Christian Furchtegott Gellert
Leben der schwedischen
Grafin von G**
Erster Teil
Vielleicht wurde ich bei der Erzahlung meines Geschlechts ebenso beredt oder geschwatzig als andre sein, wenn ich anders viel zu sagen wusste. Meine Eltern sind mir in den zartesten Jahren gestorben, und ich habe von meinem Vater, einem Livlandischen von Adel, weiter nichts erzahlen horen, als dass er ein rechtschaffener Mann gewesen ist und wenig Mittel besessen hat.
Mein Vetter, der auch ein Landedelmann war, doch in seiner Jugend studiert hatte, nahm mich nach meines Vaters Tode zu sich auf sein Landgut und erzog mich bis in mein sechzehntes Jahr. Ich habe die Worte nicht vergessen konnen, die er einmal zu seiner Gemahlin sagte, als sie ihn fragte, wie er es kunftig mit meiner Erziehung wollte gehalten wissen. "Vormittags", fing er an, "soll das Fraulein als ein Mann und nachmittags als eine Frau erzogen werden." Meine Muhme hatte mich sehr lieb, zumal weil sie keine Tochter hatte, und sie sah es gar nicht gern, dass ich, wie ihre jungen Herren, die Sprachen und andere Pedantereien, wie sie zu reden pflegte, erlernen sollte. Sie hatte mich dieser Muhe gern uberhoben; allein ihr Gemahl wollte nicht. "Furchten Sie sich nicht", sprach er zu ihr, "das Fraulein lernt gewiss nicht zuviel. Sie soll nur klug und gar nicht gelehrt werden. Reich ist sie nicht, also wird sie niemand als ein vernunftiger Mann nehmen. Und wenn sie diesem gefallen und das Leben leicht machen helfen soll, so muss sie klug, gesittet und geschickt werden." Dieser rechtschaffene Mann hat keine Kosten an mir gesparet; und ich wurde gewiss noch etliche Jahre eher vernunftig geworden sein, wenn seine Frau einige Jahre eher gestorben ware. Sie hat mich zwar in Wirtschaftssachen gar nicht unwissend gelassen; allein sie setzte mir zu gleicher Zeit eine Liebe zu einer solchen Galanterie in den Kopf, bei der man sehr glucklich eine stolze Narrin werden kann. Ich war freilich damals noch nicht alt; allein ich war alt genug, eine Eitelkeit an mich zu nehmen, zu der unser Geschlecht recht versehen zu sein scheint. Aber zu meinem Glucke starb meine Frau Base, ehe ich noch das zehnte Jahr erreicht hatte, und gab meinem Vetter durch ihren Tod die Freiheit, mich desto sorgfaltiger zu erziehen und die ubeln Eindrucke wieder auszuloschen, welche ihr Umgang und ihr Beispiel in mir gemacht hatten. Ich hatte von Natur ein gutes Herz, und er durfte also nicht sowohl wider meine Neigungen streiten als sie nur ermuntern. Er lieh mir seinen Verstand, mein Herz recht in Ordnung zu bringen, und lenkte meine Begierde zu gefallen nach und nach von solchen Dingen, die das Auge einnehmen, auf diejenigen, welche die Hoheit der Seele ausmachen. Er sah, dass ich wusste, wie schon ich war; um desto mehr lehrte er mich den wahren Wert eines Menschen kennen und an solchen Eigenschaften einen Geschmack finden, die mehr durch einen geheimen Beifall der Vernunft und des Gewissens als durch eine allgemeine Bewunderung belohnt werden. Man glaube ja nicht, dass er eine hohe und tiefsinnige Philosophie mit mir durchging. O nein, er brachte mir die Religion auf eine vernunftige Art bei und uberfuhrte mich von den grossen Vorteilen der Tugend, welche sie uns in jedem Stande, im Glucke und Unglucke, im Tode und nach diesem Leben bringt. Er hatte die Geschicklichkeit, mir alle diese Wahrheiten nicht sowohl in das Gedachtnis als in den Verstand zu pragen. Und diesen Begriffen, die er mir beibrachte, habe ich's bei reifern Jahren zu verdanken gehabt, dass ich die Tugend nie als eine beschwerliche Burde, sondern als die angenehmste Gefahrtin betrachtet habe, die uns die Reise durch die Welt erleichtern hilft. Ich glaube auch gewiss, dass die Religion, wenn sie uns vernunftig und grundlich beigebracht wird, unsern Verstand ebenso vortrefflich aufklaren kann, als sie unser Herz verbessert. Und viele Leute wurden mehr Verstand zu den ordentlichen Geschaften des Berufs und zu einer guten Lebensart haben, wenn er durch den Unterricht der Religion ware gescharft worden! Ich durfte meinem Vetter nichts auf sein Wort glauben, ja er befahl mir in Dingen, die noch uber meinen Verstand waren, so lange zu zweifeln, bis ich mehr Einsicht bekommen wurde. Mit einem Worte, mein Vetter lehrte mich nicht die Weisheit, mit der wir in Gesellschaften prahlen, oder, wenn es hoch kommt, unsere Ehrbegierde einige Zeit stillen, sondern die von dem Verstande in das Herz dringt und uns gesittet, liebreich, grossmutig, gelassen und im stillen ruhig macht. Ich wurde nichts anders tun als beweisen, dass mein Vetter seine guten Absichten sehr schlecht bei mir erreicht hatte, wenn ich mir alle diese schonen Eigenschaften beilegen und sie als meinen Charakter den Lesern aufdringen wollte. Es wird am besten sein, wenn ich mich weder lobe noch tadle und es auf die Gerechtigkeit der Leser ankommen lasse, was sie sich aus meiner Geschichte fur einen Begriff von meiner Gemutsart machen wollen. Ich furchte, wenn ich meine Tugenden und Schwachheiten noch so aufrichtig bestimmte, dass ich doch dem Verdachte der Eigenliebe oder dem Vorwurfe einer stolzen Demut nicht wurde entgehen konnen.
Ich war sechzehn Jahre alt, da ich an den schwedischen Grafen von G. verheiratet wurde. Mit dieser Heirat ging es folgendermassen zu. Der Graf hatte in dem Livlandischen Guter, und zwar lagen sie nahe an meines Vetters Rittersitze. Das Jahr vor meiner Heirat hatte der Graf nebst seinem Vater eine Reise aus Schweden auf diese Guter getan. Er hatte mich etlichemal bei meinem Vetter gesehen und gesprochen. Ich hatte ihm gefallen, ohne mich darum zu bestreben. Ich war ein armes Fraulein; wie konnte ich also auf die Gedanken kommen, einen Grafen zu fesseln, der sehr reich, sehr wohlgebildet, angesehen bei Hofe, schon ein Obrister uber ein Regiment und vielleicht bei einer Prinzessin willkommen war? Doch dass ich ihm nicht habe gefallen wollen, ist unstreitig mein Gluck gewesen. Ich tat gelassen und frei gegen ihn, weil ich mir keine Rechnung auf sein Herz machte, anstatt dass ich vielleicht ein gezwungenes und angstliches Wesen an mich genommen haben wurde, wenn ich ihm hatte kostbar vorkommen wollen. In der Tat gefiel er mir im Herzen sehr wohl; allein so sehr ich mir ihn heimlich wunschen mochte, so hielt ich's doch fur unmoglich, ihn zu besitzen.
Nach einem Jahre schrieb er an mich, und der ganze Inhalt seines Briefes bestund darinnen, ob ich mich entschliessen konnte, seine Gemahlin zu werden und ihm nach Schweden zu folgen. Sein Herz war mir unbeschreiblich angenehm, und die grossmutige Art, mit der er mir's anbot, machte mir's noch angenehmer. Es gibt eine gewisse Art, einem zu sagen, dass man ihn liebt, welche ganz bezaubernd ist. Der Verstand tut nicht viel dabei, sondern das Herz redet meistens allein. Vielleicht wird man das, was ich sagen will, am besten aus seinem Briefe selber erkennen:
"Mein Fraulein!
Ich liebe Sie. Erschrecken Sie nicht uber dieses Bekenntnis, oder wenn Sie ja uber die Dreistigkeit, mit der ich's Ihnen tue, erschrecken mussen: so bedenken Sie, ob dieser Fehler nicht eine Wirkung meiner Aufrichtigkeit sein kann. Lassen Sie mich ausreden, liebstes Fraulein. Doch was soll ich sagen? Ich liebe Sie; dies ist es alles. Und ich habe Sie von dem ersten Augenblicke an geliebet, da ich Sie vor einem Jahre gesehen und gesprochen habe. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, dass ich mich bemuht habe, Sie zu vergessen, weil es die Umstande in meinem Vaterlande verlangten; aber alle meine Muhe ist vergebens gewesen und hat zu nichts gedienet, als mich von der Gewissheit meiner Liebe und von Ihren Verdiensten vollkommen zu uberzeugen. Ist es moglich, werden Sie durch meine Zartlichkeit beleidiget? Nein, warum sollte Ihnen die Liebe eines Menschen zuwider sein, dessen Freundschaft Sie sich haben gefallen lassen. Aber werden Sie es auch gelassen anhoren, wenn ich Ihnen mein Herz noch deutlicher entdecke? Darf ich wohl fragen, ob Sie mir Ihre Liebe schenken, ob Sie mir als meine Gemahlin nach Schweden folgen wollen? Sie wortet lassen sollten, von deren Entscheidung meine ganze Zufriedenheit abhangt. Ach, liebste Freundin, warum kann ich nicht den Augenblick erfahren, ob ich Ihrer Gewogenheit wurdig bin, ob ich hoffen darf? Uberlegen Sie, was Sie, ohne den geringsten Zwang sich anzutun, einem Liebhaber antworten konnen, der in der Zartlichkeit und Hochachtung gegen Sie seine grossten Verdienste sucht. Ich will Ihr Herz nicht ubereilen. Ich lasse Ihnen zu Ihrem Entschlusse soviel Zeit, als Sie verlangen. Doch sage ich Ihnen zugleich, dass mir jeder Augenblick zu lang werden wird, bis ich mein Schicksal erfahre. Wie instandig musste ich Sie nicht um Ihre Liebe bitten, wenn ich bloss meiner Empfindung und meinen Wunschen folgen wollte! Aber nein, es liegt mir gar zuviel an Ihrer Liebe, als dass ich sie einem andern Bewegungsgrunde als Ihrer freien Einwilligung zu danken haben wollte. So entsetzlich mir eine ungluckliche Nachricht sein wird, so wenig wird sie doch meine Hochachtung und Liebe gegen Sie verringern. Sollte ich deswegen ein liebenswurdiges Fraulein hassen konnen, weil sie nicht Ursachen genug findet, mir ihr Herz auf ewig zu schenken? Nein, ich werde nichts tun, als fortfahren, Sie, meine Freundin, hochzuschatzen, und mich uber mich selbst beklagen. Wie sauer wird es mir, diesen Brief zu schliessen! Wie gern sagte ich Ihnen noch hundertmal, dass ich Sie liebe, dass ich Sie unaufhorlich liebe, dass ich in Gedanken auf Ihre geringste Miene bei meinem Bekenntnisse Achtung gebe, aus Begierde, etwas Vorteilhaftes fur mich darinnen zu finden! Leben Sie wohl! Ach, liebstes Fraulein, wenn wollen Sie mir antworten?" Der Vater des Grafen hatte zugleich an meinen Vetter geschrieben. Kurz, ich war die Braut eines liebenswurdigen Grafen. Ich wollte wunschen, dass ich sagen konnte, was von der Zeit an in meinem Herzen vorging. Ich hatte noch nie geliebt. Wie unglaublich wird dieses Bekenntnis vielen von meinen Leserinnen vorkommen! Sie werden mich deswegen wohl gar fur einfaltig halten, oder sich einbilden, dass ich weder schon noch empfindlich gewesen bin, weil ich in meinem sechzehnten Jahre nicht wenigstens ein Dutzend Liebeshandel zahlen konnte. Doch ich kann mir nicht helfen. Es mag nun zu meinem Ruhme oder zu meiner Schande gereichen, so kann man sich darauf verlassen, dass ich noch nie geliebt hatte, ob ich gleich mit vielen jungen Mannspersonen umgegangen war. Nunmehr aber fing mein Herz auf einmal an zu empfinden. Mein Graf war zwar auf etliche vierzig Meilen von mir entfernt; allein die Liebe machte mir ihn gegenwartig. Wo ich stand, da war er bei mir. Es war nichts Schoneres, nichts Vollkommeneres als er. Ich wunschte nichts als ihn. Ich fing oft mit ihm an zu reden. Er erwies mir in meinen Gedanken allerhand Liebkosungen, und ich weigerte mich mit einer verschamten Art, sie anzunehmen. Vielen wird dieses lacherlich vorkommen, und ich habe nicht viel dawider einzuwenden. Eine unschuldige, eine recht zartliche Braut ist in der Tat eine Kreatur aus einer andern Welt, die man nicht ohne Erstaunen betrachten kann. Ihr Vornehmen, ihre Sprache, ihre Mienen, alles wird zu einem Verrater ihres Herzens, je sorgfaltiger sie es verbergen will. Ich ass und trank beinahe viele Wochen nicht, und ich bluhete doch dabei. Ich sage es im Ernste, dass ich glaube, die Liebe kann uns einige Zeit erhalten. Ich ward viel reizender, als ich zuvor gewesen war.
Mein Vetter machte sich nunmehr mit mir auf die Reise nach Schweden. Es begleiteten mich verschiedene junge Herren und Frauleins einige Meilen, und der Abschied von ihnen ward mir gar nicht sauer. Unsre Reise ging glucklich vonstatten; und es ist mir auf einem Wege von etlichen vierzig Meilen nicht das geringste begegnet, ausser dass mir jeder Augenblick bis zum Anblicke meines Grafen zu lange ward.
Ich kam also, wie ich gesagt habe, in Begleitung meines Vetters glucklich auf dem Landgute des Grafen an. Ich fand ihn viel liebenswurdiger, als er mir vor einem Jahre vorgekommen war. Man darf sich daruber gar nicht verwundern. Damals wusste ich noch nicht, dass er mich liebte; itzt aber wusste ich's. Eine Person wird gemeiniglich in unsern Augen vollkommner und verehrungswurdiger, wenn wir sehen, dass sie uns liebt. Und wenn sie auch keine besondern Vorzuge hatte, so ist ihre Neigung zu uns die Vollkommenheit, die wir an ihr hochschatzen. Denn wie oft lieben wir nicht uns in andern? Und wo wurde die Bestandigkeit in der Liebe herkommen, wenn sie nicht von unserm eigenen Vergnugen unterhalten wurde?
Mein Brautigam, mein lieber Graf, erwies mir bei meiner Ankunft die ersinnlichsten Liebkosungen; und ich glaube nicht, dass man gluckseliger sein kann, als ich an seiner Seite war. Unser Beilager wurde ohne Geprange, mit einem Worte, sehr still, aber gewiss sehr vergnugt vollzogen. Manches Fraulein wird diese beiden Stucke nicht zusammenreimen konnen. Dem zu Gefallen muss ich eine kleine Beschreibung von meinem Beilager machen. Ich war etwan acht Tage in Schweden und hatte mich vollig von der Reise wieder erholet, als mein Graf mich bat, den Tag zu unserer Vermahlung zu bestimmen. Ich versicherte ihn, dass ich die Ehre, seine Gemahlin zu heissen, nie zu zeitig erlangen konnte; doch wurde mir kein Tag angenehmer sein als der, den er selber dazu ernennen wurde. Wir setzten, ohne uns weiter zu beratschlagen, den folgenden Tag an. Er kam des Morgens zu mir in mein Zimmer und fragte mich, ob ich noch entschlossen ware, heute seine Gemahlin zu werden. Ich antwortete ihm mit halb niedergeschlagnen Augen und mit einem freudigen und beredten Kusse. Ich hatte nur einen leichten, aber wohlausgesuchten Anzug an. "Sie gefallen mir vortrefflich in diesem Anzuge", fing der Graf zu mir an. "Er ist nach Ihrem Korper gemacht, und Sie machen ihn schon. Ich dachte, Sie legten heute keinen andern Staat an." "Wenn ich Ihnen gefalle, mein lieber Graf," versetzte ich, "so bin ich schon genug angeputzt." Ich war also in meinem Brautstaat, ohne dass ich's selber gewusst hatte. Wir redten den ganzen Morgen auf das zartlichste miteinander. Ich trat endlich an das Clavecin und spielte eine halbe Stunde und sang auf Verlangen meines Grafen und meines eigenen Herzens dazu. Auf diese Art kam der Mittag herbei. Der Vater meines Grafen (denn die Mutter war schon lange gestorben, und die einzige Schwester auch) kam nebst meinem Vetter zu uns. Sie statteten ihren Gluckwunsch ab und sagten, dass der Priester schon zugegen ware. Wir gingen darauf herunter in das Tafelzimmer. Die Trauung ward sehr bald vollzogen, und wir setzten uns zur Tafel, namlich wir viere und der Priester. Die Tafel war etwan mit sechs oder acht Gerichten besetzt. Dieses waren die Anstalten meiner Vermahlung. Sie wird mancher Braut lacherlich und armselig vorkommen. Gleichwohl war ich sehr wohl damit zufrieden. Ich war ruhig, oder, besser zu reden, ich konnte recht zartlich unruhig sein, weil mich nichts von dem rauschenden Larmen storte, der bei den gewohnlichen Hochzeitfesten zur Qual der Vermahlten zu sein pflegt. Nach der Tafel fuhren wir spazieren, und zwar zu dem Herrn R., der meinen Gemahl auf seinen Reisen begleitet hatte und itzt auf einem kleinen Landgute, etliche Meilen von uns, wohnte. Mein Gemahl liebte diesen Mann ungemein. "Hier bringe ich Ihnen", fing er zu ihm an, "meine liebe Gemahlin. Ich habe mich heute mit ihr trauen lassen. Ist es nicht wahr, ich habe vortrefflich gewahlt? Sie sollen ein Zeuge von meinem und ihrem Vergnugen sein; kommen Sie, und begleiten Sie uns wieder zuruck!" Wir fuhren also in seiner Gesellschaft wieder auf unser Landgut zuruck, ohne uns aufzuhalten. Kurz, der Abend verstrich ebenso vergnugt als der Mittag.
Itzt wundre ich mich, dass ich meinen Gemahl noch nicht beschrieben habe. Er sah braunlich im Gesichte aus und hatte ein Paar so feurige und blitzende Augen, dass sie einem eine kleine Furcht einjagten, wenn man sie allein betrachtete. Doch seine ubrige Gesichtsbildung wusste dieses Feuer so geschickt zu dampfen, dass nichts als Grossmut und eine lebhafte Zartlichkeit aus seinen Mienen hervorleuchtete. Er war vortrefflich gewachsen. Ich will ihn nicht weiter abschildern. Man verderbt durch die genauen Beschreibungen oft das Bild, das man seinen Lesern von einer schonen Person machen will. Genug, mein Graf war in meinen Augen der schonste Mann.
Nicht lange nach unserer Vermahlung musste mein Gemahl zu seinem Regimente. Sein Vater, der bei einem hohen Alter noch munter und der angenehmste Mann war, wollte mir die Abwesenheit meines Gemahls ertraglich machen und reisete mit mir auf seine ubrigen Guter. Auf dem einen traf ich eine sehr junge und schone Frau an, die man fur die Witwe des Oberaufsehers der Guter ausgab. Die Frau hatte so viel Reizendes an sich und so viel Gefalliges und Leutseliges in ihrem Umgange, dass ich ihr auf den ersten Anblick gewogen und in kurzer Zeit ihre Freundin ward. Ich bat, sie sollte mich wieder zuruckbegleiten und bei mir leben. Sie sollte nicht meine Bediente, sondern meine gute Freundin sein. Und wenn sie nicht langer bei mir bleiben wollte, so wollte ich ihr eine ansehnliche Versorgung schaffen. Sie nahm diesen Antrag mit Tranen an und schutzte bald ihren kleinen Sohn, bald die Lust zu einem stillen Leben vor, warum sie mir nicht folgen konnte. Sie ging mir indessen nicht von der Seite und bezeigte so viel Ehrerbietung und Liebe gegen mich, dass ich sie hundertmal bat, mir zu sagen, womit ich ihr dienen konnte. Allein sie schlug alle Anerbietungen recht grossmutig aus und verlangte nichts, als meine Gewogenheit. Der alte Graf wollte wieder fort, und indem mich die junge Witwe an den Wagen begleitete, so sah ich ein Kind in dem untersten Gebaude des Hofes am Fenster stehen. Ich fragte, wem dieses Kind ware. Die gute Frau kam vor Schrecken ganz ausser sich. Sie hatte mich beredt, dass ihr Sohn unlangst die Blattern gehabt hatte. Und damit ich mich nicht furchten sollte, so hatte sie mir ihn bei meinem Dasein, ungeachtet meines Bittens, nicht wollen sehen lassen. Allein ich sahe, dass diesem Knaben nichts fehlte, und ich liess nicht nach, bis man ihn vor mich brachte. Hilf Himmel! wie entsetzte ich mich, als ich in seinem Gesichte das Ebenbild meines Gemahls antraf. Ich konnte kein Wort zu dem Kinde reden. Ich kusste es, umarmte zugleich seine Mutter und setzte mich den Augenblick in den Wagen. Der alte Graf merkte meine Besturzung und entdeckte mir mit einer liebreichen Aufrichtigkeit das ganze Geheimnis. "Die Frau," sprach er, "die Sie gesehen haben, ist die ehemalige Geliebte Ihres Gemahls. Und wenn Sie dieses Gestandnis beleidiget, so zurnen Sie nicht sowohl auf meinen Sohn als auf mich. Ich bin an der Sache schuld. Ich habe ihn von Jugend auf mit einer besondern Art erzogen, die Ihnen in manchen Stucken ausschweifend vorkommen durfte. Mein Sohn musste in mir nicht sowohl seinen Vater, als seinen Freund lieben und verehren. Er durfte mich nicht furchten, als wenn er mir etwas verschwieg. Daher gestund er mir alles, und ich erhielt dadurch Gelegenheit, ihn von tausend Torheiten abzuziehen, ehe er sie beging, oder doch, ehe er sich daran gewohnete. Ich wusste, ehe ich meinen Sohn auf Reisen schickte, dass er ein gewisses Frauenzimmer von burgerlichem Stande liebte, welches meine Schwester als eine Waise sehr jung zu sich genommen und, weil das Kind viel Lebhaftigkeit besass, in der Gesellschaft ihrer einzigen Tochter wohl hatte erziehen lassen. Mein Sohn hatte mir aus dieser Liebe nie ein Geheimnis gemacht. Er bat mich, da er seine Reisen antrat, dass ich ihm erlauben mochte, dieses Frauenzimmer als seine gute Freundin mitzunehmen. Kurz, ich war entweder zu schwach, ihm diese Bitte abzuschlagen, oder ich willigte mit Fleiss darein, um ihn von den gefahrlichen Ausschweifungen der Jugend durch ihre Gesellschaft abzuhalten. Und dieses ist ebendas Frauenzimmer, das Sie itzt gesehen und nach der gemeinen Rede fur eine Witwe gehalten haben. Sie besitzt sehr gute Eigenschaften, und ich habe ihr zehntausend Taler ausgesetzt, damit sie heiraten kann, wenn es ihr beliebet. Fur ihren Sohn habe ich auch etwas Gewisses zu seiner Erziehung bestimmt. Und wenn Ihnen diese Frau gefahrlich scheint, so will ich sie binnen wenig Tagen nach Livland auf meine Guter schicken und ihr daselbst alle mogliche Versorgung verschaffen."
Man glaube ja nicht, dass ich die ehemalige Geliebte meines Gemahls zu hassen anfing. Nein, ich liebte sie, und die Liebe besanftigte die Eifersucht. Ich bat, dass er sie mit einer anstandigen Heirat versorgen und sie entfernen mochte. Bei unserer Zuruckkunft traf ich meinen Gemahl schon an. So sehr ich von der Gewissheit seiner Liebe versichert war, so konnte ich doch nicht ruhig werden, bis ich ihn durch allerhand kleine Kaltsinnigkeiten notigte, ein Geheimnis aus mir herauszulocken, das mein Herz nicht umsonst entdecket haben wollte. Er erschrak und beklagte sich uber die Unvorsichtigkeit seines Vaters, dass er mich an einen Ort gefuhrt hatte, der unsrer Zartlichkeit so nachteilig sein konnte. Er gab den Augenblick Befehl, dass man dieses Frauenzimmer nebst ihrem Sohne entfernen und alles, was sie verlangte, zu ihrem Unterhalte ausmachen sollte. Dieses geschah auch binnen acht Tagen. Ich konnte keine deutlichere Probe von seiner Treue verlangen, und es war mir unmoglich, ihn wegen dieser Sache auch nur einen Augenblick zu hassen, ob ich mich gleich von aller Unruhe nicht freisprechen will.
Er gestund mir, dass er dieses Frauenzimmer gewiss zu seiner Gemahlin erwahlet haben wurde, wenn er die Einwilligung vom Hofe hatte erhalten konnen. In der Tat verdiente sie dieses Gluck so wohl als ich. Ich sah beinahe keinen Vorzug, den ich vor ihr hatte, als dass ich adlig geboren war. Und wie gering ist dieser Vorzug, wenn man ihn vernunftig betrachtet! Sie hatte sich gar nicht aus Leichtsinn ergeben. Die Ehe war der Preis gewesen, fur den sie ihr Herz und sich uberlassen hatte. Der Vater des Grafen hatte die Liebe und die Wahl seines Sohnes gebilliget. Sie kannte das edelmutige Herz ihres Geliebten. Sie war von der Aufrichtigkeit seiner Zartlichkeit uberzeugt. Ein Frauenzimmer, das sich unter solchen Umstanden in eine vertrauliche Liebe einlasst, verdienet eher Mitleiden als Vorwurfe. Mein Gemahl erzahlte mir einen Umstand, der Karolinens Wert, so will ich seine Geliebte kunftig nennen, sehr verschonert. Sobald sie gesehen, dass er die Einwilligung, sich mit ihr zu vermahlen, nicht wurde erhalten konnen, ohne dabei sein Gluck in Gefahr zu setzen und die Gnade des Hofes zu verlieren, so hatte sie sich des Rechts auf sein Herz freiwillig begeben. Er zeigte mir folgenden Brief von ihr, der mich wegen seines grossmutigen Inhalts ungemein geruhret hat.
"Mein lieber Graf!
Ich hore, dass man Ihnen den Entschluss, mich fur Ihre Gemahlin zu erklaren, sehr sauer macht. Sie dauern mich, weil ich gewiss weiss, dass Sie mich lieben, und Wort nicht zu halten, als es mich Muhe kostet, meine Anspruche auf das edelste und grossmutigste Herz fahren zu lassen. Doch wenn ich einmal meinen Graf verlieren soll, so will ich ihn mit Ruhm verlieren. Kurz, mein liebster Graf, ich opfre Ihrem Glucke und Ihrem Stande meine Liebe und meine Zufriedenheit auf und vergesse das schmeichelhafte Gluck, Ihre Gemahlin zu werden, auf ewig. Sie sind frei und konnen sich zu einer Wahl entschliessen, welche Ihnen nur immer gefallt. Ich bin alles zufrieden, wenn ich nur sehe, dass Sie glucklich wahlen und die Zufriedenheit an der Seite Ihrer Gemahlin erhalten, die ich Ihnen durch meine Liebe habe verschaffen wollen. Dieses ist, wie der Himmel weiss, mein grosster Wunsch. Und was gehort mehr zu der Aufrichtigkeit eines solchen Wunsches, als dass man Sie liebt? Ich mache Ihnen nicht den geringsten Vorwurf. Sie haben in meinen Augen Ihr Wort vollkommen gehalten; denn ich bin uberzeugt, dass Sie es erfullen wurden, wenn es bei Ihnen stunde. Ich werde mich auch nie uber mich selbst beklagen. Ich bin die Ihrige unter der Bedingung gewesen, dass Sie mich einst offentlich dafur erklaren wurden. Ich habe Ihnen also bei aller meiner Zartlichkeit doch nie meine Tugend aufgeopfert. Nein, das Andenken meiner Liebe wird mir allemal die grosste Beruhigung geben, so traurig auch mein kunftiges Schicksal der Welt vorkommen wird. Vermahlen Sie sich, mein lieber Graf, und denken Sie kunftig nur an mich als an Ihre Freundin. Diese Belohnung verdiene ich. Leben Sie wohl, und lassen Sie mir auf einem Ihrer Guter einen Platz anweisen, wo ich nebst meinem Sohne in der Stille leben kann. Verlieren Sie weiter kein Wort. Ich bleibe bei meinem Entschlusse, Ihnen zu beweisen, dass ich Ihr Gluck meiner Wohlfahrt vorziehe. Leben Sie wohl, mein lieber Graf!"
Karolinens grossmutigem Entschlusse hatte ich's also zu danken, dass mir der Graf zuteil worden war. Sie hatte sich nach diesem Briefe nicht mehr als noch einmal von ihm sprechen lassen und sich sogleich auf das Landgut begeben, wo ich sie antraf. Er versicherte mich, dass er sie seit anderthalb Jahren nicht gesehen, und ich hatte ihr gern das Vergnugen gegonnt, den Grafen vor ihrer Abreise nach Livland noch einmal zu sprechen, wenn es der Wohlstand hatte erlauben wollen.
Mein Graf verdoppelte seine Bemuhungen, mir zu gefallen; und der Himmel weiss, dass er der liebenswurdigste Mann war, den man kaum zartlicher und edler denken konnte. Er war vernunftig und gesittet gewesen, ehe er ein Soldat geworden war, und daher hatte er nicht das geringste von dem Rohen und Wilden an sich genommen, das dieser Lebensart sonst eigen zu sein pflegt. Er war die Gutheit und Menschenliebe selbst, und dennoch ward er im ganzen Hause so gefurchtet, dass der kleinste Wink an seine Leute die Wirkung des nachdrucklichsten Befehls tat. Er schien mir vollkommen zu gehorchen; es war ihm unmoglich, mir etwas abzuschlagen; er hielt alles fur genehm, was ich verlangte. Allein mitten in dieser zartlichen Untertanigkeit wusste er sich bei mir in einer gewissen Ehrfurcht zu erhalten, dass ich bei aller meiner Herrschaft nicht sowohl meinen Willen als vielmehr sein Verlangen in Gedanken zu Rate zog und in der Tat nichts unternahm, als was er befohlen haben wurde, wenn er hatte befehlen wollen. Er war der ordentlichste Mann in seinen Geschaften und band sich doch selten an die Zeit. Er arbeitete, sobald er sich geschickt zur Arbeit fuhlete, und arbeitete so lange fort, als er sich in dieser Verfassung merkte. Allein er liess auch von seinen Verrichtungen nach, sobald er keine Lust mehr dazu verspurete. Daher war er stets munter, weil er sich niemals zu sehr ermudete, und hatte stets Zeit zu den Vergnugungen ubrig, weil er die Zeit niemals mit vergebnen Bemuhungen, zu arbeiten, verschwendete. Er hatte eine sehr schone Bibliothek auf seinen Reisen gesammlet. Ich verstund Franzosisch und etwas Latein und Italienisch. Der Buchersaal ward mir in kurzer Zeit an der Seite meines Gemahls der angenehmste Ort. Er las mir aus vielen Buchern, die teils historisch, teils witzig, teils moralisch waren, die schonsten Stellen vor und brachte mir seinen guten Geschmack unvermerkt bei. Und ob ich's gleich nicht allemal sagen konnte, warum eine Sache schon oder nicht schon war, so war doch meine Empfindung so getreu, dass sie mich selten betrog. Unsere Ehe selbst war nichts als Liebe und unser Leben nichts als Vergnugen. Wir hatten fast niemanden zu unserm Umgange als uns. Mein Gemahl unterhielt mich, ich ihn, und unser alter Vater uns alle beide. Dieser Mann von siebenzig Jahren vertrat die Stelle von sechs Personen. Seine Erfahrung in der Welt, seine brauchbare Gelehrsamkeit und sein zufriednes und redliches Herz machten ihn stets munter und belebt in seinen Gesprachen. Ich kann sagen, dass ich diesen Greis in drei Jahren fast keine Stunde unruhig gesehen habe; denn so viele Jahre waren in meiner Ehe verstrichen, als er starb. Gott, wie lehrreich war das Ende dieses Mannes! Er bekam sieben Tage vor seinem Tode Schwulst in den Beinen. Diese trat immer weiter, und er sah mit jedem Tage sein Ende naher kommen. Er fragte den Arzt, wie lange es noch mit ihm dauren wurde. "Wahrscheinlicherweise", antwortete dieser, "uber drei Tage nicht." "Recht gut", versetzt der alte Graf. "Gott sei gedankt, dass meine Wallfahrt so glucklich abgelaufen ist! Also habe ich nur noch drei Tage von dem Leben zuzubringen, von dem ich meinem Schopfer Rechenschaft geben soll? Ich werde sie nicht besser anwenden konnen, als wenn ich durch meine Freudigkeit den Meinigen ein Beispiel gebe, wie leicht und gluckselig man stirbt, wenn man vernunftig und tugendhaft gelebt hat." Er liess darauf alle seine Bediente zusammenkommen. Er ruhmte ihre Treue und bat sie als ein Vater, dass sie die Tugend stets vor Augen haben sollten. "Ich", fing er an, "bin euer Herr und Aufseher gewesen. Der Tod hebt diesen Unterschied auf, und ich gehe in eine Welt, wo ihr so viel als ich sein werdet, und wo ihr fur die Erfullung eurer Pflichten ebenso viel Gluck erhalten werdet, als ich fur die Erfullung der meinigen. Lebt wohl meine Kinder! Wer mich lieb hat und mir vor meinem Tode noch ein Vergnugen machen will, der verspreche mir mit der Hand, dass er meine Lehren und meine Bitten erfullen will." Er befahl darauf, einem jedweden eine gewisse Summe Geldes auszuteilen. Er liess diesen und den folgenden Tag die meisten von seinen Untertanen zu sich kommen und redete mit ihnen ebenso wie mit seinen Bedienten. Wem er Geld zu seiner Nahrung vorgestrecket hatte, dem erliess er's; und alle durften sich etwas von ihm ausbitten. Die Anzahl der Armen war sehr klein; denn er hatte seine Wohltaten und seine Vorsorge gegen die Untertanen nicht bis an sein Ende versparet. Man kann sich die Wehmut dieser Leute leicht vorstellen. Ein jeder beweinte in ihm den Verlust eines Vaters. Nach dieser Verrichtung fragte der sterbende Graf, ob noch jemand in seinem Hause ware, der nicht Abschied von ihm genommen hatte. Ich sagte ihm, dass ich niemanden wusste, ausser die Soldaten, die mein Gemahl bei sich hatte. "Auch diese", sagte er, "sind mir liebe Leute. Sie brauchen am meisten, den Tod kennen zu lernen, weil sie ihn vor andern unvermutet gewartig sein mussen. Lasst sie herein kommen!" Hierauf traten vier Leute herein, denen die Wildheit und Unerschrockenheit aus den Augen sah. Der alte Graf redete sie liebreich an; und er hatte kaum angefangen, so weinten diese dem Anscheine nach so beherzte und barbarische Manner wie die Kinder. Er fragte sie, wie lange sie gedienet hatten. Sie hatten fast alle zwanzig Jahre die Waffen getragen. "O," fing der Graf an, "ihr verdient, dass ihr die Ruhe des Lebens schmeckt, weil ihr die Unruhe so lange ausgehalten habt. Mein Sohn mag euch den Abschied erteilen. Und ihr sollt euch in meinem Dorfe niederlassen und, solange ihr lebet, noch so viel bekommen, als eure ordentliche Lohnung austragt." Einer von diesen Leuten hat nach dem meinem Gemahle einen sehr wichtigen Dienst geleistet.
Die Nacht vor seinem letzten Ende brach nunmehr an. Er fragte den Doktor noch einmal um die Zeit seines Todes, und er horte mit der grossten Standhaftigkeit, dass er kaum vierundzwanzig Stunden noch auf der Welt sein wurde. Er forderte darauf zu essen. Er ass und liess sich auch ein Glas Wein reichen. "Gutiger Gott!" fing er an, "es schmeckt mir bei meinem Ende noch so gut, als es mir vor funfzig Jahren geschmeckt hat. Hatte ich nicht massig gelebt, so wurden meine Gefasse zu dieser Erquickung nicht mehr geschickt sein. Nun", fuhr er fort, "will ich mich zu meinem Aufbruche aus der Welt noch durch einige Stunden Schlaf erholen." Er schlief drei Stunden. Alsdann rief er mich und bat, ich sollte ihm aus seinem Schreibetische ein gewisses Manuskript holen. Dieses war ein Verzeichnis seines Lebens seit vierzig Jahren. Und dieses musste ich ihm bis zu anbrechendem Tage vorlesen. Als wir fertig waren, so tat er das brunstigste Gebet zu Gott und dankte ihm fur die Gute und Liebe, welche er ihn in der Welt hatte geniessen lassen, auf eine ganz entzuckende Weise und bat, dass er ihn in der kunftigen Welt die Wahrheit und Tugend, der er hier unvollkommen nachgestrebt, mochte vollkommen erreichen lassen. Er liess seinen Sohn rufen, nahm uns beide in die Arme und fing an zu weinen. "Dieses", sagte er, "sind seit vierzig und mehr Jahren die ersten Tranen, die ich vergiesse. Sie sind keine Zeichen meiner Wehmut und Furchtsamkeit, sondern meiner Liebe. Ihr habt mir mein Leben angenehm gemacht; allein das Gluck, das ich nach meinem Tode hoffe, macht mir den Abschied von euch sehr ertraglich. Liebt getreu und geniesst das Leben, das uns die Vorsehung zum Vergnugen und zur Ausubung der Tugend geschenkt hat." Er gab mir noch allerhand Regeln, wie ich meine Kinder ziehen sollte, wenn unsre Ehe fruchtbar sein wurde. Und in eben der Bemuhung, auch seine Nachkommen durch eine weise Vorsorge noch glucklich zu machen, starb er.
Wir lebten darauf noch einige Jahre in der grossten Zufriedenheit auf unserm Landgute. Endlich erhielt mein Gemahl Befehl, am Hofe zu erscheinen, und ich folgte ihm dahin.
Ich war kaum bei Hofe angekommen, so ward ich verehrt und bewundert. Es war, wie es schien, niemand schoner, niemand geschickter und vollkommener als ich. Ich konnte vor der Menge der Aufwartungen und vor dem sussen Klange der Schmeicheleien kaum zu mir selber kommen. Zu meinem Unglucke bekam mein Gemahl Ordre zum Marsche, und ich musste zuruckbleiben. Es hiess, ich sollte ihm bald nachfolgen; allein es vergingen drei Monate, ehe ich ihn zu sehen bekam. Ich hatte meine ganze Philosophie notig, die ich bei meinem Vetter, meinem Gemahle und seinem Vater gelernt hatte, wenn ich nicht eitel und hochmutig werden wollte. Die Ehre, die mir allenthalben erwiesen ward, war eine gefahrliche Sache fur eine junge und schone Frau, die den Hof zum ersten Male sah.
Ein gewisser Prinz von S..., der bei Hofe alles galt, der schon eine Gemahlin und unstreitig nicht die erlaubtesten Absichten gegen mich hatte, suchte sich die Abwesenheit meines Gemahls zunutze zu machen. Er bediente mich bei aller Gelegenheit mit einer ungemeinen Ehrerbietung und mit einem Vorzuge, der recht prachtig in die Augen fiel. Er wagte es zuweilen, mir von einer Neigung zu sagen, die ich verabscheute. Dennoch wusste ich der Ehrerbietung, die er stets mit untermengte, nicht genug zu widerstehen. Ich war so treu, als man sein kann; allein vielleicht nicht strenge genug in dem ausserlichen Bezeigen. Hierdurch machte ich den Prinzen nur beherzter. Er kam an einem Nachmittage unangemeldet zu mir. Er machte mir allerhand kleine Liebkosungen; doch bei der ersten Freiheit, die er sich herausnahm, sagte ich zu ihm: "Erlauben Sie mir, dass ich es Ihrer Gemahlin darf melden lassen, dass Sie bei mir sind, damit sie mir das Gluck ihrer Gegenwart auch gonnt!" "Sie ist schon in den Gedanken bei mir", fing er an. "Und mein Gemahl", antwortete ich, "ist auch bei mir, wenn er gleich im Felde ist." Darauf machte er mir ein frostig Kompliment und ging fort. Wie rachgierig dieser Herr war, wird die Folge ausweisen.
Mein Gemahl kam wieder zuruck, und nach seiner Ankunft ward ihm der Hof verboten. Dieses war die erste Rache eines beleidigten Prinzen. Wir gingen darauf auf unser Landgut. Ich entdeckte meinem Gemahle ohne Bedenken die Ursache der erlittenen Ungnade und bat ihn tausendmal um Vergebung. "Ich bin sehr wohl", sprach er, "mit meinem Unglucke zufrieden. Fahren Sie nur fort, mich durch Ihre Tugend zu beleidigen; ich will Ihnen zeitlebens dafur danken. Ich habe es vorausgesehen, dass Ihnen der Hof gefahrlich sein wurde. Ich konnte mir einbilden, dass man Sie bewundern, und dass Ihr Herz der Versuchung der Lobspruche und Ehrenbezeugungen nicht gleich den ersten Augenblick widerstehen wurde. Die erlittene Ungnade ist nichts als ein Beweis, dass ich eine liebenswurdige und tugendhafte Frau habe."
