1760_Musus_076 Topic 1

Johann Karl August Musaus

Grandison der Zweite,

Oder

Geschichte des Herrn v. N***

in Briefen entworfen.

Erster Theil

Kurze Nachricht

des Herausgebers,

Von den Personen, welche in gegenwartiger

Geschichte vorkommen.

von N. ein alter Edelmann, der von Jugend auf einen Ansatz gehabt hat, ins Wunderbare zu fallen. Sein blasses Gesicht, und eine angenommene Soldatenmine, nebst einem langen und hagern Korper, machen ihn etwas unleidlich. Widersprechen darf ihm keine Seele. In seinem Alter kam er uber die Geschichte Sir Carl Grandisons. Es uberfiel ihn, diesen Englander nachzuahmen. Nunmehro kann er nicht geheilet werden. Fraulein Kunigunde von N. des vorigen Schwester, ein altes Knochengebaude, die weiter kein Leben, als nur noch in der Zunge hat. Sie ist zwar erst 56. Jahr alt; will aber dennoch unverheirathet bleiben, und die Wirthschaft ihres Bruders besorgen. Baron von F. ein heimlicher Satiricus, und Kunstrichter von dreizehn umliegenden Dorfern. Er hat seinen Scherz mit allen benachbarten Edelleuten: indessen lenkt er manchen von ein paar ausgesuchten Thorheiten ab, und verdienet dadurch den besten Neujahrswunsch seines Herrn Pfarrers. von S. ein Neveu des Herrn von N. Sonst war er sehr munter. Er soll sich aber in fremden Landern stark geandert haben. Gegenwartig ist er in Londen. Fraulein Amalia von S. des vorigen Schwester. Sie hat alle Tugenden und alle Fehler ihres Bruders, und macht sich mit ihrem Oncle lustig. Fraulein Juliane von W. die liebenswurdigste und tugendhafteste Person, die ich kenne. Die Ranke ihrer Stiefmutter haben sie etwas gebeugt; sonst wurde sie bei jeder Gelegenheit munterer erscheinen. Herr von W. seiner ersten tugendhaften Gemahlin ihr Tirann, und der zweiten bosen ihr Sclave. Er hat einen vortreflichen Magen und die besten Zahne von der Welt. Frau von W. des vorigen wilde und mit der ganzen Welt unzufriedene Gattin. Sie hat Muth, und versteht die Kunst, ihre reizende Stieftochter zu martern. Magister Lampert Wilibald, ordentlicher Lehrer der Hochadlichen Jugend zu Kargfeld. An diesem theuern Rustzeuge hat die Natur alles gethan, was sie an einem Magister thun konnte, der nicht boshaft widerstrebte. Er ist klein, aber dick, und da ich dieses schreibe, hat er drittehalb geometrische Schuh im Durchmesser. Er versteht die Kunst, einen seltsamen Katzenbuckel zu machen, und damit seinen Gegner, im Disputiren, aus der Fassung zu bringen. Uebrigens leitet er den Geschmack auf dem Hochadlichem Hofe, und schickt sich vollkommen zu seinem Principal. Magister Wendelin, der Herr Pfarrer zu Kargfeld, ein kreuzbraver Mann. Wenn er das Podagra nicht hat, so ist er ziemlich ausgeraumt, und belustiget sich an Jungfer Sanchen, seiner Tochter, einem angenehmen und brauchbaren Madchen. Magister Lampert hat sie zu seiner Clementine ausersehen, und will sie gern in den Roman ziehen; bekommt aber wider sein Vermuthen . Lorenz Lobesan, ein stockischer Schulmeister zu Kargfeld. Er wurde gebohren, wie er sagt, da der Turke vor Wien lag. Sein Grossvater starb vermoge des damaligen grossen Kometens. Ob gleich unser Lorenz dem erbaren Schneiderhandwerke geweihet wurde; so hatte er dennoch erhabenere Absichten, und ein gut Theil Schelmerei in seinem Kopfe. Er lief seinen Eltern davon, und wurde bei dem Vater des Herrn von N. Laquai; welcher ihn endlich zur Belohnung seiner Dienste zum Schulmeister machte. Er fuhrt einen sehr exemplarischen Lebenswandel und hat von Natur ein casuistisches Gewissen. Der Himmel erhalte unsern Lobesan noch lange! Jeremias, sonst Peter Wigand genannt, ein alter lustiger Kutscher des Herrn von N. Magister Lampert hat schon verschiedene Jahre an diesem Schlingel gebessert; aber er kann ihn noch nicht recht fassen. Nicolaus Brumhold, der Barbier zu Kargfeld. Wenn ihn ein Bauer beleidigt, so schiert er den Bosewicht Sonnabends wider den Strich. Er versteht, ausser seiner Barbierkunst, die Chirurgie, und thut an Menschen und Vieh trefliche Curen.

Mehr braucht der Leser von keiner Person zu wissen, wenn er den ersten Theil dieser Geschichte lesen will. Magister Lampert wurde freilich viele Zuge in diesen Schildereien fur falsch erklaren, und sich als ein anderer Theophrast folgendergestalt daruber heraus lassen: Sir Ehrhard Rudolph von N. ist die Blume und Zierde aller deutschen Ritter. Sein Gesicht ist mannlich, und dabei doch angenehm. Ob er gleich schon viele Jahre auf dem Buckel hat; so wird er dennoch von einem heroischen Feuer belebt, das Helden eigen ist. Er liebt mich, und andere grundgelehrte Manner, von Herzen, und ist, seit einem halben Jahre, gegen das Frauenzimmer nicht unempfindlich. Lady Kunigunde von N. ist etwas beissig, und macht ihrem Herrn Bruder und mir, mit abgenothigten Vertheidigungen, viel Muhe. Glaubte ich die Seelenwanderung; so wurde ich behaupten, dass Doctor Eckens seine Seele in die alte Kunigunde gefahren war. Baron von F. ist ein wenig superklug, ob er gleich weder Griechisch noch Hebraisch kann. Ich habe ihn ein paar mal zwischen den Sporen gehabt; und seitdem hat er sich nicht mehr an mich gewagt. Ausserdem sind wir ganz gute Freunde. von S. dieser junge Baron hat mir viel zu danken. Ich war sein Mentor, und wusste das naturliche Feuer bei ihm durch verschiedene Kunstgriffe zu massigen. In Hebraischen und andern morgenlandischen Sprachen, habe ich ihm freilich nicht weit bringen konnen; doch kann er desto mehr lateinisch. Er schreibt manchmal mit vieler Hochachtung an mich. Fraulein Amalia von S. ein loses, loses Ding! Sie macht so gar mit mir ihren Spass; aber ich kann nicht bose werden: denn sie ist ein allerliebstes Fraulein; und so war sie schon ehedem, da sie noch meinen Horsaal besuchte. Von W. ein guter Mann, und ein guter Christ. Von Sorgen wird er niemals grau werden. Er kann in unserer Grafschaft das meiste essen und trinken, und schlaft so lange, bis ihn wieder hungert. Seinen Namen kann er nicht schreiben. Lady W. eine belebte und muntere Dame. Sie hat ein Maul wie ein Schwerd. Sie erzieht ihre Tochter sehr vernunftig, und ist in allen Dingen so billig und gerecht, wie ein Corpus iuris. Fraulein Juliane von W. ein stilles gutes Kind: ja, ich wurde sie noch mehr loben, wenn sie sich nicht zuweilen ihrer Frau Mama widersetzte. Sie ist noch jung; ein gesetzter und vernunftiger Mann kann bei ihr noch etwas ausrichten. Magister Wendelin, Pastor Loci. In seinem Amte ist er ganz wohl zu gebrauchen; in schweren Wissenschaften aber giebt er mir den Vorzug. Ich habe indessen meine Ursachen, wenn ich mit ihm nicht disputire: denn Jungfer Sannchen ist seine Tochter, und meine Clementine. Ha! ha! ha! O Liebe, wie bezauberst du mich! Tange Chloen femel arrogantem! dulce ridentem Lalagen amabo, dulce loquentem. Lorenz Lobesan, ein serpentischer Schulmeister. Kein Handel ist er zwar nicht; er kann aber zehn andere Kerls uberschreien. Jeremias konnte weit besser seyn, wenn er meinen Lehren nachlebte, und den Kutschern in Grossbritannien nachahmte. Mein Commentarius uber den Grandison wird meinem Herrn und ihm gute Dienste thun.

So wurde Magister Lampert reden, wenn er eine Vorrede schreiben sollte.

Doch, nichts mehr von ihm! In der Geschichte wird er eine Hauptperson spielen, und sich naher zu erkennen geben.

Wir legen der Welt kein Gedichte vor Augen; so erdichtet auch die Geschichte Sir Carls ist. Die hierinne vorkommende Personen leben, und befinden sich wohl. Hat nicht Jedermann das Recht, nach seinen Grundsatzen zu handeln? Meine Freunde haben zeithero die Moglichkeit, Sir Carln nachzuahmen, bestritten.

Sie haben Recht. Niemals aber wird es an Leuten mangeln, welche dem Herrn von N. und Magister Lamperten ahnlich zu werden, fahig sind. Lorenze und Wigande giebt es ohnedem in allen Stadten und Dorfern.

Es werden kunftig noch mehrere Personen vorkommen, die aber dem Leser zuvor sollen geschildert werden. Am Ende will ich mich mit Namen nennen. Den 9ten Septembr. 1759

I. Brief.

Der Magister Wilibald an den Baron von S.

Kargfeld, den 29. Marz.

Hochwohlgebohrner Herr,

Gnadiger Herr,

Die Ehre, die ich ehemals gehabt habe, Sie in allerlei guten Wissenschaften zu unterrichten; die Erlaubnis, welche Sie mir vor Ihrer Abreise gaben, oft an Sie zu schreiben, und der ausdruckliche Befehl meiner gnadigen Herrschaft, einen Briefwechsel mit Ihnen zu unterhalten, berechtigen mich zur Erfullung meines eigenen Wunsches, dem Geiste nach Sie auf Ihren Reisen zu begleiten: ob ich gleich korperlich von Ihnen entfernt bin. Nun sind Sie in Amsterdam, und nun werden Sie beurtheilen konnen, in wie ferne ich Recht, oder Unrecht hatte, wenn ich diese beruhmte Stadt die Konigin aller Handelsstadte nennte. Den furnehmsten Theil der vereinigten Provinzen haben Sie bereits besehen, und machen Anstalt, wie Sie sagen, nach Engelland, dem Vaterlande tiefdenkender Gelehrten; der Heimat grosser Geister; der Quelle aller Reichthumer Europens, uberzuschiffen. (Hier haben Sie in wenig ten Ihre Aufmerksamkeit verdienen muss.) Seyn Sie glucklich in allen Ihren Unternehmungen! Auf Befehl meines gnadigen und hohen Patrons soll ich Ihnen von unserm motu ciuico, wie ich es nach dem Horaz nennen konnte; oder von der innerlichen Gahrung, welche in unserer kleinen Republik herrschet, eine Nachricht geben. Ich will meine Erzahlung von den Eiern der Leda herholen. Sie wissen noch nicht, was fur ein guter Geschmack in dem Hause Ihres Herrn Oncle, meines hohen Patrons, sowohl in Ansehung der Wissenschaften; als aller ubrigen Dinge anzutreffen ist. Die Scene hat sich seit Ihrer Abreise sehr geandert. Es wird niemand in die Gesellschaft, oder in den Dienst der Herrschaft aufgenommen, der nicht ein Kenner, oder ein Verehrer davon ist. Vom Hofmeister bis auf den Koch muss man nach den Regeln des Geschmacks urtheilen, oder doch darnach urtheilen lernen. Wenn ich aufgeraumt bin, nenne ich deswegen den Hochadelichen Sitz eine Akademie. Vor einigen Jahren, da Sie sich schon auf dem Carolino befanden, bekam ich von der gnadigen Herrschaft den Auftrag, bei den Winterlustbarkeiten, uber ein, zu der Zeit mir unbekanntes Buch Vorlesungen zu halten; oder eigentlich zu reden, in der Versammlung des adelichen Hauses die Geschichte Herrn Carl Grandisons, die eben damals in unserer Muttersprache zum erstenmale erschienen war, bei langen Winterabenden vorzulesen. Sie wissen, dass wohlgeschriebene Bucher jederzeit eine der angenehmsten Zeitkurzungen sowohl Ihres Herrn Oncle; als auch seiner Fraulein Schwester gewesen sind. Ich gehorsamste anfangs mit einigem Widerwillen. Ich wusste, wieviel meine Lunge durch das Gerausche der Spinnrader, welches meine Stimme durchdringen musste, und durch den schadlichen Staub von der Hechel leiden wurde: ich wusste aber noch nicht, wie viel mein Verstand davon gewinnen wurde. Kein Schlaf kam den aufmerksamen Zuhorern in die Augen; aber gnug empfindliche Thranen rollten die Wangen herab, wenn ich ihnen diese ruhrende Geschichte las, und jedes Wort derselben durch den gemassen Accent ihren Herzen einpragte. Wenn ich meinen Autor hinlegte, befand sich alles in einer entzuckten Stille, bis wir unsere Geister wiederum gesammlet hatten: als denn wurde das vorgelesene Pensum nach den Regeln des Geschmacks beurtheilet. Niemand unterstund sich, ein Meisterstuck des menschlichen Witzes (davor hielten wir es anfangs alle, bis ich durch Grunde uberzeugt wurde, dass es eine wahre Geschichte ware) dem geringsten Tadel zu unterwerfen, und wenn ja hier und da ein Dubium oder sonst eine Anmerkung gemacht wurde, so geschahe es mehr exercendi ingenii caussa, als in der Meinung, wirkliche Fehler zu entdecken. Ich kann nicht leugnen, dass mich oft der Beifall der ganzen Gesellschaft stolz machte, wenn ich mit einer entscheidenden Mine Streitigkeiten uber diese oder jene Stelle schlichtete. Nur einer der allerbosgeartesten Menschen . Niemals soll es mir aus den Gedanken kommen . Wigand, der lasterhafte Wigand, ehemals ein elender Drescher, hernach Hochadelicher Leibkutscher bey meinem Herrn Principal, durfte es wagen, mir einmal offentlich zu widersprechen. Vergeben Sie, dass ich hier eine kleine Ausschweifung begehe, und Ihnen eine Begebenheit die zu Grandisons und meiner Ehre ausschlug, bekannt mache.

Wir waren einmal des Abends in der Beurtheilung des 25sten Briefes aus dem ersten Buche begriffen, da Wigand zwischen den Federfassern in der Kajute hervor in die Versammlung drang, und einen Haufen Scheltworte uber den ehrlichen Jeremias, Sir Carl Grandisons Kutscher, aussties, dass er dem Wagen des Ehr und Tugend vergessenen Hargravens ausgewichen war. Er bestritt nach den Gesetzen der Fuhrleute, dass ein Postillion einem eigenen Kutscher eines grossen Herrn ausweichen musste, und machte Mine, auf Sir Carln selbst loszuziehen, wegen eines unbilligen Befehls, den er seinem Kutscher sollte gegeben haben. Hier lief meinem gnadigen und von dem Character Grandisons ganz bezauberten Herrn die Galle uber; er sprang auf, und ich glaubte, er wurde Wiganden den Hals brechen; allein er hies ihn nur einen Galgenschwengel, und drohte, ihn sogleich aufhangen zu lassen, wenn er Sir Carln, als die Zierde der Welt nur im geringsten wieder antasten wurde. Ich aber versiegelte die ganze sehr nachdruckliche Rede meines Herrn mit den Worten: ne suror vltra crepidam, welche ich ihm in einer Uebersetzung zurufte, und den Buben endlich durch verschiedene Schlusse zur Ruhe brachte. Ich wurde Bedenken getragen haben, mich soweit zu erniedrigen, und mit diesem Unverschamten in einen Wortstreit mich einzulassen, wenn nicht mein gluckliches Gedachtnis mir eben zu rechter Zeit aus dem Martial zugerufen hatte: Inter Pygmacos non puder esse breuem.

Damals fieng mein Hochadelicher Herr Principal zugleich mit nur an, grosse Gedanken von der Geschichte des Grandisons zu hegen, und anstatt dass sich diese bei Endigung des Buches hatten verlieren sollen, so wurden sie bei uns dergestalt erhohet, dass wir nach einer genauen Ueberlegung den Satz bey uns fest stelleten: es ist unmoglich, dass die Geschichte Herrn Carl Grandisons eine Erdichtung sei; es ist unmoglich, dass diese Geschichte aus der Erfindung eines sinnreichen Kopfes, wie eine andere Minerva aus dem Gehirn des Jupiters, entsprungen sei. Wie gesagt, diese Gedanken wurden von Tag zu Tag reifer, bis wir uns endlich stark genug fuhlten, offentlich damit hervor zu brechen. Ich that es mit Genehmhaltung meines gnadigen Herrn. Wir waren eben insgesammt in Schonthal bei Ihrem Herrn Schwager zu Gaste. Die Aufmerksamkeit der Zuhorer ermudete nicht, obgleich eine Stunde verlief, ehe ich alle Grunde fur die Wahrheit meines Satzes schicklich anbringen und ihnen die logikalische Starke geben konte. Meine Augen waren nunmehro beschafftiget, einen gerechten Beifall der hohen Versammlung abzufordern; da Ihr jungeres Fraulein Schwester mit einem leichtfertigen Gelachter, als wenn sie vergessen hatte, dass ich jemals ihr Lehrmeister gewesen war, meine Beweise seindselig anzugreifen; ja wo es moglich war, sie umzusturzen, sich bemuhete. In kurzem hatten wir zwo Partheyen an der Tafel, die mehr mit hitzigen als spitzigen Vernunftschlussen gegen einander zu Felde zogen. Da wir uns nach Hause begaben, ruhmte sich jedes des Sieges. Dero Herr Oncle und ich wurden durch die schwachen Einwurfe der Gegenparthei in unserer Hypothese treflich gestarket. Der Streit ist noch nicht beigelegt. Seitdem ich diesen Zankapfel in Ihre Hochadeliche Familie geworfen habe, fehlt es unsern Unterredungen niemals an Materie. Vor einiger Zeit sprangen beinahe alle, bei denen im Anfang meine Grunde Eingang gefunden hatten, von mir ab, und traten auf die Seite Ihres Frauleins Schwester. Niemand als der gnadige Herr hielt noch bei mir aus. Ich war genothiget, nach dem Beispiele des Weingottes, da er mit den Himmelssturmern kampfte, mich bald in einen grausamen Lowen zu verwandeln; bald eine andere Gestalt anzunehmen, um nicht von der Menge unterdruckt und zu einem schimpflichen und der Wahrheit nach theiligen Stillschweigen gebracht zu werden. Nun haben wir uns wieder einen Anhang gemacht. Hier haben Sie das Verzeichnis von den Anhangern jeder Parthei. Diejenigen, welche unter mir, dem Magister Lampert Wilibald die Geschichte Herrn Carl Grandisons als wahre Begebenheiten annehmen und vertheidigen, sind: Mein gnadiger und hoher Principal, der, wie er sagt, fur die Wahrheit der guten Sache sterben will. Fraulein Kunigunde, Schwester meines gnadigen Herrn. Junker Gangolph von R.., welcher bei hiesigem Forster die Jagerei lernt, seines Alters zwischen 18. und 19. Jahren. Florian, der Lustgartner und der ehemals verkehrte, nun aber belehrte Wigand. Diejenigen, welche unter dem Hochwohlgebohrnen Fraulein Amalia von S.. die Geschichte Herrn Carl Grandisons, als einen Roman annehmen und solches andern bereden wollen, sind:

Der Herr Baron von F ... und dessen Frau Gemah

lin gebohrne von S.. Fraulein Fiekgen, Pflegbefohlene meines hohen Gonners. Unser Herr Pastor, Wendelin, den ich zum Spas manchmal meinen Senior nenne, und andere.

So dringend meine Beweise, und so bundig meine Schlusse sind, (ich muss an der Spitze meiner Parthey kampfen;) so wenig habe ich doch dadurch bishero gewonnen. Man hat uns zwar oft Friedensvorschlage gethan: wir konnen uns aber darauf nicht einlassen. Man verlangt, wir sollen unserer bessern Ueberzeugung entgegen, die mehrbesagte Geschichte fur eine witzige Erfindung, und einen nutzlichen Roman eines in der gelehrten Welt unbekannten Engellanders erklaren. Neulich that ich den Vorschlag, man sollte Ihnen den Auftrag thun, ein Endurtheil in dieser Streitigkeit zu fallen. Ich handelte grossmuthig, dass ich den Bruder zum Richter zwischen einer geliebten Schwester und mir anrufte: ich verliess mich aber auf meine gerechte Sache, und auf ihre Zartlichkeit fur die Ehre und Wahrheit. Mein Vorschlag wurde angenommen. Ich bekam Befehl, Ihnen einen kurzen Abriss unsers Processes nebst der Urtheilsfrage zu ubersenden. Sehen Sie, gnadiger Herr, das ist der Verlauf der ganzen Sache. Wenn Sie in Londen glucklich angelanget von der Geschichte des Grandisons urtheilet; ob das Publicum auf meiner und Ihres Herrn Oncle Seite, oder auf Ihres Frauleins Schwester Seite ist. Vielleicht sagt man Ihnen, dass die Sache an sich wahr sey, und dass man nur die Namen und gewisse kleine Umstande erdichtet hat, um die Wahrheit in etwas zu verstecken. Ware dieses, so wurden Sie zwar einige Schwurigkeiten zu uberwinden haben: diese aber wurden Sie nur amsiger machen, in der aufmerksamen Nachforschung fortzufahren. So bald Sie das geringste Licht in der Sache bekommen, und auf der rechten Spur sind: so ertheilen Sie uns davon Nachricht. Dero Herr Oncle hat dabei die grosste Absicht von der Welt; aber es wird noch alles geheim gehalten. Lassen Sie sich nicht in Ihren Bemuhungen zur Ehre der Wahrheit abschrecken; wenn Sie Leute in Engelland finden, die von der Geschichte des Herrn Grandisons eben so denken, als Fraulein Amalia, und ihre Parthei. Erinnern Sie sich, dass es vielerlei Arten von Freigeistern giesst. Alle Ihre Anvewandten segnen Sie so, wie

Ihr

unterthaniger Diener

M. Lampertus Wilibald.

II. Brief.

Der Herr von S. an den Magister Wilibald.

den 12ten. April.

Hochgeehrtester Herr Magister,

Sie hatten ein Recht, an mich zu schreiben: ja, Ihr Brief wurde mir willkommen gewesen seyn, wenn Sie auch nur die Halfte von den Bewegungsgrunden, mich im Geiste zu begleiten, wie Sie sich hochst vortrefflich ausdrucken, angefuhrtet hatten. Ihre Freundschaft ist mir alle mal schatzbar: ich werde also Ihre Briefe in Amsterdam und Londen mit eben der Aufmerksamkeit lesen, mit welcher ich ehedem Ihre gelehrten Vorlesungen anhorte. Wie wurde ich auch sonst im Stande seyn, so viel tiefsinnige Spruche zu errathen, und so viel strenge Beweise einzusehen, mit welchen Sie die Wahrheit vortragen und befestigen, wenn ich Ihrer Sprache nicht bereits gewohnt war.

Meine Schwester und der Pfarr werden nicht weiter mit Ihnen disputiren wollen, vielweniger der Kutscher. Sie haben Wiganden ganz gewiss mit einem Sorite zu Boden geschlagen; welches Sie mir aber aus Bescheidenheit in Ihrem Briefe verschweigen. Uebrides Verweises. O hatten Sie mir die Uebersetzung davon beigefugt! Ohne fehlbar ist es eine Umschreibung gewesen. Ne sutor vltra crepidam. Welcher vortrefliche Einfall! Sie waren also der Mahler; die Geschichte mit dem Jeremias das Bild, und Wigand der naseweise Schuster. Wie hat sich aber der Bube unterstehen durfen, einem Manne zu widersprechen, welcher gelehrter ist als Aristoteles und Confucius? Ich wunsche Ihnen unterdessen Gluck, dass sie den Heiden bekehrt, und ihm die Rangordnung zwischen einem Kutscher und einem Postknechte beigebracht haben.

Die Nachricht, von dem nunmehro herrschenden Geschmack im Hause meines Oncle, vergnugt mich. Was kann doch ein Mann von Genie thun! Sie mussen mehr als eine Seele haben: wenn ich mich anders so ausdrucken darf. Mein Oncle war ja ehedem kein Liebhaber von Romanen, wenn ich den Don Quixotte ausnehme: daher auch die Heldenthaten, welche er noch als Fahndrich in Italien verrichtet, der bestandige Gegenstand unserer Unterredung seyn mussten. Bey den Frauleins aber war noch eher etwas auszurichten. Sie sind jung, und wie weiches Wachs, welches alle Eindrucke anzunehmen fahig ist. Fahren Sie indessen fort, meine Schwester nach dem Beispiele der Henriette Byron zu bilden. Ich werde Sie noch einmal so sehr lieben, wenn ich Sie einst in einem so vortrefflichen Lichte erblicken kann. Ich denke aber, Charlotte oder die vermahlte Grafin G. wird ihr besser gefallen: denn sie liebt den Scherz, und verliehrt lieber ihren Freund, als einen sinnreichen Gedanken. Der Einfall, dass Sie den alten Pastor Ihren Senior nennen, ist so spashaft nicht, als Sie wohl meinen. Ich habe schon ehedem angemerkt, dass Sie der Tochter dieses ehrlichen Mannes nicht gleichgultig sind. Sie wird von Ihnen erobert werden, ehe Sie es denkt; und wie wird sie einem Liebesantrag widerstehen konnen, wenn Sie solchen mit Ihrer gewohnlichen Beredsamkeit thun, und dabei einen Schluss mit dem andern verbinden. Ich kusse Ihnen die Hande, lieber Herr Magister, wenn Sie Ihren ersten Liebesantrag entweder drucken lassen, oder doch wenigstens einen Auszug davon in den gelehrten Zeitungen bekannt machen. Mein Oncle unterstutzet Sie als Kirchenpatron bey jedem Versuch, welchen Sie bey dieser Schone zu machen willens sind: damit doch Dero Verdienste um unser Haus einiger masen vergolten werden.

Sie thun mir viel Ehre an, wenn Sie mich zu einen Schiedsrichter in der Streitigkeit zwischen Ihnen und meiner Schwester erwahlen. Die Sache kann nicht seyn; die Erfahrung aber soll den ganzen Handel entscheiden. So bald als ich nach Londen komme, werde ich mich um die Wahrheit der Geschichte Sir Carl Grandisons bekummern, und Ihnen von jeder gemachten Entdeckung getreue Nachricht geben. Sie sind zum siegen gebohren; und wer wird auch hierbei gerechter triumphiren, als Sie, Herr Magister? Kunftige Woche gehe ich von hier ab. Amsterdam wurde nur besser gefallen, wenn ich ein Kaufmann war. Das schone Geschlecht behauptet hier seinen Vorzug vor dem mannlichen. Ich konnte meinen Brief noch mit einer schonen Stelle aus dem Horaz versiegeln, in welcher er uns die Sitten der Hollander schildert, ehe diese Republik errichtet wurde: es mag aber unterbleiben. Weit feiner wird sich meine Zuschrift mit der aufrichtigen Versicherung endigen, dass ich zeitlebens sein werde

Dero

ergebenster

v.S.

III. Brief.

Fraulein Amalia an ihren Bruder.

Schonthal, den 27. April.

Der Magister Lampert weiss sich sehr viel mit dem Briefe, den er aus Amsterdam von dir erhalten hat. Gestern, da wir eben abgespeiset hatten, kam Jemand in vollem Galopp in den Schlosshof gesprengt. Wir fuhren alle an die Fenster, es war der Magister. Er kam die Treppe herauf. Der Baron, der immer seinen Spas mit ihm hat, fragte, ob der alte Pastor Wendelin gestorben ware, dass er so aufgeraumet aussahe? Er verbeugte sich und schuttelte mit dem Kopfe. Reden konnte er noch nicht; seine Lunge war zu sehr an ausgedehnet. Er sipste und schnappte eine gute Weile nach Luft, bis die Bedienten abgeraumet hatten. Wir waren begierig, die Ursache seines ausserordentlichen Bezeigen zu erfahren. Er merkte es, und zog einen Brief aus der Tasche. Er bath um Erlaubnis, uns ein gnadiges Handschreiben von dem jungen Herrn Baron v.S. vorzulesen, nachdem er sich diese in einer wohlfliessenden halbstundigen Rede erbethen hatte. Wir horten aufmerksam zu. Er las mit einer Art, die mir gefiel. Das Wasser trat ihm fur Freuden in die Augen; er lachelte und wischte sie mit einer Hand um die andere, wenn er an Stellen kam, die er fur spashaft hielt, oder die ihm angenehme Gedanken erweckten: manchmal aber mummelte er in den Bart, und las so geschwinde, dass Niemand wusste, was er haben wollte. Wie, sagte ich, wie war das? Noch einmal diese Stelle. Er winkte und geboth uns mit der Hand zu schweigen, und las fort. Da er fertig war, und nach seiner Gewohnheit die Augen zudruckte, um sich auf kritische Anmerkungen zu besinnen, nahm ich ihm den Brief aus der Hand. Es sind Stellen darinne befindlich, uber die ich Sie nicht darf reflectiren lassen, sagte er. Erlauben Sie, gnadiges Fraulein Er wollte mir den Brief wiedernehmen.

Erlauben Sie, dass ich ihn nicht weggebe, bis ich ihn gelesen und daruber reflectiret habe.

Nein, nein, der junge Herr schreibt aufgeweckrund spashaft. Sie durften an manchen Orten eine Satire finden, wo keine ist; Sie sind lose.

Sie werden ihren Brief, sagte ich, nicht eher wieder bekommen, bis ich ihn ganz gelesen und meine Anmerkungen daruber gemacht habe.

Ich las ihn laut. Da ich ihn wieder zuruck gab, sagte ich, der ganze Brief ist eine Satire auf Sie.

Was? Eine Satire? Nichts weniger! Ich kenne den Charakter ihres Herrn Bruders besser.

Mein Schwager winkte mir und zog mich bei Seite. Lassen Sie den guten Mann doch bei seiner Einbildung, wir werden unser Vergnugen dabei finden. Geben Sie ihm in allem, was er saget, Beifall; der Spas wird vollkommen seyn, wenn wir dem Plane folgen, den wir neulich entworfen hatten.

Ich gieng wieder hinein in den Saal. Er fing gewaltig an, uber den Brief zu disputiren. Zum Scheine hielt ich ihm in etwas Widerpart; endlich raumte ich ihm alles ein, was er verlangte. Da er weg war, wurde erst die Glocke uber ihn gegossen. Schreiben Sie an unserm Bruder, sagte mein Schwager, er sollte den Magister und unsern Oncle nicht in der Einbildung, die sie von dem Grandison hatten, storen. Er sollte die Bitte des Magisters, wie er zu thun geneigt schiene, erfullen, und entweder uns, oder ihm selbst, von dem Zustand der Personen, die in dem Grandison eine Rolle haben, Nachricht geben, wir wurden uns ihm alle fur dieses Vergnugen verbunden erkennen. Wir lachten, dass der Baron den Scherz so weit treiben wollte. Ich glaube aber, wir haben manche Lust zu erwarten, wenn du die Bitte unsers Schwagers statt finden lassest.

Den 28ten. Heute Nachmittage legten wir einen Besuch bey unserm Oncle ab. Mein Schwager that es mehr, mit dem Magister seinen Scherz zu treiben, als aus Begierde unsern Oncle zu sehen; den er gleichwohl sehr liebt, so lange er von seinen Feldzugen schweigt.

Mein Oncle las uns den Brief, den er gestern von dir erhalten hat. Wir wunschen unserm geliebtesten Bruder, zu der bevorstehenden Reise nach Engelland, Gluck und eine dauerhafte Gesundheit. Herr Lampert sagte: wenn du einmal des Steinkohlendampfes in Londen gewohnt warest, und in den ersten vier Wochen keinen Ansatz zur Schwindsucht bekamest, so wurdest du nicht nur in Engelland bestandig gesund bleiben; sondern auch in Deutschland einmal ein alter Mann werden. Er wollte heute an dich schreiben, und den Brief in den meinigen entschliessen; er besonn sich aber anders, und ersuchte mich, ihn zu deiner Gewogenheit zu empfehlen, und dich fur boser Gesellschaft zu warnen. Um seinetwillen, sagte er, soll der junge Herr keinen Menschen seiner Freundschaft wurdigen, den nicht von dem Grandison gross denkt, oder ein Anverwandter von ihm ist. Ich biss mich in die Zunge um das Lachen zu verbergen, und versprach, seinen Auftrag bey dir auszurichten. Gleichwohl konnte ich es nicht unterlassen, einige Spottereien uber unsers Herrn Vetters und seines Orakels des Magisters Grille zu sagen, ob es mir gleich von meinem Schwager sehr nachdrucklich verbothen war. Unser Oncle wurde deswegen so sehr gegen mich aufgebracht, dass wir Muhe hatten, ihn zu besanftigen.

Ich setze mein Leben zum Pfande, fing Herr Lampert unerwartet an, und schlug mit der Hand auf den Tisch, dass die Glaser schutterten, ich setze mein Leben zum Pfande, dass es einen Grandison und eine Henriette Byron giebt. Leugnen sie diese Wahrheit nicht langer, gnadiges Fraulein, wenn Ihnen etwas an der Gewogenheit ihres Herrn Oncles gelegen ist. Unser Oncle warf einen zornigen Blick auf mich, und seine Stirn bekam mehr Falten als ein aufgezogener Vorhang. Mein Schwager bath beide, so lange sich zu beruhigen, bis zuverlassige Nachrichten aus Londen wegen dieser Sache einliefen. Er versprach dem Magister eine Hirschhaut, wenn wir erfuhren, dass die Geschichte des Grandisons wirkliche Begebenheiten enthielte; er sollte hingegen dem Baron ein paar Wachtelbauer verfertigen, wenn sie als eine Erdichtung befunden wurde; Sie gaben einander die Hande darauf. Meine Schwester und ich versprachen ihm jede ein paar genehete Manschetten, wenn er Recht behielte; wenn wir aber den Sieg davon trugen, so verlangte meine Schwester eine Schnappweife, und mir sollte er ein Sonnenschirmgen drehen. Er ging alles ein was wir verlangten, und war seiner Sache so gewiss, dass er sich davon nicht hatte abbringen lassen, wenn man Pferde an ihn gespannet hatte. Jezt war ich im Begriffe zu schliessen; aber ein Streich von dem wunderlichen Menschen, der mir eben einfallt, und wenn ich ihn nicht erzahlte, mich wie ein Muhlstein auf dem Herzen drucken wurde, halt mich noch davon zuruck. Er hat sich vorgesetzt, in allen Dingen dem D. Bartlett nachzuahmen, und hofft ihm endlich so ahnlich zu werden, als ein Er dem andern. Neulich hat er den ersten Schritt in dieser wichtigen Unternehmung gewaget, er ist merkwurdig. Der Magister hat das grosse Werk von einer Perucke, worinnen er sonsten an hohen Festtagen zu stolziren pflegte, plotzlich abgeleget, und tragt sein eignes Haar. Nur Schade, dass es pechschwarz ist! Wenn ich ihm doch riethe, er sollte es schwefeln, oder an der Sonne bleichen, damit des D. Bartletts seinem ahnlicher wurde, wer wusste, was er thate. Nun muss ich im Ernste schliessen, Fraulein Julgen ist unten. Das gute Kind wird mir ihr Herz einmal ausschutten wollen. Ihre Stiefmutter plagt sie recht gottlos. Was kann denn das liebe Madgen davor, dass sie besser gebildet ist als ihre schielende Stiefschwester. Ich werde gerufen. Unsere Anverwandten empfehlen sich dir und erwarten oftere Nachrichten. Ich bin so lange ich lebe

Deine

Amalia v.S.

IV. Brief.

Der Herr von S. an seine Schwester.

Londen den 24. April.

Liebe Amalia,

Meine Schwester gefallt mir, wenn sie aufgeraumt ist. Sie hat eine vortrefliche Gabe zu scherzen, und ich sehne mich oft nach ihren belebenden Umgang. Der Magister, Lampert, muss, wie ich sehe, noch die namliche Rolle spielen, die er ehedem hatte: und es ist kein Wunder, wenn seine Thorheiten mit den Jahren zunehmen, da sich Jedermann Muhe giebt, ihn darinnen zu unterhalten; wiewohl die naturliche Leichtglaubigkeit und eine stolze Einbildung von seinen seltenen Verdiensten das meiste dabei thun. Du musst ihm inliegenden Brief selbst ubergeben. Nimm ihm aber zuvor alle schadliche und todliche Werkzeuge weg, damit, wenn er in eine Raserei verfallt, er sich nicht die Kehle abschneiden moge. Gib mir alsdenn eine getreue Nachricht von dem Ausbruch seiner Freude.

Ich habe hier in Londen eine ganz neue Welt vor mir. Gestern habe ich den Konig zum erstenmal geseEmpfiehl mich allen meinen Freunden und liebe

Deinen

aufrichtigen Bruder.

V. Brief.

Der Herr von S. an den Magister Wilibald.

Londen den 24. April.

Wie wird mein Hochgeehrtester Herr Magister die Nachricht aufnehmen, welche ich Ihnen geben muss? Bereiten Sie sich zu, meine Sache anzuhoren, die Dero sonst gesetztes Herz durchbohren wird, Die ganze Geschichte Sir Carl Grandisons ist erdichtet. Verdammter Wind! Wem wird man doch in der Welt glauben durfen? Niemals hat ein Grandison in Engelland gelebt; niemals eine Henriette Byron. Von der Frau Shirley und der alten Tante Lore will auch Niemand etwas wissen. Es ist ein Roman, lagt man hier; und die Auslander sind einfaltig, wenn sie unsere Erdichtungen fur Wahrheiten halten. Armer Herr Magister, welcher Schmerz wird Ihr Herz durchdringen! Die Wette ist verlohren; alle schone Anstalten, den Grandison nachzuahmen, sind vergebens, und Sie werden Ihr Ansehen sowohl bei dem Gartner; als auch bei dem Kutscher einbussen. Nein, das wolle der Himmel nicht! Triumph, Herr Doctor! ich habe Ihre philosophische Standhaftigkeit prufen wollen. Vergeben Sie mir diesen Scherz! Grandison lebt; seine liebenswurdige Henriette befindet sich wohl. O, wie viel Schones werde ich Ihnen in kurzen von diesem adlen Paare sagen konnen! Damit ich aber ordentlich verfahre; so erlauben Sie, dass ich in meiner Erzahlung zuruck gehe.

Es war den 21. April, als ich zu Londen ankam. So mude als ich auch war, so wurden meine Lebensgeister dennoch durch den Anblick dieser ausserordentlichen Stadt ermuntert und gestarket. Ich liess mich sogleich zu den Herrn v.B. bringen, dessen Bruder bei der alliirten Armee mein besonderer Freund war. Ich ubergab ihm seine Empfehlungsschreiben; und wurde von ihm und seiner Gemahlinn gutig aufgenommen. Mein Wirth ist von adler Geburt; treibt aber, als der zweite Sohn seines Hauses, aus einem sehr vernunftigen Grundsatze der Britten, die Handelschaft in Grossen. Er lebt prachtiger als mancher Graf, und ich habe bei verschiedenen Gelegenheiten die Herrlichkeit seines Hauses gesehen. Ich erkundigte mich also bald nach Sir Carln. "Sir Carl, sagte er, ist mein Freund. Jedermann liebt ihn; Das Bild, das Richardson entworfen, sieht ihm sehr ahnlich: Sie werden ihn aber noch mehr bewundern, wenn Sie ihn personlich sprechen; in wenig Tagen werde ich nach Grandisonhall gehen; ihre Gesellschaft wird mir angenehm sein."

Nunmehro, Theurester Herr Magister, wird die Freude bei Ihnen eben so stark, als vorher der Schmerz sein. Setzen Sie sich, wie ein romischer Held auf eine Chaise, lassen Sie alle Ihre Gegner vorher gehen; lassen Sie io triumpfe rufen, und fahren siegprangend, mit Blumen gekront, nach Schonthal, um daselbst neue Lorbeern einzusammlen. Mein Brief aber muss auf einem Kissen, wie ein Document, getragen werden. Nunmehro wird Ihre Scharfsinnigkeit von keinem Menschen mehr in Zweifel gezogen werden. Sie konnen das Wahre von dem Falschen genau unterscheiden; Sie dringen in das Innerste der Sache; und jeder grosse Geist wird sich eine Ehre daraus machen, wenn er nur mit Ihnen verglichen wird. Leben Sie wohl, verehrenswurdiger Freund! Der Geist der alten Chaldaer und Perser ruhe seiner auf Ihnen. Dieses ist der bestandige Wunsch

Ihres

gehorsamen Dieners

v.S.

VI. Brief.

Fraulein Amalia an ihren Bruder.

Schonthal den 16. Mai.

Mein Bruder,

Deine Briefe haben uns ein unglaubliches Vergnugen gemacht. Der Baron war vorige Woche in der Stadt und erhielt sie da von der Post. Er setzte sich sogleich zu Pferde, um sie mir zu uberbringen. Ich erbrach das Schreiben an mich, worinne ich das an den Magister eingeschlossen fand. Der Jager musste den Augenblick hinuber nach Kargfeld, und unsern Oncle nebst seiner Familie und den Magister zu uns einladen. Sie kamen etwas spater als Herr Lampert, der sich in der Eile auf das Pferd unsers Jagers geschwungen hatte, und da war, ehe wir daran dachten. Er war ungedultig, den Brief an sich zu erbrechen; ich gab ihm aber diesen nicht eher, bis unser Oncle kam. Wir setzten uns nach den ersten Komplimenten um den Magister herum; er hatte die Stuhle in einen halben Zirkel gestellet. Ich will mir einbilden, ich stunde vor dem romischen Senate, sagte er. Hier soll die Geschichte des Grandisons, wie dort das Schicksal der halben bevolkerten te das Siegel auf, nachdem er die Aufschrift gelesen hatte, und warf einen so hastigen und begierigen Blick in den Brief, um ihn ganz zu ubersehen; als wie ein heishungriger Knabe auf eine Buttersemmel schielt, um sie auf einmal zu verschlingen. Er las; aber bey dem ersten Zeilen fing er schon an zu stokken. Kaum hatte er noch so viel Kraft, die Worte herzustammlen: Die ganze Geschichte Sir Carl Grandisons ist erdichter, da fiel ihm der Brief aus der Hand. Er stund wie angenagelt; sein Gesichte war entfarbet, und die Augen glasern. Auf einmal riss er, mit einem entsetzlichen Geprassel, wie ich glaube, nach einen Gebrauche der Alten, seine Weste auf. Die holzernen Dorlen aus den Knopfen flogen uns in die Augen. Unser Oncle war ohne Bewegung. Er hatte sich auf seinen Stock gelehnet; sahe mit den Augen starr vor sich nieder, und schien in dem Augenblicke hinzusterben. Der Magister rung und wund die Hande, und wiederholte oft einen lateinischen Spruch. Der Baron hat ihn gemerket: O vanitas vanitatum, heisst er, et omnia vanitas! Er ergriff darauf seine Halskrause, mir war bange, er wurde sie zuziehen und sich erwurgen: er trocknete aber nur seine Thranen damit ab, die ihm in den Augen stunden.

Unterdessen hatte ich den Brief ausgehoben, und sprach dem armen trostlosen Manne einen Muth ein. Sie wurden sich vor dem ganzen romischen Senate verachtlich machen, wenn Sie so wenig Standhaftigkeit zeigen wollten. Fangen Sie noch einmal an zu lesen, und lesen Sie den Brief ganz, wer weiss was er fur einen Ausgang hat. Ich hatte ein wenig hinein geschielet und noch etwas von von Sir Carln erblicket.

Er setzte mit zitternder Stimme noch einmal an, und hatte so viele Standhaftigkeit, den ersten Absatz, der ihm so schrecklich war, zu lesen. Nun kam er auf den zweiten. Alle seine Gesichtszuge wurden auf einmal verandert. Ein Mann mit zwei Gesichtern in einer Minute, dachte ich, das ist der leibhafte Janus Bifrons aus unserm Orangengarten. Er vergass sich in seiner Freude. Alle Ausschweifungen zu erzalen, wurde mir mehr Muhe kosten, als sie meinen Bruder vergnugen konnten. Viele lange lateinische Spruche, die sich alle mit Dii immortales! anfingen, mussten wir wie die tiefsinnigen Ausspruche der Orakel horen, ohne sie zu verstehen. Unfehlbar hatte er vergessen, dass mehr Personen als er in den Saale waren. Er lief hastig hin und wieder; ich sorgte fur den Spiegel und seinen Kopf. Er las den Brief wiederum mit so vieler Aufmerksamkeit, als wenn er seinen Augen nicht trauen durfte. Den Namen Grandison druckte er jedesmal mit seinen Lippen. Bei meinem Oncle hatten wir fast gleiche Erscheinungen. Er sass nachdenkend auf dem Lehnstuhle, als wenn er das Gleichgewichte von Europa zu entscheiden hatte; er schuttelte dann und wann den Kopf, und spielte mit seiner Dose zwischen den Fingern. Aller Augen sahen auf ihn und den Magister. Diese Pantomime dauerte eine gute Weile. Mein Schwager brach das Stillschweigen zuerst. Er wollte sich der Gemuthsverfassung, dieser beiden Leute bedienen, sie in ihren Irrthum tiefer einzuwikklen; Er schien eben so sehr in Erstaunen gesetzt zu seyn, als sie. Meine Schwester und ich mussten auch unsre Rolle spielen.

Der Magister foderte hierauf Jedermann, der keinen Grandison glaubte; oder noch einige Zweifel wider die Wahrheit seiner Geschichte vorzubringen hatte, zu einem gelehrten Gefechte heraus. Er sahe uns allen, und besonders mir, steif ins Gesichte.

Wie stehet es denn nun, mein naseweises Basgen, sagte der Oncle zu mir, wollen sie hinfuhro mehr uber den Grandison streiten?

Ich schlug die Augen nieder, und gab mir das Ansehen, als wenn ich beschamt ware, ich zwang mich roth zu werden. Mein Schwager rief den Jager herein: Anton, hierdurch gebe ich ihm gemessenen Befehl, den ersten jagdbaren Hirsch, der mein Gehage betritt, vor den Kopf zu schiessen, mir den Braten in die Kuche, und gegenwartigem Herrn Magister Wilibald die Haut auf seine Studierstube nach Kargfeld zu liefern, wornach er sich zu achten hat. Meine Schwester liess das Kammermadchen rufen, dem Magister das Maas zu den Armbindgen, woran die Manschetten kommen sollten, zu nehmen: er verbat es aber, und ersuchte uns, die Manschetten, in Halskrausen zu verwandeln. Er wird in kurzem an dich schreiben, wenn sein Gemuthe etwas ruhiger ist. Niemand hofft begieriger auf die Briefe ihres geliebtesten Bruders, als

Seine

Amalia v.S.

VII. Brief.

Der Herr v. N. an den Herrn v. S . .

Kargfeld den 14. Mai.

Geliebter Neveu,

So ist denn die Geschichte mit Sir Carl Grandisonen wirklich wahr? Ich habe zeithero, als ein kluger Mann, noch immer daran gezweifelt: weil ich niemals gewohnt bin, alles bey der Erde weg zu glauben: allein Ihr letzter Brief an den Magister hat mich vollig convinciret. Dem will ich den verdammten Hals brechen, welcher nunmehro weiter etwas wieder die Gewisheit der Sache einwenden wird. Vor allen Dingen, sehn Sie zu, dass Sie den Mann selber sprechen. Der Kaufmann, bei welchen Sie wohnen, scheint mir nach Ihrem Berichte, ein ehrlicher Pursch zu seyn. Er wird Sie, wie der Engel den Tobias, sicher nach Grandisonhall bringen, und darauf bedacht seyn, dass Sie unterwegs kein Wallfisch frist.

Wenn Sie dort sind; so machen Sie an den Herrn Grandison und an seine Henriette von mir ein dienstfreundliches Kompliment. Merken Sie dabei auf alles, was in seinem Schlosse, an seinen Bedienten, und Ich weiss zwar einen grossen Theil aus dem Buche; allein Specialia, mein lieber Vetter, Specialia sind es, die ich wissen will. Verstehen Sie mich wohl? z.E. Halt er viel Jagdhunde? was sind seine Jager fur Kerls? wer spielt die Orgel, wenn Concert ist? was macht die alte Frau Shirley? Ist der Lady G. ihr Meerkatzgen zur Meerkatze geworden? Lebt die alte possierliche Tante Lore noch. Von allen diesen Dingen dependirt gegenwartig gar viel: und wenn mein Vorhaben glucklich von Statten gehet; so bin ich zwischen hier und Weinachten ein zweiter Grandison: ja, vielleicht treibe ich die Sache noch hoher. Lassen Sie Sich aber gegen Niemanden nichts merken. Verschwiegenheit ist das Wesentliche bei grossen Unternehmungen. Der Magister Lampert thut mir hierbei gute Dienste. Er ist selbst von der ganzen Affaire so eingenommen, dass ich mir keinen drolligtern Kerl wunschen konnte, als ihn.

Mein Rath war, Sie blieben einige Monate zu Grandisonhall , manchmal konnen Sie auch nach Shirleymanor geben, wenn Ihnen die Zeit zu lang wird. Huten Sie Sich aber fur dem verdammten Greville: es ist ein Schlager. Fragen Sie doch auch nach den leidigen Vetter Eberhard, ob er vielleicht in seinem Ehestande auch untertaucht? Meinen Gruss an den Herrn Reves und Frau Reves, wie auch an den spasshaften Oncle Selby. Den Mann mochte ich einmal hier bei mir haben, ich wollte ihm so zusaufen, dass er den dratschen Himmel nicht erkennen sollte. Adieu, lieber Vetter. Ich bin Ihr guter Freund

v.N.

VIII. Brief.

Von S. an seinen Oncle.

Grandisonhall den 19. Junius.

Sie thun mir viel Ehre an, dass Sie an mich schreiben, und nochmehr, dass Sie mich zu Ihren Gesandten an Sir Carln machen. Ich bewundere und verehre Ihren Einschluss, diesem grossen Britten nachzuahmen; und wer ist auch fahiger, auf eine ahnliche Art zu denken und zu handeln, als mein hochgeschatzter Herr Oncle? Sie werden nunmehro Ihrem alten Hause einen neuen Glanz geben, und allen unsern Ahnen eine wahre Ehre machen.

Es war den 3ten dieses, als ich zu Grandisonhall ankam. Das Schloss ist furstlich, und vollig so, wie es Fraulein Lucia beschreibt.

Sir Carl empfing mich mit einem grossen freimuthigen, aber hochst einnehmenden Wesen. Er wusste die Lobeserhebungen, die ich ihm hochst verdienter Weise, als einem beruhmten Manne, machte, auf eine sehr bescheidene Art abzulehnen.

Es wurden meinen Begleiter und mir zwei Zimmer im andern Stockwerke angewiesen. Sir Carl verlangt, dass ich etliche Monate bei ihm bleiben soll; ich denke, ich werde nicht ungehorsam seyn.

Den 5ten. Wir sind heute ungemein vergnugt gewesen. Laly G. stattete nebst ihrem Gemahle und ihrer nunmehro 10jahrigen Meerkatze, einen Besuch bei Sir Carln ab. Die Tochter ist das wahre Ebenbild von ihrer muntern Mutter. War das Meerkatzgen sieben Jahr alter; so

Sir Carl, wendete sich wahrend der Mahlzeit etliche mal an mich. Ihre Gesundheit wurde in einem grossen Deckelglase ausgebracht, und von allen nach getrunken. Wollte der Himmel, sagte mein gutiger Wirth, dass ihr Oncle auf ein halb Jahr heruber kommen konnte! es muss ein vortreflicher Mann seyn, wie ich aus ihrer ganzen Erzahlung abnehmen kann. Morgen gehn wir auf die Jagd. Sir Carl wird seinen grossen Fresco mitnehmen. Der Konig wollte ihm ein Gut dafur geben, welches jahrlich 600. Pfund eintragt, wenn er ihm diesen seltenen Jagdhund geben wurde; allein er schlug es Ihro Majestat ab.

Den 6ten. Das war eine Hauptlust! Es ist was ubernaturliches mit dem Fresco. Er fieng ein Schwein, welches 6 Centner wog. Doctor Bartlett, ware beinahe aus Versehen erschossen worden. Er will nicht wieder auf die Jagd gehen.

Den 7ten war wieder grosse Gesellschaft hier. Sir Beauchamp und seine Aemilia, erschienen auch. Abends war Bal. Wir tanzten bis vier Uhr. Es waren einige Frauleins aus der Nachbarschaft da, mit welchen ich tuchtig herumsprang. Von Ihnen wurde etlichemal gesprochen. Lady G. mochte Sie so gerne tanzen sehen.

Den 8ten. Nun bin ich auch in der so beruhmten Bildergallerie gewesen. Hier treffe ich das Stucke an, welches Lovelcae gesehen hat. Der Ritter ist im vollen Harnische, und mit aufgehabenen Handen kniend abgemahlt. Die Gemahlin kniet gegen uber, und hat sechs Madchens mit molken haften Gesichtern hinter sich; so wie sich vier dickkopfigte und kurzohrichte Jungens hinter ihm befinden. Das fromme Paar sieht gen Himmel, an welchem die Worte mit goldenen Buchstaben geschrieben sind: in coelo quics. Vielleicht haben sie manchen ehrlichen Zwist auf Erden gehabt.

Einer von Sir Carls Ahnen siehet Ihnen, geliebter Herr Oncle, sehr gleich. Es ist ein alter Obrister, welcher sich in den Kriegen mit den Schottlandern, unter dem Konig Wilhelm, sehr hervorthat. Sir Grandison war ausserordentlich erfreut, als ich ihm die Gleichheit zwischen Ihnen und dem alten Helden meldete. Dieses Bild, sagte er, soll mir nunmehro um desto schatzbarer seyn.

Den 9ten. Heute bin ich in der Kirche gewesen. Doctor Bartlett predigte von den verschiedenen Unglucksfallen, welche den Menschen begegnen konnten. Morgen werden wir insgesammt aufbrechen, und nach Shirleymanor gehen, welchen Rittersitz Sir Carl, nach dem Tode der rechtschaffenen Frau Shirley, geerbet hat. Sie starb den 1 August 1756. Lady Grandison und ihr Gemahl waren bei dem Ende dieser Hochachtungswurdigen Matrone gegenwartig. Der Liebling ihres Herzens, und Sir Carl empfingen nochmals ihren zartlichen Segen. Oncle Selby, hat weinend ganz abscheulige Gesichter gemacht, wie mir Lady G. sagte.

Den 17ten. Gestern Abends kamen wir von unserer Lustreise wieder zuruck. Ich bin nunmehro mit der ganzen Familie bekannt. Oncle Selby ist noch immer wie sonsten. Er uberlacht dreissig andere, und wenn sie auch noch so sehr lachen konnten. Vetter Jacob dient als Cornet unter der schweren Cavallerie; Greville aber ist Obrister unter einem Landregimente. Es soll ihn keiner von allen Officiers im Fluchen aushalten konnen.

Ormen, die Milchsuppe, habe ich auch gesehen. Er ist noch immer kranklich, und wird wohl schwerlich wieder hergestellt werden. Seine Schwester will ihm zu Gefallen ledig bleiben, und eine zweite Tante Lore werden. Im Vorbeigehen: Tante Lore, ist vor vier Jahren sehr ungern gestorben. Sie brachte ihr Leben auf 70 Jahr, drei Monate und 6 Tage.

Den 19ten. Heute wurde grosses Concert im Musiczimmer gehalten. Viele benachbarte Edelleute, fanden sich dabei ein. Ich sehe, dass sich der Brittische Adel ungemein auf die Tonkunst legt. Sir Carl spielte den Generalbass auf der Orgel. Zuweilen losete ihn seine Henriette mit dem Flugel ab. Alexanders Gastmahl wurde auch aufgefuhrt. Sir Carl wunderte sich, dass Sie kein Instrument spielten, da Sie doch ausserdem so ein vollkommener Cavalier waren.

So viel, fur diesesmal. Ich habe eine bequeme Gelegenheit meinen Brief fort zusenden. Ganz Grandisonhall empfiehlt sich Ihrer Gewohnheit und besonders

Dero

gehorsamster Diener

v.S.

IX. Brief.

Fraul. Amalia an ihren Bruder.

Schonthal den 23. Mai.

Lieber Bruder,

Welche Veranderung in unserm Hause! Alles ist metamorphosiret! Kein Bedienter, kein Bauer darf meinen Oncle mehr gnadiger Herr, oder die alte Kunigunde gnadiges Fraulein nennen; sondern Sir und Lady mussen sie sprechen. Viele fragen den Magister um die Bedeutung dieser Titel; und dieser ist allemal bereitwillig, ihnen zu erklaren, wie die Worter a radice haben. Sein Dorf heist nicht mehr Kargfeld, sondern N. hall. Wir hatten am Montage alle Muhe, ihn darzu zu bringen, dass er einen Brief annahm, auf welchen noch a Kargfeld gesetzt war. Wiganden hat er umgetauft und Jeremias genennet. Der feinste Einfall ist die Auszierung eines alten Ganges, welchen er nunmehro mit dem prachtigen Namen einer Bildergallerie beehret hat. Du weisst, dass nur wenige Personen von unsern Ahnen abgemahlt sind, damit aber die gemeldete Gallerie ganz besetzt werden moge, so stehen unter andern zusammengeraften Gemahlden, auch der weivon welchem der Magister berichtet, dass es seine Metaphysic ware, die heilige Veronica, der Kasten Noa, die Zerstohrung Jerusalem, und Thomas Munzer mit darunter. Wigand musste sie aufstellen helffen, und war so boshaft, einige grobe Einwurfe wider diese Ahnen zu machen; allein, mein Grandisonirender Oncle versiegelte seine kurze Antwort mit einer entsetzlichen Maulschelle, dass dem Kutscher die Lust, den Streit weiter zu treiben, vergieng. Hast du Schurke jemals gehort, setzte er hinzu, dass Jeremias mit seinem Herrn so unverschamt sprechen darf? Wenn du Schlingel langer bei mir in Diensten seyn willst; so musst du weit ehrerbietiger mit mir reden, woferne ich dir nicht deine schelmische Ohren abschneiden soll. Mit einem Worte, die Gallerie wurde fertig, und wir mussen in seiner Gesellschaft oft dahin gehen, und uns von ihm die Thaten dieser ehrwurdigen Ahnen erzahlen lassen. Er selbst nimmt in Lebensgrosse zu Pferde den ersten Platz ein. Damit aber sein heroisches Wesen recht naturlich gebildet wurde, so bestieg er seinen alten Fuchs, welcher drei Tage zuvor nicht eingespannt, vielmehr reichlich gefunert wurde, paradirte im Hohe herum, und der Mahler musste die Anlage zum Bilde, unter freien Himmel verfertigen. Lampert wollte bei dieser Gelegenheit sich auch mahlen, und bei Munzern oder bei den Aristoteles stellen lassen; Allein seine Bitte wurde ihm rund abgeschlagen; doch erhielt er den Trost: ich will eine Bronze aus Sie machen lassen, und Sie in meine Bibliotheck stellen. Ich nahm mir die Freiheit, ihn wegen der Unanstandigkeit des Orts einige Vorstellungen zu thun; welche auch so kraftig waren, dass er das am Ende der Gallerie befindliche heimliche Gemach, sogleich mit eigener Hand versiegelte. Hier, sprach er, ist das Medaillencabinet von der Olivia befindlich, welches ich nach und nach in eine bequemere Stelle bringen werde.

Das ruhmlichste bei seiner Nachahmung ist die Bestimmung einer Stube zur Hauscapelle, worinne Abends Betstunde gehalten wird, und wobei Lampert die Stelle des Dr. Bartletts vertritt. Jedermann erfreuet sich daruber: denn du weisst, dass er sonst niemals von Beten und Singen ein grosser Liebhaber gewesen.

Kargfeld, den 25. Mai, fruh 7. Uhr. Den Augenblick reiset mein Oncle mit dem Jeremias fort, wir fragten ihn ganz zartlich: wo er hin wollte; allein wir bekamen keine Antwort als diese: ich habe auf meinen Irrlandischen Gutern eine Verbesserung vorzunehmen. Wir thaten wahrend seiner Abwesenheit einen Spaziergang. 11. Uhr. Ums Himmelswillen! da kommt Jeremias mit dem Wagen. Was muss er in aller Welt aufgepackt haben? wir liefen alle an die Fenster, und Fraulein Kunigunde schrie: Wigand, was bringst du hier? Es ist eine Orgel, gnadige Lady.

Tante. Was willst du damit? du fuhrst sie an un

rechten Ort.

Wigand. Nein, Mylady, unser gnadiger Herr hat sie

der Gemeine zu Daasdorf abgekauft: weil dort

eine neue gebauet wird.

Indem kam Grandison der zweite auch; und da er uns insgesammt erblickte: so sagte er: nun, Kinder, soll unser Schloss bald ein Grandisonhall werden. Siehst du wohl, Schwester, dass ich ein Musiczimmer anrichten will? Friedrich, lauf sogleich zum Cantor, und hole ihn anbei, er soll die Pfeiffen vorsichtig abpacken, und die Sache in Ordnung bringen. Sie aber, Herr Magister, welcher eben stand, und in eine grosse Orgelpfeiffe blies, sagte er, konnen ihm behulflich seyn, damit ein jedes Stuck recht orthodox an seinen Ort gebracht werde.

Es wurden auch sogleich zwei Bauern beordert, welche die Balge zur Frohne anbei fahren mussten. Das schlimmste ist, fuhr er fort, dass ich die Orgel nicht spielen kann, sonst wollte ich, wie Sir Carl, zuweilen in das Musiczimmer gehen, und eine Cantate aborgeln.

Den 26ten. Bald wird die sogenannte Kinderstube in ein prachtiges Musiczimmer verwandelt seyn. Die Magde haben ausziehen und in eine andere Stube wandern mussen. Die Instrumente, womit selbiges ausgezieret ist, sind:

1.) Ein altes Clavier, das ist der Flugel, worauf

seine kunftige Henriette spielt.

2.) Eine Violine, woran die Quinte fehlt.

3.) Ein Bass, welchen mein Oncle von einen Adju

vanten fur zwei Martinsganse angenommen.

4.) Eine Trommel, diese gehort aber eigentlich zum

Landregimente.

Die Orgel ist noch nicht gesetzt; der Orgelmacher aber ist verschrieben. Auf die kunftige Woche soll alles im Stande seyn: da wir denn sammtliche grosse Veranderung einweihen werden. Nur der Schulmeister ist mit seiner neuen Stelle, als Hoforganiste, nicht zufrieden. Du wirst seine Zweifel im beiliegenden Briefe lesen. Wir fuhren bei diesem reissenden Strohme der Thorheiten, welchem sich nunmehro Niemand widersetzen kann, das angenehmste Leben, und wunschen dir ein gleiches.

Amalia v.S.

X. Brief.

Der Schulmeister von Kargfeld an den Herrn v.S.

Kargfeld, den 26. Mai.

Hochwohlgebohrner Herr, Gnadiger Herr,

Eur. Hochwohlgeb. werden verhoffentlich nicht ungnadig aufnehmen, wenn ich als ein unwurdiger Dorfschulmeister an Sie nach Engelland schreibe; wo Sie Sich, nach Aussage des Hr. Magisters, aufhalten sollen. Ich habe sonst viel von diesem Kaiserthume gehoret; und einige haben gar sagen wollen, es lag mitten auf einem grossen Wasser. Wie sind Sie doch in die Welt hinuber gekommen, da Sie das Schwimmen sonst bei uns nicht gelernet haben? doch es mag seyn wie es will; wenn Sie nur nicht etwa durch verbotene Kunste (dafur Sie Gott bewahre) uber die grosse See gegangen sind. Ich hatte viel zu schreiben; ich habe es aber alles wieder vergessen. Beilaufig das Gedachtnis legt mir seit einigen Jahren sehr ab; und ich bin jetzo willens, bei dem Oberconsistorio in einem Schreiben anzuhalten, dass wir eine Parucke zu tragen erlaubt seyn moge. Sonst bin ich noch ziemlich gesund, Gott sey Dank! der letzte Durchmarsch von den kamen, lief ich fur Angst in die Kirche, schloss hinter mir zu, und kroch hinter die Pfeiffen in der Orgel; da mir aber salsa fenia einfiel, dass ich meine Gemeine nicht verlassen durfte; so wollte ich doch wenigstens den Durchmarsch aus dem Thurmloche mit ansehen. Dass dich der Hammer! was waren das fur Kerls. Die meisten sahen aus wie die heiligen drei Konige, welche in unserer Kirche abgemahlt sind. Rothe Brustlatze, Hosen bis auf die Schuh, schreckliche Barte, Gesichter wie die Mohren! Ich schlug ein Creuz nach dem andern vor mir; betete und sprach: Herr sturz sie in die Grube hinein.

Die sie machen den Christen dein.

Zum guten Gluck blieben sie nicht im Dorfe, sondern zogen zur Mistgasse hinaus; wohin? weiss ich nicht. Einer war dabei, der sass in einer Kutsche. Niemals habe ich einen so gottlosen Bart gesehen, als der Kerl hatte. Er bedeckte seinen ganzen Leib: und ich glaubte ganz gewiss, dass er wegen diesen schweren Barte musste gefahren werden. Mein Herr Pfarr sagte mir nachhero, es waren Createn, und keine Turken gewesen; der Schulze aber behaupte, es waren Panduren welches beides ich an seinen Ort gestellt seyn lasse.

Noch ein Punkt, welchen ich gleich Anfangs melden wollte. Unser gnadiger Herr, Ihr Herr Vetter, will auf seinem Schloss eine Orgel bauen lassen, und zwar in das Musiczimmer, wie ers nennt; welche ich denn, wenn er Concert halten wurde, spielen sollte. Ich kam freilich aus meiner Gelassenheit, da er mir diesen Antrag that, und diesem meinen Eifer ist auch folgende Antwort beizumessen. Horen Sie, was ich sagte? Gnadiger Herr, die Orgeln haben schon seit der Sundfluth in die Kirchen gehort, und nicht auf die Edelhofe. Wer nun solche heilige Dinge misbraucht, der thut eine Sunde wider das dritte Gebot, und folglich auch wider alle: wir haben ohnedem eine Landstrafe nach der am der andern; (hier zielete ich unvermerkt auf die garstigen Turken, welche durchs Dorf giengen) wollen wir noch mehrere Sunde thun, und gar bei Gastereien die Orgel schlagen? An Statt, dass er in sich gehen, und von seinem bosen Vorhaben abstehen sollte; so lachte er mich nur aus, und sagte: dass Hr. Grandison in Engelland auch eine Orgel im Hause hatte: was jenem Recht war, das war ihm billig, und er musste eine Orgel im Hause haben, es mochte auch kosten, was es wollte. Was soll ich nun machen, mein lieber und gestrenger Junker? Unser gnadiger Herr ist ganz gewiss ein Heide worden. Haben die Edelleute in Engelland Orgeln, so mogen sie solche fur sich haben, wir sollen uns hierinne aber christlicher auffuhren. Es sind ohnedem die letzten Zeiten, wie unser Herr Pfarr spricht, da alle Laster im Schwange gehen, und also nothwendig allerlei Landplagen erfolgen mussen; wohin ich auch die garstigen Turken rechne, die durchs Dorf zogen, mir zwei Ganse todtschmissen und mitnahmen, meinem Nachbar sein Schwein ungerechnet: Wenn wir nun die Kirchensachen misbrauchen, und auf den adelichen Hofen in Musiczimmern orgeln wollen; was soll zuletzt daraus entstehen? Ich orgele nicht, und sollte er mir auch meinen grauen Kopf vor die Fusse legen lassen. Melden Sie mir doch, gestrenger Junker, was es mit der Orgel des Herrn Grandisons in Ansehung der Register und Basse fur eine Beschaffenheit habe. Der Pfarr hat zwar noch nichts davon auf der Kanzel gesagt, ich glaube aber, er bricht gewiss einmal damit hervor, wenn das Werk zu Stande kommen sollte; oder weiset unsern gnadigen Herrn vom Beichtstuhl ab. Orgeln gehoren in die Kirche! damit holla. Eurer Gnaden wunsche viel Gluck und Segen, und bin mit aller Zucht und Erbarkeit

Eur. Gestrengen

demuthiger und Ehrendienstwilliger

Lorenz Lobesan,

p. t. ludimoderator.

XI. Brief.

Der Herr v.N. an den Herr v.S.

N. hall, den 10. Julius.

Lieber Vetter,

Ich habe Ihren letzten Brief richtig empfangen. Ihre Nachrichten haben mich entzuckt, so, dass ich wieder jung wie ein Adler werde. Wenn meine Schwester mich nicht mit thranenden Augen gebeten hatte; so ware ich, statt dieser Anwort, in Person nach Grandisonhall gekommen. Ich war schon reisefertig. Jeremias sollte mich nebst dem Magister begleiten, und ich wollte meine Tour uber Hamburg nehmen. Aber, wie gesagt, meine Schwester, der alte Wurm, Lampert, der Pfarr und die ganze Gemeine bekamen von meinem Anschlage Wind: sie vereinigten sich miteinander, und baten mich auf den Knien, keine solche gefahrliche Reise in meinen alten Tagen zu unternehmen. Was sollte ich machen? Ich konnte nicht widerstehen; und solchergestalt werde ich nun wohl hier bleiben.

Sir Carl hat mir durch die ausgebrachte Gesundheit viel Ehre erwiesen. Ich habe sie schon zehenmal nachwohnen, wenn die verdammten Englischen Tanze thaten: denn ich tanze weiter nichts, als die Menuet und deutsch. Sie hatten Sir Carln meine Ungeschicklichkeit in der Music nicht entdecken sollen; er wird mich nunmehro verachten. Ich will aber auch her Roth ein Ende machen. Wissen Sie wohl, dass ich die alte Orgel aus der Daasdorfischen Kirche gekauft habe? Ich habe sie fur dreissig Gulden erstanden, und in die Kinderstube, oder besser, in mein Musiczimmer setzen lassen. Der alte Schulmeister machte mir zwar anfangs allerlei Hasensprunge, und wollte bei unserm Concert nicht spielen; so, dass ich ihn einmal bald zum Dinge hinaus gepeitscht hatte: er besonn sich aber noch zu seinem Glucke, und orgelte. Die Claves kann ich bereits miteinander. Schicken Sie mir nur Alexanders Gastmahl von Handeln; dieses Stuck will ich zuerst lernen.

Ich hatte bei der Jagd vom 6ten Junius seyn mogen! das muss ein verdammter Hund seyn, wenn er Schweine von sechs Centnern halten kann. Wenn Fresco eine Batze ist: so lassen Sie sich einen jungen Hund geben, wenn er heckt, und bringen ihn mit heruber: damit ich die Race auch bekomme. Was hat aber Doktor Bartlett auf der Jagd zu thun? Er wird ein andermal wegbleiben, denke ich; es war indessen Mordschade um den alten Kerl gewesen: zumal, da er sich sowohl in Sir Carls Humor schicken, und die Magde und Knechte fromm machen kann. In diesem Punkte kann ich Lamperten noch nicht recht brauchen: denn er demonstrirt den Magden ihre Pflicht so undeutlich, und zuweilen gar lateinisch, dass sie kein Wort davon verstehen. Wenn ich aber mit der Peitsche hinter sie komme: so uberzeuge ich sie besser, als wenn der Magister zehen Predigten hielt. Im Vertrauen, ich studire, nunmehro auf eine Reise nach Italien, um Clementinen abzuholen, wenn sie anders noch ledig ist, und den verwunschten Belvedere nicht hat nehmen mussen. Unser Barbier soll mit mir gehen und den Jeronimo recht auscuriren: denn Lowther scheint mir nicht so tackt feste zu seyn, als unser Niclas. Clementine wird nachhero meiner Liebe aus Dankbarkeit Gehor geben, dass ich ihrem lendenlahmen Bruder geholfen habe. Die Religion soll mir nicht lange im Wege stehen, ich wurde wohl ein Turke, wenn ich Clementinen zur Frau bekommen konnte. Erkundigen Sie Sich doch unter der Hand, wie die Sachen in Italien siehen? ich lese zwar den Courier und den Staatsboten; ich finde aber niemals ein Wort von der Hochzeit der Clementine darinne; folglich muthmase ich, dass sie noch ledig ist. Ich erwarte eine Antwort von Ihnen mit Verlangen, und bitte meine Empfehlung an Sir Carln und seine Henriette zu machen von

Ihrem

XII. Brief.

Fraulein Amalia an ihren Bruder.

Kargfeld, den 13ten Junius.

Nachmittags um 4 Uhr.

Ich bin sehr neugierig, welchen Ausgang die Thorheiten unsers Oncles nehmen werden? Gegenwartig erfordert eine Reise nach Italien seine ganze Aufmerksamkeit. Ein Brief von dir wird der Sache den Ausschlag geben. Lebt die Clementine noch unverheirathet; so geht er hin, und nimmt sie dem Graf von Belvedere vor der Nase weg. Ich muss dir eine ganze Unterredung zwischen ihm, seiner Schwester, mir, dem Magister, dem Barbier und seinem Jeremias mittheilen: daraus du seinen Anschlag ganz deutlich erkennen kannst. Ein Glas Wein hatte seine Lebensgeister rege gemacht. Amalia. Lieber Herr Vetter, warum wollen Sie uns verlassen? wir lieben Sie wie unsern Vater, wir werden uns gramen, wenn Sie so weit weggehen; ja, wir wurden fur Bekummernis sterben, wenn Sie unterwegens ein Ungluck haben sollten. v.N. Horen Sie auf zu winseln. Sie machen die Sache sterben? nicht wahr, das ware recht fur euch? Nein! daraus wird nichts. Wie, sollte ich ein Ungluck nehmen? Ich gehe in meinem Beruf, und das ist das beste. Amalia. Ich dachte, Sie hatten vielmehr einen Beruf, hier bei den Ihrigen zu bleiben, um eine hielandische Lady glucklich zu machen. Gefallt Ihnen denn kein Frauenzimmer hier? v.N. Es sind schon Madchens hier; aber keine Clementine. Sie haben ja ihre Geschichte gelesen: sagen Sie mir einmal, welches Fraulein man mit ihr vergleichen konnte? Amalia. Sie ist nach meiner Meinung stolz und gar zu aberglaubisch. Ich will also keine Vergleichung anstellen. v.N. Das sind bei einer Clementine keine Fehler: bei euch Jungfern aber wurde ich beides nicht leiden konnen. Amalia. Nun, das heiss ich erzverliebt . Wenn man die Fehler eines Madgens fur Schonheiten halt, blos weil sie eine Auslanderin ist. v.N. Ja das thu ich, und ich werde mich meiner Liebe niemals schamen. Wer Clementinen liebt, thut sich selbst hervor. Amalia. Noch eins, Herr Oncle, Clementine ist eifrig romisch katolisch. Sie wird also jeden Protestanten abweisen. Nehmen Sie ein Beispiel an Sir Carln. v.N. Sir Carl war zu gewissenhaft. Man muss die Sache nicht so genau nehmen. Hatte er Ernst gebraucht: so war sie damals die Seinige geworden. Amalia. Sprechen Sie doch lieber wegen diesen Punkte mit Ihrem Pfarr, und horen, was er sagt. v.N. Nein, das mag ich auch nicht. Er wurde freilich Ihrer Meinung seyn; aber mit seiner ganzen Polemic nichts ausrichten. Was soll sich der alte Mann vergeblich bemuhen. Amalia. Sie sind ein sehr entschlossener Mann. Der Himmel verhute nur, dass nicht etwa der General . v.N. Wer? der General? dem will ich den Kopf schon zurechte rucken. Mir hatte er nicht so naseweis, wie Sir Carln, kommen durfen; ich hatte ihn garstig abfuhren wollen. Ich furchte mich fur keinem Feldmarlschall, vielweniger fur einem General. Lass ihn nur herwachsen, ich will ihm nicht aus dem Wege gehen. War ich wohl werth, ein Grandison zu heissen, wenn ich mich fur einem solchen Bramarbas furchten sollte? Amalia. Ich weiss, dass Sie Muth haben; aber die Herzhaftesten konnen zuweilen unglucklich seyn. Belvedere wurde sich ganz gewiss mit ihm vereinigen. v.N. Belvedere? der Pursch soll bald Reissaus geben. Ich werde ihn nicht wieder mit Complimenten nach Hause schicken, wie Grandison: nein ich will ihn auf den Pelz brennen, dass er zeitlebens daran denken soll. Magister. So lange noch Vorschlage zur Gute gethan werden konnen, so lange muss man keine Gewalt brauchen. Ich habe schon zwo lateinische Reden, et quidem stylo Ciceroniano, ausgearbeitet, davon ich eine an den alten Marggrafen, die andere aber an den General halten will. In beiden ist die Sache pro und contra untersucht, und ich denke, wir wollen die ganze Familie gewinnen. v.N. Bravo, mein alter ehrlicher Magister! Sie werden Sich doch hoffentlich mit dem Pater Marescotti vertragen konnen? Magister. Wer? ich? ein zweiter Doktor Bartlett sollte sich mit so einem Mann in Zankereien einlassen? Wir wollen wie Bruder leben, und alle die Weine kosten, in welchen sich Horaz sonst derb besoffen hat. v.N. Packen Sie unterdessen ein. Sie brauchen nur ein Kleid, ein schwarzes denke ich. Magister. Sonst keines. Ich reite den Schimmel. Amalia. Sie konnen sich fur einen von den preussischen Todtenkopfen ausgeben, und in ganz Welschland ein Aufsehen machen.

Zweiter Auftritt.

Jeremias, Meister Niclas, die vorigen.

Jeremias. Gnadiger Herr, Meister Niclas ist da, soll er

herein kommen? v.N. Ja, lass ihn herein kommen. Wo bleibst

du alter Quacksalber so lange? Habe ich dich nicht

bereits vor drei Stunden rufen lassen? Niclas. Verzeihen Sie, gnadiger Herr, es ist heute

Sonnabend, ich habe erstlich die ganze Gemeinde

geschoren, und dem Cantor sein Fontenell verbun

den. v.N. Du hast immer viel zu thun. Weisst du was, alter

Meister Salpeter, du sollst eine kleine Reise mit

mir thun. Niclas. Ganz gerne, gnadiger Herr, wir kommen doch

morgen Abends wieder? v.N. Das gehort nicht zur Sache. Verstehst du, einen

alten Schaden recht aus dem Fundamente zu curi

ren? Niclas. Aus dem Fundamente. Ich habe noch letztlich

dem Schafer eine Fistel zugeheilt. v.N. Ich hore, du bist ein geschickter Kerl. Pack deine

Zangen, Sagen, Hacken, Pflaster, Salben und

Buchsen zusammen ein; leg deine gute Hosen und etliche Hemden zurechte, dass du alle Stunden aufbrechen kannst. Den Tag kann ich dir noch nicht sagen; aber ich erwarte dieserwegen einen Brief: alsdenn sollst du Nachricht davon bekommen. Niclas. Ihr Gnaden werden mir doch den Ort sagen, wo Sie hin wollen? v.N. Nach Bologna, wenn du weisst, wo das liegt. Niclas. Nein, das weiss ich nicht. Wie viel Stunden liegt der Ort von hier? v.N. Tummer Teufel! frag lieber, wie viel hundert Meilen. Hast du niemals was von Italien gehort? Niclas. Bewahr mich Gott fur Italien! da wohnt ja der Pabst! Nein, dahin bringt mich kein Mensch. v.N. Der Pabst wird dich alten Esel nicht fressen. Mach mir nur keine Schwurigkeiten. Du musst mit, und wenn ich auch in die Turkei gieng. Niclas. Gnadiger Herr, was wurde meine Frau sagen? Ich durfte ihr nicht wieder unter die Augen, wenn ich so weit weg gieng. v.N. Hat deine Frau auch ein Votum' bei der Sache? Die kann ganz ruhig seyn, und Statt deiner die Bauren im Dorfe scheeren. Niclas. Ja, das konnte sie einiger masen: sie schiert aber Niemanden sonst, als mich, und das zwar alles privatim, damit es die andern Barbier nicht erfahren und mich strafen. v.N. Hore, Wurm, kann deine Frau mit deinem Bart zurecht kommen; so kann sie es mit andern Mannern ihren Barten auch. Mach nur keine Weitlauftigkeiten, du bist mir bei dieser Reise unentberlich; denn du sollst einen vornehmen italienischen Herrn curiren. Ich will dich reichlich bezahlen, und es auch einstens deinen Kindern geniessen lassen. Niclas. Alles gut. Wenn es nur nicht zu weit war. Ich scheue mich fur dem Wasser, als wenn mich ein toller Hund gebissen hatte. Ach! ich glaube, ich ware des Todes, wenn ich uber das rothe Meer fahren sollte. v.N. Da kommst du nicht hin. Gesetzt aber, wir waren genothiget, uber ein Wasser zu setzen: so verbinde ich dir die Augen mit einem Schnupftuche, damit du nichts siehst. Weisst du es nicht, wie mans mit den Pferden macht? Ich bin mude, deine Ausfluchte weiter anzuhoren. Willst du nicht mitgehn; so sollst du so lange ins Hundeloch kriechen, bis ich wieder zuruck komme. Magister. Geht doch mit, alter wunderlicher Mann. In Italien wachst guter Wein, dort konnt ihr euch was bene thun. Niclas. Ehe ich ins Loch krieche, so reise ich freilich mit. Aber ich kann so weit nicht gehen. v.N. Wer sagt, dass du gehen sollst. Du sollst mein Maulthier reiten. Geh nur hin, bis ich dich wieder rufen lasse. Du, Schwester, wirst indessen meine Wasche und meine Kleider zurechte legen: damit ich, wenn der Brief aus Engelland kommt, sogleich aufbrechen kann. Fr. Kunigunda. (mit klaglicher Stimme.) Ich will es thun, aber, wollte der Himmel, dass ich dieser Arbeit uberhoben seyn durfte. Du bist schon bei Jahren, lieber Bruder, und willst noch heirathen, und zwar ein katholisch Madchen. v.N. Das hab ich wohl gedacht, dass du deine Klagelieder auch anstimmen wurdest. Du wirst doch zeitlebens so eine alte Wehklage bleiben. Ein Wort so gut als zehhen, lass dieses die letzte Erinnerung seyn, die du mir gibst. A propos, meine Sammethosen will ich auch mitnehmen, lass sie rein auskehren, und wo etwa hier oder da ein Wurmstich zu finden war, so nehe es sein sauber zu. Amalia. Auf solche Art werden der Herr Oncle recht galant erscheinen? v.N. Ja, das werde ich auch, ohne Ruhm zu melden, thun. Was soll ich viel Federlesens machen? Ich will dem Madchen so zusetzen, dass sie bald Chamade schlagen soll. Amalia. Was werden unsere Freunde in Schonthal sagen, wenn sie Ihre Absicht erfahren? v.N. Die haben nichts darein zu reden. Ich bin mundig. Jetzo ists noch Zeit zu heirathen, da ich in meinen besten Jahren bin: Warte ich noch langer, so tauge ich hernach gar nichts mehr. Ich denke ohnedem, ich will mir das verdammte Podagra durch den Ehestand vom Halse schaffen. Magister. Sie haben recht. War ich an Ihrer Stelle gewesen: so hatte im achtzehenden Jahr geheirathet. v.N. Da giengs bei mir noch nicht an; da war ich im Felde und half die Franzosen schlagen. Amalia. Warum haben aber der Herr Oncle so lange gewartet? v.N. Ich weiss selbst nicht. Hatte ich Clementinen eher kennen lernen, so war ich vielleicht schon lange ein Papa. Nun solls aber auch desto scharfer gehn. Amalia. Wollen denn aber der Herr Oncle Clementinen Ihr wahres Alter sagen? Ich befurchte, sie macht Einwendungen. Denn nach aller Wahrscheinlichkeit ist sie etwa 28. Jahr. Magister. Hier muss pia fraus gespielt werden. Sie sind munter und gesund; Sie kennen sich immer fur einen vier und dreisigjahrigen Herrn ausgeben. v.N. Macht euch beide keinen Kummer. Nach meinem Alter wird Niemand fragen. Zum Ueberfluss aber will ich meine Brille zu Hause lassen. Magister. Das muss ohnedem geschehen. Wollen Sie nach etwas sehen: so nehmen Sie das Perspectiv. Der Himmel verhute nur, dass Sie das Podagra in Italien nicht bekommen. v.N. Es ware freilich ein alberner Streich: aber ich denke, das Podagra soll kein Narr seyn, und mich mit der Liebe zugleich plagen. Meine Beine werden dort andere Dinge zu thun haben, dass sie also daran nicht denken werden. Kunigunda. Ach wer weiss, ob ich dich in meinem Leben wieder sehe, wenn du so weit weggehest! v.N. Sey unbekummert, alte Tante Lore. Siehst du mich hier nicht wieder: so geschiehet es dort, wenn du nicht par hazard in die Holle fahrest. Kunigunda. Rede nicht so unchristlich, Bruder! Wenn alle verliebte Leute so sind wie du, so will ich in meinem Leben nicht verliebt werden. v.N. Ja, es ware Zeit, wenn du im 56ten Jahr noch verliebt wurdest. Amalia. Plagen Sie doch meine redliche Tante nicht! Sie besitzt das beste Herz. Sie ist um Sie wegen der Reise besorgt. v.N. Die Sorge kann sie sparen. Komm ich glucklich zuruck, so soll sie eine neue Saloppe und ganz neuen Casper kriegen. Alsdenn wirst du aussehen, wie die Marquise von Pompadour. Kunigunda verneigt sich vor ihrem Bruder. Amalia. Mich mussen Sie nicht vergessen, Herr Vetter, ich bin eine starke Liebhaberin von welschen Galanterien. v.N. Ihnen will ich den Jeronimo mitbringen, wenn ihn Niclas recht auscuriren kann. Die Partie war so uneben nicht: habe ich erstlich Clementinen weg, so lasst sich ihr Bruder vielleicht uberreden, und begleitet mich hieher. Amalia. Ja, das war vortreflich! Alsdenn wollten wir schon bekannt werden. Allein, ich mochte doch nicht gerne einen Mann, der schon so viel Maitressen gehabt hatte. v.N. Ihr Madchens musst nicht so eckel seyn. Ein Cavallier kann schon einige Maitressen haben, und sich dennoch seiner Gemahlin fur einen Junggesellen verkaufen. Ich war in meinen jungern Jahren auch nicht von Holz. Amalia. So recht! das sollten der Herr Oncle gar nicht erzahlen. Ich habe Sie noch immer fur einen reinen Junggesellen gehalten. v.N. Sie werden auch nicht krank werden, wenn Sie es noch thun. Clementine muss indessen nichts davon wissen. Hab ich sie einmal weg, so mag sie hernach erfahren, was sie will. Wir wollen aber aufhoren zu discuriren. Ich will mich heute einmal recht lustig machen. Jeremias! lauf zum Cantor, und sag, dass heute Concert gehalten wurde. Er soll um 6. Uhr zu mir kommen und noch ein paar Adjuvanten mitbringen. Reizend, sanft, in Lydischen Thonen, zum Gefuhle stiller Lust etc. soll es heute gehen. O du angenehme Dulcinea von Bologna! tausend Ducaten wollt ich darum geben, wenn du heute hier

warest. Pereat Belvedere tief! (zum Jeremias)

Stehst du noch hier, wie eine Saule? Geh, und ruf

den Cantor, sag ich. Jeremias. Gleich, gleich, ich wollte nur ihre Rede

ganz anhoren. v.N. Das war nicht nothig. Der erste Theil gehorte nur

fur dich, Bube.

Hast du also etwas nach Italien zu bestellen, so wird dir unser verliebter Herr Oncle dienen konnen. Er nennet es seine geheime Expedition; er will sie aber glucklich ausfuhren. Welch eine Reisegesellschaft! der Magister schickt sich zu ihm, und er zum Magister: Jeremias aber schickt sich zu beiden. Der Oncle ist voller Verlangen, einen Brief von dir zu bekommen. "Hort! was ich sage, spricht er, ihr musst euch die Sache recht soldatisch vorstellen. Zeithero habt ihr Pulver auf die Pfanne gethan, geladen, und den Ladestock wieder an seinen Ort gebracht. Heute schrie ich: Hoch schlagt an; kommt der Brief aus Londen; so rufe ich weiter nichts, als Feuer! und denn gehts los. Jeremias muss noch einmal mit dem schelmischen Barbier reden, damit der Schlingel nicht erst sich zur Ladung schwenket, wenn ich fort will.

Was fangen wir mit unserm Oncle an? Nichts fehlt, als dass er noch auf solche Abentheuer ausgeht. Ich weiss gewiss, jeder Schritt von hier bis nach Bologna Allein das muss nicht geschehen. Wie wird er sich anstellen, wenn du ihm die Vermahlung der Clementine schreibest? Ich denke aber, er hat einen neuen Entwurf im Kopfe, der jenem an Schonheit nichts nach gibt.

Abends um 6. Uhr. Die Adjuvanten sind da; der alte Cantor auch, im Mantel, als wenn er zur Hochzeit bitten wollte. Der Magister hat ihm seine Zweifel wegen den Orgeln benommen, oder besser: unser Oncle wollte den alten ehrlichen Mann prugeln."

Alleweile hore ich, dass er ihm auf dem Saale einen Unterricht wegen des Spielens gibt:

"Hore er, Herr Schulmeister, er muss ein wenig fluchtiger werden auf der Orgel. Die Finger sind so steif, wie die Trommelstocke. Habt ihr etwa in euren jungern Jahren die Daumenschrauben bekommen? Ach, Ihr Gnaden, ich bin ein ehrlicher Mann; ich bin niemals auf der Tortur gewesen, wie man sagen mochte."

"Sie sind ein alter Narr. Was war daran gelegen, du bist kein Erzbischoff, Herr Schulmeister, nicht wahr? Vernehme er, was ich sage. Fuhrt mir keine Kirchenstucke mehr auf denn das schickt sich nicht. Das letzte fieng sich mit einer Fuge an mir deucht, ich hatte es an der Kirmse in der Kirche gehort. Gnadiger Herr, ich habe freilich keinen grossen Vorrath: allein heute wollen wir ein Trio machen, und alsdenn einige Menuets und Polonoisen zum Tanzen; da wird aber nicht dazu georgelt.

Nein, das versteht sich. Wenn ich Alexanders Gastmahl aus Engelland bekomme: so lassen Sie es Ihren Adjuvanten lernen. Verstehst du mich wohl?" Gerne, gerne. Der Magister hat Hanngen anbei geholt, und also werde ich wohl mit tanzen mussen. Ich will also dieses mal meine Feder niederlegen, dir aber noch sagen, dass ich dich allemal lieben werde.

Amalia v.S.

XIII. Brief.

Fraulein Amalia an ihren Bruder.

Schonthal den 27 Junius.

Ich habe unserm Schwager beinahe einen Gewissenspunkt daraus gemacht, dass er uns alle verleitet hat, unserm Vetter eine Sache vorzuschwatzen, die ihn noch vielen Verdrusslichkeiten aussetzen kann. Er ist gleichwohl unsrer Mutter Bruder, wir sollten es nicht gethan haben. Mein Schwager hat keine Lust von seinem Vorhaben abzustehen, und glaubt das Recht zu haben, ihm etwas aufzuburden; weil unser Oncle seit vielen Jahren ihm von seinen Heldenthaten Unwahrheiten gesagt hatte. Wenn er in seiner Oekonomie dadurch Schaden litte, will der Baron solchen wieder gut machen. Den Gewissenspunkt bei Seite gesetzt, so ist nicht zu leugnen, dass der Oncle und der Magister uns so viel lacherliche Auftritte, in dem Nachspiele des Grandisons liefern, dass wir uns keinen bessern Zeitvertreib wunschen konnten. Wenn ich diese beiden Leute auf der einen Seite ansehe, so sind sie wirklich gebessert: betrachtet man sie aber von der andern, so scheinet es, dass ihr Bisgen Verstand ganz und gar ausgedunstet ist.

Mein Vetter hatte sonst etwas im Fluchen gethan, man konnte ihn stark darinne nennen. Seine neuerfundenen Schwure und Fluche, die oft Niemand dafur ansahe, wenn es nicht der Nachdruck seiner Stimme und die Gelegenheiten, bei welchen er sie vorbrachte, zu erkennen gegeben hatte, sind alle auf einen Tag abgeschaffet worden. Der Magister, ein gewaltiger Feind aller unnutzen Worte, war nicht damit zufrieden, er bewies aus einem lateinischen Kochbuche, wie ich glaube, dass man die Natur nicht auf einmal zwingen musste. Der Oncle blieb demohngeachtet bey feinem Vorsatze und bat Herr Lamperten, ihn freundlich zu erinnern, wenn ihm ein Wort entfuhre, das einem Fluche oder Schwure ahnlich sahe. Er versprach, fur diese Bemuhung dankbar zu seyn, und dieses versprach er mit einem ihm eigenem Witze. Herr Lampert, sagte er, wenn er so ein garstiges Thier, als ein Fluch oder Schwur ist, bei mir ansichtig wird; so sei er so gut und hasche er mir, es vor dem Munde weg. Er kann es in seiner Schreibtafel, oder in seinem Gedachtnisskasten verwahrlich aufbehalten; wenn wir allein sind, so soll er mir die Ungeheuer nach einander ausliefern, und fur jedes einen Dreier baar Geld empfangen. Einige mal, besonders letzthin, da der Hauptmann von Hagebusch in Kargfeld war, und seine Weidespruche schwadronenweise anrucken liess, kam der Oncle in die Hitze, und donnerte so gewaltig mit Fluchen und neuen Schwuren, dass der gute Lampert nicht geschwinde genug im Schreiben nachkommen konnte, und ihm manchen Dreier schenken musste. Den Magister nennt er seinen vaterlichen Freund, obgleich unser Oncle um ein Mandel Jahre alter ist. Jetzt muss ich abbrechen. Der Wagen ist angespannt; wir fahren hinuber zu unserm Vetter. Heute Abend wird ein Feuerwerk abgebrannt. Die Ursache davon solltest du wohl nicht errathen. Es geschiehet dem Grandison und seiner Henriette zu Ehre. Es ist heute unsers Wissens weder ihr Namenstag noch ihr Geburtstag; es ist aber gutes Wetter, und es kann doch durch ein solches Festin die Ehrfurcht, welche man hier fur den Namen Grandison und Henriette hat, am besten zu Tage geleget werden.

Den 28ten. Gestern, da wir vor dem Edelhofe unsers Vetters Abends um 6 Uhr eintrafen, wurden wir von ihm im Galakleide empfangen und in den Speisesaal gefuhret, wo wir den Herrn v.W. seine Gemahlin und Fraulein Julgen fanden. Der Pastor Wendelin, dessen Tochter Jungfer Hanngen, in die der Magister aufs ausserste verliebt ist, der junge Wendelin, ein Student, Junker Gangolph, der Forster und die Personen vom Hause waren alle da. Ueber Tische wurde beinahe von nichts als von dem Feuerwerke gesprochen, das der Magister nach morgenlandischem Geschmack entworfen haben wollte. Die neidische Frau v.W. schnitt auf ihre fromme Stieftochter bei Tische immer sauere Gesichter. Sie hatte in der That mehr Ursache, stolz auf diese gefallige artig gehorsame Tochter, als neidisch und gebietherisch gegen sie zu seyn.

Bei der zwoten Tracht holte der Magister Grandisons Geschichte, unterdessen da die Bedienten abtrugen, las er einige Blatter; die Stelle handelte von dem Heiratsvergleiche des Grandisons und der Clementine. Mein Oncle brachte die Gesundheit seines Helden aus. Jedermann holte sie nach, bis auf dem Pastor Wendelin.

Ich werde mich nie bereden lassen, die Gesundheit eines Mannes zu trinken, der im Stande ist, seine Kinder, sein eigenes Fleisch und Blut dem Moloch auf opfern zu wollen.

Dem Magister starb der Bissen im Munde. Seine Augen wurden so gross wie Brennglaser. Wie so, mein Herr Pastor, wie so?

Wie so? Was ist das fur eine Frage von Ihnen, mein Herr Magister! Haben Sie uns nicht eben jetzo vorgelesen, dass der Engellander, von dem die Geschichte handelt, sich kein Bedenken machte, wegen einer Weibesperson, die er liebte, seine mit ihr zuerzielenden Tochter katholisch erziehen zu lassen? War das christlich, war das vernunftig, ich will nicht sagen vaterlich? Nein, ich kann die Gesundheit eines Ketzers, eines Syncretisten unmoglich nachholen.

Was? Sir Carl ein Ketzer? Ein Syncretist? Wo denken Sie hin, mein Herr Pastor? Sir Carl macht seiner Religion Ehre. Ich hatte Lust, ihn eine Saule der protestantischen Kirche zu nennen.

Wo nehmen Sie den Muth her, Herr Magister, einem solchen Ketzer, als dieser Engellander ist, das Wort zureden? Ich will Ihnen nur kurz meine Meinung eroffnen, was ich von Leuten, die Ketzer vertheidigen, halte. Ponamus casum: Es wollte Jemand mein Hanngen hier haben, der einer andern Religion beigethan ware, mit der Bedingung, dass die Sohne in der Religion des Vaters und die Tochter in der Religion der Mutter erzogen wurden, und wenn es ein Graf ware, so wurde ich sie ihm versagen; ja, ich wurde sie einem jeden rund abschlagen, von dem ich nur argwohnete, dass ihm der geringste ketzerische Gedanke im Kopfe starke. Ja ja, das wurde ich gewiss thun, bei meiner Ehre. (Er sahe den Magister an.)

Herr Lampert wurde feuerroth. Der Oncle mochte ihm winken, ihn treten und ihm zurufen wie er wollte, er mochte doch den Grandison nicht im Stiche lassen, es half nichts. Er nahm ein Kelchglas und sagte einen seiner weisen Spruche: Beim Schmausen darf man nicht streiten, so heist er auf deutsch. Er trank Hanngens Gesundheit. Der Streit wurde durch Aufhebung der Tafel geendiget.

Die ganze Gesellschaft begab sich in den Garten, das Feuerwerk zu sehen. Zween Adjuvanten hatten sich mit ihren Waldhornern an den Eingang des Lusthauses gestellet. In Ermangelung der Paucken schlug Junker Gangolph die Trommel darzu. Der Student hatte die Ehre als ein Fremder die Canonen, welches ein paar alte Flinten mit deutschen Schlossern waren, los zu brennen. Die Bedienten vom Hause mussten laden, dann und wann eine Salve aus dem kleinen Gewehr geben, das waren die Pistolen unsers Oncles. Er war deswegen genothiget, das Signal mit seiner Kugelbuchse zugeben.

Herr Lampert sagte, mit einer stolzen Mine: Mit ihrer Erlaubniss, allerseits hochstzuverehrende Anwesende, werde ich Ihnen mit einem Lauffeuer von meiner Erfindung aufwarten.

Den Augenblick erschienen ein halb Dutzend derbe Bauerjungen, mit Huten von Pappe, auf welchen ein langes Stuck angefeuchtete Pulvermasse befestiget war, und liefen in einer Entfernung von uns durch einander, in die Runde und in die Quere.

Wir jungen Leute konnten es unmoglich unterlassen, in ein lautes Gelachter bei diesem Anblick auszubrechen. Mein Schwager beredete unsern Oncle, es ware dieses ein Zeichen unsers ausserordentlichen Vergnugens, dass wir uber die Erfindung des sinnreichen Magisters empfanden. Er schien damit befriediget zu seyn.

Die zweite Scene bestund in einer Lampenerleuchtung. 48 Oellampen, die hochadlichen und die aus der Pfarre mitgerechnet, welche in dem Dorfe mit Muhe und Zwang waren zusammen geborget worden, erleuchteten die Allee. Am Ende derselben prangete die schwarze Tafel des Magisters. Er verkundigte uns, dass der Name des edelsten Paares unter der Sonne im Feuer brennete. Wir verfugten uns mit vieler Sorgfalt durch die feurige Allee. Wir machten uns so schmeidig als es moglich war, um nicht eine raschgierige Lampe umzustossen, die uns diese Beschimpfung gewiss durch einen grasslichen Oelfleck wurde vergolten haben. An der Tafel, woran noch einige hebraische Charakters kenntlich waren, fanden wir die Buchstaben

VIVANT

C.G. et H.B.

in saecula saeculorum.

von vergoldetem Pappier ausgeschnitten, angeklebet, und rund herum mit Lampen bespicket.

Nach einigen Freudenschussen und einem lauten Vivatgeschrei verfugten sich alle Anwesende nach Hause. Ich furchte mich in der Nacht zu fahren; ich schlief deswegen zu Kargfeld. Tante Kunigunden hatte das Feuerwerk uber alle massen gefallen, vielleicht weil es so wenig kostete und doch einen so vornehmen Namen hatte. Unsern Oncle habe ich nie so munter gesehen als damals. Der Magister hat sich durch seine kluge (thorigte hatte er sagen sollen) Erfindung einen rechten Stein bei mir heute ins Bret geworfen. Herr Lampert, er ist, mein Seele! ein verschlagener Kopf, ohne dass er deswegen braucht die Treppe hinunter zu fallen.

Fruh gegen 5 Uhr jagte mich ein unvermutheter Lerm aus dem Bette; ich dachte nicht anders, es ware Feuer im Hause. Ein Hause Bauerweiber schmissen sich im Edelhofe um ihre Lampen; sie waren verwechselt worden; ungeachtet der kluge Lampert jede mit den Namen der Eigenthumer bezeichnet hatte. Um zehn Uhr Vormittage liess mich mein Schwager in seinem Wagen abholen, um mit ihm und meiner Schwester nach Wilmershausen zu fahren. Der Herr von W. hat uns gestern zu sich eingeladen. Unsern Oncle finden wir nicht da, er hat sich wegen Kopfschmerzen, die ihn sein gestriger Rausch zugezogen hat, entschuldigen lassen. Es ist Zeit in den Wagen zu steigen, meine Schwester hat schon eine halbe Stunde auf mich gewartet. Erfreue bald durch deine Briefe

Deine

Amalia v.S.

XIV. Brief.

Der Magister Lampert an den Baron v.S.

Kargfeld, den 14. Julius.

Tandem bona caussa triumpfat! Dieses, zwar nicht seltene und rare; aber doch jederzeit wahre Symbolum, welches jener Prinz auf seine Munzen schlagen liess, ist endlich auch einmal an mir wahr worden. Es giebt einen Grandison, es giebt eine Henriette Byron; es sind keine Feyen Vorstellungen, keine Hirngespinste; wir haben gewonnen! Jedermann war vor kurzem wider mich; jedermann ist nun mit mir einerlei Meinung. Mein gnadiger Patron, der ausserordentlich vergnugt ist, dass unsere Wahrscheinlichkeiten unumstossliche Wahrheiten worden sind, beschaftiget sich nebst mir in der Nachahmung eines Mannes, der die Ehre des Zeitpunktes ist, darinne wir leben. Jederzeit hatte er viel Hochachtung fur den Namen Grandison, nur die Furcht, einen Schatten, einen Dunst, Einfalle eines mussigen Kopfes zur Regel seiner Handlung zu machen, nothigten ihn, so lange mit der Nachahmung dieses grossen Urbildes anzustehen, bis er erfuhr, dieser grosse Mann sey wirklich in unsrer Welt anzutreffen. Was Grandison, und was Doctor Bartlett in Engelland sind, das werden der gnadige Herr und ich in Deutschland seyn. Von den Einrichtungen, die in dem Hochadlichen Hause ihres Herrn Oncles nach Massgabe der Residenz des Herrn Grandisons gemacht worden sind, haben Sie bereits durch Dero Fraulein Schwester und den gnadigen Herrn selbst Nachricht erhalten. Ich habe noch immer meine Hande voll damit zu thun, und dieses ist die Ursache, dass ich so lange meine Schuldigkeit, Dero gnadiges Handschreiben an mich zu beantworten, habe aussetzen mussen.

Weil der Cantor Loci sich noch immer nicht recht zum Orgelschlagen in dem Musiczimmer des gnadigen Herrn verstehen will; so soll ich dieses Amt ubernehmen, und dafur eine Zulage meines jahrlichen Gehalts bekommen. Ich sagte bei dem Antrage, den mir der gnadige Herr deswegen that, nichts weiter, als: Doctor Bartlett, Sir, ist Sir Carls Hofprediger, aber nicht sein Organist. Er fand sich getroffen, ergriff meine Hand, druckte sie und sagte: Herr Magister, Sie sind mein vaterlicher Freund. Geben Sie mir doch Nachricht, ob der Doctor auch manchmal orgelt. Thut er es, so werde ich mir kein Bedenken machen, seinem Beispiele zu folgen; wo nicht, so spiele ich warlich keine Note, und wenn mir jede mit tausend Thalern sollte bezahlet werden.

Ueber eine Sache kann ich mich nicht gnug wundern, dass namlich der Doctor Sir Carln auf die Jagd begleitet. Wie geht denn das in aller Welt zu? Setzt er sich in seinem langen schwarzen Mantel zu Pferde? das kann ich nicht glauben. Nahme er ihn unter den Arm, wie wollte er denn das Pferd und die Peitsche regieren? Liess er ihn fliegen; so ware es, wenn der Wind ginge, noch beschwerlicher; wollte man sagen, er legete seinen geistlichen Habit zu der Zeit ab, wenn er auf die Jagd gienge; so kann ich das mit einem so ernsthaften frommen Manne auch nicht zusammen reimen. Mit einem Worte, vor einem, der es nicht gesehen hat, ist die Figur, die der Doctor zu Pferde macht, schwer zu errathen. Geben Sie mir doch davon eine umstandliche Nachricht. In meinem Herzen wunsche ich oft, dass Bartlett von der Jagd wegbliebe, so durfte ich auch nicht wie ein Spurhund, den ganzen Tag mit meinem Patrone im Walde herum laufen. Jedoch es heist: qui vult finem, vult etiam media. Wer sich dereinst so gross, als Bartelett will sehen, Lasst manchen sauren Wind sich ins Gesichte wehen. Man muss per aspera ad astra gelangen. Der gute Mann hat es sein Tage sich wohl eben auch lassen sauer werden.

Vor einigen Wochen wurde auf Befehl des gnadigen Herrn, dem Gotterpaare in Engelland zu Ehren, ein Feuerwerk von meiner Erfindung in dem Lustgarten abgebrannt. Es dauerte von 9 Uhr des Abends bis gegen 11 Uhr. Sie konnen es dem Herrn Grandison melden, mein Herr verlangt es ausdrucklich; es muss aber nicht lassen, als wenn sich Ihr Herr Oncle dadurch ein Verdienst bei der Familie der Grandisonen machen wollte. Bei Gelegenheit dieser Feierlichkeit wurden der gnadige Herr und ich, wider Vermuthen, aufgefodert, Zeugnisse von unserer dem Herrn Grandison abgelernten Grossmuth abzulegen. Einige Unterthanen meines Patrons mussten zur Illumination einer Allee Lampen hergeben; sie wurden verwechselt. Den Tag nach diesem Feste entstunden des wegen vielerlei Zankereien, ich legte solche durch mein Ansehen bei. Nachmittage, da ich vor dem Hause Nikolaus Brummholds des Baders vorubergehe, kommt dieser Verwegene mit entblossten Gewehr, durch Anstiften seines Weibes auf mich los. Hier, schrie er, hier soll sein Gottesacker seyn, und setzte mir das blanke Scheermesser an die Kehle. Schaffe Er meiner Frau ihre Lampe wieder Herr Magister, oder ich ermorde Ihn auf der Stelle.

Ich that einen Sprung auf die Seite, um meinen Degen zwischen den Rockfalten hervorzuziehen, ihn zuentblossen. Ich sahe, dass Peter der Badeknecht, seinen Herrn beispringen wollte. Er fragte mich, mit einer trotzigen Mine, und mit dem Scheermesser in der Hand, ob man ehrlichen Leuten so begegnete, und ein Recht hatte ihnen das ihrige zu entwenden.

Der freie Himmel ist sein Schutz, Herr Bader, sonst wurden diese Pralereien, wenn Er etwas damit meint, Ihm theuer zustehen kommen.

Ich bin der Beschutzer meiner Frau, mein Herr, Sie haben sie beleidiget, Herr.

Habe ich Seine Frau beleidiget, mein Herr? Und ich gieng auf ihn zu; aber ich besonn mich noch eben zu rechter Zeit, und bedachte, wo ich mich befande . Nehm Er Sich in Acht, mein Herr Bader . Aber hier ist Er sicher.

Peter, der gewaltige Bewegungen machte, schwur, dass er seinem Herrn bis auf dem letzten Blutstropfen beistehen wollte. Er stellte sich an eine angreifende Positur, und zog sein Brodmesser halb aus der Scheide.

Will Er Sein Gewehr auf Seinem Kopfe zerbrochen haben, so ziehe Er es ganz

Er that es mit pralenden Geberden. Der Teufel sollte ihn holen, wenn er das litte. Er zog sich zuruck und setzte sich in eine vertheidigende Stellung.

Der Bader mit seinem Scheermesser in der Hand, machte elende Grimmassen. Ich glaubte nicht anders, als dass die Manner Morder waren. Ich schlug Petern mit der Breite meines Degens auf die Finger, entwaffnete ihn, und warf ihn in eben diesem plotzlichen Angriffe zu Boden.

Der Bader, der herum sprang, als wenn er auf Gelegenheit lauerte, einen Schnitt mit seiner eigenen Sicherheit zu thun, verlohr das Scheermesser durch den gewohnlichen Kunstgriff

Die Frau, welche aus dem Fenster zusahe, und mit Scheltworten in die Ferne kanonirte, lief auf die Gasse.

Ich brachte beide Manner, einen nach den andern, mit der Verachtung, die sie verdieneten, in das Haus, die Frau war schon darinne. Ich schloss die Thure ab, und gieng ganz gelassen nach Hause.

Ich erzahlte dem gnadigen Herrn den ganzen Handel. Er wurde in etwas aufgebracht, und wollte die ganze Familie ins Loch werfen und sie 8 Tage lang mit Wasser und Brod speisen lassen. Wir wollen grossmuthig handeln, sagte ich, es wird die Zeit kommen, da diese Leute unbestraft ihre Vergehungen mehr bereuen werden; als wenn man hart mit ihnen verfuhre. Lassen Sie mich morgen mit diesen Leuten in der Sprache Sir Carls reden, was soll es gelten, ich will sie bekehren. Den folgenden Morgen ging ich zu dem Bader in das Haus. Der verlohrne Sohn war da, die grossvaterliche Erblampe hatte sich gefunden. Ich redete offenherzig mit ihm und seiner Frau, und brachte sie zu Thranen. Sie bezeugten ihre Reue wegen ihres Vergehens und versprachen Besserung.

Frau Sibylle bat mich insonderheit, ein guter Kundmann ihres Mannes zu bleiben, und meinen Bart keinem andern anzuvertrauen. Ich versprach dieses nicht nur; sondern erboth mich auch, den Lohn ihres Mannes, wenn er sich wohl gegen mich auffuhren wurde, jedes Quartal mit zwei Patzen zu erhohen:

Die guten Leute wussten nicht, wo sie Worte finden sollten, ihre Dankbarkeit gegen mich auszudrucken.

Bei Abschiede steckte ich dem bussfertigen Bader ein feines Stuckgen von gewonnenen Hirschhaut, welches ich noch ubrig hatte, in die Hand, um einen Streichriemen daraus zu verfertigen. Jedermann segnete mich dafur. Auch mein gnadiger Patron war so grossmuthig, diese Sache, als Gerichtsherr, nicht zu rugen; ob er gleich den Bader um etliche Thaler hatte strafen konnen. Sit modus in rebus! Wenn ich meinen Brief nicht schlosse, so wurde er noch langer. Glauben Sie, dass Sir Carl seinen Beauchamp nicht hoher schatzen kann, als Sie geschatzet werden, von

Ihrem

unterthanigen Diener

M.L. Wilibald.

XV. Brief.

Der Herr von S. an den Magister Wilibald.

Grandisonhall den 5 August.

Hochgeehrtester Herr Magister,

Ich lobe Ihren Entschluss, den Doctor Bartlett nachzuahmen; Sie sind aber in gewissen Stucken gar zu zartlich. Ein Staatskluger muss selbst ein Urbild werden und sich fortzupflanzen suchen. Ich kann Ihnen nunmehro die Gewissens fragen, welche Sie an mich thun, um desto leichter beantworten. Sie konnen, geliebter Freund, ganz wohl auf der Orgel spielen, ohne dass Doctor Bartlett dergleichen thut. Es wurde sich aber dieser rechtschaffene Geistliche gar kein Bedenken daraus machen, wenn ihn Sir Carl nur mit einer Mine ersuchte. Sie konnen auch nach dem Beispiele Bartletts auf die Jagd reiten, und den Magister dabei eben so wenig als jener den Doctor vergessen. Das Mantelgen, das er umthut, ist sehr kurz, und wie eine Saloppe gemacht, mit welchem er durch alle Hecken rennen kann. Wie konnte ich aber die Sache mit dem Feuerwerke verschweigen? Sir Carl war ausserordentlich daruber erfreut, und wird auf kunftige Woche, len, zu welchen Schauspiel alle benachtbarte Edelleute bereits eingeladen sind. Sir Carl bewundert vornamlich Ihren in Gefahr unerschrockenen Geist. Zehen andere Magisters waren fur dem schelmischen Bader geflohen, zumal, da ihn sein tolpischer Geselle unterstutzte; Allein Sie wissen die Rotte nicht nur zu entwaffnen; sondern auch zu besanftigen. Dieser einzigen Begebenheit wegen verdienen Sie unsterblich zu seyn: und wenn mein Oncle Sie nicht nach Verdiensten belohnt, so werde ich mich von ihm lossagen. Wer wird dabei alle Muh mit mehreren Vergnugen anwenden, als

Dero

getreuer Freund.

v.S.

XVI. Brief.

Der Herr v.S. an den Herr v.N.

Grandisonhall, den 5 August

Hochgeschatzter Herr Oncle,

Ohngeachtet Sir Carl und seine wurdige Gemahlin Sie hier in Engelland zu sehen wunschen; so begreifen Sie die Schwurigkeiten vollkommen, welche mit einer solchen Reise verknupft sind. Zwei solche adle Gemuther sind bereits verbunden; ob sie gleich tausend Meilen von einander leben. Vielleicht geht Sir Carl nach Deutschland, um Berlin zu sehen: in diesem Falle wurde Ihnen sein Zuspruch gewiss seyn. Sie verlangen in Ihrem letzten Brief einen jungen Hund von dem Fresco und Alexanders Gastmahl. Mit dem letzten warte also gehorsamst auf: Da aber Fresco ein Chapeau und noch darzu castrirt ist: so hat man keine Hoffnung, seine Race zu erhalten. Ihr Anschlag auf Clementinen ist vergeblich. Sie ist verheirathet und hat bereits drei Kinder von dem Graf von Belvedere. Wer weiss aber, was sie gethan hatte, wenn sie von Ihrer adlen Neigung zeitiger benachrichtiget werden war. Indessen ist Katchen Holles noch ledig. Ich finde an ihr etwas ungemein sanftes. Besser aber wurde sich Fraulein Orme fur Sie schicken; wenn der Fall kommt, dass Sie heirathen mussen. Sie sind aber gegenwartig in einer solchen Ruhe, die Sie im Ehestande nicht haben werden. Ich gehe einige Tage nach Londen, um den Hof und alles merkwurdige in der Stadt zu besehen; nachhero kehre ich wieder nach dem angenehmen Grandisonhall zuruck.

Den 9ten. Ein merkwurdiger Umstand: Lady Grandison ist in die Wochen kommen. Ein schones Fraulein, sagt man.

Den 11ten. Immer eine Kutsche nach der andern. Oncle Selby und seine Dame sind auch da. Der Cornet Jacob hat Urlaub. Ich muss hin und ihm mein Compliment machen. Die Gevattern sind erwahlt. Sir Beauchamp, Lady G. und Sie, mein Hochgeehrtester Herr Oncle, wie auch der rechtschaffene Doktor Bartlett. Lesen Sie beikommenden Gevatterbrief von Sir Carln. Ich habe die Uebersetzung dabei gelegt. Da ich das Absehen auf Dero Person zum Voraus merkte; so gieng ich sogleich nach Londons und liess mir ein prachtiges Kleid machen: damit ich in eben dem Lichte erschiene, in welchem Sie erschienen seyn wurden.

Den 12ten. Nunmehro ist alles glucklich vorbei. Ich trank mir in Ihrem Namen einen derben Rausch. Oncle Selby war auch nicht nuchtern. Senden Sie nur ein ansehnliches Patengeschenke: denn man macht sich hier von Ihrem Vermogen eben so grosse Begriffe, als von Ihrer Freigebigkeit. Der Himmel erhalte Sie gesund und wohl. Mit vieler Ehrerbietung bin ich

Dero

gehorsamster Diener

XVII. Brief.

Amalia an ihren Bruder.

Schonthal, den 30. August.

Lieber Bruder,

Du treibst die Sache zuweit mit unserm Oncle. Ein zweiter Don Quixottes, so wahr ich lebe! Ich will sein ganzes Betragen in einem Lustspiele von einer Handlung und verschiedenen Auftritten vorstellen; damit ich das viele er sagte, und sie sagte vermeide.

Erster Auftritt.

Jeremias und der Magister.

Der Magister. Wo bleibst du so lange, Jeremias? du hast gewiss vor deiner Abreise aus der Stadt alle Bierkannen sondiren mussen?

Jeremias. Ich musste doch erstlich bei der Warme einen Labetrunk zu mir nehmen. Hat der gnadige Herr etwa geschmalet?

Der Magister. Nein, nicht sonderlich. Ich vermuthe aber, du wirst die Bastonnade bekommen,

Jeremias. Ich will ihn schon besanftigen: denn ich bringe einen Brief von der Post mit; vermuthlich ist er von dem jungen Herrn aus der neuen Welt. Sehen Sie einmal das Petschier an, Herr Meister.

Der Magister. Hore Jeremias, ich habe dir etwas im Vertrauen zu sagen: du sollst mich kunftighin nicht mehr Herr Magister; sondern Herr Doctor nennen. Denn wer philosophiae magister ist, der ist auch philosophiae doctor; atqui ich bin philosophiae magister; ergo bin ich auch philosophiae doctor. Verstehst du mich Jeremias?

Jeremias. Nein, nicht sonderlich. Denn ich kann nicht begreifen, wie Sie auf einmal zum Doctor geworden sind? Sie curiren ja nicht, und setzen auch keine Clystire.

Der Magister. Du bist so tumm wie ein Wigand. Gibt es denn sonst keine Doctores, als nur solche, welche Arznei ausgeben? Mit einem Worte, du sollst mich Doctor nennen, ohne dass ich zuvor einen langen Beweis fuhre. Gib mir indessen den Brief her, ich will ihn dem gnadigen Herrn zustellen; doch da kommt er selber.

Zweiter Auftritt.

Der Herr von N. Der Magister und Jeremias.

Jeremias. Hier ist ein Brief an Sie, Sir. Der Magister. Er ist von Ihrem Neven aus Londen, vermuthe ich.

Der Herr von N. bricht ihn auf und liesst:

"Ohngeachtet Sir Carl und seine wurdige Gemahlin Sie hier in Engelland zu bedienen wunschen; so sehen, sie doch die Schwurigkeiten vollkommen ein, welche mit einer solchen Reise verknupft sind."

Ach was Schwurigkeiten! ich bin der Luft gewohnt, und habe eine Natur wie ein Pferd. Was habe ich nicht sonsten bei meinen Italienischen Feldzuge ausgestanden! ich will aber weiter lesen: "Zwei solche adle Gemuther sind bereits verbunden; ob sie gleich tausend Meilen von einander leben. Vielleicht geht Sir Carl nach Deutschland, um Berlin zu sehen: in diesem Fall wurde Ihnen sein Besuch gewiss seyn.

Zum Henker! was will er in Berlin machen? da ist

Preussen gedient; er kann aber wegen der entsetzlichen Prugel, die er unter den Soldaten bekommen, niemals ohne Thranen an Berlin denken." Er liesst weiter. "Sie verlangen in Ihrem letzten Brief einen jungen Hund von dem Fresco, und Alexanders Gastmahl. Mit dem letztern warte Ihnen also gehorsamst auf; da aber Fresco ein Chapeau und noch darzu castrirt ist; so hat man keine Hoffnung seine Race zu erhalten." Das ist doch ein verwunschter Streich! Solche gute Hunde werden doch selten geschnitten. Der Magister. O ja, das geschieht oft, damit sie desto hurtiger und muthiger zur Jagd werden. Herr von N. Das ware eben, als wenn man einen Magister verschneiden wollte, damit er desto hitziger im disputiren war. Er liest weiter:

"Ihr Anschlag auf Clementinen (hier halt, er innen,

und sagt: Jeremias, schier dich hinaus, ich will mit

dem Magister etwas heimliches reden.) fahrt fort im

lesen:

Ihr Anschlag auf Clementinen ist vergeblich. Wer

weiss aber, was sie gethan hatte, wenn sie von Ihrer

adlen Neigung zeitiger benachrichtiget worden

war?

Ja, das glaub ich selber. Ich hatte ihr schon zu Leibe gehen wollen. Solche Madchens, wie Clementine, wollen frisch angegriffen seyn. Belvedere war eine alte Frau; wenn sie gewartet hatte: so doch nichts mehr von der Sache." Liest weiter:

"Indessen ist Katchen Holles noch ledig. Ich

sprach das angenehme Kind zu Selbyhaussen, und

finde an ihr was ungemein sanftes."

Nein, die mag ich auch nicht. Es scheint mir eine Gaus zu seyn und einfaltige Weibsbilder habe ich niemals leiden konnen. Er liest:

"Besser aber wurde sich Fraulein Orme fur Sie

schicken; wenn der Fall kommt, dass Sie heirathen

mussten."

Ach die schickt sich wieder nicht. Sie wurde ihren milzsuchtigen Bruder mitbringen, und einen solchen Wurm konnte ich nicht um mich herum leiden. Er liest:

"Ich gehe einige Tage nach Londen, um den Hof

und alles merkwurdige in der Stadt zu besehen;

nachhero kehre ich wieder nach dem angenehmen

Grandisonhall zuruck. Ein merkwurdiger Umstand:

Lady Grandison ist in die Wochen kommen. Ein

schones Fraulein, sagt man"

Herr Magister, rufen Sie meine Schwester und meine Base: damit ich ihnen diese gute Nachricht sogleich hinterbringe.

(Hier sprang Lampert fort; und ich konnte kaum

von der Thur wegkommen, wo ich die ganze Zeit

zugehort hatte. Wir giengen also beide hinein,

da er denn schrie)

Dritter Auftritt.

Schwester, Fraulein Base, Lady Grandison ist in die Wochen kommen. Es ist eine Fraulein. Ja nun, Madchens sind auch nicht zu verachten; aber ich denke, Sir Carl hatte lieber noch einen Jungen gehabt. Meinen Sie nicht, Fraulein Base?

Amalia. Er hat ja schon einen Junker; und so wird ihm das Madgen um desto lieber seyn. Er liest fort:

"Immer eine Kutsthe nach der andern. Oncle Selby

und seine Dame sind auch, da. Cornet Jacob hat

Urlaub. Ich muss hin und ihnen mein Compliment

machen."

Das war ein Mann fur Sie, Base. Wer weiss, was Ihr Bruder anstellt.

Amalia. Lesen Sie nur ruhig fort, ohne zu uberlegen, ob sich ein Cornet fur mich, oder ich mich fur

"Den 11ten. Die Gevattern sind erwahlet. Sir

Beauchamp, Lady G. und Sie, mein Hochgeehrte

ster Herr Oncle. Lesen Sie hier den Gevatterbrief

von Sir Carln."

(Diesen hatte der Magister noch unerbrochen in

Handen)

Das ist ja ein entsetzlicher Streich! Mich bittet Sir Carl zu Gevattern? Ich muss doch die Stelle noch einmal lesen. Ja, ja das hat mein Vetter angestort. Warte du Vogel! er liest fort:

"Wie auch der wurdige Doctor Bartlett."

Warum nicht der Superintendent von Londen?

Hier fiengen wir an, ihm Gluck zu wunschen, wor

auf er ganz gleichgultig antwortete: "Es ist

wahr, sprach er, mir wiederfahrt viel Ehre; aber

mein Beutel wird es auch empfinden. Was meint

ihr, Kinder, was soll ich Sir Carln einbinden?"

Der Magister. Ich dachte, gnadiger Herr, Sie gaben ihm gar nichts. Sir Carl ist sehr reich; er hat Sie aus Liebe und nicht aus Eigennutz gebeten. Der Herr von N. Das ist zwar wahr; aber das Geschenke ist auch nicht fur den Vater, sondern fur das Kind, welches nackend auf die Welt kommt. Ich dachte, gnadiger Herr, es waren zwei Thaler genug. Lassen Sie einen rechten schonen Kuchen bakken, so will ich beides nach Grandisonhall tragen, und mir ein tuchtiges Trankgeld verdienen.

Herr von N. Was meinst du, Schwester, wenn ich mein Portrait von der Gallerie nahm, etliche Diamanten darum setzen liess, und Jeremiasen damit fortschickte.

Fraulein von N. Sei nicht artig, Sir, wer wird solche grosse Bilder mit Brillanten garniren. Das war ein Werk von einer Million.

Herr von N. Du hast Recht; ich will ihm etwas an baaren Gelde schicken; so viel als ich bei diesen schlechten Zeiten entbehren kann. Funfzehn Gulden sind hinlanglich. Ich will ihm diese Summe in hiesigen Munzsorten schicken Creutzer sind in Engelland etwas rares vielleicht legt sie Sir Carl in Olivien ihr Medaillencabinet.

Amalia. Herr Oncle, funfzehn Gulden sind auch gar zu wenig. Wenn Sie Sir Carln ein Geschenk machen wollen, so mussen es wenigstens hundert Ducaten seyn.

Herr von N. Warum nicht tausend? Wovon sollte ich hernach leben, wenn ich mich zuvor durch ein solches Pathengeschenke zu Grunde richte? Mit einem Worte, es bleibt bei den funfzehn Gulden, damit kann Herr Grandison zufrieden seyn.

Horen Sie, Herr Magister, setzen Sie Sich gleich und schreiben mir eine witzige und galante Antwort auf Sir Carls Gevatterbrief. Gehen Sie aber mit den lateinischen Brocken etwas sparsam um: damit mich der Herr Gevatter fur keinen Schulcollegen halt.

(Der Magister geht ab, und er liest, indessen wei

ter:)

"Lesen Sie beikommenden Gevatterbrief von Sir

Carln. Ich habe die Uebersetzung dabei gelegt."

Wo ist denn der Gevatterbrief? ich habe ja keinen gesehen. Amalia. Der Magister ist damit fortgelaufen. Herr von N. Es ist wahr, er soll ihn beantworten.

Darauf fuhr er fort:

"Da ich das Absehen auf Dero Person zum voraus

merkte: so gieng ich sogleich nach Londen, und

liess mir ein prachtiges Kleid machen: damit ich in

eben dem Lichte erschien, in welchem Sie erschie

nen seyn wurden."

Da that er ganz recht: denn ich wurde mich wie ein Furst geputzet haben, wenn ich gegenwartig gewesen ware.

"Den 12ten. Nunmehro ist alles glucklich vorbei.

Rausch. Oncle Selby war auch nicht nuchtern.

Ich denke, es wird Niemand nuchtern gewesen seyn. Sollte Sir Carl an einem solchen Tag nicht ein Rauschgen haben: so sollte es mich sehr wundern. Hatte ich einmal Kindtaufe, ich tranke, so lange ein Darm hielt.

Amalia. Das trau ich Ihnen zu; Sie sollten aber uberlegen, dass es Niemand als eine Heldenthat ansehen wurde.

Der Herr von N. Nichts? das war was entsetzliches! Ein Edelmann muss sauffen konnen. Wie will er sonst bei Hof zurechte kommen? Mein seliger Vater konnte einen Eimer Bier in einem Sitze bezwingen: aber heut zu Tage gewohnen wir uns zu zartlich. Ich lobe mir die alten Zeiten. Da war keiner nicht gelitten, der nicht seinen Stiefel tuchtig saufen konnte

Amalia. Wir wollen uns uber die Vorzuge der alten Welt fur der heutigen nicht zanken. Lesen Sie uns nur den Brief weiter.

"Senden Sie nur ein ansehnliches Pathengeschenke:

denn man macht sich hier von Ihrem Vermogen

eben so grosse Begriffe; als von Ihrer Freigebig

keit."

Das ist ein loser Mann! Sie wurden Sich die Begriffe nicht machen, wenn er ihnen keme Gelegenheit dazu gab. Aber ich kenne Ihren Bruder; es soll bei ihm alles ins Grosse fallen. Es bleibt ubrigens bei den funfzehn Gulden. Du wirst diese Erzahlung so hinnehmen. Der ehrliche Oncle bleibt, wie er ist. Wir wollen zufrieden seyn, wenn er nur nicht schlimmer wird. Ich befurchte aber, er thut einen Schritt, der uns allen hochst unangenehm ist. So viel fur diesesmal von

Deiner

treuen Schwester

Amalia von S.

XVIII. Brief.

Der Herr von N. an den Herrn von S.

N. hall, den 30. August.

Lieber Vetter,

Uebersetzen Sie beikommenden Brief sogleich ins Englische. Es ist eine Antwort auf Sir Carls Gevatterbrief. Der Magister hat mir den Aufsatz machen mussen; ich denke, er soll eben so hoch, als gelehrt seyn. Ich habe funfzehn Gulden zu einem Geschenke beigelegt. Mehr kann ich gegenwartig nicht entbehren! zumal, da wir neulich von den Kroaten so mitgenommen worden sind. Ewig Schade, dass ich nicht in Person habe stehen konnen. Das ist ein verdammter Streich, dass die Clementine verheirachet ist. Hatte der Pumpernickel nicht warten konnen? Fraulein Ormen mag ich nicht; es scheint mir eine Wehklage zu seyn, die einen nur die Ohren vollwinselt. Nun ist also weiter nichts zu thun, als dass ich mich an Fraulein Julianen von W. wende. Ich wurde sie langstens von meiner Liebe uberzeugt haben, wenn ich nicht in Ansehung der Italienischen Grafin in Ungewisheit gewesen war. Nunmehro aber soll meine Braut eine einheimimehro auch ahnlich. Juliane weiss noch nichts von meinen Gesinnungen: wie wird aber das gute Kind erstaunen, wenn ich bei ihr ankomme, und mich zu ihren Fussen werfe? Vielleicht seufzt sie bereits in geheim nach mir. Ich will also kommen, schonste Juliane! ich komme gleich. Ihre Schwester ist recht, wie ich sie mir wunsche. Das Madchen macht mit, und wenn wir auf dem Kopfe tanzen wollten. So ist auch der Magister; wir leben mit einander wie Bruder. Das wird mir einmal ein lustiger Beichtvater werden, wenn der alte Pfarre abgehen sollte. Warum hat aber Sir Carl den Fresco castriren lassen? Ich wollte gleich noch funfzehn Gulden darum geben, wenn ich einen jungen Hund von der Race bekommen konnte. Gestern hat mir der Oberforster von Burgthal einen Hunerhund geschenket; er ist aber noch ziemlich roh; ich denke, der alte Magister soll ihn schon dressiren. Von unsern ubrigen Umstanden wird Sie Lampert benachrichtigen. Schliessen Sie mich als Ihren treuen Oncle in Ihren Abendsegen ein, wenn Sie anders einen beten, und erwarten von mir ein gleiches. Ich bin

Dero

getreuer Vetter.

XIX. Brief.

Fraulein Amalia an ihren Bruder.

Kargfeld den 4. Sept.

Dein letzter Brief hat meinen Oncle nunmehro ganz und gar gebildet. Sein Rock ist mit Golde besetzt; er geht bestandig im Degen, und zwingt sich zu einem sussen Lacheln; bisweilen aber sieht er den Magister mit so einer furchterlichen Mine an, als wenn er ihn fressen wollte.

Neulich hat er einen Kerl, welcher mit Zimmtwasser und Bezoartinctur durchs Dorf gieng, seinen ganzen Kasten abgekauft. Das ist meine Apotheke, spricht er, woraus ich die Bauern kuriren will, wenn etwa die Viehseuche unter sie kommt.

Die erste Kur ist indessen nicht wohl abgelaufen; und wenn man nicht noch einen ordentlichen Arzt zu Rathe gezogen hatte; so war der Elende gestorben. Wir durfen uns aber nicht unterstehen, nur den geringsten Zweifel in seine Geschicklichkeit zu setzen. Mir wollte er vorgestern mit Gewalt Bergol eingeben: da ich aber ernstlich aussah, und fortreisen wollte; so liess er ab, seine Kunst an mir zu versuchen. Das lustigste war ein Ball, den er uns am Mittewochen gab. Die benachtbarten Edelleute wurden durch den Jeremias eingeladen. Einen hiess er Oncle Selby, den andern seinen Beauchamp, seine Schwester Tante Loren, Fraulein Fiekgen seine Aemilia, mich aber, seine Charlotte. Unsere Gaste glaubten anfangs, er war rasend geworden.

Da ich ihnen aber das Geheimnis entdeckte, so wurde sein Vorhaben bewundert, und er in seiner Thorheit gestarkt. Der Schulmeister sollte mit aller Gewalt Alexanders Gastmahl auffuhren: da er nun dieses Singstuck nicht einmal den Namen nach kannte: so hiess ihn mein Oncle einen Barenhauter, und jagte ihn zur Thur hinaus. Er sieng indessen mit furchterlicher Stimme an: Reitzend, sanft in Lydischen Thonen etc.

Der Magister tragt das Seinige zu diesen Thorheiten redlich bei. Er will die Person Grandisons in Italien spielen. Des Pfarrers Tochter ist seine Clementine. Er sprach noch heute von ihr mit einer affenmassigen Entzuckung. Kurz darauf wiederhohlte er die Zeilen aus den Milton:

Nie gestand sie die Liebe etc.

Wir hielten darauf folgen des Gesprach. Amalia. Wissen Sie denn, Herr Magister, dass Hannchen eben die Neigung zu Sie hat, welche Clementine zu Sir Carln hatte? Sie mussen nicht alle Blicke eines Madchens zu ihrem Vortheile auslegen.

Der Magister. Die Eigenliebe, oder philautia, blendet mich nicht, gnadiges Fraulein; allein, ich denke, dass ich wegen verschiedener personlichen Eigenschaften ein Madchen ruhren kann.

Amalia. Es ist wahr, sie besitzen Vorzuge, unter welchen derjenige, dass sie Magister sind, der vornehmste ist. Einige Madchens aber haben einen wunderlichen Geschmack, und eine angenehme Bildung gilt bei ihnen mehr, als alle Gelehrsamkeit, und die dadurch erworbenen Kranze.

Der Magister. Sie bringen mich eben auf den rechten Punkt. Gefallt Ihnen meine Bildung nicht? habe ich nicht eine Habichtsnase wie Cyrus, und eine Warze daran wie Cicero? Mir deucht, dieser Schmuck konnte ein Madchen bezaubern; zumal wenn sie von der geheimen Bedeutung grosser und ansehnlicher Nasen etwas gelesen hat, und ausserdem weiss, welche grosse Manner Cyrus und Cicero gewesen sind.

Amalia. Sie werden doch jene Leute nicht deswegen hochachten, weil der eine, eine gebogene Nase, und der andere eine Warze daran hatte. Vielleicht ist die Nase bei dem einen, und die Warze bei dem andern, ein Fehler gewesen.

Der Magister. Gut, gnadiges Fraulein, ich sehe dergleichen Nase nicht als ein Essentiale an: aber mir deucht, ich hatte noch mehr Aehnliches mit dem Cyro, vornamlich aber mit dem Cicerone.

Amalia. Wollen Sie eine Vergleichung anstellen; so werden Sie mir eine besondere Gefalligkeit erzeigen.

Der Magister. Cicero war ein Redner; ich auch: ja, ich erhalte hier eben den Beifall, wenn ich den geistlichen Schifsschnabel betrete, welchen Tullius mit seinen Reden zu Rom erhielt. Jener war ein Patriot, und eifriger Vertheidiger der romischen Freiheit; ich bin beides hier auf diesem adlichen Hofe. Wem hat man die Verschonerung dieses Rittersitzes anders zu verdanken, als mir? Habe ich nicht die Wahrheit, dass es einen Grandison gebe, zuerst bekannt gemacht? habe ich ihn nicht zuerst nachgeahmt?

Amalia. Ich fuhle die Starke Ihrer Beweise. Sie so den Recht haben; Hannchen soll Sie lieben, und ich will sie selbst zur Gegenliebe uberreden.

Der Magister. Wo eine Conviction ist, da ist die Persuasion unnothig. Hannchen ist von meinem Werthe uberzeugt; sie liebt mich, und wurde wie Clementine narrisch werden, wenn ich unempfindlich war.

Amalia. Da die Sache schon so weit gekommen ist; so war mein Rath, sie liessen das arme Kind nicht so lange seufzen. Denn sollte das schone Hannchen in einen Enthusiasmum fallen; so hatten Sie es ewig zu verantworten. Es thun sich hier keine Schwierigkeiten hervor der General willigt ein Sie sind auch nicht katholisch, dass die Religion also eine Hindernis seyn konnte. Gehn Sie also immer zum alten Vater, und halten um die Tochter an.

Der Magister. Das will ich thun; aber aufrichtig zu reden, so muss ich erstlich meinen schwarzen Rock wenden, und nach der Mode machen lassen: damit die ausserliche Seite der innerlichen die Waage halt. Alsdenn werde ich alle Hindernisse uberwinden, meine Liebe gestehen, und Hannchen glucklich machen. Es kann unterdessen nicht schaden, wenn sich einige Schwierigkeiten hervor thun: ja es ist allen Liebhabern angenehm, wenn sie in der Liebe rechte hohe Geburge ubersteigen mussen.

Amalia. Sie reden etwas poetisch, Herr Magister; wunschen Sie Sich aber lieber keine Berge; Sie sind kein Jungling mehr, und ein einziger Hugel sollte Ihnen schon Arbeit genug machen. Kommt Hannchen ein junger Stutzer in Weg; so fallt der Magister Lampert in die Bruche.

