung so wenig Zeit zu setzen als moglich war. Alles was er einmal wollte, das wollte er hastig und ungeduldig; denn, in so fern er sich selbst uberlassen blieb sah er eine Sache nur von einer Seite an; und dieses mal entdeckte er sich niemand als dem Aristipp, der nichts vergass, was ihn in seinem Vorhaben bestarken konnte. Dieser Philosoph erhielt also den Auftrag, dem Agathon Vorschlage zu tun. Agathon entschuldigte sich mit seiner Abneigung vor dem geschaftigen Leben, und bestimmte den Tag seiner Abreise. Dionys wurde dringender. Agathon bestand auf seiner Weigerung, aber mit einer so bescheidenen Art, dass man hoffen konnte, er werde sich bewegen lassen. In der Tat war seine Absicht nur, die Zuneigung eines so wenig zuverlassigen Prinzen zuvor auf die Probe zu stellen, eh er sich in Verbindungen einlassen wollte, welche fur das Gluck anderer und fur seine eigene Ruhe so gute oder so schlimme Folgen haben konnten.
Endlich, da er Ursache hatte zu glauben, dass die Hochachtung die er ihm eingeflosst hatte, etwas mehr als ein launischer Geschmack sei, gab er seinem Anhalten nach; aber nicht anders als unter gewissen Bedingungen, welche ihm Dionys zugestehen musste. Er erklarte sich, dass er allein in der Qualitat seines Freundes an seinem Hofe bleiben wollte, so lange als ihn Dionys dafur erkennen, und seiner Dienste notig zu haben glauben wurde; er wollte sich aber auch nicht fesseln lassen, und die Freiheit behalten sich zuruckzuziehen, so bald er sahe, dass sein Dasein zu nichts nutze sei. Die einzige Belohnung, welche er sich befugt halte fur seine Dienste zu verlangen, sei diese, dass Dionys seinen Raten folgen mochte, so lange er werde zeigen konnen, dass dadurch jedesmal das Beste der Nation, und die Sicherheit, der Ruhm und die Privat-Gluckseligkeit des Prinzen zugleich befordert werde. Endlich bat er sich noch aus, dass Dionys niemals einige heimliche Eingebungen oder Anklagen gegen ihn annehmen mochte, ohne ihm solche offenherzig zu entdecken, und seine Verantwortung anzuhoren.
Dionys bedachte sich um so weniger, alle diese Bedingungen zu unterschreiben, da er entschlossen war ihn zu haben, wenn es auch die Halfte seines Reichs kosten sollte. Agathon bezog also die Wohnung, welche man im Palast aufs prachtigste fur ihn ausgerustet hatte; Dionys erklarte offentlich, dass man sich in allen Sachen an seinen Freund Agathon, wie an ihn selbst, wenden konne; die Hoflinge stritten in die Wette, wer dem neuen Gunstling seine Unterwurfigkeit auf die sclavenmassigste Art beweisen konne; und Syracus sah mit froher Erwartung der Wiederkunft der Saturnischen Zeiten entgegen.
Wir machen hier eine kleine Pause, um dem Leser Zeit zu lassen, dasjenige zu uberlegen, was er sich selbst in diesem Augenblick fur oder wider unsern Helden zu sagen haben mag. Vermutlich mag einigen der Eifer missfallig gewesen sein, womit er, aus Hass gegen sein undankbares Vaterland, wider die Republiken uberhaupt gesprochen; indessen dass vielleicht andere sein ganzes Betragen, seit dem wir ihn an dem Hofe des Konigs Dionys sehen, einer gekunstelten Klugheit, welche nicht in seinem Character sei, und ihm eine schielende Farbe gebe, beschuldigen werden. Wir haben uns schon mehrmalen erklart, dass wir in diesem Werke die Pflichten eines Geschichtschreibers und nicht eines Apologisten ubernommen haben; indessen bleibt uns doch erlaubt, von den Handlungen eines Mannes, dessen Leben wir zwar nicht fur ein Muster, aber doch fur ein lehrreiches Beispiel geben, eben so frei nach unserm Gesichtspunct zu urteilen, als es unsre Leser aus dem ihrigen tun mogen. Was also den ersten Punct betrifft, so haben wir bereits erinnert, dass es unbillig sein wurde, dasjenige was Agathon wider die Republiken seiner Zeit gesprochen, fur eine, von ihm gewiss nicht abgezielte, Beleidigung solcher Freistaaten anzusehen, welche (wie er als moglich erkannt hat) unter dem Einfluss gunstiger Umstande, durch ihre Lage selbst vor auswartigem Neid, und vor ausschweifenden Vergrosserungs-Gedanken gesichert, durch weise Gesetze, und was noch mehr ist, durch die Macht der Gewohnheit, in einer gluckseligen Mittelmassigkeit fortdauern, und die Gebrechen kaum dem Namen nach kennen, welche Agathon an den Republiken seiner Zeit fur unheilbar angesehen. Ob er aber diesen letztern zuviel getan habe, mogen diejenigen entscheiden, welche mit den besondern Umstanden ihrer Geschichte bekannt sind. Hat die Empfindung des Unrechts, welches ihm selbst zu Athen zugefugt worden, etwas Galle in seine Critik gemischt; so ersuchen wir unsre Leser (nicht dem Agathon zu lieb; denn was kann diesem durch ihre Meinung von ihm zu- oder abgehen?) sich an seinen Platz zu stellen, und sich alsdann zu fragen, wie wert ihnen ein Vaterland sein wurde, welches ihnen so mitgespielt hatte? Sie mogen sich erinnern, dass es insgemein nur auf eine kleine Beleidigung ihrer Eigenliebe ankommt, um ihre Hochachtung gegen eine Person in Verachtung, ihre Liebe in Abscheu, ihre Lobspruche in Schmahreden, ihre guten Dienste in Verfolgungen zu verwandeln. Wie oft, meine Herren, hat sich schon um einer nichts bedeutenden Ursache willen, ihre ganze Denkungs-Art von Personen und Sachen geandert? Antworten Sie Sich selbst so leise als Sie wollen; denn wir verlangen nichts davon zu horen; und wenn Sie, nach diesem kleinen Blick in sich selbst, unserm Helden nicht vergeben konnen, dass er ein Vaterland nicht liebte, welches alles mogliche getan hatte, sich ihm verhasst zu machen: So mussen wir zwar die Strenge ihrer Sittenlehre bewundern; aber doch gestehen, dass wir Sie noch mehr bewundern wurden, wenn Sie so lange, bis Sie gelernt hatten etwas weniger Parteilichkeit fur sich selbst zu hegen, etwas mehr Nachsicht gegen andre sich empfohlen sein lassen wollten.
Uberhaupt hat man Ursache zu glauben, dass Agathon gesprochen habe wie er dachte, und das ist zu Rechtfertigung seiner Redlichkeit genug. Und warum sollten wir an dieser zu zweifeln anfangen? Sein ganzes Betragen, wahrend dass er das Herz des Tyrannen in seinen Handen hatte, bewies, dass er keine Absichten hegete, welche ihn genotiget hatten, ihm gegen seine Uberzeugung zu schmeicheln. Es ist wahr, er hatte Absichten, bei allem was er von dem Augenblick, da er den Fuss in Dionysens Palast setzte, tat; sollte er vielleicht keine gehabt haben? Was konnen wir, nach der aussersten Scharfe, mehr fodern, als dass seine Absichten edel und tugendhaft sein sollen; und so waren sie, wie wir bereits gesehen haben. Es scheint also nicht, dass man Grund habe, ihm aus der Vorsichtigkeit einen Vorwurf zu machen, womit er, in der neuen und schlupfrigen Situation, worin er war, alle seine Handlungen einrichten musste, wenn sie Mittel zu seinen Absichten werden sollten. Wir geben zu, dass eine Art von Zuruckhaltung und Feinheit daraus hervorblickt, welche nicht ganz in seinem vorigen Character zu sein scheint. Aber das verdient an sich selbst keinen Tadel. Es ist noch nicht ausgemacht, ob diese Unveranderlichkeit der Denkungs-Art und Verhaltungs-Regeln, worauf manche ehrliche Leute sich so viel zu gute tun, eine so grosse Tugend ist, als sie sich vielleicht einbilden. Die Eigenliebe schmeichelt uns zwar sehr gerne, dass wir so wie wir sind, am besten sind; aber sie hat Unrecht uns so zu schmeicheln. Es ist unmoglich, dass indem alles um uns her sich verandert, wir allein unveranderlich sein sollten; und wenn es auch nicht unmoglich ware, so war' es unschicklich. Andre Zeiten erfordern andre Sitten; andre Umstande, andre Bestimmungen und Wendungen unsers Verhaltens. In moralischen Romanen finden wir freilich Helden, welche sich immer in allem gleich bleiben und darum zu loben sind denn wie sollte es anders sein, da sie in ihrem zwanzigsten Jahre Weisheit und Tugend bereits in eben dem Grade der Vollkommenheit besitzen, den die Socraten und Epaminondas nach vielfachen Verbesserungen ihrer selbst kaum im sechzigsten erreicht haben? Aber im Leben finden wir es anders. Desto schlimmer fur die, welche sich da immer selbst gleich bleiben Wir reden nicht von Toren und Lasterhaften die Besten haben an ihren Ideen, Urteilen, Empfindungen, selbst an dem worin sie vortrefflich sind, an ihrem Herzen, an ihrer Tugend, unendlich viel zu verandern. Und die Erfahrung lehrt, dass wir selten zu einer neuen Entwicklung unsrer Selbst, oder zu einer merklichen Verbesserung unsers vorigen innerlichen Zustandes gelangen, ohne durch eine Art von Medium zu gehen, welches eine falsche Farbe auf uns reflectiert, und unsre wahre Gestalt eine Zeitlang verdunkelt. Wir haben unsern Helden bereits in verschiedenen Situationen gesehen; und in jeder, durch den Einfluss der Umstande, ein wenig anders als er wurklich ist. Er schien zu Delphi ein blosser speculativer Enthusiast; und man hat in der Folge gesehen, dass er sehr gut zu handeln wusste. Wir glaubten, nachdem er die schone Cyane gedemutiget hatte, dass ihm die Verfuhrungen der Wollust nichts anhaben konnten, und Danae bewies, dass wir uns betrogen hatten; es wird nicht mehr lange anstehen, so wird eine neue vermeinte Danae, welche seine schwache Seite ausfundig gemacht zu haben glauben mag, sich eben so betrogen finden. Er schien nach und nach ein andachtiger Schwarmer, ein Platonist, ein Republicaner, ein Held, ein Stoiker, ein Wollustling; und war keines von allen, ob er gleich in verschiedenen Zeiten durch alle diese Classen ging, und in jeder eine Nuance von derselben bekam. So wird es vielleicht noch eine Zeitlang gehen Aber von seinem Character, von dem was er wurklich war, worin er sich unter allen diesen Gestalten gleich blieb, und was zuletzt, nachdem alles Fremde und Heterogene durch die ganze Folge seiner Umstande davon abgeschieden sein wird, ubrig bleiben mag davon kann dermalen die Rede noch nicht sein. Ohne also eben so voreilig uber ihn zu urteilen, wie man gewohnt ist, es im taglichen Leben alle Augenblicke zu tun wollen wir fortfahren, ihn zu beobachten, die wahren Triebrader seiner Handlungen so genau als uns moglich sein wird auszuspahen, keine geheime Bewegung seines Herzens, welche uns einigen Aufschluss hieruber geben kann, entwischen lassen, und unser Urteil uber das Ganze seines moralischen Wesens so lange zuruckhalten, bis wir es kennen werden.
Zehentes Buch
Erstes Capitel
Von Haupn
Betragen Agathons am Hofe des Konigs Dionys
Man tadelt an Shakespear demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der die Menschen, vom Konige bis zum Bettler, und von Julius Casar bis zu Jack Fallstaff am besten gekannt, und mit einer Art von unbegreiflicher Intuition durch und durch gesehen hat dass seine Stucke keinen, oder doch nur einen sehr fehlerhaften unregelmassigen und schlecht ausgesonnenen Plan haben; dass comisches und tragisches darin auf die seltsamste Art durch einander geworfen ist, und oft eben dieselbe Person, die uns durch die ruhrende Sprache der Natur, Tranen in die Augen gelockt hat, in wenigen Augenblicken darauf uns durch irgend einen seltsamen Einfall oder barokischen Ausdruck ihrer Empfindungen wo nicht zu lachen macht, doch dergestalt abkuhlt, dass es ihm hernach sehr schwer wird, uns wieder in die Fassung zu setzen, worin er uns haben mochte. Man tadelt das -und denkt nicht daran, dass seine Stucke eben darin naturliche Abbildungen des menschlichen Lebens sind.
Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen durften) der Lebenslauf der grossen StaatsKorper selbst, in so fern wir sie als eben so viel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt- und Staats-Actionen im alten gothischen Geschmack in so vielen Puncten, dass man beinahe auf die Gedanken kommen mochte, die Erfinder dieser letztern seien kluger gewesen als man gemeiniglich denkt, und hatten, wofern sie nicht gar die heimliche Absicht gehabt, das menschliche Leben lacherlich zu machen, wenigstens die Natur eben so getreu nachahmen wollen, als die Griechen sich angelegen sein liessen sie zu verschonern. Um izo nichts von der zufalligen Ahnlichkeit zu sagen, dass in diesen Stucken, so wie im Leben, die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch die schlechtesten Acteurs gespielt werden was kann ahnlicher sein, als es beide Arten der Haupt- und Staats-Actionen einander in der Anlage, in der Abteilung und Disposition der Scenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein pflegen. Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst, warum sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben? Wie oft uberraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten, ohne dass sich begreifen lasst, warum sie kamen, oder warum sie wieder verschwinden? Wie viel wird in beiden dem Zufall uberlassen? Wie oft sehen wir die grossesten Wurkungen durch die armseligsten Ursachen hervorgebracht? Wie oft das Ernsthafte und Wichtige mit einer leicht sinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit lacherlicher Gravitat behandelt? Und wenn in beiden endlich alles so klaglich verworren und durch einander geschlungen ist, dass man an der Moglichkeit der Entwicklung zu verzweifeln anfangt; wie glucklich sehen wir durch irgend einen unter Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott, oder durch einen frischen Degen-Hieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgelost, aber doch aufgeschnitten, welches in so fern auf eines hinaus lauft, dass auf die eine oder andere Art das Stuck ein Ende hat, und die Zuschauer klatschen oder zischen konnen, wie sie wollen oder durfen. Ubrigens weiss man, was fur eine wichtige Person in den comischen Tragodien, wovon wir reden, der edle Hans Wurst vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen Denkmal des Geschmacks unsrer Voreltern, auf dem Theater der Hauptstadt des deutschen Reichs erhalten zu wollen scheint. Wollte Gott, dass er seine Person allein auf dem Theater vorstellte! Aber wie viele grosse Aufzuge auf dem Schauplatze der Welt hat man nicht in allen Zeiten mit Hans Wurst oder, welches noch ein wenig arger ist, durch Hans Wurst auffuhren gesehen? Wie oft haben die grossesten Manner, dazu geboren, die schutzenden Genii eines Throns, die Wohltater ganzer Volker und Zeitalter zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen kleinen schnakischen Streich von Hans Wurst, oder solchen Leuten vereitelt sehen mussen, welche ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen, doch gewiss seinen ganzen Character an sich trugen? Wie oft entsteht in beiden Arten der Tragi-Comodien die Verwicklung selbst lediglich daher, dass Hans Wurst durch irgend ein dummes oder schelmisches Stuckchen von seiner Arbeit den gescheiten Leuten, eh sie sich's versehen konnen, ihr Spiel verderbt? Manum de tabula! Aber wenn diese Vergleichung, wie wir besorgen, ihren Grund hat; so mogen wir wohl den Weisen und Rechtschaffenen Mann bedauren, den sein Schicksal dazu verurteilt hat, unter einem schlimmen, oder welches ist arger? unter einem schwachen Fursten, in die Verwaltung der offentlichen Angelegenheiten verwickelt zu sein? Was wird es ihm helfen, Einsichten und Mut zu haben, nach den besten Grundsatzen und nach dem richtigsten Plan zu handeln; wenn das verachtlichste Ungeziefer, wenn ein Sclave, ein Kuppler, eine Bacchidion, oder etwas noch schlimmers, irgend ein Parasite, dessen ganzes Verdienst in Geschmeidigkeit, Verstellung und Schalkheit besteht, es in ihrer Gewalt haben, seine Massregeln zu verrucken, aufzuhalten, oder gar zu hintertreiben? Indessen bleibt ihm, wenn er sich einmal an ein so gefahrvolles Abenteuer gewagt hat, wie zum Exempel dasjenige, welches Agathon wurklich zu bestehen hat, kein andres Mittel ubrig, sich selbst zu beruhigen, und auf alle Falle sein Betragen vor dem unparteiischen Gericht der Weisen und der Nachwelt rechtfertigen zu konnen als dass er sich, eh er die Hand ans Werk legt, einen regelmassigen Plan seines ganzen Verhaltens entwerfe. Wenn gleich alle Weisheit eines solchen Entwurfs ihm fur den Ausgang nicht Gewahr leisten kann; so bleibt ihm doch der trostende Gedanke, alles getan zu haben, was ihn, ohne Zufalle die er entweder nicht vorhersehen, oder nicht hintertreiben konnte, des glucklichen Erfolgs hatte versichern konnen.
Dieses war also die erste Sorge unsers Helden, nachdem er sich anheischig gemacht hatte, die Person eines Ratgebers und Vertrauten bei dem Konige Dionys zu spielen. Er sah alle, oder doch einen grossen Teil der Schwierigkeiten, einen solchen Plan zu machen, der ihm durch den Labyrinth des Hofes und des offentlichen Lebens zum Leitfaden dienen konnte. Aber er glaubte, dass der mangelhafteste Plan besser sei, als gar keiner; und in der Tat war ihm die Gewohnheit, seine Ideen woruber es auch sein mochte, in ein System zu bringen, so naturlich geworden, dass sie sich, so zu sagen, von sich selbst in einen Plan ordneten, welcher vielleicht keinen andern Fehler hatte, als dass Agathon noch nicht vollig so ubel von den Menschen denken konnte, als es diejenigen verdienten, mit denen er zu tun hatte. Indessen dachte er doch lange nicht mehr so erhaben von der menschlichen Natur, als ehmals; oder richtiger zu reden, er kannte den unendlichen Unterschied zwischen dem metaphysischen Menschen, welchen man sich in einer speculativen Einsamkeit ertraumt; dem naturlichen Menschen, in der rohen Einfalt und Unschuld, wie er aus den Handen der allgemeinen Mutter der Wesen hervorgeht; und dem gekunstelten Menschen, wie ihn die Gesellschaft, ihre Gesetze, ihre Gebrauche und Sitten, seine Bedurfnissen, seine Abhanglichkeit, der immer wahrende Contrast seiner Begierden mit seinem Unvermogen, seines Privat-Vorteils mit den Privat-Vorteilen der ubrigen, die daher entspringende Notwendigkeit der Verstellung, und immerwahrenden Verlarvung seiner wahren Absichten, und tausend dergleichen physicalische und moralische Ursachen in unzahliche betrugliche Gestalten ausbilden er kannte, sage ich, nach allen Erfahrungen, die er schon gemacht hatte, diesen Unterschied der Menschen von dem was sie sein konnten, und vielleicht sein sollten, bereits zu gut, um seinen Plan auf platonische Ideen zu grunden. Er war nicht mehr der jugendliche Enthusiast, der sich einbildet, dass es ihm eben so leicht sein werde, ein grosses Vorhaben auszufuhren, als es zu fassen. Die Athenienser hatten ihn auf immer von dem Vorurteil geheilt, dass die Tugend nur ihre eigene Starke gebrauche, um uber ihre Hasser obzusiegen. Er hatte gelernt, wie wenig man von andern erwarten kann; wie wenig man auf sie Rechnung machen, und (was das wichtigste fur ihn war) wie wenig man sich auf sich selbst verlassen darf. Er hatte gelernt, wieviel man den Umstanden nachgeben muss; dass der vollkommenste Entwurf an sich selbst oft der schlechteste unter den gegebenen Umstanden ist; dass sich das Bose nicht auf einmal gut machen lasst; dass sich in der moralischen Welt, wie in der materialischen, nichts in gerader Linie fortbewegt, und dass man selten anders als durch viele Krummen und Wendungen zu einem guten Zweck gelangen kann Kurz, dass das Leben, zumal eines echten Staats-Mannes, einer Schiffahrt gleicht, wo der Pilot sich gefallen lassen muss, seinen Lauf nach Wind und Wetter einzurichten; wo er keinen Augenblick sicher ist durch widrige Strome aufgehalten oder seitwarts getrieben zu werden; und wo alles darauf ankommt, mitten unter tausend unfreiwilligen Abweichungen von der Linie, die er sich in seiner Carte gezogen hat, endlich dennoch, und so bald und wohlbehalten als moglich, an dem vorgesetzten Ort anzulangen.
Diesen allgemeinen Grundsatzen zufolge bestimmte er die Absichten bei allem was er unternahm, den Grad des Guten, welches er sich zu erreichen vorsetzte, und sein Verhalten gegen diejenige, welche ihm dabei am meisten hinderlich oder beforderlich sein konnten jenes, nach dem Zusammenhang aller Umstande, worin er die Sachen antraf dieses nach Beschaffenheit der Personen mit denen er's zu tun hatte, oder richtiger zu reden, nach der zum teil wenig sichern Vorstellung, die er sich von ihrem Character machte.
Er konnte, seit dem er den Dionys naher kannte, nicht daran denken, ein Muster eines guten Fursten aus ihm zu machen; aber er hoffte doch nicht ohne Grund, seinen Lastern ihr schadlichstes Gift benehmen, und seiner guten Neigungen, oder vielmehr seiner guten Launen, seiner Leidenschaften und Schwachheiten selbst, sich zum Vorteil des gemeinen Besten bedienen zu konnen. Diese Meinung von seinem Prinzen war in der Tat so bescheiden, dass er sie nicht tiefer herabstimmen konnte, ohne alle Hoffnung zu Erreichung seiner Entwurfe aufzugeben; und doch zeigte sich in der Folge, dass er noch zu gut von ihm gedacht hatte. Dionys hatte in der Tat Eigenschaften, welche viel gutes versprachen; aber unglucklicher Weise hatte er fur jede derselben eine andere, welche alles wieder vernichtete, was jene zusagte; und wenn man ihn lange genug in der Nahe betrachtet hatte, so befand sich's, dass seine vermeinten Tugenden wurklich nichts anders als seine Laster waren, welche von einer gewissen Seite betrachtet, eine Farbe der Tugend annahmen. Indessen liess sich doch Agathon durch diese guten Anscheinungen so verblenden, dass er die Unverbesserlichkeit eines Characters von dieser Art, und also den Ungrund aller seiner Hoffnungen nicht eher einsah, als bis ihm diese Entdeckung zu nichts mehr nutzen konnte.
Die grosseste Schwachheit des Prinzen, seiner Meinung nach, war sein ubermassiger Hang zur Gemachlichkeit und Wollust. Er hoffte dem ersten dadurch zu begegnen, dass er ihm die Geschafte so leicht und so angenehm zu machen suchte als moglich war; und dem andern, wenn er ihn wenigstens von den wilden Ausschweifungen abgewohnte, zu denen er sich bisher hatte hinreissen lassen. Unsre Vergnugungen werden desto feiner, edler und sittlicher, je mehr die Musen Anteil daran haben. Aus diesem richtigen Grundsatz bemuhte er sich, dem Dionys mehr Geschmack an den schonen Kunsten beizubringen, als er bisher davon gehabt hatte. In kurzem wurden seine Palaste, Landhauser und Garten, mit Meisterstucken der besten Maler und Bildhauer Griechenlandes angefullt. Agathon zog die beruhmtesten Virtuosen in allen Gattungen von Athen nach Syracus; er fuhrte ein prachtiges Odeon nach dem Muster dessen, worauf Perikles den offentlichen Schatz der Griechen verwendet hatte, auf; und Dionys fand so viel Vergnugen an den verschiedenen Arten von Schauspielen, womit er, unter der Aufsicht seines Gunstlings, fast taglich auf diesem Theater belustiget wurde, dass er, seiner Gewohnheit nach, eine Zeitlang allen Geschmack an andern Ergotzlichkeiten verloren zu haben schien. Indessen war doch eine andre Leidenschaft ubrig, deren Herrschaft uber ihn allein hinlanglich war, alle guten Absichten seines neuen Freundes zu hintertreiben. Gegenwartig befand sich die Tanzerin Bacchidion im Besitz derselben; aber es fiel bereits in die Augen, dass die unmassige Liebe, welche sie ihm beigebracht, sehr viel von ihrer ersten Heftigkeit verloren hatte. Es wurde vielleicht nicht schwer gehalten haben, die Wurkung seiner naturlichen Unbestandigkeit um etliche Wochen zu beschleunigen. Aber Agathon hatte Bedenklichkeiten, die ihm wichtig genug schienen, ihn davon abzuhalten. Die Gemahlin des Prinzen war in keinerlei Betrachtung dazu gemacht, einen Versuch, ihn in die Grenzen der ehlichen Liebe einzuschranken, zu unterstutzen. Dionys konnte nicht ohne Liebeshandel leben; und die Gewalt, welche seine Maitressen uber sein Herz hatten, machte seine Unbestandigkeit gefahrlich. Bacchidion war eines von diesen gutartigen frohlichen Geschopfen, in deren Phantasie alles rosenfarb ist, und welche keine andre Sorge in der Welt haben, als ihr Dasein von einem Augenblick zum andern wegzuscherzen, ohne sich jemals einen Gedanken von Ehrgeiz und Habsucht, oder einigen Kummer uber die Zukunft anfechten zu lassen. Sie liebte das Vergnugen uber alles; immer aufgelegt es zu gehen und zu nehmen, schien es unter ihren Tritten aufzusprossen; es lachte aus ihren Augen, und atmete aus ihren Lippen. Ohne daran zu denken, sich durch die Leidenschaft des Prinzen fur sie wichtig zu machen, hatte sie aus einer Art von mechanischer Neigung, vergnugte Gesichter zu sehen, ihre Gewalt uber sein Herz schon mehrmalen dazu verwandt, Leuten die es verdienten, oder auch nicht verdienten (denn daruber liess sie sich in keine Untersuchung ein) gutes zu tun. Agathon besorgte, dass ihre Stelle leicht durch eine andere besetzt werden konnte, welche sich versuchen lassen mochte, einen schlimmern Gebrauch von ihren Reizungen zu machen. Er hielt es also seiner nicht unwurdig, mit guter Art, und ohne dass es schien, als ob er einige besondere Aufmerksamkeit auf sie habe, die Neigung des Prinzen zu ihr mehr zu unterhalten als zu bekampfen. Er verschaffte ihr Gelegenheit, ihre belustigende Talente in einer Mannichfaltigkeit zu entfalten, welche ihr immer die Reizungen der Neuheit gab. Er wusste es zu veranstalten, dass Dionys durch oftere kleine Entfernungen verhindert wurde, sich zu bald an dem Vergnugen zu ersattigen, welches er in den Armen dieser angenehmen Creatur zu finden schien. Er ging endlich gar so weit, dass er bei Gelegenheit eines Gesprachs, wo die Rede von den allzustrengen Grundsatzen des Plato uber diesen Artikel war, sich kein Bedenken machte, zu sagen: Dass es unbillig sei, einen Prinzen, welcher sich die Erfullung seiner grossen und wesentlichen Pflichten mit gehorigem Ernst angelogen sein lasse, in seinen Privat-Ergotzungen uber die Grenzen einer anstandigen Massigung einschranken zu wollen. Alles, was ihm hieruber wiewohl in allgemeinen Ausdrucken, entfiel, schien die Bedeutung einer stillschweigenden Einwilligung in die Schwachheit des Prinzen fur die schone Bacchidion zu haben, und in der Tat war dieses sein Gedanke. Wir lassen dahin gestellt sein, ob die gute Absicht die er dabei hatte, hinlanglich sein mag, eine so gefahrliche Ausserung zu rechtfertigen; aber es ist gewiss, dass Dionys, der bisher aus einer gewissen Scham vor der Tugend unsers Helden sich bemuht hatte, seine schwache Seite vor ihm zu verbergen, von dieser Stunde an weniger zuruckhaltend wurde, und aus dem vielleicht unrichtigen aber sehr gemeinen Vorurteil, dass die Tugend eine erklarte Feindin der Gottheiten von Cythere sein musse, einen Argwohn gegen unsern Helden fasste, wodurch er um einige Stufen herab, und mit ihm selbst und den ubrigen Erdenbewohnern, in Absicht gewisser Schwachheiten, in die namliche Linie gestellt wurde ein Verdacht, der zwar durch die sich selbst immer gleiche Auffuhrung Agathons bald wieder zum Schweigen gebracht, aber doch nicht so ganzlich unterdruckt wurde, dass sein geheimer Einfluss in der Folge den Beschuldigungen der Feinde Agathons, den Zugang in das Gemut eines Prinzen nicht erleichtert hatte, welcher ohnehin so geneigt war, die Tugend entweder fur Schwarmerei oder fur Verstellung zuhalten. Indessen gewann Agathon durch seine Nachsicht gegen die Lieblings-Fehler dieses Prinzen, dass er sich desto williger bewegen liess, an den Geschaften der Regierung mehr Anteil zu nehmen, als er gewohnt war; und wir an unserm teil konnen es ihm verzeihen, dass er das viele Gute welches er dadurch erhielt, fur eine hinlangliche Vergutung des Tadels ansah, den er sich durch diese Gefalligkeit bei gewissen Leuten von strengen Grundsatzen zuzog, welche in der weiten Entfernung von der Welt, worin sie leben, gute Weile haben, an andern zu verdammen, was sie an derselben Platz, vielleicht noch schlimmer gemacht haben wurden.
Ausser der schonen Bacchidion, welche, wie wir gesehen haben, allen ihren Ehrgeiz darein setzte, das Vergnugen eines Prinzen, den sie liebte, auszumachen war Philistus, durch die Gnade, worin er bei Dionysen stund, die betrachtlichste Person unter allen denjenigen, mit denen Agathon in seiner neuen Stelle mehr oder weniger in Verhaltnis war. Dieser Mann spielt in diesem Stuck unsrer Geschichte eine Rolle, welche begierig machen kann, ihn naher kennen zu lernen. Und uber dem ist es eine von den geheiligten Pflichten der Geschichte, den verfalschenden Glanz zu zerstreuen, welchen das Gluck und die Gunst der Grossen sehr oft uber nichtswurdige Creaturen ausbreitet, um der Nachwelt, zum Exempel, zu zeigen, dass dieser Pallas, welchen so viele Decrete des Romischen Senats, so viele Statuen und offentliche EhrenMaler eben dieser Nachwelt als einen Wohltater des menschlichen Geschlechts, als einen Halb Gott ankundigen, nichts bessers noch grossers als ein schamloser lasterhafter Sclave war. Wenn Philistus in Vergleichung mit einem Pallas oder Tigellin nur ein Zwerg gegen einen Riesen scheint, so kommt es in der Tat allein von dem unermesslichen Unterschied zwischen der Romischen Monarchie im Zeitpunct ihrer aussersten Hohe, und dem kleinen Staat, worin Dionys zu gebieten hatte, her. Eben dieser Teufel, der seinem schlimmen Humor Luft zu machen, eine Herde Schweine ersaufte, wurde mit ungleich grosserm Vergnugen den ganzen Erdboden unter Wasser gesetzt haben, wenn er Gewalt dazu gehabt hatte: Und Philistus wurde Pallas gewesen sein, wenn er das Gluck gehabt hatte, in den Vorzimmern eines Claudius aufzuwachsen. Die Proben, welche er in seiner kleinen Sphare von dem was er in einer grossern fahig gewesen ware, ablegte, lassen uns nicht daran zweifeln. Ein geborner Sclave, und in der Folge einer von den Freigelassenen des alten Dionys, hatte er sich schon damals unter seinen Cameraden durch den schlauesten Kopf und die geschmeidigste Gemuts-Art hervorgetan, ohne dass es ihm jedoch einigen besondern Vorzug bei seinem Herrn verschaffet hatte. Philistus gramte sich billig uber diese wiewohl nicht ungewohnliche Laune des Glucks; aber er wusste sich selbst zu helfen. Glucklichere Vorganger hatten ihm den Weg gezeigt, sich ohne Muhe und ohne Verdienste zu dieser hohen Stufe emporzuschwingen, nach welcher ihm eine Art von Ambition, die sich in gewissen Seelen mit der verachtlichsten Niedertrachtigkeit vollkommen wohl vertragt, ein ungezahmtes Verlangen gab. Wir haben schon bemerkt, dass der jungere Dionys von seinem Vater ungewohnlich hart gehalten wurde. Philistus war der einzige, der den Verstand hatte zu sehen, wieviel Vorteil sich aus diesem Umstande ziehen lasse. Er fand Mittel, die Nachte des jungen Prinzen angenehmer zu machen als seine Tage waren. Brauchte es mehr, um als ein Wohltater von ihm angesehen zu werden, dessen gute Dienste er niemals genug werde belohnen konnen? Philistus liess es nicht dabei bewenden; er fiel auf den Einfall, zu gleicher Zeit, und durch einen einzigen kleinen Handgriff, sich dieser Belohnung wurdiger und balder teilhaft zu machen. Eine bosartige Colik, wozu er das Recept hatte, beschleunigte das Ende des alten Tyrannen; Philistus war der erste, der seinem jungen Gebieter die freudige Nachricht brachte, und nun sah er sich auf einmal in dem geheimesten Vertrauen eines Konigs, und in kurzem am Ruder des Staats. Diese wenigen Anecdoten sind zureichend, uns einen so sichern Begriff von dem moralischen Character dieses wurdigen Ministers zu geben, dass er nunmehr das argste dessen ein Mensch fahig ist, begehen konnte, ohne dass wir uns daruber verwundern wurden. Aber was fur ein Physiognomist musste der gewesen sein, der diese Anecdoten in seinen Augen hatte lesen konnen? Es ist wahr, Agathon dachte anfangs nicht allzuvorteilhaft von ihm; aber wie hatte er, ohne besondere Nachrichten zu haben, oder selbst ein Philistus zu sein, sich vorstellen sollen, dass Philistus das sein konnte, was er war? Wenige kannten die inwendige Seite dieses Mannes; und diese wenige waren zu gute Hofmanner, um ihren bisherigen Gonner eher zu verraten, als sein Sturz gewiss war, und sie wissen konnten, was sie dadurch gewinnen wurden; und Aristipp, fur den sein wahrer Character gleichfalls kein Geheimnis war, hatte sich vorgesetzt, einen blossen Zuschauer abzugehen. Agathon konnte also desto leichter hintergangen werden, da Philistus alle seine Verstellungs-Kunst anstrengte, sich bei ihm in Achtung zu setzen. Zu seinem grossen Missvergnugen konnte er mit aller Kenntnis, die er (nach einem gewohnlichen, wiewohl sehr betruglichen Vorurteil der Hofleute) von den Menschen zu haben glaubte, die schwache Seite unsers Helden nicht ausfundig machen. Es blieb ihm also kein andrer Weg ubrig, als durch eine grosse Arbeitsamkeit und Punctlichkeit in den Geschaften sich bei dem neuen Gunstling in das Ansehen eines brauchbaren Mannes, und durch Tugenden, die er eben so leicht als man eine Maskerade-Kleidung anzieht, affectieren konnte, so bald er ihrer vonnoten hatte, sich endlich so gar in das Ansehen eines ehrlichen Mannes zu setzen. Da zu diesen Eigenschaften, welche Agathon in ihm zu finden glaubte, noch die Achtung, welche Dionys fur ihn trug, und die Betrachtung hinzukam, dass es fur den Staat weniger sicher sei, einen ehrgeizigen Minister abzudanken, als ihn mit scheinbarer Beibehaltung seines Ansehens in engere Schranken zu setzen: So geschah es, dass sich diejenige in ihrer Meinung betrogen fanden, welche den Fall des Philistus fur eine unfehlbare Folge der Erhebung Agathons gehalten hatten. Das Ansehen desselben schien sich eher zu vermehren, indem er zum Vorsteher aller der verschiednen Tribunalien ernennt wurde, unter welche Agathon, mit der erforderlichen Einschrankung und Subordination, diejenige Gewalt verteilte, welche vormals von den Vertrauten des Prinzen willkurlich ausgeubt worden war: In der Tat aber wurde er dadurch beinahe in die Unmoglichkeit gesetzt, boses zu tun, wofern ihn etwan eine Versuchung dazu ankommen sollte; da er bei allen seinen Handlungen von so vielen Augen beobachtet, und verbunden war, von allem Rechenschaft zu geben, und nichts ohne die Einstimmung des Prinzen, oder, welches eine Zeitlang einerlei war, seines Reprasentanten, zu unternehmen.