Wir lebten auf unserm Landgute so ruhig und zartlich als jemals. Und damit wir den Verlust unsers klugen Vaters desto weniger fuhlten, so nahm mein Gemahl seinen ehemaligen Reisegefahrten, den Herrn R..., zu sich. Er war noch ein junger Mann, der aber in einer grossen Gesellschaft zu nichts taugte, als einen leeren Platz einzunehmen. Er war stumm und unbelebt, wenn er viel Leute sah. Doch in dem Umgange von drei oder vier Personen, die er kannte, war er ganz unentbehrlich. Seine Belesenheit war ausserordentlich und seine Bescheidenheit ebenso gross. Er war in der Tugend und Freundschaft strenge bis zum Eigensinne. So traurig seine Miene aussah, so gelassen und zufrieden war er doch. Er schlug kein Vergnugen aus; allein es schien, als ob er sich nicht sowohl an den Ergotzlichkeiten selbst als vielmehr an dem Vergnugen belustigte, das die Ergotzlichkeiten andern machten. Sein Verlangen war, alle Menschen vernunftig und alle Vernunftige glucklich zu sehen. Daher konnte er die grossen Gesellschaften nicht leiden, weil er so viel Zwang, so viel unnaturliche Hoflichkeiten und so viel Verhinderungen, frei und vernunftig zu handeln, darinnen antraf. Er blieb in allen seinen Handlungen uneigennutzig und gegen die Glucksguter und gegen alle Ehrenstellen fast gar zu gleichgultig. Die Schmeichler waren seine argsten Feinde. Und er glaubte, dass diese Leute der Wahrheit und den guten Sitten mehr Schaden taten als alle Ketzer und Freigeister. Einem geringen Manne diente er mit grossern Freuden als einem vornehmen. Und wenn man ihn um die Ursache fragte, so sagte er: "Ich furchte, der Vornehme mochte mich bezahlen und durch eine reiche Belohnung mich zu einem Lasttrager seiner Meinungen und zu einem Beforderer seiner Affekten erkaufen wollen." Er hatte einen geschickten Bedienten, der ihm aber des Tages nicht mehr als etliche Stunden aufwarten durfte. Als er seinen Herrn in unsrer Gegenwart einmal fragte, ob er nichts zu tun hatte, so sagte er: "Denkt Ihr denn, dass Ihr bloss meinetwegen und meiner Kleider und Wasche wegen in der Welt seid? Wollt Ihr denn so unwissend sterben, als Ihr geboren seid? Wenn Ihr nichts zu tun habt, so setzt Euch hin und uberlegt, was ein Mensch ist, so werden Euch Beschaftigungen genug einfallen." Er gab ihm verschiedene Bucher zu lesen. Und wenn er ihn auskleidete, so musste er ihm allemal sagen, wie er den Tag zugebracht hatte. "Wer sich schamt," sagte er, "einen Menschen vernunftig und tugendhaft zu machen, weil er geringe ist, der verdient nicht, ein Mensch zu sein." Mein Gemahl liebte den Herrn R... als seinen Bruder, und wir beschlossen niemals etwas Wichtiges, ohne ihn zu Rate zu ziehen.
Um diese Zeit bekam mein Gemahl Befehl zum Marsche, weil Schweden mit der Krone Polen in einen Krieg verwickelt wurde. Nunmehr ging mein Elend an. Mein Gemahl hatte einen engen und gefahrlichen Pass verteidigen sollen. Allein er hatte das Ungluck gehabt, ihn und fast alle seine Mannschaft zu verlieren. Man glaubte, der Prinz von S..., der mit zu Felde war, hatte ihn mit Fleiss zu dieser gefahrlichen Unternehmung bestimmt, um ihn zu sturzen. Genug, mein Gemahl ward zur Verantwortung gezogen. Man gab ihm schuld, er hatte seine Pflicht nicht in acht genommen, und es ward ihm durch das Kriegsrecht der Kopf abgesprochen. Gott, in welch Entsetzen brachte mich folgender Brief von meinem Gemahle! "Lebt wohl, liebste Gemahlin, lebt ewig wohl! Es hat der Vorsicht gefallen, meinen Tod zu verhangen. Er kommt mir nicht unvermutet; doch wurde mich die Art meines Todes erschrecken, wenn ich meinen Ruhm mehr in der Ehre der Welt als in einem guten Gewissen suchte. Gerechter Gott! Ich soll durch das Schwert sterben, weil ich es nicht beherzt genug fur das Vaterland gefuhrt habe. Der Himmel weiss, dass ich unschuldig bin. Und funf Wunden, die ich bei meiner Gegenwehr empfangen habe, mogen Zeugen sein, ob ich meiner Pflicht nachgelebt. Der Prinz von S..., den Ihr durch Eure Tugend beleidiget habet, ist ohne Zweifel die Ursache meines gewaltsamen Todes. Vergebt es ihm, dass er Euch Euren Gemahl entreisst. Es ist weit weniger, als wenn er Euch Eure Tugend entrissen hatte. Lebt wohl, meine Gemahlin, und betet, dass ich bei dem Anblicke meines Todes so beherzt sein mag, als ich itzt bin! Meine Wunden sind gefahrlich. Wollte Gott, dass sie todlich waren und mich der Schmach entrissen, als ein Verbrecher vor den Augen der Welt zu sterben. In funf Tagen soll mein Urteil vollstreckt werden. Nehmet von dem redlichen R... in meinem Namen Abschied. Er wird Euch in Eurem Unglucke nicht verlassen. Ich habe den Konig in einem Bittschreiben ersucht, dass er Euch meine Guter lassen soll; aber ich glaube nicht, dass es geschehen wird. Seid unbekummert, meine Getreue! Flieht, wohin Ihr wollt, nur dass Ihr den Nachstellungen des Prinzen entgeht. Lebt wohl! Ach, wenn doch der funfte Tag schon da ware! O, warum muss ich denn ein Schlachtopfer meiner Feinde werden? Doch es ist eine Schickung. Ich will meinen Tod mit Standhaftigkeit erwarten. Lebt noch einmal wohl, liebste Gemahlin! Ich fuhle den Augenblick eine ausserordentliche Schwachheit in meinem Korper ... Mein Feldprediger kommt. Ich will ihn bitten, dass er Euch diesen Brief zustellen lasst. Fasst Euch. Ich liebe Euch ewig, und ich sehe Euch in der kunftigen Welt gewiss wieder." Meinen Schmerz uber diese Nachricht kann ich nicht beschreiben. Die Sprachen sind nie armer, als wenn man die gewaltsamen Leidenschaften der Liebe und des Schmerzes ausdrucken will. Ich habe alles gesagt, wenn ich gestehe, dass ich etliche Tage ganz betaubt gewesen bin. Alle Trostgrunde der Religion und der Vernunft waren bei meiner Empfindung ungultig, und sie vermehrten nur meine Wehmut, weil ich sah, dass sie solche nicht besanftigen konnten. Der angesetzte Todestag meines Gemahls brach an. Ich brachte ihn mit Tranen und Gebete zu und fuhlte den Streich mehr als einmal, der meinem Gemahle das Leben nehmen sollte. Niemand stund mir in meinem Elende redlicher bei als der Herr R... Er klagte und weinte mit mir und erwarb sich durch seine Traurigkeit den Vorteil, dass ich die Trostgrunde anhorte, mit denen er mich nunmehr anfing aufzurichten.
Binnen acht Tagen kam der Reitknecht meines Gemahls und brachte mir die Post, dass sein Herr drei Tage vor dem Tage des Urteils an seinen Wunden gestorben ware. Diese Nachricht vergnugte mich, so betrubt sie war, doch unendlich. "So ist er denn als ein Held an seinen Wunden gestorben!" rief ich aus. "So hat er die traurigen Zubereitungen zu einem gewaltsamen Tode, welche arger als der Tod selber sind, nicht mitansehen durfen! Nunmehr bin ich ruhig!" Ich fragte, ob man ihn ohne Schimpf zur Erden bestattet hatte. Er sagte mir, dass dieses gar nicht hatte geschehen konnen, weil in der Nacht, da er gestorben ware, die Feinde das Dorf angefallen und das Bataillon, bei dem mein Gemahl gefangen gesessen, genotiget hatten, sich in der grossten Eil' und mit Verlust zuruckzuziehen. In ebendieser Unordnung ware er mitgewichen, und der Feldprediger von meines Gemahls Regiment hatte ihm Gelegenheit geschafft, mit einem Detachement zuruckzugehen und mir die Nachricht und etliche Kleinodien von meinem Gemahle zu uberbringen.
Der Feldprediger hatte selbst an mich geschrieben und mir in meines Gemahls Namen geraten, Schweden so bald zu verlassen, als es moglich ware, damit ich nicht der Rache des Prinzen oder seiner Wollust weiter ausgesetzt sein mochte. Der Befehl wegen der Einziehung unserer Guter war, wie ich erfuhr, schon vor meines Gemahls Tode unterzeichnet worden. Ich entschloss mich also zur Flucht und bat den Herrn R..., Schweden mit mir zu verlassen. Wir gaben in unserm Hause eine Reise auf die andern Guter vor und nahmen nichts als die Schatulle, in welcher etwan tausend Dukaten waren (denn mein Gemahl hatte sein bares Vermogen der Krone vorgestreckt), nebst dem Geschmeide und den Kleinodien mit uns. Alles Silbergeschirr liessen wir im Stiche und kamen in Begleitung des vorhin gedachten Reitknechts und des Bedienten des Herrn R..., glucklich uber die Grenzen. Wir erfuhren bald darauf, dass man die Guter eingezogen, und dass man mir etliche Meilen hatte nachsetzen lassen. Wir waren nunmehr in Livland; allein ich war deswegen noch nicht sicher. Der Prinz wollte mich in seiner Gewalt haben. Mein Vetter, der mich nach Schweden gebracht hatte, war tot, und ich wusste nicht, welches Land ich zu meinem Aufenthalte aussuchen sollte. Mein getreuer Begleiter sollte mein Ratgeber werden. Er schlug mir Holland vor, weil er in Amsterdam Freunde hatte, und er versicherte mich, dass es mir an diesem Orte gefallen wurde. "Hier konnen Sie sich", sagte er, "ein paar Jahre aufhalten, bis sich die Umstande in Schweden andern. Vielleicht gluckt es Ihnen, dass Sie durch Vorbitte mit der Zeit einen Teil von Ihres Gemahls Vermogen zuruckbekommen."
Die Furcht, in des rachgierigen Prinzen Hande zu fallen, machte mir alle Lander angenehmer als mein Vaterland. Ich entschloss mich also, mit ihm nach Amsterdam zu gehen, und ich wunschte, dass mich die ehemalige Geliebte meines Gemahls dahin begleiten mochte. Wir waren etwa achtzehn Meilen von ihr entfernet; denn wir bildeten uns ein, dass sie noch auf meines Gemahls Gutern ware, die er in Livland hatte. Herr R... reisete also dahin ab, um sich nach ihr zu erkundigen. Er war kaum weg, so brachte mir der Reitknecht die Nachricht, dass er Karolinen in der Kirche des Dorfes, in welchem ich mich ingeheim aufhielt, gesehen, aber nicht gesprochen hatte. Ich schickte ihn fort, und binnen wenig Stunden sah ich sie zu meinem grossten Vergnugen bei mir. Sie hatte binnen den acht Jahren, da ich sie nicht gesehen, etwas von ihren ausserlichen Reizungen, doch nichts von ihrer Annehmlichkeit im Umgange verloren. Ich erzahlte ihr mein Schicksal und fragte sie, ob sie mit mir nach Amsterdam gehen wollte. Sie vergoss tausend Tranen uber mein Ungluck und uber die Liebe, die ich noch gegen sie hatte. "Sie verfahren", sprach sie, "gar zu liebreich mit mir. Sie bezeigen mir die starkste Gewogenheit und hatten doch vielleicht Ursache, mich zu hassen. Ich halte es fur mein grosstes Ungluck, dass ich Ihnen nicht folgen kann; allein ich bin seit einem Jahre denn so lange ist es, dass ich mich von Ihres Gemahls Gutern an diesen Ort begeben habe sehr krank gewesen, und Sie werden mir es leicht ansehen, dass es mir unmoglich ist, eine so weite Reise mit Ihnen zu tun. Indessen schwore ich Ihnen zu, dass mich, wofern ich wieder gesund werde, nichts in der Welt abhalten soll, Ihnen nachzufolgen. Und damit ich Sie von der Gewissheit meines Versprechens desto starker uberfuhre, so will ich Ihnen meinen Sohn mitgeben, wenn er Ihnen nicht zur Last wird. Er ist bei mir. Ich habe mir fur das Geld, das der Herr Vater Ihres Gemahls zu meiner und meines Kindes Erhaltung ausgesetzt hat, ein kleines Landgut hier in diesem Dorfe gekauft, und ich biete es Ihnen nicht allein zu ihrem Aufenthalte, sondern mit dem grossten Vergnugen zu Ihrem Eigentume an. Wollte Gott! Sie blieben unerkannt bei mir, wie ruhig wollten wir nicht leben! Das Verlangen, Ihnen zu dienen, sollte mich wieder gesund und munter machen."
Ich wagte es, mich auf ihren kleinen Rittersitz zu begeben. Ich traf keinen Reichtum, keinen Uberfluss da an; aber Ordnung und Bequemlichkeit, die von dem guten Geschmacke der Besitzerin zeugten. Ich fand eine Menge schoner Bucher in ihrer besten Stube. Und sie war so bescheiden, dass sie sagte, sie gehorten ihrem Sohne, da ich doch leicht merken konnte, dass sie ihr selber zugehorten. Es waren fast alle die franzosischen und schwedischen Bucher, welche mein Gemahl hochzuhalten pflegte, und ich konnte leicht erraten, wem sie diesen guten Geschmack zu danken hatte. Unter ihrem Spiegel hing das Bildnis meines Gemahls. Sobald sie merkte, dass mir's in die Augen fiel, so uberreichte sie mir's zum Geschenke und gestund mir, dass sie es selber gemalet hatte; denn sie konnte vortrefflich in Miniatur malen. Ich hielt es fur eine Grausamkeit, sie um dieses Andenken zu bringen. Darum bat ich sie, das Bild noch einmal zu malen und dieses so lange zu behalten.
Ihr Sohn war noch nicht vollig dreizehn Jahre alt. Er war ein sehr artiger und lebhafter Knabe. Sie hatte ihn schon in seinen zartesten Jahren einem geschickten Manne zur Aufsicht anvertraut und ihn itzt nur auf etliche Wochen zu sich kommen lassen, weil sie wegen der anhaltenden Krankheit ihr Ende vermutet. Sie gestund mir zu gleicher Zeit, dass sie von meinem verstorbenen Gemahle auch eine Tochter gehabt hatte. Sie ware mit ihr in Holland darniedergekommen und hatte sie bei ihrem Bruder, einem Kaufmanne im Haag, teils auf sein Bitten, teils aus andern Ursachen zuruckgelassen; dieses Kind aber ware in seinem sechsten Jahre gestorben, wie ihr Bruder geschrieben hatte. "Ich wollte wunschen," fuhr sie fort, "dass Sie Ihren Aufenthalt in Holland bei meinem Bruder nehmen konnten. Doch, soviel ich weiss, ist er nicht mehr in den besten Umstanden. Ich habe lange keine Nachricht von ihm und weiss nicht, ob er sich von seinem starken Bankerotte wieder erholet hat oder nicht."
Der Herr R... kam unterdessen von seiner vergebenen Reise wieder. Es war Zeit, dass wir uns von einem Orte wegmachten, wo wir langer nicht wohl verborgen bleiben konnten. Ehe wir noch fortgingen, so starb der Bediente des Herrn R..., dessen Verlust uns nicht wenig daurete. Dieser redliche Mensch gab seinem Herrn vor seinem Tode vierhundert Stuck Dukaten. "Dieses Geld", sagte er, "habe ich in Ihrem Dienste und durch Ihre Freigebigkeit gesammlet, und ich bin froh, dass ich es Ihnen wiedergeben kann. Ihrer Gute, Ihrem Unterrichte und Ihrem Exempel habe ich's zu danken, dass ich itzt gelassen und freudig sterben kann. Wenn Sie nur wieder einen Menschen hatten, auf den Sie sich verlassen konnten." So gewiss ist's, dass man auch den niedrigsten Menschen edelmutig machen kann, wenn man ihn nicht bloss als seinen Bedienten und Sklaven, sondern als ein Geschopf ansieht, das unserer Aufsicht anvertraut und zu einem allgemeinen Zwecke nebst uns geboren ist.
Wir verliessen nunmehr Karolinen in Begleitung ihres Sohnes. Sie versprach, sobald es moglich ware, uns zu folgen und ihr Landgutchen zu verkaufen. Wir kamen glucklich in Amsterdam an. Der Vetter des Herrn R..., bei dem wir uns aufhalten wollten, war zwar gestorben, doch lebte seine Tochter noch. Sie kannte den Herrn R..., sobald sie ihn sah: denn er war, wie ich schon gesagt habe, mit meinem Gemahle ehedem durch Holland gereiset. Sie nahm uns sehr gutig auf, und ihr Ehemann war ebenfalls ein vernunftiger und dienstfertiger Mann. Ich entdeckte mich ihnen und bat, dass sie meinen Stand nicht allein verschwiegen halten, sondern ihn auch vergessen und mich nicht mehr als eine Grafin, sondern als eine ungluckliche Freundin betrachten mochten. Sie hatten von dem Schicksale meines Gemahls schon durch die Zeitungen gehoret. Und wenn ich auch keine Eigenschaften gehabt hatte, mich bei diesen Leuten in Gewogenheit und Ansehen zu setzen, so war doch mein Ungluck schon die beste Empfehlung. Ja, ich erfuhr, dass ein grosses Ungluck in den Gemutern vieler Menschen fast ebendie Wirkung hervorbringt, welche sonst ein grosses Gluck zu verursachen pflegt. Man schatzt uns hoch, weil wir viel erlitten oder viel verloren haben, und man macht unsern Unfall zu unserm Verdienste, sowie man oft unser Gluck, ob wir gleich dazu nichts beigetragen haben, als unsre Vollkommenheit ansieht. Mit einem Worte, diese Leute erwiesen mir, ehe ich sie noch kannte, mehr Hochachtung und Gefalligkeit, als ich fordern konnte. Sie gaben mir einen ganzen Teil von ihrem Hause zu meiner Wohnung ein: ich nahm aber nicht mehr als ein paar Zimmer. Und damit ich diesen guttatigen Leuten nicht zur Last werden mochte, so entdeckte ich dem Herrn R..., dass ich willens ware, meine Juwelen zu Gelde zu machen und das Geld in die Handlung seiner Frau Muhme zu legen. Er sagte, dass er es mit seinen vierhundert Dukaten, die ihm sein Bedienter gegeben, schon also gemacht hatte. Mein dienstwilliger Wirt verhandelte die Juwelen fur zwolftausend Taler und sagte, dass er mir keine Interessen, sondern den ordentlichen Gewinst davon abgeben wollte; der bei der Rechnung in seinem Handel auf dieses Kapital fallen wurde. Ich bat ihn, dass er mir keine Rechnung ablegen, sondern mich und meine beiden Reisegefahrten anstatt der Interessen erhalten sollte. Ich lebte hier so ruhig, dass ich mir keinen andern Ort wunschte. Herr R... hatte den Sohn von Karolinen bei sich. Weil er kein Amt hatte, so gab er sich selber eins und zog diesen jungen Menschen mit so vieler Sorgfalt auf, als ein Mann tun kann, der in dem Bewusstsein edler Absichten und nutzlicher Taten seine Belohnung sucht. Und wie sehr wurden nicht die Grossen viel niedrige und unberuhmte Manner beneiden, wenn sie die Belohnung kennten, welche solchen Leuten das Gedachtnis ihrer ruhmlichen Absichten und guten Taten zu schenken pflegt! Er unterrichtete den jungen Menschen in den Sprachen und Kunsten und brachte ihm die edelsten Meinungen von der Religion und Tugend bei. Was sein Unterricht nicht tat, das richtete sein Exempel aus. Der Schuler ward seinem Lehrer ahnlich und belohnte dessen Muhe durch einen fahigen Verstand und durch ein gutes Herz. Ich brachte meine Zeit meistens mit Studieren zu, wenn anders ein Frauenzimmer ohne Eitelkeit dieses von sich sagen kann. Ich redte des Tages gemeiniglich eine Stunde mit unserm jungen Schuler und suchte ihm das Wohlanstandige beizubringen, das junge Mannspersonen oft am ersten von einem Frauenzimmer lernen konnen. Ich suchte sein fluchtiges und feuriges Wesen der Jugend durch meine Ernsthaftigkeit zu massigen. Ich tat stets fremd gegen ihn und stellte verschiedne Personen vor, damit er meinen Umgang nicht zu gewohnt werden und in meiner Gesellschaft immer etwas Neues finden sollte. Mit der Tochter meiner Wirtin, welche ein Madchen von etwa acht Jahren war, vertrieb ich mir manche Stunde. Ich lehrte sie Franzosisch, zeichnen, sticken und auch singen. Kurz, ich fuhrte eine sehr ruhige Lebensart. Mein Wirt und seine Frau bequemten sich nach meinem Geschmacke und lernten mir die Vergnugungen ab, mit welchen sie mich unterhalten wollten. Sie brachten mich niemals in grosse Gesellschaften. Sie storten mich nicht in meiner Einsamkeit, als bis ich gestort sein wollte. Ich durfte weder befehlen noch bitten, wenn ich ein Vergnugen haben wollte. Ich durfte nur wahlen. Man hielt mich in unserm Hause fur eine Anverwandtine der Wirtin. Und wer sonst mit mir umging, wusste es auch nicht besser. Mein verschwiegner Stand notigte mich also nicht, den glanzenden und sehr beschwerlichen Charakter einer Standesperson in Gesellschaften zu behaupten, und dieses zu meinem grossen Vorteile. Hatte man gewusst, dass ich eine Grafin ware, so wurde man, anstatt mich zu bewundern, nur mein Gutes fur einen notwendigen Anteil meines Standes angesehen haben. Oder wenn es hoch gekommen ware, so wurde man mich nur verehret haben, da man mich gegenteils itzt zugleich verehrte und liebte und meinen Umgang suchte.
Vier Jahr hatte ich nunmehr in Amsterdam zugebracht und zu verschiedenen Malen an Karolinen geschrieben und sie an ihr Versprechen, zu mir zu kommen, erinnert; allein sie blieb aus.
Ihr Sohn sollte sich nunmehr eine Lebensart erwahlen, welche er wollte. Er bezeigte Lust zu dem Soldatenstande, und der Herr R... war so wenig dawider, dass er seine Wahl vielmehr billigte. "Gesittete und geschickte Leute", sagte er, "sind nirgends notiger und nutzlicher, als wo es viele Ungesittete gibt. Werden Sie ein Soldat und zeigen Sie, dass man unerschrocken, tapfer, strenge und doch auch weise, vorsichtig und liebreich sein kann. Solange Sie die Religion und ein gutes Gewissen haben werden, so lange werden Sie den Tod zwar nicht gleichgultig ansehen, aber doch ohne Entsetzen erwarten und nie aus Zagheit vermeiden. Dieses ist die wahre Tapferkeit." Wir kauften ihm eine Fahndrichsstelle; und er ging zu seinem Regiment ab, welches nachmals an die Grenze von Holland zu stehen kam.
Nunmehr kommt eine von den wundersamsten Begebenheiten meines Lebens, welche mir von Leuten, die den Stand lieben und die Menschen nicht nach ihren Neigungen und Eigenschaften, sondern stets nach der Geburt und nach dem Range untereinander vergleichen, schwerlich wird vergeben werden. Ich war noch in meinen besten Jahren, und die Annehmlichkeiten in meiner Bildung waren noch nicht verloren gegangen oder hochstens zum Teile nur so verloschen wie die kleinen Zuge in einem Gemalde, die man nicht sehr vermisst. Es fanden sich verschiedene Hollander von Ansehen und grossem Vermogen, die mich zur Frau begehrten. Allein ihr Suchen war umsonst. Wer einen so liebenswurdigen und vortrefflichen Gemahl als ich gehabt, konnte in der Liebe wohl etwas eigensinnig sein. Ob nun gleich keiner von meinen Freiern seine Absicht erreichte, so weckten sie doch die Erinnerung von der Sussigkeit der Liebe bei mir wieder auf. "Du willst," dachte ich, "um dieser Herren los zu werden, dich selbst zu einer Wahl entschliessen." Diese Ursache zu einer Ehe ist etwas weit hergeholet. Indessen war es gewiss, dass ich sie bei mir selber vorwand, weil es mein Herz haben wollte. Der Herr R... kam an einem Nachmittage zu mir auf meine Stube und fragte mich, ob ich mich bald der Ehe zum besten entschlossen hatte. "Raten Sie mir denn," sprach ich, "dass ich wieder heiraten soll?" "Nicht ehe," versetzte er, "als bis ich sehe, dass es Ihnen Ihr eigen Herz geraten hat. Sie kennen meine Aufrichtigkeit, und Sie wissen, dass ich nichts fur ein Gluck halte, was man nicht verlangt und freiwillig wahlt. Unter der grossen Anzahl Manner, die sich um Ihr Herz bemuhen, gefallt mir keiner besser als der Herr von der H..., nicht deswegen weil er sehr gelehrt ist, sondern weil er ausser seinen Wissenschaften und seiner wichtigen Bedienung sehr viele Vorteile hat, die ihm Liebe erwerben und ihn zur Liebe geschickt machen. Ich habe gewiss Recht, dass er ein liebenswurdiger Mann ist; allein diesem Urteile durfen Sie darum nicht trauen. Ich betrachte den Mann zwar nach einerlei Begriffen mit Ihnen, aber nicht nach einerlei Empfindungen. Ich liebe ihn als einen Freund, und als ein Freund kann er Ihnen angenehm und liebenswert vorkommen, aber darum noch nicht als ein Ehemann. Unser Herz ist oft so beschaffen, dass es die Liebe gegen eine angenehme Person zuruckhalt, sobald es auf das genaueste mit ihr verbunden werden soll. Vielleicht", fuhr er fort, "gefallt Ihnen einer von den andern Herren besser zur Liebe, ob Ihnen dieser gleich zu einem guten Freunde besser gefallt."
Ich versicherte ihn, dass ich mich seines Rats bedienen wurde, sobald ich meine eigne Neigung zu Rate gezogen hatte. "Warum", fuhr ich fort, "heiraten Sie denn nicht?" "O," sagte er, "ich wurde es gewiss getan haben, wenn meine Umstande und die Liebe mir zur Ehe geraten hatten. Die Liebe und meine Philosophie sind einander gar nicht zuwider. Eine recht zufriedne Ehe bleibt, nach allen Anspruchen der Vernunft, die grosste Gluckseligkeit des gesellschaftlichen Lebens. Zeigen Sie mir eine Person, die mir anstandig ist, und die Ihnen die Versicherung gibt, dass sie mich zu besitzen wunscht: so werde ich sie, sobald ich sie kenne, mit der grossten Zufriedenheit zu meiner Gattin wahlen. Wir haben alle eine Pflicht, uns das Leben so vergnugt und anmutig zu machen, als es moglich ist. Und wenn es wahrscheinlich ist, dass es durch die Liebe geschehen kann, so sind wir auch zur Liebe und Ehe verbunden." "Allein", versetzte ich, "Sie haben ja, solange ich Sie kenne, gegen unser Geschlecht sehr gleichgultig zu sein geschienen; wie kommt es denn, dass Sie der Liebe itzt das Wort reden?" "Ich bitte," sprach er, "vermengen Sie die Bescheidenheit nicht mit der Gleichgultigkeit. Ich weiss, dass man dem andern mit seiner Liebe oft so beschwerlich fallen kann als mit seinem Hasse. Und aus diesem Grunde bin ich stets behutsam, aber darum nicht gleichgultig gegen das Frauenzimmer." "Ich weiss eine Person," hub ich an, "die Sie liebt, und ich glaube nicht, dass sie Ihnen missfallen wird. Allein deswegen weiss ich auch noch nicht, ob es eben diejenige ist, mit der Sie das genauste Band der Liebe schliessen wollen." Er ward besturzt und fragte mich wohl zehnmal, wer sie ware. Ich hielt ihn lange auf, und endlich versprach ich ihm, dass er sie nachmittage zu sehen bekommen sollte. Nachmittage schickte ich ihm mein Portrat und schrieb ein Billett ungefahr dieses Inhalts an ihn: "So hat die Person in ihrer Jugend ausgesehn, die Sie liebt. Erst hat sie nur Freundschaft und Erkenntlichkeit gegen Sie empfunden. Die Zeit und Ihr Wert hat diese Regungen in Liebe verwandelt. Der liebste Freund meines Gemahls hat das erste Recht auf mein Herz. Sie sind so grossmutig und tugendhaft mit mir umgegangen, dass ich Sie lieben muss. Antworten Sie mir schriftlich! Entschuldigen Sie sich nicht mit Ihrem Stande! Sie haben die Verdienste; was geht die Vernunftigen die Ungleichheit des Standes an? Um die Unvernunftigen durfen wir uns nicht kummern, weil hier niemand von meinem Stande weiss." Er kam den Augenblick zu mir. Und ebender Mann, der sowohl bei meines Gemahls Lebzeiten als nach seinem Tode nie so getan hatte, als ob er mir eine Liebkosung erweisen wollte, wusste mir itzt seine Zartlichkeit mit einer so anstandigen und einnehmenden Art zu bezeigen, dass ich ihn wurde zu lieben angefangen haben, wenn ich ihn noch nicht geliebt hatte. "Nunmehr", sagte er, "haben Sie mir das Recht gegeben, Ihnen mein Herz sehen zu lassen. Und nunmehr kann ich Ihnen ohne Fehler das gestehen, was mich die Ehrerbietung sonst hat verschweigen heissen. Ich habe an das Gluck, das Sie mir itzt anbieten, wie der Himmel weiss, kaum gedacht. Und wenn ich auch daran gedacht hatte, so wurde mich meine wenige Eigenliebe niemals diesen Gedanken haben fortsetzen lassen. Es fehlt zu meiner Zufriedenheit nichts, als dass Sie mich uberzeugen, dass ich Ihrer wert bin: so will ich mich fur den glucklichsten Menschen schatzen." Kurz, wir gingen zu unserer Wirtin, wir sagten ihr unsern Entschluss, und sie war nebst ihrem Manne uber diese unvermutete Nachricht ausnehmend erfreut. Unsere kleinen Kapitale hatten sich binnen sechs Jahren in der Handlung fast um noch einmal soviel vermehret, und wir hatten beide sehr gemachlich davon leben konnen. Allein unser freundschaftlicher Wirt wollte uns nicht aus seinem Hause lassen. Er behielt unser Geld und erwies uns wie zuvor alle mogliche Gefalligkeiten. Also war Herr R... mein Gemahl oder, wenn ich nicht mehr standesmassig reden soll, mein lieber Mann. Ich liebte ihn, wie ich aufrichtig versichern kann, ganz ausnehmend und so zartlich als meinen ersten Gemahl. An Gemutsgaben war er ihm gleich, wo er ihn nicht noch in gewissen Stucken ubertraf. Aber an dem Ausserlichen kam er ihm nicht bei. Er war wohlgewachsen; allein er hatte gar nicht das Einnehmende an sich, das gleich auf das erstemal ruhrt. Nein, man musste ihn etlichemal gesehen, man musste ihn gesprochen haben, wenn man ihm recht gewogen sein wollte. Ich will deswegen nicht behaupten, dass er sich fur alle Frauenzimmer geschickt haben wurde. Genug, er gefiel mir, und ich fand jeden Tag in seinem Umgange eine neue Ursache, ihn zu lieben. Er war nahe an vierzig Jahre, und er hatte seit der Zeit, dass ich ihn bei meinem Gemahle kennen lernen, sich gar nicht von Person geandert. Seine ordentliche und stille Lebensart erhielten ihn so gesund, als ob er erst zu leben anfing. Wer war glucklicher, als wir! Unser Gluck fiel niemanden in die Augen, und desto ruhiger konnten wir es geniessen. Wir lebten, ohne zu befehlen und ohne zu gehorchen. Wir durften niemanden von unsern Handlungen Rechenschaft geben als uns selbst. Wir hatten mehr, als wir begehrten, und also genug, andern wohlzutun. Wir hatten eine Gesellschaft, die sich zu unsern Neigungen schickte. Wir lebten an dem volkreichsten Orte in der grossten Stille. Dieses war unser Verlangen. Wir konnten uns beide mit dem edelsten Zeitvertreibe, mit Lesen und Denken, unterhalten. Wir studierten, ohne dass uns deswegen jemand bewundern sollte. Wir studierten zu unserer eigenen Ruhe. Und dass ich alles mit einmal sage, wir wussten in unsrer Ehe von keinem andern Wechsel, als von Gefalligkeiten und Gegengefalligkeiten. Viele konnen es nicht vertragen, wenn sie die Liebe verehlichter Personen so zartlich abgeschildert sehen als die Liebe zwischen unverehelichten, weil man sieht, dass die meisten Ehen die Liebe eher ausloschen als vermehren. Doch solche Leute wissen nicht, was Klugheit und Behutsamkeit in der Ehe fur Wunder tun konnen. Sie erhalten die Liebe und befordern ihren Fortgang, wie das Herz durch seine Bewegung den Umlauf des Gebluts. Es ist wahr, eine bestandige und sich stets gleiche Zartlichkeit ist in der Ehe nicht moglich. Doch wenn nur auf beiden Seiten eine gegrundete Liebe vorhanden ist, so kann sie bis in die spatesten Jahre feurig und lebhaft bleiben. Unsere Empfindungen konnen wohl etwas abnehmen, allein diese Abnahme heisst wenig. Derjenige hat allemal genug Vergnugen, solange er so viel hat, als das Mass seiner Empfindungen verlangt. Genug, wir sind nach vielen Jahren noch so verliebt ineinander gewesen, als wenn wir uns erst zu lieben angefangen hatten. Man denke ja nicht, weil wir die Wissenschaften liebten, dass wir an uns nur unsere Seelen geliebt hatten! Ich habe bei allen meinen Buchern uber die metaphysische Geisterliebe nur lachen mussen. Der Korper gehort so gut als die Seele zu unserer Natur. Und wer uns beredet, dass er nichts als die Vollkommenheiten des Geistes an einer Person liebt, der redet entweder wider sein Gewissen, oder er weiss gar nicht, was er redet. Die sinnliche Liebe, die bloss auf den Korper geht, ist eine Beschaftigung kleiner und unfruchtbarer Seelen. Und die geistige Liebe, die sich nur mit den Eigenschaften der Seele gattet, ist ein Hirngespinste hochmutiger Schulweisen, die sich schamen, dass ihnen der Himmel einen Korper gegeben hat, den sie doch, wenn es von den Reden zu der Tat kame, um zehn Seelen nicht wurden fahren lassen.
Ich komme wieder zu meiner Geschichte. Wir lebten, wie ich gesagt habe, so vergnugt, als man nur leben kann. Wir meldeten Carlsonen so hiess Karolinens Sohn, der Fahndrich unsere Heirat und baten ihn, dass er uns besuchen sollte, wenn es moglich ware; denn wir hatten ihn nun wohl in vier Jahren nicht gesehen. Er schrieb uns, dass er Leutnant geworden ware, dass es ihm sehr wohl ginge, und dass er sich vor wenig Wochen mit einem Frauenzimmer, die ihm zu Gefallen das Kloster heimlich verlassen, verheiratet hatte. Von ihrem Stande konnte er uns nichts sagen, weil sie in dem sechsten Jahre in das Kloster gekommen und darinnen bloss unter dem Namen Mariane bekannt gewesen ware. Sie mochte indessen von dem niedrigsten Herkommen sein: so ware sie doch so liebenswurdig, dass er sich nur einen hohen Stand wunschen wollte, um seine Geliebte dareinsetzen zu konnen. Denn Carlson wusste nichts weiter von seiner Geburt, als dass sein Vater ein Aufseher auf den Gutern meines ersten Gemahls gewesen und ihm jung gestorben ware. Er bat uns unbeschreiblich, dass wir nach dem Haag kommen sollten, von welchem Orte er itzt nur etliche Meilen weit in dem Quartiere stunde. Diese Nachricht erschreckte uns fast mehr, als sie uns erfreuete. Wir vermuteten bei dieser Ehe zwar genug Liebe, aber nicht genug Uberlegung. Indessen schickten wir ihm etliche hundert Dukaten, dass er seine Umstande desto bequemer einrichten konnte. Wir versprachen auch, ihn so bald zu besuchen, als es die Jahreszeit und meine Umstande erlauben wurden; denn ich war mit einer Tochter darniedergekommen. Wir reiseten den folgenden Fruhling nach dem Haag ab. Wir fanden an unserm Carlson und seiner Frau ein Paar Eheleute, die einander wert waren. Sie war blond und hatte ein Paar grosse blaue und schmachtende Augen, die sich zu schamen schienen, dass sie die Verrater von einem sehr zartlichen Herzen sein sollten. Und wenn auch die ubrigen Teile ihres Gesichts nicht so ausnehmend wohlgestaltet und recht abgemessen gewesen waren: so hatte sie doch bloss ihrer Augen wegen den Namen einer Schonheit verdient. Von ihrem Verstande will ich nicht viel sagen. Sie war in dem Kloster erzogen. Ihr unschuldiges und aufrichtiges Herz hatte auch den Mangel des Witzes tausendmal ersetzt, wenn sie gleich weniger Einsicht gehabt hatte, als sie in der Tat hatte. Es hing ihr noch etwas Schuchternes aus dem Kloster an; allein selbst diese Schuchternheit schickte sich so wohl zu ihrer Unschuld, dass man sie ungerne wurde vermisst haben. Ja, ich sage noch mehr, man liebte sogar an ihr die Schuchternheit; so wie oft ein Fehler unter gewissen Umstanden zu einer Schonheit werden kann.
Ich suche die Worte vergebens, mit denen ich ihre Zartlichkeit gegen ihren Mann beschreiben will. Man stelle sich einen sehr einnehmenden, feurigen und bluhenden Mann (denn dieses war Carlson) und dann ein von Natur zartliches Frauenzimmer vor, die von Jugend auf eine Nonne gewesen war, und bei der die sussen Empfindungen nur desto machtiger geworden waren, weil sie an der strengen Lebensart und an den Regeln einer hohen Keuschheit einen bestandigen Widerstand gefunden hatten: so wird man die inbrunstige und schmachtende Liebe dieser jungen Frau einigermassen denken konnen. Ich war sowohl mit unsers Carlsons Wahl zufrieden als mein Mann, und wir vergnugten uns an der Zufriedenheit dieses Paares so sehr, dass wir nicht wieder von ihnen kommen konnten. Wir liessen Geld aus Amsterdam kommen und blieben ein ganzes Jahr und langer bei diesen zartlichen Eheleuten. Nichts fehlte uns, als Carlsons redliche Mutter. Wir hatten Briefe von ihr, dass es sich mit ihrer Gesundheit gebessert hatte, und dass sie imstande ware, bald zu uns zu kommen. Wir schickten auch den Reitknecht, der mir ehemals die Post von meines Gemahls Tode gebracht hatte, fort, dass er sie abholen und zu uns bringen sollte. Er hatte sie bereits unterwegs angetroffen, und sie war bei uns, ehe wir es vermuteten. Sie zeigte sich recht vergnugt, und sie ward durch die Freude uber ihres Sohnes Gluck und mein Vergnugen alle Tage belebter und munterer. Indessen versicherte uns diese rechtschaffene Frau, dass ihr Vergnugen gar zu gross sei, als dass es lange Bestand haben konnte. Mariane ward mit einer Tochter entbunden. Auch dieses diente uns zu einer neuen Freude. Doch je mehr wir Ursache hatten, mit Marianen zufrieden zu sein, desto begieriger wurden wir, etwas Gewisses von ihrer Herkunft zu erfahren. Gleichwohl war alle unsere angewandte Muhe vergebens, uns dieses Geheimnis zu entdecken. Mariane hatte ihrem Manne zuliebe das Kloster heimlich verlassen, und wir mussten bei unserer Nachforschung sehr behutsam gehen, damit wir sie nicht in Gefahr setzten, entdeckt zu werden. Im Kloster fertigte man diejenigen, die wir insgeheim nachfragen liessen, mit der Antwort ab, dass ihnen Marianens Stand und Geburt unbekannt ware, dass sie in ihrem sechsten Jahre von einem gemeinen Manne in das Kloster gebracht worden, der ein gewisses Geld zu ihrer Erziehung dagelassen und nichts gesagt hatte, als dass sie die Tochter eines unglucklichen Hollanders ware, der sie nicht in der reformierten Religion erziehen lassen wollte. Vielleicht konnte er der Abtissin mehr vertraut haben, diese aber ware tot. Kurz, wir erfuhren nichts, und es konnte sein, dass man in dem Kloster selbst nichts Gewisses von Marianens Herkunft wusste. Denn wie viele Kinder werden nicht unter einem fremden Namen in die Kloster gebracht und durch unbekannte Hande erhalten!