Der Magister. Ach, was Stutzer! Hannchen ist die Tochter eines Geistlichen; ihr ist geistlich Fleisch gewachsen; ergo muss sie wieder an einen Geistlichen verheirathet werden.

Amalia. Das war ein vortreflicher Schluss! Wenn Sie ehedem so geschlossen haben; so sitzen die Leute, welche Sie zum Magister gemacht haben, leibhaftig in der Holle. Ist denn das Fleisch einer Pfarrstochter anders beschaffen, als das Fleisch einer Prinzessin? Gesetzt aber, Sie meinten ihre Gemuthsbeschaffenheit; so finde ich eben nichts stilles und heiliges an Ihrem Hannchen, wobei mir das geistliche Fleisch einfallen sollte, Sie ist so munter und lebhaft, wie eine Soldatentochter. Ein junger Fahndrich wurde ihr besser anstehen, als ein alter Magister.

Der Magister. Sie machen mir beinahe Angst. Da sich aber die Liebe bei ihr angefangen hat, so kann ich auch auf ihre Bestandigkeit schliessen.

Amalia. Woher wissen Sie aber, dass Hannchen in Sie verliebt ist? Und wie wollen Sie von der Bestandigkeit einer solchen Leidenschaft urtheilen, da wir oft von derselben wider unsern Willen hingerissen werden.

Der Magister. Von dem ersten Punkte uberzeugen mich ihre reitzenden Blicke. Einer ist matt, der andere sanfte, der dritte feurig. Die folgenden sind zum theil schmachtend, zum theil aber bemerken sie ein susses Bewustseyn. Der zweite Punkt aber, patet per se.

Amalia. Was heist das, patet per se?

Der Magister. Das will so viel sagen: wenn ein Madchen einmal liebt; so kann sie nicht leicht wieder aufhoren.

Amalia. Sie haben Recht; sie liebt immer; aber nicht einen und eben denselben Gegenstand: und dieses, glaube ich, wird der wahre Sinn der angefuhrten Worte seyn.

Der Magister. Machen Sie mich nicht weiter unruhig. Ich will meinen Herrn Principal um seinen Vorspruch bei Hannchen bitten. Sein Ansehen und ich zusammen genommen, wird einen Eindruck sowohl bei dem Vater, als bei der Tochter machen.

Amalia. Es ist wahr, mein Oncle vermag viel bei dem Pfarr; aber Hannchen darf nicht uberredet, vielweniger gezwungen werden. Es ist ein angenehmes und munteres Kind, und wir haben einander von Jugend auf geliebt. Suchen Sie ihr zu gefallen, vielleicht geht die Sache nach ihrem Wunsche.

Der Magister. Sie haben Recht. Clementine soll von meiner personlichen Vortreflichkeit bezaubert und erobert werden. Ich will eine Ode auf sie machen; ich will sie unter ihrem Fenster absingen. Giebt sie meiner Liebe Gehor; so stehe ich hier still; wo nicht; so suche ich andere Kunstgriffe hervor. Ich will sechs Monate blass wie der Tod aussehen; ich will mich in eine Hohle verstecken, den Bart und die Nagel wachsen lassen; ich will Gras fressen, wie Nebucadnezar: endlich wird sie doch weich, und uberwunden werden!

Weil mein Oncle seine Charlotte rufte, so mussten wir unsere Unterredung endigen. Morgen werde ich von hier ab nach Schonthal, und uber morgen nach Wilmershaussen zu meiner Juliane gehen. Dieses gute Kind erkundiget sich oft nach dir, und freut sich uber alle gute Nachrichten, welche ich aus Engelland erhalte. Sie hat sich zu ihrem Vortheile verandert, und besitzt alle Vorzuge unsers Geschlechts. Schreibe' mir bald und liebe mich ferner.

Amalia v.S.

XX. Brief.

Der Magister Wilibald an den Doctor Bartlett.

Kargfeld, den 16. August.

Hochgeehrtester Herr Doctor,

Vornehmer Gonner,

Wundern Sie Sich nicht, dass ein Unbekannter, aus einem entfernten Lande, das von den geheiligten Granzen der Britten durch einen Arm des grossen Weltmeeres abgesondert ist, sich die Erlaubnis erbittet, Ihre wichtigen Geschafte durch ein kleines Handschreiben zu unterbrechen. Der Ruhm eines Carl Grandison und mit dem seinigen der Ihrige, hat sich eben sowohl in meinem Vaterlande; als in den ubrigen Theilen der gesirteren Welt ausgebreitet. Das Licht, worinne ich Sie bei Durchblatterung der Geschichte des grossen Mannes erblickte, hat mich, gleich einem irrenden Wandrer, auf die Spur eines glucklichen Weges geleitet, und ich werde mich bemuhen ihn zu verfolgen, bis das Stundenglass meines Lebens ausgelaufen ist. Mochte ich doch so glucklich seyn, ihre Freundschaft zu verdienen! Vielleicht kann ich auf solche einen eben so gerechten Anspruch maPapist, und noch dazu ein Ordensmann ist, unsere Grundsatze stimmen viel genauer mit einander, als mit den seinigen uberein.

Der Posten, welcher Ihnen von dem Herrn Baronet anvertrauen ist, hat eine genaue Verwandschaft mit denn, welchen ich seit geraumer Zeit in dem Hause meines gnadigen Patrons verwalte, und wie ich hoffe, noch lange verwalten werde, dass ich es nicht habe Umgang nehmen konnen, mit Ihnen die Maasregeln zu verabreden, wornach wir in unsern wichtigen Aemtern handeln wollen, um in allen Stucken desto einformiger zu seyn. Mein Patron hat nur insonderheit anbefohlen, Sie zu ersuchen, Ihre Geheimnisse ratione der Unterweisung der Kinder, mir mitzutheilen. Ich denke, es siehet hier kein Brod- und Handwerksneid im Wege, der Sie etwann zuruck haltend gegen mich machen konnte. Wir wollen einmal die Propositionem indefinitam affirmantem: Figulus figulum odit, in propositionem particulariter negantem convertiren: Quidam figulus figulum non odit. Ich will Ihnen doch meinen modum, circa puerorum institutionem procedendi, kurzlich entwerfen. Vielleicht kommt er Ihnen etwann auf irgend eine Weise zu statten.

Ob mein Gonner gleich noch unverheirathet ist; so hat es Ihm doch niemals an Kindern gefehlet, er hat deren drei von seinem Bruder, der zeitig starb, erzogen. Nunmehro hat er Lust, sich selbst zu verheirathen und Kinder zu zeugen. Ich soll mich deswegen im Voraus anschicken, diese nach Sir Carls und Ihrem Geschmacke zu erziehen.

Es gehet nun in das zwanzigste Jahr, dass ich den Pulverem Scholasticum einschlucke, bei dieser langwierigen Praxi habe ich gefunden, dass es nothig ist, dass ein Docent, in Gegenwart seiner Untergebenen, eine Amtsmine annehmen musse, die Furcht und Gehorsam zu erwecken fahig ist. Wenn ich nach der Mithologie ein Bild eines klugen Hofmeisters entwerfen sollte; so wurde ich solches von dem Jupiter, Konige der Gotter, entlehnen. Wie dieser oft, in dustre Wolken eingehullt, bald mit seinen Donnerkeilen um sich wirft; bald einen gewaltigen Platzregen auf die durstige Erde fallen lasst, um sie zu Hervorbringung guter Fruchte geschickt zu machen; bald durch Sturm und Wirbelwinde, die faulen und ansteckenden Dunste vertreibt: so muss auch ein weiser Mentor, bald durch den Thon seiner donnernden Stimme, dem Muthwillen der Untergebenen zu steuren suchen; will dieses nicht helfen, wohlan! so blaue er ihnen den Rucken, und lasse einen Platzregen seines Backels nach dem andern darauf fallen. Was gilt es, fur solchen Sturmen werden Bosheit, Faulheit, Muthwille und das ganze Heer jugendlicher Thorheiten zitternd fliehen, und mithin dem Fleisse nebst allen Tugenden Platz machen. Sehen Sie, Herr Doctor, das ist meine Art mit Untergebenen umzugehen. Ich kann, ohne mich zu ruhmen, versichern, dass ich solchergestalt, manchen braven Mann gezogen habe, der Herr Baron von S.. ist davon ein lebendiger Zeuge. Jedoch ich merke, dass Sie auch wissen wollen, was fur Lectiones ich mit meinen Discipeln tractire, ich halte mich verbunden Ihnen auch hierinne zu willfahren.

Ehe ich noch die Geschichte Ihres Gonners kannte, begnugte ich mich, meinen Untergebenen das beizubringen, was andere meines gleichen der hochadlichen Jugend lehrten. Lesen und schreiben, ein Bisgen Christentum und das Einmaleins war alles, was ich docirte; so bald ich aber dieses Buch mit Verstande gelesen hatte, entwarf ich ein ganz neues Informationssistem. Vor allen Dingen merkte ich mir die Stellen aus der Geschichte, wo ausdrucklich einer Wissenschaft oder einer Geschicklichkeit, die der grosse Mann besitzt, gedacht wurde; hernach uberlegte ich, was fur Wissenschaften, mit den ausdrucklich benenneten, verwandt waren, und ohne welche jene nicht grundlich konnten erlernet werden. Durch Hulfe einer gesunden Vernunftlehre brachte ich folgendes Verzeichnis zu Stande. Haben Sie die Gewogenheit, Herr Doctor, es mit Fleisse durchzugehen, Anmerkungen, wo Sie es fur nothig erachten, hinzuzuthun, auch wo ich etwan sollte geirret haben, welches ich nicht glaube, meinen Aufsatz zu verbessern, ich bin in statu docilitatis. Verzeichnis derjenigen Wissenschaften und Geschick

lichkeiten Herrn Carl Grandison Baronets, zur

Nachahmung junger von Adel, aufgezeichnet von

einem Verehrer des grossen Mannes.

Sir Carl Grandison besitzt:

1) Eine feine Starke in den Grundsatzen der Religion, einfolglich auch in der Polemik, Kirchenhistorie, Kasuistik und andern damit verknupften Wissenschaften.

2) Verstehet er sich wohl aus die Rechte seines Vaterlandes: Diese grunden sich ursprunglich auf das naturliche Recht; das naturliche Recht gehort in die Weltweisheit; alle Wissenschaften der Weltweisheit sind miteinander verbunden: folglich ist er ein Logicus, Physicus, Metaphysicus, ein Moralist, und s.w.

3) Ist er ein grosser Oeconom. Die Oeconomie ist ein Theil der Philosophie, folglich lasst sich sowohl hieraus, als aus dem vorhergehenden Satze deutlich schliessen, dass er ein guter Philosoph ist.

Anmerkung. Eben dieses lasst sich auch aus allen

Handlungen seines Lebens ganz naturlich herlei

ten.

4) Er hat eine Hausapotheke, daraus folgt dass er ein Medicus ist, mithin verstehet er sich auf die Anatomie, Therapie, Pathologie, Chirurgie, Botanic, u.s.w.

5) Sir Carl spricht ausser seiner Muttersprache Franzosisch und Italienisch, mit diesen sind die Spanische und Portugiesische verwandt, folglich verstehe er auch diese. Er ist in Deutschland gewesen, ergo kann er Deutsch, vermuthlich auch Hollandisch, Danisch, Schwedisch, u.s.w.

6) Er hat eine vortrefliche Bibliothek. Eine Bibliothek kann nicht vortreflich seyn, wenn nicht lateinische, griechische, hebraische, lyrische und arabische Bucher darinnen sind. Da es nun bei Sir Carln unmoglich heissen kann: Salvete libri sine magistro; so folgt, dass er Lateinisch, Griechisch, Hebraisch, Syrisch, Arabisch, vermuthlich auch, Turkisch, Ungrisch, Russisch, u.s.w. verstehet. Ergo ist er auch ein guter Grammaticus und Criticus.

7) Er hat verschiedene Veranderungen an seinen Schlossern vornehmen lassen, er ist ein guter Baumeister, ergo auch ein guter Mathematicus.

8) Er ist viel gereiset, folglich verstehet er die Geographie und Historie.

9) Er denket vortreflich und erhaben, ergo ist er ein Redner und Poet.

10) Er ist ein Liebhaber der Antiquitaten, mithin auch der Inscriptionen, der alten Munzen, Bildsaulen, u.s.w.

11) Die Heraldic verstehet er meisterlich, folglich auch die Genealogie und Chronologie.

12) Er ist reich, und hat seinen Pachtern oft die Rechnung selbst abgenommen; ergo ist er ein vortreflicher Rechenmeister.

13) Er tanzt zur Bewunderung der Zuschauer; sitzt vortreflich zu Pferde; ficht zum Erstaunen, ergo ist er ein Tanzmeister, Bereuter und Fechtmeister.

14) Er singt wie ein Castrat und spielt wie der selige Handel das Clavier und die Orgel; er ist also auch ein Musicant. Unfehlbar kann er auch vortreflich trenschiren, zeichnen, zierlich schreiben, drechseln, schnitzen u.s.w.

Urtheilen Sie, Herr Doctor, ob ich nicht ex ungueleonem erkannt und abgemessen habe.

Noch einen Punkt, theurester Kirchenlehrer, ehe ich schliesse. Ich wage es, eine kuhne Frage an Sie ergehen zu lassen, darf ich mir versprechen, dass ich Vergebung von Ihnen erhalte? Sie sind die Gutigkeit selbsten, meine Offenherzigkeit soll mich Ihrer Verzeihung wurdig machen.

Ich empfinde bei mir einen Trieb zum ehelichen Leben, und ich bin Willens nach meiner Freimuthigkeit, Ihnen das Gestandnis zu thun, dass mich eine junge Schone, die einzige Tochter des hochadlichen Herrn Pastor Wendelins allhier gefesselt hat. Ich habe bereits oben gesagt, dass Sie das Vorbild aller meiner Handlungen sind, wurden Sie mir wohl Hoffnung machen, sich noch in den Ehestand zu begeben? Sie scheinen noch ein rustiger Mann zu seyn. Thun Sie es immer. Sir Carl ist ein Freund des Ehestandes, und Sie haben, wie es scheinet, gnugsames Auskommen, eine Frau zu ernahren. Kein Theil der Nachahmung Ihrer verdienstvollen Person wurde mir angenehmer und leichter vorkommen als dieser. Sollten Sie aber, wider Vermuthen nicht geneigt seyn, ehelich zu werden; so erzeigen Sie mir wenigstens die Gewogenheit und Ehre, in diesem Stucke der Abweichung von Ihnen, Dero Dispensation mir zu ertheilen. Ich erwarte mit Verlangen Ihre Entscheidung, um die Praliminarartickel meiner kunftigen Ehe zu unterzeichnen; oder das ganze Werk vor der Hand abzubrechen. Unter der Wiederholung einer nicht gemeinen Hochachtung gegen Sie, mein werthester Herr Doctor, und das ganze Haus der Grandisonen nennet sich

Dero

demuthiger Verehrer

L. Wilibald.

Der W.W. Doctor:

XXI. Brief.

D. Bartlett an den Magister Wilibald

Grandisonhall, den 12 Sept.

Hochedler, Hochgelahrter Herr,

Hochgeehrtester Herr Magister,

Ich war schon durch den Herrn von S. zubereitet, Sie zu lieben und zu verehren: Ihr Brief aber hat mich ganz bezaubert. Grossbrittannien hat zwar viele grosse Geister aus seinem Schose hervorgesendet: wenn ich aber gerecht urtheilen soll; so kann man den Herrn M. Lampert Wilibald unserm Neuton getrost an die Seite setzen. Ewig Schade, dass ein solcher Mann, wie Sie, kein Prasident einer grossen gelehrten Gesellschaft seyn, und dem menschlichen Geschlecht durch seine Empfindungen den Weg zur Gluckseligkeit aufschliessen soll! Sie urtheilen von dem Unterricht eines jungen Edelmannes mit einer unnachahmlichen Scharfsinnigkeit; und ich glaube, Sie waren im Stande, das Herz und den Verstand eines Cronprinzen zu bilden, und dennoch einen Aufseher der Lustbarkeiten am Hofe abzugeben, wie die Kunstfeuer anzuordnen. Ich bin nunmehro alt; allein ich habe dennoch die Obervon seinem Lehrer gehorig unterrichtet wird. Vielmals aber lege ich selbst mit Hand an, und vornamlich in den hohern Wissenschaften; ja ich hoffe, dass der junge Herr ein wurdiger Sohn Sir Carls werden werde. Sie werden leicht muthmasen, dass ich dabei ein geruhiges und hochst angenehmes Leben fuhre. Diese Ruhe ist mir nunmehro um desto schatzbarer; weil ich mich einen grossen Theil meines Lebens ausser meinen Vaterlande aufgehalten, und mit Jacob sagen kann: die Zeit meiner Wallfahrt ist 65. Jahr; wenig und bose ist die Zeit meines Lebens, und langet nicht von der Zeit meiner Vater in ihrer Wallfahrt. Wie sollte ich mir nunmehro in meinem Alter eine neue Unruhe uber den Hals ziehen, ein Weib nehmen; und wissen Sie, schatzbarer Freund, ich habe niemals einen rechten Trieb zum Ehestande gehabt, und ein englischer Geistlicher, wenn er grossere Wurden erlangen will, thut wohl, wenn er ein Junggeselle bleibt. Tillotson war der erste Erzbischoff von Canterbury, welcher eine Frau hatte. Sein Beispiel aber findet mehrere Tadler als Nachahmer. Da Sie hingegen in einer ganz anderen Verfassung stehen, und ausserdem einen heftigen Trieb zum Beiliegen empfinden, so heirathen Sie: um den Verweisen Pauli zu entgehen. Ihr Freund, der Herr v.S. hat mir ohnedem schon etwas von Ihrer liebe vertrauet, und wenn Sie die Schwurigkeiten heben konnen, so wird Sie Jungfer Hannchen zum gluckseligsten Magister von Deutschland machen. Ihrem Gebet empfiehlet sich hiermit

Dero

gehorsamster Diener u. Verehrer

Bartlett.

XXII. Brief.

Der Magister an Herrn Carl Grandison.

Kargfeld, den 17. August.

Hochwohlgebohrner Herr Baronet,

Gnadiger Herr,

Wenn ich Eu. Excellenz ganz und gar unbekannt ware, so wurde es nothig seyn, meine Unternehmung, Sie mit einem Schreiben zu belastigen zu rechtfertigen: so viel ich aber weiss, hat Ihnen der junge Baron v.S. von meinem Herrn Principal sowohl, als auch von meiner Person, bereits umstandliche Nachricht ertheilet. Dieses, und der besondere Auftrag meines gnadigen Herrn, werden mich entschuldigen, dass ich es wage, die Feder anzusetzen, und Eu. Excellenz schriftlich von der ausserordentlichen Hochachtung zu versichern, welche sich in den Herzen eines jeden von dem hochadlichen Hause, se, gegen Sie und die Blume der Welt, Dero verehrungswurdigen Frau Gemahlin, veroffenbaret. Es war vor kurzem Jedermann hier in der aussersten Besturzung, wegen der betrubten Nachricht, welche bekamen, dass Dero hochfreiherrliches Haus durch den todlichen Hinritt, Dero Frau Grossschwieger-Mutter, der alten Frau Shirley, in die tiefste Trauer ware versetzet worden. Die fromme selige Dame verdiente es, dass unser ganzes Haus in Thranen schwamm, da diese schreckende Zeitung ankam. Der gnadige Herr trug mir sogleich auf, ein Condolenzschreiben, welches, wie ich hoffe, Eu. Excellenz durch den Herrn Baron, wird eingehandiget worden seyn, in seinem Namen aufzusetzen. Ungeachtet dieser hohe Todesfall, sich bereits vor drei Jahren ereignet hat; so glaubte doch weder mein Herr Patron noch ich, dass es zu spate ware, desfalls eine Condolenz abzulegen. Wir wissen, dass, obgleich die ausserliche Trauer lange aufgehoret hat; Eu. Excellenz und Dero Frau Gemahlin doch niemals aufhoren werden, diese vortrefliche Matrone in ihrem Herzen zu betrauren. Mein Herr Principal, der sich nunmehro fur einem von den Ihrigen ansiehet, hat es unmoglich von sich erhalten konnen, diesen Trauerfall mit Stilleschweigen zu ubergehen; er hat sich vielmehr aus allen Kraften bemuhet, seine innerliche Trauer durch die gewohnlichen ausserlichen Zeichen zu erkennen zu geben. Allen Unterthanen des gnadigen Herrn wurde auf 14 Tage eine allgemeine Trauer angesaget. Und wenn im Schlosse selbsten eine Leiche gewesen ware, so hatten nicht so viele Thranen konnen vergossen werden, als wahrend diesen 14 Tagen, da von 11 bis zwolf Uhr Vormittage, und von 3 bis 4 Uhr Nachmittage das Trauergelaute gehoret wurde. Jedermann wunscht, dass das theure Haus der Grandisonen vor allen dergleichen Trauerfallen, in Zukunft lange bewahret, und bis in die spatesten Zeiten erhalten werde.

Es ist mir bekannt, dass Eu. Excellenz ein grosser Kenner der Werke der Gelehrsamkeie sind; ich weiss dass Dero gelehrtes Tagebuch mit den vortreflichsten Inscriptionibus, die man bei dem Grutero vergeblich sucht, mit Chronostichis, Chronodistichis, seltenen Anagrammatibus und andern dergleichen schatzbaren Dingen, aus den alten und neuern Zeiten pranget, gleich einem prachtigen Lustgarten, der mit allerley fremden und seltsamen Gewachsen ausgezieret ist. Ich schliesse daher sehr sicher, dass Sie ein grosser Liebhaber, und ein eben so grosser Kenner von dergleichen wichtigen Erfindungen sind. Dadurch wurde ich bewogen, da mir insbesondere der Todesfall Ihrer Frau Grossschwiegermutter die beste Gelegenheit darboth, mich in dieses, von mir bishero unbearbeitete Feld der Gelehrsamkeit zu wagen. Kein andrer Bewegungsgrund, als die Hochachtung gegen die verdienstvolle selige Matrone hat mich veranlasset, diejenigen Aufsatze zu verfertigen, welche sich dem scharfsichtigen Auge Eu. Excellenz im Anschlusse darstellen.

Konnte ich mir schmeicheln, dass diese meine Geburten Ihnen nicht misfielen, oder vielleicht gar auf Dero Beifall einen Anspruch machen durften, so wurde dieses zu einem edlen Stolz verleiten

Eu. Excellenz

unterhanigen Diener

und nachahmenden Verehrer

M.L. Wilibald.

Anschluss.

Erste Numer.

Aufschrift eines Epitaphii, welches der seligen Frau Shirley konnte errichtet werden.

Q.F.F.Q.S.

VIATOR.

QVICVNQVE. ES.

ADSTA.

ET. HOC. MONIMENTO.

MONITVS.

VENERARE. MANES.

MATRONAE. VENERABILIS.

HENRICAE. SHIRLEIAE.

EQVITIS. ANGLICANI.

EIVSDEM. NOMINIS.

QVAM. GENEROSI.

VIDVAE.

OMNES FELICITATIS. GRADVS.

EMENSA.

FELIX. FELICIOR. FELICISSIMA.

FACTA.

VIRTVTIBVS. FELIX.

RELIGIONE. FELICIOR.

INTER. CAELITES. NVNC.

FELICISSIMA.

SI. VITAM. QVAERIS. PAVCA.

CAPE.

NON. FVIT. FVIT. NON. EST.

ERIT.

HAEC. SCIRE. TVA. INTERFVIT.

VIATOR.

SED. SCIRE. TVVM. NIHIL. EST.

NI. SCIAS.

PROGENERVM. DEFVNCTAM.

HABVISSE.

VIRVM. SVI. NOMINIS.

CAROLVM. GRANDISONEM.

IAM. IN. REM. TVAM. ABI.

AC. MANIBVS.

QVIETEM. P.

Zweite Numer.

Ein Chronodistichon, welches unmasgeblich auf eine Gedachtnismedaille, der Wohlseligen zu Ehren, konnte geschlagen werden.

FraV ShIrLeI VVlrD, Der kVrzen Tage satt,

VVIe VVohL genVg betagt, gebraCht In DIese

RVhestatt.

Dritte Numer.

Ein Anagramma, welches etwann unter das Bildnis der seligen Frau, oder sonst wohin konnte gesetzet werden.

Frau Henriette Shirlei.

Durch Buchstabenwechsel.

Ja, reis' hin! Fleuch Retter!

Erklarung.

Ja, ja, reis' hin mein Geist nach jenen frohen Auen, Hier kannst du Canaan nur von dem Nebo schauen; Dort aber setzest du den Fuss bald selbst hinein, Dort wird es besser, als hier in der Wusten seyn. Fleuch Arzt du Retter fleuch und kerkre nicht die

Seele

Noch langer, durch die Kunst, in dieses Leibes Hohle. Sie macht sich Banden los; weg mit der Arzenei, Der Lebenstocht verglimmt, der Faden reisst entzwei! N.S. Ich war eben im Begriff einige lateinische Chronodisticha und Anagrammata zu verfertigen, um solche zugleich mit an Eu. Excellenz zu ubersenden; ich werde aber eben zur Tafel gerufen, und darf meinen Gonner nicht auf mich warten lassen. Ich eile, meinen Brief zu siegeln.

XXIII. Brief.

D. Bartlett an den Magister Wilibald.

Grandisonhall, den 14 Sept.

Hochzuverehrender Herr Magister,

Auf Befehl meines gnadigen Herrn, Sir Carl Grandisons, soll Eur Hoch Ed. fur die ubersendete Inscription auf das Grabmaal der seligen Frau Shirley den verbundensten Dank abstatten. Sie haben wirklich einen glucklichen Einfall gehabt. Sir Carl ist dadurch ermuntert worden, sogleich einen prachtigen Marmor uber der Gruft beruhrter Dame setzen, und die von Ihnen verfertigte Aufschrift einhauen zu lassen. Das Chronodistichon aber und das Anagramma sind Goldeswerth, und werden heilig aufgehoben, und von Kennern fur die ausserste Anstrengung des menschlichen Witzes gehalten. Unsere Nation ist in diesen Kunsten noch ganz unwissend. Wundern Sie Sich also nicht, gelehrter Freund, wenn Sie die konigliche Gesellschaft der Wissenschaften in Londen, zu einem Mitgliede angenommen hat, und Ihnen durch mich das Patent davon ubersendet. Sie sind dieser Ehre wurdig, und Jedermann wunschet Ihnen Gluck. Fahlands zu befordern, und der ganzen gelehrten Welt zu dienen. Denken Sie aber auch dabei an

Dero

aufrichtigen Freund,

Bartlett, Doctor.

N.S. Sobald die Stempel zur Gedachtnismedaille auf die selige Frau Shirley, auf welche das wohlausgedachte Chronodistichon, das Sie verfertiget haben, gesetzet werden den soll, gestochen ist; habe ich das Vergnugen, Ihnen die ersten Abdrucke dieser Medaille, als eine geringe Erkenntlichkeit fur Dero gelehrte Bemuhung, auf Befehl meines Gonners, zu ubersenden. In Gold wird sie 10 Ducaten wiegen, an Silber aber wird sie einem Speciesthaler gleich seyn. Sir Carl hat auf seinen Gutern 1000 Klaftern Holz schlagen lassen, um die Kosten dieser Gedachtnismunze davon zu betreiben.

Beilage zum vorigen Brief.

Nachdem Wir, Prasident, Director, und ubrige Mitglieder der koniglichen Gesellschaft der Wissenschaften, die seltenen Verdienste in sinnreichen Aufschriften, Buchstabenveranderungen und andern dergleichen Erfindungen, des Hochedlen und Hochgelahrten Doctors, erfahren, und einige vortrefliche Proben davon gesehen: So haben wir nach reiflicher Ueberlegung fur gut befunden, belobten Herrn Magister Lampert Wilibald, als ein Mitglied unserer Gesellschaft anzunehmen, und ihm daruber gegenwartiges Patent auszuhandigen: Es kann also gedachter Herr Lampert Wilibald, kunftighin aller Rechte eines Ehrenmitglieds sich bedienen, den Titel eines Membri honorarii fuhren, und in allen Fallen sich Unsers Schutzes getrosten. Dabei aber wird er von Uns ermuntert, ersucht und gebeten, dass er ins kunftige alle Monate etwas sinnreiches ausarbeite und nach Londen an Unseren Secretaire einschicke. Als, im Januario kann er ein Aenigma, im Februario ein Anagramma, im Martio ein Eteostichon, im April, ein Acrostichon, im Maio ein Palindromon oder versum cancrinum, im Junio ein Aequidicum, im Junio ein Echo, im Augusto ein Logogriphum, im Septrmber ein Epitaphium, im October ein Onomasticum, im November ein Sonet, im December ein Madrigal verfertigen, und eine Belohnung gewartig seyn. Urkundlich haben wir dieses Decret eigenhandig unterschrieben und mit Unserm Gesellschaftssiegel bedruckt. Londen den 6 Septemb. 1759 (L. S.)

Horatius Sherbury.

Nathanael Hervey.

bestandiger Secretair.

XXIV. Brief.

Der Herr v.N. an Sir Carl Grandison.

N. hall, den 1 Septembr.

Hochwohlgebohrner Baronet,

Vornehmer Freund und Gevatter.

Meine Bauren die Schlingel liegen mir heftig an, innliegende Supplik an Sie, mit einer guten Recommendation zu unterstutzen. Ich weiss nicht, wer es den Vogeln muss weiss gemacht haben, dass Sie der grosse Mann sind, der sich eine Freude daraus macht, allen armen Teufeln gutes zu thun. Sie haben das gute Vertrauen zu Ihnen, Sie wurden es nicht ubel deuten wenn sie den hochgeehrten Herrn Gevatter um eine Gnade ansprachen, und sie hoffen in Ansehung meines gultigen Vorspruchs keine abschlagliche Antwort zu erhalten. Ich will selbst die Gewahrung dieser Bitte als das erste Freundschaftsstuckgen ansehen. Sie haben mich zwar zu Gevattern gebethen, und das habe ich auch in allem guten vermerkt: wenn Sie aber meinen Unterthanen wiederum zu einer grossen Schelle auf den Thurme helfen wollten; so wurde ich das lieber sehen, als wenn ich von allen ihren Anverwand

Was macht den mein Pathgen gutes. Ich habe ein rechtes Verlangen, das kleine Ding zu sehen. Wenn mir Doctor Faust seinen Mantel borgte, so fuhre ich noch heute auf solchen, nach Engelland zu Ihnen. Seitdem Sie mich zu Gevattern gebethen haben, ist mir eine grosse Lust angekommen, selbst einmal taufen zu lassen. Ich bin der Jungsten eben keiner; ich bin aber doch auch kein Hogestolz. Wenn ich eine Henriette finden kann, so werde ich Ihrem Beispiele folgen und mich verheirathen. Ich kann es nicht leugnen, es ist ein hubsches Madgen in meiner Nachbarschaft, auf die ich ein Auge habe. Es sind tausend Dinge, wonach ich mich erkundigen wollte, und von denen ich genaue Nachricht haben mochte; mein Bartlett, der Magister Lampert, soll deswegen an meinen Neffen schreiben, geben Sie diesem von allen umstandliche Nachricht. Machen Sie meine Empfehlung bey Ihrer Frau Liebste, ich lasse ihr zum glucklichen Kirchgange, wie ich hoffe, gratuliren. Ihren Schwestern und Schwagern, dem guten ehrlich Oncle Selby und allen die mich kennen, empfehlen Sie mich. Ich verharre

Meines werthen Herrn Gevatters

gehorsamster Diener

v.N.

XXV. Brief.

Die Gemeinde zu Kargfeld an Herrn Carl Grandison.

den 26 August,

Hochwohledelgebohrner, Gestrenger Herr,

Eu. Hochwohledelgebohrne und gestrenge Herrlichkeiten wird wohl aus den offentlichen Avisen nicht unbekannt seyn, welcher Unglucksfall unsern armen Ort, das Hochadliche Gerichtsdorf Kargfeld am 27 Julius jetztlaufenden Jahres zwischen 11 und 12 Uhr Vormittage betroffen hat. Es hatte namlich unser gestrenger Herr, der Hochwohlgebohrn. Herr Ehrhard Rudolph v.N. Erd-Lehn und Gerichtsherr auf Kargfeld Durrenstein et cact. den 19 obbemeldeten Monats eine ehrbare Gemeinde fordern, und da manniglich im hochadlichem Schlosshofe erschien, durch den Herrn Hofmeister, Ehrn M. Lampert Wilibald anzeigen lassen: dass eine gewisse hochadliche Matrone aus der Familie unsres Erbherrn in Engelland Todes verfahren ware, und dieserwegen christl. Gebrauch nach, das gewohnliche Trauergelaute 14 Tage lang, jeden Tag zwo Stunden, sollte angeordnet werden. Sammtliche Gemeinde versprach, nach dem Befehle des geSchulze forderte alle Tage 2 Frohner zum Gelaute. Am 27 Julius, da Adam Riese und Georg Velten zur Frohne litten, borstete die grosse Glocke. Die Leute machten allerlei Auslegungen daruber, einige wollten sagen, die beiden Nachbarn, welche damals lauten mussten, hatten die Glocke gestohlen und eine von Topf davor in den Glockenstuhl gehanget. Nachdem sie aber von den Geschwornen ist besichtiget worden, hat es sich gefunden, dass die rechte Glocke zwar noch an Ort und Stelle ist; aber einen grasslichen Riss bekommen hat. Da nun durch dieses Ungluck unsere liebe Kirche ihren Schmuck und der Kirchthurm, seine Bassstimme verlohren hat; unsere Gemeinde aber, seit der Schwedenzeit, wegen vieler Unglucksfalle, die aus dem Kirchenbuch, sub littera A ausgezeichnet, zu ersehen sind, auf das ausserste herunter gekommen ist, dass es nicht in ihren Kraften stehet, wiederum eine tuchtige Glocke giessen zu lassen; das liebe teutsche Vaterland auch durch den schadlichen und landverderblichen Krieg dergestalt mitgenommen ist, dass wir uns keine sonderliche Beisteuer daraus versprechen konnen: so ergehet unsere demuthige Bitte an Eu. Hochwohledelgebohrne und gestrenge Herrlichkeit, Sie wollen durch Ihr vielgeltendes Vorwort, bei der hohen Obrigkeit Ihres Landes es dahin bringen, dass in ganz Engelland eine Collecte fur unsere arme Kirche eingesammlet, und uns solche getreulich ubersendet werde. Solche hohe Gnade werden wir icht nur mit geziemenden Danke erkennen; sondern auch dem Glockengiesser anbefehlen, Eu. Hochwohledelgebohrnen hohen Namen, oben uber unser Gerichtsherrn und des Herrn Pfarrers Namen dankbarlich an die neue Glocke zu setzen. Verharrende

Eu. Hochwohledelgebohrnen und gestrengen

Herrlichkeit

Kargfeld,

1759

unterthanige

Hanns Sachs,

Schultheiss.

Lorenz Lobesan, Ludimagister und Gemeindeschreiber, concepit.

Thomas Hebebaum,

Gemeinde Vorsteher.

Sebastian Kleinmann,

Kirchvater.

A.

Auszug des Kirchenbuches zu Kargfeld, was fur Unglucksfalle besagten Ort seit der Schwedenzeit betroffen, und wodurch die Gemeinde daselbst gar sehr mitgenommen worden ist. Anno 1634 den 9 Junius marschirte die schwedische Armee unter dem General Baner durch das Dorf, die Bagage ging hinten weg. Die Reuter hausseten sehr ubel. Sie zogen ihre Pferde in die Stuben, und haben Matthesen ein ganz Gebraude Bier ausgesoffen. Im Schlosse lag der Stab. 1637 den 3 August kam der General Pallasch, (dieser Name ist sehr undeutlich geschrieben, der Herr Pfarr sagt, er hiesse Gallas,) mit einem Corpo Kaiserlichen bei hiesigem Dorfe an, und lagerten sich auf dem Ganserasen. Die Nachbarn mussten ihnen Essen und Trinken hinaus tragen. Des Nachts hieben sie die Satzweiden um und machten viele Wachtfeuer davon. Der Herr Pfarr behielt nicht einen Korb voll Ruben auf seinen ganzen Acker. Des Morgens fuhr die Herrschaft hinaus ins Lager, welches vielen Leuten nicht gefallen wollte. 1642 des Abends vor Petri Stuhlfeier kam ein Trupp Reuter in das Dorf und quartierte sich ein. Der Herr Pfarrer musste den Hauptmann einnehmen, der schalt ihn einen Pfaffen und seine Frau noch arger. Des Morgens wollten sie Schulzens Ilsen mitnehmen, und hatten sie schon auf ein Pferd gesetzt; sie wurde aber wieder losgebeten. 1653 wurde das neue Schloss zu bauen angefangen. Da gieng es an ein Frohnen, alle neun Tage kam die Reihe herum. 1657 den 11ten December in der Nacht, kam bei der tollen Aenne Feuer aus, welches 9 Hauser mit Scheunen und Stallen verzehrte. 1671 starben viele Leute, das trug mir und dem Herrn Pfarrer etwas ehrliches ein. 1677 wurde Martha, Saufsteffens Wittib, wegen des Verdachts, dass sie eine Hexe ware, eingezogen. FH hatte immer wegen ihrer rothen Augen kein gutes Vertrauen zu ihr. Ob ich gleich von ihren Kindeskindern kein Schulgeld nahm; so hat sie mir doch, weil ich das eine Madchen geschlagen, durch ihr giftiges Anhauchen, bei nuchternem Morgen, einen dicken Backen gemacht. Des Herrn Pfarrers Ganse

hat sie alle in einer Nacht gesterbet, und ihnen die

Kopfe abgebissen, als wenn es das Ratz gethan

hatte. Sie konnte sich in eine schwarze Katze mit

feurigen Augen verwandeln, und hat mir einmal

selbst in dieser Gestalt, da ich aus der Schenke

nach Hause gieng, begegnet. Der Bose ist in Men

schengestal bei ihr ein und ausgegangen; hat seinen

Kuhfuss aber doch nicht recht verstecken konnen,

ob er gleich oftmals Stiefeln angehabt.

1678 wurde diese Unholdin vor dem Dorfe auf dem Anger verbrannt. Sie ist auf die 20 und mehrmal auf dem Blocksberge gewesen, und Steffgen ist alle Jahr 2 mal bei ihr eingefahren, ob er gleich niemals, ausser das letzte mal, ist gesehen worden.

Furm Drachen uns bewahre Gott

Und trage uns aus aller Noth.

1680 zu Ende des Jahres und zu Anfang des folgenden, stund ein grosser Comet uber unserm Dorfe, und kehrte den Schwanz gerade nach dem Edelhofe zu. Etliche meinten, der alte Herr wurde es wohl nicht lange mehr machen. 1683 ruckte der Turke vor Wien, vom 29 August dieses Jahres bis zum 14 des Christmonats, da die

von Wien weggeschlagen waren, musste ein Mann

aus der Gemeinde Tag und Nacht auf dem Thurme

wachen, um ein Zeichen zu geben, wenn er Turken

sahe, damit sich Jedermann retten konnte.

1687 im Julius wurden durch ein schweres Ungewitter alle Feldfruchte in unsrer Fluhr verhagelt. 1692 kurz vor der Erndte fiel ein Volk Heuschrecken auf unsere Krautlander, deswegen musste die ganze Gemeinde durch schreien, schiessen, trommeln und allerhand Gerausche sie zu vertreiben suchen; es wollte aber nichts helfen, bis ich selber meine Stimme erhob, und auch so glucklich war, dass ich sie in einer halben Stunde alle aus unsrer Flur wegschrie. Davor bekomme ich jahrlich auf Jacobstag 2 Kannen Bier. 1699 in der Nacht vom 13 auf den 14 Hornung brachen die Diebe im Schlosse ein; der Nachtwachter und des gnadigen Herrns Bollenbeisser verjagten sie aber, dass sie nichts wegbringen konnten. 1709 war so ein grimmig kalter Winter, dass die Orgel mit heissen Steinen musste erwarmet werden, damit der Wind in solcher unter der Music nicht einfrieren und der Generalbass gehemmet werden mochte. 1713 fiel N.N. der Gemeindevorsteher mit einer Weibsperson von der Bank, und kam deswegen vom Dienste. 1719 wurde Herr Lorenz Lobesan Schuldiener und Kuster in Kargfeld. 1722 im August wollte der kleine Samuel von einem Kornfuder herunter springen, und brach ein Bein. 1728 in diesem Jahre hat das Vieh nicht gedeihen wollen. Es kam ein gewaltiges Sterben unter die Bienen, meine zwei Stocke giengen auch darauf. Bernd dem Scheerenschleifer ist im Fruhjahr ein Schwein ersoffen. Hin und wieder ist auch durch die grossen Wasser vieler Schade geschehen. 1735 den 19 October hatte sich der Herr Schulmeister auf einer Kindtaufe, da er einen Braten trenschiren wollte, beynahe den Daumen weggeschnitten. 1744 gieng wieder ein Comet knapp uber unsern Dorfe weg, wer oben auf der Spitze des Kirchthurms gewesen ware, hatte ihn leichtlich mit der Hand erlangen konnen. 1759 den 20 April marschirten etliche Regimenter Kaiserliche Turken durch das Dorf, welches Jedermann in grosse Furcht und Schrecken setzte. Mir haben sie 2 Ganse und dem Schulzen ein Schwein mitgenommen. Das waren, barbarische Leute.

il fin.

XXVI. Brief.

Fraulein Amalia an ihren Bruder.

Schonthal, den 9. Sept.

Fraulein Julgen ist eben von mir weg, ich schicke mich dahero an, meinem geliebtesten Bruder von den hiesigen Begebenheiten, meinem Versprechen gemass, getreue Nachricht zu ertheilen. Ich weiss nicht, ob ich meine Erzahlung von dem Fraulein von W. oder von unserm Oncle anfangen soll, beide geben mir sehr viel Materie an die Hand. Nur ein paar Worte von Fraulein Julgen. Die gottlose Stiefmutter will sie durchaus in einen Stift thun, sie kann sie nicht vor Augen sehen. Die bose Frau ist ein rechtes Marterholz fur das gute Kind. Diesen Morgen kommt sie in ihr Zimmer: Ich werde Ihnen Gluck wunschen mussen, liebes Julgen, der Herr von N. unser guter Freund und Nachbar wird mit ehestem um sie anhalten. Gestehen Sie es nur, Sie sind Ihm nicht gram, ich merkte es wohl, beim Feuerwerke, wie Sie doch so schlau lacheln konnten, wenn er scherzte. Nicht wahr, Sie sind Ihm ein Bisgen gut? Die unverschamte Frau! das liebe Kind mit einem Liebhaber, der Ihr Grossvater seyn konnte, zu peinigen, Sie kann es nicht verantworten. Sie spricht, Julgen hatte die Wahl, entweder in den Stift zu gehen, oder den Herrn v.N. zu heirathen. Sie scherzet in der That, der Scherz ist aber so unrecht angebracht, dass das Fraulein sich zu Tode daruber argern mochte. Ich weiss dass du meiner Freundinn dein ganzes Mitleiden schenken wirst. Ich will diesen traurigen Affect nicht weiter regen; unser Oncle liefert scherzhaftere Auftritte, durch die Niemand sonderlich beleidiget wird; inzwischen wunschte ich doch, dass wir nicht auf Kosten des Bruders unsrer Mutter lachen durften. Nun ist die Sache nicht mehr zu andern, wir wurden uns vergebens bemuhen, ihm eine Grille, die er sich so feste in den Kopf gesetzt hat, auszureden. Manchmal kommt es mir vor, als wenn er wirklich Vortheil daraus gezogen hatte. Er flucht in der That nicht mehr so grimmig, wenigstens nicht mit so anstossigen Worten als ehedem.

Neulich hat er in seinem Hause wiederum eine Aenderung vorgenommen; der Coffee ist daraus verbannet worden. Fruhe Thee, Nachmittags Thee, auf den Abend Thee; es mag kommen wer da will, der muss Thee trinken. Warum? Sir Carl Grandison trinkt vor und Nachmittage Thee, und in Engelland ist es Mode, die Gaste mit Thee zu bedienen. Unser Oncle trinkt alle Tage eine ziemliche Portion davon. Nun, denke ich, hat er sich eher fur der Wassersucht, als fur der Schwindsucht zu furchten. Vor einigen Wochen, da er eben anfieng zu grandisoniren, erzahlte er mir, dass er vorgestern den Anfang gemacht hatte, seine Leidenschaften zu uberwaltigen, dieses gab uns zu einer Unterredung von einem seltsamen Innhalte Anlass, der noch einen seltsamern Erfolg hatte. Ich schrieb sie auf, sobald ich nach Hause kam, um dir solche mitzutheilen. Hier ist sie.

Der Oncle. Das sollen Sie sehen, Fraulein Base, dass ich alle meine Leidenschaften, noch vor Ausgang der Woche, vollig in meiner Gewalt haben will.

Amalia. Das ist ein sehr edler Entschluss, Herr Vetter, der Ihnen wirklich Ehre macht; gesetzt, dass Sie auch mit dieser Unternehmung nicht so schleunig zu Werke gehen konnten, als Sie wohl denken.

Der Oncle. Nein nein, wenn ich mir etwas vornehme, so muss es durchgesetzt werden, es koste auch was es wolle. Das ware der Teuf , das ware doch viel, sage ich, wenn ein Mann der in Italien mehr als 100 Kopfe commandiret hat, seinen eigenen Schadel nicht konnte zurechte bringen!

Amalia. Erlauben Sie, Herr Vetter, ich halte es viel leichter, andrer Leute Kopfe zu commandiren, als seinen eigenen.

Der Oncle. Was der Donnerstag und das Wetterglas ware es denn auch fur eine Kunst, wenn es keine Schwurigkeiten hatte. Ich weiss wohl, dass sich meine Leidenschaften, die Canallien, wider mich emporen werden; aber der Himmel sei ihnen gnadig, wo sie sich regen. Ich habe wohl eher einen Eisenfresser von einem Kerl, der nur so aussahe, als wenn er mit meinem Commando nicht zufrieden ware, krumm schliessen, und unter die Pritsche werfen lassen, sollte ich denn nicht meine narrischen Affecten eben sowohl bezwingen und unter die Bank stecken konnen?

Amalia. Ich habe das beste Zutrauen zu Ihnen; und wenn ich mir gleich nicht vorstellen kann, dass Sie so geschwinde von sich Meister werden: so hoffe ich doch, dass Sie es, in kurzer Zeit, mit Bezwingung Ihrer Leidenschaften, sehr weit bringen werden.

Der Oncle. Nicht doch, nicht doch! Was ich einmal gesagt habe, dabei bleibt es. Die Hunde, die bosen Leidenschaften, mussen vor Sonnabend Abend alle dort in meiner Schwester Strickbeutel stecken. (ich lachte.) Sie lachen? Wollen Sie mir nicht glauben? Wohlan, Sie sollen Wunder und Zeichen sehen. Sie denken, es ware etwas, das ich mir gar nicht abgewohnen konnte Der Brandewein Nicht wahr? Sie haben Recht, es wird eine grosse Ueberwindung kosten. Das, und noch ein paar eingewurzelte Hausfluche sind noch Ueberbleibsel von dem Soldatenleben. Aber bei meiner Ehre, diesen habe ich bereits den Laufzettel gegeben, und mit jenem werde ich kurz Federlesen machen.

Ich war in der That sehr froh, dass er diesen Vorsatz hatte. Wenn es doch sein konnte, dachte ich. Ich muss ihn bei diesen guten Gedanken zu erhalten suchen, ich reizte seine Ehrbegierde.

Amalia. Alles will ich Ihnen gern glauben; aber dass Sie diesen heldenmuthigen Entschluss glucklich ausfuhren sollten, das traue ich Ihnen nicht zu. Indessen ist Ihr Vorsatz, eine Gewohnheit zu unterlassen, die Ihrer Ehre oft Eintrag gethan hat, so vortrefflich, dass er, wenn er auch gleich nicht zur Wirklichkeit kame, Ihre Ehre doch in meinen Augen wieder herzustellen scheinet. Ich kann nicht leugnen, Leute die dem Trunke ergeben sind, und besonders ein Getranke lieben, darinne sich nur der Pobel ubernimmt, sind mir verachtlich, sie mogen seyn wer sie wollen. Sehen Sie, ich rede offenherzig, Herr Vetter; ich rede so mit Ihnen, wie ich mit dem Sir Grandison reden wurde, wenn ich ihn jemals trunken gesehen hatte.

Mein Oncle stieg stillschweigend auf, und gieng aus den Zimmer, ich dachte er ware bose. Kurz darauf kam er wieder mit der gewohnlichen Flasche im linken Arme, und einem Romer in der Hand. Er setzte Beides auf den Tisch.

Der Oncle. Nun sollen Sie sehen, dass ich im Stande bin, dasjenige auszufuhren, was ich mir einmal vornehme. Hier an diesen Werkzeugen des Teufels, (er wies auf die Flasche und das Glas) will ich eine schreckliche Execution ausuben.

Er eilte damit zum Fenster, ich hielt ihn zuruck. Lassen Sie Ihre Rache nicht auf die Unschuldigen fallen. Was hat die arme Flasche gethan, dass Sie so barbarisch mit ihr umgehen wollen? Wenn Sie eine Rache uben wollen, so thun Sie es an ihrem Feinde, denn Getranke, das die Flasche aufbehalt, dieses verdienet ihren Unwillen.

Ich nahm die Flasche, und wollte den Brandewein zum Fenster hinaus schutten.

Der Oncle. Leichtfertige Base, was wollen Sie machen, Sie werden doch nicht Gottes Gabe auf die Gasse schutten?

Amalia. Ja, das will ich. Es wird in Absicht auf den Misbrauch, der damit vergehen konnte, ein gutes Werk seyn, wenn ich es wegschutte.

Der Oncle. Nein, ich werde nicht zulassen, dass Sie meinetwegen sundigen. Ich will das Bisgen Couragewasser, das noch in der Flasche ist, austrinken, dieses wird meinen Muth starken, dass ich in dem Vorsatze beharren kann, dieses schadliche Getranke auf ewig zu verschworen.

Amalia. Mein gutes Zutrauen gegen Sie wird sich wieder verliehren, wenn Sie dieses thun. Haben Sie ohne Ihren Leibtrank nicht Muth genug ihre bosen Leidenschaften zu beherrschen; so werden Sie bei demselbigen noch viel weniger im Stande seyn Ihr Vorhaben ins Werk zu richten.

Der Oncle. Ha, ha! Basgen, uber ihre Rockenphilosophie lache ich. Meine Ehre setze ich zum Pfande, dass ich meinem Leibtranke heute gute Nacht gebe.

Er schenkte sich in der Geschwindigkeit ein Glas nach dem andern ein, trank auf ein ewiges Lebewohl, auf Nimmerwiedersehen, auf das gluckliche Halsbrechen seiner Flasche, und s.w. Da sie leer war, schien er tiefsinnig zu werden, er gieng dreimal die Stube auf und ab, mehr als einmal offnete sich sein Mund zum Reden, er war aber nicht im Stande ein Wort hervorzubringen. Endlich fieng er plotzlich an: Nichts! Keine Einwurfe! Entferne dich auf ewig du Ungeheuer von einer Leidenschaft. (Er ergriff die Flasche.) Lebe wohl du redliche Gefehrtin meiner Tage. Du mein Labsal hast mich oft ergotzet. Dein Nektar erwarmte mich, da ich uber den kalten Alpen stieg, und erquickte mich, wenn mich die Sonnenhitze in Italien entkraftet hatte. Ich beweine dein Schicksal, meine beste Freundinn: aber es ist besser, dass ich dir den Hals breche, als dass du mir eine betrubte Erinnerung, oder wohl gar wiederum ein qualendes Verlangen nach den Wohlthaten erregest, die ich ehedem aus dir genossen habe. O Grandison, Grandison! Wusstest du meinen heroischen Entschluss, du wurdest ihn billigen. Er riss das Fenster auf, und warf die getreue unschuldige Flasche mit dem Romer wider eine unbarmherzige Mauer, dass beide in tausend Stucke sprangen. Ich liess ihn gehen. Bis hieher ist er seinem Vorsatze getreulich nachgekommen, und hat nicht das geringste Verlangen nach seiner Panacee, wie er es nennte, merken lassen. Dahero trinkt er eine abscheulige Menge Thee und ein gut Glas Wein. Seine Gesundheit hat nichts gelitten. Manchmal komme ich auf die Gedanken, dass wir unserm Vetter ein rechtes Freundschaftsstuckgen, durch deine Erfindungen erwiesen haben; manchmal bin ich aber auch auf uns alle bose. Du hattest einmal in einem Briefe den Tod der Frau Shirley berichtet, unser Vetter legte deswegen tiefe Trauer an, wir trauerten nicht, und fuhren nach Kargfeld, um einen Besuch bei ihm abzulegen. Solltest du wohl glauben, dass er uns den Thorweg vor der Nase zumachen liess? Wir mussten umwenden. Meine Schwester und ich verschworen es, seine Thurschwelle jemals wieder zu betreten. Mein Schwager hat seinen Spass daruber. Er zog sich den andern Tag schwarz an, als wenn seine Mutter gestorben ware, wir mussten unsres Protestirens ungeachtet mit ihm fahren. Verwunscht! Ich musste eine schwarze Florkappe uberhengen; meine Schwester auch. Nic habe ich mich so sehr geschamet als damals. Das ist wohl die erste alte Frau aus einem Roman die wirklich ist betrauret worden. Unser Oncle liess gar lauten; und wenn der Pfarrer ware zu bewegen gewesen, so hatte die gute Frau eine Gedachtnisspredigt, und eine Parentation bekommen. Ueber diesen Possen ist die Glocke in Kargfeld gesprungen, unser Oncle soll eine neue giessen lassen oder die Bauren wollen ihn verklagen Es gehet die Rede, der Magister hatte der Gemeinde in Kargfeld unter dem Fuss gegeben, sie sollten eine Bittschrift an den Sir Grandison aufsetzen, und um eine Collecte fur die Kirche bei ihm anhalten; vielleicht ist es etwan schon geschehen. Der Pastor Wendelin hat am Sonntage vor 8 Tagen, unsern Vetter dergestalt abgekanzelt, weil es eben der Text so mit sich brachte, dass alle Bauren nach dem adlichen Stuhle gesehn haben. Von unsern Familien Umstanden weiss ich nichts zu sagen, als dass meine Schwester immer bishero gekrankelt hat. Es kann seyn, dass unser Oncle in einem halben Jahre zweimal Gevatter wird. Nun habe ich mich von Neuigkeiten so ausgeleeret, dass ich nichts mehr zu sagen weiss, als eine alte Wahrheit: dass nie ihren Bruder zu lieben aufhoren wird, dessen

aufrichtig ergebene Schwester

Amalia v.S.

XXVII. Brief.

(Die zwei folgenden Briefe waren in den vorigen

eingeschlossen.)

Schonthal den 6 Septembr.

Lieber Bruder,

Der Magister Sancho ist ganz unruhig. Seine Clementine will noch nicht so recht tiefsinnig werden; und er hat sich doch vorgenommen, ihr nicht eher mit seiner Gegenliebe zu Hulfe zu kommen, als bis sie halb rasend ist.

Wenn er sie in den Pommeranzenwaldgen antrifft, so geht sie, um ihre Glut zu verbergen, in den Griechischen Tempel; oder deutlicher zu reden: sie springt durch die Johannisbeerbusche in das Gartenhaus. Er verfolgt sie, und sie will wieder ausreissen. Darauf schreiet er: bin ich denn ein getalischer Lowe, oder ein grausamer Tieger, dass Sie so vor mir laufen? Sie seufzet, sie sieht ihn schmachtend an, und spielt ihre Person vollkommen wohl. Dieses verstellte Wesen macht den grossten Eindruck in ihn. Er kam gestern mit einer tiefsinnigen Mine zu mir, da ich eben in Kargfeld einen Besuch abstattete, und wir hatten fol

Der Magister. Ach, gnadiges Fraulein! ich muss Ihnen meine ganze Schwache entdecken Hannchen dauert mich, das gute Kind empfindet die Liebe; sie weiss aber nicht was ihr fehlt. Sie will wie Clementine blass werden, und sich auszehren.

Amalia. Sie sind doch ein grausamer Mensch, dass Sie mit dem guten Kinde so verfahren. Gehn Sie, und entdecken Sie ihr dasjenige, was Sie empfinden, ehe das arme Madchen stirbt.

Der Magister. Nein, das kann ich noch nicht. Soll der Roman nach Italienischen Gusto ausgefuhret werden; so ist in einem halben Jahre, noch an keine ausdruckliche Liebeserklarung zu denken.

Amalia. Ich dachte aber, da weder die Religion noch der General im Wege ist; so konnte die Sache etwas abgekurzt werden.

Der Magister. Nein, das geht profecto nicht an. Wenn Sie aber Frau Beaumont seyn, und meine Clementine ausforschen wollen; so thun Sie nur eine Gnade.

Amalia. Ich bin schon etliche mal die forschende Frau Beaumont gewesen; Hannchen aber hat nicht die aufrichtige Clementine seyn, und mir das Geheimnis ihres Herzens anvertrauen wollen. So viel aber merke ich: sie ist verliebt.

Der Magister. Gehn Sie nur recht auf den Grund. Sie mussen ihr Herz bis auf die ersten Bestandtheile analisiren, die sich nicht weiter zergliedern lassen. Sie mussen meinen Namen nennen, und sehen, ob sie roth wird; Sie mussen meine Gelehrsamkeit, mein Ansehen in der gelehrten Welt, und die Hoffnung zu grossen Ehrenstellen ruhmen, und auf alle Blicke dieses schlauen Kindes Achtung geben. Sie wird sich verrathen, ich gebe ihn mein Wort, sie wird sich verrathen.

Amalia. Wissen Sie was, Herr Magister! da Sie die Maximen eines Spions so gut im Kopfe haben; so forschen Sie ihre Clementine selber aus. So viel melde ich Ihnen: dass Sie Hannchen wahrscheinlicher Weise nicht liebt, sondern einen andern.

Der Magister. Wie, sie liebt mich nicht? Beim Jupiter! das thut sie. Ich wurde sonst auf Rache bedacht seyn, und meinen Nebenbuhler den Halsbrechen.

Amalia. Heist das dem Grandison nachgeahmt? O wie fein haben Sie Sich gebessert!

Der Magister. Nicht doch! das war meine Meinung auch nicht. Ich will aber auf jeden Liebhaber meiner Clementine eine Satire machen, und die Kerls so argern, dass sie fur Aergerniss sterben sollen.

Amalia. Machen Sie was Sie wollen. Ich bin eben im Begriffe, einen Besuch bei Hannchen abzustatten. Vielleicht kann ich etwas fur sie thun.

Der Magister. Hochst vortrefliche Fraulein, thun Sie es, ich kusse Ihnen den Rock.

Du siehst geliebter Bruder, wo es dem alten Magister fehlt. Er schickt sich gut zum ganzen Lustspiele. Ich will nur gerne sehn, wie er sich anstellt, wenn die Sache mit Hannchen offenbar wird. Lebe wohl

Amalia von S.

XXVIII. Brief.

Jungfer Hannchen an Fraulein Amalia v.S.

Kargfeld den 3. Sept.

Gnadiges Fraulein,

Der Magister wird mir zuletzt unertraglich. Ich wurde ihn gestern etwas empfindlicher abgefuhrt haben, woferne mich der Ort und sein Alter nicht davon abgehalten hatten. Verliebte Tandeleien verdienen bei jungen und feurigen Gemuthern einige Nachsicht; wenn aber ein Magister von 45 Jahren dergleichen Possen treibt, denn muss man ihn fur einen halten. Setzen Sie, mein liebes Fraulein, ein bequemes Wort an die leere Stelle. Nach diesem Eingange muss ich Ihnen eine Unterredung bekannt machen, die ich auf dem Saale mit ihm hielt. Ich gieng, wie Sie wissen, aus der Gesellschaft, um unserer Magd etwas zu befehlen. Kaum war ich vor der Thur; so sprang der alte Lampert hinter mich her,

Magister. Warum verlassen Sie die Gesellschaft, mein schones Hannchen, man spuhrt es gleich, wenn eine angenehme Person fehlt.

Ich. Sie thaten also besser, wenn Sie dabei blieben: sonen reichlich ersetzen.

Magister. Ich will mich eben nicht fur unleidlich

halten; aber das, was Sie sagen, scheint mir eine Hyperbole zu seyn.

Ich. Was soll das seyn, Hyperbole?

Magister. Das ist eben so viel, als ein grosses Lob,

welches wir dem andern aus heftiger Liebe geben: ja es konnte auch eine artige Schmeichelei heissen.

Ich. Eine artige Schmeichelei? das geht noch eher

an. Allein ich schmeichele keinem Menschen, und wenn es auch ein Furst war.

Magister. Loses Kind, wissen Sie nicht, dass Frau

enzimmer ihre Liebhaber schmeicheln? Z.E. der Chapeau sagt: meine Gottin; so spricht sie nein, das ware Abgotterei: aber eine andere Caresse: er sagt: mein Lamm, und sie nein, das ware mehr eine Beleidigung: Aber Engel konnen sie einander vice versa heissen; denn das Wort Engel ist in Deutschen generis communis. Wie Sie auch sonsten von mir in der Schule gehort haben, da ich Ihnen den Milton erklarte.

Ich. Haben Sie mir denn den Milton erklart? Das

ist ja der englische Dichter welchen Sir Carl der Clementine, aber der Herr Magister nicht mir vorgelesen hat.

Magister. Konnte ich nicht Sir Carl, konnte Sie

nicht Clementine seyn? von mir will ich jetzo nicht reden; aber Sie ubretreffen in meinen Augen eine Gottin: Sie sind also weit vortreflicher als jene junge Italienische Grafin.

Ich. Woher wissen Sie denn, dass ich schone bin?

Magister. Das sagen mir meine Augen und meine Empfindung.

Ich. Da sich Ihre Empfindung ohnfehlbar nach den Augen richtet; so wird Ihre Empfindung eben so oft betrogen werden als Ihre Augen: denn ich weiss, dass Sie schon seit etlichen Jahren durch die Brille lesen.

Magister. Es ist wahr, das bestandige Nachtstudieren und die haufigen Lucubrationes haben mir das Gesichte ein wenig verderbt, dass ich die kleinen Buchstaben, und zumal im Hebraischen die Punkte, nicht recht mehr erkennen kann. Aber ein Madchen von achtzehn Jahren ist ja eben so kleine nicht, dass ich erstlich mein Auge bewaffnen musste, wenn ich sie ansehen wollte.

Ich. Ich habe nichts wider Ihr scharfes Auge in Ansehung achtzehnjahriger Fractur einzuwenden: es kommt mir aber sehr wunderbar vor, dass der Herr Magister auf mich Achtung giebt. Sie waren mir ja sonst in der Schule nicht gewogen.

Magister. Concedo, mein schones Hannchen; aber dazumal waren Sie ein loses Madchen: und ausserdem musste ich auf Respect halten. Nunmehro aber haben sich die Zeiten geandert. Sie und ich sind mannbar. Es kommt darauf an, dass Sie mich lieben und mir Ihr Herz schenken.

Ich. Bringen Sie das letztere als eine Frage oder als eine Bitte vor?

Magister. Als eine Frage und als eine Bitte zugleich.

Ich. So werde ich auch auf beides mit Nein antworten.

Magister. Wie, Sie lieben mich nicht? Ich sollte mich betrogen haben? Nein, Sie mussen scherzen. Ich merke schon, Sie wollen lieben und schweigen Sie wollen mich rathen lassen. Sie wollen erstlich meine Bestandigkeit prufen. Sie

Ich. Was haben Sie fur Einbildungen! (ich musste wirklich lachen.)

Magister. Lachen Sie nicht, meine Clementine. Geben Sie mir vielmehr die gutige Erlaubnis, Dero Herrn Vater, den Herrn Marggrafen, aufzuwarten, mich zu seinen Fussen zu werfen, und die bewunderswurdige junge Grafin von seiner Hand anzunehmen. Ich verlange keinen Pfennig von Ihren grossen Vermogen; ich will vielmehr sorgen, dass doch dieses wird sich schon schicken. Was meinen Sie wohl, dass der Herr Marggraf sagen wurde?

Ich. Er wird vielleicht eben so lachen als wie ich. Wenn er aber hort, dass Sie den Herrn Grandison und ich Clementinen vorstellen soll; denn wurde er gar bose werden.

Magister. Sorgen Sie nicht. Ich bin schlau, ich bin ein alter Hofmann, ich will ihn schon fassen, oder ich musste kein 20jahriger Magister seyn, und mich unter Edelleute so lange durchgefressen haben.

Ich. Ich traue Ihrer Geschicklichkeit sehr viel zu: ich zweifele aber, ob Sie meinen Vater und mich in diesem Punkte bewegen werden.

Magister. Da sehe ich Ihren Herrn Vater uber den Hof kommen. Ich will ihm entgegen gehen. Sehen Sie nur, ob er nicht wie ein Erzbischoff einhergehet. O der theure Marggraf! Hier lief er fort, und ich befahl indessen unserer Magd, mir einen Boten zu bestellen. Ich habe das bewuste Schreiben beantwortet; aber mit zitternder Hand. Wenn ich die gnadige Erlaubnis von Ihnen bekomme, so werde ich Ihnen morgen in Kargfeld aufwarten, etc. Ich bin mit aller Hochachtung

Ew. Hochwohlgeb.

unterthanige Dienerin

Johanna Wendelin.

XXIX. Brief.

Fraulein Amalia an ihren Bruder.

Schonthal, den 16 Sept. Abends um 9 Uhr.

Was wirst du denken, mein Bruder, wenn ich dir sage, dass unser Oncle wirkliche Anstalt macht, sich zu verheirathen. An und vor sich, kannst du eben so wenig als wir die Sache misbilligen; die Wahl die er getroffen hat, ist auf seiner Seite vortrefflich; aber wenn die Heirath zu Stande kame, so ware eine Person unglucklich, eine Person, die uns allen nicht gleichgultig ist.

Du kennest sie, sie ist meine beste und angenehmste Freundinn. Wozu dienen meine Umsch weife, unser Oncle hat die Liebste, die er sich auserlesen hat, in einem seiner Briefe an dich genennet; ich habe diesen Brief gesehen. Stelle Fraulein Julianen von W. einmal in Gedanken neben unsern alten Oncle. Ein wohl ubereinstimmendes Paar! Ein Mann, naher bei sechzig als funfzig Jahren, der kein grosses Vermogen hat, dass die Wehetage der Frau, durch kunftige gute Aussichten versussen konnte; der noch darzu vor kurzem ein halber Enthusiast worden ist, und durch seine Schwarmerei vielleicht noch um sein ubriges Vermogen kommt; und ein Madchen, ein allerliebstes Madchen von 21 Jahren, das so sittsam, so tugendhaft, so wohl gebildet ist, dass sie mit gutem Rechte eine Byron vorstellen konnte. Ich gedenke mir nichts grausamers, als eine solche Heirath.

Behute Gott! Eher hatte ich das Schlachtfeld bei Minden sehen mogen, als dass ich meine Freundinn in den Armen dieses Mannes erblicken sollte. Du wirst glauben, ich stellte die Sache auf einer gar zu schlimmen Seite vor. Wenn Fraulein Julgen an einem alten Manne ihr Vergnugen finden kann, denkst du; wenn sie eine Zuneigung zu ihm haben kann, warum sollte ich sie denn bedauren. Der Regen und die Liebe, fallen so wohl auf Pallaste als auf Strohdacher. Es zwingt sie ja Niemand, den Alten zu nehmen. Wenn Ihre Stiefmutter, auf eine unbedachtsame Art manchmal mit ihr scherzet, und ihr mit dem Stifte oder mit unsern Oncle drohet, so muss sie das als Scherz aufnehmen, und mit Scherz erwiedern. Was wollte ich darum geben, wenn dein Urtheil wahr ware. Die gute Juliane, es kostet mir viele Thranen, wenn ich daran denke. Sie soll, sie muss unserm Oncle ihre Hand geben. Ihre verdammte Stiefmutter . Ich wurde ihr die Augen auskratzen, wenn sie da vor mir stunde, so erbittert bin ich. Sie ist eine von den gemeinen Stiefmuttern, welche sich eine Pflicht und zugleich ein Vergnugen daraus machen, die Kinder erster Ehe zu peinigen. Kein Wort mehr von der verhassten Frau! Beigelegte sechs Briefe werden dir die ganze Sache aufklaren.

Den 13 kam unser Oncle nach Schonthal, und that uns eine formliche Erklarung, wie er es nennte, dass er Willens ware, dem Beispiele seines Herrn Gevatters in Engelland zu folgen, und sich zu verheirathen. Meine hauslichen Umstande sind nun in Ordnung gebracht, das Musiczimmer, die Bildergallerie und der meiste Theil meiner Meublen sind nach dem Geschmack meines Freundes in Engelland eingerichtet. An meiner Person selbst, habe ich so eine Reformation vorgenommen, dass ich mich kaum noch kenne, wenn ich vor dem Spiegel stehe. Es fehlet mir nichts mehr als eine Henriette. Die Nachrichten aus Italien, konnen nun in meinen Entschliessungen keine Aenderung mehr machen, sie mogen ausfallen wie sie wollen. Mag doch der Graf von Belvedere, mit seiner Clementine ruhig leben. Grandison hat ihr durch seine Verheirathung, ein Beispiel gegeben, sie soll mir eins geben, und ich will denenjenigen eins geben, die mir einmal nachahmen werden.

Mein Schwager unterstutzte das Vorhaben unsers Vetters, das er fur einen Anfall seiner Schwarmerei hielt, die keine sonderliche Folgen haben wurde, durch seinen Beifall. Meine Schwester und ich, sind nur Maschinen meines Schwagers, jene aus Liebe, ich aus Freundschaft. Er drohet uns nach seinem Gefallen. Wir mussten uns stellen, als wenn wir eine grosse Freude daruber hatten, dass unser Oncle, in seinen alten Tagen, noch ein Papa werden wollte. Wer ist denn die gluckliche Byron, Herr Vetter, fragte ich, die nach Ihnen seufzet. Doch nicht etwan das Fraulein v.W.

Der Oncle. Ha, ha, ha! Wer anders als Sie. Dass dich der Bli , dass dich der Blech! wie das Basgen rathen kann! Wenn Sie kein Fraulein waren, so mussten Sie einen Burgermeister nehmen.

Mein Schwager schien uber dieses Gestandniss, in etwas betreten zu seyn, er vermuthete nicht, wie er nachgehends sagte, dass Fraulein Julgen eine Rolle in dem Lustspiele unsres Grandisons bekommen sollte; wir schatzen sie alle hoch, und lieben sie; das gute Kind verdient es.

Mein Schwager. Daran thun Sie recht, Herr Vetter, dass Sie Ihren Herrn Gevatter folgen, und sich verheirathen wollen. Ich wunsche Ihnen Gluck zu diesem Vorhaben. Aber mich dunkt, wenn Sie das Fraulein v.W. zu Ihrer Byron machen wollen; so wird Ihnen Sir Carl die Abweichung in seiner Nachahmung nicht leicht vergeben konnen.

Der Oncle. Wie so, Herr Vetter? das sehe ich nicht ein.

Der Schwager. Sir Carl war uberzeugt, dass er die einzige Mannsperson ware, die seine Henriette als ihren Gemahl lieben konnte; er hatte ein Recht auf ihre Liebe; er war der Beschutzer und Erretter ihrer Ehre; er hatte die Bewilligung aller Anverwandten, ihr Madchen zu lieben; Jedermann wunschte, dass die zwo vortrefflichen Personen, ein Paar werden mochten. Bei Ihnen, Herr Vetter, nehmen Sie es nicht ungutig, dass ich nach meiner Ueberzeugung rede, bei Ihnen ist keiner von diesen Umstanden anzutreffen; Sie wurden also bei dieser Verheiratung, wider Ihren Willen, ein Urbild werden, und das wurde Sir Carln verdrussen, wenn Sie, so zu reden, uber ihn weg seyn wollten. Der Oncle schien uber den Einwurf meines Schwagers sehr verlegen zu seyn. Er wollte antworten; er reusperte sich; ruckte auf dem Stuhle hin und her.

Herr Lampert, Herr Lampert, warum so stille? Er siehet aus, als wenn er Flachs saen wollte.

Der Magister stieg von seinem Stuhle auf, er hatte seine Gedanken gesammlet, und sahe so aus, als wenn ihn etwas auf dem Herzen lage. Wir waren aufmerksam auf ihn. Endlich offnete sich sein Mund:

Nachdem ich dasjenige, was Eu. Gnaden (er buckte sich gegen den Baron) vorzutragen geruhet haben, hin und wieder sonderiret habe; so kann ich nicht in Abrede seyn, besonders, da der bekannte Canon: Minima circumstantia variat rem, auf Ihrer Seite zu stehen scheinet, dass die Zweifel Eu. Gnaden, dem ersten Anscheine nach, einige Starke haben. Allein, wenn wir die Nuss aus der Schaale nehmen wollen, so werden wir finden, dass alle diese Einwurfe nicht hinreichen, meinen gnadigen Herrn Principal, einer Abweichung in der Nachahmung Herrn Carl Grandisons, schuldig zu machen. Denn was den ersten Satz anlanget: Sir Carl war uberzeugt, dass er die einzige Mannsperson ware, die seine Henriette als ihren Gemahl lieben konnte; so gilt dieses vollkommen von meinem gnadigen Herrn. Er zweifelt im geringsten nicht, dass ihn das Fraulein v.W. als ihren Gemahl lieben und ehren werde. Der zweite Satz: Sir Carl hatte ein Recht auf Fraulein Byrons Liebe, er war der Beschutzer und Erretter ihrer Ehre; dieser gilt unter einer kleinen Einschrankung, hier gleichfalls vollkommen. Mein Patron hat ein Recht, auf des Frauleins v.W. Liebe. Er ist der Beschutzer und Erretter ihrer Ehre, namlich in so ferne diese von Jemand sollte angetastet werden. Sir Carln hatte die Bewilligung aller Anverwandten, ihr Madchen zu lieben, mein Patron hat diese Bewilligung von den Eltern des Frauleins v.W. in der Tasche. Jedermann wunschte dort, dass die 2 vortrefflichen Personen sollten ein Paar werden. Jedermann wunscht es auch hier, wenigstens in den Familien von beiden Seiten werden alle hohe und vortreffliche Glieder derselben eine solche vortheilhafte Vermahlung wunschen. Aus diesem folgt, dass mein hoher Principal von aller Abweichung, in der Nachahmung Sir Carl Grandisons entfernet ist, und solcher auf keinerlei Weise kann beschuldiget werden, welches zu erweisen war.

Der Oncle. Der Geist des Doctor Bartletts, ruhet zwiefaltig auf meinem Magister! So wahr ich lebe, er ist ein ganzer Mann. Ich versichere ihn meines Wohlwollens. (er druckte die Hand des Bosewichts.)

Es war Niemand von uns im Stande, ein Wort vorzubringen, das Schrecken machte uns stumm. Der Oncle nahm unsre Stillschweigung fur eine Empfindung einer Freude an. Ich hatte Lust, ihn diesen Irrthum zu benehmen, doch unterliess ich es. Die Einwilligung des thorigten Vaters, eine vollkommene Tochter durch unsern Oncle unglucklich zu machen, setzte uns in viele heimliche Sorge. Unser Vetter zog zween Briefe aus der Tasche: dieses ist mein Anwerbungsschreiben, um das Fraulein v.W., hier ist auch die Antwort darauf. Herr Lampert, lese er doch beide. Wir wussten nicht, ob wir Scherz oder Ernst aus der Sache machen sollten, da der Magister las. Mein Schwager bat sich die Erlaubnis aus, die Briefe nochmals mit Verstande zu lesen, nachdem er unsern Oncle wegen des Innhalts des zweiten, einen langen Gluckwunsch gemacht hatte, und sich das Ansehen gab, als wenn ihm seine Wunsche recht von Herzen giengen. Diese Schmeichelei wirkte so viel, dass der Oncle dem Baron beide Briefe aushandigte, er gieng damit in in sein Cabinet und hat sie abgeschrieben. So bald unser Vetter uns verliess, brachte ich diese Unterredung zu Pappiere Wir rathschlagten uber eine so unerwartete Begebenheit, bis in die tiefe Nacht. Die Einwilligung die schriftliche Einwilligung des Vaters von dem Fraulein v.W. wie viel Sorge machte uns die!

Mein Schwager hatte den Vorschlag, wir wollten den Grafen von Belvedere sterben, und unserm Oncle lieber seine Reise nach Italien unternehmen lassen; als dass wir zugeben sollten, dass er der Gemahl von Fraulein Julianen wurde. Ich zweifelte, dass diese Erfindung einen guten Erfolg haben wurde. Unser Grandison scheint ausserst in seine Byron verliebt zu seyn, und gabe nun wohl zehen Clementinen hin, um eine Juliane zu erlangen. Wir stehen in ausserster Furcht wegen des guten Frauleins. Du wirst aus beiliegenden Briefen sehen, dass sie ihm morgen feierlich soll zugesaget werden. Was fangen wir an? Ich wollte, ich weiss nicht was, darum geben, wenn der morgende Tag voruber ware. Ich war Willens, dieses Paquet nicht eher an dich abzuschicken, bis ich von dem Ausgange der Sachen dir eine Nachricht geben konnte; die Post gehet aber morgen Vormittage ab, und mit dem Fruhesten mussen meine Briefe in der Stadt seyn. Wenn du mir versprachest, unsertwegen keine Sorge zu tragen; so wollte ich das Paquet kunftigen Posttag fortschicken; du konntest aber denken, meine Schwester, die wiederum vollkommen gesund ist, ware gar gestorben, wenn ich meine Briefe einige Tage langer zuruck behielt. Es ist immer besser eine unvollstandige Nachricht, als gar keine. Eine kleine Nebenabsicht treibet mich zugleich mit an, die Absendung dieses Briefes, nebst den Einschlussen in demselben, nicht langer auszusetzen. Es ist besser, dachte ich, dass wir unsern Bruder in eben der Ungewissheit lassen, in der wir uns selbst befinden; als dass wir ihm den Anfang und das Ende der Heirathsgeschichte unsres Oncles auf einmal berichten. Er mag einige Tage lang eben so, wie wir, zwischen Furcht und Hoffnung schweben, damit er sich bei einem unglucklichen Ausgang der Sache, zu welchem er schon vorbereitet ist, nicht so sehr betrube, und bei einem glucklichen Ausschlage desto mehr erfreue. Wollte der Himmel, es konnte diese Heirath, die gewiss nicht im Himmel geschlossen ist, hintertrieben werden. Ich beschliesse meinen Brief mit einer Bitte von meinen Schwager, er verlangt die Briefe, die wegen der grandisonischen Handel sowohl von dir, als an dich sind geschrieben worden, in Abschrift zuruck, um sie in einem Zusammenhange zum Zeitvertreibe zu lesen. Der junge Wendelin, der schon ausstudiret hat, und fur langer Weile nichts thut, als dass er im Dorfe herumgehet und Sperlinge schiesst, kommt manchmal heruber nach Schonthal, und hat sich erbothen, diese Briefe insgesammt sauber abzuschreiben. Fur die baldige Zurucksendung derselben wird insonderheit bei ihren geliebtesten Bruder ihren Dank abstatten

Amalia v.S.

XXX. Brief.

Herr von N. an den Herrn von W. in Wilmershausen.

N. hall, den 12 Sept.

Lieber Herr Vetter,

Du hast vielleicht schon Lunde gerochen, und meine Liebe gegen deine alteste Fraulein Tochter gemerkt: ich muss mich nunmehro uber diese wichtige Sache deutlicher erklaren, und hierdurch offenbar gestehen, dass ich Fraulein Julgen schon langstens in mein Herz geschlossen habe. Ich war zwar Willens, niemals an eine Frau zu denken; dieser Gedanke aber hat nicht langer, als bis auf die Bekanntschaft mit Sir Carln gedauert. Da ich nun diesem wunderbaren Manne in allem nachfolgen muss, wenn ich anders so glucklich, als er, werden will: so gehort nichts, als eine schone Henriette zu meiner Vollkommenheit. Es ist also billig, dass ich mich an Dich und an Deine Frau Gemahlin zuerst wende, und Eure liebe Fraulein Tochter von Eurer Hand erwarte. Da man wider meine Person, welche, ohne Ruhm zu melden, nicht unangenehm ist, eben so wenig, als wider mein jahrlich Einkommenen, welches nach englischen Gelde reine 500. Pf. eintragt, keine abschlagliche Antwort zu erhalten. Ich weiss zwar, dass sich Julgen ein wenig zieren wird, (das muss sie thun, wenn sie der vortreflichen Henriette ahnlich seyn will,) so hebe Du indessen dem guten Kinde allen Zweifel. Essen und Trinken schmeckt mir noch ganz wohl, und zuweilen fresse ich mehr als zwei Baren; munter und stark bin ich auch: wenn Ihr also Fraulein Julgen, in der Vergleichung mit mir, fur zu jung haltet; so betrugt Ihr euch. Ich steh meinen Mann, und bin noch eben so rustig, als Sir Carl immer seyn kann. Was brauch ich aber so viel fur mich anzufuhren? Julgen scheint mir nicht ungeneigt zu seyn; und wenn ich alle ihre Reden, zumal bey dem Feuerwerke, recht genau uberlege: so ist das kleine Narrchen wohl gar schon verliebt in mich. Ich gab mein bestes Pferd darum, wenns wahr war. Denn Henriette Byron liebte Sir Carln lange zuvor, ehe er ihr noch eine Erklarung thun konnte. Meine Freunde werde ich durch eine solche Heirat auch verbinden: denn sie haben zeithero alle meine Anstalten gelobt; und je ahnlicher ich dem Englandern werde, desto mehr gefalle ich ihnen. Die Hochzeit soll als denn bei Euch seyn in Willmermanor alles nach Grandisons seiner Art recht prachtig. Wir fahren miteinander in Kutschen nach der Kirche, wir viere in einer, wie leichtlich zu errathen. Aber wieder zur Hauptsache! Nehmt nur das liebe Madgen vor, und thut ihr einen Antrag: Als denn bestimmt einen Tag zum Verlobnisse die Zeit der Copulation aber soll meiner Juliane ganz und gar uberlassen werden. Ich wollte zwar gerne, dass mich der Magister traute; es wird aber wohl nicht angehen, weil er noch kein Pfarrer ist. Ich bin der glucklichste Mann, und zur glucklichsten Frau soll Julgen gemacht werden von

Deinem

aufrichtigen Freund und

gehorsamster Diener

v.N.

XXXI. Brief.

Der Vater des Frauleins v.W. an den Herrn v.N.

Wilmershausen, den 13. Septembr.

Hochgeschatzter Herr Bruder,

Vielgeehrter Freund und Nachbar,

Aus dem Schreiben, welches Du vom gestrigen Dato an mich abgelassen, habe ich nebst meiner Frau nicht nur die gute Absicht, welche der vielgeehrte Herr Bruder gegen mein Haus heget, erkannt, und bin deswegen dankbar; sondern ich habe auch bereits meiner Juliane vorlaufige Nachricht von dem geschehenen Antrage gegeben, welche zwar Anfangs, wie solche junge Dinger bey dergleichen Gelegenheiten pflegen, heftig daruber zu erschrecken schien: auf mein und ihrer Mutter Zureden aber so viel zu verstehen gab, sie wurde ihrem Vater in keinem Stucke ungehorsam seyn. Da nun die Ehen im Himmel geschlossen und auf Erden vollzogen werden; auch weder meine Frau noch ich dem Schlusse des Himmels widerstreben konnen: so ertheilen wir dem Herrn Bruder unsern alterlichen Consens desto lieber, weil Du jederzeit ein guter nachbarlicher Freund von mir gewesen bist; auch uberdem die mannlichen Jahre lange erreichet, und das flatterhafte Wesen der Jugend, das an so vielem Ungluck der Ehen Schuld ist, abgeleget hast. Wir haben anbei die gute Hoffnung, dass unsere Tochter mit Dir ganz wohl fahren soll. Der Himmel beglucke euch beide mit seinem Segen, und fuhre das angefangene gute Werk glucklich hinaus. Mir wird es angenehm seyn, wenn ich mich werde nennen konnen

Meines vielgeehrten Herrn Bruders und

zukunftigen Eidams

treuer Freund und Schwiegervater

Hanns Georg v.W.

N.S. Auf kommenden Dienstag, wird seyn der 17. hujus, verfuge Dich zu uns, und bringe Deine werthen Anverwandten mit, da soll die Sache vollends ins reine gebracht werden.

XXXII. Brief.

Fraulein Juliane an Fraulein Amalien.

Wilmershausen den 14 Septembr.

Haben Sie Mitleiden mit mir, liebste Amalia; ich stehe im Begriff, eine sehr ungluckliche Person zu werden. Sie wissen es unfehlbar. Was soll ich daraus machen, dass Sie mir keinen Wink davon gegeben haben? Sie mussen es wissen, dass ihr Oncle fur sich selbst, bei meinem Vater, um mich geworben hat. Sind Sie so grausam, dass Sie nebst Ihren Freunden in Schonthal sich wider mich verschworen haben? Ist es um deswillen geschehen, dass Sie mir nicht eine Silbe von dem Vorhaben ihres Vetters entdeckt haben, damit man mich desto geschwinder uberraschen, und das, was man will, aus mir machen konnte?

Ich will Ihnen noch nichts Schuld geben; vielleicht hat Ihr Oncle Ihnen selbst noch nichts von seinem Vorhaben entdecket; vielleicht haben Sie aus der ganzen Sache eine Kleinigkeit gemacht, die in der That keine ist.

Ihr Herz mag nun bei dieser Gelegenheit entweder fur oder wider mich seyn, so kann ich doch Niemanden als Ihnen das meinige entdecken. Ich will einmal meinem Argwohn in meinem Gemuthe Platz geben; ich will mir einbilden, Sie wunschten, dass ich Ihre Tante werden mochte, wollten Sie wohl diesem Wunsche Ihre Freundin aufopfern? Konnten Sie, um Ihrem Oncle gefallig zu seyn, Ihre Freundin in so vielen Verdruss einwickeln? Ich habe viele Muhe, mir dieses zu bereden, und gleichwohl scheinet es, als wenn Sie nebst andern wider mich conspiriret hatten. Doch wie gesagt, ich will Ihnen noch nichts Schuld geben. Ich will lieber glauben, Sie wussten noch nicht ein Wort von der ganzen Sache, ich will Sie fur neugierig halten und Ihnen den Handel eroffnen. Vorgestern des Morgens bekam mein Vater einen Brief von dem Herr von N durch seinen Reitknecht. Mein Vater und meine Stiefmutter schienen einige Tage vorher sehr aufgeraumet, und diese insbesondere war so freundlich gegen mich, dass ich die Stiefmutter beinahe daruber vergass. Mein Vater zog seine Liebste an ein Fenster; ich sass an einen andern, und nahete etwas fur mich in dem Rahmen. Sie lasen beide das Schreiben sachte, doch so, dass ich etwas davon verstehen konnte. Ich horte dass der Innhalt mich angieng; ich merkte, dass es ein Anwerbungeschreiben seyn sollte; wiewohl ich von der Schreibart des Briefes eben nicht so gar vortheilhaft auf den Verfasser schliessen konnte. Meine Glieder fiengen an zu zittern, ich erwartete mit Ungeduld das Ende Da sehen Sie es nun, mein Schatz, sagte meine Mutter, dass es sein Ernst ist, der gute N. ist doch wirklich ein Mann von Parole Haben Sie es gehort, Julgen, was Ihnen fur ein Glukke bevorstehet? Schatzgen, lesen Sie doch den Brief noch einmal, dass ihn Julgen horet. (Sie streichelte meinem Vater die Backen, mich dunkt, ich hatte sie nie so freundlich gesehen.)

Die ganze Stube gieng mit mir herum. Ich dachte, ich musste vom Stuhle sinken. Schrecken und Verdruss uber die alberne Frage meiner bosshaften Siefmutter setzten mich ganz ausser mich. Die Furcht, den verhassten Brief noch einmal zu horen, erhielt mir noch das Vermogen zu reden.

Haben Sie die Gewogenheit gnadiger Papa, sich die Muhe zu ersparen, den Brief mir vorzulesen, ich habe schon so viel daraus verstanden, als ich wissen soll. Ich bin versichert, Sie werden ihn, nebst der gnadigen Mama, als einen Scherz annehmen. Der Herr v. N hat seit einiger Zeit viele scherzhafte Ausschweifungen begangen; in diesem Schreiben scheint er sie am weitesten getrieben zu haben.

Nein, nein, meine Tochter, du irrest dich, es ist des Herrn von N. sein wahrer Ernst. Er hat schon neulich bei mir mundlich um dich angehalten; ich trauete ihm aber nicht, und dachte, der verliebte Anfall wurde bald wieder uberhin gehen. Ich rieth ihm, er sollte bedenken, dass das Heirathen ein schwerer Punkt ware; er sollte untersuchen, ob er einen rechten Trieb hatte, ehelich zu werden, da er es so lange versparet hatte. In 14 Tagen sollte er mir von seinem Entschlusse wieder Antwort geben. Nun hat er schriftlich um dich nach gesuchet. Er ist von Jugend auf mein guter Freund gewesen, und hat mir manchen Gefallen erwiesen. Es ist einmal Zeit, dass ich auf eine Vergeltung denke. Wenn du nichts erhebliches wider ihn einzuwenden hast, so mag er immer dein Gemahl werden. Behute Gott! Gnadiger Papa, wenn Sie Ernst aus dem Antrage des Herrn von N. machen, so setzen Sie ihr Kind in die ausserste Betrubnis. Sie werden mich doch nicht an einen Mann verheirathen wollen, der uber die Junglingsjahre lange hinweg war, da ich gebohren wurde; an einen Mann, der seit einiger Zeit eine so wunderbare Auffuhrung angenommen hat, dass man ihn fur einen Romanhelden ansehen sollte! Ich habe noch keine Neigung zum Ehestande.

Reden Sie nicht so unverstandig, Julgen, Sie sind kein Kind mehr. Wenn alle Frauenzimmer so dachten wie Sie, so wurde ihr Papa von mir auch einen Korb bekommen haben. Er war kein Jungling mehr, da ich ihn heirathete; er war noch darzu ein Wittwer, mit einer kleinen Wehklage, und ich nahm ihn doch. Wissen Sie nicht die alte Hausregel: der Mann im Schwade und die Frau im Bade? das ist aber eine Bosheit von Ihnen, dass Sie den Herrn von N. einen Romanhelden nennen; dadurch versundigen Sie Sich an ihrem Papa. Die jenigen, die Romanhelden vorstellen, sind Narren, und wer mit Narren eine Gemeinschaft hat, ist selbst nicht klug. Ihr Papa liebt den Herrn von N., er ist unser guter Freund. Schatzgen, so gehet es, wenn man die Kinder verhatschelt, hernach spotten sie die Aeltern. Pfui, schamen Sie Sich, dass Sie so wenig Achtung gegen ihren Papa bezeigen!

Madchen?

Gnadiger Papa, das ist nicht auszustehen, (ich wollte seine Hande kussen, ich weinte, er stiess mich von sich. Das hat er noch niemals gethan.) Horen Sie auf mich zu verleumden. Was habe ich Ihnen gethan, dass Sie durch so niedrige Kunstgriffe mir die Gunst meines Vaters entziehen wollen Haben Sie Mitleiden mit mir, gnadiger Papa, ich bin ihre Tochter.

Hore, Juliane, mit dem albernen Geplaudere richtest du nichts bei mir aus. Wenn du willst, dass ich dich als meine Tochter ansehen soll; so erklare dich den Augenblick, ob du den Herrn v.N. nehmen willst oder nicht? (Ich schwieg) Lass mich nicht bose werden du weisst, wenn ich anfange . Gnadiger Papa (ich konnte vor schluchzen nichts hervorbringe) schonen Sie doch Sie machen es immer arger. Sie mussen nicht so verstockt seyn, Julgen, seyn Sie gehorsam Antworten Sie auf ihres Papas Frage.

Die Worte meiner Stiefmutter durchschnitten mir das Herz. Die boshafte Frau! Ich war nicht im Stande, ein Wort zu reden. Du (Ich verschweige aus kindlicher Ehrerbietung die Worte, die der Zorn meinem Vater in diesem Augenblicke eingab, sie waren nicht vaterlich.) Willst du nicht reden, was ist das fur eine Auffuhrung? Den Augenblick gehe mir aus dem Gesichte, und komm mir nie wieder unter die Augen Willst du mich mit deinen Starrkopfe unter die Erde bringen?

Die letzten Worte krankten mich aufs ausserste. Ich fiel meinem Vater in die Arme. Gnadiger Papa, ich will mich ihrem Gewissen uberlassen. Ich verspreche ihnen meinen kindlichen Gehorsam, machen Sie aus mir was Ihnen gefallt. Willst du es mir angeloben, dass du dich gegen mich in allen Dingen, als eine gehorsame Tochter hinfuhro aufzufuhren gedenkest; so will ich deine jetzige Vergehung noch einmal ubersehen. Ich gab ihm meine zitternde Hand, und machte, dass ich aus den Zimmer kam. Ich ging in meine Stube, und warf mich auf das Canapee. Ich will Ihnen nicht die Gemuthsbewegungen entdecken, die ich empfand, ich bekam ein entsetzliches Kopfwehe, und war nicht im Stande meine Gedanken zusammen zu fassen, um den ganzen Verlauf der Sache Ihnen zu berichten, ob ich es gleich versuchte. Gestern Morgen ging ich hinunter zu meinem Vater, in was fur einer Gemuthsverfassung, konnen Sie Sich leicht vorstellen. Alle meine Glieder zitterten, da ich die Thur aufmachte. Er war ernsthaft; seine Gemahlin munter, keins aber dachte mit einem Worte an die verhasste Sache. Ich schlich mich bald wieder fort. Was werde ich nun fur ein Schicksal zu erwarten haben? verlassen Sie mich nicht, meine liebste Amalia, verlassen Sie mich nicht, meine beste Freundinn; ich weiss zu Niemand anders als zu Ihnen meine Zuflucht zu nehmen. Konnen Sie so viele Zeit abmussigen, so beehren Sie mich mit ein paar Zeilen, die mir Ihre Gesinnung gegen mich entdecken. Mein Madchen soll darauf warten. Sind Sie noch auf meiner Seite, so stehen Sie mir mit Ihrem guten Rathe bei, wie ich mich in diesen verwirrten Umstanden zu verhalten habe. Meinem Vater kann und darf ich nicht ungehorsam seyn, und bin ich gehorsam, was fur ein Schicksal habe ich da zu erwarten! Ich sehe der Wiederkunft meines Madchens, mit einem zweifelhaften Verlangen, entgegen, um zu erfahren, ob Sie noch unverandert das sind, was sich von Ihnen verspricht

Dero

aufrichtig und ergebenste Freundin

XXXIII. Brief.

Fraulein Amalia an das Fraulein v.W.

Schonthal den 14 Sept.

Wo soll ich anfangen, Ihren Brief zu beantworten? Soll ich mich wegen eines ungegrundeten Verdachts vertheidigen, und wegen Ihres garstigen Argwohns auf Sie schmalen? das werde ich nicht thun. Ihr Gemuthe ist nicht in der Verfassung, dass es jetzo Verweise annehmen kann. Ich muss Ihnen aber doch meine Empfindlichkeit daruber bezeigen, dass Sie mich fur eine Meineidige halten und mir den strafbaren Eigennutz zutrauen, dass ich das Gluck meiner Freundinn auf das Spiel setzen konnte, um eine gute Tante dadurch zu gewinnen. Warten Sie, warten Sie, das kann Ihnen nicht so hingehen. Ihr gekranktes Gemuthe schutzet Sie dieses mal fur einer kleinen Rache, ich wurde sonst in der That ein bisgen bose thun; doch diesmal soll Ihnen alles vergeben seyn. Sie haben einigermassen Ursache zu dem Verdachte gehabt, mich fur ihre Kupplerin, nein, das ist ein gar zu garstiges Wort, fur eine Unterhandlerin bei ihrer Freierei anzusehen. Ich lasse Ihnen alle Gerechtigkeit wiederfahren. Meinem Oncle fallt es ein, sich zu verheiraten, nothwendig muss er meinem Schwager und uns Schwestern etwas davon entdecket haben. Vielleicht bat er uns, ihm eine Partie vorzuschlagen. Wir werden nothwendig so eigennutzig gehandelt, und ihm eine Person vorgeschlagen haben, mit der wir uns wohl auszukommen getrauten, die wir als unsere Tante lieben und ehren konnten. Kein altes verlebtes Fraulein werden wir nicht erwahlet haben; so eine geschleierte Ziege wurde eine schlimme Tante abgeben, sie wurde zankisch und geizig seyn, und uns mit bosen, finstern Gesichtern bewillkommen, wenn wir nach Kargfeld kamen. Das Fraulein v.W. kennen wir, sie ist unsre Freundin, die gabe eine vortreffliche Tante. Ja, ja, es war naturlich, dass wir sie unsern Oncle vorschlugen. Sie mag sehen, wie sie mit dem alten wunderlichen Manne auskommt, sie mag bei ihm fur ihre Person unglucklich seyn; wenn wir nur eine gute gesellige Tante an ihr bekommen, die nicht ewig an uns etwas zu bessern und zu tadeln findet. Es blieb dabei, wir schlugen ihm das Fraulein v.W. vor; er verliebte sich, von dem ersten Augenblicke an, in sie, wie der Narciss in seine Gestalt, die er im Wasser erblickte. Die Sache wurde so kartiret, dass das liebe gute Kind nichts davon erfuhr. Die Stiefmutter musste den Vater stimmen; dieser musste auf einmal mit seiner vaterlichen Gewalt auf die arme verkaufte und verrathene Tochter lossturmen, um sie zu zwingen, den verhassten Freier anzunehmen.

Nicht wahr, das ist die ganze Fabel, die Sie Sich von Ihren guten Freunden in in Schonthal in den Kopf gesetzet haben? Das sind bose, ungetreue, meineidige Freunde! Aber nun will ich Ihnen die rechte Wahrheit erzahlen, hernach werden Sie anders von uns urtheilen. Gestern Nachmittage statte unser Oncle bei uns einen Besuch ab. Er machte uns zum ersten male in seinem Leben bekannt, dass er feste entschlossen ware, zu heiraten, er nennte uns seinen geliebten Gegenstand. Wir erschracken, dass keins von uns im Stande war zu reden, da er Sie nennte. Ich habe die ganze Unterredung mit unserm Oncle aufgeschrieben, und will sie meinem Briefe beifugen, Sie konnen daraus unser ganzes Betragen bei dieser wichtigen Angelegenheit erkennen. Die meiste Sorge macht uns der Brief Ihres Herrn Vaters an unserm Oncle. Mein Schwager erhielt die Erlaubnis ihn zu lesen, und hat ihn abgeschrieben. Unfehlbar ist es Ihnen noch nicht bekannt, dass unser Oncle bereits von Ihrem Herrn Vater das Jawort hat, Sie wurden mir diesen Umstand nicht verschwiegen haben. Ich ubersende Ihnen auch die Abschrift von diesem Briefe. Schicken Sie mir diesen doppelten Einschluss, wenn es moglich ist, bald wiederum zuruck. Sie haben eben nicht Ursache so sehr uber den voreiligen Consens ihres Herrn Vaters zu erschrecken. Kleinmuthigkeit und Verzweiflung kann der Sache keinem guten Ausgang versprechen, fassen Sie einen Muth, wir arbeiten alle daran, das Werk zu hintertreiben.

Gestern hielten wir bis um Mitternacht grossen Rath, und ich war eben im Begriff, Ihnen einen Besuch zu geben, da Ihr Madchen kam und mir Ihr Schreiben brachte. Um allen Verdacht zu vermeiden, stelle ich meinen Besuch ein; Ihro Frau Stiefmama wurde uns auch vermuthlich nicht alleine mit einander reden lassen; ich will Ihnen deswegen das, was zu Ihrem besten beschlossen ist, lieber schriftlich als mundlich sagen. Wenn es in Ihrer Gewalt ist, so nehmen Sie eine Gelassenheit an, die der Unempfindlichkeit gleich kommt. Ihre Stiefmutter mag Ihnen von der verhassten Sache sagen was sie will, so berufen Sie Sich auf Ihren Herrn Vater, sagen Sie, wie Sie es bereits gethan haben, Sie wollten, Sie waren bereit, Ihm zu gehorsamen. Sollte man in Sie dringen, auf eine verdrussliche Sache ja, oder nein zu antworten; so sehen Sie zu, dass Sie auf eine schickliche Art ausbeugen. Ich dachte, Sie konnten mit der Versprechung des kindlichen Gehorsams oftmals durchkommen. Kunftigen Dienstag haben Sie von unserm Oncle und uns einen Besuch zu erwarten, Sie werden es aus Ihres Herrn Vaters Briefe sehen. Wie es scheint, sollen Sie da Ihr Jawort von sich geben; dieses darf durchaus nicht geschehen. Es ist uns, meine theureste Freundin, nichts nothiger, als dass wir in etwas Zeit gewinnen, mit einander auf Maasregeln zu sinnen, wie wir diesem plotzlichen Sturme ausweichen wollen. Wir sind alle uberraschet worden. Lesen Sie den 6ten Band des Grandisons mit Aufmerksamkeit. Wenden Sie die Grunde, die Henriette braucht, den Hochzeittag zu verspaten, auf den Tag der Verlobung mit unserm Oncle an. Sie wissen, dass er in allen Stucken dem Grandison nachahmen will. Wir mussen uns in seine Schwachheit richten, wenn etwas gutes soll ausgerichtet werden. Wir wollen unsern Oncle zubereiten, Ihnen keine Bitte abzuschlagen. Ersuchen Sie Ihn um eine Frist von 6 Wochen, ehe Sie Ihr Jawort von sich geben konnten, diese setzen Sie hernach, wenn er auf einem kurzern Termine bestehet, auf 4 Wochen herunter. Unter der Zeit getrauen wir uns die Sache so einzufadeln, dass Ihrer Stiefmutter und unserm Oncle das Concept ziemlich soll verrucket werden.

In einem Punkte mussen Sie nur nicht gar zu zartlich seyn, wenn die Sache einen guten Ausgang haben soll. Es scheinet, Sie wollen Ihrem Herrn Vater, wenn er darauf bestehet, in der That gehorsamen, und sich unsern Oncle zum Gemahle aufdringen lassen. Sie machen sich den Ungehorsam in diesem Stucke zu einem Gewissenspunkte, und dieses aus einem Misverstande. Sie erklaren Ihren Catechismus unrecht. Das vierte Gebot will nicht, dass wir den Eltern als Sklaven eine blinde Unterthanigkeit beweisen sollen; es befiehlet uns, Ihnen zu gehorchen in gerechten und billigen Dingen. Wenn aber ein Vater seine Tochter zwingen will, einen alten verlebten Mann zu heiraten, und der noch darzu mehrerer Fehler als das Alter hat; das ware eben so viel, als wenn er ihr den Befehl gabe, in ein Wasser zu springen, oder sich die Kehle abzuschneiden. Wurden Sie denn einem solchen Befehle gehorsamen? Wenn Sie meinem Rathe folgen, so denke ich, es soll das Ungewitter, dass sich uber Ihrem Haupte zusammen gezogen hat, sich wiederum zertheilen. Leben Sie wohl, meine Freundin, machen Sie Sich nicht so vielen unnothigen Kummer, und seyn Sie versichert, dass nichts in der Welt vermogend ist, diejenige freundschaftliche Gesinnung zu andern, welche gegen Sie, meine Werthe, bis auf den letzten Tag ihres Lebens beibehalten wird

Dero

aufrichtig und ergebenste Freundin

Amalia v.S.

XXXIV. Brief.

Das Fraulein v.W. an Fraulein Amalien.

Wilmershausen den 16 Septembr.

Ich kann Ihnen die zween Anschlusse Ihres Briefes unmoglich zuruck schicken, ohne meinen Dank fur die Mittheilung derselben abzustatten, und zugleich Ihnen diejenige Beleidigung abzubitten, wozu mich eine gottlose Leidenschaft, der ich mich ganz und gar nicht fahig glaubte, verleitet hat. In der That, der Argwohn ist so eine schlimme Sache, dass diejenigen, welche damit behaftet sind, so sehr dadurch bestrafet werden, dass man nicht Ursache hat, Ihnen deswegen Vorwurfe zu machen, oder eine andere Gnugthuung fur geschehene Beleidigungen zu verlangen: man sollte nur ein gerechtes Mitleiden mit den Ungluckseligen haben.

Sie konnen sich nicht vorstellen, wie sehr mich der Gedanke gequalet hat, Sie wunschten eine Heirath zwischen mir und Ihrem Oncle, und waren bei diesem Geschafte selbst eine der vornehmsten Triebfedern. Ich markerte mich in meinem Gemuthe, wie ein armer Missethater, der seinen Tod vor Augen siehet, und noch nicht alle Hoffnung zum Leben aufgegeben hat; ich hatte keinen Grund Sie anzuklagen, ich hatte aber auch keinen, allen Verdacht gegen Sie zu verbannen.

Durch Ihr trostendes Schreiben ist mein Herz um ein paar Centner leichter; es wird aber dennoch von einer sehr grossen Last beschweret. Ihren gutigen Rath werde ich, so viel mir moglich ist, befolgen; was wird es aber helfen, wenn wir eine kleine Galgenfrist erhaschen? Wird nicht dadurch meine Marter vergrossert werden? Glauben Sie, dass ich mehr Ihren Vorschriften folgen werde, um Ihren Verweisen zu entgehen, wenn die Sache einen widrigen Ausschlag fur mich bekame; als dass ich einen gunstigen Erfolg davon hoffen sollte. Wie sehr wurde es mich kranken, wenn ich Sie einmal sagen horte: beklagen Sie Sich nicht, warum haben Sie nicht gefolget, so geht es den Leuten die sich nicht wollen rathen noch helfen lassen. Solche Vorwurfe wurden todliche Stiche in mein Herz seyn. Nein, nein, ich will Ihnen folgen, ich will Ihnen gern gehorsam seyn: aber der Gehorsam gegen meinen Vater darf dadurch nichts verlieren. Sollte ich Ihn durch meinen Ungehorsam unter die Erde bringen?

Ach Gott! Jetzt schlagt es 3 Uhr Wie wird es morgen um diese Zeit aussehen? Morgen habe ich einen sauern Tag zu uberstehen, ich zittere, wenn ich daran gedenke.

Heute fruhe, kundigte mir meine Stiefmutter, wie sie sagte, auf Befehl meines Vaters an: dass morgen der feierliche Verlobnistag zwischen dem Herrn v.N. und mir feste gestellet ware; sie wollte sich nach meiner Entschliessung erkundigen, ob ich noch der Meinung ware, den Herrn von N. meine Hand zu geben. Ich sagte ihr, dass ich in diesem Stucke keine Entschliessung zu fassen hatte, sondern mich ganzlich nach dem Befehle meines Vaters richten wurde. Wenn nun ihr Herr Vater will, Sie sollen den Herrn v.N. fur ihren kunftigen Gemahl erklaren, wollen Sie denn das thun? Diese Frage werde ich Niemand als meinem Vater selbst beantworten, (ich sah ein wenig sauer aus.)

Ich will mit unangenehmen Fragen nicht in Sie dringen; ich will Ihnen nur so viel sagen: ziehen Sie Ihre Klugheit bei Ihrer morgenden Auffuhrung zu Rathe; damit Ihr Herr Vater nicht bewogen werde, seinen vaterlichen Ernst, auf eine nachdrucklichste und beschamende Art, Ihnen zu zeigen. Sie ging, ohne auf meine Antwort zu warten und machte die Thure ein wenig unsanfte hinter sich zu. Eine todliche Traurigkeit uberfallt mich; die harte Begegnung meines Vaters, die heimliche Feindschaft meiner Stiefmutter, mein bevorstehendes Schicksal, habe ich denn alles dieses verdienet? Bin ich jemals ein so gar gottloses Kind gewesen? Bedauren Sie mich, meine Amalia.

Ihrem redlichen Herrn Schwager, und ihrer guten Frau Schwester empfehlen Sie mich bestens. Wenn Sie nicht eine fussfallige Abbitte von mir verlangen; so rucken Sie mir mein Verbrechen gegen Sie ja niemals auf. Ich schliesse, die innerliche Bekummernis sucht durch die Thranen einen Ausbruch bei

Ihrer

Juliane v.W.

XXXV. Brief.

Fraulein Amalia an das Fraulein v.W.

Schonthal, den 16 Sept. Abends um 6 Uhr.

Alleweile ist ein Bedienter von Ihrem Herrn Vater da gewesen, und hat uns auf morgen Mittag eingeladen. Wir werden erscheinen. Mein Schwager ist heute Nachmittage in Kargfeld bey dem Oncle gewesen, und hat ihm einige gute Lehren auf morgen gegeben. Er hat ihn erinnert, die wichtigsten Stellen von der Verheiratung des Herrn Grandisons genau durchzulesen, damit er keine Fehler in der Nachahmung seines grossen Musters begehe. Amalia, spricht er, ist manchmal leichtfertig, Herr Vetter, und wird das fehlerhafte in Ihrer Auffuhrung ihrem Bruder schreiben, wenn dieser es hernach Sir Carln erzehlte; so wurden sie dadurch bei ihm verachtlich werden, dass sich ihr Herr Gevatter wohl gar Ihrer schamte. Er bat meinen Schwager, ihm einen Wink zu geben, wenn er etwas in seinem Bezeigen zu tadeln fande. Der Brief, den Ihr Madchen vor einer Stunde brachte, hat uns sehr gut gefallen. Wir sind nicht wenig stolz darauf, dass Sie unsern Rath fur wichtig gnug halten ihn zu befolgen. Thun Sie es immer, wir versprechen uns davon viel gutes. Machen Sie Sich ja keine Sorge, wenigstens nicht so gar viel. Mein Schwager giebt Ihnen sein Wort, dass Sie morgen den nachdrucklichen und beschamenden Ausbruch des vaterlichen Ernstes gar nicht sollen zu befurchten haben; Sie konnen deswegen alle Furcht und Angst aus Ihrem Herzen verbannen. Wir wunschen, dass der morgende Tag mehr zum Vergnugen, als zu Jemands Verdrusse ausschlagen moge, wenn man aber doch ja verdrussliche Gesichter erblicken musste; so versichere ich Sie, dass Jedermann lieber ihrer Frau Stiefmutter, als Ihnen ins Gesichte gucken wurde, um die verdrusslichen Zuge darinnen zu entdecken. Schlafen Sie ruhig, mein Julgen, schlafen Sie heute ruhig.

Amalia v.S.

XXXVI. Brief.

Fraulein Amalia an ihren Bruder.

Schonthal, den 18 Septembr.

Geliebter Bruder,

Der gefahrliche Tag ist voruber, und hat uns allen den Schmerz und Verdruss empfinden lassen, den wir furchteten. Bedaure mit uns die gute Juliane. Alle Bemuhungen ihr ungluckliches Schicksal aufzuhalten, oder es von ihr abzuwenden, sind fruchtlos gewesen. Unser Kabbale war viel zu unkraftig, das liebe Kind ihrem eifrigen Liebhaber aus der Hand zu spielen. Es ist nicht anders, sie hat ihm gestern ihr feierliches Jawort geben mussen. Wie werde ich im Stande seyn, eine so verdrussliche Begebenheit zu erwahlen? Ich werde mir den grossten Zwang anthun mussen, alle die einzelnen kleinen Umstande bei diesem Vorgange, wieder ins Gedachtniss zu rufen. Umsonst werde ich mir es so viele Muhe haben kosten lassen, sie diese Nacht eines Theils zu verschlafen. Jedoch was thue ich nicht eines geliebten Bruders wegen! Mache dich also geschickt, dismal den unangenehmsten meiner Briefe zu lesen, oder uberhebe dich dieser Muhe und nein; das darf bei Leibe nicht geschehen, es ist so bose nicht gemeint. Der Magister Lampert ist nun durch mich an dir gerochen. Verzeihe mir diese kleine Schelmerei, ich habe diese Wendung dir selbst abgeborget, dass man um eine grossere Freude zu erwecken, erst vorher die Leute schrecken muss. Der gestrige Tag ist fur uns vergnugter gewesen, als wir vermuthen konnten. Ich weiss, dass du eine getreue Erzahlung der Begebenheiten dieses Tages erwartest, ich will deine Neubegierde nicht langer aufhalten. Vergieb mir diesen kleinen Possen.

Gestern Vormittags um 9 Uhr, bald hatte ich Lust, von der Nacht meine Erzahlung anzufangen, und die schreckhaften Traume auszukramen, womit die beunruhigte Einbildungskraft mich angstigte. Im Vorbeigehen, einmal sollte ich mich mit dem Magister trauen lassen; Fraulein Juliane war ins Wasser gesprungen; der Herr v.N. wollte mit unserm Oncle Kugeln wechseln. Doch nichts mehr davon. Gestern Vormittags um 9 Uhr fuhren wir nach Kargfeld, um, wie die Abrede genommen war, unsern Oncle abzuholen, und ihn nach Wilmershaussen zu begleiten. Wir glaubten, ihn in voller Gala anzutreffen. Wir stiegen ab, und sahen uns allenthalben nach ihm um: er wollte aber nicht zum Vorscheine kommen, uns zu empfangen. Wir waren eben im Begriff, in den Saal zu gehen; da Fraulein Kunigunde aus der Scheune hervorguckte, und uns einen freundlichen guten Morgen wunschte. Ich kann nicht laugnen, dass es mich heimlich zu verdrussen anfieng, dass der geschaftige Hausmarschall, Lampert, nicht bei der Hand war. Verwunscht! dachte ich, das thut er aus Stolz. Er ist in seinen Gedanken ein Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften in London, wer weiss, ob er uns nicht hinfuhro den Rang streitig macht. Inzwischen fuhrte uns Tante Kunigunde in das Wohnzimmer, und ehe wir uns noch nach dem Oncle erkundigten, fragte sie, ob wir ihn nicht mitbrachten. Wir wollen den Herrn Vetter abholen, um diesen Mittag, zusammen in Wilmershaussen zu speisen, sagte der Baron, ist er etwan schon hinuber? Mein Bruder ist diesen Morgen um 2 Uhr, mit dem Herren Lampert und Wiganden, bei stockfinstrer Nacht in dem argsten Regenwetter, abgereiset, um, wie er sagte, in Schonthal, noch vor Tages Anbruch, etwas wichtiges mit dem Herrn Baron zu verabreden, und hernach das grosse Werk auszufuhren. Was er darunter verstehet, kann ich eigentlich nicht sagen, (sie weiss noch nichts gewisses von unsres Oncles Liebe,) wenn er nur nicht etwann gar einen Schatz hat graben wollen. Seit etlichen Tagen habe ich gemerket, dass mein Bruder und Herr Lampert bis in die tiefe Nacht gesessen und studiret haben; mein Bruder hat sehr viel auswendig lernen mussen. Gestern hat er den ganzen Nachmittag in tiefen Gedanken gesessen, und immer etwas zwischen den Zahnen gemurmelt, welches ich fur Beschwerungsformeln hielt. Gott bewahre! Wenn mein Bruder nicht in Schonthal ist: so weiss ich nicht was ich denken soll. Wir haben ihn mit keinem Auge gesehen, sagte meine erschrockne Schwester. Wo muss der Mann hin seyn? Umsonst wird er doch nicht in der Nacht sich auf den Weg gemacht haben? Es hatte nicht viel gefehlet, so hatten Tante Kunigunde und meine Schwester sich hingesetzt, und mit einander ein Stuckgen geheulet. Mir war bei diesem unerwarteten Handel selbst nicht wohl. Der Baron lachte uber unsere Besturzung, und dieses brach unsrer Tante vollends das Herz. Sie liess einige Thranen fallen, nicht so sehr uber ihren Bruder, als vielmehr uber ihrem Regenschirm, glaube ich, den Wigand, wie einen Himmel, uber seinen Herrn bei seiner Abreise hatte tragen mussen, und dessen Verlust sie sehr beklagte. Sie sahe ziemlich finster dazu, dass mein Schwager bei so betrubten Umstanden noch scherzen konnte, und nahm kaltsinnig von uns Abschied. Meine Schwester wollte uber die Leichtsinnigkeit ihres Mannes, auch mit ihm ein Bisgen zanken: er beruhigte uns aber, durch eine wahrscheinliche Muthmassung von unserm Oncle. Wer weiss, sagte er, ist diese nachtliche Kavalkade in die Stadt gegangen. Unfehlbar wird der Herr v.N. daselbst einige Galanterien erhandeln, um seiner Braut damit ein Geschenke zu machen. Es kann seyn, dass er nicht eher als gestern Abend diesen Einfall gehabt hat, und vielleicht treffen wir ihn bereits bei dem Herrn v.W. an.

Wie froh war ich, da wir in Wilmershausen anlangten, und Wigand in den Schlosshofe sein Morgenbrodt verzehrte. Ich hatte mich aber nicht so bald von der Besturzung uber unsern Oncle erholet; da gedachte ich wieder mit Schrecken an die Ursache, die uns dismal nach Wilmershausen brachte. Ich glaube, dass ich mich sehr entfarbte, da ich die Frau v.W. sahe, wenigstens fuhlte ich, dass alle meine Glieder zitterten. Sie empfing uns mit dem Herrn v.W., jedoch zu meinem Troste nicht so vergnugt, als ich hatte vermuthen sollen. Man konnte es ihr ansehen, dass ihr etwas im Kopfe lag, so sehr sie es auch zu verbergen suchte. Weder unser Oncle, noch der Magister waren bei dem Empfange gegenwartig. Ich glaubte, dass diese Peiniger bei dem Fraulein v.W. sich befanden, dieses vermisste ich auch. Der Baron fragte nach ihnen, und erhielt kaltsinnig zur Antwort, dass sie bereits diesen Morgen bei guter Zeit angelanget waren. Was muss das steife Wesen bei der Frau v.W. zu bedeuten haben, dachte ich, es ist ihrem ganzen Character zuwider. Der Baron sahe mich einige mal an, und dadurch wurde ich gewiss, dass er an ihr auch etwas unnaturliches bemerkte, und dass ich mich, in meinen Gedanken von ihr, nicht hintergangen hatte. Weil wir etwas fruhzeitig angelanget waren, und noch Niemand von benachbarten Adel, den der Herr v.W. hatte einladen lassen, da war: so wurde uns ein Fruhstuck von einigem Backwerk ausgetragen. Wir Schwestern setzten uns zur Frau v.W. auf das Kanape. Der Baron gieng mit ihrem Gemahl in die Gewehrkammer. Wir drei Frauenzimmer waren alleine, und ich hielt dieses fur die beste Gelegenheit, die Frau v.W. ein wenig auszuforschen, um das rathselhafte in ihrem Betragen zu entwickeln. Unser Oncle, gnadige Frau, sagte ich, hat gewiss jetzo die Ehre, dem Fraulein v.W. aufzuwarten, dass wir ihn noch nicht gesehen haben? Es ist doch etwas wunderbares mit den verliebten Leuten, man kann aus ihnen nicht klug werden. Gestern wurde die Abrede genommen, wir sollten ihn heute abholen, um Ihnen aufzuwarten: und da wir nach Kargfeld kommen, sagt man uns, dass er schon vor Tage weggeritten sei. Ich werde nicht irren, wenn ich von dieser Eilfertigkeit auf die Heftigkeit seiner Liebe gegen das Fraulein v.W. schliesse. Sie scheint jetzo sein einziger Gedanke zu seyn, und uns alle hat er daruber vergessen. Wenn er zum Vorschein kommt, werde ich mich ein wenig mit ihm zanken. Das wurde ein artiges Spiegelfechten seyn, sagte die Frau v.W., ich hatte Lust, es mit anzusehen. Ich habe auch noch etwas mit ihrem Herr Oncle auszumachen. Heute fruhe fehlte wenig daran, dass wir uns nicht in eine ernstliche Unterredung mit einander eingelassen hatten. Sie, gnadige Frau, Sie wollen Sich in eine Zwist mit ihrem Herrn Schwiegersohne einlassen, an einem Tage, da er erst dieser Ehre theilhaftig werden soll? Was hat er denn gemacht, dass er ihren Zorn verdienet, wenn es anders ihr Ernst ist?

Sie konnen noch fragen, liebes Fraulein? zu einer andern Zeit wurde ich uber diese Frage mit ihnen zurnen mussen. In der That, Sie sind eine kleine boshafte Creatur, nehmen Sie es nicht ubel. (Sie wurde feuerroth, aus Unwillen vermuthe ich.) Sie haben den ganzen Possen angestellt, und halten mich noch fur blode genug, dass ich es nicht einmal einsehen soll.

Wie? Was gnadige Frau? Ich bitte Was ist Ihnen? (Ich weiss nicht, was ich in der Besturzung, uber eine rathselhafte Beschuldigung, alles vorbrachte. Meine Schwester, die Furchtsame, lief ans Fenster. Meine Besturzung brachte die Frau v.W. heimlich nur noch mehr auf.) Wir wollen gute Freunde bleiben, Fraulein Amalgen, (Sie nahm mich bei der Hand: Die Schlange! dachte ich, sie krummt sich, um desto gefahrlicher zu stechen) wir wollen gute Freunde bleiben. Ich habe ihnen bereits alles vergeben. Aber mein! Sagen Sie mir, was ist es doch fur ein elendes Vergnugen, die Leute zu Thorheiten zu reizen; seine eignen Anverwandten verachtlich zu machen; die Kinder gegen die Eltern aufzuhetzen, um uber seine boshaften Erfindungen hernach lachen zu konnen. Wenn man auch keine Sunde daran thate; so sollte doch ein Frauenzimmer seiner eigenen Ehre mehr schonen, denn es giebt mehr boshafte Leute in der Welt, die uber anderer ihrer Bosheiten auch wieder lachen. Ich mache nicht gerne Anwendungen, so viel sage ich nur, dass ihr Herr Oncle allezeit in meinen Augen ein rechtschaffener, und in seiner Art vollkommener Cavalier ist, den ich und mein Herr allezeit hoch schatzen, und mit Vergnugen unter unsere Anverwandten zahlen werden; so sehr man auch dieses, durch allerhand listige Griffe, zu verhindern bemuhet ist. Der einzige Fehler ihres Herrn Oncles ist sein gutes Herz, und bei diesem lasst er sich durch falsche Freunde und thorigte Leute, die um ihn sind, manchmal zu einer kleinen Ausschweifung verleiten; dazu auch der heutige wunderbare Auftritt kann gerechnet werden, der gewiss zu einer sehr boshaften Absicht ausgesonnen war, die aber gewiss fehlschlagen soll.

Ich liess die bose Frau sagen, was sie wollte, ohne

ihr ins Wort zu fallen, ob ich gleich so derbe Pillen einnehmen musste. Ich war froh, dass sie endlich schwieg. Da ich unter ihrer Harangue Zeit gewann, einen Entschluss, in Ansehung meines Verhaltens gegen sie, zu fassen, so nahm ich mir vor, in ihrer eignen Ehrung mit ihr zu reben, liebste gnadige Frau, sagte ich, und druckte ihre Hand, Sie geben mir uberzeugende Beweise von der Aufrichtigkeit ihrer Freundschaft gegen mich, dass Sie mir sagen, was Sie von mir denken. Wenn Sie weniger aufrichtig waren, so wurden Sie mir ins Gesichte schmeicheln, und doch ubel von mir denken; und auf diese Art wurde mir alle Gelegenheit, mich zu rechtfertigen, benommen seyn. Sie halten mich fur ein sehr boshaftes Madchen. Ich bin unglucklich, dass ich nicht den Augenblick von dem Gegentheile Sie uberzeugen kann, es wird aber auch nicht nothig seyn; ich weiss dass ihr jetziges Urtheil von mir, nicht aus einer innren Ueberzeugung, sondern aus einen aufwallenden Geblute herruhret. Wenigstens bin ich gewiss, dass Sie keine Beweise meiner Bosheit in Handen haben. Vielleicht bin ich morgen das tugendhafteste, das beste Madchen in ihren Augen. Sie sind sehr wankelmuthig, und dieses macht mir alle Ihre beissenden Vorwurfe so ertraglich, dass ich mir keinen geringen Zwang anthun musste, wenn ich ihnen ein sauer Gesicht machen wollte. Ja, ich wurde mich entschliessen heute recht aufgeraumt zu seyn, wenn sie mir nur das rathselhafte in ihren Reden aufklaren wollten. Was vor einen wunderbaren Auftritt hat ihnen denn heute der Herr v.N. geliefert? Nehmen Sie meine Unwissenheit in der Sache als einen Beweiss meiner Unschuld an. Ich weiss, dass es an sich keiner ist: aber in dem Falle wird es einer seyn, wenn Sie Sich erinnern, dass Sie mir selbsten oftmals zugestanden, ich hatte in der Verstellungskunst am wenigsten etwas gethan.

Schweigen Sie, Falsche, Sie konnten eine Lehrmeisterin darinne abgeben. (Sie schlug mich sanfte mit der Hand, und ihre erste Hitze schien sich etwas gemindert zu haben.) Ich hatte die beste Hoffnung, meine Neubegierde befriediget zu sehen: allein die Auflosung dieses Knotens, der einen Weiberzank veranlasset hatte, war einer andern Person vorbehalten. Der Magister Lampert trat in das Zimmer, die Frau v.W. machte ihm ein schrecklich boses Gesichte: er schien es aber nicht zu bemerken. Wissen Sie, sagte er mit einer durchdringenden Stimme, wissen Sie, meine theuresten Ladys, wo ihr Herr Oncle hingekommen? die Frau v.W. hat sein Gespenst gesehen, und mit ihm fast eine Stunde gesprochen, und darauf ist es wieder verschwunden. Erschrecken sie nicht, meine lieben Kinder. Machen sie sich fertig uber die Nachricht, die ich ihnen von seiner Erscheinung, seinen Reden und Verschwindung geben werde, in Erstaunen zu gerathen. Es hat auch der lieben Frau v.W. nicht getraumet, es eraugnete sich diesen Morgen zwischen Nacht und Tag. Die Ankunft des Herrn v.W. und des Barons verhinderte, dass der arme Magister den Ausbruch des Zorns von der Frau v.W. nicht empfand. Sie konnte seine Gegenwart nicht ertragen, und ging mit einer aufgebrachten Mine weg. Ich sahe es gerne, dass wir auch auf einige Augenblicke von ihr befreiet wurden.

Sie haben heute wieder eine Probe ihres sonderbaren Verstandes abgelegt, Herr Lampert, sagte der Baron, der bereits von der Begebenheit unterrichtet war. Wenn sie nicht mit der ersten Post alles an Sir Carln berichten; so sind sie der Freundschaft des ehrlichen Doctor Bartletts unwurdig, und ich werde es selbst uber mich nehmen, Sie bei ihren Freunden in Engelland zu verklagen. Der Magister lachelte ganz zufrieden uber diesen unerwarteten Lobspruch, und machte einige wunderbare Posituren, das ist, altvaterische Reverenze.

Der Herr v.W. Ihr Herren habt heute meiner Frau ein Schrecken eingejaget, das sie noch immer nicht verwinden kann. Ich hatte nimmermehr gedacht, dass der alte N. noch so lustige Streiche, wie ein junger Pursche, vornehmen konnte. Mein Seele! das war ein possierlicher Einfall: aber Gefahr war dabei. Es war euer grosses Glucke, dass meine Pistolen nicht bei der Hand waren; ich hatte warlich einen von euch aufs Fell gebrennt, dass er die Beine hatte sollen in die Hohe kehren. Wir dachten alle nicht anders, es waren Diebe da.

Lampert. Ja, gnadiger Herr, wie sagt der Lateiner? per varios casus, und so weiter, das heisst auf deutsch: Durch manchen Zufall und durch viel Gefahrlichkeiten, gelangt man endlich ins Lateinerland mit Freuden. Um Sir Carln in Ansehung einer plotzlichen Erscheinung, bei der Mutter seiner Henriette noch vor ihrer Verbindung, ahnlich zu werden, liess es sich mein Herr Principal nicht verdrussen; nachdem er, bereits vor einigen Tagen, mit mir die Sache reiflich erwogen hatte, diesen Morgen um zwei Uhr, bei finsterm Himmel und sehr sturmischen Wetter, von mir und dem getreuen Jeremias begleitet, sich hierher zu begeben; da dem hiesigen hochadlichen Verwalter, bereits das Verstandniss war eroffnet und mit solchem die Abrede dahin genommen worden, dass das Pfortgen am Schlosshofe sollte offen gelassen werden. Dieser gute und ehrliche Mann, konnte freilich nicht anders, als mit vieler Muhe dazu beredet werden. Endlich aber, da mein gnadiger Herr ihn selbsten deswegen ersuchte, und ihm aller uble Verdacht war benommen worden: liess er sich dazu willig finden, und wir gelangten in der Morgendammerung hier an. Nachdem wir nun, in Begleitung des Verwalters, welcher aus uberflussiger Sorge uns nothigte, alles todliche Gewehr abzulegen, vor das Schlafzimmer des gegenwartigen Herrn v.W. und dessen Frau Gemahlin gebracht worden, pochte der gnadige Herr dreimal stark an die Thur. Wir horten ein vernehmliches Werda? welches unserm Jeremias eine solche Furcht einjagte, dass er mit einem grasslichen Gerausche die Flucht nahm, und im dunkeln und vielleicht auch aus schrekkensvoller Eilfertigkeit einige Stiegen verfehlte, und als ein schwerer Sack die Treppe hinunter fiel. Ob nun gleich der gnadige Herr uber diesen Lermen eine grosse Unzufriedenheit bezeigte: so suchte ich doch, seine Unmuth sogleich dadurch zu hemmen, indem ich ihm berichtete, dass dieser Fall unserer Erscheinung einen besondern Nachdruck geben wurde; weil mehrmals beobachtet worden, dass die Erscheinung der Gespenster, gemeiniglich ein starkes Gerassel von Ketten, ein Gepolter oder ein anderes Gerausche, anzuzeigen und zu begleiten pfleget. Ich will eben nicht in Abrede seyn, dass mein Principal nebst mir in eine kleine Verlegenheit gerieth, da uns, bei wiederholtem Anklopfen, mit Donner und Blitz, oder deutlicher zu sagen, mit einer Kugel vor dem Kopf gedrohet wurde, wenn wir nicht giengen. Der Herr v.N. konnte nicht sogleich eine Entschliessung fassen; deswegen war ich genothiget, in moglichster Geschwindigkeit ihm anzurathen, das vortreffliche Paar in dem Schlafzimmer nicht langer in Zweifel zu lassen, sondern sich eiligst zu erkennen zu geben. Durch diese Gegenwart des Geistes bog ich verschiedenen anscheinenden Gefahrlichkeiten vor. Nach einem kleinen Verzuge wurde das Zimmer geoffnet, und mein Herr trat als ein zweiter Grandison mit einer geschickten Stellung, nachdem er den Herrn v.W. zartlich umarmet, zu dessen Frau Gemahlin, die in dem Lichte der ehrwurdigen Frau Shirley wurde erschienen seyn, wenn sie nicht aus einer allzu zarten Empfindung fur die Ehre, gleich einer erzurnten Juno, in eine Wolke von Betten sich eingehullet, und dem forschenden Auge meines gnadigen Herrn sich entzogen hatte. Sie werden verzeihen, gnadige Frau, sagte er, dass ich mich so eindringe; und er brachte noch verschiedene feine Sachen, mit einem recht bescheidenen, recht mannlichen Wesen vor. Ihr Charakter und der meinige sind einander so wohl bekannt; dass, ob ich gleich vorher niemals die Ehre gehabt habe, mich ihnen auf diese Art zu nahern, ich mir dennoch ihre Verzeihung wegen dieses Eindringens versprechen darf. Er liess sich darauf in Lobspruche auf seine gluckliche Freundin heraus. Alsdenn sagte er: Sie sehen einen Mann vor sich, der sich mit der Bekanntschaft des vortrefflichsten Paares in der Welt, des Stolzes von Engelland, viel weiss, und der sogar durch das Band einer geistlichen Verwandschaft, durch die Ehre einer Gevatterschaft, mit ihnen verbunden ist. Sie wissen, dass er in allen seinen Handlungen dem vortrefflichen Herrn Grandison nacheifert, und dass er sich glucklich schatzen wird, wenn er diese Bemuhungen, durch eine eben so gluckliche Ehe kronen kann. Man kennet meine Freundschaft gegen das theure Fraulein v.W. sehr wohl. (Sie und das Fraulein mussen mich erst berechtigen, es mit einem noch theurern Namen zu benennen.) Kann es mit ihren Begriffen von der zartlichen Empfindung fur die Ehre, gnadige Frau, wird es mit Dero Herrn Gemahls seinen bestehen, fur einen Mann das Wort zu reden, der in solchen Umstanden ist? Wenn das Fraulein die Anbietung eines Herzens annehmen kann, welches ihr gewidmet ist; alsdann werden sie, alsdann wird das Fraulein mich auf eine solche Art verbinden, dass ich mich nur bemuhen kann, es durch die ausserste Dankbarkeit und Zuneigung zu erwiedern.

Edelmuthigster Mann, wollte die Frau v.W. sagen, als er ihr schon zuvor kam, und den Gevatterbrief Sir Carls aus seiner Tasche hervorzog. Sie werden so gutig seyn, und diesen Brief ihrer Tochter, ihrem Herrn, und wen sie sonst zu der Berathschlagung zu ziehen fur rathsam erachten, vorlesen, um daraus zu erkennen, in welcher Hochachtung ich bei meinen Freunden in Engelland stehe. Wenn ich nach Durchlesung desselben kann zugelassen werden, dem Fraulein v.W. meine Aufwartung zu machen, und solches mit derselben und ihren Begriffen von der zartlichen Empfindung fur die Ehre bestehen kann: so werde ich glucklicher seyn, als der glucklichste. (Der arme Oncle, wenn er das alles so gesagt hat wie es der Magister wiederholte, so hat er sein Gedachtniss entsetzlich anstrengen mussen.)

Auf diese Art vermied dieser hochst vortreffliche Mann, da er sich auf diesen Brief bezog, alle Prahlereien, die bei dergleichen Gelegenheiten gemeiniglich Liebhaber von sich vorzubringen pflegen, und als er das gesagt hatte, war er so eilfertig wegzugehen; dass es die Lebensgeister der Frau v.W. ein wenig ubereilte, und sie nicht im Stande war, ein Wort vorzubringen.

Und nunmehr, meine liebsten Ladys, wiederhole ich die Frage: wo ist ihr Herr Oncle hingekommen?

Der Baron. Er wird doch nicht aus dem Lande geflohen seyn, denke ich. Da wir seinen Liebling bei uns haben, so kann er so weit nicht seyn.

Lampert. Ihnen die Wahrheit zu gestehen, so hatte ich dem Herrn v.N. in der That angerathen, sogleich nach dieser Erscheinung sich nach Schonthal zu ihnen zu begeben, und daselbst eine Antwort auf seinen Antrag zu erwarten: der Herr v.W. wollte es aber durchaus nicht zulassen, dass wir uns wieder hinweg begaben. Jedoch keine Bitte wurde diesen Entschluss haben andern konnen, wenn nicht der faule Jeremias die Pferde, gegen die Ordre, welche er hatte, bereits in den Stall gezogen und abgesattelt hatte. Bei so gestalten Sachen glaubte ich, dass der Herr v.N. von einer ganzlichen Verschwindung konnte dispensiret werden; zumal da dieses keine wesentliche Abweichung in der Nachahmung des Herrn Grandisons war, und man bei jeder Sache ohnedem Umstande, Zeit und Ort wohl in Erwagung ziehen muss. Wir nahmen aus dieser Ursache das Anerbieten des Herrn v.W. an, und begaben uns in das angewiesene Zimmer, auf einige Stunden zur Ruhe.

Ich denke es ist Zeit, dass ich einmal selbsten die Ruhe suche, und die Fortsetzung meiner Erzahlung bis auf morgen verspare. Du wirst Ursache haben, mein Bruder, dich bei mir zu bedanken, dass ich mir es lasse so sauer werden, deine Neugier zu vergnugen.

XXXVII. Brief.

Fortsetzung des vorigen Briefs.

den 19 Septembr.