Wir konnten ohne Zweifel viel schones von der Staats-Verwaltung Agathons sagen, wenn wir uns in eine ausfuhrliche Erzahlung aller der nutzlichen Ordnungen und Einrichtungen ausbreiten wollten, welche er in Absicht der Staats-Oeconomie, der Einziehung und Verwaltung der offentlichen Einkunfte, der Policei, der Landwirtschaft, des Handlungs-Wesens, und (welches in seinen Augen eines der wesentlichsten Stucke war) der offentlichen Sitten und der Bildung der Jugend, teils wurklich zu machen anfing, teils gemacht haben wurde, wenn ihm die Zeit dazu gelassen worden ware. Allein alles dieses gehort nicht zu dem Plan des gegenwartigen Werkes; und es ware in der Tat nicht abzusehen, wozu ein solcher Detail in unsern Tagen nutzen sollte, worin die Kunst zu regieren einen Schwung genommen zu haben scheint, der die Massregeln und das Beispiel unsers Helden eben so unnutz macht, als die Projecte des guten Abbts von Saint Pierre, patriotischen Gedachtnisses. Die Art, wie sich Agathon ehmals seines Ansehens und Vermogens zu Athen bedient hat, kann unsern Lesern einen hinlanglichen Begriff davon geben, wie er sich einer beinahe unumschrankten Macht und eines koniglichen Vermogens bedient haben werde.
Nur einen Umstand konnen wir nicht vorbeigehen, weil er einen merklichen Einfluss in die folgende Begebenheiten unsers Helden hatte. Dionys befand sich, als Agathon an seinen Hof kam, in einen Krieg mit den Carthaginensern verwickelt, welche durch verschiedene kleine Republiken des sudlichen und westlichen Teils von Sicilien unterstutzt, unter dem Schein sie gegen die Ubermacht von Syracus zu schutzen, sich der innerlichen Zwietracht der Sicilianer, als einer guten Gelegenheit bedienen wollten, diese fur ihre Handlungs-Absichten unendlich vorteilhaft gelegene Insel in ihre Gewalt zu bringen. Einige von diesen kleinen Republiken wurden von so genannten Tyrannen beherrscht; und diese hatten sich bereits in die Arme der Carthaginenser geworfen; die andren hatten sich bisher noch in einer Art von Freiheit erhalten, und schwankten, zwischen der Furcht von Dionysen uberwaltiget zu werden, und dem Misstrauen in die Absichten ihrer anmasslichen Beschutzer, in einem Gleichgewicht, welches alle Augenblicke auf die Seite der letztern uberzuziehen drohte. Timocrates, dem Dionys die oberste Befehlhabers-Stelle in diesem Kriege anvertraute, hatte sich bereits durch einige Vorteile uber die Feinde den oft wohlfeilen Ruhm eines guten Generals erworben; aber mehr darauf bedacht, bei dieser Gelegenheit Lorbeern und Reichtumer zu sammeln, als das wahre Interesse seines Prinzen zu besorgen, hatte er das Feuer der innerlichen Unruhen Siciliens mehr ausgebreitet als gedampft, und durch seine Auffuhrung sich bei denenjenigen, welche noch keine Partei genommen hatten, so verhasst gemacht, dass sie im Begriff waren sich fur Carthago zu erklaren. Agathon glaubte, dass seine Beredsamkeit dem Dionys in diesen Umstanden grossere Dienste tun konne, als die ganze, wiewohl nicht verachtliche Land- und Seemacht, welche Timocrates unter seinen Befehlen hatte. Er hielt es fur besser Sicilien zu beruhigen, als zu erobern; besser es zu einer Art von freiwilliger Ubergabe an Syracus zu bewegen, als es den Gefahren und verderblichen Folgen eines Kriegs ausgesetzt zu lassen, der, wenn er auch am glucklichsten fur den Dionys ausfiele, ihm doch nichts mehr als den zweideutigen Vorteil verschaffen wurde, seine Untertanen um eine Anzahl gezwungner und missvergnugter Leute vermehrt zu haben, auf deren guten Willen er keinen Augenblick hatte zahlen konnen. Dionys konnte den Grunden, womit Agathon sein Vorhaben, und die Hoffnung des gewunschten Ausgangs unterstutzte, seinen Beifall nicht versagen. Uberhaupt galt es ihm gleich, durch was fur Mittel er zu ruhigem Besitz der hochsten Gewalt in Sicilien gelangen konnte, wenn er nur dazu gelangte; und ob er gleich klein genug war, sich auf die zwar wenig entscheidende aber desto prahlerischer vergrosserte Siege seines Feldherrn eben so viel einzubilden, als ob er sie selbst erhalten hatte; so war er doch auch feigherzig genug, sich zu dem unruhmlichsten Frieden geneigt zu fuhlen, so bald er mit einiger Aufmerksamkeit an die Unbestandigkeit des Kriegs-Gluckes dachte. Die edlern Beweggrunde unsers Helden fanden also leicht Eingang bei ihm, oder richtiger zu reden, Agathon schrieb die gefallige Disposition, die er bei ihm fand, dem Eindruck seiner eignen Vorstellungen zu, ohne wahrzunehmen, dass sie ihren eigentlichen Grund in der niedertrachtigen Gemutsart des Prinzen hatte. Er begab sich also ingeheim (denn es war ihm daran gelegen, dass Timocrates von seinem Vorhaben keinen Wink bekame) in diejenige Stadte, welche im Begriff stunden, die Partei von Carthago zu verstarken. Es gelang ihm, die widrigen Vorurteile zu zernichten, womit er alle Gemuter gegen die gefurchtete Tyrannie Dionysens eingenommen fand; er uberzeugte sie so vollkommen davon, dass das Beste eines jeden besondern Teils von dem Besten des ganzen Sicilien unzertrennlich sei; machte ihnen ein so schones Gemalde von dem glucklichen Zustande dieser Insel, wenn alle Teile derselben durch die Bande des Vertrauens und der Freundschaft, sich in Syracus als in dem gemeinschaftlichen Mittelpunct vereinigen wurden dass er mehr erhielt als er gehofft hatte, und so gar mehr als er verlangte. Er wollte nur Bundsgenossen, und es fehlte wenig, so wurden sie in einem Anstoss von uberfliessender Zuneigung zu ihm, sich ohne Bedingung zu Untertanen eines Prinzen ergeben haben, von dessen Minister sie so sehr bezaubert waren.
Die Veranderung, welche hiedurch in den offentlichen Angelegenheiten gemacht wurde, brachte den Krieg so schnell zu Ende, dass Timocrates keine Gelegenheit bekam, durch ein entscheidendes Treffen (es mochte allenfalls gewonnen oder verloren sein) Ehre einzulegen. Man kann sich vorstellen, ob Agathon sich dadurch die Freundschaft dieses Mannes, den sein grosses Vermogen und die Verschwagerung mit dem Prinzen zu einer wichtigen Person machte, erworben; und mit welchen Augen Timocrates den allgemeinen Beifall, die frohlockenden Segnungen der Nation, welche unsern Helden nach Syracus zuruckbegleiteten, die Merkmale der Hochachtung, womit er von dem Prinzen empfangen wurde, und das ausserordentliche Ansehen, worin er sich durch diese friedsame Eroberung befestigte, angeschielt haben werde. Genotigt, seinen Unwillen und Hass gegen einen so siegreichen Nebenbuhler in sich selbst zu verschliessen, laurte er nur desto ungeduldiger auf Gelegenheiten, in geheim an seinem Untergang zu arbeiten; und wie hatte es ihm an einem Hofe, und an dem Hofe eines solchen Fursten, an Gelegenheiten fehlen konnen?
Zweites Capitel
Beispiele, dass nicht alles, was gleisst, Gold ist
Wenn Agathon wahrend einer Staats-Verwaltung, welche nicht ganz zwei Jahre daurte, das vollkommenste Vertrauen seines Prinzen und die allgemeine Liebe der Nation, welche er regierte, gewann, und sich dadurch auf diese hohe Stufe des Ansehens und der scheinbaren Gluckseligkeit emporschwang, welche unverdienter Weise, der Gegenstand der Bewunderung aller kleinen, und des Neides aller zugleich boshaften Seelen zu sein pflegt: So mussen wir gestehen, dass diese launische unerklarbare Macht, welche man Gluck oder Zufall nennt, den wenigsten Anteil daran hatte. Die Verdienste, die er sich in so kurzer Zeit um den Prinzen sowohl als die Nation machte, die Beruhigung Siciliens, das befestigte Ansehen von Syracus, die Verschonerung dieser Hauptstadt, die Verbesserung ihrer Policei, die Belebung der Kunste und Gewerbe, und die allgemeine Zuneigung, welche er einer vormals verabscheueten Regierung zuwandte alles dieses legte ein unverwerfliches Zeugnis fur die Weisheit seiner Staats-Verwaltung ab; und da alle diese Verdienste durch die Uneigennutzigkeit und Regelmassigkeit seines Betragens in ein Licht gestellt wurden, welches keine Missdeutung zu zulassen schien; so blieb seinen heimlichen Feinden, ohne die ungewisse Hulfe irgend eines Zufalls, von dem sie selbst noch keine Vorstellung hatten, wenig Hoffnung ubrig, ihn so bald wieder zu sturzen, als sie es fur ihre Privat-Absichten wunschen mochten.
Die heimlichen Feinde Agathons wie konnte ein Mann, der sich so untadelich betrug, und um jedermann Gutes verdiente, Feinde haben? werden diejenige vielleicht denken, welche bei Gelegenheit, zu vergessen scheinen, dass der weise Mann notwendig alle Narren, und der Rechtschaffene, unvermeidlicher Weise, alle die es nicht sind, zu offentlichen, oder doch gewiss zu immerwahrenden heimlichen Feinden haben muss. Eine Wahrheit, welche in der Natur der Sachen so gegrundet, und durch eine nie unterbrochene Erfahrung so bestatiget ist, dass wir weit bessere Ursache zu fragen haben: Wie sollte ein Mann, der sich so wohl betrug, keine Feinde gehabt haben? Es konnte nicht anders sein als dass derjenige, dessen bestandige Bemuhung dahin ging, seinen Prinzen tugendhaft, oder doch wenigstens seine Schwachheiten unschadlich zu machen, sich den herzlichen Hass dieser Hoflinge zuziehen musste, welche (wie Montesquieu von allen Hofleuten behauptet) nichts so sehr furchten, als die Tugend des Fursten, und keinen zuverlassigern Grund ihrer Hoffnungen kennen, als seine Schwachheiten. Sie konnten nicht anders als den Agathon fur denjenigen ansehen, der allen ihren Absichten und Entwurfen im Wege stund. Er verlangte zum Exempel, dass man vorher Verdienste haben musse, eh man an Belohnungen Anspruche mache; sie wussten einen kurzern und bequemern Weg; einen Weg auf welchem zu allen Zeiten (die Regierungen der Antonine und Juliane ausgenommen) die nichtswurdigsten Leute an Hofen ihr Gluck gemacht haben kriechende Schmeichelei, blinde Gefalligkeit gegen die Leidenschaften unsrer Obern, Gefuhllosigkeit gegen alle Regungen des Gewissens und der Menschlichkeit, Taubheit gegen die Stimme aller Pflichten, unerschrockne Unverschamtheit sich selbst Talente und Verdienste beizulegen, die man nie gehabt hat; fertige Bereitwilligkeit jedes Bubenstuck zu begehen, welches eine Stufe zu unsrer Erhebung werden kann und diesen Weg hatte ihnen Agathon auf einmal versperrt. Sie sahen, so lange dieser seltsame Mann den Platz eines Gunstlings bei Dionysen behaupten wurde, keine Moglichkeit, wie Leute von ihrer Art sollten gedeihen konnen. Sie hasseten ihn also; und wir konnen versichert sein, dass in den Herzen aller dieser Hoflinge eine Art von ZusammenVerschworung gegen ihn brutete, ohne dass es dazu einiger geheimen Verabredung bedurfte. Allein von allem diesem wurde noch nichts sichtbar. Die Maske, welche sie vorzunehmen fur gut fanden, sah einem Gesicht so gleich, dass Agathon selbst dadurch betrogen wurde; und sich gegen die Philiste und Timocrate, und ihre Creaturen eben so bezeugte, als ob die Hochachtung, welche sie ihm bewiesen, und der Beifall, den sie allen seinen Massnehmungen gaben, aufrichtig gewesen ware. Diese wackern Manner hatten einen gedoppelten Vorteil uber ihn dass er, weil er sich nichts Boses zu ihnen versah, nicht daran dachte, sie scharf zu beobachten und dass sie, weil sie sich ihrer eigenen Bosheit bewusst waren, desto vorsichtiger waren, ihre wahren Gesinnungen in eine undurchdringliche Verstellung einzuhullen. Versichert wie sie waren, dass ein Mensch notwendig eine schwache Seite haben musse, gaben sie sich alle mogliche Muhe die seinige zu finden, und stellten ihn, ohne dass er einen Verdacht deswegen auf sie werfen konnte, auf alle mogliche Proben. Da sie ihn aber gegen Versuchungen, denen sie selbst zu unterliegen pflegten, gleichgultig oder gewaffnet fanden; so blieb ihnen, bis auf irgend eine gunstige Gelegenheit nichts ubrig, als ihn durch den magischen Dunst einer subtilen Schmeichelei einzuschlafern, welche er desto leichter fur Freundschaft halten konnte, da sie alle Anscheinungen derselben hatte; und je mehr er berechtiget war, in einem Lande, worin er sich um alle verdient machte, einen jeden fur seinen Freund zu halten. Diese Absicht gelang ihnen, und man muss gestehen, dass sie dadurch schon ein grosses uber ihn gewonnen hatten.
Ubrigens konnen wir nicht umhin, es mag nun unserm Helden nachteilig sein oder nicht, zu gestehen, dass zu einer Zeit, da sein Ansehen den hochsten Gipfel erreicht hatte; da Dionys ihn mit Beweisen einer unbegrenzten Gunst uberhaufte; da er von dem ganzen Sicilien fur seinen Schutzgott angesehen wurde, und das seltne, wo nicht ganz unerhorte Gluck zu geniessen schien, in einem so blendenden Glucksstande lauter Bewundrer und Freunde, und keinen Feind zu haben die Damen zu Syracus die einzigen waren, welche ihre wenige Zufriedenheit mit seinem Betragen ziemlich deutlich merken liessen. Mit einer Figur wie die seinige, mit allem dem was den Augen und Herzen nachstellt in so ausserordentlichem Grade begabt, war es sehr naturlich, dass er die Aufmerksamkeit der Schonen auf sich ziehen musste. Die Damen zu Syracus hatten so gut Augen wie die zu Smyrna und Herzen dazu oder wenn sie keine hatten, so hatten sie doch etwas, dessen Bewegungen sehr gewohnlich mit den Bewegungen des Herzens verwechselt werden; oder wenn sie auch das nicht hatten, so hatten sie doch Eitelkeit, und konnten also nicht gleichgultig gegen die eigensinnige Unempfindlichkeit eines Mannes sein, welcher eben dadurch ein Feind wurde, dessen Uberwindung seine Siegerin zur Liebenswurdigsten ihres Geschlechts zu erklaren schien. In den Augen der meisten Schonen ist der Gunstling eines Monarchen allezeit ein Adonis; wie naturlich war also der Wunsch, einen Adonis empfindlich zu machen, der noch dazu der Liebling eines Konigs, und in der Tat, den Namen, und eine gewisse Binde um den Kopf ausgenommen, der Konig selbst war? Man kann sich auf die Geschicklichkeit der schonen Sicilianerinnen verlassen, dass sie nichts vergessen haben werden, seiner Kaltsinnigkeit auch nicht den Schatten einer anstandigen Entschuldigung ubrig zu lassen. Und womit hatte sie wohl entschuldiget werden konnen? Es ist wahr, ein Mann, der mit der Sorge fur einen ganzen Staat beladen ist, hat nicht so viel Musse als ein junger Herr, der sonst nichts zu tun hat, als sein Gesicht alle Tage ein paarmal im Vorzimmer zu zeigen, und die ubrige Zeit von einer Schonen, und von einer Gesellschaft zur andern fortzuflattern. Aber man mag so beschaftiget sein als man will, so behalt man doch allezeit Stunden fur sich selbst, und fur sein Vergnugen ubrig; und obgleich Agathon sich seinen Beruf etwas schwerer machte, als er in unsern Zeiten zu sein pflegt, nachdem man das Geheimnis erfunden hat, die schweresten Dinge mit einer gewissen unsern plumpern Vorfahren unbekannten Leichtigkeit vielleicht nicht so gut, aber doch artiger zu tun; so war es doch Augenscheinlich, dass er solche Stunden hatte. Der Einfluss, den er in die Staats-Verwaltung hatte, schien ihm so wenig zu schaffen zu machen; er brachte so viel Freiheit des Geistes, so viel Munterkeit und guten Humor zur Gesellschaft, und zu den Ergotzlichkeiten, wo ihn Dionys fast immer um sich haben wollte, dass man die Schuld seiner seltsamen Auffuhrung unmoglich seinen Geschaften beimessen konnte. Man musste also sie begreiflich zu machen auf andere Hypothesen verfallen. Anfangs hielt eine jede die andere im Verdacht, die geheime Ursache davon zu sein; und so lange dieses daurte, hatte man sehen sollen, mit was fur Augen die guten Damen einander beobachteten, und wie oft man in einem Augenblicke eine Entdeckung gemacht zu haben glaubte, welche der folgende Augenblick wieder vernichtigte. Endlich befand sich's, dass man einander Unrecht getan hatte; Agathon war gegen alle gleich verbindlich, und liebte keine. Auf eine Abwesende konnte man keinen Argwohn werfen; denn was hatte ihn bewegen sollen, den Gegenstand seiner Liebe von sich entfernt zu halten? Es blieben also keine andre als solche Vermutungen ubrig, welche unserm Helden auf die eine oder andre Art nicht sonderliche Ehre machten; ohne dass sie den gerechten Verdruss vermindern konnten, den man uber ein so wenig naturliches und in jeder Betrachtung so verhasstes Phanomen empfinden musste.
Unsre Leser, welche nicht vergessen haben konnen, was Agathon zu Smyrna war, werden so gleich auf einen Gedanken kommen, welcher freilich den Damen zu Syracus unmoglich einfallen konnte namlich, dass es ihnen vielleicht an Reizungen gefehlt habe, um einen hinlanglichen Eindruck auf ein Herz zu machen, welches nach einer Danae (welch ein Gemalde macht dieses einzige Wort!) nicht leicht etwas wurdig finden konnte, seine Neugier rege zu machen. Allein wenn die Nachrichten, denen wir in dieser Geschichte folgen, Glauben verdienen, so hat eine den mehr bemeldten Damen so wenig schmeichelnde Vermutung nicht den geringsten Grund: Syracus hatte Schonen, welche so gut als Danae, den Polycleten zu Modellen hatten dienen konnen; und diese Schonen hatten alle noch etwas dazu, das die Schonheit gelten macht; einige Witz, andre Zartlichkeit; andre wenigstens ein gutes Teil von dieser edeln Unverschamtheit, welche eine gewisse Classe von modernen Damen zu characterisieren scheint, und zuweilen schneller zum Zweck fuhrt als die vollkommensten Reizungen, welche unter dem Schleier der Bescheidenheit versteckt, ein nachteiliges Misstrauen in sich selbst zu verraten scheinen. Es konnte also nicht das sein Gut! So wird er sich etwan des Socratischen Geheimnisses bedient, und in den verschwiegenen Liebkosungen irgend einer gefalligen Cypassis das leichteste Mittel gefunden haben, sich vor der Welt die Mine eines Xenocrates zu geben? Das auch nicht! wenigstens sagen unsre Nachrichten nichts davon. Ohne also den Leser mit vergeblichen Mutmassungen aufzuhalten, wollen wir gestehen, dass die Ursache dieser Kaltsinnigkeit unsers Helden, etwas so naturliches und einfaltiges war, dass, so bald wir es entdeckt haben werden, Schah Baham selbst sich einbilden wurde, er habe wo nicht eben das, doch ungefahr so etwas erwartet.
Der Kaufmann, mit welchem Agathon nach Syracus gekommen war, war einer von denjenigen, welchen er ehmals zu Athen das Bildnis seiner Psyche zu dem Ende gegeben hatte, damit sie mit desto besserm Erfolg aller Orten mochte auf gesucht werden konnen. Gleichwohl erinnerte er sich dieses Umstands nicht eher, bis er einsmals bei einem Besuch, den er ihm machte, dieses Bildnis von ungefahr in dem Cabinet seines Freundes ansichtig wurde. Dasjenige was Agathon in diesem Augenblick empfand, war wenig von dem unterschieden, was er empfunden hatte, wenn es Psyche selbst gewesen ware. Die Ideen seiner ersten Liebe wurden dadurch wieder so lebhaft, dass er, so schwach auch seine Hoffnung war, das Urbild jemals wieder zu sehen, sich aufs Neue in dem Entschluss bestatigte, ihrem Andenken getreu zu bleiben. Die Damen von Syracus hatten also wurklich eine Nebenbuhlerin, ob sie gleich nicht erraten konnten, dass diese zartlichen Seufzer, welche jede unter ihnen seinem Herzen abzugewinnen wunschte, in mitternachtlichen Stunden vor einer gemalten Gebieterin ausgehaucht wurden.
Unter allen denjenigen, welche sich durch die Unempfindlichkeit unsers Helden beleidiget fanden, konnte keine der schonen Cleonissa in Absicht aller Vollkommenheiten, welche Natur und Kunst in einem Frauenzimmer vereinigen konnen, den Vorzug streitig machen. Eine vollkommen regelmassige Schonheit ist (mit Erlaubnis aller derjenigen, welche dabei interessiert sein mogen, die Grazien ihrer Konigin vorzuziehen) unter allen Eigenschaften, die eine Dame haben kann, diejenige welche den allgemeinsten, geschwindesten und starksten Eindruck macht; und fur tugendhafte Personen hat sie noch diesen Vorteil; dass sie das Verlangen von der Besitzerin eines so seltnen Vorzugs geliebt zu sein, in dem namlichen Augenblick durch eine Art von mechanischer Ehrfurcht zuruckscheucht deren sich der verwegenste Satyr kaum erwehren kann. Cleonissa besass diese Vollkommenheit in einem Grade, der den kaltsinnigsten Kennern des Schonen nichts daran zu tadeln ubrig liess; es war unmoglich sie ohne Bewunderung anzusehen. Aber die ungemeine Zuruckhaltung, welche sie affectierte, das Majestatische, das sie ihrer Mine, ihren Blicken und allen ihren Bewegungen zu geben wusste, mit dem Ruf einer strengen Tugend, worein sie sich dadurch gesetzt hatte, verstarkte die bemeldte naturliche Wurkung ihrer Schonheit so sehr, dass niemand kuhn genug war, sich in die Gefahr zu wagen, den Ixion dieser Juno abzugehen. Die Mittelmassigkeit ihrer Herkunft, und sowohl der Stand als die Vorsicht eines eifersuchtigen Ehmannes, hatten sie wahrend ihrer ersten Jugend in einer so grossen Entfernung von der Welt gehalten, dass sie eine ganz neue Erscheinung war, als Philistus (der sie, wir wissen nicht wie, aufgespurt, und Mittel gefunden hatte, sie mit guter Art zur Witwe zu machen) sie in Qualitat seiner Gemahlin an den Hof der Princessinnen brachte; unter welchen Namen die Mutter, die Gemahlin, und die Schwestern des Dionys begriffen wurden. Nicht viel geneigter als sein Vorganger, eine Frau von so besondern Vorzugen mit einem andern, und wenn es Jupiter selbst gewesen ware, zu teilen, hatte er anfangs alle Behutsamkeit gebraucht, welche der geizige Besitzer eines kostbaren Schatzes nur immer anwenden kann, um ihn vor der schlauesten Nachstellung zu verwahren. Aber die Tugend der Dame, und die herrschende Neigung, welche Dionys in den ersten Jahren seiner Regierung fur diejenige Classe von Schonen zeigte, welche nicht so viel Schwierigkeiten machen; vielleicht auch eine gewisse Laulichkeit, welche die Eigentumer dieser wundertatigen Schonheiten gemeiniglich nach Verfluss zweier oder dreier Jahre, oft auch viel fruher, unvermerkt zu uberschleichen pflegt; hatten seine Eifersucht so zahm gemacht, dass er in der Folge kein Bedenken trug, sie den Princessinnen so oft sie wollten zur Gesellschaft zu uberlassen. Wir wollen nicht untersuchen, ob Cleonissa damals wurklich so tugendhaft war, als die Sprodigkeit ihres Betragens gegen die Manns-Personen und die strengen Maximen, wornach sie andre von ihrem Geschlecht beurteilte, zu beweisen schienen. Genug dass die Princessinnen, und was noch mehr ist, ihr Gemahl, vollkommen davon uberzeugt waren, und dass sich noch keiner von den Hoflingen unterstanden hatte, eine so ehrwurdige Tugend auf die Probe zu setzen. Wahrend der Zeit, da Plato in so grossem Ansehen bei Dionysen stund, war Cleonissa eine von den eifrigsten Verehrerinnen dieses Weisen, und diejenige, welche den erhabenen Jargon seiner Philosophie am gelaufigsten reden lernte. Es mag nun aus Begierde sich durch ihren Geist eben so sehr als durch ihre Figur uber die ubrigen ihres Geschlechts zu erheben, (eine ziemlich gewohnliche Schwachheit der eigentlich so genannten Schonen,) oder aus irgend einem reinern Beweggrunde geschehen sein; so ist gewiss, dass sie alle Gelegenheiten den gottlichen Plato zu horen mit solcher Begierlichkeit suchte, eine so ausnehmende Hochachtung fur seine Person, einen so unbedingten Glauben an seine Begriffe von Schonheit und Liebe, und alle ubrige Teile seines Systems zeigte, und mit einem Wort, in kurzer Zeit, an Leib und Seele einer Platonischen Idee so ahnlich sah: Dass dieser weise Mann, stolz auf eine solche Schulerin, durch den besondern Vorzug, den er ihr gab, die allgemeine Meinung von ihrer Weisheit unendlich erhohte. Es ist wahr, es ware nur auf ihn angekommen, bei gewissen Gelegenheiten gewisse Beobachtungen in ihren schonen Augen zu machen, welche ihn ohne eine lange Reihe von Schlussen auf die Vermutung hatten bringen konnen, dass es nicht unmoglich sein wurde, diese Gottin zu humanisieren. Aber der gute Plato hatte damals schon uber sechzig Jahre, und machte keine solche Beobachtungen mehr. Cleonissa blieb also in dem Ansehen eines lebendigen Beweises des Platonischen Lehrsatzes, dass die ausserliche Schonheit ein Widerschein der intellectualischen Schonheit des Geistes sei; das Vorurteil fur ihre Tugend hielt dem Eindruck, welchen ihre Reizungen hatten machen konnen, das Gleichgewicht; und sie hatte das Vergnugen, die vollkommne Gleichgultigkeit, welche Dionys fur sie behielt, der Weisheit ihres Betragens zu zuschreiben, und sich dadurch ein neues Verdienst bei den Princessinnen zu machen.
Aber o! wie wohl lasst sich jener Solonische Ausspruch, dass man niemand vor seinem Ende glucklich preisen solle, auch auf die Tugend der Heldinnen anwenden! Cleonissa sah den Agathon, und horte in diesem Augenblick auf Cleonissa zu sein Nein, das eben nicht; ob es gleich nach dem Platonischen Sprachgebrauch richtig gesprochen ware; aber sie bewies, dass die Princessinnen, und sie selbst, und ihr Gemahl, und der Hof, und die ganze Welt, den gottlichen Plato mit eingeschlossen, sich sehr geirret hatten, sie fur etwas anders zu halten als sie war, und als sie einem jeden mit Vorurteilen unbefangenen Beobachter, einem Aristipp zum Exempel, in der ersten Stunde zu sein scheinen musste.
Sich uber einen so naturlichen Zufall zu verwundern, wurde unserm Bedunken nach, eine grosse Sunde gegen das nie genug anzupreisende Nil admirari sein, in welchem (nach der Meinung erfahrner Kenner der menschlichen Dinge) das eigentliche grosse Geheimnis der Weisheit, dasjenige was einen wahren Adepten macht, verborgen liegt. Die schone Cleonissa war ein Frauenzimmer, und hatte also ihren Anteil an den Schwachheiten, welche die Natur ihrem Geschlecht eigen gemacht hat, und ohne welche diese Halfte der menschlichen Gattung weder zu ihrer Bestimmung in dieser sublunarischen Welt so geschickt, noch in der Tat, so liebenswurdig sein wurde als sie ist. Ja wie wenig Verdienst wurde selbst ihrer Tugend ubrig bleiben, wenn sie nicht durch eben diese Schwachheiten auf die Probe gesetzt wurde?
Dem sei nun wie ihm wolle, die Dame fuhlte, so bald sie unsern Helden erblickte, etwas, das die Tugend einer gewohnlichen Sterblichen hatte beunruhigen konnen. Aber es gibt Tugenden von einer so starken Complexion, dass sie durch nichts beunruhiget werden; und die ihrige war von dieser Art. Sie uberliess sich den Eindrucken, welche ohne Zutun ihres Willens auf sie gemacht wurden, mit aller Unerschrockenheit, welche ihr das Bewusstsein ihrer Starke geben konnte. Die Vollkommenheit des Gegenstandes rechtfertigte die ausserordentliche Hochachtung, welche sie fur ihn bezeugte. Grosse Seelen sind am geschicktesten, einander Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; und ihre Eigenliebe ist so sehr dabei interessiert, dass sie die Parteilichkeit fur einander sehr weit treiben konnen, ohne sich dadurch besonderer Absichten verdachtig zu machen. Ein so unedler Verdacht konnte ohnehin nicht auf die erhabene Cleonissa fallen; indessen war doch nichts naturlicher, als die Erwartung, dass sie in unserm Helden eben diesen, wo nicht einen noch hohern Grad der Bewunderung erwecken werde, als sie fur ihn empfand. Diese Erwartung verwandelte sich eben so naturlich in ein mit Unmut vermischtes Erstaunen, da sie sich darin betrogen sah; und was konnte aus diesem Erstaunen anders werden, als eine heftige Begierde, ihrer durch seine Gleichgultigkeit ausserst beleidigten Eigenliebe eine vollstandige Genugtuung zu verschaffen? Auch wenn sie selbst gleichgultig gewesen ware, hatte sie mit Recht erwarten konnen, dass ein so feiner Kenner ihren Wert zu empfinden, und eine Cleonissa von den kleinern Sternen, welchen nur in ihrer Abwesenheit zu glanzen erlaubt war, zu unterscheiden wissen werde. Wie sehr musste sie sich also beleidiget halten, da sie mit diesem edeln Enthusiasmus, womit die privilegierte Seelen sich uber die kleinen Bedenklichkeiten gewohnlicher Leute hinwegsetzen, ihm entgegengeflogen war, und die Beweise ihrer sympathetischen Hochachtung nicht so lange zuruckzuhalten gewurdiget hatte, bis sie von der seinigen uberzeugt worden ware? Da es nur von ihrer Eigenliebe abhing, die Grosse des Unrechts nach der Empfindung ihres eignen Werts zu bestimmen; so war die Rache, welche sie sich an unserm Helden zu nehmen vorsetzte, die grausamste, welche nur immer in das Herz einer beleidigten Schonen kommen kann. Sie wollte die ganze vereinigte Macht aller ihrer intellectualischen und korperlichen Reizungen, verstarkt durch alle Kunstgriffe der schlauesten Coketterie (wovon ein so allgemeines Genie als das ihrige wenigstens die Theorie besitzen musste) dazu anwenden, ihren Undankbaren zu ihren Fussen zu legen; und wenn sie ihn durch die gehorige Abwechslungen von Furcht und Hoffnung endlich in den klaglichen Zustand eines von Liebe und Sehnsucht verzehrten Seladons gebracht, und sich an dem Schauspiel seiner Seufzer, Tranen, Klagen, Ausrufungen und aller andern Ausbruche der verliebten Torheit lange genug ergotzt haben wurde- ihn endlich auf einmal die ganze Schwere der kaltsinnigsten Verachtung fuhlen lassen. So wohlausgesonnen diese Rache war; so eifrig und mit so vieler Geschicklichkeit wurden die Anstalten dazu ins Werk gesetzt; und wir mussen gestehen, dass wenn der Erfolg eines Projects allein von der guten Ausfuhrung abhinge, die schone Cleonissa den vollstandigsten Triumph hatte erhalten mussen, der jemals uber den Trotz eines widerspenstigen Herzens erhalten worden ware. Ob diese Dame, wenn Agathon sich in ihrem Netze gefangen hatte, fahig gewesen ware, die Rache so weit zu treiben als sie sich selbst versprochen hatte? ist eine problematische Frage, deren Entscheidung vielleicht sie selbst, wenn der Fall sich ereignet hatte, in keine kleine Verlogenheit gesetzt haben wurde. Aber Agathon liess es nicht so weit kommen. Er legte eine neue Probe ab, dass es nur einer Danae gegeben war, die schwache Seite von seinem Herzen ausfundig zu machen. Cleonissa hatte bereits die Halfte ihrer Kunste erschopft, ehe er nur gewahr wurde, dass ein Anschlag gegen ihn im Werke sei; und von dem Augenblick, da er es gewahr wurde, stieg sein Kaltsinn, nach dem Verhaltnis wie ihre Bemuhungen sich verdoppelten, auf einen solchen Grad; oder deutlicher zu reden, der Absatz, den ihre zuletzt bis zur Unanstandigkeit getriebene Nachstellungen mit der affectierten Erhabenheit ihrer Denkungs-Art, und mit der Majestat ihrer Tugend machten, tat eine so schlimme Wurkung bei ihm, dass die schone Cleonissa sich genotiget sah, die Hoffnung des Triumphs, womit sich ihre Eitelkeit geschmeichelt hatte, ganzlich aufzugeben. Die Wut, in welche sie dadurch gesetzt wurde, verwandelte sich nach und nach in den vollstandigsten Hass, der jemals (mit Shakespear zu reden) die Milch einer weiblichen Brust in Galle verwandelt hat. Alles was sie ihrer Tugend in diesen Umstanden zu tun gab, war, die Bewegungen dieser Leidenschaft so geschickt zu verbergen, dass weder der Hof noch Agathon selbst gewahr wurde, mit welcher Ungeduld sie sich nach einer Gelegenheit sehnte, ihn die Wurkungen davon empfinden zu lassen.