Endlich mussten wir uns doch entschliessen, wieder nach Amsterdam zuruckzugehen. Unsere Umstande forderten diese Trennung. Karoline begleitete uns nach dem Haag. Sie erkundigte sich hier, ob sie nicht jemanden antreffen konnte, der ihr von ihrem Bruder Andreas Nachricht geben konnte. Allein sie erfuhr nichts weiter, als was wir schon wussten, namlich, dass er nach seiner Frauen Tode unglucklich in seiner Handlung geworden und, weil er sein Vermogen eingebusset hatte, mit einem Schiffe nach Ostindien gegangen ware, sein Gluck von neuem zu versuchen. Wir blieben noch etliche Tage in dem Haag und nahmen unsere Reisegelder in Empfang. Und eben da wir fort wollten, liess uns der Kaufmann, der sie uns ausgezahlt hatte, sagen, dass in Amsterdam vor etlichen Tagen ein Ostindienfahrer, und auf diesem Schiffe zugleich Herr Andreas, der Kaufmann, nach dem wir ehedem gefragt hatten, zuruckgekommen und heute bei ihm gewesen ware. Diese Zeitung war zu wichtig, als dass wir unsere Reise hatten fortsetzen sollen, ohne den Herrn Andreas zu sprechen. Aber wollte der Himmel, dass wir ihn in unserm Leben nicht gesehen hatten! Er kam den andern Tag zu uns. Karolinens erste Frage war, warum er ihr denn vor seiner Abreise nach Ostindien nichts Ausfuhrliches von dem Tode ihrer Tochter geschrieben hatte? "Ist denn Mariane tot?" rief er. "Was willst du denn mit der Mariane?" versetzte seine Schwester. "Meine Tochter hiess ja, wie ich, Karoline. Wo ist sie denn? Ist sie nicht tot? Ach, wenn doch dieses Gott wollte!" "Ja doch," sprach Andreas, "ich weiss es wohl, sie hiess Karoline; aber aus Liebe zu meiner Frau, und weil ich sie an Kindes Statt angenommen hatte, nennte ich sie nach meiner Frau Mariane. Ich will dir alles erzahlen; aber versprich mir, dass du mir auch alles vergeben willst. Meine liebe Frau starb mir, wie ich dir vor zehen Jahren gemeldet habe. Mariane war ebenfalls todlich krank, und ich hielt sie schon fur verloren. Allein es besserte sich mit ihr. Indessen notigte mich mein Bankerott, mein Gluck anderwarts zu versuchen. Ich ging nach Ostindien. Du weisst, dass ich der katholischen Religion zugetan bin. Ich liebte deine Tochter, oder vielmehr meine an Kindes Statt angenommene Mariane, recht vaterlich. Um sie nun teils in meiner Religion erziehen zu lassen, teils sie wohl zu versorgen: so nahm ich, was ich noch hatte, und tat dieses liebe Kind vor meiner Abreise, und ohne jemandem etwas zu sagen, in ein Kloster an der Grenze der Osterreichischen Niederlande. Ich war eben im Begriffe, dahin zu reisen, um zu sehen, ob Mariane noch lebte, als ich hierher gerufen ward. Ich kann nicht langer warten, ich muss wissen, ob sie noch lebt. Komm mit", sprach er zu Karolinen. "Wir wollen den Augenblick in das Kloster fahren. In drei Tagen sind wir wieder hier." Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, gingen sie beide fort. Mein Mann und ich hatten kaum das Herz, uns anzusehen, geschweige zu reden. Ein heimlicher Schauer lief mir durch alle Glieder. "Gott! was soll das werden," fing endlich mein Mann an: "Mariane, das Kloster und nicht weit von der Grenze! Was sind dieses fur entsetzliche Nachrichten! Ach, der arme, der ungluckliche Carlson! Mochte doch dieses Mal unsere Mutmassung falsch sein! Ware doch Andreas wieder da, oder ware er vielmehr nimmermehr wieder nach Europa gekommen! Seine Gegenwart wird uns ganz gewiss das traurige Geheimnis offenbaren, das uns ewig hatte verborgen bleiben sollen. Wird nicht Karoline, um ihre Tochter wiederzufinden, sie als Frau aus den Armen ihres eignen Sohnes reissen mussen?" Mit diesen grausamen Vorstellungen qualten wir uns, bis Andreas mit seiner Schwester, der Karoline, wieder zuruckkam. Ihr Anblick liess uns zu unserm Unglucke die Sache auf einmal erraten. Karoline zerfloss fast in Tranen. Sie tat untrostlich, und ihr Bruder, als ein harter Mann, liess zwar ausserlich keine Traurigkeit spuren; allein er sass ganz betrubt. Wir konnten aus beiden lange Zeit kein Wort bringen. Sie hatten, mit einem Worte, in dem Kloster erfahren, dass eine Nonne, mit Namen Mariane, welche um das und das Jahr (Tag und Jahr traf beides ein) in das Kloster gebracht ware, vor anderthalb Jahren dasselbe heimlich verlassen und, soviel man wusste, sich mit einem jungen von Adel verheiratet hatte. Was war zu tun? Wir mussten, anstatt nach Amsterdam zu reisen, wieder zuruck nach Carlsons Quartier. Wir sahen alle viere nur mehr als zu gewiss, dass diese Nonne niemand anders als Carlsons Frau sein wurde. Doch man musste das menschliche Herz nicht kennen, wenn man glaubte, dass wir zu unserm Troste keine Ausfluchte gewusst hatten. Eine Nachricht, von der uns die Gewissheit erschreckt und das Gegenteil erfreut, mag noch so wahrscheinlich sein, als sie will, so sind wir doch sinnreich genug, sie zweifelhaft zu machen. "Sollte ich", sagte Karoline, "denn mein Kind, mein leiblich Kind, nicht kennen? Sollte es denn keine Ahnlichkeit mit mir haben?" Gleichwohl hatte sie es verlassen, da es kaum einige Monate alt gewesen war. "Ein junger von Adel," fing mein Mann oft unterwegs an, "ein junger von Adel? Wenn hat sich denn Carlson dafur ausgegeben? Er ist viel zu bescheiden, als dass er sich einen Stand andichten sollte, in dem er nicht erzogen worden ist." "Nein, nein," sprach ich, "das wolle Gott nicht! Hatte er sich auch fur einen Edelmann ausgegeben, warum hatte er nicht gesagt, dass er ein Offizier ware? Vielleicht ist in ebendem Jahre noch ein Kind in das Kloster gekommen, das ebenfalls den Namen Mariane gehabt hat." Andreas, der der Philosophie wegen nicht nach Ostindien gereiset war, meinte, es lage schon in der Natur, dass ein Paar so nahe Blutsfreunde einander nicht als Mann und Frau lieben konnten. Ich glaube, dass wir uns alle Augenblicke auf dieser Reise widersprachen, ohne es zu merken. Voll Zittern und Hoffnung kamen wir also bei unserm Carlson wieder an. Wir hatten uns vorgenommen, recht behutsam zu gehen und die Ursache unserer Zuruckkunft weder ihm noch ihr merken zu lassen. Wir wollten sagen, dass wir aus Vergnugen uber die Ankunft des Herrn Andreas wieder mit umgekehrt waren. Wenn auch, sprachen wir alle, Mariane die rechte Mariane sein sollte: so wurden diese zartlichen Eheleute doch beide in Verzweiflung geraten, wenn wir ihnen dieses traurige Geheimnis auf einmal entdeckten. "Nein," fing ich an, "wir bringen Marianen auf diese Art um das Leben. Ist sie die wahre Karoline: so will ich sie bitten, dass sie mir zuliebe auf einige Zeit mit nach Amsterdam reisen soll. Ihr Mann wird ihr dies Vergnugen nicht abschlagen. Ist sie einmal in Amsterdam: so wird es Zeit sein, ihr das Geheimnis nicht sowohl zu entdecken, als es sie nach und nach selbst entdecken zu lassen. Weiss es Mariane: so soll es Carlson auch erfahren. Er muss sie in seinem Leben nicht wieder zu sehen bekommen. Dieses wird der einzige Trost sein, mit dem wir ihm in seinem mitleidenswurdigen Irrtume beistehen konnen. Er kennt die Religion und hort die Vernunft. Die Tochter aus dieser unglucklichen Ehe will ich erziehen lassen, damit Mariane den traurigen Beweis einer so zartlichen und nunmehr unerlaubten Liebe nicht vor Augen hat." In dieser Beratschlagung langten wir bei Carlson an. Er trat in die Ture, indem wir ankamen, und lief uns mit Verwunderung entgegen. Wir heiterten unsere Gesichter so gut auf, als es moglich war, und sagten ihm, dass Herr Andreas, Karolinens Bruder, den wir in dem Haag von seiner Wiederkunft aus Indien angetroffen hatten, die Ursache unserer Zuruckkunft ware. Wer war froher als er! Wir traten in die Stube zu seiner Marine. Kaum hatte Andreas Marianen erblickt: so fiel er ihr um den Hals und schrie mit einem entsetzlichen Tone: "Ach, dass Gotter barme, sie ist es, sie ist es! Ich unglucklicher Mann, ich bin an allem schuld!" Dieses war die Erfullung von dem Vorsatze, bei der Sache behutsam zu gehen. Karoline lief, als verzweifelnd, zur Ture hinaus. Mariane wollte sich von dem Andreas losmachen; allein er liess sie nicht aus seinen Armen. Ich hatte nicht so viel Gewalt uber mich, dass ich hingehen und ihn von ihr losreissen konnte. Carlson blieb auf einer Stelle stehen und fragte hundertmal, was es ware. Mein Mann wollte es ihm sagen und kehrte doch bei jedem Wort wieder ein. Mariane kam endlich auf mich zu. Ich sollte ihr entdecken, was es ware. Ich fing an zu reden, ohne zu wissen was. Ich bat sie um Vergebung. Ich versicherte sie meiner ewigen Freundschaft. Ich umarmte sie. Dieses war es alles. Indessen kam ihr Mann und wollte sie aus meinen Armen nehmen. "Nein, nein," schrie ich. "Mariane ist nicht Ihre Frau, Mariane ist Ihre Schwester." In diesem Augenblicke sank Mariane nieder, und ich erwachte daruber, wie aus einem unruhigen Schlafe. Ich und mein Mann waren am ersten wieder bei uns selbst. Wir brachten Marianen auf ein Bette, und sie erholte sich aus einer Ohnmacht, um in die andere zu fallen. Wir brachten sie den ganzen Tag nicht wieder zu sich selbst.
Mein Mann war indessen nach Karolinen gegangen, die wir, seitdem sie aus der Stube gelaufen war, nicht wieder gesehen hatten. Er hatte sie in dem Gartenhause auf den Knien angetroffen. Ich will gleich auf den anderen Tag kommen. Das Gewaltsame unsers Affekts hatte sich gelegt, und sich statt dessen das Bange der Traurigkeit eingestellt. Tranen und Seufzer, welche die Besturzung gestern zuruckgehalten, hatten nun ihre Freiheit, und wir suchten unsern Trost in Klagen und im Mitleiden. Carlson kam vor das Bette seiner Mariane, und mit ihm Wehmut, Furcht, Scham, Reue und gekrankte Zartlichkeit. Es war erbarmlich anzusehen, wie sich diese beiden Leute gegeneinander bezeigten. Die Religion hiess sie die Liebe der Ehe in Schwester- und Bruderliebe verwandeln, und ihr Herz verlangte das Gegenteil. Sie hatten einander unbeschreiblich geliebt. Sie waren noch in dem Fruhlinge ihrer Ehe, und sie sollten dieses Band itzt ohne Anstand zerreissen. Sie hatten einander in ihrem Leben nicht gesehen, und also kam ihnen die Vertraulichkeit nicht zu Hilfe, die sonst die Liebe unter Blutsverwandten auszuloschen pflegt. Ihre Natur selbst tat den Ausspruch zu ihrem Besten. Wie konnten sie etwas in sich fuhlen, das ihre Liebe verdammte, da sie den Zug der Blutsfreundschaft nie gefuhlt hatten. "Ach, mein Bruder," rief Mariane einmal uber das andere aus, "verlasst mich, verlasst mich! Ungluckseliger Gemahl, fangt mich an zu hassen. Ich bin Eure Schwester. Doch nein! Mein Herz sagt mir nichts davon. Ich bin Euer, ich bin Euer. Uns verbindet die Ehe. Gott wird uns nicht trennen." Ihr Gemahl war nicht besser gesinnt. Er horte die Stimme der Leidenschaften, um den Befehl der Religion nicht zu horen. Er hutete sich genau, sie nicht seine Schwester zu nennen. Er hiess sie seine Mariane. Er war beredt und unerschopft in Klagen, die bis in das Herz drangen, weil sie das Herz hervorbrachte. Er fing zuweilen mitten in seinen Klagen an zu philosophieren, und wie man leicht glauben kann, sehr eigennutzig. Er erwies, dass ihre Ehe vor Gott erlaubt ware, wenn sie auch die Welt verdammte. Und er tat doch nichts, als dass er zehnmal nacheinander sagte, dass sie offentlicht verbunden waren, und dass nichts als der Tod dieses Bundnis trennen sollte. Er wunschte unzahligemal in der Sprache des Affekts, dass Andreas gestorben sein mochte, ehe er den Atem zur Entdeckung dieses Geheimnisses hatte schopfen konnen. Dieser sass da, als ob er sein Todesurteil anhoren sollte. Ich glaube, dass er gern mit etlichen Jahren von seinem Leben das zerstorte Vergnugen dieser Zartlichkeit wiedererkauft hatte. Karoline trat endlich zu Marianen an das Bette und hiess Carlsonen weggehen. "Meine Tochter," fing sie an, "ich habe dich wiedergefunden, um dich aus den Armen deines Bruders zu reissen. Wollte Gott, dass ich dieser betrubten Pflicht zeitlebens hatte uberhoben sein konnen! Vielleicht ist es die Strafe, dass ich ..., doch Gott hat es verhanget. Ihr seid beide keines Verbrechen schuldig. Eure Unwissenheit rechtfertigt eure Liebe, und die Gewissheit verbeut sie nunmehr. Ich bin eure Mutter und liebe euch als meine Kinder; aber ich verabscheue euch, wenn ihr das Band der Ehe dem Bande des Bluts vorzieht." Die Anrede war sehr fromm; allein sie war zu heftig und zu fruh angebracht. Sie weckte die Verzweiflung in beiden von neuem auf. Mein Mann erwahlte einen gelindern Weg, die zartlichen Gemuter zu besanftigen. Er bediente sich eines Scheingrundes, der in der Stunde des Affekts ebensoviel Kraft zu haben pflegt als die Wahrheit. Er sagte, es ware eine Gewissenssache, die wir nicht entscheiden konnten. Wir wollten den Ausspruch verstandigen Gottesgelehrten uberlassen. Er glaubte, dass die Ehe vielleicht noch stattfinden konnte. Dieses war eine Arznei, welche die Wehmut der beiden Leute verminderte und zugleich ihrer Liebe Widerstand tat. Sie entschlossen sich, sich dem Ausspruche der Geistlichen zu unterwerfen; aber gewiss nicht aus Uberzeugung, sondern aus Verlangen, desto ruhiger ihre Liebe fortsetzen zu konnen. Wir machten uns indessen ihre Bereitwilligkeit zunutze und ermunterten Marianen, uns, sobald es ihre Umstande zuliessen, nach Amsterdam zu folgen; vielleicht ware es moglich, dass man von Rom Dispensation erlangen konnte. Ihr Mann sollte sich Urlaub auf ein halb Jahr ausbitten und, wenn er ihn erhielte, uns nachkommen. Alles dieses liessen sich die beiden Leute gefallen. Es strichen einige Tage dahin, und Mariane war in den Umstanden, die Reise mit anzutreten. Indem wir uns dazu anschickten: so erhielt Carlson Ordre, sich unverzuglich und bei Verlust seiner Stelle zu dem Regimente zu verfugen, weil es marschieren sollte. Diese Nachricht tat eine ungleiche Wirkung. Carlson war daruber erfreut, und Mariane ward von neuem niedergeschlagen. Kaum sahe sie seine Zufriedenheit uber diese Post: so machte sie ihm die grausamsten Vorwurfe. Sie hiess ihn einen Ungetreuen, der ihrer los zu sein wunschte. Sollte man wohl glauben, dass eine Frau, die da wusste, dass ihr Mann ihr Bruder war, noch auf einen solchen Verdacht fallen konnte? Allein, was ist in der Liebe und in dem Traume wohl unmoglich? Wir sahen also leider nur mehr als zu deutlich, wie heftig Mariane ihren Mann noch liebte, und wie sie in ihrem Herzen nichts weniger beschlossen hatte, als ihn fahren zu lassen. Carlson versicherte sie mit den grossten Beteuerungen, dass er sie noch unendlich liebte, und dass er uber die Nachricht zum Marsche nur deswegen vergnugt ware, weil er ihn als eine Gelegenheit ansahe, die der Himmel bestimmt hatte, der Sache den Ausschlag zu geben. "Vielleicht", sprach er, "verliere ich mein Leben, wenn es zu einem Feldzuge kommt. Und wer ist alsdann glucklicher als wir? Soll ich den Tod nicht geringer schatzen als die Qual, Euch zu sehen und nicht zu lieben? Und wollt Ihr nicht lieber mit Gewalt von mir getrennet sein, als die Pein ausstehen, mich freiwillig zu verlassen und doch diese Freiheit niemals von Eurer Liebe zu erhalten? Seid getrost, liebe Mariane! Komme ich wieder zuruck: so ist es ein Zeichen, dass der Himmel unsere Ehe billiget. Verliere ich mein Leben: so ist es ein Beweis, dass Ihr einen Mann verloren habt, der nur Euer Bruder, und nicht Euer Ehemann sein sollte." Welche gluckselige Dienste leistet nicht der Irrtum in gewissen Umstanden! und wie gut ist es nicht oft, dass wir das Vergnugen haben, uns selbst zu betrugen! Genug, Carlsons Irrtum war in Ansehung des Erfolgs vortrefflich. Er beruhigte ihn und endlich auch Marianen. Sie liessen die Sache auf den Himmel ankommen; und sie versprachen sich von diesem Richter nichts, als was sie wunschten. Sie flehten Gott um Beistand an, nicht anders, als ob ihnen die Menschen unrecht taten. Kurz, sie waren voll Zuversicht und Vertrauen, die alle Wahrheit nicht wurde zuwege gebracht haben. Carlson reisete fort, als ob er in dem Treffen seine Mariane gewinnen sollte, und Mariane tat so gesetzt, als ob sie ihn von sich liesse, um ihn auf ewig wiederzubekommen. Sobald er fort war, so folgte sie uns ganz getrost nebst ihrer Tochter und ihrer Mutter nach Amsterdam. Andreas, der sich in Ostindien wieder ein kleines Vermogen erworben hatte, blieb in dem Haag, um von neuem seinen Handel anzufangen, wozu ihm Karoline einen Teil von ihren Geldern gab, die sie aus Deutschland mitgebracht hatte. Wir trafen unsern gutigen Wirt in Amsterdam noch in seinen vorigen Umstanden an. Wir gaben Marianen fur Carlsons Frau aus, und Karoline war seine Mutter.
In wenig Monaten erhielten wir die Nachricht, dass Carlson zwar nicht gegen den Feind, sondern an einer hitzigen Feldkrankheit geblieben ware. Karoline, ich und mein Mann bedauerten ihn sehr; aber wenn wir an seine Ehe dachten; so war uns sein Tod eine erwunschte Nachricht. Denn wer konnte die gefahrliche Sache besser schlichten als der Tod? Die Ausspruche der Geistlichen wurden ganz gewiss wider diese Ehe gewesen sein. Und Mariane und ihr Mann hatten entweder einander nicht verlassen oder ohne einander das ungluckseligste Leben gefuhret. Gleichwohl war uns fur Marianen noch sehr bange. Sie hatte sich zwar dem Endurteile des Himmels ergeben; aber, wie ich schon erinnert, in keiner andern Hoffnung, als dass es vorteilhaft fur sie ausfallen wurde. Wir sahen, dass Marianens Verzweiflung von neuem wieder aufwachen wurde. Dennoch musste sie es erfahren. Wir liessen sie auf unser Zimmer rufen, und mein Mann nahm es uber sich, ihr ihres Mannes Tod zu entdecken. "Nicht wahr, Mariane," fing er an, "Sie erraten schon, was ich Ihnen hinterbringen will? Erschrecken Sie nur, denn Sie mussen doch erschrecken. Hier ist ein Brief aus dem Lager." "Sagen Sie mir nichts mehr", versetzte Mariane. "Ich kann den Inhalt des Briefs schon wissen. Mein Gemahl ist tot. Ich ungluckselige Frau! Doch bin ich zufrieden, dass mir ihn nicht die Welt, sondern der Himmel entzogen hat. Nun sehe ich, dass es Gott nicht hat haben wollen. Wie ist er denn gestorben? Ist er im Treffen geblieben?"
Wir erstaunten uber diese unvermutete Gelassenheit, die einer Gleichgultigkeit nicht unahnlich sah. Wir hatten uns auf die besten Trostgrunde vergebens gefasst gemacht. Gleichwohl wussten wir auch nicht, ob wir Marianen trauen durften. Indessen tat sie gelassen und betrauerte ihren Mann mehr durch stille Tranen, als durch eine tobende Wehmut und Ungeduld. In etlichen Tagen erhielten wir wieder einen Brief, und die Aufschrift war Carlsons Hand. Soll ich's aufrichtig gestehen, so erschrak ich weit mehr, dass er noch lebte, als ich zuerst uber seinen Tod erschrocken war. Gott, dachte ich, was wird dieses wieder werden? Carlson wird seiner Krankheit wegen das Lager verlassen und wohl gar abgedankt haben. Die Liebe wird ihn wieder zu Marianen rufen. Mariane nur war vor Freuden ganz ausser sich. Der Brief war an sie, und sie brach ihn nicht etwa gleich auf. O nein, so viel Zeit liess ihr ihre vergnugte Unruhe nicht. Sie gab ihn uns auch nicht zu erbrechen. Sie behielt ihn in den Handen als einen unbekannten Schatz, den man nicht eroffnen will, bis man sich zehnmal vorgestellet hat, wieviel darinnen sein konnte. Da sie ihn endlich erbrach: so war der Brief schon viele Wochen alter, als derjenige, der uns Carlsons Tod berichtet hatte. Kurz, es war ein Abschiedsbrief an Marianen. Ich will die Abschrift hersetzen.
"Liebste Mariane!
Dieses sind seit vier Wochen die ersten Stunden, da ich mich besinnen und Euch meine Krankheit melden kann. Wie gluckselig bin ich, dass ich krank gewesen und dem Tode so nahegekommen bin ohne beides zu wissen! Wieviel wurde ich Eurentwegen binnen der Zeit ausgestanden haben, wenn ich meiner machtig gewesen ware! Gott sei fur diese Art des Todes gedankt! Ich bin vollig ausgezehrt, vollig entkraftet. Und ich sehe die Stunden, da ich mir wieder bewusst bin, fur nichts als Augenblicke an, die mir Gott gonnt, mich noch einmal in der Welt und in meiner eignen Seele umzusehen und an das Zukunftige zum letzten Male zu denken. So lebt denn wohl, Mariane, sondern als Euern Bruder! Trauriger Name! Verschweigt unserer Tochter unser Schicksal, wenn sie leben bleibt. Verbergt es, wenn es moglich ist, vor Euch selbst. Mein Gewissen macht mir keinen Vorwurf, dass ich Euch geliebt habe; allein es beunruhiget mich, dass ich Euch nach der traurigen Entdeckung als meine Frau zu lieben nicht habe aufhoren wollen. Gott, wieviel anders denken wir auf dem Todbette als in unserm Leben! Was sieht nicht unsere Vernunft, wieviel sieht sie nicht, wenn unsere Leidenschaften stille und entkraftet sind! Ja, ja, ich sterbe, ich sterbe getrost. Doch Gott! ich soll Euch nicht wiedersehen? Ich soll Euch verlassen, liebste Mariane? Ich soll sterben? Welche entsetzliche Empfindungen fangen itzt in mir an zu entstehen! Ach, ich kann nicht mehr schreiben! So weit war ich vor einer halben Stunde gekommen. Ich bin wieder beruhiget. Die Liebe zum Leben hat sich zum letzten Male geregt. Lebt wohl, meine Mariane! Grusst meine Mutter und meine beiden grossmutigen Freunde. Mein liebster Freund Dormund, den Ihr so vielmal bei mir gesehen habt, ist itzt bei mir. Er will mich nicht eher verlassen, als bis ich tot bin. Konnt Ihr Euch entschliessen, wieder zu lieben: so vergesst nicht, dass Euer sterbender Mann Euch niemanden gegonnet hat als ihm. Er wird Euch meine Uhr mit Eurem Portrat uberbringen. Die andern Sachen habe ich meinen armen Soldaten geschenkt. Ich fuhle meinen Tod. Lebt wohl!" Sobald sie gesehen hatte, dass es ein Abschiedsbrief war, und dass sie sich in der bei dem Titel gefassten Hoffnung betrogen: so ging das Wehklagen erst recht an. Ich will ihre Trostlosigkeit und etliche schlimme Folgen, die fur sie und uns daraus entstunden, nicht erzahlen. Es sind Umstande, an denen wir teilnahmen, weil wir gleichsam dareingeflochten waren. Sie waren in Ansehung unserer Empfindung wichtig. Allein ich wurde ubel schliessen, wenn ich glauben wollte, dass sie deswegen dem Leser merkwurdig vorkommen und ihn ruhren wurden: Ich will daher vieles ubergehen.
Wir lebten wieder ruhig. Es schien, als ob uns der Himmel mit Gewalt reich machen wollte. Unsere Kapitale brachten mehr ein, als wir verlangten, und weit mehr, als wir brauchten. Und ich dachte nicht einmal daran, meine bei der Krone stehenden Gelder zu fordern. Ich war vielmehr ruhig, wenn ich nicht an dieses Land denken durfte. Uber dieses war es auch durch den Krieg ganz erschopft und entblosst. Genug, ich lebte unbekannt und zufrieden. Ich war die Frau eines angenehmen und klugen Mannes. Das Ungluck, das uns zeither betroffen, hatte unsere Gemuter gleichsam aufgeloset, die Ruhe nunmehr desto starker zu schmecken. Man durfte fast sagen, wer lauter Gluck hatte, der hatte gar keines. Es ist wohl wahr, dass das Ungluck an und fur sich nichts Angenehmes ist; allein es ist es doch in der Folge und in dem Zusammenhange. Wenigstens gleichet es den Arzeneien, die unserm Korper einen Schmerz verursachen, damit er desto gesunder wird.
Mitten in unsrer Zufriedenheit, die nunmehr uber ein Jahr gedauert hatte, kam Herr Dormund, Carlsons guter Freund, und uberbrachte Marianen die in dem Briefe erwahnte goldne Uhr mit ihrem Portrat. Mariane hatte ihn oft bei ihrem Manne, wir ihn aber noch gar nicht gesehen. Doch was brauchte er zu seiner Empfehlung mehr, als den Namen eines guten Freundes von unserm Carlson? Er war ein Hollander von Geburt, und von Person sehr angenehm. Er gewann unsere Vertraulichkeit sehr bald. Er war ein Stabsoffizier, hatte nunmehr abgedankt und wollte von seinen Renten fur sich leben. Er war noch jung. Er hatte nicht studiert; allein er hatte doch etlichen Buchern und dem Umgange einen gewissen Witz zu danken, der im Anfange sehr einnahm. Er konnte etliche Sprachen und auch gut Deutsch. Er liess sich in Amsterdam nieder, und wir konnten seine Absicht leicht merken. Mariane war sein Wunsch, und Mariane verdiente in der Tat, dass man ihrentwegen Feld und Hof verliess. Sie war noch vollkommen schon. Das Ungluck hatte ihr von ihren ausserlichen Reizungen nichts entzogen und zu der Schonheit ihres Gemuts noch vieles hinzugesetzt. Sie war durch den Umgang nur noch liebenswurdiger geworden. Sie war erst achtzehn oder neunzehn Jahr alt und noch in ihrem volligen Fruhlinge. Dormund wusste sich bald bei ihr gefallig zu machen. Vielleicht liebte sie in dem Freunde ihres verstorbenen Mannes noch ihren Mann. Genug, er gewann ihr Herz. Sie kam einmal zu mir und fing mit einer viel bedeutenden Stimme an: "Madame, es ware doch wohl billig gewesen, dass wir Herr Dromunden die Uhr, die er mir von meinem Manne uberbracht, zu einem Andenken gelassen hatten. Ich wurde es gewiss getan haben, wenn mein Portrat nicht darinne gewesen ware; allein so schickt's sich wohl nicht." Ich verstund diese Sprache sehr gut. "Mariane," sagte ich, "was machen Sie sich fur ein Bedenken, dem Ihr Portrat zu geben, dem Sie unstreitig Ihr Herz schon uberlassen haben? Ich merke, Sie wollen Herrn Dormunden gern eine Gefalligkeit erweisen, die das Ansehen einer Erkenntlichkeit haben sollte, ob sie gleich die Liebe zum Grunde hat. Ich will Ihnen bald aus der Sache helfen. Geben Sie mir die Uhr! Es wird sich schon eine Gelegenheit zeigen, die nicht studiert lasst; bei der ich sie ihm anbieten kann." Auf die Ubergabe der Uhr folgte bald die Ubergabe des Herzens. Mariane ward Dormunden zuteil, und sie schienen beide einander zum Vergnugen geboren zu sein. Und wenn ja Mariane ihren Mann zuweilen beunruhigte: so geschahe es doch aus einem Grunde, den ein Ehemann schwerlich ubelnehmen kann. Ihr Fehler war die Eifersucht, der erbliche Fehler unsers Geschlechts. Ich besinne mich, dass Mariane einmal mit Tranen auf meine Stube kam. Sie konnte vor Wehmut nicht reden, und ich befurchtete, das grosste Ungluck von ihr zu horen. Allein, was kam endlich heraus? Sie seufzete uber die Gleichgultigkeit ihres Ehemannes und hatte lieber von seiner Untreue gesprochen. Ich fragte nach der Ursache. Da erfuhr ich folgende Kleinigkeiten. Ihr Mann hatte kurz vorher Briefe geschrieben; sie ware zu ihm an den Tisch getreten; sie hatte ihn einigemal recht zartlich gekusset, er aber hatte ihr weder mit einem Gegenkuss noch mit einem Blicke geantwortet, sondern immer fortgeschrieben, nicht anders, als wenn er sie nicht sehen wollte. "Ach Gott!" fuhr sie fort, "wer weiss, an wen der Untreue schreibt?" "Konnten Sie denn nichts in dem Briefe lesen?" fing ich an. "Nein, nichts, nichts, als dass der Anfang hiess: 'Mein Herr'". Wer sollte wohl glauben, dass eine vernunftige Frau keine andere Ursache zur Eifersucht notig hatte, als so eine? Doch, warum kann ich noch fragen? Wie oft tut nicht die Liebe einen Schritt uber die Grenzen der Vernunft! Und wenn dieser Schritt getan ist: so hilft es nichts, dass wir eine gute Vernunft haben. Uberhaupt entstehen wohl die meisten Uneinigkeiten, die in der Ehe vorkommen, aus Kleinigkeiten. Sie heissen im Anfange nichts; allein sie nehmen im Fortgange unsere Einbildung und andere Dinge zu Hilfe, und werden alsdann wichtige Ursachen zur Gleichgultigkeit oder zur Eifersucht.
Marianens Ehe hatte nunmehr etwa drei Vierteljahre gedauret, als ihr Mann gefahrlich krank ward. Er stund zween Monate grosse Schmerzen aus, und man merkte sehr deutlich, dass ihn eine Gemutsunruhe ebenso stark qualte als die Krankheit. Er bat seine Frau oft mit Tranen, dass sie ihn verlassen sollte. Er konnte auch Karolinen nicht leiden, viel weniger Marianens Kind, das sie mit Carlsonen erzeuget hatte. Ich und mein Mann sollten ohne Aufhoren bei ihm bleiben und ihm Trost zusprechen. Er wollte getrostet sein, und wir wussten doch nicht, was ihn beunruhigte, viel weniger hatten wir das Herz, ihn zu fragen. Sein Ende schien immer naher herbeizukommen, und die Arzte selbst kundigten es ihm an. Es war um Mitternacht, da er uns beide plotzlich zu sich rufen liess. Er rang halb mit dem Tode. Alles musste aus der Stube. Darauf fing er mit gebrochenen und erpressten Worten an, sich und die Liebe auf das abscheulichste zu verfluchen. Gott, wie war uns dabei zumute! Er nannte sich den grossten Missetater, den die Welt gesehen hatte. "Ich bin", schrie er, "Carlsons Morder. Ich habe ihm mit eigener Hand Gift beigebracht, um Marianen zu bekommen. Ich Unsinniger! Welche Gerechtigkeit, welches Urteil wartet auf mich! Ich bin verloren! Ich sehe ihn, ich sehe ihn! Bringt mich um", rief er wieder. Mein Mann redte ihm zu, er sollte sich besinnen, er wurde in einer starken Phantasie gelegen haben. "Nein, nein," rief er, "es ist mehr als zu gewiss. Mein Gewissen hat mich lange genug gemartert. Ich bin der Morder meines besten Freundes; ich Barbar! ich Bosewicht! Carlson besserte sich nach dem Abschiedsbriefe an Marianen wieder; und weil ich mir schon Hoffnung auf seinen Tod und auf Marianen gemacht hatte: so brachte ich ihm Gift bei." Mein Mann nahm alle seine Vernunft und Religion zu Hilfe, und suchte diesem Ungluckseligen damit beizustehen. Seine Verzweiflung wollte sich nicht stillen lassen. Er verlangte Marianen noch einmal zu sehen und ihr seine Bosheit selbst zu entdecken. Wir baten ihn um Gottes willen, dass er Marianen diese Tat nicht offenbaren sollte; er wurde seinem Gewissen dadurch nichts helfen und durch sein Bekenntnis nur noch einen Mord begehen. Mariane kam, ehe sie gerufen ward. Dormund redete sie an; allein sie horte und sah vor Wehmut nicht. Er nahm sie bei der Hand und wollte das entsetzliche Bekenntnis wiederholen. Ich hielt ihm den Mund zu. Wir fingen an zu beten und zu singen. Doch er schrie nur desto mehr. Mariane musste es erfahren, was er getan hatte. Er wiederholte seinen Mord umstandlich. Er berief sich auf den Regimentsfeldscherer und auf den Feldmedicum, die Carlsonen, weil er es befohlen, nach seinem Tode geoffnet und das Gift gefunden und geglaubt hatten, dass er sich selbst damit vergeben. Mariane geriet in eine ordentliche Raserei. Sie stiess die grausamsten Namen wider ihn aus. Wir mussten sie endlich mit Gewalt beiseite bringen. Er schlief zween Tage und Nachte nacheinander, ohne sich zu ermuntern. Wir glaubten auch gewiss, dass er nicht wieder aufwachen wurde; allein er erholte sich. Wir kamen zu ihm. Wir mussten ihn als einen Morder hassen; doch die allgemeine Menschenliebe verband uns auch zum Mitleiden. Er war ruhiger als zuvor und bat uns mit tausend Tranen um Vergebung. Er versicherte uns, wenn er leben bliebe, dass er uns nicht zum Entsetzen vor den Augen herumgehen, sondern sich den entlegensten Ort zu seinem Aufenthalte und zur Reue uber seine Schandtat aussuchen wollte. Er bat, dass wir ihn Marianen nicht mochten wiedersehen lassen. Diese war auch schon in unsrer Wohnung; denn Dormund hatte ein Haus allein bezogen. Wir hatten nun genug an Marianen zu trosten und konnten Dormunden in zween Tagen nicht besuchen. Doch horten wir, dass es sich besserte. Mein Mann ging den dritten Tag zu ihm. Allein Dormund war fort und hatte folgenden Brief an ihn zuruckgelassen: "Ich gehe so weit, als mich die Rache des Himmels kommen lasst. Mariane soll mich nicht wieder sehen! O Gott, wozu kann einen nicht die Liebe verleiten! Der Schatten meines ermordeten Freundes wird mich auf allen Schritten verfolgen. Doch ich will lieber alles ausstehen, als diesen Mord durch einen Selbstmord haufen. Verfluchen Sie mein Gedachntis in Ihrem Herzen. Ich bin es wert; doch entdecken Sie meine Schande der Welt nicht! Ich bin bestraft genug, dass ich Marianen und ihre grossmutigen Freunde verlassen muss. Ich will wieder in den Krieg gehen. Vielleicht verliere ich bald ein Leben, das mir eine Marter ist. Mein zuruckgelassenes Vermogen soll Marianen. Wollte Ihnen doch Gott die Freundschaft vergelten, die Sie mir in meiner Krankheit erwiesen haben! Doch Sie haben sie ja einem Unmenschen erwiesen. Ich bin nicht wert, dass Sie mich bedauern. Ach, die ungluckselige Mariane!" Dormund war fort, ohne dass wir wussten, wohin. Unsere Mariane war in eine ordentliche Schwermut geraten. Sie weinte Tag und Nacht, und wir mussten ihr auf einmal zwo Adern schlagen lassen. Sie schlief in meiner Stube und versicherte mich, dass ihr viel besser zumute ware, und dass sie diese Nacht wohl zu schlafen hoffte. Der Morgen wies diese Prophezeiung aus. Ich warf kaum die Augen auf ihr Bette: so sah ich ganze Strome Blut davon herunterlaufen. Was konnte ich anders vermuten, als dass ihr die Adern im Schlafe aufgegangen sein wurden? Mariane lag in einem fuhllosen Schlummer, oder vielmehr in einer Ohnmacht. Ich schrie nach Hilfe, und wir banden ihr die Adern zu. Das Entsetzlichste war, dass die Binden nicht abgefallen, sondern mit Fleiss aufgemacht zu sein schienen. Mariane kam gegen Abend etwas wieder zu sich. Sie gestund, dass sie die Binden aus Lust zum Tode selbst aufgemacht hatte, und wunschte nichts mehr, als dass ihr Ende bald dasein mochte. Sie kusste mich und sank, ohne ein Wort weiter zu reden, in einen Schlummer, und in etlichen Stunden darauf war sie tot.
Mir ging es wie denen Leuten, die in einer Gefahr heftig verwundet werden und es doch nicht eher fuhlen, bis sie aus der Gefahr sind. Sobald Mariane tot war: so ging erst meine Marter an. Ich hatte mir lieber die Schuld von ihrem Tode beigemessen, weil ich dieselbe Nacht nicht genauer auf sie Achtung gegeben hatte. Allein welche menschliche Klugheit kann alles voraussehen? Ich hatte Marianen in der Tat zur Heirat mit Dormunden geraten. Ich sah, dass dieser Mann schuld an ihrem Selbstmorde war. Ich dachte an Marianens Schicksal in der andern Welt. Und ich wurde noch tausendmal mehr ausgestanden haben, wenn mir die Liebe zu Marianen verstattet hatte, sie fur unglucklich zu halten. Ihre Mutter war noch weit gelassner als ich. Ich weiss nicht, wem sie ihren Beistand zu danken hatte; vermutlich der Religion. Sie sah alles fur ein Verhangnis an, dessen Ursachen sie nicht ergrunden konnte. Sie trostete sich mit der Weisheit und Gute des Schopfers und verherrlichte ihr Ungluck durch Standhaftigkeit. Es ist gewiss, dass der Beistand der Religion in Unglucksfallen eine unglaubliche Kraft hat. Man nehme nur den Unglucklichen die Hoffnung einer bessern Welt: so sehe ich nicht, womit sie sich aufrichten sollen.
Unser Ungluck schien nunmehr besanftiget zu sein. Wir schmeckten die Ruhe eines stillen Lebens nach und nach wieder. Wir kehrten zu unsern Buchern zuruck, und die Liebe versusste uns das Leben und benahm den traurigen Erinnerungen des Vergangenen ihre Starke. Mein Mann schrieb um diese Zeit ein Buch: "Der standhafte Weise im Ungluck". Etwan ein Vierteljahr nach Marianens Tode starb unser Wirt, und seine Frau hatte auch bereits die Welt verlassen. Dieser Todesfall machte eine grosse Veranderung in unsern Umstanden. Wir mussten unsre Kapitale ubernehmen, die durch Dormunds Verlassenschaft sehr hoch angewachsen waren. In der Tat war dieses eine sehr grosse Last fur uns. Weder ich noch mein Mann noch Karoline wussten recht mit dem Gelde umzugehen. Und ich glaube, wir hatten eher die Halfte weggeschenkt, als dass wir es in unserer Verwahrung hatten behalten sollen. Andreas, Karolinens Bruder, hatte wieder eine Handlung in dem Haag angefangen. Wir schenkten ihm einige tausend Taler, und von dem ubrigen Gelde boten wir ihm die Halfte in seine Handlung an; mit der andern Halfte dienten wir guten Freunden. Wenn die Vorsichtigkeit bei dem Gelde eine Tugend ohne Ausnahme ist: so muss ich sagen, dass wir oft nachlassig damit umgingen. Es war uns oft genug, es hinzugeben, wenn wir wussten, dass derjenige, der uns darum bat, ein rechtschaffner Mann war, der das Geld notiger brauchte als wir. Ein Wort galt bei meinem Manne soviel als ein Wechsel. Wir haben in der Tat auf diese Art viel Geld eingebusst; aber wir sind niemals darum betrogen worden. Unsre Schuldner hatten ein gutes Herz; aber wenig Gluck. Sie wollten gern wiederbezahlen, je mehr sie unsere Dienstfertigkeit sahen. Und sie machten uns durch ihre Aufrichtigkeit freigebig, wenn wir es auch von Natur nicht gewesen waren. Man glaubt es kaum, was es fur ein Vergnugen ist, wenn man wackern Leuten dienen kann. Und es gehort, wie mich deucht, weit mehr Uberwindung dazu, das Vermogen, zu dienen, zuruckzuhalten als es zu befriedigen.
Endlich verliessen wir aus verschiednen Ursachen Amsterdam und wandten uns mit unserer Tochter nebst Karolinen und Carlsons Tochter nach dem Haag zu dem Herrn Andreas. Unser verstorbener Wirt hatte uns bei seinem Tode seine Tochter als die unsrige anbefohlen. Diese nahmen wir also mit uns. Ihr Vermogen blieb in Amsterdam in guten Handen. Dieses Frauenzimmer, welches nunmehr etwan funfzehn Jahr alt war, sah eben nicht schon aus: sie hatte aber sehr gute naturliche Gaben. Sie gefiel, ohne dass sie sich einbildete, gefallen zu haben. Die Artigkeit vertrat bei ihr die Stelle der Schonheit. Und wenn man die Wahl hat, ob man ein schones Frauenzimmer, das nicht artig ist, oder ein artiges, das nicht schon ist, lieben soll: so wird man sich leicht fur das letzte entschliessen. Ich kann ohne Prahlerei sagen, dass ich dieses Kind, welches Florentine hiess, meistens erzogen hatte. Und wenn ich gestehe, dass sie ausserordentlich viel Geschicklichkeit besass: so will ich nicht sagen, dass ich sie ihr beigebracht, sondern ihr nur zur Gelegenheit gedienet habe, sich solche zu erwerben. Sie hatte Karolinen und dem Umgange mit meinem Manne sehr vieles zu danken. Sie war mehr unter Mannspersonen als unter ihrem Geschlechte aufgewachsen. Dieses halte ich allemal fur ein Gluck bei einem Frauenzimmer. Denn wenn es wahr ist, dass die Mannspersonen in dem Umgange mit uns artig und manierlich werden: so ist es ebenfalls wahr, dass wir in ihrer Gesellschaft klug und gesetzt werden. Ich meine aber gar nicht solche Mannspersonen, die insgemein fur galant ausgeschrien werden, und die sich bemuhen, ein junges Madchen durch niedertrachtige Schmeicheleien zu vergottern; die ihm durch jeden Blick, durch jede Bewegung des Mundes und der Hand von nichts als einer abgeschmackten Liebe sagen. Solche Leute mussen freilich nicht die Sittenlehrer der Frauenzimmer werden, wenn man haben will, dass eine junge Schone keine Narrin werden soll. Mir ware es am wenigsten zu vergeben gewesen, wenn ich Florentinen nicht so wohl erzogen hatte, als es sein kann, da ich Zeit, Gelegenheit und ihre gute Fahigkeit vor mir hatte und seit ihrem siebenten Jahre fast bestandig um sie gewesen war. Ihre guten Eigenschaften machten sie nachgehends zur Frau eines Mannes, der in Holland eine der hochsten Ehrenstellen bekleidete, und an dem sein Stand noch das wenigste war, was ihn gross und hochachtungswert machte. Doch ich will von unserer Florentine ein andermal reden!