Diesen Morgen habe ich dem Baron meinen Brief vorlesen mussen. Wenn ich seiner Kritiken nicht schon gewohnt ware; so wurde meine gestrige Arbeit im Feuer aufgegangen seyn. Wahrhaftig! wenn du so viel an meinen Briefen zu tadeln fandest als unser Schwager; so wurde ichs verschworen, wieder eine Feder anzusetzen. Der lose Mann! wie er uber mich gespottet hat, dass ich wegen des ehrlichen Lamperts eine kleine Rache an dir geubet habe. Bald war ich Willens, die Zankerei mit der Frau v.W. wieder auszustreichen. Acht Tage lang wurde ich uber kemen von seinen Spassen lachen, wenn ich nicht recht gut ware. Doch ich bin wie die Frau v.W. ich vergebe den Leuten alles, wodurch sie mich beleidiget haben, aber ich sage ihnen erst die Wahrheit. Der Baron und ich sind wieder gute Freunde. Zur Strafe fur seine Spottereien, hat er mir alle meine Federn scharfen und angeloben mussen, nicht zu verlangen, dass ich ihm die Fortsetzung meines Briefes zeigen sollte. Das ist auch sehr gut fur ihn, er wurde nur seine eigne Schande darinne finden. Die Herren erschienen bei der Gasterei des Herrn v.W. eben nicht zu ihrem Vortheile; du weisst, dass er seine Gaste gerne bezecht, mehr brauche ich nicht zu sagen. Doch nuchtern betrinkt man sich nicht leicht; ich will deswegen auch in meiner Erzalung die Gaste erst speisen lassen. Um zwei Uhr wurde zur Tafel geblasen. Geblasen? denkst du; in diesem Ausdrucke finde ich eben nichts wichtiges. Es soll auch kein witziger Gedanke seyn, der Herr v.W. liess wirklich zu Tafel blasen, und zwar mit den Trompeten aus der Kirche. Dem Himmel sey Dank, dachte ich, ohne zu wissen, was dieser kriegerische Schall zu bedeuten hatte, da kommen Soldaten, nun ist Fraulein Julgen der Marter loss; wer wird bei dieser Unruhe auf die Ceremonien einer Eheverbindung denken. Doch zu meinem Verdrusse wurde ich meines Irrthums gar zu bald gewahr. Wir traten in den Speisesaal. Ich zahlte sechzehn Kopfe in der Geschwindigkeit, die Bedienten nicht mit gerechnet, lauter gute Freunde und Bekannte, ausser dem Major von Ln. einen Anverwandten der Frau v.W., den ich noch nicht von Person kannte. Unser Oncle bekam seinen Platz neben dem Fraulein v.W. bei der Tafel, Lampert vertrat die Stelle eines Hoffouriers, und wies jedem seinen Platz an. Hier sitzen Sie, gnadiger Herr, neben dem Fraulein v.W., schrie er, gleich und gleich gesellt sich, und lachte abscheulich. Das vortreffliche gleiche Paar! Fraulein Julgen hatte ihren besten Putz anlegen mussen. Wahrhaftig ein allerliebstes Madchen! Sie muss nicht meine Tante, sie muss meine Schwester werden. Ich drehete mich, ehe wir uns setzten hin und her, um mit ihr ein Wort alleine reden zu konnen; es wollte sich aber nicht fuglich thun lassen. Wir wurden das Reden auch haben entbehren und einander doch verstehen konnen, wenn sie meine Gedanken so gut als ich die ihrigen errathen hatte. Die Backen gluheten dem guten Kinde vor Angst und Erwartung ihres Schicksals. Sie schlug fast immer die Augen nieder, und wagte es nur dann und wann, auf mich einen furchtsamen Blick zu thun. Ich wurde dadurch so geruhret, dass ich durch nichts anders, als durch eine Kritik uber unsern Oncle, mich von einer merklichen Tiefsinnigkeit befreien konnte. Ein seltsamer Mann in der That! Kennst du den Schulmeister in Wilmershaussen? Du wurdest unsern Oncle davor angesehen haben, wenn du unvermuthet in das Zimmer getreten warest. Ueber die Comodie! Er reitet in seinem rothen Galakleide, mit seiner englischen Knotenperucke, von dem Regenschirme seiner Schwester bedeckt, aus Kargfeld. Der Wind ist so unbarmherzig und reisst Wiganden den Schirm aus der Faust, der geputzte Liebhaber wird badennass. Man bringt ihn, nach seinem lacherlichen Auftritte in Wilmershausen, zu Bette. Ueber die Beschickung im Hause, vergisst man andere Kleider aus Kargfeld holen zu lassen. Er schlaft bis gegen Tischzeit, der Magister schnarcht auch bis zu unsrer Ankunft. Da war kein anderer Rath, sollte unser Oncle nicht im blossen Kopfe erscheinen, oder dem Magister seine Sammtmutze abborgen; so musste man den Schulmeister ersuchen, seine Stuzperucke, die sehr ins gelbe fiel, herzugeben. Du weist, dass der Herr v.W. und der Pastor ihr eigen Haar tragen. Das kurze schwarze Kleid des Herrn v.W., und die hervorragende rothe Tressenweste, gaben ihm das feinste Ansehen. Das Kleid schien noch die Halbtrauer wegen der Frau Shirley anzuzeigen, vielleicht hatte er es auch um deswillen gewahlet, und die rothe Weste sollte unfehlbar seine feurige Liebe gegen Fraulein Julgen abbilden.

Er sprach, so lange ihn der Wein noch nicht erhitzet hatte, wenig; was er aber sagte, das musste mit einer Redensart aus dem Grandison gewurzet seyn, und wenn er keine fand, die seine Meinung ausdruckte, so sprach er durch Minen. Er lachelte, nickte oder schuttelte mit dem Kopfe, wie es etwan die Gelegenheit erforderte. Ich werde es ihm so bald nicht vergeben konnen, dass er mich einmal bei Tische roth machte, aus Verdruss wurde ich roth. Er fragte mich lachelnd, wie mir ein blauer Rock mit rothen Aufschlagen gefiel? Konnte ich eine so treuherzige Frage gleichgultig aufnehmen? Was muss der Major von Ln. dabei gedacht haben? Ich argerte mich uber die seltsame Frage, und noch mehr, da ich fuhlte, das mir das Blut ins Gesichte stieg. Sie mussen diese Frage ihrer Aemilie vorlegen, die wird sie eher beantworten konnen als ich. Fraulein Fiekgen ist nicht da, sagte er, heute sind Sie meine Aemilie.

Der Baron uberhob mich einer beschwerlichen Antwort, durch einen von seinen drei Hasen, welchen er lauffen liess. Das ist eine geheimnissvolle Redensart, du weisst nicht, was ich damit, sagen will. Die Sache ist von Wichtigkeit, sie verdient eine Erklarung. Meine Schwester und ich baten den Baron, ehe wir nach Wilmershaussen fuhren, nochmals instandig, alle seine Kunst anzuwenden, das Fraulein von der gefahrvollen Versuchung zu befreien, die Hand unsres Oncles anzunehmen oder auszuschlagen. Dazu habe ich bereits die nothigen Maasregeln genommen, sagte er. Ich will es, mit einer kleinen Veranderung, machen, wie Taubmann. Wenn das Fraulein v.W. von ihren Bollenbeissern angefallen wird; wenn ich merke dass es Ernst werden soll; so werde ich einen Hasen lauffen lassen, ich werde die Unterredung auf so etwas lenken, daruber man gerne disputirt. Man wird auf eine kurze Zeit den Liebesantrag des Herrn v.N. vergessen, und nur streiten und trinken. Wenn ich sehe, dass sich die Gemuter wieder anfangen zu besanftigen; so werde ich eine neue Materie auf die Bahn bringen, daruber noch arger gestritten wird, als uber die erste, dabei mussen die Deckelglasser nicht vergessen werden. So denke ich in zwo Stunden es so weit zu bringen, dass das Frauenzimmer uber uns Manner etwas zu lachen bekommt, und an keinen Ehevertrag wird konnen gedacht werden. Drei Materien habe ich durchstudiret. Wenn Noth vorhanden ist, und ich anfange zu reden; so denken Sie nur,dass ich einen von meinen Hasen losslasse, denn die ganze Gesellschaft hetzen wird.

Der Baron hielt sein Wort. Er sahe mich nicht sobald in einer kleinen Verlegenheit uber dem wunderbaren Betragen des Oncles; sie fiengen an etwas aus den Zeitungen zu erzalen. Er wusste sich hieruber so glucklich auszubreiten, dass wir in funf Minuten die wichtigsten Anmerkungen uber die jetzigen Zeitlaufte horten. Der Geist der Partheilichkeit mischte sich in das Gesprache, die Meinungen waren getheilt und es gab allerhand Streitigkeiten. Die Herren wurden so laut, dass man sein eigen Wort nicht mehr horen konnte. Ich habe mir noch nie die Sprachenverwirrung so deutlich vorgestellt, als bei diesem Gerausche. Alle sprachen zugleich, und suchten einander durch die Starke der Stimme zu uberwaltigen, und keiner verstund den andern. Mir wurde ganz schwindelnd davon im Kopfe. Etliche kampften stehend miteinander, etliche befreieten das rechte Ohr von der Perucke um desto genauer zu horen. Ich weiss nicht, ob dieser Lerm sobald wurde seyn geendiget worden, wenn nicht das Gerausche einiger umgestossenen Weinglasser einen kleinen Waffenstillstand verursachet hatte. Man fieng nun an mit weniger Hitze die Staatsund Landesangelegenheiten zu beurtheilen. Der Schauplatz wurde verandert. Nach der Vorstellung eines hitzigen Kampfes erschien die ehrwurdige politische Versammlung aus dem Kannegiesser. Man erforschte die Staatsmaximen der hohen Haupter. Man that Friedensvorschlage. Sie wurden verworfen. Man lieferte wieder Schlachten. Man belagerte Festungen. Wien hatte bald ein heftiges Bombardement von einer englischen Flotte ausstehen mussen. Man setzte Konige ab und ein. Mit einem Worte, man that alles, man entschied das Schicksal von Europa mit einem Thone, aus welchem nur Brehmen oder Gotter reden konnen. Es gieng uber diesen politischen Betrachtungen eine gute Zeit hin. Der leichtfertige Einfall des Barons hatte alle die Wirkung, die er sich davon versprochen hatte. Dieses war ihm aber noch nicht genug; er brachte zum Beschluss dieses scherzhaften Auftritts, die Gesundheit der hohen kriegenden Machte aus. Es war dem Herrn v.W. und unserm Oncle ganz gelegen, dass solches mit dem grossen Deckelglase geschahe, so verdrusslich auch die Frau v.W. daruber schien. Sie ist fein, und dabei sehr argwohnisch; vermuthlich hatte sie schon einen gegrundeten Verdacht auf unsern Schwager geworfen, dass er ihren Absichten hinderlich seyn mochte. Indessen konnte sie es doch nicht verhindern, dass ihr Herr und unser Oncle, da sie bei der Gesundheit der kriegenden Machte sich ihrer eignen Feldzuge erinnerten, nicht wegen alter Freundschaft den Pokal zweimal ausleereten. Sie suchte deswegen ihre Angelegenheiten eiligst in Richtigkeit zu bringen. Sie druckte eine gnadige Mine nach der andern auf den Magister ab, um ihn zu bewegen, seinen Herrn aufzumuntern, dass er doch sein Wort anbrachte. Der Baron hatte sich aber ein eigen Geschafte daraus gemacht, dem Magister immer etwas zuthun zu geben, um ihn abzuhalten, seinen Herrn an etwas zu erinnern. Er musste vorschneiden, und die Regelmassigkeit jedes Schnittes aus der Trenschierkunst beweisen. Er musste griechisch reden, Kunste machen, die Weinglaser mit der Faust umwenden, mit verkehrter Hand trinken und was dergleichen mehr war. Jedermann sahe auf den kunstlichen Magister, und dieses verursachte ein allgemeines Stilleschweigen. Bei dieser kleinen Pause war die Frau v.W. so glucklich, ihm durch einen Wink ihre Sehn sucht, nach dem Anwerbungscomplimente unsres Oncles zu verstehen zu geben. Er war so witzig, dass er die Sprache dieser boshaften Frau verstund. Aus einem possierlichen Gaukler verwandelte er sich, in einem Augenblicke, in einen ehrwurdigen Bartlett. Er griff mit einer sonderbaren Ernsthaftigkeit an seine Sammtmutze, und legte sie unter den Teller, als wenn er die Danksagung nach Tische sprechen wollte. Er sahe den Oncle starr ins Gesichte, und schien einem Entzuckten ahnlich, der anfangen will zu prophezeihen. Sein Patron hatte aber mehr zuthun, als auf ihn Achtung zu geben, der Wein fieng schon an, bei ihm seine Wirkung zu thun. Die Sprache Grandisons hatte ihn verlassen. Er machte sich immer etwas mit Fraulein Julgen zu schaffen, er wollte zartlich und witzig seyn; er wollte sie auf eine feine Art im Gesprach unterhalten; es waren ihm aber alle Redensarten seines Herrn Gevatters entwischt, nur noch eine einzige blieb ihm getreu.

Wenn es mit ihren Begriffen, von der zartlichen Empfindung fur die Ehre bestehen kann, gnadiges Fraulein, so kusse ich Ihnen die Hand. Das mochte noch hingehen; aber wie gefallt dir das folgende Compliment? Wenn es mit ihren Begriffen, von der zartlichen Empfindung bestehen kann, gnadiges Fraulein, so belieben sie doch etwas zu speisen. Sie sind gewiss zu feste geschnuret, dass gar nichts hinter will, machen Sie Sichs doch ein bisgen commode. Fraulein Julgen musste, bei aller ihrer Angst und Unruhe, uber diese feinen Sachen, die er mit einem recht bescheidenen, recht mannlichen Wesen vorbrachte, heimlich lachen. Im ubrigen spielte sie eine vollkommene Pantomime, uber zwei Worte, die in ja und nein bestanden, habe ich den ganzen Tag nichts von ihr gehoret. Der Major, der, so viel ich weiss, sie noch nicht kannte, muss sie fur ein sehr einfaltig Madchen gehalten haben. Es ist wahr, sie schien sich selbst nicht gleich; aber kann man es seyn, wenn man in so kritischen Umstanden sich befindet? Ueber die Bewegungen des Magisters verlohr sich bei uns beiden wiederum das Lachen. Sie suchte, durch einen fluchtigen angstlichen Blick, bei mir Trost und Hulfe, und ich suchte solche selbsten bei unserm Schwager. Dieser hatte sich zum Ungluck in eine Unterredung vertieft, bald kehrte er sich zu seiner Nachbarin zur rechten, bald zur linken Hand. Wir hatten eine bunte Reihe gemacht. Ich sass auf Kohlen. Der Baron schien einen kleinen Tummel zu haben, und Lampert wagte es nun, da der Oncle auf seine Minen nicht Achtung gab, Worte zu gebrauchen. Jezt, dachte ich bei mir, ware es Zeit, dass der Baron wieder einen Hasen vorspringen liess. Horen Sie, gnadiger Herr, sagte Lampert, gedenken Sie auch daran, was Herr Grandison der Grosse that, da er bei seiner Henriette ? Der Baron brach hier geschwinde das Gesprach mit seinen Damen ab. Das bitte ich mir aus, Herr Magister, verschonen Sie den Herr Grandison mit dem Titel des Grossen; ein Mann der keine Galle hat, ist nicht gross. Ihr Baronet mag ein guter ehrlicher Mann seyn; aber um den Namen eines grossen Mannes zu verdienen, muss man die Welt bezwingen, oder doch bezwingen wollen. Alexander war gross, Pompejus war gross, und wie die Weltbezwinger sonst noch heissen mogen. Was rief unser Oncle, wollen Sie meinen Herrn Gevatter schimpfen? Lassen Sie mir das Ding bleiben, Herr Vetter, wenn Sie mein guter Freund seyn wollen, oder .

Ich habe alle Hochachtung fur ihren Herrn Gevatter, ich schatze ihn hoch; dass aber so ein kleiner dikker Schulmeister als ihr Lampert ist, dem Helden ihre Ehre stehlen will, um einem Privatmann damit zu bereichern: das leide ich nicht, und wenn ich daruber auf dem Platze bleiben sollte. Nun gieng das Disputiren von neuen an, der vorige Streit uber Krieg und Friede war nur ein Scharmutzel, jezt kam es zu einer Schlacht. Bass- Tenor- Diskantstimmen, alles summte durch einander. Die Frau v.W. that alles, um diese Streitigkeiten beizulegen. Ihr Herr war eingeschlafen, und liess sich durch kein Gerausche ermuntern. Lampert gluhete vor Wein und Eifer, er wurde gegen den Baron unhoflich. In diesem hatte der Wein auch endlich uber den Verstand die Uebermacht bekommen. Bald ware dem armen Magister ein Weinglas ins Gesichte geflogen, wenn man solches nicht verhindert hatte. Einige Herrn warfen sich endlich zu Friedensrichter in diesen Zwiste auf. Nach einigen Schwierigkeiten wurden beide Theile besanftiget, und der Friede unter den Bedingungen wieder hergestellt, dass der Magister, wegen seiner Vergehungen, den Baron schriftlich um Verzeihung bitten, und dieser hingegen den Grandison auf der Stelle fur einem grossen Mann erkennen sollte. Dieser Vertrag wurde mit dem Dekkelglase bestatiget. Die Frau v.W. konnte ihren Verdruss nicht verbergen, dass sie ihre Absicht noch nicht erreicht hatte. Sie moralisirte ziemlich nachdrucklich uber ihren Herrn Schwiegersohn; er liess sich aber durch nichts aufbringen, und trank dann und wann ihre Gesundheit; doch einmal sagte er in seiner Begeisterung: Horen Sie auf zu keiffen, alte Frau Shirley. Unvergleichliche Henriette, was machen Sie denn mit einer so bosen Stiefmutter? Wollen Sie mich haben, so will ich Sie von dieser ungeheuren Frau befreien. Das war vortrefflich, es hatte nichts bessers zu Fraulein Julgens Befreiung konnen erdacht werden. Die Frau v.W. wurde dadurch so aufgebracht, dass sie, wider ihre Neigung, ihm ins Gesichte sagte: ihr Herr und sie, wurden das Fraulein keinem irrenden Ritter geben, es mochte nun Ernst oder Scherz bei ihm seyn, so wurde sie ihn nicht zum Schwiegersohne annehmen. Mein Herz wurde nun ganz leichte, unser Oncle verschlimmerte seine Sachen noch mehr, dass er uber den Zorn der Frau v.W. heftig lachte. Sie sind doch meine Henriette, sagte er zu dem Fraulein, und sie wurde einem derben Kusse nicht haben entgehen konnen, wenn sie nicht dadurch vorgebogen hatte, dass sie ganz freundschaftlich bat, ihrer zartliche Empfindung fur die Ehre zu schonen.

Es war 6 Uhr da wir vom Tische aufstunden. Der Herr v.W. musste zu Bette gebracht werden, unser Oncle und der Magister verschwanden auch. Die ubrigen Herren tranken mit dem Frauenzimmer Coffee. Die Frau v.W. verliess uns keinen Augenblick, sie glaubte vielleicht, dass wir uns, in ihrer Abwesenheit, uber sie lustig machen mochten. Der ubrige Theil des Tages, wurde auf unsrer Seite sehr vergnugt zugebracht, ich wurde mit in ein Tarock gezogen, wir spielten bis um zehn Uhr. Der Oncle und Lampert kamen da wieder zum Vorschein, sie waren aber ganz unmunter. Den Herrn v.W. bekamen wir nicht wieder zu Gesichte. Wir nothigten den Oncle mit in unserm Wagen zu steigen, er wollte mit aller Gewalt reiten. Am besten ware es gewesen, er hatte seinen Rausch in Wilmershaussen ausgeschlafen. Ich wunschte, dass ihn die Frau v.W. bitten sollte, da zu bleiben; doch sie war so verdrusslich, so murrisch, dass man es ihr ansehen konnte, dass ihr etwas nicht nach ihrem Sinne gegangen war. Beim Abschiede hatte Fraulein Julgen Gelegenheit, mir mit einem recht muntern, recht freudigen Wesen zu sagen, dass sie mir alles, was sie mir heute nicht mundlich hatte sagen konnen, bald schriftlich sagen wurde. Vor einer Stunde brachte mein Madchen ein Briefgen von ihr; ich habe es noch nicht gelesen; ich werde es aber meinem Briefe, wenn es etwas merkwurdiges in sich enthalt, beifugen. Wir nahmen unsern Ruckweg durch Kargfeld, um unsern schlafenden Oncle auszuladen.

Meine zwei Bogen sind nun wieder voll, und meine Hand ist so steif, dass ich sie fast nicht mehr bewegen kann. Ich bin von Herzen froh, dass ich mit meinem Gewasche fertig bin. Habe ich dir, in der Sprache des Magisters zu reden, die Nuss in der Schaale geliefert, und allerlei uberflussige Dinge in meine Erzahlung gemischt; so wirst du dir den Zeitvertreib machen konnen, solche aufzubeissen, und den Kern heraus zu suchen. Ich bewundere mein gluckliches Gedachtnis, dass ich diesen kleinen Roman, wie ich glaube, ziemlich getreu zu Pappiere gebracht habe. Jezt lege ich den funften Bogen auf, um was sich zwischen hier und Sonnabends noch eraugnen mochte, denn eher werde ich mein Briefpaquet nicht siegeln, dir zu berichten.

Sonnabends den 22 September. Gestern haben wir einen Besuch in Kargfeld abgelegt. Unser Oncle ist krank, er hat einen heftigen Anfall vom Podagra bekommen, das sind die Nachwehen von dem Schmausse bei dem Herrn v.W. Er ist der unleidlichste Mann von der Welt. Da wir uns um sein Bette herumgesetzet hatten, und anfiengen, ihn die Reihe herum zu bedauren; so musste ich einmal niessen. Er fieng daruber erbarmlich an zu schreien, als wenn ich ihm mit einem Hammer auf das podagrische Bein geschlagen hatte. Was das argste ist, so will er es nicht Wort haben, dass sich das Podagra bei ihm einquartieret hat. Er wurde sich kein Bedenken machen seine Beine in noch mehrere Kussen einzuhullen, als er jetzo thut, gesetzt, dass er davon nicht den geringsten Anstoss hatte: wenn man ihn nur uberzeugen konnte, dass Herr Grandison davon auch manchmal einige Beschwerung habe. Ich dachte, du liessest ihn mit nachsten an der Krucke der Frau Shirley herum hinken, und ruhmtest dabei seine ausserordentliche Gedult und seine Diat. Ich bin versichert, dass du unsern Oncle eher kuriren wurdest, als alle Doktor und Apotheker in unsrer ganzen Gegend. Der Magister bewies aus verschiedenen Grunden, dass sein Gonner unmoglich das Zipperlein haben konnte, er gab der Unpasslichkeit unsres Oncles einen verwunschten griechischen Namen, den ich vergessen habe. Der Baron hatte dasmal keine Lust mit ihm zu streiten; er behielt also, zu grosser Beruhigung des Patienten, leichtlich Recht. Der schmerzhafte Fuss des Oncles, liess nicht zu, dass er an seine Henriette denken konnte, und damit waren wir auch sehr wohl zufrieden. Vorgestern hat ihn der Herr v.W. auf ein paar Stunden besucht, es scheint aber nicht, dass sie sich von der Heirath mit einander unterredet haben.

Du wirst einen Haufen Innlagen in meinem Briefe finden. Vorhin brachte Jeremias einen ziemlich dicken Brief, von dem Magister an den Doktor Bartlett. Ich bin so neugierig gewesen, und habe ihn erbrochen, du wirst mich desfalls schon bei dem Herrn Doktor entschuldigen. Unser Oncle ist ein wunderbarer Mann, alles Ungluck das er hier anstiftet, soll sein Baronet wieder gut machen. Verschreibe ja nicht etwan den armen Bornseil, unser Oncle wurde ihn dir mit Weib und Kindern schicken, der Baron will ihn gelegentlich versorgen. Wenn ich dir doch mundlich sagen konnte, dass du die aufrichtigste Freundin besitzest an

Deiner Schwester

Amalia v.S.

XXXVIII. Brief.

(Folgende sieben Briefe hatte Fraulein Amalie in ihr

Paquet eingeschlossen).

Das Fraulein v.W. an Fraulein Amalien. v.S.

Wilmershausen den 19 Septembr.

Schatzbarste Freundin,

Noch nie habe ich Ihnen mit so vieler Aufrichtigkeit diesen schonen Namen beigeleget, als jetzo. Sie haben ihn allemal verdienet, und ich kann es mir selbst nicht vergeben, dass ich einmal an der Starke Ihrer Freundschaft gegen mich gezweifelt habe; allein nehmen Sie mein offenherziges Gestandnis als einen Beweis eines guten Herzens an, wenn ich Ihnen sage, dass ich Sie erst seit zwei Tagen fur meine schatzbarste Freundin, ohne Ihnen ein Compliment zu machen, erkenne. Wie werde ich meine Dankbarkeit gegen Sie, wie werde ich das, was mein Herz fur Sie empfindet ausdrucken konnen? Es ist sehr gut, dass Sie keine Lobspruche von mir erwarten, ich wurde mich sehr verleugnen mussen, wenn ich Ihnen alles das Gute entdecken sollte, dass ich von Ihnen denke. Nein nein, das werde ich nicht thun; ich vermeide gar zu gerne allen Verdacht einer Schmeichelei. Es ist genug, wenn ich Ihnen gestehe, dass Sie mehr gethan haben, als ich vermuthen konnte. Ich wurde es fur ein Gluck gehalten haben, wenn man an dem angstlichen Tage nur nicht ein entscheidendes Ja oder Nein von mir gefordert hatte, das beides mir nicht viel gutes versprach. Ich wurde uberaus zufrieden gewesen seyn, wenn Ihr erster Plan nach meinem Wunsche ware ausgefuhret worden, wenn ich weiter nichts als einige Tage oder Wochen eine Entschliessung in einer so wichtigen Angelegenheit zu fassen erhalten hatte. Doch Sie waren so besorgt fur mich gewesen, einen neuen Plan zu meinem besten zu entwerfen, welcher auch so gut ausgefuhret wurde, dass ich nicht einmal nothig hatte, zu einer betruglichen Bitte meine Zuflucht zu nehmen, um einen Vater und einen Mann, der eine aufrichtige Neigung zu mir hat, zu tauschen. Ich wurde mir gewiss viel Gewalt angethan haben, um diesmal anders zu reden als zu denken. Sie sehen hieraus, welche Verbindlichkeit Sie mir gegen Sich aufgeleget haben, dass Sie mich dieser Muhe uberhoben. Ihr Herr Schwager hatte schon den grossten Theil dieses Plans ausgefuhret, ehe ich es inne wurde, wohin seine Unternehmungen abzielten. So sehr mir die Bemuhungen des Herrn Barons zustatten kamen, so sehr ich Ursache habe, ihm gleichfalls verbunden zu seyn; so ungern wurde ich es doch unternehmen, die Erfindung und die Ausfuhrung dieses Entwurfs, mich aus einer Verdriesslichkeit zuziehen, zu loben. Die beste Absicht, dunkt mich, wurde nicht durch die besten Mittel erreicht. Eine ganze Gesellschaft zu bezechen, um Aeltern abzuhalten, keinen ublen Gebrauch von ihrer Gewalt uber Kinder zu machen, sollte sich das wohl rechtfertigen lassen? Sie wissen, dass ich in diesem Stucke etwas zartlich bin. Das Kopfweh meines Vaters, die Unpasslichkeit des Herrn v.N. und der Sturz des Rittmeisters von H. mit dem Pferde, alles dieses steht auf meiner Rechnung, und wenn es gleich alles von keinen Folgen zu seyn scheinet; so empfinde ich doch in meinem Gemuthe eine kleine Unruhe daruber. Wenn ich mich doch davon befreien konnte, so wurde ich recht ruhig seyn. Aber was mache ich doch? Nicht wahr, ich bin ein ungezogenes Madchen? Ich sollte mich wegen Ihrer Muhe, wegen Ihres Eifers fur mein Bestes bei Ihnen bedanken; ich sollte Sie dafur bis in den dritten Himmel erheben: und ich bin so verwegen, und kritisire die Unternehmungen meiner grossmuthigen Beschutzerin. Wenn Sie mir nun Ihren Beistand versagt hatten, wie wurde es um mich aussehen? Wurde ich nicht die Ausbruche des vaterlichen Zorns, womit ich bedrohet wurde, empfunden haben, oder mich jetzo in einer Stellung befinden, die mir ein unzufriednes Leben versprache? Das Ungewitter hat sich noch nicht verzogen, es stehet noch am Horizonte; wer weiss wie bald mich wieder ein unerwarteter Donner erschreckt. Versagen Sie mir Ihren Schutz ja nicht, meine Freundin. Wenns moglich ist, will ich nicht mehr ungezogen seyn.

Soll ich Ihnen sagen, wie mir vorgestern zu Muthe war? Nein, das wissen Sie schon. Sie konnten aus meinen Gesichtszugen lesen, was in meinem Herzen vorging. Ich will Ihnen lieber Nachricht von meinem Zustande geben, seitdem Sie uns verliessen. Das sage ich Ihnen zum voraus, dass nichts wichtiges vorgefallen ist. Gestern empfieng mich mein Vater bei dem Morgenbesuche mit den Worten: Guten Morgen, Fraulein Braut. Ich weiss nicht gnadiger Papa, sagte ich, ob ich diese Ehre im eigentlichen Verstande annehmen kann? Der Herr von N. der ohne Zweifel der Mann ist, durch den ich diese Benennung erhalten soll, hat mir, wenn ich nicht ein und andern Scherz dahin ziehen will, seine Neigung gegen mich noch gar nicht entdeckt; und wenn auch dieses ware, so glaube ich, dass noch eins und das andere musste berichtiget werden, ehe ich diesen Namen verdiente. Der Papa wurde etwas ungehalten auf mich, dass ich ihm widersprach. Wenn er Kopfweh hat, so ist er ein wenig unleidlich; die Mama begutigte ihn aber durch eine weitlauftige Vorstellung. Wo ich nicht irre, so war dieses das erstemal, dass sie mit mir ubereinstimmte. Sie fuhrte einige Grunde an, warum ich nicht Fraulein Braut konnte genennet werden. Einige davon waren nicht vortheilhaft fur den Herrn v.N. Wenn ich mit ihrer Gemuthsart weniger bekannt ware; so wurde ich hoffen konnen, dass meine Verbindung mit ihm noch nicht so gar nahe sey. Ich muss es Ihnen doch im Vertrauen stecken, dass man einen starken Verdacht auf Sie geworfen hat, dass Sie so wohl die unerwartete Ankunft Ihres Herrn Oncles; als auch die wunderbaren Touren bei Tische angegeben hatten; doch findet Ihr Herr Oncle dadurch eben keine Entschuldigung. Dass Sie von der leztern Erfindung die Urheberin sind, und Ihrem Herrn Schwager nur die Ausfuhrung davon uberlassen haben, daran zweifle ich nicht mehr; bei der plotzlichen Erscheinung des Herrn v.N. habe ich noch nicht Licht genug, ob ich solche fur eine feine List von Ihnen, oder fur einen Einfall des Herrn Wilibalds halten soll. Ich bin geneigt, das leztere zu glauben, denn im ersten Fall wurden Sie sich in der That an Ihrem Herrn Oncle versundiget haben. Ich ungezognes Madchen, jezt habe ich Sie schon wieder beleidiget, Sie sind bose auf mich meine Amalie. Ich wollte Sie gern mundlich um Verzeihung bitten, wann ich es wagen durfte, Ihnen in Schonthal aufzuwarten; ich muss mir aber dieses Vergnugen jetzo versagen, um der Mama keinen widrigen Verdacht zu erwecken. Geben Sie mir einen schriftlichen Verweis, ich habe ihn verdienet; lassen Sie es aber auch darbei bewenden. Danken sie dem Herrn Baron, danken Sie Ihrer Frau Schwester, danken Sie sich selbsten, fur Ihre Gesinnungen, fur Ihre guten Bemuhungen fur mich. Ich gehore ganz fur Sie, nennen Sie mich.

Ihre

Juliane v.W.

XXXIX. Brief.

Fraulein Amalia an das Fraulein v.W.

Schonthal, den 20 Sept.

Schatzbarste Freundin,

Jederzeit habe ich Ihnen mit so vieler Aufrichtigkeit diesen schonen Namen beigelegt, als ich es noch jetzo thue. Ich kenne Ihre schwache Seite; ich kenne aber auch Ihr gutes Herz, und dieses macht mir die Vergebung Ihrer Fehler, wenn Sie welche gegen mich begehen konnen so leicht, dass ich mir ein Vergnugen daraus machen wurde, Ihnen, ich weis nicht was, zu vergeben. Haben Sie ein Mistrauen in mich gesetzet, bin ich Ihren Augen ein falsches Madchen gewesen; so habe ich mich an Ihnen schon genug dadurch gerochen, dass ich Sie von dem Gegentheile so genau zu uberzeugen mich bemuhet habe, dass sich Ihr garstiger Argwohn hat verstecken mussten. Ich bin nicht wenig stolz darauf, dass Sie inne werden, dass Sie nicht alleine ein gutes Herz haben, und dass Sie mir eben diese Ehre, wenigstens in Absicht auf Sich selbsten, zugestehen mussen: in Absicht auf andere aber scheint es, als wenn Sie mich fur sehr muthwillig, wo nicht gar rechtfertigen. Sie sind tungendhaft meine Juliane, Sie haben enges Gewissen, Sie sind gar zu zartlich. Wenn ich Ihnen nicht suchte Ihren Irrthum zu benehmen, so wurden Sie mich fur das leichtsinnigste Madchen von der Welt halten, und nichts ware mir unleidlicher als dieses. Wer hat Ihnen denn gesagt, dass ich den Plan, wie Sie es nennen, zu Hintertreibung Ihrer Verbindung mit meinem Oncle entworfen habe? In der That, ich habe ihn gut geheissen; aber er war nicht meine Erfindung. Sie haben diese, eben so wohl als die Ausfuhrung desselben, einer Person zu danken. Der Baron ist der Patriot, der den Einfall hatte, die ganze Gesellschaft zu bezechen, und sich selbst dabei nicht zu vergessen, um Sie von dem Verdrusse eines unangenehmen Liebesantrags zu befreien. Sie haben nicht Ursache, uber den Kopf Ihres Herrn Vaters, und uber das podagrische Bein Ihres Anbeters sich, ein Gewissen zu machen. Ich wurde selbst einige Unruhe daruber empfinden, wenn ich glaubte, das dieses Unheil, ohne den Antrieb des Barons, ware vermieden worden; allein urtheilen Sie selbsten, ob es nicht besser war, dass er sich und seinen Freunden einen Rausch trank, um ein Unheil zu vermeiden, als dass eben dieses ein paar Stunden spater geschahe, um eine ungluckliche Verbindung dadurch zu befestigen. Aus zwei Uebeln muss man doch allemal das Kleinste erwahlen. Geben Sie sich zufrieden mein Kind, Sie mussten einmal an diesem Tage eine Gelegenheit seyn, dass man den grossern Becher der Frolichkeit, nach der Benennung unsers Magisters ausleerte. Was liegt Ihnen daran, aus welcher Nebenabsicht dieses geschahe. Ich bin in meinen Gemuthe uber diesen Punkt ruhig; ich dachte, Sie waren es auch. Ueber einen andern Vorwurf den Sie mir gemacht haben, bin ich nicht so gleichgultig. Ich soll durchaus die Gespensterhistorie des Herr v.N. erfunden und eingefadelt haben. Mit Ihrer Frau Mutter habe ich deswegen schon eine Lanze brechen mussen, das fehlte mir noch, dass ich mit der Fraulein Tochter auch was zu zanken bekame. Es ist Ihr grosses Gluck, dass Sie in dieser wichtigen Sache nichts entscheiden. Sie verlangen mehreres Licht darinne zu haben, ehe Sie ein Endurtheil abfassen, und mich freisprechen oder eine Gewissensruge anstellen wollen. Sie konnen mich ganz sicher freisprechen. Ich werde fur meine Unschuld keinen Beweis fuhren, nein nein meine Juliane, den verlangen Sie auch nicht. Wenn es die Roth erforderte, und man zu arglistigen Mitteln seine Zuflucht nehmen musste, um Sie von einer unangenehmen Verbindung zu befreien; so konnte es wohl seyn, dass ich aus Freundschaft fur Sie eine kleine Bosheit beginge, aber dismal habe ich in Wahrheit nicht daran gedacht. Sehen Sie diese romanmassige Unternehmung noch einmal genau an, Sie werden den lacherlichen Magister von Anfang bis zu Ende darinne finden. Suchen Sie diesen ungegrundeten Argwohn von mir Ihrer Frau Mutter gleichfalls zu benehmen: kann es aber nicht seyn, so lassen Sie ihr das Vergnugen, ihre Meinung zu behalten. Bitten Sie mich ja nie wieder um Verzeihung Ihrer Offenherzigkeit, wenn Sie mich nicht beleidigen wollen. Wir wollen nie aufhoren, einander alles zu sagen, was wir denken, dieses ist der vollkommenste Beweis einer aufrichtigen Freundschaft. Wenn Sie der Aufmerksamkeit Ihrer Mama einmal entwischen konnen; so kommen Sie hieher nach Schonthal, ich habe grosse Lust, mit Ihnen mich recht satt zu schwatzen. Der Baron will sich, Ihnen zu gefallen, noch zehnmal einen Rausch trinken. Wir lieben Sie, wir schatzen Sie hoch; in beiden aber gebuhret der Vorzug

Ihrer aufrichtigen Freundin

Amaliie v.S.

XL. Brief.

Der Magister Wilibald an den Baron v.F.

Kargfeld den 19 Septembr.

Reichsfreihochwohlgebohr.

Herr, Gnadiger Herr.

Eu. Reichsfreihochwohlgebohr. Gnaden pflegen oftmals diesen sehr weisen Spruch im Munde zu fuhren: Ein Wort ein Wort, ein Mann ein Mann, und dieser vortreffliche Wahlspruch erinnert mich an ein Versprechen, das ich vorgestrigen Tages Denenselben, in dem Speisesaale des Herrn v.W., in Gegenwart einer hochansehnlichen Gesellschaft gethan habe; und ich erfulle es mit desto grosserm Vergnugen, theils um dadurch zu beweisen, dass ich ein Mann von Parole bin, theils um dadurch Gelegenheit zu bekommen, mich in einigen Stucken, die mir sind zur Last geleget worden, zu rechtfertigen. Ob ich gleich so wenig dabei gleichgultig seyn konnte, da Eu. Hochwohlgebohr. gefiel, von dem grossen Freunde meines Gonners kein gar zu vortheilhaftes Urtheil zu fallen, dass ich dadurch auf das lebhafteste geruhret wurde: so muss ich es doch herzlich beklagen, dass Sie einige Worte, die und welche gar nicht dahin abzielten, Eu. Hochwohlgebohr. zu beleidigen, ungnadig empfanden. Ich glaube indessen, dass ich eine vollkommene Vergebung alles dessen, wodurch ich Hochdieselben beleidiget haben soll, erhalte, wenn ich Sie aufrichtig versichere, dass es mir nie in den Sinn gekommen ist, Dero Ehre und Ruhm jemals im geringsten anzutasten. Per me semper honos nomenque Tuum laudesque manebunt. Dieses habe ich nun meines Erachtens in Richtigkeit gebracht. Ich sehe Eu. Gnaden wieder als meinen Macenan, ich sage gleichsam zu Ihnen, wie jener grosse Dichter zu diesem: O et praesidium et dulce decus meum! In diesem Vertrauen gegen Sie, wag ich es, Dero Schutz und Hulfe in einer Sache anzuflehen, die mich sehr beangstiget. Seyn Sie doch, gnadiger Herr, seyn Sie doch, ich bitte Sie, ein grossmuthiger Georg, der den Lindwurm, der an meinem Herzen naget, ritterlich besieget. Ich weiss, dass das Fraulein v.S. gewohnt ist, an ihren Herrn Bruder in Engelland alles zu berichten, was in unsrer Gegend sich zutragt; ich weiss auch, dass der Herr v.S. seine Briefe allen Freunden in Grandisonhall zeiget. Es ahndet mir, dass das Fraulein alles, was bei der Gasterei des Herrn v.W. vorgefallen, vom Anfang bis zu Ende, an den jungen Herr Baron schreiben wird. Sie verstehet die die Kunst, Sachen, die von keiner Wichtigkeit sind, auf einer Seite vorzustellen, dass sie das Ansehen wichtiger Begebenheiten erreichen. Wie leicht konnte es seyn, dass sie aus Mangel richtiger Begriffe, den Becher der Frohlichkeit, welcher bei der Tafel des Herrn v.W. fleissig herum gieng, mit dem Laster der Trunkenheit verwechselte. Nichts wurde mir empfindlicher seyn, als wenn der Doctor Bartlett mich, der ich mir eine Ehre daraus mache, in seine Fusstapfen zu treten, und alle meine Handlungen nach den seinigen einzurichten, fur einen Trunkenbold und Weinsaufer ansehen sollte. Was wurde dieser redliche Mann denken, wenn er solche Dinge von mir horte? wurde er sich nicht schamen, mir die Ehre eines Mitglieds einer beruhmten koniglichen Gesellschaft erworben zu haben? Ich will es zwar gerne zugeben, dass ich mich eben so wenig bei der Gasterei des Herrn v.W. in statu integritatis befand, als die ubrigen vornehmen Gaste; aber dadurch wird noch keinesweges eingeraumet, dass man sich an diesen frohen Tage bezecht hatte. Indessen hore ich unter der Hand, dass die Frau v.W. einige ihrer Gaste, und mich insbesondere, mit solchen Ehrentiteln uberhauft, die nur fur niedertrachtige Gemuther und fur die Schenke gehoren. Ich weiss, dass die Verwechselung der Begriffe von dem Freudentrunke und der Trunkenheit, an diesen falschen Urtheilen Schuld sind. Um nun diesem Uebel in Zukunft vorzubeugen, und meine Ehre und guten Namen dadurch, sowohl in hiesiger Gegend, als auch bei meinen Gonnern in Engellend, aufrecht zu erhalten; so habe ich es gewagt, angebogne kurze Beantwortung der Frage: Ob bei der Gasterei des Herrn v.W. der Becher der Frohlichkeit zuweit sey getrieben worden oder nicht, zu entwerfen, und diese Abhandlung Eu. Hochwohlgebohr. unterthanig zuzueignen. Werden Sie die Gnade fur mich haben, und aus dieser kleinen Schrift dem Fraulein v.S. fur welcher, wenn ich es aufrichtig gesiehen soll, ich mich am meisten furchte, ingleichen bei Gelegenheit der Frau v.W. deutliche Begriffe von dem himmelweiten Unterschiede zwischen einem Trunkenbolde und einem, der den Becher der Frohlichkeit kostet, beizubringen sich die Muhe geben. Werde ich dadurch von der Sorge, dass meinem guten Namen ein Klebesieckgen mochte angehangen werden, befreiet: so verspreche ich nicht nur meine Dankbarkeit gegen Eu. Gnaden auf alle nur ersinnliche Art und Weise zu Tage zu legen, sondern ich werde dadurch auch aufgemuntert werden, mehrere dergleichen nutzliche Unternehmungen zu wagen. Ich verharre mit vollkommenster Hochachtung,

Eu. Reichsfreihochwohlgebohr.

Meines gnadigen Herrn

unterthaniger Diener

L. Wilibald Phil. D.

Einschluss des vorigen Briefs.

Kurze und bescheidene Beantwortung der Frage: Ob

bei der Gasterei des Herrn v.W. der Becher der

Frohlichkeit zuweit sey getrieben worden oder nicht?

. 1.

Was der Becher der Frohlichkeit sey.

Ein Becher wird im weitlauftigen Verstande jedes Gefasse genennet, woraus man zu trinken pfleget, oder kurzer, ein Becher ist ein Trinkgeschirr. Der Wein ist ein Saft, welcher aus Trauben gepresset und in grossen Gefassen, die man Fasser nennet, in unterirrdischen Gewolbern oder Kellern zum Gebrauche aufbehalten wird. Die Alten hielten es zwar damit anders; sie zogen den Wein auf Flaschen, und verwahrten ihn in dem obern Theile, oder auf dem Boden ihrer Hauser. Die Frohlichkeit ist eine Beschaffenheit des Gemuths, welche uns eine Zeitlang aller Sorgen vergessen macht, und unsere Gedanken nur mit angenehmen Empfindungen beschaftiget. Der Becher der Frohlichkeit (poculum hilaritatis) ist also der Genuss des Weins, aus einem Trinkgeschirr, den man so lange fortsetzet, bis man spuret dass das Gemuthe vollkomHeiterkeit im Gemuthe empfindet.

Anmerkungen.

Die erste. Weil der Becher der Frohlichkeit das Gemuthe aufheitert, so werden die, welche ihn trinken, illuminati, das ist, Aufgeheiterte oder Erleuchtete genennet.

Die zweite. Einer, der keinen Wein trinket, heisst Abstemius. Leute von der Art, die sich muthwillig um eine solche Ergotzlichkeit dieses Lebens bringen, als das Weintrinken ist, sind nicht klug, ergo sind die Turken nicht klug.

. 2.

Wer der Erfinder davon gewesen.

Noah, der zweite Stammvater des menschlichen Geschlechts, hat den Weinbau erfunden. Er trank den Wein aus einer doppelten Absicht, erstlich um der Schwache seines Magens dadurch zu statten zu kommen, zum andern, um dadurch seine Bekummerniss, dass er seine guten Freunde hatte sehen im Wasser umkommen, durch Wein zu lindern. Wenn er seinen Becher aus dieser Absicht ansetzte, so trank er das poculum hilaritatis, und weil dieses Niemand vor dass Noah der Erfinder des Bechers der Frohlichkeit gewesen ist.

. 3.

Wie vielerlei derselbe sey.

Wir haben ein zweifaches poculum hilaritatis, ein grosseres (majus) und ein kleineres (minus). Dieses letztere bestehet darinne, wenn man ein Glas Wein mehr trinket, als es die Nothdurft erfordert. Der gemeine Mann nennet dieses einen Trunk uber den Durst. Jenes kann nur Statt finden, wenn man mit dem Vorsatze trinket, aufgeraumt zu werden, und mithin muss der Genuss des Weins so lange fortgesetzet werden, bis man diesen Entzweck erreichet hat.

. 4.

Wie man beide den grossern und den kleinern Becher

brauchen soll.

Des kleinern Bechers der Frolichkeit kann man sich so oft bedienen als man will; aus dem grossern aber muss man kein Handwerk machen; sonst wird aus dem Becher der Frohlichkeit ein Becher der Trunkenheit. (Poculum hilaritatis conuertitur in poculum ebrietatis.)

Anmerkungen.

Die erste. Die Gelehrten, welche mit dem Kopfe arbeiten, und einer Aufmunterung ihrer Lebensgeister ofterer als andre nothig haben, durfen den grossern Becher der Frohlichkeit so oft versuchen, als sie es gut befinden ihre Lebensgeister aufzumuntern. Einfolglich gilt bei ihnen eine Ausnahme.

Die zweite. Das poculum hilaritatis majus ist die Hippokrene der Poeten.

. 5.

Das vorhergehende wird weiter ausgefuhrt und

bestatiget.

Es erhellet aus der Vernunft und Erfahrung, dass man nicht nur Wein trinken konne, um den Durst zu loschen, sondern dass dieses auch geschehe, um sich zu erquicken. Man pflegt im Sprichworte zu sagen: Vinum est lae senum, das ist, Wein thut den Erwachsenen eben die Dienste, als Milch den Sauglingen. Wer sich nun am Weine erquicket, dessen Gemuthe wird munter; wer sein Gemuthe durch den Wein ermuntert, ohne dabei seiner Sorgen zu vergessen, der trinkt den Becher der Frolichkeit, und zwar den kleiphi stimmen darinne uberein, dass es erlaubt sey, diesen kleinern Becher, wenn und so oft man will, zu versuchen, denn er dienet zur Erhaltung des menschlichen Lebens und der Gesundheit; alleine wegen des grossern sind die Gelehrten nicht einerlei Meinung. Einige, und zwar die strengsten Moralisten, verwerfen solche in ihren Schriften ganz; sie thun es aber nur zum Scheine, und machen sich kein Bedenken, ihn dann und wann selbsten auszuleeren. Die gelindern lassen solchen, wiewohl nicht mit offenbaren Worten, (aperte.) jedoch aber stillschweigend (tacite) zu. Es wird nothig seyn, um dieses zu bestatigen, ein oder anderes Beispiel hiervon aus den Schriften eines grossen Kirchenlehrers anzufuhren. Dieser ernsthafte Mann, da er bereits in einem wichtigen Amte stund, schreibt an einem Orte, in seinem Tractatlein von der Einbildung folgendes. Ich muss hier, spricht er, Kurzweilitatis gratia erzahlen, was sich mit mir zugetragen, als ich zu Konigsberg studirte. Nachdem ich mit vornehmen Burgern bekannt worden, wurde ich zuweilen Erlustirens halber, in ihre Lusthauser ausser der Stadt gefuhret, und wenn sie ihre Flaschenfutter aufthaten, war dieses allezeit die erste Frage, wie mir der Wein schmeckte? Wenn ich denn den sauern Wein, so halber Krautlache (war) lobte: soffen sie sich so voll als die Burstenbinder, und wurden von lauterer Opinion voll und toll. Hier muss man wohl bemerken, dass die Redensarten: sich so voll sauffen als die Burstenbinder, von lautererer Opinion voll und toll werden, in etwas uneigentlichem Verstande mussen genommen werden, wie es auch aus der Natur der Sache schon genugsam erhellet. Denn man weiss, dass sich so arme Leute, als die Burstenbinder sind, nicht in Wein bis zur Vollheit bezechen konnen, und von lauterer Opinion wird man sich nicht leicht einen Rausch trinken. Wenn also der gelehrte Mann, der dieses schreibt, jetzo leben sollte, so wurde er sagen: und wenn ich den sauren Wein lobte, so gefiel ihnen dieses sowohl, dass sie daruber ganz lustig wurden, und den grossern Becher der Frolichkeit mit einander ausleerten. Ich will doch noch ein Beispiel aus eben diesen Autore von gleichem Schlag anfuhren, es stehet gleich auf der folgenden Seite des obenangezogenen Tractatleins, die Worte lauten also: Gestern, als ich auf meinem grossen Stuhle eingeschlafen (war) traumte mich, ich war ist einem herrlichen Pallast, da horte ich den Abdanker seine Oration halten, in welcher er den Hochzeitgasten Dank sagte, dass sie sich einstellen und mit ihrer Gegenwart solche (Hochzeit helfen zieren wollen; fuhrte dabei an, sie wollten bedenken, dass anjetzo das Martinsfest ware, wollten demnach wacker herum trinken, dass kein Tropfen darinne (in dem Fasse oder Becher) blieb. Denn, sagte er, der Sauerkopf Seneca, der, der alle Berge eben tragen wollen, hat selbst zuweilen gesoffen, dass er den Fuchsen geschossen und uber eilfe geworfen, (was diese Ausdrucke bedeuten, ist schon oben bei dem Burstenbinder erklaret,) und das sollte eine vortreffliche Medicin seyn, aller vornehmsten Arzenei Doctorn Meinung nach. Alexander der Grosse hat nie eine Feldschlacht angetreten, er habe denn zuvor tapfer gesoffen. Wer sollte sich aber dessen schamen, was Seneca, was Alexander M. was Cato gethan? Und solche Vorganger zu haben, ist nicht allein wohl zu verzeihen, sondern noch wohl lobenswerth. So weit unser Autor. Hieraus leuchtet nun ganz deutlich in die Augen, dass der Becher der Frolichkeit stilleschweigend gebilliget wird, und dieses lasst sich hauptsachlich aus drei Grunden beweisen, I.) Weil der Autor beiden angezogenen Stellen kein ungleiches Urtheil beifuget, und also durch sein Stilleschweigen die Sache billiget, denn qui tacet consentire videtur II.) Weil er es selbst veranlasset hat, dass die Burger in Konigsberg sich besoffen haben wie die Burstenbinder, oder eigentlich zu reden, dass die Burger in Konigsberg den grossern Becher der Frolichkeit versucht haben. III.) Weil er sich kein Bedenken macht, einen Traum zu erzahlen, der eine Aufmunterung zum Gebrauche desselben enthalt. Er wurde diesen Traum gewiss verschwiegen haben, wann er befurchtet hatte, dadurch eine Aergerniss anzurichten, da er aber dieses nicht gethan hat; so ist es ausser allem Streit, dass er nichts darwider einzuwenden hatte. Welches zu erweisen war.

Anmerkung.

Wenn es also die Moralisten verstatten, dann und wann so tief in das Glas zu gucken, dass man den Fuchsen schiesst und uber eilfe wirft; so ist es klar, dass es erlaubt sey, den grossern Becher der Frolichkeit zur Ergotzung des Gemuths zu gebrauchen.

. 6.

Was die Trunkenheit sey, item ein Trunkenbold,

Vollzapf etc.

Die Trunkenheit entstehet entweder durch den gar zu oftern Gebrauch des Bechers der Frolichkeit, (. praeced.) wenn man alle Tage will Martini machen, wie man im gemeinen Leben zu reden pflegt; oder wenn man das poculum hilaritatis zu weit treibt, dass die Heiterkeit des Gemuths sich verlieret, wenn man durch die Weindunste benebelt wird. Ein Trunkenbold, gleichsam der dem Trinkbecher hold ist, oder ein Vollzapf, ist ein Mensch, der eine Fertigkeit besitzt, alle vollen Glaser auszuleeren, und der also mit Tag und Nacht nicht mehr unterscheiden kann.

. 7.

Dass die Trunkenheit ein Laster sey, und viel Ungluck

stifte.

Wer so viel trinkt, dass die Heiterkeit seines Gemuths dadurch unterdrucket wird, der verlieret den Entzweck des Bechers der Freudigkeit, und schwachet dabei seine Gesundheit und sein Vermogen. Es kommt oftmals dahin, dass solchergestalt ein reicher Crassus ein Friedrich mit der leeren Tasche wird,1 einfolglich beleidigt ein Trunkenbold die Pflichten gegen sich selbst, mithin ist er lasterhaft, und die Trunkenheit selbst ein Laster. Ein Laster kann nichts anders als Unheil anstiften, folglich stiftet die Trunkenheit viel Unheil an. Dass dieser Satz der Wahrheit vollkommen gemass s.y, solches lehret nicht nur die tagliche Erfahrung, sondern es kann auch durch sehr viele Beispiele bestatiget werden. Auszugsweise will ich davon doch etliche anfuhren. Zu Bacharach, einem Stadtlein in der Pfalz, welches seinen Namen daher erhalten, weil guter Rheinwein daselbst wachst, und es gleichsam Bacchi ara, oder ein Altar des Weingottes ist, wohnte vorzeiten ein grosser Schwelger, der sein einziges Vergnugen in dem Keller nicht anders dachter Temulent ins Weinhaus, und fing an, die Zeit mir Zechen und andrer Kurzweile zu vertreiben, ubte sich auch so fleissig in der Glaserausleerung, dass er einen guten Rausch bekam. Immittelst wurde die Weile seinem schwangern Weibe zu Hause sehr lang, welche sich hin begab, ihren vollen Nabal heimgehen zu heissen; er verehrte sie aber mit etlichen Maulschellen, und warf ihr einen Haufen Fluche und Scheltworte an den Hals. Sie ging hierauf ihres Weges, den gottlosen Mann unter den andern Trunkenbolden lassend. Nach Verlauf etlicher Viertelstunden hat sie ein uberaus abscheuliches Monstrum oder Missgeburt zur Welt gebracht, welches alle Anwesenden in hochstes Schrecken versetzte. Dessen Gestalt war also beschaffen: forne an dem obern Theile des Leibes sahe es einem Menschen ahnlich, hinten hinab aber, und unten, einer Schlange, und hatte einen Schwanz bei drei Ellen lang. Indem man nun nicht weis, was man mit diesem Ungeheuer anfahen soll, kommt der volle Zapfen nach Hause. Die schreckliche Missgeburt gab, so bald sie ihn sahe, einen Schlangen ahnlichen Laut von und warf sich mit grosser Ungestum an des Fluchers 'Hals, umhullete denselben etliche mal mit dem Giftschweife, verwundete ihn auch mit verschiedenen Stichen; dass der gottlose Mensch seinen Geist aufgab, und die tolle und volle Seele dem Teufel in die Wasche schickte2. Ein anders. Nicht weit von Jena wohnte vorzeiten ein Trunkenbold, der, wenn er sich besoffen hatte, mit Jedermann zanken und hadern musste. Einsmals begab sichs, dass er toll und rasend den Wirth in der Schenke mit seinen Gasten fressen wollte. Die Frau heulte und bat, er sollte mit ihr nach Hause gehen, sie wollten zu Hause ein Kannlein Wein mit einander ausstechen. Der volle Narr aber wollte nicht, sondern schlug das Weib gar ubel, und lief zum Tische, als wollte er zehn volle Bauern mit einem Streich erschmeissen; es traf ihn aber einer mit einer Kanne dermassen vor den Kopf, dass er alsbald umfiel und starb, und weil man zuvor die Leuchter ausgeloschet hatte, ist noch nicht erfahren worden, wer diesen thorigten Hund erworfen hat3. Noch eins zur Zugabe. Zu Meinigen im Hennebergischen war einmal ein Mann, Hanns Vierdumpfel benannt, welcher sich lieber in Bier- und Brandeweinhausern, als in der Kirche finden lies, dieser hat sich einmal dermassen mit Brandewein angefullet, dass ihn derselbe das Herz abgebrannt hat.4.

. 8.

Ob bei der Gasterei des Herrn von W. der Becher der Frolichkeit oder der Becher der Trunkenheit Statt

gefunden habe? Letzteres wird verneinet.

rer aufgeworfenen Frage vorausgesetzet worden, so wird es leicht seyn, solche grundlich, und zwar verneinend, zu beantworten: Das Maas des Bechers der Frolichkeit ist bei der Gasterei des Herrn v.W. nicht uberschritten worden. Dieses beweisen wir so: Nur der macht sich des Lasters der Trunkenheit schuldig, welcher so viel trinket, dass die Heiterkeit des Gemuths dadurch unterdrucket wird, oder welches einerlei ist, dass er Tag und Nacht, schwarz und weiss nicht mehr unterscheiden kann. (per . 6 & 7.)

Bei der Gasterei des Herrn v.W. hat Niemand so viel getrunken, dass dadurch sein Gemuthe dergestalt ware benebelt worden, dass er schwarz und weiss, Tag und Nacht, nicht mehr hatte unterscheiden konnen: (per experient.)

Also hat sich auch Niemand bei der Gasterei des Herrn v.W. des Lasters der Trunkenheit schuldig gemacht. Oder auch so: Wenn wahr ist, dass die Trunkenheit allemal viel Unheil stiftet, wie solches aus dem vorhergehenden . nicht kann geleugnet werden: so wurde folgen, dass aus der Gasterei des Herrn v.W. vielerlei Ungluck musste erwachsen seyn, wenn bei solcher die Trunkenheit geherrschet hatte. Da aber bis jetzo noch kein Ungeheuer dadurch ist ausgebrutet, auch Niemand mit der Kanne dermassen an den Kopf getroffen worden, dass er davon gestorben ware; am allerwenigsten aber durch die Vielheit des Getrankes Jemand um Leib und Leben kommen ist: so bleibet es dabei, dass man die Granzen des Bechers der Frolichkeit nicht uberschritten hat. Hat sich nun Niemand des Lasters der Trunkenheit bei der Tafel des Herrn v.W. schuldig gemacht; ist aber gleichwohl ein Glas Wein mehr getrunken worden, als zu des Leibes Nahrung und Nothdurft gehorte; so folgt daraus, dass der grossere Becher der Frolichkeit, nicht aber, wie falschlich vorgegeben wird, der Becher der Trunkenheit von einer hochansehnlichen Gesellschaft zu einer unschuldigen Gemuthsergotzlichkeit ausgeleeret worden. W.z.e.w.

. 9.

Beschluss.

Solchergestalt ware also die Ehre der vortrefflichen Gesellschaft in Wilmershausen gerettet, und die hochansehnlichen Glieder derselben von dem Verdachte eines Fehlers befreiet, welchen nur niedrige Gemuther begehen konnen. Es ist also nichts anders, als eine pure lautere Verlaumdung und Unwahrheit, wenn man sich nicht entblodet, zu sagen, dass einige der anwesenden Gaste in Wilmershausen rechte Trunkenbolde und Vollzapfen gewesen waren; ich sage, es ist dieses nichts anders, als eine Verlaumdung und Erdichtung, nicht Stich halt, und welcher man sicher widersprechen kann. Denn da zur Gnuge bewiesen worden ist, dass kein Mensch von allen Anwesenden den Becher der Frolichkeit zu weit getrieben habe; so fallt die Beschuldigung der Trunkenbolde fur sich selber hin. Wo die Trunkenheit nicht Statt findet, da kann auch kein Trunkenbold seyn, cessante caussa cessat effectus. (Man besehe hiervon Danzii Grammat. hebr. . 17. caut. 7). Ich weis, dass das ganze erlauchte Publicum, der Wahrheit gemas, von diesem Vorgange urtheilen, und mehr dieser aufrichtigen Schutzschrift, als einem fluchtigen Geruchte, aus dem Munde ubelgesinnter Personen Beifall geben wird. Es ist mir zwar sehr empfindlich, dass bose Zungen von einer vornehmen Gesellschaft, in welcher ich mich selbst zu befinden die Ehre hatte, nachtheilige Unwahrheiten auszusprengen, sich kein Bedenken machen, und ich denke mehr als einmal an die Worte: Dorn und Disteln siechen sehr, falsche Zungen noch vielmehr, noch wollt ich lieber in Dorn und Disteln baden, als mit falschen Zungen seyn beladen. Inzwischen, da ich es doch nicht dahin bringen werde, allen Leuten das Afterreden zu verbiethen; so will ich zusehen, ob ich wenigstens ihren offenbaren Spottereien und ublen Nachreden Einhalt thun kann, wenn ich diesen Fluch uber sie ausspreche, welchen schon vor mir ein beruhmter Schriftsteller5, wegen seiner Neider und Misgunstigen, jenem gekronten Haupte abgeborget hat: Honni soit qui mal y pense!

Fussnoten

1 Besiehe hiervon P. Lambec. de biblioth. caes. lib. II. c. 8. 2 M. Janson in Mercur. Gallobelgie. 3 M. Wolfgang Butner in epit. histor. 4 M. Joh. Seb. Gunthers Meining. Chron. 5 Siehe hiervon Zieglers Vorrede zu seiner Asiatischen Banise.

XLI. Brief.

(Diese drei Briefe, welche hier folgen, hatte der

Magister in den seinigen an den Doctor Bartlett

abschriftlich eingelegt.)

An den Herrn v.N.

Wilmershausen den 18 Sept.

Hochwohlgebohrner Hr. Erb-Lehn- und Gerichtsherr

auf Kargfeld und Durrenstein,

Gnadiger Herr,

Ew. Hochwohlgebohrnen kann ich nicht unverhalten lassen, dass mir die Ergebenheit, mit welcher ich Ew. Gnaden zugethan bin, ein grosses Ungluck uber den Hals gezogen, dass ich die Hande uber dem Kopfe zusammenschlagen muss. Ob ich gleich meinem Amte als ein rechtschaffener und treuer Haushalter nun in die 19 Jahre bei dem Herrn v.W. vorgestanden habe; so hat er mich doch heute unvermuthet, und da ich ihm nicht die geringste Ursache darzu gegeben habe, aus seinen Diensten entlassen, und dabei vorgewendet, ich hatte mich von Ihnen bestechen lassen, und zu ungewohnlicher Zeit Thur und Thor aufgesperret, und dadurch verursachet, dass Sie den Herrn und die gnadige Frau auf den Tod erschrecket hatten. Ich dachte, was fur grosse Fische ich dabei fangen wurde, wenn ich gegen Ew. Gnaden so dienstwillig ware, und mich bereden lies, Ihnen zu willfahren; aber diese Gutwilligkeit hat mich um meine Versorgung gebracht, und wenn mir Ew. Gnaden nicht helfen, so habe ich mich zwischen zwei Stuhle niedergesetzt. Die gnadige Frau sagte, da ich sie bat, wegen einer so geringen Ursache mich doch nicht mit Weib und Kindern aus dem Edelhofe zu verstossen, in welchem ich langer gewohnt habe, als sie selbsten, ich sollte mich nur an Sie halten, Sie brachten mich um mein Stuckgen Brodt und mussten mich auch nun ernahren. Ich thue Ihnen also meinen Unglucksfall zu wissen, in Unterthanigkeit bittende, Ew. Gnaden wollen mir armen verlassenem Manne nebst Weib und Kindern den nothigen Unterhalt verschaffen; weil Sie doch die alleinige Ursache sind, dass mein Amt von mir ist genommen worden, sonst wurden wir ach und weh! uber Sie schreien mussen. In der Hoffnung, dass Sie mich bald durch eine gute Nachricht werden erfreuen lassen, verharre ich

Ew. Hochwohlgebohrnen

unterthaniger Diener,

Peter Bornseil,

gewesener Verwalter in Wilmershausen.

XLII. Brief.

Der Magister an den Verwalter Bornseil

Kargfeld den 20 Sept.

Vielgeehrter guter Freund,

Was derselbe in seinem unterthanigen Memorial an meinen gnadigen Sir noch gesuchet; solches haben sich Se. Hochwohlgeb. von mir gestern referiren lassen, und haben befohlen, demselben hierauf freundlich zu benachrichtigen: dass mein Herr Principal an seinem unglucklichen Schicksale vielen Antheil nimmt, und herzlich bedauret, dass derselbe bei seiner Herrschaft in Ungnade gefallen ist, und dadurch sein Stuckgen Brod verlohren hat. Er kann sich darauf verlassen, dass mein vortrefflicher Sir bei seiner Herrschaft eine nachdruckliche Vorbitte fur ihn einlegen wird, und wenn er etwas beitragen kann, ihm die Gnade des Herrn v.W. wieder zu erlangen, wird er sich daraus ein grosses Vergnugen machen. Wenn aber derselbe anverlanget, dass der Herr v.N. ihn nebst seiner Familie versorgen soll, nachdem er seines Amtes, angeblich wegen der Willfahrigkeit gegen meinen Patron, entsetzet worden: so dient ihm hierauf Herrn v.N. ziemlich befremdet hat; indem noch lange nicht erwiesen ist, dass der gute Wille gegen meinen Gonner seine Dienstentlassung verur, sachet habe. Die Gelehrten unterscheiden sehr wohl das consequens von der consequentia. Lasse er sich diese lateinischen Worte von dem Herrn Pastor in Wilmershausen erklaren, so wird er sehen, dass sein Ansuchen unstatthaft ist, und dass der Herr v.N. keinesweges verbunden sey, ihm mit Weib und Kindern, besonders jetzo in diesen schweren Zeiten, zu ernahren. Ob er nun gleich von Rechts wegen nichts von dem Herrn v.N. zu fodern hat; so will dieser doch ein ubriges thun, und ihm ein Expectanzdecret zufertigen lassen, im Fall er sich einstweilen gedulden, und sich fein fleissig auf die Musik und den Catechismus legen will, nach dem todtlichen Hintritt des Herrn Lorenz Lobesans, derzeitigen treufleissigen Schuldieners zu Kargfeld, solche Bedienung ihm unter dem Pradicate eines Cantors gnadig angedeihen zu lassen. Kann er aber nicht so lange von der Schnure zahren, so thut er sehr wohl, wenn er sich nach einer einstweiligen Versorgung umsiehet. Er kann ubrigens auf meines Herrn Principals Vorspruch und auf meinen guten Rath allemal Staat machen. Hiermit Gott befohlen. Ich verbleibe

Sein

wohlgeneigter Freund,

M.L. Wilibald.

XLIII. Brief.

Der Verwalter an den Magister.

Wilmershausen den 20 Septembr.

Wohlgelahrter

Guter Freund,

Ihr Brief, den ich vor einer Stunde erhalten habe, hatte mir bald das Garaus gemacht. Es ware kein Wunder, ich thate mir ein Leids. Sie geben mir einen gar schlechten Trost in Ihrem Briefe, und der Herr v.N. kann es sein Tage nicht verantworten, dass er mich um meine Versorgung gebracht, und es nun nicht einmal Wort haben will. Ich habe immer so ein gutes Vertrauen zu ihm gehabt, dass ich Hauser auf ihn gebauet hatte: aber nun sehe ich, dass man heutiges Tages Niemanden quer uber den Weg trauen darf. Ich weiss wohl, dass Ihr Herr so schlimm an sich nicht ist. Wenn ich die deutsche Wahrheit sagen soll, so stecken sie darhinter und verhetzen ihren Herrn gegen mich; denn das weiss Jedermann, dass Sie ihn link und recht machen konnen: aber Sie werden schon einmal davor Ihren Lohn bekommen. Nehmen Sie es nicht ubel, ich bin ein einfaltiger Mann und rede, wie es mir vom wenn Sie anfangen zu disputiren, so muss unser einer freilich funfe lassen gerade seyn: das sollen Sie mir doch nicht weiss machen, dass der Herr von N. nicht sollte Schuld daran seyn, dass mich der Herr von W. abgeschaffet hat. Die gnadige Frau hat mirs selber unter den Bart gesagt, der glaube ich und kehre mich wenig an Ihre lateinischen Brocken. Will mich der Herr v.N. nicht versorgen, so muss ich desperat werden, und unter die dicksten Soldaten gehen, und das liebe Vaterland mit rujeniren helfen. Ich habe noch dreisig Gulden, dafur will ich meine Frau in den Spittel kaufen, meine Lise kann einem Herrn dienen, und meine zwei kleinen Kinder lasse ich dem Herrn v.N. vor die Thur setzen. Will er sich ihrer annehmen, so ist es gut, wo nicht, so mag er es auch verantworten. Ich bin ein geschlagener Mann; ehe ich mein Brod vor der Thur suche, will ich lieber einem grossen Herrn dienen. Auf einen Schulmeister habe ich mein Tage nicht studiret, und nun ist es zu spate, dass ich erst anfangen sollte, nach Noten singen zu lernen, und meine Finger sind auch uberdem zum Trillern auf der Orgel schon zu steif. Grussen Sie Ihren Herrn von meinetwegen, und sagen Sie es ihm nur, dass ich ihm alles mein Ungluck auf den Kopf Schuld gebe, er mag es nun worthaben wollen oder nicht. Kunftige Woche gehe ich in die Stadt zu den Werbern und lasse mich unterhalten, hernach werde ich nicht mehr nothig haben, ihm viel gute Worte zu geben. Aber so viel ist richtig, meine zwei Kinder soll ihr Herr ernahren, ich lasse sie ihm vor die Thur setzen, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Uebrigens verharre ich allstets.

Meines vielgeehrten Herrn Magister

ergebner Diener

Peter Bornseil.

XLIV. Brief.

Der Magister an den D. Bartlett.

Kargfeld den 22. Septembr.

Hochwurdiger Hochgeehrtester

Herr Doctor,

Vornehmer Gonner,

Es hat mir gestern das Fraulein v.S. Nachricht gegeben, dass sie heute an ihren Herrn Bruder schreiben wurde, und zugleich habe ich die Erlaubnis erhalten, ihren Brief mit einem Einschluss beschweren zu durfen. Ich bediene mich dieser Erlaubnis gar zu gerne, weil ich dadurch Gelegenheit bekommen, Eu. Hochwurden eher als ich vermuthete, fur Dero besondere Gewogenheit gegen mich den verbundensten Dank abstatten zu konnen. Vortreflicher Mann! Wo werde ich Worte finden, die Grosse Ihrer Gewogenheit gegen mich, und meine Dankbarkeit gegen Sie, damit wurdig zu bezeichnen? Wodurch werde ich mich der Ehre, die Sie mir verschafft haben, ein Mitglied einer beruhmten koniglichen Gesellschaft geworden zu seyn, wurdig machen konnen? Wenn ich das Feuer eines Horaz, die Anmuth des Ovids und Pindars Stardurch ein Lobgedichte zu verewigen. Allein Sie sind bereits uber alles Lob erhoben, und es wurde eben so viel seyn, als wenn ich einen Mohr bleichen wollte, wenn ich es unternahme, Sie der Nachwelt zu empfehlen; da Sie bereits in der Geschichte eines erlauchten Grandisons in einem so schimmernden Lichte erscheinen, welches die dustern Schatten der entferntesten Zukunft durchdringen, und die Augen der spatesten Nachkommen ruhren wird. Hier will ich aufhoren, mehreres von Dero Ruhme zu gedenken, so gerne ich mich auch damit beschaftige, damit ich nicht in den Verdacht einer Schmeichelei gerathe. Der Auftrag meines Gonner an Sie verschafft mir noch auf einige Augenblicke das Vergnugen, mich mit Ihnen zu unterreden. Mein Principal weiss, wie gerne sich der Baronet nothleidender Personen annimmt, und wie viel Sie darzu beitragen konnen, dass er das Maas seiner Wohlthaten gegen dergleichen Leute vergrossert oder verringert. Aus einliegenden drei Briefen werden Sie einen Mann kennen lernen, der des Mitleidens des Herrn Grandisons vor andern wurdig ist. Er hat lange Zeit bei dem Herrn v.W. einem Freunde meines Gonners als Verwalter seiner Guter in Bedienung gestanden; vor einigen Tagen aber das Ungluck gehabt, seine Dimission zu erhalten. Dieser gute Mann hegt gegen den Herrn v.N. die ungegrundeten Gedanken, als wenn er an seinem Unglucke einige Schuld hatte. Und ob ich gleich die Unschuld meines gnadigen Herrn durch eine bekannte Distinction gnugsam gerettet habe; so will doch dieser einfaltige. Mann sich davon gar nicht uberzeugen lassen. Vielleicht habe ich Gelegenheit, in kurzem Eu. Hochwurden eine ausfuhrliche Nachricht von den Unternehmungen meines Patrons, die ihm seinem grossen Muster ahnlich machen, zu ertheilen, hierdurch werde auch in dieser Sache vollkommenes Licht bekommen. Sie konnen es indessen auf mein Wort glauben, dass mein Gonner so wenig geneigt ist, Leute unglucklich zu machen als der Ihrige, und dass wann es in seine Macht stunde, Jederdermann glucklich seyn wurde. Um hiervon auch den unglucklichen Bornseil zu uberfuhren, musste ich ihm allerhand feine Vorschlage thun, die er aber doch alle verworfen hat; ia er drohete so gar in der Desperation zwei seiner Kinder meinem Gonner vor die Thur setzen zu lassen. Da nun dieses in Deutschland fur etwas schimpfliches gehalten wird, und man allerlei ungleiche Urtheile daruber fallen konnte, wenn mein Patron auf solche Art ein Pflegevater werden sollte; so that ich ihm gestern den Vorschlag, diesen Mann, der allezeit einen ehrlichen und unbescholtenen Lebenswandel gefuhret hat, Eu. Hochwurden und der Gutigkeit des Herrn Baronets zu empfehlen. Mein Principal fand hierbei nichts einzuwenden. Ich liess deswegen den trostlosen Bornseil zu mir erfodern, und eroffnete ihm, dass mein gnadiger Herr Willens ware, ihm eine gute Versorgung zu schaffen, wenn er sich entschliessen wollte, ausserhalb seines Vaterlandes solche anzunehmen. Er war uber diesen unerwarteten Antrag ausserordentlich erfreuet, und versicherte mich, dass er bereit ware, bis ans Ende der Welt nach seiner Versorgung zu gehen, wenn er sich und seine Familie nur ehrlich nahren konnte. Ich stellte hierauf ein kurzes Examen mit ihm an, um zu erfahren, ob er der Recommendation Eu. Hochwurden wurdig ware, und da habe ich denn nach einem genauen Tentamine befunden, dass er zwar in seinem Catechismus eben nicht sonderlich beschlagen gewesen; ob ich gleich nicht kann in Abrede seyn, dass er einige Reimgebetlein noch ganz fertig hersagen konnte. Allein die Regeln der Haushaltungskunst waren ihm desto besser bekannt. Er wusste eine grosse Menge derselben theils aus dem Becher, theils aus den Colero, in deutschen Reimen verfasst auf dem Nagel herzusagen. Insbesondere konnte er gleich ex tempore alle Tage, welche im Kalender mit einem rothen Kleeblat bezeichnet sind, nennen. Nicht minder besitzt er auch eine grosse Erkanntnis oconomischer Erfahrungen, die Witterung zu beurtheilen, und auf viele Wochen Frost und Hitze, Regen und Sonnenschein vorherzusagen. Eben ein so gutes Zeugnis kann ich ihm auch in der Rechenkunst ertheilen, die schwersten Aufgaben wusste er in kurzer Zeit genau und glucklich aufzulosen. Die Regel Detri und welsche Practik verstehet er aus dem Grunde; insbesondere aber hat er etwas in der Regula Falsi gethan. Da nun dieser gute Mann sein Pfund vergraben musste, wann er sollte gezwungen seyn, dem Kalbfelle nachzuziehen, und da uber dieses mein gnadiger Herr es als eine ganz ausserordentliche Gefalligkeit ansehen wurde, wenn Eu. Hochwurden so viele Achtung fur sein Vorbitten haben und diesen unglucklichen Mann, der es nicht durch sein Schuld geworden ist, Ihrem Gonner recommandiren wollten: so habe ich das Vertrauen zu Dero bekannten Menschenliebe, dass Sie mich nicht eine Fehlbitte thun lassen werden, wenn ich mich mit meinen Patron vereinige, und Sie angelegentlichst ersuche, sich uber diesen Verlassenen zu erbarmen, und ihm wieder zu einer zureichenden Versorgung behulflich zu seyn. Mein unvorgreiflicher Vorschlag ginge unmassgeblich dahin, dass dem ehrlichen Bornseil die Verwaltung von einen der Guter des Herrn Baronets in Irrland aufgetragen wurde; oder wo dieses nicht seyn konnte, dass Sie ihn doch wenigstens den Herren Commissarien von Neugeorgien und Sudcarolina bestens empfehlen wollten, um ihn einen Wohnplaz in Neuebenezer, oder an einem andern schicklichen Orte anzuweisen. Ich erwarte mit nachstem von Ihnen Verhaltungsbefehle, wenn besagter Bornseil mit seiner Familie von hier nach Engelland abreisen soll, und was Sie etwan sonst noch mir befehlen werden. So viel getraue ich mir mit Wahrheit dahin zu behaupten, dass ich den grossbrittanischen Staaten einen sehr nutzlichen Burger verschaffen werde. Es will unter der Hand verlauten, dass Ew. Hochwurden in kurzem ein erledigtes Bissthum erhalten wurden, ich wunsche Ihnen im voraus Gluck dazu. Mein Gonner empfiehlt sich Ihnen nebst mir und ersucht Sie, eben dieses fur ihn bei Sr. Hochwohlgebohrn. dem Herrn Baronet und dessen vortrefflichen Frau Gemahlin zu thun. Ich empfinde in meinen Herzen allemal ein ruhrendes Vergnugen, wenn ich Gelegenheit habe mich zu nennen.

Ew. Hochwurden,

Meines Hochgeehrtesten Herrn Doctors

gehorsamsten Diener

L. Wilibald,

Phil. D.

XLV. Brief.

Der Herr v.S. an seine Fraulein Schwester.

London den 11 Octobr.

Geliebte Schwester,

Wenn mir auch Engelland kein Vergnugen hatte verschaffen konnen, so wurden mir doch Deine Briefe und der Roman unsres Oncles meinen Aufenthalt hier angenehm gemacht haben. Ich weiss nicht, ob ich bei Besichtigung des Palasts S. James, oder bei Durchblatterung der Briefe, die die Grandisonische Handel, wie Du sie nennest, betreffen, vergnugter gewesen bin. Mein Heinrich hat sie alle heften und abschreiben mussen. Das Original schicke ich in beigefugten Paquet nach deinem Verlangen zuruck. Die Abschrift werde ich selbst behalten, um diesen Roman zum Zeitvertreibe auf meine Reisen wieder zu lesen. Ich bin einigermassen verlegen daruber, wie wir es anfangen, dass nach meiner Abreisse von London der Briefwechsel des Magister Lamperts mit der Grandisonischen Familie nicht unterbrochen wird. Ich sehe, dass solcher fur unsern Oncle von einigem Nutzen ist. Wenn ich meinen Entschluss nicht noch andere, so Holland nach Strassburg gehen, und daselbst uberwintern; vorher aber will ich noch einmal schreiben, um zu verhuten, dass ich keinen Brief von dir verfehle, welchen ich bei jezigen Umstanden schwerlich erhalten wurde, wenn er einmal nach London ginge. Wenn es seyn kann, so bemuhe dich, unsern Oncle und seinen Sancho zu uberreden, dass sie die Briefe an ihre Freunde in Engeland unter einem Umschlage an mich nach Strassburg schicken, ich will ihnen selbst diesen Vorschlag thun und glaube, dass ich alles von ihnen erhalten kann, wenn ich sage, dass es Herr Grandison gutheisset.

Das Fraulein v.W. verdienet bedauert zu werden, dass sie in diese Handel ist verwickelt worden. Wenn ich sie aus ihren Briefen beurtheilen soll; so muss ich ihr einen vorzuglichen Plaz unter dem Frauenzimmer ihrer Gegend einraumen. Ich werde in die Versuchung gerathen, sie meiner Amalie an die Seite zu setzen, wenn ich mehr von ihr lese, und ich muss es gesiehen, dass sie mir vor drei Jahren, da ich sie das lezte mal sahe, in ihren besten Putze nicht so reizend vorkam, als durch ihre nachlassige und angenehme Schreibart, die ich in den Briefen an ihre Freundin fand. Ich weiss, dass du nicht eifersuchtig bist uber das Lob deiner Juliane, du weist also uber diese Stelle keine Auslegungen machen. Der Nachricht, dass sich ihr Heirath mit unserm Oncle vollig zerschlagen hat, sehe ich mit Verlangen entgegen. Es ist nichts weniger als der Eigennutz, der mich antreibt, dieses zu wunschen; ich habe sonst keine Absicht dabei, als mir den Verdruss zu ersparen, dieses gute Fraulein misvergnugt zu sehen. Ich gehore nicht zu ihrem eigentlichen verehrern; doch wenn du mich darunter zahlen wilst, so setze mich in die Klasse derer, die ein gutes Herz verehren, wo sie es finden, ohne dabei weiter zu denken. Ich will mich diesmal in keine ordentliche Beantwortung Deiner zween leztern Briefe einlassen, ich finde dabei nichts mehr zu sagen, als dass du deinen Endzweck bei mir vollkommen erreichet hast, der erstere hat mich uber acht Tage lang unruhig gemacht, und den Zweiten erbrach ich in Furcht und Hoffnung. Nun glaube ich es selbsten, dass man eben nicht Unrecht hat, wenn man meine Amalie fur ein leichtfertiges Frauenzimmer halt. Wodurch hat denn der Magister Lampert die Ehre verdienet, dass du eine Beleidigung, die ich ihm zugefugt haben soll, an mir gerochen hast? Ich kann es zwar eben nicht, eine Beleidigung nennen; ich weiss aber nicht, was man sonst rachen kann. Der Anfang dieses zweiten Briefs setzte mich in Besturzung; ich empfand alles dabei, was der Magister kann empfunden haben, da ich ihn mit der Nachricht erschreckte, dass ich in Engeland keinen Grandison finden konnte. Es fehlte wenig, so hatte ich wie er mein Kleid zerrissen. Du konntest in der That fur diese kleine Leichtfertigkeit unter keiner andern Bedingung eine vollkommene Vergebung hoffen, als durch eine getreue und ausfuhrliche Erzahlung aller Umstande, die den 16. September in Wilmershausen merkwurdig machten. Ich erwarte mit Ungeduld den Verfolg dieser Begebenheiten, und hoffe dass sie zum Vergnugen des guten Frauleins v.W. ausschlagen werden. Uebergieb dem Magister einliegende zwei Briefe, du wirst uns bei Gelegenheit melden, was er und unser Oncle zu dem Innhalte derselben sagen. Ich werde es als ein Zeichen deiner Gewogenheit annehmen, wenn du fortfahrest, alles was in die Geschichte unsers Grandisons einschlagt mir zu berichten. Wenn es moglich ware, meine Liebe gegen dich zu vermehren, so wurde Dir diese Gefalligkeit einen Zuwachs davon versprechen. Wie vortheilhaft ist es doch, eine Schwester zu besitzen, wie meine Amalie, die mich durch tausend Proben versichert, dass Sie nie aufhoren wird zu lieben.

Ihren

dankbaren Bruder.

XLVI. Brief.

Der Herr v.S. an den Magister.

Grandisonhall den 8 Octobr.

Hochgeehrtester Herr Magister,

Sie sind es, dem ich mehr als meinen leiblichen Aelter zu verdanken habe, nicht nur wegen ihres vortrefflichen Unterrichts, den ich vor diesem von Ihnen genossen habe; sondern auch hauptsachlich, dass sie sich die Muhe genommen, mich auf meinen Reisen zu begleiten. Sie haben mich auch fur allerlei Versuchungen und Gefahrlichkeiten durch diese Begleitung glucklich bewahret. Sie sind mein weiser Mentor, ich bin Ihr Telemac. Ohne Ihren grossmuthigen Schutz wurde Engelland fur mich die Zauberinsel der Calypso gewesen seyn. Sie empfangen hier fur Ihre Bemuhungen fur mein Gluck, da ich ietzo im Begriff stehe Brittanien zu verlassen, den verbindlichsten Dank. Hatten Sie mir nicht Gelegenheit gegeben, nach dem Herrn Grandison zu forschen, hatte ich nicht die Ehre gehabt, mit ihm bekannt zu werden: so wurde ich den Endzweck meiner Reise grossten Theils verfehlet haben, wenn das wunderbarste und sehenswurdigste ware. Diese meine Nachlassigkeit wurde noch auf eine hartere Art seyn bestraft worden. Wenn nicht in dem Hause des Herrn Baronets immer von Ausubung der strengsten Tugend geprediget wurde, und wenn ich nicht hatte befurchten mussen, das geringste Vergehen gegen solche, mit dem Verlust der schatzbaren Freundschaft dieses grossen Mannes zu bussen: so wurde ich mancher Versuchung nicht haben widerstehen konnen; wer weiss, ob ich nicht dann und wann untergetaucht hatte, wie der leidige Vetter Eberhard. Er hat oft an mich gesetzt, um mich zu verfuhren; aber der Baronet hat mich fur ihm gewarnet und mir so gute Lehren gegeben, dass es mir eben nicht schwer ankommt seinen Versuchungen zu widerstehen. Nicht mehr als ein einzigmal ist es ihm gelungen, mir das Seil uberzuwerfen. Ich will Ihnen doch die Ausschweifung, wozu er mich verleitet hat, erzahlen, und wegen eines Scrupels, der mich wegen dieser Vergehung sehr angstiget, Ihr philosophisches Bedenken ausbitten. Es wird nun ungefehr ein Monat seyn, da ich von Grandisonhall nach London gereiset war, um das sehenswurdige dieser grossen Stadt, die mir noch unbekannt waren in Augenschein zu nehmen. Einmal, da ich dem Herrn Reeves einen Besuch abstatten wollte, begegnete mir Herr Eberhard Grandison auf der grossen Brucke uber die Themse. Er nothigte mich in seinen Wagen zu steigen und sagte mir, es hatte ihm gegluckt heute seiner Frau zu entwischen, und er ware so froh daruber, als ein Volgel, der aus dem Bauer kame. Er bat mich, meinen Vorsatz den Herrn Reeves zu besuchen auf zu geben, und mit ihn nach Covengarden zu fahren, um auf einem Koffehause und etwas vom Kriege vorschwatzen zu lassen. Ich liess mir diesen Vorschlag gefallen. So bald wir in den Saal traten, wurden alle Lombre- und Pharotische rege; es waren in einem Augenblicke mehr als ein Dutzend Bruder um meinen Begleiter herum, die ihn alle umarmten und eine Freude von sich spuhren liessen, als wenn er von einer weiten Reise in sein Vaterland zuruck gekommen ware. Ich merkte bald, dass ich mich unter seinen Spielern befand, ich that deswegen so gleich einen Schwur bei mir, dass ich heute nicht spielen wollte. Ich brachte also eine von den Regeln in Uebung, die Sie mir einscharften, da ich noch bei Ihnen in die Schule ging: Wenn man Lust hat etwas zu thun, daraus etwas boses entstehen kann; so soll man auf der Stelle sich hoch und theuer verschworen, dass man es nicht thun will. Ich steckte meine Hand in den Schubsack und hielt meine Borse feste, damit nicht einer von den gefalligen. Herrn, die mich alle umarmten, nachdem mein Gefehrte mich ihnen vorgestellet hatte, meine Taschen sondiren mochte. Man nothigte uns beide unser Gluck zu versuchen, zu meinem Vergnugen sagte Herr Grandison, wir wurden uns nicht lange aufhalten, und er ware heute zu phlegmatisch zum Spiele. Inzwischen sah er doch mit einem begierigen Auge bald nach dem Spieltische, bald nach mir, und schien auf einmal ganz niedergeschlagen zu seyn. Weil er nicht spielen wollte, so wollte auch Niemand mehr mit ihn reden. Ein paar mal gab er mit einer nachdenklichen Mine den Pointeurs einen guten Rath, den sie nicht verlangten, er versicherte sie, dass der Bube, der Konig u.s.w. diesmal unfehlbar gewinnen wurde; allein er hatte den Verdruss, dass die Herren die Blatter so gleich zuruck nahmen, wenn er ein gutes Vertrauen dazu hatte. Dieses krankte den guten Mann aufs argste. Endlich that er, was ich schon lange befurchtet hatte, er zog mich auf die Seite und fragte mich, ob ich ihm zwanzig Guineen vorstrecken konnte. Ich wurde wohl einsehen sagte er, dass seine Ehre Gefahr lief, wenn er nicht ein Blatt setzte und die Kerls gegen sich im Respect erhielt, er hatte nicht geglaubt diese Kompanie hier zu finden, deswegen hatte er sich auch nicht mit Gelde versehen, ich sollte diese Kleinigkeit in einer Stunde mit Danke wieder haben. Mir war bei diesen Antrage nicht wohl zu Muthe, weil er seine Lebensart nicht andern will; so hat Sir Karl es dahin gebracht, dass er von seiner Frauen Vermogen nicht das geringste angreifen darf; sondern er bekommt von ihr nur alle Woche ein gewisses Taschengeld, das sie nach dem Verhaltnis seiner Auffuhrung gegen sie, entweder erhohet oder vermindert. Der geringste Widerspruch ist im Stande ihn auf eine oder mehrere Wochen seiner Renten zuberauben. Wer ihm also was borget, der muss sein Geld verlohren schatzen, wenn seine Frau nicht fur gut befindet, seine Ehre zu retten und fur ihn zu bezahlen. Sein Credit ist dadurch so geschwacht, dass ihm Niemand einen Thaler borget; auch so gar seine Spieler wollen ihm kein Conto mehr geben.

Indessen glaubte ich alle Wohlanstandigkeit zubeleidigen, wenn ich ihm diese Gefalligkeit versagte, ich zahlte ihn die 20 Guineen zu. Er umarmte mich fur diese Ritterzehrung einigemal, ich war bei diesen freundschaftlichen Versicherungen ganz kaltsinnig und zweifelte, ob ich mein Geld jemals wieder zu Gesichte bekommen wurde: Er trat hierauf mit einer ernsthaften Mine zum Spieltische, holte funf Guineen aus der Tasche und sezte sich da, ihm Jedermann mit Ehrerbietung Platz machte, auf dem ihm angebothnen Stuhl. Er fing an unter vielen wohlausgesonnen Fluchen sein Gluck zu versuchen. Mir wurde in dieser Gesellschaft Zeit und Weile lang. Ich nahm mir vor zum Zeitvertreibe das Koffeehaus, welches ein ansehnliches Gebaude schien, etwas genauer zu besichtigen. Aber horen Sie, wie ich fur diese Neugierde bussen musste. Ich gehe durch den Hof nach einem feinen Hintergebaude, ein wohlgekleideter Bediente kommet mir da von freien Stucken entgegen und fuhret mich ohnem ein Verlangen in ein wohlaufgepuztes Zimmer. Er vermuthete, sagte er, dass ich die Dame vom Hause sprechen wollte, ich sollte mich nur ein wenig gedulden, sie wurde in einen Augenblicke da seyn. Ich sagte, es wurde mir eine Ehre seyn, wenn ich der Madame aufwarten konnte. Ich vermuthetenachts; weniger, als dass ich in den bezauberten Pallast einer beruhmten Conversations-Dame von London gerathen ware. Es vergingen kaum zwei Minuten, so erschien ein Frauenzimmer von mehr als gemeiner Schonheit, eine Circe, die im Stande war, wie ich glaube, einen Joseph zu verfuhren, und ihn in einen zu allen Ausschweifungen geneigten Jungling zu verwandeln. Sie sagte mir allerhand Hoflichkeiten und ich konnte nichts thun, als Reverenze machen. Sie nahm meinen Besuch als etwas bekanntes an, ich hatte also nicht Ursache uber eine Entschuldigung, wegen dieses Eindringens bei ihr, verlegen zu seyn. Endlich entdeckte ich ihr doch durch was fur einen Zufall ich hieher ware gebracht worden, dass meine Absicht gewesen ware, dieses Gebaude zu besehen, ohne mir einzubilden dass ich darinne eine so schone Bewohnerin antreffen wurde. Ich freuete mich, dass ich nach meiner Meinung etwas artiges vorgebracht hatte; allein die Dame ubergieng dieses Kompliment mit einem kaltsinnigen Lacheln.

Nach einigen Minuten nahm ich Abschied, und der Bediente, der mich in das Haus gebracht hatte, fuhrte mich wieder mit vieler Hoflichkeit bis an die Thur. Hier aber veranderte er auf einmal seine Sprache, er packte mich ziemlich derb bei dem Beine an, da ich eben im Begriff war das Haus zu verlassen, und schlug die Thur vor mir zu. Sir sagte er, eilen sie nicht so geschwinde, hie bezahlt man erst seine Zeche ehe man fortgehet. Was, sagte ich, meine Zeche? Ich habe der Madame von Hause meine Aufwartung gemacht. Es ist doch hier kein Gasthof? Und wenn es auch einer ware, so habe ich ja nichts verlangt weder Wein noch Coffee, was soll ich denn bezahlen? Der bose Mensch schlug ein honisch Gelachter auf: Sie mussen hier unfehlbar fremde seyn, dass Sie nicht wissen, welchen Gesetzen Sie Sich unterworfen haben, da Sie in dieses Haus getreten sind. Haben Sie nicht oben in dem Zimmer eine Tafel gesehen, darauf die Gesetze dieses Hauses geschrieben stehen? Ich beantwortete dieses mit nein. Er nothigte mich hierauf mit Ungestum wieder mit ihm hinauf in das Zimmer zu gehen, und wiess mir uber der Thur desselben eine Tafel, die ich vorhero nicht bemerket hatte. So viel ich mich davon erinnere, war folgendes mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben: 1) Wer die Ehre haben will, die Madame zu sehen, bezahlt einen halben Guinee. 2) Das Vergnugen mit ihr zu sprechen, kostet einen Guinee. 3) Jeder witzige Gedanke den sie vorbringet, wird mit einem Guinee bezahlet. 4) Wein, Coffee, allerhand Erfrischlungen und Confituren bekommt man hier, um den doppelten Preiss. 5) Fur die Erlaubniss die Madame das erste mal zu kussen, werden zwei Guineen erlegt, hernach genusst man dieses Vergnugen unengeltlich.

So viel stund auf der ersten Seite, der Kerl fragte mich, ob er die Tafel umwenden sollte. Auf der andern Seite, sagte er, stehen starkere Posten; ich verlangte aber nicht, diese zu sehen. Ich gab ihn einen und einen halben Guinee und wollte fortgehen; er war damit nicht zufrieden. Sie haben noch die dritte Post zu bezahlen, sagte er, hernach konnen Sie hingehen, wohin Sie wollen. Ich schwor, dass mir die Madame ihren Witz nicht gezeiget hatte, und glaubte, damit durch zu kommen; es half aber nichts. Sie sind noch ein sehr unerfahrner junger Herr, wenn Sie nicht wissen, dass alles witzig ist, was ein artig Frauenzimmer uber ja und nein sagt. Ich hatte keine Lust mit dem Flegel zu disputiren; ich hohlte noch eine Guinee aus meiner Tasche und begab mich voll Verdruss wieder zu den Spielen. Warlich! dachte ich, ein kleines Vergnugen fur zwei Guineen und einen halben. Ich sahe diesen Verlust als eine gerechte Strafe meiner Verwegenheit an, dass ich mich durch den leidigen Eberhard hatte verfuhren lassen, einen Ort zu besuchen, der in allerlei Absicht der Jugend gefahrlich war. Ich that auf der Stelle eine Gelubde, mich hinfuhro fur aller bosen Gesellschaft zu huten, und alle Gelegenheit zur Verfuhrung zu meiden.

Da ich mich wieder dem Spieltische des Herrn Eberhards nahete, fand ich ihn in vollem Glucke, er hatte einen Haufen Geld vor sich, dass ich dafur erstaunte. Er war mit meinen zwanzig Guineen so glucklich, da man das Spiel aufgab, dreissig gewonnen zu haben. Heute wollen wir uns einmal lustig machen, ihr Herren, sagte er, ihr habt mich gewinnen lassen, ich will euch dafur tractiren. Es war schon des Abends um 10 Uhr da der leidige Eberhard diesen Einfall hatte. Wir hatten auch schon alle etwas von kalter Kuche gespeiset, was konnte er also der Gesellschaft zu gute thun, als dass er sie mit einem Glase Wein bewirthete? Die Spieltische wurden mit Bouteillen besaet, die Deckelglaser begegneten einander so oft, dass um die Zeit des zweiten Hahnengeschreies Jedermann einen derben Rausch hatte. Ich will nur meine Sunde offenherzig gestehen, ich hatte auch einen ziemlichen Hieb. Wir brachten die Nacht so zu. Bei Tages Anbruch liess der Wirth, ohne unser Verlangen, Coffee auftragen, um seine Gaste zu ermuntern. Um 8 Uhr da sich die meisten heimlich weggenommen hatten, befahl Herr Eberhard, (ich will ihn nicht mehr Grandison nennen, er erniedriget diesen schonen Namen,) um 8 Uhr sage ich, befahl Herr Eberhard, einen Wagen kommen zu lassen. Der Wirth machte die Zeche. Der Sir suchte seine Borse; aber stellen Sie Sich sein Schrecken fur, da er sie nicht fand. Sie war weg. Einer von den gefalligen Herren, die ihn so oft umarmten, hatte ihm Gewinnst und Capital entfuhret. Der Wirth fieng an uber die Besturzung meines Verfuhrers grosse Augen zu machen, er stitzte den Arm trotzig in die Seite, und sahe uns uber die Achsel an. Seine Pechmutze, die er vorher bescheiden unter dem Arm trug, klebte den Augenblick auf dem Kopfe, und so viele Hoflichkeiten der arme Erberhard ihm erwiess; so wenig konnten diese ihm doch fur den Grobheiten dieses ungestumen Mannes schutzen. Mit genauer Noth erhielt er es auf vieles Bitten, dass er gegen eine Handschrift weg kam, der Wirth wollte ihn durchaus zum Unterfande fur seine Bezahlung bei sich behalten. Unter Weges war er so niedergeschlagen, als wenn er nach dem Tour hatte sollen gebracht werden. Er bereitete sich zu, wie er sagte, zu Hause ein heftiges Ungewitter auszuhalten. Einmal bat er mich instandig, ihm eine Lugen erdenken zu helfen, um dem Zorne seiner Frau auszupariren; ich hatte aber dazu weder Lust noch Geschicklichkeit. Bei meinem Quartiere verliess er mich, und versicherte unter hundert Schwuren dass er nicht lange mein Schuldner bleiben wollte; er ist es aber noch immer. Sehen Sie, werthester Freund, wie leicht die Jugend kann verfuhret werden in dergleichen Ausschweifungen wurde ich ganz oft gefallen seyn, wenn Sie mir nicht in Engelland den Tempel der Tugend, das Haus des vortreflichen Grandisons, zur sichern Zuflucht gegen alle Versuchungen gezeiget hatten. Ich hore nie auf deswegen gegen Sie dankbar zu seyn, und Sie werden meine Dankbegierde ausserordentlich vermehren, wenn Sie mir einen Scrupel benehmen, der mich seit der Ausschweifung, wozu mich der leidige Eberhard verleitet hat, heftig angstiget. ich habe eben den ruhmlichen Entschluss gefasset, welchen mein Oncle so glucklich ausfuhret, Sir Carln nachzuahmen. Wer kann sich dieses Vergnugen versagen, der nicht pobelhaft denket? Wollte Gott, dass alle Leute diesem grossen Muster gleich zu kommen, sich bemuheten! So bald ich diesen Vorsatz gefasset hatte, stellte ich eine genaue Untersuchung meines Lebens an. Ich fand in dem zuruckgelegten Theil desselben, dem Himmel sey Dank, nichts, dass ich zu bereuen sonderlich Ursache gefunden hatte. Ich nahm mir vor, von nun an auf den Wegen unsers gemeinschaftlichen Vorbildes und unsers Gonners zu wandeln; allein, welche Abweichung! hatte ich doch nie den unglucklichen Eberhard mit Augen gesehen, wie viele Unruhe wurde ich meinem Gemuthe dadurch ersparet haben! Horen Sie nur, wie ich mich selbst anklage. Sir Carl, sage ich zu mir selbsten, hat sich nie einen Rausch getrunken, ich habe mir einen Rausch getrunken: also werde ich nie so vollkommen seyn als mein Urbild. Untersuchen Sie diesen Schluss genau, theurester Freund, Sie haben es weiter in der Vernunftlehre gebracht als ich. Wie sehr wunsche ich, dass ich fasch geschlossen hatte! Ein kleiner Ehrgeiz, den ich bei mir empfinde, macht mich bei meinem Oncle und auf Sie eifersuchtig. Ich weiss, dass Sie es beide in der Nachahmung Sir Carls schon so weit gebracht haben, dass er selbst sein Vergnugen uber einen so glucklichen Fortgang nicht verbergen kann, und ich sehe mich nun so weit unter Sie zuruckgesetzt. Verlangen Sie nicht, dass ich mich langer bei einer Sache aufhalte, die mich ganz tiefsinnig macht. Wenn Sie mir einen Gefallen erzeigen wollen; so bemuhen Sie Sich, einen Fehler in meinem Schlusse aufzusuchen, und uberzeugen Sie mich davon aufs eheste.

Sie glauben mir es ohne eine weitlauftige Versicherung auf mein Wort, ich bin davon uberzeugt, dass ich den vollkommensten Antheil an Ihrem Ruhme nehme. Wie kann ich es also verschweigen, was man hier zu Ihren Vortheile spricht. Vor einigen Tagen hatte der Herr Baronet eine auserlesene Gesellschaft bei sich, sie wurden dadurch desto merkwurdiger, weil der beruhmte Richardson sich darunter befand, der seinen Ruhm, den ihm schon eigne Schriften erworben, durch die Herausgabe der Geschichte des Herrn Grandisons auf den hochsten Gipfel gebracht hat. Man ist immer begierig, ausserordentliche Leute von Person kennen zu lernen; ich wurde mir ein Vergnugen daraus machen, ihn nach dem Leben zu schildern, und von Fuss bis auf die Scheitel zu beschreiben, wenn er nicht diese Muhe mir zu erspahren die Gutigkeit gehabt hatte. Er versprach, mich mit seinem Portrait zu beschenken. Sobald ich dieses erhalte, will ich es meinem Oncle in seine Bildergallerie verehren, wo Sie es zu sehen bekommen werden. Man sieht es diesem Manne an, dass er einen edlen Ehrgeiz besitzt, unsterblich zu seyn. Es scheint, dass er alles wurde unternommen haben, um diesen Zweck zu erreichen, und wenn es ihm mit der Feder nicht geglucket hatte; so hatte, wie es scheint, der Degen ihm ein Andenken stiften mussen. Er thut eben nicht stolz auf seinen Ruhm; aber mich dunkt, er lasst keine Gelegenheit vorbei, solchen immer zu erweitern. Die grossen Leute sind vermuthlich wie die Reichen gesinnet, jemehr sie haben, je mehr sie sammlen wollen, das Plus vtra ist der Wahlspruch von beiden. Der Baronet wusste bei der Tafel die Unterredung so artig auf meinen Oncle und auf Sie, theurester Freund, zu lenken, dass es gar nicht schien, als wenn er eine Ehre darinne suchte, es der Gesellschaft bekannt zu machen, dass er in Deutschland gluckliche Nachahmer seines grossen Charakters gefunden hatte. Er machte dem Herrn Richardson ein artig Compliment dadurch, das ihm allein die Ehre; zuschrieb, dass er der Welt nicht ganz unbekannt geblieben ware. Doctor Bartlett erklarte hierauf die Meinung seines Gonners etwas deutlicher, und fieng an, durch Ihr und meines Oncles Beispiel, die Nutzbarkeit der Ausgabe der Geschichte des Herrn Grandisons zu beweisen. Mich dunkt, ich sahe Sie vor mir, da ich den ehrlichen Doktor so disputiren horte. Sein Vortrag stimmt mit dem Ihrigen aufs genauste uberein.

Obgleich Niemand unter der ganzen Gesellschaft daran zweifelte, dass Sir Carls Geschichte in mancherlei Absicht fur die Welt nutzbar ware: so haufte doch doch der Doctor dieses zu beweisen, Schluss auf Schluss, und ich wurde uberzeuget, dass es allerdings Muhe kostet, Dinge zu beweisen, die keines Beweises bedurfen. Dieser Ehrenmann war so eifrig, dass ihm der Schweiss immer uber die Backen lief. Ich dachte mehr als einmal an Sie. Es wurde mir viel Muhe kosten, wenn ich nachzahlen sollte, wie viel mal Ihr und meines Oncles Name ruhmlich genennet wurde; so viel ist gewiss, dass ich mir nichts geringes darauf zu gute that, da ich es der ganzen Gesellschaft offenbaren konnte, dass ich die Ehre Ihres Unterrichts genossen hatte, und ein Anverwandter von dem Herrn v.N. ware. Herr Richardson machte mir hierbei eine tiefe Verbeugung. Er sass die ubrige Zeit bei der Tafel bestandig in Gedanken, und grubelte mit der Gabel auf dem Teller. Ich glaubte er sonne auf eine Anlage zu einer neuen Pamela. Beim Thee entdeckte ich endlich die Ursache seiner Tiefsinnigkeit. Er bat mich innstandig, ihm die Briefe, die die vortreflichen Unternehmungen meines Herrn Oncles und seines klugen Freundes dem Herrn Grandison nachzueifern, enthielten, mitzutheilen. Ich besass nicht Herzhaftigkeit genug, diesem beruhmten Manne etwas abzuschlagen; ehe ich also die Sache genau uberlegen konnte, that ich das ubereilte Versprechen, ihm diese Briefe auszuhandigen, wenn ich die Erlaubniss dazu von meinem Oncle erhalten hatte. Ich argerte mich abscheulich uber mein voreiliges Versprechen, da ich Zeit gewann, diese Sache reiflicher zu uberlegen. Herr Richardson schien uber meine Gutwilligkeit ausserordentlicher vergnugt; er legte sein aristotelisches Gesichte wieder ab, und gab sich das Ansehen eines muntern Hofmannes. Hieraus konnte ich leicht muthmassen, dass er sich schon mit der angenehmen Hoffnung schmeichelte, seinen Ruhm durch die Bekanntmachung einer Sammlung von Briefen, die der Grandisonischen nichts nachgiebt, noch mehr zusteigern. Dieser Gedanke machte meinen Ehrgeiz rege. Ich bin mir selbst der nachste, dachte ich, Niemand wurde etwas von einem Richardson wissen, wenn er sich nicht durch eigene Schriften bekannt und durch fremde beruhmt gemacht hatte. Ich will mit einem Hiebe zwei Streiche thun. Einen Roman zu schreiben, das ist meine Sache nicht, ich will die Geschichte meines Oncles ins Franzosischen ubersetzen, ich will sie in Strassburg drucken lassen, und dadurch auf einmal bekannt und beruhmt werden. Bitten Sie Ihren Principal, dass er mir zu diesem ruhmlichen Vorhaben seine Erlaubnis ertheilet, wenn ich diese erhalte; so werde ich Engelland mit Vergnugen verlassen, und Strassburg als die holde Mutter meines zukunftigen Ruhms betrachten. Mein Brief wird langer, als ich im Anfang dachte. Ich wurde hier schliessen, wenn ich befurchtete, Sie zu ermuden; allein ich habe Ihnen noch ein Wort zu sagen, daruber Sie vielleicht nicht misvergnugt seyn werden.

Neulich bat mich der Doctor Bartlett nebst dem jungen Grandison und seinem Hofmeister zu sich, der Baronet und seine Gemahlin waren eben nach Schirleimanor verreisst. Seine Wohnung war aufs beste ausgeschmuckt, jedermann war darinne geschaftig. Der Doctor ging mit gravitatischen Schritten in seiner mit Spitzen bebramten Thurmmutze Trepp auf, Trepp nieder, und hatte auf sein geschaftiges Gesinde ein wachsames Auge. Wir speissten in seiner Gaststube. Weil ich glaubte, dass er sich meinetwegen in solche Unkosten gesteckt hatte; so sann ich schon bei dem ersten Gerichte auf ein Entschuldigungscompliment, dass ich ihm wider Vermuthen so viele Ungelegenheit verursachen sollte; allein ich hatte nicht nothig, dieses anzubringen. Bei dem ersten Becher Wein, der herum gegeben wurde, und der eben so wohl als die ubrigen nebst dem Flaschen und Kelchglasern mit Ephen und Blumenkranzen gezieret war, wurde ich meines Irrthums inne. Der Doctor nahm einen Becher in die Hand, und nachdem er sich von seinem Stuhle erhoben, hielt er diese Anrede an uns: Geliebtesten Freunde, Sie werden sich ohne Zweifel wundern, dass ich heute, da ich mir die Ehre Ihrer Gesellschaft erbethen habe, wider meine Gewohnheit verschwenderisch in Anschaffung der Speise und des Trankes gewesen scheine. Sie sehen diese Tafel mit so vielen Gerichten besetzt, dass solche hinreichend seyn wurden, alle Innwohner dieses ganzen Dorfes reichlich davon zu sattigen. Jener Schenktisch zeiget Ihnen einen Vorrath von Weinflaschen, welche von uns kaum in vier Wochen wurden konnen ausgeleeret werden. Tadeln Sie mich nicht wegen einer scheinbaren Ueppigkeit, ehe sie das, was ich zu meiner Rechtfertigung sagen werde, vernommen haben. Der heutige Tag ist in dem neuen Calender mit einem so vortreffli-Namen bezeichnet, dass ich glaubte, ein Recht zu haben, mir denselben zu einem Festtage zu machen. Lampertus, was fur ein nachdruckliches, was fur ein schatzbares Wort ist dieses mir, das mich an einen gelehrten, an einen vollkommenen Freund erinnert. Der 17 September wird mir hinfuhro allemal ein Tag der Freude seyn, wie der Geburtstag meines Gonners und seiner vortrefflichen Gemahlin. Rechtfertigen Sie, hochansehnliche Gesellschaft, meinen Eifer, den Namenstag eines verdienstvollen Mannes, mit dem ich durch das Band der Freundschaft aufs engste verbunden bin, feierlich zu begehen. Es ist nicht die Ehre, Sie bei mir zu bedienen, es ist das Vergnugen, einen Tag zu feiern, der mit meinem Freunde einerlei Namen fuhret, dadurch ich bin angetrieben worden, eine halbjahrige Besoldung aufzuopfern, um durch diese ausserlichen Zeichen, welche Sie hier vor sich sehen und genussen, meine Hochachtung gegen einen beruhmten Auslander an den Tag legen zu konnen. Lassen Sie uns von dem Guten, das wir hier haben, so viel zu uns nehmen, als zureichen wird, unsern Hunger und Durst zu stillen; alsdenn helfen Sie mir die ubrigen Brocken den Armen, die sich vor meiner Thur versammlen werden, austheilen, dass sie dadurch ihr Herz laben und erquicken. Anjetzo aber vereinigen Sie ihren Wunsch mit dem meinigen: Es lebe der Herr Lampertus Wilibald! Wir stiessen alle mit den Glasern zusammen. Ich habe eben vergessen zu melden, dass einige von den Herren Vicinis des Doctors gegenwartig waren. Die ganze Gesellschaft bestund aus zwolf Kopfen. Da ich meinen Hunger gestillet hatte, bekam ich Zeit, besonders da die Herren Pastores einen armen Ketzer aus dem Alterthume misshandelten, die artige Einrichtung des Doctors bei der Tafel wahrzunehmen. Im Anfange wunderte ich mich, dass die Tische, woran wir speissten, so gestellet waren, dass sie die Figur eines Winkelhakens bekamen, ohne dass es die Gelegenheit des Zimmers zu erfodern schien; nun aber sahe ich ein, dass wir an einer figurirten Tafel speissten, und dass diese ein lateinisches L vorstellte. Der Doctor hatte auch sogar von dem Conditor des Baronets ein artiges Desert verfertigen lassen; die Vorstellung davon ist mir entfallen. So viel weiss ich, dass ich etwas, das Ihrem Wappen ahnlich sahe, darauf entdeckte. Der Doctor sagte, es ware dieses Wappen von einem Briefsiegel genommen, daher kam es auch, dass es nicht eben gar zu genau mit dem Original uberein stimmte. Der Conditor hatte aus Unverstand die zwei Sphinxe in zwei gekronte Lowen, und die Schlange, welche in ihren Schwanz beisst, dieses alte hierogliphische Bild der Aegypter in eine Bretzel verwandelt. Da wir nach Tische den Thee getrunken hatten, musste der Schulmeister anfangen zu lauten, dieses war das Signal, dass sich die Armen vor dem Hause des Doctors nun versammlen sollten. In wenig Minuten wimmelte der Pfarrhof von Leuten. Sie mussten sich auf Befehl des Doctors in drei Reihen stellen, und nachdem er sie Mann fur Mann besehen hatte, mussten alle Gaste die Ausspendung der Wohlthaten des Doctors uber sich nehmen. Es bekam jedes von diesen Armen ein Groschenbrod, welches mit einem lateinischen L gezeichnet war, ein Stuck Braten und einen Becher Wein. Ihre Gesundheit wurde hier unter freiem Himmel uber hundertmal von Gichtbruchigen, Lahmen und Blinden getrunken. Ihr Name wurde also bei dieser Gelegenheit wieder vielen Leuten bekannt gemacht, und zwar auf eine solche Art, die im Stande ist, Ihr Andenken lange in Segen zu erhalten. Leben Sie wohl, beruhmter Freund. Ich will hier geschwinde schliessen, um Ihnen Zeit zu lassen, uber so schone Aussichten in Ansehung Ihres Ruhms sich zu vergnugen. Fur dieses mal leben Sie wohl.

XLVII. Brief.

Der Doctor Bartlett an den Magister.

Grandisonhall den 7 Oct.

Hochgeehrtester Herr Magister,

Wie gerne erfulle ich doch die Befehle meines Gonners, wenn er mir den Auftrag thut, Ihren Herrn Principal sowohl, als Sie selbsten, von seiner Hochachtung und Ergebenheit zu versichern. Er wunschet aufrichtig, mehr als eine schriftliche Versicherung seiner Freundschaft dem Herrn von N. geben zu konnen: allein jetzo siehet er sich in die verdrussliche Nothwendigkeit versetzt, solche durch mich nochmals schriftlich wiederholen zu lassen; da alle Hoffnung verlohren ist, solches auf eine nachdrucklichere Art zu thun. Ihr Herr Principal hat vor einiger Zeit die Bittschrift seiner Unterthanen an meinen Gonner mit einem Erzahlungsschreiben zu begleiten die Gute gehabt. Sir Carl bezeigte uns sein empfindliches Mitleiden uber die unglucklichen Schicksale, welche seit einem Jahrhundert und druber, das ihm zugehorige Dorf Kargfeld betroffen haben. Er bedauerte hauptsachlich, dass das Absterben der verehrungswurdigen Frau Shirlei heit gegeben. Wenn ihn nicht schon seine Menschenliebe geneigt gemacht hatte, die Bitte dieser Gemeinde zu erfullen; so wurde doch die Hochachtung gegen seinen Freund, den Herrn v.N., und die Pflicht gegen die fromme Mutter seiner Gemahlin ihn hierzu angetrieben haben. Er bemuthe sich dahero aus allen Kraften, es dahin zu bringen, dass eine Collecte fur die Kirche in Kargfeld durch ganz Brittanien mochte ausgeschrieben werden; allein die Sache war zu wichtig, als dass man sie ohne Gutheissung des Parlaments zur Ausfuhrung hatte bringen konnen. Aus dieser Ursache begab sich der Herr Baronet selbsten nach Londen, und besprach sich von dieser Angelegenheit mit vielen seiner Herren Kollegen, mit vielen Gliedern des Unterhauses. Er war so glucklich, keine geringe Anzahl derselben auf seine Seite zu bringen. Die Sache wurde so gut eingeleitet, dass man an einem glucklichen Erfolg nicht zweifelte. Am 11 Sept. wurde der Bill wegen Einsammlung dieser Collecte durch ganz Brittannien fur die Kirche zu Kargfeld, um ersten male gelesen, und passirte ohne Widerrede. Den 13. Sept. da er zum andern male gelesen wurde, setzte es deswegen heftige Streitigkeiten. Die Gemuther wurden gegen einander erhitzt, und die Sitzung dauerte bis Abends um 9 Uhr. Am 18. da man ihn zum letzenmale las, wurde die, Einsammlung dieser Collecte mit 284 Stimmen gegen 113. verworfen. Herr Grandison war an diesem Tage in dem Unterhause, davon er ein Glied ist, und that alles, die Verwerfung dieses Bills zu hintertreiben; allein diesmal liefen seine Bemuhungen fruchtlos ab.

Ich gab ihm hierauf den Rath, auf seine eigene Kosten eine massige Glocke giessen zu lassen, und solche der Gemeinde in Kargfeld zu verehren. Er folgte meinem Rathe, und war so eilfertig, dieses gute Werk auszufuhren, dass solche schon am 27. September eingeschiffet wurde. Aber wenn Ungluck seyn soll; so muss sich alles fugen. Aus Vorsicht war diese Glocke in ein Schlagfass eingepackt; allein ein vortheilsuchtiger Zollbedienter liess dieses Schlagfass mit Gewalt offnen, und da er eine Glocke darinnen erblickte, erklarte er solche alsbald fur Contreband. Sie war verfallen. Ich hatte selbst den Schmerz, sie in Londen in die Stuckgiesserei bringen zu sehen. Es soll eine sechzehnpfundige Kanone daraus gegossen werden, welche den Namen der Glocke von Kargfeld beibehalten, und vielleicht in der ersten Belagerung einer Vestung sich beruhmt machen wird. Sehen Sie, geliebtester Freund, dass es also keinesweges an meinem Gonner lieget, wenn er den Eifer, seinen Freunden in Deutschland Gefalligkeiten zu erzeigen, nicht, wie er wunschet, thatig erweisen kann. Erwarten Sie nebst mir einen gunstigern Augenblick, der vielleicht alles das zur Wirklichkeit bringet, was jetzo nur noch blosse Wunsche sind. Sie haben mir in Dero letztern Briefe den unglucklichen Bornseil empfohlen. Wie nahe geht es mir, dass ich auch in Ansehung seiner, nichts anders als gute Wunsche thun kann. Ich wollte, dass er hier ware, ich wunschte, dass er nur etwas von dem Ueberflusse der Pachter Sir Carls genussen konnte, und ich bin versichert, dass er vollkommen zufrieden seyn wurde. Mit gutem Gewissen kann ich den ehrlichen Mann nicht rathen, eine Reise nach England zu unternehmen. Gesetzt, dass er der sturmischen See und den Kaperschiffen, welche um unsre Insel herum schwarmen, entginge; wie schwer wurde es ihm werden, in unsern Hafen sich fur grossern Gefahrlichkeiten zu huten. Die Matrosenpressung wird jetzo hier mit aller Macht getrieben; wenn dieser gute Mann einem unbarmherzigen Werber in die Hande fiel; so wurde er ohne Rettung verlohren seyn. Wurde er nicht hernach Ursache haben, mit Rechte so wohl uber Sie, als mich, seine Klaglieder anzustimmen? Mein Gonner ist der Meinung, er sollte die Regel des weisen Sittenlehrers beobachten, in seinem Vaterlande bleiben, und sich ehrlich nahren; so wurde das alte Schprichwort von ihm erfullet werden: artem quaevis alit terra. Meine Geschafte wollen mir das Vergnugen nicht langer erlauben, mich mit ihnen zu unterreden. Ich kann meinem Briefe nichts weiter beifugen, als eine Bitte, meinen Gonner und die Seinigen, wozu ich auch gehore, dem Herrn von N. bestens zu empfehlen; sich aber selbst zu versichern, dass ich mir jederzeit ein ausserordentliches Vergnugen daraus machen werde, mit der vollkommensten Aufrichtigkeit zu seyn,

Meines Hochgeehrtesten Herrn Magisters

ergebenster Diener und Vorbitter,

Ambrosius Bartlett. D.

Zweiter Theil

I. Brief.

Der Hr. von N. an den Hrn. v.W.

Kargfeld, den 19 Sept.

Ist der Roman schon zu Ende? Denke das ja nicht, lieber Herr Bruder! ich bin vielmehr bereit, meine Sache entweder als ein Grandison auszufuhren, oder zu sterben. Indessen aber fluche ich auf dich, auf deine Frau, auf den Major, auf den Magister, und auf alle, welche bei dem vermeinten Verlobnisse waren. Wenn mir Lampert die Stelle aus dem Grandison, wo Sir Carl ein Gespenste gewesen, recht ausgelegt hatte; so wurde ich gar nicht auf den Einfall gerathen seyn, dich und deine Frau im Schlafe zu stohren. Ich war aber von der ganzen Sache so eingenommen und verblendet, dass ich bereits in Gedanken uber den zu hoffenden glucklichen Erfolg triumphirete. Warum habt ihr aber den armen Bornseil davon gejagt? Der Kerl ist so unschuldig, wie ein Kind in Mutterleibe. Er wollte nicht einwilligen; er wurde aber uberredet. Du weisst, dass, wenn der Magister zu demonstriren anfangt, ihm weder Menschen noch Vieh widerstehen konnen. Setze ihn wieder in sein voriges Amt, damit der arme Teufel nicht betteln gehen, oder mir seine Kinder vor die Thur legen darf. Thut er es, so lasse ich die Balge ins Wasser werfen. Mit deiner Frau bin ich gar nicht zufrieden: sie versteht keinen Spass. War sie meine Frau; so bekam sie alle Tage ihre Prugel. Du musst ein hartes Leder haben, dass du so viel ausstehen kannst; wiewohl, wenn man dir am Tage Essen und Trinken giebt, und des Nachts deine Ruhe lasst; so bist du mit der ganzen Welt zufrieden.

Ausserdem merke ich, dass sie der Major sehr wohl leiden kann. Es ist zwar mehrmals davon gesprochen worden; nunmehro wird mir die Sache immer wahrscheinlicher. Sage mir doch bona fide, war ich damals stark besoffen? ich kann es nicht glauben, ohngeacht Lampert dazu schworet; sollte ja etwas vorgefallen seyn; so ist der Major an allem Schuld gewesen. War ich kein Grandison; so wollte ich den Pursch schon finden, Ich schere mich den Henker um ihn: er mag deiner Frau ihr Vetter seyn oder nicht.

Ich habe eine tuchtige Delicatesse fur die Ehre doch was weisst du, was eine Delicatesse in der Ehre ist; da du sie weiter nicht als nur in einer Pastete und in einem Wildpretsbraten zu suchen gewohn bist. Schreib mir also, ob sich der Major in Reden wider mich vergangen hat. Der Wein fiel mir damals fur die Ohren, dass ich nicht alles genau vernehmen konnte. Drohen lass ich mir nicht, das sage ihm. Sir Hargrave und Greville waren andere Kerls als der Major; indessen wusste sie Herr Gevatter Grandison doch zu bandigen. Was dieser kann, das kann ich auch. Ich war langstens wieder zu dir kommen, wenn mich meine alte Mucke nicht uberfallen hatte. Das Podagra ist es nicht, wie der Magister sagt; sondern eine ganz andere Krankheit; die aber weniger zu bedeuten hat. Schreib mir ja bald: damit ich sehe, ob du bose bist oder nicht. Auf meiner Seite soll alles vergeben und vergessen seyn. Inliegenden Brief gib deiner Fraulein Tochter. Du kannst leicht muthmassen, dass verliebte Leute einander immer etwas zu sagen haben. Lebe wohl! der Himmel behute deine Beine fur allem Uebel! Ich bin

Dein

aufrichtiger Freund

v.N.

N.S. Reiss meinen Brief in Stucken: damit der Teufel sein Spiel nicht hat. Ich mochte deine Frau nicht gern bose machen. Adieu!

vt supra.

II. Brief.

Einschluss an Fraulein Julianen von dem Hrn. v.N.

Kargfeld, den 19 Sept.

Hochwohlgebohrnes Fraulein,

Gnadiges Fraulein,

Wenn Ihnen mein letzter Auftritt in Wilmershausen misfallig gewesen ist; so bitte ich dieserwegen hundert Millionen mal um Verzeihung.

Der Henker hole! es war nicht bose gemeint. Ich wollte wie Sir Carl zum ersten male als ein Gespenste erscheinen; aber der Magister und der sappermentische Jeremias verdarben den ganzen Handel. Zum Ungluck verstand Ihre Frau Mama keinen Spass, und so musste denn freilich alles contrair gehen. Ich hore auch, dass ich damals einen kleinen Rausch soll gehabt haben es kann wohl seyn: was ist aber daraus zu machen! der Wein und die Liebe uberwaltigen oft den bravsten Kerl von der Welt. Ich biethe Ihnen also mein Herz vom neuem an, und bitte demuthig um Ihre Gegenliebe. Schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab, schonstes Fraulein! Erlauben Sie, dass ich kommen, darf. Ich will im blauen Hechte absteigen und mich erst anmelden lassen; ich will der bescheidenste und artigste Mann seyn; ich will nur das poculum hilaritatis minus trinken; ich will Ihnen ein Geschenk machen, das meinem Vermogen gemass ist; ja ich will Sie Zeitlebens als eine Gottin verehren, und alsdenn sterben als

Dero

getreuester Sclave

v.N.

III. Brief.

Der Herr v.W. an den Herrn v.N.

Wilmershausen, den 19 Sept.

Du hast schon Zeug mit deinem Briefe gemacht. Weisst du denn nicht, dass ich nicht schreiben kann, und dass meine Frau alle Briefe erbricht, die an mich einlaufen? Diesen Brief schreibt mir mein neuer Verwalter, sonst wurdest du niemals eine Antwort erhalten haben. Meine Frau war, wie du leicht denken kannst, bei Erbrechung deines Briefes ausser sich. Sie gab eine ganze Salve von Fluchen; riss in der Bosheit ihr Nachtzeug ab, und warf es in eine Ecke. Niemals werde ich den Auftritt vergessen. Hore was sie sagte: so ein alter verfluchter Barenhauter will sich uber mich aufhalten! mich prugeln, wenn ich seine Frau ware! und hat mich noch darzu mit dem Major im Verdachte! die Augen will ich dem Hunde auskratzen. Ich versuchte zwar, dich zu entschuldigen, und sie zu besanftigen; allein nun fieng sie auch mit mir an, warf mir meine Einfalt, Faulheit und noch andere Dinge vor, die ich nicht gerne erzahlen will. Den Augenblick, sprach sie, fordern sie den alten Kerl heraus, wenn sie noch fur sechs Pfennige Courage im Leibe haben; sie mussen sich mit ihm schlagen, oder ich lasse mich von ihnen scheiden.

Furchte dich nicht Bruder, ich werde dich nicht heraus fordern. Beilaufig siehest du, dass aus der Heirath mit meiner Juliane nichts werden wird. Meine Frau ist zu sehr aufgebracht. Ich bin mude, weiter zu dictiren. Mache was du willst.

v.W.

N.S. Ich hore, dass meine Frau alleweile einen Boten an den Major absendet. Gott wende alles zum Besten!

IV. Brief.

Fraulein Amalia an ihren Bruder.

Schonthal, den 20 Oct.

Wo werden sich die Thorheiten unsers Oncles endigen? Die Frau v.W. ist ganz rasend. Sie hat den Major aufgehetzt, und dieser ist Willens, sich mit dem alten Ritter zu schlagen. Hier ist der Fehdebrief:

Mein Herr,

Ich wurde der Ehre, die Frau von W. meine Base

zu nennen, ganz unwurdig seyn, wenn ich sie

von Ihnen wollte beschimpfen lassen. Wie haben

Sie Sich also unterstehen durfen, einen so bos

haften Brief an ihren Gemahl zu schreiben? Es

war nicht genug, dass Sie, als ein zweiter Don

Quijotte, die ehrlichen Leuten des Nachts in der

Ruhe stohrten, und offentlich zu erkennen gaben,

dass Sie ein Narr waren; sondern Sie mussten

auch nachhero die Ehre dieser Dame durch einen

ungegrundeten Verdacht beleidigen.

Eine Zuchtigung kann Ihnen also nicht schaden.

Kommen Sie auf kunftigen Donnerstag zu Ihrem

und meinem Freunde, den Baron von F. wo wir

die Sache mit ein paar Pistolen ins Reine brin

gen wollen. Adieu.

v. Ln.

Der Oncle fluchte bei dem Empfange dieser Ausforderung wie ein Botsknecht. Endlich kam der Geist Grandisons wieder zu ihm. Lampert that Vorstellungen; Kunigunde weinte. Ich wusste anfangs selbst nicht, ob es Scherz oder Ernst seyn sollte; aber nunmehro sehe ich, dass der Baron v.F. sich einmal satt lachen will. Der junge Wendelin soll als Geschwindschreiber mitgenommen werden. Du sollst also eine sichere und vollstandige Nachricht von dem Zweikampfe dieser Manner erhalten. Lampert hat mir ein Paquet an den eingebildeten Dr. Bartlett gegeben; Du kannst es lesen und aufheben. Ich sehne mich recht sehr, dich mundlich zu sprechen, und dir die aufrichtigsten Merkmaale meiner Liebe zu geben. Lebe wohl!

V. Brief.

Magister Lampert an den Doctor Bartlett.

Ich sehe aus einen Schreiben unsers jungen Cavaliers, dass Ew. Hochwurden meinen Namenstag in Grandisonhall feierlich begangen haben.

Theuerer und schatzbarer Gonner, womit verdiene ich eine solche Gewogenheit? Ich bin geruhrt, und es fehlet mir an Worten, Ihnen die dankbarsten Empfindungen meines Herzens abzuschildern. Nehmen Sie hier einen Abriss der merkwurdigsten Umstande meines Lebens hochgeneigt an. Sie konnen es der Konigl. Societat der Wissenschaften in meinen Namen uberreichen. Ich arbeite gegenwartig an einem grossen Werke.1 Aus Dankbarkeit will ich es gedachter Gesellschaft dediciren.

Ich komme nunmehro zur Sache selbst, und liefere Ihnen: memoires pour servir a l'histoire de Monsieur Lampert Vilibald, oder Denkwurdigkeiten der Lampertischen Geschichte. Ich Lampert Wilibald bin unter freiem Himmel zwischen Weissenfels und Merseburg auf der sogenannten Michelshohe den 29 Februarius 1716 gebohren worden. Scholion I. Meine Aeltern waren eben auf der Reise. Meine Mutter glaubte nicht, dass ihre Niederkunft so nahe sey; sie wurde also ubereilt und nachhero auf einem Karn nach Rosbach gebracht, welcher Ort nunmehro in allen Theilen der Welt bekannt worden ist. Schol. II. Das Jahr 1716 war ein Schaltjahr. Da ich nun eben den 29 Febr. das Licht der Welt erblickte; so kann ich meinen Geburtstag nur alle vier Jahr feiern, welches auch kunftiges Jahr 1760 wenn ich anders noch lebe, zu Kargfeld geschehen wird.

. 2.

Nachdem meine Mutter ihre sechs Wochen zu Rosbach gehalten hatte; so packte sie mich fein sauberlich in einen Korb, und trug mich nach Hause.

. 3.

Im sechsten Jahre meines Alters fuhrte mich mein Vater in die zu Durrenstein befindliche Schule, in welcher ich in allen unterrichtet wurde, in quibus puerilis aetas impertiri debet. Nep. in Attic. Schol. Der Schulmeister war zugleich ein Metzger; sonst aber sang er einen guten Bass durch die Fistel, und schnitt auf Baurenhochzeiten so manierlich

vor, als ein Trabizius. Der gute Mann prophezeihte

immer, dass ich meiner klugen Reden wegen fruh

zeitig sterben wurde; es ist aber nicht eingetroffen.

. 4.

Ich hatte indessen eine unuberwindliche Neigung zu den Wissenschaften; ich machte mir heimlich eine Peruque von Werg; ich war allemal der Gerichtsdirector unter den andern Jungen; und wenn sich einer widerspenstig bezeigte, so peitschte ich ihn, dass er hatte Oel geben mogen. Dieses letztere ist mir desto leichter zu vergeben: weil Cyrus in seiner Jugend dergleichen auch gethan. Nunmehro anderten sich die Umstande zu meinem Vortheile, und ich kam von Durrenstein weg. Schol. I. Mein Vater war ein wirklicher Polyhistor. Er riss Zahne aus und setzte Zahne ein; stach den Star; verschnitt den Bauern die Haare und musste dem Schulzen seinen Bart scheeren. Er konnte aus der Tasche spielen, und tanzte meisterlich auf dem Seile. Schol. II. Dieser mein Vater nun sollte dem Schulmeister einen Zahn ausziehen; er kam aber uber den unrechten, welchen der ehrliche Mann noch brauchen wollte. Dieser albere Streich machte den Ku

fiel, und ihm also Gelegenheit gab, den Cantor

tuchtig abzuprugeln. Sie giengen in dem Ent

schlusse auseinander, niemals wieder Freunde zu

werden, und ich wurde sogleich aus der Dorfschule

genommen und nach G. in das Gymnasium ge

bracht.

. 5.

Auf diesem Gymnasio habe ich bis 1736 alle Classen durchritten. Ich gieng in die Currente; wurde famulus communis, frass taglich drei Pfund schwarz Brodt und bewiess in meiner Abschiedsrede: Dass Johannes in der Wusten keine Heuschrecken, sondern Krebse gegessen habe.

. 6.

Nunmehro begab ich mich also nach H. Wer kein Vermogen hat, muss sich hier durchfressen. Dieses that ich auf die feinste Art von der Welt. Ausserdem disputirte ich zweimal publice und schlug mich sechsmal privatim; wurde aber nur ein einziges mal von einem M. verwundet. 1740 erlangte ich die Wurde eines Magisters, welche ich noch mit Ruhme trage. Schol. Ich fuhre noch bis dato von obiger Schlagerei eine ansehnliche Narbe als ein Ehrenzeichen auf

. 7.

In gemeldetem Jahre starb mein Vater. Was sollte ich nun thun? ich begab mich auf die Wanderschaft. Die Haare wurden Ihnen, verehrungswurdiger Gonner, zu Berge stehen, wenn ich meine verdrusslichen Begebenheiten auf dieser Reise erzahlen wollte. Hunger und Durst musste ich ausstehen. Wie viel mal habe ich unter freiem Himmel schlafen mussen! Die Handwerksgenossen waren nicht allemal so hoflich, als ich glaubte, dass sie seyn sollten. Fur mich war also nichts weiter zu thun, als dass ich 1742 unter die Konigl. Preussl. Husaren gieng, und mir einen Bart wachsen liess. Zum Ungluck sahe mein Rittmeister in dem ersten Feldzuge ein, dass ich zu keinem Soldaten gebohren war. Ich bekam meinen Abschied, und gieng voller Verzweifelung nach Durrenstein. Hier hatte der Himmel fur mich gesorgt. Der Hr. von N. brauchte einen Informator, und fand in mir alle Eigenschaften eines solchen Mannes.

. 8.

Hier habe ich verschiedene Junkers und Frauleins erzogen. Die benachbarten Edelleute erfuhren meine Geschicklichkeit, und thaten ihre Kinder bei meinem Herrn Principal in die Kost. Ich machte mich also eben so beruhmt, als Melanchthon und Trotzendorf ehedem gewesen waren.

. 9.

An Vermogen fehlt es mir nicht. Die Menschen, welche um mich sind, haben von Natur muntere Seelen. Alles lacht und scherzt. Nur mein gnadiger Patron hat manchmal ernsthaftere Gedanken; Fraulein Kunigunde lacht schon seit 30 Jahren nicht mehr: die andern aber sind desto lustiger. Die bestandigen Abwechselungen machen, dass ich mich zeithero nach keiner Pfarrstelle gesehnt habe. Nur eins liegt mir im Kopfe: ich seufze nach Hanchen ihrer Gegenliebe. Der unempfindlichste Stoiker musste bei dem Anblikke dieses reizenden Madchens verliebt werden. Vielleicht andert sich ihre Gesinnung, wenn ich nach den Versprechen meines Principals ihrem Vater im Amte nachfolge. Wo nicht doch es muss seyn, es muss seyn. Von Natur bin ich ein Sanguineo cholericus. Das Geld ist mir gleichgultig; ich ziehe die Lustbarkeiten dem Besitze der ganzen Welt vor.

Hier haben Sie also, theuerster Gonner, eine kurze Nachricht von meinen Lebensumstanden. Sollten Sie diese memoires der Konigl. Societat vorlesen; so melwerden. Doch diesen letztern . den ich blos zu Ihrer Nachricht beygefuget und auf ein besonders Blatt geschrieben habe, werden Sie vorhero schon davon thun. Ich bin stark Willens, eine Academie im kleinen, auf dem Rittersitze meines Hrn. Principals, anzulegen. Die schonen Kunste sind ja Kinder des Ueberflusses. An Essen und Trinken mangelt es uns nicht, und ich habe den Hrn. von N. welcher den Witz eines grossen Mannes besitzt, bereits darzu aufgemuntert. Es sollen vier Classen geordnet werden. Die erste wird sich mit der Landwirthschaft beschaftigen. Erfahrne Verwalter und Bauern konnen hierinnen nutzliche Mitglieder abgeben: denn diese Manner verstehen von der Oekonomie mehr als die Gelehrten. Die zweite Classe ist der franzosischen und lateinischen Sprache gewidmet; die dritte aber tractirt Staatssachen. In diesen beiden sollen Pastores, Mamsells und politische Kannengieser angenommen werden. Die vierte heisst die musicalische. Der Grund ist bereits gelegt: denn es wird wochentlich bei uns Concert gehalten. Vor drei Wochen liess sich ein reisender Schulmeister auf der Orgel horen. Mein Principal verehrte ihm ein paar lederne Hosen, die ihm sehr nothig und angenehm waren. Ich denke, es sollen mehrere Virtuosen kommen. Da ich Willens bin, den ersten Prasidenten in der Akademie vorzustellen, so werde Ew. Hochwurden in kurzem nahere Nachricht durch den ordentl. Secretair, von dem Erfolge der Sache, geben lassen; bleibe indessen mit Hochachtung

Dero

gehorsamster Diener

M. Lampert Wilibald.

Fussnoten

1 Es ist eigentlich ein allgemeines historisches Lexicon aller Magister, welche seit der Reformation in Deutschland gelebt, und sich entweder durch Kinderzeugen oder Bucherschreiben, beruhmt gemacht haben. Dieses Werk wird ohngefehr 30 Alphabete stark werden, und in Leipzig herauskommen.

VI. Brief.

Das Fraulein v.W. an das Fraulein v.S.

Wilmershausen, den 26 Sept.