In dieser Situation befanden sich die Sachen, als Dionys, des ruhigen Besitzes der immer gefalligen Bacchidion, und ihrer Tanze uberdrussig, sich zum ersten mal einfallen liess, die Beobachtung zu machen, dass Cleonissa schon sei. Er hatte sie noch nicht lange mit einiger Aufmerksamkeit beobachtet, so deuchte ihn, dass er noch nie keine so schone Creatur gesehen habe; und nun fing er an sich zu verwundern, dass er diese Beobachtung nicht eher gemacht habe. Endlich erinnerte er sich, dass die Dame sich jederzeit durch eine sehr sprode Tugend und einen erklarten Hang fur die Metaphysik unterschieden hatte; und nun zweifelte er nicht mehr, dass es dieser Umstand gewesen sein musse, was ihn verhindert habe, ihrer Schonheit eher Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eine Art von maschinalischer Ehrfurcht vor der Tugend, die von seiner Indolenz und der furchtbaren Vorstellung herkam, welche er sich von den Schwierigkeiten sie zu besiegen in den Kopf gesetzt hatte, wurde ihn vielleicht auch diesesmal in den Grenzen einer untatigen Bewunderung gehalten haben, wenn nicht einer von diesen kleinen Zufallen, welche so oft die Ursachen der grossesten Begebenheiten werden, seine naturliche Tragheit auf einmal in die ungeduldigste Leidenschaft verwandelt hatte. Da dieser Zufall jederzeit eine Anecdote geblieben ist, so konnen wir nicht gewiss sagen, ob es (wie einige Sicilianische Geschichtschreiber vorgeben) der namliche gewesen, wodurch in neuern Zeiten die Schwester des beruhmten Herzogs von Marlborough den ersten Grund zu dem ausserordentlichen Gluck ihrer Familie gelegt haben soll; oder ob er sie vielleicht von ungefahr in dem Zustand uberrascht haben mochte, worin der Actaon der Poeten das Ungluck hatte, die schone Diana zu erblicken. Das ist indessen ausgemacht, dass von dieser geheimen Begebenheit an, die Leidenschaft und die Absichten des Dionys einen Schwung nahmen, wodurch sich die Tugend der allzuschonen Cleonissa in keine geringe Verlegenheit gesetzt befand, wie sie in einer so schlupfrigen Situation dasjenige, was sie sich selbst schuldig war, mit den Pflichten gegen ihren Prinzen vereinigen wollte. Dionys war so dringend, so unvorsichtig und sie hatte so viele Personen in Acht zu nehmen sie, die in jedem andern Frauenzimmer eine Nebenbuhlerin hatte, und bei jedem Schritt von hundert eifersuchtigen Augen belauret wurde, welche nicht ermangelt haben wurden, den kleinsten Fehltritt, den sie gemacht hatte, durch eben so viele Zungen der ganzen Welt in die Ohren flustern zu lassen. Auf der einen Seite, ein von Liebe brennender Konig zu ihren Fussen, bereit eine unbegrenzte Gewalt uber ihn selbst und uber alles was er hatte, um die kleinste ihrer Gunstbezeugungen hinzugeben auf der andern, der glanzende Ruhm einer Tugend, welche noch kein Sterblicher fur fehlbar zu halten sich unterstanden hatte, das Vertrauen der Princessinnen, die Hochachtung ihres Gemahls Man muss gestehen, tausend andre wurden sich zwischen zweien auf so verschiedene Seiten ziehenden Kraften nicht zu helfen gewusst haben. Aber Cleonissa wusste es, ob sie sich gleich zum ersten mal in dieser Schwierigkeit befand, so gut, dass der ganze Plan ihres Betragens sie schwerlich eine einzige schlaflose Nacht kostete. Sie sah beim ersten Blick, wie wichtig die Vorteile waren, welche sie in diesen Umstanden von ihrer Tugend ziehen konnte. Das namliche Mittel, wodurch sie ihren Ruhm sicher stellen, und die Freundschaft der Princessinnen erhalten konnte, war unstreitig auch dasjenige, was den unbestandigen Dionys, bei dem vorsichtigen Gebrauch der erforderlichen Aufmunterungen, auf immer in ihren Fesseln behalten wurde. Sie setzte also seinen Erklarungen, Verheissungen, Bitten, Drohungen, (zu den feinern Nachstellungen wer er weder zartlich noch schlau genug) eine Tugend entgegen, welche ihn durch ihre Hartnackigkeit notwendig hatte ermuden mussen, wenn das Mitleiden mit dem Zustand, worein sie ihn zu setzen gezwungen war, sie nicht zu gleicher Zeit vermocht hatte, seine Pein durch alle die kleinen Palliative zu lindern, welche im Grunde fur eine Art von Gunstbezeugungen angesehen werden konnen, ohne dass gleichwohl die Tugend, bei einem Liebhaber wie Dionys war, dadurch zuviel von ihrer Wurde zu vergeben scheint. Die zartliche Empfindlichkeit ihres Herzens die Gewalt welche sie sich antun musste, einem so liebenswurdigen Prinzen zu widerstehen die stillschweigenden Gestandnisse ihrer Schwachheit, welche zu eben der Zeit, da sie ihm den entschlossensten Widerstand tat, ihrem schonen Busen wider ihren Willen entflohen o! tugendhafte Cleonissa! Was fur eine gute Actrice warest du! Was hatte Dionys sein mussen, wenn er bei solchen Anscheinungen die Hoffnung aufgegeben hatte, endlich noch glucklich zu werden?
Inzwischen war, ungeachtet aller Behutsamkeit, welche Cleonissa, und Dionys selbst gebrauchte, die Leidenschaft dieses Prinzen, und die unuberwindliche Tugend seiner Gottin, ein Geheimnis, welches der ganze Hof wusste, wenn man schon nicht dergleichen tat, als ob man Augen oder Ohren hatte. Cleonissa hatte die Vorsicht gebraucht, die Schwestern des Prinzen, von dem Augenblicke, da sie an seiner Leidenschaft nicht mehr zweifeln konnte, zu ihren Vertrauten zu machen; diese hatten wieder im Vertrauen alles seiner Gemahlin entdeckt, und die Gemahlin seiner Mutter. Die Princessinnen, welche seine bisherigen Ausschweifungen immer vergebens beseufzet, und besonders gegen die arme Bacchidion einen Widerwillen gefasst hatten, wovon sich kein andrer Grund, als die launische Denkungs-Art dieser Damen angeben lasst, waren erfreut, dass seine Neigung endlich einmal auf einen tugendhaften Gegenstand gefallen war. Die ausnehmende Klugheit der schonen Cleonissa machte ihnen Hoffnung, dass es ihr gelingen wurde, ihn unvermerkt auf den rechten Weg zu bringen. Cleonissa erstattete ihnen jedes mal getreuen Bericht von allem was zwischen ihr und ihrem Liebhaber vorgegangen war oder doch von allem, was die Princessinnen davon zu wissen notig hatten; alle Massregeln, wie sie sich gegen ihn betragen sollte, wurden in dem Cabinet der Konigin abgeredet; und diese gute Dame, welche das Ungluck hatte, die Kaltsinnigkeit ihres Gemahls gegen sie lebhafter zu empfinden, als es fur ihre Ruhe gut war, gab sich alle mogliche Bewegungen, die Bemuhungen zu befordern, welche von der tugendhaften Cleonissa angewandt wurden, den Prinzen in die Schranken der Gebuhr zuruckzubringen. Alles dieses machte eine Art von Intrigue aus, bei welcher, ungeachtet der anscheinenden Ruhe, der ganze Hof in innerlicher Bewegung war. Der einzige Philistus, derjenige der am meisten Ursache hatte, aufmerksam zu sein, wusste nichts von allem was jedermann wusste; oder bewies doch wenigstens in seinem ganzen Betragen eine so seltsame Sicherheit, dass wir, wenn uns das ausserordentliche Vertrauen nicht bekannt ware, welches er in die Tugend seiner Gemahlin zu setzen Ursache hatte, fast notwendig auf den Argwohn geraten mussten, als ob er gewisse Absichten bei dieser Auffuhrung gehabt haben konnte, welche seinem Character keine sonderliche Ehre machen wurden.
Alles ging wie es gehen sollte; Dionys setzte die Belagerung mit der aussersten Hartnackigkeit und mit Hoffnungen fort, welche der tapfre Widerstand der weisen Cleonissa ziemlich zweideutig machte die Liebe schien noch wenig uber ihre Tugend erhalten zu haben, obgleich diese allmahlich anfing, von ihrer Majestat nachzulassen, und zu erkennen zu geben, dass sie nicht ganz ungeneigt ware, unter hinlanglicher Sicherheit sich in ein geheimes Verstandnis, in so fern es eine blosse Liebe der Seele zur Absicht hatte, einzulassen Die Princessinnen sahen mit dem vollkommensten Vertrauen auf die keuschen Reizungen ihrer Freundin, der Entwicklung des Stucks entgegen und Philistus war von einer Gefalligkeit, von einer Indolenz, wie man niemals gesehen hat: Als Agathon, zum Ungluck fur ihn und fur Sicilien, durch einen Eifer, der an einem Staats-Mann von so vieler Einsicht kaum zu entschuldigen war, sich verleiten liess, den glucklichen Fortgang der verschiedenen Absichten, welchen Dionys- Cleonissa- die Princessinnen- und vielleicht auch Philistus schon so nahe zu sein glaubten, durch seine unzeitige Dazwischenkunft zu unterbrechen.
Drittes Capitel
Grosse Fehler wider die Staats-Kunst, welche
Agathon beging Folgen davon
Die Vertraulichkeit, worin Dionys mit seinen Gunstlingen zu leben pflegte, und das naturliche Bedurfnis eines Verliebten, jemand zu haben, dem er sein Leiden oder seine Gluckseligkeit entdecken kann hatten ihn nicht erlaubt, dem Agathon aus seiner neuen Liebe ein Geheimnis zu machen; und dieser trieb die Gefalligkeit anfanglich so weit, sich von dem schwatzhaftesten Liebhaber, der jemals gewesen war, mit den Angelegenheiten seines Herzens ganze Stunden durch Langeweile machen zu lassen, in denen es dem guten Prinzen kein einziges mal einfiel, dass diese Angelegenheiten einem dritten unmoglich so wichtig vorkommen konnten, als sie ihm selbst waren. Ohne seine Wahl geradezu zu missbilligen (wovon er eine schlechte Wurkung hatte hoffen konnen) begnugte er sich anfangs, ihm die Schwierigkeiten, welche er bei einer Dame von so strenger und systematischer Tugend finden wurde, so furchterlich abzumalen, dass er ihn von einer Unternehmung, welche sich dem Ansehen nach, wenigstens in eine entsetzliche Lange hinausziehen wurde, abzuschrecken hoffte. Wie er aber sah, dass Dionys anstatt durch den Widerstand, uber den er sich beklagte, ermudet zu werden, von Tag zu Tag mehr Hoffnung schopfte, diese beschwerliche Tugend durch hartnackig wiederholte Anfalle endlich selbst abzumatten: So glaubte er der schonen Cleonissa nicht zu viel zu tun, wenn er sie im Verdacht eines gekunstelten Betragens hatte, welches die Leidenschaft des Prinzen zu eben der Zeit aufmunterte, da sie ihm alle Hoffnung zu verbieten schien. Je scharfer er sie beobachtete, je mehr Umstande entdeckte er; welche ihn in diesem Argwohn bestarkten; und da seine naturliche Antipathie gegen die majestatischen Tugenden das ihrige mit beitrug, so hielt er sich nun vollkommen uberzeugt, dass die weise und tugendhafte Cleonissa weder mehr noch weniger als eine Betrugerin sei, welche durch einen erdichteten Widerstand zu gleicher Zeit sich in dem Ruf der Unuberwindlichkeit zu erhalten, und den leichtglaubigen Dionys desto fester in ihrem Garn zu verstricken im Sinne habe. Nunmehr fing er an die Sache fur ernsthaft anzusehen, und sich so wohl durch die Pflichten der Freundschaft fur einen Prinzen, fur den er bei allen seinen Schwachheiten eine Art von Zuneigung fuhlte, als aus Sorge fur den Staat, verbunden zu halten, einem Verstandnis, welches fur beide sehr schlimme Folgen haben konnte, sich mit Nachdruck zu widersetzen. Bacchidion, welche, ohne eine so regelmassige Schonheit zu sein, in seinen Augen unendlichmal liebenswurdiger war als Cleonissa, schien ihm ihres Herzens oder richtiger zu reden, ihrer glucklichen Organisation wegen ungeachtet des gemeinen und gerechten Vorurteils gegen ihren Stand, in Vergleichung mit dieser tugendhaften Dame eine sehr schatzbare Person zu sein: Und da sie in der Unruhe, worein sie die immer zunehmende Kaltsinnigkeit des Prinzen zu setzen anfing, ihre Zuflucht zu ihm nahm, so machte er sich desto weniger Bedenken, sich ihrer mit etwas mehr Eifer als die Wurde seines Characters vielleicht gestatten mochte, anzunehmen. Dionys liebte sie nicht mehr; aber er masste sich noch immer Rechte uber sie an, welche nur die Liebe geben sollte. Die schone Bacchidion wurde nur zu deutlich gewahr, dass sie nur die Stelle ihrer Nebenbuhlerin in seinen Armen vertreten sollte; und ob sie gleich nur eine Tanzerin war, so deuchte sie sich doch zu gut, Flammen zu loschen, welche eine andere angezundet hatte. Dionys schien bei der anhaltenden Strenge seiner neuen Gebieterin, einer solchen Gefalligkeit mehr als jemals benotiget zu sein; und eben darum gab ihr Agathon den Rat, an ihrem Teil auch die Grausame zu machen, und zu versuchen, ob sie durch ein sprodes und launisches Betragen, mit einer gehorigen Dosi von Coketterie vermischt, nicht mehr als durch zartliche Klagen und verdoppelte Gefalligkeit gewinnen wurde. Dieser Rat hatte einen so guten Erfolg, dass Agathon, der sich des Sieges zu fruh versichert hielt, izo den gelegenen Augenblick gefunden zu haben glaubte, dem Dionys offenherzig zu gestehen, wie wenig Achtung er fur die angebliche Tugend der Dame Cleonissa trage. Die Folgen der geheimen Unterredung, welche sie mit einander uber diese Materie hatten, entsprachen der Erwartung unsers Helden nicht. Alles Nachteilige, was Agathon dem Prinzen von seiner neuen Gottin sagen konnte, bewies hochstens, dass sie nicht so viel Hochachtung verdiene als er geglaubt hatte; aber es verminderte seine Begierden nicht; desto besser fur seine Absichten, wenn sie nicht so tugendhaft war. Diesen edlen Gedanken liess er zwar den Agathon nicht sehen; aber Cleonissa wurde ihn desto deutlicher gewahr. Dionys hatte nicht so bald erfahren, dass die Tugend der Dame nur ein Popanz sei, so eilte er was er konnte, Gebrauch von dieser Entdeckung zu machen, und setzte sie durch ein Betragen in Erstaunen, welches mit seinem vorigen, und noch mehr mit der Majestat ihres Characters, einen hochst beleidigenden Contrast machte. Er war zwar Discret genug, ihr nicht geradezu zu sagen, was fur Begriffe man ihm von ihr beigebracht habe; aber sein Bezeugen sagte es so deutlich, dass sie nicht zweifeln konnte, es musste ihr jemand schlimme Dienste bei ihm geleistet haben. Dieser Umstand setzte sie in der Tat in keine geringe Verlegenheit, wie sie dasjenige was sie ihrer beleidigten Wurde schuldig war, mit der Besorgnis, einen Liebhaber von solcher Wichtigkeit durch allzuweit getriebene Strenge ganzlich abzuschrecken, zusammenstimmen wollte. Allein ein Geist wie der ihrige weiss sich aus den schwierigsten Situationen herauszuwickeln; und Dionys ging uberzeugter als jemals von ihr, dass sie die Tugend selbst, und allein durch die Starke der Sympathie, wodurch ihre zum ersten mal geruhrte Seele gegen die seinige gezogen werde, fahig werden konnte, die Hoffnungen dereinst zu erfullen, welche sie ihm weder erlaubte noch ganzlich verwehrte. Von dieser Zeit an nahm seine Leidenschaft und das Ansehen dieser Dame von Tag zu Tag zu; die schone Bacchidion wurde formlich abgedankt; und Agathon wurde in den Augen seines Herren gelesen haben, wenn er es nicht aus seinem eignen Munde vernommen hatte, dass er gute Hoffnung habe, in wenigen Tagen den letzten Seufzer der sterbenden Tugend von den Lippen der zartlichen, und nur noch schwach widerstehenden Cleonissa aufzufassen. Izo glaubte er, dass es die hochste Zeit sei einen Schritt zu tun, der nur durch die ausserste Notwendigkeit gerechtfertiget werden konnte, aber seiner Meinung nach, das unfehlbarste Mittel war, dieser gefahrlichen Intrigue noch in Zeiten ein Ende zu machen. Er liess also den Philistus zu sich ruhen, und entdeckte ihm mit der ganzen Vertraulichkeit eines ehrlichen Mannes, der mit einem ehrlichen Manne zu reden glaubt, die nahe Gefahr, worin seine Ehre und die Tugend seiner Gemahlin schwebe. Freilich entdeckte er dem edeln Philistus nichts, als was dieser in der Tat schon lange wusste; aber Philistus machte nichts desto weniger den Erstaunten; indessen dankte er ihm mit der lebhaftesten Empfindung fur ein so unzweifelhaftes Merkmal seiner Freundschaft, und versicherte, dass er auf ein schickliches Mittel bedacht sein wollte, seine Gemahlin, von welcher er ubrigens die beste Meinung von der Welt habe, gegen alle Nachstellungen der Liebesgotter sicher zu stellen.
Man hat wohl sehr recht, uns die Lehre bei allen Gelegenheiten einzuscharfen, dass man sich die Leute nach ihrer Weise verbindlich machen musse, und nicht nach der unsrigen. Agathon glaubte sich kein geringes Verdienst um den Philistus gemacht zu haben, und wurde nicht wenig uber die Apostrophen erstaunt gewesen sein, welche dieser wurdige Minister an ihn machte, so bald er sich wieder allein sah. In der Tat musste es diesen notwendig ungehalten machen, sich durch eine so unzeitige Vorsorge fur seine Ehre auf einmal aller Vorteile seiner bisherigen discreten Unachtsamkeit verlustiget zu sehen. Indessen konnte er nun, ohne sich in Agathons Augen zum Verrater seiner eigenen Ehre zu machen, nicht anders; er musste den Eifersuchtigen spielen. Die Comodie bekam dadurch auf etliche Tage einen sehr tragischen Schwung Wie viel Muhe hatten sich die HauptPersonen dieser Farce ersparen konnen, wenn sie die Maske hatten abnehmen, und sich einander in puris naturalibus zeigen wollen? Aber diese Leute aus der grossen Welt sind so punctliche Beobachter des Wohlstands! und sind darum zu beloben; denn es beweiset doch immer, dass sie sich ihrer wahren Gestalt schamen, und die Verbindlichkeit etwas bessers zu sein als sie sind, stillschweigend anerkennen Cleonissa rechtfertigte sich also gegen ihren Gemahl, indem sie sich auf die Princessinnen, als unverwerfliche Zeugen der untadelhaften Unschuld ihres Betragens berief Niemals ist ein erhabneres und pathetischeres Stuck von Beredsamkeit gehort worden, als die Rede war, wodurch sie ihm die Unbilligkeit seines Verdachts vorhielt; und der gute Mann wusste sich endlich nicht anders zu helfen, als dass er den Freund nannte, von dem er, wiewohl aus guter Absicht, in diesen kleinen Anstoss einer, wie er nun vollkommen erkannte, hochst unnotigen und straflichen Eifersucht gesetzt worden sei. Die Wut einer sturmischen See einer zur Rache gereizten Hornisse oder einer Lowin, der ihre Jungen geraubt worden, sind nur schwache Bilder in Vergleichung mit der Wut, in welcher Cleonissens tugendhafter Busen bei Nennung des Namens Agathon aufloderte. Wurklich war nichts mit ihr zu vergleichen, als die Wollust, womit der Gedanke sie berauschte, dass sie es nun endlich in ihrer Gewalt habe, die lange gewunschte Rache an diesem undankbaren Verachter ihrer Reizungen zu nehmen. Sie misshandelte den Dionys, (den sie fur die unertragliche Beleidigung, welche sie von ihrem Gemahl erduldet hatte, zur Rechenschaft zog) so lange und so grausam, bis er ihr, wiewohl ungern, (denn er wollte seinen Gunstling nicht aufopfern) entdeckte, wie wenig sie dem Agathon fur seine Meinung von ihr verbunden sei. Nunmehr klarte sich, wie sie sagte, das ganze Geheimnis auf; und in der Tat musste sie sich nur uber ihre eigene Einfalt verwundern, da sie sich eines bessern zu einem Manne versehen hatte, von dessen Rache sie naturlicher Weise das Schlimmste hatte erwarten sollen Wenn Dionys bei diesen Worten stutzte, so kann man sich einbilden, was er fur eine Mine machte, da sie ihm, vermittelst einer Confidenz, wozu sie durch ihre eigene Rechtfertigung gezwungen war, umstandlich entdeckte, dass der Hass Agathons gegen sie allein daher entsprungen sei, weil sie nicht fur gut befunden habe, seine Liebe genehm zu halten. Dieses war nun freilich nicht nach der Scharfe wahr. Aber da sie nun einmal dahin gebracht war, sich selbst verteidigen zu mussen, so war naturlich, dass sie es lieber auf Unkosten einer Person, die ihr verhasst war, als auf ihre eigene tat. So viel ist gewiss, dass sie ihre Absicht dadurch mehr als zu gut erreichte. Dionys geriet in einen so heftigen Anfall von Eifersucht uber seinen unwurdigen Liebling dieser Mann, der der Liebe eines Dionys unwurdig war, war Agathon! dass Cleonissa, (welche besorgte, dass ein plotzlicher Ausbruch zu missbeliebigen Erlauterungen Anlass geben konnte) alle ihre Gewalt uber ihn anwenden musste, ihn zuruckzuhalten. Sie bewies ihm die Notwendigkeit, einen Mann, der zu allem Ungluck der Abgott der Nation ware, vorsichtig zu behandeln. Dionys fuhlte die Starke dieses Beweises, und hassete den Agathon nur um so viel herzlicher. Die Princessinnen mischten sich auch in die Sache, und legten unserm Helden sehr ubel aus, dass er, anstatt den Prinzen von Ausschweifungen abzuhalten, eine Creatur wie Bacchidion mit so vielem Eifer in seinen Schutz genommen hatte. Man scheuete sich nicht, diesem Eifer so gar einen geheimen Beweggrund zu leihen; und Philistus brachte unter der Hand verschiedene Zeugen auf, welche in dem Cabinet des Prinzen verschiedene Umstande aussagten, die ein zweideutiges Licht auf die Enthaltsamkeit unsers Helden und die Treue der schonen Bacchidion zu werfen schienen. Dieser Minister fand vermutlich die Absichten seines Herrn auf seine tugendhafte Gemahlin so rein und unschuldig, dass es anstossig, und lacherlich gewesen ware, uber die Freundschaft, womit er sie beehrte, eifersuchtig zu sein. Ein taglicher Zuwachs der koniglichen Gunst rechtfertigte und belohnte eine so edelmutige Gefalligkeit. Timocrat fand bei diesen Umstanden Gelegenheit, sich gleichfalls wieder in das alte Vertrauen zu setzen; und beide vereinigten sich nunmehr mit der triumphierenden Cleonissa, den Fall unsers Helden desto eifriger zu beschleunigen, je mehr sie ihn mit Versicherungen ihrer Freundschaft uberhauften. Wir haben in diesem und dem vorigen Capitel ein so merkwurdiges Beispiel gesehen, (und wollte Gott! diese Beispiele kamen uns nicht so oft im Leben selbst vor) wie leicht es ist, einem lasterhaften Character, einer schwarzen, hassenswurdigen Seele, den Anstrich der Tugend zu gehen. Agathon erfuhr nunmehr, dass es eben so leicht ist, die reineste Tugend mit verhassten Farben zu ubersudeln. Er hatte dieses zu Athen schon erfahren; aber bei der Vergleichung die er zwischen jenem Fall und seinem izigen anstellte, schienen ihm seine Atheniensische Feinde, im Gegensatz mit den verachtlichen Creaturen, denen er sich nun auf ein mal aufgeopfert sah, so weiss zu werden, als sie ihm ehmals, da er noch keine schlimmere Leute kannte, schwarz vorgekommen waren. Vermutlich verfalschte die Lebhaftigkeit des gegenwartigen Gefuhls sein Urteil uber diesen Punct ein wenig; denn in der Tat scheint der ganze Unterschied zwischen der republicanischen und hofischen Falschheit darin zu bestehen, dass man in Republiken genotiget ist, die ganze ausserliche Form tugendhafter Sitten anzunehmen; da man hingegen an Hofen genug getan hat, wenn man den Lastern, welche des Fursten Beispiel adelt, oder wodurch seine Absichten befordert werden, tugendhafte Namen gibt. Allein im Grunde ist es nicht ekelhafter, einen hupfenden, schmeichelnden, untertanigen, vergoldeten Schurken zu eben der Zeit, da er sich vollkommen wohl bewusst ist, nie keine Ehre gehabt zu haben, oder in diesem Augenblick im Begriff ist, wofern er eine hatte, sie zu verlieren von den Pflichten gegen seine Ehre reden zu horen; als einen gesetzten, schwerfalligen, gravitatischen Schurken zu sehen, der unter dem Schutz seiner Nuchternheit, Eingezogenheit und punctlichen Beobachtung aller ausserlichen Formalitaten der Religion und der Gesetze, ein unversohnlicher Feind aller derjenigen ist, welche anders denken als er, oder nicht zu allen seinen Absichten helfen wollen, und sich nicht das mindeste Bedenken macht, so bald es seine Convenienz erfordert, eine gute Sache zu unterdrukken, oder eine bose mit seinem ganzen Ansehen zu unterstutzen. Unparteiisch betrachtet, ist dieser noch der schlimmere Mann; denn er ist ein eigentlicher Heuchler: Da jener nur ein Comodiant ist, der nicht verlangt, dass man ihn wurklich fur das halten solle, wofur er sich ausgibt; vollkommen zufrieden, wenn die Mitspielenden und Zuschauer nur dergleichen tun, ohne dass es ihm einfallt sich zu bekummern, ob es ihr Ernst sei, oder nicht.
Agathon hatte nunmehr gute Musse, dergleichen Betrachtungen anzustellen; denn sein Ansehen und Einfluss nahm zusehends ab. Ausserlich zwar schien alles noch zu sein, wie es gewesen war. Dionys und der ganze Hof liebkoseten ihm so sehr als jemals, und die Dame Cleonissa selbst schien es ihrer unwurdig zu halten, ihm einige Empfindlichkeit zu erkennen zu geben. Aber desto mehr Missvergnugen wurde ihm durch geheime, schleichende, und indirecte Wege gemacht. Er musste zusehen, wie nach und nach, unter tausend falschen und nichtswurdigen Vorwanden, seine besten Anordnungen als schlecht ausgesonnen, uberflussig, oder schadlich, wieder aufgehoben, oder durch andere unnutze gemacht wie die wenigen von seinen Creaturen, welche in der Tat Verdienste hatten, entfernt wie alle seine Absichten missdeutet, alle seine Handlungen aus einem willkurlich falschen Gesichts-Punct beurteilt, und alle seine Vorzuge oder Verdienste lacherlich gemacht wurden. Zu eben der Zeit, da man seine Talente und Tugenden erhob, behandelte man ihn eben so, als ob er nicht das geringste von den einen noch von den andern hatte. Man behielt zwar noch, aus politischen Absichten (wie man es zu nennen pflegt) den Schein bei, als ob man nach den namlichen Grundsatzen handle, denen er in seiner Staats-Verwaltung gefolget war: In der Tat aber geschah in jedem vorkommenden Falle gerade das Widerspiel von dem, was er getan haben wurde; und kurz, das Laster herrschte wieder mit so despotischer Gewalt als jemals.
Hier ware es Zeit gewesen, die Clausul gelten zu machen, welche er seinem Vertrag mit dem Dionys angehangt hatte, und sich zuruckzuziehen, da er nicht mehr zweifeln konnte, dass er am Hofe dieses Prinzen zu nichts mehr nutze war. Und dieses war auch der Rat, den ihm der einzige von seinen Hoffreunden, der ihm getreu blieb, der Philosoph Aristippus gab. Du hattest, sagte er ihm in einer vertraulichen Unterredung uber den gegenwartigen Lauf der Sachen, du hattest dich entweder niemals mit einem Dionysius einlassen, oder an dem Platz, den du einmal angenommen hattest, deine moralische Begriffe oder doch wenigstens deine Handlungen nach den Umstanden bestimmen sollen. Auf diesem Theater der Verstellung, der Betrugerei, der Intriguen, der Schmeichelei und Verraterei, wo Tugenden und Pflichten blosse Rechen-Pfenninge, und alle Gesichter Masken sind; kurz, an einem Hofe, gilt keine andre Regel als die Convenienz, keine andre Politik, als einen jeden Umstand mit unsern eignen Absichten so gut vereinigen als man kann. Im ubrigen ist es vielleicht eine Frage, ob du so wohl getan hast, dich um einer an sich wenig bedeutenden Ursache willen mit Dionysen abzuwerfen. Ich gestehe es, in den Augen eines Philosophen ist die Tanzerin Bacchidion viel schatzbarer, als diese majestatische Cleonissa, welche mit aller ihrer Metaphysik und Tugend weder mehr noch weniger als eine falsche, herrschsuchtige und boshafte Creatur ist. Bacchidion hat dem Staat keinen Schaden getan, und Cleonissa wird unendlich viel Boses tun Aus dieser Betrachtung (unterbrach ihn Agathon) habe ich mich fur jene und gegen diese erklart Und doch war es leicht vorherzusehen, dass Cleonissa siegen wurde, sagte Aristipp Aber ein rechtschaffener Mann, Aristipp, erklart sich nicht fur die Partei, welche siegen wird, sondern fur die, welche Recht, oder doch am wenigsten Unrecht hat Mein lieber Agathon, ein rechtschaffener Mann muss, so bald er an einem Hofe leben will, sich eines guten Teils von seiner Rechtschaffenheit abtun, um ihn seiner, Klugheit zu zulegen. Ist es nicht Schade, dass so viel Gutes, das du schon getan hast, so viel Gutes, das du noch getan haben wurdest, bloss darum verloren sein soll, weil du eine schone Dame nicht verstehen wolltest, da sie dir's so deutlich, dass es der ganze Hof (einen einzigen ausgenommen) verstehen konnte, zu erkennen gab, dass sie schlechterdings geliebt sein wollte. Doch dieser Fehler hatte sich vielleicht wieder gut machen lassen, wenn du nur gefallig genug gewesen warest, ihre Absichten auf Dionysen zu befordern. Wolltest du auch dieses nicht, war es denn notig ihr entgegen zu sein? Was fur Schaden wurde daraus erfolgt sein, wenn du neutral geblieben warest? Die kleine Bacchidion wurde nicht mehr getanzt haben, und Cleonissa hatte die Ehre gehabt, ihren Platz einzunehmen, bis er ihrer eben so wohl uberdrussig geworden ware als so vieler andrer. Das ware alles gewesen. Und gesetzt, du hattest auch die Gewalt uber ihn mit ihr teilen mussen; so wurdest du ihr wenigstens das Gleichgewicht gehalten, und noch immer Ansehen genug behalten haben, viel Gutes zu tun. Dem Schein nach in gutem Vernehmen mit ihr, wurde dir dein Platz, und die Vertraulichkeit mit dem Prinzen tausend Gelegenheiten gegeben haben, sie, so bald ihre Gunstbezeugungen aufgehort hatten, etwas neues fur ihn zu sein, unvermerkt und mit der besten Art von der Welt wieder auf die Seite zu schaffen Aber ich kenne dich zu gut, Agathon; du bist nicht dazu gemacht dich zu Verstellung, Ranken und Hofkunsten herabzulassen; dein Herz ist zu edel, und wenn ich es sagen darf, deine Einbildungs-Kraft zu warm, um dich jemals zu der Art von Klugheit zu gewohnen, ohne welche es unmoglich ist, sich lange in der Gunst der Grossen zu erhalten. Auch kenne ich den Hof nicht, welcher wert ware, einen Agathon an seiner Spitze zu haben. Das alles hatte ich dir ungefahr vorher sagen konnen, als ich dich uberreden half, dich mit Dionysen einzulassen; aber es war besser durch deine eigne Erfahrung davon uberzeugt zu werden. Ziehe dich izt zuruck, ehe das Ungewitter, das ich aufsteigen sehe, uber dich ausbrechen kann. Dionys verdient keinen Freund wie du bist. Wie sehr hattest du dich betrogen, wenn du jemals geglaubt hattest, dass er dich hochachte! Woher sollte denen von seiner Art die Fahigkeit dazu kommen? Selbst damals, da er am starksten fur dich eingenommen war, liebte er dich aus keinem andern Grunde, als warum er seinen Affen und seine Papagaien liebt weil du ihm Kurzweil machtest. Seine Gunst hatte eben so leicht auf einen andern Neuangekommenen fallen konnen, der die Cither noch besser gespielt hatte als du. Nein, Agathon, du bist nicht gemacht, mit solchen Leuten zu leben, ziehe dich zuruck; du hast genug fur deine Ehre getan. Die Torheit der neuen Staats-Verwaltung wird die Weisheit der deinigen am besten rechtfertigen. Deine Handlungen, deine Tugenden, und ein ganzes Volk, welches deine Zeiten zuruckwunschen, und dein Andenken segnen wird, werden dich am besten gegen die Verleumdungen und den albernen Tadel eines kleinen Hofes voll Toren und schelmischer Sclaven verteidigen, deren Hass dir mehr Ehre macht als ihr Beifall. Du befindest dich in Umstanden, in einem unabhangigen Privatstande mit Wurde leben zu konnen. Deine Freunde zu Tarent werden dich mit offnen Armen empfangen. Ich wiederhole es, Agathon, verlass einen Fursten, der seiner Sclaven, und Sclaven die eines solchen Fursten wert sind; und denke nun daran, wie du selbst des Lebens geniessen wollest, nachdem du den Versuch gemacht, wie schwer, wie gefahrlich, und insgemein wie vergeblich es ist, fur andrer Gluck zu arbeiten.