Wir waren kaum einige Monate in dem Haag: so lief ein Schiff aus Russland mit Waren fur unsern Andreas ein. Er bat uns, dass wir mit an Bord gehen und die Ladung ansehen mochten. Wir liessen uns diesen Vorschlag gefallen und fuhren dem ankommenden Schiffe etwan eine halbe Stunde auf der See entgegen.
Nunmehr komme ich auf einen Perioden aus meinem Leben, der alles ubertrifft, was ich bisher gesagt habe. Ich muss mir Gewalt antun, indem ich ihn beschreibe; so sehr weigert sich mein Herz, die Vorstellung einer Begebenheit in sich zu erneuern, die ihm so viel gekostet hat. Ich weiss, dass es eine von den Haupttugenden einer guten Art zu erzahlen ist, wenn man so erzahlt, dass die Leser nicht die Sache zu lesen, sondern selbst zu sehen glauben und durch eine abgenotigte Empfindung sich unvermerkt an die Stelle der Person setzen, welcher die Sache begegnet ist. Allein ich zweifle, dass ich diese Absicht erhalten werde. Wir fuhren, wie ich gesagt habe, dem ankommenden Schiffe eine halbe Stunde entgegen. Es waren zehn bis zwolf deutsche Reisende auf demselben, und auch etliche Russen. Diese stiegen in unserm Angesichte ans Land und gratulierten dem Herrn Andreas zur glucklichen Ankunft seines Schiffes, weil sie horten, dass er der Herr davon war. Andreas, der die See stets in Gedanken hatte, horte ihnen begierig zu. Nur mir ward die Zeit zu lang. Ich trat daher mit meinem Manne auf die Seite und bat ihn, dass er wieder zuruckfahren mochte. Da ich noch mit ihm rede, so kommt einer von den Passagieren auf mich zugesprungen, umarmt mich und ruft: "Ja, ja, Sie sind es, ich habe meinen Augen nicht trauen wollen; aber Sie sind meine liebe Gemahlin." Er druckte mich einige Minuten so feste an sich, dass ich nicht sehen konnte, wer mir diese Zartlichkeit erwies. Das Schrecken kam darzu, und ich glaubte nicht anders, als dass ein unsinnig Verliebter mich angefallen hatte. Aber, ach Himmel! wen sah ich endlich in meinen Armen? Meinen Grafen in russischer Kleidung, meinen ersten Mann, den ich zehen Jahre fur tot gehalten hatte. Ich kann nicht sagen, wie mir ward. So viel weiss ich, dass ich kein Wort aufbringen konnte. Mein Graf stund und weinte. Er erblickte endlich seinen ehemaligen Freund als meinen itzigen Mann. Er umarmte ihn; doch von beiden habe ich kein Wort gehort oder vor Besturzung nichts verstehen konnen. Unser Wagen hielt gleich neben uns. Nach diesem lief ich zu, ohne meine beiden Manner mitzunehmen; aber beide folgten mir nach. Ich umarmte den Grafen unzahligemal in dem Wagen; was ich ihm aber gesagt habe, das ist mir unbekannt. Wir waren nunmehr in unserer Behausung, und ich fing an, mich wieder selbst zu verstehen. Mein Graf bezeigte eine unendliche Zufriedenheit, dass er mich wiedergefunden hatte, und zwar an einem Orte, wo er mich am wenigsten vermutet. Er sagte mir wohl tausendmal, dass ich noch ebenso liebenswurdig ware, als da er mich verlassen hatte. Sein Vergnugen war um desto starker, weil er mich fur tot gehalten hatte, da ich ihm auf etliche Briefe nicht geantwortet. Er glaubte, ich hatte es erfahren, dass er noch am Leben ware. Kurz, er hatte von mir ebensowenig gewusst als ich von seinem Leben. Herr R.. hatte uns verlassen, ohne dass wir es gemerkt. Wir waren also ganz allein. Mein Graf erzahlte mir sein gehabtes Schicksal, davon ich bald reden will, und verlangte nunmehr zu wissen, wie es mir gegangen ware. Er fragte mich hundertmal, und ich konnte ihm mit nichts als Tranen und Umarmungen antworten. Liebe und Scham machten mich sprachlos. Einen Mann hatte ich wiedergefunden, den ich ausnehmend liebte, und einen sollte ich verlassen, den ich nicht weniger liebte. Man muss es fuhlen, wenn man wissen will, das es heisst, von zween Affekten zugleich besturmt zu werden, von denen einer so gross als der andere ist. Mein Gemahl mutmasste aus meiner Wehmut etwas Widriges fur sich. Er hielt noch instandiger an, dass ich ihm mein Herz entdecken und ihm sein Gluck oder Ungluck wissen lassen sollte. Aber umsonst! Was konnte ich ihm sagen, wenn ich nicht sagen wollte, dass ich verheiratet ware? Ich schwieg, ich seufzte; doch dieses war genug gesagt. "Sind Sie nicht mehr meine Gemahlin?" fing er an. "Das wolle Gott nicht! Lieber meinen Tod, als diese Nachricht!" In ebendem Augenblicke trat meine kleine Tochter, ein Kind von funf Jahren, in das Zimmer und vermehrte meine Besturzung und entdeckte zu gleicher Zeit das Geheimnis, vor welchem ich zitterte. Sie sah mich weinen; sie trat zu mir. "Was fehlt Ihnen denn, liebe Mama," fing sie an, "dass Sie weinen? Ich komme von dem Papa, der weint auch und will gar nicht mit mir reden. Ich habe Ihnen doch nichts getan." "Mein Gott," sprach der Graf zu mir, "Sie sind verheiratet! Ich ungluckseliger Mann! Habe ich Sie darum wiederfinden mussen, damit meinem Herzen keine Art von Marter unbekannt bliebe? Wer ist denn Ihr Gemahl? Sagen Sie mir's nur. Ich will Sie durch meine Gegenwart nicht langer qualen. Ich will Sie gleich verlassen. Sie sind mir nicht ungetreu worden. Sie haben mich fur tot gehalten. Ich mache Ihnen keine Vorwurfe. Niemand ist an meinem Unglucke schuld als das Verhangnis. Vielleicht ist dieses die Strafe fur die Liebe mit Karolinen. Uberwinden Sie sich und reden Sie mit mir", fuhr er fort. "Ich kann es von niemanden als von Ihnen anhoren, wer Ihr Mann ist." Ich sprang von dem Stuhle auf und fiel ihm in die Arme, aber ich sagte noch kein Wort. "Nein," fing er an, "erweisen Sie mir keine Zartlichkeiten! Ich verdiene sie, das weiss mein Herz; aber Ihr itziger Ehegemahl kann Ihre Liebe allein fordern, und ich muss dem Schicksale und der Tugend mit meiner Liebe weichen." Durch dieses Gestandnis brachte er mich nur mehr in Bewegung. Er fragte endlich das kleine Kind, wo der Papa ware, und warum er nicht hereinkame? "Er ist ja mit Ihnen in dem Wagen gekommen", hub sie an. "Er ist in seiner Stube und weint." "Also", fing der Graf zu mir an, "ist mein liebster Freund Ihr Gemahl? Dieses macht mein Ungluck noch ertraglich." Darauf bat er meine kleine Tochter, dass sie ihren Papa rufen sollte. Allein er kam nicht, sondern schickte durch ebendieses Kind dem Grafen ein franzosisches Billett von diesem Inhalte:
"Mein lieber Graf!
Sie dauren mich unendlich. Ich habe Sie durch die unschuldigste Liebe so sehr beleidigt, als ob ich Ihr Feind gewesen ware. Ich habe Ihnen Ihre Gemahlin entzogen. Konnen Sie dieses wohl von mir glauben? Der Irrtum, oder vielmehr die Gewissheit, dass Sie nicht mehr am Leben waren, hat mir den erlaubten Besitz Ihrer Gemahlin gegonnt. Ihre Gegenwart aber verdammt nunmehr das sonst so tugendhafte Band. Sie sind zu grossmutig, und wir zu unschuldig, als dass Sie uns mit Ihrem Hasse bestrafen sollten. Unsere Unschuld verringert Ihr Ungluck; allein sie hebt es nicht auf. Das einzige Mittel, mich zu bestrafen, ist, dass ich fliehe. Ich verlasse Sie, liebster Graf und werde mich zeitlebens vor mir selber schamen. Wollte Gott, dass ich durch meine Abwesenheit und durch die Marter, die ich ausstehe, Ihren Verlust ersetzen konnte! Entfernen Sie das Kind, das Ihnen diesen Brief bringt, vor den Augen haben durfen. Ist es moglich, so denken Sie bei diesem Briefe zum letzten Male an mich. Sie sollen mich nicht wieder sehen." Der Graf verliess mich, sobald er diesen Brief gelesen hatte, und suchte meinen Mann. Doch, er war fort, und niemand wusste, wohin. Diese Nachricht setzte mich in eine neue Besturzung. Mein ganzes Herz emporte sich. Ich hatte meinen ersten Mann wiedergefunden. Ich wusste, dass ich sie beide nicht besitzen konnte; allein welcher Trieb hort die Vernunft weniger als die Liebe? Es war in meinen Augen die grausamste Wahl, wenn ich daran dachte, welchen ich wahlen sollte. Ich gehorte dem letzten sowohl als dem ersten zu. Und nichts war mir entsetzlicher, als einen von beiden zu verlassen, so gewiss ich auch von dieser Notwendigkeit uberzeugt war. Der Herr R... war indessen fort, und der Graf wollte nicht ruhen, bis er seinen Freund wiedersahe. Er schickte sogleich nach dem Hafen, damit er nicht etwan mit einem Schiffe abgehen sollte. Ich hatte ihm indessen erzahlt, dass ich den Herrn R... freiwillig zu meinem Manne erwahlt, und dass ich seine grossmutige Freundschaft nicht besser zu belohnen gewusst hatte als durch die Liebe. "Ich weiss genug," fing der Graf an, "weder Sie noch mein Freund haben mich beleidiget. Es ist ein Schicksal, das wir nicht erforschen konnen." In wenig Stunden kam Herr R... zuruck. Er war schon im Begriffe gewesen, mit einem Schiffe fortzugehen. Er dankte dem Grafen auf das zartlichste, dass er ihn wieder hatte zuruckrufen lassen. "Ich will nichts als Abschied von Ihnen nehmen," fing er an, "von Ihnen und Ihrer Gemahlin. Gonnen Sie mir diese Zufriedenheit noch, es wird gewiss die letzte in meinem Leben sein." Sogleich nahm er mich bei der Hand und fuhrte mich zu dem Grafen. "Hier", sprach er, "ubergebe ich Ihnen meine Gemahlin und verwandle meine Liebe von diesem Augenblicke an in Ehrerbietung." Hierauf wollte er Abschied nehmen; doch der Graf liess ihn nicht von sich. "Nein," sagte er, "bleiben Sie bei mir. Ich fange auf Ihr Verlangen mit meiner Gemahlin die zartlichste Ehe wieder an. Sie ist mir noch so kostbar als ehedem. Ihr Herz ist edel und bestandig geblieben. Sie hat nicht gewusst, dass ich noch lebe. Nein, mein lieber Freund, bleiben Sie bei uns. Wollen Sie mich etwan darum verlassen, dass ich nicht eifersuchtig werden soll: so beleidigen Sie die Treue meiner Gemahlin und mein Vertrauen. Bitten Sie ihn doch, Madame," fing er zu mir an, "dass er bleibt!" Ich hatte kaum so viel Gewalt uber mich, dass ich zu ihm sagte: "Warum wollen Sie uns verlassen? Mein lieber Gemahl bittet Sie ja, dass Sie hierbleiben sollen. Und ich musste Sie niemals geliebt haben, wenn mir Ihre Entfernung gleichgultig sein sollte. Bleiben Sie wenigstens in Amsterdam, wenn Sie nicht in unserm Hause bleiben wollen. Ich werde Sie lieben, ohne es Ihnen weiter zu sagen; und ob ich gleich aufhoren werde, die Ihrige zu sein: so untersagt mir doch die Liebe zu meinem Gemahle nicht, Ihnen bestandig Zeichen der Hochachtung und Freundschaft zu erkennen zu geben." Er blieb auf unser Bitten auch wirklich in Amsterdam. Er speiste oft mit uns, und seine Auffuhrung war so edel, als man nur denken kann. Wenn ich auch weniger tugendhaft gewesen ware: so hatte mich doch sein grossmutiges Bezeigen tugendhaft erhalten mussen. Er tat gar nicht, als ob er jemals mein Mann gewesen ware. Kein vertrauliches Wort, keine vertrauliche Miene durfte ihm entfahren. Wie er vor meiner Ehe mit mir umgegangen war, so ging er itzt mit mir um. Er unterhielt mich mit Freundschaft und Hochachtung und beforderte mein und meines Grafen Vergnugen mit Aufopferung des seinigen. Er war oft ganze Tage bei mir allein. Ich glaube, dass ich so viel Schwachheit gehabt hatte, ihn anzuhoren, wenn er an die vorigen Zeiten gedacht hatte. Und wer weiss, ob ich ihm nicht wider meinen Willen durch manchen Blick ein stummes Bekenntnis von meiner Liebe getan habe, so gewissenhaft ich auch mit ihm umging, und so sehr ich meinen Grafen liebte. Uber die Gegenwart der Karoline erstaunte der Graf sehr. Er hatte es lieber gesehen, wenn sie unsre Wohnung verlassen hatte. Allein ich bat ihn, dass er mir ihre Gesellschaft nicht entziehen sollte. "Konnen Sie meiner Tugend trauen," sagte ich zu ihm: "so mussen Sie wissen, dass ich der Ihrigen gewiss bin." Das Schicksal der beiden Kinder, die er mit Karolinen erzeugt, war eine Sache, die ihn oft ganze Stunden niedergeschlagen machte. Er fuhrte sich indessen gegen Karolinen sehr liebreich auf. Er scherzte oft mit uns beiden; allein sein Scherz war so behutsam, dass er weder sie kranken noch mich beleidigen konnte. Wie es uns ferner gegangen, will ich kunftig erzahlen. Itzt muss ich nur von meines Gemahls, des Grafen, Abwesenheit, noch kurzlich so viel erwahnen. Die Russen hatten von dem Dorfe Besitz genommen, darinne mein Gemahl auf den Tod gelegen und von den Schweden als tot war zuruckgelassen worden. Da er nach und nach wieder gesund worden, hatte man ihn als einen gefangenen Offizier mit nach Russland geschickt. Er hatte seinen Namen aus Furcht, dass man ihn desto eher an die Schweden ausliefern mochte, verschwiegen und sich fur einen Kapitan ausgegeben. Seine erlittenen Unglucksfalle, und wie er funf Jahre in Siberien hat zubringen mussen, damit will ich die Fortsetzung von meiner Geschichte anfangen. Der arme Graf hat viel ausstehen mussen. Er starb ... Doch ich will itzt nichts mehr sagen.
Zweiter Teil
Ich bin gegen das Elend, das der Graf in Russland ausgestanden, zu empfindlich, als dass ich's nach seiner Lange erzahlen und in eine gewisse Ordnung bringen sollte. Allein ich brauche auch diese betrubte Muhe nicht. Ich habe ein halb Jahr nach seiner Zuruckkunft noch zween von denen Briefen erhalten, die er in seiner Gefangenschaft an mich geschrieben. Den einen hatte er an einen Geistlichen auf seinen Gutern in Livland adressieret, der aber nichts von meinem Aufenthalte erfahren konnen. Den andern brachte mir ein Jude, wie man in dem Verfolge dieser Erzahlung sehen wird. Diese Briefe enthalten den grossten Teil von dem, was ihm in Moskau und Siberien begegnet ist. Ich will sie also unverandert hier einrucken. Es ist immer, als wenn man mehr Anteil an einer Begebenheit nahme, wenn sie der selbst erzahlet, dem sie zugestossen ist. Sie werden uber dieses den edlen Charakter des Grafen und seine bestandige Liebe gegen mich in ein grosser Licht setzen. Wie gross ist sie nicht gewesen! Und eben zu der Zeit, da er mich so brunstig geliebt und alles fur mich gefuhlt hat, was nur sein Elend hat vergrossern konnen, habe ich in den Armen eines andern Gemahls der Freuden der Liebe und des Lebens genossen. Wieviel tausend Tranen hat mich dieser Gedanke schon gekostet, und wie oft bin ich vor meiner unschuldigen Liebe zu dem Herrn R... als vor einem Verbrechen errotet!
Der erste Brief ist aus der Stadt Moskau geschrieben. "Euer unglucklicher Gemahl lebt noch. Wollte doch Gott, dass Ihr diese Nachricht schon wusstet oder sie wenigstens durch einen Brief erfuhret! Ein plotzlicher Uberfall, den die Russen drei Tage vor meiner angesetzen Hinrichtung auf das Dorf taten, in welchem ich gefangen und krank lag, hat mir das Leben errettet. Ja, liebste Gemahlin, diese Vorsehung ist eine Frucht Eurer Tranen und meiner Unschuld. Ich habe etliche Tage nach dem geschehenen Uberfall kaum mehr gewusst, dass ich lebte. Nachdem ich von meiner Krankheit wieder zu mir selber kam und mich in den Handen der Russen sah: so gab ich mich zu meiner Sicherheit fur einen Kapitan aus und nannte mich Lowenhoek. Unter allen denen Gefangenen, mit welchen ich bald in diese, bald in jene Festung, und endlich nach der Stadt Moskau geschleppt worden bin, sind nicht mehr als zween Offiziere, die mich kennen. Sie sind beide Engellander von Geburt, und die treuesten und besten Gefahrten meines Elends, die ich mir nur wunschen kann. Der eine von ihnen Steeley, hat vor wenig Tagen die Freiheit erhalten, einige von seinen Landsleuten, die hier handeln, zu sprechen, und durch diese hat er mir, einen Brief nach Livland zu bestellen, die sicherste Gelegenheit ausgemacht. Wenn er doch schon in Euren Handen ware! Wenn ich doch nur eine von den Tranen der Freude sehen sollte, die Euch die Nachricht von meinem Leben auspressen wird! Wo habt Ihr Euch denn nach meinem letzten traurigen Briefe hingewandt? Hat Euch die Rache des ungerechten Prinzen nicht verfolgt? Ist mein Freund R.. mit Euch gefluchtet? Und wohin? Arme und ungluckliche Gemahlin! Gonnt mir doch den Trost, dass ich alle mein gegenwartiges Ungluck und das noch kunftige Eurer Tugend und Eurer Liebe gegen mich zuschreiben darf. Nichts als diese Ursache ist vermogend, mir mein Elend zu versussen und mir die Schande und das schreckliche Andenken eines gewaltsamen Todes, den mir der Prinz zugedacht, zu erleichtern. Ertraget meine Abwesenheit gelassen, ich bitte Euch bei unserer Liebe, und hofft, wir werden uns gewiss wiedersehen. Aber, o Gott! wenn? Und ach, wo weiss ich denn, ob Ihr mein Ungluck habt uberleben konnen? Schrecklicher Gedanke, den ich ohne Zittern nicht niederschreiben kann! Nein, mein einziger Wunsch in der Welt, Ihr lebt noch. Mein Herz sagt mir's, und es verspricht mir die Wollust, Euch noch einmal, ehe ich sterbe, zu umarmen. Um diese Gluckseligkeit bitte ich die Vorsehung alle Tage und in dem Augenblicke, da ich dieses schreibe. Kann mir Gott mein Leben wohl zu einem geringern Vergnugen gelassen haben, als dass ich noch einen Teil davon, und wenn es auch nur etliche Tage waren, mit Euch zubringen soll? Stellt Euch doch die Zufriedenheit vor, die wir schmecken werden, wenn uns die Zeit einander wiedergeben wird. Wie lange werden wir vor Entzuckung nicht reden! und wie lange werden wir nach tausend Umarmungen sprechen, ehe wir uns satt reden und unser Herz und unser Schicksal einander ausschutten werden! Bekummert Euch nicht zu sehr um mich! Mir fehlt zur Erleichterung meines Elends nichts als die Nachricht von Euch und meinem lieben Freunde R... Erlauben es Eure Umstande: so uberschickt mir einen Wechsel, ob ich vielleicht dadurch meine Zuruckkunft bewerkstelligen kann. Ich bin seit meinem Arreste von allem entblosst gewesen. Ich habe alle Beschwerlichkeiten ausgestanden, die einem Gefangenen auf einem Wege von mehr als hundert Meilen begegnen konnen. Eben der kummerliche Proviant, der noch etliche hundert gemeine Mitgefangene gesattiget hat, ist die ganze Zeit uber gut genug fur mich gewesen. Die Erbitterung der Russen gegen die schwedische Nation hat uns das Elend, gefangen zu sein, am beschwerlichsten gemacht. Sie nennen ihre Sorglosigkeit gegen uns, ihre Unempfindlichkeit gegen unsere Klagen eine gerechte Vergeltung fur das barbarische Bezeigen, womit unser Konig, wie sie sagen, den gefangenen Russen begegnen liess. Das Schrecklichste, was wir, nachdem wir uber die polnischen Grenzen waren, erfahren haben, ist der Mangel an frischem Wasser gewesen, weil wir oft, um die Moraste zu umgehen, einen Umweg durch sandichte Gegenden nehmen mussten.
Mein ganzes Vermogen seit meiner Gefangenschaft hat in zwanzig Talern bestanden, mit denen mich ein gemeiner schwedischer Soldat unlangst beschenkt hat. Er starb einen Monat zuvor, ehe wir in der Stadt Moskau ankamen, an einer Wunde, und zwar in einer Nacht, die wir unter freiem Himmel zubringen mussten. Er hatte mir auf dem Marsche viele Dienste erwiesen, und ich belohnte seine Treue dadurch, dass ich die ganze Nacht bei ihm blieb und auf sein Verlangen mit ihm betete. Er hatte in seinem Brusttuch ein Goldstuck von zwanzig Talern eingenaht, womit ihn seine Braut in Stockholm bei seinem Abschiede beschenkt. Dieses gab er mir und bat mich, wenn ich wieder nach Stockholm kommen sollte, seiner Braut seinen Tod zu melden und ihr einige Wohltaten zu erzeigen. Ich schicke Euch den Zeddel, in welchem das Geld eingewickelt war, und in welchem der Braut ihr Name steht. Wenn es moglich ist: so lasst ihr den Tod ihres Brautigams melden, und schickt ihr fur die zwanzig Taler, die mir und meinem lieben Steeley so viele Dienste getan haben, hundert. Als mein Landsmann, der mich bis auf den letzten Augenblick bei der Hand hielt, tot war: so schlief ich neben ihm ein. Damals traumte mir, Ihr kamet mir an einem Flusse entgegen. Wie erschrakt Ihr, meine Liebenswurdige, wie schon entsetztet Ihr Euch, mich wiederzufinden! Ich erwachte uber diesem Traume und lag auf dem toten Landsmanne und dankte dem Himmel, ehe ich noch aufstund, fur diesen glucklichen Traum. Die Freundschaft, die ich dem Sterbenden erwies, brachte mir die Liebe von sechs andern gemeinen Schweden zuwege, die bei seinem Tode zugegen waren. Es gefiel ihnen, dass ich ihren Kameraden so wohl zum Tode bereitet hatte. Sie baten mich, dass ich ebendas an ihnen tun mochte, wenn sie etwan auf dem Marsche sterben sollten; sie beeiferten sich recht von diesem Tage an, mir zu dienen, und darbten sich oft das frische Wasser ab, damit sie es mir und Steeleyn im Notfalle anbieten konnten. Ich ward kurz darauf krank und konnte nicht mehr gehen, so hinfallig war ich. Allein ehe mich meine sechs Landsleute zuruckliessen: so trugen sie mich lieber etliche Tage lang in Stocken; an Stricken gebunden und mit Binsen durchflochten, fort und nahmen alle die Muhe aus gutem Herzen uber sich, zu der sie ausserdem weder Furcht noch Belohnung wurde fahig gemacht haben. Ich habe in dieser Krankheit insonderheit den grossen Unterschied gesehen, der unter den Diensten ist, die man uns aus Gehorsam und Hoffnung erzeigt, und unter denen, die man dem andern aus einem geheimen Triebe der Freundschaft und des Mitleidens erweiset. Ihre Begierde, zu dienen, wuchs mit meiner Gefahr, und Leute, die niemals sinnreich in Anschlagen, noch geubt in Gefalligkeiten gewesen waren, wurden sorgfaltig und sinnreich an Mitteln, mir das Leben zu erhalten, weil sie es gern erhalten wissen wollten. Dieses ist die einzige Krankheit gewesen, die mir auf dem Wege nach Russland zugestossen. Vor sechs Wochen sind wir hier in der Stadt Moskau angekommen und die ersten gefangenen Schweden in diesem Kriege gewesen, an denen die wilden Einwohner dieses Orts ihre rachsuchtigen Augen befriedigt haben. Wir mochten unsrer wohl drei- bis vierhundert sein, die man in einem sehr traurigen Aufzuge dem Pobel einen halben Tag lang offentlich darstellte. Er wurde uns mit Freuden umgebracht haben, wenn wir nicht von einer starken Wache umgeben gewesen waren. Indem wir eine Zeitlang auf einem freien Platze gestanden und tausend Schimpfreden, die wir aus den Gebarden unsrer Feinde erraten konnten, angehort hatten: drangte sich eine alte Frau zu einem Russen, der mit uns angekommen war. Sie fragte, wo sein Kamerad, ihr Sohn, ware. Der Russe, der vielleicht nicht wusste, nach wem sie fragte, antwortete ihr, dass ihn die Schweden totgeschlagen hatten. In dem Augenblicke fuhr sie auf mich und schrie: 'Was? hast du meinen Sohn umgebracht?' und riss mich, der ich vor Mattigkeit mich kaum selbst mehr aufrecht halten konnte, zur Erde, bis die Soldaten mich von ihrer Wut befreiten. Bedenkt nur, meine liebe Gemahlin, wie mir damals zumute gewesen sein muss. In ebender Stadt, in welcher mein Vater in seiner Jugend die Ehre eines koniglichen Abgesandten genossen, war ich ein nichtswurdiger Schwede, und vielleicht auf ebendem Platze, wo er seinen Einzug gehalten, war sein Sohn itzt der Raserei eines Weibes ausgesetzt.
Wodurch habe ich doch das traurige Schicksal verdient, fern von Euch, in einer oden Mauer eingeschlossen zu sein, in einem Behaltnisse, in dem ich ausser der Gesellschaft meines Steeley alles entbehre, was das Leben angenehm macht, und von keiner Freude weiss als von der, mich Eurer mit ihm zu erinnern und mit ihm uber unser Schicksal zu seufzen? Er hat, wie ich Euch schon gesagt, durch ein Geschenke, das er dem Aufseher uber die Gefangnen von dem Reste unsrer zwanzig Taler gemacht, endlich die Freiheit erhalten, mit einigen Kaufleuten aus London zu sprechen. Diese haben ihm hundert Taler vorgeschossen und alles fur ihn zu tun versprochen. Durch dieses Geld hoffen wir uns von unserm Gebieter zuweilen den Schatten einer Freiheit zu erkaufen denn durch Geld lassen sie sich, wenn sie anders mitleidig sein konnten, am ersten mitleidig machen. Er brachte mir bei seiner Zuruckkunft eine Flasche Wein und etwas Zwieback mit. 'Ihr denkt etwan', sprach er, da er die Flasche aus der Tasche zog, 'dass ich bei meinen Landsleuten schon Wein getrunken habe? Nein, mein lieber Graf, ich wurde mir nicht die Freude entzogen haben, das erst Glas in Eurer Gesellschaft zu trinken. Ich habe noch keinen Tropfen gekostet. Aber nun kommt, nun kann ich nicht langer warten. Kommt, wir wollen unser Ungluck einige Augenblicke vergessen und die Freuden des Weins fuhlen und uns alles das als gewiss vorstellen, was wir wunschen.' Wir tranken ein Glas. Welche Wollust war das fur uns! Wir ehrten durch unsre Entzuckung den Gott, der dem Weine die Kraft geschenkt, unsere Herzen zu begeistern, und dankten ihm durch ein stilles Nachdenken fur ein Vergnugen, das wir seit ganzen Jahren nicht genossen hatten. Wir brachten einen ganzen Nachmittag uber unsrer Flasche Wein zu. Wir wollten nicht an unser ausgestandnes Schicksal denken; aber es war uns unmoglich. Es war, als ob uns eine grosse Zufriedenheit fehlte, dass wir nicht mit einem Blicke die Reihe unsrer betrubten Begebenheiten ubersehen sollten. Wir wiederholten sie einander, als ob wir sie einander noch nicht gesagt hatten. Wir richteten uns bei unsern Klagen mit der Wahrheit auf, dass ein gutiger und weiser Gott dieses Schicksal uber uns verhangt hatte, dass wir uns unser Elend nicht leichter machen konnten, als wenn wir uns seinen Schickungen geduldig uberliessen, bis es ihm gefiele, uns das Ungluck oder das Leben zu nehmen. Wir gaben einander die Hande darauf, alles, was uns begegnen wurde, mit einer uns anstandigen Gelassenheit zu ertragen. 'Aber', fing Steeley an, indem er meine Hand betrachtete, 'durfen wir denn nicht wunschen, diese Hande denen noch einmal zu reichen, die wir in unserm Vaterland lieben? Und wenn Gott dieses nicht wollte, werden wir auch da gelassen bleiben?' 'Wenn Gott dieses nicht wollte ...,' sprach ich und konnte nichts mehr sprechen. Es ward finster in meinem Verstande. Ich sah keine Grunde zur Gelassenheit mehr, aber Ursachen genug, mich zu beklagen und Euern Verlust zu beseufzen. Wir schwiegen eine Zeitlang still, als ob wir uns schamten, den Entschluss zu widerrufen, den wir nach langen Betrachtungen gefasst hatten. 'Wie Gott will,' fing endlich mein Freund mit einem Tone an, der doch die grosste Unruhe verriet, 'wie Gott will! Ich will durch meine Gelassenheit gar nicht einen Anspruch machen, dass er seine Schickungen nach meinem Wunsche einrichten soll. Nein, er soll sie ordnen. Aber ist denn das Verlangen, unser Vaterland wiederzusehen und aus dieser Barbarei erloset zu sein, ein ungerechter Wunsch? Sollen wir denn in diesem klaglichen Zustande unser ganzes Leben zubringen und nur den Tod hoffen?' So sah es mit unserer Gelassenheit aus, und so ist es uns oft gegangen. Wenn wir uns bemuht haben, recht ruhig zu sein, sind wir am unzufriedensten geworden. Man sieht, wenn man den Betrachtungen uber die Vorsehung nachhangt, die Unmoglichkeit, sich selbst zu helfen, deutlicher, als wenn man sich seinen Empfindungen uberlasst; man sieht die Notwendigkeit, sich ihren Fuhrungen zu uberlassen, und man will doch zugleich nicht von dem Plane seiner eigenen Wunsche abgehen. Man will ihn gewiss, man will ihn bald ausgefuhret wissen, und man sieht doch, dass die Umstande dazu nicht in unserer Gewalt stehen. Fur diese traurige Entdeckung will sich unser Herz gleichsam durch die Unzufriedenheit rachen, und es umnebelt den Verstand, damit es von seinem Lichte nicht noch mehr zu befurchten habe.
Zur Arbeit hat man uns, wie die gemeinen Gefangnen, noch nicht gezwungen, und gleichwohl verstattet man uns nicht die geringste Freiheit, auszugehen. Mein erstes Geschafte in meinem itzigen Gefangnisse ist dieser Brief; und dass wir keine Geschafte haben, uber denen wir uns zuweilen vergessen konnten, dieses macht unser Elend vollkommen. Wenn auch die Erlaubnis, die sich Steeley erkauft hatte, seine Landsleute einige Stunden zu sehen, uns nichts zuwege gebracht hatte als etliche Bogen Papier und Dinte und Feder: so wurde sie uns doch schon kostbar genug sein; denn dieses haben wir fur alles Geld nicht erhalten konnen. Sidne, Steeleys Landsmann und Vetter, ist zu unserm Unglucke in ein ander Teil der Stadt gelegt worden; und so elend wir beide daran sind: so muss es ihm doch noch weit kummerlicher gehen, da er von allem Gelde entblosst ist. Steeley grusst Euch tausendmal und ist so sehr Euer Freund als der meinige. Wenn ich ihn nicht hatte: so wurde mir die Gefangenschaft eine Holle sein. Er hat bei einem redlichen und zartlichen Herzen gewisse Fehler, fur die ich ihm recht verbunden bin, weil sie oft unsere traurige Stille unterbrechen und uns etwas zu tun geben. Er liebt die Verdienste seiner Nation auf Unkosten der ubrigen Volker. Diese Parteilichkeit, ein naturlicher Ungestum und der Fehler des Widersprechens machen mir ihn notwendig und zugleich schatzbarer. Seine Widerspruche kommen aus einer Fulle des Geistes und der Lebhaftigkeit, aus einer Liebe zur Freiheit im Denken, aus einem Hasse gegen alles niedertrachtige Nachgeben und aus einem Uberflusse der Aufrichtigkeit und leicht aufwallender Empfindungen her. In seinem Charakter und in seinem Munde verliert also das Widersprechen das meiste von seiner beleidigenden Natur und wird eine Quelle zu vertrauten Gesprachen und kleinen Zankereien, deren Mangel uns die lange Zeit und die Gefangenschaft noch weit verdriesslicher machen wurde. Kurz, wir sind fureinander gemacht. Seine Fehler sind von den meinigen das Gegengewicht und machen seine guten Eigenschaften nur desto sichtbarer. Er ist sehr vorteilhaft gebildet, und seine Miene ist so lebhaft als sein Herz. Er ist noch jung. Das Ungluck in der Liebe ist Ursache, dass er sein Vaterland verlassen und wider seine Neigung, bloss aus Unzufriedenheit, in Schweden Kriegsdienste angenommen hat. Ich will Euch sein Ungluck kurz erzahlen und ihm Euer Mitleiden dadurch verdienen. Als er nebst seinem Vetter Sidne die Universitat zu Oxford verlassen, begibt er sich auf seines Vaters Landgut, etliche Meilen von London, um desto ruhiger studieren zu konnen. Hier wird er mit einem liebenswurdigen Frauenzimmer, der Tochter eines benachbarten Landedelmannes, bekannt und fangt an, das erstemal zu lieben. Nach zwei Jahren, nach tausend besiegten Hindernissen und nach tausend Beweisen ihrer Treue, erhalt er endlich von ihren Eltern das Ja und von seinem Vater die Einwilligung. Der Tag zur Vermahlung mit seiner geliebten Antonia wird angesetzt. Sie soll morgen auf seines Vaters Landgute vor sich gehen, und heute reist er mit ihm zu ihr, um sie nebst den Ihrigen abzuholen. Sie kommen um die Mittagsmahlzeit an, und nach derselben soll die Ruckreise erfolgen. Er sitzt mit seiner Antonia in der zartlichsten Vertraulichkeit unter einer Laube, als man ihnen meldet, dass die Wagen angespannet wurden. 'Verlasst mich einen Augenblick,' fangt sie zitternd zu ihm an, 'und wenn alles fertig ist: so holet mich ab.' Er kommt wieder und fordert sie zur Abreise auf. 'Nun bin ich', spricht sie, indem sie ihm die Hand reicht, 'bereit, Euch zu folgen. Es war mir so bange, und ich weiss nicht warum. Bin ich denn nicht glucklich genug, da ich in Euern Armen der Zufriedenheit der Ehe entgegeneile? Kommt, ich bin die Eurige!' Er setzt sich darauf mit ihr in die Kutsche, und die ubrigen folgen in zween andern Wagen nach. Die Liebe, die unschuldigste und seligste Liebe, ihr Ursprung, ihr Fortgang, alles, was sie fureinander gefuhlt haben, ist in dem Wagen ihr Gesprach. Indem sie noch so reden und etwan noch eine Stunde bis auf seines Vaters Landgut haben, zieht sich ein Gewitter auf. Im kurzen wird der ganze Himmel schwarz, und ein Schlag folgt auf den andern. Der Donner erschlagt eins von ihren Pferden. Antonia springt darauf in der grossten Angst aus dem Wagen und reicht Steeleyn die Hand, ihr nachzufolgen und mit ihr in das nachste Dorf zu eilen. Indem sie ihn bei der Hand nimmt, tut es einen entsetzlichen Schlag, und er sinkt in den Wagen zuruck. Als er wieder zu sich selbst kommt, sieht er seine Braut noch an der Ture des Wagens, vom Blitze getotet, lehnen, so wie sie ihm die Hand reichte. Kann wohl ein grosser Ungluck sein? Der arme Freund! Ein halb Jahr darauf notigte ihn sein Vater, eine Reise vorzunehmen, um seine Schwermut zu zerstreuen. Er tut ihn in das Gefolge des englischen Gesandten, der nach Stockholm geht, und gibt ihm seinen Vetter zum Gefahrten mit. Und eben in dieser Stadt entschliesst er sich aus Schwermut und aus Verdruss gegen sein Leben, ohne Wissen des Gesandten, Kriegsdienste anzunehmen, und muntert seinen Vetter zu ebendiesem Entschlusse auf. Er hat nunmehr an diesen Gesandten geschrieben und ihm sein Ungluck und seine Gefangenschaft geklagt und zugleich fur mich unter dem Namen des Kapitans Lowenhoek gebeten. Vielleicht vermag dieser Mann etwas zu unserer Befreiung. Adressiert Eure Briefe nach der beigelegten Abschrift an den Sekretar dieses Gesandten; er ist Steeleys guter Freund. Ich wurde noch nicht zu schreiben aufhoren, wenn wir mehr Papier hatten. Wird Euch denn dieser Brief auch antreffen? Ja, ich hoffe es und troste mich schon mit einer Antwort von Euch." Mein Gemahl hat, wie er mir erzahlte, in allen dreimal an mich geschrieben. Zweimal aus Moskau und einmal aus Siberien. Der andere Brief aus Moskau ist ganz verloren gegangen. Er ist ohngefahr ein Jahr nach dem vorhergehenden und zu einer Zeit geschrieben gewesen, in der es ihm in seiner Gefangenschaft am ertraglichsten gegangen. Steeley hatte namlich durch seine Landsleute und durch ihr Geld den Aufseher der Gefangenen immer mehr gewonnen. Er hatte es so weit gebracht, dass sein Vetter Sidne ihm und meinem Gemahle beigesellet worden war. Durch den Beitritt dieses Ungluckseligen, von dem in dem folgenden Briefe eine traurige Nachricht enthalten ist, war ihr Ungemach einige Zeit sehr gemildert worden. Mein Gemahl hat mir von diesem Sidne nicht Gutes genug erzahlen konnen. Er war von Natur liebreich und furchtsam gewesen und bloss Steeleyn zuliebe ein Soldat geworden. Er hatte nach seiner naturlichen Beschaffenheit die Beschwerlichkeiten der Gefangenschaft empfindlicher gefuhlt als sie beide; und so traurig er selbst gewesen war: so war er doch, wenn Steeley und mein Gemahl ihren Mut verloren hatten, aus Liebe fur sie gelassen und ihr Beruhiger geworden. Der Brief, den mein Gemahl aus der Stadt Tobolskoy in Siberien an mich geschrieben, ist folgender:
"Liebste Gemahlin!
Ich hoffe, dass Ihr noch lebet, weil es mein Herz wunscht, und ich hoffe sogar, dass dieser Brief, den ich in dem entferntesten und schrecklichsten Teile der Ein polnischer Jude, der nach Tobolskoy handelt und im Begriffe steht, wieder nach Polen abzureisen, ist mein Freund und grosser Wohltater geworden, und vielleicht wird er gar mein Befreier aus der Gefangenschaft. Ich habe ihm vor einem Jahre in einem nah an der Stadt gelegenen Geholze, wo ich nach dem Willen meines Schicksals noch, wie andere Ungluckliche, auf Zobel ausgehen musste, das Leben erhalten und ihn aus dem Schnee, in den er mit dem Pferde gefallen und fast schon erfroren war, mit der grossten Gefahr gerettet. Dieser Mann ist auf die edelste Art dankbar gewesen und hat mir bewiesen, dass es auch unter dem Volke gute Herzen gibt, das sie am wenigsten zu haben scheint. Er hat nicht eher geruht, bis er mich vor den Gouverneur gebracht, bei dem er seines Reichtums wegen in Ansehen steht. 'Herr,' sprach er, 'dieser schwedische Offizier hat mir, wie Ihr wisst, das Leben erhalten, und ich habe Dankbarkeit und Geld genug, ihn zu ranzionieren.' Der Gouverneur antwortete, dass dieses nicht bei ihm stunde, und dass er ohne Befehl von dem Hofe keinen Menschen freigeben konnte. Darauf gab ihm der Jude einen Beutel mit Golde und bat, dass er mir die beschwerlichen Dienste eines ins Elend Verwiesenen erlassen mochte. Der Gouverneur versprach ihm dieses, doch unter der Bedingung, dass er taglich etliche Kopeken fur mich erlegen sollte. Mein Wohltater bezahlte das Geld mit Freuden auf ein ganzes Jahr voraus und bat sich zugleich aus, dass er mich in dem Gefangenhofe einen Tag um den andern besuchen durfte. Doch ehe ich Euch meine itzigen Umstande weiter beschreibe: so muss ich Euch erst sagen, wie mir's seit drei Jahren in Siberien gegangen ist, und wie ich in dieses Land gekommen bin.