Was werden Sie denken, dass ich eine ganze Woche lang ein tiefes Stillschweigen beobachtet habe? Wenn Sie meine Briefe auch so lange unbeantwortet lassen wollten; so wurde ich mich mit tausend argwohnischen Gedanken schlagen. Ich bin nun einmal so, und ich werde nicht irren, wenn ich mich mit dem Selbstpeiniger aus dem Terenz vergleiche: ich mache mir einen Haufen Sorge und angstige mich, wo ich es nicht nothig habe. Sie besitzen einen glucklichen Charakter. Sie lachen mit dem Herrn v.F. uber die ganze Welt und machen sich nicht eine angstigende Vorstellung. Nicht wahr, Sie haben sich nicht einmal uber mein Stillschweigen gewundert? Sie dachten wohl nicht daran, dass die Ursache davon eine Unpasslichkeit seyn konnte; oder dass mir vielleicht gar der Briefwechsel mit Ihnen, wie der Clarisse mit dem Fraulein Howe konnte untersagt seyn. Solche Vorstellungen wurde ich furchtsames Madchen mir nur haben machen konnen, wenn ich an Ihrer Stelle ware und Sie Sich an der meinigen befanden; aber davon wissen Sie nichts. Sie haben recht wohl gethan, dass Sie Sich keine so unnothige Sorge machten, ich befinde mich wohl und habe auch noch nicht den grausamen Befehl erhalten, mit Ihnen keine Briefe mehr zu wechseln. Meine Mutter ist zwar mit Ihnen ganz und gar nicht zufrieden, und wenn der Herr v.N. noch wohl bei ihr angeschrieben stunde; so konnte es seyn, dass sie sich offentlich gegen Sie erklarete: Doch die gluckliche Zwietracht zwischen ihr und dem Herrn Oncle von Ihnen macht sie gegen mich etwas geschmeidiger, sie gestattete es, dass ich unter der Hand einen Briefwechsel mit Ihnen unterhalten darf; ob sie mir gleich bis jetzo noch nicht erlauben will, Ihnen selbst meine Aufwartung zu machen.

Die Ursache meines Stillschweigens ist diese. Ich hatte neulich eben meinen Brief gesiegelt und solchen meinem Madchen gegeben, um ihn durch Jobsten bestellen zu lassen, da ich zu meinem Vater gerufen wurde. Er gab mir einen entsiegelten Brief der so viele Falten hatte, als wenn er aus Verdruss von jemand ware zusammengedruckt worden, er war von dem Herrn v.N. Ich las ihn fluchtig durch, und war so besturzt, dass ich zitterte. Er enthalt, so viel ich mich noch davon erinnere, eine feierliche Abbitte wegen deinen Beleidigungen, die er mir dadurch zugefugt zu haben glaubte, dass er sich an einem Tage, an welchem ich die Seinige werden sollte, im Trunke ubernommen hatte; er versprach diesen Fehler zu verbessern und bat mich Millionen mal um Verzeihung. Wenn mir recht ist, so gelobte er mir eine ewige Treue. Ehe ich noch den Brief ganz durchgelesen hatte, trat meine Mutter mit einem verdrusslichen Gesichte in das Zimmer, welches mich muthmassen liess, dass es einen kleinen Zwist zwischen meinem Vater und ihr musste gesetzt haben, der zusammengedruckte Brief sahe dem Zankapfel sehr ahnlich. Das Fraulein hat doch noch, sagte sie, den albernen Misch in die Hande bekommen? Zerreissen Sie ihn den Augenblick in tausend Stucke und werfen Sie den Plunder zum Fenster hinaus. Ich war im Begriff, diesen Befehl meiner Mutter zu erfullen, Sie wissen, dass Sie von jedermann, dem Sie zu befehlen, ein Recht zu haben glaubt, einen blinden Gehorsam fordert, und ich wunschte, dass mir nie ein Gebot von ihr schwerer zu erfullen seyn mochte, als dieses. Allein mein Vater befahl mir gerade das Gegentheil. Unterstehe dich willst du sagte er, da ich eben das Urtheil meiner Mutter vollstrecken wollte, und erhob sich von seinem Stuhle. Ich werde es nicht zugeben, dass mein Freund von euch Weibesleuten beschimpfet wird, meine Frau hat ihm ohnedem bereits nicht fur einen Pfennig Ehre gelassen. Gieb du mir den Brief nur wieder her, ich will ihn aufheben. Meine Mutter winkte mir zwar, ich sollte ihn, ehe ihn mein Vater in die Hande bekam, geschwinde zerreissen: ich gehorsamte aber meinem Vater. Er legte ihn sehr sorgfaltig und in einer gewissen Entfernung von seiner Gemahlin zusammen, vielleicht aus Beisorge, dass sie einen Angriff darauf wagen mochte, um sich desselben zu bemachtigen, und schloss ihn in seinen Schrank. Ich kann nicht errathen, aus was fur einer Absicht sie nicht gestatten wollte, dass ich diesen Brief zu Gesichte bekame, wenn es nicht diese ist, mir die Gelegenheit zu benehmen, uber sie zu spotten, dass sie mir einen Mann so sehr angepriesen hat, von dem sie jetzo wunscht, dass sie ihn nie mochte veranlasset haben, an mich zu gedenken. Sie will, wie es scheint, alle schriftliche Denkmaale seiner Liebe gegen mich auch aus dieser Ursache vertilgen: damit diese ihr nicht einmal zu Vorwurfen in ihrem Gewissen gereichen. Ich glaubte immer, eine Gelegenheit zu finden, dieses Schreiben wiederum in meine Gewalt zu bekommen, um es ihnen mitzutheilen, weil aber mein Vater mit keinem Worte wiederum daran gedacht hat: so sehe ich nicht, unter was fur einem Vorwande ich es von ihm zuruck fordern soll. Sie sehen also die Ursache der Verspatung meiner Antwort. Der Major Ln. ist beinahe jetzo unser taglicher Gast. Gestern liess ihn meine Mutter durch einen expressen Boten einladen; er ist aber erst heute gekommen. Sie unterredet sich eben jetzo mit ihm, und ich hore, dass ihr Gesprach oft sehr lebhaft wird, ich vermuthe, es betrifft ihre Familienangelegenheiten. Was der Mann lachen kann! Man hort ihn weiter als man ihn sieht. Er ist unten im Saale, und wenn er lacht, so giebt mein Klavier hier neben mir allezeit einen Wiederschall. Es mussen doch wohl keine Dinge von allzugrosser Wichtigkeit auf dem Tapet seyn. Nun werde ich allem Ansehen nach wohl niemals die Ehre haben, mich ihre Tante zu nennen; ich bin aber nicht weniger stolz darauf, wenn ich nur bestandig ein Recht habe mich zu nennen

Ihre

aufrichtige Freundin und Dienerin

Juliane v.W.

VII. Brief.

Das Fraulein v.S. an das Fraulein v.W.

Schonthal, den 29 Sept.

Glauben Sie es nur, ich bin im hochsten Grade auf Sie eifersuchtig. Ich habe mich immer fur das gelehrteste Madchen in unsrer ganzen Gegend gehalten, Sie wissen, dass ich zu den Fussen eines grundgelehrten Mannes, eines Lamperts gesessen habe, der sich uber den grossen Haufen gemeiner Lehrmeister, gleichwie unser Kirchthurm hoch uber die niedrigen Strohdacher hinausschwinget: allein ich werde kunftig nicht mehr Ursache haben, meiner Eitelkeit zu schmeicheln; ich sehe dass Sie auch ein Bisgen gelehrt thun konnen. Sie vergleichen sich mit dem Selbstpeiniger aus dem Terenz, dieser Vergleich hat ein vielzugelehrtes Ansehen, als dass ich dabey gleichgultig bleiben sollte. Wenn Sie Sich mit dem Menschenfeinde des Moliere verglichen hatten, so wurde ich es noch haben hingehen lassen. Doch ich will mich auch nicht deswegen mit Ihnen zanken, weil sie wissen, dass ein Terenz in der Welt gewesen ist. Sie kennen diesen Mann doch nicht anders als aus einer Uebersetzung; ich hingegen, ich kann mich ruhmen, unter Anfuhrung meines treflichen Lehrers, ein gutes Stuck der Ueberbleibsel dieses Schriftstellers in der Grundsprache gelesen zu haben. Sehen Sie, wie weit ich Sie hinter mir lasse? Aber dem ohngeachtet bin ich fest entschlossen, die erste gelehrte Vergleichung, die Sie wieder machen, mit einem lateinischen Briefe zu bestrafen. Ich kann noch ziemlich gut dekliniren, Ancilla und Scamnum macht mir eben keine Schwurigkeiten. Sie haben nun einmal meinen Trieb rege gemacht, bey aller Gelegenheit etwas gelehrtes auszukramen; schreiben Sie Sich es also selbst zu, dass Sie diesmal einen Brief, nach den Regeln des Lampertischen Geschmacks eingerichtet, von mir erhalten, das ist, in welchen so viele Spruchworter und Sentenzen eingestreuet sind, als ich werde aufbringen konnen. Eine habe ich schon auf der Zunge, ich will Sie damit bestechen, dass Sie meinen Scherz nicht fur eine Satire aufnehmen. Ihnen gefallt mein aufgeraumtes Gemuth. Sie nennen es einen glucklichen Charakter, dass ich mich nicht immer mit einem Haufen Sorgen schlage, und ein Vergnugen darinne finde, mich selbst zu beunruhigen: aber Sie irren Sich. Sie haben bei Ihrer furchtsamen und angstlichen Gemutsart, die Sie Sich zueignen, vor mir gar vieles zum Voraus. Dadurch, dass Sie alles furchten, werden Sie auf eine genaue Untersuchung aller Umstande gefuhret, die Ihnen vorkommen; Sie sehen alle unangenehme Folgen von weiten, und werden von keinem Verdrusse unbereitet uberraschet; Sie konnen also mit leichter Muhe vielen Verdrusslichkeiten ausbeugen, worinn mich meine Leichtsinnigkeit unbemerkt verwickelt. Ihr Mistrauen fuhret Sie zur Sicherheit. La mesiance est la Mere de la Surete, das ist Richelets Ausspruch, eines Mannes, der bei mir sehr viel gilt.

Die Frau v.W. hat nicht gestatten wollen, dass Sie den Brief Ihres Anbeters zu Gesichte bekamen, Sie versuchen es, ihre Absicht dabei zu entdecken; aber mich dunkt, Sie sind hierbei nicht sonderlich glucklich gewesen. Ich will Ihnen das Verstandniss eroffnen. Ihre Frau Mutter hasset gegenwartig meinen Oncle eben so sehr, als sie ihn vor einigen Wochen hoch schatzte, und sie bemuhet sich mit eben dem Eifer, die Flammen auszutilgen, mit welchem sie solche entzundet hat. Ist es nicht der Klugheit gemass, ihm alle Gelegenheit abzuschneiden, sich einen Zugang zu Ihrem Herzen zu verschaffen? Wie leicht konnten Sie nicht, durch einen so zartlichen Brief, als Ihr Anbeter unfehlbar geschrieben hat, zum Mitleiden gegen ihn bewogen werden? Wenn eine Schone nur erst einem schmachtenden Liebhaber ihr Mitleiden schenket, habe ich sagen horen, alsdenn hat er gewonnen Spiel. Der Herr v.N. hat auf das Ihrige die gerechtesten Anspruche. Hat er nicht Ihrentwegen Wind und Wetter auf sich lossturmen lassen? Hat er nicht um Ihrentwillen Leib- und Lebensgefahr ausgestanden? Hat er nicht Ihnen zu Ehren sich tapfer bezeigt, und sind Sie nicht die einzige Ursache, dass er auf seinem Lager unter den Schmerzen seines podagrischen Fusses seufzet? Alle diese Umstande, wenn ihnen der reizende Liebesbrief noch einiges Gewichte gegeben hatte, wurden ein so sanftes Herz als das Ihrige nothwendig erweichet haben. Untersuchen Sie ob ich die Absichten der Frau v.W. nicht tiefer eingesehen habe, als Sie selbsten. Ja ja, das war eine Probe ihrer Staatsklugheit, dass sie Ihnen den Brief des Herrn v.N. verheelen wollte, sie dachte an das alte Spruchwort: petit a petit l'oiseau fait son nid. So ist es! Aus einem kleinen Funken entstehet oft ein grosses Feuer.

Aber sagen Sie mir doch, warum Sie immer bereit sind, Ihrer Stiefmutter einen blinden Gehorsam zu leisten, nicht anders, als wenn sie Ihre Priorin ware, sie kann Sie doch nicht mit der Katze essen lassen, wenn Sie es nicht thun? Sie befiehlt, und Sie erfullen ihre Befehle punktlich, auch da, wo es Ihnen viel beschwerlicher wird, ihr Gehorsam zu leisten, als wenn Sie ihr solchen versagen. Meine Stiefmutter durfte sie nicht seyn. Der blinde Gehorsam, was fur ein verhasstes Wort! Doch vielleicht wurde sich meine Gemuthsart besser fur sie schicken, als die Ihrige. Nach einem kleinen Hauskriege von vierzehn Tagen wurden wir die besten Freunde seyn. Wagen Sie es einmal, und kundigen Sie ihr eine Zeitlang allen Gehorsam auf, Sie werden Wunder sehen. Sie muss in ihrem Elemente angegriffen werden. Wenn sie schnaubt und brausst, so erwiedern Sie gleiches mit gleichem. Wenn sie mit einer angenommenen Freundlichkeit etwas bitteres sagt; so geben Sie ihr alles mit eben dieser freundlichen Mine zuruck. Dem Gifte muss durch seinen Gegengift die schadliche Wirkung benommen werden. Horen Sie, wie ein guter Auctor sich uber diese Materie ausdruckt:

Oignez vilain il vous poindra,

Poignez vilain il vous oindra.

Ich glaube, er hat Recht. Das ist aber wohl Ihrem sanftmuthigen Charakter entgegen, Sie sind ein gutes frommes Kind, Sie wollen lieber Ihre Gebietherin mit guter Art gewinnen, als mit Sturm uberwinden; Sie denken: il faut mieux plier que rompre. In der That, Sie sind auf einem guten Wege, ich billige ihn; fur mich aber ware er zu langweilig. Die Sonne musste einen Wandrer lange liedkosen, ehe er ihr zu Gefallen seinen Pelz ablegte; da er aber dem Sturmwinde eben diese Gefalligkeit versagte: so warf ihn dieser mit sammt seinem Pelze in einem Graben.

Was hat denn Ihre Frau Mutter mit dem Major v. Ln. fur Familienangelegenheiten zu berichtigen? Haben sie etwan miteinander eine reiche Erbschaft gethan; oder wollen sie erst einen alten abgelebten Vetter sterben lassen? Halten Sie mir diese Frage zu gute, ich verlange nicht, dass Sie ihre Geheimnisse ausforschen sollen; ich bringe sie nur aus Bewunderung vor, dass die Frau v.W. und der Major noch gute Freunde sind. Sie eiferte ja sonst immer uber ihn, und wunschte sich die Gelegenheit, ihm ihre Meinung einmal unter die Augen sagen zu konnen. Es scheint, dass Sie uber den Major eine kleine Spotterei auslassen wollen. Sie scherzen uber etwas, das mit zu seinen Vollkommenheiten gereichet. Ein Soldat, und besonders ein Major muss eine gesunde Lunge haben. Wie er sein Regiment muss uberschreien konnen; so muss er auch alle Gesellschaften uberlachen konnen. Ich rathe es Ihnen, dass Sie ihn nicht zum Gegenstand Ihres Witzes machen; er scheint mit alledem ein feiner Mann zu seyn. Wenn ihn gleich nicht der Hof erzogen hat; so besitzt er doch eine gute Lebensart, wenigstens kann man nicht das Spruchwort auf ihn anwenden: il est du tems,qu'on se mouchoit sur la manche. Sie werden denken: la belle plume fait le bel oiseau, der blaue Rock mit rothen Aufschlagen wie mein Oncle sagte. Nein, dieser erweckt bey mir kein Vorurtheil. Ich denke, es ist Zeit, dass ich meinem Gewasche ein Ende mache; wer weiss ob Sie Sich die Muhe nehmen, es zu lesen. Sie sind nicht gewohnt, die Schonheiten des Lampertischen Geschmacks einzusehen. Ich will es Ihnen gerne vergeben, wenn Sie den grossten Theil meines Briefes uberschlagen, wenn Sie nur die Versicherung annehmen, dass Sie nie aufhoren wird zu lieben

Dero

aufrichtige Freundin und Dienerin

Amalia v.S.

VIII. Brief.

Das Fraulein v.W. an das Fraulein v.S.

Den 3 Octob.

Loses Fraulein,

Wie weit konnen Sie einen kleinen unschuldigen Ausdruck treiben, von dem ich kaum glaubte, dass er Ihrer Aufmerksamkeit wurdig ware. Sie bestrafen mich fur eine kleine Pedanterei, darein ich nach Ihrem Urtheile soll verfallen seyn, mit einem Briefe nach Lampertischen Geschmack. Eine gnadige Strafe in der That! die mir sehr vieles Vergnugen verschafft hat, und fur welche ich glaube, Ihnen verbunden zu seyn. Um aber Ihren Verweisen in Zukunft zu entgehen: so habe ich mir vorgenommen, mein Pfund ganz und gar zu vergraben. Sie sollen Ihr Tage nichts wieder von mir horen, das, wie Sie sagen, ein gelehrtes Ansehen hat. Das mag es seyn, was ich Ihnen wegen Ihres leichtfertigen Schreibens sagen wollte. Bereiten Sie Sich zu, nun eine Sache von Wichtigkeit zu vernehmen. Erschrecken sie nicht, sagt man, wenn man Jemand recht sehr erschrecken will, ich mochte es bald zu Ihnen sagen. Denken Sie nur, der Herr v.N. hat den lichste beleidiget. Meine Mutter hat ihn in die Hande bekommen, und nach ihrer Gewohnheit sogleich entsiegelt. Der Herr v. N. soll sie darinne auch nicht geschonet haben, und sie ist daruber so sehr aufgebracht, dass sie den Major heftig anliegt, seine und ihre Ehre zu retten. Das ist die Ursache ihrer geheimen Unterredung gewesen; welcher ich in meinem Briefe gedachte. Ich wurde nichts von der ganzen Sache erfahren haben, wenn mir der Major das Geheimniss nicht selbst entdeckt hatte. Meine Mutter war nicht zugegen, und mein Vater schlief auf seinem Sorgestuhle. Was werden Sie davon denken, Fraulein Base, sagte er, wenn ich mit ihrem Verehrer dem Herrn v.N. Handel bekomme, werde ich dadurch ihre Ungnade verdienen? Der Mann hat es zu arg gemacht, er verdient eine kleine Zuchtigung, und ich hoffe nicht, dass Sie ungehalten daruber werden, wenn ich ihn ein wenig bessere.

Wie? der Herr v.N. sollte Sie beleidiget haben? das kann ich nicht begreifen, Sie haben ihm, so viel ich weiss nicht die geringste Gelegenheit dazu gegeben. Vielleicht grundet sich ihr Unwille gegen ihn nur auf einen Misverstand, er legt seine Worte nicht eben allezeit auf die Waage. O nein! sagte der Major, ich kann mich in der That von ihm beleidiget halten, wenn ich es thun will. Wie ich sehe, so wissen Sie noch nichts von unserm Zwiste; ich will Ihnen den ganzen Verlauf der Sache erzahlen. Er eroffnete mir, was es fur eine Bewandtniss mit dem Briefe hatte, den der Herr v.N. an meinem Vater geschrieben hat. Er fugte hinzu, seine Base, die Frau v.W. hatte ihm neulich durch einen expressen Boten einladen lassen, und da er den Tag darauf gekommen ware, hatte sie sich aufs heftigste uber den Herrn v.N. beklaget; sie hatte ihn auch eine Abschrift dieses Briefes gezeiget, und ware so erbittert auf den Herrn v.N. gewesen, dass sie es gerne wurde gesehen haben, wenn er von Stund an sich nach Kargfeld zu dem podagrischen Greise begeben, und sich mit ihm auf dem Bette duelliret hatte. Um die ungestume Frau nur in etwas zu besanftigen und sie abzuhalten, dass sie ihn nicht einer Feigheit beschuldigen mochte, hatte er in ihrer Gegenwart ein Cartel gegen den Herrn v.N. aufgesetzt; da ihr aber dieses viel zu glimpflich geschienen: so hatte sie ihm selbsten einen verwunschten Brief dictiret, welcher dem guten Manne das Podagra gewiss in den Leib wurde getrieben haben, wenn er ihm solchen wahrend dieses schmerzhaften Zufalls zuschicken wollte. Er hatte sich aber ein Gewissen daraus gemacht, die Quaal des Patienten zu vergrossern, und er wurde ihm den Fehdebrief nicht eher einhandigen lassen, bis er wieder wohl ware. Ich sagte, es wurde am besten seyn, wennes ganz und gar unterblieb, ich wusste gewiss, dass der Herr v.N. nicht die Absicht gehabt hatte, ihn in dem Briefe an meinem Vater zu beleidigen, und wenn ja ein und der andere Ausdruck in demselben konnte gemissdeutet werden; so ware es doch Niemand als meine Mutter, die eine schlimme Auslegung daruber machte, und ihrem Urtheile konnte man nicht trauen, da sie jetzo gegen den Herrn v.N. so sehr aufgebracht ware. Er wurde ganz und gar nichts an seiner Ehre verlieren, wenn er auch gleich diese Beleidigungen an dem Herrn v.N. nicht rachete, und er sollte selbst urtheilen, was man davon denken wurde, wenn er den Grund zu seinen Handeln aus einem unterschlagenen Briefe herleiten wollte.

Er erkennte, dass dieses weder fur ihn noch fur die Frau v.W. sogar vortheilhaft ware, da er sich aber einmal gegen diese anheischig gemacht hatte, ihr und seine beleidigte Ehre gegen den Herrn v.N. zu vertheidigen: so lage es an weiter nichts, als an meiner Erlaubniss hierzu. Es ware ihm bekannt, wie sehr ich wunschte, dass jedermann gut von mir urtheilen mochte; es konnte aber leichtlich geschehen, dass der Herr v.N. oder seine Anverwandten auf die Gedanken kommen konnte, ich hatte ihn aus Unwillen gegen diesen verhassten Anbeter angestiftet, ihn vor die Klinge zu fordern: deswegen wollte er nichts unternehmen, bis ich ihm erst meine Meinung hieruber entdeckt hatte.

Dieser Vorwand schien mir ziemlich gezwungen zu seyn, er wollte etwas sagen, dass das Ansehen hatte, als wenn er wunschte, sich bei mir ein Verdienst zu machen: im Grunde aber wollte er nichts anders thun, als mir ein hofliches Kompliment machen. Ich that mein bestes, eben dieses auch gegen ihn zu beobachten; zugleich versuchte ich es, ihn dahin zu bewegen, aus dieser Kleinigkeit keinen Ernst zu machen. Er lachelte, und antwortete so, dass es schien, als wenn er geneigt ware, die ganze Sache fur einen Scherz aufzunehmen; doch glaube ich, dass er es mehr that aus Gefalligkeit gegen mich, um mir nicht zu widersprechen, als dass es sein rechter Ernst war. Ich hatte mir vorgenommen, seine wahren Gesinnungen auszuforschen; aber die Wiederkunft meiner Mutter unterbrach das Gesprache. Sie kennen den Character derselben, sie wird alles anwenden, das Gemuth des Majors gegen Ihren Oncle zu erhitzen, und ich zweifle nicht daran dass es ihr gelingen wird. Diese Unterredung mit dem Major schion mir zu wichtig zu seyn, als dass ich sie Ihnen verscheigen sollte; Sie werden nebst Ihrem Herrn Schwager, von dieser Nachricht also nach ihrer Klugheit den Gebrauch zu machen wissen, der fur ihrem Herrn Oncle der vortheilhafteste ist. Suchen Sie es wenigstens dahin zu bringen, dass der Herr v.N. sich eine Zeitlang ruhig halt, bis die erste Hitze voruber ist, und wo Sie konnen, so suchen Sie es zu verhuten, dass er nicht etwa meine Mutter vom neuen erbittert. Diese kleinen Beleidigungen konnten fur ihn von wichtigen Folgen seyn. Der Herr Baron und der Major v. Ln. sind ja sehr gute Freunde von Alters her, ich dachte, wenn sich Ihr Herr Schwager ins Mittel schluge; so sollte wohl die ganze Sache so uberhin gehen, ohne dass etwas sonderliches daraus gemacht wurde. Dieses ist auch der aufrichtige Wunsch

Ihrer

ergebensten Dienerin

Juliane v.W.

IX. Brief.

Das Fraulein v.S. an das Fraulein v.W.

Den 5 Oct.

Ich war ganz ausser Athem, da ich Ihren Brief gelesen hatte. Wie Sie mich doch erschrecket haben mit Ihrem thrasonischen Major! Ich kann es Ihnen nicht vergeben. Er hat meine Achtung verlohren, weil er einen Eisenfresser vorstellen will. Glauben Sie es nur, der Herr v.N. hat nichts von ihm zu furchten Nein ganz und gar nichts! Leute die von ihren Handeln so viel Wesen machen, und immer erzahlen, wieviel sie noch erschlagen wollen, die bringen keinen Menschen ums Leben. Stellen Sie Sich mein Schrecken auch nur nicht gar zu ausserordentlich vor; ich freue mich vielmehr, und wunsche, dass das Duell zwischen den beiden Mannern zu Stande kommen moge, ich habe Lust meinem Oncle einen leichten Sieg in die Hand zu spielen. Er stehet seinen Mann, das weiss ich, und ich darf ihm nur den Rath geben, den Casar einsmals seinen Soldaten gab, um seinen Gegner aus der Fassung zu bringen. Wissen Sie, worinnen dieser bestund? Wo wollen Sie das wissen! das sind Dinge, die nur uns gelehrten Madchens bekannt sind, und davon haben Sie Sich ausgeschlossen. Gut, ich will es Ihnen dann erzahlen, sitzen Sie fein stille, und horen Sie zu. Casar und Pompejus waren einsmals im Begriffe, einander eine Schlacht zu liefern, um das Schicksal Roms, so wie ihr eigenes, zu entscheiden. Casars Heer bestund aus alten versuchten Soldaten, lauter Schnurbarten von dem martialischen Ansehen meines Oncles; zu dem Pompejus hingegen hatte sich der grosste Theil des romischen Adels geschlagen, meistens feine susse Herrn, die den ersten Feldzug mit machten, geschickter in dem zartlichen Rom, als im Felde Eroberungen zu machen. Die Legionen des Casars wurden durch die Menge und den hitzigen Angriff der jungen Krieger, in etwas schuchtern gemacht; der General aber hatte ihnen nicht so bald zugerufen: Soldaten, nach der Stirn fuhrt eure Streiche, so kehrten die jungen Romer dem Feinde den Rucken, um eben die Larve wieder nach Rom zu bringen, die sie von da mitgenommen hatten. Was meinen Sie, sollte sich diese Kriegslist nicht hier auch anwenden lassen? Der Major hat von seiner Bildung, wie es scheint, keine geringen Begriffe; aber der Herr v.N. hat sein Gesicht bald um zwanzig Jahre uberlebt. Verlassen Sie Sich auf mein Wort, Ihr prahlender Major soll ein Ehrenzeichen bekommen, oder mein Oncle muss auf dem Platze bleiben .

Nun, das nennen Sie gottloss, frommes Kind! Nicht wahr? Es ist auch ein Bisgen zu arg; wenn ich in dieser Sprache fortreden wollte, so wurden Sie mir bald eine nachdruckliche Strafpredigt halten; oder Sie verdammten wohl gar meinen Brief zum Feuer. Thun Sie es ja nicht, es ist so bose nicht gemeinet, ich habe Ihnen nur zeigen wollen, dass Sie nicht unrecht haben, wenn Sie von mir sagen, ich machte mich uber die ernsthaftesten Dinge lustig. Es ist wahr, ich habe einen Hang dazu, uber das zu scherzen, woruber andere erschrecken, oder sich betruben; diese muthwilligen Anfalle gehen aber sogleich voruber, wenn ich Niemand finde, der mit lachen will. Da Sie dieses jetzo gewiss nicht thun werden; so will ich meine Ernsthaftigkeit nun wieder zuruck rufen. Es ist andem, Ihr letztes Schreiben hat uns in etwas besturzt gemacht. Sie durfen nicht denken, dass ich hier in der Sprache grosser. Herren rede, und mich alleine verstehe, der Baron und meine Schwester lesen Ihre Briefe, und ich glaube, Sie gestatten es. Zu einem ernstlichen Duell zwischen meinem Oncle und dem Major will es der Baron durchaus nicht kommen lassen, und wenn er sich selbst mit dem letztern herumschlagen musste; indessen denkt er nicht, dass es so gefahrlich ist. Er ist gestern mit dem Major in Reichenberg in Gesellschaft gewesen; er hat sich aber nicht das geringste von einem Unwillen gegen meinen Oncle merken lassen. Der Baron glaubt, die Frau v.W. musste ihm ein Stillschweigen auferlegt haben, damit er sich nicht zum Schiedsrichter unter den Partheien aufwerfen mochte. Diesem Vormittag war der Magister hier. Ich machte mich an ihn, um zu erfahren; ob sein Patron auf dem Brief an den Herrn v.W. eine Antwort erhalten hatte. Er verwunderte sich ausserordentlich daruber, dass ich wusste, dass der Hr. v.N. an den Herrn v.W. geschrieben hatte, und er konnte gar nicht begreifen, durch was fur einen Canal ich dieses erfahren hatte. Aus seiner Verwunderung schloss ich, dass die Sache sehr geheim hatte zugehen sollen. Endlich gestund er, dass sein Gonner von dem Herrn v.W. eine Antwort erhalten hatte, die ihm aber gar nicht gefallig ware. Der Herr v.W. ware der rechtschaffenste Cavalier von der Welt; seine Gemahlin aber machte gefahrliche molimina, den Herrn v.N. vielen Verdrusslichkeiten auszusetzen, die er jedoch, so bald er nur wieder einen Fuss regen konnte, nach dem Beispiele Sir Carls durch grossmuthige Bewegungen alle zu ubersteigen hoffte. Die Frau v.W. wurde bald dahin gebracht werden, dass Sie, wie alle Feinde des Baronets, ihre Fehler erkennen und sich derselben schamen wurde. Der Magister stellte zugleich zwischen ihr und der Frau Jervois eine weitlauftige Vergleichung an. Sie liess sich noch so ziemlich horen, nur darinne schien er es nicht getroffen zu haben, dass er den Major einen von ihren auf eine Zeitlang angenommenen Mannern nennte. Mich dunkt, wenn Sie doch ja nie Henriette Byron seyn sollen: so wurde er eher dem Greville ahnlich seyn; doch wer weiss, wie viele Rollen mein Oncle und der Magister diesem guten Manne aus dem Grandison noch spielen lassen. Ich glaube ganz gewiss, mein Oncle hat einen ungegrundeten und recht bosen Verdacht auf den Major geworfen; die Vergleichung des Magisters, bringt mich auf diese Gedanken; er siehet aber die Sache nicht recht ein. Die Gefalligkeiten des Majors gegen die Frau v.W. haben etwas ganz anderes zum Gegenstande. Er hutet sich, die Dame zu beleidigen, damit sie ihm nicht den Zutritt zu ihrer Fraulein Tochter versagen soll. Warum will sich denn der Mann durchaus ein Verdienst bey Ihnen machen? Die taglichen Visiten die haben etwas mehr als Familienangelegenheiten zu bedeuten, diese wurden keine taglichen Conferenzen erfordern; aber der Argwohn meines Oncles ist lacherlich. Geben Sie nur Achtung, mein Kind, ob nicht der Major den Augen meines Oncles bald ein Greville oder gar Sir Hargrave Pollexfen seyn wird. Ich denke, wir werden uber diesen Punkt noch oftmals etwas zu lachen bekommen, wenn nur erst der Zwist der beiden Manner in der Gute beigeleget ist. Ich hoffe, der Baron wird alles zum besten kehren, und da Sie bereits Ihre Bemuhungen selbst zu dieser Absicht angewendet haben; so kann die Sache keinen andern, als einen guten Ausgang gewinnen. Wir hoffen alle das beste, inzwischen ist dabey am wenigsten besorgt

Ihre

ergebenste Freundin und Dienerin

Amalia v.S.

X. Brief.

Fraulein Amalia an das Fraulein v.W.

Kargfeld, den 19 Oct.

Das ist eine schreckliche Verwirrung in dem Hause! Alles lauft wider einander. Zu keiner ungelegnern Zeit hatte ich einen Besuch in Kargfeld abstatten konnen als heute. Um nicht in dem Getummel erdruckt oder beschadiget zu werden, habe ich mich in Tante Kunigunden ihre Zelle gefluchtet, und will mich fur langweiliger Zeit mit der Beschreibung dieses unerwarteten Zufalls beschaftigen. Haben Sie die Geduld, mir zuzuhoren, ich will Ihnen die Sache vom Anfang bis auf den gegenwartigen Augenblick erzahlen. Sie wissen, dass mein Oncle von seiner Unpasslichkeit vollkommen wieder hergestellet ist. Er liess uns deswegen auf heute zu sich einladen, um wegen seiner glucklichen Genesung, allerley Lustbarkeiten anzustellen. Meine Schwester und ich haben uns eingefunden. Der Baron hatte sich schon auf heute bei einem Freunde versprochen, und will, wenn er sich von seiner Gesellschaft lossreissen kann, erst gegen Abend kommen. Alles war bei unserm Oncle, wie zur Begehung eines Festes zugeschickt. Der Herr v.H. der nie gesunder gewesen, als seitdem er auf seiner Heimreise von Wilmershausen mit dem Pferde gesturzet hat, war nebst seinen beiden Brudern auch zugegen. Mein Oncle wollte einen Ball anstellen, um jedermann zu zeigen, dass er wieder wohl zu Fusse sey. Vorhero sollte ein vortrefliches Concert, von der Composition eines Lorenz Lobesans, wozu der Magister Lampert den Text verfertiget hatte, aufgefuhret werden. Man entdeckte allenthalben Zeichen der lebhaftesten Freude. Unter einem kunstlichen Praludio, wozu der Cantor alle sieben Register der Hausorgel meines Oncles gezogen hatte, wurden bereits die Instrumenten gestimmet; zwolf Adjuvanten strichen schon die langen goldgelben Haare aus dem Gesichte, um die Noten desto besser sehen zu konnen; zwei davon bemuheten sich, alle vorrathige Luft in dem Musikzimmer einzuathmen, und setzten bereits ihre Waldhorner an, um sie durch lebhafte Tone wieder auszulassen. Jedermann hatte seinen Platz eingenommen, und Lampert, der die Partitur fuhrte, war eben im Begriff, den linken Fuss und die rechte Hand aufzuheben, um durch einen nachdrucklichen Tritt und Schlag das Zeichen zum Anfange einer lermenden Fuge zu geben: da der Jager des Majors v. Ln. in das Zimmer gefuhret wurde, der meinem Oncle einen Brief uberbrachte, den er mit einer ernsthaften und verachtlichen Mine entsiegelte. Er hatte ihn nicht so bald gelesen; als er seine Cantate voll Verdruss auf den Tisch warf und eiligst nebst dem Magister das Musikzimmer verliess, um mit ihm, wie er sagte, uber eine Sache von der aussersten Wichtigkeit zu rathschlagen. Jedermann erwartete ihre Wiederkunft mit einer solchen Begierde, als wenn man hatte wollen Hanns Norden sehen in seinen Krug steigen. Der Cantor liess dann und wann die grosse Orgelpfeife brummen, um sie an ihre Ruckkehr zu erinnern; allein vergebens. Tante Kunigunde kam nach Verlauf einer halben Stunde zuruck, und meldete, dass wegen eines wichtigen Zufalls die Auffuhrung der Cantate diesmal unterbleiben musste. Sie sagte dieses mit einer so angstlichen Stimme, dass der Cantor mit den weisesten seiner Adjuvanten anfing, die Kopfe zusammen zu stecken, und allerlei politische Betrachtungen hieruber anzustellen. Wigand, Jacob, Heinrich liefen unterdessen Trepp auf Trepp nieder, und trugen sich mit Degen und Pistolen. Die unverstandigen Musikanten, die die Ursache dieser Bewegungen nicht einsehen konnten, verbreiteten auf einmal das furchtbare Geruchte, der Feind ware schon im Anmarsch. Alles gerieth daruber in Aufruhr; jeder wollte der erste bei der Thur seyn, um sich zu retten. Die Angst machte, dass man nur auf seine eigene Sicherheit dachte. Es galt hier kein Ansehen der Person. Ich schatzte mich also glucklich, dass ich noch zu rechter Zeit, durch eine Nebenthur, mich aus dem Gedrange machen konnte.

Sie werden leicht einsehen, was diesen Aufruhr veranlasset hat. Mein Oncle hat den Fehdebrief von dem Major erhalten. Ich bin daruber sehr besturzt, so wenig Sie es auch an meinem Briefe wahrnehmen konnen. Den Scherz bei Seite gesetzt, so konnen Sie glauben, dass diese Aufforderung das ganze Haus meines Oncles in Verwirrung gesetzet hat. Die Auffuhrung des Concerts wurde dadurch unterbrochen; aus dem Balle wird auch nichts; die Geiger und Pfeifer sind aus dem Hause getrieben; das lermende Vergnugen hat auf einmal mit einer traurigen Stille gewechselt. Mein Oncle befindet sich noch immer nebst dem Herr v.H. und seinen Brudern in einer tiefen Berathschlagung. Wigand ist die einzige lebendige Creatur, die einiges Gerausche macht. Er sitzt im Hofe und putzt das Gewehr. Alleweile schleift er einen abscheulichen laugen verrosteten Degen. Ich denke noch immer, dass die ganze Sache ein blosses Spielgefechte seyn soll, und dass sich der Major, nur um Ihrer Frau Mutter gefallig zu seyn, entschlossen hat, meinem Oncle ein Cartel zuzuschicken. Er scheint doch ein Mann zu seyn, der die Geister prufen kann, und wird also leicht einsehen, dass seine Ehre bei dieser Schlagerei nicht viel gewinnen wird. Wenn er es ernstlich meint, so verdient er deswegen verachtet zu werden, und wir wollen uns beide alsdenn vereinigen, um ihm aus jeder Mine lesen zu lassen, was er fur eine kleine Figur in unsern Augen macht. Ich erwarte die Ankunft des Barons mit der grossten Ungeduld. Er hat mir sein Wort gegeben, dass aus diesem Handel kein Ungluck entstehen soll; ich werde ihn dabei halten. Wenn es in seinem Vermogen stehet, so erfullt er gewiss sein Versprechen. Sehen Sie, ich bin nicht so schlimm, als Sie denken, ich lasse mir die Verdrusslichkeit meines Oncles sehr zu Herzen gehen, und ich weiss nicht, was ich drum geben wollte, wenn ich im Stande ware, sie den Augenblick zu haben: aber ich kann mich des Scherzes so wenig dabei enthalten, als Tante Kunigunde der Thranen; doch diese werden die Sache nicht mehr verbessern, als sie mein Scherz schlimmer macht. Sie wurden selber mit lachen, wenn Sie hier waren. Es werden nicht Anstalten zu einem Duell gemacht, sondern zu einem Kriege. Wenn das Faustrecht noch im Schwange gienge, so glaubte ich, der Major hatte meinen Oncle befehdet, mit 30 reissigen Knechten gegen ihn auszuziehen. Es werden alle Schwerdter, Degen und Pistolen, in ganz Kargfeld zusammen gebracht, dass man, im Fall der Noth, eine Rotte Knechte damit bewaffnen konnte. Man sagt mir, dass mein Oncle im Begriff sey, einen Boten an Ihren Herrn Vater abzuschicken. Ich bekomme dadurch eher als ich vermuthete, eine Gelegenheit, Ihnen meinen Brief einhandigen zu lassen. Damit Sie aber doch bey den kritischen Umstanden, worinnen sich mein Oncle befindet, nicht ganz ruhig seyn mogen: so will ich Sie nur daran erinnern, dass Sie die erste Gelegenheit gegeben haben, ihn darein zu verwickeln. Ich wurde Ihnen nicht diese Erinnerung machen, wenn ich nicht wunschte, dass Sie die Sorge uber den bevorstehenden Zweikampf meines Oncles, mit mir theilen sollten. Wenn ich unruhig bin, so sollte die ganze Welt unruhig seyn, wenn es nach meinem Sinne gienge. Vergeben Sie diese kleine Bosheit, wenn es ja eine seyn soll

Ihrer

aufrichtigen Freundin

Amalia v.S.

XI. Brief.

Fraulein Amalia an das Fraulein v.W.

Schonthal, den 22 Oct.

Geben Sie Sich zufrieden, mein Kind, und machen Sie Sich wegen der Handel unsrer beiden Anverwandten weiter keine Sorge. Wir haben nichts zu furchten; wenigstens bin ich seit gestern geneigt, dieses zu glauben. Wissen Sie es schon, dass der Major uns gestern einen Besuch gegeben hat? Eine wunderbare Frage, als wenn es Ihnen etwas unbekanntes ware, ohnfehlbar haben wir Ihnen diesen freundschaftlichen Besuch zu danken. Doch, wer weiss, Sie hatten mir wohl ein Wort davon gemeldet. Ich will Ihr Stillschweigen so annehmen, als wenn Sie noch nichts davon wussten, und ich werde den Major aus einem vortheilhaftern Gesichtspunkte betrachten konnen, wenn ich glaube, dass er aus eigner Bewegung zu uns gekommen ist. Im Vertrauen, der Baron fing es an, ubel zu nehmen, dass er schon einen Monath hier ist, ohne ihn einen Besuch gegeben zu haben. Er entschuldigte sich deswegen sogleich bei seiner Ankunft, und seine Entschuldigung fand Beifall, sie war gegrundet. Ich bekam eine bessere Meinung von ihm als ich bisher gehabt hatte, und ich fange es an zu bereuen, dass ich ihn einen prahlenden Soldaten genennet habe. Man darf von Ihnen nur so urtheilen, wie Sie es verdienen, um meine Achtung zu erhalten. Glauben Sie es nur, ich liess meinen Groll gegen den Major sogleich fallen, da er sich fur Sie er klarete, und Ihre Parthie gegen Ihre Mutter ergriff. Er liess sich uber Sie in viele Lobspruche heraus . Werden Sie nicht ungehalten auf mich, wenn ich jetzo einmal die Person der Fraulein Anna Howe spiele, und Sie frage: ob Ihnen nicht das Herz bei diesen Zeilen starker schlagt? Ich bin sehr verwegen, strafen Sie mich, wenn ich es verdiene Ich will nicht weiter in Sie dringen; ich will es Ihnen aber doch ins Ohr sagen, dass Sie einen eifrigen Verehrer an dem Herrn v. Ln. bekommen haben. Bei aller seiner Muhe, seine Leidenschaft zu verstecken, kann man ihm bis auf den Grund des Herzens sehen. Wenn er gegen Ihre Frau Mutter eben so offenherzig ist, als gegen den Baron: so getraue ich mir im voraus zu prophezeien, dass die Freundschaft zwischen beiden am langsten gedauert hat. Er erzahlte mit einer lobenswurdigen Freimuthigkeit, dass ihn die Frau v.W. verleitet hatte, unserm Onkle eine Ausforderung zuzuschicken. Er hatte seine Ursachen gehabt sich nicht durch seine Widerspanstigkeit ihr misfallig zu machen. Konnen Sie diese Ursachen wohl einsehen? Ich kann es . Es ware gar nicht seine Absicht, dasjenige, wodurch er sich von dem Herrn v.N. beleidiget halten konnte, zu rachen. Der Mann hat seine Wurmer, sagte er, man muss seine Schwachheit ubersehen. Wenn ihn auch das nicht bereits einer vollkommenen Verzeihung wurdig machte, dass er ein Anverwandter des Barons ware: so wurde ihn doch sein wunderbarer Charakter genugsam fur aller Rache schutzen. Er ware auf eine sonderbare Art in das Lustspiel gezogen worden, welches mein Oncle zum Vergnugen seiner Freunde und Nachbarn auffuhrte: er wunschte nun auch seine Rolle so zu spielen, dass er sie mit Beifall endigte. Unser Oncle schien keine Lust zu haben, sich mit ihm herum zu balgen. Er hatte ihm einen Brief zugeschickt, davon der Magister Lampert schien der Concipient zu seyn. Er suchte, den Zweikampf von sich abzulehnen, und fuhrte allerlei Grunde an, dass man denken sollte, er ware unter die Herrnhuter gerathen; der Major aber hatte ihm wieder geantwortet, dass es zwischen ihnen beiden nun einmal so weit gekommen sei, dass einer den andern aus dem Sattel heben musste. Schon in dem ersten Fehdebriefe ware Schonthal zum Kampfplatze vorgeschlagen worden, obgleich die Frau v.W. dazu eine Granzscheide ausersehen gehabt hatte. Der 25 October ware, wie dem Baron schon wurde bekannt seyn, zum Termine des Zweikampfs anberaumt. Der Baron mochte der Sache nur so einen Schwung geben, dass die Sache auf eine scherzhafte Art geendiget wurde, und dass es so schien, als wenn beide Theile mit Ehren aus dem Handel geschieden waren. Ich konnte nicht immer gegenwartig seyn, um zu horen, was der Major mit dem Baron vor einen Entwurf machte. So viel weiss ich, dass heute mit dem fruhesten der Baron nach Kargfeld gereiset ist, um alles der Abrede gemass einzurichten. Sie sind gewiss eben so begierig als ich, den Ausgang dieses Zwistes zu vernehmen, ich werde Ihnen mundlich oder schriftlich davon einen getreuen Bericht abstatten. Das Schreiben meines Oncles an den Major, und die Antwort auf dasselbige, lege ich hier bei. Senden Sie mir beide, nebst ein paar Zeilen von Ihrer Hand zuruck; angenehmer wird es mir aber seyn, wenn Sie Sich die Muhe nehmen wollen, solche selbsten zu uberbringen

Ihrer

ergebensten Dienerin

Amalia v.S.

XII. Brief.

Der Hr. v.N. an den Major v. Ln.

Kargfeld, den 20 Oct.

Mein Herr,

Was gehet Sie mein Brief an, den ich an meinem Freund den Herrn v.W. geschrieben habe, und wer hat Ihnen das Recht gegeben, die Ehre seiner Gemahlin zu vertheidigen? Habe ich Sie beleidiget, so ist ihr Gemahl Mannes genug, diesen Schimpf zu rugen, ohne einen fremden Beistand nothig zu haben. Wollen Sie Sich fur Ihre Muhmen und Vettern schlagen, zumal wenn sie einer Vertheidigung ganz unwurdig sind: so werden Sie viel zu schaffen haben, und doch wenig Ehre dabei erjagen. Dass ich vor einigen Wochen, in Wilmershausen eine kleine Unruhe verursachet habe, daruber haben Sie gar nichts zu sagen: wenn es der Herr v.W. als Wirth leiden konnte, so konnen Sie als ein Gast auch darzu stille schweigen. Zu dem bin ich fur meine Ausschweifung schon gnug bestrafet worden: meine Knochen haben mir einen Monat lang allen Gehorsam aufgekundiget gehabt, und ich muss ihnen noch ziemlich gute Worte geben, sollen. Was ich von Ihnen und der Frau v.W. geschrieben habe, das sind blos meine Gedanken gewesen, und Gedanken sind Zollfrei. Ich habe Ihnen ja nichts Schuld gegeben, und wenn ich es auch gethan hatte, was ware es denn nun? Wenn Sie ein gut Gewissen haben, so brauchen Sie nichts zu furchten; sind Sie aber nicht sicher, so thaten Sie besser, Sie schwiegen. Da ich Ihnen nun also nicht gnugsame Ursache gegeben habe, sich fur beleidiget zu halten: so achte ich mich auch nicht verbunden, Ihre Ausforderung anzunehmen. An meiner Herzhaftigkeit zweifelt Niemand, und Sie sollten derjenige seyn, der sich am wenigsten an mich wagte, da ich mich noch gar wohl erinnere, dass ich Ihnen bei dem Herrn v.W. erzahlte, wie manchen braven Kerl ich das Lebenslicht ausgeblasen habe, und dass ich sogar einen meiner Gegner, der fur Schrecken zum Fenster hinaus sprang, zwischen Himmel und Erde, nicht anders als ein Vogel in der Luft, erlegt habe. Ich wurde mit Ihnen gewiss auch kurz Federlesen machen, und nicht das geringste Bedenken haben, mich noch einmal herum zu schlagen: wenn ich nicht nach der Zeit verstandiger worden ware, und nunmehro einsahe, dass der Zweikampf eine alte gothische und barbarische Gewohnheit ist, welche man mehr zu unterdrucken als aufrecht zu erhalten verbunden ist. Lesen Sie Herr Gevatter Grandisons Leben; so werden Ihnen die Augen aufgehen, und Sie werden erkennen, dass ein solcher unchristlicher und abentheuerlicher Gebrauch anfangt, aus der Mode zu kommen, seitdem vernunftige Manner einen bessern Weg gefunden haben, ohne Blutvergiessen, ihre Handel durch gutliche Vergleiche beizulegen. Mit einem Worte, ich komme nicht nach Schonthal als ein Schlager, wenn ich ja noch komme. Indessen weiche ich Niemand aus, und werde mich meiner Haut tapfer wehren, wo Sie mich anfallen. Mein Rath ware, dass Sie es nicht versuchten. Ich denke immer, die gerechte Sache wird siegen, und es konnte leicht kommen, dass ich Ihnen den Hals brache, ehe Sie Sichs versahen. Wie gesagt, beleidigen lass ich mich nicht, wenn Sie also noch einige Ueberlegung haben: so stehen Sie von Ihrem bosen Vorhaben ab, und besuchen Sie mich auf eine freundschaftliche Art, damit ich Sie uberzeugen kann, dass ich mir ein Vergnugen daraus mache, zu seyn

Ihr

ergebenster Diener

v.N.

XIII. Brief.

Der Major v. Ln. an den Herrn v.N.

Den 21 Octob.

Ihr Brief hat Ihnen ohnfehlbar viel Muhe gemacht. Es scheinet Ihnen leichter, Fehler zu begehen, als Fehler zu entschuldigen. Warum soll ich meiner Base keine Satisfaction verschaffen, da Sie ihre Ehre und die meinige zugleich antasten? Die Art und Weise Sie abzustrafen ist so barbarisch nicht, als Sie denken. Es ist diese Gewohnheit einmal bei Cavaliers hergebracht, dass sie ihre Streitigten mit dem Degen in der Faust beilegen; wir haben solche nicht aufgebracht, wir wollen sie auch nicht wieder abbringen, es mag immer bei dem alten bleiben. Es ist auch nicht nothig, dass wir erst untersuchen, ob dieser Gebrauch von den Heiden oder Turken entlehnt sey, gnug, der Adel darf keine Beleidigungen auf sich sitzen lassen, und nun ist es mit uns einmal so weit gekommen, dass einer den andern aus dem Sattel heben muss. Ich bin eben kein Feind von der neuen Mode, und wenn das verdammte Schlagen abkame: so ware ich es wohl zufrieden; aber ich fange diese Mode nicht zuerst an. Ihr Gevatter mag seyn wer er will, und wenn er auch ein abyssinischer Prinz ware, so soll er mir keine Gesetze vorschreiben. Mit einem Worte, wir mussen unsere Sache als brave Cavaliers ausmachen, ehe wir wieder gute Freunde werden. Es kann also unser Zwist nicht durch einen gutlichen Vertrag, wie Sie Sich einbilden, beigeleget werden; ich lasse mich auch in keine mundliche Unterredung mit Ihnen ein: vor jetzo kann ich nicht anders als auf Hokippo mit Ihnen reden. Sie wollen mir durch die Anfuhrung einiger Ihrer Heldenthaten eine Furcht einjagen; allein Sie irrensich. Ich lasse sie zwar alle auf ihrem Werth und Unwerth beruhen; aber wenn ich ihnen auch Glauben beimesse, so frischen mich solche nur noch mehr an, mit einem so tapfern tapfern und unuberwindlichen Ritter, ein Speerrennen zu wagen, um zu sehen, wer den letzten begrabt. Ich konnte, nach der langverjahrten Mode, wenn ich meine ritterlichen Thaten den Ihrigen entgegen stellen wollte, Ihnen Hohn sprechen: ich will Ihnen aber lieber in der That zeigen, dass ich ein Mann bin, der sein Herz am rechten Orte hat. Finden Sie Sich nur auf den 25sten dieses bei dem Herrn Baron v.F. ein, dort wollen wir einander sprechen, und wenn wir unsere Sache ausgemacht haben, alsdenn will ich es versuchen, ob ich mich jemals werde uberwinden konnen, in der That zu seyn

Ihr

v. Ln.

XIV. Brief.

Das Fraulein v.W. an das Fraulein v.S.

Den 23 Oct.

Sie empfangen hier die beiden Einschlusse Ihres gestrigen Briefes mit vielem Danke zuruck. Ich traue es dem Major zu, dass er die ganze Sache als ein Schattenspiel treiben will, um meiner Mutter etwas vorzuspiegeln, dadurch ihre Rache einigermassen befriediget wird, und dadurch er sich in der guten Meinung befestiget, die sie jetzo von ihm heget. Sie irren Sich sehr, wenn Sie glauben, dass er die Freundschaft mit meiner Mutter meinetwegen zu unterhalten suche, ich muss Ihnen diesen Irrthum benehmen. Ich mache mir schon Sorge, dass ich Ihre Gewogenheit daruber einbussen konnte, wenn dieser Gedanke einmal bei Ihnen Wurzel gefasset hatte. Der Major stehet bei Ihnen ganz wohl angeschrieben, wie ich merke, ich werde mich also vor Ihrer Eifersucht huten. Diese werde ich, wie ich hoffe, nicht zu befurchten haben, wenn Sie die Absicht des Majors wissen, warum er die Freundschaft meiner Mutter beizubehalten sucht. Sie hat aus dem Lehngute, welches ihm neulich zugefallen ist, noch ein Capital von 6000 Thalern zu fordern. Sie ist ihm nie recht gut gewesen, weil sie glaubt, dass ihr Oncle, der Vater des Herrn v. Ln., sie und ihre Schwester bei einer Erbschaft sehr verkurzt habe. Sie hat ihm deswegen das Capital schon seit einiger Zeit aufgekundiget, um sich, wegen des alten Verdrusses, einiger massen an ihm zu reiben. Er hat, wie Sie wissen, vor ein paar Monaten seine Equipage verlohren, und ist deswegen hauptsachlich hieher auf sein Gut gegangen, um sich solche von neuem anzuschaffen. Dieses und die Anforderung meiner Mutter, wenn sie darauf hatte bestehen wollen, wurden ihn in Weitlauftigkeiten gesetzet haben; er wurde ein starkes Capital haben aufnehmen mussen, um beide Posten davon zu bestreiten. Er dachte deswegen auf Mittel sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen, und suchte meine Mutter durch ein hofliches Bezeigen zu gewinnen, dass sie jetzo nicht in ihn dringen mochte, ihr das Capital abzutragen. Einigermassen hat er sie gewonnen, aber noch nicht vollig; sie verspricht ihm einige Nachsicht zu geben, wenn es ihre Umstande leiden wollten, das Geld noch eine Zeitlang zu missen. Sobald er ihr aber die geringste Gelegenheit zu einem Verdrusse giebt: so wird sie das Geld nicht eine Stunde langer entrathen konnen. Schreiben Sie also dieser Ursache allein alle seine Beeiferungen zu, sich ihr gefallig zu machen.

Ich muss Ihnen wegen einer kleinen Schmeichelei verbunden seyn, Sie schenken dem Major Ihre Achtung, weil er so von mir urtheilet, wie Sie glauben, dass ich es verdiene. Sie handeln sehr grossmuthig; aber ich denke, er hat mir diese Ehre nicht alleine zu verdanken; Die personlichen Eigenschaften tragen zu dem Urtheile, welches man uber die Leute fallt, auch oft etwas bei. In einem Stucke bin ich nicht mit Ihnen zufrieden. Sie haben nicht die besten Begriffe von mir. Sie fragen mich: ob mir das Herz nicht starker schlagt, wenn ich hore, dass sich Jemand in Lobspruche uber mich heraus lasst, wollen Sie mir dadurch einen Vorwurf meiner allzugrossen Eigenliebe machen? Haben Sie davon Beweise in Handen, dass ich mir etwas darauf habe zu gute gethan, wenn ich bin gelobet worden? Ich denke nicht, seitdem ich aus der Schule bin, hat man mir nie etwas zu meinen Lobe ins Gesichte gesagt, darauf ich hatte konnen stolz seyn. Dort verdiente ich manchmal von meinem Informator eine kleine Lobrede, wenn ich den langen Psalm ohne Anstoss herbeten konnte. Ich will es Ihnen gedenken, dass Sie mich fur ein so ruhmrathiges Madchen halten. Warum nicht auch fur falsch? Die Ruhmratigen und Falschen stehen sonst immer bei einander. Bald hatte ich Lust, eine Lanze mit Ihnen deswegen zu brechen. Dieser Ausdruck, der Ihnen eigenthumlich zustehet, gefallt mir besser, als das Speerrennen des Majors. Ich muss hier noch ein Wort von den beiden Briefen der Duellanten gedenken. Halten Sie nicht einen fur so drolligt wie den andern? Wenn der Major so dachte, wie er hier geschrieben hat, so wurden weder Sie noch ich, ihn uns einander zum Anbeter aufdringen wollen. Ich wenigstens wurde glauben, Sie durch einen solchen Scherz zu beleidigen. Heute las er meiner Mutter das Original des einen, und die Abschrift des andern Briefes vor. Ich war gegenwartig; ob mich meine Mutter gleich in ihrem Herzen weg wunschte. Ich stellte mich, als wenn ich etwas ganz neues horte, und keine Abschrift von diesen Briefen zu Gesichte bekommen hatte. Meine Mutter vergnugte sich so sehr uber die Antwort des Majors, dass sie ihn mehr als einmal Herzensmann nennte. Sie ist die rachsichtigste Frau in ganz Deutschland. Ich hatte es nicht gedacht, dass ihr Zorn so lange dauern konnte. Ich wagte es, da der Major das Zimmer verlassen hatte, ihr ein wenig ins Gewissen zu reden. Sie konnen sich stellen, gnadige Frau, sagte ich, als wenn es ihr rechter Ernst ware, dass der Herr v. Ln. ihren Zwist mit dem Herrn v.N. ausfechten sollte. So viel ich einsehe, grundet sich ihr Unwille gegen den Herrn v.N. hauptsachlich auf seine Auffuhrung bei der neulichen Gasterei. Sie wollen seine Vergehungen ahnden, und der Major hat sich erbothen, diese Beleidigenden so anzunehmen, als wenn sie ihn selbst angiengen. Ich kann mir nicht einbilden, dass ihn der Herr v.N. besonders beleidiget hat.

Ja, das hat er gethan! Wenn sie wissen sollten wie er sich vergangen hat, so wurden sie erstaunen den heillosen Brief Doch was soll ich ihnen die albernen Possen erzahlen, es ist auch eben nicht nothig, dass Sie alles wissen. Genug, er muss bestrafet werden.

Sie mussen ihm eine Schwachheit zu gute halten. Sie kennen ihn ja von vielen Jahren her, und wissen, dass er es nicht so bose meint, wenn er auch gleich seine Worte nicht allemal auf die Waagschaale legt.

Ich glaube, sie nehmen seine Parthie? Denkt doch! lasst das nicht, als wenn Sie in ihn verliebt waren? Nehmen sie ihn! Unter dieser Bedingung will ich mich wieder mit ihm aussohnen, um der Freundschaft willen werde ich es freilich so genau nicht nehmen durfen. Als Schwiegermutter will ich ihm verzeihen.

Sie hatte in der That diesen Punkt nicht beruhren sollen. Beschamte sie sich nicht dadurch selbsten, dass sie mir einen Mann hatte aufdringen wollen, der ihr selbst unleidlich war? Legte sie nicht dadurch ein Zeugniss wider sich selbst ab, dass sie nur um mich zu peinigen, diese Heirath hatte stiften wollen? Allein das ist ihre Sache nicht, dass sie so weit herum denken sollte.

Sie scherzen, sagte ich, und wenn sie scherzen, so ist ihr Zorn vorbei. Ich habe ohnedem nie recht glauben konnen, dass es ihr Ernst gewesen ist, wenn Sie dem Herrn v. Ln. aufgemuntert haben, an den Herrn v.N. Handel zu suchen.

Wie? was? Ich sollte den Major aufgemuntert haben, an Ihrem Schatze Handel zu suchen? das ist mir nicht in die Gedanken gekommen. Ich verlange nichts von ihm, als dass er meine Ehre zugleich mit der seinigen vertheidigen soll. Er muss ihm Satisfaction geben, wenn er ein rechtschaffener Cavalier seyn will. Er hat ihn beleidiget. Aber bedenken sie, dass aus diese Sache ein Ungluck entstehen konnte, und dass sie sich ewig ein Gewissen daraus zu machen hatten, wenn

Ha ha! Sie predigen, glaube ich gar? Wie lange ist es, dass sie unter die Pietisten gerathen sind? Machen sie sich aber nur nicht zu viel Sorge um ihren Liebsten, es wird keiner von beiden auf dem Platze bleiben. Der Major ist so grimmig nicht, und der furchtsame v.N. wird seinem Gegner auch keine todtliche Streiche beibringen. Es ist eben nicht auf Leben und Tod angefangen; aber wenn man alle Beleidigungen mit dem Mantel der christlichen Liebe zudecken wollte: so kame es endlich dahin, dass man jedem Unverschamten zum Gespotte diente, das muss nicht seyn.

Das darf auch nicht seyn. Es giebt unterdessen wohl andere Wege, dadurch man dieses Uebel vermeiden kann. Ich dachte, wenn man den Herrn v.N. wollte zu erkennen geben, dass man mit seinem Bezeigen nicht zufrieden ware, so durfte man nur seine Gesellschaft vermeiden, und ihn den Zutritt in unser Haus versagen. Aber zwei Personen wegen einer Kleinigkeit, die man ubersehen konnte, in Lebensgefahr zu setzen, das heisst, die Sache zu weit treiben. Sie glauben, der Herr v.N. ware furchtsam, ich will es zugeben; aber die Furchtsamen, wenn sie sich in Gefahr sehen, sind der Verzweifelung nahe. Wie? wenn nun ein Ungluck entstunde? Solche Vorstellungen muss man sich nicht machen. Es wird nicht gleich ein Ungluck entstehen. Und wenn es auch so ware, so ist die Sache nicht zu andern, davor sind sie Cavaliers. Wissen sie nicht, was der Major in seinem Briefe an den Herrn v.N. sagt: es ist ein altes Herkommen, dass der Adel keine Beleidigungen auf sich sitzen lassen darf, wir haben es nicht aufgebracht, wir wollen es auch nicht wieder abbringen.

Ich beruhigte mich hierbei, ohne diese Unterredung weiter fortzusetzen, und schatzte mich ausserordentlich glucklich, dass ich derselben war gewurdiget worden. Sie scheint nicht so blutgierig als ich geglaubt hatte. In der That sucht sie nichts, als dem Herrn v.N. eine Furcht einzujagen, um ihn gegen sich in Respect zu erhalten. Wenn es also auch nicht zu einer Schlagerei kommt, und die Sache nur so beigeleget wird, dass dadurch ihre Ehre wieder hergestellet scheinet; so wird sie sich, wie ich hoffe, beruhigen. Mein Vater ist seit einigen Tagen uber diese Sache sehr mit ihr zerfallen. Seit dem 19 dieses, da der Herr v.N. einen Boten an ihn abgeschickt hat, welcher mir zugleich Ihren Brief von Kargfeld uberbrachte, hat er sich in seine Studierstube verschlossen. Sie werden sich erinnern, dass er seine Werkstatt so nennet, wo er seine Wachtelgarne stricket, und die kunstlichen Vogelbauer verfertiget. Er hat nicht einmal mit uns gespeiset, sondern sich das Essen hinauf bringen lassen. Die Verdrusslichkeiten, worein er auf Antrieb seiner Gemahlin seinen Freund verwickelt siehet, gehen ihm sehr zu Herzen; um aber nicht in einen Hauskrieg verwickelt zu werden, worinnen er gewiss den kurzern ziehen wurde, will er sich nicht weiter in diese Handel mischen. Der neue Verwalter, und Jacob, unser Jager, machen jetzo seine Gesellschaft aus. Seine Gemahlin hat ihn noch nicht in seiner Einsiedelei besucht. Wenn sie ihm etwas zu hinterbringen hat, so braucht sie dazu ihre Tochter; und weil ich die nachste Nachbarin meines Vaters bin, wir wohnen in einen Stockwerke, so lasst er mich meistentheils rufen, wenn er meiner Mutter etwas zu sagen hat. Was ist es doch fur eine elende Gemuthsberuhigung fur ein paar Eheleute, die gegen einander aufgebracht sind, wenn sie miteinander eine Zeitlang schmollen; da sie doch zum Voraus sehen, dass sie sich gewiss wieder aussohnen mussen, wenn sie nicht fur ihre ubrige Lebenszeit unglucklich seyn wollen. Ich bin versichert, dass mein Vater und seine Gemahlin, ihre Aussohnung wunschen; aber keines will einen Durchbruch machen, und dem andern das erste gute Wort geben. Ich will von diesen verdrusslichen Dingen nichts mehr gedenken, mein angefullter Bogen erinnert mich an etwas angenehmers, dieses bestehet darinne: dass ich die Ehre habe mit einer unverletzlichen Freundschaft gegen Sie zu verharren

Dero

ergebenste Dienerin

Juliane v.W.

XV. Brief.

Fraulein Amalia an ihren Bruder.

den 26 Octob.

Das Schauspiel hat sich geendiget, der Vorhang ist zugezogen, die Zuschauer, die ein Trauerspiel vermutheten, haben ein Lustspiel gesehen und sind nicht unzufrieden daruber, dass der Cothurn seinen hohen Absatz verlohren hat. Der Zwist unsers Oncles und des Majors ist ohne das Gerausche furchtbarer Waffen beigeleget worden. Alles wurde nach dem Geschmacke Grandisons ausgefuhret, und jerdermann, selbst die rachsuchtige Frau v.W. ist beruhiget. Der Baron hat keinen Fleiss gesparet den Hauptpersonen ihre Rolle wohl einzupragen, damit bey der Ausfuhrung sich kein Fehler einschleichen mochte, der einen komischen Auftritt in einen tragischen hatte verwandeln konnen. Vorgestern, am 24sten, besuchte er Vormittage unsern Oncle, um seine Gesinnungen auszuforschen. Er blieb dabei, dass er sich nicht in einen Zwiekampf mit seinem Gegner einlassen wurde: er ware aber entschlossen, in Schonthal zu erscheinen, um ihm, nach dem Beispiele seines Freundes, aus vernunftigen Grunden, die Thorheit eines Duells darzuthun, und ihn durch Gelassenheit und Grossmuth zu uberwinden. Der Baron suchte ihn in diesem Vorhaben zu starken. Da er gieng, begleitete ihn der Magister Lampert, und sagte ihm ins Ohr: es wurde wohl gethan seyn, wenn der Baron zu seiner eigenen Sicherheit bei einer Sache, wo Mord und eine Inquisition auf die Hitze folgen konnte, einen Geschwindschreiber irgends wohin versteckte, der die Unterredung seines Gonners und des Majors nachschreibe. Der Baron hatte diesen Vorsatz schon lange gefasst, aber nicht aus der Beisorge, dass im Fall ein Ungluck entstunde, er den Rucken frei behielt, und seine Unschuld in der Sache dadurch darthun konnte, denn dieses befurchte er eben nicht: sondern er wollte es nur um deswillen thun, damit eine so sonderbare Unterredung nicht mochte verlohren gehen. Unterdessen wollte er dem Magister doch nicht so gleich beipflichten: Was, sagte er, wollen sie mich zu dem luderlichen Bagenhall machen? Ich halte keine Geheimschreiber, es wird auch Niemand den Verdacht auf mich werfen, dass ich gegen ihren Gonner ein Complot gemacht habe, um ihn in meinen Hause umbringen zu lassen. Es werden schon Zeugen dabei seyn, die ich, wenn ich in Ungelegenheit kommen sollte, aufstellen kann, dass ich an der ganzen Sache keinen Theil genommen habe. Lampert beruhigte sich hierbei nicht, sondern suchte dem Baron die Nothwendigkeit eines solchen Geheimschreibers weitlauftig darzuthun, und dieser stellte sich endlich, als wenn er seinen Grunden weichen musste, und versprach, alles so einzurichten, wie er es gut befand. Nachmittags gab uns der Major einen Besuch. Beigelegte Briefe1 werden dir seinen Charakter ziemlich genau kennen lernen. Ich wurde einen Theil derselben bereits meinem letzten Schreiben haben anschliessen konnen, wenn nicht die Eilfertigkeit, in der ich mich damals befand, mich genothiget hatte, dieses bis zu einer andern Gelegenheit zu versparen. Du wirst daraus sehen, dass der Major nie geneigt gewesen ist, Ernst aus dem Zwist mit unsern Oncle zu machen, und dass er nur, um die Frau v.W. nicht gegen sich aufzubringen und ihre Freundschaft zu verlieren, ihm ein doppeltes Cartell zugeschicket hat. Er liess sich es gerne gefallen, dass diese Streitigkeit auf eine scherzhafte Art ohne Duell beigeleget wurde. Der Baron richtete ihn vollkommen zu seinem Auftritte ab, und der Ausgang hat gewiesen, dass er seine Person gut gespielet hat. Unser Schwager liess alles auf den folgenden Tag zu einem Schmause veranstalten. Der Major versprach, den Herrn von W. mitzubringen. Der Herr v.H. sollte auch eingeladen werden. Es wurde verabredet, dass sich der Major und die ubrige Gesellschaft um 9 Uhr des Morgens einfinden sollte; unser Oncle hatte versprochen erst gegen 10 Uhr da zu seyn. Der Baron liess den jungen Wendelin von Kargfeld heruber holen, um sich seiner als eines Geschwindschreibers zu bedienen. Ehe ihm dieser wichtige Posten anvertrauet wurde, sollte er erstlich eine Probe seiner Kunst ablegen; er versicherte aber, dass er darinne ein Meister ware. Er hatte seine Collegia auf Universitaten von Wort zu Wort nachgeschrieben, sagte er, und ohngeachtet einige seiner Docenten sehr geschwind geplaudert hatten: so ware doch seine Hand so fluchtig gewesen, dass er noch immer einen kleinen Zeitraum ubrig behalten hatte, um anzumerken, wenn ein Professor seinen Spass belacht hatte. Es kostete Muhe, einen Platz ausfundig zu machen, wo der Schreiber alles horen und sehen konnte, was in dem Zimmer vorgieng, und wo er von Niemanden konnte gesehen werden. Ich that den Vorschlag, man sollte ihn unter einen grossen Tisch logiren, den man mit einem Teppich verhangen konnte; allein dieser Ort schien zu unbequem, es hatte leichtlich ein Jagdhund unter denselben gerathen konnen, wodurch der geheime Secretar, eben so, wie dort der Liebhaber der saubern Eswara, hatte konnen endecket werden. Der Baron sagte, er hatte schon einen schicklichern Ort zur geheimen Canzelei ausersehen: er wollte sich aber noch nicht weiter daruber herauslassen. Er beschaftigte sich den ubrigen Theil des Tages, den jungen Wendelin zu unterrichten, damit dieser das Protokoll so fuhren mochte, wie er es wunschte. Der junge Wendelin hat dem Baron vor einer Stunde eine Abschrift davon gebracht, die ich meinem Briefe beilege, du wirst dir gefallen lassen sie an diesem Orte einzurucken, damit der Verfolg meiner Erzahlung nicht unterbrochen wird.

Das Protokoll.

Ich Johann Caspar Wendelin, juris vtriusque Candidatus et Notarius publ. Caes. meines Alters zwischen drei und vier und zwanzig Jahr, begab mich am 25 October jeztlaufenden 17 Jahres des Morgens um 7 Uhr, auf hohen Befehl des S.T. Hochwohlgebohr. Reichsfreiherrn Herrn Joh. Adolph v.F. Erb-Lehn und Gerichtsherrn auf Schonthal, Guldenau etc. nach dem Hochadlichen Schlosse in Schonthal auf den Weg, und langte um halb 9 Uhr auch wirklich zu Fusse daselbst an, um eine Unterredung nachzuschreiben, die am besagten Tage zwischen S.T. dem Hochwohlgebohr. Herrn Herrn Ehrhardt Rudolph v.N. Erb-Lehnund Gerichtsherrn auf Kargfeld, Durrenstein etc. an einer, und dem auch Hochwohlgebohr. Herrn, Herrn C.F.v. Ln. Sr wohlbestallten Major beidem lobl. schen Regimente Infanterie, an der andern Seite, vorgehen sollte, und davon man Folgen von grosser Wichtigkeit zu besorgen hatte.

Nachdem ich meine Lebensgeister durch ein gutes Fruhstuck gestarket hatte, liess man mich in ein Zimmer treten, wo sich erwahnter Herr Major v. Ln., der Herr v.W. und der Herr v.H. befanden, die in einer Unterredung von der jetzigen veranderlichen Witterung und dem herannahenden Winter begriffen waren, die zu meinem Zwecke nicht gehorten und die ich also aufzuzeichnen keinen Befehl hatte.

Damit ich nun die erwartete Unterredung weniger gestohrt aufzeichnen mochte, ward ich befehliget, in einen grossen Schrank zu kriechen, der ausdrucklich zu dieser Absicht war in das Zimmer gebracht worden. Ich hatte die Ehre, dass der Herr v.F. mich eigenhandig darinne verschloss, und den Schlussel zu sich nahm. Ungeachtet der Herr v.N. wohl mag gewusst haben, was dieser grosse unschickliche Schrank in einem Zimmer, das mir seidenen Tapeten ausgeschlagen war, zu bedeuten hatte: so sollte es doch lassen, als wenn ohne sein Wissen diese Unterredung nachgeschrieben wurde. Ich wurde dahero befehliget, mich ruhig zu halten, weder zu husten noch zu niesen, vielweniger durch das Anziehen oder Fortsetzen eines Fusses mit meinen Stiefeln ein Gepoltere oder Gerausche zu erregen; hingegen aber sollte ich alles, was vorgienge, aufrichtig und redlich nachschreiben, so, dass ich auf Erfordern die Richtigkeit desselben mit meinem grossen Notariat-Insiegel bekraftigen konnte.

Beim Eingange in dies enge Behaltniss fand ich, dass der obere Boden des Schrankes weggenommen war, damit das Licht hinein fallen, und ich auch leichter vernehmen konnte, was in dem Zimmer gesprochen wurde. Zu mehrerer Bequehmlichkeit, war ein Stuhl hineingesetzet worden, nebst einem Schreibepulte, welches mit den nothigen Werkzeugen der Schreiberei uberflussig versehen war. In der Thur fand ich eine Oeffnung angebracht, von der Grosse eines Spundloches, welches von innen mit einem Gork verstopfet war, den ich heraus nehmen konnte, um alle Bewegungen in dem Zimmer, wenn es nothig ware, bemerken zu konnen.

Ohngefehr um 10 Uhr sagte man, dass der Herr v.N. kame und dass er von dem Herrn Magister Lampert Wilibald begleitet wurde, der einen langen spanischen Degen an der Seite hatte. Einige Herren lachten hierauf sehr laut, aber was sie sagten, hielt ich mich nicht befehliget aufzuzeichnen. Der Herr v.W. den ich daran kennete, weil er allezeit uber laut jahnete, ehe er anfieng zu reden, sagte zu dem Major: bedenken sie, dass der Mann mein Freund ist, thun sie ihm nichts zu leide, wenn sie der meinige seyn wollen.

Der Major, der sich durch eine mannliche und gesetzte Stimme von den ubrigen unterschied, sagte: machen sie sich keine Sorge, ich werde sauberlich mit ihm fahren, ich stehe fur allen Schaden.

Der Herr v.H. welchen ich an seinen Fluchen erkannte, Sapperment! Wollen sie von ihm keine Satisfaction haben? Sie haben ihn ja herausgefordert. Der Major. Ich werde sie nicht von ihm erzwingen, wenn er sich nicht freywillig dazu verstehet.

Es schien, dass der Herr Baron sich aus dem Zimmer begeben hatte, um den Herrn v.N. zu empfangen. Ich horte hierauf, dass ein Fenster geoffnet wurde. Sehen sie, sagte der Major, der vermuthlich am Fenster stand, siehet der Herr v.N. in seiner grossen weissen Perucke nicht aus, wie der Admiral Byng, da er sollte arquebusiret worden? Alle Herren ruckten hierauf mit den Stuhlen, um den Herrn v.N. zu empfangen.

Indem zog ich meinen Gork aus der Oeffnung, und sahe durch solchen den Herrn v.N. in das Zimmer treten. Er hatte eine sehr entschlossene Miene, und schien durch solche seinem Gegner eine Furcht einjagen zu wollen. Der Mag. Lampert folgte ihm mit einem langen Stossdegen bewaffnet, der ihn verhinderte in dem Zimmer viele Bewegungen zu machen. Er stiess von ungefehr, da er ein Kompliment machen wollte, mit solchem an die Thur meines Behaltnisses, dass ich daruber in grosses Schrecken gerieth. Die Unterredung fing alsdenn folgender massen an.

Der Hr. v.N. Ihr Diener, meine Herren, ich erfreue mich, sie allerseits wohl zu sehen.

Der Major. Ich bin der ihrige. Haben sie die vergangene Nacht wohl geruhet?

v.N. Nicht gar wohl.

Der Major. Wie befinden sie sich?

v.N. So hin. Was giebts guts neues, hort man nichts vom Frieden?

Der Major. Ganz und gar nichts.

v.N. Wenn doch die grossen Herren des Blutvergiessens einmal mude wurden, zuletzt gewinnt doch keiner nichts.

Der Major. Sie fechten fur die Ehre und in diesem Stucke werden wir ihnen heute ahnlich seyn.

v.N. Wir? Keinesweges! Darzu werde ich mich nicht bringen lassen, dass ich mich mit ihnen schlage, ich komme als Freund und nicht als Feind.

Der Major. Wir wollen sehen, ob wir heute Freunde werden konnen, bis jetzo sind wir es noch nicht. Wir mussen vorhero erst unsere Sachen miteinander ausmachen.

v.N. So wahr ich ein Mann bin, will ich nicht! Was ich geschrieben habe, dabei bleibt es. Ich komme nicht, mich zu schlagen: aber beleidigen lass ich mich nicht. Wenn meine Person angefallen wird, so weiss ich, wie ich mich vertheidigen soll Alsdenn nehmen sie sich in Acht.

Der Major. Das werde ich gewiss thun, ohne dass sie mich daran erinnern. Haben sie jemanden als einen Secundanten bei sich, so lassen sie ihn herein kommen.

v.N. Niemanden, als diesen ehrlichen Mann, (er wies auf den Magister Lampert.)

Der Magister. Was soll dieser Schulmann hier, soll er secundiren?

v.N. Das wird nicht nothig seyn, er ist mein Waffentrager.

Hr. Lampert. Ich trage die Waffen meines Gonners zur Vertheidigung, aber nicht zur Beleidigung. Er gehet jederzeit defensive und nie offensive, sie haben also von diesen Waffen nichts zu furchten, wenn sie solche nicht selbst gegen sich reizen.

v.H. Vor dem Donner! Wozu nutzen diese Reden? Macht eure Sache mit einander aus, ihr Herren, wie es braven Cavaliers zustehet, alsdenn konnt ihr schwatzen, so lange ihr wollt, wenn ihr da noch schwatzen konnt. Bald darzu, bald darvon.

Der Maj. Nehmen sie eine von diesen beiden Pistolen, Herr v.N. Ich handele ehrlich, ich lasse ihnen die Wahl. Dort auf dem Acker, den sie hier vor sich sehen, linker Hand nach dem Geholze zu, dort wollen wir unsere Sachen ausmachen.

v.N. Seyn sie nicht hitzig, ich rathe es ihnen. Der Acker konnte leichtlich ihr Gottesacker werden. Lassen sie uns fruhstucken, bei einer Tasse Koffee wird sich alles geben.

v.H. Sapperment, wie stellen sie sich! Weisen sie diesem Herrn, dass sie Courage haben. Sie reden ja wie eine alte Frau.

v.N. An meiner Courage wird so leicht niemand zweifeln, und ich rede so, wie es meine Grundsatze erfordern.

v.H. Was zum Henker sind das fur Grundsatze, die mochte ich sehen! Nach diesen Grundsatzen getraue ich mir nicht, ein Glas Wein mehr mit ihnen zu trinken.

v.N. Das konnen sie halten, wie sie wollen, ich werde mich dadurch nicht aufbringen lassen. Wenn sie einmal zu mir kommen und eben durstig sind, werden sie froh seyn, wenn ich ihnen nur ein Glas Wein vorsetze.

v.H. Der Henker hole! Ihre Sprache hat sich seit einigen Tagen treflich geandert. Da sie den Ausforderungsbrief von dem Herr Major erhielten, wollten sie alle Baume ausreissen, sie liessen Spiesse und Schwerder zusammen tragen, und thaten, als wenn sie ihn fressen wollten, und nun, da es Ernst werden soll, sind sie verzagt:

v.N. Ich verzagt? Ich dachte sie kennten mich besser. Habe ich ihnen nicht wie lange wird es nun seyn? vor ungefehr 10 Jahren gewiesen, dass ich Muth habe? Sie werden die Zeichen davon wohl mit in ihr Grab nehmen.

v.H. Dort waren sie ein andrer Mann. Aber ich denke, ich wehrte mich meiner Haut tapfer, und sie bekamen auch etwas, dass sie an mich denken konnten.

v.N. Dieses gehoret jetzo nicht hieher. Wenn wir indessen damals gescheut gewesen waren, so hatten wir nicht nothig gehabt, uns wie die unsinnigen Menschen herum zu balgen, wir wurden unsere Streitigkeit eben so haben beilegen konnen, wie ich die meinige mit dem Herrn Major jetzo beizulegen gedenke.

Der Maj. Sie haben die Wahl, ob dieses auf den Degen oder Pistolen geschehen soll.

v.N. Weder auf diese noch auf jene Art, und dieses, hoffe ich, wird mich zu dem Titel ihres besten Freundes berechtigen, dass ich es abschlage, mich mit ihnen in einen Zwiekampf einzulassen.

Der Maj. Wie? Sie halten sich zu den Titel meines besten Freundes berechtiget, dass sie mir eine rechtmassige Satisfaction, die ich wegen einiger Beleidigungen von ihnen verlange, versagen? Ist dieses nicht eine offenbare Verachtung?

v.N. Nein, das ist die starkste Probe meiner Freundschaft, die ich ihnen geben kann. Ich will sie nicht unglucklich machen: denn es wurde ihnen eben nicht besser ergehen, als allen ihren Vorgangern, die ich vor der Klinge gehabt habe.

Der Maj. Ich werde also Ursache haben, mich bei ihnen zu bedanken, dass sie so grossmuthig mit mir verfahren, und sie muntern mich auf, ihrem Beispiele zu folgen. Ich werde sie also, wenn sie mir keine Satisfaction geben wollen, mit nachsten beleidigen, um hernach, wenn ich ihnen solche gleichfalls versage, ihnen dadurch einen Beweiss meiner Freundschaft geben zu konnen.

Hr. Lampert. Was hore ich, welchen Schluss! Beurlauben sie mich gnadiger Herr, wenn sie nicht wollen, dass mir, als einem Meister in der Kunst zu schlussen, bei dergleichen falschen Schlussen, wenn ich sie nicht widerlegen darf, eine Ohnmacht zuziehen soll. Ich besorge, es durfte mir gehen, wie jenem grossen Kunstrichter, der fur heftigen Entsetzen zu Boden sank, da ein Idiot in seiner Gegenwart einigen Tonkunstlern zurief: Salvete domini Musicantes. (Er wollte sich wegbegeben)

v.N. Bleib er hier, Herr Lampert, er muss sich einmal mir zu Gefallen Gewalt anthun. Ich werde schon die falschen Schlusse widerlegen. Es geschiehet nicht zu meiner Beschutzung, mein Herr, dass ich den Herrn Lampert ersuche, hier zu bleiben, er soll nur von der Richtigkeit meiner Schlusse, die ich den ihrigen entgegen zu setzen gedenke, urtheilen. Sie stehen in dem Wahne, ich hatte sie beleidiget, und wollte ihnen keine Satisfaction geben. Ich beleidige Niemand; der Grund von unserm Zwiste ruhret nur vom Zufalle her. Ich habe auch nie den Vorsatz gehabt, sie zu beleidigen, wenn man Jemanden beleidigen will, so muss man wie soll ich sagen so muss man Jemanden etwas zu Leide thun. Nicht wahr Herr Lampert?

Hr. Lampert. Allerdings, so ist es.

v.N. Nun habe ich ihnen nie etwas zu Leide gethan. Wenn es geschehen ware, so sagen sie, bei welcher Gelegenheit: also habe ich sie auch nie beleidiget. Ist das nicht richtig geschlossen, Herr Lampert?

Hr. Lampert. Der Schluss ist in Forma richtig.

v.N. Was sagen sie dazu, Herr Major?

Der Maj. Sie fangen es sehr fein an, dass sie darauf dringen, die Gelegenheit zu entdecken, bei welcher sie mich beleidiget haben. Sie wissen wohl, dass ich Ursache habe, dieses nicht zu thun; es ist aber auch nicht nothig. Mit einem Worte, ich halte mich von ihnen fur beleidiget, und dieses ist genug, Cavalier Satisfactien za verlangen.

v.N. Das will ich ihnen nicht wehren, aber ob ich verbunden bin, ihnen solche zu geben, das ist eine andere Frage. Wenn es genug ware ohne hinlangliche Ursache Handel anzufangen, und wenn man denen die solche suchen, allezeit Satisfaction geben musste: so hatte man nichts zu thun, als sich immer herum zu hauen und zu schiessen, und das ist vor jetzo meine Sache nicht.

v.H. Wo T. muss die plotzliche Veranderung bei dem Manne herkommen! Sie waren ja vor diesem so eisern nicht, und nur noch vor wenig Tagen hatten sie ganz andere Gedanken.

v.N. Ich liess mich damals von den Ausbruchen meines Zorns, denen ich immer nicht widerstehen kann, in etwas ubereilen, und es war ihr Gluck, Herr Major, dass sie mir den Tag nicht in den Wurf kamen. Da ich aber die Sache etwas genauer uberlegte, und meinen Sirach, so nenne ich die Geschichte des Herrn Grandisons, zu Rathe zog: so stund ich von dem morderischen Vorhaben ab, mich mit ihnen herum zu balgen. Wenn sie meinem Rathe gefolget, und diese Geschichte gelesen hatten, so wurden sie jetzo meiner Meinung seyn.

Der Maj. Da ich es aber nicht bin, und keine so erleuchteten Einsichten habe: so mussen sie mir als dem schwachsten Theile nachgeben. Ich handele ehrlich, dass ich ihnen die Wahl unter diesen Pistolen lasse. Kommen sie, ohne uns in einen weitern Wortwechsel einzulassen, ich dringe darauf, sie mussen!

v.N. Seyn sie nicht hitzig, wir wollen fruhstucken.

v.W. Ich dachte es ware Zeit, es gehet stark auf den Mittag loss.

v.N. zu dem Major. Nehmen sie eine Buttersemmel, das wird ihnen Zeit geben, gelassen zu werden.

Der Maj. Ueber die verdammte Gelassenheit! Ich denke, ich bin lange genug gelassen gewesen, ich habe noch bei keinem Duell einen solchen Wortwechsel gefuhret, als bei diesem. Endlich zerreisst mir der Gedultsfaden. Kurz, ich bestehe darauf, sie mussen eine von diesen Pistolen wahlen.

v.H. Zeigen sie, dass sie noch Ehre im Leibe haben, sie konnen es warlich nicht ausschlagen! Nehmen sie eine.

Der Herr v.N. stund von seinem Stuhle auf, und nahm beide von dem Major. Er besahe sie lange, endlich sagte er: Die Wahl halt schwer, sowohl die eine als die andere scheint zum Ungluck zubereitet. Ich will nicht an ihnen zum Morder werden.

Der Maj. Wohlan! So soll der Degen unsern Zwist entscheiden.

v.N. Da es also zugestanden ist, meine Herren, die Pistolen wegzulassen; und da ihr Anblick schon zum Ungluck zu reizen scheinet: so werden sie erlauben, dass ich sie losbrenne.

Er offnete ein Fenster, um sie loszuschiessen, sie

versagten aber beide. Nach der Erzahlung ist der Schreiber versichert, dass sie nicht geladen waren. Er lass also bestandig ganz ruhig in seinem Schranke, weil er wusste, dass kein Ungluck vorgehen konnte. Der Major stellte sich, als wenn er es verhindern wollte, dass die Pistolen nicht losgebrennt wurden; der Herr v.N. sahe sich also genothiget, zu Verhutung alles Unglucks, sie zum Fenster hinunter zu werfen. Da nun eine kleine Bewegung entstund, weil jedermann nach dem Fenster gieng, um zu sehen, was der Lerm zu bedeuten hatte, den man gleich darauf im Hofe horete: so glaubte der Herr v.N. man hatte ein Absehen auf ihn. Er legte mit einer gravitatischen Mine die Hand an den Degen, und sagte ganz gelassen: meine Freunde nehmen sie sich in Acht, dass ich niemanden beschadige, ich werde meinen Degen ziehen, wenn man mich anfallt.

Die Ursache des Lerms im Hofe war diese. Wigand, der Reitknecht des Herrn v.N. hatte sich unter dem Fenster, aus welchem der Herr v.N. die Pistolen herunter warf, gesonnet, es war ihm eine davon auf den Buckel gefallen, woruber er so heftig zu schreien anfieng, dass alles Gesinde zusammen lief. Weil man Pistolen neben ihn liegen sahe, so glaubte man, er hatte einen Schuss bekommen.

Der Major zu dem Herrn v.N. Wollen sie mir auf den Degen Satisfaction geben? Das ist gut, endlich entschliessen sie sich doch zu etwas.

v.N. Ich ziehe ihn nur zu meiner Vertheidigung, ich dachte sie wollten sich uber mich hermachen, weil ich ihr morderisches Gewehr zum Fenster hinausgeworfen habe.

Der Major. Ja, das ist eine neue Beleidigung, so verachtlich begegnen sie mir.

v.N. Ich habe es nicht aus Verachtung gethan, sondern zu ihrem Besten. Sie sollen ihr Leben nicht durch meine Hand verlieren, sie konnen es besser anwenden, wenn sie es dem Vaterlande zum Besten aufopfern; sie haben einen Beruf fur solches zu streiten. In einiger Zeit, wenn sie die Sache ruhig uberlegen, werden sie es vielmehr billigen, dass ich meine Pistolen ihnen aus den Zahnen geruckt habe, damit sie nicht zu dem Gebrauch konnten angewendet werden, zu dem sie bestimmt waren.

Der Maj. Vereiteln sie mir nicht meine Freude, die sie mir dadurch machten, dass sie die Hand an den Degen legten. Kommen sie hinunter in den Grasgarten, dort wollen wir ein paar herzhafte Gange thun, und unsere Sache ausfechten.

v.N. Ich habe ihnen schon mehr als einmal gesagt, dass ich nicht als Feind, sondern als Freund hieher kommen bin, um meine gerechte Sache zu vertheidigen.

Der Maj. Mit dem Degen hoffe ich?

v.N. Keinesweges! Mit dem Degen vertheidige ich mich nur gegen Morder und Feinde, ich ziehe ihn aber nicht gegen meine Freunde. Meinem irrenden Bruder helfe ich durch vernunftige Vorstellungen zu rechte. Dieses ist der beste Weg, den man wahlen kann, ihn zu bessern, und ihn zur Erkenntniss seiner Fehler zu bringen.

Der Baron. Das ist bei meiner Ehre edel gesprochen!

Der Maj. Wenn sie immer so gedacht hatten, wie sie jetzo sprechen, so wurde ich die Grosse ihres Geistes bewundern. Da aber ihre Thaten nicht mit ihren Worten ubereinstimmen, so setzen sie sich in den Verdacht, als wenn es ihnen an Muthe fehlte, Es scheint, dass sie ihre Furchtsamkeit in die Larve der Grossmuth, die sie ihren Gevattersmanne abgezogen haben, verstecken wollen; aber die Verstellung ist zu sichtbar. Ein grossmuthiger Mann beleidiget niemanden, und also hat er auch nicht nothig, fur angethane Beleidigungen eine Genugthuung zu verschaffen. Sie aber haben mich beleidiget und wollen mir keine Satisfaction geben: also schlusse ich daraus, dass sie nicht grossmuthig sind, sondern furchtsam.

Hr. Lampert. Heu! quae qualis quanta!

v.N. Stille! (zu dem Major) horen sie, meiner Ehre wird dadurch nichts abgehen, sie mogen von mir glauben was sie wollen. So viel will ich ihnen nur sagen: sie haben ihr Leben meinen Grundsatzen zu danken. Ich bin von Natur hitzig, ich habe auch vielen Stolz; ich habe aber nach dem edlen Beispiele Sir Carls beides unterdruckt, und das ist jetzo ihr Gluck. Wenn ich der ware, der ich ehmals war: so wurden ihnen ihre Beschuldigungen theuer zu stehen kommen.

v.W. (welcher bishero sich beschaftiget gehabt, das Fruhstuck, welches fur die ganze Gesellschaft aufgetragen war, alleine zu verzehren, und eben jetzo damit fertig war.) Ich dachte, sie liessen es nicht aufs ausserste ankommen, Herr Major, wenn v. N, seinen tollen Kopf aufsetzt, so ist er arger als der T. Vertragt euch in der Gute miteinander, ihr Herren, zuletzt behalt doch keiner Recht.

Der Maj. Wenn durch einen gutlichen Vertrag meine Ehre wieder hergestellet werden konnte, so wollte ich einem Vergleiche gern die Hand biethen. Da aber meine Ehre, in den Augen der Welt, mehr dabei verlieren als gewinnen wurde: so bin ich entschlossen, die Entscheidung unsers Zwistes auf den Degen ankommen zu lassen.

v.N. Ihre Ehre kann nicht wider hergestellet werden, denn sie ist nicht beleidiget worden. Ich wollte mir eher auf deutschen Fuss die kehle abschneiden, oder nach englischer Manier, mich an den nachsten Balken hangen, ehe ich jemanden an seiner Ehre und guten Namen den geringsten Eintrag thun wollte.

Der Baron. Welch ein vortreflicher Gedanke! Wenn sie nicht mit dieser Erklarung zufrieden sind, so weiss ich nicht, was sie weiter verlangen.

v.H. Vor dem Henker! Ich kann aus euch Leuten nicht klug werden. Der eine schwatzt einen Haufen von Beleidigungen, und will mit der Sprache doch nicht heraus, worinne sie bestehen sollen, und der andere will durchaus nicht eingestehen, dass er jenen beleidiget hat. Sie gehen um die Sache herum, wie die Katze um den heissen Brey, ohne dass etwas ausgemacht wird. Mein Rath ware, ihr Herren vertrugt euch entweder in der Gute miteinander, wie es der Herr v.W. haben will, oder durch den Degen.

Der Major. Gut, bei diesem Ausspruche soll es bleiben, ich erwahle das letztere.

v.N. Ich ergreife das erstere. Sie kennen meine Grundsatze, und bestehen nur auf dem Duell, weil sie wissen, dass ich mich in kein Duell einlassen will.

v.H. Aber warum nicht? Der Herr Major hat sie einmal heraus gefordert, und sie mussen ihm Satisfaction geben.

v.N. Ich kann diese Ausforderung, wenn ich auch sonst keine Grunde fur mich anzufuhren hatte, aus der Ursache nicht annehmen, weil es ein unchristlicher Gebrauch ist, wegen einer vermeinten, oder auch gegrundeten Beleidigung sich den Hals brechen zu lassen, oder ihn seinem Nebenmenschen brechen zu wollen.

Der Major. Das sind Worte eines frommen Schwarmers.

v.N. Die Heiden und Turken verabscheuen eine solche gottlose Gewohnheit, und die alten Romer.

v.H. Was T gehen uns die alten Graubarte an! Sie reden, als wenn ihr Magister ihnen die Worte in den Mund geleget hatte.

v.N. Lassen sie mich zum Worte kommen, die alten Romer haben niemals mit einander Kugeln gewechselt.

Der Major. Ja, zu der Zeit war das Pulver noch nicht erfunden, sonst wurden sie sich wohl tapfer herumgeschossen haben.

v.N. Das sagen sie nicht. Wie hatten denn die Romer so viele Vestungen einnehmen konnen, wenn sie kein Pulver gehabt hatten? Aber dieses bei Seite gesetzt, so will es nicht einmal der Papst leiden, dass sich seine Unterthanen duelliren sollen.

Der Maj. Was hat uns der Papst zu befehlen, meine Ehre ist mir wichtiger, als alle papstliche Bullen.

v.N. Ein alter Kirchenvater, Namens Concilius Tridentinus, gehet noch weiter, er erklaret alle die, welche in einem Zwiekampf umkommen, fur Selbstmorder, und schlagt ihnen ein christlich Begrabniss ab.

v.H. Wenn wir die Gesetze der Ehre aus den Kirchenvatern herlangen wollen, so mussen wir uns freilich auf einen ganz andern Fuss setzen. Wir mussen feige Memmen werden, und in der Feigheit eine Ehre suchen; unsere Ahnen aber, die sich durch ritterliche Thaten empor geschwungen haben, mussen wir als Morder und Strassenrauber verdammen.

v.N. Wir konnen eher dieses thun, als dass wir in ihre Fusstapfen treten, und es eben so arg machen, wie sie. Die Fehler muss man ausrotten, wo man sie findet.

Der Baron. Der Herr v.N. spricht wie ein Orakel. Ich will heute noch meinen Degen einleimen lassen, damit ich nie wieder in die Versuchung gerathe, ihn gegen jemand zu ziehen.

Der Maj. Es ist wahr, die Grunde des Herrn v.N. haben einigen Schein, und wenn ich ihm weiter zuhorete, so glaube ich, ich dachte eben so wie er. Aber die Vorurtheile der Welt halten mich ab, dass ich ihm nicht beipflichten kann.

v.N. Ist es aber nicht besser, ein Mann von Ehre zu seyn, als dass man in den Augen der Welt dafur angesehen wird, ohne es zu seyn? Um die Vorurtheile der Welt muss man sich nicht bekummern. Eine wilde und unbandige, ich will nicht sagen unchristliche Gewohnheit als das Duelliren ist, kann gar keinen Beweiss angeben, dass man auf die Erhaltung seiner Ehre bedacht ist. Denn jeder Schurke, der nicht fur einen Pfennig Ehre besitzt, kann einen braven Mann heraus fordern, um sich vor der Welt ein Ansehen zu machen.

Der Major. Sie reden, als wenn es gedruckt ware, und ich wiederhole es nochmals, wenn ich mich uberzeugen konnte, dass sie so vortreflich dachten als sie sprechen, so wollte ich mich eher vor ihnen erniedrigen, als vor dem grossen Magol auf seinem Throne.

v.N. Sie konnen es auf mein Wort glauben, dass ich das jederzeit denke, was ich sage, denn wenn man reden will, so muss man denken; aber ich meine es auch so, wie ich rede. Kurz, sie konnen sich darauf verlassen, ich werde ihnen um meines Gewissens und um meiner Ehre willen keine Satisfaction geben, wenn ich sie auch wirklich beleidiget hatte, welches doch aber nie geschehen ist. Der Gebrauch der Waffen stehet nur Konigen und Fursten zu, ich will den Gottern dieser Erden nicht ins Amt fallen. Privatleute mussen sich in der Gute mit einander vertragen.

Der Baron. Ich bin ganz entzuckt uber ihre Gesinnungen und ich fange beinahe an uberzeugt zu werden, dass alles, was sie gesagt haben, vortreflich und nachahmungswurdig ist.

v.H. Der Meinung bin ich auch. Wie es scheint, Herr Baron, so gehet es ihnen eben so, wie es mir manchmal zu gehen pfleget. Wenn ich aus der Kirche komme, so denke ich, alles was der Pfarr gesagt hat, ist gut, und er hat Recht. Wenn ich aber alles das thun sollte, was er sagt, so musste ich ganz und gar umgegossen werden, und das halt schwer, ich denke, wie meine Vorfahren sind in Himmel kommen, die alle nicht besser gewesen sind als ich, so getraue ich mir auch hinein zu kommen. Jezt bin ich durch des Herrn v.N. Predigt abermals ganz und gar umgewendet, ich denke, er hat vollkommen Recht; aber wenn ein Cavalier doch gleichwohl soll leben, wie eine alte Frau, das stehet mir nicht an.

Der Major. So geht es mir ebenfalls. Wenn ich bedenke, dass das Duelliren eine so abscheuliche Sache ist, dass man daruber um ein ehrliches Begrabniss kommen kann: so mochte ich es verreden mich jemals wieder in Handel einzulassen. Aber wenn man daruber in Gefahr gerathen sollte, fur scheinheilig oder furchtsam ausgeschrieen zu werden, so will ich lieber den Papst und alle Kirchenvater wider mich haben, als das Urtheil der Welt.

Der Baron. Weichen sie diesmal der Uebermacht, und erkennen sie sich uberwunden. Sie konnen eben so wenig dem Winke der Vernunft widerstehen als ich. Wenn man sich uber die Vorurtheile des Pobels hinaussetzen kann, so muss man nothwendig zugestehen, dass es ein thorigter und lacherlicher Gebrauch sey, einem Unheil durch etwas abzuhelfen, woraus ein viel grosseres entstehen kann.

Der Major. (Zeigt auf den Herrn v.N.) Dieser Mann wird uns noch alle zu seinen Neubekehrten machen. Aber der T. wenn ich auch einen Heldenmuth beweisen, und meiner Leidenschaft Gewalt anthun wollte, mich nicht wegen der Beleidigungen an ihm zu rachen, so liegt mir noch etwas anders im Wege.

v.N. Ohne Zweifel ist der Mann ein Held, der seine Leidenschaft uberwinden, und eine wirkliche Beleidigung, geschweige denn eine eingebildete vergessen kann. Und einem Helden muss nichts im Wege liegen, als was sich fur ihm demuthiget, oder was er kaput gemacht hat.

Der Baron. Hochst vortreflich! Konnen sie noch widerstehen, Herr Major?

Der Maj. Nein, ich sehe mich genothiget, ihnen gewisse Vorschlage zu thun, auf welche ich mich mit ihnen zu vergleichen gedenke. Ich will wenigstens die Ehre haben, eben so grossmuthig gegen sie zu verfahren, als sie gegen mich zu seyn glauben. Ich lasse meine Forderung wegen einer Genugthuung fur dasjenige, wodurch ich mich von ihnen beleidiget halte, fallen; jedoch unter der Bedingung: dass sie meiner Base, der Gemahlin des Herrn v.W. eine schriftliche Abbitte und Ehrenerklarung thun, wegen der nachtheiligen Reden, die sie von ihr gefuhret haben, und alsdenn mussen sie mich uberzeugen, dass es ihnen keinesweges an Muthe fehlt. Wenn sie richtige Beweise ihres Muthes anfuhren konnen, so will ich mich alsdenn beruhigen, und glauben, dass sie nach den Grundsatzen ihres Gevatters handeln.

v.N. Sie wollen ihre Forderungen gegen mich fallen lassen, und machen immer neue Forderungen, in der That haben sie gar keine an mich zu machen. Weil sie indessen auf einem guten Wege sind, so will thun, was ich kann, sie dabei zu erhalten. Ihre zweite Bedingung kann ich ohne Bedenken erfullen; die erste aber entstehet aus einem Vorurtheile, das leicht zu widerlegen ist. Ich habe die Frau v.W. nicht beleidiget, also ist auch eine Abbitte unnothig. Was ich von ihr gesagt habe, das sind nur zufallige Gedanken gewesen, die ich nie vor Wahrheiten ausgegeben habe. Wenn sie sich dadurch beleidiget glaubt, so muss man ihr als einem schwachen Werkzeuge ihre Ehre geben, und sie begutigen. Eine Ehrenerklarung aber wird mir nicht schwer fallen, ich halte jede Dame fur eine Dame von Ehre, bis ich es anders finde. Die Frau v.W. ist die Gemahlin meines Freundes, ich gestehe ihr alle die Ehre zu, die sie dadurch erhalt.

Der Baron. Getrauen sie sich gegen diese Erklarung ein einziges Wort aufzubringen?

Der Major. Nicht ein Wort. Ich bin damit zufrieden, ich sehe dass ein Misverstand unsern ganzen Zwist erreget hat. Ich argere mich nur, dass ich gegen diesen vortreflichen Mann, der alles so klug zu wenden weiss, dass er immer gegen mich in Vortheile bleibt, so eine elende Figur mache. Das hatte ich nicht gedacht, dass ich so wurde uberwunden werden.

v.H. Bei meiner Seele! v.N., sie kommen heute gut weg. Ich dachte, es wurde Mord und Todschlag aus dem Handel entstehen, oder sie wurden sich doch tapfer herum hauen mussen, wenn sie den Herrn Major satisfaciren sollten. Ich kann gar nicht einsehen, wie sich das Ding so gedrehet hat, dass diese Handel einen gutlichen Vergleiche nahe sind, und jeder bei Ehre bleibt, gleichwohl scheint es, als wenn es gar nicht anders hatte seyn konnen. Gebt nur einander die Hande, ihr Herren, es wird aus der Schlagerei doch nichts, vertragt euch in der Gute.

Der Major. So weit sind wir noch nicht, (zu dem Hrn. v.N.) Sie mussen meiner zweiten Bedingung noch vorhero Genuge leisten. Sie hatten, wie es scheint, nicht immer die Grundsatze, die sie jetzo haben; sie zeigten ehedem ihren Gegnern ihrer Muth in der That, so wie sie ihn mir heute durch Worte gezeiget haben. So viel ich weiss, sind sie mehrmals vor der Klinge gewesen, und vor Zeiten wurden sie sich sehr bedacht haben ihre Handel auf diese Manier wie jetzo beizulegen.

v.N. Beleidigen habe ich mich niemals lassen, wenn mich einer nur uber die Achsel ansahe, so schlug ich ihn hinter die Ohren.

Der Baron. Damals hatten sie also nicht die Grossmuth, die Gelassenheit, die Standhaftigkeit, die wir jetzo an ihnen bewundern.

v.N. Damals focht ich noch mit dem ersten Schwerdte, jedermann musste sich vor mir furchten.

Der Major. Ein Beispiel ihres Muths, Herr v.N.!

v.N. Zehne fur ein. Da ich noch unter dem Prinzen Eugen gegen die Franzosen zu Felde lag, wurde ich einmal mit 50 Mann in ein Dorf commandiret, um Fourage beizutreiben. Es wohnte daselbst ein Beamter, der ehedem auch ein Soldat gewesen war. Ungeachtet es in Freundes Land war, so that ich doch aus Gefalligkeit gegen meine Leute, als wenn ich dieses nicht wusste, und liess sie auf Discretion leben. Der Beamte beschwerte sich deswegen bei mir, und um mir eine Furcht einzujagen, sagte er, wenn ich diesem Unheil nicht abhelfen wollte, so wurde er mich, wenn ich von meinem Commando zuruckberufen ware, herausfordern. Ich, der ich mich nie fur einen Menschen furchte, seitdem ich das Wort Mensch buchstabiren kann, gab ihm zur Antwort, einmal schlagen und ein paar Glaser Wein austrinken, ware mir einerlei; ich gab ihm zugleich meinen Handschu und verlangte von ihm, eine Zeit und Ort zu bestimmen, wo wir einander finden wollten. Er versprach, dieses zu thun, wenn ich von meinem Commando zuruckberufen ware. Nach einiger Zeit, da wir in den Winterquartieren lagen, schickte er mir ein Carteil, dass ich mich nebst zween Secundanten an einem gewissen Granzorte, auf den und den Tag einfinden sollte. Ich hielt die Secundanten fur uberflussig und nahm nur meinen Reitknecht zu mir. Mein Gegner war sehr unwillig, dass ich keine Secundanten mitgebracht hatte, ich sagte: meine Pistolen und mein Degen sind meine Secundanten. Wie, wenn wir uns nun alle dreie mit ihnen schlagen wollten, sagte er? Dazu bin ich bereit, ich nehme es mit euch drei Kerls auf einmal an, ihr seyd keine Cavaliers. Sie wurden daruber erbittere; ich aber nicht faul, ergriff mit der einen Hand die Pistole und mit der andern den Degen. Sie erstaunten uber meine Herzhaftigkeit und machten links um, ich hinter ihn drein wie ein Satan. Einen davon, der kein so fluchtiges Pferd hatte als die andern, holte ich ein. Nehmen sie sich in Acht, sagte ich, jetzt werde ich sie auf den Pelz brennen. Er schrie erbarmlich um Pardon. Gut denn, jagte ich, reiten sie hin mit Frieden, ich will ihnen das Leben schenken. Er bewunderte meine Grossmuth, und ich behielt das Feld. Ich habe seit der Zeit kein Wort wieder von ihnen gehoret, und glaube die ersten beiden sind ohne Zweifel in einem grossen Flusse umkommen, durch welchen sie setzen mussten, um sich zu retten.

Der Major. Das ist eine ganz ausserordentliche Begebenheit, die sich in den neuern Zeiten nur alle hundert Jahre einmal zutragt.

v.N. Dergleichen Begebenheiten sind mir mehrere begegnet.

Alle Herren baten ihn hierauf noch einige zu erzahlen.

v.N. In Italien commandirte ich einmal eine Freicompagnie, die mehrentheils aus Banditen bestund. Ich hielt die Schurken ein bisgen kurz, und sie machten deswegen eine Meutherei gegen mich. Eines Tages hatte ich sie lassen ein wenig voraus marschiren, und ich wollte nachkommen. Sie hatten sich meine Abwesenheit zu Nutze gemacht, und hatten sich zusammen verschworen, mich kalt zu machen, zugleich hatten sie einen Preiss auf meinen Kopf gesetzt, dass derjenige, welcher sich zuerst an mich wagen wurde, mein Nachfolger seyn und sie commandiren sollte. Ein Deuscher verrieth mir diesen Anschlag, und gab mir den Rath, mich ja nicht vor den desperaten Kerls blicken zu lassen, wenn ich nicht wollte auf dem Platze niedergemacht seyn. Ich wie der Wind zu Pferde auf und davon

v.W. Daran thatest du gescheut, Herr Bruder, dass du Reisaus gabest, ich hatte es selbst so gemacht.

Der Baron. Ich fuhle jetzo sehr lebhaft ihre Gefahr und ihre Entrinnung. In der That ihr Heil bestand damals in der Flucht.

Herr Lampert. Schweigen sie meine Herren, der Herr v.N. ist noch nicht fertig, horen sie nur.

v.N. Ich setzte mich also zu Pferde und suchte die Cujons auf. So bald ich sie ansichtig wurde, gab ich meinem Gaul die Sporen, und mitten unter sie hinein.

v.W. Das ist ein anders.

Der Maj. Jezt kommt es erst.

Der Baron. Wie lief es ab? Ich stehe ihrentwegen in grosser Furcht wenn sie nur nicht doch was mache ich mir vor gefahrliche Vorstellungen, sie stehen ja da frisch und gesund vor mir.

v.N. Hier, Kammeraden bringe ich meinen Kopf selbst, sagte ich, um den Preiss zu verdienen, den ihr darauf gesetzt habt! Wer mir diesen streitig machen will, der trete heraus. Sie erstaunten uber meinen Muth, sie stunden wie die Mauren, es regte sich keiner. Pursche, streckt das Gewehr! Rief ich ihnen zu und zog zugleich den Degen. Sie gehorsameten, und ich trieb sie hierauf vor mir weg, wie eine Heerde Schaafe, bis ins Hauptquartier. Das Gewehr befahl ich auf ein paar Wagen zu laden, die ihre Tornister fuhrten.

Der Baron. Nun, was machten sie mit ihren Leuten?

v.N. Hierauf liess ich ihnen einen kurzen Process machen, und sie miteinander aufhangen.

Der Maj. Das war zuarg! Sie verfuhren mit den armen Teufeln zu barbarisch, es ist wohl mancher feine lange Kerl mit darunter gewesen. Sie haben ihrer Heldenthat dadurch einen garstigen Schandfleck gemacht.

v.N. Ja, die Hunde waren nichts bessers werth, sie hatten mit einander den Galgen schon zehnmal verdienet.

Herr Lampert. Ich halte davor, mein Gonner hat den Glanz seiner Heldenthat gar nicht verringert, er hat nichts anders gethan, als dass er dem Beispiele Alexanders des Grossen gefolget ist. Da dieser Tyrus erobert hatte, liess er die uberwundenen Tyrier rund um die Stadt herum aufknupfen wie die Krammsvogel; oder eigentlich zu reden, er liess sie nach damaliger Mode kreuzigen. Das Leben der Kriegsgefangenen stehet in der Hand des Siegers.

v.N. Ja ja, so ist es.

Der Major zu dem Hrn. v.N. Was sagte aber ihr General dazu, dass sie ihre ganze Compagnie aufhangen liessen?

v.N. Was der sagte? Hm! der hatte nichts darnach zu fragen, ich war Herr uber meine Leute. In acht Tagen hatte ich mir eine andere geworben, die noch einmal so stark war als die erste. Vorzeiten gieng es nicht so ordentlich im Kriege, wie heutiges Tages, dort that ein jeder, was er wollte. Aber die Zeit vergehet.

Er zog seine Uhr, die einem Dreiersbrodte an Grosse nichts nachgab, aus der Westentasche. Die Herren baten ihn alle, die Unterredung noch nicht abzubrechen, so sehr es auch der Schreiber wunschte. Er fuhr also fort.

In Italien habe ich mehr als einmal die Ehre der Deutschen gerettet Es ist nicht fein, wenn man immer von sich selber spricht; sie wollen es aber nicht besser haben, und also bin ich gezwungen, ihnen die merkwurdigsten Auftritte meines Lebens bekannt zu machen. Zu der Zeit folgte ich meinen alten Grundsatzen, ich dachte, ich ware kein Mann von Ehre, wenn ich seine Handel hatte, und wenn mich Niemand beleidigen wollte, so wurde ich der angreifende Theil. Unter andern lag ich einmal zu Padua auf Werbung. Die Studenten machen dort viel Unheil und jedermann furchtet sich fur den jungen Laffen. In der Nacht kann Niemand auf der Strasse gehen, ohne zu befurchten, dass man von ihnen angegriffen wird. Ich nahm mir vor, die Buben zu zuchtigen und die offentliche Ruhe wieder herzustellen.

Der Baron. Ein grossmuthiger Entschluss!

v.N. Ich stellte mich des Abends unter einen bedeckten Gang. Ein Haufe luderlicher Bruder sahen mich von ferne, und erklarten mich in ihren Gedanken schon fur eine gute Prise. Ich dachte: kommt nur angezogen. Kurz darauf stolperten ein paar von diesen Kerls vor mir vorbei und gaften mir ins Gesichte. Ihr Herren seyd ruhig und geht nach Hause, sagte ich. Schaarwachter, der du bist, erkuhnte sich einer zu fragen, hast du uns etwas zu befehlen? Hier lief mir die Galle uber, ich that auf den ganzen Haufen einen herzhaften Angriff, und in eben diesem Augenblicke lagen Degen, Hute, Perucken und Mantel, alles durch einander auf dem Kampfplatze. Zwei machte ich zu Gefangenen. Mit einem unter diesem Arme und mit dem andern unter diesem, begab ich mich gerade auf die Burgerwache, wo ich beide verwahren liess. Den Morgen darauf empfing ich von einigen Abgeordneten im Namen des Raths ein Danksagungskompliment, nebst einem Patent als ein Ehrenmitglied des grossen Raths daselbst, weil ich die offentliche Ruhe der Stadt wieder hergestellet hatte. Seitdem hat man auch nichts wieder von einem nachtlichen Unfuge daselbst gehoret.

Hr. Lampert. Durch die edelmuthige That hatten sie verdienet, dass ihr Konterfei, wie das Bild des Miltiades nach dem Siege bei Marathon, offentlich in einen solchen bedeckten Gang ware ausgehanget worden.

v.N. Gewisser massen habe ich diese Ehre wirklich erhalten. Ein Peruckenmacher, der ein neues Schild brauchte, liess mich auf solches mit einer erbeuteten Perucke in der Hand abmahlen: die Studenten aber, denen dadurch ihre schimpfliche Flucht gleichsam aufgerucket wurde, brachten es dahin, dass er dieses Schild wieder einziehen musste.

Der Major. Ich bin ganz bezaubert von ihnen, vortreflicher Mann! Ich sehe, dass es ihnen nie an Muthe gefehlet hat; aber mich dunkt, sie haben ihn an keinem Orte ruhmlicher angewendet als hier, da sie das gemeine Beste dabei zum Endzwecke hatten.

v.W. zu dem Hrn. v.N. Ja, wenn deine Worte lauter Evangelien waren, so wollte ich im geringsten nicht daran zweifeln; aber so muss ich es nur glauben, weil du es gesagt hast. Ich will die Sache nicht ganz verwerfen; ich denke aber du erzahlest manche Dinge fur dich zu vortheilhaft, Herr Bruder.

Der Maj. Ich bin geneigt, alle dem Glauben beizumessen, was der Herr v.N. gesagt hat. Ein Nachfolger Sir Carls kann keine Unwahrheiten sagen. Indessen bin ich versichert, es wird ihnen auch nicht an Beispielen mangeln, wo sie lebendige Zeugen ihres Muthes fur sich anfuhren konnen.

v.N. Daran soll es auch nicht fehlen. Hat Jemand an dem Herrn Magister Lampert etwas auszusetzen, wenn ich ihn fur mich zum Zeugen anfuhre?

v.W. Ganz und gar nichts.

Der Baron. Sein Zeugniss ist das glaubwurdigste.

Der Maj. Es scheinet ein Mann von Ehre zu seyn.

v.N. Nun so horen sie denn. Ich reiste einmal nach Frankfurth in die Messe, gegenwartiger Herr Lampert begleitete mich dahin. Wir speisten taglich in einem angesehenen Gasthofe, wo immer eine starke Gesellschaft von Vornehmen und andern Fremden, die es bezahlen konnten, anzutreffen war. Wir setzten uns eines Tages an eine Tafel von mehr als 30 Personen. Nicht wahr Herr Lampert?

Hr. Lampert. Ja! Es schmeckt mir noch immer gut, wenn ich daran gedenke, wir wurden recht wohl bewirthet.

v.N. Nicht lange nach uns kam ein Mann, von dem Ansehen eines Cavaliers, und setzte sich gleichfalls an unsere Tafel. So bald dieser Mann erschien, horten alle Gesprache auf. Es schien, als wenn durch seine Ankunft der Appetit aller Anwesenden ware vermehret worden; alle speisten mit der grossten Begierde und Eilfertigkeit, und eine Zeit darauf verschwand einer nach dem andern. Ich wunderte mich daruber, und fragte einen Kaufmann, der im Begriff war sich gleichfalls wegzubegeben, um die Ursache dieser Verschwindung. Sehen sie nicht, sagte er mir ins Ohr, dort unten den furchtbaren Mann? Ich rathe es ihnen, schleichen sie sich gleichfalls unvermerkt fort, wenn sie nicht wollen in Ungluck kommen. Wenn er sich satt gegessen hat, so fangt er an zu trinken und hort nicht eher auf, bis ihn der Wein erhitzt hat, alsdenn kritisiret er uber die Gesellschaft. Wer dieses nicht vertragen kann und sich mit ihm abgiebt, an dem sucht er Handel, und drohet mit Degen und Pistolen. Er ist ein vortreflicher Fechter und ein guter Schutze, und soll schon manchen uber den Haufen gesetzet haben. Ich dachte sogleich, dass dieses eine gute Gelegenheit ware, Ehre zu erwerben und mich bei der ganzen Gesellschaft in Ansehen zu bringen. Ich mass ihn einige mal mit den Augen, und dieses zog bald seine Aufmerksamkeit auf mich. Wir sprachen eine Zeitlang durch Minen mit einander, er getrauete sich nicht ein Wort zu sagen, weil er sahe, dass ich ihn nicht furchtete. Endlich fing er an, mit seinem Heldenthaten zu prahlen, ich that als wenn ich darauf gar nicht Acht hatte und erzahlte, ihm zum Trutze, einige von meinen merkwurdigen Begebenheiten. Er wollte mich uberschreien. Horen sie, sagte ich, wenn ich rede, so muss es stille seyn in dem Zimmer. Er unterstund sich hierauf einen Teller nach meinem Kopfe zu werfen, welcher aber fehl gieng, und beinahe den Magister erschlagen hatte. Ich sprang auf in voller Wuth, als wenn ich alles niedermachen wollte und uber ihn her. Ist dem nicht also, Herr Lampert?

Hr. Lampert. Allerdings, er kam garstig weg.

v.N. Er fing an zu schimpfen und zu schelten. Willst du dich noch maussig machen? sagte ich, und was dergleichen mehr war. Kann er sichs nicht erinnern, was ich ungefehr noch sagte?

Hr. Lampert. Sie sprachen noch eins und das andere, zum Exempel: Du hast wohl nie einen Hund aus dem Ofen gelockt und willst dich an mich wagen?

v.N. Ja, ich erinnere mich. Gehe, sagte ich, Eisenfresser, der du seyn willst, du hast wohl nie einen Hund aus dem Ofen gelocket und willst dich an mich wagen, und in eben dem Augenblicke lag er die Lange lang unten vor der Treppe.

Der Major. Stellte er sich denn nicht zur Wehre?

Hr. Lampert. Nicht sonderlich. Er war uber den muthigen Angriff erschrocken, dass er kein Leben hatte, er versahe sich dieses ganz und gar nicht.

Der Major lachte sehr laut.

v.N. Woruber lachen sie? Herr Lampert, ists nicht alles so, wie ich es erzahlet habe?

Hr. Lampert. Vollkommen so, auf meine Ehre.

Der Major. Ich setze in die Wahrheit ihrer Erzahlung gar keinen Zweifel, ich ergotze mich nur an der glucklichen Anwendung des bekannten Sprichworts.

v.N. Ist das zum Sprichwort worden? haben sie es mehrmals gehoret?

Der Major. Sehr oft.

v.N. Das Sprichwort kommt von mir her, ich habe es erfunden. Vor mir hat es, so viel ich weiss, Niemand gebraucht, und ich weiss selbst nicht, wie es mir damals eben zu so gelegner Zeit eingefallen ist. Es stunden ein Haufen Leute um mich, da ich zu meinem Gegner sagte: du hast wohl nie einen Hund aus dem Ofen gelockt, und wie auf Messen alles bald ausgebreitet wird, so ist auch dieses bald unter die Leute gebracht worden.

Der Major. Ey wenn sie ein Mann sind, der Sprichworter erfinden kann, so muss man billig Hochachtung fur sie haben.

Der Baron. Ich denke, der Herr v.N. hat ihren Anforderungen nunmehro Genuge geleistet. Halt sie noch etwas zuruck, ihm ihre Hand zu geben, und sich mit ihm zu versohnen?

Der Major. Bei meiner Ehre, er hat alles erfullt, was ich verlangen konnte, und das mit so leichter Muhe. Aber auf meiner Seite halt es schwer, ich lebe noch nach den alten Grundsatzen des Herrn v.N. und seine neuen wollen mir gar nicht in Kopf ich kann mich nicht uberwinden.

v.N. Haben sie noch einige Zweifel wegen des Ehrenpunktes, so will ich mich bemuhen sie zu heben.

Der Major. Das ist nicht nothig, erlauben sie nur, dass ich mit diesen Herren einen kleinen Abtritt nehme, um ein oder den andern Punkt nochmals zu uberlegen.

v.N. Alles nach ihren Gefallen.

Die Herren begaben sich hierauf in ein Nebengemach bis auf den Herrn v.N. und den Hrn. Lampert, diese besprachen sich in Abwesenheit der ubrigen folgender Gestalt.

v.N. Nun, was meint er, Herr Lampert, wie habe ich bestanden? Habe ich heute meinem Gevatter Ehre oder Schande gemacht?

Hr. Lampert. Nichts als Ehre, und der Ausgang weist nunmehro, dass sie dem Wege, den Herr Grandison zuerst betrat, glucklich nachgespuret haben.

v.N. Einen Theil des glucklichen Ausganges dieser kutzlichen Sache habe ich ihm zu verdanken. Er hat mich die letzten drei oder vier Tage dressiret wie ein Schulpferd. Wenn ich nicht wohl ware gefuttert gewesen, so hatten die Sachen konnen schief laufen; nun aber denke ich, soll Herr Grandison von diesem Handel so viel Ehre haben, als ich selbsten. Findet er ganz und gar nichts an meiner heutigen Auffuhrung auszusetzen.

Hr. Lampert. Ganz und gar nichts. Einige Kleinigkeiten wollen nichts sagen. Wenn das Hauptwerk gut ausgefuhret wird, so lasst man einige kleine Fehler in Nebendingen durchschleichen, ohne sie zu bemerken. Quandoque bonus dormitat Homerus, wenn dieser grosse Dichter Gotter und Helden reden lasst, wie sie sollen: so vergiebt man ihm eine kleine Ausschweifung, wenn er auch gleich einmal Pferde und Schiffschnabel mit einander schwatzen lasst.

v.N. Rom ist nicht auf einen Tag gebaut. Wenn ich es noch nicht so weit gebracht habe als Sie Carl, so werde ich es schon mit der Zeit noch so weit bringen. Wenn er etwas auf dem Herzen hat, so sag er es nur heraus, sein Tadel, hoffe ich, soll mich bessern.

Hr. Lampert zuckte die Achsel mit einem Reverenze. Die Sonne erleuchtet den ganzen Horizont, und hat doch ihre Flecken.

v.N. Das weiss ich, sag er nur heraus, was er an mir zu tadeln findet.

Hr. Lampart. Ich muss ihren Befehlen gehorsamen, und dieser wird meine Verwegenheit entschuldigen. Ich hatte wohl gewunscht, dass sie nicht ihre ganze Compagnie, die sie in Italien commandirten, hatten aufknupfen lassen.

v.N. Was liegt daran, und wenn ich eine ganze Armee hatte aufknupfen lassen, so waren dadurch nicht weniger Menschen worden. Ich weiss aber der Sache schon abzuhelfen, ich will sagen, meine Compagnie hatte nur aus funf Mann bestanden, alsdenn wird die Erzahlung ganz wahrscheinlich seyn.

Hr. Lampert. Vermeiden sie es lieber, wo sie konnen, wieder daran zu denken.

v.N. Weiter im Text.

Hr. Lampert. Der Peruckenmacher in Padua hatte die Kosten auch spahren konnen, sie auf sein Schild mahlen zu lassen. Diese Erzahlung schien ihnen mehr nachtheilig als vortheilhaft zu seyn, es konnen einem allerlei Nebengedanken dabei einfallen.

v.N. Ich wurde nicht darauf gefallen seyn, dieses zu erzahlen, wenn mich nicht seine verwunschte Vergleichung mit dem Miltiades darauf gebracht hatte. Inzwischen ist doch so etwas eben nicht unmoglich, und wenn ich mir es nicht abstreiten lasse, so mussen sie es glauben. Weiter.

Hr. Lampert. Der Concilius Tridentinus schnitt mir durchs Herz. Habe ich ihnen nicht gestern diese Stelle aus dem Grandison erklaret? Das tridentinische Concilium war eine Kirchenversammlung und kein Kirchenvater.

v.N. Kleinigkeiten! Ich bin gut dafur, dass keiner von den Herren jemals etwas von dem tridentinischen Concilio gehoret hat, ausser was ich ihnen davon gesagt habe.

Es schien, dass der Herr Magister Lampert noch viele Anmerkungen im Vorrath hatte, und dass diese nur als Vorlaufer von wichtigern anzusehen waren; es wurde dieses Gesprache aber durch die Wiederkunft der ubrigen Gesellschaftunterbrochen. Der Herr Baron brachte den Herrn Major bei der Hand in das Zimmer gefuhret, welcher etwas zu widerstreben schien, inzwischen lies er es doch geschehen, dass seine Hand in die Hand des Herrn v.N. geleget wurde, und die Aussohnung kam also hierdurch zu Stande.

Der Major. Verflucht! das hatte ich nicht gedacht, dass ich so wurde uberwunden werden.

Der Baron. Es ist gut, dass es geschehen ist; wir dachten alle nicht, dass sich die Sache auf eine freundschaftliche Art endigen wurde.

v.H. Ich kann es auch, bey meiner Seele, noch nicht begreifen, wie dieses zugegangen ist!

v.W. Ob du es eben begreifest oder nicht, daran ist nicht viel gelegen, genug es ist geschehen.

Der Major. Wer kann einem solchen Manne widerstehen, als dieser Herr v.N. ist? das mag ein andrer thun und ich nicht.

v.N. Sie haben sich von mir nicht uberwinden lassen, sondern von der gesunden Vernunft.

Der Baron. Wie edel! Wir werden uns aller ihrer Reden und goldenen Lehren, die sie uns gegeben haben, erinnern, wenn sie auch nicht gegenwartig sind. Dieser Schrank hat sie alle zum Gedachtniss und zu unserer Wiedererinnerung aufbehalten.

v.N. Wie verstehen sie das?

Der Baron. Ich beredete den Herrn Major, zu verstatten, dass ein junger Mensch, auf dessen geschwinde Faust ich mich verlassen konnte, eine aufrichtige Erzahlung von alle dem, was vorfiele nachschreiben sollte, und er steckt in diesem Schranke.

v.N. Das ist etwas sonderbares, ich kann mich nicht genug daruber verwundern. Inzwischen da die Sache zu dem Vortheile eines jeden ausgefallen ist, und jeder Theil mit Ehre aus dem Handel scheidet, so durfen wir kein Protokoll furchten.

Der Baron. Herr Wendelin, ihre Verrichtung ist zu Ende. Seyn sie so gut und kommen sie heraus aus ihrem Schranke, mit dem, was sie geschrieben haben.

Der Schreiber gehorchte, er hatte sich lange nach seiner Erlosung gesehnet. Der Herr Baron fragte, ob das Protokoll sollte vorgelesen werden; allein man sagte, dass es Zeit ware zur Tafel zu gehen. Der Herr v.N. wollte durchaus nach Hause, ohngeachtet ihn sehr zu hungern schien, endlich blieb er doch auf vieles Bitten.

Der Schreiber bekam hierauf Befehl, das Protokoll einige mal sauber abzuschreiben, und von dem Herrn Baron v.F. seine Copialien zu erwarten. Zugleich wurde ihm in geheim anbefohlen, in dem Exemplare, das fur den Hrn. v.N. bestimmt war, die besondere Unterredung desselben mit dem Herrn Lampert wegzulassen, auch gegen beide zu laugnen, wenn er allenfalls deswegen sollte befraget werden, dass er sie nachgeschrieben habe. Dieses ist also die richtige Abschrift von allem, was vorgegangen ist, welches nach seinem besten Vermogen nachgeschrieben und auf Verlangen Sr. Hochwohlgebohr, dem Herrn Baron v.F. eingehandiget hat.

Dessen

unterthaniger Diener

Joh. Caspar Wendelin.

Ich will nun meine Erzahlung da fortsetzen, wo sich des jungen Wendelins seine endiget. Den ganzen Tag uber blieb die Gesellschaft bei uns. Man sahe nichts als Freundschaftsbezeigungen von einer und der andern Seite, unsere Herren schienen ein Herz und eine Seele zu seyn. Unser Oncle liess eine solche Zufriedenheit uber sich selbst blicken, dass ich glaube, er hat diesen Tag unter die gluckseligsten seines Lebens gezahlet. Der Herr v.H. war immer in tiefen Gedanken, der gute einfaltige Mann, der den Zusammenhang der Sache nicht einsahe, konnte nicht begreifen, wie ein solcher Zwist friedlich ware beigeleget worden. Er sagte, es kame ihm alles wie ein Traum vor. Er hat die Ehre, dass er der erste ist, den unser Oncle zu seinem Junger gemacht hat, und wenn er eine Secte stiftet, so muss der Herr v.H. unter seinen Anhangern oben an stehen. Ehe wir noch speisten, fertigte der Herr v.W. seinen Jager an seine Gemahlin ab, um ihr zu melden, dass alles glucklich vorbei ware. Ich hatte mir vorgenommen eine kleine Rache an ihr auszuuben. Ich wollte den Jager abrichten, dass er sich in Wilmershausen ganz betrubt stellen sollte, als wenn ihm etwas im Gemuthe lage, das er sich nicht getrauete zu sagen. Er sollte sich gegen das Gesinde verlauten lassen, sie wurden bald eine schlimme Zeitung horen, dadurch sollte die Frau v.W. auf die Vermuthung gebracht werden, dass in Schonthal auf ihr Anstiften ein grosses Ungluck entstanden ware. Ich unterliess es jedoch hernach, weil mir der Kerl zu einfaltig schien seine Person wohl zu spielen; ich dachte auch die Frau v.W. wurde gegen uns und ins besondere gegen mich nur noch mehr aufgebracht werden, wenn sie erfuhre, dass man einen Schreckschuss auf sie gethan hatte. Der Baron ist mit dem Major sehr wohl zufrieden, unser Oncle siehet den letztern als seinen Neubekehrten an. Der Major nahm es auf sich, der Frau v.W. eine solche Vorstellung von dem Vorgang der Sache zu machen, die sie vollig zufrieden stellen wird, und wir sehen bereits von seiner Bemuhung gute Wirkungen. Das Fraulein v.W. meldet mir, dass ihre Mutter mit dem Hrn. v.N. halb und halb wieder ausgesohnt zu seyn schiene, und diese Versohnung wird vollkommen werden, wenn er sie, wie er versprochen hat, schriftlich um Verzeihung bittet. Ob er gleich feste darauf bestehet, dass er nicht beleidiget hat: so will er sich doch vor ihr demuthigen, und durch diesen Beweiss der Grossmuth, wie er es nennt, sie gleichfalls bekehren. Das Protokoll wird sie niemals zu sehen bekommen, und wenn ihr Gemahl auch etwas davon gegen sie gedenken sollte, so wird man doch jederzeit eine Entschuldigung finden, um es ihr nicht in die Hande zu geben. Der Herr v.W. hat sich mit ihr ausgesohnet, wiewohl auch nicht vollkommen; rechte gute Freunde werden sie niemals; aber er verschliesst sich doch nicht mehr in seine Studierstube. Es ist Zeit, dass ich mein aufgeschwollenes Paquet siegele und fortschicke, ich lasse es nach Strassburg gehen; ich glaubte nicht, dass es dich noch in London antreffen wurde, du wirst es also in Strassburg finden. Unter den eifrigsten Wunschen, nach glucklich vollendeter Reise, bei vollkommenen Wohlseyn diesen Brief zu erbrechen, empfiehlt sich ihrem geliebtesten Bruder.

Amalia v.S.

Fussnoten

1 Dieses sind die vorhergehenden Briefe vom 6ten bis auf den 14ten.

XVI. Brief.

Der Hr. v.N. an den jungen Hrn. Baron v.S.

den 23 Octob.

Warum wollen Sie doch England verlassen? Es treibt Sie ja keine Noth darzu. Sie sind bei meinem Herrn Gevatter dem Baronet wohl aufgehoben; so viel ich aus Ihren Briefen abnehmen kann, halt er Sie wie sein Kind, und er wird es vermuthlich gerne sehen, wenn Sie noch eine Zeitlang bei ihm bleiben. Mein Rath ist nicht dabei, dass Sie vor Ausgang des Jahres abreisen. Inzwischen muss ich Ihnen freilich Ihren freien Willen lassen, und wenn Sie es nicht besser haben wollen, so reissen Sie hin wohin Sie wollen, ich denke, Sie werden wie die Schweizer, das Heimwehe bekommen haben. Thun Sie mir nur den Gefallen, und beschmausen Sie die englischen Freunde noch einmal die Reihe herum, und empfehlen Sie mich einem jeden von denenselben ins besondere. Sie nennen Sich selbst einen Abgesandten von mir an den Herrn Grandison, Sie sollen es auch bei seiner ganzen Familie seyn, thun Sie Sich nur bei der Abschiedsaudienz nur recht bene. Machen Sie dem Herrn Richardson von mir ein gross Kompliment, und bedanken Sie Sich fur die Ehre, die er mir erzeigen will, von mir einen Roman zu schreiben, und solchergestalt mich in England bekannt zu machen. Wenn es mir mit meiner Henriette gelingen sollte, so bin ich nicht abgeneigt ihm zu willfahren, er mag alsdenn ein langes und ein breites von mir schreiben; jetzo ist aber die Sache noch nicht reif genug. Das konnen Sie Sich unterdessen zur Lehre nehmen, dass ich niemanden erlauben werde, von mir zu schreiben, als dem Herrn Richardson.

Das ist ein verzweifelter Streich mit der Glocke! der verwunschte Zolljude, der solche fur Contreband erklaret hat, ware werth, dass er bei den Beinen aufgehangen wurde. Hat ihn denn Herr Grandison nicht verklagt? Der Pfarr gehet mir abscheulich zu Leibe, und will mir eine neue Glocke abzwingen: ich werde ihn aber garstig ablaufen lassen, wenn er sich unterstehet, nur wieder mit einem Worte an die verhasste Sache zu gedenken. Suchen Sie doch den D. Bartlett zu bereden, dass er an ihn schreibt, und ihn zur Geduld verweist. Ich habe jetzo ohnedem meine liebe Noth, ich bin in eine recht bose Sache verwickelt, davon sich nicht viel schreiben lasst. Nur im Vorbeigehen ein Wort davon zu gedenken, ich soll mich schlagen; aber daraus wird nichts, es wird mir ruhmlicher seyn, wenn ich die Sache auf Sir Carls Fuss stelle, und sie in der Gute beilege.

Horen Sie, noch eins wollte ich gedenken, ehe ich schliesse. Der Magister ist auf den Einfall gerathen, meine Bildergallerien mit den Portraits der Personen, die in der Geschichte des Herrn Grandisons vorkommen, auszuschmucken. Der Einfall ist gut und gefallt mir, er hat dabei allerlei gute und heilsame Absichten. Sehen Sie doch zu, dass Sie diese Portraits beim Leibe bekommen; oder dass Sie mir wenigstens gute Copieen davon verschaffen. Fur die leichte Muhe wird ihnen sehr verbunden seyn

Ihr

treuer Vetter

v.N.

XVII. Brief.

Der Herr v.S. an das Fraulein Amalia v.S.