So sprach Aristipp; und Agathon wurde wohl getan haben, einem so guten Rate zu folgen. Aber wie sollte es moglich sein, dass derjenige, welcher selbst eine Haupt-Rolle in einem Stucke spielt, so gelassen davon urteilen sollte, als ein blosser Zuschauer? Agathon sah die Sachen aus einem ganz andern GesichtsPunct. Er betrachtete sich als einen Mann, der die Verbindlichkeit auf sich genommen habe, die Wohlfahrt Siciliens zu befordern. Warum kam ich nach Syracus? sagte er zu sich selbst und mit welchen Absichten ubernahm ich das Amt eines Freundes und Ratgebers bei diesem Tyrannen? Tat ich es, um ein Sclave seiner Leidenschaften, oder ein Werkzeug der Tyrannie zu sein? Oder hatte ich einen grossen und rechtschaffenen Zweck? Wurde ich mich jemals mit ihm eingelassen haben, wenn er mir nicht Hoffnung gemacht hatte, dass die Tugend endlich die Oberhand uber seine Laster erhalten wurde? Er hat mich betrogen, und die Erfahrungen, die ich von seiner GemutsArt habe, uberzeugen mich, dass er unverbesserlich ist. Aber wurde es edel von mir gehandelt sein, ein Volk, dessen Wohlfahrt der Endzweck meiner Bemuhungen war, ein Volk, welches mich als seinen Wohltater ansieht, den Launen dieses weibischen Menschen, und der Raubsucht seiner Schmeichler und Sclaven Preis zu geben? Was fur Pflichten hab' ich gegen ihn, welche sein undankbares, niedertrachtiges Verfahren gegen mich nicht auf gehoben, und vernichtet hatte? Oder wenn ich noch Pflichten gegen ihn habe; sind nicht diejenigen unendlichmal heiliger, welche mich an ein Land binden, das durch meine Wahl, und die Dienste, die ihm ich geleistet habe, mein zweites Vaterland worden ist? Wer ist denn dieser Dionys? Was fur ein Recht hat er an die hochste Gewalt, der er sich anmasst? Wem anders als dem Agathon hat er das einzige Recht zu danken, worauf er sich mit einigem Schein berufen kann? Seit wenn ist er aus einem von aller Welt verabscheueten Tyrannen ein Konig geworden, als seit dem ich ihm durch eine gerechte und wohltatige Regierung die Liebe des Volks zugewandt habe? Er liess mich arbeiten; er verbarg seine Laster hinter meine Tugenden; eignete sich meine Verdienste zu, und genoss die Fruchte davon, der Undankbare! und nun, da er sich stark genug glaubt, mich entbehren zu konnen, uberlasst er sich wieder seinem eigenen Character, und fangt damit an, alles Gute das ich in seinem Namen getan habe, wieder zu vernichten; gleich als ob er sich schame, eine Zeitlang aus seinem Character getreten zu sein, und als ob er nicht genug eilen konne, die ganze Welt zu belehren, dass es Agathon, nicht Dionys gewesen sei, der den Sicilianern eine Morgenrote bessrer Zeiten gezeigt, und Hoffnung gemacht, sich von den Misshandlungen einer Reihe schlimmer Regenten wieder zu erholen. Was wurd' ich also sein, wenn ich sie in solchen Umstanden verlassen wollte, wo sie meiner mehr als jemals benotiget sind? Nein Dionys hat Beweise genug gegeben, dass er unverbesserlich ist, und durch die Nachsicht gegen seine Laster nur in der lacherlichen Einbildung bestarkt wird, dass man ihnen Ehrfurcht schuldig sei. Es ist Zeit der Comodie ein Ende zu machen, und diesem kleinen Theater Konige den Platz anzuweisen, wozu ihn seine personliche Eigenschaften bestimmen.
Unsere Leser sehen aus dieser, Probe der geheimen Gesprache, welche Agathon mit sich selbst hielt, dass er noch weit davon entfernt ist, sich von diesem enthusiastischen Schwung der Seele Meister gemacht zu haben, der bisher die Quelle seiner Fehler sowohl als seiner schonsten Taten gewesen ist. Wir haben keinen Grund in die Aufrichtigkeit dieses Monologen einigen Zweifel zu setzen; seine Seele war gewohnt, aufrichtig gegen sich selbst zu sein. Wir konnen also als gewiss annehmen, dass er zu dem Entschluss, eine Emporung gegen den Dionys zu erregen, durch eben so tugendhafte Gesinnungen getrieben zu werden glaubte, als diejenigen waren, welche funfzehn Jahre spater einen der edelsten Sterblichen, die jemals gelebt haben, den Timoleon von Corinth, aufmunterten, die Befreiung Siciliens zu unternehmen. Allein es ist darum nicht weniger gewiss, dass die lebhafte Empfindung des personlichen Unrechts, welches ihm zugefuget wurde, der Unwille uber die Undankbarkeit des Dionys, und der Verdruss sich einer verachtenswurdigen Buhler-Intrigue aufgeopfert zu sehen, einen grossen Einfluss in seine gegenwartige Denkens-Art gehabt, und zur Entzundung dieses heroischen Feuers, welches in seiner Seele brannte, nicht wenig beigetragen habe. Im Grunde hatte er keine andre Pflichten gegen die Sicilianer, als welche aus seinem Vertrag mit dem Dionys entsprangen, und vermoge eben dieses Vertrags auf horten, so bald diesem seine Dienste nicht mehr angenehm sein wurden. Syracus war nicht sein Vaterland. Dionys hatte durch die stillschweigende Anerkenntnis der Erbfolge, kraft deren er nach seines Vaters Tode den Thron bestieg, eine Art von Recht erlangt. Agathon selbst wurde sich nicht in seine Dienste begehen haben, wenn er ihn nicht fur einen rechtmassigen Fursten gehalten hatte. Die namlichen Grunde, welche ihn damals bewogen hatten, die Monarchie der Republik vorzuziehen, und aus diesem Grunde sich bisher den Absichten des Dion zu widersetzen, bestunden noch in ihrer ganzen Starke. Es war sehr ungewiss, ob eine Emporung gegen den Dionys die Sicilianer wurklich in einen glucklichern Stand setzen, oder ihnen nur einen andern, und vielleicht noch schlimmern Herrn gehen wurde, da sie schon so viele Proben gegeben hatten, dass sie die Freiheit nicht ertragen konnten. Dionys hatte Macht genug, seine Absetzung schwer zu machen; und die verderblichen Folgen eines Burgerkriegs waren die einzigen gewissen Folgen, welche man von einer so zweifelhaften Unternehmung voraussehen konnte Alle diese Betrachtungen wurden kein geringes Gewicht auf der Waagschale einer kalten unparteiischen Uberlegung gemacht, und vermutlich den entgegenstehenden Grunden das Gleichgewicht gehalten haben. Aber Agathon war weder kalt noch unparteiisch; er war ein Mensch. Seine Eigenliebe war an ihrem empfindlichsten Teil verletzt worden. Der Affect, in welchen er dadurch gesetzt werden musste, gab allen Gegenstanden, die er vor sich hatte, eine andre Farbe. Dionys, dessen Laster er ehmals mit freundschaftlichen Augen als Schwachheiten betrachtet hatte, stellte sich ihm izt in der hasslichen Gestalt eines Tyrannen dar. Je besser er vorhin von Philistus gedacht hatte, desto abscheulicher fand er izt seinen Character, nachdem er ihn einmal falsch und niedertrachtig gefunden hatte; es war nichts so schlimm und schandlich, das er einem solchen Manne nicht zutraute. Die reizenden Bilder, welche er sich von der Gluckseligkeit Siciliens unter seiner Verwaltung gemacht hatte, erhielten durch den Unmut, sie vor seinen Augen vernichten zu sehen, eine desto grossere Gewalt uber seine Einbildungs-Kraft. Es war ihm unertraglich, Leute, welche nur darum seine Feinde waren, weil sie Feinde alles Guten, Feinde der Tugend und der offentlichen Wohlfahrt waren, einen solchen Sieg davontragen zu lassen. Er hielt es fur eine allgemeine Pflicht, sich den Unternehmungen der Bosen zu widersetzen, und die Stelle, welche er beinahe zwei Jahre lang in Sicilien behauptet hatte, machte (wie er glaubte) seinen Beruf zur besondern Ausubung dieser Pflicht in gegenwartigem Falle unzweifelhaft. Diese Betrachtungen hatten, ausser ihrer eigentumlichen Starke, noch sein Herz und seine Einbildungs- Kraft auf ihrer Seite; und mussten also notwendig alles uberwagen, was die Klugheit dagegen einwenden konnte.
Sobald Agathon seinen Entschluss genommen hatte, so arbeitete er an der Ausfuhrung desselben. Dion, welcher sich damals zu Athen befand, hatte einen betrachtlichen Anhang in Sicilien, durch welchen er bisher alle mogliche Bewegungen gemacht hatte, seine Zuruckberufung von dem Prinzen zu erhalten. Er hatte sich deshalben vorzuglich an den Agathon gewandt, so bald ihm berichtet worden war, in welchem Ansehen er bei Dionysen stehe. Aber Agathon dachte damals nicht so gut vor dem Character Dions als die Academie zu Athen. Eine Tugend, welche mit Stolz, Unbiegsamkeit und Austeritat vermischt war, schien ihm, wo nicht verdachtig, doch wenig liebenswurdig; er besorgte mit einiger Wahrscheinlichkeit, dass die Gemuts- Art dieses Prinzen ihn niemals ruhig lassen, und dass er, ungeachtet seiner republicanischen Grundsatze, eben so ungelehrig sein wurde, das hochste Ansehen im Staat mit jemand zu teilen, als ohne Ansehen zu leben. Er hatte also, anstatt seine Zuruckberufung bei dem Dionys zu befordern, diesen der aussersten Abneigung, die er davor zeigte, uberlassen, und sich durch diese Auffuhrung einiges Missvergnugen von Seiten der Freunde Dions zugezogen, welche es ihm eben so ubel nahmen, dass er nichts fur diesen Prinzen tat, als ob er gegen ihn agiert hatte. Allein seitdem seine eigene Erfahrung das schlimmste, was Dionysens Feinde von ihm denken konnten, rechtfertigte, hatte sich auch seine Gesinnung gegen den Dion ganzlich umgewandt. Dieser Prinz, welcher unstreitig grosse Eigenschaften besass, stellte sich ihm izt unter dem Bilde eines rechtschaffenen Mannes dar, in welchem der langwierige Anblick des gemeine Elendes unter einer heillosen Regierung, und die immer vergebliche Bemuhung, dem reissenden Strom der Verderbnis entgegen zu arbeiten, einen anhaltenden gerechten Unmut erregt hat, der ungeachtet des Scheins einer gallsuchtigen Melancholie, im Grunde die Frucht der edelsten Menschenliebe ist. Er beschloss also, mit ihm gemeine Sache zu machen. Er entdeckte sich den Freunden Dions, welche, erfreut uber den Beitritt eines Mannes, der durch seine Talente und seine Gunst beim Volke ihrer Partei das Ubergewicht zu geben vermogend war, ihm hinwieder die ganze Beschaffenheit der Angelegenheiten Dions, die Anzahl seiner Freunde, und die geheimen Anstalten entdeckten, welche in Erwartung irgend eines gunstigen Zufalls, bereits zu seiner Zuruckkunft nach Sicilien gemacht worden waren: Und so wurde Agathon in kurzer Zeit aus einem Freund und ersten Minister des Dionys, das Haupt einer Conspiration gegen ihn, an welcher alle diejenigen Anteil nahmen, die aus edlern oder eigennutzigern Bewegursachen, mit der gegenwartigen Verfassung unzufrieden waren. Agathon entwarf einen Plan, wie die ganze Sache gefuhrt werden sollte; und dieses setzte ihn in einen geheimen Briefwechsel mit Dion. Wodurch die bessere Meinung, welche einer von dem andern zu fassen angefangen hatte, immer mehr befestiget wurde. Der Hof, in Lustbarkeiten und ein wollustiges Vergessen aller Gefahren versunken, begunstigte den Fortgang der Conspiration durch eine Sorglosigkeit, welche so wenig naturlich schien, dass die Zusammenverschwornen dadurch beunruhiget wurden. Sie verdoppelten ihre Wachsamkeit, und (was bei Unternehmungen von dieser Art am meisten zu bewundern, und dennoch sehr gewohnlich ist) ungeachtet der grossen Anzahl derjenigen, die um das Geheimnis wussten, blieb alles so verschwiegen, dass dem Ansehen nach niemand auf einigen Argwohn verfallen ware, wenn nicht auf der einen Seite die Unwahrscheinlichkeit dass Agathon seinen Fall wurklich so gleichgultig ansehen konne als er es zu tun schien; und auf der andern die Nachrichten, welche von den nicht sehr geheimen Zurustungen des Dion eingingen, den von Natur misstrauischen Philistus endlich aufmerksam gemacht hatten. Von diesem Augenblick an wurde Agathon und alle diejenige, welche als Freunde Dions bekannt waren, von tausend unsichtbaren Augen aufs scharfste beobachtet; und es gluckte endlich dem Philist, sich eines Sclaven zu bemachtigen, der mit Briefen an Agathon von Athen gekommen war. Aus diesen Briefen, welche die Ursachen enthielten, warum Dion die vorhabende Landung in Sicilien nicht sobald, als es unter ihnen verabredet gewesen, ausfuhren konne, erhellete zwar deutlich, dass Agathon und die ubrigen Freunde Dions an der eigenmachtigen Wiederkunft desselben Anteil hatten; aber von einem Anschlag gegen die gegenwartige Regierung und die Person des Dionys, war ausser einigen unbestimmten Ausdrucken, welche ein Geheimnis zu verbergen scheinen konnten, nichts darin enthalten. Man kann sich die Bewegung vorstellen, welche diese Entdeckung in dem Cabinet des Dionys verursachte. Man war sich Ursachen genug bewusst, das argste zu besorgen; aber eben darum hielt Philistus fur ratsamer, die Sache als ein Staats-Geheimnis zu behandeln. Agathon wurde, unter dem Vorwande verschiedener Staats-Verbrechen in Verhaft genommen, ohne dass dem Publico etwas bestimmtes, am allerwenigsten aber die wahre Ursache, bekannt wurde. Man fand fur besser, die Partei des Dion, (welche man sich aus Panischem Schrecken grosser vorstellte als sie vurklich war) in Verlegenheit zu setzen, als zur Verzweiflung zu treiben; und gewann indessen, dass man sich begnugt sie aufs genaueste zu beobachten, Zeit, sich gegen einen feindlichen Uberfall in gehorige Verfassung zu setzen.
Wir sind es schon gewohnt, unsern Helden niemals grosser zu sehen als im widrigen Glucke. Auf das argste gefasst, was er von seinen Feinden erwarten konnte, setzte er sich vor, ihnen den Triumph nicht zu gewahren, den Agathon zu etwas das seiner unwurdig ware, erniedriget zu haben. Er weigerte sich schlechterdings, dem Philistus und Timocrates, welche zu Untersuchung seiner angeblichen Verbrechen ernannt waren, Antwort zu geben. Er verlangte von dem Prinzen selbst gehort zu werden, und berief sich deshalb auf den Vertrag, der zwischen ihnen errichtet worden war. Aber Dionys hatte den Mut nicht, eine geheime Unterredung mit seinem ehmaligen Gunstling auszuhalten. Man versuchte es, seine Standhaftigkeit durch eine harte Begegnung und Drohungen zu erschuttern; und die schone Cleonissa wurde ihre Stimme zu dem strengesten Urteil gegeben haben, wenn die Furchtsamkeit des Tyrannen, und die Klugheit seines Ministers gestattet hatten, ihren Eingebungen zu folgen. Sie musste sich also durch die Hoffnung zufrieden stellen lassen, die man ihr machte, ihn, sobald man sich den Dion, auf eine oder die andere Art, vom Halse geschafft haben wurde zu einem offentlichen Opfer ihrer Rache-durstenden Tugend zu machen.
Inzwischen stunden die Freunde Agathons seinetwegen in desto grossern Sorgen, da sie seinen Feinden Bosheit genug zutrauten, dem Tyrannen das argste gegen ihn einzugeben; und diesem Schwachheit genug, sich von ihnen verfuhren zu lassen. Denn das Unvermogen ihren Lieblingen zu widerstehen, macht ofters wollustige Fursten, wider ihre naturliche Neigung, grausam. Sie wendeten also unter der Hand alles an, was ohne einen Aufstand zu wagen, dessen Erfolg allzu unsicher gewesen ware, die Rettung Agathons befordern konnte. Dion gab bei dieser Gelegenheit eine Probe seiner Grossmut, indem er durch ein freundschaftliches Schreiben an Dionysen sich verbindlich machte, seine Kriegs-Volker wieder abzudanken, und seine Zuruckberufung als eine blosse Gnade von dem guten Willen seines Prinzen zu erwarten, in so fern Agathon freigesprochen wurde, dessen einziges Verbrechen darin bestehe, dass er sich fur seine Zuruckkunft in sein Vaterland interessiert habe. So edel dieser Schritt war, und so wohlfeil dem Dionys dadurch die Aussohnung mit dem Dion angetragen wurde; so wurde er doch dem Agathon wenig geholfen haben, wenn seine italianischen Freunde nicht geeilet hatten, dem Tyrannen einen noch dringendern Beweggrund vorzulegen. Aber zu eben dieser Zeit langten Gesandte von Tarent an, um im Namen des Archytas, welcher alles in dieser Republik vermochte, die Freilassung seines Freundes zu bewurken, und im Notfall zu erklaren, dass diese Republik sich genotiget sehen wurde, die Partei Dions mit ihrer ganzen Macht zu unterstutzen, wofern Dionys sich langer weigern wollte, diesem Prinzen sowohl als Agathon vollkommne Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dionys kannte den Character des Archytas zu gut, um an dem Ernst dieser Drohung zweifeln zu konnen. Er hoffte sich also am besten aus der Sache zu ziehen wenn er unter der Versicherung, dass er von einer Aussohnung mit seinem Schwager nicht abgeneigt sei, in die Entlassung Agathons einwilligte. Aber dieser erklarte sich, dass er seine Entlassung weder als eine Gnade von dem Dionys annehmen, noch der Furbitte seiner Freunde zu danken haben wolle. Er verlangte, dass die Verbrechen, um derentwillen er in Verhaft genommen worden, offentlich angezeigt, und in Gegenwart des Dionys, der Gesandten von Tarent und der Vornehmsten zu Syracus, untersucht, seine Rechtfertigung gehort, und sein Urteil nach den Gesetzen ausgesprochen werden sollte. Da er sich bewusst war, dass ausser seinen neuerlichen Verbindungen mit dem Dion, welche leicht zu rechtfertigen waren, seine boshaftesten Hasser nichts mit einigem Schein der Wahrheit gegen ihn aufbringen konnten; so hatte er gut auf eine so feierliche Untersuchung zu dringen. Aber dazu konnten es die Cleonissen und die Philiste, und der Tyrann selbst, der bei allem diesem sehr verlegen war, nicht kommen lassen; und da die Tarentiner ihnen keine Zeit lassen wollten, die Sache in die Lange zu ziehen; so sahe Dionys sich endlich genotiget, offentlich zu erklaren: Dass eine starke Vermutung, als ob Agathon sich in eine Conspiration gegen ihn habe verwickeln lassen, die einzige Ursache seines Verhafts gewesen sei; und dass er keinen Augenblick anstehen wolle, ihm seine Freiheit wiederzugeben, sobald er sich, unter Verburgung der Tarentiner, durch ein feirliches Versprechen, auf keinerlei Weise kunftighin gegen Dionysen etwas zu unternehmen, sich von diesem Verdacht am besten gereiniget haben werde. Die Bereitwilligkeit, womit die Gesandten von Tarent sich diesen Antrag gefallen liessen, bewies, dass es dem Archytas allein um die Befreiung Agathons zu tun war; und wir werden vielleicht in der Folge den Grund entdecken, warum dieses Haupt einer in diese Sache nicht unmittelbar verwickelten Republik, sich dieses Puncts mit so ausserordentlichem Eifer annahm. Aber Agathon, der seine Freiheit keinem unedeln Schritt zu danken haben wollte, konnte lange nicht uberredet werden, eine Erklarung von sich zu geben, welche als eine Art von Gestandnis angesehen werden konnte, dass er die Partei, die er genommen hatte, verleugne. Doch diese in Ansehung seiner Umstande, in der Tat allzuspitzfundige Delicatesse musste endlich der grundlichern Betrachtung weichen, dass er durch Ausschlagung eines so billig scheinenden Verglichs sich selbst in Gefahr setzen wurde, ohne dass seiner Partei einiger Vorteil dadurch zuginge; indem Dionys viel eher einwilligen wurde, ihn in der Stille aus dem Wege raumen zu lassen, als zu zugeben, dass er mit soviel neuen Reizungen zur Rache die Freiheit bekommen sollte, der Faction des Dions wieder neues Leben einzuhauchen, und sich mit diesem Prinzen zu seinem Untergang zu vereinigen. Die reizenden Schilderungen, so ihm die Tarentiner von dem glucklichen Leben machten, welches in dem ruhigen Schosse ihres Vaterlandes, und in der Gesellschaft seiner Freunde auf ihn warte, vollendete die Wurkung, welche naturlicher Weise der gewaltsame Zustand von Unruhe, Sorgen und heftigen Leidenschaften, worin er einige Zeit her gelebt hatte, auf ein Gemute wie das seinige machen musste; und gaben ihm zu gleicher Zeit den ganzen Abscheu vor dem geschaftigen Leben, welchen er nach seiner Verbannung von Athen dagegen gefasst, und den ganzen Hang, welchen er zu Delphi fur das Contemplative gehabt hatte wieder. Er bequemte sich also endlich, einen Schritt zu tun, der ihm von den Freunden Dions fur eine feigherzige Verlassung der guten Sache ausgelegt wurde; in der Tat aber das einzige war, was ihm in den Umstanden, worin er sich befand, vernunftiger Weise zu tun ubrig blieb. Wie viel dunkle Stunden wurde er sich selbst, und wie viele Sorgen und Muhe seinen Freunden erspart haben, wenn er dem Rate des weisen Aristippus ein paar Monate fruher gefolget hatte!
Einer von den zuverlassigsten und seltensten Beweisen der Tugend eines ersten Ministers ist, wenn er armer oder doch wenigstens nicht reicher in seine einsame Hutte zuruckkehrt, als er gewesen war, da er auf den Schauplatz des offentlichen Lebens versetzt wurde. Die Epaminondas, die Walsinghams, die More, und Tessins sind freilich zu allen Zeiten selten; aber wenn etwas, welches den verstocktesten TugendLeugner, einen Hippias selbst, zwingen muss, die Wurklichkeit der Tugend zu gestehen, und auch wider seinen Willen ihre Gottlichkeit zu erkennen: So sind es die Beispiele solcher Manner. Der Himmel verhute, dass ich die Hippiasse jemals einer andern Widerlegung wurdigen sollte! Sie mogen nach Aekero reisen! Und wenn sie den einzigen Anblick unter dem Himmel, auf welchen (nach dem Ausdruck eines weisen Alten) die Gottheit selbst mit Vergnugen herabsieht, wenn sie den ehrwurdigen Greis gesehen haben, der daselbst, zufrieden mit der edeln beneidenswurdigen Armut des Fabricius und Cincinnatus, doch zu tugendhaft um stolz darauf zu sein, die einzige Belohnung eines langen, ruhmwurdigen, Gott, seinem Konige und seinem Vaterland aufgeopferten Lebens in dem stillen Bewusstsein seiner Selbst, und (so oft er seinen Telemach erblickt) in der Hoffnung, nicht ganz umsonst gearbeitet zu haben, findet und, vergessen, vielleicht so gar verfolgt von einer undankbaren Zeit, sich ruhig in seine Tugend und den Glauben einer bessern Unsterblichkeit einhullt wenn sie ihn gesehen haben, diesen wahrhaftig grossen Mann, und dieser Anblick nicht zu wege bringt, was alle Discurse der Platonen und Seneca nicht vermocht haben Nun, so mogen sie glauben was sie wollen, und, tun, was sie ungestraft tun konnen; sie verdienen eben so wenig Widerlegung, als ihre Besserung moglich ist Und du, ruhmvoller und liebenswurdiger alter Mann, empfange dieses wie wohl allzuvergangliche Denkmal von einem, dessen Feder niemals durch feiles, oder gewinnsuchtiges Lob der Grossen dieser Welt entweiht worden ist Ich habe keine Belohnung, keinen Vorteil von dir zu hoffen du wirst dieses niemals lesen Meine Absicht ist rein, wie deine Tugend empfange schwache Merkmal einer aufrichtigen Hochachtung von einem, der wenig Hochachtungswurdiges unter der Sonne sieht diese, und die Dankbarkeit fur die stillen Tranen der Entzuckung, die ihm (in einem Alter, wo seine Augen zu dieser reinsten Wollust der Menschlichkeit noch nicht versieget waren) das Lesen deiner Tugend-atmenden Briefe aus den Augen lockte diese Empfindungen allein haben ihn bei dieser Gelegenheit dahingerissen er hat sich nicht entschliessen konnen, seinem Herzen Gewalt anzutun und bittet niemand, der dieses Buch lesen wird, wegen dieser Abschweifung um Verzeihung.
Agathon hatte uber den Sorgen fur die Wohlfahrt Siciliens, und uber der Bemuhung andre glucklich zu machen, sich selbst so vollkommen vergessen, dass er nicht reicher aus Syracus gegangen ware, als er gewesen war, da er Delphi verliess, oder da er aus Athen verbannt wurde; wenn ihm nicht zu gutem Glucke, bald nach seiner Erhebung zu einer Wurde, welche ihm allen in Griechischen Staaten kein geringes Ansehen gab, ein Teil seines vaterlichen Vermogens wieder zugefallen ware. Die Athenienser waren damals eben zu gewissen Handlungs-Absichten der Freundschaft des Konigs Dionys benotiget; und fanden daher fur gut, ehe sie sich um die Vermittlung Agathons bewarben, ihm durch ihre Abgesandte ein Decret uberreichen zu lassen, kraft dessen nicht nur sein Verbannungs-Urteil aufgehoben, sondern auch der ganze Prozess, wodurch er ehmals seines vaterlichen Erbguts beraubt worden war, cassiert, und der unrechtmassige Inhaber desselben verurteilt wurde, ihm alles unverzuglich wieder abzutreten. Agathon hatte zwar grossmutiger Weise nur die Halfte davon angenommen; und diese war nicht so betrachtlich, dass sie fur die Bedurfnisse eines Alcibiades oder Hippias zureichend gewesen ware: Aber es war noch immer mehr, als ein Weiser selbst von der Secte des Aristippus, notig hatte, um frei, gemachlich und angenehm zu leben; soviel war fur einen Agathon genug.
Unser Held verweilte sich, nach dem er wieder in Freiheit war, nicht langere Zeit zu Syracus, als er gebrauchte, sich von seinen Freunden zu beurlauben. Dionys, welcher (wie wir wissen) den Ehrgeiz hatte, alles mit guter Art tun zu wollen, verlangte, dass er in Gegenwart seines ganzen Hofes Abschied von ihm nehmen sollte. Er uberhaufte ihn, bei dieser Gelegenheit, mit Lobspruchen und Liebkosungen, und glaubte, einen sehr feinen Staatsmann zu machen, indem er sich stellte, als ob er ungern in seine Entlassung einwilligte, und als ob sie als die besten Freunde von einander schieden. Agathon hatte die Gefalligkeit, diesen letzten Auftritt der Comodie mitspielen zu helfen; und so entfernte er sich, in Gesellschaft der Gesandten von Tarent, von jedermann beurteilt, von vielen getadelt, und von den wenigsten, selbst unter denen, welche gunstig von ihm dachten, gekannt, aber von allen Rechtschaffenen vermisst und oft zuruckgeseufzt, aus einer Stadt und aus einem Lande, worin er das Vergnugen hatte, viele Denkmaler seiner ruhmwurdigen Administration zu hinterlassen; und aus welchem er nichts mit sich hinausnahm, als eine Reihe von Erfahrungen, welche ihn in dem Entschluss bestarkten keine andre von dieser Art mehr zu machen.
Viertes Capitel
Nachricht an den Leser
Dank sei (so ruft hier der Autor des griechischen Manuscripts, als einer, dem es auf einmal ums Herz leichter wird, aus) Dank sei den Gottern, dass wir unsern Helden aus dem gefahrlichsten aller schlimmen Orte, wohin ein ehrlicher Mann verirren kann, unversehrt, und was beinahe unglaublich ist, mit seiner ganzen Tugend davon gebracht haben! Er hat allerdings von Gluck zu sagen, fahrt das Manuscript fort; aber beim Hund (dem grossen Schwur des weisen Socrates) was hatte er auch an einem Hofe zutun? Er, der sich weder zu einem Sclaven, noch zu einem Schmeichler, noch zu einem Narren geboren fuhlte, was wollte er am Hofe eines Dionysius machen? Was fur ein Einfall und wenn ist jemals ein solcher Einfall in das Gehirn eines klugen Menschen gekommen? einen lasterhaften Prinzen tugendhaft zu machen! Oder welcher rechtschaffene Mann, der einen Fond von gesunder Vernunft und gutem Willen in sich gefuhlt, ist jemals damit an einen Hof gegangen, wenn er im Sinne hatte, von dem einen oder dem andern Gebrauch zu machen? Man muss gestehen, es ist eine ganz hubsche Sache um den Enthusiasmus eines Lycurgus, der aus einem Monarchen ein Burger wird, um sein Vaterland glucklicher zu machen oder eines Leonidas, der mit dreihundert eben so entschlossenen Mannern als er selbst, sich dem Tode weiht, um eben so vielen Myriaden von Bartaren den Mut, mit Griechen zu fechten, zu benehmen. Doch so gross, so schon diese Taten sind; so sind sie durch die Krafte der Natur moglich, und diejenige, welche sie unternahmen, konnten sich versprechen, dass sie ihre Absichten erreichen wurden. Aber wenn hat man jemals gehort, dass ein Mensch, oder ein Held, der Sohn einer Gottin, oder eines Gottes, oder ein Gott selbst, dasjenige zu Stande gebracht hatte, was Agathon unternahm, da er mit der Cither in der Hand sich uberreden liess, der Mentor eines Dionys zu werden.
