Johann Gottfried Schnabel
Der im Irr-Garten der Liebe herum
taumelnde Cavalier
Oder
Reise und Liebes-Geschichte
eines vornehmen Deutschen von Adel,
Herrn von St.***
Welcher nach vielen, sowohl auf Reisen, als auch bey anderen Gelegenheiten verubten Liebes-Excessen,
endlich erfahren mussen, wie der Himmel
die Sunden der Jugend im Alter
zu bestraffen pflegt.
Ehedem zusammen getragen durch
den Herrn E.v.H.
Vorrede
Geneigter Leser!
Diese Vorrede habe ich nicht der Gewohnheit oder der blossen Mode wegen hierher gesetzt, indem man selten ein Buch bei heutigen Zeiten zum Vorscheine kommen siehet, dem es an einer Vorrede fehlet, nein! sondern dem geehrten Leser etwas zu offenbaren, damit derselbe diese Geschichtsbeschreibung nicht etwa mit argwohnischen Augen ansehen moge, denn, versichert, man legt ihm mit diesen Blattern nicht, so wie es nunmehro leider grand mode zu werden beginnet, curieuse Gedichte, sondern wahrhafte und dennoch curieuse Geschichte vor.
Ich vor meine Person habe zwar nicht die Ehre gehabt, den Herrn von St.*** oder den in der Geschichtsbeschreibung so genannten Herrn von Elbenstein von Person zu kennen, allein er ist mir auch sogar von hohen Personen dergestalt vorgeruhmt worden, dass ich ihn in seiner Jugend vor einen der galantesten und qualifiziertesten Kavaliere, in seinem Alter aber vor einen erfahrnen, frommen, jedoch unglucklichen Staatsmann zu halten mich vollkommen persuadiert sehe. Mit dem Herrn E.v.H. hat er in seiner Jugend in der vertraulichsten Freundschaft gelebt, auch dieselbe nachhero bestandig beibehalten, ob sie schon bei erwachsenen Jahren einander sehr selten zu sehen bekommen. Als der Herr von St.*** bereits bei Jahren war, die grosste Wurde an einem gewissen deutschen reichsfurstl. Hofe erlanget und sich solchergestalt in einem ziemlich gluckseligen Zustande befand, gab ihm der Herr E.v.H. einsmals eine Visite und wurde von diesem alten Freunde mit der zartlichsten Liebe empfangen, auch ganzer 14 Tage aufs beste traktieret; wann sie aber beide, auch wohl ofters bis in die Nacht, an den furstlichen Lustbarkeiten teilgenommen, blieben sie hernach dennoch in einem Zimmer noch eine Zeitlang beisammen und rauchten bei Tee oder Koffee eine Pfeife Tobak, aus keiner andern Ursache, als einander ihre Aventuren zu erzahlen. Endlich brachte der Herr von St.*** sein in italianischer Sprache geschriebenes Diarium nebst vielen untereinander geworfenen Skripturen herbei und sagte: "Ich wollte 100 Taler drum geben, wenn ich soviel Zeit abmussigen konnte, dieses alles in Forme zu bringen, nicht mir ein Gloire aus meinen Sunden der Jugend zu machen, sondern andern jungen Leuten, sie mogen Adeliche oder Unadeliche sein, zum Spiegel und zur Warnung, sich vor den Lusten des Fleisches zu huten; denn der Himmel lasst dieselben doch nicht ungestraft, und welches am schlimmsten, wo nicht hier zeitlich, doch dort ewig. Mich hat dessen Rute zu verschiedenen Malen sehr heftig gestaupet, allein es ist noch nicht genung, gebt nur Achtung, mein werter Freund, ob ich mein Leben in diesem vermeinten Glucks- und Ehrenstande beschliessen oder vorhero nicht noch in vielen Jammer und Not geraten werde. Jedoch wie Gott will. Ich habe ja schon seit etlichen Jahren her taglich selbst recht eifrig dieses gebeten: So fahr hie fort und schone dort etc."
Der Herr E.v.H. trostete ihn dieserhalb und bat ihn, dass er sich doch dergleichen Gedanken aus dem Sinne schlagen, hergegen bedenken mochte, dass die gottliche Barmherzigkeit ebensogross als die Gerechtigkeit, mithin die bussfertigen Sunder gern zu Gnaden annahme und die Strafe zu lindern pflegte. "Allein, mein Herzensfreund", redete der Herr E.v.H. weiter, "woferne Ihr kein Misstrauen in meine Redlichkeit setzet, so vertrauet mir Euer Diarium benebst Euren andern italianischen Skripturen an, ich will, weil ich, nachdem meine Guter verpachtet sind, ohnedem wenig zu tun habe, als mich an Buchern zu ergotzen, zusehen, ob ich noch soviel Geschicke habe, alles dieses aus dem Italianischen ins Deutsche zu ubersetzen und nur vorerst soviel als moglich aneinander zu heften, damit eine ordentliche Geschichtsbeschreibung daraus wird, welche hernach noch einmal revidiert, auspoliert, sodann ins reine geschrieben und endlich zum Druck befordert werden kann." Der Herr von St.*** war sogleich willig und bereit darzu, versprach auch, wo sich der Herr von H. diese Muhe geben wollte, nicht allein alles noch Darzugehorige aufzusuchen, sondern ihm von Zeit zu Zeit nebst diesen allen seine fernerweitigen Aventuren offenherzig aufzuschreiben und zu ubersenden. Bat anbei, dass der Herr von H. die Hauptstucke von seinen eigenen Aventuren zugleich mit einfliessen lassen mochte, welches dieser zu tun versprach und, da er sich von dem Herrn von St.*** beurlaubte, nicht nur dessen Diarium, sondern auch ein ganz Paquet darzugehoriger geschriebener Sachen mit sich nach Hause nahm. Der Herr von St.*** hat demselben nachhero, auch da sich schon, wie er sich selbsten prophezeiet, sein Glucksrad abermals umgedrehet und ihn in einen beklagenswurdigen Zustand geworfen, sein Wort redlich gehalten und ihm bis wenige Monate vor seinem Ende alles, was ihm nachhero begegnet, zu wissen getan. Der Herr von H. ist auch bei mussigen Stunden recht eifrig bemuhet gewesen, diese Geschichte in behorige Ordnung zu bringen, allein da er nachhero mit einer beschwerlichen und schmerzhaften Wassersucht befallen worden, welche ihm auch ins Grab befordert, hat er seinen Zweck nicht erreichen konnen.
Endlich sind alle diese Manuskripta mir, dem Ungenannten, in die Hande geraten, und weil ich mir flattierte, obgleich nicht bei allen Leuten, doch bei etlichen einigen Dank zu verdienen, wenn ich mich darubermachte, dieselbe nach meinem wenigen Vermogen ins feine brachte und zum Drucke beforderte, so habe es getan und lege es einem jeden zur Schaue und Beurteilung dar.
Es ist zwar heutiges Tages eine schwere Sache, recht nach dem Geschmacke dieser oder jener zu schreiben; allein dieser oder jener sollen auch wissen, dass ich mich nicht gar zuviel um ihren Geschmack bei diesem oder jenem bekummere, denn es heisset im gemeinen Spruchworte: Einem jeden vor sein Geld, was ihm schmeckt. Ob auch gleich dieses Gerichte manchem wegen Zurucklassung allzu vielerlei Gewurze und anderer Tandeleien nicht allzu schmackhaft vorkommen mochte, so bin ich doch versichert, dass es sich geniessen lassen und nach rechter Kauung keinem im Leibe kneipen wird, weswegen man mich denn auch, ob ich schon kein perfekter a-la-modeMund- und Kohlkoch bin, nicht sogleich unbarmherzigerweise aus der Garkuche der deutschen Mundart und Reimkunst verstossen wolle: als wormit ich hierdurch dienstfreundlich gebeten haben will.
Wenn ich mich nicht irre oder mir selbsten nicht zuviel zutraue, so habe ich ein und anderes in des Herrn E.v.H. Manuskripte, sowohl in Prosa als Ligata, in etwas reiner Deutsch gebracht, indem dieser Kavalier anfanglich vom Degen, hernach von der Okonomie mehr Fait gemacht als von der Feder, Oratorie und Poesie, aber! dieserwegen fallt seinem Ruhme nichts ab, weil seine Gedanken dennoch gut gewesen sind, ob er sie gleich nicht allezeit nach seinem Willen exprimieren konnen. Ein und anderes, welches mir etwas gar zu frei und naturlich, dahero anstossig oder, wie es die Singularisten nennen, argerlich geschienen, habe in etwas verandert oder gar weggelassen, verschiedenes aber, was noch zu verantworten, ist stehengeblieben.
Man konnte viele Bucher, die seit wenig Jahren herausgekommen sind, anfuhren, in welchen weit naturlicher geschrieben worden als in diesem, allein es ware unbesonnen, wenn man gleich selbst vom Leder zoge, besser ist's, man wartet die Attaque ab und wehret sich hernach desto besser.
Ubrigens, weil der Ungenannte so glucklich gewesen, dass seine schon ofters in Druck herausgegebene Schriften von sehr vielen wohl auf- und angenommen worden, als versichert er sich bei diesen zwei Teilen der Elbensteinischen Reise- und Liebes-Geschicht eines gleichen, wunschet allen Wollustigen vor dem vergifteten Lasterkonfekt einen so starken Abscheu als den Vernunftigen und Tugendhaften eine christliche Compassion mit den Schwachen und Ausschweifenden zu haben, beharret im ubrigen unter dem Versprechen, mit nachsten noch andere parat liegende curieuse Geschichte vollends auszuarbeiten und zu publizieren
St. Gotthard,
den 1. Jul. 1738.
Des geneigten Lesers
Dienstergebener
Der Ungenannte
Erster Teil
Es hat ein geborner von Adel zwei Hauptwege vor sich, durch welche er zu besondern hohen Ehren gelangen und sich von andern seines Standes ungemein distinguieren kann, nehmlich den Weg in den Krieg oder den Weg zur Gelehrsamkeit zu gelangen. Ob man nun schon nicht in Abrede ist, dass sich viele von Adel auf andere Arten, nehmlich durch Erlernung der Jagerei, Bereuterkunst und dergleichen in hohe Posten geschwungen, so ist doch sonnenklar, dass die Zahl derjenigen, welche einen von den erstgemeldten Wegen erwahlet und dadurch sehr hohe Chargen erreicht, der anderen Zahl bei weiten ubertrifft.
Ein gewisser deutscher Kavalier, den wir Gratianum von Elbenstein nennen wollen, war zwar keine feige Memme, hatte aber mehr Lust zu den Buchern und zur Feder als zum Degen und andern Gewehr, erwahlete derowegen den Weg, sich durch Gelehrsamkeit emporzuschwingen. Weiln er nun von seiner zarten Jugend an bestandig fleissig studieret, hatte er es so weit gebracht, dass er sehr fruhzeitig auf Universitaten ziehen konnte. Als er nach einigen Jahren von dannen zuruckkam, bezeugten sich seine vornehmen Eltern ungemein vergnugt, zumalen da sie von vielen Staats- und gelehrten Leuten die Versicherung erhielten, dass sie ihr Geld nicht ubel angeleget, indem der junge Herr Gratianus von Elbenstein sich nicht allein in der Jurisprudenz, Philosophie, Mathesi und dergleichen, sondern auch in den Nebendingen, als Tanzen, Reiten, Fechten, Voultoisieren etc., vor andern, die gleich soviel Zeit und wohl mehr Geld als er verschwendet, ungemein hervorgetan hatte.
Demnach war sein Herr Vater gesonnen, ihn vors erste an einem gewissen furstl. Hofe als Kammerjunker zu engagieren. Da aber der junge Herr von Elbenstein seinen Herrn Vater vorstellete, was es vor eine vortreffliche und hochstnotige Sache sei, dass ein junger Kavalier, ehe er Bedienungen bei Hofe annahme, sich vorhero auf Reisen begabe, um die Welt sowohl als die Gemuts- und Lebensarten derer Menschen von verschiedenen Nations kennenzulernen, er auch ausserdem noch vielmehr andere Bewegungsgrunde hinzusetzte, resolvierte sich der Herr Vater bald, seinen beiden Sohnen eine standesmassige Equipage verfertigen zu lassen und jedweden einen wohlgespickten Beutel mitzugeben. Da nun dieses alles parat, willigte er in beider Bruder einstimmiges Begehren, dass sie nehmlich nach Italien als dem Lustgarten von Europa reisen mochten. Also nahmen beide junge Kavaliers ihre Tour uber Nurnberg, Regensburg, Augspurg, Munchen, Innspruck, Trient, Castelfranco, Treviso und Mestre nach Venedig, allwo sie den 11. Febr. 1686 anlangeten und das Karneval daselbst abwarteten. Da nun solches zum Ende, fuhr Gratianus von Elbenstein mit der ordinaren Barque nach Padua, sein Bruder aber, der von Kindheit an Belieben getragen, vom Degen Profession zu machen, blieb zuruck, um mit dem ersten Transport nach Morea als Fahndrich unter des Obristen Schonfelds Regiment zu gehen. Von Padua begab sich Elbenstein nach N., allwo es ihm ungemein wohlgefiel, zumalen da er wegen seiner guten Auffuhrung von jedermann wertgehalten wurde, ja er liess sich auch belieben, die ihm von dem dasigen Fursten angebotenen Dienste zu akzeptieren. Wie nun seine Charge also beschaffen war, dass er mit Leuten von verschiedenen Stande umgehen und zu tun haben musste, also geschahe es, dass er eines Tages mit der Abtissin des Klosters St. Stephano zu sprechen berufen ward. Da aber dieselbe mit einer jahlingen Unpasslichkeit befallen worden, so schickte sie zwei von ihren vornehmsten Nonnen in das Parlatorium, um Elbensteinen von demjenigen ausfuhrliche Nachricht zu erteilen, was er des Klosters wegen seinem gnadigsten Fursten vorzutragen belieben mochte. Die eine von diesen geistlichen Damen nennete sich Marinalba und die andere Laura. Diese war blasses Angesichts und hatte nebst blauen Augen einen wohlgestalten Mund und Nase, war aber dabei etwas korpulent, auch war ihr Humeur nicht halb so lebhaft als der erstern ihres, welche zwar eine Brunette, dabei aber mit einer angenehmen und liebenswurdigen Gesichtsbildung und gleichsam blitzenden Augen von der Natur versehen war.
Inmassen nun die Erfahrung bezeuget, dass zuweilen Fehler und Mangel mehr avantageux als schadlich sein, also trug sich's auch dieses Mal zu, denn je weniger der von Elbenstein noch bis dato der italianischen Sprache machtig war, je mehr Gunstbezeugungen genoss er von der angenehmen Marinalba, welche, von der reizenden Gestalt dieses Kavaliers gleichsam bezaubert und ganz eingenommen zu sein, durch Gebarden dasjenige zu verstehen zu geben wusste, was sie ihm durch Worte nicht erklaren konnte. Seine gebrochene, halb franzosische, halb italianische und ofters gar deutsche Worter benahmen ihm bei dieser geistlichen Venus nichts von der Vollkommenheit, welche er nach ihrer Meinung im Uberfluss besasse, und weil eine anstandige Blodigkeit seine verliebten Stellungen begleitete, ward dieser Dame verliebte Regung immer mehr und mehr vergrossert. Solchergestalt brachte sie eine ziemliche Zeit alla Grada oder vor dem Gegatter zu, weilen Laura unter dem Vorwande einiger notigen Geschafte sich zeitlich retiriert hatte, bis man endlich Ave Maria lautete und das Kloster geschlossen werden sollte, da beide nach wiederholten Liebesbezeugungen voneinander Abschied nahmen, jene sich nach ihrer Zelle, dieser aber sich zu seinem Fursten verfugte, um demselben von der aufgetragenen Kommission nebst Uberreichung des von der ganzen Sache im Kloster gemachten schriftlichen Aufsatzes Relation zu erstatten.
Des andern Morgens, als Elbenstein noch im Bette lag, horete er jemanden ganz sanfte an seine Stubentur anklopfen, da denn bei Eroffnung derselben ihm, nebst einem Kompliment von der Donna Marinalba, der Castaldo oder Torwarter ihres Klosters ein Billett und eine Cestella oder Korbgen, welches mit den delikatesten Confituren angefullet war, uberreichte.
Es mochte vielleicht den allerwenigsten Lesern daran gelegen sein, wenn man den Brief in italianischer Sprache, worinnen er geschrieben, eindrucken liesse, weswegen man nur die deutsche Ubersetzung desselben anhero setzet:
Mein Engel!
Du bist so liebenswurdig, dass ich mit Fug und Rechte dem Verhangnisse, welches unserer Liebe im Wege stehet, zum Trotze Dich anbete. Jedoch, mein Leben, die Liebe ist schon machtig genug, uns aneinanderzuheften. Ja! Du Trost meiner Seele! Mein Geist ist einzig und allein mit Deiner vollkommenen Gestalt beschaftiget, und meine Gedanken gehen bestandig nur sehen, und wenn ich glauben dorfte, dass Deine Gunst aufrichtig gegen mich ware, so wusste ich nicht, was ich von dem Glucke mehr fordern sollte, ich wurde mich bei diesem Vergnugen vollkommen glucklich nennen konnen. Jedoch es mogen Deine Liebkosungen auch nur erdichtet sein, so will ich Dich doch auf alle Art mit der reinsten Inbrunstigkeit einer unvergleichlichen Gewogenheit, die so gar auch keine Gegengunst verlanget, wiederzulieben wissen. Mein Leben! es ist wohl unmoglich, dass, da Du, wie ich nicht zweifele, von vielen Damen geliebet wirst, unter ihnen nicht eine Venus sich finden sollte, die mir meinen geliebten Adonis raubte. Lebe wohl, mein Vergnugen, und erinnere Dich bisweilen
Deiner
Marinalba.
Elbenstein, der, wie bereits gemeldet, noch allzu unerfahren in der italianischen Sprache war, wollte sich nicht unterstehen, schriftlich zu antworten, liess sich aber durch den Castaldo, welcher gut Franzosisch verstehen und reden konnte, nachdem er demselben ein gutes Mancia oder Trinkgeld gegeben, der verliebten schonen Nonne gehorsamst empfehlen und vermelden, dass er gegen Mittags, wenn die letzte Messe wurde gehalten werden, in der Kirche ihres Klosters erscheinen und so lange darinnen verbleiben wollte, bis er Erlaubnis und Befehl erhalten wurde, seine mundliche Danksagung vor das uberschickte Present abzustatten. Sobald Marinalba dieses vernahm, fiel ihr sogleich eine List bei, auch in dem heiligen und verschlossenen Orte dennoch eine freie Liebesunterhaltung zu geniessen. Denn weil sie dieses Jahr Sacristana oder Kusterin war, so konnte sie in der Sakristei unter dem scheinbaren Vorwande, das Messgerate in Ordnung zu bringen und zu verwahren, eine Zeitlang daselbst verbleiben, dahero sie dem Castaldo, welcher in der Ruffianania oder in der Kupplerkunst ein Meister war, befahl, unter der Messe dem von Elbenstein zu sagen, dass unter dem Scheine, seine Andacht in der Kirche noch allein zu haben, er bei einem gewissen Altar, der der Sakristei gegenuber war, verweilen sollte, da sich denn Gelegenheit finden wurde, mit ihm ein Stundgen alleine zu sprechen.
Der verschlagene Castaldo kam diesem Befehle ganz fleissig nach; denn als er unsern deutschen Kavalier bei einem Altare, wo eben dasmal keine Messe gelesen wurde, antraf (weil dieser der romischen Lehre nicht zugetan war), kniete er sogleich bei dem Stuhle, worinnen Elbenstein sass, nieder, tat, als ob er in seinem Breviario las, und richtete unter der Zeit, da er seine Augen immer auf das Buch gerichtet hielt, seine Kommission aus, wornach er aufstund und fortging. Da nun der Gottesdienst zum Ende und alles Volk aus der Kirche gegangen war, kam der Castaldo zu dem von Elbenstein und hinterbrachte ihm, dass er an die Grada der Sakristei zu kommen belieben mochte, woselbst die Riverendissima Donna Marinalba ihn sprechen wolle. Der lusterne Kavalier versaumete nicht, sich dahin zu begeben, und traf, nachdem der Vorhang hinweggezogen, seine geistliche Matresse daselbst ganz alleine an. Mittlerweile schloss [der] Castaldo alle Kirchenturen zu und liess die beiden Verliebten alleine beisammen. Wie nun venerische Personen in ihrer Glut mit blossen verpflichteten Reden und verliebten Mienen allein sich nicht befriedigen konnen, sondern den Gliedern des Leibes von der Wollust der Seelen durch entzuckendes Fuhlen auch gerne etwas mitgeniessen lassen wollen, welches Verlangen die Liebe vermittelst sinnreicher und lustrender Erfindung einer bequemen Gelegenheit zu erfullen geschickt ist, also geschahe es auch dieses Mal; denn da zuvor nur der Augen feurige Blicke und die verliebten Seufzer sich miteinander begattet, so musste nunmehro auch denen Lippen ein angenehmer Weg, darauf sie die Liebe unter unzahligen schmachtenden Bemuhungen vermittelst wiederholter inbrunstiger Kusse einander mitteilen mochten, durch dasjenige Fenster geoffnet werden, wodurch man den geistlichen Damen sonsten nur heilige Sachen mitzuteilen pflegte. Und weil die Offnung so gross, dass man gar fuglich mit dem Kopfe hineinkommen konnte, so blieb es nicht allein bei dergleichen verliebter Handlung, sondern der Marinalba aufgequollene Brust, welche als ein kleiner Atna die Flammen einer unumschrankten Liebe kaum annoch verbergen konnte, mussten allerhand kitzelender Liebkosungen teilhaftig werden. Marinalbens Gegenvergeltung bestund in solchen ausschweifenden und vorwitzigen Untersuchungen, welche deutlicher zu beschreiben die Ehrbarkeit nicht gestatten will.
Unter solchen verliebten Misshandlungen verstrich die Zeit, wahrend welcher sich diese beiden solcher Freiheit bedienet, die allerorten, geschweige denn an einem so heiligen Orte, verboten sind. Die Turen wurden wieder geoffnet, welches das Zeichen war, dass beide hohe Zeit hatten, sich voneinander zu begeben. Als Elbenstein wieder in seinem Zimmer angelanget, berichtete ihm sein Staffiere oder Bedienter, dass der Furst nach ihm fragen lassen, weswegen er sich alsofort zu demselben begab und sein Ausbleiben von der Tafel damit entschuldigte, dass er bei einigen sachsischen Offiziers, so aus der Levante gekommen und ihm Nachricht von seinem Bruder mitgebracht, sich verweilt hatte. Der Furst war mit dieser Entschuldigung zufrieden und erteilete ihm hierauf Befehl, morgen mit dem fruhesten nach Battaglia zu dem Marchese Obizzo zu reisen, ihn, den Fursten, bei demselben anzumelden, weil er seine Visite auf etliche Tage bei ihm abstatten wollte. Elbenstein versprach dieser Ordre gehorsamste Folge zu leisten, und nach genommener Retirade machte er sich zur Reise parat; selbigen Abend aber kam [der] Castaldo noch einmal und brachte ihm von seiner geliebten Marinalba folgende Zeilen:
Meine andere Seele!
Ihr seid doch anbetungswurdig! Wollt Ihr mir aber gar nicht schreiben? Ei was? schreibet mir doch! es mag ja so konfus sein, als es will. Wisset Ihr nicht, dass ich Euer ganz eigen bin? So glaubt doch zum wenigsten, dass Ihr der angenehme Gegenstand meiner Gedanken seid. Nichts von Euch kann mir missfallen. Ja, ja! schreibt mir nur, denn Eure Zeilen werden mir ein schoner Regenbogen sein, welcher alle Wolken meiner Betrubnis vertreiben wird. Nur dieses erinnert Euch stets, dass unsere Liebeshandel heimlich traktieret werden mussen. Ich rekommandiere Euch die Verschwiegenheit, nicht dass ich wegen Eurer Klugheit in Verhehlung unserer Liebe etwa besorgt ware oder ein Misstrauen hatte, sondern, was weiss ich's? ich sage nur so, um Euch zu warnen, dass Ihr behutsam sein moget. Ich halte viel auf meine Reputation, und ein blosser Schatten deucht mir ein grosser Riese; denn ich wie von einer ubermenschlichen Person, welche denen Schwachheiten der Liebe nicht unterworfen ware. Und gleichwohl, leider! bin ich diesmal entzundet. Ich bin im Liebesgarne gefangen! Was ist zu tun! Ich hatte mir zwar vorgesetzt, nicht mehr zu lieben, aber mein Schicksal zwinget mich, Dich, o mein Engel! zu lieben.
Hierbei lagen noch diese Zeilen: Wie gross ist meine Lust? Noch grosser als die Welt, Die Lust, so sich durch Dich bei mir jetzt eingestellt; Da meine Seele sich beglucket sieht und findet, Indem sie bloss von Dir in Liebesglut entzundet. Die ungemeine Liebe, so Elbenstein zu seiner schonen Nonne trug, liess es nicht zu, ihren Brief unbeantwortet zu lassen, sondern er schrieb ihr in den verliebtesten Expressionen, soviel als er mit italianischen Worten zusammenbringen konnte. Anbei legte er einige lateinische Verse, welche er nach einer bekannten Melodei aufgesetzt hatte. Sie sind wert, dass man sie mit hersetzt:
Cor saxeum probavi hactenus
Ac glacie frigidiorem mentem;
Nunc autem nunc, eheu! non amplius
Persentio amoris vim ardentem
Impugnat me jam formosissima
Angelica.
Nach der deutschen Reim-Art mochte dieses soviel bedeuten:
Mein Herz war sonst den hartsten Felsen gleich,
Auf welchen nichts als Eis und Schnee zu finden.
Jedoch nunmehr wird es nur allzuweich,
Es fuhlet nun ein brennendes Entzunden,
Ein Engelsbild, aus dem die Schonheit blitzt,
bekampft es itzt.
Angelica! ad quas angustias
Me redigit nunc tua lux augusta?
Ah! retrahe has stellas lucidas,
Iam radiis mens tuis est combusta,
Agnoscite Victricem, anima
Angelica!
Mein Engelkind! In was vor trube Nacht
Zieht mich dein wunderschones Licht und Leben.
Halt ein! Die Glut hat mich fast umgebracht.
Ich will dir williglich gewonnen geben,
Du hast gesiegt! Ich will es gern gestehn,
lass mich nur gehn.
Sed fugem cur ardenter appeto?
Ignotum hoc est adhuc pugnae genus,
Non fugio, si succumbuero,
Me vinciet, me vincet Alma Venus,
Et vulnera, quae dat Angelica,
sunt oscula.
Jedoch, mein Herz! was willst du ruckwarts gehen?
Du kennst noch nicht die Art von diesem Kriege,
Drum weiche nicht, du wirst entzucket sehn,
Wie du besiegt, vergnugt wirst bei dem Siege.
Hier wird, wenn man sich gleich zum Kriege rust',
sehr oft gekusst.
Darauffolgenden Morgens trat Elbenstein seine Reise nach Battaglia an, um seinen durchl. gnadigsten Herrn bei dem Marchese anzumelden. Es war aber um die Zeit der Weinlese oder, wie es die Italianer nennen, al tempo dell uve, da es sich denn fugte, dass, als er ohngefahr acht italianische Meilen geritten war, er an ein uberaus schones Schloss kam, bei welchen ein vortrefflicher Weinberg lag, allwo die reifen Trauben abgelesen wurden. Er bekam Appetit, etwas von solchen delikaten Fruchten zu kosten, weswegen er seinen Diener befahl, abzusteigen und sich gegen Bezahlung einige derselben von dem Winzer geben zu lassen. Der Diener berichtete bei seiner Zuruckkunft, dass eine junge, schone und ansehnliche Dame sich in dem Lusthause befunden, welche Elbensteinen durch ein Perspektiv betrachtet, und sobald sie von ihm, dem Diener, vernommen, dass derjenige, so die Trauben verlangete, ein Kavalier des Fursten von N. ware, hatte sie sich selbsten die Muhe gegeben, die besten abzuschneiden und dieselben nebst den auserlesensten Aprikosen in eine Schussel zu legen. Unter der Zeit aber, da sie den Winzer auf die Seite geschafft, hatte sie eine Bleifeder aus der Ficke gezogen und einige Zeilen auf ein Blattgen Papier geschrieben und ihn, den Diener, gebeten, solches nebst den Fruchten und einem ergebensten Kompliment von ihrer Person seinem Herrn zu uberbringen. Elbenstein war nicht halb so lustern, die schonen Fruchte zu kosten, als den Inhalt des Billetts zu wissen, fand also selbiges folgendermassen gesetzt:
'Die Fruchte sind glucklicher als ich, weil sie von den sussen Lippen eines schon langsten in geheim von mir angebeteten Kavaliers sollen beruhrt werden. Die andere Woche werde ich nach Ariqua kommen, allwo ich hoffe, das Gluck zu geniessen, mich mit seiner hochst verlangten Gegenwart beseligt zu sehen. Reise glucklich, Du angenehmer Trost meiner Seelen! Im Gasthofe zum Lammgen, daselbst wirst Du eine Person antreffen, welche Dir Gelegenheit zeigen kann, mein verliebtes Verlangen zu stillen.'
Diese verliebte Dame stammete von einem furstlichen Hause derer von Carrara her, welcher Vorfahren Fursten zu Padua gewesen. Nach dem fatalen Ende aber des Fursten Andreae Caranensis war diese durchl. Familie dermassen in Verfall dessen Hoheit, Macht und Guter geraten, dass die zu damaligen, Elbensteins, Zeiten annoch lebende Nachkommen sich kaum als mittelmassige von Adel auffuhren konnten. Obgedachte Verfasserin des Billetts war an einen tyrolischen Baron von K. vermahlt, welcher seine vorherige hochschwangere Gemahlin bei einer an dem Inn-Strom vorgenommenen Promenade wegen eines auf sie gelegten Verdachts in den Strom gesturzt, wo es am tiefsten gewesen, so dass sie, ehe ihr jemand zu Hulfe kommen konnen, jammerlich ertrinken mussen. Um aber nun der Rache seiner Schwager und ubrigen Anverwandten zu entgehen, hatte sich der Baron von K. nach Italien unter die Protektion der durchl. Republik Venedig salviert, die schon zum voraus auf seine tyrolischen Guter erborgten 50000 Reichstaler zu Erkaufung dieses Schlosses nebst andern darzu gehorigen austraglichen Pertinenzstucken angelegt und sich nachhero mit dieser Dame von Carrara vermahlet. Ohngeacht nun dass dieses Paar Eheleute einander an Jahren sehr ungleich waren, indem der Baron schon 50, sie aber kaum 20 zahlete, so wusste doch diese schlaue Dame, in Betrachtung des wenigen zu ihm gebrachten Vermogens, ihn dergestalt zu karessieren, dass er nicht den geringsten ublen Verdacht auf sie legte, sondern ihr alles Gutes zutrauete, uberhaupt an ihrer Treue gar keinen Zweifel trug. Und eben dieserwegen vergonnete er ihr weit mehr Freiheit, als sonsten ordentlicherweise andere italianische Dames zu geniessen haben. Ja, sein Vertrauen war dergestalt gross, dass er ihr vergonnete, ohne seine Gesellschaft zu ihren Anverwandten und guten Freunden uber Land zu reisen. Bei so gestalten Sachen hatte sie die Gelegenheit, als sie ihre Frau Schwester, die von St. Piedro Campo zu Venedig, besuchte, den von Elbenstein zu sehen, welcher mit seinem Fursten um die Jahrszeit, da sich der venetianische Doge mit dem Adriatischen Meere zu vermahlen pflegt, dahin gekommen war. Sie warf augenblicklich eine ungemeine Liebe auf diesen Kavalier, jedoch ohngeacht sie oft in Opern und Assembleen einander begegnet, er ihre Leidenschaft nicht merkte, sie aber ihm selbige zu entdecken keine bequeme Gelegenheit hatte, uber dieses keine Person wusste, der sie ihr Anliegen sicher vertrauen konnte, so musste die verliebte Dame ohne Erfullung ihres Verlangens vor diesesmal mit trockenen Munde nach Hause reisen.
Jedennoch vermehrete sich bei ihr die Liebe und Sehnsucht nach diesem Kavalier dergestalt, dass sie endlich auf die List geriet, eine Krankheit vorzugeben und bei einem beruhmten Medico in derselben Stadt, wo Elbensteins Furst residierte, sich in die Kur zu begeben, sich auch dieserwegen daselbst ein besonderes Haus zu mieten. Ehe aber diese Anschlage zu Werke gerichtet wurden, fugte es sich, wie schon oben gemeldet, dass sie ihren geliebten Kavalier unverhofft zu sehen bekam und demselben einen Ort anweisen konnte, allwo sie sich beide vollkommen miteinander zu ergotzen die bequemste Gelegenheit hatten.
Der uber eine neue Amour hochst erfreute Elbenstein saumete sich nicht, sein Devoir zu observieren, sondern stieg vom Pferde, ging hinter ein kleines Gepusche und schrieb ebenfalls mit Bleistift der Dame ein kleines Billettgen zuruck, worinnen er versicherte, dass er mit dem allergrossten Vergnugen ihrer Ordre parieren und sich um bestimmte Zeit in Ariqua zu ihren Fussen werfen wollte. Der geschickte Diener war bei Zuruckbringung der Schussel und Abstattung des gehorsamsten Danks von seinem Herrn so glucklich, der Dame das Billettgen unvermerkt in die Hand zu stecken. Diese befahl, dass man dem Diener alle seine Ficken voll Fruchte stecken sollte. Weil nun dieser Kerl, etwas lustiges Gemuts war, liefen alle ihre Bedienten hinter ihm her, mittlerweile bekam die Dame Zeit, Elbensteins Antwort zu lesen, woruber sie in hochstes Vergnugen gesetzt wurde. Endlich, da die lustigen Geister wieder zuruckkamen, befahl die Dame, dass sie im Hause bleiben sollten, sie aber ging mit dem Diener etliche Schritt in einer Galerie fort, riss eine schone Aprikose ab, tat einen einzigen Biss darein, wickelte hernach dieselbe in ein reines Papier und sagte: "Da! bringet diese Eurem Herrn, nebst meinem Herzen, und wo Ihr getreu seid, soll es Euer Schade nicht sein." Hiermit drehete sie sich ganz unpassioniert um, der Diener machte seinen Reverenz und kehrte zu seinem Herrn, beide setzten sich zu Pferde und ritten ihres Weges.
Wenn aber Elbensteins Magen gleich bis unter das Kinn angefullet gewesen ware, so hatte er sich doch nicht entbrechen konnen, diese angebissene Aprikose annoch zu essen, ja sie schmeckte ihm dermassen delikat, dass er sich nicht entsinnen konnte, zeitlebens dergleichen Leckerbissen gegessen zu haben. Bei Vorbeipassierung des Schlosses hatte er das Gluck und Vergnugen, seine neue Amasiam im Fenster gucken zu sehen, der er nebst einer charmanten Miene ein obligantes Kompliment machte, nachhero aber seinem Pferde die Sporen gab und zu rechter Zeit in Battaglia angelangete, allwo er sich sogleich durch den Oberhofmeister bei dem Marchese melden liess, auch bald hernach in einem von vier Bedienten des Marchese begleiteten Wagen nach Hofe abgeholet und nach abgelegter Kommission mit zur furstlichen Tafel gezogen ward.
Indem nun der Marchese uber die Visite des Fursten in ein besonderes Vergnugen gesetzt war, so liess er Anstalten machen, demselben auf zwei italianische Meilen entgegenzufahren und ihn aufs prachtigste zu bewillkommen.
Man halt es nicht vor ratsam, die Magnifizenz, Kostbarkeiten, herrliche Traktamenten und andere Divertissements, als Opern, Balle und dergleichen, so bei dieser durchlauchten Versammlung passieren, ausfuhrlich zu beschreiben, weilen dieses viel zu weitlauftig fallen wurde, sondern nur zu melden, dass, nachdem sich beiderseits Fursten eine ganze Woche hindurch zu Battaglia ergotzet hatten, sie von dem Pralaten eines funf italianische Meilen davon gelegenen reichen Benediktiner-Klosters (allwo ein Brunnen war, dessen Wasser wie Milch schmecken soll) auf etliche Tage eingeladen wurden, um sich mit Jagen und Fischen zu belustigen. Beide furstliche Personen begaben sich also, jedoch nur mit einer kleinen Suite, dahin, um dem geistlichen Herrn nicht allzu viele Ungelegenheit zu verursachen, wannenhero Elbenstein desto leichter Erlaubnis erhielt, auf funf Tage nach Padua zu reisen, indem er vorgab, dass er daselbst etliche aus Morea gekommene Offiziere besuchen und ihnen, weil sie von daraus nach Deutschland zu reisen gesonnen, einige Galanteriewaren und italianische Raritaten an seine Eltern und gute Freunde zu uberbringen, mitgeben wollte.
Als er aber nur eine halbe Stunde weit von Battaglia hinweg war, wandte er sich ganzlich von der Strasse, so nach Padua gehet, ab und gelangete, da es schon dammrich war, zu Ariqua in dem bedeuteten Gasthofe zum Lammgen an. Hieselbst liess er sich ein eigenes Zimmer geben und bat, die Abendmahlzeit bald fertig zu machen, da denn mittlerweile, als der Wirt darzu Anstalt machte, eine betagte Frau in sein Zimmer kam, unter dem Vorwande, das in der Alkove stehende Bette weiss zu uberziehen. Diese Alte fragte ihn alsobald, ob er nicht der Kavalier ware, welcher in vergangener Woche bei dem Schlosse N.N. vorbeigeritten und sich am Weinberge mit Trauben und andern Fruchten delektiert hatte. "Ja!" sagte Elbenstein, "der bin ich. Die Fruchte delektierten mich ungemein, jedoch lange nicht so sehr als der Anblick einer wunderschonen Dame, die ich im Vorbeireiten aus einem Fenster des Schlosses gucken sahe." Hierauf meldete die alte Ruffiana, dass eben diese wunderschone Dame schon gestern in Ariqua eingetroffen ware und sich in das allernachste Haus bei diesem Gasthofe einlogiert hatte. Ihr, der Alten, als welche ehedem in ihrer Eltern Diensten gewesen, hatte sie seine Person sehr genau beschrieben und dabei befohlen, ihn bei Nachtszeit zu ihr zu fuhren, weil sie verschiedenes mit ihm zu sprechen hatte. Elbenstein machte allerhand Einwurfe, wie nehmlich dieser Besuch bei nachtlicher Weile eine gefahrliche Sache sei. Was wurde nicht der Wirt denken, wenn er als ein Fremder so spate aus dem Hause ginge? Uber dieses wisse er nicht, was ihm als einem Auslander, der hier ganz und gar nicht bekannt ware, etwa vor Gefahrlichkeiten aufstossen konnten. Allein, alle diese Schwurigkeiten und Vorstellungen wurden gleich gehoben, da ihm die Alte einen Schlussel zeigte, vermittelst dessen in den Garten, welcher an sein Zimmer stiess, zu gelangen ware; nebst diesen zeigte sie einen andern Schlussel, mit welchen sie die Hintertur des Hauses eroffnen konnte, worinnen die Dame wohnete. Hiernachst riet ihm die Alte, dass er sich bei dem Essen mude stellen sollte, damit sich der Wirt desto eher bei ihm beurlaubte, da sie sich denn zu gehoriger Zeit einfinden und ihn an denjenigen Ort fuhren wollte, wo er den Uberfluss alles Vergnugens antreffen wurde.
Wer gern tanzt, dem ist leichte gepfiffen, pflegt man in gemeinem Sprichworte zu reden. Es war ohnedem Elbensteins Sache nicht, diese schone Gelegenheit auszuschlagen, und wenn er sich auch gleich darbei einiger Gefahr exponieren mussen. Derowegen versprach er der Alten, nebst Darreichung eines Goldstucks, sich auf ihre Klugheit und weise Fuhrung zu verlassen, worauf sich denn diese sogleich in die Kuche begab und vorstellete, dass der Kavalier, als ein deutscher hungriger Wolf, bald zu essen und bald hernach zu schlafen verlangte. Der Wirt verabsaumete nicht, ihn bald zu befriedigen, brachte demnach erstlich die Speisen, welche Elbenstein, als ein junger 22 jahriger Mensch, nebst einer guten Bouteille Massiniziererweine sich wohl schmecken liess. Der Wirt war zwar curieus zu wissen, wes Standes er und was seine Verrichtung etwa dieses Orts ware, allein er gab sich bloss vor einen Passagier aus, der, um Welschland zu sehen, von einem Orte zum andern reisete und sich, wo es ihm gefiele, zwei, drei oder auch wohl mehr Tage aufhielte; wie er denn seinem Diener auch schon so gestimmt, um auf einerlei Rede zu bleiben. Hierauf gab der Wirt zu vernehmen, dass, obgleich dieser Ort nicht allzugross und volkreich, dennoch selbiger von langen Jahren her beruhmt und in der Historie deswegen bekannt ware, weil vor alters der beruhmte Poet damaliger Zeit, Franciscus Petrarcha, daselbst gewohnt und unter andern sinnreichen Gedichten und Schriften auch viele Verse auf seine geliebte Laura gemacht. Das Haus, worinnen er gewohnet, stunde noch, und die Katze, welche seine Schriften vor den alles zernagenden Ratten und Mausen verwahret, ware noch uber der Tur seiner Studierstube einbalsamiert zu sehen.
Elbenstein bezeugte demnach dieser und anderer Kuriositaten wegen, welche ihm von dem Wirte in aller Kurze hererzahlet wurden, ein Verlangen, einige Tage dazubleiben und sich in diesem Stadtgen und dessen angenehmen Revier recht umzusehen; weil er sich aber vor dieses Mal nach eingenommener Mahlzeit ganz schlafrig anstellete, als liess der Wirt die Speisen abtragen und wunschte ihm eine geruhige Nacht. Unter wahrenden Speisen hatte die alte Ruffiana der Dame die Ankunft ihres geliebten Kavaliers gemeldet, kam also etwa eine Stunde nach des Wirts Retirade zu ihm hinauf und brachte zur Nachricht, dass die Dame sich uber sein Dasein ungemein erfreute und das Vergnugen zu haben verhoffte, ihn diese Nacht um zwei Uhr (welches nach unserer gewohnlichen deutschen Uhr um zehn ist) bei sich zu sehen. Da nun Elbenstein versicherte, dass es an ihm nicht ermangeln sollte, ihr seine Aufwartung zu machen, versprach die Alte, ihn zu bestimmter Zeit abzurufen, mittlerweile sie nur die ubrigen Gaste bei Abwesenheit des Wirts und der Wirtin, als welche beide sich sehr zeitig zu Bette zu legen pflegten, behorig zu akkommodieren und ebenfalls zu Bette zu schaffen bemuhet sein wollte.
Ob nun schon Elbenstein von der Reise in etwas ermudet war, so beschloss er dennoch, die zwei Stunden, so er ohngefahr noch auf sein Vergnugen zu hoffen hatte, mit wachenden Augen zuzubringen, um der Dame nicht als ein verschlossener Dustelkopf entgegenzukommen. Allein da er kaum eine Viertelstunde im Schlafstuhle gesessen und sich den bevorstehenden Zeitvertreib gar zu angenehm vorgestellet hatte, fielen ihm die von der scharfen Luft ermudeten Augen ganz ohngefahr zu, weswegen ihn denn die alte Ruffiana kurz zuvor, ehe die Glocke zwei Uhr anzeigte, im sanften Schlafe antraf. "Oh!" sagte sie, "was will daraus werden, mein Herr, wenn Ihr ein so grosser Liebhaber des Schlafs seid?" "Kehret Euch an nichts", sagte Elbenstein, "nun habe ich schon vollkommen ausgeschlafen und will mit einem jeden, wer es auch sei, drei Tage und drei Nacht um die Wette wachen." Die Alte lachte uber ihren besten Zahn, ermahnete ihn aber, sich nicht lange zu saumen, weswegen er seinen Hut und Seitengewehr nahm und sich von ihr, weil sie eine kleine Blendlaterne in Handen hatte, durch den Garten in das nachstgelegene Haus fuhren liess. Die Alte hielt sich, nachdem sie die Tur eines Zimmers eroffnet, welches durch nicht mehr als zwei auf dem Boden stehende Wachslichter erleuchtet wurde, nicht lange auf, sondern nahm ihren Ruckweg und schloss die Ture ab. Elbenstein ging etlichemal im Zimmer auf und nieder, da aber keine lebendige Kreatur zum Vorscheine kommen wollte, wurde er stutzig und blieb mitten im Zimmer stehen. Endlich offneten sich die Tapeten, und es kam etwas Lebendiges herausgetreten, welches er auf den ersten Anblick vor nichts anders als vor einen Geist hielt, denn ausser der Gestalt eines verhulleten Menschenkopfs hatte es von oben bis untennaus einerlei Taille, und zwar ganz weiss bekleidet. Es fehlete nicht viel, dass er nicht ausrief: Alle guten Geister!, denn sein Erschrecken war ungemein gross, zumalen da dieser Geist auf ihn zugegangen kam. Er tat etliche Schritte zurucke und griff in der Angst nach seinem Degen; indem rief dieser eingebildete Geist: "Halt, mein Herr! ich bin Euch nicht gefahrlich, sondern wollte nur Eure Courage probieren." Unter diesen Worten fiel der Schleier vom Haupte, und da erkannte Elbenstein erstlich seine Geliebte Baronne von K., welche sich alsobald naherte und ihn, der fast am ganzen Leibe zitterte, aufs zartlichste umarmete. Ohngeacht er nun fuhlen konnte, dass dieser Geist, welcher sich mit den allerzartesten einfachen Leinwandskleide uberdeckt, Fleisch und Beine hatte, so konnte er seine Alteration dennoch nicht sogleich verwinden, bis endlich die Baronne einen langen seidenen Schlafrock uberhing und ihn bei der Hand in ein Nebenzimmer fuhrete, allwo auf zweien Tischen die herrlichsten Weine und Confituren parat stunden. Es waren keine Bedienten zugegen, derowegen gab sich die Baronne selbsten die Muhe, den besturzten Elbenstein aufs eifrigste zu bedienen, welcher sich denn auch von seinem gehabten Schrekken gar bald wieder erholete.
Sobald er einen ziemlichen Pokal auf dero Gesundheit ausgeleeret und sie ebensoviel Bescheid getan, waren ihre ersten Worte: "Nun habe ich Euch, mein Engel! noch 1000mal lieber als vorhero, da ich sehe, dass Ihr das Herze habt, Euren Degen gegen ein Gespenst oder einen Geist zu ziehen, denn ich kann Euch versichern, dass ich keinen Kavalier astimiere, der nicht resolut ist, und wenn er auch ein englisches Gesicht hatte und im Leibe noch so wohl gewachsen ware. Zwar weiss ich mich wohl zu bescheiden, dass auch wohl der resoluteste Kavalier vor einem Gespenste mehr Furcht zu bezeugen pflegt als vor etliche 1000 anruckenden Feinden, allein ich bin, wie gesagt, mit Eurer Auffuhrung vollkommen zufrieden." Bei Endigung dieser Worte setzte sie sich von selbst auf Elbensteins Schoss und zahlete ihm unzahlige Kusse zu, welche er nicht unvergolten liess. Ja, der Schrecken verschwand hierdurch dergestalt bei ihm, dass er sie bat, den ihr vielleicht selbst unbequemen dicken seidenen Schlafrock abzulegen und sich ihm viel vieler in der vorigen Gestalt eines anbetungswurdigen Geistes zu zeigen. Die Baronesse liess sich hierzu sogleich willig finden, und ohngeacht die Leinwand ohnedem zart und durchsichtig genung war, so war doch dieses Kleid auch also beschaffen, dass es von allen Seiten mit leichter Muhe voneinander getan werden konnte. Sie vertrieben demnach einander die Zeit bei dem delikaten Weine und Konfekt mit den allerfreundlichsten Diskursen uber eine gute Stunde lang, um aber die Hauptsache, warum sie ihn hatte zu sich kommen lassen, auszumachen, fuhrete sie ihn noch in ein anderes Zimmer, allwo beide bessere Bequemlichkeit haben konnten, da denn nach vielen Streitigkeiten, pro & contra, endlich ein susser Schlaf beiden die Augen zudruckte, worinnen sie jedoch gar bald gestoret wurden, indem die alte Ruffiana kam und vermeldete, dass der Tag bereits anbrechen wolle, weswegen Elbenstein nicht verabsaumen mochte, sich in sein Quartier zu begeben.
Die Baronesse eroffnete ihm demnach nur noch einmal in aller Kurze ihre Gedanken, welche er nach seiner bereits erschopften Uberlegungskraft dennoch zu ihrem Vergnugen beurteilte und, auf ihr instandiges Bitten, folgenden Abend um eben die Zeit wiederzukommen versprach, um die Hauptsache weiter zu traktieren.
Elbensteinen waren diese Prozessgrillen dergestalt in den Kopf gestiegen, dass er, nachdem er in sein Logis gekommen, keinen bessern Rat zu erfinden wusste, als sich in sein Bette zu legen und noch einige Stunden zu schlafen, welches er denn so lange tat, bis sein Bedienter drei Stunden nach Aufgang der Sonnen ihn aufweckte und unter wahrenden Ankleiden vermeldete, dass in verwichener Nacht drei Kutschen mit Dames und Kavaliers angekommen waren, welche ihre in der Nahe daherum liegenden Weinberge wollten lesen lassen. Dieselben hatten gleich mit anbrechenden Tage einige ihrer Bedienten fortgeschickt, um in denen dabei befindlichen Lusthausern zum bequemen Aufenthalt alles zu veranstalten, mittlerweile sich die Herrschaften vielleicht noch ein paar Tage und Nachte in diesem Gasthofe aufhalten durften.
Es machte sich Elbenstein hieruber keine besondere Gedanken, nachdem er aber seinen Diener ausgeschickt, ihm ein und anderes, dessen er benotigt war, einzukaufen, kam die alte Ruffiana und brachte von der Baronne von K. einen mit verschiedenen gebakkenen Sachen und Confituren angefulleten verdeckten Korb nebst einer vortrefflichen, annoch sehr warmen Mandelsuppe. Er nahm sich ein Bedenken, von dieser letztern etwas zu geniessen, weil er sich eines gefahrlichen Betrugs dabei befurchtete. Die alte Ruffiana merkte seine Furcht, schopfte sich derowegen einen Teller voll und speisete davon mit grossten Appetite, weswegen ihm aller Argwohn verging und er also die Supp auf die Gesundheit seiner geliebten Baronne ganz ausass. Nachdem er nun der Alten im Danksagungskompliment an dieselbe aufgetragen und befohlen, ihm seine Speisen nicht eher als etwa eine Stunde uber Mittag von dem Wirte bringen zu lassen, spazierete er in den Garten, um seinen verliebten Gedanken und Erinnerung alles desjenigen, was ihm bishero passieret war, desto ohngestorter nachzuhangen. Er setzte sich demnach in eine, wiewohl nicht eben allzugut angelegte Grotte, denn die Natur zeigte zwar allhier einem Kunstler die allerschonste Gelegenheit, ein Meisterstuck zu machen, allein entweder war der Wirt kein besonderer Liebhaber von dergleichen, oder es mochte ihm vielleicht an Mitteln fehlen, ein kostbares Grottenwerk anlegen zu lassen. Unterdessen betrachtete Elbenstein erstlich die Wunder der Natur und wie das allerklarste Wasser bald hier, bald dort aus den Felsenlochern heraussprutzete, hernach setzte er sich in einen von Moos zugerichteten Schlafstuhl, worinnen zwei Personen gar kommode nebeneinander sitzen konnten. Er wunschte schon wieder, seine geliebte Baronne an diesem angenehmen Orte bei sich zu haben, weil aber dieser Wunsch vergebens, so verfiel er in tiefe Gedanken, aus welchen er sich erstlich nach Verlauf einer guten Stunde ermunterte und ihm nicht anders zumute war, als ob er geschlafen und getraumet hatte. Da es ihm aber etwas gar zu kuhle zu werden begonnte, machte er sich wieder aus der Grotte heraus an die Sonne und ging im Garten auf und ab spazieren, da er denn gewahr wurde, dass die fremden Kavaliers und Dames uber seinen Zimmer logierten, derowegen begab er sich aus dem Garten heraus, ging nach dem Stalle, wo seine Pferde stunden, im Ruckkehren aber bemerkte er in einem andern Zimmer durch die Fensterscheiben noch mehrere Dames, konnte jedoch nicht sehen, ob sie schon oder hasslich waren, weil sie ihre Gesichter mit Florkappen bedeckt hatten; wiewohl er sich auch hierum wenig bekummerte, indem ihm das Bildnis der charmanten Baronne von K. bestandig vor Augen schwebte.
Er begab sich wieder nach seinem Zimmer und brachte die Zeit mit allerhand Gedanken zu, bis endlich der Wirt nebst der Alten ihm die Mahlzeit auftrugen. Der erstere erzahlete, wie einige Kavaliers und Dames begierig zu wissen gewesen waren, wer doch der Herr sein mochte, welcher im Garten spazierengegangen, ja die eine Dame hatte ihn, den Wirt, auf die Seite gezogen und ihm einen Zechin geboten, wenn er ihr den Namen dieses Kavaliers und den Ort, wo er sich ordentlich aufzuhalten pflegte, sagen wollte; allein er habe hoch beteuret, dass er ihre Kuriositat nicht vergnugen konnte, weil sich dieser Kavalier weiter vor nichts als einen Reisenden ausgabe, der sich an diesem oder jenem Orte, wo es ihm gefiele, zuweilen ein oder etliche Tage aufzuhalten pflegte. "Mein Herr!" sagte hierauf Elbenstein, "Er hat recht geantwortet; damit Er aber nicht Schaden leide, so verehre ich Ihm hiermit zwei Zechins mit Bitte, dass Er jetzo gleich nach der Mahlzeit auf ein paar Stundgen mit [mir] spazierengehen mochte, um [mir] die selbiges Orts befindlichen Merkwurdigkeiten zu zeigen." Der Wirt stellete sich nunmehro nach abgelegter schuldigen Danksagung vor das empfangene Geschenk noch einmal so dienstfertig und versprach, Elbensteins Befehlen in allen Stucken zu gehorsamen. Dieser liess sich die Mahlzeit wohl schmecken, ingleichen den trefflichen Wein, den man in selbiger Gegend um billigen Preis haben konnte, und begab sich nachhero mit dem Wirte auf den Spazierweg. Dieser fuhrete ihn vor allererst zu des in seinem Leben sehr beruhmt gewesenen Francisci Petrarchae Hause, welches er sehr schlecht und nicht viel besser als ein gemeines Baurenhaus befand, doch dem beruhmten Manne zu Ehren besahe er alle Winkel desselben und setzte sich endlich, um ein wenig auszuruhen, auf der Stelle nieder, wo der Sage nach Petrarcha vor diesen seine Schlafstatte gehabt hatte. Er bemerkte uber der Tur nicht nur obgemeldte Katze, sondern auch folgende Buchstaben: Francisc. Petrarcha, Aret. Florent. nat MCCCIV. d. XX. Jul. denat. Florent. MCCCLXXIV.
Elbenstein versicherte seinen Wirt, dass er auf Universitaten in Deutschland zwar viel von diesem Manne gehoret und gelesen, musse aber gestehen, dass ihm als einem jungen Menschen das allermeiste wieder aus der Acht gefallen, weswegen der Wirt, welcher die Geschicht vielleicht von andern Passagiers erzahlen horen, also redete: "Mein Herr! Dieser Petrarcha ist ein sehr gelehrter Jurist, Philosophus und Poet gewesen, welcher zu Carpentras, Montpellier und Koln studieret hat. In Rom hat man ihn ohne sein Verlangen zum Poeten gekronet, wie er denn auch nachhero das Archidiakonat in Parma erhalten, ja er ware ohnfehlbar Kardinal worden, wenn er dem damaligen Papste Clementi VI. seine schone Schwester zur Matresse uberlassen wollen. Sonsten sagt man, dass er sich allezeit mit einem ledernen Schlafrocke zu Bette gelegt habe, und wenn ihm etwas von besondern gelehrten Dingen beigefallen, er solches sogleich auf diesen ledernen Rock geschrieben, wannenhero man nachgehends die Vorderteile dieses Rocks und so weit er sonsten reichen konnen, ganz mit Versen und andern gelehrten Einfallen beschrieben gefunden. Man hat diesen Rock lange Zeit als eine besondere Raritat aufgehoben, endlich aber ist derselbe zur Pestzeit unter andern Sachen mit verbrannt worden."
"So werden vielleicht", sagte hier Elbenstein, "auf diesem ledernen Rocke auch viele verliebte Seufzer und vortreffliche Stossgebetgen an seine geliebte Laura anzutreffen gewesen sein, deren der Herr Wirt gestern gedacht hat?" Wie nun der Wirt zur Antwort gab, dass er solches nicht eigentlich sagen konne, fuhr Elbenstein im Reden fort und fragte: "Ei, mein Herr, gibt es denn dem Volke kein Argernis, wenn sich die geistlichen Herrn und sonderlich die Papste Matressen halten, wie er mir denn nur jetzo gesagt hat, dass der Papst Clemens VI. des Petrarchae schone Schwester zur Matresse verlanget habe?"
"Ei, behute Gott und alle Heiligen", versetzte der Wirt, "dass wir von solchen Sachen nichts mehr reden! Kommen Sie, mein Herr! wir wollen weitergehen." Elbenstein wollte dem ehrlichen Manne nicht missfallig werden, derowegen folgte er demselben und wurde von ihm zu der Statue des Petrarchae, die von Metall gegossen war, gefuhret, bei welcher der Wirt erzahlete, dass ein gewisser Edelmann, der durch einen vorsatzlichen und frevelhaften Pistolenschuss an der Statue ein Auge verderbet, von der durchl. Republik Venedig auf Lebenszeit bannisiert worden. Nach diesen zeigete ihm der Wirt noch verschiedene vermeintliche Heiligtumer und Raritaten, welche Elbenstein ihm zu Gefallen zwar bewunderte, in der Tat aber nichts besonders Wunderbares daran befand, weswegen er unter dem Vorwande einer grossen Mudigkeit wieder mit ihm zuruck in das Gasthaus kehrete.
Kaum war er in sein Zimmer getreten, als ihm der Bediente einen versiegelten Brief uberreichte, dessen Titul nach der deutschen Ubersetzung also lautete:
An den allervollkommensten
und allervortrefflichsten
deutschen Kavalier
Wie nun schon der Titul einige Besturzung bei ihm verursachte, zumalen da der Diener meldete, dass ein unbekannter Bote denselben uberbracht und sich eiligst wieder fortgemacht hatte, so wurde er nach Lesung des Briefes noch um desto mehr besturzt. Der Inhalt des Briefs aber war folgender:
Allervollkommenster Kavalier!
Eine der vornehmsten, reichsten und schonsten Damen verlanget Euch zu sprechen, in dem Hause einer gewissen Gartnersfrau, die sich Margaretha nennet, allwo Ihr vernehmen werdet, warum man Euch dahin hat rufen lassen. Hutet Euch aber ja, jemanden, auch nicht einmal Eurem Diener etwas von dieser Sache zu entdecken. Morgen abends gegen zwolf Uhr konnet Ihr, jedoch ohne Begleitung, vor das Niedertor und zwischen den Garten herunter spazieren, da Ihr denn in der Haustur obgemeldter Margretha eine Weibsperson werdet sitzen sehen, welche Blumenkranze windet. Gehet etwas zeitiger aus und bemerkt das Haus wohl, kommt aber punktuell um zwolf Uhr wieder zuruck, da man Euch denn im Vorbeigehen schon anrufen wird. Lebt vergnugt und lasst Euch das Schweigen rekommendiert sein, sonst seid Ihr verloren. Elbenstein wusste nicht, worzu er sich entschliessen sollte, indem er sich bald dieses, bald jenes vorstellete. Er legte sich eine Zeitlang aufs Bette, um dieser Begebenheit ferner nachzusinnen, und endlich, nach langer Uberlegung, fassete er den Schluss, sich vors allererste des Lebenswandels und anderer Umstande der Gartnersfrau so genau, als es nur immer moglich, zu erkundigen. Zu dem Ende befahl er erstlich seinen Diener, nicht aus dem Logis zu gehen, sondern seiner Wiederkunft zu erwarten, weil er wegen eines empfindenden Schwindels im Haupte sich der frischen Abendluft bedienen und auf ein oder ein paar Stunden vor das Tor spazierengehen wollte. Er spazierte also ganz sachte durch die Strasse; gleich vor dem Niedertore aber kam ihm ein Knabe von ohngefahr 14 Jahren entgegen, welcher seiner lahmen Hand wegen ein Almosen von ihm erheischte. Elbenstein gab ihm eine Lira, welche vier Kaisergroschen betragt, und weil in selbiger Gegend auf der Nahe kein Mensch zu horen und zu sehen war, fragte er erstlich den Knaben, wovon er die lahme Hand bekommen hatte, worauf der Pursche zur Antwort gab, dass ihm sein nunmehro vor zehn Jahren verstorbener eigener Vater nicht nur die Armrohren, sondern auch alle Gelenke der Finger zerbrochen hatte, weiln er als ein Kind seiner Mutter um den Hals gefallen, da sie der Vater aus einem bosen Verdacht erwurgen wollen. "Gehe mit mir", sagte Elbenstein, "und antworte mir auf alles, was ich dich frage, redlich, so sollst du noch zwei Liren haben." Der Pursche war willig darzu, und Elbenstein fragte weiter nichts, als wer in diesem oder jenem Hause wohnete. Weilen nun die Hauser ziemlich weit voneinander lagen und Elbenstein sehr langsame Schritte tat, so hatte der Pursche Zeit genug, ihm nicht nur der Bewohner Namen, sondern auch verschiedenes von ihren Umstanden zu melden. Endlich fiel Elbensteinen ein Hausgen in die Augen, welches sich seiner Nettigkeit wegen vor andern distinguierte, derowegen sagte er: "Dieses Hausgen wird gewiss vornehmern Leuten gehoren?" "Ach nein!" gab der Knabe zur Antwort, "es gehoret ebenfalls nur einer Weingartnerin, welche aber unter allen andern ohnstreitig die vornehmste zu nennen ist. Aus einer armen Frau ist sie, wie mir meine Mutter gesagt, eine wohlhabende Frau worden, denn ihr Mann ist zwar erstlich nur ein armer Fagino oder Taglohner gewesen, weil aber sie, die vor der Zeit in einem vornehmen Hause zu Venedig als Kochin gedienet, sich dennoch in ihn verliebt, so ware ihre Herrschaft so gnadig gewesen, diesen Leuten, nachdem sie sich miteinander verheiratet, von Zeit zu Zeit so viel zu schenken, dass sie sich nachgerade dieses schone Hausgen, Garten, Weinberge, Landereien und dergl. ankaufen und erbauen konnen. Diese Frau", fuhr der Pursche im Reden fort, "heisst man nur die gluckselige Margaretha, sie ist aber seit etwa einem Jahre her zur Wittbe worden, weil ihr Mann, als er von einem gewissen Herrn von Padua aus mit Briefen weggeschickt, unterweges von einem Banditen dergestalt todlich verwundet worden, dass er etliche Tage hernach an den empfangenen Blessuren sterben mussen. Den Tater hatte man bekommen und ihm sein Recht getan; unterdessen spurete die Margaretha keinen Mangel in ihrer Nahrung, denn es pflegten zur Zeit der Weinlese sehr viele Dames und Kavaliers bei ihr einzusprechen, weil sie vier sauber meublierte Zimmer jederzeit bereit hielte, und da sie mit den Kochen wohl ubereinkommen, auch sonsten alles schaffen konnte, was ein jedes verlangete, so verdiente sie sich sonderlich um diese Zeit ein ungemeines Stucke Geld."
Aus diesem Berichte und da er, Elbenstein, nunmehro nur das Haus wusste, hatte er schon ziemlichermassen genung, derowegen wendete er sich mit seinem Begleiter in eine Quergasse, so zwischen den Garten durchging, gab dem Purschen noch drei Liren und bat, dass er ihn durch einen andern Weg wieder zuruck in die Stadt fuhren mochte, weilen er wegen zugestossener Mudigkeit seinen vorgesetzten Spaziergang nicht vollfuhren konnte. Der Pursche, welcher vielleicht in langer Zeit nicht so viel Geld beisammen gehabt, wusste vor Freuden nicht, was er sagen sollte, er kussete dem von Elbenstein wohl 100mal den Rockzipfel und sagte: "Oh! was sind doch die deutschen Kavaliers vor genereuse Leute gegen unsere italianischen? Wenn ich mit einem von den unserigen zehn Meilen (oder zwei deutsche Meilen) gelaufen bin, bekomme ich kaum nur einen einzigen Lira." Elbenstein gab dem armen Knaben zu verstehen, wie er bedaurete, dass er eine lahme Hand hatte, sonsten er ihm wegen seiner Redlichkeit gern in Dienste nehmen wolle; als von ohngefahr aber fragte er, ob er nicht wusste, wie die Kavaliers und Dames mit Namen hiessen, welche bei der Margaretha einzukehren pflegten. "Nein!" sagte dieser, "das kann ich nicht sagen, aber ein einzigmal habe ich gesehen, dass Damen dabei sind, die noch schoner sind als die Engel, und die andern sind auch nicht hasslich, denn sie mogen wohl keine hassliche unter sich leiden konnen; aber, im Vertrauen zu reden, mit der Margaretha hat es wohl Mucken, denn viele Leute sagen, sie habe es selbsten angestiftet, dass ihr einfaltiger Mann, dessen sie uberdrussig gewesen, von einem Banditen ermordet worden, weil er nicht nur einsmals bei ihr einen Buhler im Bette angetroffen, von demselben jedoch ubel bezahlt worden, sondern auch in der Trunkenheit einsmals von einer Dame, die doch der Margaretha vornehmste Wohltaterin sein mag, ein und andere Begebenheit erzahlet. Uber dieses habe ich neulichst, da man meinete, ich schliefe, gehoret, dass eine andere Gartnerin zu meiner Mutter sagte: 'Die Margaretha hat durch ihre Kupplerei gemacht, dass schon mancher braver, frembder Kavalier ums Leben gekommen ist.'"