London den 6 Novembr.

Geliebte Schwester,

Die letzten Tage meines Aufenthalts allhier, habe ich zu Verfertigung eines Tagebuchs angewendet, welches du mit meinem Briefe empfangst, um es meinem Oncle zuzustellen. Du wirst aus beigelegtem Schreiben, das ich vor einigen Tagen von ihm erhielt, ersehen, dass er mich nochmals zu seinem Abgesandten an das ganze Haus der Grandisonen ernennet hat. Zu einer solchen Gesandtschaft wird viele Zeit erfordert, und da ich diesen Brief erhielt war es zu spat, dass ich wahrscheinlicher Weise diesen Posten noch erst hatte verwalten konnen; ich habe ihn also beredet, dass ich durch eine gluckliche Ahndung seinen Befehl bereits hatte erfullt gehabt, ehe ich ihn erhalten. Aus der Dicke dieses Briefes wirst du auf die Weitlauftigkeit desselben schlussen konnen. Ich habe ihn nicht gesiegelt, damit er in Schonthal kann gelesen werden, wenn es dir oder dem Baron gefallt, sich diese Muhe zu nehmen. Wenn unser Oncle oder der Magister Stelle dieses Tagebuchs machen sollte, so muss man diese zu widerlegen suchen; damit seine Zweifel nicht Wurzel schlagen und das Spiel verderben. Ich habe meiner Einbildungskraft darinne oft den Zugel gelassen, mein Journal verfallt an manchen Orten ins wunderbare; doch glaube ich nicht, dass ich die Sphare meines Oncles uberschritten habe: Wer sich getrauet andern unglaubliche Dinge aufzuburden, der muss auch geneigt seyn, etwas von gleichem Schlage selbst zu glauben.

Der Magister Lampert will die Bildergallerie unseres Oncles mit den Portraits der englandischen Freunde ausschmucken, und der Oncle bittet mich sehr angelegentlich ihm dazu behulflich zu seyn. Ich habe ihm diese Bitte nicht abschlagen wollen, besonders da sich eine gute Gelegenheit zeigte sie leicht zu erfullen. Vor einigen Tagen war in meiner Nachbarschaft eine Auction von allerlei alten Meubles, ich schickte meinem Heinrich dahin, um einige Portraits zu erstehen, die ich aus dem Verzeichnisse gewahlet hatte. Es sind lauter beruhmte Leute gewesen; ich habe sie aber umgetauft, und ihnen Namen aus dem Grandison beigeleget, die ich auf die Ruckseite der Portraits habe schreiben lassen. Damit man indessen in Schonthal wisse, was fur Personen sie eigentlich vorstellen: so will ich das Verzeichniss davon hiehersetzen. Nr. 1) Thomas Morus ein englischer Canzler, dieser

soll wegen seines grossen Bartes den Juden Merce

da vorstellen. 2) Olivier Cromwell, dieser hat mir wegen seines

kleinen aus der Mode gekommenen Zwickbartgens

sehr viel Muhe gemacht, ich wusste nicht, was ich

aus ihn machen sollte, endlich glaubte ich, der

Knight Sir Roland Meredith konnte noch wohl da

durch vorgestellet werden, denn er wird auch als

ein Mann aus der alten Welt beschrieben. 3) Den Herzog v. Marlborugh habe ich wegen seiner

langen schwarzen Heldenperucke zum spasshaften

Oncle Selby gemacht. 4) Wilhelm Pen ein beruhmter Quacker mag wegen

seiner andachtigen Mine der weinende Herr Orme

seyn. 5) Dieses Portrait stellet einen italianischen Abt vor,

der ein hauptgelehrter Mann soll gewesen seyn. In

dem Auctionscatalogus wird er Julius Bartoloccius

genennet. Du wirst es sogleich errathen, dass ich

den Pater Marescotti daraus gemacht habe. Lam

pert wird sich freuen, wenn er siehet, dass dieser

ehrwurdige Pater eben so ein feister Mann ist als er

selbsten. 6) und 7) sind die Schildereien zwoer be

ruhmter koniglichen Maitressen aus dem vorigen

Jahrhunderte. Die jungere heisst Sidley und wurde

hernach zur Grafin von Dorchester erhoben, diese

siehet eben so aus wie die Signora Olivia beschrie

ben wird, sie mag es also seyn. Die altere ist die

bekannte Herzogin von Portsmouth, die unter der

Regierung Carl des Andern beruhmt war. Sie muss

gemahlet seyn, da sie bereits die Sunde verlassen

hatte, ich finde ganz und gar nichts reizendes an

ihr, und bin deswegen genothiget worden, Tante

Loren aus ihr zu machen.

Ich hoffe, der Oncle wird mir wegen Uebersendung dieser Portraits sehr verbunden seyn, wenn er sie fur acht erklaret. Unser Schwager wird mein Schreiben vom 16 October erhalten haben,1 und sich nach der Anweisung wegen Uebermachung meiner Wechsel richten, ich ersuchte ihn zugleich, keinen Brief noch Empfang meines Schreibens, nach Londen abgehen zu lassen. Den deinigen vom 20 des vorigen Monats habe ich erhalten, und hoffe den nachstfolgenden in Strassburg anzutreffen. Die Handel meines Oncles mit dem Major v. Ln. werden nunmehro sonder Zweifel glucklich und ohne Blut geendiget seyn. Man hatte es so weit gar nicht sollen kommen lassen, wenn inzwischen nur ein Scherz daraus ist gemacht worden, wie du glaubst, dass es nichts weiter seyn werde, so mag es noch hingehen; wenn aber der Herr v. Ln. Ernst daraus gemacht hat, so ist er in der That kein Original zu dem Portrait, das der Baron ehemals von ihm machte. Ich will indessen das beste von ihm glauben, bis auf weitere Nachricht, welche von seiner geliebten Schwester erwartet

v. S

Fussnoten

1 Dieser Brief ist weggelassen worden, weil er nichts, das zu dieser Geschichte gehoret, enthalt.

XVIII. Brief.

Der Hr. v.S. an den Hrn. v.N.

Londen den 3. 4. 5. Nov.

Ehe ich noch das Creditiv von Ihnen als Dero Abgesandter an die englischen Freunde erhielt, hatte ich mich bereits, unter der Hoffnung, dass Sie es billigen wurden, eigenmachtig dazu aufgeworfen. So bald Sir Carl von Shirleymanor zuruck kam, entdeckte ich ihm, dass ich entschlossen ware, England in kurzem zu verlassen, und bath mir hierzu seine Erlaubniss aus. Er ertheilte mir solche sehr ungern, und versicherte mich, dass er es gerne sehen wurde, wenn ich den Winter uber bei ihm bleiben wollte. Ich merkte, dass er mir von Tag zu Tage gewogener schiene, vermuthlich Ihrentwegen. Ich musste ihm versprechen, wenigstens vor Ausgang des Octobers nicht abzureisen, wozu ich auch gerne meine Einwilligung gab. Unterdessen fing ich bereits in der Mitte des abgewichenen Monats an, meine Abschiedsvisiten zugeben, und damit ich im Stande ware, Ihnen davon einen getreuen Bericht abzustatten; so habe ich daruber ein ordentliches Tagebuch gefuhret, welches ich Ihnen hier mittheilen will.

Den 16 October kam ich in Selbyhausen an, um mich der kleinen Colonie der Anverwandten von der Lady Grandison, die von Grandisonhall am weitesten entfernt sind, zu empfehlen. Oncle Selby hatte nicht so bald die Ursache meiner Ankunft erfahren, so sagte er zehnmal in einem Othen: Was der Daus! und wollte nichts von meinem Abschiede wissen noch horen, seine Dame und Fraulein Lucia baten mich gleichfalls recht sehr, in England zu uberwintern. Fraulein Lucia sagte, sie hatte sich vorgenommen, den Winterlustbarkeiten in Londen beizuwohnen, und hatte geglaubt, ich wurde sie in die Komodie und auf die Masqueraden begleiten. Ich schloss daraus, dass sie mir eben nicht abgeneigt ware. Wenn sie nicht weiter an vierzig als an dreissig ware, wer wusste, ob nicht ein Paar aus uns werden konnte; ich mochte dem Herrn Grandison gern etwas naher angehen als die Christenheit. Ware aber das nicht eine vortrefliche Partie fur Sie? Wenn sie meine Tante werden konnte, so wollte ich mein halbes Vermogen unter die Armen austheilen. Ihren Charakter kennen Sie, und an ihrer Person ist nichts auszusetzen. Sie hat sich in allen Briefen an Lady Grandison nach Ihnen erkundiget, und ich musste ihr Dero Person vom Kopf bis auf die Fusse beschreiben. Sie kann sehr kunstlich in Wachs poussiren und hat nach meiner Beschreibung einen Abdruck von Ihnen verfertiget, der dem Original ziemlich gleich ist; ja sie hat diesem Bilde sogar einiger massen ein Leben gegeben; man darf nur an einem Pferdehaar ziehen, so bewegt es Hand und Fuss und verdrehet auch auf eine verliebte Art die Augen. Von mir hat sie zwar auch einen Abdruck gemacht: sie hat aber lange nicht so viel Muhe darauf verwendet, als auf den Ihrigen. Ich habe meine Gedanken daruber gehabt, ohne Zweifel seufzet das gute Kind nach Ihnen. Machen Sie sie glucklich. Sie werden bei ihrem Besitz den Himmel auf Erden haben, und Ihr Ruhm wird in England auf den hochsten Gipfel steigen, wenn Sie dieses unuberwindliche Fraulein, das mehr als ein halb Schock Korbe ausgetheilet hat, besiegen. Sie schickt sich zu Ihren Jahren vollkommen, und ist fur Sie weder zu jung noch zu alt. Das Fraulein, welches Sie fur Ihre Henriette halten, erscheinet ohnedem nicht in dem Lichte einer Henriette Byron, da hingegen Lucia von der Lady Grandison nicht anders als der Mond von der Sonne so viele Strahlen empfangen hat, dass sie an dem Firmamente der Schonen alle ubrige Sterne verdunkelt.

Den 18. Oct. Heute habe im einen Mann kennen lernen, den ich zu sehen so lange vergeblich gewunschet habe. Der Oberste Greville stattete bei dem Herrn Selby einen Besuch ab. Ich entsetzte mich uber das furchtbare Ansehen dieses Mannes, er kam zu Pferde. Da er im Hofe abstieg, schutterten die Fenster von dem schrecklichen Gewichte seiner Stiefeln. In dem Saale, wo sich die Gesellschaft befand, ist eine gebrochene Thur. Von ungefehr war nur die eine Halfte eroffnet, er brach mit solcher Heftigkeit herein, dass er die andere Halfte der Thur mit sich nahm, und das Schloss beschadigte. Er warf seinen Huth, nachdem er gegen die Gesellschaft ein Kompliment gemacht hatte, mit solcher Heftigkeit auf den Tisch, dass das eiserne Kreuz davon absprang, und fing dergestalt an auf die Franzosen zu fluchen, dass mir Angst und bange dabei wurde. Er liegt schon seit drei Monaten an den Kusten, um eine feindliche Landung zu verwehren, und argert sich ausserordentlich, dass er seine Tapferkeit noch nicht hat zeigen konnen. Er sagte, die Rede gienge, sein Regiment sollte mit nach Deutschland ubergesetzt werden. Ich musste ihm deswegen Ihren Namen und Aufenthalt sagen, welches er sogleich in seine Schreibtafel eintrug, um bei seiner Ankunft in Deutschland Ihnen einen Besuch abzustatten. Ich wundere mich nun nicht mehr, dass er eben so wenig als Herr Orme in seiner Stutzperucke und rothen Augen in dem Herzen einer Henriette einen Eingang gefunden hat. Zwischen ihm und dem Herrn Grandison ist kein geringerer Unterschied als zwischen Nacht und Tag. Mit Fraulein Lucien und Katchen Holles machte er sich immer etwas zu schaffen; aber er scherzte eben nicht auf die feinste Art. Da ich es indessen einmal wagte, uber einen seiner Spase, des Frauenzimmers wegen, nicht zu lachen, so gab er mir ein Gesichte, dass ich dachte, er wurde den Augenblick von Leder ziehen. Einmal zog er Fraulein Lucien eine Nadel aus dem Strumpfe, und da sie daruber unwillig wurde, nahm er ihr noch darzu den Knaul vom Schosse und liess es seinem Budel einige mal apportiren. Katchen Holles musste auch vieles von ihm ausstehen. Er goss ein ganzes Flaschgen voll Lavendelwasser uber sie her, weil sie sich uber den Geruch seiner thranigten Stiefeln beschwerte. Horen sie, sagte er zu mir, was denken sie von mir, halten sie mich nicht fur den unbescheidentsten Mann in England? Ich machte einen Reverenz und lachelte. Sie haben Recht, fuhr er fort, vielleicht bin ich es jetzo, besonders gegen das sogenannte schone Geschlecht; vor diesem aber war ich es nicht, die Verzweiflung hat mich dazu gebracht, dass ich dem Frauenzimmer einen unaufhorlichen Krieg angekundiget habe. Bedauren sie mich, dass ich so unglucklich bin, kein Vergnugen in der Welt zu geniessen, als dieses einzige, wenn ich das Frauenzimmer gegen mich so aufbringen kann, dass sie drohen, mich mit den Augen todt zu schlagen. Aber glauben sie wohl, dass mir eine den Gefallen erweisst und uber mich zornig wird? Nein, das Vergnugen kann ich nicht erleben! So ein unglucklicher Hund bin ich, und so einen abscheulichen Groll hat das Frauenzimmer jederzeit gegen mich gehabt, dass zu der Zeit, da ich wunschte, dass mir die Madchen gunstig waren; mich keine lieben wollte und jetzo, da ich wunschte, dass sie mir alle spinnefeind waren, will mich keine hassen. Fraulein Lucia und Holles lachten in der That uber ihn; es schien aber, als wenn sie unter diesem angenommenen Lacheln nur ihren heimlichen Groll gegen ihn verbergen wollten. Oncle Selby, der ihm im Herzen nicht gunstig ist, belachte, aus einer furchtsamen Gefalligkeit allen beleidigenden Scherz seines ungestumen Nachbars uber laut. Herr Greville kann es noch bis auf diesen Tag nicht verwinden, dass ihm Sir Carl einen Arm ausgerenket hat; er ist dergestalt ausgedehnet worden, dass er eine gute Viertelelle langer ist als der andere. Wenn er aufgerichtet stehet, so kann er wie Artaxerxes Longimanus das Knie erreichen, er ist auch bei der Armee unter dem Namen des Langhandigen bekannt. Wenn ich Lust gehabt hatte, Kriegesdienste anzunehmen, so wurde ich unter seinem Landregimente, das in Kriegszeiten allemal beritten gemacht wird, jetzo Cornet seyn. Er both mir seine Dienste an und versprach, mit der Zeit einen braven Mann aus mir zu machen. Er wunschte nichts mehr, sagte er, als Sie kennen zu lernen, er weiss, dass Sie unter einem Eugen gefochten, und glaubt, dass Sie diesem Helden alle seine Kunstgriffe und Kriegeslisten abgelernet haben. Er vermass sich hoch und theuer, wenn er Ihre Kriegswissenschaft besasse, so wollte er mit seinem Regimente sich nach Amerika uberschiffen lassen, diesen Welttheil als ein zweiter Vespuz erobern, ihn umtaufen und nach seinem Namen nennen. Gegen Abend verliess er Selbyhausen, und nach seinem Abschiede war es daselbst so stille, als wenn ein ganzes Regiment Soldaten ausmarschiret ware. Ich bat Fraulein Lucien, diesen Kriegsmann gleichfalls in Wachs zu poussiren, und mir damit ein Geschenke zu machen; sie will ihn aber dieser Ehre nicht wurdigen.

Den 19 thaten wir eine kleine Spazierfahrt nach Shirleymanor, um das prachtige Epitaphium in Augenschein zu nehmen, welches Sir Carl seiner Schwiegermutter, der selgen Frau Shirley, errichten lasst. Viele gelehrte Manner sind der Meinung, dass die vortrefliche Inscription des sinnreichen Herrn M. Lamperts von ungleich grosserm Werth sey, als die kunstliche Arbeit, welche man hierbei gleichsam verschwendet. Ein italianischer Baumeister der die Anlage zu diesem ruhmvollen Denkmaale gemacht hat, und noch bis jetzo die Aufsicht uber das Werk fuhret, nahete sich mit vieler Ehrerbietung, vielleicht aus Antrieb des Herrn Selbys zu mir, und ersuchte mich, ihm das Portrait des Herrn Verfassers der Inscription zu verschaffen; er ware entschlossen, sagte er, die Gestalt eines Engels, der oben an die Verzierung angebracht werden sollte, darnach zu bilden. Ich war uber diesen Antrag, die Gestalt meines verdienstvollen Lehrers verewiget zu wissen, so geruhrt, dass ich in der ersten frohen Entzuckung mich beinahe ubereilet, und dem Kunstler seine Bitte zugestanden hatte. Da ich aber hernach etwas genauer erwog, dass das Epitaphium aus schwarzen Marmor bestund, und der gemeine Mann leichtlich aus Irrthum diese ehrwurdige Gestalt des Herrn Lamperts mit einem Mohren, oder noch mit etwas schlimmern hatte verwechseln konnen: so suchte ich eine Entschuldigung diese Bitte abzulehnen.

Nachdem wir in der Cederstube den Thee getrunken hatten, so schnitt der freigebige Oncle Selby einen ziemlichen Span aus der Vertafelung dieses Zimmers aus, und verehrte mir solchen zu einem Zahnstocher. Diese Ehre wiederfahret auf Befehl Sir Carls allen Fremden, die von einer edlen Neubegierde angetrieben, dieses durch seine Geschichte so beruhmt gewordene Haus besuchen, und ich fand, dass bereits ein ganzes Bret weggeschnitten war. Ehe wir wieder auf den Wagen stiegen, um nach Selbyhausen zuruck zu kehren, fuhrte mich Herr Selby noch in die kleine Hauskapelle; sie wird itzo nicht gebraucht; indessen ist sie so geraumig, als eine massige Dorfkirche in Deutschland. Sie hat eine vortrefliche Orgel, welche Sir Carl vor einem Jahre nach Grandisonhall in sein Musikzimmer bringen, und die seinige davor in diese Capelle wollte setzen lassen; allein der Pastor, dem Shirleymanor als ein Filial zustehet, fing heftig an darwider zu schreien, und drohete, ihn offentlich fur einen Kirchenrauber zu erklaren, wo er sein Vorhaben ausfuhren wurde. Sir Carl hat der Schwachheit dieses Mannes nachgegeben, und also ist es unterblieben. Das sehenswurdigste Stuck in dieser Kapelle war die Masquenkleidung der Lady Grandison, als einer arkadischen Prinzessin, worinne sie von Sir Hargrave Pollexfen war entfuhret worden. Die selge Frau Shirley hat sie zum ewigen Andenken hier aufzuhangen befohlen, damit die Nachkommen bei Erblickung dieser Kleidung an die Gefahr und an die wunderbare Errettung ihrer Henriette erinnert werden mochten, eben so wie man zu gleicher Absicht in Deutschland ehemals die Ordenskleider einiger aus den Klostern entsprungenen Nonnen in den Kirchen aufbehalten hat.

Der 20 war zum Abschiede bestimmt. Oncle Selby weinte wie ein Kind, da ich anfing, mein weitlauftiges und wie ich hoffe wohl ausstudiertes Abschiedskompliment herzubeten. Er drehete sich mehr als zehnmal unter meiner Harangue auf dem Absatze herum, um seine Thranen zu verbergen, die ihm aber doch immer uber die dicken Backen herab rolleten. Im Anfang wollte er zwar noch Scherz machen: verrammelte Thur und Thor, rief zum Fenster hinunter, da ich aufstund Abschied zu nehmen; da er aber hernach sahe, dass es Ernst war, wollte er sich uber meine Abreise nicht zufrieden geben. Seine Dame und die Frauleins beobachteten mehrere Anstandigkeit. Ich hatte zum Ungluck nur auf ein Kompliment studiret, und konnte fur die Frauleins nicht sogleich ein neues erdenken; ich bewegte also nur gegen sie die Lippen und machte dazu ein Halbdutzend Reverenze. Die Frauleins beobachteten eben dieses gegen mich und beantworteten jeden Reverenz mit einem ellentiefen Knicks. Hundert Empfehlungen wurden mir von allen und ins besondere von Fraulein Lucien an Sie aufgetragen. Herr Selby schwur, wenn er noch vor seinem Ende Sie bei sich zu bewirthen das Gluck haben konnte, so wollte er mehr darauf gehen lassen, als Sir Carls Hochzeit gekostet hatte.

Den 22 liess ich mich bei dem Lord W. melden, nachdem ich Tages vorher in Londen angelanget war. Er kam mir bis an die Treppe entgegen gefahren. Weil er als ein Erzpodagrist seine Fusse nicht wohl brauchen kann: so hat er sich einen Stuhl mit kleinen Radern verfertigen lassen, der einen Himmel, gleich einem Baldachin hat. Auf diesem Stuhle ruhet er wie ein asiatischer Prinz auf seinem Throne. Zween seiner Bedienten, denen er eine Art von Kutschgeschirre hat machen lassen, mussen ihn im ganzen Hause herum fahren. Diese Erfindung hat mir so wohl gefallen, dass ich Ihnen das Model davon wunschte. Der Lord versicherte, dass er wegen dieser Bequemlichkeit seine podagrische Zufalle gar nicht mehr achtete, und nur wunschte, sich noch zwanzig Jahr dieses Fuhrwerks bedienen zu konnen. Er priess sich glucklich, und erhob seinen Neveu, den Baronet, dass er ihm eine Gemahlin verschafft hatte, die ihm den Rest seines Lebens so angenehm machte, als er sich solches vorher selbst unangenehm gemacht hatte, und er gab mir den Rath, wenn ich mich einmal zu verheirathen gedachte, so sollte ich ja keinen andern als Sir Carln zu meinem Freiersmann wahlen. Er eroffnete mir, mit einer Zufriedenheit uber sich selbst, dass seitdem er angefangen hatte, diesen seinen Neffen als das Vorbild seiner Handlungen zu betrachten, so befand er sich in einer recht stoischen Gemuthsruhe. Er ersuchte mich zugleich, ihm nur Nachricht zu ertheilen, wie weit es mein Herr Oncle in der Nachahmung dieses grossen Mannes gebracht hatte. Aus dem Lobe, welches ihm Sir Carl oftmals selbst beileget, sagte er, muthmase ich, dass er sehr glucklich darinne ist. Bezeigen sie Ihm deswegen meine Beifreude, und muntern sie ihn auf, in seinem guten Vorhaben fortzufahren. Beim Abschiede begleitete er mich auf eben die Art wie beim Empfange auf seinem podagrischen Staatswagen mit vieler Hoflichkeit uber den Saal bis an die Treppe zuruck.

Den 23 machte ich mich auf den Weg nach Beauchampshire und langte den 24 daselbst an. Sir Beauchamp hatte es sich gar nicht versehen, dass ich noch eine besondere Reise zu ihm thun wurde, um von ihm Abschied zu nehmen und er schien daruber ganz ausserordentlich vergnugt. Nach den ersten Umarmungen erkundigte er sich sogleich nach Ihnen, und fragte mich, ob Sie den Zwang noch aushalten konnten, den Sie Sich unfehlbar, um in den Wegen Sir Carls zu wandeln, anthun mussten. Ich sagte, Sie ware vollkommen Herr uber sich selbst, und also kame es Ihnen nicht schwerer an, ihr Herz nach dem Herzen Sir Carls zu bilden, als alle ihre ausserlichen Umstande nach dem Geschmack dieses ausserordentlichen Mannes einzurichten. Er erstaunte uber ihre Standhaftigkeit, und gestund, dass die Deutschen zur Nachahmung geschickter waren als die Britten. Wenn ich, sagte er, nach dem Urtheile Sir Carls mir schmeicheln kann, ihm einigermassen ahnlich geworden zu seyn: so muss ich zugleich gestehen, dass ich in England der einzige bin, der den Fusstapfen desselben glucklich gefolget hat. Denken Sie nicht, dass ich dieses aus Eitelkeit sage, es kann mir daher in keinerlei Absicht ein Verdienst erwachsen: ich habe nichts gethan, als wozu ich bin verbunden gewesen. Jedermann hat eine Pflicht auf sich, seine innerlichen und ausserlichen Vollkommenheiten nach Moglichkeit zu befordern: aber nur ein Sir Carl ist im Stande, diese Pflicht zu erfullen. Es haben sich in England mehr als tausend Leute auf dem Pfad der Tugend gemacht, um den Baronet zu folgen; keiner aber hat diese Laufbahn vollendet, ich selbst folge ihm nur von ferne, wie Petrus. Oder wollen sie, dass ich die unbandigen Leidenschaften der Menschen mit einem Strome dergleichen soll, uber welchen man schwimmen muss, um an das Gestade der Vollkommenheit zu gelangen; so ist es an dem, dass viele, da sie Sir Carln haben landen sehen, kuhn genug gleiches gewaget haben: sie sind aber alle von der Gewalt desselben schnell fortgerissen worden, und ich selbst scheine nur auf einer Sandbank zu ruhen, da hingegen Ihr Herr Oncle mit Riesenschritten diese feindseligen Wogen durchwadet und bereits einen Fuss an das Trockene gesetzet hat Wir unterredeten uns noch eine gute Weile uber diese Materie, bis wir endlich beide nichts mehr davon zu sagen wussten, und genothiget wurden, etwas anderes aufs Tapet zu bringen. Ob ich gleich dem Herrn Beauchamp Dero Schloss, die Einrichtung des Musikzimmers, die Bildergalerie und alle dazu gehorigen Stukke sammt und sonders uber zehnmal aus den Briefen meiner Schwester und des Herrn Lamperts beschrieben habe, dass ich dachte, er hatte sich langst mude daran gehort, so musste ich ihm doch alles von neuem wieder erzahlen. Er fragte ins besondere nach Ihrer Bibliothek. Ich wurde uber diesen Punkt in einige Verlegenheit gesetzt, und fing an mich zu rauspern, damit ich einige Zeit gewinnen mochte, mich auf eine schickliche Antwort bey dieser Frage zu besinnen. Die Geschichte des Herrn Grandisons dient meinem Oncle statt aller Bucher, sagte ich, er hat sich zwolf Exemplare davon binden lassen, und diese erfullen einige Schranke, er dienet damit jedermann, der dieses Hauptbuch zu lesen verlangt. Sir Beauchamp bedauerte, dass dieses vortreffliche Werk nicht gemeinnutziger gemacht, und auf eine solche Art eingerichtet wurde, dass man es dem gemeinen Manne auch in die Hande spielen konnte, damit die Gesinnungen der Grossmuth und der Tugend, die den Geringen im Volk kaum dem Namen noch bekannt waren allgemeiner wurden, ich gab ihm Beifall. Er hat eine vortrefliche Bibliothek. Die Bronzen des D. Bartletts und des Pater Marescotti geben solcher keine geringe Zierde, sie stehen gegen einander uber mit offnem Munde, als wenn sie disputirten, der Pater macht ein schrecklich boses Gesichte. Die Bronze des Doctors ist von einer vortreflichen Composition, ein fehlgeschlagener Prozess eines Goldmachers hat die Materie dazu geliefert. Sir Beauchamp fuhrte mich aus der Bibliothek in sein Musikzimmer, und hatte die Gefalligkeit fur mich, eine vortrefliche Motete abzuorgeln. Da wir aber beide alleine in dem Zimmer waren, so musste ich mir gefallen lassen, die Stelle eines Calcanten zu vertreten. Bei unsrer Zuruckkunft in das Besuchzimmer fanden wir die Lady Beauchamp daselbst, welche eben von einem Besuche, den sie bei einer ihrer Nachbarinnen abgeleget hatte, zuruckkommen war. Der kleine Beauchamp musste mir die Hand kussen. Sein Papa verlangte, ich sollte ihn examiniren, er bestund noch so ziemlich; doch konnte man es merken, dass sein Lehrmeister weder ein Lampert noch ein Bartlett war. Seine Mama mit dem Finger in den Augen suchte ihre Freudenthranen uber das geschickte Sohngen zu verbergen.

Den 25. Heute bekam Sir Beauchamp einen unvermutheten Gast an den Lord G. Seine Seele war von einem Wirbelwinde zerrissen, er hatte mit seiner Gemahlin Handel bekommen und war entflohen. Vor dem Richterstuhle Sir Carls darf von diesem unruhigen Paare keine Klage mehr angebracht werden, sie haben deswegen den Herrn Beauchamp zu ihrem Richter erwahlet. Die muthwillige Ader Charlottens regt sich noch immer, obgleich bei andern Gelegenheiten als ehedem. Der Lord G. darf jetzo ungestraft in ihr Zimmer dringen, er darf sie auch einmal herzen, ohne eine Spotterei zu befurchten, uber diese Dinge hat sie sich lange mude gescherzet; es fehlet ihr aber nicht an neuen Erfindungen, kleine Zankereien mit ihm zu unterhalten, und ihre Leichtfertigkeit ist ihm jetzo desto empfindlicher, weil sie einige Jahre so fromm wie ein Lamm gewesen ist, und nur seit einiger Zeit wieder angefangen hat, ihrem Muthwillen den Zugel zu lassen. Diesmal war die Ursache ihres Zwistes diese: ihr Schosshundgen war von einer Bremse in ihrem Zimmer erbarmlich gestochen worden, sie stellte sich uber dieses Ungluck ganz trostloss. Der Lord wollte sie zufrieden stellen; sie gab ihm aber Schuld, er hatte das Fenster mit Fleiss offen gelassen, damit er diesem Ungeziefer einen freien Zugang verschaffte, ihr Hundgen zu peinigen. Er schwur, dass er in Jahr und Tag nicht ein Fenster in ihrem Zimmer geoffnet hatte. Wenn sie in dem Zimmer ware, sagte er, so sehnte er sich nicht nach dem elenden Zeitvertreib am Fenster zu gucken. Weit gefehlt, dass sie durch dieses schmeichelhafte Kompliment ware beruhiget worden, so schalt sie ihn einen Arglistigen und einen Bosshaften, der sich ein Vergnugen machte, sie zu tucken, um sie hernach bedauern zu konnen. Ohngeachtet der Lord wusste, dass sie nur nach ihrer Art scherzte, durch die Lange der Zeit hat er endlich ihren Charakter ausstudiret: so wollte er doch diese Beschuldigung, ob er gleich nur eine scherzhafte Beschuldigung war, nicht auf sich sitzen lassen. Er fing an sich zu rechtfertigen, sie hielt ihm Widerpart wie die Frau aus dem Gellert. Er wurde dadurch so aufgebracht, dass er mit zorniger Eilfertigkeit das Zimmer verliess, seinen Hengst zu satteln befahl und mit verhengtem Zugel nach Beauchampshire rennte, um seine Gebieterin daselbst zu verklagen. Herr Beauchamp fallete darauf das Urtheil, der Lord sollte so lange bei ihm bleiben, bis seine Gemahlin ihren Fehler erkennen und zur Strafe selbst nach Beauchampshire kommen wurde, um sich mit ihm auszusohnen. Dieses geschahe auch schon den Tag darauf am

26 October. So bald man Wind davon bekam, dass Lady G. im Anzuge begriffen ware, bewaffnete sich der Lord mit einem steifen und ernsthaften Gesichte, er nahm die Gestalt eines erzurnten Ehemannes an, und eine Dame, die weniger Muth besessen hatte, als die Lady G. wurde ohne Zweifel bei dieser Amtsmine in Ohnmacht gefallen seyn. Da sie Herr Beauchamp aus dem Wagen hob, nennte sie ihn ihren Asmodi weil er ihrem Tyrannen bei sich Unterschleif gegeben hatte, und ihn mithin in seiner Bossheit verstarkte. So bald sie ihren Herrn ansichtig wurde, warf sie ihm einen solchen leichtfertigen zartlichen Blick zu, der in einem Augenblicke, gleichsam mit einer Zaubermacht, seine Lowengestalt in einen furchtsamen Hirsch verwandelte. Er eilte hupfend auf sie zu und druckte ihre Hand mit seinen Lippen. Nur einen Augenblick vorher ruhmte er sich, wenn seine Gemahlin kame, wollte er aussehen wie Hercules, da er ausgegangen ware, die Lernaische Schlange zu erlegen, und da sie kam, war er Hercules bei der Omphale. In dem Putzzimmer der Lady Beauchamp wurde uber dieses seltsame Paar ein Ehegericht gehalten, und ich erhielt die Stelle eines Beisitzers. Beide Theile wurden nach einem kurzen Verhor versohnet, und der Lady G. wurde auferlegt wenigstens in vier Wochen nicht die geringste Leichtfertigkeit gegen ihren Herrn auszuuben, widrigenfalls sollte er befugt seyn, ein Vierteljahr lang sich von ihr von Tisch und Bette zu scheiden. Es wurde hierauf beschlossen, den folgenden Tag in Grandisonhall einen Besuch abzulegen. Weil die Gesellschaft wusste, dass ich dahin gehen wurde, um von Sir Carln Abschied zu nehmen: so versprachen sie, mich dahin zu begleiten. Lady G. sagte, ich wurde daselbst den Lord L. und seine Gemahlin antreffen, und nicht nothig haben, ihnen eine besondere Visite zu Kollnebrocke, wo sie sich gemeiniglich aufhalten, abzustatten. Sie versprachen alle, bis zu meiner Abreise nach Londen bei Sir Carln zu bleiben, um diese wenigen Tage noch in meiner Gesellschaft zuzubringen. Das war fur mich sehr vortheilhaft gesprochen, und ich sagte dafur das beste Danksagungskompliment, das mir der Magister Lampert jemals gelernet hat.

Den 27 trafen wir in Grandisonhall ein. Wir hatten unsere Ankunft bereits den Tag vorher melden lassen. Ich schrieb einen besondern Brief an Sir Carln, und erbat mir die Erlaubniss, ihm nochmals meine Aufwartung machen zu durfen, um ihm theils meine Danksagung fur die freundschaftliche Bewirthung in seinem Hause mundlich abzustatten; theils aber auch als ein Abgeordneter meines Herrn Oncles denselben zu Fortsetzung seiner Freundschaft zu empfehlen. Ich hatte mich diesem meinen Charakter gemass equipiret, und noch zwei Miethlaqueien angenommen. Sir Beauchamp borgte mir einige Handpferde mit prachtigen Decken, nebst zween Maulthieren, welche noch von dem Zuge, den er mit aus Italien gebracht hat, ubrig sind. Ob sie gleich nur leere Korbe trugen: so machten sie doch meinem Aufzuge durch das vortrefliche Gelaute, welches aus lauter silbernen Schellen bestund, und durch ihren hohen Federstutz ein vortrefliches Ansehen. Ich sass ganz alleine in des Herrn Beauchamps Staatswagen, welchen er so sehr schonet, dass er ihn seit seiner Vermahlung nicht wieder gebraucht hat. Vor mir befanden sich des Lord G. und des Herrn Beauchamps Kutschen, welche beide Herren die Gewogenheit hatten, nebst ihren Gemahlinnen mein Gefolge zu vergrossern. Die Maulthiere Packund Handpferde eroffneten den Zug, so wie eine Anzahl leerer Bagagewaagen, die noch aus dem Feldgerathe des Urgrossvaters des Herrn Beauchamps abstammten, solchem mit einem starken Gerausche beschlossen. Auf der Granze des Territorii Sir Carls wurde ich durch einen Ausschuss der angesehensten Unterthanen desselbigen in seinem Namen bewillkommet. Der Burgermeister eines Fleckens der dem Baronet zugehoret, befand sich an ihrer Spitze und hielt an mich eine wohlgesetzte Rede. Er ist seiner Profession nach ein Balbierer und hat zugleich die Aufsicht uber Sir Carls Hausapotheke. Ob er mich gleich sehr genau kennete, indem ich uber ein Halbjahr sein Kundmann gewesen bin: so machte ihn doch das prachtige Ansehen, worinne er mich jetzo als einen Ambassadeur erblickte so verwirrt, dass er beim Anfang seiner Rede schon zitterte und bebte und in der Mitte gar stecken blieb. Ich wurde dadurch gewarnet, mich seinem Scheermesser nicht wieder anzuvertrauen, er hatte mir aus Ehrfurcht die Kehle abschneiden konnen. Ich hielt aus meinem Wagen an diese Abgeordneten wieder eine kleine Gegenrede, und versicherte sie der Gnade meines Herrn Principals, und dankte fur ihre Bemuhung. Sie begleiteten mich hierauf mit entblossten Haupte zu beiden Seiten meines Wagens als eine Leibwache, bis in den Schlosshof zu Grandisonhall. Wir passirten durch ein paar Dorfer, die der Gerichtsbarkeit des Baronets unterworfen sind, und er hatte befehlen lassen, dass man mir zu Ehren alle Glocken nach englischen Gebrauche lauten musste. Dieses zog das neugierige Volk haufig herbei, jedermann wollte den Abgesandten sehen, es entstund ein solches Gedrange um meine Kutsche, dass ich einige mal halten liess, damit nicht etwann ein Kind mochte ins Rad kommen. Unterdessen machten meine Trabanten ziemlich Platz. Einer davon that sich besonders hervor, er hatte einen Reisehut, der mit einem breiten Aufschlage von Pelzwerk versehen war, da er nun aus Respect gegen mich sich nicht bedecken durfte: so brauchte er solchen als ein Gewehr, und schlug die Leute damit auf die Kopfe, wenn sie nicht Platz machten. Er erregte dadurch eine solche Furcht gegen sich, dass alles von einander flohe, so bald er nur seinen Reisehuth uber den Kopf schwung, und alle Zuschauer buckten sich, nicht anders als ein Volk furchtsame Rebhuner, wenn der Stossvogel uber ihnen schwebt. Sie konnen sich mein Vergnugen nicht lebhaft genug vorstellen, welches ich empfand, da jedermanns Auge auf mich gerichtet war, ich war nicht wenig stolz darauf. Wer weiss, ob ein Spanischer Abgesandter, der seinen offentlichen Einzug in Londen halt, sich so viel darauf zu gute thut, wenn man, um ihn zu sehen, Fenster miethet, als ich bei meinem feierlichen Einzuge in Grandisonhall. So viel ist gewiss, dass der stolze Michel, wenn ihm sein Vorhaben Herzog zu werden gelungen ware, in seinem Staatswagen sich nicht arger hatte blahen konnen als ich es that. Einige Leute haben aus meiner nachdenklichen Mine schlussen wollen, ich musste Dinge von der grossten Wichtigkeit bei dem Herrn Grandison anzubringen haben, und ein Gastwirth hat meine Leute den Tag darauf, da sie zu Biere gegangen waren, durchaus bezechen wollen, um von ihnen das Geheimniss herauszulocken. Man begnugte sich nicht, mich ans Ende des Dorfs zu begleiten, das Volk folgte meinem Wagen von einem Dorfe bis zum andern, und alle Augenblicke sahe ich die Menge gleich einem fortgewalzten Schneeball vergrossert. Wie eine wilde Fluth, die den Damm durchbricht mit einem furchtbaren Getose daher rauscht und alles, was ihr vorkommt, mit sich fortreisst: so verschlang auch diese Woge des neugierigen Volks alle Wandrer in sich, die ihr unterweges aufstiessen. Halten sie mir diese Ausschweifung zu gute, hier regt sich meine poetische Ader, und meine Gedanken bekommen wider Willen einen Schwung. Es stehet nicht in meiner Macht, solches zu verhindern, die Erinnerung dieses glanzenden Auftritts bringet alle meine Lebensgeister in Bewegung, und in dieser Begeisterung schwingen sich meine Gedanken so kuhn wie mein Ausdruck empor. Die Fusstapfen des Volkes gingen alle nach Grandisonhall zu und keine gieng ruckwarts eben wie bei der Hole des Lowens in der Fabel. Ich dachte es wurde meinem Herrn Principal sehr ruhmlich seyn, und mich in den Augen der Unterthanen Sir Carls in einem noch glanzendern Lichte vorstellen, wenn ich den guten Leuten, die meinem Wegen nachzufolgen sich die Muhe nahmen, etwas zum besten gabe. Mein Heinrich musste deswegen alle Scheidemunze, die er bei sich hatte, und die sich ungefehr auf zwei Guineen belief, unter das Volk auswerfen; ich gab ihm aber zugleich die Lehre, solches auf eine anstandige Art zu thun, und nicht mit einem bauerischen Wesen Fauste voll wegzuschmeissen, wie man eine Familie heishungriger Huner futtert. Er befolgte meinem Befehl genau, und streuete alle funfzig Schritte nur eine Prise davon aus; ich sahe aber mit Verdruss, dass meine Absicht doch nicht vollig erreicht wurde: der Mann mit seinen Reisehute wusste das Geld so kunstlich damit aufzufangen, dass nur dann und wann ein Sechser fehl ging und die Erde erreichte. Weil ihn jedermann furchtete, so wagte es niemand sich zu dem Ausspander meine Freigebigkeit zu nahen, um etwas zu erhaschen. In dem Schlosshofe zu Grandisonhall paradirte die Kompagnie, welche Sir Carl zum Dienste seines Vaterlandes als ein wahrer Patriot auf seine Kosten angeworben hat. Ich hatte die Ehre mit klingendem Spiel und fliegender Fahne empfangen zu werden, die Officiers salutirten mich mit dem Esponton. Sir Carl empfing mich meinem Charakter gemass und uberhaufte mich Ihrentwegen mit Ehre. Doctor Bartlett vertrat die Stelle eines Ceremonienmeisters. Ich brachte mein Wort, unter der vortreflichsten Versammlung, die man finden kann, bei dem Baronet an, er erkundigte sich, ob Sie noch wohl auf waren, und gab mir die Versicherung, dass er sich ein wahres Vergnugen daraus machen wurde, Ihnen bei jeder Gelegenheit Beweise seiner Freundschaft zu geben. Lady Grandison, Lord L. und seine Gemahlin, empfingen mich gleichfalls mit vieler Hochachtung. Wir gingen hierauf zur Tafel; sie war so prachtig, dass man einen Konig daran hatte bewirthen konnen. Alexanders Gastmahl wurde dabei in dem Musikzimmer, welches an den Speisesaal stosset, aufgefuhret. Sir Carl brachte Ihre Gesundheit unter Trompeten und Pauckenschall aus, dieses war gleichsam ein Intermezzo zu dem Singestucke. Es wurden hierbei einige kleine Canonen dreimal hintereinander abgefeuert und die Militz gab zugleich eine Salve aus dem kleinen Gewehr. So oft Ihre Gesundheit nachgeholet wurde, so oft wurden auch die Salven wiederholet; weiter aber wurde keine ausgebracht. Der Baronet hat als im weiser Mann sich, wie es scheint, eine Regel gemacht, nie etwas zu thun, daraus nicht einiger Nutzen entstehet, nach diesem Gesetze lasst er, wie Sie wissen, seinen Pferden die Schwanze nicht stutzen, und nach eben diesem Gesetze liess er auch seinen Leuten nicht mehr Salven geben als nothig war, Ihnen eine Ehre zu erweisen, und sie zu gleicher Zeit im Feuern zu uben. Lady G. wagre es, ihres Bruders Gesundheit zu trinken, und wollte durchaus haben, dass dazu sollte gefeuert werden: der Baronet sagte ihr aber, man ware aus Liebe gegen das Vaterland verbunden, ohne Noth nichts dazu beizutragen, dass der Preis des Pulvers gesteigert wurde, und damit musste sie sich beruhigen. Mich dunkt, das war von diesem grossen Manne sehr vortreflich gedacht. Am Rande dieses Tages, welcher einem so glanzenden Vergnugen gewidmet war, zeigte sich noch eine kleine Wolke, die aber bald voruber gieng. Nach der Tafel musste die Militz ihre Manoeuvres machen. Jeder that sein Bestes, den Beifall der Zuschauer zu verdienen. Sie waren ziemlich fertig in den Handgriffen, jedoch da sie das Gewehr verkehrt schuldern sollten, versahe es einer, und schlug seinen Cameraden dergestalt mit der Flintenkolbe vor den Kopf, dass er zu Boden sank. Die Besturzung uber diesen Zufall war allgemein, es fehlte nicht viel, dass Lady Grandison in Ohnmacht gefallen ware. Wer nur ein Schwammbuchsgen bei sich trug, der holte es heraus und roch daran, um die durch das Schrecken verjagten Lebensgeister, wieder zuruck zu rufen. Zum Gluck war der Chirurgus noch bei der Hand, welcher sogleich aus Sir Carls Hausapotheke mehr als zehn Buchsen herbeiholete, aus welchen er den Verungluckten so lange salbte, bis er wieder zu sich selber kam. Sir Carl lasst ihn wegen dieses Unfalls, worzu er die Veranlassung glaubt gegeben zu haben, auf seine Lebzeit taglich eine Kanne Bier und eine Zeile Semmeln reichen.

Den 28. Heute hatten wir den artigsten Zeitvertreib, den man erdenken kann. Herr Grandison unterscheidet sich von dem grossten Theile des englischen Adels dadurch, dass er keine von den Lustbarkeit, die man in den meisten adelichen Hausern fur unentbehrlich halt, in seinem Hause gestattet. Ehedem war er kein Feind von den so genannten unschuldigen Ergotzlichkeiten, man machte in seinem Hause ein Spiel, man sahe dann und wann ein Hahnengefechte, er gestattete auch ein Pferderennen, wiewohl er daran nie einen Gefallen hatte: allein seit einiger Zeit hat er dem ersten ganz und gar entsaget, seine besten Streithahne sind geschlachtet und verzehret, und das Wettrennen hat er schon seit einigen Jahren verschworen. Es darf keine Karte mehr in sein Haus kommen. Der Doctor Bartlett fand ehemals ein grosses Vergnugen am Lombre, Sie wissen aus der Geschichte Sir Carls, dass der Doctorn gern spielet; allein er war einmal unglucklich, und verlohr an die Lady G. seine ganze Jahrbesoldung, welche ihm aber den Tag darauf das Geld grossmuthig zuruck gab. Von dieser Zeit an hat er dem Baronet das Spiel zuwider gemacht, und es wird in ganz Grandisonhall nunmehro fur einen Zeitverderb gehalten. Hingegen wird das Tanzen gestattet: weil es zur Ermunterung des Gemuths und zur Bewegung des Leibes dienet. Da der Doctor nicht mehr spielet, so hat er auf Bitte der Lady G. noch in seinen alten Tagen mussen tanzen lernen, er tanzt nur eine Menuet, aber mit einem recht guten Ansehen. Musik hort man in Sir Carls Hause alle Tage; jedoch da diese beiden Ergotzlichkeiten zu wenig sind, eine Gesellschaft zu unterhalten: so hat Sir Carl auch fur eine vielfaltigere Abwechselung des Vergnugens seiner Gaste gesorgt. Wir brachten dismal den Tag folgendergestalt hin. Vormittage beim Thee wurde die Londener Zeitung zugleich mit herum gegeben, man erzahlte daraus die betrachtlichsten Umstande der ganzen Gesellschaft: denn das Frauenzimmer liess die Zeitungsblatter fur sich vorbeigehen. Der Hauptinnhalt unsres Gesprachs betraf ein reichbeladenes englisches Schiff, welches in einem franzosischen Hafen war aufgebracht worden. Sir Carl erzahlte diesen Unglucksfall, und beklagte als ein Patriot den Verlust, den die Eigenthumer des Schiffs und des Vaterlandes dadurch erlitten hatten. Lord L. der dem Baronet in den patriotischen Gesinnungen gleich kommen, wo nicht gar ihn ubertreffen will, verwarf diese Nachricht, weil sie etwas nachtheiliges fur das Vaterland enthielt, als eine Erdichtung. Lord G. fand in seinem Blatte wenige Zeit hernach aus Deutschland einen Artikel, dass es zwischen den Vortruppen der Alliirten und Franzosen etwas gesetzt habe, dass sich jene in etwas zurucke ziehen mussen, und ein Regiment Bergschotten dabei vieles gelitten hatte. Das ist abermals, sagte der Lord L. eine bosshafte Unwahrheit, man sieht es augenscheinlich, dass dem Zeitungsschreiber von Frankreich aus die Hande sind versilbert worden, man sollte ihm den Prozess machen. Die Bergschotten sind nicht gewohnt, fugte er hinzu, die Hande in die Tasche zu stecken, wenn sie gegen den Feind gefuhret werden. Lord G. wollte ihn widerlegen und gab sich viele Muhe ihm begreiflich zu machen, dass, ungeachtet der Tapferkeit seine Landsleute, es doch wohl moglich ware, dass sie einmal der Menge gewichen waren; er war aber nicht zu bekehren, und wurde so eifrig, dass er den Lord G. der wider seine Neigung in der Hitze die franzosische Partei nahm, des Hochverraths wurde beschuldiget haben, wenn Sir Carl nicht durch sein Ansehen die Sache noch zu rechter Zeit beigeleget hatte. Die Tafel war diesmal auf den ordentlichen Fuss eingerichtet, das ist, Sir Carls Lektor bestieg den kleinen Catheder in dem Speisesaale und las uns einige Stellen aus den kernhaftesten englischen Schriftstellern vor. Er ersetzte also die Stelle der Concertisten, die uns den Tag zuvor mit einer prachtigen Tafelmusik unterhalten hatten. Bei den ersten Gerichten, da die Zuhorer ihre Gedanken auf die Schussel gerichtet hatten, wurde eine trockene moralische Abhandlung keine Aufmerksamkeit verdienet haben, Sir Carl hatte deswegen die Verfugung gemacht, dass zuerst etwas munteres musste vorgelesen werden, wir bekamen etwas aus Swifts Mahrgen von der Tonne zu horen. Nach dem ersten Anbiss schlug Sir Carl mit der Gabel auf den Tisch, sogleich ergriff der Vorleser ein andres Buch, es handelte von den Feldzugen der Englander in Frankreich und mich dunkt, die damalige Lection begriff den Zeitpunct, welchen das Madchen von Orleans beruhmt machte. Eine vortrefliche Pastete brachte mich um den grossten Theil dieser historischen Vorlesung. Bei der letzten Tracht, die meistens in Schaugerichten bestund, wurde, weil der Magen nunmehro befriediget war, fur den Verstand am meisten gesorgt. Der Baronet gab wieder ein Zeichen mit der Gabel, und eine von den schonsten Stellen aus dem Milton, welche Herr Grandison selbst zu erlautern und aufzuklaren sich die Muhe gab, machte den Beschluss. Das Frauenzimmer verliess hernach nach Englischer Mode die Tafel, um in dem Nebenzimmer den Thee zu trinken, da unterdessen die Tafel fur die Herren von neuem mit Bouteillen besetzt wurde. Alle Arten von Weinen aus des Baronets Keller wurden ausgeprobt. Er eroffnete der Gesellschaft, dass er entschlossen ware, heute die gewohnlichen Preisse auszutheilen, die er jahrlich den fleissigsten seiner Unterthanen, und die sich vor andern besonders hervor thun, zu verehren pfleget, und ersuchte uns auf eine hochst verbindliche Art, ihm hierbei mit an die Hand zu gehen. Wir verfugten uns in den untern grossen Saal, welcher mit allerlei Hausgerathe, Kleidungsstucken und andern Nothwendigkeiten, nicht anders als ein Kaufmannsladen ausgezieret war. Herr Bartlett, des Baronets Secretar, ein Vetter des Doctors, uberreichte Sir Carln das Verzeichniss derer Personen, welche sich der Preisse wurdig gemacht hatten. Die Austheilung geschahe folgendergestalt:

1.) Thomas Mumford, Doctor Bartletts Schulmeister, erhielt fur sich eine Bassgeige, und fur seine Frau einen Muff: weil dieses Paar unter allen Unterthanen Sir Carls die Welt am meisten vermehret hatte. Die Frau Schulmeisterin war in Jahresfrist zweimal mit Zwillingen niedergekommen, und alle vier Kinder waren noch am Leben.

2.) Marmaduck Stephenson, einer von Sir Carls Pachtern, welcher in diesem Jahre die meisten Hamster gegraben, und auch die meisten Maulwurfe erlegt hatte, erhielt eine sauber geschnittene Flasche mit Silber beschlagen, welche mit dem besten Brandeweine gefullet war. 3.) William Amess, ein gewissenhafter Schneider, der am wenigsten in die Holle geworfen, und deswegen die meiste Arbeit bekommen hatte, erhielt ein neues Bugeleisen nebst einem stahlernen Fingerhut.

4.) Anna Burdens, eine bejahrte Frau, welche die meisten Eier zu Markte geschickt hatte, wurde dafur mit einer Brille und einer Wurzschachtel begabt, und dadurch zur ferneren fleissigen Abwartung ihres Berufs aufgemuntert.

5.) Samuel Sattock, ein Weinschenke, der in Sir Carls Gebiete den meisten Wein ausgeschenket hatte, vielleicht weil er ihn am wenigsten verfalschte, wurde fur seine Ehrlichkeit mit einem blechernen Trichter und einem neuen Zahlbrete belohnet.

6.) Maria Fischers, die im Rufe war, dass sie ein Geheimniss besass, in der ganzen Provinz die schmackhafteste Butter zu verfertigen, bekam, ob gleich ihre Butter von ihren Nachbarinnen fur Hexenbutter ausgeschrien wurde, ein halb Dutzend Muska

7) Johann Higgins, ein Topfer, der auf seine Schusseln und Telier sehr kunstliche Reime zu setzen pfleget, und auf allen Jahrmarkten deswegen grossen Abgang seiner Waare hat, wurde von Sir Carln zum Poeten gekronet, jedoch mit dem ausdrucklichen Vorbehalt: dass er dieser Ehre sogleich wieder sollte verlustig seyn, wo er seine Verse an einem andern Orte, als auf seinen Schusseln anbrachte. Es wurde ihm zugleich ein grosser Bierkrug mit einem zinnernen Beschlage zu seiner Hippokrene angewiesen und verehret.

8.) John Huberthorn, einer von des Baronets Forstbedienten, der einen Stahr, eine Amsel und einen Lubich so abgerichtet hatte, dass sie zusammen ein Trio pfeifen, bekam ein kunstliches Weidemesser, nebst der Anwartschaft auf eine bessere Bedienung.

9.) Fur einen beruhmten Kalendermacher in Londen wurde der Globus bestimmt, den der Hauptmann Salmonet und Major Ohara bewundert haben. Es gehoret dieser Mann zwar nicht zu den Unterthanen Sir Carls: dieser glaubt aber, dass er eines Preisses dem ungeachtet wurdig sey. Alle Hauswirthe in des Baronets Herrschaften haben nach ihrem einmuthigen Gestandniss dieses Jahr den grossten Nutzen von diesem Manne gehabt: Sein Wetterprognosticon ist auf ein Arbeit vollkommen nach der Vorschrift des Kalenders richten konnen. Der Lord L. gelobte diesem Ehrenmanne uber das Geschenke des Baronets noch ein vortreffliches Sehrohr, welches er besitzt: weil dieser Astronom mit der Sternseherkunst die in unsern Tagen so seltne Wissenschaft eines Astrologen verbindet, und aus der Constellation der Gestirne eine Prophezeihung von Krieg und Frieden an den diesjahrigen Kalender hat drucken lassen, die bis auf den heutigen Tag sehr punktlich eingetroffen ist.

10.) Ein gewisser Mann, der einmal hatte erzahlen horen, dass Ludwig der Grosse an einem Galatage in einem Kleide von Spinnweben erschienen ware, hatte durch langwierige Versuche es dahin zu bringen sich bemuhet, diesem zarten Gewebe eine Festigkeit zu geben, um es wie Seide zu spinnen und zu verarbeiten, zu dem Ende hatte er viele Jahre lang die Wohnungen der Spinnen vergeblich zerstoret, und dieses ungluckliche Geschlechte beinahe aus dem Gebiete des Baronets vertrieben. Endlich schien es ihm gelungen zu seyn, seine Absicht einigermassen zu erreichen; er drang mit einem grossen Gerausche durch die Menge von Leuten, welche die Mildthatigkeit des Baronets, theils als Zuschauer, theils als wurdige Besitznehmer seiner Wohlthaten, herbeigezogen hatte. Er wurde eingelassen und forderte einen Preis fur seine spinnstes uberreichte. Sir Grandison war geneigt, ihn solchem nach einer genauen Untersuchung zu ertheilen, er bekam eine ansehnliche Pelzperucke, um seinen Kopf fur der Kalte des herannahenden Winters zu schutzen, damit er zu mehrern dergleichen nutzlichen Erfindungen geschickt bliebe.

Wenn wurde ich fertig werden, alle die grossmuthigen Geschenke, welche der Baronet allen und jeden machte, die Beweise ihres Fleisses oder ihrer sinnreichen Erfindungen aufstellen konnten, der Lange nach zu erzahlen? Ich habe Ihnen hier nur einen kleinen Abriss von dem Eifer desselben gemacht, das Gute und Nutzliche auf alle nur ersinnliche Art zu befordern. Die ganze Gesellschaft fand bei der Austheilung dieser Preisse das vollkommenste Vergnugen. Oft setzte es einen kleinen Streit uber die Wahl derselben; doch uberhaupt muss man gestehen, dass die Belohnungen mit denen Personen, welche sie erhielten, immer ein ziemlich genaues Verhaltniss hatten. Lady G. beschaftigte sich nach ihrer Leichtsinnigkeit uber alle, die in das Zimmer traten, um einen Preis zu bekommen, Anmerkungen zu machen. Sie betrafen meistens die seltsamen Reverenze, die Lobreden derer auf Sir Carln, welche Preisse erhielten, ihren Gang und ihre Minen. Mir gefielen sie meistens, obgleich Sir Carl die wenigsten, weil sie alle sehr muthwillig len lachte, so sahe sie nur ihren Herrn an, welcher aus einer schmeichelhaften Gefalligkeit sogleich bereit war, durch sein uberlautes Gelachter ihren Scherz bei Ehren zu erhalten. Nach gethaner Arbeit, sagte der Baronet, ist gut feiern, wir begaben uns gegen sieben Uhr des Abends wieder in den Speisesaal und hernach wurde bis gegen Mitternacht getanzet. Der Doctor eroffnete den Ball mit Sir Beauchamps Gemahlin, er wurde auch ohne Zweifel bis auf den letzten Mann ausgehalten haben, wenn ihn nicht ein kleiner Zufall davon abgehalten hatte. Er wollte zu sehr bewundert seyn, und machte in einer Menuet eine so kunstliche Wendung auf einem Fusse, dass er ihn daruber verstauchte. Der Baronet war aber so sorgfaltig und liess durch zween handfeste Bedienten, ungeachtet des Schreiens des guten Mannes, den verstauchten Fuss so lange ziehen bis er glucklich wieder eingerichtet war. Ich denke, der Doctor wird sobald nicht wieder tanzen.

Den 29. Abermal ein neues Vergnugen! Herr Grandison ist in Erfindungen, seine Gaste zu belustigen, unerschopflich. Es scheint, dass er allen seinen Verstand angewendet hat, um mich noch zu guter letzt auf eine Art zu unterhalten, die fahig ist, von dem Vergnugen in Grandisonhall, mir einen solchen Eindruck zu machen, dass ich abwesend oftmals daran zuruck denken soll. Er hat heute seinen Welschen Thurm, der zu einer Sternwarte bestimmt ist, eingeweihet. Das ist ein sehr sehenswurdiges Stuck; ob er gleich nicht nach dem ersten Entwurf des Baumeisters ist aufgefuhret worden. Dieser Mann hatte den Einfall, ihn in Gestalt eines Sehrohrs aufzufuhren, man sollte ihn auch nach Belieben vergrossern und verkleinern konnen, er wollte zu dem Ende ein Stockwerk in das andere verbergen, nicht anders als ein Perspectiv, das man ausziehen und auch wieder zusammen schieben und ins kleine bringen kann; Sir Carl aber, der nicht alleine kunstlich, sondern auch dauerhaft bauen wollte, hat diesen Vorschlag verworfen und es bei dem alten gelassen. Demohngeachtet ist dieses Gebaude prachtig und kunstreich. Der Knopf wurde unter Trompeten und Pauckenschall hinaufgezogen, er ist so gross, dass er zu einer Vorrathskammer konnte gebraucht werden. Der Baronet will mit seinen besten Sachen darauf fluchten, und sich daselbst verstecken, wenn etwann bei jetzigen Kriegszeiten ein feindlicher Einfall geschehen sollte. Er ersuchte mich, den Herrn Magister Lampert zu bitten, nebst einem Verzeichnisse von allerlei Merkwurdigkeiten zu verfertigen, um beides wie gewohnlich in dem Knopfe dieses Thurms fur die Nachkommen aufzubehalten. Sir Carl hatte zwar im Anfang dem Doctor diesen Auftrag gethan: er entschuldigte sich aber und schlug seinen Freund den Magister Lampert dazu vor, welcher Vorschlag auch sogleich gebilliget wurde. Wegen der vortreflichen Aussicht speisten wir dismal auf der Sternwarte. Die Speisen wurden mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, vermoge einer besondern Maschine, aus der Kuche hinaufgezogen, dass also die Bedienten keine Beschwerung davon haben, wenn es ihrem Herrn beliebt, auf dem Thurme zu speisen. Wir liessen es uns allen auf dem Welschen Thurme recht wohl schmekken; ich glaube dass die reine Luft, welche man oben empfand, vieles dazu beitrug. Weil man nicht so viele Erddunste verschlucken durfte als in den untern Zimmern: so konnte man desto mehr Speise genussen. Ich konnte mich nicht gnug daruber verwundern, dass alle Gerichte zum Fenster hinein gebracht wurden, und auf eben diese Art trug man sie auch wieder ab, die leeren Buteillen flogen zum Fenster hinaus, und einige Augenblicke hernach erschienen sie wieder gefullt. Es kam mir nicht anders vor als wenn ich mich in dem Zauberpallaste befand, von welchen ich ehemals fast eben dergleichen Wunderdinge gelesen habe. Ein irrender Wandrer, erzahlt man, lagerte sich, da ihm die Nacht in einem Walde ubereilte, unter einen Baum, um den Tag daselbst zu erwarten. Er wunderte sich ungemein, dass er in einer kleinen Entfernung ein vortrefliches Schloss mit hohen Thurmen erblickte, welches er vorhero nicht bemerket hatte. Erfreut uber diesen unerwarteten Anblick, nahm er sein abgeladenes Bundel wieder auf den Rucken und seinen Stab in die Hand, und eilte darauf zu, um in solchem eine bequemere Herberge zu finden. Er war nicht so bald an das Thor gelanget, als sich solches offnete, er ging mit einer demuthigen Stellung hinein, um sich bei den Bewohnern desselben eine Nachtherberge zu erbitten: allein wie erstaunte er nicht, da er keine lebendige Seele darinne antraf. Es lief ihm ein kalter Schauer nach dem andern uber die Haut, endlich fasste er doch einen Muth und nahm das beste Zimmer, welches mit den herrlichsten Meubles versehen war, und von einer grossen Menge Wachslichtern erleuchtet wurde, fur sich ein. Wie glucklich ware man hier, sagte er zu sich selber, wenn man in einem so prachtigen Pallaste auch eine gute Mahlzeit zu erwarten hatte. Er hatte dieses kaum gesagt, so offnete sich das Fenster und eine Menge vortreflich zugerichteter Speisen kamen in eben dem Augenblicke durch solches, gleichsam auf den Flugeln des Windes getragen, zu ihm hinein. Er nahm dieses fur eine Einladung zum Genuss derselben an, setzte sich an eine Tafel und liess es sich wohl schmecken. Nachdem er die besten Weine versucht und sich mit dem schmackhaftesten Leckerbisslein gesattiget hatte, erhob sich alles wieder zum Fenster hinaus und verschwand. Ich dachte in der That auf der Sternwarte Sir Carls mehr als einmal an diesen Wandrer und freuete mich, dass ich beinahe ein gleiches Wunderwerk gesehen hatte. Nach der Tafel liess das Glockenspiel zum ersten male die vollkommenste Uebereinstimmung seiner Silberthone horen. Bei der Melodie einer italiaschen Arie sang Sir Carl den Text dazu mit einer sehr anmuthigen Stimme und vieler Geschicklichkeit ab. Nachdem Tische und Stuhle aus der astronomischen Wohnung waren weggebracht worden, hatte ich die Ehre, Lady Grandison zum Tanze aufzuziehen. Dieses ist das erste mal, dass ich nach dem Klange der Glocken getanzet habe. Um nicht eine Treppe von drei hundert Stufen abzusteigen, fuhr die ganze Gesellschaft eins nach dem andern, vermittelst der Maschine, durch welche die Speisen waren heraufgezogen worden, unter Trompeten und Pauckenschall von dem Thurme herab. Da ich dieses Luftschiff bestieg, gedachte ich an die Wunderkiste mit welcher ein morgenlandischer Kauffmann, welcher den Mahomed vorstellen wollte, in den stahlernen Pallast schiffte, worinne ein alter argwohnischer Konig seine schone Tochter verschloss. Ich wunschte, dass diese, worinn ich mich befand, eben so beschaffen seyn mochte, ich hatte sie dem Baronet gewiss entfuhrt, und wer weiss, an was fur einem guten Orte ich mich jetzo befand. Dieser Tag endigte sich also mit allgemeinen Vergnugen; ich konnte aber nicht ohne Grauen an den folgenden gedenken, den ich zum Abschiedstage bestimmt hatte. So wie ein armer Pabstler, der sich mitten im Genuss der Guter dieses Lebens zur Abreise in jene Welt anschicken muss, mit Schrecken dem Feuermeere des Fegefeuers entgegen siehet, auf welchem er Jahrhunderte hindurch herumschiffen soll: so sahe ich mit besturztem Augo dem Tage entgegen, welcher mich des Vergnugens in dem glanzenden Grandisonhall berauben und aus der Gesellschaft tugendhafter Weisen in das Gerausche der Welt zuruck bringen sollte . Abermals ein poetisches Bild! Der Abschied in Grandisonhall hat einen solchen Eindruck bei mir gemacht, dass mein Gemuthe noch voll Bewegung ist.

Den 30 Octobr. Erwarten Sie nicht von mir, hochgeschatzter Herr Oncle, einen vollstandigen Bericht der Begebenheiten dieses merkwurdigen Tages, mein Gemuthe wurde nicht stark genug seyn, eine lebhafte Vorstellung der zartlichen Trennung von so vielen verehrungswurdigen Freunden noch einmal zu ertragen. Gnug, am 30 October verliess ich unsern gemeinschaftlichen Gonner. Meinem Charakter, als einem Abgesandten von Ihnen, gemass, erhielt ich eine offentliche Abschiedsaudienz. Die ganze Gesellschaft hatte das Gesichte in weisse Schnupftucher versteckt, welche seit der Trauer um die selige Frau Shirley nicht waren gebraucht worden, um bei meiner beweglichen Abschiedsrede die Thranen damit aufzufangen. Sir Carl und seine wurdige Gemahlin befahlen mir an Sie tausend Komplimente, und baten sich sehr angelegentlich die Unterhaltung eines Briefwechsels mit Ihnen aus. Der Doctor Bartlett versicherte, dass ihm nichts angenehmer seyn wurde, als wenn er sich mit Ihnen durch den Mund seines Freundes, des weisen Herrn Magister Lamperts, unterreden, und Sie von der Hochachtung seines Gonners schriftlich versichern durfte. Er brachte zugleich feine Dinge von der nutzbaren Erfindung des Schreibens vor, und ruhmte die Vortheile der Neuern, die sie in dieser Kunst uber die Alten erlangt hatten. Diese, sagte er, hatten sich mit Baumrinde, Eselshaut und Wachstafelgen behelfen mussen: da hingegen die edle Schreiberei ein weit besseres Ansehen erhalten hatte, seitdem das Pappier ware erfunden worden, und die Ganse uns ihre Kielen zu den nothigsten Werkzeugen dieser Kunst geliehen hatten. Die ganze Grandisonische Familie segnete mich und Sie zugleich in meine Seele. Lady G. warf mir noch, da ich auf den Wagen stieg, einen sanften Kuss zu, um Ihnen solchen zu ubersenden; allein solche Kleinigkeiten lassen sich nicht wohl einpacken, ich habe solchen also alleine genossen. Lady Beauchamp sahe aus, als wenn sie den Schnuppen bekommen hatte, so dicke rothe Augen hatte sie sich geweint. Alle Herren umarmten mich, und die Ladys winkten mir Abschiedskusse zu. Meine Ohren gellen noch von dem Lebewohl, welches mir aus verschiedenen Tonen akordweise nachgerufen wurde. Ich glaubte, mein Gemuthe wurde in etwas wieder aufgemuntert werden, wenn sich in den Dorfern, in welchen ich vor wenig Tagen bei meiner Herreise nach Grandisonhall einen solchen Aufstand erreget hatte, wiederum ein Haufen Volk, mich zu sehen, um meinen Wagen versammlen wurde; ich hatte zwar jetzo nicht das ansehnliche Gefolge bey mir: ich machte aber doch noch eine ganz ansehnliche Figur. Allein dismal erfuhr ich, dass nichts unbestandiger als der Pobel. Obgleich in Sir Carls Dorfern mir zu Ehren alle Glocken gelautet wurden, und das Glockenspiel in Grandisonhall die beweglichsten Melodien hinter mir her spielte; ungeachtet ich auch meinen Postillion aus allen Kraften blasen liess: so wollte doch Niemand zum Vorschein kommen, der mich zu sehen verlangte, einige Bauern ausgenommen, die das Fenster halb aufschoben, und mit ihrem spitzigen abgegriffenen Huten mir unter das Gesichte guckten, ohne dass einer so hoflich gewesen ware, seinen Deckel abzunehmen, oder seine Tobakkspfeife zu verstecken, wenn ich vor seinem Hause voruber zog.

Den 31. traf ich wieder in Londen in meinem ordentlichen Quartiere ein. Ich machte dem ehrlichen Herrn Nerves meinen Abschiedsbesuch und hernach liess ich mich auch noch zum Vetter Eberhard bringen. Seine runde dicke gebietherische Frau empfing mich mit einer mittelmassigen Hoflichkeit und er erschien einige Zeit hernach im Schlafrocke. Seine Gebieterin schliesst ihm, wie man sagt, oftmals die Kleider ein, und macht ihn auf diese Art zum Arrestanten, damit er ihr nicht unversehens entwischt, und sie ihn hernach auf einem Coffeehause auslosen muss. Er schien sehr besturzt uber meinen unerwarteten Besuch und glaubte vielleicht, ich ware kommen, meine zwanzig Guineen wieder abzuholen. Es war dieses auch allerdings ein Bewegungsgrund bei mir, ihn zu besuchen. Ich dachte, er sollte sich selbst seiner Schuld erinnern, und mir solche abtragen: an dessen Statt aber fing er an lateinisch zu reden, damit es seine Frau nicht verstehen sollte. So viel ich einsehen konnte, wollte er mich ersuchen, mich nichts gegen sie merken zu lassen, dass er mein Schuldner ware; er gab mir aber seine Meinung so undeutlich und stammlend zu verstehen, dass ich nur rathen musste, was er ungefehr haben wollte; das Latein stund ihm gar nicht zu Gebote. Ich versicherte ihn in eben dieser Sprache, dass ich mir eine Ehre daraus machte, ihn in meinem Schuldregister zu finden, er konnte mir das Geld abtragen, wenn es ihm am bequemsten ware, ich wurde ihn disfalls nie bei seiner Liebste verklagen. Die Absicht meines Besuchs ware auch nicht, ihn an meinen Vorschuss zu erinnern, sondern nur von ihm Abschied zu nehmen, weil ich gesonnen ware, in wenig Tagen England zu verlassen. Er stellte sich sehr betrubt an, dass er mich, wie er sagte, als seinen besten Freund verlieren sollte: ich konnte es ihm aber ansehen, dass er uber meine Abreise sich heimlich sehr erfreute: weil mir dadurch die Gelegenheit abgeschnitten wurde, ihn ofters zu mahnen. Er wollte durchaus noch nicht vollig von mir Abschied nehmen, und versprach noch einmal selbsten in meinem Quartiere mich zu besuchen: seine Frau benahm ihm aber alle Hoffnung, sein Versprechen zu erfullen. So gesund er auch aussahe, so schutzte sie doch eine Unpasslichkeit vor, sie wurde nicht zugeben, sagte sie, dass er sobald an die Luft ginge, damit er nicht wieder ein Recitiv bekame. Ohne Zweifel hat er etwas grosses verbrochen, dass sie ihn mit einen so langen Arreste bestraft. Ich werde nun wohl die zwanzig Guineen aus Bein streichen mussen.

Vorgestern erhielt ich das Schreiben von Ihnen, Hochgeehrtester Herr Oncle, und erfreute mich nicht wenig, dass ich durch eine gluckliche Ahndung das bereits erfullet hatte, was Sie mir auftrugen. Ich schreibe von hieraus noch einmal nach Grandisonhall und werde nach Ihren Befehl den Doktor Bartlett ersuchen, fur Sie ein gutes Vorwort bei dem Pastor Wendelin einzulegen. In zwei Tagen gehe ich von hier nach Dowers, um von da nach Holland uberzuschiffen. In der Mitte dies Monats hoffe ich zu Strassburg zu seyn, daselbst erwarte ich in Zukunft Ihre Briefe. Da mich die englischen Freunde ihres Briefwechsels wurdigen wollen, so werde ich auch die Briefe an Sie empfangen und ich hoffe, Sie gonnen mir auch in Zukunft das Vergnugen, die Ihrigen nach England uber Strassburg gehen zu lassen, damit ich sie von da aus gehorigen Orts besorgen kann. Ewig Schade! dass ich dero Schreiben nicht einige Tage fruher erhalten habe, um die verlangten Portraits zu sammlen. Damit Sie indessen doch meine Bereitwilligkeit sehen, Ihre Befehle zu erfullen, so ubersende ich Ihnen diejenigen, welche mir von: Herrn Rerves, so bald er Ihren ruhmlichen Anschlag erfuhr, sind verehret worden und die er in duplo besitzt. Es sind sieben an der Zahl. Auf der Ruckseite derselben werden Sie finden, welche Personen aus der Grandisonischen Geschichte sie vorstellen. Zu den ubrigen ist mir gute Hoffnung gemacht worden, vielleicht habe ich bald das Vergnugen Ihnen auch diese zu ubersenden. Diesen Augenblick erhalte ich einen Brief von dem Herrn Richardson, worinne er mich nochmals an mein Versprechen erinnert, ihm die Briefe mitzutheilen, welche Ihre grossmuthigen Unternehmungen, dem Herrn Grandison nachzuahmen enthalten, ich werde ihm ihre Meinung uber diesen Punkt entdecken und ihm dazu Hoffnung machen. Weil es mein Schicksal nicht erlaubt in der glucklichen Gesellschaft Sir Carls meine Tage zuzubringen: so will ich doch meine Reisen so bald als moglich suchen zu vollenden, um bei Ihnen als seinem wurdigen Nachfolger das Vergnugen zu finden, das ich jetzo entbehren muss. Ich sehe der goldnen Zeit mit Verlangen entgegen, welche mich nach Kargfeld als dem zweiten Grandisonhall fuhren wird, wo die Bewunderung Ihres vortreflichen Charakters eine der angenehmsten Beschaftigungen seyn wird

Dero

gehorsamsten Dieners

v.S.

XIX. Brief.

Der Herr v.N. an die Frau v.W.

Den 30 Octobr.

Sie verdienten zwar mit mehrerm Rechte den Titel gestrenge Frau, denn Sie haben ziemlich strenge mit mir verfahren, und es fehlte einmal nicht viel, so hatten Sie mich mit Fausten geschlagen wie Satans Engel: aber ich will Sie dem ungeachtet gnadige Frau nennen, in der guten Hoffnung, dass Sie in Zukunft sich bessern und mit mir sich wieder versohnen werden. Sie sind ein weibliches, das ist, ein schwaches Werkzeug, und aus dieser Ursache komme ich Ihnen mit Ehrerbiethung zuvor, und thue Ihnen hierdurch zu wissen, dass ich es alles vergeben und vergessen will, was Sie mir zu Leide gethan haben Ich weiss wohl, dass Niemand anders als Sie selbsten den Major v. Ln. so sehr wider mich in Harnisch gejaget, dass er mich heraus gefordert. Es ist bekannt, wenn Sie anfangen zu griesgramen, so machen Sie es so arg, dass Sie im Stande waren, das ganze heilige romische Reich zusammen zu hetzen, wenn nur Ihr Gemahl ein Prinz ware. Nehmen Sie es nicht ubel, dass ich so alles von der Leber wegsage, es ist nicht bose gemeint. Wenn Sie gut sind, ob es Ihnen gleich selten ankommt, so sind Sie auch wieder recht gut. Wie gesagt, ich will, um unsern guten nachbarlichen Frieden wieder herzustellen, Ihnen alles vergeben. Den Major habe ich bereits durch meine Grundsatze zur Raison gebracht, wir sind wieder gute Freunde, und ich fasse das gute Vertrauen, dass Sie auf Ihrer Seite auch nicht ermangeln werden, sich mit mir zu versohnen. Sehen Sie nur, wie grossmuthig ich handele, ich will nicht nur wegen der vermeintlichen Beleidigung, die ich Ihnen soll zugefuget haben, hierdurch um Verzeihung bitten; sondern ich will auch noch ein ubriges thun, und Ihnen, wenn Sie es verlangen, Brief und Siegel ausstellen, dass ich Sie fur eine Dame von Ehre halte und nichts anders als gutes von Ihnen denke. Wenn Sie billig sind, so werden Sie nun Ihren Groll gegen mich fahren lassen, ich verspreche mir dieses eben so gewiss, als ich hoffe, dass Sie mir einen Beweiss Ihres versohnlichen Herzens dadurch geben werden, dass Sie mir bald das Vergnugen verschaffen als meiner Frau Schwiegermutter die Hand zu kussen. Ich lade mich bei Ihnen auf morgen zu einer guten Mahlzeit ein, um personlich zu erfahren, ob Sie wieder mit mir eins sind. Empfehlen Sie mich heute Ihrem Herrn und meiner unvergleichlichen Henriette. Morgen will ich es selbst thun und mich zugleich bemuhen, Sie zu uberzeugen, dass ich mit vieler Hochachtung bin

Dero

gehorsamster Diener

v.N.

XX. Brief.

Das Fraulein v.W. an das Fraulein v.S.

Wilmershausen, den 30 Octobr.

Ich freue mich recht sehr, dass wir morgen das Vergnugen haben, Sie, nebst dem Hrn. v.F. und seiner Gemahlin, hier zu sehen. Jacob hatte mir keine angenehmere Nachricht geben konnen, als dass er in einer Stunde nach Schonthal gehet, Sie einzuladen. Wissen Sie wohl, wer dazu Anlass gegeben hat? Lesen Sie innliegende Abschrift des Schreibens von dem Herrn v.N. an meine Mutter. Dieser Brief ist eben nicht so abgefasst, wie sie wunschet: sie hat sich aber doch vorgesetzt, den ausserlichen Frieden mit ihm wieder herzustellen. Der Major hat das meiste dazu beigetragen, sie wieder zu besanftigen. Der Hr. v.N. hat zum Beweiss seines Verlangens, sie wieder zur Freundin zu haben, sich auf morgen bei uns zu Gaste gebeten, um von ihr vielleicht eine mundliche Versicherung zu erhalten, dass sie ihm alles vergeben habe. Mich dunkt ich habe bei diesem Besuche nichts sonderliches zu furchten. Ich befinde mich sehr ruhig, und hoffe, der Hr. v.N. wird sich nicht so viele Freiheiten bei mir heraus nehmen, als das letzte mal, er muss ein wenig schuchtern thun und sich in einer gewissen Entfernung halten, morgen wird er gleichsam als ein Fremder in unserm Hause eingefuhret, der erst Bekanntschaft sucht, und dem die kleinen Freiheiten noch nicht verstattet werden, die eine lange Freundschaft erlaubt. Ich wollte, dass Sie ihm dieses konnten zu verstehen geben, so wohl meinet wegen, als um der ganzen Gesellschaft willen. Die Frau v.W. wurde, wenn er zu vertraut thun wollte, dieses als eine neue Beleidigung ansehen, und wohl gar wieder einen neuen Streit erregen, der allen verdrusslich seyn wurde. Die Zeile die ich in seinem Briefe unterstrichen habe, versichert mich, dass er noch immer eine gefahrlich Absicht auf mich hat. Wenn ich jetzo nicht befurchte, dass er sie erreichen wird: so habe ich doch immer Ursache zu furchten, dass er eine andere Ausfuhrung gegen mich beobachtet, als ich wunsche. Wenden Sie doch Ihre guten Bemuhungen an, ihn dahin zu bringen, dass er morgen gar nicht thut, als wenn ich gegenwartig ware. Ein Mann, der dem Grandison nachahmen will, muss ein Philosoph seyn, es wird ihm also nicht viel Muhe kosten, dieses von sich zu erhalten. Doch ich sehe, dass ich mich schon zu weitlauftig uber eine Sache heraus gelassen habe, die ich nur mit zwei Worten gedenken wollte. Meine Absicht bei diesem Briefe war allein diese, Ihnen das merkwurdigste zu erzahlen, was in unserm Hause seit meinem letzten Schreiben sich begeben hat, und insonderheit Sie von den Gesinnungen meiner Mutter, die sie gegenwartig von Ihnen hegt, zu unterrichten, damit Sie wissen, was Sie fur eine Stellung gegen diese anzunehmen haben. Legen Sie morgen Ihre gewohnliche Munterkeit nicht ab, und lassen Sie nichts zuruckhaltendes an sich blicken. Sie wissen, dass sie jede Mine, die ihr nicht naturlich genug scheinet, wider sich deutet und als eine Beleidigung annimmt. Wenn Ihnen etwas an der Gunst der Frau v.W. gelegen ist, ich sag es Ihnen zum Troste, dass Sie diese ganz wieder besitzen, so erscheinen Sie ja recht heiter. Es ist ein seltner Fall, dass man Sie zur Frohlichkeit ermuntern muss, Ihr Gemuth ist immer aufgeraumt: aber Sie konnen dadurch nur selten so viel Gutes, stiften, als ich mir morgen davon verspreche. Der Major hat viel dazu beigetragen, dass sie wieder vortheilhaft von Ihnen urtheilet. Er hat Sie gelobt. So ungern sie es sonst vertragt, dass jemand in ihrer Gegenwart gelobt wird, so willig hat sie ihm doch hierinn Beifall gegeben. Sie wollte Ihnen zwar Schuld geben, Sie hatten eine unuberwindliche Neigung, immer allerlei kleine Leichtfertigkeiten auszuuben; sie wollte Ihnen diese als einen Fehler anrechnen: da sie aber der Major nicht dafur erkannte, so anderte sie dieses Urtheil, und fing an, ihre Leichtfertigkeit zu entschuldigen und bald hernach zu vertheidigen; ja sie munterte ihre kleine Tochter auf, von Ihnen immer etwas zu lernen, um mit der Zeit so artig zu werden wie Sie. Wenn es der Herr v.N. nicht mit ihr verdorben hatte, so will ich eben nicht gut dafur seyn, dass sie so bald wieder Ihre Freundin worden ware. Der Zwist mit ihm hat, wie es scheint, auch keinen geringen Antheil an der geschwinden Aussohnung mit Ihnen. Er wird es aber sobald nicht dahin bringen, dass sie ihm vollkommen wieder gunstig wird, sie ist indessen ganz wohl zufrieden, dass der Streit mit dem Major sich ohne Zwiekampf geendiget hat. Ich denke, hiervon habe ich Ihnen schon vorlaufig Nachricht gegeben, und jetzt kann ich dieses bestatigen. Die Frau v.W. schreibt sich einen vollkommenen Triumph in dieser Sache zu, und glaubt, dass ihre Ehre dergestalt gerettet, und ihr eine Satisfaction ware verschafft worden, dass es der Herr v.N. so leichtlich nicht wagen wurde, sie wieder zu beleidigen. Der Major hat mir eine Beschreibung von dem ganzen Vorgange der Sache in Schonthal gemacht, er hat ihr auch seinen Rapport disfalls schon einige mal wiederholen mussen, der aber von dem, was er mir erzahlte, sehr unterschieden war. Mein Vater gab ihm in allem Beifall, ich weiss also nicht, ob er mich oder die Frau v.W. hintergangen hat. Er besitzt die Gabe, alles sehr lebhaft vorzustellen; ich zahle es unter seine Fehler, Sie thun es gewiss auch, ich weiss es, sollten Sie es gutheissen konnen, dass er die Reden und Stellungen der Personen, von welchen er spricht, bosshaft nachzuahmen sucht? Er ist in dieser Kunst ein Meister, ich gestehe ihm dieses zu: aber er verdient niemals meinen Beifall, wenn er Beweise davon giebt. Der arme Herr v.N., ich bedaure ihn! Doch er wurde selbst mit haben lachen mussen, wenn er seine und des Herrn v.H. Person so naturlich hatte spielen sehen. Der bose Mann! Er schonte sogar meinen Vater nicht, ob er gleich gegenwartig war, ich argerte mich im Herzen sehr daruber, doch machte er es noch so, dass es jener nicht merkte, wenn er ihn agirte. Die Frau v.W. war von dieser Scene ganz eingenommen. Da er seine Verdienste gegen sie durch verschiedene kleine Nebenumstande in der Erzahlung zu erhohen wusste: so musste sie immer eine Danksagung und einen Lobspruch uber den andern parat halten, um ihn damit zu belohnen. Mein Vater hat ihr etwas von einem Protokoll gesagt, das in Schonthal uber die Handel der beiden Herren soll seyn verfertiget worden. Sie bezeigt ein grosses Verlangen, dieses zu sehen, es scheint aber, dass es nicht dazu bestimmt ist, ihr vorgelegt zu werden. Ich bemerkte dass der Herr v. Ln. meinem Vater mit den Augen winkte, da er etwas davon gedachte, und dass dieser sein Wort gern wieder zuruck genommen hatte. Ich muss gestehen, dass meine Neugierde dadurch sehr ist rege gemacht worden, bringen Sie es doch mit, wenn ich es sehen darf, oder sagen Sie mir wenigstens, was es damit fur eine Bewandtniss hat. Lassen Sie unsern Briefwechsel ja nicht aufhoren, wir konnen keine bessere Gelegenheit finden vertraut mit einander zu sprechen, und Sie konnen nicht glauben, wie sehr Sie das durch verbinden

Ihre

Juliane v.W.

XXI. Brief.

Das Fraulein v.S. an das Fraulein v.W.

den 1. Novembr.

Sie verlangten gestern Abend bei unserm Weggehen meine kritischen Betrachtungen uber unsere Gesellschaft. Ich versprach Ihnen dieses sehr gerne, denn ich hatte in der That einige gemacht und ich bin allemal sehr unzufrieden, wenn ich meine Gedanken bei mir behalten muss, ohne sie an Mann bringen zu konnen, Sie sehen also hier die Erfullung meiner Zusage. Ich liess mich mit Fleiss nicht in ein Spiel ziehn, und setzte mich nur als eine Zuschauerin zum Spieltische, um auf die ganze Gesellschaft desto aufmerksamer zu seyn, und uber ein und andere Personen, die sich darinnen besonders ausnahmen, meine Anmerkungen zu machen. Doch dieses war nur eine Beschaftigung, wenn ich sonst nichts zu thun hatte. Ich setzte mir schon zu Hause vor, hauptsachlich zweyerlei zu beobachten, theils mich um die Wiedereroberung der Gunst der Frau v.W. zu bewerben; theils die wahren Gesinnungen des Majors gegen dieselbe so viel moglich auszuforschen. Nun werden Sie mich schon vor eine Kundschafterin halten. Woher habe ich denn einen Beruf, mich um die gute Freundschaft des Majors und der Frau v.W. zu bekummern? Seyn Sie vor jetzo mit der Antwort zufrieden, dass ich allerdings meine Ursachen dazu hatte. W e n n ich mir nicht selbst zu viel schmeichle, so denke ich, dass ich in meinen Unternehmungen nicht ganz unglucklich gewesen bin. Sie haben es ohne Zweifel bemerket, dass ihre Frau Mutter sich rechte Muhe gab, mich von ihrer Gewogenheit zu uberzeugen, sie war so freigebig mit Freundschaftsversicherungen, dass ich nicht beredt genug war, sie alle zu erwiedern. Wir hatten uns ganz ausser Athem komplimentiret, und ich fand mich genothiget die Unterredung auf etwas anders zu lenken, damit ich nicht endlich zum Stillschweigen gebracht wurde. Zum Gluck fiel mir ihre Katze, die sich unter den Ofen hingestreckt hatte, in die Augen, ich lockte diesen Murner zu mir und fing ihn an zu loben. Hierdurch eroffnete ich ein weites Feld, unsere Unterredung fortzusetzen, und diesen Lobreden schreibe ich auch grossten Theils die wiedererlangte Gewogenheit der Frau v.W. zu. Lachen Sie nicht, es ist mein Ernst. Sie erzahlte mir die ganze Lebensgeschichte ihres Lieblings mit dem freundlichsten Gesichte, das sie machen kann. Die Tugenden und Kunste desselben beschaftigten uns ziemlich lange, und Murner schnurte dazu, als wenn er es verstunde, dass er gelobt wurde. Endlich sehnte ich mich wieder nach der Gesellschaft und wollte mir lassen ein Pfotgen geben, um diesem Gesprach ein Ende zu machen und von dem geliebten Vieh freundlich Abschied zu nehmen; aber das garstige Thier war so unbescheiden und hackelte mich mit den scharfen Krallen dergestalt in die Finger, dass ich hatte schreien mogen. Davor bekam die Katze von der Frau v. W eine derbe Maulschelle, und mich bat sie so angstlich um Vergebung, dass ich ihr wurde verziehen habe, wenn sie mich auch selbst so hamisch gekratzt hatte. Es darf mir leicht jemand ein gut Wort geben, so verwandele ich das schlimmste Urtheil, das ich von einer Person fallen kann, in ein sehr gutes. Es sind noch nicht vierzehn Tage, da ich sie fur die schlimmste Person aus unserm Geschlecht hielt. Ich las das Leben des Sokrates von neuem, um einen Vergleich zwischen der Frau v.W. und der Gemahlin dieses Weltweisen anzustellen. Diese schien mir in einigen Stucken noch ertraglicher, und jetzo wundere ich mich, nie ich nur die geringste Aehnlichkeit zwischen beiden Damen habe finden konnen, ich bitte es nun der Frau v.W. in meinen Gedanken ab, dass ich sie so beleidiget habe. Sie ist in der That nicht so arg, als Sie und ich denken. Sie hat schlimme Zufalle, das ist nicht zu laugnen: wenn aber ihre gute Stunde kommt, so ist sie leidlich. Die Freundschaft mit dem Major durfte wohl von keiner allzulangen Dauer seyn, wenn sie inne wird, dass ihn nicht die personliche Hochachtung, sondern Klugheit und Vortheil reizen sich ihr gefallig zu beweisen. Herr Lampert wurde ihn einen schlauen Gast nennen, wenn er ihn genugsam kennte, ich will diesen Ausdruck von ihm entlehnen, um den Charakter des Herrn v. Ln. damit zu bezeichnen. Er hat, wie es mir vorkommt, eben nicht die besten Begriffe von seiner Frau Base; er kennt ihre Fehler und besitzt Herzhaftigkeit genug, ihre diese vorzurucken. In der That giebt er bei ihr einen Sittenlehrer ab, ohne dass sie es merkt, nicht in der Absicht sie zu bessern, sondern sich und andern etwas dadurch zu lachen zu geben. Das war der boshafteste Einfall, den man erdenken kann, dass er sie in der gestalt der bosen westphalischen Wirthin auftreten liess, von der er einen Haufen erzahlte, und darunter niemand anders als die Frau v.W. selbst vorgestellt war. Entsetzten Sie Sich nicht uber die Kuhnheit des Mannes? Ich wunderte mich nur, dass die Person, die am meisten getroffen war, und die doch sonst ziemlich fein ist, nicht das geringste davon merkte. So geht es, wenn wir einmal glauben, dass jemand vortheilhaft fur uns denkt, so darf er sagen was er will, er meint uns niemals und wenn er auch mit dem Finger auf uns deuten sollte. Es ist gut fur den Hrn. v. Ln., dass ich nicht an der Stelle der Frau v.W. bin, ich kundigte ihm von Stund an mein Kapital auf, so schlimm ware ich, und wenn er das Geld bei den Juden borgen sollte. Wer weiss, was noch geschiehet, wenn sie einmal auf ihren Kopf kommt, so wird der Herr v. Ln. fur alle Schelmereien bussen mussen. Das Vergnugen mochte ich haben, diese beiden Leute mit einander streiten zu sehen, sie ist eine Meisterin darinne, spitzige und beissende Reden auszutheilen, und er sieht mir so aus, als wenn er mit lachendem Munde alles zwiefach zuruck geben konnte. Die Frau v.W. hat doch mit keinem Worte an das Protokoll gedacht, vielleicht hat sie es vergessen. Wenn sie es auch erinnert hatte, so wurde der Baron sie auf eine andere Zeit vertrostet haben, und diese Vertrostungen sollen so lange fortgesetzt werden, bis sie sich dabei beruhiget oder das Protokoll mit Ungestum fordert, alsdenn soll sie eine Abschrift erhalten, die ihrer Neigung gemass eingerichtet ist, und hierbei wird sie sich schon zufrieden stellen lassen. Wenn Sie das genuine Exemplar, das ich Ihnen gestern heimlich zusteckte durchgelesen haben, so schicken Sie mir es wieder zu. Um mich recht sehr zu verbinden, fugen Sie ihre Anmerkungen daruber zugleich mit bei, ich habe es so oft mit Vergnugen durchlesen, dass ich es beinahe auswendig kann. Gestern machte ich mir ein eigenes Geschafte daraus, wie ich Ihnen schon gesagt habe, auf die merkwurdigsten Personen aus unsrer Gesellschaft aufmerksam zu seyn, und allerlei Betrachtungen uber sie anzustellen, diese will ich Ihnen im Voraus als eine Vergeltung der Ihrigen uber das Protokoll mittheilen. Ich suchte einen sonderbaren lustigen Zeitvertreib dadurch, die Verhaltnisse und Stellungen der Personen unserer Gesellschaft gegen einander zu beobachten. Damit war ich noch nicht zufrieden, bald beschaftigte sich meine Einbildungskraft, die ganze Gesellschaft sich im grossen vorzustellen, und da machte ich lauter Prinzen und Helden daraus; bald liess ich sie wieder ins Kleine fallen und schuf sie zu Bauern, Schulzen und Gastwirthen um, hierzu gab mir die Erzahlung des Majors von der westphalischen Wirthin Anlass. Ich stellte noch allerlei andere Vergleichungen unter ihnen an, und wenn ich sie auch die seyn liess, die sie wirklich waren, so verschaffte mir auch dieses mancherlei Vergnugen. Sie wundern sich ohne Zweifel uber meine Ausschweifungen: aber was thut man nicht, um in einer Gesellschaft, wo man sich unter einem gewissen Zwange befindet, die Zeit hinzubringen! Doch ich war nicht die einzige Person aus der Gesellschaft, die nicht frei genug war: die meisten andern liessen aus ihren Bezeigen etwas fremdes und ungewohnliches hervor blicken. Einige schienen zuruckhaltend, sie dachten alles, wie der Papogey, der nicht reden konnte, und spielten stumme Personen. Andere, die sprechen wollten, wogen jedes Wort auf der Goldwaage ab, als wann sie Leib und Lebensgefahr davon zu befurchten hatten. Mich befremdete dieses sonderbare eben nicht; ich hatte es schon vermuthet. Nothwendig musste das neue Bundniss der Freundschaft zweier der vornehmsten Glieder einer geschwornen Gesellschaft als diese war, die durch einen unglucklichen Zwist bald ware getrennt worden, wunderbare Erscheinungen hervor bringen. Alle nahmen gewissermassen Theil daran. Ich bemerkte, dass einige ganz geheimnissvoll aussahen, da mein Oncle kam, man zischelte einander ins Ohr, dass die Frau v.W. oder ihr rechtlicher Beistand der Major und der Hr. v.N. neue Handel bekommen wurden. Der Hr. v.H. hatte diesen nicht so bald erblickt, da er gleichsam in einer kleinen Begeisterung zu sich selber sagte: ja, ja, das wird eine feine Hetze werden, heute geht der Tanz wieder an. Der Baron, der meinen Oncle abgeholet hatte, musste diesen so viele Lectionen geben, wie er sich den Tag uber verhalten sollte, dass er, um diese Regeln genau zu beobachten, sichs gar zu sehr merken liess, dass ihm welche waren eingescharfet worden. Herr Lampert hatte den Befehl erhalten, seinen Mund und Zunge den ganzen Tag uber zu nichts anders als zum Essen und Trinken zu gebrauchen und im hochsten Nothfall nicht mehr als ja oder nein zu sagen. Er hat wider seine Gewohnheit dieses Gebot sehr genau befolgt. Der Baron hat viel Muhe gehabt, den Oncle dahin zu bringen, an den Zwist mit der Frau v.W. und dem Major nicht zu gedenken. Er hat mit ihr durchaus eben die Procedur wie mit dem Major vornehmen und sie bekehren wollen, Lampert hat bereits ein dickes Buch geheftet gehabt, um alle Reden der Frau v.W. und seines Gonners nachzuschreiben, und nach seinem Ausdruck mit diesem neuen Kleinod den Werth der glanzenden Tugenden desselben noch mehr zu erhohen, und die Siege der Grossmuth fur die Nachwelt schriftlich aufzubehalten. Das Gesichte der Frau v.W. verrieth auch einigen Zwang, es kostete ihr Muhe, den Anblick meines Oncles zu ertragen; es wurde ihr aber alsdann unleidlich, wenn Grandison aus ihm sprach. Sie verdient indessen allerdings ihr Lob, dass sie diesmal vollkommen von sich Meister blieb, und ausserlich alles beobachtete, was man von ihr verlangen konnte. Diese verschiedene Charaktere, welche die vorzuglichsten Personen aus der Gesellschaft an sich nahmen, und die so vielen Zwang und Verstellung verriethen; die Bedachtsamkeit der Uebrigen, nicht etwas vorzubringen, wodurch von neuem Oel ins Feuer konnte gegossen und der Groll der streitenden Machte wieder erreget werden, breitete uber die ganze Versammlung ein gewisses steifes Wesen aus, das mir desto lacherlicher vorkam, je ungewohnlicher es sonst bei derselben anzutreffen ist. Dieses veranlasste mich, Ihr Schloss in das Escurial und uns alle in Grands voll Spanien zu verwandeln, ich wunschte nur noch, dass sich die Herren bedecken mochten. Es wurde von nichts als von Ahnen und Stammregistern gesprochen; lauter Dinge, die zu meiner Vorstellung uberaus wohl passten, und sie so lebhaft machten, dass wenig fehlte, dass ich nicht meinen Oncle Ihro Majestat genennt hatte. Doch da er hernach im Begriff war, einen seiner Vorfahren bei der Zerstohrung Jerusalems Hand anlegen zu lassen, so verschwan den diese schonen Vorstellungen. Der Herr von H. der keinem Oncle einige Zweifel hieruber machte, zog meine Aufmerksamkeit auf sich; doch dieser wusste sie so geschickt aufzulosen, dass ihm der Herr v.H. Recht lassen musste. Ich weiss selbst nicht, durch was fur einen Zufall die Gesprache so geschwind wechselten, dass man von den Archiven der Ahnen in die Vorratskammer kam; man sprach von der Oeconomie; es wurden fette und magere Jahre prophezeiet, die Speicher wurden angefullt und ausgeleert, beilaufig wurde das Kapitel von Knechten und Magden auch abgehandelt; alles, was sich von tragem Gesinde sagen lasst, das wurde angebracht. Eine solche Unterredung schickte sich nicht fur die Grossen eines Reichs, der Schauplatz hatte sich geandert, und es gefiel mir, ihn in die Schenke zu versetzen. Nun stellte ich mir die Herren als lauter ehrbare Manner aus der Gemeinde vor. Weil ich immer bemerkte, dass sie, ungeachtet der gleichgultigen Materie, davon gesprochen wurde, doch die gewohnliche Vertraulichkeit diesmal bei Seite setzten: so kam mir das nicht anders vor, als wenn ich unsere Gerichtsschoppen und Nachbarn mit einander reden horte. Diese sprechen nicht mehr vertraut mit einander, seit dem einer, der seinen Witz zur Unzeit uber die schwarzen Frohnsemmeln ausgelassen, und von andern ist verrathen worden, hat in den Thurm kriechen mussen. Jeder sieht jetzo seinen Nachbar als seinen Verrather an, wenn er ihm auch gleich eines zutrinket. Es ist Zeit, dass ich meinen Vergleichungen ein Ende mache, um Ihnen noch etwas wichtiges zu sagen das ich bis hieher versparet habe. Wissen Sie, dass mein Oncle auf den Major hochst eifersuchtig ist? Seine guten Grundsatze wollen nicht zulangen, ihn gegen diese Schwachheit zu schutzen; ja ich befurchte schon, dass er ihnen eine Zeitlang Abschied geben wir, um den Major heraus zu fordern; jetzt ist die Reihe an ihm. Der Herr v.N. hatte sich eigentlich das Platzgen auf dem Kanape beim Koffee ausersehen, das fur meine Schwester bestimmt war. Er wachte Mine, davon Besitz zu nehmen, da ihm der Major zuvor kam und es hernach an meine Schwester uberliess. Ich merkte, dass der alte Liebhaber sehr unzufrieden war, sich von dem jungern verdrungen zu sehen. Er wurde ihn auf eine freimuthige Art daruber zur Rede gesetzt haben, wenn ihn nicht der Baron zuruckgehalten hatte. Das war nicht der einzige Verdruss, den er empfand, er wollte dem Major auch nicht die Ehre gonnen, im Spiel mit Ihnen Moitie zu machen. Wenn er nur einiger massen billig gesinnt ware, so wurde er daraus nichts machen, Sie liessen ihn ja an Ihrem Spiele gewissermassen auch Antheil nehmen, dass Sie ihm erlaubten, Ihnen den Daumen zu halten. Schenken Sie mir einen Theil des Dankes, den Sie denen willig ertheilen, die es dahin gebracht haben, dass Sie jetzt uber einen Freier lachen konnen, der Ihnen noch vor kurzer Zeit so furchtbar war. Denken Sie aber nicht, dass ich diesen Dank fordere, Sie daran zu erinnern, dass ich mich um Sie verdient gemacht habe, Sie wurden sich sehr irren, wenn Sie dieses dachten. Ich verlange keinen andern Dank von Ihnen, als die Fortsetzung Ihrer Freundschaft und Gewogenheit gegen mich, diese giebt mir den schonsten Beweiss, dass Sie mich fur die halten, die ich wirklich bin, fur

Ihre

ergebenste Freundin und Dienerin

A.v.S.

XXII. Brief.

Herr Bornseil,

Er ist ein ehrlicher Mann, das ist ausser allem Zweifel, und wenn er es auch nicht ware, so konnte er dennoch den Gefallen erweisen, darum ich ihn geziemend hierdurch ersuche. Ich weiss, dass er ehedem bei dem Herrn v.W. als Verwalter in Diensten gestanden hat, und ich habe ihn da wohl gekannt, er trug immer einen grunen Rock mit spitzigen silbernen Knopfen und einen blauen Brustlatz. Ob er nun gleich nicht mehr in Wilmershausen wohnet; so hat er doch noch, wie ich hore, einen freien Zugang auf den Edelhof. Denn er ist nicht wie ein Schelm fortgejaget worden, sondern bose Leute haben ihm eines bei dem gnadigen Herrn versetzt, dass er sein Stuckgen Brod verlohren hat. Jetzo halt er sich, sagt man, zu Schonthal auf, und der Herr Baron v. F. giebt ihm seinen nothdurftigen Unterhalt, folglich hat er auch daselbst im Schlosse einen Zutritt. Ich kann mich dahero zu Niemand fuglicher wenden als an ihn, um innliegende Briefe sicher an Ort und Stelle zu bringen. Ich hoffe, dass er franzosisch lesen kann, wo nicht, so gebe er nur den grossten Brief an das Fraulein v.W. in Wilmershausen, und den kleinem an das Fraulein v.S. in Schonthal es ist mir an der richtigen Besorgung dieser Briefe sehr vieles gelegen. Wenn er diese Commission wohl ausrichtet, kann er auf ein gutes Trankgeld Rechnung machen. Er hat nicht das geringste bei Bestellung der Briefe zu befurchten, vielmehr wird er beiden Frauleins willkommen seyn, und vielleicht von ihnen eine Vergeltung seiner Muhe erhalten. Ich glaube, dass es nicht undienlich seyn wird, in ein und andern Stucken ihm einigen Unterricht zu ertheilen, damit dieser Auftrag der Absicht desto gemasser vollbracht werde. Nehm er folgende funf Regeln deswegen wohl in Acht: 1.) Wenn er einem Fraulein ihren Brief einhandiget, so lasse er sichs nicht merken, dass er auch an die andere einen zu bestellen hat. 2.) Darf kein Brief einer andern Person in die Hande fallen, als der, an welcher er gerichtet ist, dahero wird er am besten thun, wenn er das Sprichwort beobachtet: selber ist der Mann.

3.) Diesen Punkt merk er sich ja fein, soll er keinen Brief eher weggeben, bis er Gelegenheit findet, eine von den Frauleins alleine zu sprechen. Wenn sie beide in Schonthal oder in Wilmershausen beisammen sind; oder wenn jemand anders gegenwartig ist: so lass er sich von seiner Commission ja nichts merken, sonst wollte fur ein und andere verdrusslichen Folgen, die leichtlich fur ihn daher entstehen konnten, nicht Burge seyn.

4.) Wenn man etwann fragen sollte, wo und von wem er die Briefe erhalten: so kann er nur sagen, es hatte jemand des Abends an sein Fenster gepocht und sie seiner Tochter hinein gegeben; sich aber sogleich wieder entfernt. Vermuthlich wird er sie auch wirklich auf diese oder eine ahnliche Art erhalten. Er kann noch dazu dichten, er hatte den Ueberbringer derselben nachlaufen wollen, um zu sehen, wer er ware: da er aber unglucklicherweise uber einen Stein gestolpert, so ware jener entwicht. So viel er bei Mondenschein wahrnehmen konnen, ware der Ueberbringer ein langer Mensch gewesen, der das Ansehen eines Jagero gehabt hatte, dieses und noch mehreres von diesem Schlag kann er nach Beschaffenheit der Umstande hinzu fugen, es ist ihm unverwehrt.

5.) Sollte er wieder Briefe von den Frauleins an jemand zu bestellen kommen, so hute er sich ja, dass er sie nicht der Person selbsten uberbringt, an die solche gerichtet sind. Ich sage ihm dieses zu seinem eigenen Besten. Sobald er einen Brief empfangt, so stecke er solchen in seine Tasche, er darf ihn so wenig von sich legen, als er gewohnt ist, seine Tobacksdose wegzulegen, damit er ihn gleich aushandigen kann, wenn er abgefodert wird. Diejenige Person, die dieses zu thun berechtiget ist, wird ihm einen versiegelten Zeddel geben, in welchen weiter nichts als das einzige Wort Barocco zu lesen ist; keine andere Seele aber darf die Briefe zu sehen bekommen, als diese. Damit er nun die obigen funf Punkte wohl ins Gedachtnis fasst und genau beobachtet, will ich ihm ein Hulfsmittel bekannt machen, sie desto leichter zu behalten. Er hat an jeder Hand funf Finger, nehm er also die funf Finger seiner linken Hand, die rechte braucht er vermuthlich die Briefe zu ubereichen, prage er sich bei jedem Finger einen Punkt ins Gedachtniss. Vermasse dieser Methode wird er so leicht nichts vergessen, und wenn er nur genau auf seine Finger Achtung giebt, seine Sache wohl ausrichten. Noch eins habe ich zu erinnern. Es durfte vielleicht schwer Halten, das Fraulein v.W. alleine zu sprechen, sie muss immer um ihrer Frau Stiefmutter seyn, ihr die Zeit zu kurzen, ich habe auch hier ein gutes Mittel ausfundig gemacht wie er sie besonders sprechen kann. Die Katze der Frau v.W. hat der Fraulein ihr Rothkehlgen gefressen, sie will gern ein anders haben, nehm er also das erste das beste und mache er ihr damit ein Geschenke. Er mag nun versichert seyn, dass es singt oder nicht, so lobe er den vortreflichen Gesang seines Vogels, und unter dem Vorwande, solchen selbst auf ihr Zimmer zu bringen, um ihm da die Flugel zu stutzen, wird er schon einen gunstigen Augenblick ablauren, ihr das Briefgen unvermerkt zuzustecken. Ich hoffe nicht, dass er Schwurigkeiten machen wird, der Besorgung der Briefe auf sich zu nehmen. Ich gebe ihm mein Wort, dass ihm daher nicht die geringste Gefahr erwachsen kann, und will er sich dabei nicht beruhigen; so hat er ja wohl so viel Verstand in seinem kleinen Finger, um selbst zu urtheilen, dass man an junge Schonen keine Halsbrechenden Dinge zu schreiben pfleget, und dass der Brieftrager also auch nichts zu befurchten hat. Was ich oben gesagt habe, dass er um seines Besten willen bei Bestellung der Briefe alles wohl in Acht nehmen sollte, und wenn er durch seine Unachtsamkeit etwas versehen wurde, dass dieses fur ihn unangenehme Folgen haben konnte; so ist dieses nicht zu verstehen, als ob man ihn deswegen wurde stocken und pflocken lassen: sondern er wurde sich dadurch um eine sehr gute Belohnung und wohl gar um eine baldige Versorgung bringen. Vielleicht bin ich selbst nicht weit entfernt, wenn er seinem Auftrage Genuge leistet. Er ist eine kluge Mann und kann nun schon errathen, wie viel es geschlagen hat, indessen will ich mich nicht weiter verrathen. Mache er sich keine unnothige Sorge deswegen, dass ich diesmal meinen Namen unter die gewohnlichen Buchstaben verstecke.

N.N.

XXIII. Brief.

Das Fraulein v.W. an das Fraulein v.S.

den 2 Novembr.

Ich bitte Sie tausendmal um Vergebung, mein Schatz, ich habe Sie wider meinen Willen schrecklich beleidiget, oder glaube doch, dass Sie es leichtlich als eine Beleidigung ansehen konnten: ich habe einen Brief erbrochen, der Ihnen zugehoret. Verdammen Sie mich aber nicht durch ein ubereiltes Urtheil, ich bin unschuldig! die Aufschrift ist an mich. Sehen Sie? Vermuthlich ruhrt dieses aus einem unglucklichen Versehn des Verfassers her. Doch das ist nicht mein Verbrechen alleine, uber so etwas, daran der Zufall Antheil hat, konnen Sie mit mir nicht zurnen: aber was werden Sie sagen, wenn ich gestehe, dass ich den Brief auch gelesen habe, vom Anfang bis zu Ende? Verfahren Sie billig mit mir, am Ende bin ich erst meinen Fehler inne worden, und da warf ich den Brief voller Besturzung von mir, aber zu spat. Ich will mich Ihrer Verzeihung durch ein offenherziges Gestandniss meines Irrthums wurdig machen. Ich konnte mein Versehen dreuste leugnen, ich konnte sagen, dass ich gleich bei den ersten Zeilen ware inne worden, dass mich der Innhalt des Briefes nicht anginge; ich hatte so viel Gewalt uber mich gehabt, den Brief wieder zu siegeln, ohne weiter zu lesen. Was wollten Sie machen? Glauben mussten Sie mir es doch, so wenig Lust dazu Sie auch bezeigen mochten. Ich will sehen, ob ich meinem Fehler noch gar ein Verdienst beilegen kann: ich will Ihnen aus aufrichtigen Herzen zu Ihren neuen Anbeter Gluck wunschen. Habe ich es nicht schon oftmals gesagt, dass Sie in den Augen des Majors eben das sind, was ich bin in den Augen des Herrn v.N.? Sehen Sie nur, wie meine Vermuthungen so richtig eingetroffen sind. Wenn ich nicht wusste, dass Sie sich nur so gestellet haben, als wenn Sie die Absichten des Majors nicht merkten: so wurde ich stolz darauf seyn, und mich fur ein sehr kluges Madchen halten, auf die Art konnte ich weiter sehen als Sie. Machen Sie mich nur in Zukunft zur Vertrauten bei Ihrer Liebe, einmal weiss ich doch um Ihr Geheimniss, und wenn Sie mich auch uberreden wollten, dass Sie gegen den Major unerbittlich waren; so glaubte ich Ihnen dieses eben so wenig, als Sie es thun wurden, wenn ich Ihnen sagte, ich hatte innliegenden Brief nicht ganz gelesen. Brauchen Sie ja nicht ein so geringes Versehen, als das ist mit der Addresse des Briefes, zum Vorwande, gegen mich uber den Hrn. v. Ln. sich erzurnt anzustellen, ich werde doch nicht glauben, dass es Ihnen von Herzen geht. Ueberhaupt lege ich diesen Fehler zu seinem Vortheil aus. Ich habe zwar von den Empfindungen der Liebenden sehr undeutliche Begriffe: so viel sehe ich aber doch ein, dass seine Neigung eine der heftigsten seyn muss; seine Gedanken mussten sich ganz in Sie verlohren haben; er befand sich ohne Zweifel in einer Art von Entzuckung, da er die Aufschrift auf den ersten Brief an seine Gottin machte. Seyn Sie ja nicht unbarmherzig gegen einen so eifrigen Liebhaber. Horen Sie, was ich sage! Ich will Sie nicht langer von dem Vergnugen abhalten, das zartliche Briefgen Ihres Verehrers zu lesen, vermuthlich haben Sie mein Schreiben zuerst in die Hand genommen. Wenn Sie in Ihrem Herzen noch ein klein Platzgen ubrig haben und sich Ihr Freund darinne nicht schon gar zu breit macht, so heben sie solches auf fur

Ihre

ergebenste

Jul. v.W.

XXIV. Brief.

Einschluss des vorigen.

An das Fraulein v.W.

den 1 November.

Gnadiges Fraulein,

Sie mogen es nun billigen oder nicht, so wage ich es doch, Ihnen mein Herz zu entdecken. Einem Soldaten ist eine kleine Freiheit anstandig, die ein andres ungestraft sich nicht heraus nehmen darf. Ich verehre Sie. Dieses haben Sie aus meinem Bezeigen gegen Dero vortrefliche Person bereits schliessen konnen: ich fand aber nothig, Ihnen dieses Gestandnis auch einmal deutlicher zu thun. Mundlich wurde es mir unendliche Muhe gekostet haben, ich bin in gewissen Fallen sehr zaghaft, wenn ich gleich ein Soldat bin, und ich fand auch hierzu keine gunstige Gelegenheit; verschweigen konnte ich es noch weniger, daruber hatte ich mich zu Tode gegramet. Uebersehen Sie also eine Unternehmung, die an sich nicht strafbar ist, wenn sie sich auch nicht vollkommen rechtfertigen lasst. Ich ergreife die Feder, Ihnen die Empfindungen meines Herzens bekannt zu machen, und meine Zaghaftigkeit verliess schlusse. Ich habe zwei Werkzeuge, die ich nie anders als mit dem Vorsatze ergreife, zu siegen oder zu sterben, den Degen gegen die Feinde des Konigs und meiner Ehre, und die Feder bei der Liebe. Diese ergreife ich jetzo zum ersten mal in der Absicht, und von ihnen hangt es ab, welches Schicksal ich zu erwarten habe. Der gluckliche Tag, den ich, so oft er in Zukunft wieder kommt, als einen Festtag feiern werde, des gluckliche Tag, an welchen ich das erste mal Sie zu sehen die Ehre hatte, machte mir alle die Vorzuge sichtbar, in welchen Sie zur Ehre des schonen Geschlechts prangen. Dieser erste Augenblick, der mich gegen Sie in Bewundrung setzte, entzog mir auch meine bisher standhaft vertheidigte Freiheit, und dieser Verlust war mir so reizend, dass ich wunschte, sie nie wieder zu erhalten. Ich sahe diesen Wunsch auch sogleich erfullt. Nach einer genauen Untersuchung fand ich, dass mein Herz schon an Sie verschenkt war, ehe ich es selbst inne worden war. Ich kann Ihnen also mein Herz nicht antragen, Sie besitzen es schon und jetzo thue ich in der That nichts anders, als dass ich Ihnen diesen Besitz bekannt mache. Ob Ihnen mit einem so geringen Geschenke etwas gedient ist, mogen Sie selbst beurtheilen, so viel weiss ich, dass mein Herz mir nicht mehr zugehoret, und dass ich das, was ich einmal verschenkt habe, nie wieder pflege zuruck zu nehmen. Wenn Sie es auch nicht als Ihr Eigenthum betrachten wollten; so wurde es Ihnen doch bis in die Gruft zugehoren. Sie sind die einzige Person in der Welt, aus dem schonen Geschlecht, die ich verehre, ich muss dieses Gestandniss nochmals wiederholen. Machen Sie mich so glucklich, durch eine Zeile von ihrer schonen Hand mich zu unterrichten, ob Sie Sich dadurch beleidiget finden, und ob ich bey der unverbruchlichen Ergebenheit, die Ihnen mein Herz geschworen hat, dennoch so unglucklich bin Ihnen zu misfallen; oder ob ich mich mit der Hoffnung schmeicheln darf, durch meine unermudeten Beeiferungen um Dero schatzbare Gewogenheit, mich derselben wurdig zu machen. Schonste Amalia, o wie sehr entzuckt mich dieser reizende Name, ich kusse ihn tausend mal! Schonstes Fraulein, Sie konnen nicht grausam seyn! Mein Schicksal sey indessen, welches es wolle, so werde ich es als eine Gnade von Ihnen ansehen, wenn Sie mein freimuthiges Gestandniss als ein Geheimniss bewahren. Ich habe dem Gemahl von Dero Frau Schwester, dem Herrn v.F. den ich als meinen vertrautesten Freund betrachte, nicht das geringste davon entdecken wollen, bis ich erstlich von Ihren Gesinnungen unterrichtet ware. Wenn ich es jemals sagen darf, dass ich Sie verehre, so gonnen Sie mir das Vergnugen, dass ich davon dem Hrn. v.F. sowohl als Dero Herrn Oncle und dessen Fraulein Braut die erste Eroffnung thun darf. Befreien Sie mich bald von einer angstlichen Ungewissheit, darinne ich mich befinde, und die mich zweifelhaft macht, ob ich im Genuss des vollkommensten Glucks leben, oder in kurzem ersterben werde als

Dero

unterthaniger Diener und Verehrer

v. Ln.

XXV. Brief.

Das Fraulein v.S. an das Fraulein Juliane v.W.

Den 2 November.

Ich bitte Sie tausend mal um Vergebung, mein Schatz, ich habe Sie wider meinen Willen schrecklich beleidiget, oder glaube doch, dass Sie es leichtlich als eine Beleidigung ansehen konnten: ich habe einen Brief erbrochen, der Ihnen zugehoret. Wenn ich aufgeraumt ware, so schrieb ich ihren ganzen Brief ab, er passet eben so genau auf Sie als auf mich, und ich konnte Ihnen alles das wieder sagen, was Sie mir gesagt haben: aber ich bin so grimmig, dass ich Lust habe, mein Nachtzeug vom Kopfe zu reissen, oder meinem Madchen zu klingeln, um ihr eine Ohrfeige zu geben, dass ich nur den Zorn auslasse und nicht krank daruber werde. Nehmen Sie erstlich ein rothes Pulver ein, fur die Alteration, hernach lesen Sie den Einschluss meines Briefes. Lassen Sie uns eine Allianz schliessen, um mit gesammter Hand unsern gemeinschaftlichen Feind zu bekriegen So eine niedertrachtige Gemuthsart hatte ich dem Major nicht zugetrauet, er verrath sehr viel Einfalt und thorigte Liebe dabei. Wie muss der arme Kerl doch von sich eingenommen seyn, dass er durch ein paar romanmassige Liebesbriefe in einer Stunde zwei Eroberungen machen will! Ich habe Mitleiden mit ihm, dass er von der heutigen Lebensart so eine geringe Kanntniss besitzt, und eine gemeine Hoflichkeit so vortheilhaft fur sich ausleget, dass er sich die stolzen Gedanken einfallen lasst, wir waren beide fur ihn eingenommen. Er muss auch ein sehr boses Herz besitzen. In einer Stunde von freien Stucken, und ohne dass man es verlangt, zweien Frauenzimmern eine ewige Treue schworen, das ist der Charakter eines Bosewichts. Er hat uns beide hintergehen wollen, und hat sich selbst hintergangen. Dieses wurde auch geschehen seyn, wenn der Zufall seine bosshafte Absicht nicht offenbaret hatte. Ich hatte Ihnen gewiss das Geheimniss, wie er es nennet, entdeckt, und Sie wurden mir auch nichts verschwiegen haben, und so ware alles im kurzen an Tag kommen. Indessen beobachtet er doch eine gewisse Vorsichtigkeit in seinen Briefen, er will, um sein Spiel desto langer mit uns zu treiben, dass keine der andern von seinem thorigten Liebesantrage etwas sagen soll. So viel Verstand besass er doch noch voraus zu sehen, dass seine Sache sehr ubel stehen wurde, sobald wir seine Bosheit entdeckten. Unstreitig ist es unser guter Sylphe gewesen, der uns fur einen untreuen Liebhaber hat bewahren wollen, und der ihm die Augen zuhielt oder verblendete, dass er einen so wichtigen Irrthum bei Ausfertigung seiner Briefe hat begehen konnen. Ich wollte aber, dass mein Sylphe mir einen wichtigern Dienst leistete, diesen verdenke ich ihm eben nicht sonderlich; ich ware schon selbst so klug gewesen, diesem Fallstrick zu entgehen. Nun habe ich schon tausend Erfindungen im Kopfe, um uns wegen dieser unartigen Auffuhrung zu rachen. Es mag ein Fehler seyn oder nicht, so gestehe ich Ihnen dass ich nicht Grossmuth genug besitze, eine solche Beleidigung mit einer weisen Kaltsinnigkeit zu ertragen, ich hoffe, Sie sind auch meiner Meinung. Lassen Sie uns aber, mein Kind, zuvor ein wenig wieder zu uns selbst kommen, jetzo sind unsre Leidenschaften zu sehr rege gemacht, als dass wir einen festen Enschluss fassen konnten. An keinem Briefe habe ich langer geschrieben als an diesem, alle Augenblicke werfe ich die Feder hin, Bald denke ich an die kuhne Beleidigung des Majors und argere mich daruber, dass ich heule; bald fallt mir wieder ein Mittel ein, Rache an ihm zu uben, und daruber vergnuge ich mich so sehr, dass ich anfange zu lachen. Diese Gedanken wechseln so geschwinde, dass ich oft zu gleicher Zeit lache und weine, alsdann laufe ich zum Spiegel, um zu sehen, was ich fur eine wunderbare Figur mache, hernach setze ich mich wieder und schreibe ein paar Zeilen, und so geht es immer fort. Urtheilen Sie hieraus, wie sehr ich aufgebracht bin. Ich wollte Ihnen gerne ein paar von meinen Einfallen, wie wir uns rachen wollen, mittheilen: aber sie sind hierzu noch nicht reif genug. So viel kann ich Ihnen im Voraus sagen, dass es mir wenigstens nicht einfallt, nach dem Beispiele der Frau v.W. einen Ritter aufzusuchen, der unsere Sache ausfuhren soll, wir wollen schon andere Mittel finden, unsern Beleidiger eins anzubringen. Jetzo kann ich Ihnen keinen bessern Rath ertheilen als diesen, dass Sie Sich ja nichts merken lassen, dass Sie den Brief von dem Major erhalten haben, dadurch konnte das Spiel leichtlich verdorben werden. Morgen werde ich Ihnen vielleicht bestimmter sagen konnen, was fur eine Stellung wir gegen den verliebten Ritter annehmen wollen. Er hat bei mir den alten Bornseil zu seinem Liebesboten gebraucht, und ich zweifle nicht, dass dieser auch den Brief, den Sie mir zugeschickt haben, gebracht hat. Ich habe allerlei lustige Touren im Kopfe, die ich durch diesen einfaltigen Mann spielen mochte, der sich in diesem Falle vollkommen wohl zu dem Major schickt: allein ich will mich uber diesen Punkt nicht eher heraus lassen, bis sich meine Affecten wieder vollkommen besanftiget haben, und bis ich sie zur Strafe, dass sie mich jetzo beunruhigen, in meinen Strickbeutel, wie mein Oncle einmal sagte, zum Arrest gebracht habe. Ich finde keinen bessern Ausdruck, mein Missvergnugen uber Ihren unartigen Herrn Vettern zu erkennen zu geben, als wenn ich sage, dass ich ihn eben so sehr verachte, als Sie hochgeschatzt werden von

Ihrer

aufrichtigen zartlichen Freundin

A.v.S.

XXVI. Brief.

An das Fraulein v.S.

Den 1 Nov.

Schonstes Fraulein,

Es ist eine besondere Ehre fur mich, und ich nehme mir es zu einem besondern vorzuglichen Vergnugen an, dass ich die Erlaubniss habe, mich fast taglich in Dero angenehmen Gesellschaft zu befunden, und manche vergnugte Stunde dadurch zu geniessen. Doch bei alle dem Gluck empfinde ich eine gewisse Unruhe, die mir einen Theil desselben wieder entzieht, und die allein daher entstehet, weil mir bisher immer eine bequeme Gelegenheit gemangelt hat, Ihnen das zu sagen, was ich empfinde. Darf ich es wohl, ohne Ihren Zorn zu befurchten, wagen, Ihnen mein Herz zu entdecken, oder welches einerlei ist, ein Herz, das ich Ihnen schon langstens gewidmet habe, zu Dero Fussen zu legen? Uebersehen Sie einen Fehler, den ich vielleicht dadurch begehe, dass ich ohne viele Umschweife meine aufrichtige Neigung so zeitig gestehe, ehe ich noch hierzu durch meine Bemuhungen, mich Ihrer schatzbaren Gewogenheit wurdig zu machen, eiFehler ja nicht einem Mangel meiner unterthanigen Hochachtung gegen Sie zu: gonnen Sie mir vielmehr hierinnen eine kleine Nachsicht. Die Liebe ist fur mich bisher ein ganz unbekanntes Feld gewesen, ich wage mich jetzo zum erstenmale hinein, und glaube, dass ich gegen viele Regeln dieser Kunst verstosse. Doch dieses geschiehet nicht, weil ich sie etwan gering schatze, ich wurde sie alle aufs genaueste beobachten, wenn sie mir bekannt waren. Die ich nur einigermassen kenne, suche ich sehr genau zu befolgen. Es ist mir gesagt worden, dass man sich erstlich der Sprache der Augen bedienen musse, ehe man Mund und Feder durfe reden lassen. Ich habe dieses Gesetz getreu erfullt. Meine Augen haben sich Stunden lang mit den Ihrigen besprochen; ich habe Ihnen mehr als einmal meine Empfindungen dadurch so deutlich entdeckt, als es diese Sprache zulasst: Sie haben mir aber nie eine Antwort ertheilet, die von aller Zweideutigkeit ware frei gewesen. Dieses hat mich berechtiget, zu der Feder meine Zuflucht zu nehmen, um Ihnen, wem die Sprache meiner Augen nicht ware redend gnug gewesen, Ihnen durch die Feder das Gestandniss deutlicher zu wiederholen, dass ich Sie anbete. Es stehet in Ihrer Hand, mich zu den glucklichsten Bewohner der Erden zu machen, wenn Sie meine Wunsche nicht ganz unerhort seyn lassen. Doch bin ich nicht zu unbescheiden, mich in Ihre Gewogenheit eindringen zu wollen, ehe ich Ihnen Beweise meiner Aufrichkeit aufgestellet habe? Es ist mir genug, wenn ich nur von Ihnen die Erlaubniss erhalte, die Zahl Ihrer Verehrer vergrossern zu durfen, alsdenn will ich sehen, ob ich andre in dem Eifer, Dero Gunst zu verdienen, ubertreffen kann. Und wie sehr wunschte ich, dass diese durch eine unverletzliche Treue und Bestandigkeit konnte erlangt werden: so durfte ich an der Erfullung meiner Hoffnung nicht einen Augenblick langer zweifeln. So begierig ich schon der Erklarung von Ihnen, uber den Antrag meines Herzens, entgegen sehe: so sehr habe ich Ursache zu wunschen, dass ich diese nicht mundlich erhalte, damit meine Base, die Frau v.W. nichts davon erfahre. Der geringste Wink, den sie von meiner Absicht bekame, wurde mich des angenehmen Umganges mit Ihnen berauben, und den Zutritt zu Ihrem Hause, das durch Sie, vortrefliches Fraulein, fur mich zu einem Louvre wird, auf einmal versperren. Ich weiss, dass das Fraulein von S. Ihr ganzes Vertrauen besitzt; allein sollte sie auch wohl verschwiegen genug seyn, dass Sie ihr das Geheimniss, das fur mich so wichtig ist, anvertrauen konnten? Doch ich will Ihrer bekannten Klugheit nichts vorschreiben. Sie kennen den Ueberbringer dieses Briefes, und wissen, dass er ein redlicher Mann ist, wollen Sie ihm ein paar Zeilen anvertrauen, die mein Schicksal bestimmen, so werden Sie dadurch unendlich verbinden

Dero

unterthanigen Diener

und Verehrer,

v. Ln.

XXVII. Brief.

Fraulein Amalie v.S. an das Fraulein v.W.

Den 2 Nov.

Schon wieder ein Brief von Schonthal, werden Sie sagen, und das noch so spat, was hat das zu bedeuten? Eben nichts sonderliches, vielleicht aber auch etwas, das nicht ganz unbetrachtlich ist. Es ist mir allemal sehr angenehm, wenn ich mich mit Ihnen unterreden kann, es sey nun mundlich oder schriftlich. Ich habe verschiedene Entdeckungen gemacht, die ich Ihnen doch in der Geschwindigkeit mittheilen muss, wenn sie auch gleich nicht so gar wichtig sind. Ich bin jetzo ganz ruhig, mein Affekt hat sich geleget. Da ich meinen Brief fortgeschickt hatte, trat ich wieder vor den Spiegel, und that mir allen moglichen Zwang an, um eine philosophische Mine zu machen. Wenn ich nur die aussere Seite einmal in meiner Gewalt habe, und so scheinen kann, wie ich scheinen will; so bringe ich es hernach bald dahin, dass ich auch in der That so seyn kann, wie ich seyn will. Ich bildete wir ein, dass mein Vorhaben ziemlich gelungen ware, und warf nun einen philosophischen Blick auf den fatalen Brief. Ich nahm mir vor, ihn nochmals mit kaltem Blute zu lesen. Ehe ich mich aber recht daran wagte, fing ich an, um mein Blut nicht wieder in Wallung zu bringen, ihn von aussen eine zeitlang zu betrachten. Das Siegel zog zuerst meine Aufmerksamkeit auf sich. Das Wappen war mir unbekannt. Es fielen mir schon vorher einige seltsame Gedanken ein, und ich weiss selbst nicht, wie ich auf den wunderbaren Zweifel gerieth, ob der Herrn v. Ln. auch der Verfasser von diesem Briefe ware. Um mir alle Gelegenheit zu benehmen, ihn fur unschuldig zu erkennen und ihm gegen mich selbst das Wort zu reden, schnitt ich das Siegel von dem Umschlag und ging damit zum Baron. Ich fragte, ob ihm dieses Wappen bekannt ware, er sagte nein. Ich erkundigte mich, ob er des Herrn v. Ln. Wappen kennete, ich hatte von dem Fraulein v.W. einen Brief bekommen, der dieses Siegel gehabt hatte, und vermuthete, dass Sie es von dem Major entlehnt hatten, weil Sie bei Ihren Briefen sonst ein andres Siegel brauchten. Er versicherte, dass dieses des Herrn v. Ln. Wappen nicht ware, und hatte auch nicht die geringste Aehnlichkeit damit, jenes ware ihm sehr genau bekannt. Es befremdete mich dieses in etwas, ich dachte, wenn der Herr v. Ln. kein Bedenken getragen hat, seinen Namen unter die Briefe zu sehen, warum sollte er sein Wappen verleugnen wollen? Doch ich sehe selbsten ein, das hieraus nichts zu machen war, es konnte zufalliger Weise geschehen seyn, dass er ein andres Siegel gebraucht hatte. Wenn man sich aber einmal etwas in den Kopf setzt, so halt es schwer, dass man sich von diesen Gedanken sogleich wieder lossmachen kann; wenn man auch wahrnimmt, dass sie keinen Grund haben. Ich wollte es nun einmal so haben, dass der Major die Briefe nicht geschrieben hatte, und diesen schwankenden Vorstellungen gab das fremde Siegel, so geringe dieser Umstand auch an sich war, eine ziemliche Festigkeit; wenigstens fiel doch mein Verdacht nicht mehr auf den Major alleine, ich theilte ihn schon unter mehrere aus. Nun war meine Neugier so rege gemacht, dieser Sache weiter nachzuforschen, dass geschaftige Generals nicht begieriger seyn konnen, die geheimsten Anschlage ihrer Feinde zu entdecken. Ich glaubte, Bornseil, der mir den Brief, der Ihnen zugehorte uberbrachte, konnte mir in der Sache einiges Licht geben. Ich liess ihn zu mir rufen, und fragte, von wem er den Brief, den er Vormittage brachte, bekommen hatte. Er schien uber diese Frage sehr verwirrt, ein neuer Grund mich in meinen Gedanken zu bestarken. Er wollte nicht mit der Sprache heraus. Da ich dieses merkte, setzte ich desto heftiger mit Fragen an ihn, und er schien oftmals zu zweifeln, ob er sie mit ja oder nein beantworten sollte. Dieses brachte mich auf die Vermuthung, dass ihm eine Rolle war aufgetragen worden, die er aber sehr schlecht spielte. Bald hatte ihm seine Tochter den Brief ins Haus gebracht, bald hatte sie ihm ein Unbekannter gegen Abend zum Fenster hinein gegeben. Bei diesem letzten Gestandniss blieb er endlich. Er hat eine sehr schlechte Gabe zum Lugen, und es ist ein Gluck fur ihn, dass er in dem jetzigen Kriege nicht zu einem Spion ist gebraucht worden, das ware fur ihn der nachste Weg zum Galgen. Wenigstens trieb er dieses Handwerk gewiss nicht so lange als Kasebier. Um mich vollig zu uberzeugen, dass er mir die Wahrheit gesagt hatte, brachte er mir einen Brief, in welchen die zwei an uns waren eingeschlossen gewesen. Sie finden das Original selbst in meinem Briefe. Ich las solchen mit grosser Aufmerksamkeit; thun Sie es ja auch, und fand in jeder Zeile fur den Major eine Vertheidigung. Wozu dienet die grosse Sorgfalt, dachte ich, um nicht entdeckt zu werden, die er ganz vergebens anwenden wurde, da er sich in den Briefen an uns genennet hat? Es konnte seyn, dass es wegen der Frau v.W. geschehen ware, damit Bornseil nichts ausschwatzen mochte, dass er von dem Major Briefe an uns zu bestellen hatte. Das liesse sich zwar einiger massen horen: aber im Grunde ist es nichts. Da der Verfasser der Briefe sich schmeichelt, dass wir uns mit ihm in einen Briefwechsel einlassen wurden; so konnte es geschehen, dass die Frau v.W. einen Brief auffing. Wurde sie nicht, wenn sie den alten Verwalter in ihrem Hause oft hatte ein und ausgehen sehen, auf seine Verrichtungen daselbst aufmerksam worden seyn, und ihn einmal darum befragt haben? der Major hatte uns ja nicht untersagt, die Addresse unserer Antwort an ihn zu machen, und auf die Art erfuhr ja auch Bornseil, wer der Verfasser der Briefe ware. Hatte der Major dieses nicht voraus sehen und dabei bedenken sollen, dass ein so einfaltiger Mann, durch ein gutes Wort von seiner vormaligen Gebietherin oder auch durch eine kleine Bestechung, gesetzt, dass sie auch nur in einem Kruge Bier bestunde, sich leichtlich wurde auslocken lassen, was er in Wilmershausen zu verrichten habe? Wurde er ihr nicht selbst einen Brief in die Hande geliefert haben? Ueberhaupt schickt sich Bornseil so schlecht zu einem Liebesboten, dass ich mir nicht einbilden kann, dass ihn der Major dazu sollte gewahlet haben. Er wurde eine sehr geringe Belesenheit in den Romanen verrathen, die er doch oft blicken lasst, wenn er nicht wusste, dass ein getreuer Bedienter und ein verschmitztes Kammermadcher die geschicktesten Bothschafter in dergleichen Fallen sind, ohne dass der dritte Mann dabei nothig ist. Das bedenklichste bei dieser Sache scheint dieses, dass uns Bornseil aufburden soll, die Briefe waren ihm von einem Unbekannten gegeben worden, den er wie des Herrn v. Ln. Jager beschreiben muss, da sie ihm doch von einem Kerl sind zugesteckt worden, den er fur einen reisenden Handwerkspurschen gehalten, und da er ihm die Briefe ausgehandiget, geglaubet hat, er reichte ihm seinen Reisepass zum Fenster hinein. Alles dieses zusammen genommen, macht mir so wahrscheinlich, dass der Major an dieser Sache keinen Antheil hat, dass ich uber diesen Punkt mit mir bereits ziemlich einig bin. Damit Sie mich nicht fur partheiisch halten, will ich ihn aber doch noch nicht ganz frei sprechen. Unterdessen habe ich mir schon ein paar Historgen zusammen gedichtet, um diese Begebenheit daraus zu erklaren. Das eine ist dieses. Die Frau d.W. scheinet heimlich sehr unzufrieden, dass der Major sich vorgestern um uns so geschaftig erzeigte. Wir machten in der grossen Gesellschaft eine besondere kleine aus, und sie hat geglaubet, bei dem Major etwas mehr als Hoflichkeit gegen uns wahrgenommen zu haben; wenigstens befurchtete sie so etwas in Zukunft. Sie wollte also ihre liebe Tochter fur aller Versuchung bewahren, und das Feuer gleich in der Asche ersticken. Sie mischte mich mit in den Handel, um Ihnen von dem Herrn v. Ln. eine uble Meinung beizubringen. Ihre Erfindung war eben nicht eine von den besten, sie war auch eben nicht ubel ausgesonnen. Vermuthlich trauete sie uns nicht zu, dass wir ihm einen Vorhalt thun wurden, dass er uns beide bosshaft hatte hintergehen wollen: dadurch ware der Betrug offenbar worden. Sie sahe ein, dass wir aus Klugheit schweigen und ihn nur mit einer heimlichen Verachtung strafen wurden. Wenn wir unsern Verdruss wollten sichtbar werden lassen, dachte sie, ware dieses nicht eben so viel, als ein Gestandniss, dass jede von unvorhero seine Gunst gewunscht hatte? Ja ja, dieser Einfall sieht ihr vollkommen ahnlich. Doch ich habe auch noch andere Gedanken. Sollte wohl mein Oncle oder sein weiser Rathgeber an dieser Erfindung Theil haben? Lampert ist arglistig genug zu einer solchen Unternehmung, um seinen Gonner einen in seinen Augen gefahrlichen Rival wegzuschaffen. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass der Major den Herrn v.N. sehr eifersuchtig gemacht hat. Wer weiss, ob uns Lampert nicht umgauckelt, ich will einmal dieses Wort den Dichtern abborgen, es druckt seine Unternehmung sehr wohl aus, und die Frau v.W. unschuldig ist. Mein Oncle hat gewiss an diesem Streiche keinen andern Antheil, als dass er seine Einwilligung zu Ausfuhrung desselben gegeben hat, und vielleicht die Ursache ist, dass er ist ausgelacht worden. Wiewohl, es fallt mir schwer zu glauben, dass er sich aus Kargfeld herschreibt. Nun sehe ich recht deutlich ein, dass die Verwechselung der Briefe nicht dem Zufall zuzuschreiben, sondern dass dieses mit Fleiss so geschehen ist. Um aber niemanden hieruber Unrecht zu thun; so lassen Sie uns jedermann so lange im Verdacht haben, bis wir den Zusammenhang der Sache vollkommen kennen. Was ich Ihnen schon heute gesagt habe, das wiederhole ich hier nochmals: Lassen Sie Ihren Verdruss nicht sichtbar werden, damit die Boshaften nicht frohlocken, dass ihnen ihr Streich gelungen ist. Nur eine kleine Geduld! Wir werden die finstern Gesichter auch noch brauchen. Wenn wir nur erst unsere Feinde kennen, alsdenn wollen wir tapfer gegen sie zu Felde ziehen. Ich werde keine Muhe sparen, sie zu entdekken, und wenn ich daruber zu einer klugen Frau schikken sollte. Glauben Sie das nur ganz sicher

Ihrer

aufrichtigen Freundin

A.v.S.