Wenn Ihr meinen letzten Brief aus Moskau erhalten habt: so werdet Ihr wissen, dass Sidne, Steeleys Anverwandter, nunmehr mit uns an einem Orte verwahret wurde. Das Geld, das Steeley von seinen Landsleuten aufs neue bekommen, langte einige Monate zu, unsere ausserlichen Umstande zu verbessern. Wir durften nicht bloss von der elenden Kost leben, die man den Gefangnen reichte. Wir konnten wenigstens zu Mittage etwas Bessers haben. Wir hatten dem Aufseher lange angelegen, uns einige englische oder franzosische Bucher zum Lesen zu verschaffen: allein wir erhielten keine. Er gab uns etliche russische Chroniken und einen Popen oder Geistlichen, der uns diese Sprache lehren sollte. Wie froh waren wir, dass wir etwas zu tun bekamen! Es waren sehr mittelmassige Bucher, und dennoch lasen wir sie wohl zehnmal durch. Wir konnten wenigstens, solange wir sie lasen, nicht an unser Elend denken, und dieser Vorteil war gross genug fur die Muhe, die wir anwenden mussten, wenn wir die Geschichte der alten barbarischen Fursten in Russland verstehen wollten. Unser Pope vertrieb uns durch seinen Unterricht in der Sprache alle Tage etliche Stunden fur ein geringes Geld. Er brachte endlich einige kleine Bucher mit, welche von der griechischen Religion handelten. Er war so unwissend darinne, als man nur sein kann. Steeley widersprach ihm nach seiner Gemutsart sehr oft, und so wenig er noch das Russische sprechen konnte: so konnte er doch genug, um ihn zu widerlegen. Ich und Sidne baten ihn oft, es nicht zu tun, weil wir nach und nach viel Bosheit bei dem Popen merkten. Da endlich unser Geld alle wurde und der Pope auf die Letzt meistens betrunken zu uns kam: so dankten wir diesen Geistlichen ab. Dieses verdross ihn. Er schalt auf Steeleyn und den armen Sidne, der ihm das letzte Geld fur seine Unterweisung auszahlte. Wir suchten ihn bald durch gute Worte, bald durch Stillschweigen zu besanftigen; aber vergebens. Der Branntwein und eine niedertrachtige Seele tobten aus ihm, und er larmte und schrie, bis die Wache hereintrat. Sie fragte, wer es ware, und der Bosewicht beschuldigte uns, dass wir wider den Zar und die Kirche gesprochen hatten. Die Wache ward uber diese Beschuldigung so rasend, dass wir in der Gefahr waren, umgebracht zu werden. Der Oberaufseher kam und versprach dem Popen Genugtuung; wir aber wurden gleich als die grossten Missetater geschlossen. Ach, meine Gemahlin, soll ich Euch unsere damalige Angst beschreiben? Soll ich Euch alles sagen? Wir wurden den andern Tag zum Verhor gebracht. Der Pope, dessen Wort unbetruglich war, wiederholte seine Beschuldigung zuerst gegen Steeleyn. Mein Freund berief sich auf seine Unschuld; aber vor diesem erschrecklichen Gerichte galt sie nicht. Man verfuhr nach ihrer barbarischen Gewohnheit, die Wahrheit vor Gerichte herauszubringen. Man liess ihn niederwerfen und ihm die Bodoggen geben, damit er bekennen sollte. Er stund diese Marter vor unsern Augen standhaft aus und liess unter den Handen der Barbaren, die ihn mit zween Staben auf den blossen Leib schlugen, nicht die geringste Klage horen. Als seine Qual voruber war, ohne dass man ihm ein Gestandnis hatte abzwingen konnen: so kam die Reihe an den ungluckseligen Sidne. Der Pope bekannte wider ihn, und Sidne, der mit tausend Tranen und Bitten dieser Marter vergebens zu entgehen suchte, ward endlich niedergerissen. Ich wollte das Gesicht wegwenden, um seiner Qual nicht mit zuzusehen; allein die Wutriche notigten mich, der nachste Zeuge davon zu sein. Er erduldete sie, ohne sie zu uberleben. Sobald man ihm die gesetzte Zahl von Streichen gegeben hatte: so lag er ohne Bewegung da. Man nahm ein Geschirr mit Wasser und goss es ihm uber das Gesicht, um ihn wieder zu sich selbst zu bringen; doch es war kein Leben in ihm; und dieses befremdete unsere Richter um desto weniger, weil viele von den Angeklagten unter dieser Marter das Leben einbussen. Steeley war wegen seines Unvermogens beiseite geschafft! Sidne war tot, und ich erwartete, ohne mir recht bewusst zu sein, mein Schicksal. Der boshafte Pope verlor entweder mit dem Leben des Sidne seine Rachbegierde, oder er hielt sich von mir am wenigsten beleidiget. Er beschuldigte mich keiner Lasterungen wider den Staat, er begehrte nur, dass ich gestehen sollte, dass meine beiden Kameraden welche ausgestossen hatten. Ich verteidigte mich, dass ich von nichts wusste. Man befahl, eben die Marter an mir vorzunehmen. Man legte mich auf die Erde und fragte noch einmal, ob ich nichts gehoret hatte. Die Furcht vor der Pein und vor dem Tode besturmten mich entsetzlich. Dennoch beschloss ich, eher zu sterben, als durch ein falsches Bekenntnis mir das Leben zu retten und es Steeleyn vielleicht zu nehmen. Ich weiss nicht, ob mein trauriger Anblick den Popen zum Erbarmen bewegte; genug, er bat fur mich um Gnade und sagte, dass ich vielleicht die Lasterungen nicht konnte verstanden haben, weil ich nicht so viel Russisch konnte, als die beiden andern. Man liess mich also wieder aufstehen und brachte mich in unser Gefangnis zuruck, in welchem ich Steeleyn sinnlos antraf. Ich warf mich zu ihm auf das harte Lager und umarmte ihn mit der einen Hand; denn mit der andern war ich noch geschlossen. Er sprach die ganze Nacht kein Wort und lag in einem gefuhllosen Schlummer. Der Morgen brach an. Ich redte auf meinen Freund, und er schlug endlich zu meiner Freude die Augen auf und reichte mir die Hand. Unser Aufseher kam und erkundigte sich, ob Steeley noch lebte. Er liess mir die Banden abnehmen und schien uns beide zu bedauern. Ich versicherte ihn bei allem, was heilig ist, dass mein Freund so unschuldig ware als ich. 'Das hilft euch nichts,' sprach er. 'Das Zeugnis des Popen als eines Geistlichen gilt, und ihr seid beide verurteilet, nach Siberien geschickt zu werden. Gott helfe euch! Ich kann euch nicht helfen, sonst muss ich alles von dem Popen befurchten. Seid zufrieden, wenn euch die Zunge nicht aus dem Halse geschnitten wird, ehe ihr nach Siberien verwiesen werdet; denn dieses widerfahrt denen, die wider den Staat oder die Kirche gesprochen haben. Warum seid ihr so unvorsichtig gewesen und habt den Popen beleidigt? In ein paar Tagen wird man euch nebst andern Gefangnen nach Siberien schicken. Ich werde euch wohl nicht wieder sehen.' Ich warf mich neben Steeleyn nieder, der immer noch in seiner Betaubung lag und wenigstens itzt glucklicher war als ich, weil er sich seiner nicht mehr bewusst zu sein schien. Anstatt, dass der Aufseher mir einen Trost hatte zusprechen sollen: so forderte er fur die grausame Nachricht, und fur seine Dienste uberhaupt, noch eine Belohnung. Ich griff in Steeleys Taschen, um fur ihn etwas zu suchen; allein die Wache hatte ihm alles genommen. Da der Aufseher kein Geld mehr sah: so schien der Schatten von seinem Mitleiden zu verschwinden. Er ging missvergnugt fort und liess mich in einem Zustande liegen, den ich Euch nicht beschreiben kann. Ich versank in Schwermut und Traurigkeit. Von Gott und Menschen in meinen Gedanken verlassen und feindselig im Herzen wider beide, schlief ich, schrecklicher Mensch, ein, indem ich mir den Tod tausendmal wunschte. Es war viele Nachte kein Schlaf in meine Augen gekommen, und meine zerstorten und ermatteten Glieder hatten eine lange Ruhe notig, wenn sie wieder zu sich selbst kommen sollten. Ich glaube, dass ich langer als vierundzwanzig Stunden in einem Stucke geschlafen habe. Ich erwachte und sah meinen Freund mit aufgeschlagenen Augen neben mir liegen. Er fragte mich, wo Sidne ware; denn er war weggeschafft worden, ehe Sidne starb. Ich konnte ihm nicht antworten. 'Ist er tot? ach, wenn doch Gott das wollte; so ware er glucklicher als wir! So ist er nicht mehr in den Handen der Henker?' Ich sagte ihm, dass er tot ware. Ich fragte ihn, ob er noch grosse Schmerzen empfande, und er fragte mich, ob ich sie noch sehr fuhlte; denn er glaubte, dass ich seine Marter ebenfalls ausgestanden hatte. 'Also hat man Euch verschont?' fing er nach meiner Erzahlung an. 'Nun bin ich doppelt zufrieden. Sidne ist tot, und Ihr habt meine Qual nicht gefuhlt. Fur beides mussen wir Gott danken.'
Ich konnte ihm die Nachricht von unsrer Verweisung nach Siberien nicht langer verschweigen. Ich sagte ihm, was ich von dem Aufseher gehoret hatte. Er schien durch das erlittene Ungluck schon so unempfindlich geworden zu sein, dass ihn Siberien nicht mehr schreckte. Als ich aber davon anfing, dass man uns vielleicht noch grausamer begegnen wurde: so rang er die Hande. 'Nein, nein,' schrie er, 'lieber den Tod, tausendmal lieber, als jenes! Wollt Ihr noch leben, wenn man Euch so misshandelt?' Wir uberliessen uns der Wut und der Verzweiflung vom neuen. Indem trat der Aufseher in unser Gefangnis und kundigte uns an, dass man uns morgen fruh nach Siberien abfuhren wurde. 'Wird man uns', rief Steeley, 'noch etwas mehr tun?' 'Nein,' sprach der Russe, 'nichts mehr, ihr seid beide nur verurteilt, nach Siberien zur Arbeit verwiesen zu werden.' Nun schien uns das grosste Elend geringe zu sein, da wir nur horten, dass man keine weitere Gewalt an uns ausuben wollte; und wir fanden in dem Verluste dieser Furcht eine Art des Trostes, den uns alles andre nicht hatte geben konnen. Steeley wollte dem Aufseher noch eine Belohnung geben, allein sein Geld war ihm genommen. Nachdem er lange gesucht, fand er endlich noch zween Rubel. Er stund vor Freuden zum ersten Male von seinem Lager auf und sagte dem Aufseher, dass er seinen Reichtum mit ihm teilen wollte. Dieser war auch so menschlich, dass er ihm die Halfte zuruckgab. Steeley fragte darauf, wo man den toten Korper des Sidne hingetan hatte, ob er ihn nicht noch einmal sehen konnte. Der Russe antwortete, dass man ihn schon an dem Orte eingescharret hatte, wo die Missetater begraben wurden. 'Er liege, wo er wolle,' fing er mit einem tranenden Ungestum an, 'er ist doch ein ehrlicher Mann und mein Freund: es ist ihm unrecht geschehen.' Ich rief ihm zu, dass er schweigen und sich aus Liebe zu seinem toten Freunde nicht noch unglucklicher machen sollte. Er fragte, ob es nicht noch moglich ware, einen von seinen Landsleuten zu sprechen; aber daran war nicht mehr zu denken. Nunmehr nahm unser Aufseher Abschied. Wir dankten ihm unaussprechlich fur seine Menschenliebe, ob wir sie gleich meistens erkauft hatten. Wir umarmten ihn und fragten ihn immer, ob es auch gewiss ware, dass man uns nichts weiter tun wurde. Er versicherte uns dieses mit dem grossten Eide, den sie in ihrer Sprache haben. Wir wollten ihm noch etwas Geld geben, dass er uns zu essen schaffen sollte; denn es war wohl der dritte Tag, dass wir nichts zu uns genommen hatten. Auf einmal ward er grossmutig und sagte, dass er uns zu essen und auch ein Glas Branntwein auf unsere traurige Reise und Steeleyn ein Pflaster uber den Leib bringen wollte, welches ihm gute Dienste tun wurde. Er hielt sein Wort und brachte uns, was er uns versprochen hatte. Wir assen den Abend ziemlich ruhig und ergaben uns in alles, was uns begegnen wurde, weil wir sicher waren, dass uns fast nichts Schrecklichers begegnen konnte. Der Schmerz, den Steeley noch in dem Leibe fuhlte, minderte sich durch das empfangne Pflaster. Der Morgen brach an, ohne dass wir geschlafen hatten, und man forderte uns zur Reise auf. Der Aufseher empfahl uns dem Offizier, der uns zu den ubrigen acht Gefangnen fuhrte, welche mit uns nach Siberien sollten gebracht werden, und welche, wie ich nachdem erfuhr, meistens vornehme Russen und wegen der Rebellion verdachtig waren. Wir wurden alle zehen auf zwei Fahrzeuge verteilt, und ich hatte gleich das Ungluck, dass man Steeleyn von mir trennte und auf den andern Wagen wies. Mehr hatte zu meinem Elende nicht gefehlt. So wie wir auf einer Station ankamen, mussten wir auch wieder fortgebracht werden; also kam Steeley niemals zu mir, und ich habe auf dem ganzen Wege nichts als einzelne Worte mit ihm sprechen konnen. Drei von meinen Gefahrten waren Russen, und ihre Herzen waren so wild als ihre Gesichter. Ihr Unfall machte ihre Gemuter nur mehr erbittert, und sie schamten sich, dass sie, als russische Knees, mit einem Schweden und einem Franzosen, denn dieser war mein vierter Gefahrte, ein gleiches Ungluck teilen sollten. Der Franzose, der Major gewesen war und sich unglucklicherweise seinem Obersten mit dem Degen widersetzt hatte, ward bald mein Vertrauter, und wir waren um desto glucklicher, weil die Russen kein Franzosisch verstunden. Er hatte die edlen Meinungen einer guten Erziehung im Felde nicht verloren; und so unterschieden seine Gemutsart von der meinigen war: so machte uns doch das Ungluck schon halb zu Freunden. Er hatte ein von Natur ehrliches Gemut, und das Misstrauen, das ich anfangs bei ihm merkte, verlor sich vollig, da er mein Herz kennen lernte. Ich bildete ihn auf unserm elenden und beschwerlichen Wege so, wie ich ihn haben wollte, und wie er sein musste, wenn er mir Steeleys Verlust einigermassen ersetzen sollte. Je naher wir Siberien kamen, desto unfreundlicher wurden wir an denen Orten aufgenommen, wo man uns weiter fortschaffen musste. Wir achteten die Niedertrachtigkeiten, ich und Remour so hiess der Franzose kaum mehr, mit denen man uns begegnete. 'Wir bleiben doch rechtschaffne Leute,' sprach der Major immer zu mir, 'wenn uns gleich der Pobel verunehrt.' Er, ich und die vornehmen Russen, wir waren einer so arm als der andere; und wenn wir auch etwas gehabt hatten: so wurde uns doch der Pobel oder unsere eigene Bedekkung nichts gelassen haben: so feindselig geht man mit denen um, die das Ungluck haben, nach Siberien bestimmt zu sein. Wir hatten nichts als trocknes Brot, und auch damit waren wir zufrieden. Die Kalte qualte uns am meisten. Niemand empfand sie mehr als der arme Steeley an seinem misshandelten Korper. Nach ungefahr sechs oder sieben Wochen kamen wir in Tobolskoy an, wohin wir verwiesen waren. Wir fanden, dass ich's kurz sage, hier alles, was eine Gegend furchterlich und das Elend eines ins Elend Verwiesenen traurig machen kann. Wir wurden dem Gouverneur vorgestellt, und ich hatte das Ungluck, von meinem lieben Steeley getrennt zu werden; doch blieb mir Remour. Der Gouverneur legte uns allen nach der eingefuhrten Gewohnheit einerlei Schicksal auf, namlich die elende Beschaftigung, Zobel zu fangen, deren Felle an den russischen Hof geliefert werden. Stellt Euch vor, was ein Mann von meinem Stande und von meiner Gemutsart fuhlen muss, der sich zu der niedrigsten Verrichtung verdammt sieht, der mit stumpfen Pfeilen in den Waldern herumirren und Zobel erlegen oder sie mit Fallen fangen und unter den Befehlen solcher Menschen stehen muss, die nicht viel vernunftiger und oft grausamer als Tiere sind. Wenn nicht die grosste Plage durch die Lange der Zeit etwas von ihrer Last verlore; wenn nicht die grossten Beschwerlichkeiten dem Korper endlich zur Gewohnheit wurden oder dass ich mehr sage , wenn Gott denen, die ohne ihre Schuld unglucklich sind, nicht selbst ihr Schicksal durch ihre Unschuld und durch die geheimen Vergnugungen eines guten Gewissens in gewissen Stunden erleichterte: so wurde mein Zustand in Siberien ein Stand der Verzweiflung gewesen sein. So elend jeder Tag verstrich: so fand ich doch wenigstens alsdann eine Beruhigung, wenn ich meinen Remour sehen und sprechen und das, was mir begegnet war, und auch das, was ich schon hundertmal gesagt hatte, in seine Seele ausschutten konnte. Ein Sklave zu sein, bleibt allemal das grosste Ungluck; allein einen Freund in diesem Elende zum Gefahrten zu haben, ist zugleich die grosste Wohltat. Eine Umarmung, ein Wort, ein Blick von ihm, alles ist ein Trost, der sich nicht ausdrucken lasst, alles ist Mitleiden; und was sucht ein ungluckliches Herz, das der Notwendigkeit, elend zu sein, unterworfen ist, mehr als Mitleiden? Ich wurde undankbar gegen mein Schicksal sein, wenn ich, da ich Euch mein Ungemach erzahle, nicht auch der kleinen Annehmlichkeiten gedachte, die der Elendeste noch in seinen Umstanden zuweilen empfindet. Die Natur der Dinge scheint sich, dem Unglucklichen zu Gefallen, oft zu verandern; und das, was mir im Glucke eine Betrubnis gewesen sein wurde, war mir im Unglucke ein Trost. Ich habe, seitdem ich so glucklich bin, weniger ein Sklave zu sein, diesen Spuren der Vorsehung oft mit tiefer Ehrfurcht, obgleich mit einem innerlichen Schauer nachgedacht. Vielmal habe ich, wenn ich der Verzweiflung am nachsten war und in der Ferne einen andern Verwiesenen erblickte, in diesem Augenblicke einen Trost gefunden. Der Tod selbst, der uns sonst so schrecklich scheint, ist mir tausendmal zur Wollust geworden, und der Gedanke von ihm, der uns sonst niederschlagt, hat mich unter der Last, unter der ich seufzte, recht gottlich aufgerichtet. Ich bin in der Vorstellung, dass ich in dieser oder jener Nacht vielleicht sterben konnte, oft so freudig eingeschlafen, als ob ich alles hatte, was ich wunschte. Und wenn ich um und neben mir kein Vergnugen erblicken konnte: so brachte mir die Religion doch oft die Freuden aus einer andern Welt heruber. Nachdem ich also drei Jahre in einer vollkommnen Knechtschaft zugebracht und gleich den andern Gefangnen mir das Brot aus den Handen meiner Gebieter durch eine gewisse bestimmte Anzahl der Tiere, die wir fingen, erkaufen mussen: so ereignete sich diese Begebenheit mit dem polnischen Juden. Dieser dankbare Mann, wie ich Euch schon erzahlt habe, hat mich durch seine Furbitte bei dem Gouverneur und durch sein erlegtes Geld von der Arbeit befreit. Er hat es nach und nach so weit gebracht, dass ich in ein lichter und geraumer Behaltnis gekommen bin. Sobald ich dieses nur hatte: so suchte er mir meine Gefangenschaft noch mehr zu erleichtern. Er brachte mir ein bequemes Kleid und entriss mich dem groben und wilden Anzuge, in welchem ich nun schon so lange gegangen war. Schreckliches Kleid, das noch hier vor meinen Augen hangt und mich an das vorige Ungluck erinnert! Er brachte mir allerhand Decken und Pelzwerke zum Schlafen, wiewohl mich diese anfangs nur an dem Schlafe hinderten. Seine lange Gewohnheit, hart zu liegen, hatte sie fast unnutzlich fur mich gemacht. Er besuchte mich oft, und niemals, ohne mir eine Guttat zu erweisen. So sehr mein Zustand von dem vorigen unterschieden war: so war er mir doch nicht angenehm genug, weil ich ihn nicht mit Steeleyn oder mit Remourn teilen konnte. Von Steeleyn hatte mein Wohltater auf mein Bitten die Nachricht eingezogen, dass er nach Pohem, vierzehn Tagereisen von Tobolskoy, gebracht worden ware; ob er aber noch lebte, das konnte ich nicht erfahren. Der Jude hat mir ein Geschenk von einem Dutzend Dukaten gemacht, damit ich in seiner Abwesenheit etwas zu meiner Versorgung hatte. Ich wagte es und bat ihn, dass er drei davon Remourn uberbringen oder ihm einige Erquickung dafur schaffen mochte, die ubrigen hub ich in Gedanken fur Steeleyn auf. Er tat es, und das war nicht genug: er brachte es noch denselben Tag dahin, dass Remour etliche Stunden zu mir gelassen wurde. Ich teilte mein Herz mit ihm und alles, was ich hatte. Ich hoffte dieses Vergnugen noch mehrmal zu geniessen: allein er ward darauf krank und starb; und ich erhielt nicht eher als etliche Stunden vor seinem Tode die Erlaubnis, ihn zu besuchen, da er kaum noch etliche Worte stammeln konnte. Der Jude setzte, wie er mir versprochen hatte, seine Besuche fleissig fort. Er gab mir allerhand Anschlage, allerhand Nachrichten von dem Gouverneur und sagte mir, dass er bei dem Zar in grossen Gnaden stunde, dass er mit ihm in Deutschland gewesen ware, dass seine Gemahlin aus Kurland geburtig und eine Vertraute der Katharina gewesen sei. Er erzahlte mir ferner, dass der Gouverneur ein grosser Liebhaber vom Bauen ware, und dass ich, wenn ich etwas von der Baukunst verstunde, mir vielleicht gar seine Gnade erwerben wurde. Dies war mir eine sehr angenehme Nachricht. Ich sagte ihm, dass ich zeichnen und Risse zu Gebauden machen konnte; und wenn er mir die notigen Sachen schaffte: so wurde ich wenigstens eine Beschaftigung in meiner Einsamkeit mehr haben. Er tat es, und ich ubte mich einige Wochen. Sobald ich einen nicht ungeschickten Riss fertig hatte, so trug ihn der Jude zum Gouverneur. Den andern Tag wurde ich schon zu ihm geholt. Er verstund zu meinem Glucke etwas von der Baukunst und wurdigte mich als mein Befehlshaber etlicher freundlicher Mienen und unterredete sich mit mir bald auf deutsch, bald im gebrochnen Latein. Er erschrak, dass ich so fertig Latein sprechen konnte, und von diesem Augenblicke an schien er mich zu bedauern. 'Wenn es bei mir stunde,' sprach er, 'so wollte ich Euch die Freiheit schenken; allein Ihr seid auf zeitlebens nach Siberien verbannet, und ich kann nichts tun als Euch Eure Gefangenschaft ertraglicher machen. Solange ich lebe, soll Euch alle Arbeit der Gefangnen erlassen sein, ohne dass der Jude etwas weiter fur Euch bezahlt. Seid Ihr damit zufrieden?' Ich bedankte mich sehr ehrerbietig und sah ihn beweglich an. Ihr konnt leicht denken, warum ich ihn nunmehr bat. Ich nahm alle meine Beredsamkeit zusammen, um ihn zu bewegen, dass er einem Freunde von mir, der zugleich mit mir nach Siberien verwiesen worden und Steeley hiesse, ebendie Grossmut erzeigen sollte, die er mir erwiesen hatte. 'Ihr bittet mehr,' fing er an ' als mir zu tun freisteht. Ich will mich entschliessen. Itzt konnt Ihr gehen und mir den Riss von dem Gebaude machen, von dem ich mit Euch gesprochen habe.' Indem er dieses noch sagte, trat ein sehr schones Frauenzimmer mit einer viel versprechenden und grossmutigen Miene in das Zimmer. 'Wartet', rief er mir zu. 'Hier, meine Gemahlin,' fuhr er fort, 'ist der ungluckliche Schwede, von dem ich Euch neulich gesagt habe. Wenn es Euch gefallt, so konnt Ihr selbst mit ihm reden und ihm etwas zu essen reichen lassen. Ich will ein paar Stunden auf die Jagd reisen.' Er ging fort, und seine Gemahlin redte auf eine sehr liebreiche Art mit mir und sagte, dass sie Ursache hatte, an meinem Unglucke teilzunehmen, weil ich, wie sie horte, ein halber Landsmann von ihr ware. Sie tat tausend Fragen an mich und belohnte meine Erzahlungen mit einer mitleidigen Aufmerksamkeit und mit einer Hoflichkeit, die mir alle Furcht benahm, frei und edel mit ihr zu reden. Nichts horte sie lieber als die vorteilhaften Beschreibungen, die ich ihr von Euch machte, und die Wunsche, Euch, meine Gemahlin, wiederzusehen. 'Ich bedaure Sie,' fing sie an, nachdem sie wohl zwo Stunden mit mir gesprochen hatte; 'und ich wurde Ihren Verdiensten ein besser Schicksal anweisen, wenn ich dem Hofe naher ware. Vielleicht ist es moglich, dass ich mit der Zeit etwas zur Ruckkehr in Ihr Vaterland beitragen kann. Die ausnehmende Liebe, die Sie wider die Gewohnheit Ihres Geschlechts fur Ihre Gemahlin haben, und Ihr Ungluck sind genug, mich zu Ihrer Freundin zu machen, und ich kann Ihnen meine Hochachtung nicht entziehen, wenngleich Ihre Gebieter Ihnen als einem Sklaven begegnen. Gefallt Ihnen mein Mitleiden: so beruhigen Sie sich damit in einem Lande, wo die Barbarei die Stelle der Tugend zu vertreten scheint. Ich wurde diesen Mittag mit Ihnen speisen, wenn ich meinem Willen folgen durfte.' Darauf langte sie von der Tafel, die schon gedeckt war, eine Flasche Wein und trank mir Eure Gesundheit zu. Ich ward von ihrer Grossmut bis zu den Tranen geruhrt, und es war mir unmoglich, ihr meinen wahren Namen langer zu verschweigen. Ich warf mich zu ihren Fussen. 'Madame,' fing ich an, 'Sie verdienen, dass ich Ihnen auf den Knien fur die Freundschaft danke, die Sie mir Unglucklichem schenken. Ich muss Ihnen alles sagen, wenn auch mein Bekenntnis mit der Gefahr meines Lebens verknupft sein sollte. Alles ist wahr, was ich Ihnen erzahlt habe, allein ich heisse nicht Lowenhoek. Nein, ich bin der Graf von G..., und ich bitte Sie bei Ihrer edlen Seele und bei meiner Gemahlin, meinen Namen nicht zu entdecken.' Sie hob mich freundlich auf, und ich erzahlte ihr mein Ungluck bei der Armee. 'O Gott!' rief sie, 'sind Sie der Graf von G...? Mein Gemahl hat Ihren Vater als Gesandten in Moskau gekannt. Unglucklicher Graf! Sagen Sie ihm ja nichts davon! Soviel ich Ursache habe, mit seiner Auffuhrung gegen mich zufrieden zu sein: so hat er doch gegen andere ein hitziges, rachgieriges Herz, und wie bald konnte es nicht geschehen, dass Sie ihn wider Ihren Willen beleidigten! Begegnen Sie ihm ja allezeit mit einer tiefen Unterwerfung, und alsdann am allermeisten, wenn er am gnadigsten mit Ihnen umgeht; ausserdem stehen Sie in der Gefahr, noch weit mehr zu erfahren. Er liebt das Geld, und es wird gut fur Sie sein, wenn ihm der Jude von Zeit zu Zeit ein Geschenk macht. Ich habe kein Geld,' fuhr sie fort, 'um Ihnen zu dienen; allein ich habe Juwelen, von denen mein Gemahl nichts weiss; davon will ich Ihnen einige holen. Der Jude ist ein ehrlicher Mann und wird Ihnen doch wenigstens die Halfte so viel dafur geben, als sie wert sind; allein ich wollte es nicht gern, dass Sie ihm sagten, von wem Sie solche bekommen hatten.' Sie brachte mir darauf zwo goldne Einfassungen, die, wie ich mussmasste, von ein paar Portrats abgenommen waren. Sie waren mit kostbaren Steinen besetzt. 'Nehmen Sie', sprach sie, 'dieses Geschenk als einen Beweis an, dass es mir nicht an dem Willen fehlt, Ihr Elend zu mindern. Ich zweifle, dass ich jemals wieder die Gelegenheit erhalten werde, Sie allein zu sprechen; darum wiederhole ich Ihnen mein Mitleiden und meine Hochachtung und bitte Sie, auch alsdann in mir eine Freundin zu erkennen, wenn ich genotigt sein werde, die Person einer Gebieterin anzunehmen. Begeben Sie sich nunmehr wieder in Ihren einsamen Aufenthalt. Ich will sehen, ob ich's bei meinem Gemahle so weit bringen kann, dass Ihr Freund, von dem Sie mir erzahlt haben, zu Ihrer Gesellschaft hieherverlegt wird. Gewiss kann ich's Ihnen nicht versprechen. Gehen Sie und leben Sie wohl, armer Graf!' Ich kehrte als im Triumphe zuruck und hielt mich nunmehr unter den Handen der Barbaren fur geehrt und glucklich; so sehr erfullte das Mitleiden dieser so grossmutigen Seele mein Herz mit Hoheit und Hoffnung. Mein Jude besuchte mich den Tag darauf. Und ehe ich ihm erzahlte, wie ich von dem Gouverneur aufgenommen worden: so sagte ich ihm, dass ich so glucklich gewesen ware, in dem alten Kleide meines verstorbenen Freundes, das er, da er bei mir war, zuruckliess, weil ich ihm ein neues gab, und das ich itzt vor mir hingelegt hatte, einige Kostbarkeiten zu finden, wodurch ich ihm vielleicht die Kosten ersetzen konnte, die er als mein Freund fur mich zeither aufgewandt hatte. Er betrachtete die beiden Einfassungen mit Erstaunen und schien mein Vorgeben zu glauben. 'Das sind furstliche Kostbarkeiten,' fing er an, 'und ich kann Euch meine Aufrichtigkeit nicht besser beweisen, als dass ich Euch sage, dass sie funf- bis sechstausend Taler wert sind. Wollt Ihr mir sie anvertrauen: so will ich sie Euch bei einem Juden, der Steine einkauft, verhandeln.' 'Ein Mann,' sprach ich, 'der mir so viel Gutes erwiesen hat, wie Ihr, verdient das grosste Vertrauen.' 'Allein,' versetzte er, 'was wollt Ihr mit so vielem Gelde anfangen? Man konnte es Euch uber lang oder kurz nehmen. Wisst Ihr, was ich machen will? Ich will das Geld, das ich dafur bekomme, bei einem Juden, der hier wohnhaft ist, niederlegen; er soll Euch nicht um einen Groschen betriegen. Ich will ihm und, wenn ich binnen acht Tagen wieder zuruck nach Polen reise, auch dem Gouverneur sagen, dass ich Euch als dem Erhalter meines Lebens soundsoviel zu Eurer Versorgung und, wenn es moglich ware, zu Eurer baldigen Befreiung zuruckgelassen hatte.' Kurz, ich war alles zufrieden. Er verkaufte die Juwelen fur funftausend Taler und brachte mir tausend bar und das ubrige durch eine Anweisung mit. Ich bot ihm fur seine treuen Dienste zweihundert Taler an; allein er nahm sie unter keiner andern Bedingung, als dass er sie bei seiner Abreise dem Gouverneur schenken wollte, damit er mir gunstig bliebe. Dies ist geschehen. Er hat mir durch meinen lieben Juden versprechen lassen, dass ich Steeleyn gewiss zu mir bekommen sollte, zumal wenn er auch etwas von der Baukunst verstunde. Der Jude selbst steht nunmehr im Begriffe fortzureisen. Ich verliere sehr viel an diesem treuherzigen Manne; doch ich will ihn gern verlieren, wenn er das Werkzeug ist, durch den Ihr von mir und ich von Euch eine Nachricht erhalte. Er kennt meinen wahren Stand, und er hat mir's auf die heiligste Art versprochen, weder mich zu verraten noch zu ruhen, bis er Euren Aufenthalt in Livland ausfindig gemacht. In dieser letzten Absicht hat er hundert Taler zu Reisekosten von mir angenommen. Er kommt, der ehrliche Mann, und will Abschied nehmen und seinen Brief haben. Ich umarme Euch, wo Ihr auch seid, mit der treuesten Liebe. Mochten doch meine Umstande so bleiben, wie sie itzt sind! so hoffe ich noch, Euch wiederzusehen und all mein ausgestandnes Elend in Euren Armen zu vergessen. Bittet den Himmel um diese Gluckseligkeit. Ja, meine liebste Gemahlin, er wird sie uns noch schenken.
P.S. Ich habe, weil Steeley noch nicht zugegen ist, an seinen Vater nach London und auch an den englischen Gesandten nach Stockholm geschrieben und unter dem Namen Lowenhoek beiden von meines Freundes neuem Unglucke Nachricht gegeben." Dieses sind die beiden Briefe, die mein Gemahl in seiner Gefangenschaft an mich geschrieben. Er hat, von dem Abgange des letzten Briefes an, ungefahr noch anderthalb Jahr in Siberien zugebracht. Ich will das ubrige so erzahlen, wie er mir's mundlich erzahlet hat.
"Einige Wochen nach des Juden Abreise", sprach er, "ward ich zum Gouverneur geholt. Ich ubergab ihm mit vieler Demut den Riss, den er mir zu machen befohlen hatte. Er war ziemlich wohl damit zufrieden; allein er war doch der Gouverneur und ich sein Gefangner. Kurz, er schamte sich, mir eine Art der Hochachtung ausserlich sehen zu lassen, die er mir vielleicht im Herzen nicht ganz abschlagen konnte. Er fragte mich, ob mir der Jude soundsoviel Geld zuruckgelassen hatte, und ich beantwortete es mit ja. Darauf befahl er, dass der Gefangne hereintreten sollte; dieses war mein lieber Steeley, den ich fast seit vier Jahren nicht gesehen hatte. Ich vergass vor Freuden, dass ich vor dem Gouverneur stand, und lief auf Steeleyn mit offenen Armen zu. 'Er soll Euer Gesellschafter sein,' fing der Gouverneur an; 'allein wie lange, das kann ich Euch nicht sagen.' Ich verstund diese Sprache und bat, ob er sich nicht wollte gefallen lassen, dass ich tausend Taler zum Unterhalte meines Freundes erlegen durfte. Er sagte, dass er sie zum Pfande, dass wir seine Gnade nicht missbrauchen wurden, annehmen wollte. Der Jude, von dem ich die Anweisung bei mir hatte, ward gefordert und bezahlte die tausend Taler. Er erhielt zugleich die Erlaubnis, mich anstatt des abgereisten Juden zu besuchen und mich mit dem Notwendigen zu versehen. Nunmehr durfte ich an der Hand meines Steeleys, der noch wie in einem Traume war und nichts als etliche abgebrochne Worte zu mir gesprochen hatte, nach meinem Behaltnisse eilen. Unsere erste Beschaftigung, als wir allein waren, bestund darinne, dass wir einander eine lange Zeit ansahen, ohne ein Wort zu sprechen. Alsdann suchte ich ihm Wasche und eine Kleidung, womit mich der Jude noch vor der Abreise versorget hatte; allein er war nicht vermogend vor trunkner Freude, sich allein anzukleiden, ich musste ihm helfen. Er sah die Sachen, die ich ihm gab, recht mit Erstaunen an, als ob er ihren Gebrauch vergessen hatte. Da er endlich angekleidet war: so betrachtete er sich mit unersattlichen Augen und weinte. Ich hatte ihn schon oft gefragt, wie es ihm gegangen ware; und er hatte mir nichts geantwortet als: 'wie es mir gegangen ist, mein lieber Graf, wie es mir gegangen ist?' Ja, ich wurde ihm, ungeachtet meiner Neugierigkeit, doch nicht haben zuhoren konnen, wenn er mir auch meine Fragen beantwortet hatte; so besturmt war ich von den Trieben der Freundschaft und der Freude. Ich reichte ihm ein halbes Glas Wein, denn mehr hatte ich nicht, und erinnerte ihn, wie er mich einmal in Moskau damit traktiert hatte. Wir wurden nach und nach unsrer machtig. Wir hatten einander so viel zu erzahlen, dass wir nicht wussten, wo wir anfangen sollten. Unter diesen Unterredungen verstrichen ganze Tage und Nachte, und ebensoviel unter den Wiederholungen unserer Begebenheiten. Steeley hatte in seinem Elende weit mehr erlitten als ich. Ohne Mitleiden, ohne Freund, war er die ganze Zeit ein Sklave und, was noch mehr ist, ein Gefahrte des boshaften Mitgefangnen, des Knees Eskin, gewesen. Dieses Ungeheuer hat ihm seine Hutte des Abends zur Holle gemacht, wenn er den Tag uber die Last der Sklaverei uberstanden. Von tausend niedertrachtigen Streichen, vor welchen die Natur erschrickt, will ich nur einen erzahlen. Steeley war krank worden und hatte sich etliche Tage nicht von seinem Lager aufrichten konnen. Er hatte sich also genotigt gesehen, da Eskin des Abends aus den Waldern zuruckgekommen, ihn zu ersuchen, dass er ihm das Gefass mit Wasser reichen mochte, weil ihn sehr durstete. 'Also durstet Euch recht sehr?' spricht Eskin. 'Das ist mir lieb. Es hat mich vielmal auch gedurstet, und Ihr seid gegen einen Fursten doch nur ein Nichtswurdiger.' Darauf nimmt er das Trinkgeschirr und trinkt, und alsdann wirft er's Steeleyn vor die Fusse und lacht: 'Da! so viel gehort Euch!' Braucht man wohl mehr zur Verzweiflung, als so einen Unmenschen um sich zu haben? Nach einer Zeit von einem Jahre und nach unzahligen Beleidigungen wird dem Eskin, der sich gegen einen von seinen Aufsehern in der Raserei vergangen, so ubel mitgefahren, dass man ihn halbtot in sein Behaltnis schleppen muss. Man entzieht ihm zween Tage das Brot; aber Steeley ist so grossmutig und teilet das seinige mit ihm. Er reicht ihm, sooft er kann, das Trinken. Er wascht ihm sogar die Wunden aus; und damals hat ihm der Russe die Hand gedruckt und zu ihm gesagt: 'Vergebt mir's, dass ich nicht ebenso an Euch gehandelt, als Ihr an mir tut.' Er hat ihm nach diesem weniger Verdruss angetan. Sein ganzes Gluck, das ihm in seiner Abwesenheit von mir begegnet ist, besteht in einer kleinen Freundschaft, die ihm ein kosakisches Madchen in dem letzten Jahre vor seiner Zuruckkunft nach Tobolskoy erwiesen. Sie beweist, dass es auch unter dem wildesten Volke noch edle und empfindliche Herzen gibt. Steeley war eines Tages auf seinem Reviere um Pohem so glucklich gewesen, die gesetzte Zahl seiner Zobel bald zu fangen. Auf dem Ruckwege nach der Stadt hatte er sich, um auszuruhen, bei einer Quelle niedergeworfen. Darauf kommt ein wohlgebildetes Madchen zu ihm und sieht ihn lange starr an. Endlich setzt sie sich nieder und trinkt mit der hohlen Hand aus der Quelle. 'Armer Fremdling,' fangt sie an, 'wollt Ihr nicht auch trinken?' Steeley sagt, dass er's schon getan hatte. 'Aber', spricht sie, 'wollt Ihr denn nicht einen Trunk Wasser aus meiner Hand annehmen? Tut es doch, Ihr dauert mich, sooft ich Euch gehen sehe; und ich bin nicht hiehergekommen, um zu trinken, sondern um Euch dieses zu sagen.' Steeley erschrickt und weiss selbst nicht, was er sagen soll. 'Ach,' fahrt sie fort, 'Ihr wollt mir nicht antworten? Nun dauert mich's, dass ich Eurentwegen hiehergegangen bin. Wartet nur, ich will nicht wiederkommen!' Er sieht sie darauf traurig an und sagt, dass er ihr fur ihr Mitleiden recht sehr verbunden ware, und reicht ihr zur Dankbarkeit die Hand. Diese druckt sie bald an den Mund, bald an die Brust. Sie spielt mit seinen schwarzen Haarlocken und wiederholt ihre Liebkosung auf zehnerlei Art. Er will nunmehr fortgehen. 'O,' spricht sie, 'wartet doch, ich kann mich an Euch gar nicht satt sehen. Ich wollte, dass alle Manner in diesem Lande so aussahen wie Ihr; alsdann wurde es recht hubsch in Siberien sein. Und wenn Ihr ja gehen musst, werdet Ihr Euch nicht bald wieder hierhersetzen? Ich habe Euch so viel zu sagen, und ich weiss nicht, was es ist. Ich wusste es; ehe ich zu Euch kam, und nun habe ich's uber Euren Haaren vergessen.' Indem sieht sie in die klare Quelle und sieht ihr Bild darinne. 'Aber sagt mir nur', spricht sie, 'sehe ich denn wirklich so, wie hier im Wasser? Ich habe ja auch schwarze Augen wie Ihr. Eure gefallen mir, gefallen Euch denn meine auch? Sind meine Zahne auch so weiss wie Eure?' 'Ja,' spricht er, 'Ihr seid schon, aber lasst mich gehen, ich bin ein unglucklicher Mensch.' Darauf geht sie mit tranenden Augen fort. Als Steeley den andern Morgen wieder in sein Revier geht: so sitzt sie schon an der Quelle und wartet auf ihn. Sie notigt ihn, dass er sich niedersetzen und ein Stuck Honig und Brot aus ihrer Hand essen muss. 'Seht Ihr,' spricht sie, 'ich asse gern selbst; aber ich gonne es Euch doch noch lieber. Und hier habe ich Euch auch etliche Zobel mitgebracht, womit mich meine Liebhaber beschenkt haben. Nun habt Ihr den ganzen Tag nichts zu tun. Sie sollen mir nun alle Tage welche schenken mussen, und ich will sie Euch bringen. Seht mich doch freundlich an! Ihr hort ja, wie gut ich's mit Euch meine.' Sie spielt darauf wieder ganz bescheiden mit seinen Haaren und bittet um eine Locke und zeigt ihm eine Schere, die sie zu dieser Absicht mitgebracht. Steeley, dem die treuherzige und doch ehrbare Liebe dieser wilden Kosakin nicht missfallt, erlaubt ihr diese Bitte. Sie belohnt ihn durch etliche freiwillige Kusse und zeigt ihm von fern eine Hutte, welches die Hutte ihres Vaters ware. Darauf nimmt sie ein Blatt von einem Baume und blast. 'Nunmehr wird mein Bruder kommen. Ich hatte ihn bestellt. Wenn du mir die Locke nicht im guten gegeben hattest: so hatten wir dich dazu gezwungen. Furchte dich nicht, er ist wie ich; er tut dir kein Leid.' 'Siehst du', spricht sie, da der Bruder, ein Mensch mit einem ehrlichen wilden Gesichte, naher kommt, 'das ist der Fremdling, dem ich so gut bin. Betrachte ihn nur und sage es ihm, wie oft ich von ihm mit dir rede. Zeige ihm doch die Gegenden, wo er mit leichter Muhe die Zahl von Zobeln zusammenbringen kann. Ich will auch alles fur dich tun. Suche mir hier in der Nahe eine Hohle oder einen Baum aus, wo ich dem armen Fremden kunftig etwas Honig und Fisch und Brot hineinlegen kann.' Der Bruder verspricht es ihr und geht mit Steeleyn fort und weist ihm verschiedene Vorteile und auch einen Ort, wie ihn seine Schwester verlangt hatte. Diesen hatte sie zur Vorratskammer von ihren kleinen Wohltaten gemacht oder Steeleyn vielmehr entweder des Morgens oder des Abends da erwartet. Sie ist oft ganze halbe Tage bei ihm geblieben, und alsdann hat ihr Bruder ihres Liebhabers Arbeit verrichten mussen. Da Steeley das vortreffliche Herz seiner Schonen wahrgenommen: so hat er sich alle Muhe gegeben, sie zu bilden und ihre edeln Empfindungen von den rauhen Eindruckungen ihrer Erziehung zu reinigen. Sie hat, durch die Liebe ermuntert, im kurzen seine Meinungen und seine Sitten angenommen und so viel Verstand bekommen, dass er sich keine Gewalt mehr hat antun durfen, ihr gewogen zu sein. Allein dieses Vergnugen hat fur beide nicht lange gedauret, weil Steeley nach drei Monaten nebst etlichen andern Gefangnen in eine andre Gegend, zwanzig Werste von Pohem, verlegt worden. Von da ist er nach dem nach Tobolskoy abgerufen worden und hat also seine Freundin nie wiedergesehn.