Die Haare begunnten Elbensteinen zu Berge zu stehen, als er die letztern Worte dieses Purschen anhorete, jedoch er stellete sich, als ob er wenig davon verstanden hatte, und als er die Pforte sahe, wodurch er wieder in das Stadtgen gelangen konnte, dankte er demselben nochmals vor seine Muhe und befahl ihm nunmehro nur, in Gottes Namen nach Hause zu gehen. Sobald dieser etliche Schritt von ihm, sprach er bei sich selbst: 'Verflucht sei Margaretha und ihre Mordgrube! Nein! wo solche Sirenen wohnen, da will ich nicht hinkommen, sondern mich, solange es sein kann, mit meiner schonen Baronne vergnugen, hernach auf und darvon reisen.' Unter dergleichen Gedanken gelangete er wieder in seinem Logis an, da denn die alte Ruffiana sogleich kam und fragte, wo er gewesen und ob er etwa andere Courtoisie gesucht hatte. "Meine liebe Mutter!" gab er zur Antwort, "Ihr scheinet mir, wie alle alten Leute, etwas wunderlich zu sein. Wo wollte ich denn ein grosseres Vergnugen finden konnen als bei der Baronne von K., die ihresgleichen an Annehmlichkeiten auf der ganzen Welt nicht haben kann." "Nun, so habt Ihr", versetzte die Alte, "den rechten Glauben, und ich habe Euch nebst dem allerfreundlichsten Grusse von derselben zu vermelden, dass Ihr, sobald es dunkel worden, zu ihr kommen mochtet, damit sie Abschied von Euch nehmen konne, weilen sie heute einen Expressen von ihrem Gemahl bekommen, mit dem Befehl, dass sie morgen mit dem allerfruhesten aufbrechen und nach Hause kommen mochte, indem eine starke Gesellschaft ihrer Befreundten, von Dames und Kavaliers, als morgen auf ihren Schlosse eintreffen und sich mit Jagden, Fischereien, Ballen und dergleichen ergotzen wollten."
Durch diese Nachricht wurde Elbenstein einesteils besturzt, weil er seine anmutige Baronne so bald entbehren sollte, andernteils aber auch beruhiget, weilen er solchergestalt den Fallstricken der Margaretha desto geschwinder entgehen konnte, als vor welchen er sich einigermassen zu furchten Ursach hatte. Demnach liess er dem Wirt durch die Alte sagen, dass, weil er diesen Mittag spate gespeiset, er abends mit kalter Kuche vorliebnehmen und sich desto zeitiger zu Bette legen, die Mahlzeit aber doch vor voll bezahlen wollte. Solchergestalt blieb er des Wirts Besuchung uberhoben, als welcher es vielleicht auch nicht ungern sehen mochte, weiln er seinen andern Gasten desto besser aufwarten konnte. Diese hochmutigen Italianer fragten ihn, warum der Deutsche nicht Gelegenheit gesucht, mit ihnen in Compagnie zu kommen, allein der Wirt war dennoch so raisonnable, Elbensteinen zu exkusieren, indem er vorstellete, dass dieser ein Mensch von sehr stillen Humeur sei und, da er uber dieses sehr wenig italianische Worte zu Markte bringen konnte, sich allerdings noch scheuete, in dergleichen vornehme Compagnie zu kommen, weiln er vielleicht befurchtete ausgelacht zu werden, da er nur erstlich sehr wenige Wochen in Italien gewesen.
Das Frauenzimmer hielt Elbensteins Partie gegen die Kavaliers, so dass diese sich gezwungen sahen, ihnen recht zu geben. Sobald aber die starke Compagnie die Lichter ausgeloscht, kam die Alte zu Elbensteinen und vermeldete, wie es nunmehro Zeit ware, sich zur Baronne zu verfugen, weswegen er sich alsobald zurechte machte und mit ihr, jedoch ohne Laterne, durch den Garten fortschlich, damit sie nicht etwa von annoch wachsamen Augen belauert werden mochten.
Beide kamen glucklich an Ort und Stelle, ohne von jemanden bemerkt zu werden, die Alte retirierte sich sogleich, Elbenstein aber wurde von der charmanten Baronne dergestalt liebreich empfangen, dass er vor Vergnugen fast ganz aus sich selbst gesetzt war. Die Traktamenten von den delikatesten Sachen stunden zwar parat, allein sie hielten sich nicht lange darbei auf, weiln beide begierig waren, den Prozess ins reine zu bringen, welchen sie in voriger Nacht ventiliert hatten. Elbenstein, der das Jus auf Universitaten ex fundamento gelernet, brachte ein; es passierte Satz und Gegensatz; es wurde protestiert, appelliert, leuteriert, summarum der ganze Schlendrian durchpraktiziert, endlich aber baten sich beide Teile gegeneinander Spatium deliberandi aus, um vielleicht einen gutlichen Vergleich zu treffen; allein es kam ganz plotzlich eine Karosse dergestalt schnell die Gasse heruntergefahren, dass die Fenster in allen Hausern schutterten. Die Karosse hielt eben vor diesem Hause stille, und es wurde an der Tur derselben entsetzlich stark angepocht, weswegen die Wirtin vom Hause, welche eine Befreundte der Baronne von K. war, zum untersten Fenster herausrief: "Wer da?" "Ich bin es, meine Werteste!" rief eine Stimme aus dem Wagen und fragte zugleich: "Ist meine Gemahlin noch hier?" "Ja!" sagte die Hauswirtin, "sie ist hier und liegt schon in guter Ruhe. Warten Sie, mein Herr, ich will gleich Licht machen lassen." Unter diesen Wortwechsel sprunge die Baronne von K. aus dem Bette und schrie mit heiserer Stimme: "Ach, sanct Antonie! das ist mein Mann." Elbenstein war ebenso geschwind, raffte seine Kleider zusammen und war so glucklich, ehe das Haus geoffnet wurde und man den Baron mit dem Lichte zu seiner Gemahlin bringen konnte, sich durch die Hintertreppe und durch den Hof an den Garten seines Quartiers zu schleichen. Als er aber die Gartentur probierte, fand er dieselbe verschlossen. Mittlerweile fand er vors ratsamste, sich anzukleiden, und da solches vollig geschehen, vermussete er nichts als seinen Hut, Degen und Stock, welche drei Stuck ihm entsetzliche Sorgen verursachten. Allein hier half nichts als die liebe Gedult, denn weil er uber die hohen Mauren nicht springen konnte, musste er sich mit der grossten Gelassenheit so lange zu verbergen suchen, bis er sahe, wie es ihm weiter erginge.
Das alte Murmeltier war allerdings schuld an dieser seiner Verdrusslichkeit, denn sobald sie ihn zur Dame begleitet hatte, schloss sie die Gartenture wieder zu und wartete im Gasthofe ihre Geschafte ab, legte sich hernach unbesorgt zur Ruhe. Kaum aber hatte der Himmel zu grauen angefangen, als sie schon wieder munter ward, sich sachte durch den Garten schlich und die Tur ganz leise eroffnete. Ihre Besturzung war ungemein gross, als sie Elbensteinen in solchen Zustande daselbst antraf, und uber den zuruckgelassenen Hut, Stock und Degen wollte sie fast verzweifeln, wenn sie sich vorstellete, was daruber vor ein Ungluck wurde entstanden sein. Es lief aber die Sache besser ab, als sie sich eingebildet hatte, indem weil die Baronne ein Nachtlicht gehabt, sie nicht nur Elbensteins Sachen auf die Seite bringen, sondern auch das Bette in gehorige Form bringen konnen, so dass nicht zu bemerken, dass zwei Personen in demselben geruhet hatten. Die Baronne eilete hierauf ihrem die Treppe heraufkommenden Gemahl entgegen, empfing denselben mit vielen Kussen und Liebkosungen, und er erwiderte dieses mit den zartlichsten Karessen, worbei er meldete, dass, als er nach seiner Abreise von Treviso Nachricht erhalten, wie etliche ihrer Befreundten sie auf ihrem Schlosse besuchen wollten, er ihr solches erstlich durch einen Expressen zu wissen getan, nachdem aber der Bote schon fort gewesen, hatte ihn die herzliche Liebe zu seiner wertesten Gemahlin angespornet, dieselbe in eigener Person abzuholen, welches denn die Ursache, dass er so spat gekommen ware und sie in ihrer Ruhe gestoret hatte. Nun aber diesen Fehler zu verbessern, bate er, dass sie sich nur alsobald wieder niederlegen mochte, indem er nur noch eine einzige Bouteille Muskatenwein austrinken wollte, weil er empfande, dass er seinen Magen sehr erkaltet hatte, hernach sogleich folgen wollte. Dieses wurde von beiden Seiten ins Werk gestellet, und der Baron fuhrete sich vor dieses Mal gegen seine schmeichelhafte Gemahlin dergestalt verliebt und geschaftig auf als der jungste Kavalier, allein ohne besondern Nachdruck, und weil er des Tages uber auch schon eine ziemliche Portion Wein zu sich genommen haben mochte, verfiel er in einen solchen tiefen Schlaf, dass die Baronne, sobald sie horete, dass die Alte vor der Tur ware, ganz gemahlich aufstehen und ihr den Hut, Stock und Degen zur Tur herausreichen konnte. Diese druckte den Hut in ihren Handkorb und verbarg denselben sowohl als die andern Sachen unter ihrer Baotta oder Regentuche, dergleichen das gemeine Volk zu tragen pfleget, wanderte also uber Hals und Kopf zu dem von Elbenstein, welchem dadurch, dass er nicht allein seine Sachen wieder sahe, sondern auch weiln diese gefahrliche Aventure noch so glucklich abgelaufen, ungemein erfreuet wurde. Er erwog die Gefahr, so ihm sowohl als der Baronne daraus entstehen konnen, da leicht geschehen konnen, dass, wenn sie beiderseits nach gebusseter strafbarer Lust von der gottlichen Strengigkeit in einen tiefen Schlaf versenkt worden, der Baron sowohl seine untreue Gemahlin [als auch ihn] der unseligen Ewigkeit wurde aufgeopfert haben; welches dieser, als der seine erste Gemahlin aus einem blossen und ungegrundeten Verdachte ins Wasser gesturzt, so dass sie benebst der Leibesfrucht ihr Leben einbussen mussen, ohnfehlbar nicht wurde unterwegs gelassen haben, zumalen da er voritzo viel rechtmassigere Ursache gehabt, seine Rache auszuuben. Bei solchen Gedanken verging ihm nicht allein aller Schlaf, sondern er wurde dergestalt in seinem Gewussen geruhret, dass er aufstund, sein Gebetbuch hervorsuchte und Gott um Vergebung seiner Sunden mit herzlicher Reue und Leid uber dieselben inbrunstig anflehete und zugleich demutigst dankte, dass er ihn nicht in Sunden dahingerissen. Hierbei nahm er sich den Vorsatz, sobald er mit seinem Fursten wieder in N. angelanget, Urlaub, nach Venedig zu reisen, von demselben zu nehmen und daselbst bei den deutschen Kaufleuten Mons. Hopffern und Bachmeyern anzusuchen, dass sie ihm Vorschub tun und beforderlich sein mochten, bei ihren Priester zu beichten und zu kommunizieren. Denn es hatten zu damaligen Zeiten diese Kaufleute zu Venedig einen in Augspurg ordinierten protestantischen Priester bei sich, welcher, um nicht erkannt zu werden, in coleurten Kleidern einherging.
Jedoch wieder auf Elbensteinen zu kommen, so hatte er sein bellendes Gewissen durch diesen Vorsatz einigermassen beruhigt, so dass er auch ein paar Stunden schlafen konnte. Allein was ist doch das Herz eines wollustigen Menschen vor ein veranderliches Ding! Denn als er kaum wieder erwacht war, kam die alte Ruffiana und brachte ihm von der Baronne eine versiegelte Schachtel nebst einem beweglichen Abschiedskompliment; ja sie konnte nicht genugsam beschreiben, wie klaglich und jammerlich sich diese schone Dame gebardet, dass sie sich so plotzlich von ihrem liebsten Kavalier getrennet sehen sollte. Endlich aber habe sie sich damit getrostet, dass ihr Anschlag, auf eine Zeitlang nach N. zu reisen, die schonste und beste Gelegenheit zuwege bringen wurde, ihren geliebtesten Kavalier wiederzusehen und seiner Liebe zu geniessen. In dieser Hoffnung ware sie mit ihrem Gemahl diesen Morgen abgereiset, nachdem sie ihr mit einer wehmutigen Miene nochmals zu verstehen gegeben, alles wohl auszurichten.
Elbenstein gab seiner gewohnlichen Generosite nach der Alten noch ein wichtiges Trinkgeld, so dass sie hiermit allein vor ihre gehabte Muhe vollkommen wohl zufrieden sein konnte, ohngeacht er nicht zweifeln durfte, dass die Dame dieselbe gleichfalls reichlich genug beschenkt haben wurde. Da ihm aber das alte Rastrum ganz ungewohnliche und recht lacherliche Danksagungskomplimente machte, wurde er endlich ganz froh, dass dieselbe ihrer Wege ging. Sobald sie fort, schloss er die Tur seines Zimmers ab, brach die versiegelte Schachtel auf und fand zuoberst darinnen einen mit Blut beschriebenen kleinen Zettel, der ihm folgende Worte zu vernehmen gab:
Mein Auserwahlter!
In Ermangelung der Dinte steche ich mit einer Nadel so oft in die Finger, bis ich Euch, wiewohl mit einer elenden Feder, zuschreiben kann, dass Ihr der einzige seid, den ich auf dieser Welt im allerhochsten Grade liebe; dieses ist vor diesmal genung gemeldet. Nehmet dieses wenige als ein Zeichen meiner Treue und zum mich nicht im Stande befinde, ein mehreres zu tun, liebet mich auch wenigstens nur halb so sehr, als Euch liebet
Eure
Getreue.
Bei so zartlichen Ausdruckungen fing sein Herz schon wieder zu schmerzen an, und da er vollends ihr ganz ungemein akkurat getroffenes, in Wachs poussiertes Bildnis, welches in einer goldenen mit kostbaren Steinen besetzten Kapsel lag, fand, hatte er ein so heftiges Vergnugen daruber, dass er die dabeiliegende, mit lauter Zechinen angefullte Tabatiere sozusagen fast gar nicht in Betrachtung zog. Er stunde ganz entzuckt und wurde vielleicht noch in etliche Stunden seine Augen nicht von diesem Brustbilde gewendet haben, wenn nicht jemand gekommen ware und an seine Tur geklopft hatte. Solchergestalt deckte er ein Schnupftuch uber die schonen Raritaten und sahe nach, wer vor der Tur ware. Es war der Wirt, welcher fragte, ob ihm heute nicht beliebte zu speisen. Man hatte immer auf seinen Befehl gewartet, nunmehro aber, da es bereits zwei Stunden uber Mittag ware, bate er nicht ungnadig zu vermerken, dass er anfragte. Elbenstein dankte vor die gute Vorsorge und entschuldigte sich damit, dass er uber ein bei sich habendes Buch geraten ware und sich dergestalt darinnen vertieft hatte, dass er weder nach der Uhr gehoret noch an das Essen gedacht hatte; nunmehro aber bate er, die Speisen aufzutragen. Dieses geschahe, der Wirt aber, so ihm aufwarten wollte, musste sich auf sein instandiges Verlangen an den Tisch setzen und mit ihm speisen, weilen Elbensteins Diener adrett genung war, beiden aufzuwarten. Unter wahrenden Speisen kamen sie auch auf gut Gewehr zu reden, da denn der Wirt erzahlete, wie vor etlichen Jahren ein Paar ungemein saubere Pistolen bei ihm versetzt worden, welche er gern wieder verkaufen wollte, wenn er nur seine Wahrgeld wieder bekame, die Zinsen mochten immerhin zuruckbleiben. Elbenstein bat, dass ihm der Wirt diese Pistolen nach Tische in den Garten bringen mochte, allwo er sie besehen, probieren und nach Befinden einen Kaufmann darzu abgeben wolle. Nach abgetragener Mahlzeit war der Wirt nicht faul darzu. Elbenstein befand die Pistolen ungemein sauber und judizierte, dass sie kein Geringer gefuhret haben musse, er bemerkte auch aus ein und andern, dass sie nicht uneben schiessen mussten, machte demnach die Probe, liess sich von dem Wirte einen Zirkel mit Kreite auf ein Brett machen und schoss nach dem Mittelpunkte, welcher etwa so gross als ein Kaisergulden war. Nun meinete zwar der Wirt, Elbenstein ziele nach dem gemalten Mittelpunkte, dieser schlaue Fuchs aber hatte sich zu seinem Zweck einen Ast erwahlt, welcher mehr als einer Spanne lang von dem Mittelpunkte entfernet war, traf auch denselben zu seiner innerlichen Freude akkurat. Jedennoch rief er: "Das war gefehlt, aber einmal ist keinmal, ich muss es mit jeder noch dreimal probieren." Er tat solches, traf aber niemals in den Zirkel, weil er sich allemal ausser demselben ein besonderes Fleckgen merkte, welches er denn keines Messerruckens breit verfehlte. "Ewig schade!" sagte Elbenstein demnach, "dass diese saubern Pistolen nicht akkurat schiessen." Der Wirt, welcher sich auch ein guter Schutze zu sein bedunken liess, schoss mit jeder Pistole auch dreimal, kam zwar zweimal in den Zirkel, doch lange nicht nahe genung an den Punkt, weswegen er sich zwar geschickter zu sein bedunkte als Elbenstein, jedoch gestehen musste, dass die schonen Pistolen eben nicht gar zu gut schossen. "Nun!" sagte Elbenstein, "wollen wir einmal sehen, was meine tun, welche nicht des vierten Teils soviel Ansehen haben." Dennoch befahl er dem Diener, ihm seine Pistolen zu langen. Elbenstein ladete sich allezeit selbst und schoss auf sechsmal das Zentrum dergestalt heraus, dass man ein Ei hindurchstekken konnte. Der Wirt sperrete Maul und Nase auf, und da Elbenstein ihm erlaubte, auch sechsmal daraus zu schiessen, traf er das Zentrum zweimal, der weiteste Schuss unter sechs aber kaum zwei Querfinger breit darvon.
"Es ist wahr", sprach der Wirt, "diese sind besser, ohngeacht sie nicht soviel Ansehen haben." Nach diesen belustigten sie sich noch weiter mit Schiessen, denn der Wirt musste Elbenstein ein und andere Apfel und Aprikosen zeigen, welche er von den Baumen heruntergeschossen haben wollte, und jener traf mit seinen eigenen Pistolen alle dergestalt akkurat, dass mancher Apfel und Aprikose in viele Stucken zersprunge. Endlich fragte Elbenstein: "Mein Herr, wie hoch halt Er Seine Pistolen?" "Ach", antwortete dieser, "wenn ich alles rechnen wollte, so stunden sie mir wohl vor mehr als zwolf Zechinen, wenn man mir aber acht Zechinen bar Geld hinzahlete, wurde ich mich nicht lange besinnen, dieselben anzunehmen, denn mit Gelde kann ich ehe was erwerben als mit Pistolen." Elbenstein tat, als ob er sich eine Weile besonne, endlich zohe er seine Goldbeurse hervor und sagte: "Ich will einmal einen Hazard wagen, hier sind die acht Zechinen. Ich weiss einen Meister, der dergleichen Gewehr sonst ganz gut zurichten kann. Trifft's ein, dass er ihnen helfen kann, so ist's gut, wo nicht, so muss ich mich damit begnugen lassen, dass sie doch eine gute Parade im Zimmer an der Wand machen." Der Wirt mochte wohl hochst erfreut sein, dass er die Pistolen nur los wurde und bar Geld davor bekam, Elbenstein aber hatte sie nach der Zeit, da er immer mehr und mehr probiert, auch bestandig akkurat befunden hatte, keinem vor 24 Zechinen hingegeben.
Vor dieses Mal ging er auf sein Zimmer, allwo ihm die Gedanken einkamen, dass er diesen Abend in der Margaretha Behausung eine Visite abzulegen hatte; allein es schauderte ihm die Haut darvor, zumalen er nicht wusste, was er vor Personen darinnen antreffen wurde und ob er sich statt eines eingebildeten Vergnugens nicht in die grosste Gefahrlichkeit sturzen konnte. Demnach nahm er das Bildnis seiner geliebten Baronne abermals vor sich, kussete dasselbe wohl mehr als 100mal aufs allersubtileste und redete als ein verliebter ... nicht anders mit demselben, als ob die Baronne in Lebensgrosse personlich zugegen ware. Endlich aber besann er sich selbsten, dass er Torheiten beginge, packte derowegen das Portrat wieder ein und resolvierte sich, um die verliebten Grillen in etwas zu vertreiben, vor das Obertor spazierenzugehen. Demnach liess er bei dem Wirt anfragen, ob er ihm Gesellschaft leisten wollte. Dieser, welcher vermerkte, dass der Spaziergang vor das Obertor nicht so leer ablaufen wurde, zumalen da er den besten Wein selbst lieber trunk als den schlechtesten, war gleich parat und fuhrete Elbensteinen, welcher vorgab, dass er die Gegend vor dem Obertore noch nicht betrachtet, da hinaus.
Als sie kaum 500 Schritt ausserhalb passieret, zeigte ihm der Wirt in der Nahe ein Gartenhaus und sagte: "Mein Herr! Sie mogen es glauben oder nicht, in diesen Hause trifft man den besten Wein an, der in Welschland weit und breit nicht besser und delikater zu finden ist. Ich weiss aber nicht, wie es zugehet, dass der Wein nur allein in diesem Hause so vortrefflich schmeckt, denn ich habe zu verschiedenen Malen den allerbesten ausgekostet, mir etliche Bouteillen davon abziehen und in mein Haus tragen lassen, allein nachhero hat ein jeder sogleich schmecken konnen, dass meine Weine weit besser gewesen als diese. Es ist ein rechtes Wunder", fuhr der Wirt fort, "dass auch die schlechtesten Weine in diesem Hause so ungemein delikat schmecken, sobald sie aber, es sei in Glasern, Bouteillen, Fassern oder was es vor Geschirr ist, nur zehn oder 20 Schritt uber die Strasse getragen werden, ist die Delikatesse weg und schmecken dieselben nicht anders als andere gemeine Weine." "Vielleicht", versetzte Elbenstein, "wird der Wirt dieses Hauses etwa hubsches Frauenzimmer im Hause haben?" "Ach, nichts weniger als dieses, denn der Wirt und die Wirtin sind ein Paar sehr alte, aber sehr fromme und religieuse Leute, deren beide Tochter und die Magd, die sie haben, ungemein hassliche Personen. Allein die beiden frommen Alten haben sich nicht allein den heil. Antonium von Padua in Lebensgrosse aus Holz geschnitzt in ihr Haus geschafft, sondern sollen auch wurklich eine Reliquie von ihm in ihrer Gewalt haben, welcher letztern eben das Wunder zugeschrieben wird, dass der Wein, sobald er aus dem Revier ihres Hauses getragen wird, seine Delikatesse verlieret." Elbenstein musste in seinem Herzen uber die Reden seines Wirts lachen, doch liess er sich nichts merken, sondern sagte: "Ei, so bin ich doch curieux, nicht nur den delikaten Wein zu kosten, sondern auch das Wunder zu probieren. Kommet, mein Herr! wir wollen auf dieses Haus losgehen und dem heil. Antonio unserer Ehrerbietung bezeigen." Der Wirt schiene damit wohl zufrieden zu sein, sie traten durch das Haus in die Stube hinein und fanden, weil es eben Sonnabend war, keine Gaste, sondern die drei Frauenzimmer, deren Gestalt er sich nicht hasslicher einbilden konnen. Elbensteins Wirt forderte eine Bouteille vom allerbesten Weine, indem er vorgab, dass er einen recht vornehmen deutschen Kavalier zu ihnen gefuhret hatte, mithin gern Ehre einlegen wollte. Die Bouteille wurde nebst reinen Trinkglasern gebracht und die eine Tochter gefragt, wo Vater und Mutter waren, worauf die Antwort fiel, dass sie in einem andern Zimmer ihre Andacht vor dem heil. Antonio verrichteten. Der Wirt trunk Elbensteinen zu, dieser tat Bescheid und gab auf jenes Befragen, ob er wohl delikatern Wein in Italien getrunken hatte, zur Antwort: "Nein! dieses ist der allerdelikateste, den ich zeit meines Lebens bis auf diese Stunde gekostet." "Nun, mein Herr!" versetzte der Wirt, "um Ihnen des Wunders zu uberzeugen, so kommen Sie nur gleich, nehmen Sie selbst die Bouteille in die Hand, damit Sie versichert bleiben, dass kein Betrug vorgeht. Ich will die Glaser nehmen, wir wollen nur etliche 20 Schritt uber die Grenzen dieses Hauses gehen, hernach sagen Sie mir Ihres Herzens Meinung." Elbenstein gehorsamte dem Wirte, nahm die Bouteille in Arm und ging mit ihm. Sobald sie etliche 20 bis 30 Schritt vom Hause hinweg waren, notigte ihn der Wirt, sich auf einen grunen Hugel niederzulassen, selbsten ein Glas einzuschenken und dasselbe auszutrinken. Dieser folgete, kaum aber hatte er das Glas ausgeleeret, als der Wirt recht begierig fragte: "Nun, wie schmeckt der Wein allhier?" Elbenstein stellete sich sich ganz besturzt und tat, als ob er gar nicht zu Worten kommen konnte, endlich aber sagte er mit einem tiefgeholten Seufzer und gen Himmel gerichteten Augen: "Oh! Wunder uber Wunder! dieses hatte ich nimmermehr geglaubt, wenn ich es nicht selbst empfunden hatte; denn die Delikatesse des Weins ist bereits uber die Halfte weg. Was wurde nicht werden, wenn man ihn noch weiter truge?" Der Wirt trunk auch und sagte: "Ja! es ist wahr, uber die Halfte ist die Delikatesse schon weg; allein wir wollen jeder nur noch ein Glas zu mehrerer Uberzeugung trinken, sodann wieder ins Haus gehen, denn was sollen wir uns mutwilligerweise um den guten Geschmack bringen." Elbenstein liess sich's gefallen, bejahete nochmals, dass der Wein hier sehr schlecht schmeckte, und sobald der Wirt sein Glas auch ausgetrunken und eben dasselbe bekraftiget hatte, begaben sie sich wieder zuruck ins Haus.
Kaum hatten beide in der Stube am Tische Platz genommen, als der Wirt Elbensteinen aufs neue von eben dieser Bouteille zu trinken notigte. Dieser tat es und wurde hernach befragt, wie der Wein nun wieder schmeckte. Elbenstein stemmete die Ellbogen auf den Tisch und hielt die Hande vor beide Augen, schuttelte auch ofters den Kopf, um eine sonderbare Verwunderung anzuzeigen, endlich aber sprach er: "Zeit meines Lebens will ich an dieses Wunder gedenken, denn nunmehro schmeckt der Wein aus eben dieser Bouteille eben wieder so delikat als zuallererst, so dass ich gestehen muss, solange ich in Italien bin, noch nicht dergleichen getrunken zu haben." Allein vor dieses Mal war Elbenstein wohl ein rechter Spottvogel, denn er musste zwar bei sich selbst gestehen, dass dieses kein schlechter, sondern ein solcher Wein war, der die mittelmassigen ubertraf, jedoch hatte er schon binnen der Zeit, als er in Italien sich aufgehalten, Weine von weit besserer Nummer getrunken. Sein ganzes Werk aber war nur, sich dem Wirte gefallig zu erzeigen, jedoch denselben heimlich bei der Nase herumzufuhren.
Sie fuhreten demnach alle beide noch verschiedene Diskurse uber dieses wunderliche Wunder, bis endlich der eisgraue alte Hauswirt nebst seiner ebenfalls eisgrauen alten Hausehre hereingetreten kam und seine Gaste mit den allerandachtigsten Worten und Gebarden bewillkommete. Da ging nun der Diskurs von dem Miracul aufs neue an, welcher, wenn man denselben allhier repetieren wollte, viel zu langweilig und verdrusslich fallen wurde. Weiln aber demnach der Wein Elbensteinen ganz wohl schmeckte, als trunk er seiner geliebten Baronne Gesundheit so ofters in Gedanken, dass er endlich einen ziemlichen Schwur[b]el im Kopfe fuhlete. Jedennoch bezeigte er gegen seinen Wirt ein Verlangen, den heil. Antonium von Padua zu sehen; dieser sein Wirt persuadierte also den alten Hauswirt bald dahin, sie alle beide in das Appartement zu fuhren, wo die holzerne, doch aber sauber gemalte und verguldete Statue stunde. Es war dieses Appartement einer kleinen Kapelle nicht unahnlich, indem ein Bet-Altar, verschiedene Lichter und andere geistliche Zieraten darinnen anzutreffen waren. Da nun, wie bereits gemeldet, Elbenstein vom Weine etwas begeistert war, tat er diesem Heiligen mehr Ehre an, als er sonst jemals einem holzernen Bilde erzeiget hat, ja er stellete sich gar, als ob er etwas Besonders auf den Herzen hatte und den heil. Antonium heimlich um Hulfe anrufte. Dieses gefiel dem alten eisgrauen Manne dergestalt wohl, dass er nach der Zuruckkunft in die Trinkstube ein paar Bouteillen von noch weit bessern Weine herauflangete. Elbensteins subtile Zunge schmeckte bald, dass dieses aus einem weit bessern Fasse ware, sagte es derowegen ganz deutlich heraus, allein der alte Mann beteurete, dass es eben vom vorigen Weine ware, und wenn er ihm ja besser schmeckte, so ware es ein Merkzeichen, dass der heil. Antonius sein Gebet erhoret hatte. Elbensteins Wirt bekraftigte solches, weswegen Elbenstein vor Freuden in die Hande klatschte, sich aber in dem guten Weine vollends dergestalt begeisterte, dass sein Diener und der Wirt ihn fast nach Hause und ins Bett tragen mussten. Soviel Verstand hatte er noch, seinem Diener zu sagen, dass er die Mittagsmahlzeit eine gute Stunde zeitiger als gewohnlich bestellen, hernach die Pferde parat halten sollte, weil er gleich nach Einnehmung der Mahlzeit fortreisen wollte.
Ein Rausch, den man sich mit Vergnugen trinkt, schadet vieler Leute Meinung nach nicht halb soviel, als wenn man bei Zank, Streit, Argernis und Grillen der guten Sache zuviel tut. So ging es diesmal Elbensteinen, denn die Sonne prasentierte sich kaum am Rande des Horizonts, als er sich ermunterte und nichts weniger als einen Rausch im Kopfe oder sonsten einige Incommodite bei sich spurete, hergegen befand er sich ganz aufgeraumt und munter. Derowegen stund er aus dem Bette auf, rief seinem Kerl, damit er ihn ankleiden mochte. Dieser kam und meldete erstlich, dass sein Pferd aufstutzig worden ware, weswegen er einen Schmidt gelanget, der ihm die Adern geschlagen und Arzenei eingegeben, anbei befohlen hatte, es bis gegen Mittag anzusehen, da er denn, wenn es sich binnen der Zeit nicht gebessert, dem Pferde noch etwas anders brauchen wollte. "Ausserdem", sagte der Kerl weiter, "gab mir ein Junge, eben als ich vom Schmiede kam, diesen Brief und sagte darbei, ich sollte diesen Brief meinem Herrn, sobald er aufgewacht ware, selbst in die Hande geben, so lieb mir mein Leben ware. Hiermit lief die Teufelskrote darvon." Elbenstein lachte und sagte zum Diener: "Gehe also nur hin und besorge das Pferd, damit ich weiss, ob ich heute fortkommen kann oder nicht, denn mit meinem Ankleiden hat es solchergestalt noch ein paar Stunden Zeit." Der Diener hatte kaum die Ture zugemacht, als er den Brief recht begierig aufbrach und denselben also gesetzt befand:
Unbesonnener Kavalier!
Was wegert Ihr Euch, einer der vornehmsten und schonsten Damen aufzuwarten, gegen welche 100000 und noch mehr Seufzer von 1000 andern Kavaliers sondern nur Eure Person astimiert? Saget, was bewegt Euch darzu, ein Gluck mit Fussen von Euch zu stossen, welches so viele fussfallig gesucht und dennoch niemals finden konnen! Euer Gluck ist's dass Ihr eine gute Vorsprecherin gehabt habt, sonsten waret Ihr vielleicht schon nicht mehr in dem Register der Lebendigen befindlich. Allein erklaret Euch, ob Ihr diesen Abend um die bestimmte Zeit erscheinen wollet oder nicht! Im Verweigerungsfall wird man nicht eher ruhen, bis Ihr zu Grabe getragen seid, erscheinet Ihr aber am bestimmten Orte, so stehet Euch der Himmel Eures Vergnugens offen, auch wird Eure Gefalligkeit aufs reichlichste belohnet werden. Bedenket Euer Bestes und schicket durch Euren Diener einige Antwortszeilen an die Statue der Francisci Petrarchae, allwo in der Mittagsstunde ein Knabe, der einen gelben Rock tragt, dieselben von ihm abfordern wird. Fasset einen frischen Mut und trauet
Eurer
unbekannten Freundin.
P.S. Eine gute Stunde hernach schicket Euren Diener wieder an denselben Ort, da werdet Ihr auf Euer Schreiben nochmalige Antwort bekommen. Elbensteinen brach unter wahrenden Lesen dieses Briefes der Angstschweiss aus, er wunschte sich, 100 Liebe, Furcht und Todesangst stritten miteinander. Was war aber zu tun? Er hielt vors ratsamste, in folgenden Terminis zu antworten:
Allerwerteste unbekannte Freundin!
Ich bekenne selbst, dass ich gestern einen gewaltigen Fehler begangen habe, indem ich der mir zugeschickten Ordre nicht nachgelebet. Den ganzen Tag habe ich mit Schmerzen auf die bestimmte gluckselige Stunde gehofft, und endlich liess ich mich von meinem Wirte persuadieren, zu Vertreibung der melancholischen Gedanken nur auf ein paar Stundgen mit ihm spazierenzugehen. Ich hielt es selbst vor ratsam, um etwas aufgeraumter zu werden; derowegen fuhrete er mich vor das Obertor in den Garten St. Antonii. Nun weiss ich nicht, wie es zugegangen ist, dass ich mich in ein paar Bouteillen Wein dergestalt vollgetrunken habe, dass ich von meinen Sinnen nichts gewusst, dieserwegen auch noch bis diesen Augenblick noch so krank bin als ein Hund. Jedennoch aber erfordert die Pflicht und Schuldigkeit gegen meinen gnadigsten Fursten und Herrn, dass ich noch heute von hier abreisen und Tag und Nacht reiten muss, um demselben von meinen Verrichtungen eiligsten Rapport abzustatten. Die englische Dame darf ja nur befehlen, wenn und an welchem Orte ich in Zukunft meine untertanigste Aufwardern Zustande aufs eifrigste bestreben, mit grossen Vergnugen Dero untertanigster Knecht zu sein. Mit diesen Antwortszeilen schickte Elbenstein seinen Diener binnen der Zeit, als er mit dem Wirte eben in der Mittagsstunde zu Tische sass, nach der Statue des Petrarchae. Kaum liess sich der Diener daselbst blikken, als der gelbrockigte Junge auf ihn zukam und mit einer barbarischen Miene einen Brief von ihm abforderte, auch als ein Kommandeur dem Diener befahl, dass er ja gleich nach Verlauf einer Stunde wiederkommen und von ihm fernere Nachricht ablangen sollte, damit er, der Junge, nicht lange auf ihn warten durfte. Der Diener schuttelte den Kopf und wusste nicht, was er bei dieser Historie gedenken sollte, klagte es aber seinem Herrn, welcher, indem er schon vom Tische aufgestanden war und im Stalle selbst nach den Pferden sahe, hieruber (jedoch mit beangstigten Herzen) lachte und weiter nichts sagte: "Kehre dich doch nichts an die hiesige liederliche Canaille, gehe in einer Stunde wieder hin und siehe zu, ob er etwa einen Brief hat oder ob er dir etwas mundlich sagen will, hernach sattle die Pferde augenblicklich, denn ich will heute noch fort."
Hierauf ging Elbenstein wieder nach seinem Zimmer und trunk mit seinem guten Wirte noch eine starke Anzahl Glaser Wein zum Valete, so dass beide bald anfingen zu taumeln; ehe er sich's aber versahe, kam sein Diener, rufte ihn in die Schlafkammer und uberlieferte ihm ein Billett, welches der gelbrockigte Junge zuruckgebracht hatte, der Inhalt desselben aber war folgender:
Halsstarriger!
Glaubet nur nicht, dass man einige Exquisen von Euch anzunehmen gesonnen ist, sondern Ihr musset absolut in Person erscheinen, um Euren begangenen Fehler zu entschuldigen und denselben zu verbessern suchen, woferne Ihr nicht ein blutiges Rachopfer einer bereits ziemlich in Harnisch gebrachten Dame werden wollet, welche Mittel genung weiss, Euch bis an das Ende der Welt verfolgen zu lassen. Man weiss ohne Euer Bekenntnis alle Eure Tritte und Schritte, die Ihr gestern nach der Mittagsmahlzeit getan habt, und es ist ein grosses Gluck vor Euch, dass Ihr gestern nirgends anders als im Garten St. Antonii Eure Zeit passieret, waret Ihr aber in ein Haus geraten, worinnen schoners Frauenzimmer anzutreffen gewesen, so hatte man Euch vielleicht das Lebenslicht schon ausgeblasen, denn dieser Dame, welche in ihrer Liebe sehr bestandig, ist nichts empfindlicher als die Untreue und Verachtung ihrer Person. Man hoffet ferner auf keine schriftliche Antwort von Euch, sondern versichert selbst kommen werdet. Nunmehro wollte bei Elbensteinen guter Rat teuer werden, und es war einesteils gut, dass er schon wieder ein kleines Rauschgen hatte, denn solchergestalt schlug er die sorgsamen und angstlichen Gedanken ziemlichermassen aus dem Sinne, beschloss, auf den Abend der Dame seine Aufwartung zu machen, bei dem Wirt aber, damit dieser von seinen Aventuren nichts merken mochte, Abschied zu nehmen und sich zu stellen, als ob er heute noch etliche Meilen zurucklegen wollte. Demnach ging er aus der Kammer heraus und traf den Wirt noch in seiner Stube an, weil er aber dessen Forderung bereits vergnugt hatte, rief er seinem Diener, dass derselbe die Pferde vorziehen sollte, mittlerweile er mit dem Wirte heraus ins Haus ging und noch etliche Glaser Wein ausleerete und sich hierauf weit betrunkener anstellete, als er in der Tat war. Der Diener und der Wirt hatten Muhe genung, bis sie ihn aufs Pferd brachten, sobald er aber nur im Sattel sass, sagte er: "Nun! da ich nur sitze, hat es keine Not, denn binnen einer halben Stunde ist alles vorbei." Derowegen nahm er nochmals Abschied von dem Wirt und ritt ganz sachte und gemachlich nach dem Untertore zu. Vor diesem Tore hatte er ehegestern bei seinem Spazierengehen noch eine Hostaria oder Gastherberge bemerkt, die nicht weit von der Margaretha Behausung war. Indem er nun ganz nahe an diese Hostaria gekommen war, hielt er stille und fragte seinen Diener mit schwerer Zunge: "Wo bin ich?" "Herr!" sagte dieser, "wir sind kaum zum Tore heraus." "Ich kann ohnmoglich weiterreiten", sprach Elbenstein, "hilf mir vom Pferde und bringe mich in ein Haus, dass ich nur ein paar Stunden schlafen kann." Diese Worte horete der Wirt, welcher in der Tur der Hostaria stund, kam derohalben herzugesprungen und half den Betrunkenen ganz gemachlich vom Pferde heben, fuhrete ihn auch in ein fein meubliertes Zimmer, in welchen ein Bette stund, auf dieses fiel Elbenstein ganz taumelnd hin und stellete sich, als ob er augenblicklich einschliefe. Der Wirt und der Diener liessen ihn ohngestort liegen, wie er lag, und gingen auf die Seite, sattelten die Pferde ab und gaben ihnen Futter, weil doch allem Ansehen nach heute an kein weiteres Reiten zu gedenken war. Elbenstein war wurklich in einen sussen Schlaf verfallen, doch schlief er dergestalt mit Sorgen, dass er sich gleich bei Untergang der Sonnen wieder ermunterte, seinen Diener rief, dass er ihm Schuhe und Strumpfe bringen und die Stiefeln abziehen sollte, weiln er zwischen den Weinbergen und Garten hinaus spazierengehen und seinen Rausch vollends austummeln wollte.
Er begab sich also aus der Hostaria heraus, ging
vor der Margarethen Wohnung vorbei und setzte sich zwischen zweien Garten hinter ein belaubtes Gepusche, allwo er nicht leicht von jemanden gesehen werden, jedoch alles beobachten konnte, was zu der Margarethen Hausture aus und ein passierte. Er hatte allhier den allerangenehmsten Prospekt vor sich, sowohl wegen der da herumgelegenen schonen Weinberge und Garten als auch der in selbigen erbaueten kostbaren Palaste. Die Zeit wurde ihm also gar nicht lang, zumalen da eben der Mond aufging, der mit seinem Glanze die an sich selbst schone Gegend noch weit angenehmer machte. Uber dieses wurden seine Ohren gleichfalls durch die angenehmste Instrumental- und Vokalmusik vergnugt, welche in den meisten Palasten und Lusthausern dasiger Gegend gemacht wurde, weswegen er sich in dieser seiner Einsamkeit recht vergnugt und von dem kleinen Rausche vollkommen verlassen befand, mithin unter vorwitzigen Betrachtungen abwartete, was ihm begegnen wurde. Endlich ward er gewahr, dass aus einem gewissen Palais zwei Personen herausgegangen kamen, an welchen er aber anfanglich nicht erkennen konnte, ob es Mannspersonen oder Frauensleute waren. Es nahmen dieselben erstlich einen langen Umschweif und kamen hernach an den Garten herunter spaziert, zwischen welchen Elbenstein verdeckt sass. Da erkannte er nun, dass es zwei propre gekleidete Bauerinnen waren, die sich hoch aufgeschurzt hatten und deren jede eine Cistella oder Handkorbgen am Arme trug. Indem sie nun vor dem versteckten Elbenstein ganz gemachlich vorbeigingen, sagte die eine mit einer angenehmen und zarten Mundart: "Ich bilde mir bis auf diese Stunde noch nichts weniger ein, als dass er kommen werde." "Und ich", versetzte die andere mit einer weit grobern Sprache, "bilde mir bis auf diese Stunde nichts weniger ein, als dass er aussen bleiben werde." "Geschicht's", sagte die erste wieder, "so ist's sein Gluck, denn ich liebe ihn sehr heftig, wollte mich also lieber mit demselben ergotzen als ihn toten lassen." Was die andere hierauf antwortete, konnte Elbenstein nicht mehr vernehmen, weil sie schon zu weit von ihm waren, als er aber sahe, dass die beiden Bauerinnen gerades Wegs auf der Margaretha Haus los und endlich in dasselbe hineingingen, zweifelte er keinesweges mehr, dass wenigstens die eine verkleidete Bauerin eine Standesperson und ohnfehlbar eben diejenige sei, welche seine Aufwartung verlanget hatte. Die Worte, welche die erste gesprochen: 'Ich liebe ihn sehr heftig' etc., verschafften ihn einen grossen Trost, denn es lagen ihm nicht allein die Worte noch in Gedanken, welche der Junge, so ihn ehegestern abends gefuhret, in seiner Einfalt ausgesprochen, sondern er hatte auch sonsten schon gehoret, dass unter den vornehmsten und schonsten italianischen Damen solche barbarische, ja teufelische Gemuter anzutreffen waren, welche ihren Amanten, nachdem sie deren Karessen uberdrussig worden und ihre Geilheit auf diesmal genug gestillet befunden, endlich mit einer Giftsuppe oder Stilettade den Lohn zu geben pflegten. Bei solchen Gedanken zitterte ihm allerdings das Herz im Leibe, wenn er sich aber im Gegenteil vorstellete, von einer der vornehmsten und schonsten Damen embrassiert zu werden und was er sonsten vor Vergnugen bei derselben wurde zu empfinden haben, begunnte die Furcht vor der Gefahr allgemach zu verschwinden, und er wartete nunmehro mit Schmerzen auf den bestimmten Glokkenschlag. Dieser liess sich endlich horen, es war aber nicht anders, als wenn ihm zu gleicher Zeit jemand ein Messer ins Herz gestochen hatte, er sprang auf, blieb eine Weile stehen und besann sich, ob er in die Hostaria zuruckgehen, seine Pferde satteln lassen und bei dem hellen Mondenschein fortreuten oder in der Margaretha Behausung gehen wollte. Zuletzt pradominierte doch bei ihm die tollkuhne und wollustige Jugend, weswegen er mit bedachtsamen Schritten auf der Margaretha Wohnung zuging, unter dem Vorsatze, alles zu wagen, weiln man doch dem gemeinen Sprichworte nach aus zweien Ubeln dasjenige erwahlen musste, welches einem am ertraglichsten vorkommt.
Sobald er gegen die Tur kam, gab ihm eine darinnen sitzende Weibsperson durch Winken und Husten zu verstehen, dass er naher kommen mochte. Er gehorsamete und wurde gefragt, ob er derjenige Kavalier ware, welcher heute durch einen gelbrockigten Jungen Briefe zugeschickt bekommen hatte. "Ja!" sagte Elbenstein, "der bin ich, auch willig und bereit, den darinnen enthaltenen Befehlen, soviel mir mensch- und moglich ist, aufs allergenauste nachzukommen, es mag mir auch darbei begegnen, was nur immer will." Hierauf gab die Weibsperson zur Antwort: "Seid gutes Muts und sorget vor nichts, mein Herr! denn es stehet Euch ein besonderes Gluck und nicht das geringste Ungluck vor, wendet aber nur alle Euren Fleiss und Krafte an, Euch bei einer der qualifiziertesten und vollkommen schonen Damen recht beliebt und angenehm zu machen und dieselbe nach ihrem Wunsche zu vergnugen." Hiermit fuhrete sie Elbensteinen die Treppe hinauf, eroffnete ein wohlausgeputztes Zimmer, welches nur von einem einzigen Lichte erleuchtet wurde. Der mit allerhand Confituren und Weinglasern besetzte Tisch stund der Ture gleich gegenuber, und an demselben sass eine von den verkleideten Bauerinnen, welche er bei sich hatte vorbeigehen sehen. Sobald er ins Zimmer eingetreten und die Tur hinter ihm zugeschlossen war, stund sie auf und ging ihm etliche Schritte entgegen. Elbenstein hingegen fiel vor ihr auf das eine Knie nieder und deprezierte seinen gestern begangenen Fehler mit herzbrechenden Worten. Sie horete ihn eine kleine Weile zu, sagte aber kein Wort, weil sie eine grune Sammetmasque vor dem Gesichte hatte. Endlich legte sie ihre zarte Hand auf seinen Mund zum Zeichen, dass er nunmehro hiervon nur schweigen sollte, ihm aber auch ein Zeichen zu geben, dass sie nicht mehr zornig sei, klopfte sie ihm mit beiden Handen sanfte auf die Backen, fuhrete seine Hand zu ihren Munde, welche sie wegen der Masque zwar nicht kussen konnte, doch gab sie mit ihrem Munde einen klatschenden Laut zum Zeichen, dass dieses so gut als gekusset ware, nach diesen griff sie ihm unter die Arme und hub ihn also von dem Fussboden auf, prasentierte ihm einen Stuhl, sich neben sie zu setzen, schenkte zwei Glaser Wein ein und gab mit finkelnden Augen und einem charmanten Kompliment, jedoch ohne [ein] einziges Wort zu reden, zu verstehen, dass sie seine Gesundheit trinken wollte. Elbenstein war schon froh, denn nunmehro, glaubte er, wurde sie ihr schones Gesicht entblossen, allein weit gefehlet! Denn ehe er sich's versahe, hatte sie vermittelst eines goldenen Rohrchens in grosster Geschwindigkeit das ganze Glas ausgeleeret. Das war ihm nun zwar eben nicht gelegen, jedoch liess er sich nichts merken, sondern trunk den Pokal, welchen sie ihm eingeschenkt hatte, auf ihre Gesundheit rein aus, hierauf wurde er etwas druster, kussete ihre mit kostbaren Perlen und Ringen gezierte Arme und Hande, die an Zartlichkeit den Sammet und an Weisse den Alabaster ubertrafen, ingleichen die unvergleichliche halb entblossete Brust vielmalen und bewunderte nicht allein diese, sondern auch ihre schone Kehle, den wohlproportionierten Leib und Schenkel, ingleichen die mit Perlen und edlen Steinen gestickten Schuhen gezierte, artige kleine Fusse. Alles dieses war mehr als zuviel, Elbensteins geile Triebe vollkommen zu erregen und die sundlichen Wollustfunken in lichterlohe Flammen zu verwandeln, weswegen er zu seufzen anfing und sich mit feuervollen Augen nach dem auf der Seite stehenden Bette umsah, die Dame seufzete gleichfalls, druckte aber ihre Augen feste zu, weswegen er es wagte, aufzustehen und sie vom Tische hinwegzufuhren. Sie liess mit sich umgehen, als er nur selbst wollte ...
Um aber den aussersten Zirkel der Ehrbarkeit nicht zu uberschreiten, schlagt man bei dieser Passage etliche Blatter im Manuskript des Autoris zuruck und meldet nur so viel, dass beide Verliebte einen scharfen und ofters wiederholten Streit miteinander hatten, bis endlich die Dame mit gebrochenen Worten und achzender Stimme sagte: "Son stanca mio Bene! un pocho di riposo. Ich bin mude, mein Leben! lass mich ein wenig ruhen." Nunmehro wurde Elbenstein erstlich Uberzeugt, dass er mit keiner stummen Amour zu tun hatte, weswegen er ihr sonsten noch allerhand Schmeicheleien erwiese und sich endlich an den Tisch setzte, woselbst er erstlich etliche Zimmetmandeln speisete, hernach aber zu Stillung seines heftigen Dursts etliche Glaser Malvasier auf seiner unbekannten Schonen Gesundheit austrank. Er war in seinem Herzen und Gedanken vor Vergnugen dergestalt verwirrt, dass er nicht einmal daran gedachte, ob dieselbe vielleicht nicht Appetit zum Trinken haben mochte, bis sie selbsten sagte: "Mein Engel, reichet mir ein einzig Glas Wein und mein Rohrchen darzu, welches dort in der Schale liegt." Er saumete sich nicht, ihr aufzuwarten, mittlerweile richtete sie sich im Bette auf und zohe den dargereichten Wein durch das Rohrchen in sich, da er aber sowohl eines als das andere wieder an Ort und Stelle gebracht, reckte sie ihren aufgestreiften Arm ihm entgegen, weswegen er sich neben sie an das Bette setzte und Arme, Hande und Brust aufs neue inbrunstig zu kussen anfing. Sie machte ihm mit Druckung der Hande und dergleichen verschiedene Gegenkaressen, weswegen er sich die Freiheit nahm, sie auf das allerzartlichste zu bitten, dass sie doch die Masque von ihrem englischen Angesichte ablegen mochte. Sie schwieg erstlich eine gute Weile stille; als aber Elbenstein nochmals darum anhielt, sagte sie mit einer ernsthaften Stimme, worbei sie sich zugleich in die Hohe richtete: "Mein Kavalier! ich liebe Euch von Herzen, und zwar dergestalt, als ich noch keinen Menschen auf der Welt geliebt habe, allein ich bitte Euch, verlanget nicht noch mehrmalen von mir, dass ich mich vor Euch demasquieren soll, so lieb Euch Euer Leben ist. Unterdessen will ich Euch, ohne mich selbst zu loben, auf das teuerste versichern, dass unter dieser Masque kein hassliches, sondern eins von den feinesten Gesichtern in ganz Italien verborgen ist. Ich mache mir aber aus meinem Gesichte eben keinen Staat, weil ich weiss, dass mich die gutige Natur mit andern Annehmlichkeiten zur Gnuge besorgt hat, das aber muss ich gestehen, dass ich sehr eigensinnig bin und niemanden liebe als denjenigen, an welchen ich etwas Vollkommenes nach meinem Gout finde. Derowegen verscherzet dieser unnotigen Curiosite wegen, welche bei der Hauptsache wenig oder nichts zusetzen oder abnehmen kann, meine vollkommene Gunst und Liebe nicht, forciert mich auch nicht weiter, mich zu demasquieren, bei Verlust Eures Lebens."
Elbenstein vermerkte gleich bei der Dame ernsthaften Sprache und Stellung, dass sie sich uber sein Begehren etwas alteriert hatte, weswegen er vor ihren Bette niederkniete und unter bestandigen Kussen ihrer Hande und Fusse dieselbe wegen seines abermals begangenen Fehlers um Verzeihung bat. Er fugte hinzu, dass ihm sein Schutzengel dero uberirdisches Bildnis dergestalt im Geiste vorgezeiget, dass nichts fehlete, als dass er in der Malerkunst erfahren ware, sonsten wollte er es ohnfehlbar dergestalt abschildern, dass sie, die Dame, selbst bezeugen sollte, wie er es nach dem Originale, welches er doch nie zu sehen das Gluck gehabt, akkurat getroffen habe. Derowegen musse er bekennen, dass er eben hiernach nicht so begierig gewesen, als nur dero unvergleichliche Lippen zu kussen, deren Purpurpurfarbe er durch die Offnung der Masque zwar nur in etwas erblicken konnen, allein sie hatten gleichsam als ein Magnet seinen Mund und Herz dergestalt an sich gezogen, dass er gemeinet, er musse verzweifeln, wenn er sich nicht ausbate, diese himmlische Lippen zu kussen.
"Oh! du kleiner Schmeichler!" sagte die Dame, indem sie sich wieder aufs Bette streckte, "komm her und lege dich neben mich." Elbenstein liess sich nicht zweimal notigen, sondern gehorsamte gleich, erschrak aber nicht wenig, da in selbigem Augenblicke eine Maschine von der Decke herunter gefahren kam, welche das Licht dergestalt bedeckte, dass man im Zimmer keine Hand vor Augen sehen konnte. Er wusste nicht, was dieses bedeuten sollte, unter der Zeit aber hatte die Dame die Masque auf die Seite getan und legte ihren blossen Mund auf seinen Mund, gab ihm auch in einem Atem mehr als 100 Kusse. Endlich im Abziehen sagte sie: "Nun! da hast du meinen blossen Mund, kusse dich satt, allein, mein Leben! der Schwur, den ich getan, vor dir mein Angesicht verborgen zu halten, solange ich an diesem Orte bin, wird von mir nicht gebrochen." Elbenstein kussete demnach im Finstern nicht allein den zarten Mund, sondern auch die Augen und Wangen viele 100mal, bis ihn endlich die Dame erinnerte, vor dasmal von diesem Spiele abzustehen und das Hauptspiel wieder vorzunehmen. Er machte sich sogleich fertig darzu, und unter dieser kurzen Zeit sagte die Dame noch: "Du hast doch recht, meine andere Seele! dass kein Liebesgenuss recht vollkommen zu nennen ist, wenn das Kussen des Mundes darbei verweigert wird." Elbenstein kussete sie demnach noch etlichemal auf den Mund, worauf das sogenannte Hauptspiel wieder angefangen wurde; nachdem sie aber selbiges ohngefahr funf- oder sechsmal wiederholet, zeigte die Glocke die Mitternachtsstunde an, weswegen die Dame Elbensteinen zu vernehmen gab, dass dieses die Zeit ware, da sie voneinander scheiden mussten, doch bate sie sich aus, dass er folgenden Abends eben um dieselbe Zeit abermals in diesem Hause erscheinen mochte. Elbenstein versprach, ihren Befehlen aufs allergenauste nachzuleben, kussete die geliebten Lippen noch etlichemal und tappte hernach im Finstern nach dem Tische hin, um nicht etwa die Glaser umzustossen oder sonsten Ungluck anzurichten. Sobald aber die Dame nur ihre Masque wieder vorgetan, fuhr die Maschine, welche das Licht bedeckt hatte, plotzlich in die Hohe, und es war wiederum helle in der Stube, so dass Elbenstein alle seine Sachen geschwind finden konnte. Die Dame stieg auf und brachte eine silberne Schale voll Makronen, die sie aus einem Schranke nahm, hergetragen, steckte Elbensteinen alle Taschen voll und schutte[te] die ubrigen in seinen Hut mit dem Begehren, dass, ehe er eine davon verschenkte, sie erstlich voneinander brechen und kosten sollte, weil dieses Konfekt sehr starkte. Er versprach, keine davon zu verschenken, sondern auf ihre Gesundheit alle mit grossten Appetite zu verzehren. Hierauf zog sie einen kostbaren Ring von ihren Finger, steckte ihm denselben an seinen kleinen Finger, weil er an keinen andern passen wollte, und sagte: "Diesen behaltet zum Angedenken der heutigen Nacht, kunftig ein mehreres." Wie sie nun unter diesen letztern Worten an einem Glocklein zohe, kussete Elbenstein nochmals ihre schonen Hande, dankte aufs allerverbindlichste vor das kostbare Geschenk und nahm fast mit weinenden Augen Abschied, bat aber zum Beschlusse nochmals, ihm seine begangenen Fehler vollig zu vergeben und alles das, was ihr an ihm nicht gefiele, gnadigst und liebreich zu korrigieren; worauf sie ihn zartlich umarmete, an ihre Brust druckte und darbei sagte: "Oh, bella anima in un angelico corpo! Oh! was vor eine schone Seele in einem englischen Leibe!"
Indem kam Margaretha zur Tur hinein, welcher sie befahl, dem Kavalier die Treppe hinunter zu leuchten, damit er nicht Schaden nahme. Diese gehorsamete, er machte nochmals ein stummes Kompliment, worgegen die Dame die Strahlen ihrer pechschwarzen Augen nochmals auf ihn schiessen liess und sich nach gemachten Gegenkompliment zuruckbegab. Als Margaretha die Treppe hinunter geleuchtet, begegnete ihnen im Hause unten die andere verkleidete Bauerin, an deren Gliedmassen aber Elbenstein sogleich wahrnahm, dass sie von der gutigen Natur mehr zur Arbeit als zur Galanterie geschaffen worden, indem ihre Hande, Fusse, ja der ganze Korper dergestalt vierschrotig beschaffen, dass ein ekeler Buhler sich wenige Muhe darum zu geben Ursach hatte. Jedoch wegen ihrer Treue mochte sie bei der unbekannten Dame in besondern Gnaden stehen, und dieserwegen allein machte ihr Elbenstein ein freundliches Kompliment. Sie ging die Treppe hinauf, Margaretha aber begleitete ihren Gast bis an die Hausture, allwo er ihr drei Zechins in die Hand druckte und bat, dass sie ihm erlauben mochte, morgen nachmittags in ihren Garten zu kommen, weil er nicht allein ein grosser Liebhaber von frischen Obst ware, sondern auch sonsten ein und anderes mit ihr zu sprechen hatte. Margaretha dankte zuerst vor das empfangene Geschenk und sagte hernach: "Mein Herr! in meinen Garten konnen Sie wohl kommen, und zwar durch die Tur, so von der Strasse hineingehet, denn im Garten konnen wir von allen Leuten gesehen werden, aber! um aller Heiligen willen, nicht in mein Haus, denn die Dame ist ganz entsetzlich jaloux, und wenn sie erfuhre, dass Sie, mein Herr! bei mir allein im Hause gewesen, wurde sie gleich auf den Verdacht fallen, dass wir einander karessierten; denn ich bin auch noch in meinen besten Jahren, und also konnte es uns allen beiden das Leben kosten, darum ist's am besten, dass wir im freien Garten, wo uns alle Leute sehen konnen, miteinander reden." Elbenstein versprach, sich darnach zu richten, nahm gute Nacht von Margarethen und begab sich, nach einer seinem Fleische und Blute sehr wohlgefalligen, dem Himmel aber sehr missfalligen Bemuhung, nach seinem Logis und zur Ruhe.
Was vor verliebte Traume er von dieser unbekannten Schone gehabt und wie Morpheus ihm dieselbe im Schlafe ohne Masque als ein recht uberirdisches Wunderbild vorgestellet, auch was die eigene Phantasie ihm bei zugemachten Augen vor geile Blendwerke vorgegaukelt, ist nicht ratsam anzufuhren; als er aber des andern Vormittags aufgewacht und sich ankleiden lassen, brach er eine von den Makronen auf und fand einen Zechin darinnen. (Diese Munze lasst der Doge zu Venedig schlagen, und es galt zu damaligen Zeiten ein Zechin ohngefahr vier Kaisergroschen mehr als ein ungarischer Dukaten.) Elbenstein brach noch mehrere voneinander und fand in einer jeden dergleichen Goldstuck, nahm sich auch kein Bedenken, etliche davon zum Fruhstucke zu speisen, weil er gedachte, wenn diese Dinger vergiftet waren, ihn damit ums Leben zu bringen, so wurde man doch zum wenigsten das Gold gesparet haben, denn er zahlete akkurat 100 Stuck Makronen und also auch 100 Zechinen. Je mehr er nun hierdurch in der Meinung gestarkt wurde, dass seine unbekannte Amasia eine sehr vornehme und reiche Dame sein musse, desto starker vermehrete sich seine ambitieuse Liebe, und er brachte die mussigen Stunden bloss mit eifrigen Nachsinnen zu, wie er kunftigen Abend seine Venus recht a la mode bedienen wollte. Bald nach Tische ging er ungescheut in der Margarethen Garten und divertierte sich in selbigen an allerhand Blumen und Fruchten, bis endlich die Margaretha ihn gewahr wurde und zu ihm herauskam, da er ihr denn aufrichtig erzahlte, wie er in dem Konfekt 100 Stuck Zechins gefunden, ihr auch den zehnten Teil davon gab und dieselbe bat, hinfuro noch weiter seine gute Freundin zu bleiben, vor allen Dingen aber ihm zu melden, was seine hohe Gebieterin etwa an seiner Auffuhrung und ganzem Wesen auszusetzen hatte, damit er sich in Zeiten darnach richten konne, um derselben nicht missfallig zu werden.
Margaretha versicherte ihn mit den teuresten Eidschwuren, dass die Dame mit seiner Conduite vollkommen wohl zufrieden gewesen und alles dahin eingerichtet hatte, dass er noch drei Nachtvisiten bei ihr abstatten sollte, binnen der Zeit sie schon Abrede mit ihm nehmen wurde, wo sie einander weiter sprechen konnten. Unterdessen konne er vergewissert sein, dass seine Muhe sehr wohl belohnet werden wurde, nur aber sollte er sich das Stillschweigen rekommendiert sein lassen, damit kein Mensch von diesen Liebeshandeln einige Nachricht empfinge, weil die Dame ungemein capricieux ware und in diesem Falle seines Lebens nicht schonen wurde, ohngeacht sie ihn auf das allerzartlichste liebte.