Auf diesen humoristischen Eingang, womit unser Autor dieses Capitel beginnt, folget eine lange, und wie es scheint, ein wenig milzsuchtige Declamation gegen diejenige Classe der Sterblichen, welche man grosse Herren nennt; mit verschiedenen Digressionen uber die Maitressen uber die Jagdhunde und uber die Ursachen, warum es fur einen ersten Minister gefahrlich sei, zuviel Genie, zuviel Uneigennutzigkeit, und zuviel Freundschaft fur seinen Herrn zu haben So viel man sehen kann, ist dieses Capitel eines von den merkwurdigsten, und sonderbarsten in dem ganzen Werke. Aber unglucklicher Weise befindet sich das Manuscript an diesem Ort halb von Ratten aufgegessen; und die andre Halfte ist durch Feuchtigkeit so ubel zugerichtet worden, dass es leichter ware, aus den Blatter der Cumaischen Sibylle, als aus den Bruchstucken von Wortern, Satzen und Perioden, welche noch ubrig sind, etwas Zusammenhangendes herauszubringen. Wir gestehen, dass uns dieser Verlust so nahe geht, dass wir uns eher der sinnreichen Erganzungen, welche Herr Naudot zum Petronius in seinem Kopfe gefunden hat, oder der samtlichen Werke des Ehrwurdigen Paters *** beraubt wissen wollten. Indessen ist doch dieser Verlust in Absicht des Lobes der grossen Herren um so leichter zu ertragen, da wir uber den weiten Umfang der Einsichten, die Grosse der Seelen, die edlen Gesinnungen und den guten Geschmack, welcher ordentlicher Weise die grossen Herren von den ubrigen Erden-Sohnen zu unterscheiden pflegt, in dem besten und schlimmsten Buche (je nachdem es Leser bekommt; welches wir ubrigens ganz unprajudicierlich und niemand zu Leide gesagt haben wollen) das in unserm Jahrhundert zur Welt gekommen ist, in dem Buche des Herrn Helvetius, alles gesagt finden, was sich uber einen so reichen und edeln Stoff nur immer sagen lasst. Eine gleiche Bewandtnis hat es mit der Digression uber die Maitressen, und uber die Jagdhunde; uber welche Materien der geneigte Leser in des Grafen Anton Hamiltons Beitragen zur Histoire amoureuse des Hofes Carls des zweiten von England, und in den bewundernswurdigen Schriften eines gewissen neuern Staatsmannes (den wir seiner Bescheidenheit zu schonen, nicht nennen wollen) mehr als hinlangliche Auskunft finden kann. Aber den Verlust der dritten Digression bedauren wir von Herzen, indem, (nach der Versicherung eines der grossesten Bucher-Kenner von Europa) dermalen noch kein Buch in der Welt ist, in welchem diese interessante und ziemlich verwickelte Materie recht auseinandergesetzt und grundlich ausgefuhrt ware. Zum Ungluck ist dieses Capitel eben an diesem Ort am mangelhaftesten. Doch lasst sich aus einigen Worten, welche zum Schlusse dieser Digression zu gehoren scheinen, abnehmen, dass der Verfasser neun und dreissig Ursachen angegeben habe; und wir gestehen, dass wir begierig waren, diese neun und dreissig Ursachen zu wissen.
Funftes Capitel
Moralischer Zustand unsers Helden
Der Autor der alten Handschrift, aus welcher wir den grossesten Teil dieser Geschichte gezogen zu haben gestehen, triumphiert, wie man gesehen hat, daruber, dass er seinen Helden mit seiner ganzen Tugend von einem Hofe hinweggebracht habe. Es wurde allerdings etwas sein, dass einem Wunder ganz nahe kame, wenn es sich wurklich so verhielte; aber wir besorgen, dass er mehr gesagt habe, als er der Scharfe nach zu beweisen im Stande ware. Wenn es nicht etwan moralische Amulete gibt, welche der ansteckenden Beschaffenheit der Hofluft auf eben die Art widerstehen, wie der Krotenstein dem Gift, so deucht uns ein wenig unbegreiflich, dass das Getummel des beschaftigten Lebens, die schadlichen Dunste der Schmeichelei, welche ein Gunstling, er wolle oder wolle nicht, unaufhorlich einsaugt die Notwendigkeit, von den Forderungen der Weisheit und Tugend immer etwas nachzulassen, um nicht alles zu verlieren und was noch schadlicher als dieses alles ist, die unzahlichen Zerstreuungen, wodurch die Seele aus sich selbst herausgezogen wird, und uber der Aufmerksamkeit auf eine Menge kleiner vorbeirauschender Gegenstande, die Aufmerksamkeit auf sich selbst verliert nicht einige nachteilige Einflusse in den Character seines Geistes und Herzens gehabt haben sollten. Indessen mussen wir gestehen, dass es ihm hierin eben so erging, wie es, vermoge der taglichen Erfahrung, allen andern Sterblichen zu gehen pflegt. Er wurde diese eben so unmerkliche als unleugbare Einflusse, und die Veranderungen, welche sie verstohlner Weise in seiner Seele verursacheten, eben so wenig gewahr, als ein gesunder Mensch die geheimen und schleichenden Zerruttungen empfindet, welche die Unbestandigkeit der Witterung, die kleinen Unordnungen in der Lebensart, die heterogene Beschaffenheit der Nahrungr Leidenschaften, stundlich in seiner Maschine verursachen. Die Veranderungen, die in unsrer innerlichen Verfassung vorgehen, mussen betrachtlich sein, wenn sie in die Augen fallen sollen; und wir fangen gemeiniglich nicht eher an, sie deutlich wahrzunehmen, bis wir uns genotigt finden, zu stutzen, und uns selbst zu fragen, ob wir noch eben dieselbe Person seien, die wir waren? Aus diesem Grunde geschah es vermutlich, dass Agathon die Progressen, welche die schon zu Smyrna angefangene Revolution in seiner Seele wahrend seinem Aufenthalt zu Syracus machte, ohne das mindeste Misstrauen in sie zu setzen, ganz allein den neuen oder bestatigten Erfahrungen zuschrieb, welche er in dieser ausgebreiteten Sphare zu machen, so viele Gelegenheiten hatte.
Es ist unstreitig einer der grossesten Vorteile, wo nicht der einzige, den ein denkender Mensch aus dem Leben in der grossen Welt mit sich nimmt, wofern es ihm jemals so gut wird, sich wieder aus derselben herauswinden zu konnen dass er die Menschen darin kennen gelernt hat. Es lasst sich zwar gegen diese Art von Kenntnis der Menschen, aus guten Grunden eben so viel einwenden, als gegen diejenige, welche man aus der Geschichte, und den Schriften der Dichter, Sittenlehrer, Satyristen und Romanenmacher zieht oder gegen irgend eine andere: Aber man muss hingegen auch gestehen, dass sie wenigstens eben so zuverlassig ist, als irgend eine andre; ja dass sie es noch in einem hohern Grade ist, wenn anders das Subject, bei dem sie sich befindet, mit allen den Eigenschaften versehen ist, die zu einem Beobachter erfordert werden. Denn freilich kann nichts lacherlicher sein als ein Geck, der nachdem er zehn oder funfzehn Jahre seine Figur durch alle Lander und Hofe der Welt herumgefuhrt, etliche Dutzend zweideutige Tugenden besiegt, und eben so viel schale Historchen oder verdachtige Beitrage zur Chronique scandaleuse eines jeden Ortes, wo er gewesen ist, zusammengebracht hat, mit deren Hulfe er zween oder drei Tage eine Tischgesellschaft lachen oder gahnen machen kann sich selbst mit dem Besitz einer vollkommenen Kenntnis der Welt und der Menschen schmeichelt, und denjenigen mit dummem Hohnlacheln von der Seite ansieht, der vermoge einer vieljahrigen tiefen Erforschung der menschlichen Natur, gelegenheitlich von Charactern und Sitten urteilt, ohne die sieben Turme gesehen, oder der Vermahlung des Doge von Venedig mit dem adriatischen Meer beigewohnt zu haben. Wir wissen nicht, wie gross ungefahr die Anzahl der so genannten Welt-Leute sein mag, die in diese Classe gehoren: Aber das scheint uns gewiss zu sein, dass ein Mann von Genie und aufgeklartem Verstande (denn die blosse Empirie reicht hier so wenig zu, als in irgend einer andern practischen Wissenschaft) durch das Leben in der grossen Welt, (in so fern wir dieses Wort in seiner echten Bedeutung nehmen) durch die Verhaltnisse, worin er an einem betrachtlichen Platze mit allen Arten von Standen und Charactern kommt, durch die haufigen Gelegenheiten die er hat, diejenige so er beobachtet, unter allerlei Umstanden, mit und ohne Maske zu sehen, sie auf allerlei Proben zu setzen, und so wohl durch den Gebrauch, den man von ihnen macht, als den sie von andern zu machen suchen, ihre herrschenden Neigungen und geheime Springfedern ausfundig zu machen dass er dadurch zu einer unmittelbarern, ausgebreitetern und richtigern Kenntnis der Menschen gelangt, als andre, welche ihre Theorie lediglich den Geschichtschreibern, Metaphysikern und Moralisten (drei sehr wenig zuverlassigen Gattungen von Lehrern) zu danken oder welche ihre Beobachtungen nur in dem Microcosmus ihres eigenen Selbst angestellt haben.
Es ist oben schon bemerkt worden, dass Agathon bei seinem Auftritt auf dem Schauplatz, von dem er nun wieder abgetreten ist, lange nicht mehr so erhaben und idealisch von der menschlichen Natur dachte, als zu Delphi; denn es macht einen betrachtlichen Unterschied, ob man unter Bildsaulen von Gottern und Helden, oder unter Menschen lebt; aber nachdem er die Beobachtungen, die er zu Athen und Smyrna schon gesammelt, noch durch die nahere Bekanntschaft mit den Grossen, und mit den Hofleuten bereichert hatte, sank seine Meinung von der angebornen Schonheit und Wurde dieser menschlichen Natur, von Grade zu Grade so tief, dass er zuweilen in Versuchung geriet, gegen die Stimme seines Herzens (welche eben so wohl, dachte er, die Stimme der Eigenliebe oder des Vorurteilssein konnte,) alles was der gottliche Plato erhabenes und herrliches davon gesagt und geschrieben hatte, fur Marchen aus einer andern Welt zu halten. Unvermerkt kamen ihm die Begriffe, welche sich Hippias davon machte, nicht mehr so ungeheuer vor, als damals, da er sich in den Garten dieses wollustigen Weisen in den Mondschein hinsetzte, und Betrachtungen uber den Zustand der entkorperten Geister anstellte. Endlich kam es gar so weit, dass ihm diese Begriffe wahrscheinlich genug deuchten, um sich vorstellen zu konnen, wie Leute, die in ihrem eigenen Herzen nichts fanden, das ihnen eine edlere Meinung von ihrer Natur zu geben geschickt ware, durch einen langen Umgang mit der Welt dazu gelangen konnten, sich ganzlich von der Wahrheit desselben zu uberreden.
Soweit hatte Agathon gehen konnen, ohne die Grenzen der weisen Massigung zu uberschreiten, welche uns in unsern Urteilen uber diesen wichtigen Gegenstand, und alles was sich auf ihn bezieht, langsam und zuruckhaltend machen sollen. Aber in Stunden, da der Unmut seine schonsten Hoffnungen durch die Torheit oder Bosheit derjenigen mit denen er leben musste, vor seinen Augen vernichten zu sehen, eine mehr als gewohnliche Verdusterung in seiner Seele verursachte, ging er noch um einen Schritt weiter. Nein, sagte er dann zu sich selbst, die Menschen sind nicht wofur ich sie hielt, da ich sie nach mir selbst, und mich selbst nach den jugendlichen Empfindungen eines gefuhlvollen Herzens, und nach einer noch ungepruften Unschuld beurteilte. Meine Erfahrungen rechtfertigen das Schlimmste, was Hippias von ihnen sagte; und wenn sie nichts bessers sind, was fur Ursache habe ich, mich daruber zu beschweren, dass sie sich nicht nach Grundsatzen behandeln lassen, die in keinem Ebenmass mit ihrer Natur stehen? An mir war der Fehler, an mir, der einen Mercur aus einem knotichten Feigenstock schnitzeln wollte. Sagte er mir nicht vorher, dass ich nichts anders zu gewarten hatte, wenn ich den Plan meines Lebens nach meinen Ideen einrichten wurde. Seine Vorhersagung hatte nicht richtiger eintreffen konnen. Hatte ich seinen Grundsatzen gefolgt, hatte ich mich ehmals zu Athen, oder hier zu Syracus so betragen, wie Hippias an meinem Platze getan haben wurde so wurde ich meine Absichten ausgefuhrt haben; so wurde ich glucklich gewesen sein und der Himmel weiss, ob es den Sicilianern desto schlimmer ergangen ware. Dieses ist nun das zweite mal, dass Philistus, ein echter Anhanger des Systems meines Sophisten, ob er gleich nicht fahig ware es so zusammenhangend und scheinbar vorzutragen, uber Weisheit und Tugend den Sieg davon getragen hat. Und habe ich noch der Erfahrung vonnoten, um zu wissen, dass er eben so gewiss uber einen andern Plato, und uber einen andern Agathon siegen wurde? Wieviel liess ich von meinen Grundsatzen nach, wie tief stimmte ich mich selbst herab, da ich die Unmoglichkeit sah, diejenigen mit denen ich's zu tun hatte, so weit zu mir heraufzuziehen? Wozu half es mir? ich konnte mich nicht entschliessen niedertrachtig zu handeln, ein Schmeichler, ein Kuppler, ein Verrater an dem wahren Interesse des Fursten und des Landes zu werden und so verlor' ich die Gunst des Fursten, und die einzige Belohnung, die ich fur meine Arbeiten verlange, die Vorteile, welche dieses Land von meiner Verwaltung zu geniessen anfing, auf einmal, weil ich mich nicht dazu bequemen konnte, alles fur anstandig und recht zu halten, was nutzlich ist O! gewiss Hippias, deine Begriffe und Maximen, deine Moral, deine Staatskunst, grunden sich auf die Erfahrung aller Zeiten. Wenn sind die Menschen jemals anders gewesen? Wenn haben sie jemals die Tugend hochgeschatzt, als wenn sie ihrer Dienste benotigt waren; und wenn ist sie ihnen nicht verhasst gewesen, so bald sie ihren Leidenschaften im Lichte stund?
Diese Betrachtungen fuhrten unsern Helden bis an die ausserste Spitze des tiefen Abgrunds, der zwischen dem System der Tugend, und dem System des Hippias liegt; aber der erste schuchterne Blick, den er hinunter wagte, war genug, ihn mit Entsetzen zuruckfahren zu machen. Die Begriffe des wesentlichen Unterschieds zwischen Recht und Unrecht, und die Ideen des sittlichen Schonen, hatten zu tiefe Wurzeln in seiner Seele gefasst, waren zu genau mit den zartesten Fibern derselben verflochten und zusammengewachsen, als dass es moglich gewesen ware, dass irgend eine zufallige Ursache, so stark sie immer auf seine Einbildung und auf seine Leidenschaften wurken mochte, sie hatte ausreuten konnen. Die Tugend hatte bei ihm keinen anderen Sachwalter notig als sein eignes Herz. In eben dem Augenblick, da eine nur allzugegrundete Misanthropie ihm die Menschen in einem verachtlichen Lichte, und vielleicht wie gewisse Spiegel, um ein gutes Teil hasslicher zeigte, als sie wurklich sind, fuhlte er mit der vollkommensten Gewissheit, dass er, um die Crone des Monarchen von Persien selbst, weder Hippias noch Philistus sein wollte; und dass er, sobald er sich wieder in die namliche Umstande gesetzt sahe, eben so handeln wurde, wie er gehandelt hatte, ohne sich durch irgend eine Folge davon erschrecken zu lassen. Hingegen konnte es nicht wohl anders sein, als dass diese Betrachtungen, denen er sich seit seinem Fall, und sonderheitlich wahrend seiner Gefangenschaft, fast ganzlich uberliess, den Uberrest des moralischen Enthusiasmus, von dem wir ihn bei seiner Flucht aus Smyrna erhitzt gesehen haben, vollends verzehren mussten. Der Gedanke fur das Gluck der Menschen, fur das allgemeine Beste der ganzen Gattung zu arbeiten, verliert seinen machtigen Reiz, sobald wir klein von dieser Gattung denken. Die Grosse dieses Vorhabens ist es eigentlich, was den Reiz derselben ausmacht und diese schrumpft naturlicher Weise sehr zusammen, sobald wir uns die Menschen als eine Herde von Creaturen vorstellen, deren grossester Teil seine ganze Gluckseligkeit, den letzten Endzweck aller seiner Bemuhungen auf seine korperliche Bedurfnisse einschrankt, und dabei dumm genug ist, durch eine niedertrachtige Unterwurfigkeit unter eine kleine Anzahl der schlimmsten seiner Gattung, sich fast immer in den Fall zu setzen, auch dieser bloss tierischen Gluckseligkeit nur selten oder auf kurze Zeit, bittweise oder verstohlner Weise habhaft zu werden. Jedes Tier sucht seine Nahrung grabt sich eine Hohle, oder baut sich ein Nest begattet sich schlaft und stirbt. Was tut der grosseste Teil der Menschen mehr? Das betrachtlichste Geschafte, das sie von den ubrigen Tieren voraus haben, ist die Sorge sich bekleiden, welche die hauptsachlichste Beschaftigung vieler Millionen ausmacht. Und ich sollte, (sagte Agathon in einer von seinen schlimmsten Launen zu sich selbst) ich sollte meine Ruhe, meine Vergnugungen, meine Krafte, mein Dasein der Sorge aufopfern, damit irgend eine besondere Herde dieser edeln Creaturen besser esse, schoner wohne, sich haufiger begatte, sich besser kleide, und weicher schlafe als sie zuvor taten, oder als andere ihrer Gattung tun? Ist das nicht alles was sie wunschen? Und gebrauchen sie mich dazu? Was sollte mich bewegen, mir diese Verdienste um sie zu machen? Ist vielleicht nur ein einziger unter ihnen, der bei allem was er unternimmt, eine edlere Absicht hat, als seine eigne Befriedigung? Bin ich ihnen etwan einige Hochachtung oder Dankbarkeit dafur schuldig, dass sie fur meine Bedurfnisse oder fur mein Vergnugen arbeiten? Ich bin schuldig, sie dafur zu bezahlen; das ist alles was sie wollen, und alles was sie an mich fordern konnen.
Himmel! so deucht mich, hore ich hier einige ruhrende Stimmen ausrufen ist's moglich? Konnte Agathon so denken? So klein, so unedel So kalt, meine schonen Damen, so kalt! Und sie werden mir gestehen, dass man in einer Einkerkerung von zween oder drei Monaten, die man sich ganz allein durch grosse und edle Gesinnungen zugezogen, gute Gelegenheit hat, sich von der Hitze der grossmutigen Schwarmerei ein wenig abzukuhlen Aber was wird nun aus der Tugend unsers Helden werden? Was ist die Tugend ohne dieses schone Feuer, ohne diese erhabene Begeisterung, welche den Menschen uber die ubrigen seiner Gattung, welche ihn uber sich selbst erhoht, und zu einem allgemeinen Wohltater, zu einem Genius, zu einer subalternen Gottheit macht? Wir gestehen es, sie ist ohne diese atherische Flamme ein sehr unansehnliches, sehr wenig glanzendes Ding "Und wie traurig ist es, die Tugend unsers Helden gerade da unterliegen zu sehen, wo sie sich in ihrer grossesten Starke zeigen sollte? Wie? erliegen, weil man Widerstand findet? Die gute Sache aufgeben, weil man, und vielleicht ohne Not, an einem glucklichen Ausgang verzweifelt? Was ist denn die wahre Tugend anders, als ein immerwahrender Streit mit den Leidenschaften, Torheiten und Lastern in uns, und ausser uns?" Vortrefflich! und in Bunyans Reise so wohl ausgefuhrt, meine Herren, dass ihr uns hier weiter nichts zu sagen braucht. Es ist bedaurlich, dass unser Held seine Rolle nicht besser behauptet Aber allem Ansehen nach, war er wohl niemals ein Held und wir hatten Unrecht ihm einen so ehrenvollen Namen beizulegen "Das eben nicht; er fing vortrefflich an; er war ein Held, da er sich den zudringlichen Liebkosungen der verfuhrischen Pythia entriss" Das konnte die scheue und schamhafte Unschuld der unbartigen Jugend getan haben; und liebte er damals nicht die schone Psyche? "So verdiente er doch ein Held genennt zu werden, als er den Mut hatte, sich eines verlassenen Unschuldigen gegen eine machtige Partei anzunehmen?" Ihr konntet vielleicht eben soviel aus Ehrgeiz oder aus Hass gegen einen der Feinde eures Clienten- oder aus einer geheimen Absicht auf die Gemahlin eures Clienten oder um vierzig tausend Livres aus der Casse eures Clienten tun? und ihr hattet in keinem von diesen Fallen eine Heldentat getan. Dass Agathon damals aus edeln Gesinnungen handelte, wissen wir von ihm selbst; und wir haben Grunde, es ihm zu glauben aber er konnte sich mit der grossesten Wahrscheinlichkeit einen glanzenden Success versprechen; und was fur ein Triumph war das fur die Ruhmbegierde eines Junglings von zwanzig Jahren? "Nun, so war er doch gewiss ein Held, da er gleichmutig und unerschutterlich sich dem ungerechten Verbannungs-Urteil der Athenienser unterzog, und lieber das ausserste erdulden, als seine Lossprechung einer Niedertrachtigkeit zu danken haben wollte! So war er's damals, da er von sich sagen konnte: Ich verwies es der Tugend nicht, dass sie mir den Hass und die Verfolgungen der Bosen zugezogen hatte; ich fuhlte, dass sie sich selbst belohnt." In der Tat, er war in diesem Augenblick gross; aber wir mussen nicht vergessen, dass er sich damals in einem ausserordentlichen Zustande, auf dem aussersten Grade dieses Enthusiasmus der Tugend befand, der den Menschen vergessen macht, dass er nur ein Mensch ist. Diese Art von Heldentum daurt naturlicher Weise nicht langer, als der Paroxysmus des Affects. Agathon war sich damals, als er so dachte, einer unbefleckten Tugend bewusst; und zu was fur einem Stolz musste dieses Gefuhl seine Seele in einem Augenblick aufschwellen, da sich ganz Athen zusammenverschworen zu haben schien, ihn zu demutigen; in einem Augenblick, da dieser Stolz der ganzen Last seines Unglucks das Gleichgewicht halten musste, und ihm den Triumph verschaffte, die Herren uber sein Schicksal die ganze Obermacht, die ihm seine Tugend uber sie gab, fuhlen zu lassen? Diese Art von Stolz gleicht in ihren Wurkungen der Wut eines tapfern Mannes der zur Verzweiflung getrieben wird. Die Gewissheit des Todes; in den er sich hineinsturzt, macht, dass er Taten eines Unsterblichen tut. Aber Agathon hatte dermalen nicht mehr soviel Ursache, auf seine Tugend stolz zu sein. Eben diese enthusiastische Gemuts-Beschaffenheit, welche ihm bei seiner Verbannung zu Athen die Gesinnungen eines Gottes eingehaucht, hatte ihn zu Smyrna den Schwachheiten eines gemeinen Menschen ausgesetzt. Er dachte nicht mehr so gross von sich selbst, und da ihm nun, in ahnlichen Umstanden, dieser heroische Stolz nicht mehr zu statten kommen konnte, so musste sich derselbe notwendig in diejenige Art von Misanthropie verwandeln, welche sich uber die ganze Gattung erstreckt. In diesem Stucke, wie in vielen andern, ist die Geschichte Agathons die Geschichte aller Menschen. Wir denken so lange gross von der menschlichen Natur, als wir gross von uns selber denken; unsere Verachtung hat alsdann nur einzelne Menschen oder kleinere Gesellschaften zum Gegenstand. Aber sobald wir in unsrer Meinung von uns selbst fallen, sinkt durch eine innerliche Gewalt uber welche wir nicht Meister sind, unsre Meinung von der ganzen Gattung zu welcher wir gehoren; wir verwundern uns, dass wir nicht eher wahrgenommen, dass die Torheiten, die Laster derjenigen, unter denen wir leben, Gebrechen der Natur selbst sind, denen (mehr oder weniger, auf diese oder eine andre Art, je nachdem Zeit, Umstande, Temperament und Gewohnheit es mit sich bringen) ein jeder unterworfen ist; je genauer wir die Menschen untersuchen, je mehr Grunde finden wir, so zu denken; und diese Denkungsart flosset uns, zu eben der Zeit, da sie uns eine gewisse Geringschatzung gegen die ganze Gattung gibt, mehr Nachsicht gegen die Fehler und Gebrechen der einzelnen Personen, und besondern Gesellschaften, mit denen wir in Verhaltnis stehen, ein; so dass wir das, was wir an jenem tugendhaften Schwulst, welchen die Einfalt ubereilter Weise fur die Tugend selbst halt, verlieren, zu eben der Zeit an den notwendigsten und liebenswurdigsten Tugenden, an Geselligkeit und Massigung gewinnen: Tugenden, welche zwar nichts blendendes haben, aber desto mehr Warme gehen, und uns desto geschickter machen, unter Geschopfen zu leben, welche ihrer alle Augenblicke benotiget sind.
Es ist ein gemeiner und oft getadelter Fehler des menschlichen Geschlechts, dass sie das Wunderbare mehr lieben als das Naturliche, und das Glanzende mehr als was nicht so gut in die Augen fallt, wenn es gleich brauchbarer und dauerhafter ist. Diese Art von dem Werte der Sachen zu urteilen ist nirgends betruglicher, als wenn sie auf moralische Gegenstande angewendet wird. Der Schluss, den man ofters von der Erhabenheit der Begriffe und Empfindungen einer Person, und von der Fertigkeit eine gewisse Sprache der Begeistrung zu reden, welche (wie die homerische Gottersprache) allen Dingen andre Namen gibt, ohne dass die Dinge selbst darum etwas anders sind, als sie unter ihren gewohnlichen Namen sind, auf eine ausserordentliche Vortrefflichkeit des Characters dieser Person zu machen pflegt, ist eben so falsch, als das Vorurteil, welches viele gegen eine gelassene und bescheidene Tugend gefasst haben, welche, ohne sich durch feirliches Geprange, hochfliegende Ideen, anmassliche Privilegien von den Gebrechen der menschlichen Natur, und unerbittliche Strenge gegen dieselben anzukundigen, nur darum weniger zu versprechen scheint, um im Werke selbst desto mehr zu leisten. Dieses vorausgesetzt konnten wir vielleicht mit gutem Grunde behaupten, dass die Tugend unsers Helden, durch die neuerliche Veranderung, die in seiner Denkensart vorging, in verschiedenen Betrachtungen, grosse Vorteile erhalten habe. Aber (wir wollen es nur gestehen) was sie dabei auf einer Seite gewann, verlor sie auf einer andern wieder. Die Begriffe, welche wir uns von unsrer eignen Natur machen, haben einen entscheidenden Einfluss auf alle unsre ubrigen Begriffe. So irrig, so lacherlich und kindisch es ist, wenn wir uns einbilden (und doch bilden sich das die Meisten ein) dass der Mensch die Hauptfigur in der ganzen Schopfung, und alles andere bloss um seinetwillen da sei So naturlich ist hingegen, dass er es in dem besondern System seiner eignen Ideen ist. In dieser kleinen Welt ist und bleibt er, er wolle oder wolle nicht, der Mittelpunct der Held des Stucks, auf den alles sich bezieht, und dessen Gluck oder Fall alles entscheidet. Alles ist gross, wichtig, interessant, wenn die Hauptperson wichtig ist, und eine grosse Rolle zu spielen hat; aber wenn Scapin oder Harlekin der Held ist, was kann das ganze Stuck anders sein, als eine Farce?
Man erinnert sich vermutlich noch der Zweifel, worin sich Agathon verwickelt fand, als er die bezauberten Ufer von Jonien verliess, wo er, vielleicht zu seinem Vorteil, erfahren hatte, dass die Ideen, welche sich in den Hainen zu Delphi seiner jugendlichen Seele bemachtiget, und durch den Unterricht und Umgang des gottlichen Platons zu Athen noch mehr darin befestiget hatten, ihm bei einer Gelegenheit, wo er sich mit vollkommner Sicherheit auf ihre Starke und beschutzende Kraft verlassen hatte, mehr nachteilig als nutzlich gewesen waren, ja sich endlich (zu einem billigen Verdacht gegen ihre Realitat) von ganz entgegengesetzten so unmerklich und gutwillig hatten verdrangen lassen, dass er die Veranderung nicht eher wahrgenommen, als da sie schon vollig zu Stande gekommen war. Agathon hatte damals keine Zeit, dieser Zweifel wegen mit sich selbst einig zu werden; er glaubte zwar, oder hoffte vielmehr uberhaupt, dass dasjenige was in seinen vormaligen Grundsatzen wahres sei, sich mit seinen neuerlangten Begriffen sehr wohl vereinigen lassen werde aber er sah doch noch nicht deutlich genug, wie? und wurde beim ersten Anblick Lucken gewahr, welche ihm desto mehr Sorge machten, je weniger er geneigt war, sie nach dem Exempel der Meisten, die sich in dieser Schwierigkeit befinden, mit dem ersten Besten, es mochte Stroh, Leimen, Lumpen oder was ihm sonst in die Hande fiele, sein, auszustopfen. Indes hatten doch damals seine vorigen Lieblings-Ideen noch einen starken Anhang in seinem Herzen, und er beruhigte sich, auf die Eingebungen desselben hin, mit der Hoffnung, dass es ihm, sobald er in ruhigere Umstande kame, leicht sein wurde, die Harmonie zwischen seinem Kopf und seinem Herzen vollkommen wieder herzustellen. Allein die Geschafte und die Zerstreuungen, welche zu Syracus alle seine Zeit verschlangen, hatten ihn genotigt, eine fur ihn so wichtige Arbeit lange genug aufzuschieben, um sie durch immer neu hervorbrechende Schwierigkeiten ungleich schwerer zu machen, als sie anfangs gewesen ware. Die umgereimte und lacherliche Seite der menschlichen Meinungen, Leidenschaften, und Gewohnheiten ist gemeiniglich die erste, welche sie einem Manne von Verstand und Witz zeigen, der die Musse nicht hat, sie mit anhaltender Aufmerksamkeit zu betrachten. Agathon gewohnte sich also unvermerkt an diese Art, die Sachen anzuschauen; die naturliche Heiterkeit und Lebhaftigkeit seiner Sinnesart disponierte ihn ohnehin dazu; und die Syracusaner, deren Character eine Vermischung des Atheniensischen und Corinthischen, oder eine Composition von den widersprechendesten Eigenschaften, welche ein Volk nur immer haben kann, ausmachte -und ein Hof, wie Dionysens Hof war versahen ihn so reichlich mit comischen Charactern, Bildern und Begebenheiten, dass der Absatz, welchen der gegenwartige Ton seiner Seele (wenn man uns dieses malerische Kunst-Wort hier erlauben will) mit seinem ehmaligen machte, von Tag zu Tag immer starker werden musste. Der Oromasdes und Arimanius der alten Persen werden uns nicht als todlichere Feinde vorgestellt, als es der comische Geist, und der Geist des Enthusiasmus sind; und die naturliche Antipathie dieser beiden Geister wird dadurch nicht wenig vermehrt, dass beide gleich geneigt sind, uber die Grenzen der Massigung hinauszuschweifen. Der Enthusiastische Geist sieht alles in einem strengen feierlichen Licht; der Comische alles in einem milden und lachenden; nichts ist dem ersten leichter als so weit zugehen, bis ihm alles, was Spiel und Scherz heisst, verdammlich vorkommt; nichts dem andern leichter, als gerade in demjenigen, was jener mit der grossesten Ernsthaftigkeit behandelt, am meisten Stoff zum Scherzen und Lachen zu finden.
Nehmen wir zu diesem noch, dass der leichtsinnige und scherzhafte Ton von jeher den Hofen vorzuglich eigen gewesen ist und den besondern Umstand, dass die anmasslichen Academisten, oder Hof-Philosophen des Dionys, den einzigen Aristipp ausgenommen, eine Art von Tragi-comischen Narren vorstellten, welche recht mit Fleiss dazu ausgesucht zu sein schienen, um die erhabenen Wissenschaften, fur deren Priester und Mystagogen sie sich ausgaben, so verachtlich zu machen, als sie selbst waren Nehmen wir alles dieses zusammen, so werden wir uns kaum verwundern konnen, wie es moglich gewesen, dass unser Held nach und nach sich endlich auf einem Punct befand, wo ihn damals, da er in der Grotte der Nymphen auf Erscheinungen der Gotter wartete oder da er die Grundsatze, die Verheissungen und die Freundschaft des Sophisten Hippias mit einem so feurigen Unwillen von sich stiess vermutlich niemand, oder nur die schlauesten Kenner des menschlichen Herzens erwartet haben mogen namlich da, wo ihm ein grosser Teil seiner vormaligen Ideen, an denen er zu Smyrna nur zu zweifeln angefangen hatte, nun selbsten ganz schimarisch und belachenswert, und diejenigen, deren Gegenstande ihm zwar ehrwurdig bleiben mussten, doch subjectivisch betrachtet, in der barokischen Gestalt, wie sie in der Einbildung der Sterblichen verkleinert, verzerrt, vermischt oder verkleidet werden, zu nichts anderm zu taugen schienen, als lustig damit zu machen.
Unsere nachdenkenden Leser werden nunmehr ganz deutlich begreifen, warum wir Bedenken getragen haben, dem Urheber der Griechischen Handschrift in seinem allzugunstigen Urteil von dem gegenwartigen moralischen Zustande unsers Helden, Beifall zu geben. Wir konnen uns nicht verbergen, dass dieser Zustand fur seine Tugend gefahrlich ist, und desto gefahrlicher, je mehr man in demselben durch eine gewisse Behaglichkeit, Munterkeit des Geistes, und andre Anscheinungen einer volligen Gesundheit, sicher gemacht zu werden pflegt, sich in seinem naturlichen Zustande zu glauben. Nicht als ob es uns eben so leid sei, unsern Helden (den wir mit allen seinen Fehlern eben so sehr lieben, als ob er ein Sir Carl Grandison ware) auf dem Wege zu sehen, von allen Arten der Schwarmerei von Grund aus geheilt zu werden Denn so viel schones und gutes sich immer zu ihrem Vorteil sagen lassen mag, so bleibt doch gewiss, dass es besser ist gesund sein, und keine Entzuckungen haben, als die Harmonie der Spharen horen, und an einem hitzigen Fieber liegen aber wir besorgen billig, dass die allzustarke Nachlassung, welche in der Seele eben sowohl als im Leibe, auf eine ubermassige Spannung zu folgen pflegt, seinem Herzen wenigstens so nachteilig werden konnte, als es die liebenswurdige Schwarmerei, womit wir ihn behaftet gesehen haben, seiner Vernunft sein mochte. Der neue Schwung, den seine Denkungsart zu Syracus bekam, wurde uns ziemlich gleichgultig sein, wenn die Veranderung sich bloss auf speculative Begriffe oder den Ton und die Verteilung des Lichts und Schattens in seiner Seele erstreckte: Aber wenn er dadurch weniger rechtschaffen, weniger ein Liebhaber der Wahrheit, weniger empfindlich fur das Beste des menschlichen Geschlechts, weniger edelgesinnt, und wohltatig, weniger zur vorzuglichen Teilnehmung an der Gluckseligkeit irgend einer besondern Gesellschaft (ohne welche die anmassliche Welt-Burgerschaft gewisser Leute blosse Grosssprecherei oder hochstens eine Art von Don-Quischotterie ist) und zur Freundschaft, diesem Lieblings- Phantom schoner Seelen, weniger aufgelegt wurde erlaubet mir, ihr strengen Anti-Platonisten, denen alles Schimare heisst, was sich nicht geometrisch beweisen lasst, erlaubet mir noch weiter zu gehen wenn dieser schone, herzerhohende, wohltatige, und der Tugend so vorteilhafte Gedanke fur eine grossere Sphare als dieses animalische Leben, fur eine edlere Art von Existenz, fur vollkommnere Gegenstande, und zu einer vollkommnern Art von Activitat, als unsre dermalige bestimmt zu sein und die begeisternden, wiewohl traumerischen Aussichten, die uns dieser Beste aller Gedanken gibt wenn er keinen Reiz, keine Macht auf seine Seele mehr hatte O! Agathon, Agathon! dann wurdest du, nicht unsern Hass, nicht eine lieblose Beurteilung, nicht eine triumphierende Freude uber deinen Fall, aber unser Mitleiden verdienen.