Wir richteten, da wir nunmehr wieder beisammen waren, unsre Lebensart so gut ein, als es unsre Umstande zuliessen. Der Gouverneur hatte mir ein Reisszeug gegeben, und ich musste durch meine kleine Kenntnis, die ich in der Mathematik hatte, seine Gewogenheit zu behaupten suchen. Ich unterwies Steeleyn in dem, was ich von diesen Dingen wusste, und da er die Rechenkunst, die ihm sein eigener Vater beigebracht, noch sehr gut verstund: so war er in einem halben Jahre in allen diesen Ubungen so geschickt als ich. Wir arbeiteten also um die Wette, und der Gouverneur wurde uns keine grossere Strafe haben antun konnen, als wenn er uns befohlen hatte, diese Beschaftigung nicht zu treiben und mussig zu sein. Allein er liess es uns nicht an Arbeit fehlen. Er gab uns Rechnungen, er gab uns tausend alte Risse, die wir abkopieren mussten; und ich glaube, dass kein verfallnes Schloss in Siberien und ganz Moskau mehr war, das wir nicht abgezeichnet haben. Er liess uns zwar nicht zu sich kommen; allein er besuchte uns fast alle Wochen selbst einmal. Wir belohnten diese Gnade mit der moglichsten Demut, und er belohnte sich fur seine Herablassung dadurch, dass er alles besser wusste als wir und uns unmittelbar nach einem zu freundlichen Worte, das ihm entwischt war, einmal gebieterisch anfuhr. Steeley, so sehr ihn sonst der Geist des Widerspruchs und der Stolz seiner Nation belebt hatte, war itzt viel gelassner. Er schwieg, sobald ihn der Gouverneur tadelte; allein damit war dieser nicht allemal zufrieden. Nein, Steeley musste reden und ihm in der unwahrsten Sache recht geben. Dieses ward ihm sehr sauer, und er tat es mit einer so gezwungnen Art, dass ihm oft der Schweiss daruber ausbrach, und dass ich wurde haben laut lachen mussen, wenn wir an einem andern Orte, als in Siberien gewesen waren. Einsmals traf er uns an, dass wir Schach spielten. Steeley hatte die Steine mit dem Messer geschnitzt, und sie waren freilich nicht gar zu sauber gemacht. Der Gouverneur besahe sie und hielt ihm eine lange Rede, dass keine Symmetrie und keine Sauberkeit darinne zu finden ware. Mein Freund gab es gern zu und entschuldigte sich, dass er keine Instrumente gehabt hatte. Aber das half alles nicht. 'Wenn sie recht schon sein sollten,' sprach der Gouverneur, 'so mussten sie sein, als wenn sie gedrechselt waren, und Ihr seht doch wohl, dass sie nicht so sind, dass sie hier zuviel, dort zuwenig, mit einem Worte, grob und schlecht geschnitten sind.' Dergleichen Anmerkungen konnte er ganze Stunden fortsetzen, und Steeley zitterte auf die Letzt vor dem Besuche dieses gebietrischen Pedanten. Er setzte sich oft, wenn wir zeichneten, neben uns und stopfte sich eine Pfeife von unserm Tabake ein. Wenn er ihn endlich mit vielem Appetit aufgeraucht hatte: so warf er die Pfeife hin und tat einen grossen Schwur, dass unser Tabak nicht das geringste taugte. Zuweilen pries er uns seine Wohltat, dass er uns die ordentlichen Arbeiten erlassen hatte, und notigte uns dadurch, ihn demutig zu bitten, dass er uns nicht wieder den andern Sklaven gleichmachen mochte. Oft kam er in dem grossten Zorne zu uns und fluchte auf die Gefangnen, ohne zu sagen, was geschehen war, und wir mussten seine unsinnige Hitze mit Ehrerbietung anhoren. Ob wir ihm nun gleich unsere verbesserten Umstande zum Teil zu danken hatten: so war er doch bei allen unsern Vorteilen noch unser bestandiges Schrecken. Wir kannten seine unmassige Gemutsart und mussten alle Tage furchten, dass es ihm einfallen konnte, uns voneinander zu trennen und wieder unter die andern Gefangnen zu stecken. Um diesem Unglucke zu entgehen, liess ich ihm durch den Juden, der mein Geld in den Handen hatte, ein kleines Geschenk nach dem andern machen.
Ein Jahr war verflossen, seitdem Steeley wieder bei mir lebte. Ich hoffte nun von einem Tage zum andern auf Briefe von Euch, weil der Jude, dem ich den meinigen mitgegeben, nach Tobolskoy handelte und mir also leicht eine Antwort ubermachen konnte; allein ich hoffte vergebens. Steeley hatte ebenfalls binnen dieser Zeit nach London und an den englischen Gesandten nach Schweden geschrieben und keine Antwort erhalten. Die Gemahlin des Gouverneurs hatte ich seit der Zeit, da sie mir das grossmutige Geschenk gemacht, mit einem Worte, seit dem ersten Male nicht wiedergesehen. Alles dieses machte uns niedergeschlagen; und je ertraglicher unsere Gefangenschaft war, desto mehr meldete sich der Wunsch in uns, ihrer gar los zu sein. Und mit was fur Rechte konnten wir dies hoffen, da der Krieg mit den Russen und Schweden noch immer fortdauerte? Ich stand eben um die Mittagszeit mit Steeleyn an unserm kleinen Fenster, als ich den Juden mit schnellen Schritten uber den Hof durch den tiefsten Schnee laufen sah. Er pflegte um diese Zeit nie zu kommen, und ich schloss aus seiner freudigen Miene, dass er mir einen Brief von seinem Korrespondenten, dem polnischen Juden, bringen wurde. Er brachte mir auch einen Brief, aber von der Gemahlin des Gouverneurs. Sie schrieb mir folgendes." Der Graf las mir darauf einen Brief, den ich noch besitze. Ich will ihn hier einrucken.
'Mein Herr!
Ich melde Ihnen eine Nachricht, die ich Ihnen lieber mundlich erteilen mochte, damit ich das Vergnugen hatte, Ihre Freude mit anzusehen und zu geniessen. Sie sind frei. Der Befehl wegen Ihrer Befreiung ist gestern mit den neu angelangten Gefangnen angekommen, und Sie sollen morgen nebst vier andern Verwiesenen wieder auf die Art zuruck nach der Stadt Moskau gebracht werden, wie Sie hiehergebracht worden sind. Alsdann haben Sie die Erlaubnis, sich hinzuwenden, wo Sie hin wollen. Ich habe Ihnen Ihre Freiheit durch eine von meinen Freundinnen bei Hofe ausgewirkt. Mein Gemahl weiss es nicht, dass ich mich Ihres Unglucks angenommen habe, und er soll es auch nicht wissen; auch nicht die Welt. Ich bin zufrieden, dass Sie es wissen. Und vielleicht ware mein Dienst viel grossmutiger, wenn ich Ihnen solchen nicht selbst bekanntgemacht hatte. Ich war es willens; allein ich war Tat zu unternehmen als sie zu verschweigen. Vergessen Sie diese kleine Eitelkeit, durch die ich mich fur meine guten Absichten selbst belohnt habe. Ich zweifle, dass ich das Vergnugen haben werde, Sie vor Ihrer Abreise noch zu sprechen, wenigstens doch nicht allein. Ich wunsche Ihnen also mit der grossten Aufrichtigkeit das Gluck, Ihre Gemahlin bald wiederzufinden. Wie wird sie mich lieben, dass ich ihr ihren Grafen wiedergeschafft habe! Fur Ihren Freund, den Sie hier zurucklassen, will ich sorgen. Leben Sie wohl und schreiben Sie mir kunftig, ob Sie Ihre Gemahlin angetroffen haben. Wenn meine Wunsche erfullet werden: so hoffe ich das betrubte Land, aus dem Sie eilen, noch mit meinem Vaterlande zu verwechseln. Doch nein, ich Ungluckliche werde wohl hier mein Leben beschliessen mussen. Schreiben Sie mir ja! Ich habe noch eine Stiefschwester in Kurland, an die ich Ihnen den beiliegenden Brief mitgebe. Sollten es Ihre Umstande verlangen: so glaube ich, dass Sie sehr gut bei ihr aufgehoben sind. Sie ist eine Witwe; doch habe ich seit zwei Jahren keine Nachricht von ihr. Leben Sie noch einmal wohl!
Amalia L...'
Diesen Brief las ich und taumelte vor Freuden in Steeleys Arme und wollte ihm sagen, was darinne stunde; allein er wartete meine Entzuckungen nicht ab. Er riss mir ihn aus der Hand und las ihn. Ich legte mich mit dem Kopfe auf seine Achsel, um die Bewegungen nicht mit anzusehen, die ihm die Nachricht von meiner Befreiung und seiner fortdauernden Gefangenschaft verursachen wurde. 'Ihr seid frei', fing er an, 'und ich verliere Euch und bleibe noch ein Gefangner und werde noch unglucklicher als zuvor? Das ist schrecklich. Hat Euch der Himmel lieber als mich? Doch ich werde Zeit genug zu meinen Klagen haben, wenn Ihr nicht mehr bei mir seid. Ich weiss, dass es Euch unmoglich ist, mich zu vergessen. Nein,' fiel er mir um den Hals, 'Ihr vergesst mich nicht!' Ich konnte ihm vor Wehmut lange nicht antworten, und mein Stillschweigen, das doch nichts als Liebe war, machte ihn so hitzig, als ob ich schon die grosste Untreue an ihm begangen hatte. Ich liess seinen Affekt ausreden, und nach einem kleinen Verweise sah ich ihn beschamt und gelassen genug, ihm mein Herz zu entdekken und ihn zu uberfuhren, wie unvollkommen mir meine Freiheit ohne die seinige ware. Ich nahm mit dem Juden die Abrede, dass er mir das Drittel von meinem Gelde zur Reise geben und das ubrige fur Steeleyn zuruckbehalten und uns fur seine Muhe, soviel er wollte, abziehen sollte. Der Jude war vorsichtiger als ich. Er sagte mir, dass ich wenig Bargeld mitnehmen sollte, weil ich in der Gefahr stunde, auf der Reise nach Moskau zehnmal darumzukommen. Er gab mir etwas weniges bar und tausend Taler und daruber in vier Wechseln an Juden in Moskau, damit ich, wenn ich einen verlore, doch nicht um alles kame; so ehrlich handelte dieser Mann an mir. Ich ward noch vor dem Abend zu dem Gouverneur gerufen. Er lag an dem Podagra krank und kundigte mir meine Freiheit auf dem Bette im Beisein seiner Gemahlin an. Er reichte mir die Hand und sagte: 'Ich habe Befehl, Euch wieder nach Moskau zu schicken, und es soll morgen zu Mittage geschehen. Ich verliere Euch zwar ungern; aber reiset mit Gott und seid glucklicher, als Ihr bisher gewesen.' Ich kusste ihm die Hand aus einer wahren Dankbarkeit und bat um seine fernere Gnade fur Steeleyn. 'Wenn ich lebe,' sprach er, 'so soll es ihm nicht schlechter ergehen als zeither.' Er hiess mich niedersitzen (eine Ehre, die er mir zum ersten Male erwies) und sagte, dass er noch viel mit mir zu reden hatte; allein seine Schmerzen meldeten sich so heftig, dass er mir winkte, ihn zu verlassen. Ich tat es und wiederholte seiner Gemahlin im Herausgehen durch eine dankbare Miene die Grosse meiner Verbindlichkeit und ihrer Wohltat. 'Lebt wohl, mein Herr', sprach sie und wandte sich den Augenblick wieder zu ihrem Gemahle. Sobald ich wieder bei Steeleyn war, so schrieb ich an meine Erretterin, weil ich dieser grossmutigen Seele nicht mundlich hatte danken konnen. Ich gab den Brief dem Juden, der unterdessen die Wechsel besorgt und mir Pelze und andere Notwendigkeiten geschafft hatte, um mich vor der grossen Kalte zu schutzen. Nunmehr war alles verrichtet, und nun uberliess ich mich meinem Freunde die ganze Nacht hindurch. Wir redeten, wir weinten und empfanden alles, was wir nach unsern verschiedenen Umstanden empfinden konnten. Der Morgen ubereilte uns und ebenso der Mittag, und wir hatten bis auf den letzten Augenblick einander noch, ich weiss nicht was, zu sagen. Der Jude kam und sagte, dass die Schlitten, die mich nebst den ubrigen Befreiten fortfuhren sollten, gleich zugegensein wurden. Wir nahmen Abschied, ohne zu reden, und ich vergass mich in den Armen meines redlichen Steeleys, bis mich die Aufforderung der Wache von ihm losriss. Er stiess mich fort, und in dem Augenblicke wollte er mir auch nachlaufen; allein man verschloss die Ture, und mein Jude fuhrte mich bis in den Schlitten und rief mir noch die freundschaftlichsten Wunsche nach.
Ich ward nebst drei andern auf einen Schlitten gesetzt, denen Hoffnung und Freude aus den Augen leuchteten. Ich kann nicht sagen, was in den ersten Stunden, ja fast in den ganzen ersten beiden Tagen in meiner Seele vorging. Ein Ubermass von freudigen Wallungen und betrubten Regungen uberstromte mein Herz wechselweise. Man begegnete uns an den Orten, wo wir frische Renntiere bekamen, nicht so verachtlich als damals, da wir auf dem Wege nach Siberien waren. Meine Gesellschafter waren drei Russen. Sie hatten Geld und versorgten sich an allen Orten mit so vielem Branntweine, dass sie auf der ganzen Reise fast nicht nuchtern wurden. Sie haben mich indessen nie mit Willen beleidigt, und ich wurde ihre Freundschaft erhalten haben, wenn ich mit ihnen getrunken hatte. Wir waren zu Ende des Marzes in Moskau. Ich ward in ebendas Haus gebracht, in dem ich vor funf Jahren verwahrt gesessen hatte, und fand den vorigen Gefangenwarter noch. In drei Tagen ward ich vollig losgelassen und bekam einen Pass, und nun konnte ich mich hinwenden, wo ich hin wollte. Ich hatte meine Wechsel noch alle und begab mich nunmehr zu den englischen Kaufleuten, welche Steeleyn vor dem beigestanden hatten, und ubergab dem einen, welcher Tompson hiess, ein Billett von ihm. Er nahm mich sehr liebreich auf und sagte mir, dass ihm Steeleys Ungluck, nach Siberien verwiesen zu werden, durch den Gefangenwarter ware hinterbracht worden, dass er's alsbald nach London an seine Freunde gemeldet und seit drei Jahren verschiedene Briefe an den englischen Agenten in Moskau erhalten hatte. Zu diesem gingen wir den andern Tag. Der Agent war der liebreichste Mann von der Welt. Er wies mir die beweglichsten Briefe, die Steeleys Vater an ihn geschrieben hatte. Er wies mir die Memoriale, durch die er bei dem Senate um meines Freundes Befreiung angehalten, und versicherte mich, dass er sie bei der Zuruckkunft des Zars, die bald erfolgen sollte, gewiss auszuwirken hoffte. Der englische Gesandte in Schweden hatte ebenfalls an ihn geschrieben und ihn gebeten, alles zu Steeleys Befreiung beizutragen. Er gab mir die Briefe, die er aus London an ihn erhalten hatte, und Tompson fuhrte mich nunmehr zu den Juden, um meine Wechsel zu heben. Ich bekam binnen zehn Tagen mein Geld, zu dem mir Tompson doch wenig Hoffnung gemacht hatte, und busste nicht mehr als einen Wechsel von hundertundfunfzig Rubeln ein. Der Jude, der mir ihn bezahlen sollte, war in die elendesten Umstande geraten, und seine Mitbruder versicherten mich, dass sie binnen einem Jahre das Geld fur ihn erlegen wollten, wenn er's nicht tun konnte. Ich zerriss darauf den Wechsel und gab dem armen Juden noch zehen Taler von dem ubrigen Gelde. Ich bat sie, dass sie mir etliche Briefe an ihren Korrespondenten nach Siberien, von dem ich die Wechsel empfangen, bestellen sollten. Sie sagten mir, dass drei von ihnen ihrer Geschafte wegen selbst nach Tobolskoy reisen wurden, und wenn ich mich zween Monate hier aufhalten konnte: so wollten Sie mir durch die Antwort beweisen, ob sie ihr Wort gehalten hatten. Ich schrieb an meinen Freund; doch ehe der Brief fortging, liess mich der Agent rufen und sagte mir, dass er endlich so glucklich gewesen ware, sich um seinen Landsmann verdient zu machen; seine Befreiung ware in dem Senate unterzeichnet worden, und er hatte das Versprechen erhalten, dass Steeley binnen drei oder vier Monaten aus Siberien zuruckgebracht und freigelassen werden sollte. Ich dankte dem Agenten nicht anders, als ob er mir diese Wohltat selbst erwiesen hatte, und eilte, meinem Freunde diese freudige Nachricht zu melden. Die Juden reisten ab, und ich war wirklich willens, Steeleys Ankunft zu erwarten. Doch die Liebe siegte uber die Freundschaft, und das Verlangen, Euch zu suchen, machte mir meinen Aufenthalt in Moskau unertraglich. Ich wollte fort, ohne zu wissen wohin. Der Handel in die schwedischen Lande war noch verboten. Ich wollte nach Danemark, weil ich mir einbildete, dass Ihr Euch vielleicht dahin gewendet haben wurdet; allein Tompson beredete mich, dass ich mit einem hollandischen Schiffe, dessen Ladung er in Kommission hatte, und das in Archangel segelfertig lag, nach Holland gehen sollte. Er gab mir eine Adresse an den Kaufmann mit, dem die Waren des Schiffs gehorten, und versprach mir, dass er die Briefe von Steeleyn an ihn einschlagen wollte; ich aber sollte bei diesem Manne die Nachricht zurucklassen, wo ich mich von Holland aus hinwenden wurde, damit mich Steeley bei seiner Zuruckkunft zu finden wusste. Ich ging also in der sechsten Woche nach meiner Ankunft in Moskau mit dem Schiffe fort, das mich so unvermutet und glucklich zu Euch gebracht hat. Ehe ich Moskau noch verliess: so gab ich Tompson funfzig Taler, um sie nach meiner Abreise unter etliche von meinen gefangenen Landsleuten auszuteilen."
Dies ist das meiste von dem, was mir mein Gemahl uber seine schriftlichen Nachrichten von seinem Aufenthalte in Siberien erzahlt hat. Ich habe es hin und wieder zusammengezogen und das, was zur Geographie oder zur Historie dieses Lands gehort, mit Fleiss ubergangen, weil ich keine Reisebeschreibung machen wollen. Es hat sich auch seit der Zeit in diesem Reiche vieles verandert, besonders seit der Erbauung der Stadt Petersburg und den grossen Anstalten Peters des Ersten, die sowohl in die Natur des Landes als in die Gemutsart der Einwohner einen grossen Einfluss gehabt haben.
Ich eile nunmehro zu dem letzten Perioden dieser Geschichte, namlich zu dem, was nach der Ruckkunft meines Gemahls erfolgt ist. Wir lebten in unserer zweiten Ehe, wenn ich so reden darf, vollkommen zufrieden, und mein Gemahl schmeckte auf sein erlittenes Ungemach die Freuden der Liebe und der Ruhe gedoppelt. Er bluhete in meinen Armen wieder auf und bekam die erste Lebhaftigkeit wieder, von der ihm das Ungluck einen grossen Teil entzogen hatte. Die ersten Monate verstrichen uns in der Gesellschaft der Karoline und des Herrn R... meistens unter wechselseitigen Erzahlungen. Nichts war klaglicher, als da ich ihm einsmals meine Heirat und die Geschichte meiner Ehe mit dem Herrn R..., und zwar in dem Beisein desselben umstandlich erzahlen sollte. Der Graf hatte mich die ganze Zeit uber bei der Hand, als wollte er mir einen Mut einsprechen. Ich fing die Erzahlung mit vieler Dreistigkeit an. Ich war von der Liebe meines Grafen vollig uberzeugt. Ich wusste, dass ich ihm niemals untreu geworden sein wurde, wenn ich nur die geringste Nachricht von seinem Leben gehabt hatte. Allein alles dieses langte nicht zu, mich in meiner Erzahlung zu unterstutzen. Ich wollte aufrichtig und doch auch behutsam sprechen; und je mehr ich redete, desto mehr fuhlte ich, wieviel Beleidigendes diese Geschichte fur den Grafen in sich hatte, und wieviel Krankendes fur mich und fur den Herrn R... Ich ward verzagt. Der Graf gab mir die teuersten Versicherungen, dass er durch nichts beleidiget wurde; allein ich kam nicht weiter, als bis auf die Geburt meiner Tochter. Ich sammelte alle meine Krafte; ich fing zehnmal wieder an; doch mein ganzes Herz weigerte sich, mich fortfahren zu lassen; ich schwieg. "Nun", sprach der Graf mit einer liebreichen Miene, "diese kleine Marter, die ich Euch itzt gemacht habe, das soll die Strafe fur Eure Untreue sein," und umarmte mich. "Und Ihr, mein lieber R...", fuhr er fort, "schlagt Eure Augen immer wieder auf und seht zu Eurer Strafe Eure vorige Gemahlin in meinen Armen." Er kusste ihn, und ich musste es auch tun. "Nein," sprach er, "sie hat Euch geliebt, und Ihr habt es verdient, und wenn ich sterbe, so liebt sie Euch wieder. Wir haben uns alle kein Vergehen, sondern nur das Ungluck vorzuwerfen. Karoline (sie sass bei mir), seht nur, wie Euch meine Gemahlin betrachtet. Kann sie sich wohl besser an mir rachen, als durch Eure Gegenwart?"
Ich war unermudet, dem Grafen alle die Augenblikke zu ersetzen, die er ohne mich zugebracht. Ich kam selten von seiner Seite und sann bei jeder Gefalligkeit, die ich ihm erweisen konnte, schon auf eine neue. Wenn wir unser Herz ausgeredet hatten: so las ich ihm etwas vor, und wenn ich nicht mehr lesen konnte, so tat er's. Diese gluckliche Beschaftigung mit dem Geiste der besten Skribenten, die der Graf so lange entbehrt hatte, nahm uns den grossten Teil des Tages weg und breitete ihr Vergnugen uber unsere Gesprache, uber unsere Mahlzeiten und uber alle unsere Zartlichkeiten aus. Wir hielten keine Gesellschaften und fuhlten doch nie die Beschwerlichkeit der Langenweile. Wenn wir mitten in unsern Vergnugungen recht empfindlich geruhrt sein sollten: so dachten wir unserm Schicksale nach. Diejenigen, die niemals unter grossen Unglucksfallen geseufzt haben, wissen gar nicht, was fur eine Wollust in diesen Betrachtungen zu finden ist. Man entkleidet sich in solchen Augenblicken von allem seinen naturlichen Stolze; man sieht, indem man sein Schicksal durchschaut, sein Unvermogen, sich selber glucklich zu machen, und uberlasst sich den Entzuckungen der Dankbarkeit, die uns nicht langer wollen nachdenken lassen. Der Graf setzte zuweilen ganze Tage zu dieser Absicht aus und wandte sie zu Werken der Guttatigkeit an. Er erkundigte sich nach elenden und unglucklichen Personen; mit einem Worte, Arme, Kranke und Gefangne an diesen Tagen zu erquicken und aufrichten zu lassen, das war seine Zufriedenheit. Oft liess er auch einige von denen, die schon unter dem Elende grau geworden waren, zu sich rufen und sie an einem Tische zusammen speisen. Es war ihm freilich lieb, wenn er wusste, dass es Leute waren, welche die Guttat verdienten; allein er stellte deswegen nicht die strengsten Untersuchungen an. "Vielleicht", sprach er, "lassen sie sich durch die Wohltaten bessern, wenn sie boshaft gewesen sind; lasst sie auch der Wohltat unwert sein; sie sind doch Menschen." Wenn er horte, dass sie mit dem Essen bald fertig waren: so ging er zu ihnen und liess sich ihr Schicksal erzahlen. Fand er eine Person darunter, die ein edles Herz hatte: so nahm er sich ihrer insbesondere an. R... war sein Gehilfe in dieser Tugend, und wem sie beide nicht als Wohltater dienen konnten, dem dienten sie doch als vernunftige Ratgeber. Wir fuhren gemeiniglich an diesen Tagen etliche Stunden in die Felder oder in die Garten spazieren. Einmal horten wir des Abends, indem wir bei dem Mondenscheine durch die Wiesen gingen und den Wagen am Wege halten liessen, ein jammerliches Gewinsel. Wir naherten uns ungeachtet des tiefen Grases dem Orte, wo der Schall herkam, und fanden eine junge Weibsperson, welche die Schmerzen der Geburt kaum uberstanden hatte und in einem hilflosen Zustande dalag. Herr R..., der bei uns war, fuhr den Augenblick in das nachste Landhaus, um ein Weib und andere Bedurfnisse fur die Geburt herbeizuholen, und ich machte mich indessen um die Ungluckliche so verdient, als es die Notwendigkeit erforderte. Ich konnte aus ihrem Anzuge schliessen, dass sie keine der Vornehmsten und keine der Geringsten war; und ihre Jugend und ihre gute Bildung war genug, uns einen Teil von ihrem Schicksale zu erklaren, weil sie selbst nichts als etliche unvernehmliche Worte hervorbringen konnte. Herr R... kam mit einigen Weibern zuruck, und wir liessen die unbekannte Elende auf unserm Wagen in das nachste Dorf bringen und kehrten zu Fusse in die Stadt. "Nun", sprach der Graf, indem wir zuruckgingen, "dieser Spaziergang ist viel wert. Wie schon wird sich's auf den Gedanken einschlafen lassen, dass wir zwoen Personen das Leben auf einmal erhalten haben! Das arme Madchen ist vermutlich aus Furcht der Schande von ihrem Geburtsorte gefluchtet. Wer weiss, welcher Betruger sie unter dem Versprechen der Ehe um ihre Unschuld gebracht hat." Ich fuhr mit anbrechendem Tage nebst Karolinen auf das Dorf, und wir fanden die Ungluckliche, mit ihrem Kinde auf den Armen, in Tranen zerfliessen. Sie war nicht allein wohlgebildet, sie war ausnehmend schon, und eine gewisse schamhafte Miene entschuldigte ihren Fehler zum voraus. "Die Liebe", sprach sie, "oder vielmehr ein Liebhaber hat mich unglucklicher gemacht, als ich zu sein verdiene. Ich habe mich mit ihm seit zwei Jahren versprochen; allein ein bejahrter Vormund, unter dem ich stehe, und der mir sein eigen Herz aufdringen wollte, hat unsre Verbindung verhindert. Mein Brautigam, eines Pachters Sohn bei Leiden, hat mich mit meinem Willen entfuhrt und mir versprochen, sich im Haag mit mir niederzulassen und die Handlung zu treiben. Als wir gestern morgens in die Gegend kamen, wo ihr mich angetroffen, sah ich mich durch eine Unpasslichkeit genotiget, vom Wagen abzusteigen. Mein bis dahin getreuer Liebhaber fuhrte mich in dem Feld herum, um mich durch die Bewegung wieder zu mir selber zu bringen. Ich musste mich endlich niedersetzen, und sobald er sah, was mir vor ein Schicksal bevorstund, verliess mich der Boshafte unter dem Vorwande, mir jemanden zu Hilfe zu rufen. Ich habe also den ganzen Tag auf seine Zuruckkunft vergebens gewartet und bin mehr durch das Entsetzen uber seine Untreue als durch die ungluckliche Frucht meiner Liebe in den sinnlosen Zustand gekommen, in dem ihr euch gestern meiner so grossmutig angenommen. Man kann keine grossere Bosheit begehen, als er an mir begangen hat. Er hat mir mein Geschmeide, das mein ganzer Reichtum war, und das wir im Haag zu Gelde machen wollten, mitgenommen. Dennoch hasse ich ihn noch nicht, ja ich wurde es ihm mit Freuden vergeben, dass er mich mit der Gefahr meines Lebens verlassen hat, wenn ich nur wusste, dass es ihn reute." Ich suchte sie zu beruhigen und versprach ihr, wenn ihr Liebhaber binnen acht Tagen nicht wiederkame, sie zu mir zu nehmen und sie und ihr Kind zu versorgen. Er kam nicht, und ich erfullte mein Wort und liess das Kind auf dem Dorfe erziehen.
Der Graf war nunmehr ein halb Jahr lang bei mir und hatte nicht das geringste Verlangen, in sein Vaterland zuruckzufahren, wenn ihm auch die Erlaubnis dazu ware angeboten worden. Uber dieses wusste er, dass der Prinz, dem er sein Ungluck zu danken hatte, noch lebte und bei dem Konige in dem grossten Ansehen stund; und was brauchte er mehr, als dieses zu wissen, um an keine Ruckkehr zu denken? Aber dass Steeley nicht kam, und dass er auf alle seine Briefe an ihn noch nicht die geringste Antwort erhalten, dieses beunruhigte ihn desto mehr. Von Steeleys Vater hatte er zwar aus London schon vor etlichen Monaten die Nachricht bekommen, dass sein Sohn durch die Bemuhungen des englischen Gesandten und durch ein Strafgeld von etlichen tausend Talern seiner Verweisung nach Siberien entlassen worden ware, von ihm selbst aber hatten er und seine Landsleute in Moskau keine Briefe. Indessen dass der Graf vergebens auf Steeleyn hoffte, begegnete ihm ein andrer vergnugter Zufall. Er war eine Stunde vor der Mahlzeit, wie er zu tun pflegte, mit dem Herrn R... auf das Kaffeehaus gegangen, wo die meisten Fremden einzusprechen pflegten. Kurz darauf liess er mir sagen, er wurde mir einen Gast mitbringen, fur den ich ein Zimmer zurechtmachen lassen sollte. Er kam, und der Gast war der ehrliche Jude, der ihm in Siberien so viele Menschenliebe erwiesen, und den seine Geschafte nach Holland zu gehen genotigt hatten. Mein Gemahl war ausserordentlich erfreut, dass er diesem wackern Manne einige Gefalligkeiten erzeigen konnte, und er selbst war ebenso froh, dass er meinen Gemahl so unvermutet und so glucklich angetroffen. Er uberreichte mir den Brief aus Siberien, den ich schon eingeruckt habe, und versicherte mich, dass er sich in Livland und Danemark sehr sorgfaltig nach mir erkundigt und doch nicht das geringste von meinem Aufenthalte hatte erfahren konnen. Sein Herz war wirklich seiner ehrlichen und einfaltigen Miene gleich, und seine Sitten gefielen durch sein Herz. Er war schon bei Jahren, und sein grauer Bart und sein langer polnischer Pelz gaben ihm ein recht ehrwurdiges Ansehen. Die freundschaftliche Art, mit der wir mit ihm umgingen und ihm unsere Erkenntlichkeit zu bezeichnen suchten, ruhrte ihn ausnehmend. Als wir das erstemal von der Tafel aufstunden: so ward der gute Mann ganz betrubt. Mein Gemahl fragte ihn um die Ursache. "Ach," sprach der Alte, "wenn ich nur so glucklich sein konnte, noch etliche Stunden bei Ihnen zu bleiben! Ich habe mein Tage kein solch Vergnugen gehabt, und niemand ist noch so grossmutig mit mir umgegangen, als Sie tun." Der Graf nahm ihn bei der Hand und fuhrte ihn in das Zimmer, das fur ihn zubereitet war. "Seht Ihr," sprach er, "meine Gemahlin gibt Euch ihr bestes Zimmer ein. Glaubt Ihr nun wohl, dass Ihr uns angenehm seid? Ihr durft nicht daran denken, uns unter acht Tagen zu verlassen. Nicht wahr, ich wohne hier besser, als in Siberien? Dort habt Ihr mich bedienet, und hier wollen ich und meine Gemahlin Euch bedienen." Wir taten es; und wir alle, Karoline sowohl als R..., bestrebten uns recht, diese acht Tage unserm Gaste zu Tagen des Vergnugens zu machen. Wenn die Sonne unterging, schlich er sich in sein Zimmer und blieb meistens eine halbe Stunde aus. Wir fragten ihn, als dieses etlichemal geschah, um die Ursache, und er wandte allerhand kleine Verrichtungen vor, bis ihn endlich Herr R... einmal uberraschte und auf den Knien beten fand. Als diese acht Tage unter tausend kleinen Vergnugen verstrichen waren: so bat er uns, unsere Wohltaten einzuschranken und ihn wieder fortreisen zu lassen. Er verliess uns einen Tag, um seine Geschafte zu besorgen, und kam den andern wieder, um Abschied von uns zu nehmen. "Nun", sprach er, "will ich mit Freuden fortreisen, Herr Graf, und Gott auf meiner Reise danken, dass ich Sie angetroffen habe. Ich bin alt, und ich werde Sie alle in dieser Welt wohl nicht wiedersehen. Ich habe keine Kinder, und wenn ich nicht bei meinem Weibe sterben wollte: so wurde ich mich auf meine alten Tage hier niederlassen." Wir nahmen alle als von einem Vater Abschied von ihm. "Ach Herr Graf," fing er endlich ganz furchtsam an, "Sie haben mich fur meine Dienste reichlich belohnet: aber ich bin gegen Sie noch nicht dankbar genug gewesen, dass Sie mir das Leben mit Ihrer eignen Gefahr erhalten haben. Sie wissen, dass ich mehr Vermogen habe, als ich und meine Frau bedurfen. Ich habe hier in der Bank ein Kapital von zehntausend Talern zu heben. Erlauben Sie mir die Freude, dass ich's Ihrer kleinen Tochter schenken darf, und nehmen Sie den Schein von mir an." Wir versicherten ihn, dass unsere Umstande so beschaffen waren, dass wir nicht Ursache hatten, ihm einen Teil von seinem Vermogen zu entziehen; allein er beklagte sich, dass wir seine Gutwilligkeit verachten wollten, und zwang uns, das Geschenk anzunehmen. Er ging darauf zu unsrer Tochter und knupfte ihr noch ein sehr kostbares Halsband um den Hals. Er beschenkte auch das ungluckliche Madchen, was ich zu mir genommen hatte, sehr reichlich und eilte alsdann, was er konnte, um sich seinen Abschied nicht noch saurer zu machen. Der rechtschaffne Mann! Vielleicht wurden viele von diesem Volke bessre Herzen haben, wenn wir sie nicht durch Verachtung und listige Gewalttatigkeiten noch mehr niedertrachtig und betrugerisch in ihren Handlungen machten und sie nicht oft durch unsere Auffuhrung notigten, unsere Religion zu hassen. R... begleitete den Alten etliche Meilen und konnte gar nicht aufhoren, seinen uneigennutzigen und grossen Charakter zu bewundern. Unter allen Merkmalen der Freundschaft, die wir ihm erwiesen, ruhrte ihn nichts so sehr als dieses, dass ihn der Graf abmalen und das Bild in seine Studierstube setzen liess.