Elbenstein replizierte, dass, wenn er alle Qualitaten und Tugenden sowohl als das Stillschweigen besasse, so verhoffe er vor den allervollkommensten Kavalier zu passieren, worbei er mit Bleistift auf ein im Gartenhause auf dem Tische liegendes Papier folgende Worte schrieb: 'Sil tacere potesse rendermi immortale, non morirei giamais.' Wenn Verschwiegenheit mich unsterblich machen konnte, so glaube ich, dass ich wohl nimmermehr sterben wurde. Hierauf begab er sich wieder in sein Quartier, stellete sich ganz malade und schlief etliche Stunden, um die bestimmte Zeit aber gabe er dem Wirte zu vernehmen, wie er gestern abends mit einigen Kavaliers ins Spiel geraten, einige Zechins gewonnen und versprochen hatte, ihnen diesen Abend Revanche zu geben. Der Wirt, als ein complaisanter Mann, wunschte ihm Gluck zu fernern Gewinste, verwarnete ihn aber dabei, dass er sich ja behutsam auffuhren und vor starken Trinken huten mochte, denn er musse es selbst seiner Nation zur Schande nachsagen, dass die meisten italianischen Kavaliers nicht halb so genereux und herzhaft als die Deutschen, im Gegenteil desto heimtuckischer und hinterlistiger waren, und wenn sie im Spiele etwas Merkliches verloren, sich gemeiniglich aufs Zanken legten und eine malhonette Rache auszuuben suchten. Elbenstein hergegen versicherte den Wirt, dass diejenigen Kavaliers, welche ihn gestern zufalligerweise in ihre Compagnie genotiget, rechte raisonnable Leute und keine Sklaven vom Gelde waren, uber alles dieses ihm die grosste Complaisance erzeigt hatten, weswegen er denn, da er ohnedem gesonnen, noch etliche Tage hierzubleiben, sich vorgenommen hatte, dieselben ehesten Tages zu sich in sein Logis zu bitten und sie nach Vermogen zu divertieren. Der Wirt, welcher seinen Profit hierbei zu ziehen gedachte, liess sich solches gefallen, sorgte weiter vor Elbensteinen nicht, dieser aber ging, sobald es dammrig zu werden begunnte, durch die Garten spazieren und um die bestimmte Zeit in der Margarethen Haus. Diese kam ihm sogleich entgegen und berichtete, dass die Dame bereits vor einer guten halben Stunde angekommen ware und seiner in eben dem Zimmer, wo sie gestern beisammen gewesen waren, mit verliebter Ungedult erwartete. Bei so gestalten Sachen hielt Elbenstein nicht vor ratsam, eine Minute zu versaumen, sondern begab sich eiligst die Treppe hinauf, ging ohnangemeldet in das Zimmer und traf seine Geliebte in einem langen, goldenen brokatenen Schlafrocke auf dem Faulbettgen liegend an. Sie lag auf den Rucken, und er bemerkte dennoch durch die Masque, dass sie die Augen zugetan hatte, indem das Zimmer nicht wie gestern nur mit einem, sondern mit zwolf Wachslichtern erleuchtet war, so dass es darinnen so helle als am Tage. Er wollte sich nicht erkuhnen, sie in ihrer Ruhe zu storen, kussete demnach ihre Hande vielmalen ganz subtil und blieb vor dem Bette auf den Knien sitzen. Endlich wurde sie durch das viele Handekussen ermuntert, fuhr in die Hohe und sagte: "Ach, mein Vergnugen, seid Ihr schon da? Habt doch die Gute und verriegelt die Tur." Er war mehr als geschwind, ihrem Befehle zu gehorsamen; als er aber zurucke kam, traf er seine Venus in einer solchen Positur an, dass er vor Vergnugen fast ganz entzuckt zu sein schiene, denn sie hatte den kostbaren Schlafrock voneinander getan und prasentierte ihren zarten Korper, wie er geschaffen war, auch sogar ohne Hembde, jedoch das Gesicht en Masque. Hier verbietet die Ehrbarkeit abermals, die Entrevue dieser beiden Verliebten und die Lectiones, so sie einander aufgegeben, zu beschreiben. Demnach schlagt man im Manuskript viellieber etliche Blatter zurucke und meldet nur so viel, dass Elbenstein nicht nur diese, sondern auch folgende Nachte niemals morgens vor vier Uhren deutschen Zeigers von ihr kam, jedoch vor seine Muhe ungemein reichlich belohnet wurde, wie sie ihm demnach in der letzten Nacht ein von ihren eigenen Haaren und untersponnenen Goldfaden durchwurktes Armband schenkte, dessen Schloss mit Diamanten und andern kostbaren Edelsteinen reichlich besetzt war. Hierbei meldete sie ihm, dass sie zwar folgenden Morgen von hier abzureisen sich genotiget sahe, allein, er sollte nicht verabsaumen, die Woche vor Martini nach Padua zu kommen und sein Quartier bei der Oreda Todesca zu nehmen, daselbst wurde sich ein ihr getreuer Mensch einfinden, der ihn in geheim und sicher zu ihr bringen wurde. Er versprach unter tausend Kussen und andern Liebkosungen, den Befehlen seiner schonen Gebieterin aufs genauste nachzukommen, dankte aufs verbindlichste vor die kostbaren Presente, nahm endlich mit einer wahrhaften verliebten Betrubnis Abschied von derselben und begab sich nach seinem Logis, allwo er, weil er sich diese Nacht im Liebeskriege ziemlich abgemattet, bis zehn Uhr vormittages schlief, nach dem Ankleiden aber Anstalten zu seiner fernern Reise machte. Jedennoch trieb ihn eine verliebte Sehnsucht an, diesen Ort nicht eher zu verlassen, bis er noch einmal mit Margarethen gesprochen, um von derselben zu vernehmen, was seine unbekannte Matresse nach seinem Abschiede etwa von ihm noch erwahnet, dannenhero begab er sich in ihren Garten, allwo sie seiner Person bald gewahr wurde, zu ihm herunterkam und vermeldete, dass ihre Gebieterin vor wenig Stunden abgereiset ware.
Margaretha notigte ihn hinauf in das Zimmer, worinnen er sich mit der Dame divertiert hatte, und meldete ferner, wie dieselbe ihr beim Abschiede nochmals anbefohlen, ihm entweder schriftlich oder mundlich die Verschwiegenheit nochmals einzubinden und darbei anzumahnen, dass er, der mit ihr genommenen Abrede nach, auf die bestimmte Zeit sich zu Padua einfinden und versichert sein sollte, dass, woferne er diesen beiden Punkten nachkommen wurde, er keinen Schaden, sondern vielmehr einen starken Vorteil davon haben sollte. Dieser versprach beides unverbruchlich zu beobachten, als er aber seine Blicke auf das Bette oder, besser zu sagen, auf die Walstatt seiner ausgeubten sundlichen Luste warf und sich erinnerte, was vor verliebte Rencontres darauf vorgegangen, konnte er sich nicht enthalten, dasselbe mit vielen Kussen und sehnsuchtsvollen Seufzern zu beehren und gleichsam hiermit der Gottin der Liebe zur Dankbarkeit noch ein Opfer zu bringen. Margaretha, welches eine ganz wohlgebildete Frau, nicht viel uber 30 Jahr und den Liebesubungen sonsten eben nicht abgeneigt war, wurde durch Elbensteins Beginnen inniglich geruhret, sagte derowegen, sie wollte im Namen des Bettes die schuldige Gegen-Dankbarkeit vor die verliebte Beehrung und Abschiednehmung erstatten, unter welchen Worten sie dem von Elbenstein mit entbrannten Augen dergestalt begierig um den Hals fiel und ihm so viele heisse Kusse versetzte, dass, als sie vollends mit gebrochenen Augen auf das Bette zurucksank und ihn nach sich zohe, er sich von derselben solchermassen bezaubert fand, ihr eben denjenigen Liebeszoll abzustatten, den er vorhero der masquierten Schone, welche er in seinem Herzen um Verzeihung bat, abgezahlet hatte. Unterdessen aber musste er hierbei dennoch bekennen, dass die gutige Natur auch zuweilen Personen von geringen Stande etwas besonderes Reizendes vor vielen vornehmen Damen angedeihen lassen, ja es wurde durch diese unvermutete Begebenheit und durch ein und andere besondere Auffuhrung dieser seiner der Geburt nach zwar bauerischen, in der Tat aber sehr zivilisierten Matresse in seinem Herzen eine wurkliche Liebe gegen dieselbe erweckt. Denn ob sie gleich nicht so weiss, zart und an der Struktur der Glieder nicht so vollkommen angenehm gebildet war als die masquierte Dame, so konnte er doch aus ihren schwarzen feurigen Augen und braunlichen Angesichte fast mehr Vergnugen lesen als aus einem Gesichte, welches mit einer Masque bedeckt war und er nicht wissen konnte, ob es etwa durch die Pocken oder andere Flecken und Male verdorben ware; demnach zwischen Hoffnung und Zweifel bleiben musste, ob es so vollkommen schon, als er sich selbiges eingebildet, oder ob es hasslich ware. Zudem so verstunden sich dieser wohlgebildeten Brunette dennoch weissen und fleischigten Arme und Schenkel ebensowohl auf die verliebte Ringekunst als jener ihre fast allzuzarten Gliedmassen. In summa, gleichwie der menschliche Appetit und lusterne Mund oftermals ein Geruchte Kraut oder anderes Zugemuse den delikatesten Braten und dergleichen niedlichen Speisen vorziehet, also verachtete Elbenstein vor dieses Mal die braunliche, gesunde und muntere Gartnerin auch nicht und befand diese Veranderung seinem venerischen Gemute ganz angenehm, wie denn auch die verliebte Gartnerin, nachdem ihre Sehnsucht gestillet, ihn mit den allerfreundlichsten Karessen ersuchte, auf eine schlechte Mittagsmahlzeit bei ihr zu verbleiben. Sie wusste ihr Kompliment dergestalt artig vorzubringen, dass Elbenstein sich recht gezwungen sahe, in ihr Begehren zu willigen. Demnach holete sie erstlich einen lebendigen Kapaunen, einen vortrefflichen Fisch, ingleichen ein paar frisch geschossene Rebhuhner, befahl einer alten Frauen und ihrer Magd, dass sie alles aufs eiligste und beste zurechte machen sollten, sie aber begab sich, nachdem sie sowohl den Kapaunen als den Fisch selbst abgestochen hatte, mit dem von Elbenstein wieder hinauf in das Zimmer, allwo der verliebte Zeitvertreib auf der plaisanten Ruhestatte der masquierten Dame wiederholet wurde; denn obschon die angenehme Gartnerin sowohl an Armen als an den Kleidern von den abgeschlachteten Stucken ziemlichermassen mit Blute besudelt war, so ekelte Elbensteinen dennoch um soviel weniger vor ihr, weil sich die Rote in ihrem Gesichte, teils durch die verliebte Erhitzung, teils durch das angezundete Feuer, sehr stark hervorgetan, mithin wegen der Vermischung auf der braunlichen Farbe ein nicht unangenehmes Ansehen verursachte und die lusternen Regungen und Liebesbegierden um soviel desto mehr anreizte. Nachdem sie nun in vollen Vergnugen noch von diesem und jenen einen freundlichen Diskurs gefuhret, ging Margaretha wieder hinunter und brachte die Speisen herauf, woruber sich Elbenstein nicht wenig verwunderte, indem er sich fast nicht einbilden konnte, wie es moglich ware, in solcher Geschwindigkeit eine vollkommene Mahlzeit zuzubereiten. Allein er fand alles ungemein appetitlich und wohl zugerichtet, wie denn noch verschiedene Nebengerichte nach italianischer Art, welche zur Wollust reizen, ingleichen verschiedene Sorten von Confituren aufgesetzt wurden; auch fehlete es der Margaretha nicht an etlichen Bouteillen Malvasier und Vino di Monte Alcino, welches alles vielleicht ein Uberbleibsel von der Generosite der unbekannten Dame herruhren mochte.
Dieses alles schmeckte Elbensteinen recht vortrefflich wohl und noch besser als im Gasthofe, weswegen er fast zwei Stunden mit seiner angenehmen Gartnerin bei Tische zubrachte, nachhero aber derselben nebst einem Gratial von etlichen Zechinen zu vernehmen gab, wie es nunmehro Zeit sei, dass er sich zu Pferde setzen und fortreisen musste, weil er ohndem nicht wusste, womit er sich bei seinen Fursten entschuldigen wollte, dass er so viele Tage uber die gesetzte Zeit aussengeblieben ware.
Margaretha hatte die Zechinen gern entbehret, wenn dieser feine Herr nur noch ein paar Tage bei ihr geblieben ware, denn sie gab solches fast mit weinenden Augen zu verstehen, allein da derselbe die allerhochste Notwendigkeit und dass seine ganze Renommee darauf beruhete, vorschutzete, anbei sie beredete, wie ihm ihre Karessen dergestalt wohlgefallen, dass er in wenig Wochen allhier wieder durchpassieren und in aller Still etliche Tage und Nachte bei ihr verbleiben wollte, gab sie sich endlich zufrieden, jedoch mit der Kondition, dass er ihr nur noch einen einzigen vollkommenen Liebesdienst erweisen mochte. Er, der sich durch die kraftigen Speisen und kostlichen Wein ganz besonders gestarkt befand, hatte es vor eine grausame Unbarmherzigkeit gehalten, ihr solches abzuschlagen, und da sie sich uber seine besondere Complaisance ungemein vergnugt bezeigt, nahm er endlich auf eine recht zartliche Art, nicht anders, als ob er eine der vornehmsten Damen vor sich hatte, Abschied von der Margaretha, jedoch ehe er noch aus dem Zimmer schritte, vermahnete ihn dieselbe, von dieser neuen Historie ja gegen niemanden ein einziges Wort zu melden, widrigenfalls sie beiderseits ein jammerliches Rachopfer der masquierten Dame werden wurden. Elbenstein schwur der Margaretha hoch und teuer zu, solange als er in Welschland lebte, nicht von allen dem zu reden, was ihm binnen diesen wenigen Tagen begegnet ware, hierbei aber fiel ihm jahlings noch ein, ob er, nachdem er die Margaretha ihm so verbindlich gemacht, von derselben in dieser letzten Stunde nicht erfahren konne, wer denn eigentlich die masquierte Dame ware. Er umarmete sie demnach nochmals aufs liebreichste und gab ihr seine Curiosite zu erkennen. Allein Margaretha erblassete recht, als sie dieses horete, und sagte: "Mein allerangenehmstes Wesen auf der Welt! ich bitte Euch um alles dessen willen, was uber und unter uns ist, verschonet mich mit diesem einzigen Punkte, denn ich habe einen gar zu grausamen Eidschwur tun mussen, Euch ihren Namen nicht zu entdecken. Soviel will ich Euch aber doch aus Liebe sagen, dass Ihr mit einer Dame zu tun gehabt habt, die am Stande in ganz Welschland sehr wenig uber sich hat. Nun reiset glucklich, mein Leben! Was hulfe es Euch, wenn Ihr mir ein allzuschwer Gewissen machtet und vielleicht Euch und mich dadurch ums Leben brachtet."
Solchergestalt sahe und merkte Elbenstein wohl, dass seine Kuriositat in diesem Stucke nicht konnte gestillet werden, derowegen nahm er volligen Abschied von der Margaretha, ging zuruck ins Logis, bezahlete den Wirt recht raisonnable, und da seine Pferde schon parat und gesattelt stunden, setzte er sich auf, erreichte auch, weil er den ausgeruheten Pferden die Sporen ziemlich fuhlen liess, auch selbigen Abend die Stadt Padua. Nachdem er allda in einem bequemen Logis wenig von Speisen und Getranke, jedoch desto mehr Schlaf und Ruhe genossen, begab er sich fruhmorgens bei guter Zeit auf den fernern Weg nach Battaglia; indem er aber solchergestalt dem Schlosse vorbei passieren musste, wo seine geliebte Baronne von K. sich aufhielt, als fing er an, sobald er solches erblickte, ganz sachte zu reuten, war auch so glucklich, dieselbe ganz allein in einem Fenster, aus welchem sie die Heerstrasse und ganze Gegend ubersehen konnte, zu erblicken. Sie erkannte ihn gleichfalls, und als er seinen Hut abzohe, war sie so gefallig, ihm nicht allein ein charmantes Kompliment zu machen, sondern auch die Spitzen ihrer Finger zu kussen und ihm damit anzuzeigen, dass sie ihm einen Kuss entgegenschickte und herunterwurfe. Elbenstein durfte sich mit nichts anders als mit einem tiefen Hauptneigen revanchieren, weil er befurchten musste, dass etwa jemand anders im Schlosse durch die Scheiben gucken und seine Mienen observieren mochte. Weiln nun eben dem Schlosse gegenuber das Wirtshaus war, hielt er vor demselben stille, liess sich ein Stuck weiss Brot und ein Glas Wein aufs Pferd reichen und verzehrete also das Fruhstuck, mittlerweile er seine Augen zum oftern nach dem Schlosse richtete, in Hoffnung, die Baronne noch einmal zu Gesichte zu bekommen. Allein es wollte nichts daraus werden, denn diese war sogleich in ihres Herrn Gemahls Zimmer gegangen und hatte zu demselben gesagt: "Sehet doch, mein Schatz, dort halt ein Kavalier vor dem Wirtshause, wenn ich schweren sollte, so hatte ich ihn bei dem Fursten von N. gesehen, allein der arme Mensch wird ein schlecht Fruhstuck bekommen, weiln ich gestern gehoret habe, dass unser Gastwirt in vielen Jahren nicht so schlechten Wein gehabt hat als jetzo."
Dieses letztere brachte sie mit einer solchen negligenten und lacherlichen Miene vor, dass der Herr Baron sich fast daruber argerte und sagte: "Es ist eine schlechte Ehre vor unsern Flecken, allwo wir selbst wohnen." Augenblicklich aber rief er einen von seinen Laquais und befahl ihm, aufs allereiligste eine Bouteille von dem allerbesten Marzeminerweine nebst einer Schale voll Konfekt dem Kavalier, der dorten vor dem Gasthofe hielte, hinuberzutragen, darbei zu melden, wie er, der Baron, demselben seine gehorsamste Empfehlung machen liesse, anbei besorgte, dass ihm des Wirts Wein vielleicht nicht schmecken wurde, weswegen er ihm hier eine Bouteille von dem seinigen, so gut man dieselbe in der Geschwindigkeit ergreifen konnen, uberschickte, anbei gehorsamst bate, wenn seine Reise nicht allzu pressant, seiner, des Barons, Behausung und ihm die Ehre zu geben, auf ein schlecht Mittagsmahl vorliebzunehmen, damit er das Gluck haben mochte, ihn, den er vor einen deutschen Landsmann ansahe, von Person und Namen kennenzulernen. Der Diener war wie der Wind, sowohl den Wein und Konfekt als das Kompliment anzubringen, hatte es auch nicht besser treffen konnen, indem er vor seinen Weg einen Scudo d'argento (ist ohngefahr 30 ggr. deutsches Geldes) zum Trinkgelde bekam. Elbenstein schickte aber sogleich seinen eigenen Diener zum Herrn Baron, liess bei Vermeldung seines gehorsamsten Respekts und schuldigster Danksagung vor das Uberschickte wissen, dass er des Fursten von N. Kammerjunker und eben jetzo auf der Ruckreise begriffen ware, wegen einer aufgehabten Kommission Sr. Durchl., die sich noch in Battaglia bei des Marchese Obizzo Hochgeborner Exzellenz befanden, untertanigsten Rapport abzustatten; gratulierte sich anbei hochlich, in dieser Gegend an dem Herrn Baron einen hochgeschatzten deutschen Landsmann angetroffen zu haben, und wollte sich bei anderer bequemerer Gelegenheit das Gluck ausbitten, in dessen nahere Bekanntschaft zu geraten, voritzo aber wolle er das Uberschickte auf des Herrn Barons Gesundheit zu sich nehmen und sich zu dessen geneigten Andenken bestens rekommendieren.
Sobald der Baron nur die Wahrheit erfuhr, dass Elbenstein ein deutscher Kavalier ware und bei dem Fursten von N. in Diensten stunde, bat er dessen Diener, nur noch einen Augenblick zu verziehen, binnen der Zeit er seinen Stock, Degen und Hut langen liess, sich in Person zu Elbensteinen begab und denselben aufs allerfreundlichste bat, seine fernere Reise wenigstens nur auf einige Stunden aufzuschieben und in seinem Hause mit einer Mittagsmahlzeit vorliebzunehmen. Dieser wegerte sich, ob er gleich vom Pferde gestiegen war, erstlich lange Zeit, als [aber] der Baron, welcher in vielen Monaten mit niemanden deutsch sprechen konnen, allzu instandig anhielt, ihn nur dieses Mal nicht zu verachten, liess er sich endlich dem Scheine nach forcieren, uber Mittag dazubleiben, da denn die beiden Herren vorausgingen, die Diener aber die Pferde hinterherfuhren mussten.
Kaum hatte der Baron Elbensteinen in ein propres Zimmer gefuhret und behorig bewillkommet, als er sogleich seine Gemahlin aus dem Nebenzimmer rief, ihm dieselbe entgegenfuhrete und zu ihr sagte: "Hier, mein Schatz! sehet Ihr einen wertgeschatzten Landsmann von mir, dem die deutsche Treue und Redlichkeit aus den Augen leuchtet, ich bitte Euch, dass Ihr ihm die Zeit passieret, bis ich wiederkomme."
Es war fast ein Gluck sowohl vor die Baronne als vor Elbensteinen zu nennen, dass der gute Herr Baron sich so geschaftig erwies und gleich aus dem Zimmer ging; den beiden verliebten Seelen stieg das Blut dergestalt ins Gesichte, dass auch der allereinfaltigste Mensch an ihnen besondere Regungen bemerken mussen, und wenn er auch gleich gewusst hatte, dass sie einander zeitlebens nicht gesehen oder gesprochen hatten. Sobald aber nur die Baronne gehoret, dass ihr Herr die Treppe hinuntergetrappelt war, embrassierte sie den von Elbenstein, gab ihm in der Geschwindigkeit mehr als 100 Kusse und sagte hernach: "O du Gluck! wenn werde ich in den Stand kommen, dir es sattsam zu verdanken, dass du mir das Vergnugen gonnest, mein Allerliebstes auf der Welt in meinem eigenen Hause zu kussen?"
Hierauf machte sie erstlich die Tur des Zimmers auf, da aber nichts Lebendiges zugegen, ging das Kussen von neuen an, jedoch ganz gemachlich, so dass allen beiden auch die Rote aus dem Gesichte verschwand, und endlich, da der alte Herr Baron wieder heraufgestapelt kam, stunden sie an den eroffneten Fenstern und schwatzten dergestalt ernsthaft miteinander, als ob keines von beiden jemals ein Wasser trube gemacht hatte. Weiln aber der Baron anfing, sich mit Elbensteinen in ein Staatsgesprach einzulassen, als machte die Baronne ihr Kompliment und begab sich wieder zuruck in ihr Zimmer. Er, der Baron, gab Elbensteinen zu vernehmen, dass, weil er von ihm gehoret, dass sich Sr. Durchl. der Furst von N. dermalen zu Battaglia bei dem Marchese Obizzo aufhielten, welcher letztere Herr ein naher Anverwandter von der Baronesse, seiner Gemahlin, ware, so wollte er sich die Ehre nehmen, einen Reisegefahrten bis dahin abzugeben, woruber denn Elbenstein sein besonderes Vergnugen, da er nehmlich den Herrn Baron zum angenehmen Reisegefahrten haben sollte, in den hoflichsten Ausdrukkungen zu erkennen gab. Da nun ein Laquais kam und vermeldete, wie die fremden Dames und Kavaliers sich schon ingesamt bei der gnadigen Frau im Tafelgemach befanden, nahm der Baron Elbensteinen bei der Hand und fuhrete ihn auch dahin. Nach allerseits gewechselten Komplimenten setzte man sich zur Tafel, da sich denn Elbenstein, dem die italianische Mode schon sehr bekannt worden, ungemein behutsam aufzufuhren wusste und seine Blicke dergestalt indifferent sein liess, dass niemand einigen Argwohn oder widrige Gedanken von ihm schopfen konnte, sondern ihn ein jedes vor einen der qualifiziertesten Kavalier, der eine besonders lobenswurdige Modestie besasse, deklarierte. Es wollte zwar der Herr Baron nach dem nicht allzu loblichen Gebrauche der Deutschen zum Trunke forcieren, allein da Elbenstein solches seinerseits mit einer hoflichen Manier ablehnete und vorwendete, wie er seinem gnadigsten Fursten den untertanigsten Rapport nicht gern mit schwerer und stammlender Zunge, auch wankenden Fussen abstatten wollte, da uber dieses selbigen Abend in Battaglia ohnedem noch scharf genung wurde getrunken werden, indem sein gnadiger Herr sowohl als der Herr Marchese, da sie sich einige Jahre in Wien aufgehalten, die deutsche Lebensart sich ganz unvergleichlich angewohnet, auch solche bis dato noch nicht abandonniert hatten, sondern ofters das Mass der Massigkeit uberschritten; als fing der Baron an zu lachen, liess aber Elbensteins Remonstration gelten und einem jeden die Freiheit, nach Belieben zu trinken. Nach aufgehobner Tafel beurlaubte sich Elbenstein von der samtlichen Compagnie und ging mit dem Barone fort, welcher ihn bat, nur noch eine einzige halbe Stunde zu verziehen, weil er nur noch einen abgeschickten Expressen mit wenig Zeilen zuruck zu spedieren hatte, hernach wollte er sich augenblicklich reisefertig machen, mittlerweile mochte er sich doch belieben lassen, noch eine Bouteille Wein einzunehmen, allein Elbenstein deprezierte solches, bat hergegen sich aus, ein wenig hinunter in die freie Luft zu spazieren, weiln er seit wenig Minuten einige Kopfschmerzen empfunden. Der Baron liess solches geschehen, bat aber dabei, dass er ihn wegen der Nichtbegleitung vor diesmal exkusiert halten mochte.
Als Elbenstein auf den Hof hinunter kam, sahe er eine Gartentur offenstehen, und weil ihm ohnedem der Kopf voller Grillen war, dass er seine geliebte Baronne so plotzlich wieder verlassen sollte, als ging er auf den Garten los, machte die Tur hinter sich zu und ging ganz alleine darinnen spazieren herum, verfiel aber dergestalt in tiefe Gedanken, dass er die Seltenheiten, so in diesem schonen Garten anzutreffen, nicht einmal observierte. Endlich, da eine gute Viertelstunde verlaufen, kam der Weingartner, welcher ihn vor einigen Tagen mit Trauben und Aprikosen versehen hatte, und bat sich bei Elbensteinen die Gnade aus, dass er ihn doch auf einige Worte anhoren mochte. Wie nun dieser sagte, dass er nur reden solle, fing der Mann also an: "Gnadiger Herr, ich habe einen Vetter, welcher in der Residenzstadt unsers gnadigen Fursten wohnet, dieser arme Mann hat ein kleines Hausgen und Garten, welches an dem Palaste eines reichen Kaufmanns anliegt und den Palast, wie der Kaufmann spricht, beschimpfet. Nun hat mein Vetter nach einem langweiligen Prozesse und auf Zureden anderer guten Leute endlich resolviert, dem Kaufmanne das ganze Wesen kauflich zu uberlassen, nur aber um einen solchen Preis, wie dergleichen Hauser heutiges Tages wert sind und wie es von unparteiischen geschwornen Personen taxiert wird. Allein der reiche Kaufmann, welches einer der grossten Geizhalse in ganz Welschland ist, will ihm durchaus nicht mehr geben, als so viel meines Vetters Vorfahren, die es in vorigen schweren Kriegen nun freilich wohl um ein Spottgeld gekauft, darvor bezahlt haben. Allein das will mein Vetter nicht tun, unterdessen kostet ihm der Prozess viel Geld, die Richter aber sind doch immer mehr auf des Kaufmanns als auf meines Vetters Seite, und vor Ihro furstl. Durchl. kann der arme Mann so leicht nicht kommen, derowegen wollte Ew. Gnaden untertanigst gebeten haben, sich meines Vetters, der sich ehesten Tages bei Ihnen melden wird, anzunehmen und ein Gotteslohn zu verdienen. Die gnadige Baronesse haben mir hier ein kleines Rekommendations Schreiben an Ew. Gnaden gegeben, lasst aber dabei sehr bitten, es dem Herrn Barone ja nicht zu zeigen, auch demselben nicht einmal merken zu lassen, dass sie sich in diese Sache gemischet hatte. In wenig Wochen wurde die Frau Baronne selbst nach N. kommen und daselbst eine Kur brauchen, welche ihr von den Medicis angeraten worden, auch etliche Monate daselbst verbleiben, da sie denn Gelegenheit suchen wurde, vor solche erwiesene Gefalligkeit und Bemuhung gebuhrenden Dank abzustatten."
Elbenstein gab zur Antwort, dass er, der Weingartner, seinen Vetter nur zu wissen tun mochte, dass er sich nachstens bei ihm melden sollte, so wollte er sich sonderlich wegen des Vorspruchs einer so vornehmen Dame keine Muhe verdrussen lassen, seinem Vetter bei Ihro Durchl. Hulfe zu verschaffen. Indem aber Elbenstein eben im Begriff war, der Dame Brief zu erbrechen, kam sein Bedienter gelaufen und meldete, wie der Herr Baron in volliger Bereitschaft ware, sich zu Pferde zu setzen, weswegen Elbenstein den Brief hurtig in die Tasche steckte und hervor eilete, da er denn das Vergnugen hatte, die charmante Baronne, wiewohl nur auf zwei oder drei Augenblicke, zu sehen und nochmaligen Abschied von ihr zu nehmen. Aus aller beider verliebten Augen stiessen zwei feuervolle Blicke in einer ganz unbeschreiblichen Geschwindigkeit dergestalt aufeinander, dass niemand etwas davon merkte als ihrer beider Herzen, welchen aber nicht anders zumute war, als ob ein gluhender Dolch hindurchfuhre. Hierauf setzten sich sowohl der Baron als Elbenstein zu Pferde und ritten fort, jedennoch war er curieux zu bemerken, ob ihnen die Baronne auch wohl aus den Fenster nachsehen mochte, weswegen er, als ob es von ohngefahr geschahe, einen Handschuh fallenliess, damit er nur Gelegenheit hatte, sich mit dem Pferde umzudrehen, mittlerzeit aber, da sein Diener abstieg und den Handschuh aufhob, hatte er noch die Freude, dieselbe, welche sich fast mit halben Leibe aus dem Fenster gelegt hatte, zu erblicken, da er denn nochmals ein Kompliment hinauf machte, sodann seinem Pferde etliche Kurbetten machen liess und den Baron nacheilete.
Beide Reisende diskurierten miteinander von lauter besondern Staatssachen, als sie aber ohngefahr eine halbe Meile geritten waren und durch ein dickes Gepusche passierten, hielt Elbenstein stille, stieg ab, gab seinem Diener das Pferd zu halten und verbarg sich unter dem Scheine, ein opus necessarium zu verrichten, hinter ein dickes Gestrauche; allein nicht dieses, sondern die ungemeine Kuriositat trieb ihn an, der Baronne Schreiben, welches ihm der Weingartner eingehandiget hatte, zu lesen, welches er denn also gesetzt befand:
Ach, Seele meiner Seele!
Mein Herze hat zwar schon seit der Zeit, ich Dich zum ersten Male erblickt, in Deinen Liebesbanden gelegen, allein heute hast Du durch Deine Klugheit in vorsichtiger Uberlegung unserer innigsten Liebe meine Seele vollends, ja vollkommen angefesselt. Ich bin von Deinen anbetungswurdigen Qualitaten dergestalt bezaubert und in Deine anmutige Person verliebt, dass kein Schmerz zu erdenken ist, den ich nicht empfinde, wenn ich des Glucks beraubt bin, Dich, o mein Leben! zu sehen. Die Sehnsucht, Dich wiederum im Vertrauen zu umarmen, martert mich fast zu Tode. Jedoch
Ich fuhle, was dem Herzen
Die susse Hoffnung lehrt:
Sie saget meiner Seelen,
Die Treu nicht zu verscherzen
Und dass bald alles Qualen
Soll sein in Lust verkehrt.
Er las und uberlas diesen Brief mehr als zehnmal, ja er ware vielleicht vor Vergnugen in ein tiefes Nachsinnen verfallen, wenn sein Hengst nicht von ohngefahr zu wiehern angefangen hatte; dieses machte, dass er sich besann und den Barone eiligst nachfolgte, welcher viel zu stark in den Weinbecher geguckt haben mochte, ganz sachte ritte und ziemlich schlafrig tat; da aber Elbenstein wieder an seine Seite kam, machte er sich munter; unterdessen schien Elbensteinen ziemlich fatal vorzukommen, da des Barons erste Frage an ihn diese war: "Aber, mein wertester Herr Landsmann, haben Sie sich denn in diesem Revier oder in N. noch keine schone Matresse zugelegt?"
Dieser beantwortete solche Frage ganz kaltsinnig, wie er sich nehmlich ganz anderer Ursachen wegen auf Reisen begeben, als bei Frauenzimmer Zeitvertreib zu suchen, drehete diesen Diskurs auch mit guter Manier gar bald ab und verfiel auf allerhand Geschichte und Antiquitaten, fragte, wer von diesem oder jenem Schlosse, dergleichen viele um sie herum lagen, Eigentumsherr ware, zu welcher Zeit es erbauet worden, was sich etwa Merkwurdiges darbei zugetragen und dergleichen mehr, weswegen ihn der Baron in diesem Stucke vor einen frostigen und eigensinnigen Menschen zu halten anfing, in welcher Meinung er auch durch folgende Begebenheit gestarkt wurde: Es hatte des Barons Pferd am Vorderfusse ein Eisen abgeschlagen, dahero es etwas zu zucken begunnte und der Baron sich genotiget sahe, in dem nachsten Stadtgen, da sie durchpassierten, wieder beschlagen zu lassen. Da nun Elbenstein dem Baron zum Gefallen auch mit abstieg und beide binnen der Zeit, als der Schmidt gerufen wurde, vor dem Gasthofe unter einem schattigten Baume eine Bouteille Wein kosteten, wurde Elbenstein von einer dem Gasthofe gegenuber wohnenden sogenannten Signora erblickt, welches, auf deutsch zu sagen, eine solche Person ist, die mit Permission der Obern ihren Leib zu Bussung der geilen Luste gewidmet und sich viele Freiheiten, ohn gestraft zu werden, herausnehmen darf. Diese Signora kam auf Elbensteinen zugegangen, fiel ihm, ehe er sich's versahe, um den Hals und wollte ihn mit aller Gewalt kussen, er aber entledigte sich ihrer bald und stiess sie mit solcher Heftigkeit von sich, dass sie rucklings zur Erden fiel und die Beine in die Hohe kehrete. Hieruber wurde von dem da herum wohnenden gemeinen Pobel ein solches Larm angefangen, dass Elbenstein die Treppe hinauf zu retirieren sich genotiget sahe. Endlich kamen einige Sbirri herzugelaufen, welche, als ihnen der Baron sowohl als der Wirt die ganze Begebenheit erzahlet, vermittelst ihrer Autoritat den zusammengelaufenen Pobel auseinanderjagten, wovor ihnen Elbenstein einen Ducati verehrete; sobald aber das Pferd beschlagen war, setzten sie ihre Reise weiter fort.
Kaum hatten sie wiederum das freie Feld erreicht, als der Baron also zu reden anfing: "Mein Herr Landsmann! ich habe mich uber Ihre jetzige Auffuhrung sehr verwundert. Diese Signora ist doch, mit Wahrheit zu sagen, eine recht schone Person, sowohl vom Leibe als Gesichte, und von einem sehr vornehmen Herrn, der nur vor weniger Zeit gestorben, bis an sein Ende unterhalten oder, wie es die Italianer zu nennen pflegen, manteniert worden. Wenn mir", verfolgte der Baron seine Rede, "dieser Zufall begegnet ware, hatte ich, ohngeacht ich mich mit einer liebenswurdigen Gemahlin begluckseliget sehe, dennoch die angetanen Karessen nicht auf eine so sprode Art ausschlagen konnen." Nunmehro stellete sich Elbenstein recht vertraut gegen den Baron und sagte: "Mein Herr! wenn ich Ihrer Verschwiegenheit versichert ware, so wollte Ihnen wohl ein Geheimnis eroffnen." Wie nun der Baron einen teuren Eid schwur, hiervon gegen niemanden etwas zu gedenken, sagte Elbenstein: "Es ist etwas Seltsames, dass ich gar nicht wie andere Mannspersonen beschaffen bin, und also empfinde ich auch weder Liebe noch Begierde zu einem Frauenzimmer bei mir, sie mag auch noch so schone sein; absonderlich ist mir auch sogar das Kussen eine ekelhafte Sache, sonsten aber mag ich ganz gern mit honetten Frauenzimmer umgehen, denn ich habe befunden, dass viele einen rechten englischen Verstand besitzen; insoferne sie nun mit mir umgehen wie mit ihresgleichen oder ich mit ihnen umgehen kann, wie Mannspersonen miteinander umzugehen pflegen, bin ich gern in ihrer Compagnie, sobald aber Liebesgrillen aufs Tapet kommen, suche ich mich ihrer Gesellschaft soviel als moglich zu entziehen."
Der Baron hielt dieses vor pur lautere Wahrheiten, kontestierte aber dieses Malheurs wegen ein herzliches Mitleiden gegen diesen seinen Herrn Landsmann, riet ihm auch, er mochte dieserwegen mit dem beruhmten paduanischen Medico Comte della Torre sprechen, als welcher rechte Wunderkuren getan, mithin vielleicht auch ihm zu seiner Vollkommenheit verhelfen konnte, denn dieser Medicus ware bei seiner grossen Kunst dennoch nicht interessiert, sondern kurierte jahrlich viel 100 Menschen umsonst. "Mein Herr!" versetzte Elbenstein hierauf, "ich halte davor, dass ich viel gluckseliger leben kann, wenn ich so bleibe, wie ich jetzo beschaffen, denn wenn ich bedenke, was die Menschen aus Liebe zum Frauenzimmer zuweilen vor lachenswurdige Torheiten begehen und wie sie sich ofters eines eingebildeten Vergnugens wegen in die allergrossten Gefahrlichkeiten sturzen, auch nicht selten ihre Ehre, Gluck und Leben dadurch einbussen, so bin ich recht herzlich froh, dass mir dergleichen Appetit niemals ankommt; was aber die Fortpflanzung unsers Geschlechts anbelanget, darum sorge ich gar nicht, weil ich Bruder habe, die meinen Fehler schon verbessern werden."
Der Baron wunderte sich bald zu Tode uber solche Gelassenheit, dergleichen, wie er sagte, vielleicht auch nicht einmal bei einem wurklichen Kastraten zu finden sein mochte. Unter diesen und dergleichen Diskursen aber erreichten sie endlich Battaglia und erfuhren von der Wache unter dem Tore, dass die gnadige Herrschaft noch nicht, sondern erstlich in zweien Tagen wieder zuruckkommen wurde. Demohngeacht liessen sie dem Maggiordomo oder dem Oberhofmeister ihre Ankunft melden, worauf sich der Baron in einen bekannten Gasthof, Elbenstein aber in sein ihm schon vorher assigniertes Quartier begab, welches bei einem reichen Schneider war.
Die Wirtin, welche eine wohlgebildete Frau von ohngefahr 22 bis 24 Jahren war, empfing ihn aufs allerfreundlichste, bat nicht ungutig zu vermerken, dass ihr Mann seinen Reverenz nicht machte, indem er als ein grosser Liebhaber von der Jagd diesen Morgen auf die Jagd gegangen und wohl vor morgenden Abends nicht wieder zu Hause kommen wurde. Immittelst begleitete sie ihn selbst bis auf sein Zimmer, und weil sein Bedienter die Pferde erstlich in den Stall zog, half sie ihm den Reiserock abtun und sagte binnen der Zeit, wie sie hochst erfreut ware, ihn wiederzusehen, weil sie unter der Zeit seines Abwesens keine geruhige Stunde gehabt hatte.
Elbenstein bewunderte bei sich selbst eine solche freie Declaration d'amour, indem er aber an dieser artigen Frau nichts auszusetzen fand, umarmete er dieselbe erstlich und sagte dabei, wie er nimmermehr glauben konnte, dass diese ihre Reden aus einem aufrichtigen Munde flossen, woferne sie ihm nicht vergonnete, eine Probe davon zu nehmen, nach welchen Worten er sie nicht nur etlichemal auf den Mund, Augen und Wangen, sondern auch auf diejenige Haut kussete, welche ihm wegen des abfallenden Halstuchs entblosset in die Augen fiel.
Agatha, dies war ihr Taufname, liess dieses alles als eine kraftlose Person geschehen, war aber hiermit nicht vergnugt, sondern unter dem Vorwande, in der Kammer zuzusehen, ob auch das Bette gemacht ware, lockte sie Elbensteinen mit einer verliebten Miene hinter sich her, und weil das Bette noch ungemacht befunden ward, machten sie es alle beide ohne besondere Komplimenten mit zusammengesetzten Kraften. Kaum war diese Arbeit vorbei, da schon der Hoffurier mit einer Karosse kam, Elbensteinen aufs Schloss zu holen, weswegen sich dieser gemussiget sahe, augenblicklich andere Kleider uberzuwerfen, worbei ihm denn Agatha weit dienstfertiger und geschickter zu Hulfe kam als sein ordentlicher Bedienter, welcher ohnedem besser mit den Pferden umzugehen wusste. Unter diesen Ankleiden aber wurde verabredet, dass Elbenstein gleich nach aufgehobener Tafel eine kleine Unpasslichkeit vorschutzen und sich so bald als moglich nach Hause begeben wollte, da denn Frau Agatha gebeten wurde, weil ihr Mann nicht selbst gegenwartig ware, ihm die lange Weile in der Nacht passieren zu helfen. Agatha erzeigte sich nicht widerspenstig, sondern versprach, seinen Befehlen in allen Stucken zu gehorsamen, und demnach setzte sich Elbenstein in den Wagen und fuhr auf das Schloss, stellete sich aber, als ob er sehr heftige Kopfschmerzen empfande, weswegen er auch wenige Speisen zu sich nahm und gleich nach aufgehobener Tafel in sein Logis zuruckeilete, unter dem Vorgeben, dass seine Kopfschmerzen wohl durch nichts besser als durch den Schlaf kuriert werden konnten, jedoch da ihm der Baron ein gewisses Pulver von der Apotheke sich holen zu lassen riet, versprach er hierinnen zu folgen und gab vor diesmal gute Nacht.
Seine Wirtin, welche bloss aus der Ursache, sich ohne Verdacht sauber und nette ankleiden zu konnen, bei einer vornehmen Dame eine Visite abgelegt, trat fast zu gleicher Zeit mit ihm zur Haustur hinein und zeigte sich weit charmanter als vorhero; damit aber das Gesinde im Hause ihr heimliches Verstandnis nicht merken mochte, klagte Elbenstein uber ganz grausame Kopfschmerzen, auch wie ihm nicht anders, als ob alle seine Glieder am Leibe zerschlagen waren, bat derowegen die Frau Wirtin, ihm einen Koffee machen zu lassen, binnen der Zeit er seinen Dienst nach der Apotheke schicken wollte, um etwas Arzenei, die ihm rekommendiert worden, zu langen.
Agatha beklagte sein Malheur und sagte, wie sie ihren Heiligen anrufen wollte, damit er nur in ihrem Hause nicht krank wurde, unterdessen bat sie, dass er doch bis zur Zuruckkunft seines Dieners in ihrer, obschon ubel aufgeraumten Stube bleiben mochte, indem der Koffee augenblicklich fertig sein sollte. Elbenstein setzte sich also in einen Schlafstuhl, und da der Diener wiederkam, sagte er: "Bringe mich nur augenblicklich zu Bette, denn ich kann vor Schmerzen nicht bleiben." Dieses geschahe, und die Wirtin trug selbst nebst dem Diener den Koffee hinauf in sein Zimmer, allwo sie, nachdem der Diener nur noch etwas zu holen hinausgegangen, die vollige Abrede nahmen, einander, sobald alles Gesinde zu Bette, bis zu Anbruch des Tages die Zeit zu passieren. Agatha war schon so klug, die Anstalten darnach zu machen, und stellete sich noch eher bei Elbensteinen ein, als derselbe gehofft hatte. Von dem ubrigen ist nichts zu gedenken, als dass sie bei Anbruch des Tages zwar vergnugter, jedoch auch weit ermatteter voneinander schieden, als sie zusammengekommen waren.
Vormittags um zehn Uhr, da er noch im sussesten Schlafe lag, nahm sich sein Diener die Freiheit ihn aufzuwecken, weil er wusste, dass langstens gegen elf Uhr die Karosse vom Schlosse kommen und ihn abholen wurde, welches denn auch, da er kaum angekleidet war, eintraf, weiln es aber noch nicht Zeit zur Tafel, divertierten sich die samtlichen Kavaliers in dem prachtigen Schlossgarten mit Spazierengehen, bis um ein Uhr zur Tafel geblasen wurde, bei welcher sie sich denn bald einfanden. Kaum hatten sie eine halbe Stunde darbei gesessen, als dem Oberhofmeister ein Paquet Briefe eingehandiget wurde, welches ein Expresser-Bote von Venedig uberbracht hatte. Er eroffnete etliche derselben und fand endlich einen besondern Zettel, nach dessen Durchlesung er sich ungemein besturzt anstellete, nicht anders als ein Mensch, dem eine unverhoffte Ungluckspost zu Ohren kommt. Der Baron von K. sahe ihn an und sprach: "Ich bedaure, mein Herr, wenn Dieselben etwa betrubte Nachrichten erhalten haben!" "Es gehet mich", versetzte der Oberhofmeister, "die Sache insoweit nichts an, allein die Begebenheit ist erstaunlich; der Herr Baron belieben es selbst zu lesen und hernach den andern Herrn zu kommunizieren." Also nahm der Baron das Blatt, lase es durch und schuttelte den Kopf ebensosehr dabei, als der Oberhofmeister getan hatte, gab es hernach dem von Elbenstein, welcher folgende Relation darauf fand:
Der englische Lord D., welcher Ew. Gnaden wohlbekannt ist, hat vor einigen Tagen ein jammerliches Ende genommen. Ew. Gnaden wissen, dass er ein uberaus wohlgebildeter und ansehnlicher Herr war, darum hat sich schon vor vielen Wochen eine vornehme und reiche, doch aber vereheligte Dame in denselben verliebt, auch sich so lange bemuhet, bis sie ihn endlich in ihr Liebesgarn bekommen. Indem sie nun eine von den allerschonsten Damen in dieser ungeheuren Stadt ist, so ist leicht zu erachten, dass sich der Lord nicht lange werde geweigert haben, einen geheimen Liebeskontrakt mit derselben zu schliessen, zumalen, da sie ihm diejenige Muhe, so er sich mit dem allergrossten Vergnugen gemacht, noch darzu ungemein reichlich belohnet hat. Allein der gute Lord wird bei seinem vermeintlichen grossen Glucke dergestalt stolz, dass er selbiges nicht bei sich behalten kann, sondern sich in verschiedenen Compagnien beruhmt, was ihm vor Karessen und starke Prasente von einer gewissen Dame gemacht wurden, die er zwar eben nicht mit Namen nennet, aber dergestalt eigentlich beschreibt, dass ein jeder leicht erraten kann, wer dieselbe sei. Die Dame erfuhr durch ihre Spions, welche dem Lord alle Tage auf dem Fusse in alle Compagnien nachfolgeten, alles sehr fruhzeitig wieder, und als er das erstemal wieder zu ihr kam, ermahnete und bat sie ihn aufs beweglichste, wenn er getrunken hatte, sein Herze doch nicht auf der Zunge zu haben, mithin sie und zugleich sich selbst unglucklich zu machen, welches ihr der Lord zwar mit vielen Eidschwuren zusagte, dieselben aber bald vergass, denn nur wenige Tage hernach erzahlete er gegen verschiedene vermeinte gute Freunde solche Specialia, dass niemand lange raten durfte, wer seine Geliebte ware, ja er trieb dieses so lange, und einer erzahlete es dem andern, bis endlich fast in allen vornehmen Compagnien offentlich darvon gesprochen wurde. Die Dame wurde also dergestalt zum Zorne gereizt, dass sie einen grausamen Eidschwur tat, nicht ehe vergnugt zu ruhen, bis dieser ihr Schimpf an dem Lord durch ihre eigenen Hande gerochen ware; weiln aber ihr Mann etliche Wochen bestandig zu Hause blieb und sie wenig aus den Augen liess, musste sie ihre Galle und Rache, die von Tage zu Tage heftiger wurde, so lange unterdrukken, bis dieser, ihr Mann, auf einige Tage uber Land zu reisen sich gemussiget sahe. Demnach liess sie den Lord durch ihre Vertraute mit den allersussesten Worten zu sich locken, karessierte und traktierte denselben aufs liebreichste, liess sich auch nichts im geringsten merken, dass sie uber ihn zu klagen Ursach hatte, bussete hergegen ihre sundliche Lust zu guter Letzt recht vollkommen mit ihm; und da dieses geschehen, gab sie ihm, unter dem Vorwand einer Herzstarkung, einen Schlaftrunk ein. Kaum hatte der Ungluckselige durch einiges Schnarchen zu verstehen gegeben, dass er fest schliefe, als sie ein unter dem Bette zurechtgelegtes spitziges und scharfes Messer hervorzohe und ihm in grosser Geschwindigkeit die Kehle damit abschnitt, so dass er nicht den geringsten Laut von sich geben konnte. Nach diesem stach sie ihm die Augen, wormit er ihr, seiner Morderin, so manchen geilen verliebten Blick gegeben, aus dem Kopfe, die Lippen, womit er ihr so viel 1000 feurige Kusse aufgedruckt, ingleichen die Nase und Ohren wurden auch abgeschnitten, die Wangen aber durch viele Kreuzschnitte zerfetzt. Mit allen diesem aber war die Barbarin dennoch nicht zufrieden, sondern schnitt ihm noch als eine rasende Furie dasjenige ab, womit er ihre geile Liebe so oft besanftiget; hierauf rief sie ihre Getreuen, nehmlich eine alte Frau und ihr Kammermagdgen, und zeigete ihnen mit frohlichen Munde und Herzen das jammerlich zerfleischte Opfer ihrer verteufelten Rachbegierde. Das Kammermagdgen sank vor Schrecken in eine Ohnmacht, weswegen die Frau nach ihrer Hausapotheke eilete und ihr einen starken Spiritum vor die Nase hielt, wodurch ihre Lebensgeister wieder in etwas zuruckkehreten; die Alte hingegen machte sich keinen Kummer daraus, sondern ging auf der Frauen Befehl hinunter und brachte einen im voraus bestellten starken Banditen herauf, welcher den verstummelten Korper des ungluckseligen Lords in einen ausgepuchten Sack steckte und denselben in den Canal Grande warf. Des darauffolgenden Morgens wurde der Korper gefunden und in einem offenen Gewolbe einem jeden zur Beschauung dargelegt. Am dritten Tage wurde derselbe von dem Hofmeister des unglucklichen Lords an einem Muttermale sowohl auch an einer Blessur, die er beide am rechten Arme hatte, erkannt und standesmassig begraben. Der Hofmeister schickte sogleich eine Stafette nach Engelland und tat den Eltern den klaglichen Verlust ihres einigen Sohnes im voraus zu wissen; wollte aber mit dessen Bagage nicht so bald abreisen, weil er vielleicht noch Kundschaft von dessen Ermordung einzuziehen verhoffte. Sein Hoffen traf auch ein, und zwar folgendergestalt: Das Kammermagdgen konnte sich den jammerlichen Tod des Lords, welchen sie zum oftern Briefe von ihrer Frauen bringen mussen, ganz und gar nicht aus dem Sinne schlagen, sondern wo sie ging und stund, liefen ihr die Tranen mit untermischten Seufzern bestandig aus den Augen. Die Dame merkte endlich abends beim Auskleiden ihre allzugrosse Wehmutigkeit und sagte: "Ich glaube, du verfluchte Bestia beweinest den Lord! Was gilt's, er hat dir auch zuweilen einen Liebesdienst erwiesen? Den Augenblick lache mich an! oder ich stosse dir eben das Messer in die Brust, wormit ich meinen unbedachtsamen Galan geschlachtet habe." Da kostete es nun Kunst zu lachen; allein die Todesangst formierte dennoch, zu allem Glucke, eine solche lacherliche Miene in dem Angesichte des armen Magdgens, dass diese andere Atropos ihrer annoch schonete, zumalen da das arme Kind zu ihren Fussen fiel und bekannte, dass sie noch eine reine Jungfer ware und weder mit dem Lord, noch mit irgendeiner andern Mannesperson jemals auf der Welt der Liebe gepflegt hatte, nur aber ware ihr das Spectacul so grausam vorgekommen, weil sie eben aus dem ersten Schlafe ermuntert worden; anbei versicherte sie, zeitlebens keinem Menschen etwas davon zu sagen. Hiermit war die Furie zufrieden und hiess das arme Ding zu Bette gehen, welches aber die ganze Nacht kein Auge zutun konnte, hergegen desto mehr Tranen vergoss. Wie sie aber in dieser schlaflosen Nacht alles genauer uberlegte und betrachtete: dass sie bei so gestalten Sachen, da sie ihre Tranen und Seufzer wegen ihres weichherzigen Gemuts nicht sattsam verbergen konnte, des Lebens keine Stunde sicher ware, ergriff sie die Resolution, nahm ihre besten Sachen in die Schurze, wanderte, sobald die Tur geoffnet wurde, zum Hause hinaus und begab sich in den Schutz des Polizeirichters, dem sie, als sie gegen Mittag vor ihn kommen konnte, den ganzen Handel in geheim offenbarete. Dieser schickte zwar sogleich einige Gerichtsdiener nach der Dame Wohnung, um dieselbe nebst der alten Frau und andern Bedienten zu arretieren, allein die Dame ist, sobald sie vernommen, dass sich das Magdgen unsichtbar gemacht, wie man sagt, in ein Kloster gesprungen, die Alte aber hat ohne Folter bereits alles bekennet, was mit der Aussage des Magdgens ubereintrifft. Der Hofmeister des ungluckseligen Lords halt sich noch hier auf, und man muss abwarten, was in dieser Sache ferner passieren wird etc.
Nachdem Elbenstein diese Relation gelesen und sie seinem Beisitzer gegeben, starb ihm, der gemeinen Redensart nach, der Bissen im Munde, ja er sass als ein Traumender und war herzlich froh, dass dem Oberhofmeister zu Gefallen, welcher den Expressen, der einige wichtige Briefe zu beantworten mitgebracht, die Tafel etwas zeitiger als gewohnlich abgehoben ward. Indem er nun sahe, dass sich sowohl der Baron von K. als die andern Kavaliers zu einem Lustspiele praparierten, schlich er sich heimlich hinunter in den Schlossgarten, setzte sich in eine abgelegene Grotte und lase die venetianische Relation, welche er von dem Oberhofmeister nochmals ausgebeten hatte, zum andern Male mit guten Bedachte durch. Die Haare stunden ihm zu Berge, da er bei dieser Geschicht an seinen eigenen Lebenswandel gedachte. "O Gott!" sagte er, "wie gross ist deine Langmut, dass du mich frechen Sunder nicht schon auch wie diesen Lord mit Leib und Seele hast verderben lassen! Ach! mein Gott, vergib mir doch alle meine begangenen Sunden, ich gelobe dir, diese in den zeitlichen und ewigen Tod sturzende Missetaten nicht mehr zu begehen, sondern hinfuro der Fleischeslust ganzlich abzusagen, verleihe mir nur deine Kraft zu Widerstehung derselben. Ja, ich will, ich will dieselbe fliehen als die giftigsten Ottern und Schlangen." Er verfiel hierauf in recht ernstliche tiefe Bussgedanken und verharrete ohngestort uber zwei gute Stunden in denselben, nachdem er sich aber wieder ermuntert, fassete er den ernstlichen Vorsatz, seine begangenen Torheiten bestandig zu bereuen, seinen Lebenswandel aber hinfuro Gott gefalliger einzurichten. Da er nun noch keine Lust hatte, bei der Gesellschaft so zeitig wieder zu erscheinen, zohe er seine Schreibetafel aus der Tasche und schrieb folgende Ode hinein:
1
Bedenke doch die Ewigkeit Und die ganz unumschrankte Zeit, Da vor der Wollust kurze Freuden Wir ewig Qual und Schmerzen leiden, Bedenke dies, mein Herz! und trage Reu und Leid, Bezwinge dich, die Lust zu meiden.
2
Ach! stelle dir dein Ende fur, Der Tod steht wohl schon vor der Tur. Dein Wollen zwingt ein hoher Wille, Drum lebe christlich, keusch und stille, Betrachte dies, mein Herz! und denke stets bei dir, Wie bald dein Leib den Sarg erfulle.
3
Denn muss die arme Seele fort An jenen grossen Urteilsort Und die Belohnung zu empfangen Vor das, was sie allhier begangen, Betrachte dies, mein Herz! du kannst den
Himmels-Port
Durch Gottes Gnade noch erlangen. Er verfiel nach Verfertigung dieser Reime wegen seiner ernstlich vorgesetzten Busse und Bekehrung abermals in ein tiefes Nachsinnen, aus welchen ihn endlich der zur Tafel blasende Trompeter verstorete, und Elbenstein verwunderte sich nicht wenig, dass es schon dunkel zu werden begonnte, demnach quittierte er die Einsamkeit und begab sich hinauf in das Tafelgemach, allwo die andern Kavaliers schon versammlet waren, die sich ungemein verwunderten, wo er seit der Zeit gesteckt hatte, auch dieserwegen verschiedene scherzhafte Fragen an ihn taten; allein Elbenstein antwortete ihnen allen auf einmal mit folgenden: "Messieurs! so wunderlich ist mir's fast mein Lebtage nicht gegangen als heute; ich ging, sobald wir von der Tafel aufgestanden, weil mir der Kopf von den allerlei Weinen, die ich bishero auf der Reise getrunken, etwas Meinung, dass, wenn ich etwa eine halbe Stunde in der freien Luft herumginge, sich der Dummel wohl verlieren wurde. Im Hin- und Hergehen aber traf ich eine schone, grosse, blaue Blume an, die von der Natur fast als eine Sturmhaube gebildet war. Da [ich] mich nun nicht erinnern konnte, in Deutschland dergleichen artiges Gewachse gesehen zu haben, brach ich dieselbe ab und versuchte ihren Geruch, welcher zwar scharf, aber eben nicht besonders angenehm war, jedoch roch ich verschiedenemal daran, endlich aber, da ich fast bis an das Ende des Gartens gelangete, bekam ich auf einmal ganz plotzlich einen starken Schwindel und heftige Kopfschmerzen, so dass ich vermeinete, ich wurde zu Boden sinken mussen, jedoch erreichte ich mit Kummer und Not eine Grotte, in welcher ich mich auf eine Rasenbank der Lange nach ausstreckte und ohne mein Vermuten in einen tiefen Schlaf verfallen bin. Ich glaube auch, dass ich noch schliefe, wenn mich der Trompeter mit dem Schalle seines Instruments nicht aufgeweckt hatte. Inmittelst glaube [ich] nicht anders, als dass der Geruch der Blume daran schuld sein musse, denn ich bin bis itzo noch ganz damisch, ohngeacht ich weder heute noch gestern eine Debauche in Weine gemacht habe." "Mein Herr!" versetzte der Oberhofmeister, "ich bedaure Dero Malheur, inzwischen wird es hoffentlich keine schlimmeren Folgerungen nach sich ziehen, wenn Sie nur belieben, einen guten Trunk frisches Wasser zu tun. Sie haben allerdings recht, dass der Geruch der Blume daran schuld ist, welche Blume allhier bei uns Napello genennet wird, so schon sie aber anzusehen, so giftig ist sie auch, und wenn man nur ein- oder zweimal daran riecht, bekommt man gleich Kopfschmerzen oder Schwindel. Es sind schon verschiedene Fremde dadurch betrogen worden, und wenn es bei mir stunde, musste sie wenigstens im Lustgarten ausgerottet werden, allein mein gnadiger Herr sind ein ungemeiner Liebhaber von der Botanik und wurden keine Kosten sparen, wenn sie nur alle Krauter und Blumenarten, so in der ganzen Welt zu finden, in einem Garten beisammen haben konnten."
Hierauf setzten sie sich samtlich zur Tafel, und weilen dieses Mal eben kein Frauenzimmer zugegen war, verfielen sie nochmals auf die Mordgeschicht des englischen Lords und auf die Grausamkeit der Damen; endlich fing des Marchese Stallmeister, welches ein wohlstudierter und qualifizierter Kavalier war, folgende Geschicht zu erzahlen an:
"Als ich vor etlichen Jahren noch in Padua studierte, trug sich's zu, dass einer meiner besten Freunde, ein Edelmann, von Lucca geburtig, in einen Kaufmannsladen ging, um sich Scharlach zu einem Mantel zu kaufen. Bei dieser Gelegenheit mochte des Kaufmanns Tochter, die sich eben allein im Laden befand, den jungen Kavalier etwas allzu genau in die Augen fassen, dannenhero sie dergestalt in Liebe gegen denselben entzundet ward, dass sie seinen Laquais mit Darreichung etlicher Zechinen dahin beredete, einen Ruffiano oder Kuppler abzugeben. Dieser nun ruhmete gegen seinen Herrn allezeit die Schonheit der Kaufmannstochter, und sobald er vermerkte, dass sein Herr gern von dergleichen Sachen reden horete, brach [er] endlich los und versicherte denselben, dass diese Schone sich sterblich in ihn verliebt hatte und nichts mehr wunschte, als eine vertraute Zusammenkunft mit ihm zu haben. Signor Balestrieri empfand alsobald eine brennende Begierde bei sich, mit dieser schonen Kaufmannstochter in nahere Bekanntschaft zu geraten, befahl derowegen seinem Diener, allen Fleiss anzuwenden, dass er dazu gelangen konnte, versprach ihm auch, wenn er die Sache klug spielete und bewerkstelligte, zum Rekompens drei Zechinen. Dieser schlaue Vogel, als er bemerkte, wie er von beiden Parteien Geld schneiden konne, saumte sich nicht, Fiorinen, so hiess des Kaufmanns Tochter, seines Herrn verliebte Sehnsucht mit lebendigen Farben abzumalen, diese aber, ohngeacht sie von ihren Eltern sehr genau in acht genommen ward, erfand endlich dennoch ein Mittel, dieselben zu hintergehen, denn sie praktizierte heimlich so viel Seide aus dem Gewolbe, als zu Verfertigung einer Strickleiter notig war, gab selbige des Balestrieri Diener nebst einer Handvoll Geld, um das ubrige zu besorgen, denn die dritte Nacht darnach wollte sie an einem Bindfaden ein weisses Papier herunterlassen, an welchen Faden denn Balestrieri die Strickleiter anbinden konnte, die sie alsdenn hinaufziehen und oben befestigen wollte.
Der Anschlag schien nicht uneben zu sein. Die Strickleiter wurde binnen 24 Stunden fertig, Balestrieri wartete mit Schmerzen auf die bestimmte Stunde der dritten Nacht, und als dieselbe endlich erschienen, fand er sich unter der Fiorine Fenster ein, fand auch bereits das Papier an dem Faden heruntergelassen, weswegen er in aller Eil die Strickleiter daran band und nach einem gegebenen Zeichen mit Husten bemerkte, wie dieselbe hinaufgezogen, ihm auch bald hernach ein Gegenzeichen zur frischen Auffahrt gegeben wurde. Ohngeacht es nun ungemein stark regnete und dabei stockfinster war, so liess sich dieser verliebte Steiger doch nichts hindern hinaufzuklettern, war auch bereits bis an die andere Etage gelanget, als ihm leise zugerufen wurde, sich ein wenig aufzuhalten. Er gehorsamete eine ziemliche Weile, als ihn aber der grausame Regen gar zu heftig inkommodierte, konnte er es fast nicht mehr ausstehen, weswegen er sich resolvierte, wieder herunterzusteigen, um vorhero noch eine Weile unter denen Portichi oder Schwibbogen im Trocknen zu stehen. Allein da er kaum bis an das erste Stockwerk zuruck gelanget, ereignete sich plotzlich ein Zufall, der seinen Staffiero oder Bedienten notigte, in geschwinder Eil fortzulaufen. Signor Balestrieri hielt vors ratsamste zu bleiben, wo er war, und sich nicht zu regen, ohngeacht es immer heftiger zu regnen anfing. Denn es ist zu wissen, dass zu damaligen Zeiten in Padua alle Nachte das sogenannte Chiva la geschahe und mancher dadurch ums Leben gebracht wurde, derowegen waren eben zu der Zeit, als Balestrieri seine verliebte Visite angetreten, ohngefahr 60 Schritt von Fiorinens Behausung zwei Partien zusammengeraten, welche hinter den dicken Pilaren aufeinander Feuer gaben. Solchergestalt war es nun allerdings besser, dass er sein Verhangnis an der Strickleiter mit Gedult ertrug und zwischen Himmel und Erden schwebete, als dass er sich in eine noch grossere Lebensgefahr sturzte. Als er nun uber eine Stunde diese Angst ausgestanden, kam endlich die Scharwache, welche die streitenden Parteien auseinanderjagte und verfolgte, mittlerweile bekam Balestrieri ein abermaliges Zeichen, sich hinaufzubegeben, welches er denn tat und glucklich bei Fiorinen anlangete. Diese empfing ihn mit offenen Armen und vielen Kussen, bat ihn auf eine recht demutige Art um Verzeihung, dass sie ihn so lange hatte mussen zappeln lassen; allein der arme Balestrieri, welcher wie eine gebadete Maus aussahe, war nicht anders als ein Mensch, der den starksten Paroxismum vom kalten Fieber hatte, konnte also ihre heissen Kusse nicht anders als sehr kaltsinnig vergelten, zumalen da weder das Kaminfeuer noch der kostliche Wein seinem erfrornen Korper einige Warme einflossen wollten. Endlich da Fiorine sahe, dass nichts helfen wollte, fing sie an, ihm hier und dar an den Puls zu greifen, um mit ihren warmen Handen die zuruckgewichenen Geister wieder herbeizubringen, allein es half alles nichts, Signor Balestrieri blieb bei allen diesen Karessen wider seinen Willen kraftlos, und die arme Fiorine musste endlich, mit grossten Unwillen und ohne den vollkommenen Liebesgenuss erhalten zu haben, geschehen lassen, dass ihr kalter und schwacher Amant die Strickleiter wieder hinunterstieg, welche sie, sobald er auf der Erden war, recht grimmig und in grosster Geschwindigkeit hinaufzohe.
Der gute Balestrieri dankte zwar dem Himmel, als er ohne weitere Gefahr glucklich in seinem Quartiere und warmen Bette angelangt war. Nachdem er aber vermerkte, dass sich nach einer kurz genossenen Ruhe seine entwichenen Krafte wieder eingestellet hatten, chagrinierte er sich ungemein uber die ihm zugestossene Fatalitat, zumalen wenn er sich die besondere Schonheit der Fiorine nebst den ihm angetanen Karessen nunmehro erst recht, jedoch nur in unruhigen Geiste vorstellete. Gleich morgens fruh setzte er sich hin und verfertigte ein Schreiben an Fiorinen, worinnen er sein gestern gehabtes ungluckliches Schicksal beklagte, sich ihrer fernerweitigen Gewogenheit bestens rekommendierte und dieselbe zu persuadieren suchte, ihm eine anderweitige Nachtvisite zu vergonnen, da er denn seinen begangenen Fehler verbessern wollte; allein diese schrieb ihm einen verzweifelten hohnischen Brief zuruck, dessen Hauptinhalt dieser war, dass sie mit keinem ohnmachtigen Menschen, der noch weit miserabler beschaffen als ein Kastrat, nichts weiter zu schaffen haben wollte, wie sie sich denn alle Einbildung von seiner schonen Person und galanten Wesen bereits ganzlich aus dem Sinne geschlagen. Er aber mochte sich ja nicht unterstehen, von dieser Begebenheit etwas gegen jemanden zu gedenken, widrigenfalls sie auf die allergrausamste Rache bedacht sein wurde.