XXVIII. Brief.

Das Fraulein v.S. an das Fraulein v.W.

den 5 Novembr.

Das ungezogne Kopfweh! Will es sich denn noch immer nicht legen? Ich bin sehr bose, dass es Sie nun schon drei Tage qualet, und mich eben so lange des Vergnugens beraubet hat, von Ihnen ein Briefgen zu erhalten; oder wie ich hoffte, Sie selbst hier zu sehen. Wenn es doch nur wie der Schnuppen ansteckte, oder sich durch eine Sympathie fortpflanzen liess; so sollte es gewiss den Urheber der verhassten Briefe dergestalt angstigen, dass er es verschworen wurde, seine Feder bei dergleichen ruchlosen Handeln jemals wieder anzusetzen. Ihre Unpasslichkeit, denke ich, soll mit dem bosen Wetter Abschied nehmen, und morgen haben wir, nach dem Wetterglase und Bornseils untruglichen Prophezeiungen, einen sehr schonen Tag zu erwarten. Doch ich rede vom Wetter, gerade als wenn ich sonst nichts zu sagen wusste. Ich habe mir vorgesetzt Ihnen diesmal etwas sehr wichtiges zu melden. Was dachten Sie wohl? Vorlaufig kann ich Ihnen die Nachricht geben, dass ich in der Lotterie das Schicksal der mehresten gehabt, und nichts gewonnen habe. Nun werden Sie wohl errathen, dass meine Entdekkung unsere Handel betrifft, ich kann sie wohl so nennen; aber vielleicht bilden Sie Sich nicht ein, dass ich das ganze Geheimniss weiss. Ist das moglich! Auf mein Wort, was ich Ihnen sage! Horen Sie meinen Bericht hiervon.

Noch den Abend, da ich meinen letzten Brief geschrieben hatte, machte ich den Baron zu meinen Vertrauten; ich konnte es ihm unmoglich verschweigen. Nur verdross mich, dass ich es von freien Stucken heraus sagen musste, ohne dass er mir es ansehen wollte, dass ich was auf dem Herzen hatte. Doch ich setzte diesmal alles Ceremoniel bei Seite. Da er mir nicht mit Ehrerbietung zuvor kommen und mich fragen wollte, warum ich ein so verdrusslich Gesichte machte; so sagte ich es ihm recht deutlich, dass ich uber einer gewissen Begebenheit, die mir heute zugestossen, sehr empfindlich ware. Nun schien es, als wenn er seine Unachtsamkeit wieder einbringen und mir alles auf einmal aus den Augen lesen wollte. Ich wies ihm die Briefe, und erzahlte die Unterredung mit dem Verwalter, er erstaunte uber meine Geschichte. Ich entdeckte ihm meine Gedanken von der Sache, er horte mich an, ohne ihnen beizufallen, noch sie zu verwerfen. Er uberdachte alle Umstande nochmals reiflich und mit solcher Aufmerksamkeit, dass ich glaubte, den Herrn Pitt vor mir zu sehen, wenn er Krieg und Frieden wagt. Er erklarte den Major gleichsam durch einen Machtspruch fur unschuldig, endlich gefiel es ihm, auch seine Grunde dies falls anzuzeigen. Er glaubte, dass eine so niedertrachtige Handlung dem Charakter des Herrn v. Ln. zuwider sey; er versicherte zugleich, dass er seine Hand genau kennte, dass aber die Zuge des Briefs davon sehr abwichen. Er war uber diese Verwegenheit so unwillig, dass ich zu der Zeit nicht wunschte, dass er den Verfasser der Briefe entdecken mochte. Doch wie seine Hitze bald uberhingehet; so fing er auch an, diese Sache von der scherzhaften Seite zu betrachten. Sie ist so verwickelt, sagte er, dass sie dem Knoten in einer Komodie nicht unahnlich scheinet. Es ist nichts ungewohnliches, dass dieser durch eine Tracht Schlage aufgeloset wird, wenn sich die Acteurs nicht anders helfen konnen. Wir wollen dieses kraftige Mittel auch hier anwenden, und dem Ueberbringer der Briefe seine Muhe dadurch belohnen lassen, der kann sie dem wieder zustellen, der ihm die Briefe gegeben hat, vielleicht bringt der sie wieder an rechten Mann. Bei meiner Schwester und mir fand dieser Vorschlag keinen Beifall, der arme Bornseil ware dabei am schlimmsten wegkommen; der Schluss fiel deswegen dahin aus, dem Verwalter einzupragen, denjenigen genau zu betrachten, der ihm ein verschlossnes Briefgen bringen wurde, um eine Antwort von ihm abzuholen. Es wurden ihm auch noch andere Regeln auf mancherlei Falle ertheilet. Nun seyn Sie aufmerksam, jetzt kommt die Entwickelung. Heute fruhe wurde der Verwalter in die Stadt geschickt, er lasst sich da kaum auf dem Markte blicken; so ruft ihn ein Weib, die eine ganz bekannte Trodelfrau ist, zu sich, zeigt ihm ein versiegelt Billet, und fragt, ob er an sie etwas abzugeben hatte. Bornseil stellt sich erfreut daruber und beantwortet ihre Frage mit ja, sucht alle seine Taschen durch, endlich, da er nichts findet, thut er sehr besturzt, und beklagt, dass er fruh im Dunkeln einen unrechten Rock ergriffen habe; verspricht aber heimzureuten und ihr noch vor Abends einen Brief zu bringen. Der Baron hatte ihm diese Umstande wohl eingepraget. Er gerieth auf die Vermuthung, dass er leichtlich in der Stadt um die Briefe konnte befraget werden. Er kam mit dieser Nachricht zuruck. Wir schickten hierauf den Jager in die Stadt, welcher sich allerlei Kleinigkeiten bei dieser Frau kaufen sollte, um bei dieser Gelegenheit von ihr auszukundschaften, von wem sie das Billet wohl habe; er kann aber nichts von ihr ausforschen. Unsere Bemuhungen waren also beinahe fruchtlos gewesen, wenn nicht zum Gluck bei seiner Anwesenheit ein Mann vor die Bude kommen ware und gefragt hatte, ob der Brief da sey, den er mitnehmen sollte. Sie beantwortet dieses mit nein, und bestellt ihn nach einer Stunde wieder. Der Jager schleicht diesem Manne nach, der ihm ohnedem nicht unbekannt ist, und bringt ihm im Gasthofe bei einer freien Zeche zu einem vollkommenen Gestandniss, doch unter der Bedingung, keiner lebendigen Seele etwas davon zu entdecken, weil es ihm hart verbothen ware, etwas davon zu sagen. Sehen Sie nur, wie listig der Urheber geheimen Correspondenz an uns sich verborgen hatte. Wenn er nicht durch einen Zufall ware entdecket worden; so hatte man seine Verwegenheit nicht einmal ahnden konnen. Et hat sich, wie wir aus dem Erfolg sehen, fur unsere Rache sehr gefurchtet, und auf alle mogliche Art sich davor sicher zu stellen gesucht. Gegenwartig beschaftigt sich mein Gemuth mit keiner andern Vorstellung, als mit der, diesen Frevel bestraft zu sehen, und ich bin so erfindungsreich, dass immer ein Anschlag den andern verdringt, meine Rache auszufuhren. Der Baron hat versprochen, mir mit Rath und That an die Hand zu gehn; ich bin aber noch gar nicht mit mir einig, welches Mittel sich am fuglichsten wird anwenden lassen, den Verwegenen zu zuchtigen. Morgen besuche ich Sie, da wollen wir diese Sache gemeinschaftlich uberdenken, wenn uns nicht uberflussige Personen in unsrer Gesellschaft daran verhindern. Doch ich plaudere sehr viel, und jage immer nicht, von wem sich der schlimme Streich herschreibt, und daran ist Ihnen vermutlich am meisten gelegen. Damit ich Ihnen morgen recht sehr willkommen bin; so habe ich mir vorgenommen, den Urheber, davon nicht anders als mundlich zu nennen. Ich lasse Sie in einer volligen Ungewissheit, um mir morgen das Vergnugen zu verschaffen, Sie noch einmal herumrathen zu lassen: ich mochte doch sehen, wen Sie am meisten im Verdacht haben. Wenn Sie eine so unleidliche Neugierde besassen, als unserm Geschlechte ordentlich zugeschrieben wird, die aber durchaus ein Fehler einzelner Personen ist, worunter ich gehore; so wurde ich mir es zur Sunde anrechnen, Sie so lange schmachten zu lassen. Sie sind aber gewiss hierbei ganz gleichgultig, und ubersehen meinen kleinen Eigensinn. Mein Brief ist nun lang genug, Ihnen ihr Kopfweh zu vertreiben, oder es zu vermehren, deswegen will ich kein Wort mehr sagen, als dass ich bin

Ihre

aufrichtige Freundin

A.v.S.

XXIX. Brief

Fraulein Amalia an ihren Bruder.

Schonthal, den 12 Nov.

Geliebter Bruder,

Du verlangst, dass ich noch immer auf alles aufmerksam seyn soll, was zur Geschichte unsres Oncles gehoret, in ferne man ihn als Grandisons Junger betrachten kann, ich bin auch noch immer geneigt, dein Verlangen zu erfullen. Jetzo sehne ich mich recht nach neuen Auftritten, um die langen Winternachte desto gemachlicher hinzubringen, wenn ich einen Theil davon verschreibe, so wie ich den andern zu verschlafen gedenke. Wenn mir nur die geringste Gelegenheit gegeben wird, so bediene ich mich derselben mit Vergnugen, dir von den Begebenheiten in unserer Gegend Nachricht zu geben: aber eher setze ich auch keine Feder an. Wenn ich weiter nichts sagen kann, als dass wir gesund sind, so schweige ich lieber: das kannst du auch von andern erfahren. Jetzo habe ich einmal wieder etwas erhascht, davon ich so viel zu schreiben gedenke, dass ich wenigstens ein halb Dutzend Federn stumpf machen werde; es betrifft unsern Lampert an. Der erste ist ganz ruhig, oder muss es vielmehr seyn, er verhalt sich wieder passive, wie Lampert spricht, das ist, er hat einen kleinen podagrischen Anfall; aber desto lebhafter ist der andere. Es ist, als wenn es diese beiden Leute mit einander abgeredt hatten, dass wenn der eine etwas seltsames geliefert hat: so tritt der andere auf, damit die Schaubuhne nicht ledig bleibt. Ich bin gewohnt, nicht nur sehr lange Briefe wegen dieser Handel an dich zu schreiben, sondern ich theile dir auch alle diejenigen in Abschrift mit, die unter uns diesfalls gewechselt werden, und welcher ich nur habhaft werden kann. Gegenwartig erhalst du ein Stuck des Briefwechsels zwischen mir und dem Fraulein v.W. Die ersten davon enthalten an sich eben nichts merkwurdiges, und ich war anfangs zweifelhaft, ob ich sie mit einschliessen wollte; doch da ich sie nochmals las, schienen sie mir nicht ganz unbetrachtlich. Sie fassen den merkwurdigen Punkt der Wiederaussohnung des Herrn v.N. mit der Frau v.W. in sich; sie enthalten auch einige Anekdoten, daraus man die dermaligen Gesinnungen der Personen, die unsere gewohnliche Gesellschaft ausmachen, erkennen kann. In einem davon wird gedacht, dass der Major unsern Oncle eifersuchtig gemacht hat, und dieses kann als der Grund von der ganzen Geschichte, die ich zu beschreiben gedenke, angesehen werden. Da sich unser Oncle einmal eine Ursache zur Eifersucht in den Kopf gesetzet hatte; so zweifelte er nun, dass das Fraulein v.W. eine Henriette Byron seyn konnte, wenn sie einen andern Mann unserm Oncle in ihrem Herzen vorzoge. Vermuthlich hatte hieruber viele sorgsame Gedanken und Herr Lampert nach seiner gefalligen Art, machte sich anheischig, geschickte Mittel ausfundig zu machen, solches zu verhuten. Er gerieth auf den boshaften Einfall, im Namen des Herrn v. Ln. an das Fraulein v.W. und an mich zu schreiben, uns einen verwunschten Liebesantrag zu thun und diese Briefe mit Fleiss zu verwechseln, um dadurch den Major bei uns beiden verachtlich zu machen. Ich bilde mir ein, dass ihm diese Erfindung einige schlaflose Nachte gemacht hat. Er richtete solche in der That ins Werk, und weil ich seitdem ein kleines altmodisches silbernes Dosgen bei ihm bemerket habe; so glaube ich, der Oncle hat ihn damit fur seinen klugen Einfall beschenket. Wenn ich nicht aus verschiedenen Umstanden gemuthmasset hatte, dass diese Briefe erdichtet waren; so hatte ihm sein Vorhaben wenigstens eine Zeitlang gelingen konnen, ohne dass dadurch sein Gonner das gerinste wurde gewonnen haben. Im Anfang fiel aller Verdacht auf die Frau v.W. und Fraulein Julgen hat mir gestanden, dass sie, nachdem ich sie auf diese Spur gebracht, so feste davon ware uberzeugt gewesen, dass sie es nur fur Scherz angenommen, da ich ihr gesagt hatte, diese Erfindung schriebe sich vielleicht aus Kargfeld her. Sie wollte dieses mir nicht einmal glauben, da ich zu ihr ging, um ihr den wahren Urheber davon zu nennen. Wie wir ihn entdeckt haben, solches wirst du aus meinem letzten Briefe an das Fraulein v.W. sehen. Ueberhaupt erinnere ich, dass du die Innlagen meines Briefes eher lesen musst als ihn selbsten, damit dir nichts in meiner Erzahlung unverstandlich bleibt. So erbittert wir gegen die Frau v.W. gewesen waren, wenn wir unsern Verdacht gegen sie gegrundet befunden hatten; so ruhig waren wir nun, da wir den wahren Urheber dieser Kabbale entdeckt hatten. Das Fraulein v.W. war so grossmuthig ihm zu verzeihen, ich hingegen war darauf bedacht wenigstens auf eine lustige Art mich zu rachen. Der Baron rieth mir, gegen den Oncle und den kuhnen Lampert meinen Unwillen zu verbergen. Er nahm es auf sich, wegen dieser Beleidigung uns vollkommene Genugthuung zu verschaffen. Leute von dem Charakter eines Lamperts, verdienen in meinen Augen Mitleiden, wenn man ihre Vergehungen nach der Strenge bestraft. So boshaft ihre Unternehmungen auch oftmals scheinen; so gehoren sie doch zu den unwissendlichen oder wenigstens zu den Schwachheitssunden. Ich bin uberzeugt, dass Lampert gewiss nicht den Vorsatz gehabt hat, uns zu beleidigen, er sahe seine Erfindung als eine erlaubte List an, seinen Gonner von einem so grossen Uebel als ein Nebenbuhler ist, zu befreien, und dadurch das Lob eines klugen und erfindungsreichen Mannes zu verdienen. Ich bin geneigt eine grossere Beleidigung gleichgultiger zu ertragen, wenn sie mir zugefuget wird, ohne dass man dabei die Absicht hat, mich zu beleidigen, als eine geringere, womit diese Absicht verbunden ist. Der Baron hat eben diese Gesinnung. Es wurde dahero in unserm Rathe beschlossen, uns zu stellen, als wenn wir die Briefe gar nicht empfangen hatten, und wo moglich, diese Gedanken unserm Oncle und dem Magister Lampert selbst beizubringen. Wenn wir diesem hatten merken lassen, dass seine verwegne Unternehmung entdeckt ware; so hatten wir nothwendig sehr bose gegen ihn thun mussen, und wenigstens in Jahrsfrist hatte er uns nicht durfen ins Gesichte kommen. Doch dadurch ware der Baron am meisten gestraft, wenn er in Jahr und Tag keinen Spass mit ihm treiben sollte. Er nahm sich vor, bei Gelegenheit ihm eins anzubringen, und ihm jetzo nur allen Argwohn zu benehmen, dass wir hinter das Geheimniss kommen waren. Bornseil hatte der Unterhandlerin in H. versprochen, ihr den Brief, den er an sie abzugeben hatte, noch denselben Tag einzuhandigen, der Baron nahm sich die Muhe ihm einen in die Feder zu dictiren, den er den folgenden Tag der Frau bringen musste, er wurde in Bornseils Namen abgefasst. Weil er nicht allzulang ist, will ich ihn einrucken. Die Aufschrift war an Herrn N.N., welcher Peter Bornseilen einige Briefe hat einhandigen lassen.

Unbekannter guter Freund,

Nebst einem schonen Grusse melde ich dienstlich, dass ich seinen Brief an unsere gnadige Fraulein und den an die Fraulein p.W. wie auch den meinigen wohl erhalten habe, und wenn ich sonst kein Bedenken gehabt hatte; so wurden sie auch richtig seyn an Ort und Stelle gebracht worden. Aber nehm er mirs nicht ubel, ich muss ihm hierdurch melden, dass ich sie nicht bestellen kann, und wenn ich ein Kaiserthum damit verdienen sollte. Sie sind nicht mehr in meinen Handen. Es hat sie mir zwar niemand genommen, ich habe sie auch nicht verlohren, noch vielweniger bereits richtig bestellt: sondern ich habe mich auf eine sonderbare Manier davon losgemacht. Lass er sichs erzahlen, was ich damit vorgenommen habe. Es befremdete mich nicht wenig, dass mir von einem unbekannten Kerl ein Brief zugestellet wurde, darinnen ich zwei andere an die Frauleins fand, es macht mich ziemlich stutzig, dass sich der Verfasser in dem Briefe an mich nicht genennet hatte. Ich dachte deswegen, ist dir wohl, so bleib davon, dass du nicht kriegest bosen Lohn. Es ist gewiss nicht umsonst geschehen, dass der Verfasser sich nicht genennet hat, das hat seine Ursachen. Wir stellen, ohne zu wissen, von wannen sie kommen, ist gar gefahrlich, es kann einer heutiges Tages in Leibund Lebensgefahr darugerathen. Was deines Amts nicht ist, lass deinen Furwitz. Briefe gehoren auf die Post; ich bin aber weder ein Postknecht noch ein Postmeister jemals gewesen, sondern meiner Profession nach bin ich ein Oeconomus, und wenn ich ihm als ein solcher einen Gefallen kann erweisen, will ich es gern thun; aber zu weiter versteh ich mich nichts. Durch andrer Leute Schaden bin ich klug gemacht. Andras, der Grossknecht auf hiesigem Edelhofe, hat sich neulich von dem Herrn Schulmeister auch einen Brief lassen aufschwatzen, solchen in der Stadt zu bestellen, da er aber damit aus Thor kommt, haben ihn die Soldaten visentiret, den Brief genommen, aufgebrochen und gelesen. Nicht genug hieran, so haben sie den armen Andras von Pilatus zu Herodes herum gefuhret, dass er bald ein paar Schuhe daruber zerrissen, und nur noch von Gluck zu sagen gehabt, dass sie ihn nicht gar fur einen Spijon angesehen. Darum dachte ich: mit solchen Dingen unbeworren! Ich hielt auch sogar gefahrlich, die Briefe lange in meinem Hause zu haben. Wenn ich gewusst hatte, wer er ware, so hatte ich sie ihm noch denselbigen Abend wiehergebracht. Die ganze Nacht hindurch ist mir kein Schlaf in die Augen kommen, und wenn sich nur was regte, so dachte ich, es geschahe Haussuchung, man wollte die Briefe holen, und mich in Ketten und Banden schmieden. Um nun der Marter loss zu werden, nahm ich sie fruhe, so bald der Himmel grauete, band sie an ein paar grosse Steine, und trug sie, wie ein paar junge Katzen, ins Wasser. Ich hatte zwar den kurzesten Weg gehen und sie verbrennen konnen; aber ich sorgte, dieses mochte mir Verdruss bringen, ich habe gehort, dass der Staupbesen darauf stehet, wenn man die Briefe an andere erbricht, und ein fremdes Siegel verletzt. Da es nun in diesem Falle nicht ohne Verletzung des Siegels abgegangen ware; so warf ich sie lieber ins Wasser. Nehm er es nicht ubel, dass ich so strenge mit den Briefen verfahren bin, es war mir so Angst dabei, dass wenn ich sie langer in meinem Hause behalten hatte, so ware ich wohl endlich selbsten ins Wasser gesprungen. Ich habe ihm nun als ein ehrlicher Mann gesagt, wo die Briefe hingekommen sind, und kann einen Eid deswegen ablegen. Er kann ja leichtlich ein paar andere schreiben, und sie auch auf eine andere Weise als durch mich bestellen lassen, wenn es nothig ist. Dieses hat ihm nachrichtlich melden wollen

P.B.

Mit diesem Briefe, den der Baron vollkommen nach Bornseils Schreibart eingerichtet hatte, wurde dieser nach H. geschickt, wo der benennten Frau solchen auch gegeben, die ihn vermuthlich richtig bestellet hat. Nun dachten wir auf nichts anders, als den Magister Lampert seinen Frevel bussen zu lassen, wir machten einen Haufen Anschlage, es fanden sich aber bei jeden Schwurigkeiten. Von ungefehr both sich hierzu eine Gelegenheit dar, die so wunderbar als unerwartet kam. Doch ich will hier in meinem Briefe einen kleinen Abschnitt machen, damit wir beide, du beim Lesen, ich beim Schreiben, ein wenig ausruhen konnen.

XXX. Brief.

Fortsetzung des vorigen.

Den 13 und 14 Nov.

Es war am Diensttage, da wir Nachricht erhielten, dass einige Esquadrons von der schweren Englischen Cavallerie in unsere Gegend einrucken wurden, Sie trafen Mittwoch Abends ein, wir bekamen also Gaste. Zwei Officiers ritten gerade in den Edelhof, der eine war Rittmeister und der andere Cornet. Sie schienen im Anfang ein paar steife Manner zu seyn, der Rittmeister sonderlich hatte eine so nachdenkliche Mine, als wenn er glaubte, dass er an dem glucklichen Feldzuge dieses Jahres keinen geringen Antheil hatte. Wer sollte denken, dass dieser Mann bestimmt gewesen ware, zwei beleidigte Frauenzimmer zu rachen! Der Baron redete sie franzosisch an, Sie antwortete kurz und gebrochen. Ich nahm mir vor, nicht lange in ihrer Gesellschaft zu bleiben, doch bei Tische fanden wir an dem Rittmeister einen ganz andern Mann, er wurde aufgeraumt und redete uns plotzlich in unsrer Muttersprache an. Der Baron war eben im Begriff, ihm seine Verwunderung daruber zu entdecken, da er ihm zuvor kam und anfing, sein Leben zu erzahlen. Er hat einige mal das Gluck gehabt, den Konig nach Deutschland zu begleiten, und hat sich ausserdem ziemlich lange aufgehalten. Nachmittage stattete der Herr v. Ln. einen Besuch bei uns ab. Der Rittmeister war sein vertrauter Freund. Sie hatten einander lange nicht gesehen, und unterhielten sich eine Zeitlang von den Begebenheiten, die unterdessen dem einen sowohl als dem andern zugestossen waren. Die Gesprache wurden hierauf, da diese beiden einander nichts mehr zu sagen hatten, so mannigfaltig, dass man fast zu gleicher Zeit vom Kriege, von der Verschiedenheit der Sitten der Deutschen und der Englander, und von Romanen sprach. Das Capitel von den letztern war das langste. Der Major machte dem Rittmeister ein Compliment dadurch, dass er seinen Landsleuten ihr gehoriges Lob gab, dass sie uns mit verschiedenen artigen Romans beschenket hatten. Die vornehmsten wurden genennt und beurtheilet. Beilaufig wurde auch unserer ubermassigen Verehrer des Grandisons gedacht. Der Rittmeister war hierbei aufmerksam, und nach dem Geschmacke der Britten vergnugte er sich ungemein an dem sonderbaren, das diese Leute von sich blicken liessen. Der Major erzahlte ihm mehr davon, als uns Anfangs leib war. Um das Gesprach in etwas zu verandern, gedachte der Baron, dass einer von Grandisons Jungern zwei Frauenzimmer sehr beleidiget hatte, die deswegen auf Rache bedacht waren, und fragte mich zugleich, warum ich so roth wurde, ob ich dadurch meine Rachbegierde verrathen wollte? Hieruber wurde ich in der That roth, diesen abgenutzten Spass, die Manner auf Kosten des Frauenzimmers einmal lachen zu lassen, wendete der Baron dismal, seiner Gesellschaft zu Ehren, in dieser Absicht an. Ich wollte ihm wieder eins versetzen; doch ehe er mich zum Worte kommen lies, wendete er sich zum Major und sagte, er hatte schon in unserer Gegend einmal die gute Sache des Frauenzimmers mit Ruhme vertheidiget, worzu er sich entschlussen wollte, wenn er hierzu nochmals aufgefodert wurde? Der Herr von Ln. machte seinen besten Reverenz, er wollte gleich seinen Abschied fordern, sagte er, und aufhoren, das Vaterland vertheidigen zu helfen, wenn er die Ehre haben sollte, fur die Schonen zu fechten. Die Unterredung wurde uber diesem Punkt ziemlich munter, der Engelsmann wollte all einem solchen Gluck gleichfalls Antheil haben, und sie zankten sich hieruber lange. Da der Rittmeister horte, dass eine Fraulein Base des Majors mit im Spiel ware, wollte er sich endlich mit ihm dahin vergleichen, dass sich dieser seiner Fraulein Base annehmen sollte; er hingegen wollte meine Parthie nehmen. Sie waren beide nun nur begierig, den Beleidiger sowohl, als die Beleidigung zu erfahren, jenen nennte der Baron, und diese, sagte er, bestunde darinne, dass Lampert, um eine Wette von unserm Oncle zu gewinnen, welcher behauptet hatte, die Freundschaft zwischen mir und dem Fraulein v.W. ware unzertrennlich, sich unterstanden hatte, einen Zwist unter uns erregen zu wollen. Alle stimmten damit uberein, dass dieser Frevel musste bestraft werden. Der Baron hatte sogleich eine seltsame Erfindung parat, diesen Vorsatz auszufuhren, die von allen belacht wurde; die aber einen so allgemeinen Beyfall erhielt, dass sie der Rittmeister, der dabey hauptsachlich mit eingeflochten war, durchaus in Erfullung bringen wollte. Es kostete nicht viel Muhe, den Baron dahin zu bringen, seinem Gaste dieses Vergnugen zu verschaffen. Die Herren brachten also den ubrigen Theil des Tages damit zu, einander in allem vollkommen zu unterrichten, was den folgenden Tag ihre Lust vollkommen machen konnte. Ich schlich mich weg, um Fraulein Julgen Nachricht zu geben, was der Baron dem Major vorgeschwatzt hatte, damit wir einerlei Sprache fuhrten, wenn der Herr v. Ln. etwas gegen ist davon gedachte. Des folgenden Tages fand sich dieser sehr zeitig bei uns ein, hierauf wurde folgendes Billet nach Kargfeld geschickt:

An Herrn Lampert,

Vernehmen Sie aus meinem Munde die seltsamste Geschichte, mein werther Herr Magister, die sich seit zwanzig Stunden einen Mann unter meinem Dache, den wir beide aus der Geschichte Sir Grandisons kennen Wen meinen Sie wohl? Ich will ihre Seele nicht lang im Zweifel lassen. Sind sie begierig den Hauptmann Salmonet von Person kennen zu lernen; so kommen sie eiligst nach Schonthal, er hat ein grosses Verlangen Sie zu sehen, der Major Ohara hat in einigen Briefen sehr vortheilhaft von Ihnen geurtheilet. Lassen Sie noch zur Zeit ihrem Gonner nichts erfahren von dem, was ich ihnen jetzo fub rosa gesagt habe, damit er nicht in die Versuchung fallt, Sie zu begleiten. Es ist heute eine sehr feuchte Luft und ihm zutraglich, dass er sich warm halt, damit ihm das Podagra nicht in Leib schlagt. Kommen Sie bald, Sie werden mit Verlangen erwartet von

Ihrem

geneigten Freunde.

v.F.

Entzuckt uber diese unerwartete Botschaft, macht sich Lampert nach Empfang dieses Briefgens sogleich reisefertig. Es war so veranstaltet worden, dass er auf diesem kleinen Wege bereits einige Anfechtungen haben sollte. Einige Reuter mussten ihn uberfallen und fur einen franzosischen Feldprediger ansehen. Er hat durchaus ein Kriegsgefangener werden sollen. Man das Staabsquartier folgen. Endlich erhalt er auf vieles Bitten so viel, dass er einer abgelossten Feldpost ein Wahrzeichen mit an uns nach Schonthal geben darf, damit wir seine Befreiung desto schleuniger auswirken mochten. In der Angst wahlte er hierzu seine Sammtmutze, und er hatte nichts kenntlichers wahlen konnen. Der Curassier hatte sie auf seinen blanken Pallasch gesteckt, da er in Schonthal einritte, und wem Lampert nicht bald darauf selbst nachkommen ware, so ahndete mir schon, dass das Geruchte in der Gemeinde entstehen wurde, er ware niedergemacht worden. Doch der Rittmeister befahl, dass man ihn ungehindert sollte passiren lassen, und schalt den Reuter dass er die Zierde des Hauptes eines deutschen Magisters so sehr misshandelt hatte. Lampert erschien hierauf noch ganz betaubt von Schrecken. Der Rittmeister nahm sein steifes Wesen wieder an, die Rolle, die ihm der Major aufgetragen hatte, schien sehr gut mit ihm zu passen. Nach den ersten Komplimenten, die auf Seiten des Magisters mit einer furchtsamen Ehrerbietung gegen den Rittmeister begleitet waren, zog er einen Brief aus der Tasche. Sie haben mir zwar filentium imponirt, gnadiger Herr, sagte er zum Baron, ich habe meinem Gonner nichts von der begluckten Ankunft des Herrn Rittmeister Salmonets entdecken sollen: nehmen Sie es aber nicht ungnadig, ich hielt mich in meinem Gewissen verbunden, ihm einen Wink davon zu geben. Ich habe mir einmal eine Regel gemacht, kein Geheimniss zu besitzen das ich ihm nicht entdecken sollte, ich darf solche nicht uberschreiten. Mein Patron bedauert, dass er nicht im Stande ist dem Herrn Rittmeister personlich seine Aufwartung zu machen, er empfiehlt sich ihm in diesem Schreiben. Er ubergab es dem Officier, welcher es erbrach und lass. Ich will es hier einrucken, es veranlasste eine wichtige Unterredung

Hochgeehrter Herr Rittmeister,

Wenn Sie deutsch verstehen, so ist es gut; wo nicht, so lassen Sie diesen Brief durch Ueberbringern desselben in eine Sprache ubersetzen, in welche sie wollen. Ich erfreue mich sehr, dass ein Mann, von dem ich in der Geschichte Sir Carl Grandisons, meines vielgeehrten Herrn Gevatters, so viel gelesen habe, sich in hiesiger Gegend befindet. Ich mochte Sie gern von Person kennen lernen, und wurde nicht ermangelt haben, Ihnen in Schonthal aufzuwarten, wenn ich nicht das Bette huten musste. Gonnen Sie mir Ihren Besuch, wenn Sie Ihren Posten verlassen konnen, Sie werden mir sehr willkommen seyn. Inzwischen da man nicht weiss, wie bald Sie etwan Ordre zum Aufbruch erhalten, und mir viel dran gelegen ist Ihr Portrait zu besitzen, weil Sie doch auch mit in die GeGefallen, und lassen Sie Sich bei Ihrem jetzigen Aufenthalt in Schonthal auf meine Kosten abkonterfeien. Ich habe nur vorgenommen, alle in dieser Geschichte vorkommende Personen abmahlen zu lassen, um meine Bildergalerie damit auszuschmucken, ich habe diesfalls auch bereits nach England geschrieben. Wenn Sie meine Bitte erfullen, so erzeigen Sie mir dadurch den grossten Gefallen von der Welt, und wenn ich im Stande bin, Ihnen Gegengefalligkeiten zu erzeigen; so werde ich mir ein Vergnugen daraus machen. Ich verharre mit aller Hochachtung

Dero

ergebenster Diener

v.N.

Ja ja, sagte der Rittmeister, das ist der Mann, den mir der Major Ohara beschrieben hat. Horen sie einmal, was Aemilie Sir Beauchamps Gemahl von ihm spricht. Lesen. Sie diesen Brief selbst, Herr, sagte er zum Magister, wenn Sie englisch verstehen; doch ich will ihnen lieber die Uebersetzung davon machen. Er schlug das erste Blatt um, und stellte sich, als wenn er auf der andern Seite das fand, was er suchte. Er las folgendes?

Wagen sie es ja nicht wieder, Sir Carln nachzuah

Beauchamp mit diesem Briefe beehret hat. Es ist sehr wohl gethan, dass sie diesen Vorsatz aufgegeben haben, da sie an der glucklichen Ausfuhrung desselben so sehr zweifeln. Dieses wurde ihr Gemuth nur in einer bestandigen Unruhe unterhalten haben. Mein Herr gestehet selbsten, dass er in vieler Unternehmung nicht vollkommen glucklich gewesen ist, das sage ich zu ihrem Troste. Wenn man nicht so gut ist als man seyn soll, so ist es gnug, wenn man sich bestrebt, so gut zu seyn, als man seyn kann. Kein Britte hat bis jetzo Sir Carln erreichet, vielweniger ein Irrlander. Diese Ehre ist einem Auslander vorbehalten gewesen. Sie kennen den Mann aus den Briefen des Gemahls meiner Mutter. Der Herr v.N., was fur ein ehrwurdiger Name, der dem Namen Grandison gleich kommt! Alle Wetten, die in England sind angestellet worden, dass Sir Carl unnachahmlich ware, gehen nunmehro verlohren. Zwei Capitalisten in Londen werden dadurch banquerott. Wir bewundern alle den grossen Deutschen und Sir Carl ist uber ihn vergnugt. Sie wissen, wie oft Herr Richardson mich in der Geschichte meines Vormundes heulen lasst: jetzo vergiesse ich in der That mehrere Thranen, als mir jemals sind angedichtet worden, lauter Freudenthranen, dass Sir Carl der Gegenstand einer allgemeinen Bewunderung worden ist, und dass man ihn so glucklich nachahmet.

Wir haben Ursache einander Gluck zu wunschen, sagte der Baron, dass wir so vielen Antheil an einem Manne haben, den man in Brittannien eben so hoch schatzt; so sehr man sein Urbild in Deutschland bewundert. Bald bekomme ich selbst Lust, die Secte der Anhanger des Herrn Grandisons zu vergrossern, bis jetzo bin ich noch immer neutral gewesen. Was meinen Sie, Herr Rittmeister, trauen Sie mir wohl zu, dass ich es in der Nachahmung des Baronets weiter bringen sollte als Sie? Wenn ich die Ehre bedenke, die mir daher erwachsen wurde, so mochte ich es fast wagen Aber die Schwurigkeiten, die man dabei zu ubersteigen findet

Salmonet. (Ich will ihm nur diesen Namen geben, weil er doch seine Person vorstellte.) Ja, die canalljosen Schwurigkeiten! Ich habe auch einmal Grandisons spielen wollen, aber bei meiner Treue! Ich hielt es nicht langer als vier Wochen aus, und weiss am besten, welchen Zwang ich mir dabey angethan habe. Wenn es langer gedauret hatte; so ware ich uber den Possen crepirt. Spiegeln sie sich an meinem Exempel.

Der Baron. Ich erkenne es, bei uns ist es nun zu spat, dass wir erst anfangen wollten, uns in eine neue Form zu giessen, und wenn man uns beide zusammen schmelzt; so wurde doch kein Mercur aus uns. Mercurius. Indessen wenn man den edelmuthigen Entschluss gefasst hat, eine grosse Unternehmung auszufuhren; so muss man sich keine Hinderniss davon abschrecken lassen. Man muss an die Worte des Dichters gedenken: quo bene coepisti, hic pede semper eas. Ich rufe die Sentenz taglich einmal beim Fruhstuck meinem Gonner zu, gleich jenem Edelknaben, der seinen Monarchen auch taglich an einen gewissen Denkspruch erinnern musste, und dieses macht meinen Gonner so beherzt, dass er alles, was sich seinem edlen Vorhaben entgegen setzt, glucklich uberwindet.

Salmonet. Grandison ware der Mann nicht, der er wirklich ist, wenn er den Doctor Bartlett nicht auf der Seite gehabt hatte; und ihr Gonner wurde auch wohl eine schlechte Figur machen, wenn sie ihn nicht unterstutzten.

Lampert. Sie erzeigen mir viel Ehre, mein Herr Rittmeister; aber ich versichere, dass ich weiter nichts als eine caussa occasionalis bin, dass mein Patron dem grossen Britten glucklich nachfolget.

Salmonet. Sie sind ein sehr bescheidener Mann; mein Herr, und sie verdienen meine Hochachtung, dass sie das Lob, das ihnen mit Rechte zugehoret, auf eine so gute und gelehrte Art von sich ablehnen. Aber helfen sie mir doch aus dem Traume, was hat es denn mit der Bildergalerie ihres Herrn fur eine Bewandniss? Mich dunkt, sie ist der Bildergalerie Sir Carls sehr unahnlich, dort befinden sich nur die Ahnen desselben, und hier will ihr Gonner die Portraits aller der Personen, die in der Geschichte seines Freundes genennet werden, aufstellen.

Lampert. Mein Gonner hat dabei verschiedene ruhmliche Absichten. Er halt sich fur einen aus der Familie Sir Carls, und also glaubt er ein Recht zu haben, alle verwandten desselben als die Seinigen zu betrachten. Da es nicht wahrscheinlich ist, dass er die Englischen Freunde jemals von Person wird kennen lernen; so will er sich doch wenigstens aus dem Gemahlde einen Begriff von ihnen machen. Ferner hat er hat er sich vorgenommen, seinen hochadelichen Sitz zu einer Schule der Tugend und Weisheit zu machen. Diese Bildergalerie wird also den beste Horsaal derselben abgeben. Man wird Gelegenheit haben, wenn man den Lehrlingen diese Portraits zeiget, auch zugleich den moralischen Charakter der Personen, die dadurch vorgestellt werden, zu entwerfen. Die Tugend wird ihr gehoriges Lob, das Laster seinen Tadel finden.

Salmonet. Der Herr v.N. wird mein Portrait also nicht bekommen. Es ist mir bekannt, dass ihr Herren eben nicht die besten Begriffe von mir habt. Ich glaube, ihr waret im Stande, mich neben den schelmischen Juden Merceda zu stellen, und jeder, der voruber ginge, musste einen Fluch uber uns aussprechen. Nein, das ware mir ungelegen! Ich will lieber unbekannt bleiben, als auf eine solche Art beruhmt werden.

Lampert. Sie haben nichts zu furchten. Es scheinet, dass ihnen Sir Carl Pardon gegeben, und die Beleidigungen, die er von ihnen und dem Herrn Major Ohara erhielt, vergessen hat. Es ist also auch unsere Schuldigkeit, dass wir alles mit dem Mantel der christlichen Liebe zudecken. So bald sie angefangen haben, den Herrn Grandison zu verehren; so bald sind sie aus den Thoren des Lasters zu den Fahnen der Tugend ubergangen. Wenn jetzo Herr Richardson die Geschichte des Herrn Grandisons fortsetzen sollte, so wurde er sie vermuthlich in einem ganz andern Lichte erscheinen lassen.

Salmonet. Denken sie nicht an den verhassten Richardson. Er hat mich vor der ganzen Welt beschimpft, und ich hatte ihn gewiss langstens den Hals gebrochen, am sich Sir Carl seiner nicht annahme. Haben sie denn alles geglaubt, was er von dem Major und mir bei den Handeln zu St. James quarre geschrieben hat?

Lampert. Ich hab im geringsten nicht daran gezweifelt, da Sir Carl den ganzen Vorgang der Sache selbsten an den Doctor Bartlett berichtet.

Salmonet. Es ist wahr, Sir Carl hat mit aller Aufrichtigkeit alle Handel beschrieben, ich habe den Brief im Original gesehen; Sir Richardson aber hat geglaubt, dass die getreue Mittheilung desselben seinem Helden nicht gar zu vortheilhaft seyn durfte, deswegen hat er sich die Erlaubniss genommen, viele Stellen darinne zu verbessern. Er hat aber die Sache, wie jedermann, der nur Menschenverstand hat, leichtlich einsiehet, dergestalt ubertrieben, dass seine Erzahlung alle Wahrscheinlichkeit verliehet. Sir Carl macht sich selbst oft daruber lustig: er weiss am besten, wie wir ihn damals in die Enge getrieben hatten.

Lampert. Sollte aber Sir Carl darein gewilliget haben, dass man die Welt so hinterginge und ihr Unwahrheiten und Erdichtungen von ihm aufburden durfte?

Salmonet. Der Baronet hat hierzu freilich seine Einwilligung nicht gegeben, er hat alles hinter seinem Rucken gethan. Was sollte er aber machen, da es einmal geschehen war? Er musste es dabey bewenden lassen.

Der Hr. v. L. Sie hatten in der That diesen Schimpf nicht sollen auf sich sitzen lassen. In Deutschland wurde kein Officier mit ihnen getrunken haben, bis sie ihre Sache ausgemacht hatten. Wenn ich an ihrer Stelle ware; so vertheidigte ich mich wenigstens in Schriften, und suchte meine Ehre vor der Welt zu retten. Ich denke, es ist noch immer Zeit.

Salmonet. Bis jetzo habe ich es auf Bitten des Majors unterlassen, dieser glaubte, Sir Carl wurde ungehalten daruber wer, den, sie wissen wohl, dass er Ursache hat ihn zum Freunde zu behalten. Der Baronet und Beauchamp sind ein Herz und eine Seele, dieser letztere, der jetzo Aemiliens Vermogen in Handen hat, wurde der Gemahlin des Majors den Augenblick die freiwilligen Renten einziehen, wenn ihm Sir Carl nur einen Wink gabe. Der Major wurde also sehr ubel dran seyn, wenn er dem Herrn Grandison auf sich unwillig machen wollte. Inzwischen ist sich jeder selbst der Nachste. Die Freundschaft des Baronets ist mir angenehm: aber ich will solche doch lieber vermissen als die Achtung der ganzen Welt. Da die Geschichte des Herrn Grandisons in Deutschland ein so grosses Ansehen erlangt hat, und ich fur die deutsche Nation sehr viele Achtung habe: so kann ich es unmoglich zugeben, dass man mir unverdienter Weise meine Ehre entzieht. Ich will mich rechtfertigen. Ich will die aufrichtige Relation der Handel mit Sir Carln aufsetzen und drucken lassen. Ich will mich gegen unverschamten Herrn Richardson vertheidigen. Weisen sie mir nur einen Gelehrten zu, der die Sache gut einfadelt: ich bin der deutschen Sprache nicht so machtig, dass ich mich getrauete, diesen Aufsatz selbsten zu verfertigen.

v. Ln. Einen Gelehrten durfen sie nicht weit suchen, wenn der Herr Magister Wilibald in der Gesellschaft ist. Er wird sich ein Vergnugen daraus machen, eine Caussa occasionalis zu seyn, ihren Ruhm, der in den Augen der Deutschen Schiffbruch gelitten hat, wieder herzustellen, und er wird, wie ich hoffe, ihre Ehre so tapfer vertheidigen, dass man sie in Zukunft fur den herzhaftesten Irrlander halten wird.

Lampert. Ich verbitte diese Ehre gar sehr. Ich werde warlich gegen den Herrn Richardson nie eine Feder ansetzen, das ist geschworen! Gesetzt, aber noch nicht eingestanden, er hatte einiges in den Briefen des Herrn Grandisons an den Doctor Bartlett geandert; so wurde ich doch nicht im Stande seyn, das Publicum davon zu uberzeugen. v. Ln. Ich sollte meinen, dieses wurde sich leicht thun lassen, wenigstens ist es wahrscheinlicher, dass zwei so tapfere Manner, als der Herr Major Ohara und der Herr Rittmeister Salmonet sind, den Herrn Grandison entwaffnet haben, als dass er beide durch seine Fechterstreiche um Hut und Degen bringt. Diese Stelle halte ich fur die schwerste in dem Grandison, die einer Aufklarung wohl wurdig ist.

Salmonet. Ich werde nicht mit Bitten bei ihnen nachlassen, mein Herr, bis sie sich entschlussen, mir meinen guten Namen wieder zu verschaffen. Ich will ihnen unter der Mahlzeit den ganzen Verlauf der Sache der Wahrheit gemass erzahlen, bringen sie es hernach zu Pappier, damit ich diese Schutzschrift in die nachste Druckerei schicken und hernach in ganz Deutschland bekannt machen kann. Sie sollen zur Belohnung die Ehre haben, ihren Namen davor setzen zu durfen.

Lampert entschuldigte sich mit einem Haufen Complimenten, und glaubte damit durchzukommen, dass er vorgab, er wurde sich das grosste Gewissen machen, seinen Eid zu brechen, den er gethan hatte, nie eine Feder gegen den Herrn Richardson anzusetzen: Der Rittmeister aber drang so heftig in ihn, dass ihm ganz Angst dabei wurde. Bei der Mahlzeit erzahlte der Rittmeister ein seines Mahrgen, das schon den Tag zuvor war ausgedacht worden, von seiner Schlagerei mit dem Herrn Grandison, und sprach davon fur sich so vortheilhaft, dass dem guten Lampert kein Bissen schmeckte. Er wunschte diesmal hundert Meilen von Schonthal und dem martialischen Britten zu seyn dem er nicht, wie er wollte, zu widerlegen sich getrauete. Es war auch in der That gefahrlich, diesem Kriegsmanne viel zu widersprechen, der, wenn man ihm nicht alles glauben wollte, die Stirn in tausend Falten legte, und grasslich schwur, dass alles wahr ware, was er sagte. Unterdessen nennte er den Magister immer seinen besten Freund, und erwies ihm allerlei Liebkosungen. Beim Koffee wurde der Spass vollkommen, wo nicht gar ubertrieben. Lampert wollte es durchaus nicht unternehmen, den Herrn Salmonet gegen die Erzahlung des Herrn Richardsons zu vertheidigen.

Wollen Sie nicht meiner Bitte Platz geben, mein Herr, sagte der Officier; so werde ich, wenn sie sich ferner weigern, nach Kriegsgebrauch mit ihnen verfahren mussen. Corporals, rief er zum Fenster hinunter, haltet ein Dutzend Sattel bereit. Nehmen Sie es nicht ungutig, mein Herr, es thut mir leid, dass ich ihre Schultern mit zwolf Satteln muss beschweren lassen, wenn Sie meine Ehre gegen die feindseligen Angriffe des Herrn Richardsons nicht vertheidigen wollen. Sie werden sich gefallen lassen, diese Last so lange zu tragen, bis sie sich meinem Absichten gemass erklaren. Auf diese Art habe ich in meinem Vaterlande die Hartnackigkeit von mehr als hundert Quackern uberwunden, und sie in zwo Stunden glucklich bekehrt. Ich hoffe nicht, dass sie mich in die Nothwendigkeit versetzen werden, ihnen diese kleine Unbequemlichkeit so lange aufzuburden. Versuchen sie es nur so lange es ihnen gefallt. Sobald sie meine Bitte Statt finden lassen; so bald werde ich das Vergnugen haben sie von dieser kleinen Beschwerung zu befreien. Verlangen sie nicht Unmoglichkeiten von mir, sagte Lampert in einem tragischen Tone, und beleidigen sie nicht das Gastrecht, das bei den Alten heilig war. Ich bin als ein Freund zu ihnen kommen, warum begegnen sie mir als einem Feinde? Sie werden an mir nie einen Vertheidiger, wohl aber einen Anklager bei der ganzen ehrwurdigen Familie der Grandisonen finden, wenn sie fortfahren, einen Mann zu beleidigen, fur den die weisesten der Britten selbst eine Achtung bezeigen, und dessen Bemuhungen um die Gelehrsamkeit sie bereits belohnet haben.

Salmonet. Glauben sie nicht, ehrwurdiger Freund, dass ich sie beleidigen will, entfernt von mir sei eine so tadelhafte Absicht! Ich werde sie vielmehr selbst unter der Last der Sattel hoch schatzen. Ich thue nichts, als was die grossten Helden der alten und neuern Zeiten vor mir gethan haben, ich verfahre mit ihnen nach raison de guerre. Ein General, der ein Volk in seiner Gewalt hat, lasst sich von solchem alle Unterstutzung und Hulfe zu Erhaltung seines Endzwecks, das ist, zu Beforderung seiner Progressen reichen, die er nur aufbringen kann. Er ist berechtiget mit militarischer Execution diese Hulfleistung zu erzwingen, ohne dass er deswegen ein Feind ist, er kann (bei alledem) sogar ein Freund und Bundsgenosse seyn. Was thue ich anders? Sie sind in meiner Gewalt, ich verlange eine kleine Gefalligkeit von ihnen, die sie mir auch leicht erweisen konnen, sie verweigern mir solche: ich bediene mich also meiner Macht, die mir die Kriegsgesetze erlauben, meinen Endzweck zu ernein, wir sind die besten Freunde, hier haben sie meine Hand. Ich bin ausserst geruhret, dass ich mich genothiget sehe, ihnen auf eine unangenehme Art zu begenen. Sie werden mich ausserordentlich verbinden, wenn sie mich von der Nothwendigkeit befreien, meinem Vortheil der Heiligkeit des Gastrechts vorzuziehen.

Lampert zum Major. Sie bringen alles Ungluck uber mich, Herr Major! Hatten sie nicht den Vorschlag gethan, dass ich die Ehre des Herrn Rittmeisters gegen die Wahrheit verfechten sollte: so sahe ich mich jetzo nicht in so viele Verdrusslichkeiten verwikkelt. Nun verlasse ich mich auch auf ihren Vorspruch.

Der Major, zuckt die Achseln.

Salmonet. Hier gilt kein Vorspruch, entschliessen sie sich, aut, aut. Er stieg auf vom Stuhle.

Lampert. Horen sie, Herr von Salmonet, nur ein Wort!

Salmonet. Was denn?

Lampert. Gonnen sie mir doch wenigstens nur eine kleine Bedenkzeit, um bei einer Sache voll solcher Wichtigkeit eine feste Entschliessung zu fassen. Erlauben sie, dass ich einen kleinen Abtritt nehme.

Salmonet. Richten sie alles nach ihren Gefallen ein, bester Freund, ich verstatte ihnen diesen Zeitraum gar gerne, die Sache zu uberlegen, bringen sie nur eine mir gefallige Entschlussung zuruck.

Lampert ging hierauf in das Nebenzimmer, wir horten kurz hernach seine Stimme. Der Baron winkte uns, dass wir stille seyn sollten, er nahm seine Schreibtafel und lehnte sich an die Thur. Hier ist es, was er von dem Selbstgesprache des Magisters aufgeschrieben hat, man konnte nicht alles vernehmen.

Nein! Jedermann wurde mich verachten Welcher Unterschied unter den Menschen! Grandison der Menschenfreund. Ehre genug seinetwegen ein Martyrer zu seyn! Wer kann wider Gewalt und Unrecht ! Aber gleichwohl keine Einwurfe! Ein Abschaum von bosen Menschen kann dich nicht beschimpfen. Getrost Lamperte! Jetzt ist es Zeit, dir ein Verdienst zu machen , Wohlan, zeige deinen Muth, wie spricht der Dichter:

Justum ettenacem propositi virum,

Non militum ardor, prava jubentium,

Non vultus (cape tibi hoc!)

Non vultus iustantis tyranni,

Mente quatit solida.

Aber freilich vor der ubelunterrichteten Welt . Ei kein aber! In Jahr und Tag ist alles vergessen. Aber Hannchen wird mir umkehren. Ein schwerer Punkt- in der That, Hic haeret aqua! doch nein, nichts ist im Stande

Weiter konnte man nichts verstehen, es trat in dem Augenblick ein Kurassier von dem Ansehen eines Bramarbas in das Zimmer, der einen Pass examiniren liess, und durch das Gerausch seiner Stiefeln uns um den letzten Theil dieses Selbstgespraches brachte. Der Magister kam einige Augenblicke hernach sehr besturzt zuruck; er glaubte, der Kurassier ware seinetwegen da, um gegen ihn Gewalt zu gebrauchen. Dieses machte eine plotzliche Aenderung in seinem festen Entschluss. Wozu dienen alle diese Weitlaufigkeiten, sagte er, da ich bereit bin, ihre Absichten zu erfullen. Der Rittmeister umarmte ihn, und der Kurassier nahm seinen Abmarsch. Lampert setzte sich in einem Winkel des Zimmers, und nach einer Stunde uberreichte er die verfertigte Schutzschrift, die vollkommen nach dem Willen des Officiers eingerichtet war. Der Major rieth ihm, diesen Aufsatz in die offentlichen Zeitungen einrucken zu lassen, weil dieses der leichteste Weg ware, solchen allenthalben bekannt zu machen. Lampert bat den Rittmeister sehr angelegentlich, ihn zu beurlauben und ihn mit einem Passe zu versehen, damit wenn er unterweges einer Patruille wieder in die Hande fiele, man ihn nicht fur eine verdachtige Person halten mochte. Der Rittmeister versicherte, dass er nichts zu befurchten hatte, weil er aber doch darauf bestund; so gab er ihm einen Reitknecht zur Bedekkung mit. Er musste versprechen des folgenden Tages wieder zu kommen, aber er hat sein Wort nicht gehalten. Am Freitage wollte der Rittmeister unser Oncle besuchen.; er wurde aber durch die Ordre zum Aufbruch daran verhindert. Jetzo ist es in unserer Gegend wieder ganz ruhig. Der Magister hat sich, wie der Baron erzahlet, der gestern in Kargfeld gewesen ist, zwei Tage und drei Nachte in einem grossen Schlagfasse auf dem Boden aufgehalten, und vorgeben lassen, er ware in Angelegenheiten seines Gonners verreist, damit er dem Herrn Salmonet nicht wieder unter das Gesichte kommen mochte. Unser Oncle ist sehr bose auf ihn, dass er dem Rittmeister Gehorsam geleistet, und eine Schmahschrift gegen den Herrn Grandison, wie er es nennt, aufgesetzt hat. Ich will das Original davon meinem Briefe mit beifugen, du wirst leicht einsehen, welchen Zwang der Magister bei Verfertigung dieses Aufsatzes sich hat anthun mussen. Fraulein Julgen ist mit dieser heimlichen Rache gegen den boshaften Lampert nicht sowohl zufrieden als ich. Sie ist ein liebes frommes Kind, die keine Beleidigung rachen, sondern nur verzeihen will. Meine sechs Federn sind nun eben stumpf, ich will also mein Paquet geschwinde zusammen packen. Wenn es dir in Strassburg nicht so wohl gefallt als in Londen; so verschaffe uns bald das Vergnugen, dich in Schonthal zu sehen, um von mir die mundliche Versicherung zu erhalten, dass ich nie aufhoren werde zu seyn

Deine

A.v.S.

Avertissement

An das Publicum.

Es ist nicht ohne die ausserste Befremdung zu vernehmen gewesen, was massen der Herausgeber der Geschichte Herrn Carl Grandisons, sich die ungeziehmende Freiheit genommen hat, einige Briefe in besagter Geschichte nach seinem Gutdunken zu verandern und zu verfalschen, dergestalt und also, dass er sich nicht entblodet hat, aus solchen einige wichtige Umstande ganz und gar wegzulassen, oder zu verdrehen; nicht minder seine eigenen Erdichtungen und Hirngespinnste an deren Stelle zu setzen, und sie fur die reine Wahrheit zu verkaufen. Da nun durch solche arglistige Griffe sowohl das Publicum auf eine schandliche Art ist hintergangen, als auch verschiedene Personen durch diese ungetreue Erzahlung an ihrer Ehre und guten Namen heftig sind gekranket worden: so hat man nicht Umgang nehmen wollen, eine abgenothigte Ehrenrettung, der, von dem Herrn Herausgeber so feindselig angegriffenen Personen, offentlich an das Licht zu stellen, und dadurch ein unparteiisches Publicum von der Wahrheit der Sache genau zu informiren, die fabelhaften Erdichtungen in ihrer Blosse darzustellen, und ihre Urheber fur seine Verwegenheit dadurch einigermassen bussen zu lassen.

Nie ist wohl die Wahrheit mehr gesparet worden, als bei Erzahlung des Duells zwischen Herrn Carl Grandison Baronet an einem, und S.T. Herrn Major Ohara und dem Herrn Hauptmann Salmonet am andern Theile. Ob man gleich genugsam uberzeugt ist, dass jedem vernunftigen Leser sogleich bei Erblickung dieser Relation, welche im 3ten Theile der Grandisonischen Geschichte und daselbst im XIII. Briefe aufgezeichnet zu ersehen ist, die handgreiflichsten Unwahrscheinlichkeiten, damit am besagten Orte einige Blatter angefullet sind, nothwendig in die Augen leuchten mussen, und man also die ganze Sache dem vernunftigen Urtheile des billigen Lesers hatte uberlassen konnen: so hat man doch um der schwachen Bruder willen, die des judicii discretionis sich nicht sonderlich ruhmen konnen, und aus Liebe zur Wahrheit, einige Umstande dieser Erzahlung in etwas beleuchten wollen, um solche von den vorsetzlichen Erdichtungen des Verfassers zu saubern, und Licht und Finsterniss, das ist, Wahrheit und Lugen in diesem Chaos von einander abzusondern. Es ist demnach

1.) Ueberhaupt eine strafbare Verwegenheit, wenn dieser ganze Brief, so wie er in bemeldter Geschichte dem Publico vor Augen liegt, dem Herrn Carl Grandison angedichtet wird. Wahr ist es, dass Sir Carl den ganzen Verlauf des Rencontres mit dem Herrn Major Ohara und dem damaligen Titularhauptmann, jetzigen wirklichen Rittmeister in Konigl. Grossbrittannischen Diensten, Herrn von Salmonet, an Se. Hochwurden, Herrn D. Bartlett, aufrichtig und mit der Wahrheit ubereinstimmend berichtet hat. Es ist dieser Brief aber von dem Herrn Herausgeber entweder ganz und gar unterschlagen, oder durch viele erdichtete Zusatze so verunstaltet worden, dass ihn Sir Carl gar nicht mehr fur den seinigen erkennt, wie er dieses selbst gegen viele glaubwurdige Personen, die allenfalls alle mit Namen angefuhret werden konnten, gestanden hat. So ist auch

2.) Grundfalsch, wenn der Verfasser dieses untergeschobenen Briefes Sir Carln muthmassen lasst, die beiden Herren waren gemeine Kerls und keine Officiers, die von der Frau Jervois nur waren herausgeputzet worden, da doch mehr belobter Herr Hauptmann Salmonet jetzo in Deutschland unter den englischen Truppen mit vielem Ruhme ein Geschwader Reuter commandiret, und sich vorgenommen hat, die Feinde seines Koniges und des Vaterlandes zu uberwinden, oder zu sterben. Es konnte auch Sir Carln ganz und gar nicht einfallen, an dem guten Herkommen dieser beiden Herren zu zweifeln, da der Herr Major gleich nach den ersten steifen Complimenten, die beide Theile einander machten, sein Geschlechtregister nebst allen Documenten seines guten irrlandischen Adels, welches zusammen im Druck einen ziemlichen Quartanten ausmachen durfte, dem Baronet in einer Schnupftobacksdose darreichte, von welcher doch der Verfasser ein ganz andres Mahrgen erzahlet. Man hat nicht Ursache uber dieses compendiose Behaltniss eines so weitlauftigen Werkes in Verwunderung zu gerathen, da man ja ungezweifelt weiss, dass in dem Alterthume eine Abschrift der ganzen Ilias des Homers, auf Pergament geschrieben, in einer Nuss ist aufbehalten worden. Was aber das Geschlecht des Herrn Salmonets anlangt, so glaubt man, dass jeder von der Vortrefflichkeit desselben genugsam werde urtheilen konnen, wenn man sagt, dass der Herr Grossvater oftbenannten Herrn Rittmeisters unter Cromwells Heere eine ansehnliche Charge hatte, wenn dieser predigte, so versahe jener die Stelle eines Feldcantors. Aus dem Verhaltnisse eines Pastoris und Cantoris mit der Gemeinde, kann man das Verhaltniss zwischen dem Protector Cromwell, dem Anherrn des Herrn Salmonets und andern Gliedern des Brittischen Staats vollkommen bestimmen. Gleichwie ein Pastor in keinem Dorfe und dessen Filialen der vornehmste Mann ist, und nach ihm dem Cantori der zweite Platz gehoret: also war auch Cromwell ein Beherrscher dreier Volker; und Herr Eduard Salmonet war nach ihm der grosste im Reich. Ferner und zum

3.) Kann man auch unangemerkt hier nicht vorbeilassen, dass der Verfasser oftangezogenen untergeschobenen Briefs einen offenbaren Widerspruch begehet, wenn er erstlich den Herrn Grandison diese beiden Herren fur gemeine Kerls halten, und ihn doch kurz hierauf den Degen gegen beide ziehen lasst. Man konnte zwar sagen, es ware dieses eine Nothwehre gewesen: Sed quod negatur. Warum liess er es denn so weit kommen? Warum braviert er die Herren so lange, bis sie endlich bose werden und vom Leder ziehen? Wenn er sie fur keine Cavaliers hielt, so konnte er ja gleich bei dem ersten Wortwechsel seinem Bedienten klingeln, um diese Manner, nach dem Ausdruck des Verfassers, mit der Verachtung, welche sie verdienten, nach ihrem Wagen bringen zu lassen, ohne sich vorhero erst mit ihnen zu schlagen, und ihnen Cavaliers-Satisfaction zu geben. Man merkt es hier gar zu deutlich, dass sich der Verfasser selbst vergessen hat, die Unwahrheit guckt unter seiner Erzahlung allenthalben hervor. Mochte man ihm dahero nicht mit Recht zurufen: Mendacem opportet esse memorem? Nicht weniger ist es

4.) Eine lacherliche Erdichtung, wenn Herr Ri

chardson seinen Helden seine zwei Gegner mit einer ganz unglaublichen und einer Zauberei ahnlichen Geschicklichkeit entwaffnen, und als ein paar Kartenmanner zu Boden strecken lasst. Er begnugt sich nicht an einem Siege, den er seinem Helden so leicht in die Hande spielt: Sir Carl muss sich auch die Muhe nehmen, beide Manner, einen nach dem andern, aus dem Zimmer zu bringen. Wie er das angefangen hat, wird nicht gemeldet, es ware dieses auch vergeblich gewesen, denn die umstandlichste Beschreibung dieses Vorganges wurde jedem vernunftigen Leser doch unbegreiflich geblieben seyn. Wenn man nicht Sir Carln fur einen Zauberer halten will, der mit bannen und feste machen umgehen kann: so wird man gestehen mussen, dass dieser Auftritt dem Roman so ahnlich siehet, als ein Tropfen Wasser dem andern. Risum teneatis amici! Noch eins! Warum ruft denn Sir Carl noch zuletzt, da die beiden Herrn schon entwaffnet waren, ein halb Dutzend handfeste Kerls zu Hulfe? Waren die beiden Herren so gedultig als sie beschrieben werden; so waren die Bediente unnutze, sie hatten schon selbst ihren Wagen gesucht, da sie bei Sir Carln nichts mehr zu thun hatten. War aber die Gegenwart der Bedienten nothig; so ist dieses ein untrugliches Zeichen, dass Sir Carl mit ihnen alleine nicht fertig werden konnte. Wer findet hier nicht abermal einen Widerspruch!

Um dem erlauchten Publico nur einiger massen einen richtigen Begriff von dieser Affaire zu machen: so ist zu wissen, dass Sir Carl den plotzlichen Ausbruchen des Zorns, denen er von seiner ersten Jugend an unterworfen gewesen, nicht widerstehen konnte, da er in dem unerwarteten Besuche, mehrgedachter beider Herren Officiers, und der Gemahlin des Herrn Majors, etwas beleidigendes fand. Grosse Manner haben gemeiniglich auch grosse Fehler, ein Wort gab das andere; und Officiers, die Muth besitzen, lassen sich, wie man weiss, nicht gerne beleidigen. Sie waren also genothiget, ihre Ehre mit dem Degen zu vertheidigen. Sir Carl hatte nur einen kleinen Pariser an der Seite, seine Herren Gegner aber ihre Commandodegen. Es ware ihnen mithin ein leichtes gewesen, dem Baronet, der sich bei dem Kamin mit einigen Stuhlen verschanzet hatte, eins anzubringen, dass er genug gehabt hatte. Allein, da er offenbar ubermannet war, und mit seinen Gegnern nicht einmal gleiche Waffen hatte: so war der Herr Major so grossmuthig, ihn ordentlich nach Kriegsgebrauch in seinem Bollwerke aufzufordern. Man begehrte, er sollte das Gewehr strecken, und sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Weil er nun dieses zu thun sich weigerte: so machte man Mine, ihn hinter seiner Verschanzung anzugreifen. In diesem Augenblicke aber drang ein Haufe bewaffneter Bedienten in das Zimmer, ihren Herrn zu entsetzen, der eben im Begriff war, Chamade zu schlagen. Man bekam mit einem Haufen Feinden zu kampfen, die allerlei ungewohnliche Waffen, als Ofengabeln, Aexte, Feuerschaufeln und dergleichen fuhrten. Hier war nichts anders zu thun, als sich mit Ehren durchzuschlagen. Beide Herren thaten ihr Bestes, der Major Ohara machte sich Platz bis an die Thur des Zimmers, doch hier hatte sich ein verwegener Kopf hinpostiret, der seine Kohlenzange, gleichwie ein Krebs seine Scheere sowohl zu regieren wusste, dass er damit das Ohr des Majors ergriff und ihn dergestalt zwickte, dass er sich ergeben musste, nachdem er sowohl als der Herr Salmonet durch einige Gabelstiche war verwundet worden. Die Ueberwinder trugen beide Herren im Triumph und mit einem grossen Jubelgeschrei in ihren Wagen. So wie nun alle diese Umstande Herr; Richardson mit grosser Sorgfalt verschwiegen, und seine romanmassigen Erdichtungen an deren Stelle gesetzet hat: so schuttet er

5) Seinen Gift und Galle noch zu guter Letzt uber diese Herren aus, nachdem er sie mit vielen unwahrscheinlichen Umstanden in ihren Wagen gebracht hat. Weil der ganze Handel ziemlich tragisch war, und er doch gern ein Lustspiel daraus machen wollte: so mussen die beiden Herren, mit denen er bereits so ubel umgesprungen, dass es einem jammert, um dem Leser etwas zu lachen zu geben, einander nicht anders als ein paar Bocke stutzen. Er lasst ihre Kopfe einander in der Kutschthur begegnen, und sie mussen sich so derbe Kopfnusse versetzen, dass man die Maalzeichen davon unfehlbar noch an der Stirn des Herrn Rittmeisters entdecken wurde, wenn die Sache Grund hatte. Man kann also auch dieser Erdichtung mit allem Rechte widersprechen, und im Gegentheil weiss man vielmehr, aus ganz sichern Nachrichten, dass beide Herren mit einer grossmuthigen Standhaftigkeit ihr Schicksal ertragen haben, und nicht einmal den Affront, den sie von den Bedienten des Baronets erlitten, zu rachen suchten; ja sie waren so edelmuthig, dass sie ihre Hute und Degen von Sir Carls Bedienten wollten einlosen lassen, welche Siegeszeichen er ihnen aber unentgeltlich uberschickte.

Dieses ist die authentische Relation, des ganzen Vorganges dieser beruchtigten Sache, die in Europa hin und wieder vieles Aufsehen gemacht hat. Man hofft die gegenseitigen Erdichtungen genugsam widerlegt zu haben, dergestalt, dass ein unpartheiisches Publicum nunmehro keinen Anstand nehmen wird, solche als falsch und ungegrundet zu verwerfen, und im Gegentheil die geschmalerte Ehre des Herrn Majors Ohara und Herrn Hauptmann Salmonets wieder herzustellen, und alle ungleiche Urtheile auf den Verfasser obenangezogenen Briefs zuruckfallen zu lassen. Wobei man sich schlusslich zur Gewogenheit eines Publici bestens empfiehlt.

Dritter Theil

I. Brief.

Lampert Wilibald an den Herrn v.F.

Kargfeld, den 16 Nov.

Es hat mir gestern das Fraulein v.S. unversichert, dass Eu. Hochwohlgebohrn. Gnaden heute an den Herrn v.S. ein Schreiben wurden abgehen lassen, und ich glaube dadurch eine erwunschte Gelegenheit zu finden, inneliegenden Brief sicher nach England zu bringen; da der junge Herr sich anheischig gemacht, von Strassburg aus den Briefwechsel mit den Brittischen Freunden zu unterhalten. Sie werden also fur meinen Gonner die Gewogenheit und fur mich die Gnade haben, dieses Schreiben mit einzuschliessen; auch beigelegtes Zeugniss zu Rettung meiner Unschuld mit Dero hohen Namen zu bekraftigen. Ich habe nicht Umgang nehmen konnen, die bekannte Affaire mit dem verwunschten Salmonet, welcher in Wahrheit ein rechter Satan ist, an den Herrn Grandison einzuberichten, damit dieser Verwegene fur seine Bosheit gezuchtiget werde, und meine Unschuld in puncto der Schmahschrift, welche ich gegen den Herrn Baronet aufzusetzen bin gezwungen worden, an den Tag komme.

Es ist zwar andem, dass meine Hand ist gemissbraucht worden, aber mein Herz ist unschuldig, und dahero hoffe ich, dass dieser grossmuthige Mann desto geneigter seyn wird, mir zu verzeihen, je weniger mein Betragen in dieser gefahrlichen Sache nach reiflicher Erwagung der antecedentium, concomitantium et confequentium mir zur Last geleget werden kann. Hat man, nach dem Urtheile vieler Gelehrten, den Menschen von dem Schriftsteller zu unterscheiden, dergestalt, dass die Fehler des einen, dem andern nicht zugerechnet werden; so kann ich mit mehrerem Rechte verlangen, dass man einen Unterschied unter dem Magister und dem Menschen mache. Hat der letztere aus menschlicher Schwachheit, oder genauer zu reden, aus Klugheit ein grosseres Uebel, das seiner Ehre eben so sehr als seinen Schultern drohete, abzuwenden, ein kleineres angerichtet, so hat der Magister nichts damit zu schaffen. Urtheilen sie hieraus, ob mein Herr Principal nicht zu weit gehet, wenn er einen ehrvergessenen Mammelucken aus mir machen will, weil ich nach den Regeln der Klugheit einmal anders gehandelt als gedacht habe. Ich hoffe aus England, wohin ich appelliret habe, ein gunstiger Urtheil zu erhalten als von meinem Patron, welcher so sehr fur die Ehre seines Herrn Gevatters eingenommen ist, dass er mich aus der Zahl der ruhmlichen Nachfolger dieses grossen Mannes ganzlich ausschliessen will, ungeachtet ich nach allen Regeln der Beredsamkeit ihn zu uberzeugen gesucht habe, dass ich vorzuglich darunter gehore. Es ist andem, dass ich an dem unglucklichen Tage, der mich auf einige Stunden zum Sclaven eines Tirannen machte, mich nicht als einen muthigen Achill, aber doch gewissermassen als einen verschlagenen Ulyss gezeiget habe. Temporibus caute est inserviendum. Wenn ich den ganzen Vorgang der Sache ohne Vorurtheil erwage, so glaube ich mehreres Lob als Tadel zu verdienen.

Es wurde mir indessen zu einer ungemeinen Beruhigung gereichen, wenn Eu. Gnaden sich hieruber expectoriren wollten, ob ich in der Standhaftigkeit den Herrn Grandison zu vertheidigen hatte fortfahren sollen, oder ob ich weislicher gehandelt habe, dass ich der Gewalt nachgegeben. Wurden sie die Sache zu meinem Vortheil entscheiden, so hatte ich Hoffnung, wieder an die Tafel meines Patrons aufgenommen zu werden, jetzo werde ich wie ein Aussatziger geachtet; mein Herr will weder mit mir essen noch trinken, so lange er in den Gedanken stehet, ich hatte der Ehre seines Freundes durch mein Verfahren, einigen Eintrag, gethan. Jedoch vermuthlich will er nur dadurch meine philosophische Standhaftigkeit prufen, und ich werde mich bemuhen, zu zeigen, dass ich nicht nur in theoria, sondern auch in praxi eben so wohl ein Philosoph bin, als von

Eu. Gnaden

ein unterthanigster Diener

M.L.W.

II. Brief.

An Herrn Grandison Baronet, von Herrn Lampert

Wilibald, der freien Kunste Magister.

Kargfeld, den 15 Nov.

Dass der Rabe ein Rabe bleibt, wenn man ihm auch gleich alle schwarze Federn ausrupfen wollte, und dass ein lasterhafter Mensch, dem das Laster zur andern Natur geworden ist, ein Bosewicht bleibt, wenn die Tugend auch gleich alle ihre Reizungen anwendet, ihn zu bessern: solches ist eine betrubte aber unumstosliche Wahrheit. Ein unedles Metall lasst sich durch die Kunst in ein edlers verwandeln; aber bei einem bossartigen Gemuth ist alle Kunst verlohren. Lassen Sie, hoher Gonner, zur Erlauterung dieser Wahrheit den Rittmeister Salmonet als ein Beispiel dienen, und erlauben Sie grossgunstig, dass ich Ihnen das erschreckliche Bild dieses Mannes mit lebendigen Farben abschildern darf. Sein Character ist Ihnen zwar sattsam bekannt; allein da er gegen Sie niemals seine Bossheit in ihrem ganzen Umfange hat ausuben konnen: so schlusse ich daraus wahrscheinlich, dass Ihr Begriff von diesem ruchlosen Menschen, wenn ihm dieser letzte Name anders noch zukommt, und er nicht vielmehr ein Ungeheuer oder Meerwolf genennet zu werden verdienet, einigermassen unvollstandig ist.

Es kann Ihnen nicht unbekannt seyn, dass er sich unter den koniglichen Truppen in Deutschland befindet. Ein ungluckliches Schicksal wollte, dass er mit seinen ihm untergebenen Leuten auf dem Hochadlichen Rittersitze des Herrn Baron v.F. zu Schonthal einige Tage sein Quartier bekam. Er legte den Wolfspelz ein wenig im Anfange bey Seite, und trug Verlangen, die Verehrer Eu. Gnaden, von welchen er durch den Herrn Major Ohara und die Madame Beauchamp einige Nachricht erhalten, personlich kennen zu lernen. Jedermann drang sich zu ihm, um einen Mann, der zufalliger Weise nichts geringes beygetragen hat, Dero Ruhm in ein helleres Licht zu setzen, gleich einem auslandischen wilden Thiere in Augenschein zu nehmen; doch plotzlich riss sich dieser Panther von der Kette, ersahe unter allen Anwesenden mich zum Raube seiner Grausamkeit, sprang nur auf den Hals und wurgete mich wie ein unschuldiges Lamm, das ist, er nothigte mich unter vielen Drohungen, eine ehrenruhrige Schrift wider Eu. Gnaden aufzusetzen, mit dem Vorsatze, solche der Welt durch den Druck offentlich vor Augen zu legen, und dadurch Dero beruhmten und heldenmuthigen Namen ein Klebesleckgen anzuhangen. Ich bin versichert, dass Sie mir als Dero eifrigsten Verehrer kaum werden zutrauen konnen, dass ich gegen Dero hohe Person die Feder angesetzt haben sollte; ich entsetze mich gegenwartig vor mir selbsten und schlage mich ins Angesicht, so oft ich daran gedenke. Ich habe die gluckliche Gelegenheit, mich um Sie verdient zu machen, aus den Handen gelassen; ich habe mich durch Drohungen erschrecken und eintreiben lassen, meinen, und welches ich ohne eitlen Ruhm sage, Ihren ahnlichen Character zu verlaugnen, und doch gleichwohl bin ich, welches paradox scheinet,

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Es ist wahr, ich habe mich durch diese Affaire nicht, wie ich wunschte, um Sie verdient gemacht, und deswegen bin ich auch nicht gesonnen, mich so weiss zu brennen, dass ich alle menschliche Schwachheit, die ich etwan in dieser Sache gezeiget, von mir removiren wollte: aber ich habe mich auch keines Hochverraths gegen Dieselben, wie mir von einigen will aufgeburdet werden, schuldig gemacht. Vernehmen Sie den ganzen Verlauf der Sache in zwei Worten, und hernach fallen sie mein Urtheil.

Nachdem der Rittmeister Salmonet sich auf dem Schlosse des Herrn v.F. mit mir in eine weitlauftige Unterredung von der Attaque, welche er, nebst dem Major Ohara auf Dero Person in London gefuhret, eingelassen, und seine ganze Beredsamkeit angewendet hatte, dieser fur ihn so nachtheiligen Begebenheit durch allerlei Erdichtungen einen solchen Schwung zu geben, dass sie mehr zu seinem und seines Consorten als zu Dero Vortheil angeblichermassen sollte ausgefallen seyn; auch hiernachst den Herrn Richardson eines groblichen Falsi beschuldigte, als hatte er Dero an den Herrn D. Bartlett abgelassenes Handschreiben, worinnen diese Sache erzahlet wird, unendlicher Weise verfalschet, viele Umstande herausgelassen, verandert, und die ganze Sache so bemantelt, dass Dero Ehre zwar gerettet, seine und des Herrn Majors Ehre aber aufs heftigste dadurch ware angegriffen und gemisshandelt worden, und er denn nicht gemeinet sey, langer in den Augen des ganzen erlauchten europaischen Publici, fur einen Poltron gehalten zu werden, da er insbesondere in dem jetzigen Kriege, bei den Feinden seines Koniges und der Brittischen Nation, durch seine Tapferkeit und Kriegeserfahrung, sich in eine solche Reputation gesetzt, dass sie ohne Schrekken nicht an ihn gedenken konnten: so ersuchte er mich, wie er sagte, auf Recommendation des Herrn v. Ln. seines Freundes, der ein deutscher Cavalier ist, wegen meiner von diesem ihm angeruhmten Geschicklichkeit seine gute Sache vor der ganzen honetten Welt offentlich zu vertheidigen. Zu dem Ende ersuchte er mich im Anfang auf eine freundschaftliche Art, eine mit vielen Erdichtungen und unwahrscheinlichen Umstande ausgeschmuckte Nachricht, dem von dem Herrn Richardson Ihrer Geschichte einverleibten Briefe entgegen zu setzen, und mithin gegen den Herrn Richardson oder vielmehr gegen Hochdieselben die gelehrten Waffen zu ergreifen. Wie ich nun dieses hochlich verbat und mich weder durch Verheissungen noch Liebkosungen zu einen Lugenpropheten wollte missbrauchen lassen: so erschien er plotzlich nach abgelegten Fuchsbalg in der Lowenhaut, und unterstund sich, durch allerhand militarische Zwangsmittel, die mir noch, so oft ich daran gedenke, einen febrilischen Schauer erregen, mich zur Vollstreckung seins Willens zu nothigen. Ich that, was man von dem Character eines ehrlichen Mannes verlangen kann, und widerstund dem Versucher mascule, wie solches angebogenes Testimonium mit mehrerm bezeiget; jedoch da ich mich in seiner Gewalt befand, und er mit mir umspringen konnte, wie er nur wollte, auch die Gefahr, in welcher ich mich befand, vor Augen sahe, und zugleich uberlegte, dass es mehr eine tadelhafte Hartnackigkeit als eine lobenswurdige Tapferkeit sey, sich einer uberlegenen Macht zu widersetzen, und muthwillig den Kopf gegen die Mauer zu stossen: so erachtete ich der Klugheit gemass zu seyn, mich dismal weislich in die Zeit zu schicken, und der Gewalt zu weichen. Diesem Entschluss zu Folge verfertigte ich zwar den mit Gewalt von mir erzwungenen Aufsatz, jedoch mit der ausdrucklichen Reservatione mentali, dass ich solchen, wenn er auch unter meinem Namen, um ihn, wie ich vermuthe, in Deutschland mehreres Ansehen zu verschaffen, sollte aus Licht treten, niemals fur meine Arbeit erkennen, sondern, sobald er mir unter die Augen treten wurde, ihm eine grundliche Beantwortung entgegen stellen wollte.

Ob ich nun gleich nach einer genauen Zusammenhaltung aller Umstande mir in meinem Betragen bey dieser Sache nichts vorzuwerfen habe; so kann ich doch nicht umhin, Eu. Gnaden unterthanig zu entdekken, dass meine philosophische Gemuthsruhe seit dieser Affaire vieles gelitten hat. Ich bin ein rechter Heavtontimorumenos und diese animi pathemata wirken dergestalt auf meinen Korper, dass sie mich beinahe vollig um meinen guten Appetit und Schlaf gebracht haben, und ich dahero in Sorgen stehen muss, eins Auszehrung zu bekommen, wenn Hochdenenselben nicht gefallen wollte, meine Handlung zu rechtfertigen, mich von aller Schuld und Vergehung gegen Dero hohe Person loszusprechen, auch meinem Patron, dem Herrn v.N. nachdruckliche Vorstellung zu thun, damit er nicht aus einem ubertriebenen Eifer fur Dero Ehre mir taglich so viele beissende Vorwurfe mache. Ich verlasse mich hierinne ganzlich auf Dero angestammte Grossmuth, so wie ich Ihre Gerechtigkeit auffordere und Sie hierdurch beschwuren will, sich und mich und die ganze ehrliebende Welt, welche durch die Vorspieglungen des ruchlosen Salmonets hat hintergangen werden sollen, an diesem Auswurf der Natur und der rechtschaffenen irrlandischen Nation aufs nachdrucklichste zu rachen, und diese unbeschreibliche Effronterie entweder dem Parlement, oder der hohen Generalitat anzuzeigen, auch ohnmassgeblich dahin anzutragen, dass dieser bosartige Mensch von seinem Commando avociret, gerichtet und verurtheilet werde, dass er wenigstens auf zehen Jahre aus seinem Vaterlande zu den wilden Iroquoisen nach America, wohin er sich eher schickt als in das gesittete Deutschland, welches er mit Uebelthaten erfullet, verbannet werde.

Glauben Sie indessen nicht, hoher Gonner, dass ich aus einer Privatrache den leidigen Salmonet exemplarisch bestraft zu sehen wunschte, ich wurde ihrer Achtung unwurdig seyn, wenn ein so strafbarer Affect in mir herrschte, und zu diesem Wunsche Gelegenheit gegeben hatte. Personlich habe ich nach Dero Beispiele ihm alles grossmuthig verziehen, ich bedaure ihn wie einen armen Sunder, den man an die Gerichtsstatte fuhren siehet, ich wunschte, dass ich alles mit dem Mantel der christlichen Liebe bedecken konnte. Allein nach dem Triebe der Gerechtigkeit, welcher mir eigen ist, kann ich solche Vergehung mit Stilleschweigen nicht ubergehen: denn ich halte dieses Mittel, der Bossheit Einhalt zu thun, nicht zureichend, wenn man sie ubersiehet, sondern, wenn man sie an den Tag bringt, dass sie andern zur Warnung bestraft werde. Aus diesem Grunde glaube ich, wenn anders Eu. Gn. nicht durch meine Freimuthigkeit beleidiget werden, dass Dero grossmuthige Vergebung und Unterdruckung des strafbaren Attentats, des Majors und des Rittmeisters auf Dero Person, zwar in thesi lobenswurdig ist, in hypothesi aber und mit kritischen Auge betrachtet, scheinet, quod pace tua dixerim, diese Grossmuth mehr verschwendet als wohl angewendet gewesen zu seyn. Hatten Sie diese beiden Manner der Gerechtigkeit damals nicht entzogen, so wurden sie vielleicht beide dadurch abgehalten worden seyn, neue Uebelthaten zu begehen. Was den Major anlanget, so getraue ich mich nicht zu entscheiden, ob er wirklich durch Ihro Grossmuth ist beschamet worden und in sich gegangen ist; oder ob seine gute Auffuhrung, die er nachher beobachtet hat, nicht eher einer Verstellung als einer wirklichen Lebensbesserung ahnlich siehet, wenigstens ists es gewiss, dass der Rittmeister dadurch nur destomehr ist angefrischet worden, neue molimina gegen Hochdieselben zu unternehmen, wovon ich auch zugleich ein ungluckliches Object gewesen bin. Ich will hiervon nichts weiter gedenken, Sie, hoher Gonner, haben viel zu erleuchtete Einsichten, als dass Sie nicht hierinne mit mir ubereinstimmen sollten, dass die Bossheit muss bestraft werden, und dass einfolglich dieser Ruchlose, wenn anders in der Welt noch einige Gerechtigkeit gehandelt wird, den an Ihnen und mir verubten Frevel wird bussen mussen.

Ich habe mich anheischig gemacht, den Charakter dieses Mannes zu schildern, aus dem, was ich bereits gesagt habe, ist er sichtbar genug; doch damit er desto deutlicher in die Augen falle, so erlauben Eu. Gn. dass ich aus der Geschichte einige der beruhmtesten Bosewichte aufstelle, und sie mit diesem in eine Vergleichung setze, um zu beurtheilen, ob die Uebelthaten der erstern oder des letztern ein grosseres Gewicht haben.

Welch a bscheulich Gemahlde machen die Liebhaber der Alterthumer von dem Herostrat, der den prachtigen Tempel der Diane zu Ephesus in die Asche geleget! Es ist nicht zu laugnen, er war ein boser Bube, allein was that er anders, als dass er einen heidnischen Tempel und abgottisches Bild verwustete? der Rittmeister Salmonet ist ein andrer Mann, er verschwendet seine Bosheit nicht an leblose Geschopfe; er wutet gegen lebendige Creaturen, gegen vernunftiVerdienst. Er als ein elender Zwerg steigt gleichsam den Riesen auf die Schultern, und tritt sie mit Fussen, damit er nur von andern moge gesehen werden. Er ist wie eine schelmische Mucke, die sich unterstehet, mit ihren vergifteten Stachel ein edelmuthiges Pferd zu verwunden, das doch im Stande ist, ein solch unedles Insekt mit seinem Othem zu verschlingen.

Brutus und Cassius, die Anfuhrer der Rotte, die dem grossen Casar den Tod geschworen hatte, brachten diesen Helden auf eine grausame Art um; aber was war ihre Absicht? Die Freiheit des Vaterlandes zu retten, und Rom von der Knechtschaft zu befreien, folglich hatten sie das gemeine Beste zum Augenmerk. Bin ich gleich nicht ein Held, dass ich, aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, mit dem Casar konnte in Vergleichung gesetzet werden, so war es auch kein Gelehrter, der mit akademischen Ehren pranget, wie ich, und vielleicht bin ich, welches ich doch nicht sage, um eitlen Ruhm zu suchen, ein nutzlicheres Mitglied des Staates, als dieser grosse Romer, wenigstens habe ich in der Welt nicht so vielen Schaden angerichtet, und nicht so viele tausend Menschen meiner Sehnsucht zum Opfer gebracht. Hat er mich gleich nicht auf eine so grobe Art todtgeschlagen, wie Brutus und Cassius den Casar; so hat er mich doch auf eine subtile Art todtgeschlagen: denn er hat mir meine Ehre geraubt, weil er meinen Namen gemissbraucht, solchen einer Lasterschrift vorzusetzen, und mich sogar gezwungen, sie zu entwerfen; er hat mich todtgeschlagen, indem er durch eine so tirannische Zundthigung, die mit den schrecklichsten Drohungen begleitet war, mich in solche Gemuthsunruhe versetzet, dass es kein Wunder seyn wurde, wenn ich wie jener Prinz in einer Nacht grau worden ware, wie denn meine Gesundheit ein merkliches dadurch gelitten, und mein Lebensfaden vieles von seiner Lange verlohren hat. Da es also erwiesen ist, dass der Boshafte einen nutzlichern Weltburger todgeschlagen, als Cassius und Brutus, so ist klar, dass die Uebelthaten des erstern grosser sind als des letztern, und mithin auch der nachdrucklichsten Ahndung wurdig sind.

Die mehresten Kaiser der ersten Jahrhunderte werden als abscheuliche Unmenschen voll den Schriftstellern abgeschildert, die Herren, welche ein so schreckliches Bild entworfen, haben nie einen Tirannen vor sich gehabt, sie wurden sonst gelinder mit ihnen verfahren seyn. Warum muss ein Tiber alle erdenkliche Schmahreden uber sich ergehen lassen, weil er einen Burgermeister hinrichten liess, der einige Stucke Geld mit des Kaisers Bildnisse bezeichnet, in seinen Beinkleidern mit dahin genommen,

Da, wo man nach der Wand den blossen Rucken

kehrt?

Ein Caligula, weil er die erledigte Oberstelle im romischen Rathe seinem Gaule zugedacht hatte; weil er die Verschwendung so hoch trieb, dass er RebhunerEier, Pfauenzungen, und das Gehirne der Krammetsvogel speiste? Ein Nero, dass er einigen Eseln, die besonders bei ihm in Gnaden stunden, goldne Hufeisen auflegen liess; dass er mit goldnen Netzen fischte, und die Stadt Rom einmal anzunden liess, um als ein guter Kritikus, eine Stelle des Homers, die nicht nach der Natur gemahlet schien, zu erlautern? Waren diese Herren lasterhaft, tirannisch und verschwenderisch, so waren sie Kaiser und keine Privatpersonen; sie liessen bei allem Unfug, den sie anrichteten, die Gelehrten in ihren Wurden, und wenn ja einmal Nero gegen seinen Lehrmeister grausam ist, so darf dieses Herr Salmonet mit einem Gelehrten, der ihm nie in irgend einer Wissenschaft Unterricht gegeben, nicht gleich nachthun. Ueberdieses waren jene Herren grosse Monarchen, die ihrer Unterthanen Leben und Vermogen als ihr Eigenthum betrachteten; allein wodurch hat ein verdammter Irrlander dieses Recht herbekommen, gegen einen deutschen Gelehrten einen solchen Despotismum auszuuben? Je weniger sich diese malitiose Handlung des Verwegenen durch etwas beschonigen lasst, desto grosser wird die Sittlichkeit derselben, und es muss, ohne weitern Beweis zu fuhren, zugegeben werden, dass, da seine Bosheit grosser ist, als der ruchlosesten Leute, die jemals der Erdboden getragen hat; er auch wurdig ware, arger als Damien und andre Ungeheuer der Natur, andern zum Abscheu, wegen dieser Misshandlung bestraft zu werden. Doch hierinne habe ich der Gerechtigkeit nichts vorzuschreiben. Eu. Gn. werden nach Dero beiwohnenden Klugheit schon wissen, Sorge zu tragen, dass er seiner Strafe nicht entgehet. Ich empfehle Hochdenenselben diese Angelegenheit eben so sehr, als meinen Gonner und die gesammte Anzahl Dero Verehrer in hiesiger Gegend, worunter ich vorzuglich gehore, und verharre mit lebenswariger Hochachtung

Eu. etc.

unterthaniger Diener

M.L.W.

Beilage.

Dass Vorzeiger dieses, Tib. Plen. Herr Lampert Wilibald, der freien Kunste Magister, nicht leichtsinniger Weise oder durch Verheissungen und Geschenke, sondern vielmehr durch militarische Bewegungsgrunde und Androhung schwerer Pon ist angetrieben worden, auf Verlangen des Rittmeisters Salmonets, jedoch wider seinen Willen und Neigung, eine der Ehre des hochberuhmten Herrn Carl Grandisons Baronets nachtheilige. Schrift abzufassen, solche aber, so bald er es ohne Leibesgefahr thun konnen, offentlich wiederrufen und zum Feuer verdammt; auch eine Abschrift davon in optima forma, in meiner und anderer glaubwurdigen Personen Gegenwart, wirklich ins Feuer geworfen und verbrannt hat: solches habe hierdurch bei meinem Ehrenwort nicht nur bezeugen, sondern auf dessen Verlangen, gegenwartiges schriftliches Testimonium hieruber auszustellen, nicht ermangeln wollen. So geschehen Schonthal, den 16 Nov. 17

v.F.

III. Brief.

Der Herr v.N. an den Baron v.F.

Kargfeld, den 30 Nov.

Werthester Freund,

Sie werden sich verwundern, dass ich an Sie schreibe, da wir uns doch mundlich miteinander besprechen konnten; es ist wahr, ich habe keine Abhaltungen, Sie zu besuchen, ich werde es auch vielleicht heute oder morgen thun, und es kann seyn, dass ich Ihnen meinen Brief selbsten zustelle: aber dem ungeachtet wird er nicht uberflussig seyn. Ich will Sie wegen einer gewissen Sache, die mir am Herzen liegt, zu Rathe ziehen, und bitte mir diesen schriftlich aus. Wenn wir uns mundlich uber diese Angelegenheit besprechen wollten, so konnte leichtlich ein Wort das andere geben, Sie kennen meine Gewohnheit, dass ich mir nicht gern widersprechen lasse, zum Disputiren hab ich kein sonderliches Talent empfangen, und unrecht habe ich auch nicht gerne: inzwischen denke ich, einen schriftlichen Widerspruch eher zu verdauen als einen mundlichen. Lassen Sie Sich also die Sache vortragen. Sie wissen wohl, dass ich nach dem Beispiele meines Anfang that ich es nur, um meinem Muster ahnlich zu werden, und meine Handlungen mit den seinigen vollkommen ubereinstimmend zu machen; Da ich aber endlich einsahe, dass meine hauslichen Umstande es nicht langer leiden wollten, ohne Frau zu leben, und uberdieses die Possen mir anfingen zu gefallen: so that ich, wie Sie wissen, mit Ernst zur Sache, und hoffte, damit bald zu Rande zu kommen. Allein ich weiss nicht, wie sich seit dreissig Jahren die Welt verandert hat, was man damals in einem Tage ausrichten konnte, dazu braucht man jetzt ein Jahr, und wenn man alles gethan hat, und sich keine Muhe verdrussen lasset, und endlich das Ding bei Lichte besiehet, so weiss man nicht, ob man verrathen oder verkauft ist. Mir wenigstens gehet es jetzt so, ich weiss nicht, ob ich eine Braut habe oder nicht. Inzwischen bin ich kein Feind von der Mode, und wenn es so seyn muss, dass man bei der Liebe, wie im Kriege, oft eine ganze Campagne mit dem Feinde harcelliret, ohne dass es zu einer entscheidenden Action kommt, so lasse ich mir es auch gefallen, wenn sich nur der Sieg auf meine Seite lenkt. Aber hier ist der Knoten. Horen Sie ein Wort im Vertrauen! Lampert hat mir wunderliche Dinge von dem Major in den Kopf gesetzt. Er ist ein schlauer Kaper, und macht Jagd auf das Fahrzeug, das fur meine Rechnung gehoret, ich denke er hat es schon beim Leibe, und wird es bald fur eine gute Prise erklaren. Das ware ein schlimmer Streich, wenn er meine Byron entfuhrte, es stehet Gefahr dabey, ob ich sie wieder erhaschen wurde, wie Herr Grandison die seinige. Doch diesem Uebel kann schon vorgebogen werden, nur so, dass ich nicht mit ihm in neue Handel verwickelt werde: das ware eine Abweichung von Sir Carln, dieser hat nur einen einzigen Zwist mit Sir Hargraven gehabt, und hernach blieben sie gute Freunde. Doch das wird sich schon geben. Was meinen Sie, habe ich die Sache bei meiner Heirath am rechten Orte angegriffen, oder nicht? Ich versprach mir einen guten Fortgang von meinem Vorhaben, ich dachte, Herr Grandison hat alle Madchens fesseln konnen, eine ist ihm einige hundert Meilen nachgelaufen, eine andere ist gar uber ihn narrisch geworden, und seine Frau hat vor Sehnsucht einen Anfall der Schwindsucht bekommen, dass er nicht so bald als sie: gewunschet, Hochzeit gemacht. Ich habe mein Gedachtnis, meine Leidenschaften, meinen Korper strappaziret wie die Hunde, um ihm so ahnlich zu werden, als mir moglich gewesen; ich habe meine Wirtschaft, und uberhaupt alles, was nur einer Veranderung fahig ist, nach dem Geschmack des Herrn Grandisons eingerichtet; von mir bis auf meinem Wigand, den ich Jeremias nenne, ist alles Grandisonisch, und es fehlet mir nichts, als ein Fresko, den ich mir auch noch anzuschaffen gedenke: dem ungeachtet will es bei den Madchens nicht recht mit mir fort. Ich habe hinuber meine eigene Gedanken, und glaube, unsere Nymphen sind nicht sein genug, die Schonheiten des Verstandes, die bei andern Nationen am ersten in die Augen leuchten, zu empfinden. Herr Grandison ist auch in Deutschland gewesen, aber ich habe in seinem Buche nichts finden konnen, dass sich ein deutsches Frauenzimmer in ihn vergafft hatte, und es scheinet, dass er sich deswegen auch so bald wieder aus unserm Vaterlande fortgemacht hat, weil er darinne nicht sein Conto gefunden. Indessen ist es doch ein Wunder, dass seine Geschichte bei unserm Frauenzimmer so vielen Beifall gefunden hat, da man weder das Original noch die Kopie nach Wurden schatzet. Ich vermuthe daher ganz sicher, dass wenn ich bei dem Fraulein v.W. und ihrer Mutter, meinen Liebesantrag nach deutschem Gout gemacht, und die Gespenstererscheinung und dergleichen Possen weggelassen hatte: so wurde ich bei der Mutter und Tochter weit eher zum Zweck kommen seyn, denn was den Vater betrifft, der wurde zufrieden gewesen seyn, wann ich auch auf turkische Manier um seine Tochter geworben hatte. Deswegen habe ich den Vorsatz gefasst, ob gleich Lampert sehr darwider eifert, meinen Kopf einmal aufzusetzen, und wie es Sitte ist in unserm Lande, um das Fraulein v.W. ordentlich werden zu lassen. Sie sollen noch diesen Winter bei mir einen Pelz verdienen, und wenn ich ihn auch sollte aus Siberien holen lassen. Ich habe nicht ein so enges Gewissen, dass ich mir es gleich zu einem Verbrechen anschreiben sollte, wenn ich auf dem Wege, worauf ich bisher Fuss vor Fuss dem Herrn Grandison, nach seinem eignen Gestandnisse, gefolget bin, auch dann und wann aussteche, und meine eigne Gleise mache. Mein drolligter Kerl von einem Magister will dieses zwar nicht gut heissen, und drohet sogar, in Grandisonhall mich deswegen zu verklagen: aber wenn ich ihm vorwerfe, dass er sogar ein Pasquill auf den Baronet geschrieben hat, so muss er schweigen. Dieser Vorwurf ist ein eiserner Rinken fur diesen Bar, dadurch ich ihn, wenn er anfangt zu brummen, sogleich beruhigen kann. Sagen Sie mir doch, ob Sie fur nothig halten, dass ich einen Deputirten an den Herrn v.W. und seine Frau abschicke um noch einmal fur mich um das Fraulein anzuhalten, oder ob ich dieses in eigner Person thun soll; desgleichen, wie man es heut zu Tage anfangt, sich bei den Madchens einzuschmeicheln, ob es noch Mode ist, das Kammermadchen zu bestechen, Nachtmusiken zu bringen, Balle anzustellen, und was dergleichen Tandeleien mehr sind. Ich habe bisher alles dieses unterlassen, weil Herr Grandison bei seiner Henriette dergleichen nicht gethan hat. Entdecken Sie mir richtig ihre Gedanken uber meine Freierei, auch ihren unvorgreiflichen Rath, wie ich es anfangen soll, dass ich meinen Vogel abschiesse, und nicht etwan die Pferde hinter den Wagen spanne. Tadeln und loben Sie meine bisherigen Unternehmungen wie Sie wollen. Widerrathen Sie mir aber ja nicht die Fortsetzung meiner Liebe, wenn Sie mein Vertrauter seyn wollen. Fraulein Amalia hat es gethan, und mir dadurch ein heftiges Podagra erregt, wenn Sie auf ihre Seite treten, so bekomme ich den Schlag. Ich will meinen Willen haben, und eine Frau, wenn ich aber sollte durch die Korbe springen, wie ein Bottger durch die Reife, so sage ich es Ihnen zum Voraus, das es mit mir arger wird als mit allen Madchens, die sich in Sir Carln verliebt haben. Machen Sie mir gute Hoffnung, geben Sie mir gute Anschlage, unterstutzen Sie meine Desseins; entwerfen Sie einen ganz neuen Operationsplan, wenn der bisherige Ihnen unbrauchbar scheinet, und halten Sie mir ein Bein, dass ich mich vollig in den Sattel schwingen kann. Dadurch will ich sehen, ob Sie die Ergebenheit fur mich haben, die Sie mir so oftmals zugeschworen, da Sie an eben der Krankheit lagen. Damals war ich Arzt, und schaffte Ihnen eine Frau, schaffen Sie mir nun auch eine, und leben Sie wohl

v.N.

IV. Brief.

Der Herr v.F. an den Herrn v.N.

Schonthal, den 21 Nov.

Sie verbinden mich unendlich, dass Sie mich in einer Sache zu Ihrem Vertrauten machen, von der ein grosser Theil Ihrer Ruhe und Ihres Gluckes abhangt, und ich werde meinen Vorwitz und meine Geschicklichkeit, so viel ich davon besitze, aufbiethen, um Sie zu uberzeugen, dass Sie Ihr Vertrauen nicht ubel angewendet haben. Sie haben mir einen doppelten Auftrag gethan, Ihnen meine Gedanken uber Ihre bisherigen Unternehmungen in der Liebe gegen das Fraulein v.W. glucklich zu seyn, zu entdecken, und wie Sie Sich ausdrucken, einen neuen Operationsplan zu entwerfen, um diese Angelegenheit nach Ihrem Wunsche zu Ende zu bringen. Das erste will ich sogleich nach Ihrem Verlangen befolgen, und an dem andern will ich Tag und Nacht arbeiten, um ihn so vollkommen zu machen, dass Sie all einem glucklichen Fortgang nicht zweifeln durfen. Herr Lampert, den ich als die Triebfeder aller Versuche ansehe, Ihre Liebe glucklich zu machen, verdient Ihre Gewogenheit im hochsten Grad, er hat Ihr Vorhaben auf eine wunderbare und ganz neue Art auszufuhren gesucht, und wenn es ihm nicht vollkommen gegluckt hat: so liegt die Schuld ganz und gar nicht an dem Plan und dessen Ausfuhrung, sondern vielmehr, wie Sie vortreflich anmerken, an dem verdorbenen Geschmack unserer Schonen, die mehr auf die Person sehen, die Ihre Gunst suchet, als auf die Art mit welcher sie dieses thut. Unser Frauenzimmer ist noch nicht philosophisch genug, die Vorzuge des Geistes uber die Vorzuge des Korpers zu setzen. An einen Liebhaber, der ihnen gefallt, ist alles artig, alles sinnreich, und aller Witz gehet verlohren, wem die Person nicht gefallt. Wenn Ihre Absicht einigermassen fehlgeschlagen ist, da an Ihrer Person nichts auszusetzen ist, so kommt dieses daher, weil Sie gar zu geschwinde Progressen in der Liebe haben machen wollen. Ich habe Ihnen dieses mehr als einmal zu verstehen gegeben. Hatten Sie das Fraulein erstlich zu gewinnen gesucht, und wenn Sie von ihrer Gewogenheit uberzeugt gewesen waren, um sie werben lassen: so wurden Sie jetzo nicht ungewiss seyn, ob Sie eine Braut haben oder nicht. Sir Carl beobachtete diese Regel genauer, er wendete sich nicht eher all die Freunde seiner Henriette, bis er gewiss war, dass sie ihm fur allen Mannespersonen den Vorzug gab. Sie haben, wie ich glaube, nur im Anfang die alte Regel vor Augen gehabt, dass eine gunstige Mutter auch eine gunstige Tochter machen kann; allein da Sie hernach nicht einmal dieser Vorschrift gefolget sind, sondern die Frau v.W. gegen sich unwillig gemacht haben: so ist es Ihnen desto schwerer worden, Ihre Absicht zu erreichen. Doch diese Regel der Alten ist heutiges Tages ganz aus der Mode kommen, die Tochter sind nicht mehr so fromm oder so einfaltig, dass sie ihre Liebe nach den Absichten der Mutter verschenken sollten, sie haben dieses Joch langstens abgeworfen, und seitdem sind sie so widerspenstig worden, dass sie alle diejenigen hassen, welche die Mutter sich zu Schwiegersohnen wunschen, wenigstens lassen sie sich nicht leicht einen Liebhaber anspringen. Sie haben in der That ein boses Spiel in Handen: die Gunst der Mutter ist verlohren, und die Gewogenheit der Tochter haben Sie nie besessen. Sie verstehen mich wohl, dass ich unter der ersten einen grossen Grad der Freundschaft, und unter der andern eine wahre Zuneigung meine. Ein Mann, der weniger Herzhaftigkeit besasse als Sie, wurde sich verlohren schatzen, und an eine Sache, die so entfernt ist, als der Friede, gar nicht weiter gedenken. Eine Liebe, die sich nur mit Moglichkeiten beschaftiget, gehoret unter die sussen Traume und fur die Philosophen. Solche ungluckliche Liebhaber sind wie die Goldmacher, die Zeit und Geld verschwenden, das grosse Geheimniss zu entdecken, und durch den letzten Process nicht weiter kommen, als durch den ersten. Doch hierdurch will ich keinesweges ihre Unternehmung tadeln, oder den guten Ausgang derselben in Zweifel ziehen, ich habe vielmehr die beste Hoffnung, dass alles nach Wunsche ausschlagen wird, und lasse es gegenwartig meine vornehmste Beschaftigung seyn, dieses aufs sicherste und geschwindeste ins Werk zu sehen. Eine Nacht bin ich daruber schon um den Schlaf kommen, ohne das geringste zu erfinden, und diesen Vormittag habe ich auch mit so tiefen Betrachtungen zugebracht, als des Cartes, da er seine Welt erschuf, ob ich gleich noch nicht die rechte Spur entdeckt habe, wie die Sache, Ihre Schone zu fesseln, am besten anzugreifen ist. So viel habe ich durch mein Nachdenken heraus gebracht, dass das Spiel von neuen muss angefangen werden, wenn Sie etwas dabey gewinnen wollen. Ich will mich mit Ihrer Erlaubniss hinter Ihren Stuhl stellen, damit ich es desto leichter ubersehen kann, und wenn Sie meinem Rathe folgen, so denke ich, dass Sie noch den Pot ziehen sollen. Ich verfalle hier auf meine gewohnliche Anspielung, wir haben hierzu gleiche Fahigkeit, nur dass wir in Ansehung der Gegenstande von einander abweichen. Es ist nichts in der Welt, das Sie nicht mit etwas aus der Kriegskunst vergleichen konnten, und ich finde in allen Dingen etwas ahnliches mit dem Spiele. Erlauben Sie, dass ich meine Vergleichung fortsetze. Wenn Sie einen geschickten Spieler vorstellen wollen, so durfen Sie nicht erschrecken, wenn Sie auch dann und wann einmal abgetrumpfet werden, die gefahrlichsten Spiele gehen oft am besten. Werden Sie auch nicht ungedultig oder verzagen Sie an ihrem Gluck, wenn Ihnen nicht gleich alles nach Wunsche gehet, oder wenn Sie nicht vom Anfang gewinnen, gute Spieler sehen dieses niemals gerne. Tarazzoni verlohr vor sechs Jahren, im Anfang des Carnevals zu Venedig zwanzig tausend Ducaten, und hatte beim Schluss achtzig tausend gewonnen. Ich denke Sie sollen nicht ohne Gewinnst aufsteigen, wenn Sie nur nicht zu hitzig anfangen, oder wie Sie bisher gethan haben, zuviel auf einmal hazardiren. Dieses wurde geschehen, wenn Sie entweder in Person oder durch einen andern, nochmals um das Fraulein zu voreilig wollten anhalten lassen, ehe Sie gewiss sind, dass Sie derjenige sind, den sie unter allen Mannspersonen am meisten schatzt. Setzen Sie auch nicht zu viel Vertrauen in sich selbsten, ich will Ihnen schon einen Wink geben, wenn die Reihe an Ihnen ist, durch den letzten Trumpf, den Sie bis zuletzt in der Hand behalten mussen, dem Spiel ein Ende zu machen.

Diese allgemeinen Regeln sind zwar an sich gut genug: aber ihre Anwendung ist schwer, wenn man sie in der Liebe brauchen will. Ich bemuhe mich jetzt, die Karte so zu mischen, dass ich Ihnen ein leichtes Spiel verschaffe; aber ich verspreche Ihnen dieses nicht gewiss. So viel kann ich Ihnen sicher versprechen, dass ich alles thun will, was mir in dieser Sache zu thun moglich ist. Sie fragen mich, ob die alten Kunstgriffe sich bei den Schonen durch Balle und andere Lustbarkeiten in Gunst zu setzen, noch eben die Dienste haben, die sie ehedem leisteten, ich getraue mir diese Frage mit ja zu beantworten. Das Frauenzimmer besitzt noch alle die Neigungen, die sie vor dreyssig oder vor hundert Jahren besassen, das Vergnugen ist ihr Leben, und wer ihnen dieses verschafft, den konnen sie nicht hassen. Ich rathe Ihnen, keine Gelegenheit vorbei zu lassen, dem Fraulein v.W. alles ersinnliche Vergnugen zu machen, und insonderheit darauf zu sehen, dass es nach dem besten Geschmack eingerichtet ist. Ich wurde Ihnen keinen Beifall versprechen, wenn Sie nach dem Beispiele unsrer Ahnen mit einer Cither unter das Fenster Ihrer Gebietherin schleichen, und sie durch eine traurige und mit vielen harmonischen Seufzern untermischte Arie, im Schlafe stohren wollten. Dieser zartliche Liebesantrag, der ehedem Wunder gethan, wurde jetzt mehr schadlich als nutzlich seyn. Man muss die Sache auf eine andere Art angreifen, ich will Ihnen einmal einen Vorschlag thun. Kunftigen Freitag ist der Geburtstag des Frauleins, wie war es, wenn Sie ihren Hofpoeten, durch ein paar Glaser ermunterten, ein Gluckwunschungsgedichte zu verfertigen, um das Fraulein damit anzubinden? Sie durfen mir leicht ein gut Wort geben, so feiere ich das Geburtsfest hier in Schonthal, und bitte sie alle zu Gaste, aber alsdenn werden Sie Sich auf eine feine Galanterie gefasst halten, wenn Sie gegenwartig seyn wollen, die Sie ihrem Gluckwunsche beifugen, dadurch sie erkennen kann, wie hoch sie von Ihnen geschatzt wird, und deswegen finde fur gut, dass sich das Geschenke am Werthe nicht unter funfzig Thaler belaufen darf, sonst haben Sie Sich keinen freundlichen Blick zu versprechen. Wollen Sie aber sparlich haushalten, so konnen Sie eine Staatskrankheit annehmen, und alsdenn ist das Gedichte, das aber mit einem wohlgesetzten Brief muss begleitet seyn, schon alleine zureichend. Ich werde nicht ermangeln, besonders wenn Sie abwesend sind, und ich mich also keiner Schmeichelei verdachtig mache, Sie aufs beste herauszustreichen, und diesen klugen Einfall zu loben; auch Ihnen hernach getreulich zu melden, was zu Ihrem Vortheile gesprochen wird. Ich verspreche mir von diesem Anschlage viel gutes, wenn er gut ausgefuhret wird. Pragen Sie dem Herrn Lampert wohl ein, dass er in das Gedichte nichts zum Lobe der Frau v.W. mit einfliessen lasst, Sie wissen, dass das Fraulein nicht gut mit ihr stehet. Doch wenn ein unschuldiger lustiger Gedanke uber sie, der aber doch nicht sonderlich beleidigen kann, mit darinne angebracht wurde, so konnte dieses denselben vielleicht desto mehrern Beifall verschaffen. Noch einen Punkt will ich beruhren, ehe ich schliesse, Sie haben mich in Ihrem Schreiben darauf gefuhret. Sehen Sie ja zu, dass Sie Sich das Kammermadchen des Frauleins gunstig machen. Ein solches Madchen ist eine Person von Wichtigkeit in dergleichen Angelegenheiten. Diese Creaturen besitze, gemeiniglich das Vertrauen ihrer Gebietherin, und ihr Gutachten giebt oft der Sache einen bessern Ausschlag, als das Responsum einer ganzen Juristenfacultat einem Process. Sie sind eben das in Liebeshandeln, was die femmes gardees im l'hombre, der Skies und Pakat im Tarock und die Laufer oder Springer im Schachspiel sind. Es wurde nicht uberflussig seyn, wenn Sie durch Geschenke das Madchen des Frauleins zu gewinnen suchten; allein weil Sie, wie ich weiss, davon nicht viel halten, auch leichtlich ein anderer Sie uberbiethen konnte: so habe ich einen Vorschlag, der viel sicherer ist, dieses Madchen in Ihr Interesse zu ziehen. Der Magister Lampert muss seine Leidenschaft fur die Tochter Ihres Pfarrers Dero Vortheil aufopfern, er muss wenigstens eine Zeitlang sich stellen, als wenn er eben die Rolle bei der Kammerjungfer spielen wollte, die Sie bey dem Fraulein haben. Ihm als einem schlauen und gelehrten Manne, der auch seinen Liebesantragen eine logikalische Starke geben kann, wird es nicht schwer fallen, seinen Endzweck zu erreichen, und alle Anschlage, die vielleicht von der Gegenparthei auf das Fraulein gemacht werden konnten, zu entdecken, und fruchtlos zu machen. Sollte Herr Lampert Schwurigkeiten machen, wie ich denn vermuthe, dass er eher wurde zu bewegen seyn, noch ein Pasquill auf den Herrn Grandison zu verfertigen, als seiner Liebste untreu zu werden: so musste er auf ahnliche Art, wie er von dem Rittmeister Salmonet genothiget wurde, seinem Willen Folge zu leisten, dahin angehalten werden, Ihren Vortheil seiner Neigung vorzuziehen. Doch dieses alles ist nur, wie Sie auch ausdrucklich von mir verlanget haben, mein unvorgreiflicher Rath, und es stehet Ihnen frei, in wie fern Sie ihn befolgen wollen oder nicht. Ich werde mir es indessen zu einer ganz besondern Ehre anrechnen, wenn Sie davon Gebrauch machen; doch gebe ich mich zufrieden, wenn Sie andere Maasregeln ergreifen. Gelangen Sie bald zu ihrem Zweck auf einem Wege, der Ihnen am besten gefallt, dieses ist der aufrichtige Wunsch

Ihres

gehorsamen Dieners

v.F.

V. Brief.

Der Herr v.N. an den Herrn v.F.

Kargfeld, den 23 Nov.

Ich habe Ihren Brief wohl durchstudiret, und daraus ersehen, dass Sie eben kein schlechtes Geschick haben, eine Sache, der Sie Sich mit Ernste unterziehen, nach Wunsch zu Stande zu bringen. Es ist mir lieb, dass Sie Sich meine Freierei mit Ernst lassen angelegen seyn, und ich kann Ihnen nicht verhalten, dass Sie Sich dadurch bei mir in solchen Credit gesetzt haben, als Sir Beauchamp bei dem Baronet, ich glaube sogar, Sie werden diesen selbst abtreiben, wenn unser Vorhaben gut ausschlagt. Hier und da haben Sie zwar in Ihrem Briefe etwas eingestreuet, dadurch Sie eben keinen Dank verdienen, zum Exempel wenn Sie sagen, dass ich ein schlimmes Spiel in Handen hatte, dass ein andrer sich fur verlohren schatzen wurde, dass man seinem Madchen Geschenke machen musse, die sich auf funfzig Thaler belaufen. Man findet heutiges Tages das Silbergeld nicht auf den Gassen, wie unter Salomons Regierung. Es sind schwere Zeiten, und das Geld liegt an Ketten. Herr Grandison hat zwar seiner Braut grosse Geschenke gemacht, aber das war ein anderer Umstand, damals war es Friede und wohlfeile Zeit, und Herr Grandison war auch sicher, dass ihm seine Braut nicht wieder umkehren wurde; ich hingegen stehe in Gefahr, Braut und Maalschatz zu verliehren. Wenn ich erstlich das Wort von ihr habe, wohlverstanden, ihr ungezwungenes durres Jawort, hernach soll sie einen Diamantschmuck bekommen, dessen keine Furstin sich schamen durfte; aber auf gerathewohl verdistillire ich keinen Heller an ihr. Glauben Sie nicht, dass mich der Geiz zuruck halt, Ihrer Methode zu folgen, und durch Bestechungen den Anfang zu machen, das Herz des Frauleins zu gewinnen: ich will, wie Herr Grandison, wegen der Person und nicht wegen der Geschenke geliebt seyn, dabei hat es sein Verbleiben. Mit der eigensinnigen Frau v.W. will ich nichts mehr zu thun haben, ich glaubte, wenn ich sie und ihren Schatz auf der Seite hatte, so waren alle Aussenwerke und Defensen der Vestung in einer Gewalt, wenn ich alsdenn hier meine Batterien anlegte; so wurde ich dadurch die Citadelle selbst zu commandiren im Stande seyn, um solche zur baldigen Uebergabe zu zwingen. Allein seitdem ich aus ihrer Gunst delogiret bin, so habe ich, wie ich sehe, das ganze occupirte Terrain wieder verlohren, und er als ein baufalliges Hornwerk, das noch allein in meiner Gewalt ist, verspricht mir nicht den geringsten Vortheil, wenn ich von dieser Seite die Attaque wieder formiren wollte. Ich habe die Belagerung deswegen bereits meine Bloquade verwandelt, doch habe ich immer ein wachsames Auge in meinem Lager, und hoffe noch par surprise davon Meister zu werden. Das Spiel ist so schlimm nicht, als Sie vielleicht denken, uber lang oder kurz werde ich doch reussiren, besonders wenn Sie ein getreuer Alliirter von mir bleiben.

Sie erweisen mir einen grossen Gefallen, dass Sie mich an den Geburtstag des Frauleins erinnern, ich werde nicht unterlassen, sie durch einen Gluckwunsch anzubinden. Lampert hat sich seit gestern in seine Stube eingeriegelt und geschworen, wie die Churfursten, wenn sie einen neuen Kaiser machen, nicht ehev einen Bissen zu essen, bis er das Werk zu Stande gebracht; doch den Trunk hat er sich erlaubt, und einige Flaschen Wein mit in seine Studierstube verriegelt, denen er vermuthlich fleissig zusprechen wird. Wegen des Geschenkes habe ich mich schon erklaret, und also muss ich, weil Sie es fur gut finden, eine Staatskrankheit annehmen, ob ich gleich jetzo so gesund bin als ein Hecht. Das ist eine verdammte Mode, dass man die Madchen, die man liebt, auf ihren Geburtstag anbinden muss. Werweiss, ob sie nicht gar zuletzt einen heiligen Christ verlangen. Ich mochte Fraulein Julgen nicht in die Messe begleiten, vermuthlich wurde es da ohne Unkosten auch nicht abgehen. Nein, ich liebe nach englischen Geschmack, da liebt man gewiss und ohne grossen Aufwand: denn was man der Braut schenkt, wenn diese Sache einmal ins Reine gebracht ist, das bekommt man mit der Frau wieder, und ist deswegen fur keinen Aufwand zu rechnen.

Lampert will sich durchaus nicht entschliessen, seiner ersten Liebste untreu zu werden, er will lieber meine Gunst verlieren, als sein Madchen, und hat sich sogar verlauten lassen, dass wenn nochmals mit diesem verwunschten Vorschlag an ihn gesetzt wurde, so wollte er bei Nacht und Nebel einmal fortgehen, und niemals wieder zum Vorschein kommen. Ich muss deswegen ein Bisgen laviren, er ist mir gleichwohl unentbehrlich: so einen Hausvogt findet man nicht alle Tage. Indessen will ich mein Heil noch einmal an ihm versuchen, die Gelehrten sind in puncto Sexti nicht eben so gar ehrenveste, und treiben es oftmals arger als die Edelleute. Ich denke, man kann ja wohl von zwei Baumen auf einmal Birnen schutteln. Wenn das Kammermadchen nur nicht eben so garstig ware, als ihre Gebietherin schon ist, so wurde der Magister meinen Befehl eher respectiren. Er hat mir indessen versprochen, es auf andere Weise dahin zu bringen, dass sie in mein Horn blasst, das mag er immer thun, wenn alle Stricke reissen sollten, so bleibt er dennoch das Stichblatt. Sorgen Sie nur dafur, dass der Geburtstag recht hoch gefeiert wird, und geben Sie auf alles genau Achtung, damit Sie auf Erfordern mir einen getreuen Bericht abstatten konnen. Alleweile kommt der Magister mit dem Briefe, der in meinem Namen an das Fraulein abgefasst hat, und welcher das Gedichte begleiten soll. Wenn beydes wohl gerathen ist, so soll er den Filialsstock zur Verehrung bekommen, welchen ich ihm langstens zugedacht habe, der vergangenen Sommer dem Metzger ist abgenommen worden, der sein Vieh uber meine Wiesen hat treiben lassen. Ich bin einmal wie allemal.

Ihr

gehorsamer Diener

v.N.

VI. Brief.

Von ebendemselben an den Herrn v.F.

den 25 Nov.

Sie haben mir gestern wissen lassen, dass Ihre Gaste, die Sie eingeladen haben, heute alle erscheinen wurden. Ich bin daruber erfreut. Den Major Ln. hatten Sie nur weglassen sollen, er gehoret ohnedem nicht in unsere geschlossene Gesellschaft. Ueberhaupt dachte ich, er konnte wieder zu seinen: Regiment gehen, ich wollte der schweren Zeit ungeachtet, gern eine Compagnie Franzosen bei nur uberwintern lassen, wenn er nur dadurch genothiget wurde, die hiesige Gegend zu verlassen. Man weiss indessen nicht, wie bald sich das Blattchen wenden kann. Ich halte es zwar allezeit mit den hohen Alliirten, so bald aber mein Vortheil mit ins Spiel kommt, so trete ich zur franzosischen Partei. Jetzt wurde ich es gerne sehen, wenn die ersten einmal verlohren, damit der verwunschte Major mir nur aus den Augen kame. Wer weiss, ob er es nicht ausspionirt hat, dass heut der Geburtstag des Frauleins ist, und sich etwan einfallen lasst, sie mit etwas angenehmern als ein paar Bogen Pappier anzubinden. Ich stehe disfalls in grosser Sorge. Das ist sicher, dass er mit der Freundlichkeit und Politesse gegen die Mutter, die Tochter meint. Er hat die Regel, die ich nach Ihrem Urtheil soll ubertreten haben, besser in Acht genommen. Wenn er sich auf kein Angebinde gefasst gemacht hat, so ist es mir gewissermassen lieb, wenn er siehet, dass ich ihm den Rang abgelaufen habe. Damit die Freude desto unvermutheter kommt und grosser wird, so bin ich auf den Einfall gerathen, ein Pastetengehause verfertigen zu lassen, worinne der Brief nebst dem Carmen befindlich ist, wie denn der Ueberbringer dieses Briefs solches in seinem Korbe tragt, welches sorgfaltig muss herausgenommen und auf der Tafel gerade an den Ort gesetzet werden, wo das Fraulein zu sitzen kommt. Tragen Sie Sorge, dass sich Niemand an diesem Schaugerichte vergreift, sondern das Fraulein ersucht wird, die Pastete vorzulegen, da wird sie die Bescheerung schon finden. Sie denken vielleicht, ich kame mit meinem Angebinde ganz wohlfeil weg, glauben Sie es nicht. Lampert hat mehr als einen halben Eimer Wein daruber ausgezecht, und deswegen auch, wie ich vermuthe, auf allen Seiten sowohl in dem Briefe als in dem Gedichte von Wein gesprochen. Er hat aber demungeachtet seine Sache treflich gemacht, und besonders in dem Briefe so viel ruhrende Stellen angebracht, die das Fraulein ohne Bewegung nicht hat lesen konnen. Besonders ist die Auslegung ihres Planeten recht nach meinem Gusto gerathen. Es ist zwar nicht alles so wie in dem Briefe stehet; aber es ist doch alles gut, und kein Umstand unwahrscheinlich. Wenn ich gleich ihren Geburtstag noch nie gefeiert habe, so hatte ich es doch thun konnen, bekraftigen Sie nur alles recht treuherzig, woran sie etwan zweifelt. Die Liebenden glaubten ehedem einander alles, was sie sich sagten, wenigstens thaten sie so. Ich zweifle nicht daran, dass dieses auch noch jetzt Mode ist. Morgen oder aufs langste ubermorgen, erwarte ich ihren schriftlichen oder mundlichen Bericht, wie mein Angebinde ist aufgenommen worden, was man daruber gesagt hat, und was es fur eine Wirkung gethan. Mischen Sie aber keine locos communes, wie der Magister Ihre Betrachtungen nennet in den Brief, sie gerathen Ihnen selten zu meinem Vortheil, und mit verdrusslichen Dingen habe ich nicht gerne etwas zu schaffen. Trinken Sie dem Herrn v.W. einen guten Rausch zu, und versichern Sie beilaufig seine Gemahlin, insonderheit aber das Fraulein von meiner Ergebenheit.

v.N.

VII. Brief.

An das Fraulein v. W von dem Herrn v.N.

den 25 Nov.

Unter den Tagen, welche ich als Festtage in meinem Hause feierlich begehe, stehet Ihr Geburtstag oben an, und Sie konnen versichert seyn, dass ich ihn heute zum zwanzigsten male, auf eben die Art, wie ich es das erste mal that, feiern werde, ob mich gleich eine kleine Unpasslichkeit abhalt, dieses in ihrer Gegenwart zu thun, wie ich mir vorgenommen hatte. Bisher habe ich ein Geheimniss daraus gemacht, jedermann stund in den Gedanken, ich feierte den 25 November, weil ich vermuthlich an diesem Tage mich einmal in einer gefahrlichen Schlacht befunden; oder in Italien bei einer gewissen Begebenheit, durch einen grossen Luftsprung aus einem Fenster das Leben gerettet hatte; oder wie andere glauben, weil mir dieser Tag einmal besonders glucklich musste gewesen seyn. Diese letztern urtheilen nicht unrecht, ob sie gleich niemals haben errathen konnen, worinne dieses Gluck eigentlich bestanden. Es ist Zeit, dass ich die Neubegierde der Welt vergnuge, und offentlich gestehe, dass die gluckliche Begebenheit, deren Andenken ich jahrlich an diesem Tage erneure, keine andere ist, als Ihr Geburtsfest. So bald ich nur von Ihrem Herrn Vater das Notificationsschreiben erhielt, dass ihm seine Gemahlin mit einem wohlgestalten Fraulein beschenket, durchdrang mich eine solche lebhafte Freude, die noch grosser hatte seyn konnen, wenn ich selbst ein Papa worden ware, und wie ich damals meine Feldzuge noch nicht verwunden hatte, und eben an einer Krankheit sehr hart darnieder lag: so fasste ich den Entschluss, durch eine ausserordentlichen Handlung, wenn ich ungefehr den Weg alles Fleisches gehen musste, meinen Namen in guten Andenken zu erhalten, meinen letzten Willen aufzusetzen, und am Tage Ihrer Geburt, Sie zur Erbin meines ganzen Vermogens ernennen. Doch da sich meine Gesundheit bald hierauf merklich besserte, so fand ich gut, diesen Anschlag nicht sogleich ins Werk zu setzen. Ihre Schonheit entwickelte sich hierauf nach und nach, wie eine Rose, die aus einer kleinen Knospe hervorbluhet. Man konnte Sie nicht ansehen, ohne Ihnen gut zu seyn. Sie waren das artigste kleine Fraulein, das jemals gewesen ist; ihre verfuhrerischen Augen sprachen schon, ehe Sie den Gebrauch der Zunge kennen lernten. Alle Ihre Minen waren sinnreich und zeugten von einem lebhaften und durchdringenden Geiste. Ich erinnere mich noch mit vielem Entzucken derjenigen Liebkosungen, die Sie mir erwiesen, wenn ich Ihnen eine kleine Spielerei verehrte. Sie hatten mich lieber als ihren Papa. Diese Gewogenheit behielten Sie so lange fur mich bei, bis die Jahre kamen, in welchen das Frauenzimmer anfangt sich zu schamen. Sie wurden zuruckhaltend, und einen Kuss, den Sie mir sonst wurden fur einen Apfel gegeben haben, wollten Sie mir nicht mehr schenken, wenn ich Ihnen eine ganze Toilette angebothen hatte. Jedoch erlauben Sie, dass ich Ihnen diese Entdeckung mache, je sproder Sie wurden, desto mehr fing ich an, Ihnen gut zu werden, ich wurde Ihnen so gut, dass ich Sie gar liebte, und auf diesen Fuss stehet es noch mit uns bis auf den heutigen Tag, Sie spielen noch immer die Person einer Sproden, und ich die eines Verliebten. Da ich also in der Stille mir schmeichelte, noch eben den Antheil an Ihrem Herzen zu haben, den Sie mir ehemals in Ihrer Unschuld freiwillig schenkten, und dahero Ihr zuruckhaltendes Wesen der zartlichen Empfindung, fur die Ehre zuschrieb: so wollte ich, weil Sie niemals die Versicherungen meiner Ergebenheit annahmen, solche doch durch etwas bezeigen, ohne dass es jemand und Sie auch selbst eine Zeitlang gewahr werden sollten, und verfiel darauf, dass da ich sonsten Ihren Geburtstag zum Spase, mit einem Kuchen celebrirte, darauf ich Sie zu Gaste bat, solchen nunmehro aufs feierlichste, jedoch in der Stille zu begehen. Erlauben Sie, dass ich Ihnen von dieser Feierlichkeit, bei der jetzigen Zuruckkehr Ihres Geburtsfestes, eine kleine Beschreibung mache.

So bald dieser gluckliche Tag anbricht, kleide ich mich aufs beste an, als wenn ich bei Hofe erscheinen wollte. Beim Fruhstuck trinke ich Ihre Gesundheit, und wiederhole sie bei der Mittagsmahlzeit und auf den Abend; alles schmeckt und bekommt mir besser an diesem frohen Tage. Ich trinke oft, um mich Ihrer oftmals zu erinnern, und jeder Becher wird mit einem neuen Wunsche fur Ihr Wohlergehn begleitet. Eine Begeisterung, die mich bald uberrascht, macht mich zum Dichter. Zwanzig Lobgesange habe ich Ihnen zu Ehren bereits verfertiget, die ich aber als Geheimnisse verwahre. Der ein und zwanzigste wagt es endlich, Ihnen unter Augen zu treten, und wird sich glucklich schatzen und dem Dichter Ehre machen, wenn Sie einen gunstigen Blick darauf werfen. Nach dieser angenehmen Beschaftigung pflege ich allerlei Werke der Liebe auszuuben. Eine gewisse Anzahl der durftigsten meiner Unterthanen, die der Zahl Ihrer Lebensjahre gleich ist, wird in meinem Hause gespeist, und alsdenn jeder mit einem Gedenkgroschen regaliret. Der gewohnliche Tanz unter der Linde auf das Kirchenfest ist gleichfalls seit einigen Jahren auf diesen Tag verleget worden, und um ihn jedermann so vergnugt zu machen als er mir selbst ist, lasse ich die jungen Bursche nach dem Hammel laufen, der ihnen zu dieser Lustbarkeit verehret wird. Den Beschluss meiner Beschaftigung macht der Kalender. Ich schliesse mich in mein Zimmer, und lese mit Bedacht Ihren Planeten. Hier untersuche ich, in wiefern diese Weissagung, die gemeiniglich zutrifft, an Ihnen bereits erfullet ist, oder was fur Schicksale noch auf Sie warten. Dismal habe ich meine Neugierde zu befriedigen, diese Untersuchung zu erst angestellet, und weil ich mir vorgenommen habe, alles was ich zu Ihrer Ehre auf Ihren Geburtstag unternehme, zu entdecken: so soll Ihnen die Auslegung Ihres Planeten dismal auch nicht verborgen bleiben.

Ein Tochterlein im Wintermonat gebohren, ist arbeitsam, trifft ein. Sie konnen mit aller Arbeit, die sich fur Ihren Stand schickt, uberaus wohl umgehen, man siehet Sie niemals die Hande in den Schooss legen. Sie stricken, Sie nahen und putzen dann und wann Ihren Haubenkopf so schon, als wenn er mit Ihnen zu Gaste gehen sollte. Von gutem Gedachtniss. Wenn dieses so viel heisst, als beatae memoriae, dass Sie bei jedermann in guten Andenken stehen, so trifft es vollkommen ein; wenn aber die Erinnerungskraft dadurch gemeinet ist: so kommt es Ihnen nur gewisser massen und unter einer Einschrankung zu. Sie behalten das in frischem Gedachtniss, was Sie behalten wollen; aber Sie vergessen auch alles, was Sie vergessen wollen, in einem Augenblick. Wenn ich Ihnen, da Sie noch klein waren, eine Puppe zeigte, und Sie fragte, ob Sie mich auch lieb hatten, und mich auch lieben wollten, wenn Sie einmal gross wurden: so bekraftigten Sie dieses mit einem dreusten Ja, jetzt wollen Sie nichts mehr davon wissen. Barmherzig, das sind die Schonen selten, so lang sie schon sind. Seit undenklichen Jahren her sind die Schonen grausam gewesen, und selbst das gluckselige Arkadien har in dem goldnen Weltalter sprode Schaferinnen aufzuweisen gehabt. Indessen, wie keine Regel ohne Ausnahme ist, so konnte es seyn, dass Sie zu dieser Ausnahme gehorten, und eine barmherzige Schone waren. Man sagt, dass einige grosse Herren die Staatsmaxime gehabt, dass sie, um sich bei ihren Unterthanen eine desto grossere Achtung zu erwerben, erstlich dem Volk schwerere Schatzungen auferleget, hernach aber solche vermindert hatten, um ihre Gnade sehen zu lassen. Das Frauenzimmer hat oftmals von dieser Staatsregel Gebrauch gemacht, sie sind grausam, damit sie hernach desto sanftmuthiger seyn konnen, und ihre Gunstbezeugungen mehrern Eindruck machen. Ich hoffe dieses auch von Ihnen, sonst wurde Ihr Planete zum Lugner werden, und das ware schade, er ist fur Sie sehr vortheilhaft. Betet fleissig. Ist richtig. Man findet unter dem Frauenzimmer uberhaupt weniger laulichte Personen als unter unserm Geschlecht, sie sind entweder recht andachtig, oder recht heilloss bose, und denn beten sie gar nicht. Zu der letzteren Gattung gehoren Sie nicht, dafur bin ich Burge, folglich sind Sie zu der ersten zu rechnen. Ihre selige Frau Mutter war auch eine fromme Frau, und die hat Ihnen vermuthlich ihre ganze Frommigkeit vermacht, weil sie wusste, dass Ihnen der Vater nicht viel hinterlassen wurde. Und wird gemeiniglich eine gute Haushalterin. Wohlgetroffen! Ob Sie gleich noch nicht Ihren eignen Haushalt fuhren, und bis jetzo bei Ihrer Frau Stiefmutter Adjudantendienste thun: so bin ich doch gewiss, dass Sie eben sowohl als die Frau v.W. eine Oeconomie en Chef commandiren konnten. Eine gewisse Puissance, die Ihnen nicht unbekannt ist, bewirbt sich um Sie aus allen Kraften, und wenn Sie noch kein Generalcommando haben, so liegt es blos an Ihnen, dass Sie es nicht ubernehmen wollen; doch wer weiss, was in diesem Jahre noch geschehen kann. Halt gern mit jedermann Vertraglichkeit. Ist richtig, will aber doch auch cum grano salis verstanden seyn. Zu einer mundlichen Zankerei sind sie wohl so leicht nicht zu bewegen: Sie haben lieber Unrecht, als dass Sie Sich in ein Wortgefechte einlassen sollten. Sie haben auch keine Gelegenheit dazu, wer wollte es wagen Ihnen zu widersprechen? Die Schonen sind im Stande, die zanksuchtigsten Philosophen zum Stillschweigen zu bringen. Ein schoner Mund uberzeugt, wenn er spricht. Aber so vertraglich Ihr Mund auch ist, so unvertraglich sind Ihre Augen, sie drohen, sie gebiethen, sie schelten, sie tadeln, sie kundigen den Krieg an, und machen Friede, und das oft in einer Viertelstunde. Jedoch, da es nicht erlaubt ist, von einem einzelnen Theile aufs Ganze zu schliessen; so folgt auch nicht, dass wenn Ihre Augen manchmal unvertraglich sind, dass deswegen die ganze Person unvertraglich seyn musste, und bleibt also der Satz uberhaupt richtig, dass Sie gern mit jedermann vertraglich leben. Wird doch durch heimliche Feinde angefochten. Dieses ist der schwereste Punkt im ganzen Planeten, den ich noch zur Zeit nicht vollkommen habe erklaren konnen. Um sicher in der Sache zu gehen, habe ich verschiedene, verstandige Manner daruber zu Rathe gezogen. Mein Pfarrer, den ich Herr Dobson nenne, liess ein ganzes Schwadron solcher heimlichen Feinde des Menschen aufmarschiren, es waren bose Leidenschaften, Begierden und allerlei von solchem losen Gesindel darunter. Meine Pachter halten die jetzige theure Zeit fur einen heimlichen Feind, der sich alle Tage mit zu Tische setzt, und von ihrem Brodte isst. Ein andrer kluger Mann sagte, dass dadurch missgunstige Leute verstanden wurden, die andere beneiden, und ihnen, weil sie es nicht offentlich wagen durfen, durch Arglist allerlei Unheil zu machen suchen. Diese Meinung scheint die vernunftigste, und ob es mir gleich nicht in den Kopf will, dass Ihnen jemand feind seyn konnte: so muss ich es doch glauben, weil es in Ihrem Planeten stehet; doch hoffe ich, dass diese Feinde Ihnen mit allen Schelmereien nicht viel anhaben werden. Sie macht sich durch ihre Tugend und Freundlichkeit bei vielen vornehmen Leuten beliebt. Das trifft auf ein Haar zu! Wer wollte Sie auch hassen konnen? Ihre schone Person bezaubert schon, und ihrer Tugend und vortreflichen Gemuthseigenschaften, kann nichts widerstehen. Wollte der Himmel, dass alles Gute, was Ihr Planet enthalt, in diesem Lebensjahre erfullet, und ich hierzu als kein untuchtiges Werkzeug mit gebraucht wurde! Ich eile meine Gelubde zu erfullen, und auf Ihre Gesundheit, die mit Epheu bekranzte Flasche auszuleeren. Allzuglucklich wurde ich mich schatzen, wenn ich von Ihnen die Erlaubniss erhielt unverbruchlich zu verharren

Dero

unterthaniger Verehrer

v.N.