Die Gemuts-Verfassung worin wir ihn in diesem Capitel gesehen haben, scheint allerdings nicht sehr geschickt zu sein, uns uber diesen Punct seinetwegen ausser Sorgen zu setzen. Es ist eine so unbestandige Sache um die Begriffe, Meinungen und Urteile eines Menschen! Die Umstande, der besondere GesichtsPunct, in den sie uns stellen, die Gesellschaft worin wir leben, tausend kleine Einflusse, die wir einzeln nicht gewahr werden, haben soviel Gewalt uber dieses unerklarbare, launische, widersinnische Ding, unsre Seele! dass wir nicht Burge dafur sein wollten, was aus unserm Helden hatte werden konnen, wofern er mit solchen Dispositionen in eine Gesellschaft von Hippiassen und Alcibiaden, oder zuruck in die schone Welt zu Smyrna versetzt worden ware. Zu gutem Gluck sehen wir ihn im Begriff, zu Leuten zukommen, welche ihn mit der Menschheit wieder aussohnen, und seinem schon erkaltenden Herzen diese beseelende Warme wieder mitteilen werden, ohne welche die Tugend eine blosse Speculation ist, die zwar einen unerschopflichen Stoff zu scharfsinnigen Betrachtungen gibt, aber unter den vielerlei chymischen Processen, welche die allzuspitzfundige Vernunft mit ihr vornimmt, endlich ein so abgezogenes, so feines, so delicates Ding wird, dass sich kein Gebrauch davon machen lasst.
So sehr sich auch die Einbildungs-Kraft unsers Helden abgekuhlt hat, so unzuverlassig, ubertrieben und grillenhaft er die Geister-Lehre und die metaphysische Politik seines Freundes Plato zu finden glaubt; so comisch ihm seine eigene Ausschweifungen in dem Stande der Bezauberung, worin er sich ehemals befunden, vorkommen; so klein er uberhaupt von den Menschen denkt, und so fest er entschlossen zu sein vermeint, von dem schonen Phantom, wie er es izo nennt, von dem Gedanken, sich Verdienste um seine Gattung zu machen, in seinem Leben sich nicht wieder tauschen zu lassen; so ist es doch bei weitem noch nicht an dem, dass er diese zarte Empfindlichkeit der Seele, und diesen eingewurzelten Hang zu dem idealischen Schonen verloren haben sollte, der das geheime Principium seiner ehemaligen Begeisterung, und aller der manchfaltigen Schwarmereien, Bezauberungen und Entzuckungen, in deren magischem Labyrinthe sie ihn, nach Massgabe der Umstande, herumgefuhrt, gewesen ist. Die verstohlnen Blicke, die er noch so gerne in die Scenen seiner glucklichen Jugend wirft; das Bild der liebenswurdigen Psyche, welches durch alle Veranderungen, die in seiner Seele vorgegangen, nichts von seinem Glanze verloren hat; die Erinnerung dieser reinen, unbeschreiblichen, fast vergotternden Wollust, in welcher sein Herz zerfloss, als er es noch in seiner Gewalt hatte, Gluckliche zu machen; und als die Reinigkeit dieser gottlichen Lust noch durch keine Erfahrungen von der Undankbarkeit und Bosheit der Menschen verdustert und trube gemacht wurde diese Bilder, denen er sich noch so gerne uberlasst welche sich selbst in seinen Traumen seiner geruhrten Seele so oft und so lebhaft darstellen die Seufzer, die Wunsche, die er diesen geliebten verschwindenden Schatten nachschickt alle diese Symptomen sind uns Burge dafur, dass er noch Agathon ist; dass die Veranderung in seinen Begriffen und Urteilen, die neue Theorie von allem dem, was wurklich ein Gegenstand unsrer Nachforschung zu sein verdient, oder von Eitelkeit und Vorwitz dazu gemacht worden, welche sich in seiner Seele zu entwickeln angefangen, die edlern Teile seines Herzens nicht angegriffen habe; kurz, dass wir uns Hoffnung machen konnen, aus dem Streit der beiden widerwartigen und feindlichen Geister, wodurch seine ganze innerliche Verfassung seit einiger Zeit erschuttert, verwirrt und in Garung gesetzt worden, zuletzt eine eben so schone Harmonie von Weisheit und Tugend hervorkommen zu sehen, wie nach dem System der alten Morgenlandischen Weisen, aus dem Streit der Finsternis und des Lichts, diese schone Welt hervorgegangen sein soll.
Eilftes Buch
Erstes Capitel
Apologie des griechischen Autors
Bis hieher scheint die Geschichte unsers Helden, wenigstens in den hauptsachlichsten Stucken, dem ordentlichen Lauf der Natur, und den strengesten Gesetzen der Wahrscheinlichkeit so gemass zu sein, dass wir keinen Grund sehen, an der Wahrheit derselben zu zweifeln. Aber in diesem eilften Buch, wir mussen es gestehen, scheint der Autor aus dieser unsrer Welt, welche, unparteiisch von der Sache reden, zu allen Zeiten nichts bessers als eine Werkel-Tags-Welt (wie Shakespear sie irgendwo nennt) gewesen ist, ein wenig in das Land der Ideen, der Wunder, der Begebenheiten, welche gerade so ausfallen, wie man sie hatte wunschen konnen, und um alles auf einmal zu sagen, in das Land der schonen Seelen, und der utopischen Republiken verirret zu sein. Es stehet bei den Lesern, ihm hierin soviel Glauben beizumessen, als sie gerne wollen; wir an unserm Teil nehmen uns der Sache weiter nichts an; unsere Absichten sind bereits erreicht, und die glucklichen oder unglucklichen Umstande, welche dem Agathon noch bevorstehen mogen, haben nichts damit zu tun. Indessen glauben wir doch, dass der Autor allen den gutherzigen Leuten, welche sich fur den Helden einer solchen Geschichte nach und nach interessieren, und gerne haben, wenn sich am Ende alles zu allerseitigem Vergnugen, mit Entdeckungen, Erkennungen, glucklichem Wiederfinden der verlornen Freunde, und etlichen Hochzeiten endet, einen Gefallen getan habe, seinen Helden, nachdem er eine hinlangliche Anzahl guter und schlimmer Abenteuer bestanden hat, endlich fur seine ganze ubrige Lebens-Zeit glucklich zu machen. Es mag sein, dass der Verfasser der griechischen Handschrift hierin seinem guten Naturell den Lauf gelassen hat; denn in der Tat, scheint es ein Zeichen eines harten und grausamen Herzens zu sein, welches ein Vergnugen an der Qual und den Tranen seiner unschuldigen Leser findet, wenn man alles anwendet, uns fur den Helden und die Heldin einer wundervollen Geschichte einzunehmen, bloss um uns zuletzt durch einen so jammerlichen Ausgang, als eine schwermutige, menschenfeindliche Imagination nur immer erdenken kann, in einen desto empfindlichern und unleidlichern Schmerz zu versenken, da es lediglich bei dem guten Willen des Autors stund, uns desselben zu uberheben. Gleichwohl aber scheint uns unser edler gesinnte Verfasser noch eine andre Absicht dabei gehabt zu haben, welche er, ohne sich einer noch grossern Unwahrscheinlichkeit schuldig zu machen, nicht wohl anders als durch diese nicht allzuwahrscheinliche Verbindung glucklicher Umstande, worein er seinen Helden in diesem Buche setzt, erreichen konnte Und was fur eine Absicht mag das wohl sein? Ich will es ihnen unverblumt und ohne Umschweife sagen, meine Herren und Damen, ob ich gleich besorgen muss, dass die ungewohnliche Offenherzigkeit, welche ich ihnen in dem ganzen Laufe dieses Werkes habe sehen lassen, mir von einem oder dem andern aus ihrem Mittel ubel aufgenommen werden mochte Unser Verfasser wollte dem Vorwurf ausweichen, welchen Horaz gleichnisweise in dem bekannten Verse
Amphora cpit
Institui currente rota cur urceus exit?
denjenigen Dichtern macht, in deren Werken das Ende sich nicht zu dem Anfang schickt. Er wollte in seinem Helden, dessen Jugend und erste Auftritte in der Welt so grosse Hoffnungen erweckt hatten, nachdem er ihn durch so viele verschiedene Umstande gefuhrt, als er fur notig hielt seine Tugend zu prufen, zu lautern und zu der gehorigen Consistenz zu bringen, am Ende einen so weisen und tugendhaften Mann darstellen, als man nur immer unter der Sonne zu sehen wunschen, oder nach Gestalt der Sachen, erwarten konnte. Der Enthusiasmus, der die eigentliche Anlage seines Helden zu einem mehr als gewohnlichen Grade moralischer Vollkommenheit enthielt, verhinderte ihn zu eben der Zeit da er seine Tugend erhohte, so weise zu sein, als man sein muss, um nicht mit den erhabensten Begriffen, und den edelsten Gesinnungen, von sich selbst und von andern betrogen zu werden. Eine Art zu denken, welche ihn zu einer hohern Classe von Wesen als die gewohnlichen Menschen sind, zu erheben schien, setzte ihn dem Neid, der verkehrten Beurteilung, den Nachstellungen und Verfolgungen dieser Menschen aus; und machte ihn, welches fur seine Tugend das Schlimmste war, unvermerkt vergessen, dass er im Grunde doch immer weder mehr noch weniger sei, als ein Mensch. Die Erfahrungen, die er endlich hieruber bekam, offneten ihm die Augen, und zerstreuten einen Teil der Bezauberung; er lernte sich selbst besser kennen; aber er kannte die Welt noch nicht genug. Ein neues und grosses Theater, auf welches er versetzt wurde, half diesem Mangel ab; eine immer weiter ausgebreitete und vervielfaltigte Erfahrung stimmte seine allzuidealische Denk-Art herab, und uberfuhrte ihn, dass er, wie der grossmutige, tugendhafte und tapfre Ritter von Mancha (dieses lehrreiche Bild der Schwachheiten und Verirrungen des menschlichen Geistes !) Windmuhlen fur Riesen, Wirtshauser fur bezauberte Schlosser, und Dorf-Nymphen fur gottliche Dulcineen angesehen hatte. Er wurde weiser, aber auf Unkosten seiner Tugend. So wie die Bezauberung seiner Einbildungs-Kraft verging, horte auch die Begierde auf, grosse Taten zu tun, allem Unrecht in der Welt zu steuern, mit den Feinden der allgemeinen Gluckseligkeit sich herumzuschlagen, und die Menschen, wider ihren Dank und Willen, glucklich machen zu wollen. Nun sage man mir, nachdem es mit unserm Helden dazu gekommen war, (und, alles wohl erwogen, musste es auf eine oder andere Art endlich dazu kommen; denn die edelste, die liebenswurdigste Schwarmerei, wenn sie gar zu lange dauert, und sich so gar durch die Maul-Esel-Treiber von Jangois nicht austreiben lassen will, wird endlich zu Narrheit,) was sollte, was konnte unser Autor nun weiter mit ihm anfangen? Einen misanthropischen Einsiedler aus ihm machen? Dazu war sein Kopf zu heiter und sein Herz zu schwach oder zu zartlich oder zu gut; was ihr wollt; und zudem mochte unser Autor, der ein Grieche war, und wenigstens in die Zeiten des Alciphrons gesetzt werden muss, (wie die Gelehrten ohne unser Erinnern bemerkt haben) vermutlich von der Vortrefflichkeit einer einsiedlerischen Tugend die erhabenen Begriffe nicht haben, welche man sich in den wundervollen Zeiten des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts bis zu unsern philosophischen Zeiten davon gemacht hat, und (allem Ansehen nach) in einigen Landern noch lange machen wird. Ihn wieder in die weite Welt zuruckzufuhren, ware nichts anders gewesen, als ihn der augenscheinlichsten Gefahr aussetzen, in seiner antiplatonischen Denk-Art durch immer neue Erfahrungen bestarkt, und durch die Gesellschaft witziger und liebenswurdiger Leute, welche entweder gar keine Grundsatze, oder nicht viel bessere als der weise Hippias, gehabt hatten, nach und nach auch um diesen kostbaren Uberrest seiner ehemaligen Tugend gebracht zu werden, den er glucklicher Weise aus der verpesteten Luft der grossen Welt noch davon gebracht hat. Vielleicht hatte er in solchen Umstanden noch immer eine Art von Mittel zwischen Weisheit und Torheit, eine mehr lacherliche als hassenswurdige Composition von kuhnem Witz und unschlussiger Vernunft, von wahren und willkurlichen Begriffen, von Aberglauben und Unglauben, von guten und bosen Leidenschaften, Gewohnheiten und Launen, von gleich betruglichen Tugenden und Lastern; kurz, eine so vortreffliche Art von Geschopfen werden konnen, wie ungefahr die meisten von uns andern sind, wir mogen es nun einsehen und wenn wir's einsehen, eingestehen oder nicht. Bei so bewandten Umstanden, und da es (wie gesagt) nun einmal die Absicht des Autors war, aus seinem Helden einen tugendhaften Weisen zu machen, und zwar solchergestalt, dass man ganz deutlich mochte begreifen konnen, wie ein solcher Mann so geboren so erzogen mit solchen Fahigkeiten und Dispositionen mit einer solchen besondern Bestimmung derselben nach einer solchen Reihe von Erfahrungen, Entwicklungen und Veranderungen in solchen Glucks-Umstanden an einem solchen Ort und in einer solchen Zeit in einer solchen Gesellschaft unter einem solchen Himmels-Strich bei solchen Nahrungs-Mitteln (denn auch diese haben einen starkern Einfluss auf Weisheit und Tugend, als sich manche Moralisten einbilden) bei einer solchen Diat kurz, unter solchen gegebenen Bedingungen, wie alle diejenigen Umstande sind, in welche er den Agathon bisher gesetzt hat, und noch setzen wird ein so weiser und tugendhafter Mann habe sein konnen, und (diejenigen, welche nicht gewohnt sind zu denken, mogen es nun glauben oder nicht,) unter den namlichen, oder doch sehr ahnlichen Umstanden, es auch noch heutzutage werden konnte: Da, sage ich, dieses seine Absicht war, so blieb ihm freilich kein andrer Weg ubrig, als seinen Helden in diesen Zusammenhang glucklicher Umstande zu setzen, in welchen er sich nun bald, zu seinem eigenen Erstaunen, befinden wird. Freilich ist ein solcher Zusammenfluss glucklicher Umstande allzuselten, um wahrscheinlich zu sein. Aber wie soll sich ein armer Autor helfen, der (alles wohl uberlegt) nur ein einziges Mittel vor sich sieht, aus der Sache zu kommen, und dieses ein gewagtes? Man hilft sich wie man kann, und wenn es auch durch einen Sprung aus dem Fenster sein sollte. Der kleine Held der Konigin von Golconde ist nicht der erste, der sich durch dieses Mittel helfen musste: Julius Casar wurde ohne einen solchen Sprung das Vergnugen nicht gehabt haben, als Herr der Welt (wie man, zwar lacherlich genug, zu sprechen gewohnt ist,) durch die Strassen Roms ins Capitolium einzuziehen.
Und soviel mag dann zur Rechtfertigung unsers Autors gesagt sein; wenn es anders zu seiner Rechtfertigung dienen kann, welches wir den Kunstrichtern uberlassen mussen. Das Urteil mag indessen ausfallen wie es will, so beladet sich der Herausgeber, wie er schon erklart hat, dessen im geringsten nicht. Die Absichten, warum er die alte Urkunde, welche zufalliger Weise in seine Hande gekommen ist, in einen Auszug von derjenigen Form und Beschaffenheit, wie die vorhergehenden zehen Bucher weisen, gebracht hat, sind bereits erreicht. Es ist verhoffentlich unnotig, sich hieruber naher zu erklaren. Doch soviel konnen wir wohl sagen, dass er niemalen daran gedacht hat, einen Roman zu schreiben, wie sich vielleicht manche, ungeachtet des Titels und der Vorrede, zu glauben in den Kopf gesetzt haben mogen und da dieses Buch, in so fern der Herausgeber Teil daran hat, kein Roman ist, noch einer sein soll; so hat er sich auch um die so genannte Schurzung des Knotens, und ob der Verfasser der Urkunde seinen Knoten geschickt oder ungeschickt entwickelt oder zerschnitten hat, wenig zu bekummern.
Zweites Capitel
Die Tarentiner. Character eines liebenswurdigen
alten Mannes
Archytas, durch dessen nachdruckliche Verwendung Agathon der Hande seiner Feinde zu Syracus entrissen worden, war ein vertrauter Freund seines Vaters Stratonicus gewesen; ihre beiden Familien waren durch die Bande des Gastrechts (welches bekannter massen den Griechen sehr heilig war) von uralten Zeiten her verbunden; der ausgebreitete Ruhm, welchen sich der Philosoph von Tarent, als der Wurdigste unter den Nachfolgern des Pythagoras, als ein tiefer Kenner der Geheimnisse der Natur und der mechanischen Kunste, als ein weiser Staatsmann, als ein geschickter und allezeit glucklicher Feldherr, und was allen diesen Vorzugen die Crone aufsetzt, als ein rechtschaffener Mann, in der vollkommensten Bedeutung dieses Worts erworben, hatte den Namen des Archytas unserm Helden schon lange ehrwurdig gemacht; und hiezu kam noch, dass dessen jungerer Sohn, Critolaus, in den Zeiten des hochsten Wohlstandes Agathons zu Athen zwei Jahre in seinem Hause zugebracht, und mit allen ersinnlichen Freundschafts-Erweisungen uberhauft, eine Zuneigung von derjenigen Art fur ihn gefasst hatte, welche in schonen Seelen (denn damals gab es noch schone Seelen) sich nur mit dem Leben endet. Diese Freundschaft war zwar durch zufallige Ursachen, und den Aufenthalt Agathons zu Smyrna eine Zeitlang unterbrochen, aber sogleich nach seinem Entschluss, bei dem. Dionys zu leben, wieder erneuert, und seither sorgfaltig unterhalten worden. Agathon hatte wahrend seiner Staats-Verwaltung sich ofters bei der weisen Erfahrenheit des Archytas Rats erholt; und die verschiedenen Verhaltnisse, worin die Tarentiner und Syracusaner, besonders in Absicht der Handelschaft, mit einander stunden, hatten ihm ofters Gelegenheit gegeben, sich um die ersten verdient zu machen. Bei allen diesen Umstanden ist leicht zu ermessen, dass er den zartlichen und dringenden Einladungen seines Freundes Critolaus um so weniger widerstehen konnte, als die Pflichten der Erkenntlichkeit gegen seine Erretter ihm keine Freiheit zu lassen schienen, andere Beweggrunde bei der Wahl seines Aufenthalts in Betrachtung zu ziehen.
In der Tat hatte er sich auch keinen zu seinen nunmehrigen Absichten bequemern Ort erwahlen konnen als Tarent. Diese Republik war damals gerade in dem Zustande, worin ein jeder patriotischer Republicaner die seinige zu sehen wunschen soll zu klein, um ehrgeizige Projecte zu machen, und zu gross, um den Ehrgeiz und die Vergrossrungs-Sucht ihrer Nachbarn furchten zu mussen; zu schwach, um in andern Unternehmungen, als in den Kunsten des Friedens, ihren Vorteil zu finden; stark genug, sich gegen einen jeden nicht allzuubermachtigen Feind (und solche Feinde hat eine kleine Republik selten) in ihrer Verfassung zu erhalten. Archytas hatte sie, in einer Zeit von mehr als dreissig Jahren, in welcher er sieben mal die Stelle des obersten Befehlhabers in der Republik bekleidete, an die weisen Gesetze, die er ihnen gegeben hatte, so gut angewohnt, dass sie mehr durch die Macht der Sitten als durch das Ansehen der Gesetze regiert zu werden schienen. Der grosseste Teil der Tarentiner bestund aus Fabricanten und Handelsleuten. Die Wissenschaften und schonen Kunste stunden in keiner besondern Hochachtung bei ihnen; aber sie waren auch nicht verachtet. Diese Gleichgultigkeit bewahrte die Tarentiner vor den Fehlern und Ausschweifungen der Athenienser, bei denen jedermann, bis auf die Gerber und Schuster, ein Philosoph und Redner, ein witziger Kopf und ein Kenner sein wollte. Sie waren eine gute Art von Leuten, einfaltig von Sitten, emsig, arbeitsam, regelmassig, Feinde der Pracht und Verschwendung, leutselig und gastfrei gegen die Fremden, Hasser des Gezwungnen, Spitzfundigen und Ubertriebenen in allen Sachen, und aus eben diesem Grunde, Liebhaber des Naturlichen und Grundlichen, welche bei allem mehr auf die Materie als auf die Form sahen, und nicht begreifen konnten, dass eine fein gearbeitete Schussel aus corinthischem Erz besser sein konne, als eine schlechte aus Silber, oder dass ein Narr liebenswurdig sein konne, weil er artig sei. Sie liebten ihre Freiheit, wie eine Gattin, nicht wie eine Beischlaferin, ohne Leidenschaft, und ohne Eifersucht; sie setzten ein billiges Vertrauen in diejenige, denen sie die Vormundschaft uber den Staat anvertrauten; aber sie forderten auch, dass man dieses Vertrauen verdiene. Der Geist der Emsigkeit, der dieses achtungswurdige und gluckliche Volk beseelte der unschuldigste und wohltatigste unter allen sublunarischen Geistern, die uns bekannt sind machte, dass man sich zu Tarent weniger, als in den meisten mittelmassigen Stadten zu geschehen pflegt, um andre bekummerte; in so fern man sie durch keine gesetzwidrige Tat, oder durch einen beleidigenden Contrast mit ihren Sitten argerte, konnte jeder leben wie er wollte. Alles dieses zusammengenommen, machte, wie uns deucht, eine sehr gute Art von republicanischem Character; und Agathon hatte schwerlich einen Freistaat finden konnen, welcher geschickter gewesen ware, seinen gegen dieselbe gefassten Widerwillen zu besanftigen. Ohne Zweifel hatte dieses Volk auch seine Fehler, wie alle andre; aber der weise Archytas, unter welchem der National-Character der Tarentiner erst eine gesetzte und feste Gestalt gewonnen hatte, wusste diejenige Art derselben, welche man die Temperaments-Fehler eines Volks nennen kann, so kluglich zu behandeln, dass sie durch die Vermischung mit ihren Tugenden, beinahe auf horten, Fehler zu sein eine notwendige und vielleicht die grosseste Kunst eines Gesetzgebers, deren genauere Untersuchung und Analyse wir, beilaufig, denenjenigen empfohlen haben wollen, welche zu der schweren, und vermutlich spatern Zeiten aufbehaltnen, aber moglichen Auflosung eines Problems, welches nur von Lilliputtischen Seelen fur schimarisch gehalten wird, der Aufgabe, welche Gesetzgebung unter gegebenen Bedingungen, die beste sei? etwas beizutragen sich berufen fuhlen.
Agathon entdeckte beim ersten Blick an die Italischen Ufer, seinen Freund Critolaus, der mit einem Gefolge der edelsten Junglinge von Tarent ihm entgegengeflogen war, um ihn in einer Art von freundschaftlichem Triumph in eine Stadt einzufuhren, welche sich's zur Ehre rechnete, von einem Manne wie Agathon, vor andern zu seinem Aufenthalt erwahlt zu werden. Die angenehme Luft dieser von einem gunstigen Himmel umflossenen Ufer, der Anblick eines der schonsten Lander unter der Sonne, und der noch sussere Anblick eines Freundes, von dem er bis zur Schwarmerei geliebt wurde, machten unsern Helden in einem einzigen Augenblick alles Ungemach vergessen, das er in Sicilien und in seinem ganzen Leben ausgestanden hatte. Ein frohes ahnendes Erwarten der Gluckseligkeit, die in diesem zum erstenmal betretenen Lande auf ihn wartete, verbreitete eine Art von angenehmer Empfindung durch sein ganzes Wesen, welche sich nicht beschreiben lasst. Die unbestimmte Wollust, welche alle seine Sinnen zugleich einzunehmen schien, war nicht dieses seltsame zauberische Gefuhl, womit ihn die Schonheiten der Natur und die Empfindung ihrer reinsten Triebe, in seiner Jugend durchdrungen hatte dieses Gefuhl, diese Blute der Empfindlichkeit, diese zartliche Sympathie mit allem was lebt oder zu leben scheint; dieser Geist der Freude, der uns aus allen Gegenstanden entgegenatmet; dieser magische Firniss der sie uberzieht, und uns uber einem Anblick, von dem wir zehn Jahre spater kaum noch fluchtig geruhrt werden, in stillem Entzucken zerfliessen macht dieses beneidenswurdige Vorrecht der ersten Jugend verliert sich mit dem Anwachs unsrer Jahre unvermerkt, und kann nicht wieder gefunden werden; aber es war etwas, das ihm ahnlich war; seine Seele schien dadurch wie von allen verdusternden Flecken seines unmittelbar vorhergehenden Zustandes ausgewaschen, und zu den zartlichen Eindrucken vorbereitet zu werden, welche sie in dieser neuen Periode seines Lebens bekommen sollte.
Eine seiner gluckseligsten Stunden, (wie er in der Folge ofters zu versichern pflegte) war diejenige, worin er die personliche Bekanntschaft des Archytas machte. Dieser ehrwurdige Greis hatte der Natur und der Massigung, welche von seiner Jugend an ein unterscheidender Zug seines Characters gewesen war, den Vorteil einer Lebhaftigkeit aller Krafte zu danken, welche in seinem Alter etwas seltnes ist, aber bei den alten Griechen lange nicht so selten war, als bei den meisten Europaischen Volkern unsrer Zeit, bei denen es zur Gewohnheit zu werden angefangen hat, die erste Halfte des Lebens so unbesonnen zu verschwenden, dass man in der andern die geheimsten Krafte der Arznei-Kunst zu Hulfe rufen muss, um einen schmachtenden Mittelstand von Sein und Nichtsein, von einem Tag zum andern erbettelter Weise fortschleppen zu konnen. So erkaltet als die Einbildungs-Kraft unsers Helden war, so konnte er doch nicht anders als etwas idealisches in dem Gemische von Majestat und Anmut, welches uber die ganze Person dieses liebenswurdigen Alten ausgebreitet war, zu empfinden und es desto starker zu empfinden, je starker der Absatz war, den dieser Anblick mit allem demjenigen machte, woran sich seine Augen seit geraumer Zeit hatten gewohnen mussen Und warum konnte er nicht anders? Die Ursache ist ganz simpel; weil dieses idealiche nicht in seinem Gehirne, sondern in dem Gegenstande selbst war. Stellet euch einen grossen stattlichen Mann vor, dessen Ansehen beim ersten Blick ankundiget, dass er dazu gemacht ist, andre zu regieren, und dem ihr ungeachtet seiner silbernen Haare noch ganz wohl ansehen konnet, dass er vor funfzig Jahren ein schoner Mann gewesen ist Ihr erinnert euch ohne Zweifel dergleichen gesehen zu haben; aber das ist es noch nicht Stellet euch vor, dass dieser Mann in dem ganzen Laufe seines Lebens ein tugendhafter Mann gewesen ist; dass eine lange Reihe von Jahren seine Tugend zu Weisheit gereift hat; dass die unbewolkte Heiterkeit seiner Seele, die Ruhe seines Herzens, die allgemeine Gute wovon es beseelt ist, das stille Bewusstsein eines unschuldigen und mit guten Taten erfullten Lebens, sich in seinen Augen und in seiner ganzen Gesichts-Bildung mit einer Wahrheit, mit einem Ausdruck von stiller Grosse und Wurdigkeit abmalt, dessen Macht man fuhlen muss, man wolle oder nicht das ist, was ihr vielleicht noch nicht gesehen habt das ist das idealische, das ich meinte; und das war es was Agathon sah Ihr erinnert euch doch der guten alten Frau Shirley? welche ich, fur meinen Teil, so reizend und selbst idealisch auch immer die Henrietten Byrons, und ihre Rivalinnen sind, dennoch in gewissen Stunden einem ganzen Serail von Henrietten, Clementinen und Emilien, (die Charlotten, Olivien und alle andern Gottinnen von dieser Art, zusamt der schonen Magellone, mit eingerechnet,) vorziehen wollte Gut; ein Gemalde von dieser namlichen alten Frau, von der Hand eines van Dyk, (wenn es noch einen van Dyk gabe) wurde ein Cabinetstuck machen, um welches ich alle LiebesGottinnen und Grazien der Vanloos und Bouchers, so wenig ich sonst ein Feind von ihnen ware, mit Freuden geben wurde. Archytas, von der Hand eines Apelles (wenn zu seiner Zeit ein Apelles gewesen ware) wurde das Gegenbild davon sein. Agathon hatte nichts notig, als ihn anzusehen, um uberzeugt zu sein, dass er endlich gefunden habe, was er so oft gewunscht, aber noch nie gefunden zu haben geglaubt hatte, ohne dass er in der Folge auf eine oder die andere Art seines Irrtums uberfuhrt worden ware einen wahrhaftig weisen Mann, einen Mann, der nichts zu sein scheinen wollte, als was er wurklich war, und an welchem das scharfsichtigste Auge nichts entdecken konnte, das man anders hatte wunschen mogen. Die Natur schien sich vorgesetzt zu haben, durch ihn zu beweisen, dass die Weisheit nicht weniger ein Geschenke von ihr sei, als der Genie; und dass, wofern es gleich der Kunst nicht unmoglich ist, ein schlimmes Naturell zu verbessern, und aus einem Silen, so der Himmel will, einen Socrates zu machen, (ein Triumph, den die Kunst gleichwohl sehr selten davon tragt,) es dennoch der Natur allein zukomme, diese gluckliche Temperatur der Elemente, woraus der Mensch zusammengesetzt ist, hervorzubringen, welche, unter einem Zusammenfluss eben so glucklicher Umstande, endlich zu dieser vollkommnen Harmonie aller Krafte und Bewegungen des Menschen, worin Weisheit und Tugend in Einem Punct zusammenfliessen, erhoht werden kann. Archytas hatte niemalen weder eine gluhende Einbildungs-Kraft, noch heftige Leidenschaften gehabt; eine gewisse Starke, welche den Mechanismus seines Kopfs und seines Herzens characterisierte, hatte von seiner Jugend an die Wurkung der Gegenstande auf seine Seele gemassiget; die Eindrucke, die er von ihnen bekam, waren deutlich und nett genug, um seinen Verstand mit wahren Bildern zu erfullen, und die Verwirrung zu verhindern, welche in dem Gehirne derjenigen zu herrschen pflegt, deren allzuschlaffe Fibern nur schwache und matte Eindrucke von den Gegenstanden empfangen; aber sie waren nicht so lebhaft und von keiner so starken Erschutterung begleitet, wie bei denjenigen, welche, durch zartlichere Werkzeuge und reizbarere Sinnen zu den enthusiastischen Kunsten der Musen bestimmet, den zweideutigen Vorzug einer zauberischen Einbildungs-Kraft und eines unendlich empfindlichen Herzens durch die Tyrannie der Leidenschaften, der sie, mehr oder weniger, unterworfen sind, teuer genug bezahlen mussen. Archytas hatte es dem Mangel dieses eben so schimmernden, als wenig beneidenswerten Vorzugs zu danken, dass er wenig Muhe hatte, Ruhe und Ordnung in seiner innerlichen Verfassung zu erhalten; dass er anstatt von seinen Ideen und Empfindungen beherrscht zu werden, allezeit Meister von ihnen blieb, und die Verirrungen des Geistes und des Herzens nur aus der Erfahrung andrer kannte, von denen das schwarmerische Volk der Helden, Dichter und Virtuosen aller Arten aus seiner eigenen sprechen kann. Und daher kam es auch, dass die Pythagoraische Philosophie, in deren Grundsatzen er erzogen worden war eben diese Philosophie, welche in dem Gehirne so vieler andrer zu einem seltsamen Gemische von Wahrheit und Traumerei wurde, sich durch Nachdenken und Erfahrung in dem seinigen zu einem System von eben so simpeln, als fruchtbaren und practischen Begriffen ausbildete; zu einem System, welches der Wahrheit naher zu kommen scheint, als irgend ein anders; welches die menschliche Natur veredelt, ohne sie aufzublahen, und ihr Aussichten in bessere Welten eroffnet, ohne sie fremd und unbrauchbar in der gegenwartigen zu machen; welches durch das Erhabenste und Beste, was unsre Seele von Gott, von dem Welt-System, und von ihrer eigenen Natur und Bestimmung zu denken fahig ist, ihre Leidenschaften reiniget und massiget, ihre Gesinnungen verschonert, und (was kein so kleiner Vorteil ist, als neunhundert und neun und neunzig Menschen unter tausenden sich einbilden,) sie von der tyrannischen Herrschaft dieser pobelhaften Begriffe befreiet, welche die Seele verunstalten, sie klein, niedertrachtig, furchtsam, falsch und sclavenmassig machen; jede edle Neigung, jeden grossen Gedanken abschrecken und ersticken, und doch darum nicht weniger von politischen und religiosen Demagogen unter dem grossten Teile des menschlichen Geschlechts, aus Absichten, woraus diese Herren billig ein Geheimnis machen, eifrigst unterhalten werden.