Balestrieri versuchte noch verschiedenemal, sie mit den beweglichsten Briefen und Versen zur Raison zu bringen, allein diese Schone blieb nicht allein unempfindlich, sondern liess ihm noch darzu jederzeit bloss mundlich eine spottische Antwort zurucksagen und zuletzt befehlen, er sollte sie nur nicht mehr mit seinen Briefen inkommodieren, weil sie seine Person ganz und gar nicht mehr astimierte. Diesem verdross zwar der Schimpf nicht wenig, und es stiegen zum oftern die Gedanken bei ihm auf, sich an Fiorinen zu rachen, wenn er aber bedachte, an was vor einem gefahrlichen Orte er sich befande und dass die Wut einer erzurneten italianischen Dame ihren Beleidiger zum oftern in weit abgelegene Stadte, ja Lander verfolgte, schlug er sich endlich alle diese Gedanken, ja Fiorinen selbst aus dem Sinne und choisierte sich eine sehr wohlgebildete Dame de Fortun, bei welcher er, wenn er Appetit bekam, vor zwei venetianische Ducati jede Nacht so viel Wein und Konfekt, als er geniessen mochte, auch sonsten allen ubrigen angenehmen Zeitvertreib ohne die geringste Leib- und Lebensgefahr haben konnte. Dieses trieb er, und zwar ganz moderat, so lange, bis er seine Studia absolviert hatte und von seinen Eltern nach Hause berufen wurde. Nunmehro lebt er in seiner Geburtsstadt mit einer qualifizierten, mit Schonheit und Gutern reichlich begabten Dame in der vergnugtesten Ehe, hat mir auch neulichst, da ich bei ihm war, als seinem vertrautesten Freunde, aufrichtig bekennet, dass, ohngeacht er jetzo in seinen besten Jahren ware und viele Gelegenheit zu wollustigen Veranderungen hatte, so sei doch sein Herz ganzlich davon abgewendet. Seine vorherigen Ausschweifungen hatte er herzlich bereut und dem Allerhochsten vor dessen Langmut demutigsten Dank abgestattet, dass er ihn nicht in seinen Sunden dahingerissen, sondern ihn dargegen nunmehro so wohl beraten, weswegen er denn auch alle Jahr, auf eben den Tag oder Nacht, da er auf der Strickleiter geschwebt, denen Armen eine Spende an Brot und Wein von 50 Dukaten austeilen liesse, jedoch nicht eitlen Ruhms wegen, sondern in einem Kloster unter verdeckten Namen."
"Das ist etwas Vortreffliches", versetzte Elbenstein hierauf, "wenn ein Mensch noch beizeiten zur Erkenntnis kommet und sein Leben bessert, denn bei vielen heisset es: Cras, cras, semper cras & sic dilabitur aetas, bis sie endlich mit Leib und Seele zum T ... fahren."
Unter solchen und dergleichen Gesprachen ward endlich die Mahlzeit verbracht, und weiln der Oberhofmeister den Vorschlag tat, ob nicht die samtlichen Kavaliers den furstlichen Personen bis auf ein zwei Meilen von Battaglia gelegenes und dem Marchese Obizzo gehoriges Lusthaus entgegenreiten und bis zu derselben Ankunft sich die Zeit mit Spielen oder andern Divertissements passieren wollten, als ward solcher von den samtlichen Anwesenden willig angenommen; um desto fruher aber aufstehen zu konnen, begab sich ein jeder desto zeitiger nach seinem Quartiere.
Elbenstein, dem die grausame Mordgeschicht des engl. Lords ganz und gar nicht aus den Gedanken kam und in seinem Gewissen noch immer eine grosse Unruhe und Bangigkeit empfand, ward hochlich erfreuet, als er bei Anlangung in seinem Quartiere vernahm, dass der Wirt wieder nach Hause gekommen sei; indem er solchergestalt von einer abermaligen sundlichen Visite der Agatha befreit zu sein verhoffte. Wie es aber einem geilen Frauenzimmer, wenn sie ihre Brunst gekuhlet wissen will, niemals an listigen Erfindungen mangelt, so war auch dieses in unersattlicher Liebe gegen Elbensteinen entbrannte Weib hierinnen nicht die Einfaltigste, denn sie hatte ihrem Manne, dem Schneider, um denselben noch mehr Horner aufzusetzen, eine gute Quantitat vom Opio unter den Wein gemischt, den er mit seinem guten Freunde, als von der Jagd ermudete, hellig und durstige begierig einschluckte. Das Opium wurkte gar bald nach der geilen Frauen Wunsche, denn der arme Cornelius schlief nebst seinem Jagdkameraden plotzlich ein und wurden mit grosser Muhe zu Bette gebracht. Die listige Agatha aber gab den uberbliebenen Wein ihrer Magd, die sich eine Kalteschale darvon machte, jedoch bald nach deren Genuss durch das oftere Hojahnen und die schlafrigen Augen die Operation dieses eingeloffelten Tranks offenbarete, weswegen Agatha aus verstelleten Mitleiden zu ihr sagte: "Geh nur zu Bette, du arme Rosine! Du bist, wie ich sehe, von deiner heutigen Arbeit ganz mude, ich will den fremden Kavalier die Hausture schon aufmachen." Das gute Mensch konnte mit genauer Not ihre Kammer erreichen, allwo sie ohnausgekleidet aufs Bette hin und in einen tiefen Schlaf verfiel; Agatha aber bewillkommete den von Elbenstein bei seiner Heimkunft mit freundlichen und vergnugten Gebarden, entschuldigte dabei ihren Mann, dass er seine schuldige Aufwartung bei ihm diesen Abend nicht machen konnte, indem er von der Jagd sehr ermudet nach Hause gekommen und sich bereits zu Bette begeben hatte.
Elbenstein, dem die geschwinden und listigen Erfindungen des italianischen Frauenzimmers in Bussung ihrer Liebesluste aus eigener Erfahrung schon bekannt waren, erriet alsobald das ganze Geheimnis, weil er aber, um sein geangstetes Gewissen zu beruhigen und einen Anfang in der ihm mit gottlicher Hulfe vorgenommenen Busse und Bekehrung zu machen, sich ernstlich entschlossen hatte, als klagte er, wie ihm auf dem Schlosse eine jahlinge Ubligkeit zugestossen ware, welches Ursach gewesen, dass er sich zeitig retirieren mussen, womit er ihr eine gute Nacht wunschte. Agatha tat dergleichen, in ihren Gedanken aber machte sie sich allerhand anmutige Abbildungen von der kunftigen Liebesergotzung, die sie diese Nacht mit ihren angenehmen Kavalier pflegen und genussen wurde, doch musste sie die hitzigen und inbrunstigen Umarmungen so lange anstehen lassen, bis Elbensteins Diener vom Zimmer herunter und zur Ruhe ging. Alsdann eilete sie zu ihren geliebten Kavalier und legte sich, ohne viel Wesens zu machen, zu ihm ins Bette, suchte auch unter kurzer Erzahlung, was sie vor List gebraucht, ihres Vergnugens vollkommen teilhaftig zu werden, den schlafrigen Elbenstein durch allerhand unverschamte Griffe zur Wollust zu bewegen. Allein sie wurde nicht wenig besturzt, als sich Elbenstein in allen widersetzte und unter folgenden Worten von ihren geilen Umarmungen losmachte: "Meine Frau!" war seine Rede, "wird sich verwundern, warum ich Ihr nicht eben mit dergleichen Liebkosungen, als Sie mir erzeigt, wieder begegne; ich kann aber Derselben nicht bergen, dass ich durch eine von Venedig eingelaufene traurige und erschreckliche Zeitung in eine dergestalte Gemutsunruhe und Herzensangst gesetzt worden, dass durch derselben bestandiges und unablassiges Anhalten alles, was eine hitzige Liebe sonsten erfordert, bei mir nunmehro als ganzlich erstorben liegt. Ob ich Sie nun gleich gestern nach Antrieb uppiger Begierden auf das heftigste geliebt habe, so werde ich Sie dennoch hinfuro nicht weiter als nach den Regeln und Gesetzen, die mir der Himmel und mein eigenes Gewissen vorschreiben, nicht anders als eine Christin und gute Freundin lieben. Anstatt aber uns in sundliche, wollustige Ergotzlichkeit einzulassen, wodurch der allsehende Gott erzurnet, die keuschen und reinen Engel betrubt, unser Leib, Seele und Gewissen aber abscheulich befleckt werden, wollen wir viel lieber mit vereinigten Bussseufzern Gott inbrunstig anflehen, dass er uns nach seinen gerechten und gestrengen Gerichte wohlverdientermassen nicht strafen wolle. Will Sie dieses nicht mit mir zugleich tun, meine Freundin! so begebe Sie sich in Ihre Kammer zuruck und wende die schlaflosen Stunden allein zu dergleichen Betrachtungen und Bussubungen an, nebst dem festen Vorsatze, den barmherzigen und langmutigen Gott nimmermehr auf solche Art wieder zu beleidigen."
Agatha wurde uber diese Reden ungemein besturzt und blieb als eine vom Donner geruhrte Person ohne einzige Regung liegen. Elbenstein bemerkte, dass ihr eine Ohnmacht zustossen wolle, denn soviel er bei dem brennenden Nachtlichte sehen konnte, waren nicht allein ihre schonen schwarzen Augen halb gebrochen, sondern auch alle Rote von ihren zarten Wangen und Lippen gewichen. Er stieg demnach in dem umhabenden Schlafrocke aus dem Bette und langete ein mit fluchtigen Spiritu angefulletes Glas aus seinem Chatoull, hielt ihr dasselbe vor die Nase, wodurch die auf der Abreise begriffenen Lebensgeister wieder zum Ruckmarsch beweget wurden. Wie er nun sahe, dass sich ihre Augen wieder eroffneten, auch die Rote auf ihren Lippen wieder zum Vorschein kam, druckte er einen Kuss, der aber nicht aus geilen, sondern keuschen und freundschaftlichen Regungen abstammete, auf ihren Mund und sagte: "Werteste Freundin, ich versichere Ihr bei allem dem, was heilig heisst, dass diese meine Anderung der Natur nicht etwa aus einem Ekel oder Uberdruss gegen Ihre holdselige Person, sondern von einem hohren Triebe und Aufwachung meines Gewissens herruhret, in Betrachtung der erschrecklichen Strafgerichte Gottes, so auf dergleichen Misshandlungen zu folgen pflegen." Der Agatha liefen die Tranen stromweise aus den Augen heraus, endlich richtete sie sich auf, umarmete Elbensteinen aufs zartlichste, benetzte auch seine Hande mit tausend Tranen. Dieser half ihr vollend in die Hohe, gab ihr noch einige keusche Kusse und liess sie unter von allen beiden ausgestossenen angstlichen Seufzern stillschweigend von sich gehen.
Ob nun Agatha durch seine Reden und Auffuhrung wurklich in ihrem Gewissen geruhret worden oder ob sie sich wegen fehlgeschlagener Hoffnung ihres Vergnugens dergestalt alteriert, solches kann man nicht sagen. Elbensteinen hergegen wurde das Herze, nachdem er diesen gefahrlichen Kampf so glucklich und ritterlich uberwunden, ganz leichte, wofur er Gott herzlich dankte und denselben bussfertig anflehete, ihn ferner vor allem Ubel und schweren Sunden, absonderlich aber vor der reizenden Fleischesl[u]st gnadiglich zu bewahren. Weil er nun keinen Schlaf in seine Augen bekommen konnte, setzte er sich an den Tisch und brachte folgendes Busslied zu Papiere:
1
Mein Gott! ein Sundenkind
Liegt hier vor deinem Throne.
Ach, richte nicht geschwind!
Nein! Liebster Vater, schone!
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
2
Ach, meine Missetat
Macht dich mir ungewogen;
Der Irrweg, den ich trat,
Hat mich von dir gezogen,
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
3
Die Wunden meiner Schuld
Sind voller Eiterflusse;
Gott! gib, dass deine Huld
Das Gnaden-Ol drein giesse,
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
4
Ach Gott! erhor mein Flehn,
Ach! lass mich nicht verzagen
Und ganzlich untergehn,
Erhore doch mein Klagen.
Herr, geh nicht ins Gericht,
Vor dir besteh ich nicht.
Als er dieses Lied nach einer selbst darzu gemachten Melodie etlichemal heimlich gesungen, legte er sich, nach nochmals verrichteten Abendgebete, mit sehr beruhigten Herzen wieder zu Bette, da ihm denn im ersten Schlummer der Spruch in die Gedanken fiel: 'Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen' etc., welchen er mit erfreuten Herzen zum oftern wiederholte und endlich in einen sussen Schlaf verfiel, da ihm denn der Heiland der Welt im Traume erschien und die trostlichen Worte zusprach: 'Sei getrost, mein Sohn! deine Sunden sind dir vergeben, sundige nur hinfort nicht mehr!' Uber diese trostlichen Worte liefen die Freudentranen haufig aus seinen Augen, so dass, als er aufwachte, dieselben noch auf seinen Wangen und Hauptkussen zu finden waren. Demnach stund er hochst erfreut von seinem Lager auf, verrichtete sein Morgengebet, sunge etliche Buss- und Danklieder, rief hernach seinen Diener, welcher ihn anklei
Unten im Hause, als er eben die Treppe herunter trat, bote ihn Agatha mit betrubten Gesichte, schamroten Wangen und niedergeschlagenen Augen einen guten Morgen. Er tat mit einem freund- und frohlichen Gesichte dergleichen, wunschte ihr alles Vergnugen und fragte, ob der Hausherr noch nicht aufgestanden ware. Indem sie nun zur Antwort gab, dass selbiger vor Mittags schwerlich erwachen wurde, sahe sie Elbenstein recht beweglich und seufzend an, worbei ihr die Tranen in den Augen stunden. Dieser kussete nunmehro aus reiner Freundschaftsliebe die holdseligen benetzten Augen, und zu Bezeugung seiner gegen sie hegenden aufrichtigen und tugendhaften Freundschaft schenkte er ihr einen saubern Ring, sich seiner darbei zu erinnern. Agatha aber, von so vielen Gemutsregungen besturmt, geriet endlich daruber in einen solchen Zustand, dass, als sie sich mit einem schmachtenden Kusse gegen Elbensteinen bedanken wollte, ihr, deren Herz von so vielen Leidenschaften ganz beklemmet war, eine starke Ohnmacht zustiess, so dass sie darnieder sank. Wie Elbensteinen hierbei zumute geworden, ist leicht zu erachten, doch in dieser Angst besann er sich, dass in dergleichen Zufallen frisches Wasser oftermals gute Hulfe getan, weswegen er den im Hause stehenden Wassereimer ergriff und das erbleichte Angesicht seiner halbtoten Freundin etlichemal mit frischen Wasser benetzte, auch ihr zum Uberfluss eine starke Dosis Schnupftobak in die Nase blies, welche beiden Mittel endlich soviel wurkten, dass sie etlichemal niesete und bald darauf wieder zu sich selber kam. Er fuhrete sie nach diesen in die nachste Kammer, allwo er sie auf ein Feldbettgen niederlegte, sich aber, weil er vermerkte, dass es keine Gefahr mehr hatte, alsobald zuruckbegab, weil das uber die Agatha erregte Mitleiden eine neue Liebe gebaren und die allmahlig aufsteigenden hitzigen Regungen, unter dem Scheine einer erbarmenden Freundschaft, ihn auf die vorigen Wolluste und sundlichen Ausschweifungen verfuhren wollten. Demnach spazierte er nach dem Pferdestalle zu, woselbst er mit Verdruss wahrnahm, dass der Diener mit Putzen und Abfutterung der Pferde etwas zu nachlassig gewesen, weswegen er ihm eine Reprimende gab und wieder zuruck auf seine Stube zu gehen gesonnen war. Da ihm aber die schwache Agatha wieder in den Sinn kam und er besorgte, es mochte dieselbe etwa mit einer nochmaligen Ohnmacht sein befallen worden, so schlich er sich ganz sachte vor ihre Kammertur, guckte durch das Schlusselloch und bemerkte, dass sie auf dem Bette sass und den von ihm geschenkt bekommenen Ring vielfaltig kussete, derowegen fand er sich vollkommen beruhiget, begab sich in aller Stille auf seine Stube, verweilete daselbst noch eine Zeitlang, bis endlich der Diener meldete, dass die Pferde parat stunden. Er befahl, dieselben hervorzufuhren, indem er aber hinunterging, kam Agatha nochmals, wiewohl sehr blass, aus ihrer Kammer und fragte ihn mit angstlichen Gebarden, wo er denn so fruh hin und ob er etwa gar nicht wiederkommen wollte. Da er ihr aber zu vernehmen gab, wie er nebst andern Kavaliers ihrer gnadigsten Herrschaft auf den halben Weg entgegenreiten und ihrer Ankunft daselbst erwarten wollte, gab sie sich zufrieden und sagte, dass sie nunmehro zu ihrem Manne gehen und denselben durch ein gewisses Mittel aus dem Schlafe ermuntern wollte. Unter diesen Reden brachte der Diener die Pferde, demnach machte Elbenstein der traurigen Agatha noch ein Kompliment, setzte sich alsofort auf und begab sich auf das Schloss, von dar die samtlichen Kavaliers nach eingenommenen Fruhstucke ihre Kavalkade verrichteten.
Es ging der Weg eben durch die Gasse, in welcher Elbensteins Wirt wohnete. Dieser war mittlerweile durch die vielleicht schon ofters an ihm probierte Kunst aufgewacht und stund vollig angekleidet vor seiner Hausture. Elbenstein machte ihm ein Kompliment, beugte, als der Wirt heraus auf die Strasse trat, aus der Reihe heraus und hielt etwas stille, um anzuhoren, was des Herrn Wirts Verlangen ware. Dieser nun bat ihn ganz gehorsamst um Verzeihung, dass er ihm gestern der Gebuhr nach nicht aufgewartet, und exkusierte sich mit einem kleinen Rausche, den er uber alles Vermuten durch etliche jahlinge Trunke, welche er auf die Hitze getan, sich benebst seinem Kameraden zugezogen hatte. Elbenstein versetzte darauf in aller Kurze, dass er keiner Entschuldigung bedurfe, wunschte anbei, dass die Jagdlust glucklich abgelaufen sein und der gestrige Trunk ihm wohl bekommen mochte, worauf er seinen Compagnons im kurzen Galopp nachfolgete.
Als sie nun unter allerhand guten Gesprachen auf dem beniemten Lustschlossgen anlangeten, trafen sie daselbst des Marchese Obizzo Leibpagen an, welcher vorausgeschickt war, vor die gnadigste Herrschaft eine Kollation zu bestellen, dannenhero sie sich bis zu derselben Ankunft in ein Gemach begaben und mit Kugelpalestern nach denen, dem Lusthause gegenuber, auf einem Berge in grosser Menge herumlaufenden wilden Kaninchen schossen, wofur dem Schlossverwalter, der die Palesters und Kugeln herbeigeschafft, eine Diskretion von etlichen Ducati di Venetia nebst den erschossenen Kaninchen zugestellet ward, als welcher sie uberdem mit delikaten Weine und andern Erfrischungen traktierte. Indem sie nun noch in vollkommener Lust begriffen waren, kamen die furstlichen Personen an und bezeigten ein besonderes Vergnugen, dass ihnen die Kavaliers entgegen gekommen waren, und weiln, wie schon gedacht, die beiden Fursten der deutschen Lebensart wohl gewohnt waren, so wurde bei der Tafel ziemlich stark getrunken, so dass die Herrschaften benebst den Kavalieren ziemlich berauscht waren, bis auf Elbensteinen, welcher nicht allein von Natur viel vertragen konnte, sondern sich auch sonsten sehr in acht genommen hatte. Endlich, da sich der Tag zu neigen begunnte, geschahe der Aufbruch, da denn, als man in Battaglia anlangete, nachts um neun Uhr hiesigen Zeigers nochmals Tafel gehalten und die Zeit bis nach Mitternacht unter allerhand Musik und andern Lustbarkeiten zugebracht wurde. Wie nun der Aufbruch geschahe, ersuchte Elbenstein den Baron von K. um Erlaubnis, mit ihm in seinen Gasthof zu fahren und daselbst den Rest der Nacht zuzubringen, unter dem Vorwande, dass er seinen Wirt vor diesmal so spate nicht inkommodieren wollte. Der Baron machte sich, seiner gewohnlichen Complaisance nach, ein besonderes Vergnugen daraus, mit der Versicherung, dass in seinem ordentlichen Logis ohnedem jederzeit zwei gemachte Betten in seinem Zimmer parat stunden.
Auf solche Art vermiede Elbenstein, dem seine Bekehrung damals ein rechter Ernst war, die Gelegenheit, abermals mit der Agatha fleischliche Sunden zu begehen, und obgleich der Baron von K. als ein alter Kavalier, der den Trunk nicht so wohl als Elbenstein vertragen konnte, sich alsobald zur Ruhe legte und in einen tiefen Schlaf verfiel, so blieb doch Elbenstein noch eine gute Weile offen und verrichtete sein andachtiges Gebet. Beiderseits Bedienten hatten sich auch bereits retiriert, derowegen zundete Elbenstein nur das Nachtlicht an und begab sich darauf gleichfalls zur Ruhe. Kaum aber war er ein wenig eingeschlummert, da sich vor dem Zimmer ein starkes Gepolter erregte, welches immer naher und zuletzt gar in die Stube kam, auch mit einem grasslichen Brausen zum oftern an der Schlafkammertur geklinket wurde und es das Ansehen hatte, als ob selbige mit Gewalt eroffnet werden sollte. Elbenstein sprang demnach in seiner Schlafkleidung aus dem Bette, griff nach seinem Degen und Pistolen, bemuhete sich auch den Baron aufzuwecken, dieser aber horete und fuhlete nichts, schnarchte hergegen immer scharfer und war, alles Ruttelns und Schuttelns ohngeacht, durchaus nicht zu erwecken. Mittlerzeit wurde dergestalt stark an der Tur gearbeitet, dass dieselbe zum oftern einen Platz und Knall von sich gab, weswegen Elbenstein rufte: "Wer da? Antwort! oder ich gebe Feuer." Hierauf liess sich eine grassliche Stimme horen, die soviel zu vernehmen gab: "Auf, auf! mit, mit!", und nach diesen fing es an zu mockern als ein Bock. Elbensteinen stunden bei so gestalten Sachen die Haare zu Berge, er begunnte fast zu merken, dass dieses nichts Naturliches, sondern vielmehr ein Gaukelspiel des Teufels sei, hielt derowegen nicht vor ratsam, ein paar Kugeln durch die Tur zu jagen, sondern hielt sich ganz stille. Da aber das grassliche Larmen und Toben an der Tur von neuen anging, rief er: "Herr Jesu! stehe uns bei und nimm uns in deinen Schutz." Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als es vor der Tur einen erschrocklichen Fall tat, so dass das ganze Haus darvon erschutterte, und endlich war es vor Elbensteins Ohren, als wenn unter einem erschrocklichen Brausen eine grosse Last von der Tur hinweg und die Treppe hinunter geschleppt wurde. Da nun alles stille war, legte er sich wieder aufs Bette, es wollte aber kein Schlaf in seine Augen kommen, hergegen schlief der Baron desto starker; da er nun endlich morgens erwacht war, erzahlete ihm Elbenstein, welcher nach Tagesanbruch kaum ein paar Stundgen die Augen zugehabt hatte, die ganze Begebenheit und verwunderte sich hochlich dabei, dass der Herr Baron einen so grausam festen Schlaf hatte. Dieser beteurete hoch, dass er gar nicht wisse, wie es mit seinem Schlafe zugegangen, indem er sonsten wohl noch einmal soviel getrunken hatte und sich dennoch durch ein geringes Anruhren sogleich ermuntern lassen. "Allein, mein wertester Herr Landsmann!" sagte der Baron weiter, "die Sache muss eine ganz andere Bewandtnis haben. Ich kann versichern, dass ich seit vielen Jahren her, sooft ich allhier Verrichtungen gehabt, nirgend anders als in diesem Hause logieret habe, es ist mir aber nicht das allergeringste weder vor Augen noch Ohren gekommen. Meine Gedanken sind diese: Es muss etwa eine Person sein, die auf Sie eine unbandige Liebe geworfen und, um ihre verliebte Sehnsucht zu stillen, Sie auf dem Bocke hat wollen abholen lassen. Sie mussen aber einen starken Schutzengel haben, der Sie von dieser verteufelten und hochst gefahrlichen Postreiterei befreiet hat. Ich erinnere mich", redete der Baron weiter, "dass, da ich in meinen Junglingsjahren in Trient studierte, sich mit einem schwedischen Edelmann fast eben dergleichen begeben. Dieser hatte durch seine artige Auffuhrung sich bei einer schonen Nonne dergestalt in Kredit, ja was sag ich, in ihr Herze gesetzt, dass sie sich eingebildet, sie musse des Todes sein, wenn sie seiner Gegenliebe nicht vollkommen teilhaftig wurde, denn mit den verliebten Briefen, Worten und verstohlenen Kussen, die sie sehr ofters im Parlatorio von ihm empfing, konnte sie ohnmoglich zufrieden sein, derowegen sonne sie auf Mittel und Wege, wie sie ihren Galan in ihrer Zelle vertraulicher embrassieren konnte. Dieses ihr verliebtes Anliegen vertrauete sie des Klosterpfortners Eheweibe, welche eine vortreffliche alte Hexe und Erzruffiana oder Kupplerin war, wie denn dieselbe das geheime Liebesverstandnis zwischen der schonen Nonne und dem schwedischen Edelmanne bereits vollkommen innehatte. Was geschahe? Die Pfortnerin war von der Gewinnsucht und Begierde angereizt, ihre[r] Wohltaterin, von welcher, als einer sehr reichen Dame, sie nebst ihrem Manne und Kindern ungemeine Guttaten genoss, nach aussersten Vermogen zu dienen, verfugte sich demnach zu einem gewissen weltlichen Priester, mit dem sie in ihrer Jugend in starker Vertraulichkeit gelebt haben mochte, darbei aber wusste, dass er in der schwarzen Kunst ungemein erfahren war, indem sie viele Exempel davon gesehen. Diesen Priester ersuchte die Alte, ihr mit gutem Rate beizustehen, und derselbe, weil er ziemlichermassen ins Armut geraten, gedachte einen guten Profit zu erwerben, versprach ihr seine Hulfe, die Sache so einzurichten, dass der ehrliche Schwede auf einem gehornten Postpferde zu der verliebten Nonne sollte gefuhret werden. Es gelunge aber dennoch vor dieses Mal dem hochgelahrten Herrn seine erlernete Kunst nicht, sondern lief fruchtlos ab, denn dieser brave und nach seiner Religion sehr christliche Edelmann, als er sich abends bis zehn Uhr nach allerhand mit mir und dem Hauswirte gehabten geistlichen und erbaulichen Diskursen kaum zu Bette gelegt, bekommt plotzlich eine ausserordentliche Bangigkeit und Herzensangst, so dass er wieder aufstehen muss, jedoch sein Gebet- und Gesangbuch zur Hand nimmt und seine Andacht nochmals mit Singen und Beten verrichtet. Weil er aber jedennoch vor Angst nicht zu bleiben weiss, will er im Schlafrocke zu mir, der ich am nachsten an seiner Stube wohnete, gehen und mir seinen plotzlichen und wunderbaren Zufall klagen. Er hat aber in diesen Gedanken kaum das Licht in die Hand genommen, als es wider den vor seinem Zimmer nach dem Garten zu angebaueten Balkon als ein Sturmwind dergestalt heftig stosset, dass die inwendig wohlverriegelte Tur mitten voneinander springet, da er denn auf dem Altane erstlich einen schwarzen Bock mit feurigen Augen erblickt; sobald er aber etlichemal den Namen Jesus! ausruft, verwandelt sich dieses Ungeheuer in einen Feuerklumpen, als eine Tonne gross. Er springt derowegen unter stetigen Rufen: Jesu Christe! hilf mir! zuruck heraus auf die Galerie und kam in meine Kammer, allwo er mir alles, was ihm begegnet war, mit Zittern und Beben erzahlete und, nachdem wegen des gewaltigen Getoses der Wirt und die Wirtin herzugelaufen kamen, die ganze Historie nochmals wiederholte. Die Wirtin, welches eine geborne Italianerin war, fing darauf sogleich also zu reden an: 'Cossi Padron Illustrissimo! Eh! VSMma ha qualche ragiri amorose, con una religiosa, cospetto! quest e la seconda volta ch'un tale e accaduto en questa casa.' Deutsch: So! Wohlgeborner Herr! Ei! Ew. Wohlgeb. haben gewiss einen verliebten Umgang mit einer Nonne. Wahrlich, das ist nun das zweite Mal, dass sich dergleichen in unsern Hause zugetragen hat. Hieruber entsetzte sich der schwedische Edelmann dergestalt, dass er uber acht Tage lang das Bett huten und alle Nachte bei sich wachen lassen musste. Als er nun meistens wieder vollkommen ge[n]esen, machte er sich auf Einraten des Medici, Hauswirts, Hauswirtin und anderer guter Freunde unvermutet auf die Reise, ohne von der verliebten Nonne einigen Abschied zu nehmen." Demnach (setzte der Baron noch hinzu) glaube der Herr von Elbenstein nur sicherlich, dass er von einer Person heftig geliebt wird, die ihn auf keine andere Art als diese bei sich zu sehen hoffen darf.
Der gute Elbenstein wurde uber diese und seine eigene Aventure dergestalt konsterniert, dass ihm fast in die Gedanken kam, das gefahrliche Italien ganzlich zu quittieren, weiln es ihm aber an sattsamen Barschaften fehlete, resolvierte er sich, nachdem sich sein Furst bereits einige Tage in seiner Residenz befunden, allwo damals alles ganz stille zuging, Urlaub zu bitten, um wegen eines vermuteten Wechsels und anderer, seinen Bruder betreffenden Angelegenheiten eine Reise nach Venedig zu tun. Der Furst gab ihm nicht allein sogleich Urlaub, sondern sagt noch darzu, wie er auf seine, des Fursten, Kosten die Reise tun und ihm daselbst ein aussenstehendes Kapital von 20000 Dukaten einkassieren und mitbringen sollte. Elbenstein erstaunete uber diese Kommission, und weil ihm sein Herz ein bevorstehendes Ungluck prophezeiete, sprach er zu dem Fursten: "Ew. Durchl. machen mich ganz verwirrt, da Sie einem auslandischen armen deutschen Edelmanne ein so starkes Kapital alleine anvertrauen wollen." "Wenn ich nicht wusste", gabe der Furst hierauf zur Antwort, "dass die Deutschen redliche Herzen hatten, wurde ich Ihn nicht in meine Dienste genommen haben, und wenn ich auch um 20000 Dukaten kame, wurden mich diese in geringen Schaden, Ihn aber um seine Ehre bringen." Dieserwegen kussete Elbenstein dem Fursten die Hand, dieser aber ging nach seinem Chatoull, gab ihm die schriftliche Versicherung nebst einer Charte Biance zur Vollmacht und 50 Dukaten Reisegeld. Elbenstein liess seine Equipage aufs sauberste zurechte machen und begab sich des dritten Tages auf die Reise, war aber dennoch nicht recht vergnugt, weil ihm sein Konzept einigermassen verrickt worden. Indem er nun durch Padua passieren musste, fuhrete ihn sein Glucks- oder Unglucksstern eben in das Logis, wohin ihn seine masquierte Amour in Ariqua bestellet und die Woche vor Martini allda einzutreffen befohlen hatte. Es war ihm noch nicht in die Gedanken kommen, sich um das Zeichen des Gasthofs zu bekummern, allwo er logierte; als er aber des Abends abgespeiset hatte und eine Bouteille Limonade nebst einer Pfeife Tobak gefordert, sagte ein alter hasslicher Hausknecht zu ihm: "Mein Herr! ich weiss ganz gewiss, Sie sind der Kavalier, welcher von einer Dame anhero bestellet worden; ist's nicht wahr, dass es in Ariqua geschehen?" Elbenstein schuttelte den Kopf und sagte, er wisse von nichts. "Leugnen Sie es nicht, mein Herr!" verfolgete der Kerl seine Rede, "denn ich kenne Sie unter Tausenden, ob Sie schon nicht wissen, woher. Vertrauen Sie sich mir nur vollkommen, denn ich kann Ihnen versichern, dass die Dame bereits hier ware, allein sie ist durch eine gewisse Begebenheit zuruckgehalten worden, unterdessen wird sie ohnfehlbar binnen zehn oder zwolf Tagen kommen, Sie aber, mein Herr, konnen auf sie allhier warten und versichert sein, dass Ihnen niemand einige Zehrungskosten abfordern wird, weil ich Ordre habe, vor Sie zu bezahlen." "Mein Freund!" sagte Elbenstein, "ich bin von einem gewissen Fursten in besonders wichtigen Affaren voritzo auf der Reise begriffen, hoffe aber auch binnen acht oder zehn Tagen wieder zuruckzukommen, alsdenn wollen wir von dieser Sache weiter sprechen." "Wohl gut!" sagte der alte verzweifelte Kuppler, "allein, haben Sie etwa Lust, mit einem Ihrer Landsleute, welches ein deutscher Kavalier ist, zu sprechen, so konnen Sie sich noch ein paar Stunden oder solange es Ihnen beliebt die Zeit passieren, denn er mochte auch gern mit jemand reden, weil ihm die italianische Sprache noch nicht recht gelauftig ist." Elbenstein befahl dem Kerl, dass er dem deutschen Kavalier sein Kompliment machen und bei demselben vernehmen sollte, ob es ihm gelegen ware, eine Pfeife Tobak mit ihm zu rauchen. Wenige Minuten hernach erschien der Deutsche, und weil es ein Edelmann war, mit dem Elbenstein vor diesem auf einem Gymnasio zugleich studieret, umarmeten sie sich recht herzlich und waren beiderseits hoch erfreut, dass sie einander so unverhofft in einem frembden Lande antrafen. Sie blieben also beisammen sitzen und erzahleten einander ihre Begebenheiten bis um die Mitternachtszeit, da sie denn voneinander Abschied nahmen, jedoch weil der Herr von Thalberg, so nennete sich dieser deutsche Kavalier, Elbensteinen gar zu sehr bat, ihm zu Gefallen, weil er gestern erstlich angekommen, nur einen einzigen Tag in Padua zu verweilen, als versprach ihm dieser aus redlicher Freundschaft seinen Willen zu erfullen, und hieraus begaben [sie] sich beiderseits zur Ruhe.
Folgenden Morgens, nachdem sie den Tee miteinander getrunken, spazierten sie aus und besahen sowohl die innere Stadt als die Burg und deren Fortifikation, da sich denn der Herr von Thalberg nicht wenig uber die Grosse dieser Stadt verwunderte, zumalen, als er vernahm, dass dieselbe noch eher soll erbauet worden sein als Rom. Hierauf besahen sie den grossen Saal des Palasts, welcher der schonste, der in Italien zu finden, ingleichen den Dom, welches zwar ein uraltes Gebaude und eben nicht von besonderer Struktur, jedoch sehenswurdig ist. Nach Tische gingen sie wieder aus und besahen die Kirchen, sonderlich des heil. Antonii von Lissabon, welche ungemein und voller herrlicher Sachen, vornehmlich die heil. Kapelle, worinnen ungemein schone Bildhauer- und Malerarbeit anzutreffen. Weil sich aber unter der Zeit der Tag zu neigen begonnte, als rekommendierte der von Elbenstein dem von Thalberg, sich zur andern Zeit in der schonen Justinenkirche, worinnen viel prachtige Monumenta, ingleichen auch in den vielen Kunstkammern herumfuhren zu lassen. Da sie nun abends nach Tische noch eine Pfeife Tobak miteinander rauchten, beredete Elbenstein den Herrn von Thalberg, dass er mit ihm nach Venedig zu reisen sich gefallen liess, wie sie denn auch in fruher Tageszeit sich auf den Weg begaben und nach kommoden Tagereisen in dieser weltberuhmten Stadt anlangten, allwo sie ihr Logis im Gasthofe, Zum weissen Pferde genannt, nahmen.
Elbensteins erster Gang war nach den beiden beruhmten Kaufleuten, Herr Hopffer und Bachmeyern, welche ihm nicht allein die Gefalligkeit erwiesen, dass sie ihm seinen erstlich auf Weihnachten gefalligen Wechsel gegen einen billigen Rekompens bar bezahleten, sondern auch uber dieses ihren Priester, der, wie schon gemeldet, in weltlichen Kleidern einherging, kommen liessen, bei welchem Elbenstein gleich des dritten Tages nach seiner Ankunft kommunizierte und sein Herz ungemein erleichtert befand, auch bei dem ernstlichen Vorsatze beharrete, sich zeitlebens nicht wieder in verbotene Liebeshandel einzulassen, sondern hinfuro keusch und zuchtig zu leben und abzuwarten, bis ihm der Himmel dereinst eine liebenswurdige Gemahlin zufuhrete.
Da aber die Gelder, welche er vor seinen Fursten einzukassieren hatte, nicht sogleich parat waren, sondern ihm angedeutet wurde, wie er sich wenigstens noch sechs bis acht Tage patientieren musste, liess er sich auch dieses gefallen, erstattete aber immittelst seinen Bericht an den Fursten durch eine Stafette. Jedoch mittlerweile die Zeit nicht mussig zuzubringen oder im Gasthofe allein bei guten Essen, Trinken und Spielen zu leben, besahe er nebst dem Hrn von Thalberg diese weltberuhmte und wunderbare Stadt, welche sozusagen nicht recht auf der Erden, sondern wenigstens anderthalb Meile vom festen Lande in Flut und Wellen liegt, indem die Hauser auf 72 Insuln, woraus sie bestehet, auf lauter Pfahle von Holze erbauet sind. Sie hatten sich wohl gern einer Karosse bedient, allein die Strassen sind daselbst sehr enge, weswegen die Karossen nicht zu gebrauchen, derowegen muss man zu Fusse gehen, welches denn auch wohl moglich, da ohngefahr 460 Brucken uber die Kanale in der Stadt gezahlet werden, unter welchen die vornehmste und schonste der Republik auf 300000 Dukaten zu stehen kommt. Unsere Kavaliers aber, wenn sie sich durchs Spazierengehen ermudet, setzten sich in eine Gondel oder wohl aptiertes Schiffgen, deren man in Venedig allein uber 24000 zahlen will, und fuhren darauf von einem Orte zum andern, wo sie nehmlich etwas Betrachtenswurdiges anzutreffen wussten, wiewohl in dieser Stadt fast alles betrachtenswurdig zu nennen ist. Als nun beide auf der obgedachten kostbaren Brukke, welche il Ponto Rialto genennet wird, stunden, sagte Thalberg zu dem von Elbenstein: "Es ist schade, dass wir nicht einen guten Freund und Bekannten allhier haben, der uns die merkwurdigsten Dinge in dieser weltberuhmten Stadt zeigte, denn weil ich sehr curieux bin, dergleichen zu sehen und aufzuschreiben, liesse ich mir kein Geld dauern." Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, als sich ein feiner reputierlicher Mann vor ihren Augen prasentierte, welcher einen Offiziershabit am Leibe, jedoch nur einen Arm hatte. Dieser redete sie also an: "Messieurs, ich halte Sie beide vor deutsche Kavaliers und habe mich, da ich auch ein geborner Deutscher bin, sehr erfreuet, meine Muttersprache so rein von Ihnen reden zu horen. Ich habe der Republik Venedig verschiedene Jahre zur See als Offizier gedienet, bin aber endlich so unglucklich gewesen, dass mir ein Arm abgeschossen worden. Mein Vaterland hatte ich gern wieder besucht, allein weil ich keine Mittel daselbst zu suchen habe, so bin ich auch daselbst nichts nutze, sondern danke dem Himmel, dass mir die Republik monatlich so viel Gnadengeld auszahlen lasset, als zu einem reputierlichen Auskommen vonnoten ist. Mir ist in dieser, obschon weitlauftigen Stadt alles bekannt, was Frembden zum Plaisir gereicht, kann ich Ihnen dienen, so belieben Sie zu befehlen, ich tue es ohne alles Interesse, sondern nur zum Plaisir meiner Herrn Landsleute." Elbenstein fragte nach seiner Vaterstadt und erfuhr, dass er von Merseburg geburtig ware, weswegen sie diesen nahen Landsmann, weiln es eben Zeit zur Mittagsmahlzeit war, mit sich in ihr Quartier nahmen und an seiner Konversation ein besonderes Vergnugen fanden. Es fuhrete sie derselbe etliche Tage nacheinander in der Stadt herum, und weiln er bemerkte, dass der von Thalberg sich ein und anderes Merkwurdige in seine Schreibtafel notierte, sagte er eines Abends, da sie in einem Weinhause beisammen sassen: "Mon Seigneur, wenn Sie so schreibbegierig sind, so belieben Sie zu schreiben, was ich Ihnen diktieren will." Als sich nun der von Thalberg bereit darzu fand, diktierte er ihm folgendes in die Feder:
"Dass diese Stadt Venedig eine der beruhmtesten in der Welt, ist eine ohnstreitige Sache. 72 Insuln sind es, worauf sie erbauet ist, und ihr Umfang ist ohngefahr acht italianische Meilen. Il Ponto Rialto ist die grosste Brucke, welche uber den grossten Kanal gehet, sie hat, wie Sie gesehen haben, nur einen einzigen Schwibbogen von Marmor oder, wie es die Italianer nennen, Pietra bianca, stehet auf 6328 Pfahlen und hat zu beiden Seiten zwei Reihen allerhand Kaufladen, welche drei Gassen ausmachen; unter derselben aber kann eine Galeere mit aufgespanneten Segeln durch den Schwibbogen hindurchfahren. Die Stadt uberhaupt wird eingeteilet in sechs Teile oder Sestieri, als nehmlich: Castello, S. Marco, Carnareio, S. Paolo, S. Croce und Dorsoduro. Die ersten drei Teile liegen diesseit und die andern drei jenseit der grossen Brukke. Es finden sich in dieser Stadt 53 grosse und kleine Platze oder, wie man es anderer Orten nennet, Markte, darunter ist der grosste und beruhmteste der St.-Marcus-Platz, selbiger ist 280 Schritte lang und 110 Schritte breit. Auf diesen Platze pflegen bei guten Wetter die jungen Nobili di Venetia, zuweilen etlich Hundert stark, ihren Spaziergang zu halten. Ferner zahlet man darinnen uber 150 prachtige Palaste, 70 Kirchen, 39 Monnichskloster, 28 Frauenkloster, 18 Oratoria, 17 Hospitaler, 115 Turme, 58 offentliche Brunnen, die aber nicht viel taugen, denn das susse Wasser muss vom Lande in Tonnen herbeigeholet werden. 164 Statuen von Marmor und 23 Statuen von Erz, an welchen allen man sich uber die Kunst nicht genug verwundern kann. Der herzogliche Palast auf dem St.-Marcus-Platze ist wohl das schonste Gebaude in der Stadt, er ist viereckigt. Das obere Stockwerk bewohnet der Doge oder Herzog, bei demselben werden die Staatskollegia gehalten, im untersten aber wird die Justiz administriert. An der einen Ecke dieses Platzes liegt die Kirche St. Marco und an der anderen die Kirche St. Geminiano, zu beiden Seiten aber stehen die Prokurateur-Hauser, die von Marmor aufgefuhret sind und unten grosse Schwibbogen haben. Auf den St.-Marcus-Kirchturm steigt man auf einer Treppe ohne Stufen, und von dieser Kirche wird man zu dem Schatze gefuhret, welcher ungemein kostbar ist. Die Bibliothek, welche sehr stark, ist in dem einen Prokurateur-Hause, gerade gegen den Palast St. Marco uber. Das Kloster St. Johannis und Pauli ist das schonste, das Kloster St. Georgii aber das reichste. In eben diesem Kloster, und zwar in dem Tafelgemach, finden sich unter den Schildereien oder Gemalden die zwei vornehmsten und bewundernswurdigsten Stucke, welche der Kunstler Marco Titiano verfertiget hat, das eine stellet vor die Hochzeit zu Kana in Galilaa und das andere das Bildnis Petri des Martyrers. Unter den Kirchen sind wohl die schonsten die St. Redemptore und Madonna di Salute. Diese haben ihren Ursprung von einem Gelubde, welches der venetianische Rat zu Pestzeiten getan. Jedoch die St.-Marcus-Kirche gibt diesen beiden wenig oder nichts nach. Am Ende der Stadt nahe am Meere liegt das Arsenal, welches seinesgleichen in Europa nicht haben soll, man findet so viel Gewehr drinnen, dass auf den Fall in grosster Geschwindigkeit 20000 Mann zu Fusse und 25000 Mann zu Pferde damit bewaffnet werden konnen. So liegen auch bestandig 2000 Kanonen parat, die zu Wasser und zu Lande konnen gebraucht werden, anderer zum Kriege und Seewesen benotigten Dinge zu geschweigen. Es arbeiten alle Tage 1500 bis 2000 Menschen darinnen, die Unterhaltung dieses Arsenals aber soll der Republik alljahrlich uber funf Tonnen Goldes kosten. Die Schiffe werden allhier im voraus gebauet und hernach in das salzige Seewasser stuckweise versenkt, worinnen sie desto dauerhafter werden. Man erzahlet, dass der grosse Rat einsmals in diesem Arsenal einen Konig traktieret habe, da denn in seiner Gegenwart ein ganz neues Schiff gebauet worden, und zwar so haben die Bauleute den Anfang gemacht, als der Konig zur Tafel gesessen, da er aber abgespeiset und aufgestanden, habe das Schiff schon vor seinen Augen auf dem Meere herumgesegelt. Zu einer andern Zeit hat man eben dergleichen Kunststuck mit einer Kanone praktiziert, indem dieselbe in grosster Geschwindigkeit gegossen, auch noch abgefeuert worden, ehe der vornehme Gast von der Tafel aufgestanden. Kurz! dieses Arsenal ist mit Recht ein Wunderwerk der Welt zu nennen, ringsherum ist es mit hohen Mauern umgeben. Am Portale dieses Arsenals zeigt sich mit grossen goldenen Buchstaben die Uberschrift:
Felix est Civitas, quae Tempore Pacis de Bello
cogitat. Gluckselig ist die Stadt, welche zu Frie
denszeiten an den Krieg gedenkt.
Eins von den Hauptstucken, welche in diesem Arsenal aufbehalten und verwahrt werden, ist der Bucentaurus oder dasjenige Schiff, auf welchem der Doge alle Himmelfahrtstage in das Adriatische Meer segelt und sich mit demselben vermahlet. Es ist von der Grosse einer Galeazza, auswendig verguldet und inwendig mit carmoisinroten Sammet beschlagen, auf beiden Seiten sind verguldete Sessel und auf dem Oberdeck ein Thron, auf welchem der Herzog zwischen den Gesandten und Senatoren sitzet. Auf dem Unterdeck sind 28 Ruder, jedes mit sechs Mann besetzt, man siehet aber von diesen Leuten nichts, als dass sich die Ruder bewegen. Auf dem Vorderteile stehet das Bildnis der Gerechtigkeit, stark verguldet mit dem Schwert und Waage in den Handen. Wenn der Doge den kostbaren Ring ins Meer wirft, spricht er: 'Desponsamus te nobis mare, in signum veri perpetuique Domini.' Meer! wir vermahlen uns mit dir, zum Zeichen einer wahrhaften und immerwahrenden Herrschaft uber dich.
Dieser Gebrauch", sagte hier der einhandige Offizier, "ist mir jederzeit sehr lacherlich vorgekommen, ich kann aber nicht eigentlich sagen, woher er seinen Ursprung hat." "Das will ich Ihnen sagen, mein Herr!" versetzte Elbenstein. "Die Herren Venetianer geben vor, es habe sie der Papst Alexander III. im Jahre 1174 mit der Herrschaft uber das Adriatische Meer belehnet, und dieses ist eben das fatale Jahr, da der Papst den Kaiser Fridericum Barbarossam, als er ihm die Fusse kussen wollen, auf den Hals getreten und die Davidischen Worte dabei gesprochen: 'Auf Lowen und Ottern wirst du gehen' etc. Allein ich glaube, es wird nun wohl nimmermehr wieder geschehen, dass ein Romischer Kaiser Sr. Papstl. Heiligkeit die Fusse kusset, geschweige denn sich von deroselben auf den Hals treten lasst."
Indem Elbenstein weiter fortreden wollte, stunde ein alter, jedoch wohlansehnlicher und ehrwurdiger Mann von seinem Tischgen, worbei er bishero ganz alleine gesessen und ein Glasgen Wein getrunken hatte, auf, trat vor den Tisch, woran die Kavaliers mit dem Offizier sassen und sagte: "Meine Herren nehmen mir nicht ungutig, dass ich mich in ihren Diskurs meliere, ich bin zwar ein geborner Savoyard, habe aber nunmehro schon seit etliche 40 Jahren, da ich mich acht Jahr lang auf deutschen Universitaten aufgehalten, auch fast ganz Deutschland durchreiset bin, die deutsche Sprache nach meiner Mundart ziemlich sprechen lernen, bin auch noch itzo imstande, einen deutschen Brief so gut als einen italianischen zu schreiben, denn weil die deutsche Nation mir ungemein angenehm und liebreich vorkommen, habe ich auch ihre Sprache beibehalten und mir das grosste Vergnugen gemacht, wenn ich hierzulande habe mit deutschen Herren in Gesellschaft kommen konnen. Was aber Ihren letztern Diskurs anbelanget, so will ich Ihnen, so es beliebig, eine grundliche Nachricht erteilen, weil ich Sie in einigen Stucken irrig befinde, denn ohngeacht ich Sie vor Protestanten halte, ich aber ein Katholik bin, so bin ich doch hauptsachlich in denen Sachen, welche in die Historie einschlagen, ganz unparteiisch."
Elbenstein und Thalberg hatten einen besondern Gefallen an der Visage, Hoflichkeit und Anrede dieses alten Mannes, notigten ihn demnach zwischen sich zu setzen, trunken ihn erstlich ein paar Glaser Wein zu, hernach baten sie ihn, dass er ihnen doch diese Historie aus dem Grunde erzahlen mochte. Demnach fing der Alte also zu reden an:
"Es ist an dem, die Herren Venetianer geben vor, dass der Papst Alexander III., weil sie ihm in dem damaligen scharfen Kriege wider den Kaiser Fridericum Barbarossam beigestanden und des Kaisers Sohn Ottonem auf dem Meere gefangen bekommen hatten, ihnen zur Vergeltung die Oberherrschaft uber das Adriatische Meer zugestanden und zum Zeichen derselben verordnet habe, dass sich der Herzog durch Einwerfung eines goldenen Ringes mit diesem Meere vermahlen sollen, welches auch noch bis jetzo am Himmelfahrtstage geschicht. Allein diese Donation wird freilich von den meisten in Zweifel gezogen, weil es eine pure Fabel ist, dass des Kaisers Sohn Otto auf dem Meere gefangen worden.
Papst Julius II. fragte einsmals den venetianischen Gesandten Donati, wo denn die Republik die Bulle hatte, die Alexander III. gegeben, gab damit zu verstehen, dass die Sache sehr zweifelhaft sei, allein der listige und verschlagene Gesandte gab zur Antwort, Ihro Papstl. Heiligkeit mochten nur das Diploma Constantini Magni nachschlagen lassen, so wurde sich die Bulle Alexandri III. auf der andern Seite finden. Unterdessen bleibt doch alles, wie es ist, und es wird sich so leicht wohl niemand finden, der dem Doge die Spazierfahrt verwehrt; denn auswartigen Potenzen hilft und schadet sie nichts.
Was aber nun die Fabel anbelanget, dass der Papst Alexander dem Kaiser Friederich, da er selbigen die Fusse kussen wollen, auf den Hals solle getreten und Davids Worte, die meine Herrn vorhin erwahnet, gebraucht haben, und als der Kaiser geantwortet: 'Nicht dir, sondern Petro', der Papst noch besser getreten und gesagt haben soll: 'Auch mir, auch Petro', ist ein ungegrundeter ausgestaupter alter Schlendrian, von welchen vor diesen verschiedene protestantische Geschichtschreiber und Geistliche vieles Wesens gemacht, um dadurch denen Papsten ihren Hochmut vorzuwerfen und selbige bei ihren einfaltigen Glaubensgenossen verhasst zu machen. Diese Fabel aber ist dieserwegen eine Fabel und ungegrundete Sache: 1. weil kein einziger Geschichtschreiber von allen, die zur selbigen Zeit gelebt, hiervon Meldung tut, Hergegen 2. melden alle die glaubhaftesten Geschichtschreiber selbiger Zeiten, dass der Kaiser und der Papst einander reziproke alle ersinnliche Ehre erwiesen und jener von diesen das Osculum Pacis oder den Friedenskuss empfangen, ihme die rechte Hand gelassen, andere Ehren- und Hoflichkeitsbezeugungen zu geschweigen. 3. wird diese Legende zweifelhaftig gemacht durch die von den damaligen Geschichtschreibern so sehr belobte Demut des Papstes Alexandri sowohl als die geruhmte Grossmutigkeit des Kaisers Friedrici, welcher nicht einmal das Wort Beneficium dulten konnen. 4. Wer sollte wohl glauben, dass da so viele deutsche Reichsfursten, und zwar von den allervornehmsten Hausern, bei, um und neben dem Kaiser gewesen, dass sie des Papsts Hochmut und ihres Kaisers Niedertrachtigkeit hatten mit gelassenen Augen ansehen konnen. 5. widerstreitet dieser Legende der solenne Einzug zu Venedig und der vorher gemachte Friede. 6. Was das Gemalde anbelanget, welches noch gezeiget wird, so kann solches wohl von einem losen Vogel und Feinde des Kaisers verfertiget worden sein, es gibt aber keinen mehrern und bessern Beweisgrund als ein anderer satirischer Kupferstich oder Gemalde. 7. ist diese Fabel ausgepeitscht, weiln selbige bei gescheuten Protestanten selbst keinen Glauben mehr findet. Hiervon schreibt gar schon Christ. Adam Rupertus, ehemaliger Professor Historiarum zu Alt[d]orf, in seinem herausgegebenen Commentario ad synopsin Besoldi, auch andere deutsche Gelehrte mehr." Hiermit endigte der unbekannte alte Mann seine Erzahlung, stund auf, nahm das Licht von seinem Tische und bat, die Herrn mochten nicht ungutig nehmen, dass er nach seiner Schlafkammer eilete, weil er eine ordentliche Lebensart zu fuhren gewohnt ware. Ob er nun gleich sehr gebeten wurde, noch ein Stundgen zu bleiben, so wollte er sich doch nicht langer aufhalten, tat aber dennoch ein Glas Wein auf geruhige Nacht Bescheid. Mittlerweile zohe Thalberg zwei venetianische Dukaten aus seiner Ficke, druckte sie dem Alten in die Hand, weil er ihn vor einen Mann ansahe, der vielleicht nicht viel ubrig haben mochte; bat anbei, vor diesmal mit diesem kleinen Geschenk vorliebzunehmen, morgen fruh aber so gutig zu sein und in ihrem Logis, welches er ihm bezeichnete, bei ihnen einzusprechen, damit sie noch ein mehreres von seinen gelehrten Diskursen profitieren und weiter bekannt miteinander werden konnten. Der Alte versprach, solches zu tun, wenn es seine Geschafte zuliessen, bedankte sich mit einer lachelnden Miene sehr hoflich und freundlich vor das Prasent, wunschte ihnen eine geruhsame Nacht und marschierte ab. Bald hernach verfugten sich Elbenstein und Thalberg auch in ihr ordentliches Logis und nahmen den einhandigen Offizier mit sich dahin.
Weil es schon ziemlich spat, legte sich ein jeder in ein besonderes Bette zur Ruhe, stunden jedoch morgens ganz fruh auf und trunken den Tee miteinander, da denn der curieuse Herr von Thalberg den Offizier bat, ihnen noch ein und anderes von venetianischen Merkwurdigkeiten zu erzahlen. Da nun dieser sehr gesprachig war, so fing er also zu reden an:
"Die Regierungsform bei dieser Republik ist aristokratisch, denn es hat niemand Anteil an der Regierung als die sogenannten Nobili di Venetia. Diese Herrn von Adel werden fuglich in sechs Klassen abgeteilet; in der ersten Klasse sind die sogenannten zwolf Apostel, das sind die alten zwolf Familien, die im Jahr 709 den ersten Herzog erwahlet haben; in der andern Klasse stehen, die im Jahre 800 die Fundation der Abtei S. Georgii unterschrieben haben; in der dritten Klasse stehen die Familien, so im Jahre 1296 ihre Namen in das sogenannte guldene Buch eingeschrieben haben; in der vierten Klasse stehen die neuen Geschlechter, die der Republik in dem blutigen Kriege mit Genua grosse Geldsummen vorgeschossen hatten und deswegen im Jahre 1385 in den Adelstand erhoben worden; in der funften Klasse stehen die letzten Geschlechter, welche im Candischen Kriege im Jahre 1646 den Adel vor 100000 venetianische Dukaten gekauft haben. Es waren 80 Familien, die vorhero Kaufmannschaft, auch wohl gar nur Handwerke getrieben hatten; in der sechsten Klasse sind endlich alle auswartige Standespersonen, welche von der Republik ehrenhalber unter ihren Adel sind aufgenommen worden. Wer nun aus einer solchen Familie geboren ist und das 25. Jahr seines Alters zuruckgelegt hat, der ist allhier ein Ratsherr, er mag nun was gelernet haben oder nicht. Demnach ist leicht zu erachten, dass die Zahl der Ratsherren nicht immer einerlei, sondern steigend und fallend ist, wie sie denn auch niemals alle beisammen sind, sondern es halten sich viele in den Provinzen als Provisores auf. Wenigstens aber sind ihrer 2000 und etliche Hundert."
"Nun, das passiert vor ein Ratskollegium", sagte hier Thalberg, "denn man spricht im gemeinem Sprichworte: Aus viel Kopfen ist gut raten. Aus diesen aber wird ohnfehlbar auch der Herzog oder Doge erwahlet werden?"
"Allerdings!" fuhr der Offizier zu reden fort. "Es gehet aber die Wahl eines Doge allhier also zu: Sobald der letztverstorbene beerdiget ist, so kommen alle Nobili, die uber 30 Jahr alt sind, in dem Palazzo di St. Marco zusammen. Allda werden erstlich funf sogenannte Correctores erwahlet, welche die Articul aufsetzen, woruber der kunftige Doge schweren muss. Darauf greifen alle anwesende Nobili in ein silbern Gefass, welches fast wie eine Urna oder Totenkrug aussiehet und mit silbernen, auch 30 goldenen Kugeln angefullet ist. Diejenigen, welche die guldenen ergreifen, werfen neun davon unter 24 silberne und losen hernach von neuen. Die nun die neun guldenen Kugeln bekommen, erwahlen wieder 40 andere, die doch insgesamt von unterschiedenen Familien sein mussen, und die zuvor gedachten neun konnen sich selbst wieder mit in diese 40 wahlen. Dieselben losen wieder auf die zuvor gedachte Art, dass nur zwolf ubrigbleiben. Von diesen zwolf erwahlet der erste ihrer drei und von den ubrigen elf ein jeder zwei, dass also zusammen 25 herauskommen. Diese werden wieder durchs Los bis auf neun heruntergebracht, welche abermals 45 andere und also ein jedweder funf ernennet. Das Los vermindert hernach die Zahl dieser letztern bis auf elf, und diese wahlen endlich 41, welche, nachdem sie vorhero durch den Staatsrat konfirmieret worden, die eigentliche Electores oder Erwahler des Doge sind und wenigstens mit 25 Stimmen den Doge erwahlen. Als Kandidaten werden vornehmlich zwei oder drei Personen von Distinktion aus der Noblesse und der Zahl der Prokuratoren von St. Marco, die sich um die Republik sonderlich verdient gemacht, im Vorschlag gebracht. Wer zum Doge erwahlet wird, darf diese Wurde bei Konfiskation seiner Guter und Bannisierung seiner Person nicht ausschlagen. Er bleibt es aber nicht, wie zu Genua, nur auf zwei Jahr, sondern alle sein Lebtage, hat auch nicht Macht, diese Wurde niederzulegen, jedoch hat die Republik Macht, daferne er sich nicht wohl auffuhret, ihn abzusetzen. Des Doge Einkommen ist schlecht und belauft sich jahrlich nicht hoher als 12000 Ducati d'Argento, welche derselbe aus der Grundzinse des deutschen Hauses und der den deutschen Kaufleuten erteilten Privilegien ziehet, weswegen man mehrenteils lauter reiche Herrn zu dieser Wurde erwahlet, denen mehr an der Ehre als an den Revenuen gelegen. Des Doge Kleidung ist a l'ordinair so beschaffen: auf dem Haupte tragt er eine Maschine, ich weiss nicht, ob ich selbige eine Krone oder eine Mutze nennen soll; oben ist dieselbe wie ein Horn gebogen und wird dieserwegen il Corno genennet. Uber den Achseln aber tragt er einen Habit oder Ornat von Pelz mit Hermelinen, fast auf die Art wie der Kurfurstliche in Deutschland. Stirbt ein Doge, so wird er auf Kosten der Republik prachtig zur Erde bestattet, jedoch nicht eher, als bis vorhero alle seine Actiones wohl untersucht, vor allen Dingen aber alle seine Schulden von dessen Erben bezahlet worden. Die Senatores erscheinen bei dessen Beerdigung in roten Kleidern, um anzuzeigen, dass die Republik unsterblich sei. Es geschicht gar selten, dass das Interregnum uber acht Tage wahret, und binnen selbiger Zeit dependiert das meiste von den Staatsraten, der Senat aber wie auch die andern Collegia bleiben indessen ausgesetzt. Sonsten ist zu remarquieren, dass die allgemeinen Gesetze und Verordnungen im Namen des Doge publiziert, auch die Schreiben auswartiger Puissancen an ihn adressiert, ingleichen die Kreditivschreiben in seinem Namen ausgefertiget werden, doch unterschreibt er sie nicht, sondern ein Staatssekretarius. Er antwortet den frembden Gesandten im Namen der Republik in terminis generalibus. Es werden unter seinem Namen alle Munzen gepragt, und fuhret er den Titel Serenissimo oder Durchlauchtigster. Alle Beneficia von der St.-Marcus-Kirche hat er zu vergeben, worunter sich ordentlicherweise 26 Kanonikate befinden und das sogenannte Primoceriat oder Dekanat. Es erkennet auch diese Kirche keine andere als des Doge Jurisdiction, daher derselbe gleich nach seiner Wahl von dieser Kirche Possession nimmet, und zwar mit besondern Solennitaten. Wahrhaftig, des venetianischen Doge Staat ist koniglich und ungemein prachtig, aber bei aller solcher Pracht ist er nichts anders als ein wurklicher Untertan der Republik, und in vielen Stucken ist er noch ubler dran als der geringste Senator. Denn in Staatssachen darf er aus eigener Macht und Gewalt ohne Vorbewusst des Rats nichts unternehmen und in den Collegiis, worinnen er prasidiert, hat er nicht mehr als zwei Vota. Die von auswartigen Puissancen an ihn geschriebene Briefe darf er weder erbrechen noch vor sich beantworten, und alle seine Dinge muss er mit der grossten Behutsamkeit traktieren, woferne er nicht grosse Verantwortung haben will. Den Augenblick, da er erwahlt worden, mussen seine Kinder, Bruder und Anverwandten alle offentliche Amter niederlegen, und solange seine Regierung wahret, durfen sie sich keine Hoffnung zu einer Charge machen. Er darf ohne spezielle Erlaubnis des Rats nicht einen Augenblick aus der Stadt reisen, dahero man im gemeinen Sprichworte zu sagen pflegt: Der venetianische Doge ist bei Solennitaten ein Konig, bei Beratschlagungen ein blosser Ratsherr, in seinem Hause und in der Stadt aber ein Gefangener."