Auf diese Freude folgte in einigen Wochen eine noch grossere und ebenso unvermutete. Andreas, Karolinens Bruder, war gewohnt, alle Jahre seinen Geburtstag zu feiern. Er kam einstens sehr fruhe zu uns und sagte, weil er genotiget ware, auf etliche Wochen zu verreisen, und weil sein Geburtstag morgen einfiele: so wollte er ihn heute feiern und uns bitten, uns gleich mit ihm auf eine Gondel zu setzen und einmal einen ganzen Tag in seinem Hause zuzubringen. Wir liessen es uns gefallen, und weil wir bei dem Tee gleich mit dem Briefe beschaftigt gewesen waren, den mir der Graf durch den Juden aus Siberien geschickt: so baten wir den Andreas, uns nur so lange Zeit zu lassen, bis ich diesen Brief vollends laut hergelesen und der Graf uns das, was wir noch umstandlicher wissen wollten, erzahlt hatte; denn Karoline und R... sassen bei uns. "Ach," schrie er ganz angstlich, "das konnt ihr in meinem Hause auch tun; nehmet den Brief mit und verderbet mir meine Freude nicht, oder ich reise gleich heute fort und traktiere euch gar nicht." Dieses treuherzige Kompliment notigte uns, ihm gleich zu folgen. Alles war in seinem Hause wider seine Gewohnheit aufgeputzt, und wir konnten uns in seine grossen Anstalten gar nicht finden. "Ich weiss nicht," sprach Karoline, "was ich von meinem Bruder denken soll. Wenn nur nicht etwan aus diesem Geburtstage ein Hochzeittag wird. Er tut mir zu froh und zu geheimnisvoll." Wir scherzten mit ihm daruber, als er uns den Tee auftrug, und er lachte auf eine Art, als ob er es gern sahe, dass wir seine kleine List errieten. "Leset nur euren Brief vollends durch," fing er an, "ich will indessen meine Braut holen oder wenigstens meinen Flaschenkeller zurechtemachen." Er ging in das Nebenzimmer, und wir vertieften uns wieder in den Brief. Ich fragte nach tausend Kleinigkeiten, welche die Gemahlin des Gouverneurs angingen, deren Brief an ihre Stiefschwester nach Kurland mein Gemahl wieder zuruckbekommen hatte, weil sie tot war. R... wollte immer mehr von den wunderlichen Gemutsarten des Gouverneurs wissen, und Karoline blieb bei aller Gelegenheit bei Steeleyn stehen. Andreas trat aus der Nebenstube wieder herein, als wollte er uns zuhoren. "Habe ich ihn Euch denn noch nicht genug beschrieben?" sagte mein Gemahl zu Karolinen. "Habt Ihr Euch denn gar in ihn verliebt? Freilich sah er vorteilhaft aus, sonst wurde ihm das kosakische Madchen nicht so gut gewesen sein. Er hatte grosse schwarze Augen wie Ihr, und " In dem offnete Andreas, der nah an der Ture stund, das Nebenzimmer und rief, nach seinen Gedanken, ganz sinnreich: "Sah er etwan wie dieser Herr aus?" und in dem Augenblicke stund Steeley vor uns. Der Graf zitterte, dass er kaum von dem Sessel aufstehen konnte, und wir sahen ihren Umarmungen mit einem freudigen Schauer lange zu. "Nun," schrie endlich Steeley, "nun sind wir fur alle unser Elend belohnet", und riss sich von dem Grafen los, und ich eilte ihm mit offenen Armen entgegen. "Ach Madame," fing er an, "ich ich ja, ja, Sie sind es " und das war sein ganzes Kompliment. Der Graf kam auf uns zu, und wir umarmten uns alle drei zugleich. O was ist das Vergnugen der Freundschaft fur eine Wollust, und wie wallen empfindliche Herzen einander in so glucklichen Augenblicken entgegen! Man sieht einander schweigend an, und die Seele ist doch nie beredter als bei einem solchen Stillschweigen. Sie sagt in einem Blicke, in einem Kusse ganze Reihen von Empfindungen und Gedanken auf einmal, ohne sie zu verwirren. Karoline und der Herr R... teilten ihre Freude mit der unsrigen, und wir traten alle viere um Steeley und waren alle ein Freund. Dem Andreas mochte unsere Bewillkommnung zu lange dauern; er zog mich und Karolinen beiseite. "Ihr Leute", sprach er ganz bestrafend, "vergesst doch nicht, dass ihr Frauenzimmer seid und ... Setzt euch alle nieder, sonst muss ich den ganzen Tag euern Umarmungen zusehen. Tut es, wenn ich nicht dabei bin. Wir wollen heute lustig und nicht so niedergeschlagen sein." Und damit mussten wir uns niedersetzen. "Herr Graf," fuhr er darauf fort, "habe ich's nicht listig gemacht?" Wir merkten, dass er fur seine Erfindung belohnt sein wollte, und er war es wert, dass wir ihm unser eigen Vergnugen etliche Minuten aufopferten. Mein Gemahl hatte schon zehen Fragen an Steeleyn getan; allein Andreas liess ihn zu keiner Erzahlung kommen. "Seid doch zufrieden," sprach er, "dass ihr ihn habt, und dass ich ihn euch geschafft habe. Ihr sollt ihn auf den Abend mit zu euch nehmen, alsdann konnte ihr miteinander reden bis wieder auf meinen Geburtstag. Itzt will ich das Vergnugen haben, dass ihr bei mir recht aufgeraumt sein und recht laut werden sollt." Wir wunschten unstreitig alle, von unserm gebieterischen und uns so unahnlichen Wirte bald entfernt zu sein; allein wir mussten uns ihm aus Dankbarkeit preisgeben, und Steeley schien selbst itzt keine Lust zu haben, uns seine Begebenheiten zu erzahlen, ausser dass er den Tod des Gouverneurs etlichemal erwahnte. "Und von seiner Gemahlin", fuhr er zum Grafen fort, "habe ich einen Brief an Euch. Die grossmutige Seele! Ich will Euch den Brief aus meinem Koffer langen." Er ging und Andreas mit ihm. Wir waren es zufrieden, dass uns Steeley einige Augenblicke verliess, nur damit wir das Verlangen befriedigen konnten, einander unsere Lobspruche von ihm mitzuteilen. "Ist er meiner Liebe wert," sprach der Graf zu mir, "und gefallt er Euch?" Karoline liess mich nicht zu Worte kommen. "Herr Graf," rief sie, "Ihre Gemahlin kann nicht urteilen, sie ist nur von Ihnen eingenommen. Fragen Sie doch mich, ich will's Ihnen aufrichtig sagen, ich und das Madchen in Siberien, wir " Hier trat Steeley, mit einem Frauenzimmer an der Hand, herein, aus deren Gesichte Anmut und Freude lachten. Sie ging in Amazonenkleidern, und jeder Zug in ihrer Bildung war ein Abdruck der Gefalligkeit und der Liebe. "Ach Gott!" rief der Graf, "wen sehe ich? Ist es moglich, Madame? oder betrugen mich meine Augen? Das ist zuviel Gluck auf einen Tag!" "Madame," redete mich Steeley an, indem ich noch vor Erstaunen immer auf einer Stelle stund, "hier bringe ich Ihnen meine liebe Reisegefahrtin und bitte fur sie um Ihre Freundschaft." Ich wusste noch nicht, wen ich umarmte, oder wollte es doch nicht so bald wissen, um mein Vergnugen zu verlangern. Sie selbst schien mich aus ebender Ursache in der Ungewissheit zu lassen. "Glaubt es doch," rief mir endlich mein Gemahl zu, "sie ist es, der ich meine Befreiung zu danken habe; sie hat mich Euch wiedergegeben." "Ja, Madame," fing sie an, "fur diesen Dienst suche ich itzt die Belohnung bei Ihnen, und ich bitte nicht um Ihre Freundschaft, sondern ich fordere sie von Ihnen. Ist es Ihnen denn recht lieb, dass Sie mich sehen? Ja, ich sehe es, Sie fuhlen ebensoviel als ich, dass ich Sie nunmehr kenne. Ach, Herr Graf, also sind wir nicht mehr in Siberien? Wieviel habe ich Ihnen zu erzahlen! Ihr Freund, den Sie mir hinterlassen haben, hat mir viel zuwider getan (hier sah sie Steeleyn mit dem zartlichsten Blick an), und er mag es Ihnen selber sagen. Aber", fing sie ganz sachte zu meinem Gemahle an, "wer ist das Frauenzimmer und der Herr?" (sie meinte Karolinen und R...). Der Graf erschrak und wusste nicht, was er in der Eile sagen sollte. "Sie sind sie sind unsre Freunde und auch die Ihrigen." Ich nahm darauf Karolinen bei der Hand und fuhrte sie zu ihr, und der Graf tat mit R... ebendas. Wir glaubten, dass Andreas das Geheimnis vor unsrer Zusammenkunft schon verraten hatte: denn die Verschwiegenheit war seine Sache nicht. Allein er hatte entweder, um uns zu schonen, oder weil er nicht daran gedacht hatte geschwiegen. Er hatte nicht die Geduld gehabt, unsere Bewillkommung ganz anzuhoren. Itzt kam er wieder herein und half uns zum Teil aus unsrer Verwirrung. "Das ist," fing er zu der Fremden an, "das ist meine liebe Schwester." In dem Augenblicke ging R... mit niedergeschlagenen Augen aus der Stube, weil er glaubte, dass Andreas auch von ihm anfangen wurde. "Geht nicht," rief ihm dieser nach, "ich will nichts sagen. Der Herr Graf wird es schon selbst erzahlen." "Ach, mein lieber Graf," sprach Steeley, "was ist das fur ein Geheimnis? Darf ich's und die Madame nicht wissen? Wer ist der Herr R...?" "Er ist einer von meinen altesten Freunden, und wenn ich Ihnen alles sagen soll ..." hier sahe er mich an und schwieg. "Er war mein Gemahl," sprach ich zu meiner neuen Freundin, "ehe ich wusste, dass mein Graf noch lebte. Sie hassen mich doch deswegen nicht? Nein Madame, ich verdiene Ihr Mitleiden und mein Graf" ... "Dieser liebt Euch", fuhr er fort, "ebenso zartlich als jemals." Sie sah mich beschamt an und eilte, mir durch eine mitleidige Umarmung diese traurigen Augenblicke zu verkurzen. Steeley schien wirklich bei dieser Nachricht etwas von seiner Hochachtung gegen mich zu verlieren. Er sah bald mich, bald den Grafen an. "Ist sie denn nicht mehr Eure Gemahlin?" sprach er ganz heftig. "Sie ist meine Gemahlin," antwortete ihm der Graf; "beunruhigt Euch nicht. Ich weiss, dass Ihr mich liebt, und mir hat zu meinem Glucke nichts als der heutige Tag gefehlt." Hierauf ging unsre Freude wie vom neuen an.
Unser sturmischer Wirt notigte uns alsbald zur Mahlzeit. Ein jedes Wort von uns war eine Liebkosung, und anstatt zu essen sahen wir einander an. "Madame," fing endlich Steeley zu mir an, "Ihre Augen fragen mich alle Augenblicke etwas. Beneiden Sie mich etwan wegen meiner liebenswurdigen Reisegefahrtin? Oder wollen Sie wissen, warum sie nach Holland gegangen ist? Sie will die Juwelen wiederholen, die sie dem Herrn Grafen in Siberien gegeben hat. Wir erfuhren in Moskau, dass wir ihn hier finden wurden, und sie wird so lange bei Ihnen bleiben, bis sie ersetzt sind." "Ja," sprach ich, "wir sind dazu verbunden; aber warum nehmen Sie sich der Madame so eifrig an? Erfordert dieses die Pflicht der Reisegesellschaft?" "Sie horen wohl," versetzte sie, "dass er das Geheimnis meiner Reise gern entdeckt wissen will; ich soll Ihnen sagen, dass ich ihn liebe, und dass ich ihn aus Liebe hieher begleitet habe. Er verdient und besitzt mein Herz, und ihm meine Hand zu geben, habe ich bloss auf Ihre Gegenwart versparet." Steeley stund auf und umarmte sie. "Also sind Sie meine Braut?" rief er. "Ja," sagte sie, "und um es zu werden, wurde ich noch eine See durchreisen. Und Ihnen, mein lieber Herr Graf, Ihnen bin ich mein Gluck schuldig, denn ohne Sie wurde ich meinen Geliebten nie haben kennen lernen. Sie haben mir ihn in Ihrem ersten Gesprache mit mir so edel beschrieben, dass ich ihm gewogen war, ehe ich ihn sah. Die Vorsehung hat mir mein Ungluck durch ihn belohnt, und ich will das seinige durch meine Liebe belohnen. Ich bleibe bei Ihnen; und Sie, Madame, sollen das Recht haben, unsere Verbindung zu vollziehen und einen Tag zu unserer Vermahlung anzusetzen, welchen Sie wollen. Ich will meinen kunftigen Gemahl von Ihren Handen empfangen." "Und ich," sprach der Graf, "meine Gemahlin von den Ihrigen. Ich will mir sie, da ich die zweite Ehe mit ihr angefangen habe, auch noch einmal vermahlen lassen, und dieses soll an dem Tage geschehen, da Sie Ihre Verbindung vollziehen." Amalie, so hiess Steeleys Braut, liess darauf einen Pokal und einen Flaschenkeller Wein aus ihrem Zimmer langen. "Kennen Sie das Glas, Herr Graf? Daraus habe ich Ihnen in Siberien die Gesundheit Ihrer Gemahlin zugetrunken. Und aus diesem Glase und von dem Weine, der nicht weit von diesem Lande gewachsen ist, wollen wir sie zum andern Male in Holland trinken. O wie gut wird mir's schmecken!" Sie trank und reichte mir's. Ich sah das Glas und den Wein an und sah meinen Gemahl zugleich in Siberien und in den unglucklichsten Umstanden von einer grossmutigen Seele bedauert und geschutzt; ich sah sie an und trank, und Tranen fielen in den Wein. Kein Wein hat mir in meinem Leben so gut geschmeckt als dieser. Wir schwiegen vor Vergnugen alle still, bis Andreas endlich unser Stillschweigen unterbrach. "Aber, Madame," fing er lachend an, "wie sah denn der Herr Graf damals aus, da er als ein Gefangner vor Ihnen stund? Sah er vornehm oder nicht? Sah er traurig?" "Seine Miene", sprach sie, "richtete sich nach der Art, mit der ich mit ihm redte. Wenn ich ihn recht freundschaftlich bedauerte: so sah er mich zur Dankbarkeit sehr demutig an; und wenn ich einen Augenblick unempfindlich gegen sein Elend schien: so warf er mir mein kaltes Herz mit einer stolzen Miene vor, die mich leicht erraten liess, dass er aus Unschuld unglucklich und im Elende auch noch grossgesinnt war." "Aber wie war er gekleidet?" "Schlechter als ich wunschte. Ein deutsches Unterkleid, sehr abgenutzt, und ein schwarzer russischer Pelz und ein paar Halbstiefeln waren sein Staat. Sein kurzes aufgelaufnes Haar gab indessen seinem Gesichte bis auf etliche Spuren von Kummer, die aus seinen Augen nicht vertrieben werden konnten, ein unerschrocknes Ansehn. Nie war er beredter und in meinen Augen grosser, als da er von seiner Gemahlin sprach; und ich tat von diesem Augenblicke an heimlich ein Gelubde, ihm die Freiheit auszuwirken." "Aber Ihr verstorbner Gemahl und der Herr Graf", sprach Andreas, "waren wohl nicht allezeit die besten Freunde?" "Was dieser getan hat, das bitte ich dem Grafen itzt ab. Ach, vergeben Sie ihm die Fehler seiner Gemutsart und seines Volks, die ich, ungeachtet seiner Neigung gegen mich, mehr als Sie empfunden habe. Unsre Ehe war ein Bundnis, das der Hof schloss, und das ich aus Gehorsam nicht auschlagen durfte. Indessen ehre ich sein Andenken; so wie ich mein Schicksal an seiner Seite geduldig ertragen und mir, wenn ich's sagen darf, vielleicht durch meine Geduld ein besseres verdient habe."
Andreas ward zu unserm Glucke durch seine Geschafte von uns gerufen, und seine Abwesenheit liess uns vertraulicher werden. Steeley wollte dem Grafen erzahlen, was seit seiner Abreise aus Tobolskoy vorgegangen; allein er stund alle Augenblicke vor gar zu grosser Empfindung still, und wir waren zufrieden, dass wir dieses Mal das Wichtigste von dem erfuhren, was uns Amalie nach dem umstandlicher auf folgende Art erzahlt hat.
"Wenig Tage nach des Herrn Grafen seiner Abreise", fing sie auf unser Bitten an, "starb mein Gemahl an dem zuruckgetretenen Podagra. Ich berichtete seinen Tod nach Hofe und bat zugleich um die Erlaubnis, nach Moskau zuruckzukehren. Die Gewalt, die ich bis zur Ernennung eines neuen Gouverneurs in den Handen hatte, gab mir Gelegenheit, verschiedene harte Verordnungen aufzuheben, die mein Gemahl in Ansehung der Gefangenen ergehen lassen. Ihrem zuruckgelassenen Freunde, Herr Graf, konnte ich mehr Bequemlichkeit verschaffen. Ich befahl dem Juden, ihn mit allem zu versorgen, was er notig hatte, und liess ihn mutmassen, als ob er ein Anverwandter von mir ware. Damals waren meine Wohltaten wohl blosse Wirkungen des Mitleidens. Ich hatte ihn nicht mehr als einmal, und noch dazu in den traurigsten Umstanden gesehen, als er auf Ihre Furbitte durch meinen Gemahl nach Tobolykoy zuruckberufen ward. Ich horte es gern, wenn mir der Jude seine Danksagung fur meine Fursorge uberbrachte; und was ich nicht wohl durch Befehle ausrichten konnte, das musste der Jude durch das Geld, das ich ihm gab, bei den Unteraufsehern zu bewerkstelligen suchen. Er war in ein besser Behaltnis gebracht, und ich hatte schon allerhand Mittel ausgesonnen, wie ich ihm bei meiner Ruckreise nach Moskau diese ertraglichen Umstande dauerhaft machen wollte. Ungefahr nach vier Wochen kam ein Befehl an meinen verstorbenen Gemahl, dass Steeley frei sein und bei der ersten Gelegenheit, die man ihm verschaffen konnte, mit einem Passe versehen und fur sein Geld fortgebracht werden sollte. Ich liess den Morgen darauf den Juden zu mir kommen und sagte ihm, dass er Steeley eiligst zu mir bringen sollte, und dass ich unter der Zeit, da er ihm dieses meldete, die Wache nachschicken wollte, ihn abzuholen. Er kam, und ich liess ihn nebst dem Juden zu mir ins Zimmer treten. Er stattete mir die Danksagung fur meine bisherige Fursorge auf eine sehr ehrerbietige und gefallige Weise ab und blieb an der Ture des Zimmers stehen. Ich fragte ihn, ob er keine Nachricht von dem Grafen hatte? ob er mit seinen Umstanden zufrieden ware? Er beantwortete das erste mit einem traurigen Nein und das andere mit einem gelassenen Ja. Ich bat ihn, mir eine kurze Erzahlung von seinem Schicksale zu machen. Er tat es, und je mehr er redte, desto mehr notigte er mir durch seine Worte und durch seine Mienen Aufmerksamkeit und Hochachtung ab. Er sah weit besser aus als vor zwei Jahren, und ich weiss nicht, ob ich mir's beredte, oder ob es wahr war, dass ihm der siberische Pelz recht schon liess. Ich horte aus seiner Art zu reden nunmehr sehr wohl, dass er ein edelmutiges Herz hatte; und wenn ich ja noch einige Augenblicke daran gezweifelt hatte: so war es vielleicht deswegen geschehen, weil ich bei meinem Zweifel gern widerlegt sein wollte. 'Der Graf', dachte ich, 'hat recht, dass er ihn so sehr liebt und so sehr fur ihn gebeten hat. Er verdient Hochachtung und Mitleiden; und es ist deine Pflicht, einem so rechtschaffenen und unglucklichen Manne zu dienen.' Ich merkte, je mehr er redte, dass etwas in meinem Herzen vorging; allein ich hatte keine Lust, es zu untersuchen, und ich hutete mich zugleich, mein Herz nicht zu storen. Ich nannte meine Regungen bei mir selbst Wirkungen seiner Unglucksfalle und setzte mich in Gedanken nieder und liess ihn lange fortreden, ohne ein Wort zu sagen. Als er mir die Grausamkeit erzahlte, die man in der Stadt Moskau an ihm und dem Sidne begangen: so fuhlte ich weit mehr, als da sie mir der Graf erzahlt hatte. Es war mir unmoglich, die Tranen zuruckzuhalten, und ich wollte doch auch nicht, dass er meine Wehmut sehen sollte. Ich fragte ihn in der Angst, wie alt sein Vater ware, und wie lange er ihn nunmehr nicht gesehen hatte, nur damit ich das Wort: der arme Mann! das mir mein Herz fur ihn abnotigte, nebst einigen Tranen bei seinem Vater anbringen konnte. Ich fuhrte ihn durch ziemlich neugierige Fragen in die Umstande seiner Familie und seiner Jugend zuruck. Er fing endlich an, von der traurigen Begebenheit mit seiner Braut in Engelland zu erzahlen, und ich ward so geruhrt, dass ich recht gewaltsam von meinem Stuhl aufsprang und ganz nahe zu ihm trat; vielleicht hatte ich das letzte schon gewunscht. Er ward bei dieser Erzahlung sehr weichmutig und endigte sie mit einem 'Ach Gott!' das mir durch die Seele ging. Er schlug die Augen nieder, und es war mir nicht anders, als ob ich sie ihm wieder offnen sollte. Er sah mich endlich auf einmal mit einer klagenden Miene an, und ich erschrak, als ob er mir ein Verbrechen vorruckte. 'Mein Herr,' fing ich an, 'ich will gleich weiter mit Ihnen reden.' Ich ging in das Nebenzimmer, um den Befehl wegen seiner Befreiung zu holen. Ich suchte ihn lange vergebens, ob er gleich vor mir lag. Ich schamte mich vor meiner Unruhe und glaubte zu meinem Troste, dass sie von den traurigen Erzahlungen herstammte, und dass sie durch die Freude, die Steeley uber seine Erlosung haben wurde, sich bald verlieren sollte. Ich sah in den Spiegel, ehe ich wieder in das andre Zimmer trat, und ich sah jeden Blick die Unruhe meines Herzens verraten. Ich hatte indessen bei aller meiner Unruhe noch die Geduld, etwas an meinem Kopfputze zu verbessern; und mitten in dem Verlangen, Steeleyn seine Befreiung anzukundigen, uberlegte ich noch, wie seine ungluckliche Braut ausgesehen hatte, und hielt ihr Bild im Spiegel gleichsam gegen das meinige. Ich bereitete mich auf eine kleine Anrede und offnete das Zimmer und ging auf Steeleyn zu. Ich fuhlte, da ich anfangen wollte zu reden, dass mir der Atem fehlte, und dass ich die Worte nicht wiederfinden konnte, die ich in meinem Gedachtnisse gesammelt hatte. Ich tat also an den Juden etliche gleichgultige Fragen, bis ich mich wieder erholte. 'Ich will nicht langer ungerecht sein', fing ich endlich an, 'und Ihnen eine Nachricht vorenthalten, die Sie vielleicht schon lange zu horen gewunscht haben. Verstehen Sie Russisch?' Er antwortete mir angstlich ja, ja und zitterte und machte, dass ich einen kleinen Schauer fuhlte. Ich setzte mich nieder und bat ihn, dass er's auch tun sollte. Er weigerte sich, und ich hielt mich fur verbunden, ihm selbst einen Sessel zu reichen und mich dadurch an dem mir schon beschwerlichen Zeremoniell zu rachen. Ich las ihm den Befehl vor und sagte endlich zu ihm: 'Von dieser Stunde an haben Sie Ihre Freiheit, und ich bin sehr vergnugt, dass ich die Person habe sein sollen, die sie Ihnen erteilen muss. Sehen Sie mich nicht als Ihre Gebieterin, sondern als Ihre gute Freundin an!' Er sprang vom Stuhle auf und kusste mir mit einer unaussprechlichen Freude die Hand; ich liess ihn diese Dankbarkeit sehr oft wiederholen, als furchtete ich, ihn zu beleidigen, wenn ich die Hand zuruckezoge. Er stammelte etliche Worte vor Freuden hervor, und auch diese Sprache gefiel mir. Ich liess dem Aufseher der Gefangenen Steeleys Befreiung gleich anzeigen und die Wache, die ihn begleitet hatte, zuruckgehen. 'Ich wollte Ihnen', fuhr ich fort, 'gern mein Haus zum Aufenthalte anbieten, bis Sie mit einer sichern Gelegenheit nach Moskau zuruckkehren konnen; allein meine Umstande scheinen es zu verbieten. Der Jude wird Ihnen schon eine Wohnung ausmachen. Sie durfen um nichts bekummert sein, solange ich noch hier bin.' Er nahm Abschied, und ich sah in seinen Augen, dass er mir weit mehr zu sagen hatte, als er sagte, und krankte mich, dass der Jude zugegen war. Diesem befahl ich, dass er nach der Tafel wieder zu mir kommen sollte. Also war dieser erste Besuch geendiget. Ich trat an das Fenster und wollte ihm nachsehen, und ich fragte mich in diesem Augenblicke, warum ich dieses tate; aber ich tat es doch. Ich setzte mich zur Tafel, und es reuete mich, dass ich ihn nicht bei mir behalten hatte. Der Jude blieb mir schon zu lange, und ich hatte es sicher genug wissen konnen, dass ich Steeleyn mehr als bedauerte; allein ich fand es fur gut, mich zu hintergehen. Ich stellte mir vor, dass Steeley vielleicht mit einer Karawane handelnder Kaufleute durch Hilfe des Juden in wenig Tagen von hier abgehen konnte, und ich verwehrte es ihm in meinen Gedanken schon und wunschte, dass er in meiner Gesellschaft mochte zuruckreisen konnen. Der Jude kam und versicherte mich, dass er seinen Gast sehr wohl aufgehoben und ihn in das Haus gebracht hatte, das er meinem verstorbenen Gemahle vor zwei Jahren abgekauft. Ich erschrak uber diese Nachricht, als ob sie von einer Vorbedeutung ware, und ich war zugleich mit seiner Anstalt zufrieden. Ich rief den alten deutschen Bedienten, der mir von Kurland aus nach Moskau und von Moskau nach Siberien gefolgt war, und den ich itzt noch bei mir habe, und befahl ihm, dass er mit dem Juden gehen und sehen sollte, was der Herr, der heute aus dem Arreste gekommen, in seiner Wohnung brauchte, weil er nach dem Befehle des Hofs bis zu seiner Abreise als eine Standsperson versorgt werden sollte. Er kam wieder und sagte mir, dass er bis auf das weisse Gerate und eine Matratze zum Schlafen mit den notigsten Mobeln versehen ware. Ich reichte ihm alles selbst, was er forderte, und zwar von jeder Art das Kostbarste, und war unwillig, dass der Bediente nicht mehr verlangte. Ich sagte ihm, dass er die Stucke genau zahlen sollte, damit keines verloren ginge, und mein Herz wusste doch nicht das geringste von dieser wirtschaftlichen Sorgfalt. Ich hiess ihn noch ein Flaschenfutter Wein mitnehmen. 'Und wenn Ihr von ihm geht,' fuhr ich fort, 'so konnt Ihr in Eurem Namen fragen, ob er noch etwas zu befehlen hatte.' Er kam nicht eher als mit dem Abend wieder. Ich fragte ihn, wo er so lange geblieben ware. 'Ach,' hub er in seiner treuherzigen Sprache an, 'man kann von dem Herrn gar nicht wieder loskommen. Es ist ein rechter lieber Herr; alles, was er sagt, nimmt einem das Herz. O, wenn Sie's nur hatten horen sollen, wie er dem Himmel dankt, dass er ihn aus der Gefangenschaft errettet hat! Er mag recht fromm sein, und ich weiss nicht, wie ihn der liebe Gott nach Siberien hat fuhren konnen.' Ich wollte ihn, als ich ging, auskleiden helfen. 'Ach,' sprach er, 'mein lieber Christian, gebt Euch keine Muhe, ich habe mich in Siberien selber bedienen lernen.' Es ging mir recht nahe. 'Er hat auch ein recht gutes Ansehen. Wer weiss, wie vornehm er von Geburt ist, und hat doch in diesem verwunschten Lande so viel ausstehen mussen! Wenn Sie mir's erlauben, so will ich ihn alle Tage etliche Stunden bedienen, damit es ihm wieder wohl gehe. Bei Ihnen lasst er sich fur alle Gnade, die Sie ihm erzeigen, ganz untertanigst bedanken und um nichts als ein Buch bitten. Es wird auf diesem Zeddel stehen.' Dieser Zeddel war ein franzosisch Billett von diesem Inhalte: 'Mein Gluck scheint mir nur ein Traum zu sein; und Sie uberhaufen mich mit so vieler Gnade, dass ich gar nicht weiss, wie ich dankbar genug sein soll. Ich erzahle es dem Grafen und allen meinen Freunden und allen meinen Landsleuten schon in Gedanken, dass ich das grossmutigste Herz in Siberien angetroffen habe. Ach, Madame, wodurch verdiene ich Ihre Sorgfalt? und wodurch kann ich sie in dem Reste meines unglucklichen Lebens verdienen? Durch nichts, als durch Ehrerbietung ' Dieser kurze Brief gefiel mir sehr wohl. Ich brachte einen grossen Teil der Nacht mit einer geheimen Auslegung dieses Briefs zu. 'Wodurch soll ich Ihre Sorgfalt in dem Reste meines unglucklichen Lebens verdienen? durch Ehrerbietung.' Ich gab diesem Worte eine Bedeutung, wie sie mein Herz verlangte. Ich freute mich, da ich erwachte, dass der Tag schon da war. Ich eilte und beschloss, Steeleyn des Mittags mit mir speisen zu lassen. Ich konnte den Bedienten nicht finden. Ich vermutete, dass er bei seinem neuen Herrn sein wurde, und ich hatte recht. In kurzem kam er. Ich warf ihm vor, dass er mich bald uber seinem neuen Herrn vergessen wurde, und schickte ihn mit zwei franzosischen Buchern wieder an Steeleyn und liess ihn bitten, zu Mittage mit mir zu speisen. Ich liess etliche wenige Gerichte nach deutscher Art zurichten und ihn zu Mittag in einem Schlitten abholen. Ich hatte mich nicht vornehm gekleidet, um ihm desto ahnlicher zu sein, doch war ich sorgfaltig genug gewesen, eine gute Wahl in meinem Anzuge zu treffen. Bei dieser Mahlzeit wollte ich, sozureden, hinter mein eigen Herz kommen und erfahren, ob meine Empfindungen mehr als Freundschaft waren. Mein Gast kam, und seine Miene war heitrer als die gestrige und, wie mich dunkte, weit gefalliger. Er war besser, obgleich noch russisch, gekleidet als gestern. Dankbarkeit und Ehrerbietung redete aus ihm. Ich tat, als ob meine Fursorge fur ihn eine Verordnung des Hofs ware, und setzte mich ganz allein mit ihm zu Tische. Wir brachten uber unsrer kleinen Mahlzeit wohl drei Stunden zu, und es schien mir, dass sie ihm ebenso kurz ward als mir. Er konnte sich noch nicht recht in das Zeremoniell, mit einer Dame und vornehm zu speisen, finden, und ich hatte das Vergnugen, ihn alle Augenblicke durch eine kleine Hoflichkeit zu erschrecken; ja, ich erfreute mich, dass ich ihn in der Wohlanstandigkeit ubertraf, weil ich merkte, dass er mir am Geiste uberlegen war. Er musste mir seine Begebenheiten noch einmal erzahlen, und sie ruhrten mich, als ob ich sie noch nicht gehort hatte. Wir sprachen von dem Grafen, und er bezeigte ein so grosses Verlangen, ihn wiederzusehen, dass ich lieber eifersuchtig geworden ware. Mit einem Worte, mein Gast gefiel mir nach wenig Stunden so sehr, dass ich mir alle Gewalt antun musste, mich zu verstellen. Ich wunschte in denen Augenblicken, da uns unser Bedienter verliess, dass er mir etwas Verbindliches sagen mochte, nur um zu wissen, ob ich ihm gefiele. Allein er blieb bei der Sprache der Ehrerbietung, und seine Augen redten ebendie Sprache. Er nahm aus einer unglucklichen Hoflichkeit, als wir vom Tische aufstunden, Abschied, und ich hatte das Herz nicht, ihn zu bitten, dass er langer bleiben sollte, weil ich mich zu verraten glaubte. Ich liess ihn also wieder in sein Quartier bringen. Und nun wusste ich's, ob ich ihm gewogen war. Ich war beleidigt, dass er mich schon verlassen hatte. Ich ward unruhiger als zuvor, und ich war es nur mehr, je weniger ich's sein wollte. Ich stellte mir vor, dass ich ihm nicht gefiele, und krankte mich, dass ich nicht reizend genug war, mehr als Hochachtung von ihm zu verdienen. Ich ward uber diese Vorstellung kleinmutig und rachte mich durch Geringschatzung an mir selber. Gleichwohl wollte ich nicht alle Hoffnung fahren lassen und meine Liebe zu ihm mir auch nicht verbieten. Ich beschloss, ihn in drei Tagen wieder zu mir zu bitten. O, was waren das fur lange Tage fur mich! Der Bediente erzahlte mir binnen dieser Zeit, dass sein Herr in seiner Einsamkeit ganz tiefsinnig wurde. Wie lieb war mir diese Nachricht! Ich war schwach genug, ihn zu fragen, ob er nichts von mir gesprochen hatte? 'Er lobt Sie uber die Massen', sprach er, 'und fragt mich, sooft ich komme, wie Sie sich befinden, und fragt nach allen Kleinigkeiten.'
Nach drei Tagen war er wieder auf die vorige Art mein Gast. Er kam, und die Unruhe hatte sich in alle seine Blicke verteilet. Er hatte sich durch den Juden ein Kleid nach deutscher Art machen lassen und sah noch einmal so jung aus. Ja, ja, dachte ich, er ist schon, er ist liebenswert, aber nicht fur dich. Ich glaubte, ich hatte alles Bange aus meinem Gesichte vertrieben, als er mich bei der Tafel um die Ursache fragte, warum er mich nicht so zufrieden sahe als das letztemal. Ich erschrak uber mein verraterisches Gesicht und uber die Aufmerksamkeit, mit der er mich betrachtete, und schob die Schuld darauf, dass ich die Erlaubnis noch nicht vom Hofe bekommen hatte, nach Moskau zuruckzukehren. 'Aber', fuhr ich fort, 'was fehlet Ihnen? Die Freude uber Ihre Befreiung herrscht nicht mehr in Ihrem Gesichte. Ist es das Verlangen nach Ihrem Vaterlande, das Sie beunruhiget?' 'Ja, Madame,' sprach er mit niedergeschlagnen Augen. O! wie war mir dieses Ja angenehm, das der Ton, mit dem er's aussprach, zu einem Nein machte. 'Haben Sie vielleicht', fuhr ich fort, 'noch eine Braut in Ihrem Vaterlande, die Sie erwartet? Warum entziehen Sie sich und mir das Vergnugen, von ihr zu sprechen? Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich Ihnen mit der Halfte meines Vermogens dienen will, um Ihre Reise zu beschleunigen und Sie von meiner Freundschaft zu uberzeugen.' Er antwortete mir mit einem verschamten Blicke und sagte weiter kein Wort. Ich wollte nunmehr mein Gluck oder Ungluck mit einem Male wissen. 'Sie schweigen? Also haben Sie eine Braut in London?' 'Nein,' rief er, 'Madame, der Himmel weiss es, dass ich seit dem Tode meiner Braut ohne Liebe gewesen bin. Wie konnte ich Ihnen etwas verschweigen? Ach, wie konnte ich dieses? Ich bitte Sie, vermindern Sie Ihre Gutigkeit gegen mich! Ich bin unruhig, dass ich sie nicht verdiene. Dies ist die wahre Ursache.' Nunmehr war ich zufrieden, und er hatte aus meiner plotzlichen Veranderung leicht mein Herz erraten konnen; allein meine Freude tat bei ihm eine entgegengesetzte Wirkung. Er ward nur trauriger, je mehr ich ruhig war. Ich redte fast allein, und ich studierte seine Augen und sein Herz aus. 'Er liebt dich,' fing ich zu mir selbst an, 'und nichts als die Gesetze der Dankbarkeit und Ehrerbietung legen seiner Liebe ein Stillschweigen auf. Er ist verschamt, das wunschest du; und er wunschet, dass du ihn zu dem Fehler notigen sollst, dir seine Liebe zu gestehen; und dieses verdient er.' Ich verdoppelte meine Gefalligkeit, ohne sie uber die Schranken der Freundschaft zu treiben. Mein Gemahl hatte ein kostbares Haus gebauet. Ich liess alle Zimmer auf der Galerie einheizen und fuhrte ihn nach der Tafel in alle, nur damit ich eine Gelegenheit hatte, ihn langer bei mir zu behalten. Als wir in das grosste kamen, in welchem die Risse und Abzeichnungen von Festungen und Landschaften hingen; so fragte ich ihn, ob er nicht auch einen Teil von seinen Arbeiten hier finde. Ich sah, dass er nicht auf die Abzeichnungen, sondern auf mich achtgab, und belohnte ihn gleich dafur. 'Ich will Ihnen Ihre Stucke zeigen', sprach ich. 'Mein Gemahl hat mir's gesagt, dass die, unter welchen ein S stande, von Ihnen waren. Er mag Sie mit diesen Arbeiten wohl recht gequalt haben.' 'Ach,' sprach er, 'Madame, Sie konnten mich fur alle meine Muhe auf einmal belohnen! Aber nein ...' Ich wusste in der Tat nicht, was er verlangte, und ich bat ihn recht instandig, dass er mir's sagen sollte. 'Wollen Sie mir's vergeben,' rief er, 'wenn ich's Ihnen gestehe? Denn es ist eine Verwegenheit.' 'Ja,' sagte ich. Er offnete darauf die Ture von dem vorhergehenden Zimmer und wies auf mein Portrat. 'Madame, dieses Geschenk wollte ich mir wunschen, wenn ich Siberien verlasse.' Diese Bitte war mir das Angenehmste, was ich von ihm gehoret hatte. Ich gab ihm durch die Art, mit der ich sie anhorte, das Recht, sie zu wiederholen, und er hatte schon das Herz, mich bei der Hand zu fassen und meiner Hand durch die seine, ich weiss nicht was fur verbindliche Dinge zu sagen. Ich begab mich geschwind mit ihm in das Tafelzimmer zuruck, um gleichsam der Gewalt zu entfliehen, die er meinem Herzen antat. Er merkte seinen Sieg nicht und glaubte vielmehr, mich beleidiget zu haben. Er war von der Zeit an fast ganzer acht Tage hindurch nichts als ein Freund, der mir durch eine strenge Ehrerbietung gefallen, oder ein Gast, der durch eine dankbare Schamhaftigkeit meine Hoflichkeiten, die ich ihm alle Mittage erwies, bezahlen wollte. Ich konnte mich in das Geheimnis unsrer Herzen nicht finden. Wir hatten die Erlaubnis, alle Tage miteinander umzugehen. Wir durften uns vor niemanden scheuen als vor uns selbst. Alles stund unter meinen Befehlen, und ich war denen, die um mich lebten, zu gross, als dass ich von ihnen bemerkt zu werden hatte furchten durfen. Demungeachtet schienen wir beide bei aller unsrer Freiheit und bei unserm taglichen Umgange, anstatt dass wir vertrauter hatten werden sollen, einander nur desto fremder zu werden. Er hutete sich, mir die geringste Liebkosung zu machen, und ich nahm mich viel mehr als im Anfange in acht, ihm Gelegenheit dazu zu geben. Wir sahen beide nicht, dass die Behutsamkeit, die wir in unsern Reden und in unsern Handlungen beobachteten, nichts als die starkste Liebe war; oder besser, wir fuhlten die Liebe so sehr, dass wir genotiget wurden, uns strenge Gesetze vorzuschreiben. Ich ahmte ihm nach, und er ahmte an Bescheidenheit mir nach; und was war dieser Zwang anders als die Sorge, einander zu gefallen, und die Ungewissheit, wie wir dieses einander ohne Fehler zu erkennen geben wollten? Alle Augenblicke erwartete ich ein vertrauliches Bekenntnis von ihm und hinderte ihn doch durch mein Bezeigen daran und befriedigte meinen Verdruss mit neuer Hoffnung. Wir hatten uns durch einen Umgang von zehen oder zwolf Tagen so ausgeredet, dass wir fast nichts mehr wussten, und wir wurden desto armer an Gesprachen, je weniger wir unser Herz wollten reden lassen. Wir spielten gemeiniglich nach der Tafel Schach, ein Spiel, das fur Verliebte eher eine Strafe als ein Vergnugen ist, und das uns sehr beschwerlich gewesen sein wurde, wenn es uns nicht das Recht erteilt hatte, einander genauer als ausser dem zu beoachten. Ich liess meine Hand mit Fleiss immer lange auf dem Steine liegen, als wenn ich noch ungewiss ware, ob ich ihn fortrucken wollte; und ich liess sie doch nur fur seine Augen da. Unsere Spiele wurden alle bald aus. Ich verstund es wirklich besser als er; allein ein Blick in seine redlichen und zartlichen Augen und eine kleine Rote oder ein verschamter Seufzer, den ich ihm abnotigte, war genug, mich zu dem einfaltigsten Zuge zu bewegen. Wir wiederholten diesen Zeitvertreib ganze Stunden, ohne zehn Worte zu reden, und wir befanden uns so gut dabei, dass wir recht von der Tafel eilten, um zum Schache zu kommen. Unser Umgang hatte nunmehr ungefahr vier Wochen gedauert, und binnen dieser Zeit hatten wir einander nicht langer als funf Tage nicht gesehen, und dennoch waren wir, so sehr wir einander gefielen, nicht vertrauter als im Anfange; und wir wurden unstreitig diesen Charakter noch langer behauptet haben, wenn unsre Herzen nicht durch einen Zufall ubereilet worden waren. Der Jude besuchte uns namlich unvermutet bei Tische und kundigte Steeleyn an, dass morgen eine Lieferung fur den Hof nach Moskau abgehen wurde, und dass er fur soundsoviel Geld sicher und ziemlich bequem mit fortkommen konnte. Ich erschrak uber diese Nachricht, dass ich nicht ein Wort sagen konnte, und Steeley ebensosehr. 'Wenn,' rief er, 'wenn soll ich fort? Geht nur in mein Quartier, ich will gleich nachkommen.' Der Jude verliess uns. Und nun ging eine traurige Szene an. 'Ach, Madame,' fing Steeley an, und schon liefen ihm die Tranen uber die Wangen; 'ach, Madame, ich soll schon fort? Morgen schon?' 'Und was macht Ihnen denn die Abreise so sauer?' Er entsetzte sich uber diese Frage und geriet in eine kleine Hitze. 'Sie fragen mich noch, was mir meinen Abschied sauer macht? Sie! Sie!' und auf einmal ward er still und suchte seine Wehmut zu verbergen. Mit welcher Entzuckung sah ich mich von ihm geliebt! Ich schwieg still oder konnte vielmehr nicht reden. Er wollte fortgehen, und ich nahm ihn in der Angst bei der Hand. 'Wo wollen Sie hin?' 'Ich will mich', sprach er, 'fur meine Verwegenheit bestrafen, die ich itzt begangen habe, und Abschied von Ihnen nehmen und ...' 'Aber wenn ich Sie nun ersuchte, noch nicht fortzureisen, wollten Sie nicht bei mir bleiben? Wollten Sie nicht Ihr Vaterland, Ihre Freunde einige Zeit spater sehen?' 'Ach, Madame,' rief er, 'ich will alles, ich will mein Vaterland ewig verlassen, fur Sie vergessen. Sagen Sie mir nur, ob Sie mich ob Sie mich hassen?' 'Ich liebe Sie,' fing ich an, 'es ist nicht mehr Zeit, mich zu verbergen; und wenn Sie mich lieben: so bleiben Sie hier und reisen Sie in meiner Gesellschaft!' Nunmehr wagte er die erste Umarmung, und o Himmel! was war dieses nach einem so langen Zwange fur ein unaussprechliches Vergnugen! Wieviel tausendmal sagte er mir, dass er mich liebte, und wievielmal sagte ich's; und durch wie viele Kusse, durch wie viele Seufzer wiederholten wir unser Bekenntnis! Nun redte unser Herz allein. Er fragte mich, ob ich seine Liebe nicht gemerkt hatte, und ich fragte ihn ebendas. Wir erzahlten einander die Geschichte unsrer Empfindungen, und unser Umgang war von dieser Stunde an Liebe und Freude. Die Lieferung ging fort, und mein Liebhaber blieb mit tausend Freuden zuruck. Ich schickte noch ein Memorial an den Hof mit ab, um die Erlaubnis zu meiner Abreise zu beschleunigen.
Waren wir vorher nur halbe Tage beisammen gewesen: so wurden uns nunmehr ganze noch zu unserer Liebe zu kurz. Er suchte meine Liebe, die er schon gewiss besass, durch die bescheidne Art, mit der er sie genoss, erst zu verdienen; und ich, die ich acht Jahre vermahlt gewesen, ohne die Liebe zu kennen, lernte ihren Wert unter den unschuldigsten Liebkosungen erst schatzen. Ich versprach ihm, wenn er mir nicht nach Kurland folgen wollte, mit ihm in sein Vaterland zu gehen, und wenn ich in Moskau die Erlaubnis dahin zuruckzukehren, nicht erhalten konnte, mich mit ihm ins geheim wegzubegeben. 'Bis auf diese Zeit', sprach ich, 'bin ich Ihre Braut und, sobald wir uns an einem Orte niederlassen, Ihre Gemahlin.'
Wir unterhielten uns mit den Vorstellungen von unserm kunftigen Glucke noch vierzehn Tage, als ich endlich die Erlaubnis und die Passeporte vom Hofe erhielt, mich nach Moskau zuruckzubegeben. Mein Liebhaber war gleich bei mir. Und wie eilten wir, aus diesem traurigen Lande zu kommen! Der Kommendant von einem nah gelegenen Schlosse war zum Nachfolger meines Gemahls ernannt. Ich ubergab ihm binnen acht Tagen die Rechnungen meines Gemahls; allein er sah sie nicht an. 'Ihr Gemahl', sprach er, 'war mein guter Freund und auch ein Freund des Hofs. Er wird schon gut hausgehalten haben, und ich bin alt genug, ihm bald im Tode nachzufolgen.' Ich bat ihn, dass er Befehl zu meiner Abreise geben und die Mobel und das Haus meines Gemahls von mir zum Abschiede annehmen sollte. 'Ich nehme es an,' sprach er; 'Sie aber haben die Freiheit, was Ihnen gefallt, mit sich zu nehmen; die Ihrem Stande gemasse Bedeckung ist alle Stunden zu Ihren Diensten.'