Die zuverlassigste Probe uber die Gute der Philosophie des weisen Archytas ist, wie uns deucht, der moralische Character, den ihm das einstimmige Zeugnis der Alten beilegt. Diese Probe, es ist wahr, geht bei einem System von metaphysischen Speculationen nicht an; aber die Philosophie des Archytas war ganz practisch. Das Exempel so vieler grossen Geister, welche in der Bestrebung, uber die Grenzen des menschlichen Verstandes hinauszugehen, verungluckt waren, hatte ihn in diesem Stucke vielleicht nicht weiser gemacht, wenn er mehr Eitelkeit und weniger kaltes Blut gehabt hatte; aber so wie er war, uberliess er diese Art von Speculationen seinem Freunde Plato, und schrankte seine Nachforschungen uber die bloss intellectualischen Gegenstande lediglich auf diese einfaltigen Wahrheiten ein, welche das allgemeine Gefuhl erreichen kann, welche die Vernunft bekraftiget, und deren wohltatiger Einfluss auf den Wohlstand unsers Privat-Systems so wohl als auf das allgemeine Beste allein schon genugsam ist, ihren Wert zu beweisen. Es lasst sich also ganz sicher von dem Leben eines solchen Mannes auf die Gute seiner DenkensArt schliessen. Archytas verband alle hauslichen und burgerlichen Tugenden, mit dieser schonsten und gottlichsten unter allen, welche sich auf keine andre Beziehung grundet, als das allgemeine Band, womit die Natur alle Wesen verknupft. Er hatte das seltene Gluck, dass die untadeliche Unschuld seines offentlichen und Privat-Lebens, die Bescheidenheit, wodurch er den Glanz so vieler Verdienste zu mildern wusste, und die Massigung, womit er sich seines Ansehens bediente, endlich so gar den Neid entwaffnete, und ihm die Herzen seiner Mitburger so ganzlich gewanne, dass er (ungeachtet er sich seines hohen Alters wegen von den Geschaften zuruckgezogen hatte) bis an sein Ende als die Seele des Staats und der Vater des Vaterlands angesehen wurde, und in dieser Qualitat eine Autoritat beibehielt, welcher nur die ausserlichen Zeichen der koniglichen Wurde fehlten. Niemals hat ein Despot unumschrankter uber die Leiber seiner Sclaven geherrschet, als dieser ehrwurdige Greis uber die Herzen eines freien Volkes; niemals ist der beste Vater von seinen Kindern zartlicher geliebt worden. Gluckliches Volk! welches von einem Archytas regiert wurde, und den ganzen Wert dieses Glucks so wohl zu schatzen wusste! Und glucklicher Agathon, der in einem solchen Mann einen Beschutzer, einen Freund, und einen zweiten Vater fand.
Drittes Capitel
Eine unverhoffte Entdeckung
Archytas hatte zwei Sohne, deren wetteifernde Tugend die seltene und verdiente Gluckseligkeit seines Alters vollkommen machte. Diese liebenswurdige Familie lebte in einer Harmonie beisammen, deren Anblick unsern Helden in die selige Einfalt und Unschuld des goldnen Alters versetzte. Niemals hatte er eine so schone Ordnung, eine so vollkommne Eintracht, ein so regelmassiges und schones Ganzes gesehen, als das Haus des weisen Archytas darstellte. Alle Hausgenossen, bis auf die unterste Classe der Bedienten, waren eines solchen Hausvaters wurdig. Jedes schien fur den Platz, den es einnahm, ausdrucklich gemacht zu sein. Archytas hatte keine Sclaven; der freie, aber sittsame Anstand seiner Bedienten, die Munterkeit, die Genauigkeit, der Wetteifer, womit sie ihre Pflichten erfullten, das Vertrauen, welches man auf sie setzte, bewies, dass er Mittel gefunden hatte, selbst diesen rohen und mechanischen Seelen ein Gefuhl von Ehre und Tugend einzuflossen; die Art wie sie dienten, und die Art, wie ihnen begegnet wurde, schien das unedle und demutigende ihres Standes auszuloschen; sie waren stolz darauf, einem so vortrefflichen Herrn zu dienen, und es war nicht einer, der die Freiheit auch unter den vorteilhaftesten Bedingungen angenommen hatte, wenn er der Gluckseligkeit hatte entsagen mussen, ein Hausgenosse des Archytas zu sein. Das Vergnugen mit seinem Zustande leuchtete aus jedem Gesicht hervor; aber keine Spur dieses uppigen Ubermuts, der gemeiniglich den mussiggangerischen Haufen der Bedienten in grossen Hausern bezeichnet; alles war in Bewegung; aber ohne dieses larmende Gerausch, welches den schweren Gang der Maschine ankundiget; das Haus des Archytas glich dem inwendigen Mechanismus des animalischen Korpers, in welchem alles in rastloser Arbeit begriffen ist, ohne dass man eine Bewegung wahrnimmt, wenn die aussern Teile ruhen.
Agathon befand sich noch in diesem angenehmen Erstaunen, welches in den ersten Stunden, die er in einem so sonderbaren Hause zubrachte, sich mit jedem Augenblick vermehren musste, als er auf einmal, und ohne dass ihn die mindeste innerliche Ahnung dazu vorbereitet hatte, durch eine Entdeckung uberrascht wurde, welche ihn beinahe dahin gebracht hatte, alles was er sah, fur einen Traum zu halten.
Das Gynaceum war, wie man weiss, bei den Griechen den Fremden, welche in einem Hause aufgenommen wurden, ordentlicher Weise, eben so unzugangbar als der Harem bei den Morgenlandern. Aber Agathon wurde in dem Hause des Archytas nicht wie ein Fremder behandelt. Dieser liebenswurdige Alte fuhrte ihn also, nachdem sie sich ein paar Stunden, welche unserm Helden sehr kurz wurden, mit einander besprochen hatten, in Begleitung seiner beiden Sohne in das Innerste des Hauses, welches von dem weiblichen Teil der Familie bewohnt wurde; um, wie er sagte, seinen Tochtern ein Vergnugen, worauf sie sich schon so lange gefreuet hatten, nicht langer vorzuenthalten. Stellet euch vor, was fur eine susse Besturzung ihn befiel, da die erste Person, die ihm beim Eintritt in die Augen fiel, seine Psyche war! Augenblicke von dieser Art lassen sich besser malen, als beschreiben diese Erscheinung war so unerwartet, dass sein erster Gedanke war, sich durch eine zufallige Ahnlichkeit dieser jungen Dame mit seiner geliebten Psyche betrogen zu glauben. Er stutzte; er betrachtete sie von neuem; und wenn er nunmehr auch seinen Augen nicht hatte trauen wollen, so liess ihm das, was in seinem Herzen vorging, keinen Zweifel ubrig. Und doch kam es ihm so wenig glaublich vor, dass er glucklich genug sein sollte, nach einer so langen Abwesenheit und bei so wenigem Anschein, sie jemals wieder zu sehen, sie in dem Gynaceo seiner Freunde zu Tarent wieder zu finden! Ein andrer Gedanke, der in diesen Umstanden sehr naturlich war, vermehrte seine Verwirrung, und hielt ihn zuruck, sich der Freude zu uberlassen, welche ein eben so erwunschter als wenig verhoffter Anblick uber seine Seele ergoss. Psyche sah nicht so aus, als ob sie eine Sclavin in diesem Hause vorstelle; was konnte er also anders denken, als dass sie die Gemahlin eines von den Sohnen des Archytas sein musste? Es ist wahr, er hatte eben so wohl denken konnen, dass sie seine wiedergefundene Tochter sein konnte; aber in solchen Umstanden bildet man sich immer das ein, was man am meisten furchtet. In der Tat erriet er die Sache aufs erstemal; Psyche war seit einigen. Monaten die Gemahlin des Critolaus.
Unsere Leser sehen nun auf den ersten Blick, was fur schone Gelegenheit zu pathetischen Beschreibungen und tragischen Auftritten uns dieser kleine Umstand gibt was fur eine Situation! Den Gegenstand der zartlichsten Neigung seines Herzens, seine erste Liebe, nach einer langen schmerzlichen Trennung unverhofft wieder finden, aber nur dazu wieder finden, um sie in den Armen eines andern, und was uns nicht einmal das Recht zu klagen, zu wuten und Rache zu schnauben ubrig lasst, in den Armen unsers liebsten Freundes zu sehen! Zu gutem Gluck fur unsern Helden und fur den Autor waren diejenigen, welche in diesem Augenblick Zeugen von seiner Besturzung waren, keine so passionierte Liebhaber pathetischer Auftritte, dass sie hatten fahig sein konnen, an seiner Qual Vergnugen zu finden. Sie wollten sich ein Vergnugen daraus machen, ihn zu uberraschen; aber es wurde grausam gewesen sein, eine Tragodie mit ihm zu spielen, so glucklich auch am Ende die Entwicklung immer hatte sein mogen. Die zartliche Psyche sah etliche Augenblicke seiner Verwirrung zu; aber langer konnte sie sich nicht zuruckhalten. Sie flog ihm mit offnen Armen entgegen, und indem ihre Freuden-Tranen seine gluhende Wangen betauten, horte er sich mit einem Namen benennen, der ihre zartlichste Liebkosungen selbst in Gegenwart eines Gemahls rechtfertigte.
Ware die Liebe, welche sie ihm in dem Hain zu Delphi eingeflosst hatte, weniger platonisch gewesen, so wurde die Entdeckung einer Schwester in der Geliebten seines Herzens nicht so erfreulich gewesen sein, als sie ihm war. Aber man erinnert sich noch, dass ihre Liebe, so ausnehmend zartlich sie auch gewesen war, doch mehr der Liebe, welche die Natur zwischen Geschwistern von ubereinstimmender Gemuts-Art stiftet, als derjenigen geglichen hatte, welche sich auf die Zauberei eines andern Instincts grundet, von dessen fiebrischen Symptomen die ihrige allezeit frei geblieben war. Sie hatten damals schon ein sonderbares Vergnugen daran gefunden, sich einzubilden, dass ihre Seelen wenigstens einander verschwistert seien, da sie nicht Grund genug hatten, so sehr sie es auch wunschten, die unschuldige Anmutung, welche sie fur einander fuhlten, der Wurkung der Sympathie des Blutes zu zuschreiben. Agathon befand sich also uber alles was er hatte wunschen konnen, glucklich, da er, nach den Erlauterungen, welche ihm gegeben wurden, nicht mehr zweifeln konnte, in Psyche eine Schwester, welche er nach der ehmaligen Erzahlung seines Vaters fur tot gehalten hatte, wieder zu finden, und durch sie ein Teil einer Familie zu werden, fur welche sein Herz bereits so eingenommen war, dass der Gedanke sich jemals wieder von ihr zu trennen, ihm unertraglich gewesen sein wurde. Nun meine zartlichen Leserinnen, mangelte ihm, um so gluckselig zu sein, als es Sterbliche sein konnen, nichts als dass Archytas nicht irgend eine liebenswurdige Tochter oder Nichte hatte, mit der wir ihn vermahlen konnten. Aber unglucklicher Weise fur ihn hatte Archytas keine Tochter; und wofern er Nichten hatte, welches wir nicht fur gewiss sagen konnen, so waren sie entweder schon verheiratet, oder nicht dazu gemacht, das Bild der schonen Danae, und die Erinnerungen seiner ehmaligen Gluckseligkeit, welche von Tag zu Tag wieder lebhafter in seinem. Gemute wurden, auszuloschen.
Diese Erinnerungen hatten schon zu Syracus in melancholischen Stunden wieder angefangen einige Gewalt uber sein Herz zu bekommen; der Gram, wovon seine Seele in der letzten Periode seines Hof-Lebens, ganz verdustert und niedergeschlagen wurde, veranlasste ihn, Vergleichungen zwischen seinem vormaligen und nunmehrigen Zustande anzustellen, welche unmoglich anders als zum Vorteil des ersten ausfallen konnten. Er machte sich selbst Vorwurfe, dass er das liebenswurdigste unter allen Geschopfen, in einem Anstoss von schwarmerischem Heldentum, aus so schlechten Ursachen, auf die blosse Anklage eines so verachtlichen Menschen als Hippias, uber welche sie sich vielleicht, wenn er sie gehort hatte, vollkommen hatte rechtfertigen konnen, verlassen habe. Diese Tat, auf welche er sich damals, da er sie fur einen herrlichen Sieg uber die unedlere Halfte seiner selbst, fur ein grosses Versohn-Opfer, welches er der beleidigten Tugend brachte, ansah, so viel zu gut getan hatte, schien ihm izt undankbar und niedertrachtig; es schmerzte ihn, wenn er dachte, wie glucklich er durch die Verbindung seines Schicksals mit dem ihrigen hatte werden konnen; und der Enthusiasmus gewann nichts dabei, wenn er zugleich dachte, durch was fur schimarische Vorstellungen und Hoffnungen er ihn um seine Privat-Gluckseligkeit gebracht habe. Aber der Gedanke, dass er durch ein so schnodes Verfahren die schone Danae gezwungen habe, ihn zu verachten, zu hassen, sich der Zartlichkeit, die er ihr eingeflosst, niemals anders als wie einer unglucklichen Schwachheit zu erinnern, deren Andenken sie mit Gram und Reue erfullen musste dieser Gedanke war ihm ganz unertraglich; Danae, so sehr sie auch beleidigt war, konnte ihn unmoglich so sehr verabscheuen, als er in den Stunden, da diese Vorstellungen seine Vernunft uberwaltigten, sich selbst verabscheuete. Allein diese Stunden gingen endlich voruber, und das ungeduldige Gefuhl der gegenwartigen Ubel trug nicht wenig dazu bei, ihm die Ursachen und Umstande seiner Entfernung von Smyrna in einem so splenetischen Lichte vorzustellen. Die gluckliche Veranderung, welche die Versetzung in den Schoss der liebenswurdigsten Familie, die vielleicht jemals gewesen ist, in seinen Umstanden hervorbrachte, veranderte notwendiger Weise auch die Farbe seiner Einbildungs-Kraft. Hatte er Danae nicht verlassen, so wurde er weder seine Schwester gefunden, noch mit dem weisen Archytas personlich bekannt worden sein. Diese Folgen seiner tugendhaften Untreue machten den Wunsch, sie nicht begangen zu haben, unmoglich; aber sie beforderten dagegen einen andern, der in den Umstanden, worin er zu Tarent lebte, sehr naturlich war. Die heitre Stille, welche in seinem ohnehin zur Freude aufgelegten Gemut in kurzem wieder hergestellt wurde; die Freiheit von allen Geschaften und Sorgen; der Genuss alles dessen, womit die Freundschaft ein gefuhlvolles Herz beseligen kann; der Anblick der Gluckseligkeit seines Freundes Critolaus, welche im Besitz der liebenswurdigen Psyche alle Tage zu zunehmen schien; der Mangel an Zerstreuungen, wodurch die Seele verhindert wird, sich in die Sphare ihrer angenehmsten Ideen und Empfindungen zu concentrieren; die naturliche Folge hievon, dass diese Ideen und Empfindungen desto lebhafter werden mussen alles dieses vereinigte sich, ihn nach und nach wieder in Dispositionen zu setzen, welche die zartlichste Erinnerungen an die einst so sehr geliebte Danae erweckten, und ihn von Zeit zu Zeit in eine Art von sanfter wollustiger Melancholie setzten, worin sein Herz sich ohne Widerstand in diese zauberischen Scenen von Liebe und Wonne zuruckfuhren liess, welche aus Ursachen, die wir den Moralisten zu entwickeln uberlassen wollen durch die in seiner Seele vorgegangene Revolution ungleich weniger von ihrem Reiz verloren hatten, als die abstractern und bloss intellectualischen Gegenstande seines ehmaligen Enthusiasmus. Konnen wir ihn verdenken, dass er in solchen. Stunden die schone Danae unschuldig zu finden wunschte dass er dieses so oft und so lebhaft wunschte, bis er sich endlich uberredete, sie fur unschuldig zu halten und dass die Unmoglichkeit, ein Gut wieder zu erlangen, dessen er sich selbst so leichtglaubig und auf eine so verhasste Art beraubt hatte, ihn zuweilen in eine Traurigkeit versenkte, die ihm den Geschmack seiner gegenwartigen Gluckseligkeit verbitterte, und sich nur desto tiefer in sein Gemut eingrub, weil er sich nicht entschliessen konnte, sein Anliegen denjenigen anzuvertrauen, denen er, diesen einzigen Winkel ausgenommen, das Innerste seiner Seele aufzuschliessen pflegte Wohin uns diese Vorbereitung wohl fuhren soll? werden vielleicht einige von unsern scharfsinnigen Lesern denken ohne Zweifel wird man uns nun auch die Dame Danae von irgend einem dienstwilligen Sturmwind herbeifuhren lassen, nachdem uns, ohne zu wissen, wie? das gute Madchen Psyche, durch einen wahren Schlag mit der Zauberrute, aus dem Gynaceo des alten Archytas entgegengesprungen ist "Und warum nicht? nachdem wir nun einmal wissen, wie glucklich wir unsern Freund Agathon dadurch machen konnten" Aber wo bleibt alsdann das Vergnugen der Uberraschung, welches andre Autoren ihren Lesern mit so vieler Muhe und Kunst zu zuwenden pflegen. Es bleibt aus, meine Herren; und Diderot kann Ihnen, wenn Sie wollen, sagen, warum Sie wenig oder nichts dabei verlieren werden. Inzwischen ist uns lieb, erinnert worden zu sein, dass wir Ihnen einige Nachricht schuldig sind, wie Psyche (welche wir, in einen Ganymed verkleidet, in den Handen eines Seeraubers verlassen hatten,) dazu gekommen sei, die Gemahlin des Critolaus und die Schwester Agathons zu werden. Ein kurzer Auszug aus der Erzahlung, welche dem Agathon teils von seiner Schwester selbst, teils von ihrer Amme gemacht wurde, (und die letzte hatte den Fehler, ein wenig weitlaufiger in ihren Erzahlungen zu sein, als wir selbst,) wird hinlanglich sein, dero gerechte Wissens-Begierde uber diesen Punct zu befriedigen.
Ein heftiger Sturm ist ein sehr unglucklicher Zufall fur Leute, die sich mitten auf der offenen See, nur durch die Dicke eines Brettes von einem feuchten Tode geschieden finden; aber fur die Geschichtschreiber der Helden und Heldinnen ist es beinahe der glucklichste unter allen Zufallen, welche man herbeibringen kann, um sich aus einer Schwierigkeit herauszuhelfen. Es war also ein Sturm, (und Sie haben sich nicht daruber zu beschweren, meine Herren, denn es ist, unsers Wissens, der erste in dieser Geschichte,) der die liebenswurdige Psyche aus der furchterlichen Gewalt eines verliebten Seeraubers rettete. Das Schiff scheiterte an der Italianischen Kuste, einige Meilen von Capua; und Psyche, von den Nereiden oder Liebes-Gottern beschirmt, war die einzige Person auf dem Schiffe, welche auf einem Brette glucklich von den Zephyrn ans Land getragen wurde. Die Zephyrn allein waren hiezu vielleicht nicht hinreichend gewesen; aber mit Hulfe einiger Fischer, welche glucklicher Weise bei der Hand waren, hatte die Sache keine Schwierigkeit. Das war nun alles sehr glucklich; aber es ist nichts in Vergleichung mit dem, was nun folgen wird. Einer von den Fischern (der mitleidigste ohne Zweifel) fuhrte die verkleidete Psyche, welche sehr vonnoten hatte, sich zu trocknen, und von dem ausgestandenen Ungemach zu erholen, zu seinem Weib in seine Hutte. Die Fischerin, (eine hubsche, dicke Frau von drei oder vier und vierzig Jahren) welche die Mine hatte, in ihrer Jugend kein unempfindliches Herz gehabt zu haben, bezeugte ungemeines Mitleiden mit dem Ungluck eines so liebenswurdigen jungen Herrn, als die schone Psyche zu sein schien; sie pflegte seiner, so gut es nur immer moglich war, und konnte sich nicht satt an ihm sehen. Es war ihr immer, sagte sie, als ob sie schon einmal ein solches Gesicht gesehen hatte, wie das seinige; und sie konnte es kaum erwarten, bis der schone Fremdling im Stande war, nach eingefuhrter Gewohnheit, seine Geschichte zu erzahlen. Aber Psyche hatte der Ruhe vonnoten; sie wurde also zu Bette gebracht; und bei dieser Gelegenheit entdeckte die Fischerin, welche auf die kleinsten Umstande aufmerksam war, dass der vermeinte Jungling ein uberaus schones Madchen aber doch nicht mehr so schon war, als sie in ihren Manns-Kleidern ausgesehen hatte. Es war naturlich, uber diese Verwandlung im ersten Augenblick ein wenig missvergnugt zu sein; aber dieser kleine vorubergehende Unmut verwandelte sich bald in die lebhafteste und zartlichste Freude kurz, es entdeckte sich, dass die Fischerin Clonarion, die Amme der schonen Psyche war, welche, mit Hulfe dieses Namens, ihrer geliebten Amme sich wieder eben so gut zu erinnern glaubte, als diese aus den Gesichts-Zugen der Psyche, aus ihrer Ahnlichkeit mit ihrer Mutter, Musarion, und besonders aus einem kleinen Mal, welches sie unter der linken Brust hatte, ihre allerliebste Pflegtochter erkannte. Clonarion war die vertrauteste Sclavin der Mutter unsrer Heldin gewesen, und ihrer Pflege wurde nach dem Tode derselben die kleine Psyche, oder Philoclea, wie sie eigentlich hiess, anvertraut; denn Psyche war nur ein Liebkosungs-Name, den ihr ihre Amme aus Zartlichkeit gab, und welchen die kleine Philoclea, weil sie sich niemals anders als Psyche oder Psycharion nennen gehort hatte, in der Folge als ihren wurklichen Namen angab. Stratonicus hatte der Clonarion mit der noch unmundigen Psyche eine hinlangliche Summe Gelds ubergeben, und befohlen, sie in der Nahe von Corinth zu erziehen, weil er dort die beste Gelegenheit hatte, sie von Zeit zu Zeit unerkannt zu sehen. Die junge Psyche, die Freude und der Stolz ihrer zartlichen Amme, von der sie wie ihr eigenes Kind geliebet wurde, wuchs so schon heran, dass man nichts liebenswurdigers sehen konnte. Die Hoffnung des Gewinsts reizte endlich einige Bosewichter, sie, da sie ungefahr funf bis sechs Jahre alt war, heimlich wegzustehlen, und an die Priesterin zu Delphi zu verkaufen. Ein Halsgeschmeide, woran ein kleines Bildnis ihrer Mutter hing, und womit die junge Psyche allezeit geschmuckt zu sein pflegte, wurde zugleich mit ihr verkauft, und diente in der Folge zur Bestatigung, dass sie wurklich die Tochter des Stratonicus sei. Clonarion raufte sich einen guten Teil ihrer Haare aus, da sie ihre Psyche vermisste; und nachdem sie eine ziemliche Zeit zugebracht hatte, sie allenthalben (ausser da, wo sie wurklich war,) zu suchen, wusste sie kein ander Mittel, sich bei ihrem. Herrn von der Schuld einer strafbarn Nachlassigkeit entledigen zu konnen, als vorzugeben, dass sie gestorben sei; und Stratonicus konnte desto leichter hintergangen werden, weil er damals eben in Geschafte verwickelt war, welche ihn lange Zeit hinderten, nach Corinth zu kommen. Inzwischen hatte die allenthalben herumirrende Clonarion eine Menge Abenteuer, welche sich endlich damit endigten, dass sie die Gattin eines schon ziemlich bejahrten Fischers aus der Gegend von Capua wurde, in dessen Augen sie damals wenigstens so schon als Thetis und Galathea war. Sie hatte ihre geliebte Pflegtochter in so zartlichem Andenken behalten, dass sie einer Tochter, von der sie selbst entbunden wurde, den Namen Psyche gab, bloss um sich derselben bestandig zu erinnern. Der Tod dieses Kindes, der beinahe in eben dem Alter erfolgte, worin Psyche geraubt worden war, riss die alte Wunde wieder auf; und da ihr durch diese Umstande das Bild der jungen Psyche immer gegenwartig blieb, so hatte sie desto weniger Muhe, sie wieder zu erkennen, ungeachtet vierzehn oder funfzehn Jahre einige Veranderung in ihren Gesichts-Zugen gemacht haben mussten. Unsre Heldin vermehrte also nunmehr die kleine Familie des alten Fischers, welcher seinen Aufenthalt veranderte, und in die Gegend von Tarent zog, wo er sie, weil sie alle unbekannt waren, fur seine Tochter ausgeben konnte. Psyche bequemte sich so gut in die schlechten Umstande, worin sie bei ihrer Pflegmutter leben musste, als ob sie niemals in bessern gelebt hatte, und liess sich nichts angelegner sein, als ihr durch emsiges Arbeiten die Last ihres Unterhalts zu erleichtern. Endlich fugte es sich zufalliger Weise, dass der junge Critolaus unsre Heldin zu Gesicht bekam, welche in ihrem baurischen, aber reinlichen Anzug, und mit frischen Blumen geschmuckt, demjenigen, dem sie in einem Haine begegnete, eher eine von den Gespielen der Diana, als die Tochter eines armen Fischers scheinen musste. Critolaus fasste die heftigste Leidenschaft fur sie; weil seine Liebe eben so tugendhaft, als zartlich war, so brachte er bald die mitleidige Clonarion auf seine Seite; und da Psyche selbst nunmehr wusste, dass Agathon ihr Bruder sei, so war kein Grund, warum sie gegen die Zuneigung eines so liebenswurdigen jungen Menschen unempfindlich hatte sein sollen. In der Tat war Critolaus in mehrern Absichten der zweite Agathon; allein die Umstande liessen so wenig Hoffnung zu, dass eine rechtmassige Verbindung zwischen ihnen moglich sein konnte, dass Psyche sich verbunden hielt, ihm dasjenige, was zu seinem Vorteil in ihrem Herzen vorging, desto sorgfaltiger zu verbergen, je entschlossener er war, seiner Liebe alle andre Betrachtungen aufzuopfern. Endlich wusste er sich nicht anders zu helfen, als dass er das Geheimnis seines Herzens demjenigen entdeckte, dessen Beifall er am wenigsten zu erhalten hoffen konnte. Die ganze Beredsamkeit der begeisterten Liebe wurde uber einen Weisen, wie Archytas war, wenig vermocht haben; aber Critolaus sagte so viel ausserordentliches von dem Geist und der Tugend seiner Geliebten, dass sein Vater endlich aufmerksam zu werden anfing. Archytas hatte die Macht des Damons der Liebe nie erfahren; aber er war menschlich, gutig, und uber die gemeine Vorurteile und Absichten erhaben. Ein schones und tugendhaftes Madchen war in seinen Augen ein sehr edles Geschopfe, dessen Wert durch den Schatten der Niedrigkeit und Armut nur desto mehr erhoben wurde. Kaum wurde der junge Critolaus gewahr, dass sein Vater zu wanken anfing; so wagte er's, ihm das Geheimnis der Geburt seiner Geliebten zu entdecken, welches ihm Clonarion, in Hoffnung, dass es gute Folgen haben konnte, ohne Wissen der schonen Psyche vertraut hatte. Archytas, welchem Stratonicus ehmals seine heimliche Verbindung mit Musarion entdeckt hatte, war uber diesen Zufall nicht wenig erfreut; er wunschte nichts mehr, als dass diejenige, fur welche sein Sohn so heftig eingenommen war, die Tochter seines liebsten Freundes sein mochte; aber er wollte gewiss sein, dass sie es sei; und hiezu schien ihm das blosse Zeugnis eines Fischer-Weibs zu wenig. Er veranstaltete es, dass er Psychen und ihre angebliche Amme selbst zu sehen bekam; er glaubte, in der Gesichtsbildung der ersten einige Zuge von ihrem Vater zu entdecken; und die Unterredung, die er mit ihr hatte, bestatigte den gunstigen Eindruck, den ihr Anblick auf sein Gemut gemacht hatte. Er liess sich ihre Geschichte mit allen Umstanden erzahlen, und fand nun immer weniger Ursache, an der Wahrheit dessen zu zweifeln, was sein Sohn auf die blosse Aussage der Amme, ohne die mindeste Untersuchung, fur die ausgemachteste Wahrheit hielt. Das Halsgeschmeide, welches Psyche in den Handen der Pythia hatte zurucklassen mussen, schien ihm allein noch abzugehen, um ihn ganzlich zu uberzeugen. Er schickte deswegen einen seiner Vertrauten nach Delphi ab; und die Pythia, da sie sah, dass ein Mann von solcher Wichtigkeit sich des Schicksals ihrer ehemaligen Sclavin annahm, machte keine Schwierigkeiten, dieses Merkzeichen der Abkunft derselben auszuliefern. Nunmehr glaubte Archytas berechtigt zu sein, Psyche als die Tochter eines Freundes, dessen Andenken ihm teuer war, anzusehen; und nun hatte er selbst nichts angelegners, als sie je eher je lieber in seine Familie zu verpflanzen. Sie wurde also die Gemahlin des glucklichen Critolaus; und diese Verbindung gab naturlicher Weise neue Beweggrunde, sich der Befreiung Agathons mit so lebhaftem Eifer anzunehmen, als es, obenerzahlter massen, geschehen war.
Viertes Capitel
Etwas, das man ohne Divination vorhersehen konnte Agathon hatte zwar viel fruher zu leben angefangen, als es gemeiniglich geschieht; aber er war doch noch lange nicht alt genug, um sich von der Welt ganzlich zuruckzuziehen. Indessen hielt er sich, nachdem er schon zu zweien malen eine nicht unansehnliche Rolle auf dem Schauplatz des offentlichen Lebens gespielt, und sie fur einen jungen Mann gut genug gespielt hatte, berechtiget, so lange er keinen besondern Beruf erhalten wurde, seiner Nation zu dienen, oder so lange sie seiner Dienste nicht schlechterdings vonnoten hatte, sich in den Cirkel des Privat-Lebens zuruckzuziehen; und hierin stimmten die Grundsatze des weisen Archytas vollig mit seiner Art zu denken uberein. Ein Mann von mehr als gewohnlicher Fahigkeit, sagte Archytas, hat zu tun genug, an seiner eigenen Besserung und Vervollkommnung zu arbeiten; er ist am geschicktesten zu dieser Beschaftigung, nachdem er durch eine Reihe betrachtlicher Erfahrungen sich selbst und die Welt kennen zu lernen angefangen hat; und indem er solchergestalt an sich selbst arbeitet, arbeitet er wurklich fur die Welt, indem er dadurch um soviel geschickter wird, seinen Freunden, seinem Vaterland, und den Menschen uberhaupt, nutzlich zu sein, und es sei nun mit vielem oder wenigem Geprange, in einem grossern oder kleinern Cirkel, auf eine offentliche oder nicht so merkliche Art, zum allgemeinen Besten des Systems mitzuwurken.
Dieser Maxime zufolge beschaftigte sich Agathon, nachdem er zu Tarent einheimisch zu sein angefangen hatte, hauptsachlich mit den mathematischen Wissenschaften, mit Erforschung der Krafte und Eigenschaften der naturlichen Dinge, mit der Astronomie, kurz mit demjenigen Teil der speculativen Philosophie, welche uns, mit Hulfe unsrer Sinnen und behutsamer Vernunft-Schlusse zu einer zwar mangelhaften, aber doch zuverlassigen Erkenntnis der Natur und ihrer majestatisch-einfaltigen, weisen und wohltatigen Gesetze fuhrt. Er verband mit diesen erhabenen Studien, worin ihm die Anleitung des Archytas vorzuglich zu statten kam, das Lesen der besten Schriftsteller von allen Classen, insonderheit der Geschichtschreiber, und das Studium des Altertums, welches er, so wie die Verbal-Critik, fur eine der edelsten und nutzlichsten, oder fur eine der nichtswurdigsten Speculationen hielt, je nachdem es auf eine philosophische oder bloss mechanische Art getrieben werde. Nicht selten setzte er diese anstrengenden Beschaftigungen bei Seite, um, wie er sagte, mit den Musen zu scherzen; und der naturliche Schwung seines Genie machte ihm diese Art von Gemuts-Ergotzung so angenehm, dass er Muhe hatte sich wieder von ihr loszureissen. Auch die Malerei und die Musik, die Schwestern der Dichtkunst, deren hohere Theorie sich in den geheimnisvollesten Tiefen der Philosophie verliert, hatten einen Anteil an seinen Stunden, und halfen ihm, das allzueinformige in den Beschaftigungen seines Geistes, und die schadlichen Folgen, die aus der Einschrankung desselben auf eine einzige Art von Gegenstanden entspringen, zu vermeiden.
Die haufigen Unterredungen, welche er mit dem weisen Archytas hatte, trugen viel und vielleicht das Meiste bei, seinen Geist in den tiefsinnigern Speculationen uber die metaphysischen Gegenstande, von Abwegen zuruckzuhalten. Agathon, welcher ehmals, da alles in seiner Seele zur Empfindung wurde, seinen Beifall zu leicht uberraschen liess; fand izt, seitdem er mit kalterm Blute philosophierte, beinahe alles zweifelhaft; die Zahl der menschlichen Begriffe und Meinungen, welche die Probe einer ruhigen, gleichgultigen und genauen Prufung aushielten, wurde alle Tage kleiner fur ihn; die Systeme der dogmatischen Weisen verschwanden nach und nach, und zerflossen vor den Strahlen der prufenden Vernunft, wie die Luft-Schlosser und Zauber-Garten, welche wir zuweilen an Sommer-Morgen im duftigen Gewolke zu sehen glauben, vor der aufgehenden Sonne. Der weise Archytas billigte den bescheidnen Scepticismus seines Freundes; aber indem er ihn von allzukuhnen Reisen im Lande der Ideen zu den wenigen einfaltigen, aber desto schatzbarern Wahrheiten zuruckfuhrte, welche der Leitfaden zu sein scheinen, an welchem uns der allgemeine Vater der Wesen durch diesen Labyrinth des Lebens sicher hindurchfuhren will verwahrte er ihn vor dieser ganzlichen Ungewissheit des Geistes, welche eine eben so grosse Unentschlossenheit und Mutlosigkeit des Willens nach sich zieht, und dadurch eine Quelle so vieler schadlicher Folgen fur die Tugend und Religion, und also fur die Ruhe und Gluckseligkeit unsers Lebens wird, dass der Zustand des bezaubertesten Enthusiasten dem Zustand eines solchen Weisen vorzuziehen ist, der aus immerwahrender Furcht zu irren, sich endlich gar nichts mehr zu bejahen oder zu verneinen getraut. In der Tat gleicht die Vernunft in diesem Stuck ein wenig dem Doctor Peter Rezio von Aguero; sie hat gegen alles, womit unsre Seele genahrt werden soll, soviel einzuwenden, dass diese endlich eben sowohl aus Inanition verschmachten musste, wie die unglucklichen Statthalter der Insel Barataria bei der Diat, wozu sie das verwunschte Stabchen ihres allzuscrupulosen Leibarztes verurteilte. Das beste ist in diesem Falle, sich wie Sancho zu helfen. Der Instinct und dieses am wenigsten betrugliche Gefuhl des Wahren und Guten, welches die Natur allen Menschen zugeteilt hat, konnen uns am besten sagen, woran wir uns halten sollen; und dahin mussen, fruher oder spater, die grossesten Geister zuruckkommen, wenn sie nicht das Schicksal haben wollen, wie die Taube des Altvaters Noah allenthalben herumzuflattern und nirgends Ruhe zu finden.