"Ei!" sagte hier der Herr von Thalberg, "so will ich lieber ein deutscher Landjunker bleiben, als ein Doge zu Venedig werden." "Ich selbst halte davor", versetzte Elbenstein, "dass man dabei vergnugter lebt. Allein, mein Herr!" sprach er zum Offizier, "wie ist es denn mit den Ratscollegiis beschaffen?" "Deren sind", gab dieser zur Antwort, "vornehmlich funf. Das erste und vornehmste ist la Signoria; benebst dem Herzoge oder Doge befinden sich darinnen sechs Staatsrate, welche alle Jahr abgewechselt werden und jederzeit in roten Rocken erscheinen mussen. Das zweite ist der grosse Rat oder Il Consiglio grande, worinnen alle Nobili Sitz und Stimme haben, dahero es zum oftern aus mehr als 1000 Personen bestehet, und eben in diesem Collegio geschicht die Wahl eines neuen Doge. Das dritte ist Consiglio del pregadi oder der etwas engere Rat, welcher aus ohngefahr 300 Nobili oder venetianischen Edelleuten bestehet. Diesen halt man vor die Seele der Republik. Das vierte Kollegium heisset Il Consiglio proprio, darinnen sitzen die sogenannten Savii Grandi, welche, wenn man die Signoria ausrechnet, 26 Personen ausmachen, und allhier wird den Gesandten auswartiger Puissancen Audienz erteilet. Das funfte wird genennet Il Collegio delli Dieci. Dieses bestehet aus zehn Mannern, welche das hochste peinliche Gericht hegen, vor welchen auch der Herzog in Person erscheinen musste, wenn er von jemanden verklagt wurde. Hier ist vor einen Verbrecher oder schuldig Befundenen kein Pardon zu gewarten, denn man kann von diesem Collegio an niemand anders als an unsern Herrn Gott appellieren, weswegen sich der Himmel allein dessen erbarmen kann, wer dahin zitieret wird. Dieses Zehn-MannerGerichte halt gewaltig viele Spione, erfahren derowegen nicht nur alles, was in der Stadt passiert, sondern auch was hie und da etwa in Compagnie geredet wird. Sonsten ist allhier zwar auch ein Inquisitionstribunal, worinnen der papstl. Nuntius, der Patriarche von Venedig und der Pater Inquisitor sitzen, allein es ist hier mit der Inquisition bei weiten nicht so scharf als in Spanien und andern Orten. Den jetzt gemeldten drei geistlichen Herrn sind noch drei Ratsherrn an die Seite gesetzt, ohne deren Konsens nichts darf geschlossen werden, wie man sich denn allhier, den ausserlichen Schein ausgenommen, uberhaupt nicht viel aus der Religion macht. Unterdessen finden sich unter den venetianischen Geistlichen viel vortreffliche Oratores, und nach geendigten Karneval werden die geistreichsten und beweglichsten Busspredigten gehalten; nur uber das sechste Gebot wird eben nicht sonderlich geeifert und viel Wunderns wegen dessen Ubertretung gemacht, sondern wenn jemand gegen seinen Beichtvater seine Ubertretung desfalls bekennet, gibt derselbe mehrenteils zur Antwort: Bagatelle! Bagatelle! Kleinigkeiten! Kleinigkeiten! Was das Karneval anbelanget, so gehet es um selbige Zeit wohl in der ganzen Welt nirgends lustiger zu als hier, und hat man wohl eher 30000 und mehr Fremde gezahlet, welche sich der Karnevalslustbarkeiten teilhaftig gemacht; denn weil einem jeden erlaubt ist, sich zu masquieren, so ist er in solchen Habit sozusagen semper frei und darf von niemanden angetastet werden, hingegen darf eine Masque auch kein todlich Gewehr bei sich fuhren. Wenn ich nun rechne, dass jeder Frembder durch die Bank vom Vornehmsten bis zum Geringsten zum wenigsten 100 Dukaten verzehret, so macht solches eine Summa von drei Millionen aus. In dem Palast Ridotto stehen zur selben Zeit tages und nachts zehn Zimmer offen vor diejenigen, welche Lust haben, a la Bassette oder andere Spiele zu spielen. Die Opern und Komodien sind unvergleichlich und lokken viel Personen an sich. Auf dem St.-Marcus-Platze trifft man zum oftern mehr als 50000 Menschen an, welche den Marktschreiern, Seiltanzern, Gaukelspielern und Wahrsagern zusehen. Man hat mir einsmals folgende zwei lacherliche Historien erzahlet, an deren Wahrheit ich aber selbsten zu zweifeln nicht geringe Ursach habe. Es ware nehmlich ein solcher Seiltanzer von dem hochsten Turme auf einem Seile heruntergefahren und zu Fuss wieder hinaufspaziert. Er ware bald zuruckgekommen und mit einem Schubkarrn voller Steine auf dem Seile auf und nieder gefahren. Endlich habe er sich zu Pferde gesetzt, sei auf dem Seile hinauf geritten und im vollem Galopp wieder herunter gekommen."
"Das lasse ich", sagte hier Elbenstein, nachdem er sich uber diese Geschicht satt gelacht, "vor ein perfektes Kunststuck oder vor ein perfektes Marlein passieren." "Das ist noch nichts", sagte der Offizier, "meine Herrn lassen sich noch eins erzahlen: Einsmals hat ein Gaukler auf diesem Platze einen Knauel Bindfaden oder Segelgarn in die Luft geworfen und ist an dem Faden bis uber die Wolken hinaufgeklettert. Darauf ist eins von seinen Beinen heruntergefallen, hernach das andere Bein, bald darauf ein Arm und wieder ein Arm, dann der Kopf und endlich der Rumpf. Diese Stucke haben alle auf dem Platze eine ziemliche Weite voneinander gelegen; im Augenblikke aber sind sie wieder zusammen gefahren, der Gaukler ist aufgesprungen und hat sich frisch, frohlich und gesund vor aller Zuschauer Augen dargestellet."
"Ei, ei!" sagte Thalberg mit heftigen Lachen, "das ist zu kunstlich, jedoch kann ich mir die Sache in meinen Gedanken ebensogut vorstellen, als ob ich darbeigewesen ware und es alles mit meinen Augen angesehen hatte." "Gut!" sagte Elbenstein, der nicht weniger lachte, "diese zweite Geschichte will ich mir selbst notieren, denn wenn ich wieder zuruck in mein Vaterland komme, so kann ich nur damit allein manchen Deutschen in erstaunende Verwunderung setzen. Nun aber, mein Herr, wieder auf ernsthafte Sachen zu kommen, ich habe bemerkt, dass einige Nobili di Venetia eine guldene Kette mit einer grossen Medaille auf der Brust tragen, was soll das anzeigen?" "Mein Herr!" gab der Offizier darauf, "das sind die Ritter von St. Marco. Ich will Ihnen sagen, wo derselbe Orden herkommt. Gewiss kann ich zwar nicht melden, womit es der heilige Theodorus, welches sonsten der Herrn Venetianer Patron war, bei ihnen versehen hat, dass sie ihn Anno 828 absetzten und sich in den Schutz des heil. Evangelisten Marci begaben, dessen Korper eben damals in Egypten war gefunden und nach Venedig gebracht worden. Unterdessen musste der heil. Theodorus zurucktreten, dem heil. Marco aber wurde zu Ehren eine neue vortreffliche Kirche gebauet, welche nachgerade immer kostbarer ausgebauet und ausgezieret worden, bis sie in den Stand geraten, worinnen man sie jetzo siehet, denn ihre neun Prokuratores, deren jeder jahrlich 100000 Dukaten Revenuen vor seine Person hat, geben wohl Achtung darauf, dass keine Kankergespinste darinnen gefunden werden. Uber dieses stifteten die Herrn Venetianer dem heil. Marco zu Ehren einen neuen Ritterorden. Die Ritter tragen auf der Brust eine goldene Kette, woran eine grosse Medaille hanget, auf deren einer Seite stehet ein geflugelter Lowe, der in der rechten Klaue ein blosses Schwert, in der linken aber ein offenes Buch halt, darinnen die Worte zu lesen: PAX TIBI MARCE! EVANGELISTA MEVS. Auf der andern Seite ist der Name des regierenden Doge oder auch manchesmal sein Bildnis, da er kniend eine Fahne aus der Hand des heil. Marci empfangt. Ich kann nicht unterlassen, bei Gelegenheit des geflugelten Lowens noch ein Schirlenzgen zu erzahlen. Es wurde einsmals ein Venetianer von einem Deutschen gefragt, wo doch der Lowe die zwei Flugel musse herbekommen haben. Der Venetianer gab zur Antwort, der Lowe ware aus dem Lande geburtig, wo die Adler zwei Kopfe hatten. Ein Franzose fragte, warum doch wohl der Lowe das Buch andern vorhielte und nicht selbst darinnen lase. Dem gab ein Deutscher zur Antwort, der Lowe begehrte nicht gelehrter zu sein als seine Prinzipalen. Heutiges Tages beehren die Herren Venetianer nicht allein ihre Landsleute, sondern auch Fremde und vornehmlich gelehrte Leute mit diesem Ordenszeichen, und werden die Ritter, welche von dem gesamten Rate geschlagen werden, hoher geachtet als die der Doge vor sich allein kreieret. Sie geniessen auch eine jahrliche Pension. Hierbei aber muss ich bekennen, dass mir ihre Ordensregeln nicht so gar genau bekannt sind."
"So halten doch", fragte Elbenstein, "die Herrn Venetianer auch was auf die Gelehrten? Ich habe immer gemeinet, dass sie sich mehr um die Handelschaft als um die Gelehrten bekummerten." "Nein! ich versichere Ihnen", gab der Offizier darauf, "dass sie sehr viel Fait von den Gelehrten machen, wovon das Exempel des Poeten Actii Sanazarii eine Bekraftigung gibt, welcher, da er vor bereits 200 Jahren sechs lateinische Zeilenverse auf die Republik Venedig gemacht, vor jede Zeile 100, andere wollen gar sagen 1000 spec. Dukaten zum Gratial bekommen."
"Ich habe davon gehoret", sagte Thalberg, "allein die Verse sind mir unbekannt." "Ich will", versetzte der Offizier, "sie Ihnen vorbeten:
Viderat Adriacis VENETAM Neptunus in undis,
Stare urbem & toti ponere jura salo.
Nunc mihi Tarpejas quamtum vis, Jupiter, arces,
Objice & illa tui Moenia Martis, ait:
Si Pelago Tiberim praefers, urbem aspice utramvis,
ILLAM Homine dicas, HANC possuisse Deos.
Ein beruhmter Poet hat diese in folgende zierliche deutsche Verse gebracht: NEPTUNUS stund und sah die Stadt VENEDIG an, Die sich Beherrscherin des Meeres nennen kann; Da sprach er: JUPITER! warum erhebst du doch Dein Capitolium am Tiberstrom so hoch? Man sieht nur Menschenwerk, wenn man dein ROM
beschaut,
VENEDIG aber ist von Gottern aufgebaut. Jedoch was ist's mehr, reiche Leute konnen ja auch wohl reichliche Geschenke austeilen, denn ohngeacht die Republik an Landschaften ein merkliches verloren, ihr auch von andern Nationen in der Handelschaft nach Ostindien sehr viele Vorteile abgezwackt worden, so rechnet man doch, da sie sonsten mehr als konigl. Einkunfte gehabt, dass sie noch jetzo jahrlich mehr als zehn bis 15 Millionen Dukaten einzunehmen habe. Die Kriegsmacht ist nicht geringe, denn allein zu Friedenszeiten werden etliche 20000 Mann und ohngefahr 40 Schiffe vom Range gehalten, ohne die Fregatten und Galeeren. Haben sie aber Krieg, so konnen sie in kurzer Zeit so viel Mannschaft auf die Beine und so viel Schiffe in die See schaffen, als sie notig erachten, denn solange ihr Arsenal und die Banco in Venedig im guten Stande bleibt, ist kein Mangel an etwas zu besorgen. Die Seemacht wird allemal von einem Nobil[e] di Vinetia kommandieret, welcher den Charakter Capitaneo Grande fuhret. Das Kriegsvolk zu Lande aber kommandieret mehrenteils ein Auslander, der Mareschallo di Campo tituliert wird. Unter allen andern Nationen nehmen sie gerne Deutsche in ihre Kriegsdienste, bezahlen dieselben zwar raisonnable, gehen aber mit ihrem Blute nicht gar sparsam um, sondern wenn dieselben auf die Schlachtbank sind geliefert worden, sprechen die Herrn Venetianer: Sono pagati. Sind sie doch bezahlt."
Unter diesen Reden kam der Wirt in ihr Zimmer, brachte einen Brief, welchem ihm, seinem Sagen nach, ein Knabe eingehandiget, und fragte zugleich, ob die Herrn beliebten, mit der Compagnie unten oder hier oben in ihrem Zimmer zu speisen. Elbenstein besahe erstlich den Brief und fand den Titul also gesetzt:
An die beiden wohlgebornen
deutschen Kavaliers,
welche
im Gasthofe Zum weissen Pferde
logieren.
Er bekam sorgsame Gedanken wegen einer neuen Liebesintrigue, verwandelte derowegen die Farbe nicht wenig, jedoch weil der Titul an sie alle beide lautete, fassete er sich ein Herze, bat den Wirt, einen Augenblick zu verziehen, Thalbergen aber, in die Schlafkammer zu kommen. Hier erbrach er den Brief, liess Thalbergen mit lesen, und fanden denselben also gesetzt:
Wohlgeborne Herren!
Dero Generosite, da Sie mich gestern abend mit Golde beschenkt und meinem Herzen damit ein Merkmal Ihrer deutschen Redlichkeit eingedruckt, hat mich ungemein vergnugt. Allein ich bin nicht so Geld bedurftig, als Sie davor gehalten haben, indem mir der Himmel einen heimlichen unerschopflichen Schatz zugewendet hat. Um Sie dessen zu uberzeugen und zugleich vor Ihre gute Meinung mich erkenntlich und dankbar zu erweisen, ubersende [ich] Ihnen hierbei eine einzige Pille. Diese konnen Sie in vier Pfund zerschmolzenes Blei werfen und sodann probieren, ob Sie nicht das feinste Gold haben, welches an Gute dem ungarischen nichts nachgibt. Behalten Sie davon zu meinem Angedenken etwas auf, und teilen Sie sich darein als redliche Landsleute. Ich bedaure, dass mich eine gewisse Begebenheit forciert hat, diesen Morgen von hier abzureisen, sonsten wurde mir das grosste Vergnugen daraus gemacht haben, wenn ich noch etliche Tage die Ehre geniessen konnen, mit Ihnen zu konversieren, nunmehro aber werden Sie mich so leicht nicht wiedersehen. Jedoch verharre
Dero
aufrichtiger Freund.
sich selbst. Elbenstein aber erholte sich am ersten und fragte den Wirt, ob der Uberbringer des Briefes noch zugegen ware, weil er ihm ein Trinkgeld geben wollte. Der Wirt sahe zu, aber der Pursche war uber alle Berge, weswegen Elbenstein sagte: "Es hat nichts auf sich, er wird schon wiederkommen und die Antwort abfordern; der Herr Wirt aber tue so wohl und lasse vor drei Personen Speisen und Wein herauf in unser Zimmer bringen, weil wir uns so kurz als moglich expedieren wollen, denn ich und mein Compagnon sind zu einem gewissen Landsmanne invitieret, mit dem wir ein und anderes zu traktieren haben."
Der Wirt saumete nicht, eine kostliche Mahlzeit zuzubereiten, sie aber machten nicht viel Federlesens, und da der Offizier, welcher mit ihnen gespeiset hatte, vermerkte, dass beide Kavaliers ganz tiefsinnig waren und vielleicht wichtige Geschafte zu besorgen hatten, beurlaubete er sich von ihnen. Beide Kavaliers bedankten sich vor seine ihnen erzeigte Gefalligkeit und verehrete ihm jeder drei spec. Dukaten, womit er hochst vergnugt von ihnen Abschied nahm, ihre Generosite ungemein herausstrich und die Dukaten auf ihre Gesundheit zu verzehren versprach.
Sobald sich diese beiden Freunde alleine auf ihrem Zimmer befanden, sahen sie erstlich einander lange an. Endlich brach Elbenstein das Stillschweigen und sagte: "Sollten wir wohl so glucklich sein, uberzeugt zu werden, dass es wurklich moglich sei, Blei in Gold zu verwandeln, da bei uns in Deutschland viel tausend Menschen daran zweifeln, und sollten wir wohl dem alten, armselig scheinenden Manne eine so gute Reuterzehrung zu danken haben?" "Ich weiss nicht, was ich bei dieser Geschicht denken soll", sagte Thalberg, "jedoch, mein werter Freund, wir wollen alle beide selbst ausgehen und vier Pfund Blei kaufen, unsere Diener aber sollen einen oder zwei tuchtige Schmelztiegel einkaufen, denn ich kann doch ein klein wenig mit dem Laborieren umgehen, aber an das Goldmachen habe ich noch zeit meines Lebens keinen Pfennig verwendet." Hiermit zohen sie sich vollends an, gaben dem einen Diener Befehl, dass er Kohlen in Kamin heraufschaffen sollte, indem sie auf den Abend Kugeln giessen wollten, der andere aber wurde nach Schmelztiegeln geschickt mit Befehl, dieselben wohlverdeckt in ihr Zimmer zu schaffen, damit niemand etwas im Hause davon gewahr wurde. Sie beide aber gingen miteinander fort, kauften im ersten Materialistenladen sechs Pfund Blei, wovon jeder drei Pfund zu sich steckte, hernach spazierten sie in ein Weinhaus, allwo sie sich bis gegen Abend die Zeit mit Billardspielen passierten, nachhero in ihr Logis zuruckkehreten.
Gleich nach der Abendmahlzeit mussten die beiden Diener aus zwei Pfund Blei Kugeln giessen, nachhero wurden dieselben zu Bette geschickt, beide Kavaliers aber machten das Kohlfeuer von neuen an, setzten den einen Schmelztiegel mit dem Bleie drein, warfen, da das Blei zerschmolzen, die Pille hinein, und da es etwa sechs Minuten hernach drei helle Blitze aus dem Schmelztiegel heraus tat, hielten sie dieses vor das Zeichen, dass die Transmutation bereits erfolgt sei. Sie gossen demnach erstlich etliche kleine Klumpchen auf einen reinen Stein, hernach die wohlumgeruhrte Massa in eine starke eiserne Pfanne und blieben so lange offen, bis alles kalt war, endlich zwei Stunden nach Mitternacht legten sie sich zur Ruhe, konnten aber vor Verlangen, was aus dem Bleie geworden sein mochte, nicht langer schlafen, als bis der Tag kaum angebrochen war, da sie denn beim hellen Tagslichte mit erstaunlichen Vergnugen vermerkten, dass das Blei seine gewohnliche Farbe verloren und an deren Statt die gelbe angenommen hatte. Um aber der Sache gewiss zu werden, kleideten sie sich an und gingen, nachdem sie den Tee getrunken hatten, zu einem Goldschmiede, bei welchem Elbenstein eine goldene Tabatiere, die ihm einsmals bei Sturzung mit dem Pferde schadhaft worden war, vertauschte, sich dargegen eine neue einhandelte und noch etwas Geld herausgab. Wie nun Elbenstein sahe, dass der Goldschmidt ein feiner Mann war, als sagte er zu ihm: "A propos, mein Herr! ich habe hier ein Stuckgen Metall bei mir, wollen Sie mir nicht sagen, was es ist, damit ich weiss, ob ich damit betrogen bin oder nicht." Der Goldschmidt nahm und probierte es auf mancherlei Art, sagte endlich: "Mein Herr! wenn Sie es gekauft haben, sind Sie gar nicht damit betrogen, denn es ist ein feines Gold, und so Sie es nicht darzu bestimmt haben, etwas daraus machen zu lassen, will ich Ihnen so schwer gemunztes Gold davor geben, als das Gewicht austragt, und wenn Sie noch mehr dergleichen hatten, wollte ich Ihnen alles abhandeln, weiln es in der Arbeit besser zu gebrauchen als zusammengeschmolzene Zechinen." Elbenstein sagte, er hatte nicht mehr als etwa zehn bis zwolf Lot davon, die stunden ihm zu Diensten, denn weil er eine Reise vor sich hatte, ware ihm mit gemunzten Golde besser gedienet als mit ungemunzten, versprach auch, selbiges nach Tische entweder selbst zu uberbringen oder durch seinen Diener zu uberschicken. Der Goldschmidt bat, ihm diese Gefalligkeit zu erweisen, weiln es zwar eben nicht das allerfeinste, jedoch ein schones geschmeidiges Gold zum Verarbeiten ware, uber dieses wolle er ihm ein feines Affektions-Ringelgen in den Kauf geben. Elbenstein versicherte nochmals, dass er es ihm vor andern gonnen wollte, und hiermit nahmen beide Kavaliers von dem Goldschmiede Abschied. Wer war froher als diese beiden, da sie mit ihrem wenigen Golde, das sie dem vermeinten bedurftigen Manne gegeben, eine so schone Ritterzehrung erworben hatten. "Oh!" sagte Thalberg, "hatte ich das gewusst, so sollte der Alte eine weit ansehnlichere Summa von mir empfangen haben, vielleicht hatte er uns sodann auch noch mehr Pillen geschickt." "Wir wollen mit diesen zufrieden sein, mein Freund", antwortete Elbenstein, "ist uns doch damit unsere Reise nach Venedig und alle Zehrungskosten frei gemacht." Unter diesen Gesprachen kamen sie auf den St.-Marcus-Platz, machten daselbst eine Promenade bis gegen Tischzeit, da sie denn nach ihren Logis gingen und die Mahlzeit einnahmen. Nach Tische kolligierten sie die zuerst ausgegossenen kleinen Klumpchen und befanden, dass dieselben 141/2 Lot wogen, wurden eins, diese kleinen Stuckchen dem Goldschmiede zu verkaufen, das grosse Stuck aber in gleiche Teile zu teilen. Dieses letztere geschahe sogleich, indem sie von dem Wirt ein Hackemesser borgen liessen, das grosse Stuck vermittelst eines Hammers voneinander schlugen und in gleiche Teile teileten. Weiln aber in der Teilung es noch einige kleine Stuckgen gesetzt, schlugen sie dieselben mit dem Hammer breit, legten sie zu erstgemeldten kleinen Stucken und befanden, dass sie 181/4 Lot zum jetzigen Verkauf hatten, ein jeder aber war schlussig, sein grosses Stuck bis auf fernern Bescheid zu verwahren. Hierauf gingen sie nach dem Goldschmiede, welcher sie mit Freuden empfing, alle Stucken probierte, ihnen das bare gemunzte Gold sogleich erlegte und Elbensteinen einen Ring in den Kauf gab, der ohngefahr drei bis vier Zechinen wert war, welchen dieser aber hernach Thalbergen zum geneigten Andenken schenkte.
Ein paar Tage hernach, da Elbenstein seiner Verrichtungen wegen an seinen Fursten Briefe zu schreiben und dieselben durch einen Expressen fortzuschikken sich gemussiget sahe, ging Thalberg, um ihn nicht zu verstoren, im Schlafrocke heraus auf eine kleine holzerne Galerie, von welcher er verschiedene schone Hintergebaude und Garten ubersehen konnte. Er war ein ziemlich korpulenter Kavalier; als er sich nun mit einiger Force auf das Gelander legte, die Zapfen der Balken aber sehr vermodert sein mochten, brechen diese aus, und Thalberg sturzte samt einem Teile des holzernen Gelanders uber zwolf bis 15 Ellen herab in den Garten. Kein Wunder ware es gewesen, wenn er gleich auf der Stelle den Hals gesturzt hatte, allein der Himmel erhielt ihm noch das Leben, doch hatten ihm die Saulen ein Bein entzweigeschlagen, und uber dieses war er mit der Stirn dergestalt auf einen Stein gefallen, dass er eine fingerslange Wunde bekommen hatte. Er kann sich vor Schmerzen nicht selbst unter dem Holzwerke hervorhelfen, sein Schreien, Winseln und Wehklagen hilft nichts, bis endlich die Kochin in den Garten kommt, um grune Krauter zu holen, welche den Larm machte und den Wirt wie auch Elbensteinen rufte, welche diesen elenden Patienten hinauf ins Bette tragen, auch sogleich einen Medicum und Chirurgum holen liessen.
Elbensteinen ging das unvermutliche Ungluck seines werten Freundes ungemein zu Herzen, man liess denselben eine Ader springen, gab ihm Medicamenta ein, verband erstlich die sehr blutende Wunde an der Stirn und hernach das zerbrochene Bein. Er stellete sich sehr heroisch dabei an, derowegen versprachen die Arzte, ihn, soferne er ihrer Vorschrift Folge leisten wurde, langstens binnen sechs bis sieben Wochen vollkommen zu restituieren; welches er denn vor seine Person zu tun versprach.
Wie gern nun Elbenstein seines Freundes Genesung abgewartet hatte, indem er selten von dessen Bette wegkam, als wenn ihm seine aufgetragenen Kommissions notigten, dann und wann auszugehen, so fugte es sich doch, dass funf Tage hernach er die seinem Fursten zustandigen Geldsummen in Empfang nehmen, mithin seine Abreise damit beschleunigen musste. Er nahm also beweglichen Abschied von dem Herrn von Thalberg, wunschte demselben baldige Restitution und bat, dass er ihm mit nachsten das Vergnugen gonnen mochte, an seines Fursten Hofe ihm eine Visite zu geben. Dieser versprach solches zu tun, sobald es seine Gesundheit zuliesse, dankte 1000mal vor alle erwiesene Freundschaft und empfohl sich zu Elbensteins bestandig geneigten Andenken. Also mussten sich beide guten Freunde sehr missvergnugt voneinander trennen, da sie vermeint, wenigstens die Retour bis Padua zugleich anzutreten, allein, Elbenstein musste vor dieses Mal ohne dessen Gesellschaft zuruckreisen und hatte nicht wenig Kummer und Sorge wegen seiner eingekauften Sachen, vornehmlich aber wegen seines Herrn Gelder, damit ihm nicht etwa ein Ungluck widerfuhre, jedoch sobald er Padua erreicht, wurde ihm das Herze ziemlich leichte. Er ging zum Kommandeur und bat sich eine Eskorte von sechs Reutern bis auf seines Herrn Schloss aus, zahlete auch dem Kommendanten das Honorarium von allem uberhaupt gleich bar auf den Tisch, wormit dieser zufrieden war und Elbensteinen bat, dass er nur noch einen Tag stille liegen mochte, weiln er ihm binnen der Zeit die redlichsten und tapfersten Leute wollte aussuchen lassen.
Indem sich nun Elbenstein ohnedem etwas merode befand, liess er sich solches gefallen, und da er sein Logis im Gasthofe al Sole genommen, kam er nicht viel auf der Strasse zum Vorscheine, weiln er meinete, dass ihn sonsten die Spurhunde der unbekannten masquierten Schone mochten zu sehen bekommen, als welche sich seinen Gedanken und allen Umstanden nach ohnfehlbar noch in Padua aufhalten wurde; er aber, als einer, der seine Sundenburde von sich geworfen, nicht weiter Lust hatte, sich mit ihr im anderweitigen Sundenschlamme herumzuwalzen. Fruhmorgens mit Aufgang der Sonne war seine Eskorte, die in einem Unteroffizier und funf Mann zu Pferde bestund, vor seinem Quartiere, weswegen er sogleich Ordre gab, die Wagen anzuspannen und in Gesellschaft der Reuter fortzufahren, er selbst liess sein Pferd vorziehen, trank nur noch etliche Schalchen Tee und Glasgen Persico, setzte sich hernach auf und ritt ganz alleine nach, weiln er seinen Diener beim Wagen zu bleiben befohlen.
Etwa eine Meile Wegs war Elbenstein geritten, als er sein Fuhrwerk benebst der Eskorte ohngefahr ein paar 100 Schritt vor sich her passieren sahe, weswegen er ganz sachte, und zwar in tiefen Gedanken wegen des seinen Freund Thalbergen betroffenen Unglucks, hinterdrein ritt. Als er aber einen starken Galopp hinter sich vernahm, kehrete er sich um und ward gewahr, dass ein einzelner Kerl auf eben dem Wege hinter ihm hergejagt kam. Wie nun Elbenstein nicht eben wusste, ob es ihm anginge, er auch schon soviel Courage besass, sich nicht sonderlich von zwei oder drei, geschweige denn vor einem zu furchten, als beugete er in etwas aus dem Wege auf den grunen Rasen und ritt Schritt vor Schritt fort. Bald darauf kam der Kurier ihm zur Seite, machte ein hofliches und freundliches Kompliment und fragte, ob er der Herr von Elbenstein hiesse und Kammerjunker bei dem Fursten von N. ware. "Ja! das bin ich", sagte Elbenstein. "So erfreue ich mich", versetzte der Kurier, "Sie so glucklich angetroffen zu haben, hier ist ein kleines Briefgen an Sie, welches mir Ihnen en Courrier nachzureuten ubergeben worden." Elbenstein eroffnete den Brief, las denselben und fand ihn also gesetzt:
Mein Auserwahlter!
Ich ware zornig auf Euch worden, dass Ihr mein Bitten bei Eurer Passage durch Padua nicht besser gelten lassen; allein Ihr seid schon entschuldiget, weil ich selbsten begreife, dass ein Kavalier zwar lieben, aber doch dieserwegen seine Ehre, seines Herrn Interesse und die ihm aufgetragenen Commissiones nicht zurucksetzen kann. Ich liebe Euch dieserhalb noch weit mehr, erweiset mir nur den einzigen Gefallen, dass ich heute auf einen oder etliche Augenblicke das Gluck haben moge, Euer Angesicht zu sehen. Ich setze mich jetzo den Augenblick in den Wagen, nehme aber den Weg nach einem Lustschlosse zu durch den Wald, damit mich auf der Heerstrasse niemand erkennen soll. Lasset Euch durch Uberbringern dieses an die Strasse fuhren, so durch den Wald gehet, da will ich Euch auf nen etlichen Tagen unsere erste Zusammenkunft sein soll, weiter verlange ich diesmal nichts von Euch, weil ich mir auch nicht einmal einen Kuss versprechen kann, da mein Magdgen bei mir sitzt. Ich bitte sehr, lasset Euch diesmal nicht verdrussen, eine kleine halbe Stunde auf mich zu warten, ich werde die Pferde scharf laufen lassen, um nur Euch auf ein oder zwei Minuten zu sehen. Erfullet mein sehnliches Verlangen, da Ihr zumalen wisset, dass ich Euch vollkommen liebe und Eure mir erwiesene Gefalligkeit nicht werde unvergolten bleiben lassen. Die ich mit ausserst verliebten Herzen bin
Eure
vollkommene Getreue.
Elbensteins guter Engel raumete ihm zwar in die Ohren, dass er dieser Lockspeise nicht trauen sollte; allein, was ist doch der Mensch? Seine Affekten stritten darwider und sagten: Was? weisst du nicht, wie genereux sie sich gegen dich erzeiget? Solltest du nicht eine halbe Stunde ihrentwegen zuruckbleiben? Es ist ja heller Tag und keine Gefahr verhanden. Vielleicht wird deine Curiosite gestillet, dass du ihr Angesicht zu sehn bekommst. Du kannst zwar Abrede mit ihr nehmen und den bestimmten Tag zu kommen versprechen und dennoch zuruckbleiben.
Solche Gedanken stiegen ihm in der Geschwindigkeit auf, derowegen fragte er den Kurier: "Wo sollet Ihr mich hinfuhren, mein Freund?" Dieser gab zur Antwort: "An den Fahrweg im Walde, daselbst werden Sie keine halbe Stunde zu warten haben, hernach will ich Ihnen einen nahen Weg zeigen, vermittelst dessen Sie Ihre Leute binnen zwei Stunden, ja noch eher einholen sollen." "So will ich nur", sagte Elbenstein, "weil wir doch noch nicht am Walde sind, meinem Diener nachreuten, ihn zuruckrufen und befehlen, dass sie ganz sachte fahren sollen, bis ich nachkomme." "Es ist", widerredete der Kurier, "in Wahrheit nicht notig, denn wegen des bevorstehenden ubeln Weges mussen sie ohnedem langsam genug fahren, also konnen Eure Herrl. sie heute noch zweimal einholen."
Elbenstein liess sich bereden, zumalen, da er bemerkt, wie sein Diener ihm schon in den Augen gehabt und sich mit dem Pferde etlichemal umgedrehet hatte. Sobald sie demnach den Wald rechter Hand vor sich sahen, folgte er seinem Wegweiser und ritte getrost hinter ihm her in den Wald hinein. Der Wald wurde immer dicker und dicker, doch endlich kamen sie auf einen kleinen grunen Platz, da denn der Kurier schrie: "He! nun werden wir auch bald den Fahrweg zu sehen bekommen." Indem sprengten sechs Kerls zu Pferde, die ihre Gesichter geschwarzt hatten, aus dem Gepusche heraus! Ihrer zwei hielten Elbensteinen die Pistolen nach der Brust und fragten, ob er sich gutwillich gefangengeben oder sterben wollte. Er erwahlte bei so gestalten Sachen das erstere, da ihm denn der Degen und Pistolen hinweggenommen, weiter aber nichts zuleide getan wurde, als dass man ihn in eine alte verfallene Kohler- oder Holzhauerhutte fuhrete, allwo er von zwei Kerls mit blossen Degen und Pistolen in der Hand bewacht wurde. Es redete keiner ein Wort zu ihm, und er sass ebenfalls vor Schrecken und Verwunderung eine lange Zeit ganz still. Endlich kam er ein klein wenig zu sich selbst und sprach zu seinen Wachtern: "Meine Herrn! Was habt ihr vor Vergnugen daran, mich von den hochstwichtigen und eiligen Verrichtungen abzuhalten, die ich meinem Herrn, dem Fursten von N., zu leisten verpflichtet bin? Erlaubt mir, meine Strasse zu reisen, ich will euch gern eine gute Reuterzehrung geben." "Signor!" gab der eine zur Antwort, "wir sind keine Strassenrauber, werden auch keinen Soldi von Euch begehren, sondern wir tun nur, was uns von unserer Herrschaft befohlen ist." "Was ist es denn vor eine Herrschaft", fragte Elbenstein, "die mich anzuhalten befohlen?" "Wir haben keine Ordre", bekam er zur Antwort, "uns mit Euch in ein Gesprach einzulassen." Jedennoch tat Elbenstein noch verschiedene Fragen, bald an diesen, bald an jenen, allein es schien nicht anders, als wenn alle sechs auf einmal verstummet waren, und der siebente, als sein Fuhrer, war ganz und gar verschwunden. Er blieb demnach in tiefen Gedanken ganz unbeweglich sitzen und machte allerhand Kalender, bald fing er an zu zweifeln, dass ihm dieser Possen von der masquierten Dame, sondern vielleicht von jemand anders gespielet wurde, weswegen er hin und her dachte, jedoch, wenn es um und um kam, sagte ihm sein Herze, dass es niemand anders sein konne als die Masquierte, um sich wegen seines Ungehorsams und bezeigter Negligence an ihm zu rachen. Unterdessen war es Mittag worden, weswegen einer von den Raubern ein weiss Serviet auf eine Bank breitete, weiln kein Tisch in der Hutte, und weiss Brot, kalten Braten, eine Salvelatwurst, einen gebackenen Fisch und etliche Stuck Gebackenes darauf legte. Er brachte auch zwei Bouteillen Marziminerwein getragen und notigte Elbenstein ganz hoflich, dass er belieben mochte zu speisen, weil es bereits uber Mittag ware. Elbensteinen verging nun zwar Essen und Trinken vor Herzensbangigkeit, jedoch stellete er sich druster an, als er war, griff zu, kostete nachgerade von einem jeglichen etwas, fragte auch, ob denn die Herren nicht gleichfalls mit speisen wollten. "Nein! Signor!" gab der eine ganz hoflich zur Antwort, "diese kalte Kuche ist vor Euch allein bestimmt, wir haben unsere Mittagsmahlzeit schon verzehrt." Hierauf brachte der Kerl einen silbernen, inwendig verguldeten Becher, schenkte denselben voll, bat anbei ihm zu vergeben, dass er ihm solchen auf keinen Teller prasentierte, weil sie dergleichen Geschirr nicht bei sich fuhrten. Elbenstein wusste nicht, ob man ihn schraubte oder ob es des Kerls ernstliche Hoflichkeit war, jedoch er trank, und zwar allerseits Gesundheit, weswegen sie tiefe Reverenze machten. Er schenkte den Becher selbst wieder voll und prasentierte ihn dem nachsten, so bei ihm stund, allein er dankte mit einer hoflichen Verbeugung und sagte, wie diese Portion Wein bloss vor ihn allein bestimmt sei. Er resolvierte sich aber in der Geschwindigkeit anders und sagte: "Jedoch, damit Ew. Herrl. nicht etwa auf arge Gedanken geraten, als ob die Speisen und der Wein vergiftet waren, so will ich aus jeder Bouteille einen Becher voll Wein trinken, auch von jeder Art Speisen eine Portion zu mir nehmen, dass Sie es sehen und desto mehr Appetit bekommen, denn wir haben noch mehr Vorrat bei uns." Elbensteinen gefiel dieses wohl, und er ass und trank auch in Wahrheit mehr, als er anfanglich willens gewesen war, so dass er glaubte, ganzer 24 Stunden ausdauren zu konnen. Nachdem er also wohl gespeiset, fing er wieder an zu diskurieren und tat verschiedene Fragen an die Kerls, allein sie waren aufs neue stumm worden und antworte[te] ihm kein einziger ein Wort. Er trank derowegen beide Bouteillen Wein fast rein aus, und da der eine sagte: "Wenn Ew. Herrlichkeiten mehr Wein belieben, durfen Sie nur kuhnlich befehlen", gab Elbenstein zur Antwort: "Nein, vor dieses Mal danke ich, denn ich habe nur der Kalte wegen vor diesmal so viel getrunken, allein auf den Abend will ich mir noch eine Bouteille ausbitten und davor erkenntlich sein." Etwa eine gute Stunde vor Untergang der Sonnen liess sich derjenige wieder sehen, welcher Elbensteinen den Brief gebracht und ihn bis hieher gefuhret hatte. "Ei, ei! mein Herr!" sagte Elbenstein zu ihm, "was hat Er mir vor einen losen Possen gespielet, da Er ohnfehlbar weiss, dass ich wichtige Verrichtungen habe." Der verfluchte Kerl zuckte die Achseln und sagte: "Ich kann nichts darvor, mein Herr! Bediente mussen aufs kluglichste ausrichten, was ihnen von ihrer Herrschaft befohlen wird, wenn sie sich anders bei denselben in besondere Gnade setzen wollen." "Allein!" fragte Elbenstein, "soll ich den[n] heunte nacht in dieser elenden Hutte erfrieren?" "Es soll nicht Not haben", gab er zur Antwort und ging darmit zur Hutte hinaus.
Kaum eine Viertelstunde hernach kam einer und bat, Elbenstein mochte sich belieben lassen, aus der Hutte herauszuspazieren und sich zu Pferde zu setzen. Er folgte, bekam aber seinen Degen und Pistolen nicht wieder, und uber dieses wurden ihm die Augen fest, die Hande mit zwei seidenen Schnupftuchern an die Pistolenhalftern gebunden, sein Pferd aber von einem Kerl gefuhrt. Nunmehro wurde ihm erstlich recht bange, denn er gedachte: 'Ja, ja! es sind Rauber, nun werden sie dich in ihre Rauberhohle fuhren, dein bissgen Armut zu sich nehmen, dich selbst aber schlachten und im Walde verscharren. Ach, allerliebste Masque' sprach er ferner bei sich selbst, 'ach mein Engel! du bist wohl unschuldig, verzeihe mir, dass ich dich in dem Verdacht gehalten, als ob du Stifterin meines jetzigen Elendes warest. Nein! der Brief ist nicht von deiner Hand, es hat ihn ein Spitzbube geschrieben, er hat zwar einige Konnexion mit unserer Liebsbegebenheit, aber wenn ich's recht bedenke, sehr wenig oder gar nichts; denn es ist nur auf den Strauch geschlagen. Ach hatte ich mich doch nicht ubereilt und die Sache erst besser untersucht und uberlegt. Ach ja, mein Engel, du bist unschuldig, und ich glaube, du spendiertest etliche 1000 Dukaten daran, wenn du mein jetziges Ungluck wusstest und mich daraus erretten konntest. Ach Himmel, hilf! werden nicht die Spitzbuben und Strassenrauber ausgekundschaft haben, dass Geld und andere Kostbarkeiten auf dem Wagen befindlich? Werden sie nicht Anschlage gemacht haben, dieses entweder durch eine starkere Anzahl Wagehalse oder durch ein ihnen leicht ausgesonnenes Stratagema an sich zu bringen. Ach, was wird der Furst sagen? Wird er nicht denken, ich bin zum Schelme worden? Ehre verloren, alles verloren, alles verloren! Ich werde ermordet, das ist gewiss, wer weiss, ob diese Mordtat und dieser Strassenraub jemals entdeckt wird? Ach Himmel, erbarme dich meiner und ube die Rache wegen meiner begangenen Sunden und der verubten Fleischeslust nicht auf einmal allzu strenge aus.'
Unter dergleichen haufigen und verwirrten Jammerklagen, Seufzen und bittern Tranen ritte er alsofort bis um Mitternacht. Seine Begleiter hatten ihm zwar zu verschiedenen Malen einen Becher Wein angeboten, allein er hatte sich stets entschuldiget, dass er keinen Appetit zum Trinken empfande. Endlich vermerkte er am Rauschen des Wassers, dass sie uber eine Brucke ritten, und bald hernach stund sein Pferd stille, da ihm denn die Hande losgebunden wurden, auch ihrer zwei vom Pferde halfen. Die Binde von Augen aber wurde ihm nicht abgenommen, sondern man fuhrete ihn erstlich wohl 40 bis 50 Schritte lang auf einem Steinpflaster fort und endlich, da man ihm die Augen offnete, befand er sich in einem hochgewolbten, jedoch sehr propren Zimmer, dessen Fenster, wodurch das Tageslicht hineinbrechen konnte, uber acht Ellen von dem Boden in der Hohe waren. Er sahe keinen einzigen von seinen bisherigen Begleitern mehr um sich, sondern nur zwei grau und rot gekleidete Laquais, welche ihm erstlich ein silbern Waschbecken mit Wasser vorsetzten, hernach weisse Wasche, einen Schlafrock, ein paar neue Pantoffeln und, kurz zu sagen, den ganzen Nachthabit, welcher sehr sauber und propre war, darlegten. Der eine Laquais bedeutete mit den Handen, ob er sich nicht wolle die Stiefeln und Sporen abziehen lassen, indem selbige sehr schmutzig waren; allein Elbenstein sagte: "Meine Freunde, es hat noch ein wenig Zeit, seid aber so gutig und meldet mir, wer hier Herr im Hause ist und unter wessen Gewalt ich mich befinde." Hierauf tippten beide Laquais mit den Fingern auf ihre Mauler, gaben einen wunderlichen Laut von sich und damit zu verstehen, dass sie stumm waren. Elbenstein hatte vor Verzweifelung uber sein angstliches Schicksal mogen rasend werden. Er ging in dem Zimmer auf und ab und fand hinter einer Spanischen Wand ein kostbares Bette, gegenuber auf dem Tische erblickte er allerhand Speisen, Erfrischungen wie auch etliche Bouteillen der allerdelikatesten Weine, wie die darangeklebten Zettels anzeigeten. Es brannten zwei Wachslichter auf silbernen Leuchtern dabei, mitten im Gewolbe aber hing eine silberne Leuchterkrone, worauf zwolf Wachslichter brannten. Nachdem er noch etlichemal auf und ab spazieret, ging er nach dem Tische hin, nahm ein einziges Stuckgen Konfekt und steckte es in den Mund. Alsobald kam der eine Diener, spulete im Schwenkkessel ein Glas aus und fragte durch Zeichen, aus welcher Bouteille er ihm einschenken sollte. Elbenstein nahm sich nicht die Muhe, lange zu wahlen, ohngeacht er sehr durstig war, sondern sagte, dass ihm alles gleich viel ware, weswegen der Kerl die beste Bouteille eroffnete und ihm das vollgeschenkte Glas auf einem silbernen Kredenzteller prasentierte. Er trunk zwei Glaser und fand den Wein ungemein kostlich, setzte sich hernach auf einen Sessel, liess erstlich die Stiefeln abziehen, hernach die Kleider, legte sodann den Schlafrock und die Pantoffeln an, offerierte auch einem jeden Bedienten vor diese ihre erste Bemuhung einen spec. Dukaten, allein die Kerls stelleten sich nicht anders an, als ob er ihnen mit einen gluhenden Eisen unter die Nase hatte rennen wollen, und waren durchaus nicht dahin zu persuadieren, das Geschenk anzunehmen. Derowegen steckte Elbenstein seine Dukaten wieder in die Tasche und setzte sich vor das Kaminfeuer, da denn leichtlich zu erachten, dass er wunderliche Speculationes musse gehabt haben. Endlich, da er uber eine gute Stunde da gesessen, kam der eine Laquais, zeigte ihm das Bette und gab mit wunderlichen Gebarden zu vernehmen, dass, wenn er mude ware, er sich hineinlegen konne. Wie nun Elbenstein vor ratsam hielt, seinem ermudeten Korper einige Ruhe zu gonnen, als folgete er dem Rate und legte sich samt dem Schlafrocke nieder, ob aber sein Kopf noch so voll Grillen war, so entschloss er sich doch, dieselben beiseite zu setzen und ein andachtiges Gebet zu verrichten, in Hoffnung, dass sich der Himmel vielleicht noch einmal seiner erbarmen und aus diesem Labyrinth und von bevorstehenden Unglucksfallen erretten werde. Er betete demnach sehr andachtig und bussfertig so lange, bis ihm die Augen daruber zufielen und er in einen sussen Schlaf geriet, auch nicht ehr erwachte, bis die Sonne durch die hohen Fenster in das Gewolbe hereinleuchtete. Er verrichtete sein Morgengebet ebenso andachtig und bussfertig als das Abendgebet, stund hernach auf und fand das Waschwasser sowohl als den Tee sogleich parat. Unter wahrenden Teetrinken bemerkte er, dass dieses Zimmer zwei mit starken eisernen Turen verwahrte Ausgange hatte, und als er abermals in tiefe Gedanken verfallen war, offnete sich plotzlich die eine Tur wodurch ein etliche 60jahriger Mann, der von ziemlichen Ansehen war, jedoch etwas Barbarisches im Gesichte hatte, hereintrat und ihm mit einem hoflichen Kompliment einen guten Morgen bot.
Elbenstein dankte und notigte ihn, eine Tasse Tee mit ihm zu trinken. Dieser deprezierte solches, setzte sich aber an den Tisch Elbensteinen gegenuber und gab den beiden Stummen einen Wink, welche alsofort zur andern Tur hinausgingen. Als diese hinweg, fing der Alte also zu reden an: "Mein Herr! Sie werden sich allerdings verwundert haben, dass man Sie, sozusagen, als einen Gefangenen an diesen Ort gebracht, Sie haben sich aber alles guten Traktaments zu versichern und nicht die allergeringste Gefahr zu besorgen, sondern sollen gleich morgen fruh Ihre Freiheit bekommen hinzureisen, wo Sie hin wollen, woferne Sie nur auf ein und andere Fragen, die ich Ihnen vorlesen werde, die aufrichtige Wahrheit bekennen. Ich schwere Ihnen, mein Herr! sogleich einen leiblichen Eid, dass, wo Sie dieses tun, Ihnen nicht das geringste Leid allhier geschehen, sondern Sie gleich morgen Ihre Freiheit wiederhaben sollen. Sind Sie aber halsstarrig und verstockt, so schreiben Sie es sich selbst zu, wenn man Sie ubel traktiert. Mein wohlmeinender Rat ist also dieser: dass Sie sich gar kein Bedenken nehmen, die klare Wahrheit zu bekennen (denn man weiss die Sache ohndem so schon gewiss und will nur Ihr eigenes Gestandnis haben), es wird Ihnen sodann allhier nicht die geringste Gefahr bringen, mir aber sollte von Herzen leid sein, wenn Sie sich verstockterweise durch Leugnen mutwillig in Ungluck sturzten." Hierauf gab Elbenstein zur Antwort: "Mein Herr! ich hore, dass Sie etwas von mir verlangen, ich weiss aber noch nicht eigentlich, was es ist, darum kurz von der Sache zu kommen, so formieren Sie nur Ihre Quaestiones, ich will mit Bestande der Wahrheit darauf antworten, denn ich bin ein Kavalier, der sich keines Verbrechens schuldig weiss."
Demnach fing der Alte an, folgende Fragen zu tun, welche wir in ordentlicher Forme hieher setzen wollen: Des Alten Fragen: 1. Ob er, der deutsche Kavalier, Herr von Elbenstein genannt ware und bei dem Fursten von N. in Diensten stunde? Elbensteins Antwort: 1. Ja! Des Alten Fragen: 2. Ob er zur Zeit der letztern Weinlese in Ariqua gewesen? Elbensteins Antwort: 2. Ja! Des Alten Fragen: 3. Wie lange er sich daselbst aufgehalten? Elbensteins Antwort: 3. Ohngefahr funf bis sechs Tage. Des Alten Fragen: 4. Was er daselbst zu verrichten gehabt? Elbensteins Antwort: 4. Er ware in Affaren seines Fursten dahin beordert worden. Des Alten Fragen: 5. Ob er eine Gartnersfrau daselbst kennete, Margaretha genannt? Elbensteins Antwort: 5. Er ware in verschiedene Garten gegangen, wenn ihm eben die Lust angekommen, Weinbeere oder Obst zu essen, habe sich aber nicht darum bekummert, wie die Eigentumsherrn derselben oder deren Weiber mit Namen hiessen. Des Alten Fragen: 6. Ob er nicht in der Margarethen Behausung einige Nachtvisiten abgelegt? Elbensteins Antwort: 6. Er wisse von keiner Margaretha, viel weniger von deren Behausung. Des Alten Fragen: 7. Wer das Frauenzimmer, die ihn dahin berufen lassen, und wie sie gestaltet gewesen? Elbensteins Antwort: 7. Er wisse von keiner Berufung, hatte auch mit keinem Frauenzimmer etwas zu tun gehabt, auch keins begehret, ohngeacht ihm die Zeit, solange er sich an diesen schlechten Orte aufhalten mussen, sehr lang worden. Des Alten Fragen: 8. Wie oft er dieses Frauenzimmer ohngefahr bedienet? Elbensteins Antwort: 8. Das ware eine torichte Frage, da er sich in ganz Ariqua um kein Frauenzimmer bekummert, sondern die meiste Zeit mit seinem Wirte passiert hatte. Des Alten Fragen: 9. Ob ihm das Frauenzimmer nichts zum Andenken geschenkt? Elbensteins Antwort: 9. Er wisse von keinen Frauenzimmer, noch weniger vom Angedenken. Des Alten Fragen: 10. Ob ihm das Frauenzimmer nicht nach Padua bestellet, um der Liebe ferner mit ihm zu pflegen? Elbensteins Antwort: 10. Man horete ja wohl, dass er weder von einem Frauenzimmer noch von Pflegung der Liebe mit derselben wisse. Des Alten Fragen: 11. Ob er auf seiner Hinreise nach Venedig nicht durch Padua gereiset? Elbensteins Antwort: 11. Ja. Des Alten Fragen: 12. Ob ihm nicht daselbst ein Mann Nachricht von seiner Amour gegeben und von fernerer Zusammenkunft mit derselben gesprochen? Elbensteins Antwort: 12. Es ware ein Kerl in Gestalt eines Hausknechts zu ihm gekommen und hatte viel von Liebesaffaren mit einer Dame gesprochen, allein er, Elbenstein, hatte denselben vor verruckt im Gehirne gehalten, oder es musse denn sein, dass er ihn vor einen andern angesehen hatte. Des Alten Fragen: 13. Wo er dazumal in Padua logieret? Elbensteins Antwort: 13. In der Oreda Todesca. Des Alten Fragen: 14. Was er in Venedig zu verrichten gehabt? Elbensteins Antwort: 14. Einige Wechsel-Gelder vor seinen Herrn einzukassieren, welche auch gestern mit Wagens vorausgegangen, wo anders dieselben nicht von Raubern geplundert worden. Des Alten Fragen: 15. Warum er langer in Venedig geblieben, als er dem Hausknechte in der Oreda Todesca versprochen? Elbensteins Antwort: 15. Er hatte den Kerl vor einen Narren angesehen, wisse auch selbst nicht einmal mehr, was er mit ihm geredet oder was er ihm versprochen hatte. Das aber musse er gestehen, dass er viele Tage eher wieder zuruckgekommen ware, wenn ihn nicht das Malheur eines Kavaliers, der sein Landsmann, aufgehalten hatte, indem derselbe ein Bein zerbrochen und eine grosse Wunde in Kopf, da er von einer Galerie heruntergesturzt, bekommen hatte. Des Alten Fragen: 16. Warum er jetzo bei seiner Retour von Venedig nicht in der Oreda Todesca, sondern im Gasthofe al Sole eingekehret? Elbensteins Antwort: 16. Es stunde ihm frei einzukehren, wo er wolle, doch jetzo hatte er einmal aus gewissen Ursachen seinen Leuten nachgeben und zugleich selbst gute Acht und Wacht auf seines Herrn Geld und Sachen halten mussen. Des Alten Fragen: 17. Ob er gar nicht nach dem Frauenzimmer in Padua gefragt, mit welchem er zu Ariqua in der Margaretha Hause etliche Nacht courtoisiert hatte? Elbensteins Antwort: 17. Er wisse weder von der Margaretha Hause noch von der Courtoisie mit einem Frauenzimmer, indem er sich vor gefahrlichen Liebeshandeln jederzeit sehr gehutet, auch gar nicht disponiert ware, verbotne Liebesintriguen zu spielen, dann wenn er ja so gar verliebt ware, konne er nur nach Hause reisen und sich eine Frau nehmen, weil er gottlob! bemittelt genug, selbe zu ernahren. Diese letzte Antwort brachte Elbenstein mit einer heroischen Ungedult vor, der Alte sahe ihm starr in die Augen, es sei nun, dass ihn Elbensteins Eifer abschreckte oder dass er nichts weiteres als auf einmal dieses zu befragen hatte, so sass er erstlich eine gute Weile stille, endlich aber sagte er: "Mein Herr! Ihre Reden stimmen mit der Wahrheit nicht alle uberein, wir wissen ein vieles schon weit besser. Bedenken Sie sich wohl, ich will Ihnen Zeit geben bis auf den Abend, reden Sie sodann die Wahrheit auf alle diese Fragen besser aus, so ist's gut vor Sie, bleiben Sie aber bei der jetzigen Aussage, so muss man es billig vor eine starke Verstockung halten, und ich werde ohnfehlbar Ordere kriegen, Sie scharfer anzugreifen." "Was ich ausgesagt habe", replizierte Elbenstein, "das ist die klare Wahrheit, ich werde niemals anders reden, es mag mein Leben kosten oder nicht." "Wenn Sie die Wahrheit reden", sagte der Alte, "konnten Sie Ihr Leben erretten und mit grosster Honneur in Ihre Freiheit kommen, so aber siehet es misslich aus. Besinnen Sie sich eines Bessern, unterdessen soll es Ihnen bis auf fernere Ordre an guter Verpflegung nicht ermangeln, befehlen Sie nur den Stummen, was sie Ihnen bringen sollen, denn es mangelt hier an nichts, und diese Kerls, ob sie gleich nicht reden konnen, so verstehen sie doch alles und sind sehr geschickt. Ich aber will mich Ihnen empfehlen und meinen Bericht erstatten."
Hiermit nahm der Alte sein kleines Dintenfass, Feder und Papier, worauf er Elbensteins Aussage geschrieben hatte, pfiff auf einen kleinen Pfeifgen, da denn beide stummen Laquais wieder ins Gewolbe traten, er, der Alte, aber marschierte nach einem nochmals gemachten Kompliment zu eben derselben Tur hinaus, wo er hereingekommen war.
Elbenstein begab sich hinter die Spanische Wand, warf sich in grosster Ungedult aufs Bette, die Tranen stiegen ihm in die Augen, und er sagte heimlich zu sich selbst: 'Ach! du bist in die Hande deines Schwagers, des Mannes der masquierten Schone gefallen! Nichts ist gewisser als dieses! Es ist Verraterei passiert, wer weiss, wie es dem allerliebsten Bilde gehet, vielleicht ist ihre Ermordung nur so lange aufgeschoben, bis ich alles haarklein auf sie bekannt habe. Aber, nein! ich will den Himmel noch fernerweit um Vergebung meiner Sunden bitten und bei meiner Aussage bleiben bis in den Tod. Denn bekenne ich die reine Wahrheit, so lasst mich der Tyranne, ob er mir gleich dem Scheine nach die Freiheit gibt, dennoch unterwegs durch bestellte Banditen ermorden, ehe ich meines Fursten Residenz erreiche. Bekenne ich nicht, so werde ich allhier in geheim ums Leben gebracht, damit er aller Sorgen befreit sei, wegen meiner gewaltsamen Arretierung etwa Rechenschaft und Satisfaktion zu geben.'
Kurz zu sagen, Elbenstein hielt nichts vor ratsamer und wichtiger, als sich zu einem baldigen seligen Ende zu praparieren, und ob es gleich dem Fleische und Blute schon im voraus wehe tat, so richtete ihn doch der Geist Gottes wegen seiner ernstlichen Busse und Bekehrung immer vom neuen dergestalt auf, dass ihm immer leichter ums Herze ward, wie er denn noch vor der Mittagsmahlzeit in einen sussen Schlummer verfiel. Er sahe im Traume eine verhullete Person, welche einen schwarzen Pergamentbogen aus dem Busen zohe, denselben aufrollete und ihm entgegen hielt, auf diesem Bogen erblickte Elbenstein den mit guldenen Buchstaben geschriebenen Spruch: 'Die Gute des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind' etc. etc. Unterdessen liess die Person ihre Verhullung fallen, und Elbenstein erkannte dieselbe vor seinen Freund, den Herrn von Thalberg; indem er aber aufspringen und denselben umarmen wollte, befand er, dass es ein Traum gewesen. Jedoch als er der Sache weiter nachdachte, bemerkte er, dass dieses kein schlechter Traum, sondern ein himmlischer Trost ware, weil Gott sowohl ihn als seinen Freund aus diesen beiderseitigen Unglucksfallen nochmals aus Gnade und Barmherzigkeit erretten wolle.
Binnen der Zeit war alles zur Mittagsmahlzeit veranstaltet worden, und da die Stummen gehoret, dass er sich gereget, kam einer von ihnen und gab mit Zeichen zu verstehen, ob ihm zu speisen beliebte. Er sagte: "Ja!", und weil er sich im Herzen sehr beruhigt befand, setzte er sich so allein zu Tische, da denn die allerdelikatesten Speisen und Weine durch eine oben im Gewolbe gemachte Offnung vermittelst einer Maschine heruntergelassen wurden, welche ihm die Stummen vorsetzten. Es waren in Wahrheit recht furstliche Traktamente, und Elbenstein speisete mit so guten Appetite, als ob er in seiner volligen Freiheit gewesen ware, probierte darbei auch die vortrefflichen Weine von allerhand Sorten. Jedennoch kam ihm hierbei immer noch die Frage in die Gedanken: 'Sollte denn dieses auch wohl etwa deine Henkermahlzeit sein?' Nach der Mahlzeit fragte er den einen Stummen, ob er ihm nicht zum Zeitvertreib ein Buch und dann noch Feder, Dinte und Papier verschaffen konnte. Der Kerl marschierte wie der Blitz zur Tur hinaus, selbiges zu holen, weil ihm aber die Tur aus der Hand entfiel, so, dass sie zu weit aufgesperrt ward, bemerkte Elbenstein, dass zwei Kerls mit blossen Schwertern ausserhalb der Tur die Wacht hielten. 'Du bist doch', gedachte er bei sich selbst, 'ein rechter vollkommener Staatsgefangener um einer F ... willen'; liess sich aber gar nichts merken, sondern spazierte immer in dem Gewolbe herum und verwunderte sich uber nichts mehr, als dass es so warm darinnen, ohngeacht nicht mehr als ein einziges Kaminfeuer zu sehen war. Bald hernach kam der Stumme wieder zuruck und brachte nicht allein Dinte, Federn und Papier, sondern auch einen grossen Folianten unter dem Arme getragen. Elbenstein war begierig, des Buchs Titul zu sehn, und fand, dass es der Amadis aus Frankreich etc. etc., und zwar in deutscher Sprache beschrieben war. Von diesem Buche und von den Amadis-Rittern hatte er in seinen Vaterlande viel reden horen, aber niemals so glucklich werden konnen, dieses Buchs habhaft zu werden. Er erfreuete sich demnach recht sehr daruber, dass er einen solchen guten Zeitvertreib bekommen, ohngeacht er zwar wusste, dass es eine sogenannte alte Lesecke, so war ihm doch auch gesagt worden, dass viele Spiegel vor Junge von Adel darinnen anzutreffen waren. Demnach machte er sich sogleich daruber und las darinnen, bis ihm die Abendmahlzeit wieder aufgetragen wurde. Er expedierte sich bei derselben kurz und machte sich wieder an sein grosses Buch, hatte vielleicht auch die ganze Nacht hindurch darinnen gelesen, wenn nicht ohngefahr um elf Uhr deutschen Zeigers der Alte nochmals gekommen und ihn verstoret hatte.
Dessen Anbringen bestund in folgenden Worten: "Mein Herr! Ich habe Ihre Aussage an gehorigen Ort schriftlich uberschickt und par Stafette dieses zur Antwort zuruckerhalten, welches Sie selbsten lesen konnen."
Lieber Getreuer!
Euer Verhalten hat Uns wohlgefallen, allein der Herr will mit der Sprache nicht heraus, denn die Hauptpunkte hat er alle falsch und unrichtig beantwortet. Schworet ihm einen korperlichen Eid in Unsere Seele und anstatt Unserer, denn Wir halten Euch und ihm Unser hohes Wort, dass, woferne er aufrichtig bekennet, er alle Gnade und seine vollkommene Freiheit von Uns erhalten soll. Wo nicht und er auf seiner Verstockung beharret, so werden Wir sein Beginnen aufs eben zur Grausamkeit nicht geneigt sind. Beilage wird Euch zeigen, wie Ihr ihn befindenden Falls zu traktieren habt, und Wir erwarten taglichen Rapport von Euch. Hiernach habt Ihr Euch zu achten und Unserer bestandigen Hulde gewartig zu sein ...
Das ubrige, sonderlich den unterschriebenen Namen, liess der alte Erzvogel nicht sehen, sondern fragte nur, ob sich der Herr von Elbenstein resolvieren wollte, die Wahrheit besser zu beichten. Dieser sagte: "Was ich ausgeredet habe, ist die Wahrheit, ich werde auch dabei verharren, es mag mir heute oder morgen mein Leben kosten oder nicht. Werde ich gewaltsamerweise um mein Leben gebracht, so wird der Himmel mein Racher sein, weil ich aller menschlichen Hulfe beraubt bin. Ich bitte mir von meinem hochgeehrten Herrn nichts weiter aus als eine Bibel, sie mag in lateinischer, italianischer, franzosischer oder deutscher Sprache geschrieben sein. Hergegen konnen Sie die kostbarn Traktamenten ersparen, denn ich will gern mit Wasser, Salz und Brot bis an mein Ende vorliebnehmen, weil ich wohl merke, dass dasselbe sehr nahe ist, ohngeacht ich es nicht verschuldet, dass man also mit mir verfahrt. Wer weiss, wer mich blamiert und in dieses Ungluck gesturzt hat; ich wollte lieber noch diese Nacht sterben, als langer in solchen Kummer schweben. Ich bitte aber nur noch dieses einzige, meinem Fursten nach meinem Tode per tertium einige Nachricht von meinem ungluckseligen Ende zu geben, damit nur meine Ehre zusamt dem Korper nicht massakriert wird, denn da mein Furst denken konnte, ich ware zum Schelme geworden, ware ich ein Schandfleck meiner Familie. Was aber ware das nicht vor eine barbarische, ja mehr als bestialische Aktion, einen Kavalier nicht allein unschuldigerweise ums Leben, sondern sogar auch um die Ehre zu bringen?"
"Mein Herr!" sagte der Alte, "ich kann Sie wohl anhoren, allein Sie verzeihen mir, dass ich nach meiner Ordre leben muss. Mit einer Bibel will ich Ihnen dienen, und weiln ich glaube, dass Ihnen mit einer deutschen am besten gedienet sein mochte, so will ich Ihnen die wittenbergische, welche Ihr Doct. Lutherus ubersetzt hat, gleich morgen fruh uberschicken. Allein das sage ich, eine Stunde hernach komme ich selbst und erwarte auf die heutigen Fragen richtigere Antwort, wo nicht, so sehe ich mich gezwungen, meiner Ordre gemass mit Ihnen zu verfahren, derowegen sage ich noch einmal, besinnen Sie sich eines Bessern und befurchten sich keiner Gefahr, weiln es mir selbst leid sein sollte, an einem so artigen und wohlgebildeten Kavalier Scharfe zu gebrauchen."
"Mein Herr!" sprach Elbenstein mit funkelnden Augen, "was ich einmal ausgesagt habe, dabei bleibe ich bis an meinen Tod, und das ist der Bescheid, andere Reden wird Er niemals von mir horen, und wenn Er mich in Ole braten liesse. Sage Er Seiner Herrschaft, ich glaubte, dass sie etwas von mir torquieren wollten, wovon ich nichts wusste, vielleicht durstete ihnen nach deutschen Blute, das meinige ist parat, ihren Durst zu stillen, aber der Himmel wird es von ihnen wiederfordern."
Der alte Kerl, welcher vielleicht ein schlechtes Marmorium haben mochte, schrieb fast alle Worte auf, die Elbenstein redete. Er gab sich die Muhe, ihn durch allerhand Persuasoria noch zu gewinnen; allein da Elbenstein unbeweglich und immer auf einerlei Rede blieb, nahm er endlich mit einer sehr verdrusslichen Miene Abschied von ihm und ging seiner Wege.