Ich reiste also mit zween Wagen unter einer starken Bedeckung in der Mitte des Junius fort. Mein Gemahl hatte mir uber hunderttausend Rubeln meistens an Golde und Juwelen hinterlassen. Die eine Halfte nahmen wir auf unsern Wagen und die andre auf den, wo unser Christian nebst einigen befreiten Gefangnen sass. Steeley liess, ehe wir abreisten, alle Gefangne in und um Tobolskoy herum kleiden, sie drei Tage speisen und jedem etliche Rubeln geben. Es mochten ihrer etliche funfzig sein.
Wir kamen nach einer beschwerlichen Reise von funf Wochen, die wir Tag und Nacht fortsetzten (weil die Nacht in den warmen Monaten fast so hell wie der Tag bleibt), glucklich in Moskau an. Ich wollte nicht offentlich bei Hofe erscheinen, und ich suchte nichts, als der Geliebten des Zars, deren Fraulein ich gewesen war, ins geheim aufzuwarten. Die grossmutige Katharina empfing mich auf dem Lustschlosse Taninska sehr liebreich. Ich musste acht Tage bei ihr bleiben; allein alle die Gnade, die sie mir unter dieser Zeit erwies, war mir ohne meinen Geliebten eine unertragliche Last. Sie horte, dass ich nichts wunschte als das Gluck, nach Kurland zuruckzukehren, und sie verschaffte mir's, weil sie nur befehlen durfte. Ich eilte nach der Stadt zuruck und liess meinen lieben Reisegefahrten, der bei dem englischen Kaufmann abgetreten war, aufsuchen. Mein Christian brachte mir die betrubte Nachricht, dass er krank und nicht imstande ware, zu mir zu kommen. Ich liess mich den Augenblick zu ihm fahren. Seine Krankheit war nichts als der Kummer um mich. 'Ach,' rief er mir entgegen, 'habe ich Sie nicht verloren? Sind Sie noch meine bestandige Freundin?' Ich bewies es ihm und blieb den ganzen Tag bei ihm. Er zeigte mir Briefe aus London und insonderheit die, welche der Herr Graf an ihn zuruckgelassen hatte. Es war wirklich mein Vorsatz, nach Kurland zu gehen, und nichts als die Schwachheit meines Geliebten hinderte die Abreise. Endlich erhielt er Briefe von dem Herrn Grafen. 'Ach,' sprach er zu mir, 'er hat seine Gemahlin wiedergefunden, er lebt mit ihr in Holland. Wollen wir nicht zu ihm reisen? Wie glucklich wurden wir bei ihm sein!' Mehr brauchte er nicht, um mich meinem Vaterlande zu entziehen.
Nun war es beschlossen, wir gingen nach Holland. Ich setzte mich mit ihm zu Ende des Augusts zu Schiffe, und auch die See ward mir durch die Liebe angenehm. Wir haben nichts als eine kleine Seekrankheit und etliche Sturme ausgestanden, die uns nichts getan, als dass sie uns ein paar Wochen langer auf der See aufgehalten haben. Wir sind schon vor vier Tagen ans Land gestiegen und gestern fruh zu Lande hier angekommen."
Dies war die Geschichte von Amaliens und Steeleys Liebe.
Die beiden ersten Tage verstrichen uns unter lauter Erzahlungen, und der dritte war der Vermahlungstag. Ich und Karoline kleideten unsere Braut an und verliebten uns recht in sie, so reizend war sie; allein der, fur den sie so reizend war, hatte nicht weniger mannliche Schonheiten. Wir fuhrten sie in sein Zimmer. "Jetzt", sprach sie, "ist es noch Zeit, wenn Sie Lust haben, eine andere zu wahlen", und umarmte ihn. R... kam bald darauf mit seinem guten Freunde, einem Prediger bei der franzosischen Gemeine, der sie vermahlen sollte. Er hatte ihm die Umstande von beiden gesagt. Wir setzten uns nieder, und wir wussten nicht, dass unser Geistlicher eine Rede halten wurde. Er tat es mit so vieler Beredsamkeit und mit so vielem Geiste, dass wir alle ausser uns kamen und uns keine grossere Wollust auf diesen Tag hatten erdenken konnen. Er redte von den wunderbaren Wegen der Vorsehung bei dem Schicksale der Menschen. Man stelle sich den Grafen und Steeleyn mit allen ihren Unglucksfallen, seine Braut, mich, kurz, uns alle vor, wenn man wissen will, was diese vernunftige Rede fur einen Eindruck in unsere Herzen machte. Unsere Seele erweiterte sich durch die hohen Vorstellungen, um den Umfang der gottlichen Ratschlusse in Ansehung unsers Schicksals zu ubersehen, und die Empfindungen der Verwunderung und der Dankbarkeit wuchsen mit unsern erhabnen Vorstellungen. Leuten, die niemals im Unglucke gewesen, Leuten, die zu frostig sind, andrer Ungluck zu fuhlen, wird das Vergnugen, das wir aus dieser Rede schopften, als ein scheinheiliges Ratsel vorkommen. Sie werden sich nicht einbilden konnen, wie sich solche ernsthafte Betrachtungen zu einem Tage der Freude und der Liebe schicken; allein sie werden mir auch nicht zumuten, dass ich ihnen eine Sache beweisen soll, die auf die Empfindung ankommt.
So verging der Vormittag, und Steeley und Amalie waren verbunden, und unser Bundnis war auch wieder erneuert. Unser Geistlicher, der uns ein recht lieber Gast gewesen sein wurde, wollte nicht bei uns bleiben, so sehr wir ihn auch baten. Er sagte, dass er den Nachmittag bei einem jungen Menschen zubringen wurde, der sich aus Schwermut das Leben hatte nehmen wollen, aber noch an dem Selbstmorde gehindert worden ware. Er bat uns, ob wir nicht zur Verbesserung seiner elenden Umstande etwas beitragen und ihn mit einigen Arzneien versehen lassen wollten, damit nicht die Krankheit des Gemuts durch ein verdorbnes Blut noch mehr unterhalten wurde. Weil es schien, dass er die besondern Umstande dieses Menschen mit Fleiss verschwieg: so wollten wir nicht zur Unzeit neugierig sein. Wir fragten also nichts, als wo er anzutreffen ware Er nannte uns eine alte Schifferin, die ihn, wie er gehort, nur vor etlichen Tagen in ihre Hutte aus Mitleiden eingenommen, in der er sich gestern durch ein Messer, doch ohne Lebensgefahr, verwundet hatte. Wir sagten ihm, dass er nicht bitten, sondern uns vorschreiben sollte, wie er's mit dem Kranken gehalten wissen wollte; weil wir gar keine Uberwindung notig hatten, einem Elenden mit einem Teile von unserm Vermogen zu dienen. Wir schickten ihm, sobald der Geistliche weg war, Betten und andere Sachen. Unser Doktor musste kommen; und das ungluckliche Madchen, von der ich oben geredt habe, und die itzt Aufseherin in meinem Hause war, musste ihn zu dem Kranken begleiten, um zu horen, was er fur Anstalten wegen der Speisen und des Getranks machen wurde, damit sie alles nach seiner Vorschrift einrichten konnte.
Wir setzten uns zur Tafel, und wir waren eines solchen Tages nicht wert gewesen, wenn wir ihn nicht zu geniessen gewusst hatten. Eins war zu dem Vergnugen des andern sinnreich; und Kleinigkeiten, die andre aus Mangel der Vertraulichkeit oder auch des Geschmacks vorubergehen, dienten uns in unsrer Gesellschaft zu neuen Unterhaltungen und erhielten durch die Art, mit der wir uns ihrer bedienten, den Wert, den die prachtigsten Mittel der Freude am wenigsten haben. Kleine Zankereien, die Amalie mit Steeleyn wegen des kosakischen Madchens anfing, kleine Vorwurfe, womit wir einander erschreckten, beseelten unsere Vertraulichkeit, und jeder unschuldige Scherz gab uns eine neue Szene des Vergnugens. Die Aufseherin, die wir zu dem Kranken geschickt hatten, kam mit offnen Armen zuruck und erzahlte uns, dass sie ihren ungetreuen Liebhaber wiedergefunden, und dass es der Elende selbst ware, fur den wir gesorgt hatten. "Er", rief sie, "hat mir alles mit tausend Tranen abgebeten; und ich habe ihm alles vergeben, und ich bitte fur ihn. Sein Gewissen hat ihn mehr als zu sehr bestraft!" Er sagte mir, dass er sich, da er mich so boshaft verlassen, nach Harlem gewendet und sich allen Ausschweifungen uberlassen hatte, um nicht an das zu gedenken, was er getan. Einige Monate sei es ihm gelungen, nach dem aber hatte er sich der entsetzlichen Vorstellungen, dass er mich und die Frucht unsrer Liebe durch seine Untreue vielleicht ums Leben gebracht, nicht langer erwehren konnen. Sie hatten ihn genotiget, an den Ort zuruckzukehren, wo er mich verlassen, und da er weder das Herz gehabt, sich genau nach mir zu erkundigen, noch auch gewusst hatte, wo er es tun sollte: so hatte ihn endlich eine alte Schifferin auf ebender Wiese, wo er von mir gewichen, und auf der er schon zween Tage zugebracht, in der grossten Verzweiflung angetroffen und ihn mit sich in ihre Hutte genommen. Hier hatte er, da er ohne dies nichts mehr zu leben gehabt, sein Elend durch den Selbstmord endigen und sich zugleich fur seine Bosheit bestrafen wollen. "Es steht bei Ihnen," fuhr sie fort, "ob Sie ihm durch Ihre Wohltaten das Leben und mich wiedergeben wollen. Ich liebe ihn, als ob er mich nie beleidiget hatte; allein (hier sah sie mich an) Sie zu verlassen, das kann ich nicht ..." Sie verdiente unsere Gewogenheit und unser Vergnugen uber ihr Gluck. Wir liessen ihren Liebhaber in das Haus neben uns bringen und besuchten ihn den Abend noch. Seine Wunde war nicht gefahrlich, und die Freude, seine Geliebte wiedergefunden zu haben, hatte ihm so viel Lebhaftigkeit erteilt, dass er mit uns sprechen und uns seinen Fehler abbitten konnte. Er wollte uns alles erzahlen: allein wir waren mit seiner Reue zufrieden und erliessen ihm die Scham, sein eigner Anklager zu werden. Wir sahen in seinem zerstreuten und ausgezehrten Gesichte noch Spuren genug von einer angenehmen Bildung und einem zartlichen Herzen. Er war noch nicht vierundzwanzig Jahre alt und wegen seiner Jugend der Vergebung und des Mitleids desto wurdiger.
Den Rest des Abends brachten wir mit einer Musik zu, die wir uns selber machten. Ich spielte den Flugel, und bald sang ich selbst, bald Amalie oder Karoline dazu. Meine kleine Tochter, die in das sechste Jahr ging, war so verwegen, Steeleyn zu einem Tanze aufzufordern, und sie hatte uns bald alle zu dieser Lust verfuhrt. Wir fuhrten endlich unsre beiden Vermahlten in ihr Schlafzimmer und uberliessen sie den Wunschen der Liebe.
Als ich mich den Morgen darauf noch mit dem Grafen beratschlagte, was wir unserm Paare heute fur ein Vergnugen machen wollten, trat ein Bedienter herein und sagte, dass ein Engellander meinen Gemahl sprechen wollte. Sobald er die Tur offnete, so sagte uns sein Gesicht, dass es Steeleys Vater ware. Er hatte ein eisgraues Haupt; aber seine muntern Augen, sein rotes Gesicht und trotziger Gang widerlegten seine Haare. "Ich suche", fing er auf franzosisch an, "meinen Sohn bei Ihnen; oder da ich in meinem Leben wohl nicht so glucklich sein werde, ihn wiederzusehen: so will ich wenigstens horen, ob Sie nicht wissen, wo er ist. Meine Nachricht aus Moskau geht nicht weiter, als dass ich gewiss weiss, dass er aus seinem Elende in Siberien hat sollen befreit werden. Und aus Verlangen, einen so teuren Freund von meinem Sohne zu sprechen, bin ich in meinem neunundsiebenzigsten Jahre noch einmal zur See gegangen." "Ihre Reise", fing mein Gemahl an, "soll Sie nicht gereuen. Ich habe Briefe von Ihrem Sohne aus Moskau und kann Ihnen die erfreuliche Nachricht von seiner baldigen Ankunft zum voraus melden. Wie lange konnen Sie sich hier aufhalten?" "Das ganze Jahr hindurch," sprach der Alte, "und noch langer, wenn ich meinen Sohn erwarten kann." Mein Gemahl befriedigte seine vaterliche Neubegierde mit einigen besonderen Nachrichten, und ich eilte zu unserm zartlichen Paare, um zu sehen, ob sie angekleidet waren. Sie gingen beide noch in ihren Schlafkleidern, und ich liess dem Grafen heimlich sagen, dass sie aufgestanden waren. "Mein Gemahl", sprach ich nach einigen kleinen Fragen, "wird gleich kommen und Sie zu einer Spazierfahrt einladen." Indem offnete er schon die Ture und trat mit dem Alten herein. In dem Augenblick riss sich Steeley von seiner Gemahlin, die ihn in den Armen hatte, los und lief auf seinen Vater zu. Der Alte sah ihn nach der ersten Umarmung lange an, ohne ein Wort zu sagen. "Ja," rief er endlich, "du bist mein Sohn, du bist mein lieber Sohn. Gottlob! nun will ich gern sterben. Mein Sohn, gib mir einen Stuhl, meine Fusse wollen mich nicht mehr halten!" Amalie langte ihm einen, und wir traten alle vor ihn. Seine erste Frage war, wer Amalie ware. "Seit gestern", sprach sie, "bin ich die Gemahlin Ihres Sohnes. Sind Sie mit seiner Wahl zufrieden?" Er nahm sie recht liebreich bei der Hand. "Ist es gewiss, dass Sie meine Tochter sind: so kussen Sie mich und sagen Sie mir, aus welchem Lande Sie sind!" Er machte ihr darauf die grossten Liebkosungen und tat allerhand Fragen, die seinem ehrlichen Charakter gemass und uns deswegen angenehm waren, wenn sie gleich nicht die wichtigsten waren. Es missfiel ihm, da er horte, dass wir nicht getanzt hatten. "Nicht getanzt?" fing er an, "wie traurig muss diese Hochzeit gewesen sein! Nein, was unsere Vorfahren fur gut befunden haben, dass muss man nicht abkommen lassen. An seinem Hochzeittage muss man froh sein. Wenn wir nach London kommen: so will ich alles so anordnen, wie es an meiner Hochzeit war. Es sind, gottlob! schon funfzig Jahre verstrichen, und ich weiss alles noch so genau, als ob es erst gestern geschehen ware. Es ist wahr," sprach er zu Amalien, "Sie sehen viel schoner aus als meine selige Frau an ihrem Brauttage sah; aber sie war viel besser angezogen." Er beschrieb ihr mit der Freude eines Alten, dem das gefallt, was in seiner Jugend Mode gewesen, den ganzen Anzug seiner Frau, und sie versprach ihm, wenigstens um den Kopf und den Hals einen Teil von diesem Staate nachzuahmen. Sie tat es auch; und in einem engen Leibchen und grossen weiten Armeln, drei- oder viermal mit Bande gebunden, und in Locken, die bis auf die Schultern hingen, gefiel sie ihm erst recht wohl. Sein Sohn musste ihm sein Schicksal erzahlen. Er weinte die bittersten Tranen, wenn Steeley auf eine betrubliche Begebenheit kam; und mitten unter den Tranen machte er hier und da noch allerhand Anmerkungen. Er fuhr ihn z.E. bei dem Anfange seiner Geschichte recht vaterlich an, dass er den Gesandten verlassen hatte und ein Soldat geworden ware. Bald darauf umarmte er ihn, dass er so rechtschaffen an dem Grafen gehandelt hatte, als er auf dem Wege krank geworden. "Da erkenne ich meinen Sohn", rief er. "Gott weiss es, ich hatte es ebenso gemacht; das heisst seinen Freunden in der Not dienen! " Bei der Begebenheit mit dem Popen in Russland machte er ihm keine Vorwurfe. "Deine Liebe zur Wahrheit", sprach er, "ist dir freilich ubel bekommen, und ich wunschte, es ware nicht geschehen; aber es ist doch allemal besser, seine Meinung frei herauszusagen, als mit einer niedertrachtigen Furchtsamkeit zu reden. Ich sehe dich, weil die Sache von der Religion hergekommen ist, als einen Martyrer an; und ich danke Gott fur den Mut, den er dir gegeben hat." Bei den grossen Diensten, die der Graf Steeleyn in Siberien erwiesen, nahm er eine recht majestatische Miene an. "Nun," sprach er, "das ist Grossmut! Mehr kann kein Freund an dem andern tun. Ach, Herr Graf, Sie haben noch ein redlicher Herz als ich und mein Sohn. Ihnen habe ich meinen Sohn zu danken. Ja, in meinem ganzen Leben, noch in jenem Leben will ich Sie ruhmen!" Die Geschichte der Liebe mit Amalien trug Steeley auf der Seite vor, wo er wusste, dass sie seinen Vater am meisten ruhren wurde. Er liess alles Freundschaft in ihrem Umgange sein und die Liebe nicht eher als kurz vor der Abreise aus Moskau entstehen. Alles gefiel ihm, alles war schon an Amalien und je mehr er aus der ganzen Erzahlung schloss, dass Amalie vor ihrer Vermahlung seinem Sohne keine vertrauliche Liebe erlaubt desto freudiger ward er, und desto mehr Hochachtung bezeigte er ihr. Da die Erzahlung geendigt war, umarmte er Amalien noch einmal. "Ach," sprach er, "mein Sohn ist Ihrer nicht wert. Er verdienet eine liebe Frau; aber wodurch hat er Sie verdienet? Kommen Sie mit nach London, ich habe ein grosses Haus, und es ist in der ganzen Welt nicht besser als in London!" "Was," fing sie an, "als in London?" "Und hier bei Ihnen", fuhr er lachelnd fort und fragte mich, ob ich ihn denn auch etliche Tage bei mir behalten und mir seine Art zu leben, die nicht nach der Welt ware, gefallen lassen wollte. Er war wirklich bei allen seinen kleine Fehlern ein recht liebenswurdiger Mann, und die Aufrichtigkeit, mit der er sie beging, machte sie angenehm. Er war dreist, ohne die Hoflichkeit zu beleidigen, und seine Vorurteile waren entweder unschuldig oder doch dem Umgange nicht beschwerlich. Wir begingen diesen und den folgenden Tag das Hochzeitfest nach seinem Plane. Er war auf die anstandigste Art munter und weckte uns alle durch sein Beispiel auf. Sein Leibspruch war: man kann fromm und auch vergnugt sein. "Mein Sohn", sprach er, "hat mir viel bekummerte Stunden gemacht, nun soll er mir freudige Tage machen." Er tanzte denselben Abend bis um eilf Uhr und war gegen R... und den Grafen und gegen seinen Sohn selbst ein Jungling. "Das heisst", fing er an, "recht ausgeschweift. So spat bin ich seit vierzig Jahren nicht zu Bette gegangen. Aber ist doch das Tanzen keine Sunde! Wenn ich nun auch diese Nacht sturbe: so wurde mir meine Freude doch nichts schaden." R... fragte ihn bei dieser Gelegenheit, wie er sich denn bis in sein hohes Alter so munter erhalten, und wodurch er die Furcht vor dem Tode besiegt hatte, da er ihm nach seinen Jahren so nahe ware. "Dass ich noch so munter bin," sprach er, "das ist eine Gabe von Gott und eine Wirkung eines ordentlichen Lebens, zu dem ich von den ersten Jahren an gewohnet worden bin. Und warum sollte ich mich vor dem Tode furchten? Ich bin ein Kaufmann; ich habe meine Pflicht in acht genommen; und Gott weiss, dass ich niemand mit Willen um einen Pfennig betrogen habe. Ich bin gegen die Notleidenden gutig gewesen, und Gott wird es auch gegen mich sein. Die Welt hier ist schon; aber jene wird noch besser sein ..." Musste man einen solchen Mann nicht lieben, der von Jugend auf mit dem Gewinne umgegangen war und doch ein so edelmutiges Herz hatte? Er bezeigte uber das grosse Vermogen, das Amalie besass, keine besondere Freude. "Mein Sohn," sprach er, "du hast ein Gluck mehr als andere Leute; aber du hast auch eine Last mehr, wenn du dein Gluck recht brauchen willst."
Nachdem er das Vergnugen eingesammelt hatte, das sich ein Vater in seinen Umstanden wunschen konnte: so waren alle unsere Bitten nicht vermogend, ihn von der Ruckkehr in sein Vaterland abzuhalten. "Ich will in London sterben", sprach er, "und bei meiner Frau begraben werden; lassen Sie mich reisen, ehe die See sturmisch wird. Ich will Ihnen meinen Sohn zurucklassen und zufrieden sein, wenn er kunftiges Jahr zu mir kommt." Der junge Steeley wollte seinen Vater nicht allein reisen lassen und sich doch auch nicht von uns trennen. Mit einem Worte: wir entschlossen uns alle, Karolinen ausgenommen, ihn nach London zu begleiten und den Winter uber dazubleiben. Dieses hatte der Alte gewunscht, aber nicht das Herz gehabt, es uns anzumuten. Ehe wir fortgingen, stifteten wir noch ein gutes Werk. Wid, so hiess der junge Mensch, der seine Geliebte ehemals verlassen hatte, war vollig von seiner Krankheit wiederhergestellt. Er wunschte nichts als seine Braut zu besitzen und mit seinem Vater wieder ausgesohnt zu werden. Wir hatten an ihn geschrieben; aber er wollte nichts von seinem Sohne mehr wissen und versicherte uns, dass er ihn, so geringe sein Vermogen ware, doch schon enterbt hatte. Der junge Wid dauerte uns, und wir sahen, dass er die Torheit seiner Jugend in seinen mannlichen Jahren wieder gutmachen wurde. Er hatte in Leiden bis in sein siebenzehntes Jahr studiert und nach dem auf seines Vaters Willen in ein Kontor gehen mussen. Andreas war auf das erste Wort willig, ihn in seine Handlung zu nehmen. Wir machten ihm eine kleine Hochzeit. Amalie stattete die Braut sehr reichlich aus, und der alte Steeley und der Graf gaben ihm auch tausend Taler. Wir streckten ihm uberdies noch ein Kapital in die Handlung vor und meldeten alles dieses seinem Vater, um ihn desto eher zu gewinnen. Wir uberliessen also Karolinen unsre Tochter und unser Haus zur Aufsicht und gingen zwolf Tage nach des alten Steeley Ankunft zur See. Der Wind war uns so gunstig, dass wir in wenig Tagen nur noch etliche Meilen von London waren. Wir trafen ein Paketboot an, und um eher am Lande zu sein, setzten wir uns in dieses; allein zu unserm Unglucke. Wir waren alle in dem Boot bis auf den alten Christian der Amalie. Dieser wollte seinem Herrn die Schatulle, in welcher der grosste Teil von Amaliens Vermogen an Kleinodien und Golde war, von dem Schiffe zulangen. Steeley und ein Bedienter des Grafen griffen auch wirklich darnach; allein vergebens. Christian, es mag nun seine Unvorsichtigkeit oder das Schwanken des Schiffes schuld gewesen sein, liess vor unsern Augen die Schatulle in die See fallen und schoss in dem Augenblicke, entweder aus Schrecken, oder weil er sich zu sehr uber Bord gehoben hatte, selbst nach. Wir hatten alle Muhe, ihm das Leben zu retten, und ein Schatz von mehr als funfzigtausend Talern war in einem Augenblicke verloren. "Bin ich Ihnen", fing endlich Amalie zu ihrem Manne an, "noch so lieb als zuvor?" Steeley beteuerte es ihr mit einem heiligen Schwure, und nun war sie zufrieden. Der alte Steeley, sowenig er das Geld liebte, konnte doch den Zufall nicht vergessen Er hielt dem alten Christian eine lange Strafpredigt. Endlich nahm er Amalien bei der Hand. "Sei'n Sie getrost," sprach er, "ich habe, gottlob! so viel, dass Sie beide nach meinem Tode ohne Kummer miteinander werden leben konnen." Den armen Christian kostete diese Begebenheit dennoch das Leben. Er kam krank nach London und starb bald nach unsrer Ankunft. Amalie und Steeley hatten eine ausserordentliche Liebe fur diesen Menschen, und sie liessen ihn den verursachten Verlust so wenig entgelten, dass sie ihn vielmehr fur seine Treue auf die grossmutigste Art noch auf seinem Sterbebette belohnten. Sobald sie vom Doktor horeten, dass wenig Hoffnung zu seinem Aufkommen ubrig ware: so liessen sie ihn in ein Zimmer neben dem ihrigen legen, um ihn recht sichtbar zu uberfuhren, dass sie nicht auf ihn zurnten; denn dieses war sein Kummer. Kurz vor seinem Tode besuchte ich ihn noch mit Amalien. Der alte Steeley kam auch und setzte sich vor das Bette des Kranken, um ihn sterben zu sehen. "Er hat ein sanftes Ende," fing er zu uns an, "und wenn es sein musste, ich wollte gleich mit ihm sterben."
Der Sterbende schien sich noch einmal aufrichten zu wollen, und in dem schoss ihm ein Strom vom Blute aus dem Munde, und Christian war tot. "Bin ich nicht erschrocken!" rief der Alte zitternd. Wir wollten ihn in das andere Zimmer fuhren; allein er konnte sich nicht aufrecht erhalten, und wir mussten ihn hineintragen lassen. "Lasst mir meinen Grossvaterstuhl bringen," fing er an, "in diesem will ich sterben, ich fuhle mein Ende." Man brachte ihm den Stuhl, und er liess ihn vor das Fenster, das nach dem Garten ging, setzen, damit er den Himmel ansehen konnte. Er hub seine Hande auf und bat uns (wir waren alle zugegen), dass wir ihn nicht storen sollten. Nachdem er sein Gebet verrichtet, rief er seinen Sohn: "Ich fuhle es," sprach er, "dass ich bald sterben werde. Der gute Christian hat mich recht erschreckt; aber wer kann dafur! Hier hast du den Schlussel zu meinem Schreibtische. Gott segne dir und deiner Frau das Vermogen, das ich euch hinterlasse; es ist kein Heller von unrechtmassigem Gute dabei." Der Doktor, nach dem wir geschickt hatten, kam und offnete ihm eine Ader, wozu der Alte anfangs gar nicht geneigt war. Doch es ging kein Blut. Er schlug ihm eine an dem Fusse, und auch da kam keines. "Sieht Er," sprach der Alte, "dass Seine Kunst nichts hilft, wenn Gott nicht will? Was hat Er nunmehr fur Hoffnung?" "Keine", sprach der Medikus. "So gefallt Er mir," war seine Antwort, "wenn Er aufrichtig redt." "Bedienen Sie sich", fuhr der Doktor fort, "der guten Augenblicke, wenn Sie noch einige Anstalten zu treffen haben." Der Alte lachelte: "Als wenn ich in achtzig Jahren nicht Zeit genug gehabt hatte, die Anstalten zu meinem Tode zu treffen. Gott", fuhr er fort, "kann mich rufen, wenn er will, ich bin fertig bis auf das Abschiednehmen. Wo sind meine Kinder und meine lieben Gaste?" Wir traten alle mit tranenden Augen vor ihn, und er nahm von einem jeden insbesondere Abschied. "Ach," fing er darauf an, "wie schon wird's in jener Welt sein! Ich freue mich recht darauf; und wen werde ich von Ihnen am ersten da umarmen? Es wird mir ganz dunkel vor den Augen; aber sonst ist mir recht wohl, recht " Bei diesen Worten uberfiel ihn eine Ohnmacht, und bald darauf starb er.
Der Anfang unsers Aufenthalts in London war also traurig, und das Gerausche der Stadt und der Besuch war uns so beschwerlich, dass wir uns gleich nach der Beerdigung entschlossen, den Rest des Herbsts und den Winter selbst auf Steeleys Landgute, das etliche Meilen von London war, zuzubringen.
Wir lebten daselbst sechs Monate recht zufrieden und meistens einsam, ausser dass wir zuweilen die Schwester von der ehemaligen Braut unsers Steeleys besuchten und wieder von ihr besuchet wurden. Sie war von ihrer ganzen Familie noch allein am Leben und entschlossen, niemals zu heiraten. Niemand als sie wusste, wer mein Gemahl war; denn die andern Nachbarn kannten ihn nicht anders, als unter dem Namen des Herrn von Lowenhoek. Dieses Frauenzimmer, die nichts weniger als schon war, besass doch die liebenswurdigsten Eigenschaften. Amalie, sie und ich brachten manche Stunde bei der Gruft ihrer Schwester zu und ehrten ihr Andenken mit unsern Tranen.
Es war Fruhling, und viele Familien aus London besuchten nunmehr das Land. Das nachste Gut an dem unsrigen gehorte dem Staatssekretar Robert. Dieser hatte mit Steeleyn ehemals in Oxford studiert, und Steeley war sehr begierig, ihn nach so vielen Jahren einmal wiederzusehen. Er schrieb an ihn, sobald er horte, dass er auf dem Landgute angekommen war, und bat um die Erlaubnis, dass er ihn nebst seiner Frau und noch ein paar guten Freunden besuchen durfte. Robert, der noch gar nicht gewusst hatte, dass Steeley wieder aus Moskau zuruckgekommen war, schickte ihm den andern Tag eine Antwort voller Sehnsucht und Freundschaft und zugleich seinen eigenen Wagen. R... war unpass, und wir fuhren also ohne ihn zu Roberten und kamen kurz vor der Mittagsmahlzeit an. Er empfing uns mit vieler Hoflichkeit, und Steeley prasentierte ihm meinen Gemahl unter seinem angenommenen Namen als einen Freund, den er mit aus Siberien gebracht. Unser Wirt, der ganz allein war, notigte uns ohne Verzug zur Tafel, damit er ungestort mit uns reden konnte. Wir hatten uns kaum niedergesetzt und ausser den Komplimenten noch nichts gesprochen, als der Bediente des Staatssekretars hereintrat und jemanden anmeldete, aber so sachte, dass wir nichts als das Wort Abgesandter verstehen konnten. "Mussen wir denn gestort werden?" fing Robert ganz zornig an, und eilte den Augenblick nebst dem Bedienten aus dem Zimmer. Wir blieben sitzen und erwarteten mit grosstem Verdruss den neuen Gast; aber, o Himmel! was fur ein Augenblick war das fur mich und den Grafen, als Robert den Prinzen von S... hereingefuhrt brachte! Wir sprangen beide von der Tafel auf und wussten nicht, ob wir in dem Zimmer bleiben sollten. Der Prinz trat auf mich zu, als ob er seinen Augen nicht trauen wollte; in dem sah er den Grafen und erschrak, dass er blass wurde. Robert merkte nichts von diesem Geheimnisse und notigte den Prinzen und uns, die er seine Freunde nannte, an die Tafel. Der Prinz bedankte sich und sagte, dass er schon gefruhstucket hatte und nur gekommen ware, sich einige Stunden mit der Jagd zu vergnugen. Robert antwortete, dass er ihm Gesellschaft leisten wollte; allein er nahm es nicht an. "Geben Sie mir Ihren Jager mit," sprach er ganz zerstreut; "auf den Abend will ich gewiss Ihr Gast sein." In dem machte er uns allen ein Kompliment, und Robert begleitete ihn. "Ach," fing mein Gemahl zu Steeleyn an, "wo haben Sie uns hingefuhrt? Wie wird mir's und meiner Gemahlin ergehen? Das war der Prinz von S... Er wird in den Verrichtungen seines Konigs hier sein, und ich, ich " Robert kam mit einer unruhigen Miene wieder. "Ich weiss nicht," sprach er, "warum der Prinz so besturzt war. Er muss jemanden von Ihnen kennen oder zu kennen sich einbilden. Er fragte insonderheit nach Ihnen (er meinte den Grafen); allein ich sagte ihm, dass ich mit meinen Gasten selbst noch nicht bekannt ware. Er ist in den Angelegenheiten des Konigs von Schweden seit kurzer Zeit hier und wird vermutlich bald wieder von hier zur Armee abgehen." Unser Wirt schloss aus unsrer Besturzung auf ein Geheimnis und bat, dass wir ihm die Sache entdecken sollten, wenn sie nicht von Wichtigkeit ware. "Ich will Ihnen alles sagen", fing der Graf an, "und zum voraus um Ihren Schutz bitten, wenn ich ihn verdiene. Ich bin der Graf von G... Mein Name wird Ihnen durch mein Ungluck vielleicht schon bekannt sein. Ich bin vor zehen Jahren als ein schwedischer Obrister so unglucklich gewesen, dass mir das Leben durch das Kriegsrecht abgesprochen worden ist." Darauf erzahlte er ihm das ubrige, und wie er zu seiner Sicherheit als ein Gefangner der Russen den Namen Lowenhoek angenommen. "Der Prinz", fuhr er fort, "ist mein Feind, und meine Verurteilung ist vielleicht eine Wirkung seiner Rache gewesen. Ich will Ihnen die Ursache nicht sagen, wodurch er bewogen worden, meinen Untergang zu suchen. Sie ist ihm vielleicht nachteiliger als seine Rache selbst. Ich schliesse aus seiner Besturzung dass er mich fur tot muss gehalten haben, und wer weiss, ob nicht die Zeit seinen Hass gegen mich vertrieben hat. Bin ich", schloss er endlich, "nicht so unschuldig, als ich Ihnen gesagt habe: so lasse mich Gott noch durch die Verfolgung dieses Prinzen sterben!" Unser Wirt, dem das Blut vor edler Empfindung in das Gesicht trat, reichte dem Grafen die Hand. "Bleiben Sie bei mir", sprach er. "Ich will alle mein Ansehen bei Hofe zu Ihrer Sicherheit anwenden, und wenn das nicht hilft, mein Leben. Verlassen Sie sich auf mein Wort, ich bin ein ehrlicher Mann. Ich will dem Prinzen in etlichen Stunden entgegenfahren und ihn zuruckholen, und bei meiner Zuruckkunft will ich Ihnen sagen, was Sie tun sollen. Erzahlen Sie mir indessen alles, was zu Ihrem Schicksale gehoret; denn ich sehe doch; dass wir itzt nicht essen konnen." Wir taten es. "Ich bin Ihr Freund," fing Robert endlich an, "mehr kann ich Ihnen nicht sagen; ich will es Ihnen aber beweisen." Er fuhr nunmehr dem Prinzen entgegen und bat, dass wir uns bis zu seiner Zuruckkunft in dem Garten aufhalten sollten. Wir erwarteten ihn daselbst zwischen Furcht und Hoffnung und waren beinahe entschlossen, ohne seine Erlaubnis wieder zuruckzukehren. Endlich sahen wir ihn nebst dem Prinzen in den Garten kommen, und mein ganzes Herz emporte sich uber diesen Anblick. Der Prinz ging gerade auf den Grafen zu, der die Augen niederschlug, und umarmte ihn, nachdem er mir und Amalien ein Kompliment gemacht. "Ich bin Ihr Freund," sprach er, "wenn ich's auch nicht immer gewesen bin, und ich wunschte, dass Sie der meinige werden mochten. Wir haben Sie alle fur tot gehalten. Ich weiss, dass Ihnen bei der Armee zuviel geschehen ist, und es kommt auf Sie an, was Sie fur eine Genugtuung fordern wollen." "Keine", antwortete der Graf, "als diejenige, die Sie mir schon erteilt haben, namlich, dass ich unschuldig und der Gnade des Konigs nicht unwert bin." "Sie sind ihrer so wert," versetzte der Prinz, "dass ich Ihnen in seinem Namen zweierlei zum voraus verspreche. Wollen Sie mit nach Schweden und zur Armee zuruckkehren: so biete ich Ihnen die Stelle eines Generals an. Dies wird die beste Ehrenerklarung fur das sein, was Ihnen als Obristen schuld gegeben worden ist. Wollen Sie dies nicht: so bleiben Sie hier. Ich will es bei dem Konige so weit bringen, dass Sie als schwedischer Envoye bei meiner Abreise zuruckbleiben sollen. Sagen Sie ja, Herr Graf, damit ich das Vergnugen habe, Sie zu uberzeugen, dass ich Sie hochschatze und das Vergangene wieder gutmachen will." Der Graf schlug beides aus. "Ich bin zufrieden," sprach er, "dass Sie mein Freund sind und mich in die Gnade des Konigs von neuem setzen wollen; mehr verlange ich nicht. Sollte ich mich noch einmal in die grosse Welt wagen und glucklich sein, um vielleicht wieder unglucklich zu werden? Ich will mein Leben ohne offentliche Geschafte beschliessen." Robert mengte sich endlich in das Gesprach, und unsre Furcht vor dem Prinzen verminderte sich. Es sei nun, dass seine Rache gesattigt war, oder dass ihn sein Gewissen gequalt hatte: so bezeigte er den ganzen Abend eine ausserordentliche Freude, dass der Graf noch lebte, den er so viele Jahre hindurch fur tot gehalten hatte. Mein Gemahl tat so grossmutig gegen ihn, als ob er nie von ihm ware beleidigt worden. Der Prinz nahm noch denselben Abend von uns Abschied, weil er sehr fruh wieder zuruck nach London wollte. "Wenn Sie mein Freund sind," sprach er zum Grafen: "so besuchen Sie mich noch diese Woche, oder ich komme zu Ihnen." Der Graf versprach es ihm, allein er konnte sein Wort nicht halten; die Zeit war da, dass ich ihn zum andern Male verlieren sollte. Denn in ebendieser Nacht bekam er einen Anfall von einem Fieber. Wir eilten den andern Tag von unserm grossmutigen Wirte auf unser Landgut zuruck, und das Fieber liess den armen Grafen kaum mehr aufdauern. Er ward in wenig Tagen so entkraftet, dass er die Hoffnung zum Leben aufgab. Ich kam bis in den neunten Tag weder Tag noch Nacht von seiner Seite und suchte mir ihn recht wider den Willen des Schicksals zu erhalten: so vollkommen liebte ich ihn noch. Drei Tage vor seinem Ende wunschte er, dass ihn der Prinz besuchen mochte. Wir liessen's ihm eiligst melden, und er war den Tag darauf schon zugegen. "Sehen Sie," sprach der Graf, "dass ich keine Gnade des Konigs mehr notig habe? Ich will nur Abschied von Ihnen nehmen und Sie und mich uberzeugen, dass ich als Ihr Freund sterbe." Der Prinz war so geruhrt und zugleich so beschamt, dass er ihm wenig antworten konnte. Er blieb wohl eine halbe Stunde vor dem Bette sitzen und druckte ihm die Hand und fragte, ob er ihm denn mit nichts mehr dienen konnte als mit seinem Mitleiden. Der Graf ward so schwach, dass er kaum mehr reden konnte, und bat den Prinzen, ihn zu verlassen. Der Prinz ging mit grosster Wehmut fort und wagte es nicht, von mir Abschied zu nehmen. Den andern Tag kam der Graf aus einem tiefen Schlafe eine Stunde lang wieder zu sich selber. Amalie, Steeley und R..., der doch selbst noch krank war, traten alle zu ihm. "Bald", sprach er zu mir, "hatte ich Euch nicht wiedergesehen. Ach, meine Gemahlin, der Tod ist nicht schwer; aber Euch und meine Freunde zu verlassen, das ist bitter. Ich sterbe; und Ihnen, mein lieber R..., uberlasse ich meine Gemahlin." Er starb auch an ebendem Tage. Ich will meinen Schmerz uber seinen Tod nicht beschreiben. Er war ein Beweis der zartlichsten Liebe und bis zur Ausschweifung gross. Ich fand eine Wollust in meinen Tranen, die mich viele Wochen an keine Beruhigung denken liess, und Amalie klagte mit mir, anstatt dass sie mich trosten sollte. R... musste die Zeit uber das Bette huten, und auch dieses vermehrte meinen Schmerz. Steeley allein sann auf meine Ruhe und notigte mich, da die beste Zeit des Jahres verstrichen war, mit ihm nach London zuruckzukehren.
Das erste, was mir da wieder begegnete, war ein Vorfall mit dem Prinzen. Er war im Begriffe, von London wegzugehen, und wagte es, in Roberts Gesellschaft bei unsrer Ankunft mir die Kondolenz abzustatten. Er wiederholte seinen Besuch binnen zween Tagen etlichemal und begehrte, dass ich ihm eine Bittschrift an den Konig mitgeben und um die Ersetzung der eingezogenen Guter meines Gemahls anhalten sollte. Ich gab ihm eine, bloss um ihn nicht zu beleidigen. Noch an ebendem Tage erhielt ich einen Besuch von dem Staatssekretar. "Ich will Ihnen", fing er nach etlichen Komplimenten an, "die Ursache meines Besuchs kurz entdecken. Ich bin ein Abgeordneter des Prinzen, und ich weiss nicht, ob Sie mich ohne Unwillen anhoren werden. Wissen Sie, dass ihm seine Gemahlin vor etlichen Jahren gestorben ist? Er wunscht, Sie als Gemahlin mit nach Schweden nehmen zu konnen, und es ist nichts Gewissers, als dass er Sie auf das ausserste liebt. Mit einem Worte: er will durch mich erfahren, ob er hoffen darf oder nicht. Nunmehr habe ich Ihnen alles gesagt, und Sie durfen sich bei Ihrer Antwort nicht den geringsten Zwang antun." Steeley und Amalie und R... waren zugegen, als er mir den Antrag tat; und R... erschrak, als ob er mich schon verloren hatte. Ich entsetzte mich selbst uber die Verwegenheit des Prinzen und antwortete dem Herrn Robert nichts als dieses: "Hier ist mein Gemahl", und wies auf den Herrn R... In der Tat war er mir noch so schatzbar, dass ich ihn allen andern vorgezogen haben wurde, wenn ich mich hatte entschliessen konnen, mich wieder zu vermahlen. Und vielleicht ware ich, soll ich sagen zartlich oder schwach genug dazu gewesen, wenn er langer gelebt hatte. Er starb bald darauf an seiner noch fortdauernden Krankheit, und die Betrubnis uber seinen Verlust uberfuhrte mich, wie sehr ihn mein Herz noch geliebt hatte.