Bei allen diesen manchfaltigen Beschaftigungen, womit unser ehmaliger Held seine Musse zu seinem eigenen Vorteil erfullte, blieben ihm doch viele Stunden ubrig, welche der Freundschaft und dem geselligen Vergnugen gewidmet waren und fur seine Ruhe nur allzuviele, in denen eine Art von zartlicher Schwermut, deren er sich nicht erwehren konnte, seine Seele in die bezauberten Gegenden zuruckfuhrte, deren wir im vorigen Capitel schon Erwahnung getan haben. In einer solchen Gemuts-Disposition liebt man vorzuglich den Aufenthalt auf dem Lande, wo man Gelegenheit hat, seinen Gedanken ungestorter nachzuhangen, als unter den Pflichten und Zerstreuungen des geselligern Stadt-Lebens. Agathon zog sich also ofters in ein Landgut zuruck, welches sein Bruder Critolaus, ungefahr zwo Stunden von Tarent besass, und wo er sich in seiner Gesellschaft zuweilen mit der Jagd belustigte. Hier geschah es einsmals, dass sie von einem Ungewitter uberrascht wurden, welches wenigstens so heftig war, als dasjenige, wodurch, auf Veranstaltung zwoer Gottinnen, Aeneas und Dido in die namliche Hohle zusammengescheucht wurden
Aber da zeigte sich nirgends keine wirtschaftliche Hohle, welche ihnen einigen Schirm angeboten hatte; und das schlimmste war, dass sie sich von ihren Leuten verloren hatten, und eine geraume Zeit nicht wussten, wo sie waren; ein Zufall, der an sich selbst wenig ausserordentliches hat, aber wie man sehen wird, eines der glucklichsten Abenteuer veranlassete, das unserm Helden jemals zugestossen ist. Nachdem sie sich endlich aus dem Walde herausgefunden hatten, erkannte Critolaus die Gegend wieder; aber er sah zugleich, dass sie etliche Stunden weit von Haus entfernt waren. Das Ungewitter wutete noch immer fort, und es fand sich kein naherer Ort, wohin sie ihre Zuflucht nehmen konnten, als ein einsames Landhaus, welches seit mehr als einem Jahr von einer fremden Dame von sehr sonderbarem Character bewohnt wurde. Man vermutete aus einigen Umstanden, dass sie die Witwe eines Mannes von Ansehen und Vermogen sein musse; aber es war bisher unmoglich gewesen, ihren Namen und vorigen Aufenthalt, oder was sie bewogen haben konnte, ihn zu verandern, und in einer ganzlichen Abgeschiedenheit von der Welt zu leben, auszuforschen. Das Geruchte sagte Wunder von ihrer Schonheit; indessen war doch niemand der sich ruhmen konnte, sie gesehen zu haben. Uberhaupt hatte man eine Zeit lang vieles und desto mehr von ihr gesprochen, je weniger man wusste; allein da sie fest entschlossen schien, sich nichts darum zu bekummern; so hatte man endlich auf einmal aufgehort von ihr zu reden, und es der Zeit uberlassen, das Geheimnis, das unter dieser Person und ihrer sonderbaren Lebens-Art verborgen sein mochte, zu entdecken. Vielleicht, sagte Critolaus, ist es eine zweite Artemisia, die sich, ihrem Schmerz ungestort nachzuhangen, in dieser Einode lebendig begraben will. Ich bin schon lange begierig gewesen sie zu sehen; dieser Sturm hoff' ich, soll uns Gelegenheit dazu geben. Sie kann uns eine Zuflucht in ihrem Hause nicht versagen; und wenn wir nur einmal drinnen sind, so wollen wir wohl Mittel finden, vor sie zu kommen, ob wir gleich die ersten in dieser Gegend waren, denen dieses Gluck zu Teil wurde. Man kann sich leicht vorstellen, dass Agathon, so gleichgultig er auch seit seiner Entfernung von der schonen Danae gegen die Damen war, dennoch begierig werden musste, eine so ausserordentliche Person kennen zu lernen. Sie kamen vor dem aussersten Tor eines Hauses an, welches einem verwunschten Schlosse ahnlicher sah, als einem Landhause in Jonischem oder Corinthischem Geschmacke. Das schlimme Wetter, ihr anhaltendes Bitten, und vielleicht auch ihre gute Mine brachte zuwegen, dass sie eingelassen wurden. Einige alte Sclaven fuhrten sie in einen Saal, wo man sie mit vieler Freundlichkeit notigte, alle die kleinen Dienste anzunehmen, welche sie in dem Zustande, worin sie waren, notig hatten. Die Figur dieser Fremden schien die Leute des Hauses in Verwundrung zu setzen, und die Meinung von ihnen zu erwecken, dass es Personen von Bedeutung sein mussten; aber Agathon, dessen Aufmerksamkeit bald durch einige Gemalde angezogen wurde, womit der Saal ausgeziert war, wurde nicht gewahr, dass er von einer Sclavin mit noch weit grosserer Aufmerksamkeit betrachtet wurde. Diese Sclavin, (wie Critolaus in der Folge erzahlte, denn anfangs hielt er's bloss fur eine Wurkung der Schonheit unsers Helden) schien einer Person gleich zu sehen, welche nicht weiss, ob sie ihren Augen trauen soll; und nachdem sie ihn einige Minuten mit verschlingenden Blicken angestarrt hatte, verlor sie sich auf einmal aus dem Saal. Sie lief so hastig dem Zimmer ihrer Gebieterin zu, dass sie ganz ausser Atem kam. Und wer meinen sie wohl, gnadige Frau, keuchte sie, dass unten im Saal ist? Hat es ihnen ihr Herz nicht schon gesagt? Diana sei mir gnadig! Was fur ein Zufall das ist! Wer hatte sich das nur im Traum einbilden konnen? Ich weiss vor Erstaunen nicht wo ich bin In der Tat deucht mich, du bist nicht recht bei Sinnen, sagte die Dame ein wenig betroffen; und wer ist denn unten im Saal? O! bei den Gottinnen! ich hatte es bei nahe meinen eignen Augen nicht geglaubt aber ich erkannte ihn auf den ersten Blick, ob er gleich ein wenig starker worden ist; es ist nichts gewisser er ist es, er ist es! Plage mich nicht langer mit deinem geheimnisvollen Galimathias, rief die Dame, immer mehr besturzt; rede Narrin, wer ist es? Aber sie erraten doch auch gar nichts, gnadige Frau wer ist es? Ich sage ihnen, dass Agathon unten im Saal ist, ja Agathon, es kann nichts gewisser sein er selbst, oder sein Geist, eines von beiden unfehlbar, denn die Mutter die ihn geboren hat, kann ihn nicht besser kennen, als ich ihn erkannt habe, sobald er den Mantel von sich warf, worin er anfangs eingewickelt war Das gute Madchen wurde noch langer in diesem Ton fortgeplaudert haben, denn ihr Herz uberfloss von Freude wenn sie nicht auf einmal wahrgenommen hatte, dass ihre Gebieterin ohnmachtig auf ihren Sopha zuruckgesunken war. Sie hatte einige Muhe sie wieder zu sich selbst zu bringen; endlich erholte sich die schone Dame wieder, aber nur, um uber sich selbst zu zornen, dass sie sich so empfindlich fand. Sie machen einem ja ganz bange, Madam, rief die Sclavin wenn sie schon bei seinem blossen Namen in Ohnmacht fallen, wie wird es ihnen erst werden, wenn sie ihn selbst sehen? Soll ich gehen, und ihn geschwinde heraufholen? Ihn heraufholen? versetzte die Dame; nein wahrhaftig; ich will ihn nicht sehen! Sie wollen ihn nicht sehen, Madam? Was fur ein Einfall! Aber es kann nicht ihr Ernst sein! O! wenn sie ihn nur sehen sollten er ist so schon so schon als er noch nie gewesen ist, deucht mich; ich hatte ihn mit den Augen aufessen mogen; sie mussen ihn sehen, Madam das ware ja unverantwortlich, wenn sie ihn wieder fortgehen lassen wollten, ohne dass er sie gesehen hatte wofur hatten sie sich dann Schweige, nichts weiter, rief die Dame; verlass mich aber untersteh dich nicht wieder in den Saal hinunter zu gehen; wenn er es ist, so will ich nicht, dass er dich erkennen soll; ich hoffe doch nicht, dass du mich schon verraten haben solltest? Nein, Madam, erwiderte die Vertraute; er hat mich noch nicht wahrgenommen, denn er schien ganz in die Betrachtung der Gemalde vertieft, und mich deuchte, ich horte ihn ein oder zweimal seufzen; vermutlich Du bist nicht klug, fiel ihr die Dame ins Wort; verlass mich ich will ihn nicht sehen, und er soll nicht wissen, in wessen Hause er ist; wenn er's erfahrt, so hast du eine Freundin verloren Die Sclavin entfernte sich also, in Hoffnung, dass ihre Gebieterin sich wohl eines bessern besinnen wurde, und die schone Danae blieb allein.
Eine Erzahlung alles dessen, was in ihrem Gemute vorging, wurde etliche Bogen ausfullen, ob es gleich weniger Zeit als sechs Minuten einnahm. Was fur ein Streit! Was fur ein Getummel von widerwartigen Bewegungen! Sie hatte ihn bis auf diesen Augenblick so zartlich geliebt und glaubte izt zu fuhlen, dass sie ihn hasse Sie furchtete sich vor seinem Anblick und konnte ihn kaum erwarten. Was hatte sie vor einer Stunde gegeben, diesen Agathon zu sehen, der, auch undankbar, auch ungetreu, uber ihre ganze Seele herrschte; dessen Verlust ihr alle Vorzuge ihres ehmaligen Zustandes, den Aufenthalt zu Smyrna, ihre Freunde, ihre Reichtumer, unertraglich gemacht hatte dessen Bild, mit allen den zauberischen Erinnerungen ihrer ehmaligen Gluckseligkeit, das einzige Gut, das einzige Vergnugen war, welches sie noch zu empfinden fahig war. Aber nun da sie wusste, dass es in ihrer Gewalt war, ihn wieder zu sehen, wachte auf einmal ihr ganzer Stolz auf, und schien etliche Augenblicke sich nicht entschliessen zu konnen ihm zu vergeben. Und wenn auch einen Augenblick darauf die Liebe wieder die Oberhand erhielt; so sturzte sie die Furcht, ihn unempfindlich zu finden, sogleich wieder in die vorige Verlegenheit. Zu allem diesem kam noch eine andre Betrachtung, welche vielleicht bei der schonen Danae allzuspitzfundig scheinen konnte, wenn wir nicht zu ihrer Rechtfertigung sagen mussten, dass die Flucht unsers Helden, die Entdeckung der Ursachen, welche ihn zu einem so gewaltsamen Entschluss getrieben, der Gedanke dass ihre eigene Fehltritte sie in den Augen des einzigen Mannes, den sie jemals geliebt, verachtlich gemacht eine Veranderung in ihrer ganzen Denkens-Art hervorgebracht hatte, wozu sie durch den. Umgang mit Agathon und jene Seelen-Mischung, wovon wir bereits im funften Buche gesprochen haben, vorbereitet worden war. Danae liess sich durch die Vorwurfe, welche sie sich selbst zu machen hatte, und von denen vielleicht ein guter Teil auf ihre Umstande fiel, nicht von dem edeln Vorsatz abschrecken, sich in einem Alter, wo dieser Vorsatz noch ein Verdienst in sich schloss, der Tugend zu widmen. In der Tat hatte eine Art von verliebter Verzweiflung den grossesten Anteil an dem ausserordentlichen Schritt, sich aus einer Welt, worin sie angebetet wurde, freiwillig in eine Einode zu verbannen, wo die Freiheit, sich mit ihren Empfindungen zu unterhalten, das einzige Vergnugen war, welches sie fur den Verlust alles dessen, was sie aufopferte, entschadigen musste. Aber es gehorte doch eine grosse, und zur Tugend gebildete Seele dazu, um in den glanzenden Umstanden, worin sie lebte, einer solchen Verzweiflung fahig zu sein, und in einem Vorsatz auszuhalten, unter welchem eine jede schwachere Seele gar bald hatte erliegen mussen. Ware Danae nur wollustig gewesen, so wurde sie zu Smyrna, und allenthalben Gelegenheit genug gefunden haben, sich wegen des Verlusts ihres Liebhabers zu trosten. Aber ihre Liebe war, wie man sich vielleicht noch erinnern wird, von einer edlern Art, und so nahe mit der Liebe der Tugend selbst verwandt, dass wir Ursache haben, zu vermuten, dass in der ganzlichen Abgeschiedenheit, worin unsre Heldin lebte, jene sich endlich ganzlich in dieser verloren haben wurde. Allein eben darum, weil ihre Liebe zur Tugend aufrichtig war, machte sie sich ein gerechtes Bedenken, bei dem Bewusstsein der unfreiwilligen Schwachheit ihres Herzens fur den allzuliebenswurdigen Agathon, sich der Gefahr auszusetzen, durch eine nur allzumogliche Wiederkehr seiner ehmaligen Empfindungen mit dahin gerissen zu werden; ein Gedanke, der ohne eine ubertriebne Meinung von ihren Reizungen zu haben, in ihr entstehen konnte, und durch das Misstrauen in sich selbst, womit die wahre Tugend allezeit begleitet ist, kein geringes Gewicht erhalten musste. Solchergestalt kampften Liebe, Stolz und Tugend fur und wider das Verlangen, den Agathon zu sehen, in ihrem unschlussigen Herzen mit welchem Erfolg lasst sich leicht erraten. Die Liebe musste nicht Liebe sein, wenn sie nicht Mittel fande, den Stolz und die Tugend selbst endlich auf ihre Seite zu bringen. Sie flosste jenem die Begierde ein, zu sehen wie sich Agathon halten wurde, wenn er so plotzlich und unerwartet der einst so sehr geliebten, und so grausam beleidigten Danae unter die Augen kame; und munterte diese auf, sich selbst Starke genug zu zutrauen, von den Entzukkungen, in welche er vielleicht bei diesem Anblick geraten mochte, nicht zu sehr geruhrt zu werden. Kurz; der Erfolg dieses innerlichen Streites war, dass sie eben im Begriff war, ihre Vertraute (die einzige Person, welche sie bei ihrer Entfernung von Smyrna mit sich genommen hatte) hereinzurufen, um ihr die notige Verhaltungs-Befehle zu geben; als diese Sclavin selbst hereintrat, und ihrer Dame sagte, dass die beiden Fremden durch einen von den Sclaven, von denen sie bedient worden waren, auf eine sehr dringende Art um die Erlaubnis anhalten liessen, vor die Frau des Hauses gelassen zu werden Neue Unentschlossenheit, uber welche sich niemand wundern wird, der das weibliche Herz kennt. In der Tat klopfte der guten Danae das ihrige in diesem Augenblick so stark, dass sie notig hatte, sich vorher in eine ruhigere Verfassung zu setzen, ehe sie es einer so schweren Probe auszustellen sich getrauen durfte.
Unterdessen, bis diese schone Dame mit sich selbst einig wird, wozu sie sich entschliessen, und wie sie sich bei einer so erwunschten, und so gefurchteten Zusammenkunft verhalten wolle, kehren wir einen Augenblick zu unserm Helden in den Saal zuruck. Je mehr Agathon die Gemalde betrachtete, womit die Wande desselben behanget waren, je lebhafter wurde die Einbildung, dass er sie in dem Landhause der Danae zu Smyrna gesehen habe. Allein er konnte sich so wenig vorstellen, wie sie von dem Orte, wo er sie vor zweien Jahren gesehen hatte, hieher gekommen sein sollten, dass er fur weniger unmoglich hielt, von seiner Einbildung betrogen zu werden. Zudem konnte ja der namliche Meister unterschiedliche Copien von seinen Stucken gemacht haben. Aber wenn er wieder die Augen auf ein Stuck heftete, welches die Gottin Luna vorstellte, wie sie mit Augen der Liebe den schlafenden Endymion betrachtet so glaubte er es so gewiss fur das namliche zu erkennen, vor welchem er in einem Garten-Saal der Danae zu Smyrna oft Viertelstunden lang in bewundernder Entzuckung gestanden, dass es ihm unmoglich war, seiner Uberzeugung zu widerstehen. Die Verwirrung, in die er dadurch gesetzt wurde, ist unbeschreiblich Sollte Danae aber wie konnte das moglich sein? Und doch schien alles das Sonderbare, was ihm Critolaus von der Dame dieses Hauses gesagt hatte, den Gedanken zu bekraftigen, der in ihm aufstieg, und den er sich kaum auszudenken getrauete. Die schone Danae hatte zufrieden sein konnen, wenn sie gesehen hatte, was in seinem Herzen vorging. Er hatte nicht erschrockner sein konnen, vor das Antlitz einer beleidigten Gottheit zu treten, als er es vor dem Gedanken war, sich dieser Danae darzustellen, welche er seit geraumer Zeit gewohnt war, sich wieder so unschuldig vorzustellen, als sie ihm damals, da er sie verliess, verachtlich und hassenswurdig schien. Allein das Verlangen sie zu sehen, verschlang endlich alle andre Empfindungen, von denen sein Herz erschuttert wurde. Seine Unruhe war so sichtbar, das Critolaus sie bemerken musste. Agathon wurde besser getan haben, ihm die Ursache davon zu entdecken; aber er tat es nicht, und behalf sich mit der allgemeinen Ausflucht, dass ihm nicht wohl sei. Dem ungeachtet bezeugte er ein so ungeduldiges Verlangen, die Dame des Hauses zu sehen, dass Critolaus aus allem was er an ihm wahrnahm, zu mutmassen anfing, dass irgend ein Geheimnis darunter verborgen sein musse, dessen Entwicklung er begierig erwartete. Inzwischen kam der Sclave, den sie abgeschickt hatten, sie bei seiner Gebieterin zu melden, mit der Antwort zuruck, dass er Befehl habe sie in ihr Zimmer zu fuhren. Und hier ist es, wo wir mehr als jemals zu wunschen versucht sind, dass dieses Buch von niemand gelesen werden mochte, der keine schonen Seelen glaubt. Die Situation, worin man unsern Helden in wenigen Augenblikken sehen wird, ist vielleicht eine von den delicatesten, in welche man in seinem Leben kommen kann. Ware hier die Rede von solchen phantasierten Charactern, wie diejenige, welche aus dem Gehirn der Verfasserin der geheimen Geschichte von Burgund, und der Konigin von Navarra hervorgegangen sind, so wurden wir uns kaum in einer kleinern Verlegenheit befinden, als Agathon selbst, da er mit pochendem Herzen und schweratmender Brust dem Sclaven folgte, der ihn ins Vorgemach einer Unbekannten fuhrte, von der er fast mit gleicher Heftigkeit wunschte und furchtete, dass es Danae sein mochte. Allein da Agathon und Danae so gut historische Personen sind als Brutus, Portia, und hundert andre, welche darum nicht weniger existiert haben, weil sie nicht gerade so dachten, und handelten wie gewohnliche Leute: So bekummern wir uns wenig, wie dieser Agathon und diese Danae, vermoge der moralischen Begriffe des einen oder andern, der uber dieses Buch gut oder ubel urteilen wird, hatten handeln sollen, oder gehandelt haben wurden, wenn sie nicht gewesen waren, was sie waren. Das Recht zu urteilen kann und soll niemandem streitig gemacht werden; unsre Pflicht ist zu erzahlen, nicht zu dichten; und wir konnen nichts dafur, wenn Agathon bei dieser Gelegenheit sich nicht weise und heldenmassig genug, um die Hochachtung strenger Sittenrichter zu verdienen, verhalten; oder wenn Danae die Rechte des weiblichen Stolzes nicht so gut behaupten sollte, als viele andre, welche dem Himmel danken, dass sie keine Danaen sind, an ihrem Platze getan haben wurden.
Die schone Danae erwartete, auf ihrem Sopha sitzend, den Besuch, den sie bekommen sollte, mit so vieler Starke als eine weibliche Seele nur immer zu haben fahig sein mag, welche zugleich so zartlich und lebhaft ist, als eine solche Seele sein kann Ob es wohl weibliche Seelen gibt? O mein Herr, ich sagte ihnen ja, dass der letzte Teil dieses Capitels nicht fur sie geschrieben sei Sie mogen vielleicht uberall in Zweifel ziehen, ob die Weiber Seelen haben; denn wenn sie Seelen haben, so sind es weibliche Seelen, der Himmel bewahre uns vor den Penthesileen und Manninnen, an denen nichts als die Figur weiblich ist! Doch daruber wollen wir izt nicht streiten. Danae erwartete also den Anblick ihres Fluchtlings mit ziemlicher Standhaftigkeit; aber was in ihrem Herzen vorging, mogen unsre zartlichen Leserinnen, welche fahig sind, sich an ihre Stelle zu setzen, in ihrem eigenen Herzen lesen. Sie wusste, dass Agathon einen Gefahrten hatte, und dieser Umstand kam ihr zu statten; aber Agathon befand sich wenig dadurch erleichtert. Die Ture des Vorzimmers wurde ihnen von der Sclavin eroffnet er erkannte beim ersten Anblick die Vertraute seiner Geliebten, und nun konnte er nicht mehr zweifeln, dass die Dame, die er in einigen Augenblicken sehen wurde, Danae sei. Er raffte seinen ganzen Mut zusammen, indem er zitternd hinter seinem Freunde Critolaus fortwankte Er sah sie, wollte auf sie zugehen, konnte nicht, heftete seine Augen auf sie, und sank, vom Ubermass seiner Empfindlichkeit uberwaltiget, in die Arme seines Freundes zuruck. Auf einmal vergass die schone Danae alle die grossen Entschliessungen von Gelassenheit und Zuruckhaltung, welche sie mit so vieler Muhe gefasst hatte. Sie lief in zartlicher Besturzung auf ihn zu, nahm ihn in ihre Arme, liess dem ganzen Strom ihrer Empfindungen den Lauf, und dachte nicht daran, dass sie einen Zeugen davon hatte, der uber alles was er sah und horte, erstaunt sein musste. Allein die Gute seines Herzens, und diese Sympathie, welche schone Seelen in wenigen Augenblicken vertraut mit einander macht, gab ihm in einer Situation, auf die er sich so wenig hatte gefasst machen konnen, gerade die namliche Art des Betragens ein, die er hatte haben konnen, wenn er schon von Jahren her ihr Vertrauter gewesen ware. Er trug seinen Freund auf den Sopha, auf welchen sich Danae neben ihn hinwarf, und da er nun schon genug wusste, um zu sehen, dass er hier weiter nichts helfen konnte, so entfernte er sich unvermerkt weit genug, um unsre Liebenden von dem Zwang einer Zuruckhaltung zu entledigen, welche in so sonderbaren Augenblicken ein grosseres Ubel ist, als die unempfindlichen Leute sich vorstellen konnen. Allmahlich bekam Agathon, an der Seite der gefuhlvollen Danae, und von einem ihrer schonen Arme umschlungen, das Vermogen zu atmen wieder; sein Gesicht ruhte an ihrem Busen, und die Tranen, welche ihn zu benetzen anfingen, waren das erste, was ihr seine wiederkehrende Empfindung anzeigte. Ihre erste Bewegung war, sich von ihm zuruckzuziehen; aber ihr Herz versagte ihr die Kraft dazu; es sagte ihr, was in dem seinigen vorging, und sie hatte den Mut nicht, ihm eine Linderung zu entziehen, welche er so notig zu haben schien, und in der Tat notig hatte. Allein in wenigen Augenblicken machte er sich selbst den Vorwurf, dass er einer so grossen Gutigkeit unwurdig sei er raffte sich auf, warf sich zu ihren Fussen, umfasste ihre Knie mit einer Empfindung, welche mit Worten nicht ausgedruckt werden kann, versuchte es sie anzusehen, und sank, weil er ihren Anblick nicht auszuhalten vermochte, mit Tranen beschwemmtem Gesicht, auf ihren Schoss nieder. Danae konnte nun nicht zweifeln, dass sie geliebt werde, und es kostete sie, die Entzuckung zuruckzuhalten, worin sie durch diese Gewissheit gesetzt wurde; aber es war notwendig, dieser allzuzartlichen Scene ein Ende zu machen. Agathon konnte noch nicht reden und was hatte er reden sollen? Ich bin zufrieden, Agathon, sagte sie mit einer Stimme, welche wider ihren Willen verriet, wie schwer es ihr wurde, ihre Tranen zuruckzuhalten Ich bin zufrieden du findest eine Freundin wieder und ich hoffe du werdest sie kunftig deiner Hochachtung weniger unwurdig finden, als jemals Keine Entschuldigungen mein Freund, (denn Agathon wollte etwas sagen, das einer Entschuldigung gleich sah, und woraus er sich in der heftigen Bewegung, worin er war, schwerlich zu seinem Vorteil gezogen hatte) du wirst keine Vorwurfe von mir horen wir wollen uns des Vergangenen nur erinnern, um das Vergnugen eines so unverhofften Wiedersehens desto vollkommner zu geniessen Grossmutige, gottliche Danae! rief Agathon in einer Entzuckung von Dankbarkeit und Liebe Keine Beiworter, Agathon, unterbrach ihn Danae, keine Schwarmerei! Du bist zu sehr geruhrt; beruhige dich wir werden Zeit genug haben, uns von allem, was seitdem wir uns zum letzten mal gesehen haben, vorgegangen ist, Rechenschaft zu geben Lass mich das Vergnugen dich wieder gefunden zu haben unvermischt geniessen; es ist das erste, das mir seit zweien Jahren zu Teil wird.
Mit diesen Worten (und in der Tat hatte sie die letztern fur sich selbst behalten konnen, wenn es moglich ware, immer Meister von seinem Herzen zu sein) stund sie auf, naherte sich dem Critolaus, und liess dem mehr als jemals bezauberten Agathon Zeit, sich in eine ruhigere Gemutsfassung zu setzen.
Ctera intus agentur Unsere schonen Leserinnen wissen nun schon genug, um sich vorstellen zu konnen, was diese zartliche Scene fur Folgen haben musste. Danae und Critolaus wurden gar bald gute Freunde. Dieser junge Mann gestund, seine Psyche ausgenommen, nichts vollkommners gesehen zu haben, als Danae; und Danae erfuhr mit vielem Vergnugen, dass Critolaus der Gemahl der schonen Psyche, und Psyche die wiedergefundene Schwester Agathons sei. Sie hatte nicht viel Muhe ihre Gaste zu bereden, das Nachtlager in ihrem Hause anzunehmen; unsre Liebenden hatten also die Schuld sich selbst beimessen mussen, wenn sie keine Gelegenheit gefunden hatten, sich umstandlich zu besprechen, und gegen einander zu erklaren. Die schone Danae meldete ihrem Freunde, dass sie die Verraterei des Hippias, und die Ursache der heimlichen Entweichung Agathons, bei ihrer Zuruckkunft nach Smyrna bald entdeckt habe. Sie verbarg ihm nicht, dass der Schmerz ihn verloren zu haben, sie zu dem seltsamen Entschluss gebracht, der Welt zu entsagen, und in irgend einer entlegenen Einode sich selbst fur die Schwachheiten und Fehltritte ihres vergangenen Lebens zu bestrafen; jedoch setzte sie hinzu, hoffe sie, dass wenn sie einmal Gelegenheit haben wurde, ihm eine ganz aufrichtige und umstandliche Erzahlung der Geschichte ihres Herzens bis auf die Zeit, da sein Umgang und die Begeistrung, worein sie durch ihn allein zum ersten mal in ihrem Leben gesetzt worden, ihrer Seele wie ein neues Wesen gegeben, zu machen er Ursache finden wurde sie, wo nicht immer zu entschuldigen, doch mehr zu bedauren als zu verdammen. Die Furcht, den Gedanken in ihr zu veranlassen, als ob sie durch das was ehmals zwischen ihnen vorgegangen war, von seiner Hochachtung verloren hatte, zwang unsern Helden eine geraume Zeit, die Lebhaftigkeit seiner Empfindungen in seinem Herzen zu verschliessen. Danae wurde indessen mit der Familie des Archytas bekannt, man musste sie lieben, sobald man sie sah; und sie gewann desto mehr dabei, je besser man sie kennen lernte. Es war uberdies eine von ihren Gaben, dass sie sich sehr leicht und mit der besten Art in alle Personen, Umstande und Lebens-Arten schikken konnte. Wie konnte es also anders sein, als dass sie in kurzem durch die zartlichste Freundschaft mit dieser liebenswurdigen Familie verbunden werden musste? Selbst der weise Archytas liebte ihre Gesellschaft, und sie machte sich ein Vergnugen daraus, einem alten. Manne von so seltnen Verdiensten die Beschwerden des hohen Alters durch die Annehmlichkeiten ihres Umgangs erleichtern zu helfen. Aber nichts war der Liebe zu vergleichen, welche Psyche und Danae einander einflossten. Niemalen hat vielleicht unter zwo Frauenzimmern, welche so geschickt waren, Rivalinnen zu sein, eine so zartliche, und vollkommne Freundschaft geherrschet. Man kann sich einbilden, ob Agathon dabei verlor. Er sah die schone Danae alle Tage; er hatte alle Vorrechte eines Bruders bei ihr aber wie sollte es moglich gewesen sein, dass er sich immer daran begnugt hatte? Es gab Augenblicke, wo er, von den Erinnerungen seiner ehmaligen Gluckseligkeit berauscht, sich die Rechte eines begunstigten Liebhabers herausnehmen wollte. Aber Danae wurde durch den vertrauten Umgang mit so tugendhaften Personen, als diejenigen waren, mit denen sie nunmehr lebte, in ihrer neuen Denkungs-Art so sehr bestarkt, dass die zartlichsten Verfuhrungen der Liebe nichts uber sie erhielten. In diesem Stucke wollte sie nicht mehr Danae fur ihn sein. Das ist unwahrscheinlich, werden die Kenner sagen; unwahrscheinlich, antworte ich, aber moglich. Mit einem Worte, Danae bewies durch ihr Exempel, dass es einer Danae moglich sei; und Agathon erfuhr es so sehr, dass Psyche endlich selbst Mitleiden mit ihm zu haben anfing. Sie wusste die geheime Geschichte ihrer Freundin; Danae hatte Tugend genug gehabt, ihr eine aufrichtige Erzahlung davon zu machen. Die Bedenklichkeiten sind leicht zu erraten, welche der Gluckseligkeit dieser Liebenden, welche so ganz fur einander geschaffen zu sein schienen, im Wege stunden. Aber waren sie wichtig genug, um ihrentwillen unglucklich zu sein? Hatte er nicht das Beispiel des grossen Perikles vor sich? Verdiente Danae nicht in allen Betrachtungen das Schicksal der Aspasia? Es ware uns leicht, unsern Lesern hieruber aus dem Wunder zu helfen; aber wir uberlassen es ihnen zu erraten, was er tat oder auszumachen, was er hatte tun sollen.
Funftes Capitel
Abdankung
Und nun, nachdem wir in diesem letzten Buche zu Gunsten unsers Helden alles getan zu haben glauben, was die zartlichsten Freunde, die er sich erworben haben kann, (und wir hoffen, dass er einige haben werde,) nur immer zu seinem Besten wunschen konnten Nachdem er so glucklich ist, als es vielleicht noch kein Sterblicher gewesen ist oder es doch in seiner Gewalt hat, glucklich zu sein Nun bleibt uns nichts ubrig, als unsern Lesern und Leserinnen, welche Geduld genug gehabt haben, bis zu diesem. Blatte fortzulesen dafur zu danken und sie zu versichern, dass es uns sehr angenehm sein sollte, wenn sie soviel Geschmack an dieser Geschichte gefunden hatten, um sie noch einmal zu lesen und noch angenehmer, wenn sie weiser oder besser dadurch geworden sein sollten. Indessen ist das ihre Sache. Der Herausgeber dieser Geschichte schmeichelt sich wenigstens, (und wer schmeichelt sich nicht?) dass er ihnen viele Gelegenheit zu dem einen und zu dem andern gegeben habe; und wofern der Erfolg seiner Erwartung nicht entsprechen sollte, so wird er sich durch das tagliche Beispiel so vieler tausend Anstalten und Bemuhungen, welche ihren Zweck verfehlen, beruhigen, und mit Horaz, sich in die Tugend seiner Absicht einwickeln.
Ubrigens kann er nicht umhin, seinen Freunden im Vertrauen zu entdecken, dass ihn das griechische Manuscript, welches er in Handen hat, in den Stand setzt, noch einige Nachtrage oder Zugaben zu der Geschichte des Agathon zu liefern, welche ihrer Neugier vielleicht nicht unwurdig sein mochten. Es ist zum Exempel nicht unmoglich, dass sie begierig sein konnten, das System des weisen Archytas genauer zu kennen; oder zu wissen, wie Agathon in seinem funfzigsten Jahre uber alles was im Himmel und auf Erden ein Gegenstand unsers Nachforschens, unsrer Gedanken Neigungen Wunsche oder Traume zu sein verdient, gedacht habe. Vielleicht mochte es ihnen auch nicht unangenehm sein, die Geschichte der schonen Danae (so wie sie den Mut gehabt, sie dem Agathon zu einer Zeit zu erzahlen, da er nicht mehr so enthusiastisch, aber desto billiger dachte) in einer ausfuhrlichen Erzahlung zu lesen? Mit allem diesem konnten wir dem Verlangen unsrer Freunde ein Genuge tun wenn wir erst gewiss davon waren, dass sie ein solches Verlangen hatten und wenn wir einige Ursache finden sollten zu hoffen, dass dem Publico durch diese Nachtrage nur ein halb so grosser Dienst geleistet wurde, als der franzosische Verfasser des Tractats von den Nachtigallen (dessen Helvetius erwahnt) dem menschlichen Geschlechte durch sein Buch geleistet zu haben glaubte.
Ende