Elbenstein legte sich unter allerhand bekummerten Gedanken ins Bette, verrichtete sein Gebet und schlief endlich ein, verharrete auch in seiner unruhigen Ruhe bis zu Aufgang der Sonne, da er denn nach verrichteten Morgengebete sich wieder uber sein Buch machte und etliche Tassen Tee darbei trank. Allein er hatte kaum eine Stunde gesessen, als der alte Sadrian schon wieder kam und ohne besondere Komplimenten fragte: "Nun, mein Herr! haben Sie sich diese Nacht hindurch eines andern besonnen? Soll ich Ihnen die Fragen noch einmal vorlesen, und wollen Sie nunmehro aufrichtiger bekennen?" Elbenstein antwortete: "Mein Herr gebe sich doch ferner keine Muhe, denn ich habe ja schon ein vor allemal gesagt, dass ich mit Grunde der Wahrheit nichts anders aussagen kann." "Nun!" versetzte der Alte, "so haben Sie es sich selbsten zuzuschreiben, dass ich meiner Ordre zufolge Sie scharfer angreifen muss, der Himmel ist mein Zeuge, dass ich keinen Gefallen daran habe." "Der Himmel", liess sich Elbenstein vernehmen, "hat mich in die Hande unbarmherziger und ungerechter Menschen verfallen lassen, darum muss ich mein Schicksal, es komme, wie es wolle, mit Geduld ertragen." Anstatt weiterzureden, zohe der Alte sein elfenbeinernes Pfeifgen hervor und pfiff dreimal darauf, da denn augenblicklich die zwei Stummen mit einer abscheulich grossen eisernen Kette herbeigetreten kamen, ihm dieselbe zweimal um den Hals schlungen, auch Arme und Beine kreuzweise schlossen, so dass er kaum eine Hand um die andere zum Munde bringen konnte. Er litte alles mit grosster Gedult, machte auch keine scheele Miene, da man das Silbergeschirr, Betten und andere Bequemlichkeiten aus dem Zimmer schaffte, hergegen ein paar Bund Stroh in einen Winkel warf, anstatt, des vorherigen mit Sammet beschlagenen Sessels ihm einen grossen Klotz hinsetzte, in Summa, alle kostbaren Meubles wegschaffte. Sein einziger Trost war nur, dass man ihm die Bibel und das Historienbuch liegenliess. Er setzte sich ganz grossmutig auf den Klotz. Der Alte aber sagte: "Sehen Sie, mein Herr! bis dahin haben Sie es mit Ihrer Halsstarrigkeit mutwilligerweise gebracht, und wenn Sie sich nicht noch in Zeiten zum Ziele legen, wird alles noch 1000mal schlimmer werden." "Es mag werden, wie es will", sagte Elbenstein, "wenn auch meine ungerechten Feinde so gar sehr durstig sind nach meinem unschuldigen Blute, mogen sie ja immer noch heute Anstalt machen, mir solches abzuzapfen."
Der Alte antwortete hierauf nichts, sondern ging stillschweigend wieder fort, Elbenstein aber stund mit seiner schweren Last auf und langete die Bibel. Im Aufschlagen fiel ihm zuallererst der 38. Psalm in die Augen, welchen er mit heissen Tranen und bussfertigen Herzen in grosster Bedachtsamkeit las, hernach noch mehrere Busspsalmen aufschlug und die Zeit mit Lesung im Psalter so lange zubrachte, bis ihm die Stummen einen Topf mit Wasser, ein halb verschimmeltes Brot und eine holzerne Schale mit Salz zur Mittagsmahlzeit darbrachten. Elbenstein dankte ihnen mit einer gelassenen, mehr freundlichen als betrubten Miene vor ihre Muhe, griff hoch begieriger nach dem elenden verschimmelten Brote als gestern nach den delikaten Gerichten. Weil man ihn auch kein Messer darzu gebracht, brach er mit grosster Muhe ein Stuck ab und ass es dem Scheine nach mit dem starksten Appetite, machte auch keine sauere Miene darzu, woruber der eine Stumme bitterlich zu weinen anfing, welches Elbenstein selbst jammerte, allein er liess sich nichts merken, sondern ass uber alle Macht, soviel er nur hinterbringen konnte, trunk etlichemal darzu aus dem Topfe, und endlich, da er merkte, dass er wenigstens auf 24 Stunden genug hatte, sein Leben naturlicherweise zu erhalten, machte er den Stummen zur Dankbarkeit noch ein Kompliment mit dem Kopfe und nahm das Historienbuch vor sich, denn als einem jungen Kavalier war ihm dennoch unmoglich, bestandig zu beten, ob er sich gleich eher auf einen gewaltsamen Tod als auf ein langeres Leben Rechnung machen konnte.
Abends brachten ihm, da er sich noch lange nicht mude gelesen, ohngeacht das Buch nicht aus seinen Handen kommen war, die Stummen eben diejenigen Traktamenten wieder, welche er mittags gehabt hatte; er nahm etwas weniges darvon, um nur zu zeigen, dass er sie nicht verschmahete, trunk auch einmal aus dem Topfe, welchen er neben sich stehenliess, und lase wieder in dem Historienbuche fort, wurde aber abends um zehn Uhr von dem Alten wieder gestoret, welcher kam und die oft getanen Fragen repetierte, ob er nehmlich noch nicht aufrichtigere und wahrhaftere Antwort geben wollte. Elbenstein sagte: "Was ich dem Herrn einmal geantwortet, dabei hat es sein Bewenden, ich werde niemals anders reden." "Sie haben", sagte der Alte noch, "auch diese Nacht Zeit, sich zu besinnen, sonsten wird morgen ein Mehreres und Verdrusslicheres passieren." Elbenstein sagte weiter nichts als: "Es komme, wie es wolle, ich bin in Eurer Gewalt." Mit dieser Resolution marschierte der Alte abermals ab. Elbenstein las noch eine gute Stunde in der Bibel, wornach er sich auf das Stroh niederlegte und mit einer pferdeharnen Decke, die ihm der barmherzige Stumme vielleicht ohne Ordre, sondern nur aus guten Gemute brachte, zudeckte. Fruhmorgens, da er aufstund, war weder Tee, Kaffee noch Schokolade zubereitet, hergegen lag verschimmelter Zwieback auf dem Tische und stund ein Topf mit frischen Wasser darbei. Er wusch sich und tat zugleich einen guten Trunk Wasser, setzte sich wieder auf den Klotz und las in der Bibel, bis etwa zwei Stunden nach der Sonnen Aufgang der Alte kam und fragte, ob er sich besonnen. "Ich habe mich", gab Elbenstein, "auf nichts zu besinnen, als wie ich mich als ein rechtschaffener Christe in mein Verhangnis finden konne, sonsten aber bleibt alles bei meinen vorigen Reden."
Demnach befahl der Alte Elbensteinen, dass er mit ihm gehen, den Stummen aber, dass sie ihm folgen sollten. Einer sowohl als der andere leistete Parition, demnach fuhrete ihn der Alte zur Tur hinaus, allwo Elbenstein bemerkte, dass eine hohe schmale Treppe zwischen den Mauren hinauf in das Obergebaude ging. Allein er wurde nicht dahinauf, sondern eine andere Treppe von 18 Stufen hinunter in ein finsteres Gewolbe gefuhret, allwo nur eine einzige Ollampe brannte. Es war in einem Winkel eine Bucht gemacht, worinnen etwas Stroh und eine harene Decke lag, und bei derselben lagen auf einem Brette zwei verschimmelte Brote, auch stund ein Eimer voller Wasser dabei nebst einem kleinen Topfgen, womit man herausschopfen konnte. Der Alte sagte weiter nichts als dieses: "Hinfuro wird dieses Euer Logis sein." "Ich danke", sagte Elbenstein, "der Himmel gebe, dass heute oder morgen aus diesem Lager mein Sterbebette wird und dass die Gespenster so lange in dieser Behausung herumschwarmen mussen, bis es an das Tageslicht gekommen, wie barbarisch man mit mir Unschuldigen verfahren hat."
Der Alte gab keine Antwort hierauf, sondern ging mit den Stummen fort, schloss die mit verschiedenen Schlossern besetzte eiserne Tur hinter sich zu und uberliess Elbensteinen seinem eigenen verwirrten Gedankenspiele. Was nun dieser vor Gedanken gehabt haben mag, lasst sich vorgemeldten Umstanden nach leichter erraten als beschreiben. Es wurde auch viel zu weitlauftig fallen, dergleichen ausfuhrlich zu melden. Kurz, er lag fast die meiste Zeit in seiner Strohbucht, bis ihn der Hunger und Durst plagte, da er denn zuweiln aufstund, ein Stuck verschimmelt Brot abbrach, ein Topfgen voll Wasser austrunk, ein wenig auf und ab spazierte und sich endlich wieder ins Stroh einscharrete. Das einzige Vergnugen, welches er hatte, war dieses, dass er durch drei in Stein gehauene, etwa drei Querfinger breite Ritzen unterscheiden konnte, ob es Tag oder Nacht ware. Also brachte er an diesem Orte drei Tage und drei Nachte zu, da ihm denn nichts beschwerlicher fiel als die zweimal um den Hals herumgeschlagene Kette. Vierten Tags etwa um neun Uhr vormittags kam der Alte wieder, um zu sehn, ob er noch lebte, und zu fragen, ob er nunmehro besser herausbeichten wolle. Ob nun schon Elbenstein ihm kein gut Wort gab, sondern teuer schwur, dass er niemals anders reden wurde, so befahl ihm doch der Alte von selbsten, dass er aufstehen und ihm folgen solle. Er brachte ihm demnach wieder in sein altes Logis, liess ihn erstlich Tee und Persico geben, mittags aber eine kavaliermassige Mahlzeit auftragen, auch ein paar Bouteillen Wein, doch eben nicht von besten, bringen. Elbenstein war nur froh, dass er des Tages Licht wieder sahe, liess sich auch Speise und Trank nicht ubel schmecken; was ihn aber am meisten erfreuete, war dieses, dass er die Bibel und das Historienbuch noch auf dem Tische liegend fand. Weil er nun Ursache, Gott zu danken, hatte, dass er ihn vor dieses Mal aus dem finstern Kerker erloset, so schlug er erstlich etliche Dank- und Trost-Psalmen auf, welche er mit grosser Andacht betete, hernach aber sein Historienbuch wieder vor sich nahm und darinnen so lange las, bis ihm die Abendmahlzeit aufgetragen wurde, die sehr gut und fast noch besser als die Mittagsmahlzeit war. Sobald er dieselbe eingenommen, nahm er wieder sein Buch vor sich, befurchtete zwar immer, dass der Alte wiederkommen und ihn mit weitern Fragen qualen wurde, allein es kam derselbe diesen Abend nicht, weswegen Elbenstein bis nach Mitternacht ungestort fortlesen konnte, nachhero aber seine Ruhe auf dem Stroh suchte.
Fruhmorgens, sobald er aufgestanden, bereiteten ihm die Stummen den Tee, setzten ihm hernach eine kleine Bouteille mit Persico und einen Trinkglase vor. Er genoss nach Appetite von beiden, lase hernach den Vormittag in der Bibel, nach der Mahlzeit aber, die so gut als vorigen Tages war, im Historienbuche bis abends zehn Uhr, da der Alte wieder kam und ihm vermeldete, wasmassen er neue Ordre bekommen, daferne der Herr von Elbenstein nicht in Gute die Wahrheit bekennen wollte, ihn noch scharfer als bishero anzugreifen. "Ich habe mich ja", sagte Elbenstein, "bishero deutlich und oft genung erklaret, dass ich keine andere Wahrheit ausreden kann, als die ich ausgeredet habe, derowegen mogen die Barbarn doch nur meiner Qual ein Ende machen und mich meines Lebens berauben, damit ich nur meiner Marter loskomme. Haben sie aber ihr Vergnugen daran, mich Unschuldigen zu torquieren, vielleicht aus den Ursachen, dass ich ein Lutheraner bin? Wohlan! sie mogen es auch tun, endlich, ja endlich wird doch der Himmel ein Ende daraus machen und meine Unschuld rachen."
"Dieses alles gehet mich nichts an", sagte der alte verzweifelte Inquisitor, "sondern ich erkenne mich schuldig, den Befehlen meiner Herrschaft ein Genuge zu leisten und die Verantwortung derselben ihnen zu uberlassen; wenn demnach mein Herr auf Ihrem Eigensinne beharren, so nehmen Sie mir nicht ubel, dass ich meiner Instruktion gemass Ihnen werde gewaltige Schmerzen an Ihren Gliedmassen verursachen mussen."
"Ist's denn nicht genung", fragte Elbenstein, "dass ich mein Leben darbiete, was will man mich denn als einen unschuldigen Kavalier um einer unerwiesenen Sache auf die Tortur bringen? Jedoch es ergehe mir, wie der Himmel will, weiter und anders werde ich nimmermehr aussagen, als ich ausgesagt habe." Hierauf langete der Alte, welcher einem Halbmeister ahnlicher sahe als einem Krammesvogel, seine Pfeife heraus, pfiff dreimal, da denn die Stummen sogleich eine Kohlpfanne mit gluhenden Kohlen ins Gewolbe hereinbrachten und dieselbe auf den Tisch setzten. Der Alte zohe sechs Goldstucke, ohngefahr eines franzosischen halben Guldens gross, jedoch etwas dicker, aus seiner Ficke und legte dieselben auf die gluhenden Kohlen, befahl darbei den Stummen, dass sie Elbensteinen die Strumpfe abziehen sollten. Dieser wollte solches durchaus nicht geschehen lassen, da aber der Alte sagte: "Mein Herr! sperret Euch nicht, denn wenn ich nur noch einmal pfeife, so kommen den Augenblick noch sechs bewehrte Manner herein, welche Euch schon zur Raison bringen sollen." Elbenstein liess es darauf ankommen und stiess den einen Stummen mit solcher Gewalt von sich, dass er zur Erden fiel. Im selbigen Augenblicke pfiff der Alte, da denn sogleich sechs Mann mit blanken Schwertern ins Gewolbe hereingetreten kamen, woruber Elbenstein einigermassen erschrak und mit sich umgehen liess, wie man wollte, weswegen denn auch der Alte den sechs Bewaffneten sogleich den Zuruckmarsch anbefahl.
Demnach legte ihm der eine Stumme erstlich auf jeden Fuss ein Goldstuck, welches fast gluhend war. Der Schmerz war heftig, jedoch Elbenstein biss die Zahne zusammen und antwortete auf des Alten Fragen und Vermahnungen kein einziges Wort. Derowegen liess ihm derselbe noch zwei heisse Goldstucke auf die dikken Beine uber die Knie und endlich noch zwei auf das dicke Fleisch der Arme legen. Allein je heftiger der Schmerz, je verstockter wurde Elbenstein, gab auf nichts Antwort, sondern verfluchte nur seine Tyrannen in Abgrund der Hollen.
Der Alte ging hierauf abermals stillschweigend fort, der barmherzige Stumme aber beschmierte ein Lappgen mit Salbe, schnitte Stucken daraus und legte ihm dieselben auf die Brandflecke. Die darauffolgende Nacht war wohl die schmerzhafteste und klaglichste in Elbensteins bisherigen ganzen Leben, indem fast nicht der geringste Schlaf in seine Augen kam.
Acht Tage nacheinander wurde er zwar mit guten Speisen und Wein versorget, auch von dem Stummen taglich dreimal mit der Salbe verbunden, so dass seine Brandflecke fast ganzlich geheilet waren, allein am Abend des achten Tages kam der alte Inquisitor wieder zum Vorscheine und vermeldete ihm, wie dass seine Herrschaft durch seine, Elbensteins, Verstokkung und Hartnackigkeit (da ihnen doch die ganze Sache ziemlichermassen bekannt) dergestalt zum Zorne gereizt worden, dass sie ihm Ordre geschickt, ihn, Elbensteinen, heutige Nacht in der Mitternachtsstunde mit dem Schwerte vom Leben zum Tode bringen zu lassen, also hatte er nur noch etwa drei bis vier Stunden Zeit, sich zu seinem Ende zu bereiten, und wo er etwa einen romisch-katholischen Geistlichen verlangete, sollte derselbe alsogleich bei ihm erscheinen. Wider dieses letztere protestierte Elbenstein und versicherte, dass er sich mit gottl. Hulfe gnugsam im Stande befande, zu seinem Ende zu praparieren, und da er auf seine Religion und den Glauben, bei welchem er von Jugend an erzogen worden, zu sterben entschlossen, ware es nicht ratsam, die ubrige wenige Zeit seines Lebens mit unnotigen Disputieren zuzubringen, unterdessen bate er weiter nichts, als dass diejenigen, welche ihm also unschuldigerweise seines Lebens berauben liessen, in Betracht, dass er ein Kavalier und bei einem vornehmen Fursten in Diensten stunde, seinen Korper an einen ehrlichen Ort begraben, auch unter der Hand seinem Fursten mochten wissen lassen, wie er eines unglucklichen plotzlichen Todes gestorben ware, damit der Furst nicht etwa glauben mochte, als ob er heimlich echappiert ware. "Die Gnade in Gewahrung dieser beiden Bitten wird Euch ohnfehlbar widerfahren", sagte der Alte, ging hierauf fort. Elbenstein aber, der sich ganz allein im Gewolbe sahe, fiel nieder auf seine Knie und betete mit heissen Tranen zu Gott um Vergebung seiner Sunden und um ein seliges Ende. Er sehnete sich herzlich, noch einmal das heil. Abendmahl von einen evangel. lutherischen Priester zu empfangen, weil aber dieser Wunsch vergeblich, wendete er sich um soviel desto eifriger zum Gebet, bis er endlich von den beiden Stummen darinnen gestoret wurde, als welche eine kostliche Mahlzeit vor ihn aufzutragen anfingen. Ohngeacht er ihnen nun sagte, dass sie sich seinetwegen keine Muhe machen mochten, indem er weder essen noch trinken wurde, so kehreten sie sich doch daran nicht, sondern trugen alles auf und liessen es stehen. Elbenstein aber ruhrete weder Speisen noch Wein an, sondern verharrete im Gebet bis gegen die Mitternachtsstunde, da der Alte wiederkam, der dem einen Stummen winkte und ihm mit Zeichen etwas zu verstehen gab. Dieser ging sogleich fort, kam aber bald wieder zuruck und brachte einen Hebekorb getragen, worinnen ein schwarzes Sterbekleid, ein sauberes weisses Hembde, ein paar weisse seidene Strumpfe und dergleichen Mutze mit einem schwarzen Bande lagen. Hierauf pfiff der Alte, da denn sogleich sechs Mann mit blossen Schwertern ins Gewolbe traten. Als Elbenstein diese sahe, sprach er ganz entrustet zu dem Alten: "Will man denn so gar grausam barbarisch mit mir verfahren und mich in Stukken zerhauen? Ist's denn nicht genug, wenn mir der Kopf mit einem Streiche abgeschlagen wird?" "Diese", gab der Alte zur Antwort, "werden nicht an Euch kommen, woferne Ihr nicht etwa Miene macht, Euch zur Wehre zu stellen, denn Ihr werdet jetzo losgeschlossen werden, damit Ihr als ein Kavalier nicht in Ketten und Banden sterbet, auch vorhero Eure Sterbekleider anlegen konnet." "Es ist gut", sagte Elbenstein, "unterdessen ist es nicht notig, dass ich andere Sterbekleider anziehe, denn diese, so ich anhabe, sind mir Sterbekleider genug." "Es ist mir aber", versetzte der Alte, "also befohlen, mithin werdet Ihr Euch nicht weigern zu gehorsamen." "Diesen Gefallen", liess sich Elbenstein vernehmen, "kann ich ja meinen Tyrannen auch noch wohl erweisen." Hierauf ging er hinter die Spanische Wand und zohe alles an, kam hernach hervor, setzte sich auf den Klotz und nahm die Bibel in die Hand, allein der Alte liess ihn nicht zum Lesen kommen, sondern tat ihm die ehemaligen Propositiones nochmals, bat ihn ziemlich beweglich, dass er doch seine Halsstarrigkeit ablegen und auf die bewussten Punkte aufrichtige Antwort erteilen mochte, womit er nicht allein sein Leben retten, sondern auch sogleich nach zweien Tagen seine Freiheit nebst einem kostbarn Geschenke erhalten wurde. Allein Elbenstein blieb unbeweglich als ein Fels und bat den Alten zu guter Letzt nochmals, ihn mit fernern Zureden zu verschonen, weil er wider die Wahrheit nicht reden, sondern viel lieber sterben wolle; er solle ihm demnach nur nicht lange qualen, sondern seiner Ordre gemass verfahren, denn er ware versichert, dass der Himmel sein Blut rachen wurde.
Der Alte entschuldigte sich nochmals, dass er seiner Ordre parieren, die herrschaftlichen Befehle ausrichten und ihnen die Verantwortung uberlassen musste. Unterdessen aber pfiff er auf seiner Pfeife, wornach sogleich ein dicker starker Mann mit einem langen, sechs Finger breiten blanken Schwerte hereingetreten kam. "Dieser", sagte der Alte, "ist der allergeschickteste Meister im ganzen Lande, Euch, mein Herr, auch im Dunkeln den Kopf auf einen Hieb herunterzuhauen, woferne Ihr nur den Hals fein in die Hohe recket; wollet Ihr aber noch Gnade haben, so folget demjenigen, was ich Euch heute abends noch zu guter Letzt proponiert habe." "Ein Kavalier, wie ich bin", sagte Elbenstein, "muss bei keinen Barbarn um Gnade bitten, sondern ehe sein Leben hingeben." "Nun, so geschehe es denn", sprach der Alte, winkte inzwischen den Stummen, welche sogleich herzukamen, ein schwarzes Tuch auf den Boden breiteten und einen Sessel ohne Lehne darauf setzten, worauf Elbenstein seinen Platz nehmen musste.
Der Alte prasentierte ihm ein Tuch, sich die Augen darmit verbinden zu lassen, allein Elbenstein sagte: "Ein rechtschaffener unschuldiger Kavalier kann sich gewalttatigerweise seinen Kopf ohne Verbindung der Augen abschlagen lassen; aber", sagte er weiter zum Scharfrichter, "hier habt Ihr, mein Freund, meine kleine Goldbeurse, worinnen wenigstens 200 Dukaten befindlich, nehmet Euch wohl in acht, qualet mich nicht, sondern machet nach Eurer Kunst, dass Ihr mir nur den Kopf in einem Hiebe herunter bringet. Inzwischen", sagte Elbenstein noch weiter, "erlaubt mir nur, dass ich noch eine sehr kurze Zeit mein Gebet zu Gott verrichte, sobald ich aber zum dritten Male mit dem Fusse auf den Boden stosse, so hauet zu."
Der Scharfrichter nahm das Geschenk an, versicherte ihn, dass er sich auf seine Kunst verlassen konne, inzwischen wolle er ihm auch seinen letzten Willen erfullen, nur bate er, dass er zwar den Hals, aber keine Hand in die Hohe reckte, damit sein Korper nicht etwa zerstuckt werden mochte. Elbenstein versicherte ihn, dieserwegen unbesorgt zu sein, griff hierauf nach der Bibel und las den 51. Psalm bis auf den 14. Vers inklusive. Hierauf tat er den ersten Tritt mit dem Fusse. Man brachte ihm einen Pokal mit Wein, allein er nahm denselben nicht an, sondern betete in seinen Gedanken das Lied: 'Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn' etc. etc. Er geriet daruber in tiefe Gedanken, weswegen ihn der Alte erinnerte, sich nicht langer aufzuhalten, sondern seine Resolution in der Kurze von sich zu geben, weiln er noch in dieser Stunde Gnade zu hoffen hatte. Elbenstein aber ermunterte sich sogleich, antwortete zwar dem Alten kein Wort, stiess jedoch zum zweiten Male mit dem Fusse auf den Boden, betete hernach noch etliche Spruche und endlich: 'Herr Jesu! dir lebe ich, Herr Jesu! dir sterbe ich' etc. etc., unter welchen Worten er zum dritten Male auf die Erde stampfte und den letzten Streich erwartete. Es waren ihm sozusagen schon fast alle Gedanken vergangen, und der Scharfrichter war eben im Begriff, den Streich zu vollfuhren, als eine Stimme, jedoch nicht des Alten Stimme, rief: "Halt! er soll auf diesmal Gnade haben."
Es wusste Elbenstein, wie gesagt, fast gar nicht, wie ihm geschahe, und die grausame Alteration brachte ihm eine heftige Ohnmacht zuwege, so dass er plotzlich vom Stuhle herunterfiel und von seinen Sinnen nicht wusste. Es wahrete uber zwei gute Stunden, ehe er wieder zu sich selbst kam, und da befand er sich in einem andern kostbar meublierten Zimmer in einem propren Bette, und zwar im blossen Hembde liegend. Er schmeckte noch im Munde, dass man ihm Arzenei eingegossen haben musse, auch fuhlete er, dass ihm am Arme zur Ader gelassen, ingleichen judizierte er wegen des Geruchs, dass man ihn mit starken Spiritibus musse gewaschen haben. Demnach als er bemerkte, dass seine Lebensgeister wieder zuruckgekommen, richtete er sich im Bette auf, da denn sogleich die beiden Stummen herzutraten, von welchen er ein Glas Wasser forderte, indem ihm der Mund und Hals ungemein trocken war. Der eine Stumme brachte ihm also ein Glas Limonade, welches er sehr begierig austrank und noch eins forderte. Wie nun auch dieses verschluckt war, legte er sich wieder nieder und schlief, jedoch sehr unruhig, bis die Sonne aufgegangen war, da ihm denn ein kleiner Tisch vors Bette und der Tee darauf gesetzt wurde. Der eine Stumme brachte ihm ein Glas Tropfen benebst einem Zettel, worauf geschrieben stunde, wieviel und wie oft er von dieser herzstarkenden Arzenei einnehmen sollte. Er gebrauchte die Arzenei, welche sehr stark und wohlschmeckend; endlich, nachdem er funf bis sechs Schalichen Tee getrunken, legte er sich wieder zuruck ins Bette nieder, konnte aber nicht wieder einschlafen, sondern lag mit offenen Augen und sahe seinem fernerweitigen Schicksale entgegen, betrachtete auch das bisherige mit ziemlicher Gemutsruhe. Die Speisen und Wein, so ihm mittags und abends gebracht wurden, schienen aus einer furstlichen Kuche zu sein, demohngeacht hatte er diesen und folgenden Tag wenig Appetit, am dritten Tage aber fruhmorgens, nachdem er die vorige Nacht ungemein wohl geschlafen hatte, befand er sich ganz gesund, munter und frisch, welches er der kostlichen Arzenei zuschrieb, die er beide Tage nach der Vorschrift fleissig gebraucht hatte. Er fragte demnach die stummen Bedienten, ob ihm erlaubt ware aufzustehen und seine Kleider anzuziehen. Die Stummen winkten mit dem Haupte, brachten auch gleich seine Kleider herbeigetragen, weswegen er aufstund und sich ankleidete, mittlerweile ihm die Stummen den Tee auf den Tisch setzten. Sobald er nach Belieben davon wie auch von der Arzenei zu sich genommen, fragte er die Stummen, ob sie ihm die beiden Bucher nicht wieder verschaffen konnten, damit er einigen Zeitvertreib hatte. Augenblicklich lief einer fort und brachte ihm sowohl die Bibel als das Historienbuch, weswegen er erstlich ein paar Stunden seine Andacht in der Bibel hatte, hernach in dem Historienbuche lase, bis ihm mittags die kostlichen Traktamenten auf den Tisch gesetzt wurden. Er speisete mit guten Appetit, trunk auch etwas mehr Wein als vorige Tage und befand sich im ubrigen sehr gestarkt und wohlauf. Den ganzen Nachmittag brachte er abermals mit Lesen in dem Buche zu, abends aber, nachdem er gespeiset, kam der Alte, wunschte ihm ganz freundlich einen guten Abend, gratulierte ihm zu guter Besserung und bat ihn um Vergebung, dass er seiner Ordre zufolge also mit ihm verfahren mussen. Nunmehro habe er Ordre, ihn aufs allerbeste zu traktieren, voritzo aber ersuchte er ihn, in ein ander Zimmer zu folgen. Hiermit gab er den Stummen zu vernehmen, dass sie zwei silberne Leuchter mit Wachslichtern nehmen sollten. Diese gehorsameten, Elbenstein wurde von dem Alten genotiget, hinter ihnen herzugehen, er selbst aber folgte, und also passierten sie erstlich durch einen kleinen Gang, hernach eine schmale steinerne Treppe in die Hohe, da sie denn auf einen grossen Saal kamen, allwo der Alte vorausging und ein Zimmer eroffnete, welches inwendig mit den kostbarsten turkischen Tapeten ausgezieret und uberhaupt dergestalt propre meubliert war, dass sich kein Konig schamen durfen, darinnen zu logieren. Es stund ein mit Wein und Konfekt besetzter Tisch auf der einen Seite, welchen ihm der Alte zeigte, auch sagte: "Ew. Herrl. werden ohnfehlbar von dem lang gewachsenen Barte inkommodiert werden. Dieser eine Stumme ist sehr geschickt, den Bart abzunehmen, derowegen konnen Sie sich von ihm akkommodieren lassen." Es war wurklich an dem, dass Elbenstein von dem langen und starken Barte sehr vexiert wurde, indem ihm der Hals ganz wund gerieben war, derowegen nahm er das Erbieten mit Vergnugen an. Als ihm nun noch der Alte einen silbernen Ring zeigte, woran er nur ziehen durfte, wenn er jemanden oder etwas verlangete, indem es ihm doch vielleicht ungelegen sein durfte, wenn die Stummen bestandig bei ihm im Zimmer waren, so wunschte er ihm eine geruhige Nacht und retirierte sich. Elbenstein liess sich barbieren, sagte hernach zu den Stummen, dass sie ihm nur die beiden Bucher heraufbringen, hernach sich zur Ruhe begeben mochten, weil er sich mit allen Bedurfnissen wohl versorgt sahe. Dieses geschahe, und Elbenstein divertierte sich noch mit Lesen bis um Mitternachtszeit, trunk auch unterweilen ein Glasgen Wein darzu. Als aber die im Zimmer hangende Uhr die Mitternachtsstunde anzeigete, zindete er das Nachtlicht an und war eben im Begriff, die beiden brennenden Wachslichter auszuloschen. Indem eroffneten sich auf einer Seite die Tapeten, und es trat eine Person in einen langen rosenfarbenen Schlafrocke durch dieselben ins Zimmer hinein, sie hatte einen saubern Hauptschmuck auf u. ihr Gesichte war sehr wohlgebildet.
Elbenstein erschrak, dass ihm alle Glieder zitterten, und zwar noch weit arger als in Ariqua bei der Baronne von K. Das Frauenzimmer bemerkte sein Erschrekken, machte ihm derowegen mit einer verliebten und angenehmen Miene ein hofliches Kompliment und sagte: "Erschrecken Sie nicht, mein Herr! ich bin kein Gespenst, sondern eine Person, die Fleisch und Beine hat, wie Sie sehen und fuhlen konnen." Indem sie dieses redete, schlug sie den Schlafrock voneinander und zeigte ihren ganzen blossen Leib ohne Hembde, welcher sehr zart und weiss schien, auch mit ein paar wohlproportionierten harten Liebesapfeln versehen war. Da aber Elbenstein noch immer als ein steinern Bild stund und weder redete noch sich bewegte, trat das Frauenzimmer naher, ergriff ihn bei der Hand und sagte: "Kommen Sie, mein Herr! setzen Sie sich zu mir an diesen Konfekttisch und trinken mir ein Glas Wein zu." Elbenstein sahe sich also gezwungen niederzusitzen. Das Frauenzimmer sahe ihn bestandig mit verliebten Augen und Gebarden an, entblossete auch, da er noch gar nicht reden wollte, zum oftern nicht nur die Brust, sondern auch den ganzen Leib, ja sie wollte ihn endlich gar embrassieren und kussen. Allein er hielt sie davon mit einer hoflichen Manier zuruck, offnete auch endlich seinen Mund und fing dieses an zu reden. "Ich kann gar nicht begreifen, wie das Schicksal in diesem Hause oder Schlosse, was es sein mag, so wunderbar mit mir spielet. Allein, schone Dame, ich will Ihnen im voraus sagen, dass ich zu einer ungluckseligen Stunde empfangen und geboren bin, denn die Natur hat mich schon im Mutterleibe derjenigen Werkzeuge beraubt, mit welchem andere Mannespersonen dem Frauenzimmer vollkommene Satisfaktion geben konnen. Uber dieses sollte auch wohl der allerwollustigste Kavalier, wenn er sich in meinen jetzigen Umstanden befande, hierzu incapable sein. Darum bitte ich Sie, schonste Dame, mir nicht ungutig zu nehmen, dass ich Ihren Liebesappetit nicht stillen kann."
"Die erstere Entschuldigung", sagte das Frauenzimmer, "kommt mir als ein Marlein vor, weil Ihr mir jederzeit mehr als zu vigoreux vorgekommen, und die andere wird von sich selbst hinwegfallen, wenn wir erstlich im Bette beieinander warm geworden sind. Eben dieserwegen bin ich zu Euch gekommen, Euch Eures bishero ausgestandenen Missvergnugens vergessend zu machen, denn ich glaube sicherlich, dass auch die kostlichsten Traktamenten nicht vermogend sind, einen jungen Kavalier zu vergnugen, wenn er keine Liebesarbeit darbei verrichten darf. Bin ich denn etwa gar so hasslich, dass Ihr mich nicht lieben wollet? Ich versichre Euch, dass Ihr meinetwegen keine Gefahr zu besorgen habt, denn ich bin ein lediges Frauenzimmer, die ihren Leib noch niemanden preisgegeben hat, aber in Euch, mein Herr! habe ich mich sterblich verliebt, sobald ich Euch vor wenig Monaten zum ersten Male gesehen habe. Furchtet Ihr Euch etwa vor dem alten Herrn, der vorhin bei Euch gewesen ist? Das habt Ihr nicht Ursach, ziehet an dem Glocklein und lasset ihn durch einen Bedienten heraufrufen. Er wird gleich da sein und uns die Erlaubnis geben, dass wir beisammen schlafen durfen, denn er weiss, dass ich Euch inniglich liebe, und nicht allein dieserwegen, sondern auch, weil er Befehl hat, auf das ausgestandene Schrecken Euch alles nur ersinnliche Vergnugen in dieser Eurer Einsamkeit zu machen, so siehet er es von Herzen gern, wenn ich Euch des Nachts einen vergnugten Zeitvertreib mache. Lasset ihn rufen, fraget ihn selbst, damit wir uns desto freier und sicherer miteinander ergotzen konnen." Unter diesen letztern Worten schenkte sie ein Glas Wein ein und trunk es auf Elbensteins Gesundheit aus, und dieser tat dergleichen. Da er ihr aber auf ihre Reden gar keine Antwort geben wollte, sagte sie: "Wie, mein Engel! habt Ihr denn ein Herz von Stein und wollet meinen Leib verschmahen? Sehet mich doch nur erstlich noch einmal recht an, befuhlet mich und sagt hernach, was vor einen Tadel Ihr an mir findet."
Es war wohl an dem, dass der alte Adam bei Elbensteinen aufwachte, jedoch er war so glucklich, denselben zu unterdrucken, entweder weil es ihm ein Ernst, die Luste des Fleisches nicht mehr auszuuben oder weil er sich wegen der ausgestandenen Todesangst noch nicht wollustig genug befand oder, welches fast am meisten zu glauben, weil er befurchtete, man mochte ihm eine neue Fallbrucke zubereitet haben. Derowegen gab er dem Frauenzimmer zur Antwort: "Vortreffliches Geschopf! ich glaube schwerlich, dass ein schonerer Korper kann gefunden werden als der Ihrige, denn Sie sind ein rechtes Meisterstuck der Natur, ich Elender habe aber die grosste Ursache, bei solchen Umstanden mich uber die Grausamkeit der Natur zu beschweren, dass sie mir nicht auch dasjenige mitgeteilet, was sie doch dem allergeringsten Baurenknechte gegeben. Schonster Engel! Ich wollte ja gern, aber ich kann ja nicht! Derowegen qualen Sie mich doch nicht!" "Ei!" sagte das Frauenzimmer, nachdem sie noch ein Glas Wein ausgetrunken hatte, "es mag denn sein, wie es sei, ich liebe doch Eure Person, kommet nur mit mir ins Bette, damit ich das Vergnugen habe, Euch zu umarmen und zu kussen, wenn mir gleich der vollige Genuss Eurer Liebe versagt wird." "Dieses ware", versetzte Elbenstein, "eine vollkommene Tortur vor mich, bedenken Sie es selbst, liebenswurdige Dame! Bei einem solchen schonen Bilde zu liegen und sich mit demselben nicht divertieren zu konnen, wurde mir dieses nicht 1000 Seufzer auspressen? Was ware Ihnen also mit meiner Qual gedienet? Derowegen sein Sie so gutig, begeben sich in Ihrem Zimmer zur Ruhe, weil ich sicher glaube, dass tausend qualifiziertere Kavaliers, als ich bin, sich mein heutiges Gluck in diesem Stucke wunschen mochten, es also Ihnen, werteste Dame! am Liebesvergnugen nicht ermangeln kann, ich aber muss mein Ungluck beklagen." "Nein!" sagte sie, "ich muss bei Euch im Bette liegen, kommet nur!" Hiermit fuhr sie vom Stuhle auf, liess ihren Schlafrock fallen, stund also nackend und bloss vor Elbensteins Augen, welcher jedoch seinen Arm auf den Tisch stutzte und die Hand vor die Augen hielt. "Ach, Ihr schamet Euch zu sehr, mein Herr!" liess sich die Verfuhrerin vernehmen, "kommet nur ins Bette und ziehet die Gardinen zu." Hiermit nahm sie ihren Schlafrock, legte denselben auf einen Stuhl vors Bette, sie aber stieg ganz gemachlich hinein und legte sich zurechte in Meinung, dass Elbenstein nachfolgen wurde. Allein dieser, welcher den Streich als eine der starksten Versuchungen des Satans ansahe, nahm die Bibel zur Hand und schlug darinnen etliche Psalmen auf, welche sich auf seinen Zustand wohl applizierten. Etwa eine Viertelstunde hatte das Frauenzimmer gelegen, als sie rufte: "Wollet Ihr noch nicht kommen, mein Engel! habt Ihr noch nicht ausgebetet? Ihr seid ja doch kein Geistlicher? und o wieviel 1000 geistliche Herrn sollten ihr Gebet wer weiss wie lange unterlassen, wenn sie so gute Gelegenheit zu Pflegung der Liebe hatten."
"Lassen Sie mich nur immer beten", replizierte Elbenstein, "schlafen Sie ruhig und gonnen mir die Ehre, dass ich Sie bewache." "O Unbarmherziger!" rief die Dame, "ist's moglich, dass Ihr so grausam sein konnet, mir nicht einmal das Vergnugen zu gonnen und in meinen Armen zu schlafen?" "Zurnen Sie nicht mit mir, Schonste", sagte Elbenstein, "sondern mit der unbarmherzigen Natur, die mich untuchtig zum Liebeswerke gemacht hat." Hierzu schwieg das Frauenzimmer stille und fing an zu schnuben, so dass Elbenstein nicht wusste, ob es ein wurklicher oder verstellter Schlaf bei ihr war. Er aber blieb auf seinen Stuhle sitzen und lase in der Bibel, bis der Tag anbrach, da denn das Frauenzimmer abermals nackend aus dem Bette heraussprunge, etlichemal auf und ab spazierete, endlich vor ihn trat und sagte: "Wollet Ihr mich noch nicht lieben?" "Ich wollte wohl", gab Elbenstein darauf, "wenn ich nur konnte." Sie sprach: "So kusset mich doch wenigstens nur einmal." "Ich habe es", erwiderte Elbenstein, "nicht allein verredet, zeit meines Lebens kein Frauenzimmer zu kussen, weilen es doch mir und ihr zu nichts helfen kann, sondern ich will auch in diesem Stucke meine Keuschheit bewahren." "O du Keuschheit uber alle Keuschheit!" sagte die Coquette, warf damit ihren Schlafrock uber sich, machte ihm ein Kompliment und retirierte sich durch die hinter den Tapeten befindliche Tur in ein ander Zimmer.
Der sehr ermudete Elbenstein dankte dem Himmel, dass er ihm diese sehr starke satanische Versuchung so ritterlich uberwinden helfen, weiln er aber Bedenken trug, sich in das Bette einzuscharren, wo diese Geile gelegen hatte, als legte er sich nur ohnausgezogen im Schlafrocke auf die Oberdecke und schlief einige Stunden.
Kurz vor der Mittagsmahlzeit kam der Alte und fragte, wie er sich befande und ob er etwas Ausserordentliches verlangte. Elbenstein gab zur Antwort: "Nichts anders mochte ich verlangen und wunschen als meine Freiheit, zu meinem Fursten zu reisen, um demselben zu zeigen, dass ich kein ehrvergessener Deserteur sei." "Da wird schon bald Rat darzu werden", sagte der Alte mit sehr freundlichen Gebarden, "Sie sollen sich nur erstlich wieder ausfuttern und Ihres Kummers vergessen, damit Sie desto frohlicher von uns Abschied nehmen konnen, denn alles, was geschehen, ist mir selbsten zum grossten Leidwesen geschehen. Aber, a propos", fuhr der Alte im Reden fort, "mein Herr! warum sind Sie denn so grausam ekel gewesen und haben das artige Frauenzimmer verschmahet, welches ich gestern abend zu Ihnen kommen lassen? Ich kann Ihnen bei meiner Ehre versichern, dass es keine gemeine Canaille, sondern ein Kind von vornehmen Eltern ist. Sie hat sich schon vor einiger Zeit in Sie verliebt gehabt und mir ihre heftige Liebe anvertrauet, weiln mir nun von meiner Herrschaft anbefohlen worden, Ihnen, mein Herr, alles erdenkliche Vergnugen in Ihrer Einsamkeit zu machen, so vermeinete ich, mit einem wohlgebildeten Frauenzimmer meine Sache hauptsachlich wohl gemacht zu haben, muss aber von ihr vernehmen, dass sie sehr kaltsinnig von Ihnen traktiert worden. Ei! gebrauchen Sie sich doch der Gelegenheit, solange Sie noch hier sind, sie soll alle Nacht bei Ihnen bleiben, und haben Sie sich dieserwegen nicht der geringsten Verantwortung zu besorgen, es wird sich auch niemand daruber aufhalten, denn es weiss niemand etwas davon als ich ganz allein."
"Um Gottes willen, mein Herr!" widerredete Elbenstein, "verschonen Sie mich mit dergleichen Liebespossen, denn sie sind ganz und gar wider mein Naturell, ein gutes Buch kann mir die Zeit besser passieren als das schonste Frauenzimmer, jedoch habe ich allen geziemenden Respekt vor dieses schone Geschlechte." "Erlauben Sie denn, dass dieses artige Kind", sagte der alte verzweifelte Fuchs, "diesen Mittag mit Ihnen speisen darf, damit Sie ihr wohlgebildetes Gesichte recht bei Tage sehen, vielleicht gefallt es Ihnen besser als bei Lichte."
"Ich habe hier nichts zu befehlen oder Erlaubnis zu erteilen", versetzte Elbenstein, "sondern habe, wie mein Herr selbsten wissen, mit mir umgehen lassen, als man nur immer gewollt." "Ei!" sagte der alte Schalk, "die bosen Zeiten sind vorbei, nunmehro mussen Sie sich erstlich wieder etwas zugute tun, ehe Sie von uns reisen. Sorgen Sie vor nichts weiter und schlagen allen Kummer aus dem Sinne." Hiermit wunschte ihm der Alte gesegnete Mahlzeit und ging seiner Wege. Bald hernach wurden die Speisen durch die Stummen aufgetragen, und eben da sich Elbenstein zu Tische setzen wollte, offneten sich die Tapeten abermals, durch welche die gestrige la bella Catharina ins Zimmer getreten kam, einen Reverenz a la mode machte und ganz freimutig fragte, ob sie sich bei ihm zu Gaste bitten durfte. Elbenstein replizierte, wie er sich eine besondere Ehre daraus machte, mit einem schonen Frauenzimmer zu speisen, prasentierte ihr derowegen einen Stuhl und setzte sich gegen sie uber, legte ihr auch von allen Gerichten die niedlichsten Bissen vor. Sie charmierte entsetzlich, und Elbenstein fuhlete zu verschiedenen Malen den Pfahl, welcher ihn im Fleische stak, doch nahm er sich ernstlich vor, seinen Affekten einen Zaum und Gebiss ins Maul zu legen und sich mit diesem Satansengel im geringsten nicht in Unzucht einzulassen. Unterdessen, da sie so raffiniert war, nicht das geringste von Liebessachen, viel weniger von der Passage der verwichenen Nacht zu erwahnen, sondern nur verschiedene curiose und lustige Geschichte zu erzahlen, so war es Elbensteinen so gar allzusehr nicht zuwider, dass er doch jemanden hatte, mit dem er sprechen konnte, denn mit den Stummen konnte er nichts diskurieren, und den Alten sahe er allezeit lieber gehen als kommen.
Nach der Mahlzeit holte diese Sirene eine Gitarre und spielete sehr kunstlich darauf, sunge auch uber zwei Stunden lang viele Arien drein, indem sie eine ruhmenswurdige Stimme hatte. Hieruber empfand Elbenstein einiges Vergnugen, ja er fing fast an zu wunschen, dass er mit diesem artigen Bilde nicht in einem Kafig eingeschlossen, sondern an einem etwas freiern Orte sein mochte. Jedoch wenn er an die Ketten, Brandmale und endlich an das Henkersschwert gedachte, verging ihm aller Appetit zum Liebesspiele, weswegen er auch nach wenigen frohlichen Blicken sogleich wieder in eine Tiefsinnigkeit verfiel.
Nachdem sich nun endlich das Frauenzimmer mude musiziert, langete sie ein Brettspiel herbei und notigte Elbensteinen, die Dame mit ihr zu ziehen. Sie spielete dieses sinnreiche Spiel sehr wohl, und Elbenstein, der es sonsten auch gut spielete, hatte viel zu schaffen, ihr dann und wann ein Spiel abzugewinnen. Sie trunken Koffee darbei und spieleten also, bis die Abendmahlzeit aufgetragen wurde, da sie denn abermals miteinander speiseten und von lauter indifferenten Sachen diskutierten, worbei Elbenstein bemerkte, dass sie als ein Frauenzimmer einen sehr guten naturlichen Verstand hatte. Gleich nach der Mahlzeit machte sie ihm stillschweigend ein Kompliment und retirierte sich. Elbenstein war sehr froh, dass sie nur Abschied nahm und nicht wie gestern von Liebespossen zu reden anfing. Er setzte sich demnach wieder vor sein Buch und war gesonnen, nur noch etwa das Ende einer gewissen Geschicht darinnen auszulesen, hernach sich beizeiten zur Ruhe zu legen, allein kaum hatte er die Stummen fortgeschickt, da der Irrgeist im rosenfarbenen Schlafrocke wieder kam und eben eine solche Komodie spielete wie die gestrige Nacht. Sie wendete alle Bewegungsmittel an, ihn zu sich ins Bette zu kriegen, allein er behielt auch in diesem Kampfe den Sieg, und sie musste ihm bei anbrechenden Tage die Walstatt lassen, weiln er seine Feinde, die Luste und Begierde, glucklich aus dem Felde geschlagen.
Am dritten Tage setzte sie ihm noch scharfer zu als vorhero und sonderlich des Nachts, bald fiel sie ganz nackend vor ihm auf die Knie, bald weinete sie, und ihr einziges Bitten war dieses, dass er sich nur eine einzige Viertelstunde an ihre Seite legen und sie kussen mochte, ob er gleich sonsten nichts bewerkstelligen konnte. Dieser satanische Hauptsturm wahrete bis zu Anbruch des Tages, indem sie bald ins Bette hinein, bald wieder heraus sprang und Elbensteinen, der zwar die Augen immer auf sein Buch gerichtet hatte, jedoch nicht wusste, was er lase, bestandig pombardierte und qualete. Allein, auch diesen Hauptsturm schlug er glucklich ab. Die Unverschamte hing demnach ihren Rock wieder uber, sagte weiter nichts als: "Addio, du Barbar! nun komme ich dir nicht wieder!", und verschwand hinter den Tapeten.
Kaum war sie hinweg, als Elbenstein seine Hande gen Himmel aufhub und Gott inbrunstig anrief, doch nicht zuzugeben, dass dieses lasterhafte Weibsbild noch einmal wieder vor seine Augen kommen mochte. Er dankte dabei dem Hochsten, dass er ihm sattsame Kraft und Starke verliehen, diesen so oft wiederholten satanischen Versuchungen zu widerstehen, bat um Vergebung wegen der dann und wann aufgestiegenen wolllustigen Gedanken und bat um fernern kraftigen Schutz und Hulfe. Hierauf legte er sich mit ganz getrosten Herzen aufs Bette und schlief abermals, bis er schon die Sonne im Zimmer sahe.
Folgendes Tages wurde er weder von dem Alten noch von jemand anders inkommodieret, von den Stummen aber mit allen, was er nur verlangen mogen, vollkommen wohl bedienet, hierbei nun hatte er gute Musse zu lesen und kam in dem grossen Historienbuche sehr weit. Abends aber kam der Alte etwa zwei Stunden vor Mitternacht jahlings in sein Zimmer getreten und sagte: "Mein Herr! kommen Sie doch geschwind mit mir, es will Sie jemand sprechen." Elbenstein erschrak und gedachte bei sich selbst: 'Nun, was wird dieses vor ein neuer Sturm sein?', stund aber auf und folgte dem Alten, welcher ihn quer uber den Saal hinuber bis an die Tur eines Vorgemachs fuhrete, selbige eroffnete und sagte: "Nun mein Herr! gehen Sie gerade fort auf die Tur zu, welche Ihnen entgegenstosset, eroffnen Sie selbige nur ohne Bedenken und treten in das Zimmer hinein." Elbenstein ging etliche Schritte fort, blieb sodann eine lange Weile stehen und wusste selbst nicht, wie wunderlich ihm zumute war, noch was er tun sollte. Jedoch endlich besann er sich und bedachte, weil er doch einmal in frembder Leute Gewalt ware, musse er Gehorsam leisten, es kame nun, wie es wolle, mehr konnte es ihm doch nicht kosten als das Leben. Demnach schritt er weiter fort, eroffnete die Tur ohne Anpochen, trat hinein und zohe dieselbe hinter sich zu, welche denn von selbsten abschloss. Aber, o Himmel! wie wurde ihm zumute, als er oben am Tische ein masquiertes Frauenzimmer sitzen sahe, und zwar in eben dem Habit und von eben der Taille, als zu Ariqua in der Margarethen Hause in der zweiten Nacht erschienen war. Er war ganz ausser sich selbst, stund als ein steinern Bild, vergass dabei auch sogar, der Dame ein Kompliment zu machen, und blieb im Zweifel, ob es die wurkliche damalige masquierte Dame oder das Frauenzimmer ware, welche ihn nunmehro drei Nachte daher so gewaltig vexieret hatte. Endlich, da die Dame nur die wenigen Worte sprach: "Tretet doch naher her, mein Herr!", bemerkte er gleich an der Sprache, dass es nicht die gestrige, sondern die ariquanische ware. Er machte demnach, da er zugleich seine Mutze abnahm, einen tiefen Reverenz, ging naher hinzu, blieb etwa drei Schritte vor der Masque stehen, machte einen nochmaligen Reverenz und bemerkte nunmehro erst, dass die Dame einen entblossten Dolch in der Hand hatte.
'Nunmehro', gedachte Elbenstein, 'wird dir dein letztes Brot gebacken sein.' Die Masque aber fragte: "Kennet Ihr mich?" "Wie ist's moglich, dass ich eine masquierte Person kennen kann?" war Elbensteins Gegenfrage. "Habt Ihr mich", sprach die Masque weiter, "in diesem Habit und in dieser Masque sonst nirgends als jetzo allhier gesehen?" "Meines Wissens nicht", gab dieser zur Antwort. "Auch nicht zu Ariqua in der Margaretha Behausung?" so fragte sie weiter. Elbenstein antwortete mit "Nein!" Hierauf fing sie folgenden Sermon an: "Verwegener Verrater, es mag endlich gut genug sein, dass du etliche Tage her ohngeacht aller dir angetanen Marter allhier in diesem Hause nichts bekennen wollen, allein warum hast du diese Tugend in deiner vollen Freiheit nicht beobachtet, da dich niemand um unser Liebesgeheimnis befragt hat, du aber dennoch alles ausgeplaudert und mich dergestalt abgemalet hast, dass mich auch in der Masque jedermann erkennen konnen? Ist das der Dank, du Verrater! vor meine getreue Liebe, von welcher ich dir alle ersinnliche Proben gegeben und dir zugeschworen, dass ich dergleichen zartliche Regungen noch niemals gegen eine Mannesperson empfunden als gegen dich allein. Dieser Dolch soll dir voritzo den Lohn geben vor deine Verraterei, Falschheit und Bosheit, sage nur selbst, ob du nicht einen weit schmahligern Tod verdienet hast?"
Hier hielt sie etwas inne und wollte Elbensteinen erstlich zur Antwort kommen lassen, welcher sich zu ihren Fussen warf und in grosster Gelassenheit also redete:
"Wenn mich Verleumbder und falsche Zungen aus Dero Gunst und Gnade, ja aus Dero Herzen gerissen, bin ich meines Lebens ohnedem uberdrussig, der Tod kann mir auch niemals susser und angenehmer sein, als wenn ich denselben von Dero schonen Handen empfange, welche ich seithero in Gedanken taglich 1000mal gekusset. Kann ich aber eines einzigen verraterischen Wortes uberfuhret und uberzeugt werden, dass ich meinen Schwur wegen der Verschwiegenheit nur mit einem einzigen Worte gebrochen, so schatze ich mich eines solchen sussen Todes unwurdig und spreche mir auf den Fall mein Urteil selbst, dass mir nehmlich die Zunge aus dem Halse gerissen, ein Glied nach dem andern mit gluhenden Zangen abgeknippen und mein Korper gevierteilt werden sollte."
Die Masque fiel ihm ins Wort und sagte: "Habe eine kleine Gedult, ich will dir alsobald Zeugen heraufrufen, die dich uberfuhren sollen. Vorhero aber sage mir noch, wie du so leichtsinnig und unerkenntlich sein konnen, mein Bitten nicht stattfinden zu lassen und mich in Padua zu besuchen, da es doch in der letzten Nacht meine letzte Bitte war und ich dir alle Gelegenheit angewiesen. Allein die venetianischen Canaillen haben dir im Kopfe gesteckt, die dir vielleicht besser gefallen als ich, und auch auf den Ruckwege hast du in Padua nicht einmal nach mir gefragt, vielmehr die unbedachsamsten Reden im Gasthofe von einem masquierten Frauenzimmer, worunter du mich gemeinet, gefuhret. Verantworte dich, ungetreuer Verrater."
Elbenstein gab ganz sanftmutig zur Antwort: "Auf meiner Reise nach Venedig habe ich mich an dem bestimmten Orte eingefunden, es ist auch ein gewisser Mensch zu mir gekommen, welcher mir Nachricht gegeben, dass die Dame, welche mich zu sprechen verlangte, erstlich nach zehn Tagen daselbst eintreffen wurde; weiln ich nun in meines Fursten notigen Verrichtungen verschickt, war mir ohnmoglich, dieselben zu verabsaumen und so viele Tage in Padua stille zu liegen, vielmehr vermeinte ich binnen der Zeit wieder in Padua zurucke zu sein. Habe ich", redete er weiter, "in Venedig ein Frauenzimmer beruhret, so nehme der Himmel heute und nimmermehr meine Seele zu Gnaden an. Auf der Ruckreise, da ich wieder nach Padua gekommen, bin ich die ganze Zeit in den grossten Angsten gewesen wegen der vielen Gelder meines Fursten, die ich unter meiner Aufsicht hatte. Ihnen wird selbst bewusst sein, wie es in Padua zuzugehen pfleget. Ware nun nur etwas oder alles weggekommen, so hatte ich ja zum Schelme werden mussen, so aber bin ich nicht vom Platze gekommen, habe auch fast die ganze Zeit uber kein Auge zugetan. Ach leider! dass ich vor dieses Mal die Ehre meinem vollkommenen Vergnugen vorziehen mussen. Was das Geschwatz von der Masque anbelanget, so rief mich ein paduanischer Kavalier ans Fenster und sagte zu mir: 'Mein Herr! ich bitte Sie um aller Heiligen willen! betrachten Sie einmal das schandliche Gesichte, so daherspaziert kommt.' Ich musste uber seine Reden lachen und bekannte selbst, dass ich fast in meinem ganzen Leben kein Frauenzimmer mit einem hasslichern Gesichte gesehen hatte, worbei ich aus Scherz sagte: 'Wenn dieses Frauenzimmer auf das instehende Karneval nach Venedig reisen will, darf sie nur andere Kleider, aber keine Masque mitnehmen, denn ihr Gesichte siehet ohnedem einer Masque ahnlicher als einem ordentlichen Gesichte.' Dieses ist es alles", beschloss Elbenstein seine Rede, "was ich gesundiget habe."
"Es ist noch nicht alles", erwiderte die Dame. "Steh auf! Ungetreuer! und setze dich in jenen Stuhl." Elbenstein sprach: "Da ich sterben soll, bitte ich mir noch die einzige Gnade aus, dass ich zu Dero Fussen sterben darf." Sie: "Steh auf! sage ich, und setze dich in jenen Stuhl." "Nein, ich bitte", sagte Elbenstein, "dass mein Blut zum Angedenken meiner Treue und Liebe an Dero Kleider spritzen moge." "Steh auf!" sagte sie zum dritten Male, "und setze dich auf jenen Stuhl, sonsten wird augenblucklich Mannschaft da sein." Indem sie nun dieses mit einer ganz veranderten wunderlichen Stimme vorbrachte, hielt Elbenstein vors ratsamste, Gehorsam zu leisten, er stund demnach auf und setzte sich jenseit des Tisches in einen Lehnestuhl. Die Dame stund gleichfalls auf, liess ihren goldbrokatenen Oberschlafrock fallen und stund da in einem weissen atlassenen Nachtkleide, behielt aber den Dolch bestandig in der Hand, weswegen Elbenstein nicht anders vermeinete, als dass sie sich's nur deswegen kommode machte, ihm den letzten Stoss desto nachdrucklicher beizubringen. Er wandte demnach seine Augen nach dem Boden, faltete die Hande und betete einige Sterbegebete, die er noch im frischen Gedachtnis hatte. Ehe er sich's aber versahe, warf sich die Dame, welche ihre Masque abgelegt hatte und sich ihm in blossen Angesichte zeigte, zu seinen Fussen und redete ihn also an: "O teure allergetreuste Seele, es wird zwar wohl das erstemal in deinem Leben sein, dass sich eine geborne Prinzessin zu deinen Fussen wirft, allein die Schuldigkeit befiehlt es, weil mich das Verhangnis nunmehro zu deiner Sklavin gemacht hat. Nicht du, sondern ich bin des Todes schuldig, nimm hin diesen Dolch und durchbohre meine tyrannische Brust." Unter welchen Worten sie Elbenstein den Dolch uber seine gefaltenen Hande legte und ihre ganze Brust entblossete. Elbenstein aber sass als ein steinern Bild und wusste fast gar nicht, wie ihm geschahe. "Ich, ich bin die Furie gewesen, die dich teils aus Eifersucht, teils aus allzu heftigen Liebsbegierden so grausam hat martern lassen. Rache deinen Hohn an mir, denn ich habe es verdienet, und ob ich gleich seit unserer zweiten Zusammenkunft in Ariqua mich von dir schwanger befinde, so ist doch mein Leib nicht einmal wurdig, diese Frucht zu tragen, weil ich mit deren Vater so grausam und unbarmherzig umgegangen bin. Einen einzigen Kuss von deinen Lippen vergonne mir noch zum Labsal mit ins Reich der Toten zu nehmen, hernach durchstich mein barbarisches Herze."
Elbenstein hatte kaum noch soviel Vernunft, dass er den Dolch auf ein in der andern Ecke stehendes Faulbette schleuderte und die Dame, welche ihren Mund nach dem seinigen erhub, umarmete und kussete. Als ihm aber ihre Gesichtsbildung, welche ein Ausbund aller Schonheiten war, nur auf wenige Blicke in die Augen gefallen und er das in ihrer allerschonsten Brust verschlossene bange Herze auf seiner Brust klopfend fuhlete, wurde er auf einmal plotzlich dergestalt weichherzig, dass er Kopf und Arme zurucke sinken liess und in eine wurkliche Ohnmacht verfiel, welche doch von keiner langen Daure war, indem ihm die Dame zum oftern ein Salvolatile vor die Nase hielt und unablassig kussete, welches letztere Cordial vor dieses Mal wohl die beste Operation tun mochte. Sie hatte ihren Arm um seinen Hals geschlagen, bald hielt sie ihm das Sal vor, bald kussete sie seinen Mund, Wangen und Augen, bis endlich Elbenstein seine Augen wieder eroffnete, da er denn mit schwacher Stimme sprach: "Nun lassen Sie mich sterben, meine Gottin! Es geschicht mit Freuden und Vergnugen, weil ich mich wieder in Dero Gnade aufgenommen sehe; wie konnte es moglich sein, dass ich jemals einen sanftern und sussern Tod zu gewarten hatte." "Stirbst du, meine andere Seele!" sagte die Dame, "so uberlebe ich dich keine Minute, sondern stosse mir doch selbst einen Dolch in die Brust." Indem sie dieses redete, benetzte sie Elbensteins Wangen mit ihren heissen Tranen, woraus dieser endlich ihre vollkommene Liebe und die Bereuung des Vergangenen schloss, weswegen denn in seinen Herzen alle angetane Marter auf einmal vergeben und sozusagen fast ganz vergessen war. "Ich lebe", sagte Elbenstein, indem er sie auf seinen Schoss nahm, "solange mich meine Gottin leben lasst, und sterbe ohne Murren, sobald sie es befiehlt." "Nein, mein Kind", versetzte sie, "lass uns alle beide leben und uns vollkommen vergnugen, wir haben gute Zeit darzu, denn mein alter Gemahl, welcher sich einbildet, dass ich von ihm schwanger sei, hat eine Tour nach Spanien getan, wird auch binnen Jahr und Tag schwerlich zuruckkommen. Bei deinem Fursten aber habe ich durch die dritte Hand wegen deiner Renommee alles wohl veranstaltet; derowegen du vor nichts besorgt sein darfst, denn alle deine Sachen hat er wohl verwahren lassen und wartet auf deine Wiederkunft, allein er kann immer noch ein wenig warten; unterdessen soll dir, mein Leben! aller Schade von mir vielfaltig ersetzt werden." "Ach!" sagte Elbenstein, "Sie sind gar zu gnadig, ich bin mit dem Vergnugen zufrieden, und wer so glucklich ist als ich, kann immerhin alles im Stich lassen und sich zum Lande hinaus betteln." "Ach du kleiner Schmeichler!" sagte die Dame, indem sie ihm zugleich einen derben Kuss gab, "komm und folge mir in das Nebenzimmer, dass wir ein Glas Wein und einige andere Starkungen zu uns nehmen konnen." Elbenstein folgte ihr nach noch vielen gegebenen Kussen in das Nebenzimmer, das nicht halb so gross als dieses war und worinnen ein Traisoir mit Wein und Konfekt stund. Es war dasselbe mit so vielen Wachslichtern erleuchtet, dass es so helle als am Tage darinnen war, weswegen er desto fuglicher die verwunderungswurdige Gesichtsbildung der Dame betrachten konnte, worbei er in seinen eigenen Herzen bekennen musste, dass er noch niemals dergleichen Wunderbild in natura, wohl aber als Kunststucke der Maler gesehen. Er konnte seine Augen fast nicht davon hinwegbringen, denn es wurde nichts gesprochen, weil beide die Mauler voll hatten, endlich aber kam die Dame zu ihm, fiel ihm um den Hals und sagte: "Mein Leben! du bist in Wahrheit noch bose auf mich, weil du kein Auge von mir verwendest und doch so ernsthaft darzu aussiehest." "Diese Ernsthaftigkeit", gab Elbenstein zur Antwort, "welche ich etwa in tiefen Gedanken angenommen, stammet in Wahrheit von keiner Bosheit, sondern von einer besondern Verwunderung her." "Woruber verwunderst du dich denn, mein Liebster?" sagte die Dame; worauf Elbenstein antwortete: "Uber nichts mehr als uber Dero unvergleichlich schone Gesichtsbildung, dergleichen mir wahrhaftig zeit meines Lebens noch niemals vor die Augen gekommen ist." "Sage ich's nicht", widerredete die Dame, "dass du ein kleiner Schmeichler und Herzensdieb bist, aber mir hat doch auch zeitlebens kein Gesicht besser gefallen als das deinige." Weil sie nun eben nach Aussprechung dieser Worte eine kleine Makrone in den Mund steckte, bat sich Elbenstein dieselbe aus ihren Munde in seinen Mund aus, worinnen sie ihm zwar willfahrete, jedoch dieselbe augenblicklich wieder auf die Art zuruckforderte, mit dem Versprechen, ihm sodann noch mehr zu geben. Es passierte also eine artige Fresserei, und mit dem Weine ging es eben nicht anders zu, indem immer eins ums andere dem andern ein Maul voll gab, bis sie sich alle beide fast begeistert hatten.
Oh! was vor ein torichtes Ding ist es doch um die Liebe!