Ode.

Du, der du im Falerner Weine

Dich oft mit Lust bezechet hast,

Und nicht wie Dichter blos zum Scheine

Mit deinem Becher hast gespasst;

Du, dem bei Chloen es gelungen

Und niemals fehlgeschlagen ist,

Dass wenn du ihren Reiz besungen,

Sie dich auch wirklich hat gekusst.

Horaz, aus einem Deckelglase

Trink ich jetzt auf Dein Wohlergehn:

Gib mir dafur in reichem Maasse

Das seltne Kunststuck zu verstehn,

Wie man mit zauberischen Tonen

Sich in das Herz der Schonen schleicht;

So dass der Eigensinn der Schonen

Die aufgeblassnen Seegel streicht.

Schon fuhl ich mich ganz dichtrisch Feuer,

In altem Rheinwein aufgelosst,

Macht sich mein Geist vom Korper freier,

Gedanken sind ihm eingeflosst.

Anakreon, elender Schwatzer,

Im Lieben nur ein Idiot,

Warum treibst du, verdammter Ketzer

Mit dieser Kunst nur deinen Spott?

Mir soll ein besser Lied gelingen,

Wenn ich in reinem Kammerton

Von Iris Reizen werde singen,

Dir Meistersanger dir zum Hohn!

Dann wird sich meine Brust befiedern,

Verwandelt schwing ich mich als Schwan,

Durch Iris Lob, in meinen Liedern,

Zum glanzenden Olymp hinan.

Sie ist das Meisterstuck der Gotter,

Der Gotter Meisterstuck m Sie,

Ja, Momus selbst, der Gott der Spotter

Fand an Ihr keinen Tadel nie

Zeos, der auf seinem Adler reitet,

Wenn er den Blitz aus seiner Hand

Auf dick belaubte Eichen leitet,

Hat Ihren Vorzug selbst erkannt.

Um Sie noch schoner auszuschmucken

Hat er den Strahl, der uns verletzt,

Vereiniget mit Ihren Blicken,

Und in Ihr schones Aug versetzt.

Vom Silbertonenden Metalle,

Das an Apollens Harfe glanzt,

Hat dieser Gott mit schonrem Schalle

Der Stimme Treflichkeit erganzt.

Die Gottin, die auf wilden Meeren

Ein kleines Muschelschiff geschutzt,

Cythere nur kann nichts verehren,

Das Iris nicht bereits besitzt;

Doch hat sie ihrem kleinen Dicken

Den Liebesgotte, wie man sagt,

Den Pfeil befohlen abzudrucken,

Wenn man sich ihr zu nahe wagt.

Vom Schilde, das Medusens Zahne

Aus schlangbehaartem Haupte blackt,

Ist die vom Witz beseelte Schone

Selbst durch Minervens Arm bedeckt.

Nie darf, zu einem sichern Zeichen,

Dass sie der Gottin ganz gehort,

Der Pallasvogel von ihr weichen,

Die Eule, die Athen verehrt.

Er glanzt vom Horizont herunter,

Er glanzt, der stolze Tag, der Sie

Der Welt zu ihrem achten Wunder

Und auch zur zehnten Muse lieh,

Noch achtmal zehnmal kehr er wieder,

Eh von Planeten selbst umringt,

Sie dort bei dem Gestirn der Bruder

Beim Castor und beim Pollux blinkt.

VIII. Brief.

Fraulein Amalia an das Fraulein v.M.

den 26 Nov.

Da sehen Sie es nun, dass es nur ein Spass ist. Wie gesagt, Sie sind in das Lustspiel eingeflochten worden, und mussen Ihre Rolle spielen. Sie mogen nun wollen oder nicht. Sie sind aber doch in gute Hande gefallen, da der Baron das Complot unter seinem Commando hat. Mein Oncle hatte nicht schlimmer wahlen, und fur Sie hatte diese Wahl nicht besser ausfallen konnen. Nun sind Sie sicher. Der Baron hat Ihren Liebhaber Ihnen nicht einmal unter die Augen gefuhret, weil er glaubte, dass seine Gegenwart Sie beunruhigen konnte, und er wird dieses allezeit thun, wenn er es in seiner Gewalt hat. Ich fange jetzo an, wirklich Mitleiden mit meinem Oncle zu haben, und wenn Sie es nicht waren, so wusste ich nicht was ich thate, um ihn glucklich zu machen. Sie sollen unterdessen nach meinem Wunsche einen Freier bekommen, der Ihnen besser anstehet, aber eben so aufrichtig liebt als dieser, und daran zweifle ich auch nicht: ihr Planete verspricht Ihnen dieses. Auf mein Wort, ich glaube vollkommen, dass die Planeten eintreffen; der Ihrige passt so gut auf Sie, als wenn er Ihretwegen ware gemacht worden. Sehen Sie nur, was Lampert fur ein sinnreicher Kopf ist! Auch im Calender findet er etwas artiges, das ein Liebhaber seiner Schonen sagen kann. Ich muss doch sehen, ob sich mein Planet auch so vortheilhaft erklaren lasst, als der Ihrige. Ich bin im April gebohren, gut, ich will mir selbst die beste Auslegung daruber machen . Verwunscht! Bald will ich den April wieder auskratzen, und einen andern Monat dafur in den Brief setzen. Hatte ich doch nie die Begierde gehabt meinen Planeten zu lesen. Der Kerl, der den Calender schreibt, hat, wie ich glaube, mir zum Possen diese schlimme Prophezeiung erdacht, oder eine grundbose Frau gehabt, die mit mir in einem Monat gebohren worden, und dieses hat ihn bewogen, die bose Gemuthsart seiner Frau dem Gestirn zuzuschreiben, das in dem Monat ihrer Geburt regieret hat. Suchen Sie ja meinen Planeten nicht auf, sonst lasse ich mich nicht wieder vor Ihnen sehen. Das ist entsetzlich, dass ich gerade in einem Monat gebohren bin, der den Madchens so fatal ist! Ich werde kunftig meinen Geburtstag verlegen, wie mein Oncle den Tanz unter der Linde. Ich hatte mir vorgesetzt, wenigstens ein Dutzend Korbe anzubringen, ehe ich mich der Herrschaft eines Ehetirannen unterwerfen wollte: aber mein Stolz ist gedemuthiget, ich werde nicht einen loss werden. Einen lachenden Freier, das ist nach meiner Erklarung, der nicht einmal rechten Ernst braucht, darf ich nicht abweisen, wenn ich nicht befurchten will, dass gar keiner wieder komme. Das schlimmste aus den Planeten, daruber ich mich fast argere, will ich mit Stillschweigen ubergehen.

Nicht wahr, wir waren gestern sehr vergnugt? Ich war es insonderheit, dass Sie den Spass so wohl aufnahmen. Ha! Ha! Ich muss herzlich lachen, ein Gluckwunsch in einer Pastete, das ist der lustigste Einfall, den man erdenken kann. Sie wurden uber und uber roth bei dem Fund, den Sie thaten. Ich merkte es, sobald Sie den Deckel aufhoben, ich vermuthete mir aber etwas ganz anders. Ich dachte der Major hatte den Spass gemacht. Ihnen die Wahrheit zu gestehen, habe ich ganz und gar nichts davon gewusst, selbst meine Schwester nicht. Sie hat vermuthet, dass ihr Mann, um der Tafel ein besser Ansehen zu geben, die Pastete aus der Stadt hatte holen lassen. Ich bekummere mich nicht um die Kuche, und wurde nicht eher aufmerksam darauf, bis man Sie nothigte vorzulegen. Sie sahe auch so ehrlich aus, dass ich ihr keine Schelmerei zutraute. Lampert hat doch manchmal einen Einfall, der werth ist, belacht zu werden. Der Mann macht gleichwohl seinen Vers, der nicht zu verachten ist. Der Baron hat ihm unter den Fuss gegeben gehabt, einen lustigen Gedanken uber die Frau v.W. mit einzumischen. Er hat es gethan; aber zum Gluck hat er seinen satirischen Einfall so versteckt, dass er von wenigen bemerkt wurde. Ob ich mich gleich nicht fur sonderlich scharfsinnig halte: so konnte ich doch leicht errathen, was die Eule, die Athen verehrt, zu bedeuten hatte. Die Auslegung, die der Baron uber diesen dunkeln Ausdruck machte, die fernern Untersuchungen des Majors zu unterbrechen, war sehr weit hergeholt, und wollte an keinem Orte recht passen. Er sahe wohl den wahren Verstand ein: aber es war nicht rathsam, diesen Text gar zu genau zu erklaren.

Aber horen Sie doch, mein liebes Fraulein, warum suchen Sie den Major immer gegen mich in Harnisch zu bringen? Sie mussen einen grossen Wohlgefallen daran haben, mich einmal mit ihm zanken zu sehen, dass Sie uns immer zusammen hetzen. Nun kann ich Sie doch auch einmal einer Leichtfertigkeit beschuldigen. Warten Sie, das lass ich Ihnen nicht so hingehen. Es kam mir, ich weiss nicht was fur eine Lust an, Ihnen was ins Ohr zu fliestern, es war eine Kleinigkeit, die ich vergessen habe. Warum beschuldigen Sie mich denn, ich hatte von dem Major gesprochen, da ich doch nicht an ihn gedacht hatte? Wollten Sie ihn fur seine Neugierde strafen, dass er unsere Heimlichkeit zu wissen verlangte? Das war vermuthlich Ihre Absicht, aber dadurch wurde ich mehr fur meine Verwegenheit gezuchtiget, dass sich mein Mund Ihrem Ohr genahert hatte, als er fur seinen Vorwitz. Was wird er denken, wenn er sich einbildet, ich hatte mich in seiner Gegenwart uber ihn aufgehalten? Ich glaube nicht, dass er mich gnugsam kennet, um mir eine solche Unanstandigkeit nicht zuzutrauen. Was mogen Sie ihm doch fur ein Mahrgen aufgeschwatzt haben? Ich zweifle nicht, dass er Sie wieder darum befragt hat, weil Sie nicht geschwinde genug eine Unwahrheit erdenken konnten, die Sie ihm vorschwatzten, da er Sie in meiner Gegenwart befragte, was ich von ihm gesagt hatte. Sie werden nun Muhe haben meine Unschuld zu retten, und ihm die Gedanken zu benehmen, worinne er stehet, dass ich mich uber ihn aufgehalten hatte, so unschuldig ich auch bin. Thun Sie ja Ihr bestes all ihm, diese Meinung zu benehmen, oder wenn Sie es nicht thun, so geben Sie Achtung. Sie werden schon auch einmal in seiner Gegenwart mit nur heimlich reden, oder ich finde auch wohl eine andere Gelegenheit, Sie so bat ihn anzugiessen, dass Sie mich verwunschen sollen. Ich will Ihnen nun die Absicht meines Briefs entdecken, ich hatte mir vorgenommen, dieses in den ersten Zeilen zu thun, und er ist mir unter der Hand gewachsen, wie das Werk eines Gelehrten, ohne dass ich daran gedacht habe. Mein Oncle hat dem Baron aufgetragen, einen getreuen Bericht von der Aufnahme seiner Gluckwunsche abzustatten, was fur Urtheile daruber gefallet worden, und ob sie bei Ihnen einen fur ihn vortheilhaften Eindruck gemacht hatten. Ich ubersende Ihnen den Entwurf davon zur Durchsicht, verbessern und andern Sie solchen nach Ihrem Gefallen, schicken Sie ihn aber bald zuruck, damit mein Oncle, der sehr begierig ist, das Schicksal seiner Gluckwunsche zu erfahren, befriediget wird. Ich umarme Sie.

IX. Brief.

An den Herrn v.N. von dem Herrn v.F.

den 26 Nov.

Recht gut so! Ich wunsche Ihnen Gluck zu dem guten Anfang Ihres Spiels oder des Feldzuges, wie Sie Ihre Liebe nennen wollen. Sie haben sich wohl gehalten, und werden nun bald mehrere Progressen thun. Weil ich Ihnen einen Bericht abzustatten habe, der Ihnen nicht misfallen kann: so hoffe ich, dass Sie mir diesmal alle Locos communes, die mir etwan entwischen mochten, gern verzeihen werden, doch werde ich mich dafur, so sehr ich kann, in Acht nehmen. Ich will mich eben nicht so genau an Ihre Vorschrift binden, um Ihnen nach der Ordnung zu melden, wie Ihre Prose und Verse sind aufgenommen worden, was man daruber gesagt hat, und was die verliebte Mine, die Sie haben anstiegen lassen, fur Wirkung gethan: ich will Ihnen aber doch auch keinen Umstand, der Ihnen nur einiger massen vortheilhaft ist, verschweigen. Der Einfall durch eine Pastete einen Liebesantrag zu thun, ist der vortreflichste von der Welt, Sie hatten Ihrer Geliebten solchen nicht artiger in die Hande spielen konnen. Das Fraulein schien ganz entzuckt, da sie eine so vortrefliche Nahrung fur den Geist in einem Behaltnis entdeckte, das nur einige leckerhafte Bissen fur den Mund einzuschliessen schien. Das feindselige Messer hatte zwar beinahe ein grosses Ungluck angerichtet, und den ganzen Planeten von Ihrem Briefe weggeschnitten: doch der getreue Sylphe des Frauleins wollte sie nicht um das Vergnugen bringen, dieses Meisterstuck des Witzes und einer gesunden Auslegungskunst zu lesen; der Brief und das Gedichte kam mit einer kleinen Verwundung, die einem Ehrenzeichen gliech, davon. Die Neugierde aller Anwesenden war so gross, dass die wichtigsten Gesprache dadurch unterbrochen wurden, und einige Minuten ein tiefes Stillschweigen uber die Gesellschaft ausgebreitet war, bis sich solches in ein lautes Gelachter und frohlokkendes Handeklatschen verwandelte, das einen allgemeinen Beifall anzuzeigen schien. Man konnte sich lange nicht vergleichen, wer die Ehre haben sollte, beides das Gedichte sowohl als das Schreiben offentlich vorzulesen. Dass es geschehen sollte, daruber war man einig, obgleich das Fraulein Einwendungen dagegen machte. Endlich fielen die meisten Stimmen fur den Major aus, welcher beschamt schien, dass er eine so schone Gelegenheit als der Geburtstag des Frauleins war, aus den Handen gelassen, ihr seine Hochachtung wodurch zu bezeigen, da Sie Sich derselben so vortreflich zu bedienen gewusst hatten. Zu seiner Bestrafung musste er ein Herold Ihres Witzes werden, er musste lesen, so gern er diese Ehre verbethen hatte. Zu Ihrem Troste kann ich es sagen, dass das Fraulein, so lange er las, kein Auge von ihm verwendete, und daraus machte ich den Schluss, dass ihr alles sehr wohl gefiel. Die ganze Gesellschaft sprach von Ihnen sehr vortheilhaft, und selbst der Major musste Ihnen Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Das Fraulein sagte zwar nichts zu Ihrem Lobe: sie dachte aber desto mehr. Die Frau v.W. gestund, dass sie niemals die Gabe der Dichtkunst bei Ihnen vermuthet hatte, dass sie aber Sie um desto hoher schatzte. Sie wunschte zugleich das Vergnugen zu haben, sich mit Ihnen in einen neuen Zwist verwickelt zu sehen, damit sie die Ehre hatte, eine poetische Abbitte und Ehrenerklarung zu erhalten. Ihr Gemahl machte die Lobspruche, die man Ihnen ertheilte, dadurch desto ansehnlicher, dass er Ihre Gesundheit ausbrachte, die rund um die Tafel fleissig nachgeholet wurde. Ungeachtet ich alle Muhe angewendet habe, das Herz des Frauleins auszukundschaften, um zu erfahren, was Ihr Angebinde auf solches eigentlich fur eine Wirkung gethan: so bin ich doch nicht vollkommen glucklich hierinne gewesen. Wenn ich von den, ausserlichen urtheilen wollte, so konnte ich Ihnen viel versprechen; allein die Schonen sind Meisterinnen in der Verstellungskunst. Sie wurde roth, da sie den Gluckwunsch auf ihren Geburtstag fand, und lachte, da sie unter dem Schreiben Dero Namen erblickte. Sie gab auf alles genau Achtung, da der Major las, und da er hernach beide Stucke ihr wieder auf einem Teller uberreichte, so nahm sie solchen mit einer freundlichen Mine zuruck. Alles dieses lasst sich so vortheilhaft fur Sie erklaren, als der Planet fur das Fraulein. Noch mehr, sie trunk Ihre Gesundheit, sie lobte Ihre Aufmerksamkeit, dieses war zugleich ein Vorwurf fur den Major wegen seiner Nachlassigkeit, dass er, der sie bestandig begleitet wie ein Trabante seinen Planeten, nicht einmal ihrem Geburtstage nachgespuret hatte. So eine gute Gelegenheit kommt nicht alle Tage, sein Wort auf eine gute Art anzubringen. Sie hat Fraulein Amalien gefragt, wie Sie Sich befanden, ob Ihre Krankheit von Folgen zu seyn schien. Man konnte glauben, dass sie diese Frage aus Eigennutz gethan hatte, um die Erbschaft, die Sie ihr zugedacht haben, bald hoffen zu konnen, ja man konnte hierinne dadurch bestarket werden, dass sie sich auch unter der Hand erkundiget, ob Sie seit ihrem ersten Geburtstage, nicht wieder an Ihren letzten Willen gedacht hatten; allein solche hypochondrische Gedanken mussen einen Verliebten nicht einfallen, man kann auch von diesen Worten eine vorteilhafte Auslegung machen. Ueberhaupt lasst sich von dem vortreflichen Charakter des Frauleins nicht vermuthen, dass sie wunschen sollte bald Ihre Erbin zu werden. Alle diese Spuren sind mir aber noch nicht hinreichend, einen sichern Schluss daraus herzuleiten, dass Sie schon ihre Gewogenheit besitzen, ich will lieber nichts daraus schlussen, als Gefahr laufen, falsch zu urtheilen. Wenn Ihnen das Gluck gunstig ist, so wird es uns schon andere Proben liefern, daraus wir die Zuneigung des Frauleins vollkommener und sicherer schlussen konnen. Wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, so verhalten Sie Sich eine Zeitlang nur ruhig, und wenn Sie auch in ihrer Gesellschaft sind, so beobachten Sie ein gleichgultiges Wesen: man sturmet nicht immer bei einer Belagerung, man sitzt auch wieder eine Zeitlang stille, um neue Krafte zu sammlen, und hernach einen unvermutheten und desto kraftigern Angriff zu thun. Die Frau v.W. ist Ihnen, so viel ich ihr habe abmerken konnen, noch immer nicht recht gut, es liegt nichts daran, ihre Gunst verspricht Ihnen ohnehin keinen sonderlichen Vortheil. Sie thun indessen wohl, wenn Sie, als ein Politikus, eine Staatsfreundschaft mit ihr unterhalten. Wenn Sie bei dem Herrn v.W. einen Besuch abstatten, so will ich Sie mit Ihrer Erlaubniss begleiten, damit ich jede Mine und jede Bewegung des Frauleins ausstudiren kann, um eine Gewissheit dadurch zu erhalten, was fur Gesinnungen sie von Ihnen hegt.

Fraulein Amalia bringt mir jetzt eine schlimme

Nachricht, sie hat eben einen Brief von dem Fraulein v.N. erhalten, darinnen ihr diese berichtet, dass sie heute fruh aus ihrem Tische ein zusammengerolltes Pappier angetroffen, und bei Eroffnung desselben, ein vortrefliches franzosisches Sonnet nebst ein paar demantnen Ohrenringen gefunden hat. Sie sind abgestochen; Ihr Rival hat einen hohern Trumpf eingesetzt. Das Fraulein hat eine sehr grosse Freude uber das Geschenke. Ihr Lobgedichte, das sie sehr heilig in ihrem Putzschrank aufzuheben versprach, fallt nun gewiss in das unterste Fach, wenn es noch drinnen bleibt. Wo sollten die Ohrengehange anders herkommen als von dem Major? Ja ja, er hat die rechten Schliche inne, wie man die Schonen bezaubern kann. Er verstehet das Spiel aus dem Grunde, jetzt sitzt er im Vortheile und wird sich schwerlich daraus vertreiben lassen. Doch das Spiel ist noch nicht verlohren, Sie sitzen nur hinter der Hand, und an Ihnen ist nunmehro die Reihe, ihn wieder abzutrumpfen. Wir wollen die Sache schon wieder ins Gleiss bringen, wenn Sie nur Standhaftigkeit gnug besitzen, die widrigen Zufalle, die in dergleichen Umstanden sich oft begeben, zu ertragen, ohne an Ihrem Gluck zu verzweifeln. Ich bin immer unglucklich im Vergleichen, so viel Geschmack ich auch daran finde. Ich habe Ihre Liebe, in so ferne sie thatig ist, mit dem Spiel verglichen: jetzt, da Sie Sich nach meinem Entwurf etwas leidend verhalten mussen, kommt sie mir vor wie das Podagra. Gedult und ein wenig Schreien sind hierbei die besten Arzeneien. Ich rathe Ihnen beides, das erste, um der Sache gelassen zuzusehen, bis das Schicksal Ihren Rival aus der hiesigen Granze entfernet, und das andere, um ihre Schone, wenn sie uber Ihre Unempfindlichkeit und Harte klagen, dadurch zum Mitleiden zu bewegen. Unterdessen dass Sie in einer gewissen Unthatigkeit sich befinden, will ich desto geschwinder seyn im Kabinet, und wie die Minister, wenn die Generals in Winterquartieren schmaussen, den Plan entwerfen, den Sie hernach ausfuhren sollen. So bald Sie Ihre Staatskrankheit Abschied nehmen lassen, so besuchen Sie mich, und bringen Sie Ihren Favoriten den Herrn Lampert mit, damit wir alles gemeinschaftlich uberlegen, und wegen Ihren Angelegenheiten ordentlichen Rath halten. Ich verspreche Ihnen, allen Fleiss und alle Aufmerksamkeit anzuwenden, ihre Wunsche zu vergnugen, um Sie dadurch zu uberzeugen, dass ich kein blos Compliment mache, wenn ich mich nenne

Dero

gehorsamsten Diener

v.F.

X. Brief.

Das Fraulein v.W. an das Fraulein v.S.

den 26 Nov.

Was werden Sie noch aus mir machen, loses Fraulein! Sie, und der Herr Baron, spielen Comodien, dass man Bucher davon schreiben konnte. Ich glaube, Sie haben sich beide vorgenommen, Ihre Nachbarschaft rund um sich her in Verwirrung zu setzen, und Niemand zu schonen, wenn Sie nur etwas zu lachen bekommen. Wenn ich nur eine strafliche Mine annehmen konnte, so hatte ich Lust, Ihnen einmal den Text recht zu lesen. Der Brief mit dem Einschluss, welchen Sie mir heute zugeschickt haben, hat wunderliche Erscheinungen bei mir hervorgebracht, ich habe uber beide gelacht, den Kopf geschuttelt, ich bin halb erzurnt bei einigen Stellen gewesen, ich bin wieder gut worden; ich habe sie noch einmal gelesen, und habe mich niedergesetzt, Ihnen darauf zu antworten; ich bin aber jedesmal zweifelhaft aufgestanden, ohne zu wissen, was ich uber die Innlage fur ein Urtheil fallen sollte. Mehr als einmal hab ich einige Stellen darinnen verbessern wollen, ich hatte bereits die Feder angesetzt, um ganze Seiten auszustreichen, und sie zu verandern: aber ich habe es immer wieder unterlassen, weil ich nicht wusste, womit ich den leeren Raum fullen sollte. Nun es mag alles bleiben, ich will Ihnen aber meine Kritik daruber machen, eben so wie uber Ihren Brief, und dadurch werde ich diesen zugleich beantwortet haben. Ich sehe wohl, dass es mit der Liebe Ihres Herrn Oncles nur Spass ist, oder dass Sie und der Herr Baron einen Spass daraus machen wollen, da Sie diese Sache nun unter den Handen haben, ich bin daruber erfreuet: aber vorher war es in der That kein Spass. Es sind noch nicht gar acht Wochen, da Sie uber dieses Capitel mir ein so zweifelhaftes Gesicht machten, dass ich es Ihnen ansehen konnte, wie sehr Sie meinetwegen besorgt waren. Wenn Sie und der Herr v.F. nicht alle Krafte und Ihre ganze Kunst der Intrigue aufgebothen hatten, mich zu befreien, so wurde ich jetzt sonder Zweifel Frau v.N. Fur eine so gute Bemuhung muss ich Ihnen ja wohl etwas zu lachen geben, und wider meinen Willen eine Rolle, die Sie mir in dem Lustspiele auftragen, ubernehmen. Ich verspreche diese so gut zu spielen als mir moglich ist, nur dass es immer ein Spiel bleibt, und nicht etwan wieder Ernst daraus wird. Ich bedaure es, wenn Sie meinetwegen den Herrn von N. ein so schweres Gebot auferleget haben, von der Gesellschaft zu bleiben, dieses wird ihm vermuthlich sehr beschwerlich gewesen seyn. Ich verlange nicht, dass er so eingeschranket werde, sonst stehet er Ihnen gewiss nicht lange zu Gebothe. Seine Gegenwart ist mir niemals beschwerlich, so lange ich nichts davon zu befurchten habe, welches ich jetzt nicht vermuthe. Wir werden nachstens einen Besuch in Kargfeld ablegen, ich werde mitgehen, um dem Herrn v.N. eine unschuldige Freude zu machen. Pragen Sie ihm nur ein feines, steifes, zuruckhaltendes Wesen ein, und versichern Sie ihn, dass dieses das beste Mittel sey, von mir recht viel freundliche Gesichter zu bekommen.

Sie suchen doch auch alle Gelegenheit auf, sich lustig zu machen, und wenn Ihnen aller Stoff zu fehlen scheinet, so sind Sie es uber sich selbst, das ist in der That ein artiger Charakter, der mir gefallt. Das Schicksal entferne uns nie von einander: wenn ich jemals Ihren Umgang vermissen sollte, so wurde ich das allerschatzbarste, das ich besitze, verlieren. Weil einmal die Planeten unter uns einiger lustigen Aufmerksamkeit sind gewurdiget worden, so will ich mir die Freiheit nehmen, uber eine Stelle des Ihrigen, eine Anmerkung zu machen, doch in einen gelehrten Streit lasse ich mich durchaus nicht ein, wenn ich auch einen Preiss von einer Akademie der Wissenschaften dadurch zu verdienen wusste. Was machen Sie Sich fur einen seltsamen Begriff von einem lachenden Freier! Sie verstehen darunter einen halbigten Liebhaber, der keinen Ernst braucht? Ungluckliche Deutung! Gehen Sie zum Herrn Lampert, und lassen Sie Sich die Sache erklaren, er wird es Ihnen ganz anders sagen. Sie sind lustig, aufgeraumt, Sie lachen gerne: gleich und gleich sucht sich. Der Mann, den Sie einmal glucklich machen sollen, wird in seinem Charakter Ihnen ahnlich seyn. Sie bekommen einen muntern, aufgeraumten, lachenden Freier, er Ihnen das Leben so angenehm macht, als Sie es allen, die Ihren Umgang geniessen, zu machen wissen. Wollen Sie nun weiter mit dem ehrwurdigen Sterndeuter zanken, der Ihnen so viel gutes geweissaget hat? Es hat mir nicht an Neugierde gefehlet, Ihren Planeten ganz zu lesen, und die bosen Schicksale, die nach Ihrem Urtheile darinne sollen enthalten seyn, zu erfahren, oder ihnen mit einer guten Auslegung zu statten zu kommen; aber da ich eine sehr schlechte und mangelhafte Edition von einem Calender habe, darinne diese unbetruglichen Weissagungen fehlen: so muss ich wider Willen dem Befehle nachleben, Ihren Planeten nicht zu lesen.

Thun Sie nur nicht so bose, dass ich dem Major etwas von Ihnen vorgeschwatzt habe. Sie urtheilen recht, dass ich ihn dadurch fur seinen Vorwitz habe bestrafen wollen; aber ich bin darinne nicht mit Ihnen einerlei Meinung, dass ich daran Unrecht gethan habe. Ich glaube vielmehr allen Verdacht dadurch von Ihnen entfernt zu haben. Er konnte denken, wir hatten von Ihm gesprochen, da wir heimlich mir einander redeten; er konnte dieses aber nicht mehr denken, da ich es ihm offentlich sagte, dass wir es gethan hatten. Wenn es wahr gewesen ware, so wurde ich es ihm gewiss verschwiegen haben. Vermuthlich sahe er es ein, dass ich ihn fur seine Neugierde, dadurch habe wollen ein wenig bussen lassen; sollte es aber nickt geschehen seyn, so will ich, wenn er mich wieder fragt, was wir von ihm gesprochen hatten, meinen Fehler wieder gut zu machen, etwas recht schones erdenken, das Sie zu seinem Vortheile sollen gesagt haben. Aber warum dringen Sie denn so sehr darauf, dass ich Ihre Unschuld retten soll? Fraulein, Fraulein! wenn Sie mir etwas verheimlichen, so vergebe ich es Ihnen nicht.

Dem Herrn Baron machen Sie mein bestes Compliment. Sagen Sie ihm, dass ich seine guten Bemuhungen mir vielem Danke erkenne; aber ich bin wenig mit den Maassregeln zufrieden, die er anwendet, seine gute Absicht zu erreichen. Warum braucht er so zweideutige Ausdrucke, die den Herrn v.N. entweder gegen mich oder den Major aufbringen konnen? Wer weiss, ob er nicht dadurch in die Versuchung gerath, seinem eignen Kopfe zu folgen, und wenn er sich nicht mehr in der Irre herum fuhren lasst, die rechte Spuhr wieder zu suchen, wodurch es ihm an, ersten gelingen konnte, sein Vorhaben auszufuhren, oder doch wenigstens mir Angst zu machen. Ich merke wohl, dass der Herr Baron durch die Verzogerung ihn ermuden will. Es ist dieses ein sehr guter Einfall, aber wann dem Herrn v.N. etwas in den Kopf gesetzt wird, das ihn aufbringen kann, so verlasst ihn seine Gedult ganz sicher, und er wird hernach alles anwenden, sein Schicksal entschieden zu sehen, welches auf der einen oder der andern Seite Verdruss erwecken konnte, und diesen vermeide ich gerne. Doch das ist noch nicht alles, was mir am wenigsten gefallt, ist dieses, dass ich so abgeschildert werde, als wenn der Major in besonderm Ansehen bei mir stunde. Ich bin in diesem Stuck etwas zartlich, wenn Sie uber so etwas mit mir scherzen, so kann ich gleiches mit gleichem erwiedern, und das bleibt unter uns; wenn aber mehrere Personen an diesem unschuldigen Scherz Antheil nehmen, so entstehet daraus ein Geruchte, und das wunsche ich eben nicht. Die Auslegung uber die unschuldige Frage, wie sich Ihr Herr Oncle befande, ist hochstleichtfertig. Ich lasse mir diesen Scherz desto leichter gefallen, da ein solcher Verdacht, dass ich nach einer Erbschaft sollte begierig seyn, nicht leichtlich im Ernste von mir wird gefasst werden, es kann auch dieser Einfall, in der Absicht, in welcher er ist angewendet worden, vielleicht von einigem Nutzen seyn. Aber ich weiss nicht, was ich mit den Ohrenringen anfangen soll, ich kann die Absicht, warum der Herr v.F. mich damit hat beschenken lassen, nicht errathen. Sollte es deswegen geschehen, damit Ihr Herr Oncle aufgemuntert wurde, mir in der That ein Geschenke zu machen, so wurde ich dadurch in die ausserste Verlegenheit gesetzet werden, ich konnte es nicht annehmen, und auch nicht ohne Beleidigung zuruck geben, ich wurde also auf die eine und auf die andere Art anstossen. Ueber dieses, wenn der Herr von N. gegen die Frau v.W. etwas davon gedachte, so wurde ich ein scharfes Examen von ihr auszustehen haben, sie wurde es nicht glauben, dass es nur ein Mahrgen ist. Sie wissen, was man fur Muhe anzuwenden hat, ihr etwas auszureden, das sie sich zu glauben oder einzubilden, einmal vorgenommen hat. Wenn Sie nicht versichert sind, dass ich davon nichts zu befurchten habe, so streichen Sie diese Stelle ganz aus. Ich ersehe am Ende des Schreibens an den Herrn v.N. dass er nur eine Staatskrankheit angenommen hat. Nun bedaure ich ihn desto mehr, und wenn es nicht meine eigne Person betrafe, so wollte ich eben das thun, wozu Sie Sich anheischig gemacht haben, und alles beitragen, seine Wunsche zu erfullen. Den Augenblick erfahre ich etwas ganz neues, der Major bat Befehl erhalten, wieder zu seinem Regimente zuruckzukehren. Er ist nur vor einer Stunde hier gewesen, und hat es meinem Vater gesagt. Ich bin am Ende meiner Gedanken und meines Briefs, und kann in der Eil keinen bessern Ausdruck finden, solchen dadurch zu schlussen, als die Versicherung, dass ich Sie mit der aufrichtigsten Zartlichkeit liebe

J.v.W.

XI. Brief.

Das Fraulein v.S. an das Fraulein v.W.

den 30 Nov.

Das ist zum Todlachen! Keinen lustigern Auftritt konnte mein Oncle liefern, als den er im Begriff ist uns sehen zu lassen. Vernehmen Sie die grosse Begebenheit, die sich in wenig Tagen ereignen wird. Ich zweifle nicht daran, dass das Vorhaben wirklich ausgefuhrt wird. Es kommt nur auf Sie an, und Sie haben Sich einmal anheischig gemacht, das Spiel nicht zu verderben ich halte Sie nun bei Ihrem Worte. Seyn Sie stolz auf die Ehre, die Ihnen zubereitet wird, mein Oncle beschaftiget sich gegenwartig Ihren Namen unsterblich zu machen. So einer edlen Bemuhung werden Sie nicht widerstehen konnen, ja er wird dadurch Ihr Herz gewiss erobern. Damit ich Sie nicht, nach meiner Gewohnheit, mit einem langen Geplaudere aufhalte, und Ihre Neugierde, die ich schon genug gereizt zu haben glaube, lange quale; so will ich es Ihnen mit einem Worte sagen, dass der Herr v.N. entschlossen ist, eine Akademie der Wissenschaften in Kargfeld zu errichten, die nach Ihrem Namen die Julianen Akademie genennet werden soll. Wenn es nicht ein so gar artiger Spass ware, so wurde ich nicht zugeben, dass Ihr Name gemissbraucht wird; doch der Einfall ist zu lustig, dass ich mich bemuhen sollte, dir Ausfuhrung davon zu hintertreiben. Lehnen Sie dem Baron und mir einmal Ihren Namen, um einen Scherz vollkommen zu machen. Damit Sie an der Sache vollkommenes Licht erhalten, so horen Sie jetzt meine Erzahlung, und hernach lesen Sie die Innlagen meines Briefs. Es sind deren viere, ein Brief des Herrn Lampers an den Baron, eine Nachricht von der Einrichtung der Julianen Akademie, ein Verzeichniss der Mitglieder, die sogleich bei Eroffnung derselben sollen aufgenommen werden, und die Antwort des Barons. Ich darf Sie nicht erinnern, dass ich mir die Einschlusse bald wieder ausbitte, Sie wissen dieses schon. Lassen Sie Sich es nun erzahlen, wie mein Oncle sich diese Gedanken hat einfallen lassen, und warum er so feste darauf beharret, sein Vorhaben auszufuhren. Der Baron fand gut, Ihrer Kritik ungeachtet, das Schreiben an meinen Oncle so zu lassen, wie er es entworfen hatte, ohne darinne das geringste zu andern. Sie sind gar zu zartlich, und machen sich uber Umstande, die ich nicht einmal wahrnehme, einen Hausen Bedenklichkeiten. Wir sind in Schonthal nicht so gesinnet. Der Baron blieb bei seinem Entschluss, und schickte meinen Oncle den Brief so, wie Sie ihn gesehen haben. Den Tag darauf machte er ihm in Person einen Besuch, um zu sehen, wie er mit dieser Nachricht zufrieden ware. Er nahm sich zugleich vor, diese Erzahlung zu vermehren und zu vorbessern, wenn er es rathsam finden wurde. Der Herr v.N. ist mit der Art, wie Sie seine Gluckwunsche sollen aufgenommen haben, uberaus vergnugt gewesen. Er hat zwar allerlei Betrachtungen angestellet, ob die vergnugten Bucke, die der Baron Ihnen, bei der Vorlesung der Gluckwunsche angerichtet, mehr diesen oder dem Leser zugeeignet werden konnten: doch Herr Lampert, der alles gern zu einem Vortheile ausleget, hat das erstere so geschickt behauptet, dass alle Zweifel verschwunden sind. Sein Vergnugen wurde vollkommen gewesen seyn, wenn ihm nicht der Punct von dem Franzosischen Sonnet und den demantenen Ohrenringen die Freude sehr gemassiget hatten. Ich hatte mich mit dem Baron zanken mogen, dass er durch diese Erdichtung das unschuldige Vergnugen meines Oncles unterbrochen hat. Doch eben dieses hat zu einer neuen komischen Handlung Gelegenheit gegeben. Der Herr v N. hat den Baron ersucht, ihm einen Rath zu erteilen, wie er diesen todtlichen Streich, den sein Gegner durch ein so glanzendes Geschenke seiner Liebe versetzt zu haben glaubte, fruchtlos machen konnte. Der Baron hat die Verwegenheit gehabt, ihm das anzurathen, was Sie so sehr furchten, dass er Ihnen ein Geschenke machen sollte, das noch zweimal grosser ware, als das Sie von seinem Rival erhalten hatten, oder nach seiner Sprache mich auszudrucken, er sollte einen hohern Matador einsetzen. Furchten Sie nichts, dieser Vorschlag ist sogleich verworfen worden. Sie kennen meinen Oncle nicht, wenn Sie glauben, dass er in die Versuchung gerathen durfte, bei seiner Liebe grossen Aufwand zu machen. Sie werden nicht leicht durch ein wichtiges Geschenke von ihm in Verlegenheit gesetzet werden. Er ist gewohnt seine Anschlage, die alle ins Grosse fallen mussen, um wenigen Kosten auszufuhren. Herr Lampert, der unerschopflich ist an witzigen Erfindungen, und alle Absichten meines Oncles gern mit den seinigen verbindet, um sie desto leichter auszufuhren, hat seit einiger Zeit, ich weiss nicht was fur wunderliche Traume gehabt, Kargfeld in einen Sitz der Kunste und Wissenschaften zu verwandeln. Ich wunschte, dass er so reich an Mitteln als an Anschlagen ware, so wurde er aus diesen Ort gewiss ein Versailles oder Paris machen. Sie wissen, wenn mein Oncle geheimen Rath halt, dass er darinne Sitz und Stimme hat. Seine Einbildungskraft giebt ihm also bei der Unentschlossenheit, worinne er den Baron siehet, den Herrn v.N. durch gute Rathschlage zu unterstutzen uber seinen Gegner die Oberhand zu gewinnen, sogleich ein Mittel an die Hand, seinen Gonner aus der Verlegenheit zu ziehen, und dadurch sein Vorhaben, das schon einige mal von uns auf eine spottische Art ist herumgenommen worden, zugleich mit auszufuhren. Er wagt es bei einer so gunstigen Gelegenheit noch einmal, den Vorschlag von Errichtung einer Gesellschaft der Wissenschaften en Mignature, zu erneuern, und solche die Julianen Akademie zu nennen. Der Baron, dem die geschickte Wendung des Magisters, sein Vorhaben auszufuhren, und uberhaupt das seltsame in diesem Anschlage gefallt, ergreift die Parthei des Herrn Lamperts mit einem angenommene, Eifer, und stellet dem Herrn v.N. die Sache aus einem so vorteilhaften Gesichtspuncte vor, dass dieser ihm mit Vergnugen beifallt, und die gluckliche Stunde mit Sehnsucht erwartet, in welcher sie zur Ehre seiner Gottin ausgefuhret werden soll. Lampert hat zu dieser Absicht die Aufsatze verfertiget, welche ich Ihnen hierdurch mittheile.

Es ist auch in der That nichts geringes, und ich beneide Sie bald selbsten, dass Ihnen zu Ehren eine Akademie errichtet wird. Wenn Sie nicht ganz und gar stoisch gesinnt sind, so muss eine solche Ehre den lebhaftesten Eindruck in ihr Herz machen. Der Entschluss meines Oncles ist hochstgrossmuthig; er als der Stifter einer Akademie, hatte das Recht, solche mit seinem Namen zu belegen: aber wie vortreflich! er thut darauf Verzicht, um sie einem Frauenzimmer zu widmen, das er liebt. Es ist dieses ein so augenscheinlicher Beweis von seiner Leidenschaft fur Sie, dass demantne Ohrengehange und ich weiss nicht was fur Kostbarkeiten, damit in gar keine Vergleichung konnen gesetzet werden. Wenigstens sind dieses die Gedanken meines Oncles und des Herrn Lamperts, die Sie ihnen auch selbst nicht wurden abstreiten konnen. Sie durfen sich nicht daran stossen, dass diese gelehrte Gesellschaft aus ganz verschiedenen Gliedern bestehet; die ansehnlichsten sind in keinem Theile der Welt anzutreffen, ausser nur in einem Romane. Doch wenn diese ehrlichen Leute wirklich waren, so wurden sie sich sehr wundern, dass unsere Schulmeister und Verwalter von ihnen Collegen sind. Ich habe dieses schon dem Baron vorgeworfen, der auch ein Ehrenmitglied dieser Gesellschaft abgeben wird, er hat mir aber versichert, dass im Reiche der Gelehrten, in so fern sie nur als Gelehrte betrachtet werden, kein Rang beobachtet wurde, sondern dass diese Herren auf einen Fuss mit einander lebten, wie die alten Lacedamonier oder die Brudergemeine zu Herrenhuth, daher kame es, dass der Geringste in der gelehrten Republick, den angesehensten auf einen gelehrten Zwiekampf herausfordern durfte, welches sich oft zutruge; die gelehrten Cavaliers bleiben einander mit der Feder so wenig schuldig als die Adlichen mit dem Degen. In so ferne er sich als einen Gelehrten betrachtete, so sey es keine Schande einen Schulmeister auf der gelehrten Bank neben sich zu haben. Was das schlimmste ist, so gehoren die meisten Glieder dieser Akademie nur in sehr uneigentlichem Verstande zu den Gelehrten. Doch, wie gesagt, dieses alles macht nichts aus, weil unter den Gelehrten kein Rang beobachtet wird, Lampert aber ein grundgelehrter Mann, alle Mitglieder fur gelehrt erklaret hat: so ist diese Akademie so gut, als wenn sie aus Staatsministern in Ordensbandern, Pralaten und Superintendenten bestunde, und Sie erhalten also dadurch alle Ehre, die Ihnen eine kaiserliche Akademie ertheilen konnte, wenn sie von Ihnen den Namen entlehnet hatte. Ich verspreche mir vortrefliche Werke von dieser Gesellschaft, und mache mir Hoffnung, nicht lange darauf warten zu durfen, wenn Sie bey dem Entschluss bleiben, meinen Oncle zu besuchen. Ich konnte meinen Brief noch ziemlich verlangern, wenn ich heute Lust zu plaudern hatte, oder mich in eine ordentliche Beantwortung Ihres Schreibens einlassen wollte: ich will aber beides auf eine mundliche Unterredung spahren. Wenn Sie eben so vielen Geschmack als ich an dem Witze des Herrn Lamperts fanden, so wurden die Innlagen dieses Briefs Ihnen zu einem artigen Zeitvertreibe dienen. Ich liebe Sie von Herzen. Das sollte eigentlich der Schluss von meinem Briefe seyn, aber ich erinnere mich eben jetzt noch an einen wichtigen Punkt, den ich nicht mit Stilleschweigen ubergehen kann. Sie sagen mir ja auf eine recht angstliche Art, dass der Major wieder zu seinem Regiment gerufen ist. Das hat etwas zu bedeuten. Ich hatte Lust ihn zu einem Mitgliede der gelehrten Akademie meines Oncles aufnehmen zu lassen, und dachte das Vergnugen, zu haben, ihn sehr schone Reden halten zu sehen, nun komme ich auf einmal um diese Freude. Ich verliere ihn nicht gerne aus der hiesigen Gegend, ich gestehe es. Er ist ein lustiger Mann, der alles aus sich machen lasst, und um uns etwas zu lachen zu geben, gewiss ein gelehrtes Mitglied der Akademie worden ware. Sie lassen ihn auch nicht gleichgultig abreisen, das ist ausser Zweifel. Die Art, womit Sie mir seinen Abzug verkundigen, verrath einige Unruhe. Warten Sie, ich habe ein artiges Liedgen gehabt, wenn ich es finden kann, so sollen Sie es bekommen, ich will es gleich suchen. Da ist es! Wahrhaftig, es schickt sich vortreflich auf die Abreise des Majors; es passt aber auch auf Sie wie der Planete. Sie haben den Namen Iris von ihrem Anbeter erhalten, recht als wenn sie es mir einander abgeredet hatten, das ist lustig! Eine Abschrift davon will ich behalten, es sind Virtuosen in der Akademie, ich will einem ein gut Wort geben, oder ich will mich in einer Bittschrift an das ganze Corpus wenden, damit es collegialisch componiret wird. Die Melodie soll so ruhrend ausfallen, dass es einem jammern soll, der es hort. Dichten Sie Sich unterdessen selbst eine Melodie, wenn ich Sie besuche, wollen wir dieses kleine Concert auffuhren. Sie spielen und ich singe, dabei bleibt es.

CHANSONNETTE

Iris il faut partir!

Mon coeur rempli de larmes

En quittant tous Vos charmes

Ne sait que devenir:

Iris il faut partir.

Je m'en vais a l'Armee,

Ne soyez pas affligee;

Du bruit de nos combats

Ne Vous effrayez pas.

Nous saurons nous defendre,

Avant que de nous rendre,

A de braves Francois

Ennemis de la paix.

Mon cher Damon allez

Ou l'honeur Vous appelle,

Ne soyez moins fidelle,

Tant que Vous vivrez:

Mon cher Damon allez.

Ayez soin d'une vie,

Qui n'est pas moins cherie,

Et que mon tendre coeur

Aime avec tant d'ardeur.

Complez sur ma constance,

Et ayez l'esperance

Qu'un si parfait amour

Est paye de retour.

XII. Brief

Vom Herrn Lampert Wilibald an den Herrn v.F.

den 29 Nov.

Wenn es ein Gluck zu nennen ist, zu einer Zeit zu leben, die an grossen und merkwurdigen Begebenheiten fruchtbar ist: so sind die jetzigen Bewohner der Erde allerdings glucklich zu preisen, dass sie in einem Jahrhunderte leben, das einen Ueberfluss an Begebenheiten aufzuweisen hat die die Geschichte dereinst verewigen wird. Ich will nicht an die Helden gedenken, die die Kriegskunst auf den hochsten Gipfel der Vollkommenheit gebracht haben; ich will jene grossen Manner, die sich am Ruder des Staates einen unvergesslichen Namen gemacht haben, in keine Betrachtung ziehen: ich will nur einen Blick auf die gelehrte Welt thun, und den Flor der Wissenschaften beschauen, um darzuthun, dass unsre Zeiten nicht schlimmer werden, wie alle verlebte Leute aus Vorurtheil glauben, sondern dass wir in den besten und gluckseligsten Zeiten leben. Die Ausbreitung der Wissenschaften gehoret ohne Zweifel mit zu den merkwurdigsten Dingen, die unserm Zeitraume ein so glanzendes Ansehen geben. Wie viele grosse Manner konnte ich nennen, wenn es hier der Ort ware, die durch ihre ausgebreitete Erkenntniss in allen Theilen der Wissenschaften, und besonders durch die Erfindung wichtiger und neuer Wahrheiten sich ein so ehrwurdiges Ansehen verschafft haben, dass sie den beruhmtesten Gelehrten aus den beruhmtesten Volkern und in den beruhmtesten Zeiten die Woge halten, wo sie solche nicht gar ubertreffen. Anstatt aller Beweise darf ich nur die Konigin der Wissenschaften, wie sie von einigen Gelehrten mit Recht ist genennet worden, oder die Seele aller Kunste die herrliche Metaphysik anfuhren. Wie diese verehrungswurdige Disciplin den Grund aller menschlichen Erkenntniss erhalt, zu einer jeden wichtigen Handlung aber die mit Vorsatz ausgefuhret wird, ein grosser Grad der Erkenntniss gehoret; so kann sie auch als der Grund aller grossen Begebenheiten, die unsern Zeitraum merkwurdig machen, angesehen werden. Sie ist es, durch welche die Fursten weislich regieren, die Generale Schlachten gewinnen, Stadte in so viel Tagen einnehmen, als man ehedem Jahre dazu brauchte. Sie ist es, wodurch das Recht der Volker und einzelner Personen entschieden wird. Wie konnte das Recht gehandhabet werden, seitdem die Sophisten unsrer Zeiten die Sachwalter und Advokaten auferstanden sind, und der Gerechtigkeit eine wachserne Nase angesetzet haben, wenn die Metaphysik nebst ihrer getreuen Gespielin der Vernunftlehre die Menschen nicht unterwiesen hatte, das Wahre von dem Falschen, und das Licht von dem Schatten zu unterscheiden.

Doch die Wissenschaften wurden noch lange nicht in dem Glanze stehen, worinne sie sich befinden, wenn nicht gewisse gelehrte Gesellschaften waren errichtet worden, die mit zusammengesetztem Eifer das Reich der Wahrheiten zu erweitern sich bemuhet hatten. Diese verdienen eine besondere Stelle unter den Vorzugen, womit unser Zeitraum fur andern Zeiten glanzet. Ich habe nur jederzeit bedauert, dass solche gelehrte Gesellschaften bisher meistens in den Residenzen grosser Fursten ihren Sitz gehabt, und nicht auch wie die Musen auf dem Helikon unter den um sie herumirrenden Schafern sich niedergelassen haben. Hierdurch wurde ihre Nutzbarkeit viel angenehmer worden seyn, wenn sie sich auch bemuhet hatten, die Geringen im Volke und selbst die Erkenntniss; der Landleute zu erweitern, welche doch unstreitig den grossten Theil der Erdbewohner ausmachen. Eine geringe Anzahl der Sterblichen weiss alles, und der grossere Theil befindet sind in der grossten Unwissenheit. Diesem Uebel abzuhelfen, sollte billig die hohe Landesobrigkeit darauf bedacht seyn, die Schutze der Wissenschaften, welche die Gelehrten sorgfaltig gesammlet haben, gleich wie das Geld in Umlauf zu bringen, und allen und jeden davon mitzutheilen. Ich habe mir die Intendanz des gemeinen Mannes jederzeit zu Herzen gehen lassen, und mich daruber betrubt, auch auf Mittel gedacht, diesem Uebel abzuhelfen. Schon seit einigen Jahren habe ich die Gedanken gefasst, einem grossen Herrn den Vorschlag zu thun, Schulen fur Erwachsene, die sich den Wissenschaften nicht eigentlich gewidmet haben, anzulegen, darinne junge Leute so lange unterwiesen werden konnten, bis sie heirathen. Insonderheit sollte man sich des schonen Geschlechts besser annehmen, an jedem Orte sollte fur erwachsene Madchen eine besondere Schule angeleget werden, darinnen diese edlen Creaturen so lange einen Unterricht genossen, bis die Umstande sie nothigten, einen eignen Haushalt zu fuhren. Sie sollten in der Haushaltungskunst, in der Weltweisheit, Historie, Poesie und andern dahin einschlagenden und dem weiblichen Geschlecht anstandigen Kunsten und Wissenschaften, theoretisch und praktisch geubt werden, damit der Aberglaube, der diesem Geschlechte unsern erleuchteten Zeiten zur Schande noch so sehr anhanget, ausgerottet wurde, und sie von ihren Pflichten, davon diese Halfte des menschlichen Geschlechts noch so seichte und unvollstandige Begriffe hat, eine vollkommenere Kanntniss erhielte. Ich wollte mich selbst einer so nutzlichen Bemuhung gern unterziehen, und mit Vergnugen als einen Lehrer Lebenslang gebrauchen lassen. Doch wie der jetzige landverderbliche Krieg viele vortrefliche Projekte vereitelt hat, so ist es auch diesem ergangen. Es wird dieser herrliche Entwurf noch eine Zeitlang inter pia desideria gehoren, bis er einmal in einem ruhigern Zeitpunkte, nach dem Wunsche vieler redlicher Manner, ausgefuhret wird. Inzwischen gereicht es mir zu keiner geringen Freude, dass mitten unter dem Gerausche der Waffen, unter dem Schutz meines vortreflichen Gonners, die Musen, die allenthalben verscheucht werden, in unsern glucklichen Gegenden ihre Wohnung aufzuschlagen scheinen: unser Kargfeld nimmt an dem Flor der Wissenschaften und an dem Gluck unsrer Zeiten, ruhmlichen Antheil. In Zukunft werden nicht allein die Residenzen der Konige mit gelehrten Gesellschaften prangen, auch unsre Gegend wird eine aufzuweisen haben. Erlauben Sie, gnadiger Herr, dass ich Ihnen an Namen der ganzen gelehrten Republick, fur die Sorgfalt Dank abstatte, mit welcher Sie meinen Anschlag, eine Akademie der Wissenschaften im kleinen hier aufzurichten, unterstutzet haben, dergestalt, dass das, was bisher in meinen Gedanken nur als eine caussa exemplaris existiret hat, nun die Wirklichkeit erhalt. Wo finde ich Worte, meine Freude uber diesen grossmuthigen und Grandisons Nachfolgern wurdigen Entschluss auszudrucken? Fast mochte ich in die Versuchung gesetzt werden, mit einem Jungling aus dem Terenz auszurufen: Ah Jupiter! C'est presentement que je mourrois volontiers de peur qu'une plus longue vie ne corrompe cette joye par quelque chagrin. Mein Gonner ist von diesem Vorhaben jetzt so eingenommen, dass er es je eher je lieber ausgefuhrt zu sehen wunschet. Seitdem Sie uns gestern verlassen haben, ist dieses sein und mein einziger Gedanke gewesen, wiewohl wenn ich dem wahren Grunde seiner Absichten nachspuhre, so sind diese nicht so sehr auf die Ausbreitung der Wissenschaften gerichtet, als vornehmlich nur Dero Vorschlag auszufuhren, und dem Fraulein v.W. zu schmeicheln, wenn diese neue Akademie nach Ihr wird benennet werden. Dieses thut jedoch der guten Sache keinen Eintrag, und kann als ein Adiaphoron angesehen werden. Wenn Sie es erlauben meine Ahndung zu entdecken, so sehe ich aus dieser Knospe fur unser werthes Vaterland sehr viel gutes hervorkeimen. Jedermann, auch die geringsten Landleute die weder lesen noch schreiben konnen, gleichwohl aber in manche Theile der Wissenschaften, die sie ex Praxi erlernen, ein tieferes Einsehen haben, als spekulativisch Gelehrte, werden dadurch aufgemuntert, ihr Pfund aus dem Schweisstuch hervor zu langen, ihre besondere Kenntniss in dieser und jener Sache zu offenbaren, und folglich das gemeine Beste zu befordern. Eine gluckliche Aemulation wird alle Innwohner dieser Gegend antreiben, wenn sie einige aus ihrem Mittel durch besondere Ehrenzeichen belohnet sehen, die sie durch neue Entdeckungen in allerlei nutzlichen Kunsten und Wissenschaften sich erworben haben, gleichfalls etwas neues und besonderes zu erfinden, damit sie gleicher Ehre theilhaftig werden. Die Innwohner dieser glucklichen Gegend werden also in einer Zeit von wenig Jahren kluger seyn als an irgend einem Orte, dadurch werden andere Provinzen aufmerksam gemacht, und in weniger als einem halben Jahrhunderte wird kein Canton, kein Amt, sein Rittergut, auch wohl sein Dorf anzutreffen seyn, wo nicht eine Akademie der Wissenschaften gefunden wird. Hierdurch wird eine doppelte Absicht erreicht, die unsern Zeiten Ehre macht. Die Wissenschaften gewinnen, wenn durch eine unendliche Menge voll neuen Erfahrungen, besonders in der Naturlehre und Haushaltungskunst, welche diese gelehrte Gesellschaften auf dem Lande am ersten anzustellen geschickt sind, die Lehrsatze derselben genauer und richtiger bestimmt werden; der grossere Haufen der Menschen wird dadurch gewinnen, wenn durch eine Menge von gelehrten Gesellschaften die Gelehrsamkeit selbst bekannter und beliebter wird, wenn mehrere dadurch gereizet werden die Wissenschaften kennen zu lernen, und sich also das Gluck unsrer Zeiten zu Nutze zu machen. Doch ich lasse diese angenehmen Vorstellungen noch eine Zeitlang ruhen, mit mehrerer Begierde sehe ich den Urtheilen der Tirannen in der gelehrten Welt, der gelehrten Zeitungsverfasser, die sie von unsrer Akademie fallen werden, entgegen. Diese Leute, die nebst dem Ansehen der Censoren die Macht der Tribunen besitzen, und das gelehrte Rom in ihrer Gewalt haben, die zugleich allen Neuerungen hochst feind sind, und nach dem Beispiele der Schoppenstuhle auf Akademien ihre Urtheile nach den Ausspruchen ihrer Vater abfassen, werden grosse Augen machen, kann sie die Nachrichten, die ich von unsrer Societat jahrlich in Druck zu geben gedenke, zu Gesichte bekommen werden. Doch in fine videbitur cujus toni, fangen sie nach ihrer loblichen Gewohnheit an zu bellen, und ihre Beurtheilungen wider uns abzufassen, so sollen sie durch die That widerleget werden, wenn sie diese Akademie in ihrem Flor erblicken werden: ist ihr Urtheil aber fur uns, so verdienen sie die Mitglieder von uns zu seyn, und diese Ehre soll ihnen auch wiederfahren. Wenden Sie alles an, vortreflicher Macen, dass ein so wichtiges Project ab dieses ist, bald und glucklich zu Stande kommt. Sie haben den Sachen der ersten Schwung gegeben, bringen sie auch solche nun zur Vollkommenheit. Mein unmasgeblicher Rath dabei ware dieser, dass noch zur Zeit ein Geheimniss daraus gemacht wurde, damit ein so ehrwurdiges und ansehnliches Gestifte, besonders fur den Spottereien des Frauleins v.S. und dem Gifte der Frau v.W. gesichert bliebe, und uberhaupt weder ein tadelsuchtiger Momus noch ein verlaumderischer Zoilus sein Muthgen daran kuhlen konnte. Die Ausfuhrung dieses Anschlags gleicht jetzo einer zarten Pflanze, die der geringste rauhe Wind ersticken kann, die aber wenn sie einmal beklieben ist, auch die hartesten Sturme verachtet. Eu. Gnaden ubersende ich hierdurch den vorlaufigen Plan der zu errichtenden Societat, nebst dem Verzeichniss der hierzu erwahlten Mitglieder, welche beiden Stucke ich meinem Gonner vorzulegen die Ehre haben werde, so bald sie von denenselben sind gut geheissen worden. Gedrungen durch eine Menge von Geschaften, die durch dieses neue Departement der Akademie bei nur vermehret werden, muss ich hier meinem Schreiben ein Ziel setzen, wenn ich vorher mir die Erlaubniss genommen Eu. Gnaden zu versichern, dass ich nie aufhoren werde zu seyn

Dero

unterthaniger Diener

M.L.W.

* * *

feld zu errichtenden kleinen Sorbonne, oder einer

gelehrten Gesellschaft, welche den Namen der Ju

lianen-Akademie fuhren wird.

Obwohl das Geschlecht der Gelehrten sich heutiges Tages so vermehret hat, dass diese Republick, wenn sie nicht durch innerliche Krankheiten und Spaltungen wie das persische Reich immer getrennet und geschwacht wurde, allen Potentaten hochst fruchtbar seyn wurde, und dahero aus Staatsabsichten die Granzen des gelehrten Reichs mehr eingeschrankt als ausgebreitet werden sollten: so wird man doch gewahr, dass es vielmehr noch taglich zunimmt und zahlreicher wird, indem sich immer mehr und mehr Beforderer der Gelehrsamkeit in unserm gelehrten Jahrhunderte finden, die wie die Herren Commissarien von Pensylvanien unter fremden und den Musen bisher unbekannten Himmelsstrichen neue Colonien von Gelehrten errichten, und den Altaren der Pallas mehrere Verehrer verschaffen. Unter diesen Freunden der Gelehrten gehoret billig ein vorzuglicher Platz fur Se. Gnaden den Herrn v.N. Erb-Lehn- und Gerichtsherrn auf Kargfeld und Durrenstein etc. Welcher nach reiflicher und genauer Ueberlegung der Sache, und nach eingeholtem Gutachten vieler verstandigen Leute entschlossen ist, erstbenennten seinen Rittersitz den Musen als ein Eigenthum zu widmen, und eine Akademie der Wissenschaften im Kleinen daselbst anzulegen. Da Hochderselbe nun im Begriff ist, solche eroffnen zu lassen: so hat man nicht ermangeln wollen, solches hierdurch offentlich bekannt zu machen, damit auswartige Gelehrte, die Lust haben zu Mitgliedern davon aufgenommen zu werden, solche kennen lernen, und sich in Zeiten durch eine gelehrte Abhandlung, die sie an innenbenannten bestandigen Secretair derselben einschicken, und dadurch zur Ehre eines Mitglieds sich melden, worauf sie nach genauer und unpartheiischer Prufung ihrer Arbeit sich der Aufnahme gewartigen konnen. Die Einrichtung dieser gelehrten Societat ist folgende.

1.) Es werden darinne keine andre als Mannspersonen zu Mitgliedern aufgenommen. Denn ob man wohl anfanglich entschlossen war, auch das schone Geschlecht an diesem Instituto Antheil nehmen zu lassen; besonders da das Frauenzimmer zu allen Kunsten und Wissenschaften vorzuglich geschickt ist; auch zum Theil die Schonen in der Gelehrsamkeit bei schlechtem Unterricht es sehr weit bringen, dergestalt, dass wenn auf sie eben die Sorgfalt gewendet wurde als auf unser Geschlecht, die bartigten Gelehrten gegen die gelehrten Schonen nur arme Schacher seyn wurden: so hat man doch das Frauenzimmer von dieser Ehre, in so fern ganzlich ausgeschlossen, dass sie niemals in der Akademie, wegen besorglicher Zankereien, auch neuen Ketzereien in den Wissenschaften, wozu sie ein ganz besonderes Talent haben, wie dieses aus den Verzeichnissen ketzerischer und schwarmerischer Weiber zu ersehen, Sitz und Stimme erlangen sollen. Jedoch wird dem jedesmaligen Prasidenten und ubrigen einheimischen Mitgliedern freigelassen, gelehrte und durch gemeinnutzige Schriften bekannte Frauenzimmer, zu Ehrenmitglieder zu erklaren.

2.) Es giebt zweierlei Arten von Gelehrten, einige treiben die Wissenschaften als ein Handwerk, und nahren sich davon, welche der gemeine Mann Studirte nennt, sie selbst geben sich den Namen literati; andere erlangen eine deutliche Erkenntniss nutzlicher Dinge durch die Uebung oder durch eignen Fleiss. Diese letztern werden Avtodidacti genennt, weil sie nicht zunftig sind und von den gelehrten Meistern fur Pfuscher und Bonhasen angesehen werden. Ob nun gleich zugegeben wird, dass diese ehrlichen Leute in der gelehrten Republik unter die Hintersiedler gehoren, so ist doch kein Grund vorhanden sie aus solcher ganz und gar zu verstossen, und mithin wird man auch keinen angeben konnen, ihnen den Zutritt zu unsrer neuen Akademie zu versperren. Aus dieser Ursache werden auch Unstudirte, wenn sie nur eine gute Erkenntniss nutzlicher Dinge besitzen, als nutzliche Mitglieder in derselben ihren Platz finden.

3.) Die zu errichtende Akademie ist nicht einer Wissenschaft allein gewidmet, folglich ist sie keine Akademie der Bildhauer, der Mahler, der Wundarzte oder der Naturlehrer: sie wird sich mit allen Wissenschaften und allen Theilen derselben beschaftigen, damit dieses aber alles in seiner Ordnung und Masse geschehe, so soll

4.) dieselbe in drei Classen abgetheilet werden. Die erste ist der hohern Philosophie gewidmet, wohin alle abgezogene Wahrheiten gehoren, sie mogen in einer Wissenschaft ihren Sitz haben in welcher sie wollen. Hier sollen auch insonderheit die wichtigsten philosophischen Streitigkeiten untersucht und entschieden werden, z.B. Der zureichende Grund, die beste Welt, die vorhergeordnete Uebereinstimmung der Seele und des Leibes, die wahre Gestalt der Monaden, und des mathematischen Punctes u.s.w. Lauter Dinge, die die menschliche Gluckseligkeit in der Welt auf den hochsten Gipfel zu setzen fahig sind. Die zweite Classe beschaftiget sich mit der praktischen Philosophie, hauptsachlich mit der Naturlehre und Haushaltungskunst. Die dritte gehoret fur die sogenannten schonen Wissenschaften. Hier werden Sprachen, Antiquitaten, Historie, Zeitrechnungen, die Wappenkunst, Geschlechtsregister, die Tonkunst und dergleichen untersucht, erortert und in ein helleres Licht gesetzt, auch hauptsachlich die Redekunst und Dichtkunst getrieben.

5.) Nach der hergebrachten Gewohnheit gelehrter Societaten werden die Mitglieder dieser Gesellschaft in ordentliche und Ehrenmitglieder abgetheilet.

6.) Die ordentlichen Mitglieder sind verbunden zu gewissen Zeiten etwas auszuarbeiten. Diejenigen, welche nicht uber drei Stunden von der akademischen Versammlung sich aufhalten, mussen, wann sie nicht Ehehaften haben, jedesmal Mittewochs um zwei Uhr Nachmittage in Person, und zwar um allen unnothigen Auswand zu vermeiden, zu Fusse erscheinen; die aber weiter von hier wohnen, sind nicht verbunden bei den ordentlichen wochentlichen Versammlungen gegenwartig zu seyn; jedoch mussen sie jahrlich auf ihren Namens- oder Geburtstag einen schriftlichen Aufsatz einsenden, und dafur werden sie, wenn ihre Arbeit Beifall findet, eine Belohnung erhalten. Die Ehrenmitglieder werden mit aller Arbeit verschonet, jedoch damit sie fur diese Freiheit auch wiederum ein Onus haben, so sind sie gehalten, realiter etwas zur Ausbreitung dieser Societat und folglich des ganzen Reichs der Gelahrheit beyzutragen. Man wird ihnen unter den Fuss geben, oder gleichsam ein stillschweigendes Gesetz auferlegen, in ihren letzten Willen diese Gesellschaft reichlich zu bedenken. Dafur haben sie aber nach ihrem Tode zuverlassig eine Lobrede zu erwarten, auch wird man, nach Beschaffenheit ihrer guten Gesinnungen, sich entschliessen, ihr ruhmliches Andenken jahrlich zu erneuern.

7.) Nach dem vortreflichen Beispiele des Herrn Carl Grandisons Baronets, welcher in dem glucklichen Brittannien alle Bewohner seiner Herrschaften gleichsam zu Akademisten gemacht hat, indem er eine Art von einer Societat errichtet hat, worinnen anstatt magerer theoretischer Untersuchungen, practische Redner auftreten, die durch wirkliche Beweise ihres Fleisses in Erfindung und Verbesserung nutzlicher Dinge, einer Belohnung sich wurdig machen, hat der vortrefliche Stifter dieser neuen Akademie der Wissenschaften gleichfalls beschlossen, die Mitglieder, welche sich durch vorzugliche Proben ihrer Geschicklichkeit hervorthun, auch durch gewisse ausgesetzte Preisse oder Ehrenzeichen von andern zu unterscheiden. Es ist zwar fur jetzo nicht rathsam erachtet worden, nach dem Beispiele der Neuern durch goldene und silberne Schaupfennige Preissschriften zu kronen, vielmehr wird man hierinne die Alten sich zum Muster vorstellen. Wie man bei den Olympischen Spielen die Sieger nur mit einem Kranze beschenkete, der von ihnen hoher als ein goldener Berg geschatzet wurde, so dass grosse Prinzen nach dieser Ehre strebten: so sollen auch die Belohnungen dieser neuen Akademie auf diesen Fuss gesetzet werden, dergestalt dass z.B. die Dichter mit frischen Kranzen von Eichenlaube gekronet werden, die Redner welche sich wohl gehalten haben, sollen ein paar Handschuhe oder Perucken bekommen, die, welche in der Wirthschaft etwas besonders leisten, werden einen Kranz von Fruchtahren und Feldblumen nach landlicher Weise erhalten, dergleichen die Schnitter nach der Erndte verfertigen. Denenjenigen, welche sich in der Composition musikalischer Stucke, uberhaupt in der Tonkunst oder der Beurtheilung derselben hervor thun, soll aus einem besonders dazu gewidmeten Gesellschaftsbecher der Ehrenwein gereichet werden, u.s.w.

8.) Damit es endlich dieser Akademie auch nicht an einem Namen fehle, so soll sie aus besondern und wichtigen Ursachen die Julianen Akademie benennet, auch sollen jahrlich, wenn bei jetzigen schweren Zeitlauften ein Verleger zu finden ist, die Schriften und Progressen derselben durch den Druck bekannt gemacht werden. Verfertiget auf dem hochadlichen Rittersitze Kargfeld, den 29 Nov. 17

L. Wilibald,

* * *

Verzeichniss der grossmuthigen Gonner, Musageten und Gelehrten, welche bei Eroffnung der Julianen Akademie zu Mitgliedern derselben sind aufgenommen worden. Herr Ehrhard Rudolph v.N. Erb- Lehn- und Gerichtsherr auf Kargfeld und Durrenstein etc. Stifter und zukunftiger Protector der Akademie. Herr Hanns George v.W. ist wegen seiner beiwohnenden Gelehrsamkeit und hohen Meriten zum Prasidenten und Obervorsteher derselben ernennet worden. Herr L. Wilibald wird die Stelle eines Oberaltesten und Erzschreinhalters oder bestandigen Secretars versehen.

Vornehme Mitglieder.

Herr Carl Grandison Baronet, Lord L. Lord G. Herr Richard Beauchamp Baronet, Herr Reeves Esq. D. Bartlett, Herr Dobson, Pfarrer in Grandisonhall, allesammt in England. Herr Baron v.F. Herr Rittmeister v.H. nebst dessen zween Herren Bruder, alleStrassburg.

Ordentliche Mitglieder.

Die Classe der hohern Philosophie vacat. Die Classe der Naturlehre und Haushaltungskunst. Herr Peter Bornseil, ehemaliger hochadlicher Verwalter. Michael Obentraut, jetziger Verwalter in Wilmershaussen. Herr Martin Schiesslink, hochadlicher Forster, Herr Nicolaus Brunnhold, hochadlicher Bader, Hanns Sachs, wohlmeritirter Schultheiss zu Kargfeld. Nota. Herr Pastor Wendelin hat die Ehre eines ordentlichen Mitgliedes verbethen, und die ganze Confraternitat aufruhrisch gemacht. Vermuthlich ist ein kleiner Rangstreit die Ursache hiervon: es scheinet, dass sie dem Oberaltesten nicht gern nachstehen wollen, doch dieses wird sich mit der Zeit schon geben. Die Classe der schonen Wissenschaften. Herr Wendelin, hochadlicher Gerichtsactuarius, Herr Lorenz Lobesan, Ludimagister und Schulobrister zu Kargfeld, Herr Fittich, Cantor zu Schonthal, nebst dem Cantor zu Wilmershaussen und dem Schulmeister zu Durrenstein.

XIII. Brief.

An Herrn Lampert Wilibald von dem Herrn v.F.

den 30 Nov.

Sie haben meine Erwartung nicht getauschet. Ihr Entwurf einer Akademie ist vortreflich, ich habe ihn nicht so bald gesehen, als ich ihn auch sogleich gebilliget habe. Vergonnen Sie, werther Freund, dass ich bei allem Hasse gegen die Vorurtheile ein einziges fur Sie beibehalte. Ich bin von Ihnen ganz eingenommen, doch bin ich es nicht allein, jedermann hat fur Sie in unsrer ganzen Gegend ein gunstiges Vorurtheil, und daher kommt es, wie ich glaube, dass alles was Sie unternehmen Beifall findet. Sie erzeigen mir viel Ehre, dass Sie Ihren Entwurf der zu errichtenden gelehrten Gesellschaft, nebst einen Verzeichnis der Mitglieder meiner Censur uberlassen. Wenn Sie dabey die Absicht gehabt haben, mich zum ersten Bewunderer Ihrer Unternehmungen zu machen, so habe ich Ursache Ihnen verbunden zu seyn: Wenn Sie aber von mir Verbesserungen Ihrer Einrichtung erwartet haben, so haben Sie es nicht getroffen. Ich muss Ihnen das Gestandniss nochmals wiederholen, dass alles was Sie unternehmen, meinen Beifall hat. Ich wurde uberdieses meine Sphare ubersteigen, wenn ich Ihren Entwurf als die Arbeit eines vortreflichen Meisters der sieben freien Kunste verbessern wollte, ich, der ich nicht in einer freien Kunst Meister bin. Jedoch wenn Sie durchaus mein Urtheil verlangen, so kann ich versichern, dass ich nie etwas schoneres weder aus den alten noch neuern Zeiten zu Gesichte bekommen habe. Die Einrichtung Ihrer Akademie ist vortreflich, und ich verspreche mir davon nicht nur so viel gutes als Sie Sich ahnden lassen: meine Einbildungskraft scheinet noch lebhafter zu seyn als die Ihrige. In meinen Gedanken ist es so gut als ausgemacht, dass Sie in kurzer Zeit als ein zweiter Melanchthon communis doctor germaniae seyn werden. Ja ich sehe in meiner angenehmen Vorstellung Kargfeld schon in ein Athen verwandelt. Ich gehe Stundenlang in meinem Zimmer mit einer lachelnden Mine auf und nieder, wenn ich in diesen Enthusiasmus gerathe, und alsdenn wirkt meine Einbildungskraft so lebhaft, dass ich weder hore, sehe, schmecke, fuhle, noch rieche, und wenn mir wie den Ritter Marino eine gluhende Kohle auf dem Fuss fiele, so wurde ich es eben so wenig als dieser empfinden. Ich verwandele das Schloss des Herrn v.N. in ein prachtiges Athenaum, die Versammlung der Gemeinde unter der Linde wird ein ehrwurdiger Areopagus, der Kirchthurm eine Sternwarte, das Wirthshaus eine Realschule, und es fehlet mir nichts als der Zauberstab der Circe, um allen diesen schonen Vorstellungen die Wirklichkeit zu geben. Sie haben meinen Ehrgeiz nicht wenig geschmeichelt, dass Sie mir unter dieser gelehrten Gesellschaft auch einen Platz angewiesen haben. Ob ich gleich unter so vielen grossen beruhmten und gelehrten Mannern keine bessere Figur spielen werde als der leidige Vetter Eberhard unter den Grandisonen: so werde ich mich doch aufs ausserste bestreben, weil ich der Akademie nicht durch einen beruhmten und gelehrten Namen ein Ansehen machen kann, auf eine andere Art etwas zu ihrer Verherrlichung beizutragen. Sie konnen es glauben, dass es mir ziemlich schwer angekommen ist, bei gesunden Tagen mein Testament zu machen. Dieses stillschweigende Gesetz, das Sie den Mitgliedern der neuen Akademie auferleget haben, hat mir viele Ueberwindung gekostet, ehe ich mich stark genug fuhlte es zu erfullen. Ich will Ihnen nur meine Schwachheit gestehen, ich nahm mir mehr als einmal vor lieber diese Ehre zu entbehren, als mich mit den furchterlichen Gedanken von Errichtung meines Testamentes zu qualen. Sie wissen, dass es gemeiniglich fur ein boses Anzeichen gehalten wird, wenn man seinen letzten Willen aufsetzt, und dass es vielmals eingetroffen hat, dass solche ehrliche Leute bald darauf gestorben sind. Ich habe nicht Lust mich zur Reise in die andere Welt schon fertig zu halten, und hieraus konnen Sie schlussen, dass ich nichts weniger wunsche, als dass der Akademie zum Besten mein letzter Wille bald erfullet werde. Ich habe Lust den Ausgang des Krieges zu erleben, nicht aus Verlangen ein Greiss zu werden, sondern um zu sehen, ob die gerechte Sache triumphiret. Allein verlassen Sie Sich darauf, mein Testament ist gemacht, die Akademie ist reichlich bedacht, und ich habe die Ehre dieses stillschweigende Gesetz zuerst erfullt zu haben. Jedoch damit Niemand Anlass bekomme sich an mir zu versundigen und auf meinen Tod zu hoffen: so will ich Ihnen nicht verhalten, dass ich ausdrucklich verordnet habe, dass alles das Gute, welches ich der Akademie zugedacht, ihr nur alsdenn zu statten kommen soll, wenn ich nach Einweihung derselben noch volle dreissig Jahre, das Jahr zu zwolf Monaten, den Monat zu dreissig und ein und dreissig Tagen, den Tag zu vier und zwanzig Stunden gerechnet, werde gelebet haben. Sollte mir aber unter der Zeit etwas menschliches widerfahren, so mag die Gesellschaft sich daran begnugen, an mir einen grossen Verehres ihrer Einrichtung gehabt zu haben, ohne eine Beisteuer zu erwarten.

Es hat Ihnen gefallen mir ein geheimnissvolles Stillschweigen aufzulegen, und mir zu verbiethen, jemanden etwas von dem Anschlage, das unwissende Kargfeld zu einem Sitze der Wissenschaften zu machen, das geringste zu entdecken, verzeihen Sie, werther Freund, dass ich dieses Gesetz ubertreten habe. Sie haben eine Gelubde gethan, wie Sie sagen, Ihrem Gonner alle Ihre Geheimnisse anzuvertrauen, ich habe seit meiner Heirath mir gleiches auferleget, in Ansehung mein Frau. Jetzt gabe ich den besten Gaul aus meinem Stalle darum, wenn ich diese voreilige Gelubde wieder zuruck nehmen konnte. Ich habe Ursache mich fur den glucklichsten Ehemann zu halten, das will ich niemals leugnen: aber wenn mein Gluck allein auf der Verschwiegenheit meiner Frau beruhete, so wurde es sehr massig seyn. Ihnen muss ich es zum Lobe nachsagen, dass sie durch Ihren hochstvortrefflichen Unterricht, dafur ich Ihnen noch unendlich verbunden bin, ein sehr vollkommenes Frauenzimmer werden ist; allein die Natur der Frauenzimmer ist unveranderlich, sie sind alle, ohne Ausnahme, eben so begierig Heimlichkeiten zu erfahren, als geneigt sie auszuplaudern. Um meinem Gelubde ein Genuge zu leisten hatte ich meiner Frau Ihren Anschlag nicht so bald entdeckt, als Fraulein Amalia von allem aufs genaueste unterrichtet war. Sie wissen wie die beyden Schwestern einander lieben. Hatten Sie kein Geheimniss daraus gemacht, so wurde ich ohne Schwierigkeiten die Sache haben verschweigen konnen. Doch machen Sie Sich keine Sorge, ich habe schon vorgebauet, das Fraulein hat uberdieses so viele Hochachtung fur ihren ehemaligen Lehrer, dass sie ihrer muthwilligen Ader ungeachtet, die sich bei ihr mehr als bei Charlotten zu regen scheinet, alles in ihrem Herzen billiget, was sich von diesem herschreibt. Wenn sie auch gleich Ihre Entwurfe manchmal aus einem lacherlichen Gesichtspunkte betrachtet, so ist sie doch weit entfernt, sich Ihnen in der That zu widersetzen. Ich will Ihnen nach meiner Aufrichtigkeit, das merkwurdigste von ihren Urtheilen hieruber entdecken. Sie ist hochstunzufrieden, dass das schone Geschlecht von der Ehre ausgeschlossen ist, unter die Mitglieder der Akademie aufgenommen zu werden, sie sagte, dass sie dieses von der Hochachtung, die Sie jederzeit gegen die Schonen hatten blicken lassen, ganz gewiss erwartet hatte, dass Sie aber nun gegen Sie sehr aufgebracht ware, und alles anwenden wollte, um im Namen aller Frauenzimmer sich an Ihnen aufs nachdrucklichste zu rachen. Sie hat einen bosen Anschlag, Ihre Liebste, die Tochter des Pastor Wendelins, Ihnen abspanstig zu machen, und sie meinem Gerichtshalter zuzuschanzen. Ich traue Ihr zwar diese Leichtfertigkeit nicht zu, doch sagte sie dieses mit einem so ernsthaften Ansehen, dass ich Sie warnen will auf Ihrer Huth zu seyn, damit Ihnen unser Ihren gelehrten Zerstreuungen Ihre Beute nicht entfuhret wird. Sie hat noch hundert andere Anschlage im Kopfe Sie zu kranken. Dachten Sie es wohl, dass sie sich hat einfallen lassen, nach Ihrem Beispiele eine Frauenzimmerakademie zu stiften? In der ersten Hitze erklarte sie zwar nach Gewohnheit der Leute, die in das innere der Wissenschaften keine Einsicht haben, die ganze Einrichtung Ihrer gelehrten Gesellschaft fur pedantisch: aber hernach wurde sie anderes Sinnes und nahm sich vor, Ihnen nachzuahmen. Diese Frauenzimmerakademie soll unterdessen auf einen ganz andern Fuss gesetzt seyn, es werden keine gewisse Classen darinne Statt finden, sie glaubt, dass diese aus den Schulen oder Lotterien entlehnet sind und beiden ist sie gram, den erstern, weil sie nicht ohne Entsetzen an die straflichen Gesichter gedenken kann, die Sie ihr ehemals sollen gemacht haben, und nun die Schulen fur das Element der Pedanten halt; die letztern hasset sie, weil sie jederzeit verliehrt, ob sie gleich die artigsten Devisen wahlt. Den Entwurf hat sie um weniger Muhe zu der Frauenzimmerakademie verfertiget als Sie den ihrigen, und das ist auch ganz leicht zu begreifen: eine Kopie ist leichter zu verfertigen als ein Original. Sie soll nur den schonen Wissenschaften gewidmet seyn, das Fraulein will aber weder Zeitrechnung noch Kritik darunter rechnen, sondern nur solche Kunste, die in den Augen der Frauenzimmer schon sind, das sind die Wissenschaften neue Moden zu erdenken, neue Bruhen zu verfertigen, neue Lustbarkeiten fur das Frauenzimmer zu erfinden, folglich werden in dieser Akademie Putzmacherinnen, Ratherinnen, Kochinnen und alles was sich auf innen endiget, zu Mitgliedern aufgenommen werden, selbst die Zigeunerinnen, die aus der Koffeetasse prophezeihen oder aus der Hand und der Stirn gut Gluck prophezeien, nicht ausgeschlossen. Ich habe ihr angerathen diese Gesellschaft eher das Rathhaus der Weiber zu nennen als eine Akademie, damit unsere Gegend, die durchaus dem gelehrten Rom ahnlich werden soll, auch darinne demselben nicht ungleich sey. Das mannliche Geschlecht soll zwar nie Sitz und Stimme darinnen haben, doch sollen diejenigen von unserm Geschlecht, welche zum besten der Frauenzimmer arbeiten und in ihrer Kunst etwas besonderes leisten, zu Ehrenmitgliedern aufgenommen werden. Susse Herren, Paruckenmacher, Schneider, Schuster und alle, die durch weisen Rath oder durch die That etwas beitragen den Reiz der Schonen zu erhohen, werden das Diploma erhalten. Ich habe mich bemuhet ihr zu beweisen, dass eine solche Geschaft nicht unter die gelehrten Societaten, wie Sie eine zu errichten im Begriffe sind, gehorte, wir hielten eine scharfe Disputation miteinander. Sie verlangte einen Beweis, warum diese ehrlichen Leute, fur welche sie eine Akademie anlegen will, nicht eben sowohl unter die Gelehrten zu rechnen waren, als der Bader Nikolaus und der Schulmeister zu Kargfeld. Ich verschwendete alle moglichen Distinctionen, um ihr diesen Irrthum zu benehmen und ihr den Unterschied unter einem Koch, Peruckenmacher und einem Bader oder Schulmeister recht deutlich zu machen; allein ich konnte nichts ausrichten. Ich wollte lieber dreimal Doktor werden, als wieder mit einem Frauenzimmer disputiren. Ihnen ist es vermuthlich vorbehalten, das Fraulein zu uberzeugen, ich habe deswegen den Streit unentschieden gelassen, um in ihrem Amte keinen Eingriff zu thun. Ich sehe dieser Entscheidung mit eben so vielen Vergnugen als der Eroffnung Ihrer Akademie entgegen. Wenn es Ihnen mit dieser so wohl gelingt als mit den Versen bei Fraulein Julgen, so sind Sie nicht mit Gelde zu bezahlen. Leben Sie wohl, vortreflicher Barde, ich bin

Ihr

werther Freund

v.F.

XIV. Brief.

Das Fraulein v.W. an das Fraulein v.S.

den 1 Dec.

Gestern Abend ist hier einschrecklicher Diebstahl verubet worden . Das ist nichts neues, werden Sie denken bei Erblickung dieser Zeilen, es sind heute Steckbriefe hier gewesen. Ein Knecht stiehlt einem Alten sein Geld und ein Pferd, um mit seinem Raube desto geschwinder fortzueilen, das wird der Innhalt eines weitlauftigen Briefes meiner Freundin an mich. Ich glaube, das Madchen wird mir noch Mordgeschichte erzahlen. Das ware mir recht, dass ich mich an solchen nichtswurdigen Dingen blind lesen sollte. Ich wette, das sind Ihre Gedanken gewesen bei Eroffnung meines Briefes. Ich habe grosses Mitleiden mit dem armen Manne, der vergangene Nacht einen Theil seines Vermogens verlohren hat; allein Sie haben sich geirret, es war weder meine Absicht Ihnen eine ungluckliche Begebenheit, die Sie vermuthlich schon wissen, zu widerholen, noch weise Betrachtungen daruber anzustellen. Diese darf ich nur anbringen, wenn ich wunsche, dass meine Briefe sollen ungelesen bleiben. Es konnen sich an einen Orte und zu gleicher Zeit Begebenheiten von einerlei Art zutragen, dieses ist wirklich hier geschehen. Es ist gestern ein doppelter Diebstahl hier verubet worden, aber nicht von einer Person, noch in einem Hause. Von dem geringern spricht jedermann, es ist daruber ein Ungluck in dem Orte, als wenn eine Million aus einem koniglichen Schatz ware entwendet worden; der grossere ist nicht einmal bei den Gerichten angezeiget worden, der Dieb ist noch hier und hat die Verwegenheit mit seinem gestohlnen Gute sich gross zu machen. Denken Sie nur uber die Begebenheit! Ich erhielt gestern Ihren Brief nebst den verschiedenen eingeschlossenen Schriften etwas spate. Ich war begierig diese zu lesen und nahm mir vor das beigelegte Liedgen bis zuletzt zu versparen, nicht als einen leckerhaften Bissen, den man verzehret, wenn man schon satt ist, sondern weil ich den Innhalt bereits aus Ihrem Briefe errieth. Ich war noch nicht ganz fertig mit Lesen, da ich gerufen wurde und sorgte dafur alles in Sicherheit zu bringen, ehe ich das Zimmer verliess; aber das Liedgen, das ich in das Clavier geleget hatte, vergass ich unglucklicher Weise. Ich war nicht gerade in das Speisezimmer gegangen, sondern ich hatte noch eins und das andere im Hause zu besorgen. Diese Verzogerung macht, dass der Major, welcher gegen Abend wieder zu uns kommen war, selbst auf meine Stube gehet, um mich herunter zu fuhren, und wie er mich nicht findet und mein Clavier offen stehet, so spielt er etwan ein Stuckgen und findet das Liedgen. Der Innhalt hat ihn vermuthlich bewogen, es zu sich zu nehmen, ich habe den Verlust auch nicht eher gemerket als heute fruh, da ich es lesen wollte. Ich bin in einer entsetzlichen Verlegenheit deswegen und weil ich den Innhalt davon aus Ihrem Schreiben schlussen kann: so werde ich mich heute nicht fur den Major konnen sehen lassen ohne roth zu werden. Ich wollte lieber einen Dieb, den ich mit Steckbriefen konnte verfolgen lassen, in meinem Zimmer gesehen haben als einen, dem ich nicht einmal seinen Diebstahl Schuld geben, oder ihn der Obrigkeit zur Bestrafung in die Hande liefern darf. Erweisen Sie mir doch, mein liebes Fraulein, einen zwiefachen Gefallen, ich bitte Sie, geben Sie mir wegen meiner Unachtsamkeit einen derben Verweis, und schicken Sie mir aufs eiligste eine andere Abschrift des Liedgens, damit ich daraus sehe, ob ich meine Unruhe zu vermehren oder zu vermindern Ursache habe. Gewissermassen ware ich berechtiget mit Ihnen zu schmalen, dass Sie mir durch Ihre Leichtfertigkeit ein solches Unheil zugezogen haben. Wenn ich es thun wollte oder Herzhaftigkeit genug besasse, so hatte ich keine unrechte Erfindung im Kopfe mich ein wenig an Ihnen disfalls zu rachen. Ich durfte den Major uber seinen Raub nur zur Rede setzen; ich konnte ihm sagen, ich ware im Begriff gewesen, Ihnen seine Abreise zu melden, und weil ich glaubte, dass Sie Sich daruber betruben wurden, so hatte ich Ihnen zum Trost das Liedgen mitschicken wollen, das er in meinem Clavier gefunden. Wahrhaftig, ich muss Ihnen diesen Streich spielen, um mich aus dem Handel zu ziehen. Er durfte, wenn ich ein ganzliches Stillschweigen beobachtete, auf die Gedanken gerathen, als wenn mir seine Abreise so nahe gieng, dass ich ihm zu Ehren ein Abschiedsliedgen hervorgesuchet hatte. Es ist am besten, dass ich ihm diese ungegrundeten Gedanken benehme, und die Sache fur einen Scherz ausgebe, den ich mit Ihnen habe treiben wollen.

Sie bedauren, dass Sie durch die Abreise des Majors um das Vergnugen kommen ihn zu einem Mitgliede in der Akademie des Herrn v.N. aufnehmen zu lassen, um sich an den schonen Reden, die Sie ihn haben wollen halten lassen, zu erbauen: Sie konnen diese Freude noch haben; er wird sich noch einen ganzen Monat hier aufhalten. Allein wenn Sie ihn auch zu einem Mitgliede ernennen liessen, so wurden Sie doch keine Reden von ihm horen: er wurde vermuthlich ein Ehrenmitglied werden. Soviel ich aus dem Aufsatze des Herrn Lamperts ersehen habe, gehoren nur Pachter und Schulmeister unter die ordentlichen Mitglieder der neuen Akademie. Ich habe mich uber diesen Entwurf, und uber die Art, wie er soll ausgefuhret werden, uberaus vergnugt. Weil ich mich eben so gar sehr darein vertieft hatte, ging es mir wie es den tiefsinnigen Leuten zu gehen pfleget, da ich dachte, ich hatte alles aufs beste gemacht, hatte ich das vornehmste vergessen und mich nicht darauf besonnen das Pappier mit dem Liedgen in meinen Schrank zu schliessen. Ich will Ihnen Ihre Lust nicht verderben, und es beruhet nur auf Ihnen, weint Sie die Akademie wollen eroffnen lassen, Sie durfen mich nebst meinen Eltern nur einladen. Weil der Herr Baron selbsten eine Stelle unter den Mitgliedern einnehmen will, so habe ich nichts darwider einzuwenden, dass Sie meinem Vater die Prasidentenstelle zugedacht haben. Ich errathe Ihren sehr leichtfertigen Bewegungsgrund hierzu, und Sie thun sich vermuthlich auf diesen Einfall viel zu gute; mir als einer Tochter wurde es aber sehr ubel anstehen, wenn ich mit Ihnen zugleich lachen wollte, diese Ernsthaftigkeit werden Sie mir aber gewiss vergeben. Der Herr F. hat in seinem Schreiben all den Herrn Lampert eine sehr lebhafte Satyre angebracht, uber die seltsamen Anschlage desselben. Der Entwurf einer Frauenzimmerakademie, der Ihnen angedichtet wird, macht den seinigen sehr lacherlich, und wenn er dieses nicht einsiehet, so hat er nicht Ursache sich fur scharfsinnig zu halten: wenn er es aber merkt, dass er Ihnen nur zum Spiele dienen muss, woran ich nicht zweifele: so wird alles dadurch ruckgangig werden, und Sie kommen um alle die schonen Reden, die Sie erwarten.

Jetzt hat mich eben der hiesige Cantor verlassen, der mich, wie Sie wissen, im Clavier unterrichtet, ich bin dadurch an der Vollendung meines Briefes gehindert worden, und nun mag er auch eine Stelle darinne einnehmen. Er entdeckte mir als ein grosses Geheimniss und mit einer Freude, der keine gleich ist, dass er mich am langsten wurde unterrichtet haben; er hatte einen anderweitigen Ruf zu einem grossen Ehrenamte. Ich glaubte, dass ihm eine andere Gemeinde zum Schulmeister verlangte und wunschte ihm hierzu Gluck: er eroffnete mir aber, dass er, so viel er einsehen konnte, Professor auf der neuen Akademie werden sollte, die der Herr v.N. in Kargfeld errichten wurde. Ob er gleich in der Schule nur bis in die vierte Classe kommen ware und das Latein niemals hatte vertragen konnen: so hatte er doch Lust ein vornehmer und gelehrter Mann zu heissen. Er zweifelte auch nicht, dass er seinem neuen Amte mit Segen vorstehen konnte, weil der Herr Magister Lampert ihn versichert hatte, dass er mit Recht unter die Gelehrten zu zahlen sey. Hierbei gab er mir zu verstehen, dass ich mich zeitig nach einem andern Lehrmeister umsehen konnte, indem es wider seinen Respect laufen wurde, als ein Professor auf dem Clavier zu informiren wie ein elender Schulmeister. Ueber dieses mangelte ihm hierzu auch die Zeit: er musste kunftige Woche seine gelehrte Probe thun und eine Lobrede auf einen Virtuosen halten, der Handel geheissen hatte. Ich verwunderte mich uber sein Gluck ungemein, und fragte, was er denn zum Lobe dieses Virtuosen sagen wollte, ob ihm seine Lebensumstande bekannt gewesen waren, oder ob er etwas von seiner Composition gesehen hatte. Er verneinte beides und gestund, dass weil es ihm jetzt noch an guten Buchern fehlte, sein Amt im Anfang ihm sauer ankommen wurde, er ersuchte mich deswegen, weil er sahe, dass ich immer in Buchern lase, ihm einige zu lehnen, die er bei seiner Arbeit zu Rathe ziehen konnte. Es war mir unmoglich das Lachen hierbei zu verbergen; doch um dem ehrlichen Manne seine eingebildete Freude nicht zu stohren, die nach Ihren Grundsatzen, unter allen Gutern, die wir besitzen, das vorzuglichste ist, liess ich ihn in seinem sussen Irrthume, und machte ihm nur eine Erklarung von seiner neuen Wurde, dass er ohne Abbruch derselben hier wohnen, Schulmeister bleiben, auch mich ferner informiren konnte; wegen des verlangten Buches aber verwies ich ihn zum Pfarrer. Allein er beschwerte sich sehr uber diesen, dass er ihn wegen seines Glucks beneidete, ihm auch den Gebrauch seiner Bucher zu dieser Absicht abgeschlagen, und scharf verbothen hatte, die neue Ehre anzunehmen, vermuthlich, wie er hinzufugte, weil der Herr Pfarr nicht auch zum Professor ware nichtig befunden worden, und ihn also gleichfalls von dieser Wurde wollte ausgeschlossen sehen. Weil er mir nun heftig anlag, ihm eilt Buch zu lehnen, und ich kein anderes besitze, das ein gelehrter Ansehen hat als mein franzosisch deutsches Worterbuch, worinne auch griechische und hebraische Worte mit vorkommen: so packte ich ihm dieses auf, und er versicherte mich, dass dieses eben das rechte Buch ware, das er verlangt hatte. Nun bin ich eben so begierig als Sie, die gelehrte Akademie eroffnet zu sehen. Ich ubersende Ihnen hier zugleich den Brief des Herrn Lamperts an den hiesigen Cantor, wodurch dieser in die irrige Meinung gerathen ist, dass er sollte Professor werden.

Ich hore, dass wir diesen Nachmittag einen Besuch in Schonthal ablegen werden; das hatte ich sollen zwo Stunden eher wissen, um mir die Muhe zu erspahren einen langen Brief zu schreiben. Doch damit ich nicht etwas vergebliches unternommen habe, bin ich entschlossen, Ihnen nichts mundlich von dem, was ich geschrieben habe, zu entdecken, vielleicht schickt es sich auch nicht, dass wir aus der Gesellschaft gehen, um allein miteinander zu sprechen. Wenn ich Ihnen meinen Brief in eigner Person bringe, so werde ich dadurch Gelegenheit bekommen, Ihnen mundlich zu versichern, dass ich bin

Ihre

aufrichtigste Freundin

J.v.W.

XV. Brief.

Lampertus Wilibald, der freien Kunste Magister,

entbiethet seinen Gruss Herrn Theobald Ecken,

wohlverdientem Schul- und Singemeister zu

Wilmershaussen.

Ehrengeachteter guter Freund,

Gleichwie die hohen Cedern auf dem Libanon und die weitausgebreiteten Eichen in den Waldern, nicht allein in das Regnum vegetabile gehoren, sondern auch den Isop auf der Mauer und den verachteten Wacholderstrauch fur ihre Mitbruder und Reichsgenossen erkennen mussen: also gehoren auch nicht allein grosse und beruhmte Lehrer hoher Schulen und in grossen Stadten, sondern auch geringe und verachtete Schulmeister auf dem Lande zu der Republick der Gelehrten. Ja ich behaupte mit Bestande der Wahrheit, dass diese Dii minorum gentium mehrern Nutzen stiften, wenn sie der um sie her versammleten Jugend von einem niedrigen Drehstuhle lehren, wie viel neun mal neun ausmachet, als jene stolzen Manner, die von einem erhabenen Catheder das x = y + z herabschreien, und weil diese hottentottische Sprache niemand als sie selbst verstehet, sich eine mehrere Unfehlbarnun so gut als bewiesen ist, dass er und seine Herren Collegen sammt und sonders, welche ihrem Amte mit Treue und Eifer vorstehen, zu den Gelehrten gehoren: so folgt daraus, dass er und seine Herren Amtsbilder, an allen Ehren und Lorbeerkranzen, welche die Gelehrten erhalten, ihren billigen Antheil haben. Es ist zwar nicht zu laugnen, dass bisher der Neid der Gelehrten, welche in hohen Aemtern sitzen, keinen von den geringern gelehrten Mitburgern zu den Altaren der Pallas hat hinzunahen lassen, um fur sein Opfer den Cranz zu erhalten. Allein, Dank sey es unsern erleuchteten Zeiten, dass diese Tirannen aus der gelehrten Republick verjaget worden sind, und das gelehrte Burgerrecht jedem die Vorzuge verspricht, die bisher nur wenige, die sich uber andere hinweggedrungen, sich zugeeignet haben. Ich habe es unternommen, eine Reformation in der gelehrten Welt vorzunehmen, und die offentliche Freiheit wieder herzustellen. Damit ich ihm, werther Freund, viel mit wenigen Worten sage, so soll er es wissen, dass mein vortreflicher Principal entschlossen ist, nach dem Beispiele anderer grossen Herren, und ins besondere seines Herrn Gevatters, eines Grossbrittannischen Baronets, wenn er weiss, was das fur ein Mann ist, auf seinem hochadlichen Rittersitze eine Akademie zu errichten, in welche nicht allein grosse und vornehme Herren, als Grafen, Edelleute, Rathe, Professors, Doctores und Magistri, sondern auch Pastores, Schulmeister, ja selbst gelehrte Bauern zu Mitgliedern ausgenommen werden. Nach reiflicher Ueberlegung hat man fur gut befunden, auch ihm eine Stelle in dieser neuen Akademie anzuweisen. Obgleich keine offentliche Proben seiner Gelehrsamkeit und tiefen Einsicht in die Wissenschaften der Welt vor Augen liegen: so hat man doch, wegen seines in der gelehrten Welt beruhmten Namens, ihm dieser Ehre theilhaftig machen wollen; denn einer von seinen Anherren, der es wenigstens dem Namen nach ist, war vor Zeiten ein gewaltiger Disputator, dass er sich auch unterstanden hat, mit dem Doctor Luthern anzubinden. Damit er auch wisse, was es eigentlich heist, ein Mitglied einer gelehrten Gesellschaft zu seyn: so soll er freundlich wissen, dass er, so bald ihm die Akademie diese Ehre ertheilet hat, gleichsam ein Professor worden ist; denn er hat die Macht, in dieser gelehrten Versammlung wochentlich einmal zu erscheinen, und wenn die Reihe an ihm ist, solche mit einer gelehrten Abhandlung zu unterhalten, da denn alle Anwesende seine Zuhorer sind, und ihn als den Lehrer betrachten. Es ist dieses keine geringe Ehre, das kann er glauben, dem Herrn Pfarr ist solche nicht ertheilet worden, und wenn er es genau suchen wollte, so musste ihn dieser, ausser auf den Amtwegen, zur rechten Hand gehen lassen, kunftige Mittwoche kann er sich in seinem schwarzen Mantel hier einfinden. Es versteht sich von selbst, dass er sich so schon anputzen muss als wenn er zur Hochzeit bitten wollte. Damit ihm auch sogleich, beim Eintritt in die Akademie, eine Ehre widerfahret, so habe ich den Auftrag, ihm hierdurch anzukundigen, dass er auf diesen Tag eine Vorlesung halten soll, und zwar, weil man sich wegen seines gelehrten Namens viel von ihm verspricht, so wird ihm aufgegeben, eine Lobrede auf den selgen Herrn Handel, koniglich-grossbrittannischen Hof- und Leibmusikus, welcher vor einiger Zeit ad Patres gegangen ist, zu halten, worinne er zugleich erweisen kann, dass die Natur, und nicht die Kunst, einen Virtuosen bildet. Er wird sich hoffentlich befleissigen, diese Rede so auszuarbeiten, dass sie allenfalls dein Drucke ubergeben werden kann. Eine weitere Nachricht, besonders von den auszutheilenden Pramien bin ich mundlich zu ertheilen so bereit als willig. Lebe er wohl.

* * *

Zu der Eroffnung

Der auf dem hochadlichen Rittersitze zu N. hall errichteten Julianenakademie, ladet alle vortrefliche Mitglieder, Beforderer und Liebhaber der Wissenschaften hierdurch geziemend ein; und handelt beilaufig von der Tirannei der Mode, untersucht und beantwortet auch zugleich hierbei die Frage: Ob die Welt allezeit barbarisch gewesen, wenn die Gelehrten Barte getragen haben

M.L.W.

Wer da laugnen wollte, dass die Mode nicht einer grausamen Sirene ahnlich sey, welche durch ihre ausserliche Gestalt die Menschen an sich lockt, und gleich einem Ungeheuer, wenn sie sich hinzunahen, um es genau zu betrachten, sie verschlingt: der wurde dadurch zu erkennen geben, dass er unter die A b c schutzen aller menschlichen Erkenntniss gehore. Es ist eine bekannte und von allen Vernunftigen erkannte Wahrheit, dass die Mode es eben so zu machen pflegt, wie die Tirannen der griechischen und romischen Republiken. Diese schmeichelten sich erst bei dem Volke durch allerlei glatte Worte und Versprechungen ein, und wenn sie die Herrschaft erhielten, als denn war es um die Freiheit gethan. Eben die Bewandniss hat es mit der Mode, wenn sie durch ihr gefalliges Ansehen die Menschen bezaubert hat: so herrscht sie despotisch und gebiethet uber den Verstand und Willen. Alles muss sich ihr unterwerfen, und selbst die Beherrscher der Volker durfen es nicht wagen sie ungestraft zu beleidigen. Ja, da sie uber den Verstand zu herrschen sich unterwindet: Was Wunder! dass sich auch die Sitten ihr unterwerfen mussen, dergestalt, dass sie solche nach ihrer Fantasie bald sanfter bald wilder macht, und ihnen mir einer der Zauberkraft der Circe ahnlichen Macht, bald diese bald jene Gestalt zu geben weiss.

Die gelehrte Republick, die durchaus keinen Oberherrn vertragen kann, muss gleichwohl die Gesetze derselben eben so wohl als das schone Geschlecht verehren, und je weniger die Gelehrten Gesetze erkennen wollen, desto nachdrucklicher verlangt sie die Befolgung derselben. Ein Madchen das sich wider die Mode auflehnet, wird belacht; ein Gelehrter, der ihre Gesetze verachtet, hat Leib- und Lebensgefahr deswegen zu besorgen. Wenn Doris in dem Nachtzeuge ihrer Aeltermutter erscheinen wollte, so wurden sie hochstens nur die Kinder auf der Gasse auszischen; wenn aber ein Gelehrter die aus der Mode gekommenen Lehrsatze der alten Ketzer oder der Platonischen Philosophen wieder wollte aufleben lassen, und in Activitat setzen, so wurde man ihn steinigen.

Um diese wunderbaren Erscheinungen zu erklaren, muss man wissen, dass alles, womit sich die Mode beschaftiget, das ausserliche oder das innerliche des Menschen betrifft. Zu der ersten Gattung gehoret die Kleidertracht, allerlei Gebrauche und Gewohnheiten, die zum Nutzen oder zum Vergnugen und der Verschonerung des Korpers erfunden werden. Zu der zweiten Gattung aber wird alles das gerechnet, was die Seele und ihre Eigenschaften, als Verstand, Willen und Gedachtniss betrifft. Giebt die Mode ein Gesetz von der ersten Gattung, so werden diejenigen, die darwider handeln, gelinder bestraft; wenn sie aber etwas feste setzt, dass den zweiten Punkt betrifft, so straft sie die Uebertreter ihrer Gesetze aufs strengste. Gesetzt sie will, dass der Verstand etwas als wahr oder falsch erkennen soll, dass der Wille etwas verlangen oder verabscheuen, oder das Gedachtniss etwas behalten oder vertrigen soll; so muss dieses aufs genaueste befolgt werden, oder sie ubt die strengste Rache an den Ungehorsamen. Wir wollen dieses durch ein paar Beispiele deutlich machen. Da die Mode wollte, dass man sich die Erde so rund als einen Teller vorstellen sollte, wurde ein ehrlicher Bischoff, der sie so rund als eine Kugel machte, und aus dieser Ursache Gegenfusser statuiere, verbrannt. Da es einmal Hexen geben sollte, wurde der, welcher sie gelaugnet hatte, als ein Bosewicht ihnen auf den Scheiterhaufen haben Gesellschaft leisten mussen. Heut zu Tage, da sie aufgehoret hat, die alten Mutter zu verfolgen, darf Niemand Hexen glauben, oder diese und jene Unholdin der Obrigkeit anzeigen, wenn er gleich versichert ist, dass sie bos Wetter macht, und Menschen und Vieh bezaubert, widrigenfalls stehet er in Gefahr, als ein unverschamter Diffamator, in Ketten und Banden geschlossen, oder wohl gar als ein Injuriant an den Pranger gestellet zu werden. Ein Professor wurde vom Dienste gesetzt werden, wenn er untersuchen wollte, wie viel Engel auf der Spitze einer Nahnadel tanzen konnten, ehemals da die Mode eine solche Untersuchung billigte, wurde ein Gelehrter dadurch eine Professur nebst dem Titul eines Doctoris seraphici erhalten haben. Die neuesten Zeitungen melden, dass ein Student ist entleibet worden, weil er keine Harmoniam praestabilitam hat glauben wollen; der Baron von Wolf musste Landfluchtig werden, weil er sie lehrte.

Wenn die Mode im ausserlichen etwas befiehlt, so verfahrt sie mit den Uebertretern ihrer Gesetze nicht so gar strenge, ob es gleich nicht an Beispielen fehlet, da sie auch das rauhe herausgekehret hat; doch gemeiniglich werden sie dadurch gezuchtiget, dass man sie verlacht, oder auszischt. An und fur sich selbst betrachtet, liegt zwar des heiligen romischen Reichs Wohlfahrt nicht daran, ob man zwei oder drei Zipfel in die Perucken knupft, ob man den Hut auf dem Kopfe oder unter dem Arm tragt; ob man den Bart wachsen oder abnehmen lasst: allein die Mode will ihr Recht haben, und man muss es so machen, wie sie es befiehlt, wenn man nicht in Schimpf und Schande bestehen will.

Jedermann wird leicht begreifen, dass wenn die Mode, in der Art zu denken, etwas verandert, wenn sie neue Lehrsatze oder neue Rechte auf die Bahn bringt, solche Neuerungen in die Sitten der Menschen grossen Einfluss haben. Ein neuer Grundsatz, oder ein einziges Gesetz kann die Menschen wild und grausam oder auch sanft und wohlgesittet machen: die Gelehrten sind aber nicht einerlei Meinung, ob eine kleine Veranderung der Mode im ausserlichen, auch einen Einfluss auf die Sitten habe. Was liegt daran, ob das schone Geschlecht, Sonne, Mond und Sterne im Gesichte tragt, ob sich die Schonen rothe, blaue oder grune Backen machen, ob die grossen Perucken, oder die krausen Haare unsrer sussen Herren besser gefallen; ob wir allein das Recht haben, zu Pferde zu sitzen, oder ob die Schonen auch reiten durfen: hierauf aber wird mit Recht geantwortet, dass diese Dinge keine solche Kleinigkeiten sind, als man gemeiniglich glaubt, dass man allerdings hieraus das Genie der Menschen, und folglich auch ihre Sitten, beurtheilen konne; ja dass die Kleidertracht, die Sitten vielleicht eher als Lehrsatze zu reformiren, und sie sanfter oder wilder zu machen, vermogend sey.

Allein wenn auch alle Gelehrten einerlei Meinung waren, dass von dem ausserlichen in der Mode ein gewisser Schluss konnte gemacht werden: so wurde aus Mangel der hierzu erforderlichen Regeln, die noch nicht gnugsam entwickelt sind, doch ein grosser Streit entstehen, ob aus dieser oder jener Gewohnheit eines Volkes, fur die Sitten etwas gutes oder nachtheiliges konne geschlossen werden. Eben deswegen sind die gelehrten Untersuchungen erfunden worden, die entscheiden sollen, wo bei zweifelhaften und schweren Materien, sich die meisten Grunde der Wahrscheinlichkeit hinlenken. Denn ob es mit Untersuchung der gelehrten Streitfragen eben die Bewandniss hat, als mit den unzahligen Disputationen, die jahrlich auf Akademien gehalten werden, die mehr ein gelehrtes Spiegelfechten, als ein angstlicher Kampf fur die Ehre der Wahrheit genennet zu werden verdienen: so sind sie doch nicht ohne allen Nutzen; denn einmal werden diejenigen, welche solche Untersuchungen anstellen, in ihrer Meinung, sie mag nun fur oder wider die Wahrheit seyn, treflich bestarket, dass sie sich dasjenige, was sie auf dem gelehrten Kampfplatz oder in Schriften vertheidiget haben, sich hernach nicht abstreiten lassen, und wenn sie den Kopf daruber verlieren sollten. Zum zweiten zeigen solche Schriften von dem Fleisse und der Scharfsinnigkeit ihrer Verfasser, und verschaffen ihnen oftmals kein geringes Ansehen.

Solcher Streitfragen giebt es unter den Gelehrten mehr als Sterne in der Milchstrasse befindlich sind, und die im vorhergehenden Satz angefuhrte Bewegungsgrunde haben uns gleichfalls angetrieben, nur die wichtigsten zu untersuchen. Es ist bekannt, und zum Theil schon oben angefuhret, dass die Mode nicht nur mit den Lehrsatzen der Gelehrten, sondern auch mit dem ausserlichen Ansehen derselben, oft wunderlich gespielet hat, besonders hat sie sich belustiget, das Haupt dieser ehrwurdigen Leute, worinne sie den kostlichen Schatz der Gelehrsamkeit bewahren, bald auf diese bald auf jene Art zu schmucken, dass es auch einem Protheus schwer fallen sollte, diese verschiedenen Gestalten alle nachzumachen. Jedes Jahrhundert hat die Gelehrten in einer andern, ja wohl gar in verschiedenen Gestalten gesehen. Einmal sind sie in langen Barten und herabhangenden, ungekammten Haaren erschienen, ein ander mal sind beide abgestutzt worden, wieder zu einer andern Zeit hat man Scheitel und Kinn beschoren. Bald haben sie durch Zipfelperucken und Schnurrbarte sich ein Ansehen gegeben; bald hat sie ein kleines Zwickbartgen geschmuckt; ein andermal haben sie den Bart abnehmen lassen und das Haar gekrauselt, und hernach das Haupt sich bescheeren lassen und den Bart in Locken gelegt. Es fehlet so viel, dass aus diesen Veranderungen nicht sollte ein sicherer Schluss auf die Beschaffenheit der Gelehrsamkeit und der Sitten gemacht werden konnen, dass solche vielmehr hierzu die vollkommenste Anleitung geben.

Wir finden verschiedene Epochen, seitdem die Welt bevolkert ist, in welchen die Menschen gesitteter als zu andern Zeiten gewesen sind, und wir finden auch im Gegentheil verschiedene schlimme Zeitlaufte, in welchen die Welt in ihre vorige Barberei zuruckgefallen ist. Viele Gelehrte sind der Meinung, die guten Sitten und die Gelehrsamkeit hatten allezeit ihr Haupt empor gehoben gehabt, wenn das ausserliche Ansehen der Menschen sanfter und zartlicher gewesen; sie waren aber aus der menschlichen Gesellschaft verdrungen gewesen, wenn man sich ein wildes und furchtbares Ansehen gegeben. Da sich noch die Menschen in Thierhaute kleideten und in Waldern und Holen wohnten, waren die Gelehrten nicht gewohnt in barbara und celerent zu schlussen. Man wusste zu der Zeit noch nichts von der Kunst die Haare zu krauseln oder den Bart zu scheeren. Mit der Zartlichkeit der Sitten entstund auch eine gewisse Zartlichkeit in der Tracht. Man war nicht mit dem Ansehen zufrieden, das die Natur den Menschen ertheilet, man nahm die Kunst allenthalben zu Hulfe. Die naturliche Erkenntniss war nicht mehr zureichend, sie musste durch die Kunst erweitert werden, und die naturlichen Sitten, worinne Einfalt und Aufrichtigkeit herrschte, bekamen durch den Anstrich der Kunst eine freiere aber gefahrlichere Gestalt. Wenn die Menschen anfangen zu kunsteln so kunsteln sie in allem, und dieses erstreckt sich folglich auch auf die Gestalt.

Hieraus folgt, dass man von der ausserlichen Seite des Menschen richtig auf das innerliche schlussen kann. Es fragt sich nun hierbei, ob wir unser jetziges ausserliches Ansehen oder unsere Tracht zum Muster nehmen durfen, wenn wir die Sitten der Vorwelt beurtheilen wollen? Ueberhaupt wird diese Frage verneinet, die Kleidertracht ist bei uns so vielen Veranderungen unterworfen und oft so wunderbar, dass man uns, wenn man uberhaupt einen Schluss davon machen wollte, einen Monat fur gesittete Volker halten, und den andern fur Tartarn und Kalmucken erkennen wurde, und in eben diesen Fehler wurden wir auch verfallen, wenn wir andere eben so beurtheilen wollten. Wenn aber die Frage so bestimmt wird: ob wir in der ausserlichen Tracht nicht etwas als ein Principium cognoscendi annehmen konnen, den Zustand der Sitten und Gelehrsamkeit daraus zu beurtheilen: so wird dieses allerdings von verschiedenen Gelehrten behauptet, und haben den Bart der Manner als den Erkenntnissgrund des Zustandes der Sitten und Gelehrsamkeit angenommen, weil dieser nie eine Veranderung erlitten als bis diese letztere gleichfalls eine Veranderung erlitten haben. Viele neuere Gelehrte sind der Meinung, dass ein geschornes Kinn allezeit den Wissenschaften und Sitten vortheilhaft gewesen, dass hingegen der Bart jederzeit ein Zeugniss von der Barbarei der Menschen abgeleget habe, wie sie denn das Wort Barbarus von Barba herzuleiten kein Bedenken getragen haben. Da nun die Gelehrten diejenigen sind, welche in den Zustand der Sitten und der Gelehrsamkeit den grossten Einfluss haben, und man von den Veranderungen in der Mode, denen sie selbst unterworfen gewesen, auf jene am sichersten schlussen kann: so hat man die Streitfrage aufgeworfen: ob die Welt barbarisch gewesen, wenn die Gelehrten Barte getragen, und man hat dieses gemeiniglich bejahet. Ich will jetzo mit Erlaubniss dieser Herren das Gegentheil darthun, und solches verneinen.

Um der guten Ordnung keinen Eintrag zu thun, wollen wir erstlich einen kurzen Auszug von den merkwurdigsten Veranderungen, der Barte der Gelehrten von Erschaffung der Welt bis auf unsere Zeiten beibringen, und mit solchen den Zustand der Sitten und Gelehrsamkeit vergleichen. Wir finden so wenig Ursache uns dieser Unternehmung zu schamen, dass wir keinen schicklichern Gegenstand zu dieser Einladungsschrift haben antreffen konnen. Sollte inzwischen der Zoilus und Momus ihr ungezaumtes Maul daruber rumpfen: so wollen wir ihnen ins Ohr sagen, dass ein Gelehrter sogar einen Tractat von den Schuhen der Alten geschrieben hat, welche doch vermuthlich dem Barte den Rang nicht werden streitig machen. Ja was noch mehr! Haben wir nicht einen gelehrten Vorganger aufzuweisen, der ein eignes Buch von dem Barte an das Licht gestellet hat?

Wir wollen die Untersuchung, ob Adam im Paradiese einen Bart getragen hat, zu einer eignen Untersuchung verspahren und nur anmerken, dass die alten Vater alle in Barten abgemahlet werden. Es war in den alten Zeiten ein grosser Schimpf, wenn ein Mann seines Bartes beraubet wurde oder wenn er gar keinen hatte, und kommt mir daher sehr glaublich vor, dass die, welchen die Natur diesen Schmuck versaget, sich kunstliche Barte ansetzen liessen, und sich damit schmuckten, wie wir heut zu Tage mit den Perucken zu thun pflegen. Man hielt dieses Vorrecht der Manner fur dem schonen Geschlecht in solchen Ehren, dass man den Bart mit Salben bestrich, oder wenn er im Alter grau wurde, solchen farbte. Die alten Philosophen suchten sich dadurch in besonderes Ansehen zu setzen. Wer den grossten Bart unter ihnen besass und den schlechtesten Mantel trug, bekam die meisten Zuhorer, eben so wie zu unsern Zeiten die Horsale am meisten angefullet sind, wo die grosste Perucke auf dem Catheder stolziret. Die alten Romer liessen den Bart stehen und eben so lange stund auch ihre Freiheit und die guten Sitten, da jene abnahmen, fingen auch diese an in Abnahme zu kommen, bis sie endlich eben so wie der Bart plotzlich verschwanden. Der Kaiser Hadrian stellte zwar diesen Schmuck der romischen Burger aber nicht ihre Freiheit wieder her. Die Kirchenvater trugen Barte und dieser Schmuck wurde hernach durch viele Jahrhunderte beibehalten, bis endlich die Mode nach ihrer Caprice sie bald uns Exilium schickte, bald wieder zuruck berief: sie blieben aber doch im Pessess ihrer Rechte bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts, da man anfing mit grausamer Tirannei bald hier bald da etwas davon abzuzwacken, bis sie zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts ganz aus der gelehrten Republick sind verwiesen worden. Die Schweizer, die das Lob haben, dass sie nicht leicht eine neue Mode aufkommen, aber auch keine alte gern in Verfall gerathen lassen, hielten ehemals ihre Barte in solchen Ehren wie ihre Freiheit, dass auch selbst das schone Geschlecht ganz davon eingenommen war. Lesenswurdig ist es, was ich bei einem glaubwurdigen Autor hiervon gefunden. Ein Franzosischer Abgesandter, der an einem Schweizer einen ausserordentlich langen Bart bemerkte, wollte ihm solchen, als eine Raritat, abkaufen, dieser aber hielt ihn fur ein Gliedmass seines Leibes, und folglich war er ihm unschatzbar. Doch nach einer langen Disputation, mit dem Abgesandten, worinne dieser mit einem Argument von hundert Louis d'ors bewiess, dass der Bart kein Glied des Leibes ware, liess der Schweizer sich uberwinden, und verhandelte seinen Bart, welcher noch, wie glaubwurdige Personen berichten, in der koniglichen Kunstkammer zu Paris zu sehen ist. Allein da der arme Schweizer vergnugt, uber den guten Handel, nach Hause kam, so that seine Frau das mit seinem Scheitel, was der Abgesandte mit seinem Kinn hatte vornehmen lassen, sie fiel ihm in die Haare und in kurzer Zeit war sein Kopf so kahl als sein Gesicht, ja sie liess sich von Tisch und Bette so lang von ihm scheiden, bis ihm Haar und Bart wieder gewachsen war. Aus dem angefuhrten erhellet, dass die Barte mehrentheils im Gebrauch gewesen, und dass man auch ihnen oft grosse Hochachtung erwiesen hat. Lasset uns nun sehen wie die Sitten und die Gelehrsamkeit beschaffen gewesen, wenn die Welt bartig gewesen. In Griechenland bluheten ehemals die Wissenschaften und die Gelehrten trugen Barte, wenigstens gilt dieses von den Philosophen, die damals den grossten Theil von der gelehrten Welt ausmachten. Die Sitten der Griechen waren so fein, ihre Gesetze so vollkommen, dass Griechenland eine hohe Schule der Auslander wurde, und man allenthalben die Gesetze dieses Landes einfuhrte. Ein Beweis, dass gute Sitten und Barte sich wohl mit einander vertragen konnen.

Rom war lang ein gesitteter Staat und die Wissenschaften hatten sich langst um das Capitol gelagert, ehe man anfing den Mannern ihren Schmuck zu rauben und die Barte zu verheeren. Zwar konnte man den Einwurf machen, dass eben zu der Zeit, da Rom anfing auf den Gipfel seiner Grosse zu steigen, die Barte abgeschafft wurden, und dass besonders diese Mode in das guldne Zeitalter der gelehrten Sprache fallt, ja dass eben dieses auch von unsrer Zeit eintrifft. Jetzt da die Sitten und die Gelehrsamkeit wiederum empor gestiegen, herrscht das tirannische Scheermesser abermal uber unser Kinn; allein nichts ist leichter als diesen Einwurf zu widerlegen. Erstlich bemerken wir uberhaupt, dass er gar nicht wider unsern Hauptsatz gerichtet ist: denn da wir weiter nichts beweisen wollen, als dass der Satz falsch sey, wenn vorgegeben wird, dass die Welt allezeit barbarisch gewesen ware, wenn die Gelehrten Barte getragen hatten, so konnen wir es zugeben, dass es Zeiten gegeben hat, da die Welt gelehrt und gesittet gewesen, wenn die Barte in der gelehrten Republick nicht sind gedultet worden. Aber wir wollen es nur gestehen, dass wir wirklich die Meinung hegen, dass bartige Gelehrte fur die Sitten und Gelehrsamkeit jederzeit ein gutes Zeichen gewesen, dass hingegen ihr plattes Kinn beiden nichts gutes verkundiget habe. Wir geben zu, dass zu der Zeit, wenn die Gelehrten keinen Bart getragen haben, dann und wann die Welt gesittet und gelehrt geschienen hat; aber eine andre Frage ist es, ob sie es auch wirklich gewesen ist, ich, meines Ortes, behaupte das Gegentheil. Nie hat es in den Wissenschaften so viele Stumper gegeben, und nie ist Falschheit, Betrug, Verstellung und Bosheit mehr im Schwang gewesen, als wenn das mannliche Geschlecht sich ein weibliches Ansehen gegeben hat. Eben dieses gilt auch von Rom, da man den Bart ablegte. Es ist wahr, Horaz, Virgil, Cicero, Casar lieferten der Welt Muster der Dichtkunst, Beredsamkeit und Historie; aber keine Regel ist ohne Ausnahme. Neben, ihnen lebte eine unendliche Menge Meistersanger, elender Schwatzer und Zeitungsschreiber, und die Sitten waren zu der Zeit in einem solchen Vorfalle, dass Cicero selbst Morder, Rebellen und Diebe vertheidigte, Casar solche schone Thaten beging und Flaccus die verbuhltesten Liedergen von seiner Leier horen liess.

Schade ist es, dass wir diese schone Materie jetzt nicht weiter verfolgen konnen. Unterdessen bleibt unser patriotischer Wunsch dahin gerichtet, dass die Gelehrten einmal das Joch der Mode, die ihnen ihren ehrwurdigsten Schmuck geraubet, hat abwerfen, die Barte wieder aufleben lassen, und dadurch einen neuen Beweis geben, dass die Welt nicht barbarisch ist, wenn die Gelehrten Barte tragen.

Ich schreite nun mit Vergnugen zum Zweck meiner Abhandlung, welcher dieser ist, die Eroffnung der gelehrten Gesellschaft, welche Seine Gnaden, Herr Ehrhard Rudolph v.N., Erb-Lehn und Gerichtsherr auf Kargfeld und Durrenstein, unter dem Namen der Julianen Akademie auf erstbemeldetem seinem Rittersitze aufzurichten, und mit seiner hohen Protection zu beehren entschlossen ist, anzukundigen. Eine so patriotische Gesinnung als diese, ist zwar uber alles Lob erhoben, und ich wurde eine Thorheit begehen, wenn ich mich bemuhen wollte, diesen edelmuthigen Entschluss, der sein eigner Lobspruch ist, nach den Regeln der Redekunst herauszustreichen. Vielmehr will ich den aufrichtigsten Wunsch thun, dass diese gelehrte Gesellschaft, welche seit Erschaffung der Welt die erste, die in hiesiger Gegend durch eine genauere Verbindung mit der Erweiterung der menschlichen Erkenntniss sich beschaftiget, gleiche Schicksale mit der romischen Republick haben moge. In ihrer Entstehung sind beide einander ahnlich, Romulus zog einen Haufen Leute an sich, die nirgend eine Heimath hatten und in den holen Wegen die Reisenden um ein Allmosen bathen, dass diese ihnen nicht verweigern durften. Es waren Leute, die wegen ihrer Profession von den alten Innwohnern des Lateinerlandes verachtet wurden, mit welchen Romulus seinen Staat bevolkerte. Mein Patron hat es fast auf gleiche Weise gemacht: die gelehrte Gesellschaft bestehet aus Gliedern, die, einige wenige ausgenommen, das gelehrte Burgerrecht nicht erhalten haben, und also bisher in der gelehrten Republick auch keine Heimath hatten. Er richtet, als ein zweiter Romulus, eine neue Colonie von Gelehrten an, die jetzo noch von den alten Gelehrten verachtet werden. Doch wie Rom immer grosser wurde und endlich die Herrschaft uber die Welt erhielt: so wird, wenn mich meine Ahndung nicht tauschet, auch diese kleine Republick der Gelehrten ihr Ansehen so ausbreiten, dass sie sich nach und nach auf den hochsten Gipfel ihrer Hoheit empor schwingen wird. Morgen ist der merkwurdige Tag, an welchem obenbemeldter Rittersitz des Herrn v.N. zu einem Heiligthume der Wissenschaften soll eingeweihet werden, und bei dieser Gelegenheit werden sich zween geschickte und beredte Manner horen lassen, namlich: Tit. plen. Herr Balthasar Eccius, wohlmeritirter Cantor zu Wilmershaussen, wird in einer Lobrede auf den verstorbenen Herrn Handel erweisen, dass die Natur, und nicht die Kunst, einen Virtuosen bildet. Wenn dieser den Rednerstuhl verlassen hat, so wird Herr Valentin Striegel, wohlverdienter Schulmeister in Durrenstein etwas von den Alterthumern dieses Orts auf die Bahn bringen. Den Beschluss dieser Feierlichkeit wird M.L. Wilibald dadurch machen, dass er die Statuten der neuen Akademie und die Mitglieder derselben bekannt machen wird.

Alle vornehme Gonner, Macenaten und Musenfreunde, denen diese Einladungsschrift zu Gesichte kommt, werden demnach geziemend eingeladen, diese Feierlichkeit durch ihre zahlreiche Gegenwart zu vermehren, und zwar diejenigen, die ein Exemplar in Goldpappier eingebunden erhalten, haben die Freiheit, zu Pferde oder vermittelst eines Fuhrwerks hier zu erscheinen; die aber nur ein schlechtes bekommen, konnen sich dieses zur Rachricht dienen lassen, dass man sie, um allem unnothigen Aufwande vorzubeugen, zu Fusse erwartet. Alle aber werden gebethen sich aufs spateste um zwei Uhr Nachmittags allhier einzufinden. Oeffentlich bekannt gemacht, den dritten December.

XVI. Brief.

Fraulein Amalia v.S. an den Herrn v.S. ihren Bruder.

den 6 Dec.

Ich bin eine Zeitlang mit meiner Correspondenz ziemlich faul gewesen, und will mich bei einem Bruder, wegen meiner Nachlassigkeit, nicht rechtfertigen, den ich geneigter finde sie zu verzeihen, wenn ich meinen Fehler gestehe, als wenn ich mich durch eine Schutzschrift zu rechtfertigen suchte. Wir sind einander um hundert Meilen naher, und meine Briefe kommen sparsamer, da du weiter entfernt warest, schieb ich fleissiger. Ich weiss selbst nicht was ich fur Abhaltungen gehabt habe, dir so lange einen Brief schuldig zu bleiben, wenn dieses nicht eine gewesen ist, dass ich nach meiner Gewohnheit sehr viel auf einmal habe schreiben wollen, und nie gnug Materie gehabt habe. Nicht als wenn es an Auftritten gefehlet hatte, die wurdig gewesen deine Aufmerksamkeit zu verdienen, sondern, weil ich eine ziemlichvollstandige Sammlung von Briefen in Handen habe, die alles, was hier vorgegangen ist, so ausfuhrlich enthalten, dass mir kein Stoff zu einer besondern Erzahlung ubrig geblieben ist, und ich hatte doch auch Lust etwas zu erzahlen. Jetzt habe ich einmal Langeweile, sonst wurdest du noch keinen Brief von mir erhalten. Ich will, um mir die Zeit zu kurzen, meine Erzahlung da anfangen, wo das beigeschlossene Paquet aufhoret. Es sind darinnen funfzehn Briefe nebst andern Aufsatzen, die in unsern Roman gehoren, enthalten, du wirst hieraus leicht den Schluss machen konnen, dass du diese eher lesen musst, als meinen Brief, sonst wurdest du sehr herumrathen mussen, wenn dir nicht ein grosser Theil desselben sollte unverstandlich bleiben. Aus dieser Absicht will ich einen neuen Abschnitt machen, der alles in sich enthalt, was zur Vollstandigkeit der in dem Paquet enthaltenen Nachrichten gehoret.