Die Dame stund endlich auf und ging etwas spazieren im Zimmer herum, weswegen Elbenstein aus Complaisance auch aufstund und neben ihr her spazierte, allein es wahrete nicht lange, so wurde sie des Spazierens wieder uberd[r]ussig und notigte ihn, sich bei ihr auf ein Faulbettgen niederzulassen. Er gehorsamete, und da ging das Herzen und Kussen von frischen an, weiln auch das weisse atlassene Kleid so frevel war, sich vorne von selbsten zu eroffnen und das Brustpositiv bloss zu stellen, als konnte Elbenstein ohnmoglich unterlassen, selbiges zu bespielen und zu kussen, hernach aber eine tiefere und grundlichere Untersuchung anzustellen, weswegen die Dame zurucksank und ihm ein kleines Praludium spielen liess, hernach aber sagte: "Mein Erzengel! ich bitte mir ein bequemeres Lager und nur ein einziges Hauptkaressgen aus, weiln wegen des bisherigen Chagrins ein mehreres unserer Gesundheit nicht zutraglich sein mochte, indem wir alle beide entkraftet sind." Elbenstein half ihr zu einem bequemern Lager, allein es blieb bei dem einzigen Hauptkaressgen nicht, sondern es wurde mit beider Bewilligung ein zwiefaches Dakapo daraus; worauf die Dame sprach: "Mein Engel! auf dieses Mal bin ich vollkommen vergnugt, auch sehr mude, morgen mittags wirst du mit mir speisen, nachhero werden wir noch viel miteinander zu sprechen haben. Voritzo aber, weil es ohnedem bald Tag sein wird, nimm ein Licht und begib dich wieder nach deinem Zimmer." Elbenstein war sogleich bereit zu gehorsamen, allein er musste dennoch vorhero noch etliche 100 Kusse zollen, und endlich wurde auf beiden Seiten geruhige Nacht gewunschet. Sie blieb auf dem Ruhebette liegen, er aber begab sich des vorigen Weges zuruck in sein Zimmer, ohne einigen Menschen unterwegs zu sehen. Weil er nun daselbst alles, was er brauchte, parat fand, als hielt er vor unnotig, die Klingel zu ruhren, sondern zohe sich bald aus und begab sich zu Bette.
Er betete zwar sein Abendgebet, allein sehr verwirrt, denn es fielen ihm immer die Fragen ein: Haltest du noch fest an deiner Frommigkeit? Ist das deine Busse und deine Bekehrung, oder walzet sich die Sau nach der Schwemme wieder in den Kot, und frisset der Hund wieder, was er gespeiet hat? Rennest du nicht den geraden Weg zum Tode und zur Hollen zu? Gehet dir's anders als dem Doktor Faust, der, als er die Fesseln des Teufels schon fast ganzlich von sich geworfen, dennoch vermittelst der schonen Helena sich selbige wiederum aufs neue anlegen liess und endlich vom Teufel geholet wurde? Geschicht's ja nicht, dass der Teufel deinen Korper holet und zerreisset, so dass die Gedarme auf den Baumen behangen bleiben, wird's doch wohl genung sein, wenn er deine Seele bekommt, denn der Leib wird sodann sein Logis ohnedem nirgends anders als im hollischen Schwefelpfuhle bekommen.
Diese Gedanken waren sehr gut, allein, nachdem er daruber eingeschlafen war, machte ihm der Satan ganz andere Gaukelspiele vor, die, ob sie gleich im Manuskript umstandlich beschrieben sind, man doch herzusetzen Bedenken tragt. Kurz zu sagen, Elbensteins Gottesfurcht, Busse und Bekehrung wurde zum blossen Schattenspiele, alles ausgestandene Ungluck wurde nach und nach in ganzliche Vergesslichkeit gestellet, und es pradominierte nichts bei ihm als die Wollust. Denn fruhmorgens, da er aufstund, verrichtete er zwar ein leichtes Gebet in den Wind, bekummerte sich aber bisheriger Art nach gar nicht um die Bibel, sondern setzte sich nieder und schrieb folgende Arie aufs Papier. Ob er dieselbe selbst verfertiget oder ob er sie von Olims Zeiten her in Gedanken behalten, kann man nicht so wohl sagen, als dass er sie zu seinem besondern Troste und Aufrichtung gebraucht haben mag. Weil aber diese Arie in der wenigsten Leser Handen sein mochte, findet man vor billig, dieselbe von Wort zu Wort herzusetzen:
1
Mein Herze hat der Freiheit Gold verloren, Ich muss hinfort der Liebe dienstbar sein. Kaum da mein Mund die Dienstbarkeit verschworen, So reisst ein Blick den schwachen Vorsatz ein. Verhangnis, Gluck und Zeit, ihr Meister aller Sachen, Sagt, was wird endlich noch der Himmel aus mir
machen?
2
Ein Fisch, der sich vom Angel losgerissen, Eilt nicht sofort dem falschen Koder nach. Ein Schiffmann wird den Strand zu meiden wissen, Wo ihn zuvor sein Schiff und Mast zerbrach; Und ich, ich Torichter! bleib an Charybdis hangen, Da schon mein Liebesschiff der Scyllen war
entgangen.
3
Doch, ach! wer kann die Hand zurucke ziehen, Wenn Venus uns beut ihren Nektar an? Vor Menschenwitz ist dies ein schwer Bemuhen, Weil niemand hier als Engel leben kann. Ein Mund mag noch soviel von Zucht und Keuschheit
sprechen,
Es wird ein schon Gesicht ihm bald den Vorsatz
brechen.
4
Liess Davids Hand nicht Harf und Psalter liegen, Da Bathseba sein Herze setzt in Brand? Und Simsons Faust verlernete zu siegen, Als Delila ihn mit der Liebe band. Selbst Salomonis Witz und Weisheit ging verloren,
5
Kann Venus nun so starken Nektar schenken, Der Helden sturz[t] und Fursten taumeln lehrt: Was Wunder denn, wenn sie mit Zaubertranken Mein Herze hat auf einmal so betort. Ich wag es noch einmal, und fehl ich denn auch heute, So ist mein Fehler doch ein Fehler grosser Leute. O schone Gedanken! o herrlicher Einfall! Ei vortreffliche Parodie auf die bishero mit inbrunstiger Andacht gelesenen Buss-, Bet-, Dank- und Lob-Psalmen Davids. So bellete der Hund in Elbensteins Gewissen, und er war wurklich im Begriff, das Blatt, worauf er diese Arie geschrieben hatte, wieder zu zerreissen, als eben jemand an die Stubentur pochte. Da er nun dieselbe eroffnete, sahe er die zwei Stummen als seine Bedienten, welche eine ziemlich grosse Kuste hereintrugen und ihm den in einen Brief versiegelten Schlussel darzu einlieferten. Die Stummen gingen sogleich wieder zuruck, Elbenstein aber erbrach vor allererst den Brief, worinnen der Schlussel lag, und fand denselben also gesetzt:
Du der Meinige!
Wenn Du wohl geruhet hast, gereicht es zu meinen ausserordentlichen Vergnugen. Ich habe unvergleichlich wohl geruhet, weil ich Dich, meine Seele, wiederbekommen habe, da ich bishero nur ein blosser toter Korper gewesen bin. Ich bitte sehr, saume Dich nicht, zu mir zu kommen, weil ich einen ausserordentlichen Appetit empfinde, von Dir gekusset zu werden. Ja ich schmachte recht darnach. In Ermangelung Deiner Equipage schicke ich Dir inzwischen etwas in beikommenden Kastgen. Komme nur bald zu der
Deinigen.
Leichtlich ist's zu erachten, dass Elbensteins Gemutsbewegungen eine sonderbare Menuett en quatre in seinem Kopfe und Herzen mogen getanzt haben, allein er hiess die Musikanten, welche darzu aufspieleten, schweigen, eroffnete die Kiste und fand folgende Raritaten darinnen: ein rotscharlachen Kleid, stark mit Golde, ingleichen ein blaues, mit Silber bordiert, zwei Hute, einer mit einer goldenen, der andere mit einer silbernen Espagne und kostbaren Agraffen, zwei Dutzent Handschuh, ein Dutzent seidene Strumpfe von allerhand Co[u]leuren, zwei Dutzent baumwollene Strumpfe, sonsten auch von weisser Wasche als Ober- [und] Unterhembden und allen andern, was ein Kavalier vonnoten hat, zwei Dutzent Stuck oder Paar von jeder Sorte. Uber alles dieses lag noch ein Degen darbei mit einem silbernen, stark verguldeten Gefasse und ein Stock mit einem ganz goldenen Knopfe, der mit verschiedenen Edelgesteinen besetzt war.
Solchergestalt sahe sich Elbenstein mit grossten Erstaunen vollkommen, und zwar aufs allerkostbarste, equipiert, weil auch die geringsten Kleinigkeiten, so man braucht, darbei befindlich waren, als nehmlich Messer, Scheren, Spiegel, Kamme und dergleichen, und zwar alles aufs sauberste und kostbarste. Elbenstein verwunderte sich uber nichts mehr, als dass ihm nicht allein alle Kleidungsstucke insgesamt, sondern auch sogar die Schuh, deren ein halb Dutzent darbeilagen, so akkurat passeten, als ob er sich das Mass darzu nehmen lassen. Nichts fehlete als Peruquen, allein selbige brauchte er nicht, weiln er ein blondes eigenes Haar trug, welches sich von Natur in zierliche Locken legte.
Als er sich nun sattsam uber dieses kostbare Present verwundert hatte, fiel ihm die erhaltene Ordre ein, weswegen er sich in grosster Geschwindigkeit ankleidete, und zwar das blaue Kleid anlegte, hierauf mit Hut, Degen und Stock in dasjenige Zimmer ging, wo er abends vorhero die Dame zum ersten angetroffen. Es wahrete kaum drei Minuten, so kam dieselbe in einem kostbaren Putz auch hineingetreten, sie trug ein hellrotes, mit Golde durchwurktes Kleid, und an dem Haupt- und Armschmucke blitzete alles dergestalt von dem Glanze der Edelgesteine, dass einem das Gesichte hatte vergehen mogen. Allein Elbenstein gab hierauf anfanglich wenig acht, sondern seine Augen hafteten nur auf ihren unvergleichlichen Angesichte, welches er vorjetzo zum ersten Male beim Tageslichte sahe und in seinem Herzen sich nunmehro vollig uberzeugt befand, dass er zeitlebens kein schoneres und wohlgebildeteres gesehen. Ja Elbenstein ware in Wahrheit abermals als ein steinern Bild stehengeblieben, wenn nicht die Dame selbsten auf ihn zugekommen ware, ihn umarmet und gekusset hatte. Ihre ersten Reden waren diese: "Guten Morgen, mein Leben! Ach, du wirst ohnfehlbar nicht wohl geruhet haben, weil du so verdrusslich aussiehest." "Nein, Ihro Durchl.", gab Elbenstein zur Antwort, "ich finde mich im geringsten nicht verdrusslich, sondern in einer erstaunenden Verwirrung uber Dero uberirdische Schonheit, indem ich sicherlich glaube, dass dergleichen in der ganzen Welt nicht mehr zu finden." "Du schmeichelst, mein Licht!" sagte sie, "ich weiss zwar wohl, dass ich eben nicht hasslich, doch aber auch nicht die Schonste bin, inzwischen, wenn ich nur das Gluck habe, deinen Augen zu gefallen, bin ich vollkommen vergnugt, zumalen wenn ich merken werde, dass du mich so herzlich liebest als ich dich. Allein ich will durchaus nicht, dass du, wenn wir alleine beisammen sind, mich Ihro Durchl. titulieren sollst, sondern nenne mich: mein Schatz! mein Kind! mein Vergnugen, oder wie es dir die Liebe sonsten eingibt."
Elbenstein kussete ihre Hand zu vielen Malen, sagte hernach: "Meine Gottin, ich bin erstaunet uber das kostbare Geschenk, welches Sie mir durch die Stummen in einer Kuste uberschickt, womit ..."
Indem er weiterreden wollte, druckte sie ihre zarte Hand auf seinen Mund und sagte: "Hiervon rede mir gar nichts, mein Liebster! sonsten werde ich bose. Diese Kleinigkeiten haben in Padua schon lange parat gestanden und auf dich gewartet." Hiermit gab sie ihm etliche Kusse und fragte hernach, warum er heute zum ersten Male das rote Kleid nicht angezogen hatte, zum Zeichen, dass er sie liebte und sich daruber freuete, denn die rote Farbe ware ja ein Zeichen der Liebe und der Freude. "Sie sind meine Gottin", sagte Elbenstein, "und mein Himmel auf Erden, darum kam mir in die Gedanken, die himmlische Co[u]leur zuerst zu erwahlen." "Ach, du bist eine allerliebste Seele", replizierte sie, "ja, du hast englische Einfalle; aber setze dich, mein Leben! und nimm mich eine kleine Weile auf deinen Schoss."
Elbenstein nahm diese schone Last mit Vergnugen auf sich, und sie hielten also unter verschiedenen verliebten Gesprachen und Kurzweilen einander uber eine gute Stunde in Armen, bis in dem Nebenzimmer ein angenehmes Glockenspiel das Zeichen gab, dass die Speisen aufgetragen waren. Da denn die Dame ihren Kavalier bei der Hand nahm und ihn zur Tafel fuhrete, welche sich, kurz zu sagen, furstlich prasentierte; es waren aber keine andern Bedienten zugegen als eine einzige alte Matrone, welche jedoch noch ganz fein aussahe und wohl gekleidet war. Diese bediente alle beide, und die Dame scheuete sich nicht, in ihrer Gegenwart Elbensteinen zu kussen, auch sonsten ihm allerhand Karessen zu machen. Solange als sie speiseten, ging das Glockenspiel und spielete dasselbe allerhand angenehme Arien, Menuetten und dergl. Wenn es auch abgelaufen, stellete es die Matrone von neuen an, dieses war nun nicht allein zur Tafelmusik bestimmt, sondern Elbenstein erfuhr, dass, solange dieses Spielwerk gehoret wurde, sich keines von ihren andern Bedienten unterstehen durfte, ohnangemeldet in dieses Zimmer zu kommen. Die Anmeldung aber geschahe mit einem Hammer, welcher auf eine uber der Tur hangende silberne Schale schlug, die einen grobern Ton von sich gab als die Glocklein im Glokkenspiele. Sooft nun diese ertonete, ging die alte Matrone hinaus und fragte, was anzubringen ware. Hergegen waren in allen Zimmern wieder andere Ringel und Drahte, vermittelst derselben die Dame ihre Bedienten herbeirufen konnte, weil sie die auswartigen Hammer zogen, dass sie ebenfalls mit Glocken schlugen.
Beide sassen uber zwei gute Stunden bei der Tafel, worauf ihn die Dame wieder zuruck in das erstere Zimmer fuhrete, wohin die Alte etliche Bouteillen, teils mit Wein, teils mit Wasser angefullet, wie auch ein Brettspiel bringen musste. Erstlich gingen beide Verliebte eine gute Weile im Zimmer herum spazieren, da sie aber nachhero ohngefahr sechs oder acht Spiele gespielet, stund die Dame auf, umarmete und kussete Elbensteinen und sagte mit einer liebreichen Miene: "Mein Engel! nehmet mir nicht ungutig: diese Kleidung ist mir jetzo etwas zu schwer und unbequem, ich werde Euch auf eine kurze Zeit verlassen und mir etwas leichtere Kleider anlegen lassen. Damit Ihr es aber auch wisset, ich habe Euer Logis verandert, Ihr habt dasselbe nunmehro auf dieser Seite gleich neben mir." Hiermit eroffnete sie auf der andern Seite hinter den Tapeten eine Tur und fuhrete ihn erstlich in sein Zimmer, wo er hinfuro schlafen sollte, mithin war es so beschaffen, dass ihr und sein Bette nur durch eine Wand voneinander unterschieden waren. Hernach fuhrete sie ihn durch noch eine Ture in ein propre aufgeputztes Zimmer, worinnen er seine Bequemlichkeit bei Tage gebrauchen konnte, und gleich bei diesem war die Kammer, worinnen die Stummen als seine Aufwarter ihre Bequemlichkeit und Lager haben sollten, von welchen er kuhnlich alles fordern dorfte, was er verlangte, indem wenigstens allezeit einer gegenwartig sein musste.
Elbenstein wusste in Wahrheit nicht, was er gedenken sollte. Die Freiheit war ihm von Jugend auf als die alleredelste Sache vorgekommen, jedoch auch in einer solchen prachtigen und wollustigen Gefangenschaft zu leben, war seinem Temperamente nicht ganz und gar zuwider. Endlich sprach er zu sich selbst: 'Es sei, wie es sei, einmal vor allemal bist du ein Arrestante, musst durchaus Gehorsam leisten und abwarten, was es vor ein Ende nehmen wird. Der Himmel wird sich ja deiner erbarmen, weil er siehet, dass du gezwungen wirst.' Unterdessen, da er befurchtete, dass die Dame sein langes Stillschweigen ubel auslegen mochte, kussete er derselben die Hand und sagte: "Meine Gottin, ich erstaune je langer je mehr, denn Sie traktieren mich ja uber meinen Stand, und wenn ich gleich ..." "Schweiget mir davon stille", fiel sie ihm in die Rede, "weiln Ihr mein Allerliebster auf der Welt seid, so seid Ihr auch meines Standes. Nun aber bleibet hier, die Stummen werden sogleich bei Euch sein, ich aber will mich anders ankleiden lassen und Euch nachhero selbst wieder abrufen, wenn ich erstlich ein wenig Mittagsruhe gehalten habe." Hierauf umarmete und kussete sie ihn noch etlichemal und ging sodann zuruck in ihr Zimmer.
Elbenstein fand seine Sachen, auch sonsten alle Bedurfnisse vor sich in diesem seinen neuen Logis, auch sogar die Bibel und das Historienbuch, jedoch er hatte noch keinen Appetit zum Lesen, sondern eroffnete ein Fenster und bemerkte, dass dieses Schloss mit Wallen, doppelten Graben und Mauren umgeben war, sonsten aber konnte er weder Platz noch andere Gebaude sehen, wohl aber, dass auf dieser Seite ausserhalb der Mauer ein ziemlich starker Fluss1 vorbeilief, jenseit dessen aber konnte man nichts anders sehen als Wald und Feld. Er schopfte solchergestalt in so vielen Tagen zum ersten Male wieder frische Luft, nach Verlauf einer guten Viertelstunde aber brachten die Stummen Koffee ne[b]st zwei Bouteillen Wein, sperreten aber die Augen gewaltig auf, als sie ihn in so propren Habite sahen, erzeigten sich derowegen weit devoter als jemals, indem sie sich vielleicht einbilden mochten, dass er ein geborner Prinz ware. Er begegnete ihnen sehr freundlich und leutselig und bemerkte, dass sie sich uber sein Wohlergehen freuten, hernach aber durch Zeichen fragten, ob er etwas Weiteres befehlen wolle. Wie er nun geantwortet hatte, dass ihm vorjetzo nichts mangelte, zeigten sie ihm den silbernen Draht, vermittelst dessen er sie rufen konnte, und begaben sich zuruck. Er trank etliche Schalchen Koffee, nahm hernach das Historienbuch vor sich und mochte wohl beinahe zwei Stunden darinnen gelesen haben, als die Dame seine Tur eroffnete und zu ihm hereingetreten kam. Er stund sogleich auf, dieselbe zu empfangen, sie aber war ebenso begierig, ihn zu umarmen, sagte anbei: "Nun habe ich ausgeschlafen. Warum habt Ihr es Euch, mein Engel, nicht auch kommode gemacht und Mittagsruhe gehalten? Ich machte mir schon ein besonderes Vergnugen daraus, Euch auf dem Bette liegend anzutreffen." "Ich kann nicht sagen", erwiderte Elbenstein, "dass mir der geringste Appetit zum Schlafen angekommen ware, sondern ich habe meine Zeit mit vergnugten Gedanken zugebracht uber meine gluckselige Gefangenschaft." "Nein, mein Engel", versetzte sie, "Ihr seid kein Gefangener, sondern ich bin eine Sklavin Eurer Liebe." Indem sie nun dieses mit einer besonders zartlichen Miene vorbrachte, konnte sich Elbenstein nicht enthalten, sie etlichemal auf den Mund zu kussen, welche Gefalligkeit sie bestandig erwiderte, endlich aber bat, dass er nunmehro mit in ihr Zimmer gehen mochte. Er gehorsamte, und sie setzten sich beide in bequeme Stuhle neben den Konfekttisch, da denn die Dame, nachdem sie ihn gebeten, nach Belieben Konfekt und Wein zu geniessen, also zu reden anfing:
"Mein Auserwahlter! Ich habe Eure Treue und Redlichkeit uber die Gebuhr probiert und dieselbe in grosster Vollkommenheit befunden, nunmehro nehme ich mir auch kein Bedenken mehr, Euch mein ganzes Herz zu offenbaren, meinen Stand aufrichtig zu entdecken und meine Lebensgeschicht ausfuhrlich zu erzahlen. Ich bin eine geborne Prinzessin aus dem Hause P. und die jungste unter meinen Geschwistern. Auf kunftigen Dienstag ist mein Geburtstag, da ich in mein 20stes Jahr trete. Meine Eltern haben mich zwar als ihr jungstes Kind jederzeit am allerzartlichsten geliebt, jedoch auch in der Erziehung ziemlich scharf gehalten und wenig mussig gehen lassen, wiewohl sie mir auch darbei alle zulassige Ergotzlichkeiten erlaubt und mich, weil ich mich in allen Stucken selbst sehr zu moderieren wusste, nicht so strenge traktiert, wie sonst unsere Landsleute ihre Weiber und Tochter zu traktieren pflegen. Ich war ohngefahr 14 Jahr alt worden, als ein kaiserlicher Graf an unsern Hof kam, welcher vielleicht mit meinem Herrn Vater einige Heimlichkeiten zu uberlegen haben mochte. Dieser hatte seinen Sohn bei sich, welches in Wahrheit ein vollkommener artiger Kavalier, nicht allein von Person und Gesichte, sondern auch von Sitten war. Ich kann nicht leugnen, dass seine artige und geschickte Auffuhrung in meinem Herzen eine solche Regung erweckte, die ich damals noch nicht zu nennen, viel weniger deren Folgerungen zu erraten wusste; nunmehro aber weiss ich wohl, dass es das Ding ist, welches man die Liebe nennet. Kurz zu sagen, der artige junge Graf kam mir gar nicht aus den Gedanken, vielmehr prasentierte sich sein Bildnis stets vor meinen Augen. Ich merkte zwar bei allen Gelegenheiten, dass er seine Augen jederzeit mehr auf mich als auf andere Gesichter gerichtet hatte, wunschte auch, dass ich nur dann und wann einige Minuten im Vertrauen hatte mit ihm sprechen mogen; allein zu meinem Ungluck hatten sich meine beiden altern Schwestern auch alle beide in den schonen jungen Grafen von H. verliebt, welches ich sehr zeitig merkte, also mich, weil ich sozusagen noch ein Kind war, nicht blossgab, sondern zuruckhielt. Wenn ich sahe, dass sie sich zwungen und drungen, um ihn zu sein, ging ich zurucke, und wenn ich hernach horete, dass sie sich miteinander zankten, wenn er einer (ihren Gedanken nach) mehr Hoflichkeit erwiesen hatte als der andern, so hatte ich zwar daruber eine innigliche Freude, seufzete aber auch in geheim und liess mich gegen keine etwas davon merken, dass ich ebensowohl als wie sie beide in den jungen Grafen verliebt ware. Es kam die Zeit, dass mein Herr Vater seinen Geburtstag zelebrierte, derowegen viele hohe und vornehme Standespersonen zu Gaste lude und ein herrliches Festin gab, sonderlich aber dem alten Grafen von H. zu Gefallen. Hier fugte es sich von ohngefahr, dass der junge Graf mich, die eben die nachste bei ihm war, zum Tanze aufforderte. Ich entschuldigte mich mit lachenden Munde, jedoch auch mit einer etwas nachdenkenswurdigen Miene damit, wie es nicht Sitte in diesem Lande ware, dass man die jungste den altern vorzohe, wollte derowegen bei meinen Schwestern keine Jalousie erwecken, sondern ihn erstlich an selbige gewiesen haben, hernach bate mir die Ehre aus, von seiner Hoflichkeit zu profitieren. Er stund, als ob er durch diese meine Worte vom Donner geruhrt ware, und es war gut, dass eben ein Wachslicht von ohngefahr vom Wandleuchter herunter und einer Dame in das hinten aufgesteckte Kleid fiel, auch dasselbe sogleich anzundete, weswegen auf dem ganzen Tanzplatze ein Larmen entstunde. Jedoch der Schrecken war bei allen grosser als der Schade, mein junger Graf aber war unter der Zeit verschwunden, und da bald nach ihm gefragt wurde, horete man, dass er sich wegen einer zugestossenen kleinen Unpasslichkeit hatte in sein Zimmer bringen lassen. Ich sollte es fast merken, dass dieses eine verstellte Krankheit ware, und derowegen prognostizierte ich mir daraus etwas Guts vor meine Liebe. Jedoch weil mir auch bange wurde, dass er sich meinetwegen im Ernst mochte alteriert haben und krank worden sein, so verging mir aller Appetit zum Tanzen, ich klagte demnach meiner Mama, dass mir sehr ubel ware, weil mich das Magdgen zu feste geschniert, ging derowegen mit ihrer Erlaubnis zu Bette, konnte aber fast die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich immer besorgte, der artige Graf konnte doch wohl wurklich krank worden sein. Demnach seufzete ich fast bestandig und warf mich im Bette herum, da aber auch bei Anbruch des Tages noch kein Schlaf in meine Augen kommen wollte, sagte meine Wachterin (eben diese Frau, welche uns heute bei Tische bedienet hat und deren Brust ich gesogen, die auch seit der Zeit bestandig sozusagen meine Hofmeistern geblieben ist): 'Kind! sagt mir, was fehlt Euch!' 'Ich weiss es selbst nicht', war meine Antwort. 'Eroffnet mir', redete sie weiter fort, 'was Euch angstiget, vielleicht kann ich Euch Rat schaffen.' 'Ach!' sagte ich, 'krank bin ich, aber ich kenne meine Krankheit nicht.' Sie lachte uber meine Reden und sprach: 'Den neuen Mond habt Ihr nunmehro dreimal ritterlich uberwunden, und zwar erstlich noch vor wenig Tagen, allein ich sterbe darauf, Ihr seid verliebt, sagt mir nur, wen Ihr liebt, ich will Euch Hulfe schaffen.' Weil ich nun wusste, dass Olympia (so heisset diese meine Amme) mich so sehr liebte als ihre Seele, nahm ich mir kein Bedenken, ihr mein Herze zu offenbaren. 'Ist das nicht ein Wunder!' sagte hierauf Olympia, 'warum konnet Ihr doch nur so heimlich sein. Sorget vor nichts, denn wenn Eure beiden Schwestern alle ihre Schonheit zusammenspielen und noch zehnmal mehr darzu borgen oder kaufen, so kommen sie der Eurigen doch nicht bei. Lasset mich sorgen, ich habe langst gemerkt, dass der junge Graf Euch weit hoher als sie beide schatzet, nur Euer allzu stilles Wesen hat ihn abgeschreckt, Euch eine Liebeserklarung zu tun, zumalen da er auch fast nicht die geringste Gelegenheit darzu gehabt. Schlaft nur, schlaft ein wenig und lasset mich sorgen.'
Es waren diese Reden sehr trostlich vor mich, weswegen ich auch wurklich einschlief und etliche Stunden sehr wohl ruhete. Da ich aber gegen Mittag kaum aufgewacht war, sagte meine Amme: 'Sehet! nicht allein ich, sondern der Himmel selbst sorget vor Euer Vergnugen, denn da ich auf der Galerie herum spazierengehe und Grillen mache, wie ich es klug genug anfangen will, an den jungen Grafen zu kommen, welcher mir, wie ich nicht leugnen kann, bishero schon verschiedene vortreffliche Presente gemacht hat, kommt dessen Bedienter, bringt mir einen Beutel nebst zwolf Zechinen mit instandigster Bitte, Euch, mein Kind! im Namen seines Herrn diesen Brief einzuliefern.'"
Unter diesen Reden stund die Dame auf, langete aus ihrem Chatoull einen Brief und reichte ihn Elbensteinen, welcher denselben also gesetzt befand:
Allerschonste Prinzessin.
Ew. Durchl. gestrige Reden haben mein Gemut auf der Stelle in eine solche schmerzensvolle Betrubnis gesetzt, dass ich eine andere Unpasslichkeit simulieren musste, um nur von andern vergnugten Personen hinwegzukommen. Da ich aber noch, ehe ich mich zur Ruhe gelegt hatte, erfuhr, dass Ew. Durchl. einer Appartement begeben hatten, wusste ich mich vollends nicht zu fassen. Die ganze Nacht hindurch ist kein Schlaf in meine Augen gekommen, sondern ich habe bestandig den Himmel um die Wiederherstellung Dero hochstkostbarn Gesundheit angeflehet. Ach! darf denn Dero Knecht eine untertanigste Anfrage tun, ob es heute besser mit Ihnen ist, und wollen Dieselben meiner Freimutigkeit Pardon geben, da ich mich nicht getraue zu sagen, wo selbige herruhret. Sie sind viel zu leutselig, Durchl. Prinzessin, als dass Sie mich dieser Kuhnheit wegen zum Tode verurteilen sollten, ist aber seiten meiner dennoch ein Verbrechen vorgegangen, so bittet, dass er kniend Vergebung suchen darf,
Durchl. Prinzessin
Dero getreuster H.
Als Elbenstein der Dame den Brief mit einem hoflichen Kompliment wieder zuruckgegeben, fuhr selbige in Erzahlung ihrer Geschichte also fort:
"Der Inhalt des Briefs war mir, wie ich nicht leugnen kann, sehr angenehm, allein sobald ich ihn gelesen, schrie ich: 'Olympia! Ihr wollet mich zu einer Narrin machen! Nimmermehr hat der junge Graf diesen Brief geschrieben, sondern Ihr habt denselben durch jemand anders schreiben lassen, um mir eine sund zu machen.' Da aber Olympia so gar teure Schwure tat, dergleichen ich noch niemals von ihr gehoret, gab ich ihr endlich Glauben, uberlas den Brief noch etlichemal, musste aber denselben plotzlich unter das Bette stecken, weiln meine Frau Mutter mich zu besuchen ankam. Es geriete mir zum besondern Vergnugen, dass sie sich dieses Mal nicht gar lange bei mir aufhielt, sondern nur erinnerte, dass ich im Bette bleiben, mich fein warm halten und fleissig Arzenei gebrauchen sollte, der Olympia aber zu verstehen gab, dass sie sich auf ihre gute Vorsorge verliesse.
Meine Frau Mutter war kaum zur Tur hinaus, als Olympia sagte: 'Ja, mein Kind! wenn wir nur den rechten Doktor herbitten durften, allein, wollet Ihr denn dem schonen Grafen nicht mit ein paar Zeilen antworten?' Ich stund lange bei mir an, ob ich es auf den ersten Brief schriftlich tun wollte oder nicht, doch endlich, weil mir Olympia gar zu beweglich zuredete, machte ich mich aus dem Bette und schrieb folgende Zeilen:"
Dieses Konzept langete sie auch aus dem Chatoull und gab es Elbensteinen zu lesen. Es lautet also:
Werter Herr Graf!
Ich bedaure sehr, dass ich eine Ursacherin Ihrer schmerzlichen Betrubnis und der daraus entstandenen ich aber viel zu gewissenhaft, jemanden unruhig zu machen, so bedaure von Herzen, dass Sie nicht ruhig schlafen konnen. Vielleicht sind's andere Ursachen, als die Sie angefuhret haben. Inmittelst bin sehr verbunden vor Dero gutiges Mitleid, welches Sie mit meiner Schwachheit gehabt, wunsche Ihnen baldige vollkommene Besserung, mit mir ist es jetzo ziemlich leidlich. Dero Zuschrift ist mir nicht unangenehm gewesen, die letztern Zeilen darinnen aber sind so stilisiert, dass ich nicht wohl darauf zu antworten weiss. Immittelst werde jederzeit sein,
werter Herr Graf,
Dero
gute Freundin.
"Olympia las dieses Antwortschreiben durch und sagte darauf: 'Da ist wenig Zucker drinnen.' 'Ich bin keine Zuckerkramerin', war meine Antwort, 'soll es besser sein, so schreibt es selbst, aber nicht in meinem Namen.' Hiermit legte ich mich wieder ins Bette und schlief, in Wahrheit, noch ganzer drei Stunden hintereinander weg. Unter der Zeit hatte Olympia dem Bedienten des jungen Grafens meinen Brief zugestellet, welchen dieser letztere mit ungemeinen Vergnugen empfangen und unzahligemal gekusset, wie er mir solches nachhero selbst erzahlet hat. Er ging zwei Tage hernach schon wieder aus, ich aber befand mich im Ernste dergestalt matt, dass ich es noch nicht wagen durfte, mich aus meinem Zimmer zu begeben, brachte auch die meiste Zeit auf dem Bette zu, und was das schlimmste war, so kam des Nachts fast gar kein Schlaf in meine Augen. Da ich aber einstens um die Mitternachtszeit kaum eine Stunde etwas fest geschlafen, hatte mittlerweile Olympia den Hazard begangen und den jungen Grafen in mein Zimmer praktiziert, welcher, da ich mich ermunterte, vor meinem Bette niederkniete u. mit herzbrechenden Worten seiner Kuhnheit wegen um Pardon bat, worzu ihn, wie er vorgab, nichts anders als die heftige Liebe verleitet hatte.
Ich ware vor Schrecken des Todes gewesen, wenn nicht Olympia mir zum Fussen auf dem Bette gesessen hatte. Anfanglich wusste ich nicht, was ich antworten sollte; da aber der Graf in solcher Positur liegenblieb und mir einmal uber das andere die Hand kussete, welches ich vor Verwirrung fast erstlich nicht gewahr worden, gab ich ihm eine Reprimende, welche doch weit starker gewesen ware, wenn ich ihn nicht so heftig geliebt hatte. Endlich bat ich ihn aufzustehen und sich auf den bei meinem Bette stehenden Sessel neben mich niederzulassen. Wir redeten erstlich von gleichgultigen Dingen, sobald aber der Graf merkte, dass Olympia, die sich nachhero in einen Schlafstuhl gesetzt, etwas eingeschlummert war, fassete er sich ein Herze, mit den schmeichelhaftesten Worten mir seine gegen mich tragende heftige Liebe zu entdecken. Anfanglich wollte ich zwar von dem Affekt der Liebe weder wissen noch horen, allein er wusste mir denselben dergestalt annehmlich einzuflossen, dass ich endlich versprach, ihn nicht allein ewig zu lieben, sondern auch, wenn es mit Bewilligung meiner Eltern geschehen konnte, mich mit ihm zu vermahlen. Hierbei erlaubte ich ihm auch meinen Mund und Brust zu kussen und kann versichern, dass er, ausser meinen Blutsfreunden, die erste Mannesperson gewesen, die mich gekusset hat. Wir schwuren also bei dieser ersten nachtlichen Zusammenkunft einander ewig feste Treue, beredeten uns aber auch, unser Verbundnis noch eine Zeitlang verborgen zu halten, bis wir sahen, was die kunftigen Zeiten mit sich brachten. Wir haben nachhero manche schone Nacht miteinander zugebracht und ofters die schonste Gelegenheit gehabt, uns vollkommen zu vergnugen, allein es ist bei den blossen Kussen geblieben und weiter nichts vorgegangen, denn wir liebten einander recht von Herzen, befurchteten derowegen, wenn wir unsern Affekten den vollen Zugel schiessen liessen, uble Folgerungen, wollten also lieber warten, bis wir Recht und Macht darzu hatten.
Mittlerweile, ob wir gleich taglich miteinander in Gesellschaft waren, konnte doch niemand leichtlich merken, dass wir einander so stark liebten, und obgleich der junge Graf mich so wie ich ihn mit aller ersinnlichen Hoflichkeit begegnete, so gedachte doch niemand daran, dass die Liebe darunter verborgen ware. Meine alteste Schwester hingegen konnte ihre Flammen ohnmoglich verbergen, sondern gab sich gewaltig bloss, dass der junge Graf das einzige Ziel ihrer Begierden ware. Bald hernach besuchte der alte Graf eines Morgens seinen Sohn in dessen Zimmer und eroffnet ihm, wie er mit meinem Herrn Vater verabredet habe, zwischen ihm, dem jungen Grafen, und meiner altesten Schwester eine Heirat zu stiften. Der junge Graf erschrickt und wird so blass als eine Leiche, kann auch kein Wort antworten, weswegen ihm sein Herr Vater freundlich zuredet und um die Ursache seiner Verwirrung fragt. Dieser fasset sich ein Herze und bekennet freimutig, dass es die alteste Prinzessin nicht ware, welche er vollkommen lieben konnte, mit der jungsten aber versicherte er sich die allervergnugteste Ehe auf der Welt zu fuhren, glaubte auch gewiss, dass ihm dieselbe ihr Herz nicht versagen wurde. Sein Herr Vater redet ihm zu und preiset die starken Vorzuge, welche die alteste in diesen und jenen Stucken vor den beiden jungern Schwestern hatte, allein da der junge Graf auf seinem Sinne blieb und sagte, dass er die jungste lieber mit einem schlechten Rittergute als die alteste mit einem ganzen Furstentume haben mochte, spricht sein Herr Vater: 'Es ist gut und mir gleichviel, ich will sehen, was ich bei dem Fursten ausrichten kann, ob er Euch die jungste vor der altesten geben will, glaube aber schwerlich, dass er dahin zu disponieren sein wird, unterdessen aber mochte ich wegen unsers Kaisers Interesse gar zu gern mit diesem furstl. Hause nahe verwandt sein.'
Hiermit gehet der alte Graf wieder fort und recta zu meinem Herrn Vater, welchem er die ganze Sache ohnfehlbar vorgetragen haben mag, was sie aber miteinander gesprochen, weiss icht nicht, sondern bemerkte nur mittags bei der Tafel, dass mein Herr Vater, Frau Mutter, meine altesten Schwestern, der alte und junge Graf insgesamt nicht wohl aufgeraumt waren, absonderlich bekam ich von meiner altesten Schwester zum oftern solche Mienen, als ob sie mich zu ermorden gesonnen sei.
Meine mittelste Schwester und ich, welche von der ganzen Intrigue ganz und gar nichts wussten, fuhreten uns zwar eben nicht allzu stille auf, brauchten aber doch bei der Freimutigkeit einige Behutsamkeit, um unsern Eltern nicht missfallig zu werden.
Nach der Tafel gab mir meine Frau Mutter einen Wink, ihr in ihr Zimmer zu folgen, da sie mich denn folgendermassen anredete: 'Ihr wisset, dass Ihr mein liebstes Kind seid, sonderlich Eurer Aufrichtigkeit wegen, darum wollet Ihr in diesem Kredite bleiben, so bekennet mir jetzo die Wahrheit frei und offenherzig und sagt mir: Habt Ihr Euch mit dem jungen Grafen von H. in ein Liebesverstandnis eingelassen?' 'Ich kann nicht leugnen', war meine freimutige Antwort, 'dass er mir zu verschiedenen Malen beim Spazierengehen im Garten oder auch sonsten bei Lustbarkeiten, wenn wir etwa allein an einem Fenster gestanden oder sonsten von niemanden behorcht werden konnen, seine Liebe angetragen, jedoch allezeit auf eine honette und redliche Art. Worauf ich ihm endlich, nachdem er viele susse Worte verschwendet, zur Antwort gegeben, dass ich an seiner Person, Stande und Wesen nichts auszusetzen hatte und wohl wunschen mochte, mit ihm vermahlt zu werden, allein da ich noch unter der Gewalt meiner durchl. Eltern stunde, musste ich alles deren Disposition anheimstellen.'
'So liebt Ihr doch den jungen Grafen im Ernst?' fragte meine Mutter weiter. 'Ich kann es nicht leugnen', war meine Antwort, 'dass ich ihn liebe, denn er ist's wert, und wenn ich ja heiraten sollte, wollte ich mir diesen erwahlen oder gar keinen.' 'Es ist gut', sagte meine Mutter, 'gehet nur in Euer Zimmer.' Sie sahe zwar eben nicht zornig aus, jedoch merkte ich, dass ihr der Kopf nicht recht stund, weswegen ich mich alsobald in mein Zimmer retirierte, auch abends nicht zur Tafel kam, doch hatte ich das Vergnugen, dass mir der junge Graf abermals um Mitternachtszeit von der Olympia zugefuhret wurde.
Wir hielten alle drei geheimbden Rat, bis fast der Tag angebrochen, kamen aber zu keinem andern Schlusse, als erstlich mit Gelassenheit abzuwarten, was weiter passieren wurde. Hierauf retirierte sich der junge Graf, ich aber legte mich zur Ruhe, hatte jedoch kaum zwei Stunden geschlafen, als meine Frau Mutter melden liess, wie mein Herr Vater den beiden Grafen zu Gefallen eine Lustbarkeit und Fischerei auf dem einen unserer Landguter angestellet, worbei sowohl sie als meine Schwestern und ich auch gegenwartig sein sollten, derowegen mochte ich mich eiligst ankleiden, damit ich nebst der Olympia in ihren Wagen mitfahren konnte. Ich zauete mich, sosehr ich konnte, und traf, als ich mich zu meiner Frau Mutter in den Wagen setzen wollte, die Mannespersonen alle zu Pferde, meine beiden Schwestern aber mit ihren Kammerfrauleins bereits in einen andern Wagen sitzend an. Unser Wagen fuhr voraus, da wir aber kaum eine Stunde gekutscht hatten, stiess meiner Frau Mutter eine kleine Ubligkeit zu, welches sie meinem Herrn Vater melden und darbei um Erlaubnis bitten liess, in das etwa einen Steinwurf weit von der Strasse gelegene Kloster zu fahren, um sich von der Abtissin daselbst, welches unsere gute Freundin war, etwas Arzenei eingeben zu lassen, sie hoffte darbei die Gesellschaft noch zu rechter Zeit einzuholen.
Mein Herr Vater kam selbst an den Wagen geritten und bat, keinen Augenblick zu versaumen, um das Kloster zu erreichen, damit wir, wenn es sich gebessert, noch vor der Mittagsmahlzeit auf dem Lustschlosse eintreffen konnten. Wir fuhren also aufs allerschnelleste nach dem Kloster zu, allwo wir von der Abtissin aufs allerfreundlichste bewillkommnet wurden, welche auch, da sie vernahmen, dass meiner Frau Mutter nicht wohl ware, derselben sogleich Arzenei eingab und derselben riet, sich wenigstens eine halbe Stunde auf ein Faulbette niederzulegen, da denn ihre Kammerfrau und eine alte Nonne bei ihr blieben, ich aber und die Olympia wurden in ein besonderes Zimmer gefuhret und aufs herrlichste bewirtet. Der Zufall meiner Mutter verschlimmerte sich ihrem Vorgeben nach, und als ich nach der Mittagsmahlzeit sie besuchte, sprach dieselbe zu mir: 'Mein Kind! ich befinde mich nicht im Stande, den Lustbarkeiten mit beizuwohnen, wollet Ihr nun mit der Olympia dahin fahren oder lieber bei mir bleiben?' Die kindliche Liebe reizte mich also zu der Erklarung, dass ich schlechte Lust haben wurde, wenn ich sie krank zuruckliesse, wollte derowegen alle Lust gern entbehren und bei ihr verbleiben. 'Nun', sagte sie, 'so macht Euch denn heute ein Vergnugen mit den schonen Nonnen in diesem vortrefflichen Kloster, es wird ja, ehe es Morgen wird, besser mit mir werden, denn ich merke, es ist einer von meinen gewohnlichen Zufallen, welche von keiner langen Dauer sein.' Weiln sich nun meine Frau Mutter etwas schlafrig stellete, wollte ich ihr nicht hinderlich sein, sonder folgte vielmehr ihrem Rate und begab mich zu den Nonnen, welche mir allerhand abwechselndes Vergnugen mit Musik, allerlei Lustspieln und Spazierengehen im Garten machten, so dass mir dieser Tag ohnvermerkt unter den Handen wegging und ich abends, da ich meine Frau Mutter noch erstlich besuchen wollte, erfahren musste, dass sie bereits eingeschlafen und hatte sich den Abend fast vollkommen frisch und gesund befunden.
Ich legte mich also auch zur Ruhe, fruhmorgens aber, da ich erwachte, reichte mir Olympia ein versiegeltes Billett, welches meine Frau Mutter durch eine Nonne an mich geschickt, dessen trostlichen Inhalt ich also gesetzt befand:
Mein liebstes Kind!
Ihr habt Euch ein wenig allzufruh von der Liebe uberwunden lassen, welches Ew. Durchl. Herrn Vater und mich selbst nicht wenig verdrusslich gemacht. Derowegen haben wir vors ratsamste zu sein erachtet, Euch an diesen verwahrten Ort unter die Aufsicht unserer werten Freundin, der Abtissin, zu bringen. Ihr werdet auch nicht von dannen herauskommen, bis werdet Ihr nicht leiden, sondern standesmassig traktieret werden, auch solche angenehme Divertissements zu geniessen haben, worbei Ihr die Liebes- und Heiratsgedanken vielleicht vergessen konnet. Ich bitte von nun an den Himmel, dass er Euch andere Gedanken und die Lust einflossen moge, Eure ganze Lebenszeit in diesem schonen Kloster zuzubringen, weil darinnen weit vortrefflicher Vergnugen zu finden als ausserhalb desselben in der wollustigen Welt. Dem Fleische wird es zwar anfanglich etwas sauer ankommen, nachgerade aber werdet Ihr den wurklichen Vorschmack der himmlischen Ergotzlichkeiten darinnen finden. Ich bin heute fruh mit anbrechenden Tage, gottlob! gesund von hier ab- und nach Hause gereiset, werde Euch aber mit nachsten wieder besuchen. In sicherer Hoffnung, dass Ihr Euch als eine gehorsame Tochter dem Willen Eurer Eltern ohne Murren unterwerfen werdet, beharre
Eure
jederzeit getreue Mutter.
Ich kann nicht leugnen, dass mich das Verfahren und der listig gespielte Streich von meiner Frau Mutter dergestalt heftig verdross, dass ich in die Lippen biss und das Blatt in meinen Handen zu einer Kugel machte. Olympia, welche sowenig als ich an dergleichen Handel gedacht hatte, erschrak recht uber mein Beginnen und sagte: 'Behute Gott, Kind! Was heisst das?' 'Was heisst's?' gab ich zur Antwort, 'wir sind alle beide Gefangene, meine Schwestern sollen alle beide Manner haben, ich aber eine Nonne werden, da mir doch nimmermehr sonderlich durch Zwang Nonnenfleisch wachsen soll.' Olympia wurde ebenfalls besturzt, zumalen da ihr das Hofleben, ohngeacht sie meine Mutter sein konnen, dennoch weit anstandiger war als das Klosterleben. Ich gab ihr den Brief zu lesen, worauf sie zu mir sprach: 'Wenn man uns so listigerweise hintergehen will, mussen wir auf eine Gegenlist bedacht sein, lasset mich nur machen, mein Kind, was ich will, und folget in allen Stucken meinem Rate. Vor allen Dingen musset Ihr Euch anstellen, als ob Euch nichts angenehmer auf der Welt ware als das Klosterleben, damit wir nur desto mehr Freiheit behalten und in Zukunft erlangen. Mittlerweile will ich schon Gelegenheit finden, dem jungen Grafen Briefe zuzubringen, und wenn kein ander Mittel helfen will, so soll er uns alle beide entfuhren.' 'Was wurde', war meine Gegenrede, 'dem jungen Grafen mit einer Prinzessin ohne das geringste Heiratsgut gedienet sein?' 'Vors erste', replizierte Olympia, 'bin ich versichert, dass der junge Graf aus allzu heftiger Liebe bloss auf Eure Person siehet, und vors andere, wenn wir erstlich in Sicherheit gebracht sind, werden sich Eure Eltern schon zum Ziele legen mussen.'
Auf diese Reden blieb ich etwas in Gedanken vertieft, liess mich aber ankleiden, und da solches kaum geschehen, liess sich die Abtissin bei mir melden. Ich liess zurucksagen, dass mir ihre Visite sehr angenehm sein wurde, nahm auch unterdessen auf Einraten der Olympia eine recht frohliche Miene an und empfing die Abtissin wider ihr Vermuten auf eine recht lustige Art. Sie trunk mit mir Tee und konnte nicht lange hinter dem Berge halten, sondern fragte bald, was mir meine Frau Mutter zugeschrieben. Ich gab ihr ganz freimutig zur Antwort: 'Dieses, dass sie, meine durchl. Eltern, mich zum Klosterleben bestimmt haben. Hiermit tun sie mir nicht den geringsten Tort, weil ich von Jugend auf in meinem Herzen weit starkeren Appetit zum Klosterleben als zum Heiraten verspuret. Nur dieses ist mir einigermassen empfindlich gewesen, dass sie mich listigerweise hereingebracht, jedoch es ist schon vergessen und vergeben, denn es sind meine Eltern. Leugnen kann ich nicht, dass der junge Graf von H. mein Herz gewaltig besturmet, ihn zu lieben, muss auch gestehen, dass ich ihn sehr gewogen bin, jedoch weil meine durchl. Eltern eine eheliche Verbindung mit ihm nicht vor genehm halten, kann ich mir seine Person und alle Liebesgedanken ohne besondern Kummer aus dem Sinne schlagen. Ich glaube, er wird es auch mit leichter Muhe tun, weil wir sehr wenige und kurze Zeit miteinander umgegangen sind, zumalen wenn er mich nicht mehr siehet.' Die Abtissin erstaunete uber meine Gelassenheit, indem sie sich vorhero eingebildet, dass sie mich in grosster Verwirrung antreffen wurde. Derowegen lobte sie meinen Vorsatz, in Meinung, dass sie mit der Zeit eine der vollkommensten Nonnen aus mir ziehen wurde. Ich wurde aufs propreste traktiert und bedient, hatte auch in Wahrheit fast vergnugtern Zeitvertreib als an unserm Hofe, bei welchem, wenn keine Frembde da waren, alles ganz stille zuginge. Unterdessen, ob ich meine Affekten gleich ungemein verbergen konnte, merkte ich dennoch bei mir selbst, dass ich den jungen Grafen, da ich das Gluck nicht mehr hatte, ihn zu sehen, nunmehro erstlich recht vollkommen liebte. Olympia hatte, ehe funf oder sechs Tage vergingen, des Klostergartners Frau vermittelst einiger kleinen Geschenke schon vollkommen auf ihre Seite gebracht, also beredete sie mich, dass ich folgenden Brief an den jungen Grafen aufsetzte:
Mein liebster Graf!
Das Verhangnis hat nicht gewollt, dass unsere Liebe und geschworne Treue zur Vollkommenheit gedeihen sollen, derowegen hat es mich als eine Gefangene zwischen die Klostermauren gefuhret, ob ich nun gleich eben noch keinen besondern Appetit zu dieser zwungen, dem Verhangnisse stillezuhalten. Vielleicht gibt mir der Himmel in Zukunft andere Gedanken ein, dass mir die Einsamkeit etwas susser vorkommt. Ihnen hergegen wunsche ich alles vollkommene Vergnugen und glaube, dass Sie selbiges bei einer von meinen Schwestern schon finden werden, weil das Gluck mir abgunstig ist, Ihnen zuteil zu werden, da ich mir doch schon im Geiste vorgebildet, bei Ihnen und Ihrer Gesellschaft ein Himmelreich auf Erden zu finden. Es stehet Ihnen frei, fernerweit an mich zu gedenken oder mich ganzlich zu vergessen, ich aber werde dennoch Ihre liebste Person sehr ofters in Gedanken kussen, mein ungluckliches Schicksal in der Stille beklagen und auch in der Einsamkeit verbleiben,
mein liebster Graf,
Dero
getreue Freundin.
Olympia approbierte dieses Schreiben, hatte aber wider mein Wissen noch eins von ihrer Hand beigelegt, dessen Inhalt ich nicht ausfuhrlich weiss, es wurde auch nur viel zu weitlauftig fallen, alle Umstande zu erzahlen, derowegen will mich der Kurze befleissigen. Mein Herr Vater bleibt ganzer acht Tage mit seinen Gasten und meinen Schwestern auf dem Lustschlosse, allwo sie sich bald mit Jagen, bald mit Fischereien, bald auf andere Art die Zeit passieren. Meine Frau Mutter aber schickt einen Expressen dahin und lasset melden, dass zwar sie vor ihre Person von der zugestossenen Maladie wieder genesen, hergegen hatte ich einen desto gefahrlichern Zufall bekommen, so dass sie einen Medicum holen und mich unter der Aufsicht der Abtissin im Kloster zurucklassen mussen. Sie aber hatte sich, um in der Nahe zu sein, wieder auf die gewohnliche Residenz begeben. Der junge Graf glaubet dieses und ist meiner Maladie wegen sehr bekummert, noch selbigen Abends aber, da er mit den Meinigen in unserem Residenzschlosse eingetroffen, werden ihm durch die listige Klostergartnerin meine und Olympiens Briefe zupraktizieret, welcher er zu warten befehlen lasst und noch selbige Nacht folgende Antwortszeilen an mich zurucke schreibt:
Durchlauchtigste Prinzessin,
allerangenehmste Beherrscherin
meines Herzens!
Die erste Nachricht, dass Dieselben im Kloster von einer neuen Unpasslichkeit uberfallen worden, hat in meiner Brust eine solche schmerzliche Bangigkeit erweckt, dass ich fast nicht zu bleiben gewusst, mithin an den angestelleten Lustbarkeiten den allergeringsten Teil nehmen konnen. In was vor jammerliche Besturzung ich aber vollends durch Ew. Durchl. an mich abgelassenes Schreiben gesetzt worden, kann kein Mensch begreifen als ein solcher, der einsmals so heftig geliebt hat, als ich Sie, meine Gottin, liebe. Nimmermehr ist es ein himmlisches Geschicke zu nennen, dass Dero allerschonster Korper in den Klostermauren eingeschlossen sein soll, sondern das ganze Werk ist vom Neide und Missgunst angesponnen worden. Dero Durchl. Eltern wollen mir von ihren Prinzessinnen keine andere als die alteste geben, allein ob ich gleich an derselben Schonheit nichts auszusetzen habe, so bemerke doch, dass ihre Gemutsbeschaffenheit mit der meinigen nicht ubereinstimmet. Demnach ware keine gewissere Folgerung zu hoffen als eine unvergnugte Ehe. Sind aber Ew. Durchl. annoch gesonnen, mir, Dero getreusten Knechte, das getane Versprechen zu halten, so ist zu unserer Vereinigung kein anderes Mittel mehr ubrig, als dass ich Anstalten mache, Dieselben aus dem Kloster zu entfuhren. Es wird der Frau Olympia an guten Einschlagen nicht ermangeln, und meine Veranstaltungen sollen auch schon so eingerichtet werden, dass an einem glucklichen Ausgange der Sache nichts fehlet. Sind wir nur einmal auf kaiserlichen Grunde und Boden, so wird unsere Sache bald gut gemacht werden, weiln mein Herr Vater bei Ihro kaiserl. Maj. in besondern Gnaden stehet, mithin Dero Durchl. Eltern unsers vermeintlich begangenen Verbrechens halber gar leichtlich konnen ausgesohnet werden. Ew. Durchl. bitte aus untertanigst-getreuster Liebe, sich die Sache nicht zu schwer vorzustellen, sondern, wenn Dieselben mein Ihnen einzig und allein gewidmetes Leben erhalten wollen, diesen Vorschlag einzugehen und mir je ehr je lieber Zeit, Ort und Gelegenheit zu bestimmen, da ich denn unter dem Vorwande, mit Erlaubnis meines Herrn Vaters eine Reise nach Vicenza zu tun, nachhero binnen wenig Tagen dieses Dessein mit Beihulfe des Himmels glucklich auszufuhren verhoffe, Dero uberirdische Person in Freiheit und Sicherheit zu bringen, denn ich sonsten ohne Dieselbe als der allerungluckseligste und allerunvergnugteste Mensch leben musste, wenn nicht der barmherzige Himmel mich durch einen baldigen Tod von der Welt abforderte. Ich wunsche, dass die Liebe bei Ihnen einen Vorspruch meinetwegen tun moge, und beharre bis ins Grab
Ew. Durchlaucht
meiner himmlischen Prinzessin
ewig getreuer
H.
Ich war schwer an diese Sache zu bringen, jedoch weil nicht nur Olympia mir alles ganz leicht machte, sondern auch die grosse Liebe, die ich gegen den Grafen trug, mich anreizte, meine Person ihm in die Hande zu spielen, als ward vermittelst noch fernern Briefwechsels die Sache dergestalt eingerichtet, dass der junge Graf mit einer zugemachten Chaise und guter Begleitung in einer darzu bestimmten Nacht ausserhalb der Klostermauren, die gegen Abend stossen, ankommen und sowohl mich als die Olympia hinwegholen sollte. Der Ausgang war uns sehr leicht, denn Olympia hatte die Schlussel zu den grossen eisernen Gartenturen durch den Gartner in Wachs abdrucken und also Nachschlussel verfertigen lassen. Wir kamen also eine Stunde nach Mitternacht glucklich hinaus, der Gartner schloss hinter uns wieder zu, und wir trafen den jungen Grafen mit funf andern Personen und einem Wagen an, in welchen er mich nebst Olympien hub und schnell fortfahren liess, er aber und seine Gefahrten begleiteten den Wagen zu Pferde."
Bis hier war die schone Furstin in ihrer Erzahlung gekommen, als in dem Nebenzimmer das gewohnliche Zeichen gegeben wurde, dass die Abendtafel zugerichtet ware, weswegen sie Elbensteinen umarmete und kussete, ihn hernach bei der Hand nahm und zur Tafel fuhrete. Die zwei Stunden uber, so sie bei derselben zubrachten, wurde von lauter indifferenten Dingen diskuriert, nachhero, als die Tafel aufgehoben und sie noch etliche Glaser Wein miteinander getrunken hatten, sagte die Furstin: "Ich befinde mich ganz schlafrig, werde mich also zur Ruhe begeben und Euch, mein Herr, dieselbe auch gonnen; Ihr werdet demnach in den angewiesenen Zimmern Eure Bequemlichkeit zu gebrauchen belieben, auch konnet Ihr Euch inwendig verriegeln, damit Ihr von niemanden gestoret werdet, morgen fruh sprechen wir einander weiter, da ich Euch dann die angefangene Historie vollends auserzahlen will." Hiermit machte sie ein Kompliment und wunschte ihm eine gute Nacht. Elbenstein kussete ihr, weil Olympia darbei stund, bloss allein die Hand, wunschte gleichfalls angenehme Ruh und ging ganz besturzt zuruck, denn er wunderte sich ungemein, dass sie ihn nicht zu einem nachtlichen Zeitvertreibe eingeladen hatte, endlich aber gedachte er bei sich selbst: 'Sie ist entweder im Ernst schlafrig, oder sie will dir, weil du keine Mittagsruh gehalten, einmal eine ruhige Nacht gonnen, damit du die folgende desto besser wachen kannst, denn es ist ja unmoglich, dass sie so plotzlich kann auf dich erzurnt worden sein, da du mit keiner Miene Gelegenheit darzu gegeben. Jedoch', gedachte er weiter, 'vielleicht ist sie gesonnen, mir von selbst eine Nachtvisite zu geben, allein was hatten denn solchergestalt die Worte zu bedeuten: "Ihr konnet Euch inwendig verriegeln, dass Ihr von niemanden gestoret werdet."'
Er sonne demnach in seinem Zimmer noch eine gute Zeit hin und her, endlich aber trunk er noch einige Glaser Wein, klingelte den Stummen, dass sie ihn auskleiden hulfen, ging hernach in das Schlafzimmer und legte sich zur Ruhe. Ob er nun gleich die Tur, so in der Dame Zimmer ging, inwendig seinerseits nicht verriegelte, so horete er doch im Niederlegen, dass dieselbe auf der andern Seite entweder von der Olympia oder von der Furstin selbst verriegelt, er aber in der Meinung gestarkt wurde, dass diese letztere wurklich Lust hatte, ruhig zu schlafen; also legte er sich auf die Seite mit dem Gesichte nach der Wand zu, hinter welcher seiner Schonen Bette stund, und fing allmahlig an einzuschlummern. Allein er hatte kaum eine Viertelstunde gelegen, da es ihm vorkam, als ob hinter den Tapeten an der Wand etwas schnell hinauf in die Hohe fuhre, derowegen fuhr er auch im Bette auf. Indem eroffneten sich die Tapeten, und er sahe mit Verwunderung, wie die Dame aus ihrem Bette in das seinige getreten kam, sich sogleich an seine Seite legte, ihn in die Arme nahm und sagte: "Nein, mein Engel! so haben wir nicht gewettet, ich wollte dich nur probieren und einen kleinen Spass machen, ein paar Stundgen musst du mir noch die Zeit passieren, hernach kannst du morgen schlafen, so lange als dir beliebet. Allein ist dieses nicht eine herrliche Invention vor ein paar Verliebte, ich habe heute den Anfang gemacht, morgende Nacht aber musst du hinuber in mein Bette kommen, und also wollen wir wechseln, so lange wir beisammen sind, damit keinen unter uns beiden zuviel geschicht."
Elbenstein eroffnete ihr die klare Wahrheit, wie er nehmlich ganz verwirrt worden, da sie ihn so plotzlich dimittiert, und hatte er besorgt, es ware eine Unpasslichkeit daran schuld oder sie hatte vielleicht gar, ohngeacht er sich nicht entsinnen konnen, einen wichtigen Fehler begangen zu haben, eine Ungnade auf ihn geworfen, weswegen ihm recht bange gewesen, so dass er dieserwegen noch eine gute Zeit offen geblieben ware und allerhand Grillen gemacht hatte. Die Dame lachte hieruber, bat ihn um Verzeihung und kontestierte hoch und teuer, dass ihre Intention bloss allein gewesen ware, einen Spass zu machen. Nachhero aber gerieten sie auf ganz andere Gesprache, und diese Konferenz, welche nur ein paar Stundgen wahren sollte, daurete, bis der helle Tag anbrach, da denn dieser Nachtgeist wieder zuruck in ihr Bette ging und die Falltur, welche recht kunstlich in der Wand eingefasset war, wieder herunterliess; Elbenstein aber verfiel sogleich in einen sussen Schlaf und verharrete darinnen bis gegen Mittag, da er aufstund und sein rotes Kleid anlegete, sich nach getrunkener Schokolade recht wohl befand und in seinem Zimmer abwartete, bis ihn die Furstin zur Tafel abrufen liess. Sie sahe uber sein Vermuten sehr frisch und munter aus und hatte diesen Tag ein himmelblaues Kleid an, welches nicht weniger kostbar war als das, welches sie den vorigen Tag angehabt hatte, auch bemerkte Elbenstein, dass ihr Schmuck zwar der Mode nach anders, allein dem Wert nach fast noch schatzbarer war als der gestrige.
Sie brachten dieses Mal nicht viel langer als eine Stunde Zeit bei der Tafel zu, denn weiln sowohl sie als er viel Schokolade getrunken, war der Appetit zum Essen eben nicht gar stark. Nach der Tafel ging sie ihrer Gewohnheit nach eine gute Stunde mit ihm im Zimmer spazieren, hierauf aber musste er sich neben sie in einen Schlafstuhl, der auf zwei Personen verfertigt war, setzen, da sie denn also zu reden anfing: "Ich muss Euch doch, mein Liebster, meine Begebenheiten vollends auserzahlen!
Als wir, wie gestern gemeldet, aus dem Kloster glucklich entwischt und morgens ohngefahr drei Stunden nach Aufgang der Sonnen schon eine ziemliche Anzahl italianischer Meilen zuruckgelegt hatten, jedoch immer uns von der grossen Heerstrasse abgeschlagen hatten, wurden meine Begleiter gewahr, dass drei Personen hinter uns hergeritten kamen, weswegen der junge Graf mit drei der Seinigen hinter dem Wagen blieb, zwei aber mussten vorausreiten, denn das Herze mochte ihm schlagen, dass uns etwa mochte nachgesetzt werden; allein die Furcht verschwand, da er bemerkte, dass dieselben taten, als ob sie gar nicht zusammengehoreten, indem sie ganz weitlauftig voneinander ritten und sich endlich bei einem Scheidewege gar teileten, so dass der eine seinen Weg rechter Hand nach dem Walde zu nahm, der andere linker Hand nach dem Geburge, der dritte aber auf unserer Strasse hinter uns herritte. Wir schlugen uns bald hernach ebenfalls linker Hand nach dem Geburge zu, allwo der Graf in einem Flecken, der diesseit eines massigen Flusses lag, frische Pferde bestellet hatte, die auch, sobald wir den Flecken erreichten, gleich parat stunden. Unter der Zeit, da ausgespannet wurde, reichte der Graf mir und der Olympia zwei Stuck frisch gebackenen Kuchen und eine Bouteille Wein in den Wagen, liess aber niemanden sehen, wer drinnen sass. Allein, o Himmel, da unsere ermudeten Pferde zuruckkehreten, kehreten auch die frischen zuruck. Der Graf fragte, was diese Possen bedeuten sollten, allein es gab ihm niemand Antwort, hergegen kamen augenblicklich aus einem Hause ohngefahr zwolf bewehrte Mann herausgesprungen, welche nicht allein den Wagen umringelten, sondern auch von unsern zu Pferde sitzenden Begleitern verlangten, dass sie sich gefangengeben sollten. Wie nun der Graf mit den Seinigen sich hierzu nicht verstehen wollten, sondern nach den Pistolen griffen, kam es zum Feuergeben, uber welche Komodie mir eine Ohnmacht zustiess. Da ich mich aber von derselben wieder rekolligiert hatte, befand ich mich in einem schlechten Zimmer auf einem gemeinen Ruhebette liegend. Meine erste Frage an die Olympia war: 'Ach, was macht mein Graf, lebt er noch oder ist er erschossen?' Olympia gab weinend zur Antwort: 'Er lebt zwar noch, allein er hat der Menge und der Gewalt weichen und die Flucht ergreifen mussen.' Ich will, Weitlauftigkeit zu vermeiden, nicht melden, wie ich mich mit der Olympia uberworfen, dass sie mich zu dieser desperaten Reise beredet, zumalen da ich in verzweifelten Angsten stund, ob der Graf lebendig oder tot ware, jedoch kurz zu melden, wenige Zeit hernach erfuhr ich, dass er zwei von seinen Angreifern mit eigener Hand erschossen, seine Begleiter hatten auch drei zu Boden gelegt, hergegen hatten die Angreifer nur einen von seinen Leuten erschossen und drei blessiert, worunter der Graf selbsten gewesen, dem eine Kugel ein Stuck Fleisch von der rechten Schulter abgerissen, worauf, da er gesehen, dass es unmoglich, sich und mich zu retten und zu helfen, er das Reissaus gegeben und, ob ihm gleich noch etliche Kugeln nachgeschickt worden, dennoch insoweit glucklich fortgekommen.