Am vierten dieses hatte der Baron die Freude, das lacherlichste Stuck in der Comodie unsers Oncles, aufgefuhrte zu sehen. Der Entwurf der Akademie hat ihn seit acht Tagen auf eine so lustige Art beschaftiget, dass er so munter aussiehet als an seiner Hochzeit. Wir fuhren in bester Galla nach Kargfeld, um einem grossen Schmause, wodurch unser Oncle die Einweihung seiner Akademie feierlicher machen wollte, beizuwohnen. Von der gewohnlichen Gesellschaft fehlte Niemand. Aus einem Hasse, den der Herr v.N. gegen den Herrn v. Ln. aus bekannten Ursachen heget, war dieser nicht gebethen worden: er erschien aber doch zu Pferde, ob er gleich kein Programma in Goldpappier eingebunden erhalten hatte. Unser Oncle bewirthete seine Gaste diesmal sehr gut. Ich bedauerte nur Fraulein Kunigunden, die wegen vieler Anstalten, die sie machen musste, wie sie sagte, in funf Tagen kein Auge zugethan hatte. Das Fraulein v.W. fand an diesem Tage ihren Liebhaber wie sie ihn wunschte. Es war als Wirth und als Stifter einer Akademie so sehr beschaftiget, dass ihm keine Zeit ubrig blieb, an etwas, das dem Fraulein hatte verdrusslich seyn konnen, zu gedenken. Vielleicht war er auch um deswillen ein wenig artiger, weil der Major gegenwartig war, den er fur seinen Rival halt und mit welchem er in neuen Zwist zu gerathen, aufs ausserste zu vermeiden suchet. Die ganze Gesellschaft war dismal artig, selbst die Frau v.W., der ich es nicht zugetrauet hatte, dass sie ihren Herrn zum Prasidenten einer gelehrten Gesellschaft wurde machen lassen. Doch sie hatte sich vorgenommen, uns dismal mit ihrem Gemahl auf Discretion verfahren zu lassen, ordentlich pflegt sie dieses Vorrecht nur fur sich zu behalten und aus ihm zu machen was sie will. Die den Spass einsahen, waren bemuhet ihn nicht zu verderben, und die alles im Ernste aufnahmen, fingen an grosse Gedanken von unserm Oncle zu bekommen. Der Herr v.H. konnte sich nicht genug wundern, dass sein Freund noch einen Geschmack an Wissenschaften fand, die er vor Zeiten aufs ausserste gehasset hatte. Er horte die Reden mit einer Aufmerksamkeit an, die ich nie, auch selbst in der Kirche nicht an ihm bemerket habe. Die Alterthumer von Durrenstein erhielten bei ihm so vielen Beifall, dass er dadurch aufgemuntert wurde, alle Seltenheiten seines Rittersitzes der Lange nach zu erzahlen. Nur das einzige war ihm rathselhaft, warum der Herr v.W. zum Prasidenten einer gelehrten Gesellschaft ware erwahlet worden, der doch seinen Namen nicht zu schreiben wusste, da ihn aber unser Oncle sagte, dass es mit einem Prasidenten einer gelehrten Akademie eben die Bewandniss hatte, wie mit einem General im Kriege, dieser konnte Vestungen einnehmen, ohne dass er wusste, was ein Horn- oder Cronenwerk ware, ob die Batterien oder die Laufgraben zuerst mussen angeleget werden, dieses gehorte fur die Ingenieurs, so wie die Gelehrsamkeit fur hie Mitglieder einer Akademie; so beruhigte er sich, ohne disfalls weiter zu streiten. Nach der Tafel wurde in dem Saale, auf Anordnung des Magister Lamperts, ein kleines Geruste erbauet, das der akademische Lehrstuhl hiess. Der Herr v.W. musste das erste Bret, das dazu sollte gebraucht werden, entzwei sagen, und unser Oncle that den ersten Hieb mit dem Beile in ein Stuck Holz woraus die Stutzen dieses kleinen Gebaudes verfertiget wurden. Hierauf brachten ein paar Tischer das Werk in kurzer Zeit zu Stande. Sobald der Lehrstuhl fertig war, sollte der Saal von den Spahnen wieder gesaubert werden; doch Herr Lampert untersagte dieses, und wollte durchaus haben, dass jedes von der Gesellschaft sich einen Spahn zum Andenken der feierlichen Eroffnung der Julianenakademie, auflesen und behalten sollte. Weil aber niemand nach dieser Seltenheit ein Verlangen bezeigte: so wurden sie ihm insgesammt verehret, um sie als eine Raritat aufzuheben, oder sie dem Apoll als ein Opfer anzuzunden, damit dieser den Lehrstuhl der Akademie in Schutz nahme, auf dass alle, die sich davon horen liessen, den Beifall der Zuhorer sich versprechen konnten. Eine solche Zauberei ware sehr nothig, denn alle Mitglieder werden naturlicher Weise ihre Zuhorer niemals ruhren. Nach dieser Ceremonie wurde eine andere vollbracht. Ein Cranz von Buchsbaum, in Ermangelung frischer Eichenblatter, welche im Winter nicht wohl zu haben sind, wurde in das Zimmer gebracht an welchen Fraulein Julgen und ich einige Bander knupfen sollten, und welcher hernach uber den Lehrstuhl, gerade uber dem Haupte der Redner, sollte aufgehangen werden. Allein ob ich gleich kein Mitglied dieser beruhmten Akademie bin, so protestirte ich doch darwider aus allen Kraften. Der Kranz von Buchsbaum verbreitete eine Art von Todtengeruch in dem Saale, dass mir daruber eine Ohnmacht anwandelte. Dieses bewog den Baron, meinen Oncle zu bereden, diesen garstigen Kranz fortzuschaffen. Er liess sich auch mit dem Magister in einen Streit hieruber ein, und behauptete, dass der Buchsbaum heutiges Tages eben das sey, was die Myrthen oder Cypressen bei den Alten gewesen, und dass man diesen also nur bei traurigen Begebenheiten brauchen durfte. Im Gegentheil vertraten die Tannen oder Fichten die Stelle des Epheus der Alten, und konnten bei frohen Gelegenheiten gebraucht werden. Die Weinschenken pflegten Kranze von Tannenzweigen auszuhangen, da nun das Zeichen des Weins jederzeit das Zeichen der Frohlichkeit gewesen ware, auch der Wein, oder in Ermangelung desselben, die blosse Vorstellung davon den Rednern und Dichtern grosse Dienste leistete: so schlug er vor, man sollte einen Kranz von Tannenzweigen uber den Rednerstuhl aufhangen. Dieser Vorschlag wurde angenommen, und in kurzer Zeit sahe man ein Weinzeichen, das Fraulein Julgen und ich mit verschiedenen Bandern ausgeputzt hatten, an einer seidenen Schnur uber dem Lehrstuhle prangen. Herr Lampert, der die Ehre haben wollte den Cranz an die Schnure zu bevestigen, hatte aber dabei das Ungluck, da er wieder vom Stuhle steigen wollte, dass er aus dem Gleichgewichte kam, und einen so grasslichen Fall in die Stube that, dass ich glaube, man hat die Erschutterung, die dadurch verursacht wurde, auf eine Meile weit verspuhret. Man machte, wie bei merkwurdigen Begebenheiten alles ominos scheinet, uber diesen Zufall verschiedene Auslegungen, der Baron meinte, die Akademie wurde, wenn sie auf den hochsten Gipfel ihrer Vollkommenheit gestiegen zu seyn glaubte, plotzlich in Verfall gerathen und zu Boden liegen. Andere glaubten, weil am Tage ihrer feierlichen Einweihung, die Grundsaule, worauf das ganze Gebaude ruhete, umgefallen ware: so wurde es damit keinen Bestand haben, sondern sie wurde in kurzem so zerstohret werden, dass keine Rudera mehr von einer Julianenakademie wurden vorhanden seyn. Herr Lampert machte, ob er gleich gewaltig hinkte, dennoch von seinem unglucklichen Falle eine vortheilhafte Auslegung fur die Akademie, er sagte: weil er eben gefallen ware, da er sich zum Besten derselben beschaftiget hatte, so liesse sich hiervon keine andere Auslegung machen als diese, dass er, wegen der Akademie, in Zunkunft vieles leiden wurde. Er wurde fallen unter bose Zungen: diejenigen Gelehrten welche nicht unter die Zahl der Mitglieder waren aufgenommen worden, und sich doch in der hiesigen Gegend befanden, wurden ihren Gift uber ihn ausschutten und eben so viele Schmahreden auf ihn erdenken als ehemals die Bucherabschreiber auf Doctor Fausten erdacht hatten, weil dieser die Buchdruckerei sollte erfunden haben. Er wurde ferner fallen unter den Spott der gelehrten Zeitungeschrieben wenn sie erfahren wurden dass ein Magister eben das unternommen und ausgefuhret hatte, was Kaisern und Konigen schweer worden wars: so wurden sie, aus Neid, ihn dergestalt zwischen die satirischen Sporen fassen, dass er alle seine philosophische Gelassenheit wurde aufbiethen mussen, um bei diesen Anfallen gleichgultig zu seyn. Doch wie er ohne sonderlichen Schaden und ohne jemands Hulfe wieder aufgestanden ware: so wurde seine Ehre und guter Name bei dem Wachsthum der Akademie auch wieder empor steigen und uber alle Neider und Misgunstige triumphiren. Uebrigens fugte er hinzu, wollte er nicht viel Geld nehmen und diesen Fall nicht gethan haben: die Alten hatten sich allezeit gewunscht, dass bei einem ausserordentlichen Glucke sie auch ein kleines Ungluck betrafe, und wenn ihnen dieses nicht von freien Stucken zugestossen ware, so hatten sie sich selbst einen Verdruss oder Schaden verursachet, um die Gotter dadurch abzuhalten mit einem grossen Gluck auch ein grosses Ungluck zu vereinigen. Crosus hatte einen Ring von grossen Werth ins Meer geworfen, um den Lauf seines Glucks in etwas zu hemmen. Er hielt sich fur glucklicher als Crosus, dass er sein Vorhaben, Kargfeld in einen Sitz der Musen zu verwandeln, nunmehro ausgefuhret sahe, und ob er gleich nicht die alten Heiden zum Vorbild seiner Handlungen wahlen wollte: so ware doch gewiss, dass ein grosses Gluck mit einem grossen Ungluck, wie aus der Erfahrung bekannt sey, vergesellschaftet ware, er glaubte daher, dass er durch dieses kleine Ungluck eine Versicherung von dem Flor der Julianenakademie, bei welchem er sich glucklicher schatzte, erhalten hatte. Weil der Pastor Wendelin nicht gegenwartig war, der ihn wegen seiner heidnischen Grundsatze wurde verketzert haben: so wurde seine Meinung gebilliget, und der Major wunschte, dass alles Ungluck, das die gelehrte Gesellschaft etwas bedrohen konnte, den Magister treffen mochte, damit ihm die Ehre, ein Martirer derselben zu heissen, niemand streitig machen konnte. Nachdem nun der Speisesaal ein gelehrtes Ansehen erhalten hatte, so verfugte sich das Frauenzimmer, und alle die nicht zu der gelehrten Versammlung gehorten, in das Nebenzimmer doch sollte die Thur offen bleiben, damit wir sehen konnten was vorging. Es wurden zu beiden Seiten des Rednerstuhls Stuhle gesetzt, zur rechten Hand fur die Ehrenmitglieder, welches die vornehme Seite hies, und zur linken fur die ordentlichen, welches der Magister die gelehrte nennete. Alle in dem Verzeichnisse benannte innlandischr Mitglieder waren gegenwartig, und weil die gelehrte Bank meistens aus Schulmeistern bestehet, so fuhrten diese erstlich eine trefliche Motette auf, wobei die beiden Redner ihre Stimme singend horen liessen. Hierauf verliess der Cantor Eck seinen Bass mit einem tiefen Reverenze und betrat den Rednerstuhl. Der Herr v.W., als Prasident der Akademie, war schon unter der Musik eingeschlafen, und schnarchte so stark, dass man nichts verstehen konnte, besonders da der Redner uber seine gelehrten Zuhoren so besturzt schien, dass er, ungeachtet seiner Brille, nicht eine Zeile ohne Stammlen lesen konnte. Diese Rede erhielt unterlessen den Beifall des Herrn Lamperts und folglich der ganzen Akademie. Der junge Wendelin hat mir solche, nebst zween Briefen, die sich darauf beziehen, und wegen ihres Innhalts merkwurdig sind, verschafft, diese Stucke sind, nebst der Abhandlung von den Alterthumern in Durrenstein, in dem Packt in einem besondern Bogen eingeschlossen welcher den Titul fuhret: Etwas zur Zugabe nach Lesung des Briefes zu eroffnen. Der Schulmeister zu Durrenstein hat sich lange nicht wollen bereden lassen nach dem Cantor von Schonthal aufzutreten, weil er einige Jahre fruher als jener ins Amt kommen ist, jener aber hat den Vortritt verlangt, weil er sich Cantor nennen lasst. Diese Leute, welche viele Jahre in der vertrautesten Freundschaft gelebet haben, sind uber diesen Rangstreit in solche Uneinigkeit gerathen, dass sie einander aufs ausserste hassen. Herr Lampert soll alle Muhe gehabt haben sie zu vergleichen, welches endlich durch das Loos geschehen ist, wodurch der Cantor den Vorgang erhalten hat. Nachdem die erste Session der Akademie geendiget war, verwandelte sich die Scene, und die gelehrten Akademisten wurden Musikanten, wir hielten einen kleinen Ball. Doch die Uneinigkeit unsrer Bande verursachte manchen Uebellaut in der Musik. Der Schulmeister von Durenstein wollte sich durchaus nicht bereden lassen, ein musikalisches Instrument anzugreifen, wenn der Cantor von Schonthal die erste Violine strich, aber der Befehl unsers Oncles der mit verschiedenen Drohungen vergesellschaftet war, brachte ihn bald zu einer andern Entschliessung. Der Oncle eroffnete den Ball mit dem Fraulein v.W. und beobachtete die Anstandigkeit gegen sie, die er den ganzen Tag hatte blicken lassen. Doch so viel Macht hatte er nicht, dass er alle furchterlichen Blicke gegen seinen Rival hatte zuruckhalten konnen, er sahe ihn oftmals so finster an, dass ich dachte, er wurde neue Handel bekommen, doch hielt er seine Zunge im Zaum und gab ihm, mit der verdrusslichsten Mine, die besten Worte von der Welt. Ich will dismal meinen Brief nicht weiter ausdehnen, er ist lang genug dich um die Zeit zu bringen, die du vermuthlich ohne denselben vergnugter wurdest zugebracht haben. Wenn ich nicht schon sehr mude ware, so wurde ich dir noch das Verlangen schildern, welches wir haben, dich hier zu sehen. Es stehet bei dir, unsere Wunsche zu erfullen, und insonderheit die meinigen, und dadurch werde ich einen Beweiss erhalten, dass du mich so liebest als du geliebet wirst, von deiner Schwester

A.v.S.

XVII. Brief.

Herr Lorenz Lobesan, Cantor zu Kargfeld an Herrn

Balthasar Ecken, wohlverdienten Cantor und

Schulmeister zu Wilmershaussen.

Hochgelahrter Hoch- und Wohlfursichtiger,

Hoch- und Kunsterfahrner Herr Collega,

Derselbe wird im Besten vermerken, dass ich ihm mein Anliegen offenbare und mir seinen guten Rath uber eine Sache ausbitte, die mich weder ruhen noch rasten lasst. Es ist ihm bewusst, dass ich in acht Tagen eine Predigt nach dem Fusse halten soll, wie er und der Herr Schulmeister gestern in dem Saale unsers gestrengen Junkers ablegten. Ich habe mir bisher zwar ein Gewissen gemacht, dem Herrn Pfarr ins Amt zu fallen und einen Hofprediger, auf dem Schlosse unsers Junkers, abzugeben; aber weil sich andere kein Gewissen daraus machen, auch uberdem diese Predigten ganz anders beschaffen sind, als die man in der Kirche halt, und die Kanzel eine ganz andere Figur hat: so glaube ich, dass mir eben das erlaubt ist, was andere meines gleichen thun durfen. Zu dem Ende habe ich mich niedergesetzt und habe hin und her gesonnen, um eine solche Predigt, wie die seinige war, ster vorgeschrieben, zu erklaren. Es wird ihm, sonder Zweifel, noch erinnerlich seyn, dass mir der Herr Magister gestern Abend beim Weggehen sagte, ich sollte untersuchen, ob das ut re mi fa sol la oder das c d e f g zur Benennung der Tone in der Musik bequemer sey. Ich weiss in meinem Leibe keinen Rath, was ich in dieser kutzlichen Materie anfangen soll. Der Herr Magister ist mir sein Tage nicht recht gut gewesen, darum lasst er mich uber den schwersten Text predigen. Gleichwohl will ich nicht gerne mit Schimpfe bestehen, und ein paar parfumirte Handschuhe, wie er bekommen hat, waren mir auch willkommen. Es ist aber nicht recht, dass der Herr Magister mir, als einem alten Manne, so schweere Dinge aufburdet, dass mir ganz schwindelt wird vor den Augen, und ein kalter Schweiss vor die Stirn tritt, wenn ich an diese Arbeit gedenke. Ich habe uberdem noch bei meinem Alter ein gewisses Malheur an mir, dass mir oftmals die Gedanken vergehen, besonders wenn ich etwas aus dem Kopfe entwerfen will. Neulich hatte ich einmal vergessen, dass es Sonntag war, ohngeachtet ich den Tag vorher das Kirchenstuck probiret hatte, und wenn mich der Herr Pfarr nicht an das Lauten hatte erinnern lassen, denn meine Frau hatte es auch vergessen, so ware keine Kirche gehalten worden. Einmal mochte ich in der Kirche ein Bissgen eingeschlummert seyn, es war vergangenen Sommer in der Erndte, und da ich erwachte, hatte ich vergessen, dass der Herr Pfarr auf der Canzel stund, fing dahero mitten unter der Predigt mir lauter Stimme an den Choral zu singen, bis ich meinen Irrthum, mit grosser Besturzung, inne wurde, und hernach, wegen dieses Naturfehlers vieles ausstehen musste. Das passiret mir oftmals, wenn ich gar nicht mit dem Kopfe arbeite, geschweige wenn ich Briefe schreiben oder etwas anders aus dem Kopfe machen soll, wenn ich drei oder vier Zeilen zusammen gesetzt habe, so bin ich so mude, als wenn ich zur Frohne hatte dreschen mussen. Die gemeinen Leute wollen es nicht glauben, dass unser einer auch sein Pfund auf sich hat, und nicht spazieren gehet. Der Kirchvater Kleinmann war neulich bei mir, da sprachen wir eins und das andere, von ungefahr kamen wir auch auf die Schuldiener zu reden. Herr Cantor, sagte der Tolpel, er hat ja wohl seine gute Sache, wenn unser einer auf der Strasse liegen und auf der Kriegsvorspanne sich von den Soldaten muss Rippenstosse geben lassen, so sitzt er zu Hause auf seinen Drehstuhle wie ein vornehmer Herr, schwatzt den Kindern was vor, und dafur muss ihn die Gemeinde ernahren. Hort, guter Freund, sagte ich, ihr redt wie ihrs versteht, wenn ihr einen Tag auf meinem Stuhle sitzen und mit dem Kopfe arbeiten solltet, so wurdet ihr anders schwatzen, Kopfarbeit ist gar eine schwere Arbeit. Unter uns, ich glaube dass ein Schulmeister ein viel schweerer Amt hat als ein Pfarrer, der predigt ein paar mal in der Woche, und damit gut. Wir mussen sechs Tage Schule halten, und den Sonntag mussen wie singen dass wir schwarz werden mochten. Ja, was das meiste, die Herren Pfarrer haben viele lateinische und gelehrte Bucher, da konnen sie leicht etwas daraus herschwatzen, wir haben aufs hochste den Catechismus und mussen alles aus den Kopfe machen, dazu kommt die Musik, das Hochzeitbitten und dergleichen, dass einem das Stuckgen Brod sauer genug wird, und doch soll unser einer keine Arbeit haben. Aber dass ich wieder zur Sache komme, Herr Cantor, wo hat er doch die wunderschone Rede hergenommen, die er gestern hielt? Er kann wohl noch gar Pfarrer werden, die vornehmen Leute hatten an ihm ihre einzige Freude, so schon hat er es gemacht. Sey er doch so gut und stecke er mir es im Vertrauen, wie er es angefangen hat, diese schone Rede zu Stande zu bringen. Es bleibet unter uns, er kann sich darauf verlassen, dass ich es keinem Menschen mehr sagen will, das Geheimniss soll mit mir sterben. Wenn er etwan ein Buch hat, worinne dergleichen Reden stehen, so leihe er mir es ein paar Tage, ich will es ihm ohne Schaden wieder zustellen, und verspreche nicht mehr daraus zu nehmen, als zu einer Rede nothig ist. Will er mir aber den Liebesdienst thun, und mir die ganze Rede machen, so will ich es mit Danke erkennen, und ihm dafur den Telemannischen Jahrgang, darum er mich so oft gebethen, zur Abschrift mittheilen. In Erwartung gefalliger Antwort, verharre

Des Herrn

dienstwilliger

L. Lobesan.

XVIII. Brief.

Antwort auf den vorigen Brief.

Ehrengeachteter Hochgelahrter

Gunstiger guter Freund,

Ich hatte wohl Ursache, ihm die Gefalligkeit, warum er mich ersuchet, abzuschlagen; er weiss es am besten, wie er mich gemartert hat, da ich ehemals an seine Stelle kommen sollte, weil er bei dem Herrn v.N. in Ungnade gefallen war, und von seinem Dienste sollte abgesetzt werden. Er biss damals um sich wie ein wilder Kater, und spielte mir noch dazu den schlimmen Streich, dass er, da ich die Probe thun musste, das Clavier an der Orgel mit Terpentin oder Vogelleim, was es war, beschmieret hatte, dass mir die Finger darauf kleben blieben, und ich glucklich umwarf. Wegen der telemannischen Kirchenstucke habe ich, da der erste Groll vorbei war und er bei seinem Dienste blieb, wie ich bei dem meinigen, mir Salvo nore, die Beine bald abgelaufen, ich habe ihm himmelhoch gebethen, mir solche, gegen ein gutes Gratial, zukommen zu lassen, weil unsere Herrschaft mit meiner Composition niemals recht ist zufrieden gewesen: aber da half weder bitten noch flehen, es war als wenn ich zu einem Stein denken sollen, eine Hand wascht die andere, wer weiss, wo ich den ehrlichen Mann auch einmal wieder brauche, ich will ihm aus dieser Noth helfen, wer weiss hilft er mir aus einer andern. Wenn ich gleiches mit gleichem vergelten wollte, so wurde er mit einer abschlaglichen Antwort mussen zufrieden seyn, ich bin aber nicht so gesinne, und habe ihn schon lange alles vergeben, welches er unter andern auch daraus abnehmen kann, dass ich ihm alle Jahr zur Kirmse habe bitten lassen, ob er gleich wegen der alten Pike noch nicht uber meine Schwelle kommen ist. Um ihn zu uberzeugen, dass ich es gut mit ihm meine, will ich ihm alles getreulich entdecken, wie ich es mit meiner Rede angefangen habe. Ich hore zwar, dass es unter den Gelehrten Mode ist, dass sie ihre besten Fechterstreiche gern fur sich behalten, und sie niemanden leichtlich offenbaren: doch weil er mir versprochen hat, verschwiegen zu seyn und das Geheimniss bei sich zu behalten, so will ich ihm kurzlich melden, wie ich es mit meiner Rede, die der Herr Magister gelobt hat, gemacht habe. Es ging mir im Anfang eben so wie ihm, ich wusste nicht, wo ich es angreifen sollte, den Text, den mir der Herr Magister vorgeschrieben hatte, zu erklaren. Ich ging zum Herrn Pfarrer, um mich bei ihm Raths zu erholen, und ihn um ein Buch zu bitten, das ich bei meiner Arbeit, brauchen konnte; allein dieser war bose, dass er nicht auch ein Mitglied worden war, und wollte mir durchaus kein Buch leihen, ob er deren gleich uber ein Halbschock besitzt, und manche in Jahr und Tag nicht braucht. Hierauf verfugte ich mich zu unsern Fraulein und bat sie um das Buch, das sie braucht, wenn sie Briefe schreibt und ihr nichts einfallen will, sie gab mir dieses ohne Schwurigkeit. Ich ubersende es ihm im Vertrauen, er muss es aber ja wohl bewahren, dass es nicht schmutzig wird und ein Dinten- oder Oehlfleck hinein kommt. In diesem Buche sind alle Worter enthalten, die zu einer Rede gehoren, es ist dahero ein vortrefliches Werk, welches alle Arbeit leichte macht. Man darf nur die Worte aufschlagen, wie sie einen von ungefehr in die Augen fallen, und diese hernach mit einander verbinden, so ist die Rede fertig. Da ich gehort habe, dass man sich bei einer Rede, vor allen Dingen, um ein Thema bekummern muss, eben so wie in der Musik, welches man hernach ausfuhret: so suchte ich erst in dem Buche mein Thema zusammen, das waren die einzelnen Worte die ich von ungefehr aufschlug. Diese schrieb ich fein ordentlich, wie sie mir das Gluck bescheret hatte, auf ein Pappier, und studirte hieraus meine Rede zusammen. Es kostete freilich hin und wieder viel Kopfbrechens, weil manche Worte sich weder zusammen schicken noch reimen wollten, doch da ich mir vorgenommen hatte, nichts in dem Thema zu andern, so kunstelte ich so lange bis alles zusammen passte. Damit ihm alles deutlich wird, so habe ich meine Rede abgeschrieben und derselben das Thema beigefugt, woraus ihm alles verstandlich werden muss. Kunftige Mittewoche, wenn ich aus der Akademie komme, will ich bei ihm einsprechen, und die Kirchenstucke abholen, welche er, sobald sie abgeschrieben sind, ohne Schaden wieder haben soll. Unser Herr Pastor hat einen gewaltigen Groll auf mich geworfen, dass ich mit in der Akademie bin und er nicht. Wie ist denn der seinige diesfalls gegen ihn gesinnet? Ich habe vier Groschen aus der Kirche fur den Weg pratendiret, den ich nun wochentlich von hier nach Kargfeld thun muss, aber der Herr Pastor will es durchaus nicht in der Kirchrechnung passiren lassen, keine Frohndienste lass ich mir warlich nicht aufburden. Legt sich der Herr Pfarr mit mir nicht bald zum Zweck, so will ich ihn schon kriegen, ich habe ihn sein Amt mussen fuhren lernen, und nun will er uber mich herrschen. Die Welt wird doch immer schlimmer. Nebst einem schonen Gruss von meiner Frau bin ich

Des Herrn

dienstwilliger

B.E.

* * *

Dass die Natur und nicht die Kunst einen Virtuosen bildet, erweist in einer Rede Balthasar Eck, treufleissiger Cantor und Schuldiener in Schonthal.

Hokuspokus.

Affenspiel.

Advocat.

Kalendermacher.

Aufblehen.

Untervogt.

Austrinken.

Saitenspiel.

Halskaufe.

Stempel.

Unterminiren.

Altfrankisch.

Zipperlein.

Bratenwender.

Heufuder.

Goldschmidt.

Holzhacker.

Die edle Musika ist eine von den freien Kunsten und keinesweges ein verachtliches Handwerk oder eine Brodtlose Kunst, dergleichen es welche giebt, die Leute ums Geld zu bringen oder sie zu vexiren. Von diesem Schlage sind die Kartenspiele, die Kartenkundergleichen Gaukeleien mehr sind, womit die Hokuspokusmacher umzugehen wissen; allein sie verdienen nicht einmal den Namen der Kunste, sondern sollten vielmehr Aeffereien oder Affenspiele genennet werden. Ein Musikus ist ein ehrbarer Mann, der seine Kunst gelernet hat, nicht allein den Leuten die Zeit zu vertreiben, sondern auch vielerlei Gutes zu stiften: denn man kann, vermoge der Musik, Krankheiten heilen, die Zauberei vertreiben, gute Gedanken einflossen, und dergleichen mehr, das ein andrer wohl muss unterwegen lassen. Aber nicht jeder, der etwas auf einem Instrumente herstumpern kann, ist im Stande dieses zu thun, sondern nur grosse Musikverstandige, die man Virtuosen nennet, konnen solche herrliche Dinge ausrichten. Dergleichen Leute werden nun, wie die Erfahrung lehret, nicht durch die Kunst hervorgebracht, sondern sie mussen von Natur ein gutes Geschick haben, wenn was rechtes aus ihnen werden soll. Dahero hat die Musik vor andern Kunsten etwas zum Voraus, wem die Natur nicht ein Geschick zur Musik verliehen hat, der bleibe immer davon oder erwahle ein anderes Metier. Aus dieser Ursache schickt sich auch nicht jeder zur Musik, es kann einer eher ein Doctor und Professor werden auf einer Universitat, als ein tuchtiger Cantor. Bei jenen kommt es auf Geld und gute Worte oder auf gute Patronen an, hierdurch kann einer unter den Gelehrten alles werden was er nur will, aber du magst spendiren wie du willst, du magst den Schulzen und Kirchpatron zum Pathen haben, wenn dir die Natur keine gute Stimme in die Kehle und keine Hurtigkeit in die Hande und Fusse gegeben hat, dass du nicht laut genug vorsingen, kein Trillo schlagen und keine tuchtige Fuge auf der Orgel herrasseln kannst: so nehmen dich die Bauern nicht zum Cantor, und wenn du konntest die Kieselsteine in Gold verwandeln. Wo die Kunst alles thut, da ist die Natur uberflussig, und wo die Natur alles wirket, da braucht es keine grosse Kunst. Ein Advocat, zum Exempel, ist ein arte factum, er mag eine naturliche Gabe zum Plaudern und Zanken haben, oder von Natur so sanftmuthig seyn wie ein Lamm, wenn er in seiner Kunst ausgelernet hat, so gewinnt er die schlimmsten Processe. Woher kommt das? Aus keiner andern Ursache, als weil er durch die Kunst aus weiss hat lernen schwarz machen, und ihm, gleich wie einem Staar, die Zunge geloset ist, dass er reden kann was er will. Allein lasst ihn einmal einen Triller schlagen, so werdet ihr sehen, dass er dieses zu thun nicht im Stande ist, wenn die Natur seine Kehle nicht dazu aptiret hat. Es hat mit einem Musikus eben die Bewandniss wie mit einem Kalendermacher, dieser mag rechnen konnen wie er will, er mag den Himmel durch sieben und siebenzig Fernglaser beschauen, dem ungeachtet wird das Wetterprognosticon nicht zutreffen, oder die Prophezeihung von Krieg und Frieden in Erfullung gehen, wenn ihn nicht die Natur zu einen Kalenderschreiber gebildet und ihm die Gabe, zukunftige Dinge vorherzusagen, verliehen hat. Hieraus erhellet, was ein Musikus in eigentlichem Verstande, welchen man gemeiniglich einen Virtuosen nennet, fur ein Mann ist, und dass solche Leute billig in Ehren zu halten sind, auch ihnen ein reichlich Auskommen muss verschaffet werden, denn sie wachsen nicht so zahlreich wie die Schwamme, und konnen auch nicht durch die Kunst hervorgebracht werden wie die Orgelpfeifen, sondern die gutige Natur bringt sie nur dann und wann hervor, wenn sie ihr Spiel haben, will wie die Weidenrosen, oder die Kornstengel mit hundert Aehren. Das wissen diese Herren auch gar wohl, darum blehen sie sich nicht selten auf wie die Untervogte, und haben ihre Mucken wie die Pferde, die den Sonnenschuss bekommen. Ich konnte von ihrem Eigensinne manches artige Stuckgen anfuhren, wenn ich mich nicht der Kurze befleissigen wollte. Nur einger im Vorbeigehen zu gedenken, so sind einige Virtuosen so eigensinnig, dass sie sich durchaus nicht wollen horen lassen, so lange sie ein volles Glas im Gesichte haben. Ich kenne einen Schulmeister, der mein Freund ist, der diesen Wurm auch hat und allen Glasern erst auf den Boden siehet, ehe er seine Violine stimmt, welches denen, die von seiner Kunst etwas horen wollen, oftmals theuer genug zu stehen kommt, weil er auf einen Sitz mehr austrinken kann als zehen Schnitter in der Erndte. Andere lassen sich nicht anders als durch Schlage bewegen, ihr Saitenspiel anzuruhren, und thun das gezwungen, was man weder durch gute Worte noch durch Verheissungen von ihnen erhalten kann. Einige haben die wunderliche Gewohnheit an sich, dass sie sogleich aufhoren zu spielen, wenn sie gelobt werden, und hingegen fortfahren, wenn man sie fur Stumper und Humpeler halt. Ich habe auch von einem Virtuosen sagen horen, dass er sich allezeit, wenn er ganz besonders durch seine Geschicklichkeit sich hatte hervor thun wollen, in den grossten Gesellschaften entkleidet habe, als wenn er zu Bette gehen wollte. Ein loser Vogel hatte ihm aber einmal, da er von seiner Kunst ganz bezaubert gewesen, die Kleider versteckt, dass er im kalten Winter halb nackend hatte nach Hause gehen mussen, und uber diesen Spass seine kunstlichen Finger erfrohren hatte. Einmal da sich ein Virtuos in hiesiger Gegend einfand, habe ich es mit meinen Augen gesehen, dass er seine Perucke an die Erde warf, die Halskrause abriss, den Rock auszog und die Weste aufknopfte, wenn er ein Stuck spielte, das sich besonders ausnehmen sollte. Hierauf ging er in Stube auf und nieder, trat seine Perucke und Kleider mit Fussen, und konnte es durchaus nicht vertragen, wenn sie jemand aus dem Wege raumen wollte. Es ist gewiss, dass jedermann, der kein Virtuos ist, fur unsinnig wurde gehalten werden, wenn er solche Virtuosenstreiche machen wollte, ohne einer zu seyn, aber bei diesen gehort es mit zu ihrem Wesen, dass sie dann und wann etwas seltsames von sich blicken lassen, und man muss es mehr unter ihre Tugenden als Fehler rechnen, grosse und beruhmte Leute durfen sich auch immer etwas mehr herausnehmen als andere, und ihre Fehler sind wie die Narben, die manche Gesichter mehr verschonern als verstellen. Unsre Zeiten sind nicht arm an Virtuosen, und unser Vaterland hat davon auch eine grosse Anzahl aufzuweisen. Viele davon kenne ich von Person, viele dem Namen nach, einige aus ihren Werken, einige sind mir auch ganz und gar unbekannt. Wenn sie freilich alle mit einem Stempel gezeichnet waren, wie die Geleitszeddel, so wurde man es jedem ansehen, wer ein Virtuose ist, oder dafur will gehalten seyn. Ich konnte viele mit Namen nennen und sie dadurch in hiesiger Gegend bekannt machen, doch weil ich sie nicht alle kenne, so will ich, damit es keinem verdrusst, alle, ausser einem einzigen, auf den ich eine Lobrede halten soll, mit Stilleschweigen ubergehen. Er heist Herr Handel, und soll, wenn anders den Zeitungen zu trauen ist, nicht mehr am Leben seyn. Ich habe ihn nie mit Augen gesehen, ob ich gleich in meinem Leben viel Leute gesehen habe; aber seit einiger Zeit habe ich von ihm reden horen, er soll ein Gastmahl des grossen Alexander Magnus so kunstlich in Musik gesetzt haben, dass einen alsbald zu hungern anfangt, wenn man dieses Stuck spielen hort. Man erzahlet uberhaupt von ihm, dass er durch die Harmonie der Saiten die Gemuthsneigungen der Menschen dergestalt hatte unterminiren konnen, dass jedermann nach seiner Pfeife habe tanzen mussen, und deswegen ist es ihm auch etwas leichtes gewesen, die Gunst der grossen Herren zu erhalten. Er durfte nur das Clavier unter seine Finger und das Pedal unter seine Fusse bekommen, so konnte er mit seinen Zuhorern machen, was er wollte, spielte er ein trauriges Stuck, so klang dieses erbarmlich, dass jedermann anfing zu weinen, spielte er lustiges, so hupften seine Zuhorer wieder wie die Aelstern, wollte er haben, dass sie sich sollten bei den Kopfen kriegen, so spiele er einen Marsch, und durch eine Aria war er im Stande sie wieder vollkommen zu besanftigen. Ob er ein Freund von neuen Moden gewesen, lasst sich nicht gewiss bestimmen, weil er aber am Hofe gelebt hat, so scheint es, dass er sich auch eben nicht ein altfrankisches Ansehen gegeben. Obgleich einige vorgeben wollen, er ware mit dem Zipperlein behaftet gewesen: so kommt mir dieses doch ganz unglaublich vor, weil ich noch nie einen Menschen gekennet habe, der davon einigen Anstoss erlitten, wenn er das Pedal fleissig getreten hat. Dieses mag fur dismal genug seyn von diesem Ehrenmanne, der unter die ansehnlichen Mitglieder dieser Akademie gewiss wurde seyn aufgenommen worden, wenn er nicht zu fruhzeitig aus der Welt hatte wandern mussen. Aus dem angefuhrten ist unschwer zu ermessen, dass ein Musikus nichts kleines ist, sondern dass man ihn vielmehr als ein Wunder der Natur betrachten und in Ehren halten muss. Es ist zu bedauren, dass nicht alle Leute dieses erkennen, sonst wurden sie nicht gegen einen Musikverstandigen so stolz thun. Mancher, der nicht im Stande ist einen Braten am Spiese herum zu wenden, bildet sich so viel ein, dass es Roth thate, ein Heufuder wich ihm aus, und gleichwohl nehmen sich solche Leute immer am ersten die Freiheit, Virtuosen zu beurtheilen, sie auszulachen, uns uber sie zu kritisiren. Es ist aber am besten gethan, wenn man sich von diesen Leuten nicht anfechten lasst, und dabei denkt wie Goldschmidts Junge. Das Reden kann man den Leuten nicht verwehren, auch der geringste Holzhacker redet oftmals nach seinem Holzhackerverstande, von den wichtigsten Staatsaffairen, dem ungeachtet verliehren diese dadurch nichts von ihrer Wichtigkeit.

* * *

Die Alterthumer in und um Durrenstein aufgesucht

und beschrieben, von Valentin Striegeln, Schulmei

ster daselbst.

Das Alter soll man ehren, dieses ist, hochansehnliche Versammlung, wie ihnen wohl wird bekannt seyn, eine alte Regel und auch eine lobliche und herrliche Gewohnheit, die aber, leider, nicht allezeit beobachtet, sondern vielmehr von der muthwilligen Jugend aus den Augen gesetzt und verachtet wird. Leute die es besser verstehen, haben diese Vorschrift bestandig vor Augen, sie ehren nicht nur die Alten, sondern auch alles was alt ist, oder doch von den lieben Alten herstammt. Meine selige Grossmutter hatte noch eine Patrontasche aus dem dreissigjahrigen Kriege, die ein Soldat, der bei ihr im Quartier gelegen, vergessen hatte, diese hielt sie in solchen Ehren, dass sie keinem andern Behaltniss als dieser ihr altes Geld anvertrauen wollte, und in der Erbschaft ist daruber ein solcher Streit entstanden, dass der Process viele Jahre gedauert hat, nachdem aber Richter und Advocaten sich in das alte Geld, das in solcher gewesen, ganz friedlich getheilet, ist die leere Patrontasche bei der Familie geblieben, wie denn solche noch bei mir als eine Seltenheit zu sehen ist. Das Alter ist kluger als die Jugend, es ist ehrwurdiger, ja es ist uberhaupt vollkommener, als das, was noch jung ist, oder doch noch nicht lange gedauret hat, aus dieser Ursache muss es also billig hoher geschatzt werden, als die Jugend. Man siehet unter andern dieses auch an dem alten Gelde, solches stehet in viel grosserm Werth als das neue; der alte Wein wird jederzeit dem jungen vorgezogen; die alte Liebe rostet nicht, nach dem bekannten Sprichworte, das ist, sie verloscht niemals ganz und gar, sondern glimmet immer fort wie das Feuer unter der Asche. Weil nun das Alter so ehrwurdig ist, so darf es niemanden verdacht werden, wenn man diejenigen Dinge, welche alt sind, und von unsern Vorfahren herstammen, besonders hochschatzt, sie oft betrachtet, und ihr Andenken zu erhalten suchet. Da nun das hochadliche Gerichtsdorf Durrenstein, einen besondern reichen Schatz von alten Ueberbleibseln und merkwurdigen Dingen aufzuweisen hat: so habe ich mir keine Muhe verdrussen lassen, von allen diesen Dingen genaue Erkundigung einzuziehen, um mich um diesen Ort, wo ich gebohren bin, und woselbst meine Vorfahren, seit der allgemeinen Volkerwanderung, gewohnet haben, einiger massen verdient zu machen. Billig sollte ich meine Untersuchung von der Kirche anfangen, da aber diese bei Menschengedenken, durch eine Feuersbrunst ist verzehret worden, und noch bis jetzo keine neue hat konnen erbauet werden, so ist von derselben nichts merkwurdiges ubrig geblieben, das unter die Antiquitaten konnte gezahlet werden, als das Kirchenbuch, welches, dem ausserlichen Ansehen nach, sehr alt ist, doch lasst sich das Jahr, in welchem solches in die Kirche ist gebracht worden, nicht bestimmen, denn die ersten Blatter sind herausgerissen, und die darauf folgenden sind, weil meine Vorfahren die Herren Schulmeister, vermuthlich oft zum Zeitvertreibe darinne studiret haben, dergestalt makuliret, dass man nur mit grosser Muhe ein und das andere Wort noch lesen kann. Uebrigens siehet man daraus, dass Kargfeld schon ehemals gelehrte Schulmeister gehabt; denn einer, der ungefehr vor hundert und mehr Jahren mag gelebt haben, hat alles, was sich in dem Dorfe merkwurdiges begeben, nicht nur fleissig eingetragen, sondern auch gelehrte Anmerkungen, Randglosslein und Verse hinzugesetzt, wie aus folgenden Beispiel zu ersehen. Den 20. Nov. das Jahr ist nicht hinzugefugt, wurde der grobe Flegel, Steffen der Schmidt, mit einer Leichenpredigt beerdiget. Hierbei sind folgende Verse am Rande zu lesen:

Hier liegt der Schmidt zu meiner Freud,

In dieser kleinen Grube.

Macht mir so manches Herzeleid,

Der arge bose Bube.

That einst mit einem eisern Stab

Viel Streiche auf mich fuhren.

Nun da er lieget in den Grab

Kann er kein Glied mehr ruhren.

Ein anders. Den 12 August liess Hanns Honiger, sonst vermuthlich Waldesel genannt, sein Sohnlein Hannsgen taufen, hatte ein loses Maul, dass ich dem grossen Herrn die Kirche nicht gleich eroffnet, wie er es haben wollen. Am Rande ist folgendes Glosslein zu lesen. Damit nicht jemand denkt, ich hatte diesem Manne obigen Namen aus Feindschaft aufgeburdet, so will ich beweisen, dass seine Vorfahren so geheissen haben. Sein Vater ist Thorschreiber gewesen, sein Grossvater ein Advocat, sein Urgrossvater ein Arzt, er stammt also aus einer gelehrten Familie. Da es nun sonst gebrauchlich gewesen, dass diese sich lateinische Namen gegeben, so haben es die Vorfahren dieses Mannes vermuthlich auch so gemacht, sie hiessen Waldesel und nennten sich lateinisch Onager, welches in der geschwinden Aussprache onger gleichsam oniger geklungen hat, hierzu ist mit der Zeit noch ein H gesetzt, und das o Wohlklangshalber, in o verwandelt worden, da habt ihr Honiger aus Onager ohne Schwurigkeit. Ich wende mich von diesem Buche zur Schulwohnung, welche nicht mit abgebrannt, und das alteste Haus im Dorfe ist, so voller Antiquitaten steckt dass das ganze Gebaude als ein Ueberbleibsel aus dem Alterthum angesehen werden kann, besonders da seit Menschengedenken nichts daran ist gebauet und gebessert worden, dass zu besorgen ist, es werde einmal unversehens uber Haufen fallen, und die Hoffnungsvolle liebe Schuljugend, nebst allen ubrigen Menschen und Vieh, so darinne sind, lebendig begraben. In diesem Schulhause ist noch bei Lebzeiten meines Vaters eine gebrochene Thur gewesen, welche die Eigenschaft an sich gehabt, dass sich an solcher eine Art von Gespenstern fruhe am Neujahrstage, wenn zum erstenmal in die Kirche gelautet worden, in Gestalt der Personen, welche das Jahr uber gestorben sind, haben blicken lassen, welche uber die untere Halfte der Thur hinein in das Haus gesehen haben, und alsbald darauf verschwunden sind. Hieraus haben die Schulmeister sogleich, einen Ueberschlag machen konnen, ob das Jahr fett oder mager an Accidenzien seyn werde. Doch seitdem diese Thur Anno Neune durch einen gewaltigen Sturmwind eingeworfen worden, und eine neue an deren Stelle kommen ist, will sich heut zu Tage Niemand mehr daran sehen lassen. An dem alten Kirchthurm soll ein Schallloch gewesen seyn, wo man, wenn man den Kopf hindurch gesteckt, alles horen konnen, was im ganzen Dorfe ist gesprochen worden, wenn die Leute auch gleich heimlich mit einander geredet haben, aber dieses Schallloch ist eben so wohl als der Thurm mit verbrannt. Der Wetterhahn auf den Thurme ist so kunstlich zugerichtet gewesen, dass er allezeit gekrahet hat, wenn der Schulmeister oder Schulze habe sterben wollen, oder wenn ein andres grosses Ungluck den Ort bevorgestanden hat. In der Nacht vorher, ehe das Feuer ausgebrochen, hat er auch dreimal laut gekrahet, dass er von vielen Leuten ist gehoret worden. Vor dem Dorfe auf dem Wege nach Kargfeld, rechter Hand stehen drei steinerne Kreuze, und man ist nicht einig, was sie eigentlich bedeuten sollen, einige sagen, es ware im dreissigjahrigen Kriege eine Schlacht bei Durrenstein gehalten werden, in welcher drei grosse Generals geblieben, die an dem Orte wo die Creuze stunden, waren beerdiget worden, andere sagen, diese Creuze waren in einer Nacht einmal aus der Erde gewachsen, wie die Schwamme, worauf der dreissigjahrige Krieg alsdenn entstanden ware. Einige schreiben denenselben allerlei Krafte zu. Wer zu dreimal dreienmalen um solche herumlaufen kann, und zwar in einem Othen, der soll einen grossen Schatz heben, der, wie man sagt, darunter verbogen liegt. Wer zornig ist und uber den grossten von diesen Steinen zwolf mal wegspringt, dem soll die Bosheit vergehen, etliche Innwohner probiren dieses auch mit ihren bosen Frauen, und nothigen sie daruber zu springen, so oft sie vorbei gehen, wovon sie unvergleichlich fromm werden sollen. Zwischen Durenstein und Schonthal auf halben Wege stehet der sogenannte Wunderbaum, welcher von einem unglucklichen Prinzen, der seine Liebste, die eine verwunschte Prinzessin gewesen, hier wieder angetroffen hat, und zum Andenken von ihm hieher soll seyn gepflanzet worden. Die Rede gehet, dass er, anstatt der Birnen, einmal Aepfel tragen wurde, und alsdenn wurden die Weiber in der ganzen Welt einen grasslichen Aufstand erregen, um sich die Manner unterthanig zu machen. Bei diesem Baume wurde eine grosse Schlacht gehalten werden, und obgleich die Weiber unterliegen wurden, so sollten sie doch die Herrschaft erhalten. Einige sagen, die Prophezeihung ware schon erfullt, andere, sonderlich Weiber, hoffen noch darauf, und meinen, die Prophezeihung musste nun bald eintreffen, weil der Baum, wegen grossen Alters, nicht lange mehr stehen konnte. Baldrion, der Wagner hat eine seltsame Antiquitat in seinem Hause, die er vorzeigt, wenn man ihm ein gut Wort giebt oder etwas zum Brandeweine spendiret. Es ist solches ein Nagel, womit sein Grossvater die Pest, welche damals in sichtbarer Gestalt als ein blauer Dunst im Dorfe herumgegangen, in einer Kammer seines Hauses in einen kleinen Spalt eingenagelt hat, dass sie nicht wieder herauskann. Der Nagel steckt noch in der Wand, und habe ich solchen oftmals gesehen. Desgleichen wird in der Gemeinenlade noch ein Pfefferkuchen gewiesen, der von dem Mehle gebacken ist, dergleichen es vorzeiten einmal hier geregnet hat. Da sich auch einen als sehr viele Wolfe in hiesiger Gegend haben sehen lassen, welche in den Schafereien grossen Schaden gethan, sonderlich auch den jungen Madchens nachgeschlichen, solche geherzt und gedruckt, aber ihnen sonst kein Leid zugefuget: so hat ein Madchen aus unserm Dorfe einem solchen Wolfe einsmals ein Ohr abgeschnitten, welches sich hernach in ein Menschenohr verwandelt hat, wie diese Geschichte in der Gemeindestube abgemahlt noch auf den heutigen Tag zu sehen ist. Eben daselbst in der Gemeinenlade finden sich auch einige Steine, mit welchen der Kobold, der in dem Gemeinde-Brauhause seine Wohnung vor Zeiten aufgeschlagen gehabt, nach den vorubergehenden Leuten geworfen, auch den dasigen Schulmeister, welcher mit Segensprechen ihn hat vertreiben wollen, eine solche Kopfnuss versetzet, dass er in einem Backtroge hat mussen nach Hause getragen werden. Auch konnte man mit unter die Alterthumer zahlen den ublen Geruch, der in der grossen Stube in Peter Langhansens Hause anzutreffen ist. Die Ursache davon ist diese: es waren einmal in dieser Stube in der Osternacht ein Haufen junger Leute, die fruh morgens wollten die Sonne tanzen sehen. Um Mitternacht kam der Bose mit seinem Pferdefusse und langen Schwanze unter sie getreten, und fragte, was sie da machten, als sie sich nun furchteten, und uber diesen hasslichen Anblick sich kreuzigten und segneten, ist er zwar bald wieder verschwunden, hat aber einen solchen Gestank hinterlassen, der noch immer nicht aus der Stube kann vertrieben werden, ob man schon mehr als einen Malter Wacholdern daruber verrauchert hat. Die Reisenden und Antiquarii pflegen sich aus Curiositat allezeit dahin zu verfugen, um von der Gewissheit dieser Sache Erkundigung einzuziehen, und bezeugen einmuthig, dass sich alles in der That so befinde, und diese Historie keinesweges unter die Mahrgen gehoret. Wenn ich weitlauftig seyn wollte, so konnte ich nun zu den lebendigen Antiquitaten schreiten, und die alten Greisse beiderlei Geschlechts, welche in unserm Orte ziemlich zahlreich anzutreffen sind, nach einander beschreiben. Weil dieses aber auch zu einer andern Zeit geschehen kann, so will ich es jetzo unterlassen, und nur uberhaupt anmerken, dass manche grosse Stadt nicht so viele alte Leute aufzuweisen hat, als unser Dorf. Deswegen stehet auch eine ehrbare Gemeinde in dem Rufe der Klugheit, wie denn andere Oerter, die grosser und ansehnlicher sind, wenn schwere und wichtige Handel vorfallen, bei uns sich Raths zu erholen pflegen. Auch verstehen sich unsere Leute meisterlich aufs Wetter, weil wir so viel hundertjahrige Calender aufzuweisen haben. Unser Durrenstein hat seit undenklichen Jahren, in Ansehung der Gerichtsbarkeit, zu der Familie unsers gestrengen Junkers des Herrn von N. gehort, und sich dabei ziemlich wohl befunden. Wir wunschen dahero nichts mehr, als eine rechtmassige Vermehrung und Fortpflanzung dieser adlichen Familie, von welcher unser gestrenger Junker der letzte Zweig ist. Deswegen wunschen wir ihm nicht nur eine junge Gemahlin, sondern hoffen auch, bei unsern Lebzeiten in diesem ehelichen Lustgarten so viele Sprosslein zu erblicken, als unser Dorf Alterthumer aufzuweisen hat.

XIX. Brief.

Herr Lampert Wilibald an den Pastor Loci.

Vom Hause, den 8 Dec.

Hochgeehrtester Herr Pastor,

Es ist eine Sache von ausserster Wichtigkeit, die mich nothiget, die Feder zu ergreifen, und Ihnen das schriftlich zu entdecken, was meine Bescheidenheit mundlich zu thun verbiethet. Der Buchstabe wird nicht schamroth, nach dem Ausdrucke des Furstens der Redner und Briefsteller aus dem Alterthume, ich aber wurde es werden, wenn ich Ihnen das mundlich, sagen sollte, was Sie schon lange wissen. Die verborgene Flamme, welche bisher nur unter der Asche geglimmet, und die Sie selbst weislich unterhalten haben, fangt nun an lichterloh zu brennen, und da ich in Gefahr stehe, davon verzehret zu werden, so rufe ich Sie um Hulfe an; denn Sie alleine sind im Stande, mich von dem Untergang zu befreien, der mich zu bedrohen scheinet. Ihnen ist die Neigung, die ich jederzeit gegen Dero wohlgezogene Jungfer Tochter gespuhret habe, zur Gnuge bekannt. Es ist Ihnen nicht unangenehm gewesen, wenn ich Ihnen verblumt habe zu verzu verehren. Jetzt ist es einmal Zeit, dass ich dieses Gestandniss, dass ich Jungfer Hannchen liebe, und keine andere, als sie, jemals fur meine Gattin erkennen werde, mit klaren durren Worten thue, die keiner Verdrehung unterworfen sind. Ich wurde mit dieser Erklarung noch eine Zeitlang hinter dem Berge gehalten haben, wenn eine gewisse Figur eines Rechtsgelehrten, der immer um die Pfarre herum schwarmet, mir nicht einige Unruhe machte, dass ich mich also genothiget sehe, Ihnen diese cathegorische Erklarung zu thun, dass ich Ihre Jungfer Tochter liebe, und mir hierauf eine cathegorische Antwort ausbitte. Ich sage Ihnen nichts neues, ehemals, da Jungfer Hannchen noch bey mir in die Schule ging, unterredeten wir uns bereits davon. Sie nahmen meinen Antrag zwar nur als einen Scherz an, und dachten nicht, dass ich als ein Philosoph in die Zukunft einen Blick werfen, und darinne mein Schicksal lesen konnte. Ich wendete allen moglichen Fleis bei diesem schonen Kinde an, um ihr die Grundsatze, welche man von einer tugendhaften Frau verlanget, wohl einzupragen, damit ich dereinst durch ihren Besitz mich fur den glucklichsten Mann auf der Erden schatzen konnte. Aus dieser Ursache wollte ich auch nie einiges Lehrgeld von Ihnen annehmen, weil ich mir feste vorgenommen hatte, diese Rahel Ihnen selbst abzuverdienen. Da Jungfer Hannchen die Jahre erreicht hatte, die sie meinem Unterrichte entzogen, unterliess ich nicht, meine Dienstleistungen gegen Sie zu verdoppeln. Wenn Ihre podagrischen Zufalle Sie abhielten, Ihr Amt zu verrichten: so war ich immer bereit, Sie zu unterstutzen, und seitdem Sie diese Bereitwilligkeit bei mir bemerkten, wurden Sie das Podagra fast niemals los. Endlich glaubte ich berechtiget zu seyn, mir wenigstens einige Hoffnung fur meine Bemuhungen machen zu durfen, und nahm mir die Freiheit, Ihnen den Vorschlag zu thun, mich bey Ihrem herannahenden Alter zu Ihrem Amtsgehulfen annehmen zu lassen. Weil Sie mir aber sagten, dass es damit noch Zeit hatte, und dass Ihnen der blosse Name eines Substituten unertraglicher ins Gehor fiele, als der argste Fluch, weil Sie eine solche Antipathie gegen diese Art Leute bey sich verspurten, dass Sie allezeit einen podagrischen Anfall bekamen, wenn sich einer von dieser Gattung Leute vor Ihnen blicken liess; so gedachte ich von diesem Vorhaben gegen Sie weiter nichts, und begnugte mich an Ihrer blossen Freundschaft und an dem Zutritte, den Sie mir in Ihr Haus verstatteten. Seitdem aber mein Principal auf meine geschehene Vorstellung gut befunden, so wohl an seiner Person als auch in seinem Hause verschiedene Veranderungen vorzunehmen, so haben Sie diese fur lauter Ketzereien gehalten, und ein besonderes murrisches Betragen gegen mich beobachtet, dass ich glaube, wenn Sie ein Ketzerlexicon schrieben, so wurde ich darinnen gewiss einen Platz bekommen. Doch weil ich Ihren wunderlichen Sinn mehr dem Alter als einem Hasse gegen meine Person beymass, so ertrug ich alles mit einer mehr als stoischen Gelassenheit, denn Sie gaben mir doch dann und wann wieder einen freundlichen Blick, wenn ich Ihnen Ihr Amt erleichtern half. Unterdessen habe ich seit einiger Zeit wahrgenommen, dass Jungfer Hannschen, wenn ich Sie besuche, so bald Sie ihr nur einen Wink mit den Augen geben, sich aus der Gesellschaft schleicht, oder wenn sie auch da bleibt, so prasentiret sie mir nicht mehr einen Fidibus, zum Zeichen, dass ich die Erlaubniss habe, in ihrer Gegenwart eine Pfeife Toback anzustecken; ja was das meiste, so hat sie seit einiger Zeit die Gewohnheit, unter meinen Predigten einzuschlafen, oder gar nicht in die Kirche zu kommen. Sie will auch keinen Spass mehr von mir vertragen, und meine lustigen Einfalle, die ich dann und wann habe, wenn ich auf guter Laune bin, werden von ihr nicht mehr belacht, oder wenn sie ihnen den Beifall nicht versagen kann, so nimmt sie eine so gezwungene lachelnde Mine an, dass ich daraus deutlich abnehmen kann, dass ihre Gesinnungen gegen mich die sind, die sie ehmals waren. Aus allen diesen Umstanden kann ich fur mich eben nichts vortheilhaftes schliessen, und diese Dinge befremden mich um so mehr, je weniger ich mir etwas vorzuwerfen habe, dadurch ich eine Kaltsinnigkeit verdienet hatte. Da Sie mir nun niemals verbothen haben, Ihre Jungfer Tochter zu lieben, so mache ich daraus den sichern Schluss, dass ich hierzu Ihre Einwilligung erhalten habe, denn qui tacet, consentire videtur, ja Sie haben mich einmal offentlich auf dem Schlosse allhier, da Sie den Wein mit ausproben halfen, den die fremden Truppen bei ihrer Retirade im Stiche gelassen, mit dem Namen eines Sohnes beehret. Sie werden sich noch zu erinnern belieben, dass Sie einmal sagten: Herr Sohn, wir thun des guten zu viel, ein andermal ein mehreres; ich habe zur Gnuge, lieber Herr Sohn. Solche gunstige Adspecten, verliehre ich nicht gern aus dem Gesichte, und trug dahero dieses schmeichelhafte Compliment sogleich in mein Diarium ein. Nun hoffe ich zwar nicht, dass Sie Ihre Neigung von mir abgewendet haben, allein da mir seit einiger Zeit eines und das andere zu Ohren kommen ist, dass ich mich weder in Sie noch Dero Jungfer Tochter zu finden weiss; so habe ich nothig gefunden alles, was in dieser Sache unter uns vorgegangen, durch eine kurze Wiederholung Ihnen wieder ins Gedachtnis zu bringen, damit, wenn missgunstige Leute Sie bereden wollten, auf die Hinterbeine zu treten, wie man zu sagen pflegt, Sie sich eines bessern besinnen, und mir Ihr Wort halten, widrigenfalls wurden Sie einen schweren und langwierigen Process mit mir bekommen, welchem Sie doch gramer sind als einem Substituten. Aus dieser Absicht, und damit ich weiss, wie ich meine Maassregeln einzurichten habe, will ich hierdurch in optima forma um Ihre Jungfer Tochter nochmals anhalten, und versehe mich bald einer schriftlichen oder mundlichen Antwort, die, wie ich hoffe, mein Gemuth, das durch allerlei Geruchte aus dem Gleichgewichte ist gebracht worden, wiederum beruhigen werde. Ich thue Ihnen zugleich nochmals den Vorschlag, mich zu Ihren Amtsgehulfen anzunehmen, und damit Sie sehen, dass mich nicht der Eigennutz hierzu antreibt, so will ich hiermit Verzicht auf alle Pfarreinkunfte thun, so lange Sie am Leben sind, welches der Himmel noch lange bewahren wolle. Mein Principal ist entschlossen, mir die Function, worinnen ich gegenwartig stehe, zu lassen, folglich kann ich mich wohl ernahren. Hannchen wird als meine Frau Ihnen nicht einen Heller mehr Aufwand machen, als jetzo, da sie Ihre Jungfer Tochter ist, sie bleibet an Ihrem Brode und fuhret Ihr Hauswesen. Wegen der zu hoffenden Posteritat durfen Sie sich keine Sorge machen, ehe es so weit kommt, kann sich vieles andern, findet sich indessen das Hasgen, so findet sich auch das Grasgen. Ich getraue mir ubrigens die Pflichten eines Amtsgehulfen von Ihnen, eines Haushofmeisters und eines Hausvaters ganz commod, und ohne dass eine der andern Eintrag thut, zu erfullen. Dass die von den beyden ersten Gattungen sich wohl mit einander vereinigen lassen, davon habe ich Ihnen schon gnug Beweise gegeben, und mit der letztern hat es ohnedem keine Schwurigkeit. Machen Sie mich durch eine Antwort nach meinem Wunsche so vergnugt, als ich Ihre Jungfer Tochter fur die ubrige Zeit ihres Lebens vergnugt zu machen gedenke, und geben Sie mir die Erlaubniss, dass ich mich in der That nennen darf

Ihren

gehorsamen Sohn

M.L.W.

XX. Brief.

Herr Wendelin der Aeltere an Herrn L. Wilibald M.

Vom Hause den 8 Dec.

Als einsmals der grosse Alexander mit dem Darius, Konige in Persien, Krieg fuhrte, schickte der letztere dem ersten einen Beutel mit Mohnsaamen, und liess ihm sagen: Siehe, so viel streitbare Manner kann ich gegen dich ins Feld fuhren, als du hier Mohnkornlein vor dir siehst. Alexander nahm eine Handvoll in den Mund, und indem er sie verzehrte, sagte er: Die Anzahl ist gross, aber die Kraft ist geringe. Hierauf schickte er dem Darius einen Beutel voll Pfefferkorner zur Vergeltung seines Geschenkes, und liess ihm sagen: Versuche diese, die Anzahl ist geringe, aber die Kraft ist desto grosser. Sie kommen mir vor, wie der Darius, Sie schutten einen ganzen Sack voll Dienstleistungen und Gefalligkeiten vor mir aus, die Sie mir wollen erwiesen haben. Ich kann nicht in Abrede seyn, dass nach Ihrer Rechnung eine grosse Anzahl herauskommt, doch die Erheblichkeit davon ist nicht grosser als die Kraft des Mohnsaamens. Wenn ich mit Ihnen eine Abrechnung halten wollte, so konnte ich die Gefalligkeiten, die ich Ihnen erwiesen habe, von vielen Jahren her erzahlen, und Ihren kleinen Dienstleistungen, die Sie mir wollen erwiesen haben, entgegen stellen. Sind jene an der Zahl nicht so gross, so sind sie es in Ansehung der Wichtigkeit, dass ich sie wohl mit den Pfefferkornern des Alexanders vergleichen kann. Legen Sie einige Proben meiner Gewogenheit auf die Zunge einer gesunden Prufung, um ihnen einen Geschmack abzugewinnen, so werden Sie finden, dass sie kraftiger und vortrefflicher sind, als alle Ihre kleinen Bemuhungen fur mich, die Sie grosstentheils freiwillig ubernommen haben, und dafur ich Ihnen nur aus Hoflichkeit bin verbunden gewesen. Ich sehe dahero gar nicht ein, aus was fur einem Grunde Sie eine Belohnung verlangen, wie der Erzvater Jacob; Sie haben mir meine Rahel noch lange nicht abverdienet und werden sie auch ihr Tage nicht verdienen. Nehmen Sie nicht ubel, dass ich dieses rund heraus sage, ich bin nicht fahig mich zu verstellen, ich rede so wie ich es meine. Zwar kann ich nicht umhin, die christliche Absicht die Sie gegen meine Tochter hegen, mit Danke zu erkennen, und ich wollte wunschen, dass ich mich im Stande sahe, Ihnen zu willfahren; allein da Sie jetzt noch keine Versorgung haben, denn was Ihren Vorschlag betrifft, sich mir substituiren zu lassen, so heisst es damit, wie gebethen, abgeschlagen; da auch uber dieses meine Tochter zu Ihnen keine besondere Neigung spuhret, ob sie Sie gleich ubrigens in Ihren Wurden lasst; hiernachst sehr gefahrlich scheinet, wenn ich einem Menschen mein Kind anvertrauen wollte, der die gefahrlichsten und irrigsten Grundsatze heget, wodurch ein schwaches Werkzeug leichtlich kann verfuhret werden: so konnen Sie leicht selbst den Schluss machen, dass wir wohl nie genauer werden vereiniget werden, als durch das Band der Freundschaft, wenn dieses noch bey Ihren Grundsatzen langer bestehen kann. Mein unmassgeblicher Rath ware also dieser, sie sahen sich nach einer andern Parthie um, oder verbanneten noch so lange die Heirathsgedanken aus Ihrem Gemuthe, bis Sie eine Frau ernahren konnten.

Einigermassen finde ich mich von Ihnen beleidiget, dass Sie mir meine Tochter abdringen wollen, wenn Sie mir unter die Augen sagen, dass Sie bereits meinen vaterlichen Consens, sie zu heirathen, stillschweigend erhalten hatten. Sie missdeuten ein unschuldiges Wort, das Sie einmal von mir aufgefangen haben, und ziehen daraus einen hochstirrigen Schluss. Ich will nicht in Abrede seyn, dass ich Ihnen einmal den Namen eines Sohnes beigelegt habe, wiewohl ich mich dessen nicht erinnere: Ich habe es aber nicht in der Absicht gethan, wie Sie sich einbilden. Habe ich Sie so genennet, so ist dieses in Ansehung meines Alters geschehen, das mich berechtiget, Sie, der Sie junger sind als ich, eher einen Sohn als Bruder zu nennen, und dadurch habe ich Ihnen nur meine Freundschaft bezeigen wollen. Damit Sie sehen, dass aus diesem Worte gar nichts zu machen ist, so will ich Ihnen nur das rechte Verstandniss eroffnen. Wenn ich Sie meinen Sohn nenne, so betrachte ich Sie allezeit als meinen Beichtsohn, und in diesem Verstande nenne ich auch den Schafer und den Nachtwachter meinen Sohn. Gesetzt, aber nicht zugegeben, dass ich einmal nicht abgeneigt gewesen ware, Sie zu meinem Eidam anzunehmen, so waren Sie damals noch nicht von dem schadlichen und gefahrlichen Gifte der Irrthumer, die Sie jetzt offentlich verteidigen, angesteckt, wenigstens brauchten Sie mehrere Vorsichtigkeit, Ihre gefahrlichen Meinungen zu verbergen. Weil ich Ihnen nichts boses zutraute, so verstattete ich Ihnen dann und wann, zu Ihrer eignen Uebung eine Predigt abzulegen, und diese Gefalligkeit, die ich Ihnen hierinne erwies, rucken Sie mir nun mit Unrecht als eine grosse Dienstleistung auf. Wenn ich gewusst hatte, was in Ihrem Herzen verborgen war, so hatte ich Sie niemals die Canzel betreten lassen, noch vielweniger wurde ich die theuren Pfander meiner Ehe Ihrem Unterrichte anvertrauet haben. Meinen Sohn haben Sie vollig verdorben, er disputirt mit mir oftmals von Dingen, die gar nicht in seinen Kram gehoren, und wenn ich ihn frage, wo er die verdammten ketzerischen Argumente her hat, die er mir vorleget, so giebt er zwar vor, dass er diese schonen Sachelgen auf der Universitat gelernet habe: aber ich weiss es besser, von Ihnen kommt dieser Unrath. Unsere Universitaten sind, Gott Lob, noch nicht so verderbt, wie es ehemals die hohe Schule zu Paris war, wo der Satan in eigener Person soll gelehret haben. Wenigstens kann ich mir nicht einbilden, dass heutiges Tages solche Dinge auf hohen Schulen gelehret werden, wie Ihnen im Kopfe stecken. Halten Sie mir diesen Eifer zu gute, es ist ein gerechter Amtseifer. Meinem Madchen haben Sie auch, wie ich jetzt inne werde, verschiedene seltsame Dinge in den Kopf gesetzt, dass ich das Unkraut, das Sie gesaet haben, nun mit vieler Muhe wieder ausrotten muss. Sie hat sich noch niemals unterstanden sich mir zu opponiren, aber jetzt thut sie es auch wie ihr Bruder. Da ich neulich das gottlose Buch, wodurch unser Herr Kirchpatron eben so wie Sie in viele gefahrliche Irrthumer ist gesturzet worden, bei ihr gewahr wurde und mit Recht vermuthete, dass sie leichtlich mit dem pestilenzialischen Gifte der Neuerungen und Thorheiten, wozu dieses Buch verfuhret, konnte angestecket werden, so wollte ich ihr solches nehmen und in den Ofen schmeissen. Sie unterstund sich aber, nicht nur mich davon abzuhalten und sich meinem Vorhaben zu widersetzen, sondern hatte auch die Verwegenheit, die Lehrsatze und den Innhalt desselben zu vertheidigen, ja mir sogar zuzumuthen, ich sollte die Skarteque, die so vieles Ungluck in hiesigem Orte und besonders auf dem Edelhofe angerichtet hat, selbst lesen. Ich bezeigte ihr aber uber diese Zumuthung einen solchen Eifer und erklarte ihr das vierte Gebot so scharf, dass sie sich seitdem nicht unterstanden hat, wieder einen Blick in das leichtfertige Buch zu thun. Urtheilen Sie hieraus selbst, ob ich Ihnen so grossen Dank schuldig bin als Sie glauben, und ob Sie eine solche Belohnung, welche Sie von mir verlangen, verdienet haben oder jemals verdienen konnen. Meine Kinder haben Sie mit Irrthumern angefullet, und ich bin froh, dass ich zu rechter Zeit hinter Ihre Schliche gekommen bin, damit Sie nicht noch die ganze Gemeinde verfuhren. Nach Ihrem bisherigen Betragen, wenn Sie auch entschlossen waren Ihre Auffuhrung zu andern, werde ich Ihnen nie auf eine andere Art den Namen eines Sohnes ertheilen konnen, als wie Sie ihn bereits erhalten haben. Meine Tochter ist nicht fur Sie und Sie nicht fur meine Tochter, ich wiederhole dieses nochmals. Mit dieser Antwort beruhigen Sie Sich, ohne weiter in mich zu dringen, ich sage es Ihnen zum Voraus, dass alle Ihre weitern Bemuhungen werden, fruchtloss seyn. Gedenken Sie indessen eine Anforderung an mich zu haben, die gerecht und billig ist, so kommen Sie zu mir, wir wollen unsere Rechnungen gegen einander machen und zusehen, wer dem andern herausgeben muss.

Weil ich doch einmal die Feder ergriffen habe, so will ich dieser Gelegenheit mich bedienen, Ihnen im Vertrauen zu entdecken, dass Sie Sich und Ihrem Patron keine Ehre durch die Neuerungen machen, die Sie seit einiger Zeit hier angefangen haben. Sie dienen jedermann zum Gelachter, und die Leute weisen mit Fingern auf Sie. Neulich kamen ein paar Reisende zu mir, die mit Fleiss durch hiesigen Ort ihren Weg genommen hatten, um, wie sie sagten, den seltsamen Magister zu sehen, der sich durch allerlei lacherliche Possen so hervor thate, dass man von ihm in der ganzen Gegend sprache. Ein guter Freund von mir, der sich auf der Akademie aufhalt, wo sie promoviret haben, berichtete mir neulich, dass die philosophische Facultat Ihnen den Gradum nebst dem Magisterringe, den Sie mit so vielen Stolze am Finger fuhren, wieder abzufordern im Begriff ware. Ich kann Ihnen nicht verhalten, dass Sie diese Beschimpfung wohl verdienten. Gewissenswegen rufe ich Ihnen zu: Lassen Sie ab von den Neuerungen, die nur Schaden anrichten und unsere Gemeinde verwirren. Sie haben bisher viel bose Thaten ausgefuhrt: unsern Kirchthurm haben Sie um eine Glocke gebracht; den Schulmeister bei Ihrem Patron so eingeschwarzt, dass der arme Mann bald einmal Prugel bekommen hatte, welches er mir mit Thranen geklagt. Der Gemeinde haben Sie viele neue Frohnen aufgeburdet, der Bader hat Ihretwegen ins Loch kriechen sollen, jetzt martern Sie die armen Schuldiener in der Nachbarschaft, dass sie wochentlich einen beschwerlichen Weg thun mussen, dabei bilden Sie ihnen wunderliche Dinge und einen seltsamen Stolz ein, dass sie sich gegen ihre Pfarrherren auflehnen und nicht mehr Gehorsam leisten wollen. Mit einem Worte, Sie fangen so viel Unheil an, und ich muss taglich so viel Klagen uber Sie horen, dass, wenn dem Unwesen nicht bald gesteuret wird, der ganzliche Ruin unsrer Gemeinde dadurch zu befurchten stehet. Ich will zwar von Ihnen nach der christlichen Liebe das beste hoffen, und zweifle noch nicht an Ihrer Besserung; aber ich kann nicht umhin, Ihnen die Gedanken zu eroffnen, worinne ich stehe, dass Sie vielleicht gar unter dem Scheine, einige unwissende Leute gelehrt zu machen, eine alte Ketzerei, wovon Sie, wie es scheinet, vollstecken, unter diesen einfaltigen Leuten aufwarmen wollen. Ich warne Sie als ein guter Freund, von diesem bosen Vorhaben abzustehen, oder ich kann Ihnen nicht gut dafur seyn, dass Sie sich durch solche gefahrliche und weitaussehende Dinge viel Verdruss und Unheil zuziehen werden. Der ich ubrigens, wenn Sie angeloben, sich zu bessern, verharre

Ihr

aufrichtiger Freund

W e n d e l i n P.L.

XXI. Brief.

L. Wilibald an Jungfer Hannchen.

den 10 Dec.

Meine Schone,

Ob ich gleich noch nicht so glucklich bin, Sie zu besitzen, so nenne ich Sie doch, in guter Hoffnung, die meinige. Ich zweifle nicht, dass Sie fur Ihren demuthigen Verehrer noch immer die Gewogenheit haben, die Sie jederzeit gegen mich haben spuren lassen, wenn gleich ein grausames Schicksal, welches mich verfolgt, Sie mir zu entziehen drohet. Ich habe es Ihnen mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass ich Sie allen moglichen und allen wirklichen Frauenzimmern auf der ganzen Welt vorziehe, und ob Sie gleich, nach Ihrer Schamhaftigkeit sich immer gestellet haben, als wenn Sie meine Sprache nicht verstunden: so bin ich doch jederzeit scharfsinnig gnug gewesen, einzusehen, dass Ihre liebenswurdige Unwissenheit, die Sie annahmen, nichts anders als eine Verstellung war. Ware ich Ihnen missfallig gewesen, so hatten Sie gewiss nicht Stand gehalten, wenn ich Ihnen unter dieser oder jener Einkleidung meine Neigung zu versteters als Ihr eigenes, gab mir zu verstehen, dass ich solches zu meinem Vortheil auszulegen hatte, ich habe dieses nach den Regeln einer gesunden Erklarungskunst gethan, und habe mich nicht getauschet. Ich erwarte nur einen gunstigen podagrischen Anfall Ihres Herrn Vaters, der ihn, nach meiner Vermuthung, zu der Entschliessung bringen wurde, mich zu seinen Substituten und zu Ihrem ehelichen Gehulfen anzunehmen; allein da dieser gewunschte Zufall sich nicht nach Wunsche hat ereignen wollen, so scheint mein Unstern das Gluck, welches ich in kurzer Zeit zu besitzen hoffte, mir aus den Handen winden zu wollen. Ich habe in Erfahrung gebracht, dass der Hochadliche Gerichtshalter zu Schonthal, nicht nur lange ein Auge auf Sie gehabt, sondern auch dieses ohnlangst Ihrem Herrn Vater zu verstehen gegeben hat. Im Anfang, da mir diese Nachricht zu Ohren kam, lachte ich nur daruber, ich sagte bei mir selbsten: von diesem habe ich nichts zu furchten, Herr Wendelin ist ein verstandiger Mann, und Jungfer Hannchen so klug als schone, der gute Advocate wird alle seine Fechterstreiche vergebens anwenden, und als ein Jurist mir, der ich zur theologischen Facultat gehore, den Vorzug lassen mussen. Diese Monade von einem Rechtsgelehrten schien mir zu klein, dass ich mir seinetwegen den geringsten sorgsamen Gedanken hatte sollen einfallen lassen. Aber wider mein Vermuthen wurde ich gewahr, dass, seitdem er anfing bei Ihnen anzubauen, ich in Ihrem Hause nicht mehr so wohl als vorher gelitten war. Ich schob dieses zwar auf das wunderliche Alter Ihres Herrn Vaters und auf seinen ubertriebenen Eifer, mit welchem er die guten Anstalten, welche ich seit einiger Zeit auf dem Edelhofe gemacht habe, anzutasten pfleget, endlich, dachte ich, wird die gute Sache doch siegen und den Herrn Pastor Wendelin uberzeugen, dass man ein guter ehrlicher Mann, und dabey ein starker Zelot fur das Vorurtheil seyn kann; doch da mir gesteckt wurde, dass die Kaltsinnigkeit aus einem andern Grunde herruhrete: so dachte ich, hier liegt die Schlange im Grase, es ist Zeit, dass ich aufwache und mein Recht behaupte. Von Ihnen, schones Hannchen, bin ich vollig uberzeugt, dass Sie mir jetzt gewogener sind, als da Sie bei mir in die Schule giengen, und dass Sie die Treue, die mir Ihre schonen Augen geschworen haben, nicht brechen, noch vielweniger als die Tochter eines Geistlichen diesen Stand so sehr verachten werden, dass Sie ihr Herz einen Mitgliede desselben entziehen und es an einen Rechtsgelehrten schenken sollten. Ich weiss aber, welchen gefahrlichen Nachstellungen junge Frauenzimmer unterworfen sind, und wie leicht sie in ihren Entschliessungen konnen wankend gemacht werden. Erlauben Sie dahero, dass ich Ihnen, da Sie doch lauter gelehrte Liebhaber haben, alle Gattungen derselben mit wenig Worten schildere, damit Sie hieraus beurtheilen konnen, welche Parthei Sie zu erwahlen haben, und welcher Stand sich fur Sie am besten schickt. Ich habe Ihnen mehr als einmal gesagt, da Sie noch meinem Unterrichte anvertrauet waren, dass es, nach den Sprichwort, verschiedene Arten von Krebsen giebt, und so ist es auch mit den Gelehrten, es giebt unter ihnen verschiedene Gattungen, welches Sie auch daher schlussen konnen, wenn Sie nur einige Gelehrte in ihren Verrichtungen gegen einander halten. Zum Exempel, Ihr Herr Vater ist ein Gelehrter und kann keine Processe vertragen, der Gerichtshalter ist ein Gelehrter und nahrt sich von Processen, kann aber nicht predigen. Ich bin ein Gelehrter und kann nur, vermoge meiner Wissenschaft, den Verstand bessern, aber nicht die Gesundheit des Korpers, der Herr Doctor aus H. kann die Gesundheit des Korpers verbessern, aber nicht den Verstand, und ist doch gleichwohl auch ein Gelehrter. Sie sollen demnach wissen, dass es viererlei Gattungen von Gelehrten giebt, die vornehmsten sind die Theologen, oder die Geistlichen, gegen diese habe ich Ihnen jederzeit Hochachtung eingepraget. Sie geben auf Akademien oben an, wie denn auch auf dem Lande der Pfarrer der vornehmste Mann im Dorfe ist, wenn kein Edelmann oder ein Amtmann daselbst wohnet. Die Geistlichen sind weise, verstandige, gelehrte Manner, die sich zu der Wissenschaft schicken, der sie sich widmen. Sie thun Niemand etwas zuwider, sondern haben mit jedermann Friede und bucken sich vor dem armsten eben so tief als vor Reichen und Vornehmen. Gegen das Frauenzimmer sind sie selten unempfindlich, sie verehren das schone Geschlecht vielmehr aufs ausserste. Wenn sie sich verheirathen, so haben ihre Gebietherinnen bei ihnen die beste Zeit, ob sie gleich allen Mannspersonen bei der Trauung die Erlaubniss geben, uber ihre Weiber zu herrschen, so begeben sie sich dieses Vorrechtes gemeiniglich freiwillig, und beobachten gegen sie einen genauen Gehorsam. Daher kommt es, dass die Weiber der Geistlichen, weil es ihnen so wohl gehet, allezeit hubsch bleiben und niemals vor der Zeit alt werden. Die Ehen der Geistlichen sind auch ordentlich sehr gesegnet und dauren gemeiniglich lange. Ueberhaupt ist es eine allgemeine Anmerkung, dass man ein Frauenzimmer, das einen Geistlichen geheirathet hat, niemals hat klagen horen. Die Rechtsgelehrten sind von ganz anderm Schlage. Anstatt dass alle ubrigen Wissenschaften sich mit Aufsuchung der Wahrheit beschaftigen, so bemuhen sich diese die Wahrheit zu unterdrucken, sie sind derselben so gram wie die Fischer den hellen und klaren Wassern, diese machen solche mit Fleiss trube und jene suchen mit Fleiss die Wahrheit zu verstecken. Alle ubrigen Wissenschaften beschaftigen sich ferner mit dem Besten der menschlichen Gesellschaft, um solche zu erhalten und zu befestigen; die Advocaten und Sachwalter lernen ihre Kunste nur, um Zank und Streitigkeiten unter den Menschen anzuspinnen, oder die entstandenen Irrungen zu vermehren und zu vergrossern. Wenn die Menschen es mit einander abredeten, nur ein einziges Jahr in Ruh und Friede zu leben, so wurde die ganze juristische Facultat noch vor Ablauf desselbigen durch den Hunger erloschen seyn, und man wurde auf den Gassen nicht mehr mir so grosser Behutsamkeit gehen mussen, um nicht Gefahr zu laufen, an einen Advocaten, Gerichtshalter, Sachwalter und dergleichen schadliche Leute anzustossen. Ein Process wurde alsdenn nicht langer als eine Stunde dauren, da ihn jetzt die Rechtsgelehrten viele Jahre gangbar zu erhalten wissen. Weil diesen Leuten die Wahrheit so verhasst ist, so darf man sich nicht wundern, wenn sie solche meiden und sich wohl huten ein wahres Wort aus ihrem Munde gehen zu lassen, das nicht mit Unwahrheit wohl durchwurzt ist. Durch die lange Uebung werden sie wahrhafte Sceptici, die da zweifeln, ob etwas wahres in der Welt anzutreffen ist. Man kann ihren Worten folglich nicht trauen, sie sind wie der Alte in der Fabel, der in seine Hand blies, um sie zu erwarmen, und eben das that, um seine Suppe kalt zu machen, sie vertheidigen mit eben dem Munde heute eine Sache, die sie morgen aus allen Kraften bestreiten, was morgen Recht ist, muss heute Unrecht seyn, und was heute gleich ist, das ist morgen krumm. Das Frauenzimmer hat von diesen Leuten alles zu befurchten, weil sie eine Gabe haben, durch ihre Beredsamkeit die Wahrheit zu unterdrucken und die Unwahrheit auf ihren Thron zu setzen, so ist es ihnen leicht, die Begriffe von Ehre und Tugend nach ihren Gutdunken einzurichten, folglich ist die Reputation eines Frauenzimmers allezeit in Gefahr, wenn sie einem Rechtsgelehrten anvertrauet wird. Ihre Treue und ihre Eidschwure sind wie die Lufterscheinungen, die der geringste Wind verjaget. Sie lieben indessen das schone Geschlecht, wie die Schmetterlinge die Blumen, diese setzen sich in einem Garten bald auf dieses bald auf jenes Blumchen, verlassen solches aber hierauf wieder und kehren niemals zu eben demselben zuruck. Die Frau eines Rechtsgelehrten ist eine ungluckliche Creatur, in den ersten Monat der Ehe muss sie alle Advocatenstreiche wissen und ausuben konnen, wenn sie nicht eine sehr armselige Figur machen will. Sie muss lugen, sie mag wollen oder nicht. Ihr Mann darf niemals zu Hause seyn, wenn der Client mit leerer Hand erscheinet; er muss beschaftiget seyn, wenn der Cliente ein Lamm kneipt, dass es schreien muss; lasst er aber einen Ochsen brummen, so ist der Herr zu Hause, der Client hat die gerechteste Sache von der Welt, und die Frau setzt ihre Ehre zum Pfande, dass der Process gewonnen wird. Die dritte Gattung der Gelehrten sind die Aerzte, das sind diejenigen Leute, die Sie so sehr furchten, und in der That sind sie allen lebendigen Geschopfen furchtbar, wo nicht auch den leblosen. Ihre Kunst bestehet darinne, die Gesunden krank, die Kranken todt oder gesund zu machen. Wer gesund unter ihre Hande fallt, der muss so lange schropfen, aderlassen und purgiren bis er krank wird, und ein Kranker muss sich ihren Gesetzen so lange unterwerfen, bis er gesund oder todt ist. Man hat seit langen Jahren nicht gehoret, dass die Aerzte einen Patienten verlassen haben, um die Schande zu vermeiden, dass sie die Krankheit nicht heben konnten, kuriren sie ihre Patienten, wenn sie nicht wollen gesund werden, gar zu Tode. Denn alsdenn kann man ihnen nicht vorwerfen, dass die Krankheit noch fortdauern sollte, und mithin ist sie gehoben. Nebst dieser Neigung zum kuriren besitzen sie auch noch die, alles auswendig und innwendig zu begucken, von der Mucke bis zum Elephanten ist alles ihrem anatomischen Messer unterworfen. Alles was Leben und Othem hat und in die Gewalt eines nachforschenden Medici fallt, muss seiner unersattlichen Neugierde zum Opfer dienen, und ist dem Schicksal unterworfen, das die Fliegen haben, wenn sie sich in eine Spinnewebe verwickeln, nur mit dem Unterschiede, dass die Spinnen nicht so erfindungsreich an Martern sind, ihre Feinde umzubringen, als die Aerzte, allerlei Thiere hinzurichten. Was sollte sich nun wohl ein Frauenzimmer zu einem Manne zu versehen haben, der sich ein Vergnugen daraus macht, Menschen und Vieh zu martern? In der That, es gehoret eine grosse Entschliessung dazu, einen Arzt zu lieben, nicht zu gedenken, dass er bei dem geringsten Zwist, oder wenn er es nur sonst rathsam findet, durch ein kleines requiescat in pace sich von seiner Gattin losmachen kann; wenn es ihm nur behebet, so hat die Frau eines Arztes zehnerlei Verrichtungen mehr auf sich als eine andere. Sie muss Pulver reiben, Wurzeln schneiden, Schachteln und Glaser verpetschiren, Pillen vergolden, Tropfen distilliren und doch dabei alle Pflichten einer ehelichen Gehulfin erfullen. Hierzu kommt noch die strenge Diat, die sie beobachten muss. Alle Leckerbisgen, die dem Manne uberaus wohl bekommen, sind der Frau schadlich. Er trinkt Coffee, sie bekommt Krauterthee. Er trinkt Wein und fur sie bereitet er einen Habertrank. Er lasst fur sich sieden und braten, sie verzehret eine Wassersuppe und Salat.

Die vierte Classe der Gelehrten bestehet aus Philosophen. Diese werden zwar unter den Gelehrten fur die Geringsten, dem Range nach, gehalten, aber in Ansehung der Verdienste, sollten sie neben den Theologen stehen, und so war es auch ehedem bei den Alten, da waren die Philosophen freie Leute, die Aerzte aber Knechte, die Rechtsgelehrten waren damals unter den Gelehrten noch nicht zunftig, und hatten also keinen Rang. Seitdem aber diese beiden Gattungen der Gelehrten ihr Haupt mit vielem Stolz empor gehoben haben, so ist es den guten Weltweisen ergangen, wie den holzernen Wegweisen an den Strassen, diese zeigen jedermann den rechten Weg und kommen selbst niemals von der Stelle. Unterdessen obgleich die Philosophen keinen grossen Rang haben, so sind sie doch angesehene Leute und es stehet beinahe das ganze Reich der Gelehrsamkeit ihnen zu Gebothe. Ihre Wissenschaft ist einer Zauberei ahnlich, sie kennen die Leidenschaften der Menschen aufs genaueste, es ist ihnen also leicht, bald diesen bald jenen Affect zu erregen. Dahero sind sie auch gemeiniglich in der Liebe glucklich; alle Wege, sich in das Herz der Schonen einzuschleichen, sind ihnen bekannt, sie wissen durch ihren Verstand und Witz das schone Geschlecht zu bezaubern, dass ihnen ein Madchen selten aus dem Garne gehet, wenn sie auf Eroberungen ausgehen. Diese Leute sind um deswillen auch bey dem Frauenzimmer wohl gelitten, weil sie eben so schwatzhaft sind als die Schonen, und sich dahero vollkommen zu ihnen schicken, uber dieses verehren sie das schone Geschlecht aufs ausserste. Wenn alle Frauen Sklavinnen ihrer Manner sind, so sind die Frauen der Philosophen Koniginnen. Sie durfen es wagen die philosophische Gelassenheit ihrer Manner zu prufen, ohne daher nachtheilige Folgen zu erwarten. Sokrates, einer der vortrefflichsten Weltweisen aus dem Alterthume, hatte eine solche Ehetirannin, die ihr Andenken durch ihre Bosheiten gegen ihren Herrn bis auf unsre Zeiten erhalten hat. Da sie einsmals diesen Weltweisen durch eine Ladung von Schmahreden zwang, sein Haus zu verlassen, und ihm noch darzu ein Geschirr voll unreines Wasser uber den Hals goss, liess dieser Weltweise hieruber keine andere Empfindlichkeit spuhren, als dass er zu seinen Freunden sagte: ich dachte wohl, dass auf dieses Ungewitter ein Platzregen folgen wurde. Sehen Sie, schones Hannchen, das ist ein kurzer Abriss aller Gattungen der Gelehrten und ihres Betragens gegen die Schonen. Ich bin versichert, dass Sie aus allen vier Facultaten Anbether haben: denn der Medikus, welcher ihren Herrn Vater dann und wann in der Kur hat, thut noch allen Grunden der Wahrscheinlichkeit nicht so oft einen Weg von drei Meilen, seinem Patienten, sondern vielmehr Ihnen einen Besuch abzustatten. Ich bin aber versichert, dass weder die Profession eines Rechtsgelehrten noch eines Arztes Ihnen gefallen kann, die beiden andern Facultaten gefallen Ihnen ohne Zweifel besser. Da ich nun zu beiden gehore, so hoffe ich nicht, dass Sie, an einen Mann der zu einer andern Facultat gehoret, Ihr Herz, das ohnedem nicht mehr Ihr Eigenthum ist verschenken werden. Indessen hat mir, ob ich Ihnen gleich alles Gute zutraue, eine kleine Kaltsinnigkeit, die Sie seit einiger Zeit gegen mich haben spuhren lassen, einige Unruhe verursachet. Wenn Ihre Absicht dabei gewesen ist meine Liebe nur destomehr anzufeuern, so will ich Ihnen gestehen, dass Sie diese vollkommen erreicht haben, ich verehre Sie jetzo mehr als jemals, es ist also Zeit, dass Sie meine Marter endigen. Das Nadelbuchsgen, das ich Ihnen vor einiger Zeit verehret habe, rufet Ihnen durch seine Devise, so oft Sie solches in Ihre schonen Hande nehmen, in meinem Namen zu

Finissez mon martyre,

Vous voyez que j'expire!

Jedoch vielleicht hat Ihnen auch der Gehorsam gegen Ihren Herrn Vater, der einige Zeit daher nicht mit mir zufrieden scheinet, diese kleine Vorstellung, woruber ich mich so sehr beklage, abgenothiget. Wollte der Himmel, dass ich Ihre kaltsinnige Mine fur einen Beweis annehmen durfte, dass Ihr Herz desto feuriger liebt! Ich sehe den zureichenden Grund Ihres Betragens nicht vollkommen ein, und daher laufe ich immer Gefahr, falsche Schlusse zu machen und mich in meinem Urtheilen zu hintergehen. Um diesem Uebel vorzubeugen, beschwore ich Sie bei der Hochachtung, die ich Ihnen gewidmet habe, mir insgeheim in dieser Sache einige Erlauterungen zu geben, ich hoffe dadurch vollkommen wieder beruhiget zu werden. Kann ich Ihre holden Blicke verdienen, wenn ich mich bei Ihren Herrn Vater wieder in Gunst setze: so gebe ich Ihnen die Versicherung, dass ich meine schonsten Anschlage daran spendiren und eher die Ehre verliehren will eine gelehrte Gesellschaft gestiftet zu haben, als mich der Gefahr blos zu stellen, Ihre Gunst einzubussen. In der Erwartung einer gunstigen Antwort, verharre ich in der unveranderlichen Hochachtung Ihrer schonen Person

Dero

getreuester Verehrer

M.L.W.

XXII. Brief.

Lampert Wilibald an den Herrn v.F.

den 14 Dec.

Die Neigung zur Billigkeit und Gerechtigkeit ist in Dero Hochadlichem Hause eine so bekannte Tugend, dass auch Ihre vortrefflichen Ahnen davon verschiedene Zunahmen erhalten haben. Einer Ihrer loblichen Vorfahren hiess Justus v.F. oder der Gerechte, ein anderer nennt sich in einem Vertrage, den er mit den Vorfahren meines Patrons errichtet hat, Aeques, welches ohne Zweifel Aequs, oder der Billige, heissen soll, und keinesweges, wie einige glauben, eine fehlerhafte Schreibart des Wortes Eques seyn mag, wodurch man diesen Herrn einer groben Unwissenheit beschuldigen wurde. Sie haben sich auch jederzeit, beflissen, die Gerechtigkeit in den Ihrer Gerichtsbarkeit unterworfenen Orten aufs genaueste und sorgfaltigste auszuuben, und dadurch bewiesen, dass Sie auf eine ruhmliche Art in die Fussstapfen Ihrer vortrefflichen Anherren getreten sind. Der Geringste Ihrer Unterthanen kann sich ruhmen, dass ihm nie der Weg zur Gerechtigkeit versperret ist, und der angesehenste derselben darf sich nicht erkuhnen, eine Ungerechtigkeit zu begehen, wenn er nicht die nachdrucklichste Ahndung davon besorgen will. Die Gewogenheit, womit Sie mich jederzeit beehret haben, lasst mich hoffen, dass ich von Ihnen eben das erwarten kann, was Sie dem geringsten Ihrer Unterthanen nicht versagen, und darinne bestehet, dass man ihre Gerechtigkeit anflehen darf, wenn man von bosen Leuten angetastet wird, und schleuniger Hulfe vonnothen hat.

Ich sehe mich genothiget, gegen Ihren Gerichtshalter eine gerechte Klage zu erheben, welcher kein Bedenken tragt, das an mir im Grossen selbst auszuuben, was er taglich an andern mit so vielem Eifer im Kleinen bestraft. Wenn sich jemand erkuhnet, einige Ruben von dem Acker seines Nachbars sich zuzueignen, so pflegt er dieses aufs harteste zu bestrafen, wenn er aber selbst das Eigenthum eines andern sich zueignet, so macht er hieruber nach seinem weitlauftigen juristischen Gewissen sich nicht den geringsten Kummer. Ew. Gnaden kann so wenig als jemanden in der hiesigen ganzen Gegend unbekannt seyn, dass ich schon seit einigen Jahren ein ehrliches Absehen auf die Jungfer Tochter des Herrn Pfarr Wendelins allhier gehabt habe, sie zu ehlichen, und mich ihrem Vater als einen Substituten beifugen zu lassen. Er hat mir auch so viele gute Vertrostungen diesfalls gegeben, dass ich nicht mehr an der Erfullung meines Wunsches zweifelte. Ich glaube nicht, dass ich tadelhaft bin, mich eher um die Quarre als um die Pfarre beworben zu haben, denn ausserdem dass dieses jetzt die allgemeine Mode ist, und allezeit von hundert meiner Herren Collegen neun und neunzig seyn werden, die sich ein Bisgen verplampert haben, ehe sie zu einer Bedienung gelangen, so kan auch Niemand einsehen, was daher fur grosses Unheil erwachsen sollte. Es ist vielmehr ganz loblich, dass man sich in Zeiten um eine Liebste bewirbt, denn wenn man einmal ins Amt kommt, und die Geschafte und Sorgen sich mehren, so hat man nicht Zeit, ans heirathen zu denken, und ehe man sichs versiehet, hat man sich ins Hagestolzenrecht geschworen. Genug, ich hatte mir Jungfer Hannchen zu meiner zukunftigen Gattin ausersehen, allein verschieden gute Anstalten, womit ich mich einige Zeit zum Besten meines Patrons und des Publici beschaftigte, setzten das Ziel meiner Wunsche etwas weiter hinaus, als ich im Anfang dachte. Inzwischen da ich mir schmeichelte, dass mein Gluck gewiss genug ware, sahe ich diese Verzogerung ganz gleichgultig an: weil ich voraus sahe, dass vielerlei nutzliche Projecte, deren Ausfuhrung Muhe und Sorgfalt erforderte, unterbleiben wurden, wenn ich einmal verglichet ware, und im Amte stunde; doch wider mein Vermuthen fand ich mich in dieser sussen Hoffnung getauschet. Ich brachte nicht nur in sichere Erfahrung, dass Dero Gerichtshalter, ungeachtet es ihm zuverlassig bekannt war, dass ich Jungfer Hannchen als mein Eigenthum betrachtete, sich die Freiheit genommen, sie insgeheim zu verehren, sondern es hat auch derselbe sich erkuhnet, durch einen Abgeordneten sein Wort gestern bei ihrem Vater anbringen zu lassen, und will mir also wider meinen Dank diesen Bissen vor dem Maule hinwegnehmen. Es heisst zwar nach dem Spruchworte: inter arma silent leges, und er scheinet die Absicht zu haben, von diesem alten Canon Vortheil zu ziehen: allein wenn dem also ist, so wird er selbst bekennen mussen, dass er jetzo auch unter die unnutzen Meublen gehoret, und er kann seine Gerichtsstube nur immer zuschlussen. Da ich nun seit vielen Jahren auf dieses Frauenzimmer eheliche Absicht geheget habe, und zwar ehe er noch an sie hat denken konnen; sie auch wegen meines getreuen Unterrichtes, den ich ihr gratis ertheilet, mir mehr als ihrem leiblichen Vater schuldig ist, weil man nach dem Ausspruche des grossen Alexanders denen Eltern nichts als das liebe Leben, denen Lehrmeistern aber, dass man wohl lebet, zu verdanken hat: so habe ich gleichsam ein jus quaesitum auf sie erlanget, und werde mich von meinem Rechte durch einen andern nicht abtreiben lassen. Zu der Gerechtigkeitsliebe Ew. Gnaden habe ich das gute Vertrauen, dass Sie ihre Autoritat in dieser Sache zu interponiren, und diesen Verwegenen von seinem bosen Vorhaben abzuhalten Sorge tragen werden. Aus dieser Ursache ersuche ich Hoch dieselben unterthanig, nachdruckliche Dehortatoria an meinen Rival entweder mundlich oder schriftlich ergehen zu lassen, damit ein solches unerhortes Factum der Gerechtigkeit zur Schande nicht von einer Person, die zur Aufrechthaltung derselben bestimmt ist, vollbracht, und mir dadurch ein unersetzlicher Verlust verursachet werde. Eine solche Gnade will ich mit goldenen Buchstaben in das Buch der Unvergesslichkeit eintragen, und verharre mit der vollkommensten Hochachtung

Ew. Gnaden

unterthaniger Diener

M.L.W.

XXIII. Brief.

Beantwortung des Vorigen von dem Herrn v.F.

den 15 Dec.

Werther Freund,

Ich gerieth durch Ihren Brief in grosse Besturzung, da ich wahrnahm, dass mein Gerichtshalter sich sollte haben einfallen lassen, Ihnen Ihre Liebste abspanstig zu machen, und dadurch einem Manne, den ich sehr hochschatze, Gelegenheit zu geben, sich entweder zu Tode zu gramen, oder doch in Verzweiflung zu gerathen. Weil Sie mir die Ehre anthaten und bei mir Hulfe suchten, auch mir und allen meinen Vorfahren einen sonderbaren Trieb zur Gerechtigkeit beilegten, wodurch meiner Eigenliebe nicht wenig geschmeichelt wurde: so nahm ich mir von Stund an vor, Sie zu uberzeugen, dass ich nicht aus der Art geschlagen bin, sondern meinen Vorfahren in der Liebe zur Gerechtigkeit nichts nachgebe, oder wohl gar in dieser Tugend sie noch ubertreffe. Ich liess meinen Gerichtshalter in dem Augenblicke, da ich Ihren Brief gelesen hatte, zu mir kommen, um ihn wegen seines bosen Vorhabens Sie zu einen unglucklichen Liebhaber zu machen, zur beinahe uberzeugt war, so nahm ich mir vor, ihn alsbald aus meinen Diensten zu entlassen, wenn er nicht in sich gehen, und von seinem Anschlage in continenti abstehen wollte. Horen Sie nur, was ich fur eine Procedur mit ihm vornahm. Herr Gerichtshalter, sagte ich mit einem sehr straflichen Gesichte, habe ich sie nicht in meinem District zum Richter gesetzt, um die Gerechtigkeit aufs genaueste auszuuben. Er antwortete ja. Ist es wohl erlaubt, fuhr ich fort, dass der, der uber Recht und Gerechtigkeit halten soll, selbst ungerecht handeln darf? Antwort nein. Warum haben sie dem Herrn Magister Lampert seine Liebste abgespannet, und dadurch seine Liebe und alle seine sussen Hoffnungen krebsgangig gemacht? Ich argere mich wenn ich vernehme, dass jemand in meinem Gerichtsbezirk einen Strohhalm sich zueignet, der ihm nicht gehoret, und sie wollen sich das Herz eines Frauenzimmers zueignen das der Herr Magister gebildet hat, und darauf er bereits ein jus quaesitum zu haben glaubt? Anstatt uber diesen Vortrag zu erschrecken fing er an abscheulich zu lachen, wodurch ich noch mehr entrustet wurde, aber er liess es hierbei nicht bewenden, er fing an sich so geschickt zu vertheidigen und den statum controversiae dergestalt zu formiren, dass ich den Leviten im Sinne behalten musste, den ich ihm zu lesen gedachte, und nur froh war, dass er nicht von mir verlangte alles was er gethan hatte, gut zu heissen. Patron, sagte er, der Herr Lampert muss in der Liebe und in der Kenntniss des menschlichen Herzens, sehr unerfahren seyn, so gelehrt er auch aussiehet, wenn er glaubt dass ihn Hannchen jemals mit ihrer Gunst beehret hat. Sie ist ihm schon gram gewesen da sie noch bei ihm in die Schule gegangen ist, und nachher da er angefangen hat ihr dann und wann etwas verbundliches nach seiner Art zu sagen, ist er ihr ganz unertraglich worden. Sie hat ihm mehr als einmal mit durren klaren Worten gesagt, dass sie lieber den Nachtwachter als ihn lieben wollte; allein nach seiner Erklarungskunst hat er auch aus diesen Worten etwas vortheilhaftes fur sich erzwingen wollen, oder hat sich wenigstens eingebildet, dass sie sich nur verstellte. Ich will zwar nicht leugnen, dass der Herr Magister dieses Frauenzimmer eher geliebt als ich, daran aber liegt ganz und gar nichts, man muss sehen was auf ihrer Seite geschehen ist. Sie hat mir mehr als einmal gestanden, dass Herr Lampert jederzeit das Ungluck gehabt hatte, ihr als ein Liebhaber zu misfallen, ob sie ihm gleich ubrigens in seinen Wurden liess, auch nicht in Abrede seyn wollte, dass sie sich manchmal an ihm belustigte weil er so witzig ware, dass kein koniglicher lustiger Rath drolligtere Einfalle haben konnte. Da nun also, fuhr er fort, ihr Herz res nullius war, so hiess es nach der juristischen Regel cedit prius occupanti, ich suchte es zu erobern und war hierinne nicht unglucklich. Gegenwartig gehort es mir zu; Jungfer Hannchen und ich haben einander eine ewige Treue gelobet, ich habe vor einigen Tagen ordentlich durch einen guten Freund bei ihrem Vater um sie anhalten lassen, worauf ich von dem Herrn Pastor Wendelin die Antwort erhalten, dass heirathen ein schweres Werk sey, er wollte mit seiner Tochter die Sache uberlegen und erstlich beten, in acht Tagen sollte ich darauf selbst nach Karafeld kommen und das Jawort in eigener Person abholen. Der Herr Pastor sicher schon im prophetischen Geiste voraus dass unsre Heirath im Himmel gemacht ist, deswegen weiss er bereits die Wirkung seines Gebetes und hat mir schon einen Termin beschieden, die Sache ins reine zu bringen. Ich gestehe Ihnen, werther Freund, dass ich uber diese Dinge, welche mein Gerichtshalter vorbrachte noch besturzter war als uber Ihren Brief, vorhero hatte ich Ihnen vollkommen Recht gegeben und war auf ihrer Seite, nun schien es, dass Ihr Rival ein besseres und gegrundeter Recht als sie zu dem strittigen Frauenzimmer hatte. Inzwischen wollte ich Ihre Parthie nicht sogleich verlassen, und ersuchte ihn mir den Gefallen zu erweisen, von dieser Heirath abzustehen und Ihnen die Beute zu uberlassen: er beschwor, mich aber bei dem Triebe zur Gerechtigkeit, den ich von meinen Ahnen ererbet hatte, keine solche Ungerechtigkeit gegen ihn zu begehen und meine Vorfahren dadurch in der Erde zu beschimpfen. Ich wurde, wenn ich unpartheiisch dachte, selbst erkennen, dass er seine Braut mit dem besten Recht besasse, und drang so heftig auf den angefuhrten juristischen Canon, dass ich nicht ein Wort gegen ihn aufbringen konnte. Ich fand mich von seiner gerechten Sache vollkommen uberzeugt, und verschwieg ihm dieses nur aus Freundschaft gegen Sie. Indessen zweifle ich nicht, dass Sie nach Ihrer Scharfsinnigkeit im Disputiren im Stande waren, neue Zweifel bei mir zu erregen und dem Gerichtshalter sein Recht von neuem abzudisputiren, ich thue Ihnen dahero den Vorschlag einen gelehrten Kampf mit Ihrem Rival hier anzustellen und die Mitglieder der Julianenakademie, oder in so fern diese Ihrem Gegner partheiisch scheinen mochten, andere gelehrte Manner zu Schiedsrichtern zu erwahlen, die ich auf einen Tag, der Ihnen beliebt, zu mir will bitten lassen, alsdenn sollen Sie mit ihrem Contrepart ihre Handel durch einen gelehrten Zweikampf schlichten, wer den andern die Braut abdisputiret, mag sie heimfuhren. Sie sehen, dass ich fur Sie nichts weiter thun kann, die gute Sache wird ganz gewiss nach Ihrem Wahlspruch siegen, ich werde mit Vergnugen sehen, wenn Sie ihren Gegner so eintreiben, dass er nicht ein Wort mehr gegen Sie aufbringen kann: sollte ihnen aber dieses widerfahren, so konnen Sie versichert seyn, dass ich Sie aufrichtig bedaure, und alsdenn wird dieses mein Trost seyn, dass ich eine vortreffliche Satyre von Ihnen zu Gesichte bekomme, die Sie auf denjenigen zu verfertigen sich entschlossen haben, der bei Hannchen glucklicher seyn wurde als Sie. Gelingt Ihnen hierdurch Ihr Vorhaben, dass Ihr Nebenbuhler sich daruber zu Tode argert, so durfen Sie das Spiel nur da wieder anfangen wo Sie es jetzo gelassen haben, und alsdenn werden Sie doch auf die eine oder andere Weise in Ihrer Liebe glucklich seyn. Beim Schlusse meines Briefes fallt mir noch ein sehr gutes Mittel ein, wie Sie sich um Ihre Schone verdient machen und Ihren Rival fur seine Verwegenheit zuchtigen konnen, Sie haben ja noch den Sabel, den Sie als Husar ehemals gefuhret haben, glucklicher Weise hat es sich gefugt dass mein Gerichtshalter auch einige Jahre unter den Husaren gedienet hat, wie ware es, wenn Sie, anstatt sich mit ihm in einen Gelehrten Weltstreit einzulassen, auf gut husarisch auf den Hieb eins mit Ihm wagten? Es wird mir ein besonderes Vergnugen seyn diesen Scharmutzel beizuwohnen. Wenn Sie in meinem Gebiethe ihre Sache ausmachen wollen, so verspreche ich Ihnen, im Fall Sie Ihren Gegner aus den Sattel heben, frei und sicher Geleit: sollte Ihnen dieses aber selbst begegnen, so mache ich mich anheischig, ohngeachtet der Ausspruche des tridentinischen Concilii, Ihnen ein ehrliches Begrabniss zu verschaffen, wenigstens wurde man auf diese Weise am ersten sehen, wer das vollkommenste Recht zu dem Frauenzimmer hat. Ich uberlasse Ihnen die Wahl von diesen Vorschlagen Gebrauch zu machen oder nicht, und erwarte Ihre Antwort. Uebrigens verharre ich

Dero

geneigter Freund

v.F.

XXIV. Brief.

An Herrn Lampert Wilibald vom Herrn G.

Schonthal den 16 Dec.

Mein Herr,

Ich musste niemals ein Soldat gewesen seyn, oder diesem Stande eben so wenig Ehre als Sie gemacht haben, wenn ich die beleidigende Art, womit Sie mir begegnen, mit Stilleschweigen ubersehen wollte. Es ist Ihnen nicht genug meine Braut mir abspanstig machen zu wollen; Sie haben sich auch vorgenommen, es bei meinem Principal dahin zu bringen, dass er mich aus seinem Dienst entlassen soll. Es hat bald das Ansehen, dass Sie mit mir eben so umspringen wollen, als mit dem Verwalter Bornseil, der so lange er lebet, uber Sie seufzet: aber horen Sie, nehmen Sie sich vor mir in acht, an mir finden Sie Ihren Mann, der Krug geht so lange zum Wasser, bis er zerbricht. Der geringste Anschein einer Bosheit, die Sie gegen mich im Sinne haben, bricht Ihnen zuverlassig den Hals. Ich habe meine Canale, durch welche ich alles, was Sie gegen mich schmieden, gewiss entdecke, und damit Sie uberfuhret werden, dass dieses keine leeren Worte legen. Ich weiss, dass Sie einen sehr langen Brief, der mit den verkehrtesten Einfallen angefullet ist, an den Herrn Pfarr Wendelin geschrieben, und in solchem um meine Braut gleichfalls Anwerbung gethan haben; ich weiss auch, dass Sie noch an eben demselben Tage eine abschlagliche Antwort erhielten. Es ist mir nicht unbekannt, dass Sie hierauf, um Ihren Korb in bester Form Rechtens zu erhalten, selbst an Jungfer Hannchen geschrieben, und in diesem Briefe mich und meine Herren Amtsbruder abscheulich herum genommen haben, dass wenn ichs genau suchen wollte, Sie als ein Pasquillant mir eine kniende Abbitte thun sollten; aber ich denke von Ihnen: heu quantum distas ab ego! Ich will mich mit Ihnen in keine Weitlauftigkeiten einlassen, und meine ganze Rache, die ich diesfalls an Ihnen suche, soll darinne bestehen, dass ich Ihnen melde, dass Jungfer Hannchen den Brief nicht einmal erbrochen, noch viel weniger gelesen hat, dahero werden Sie auch vergeblich auf eine Antwort warten mussen. Wenn Sie nicht eben sowohl ein Gelehrter waren, als ich, so wurde ich Sie bereits nach Verdiensten gezuchtiget haben: da wir aber in Ansehung des Standes einander gleich sind, so will ich Ihnen alle Rechte eines gelehrten Ritters zugestehen, und verspreche Ihnen als ein rechtschaffener Mann, wenn Sie etwas an mir zu suchen, Satisfaction zu geben. Doch weil ich mich nicht lange mit Ihnen aufzuhalten gedenke, so mussen unsere Handel binnen hier und 24. Stunden ausgemacht seyn. Wenn Sie in dieser Zeit sich nicht hier in Schonthal nach dem Vorschlage, den Ihnen der Herr von F. bereits gethan hat, auf dem Kampfplatze einfinden, so nehme ich dieses so an, als wenn Sie von allen vermeintlichen Anforderungen an Jungfer Hannchen abgestanden waren. Regen Sie sich hernach, so geht es Ihnen ubel, und Sie konnen in angeschlossenem Reglement, das ich zu Ihrem Besten entworfen habe, ersehen, was Sie bei dem geringsten neuen Angriff, den Sie wagen, zu erwarten haben. Wollen Sie sich aber mit mir in einen Kampf einlassen, so haben Sie die Wahl des Gewehres, welches wir brauchen wollen, Sie konnen den Sabel oder die Zunge wahlen. Der Herr von F. hat sich erbothen, bei unserm Streit aufs gleiche zu sehen, und dem Theile, welcher uberwindet, die Beute zuzusprechen. Machen Sie sich aber ja keine Hoffnung, den Sieg uber mich davon zu tragen, ich verlasse mich auf beides, auf meine gerechte Sache und auf meine Kunst. Wenn Sie es nicht bereits wissen, so will ich es Ihnen hierdurch bekannt machen, dass ich die Zunge mit eben der Geschicklichkeit als die Feder oder den Degen zu regieren weiss. Ich erwarte Ihre Entschliessung, die entscheiden wird, ob ich mich ihren Freund oder Feind nennen kann.

H.

Anschluss.

Zweimal drei nutzliche Regeln fur den Herrn Lampert Wilibald, welche er in Puncto seines Betragens gegen mich und ein junges Frauenzimmer, die meine Freundin ist, zu beobachten, oder widrigenfalls die darauf gesetzte Bestrafung ohnfehlbar zu gewarten hat.

* * *

1. Soll er weder directe noch indirecte Jungfer Hannchen mit seiner Liebe ferner behelligen, bei Verlust seines rechten Ohres.

2. Er soll mir weder bei dieser Schonen noch bei ihrem Vater, am allerwenigsten aber bei meinem hochgebietenden Herrn v.F. einen bosen Leumund machen, widrigenfalls wird man ihn nothigen, ein Dutzend Tassen siedendheissen Koffee zu trinken, wodurch seine verleumderische Zunge dergestalt wird verbrannt werden, dass er sie niemals wieder wird missbrauchen konnen.

3. Er soll sich nicht gelusten lassen, in der Kirche immer die Augen aus sie gerichtet zu haben, und sich kuhnlich unterfangen, sie durch das Fernglas zu betrachten, oder man wird ihn auf den rechten Auge blenden lassen.

4. Wenn ich, als der einzige rechtmassige Verehrer dieses Frauenzimmers, derselben oder ihren Herrn Vater, meinem insonders hochgeehrten zukunftigen Herrn Schwiegerpapa einen Besuch abstatte, so soll er sich nicht erkuhnen, heimlich unter das Fenster sich zu schleichen, um zu horen, was gesprochen wird, widrigenfalls hat er zu erwarten, dass man ihn durch ein paar handfeste Drescher wird greifen, und ohne Barmherzigkeit zu dienlicher Abkuhlung seiner verliebten Hitze, mit Haut und Haar in die offentliche Schwamme hinein werfen lassen.

5. Weil er schon ehemals soll gedrohet haben, gegen denjenigen, welcher ausser ihm Jungfer Hannchen lieben wurde, eine so beissende Satyre abzufassen, dass der ungluckliche Liebhaber sich daruber zu Tode argern musste, und nun unter der Hand verlauten will, dass er dieses gefahrliche Werk wirklich unter der Feder habe, welches seinen Rival, so bald er es zu Gesichte bekame, gleich einem schadlichen Basilisken ums Leben bringen konne: so wird ihm wohlmeinend angerathen, von dieser bosen Arbeit abzustehen, auch sogleich nach Verlesung dieses, dasjenige, was er bereits daran ausgearbeitet hat, zu zerreissen und ins Feuer zu werfen, oder man wird ihn zu zwingen wissen, diese Schrift offentlich zu widerrufen, sich ins Angesicht zu schlagen, und solche zu verschlingen.

6. Wird ihm auferlegt, das Pfarrhaus nicht nur ganzlich zu vermeiden, sondern auch keine Briefe, weder an den Herrn Pfarr Wendelin, noch dessen Tochter abgehen zu lassen. Im Uebertretungsfall sollen ihm zweimal zwey und funfzig Streiche nach turkischer Manier auf die Fusssohlen, durch meinen Zahlmeister richtig zugezahlet werden. Wornach er sich zu achten und fur Schaden und Nachtheil zu huten hat.

XXV. Brief.

Der Herr v.N. an den Herrn v.F.

den 18 Dec.

Werther Freund,

Sie machen mir die Zeit ziemlich lang, ehe Sie mir einmal wieder Lection geben, wie ich in meiner Liebe gute Progressen machen soll. Ich habe Ihnen, denke ich, Zeit genug gelassen Mittel und Wege ausfundig zu machen, wie ich am fuglichsten zu meinem Zwecke gelangen kann, wenn Sie noch nichts erfunden haben so ruhmen Sie sich nicht, dass Sie sinnreich sind. Ich glaubte nicht, dass ich das alte Jahr als ein Junggeselle beschlussen wurde, und war meiner Sache so gewiss, dass ich nicht mehr daran zweifelte. Sie wissen, dass ich meine Unternehmungen gern bald zu Stande bringe, bald dazu und spate davon das ist mein Wahlspruch. Sie haben eine grosse Gabe zu zaudern, es gehet mit ihren Rathschlagen und Unternehmungen so langsam als auf dem Reichstage zu. Es ware kein Wunder, wenn ich alt und grau uber meiner Freierer wurde. Machen Sie, dass die Sache zu Stande kommt, oder ich thue zweierlei, Sie verliehren an mir einen gelegenheit seines Lebens anvertrauet, und ich wende mich an den Baronet und nehme Ihn zum Fuhrer an. Er soll mir eine Vorschrift schicken, wie ich meinen Angriff auf das Madchen das ich liebe, veranstalten soll. Ich traue ihm zwar bei unsern vaterlandischen Schonen nicht viel Erfahrung oder Glucke zu: ich weiss aber doch gewiss, dass ich bei seinem Rache besser fahren werde als bei dem Ihrigen. Nach dem Sprichwort heisst es zwar, Arzt hilf dir selber, es ware wohl am besten, dass ich bei mir selbst Rath nahme, denn zu den Magister Lampert habe ich, seitdem ihn die Tochter meines Pfarrers hat durch den Korb fallen lassen, nicht das geringste Vertrauen mehr: allein ich furchte, dass ich auch nicht die rechte Methode treffen mochte, mich bei dem Madchen einzuschmeicheln. Wenn Sie mir versprechen wollen, kunftig eifriger Hand an das Werk zu legen, so will ich Ihr Kundmann bleiben und Ihrem Rath so genau befolgen, als wenn ich ihn von den sieben Weisen aus Griechenland bekommen hatte.

Ist es denn wahr, was mir neulich Fraulein Amalia sagte, dass der Major Fraulein Julgen eine prachtige Kutsche geschenket hat? Eine Windkutsche wird es wohl seyn, oder wenn etwas daran ist, so wird es wohl nicht viel mehr als eine alte Karrethe seyn, die er einen Marquetender abgekauft hat: Die Officiers sind sonst nicht gewohnt so gar viel zu verschenken, demantne Ohrengehange und ein Staatswagen sind schon Geschenke die etwas sagen wollen, ich weiss nicht was ich davon glauben soll. Fraulein Amalia, das lose Madchen, schlug mir vor, ich sollte Julgen ein paar Pferde vor die Kutsche verehren, diese wurden solche hinziehen wohin ich sie haben wollte, ein feiner Rath! Jetzt sind die Zeiten darnach, dass man ein Gespanne Pferde verschenken kann, das ist kein Furst zu thun im Stande. Sie mag sehen, wo sie Pferde bekommt, von mir hat sie keine zu hoffen. Wir haben hier einen sehr kunstlichen Korbmacher, der sagte mir vor einigen Tagen, er wollte so naturlich eine Portechaise flechten, wie man sich in der Stadt zu haben pflegt, was meinen Sie, wenn ich eine machen liess, ich wollte sie hubsch mahlen und vergulden auch sein ausschlagen, und sie dem Madchen nebst ein paar Dreschern, die eher zu haben sind als ein paar Pferde, auf Weinachten bescheren lassen. Sonntags, da diese Kerls ohnedem das Brodt nicht verdienen, das sie verzehren, sollen sie allezeit nach Wilmershaussen gehen und Fraulein Julgen in die Kirche und auch spatzieren tragen, alsdenn gehen sie Montags wieder bei mir in die Arbeit. Wenn dieser Vorschlag Ihren Beifall findet, so soll er bald ausgefuhret werden.

Sagen Sie mir doch was ich mit meinem Pfarrer anfange, er ist ein grundboser Mann. Wenn er mich in den Bann thun konnte, so machte er sich kein Gewissen daraus. Lampert hat ihn bei mir immer die Stange gehalten und mich besanftiget, wenn ich ihm eins habe versetzen wollen: aber jetzt da er ihn nicht mehr vertritt, bin ich mehr als jemals gegen ihn aufgebracht. Einige wollen sagen, er hatte, weil er mir nichts anhaben kann, und doch gleichwohl an mir reiben will, eiserne Nagel in die Absatze schlagen lassen, und marschirte bestandig uber den Grabstein eines meiner Ahnen, der in der Kirche liegt, mit so nachdrucklichen Schritten hinweg, dass dadurch das Gesicht dieses meines Vorfahren, der, wie Sie wissen, in Stein ausgehauen ist, sehr ware beschadiget worden. Ich habe, um hinter die Wahrheit zu kommen, ihm heute einen Schuh abfordern lassen, solchen in Augenschein zu nehmen: er hat mir aber diesen verweigert. Ich kann daraus nichts anders schlussen, als dass er sich nicht sicher weiss, und das corpus delicti nicht aushandigen will, weil dadurch die Bosheit an den Tag kommen wurde. Er soll mir aber den Possen nicht umsonst gespielet haben, ich will ihn verklagen und ihn so hetzen, dass er bald zu Kreuze kriechen soll. Lampert meint, er kame daruber vom Dienste und das ware ihm auch gar recht. Lampert, der arme Teufel ist ganz melancholisch, dass ihm seine Liebste aus dem Garne gegangen ist, unterdessen will er es mit Ihrem Gerichtshalter weder auf den Hieb noch auf eine Disputation angehen, um ihm seine Beute strittig zu machen. Sein Ungluck hat ihn seit etlichen Tagen so schmeidig gemacht, dass man ihn wie einen Polzen durch ein Blasrohr schiessen konnte, da er vorhero in keinem Schlote Raum gehabt hatte. Wenn Sie Ihren Gerichtshalter dahin bringen konnten, dass er ihn sein Madchen wieder abtrate, so wollte ich den alten Wendelin verzeihen. Ich erwarte auf diesen Brief von Ihnen bald eine Antwort und bin

Ihr

aufrichtiger Freund

v.N.

XVI. Brief.

Der Herrn v.F. an den Herrn von N.

den 18 Dec.

Sie sind noch ziemlich ungedultig fur einen Liebhaber nach der heutigen Welt. Wenn ich einige Tage ein tiefes Stillschweigen beobachtet und Ihren Auftrag, Sie bei Ihrer Liebe mit gutem Rathe zu unterstutzen, gleichsam vergessen habe, so durfen Sie deswegen nicht glauben, dass ich diese Zeit uber ganz und gar mussig gewesen bin: ich habe vielmehr fur Sie sehr vieles gethan, und will Ihnen jetzo davon Rechenschaft ablegen. Mein Stillschweigen hat keine andere Absicht gehabt, als Ihre Gedult zu prufen, und Sie hatten nur noch einige Tage aushalten sollen, so wurden Sie Ihre Probe gut gemacht haben. Dem ungeachtet verdienen Sie vieles Lob, dass Sie uber 14. Tage lang sich haben patientiren konnen, ohne einen Angriff auf Ihre Schone zu thun, und ich werde Ihnen bald verstatten, einen neuen Versuch zu wagen. Das Fest scheinet hierzu keine unrechte Gelegenheit an die Hand zu geben, und ein Geschenk zum heilgen Christ durfte Ihnen bei dem Fraulein gute Dienste leisten. Ich will mich hieruber hernach weitlauftiger erklaren, und mich jetzo nur wegen meines Stillschweigens rechtfertigen, auch zugleich Ihnen einige neue Anmerkungen, die ich diese Zeit uber gemacht habe, mittheilen, welche Ihnen bei Ihrem Vorhaben vermuthlich sehr nutzlich seyn werden. Um nach dem jetzigen Geschmack ein vollkommener Liebhaber zu seyn, muss man im Anfang der Liebe einen Schuler des Pythagoras vorstellen, dieser Weltweise liess seine Nachfolger einige Jahr lang ein tiefes Stillschweigen beobachten, sie mussten ihren Lehrmeister nur bewundern, und das glauben, was er sagte, ohne ihm zu widersprechen. Heutiges Tages machen es die Anbether einer Schonen eben so, sie reden, wenn ihr Herz schon in der vollen Flamme stehet, noch nicht ein Wort von der Liebe, oder thun dieses doch weder mundlich noch schriftlich, sondern bedienen sich blos der Sprache der Augen, die ziemlich zweideutig ist, und so vielerlei Auslegungen verstattet, als die Gesetze des Justinians. Dieses Stillschweigen dauret so lange, bis sie der Gunst ihrer Gebieterin ganz gewiss versichert sind, alsdenn erklaren sie sich etwas deutlicher, sie bedienen sich einer Sprache, die nicht aus Worten bestehet, die aber gleichwohl die deutlichste, nachdrucklichste und beliebteste Sprache ist, die gefunden wird, das sind die Geschenke. Ist die Schone geneigt, den Antrag ihres Verehrers anzuhoren, so nimmt sie solche an, sie macht ihm auch wohl ein Gegenkompliment mit einem kleinen Geschenke, zum Exempel fur einen Diamantschmuck schenkt sie einen Blumenstrauss, der an ihren Busen halb verwelkt ist, fur eine andere Galanterie, als Ohrengehange, Dosen, Sonnenfacher, Lavendelflaschgen und dergl. giebt sie zur Wiedervergeltung ein Bandschleifgen, ein Schminkpflastergen, oder eine andre Kleinigkeit, die aber doch jederzeit von dem Liebhaber hoher als alle Schatze des Kaisers von Abyssinien mussen geschatzet werden. Nachdem man diese Sprache genug gebrauchet hat, so bedienet man sich erstlich der Zunge oder der Feder, man wiederholt das, was man schon zehnmal gesagt hat, und man erhalt die Antwort, die man auch bereits schon einige mal erhalten hat. Sie stehen, wo ich mich nicht irre, noch in dem ersten Grade der Liebe, und ich halte noch nicht fur rathsam, dass Sie Ihr Wort, das Sie schon einigemal zur Unzeit mundlich angebracht haben, so fruhzeitig auf diese Art erneuern, sie wurden sich davon nicht die geringste gute Folge zu versprechen haben. Ich erlaube Ihnen unterdessen, da Sie mit dem Munde noch eine Zeitlang das genaueste Stillschweigen beobachten, der Sprache der Augen sich mit Vortheil zu bedienen, und wenn dem Fraulein nicht gefallt, auf diese Art sich mit Ihnen zu besprechen, die Beredsamkeit der Geschenke anzuwenden. Obgleich das Fraulein sehr stoische Gesinnungen zu haben scheinet, so ist sie doch ein Frauenzimmer, und dieses macht mir Hoffnung, dass sie endlich hierdurch sich wird uberwinden lassen. Sehen Sie, das sind die Regeln, welchen ich in einem Zeitraume von mehr als vierzehn Tagen, die ich wie Achilles bei der Belagerung von Troja in einer volligen Unthatigkeit zugebracht zu haben scheine, ausstudiret habe. Es sind derselben wenig aber sie sind wichtig und fur einen Liebhaber sicher, ich habe die ganze Geschichte des Herrn Grandisons mit diesen Regeln zusammen gehalten, und habe befunden, dass Herr Grandison in seiner Liebe bei allen Madchens glucklich gewesen ist, weil er sie aufs genaueste beobachtete, dass es hingegen den andern Anbetern des Frauleins Byron nicht gegluckt hat, weil sie solche ubertreten oder verachtet haben. Was fehlte dem tapfern Greeville, dass ihn Henriette nicht glucklich machte? Nichts anders, als dass er einen Sprung that in der Liebe, er hatte nicht schweigen gelernet, er sagte jedermann, dass er sie liebte, und gab ihr dieses selbst mundlich zu verstehen, da er noch kaum die Augen durfte reden lassen. Der weinende Herr Orene war schon etwas glucklicher, das Fraulein schenkte diesem Liebhaber schon ihr Mitleiden, und dieses ist der erste Schritt zur Erhorung eines Liebhabers. Er wusste zu schweigen wie ein Pythagoraer, aber weil er seine Augen, die immer voll Thranen stunden, und von dem Salze derselben wund waren, nicht wohl brauchen konnte, um durch diese den ersten Liebesantrag thun zu lassen, so musste er unverrichteter Sache wieder abziehen. Sir Hargrave war gewiss ein Mann, dem die Madchen nicht lange Widerstand leisten konnten; allein er machte es zu arg, er fuhrte die Sprache des Mundes und der Augen zugleich, er redete auch dann und wann andere Sprachen, die nur in Hausern gebraucht werden, die in keinem guten Rufe stehen; mit einem Worte, Augen, Mund und Hande waren an ihm redend, und dieses verdarb sein Spiel. Er wollte wie Casar auf einmal kommen, sehen und uberwinden, und dieses gehet nicht bey allen Schonen an. Mit einem Worte, alle Liebhaber von Henrietten ubertraten diese Regeln, Herr Grandison, der bei der Kunst zu lieben ein gluckliches Genie hatte, und bei allen seinen Unternehmungen regelhaft verfuhr, hatte auch davon einen guten Fortgang zu erwarten. Er hatte sich vorgenommen, der Clementine einen Liebesantrag zu thun, und erklarete ihr den Milton, durch dieses Mittel, da er ihr erzahlte, wie die ersten Eltern das Paradies verlohren hatten, bekam er Gelegenheit, das Paradies zu erobern, oder durch den angenehmen Umgang mit diesem vortrefflichen jungen Frauenzimmer sich in ihr Herz einzuschleichen. Er sagte ihr kein Wort von seiner Liebe, aber er schielte dann und wann uber das Buch weg, und liess seine Augen den ihrigen begegnen, sie lernten einander verstehen, und Herr Grandison erklarte ihr zweierlei auf einmal, den Milton und seine Liebe. Er hatte schon ein gewonnen Spiel in Handen, da er seinen Autor weglegte, und ihr mundlich und schriftlich gestund, dass er sie liebte. Mit der Henriette Byron verfuhr er nicht anders, Sie haben dieses in einem ihrer Briefe selbst angemerket, dass er in seiner Liebe sehr langsame und bedenkliche Schritte gethan, und den schwindsuchtigen Anfall der Fraulein Byron keiner andern Ursache beigemessen, als weil Sir Carl nicht so geschwind, als sie es gewunschet, Hochzeit gehalten hatte, daraus sehen Sie selbst, wie genau er die Regeln, die ich Ihnen mittheile, befolget hat. Ich bin durch meine eigne Erfahrung von der Richtigkeit derselben vollkommen uberzeugt worden, ich habe sie erfullet, ohne dass ich sie damals noch kannte. Ich entdeckte meiner Frau alle meine Gesinnungen, ohne ein Wort mit ihr davon zu reden; wenn wir vom Wetter sprachen, so betheuerte ihr der Accent der Worte, und die Art, mit welchen ich sie vorbrachte, durch tausend Eidschwure, dass ich sie liebte, und wenn sie in meiner Gegenwart eine Nadel abstrickte, so war jede Schmasche beredt: ich sahe aus der geschwindern oder langsamern Bewegung ihrer Finger, wie ihr mein Antrag gefiel. Da ich genugsame Grunde vor mir hatte, ihre Minen fur mich gunstig zu erklaren, so wendete ich die andere Art der Beredsamkeit bei ihr an, um sie vollkommen zu uberwinden, ich wagte es, ihr verschiedene kleine Geschenke zu machen, und da sie diese nicht ausschlug, liess ich sie immer hoher steigen, bis ich ihr einen Ring an den Finger practicirte, der mir so hoch zu stehen kam, dass ich in der Messe damals meine Zeche im Gasthofe schuldig bleiben musste. Sie beschenkte mich davor mit einem vierblattrichten Kleeblat, das sie eben im Garten gefunden hatte. Da ich dieses erhielt, zweifelte ich nicht mehr an meinem Glucke, ich schickte, wie Sie wissen, meinen Abgeordneten ab, um das Fraulein zu werben, und war des guten Ausganges meiner Sache so gewiss, dass ich diesfalls allezeit tausend Thaler gegen einen Groschen hatte setzen wollen.

Nun sind Sie hoffentlich uberzeugt, dass ich meine Zeit nicht mussig zugebracht, sondern mich vielmehr zu ihrem Vortheile beschaftiget habe. Nach vielem Kopfbrechen ist es mir endlich gelungen, diese Regeln, die ich Ihnen hier mittheile, zu erfinden. Ich billige Ihr Vorhaben, dem Fraulein etwas zum heilgen Christ beschehren zu lassen: nehmem Sie sich aber wohl in acht, ihr eine Korb Portechaise zu verehren, Sie durften vielleicht der erste seyn, der die Ehre hatte, darinne getragen zu werden. Alle Korbmacherarbeit ist den Liebenden fatal, und wird von ihnen eben sowohl fur ein boses Anzeichen gehalten, als die unglucklichen Vogel bey den Romern, wenn sie zu Felde zogen. Ich war bei meiner Liebe so aberglaubisch, dass wenn mir jemand mit einem Korbe begegnete, wenn ich ihr aufwarten wollte, so kehrte ich stehendes Fusses wieder um, und versparte meinen Besuch bis auf eine glucklichere Zeit. Sie wissen, dass der Unglaube eher mein Fehler ist, als der Aberglaube. Wenn Sie mir ehemals von Ihren Feldzugen eine Erzehlung machten, so erregte ich Ihnen so viele Zweifel, dass Sie oftmals eben so ungewiss waren, als ich, ob sich das wirklich zugetragen hatte, was Sie erzahlten. Man giebt mir also mit Recht den Namen des Unglaubigen, aber bei der Liebe und beim Spiel verdiene ich ihn nicht, ich bin in beiden sehr aberglaubisch. Der Pabst Sixt der funfte, ob er gleich Pabst war, hatte doch den Aberglauben, alle gluckliche Begebenheiten seines Lebens ereigneten sich an einer Mittwoche, und ich habe angemerkt, dass mir das Gluck im Spiel zwar alle Tage hold ist, aber nicht alle Stunden. Die Mitternachtsstunde ist mir fur den ubrigen 23. Stunden des Tages besonders gunstig, wenn ich das Spiel so weit dehnen kann, so bin ich Meister, und alsdenn gehe ich ohne Gewinst nicht von der Stelle. Aus dieser Ursache spiele ich niemals am Tage, sondern jederzeit des Abends nach der Mahlzeit. Behalten Sie dieses Geheimniss ja bei sich, wenn meine Spieler dahinter kamen, wurden Sie niemals meine Glucksstunde wieder abwarten wollen. Sie sehen hieraus, dass ich in gewissen Fallen sehr aberglaubisch bin, und mein Aberglaube ist dran Schuld, dass ich Ihnen widerrathe, dem Fraulein von W. eine Korb Portechaise zu schenken, ich zittere schon wegen dieses Einfalls fur Sie, und nehme solchen fur ominos an. Ich will Ihnen aber einen andern Vorschlag thun, weil Sie wegen der jetzigen schweren Zeit, wie Sie sagen, keinen grossen Aufwand machen wollen, und Ihre Geschenke, die gleichwohl in die Augen fallen sollen, gern mit wenig Kosten bestreiten, so nehmen Sie in der Hollandischen Lotterie einige Loose und schenken solche dem Fraulein, Sie konnen fur 100 thl. funfe bekommen, sie kann sich aber auch mit einem begnugen, wenn Sie sehr sparsam seyn wollen. Gewinnt das Loos, so ist es beinahe so gut, als wenn Sie ihr eine Summe, die dem Gewinnste gleich ist, geschenket hatten; verlieret es, so haben Sie weiter nichts als eine Hand voll Geld verlohren. Mich dunkt, dieser Rath ist nicht zu verwerfen. Wollen Sie aber das gewisse furs ungewisse nehmen, so kaufen Sie ihr eine Galanterie, und bezaubern Sie die Schone zur Vergeltung wieder, die Sie bezaubert hat, wenn Sie sich einer goldnen Uhr oder einer Sache von gleichem Werth hierzu bedienen, so ist dieses kraftiger als alle verliebte Blicke, die vor sich eben so wenig Kraft haben, als die Staubgen, womit die Sonne spielt, die aber alle zu abgedruckten Pfeilen werden, welche das Herz eines Frauenzimmers durchdringen, wenn Ihnen ein ansehnliches Geschenke Gewicht und Nachdruck ertheilet.

Ich denke, dass ich Sie nun in Ansehung Ihrer Liebe befriediget habe, ich will Ihnen nur noch ein Wort von Ihrem Pfarrer sagen. So wenig dieser ehrwurdige Mann zu dem Innhalt meines Briefes sich zu schicken scheinet, so muss ich ihn doch eine Stelle in solchem einraumen. Ich bedaure ihn aufrichtig, dass er Ihre Gunst verlohren hat, ich weiss, dass dadurch seiner Kuche mancher Braten entgehet; allein ich glaube, dass man ihn verleumdet hat, und getraue mir, ihn ganz und gar von dem Verbrechen freizusprechen, das man ihm beimisst. Wer wollte diesem Ehrenmann eine solche Bosheit zutrauen, dass er das Bild einer Ihrer Ahnen sollte verunstaltet haben, den er nie gekannt hat, und der ihn folglich nie beleidiget hat? Sollte er mit Ihnen nicht allerdings zufrieden seyn, so muss man dieses seiner Schwachheit und seiner geringen Kenntniss der grossen Welt zu gute halten. Sie bleiben doch Kirchpatron, wenn er Sie auch manchmal auf eine verblumte Art offentlich tadelt, oder nach der Sprache des gemeinen Mannes von der Kanzel wirft, ich muss mir dieses sowohl als Sie gefallen lassen, und befinde mich auf einen solchen Fall allezeit sehr wohl. Ich kann mir nicht einbilden, dass er seinen Amtseifer gegen Sie an Ihren Vorfahren ausuben sollte; zudem scheinet sein Fuss nicht mehr rustig genug, gegen eine steinerne Bildsaule dergestalt zu wuten, dass sie davon merklich konnte beschadiget werden, wenn er sich auch Hufeisen hatte auflegen lassen. Ich habe meine besondern Gedanken uber diese Sache, Herr Lampert ist zur Intrigue gemacht, wer weiss, ob er das nicht selbst gethan hat, was er dem Herrn Wendelin aufburdet. Diese Vermuthung ist nicht unwahrscheinlich, er ist in seiner Liebe bei der Jungfer Wendelin unglucklich gewesen, den grossten Philosophen verlast seine Philosophie, wenn er ein unglucklicher Liebhaber wird, er denkt auf Rache, wenn er auch ubrigens so zahm ist wie ein Lamm. Das Schwerd meines Gerichtshalters halt das seinige in der Scheide, dass er sich offentlich weder an ihn, noch an seine Braut wagen darf; er ist also vermuthlich darauf bedacht gewesen, auf eine verborgene Art sich zu rachen und dem Pfarrer eine Grube zu graben. Vielleicht hat er sich einmal in die Kuche schliessen lassen, und das Monument selbst beschadiget, welches er nun auf die Rechnung des Pfarrers schreibt. Glauben Sie nur, Herr Wendelin ist ein ehrlicher Mann, der fur Leid in die Grube fahren wurde, wenn er die boshafte Beschuldigung wusste. Lassen Sie sich, wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, gegen ihn nichts merken und ubergehen sie die ganze Sache, die ohnedem eine Kleinigkeit ist, mit Stillschweigen. So gern ich wunschte, Ihr Verlangen zu erfullen, und meinen Gerichtshalter zu uberreden, seiner Rechte auf Hannchen, die bereits seine Braut ist, zum Vortheil des Herrn Lamperts sich zu begeben; so wenig bin ich im Stande, dieses ins Werk zu richten. Mein Gerichtshalter will eher das Leben verlieren, als seine Braut. Er ist, wie Sie wissen, ein Mann, der Herzhaftigkeit besitzt und ein gewaltiger Disputator, dass ihr Herr Lampert gewiss gegen ihn den kurzern ziehen wurde, wenn er sich mundlich oder schriftlich, auf den Hieb oder Schuss mit ihm einlassen wollte. Ueber dieses glaube ich, dass mein Gerichtshalter dieses artige Madchen wohl verdient; er hat alle Regeln eines Liebhabers, der in seinem Vorhaben glucklich seyn will, aufs genaueste beobachtet. Er hat zu rechter Zeit geschwiegen, und zu rechter Zeit seine Beredsamkeit angewendet; und das ist es alles, was man von einem rechtschaffenen Verehrer eines Frauenzimmers verlangt. Sein Mitbuhler, der diese Regeln ubertreten hat, muss sich sein ungluckliches Schicksal selbst zuschreiben, und ich hatte ihm dieses prophezeien wollen. Gedult und ein wenig philosophische Gelassenheit, die schon so viele ungluckliche Liebhaber beruhiget und sie von den gefahrlichsten Gedanken abgehalten haben, sich selbst zu ermorden, sind die einzigen Hulfsmittel, zu welchen er seine Zuflucht nehmen kann, um sein Ungluck sich ertraglich zu machen. Ich habe Ihnen nun alles gesagt, was ich mir vorgenommen hatte, Ihnen zu sagen, es ist mir dahero nichts mehr ubrig, als Sie zu versichern, dass ich mit vieler Hochachtung bin

Dero

gehorsamster Diener

v.F.