Ich habe an selbigem Orte weder Speise noch Trank zu mir genommen, auch weiter kein Wort geredet, viel weniger die darauffolgende Nacht ein Auge zugetan, stund aber sehr fruh auf und ging in der Stube herum spazieren. Olympia redete mir zu, fragte bald dieses, bald jenes, allein ich antwortete kein Wort, ob man auch gleich verschiedene Delikatessen, so gut sie an diesem kleinen Orte zu bekommen waren, mir vorsetzte und Olympia mich mit Tranen bat, auch mir mehr als einen Fussfall tat, so blieb ich doch auf meinem Kopfe und tat, als ob ich nicht sahe, nicht horete und nicht reden konnte.
Endlich, etwa eine Stunde nach Aufgang der Sonnen kam eine alte reputierliche Frau, welche sich sehr submiss gegen mich erwies und bat, ich sollte mir doch aus der ganzen Sache nur keinen Kummer machen, die durchl. Eltern waren schon uber die Halfte ausgesohnet und wurden den kleinen Liebesfehler bald vergessen, inzwischen ware der Wagen schon angespannet, ich sollte nur befehlen, um welche Zeit ich abfahren wollte. Anstatt mit dem Munde zu antworten, nahm ich meine Masque und Kappe, lief als ein verwirrtes Mensch zur Tur hinaus und setzte mich in den Wagen, Olympia tat dergleichen, und also fuhren wir fort, aber nicht so schnell als vorhero, da der Graf kommandierte. Wir hielten unterwegen zweimal stille und bekamen frische Pferde, da mir denn Speise und Trank angeboten ward, allein ich nahm nichts, gab auch auf alle Reden nicht die geringste Antwort. Endlich gelangeten wir, da es schon dunkel worden, wieder zuruck im Kloster an, allwo ich von der Abtissin mit einer gelassenen Miene empfangen und ermahnet wurde, gutes Muts zu sein, es wurde dieses Vergehen weiter keine sonderlich verdrusslichen Folgerungen nach sich ziehen. Allein auch diese konnte kein Wort aus mir bringen, sondern ich sass in einem Schlafstuhle mit unterstutzten Haupte und schloss die Augen feste zu, als ob ich schliefe, weswegen die Abtissin, nachdem sie langer als eine halbe Stunde vergeblich auf ein Wort von mir gewartet, endlich gute Nacht nahm und sich hinweg begab. Hierauf fing ich an, mich selbsten auszukleiden, weiln ich aber nicht uberall zurechtekommen konnte, so musste dennoch geschehen lassen, dass mir Olympia zu Hulfe kam, sobald ich aber die Kleider vom Leibe hatte, legte ich mich augenblicklich zur Ruhe und bekam noch in selbiger Nacht ein wurkliches hitziges Gallenfieber. Demohngeacht liess ich mich in den ersten drei Tagen durchaus nicht bewegen, die geringste Arzenei zu gebrauchen, sondern sehnete mich im rechten Ernste nach dem Tode. Da aber meine Frau Mutter, welche mich zu besuchen angekommen war, nicht das geringste von meinem begangenen Fehler gedachte, sondern mich bald mit guten Worten, bald mit Tranen bat, nicht meine eigene Morderin zu werden, sondern Arzenei zu gebrauchen, liess ich mich endlich bewegen zu folgen, brachte aber uber sechs Wochen zu, ehe ich wieder ausserhalb des Bettes dauren konnte.
Es wunderte mich hochlich, dass weder meine Frau Mutter noch die Abtissin auch nach meiner Wiedergenesung nicht das geringste Wort von meiner Flucht erwahneten, ehe ich es mich aber versahe, war meine Olympia fortgeschafft, an deren Statt ich ein anderes frembdes Magdgen zur Bedienung bekam, auch erfuhr ich von einigen vertrauten Nonnen, dass der Gartner benebst seiner Frau abgeschafft und in ein Gefangnis gebracht worden. Es ging mir dieses sehr nahe, allein ich verbiss meinen Verdruss und war uber ein halbes Jahr bestandig sehr traurig und missvergnugt, liess mich auch sehr selten bereden, nur auf kurze Zeit aus meinem Zimmer und an die freie Luft zu kommen. Meine Frau Mutter besuchte mich zuweiln alle 14 Tage oder drei Wochen, einsmals aber brachte sie ihren Bruder, den Kardinal, wie auch noch einen andern Befreundten, nehmlich meinen jetzigen Ehegemahl, mit sich.
Der Kardinal liess sich in ein besonderes Gesprach mit mir ein und eroffnete mir endlich mit guter Manier, dass mein Liebster, der junge Graf von H., aus Desperation ein Malteserritter worden ware, jedoch hatte er das Ungluck gehabt, in dem ersten Gefechte, welches er mit einem turkischen Seerauber gehabt, erschossen zu werden. Ich konnte mich dieserhalb der Tranen nicht enthalten, weswegen der Kardinal alle seine Beredsamkeit anwendete, mich zu trosten, endlich aber fragte, ob ich lieber wieder auf unser Schloss mit zuruckkehren oder noch eine Zeitlang oder gar auf Lebenszeit in diesem Kloster verbleiben wollte. Meine Antwort war, dass ich mich eben nicht sonderlich nach den Meinigen sehnete, indem ich vorhersehen konnte, dass mir meine Schwestern viel Schmach und Verachtung antun wurden. Diese meine Reden machte sich der Kardinal, welcher mich, wie ich hernach erfahren habe, aus dermassen gern, ich weiss aber nicht aus was vor Ursachen, in ein Kloster gesteckt haben wollte, sogleich zunutze, preisete mir das Klosterleben ungemein herrlich an, und ich gab so viel zu verstehen, dass es mir bei meinen jetzigen Umstanden eben so grausam schwer nicht fallen wurde, diese Lebensart zu erwahlen, jedoch b[a]te nur, man mochte mich nicht ubereilen, indem alles gezwungene Wesen meiner Natur hochst zuwider ware. Er versprach mir, dass ich noch ein halbes, auch wohl ganzes Jahr zur Bedenkzeit haben konnte, und weiln ich hierauf grosse Kopfschmerzen vorschutzete, liess man mich alleine.
Der Kardinal eroffnet meiner Frau Mutter und der Abtissin mit Freuden, dass er mich fast ganzlich disponiert, den Nonnenhabit anzunehmen. Diese bezeigen sich ebenfalls sehr vergnugt daruber, allein der andere Befreundte, mein jetziger Eheherr, mag mich mit andern Augen angesehen haben, bekommt derowegen auch andere Gedanken, lasset sich aber damals gegen niemanden etwas merken, sondern reiset wieder mit zuruck auf unser Schloss. Zwei Wochen hatte er sich daselbst aufgehalten, und als er von dannen wieder zuruck nach seiner Residenz kehren wollte, sprach er erstlich noch einmal in unserm Kloster ein. Weil er schon ein Herr von 50 Jahren und darzu ein, wiewohl nicht allzunaher Freund von mir, war ihm ein leichtes, mit mir in geheim zu reden zu kommen. Als nun eben niemand zugegen, der unser Gesprach vernehmen konnte, redete er mich ohnverhofft also an: 'Meine schonste Muhme! Ich bedaure Euer Ungluck, hattet Ihr und der junge Graf, Euer Liebster, Euch an mich adressiert, so sollet Ihr schon wurkliche Eheleute sein, denn ich hatte zu Eurem Vergnugen alles anwenden und die Sache wohl ausmachen wollen. Allein was ist nun zu tun: der Graf, den Ihr geliebt habt und der wegen seiner vortrefflichen Qualitaten kein unwurdiger Gemahl vor Euch gewesen ware, ist nunmehro wurklich tot, Ihr tut wohl, dass Ihr seinen Tod beklagt, denn ich zweifele nicht, dass Ihr einander aufrichtig und getreu geliebt habt. Allein, dass Ihr dieserwegen das Klosterleben erwahlen wolltet, dieses ware eine grosse Torheit, denn eine solche Liebeswunde, wie sehr sie auch schmerzt, heilet in wenig Monaten oder Jahren, aber so viele Jahre bis an sein Ende als eine Nonne zu leben, mochte Euch nachhero tausendmal schmerzlicher fallen. Darum horet mich an, mein Engel, ich biete Euch mein Herze, Hand und Ehebette an, ich mag Erben mit Euch zeugen oder nicht, so sollet Ihr dennoch die Erbin aller meiner Guter und meines ganzen Vermogens sein. Eure Eltern konnen und werden mir Eure Person, wenn ich darauf dringe, nicht versagen, wenn sie nicht haben wollen, dass ich mein Vermogen von ihrem Geschlechte ab- und einem frembden zuwende, denn es ist bekannt, dass ich mit dem Meinigen disponieren kann, wie ich will. Dass der Kardinal Euch lieber eine Nonne als verheiratete Person sehen will, ist gewiss, ich weiss auch seine Ursachen, allein wenn Ihr mich lieben konnet und mir die eheliche Hand geben wollet, will ich Euch von dieser elenden Lebensart befreien und Euch alles ersinnliche Vergnugen zu verursachen bemuhet leben.'
Ich befand mich", fuhr die Dame im Reden fort, "wegen innigster Betrubnis nicht imstande, auf diesen Antrag eine positive Resolution von mir zu geben, er aber, als er dieses merkte, sprach: 'Mein Kind, ich halte davor, dass es Euch allerdings schwerfallt, eine plotzliche Resolution zu ergreifen, demnach will ich Euch vier Wochen Bedenkzeit uberlassen, uberlegt alles wohl, denn es wird nicht leicht ein ander Mittel zu erfinden sein, Euch aus diesem Kerker zu erlosen. Nach Verlauf der bestimmten vier Wochen will ich wieder zu Euch anhero kommen und Eure Entschliessung vernehmen, sodann die Sache mit Euren durchl. Eltern bald zum Stande bringen, inmittelst auch bedacht sein, dass Eure Schwestern vorher standesmassige Heiraten treffen.'
Hiermit uberliess er mich meinem eigenen fernern Nachsinnen und reisete wieder fort. Ich muss bekennen, dass mir der Tod des jungen Grafen ungemeine Herzensschmerzen verursachte, wenn ich aber im Gegenteil auch bedachte, dass es nunmehro unmoglich, mit ihm auf dieser Welt vereinigt zu werden, uber dieses wohl spurete, dass mir kein Nonnenfleisch gewachsen, auf keine andere Art aber nicht leicht aus diesem Labyrinth herauszukommen ware, als resolvierte mich, den Vorschlagen meines Vettern, des Fursten von C., Gehor zu geben. Dieser kam um die bestimmte Zeit wieder und brachte seine Werbung noch liebreicher als das erstemal an. Demnach gab ich endlich so viel zu verstehen, dass ich ihn liebte und mein Gluck, Ungluck, Vergnugen oder Missvergnugen bloss allein in seine Hande stellete. Er war hiermit hochst vergnugt, steckte einen kostbaren Ring an meinen Finger, und ich ersetzte diesen mit einem andern, so gut ich ihn eben bei mir hatte, wir wechselten einige Verlobniskusse, worauf er ohngesaumt zu meinen Eltern reisete und ihnen die Sache vortrug. Diese stutzen anfanglich gewaltig daruber, da sie aber nur in einer Nacht uberlegt, dass dieser reiche Vetter gar leicht auf andere Gedanken geraten und ihrem Hause auf den Sterbefall alles das Seinige entwenden konnte, schlagen sie zu und versprechen mich an ihn, zumalen da er vor meine beiden Schwestern ein paar solche Freier vorgeschlagen hatte, an denen nichts auszusetzen war. Er tat mir diese seine gluckselige Verrichtung sogleich schriftlich ins Kloster zu wissen, zwei Tage aber hernach kam er mit meiner Frau Mutter selbst dahin und holete mich ab auf unser Schloss, allwo vier Wochen hernach unser drei Schwestern zugleich auf einmal Beilager hielten.
Ich muss ihm, meinem Gemahl, nachsagen, dass er mich jederzeit ungemein karessiert und mir allen Willen gelassen hat, denn er ist der Jalousie nicht so stark ergeben als wohl andere Italianer, nur in einem gewissen Stucke, das ich voritzo nicht ausfuhrlich erzahlen will, hat er mir nachhero einen starken Ekel gegen seine Person verursacht, sonsten ware ich ihm auch wohl nimmermehr untreu worden. Es haben sich seit meiner Vermahlung unzahlige hohe Personen die grosste Muhe gegeben, sich in meine Gunst zu setzen und ein geheimes Liebesverstandnis mit mir aufzurichten, indem sie leicht erachten konnten, dass ein so bejahrter Herr, als mein Gemahl ist, einer Dame von meinen Jahren und lebhaften Temperamente wohl nicht allerdings Satisfaktion zu geben im Stande befindlich. Allein ich habe mich jederzeit sehr eingezogen und moderat aufgefuhrt, wodurch ich denn bei meinem Gemahl ein vollkommenes Vertrauen gegen mich erweckt, so dass er mir jederzeit die Freiheit gelassen hinzureisen, wohin ich gewollt habe.
Allein wenn ich die klare Wahrheit sagen soll, so haben ein und andere Begebenheiten, die mir zu Ohren gebracht worden, einen besondern Ekel in meinen Herzen gegen alle Mannspersonen meiner Nation erweckt, ohngeacht ich wohl glaube, dass sonderlich unter den vornehmen Personen sehr viele an denjenigen Lastern unschuldig sind, welche in diesen Landen im Schwange gehen. Hergegen aber und da zumalen mein erster Liebhaber ein Deutscher gewesen, habe ich die Deutschen allen andern vorgezogen, weil sie die Reinlichkeit und Zartlichkeit auf eine ungezwungene Art lieben und sozusagen in ihrem gesetzten Wesen und herrlichen Qualitaten alle andere Nations ubertreffen. Demnach kann ich nicht leugnen, dass ich mir gewunscht, einen appetitlichen Deutschen in geheim zu meinem Amanten zu haben, zumalen da ich noch und immer mehr und mehr bemerken lernete, worinnen doch wohl eigentlich das wahrhafte und vollkommene Liebesvergnugen bestehen musste. Olympia hatte ich nach meiner Vermahlung sogleich wieder zu mir genommen, und bei derselben haben sich alsobald verschiedene Standespersonen mit grossen Presenten eingefunden, um sie zu gewinnen, dass sie mich dahin bewegte, ihnen einen geheimen Zutritt bei mir zu verschaffen, allein weil ich keinen Appetit darzu bezeigte, nahm sich Olympia auch wohl in acht, ohngeacht sie zwar alles vorbrachte, mir dennoch nicht darzu zu raten, indem sie befurchtete, aufs neue meine Gunst zu verscherzen oder sonsten Gefahr zu laufen. Kurz! Olympia war gar nicht mehr so wie ehemals, sondern ginge sehr behutsam; hergegen liess sich die ariquische Margaretha dergleichen Sachen besser angelegen sein. Diese kam fast alle Woche drei- oder viermal zu mir, brachte bald von diesen, bald von jenen Liebhaber Komplimente, auch wohl gar Liebesbriefe, allein, ich wies sie jederzeit darmit zurucke und sagte, wenn ich mich ja zu einer Nebenliebe entschliessen wollte, wurde ich mir schon selbsten jemanden nach meinen Appetite auslesen. Unterdessen befahl ich ihr, dass, wenn sie etwa einmal einen rechten feinen deutschen Herrn zu sehn bekame, mir alsobald Nachricht von ihm zu geben, da ich denn ihre Muhe mit etlichen Zechinen belohnen wollte. Nachhero hat sie mir zwar zu verschiedenen Malen Gelegenheit verschafft, einige derselben zu sehen, allein ich fand keinen darunter, der mir anstandig war. Endlich fugte es das Gluck, dass mein Gemahl Lust bekommen, nebst einigen guten Freunden die Weinlese bei Ariqua zu besuchen. Ich liess mich sehr bitten, Gesellschaft zu leisten, nachhero aber hat es mich nicht gereuet, denn als wir bei Nachtszeit daselbst angekommen, sahe ich gleich morgens darauf Eure angenehme Person, mein Leben! in dem am Wirtshause gelegenen Garten ganz tiefsinnig spazierengehen. Es war mir, als ob ich sogleich vom Donner geruhret wurde, denn ich vermeinete nicht anders, als dass Ihr der junge Graf von H. waret, weil Ihr demselben so ahnlich sehet als ein Ei dem andern. Es stiegen die Gedanken bei mir auf, man hatte mir vielleicht dessen Tod falschlich vorgebracht, derowegen ich mich von den andern ab und, forschete sogleich bei dem Wirt und der Wirtin nach Eurem Stande und Wesen. Diese konnten mir keine andere Nachricht geben, als dass Ihr ein deutscher Kavalier waret, der nur vor wenig Wochen dieses Land betreten, auch mit der italianischen Sprache noch nicht recht fortkommen konntet, dahero zu blode waret, vornehme Gesellschaft zu suchen. Also fiel nun zwar die Meinung bei mir hinweg, dass Ihr der junge Graf von H. waret, denn dieser redete perfekt Italianisch, unterdessen, da ich Euch noch eine Zeitlang im Garten, hernach in den Hof und Stall spazieren sahe, nahm die Liebe gegen Eure artige Person auf einmal dergestalt zu, dass ich vermeinete zu verzweifeln, wenn ich nicht das Vergnugen haben sollte, mit Euch in geheim zu sprechen. Demnach schickte ich zur Margaretha und vertrauete derselben, sobald sie zu mir kam, mein Geheimnis, wie ich nehmlich einmal eine Person selbst gefunden, die ich lieben konnte und wollte, gab ihr dabei alle Anschlage, wie sie es anfangen sollte, Euch dahin zu bringen, um mir in ihrem Hause eine Nachtvisite zu geben. Die Art und Weise wird Euch, mein Herz! wohl noch im guten Gedachtnisse sein. Ich gestehe es, dass es mich nicht wenig verdross, als Ihr der ersten Ordre nicht pariertet, und da ich nachhero vernahm, dass Ihr meine Gewogenheit gar nicht astimiertet und aus dem Garne zu gehen gesonnen waret, wurde ich durch Chagrin ganz ausser mir selbst gesetzt, ja der Zorn war dergestalt heftig, dass ich einen hohen Schwur tat, diese Verachtung zu bestrafen, etliche 100 Zechinen daran zu spendieren und Euch durch etliche nachzuschikkende Banditen das Lebenslicht ausblasen zu lassen. Allein Margaretha, ohngeacht sie Euch nur ein einzigmal gesehen, war damals Euer Schutzengel, indem sie meine Raserei mit lauter guten Worten und sussen Vorstellungen zu besanftigen wusste, anbei nicht eher zu ruhen versprach, bis sie Euch in ihr Haus gelockt hatte. Sie hat auch ihr Wort endlich gehalten, Euch aber, mein Leben, bin ich noch jetzo unendlich verbunden vor das entzuckende Vergnugen, welches Ihr mir in einigen Nachten zu Ariqua verursacht und wovon ich das Angedenken voritzo noch unter meinem Herzen trage. Mein Gemahl hatte zeit unseres Daseins nur zweimal eine schlechte Nachlese in meinem Weinberge der Liebe gehalten, war aber vor Freuden ganz ausser sich selbst, als ich ihm einige Tage hernach mit schamroten Wangen offenbarete: wie ich davor hielte, dass Luft und Wasser in Ariqua weit gesunder und fruchtbarer sein musste als an unserm Orte, indem ich eine starke Veranderung bei mir verspurete. Er befahl der Olympia, ja wohl auf mich acht zu haben und eines guten Gratials gewartig zu sein. Da nun diese noch etliche Tage hernach bekraftigte, dass ich mich ganz sicher und gewiss gesegnetes Leibes befande, schenkte er ihr im grossten Vergnugen 50 Zechinen, mich aber trug er sozusagen fast auf den Handen, stellete ein Freudenfest an, liess vor allen Dingen meine Eltern darzu einladen, welche einige Wochen bei uns geblieben sind, und eben diese waren Ursach, dass ich zur bestimmten Zeit nicht habe in Padua sein konnen. Endlich, da dieselben wieder nach Hause gekehret, trat ich mit Erlaubnis meines Gemahls, als welchem ich die ehelige Beiwohnung ohnedem bis nach meiner Niederkunft aufgekundiget, die Reise zu einer nahen Befreundtin nach Padua an. Weil ich leicht ermessen konnte, dass Ihr Eure Ruckreise von Venedig nicht leicht anders als durch Padua nehmen konnen, so liess mich unter der Hand bei dem Kommendanten darnach erkundigen und erfuhr, dass Ihr noch nicht zuruckgekommen waret. Demnach liess ich alle Tage genauere Kundschaft darauf legen, bis ich endlich Eure Ankunft gleich in der ersten Stunde erfuhr. Ich machte mir die vergnugten Gedanken, dass Ihr Euch abends ohnfehlbar in der Oreda Todesca melden wurdet, allein es geschahe nicht, derowegen ward ich aufs neue entrustet, konnte auch in der Nacht vor Eurer Abreise kein Auge vor Eifersucht und Grimm zutun. Olympien hatte ich wegen einer ihr zugestossenen Unpasslichkeit zu Hause lassen mussen, derowegen keine andere vertraute Bediente bei mir als diejenige, welche Ihr zum ersten Male zu Ariqua als eine Baurin gekleidet werdet gesehen haben. Diese hatte sich seit etlichen Tagen viele Muhe gegeben, mir einen gewissen italianischen Prinzen zuzufuhren, welcher ihr ohnfehlbar einen guten Rekompens versprochen oder vielleicht schon gegeben hatte, allein sie konnte mich mit allen ihren glatten Worten nicht dahin bereden, ihm bei Tage, noch viel weniger bei Nachte eine Visite zu verstatten.
Nunmehro merke ich erst (allein, sie soll ihren Lohn schon empfangen), dass es ihr gewaltig verdrossen haben mag, in ihrer Kupplerei unglucklich zu sein. Derowegen passete sie eben die Zeit ab, da ich am heftigsten auf Euch, mein Engel! fulminierte. 'Ach! Gnadige Frau', waren ihre Reden ohngefahr, 'die Deutschen sind verzweifelte Bosewichte, wenn sie etwas Delikates von Frauenzimmer in diesen Landen genossen haben, wischen sie nicht allein das Maul und gehen davon, sondern sie beruhmen sich auch dessen in allen Gesellschaften, bloss allein unsern italianischen Kavaliers zum Tort, um der Welt weiszumachen, als ob sie, die Deutschen, delikatere Personen waren als unsere Kavaliers. Hatte der Herr von Elbenstein ein gut Gewissen gehabt, so wurde er in Betrachtung der besondern Gnade und Liebe, die ihm Ew. Durchl. in Ariqua bezeugt, ohnmoglich vorbeireisen konnen, sondern wenigstens auf eine Stunde seine Aufwartung bei Ihnen gemacht haben. Ach ich weiss noch mehr, allein ich mag nur Ew. Durchl. nicht zu mehrern Zorne reizen.'
Uberlegt selbst, mein allerliebster Elbenstein", sagte hier die Dame, "ob ein schwaches Werkzeug der Natur, wie ich bin, durch dergleichen verdammte Ohrenblasereien nicht zur Raserei kann verleitet werden? 'Sage mir alles, was du weisst', schrie ich die Bestie an, 'damit ich meine Rache darnach einrichten kann.' Hierauf sagte sie: 'Weil ich mich denn darzu gezwungen sehe, so muss ich Ew. Durchl. eroffnen, dass Elbenstein in Venedig in den Hurhausern das allerliederlichste Leben gefuhret hat, wie mir ein redlicher Freund sicher berichtet hat, auch hat er sich in allen Gesellschaften geruhmet, was er von Ihnen in Ariqua genossen, auch wohl noch ein weit mehreres darzu gesetzt. Uber dieses hat er sich nicht gescheuet, allhier im Gasthofe die leichtfertigsten Reden auszustossen, womit er niemand anders als Ew. Durchl. hohe Person gemeinet, und wer weiss, was er nicht denen Kavaliers, so bei ihm im Gasthofe gewesen, in Vertrauen aufgebunden hat, denn der Wirt, wenn Sie ihn selbsten wollen kommen lassen, wird gestehen mussen, dass er sehr oft und lange heimlich mit ihnen geredet. Auch wird der Hausknecht in der Oreda Todesca ein mehreres aussagen konnen, wenn Sie sich die Gedult nehmen wollen, ihn anzuhoren. Ach, ich mag nur nichts mehr sagen, Ew. Durchl. mochten sonst meinen, es geschehe aus gehassigen Affekten gegen den von Elbenstein. Ich erkenne ihn vor einen der galantesten Kavaliere von der Welt, doch da er Ew. Durchl. Ehre und Renommee dergestalt gekrankt, ware er in Wahrheit des Todes schuldig, allein ich bitte selbst um sein Leben, weiss auch, dass Ew. Durchl. so gnadig sein werden, ihm dasselbe zu schenken. Vielleicht kommt er nicht so bald wieder in diese Gegend.'
'Nein! er soll sterben', schrie ich, 'rufe mir geschwind den Thomas her.' Dieses ist einer von meinen getreusten Bedienten, demselben befahl ich, sogleich vier, funf oder sechs Banditen zu Pferde zu bestellen, damit sie vor Anbruch des Tages parat waren, er aber sollte um selbe Zeit wieder Ordre von mir empfangen, inmittelst zahlete ich ihm 50 Zechinen, selbige den Banditen auf die Hand zu geben.
Thomas versprach alles wohl auszurichten, mittlerweile setzte ich mich hin und schrieb den Brief, welchen Euch Thomas auf der Strasse nachgebracht hat, gab ihm auch alle Instruktion, wie er sich zu verhalten hatte und wie Euch die Banditen traktieren sollten; denn es stieg mir doch ein Appetit auf, Euch nur noch einmal lebendig zu sehen. Sobald ich die Nachricht bekam, dass man Euch auf diesem meinem Schlosse in sichere Verwahrung gebracht, war ich halb befriediget, ware auch sogleich anhero aufgebrochen, allein ich musste auf meinen Gemahl warten, welcher wegen seiner angetretenen weiten Reise erstlich in Padua von mir Abschied nehmen wollte. Er kam, hielt sich aber nicht langer als zwei Tage und Nachte daselbst auf, mittlerweile sendete ich meine vermeinte Getreue, aber, mein Engel! Eure vermaledeiete Verleumderin anhero, um mit dem alten Schlossverwalter Eure Inquisitionsarticul zu formieren. Ach, die Bestien haben mich alle beide betrogen und Euch, mein Leben! uber meinen Befehl viel zuviel getan."
Hiermit fing die Furstin bitterlich zu weinen an, so dass Elbenstein bewogen ward, sie zu umarmen, zu kussen und zu bitten, dass sie von dieser Begebenheit nur gar nichts mehr gedenken mochte, indem ihm alle seine ausgestandene Marter mit reichlichen Vergnugen und susser Lustbarkeit vielfaltig ersetzt worden. Sie aber, nachdem sie eine gute Anzahl Tranen vergossen, welche Elbenstein mehrenteils mit seinen Lippen aufgefangen, sagte:
"Nein! ich muss diese verfluchte Begebenheit vollends auserzahlen: Das verteufelte Weibsstucke drunge mit subtilen Worten und listigen Griffen stark darauf, dass ich Euch nicht mehr sehen, sondern ihr die Ordre zustellen sollte, Euch den Kopf abschlagen zu lassen. Zu meinem Glucke kam eben die Olympia, welcher ich den ganzen Prozess erzahlete. Diese stellete sich anfanglich ganz unpassioniert daruber, endlich aber beredete sie mich, dass ich selbsten auf dieses mein Schloss fahren und Eure Exekution mit ansehen sollte. Ich folgte ihr, liess es auch auf ihr Einreden zur Extremite kommen. Ich und sie bewunderten Eure Standhaftigkeit, ich aber am meisten Eure Verschwiegenheit und getreue Liebe gegen mich. Wir beide guckten durch ein verborgenes Loch in das Gewolbe. Da nun der letzte Streich vollzogen werden sollte, musste Olympia mit ihrer Stimme Halt! geb[i]eten, da ich Euch aber, mein Leben! gleich darauf in Ohnmacht dahinsinken sahe, entwichen mir alle meine Lebensgeister, und ich bin gleichfalls in eine Ohnmacht verfallen, auch darinnen, wie mir Olympia gesagt, uber drei Stunden verharret, so dass sie an meinem Wiederaufleben gezweifelt hat.
Man musste mir, sobald ich mich wieder besonnen, alle Viertelstunden Nachricht von Eurem Zustande bringen, ich konnte mich aber dennoch nicht eher zufriedengeben, bis ich vernahm, dass Ihr wiederum ganz munter waret und eine lebhaftere Farbe bekommen hattet. Ich gab sogleich Befehl, Euch aufs allersinnlichste beste zu traktieren, um aber Euer Naturell auszuforschen, liess ich aus Padua eine Dame de Fortun kommen, welcher ich 50 Zechinen zum voraus schickte. Dieser gab ich alle Anschlage, wie und welchergestalt sie Euch in Versuchung fuhren sollte. Sie spielte auch ihre Person vortrefflich, denn ich habe dem ganzen Spiele durch ein Loch, welches mit Fleiss in die Tapeten gemacht ist, jedoch von den wenigsten bemerkt wird, jederzeit vom Anfange bis zum Ende gesehen, auch ausserdem alles beobachtet, was Ihr in der Einsamkeit vorgenommen.
Nimmermehr hatte ich mir eingebildet, dass Ihr diese Versuchung uberstehen konnen, denn diese Person ist in Wahrheit eine der schonsten Kreaturen weibliches Geschlechts. Ich hatte mir auch vorgenommen, wenn Ihr dieselbe karessiert, keine andere Rache an Euch auszuuben, als dass Ihr mich nimmermehr wieder beruhren sollen, sondern Ihr hattet mir gleich Tages darauf einen korperlichen Eid schworen mussen, von allen dem, was Euch begegnet, niemanden etwas zu offenbaren; hernach wurde ich Euch haben bei Nachtszeit in einem verdeckten Wagen bis auf die nachste Poststation bringen lassen.
Jedoch solchergestalt erreichte meine Liebe zu Eurer Person den hochsten Grad, jedennoch reizte mich die mir und, glaube ich, dem ganzen weiblichen Geschlechte angeborne uberflussige Neugierigkeit, Euch mit meiner eigenen Person doch noch einen Streich zu spielen. Allein ich muss bekennen, dass mich Eure Standhaftigkeit in allen Stucken uberwunden und mich zu Eurer Gefangenen gemacht hat. Hierbei bitte ich mir aber dieses aus, dass Ihr zu meinem Vergnugen ohne Euren Verdruss noch eine Zeitlang allhier bei mir bleibet und meine Niederkunft abwartet, denn mein Gemahl wird vor der Zeit nicht zuruckkommen, sodann, wenn Ihr erstlich die Frucht unserer Liebe mit Euren Augen gesehen, will ich Euch auf dieses Mal von mir reisen lassen. Ach! wollte der Himmel, ich ware frei und ledig, es sollte mich nichts verhindern, Euch alle ersinnlichste Divertissements zu machen, so aber, mein Leben! werdet Ihr selbst vors ratsamste erkennen, dass wir unser Liebeswerk so heimlich treiben, als nur immer moglich ist. Unterdessen, da wir uns ausserhalb dieses Schlosses nicht wohl eine Veranderung machen konnen, will ich doch besorgt sein, Euch im Zimmer, soviel als mir moglich ist, allen angenehmen Zeitvertreib zu verscharren, auch werde ich nicht vergessen, Eurer Versaumnis und ausgestandenen Ungemachs wegen eine billige Vergeltung zu tun, Euren Verleumbdern und Peinigern aber ihren verdienten Lohn geben lassen."
Hiermit beschloss die Dame ihre Erzahlung, Elbenstein aber umfassete und kussete dieselbe, schwur erstlich hoch und teuer, dass er nicht nur allen vorhero gehabten Verdruss um des vor- und nachhero genossenen Vergnugens willen in ganz keine Betrachtung mehr zohe, sondern auch zeitlebens keinem Menschen ein Wort darvon sagen wollte, vielmehr wunschte er, wenn es die Umstande zuliessen, ihr ewiger Sklave zu sein, wenn er nur versichert ware, dass sie ihn bestandig liebte und nicht etwa durch ungleichen Verdacht von neuen auf andere vor ihn gefahrliche Gedanken geriete. "Ich weiss wohl", fiel ihm die Dame in die Rede, "wo Ihr hinzielet, mein Leben! Es ist auch mehr als zu gewiss, dass viele Damen von meiner Nation den Gebrauch haben, ihre Amanten, nachdem sie sich genung mit denselben divertiert, ins Reich der Toten zu schaffen, jedoch die meisten mogen es wohl eben nicht aus einem besondern Ekel und Uberdruss, sondern vielmehr aus Vorsicht tun, damit ihnen nicht etwas Ungebuhrliches nachgeredet werde. Allein ich, da ich Euch bis auf den letzten Augenblick meines Lebens, auch wo es moglich ist, noch nach dem Tode lieben werde, indem mir Eure Person und Auffuhrung vor allen andern Menschen auf der ganzen Welt am allerbesten gefallt, ich auch Eurer Treue nunmehro vollkommen versichert bin, so schwere ich Euch bei allem dem, was heilig heisst, und dass ich auf dieser Welt nicht der geringsten Wohlfahrt, Freude, Glucks noch Vergnugens, viel weniger des allergeringsten Teils der ewigen Seligkeit gewurdiget werden, hergegen zeitlich und ewig verflucht und verdammet sein will, und zwar von Rechts wegen nach meinem eigenen Willen und Verlangen, woferne ich einigen Rat oder Befehl einwilligen, geben oder stellen will, der Eurem Gluck, Vergnugen und Leben schadlich oder im allergeringsten nachteilig sein sollte oder konnte, zumalen da ich weiss, dass, ob Ihr gleich mit der Zeit mich zu lieben uberdrussig werden mochtet, Ihr dennoch mir nichts zur Schmach und Schande nachreden werdet." Indem nun die Dame hierbei einige Tranen fallen liess, Elbenstein aber durch diesen ihren teuren Schwur und andere zartliche Reden sich aus allen innerlichen Kummer und Sorgen in das grosste Vergnugen und Sicherheit gesetzt sahe, trocknete er erstlich ihre Augen mit seinen Lippen und blieb hernach mit seinem Munde eine gute Weile stillschweigend auf ihren Lippen liegen. Endlich aber fing er so an zu reden: "Ist's auch moglich, dass ein Mensch in der Welt glucklicher ist als ich? von so einer himmlischen Schonheit und irdischen Gottin sich so zartlich geliebt zu sehen, die ich nicht allein von Grund des Herzens und der Seelen liebe, sondern in der grossten Ehrfurcht anbete." Hiermit liess er sich vor ihr nieder, kussete derselben die Fusse, wagte hernach ihre Knie zu entblossen und dieselben zu kussen, ja, da er wahrnahm, dass die Dame mit halb gebrochenen Augen in einer sussen Ohnmacht lag, verirrete sich sein Mund noch weiter hinauf, und in solcher Positur verharrete er, bis sich die Dame ermunterte und ihn selbsten vom Boden aufhub.
Es wurde viel zu weitlauftig, auch undiensam fallen, alle fernerweitigen Karessen und verliebten Gesprache dieser beiden vergnugten Personen zu referieren, doch ist dieses noch zu bemerken, dass Elbenstein, da er aus ihren Reden vernommen, wie sie gesonnen, seine Verleumbderin und seinen Inquisitorem bestrafen zu lassen, eine Vorbitte vor diese beiden Verbrecher bei der Dame einlegte; allein diese gab darauf zur Antwort: "Alles bittet von mir, mein Leben! was Ihr wollet, alles was in meinem Vermogen ist, auch sogar das Blut aus meinen Adern soll Euch zu Diensten stehen, nur in diesem Stucke lasset mir meinen Willen und der Gerechtigkeit den Lauf." Er fuhr im Vorbitten fort, indem er befahrete, sie mochte diese beiden bosen Personen gar ums Leben bringen lassen, allein sie gab zur Antwort: "Mein Engel, nur in diesem Stucke lasset mir meinen Willen, in allen andern aber will ich nicht nur Eure Bitten, sondern auch Eure Befehle gelten lassen, denn ich bin die Eurige." Wie nun Elbenstein merkte, dass sie diese Rede mit einiger Heftigkeit vorbrachte, schwieg er stille, bis sie endlich sagte, es wurde ihm nicht entgegen sein, dass sie heunte gewisser Ursachen wegen die Abendmahlzeit allein in ihrem und er in seinem Zimmer einnahmen, aufs langste drei Stunden hernach aber bate sie sich von ihm eine Nachtvisite aus seinem in ihr Bette durch die Zugture aus.
Demnach schieden sie auf dieses Mal voneinander, sie in ihr und Elbenstein in sein angewiesenes Zimmer, allwo er sich die Kleidung abziehen liess und seinen Schlafhabit anlegte, erstlich eine Zeitlang im Fenster guckte, bis ihm die Abendmahlzeit gebracht wurde, nach Einnehmung derselben aber sein Historienbuch vor die Hand nahm und sich die Zeit darmit passierte, bis er vermerkte, dass die Stunde gekommen, sich im Bette einzufinden. Er hatte die richtige Zeit getroffen, denn, kaum da er sich niedergelegt, wurde die kostliche Tur aufgezogen, und die Tapeten offneten sich, da er denn die Dame im Bette sitzend erblickte, welche ihren Arm gegen ihn ausstreckte. Er trat also die kurze Reise an und kam nicht eher wieder zuruck, bis der Tag angebrochen war, jedennoch war beiden die Zeit gar nicht lang worden, sondern unter den Handen verschwunden.
Elbenstein schlief fast bis gegen Mittag und wurde kaum eine Stunde hernach, als er sich angekleidet, bei die Dame zur Tafel gerufen, welche sich zwar sehr freundlich gegen ihn, jedoch darbei auch etwas tiefsinnig auffuhrete. Nach aufgehobener Tafel brachte sie ihm einen Becher Wein zu mit den Worten: "Auf unser beiderseits bestandiges Vergnugen." Wie nun Elbenstein Bescheid getan hatte, sagte die Dame: "Nun kommet, mein Engel! Ich will Euch etwas zeugen." Hiermit nahm sie ihn bei der Hand und fuhrete ihn eine verborgene Treppe hernieder in eben dasjenige Gewolbe, wo er anfanglich gefangen und geschlossen gesessen hatte. Es war niemand darinnen befindlich als die beiden Stummen, welche, als ihnen die Dame einen Wink gab, den Teppich von einem Tische abnahmen, da denn Elbenstein auf zwei Schusseln zwei abgehauene Kopfe liegen sahe. Er erkannte beide alsogleich, wie nehmlich der eine Kopf der Person zugehoret hatte, welche er vor einiger Zeit bei der Dame in Ariqua gesehen, der andere aber dem Schlossverwalter, welcher sein Inquisitor gewesen war. Seine Besturzung war hierbei sehr gross, und als die Dame selbige bemerkte, fuhrete sie ihn wieder zuruck die Treppe hinauf, unterweges aber sagte sie: "Sehet, mein Leben! So habe ich die an mir und Euch begangene Bosheit und Falschheit rachen und bestrafen lassen, nun ist mein Herze zufriedengestellet, zu Eurer Satisfaktion aber musste mein eigener Kopf von Rechts wegen zwischen diesen beiden stehen." Elbenstein fiel abermals zu ihren Fussen und bat, ihn mit dergleichen herzkrankenden Worten nicht ferner zu qualen, kontestierte anbei hoch und teuer, wie er es sehr gern gesehen, wenn sie diese beiden Delinquenten begnadiget und ihnen das Leben geschenkt hatte. "Nein!" versetzte sie, "das konnte nicht sein, sondern ihr Verbrechen und Eure und meine Liebe erforderten ein solches Urteil absolute. Kommet aber weiter, wir wollen uns einen andern Zeitvertreib machen." Hiermit fuhrete sie ihn wieder in ihr gewohnliches Zimmer, da sich denn alsobald in dem Nebenzimmer eine schone Musik horen liess, sie aber hielt Elbenstein, der sich neben sie in den Schlafstuhl setzen musste, bestandig in ihren Armen und machte ihm alle ersinnliche Karessen, bis sie wiederum zur Tafel und denn zu Bette gingen.
Diese Lebensart, welche man deutlicher zu beschreiben ein Bedenken tragt, wahrete also so lange fort, bis endlich der Dame die Geburtsschmerzen ankamen und dieselbe einen jungen wohlgestalten Sohn zur Welt brachte, uber welchen sich Elbenstein selbst nicht wenig vergnugte. Sie befand sich bei dieser ihrer Niederkunft frischer und starker, als man hatte vermeinen sollen. Weiln aber nicht allein Briefe von ihrem Gemahl eingelaufen waren, worinnen derselbe seine baldige Zuruckkunft ankundigte, uber dieses das fernerweitige Liebeskommerzium sehr gefahrlich zu sein schien, war die Dame endlich von selbsten so genereux, Elbensteinen seine Dimission zu geben, und diese stellete sie ihm eines Abends schriftlich in folgenden Zeilen zu:
Mein Allerliebster!
Ich bitte nochmals um Verzeihung wegen aller Euch meinetwegen zugefugten Schmach und Herzeleides. Hierbei aber danke ich Euch zu tausend Malen vor das mir gemachte unschatzbare Vergnugen. Ich werde Euch lieben, so lange ein Atem in mir, und die Zeit wohl absehen, Euch, sobald es immer moglich ist, Nachricht zu erteilen, wo wir einander aufs neue vergnugt umarmen konnen. Den morgenden Tag verlange ich noch 1000 Kusse von Euch, die Anstalten aber sind bereits gemacht, dass Ihr, sobald es dunkel ist, in einem zugemachten Wagen von hier ab und bis nach M. gebracht werden sollet, von wannen Ihr auf der Post weiter fortkommen konnet. Einen Reisecoffre habe ich Euch selbst eingepackt, worinnen Ihr 1000 Zechinen finden werdet nebst andern Kleinigkeiten, die Ihr zum Angedenken meiner Person tragen sollet. Die ubrigen Sachen, die Ihr bei Euch habt und worauf man sich noch besinnen wird, werdet Ihr bei Euch selbsten einzupacken belieben, es werden die Stummen hierzu einen andern Coffre bringen. Eurem Fursten habe ich durch die dritte Hand Eurentwegen soviel zur Nachricht geben lassen: Ihr hattet Euch mit einem gewissen vornehmen Frauenzimmer in Liebessachen eingelassen und derselben die Ehe verspromochte, so waren deren Freunde, denen sie es geklagt, auf die Gedanken geraten, Euch einen Possen zu spielen und listigerweise in genaue Verwahrung bringen zu lassen, damit sie Eure Erklarung vernehmen mochten. Unterdessen sollten Sr. Durchl. so gnadig sein und Eure Sachen sowohl als Eure Ehre in Dero Schutz nehmen, weil Ihr vielleicht mit nachsten wiederum vor ihnen erscheinen wurdet. Diese Szene, mein Leben! konnet Ihr fortspielen und Eurem Fursten zu verstehen geben, dass Ihr zwar wieder ledig und frei gestellet worden, jedoch Euch mit einem korp[er]lichen Eide verpflichten mussen, von allen dem, was Euch begegnet, niemanden etwas zu melden, viel weniger auf Rache bedacht zu sein. Ich glaube, dass ich keinen unebenen Rat gegeben habe, unser Liebesgeheimnis verborgen zu halten, und weil ich mich auf Eure Treue und Redlichkeit vollig verlasse, so beharre, wenn ich zuvorn morgen noch mundlichen Abschied von Euch genommen habe
Eure ewig Getreue.
Einesteils war Elbenstein einigermassen betrubt, dass er eine so unvergleichliche Amour verlassen sollte, andernteils aber war er auch erfreuet, sich in Freiheit und aus so gefahrlichen Umstanden kommen zu sehen, zumalen da er sich dergestalt bereichert sahe. Nunmehro, ach leider! dachte er erstlich wieder an das liebe Gebet und bat den Himmel, dass ihn derselbe doch noch einmal aus diesem Irrsale heraus und glucklich an Ort und Stelle fuhren mochte, jedoch ein Gelubde wollte er nicht tun, weiln er wohl sahe, dass sein Fleisch und Blut zu schwach war, dasselbe zu halten. Er hatte in der darauffolgenden Nacht einen wenigen Schlaf, indem er sich allerhand Gedanken machte, wie er seine Lebensart hinfuro anstellen und ob er noch eine Zeitlang in Italien verbleiben wollte oder nicht, endlich fiel der Schluss dahinaus, dass er je eher je lieber seine Dimission bei seinem Fursten suchen und aus diesem gefahrlichen Lande hinweg entweder nach Frankreich oder gar wieder in sein Vaterland reisen wollte, indem er befurchtete, dass es ihm endlich noch gar leicht einmal der verbotenen Liebeshandel wegen unglucklich ergehen konne. Des darauffolgenden Morgens stund er etwas zeitlicher auf als gewohnlich, und weil ihm die Stummen, nachdem er sich angekleidet, einen Korb mit Wasche brachten, die er ihnen etliche Tage vorher gegeben, um selbige waschen zu lassen, fing er allgemach an, seine Sachen einzupacken. Bald hernach brachten eben diese Stummen einen grossen schweren Reisecoffre in sein Zimmer getragen und uberreichten ihn den in ein Papier versiegelten Schlussel darzu. Er war sehr begierig zu wissen, was sich darinnen befande, wollte aber doch denselben nicht ehr eroffnen, bis er erstlich mit Einpacken fertig ware, kaum aber, da dieses geschehen, liess ihn die Dame durch die Olympia zu sich in ihr Zimmer rufen, allwo er dieselbe auf dem Bette sitzend und weinend antraf. Er fiel auf das eine Knie vor ihr nieder und fragte nach der Ursach ihrer Betrubnis. "Ach!" sprach sie, "mein Leben! soll ich nicht weinen, da ich Euch von mir lassen muss und nicht weiss, ob ich Euch zeit meines Lebens wieder zu sehen bekommen werde; denn wie bald konnet Ihr Euch resolvieren, dieses Land zu verlassen und nach Eurem Vaterlande zu reisen."
Es schien, als ob sie seine Gedanken erraten hatte, allein Elbenstein versicherte, wie er zwar gesonnen, den Abschied von seinem Fursten zu fordern, um noch die vornehmsten Stadte in Italien zu sehen, hernach aber wolle er sich in Padua unter dem Vorwande, daselbst noch seine Studia abzuwarten, so lange aufzuhalten, bis er von ihr Erlaubnis bekame, einmal eine Reise zu seinen Eltern zu tun. "Wie lange vermeinet Ihr", fragte sie, "herumzureisen, ehe Ihr nach Padua kommet?" "Ich vermeinete", gab er zur Antwort, "etwa um die Neujahrszeit oder auch wohl etwas fruher daselbst einzutreffen." "Ach tut doch dieses", sagte sie, "je ehr je lieber, von mir werdet Ihr alle drei Monat 100 Zechinen Zuschuss zu Eurem Studieren zu empfangen haben, um Euch vor andern in etwas hervortun zu konnen."
Elbenstein kussete ihre Hande und gab zu vernehmen, wie er von ihrer Gutigkeit bereits dergestalt mit Geschenken uberhauft worden, dass er nicht genugsame Worte vorzubringen wusste, seine Dankbarkeit an den Tag zu legen. "Ich will", versetzte sie hierauf, "dass Ihr mir hiervon durchaus nichts gedenken sollet, sondern redet mir heut zu guter Letzte noch etwas vor, das ich lieber hore." Diesemnach gerieten sie beide auf verliebte Gesprache, nahmen auch Abrede, wie sie ihre Korrespondenz einrichten wollten, endlich aber wurde das Zeichen gegeben, zur Tafel zu kommen, da sie denn uber zwei Stunden miteinander speiseten, nachhero eine gute Zeit im Zimmer herum spazierengingen und von ihren Geheimnissen sich unterredeten; allein sie vertieften sich dergestalt, dass die Dame endlich sprach: "Mein Engel, es ist heute der 18te Tag nach meiner Niederkunft, an welchen ich dich von mir lassen muss, weil mein Gemahl, wo nicht diese, doch langstens die andere Woche zuruckkommt. Ich befinde mich sonsten in vollkommen gesunden Stande, derowegen kann ich den Abschied nicht so trocken geschehen lassen. Meine Augen haben die vergangene Nacht und heute fruh Tranen genung fliessen lassen, derowegen ist es billig, dass ich noch etwas zur Gemutsberuhigung empfange." Wie aber das ubrige Bezeigen einige Schwachheit anzeigte, indem sie ganz ermudet auf das Bette darniedersank, war Elbenstein auch so unbarmherzig nicht, dieselbe trostlos zu verlassen, sondern gab ihr von dem bei sich fuhrenden, probat befundenen Lebensbalsame, den er nun fast drei Wochen daher prapariert und aufgesparet, noch etliche Doses ein, welche ihr dergestalt wohl bekamen, dass sie vor Freuden, jedoch mit schwacher Stimme ausrief: "Nun ist's genung! Habe Dank, mein Engel! Es hat seine Richtigkeit aufs neue, oder ich verwette mein Leben."
Es ist nicht zu beschreiben, wie zartlich sie ihn hierauf karessierte, und Elbenstein wurde hierdurch dergestalt eingenommen, dass er fast selbst nicht wusste, wie ihm zumute war. Endlich richtete sich die Dame wieder auf, losete ihre mit kostbarn Juwelen versetzten Armbander ab, entblossete Elbensteins Arme und befestigte sie darum, welcher, wo er sie nicht alterieren wollte, mit sich machen lassen musste, was ihr beliebte, ja er durfte sich nicht einmal davor bedanken, sondern musste nur angeloben, dass er sie bestandig verdeckt an seinen Armen tragen und niemals ablegen wollte.
Unter allen diesen verliebten Unternehmungen ruckte endlich der Abend herbei, weswegen die Dame der Olympia ein Zeichen gab, dass sie keine ordentliche Abendmahlzeit, sondern nur kalte Kuche auf die Serviette verlangete. Wie nun dieses bereit, hielten beide Verliebte die Abschiedsmahlzeit miteinander, und zwar sehr kurze Zeit, denn Elbenstein, welcher sich ungemein wehmutig angestellet, gab zu vernehmen, wie er noch ein und anderes von Kleinigkeiten zu besorgen hatte. Die Dame fragte ihn, ob er seinen Coffre, den ihn die Stummen uberbracht, eroffnet hatte. Er gab zur Antwort, wie er es willens gewesen, ware aber durch die Olympia, welche ihn abgerufen, daran verstoret worden ... Alsobald fiel ihm die Dame ins Wort und sagte: "Mein Kind, es ist unnotig, dass Ihr denselben allhier eroffnet, jedoch weil ich mich besinne, dass Ihr Eure Barschaften neulich wohl meistens von Euch gegeben, will ich Euch solche wieder verguten." Hiermit ging sie uber ihr Chatoull und langete einen gestickten Beutel mit 300 Zechinen heraus, welchen Elbenstein ohne einige Widerrede annehmen musste, nach diesem erlaubte sie ihm, erstlich nach seinen Sachen zu sehen und den Stummen zu befehlen, dass sie dieselben alsofort auf den Wagen bringen sollten, damit er, wenn die Nacht eingetreten, gleich abreisen konnte; jedoch solle er sich nicht saumen, alsobald wieder bei ihr zu sein.
Der in seinem Gemute ziemlich verwirrte Elbenstein packte demnach alles, was er etwa von Kleinigkeiten noch herumliegen hatte, vollends ein, erteilete den Stummen die Ordre und schenkte jeden 25 Zechins vor die bisherige Aufwartung, der Olympia aber, die einen neuen Reiserock und ein Flaschenfutter mit Wein herbeitragen liess, verehrete er 50 Zechins, welche sich zwar anfanglich sehr wegerte, dieselben anzunehmen, jedoch endlich erbittlich war und ihm die Hand davor kussete.
Endlich ruckte die Stunde heran, da es allmahlig anfing dunkel zu werden, derowegen Elbenstein sich nicht saumete, nochmals zu seiner Gebieterin zu gehen und Abschied von ihr zu nehmen. Er traf sie abermals weinend an, und seine Tranen vereinbarten sich mit den ihrigen, jedoch er fassete ein Mannsherze, sprach ihr den kraftigsten Trost zu und malete die Hoffnung eines baldigen Wiedersehens so lebhaft ab, dass sie endlich ganz munter ward und sagte: "Nun, so reise glucklich, mein Leben! der Himmel bewahre dich vor allem Ungluck. Verbleibe mir getreu, und vergiss meiner nicht leichtsinnigerweise, weil ich dich uber alles in der Welt liebe. Halt dein Versprechen und komm so bald, als es moglich ist, nach Padua, so werde ich binnen 24 Stunden Nachricht von deinem Dasein haben konnen, wenn du dich bei demjenigen meldest, wo ich dich hingewiesen." Elbenstein versicherte, dass er ihren Befehlen in allen Stucken aufs genauste nachleben wollte, und endlich sagte er: "Noch eine Gnade bitte mir von Ew. Durchl. aus." "Worinnen bestehet diese, mein Herz?" fragte sie. "Dasjenige noch wenigstens ein einzigmal zu kussen, welches Sie das Pfand unserer Liebe zu nennen belieben." Augenblicklich ging die Schone selbsten hin und holete den kleinen Prinzen, welchem Elbenstein mehr als 100 Kusse gab. Dieses affizierte die Dame dergestalt, dass sie der Olympia rief, das Kind wieder hinwegzutragen, zu Elbensteinen aber sagte sie: "Diese Karesse hat mein Herz am allerweichsten gemacht, nimm diesen Ring noch zu dessen Angedenken!" Unter diesen Worten zohe sie noch einen Ring, der mehr als 200 Zechinen wert war, von ihren Finger ab und steckte ihn an Elbensteins Finger. "Ach reise glucklich und komm bald zuruck, vielleicht kann ich noch diejenige Person sein, die dein Gluck auf dieser Welt macht." Elbenstein konnte vor innerlichen Jammer fast kein Wort mehr hervorbringen, derowegen wurden, weil die Nacht schon eingebrochen war, nur noch etliche hundert Kusse gewechselt, worauf er sozusagen wie die Katze vom Taubenschlage stillschweigend Abschied nahm und sich (da sie ebenfalls mit zugedruckten weinenden Augen auf dem Bette als halb ohnmachtig liegenblieb), sobald nur die Olympia herzukam, von den Stummen bis an den bereits angespannten Wagen begleiten liess und fort fuhr.
Es ist, wie die wenigsten leugnen werden, die Liebe uberhaupt ein wunderlicher Affekt, insbesondere aber die heimliche und verbotene, denn diese letztere ist vermogend, dem Menschen weit mehrere Leidenschaften zu verursachen als die erlaubte. Wie es der Dame nach Elbensteins Abschiede ergangen, davon haben wir keine zuverlassige Nachricht; Elbenstein aber sass in dem Wagen als ein wachender Traumer, indem die ganze Nacht hindurch kein Schlaf in seine Augen kam, jedoch konnte er sich nicht eher besinnen, bis er des andern Tages gegen Mittag von dem obgedachten Thomas erinnert wurde, aus dem Wagen zu steigen und seiner Bequemlichkeit zu gebrauchen. Er ermunterte sich demnach aus seiner schlaflosen Traumerei, stieg aus dem Wagen und ward gewahr, dass er nicht nur den Thomas, sondern noch andere sechs Reuter zur Eskorte bei sich hatte, welches ihm einigermassen bedenklich vorkam, jedoch er liess sich nichts merken, sondern von dem Wirte in ein besonderes Zimmer fuhren, allwo er sich einen gluhenden Wein bestellete und sich mittlerweile aufs Bette streckte, um womoglich ein wenig zu schlafen. Indem aber kam Thomas und uberreichte ihm einen versiegelten Brief, worinnen er folgende Zeilen zu lesen bekam:
Liebstes Leben!
Ich habe meinem Thomas befohlen, Dir diesen Brief nicht eher einzuhandigen, als bis du in M. angelanget bist. Ich wunsche, dass Deine Reise bis dahin glucklich gewesen und noch fernerweit glucklich sein ich Dir ausser meinem Thomas zur Begleitung sechs Reuter mitgegeben habe, und auf den Posten wirst Du auch ohnfehlbar sicher sein. Thomas hat einen gesattelten Neapolitanerhengst nebst allem andern Zubehor an Dich zu ubergeben anstatt Deines Pferdes, welches hier umgefallen ist und sich ohnfehlbar um seinen Herrn zu Tode gegramet hat. Antworte mir mit wenigen Zeilen, damit ich mich nur an den leblosen Buchstaben ergotzen kann, bis ich das Vergnugen habe, Dich in eigener Person wieder zu umarmen. Ich bin und verbleibe die
Deinige.
Elbenstein liess sich Dinte, Papier und Feder bringen und beantwortete den Brief folgendergestalt:
Meine Seele!
Ich weiss fast nicht, ob ich noch recht mehr lebe oder nicht, weil von Dir, meine Seele, ich mich getrennet sehen muss. Oh! wie unbarmherzig bist Du gewesen, mich zu einem unaussprechlichen Vergnugen, aber nur auf so kurze Zeit fuhren zu lassen, und oh! wie unbarmherzig bist Du nicht nachhero gewesen, mir den letzten Streich zuruckhalten zu lassen. Wie langst ware ich aller meiner Marter los, nunmehro aber empfinde ich erstlich tagliche, ja, was sage ich! bestandileben, sondern auch einem andern dasjenige uberlassen muss, was meine Sehnsucht sich einzig und allein, aber keinem andern gonnet. Mein Dir allein ergebenes Herz fangt schon an, den Adern den Dienst zu versagen und den Umlauf des Gebluts zu verhindern, demnach durfte mein Ende fast nahe sein, jedoch verbleibe ich nebst gehorsamster Danksagung vor alle genossene Liebe, Gnade und Wohltaten
Dein
bis in Tod Getreuer.
Kaum hatte er diesen Brief ausgeschrieben, als Thomas den gluhenden Wein brachte und darbei fragte, ob Ihro Gn. nicht belieben wollten, das kostbare Pferd selbst in Augenschein zu nehmen, welches Ihro Durchl. ihm zu uberreichen mitgegeben hatten. Elbenstein war oder stellete sich wenigstens ganz malade an, ging aber doch, nachdem er den gluhenden Wein getrunken hatte, mit ihm herunter, liess seine Coffres und Sachen erstlich hinauf in seine Stube schaffen und besahe hernach den neapolitanischen Hengst, welcher ihm sehr wohl anstund, auch dahin bewog, dass er dem Thomas zwolf, jeden Reuter aber drei Zechinen zur Diskretion gab, da denn diese ein paar Stunden hernach mit dem Wagen ihre Ruckreise antraten.
Der Wirt mochte Elbensteinen ohnfehlbar vor einen Prinzen oder andere Standesperson ansehen, begegnete ihm demnach auf die alleruntertanigste Art, da dieser aber sich vernehmen liess, dass er erstlich ausschlafen, nicht eher als auf den Abend speisen, den andern Tag annoch ausruhen, dritten Tages aber mit einer Extrapost weiterreisen wollte, richtete er sich darnach ein und liess ihm einen artigen Knaben zur Bedienung, welcher, da sich Elbenstein aufs Bette legte, sogleich seine sodomitischen Dienstleistungen anbot. Wie aber Elbenstein vor dergleichen einen recht naturlichen Abscheu hatte und ihm zuruckzugehen befahl, kam ein alter Hausknecht und meldete sich, dass er befehligt ware, die Wache vor seiner Tur zu halten, und daferne Ihro Gn. etwas zu befehlen hatten, durften sie nur Antonio rufen. Dieses liess sich Elbenstein eher gefallen, schlief aber alsobald ein und ruhete einige Stunden.
Als er wieder aufgewacht, befahl er dem Antonio, dass er ihm die Abendmahlzeit bestellen sollte, welche bald hernach gebracht wurde. Der Wirt wartete ihm selbst auf und fing nach unterschiedlichen Gesprachen dieses zu reden an: "Ich sehe, dass Ew. Gn. keinen Bedienten bei sich haben, wenn Ihnen demnach an einem geschickten deutschen Menschen etwas gelegen ware, wollte ich denselben heraufrufen, er ist einige Jahr allhier in Italien bei einem vornehmen deutschen Kavalier in Diensten gewesen und hat die italianische Sprache sehr wohl gefasset." Elbenstein gab hierauf zur Antwort, dass der Herr Wirt diesen Menschen nach der Mahlzeit herauf zu ihm senden mochte; welches denn auch geschahe, indem Elbenstein nicht lange bei Tische sass. Sobald der Deutsche ins Zimmer getreten und Elbenstein an ihm bemerkte, dass er wohlgekleidet und sehr reputierlich aussahe, fragte er denselben ganz freundlich, wer und woher er ware. Dieser gab zur Antwort: "Ihro Gn. gebe gehorsamst zu vernehmen, dass ich von Frankfurt geburtig bin und daselbst die Chirurgie erlernet habe. Vor sechs Jahren aber bin ich mit einem vornehmen deutschen Baron, dem Herrn von L., als Kammerdiener mit in dieses Land gereiset. Nachdem aber dieser mein Herr vor etlichen Wochen in N. meuchelmorderischerweise ums Leben gebracht worden, habe ich seithero Gelegenheit gesucht, bei einem oder andern deutschen Herrn in Diensten zu kommen, damit ich endlich einmal mein Vaterland wieder zu sehen bekommen mochte." "Ich habe", sagte Elbenstein, "von dem Baron von L. vielmal reden horen, was hat aber Gelegenheit zu seiner Ermordung gegeben?" "Ach leider!" gab der Kammerdiener zur Antwort, "nichts anders als die Ausschweifungen in Liebessachen; allein es mochte Ew. Gn. wohl zu langweilig fallen, wenn ich Ihnen die Streiche, so er in diesem Lande vorgenommen, ausfuhrlich erzahlen wollte." "Mein lieber Landsmann", versetzte Elbenstein, "Er erzeigte mir hiermit einen besondern Gefallen, denn ich habe nicht allein hier wohl ausgeschlafen, sondern pflege auch sonsten meinem Schlafe abzubrechen, wenn mir jemand Geschichte erzahlet. Hier ist Wein, trinke Er nach Belieben soviel, als Er will, und setze sich dabei nieder, damit Ihm das Reden nicht zu sauer wird, ich werde Ihm, wo ich Ihn nicht in Dienste nehme, dennoch eine Diskretion geben."
Der Mensch gehorsamete Elbensteinen und fing seine Erzahlung also an: "Nachdem mein Herr, der Baron von L., die vornehmsten Stadte Italiens besehen und fast allerwegen der Gottin Venus vielfaltige Opfer gebracht, indem er ihre Nymphen nicht suchen durfte, sondern selbst von ihnen aufgesucht und zur Liebeslust angereizt wurde, kamen wir endlich nach N., allwo es ihm besser als an irgendeinem Orte gefiel, weil er daselbst nicht allein den vergnugtesten Umgang mit schonen Frauenzimmer, sondern auch mit verschiedenen deutschen Offiziers und Kavaliers haben konnte. Eines Tags trug sich's zu, dass er einen seiner guten Freunde besuchte, welcher Tags vorhero im Duell einen gefahrlichen Stoss in die Brust bekommen hatte. Es kamen noch verschiedene andere deutsche Offiziers und Kavaliers dahin, welche dem Patienten die schmerzhafte Zeit vertreiben wollten. Auch war ein Medicus zugegen, der den Patienten innerliche Medikamenta gab. Dieser Medicus war ein ziemlich glucklicher und wohlgereiseter Arzt, indem er viele Sprachen redete, hierbei aber haselierte er gar gewaltig, so dass die Offiziers und Kavaliers gemeiniglich einen Narren aus ihm machten, denn er wollte sein Geschlecht von den alten longobardischen Konigen herfuhren, war aber doch bloss mit dem adelichen Charakter zufrieden, wenn man ihn nehmlich nur den Herrn von Oegneck nennete. Zur Frau hatte er eine extraordinare schone Dame, doch weil er der Eifersucht im allerhochsten Grad ergeben, liess er sie fast vor keinem Menschen sehen, und wenn ihr ja einmal erlaubt war, frische Luft zu schopfen, musste solches dennoch durch eine Masque geschehen, um zu verhuten, dass sich niemand an ihrer Schonheit vergaffte. Uber dieses war ihr ein altes vertracktes und gramliches Weib zur Hofemeisterin vorgesetzt, vor welcher dieses schone Bild sich nicht einmal frei umsehen, geschweige denn mit jemand reden durfte, ohngeacht sie viel Feuer im Leibe hatte. Er, der Herr von Oegneck selbst, kam ihr selten von der Seite, ausgenommen wenn seine Amtsverrichtungen oder eine gute Compagnie, bei welcher er kein Geld vertun durfte, ihn von ihrer Seiten zog, denn er war ungemein gern lustig oder, auf deutsch zu sagen, er haselierte gern, hierbei aus dermassen geizig, und dennoch spielete er gern.
Allhier nun waren verschiedene Offiziers zugegen, welche um alles sein Wesen genaue Wissenschaft hatten, derowegen kam bald ein Gesprach vom Frauenzimmer und vergnugten Heiraten aufs Tapet, und fast ein jeder brachte eine besondere Meinung hervor, von was vor Temperament und Beschaffenheit nehmlich er sich dermaleins eine Frau wunschte. Oegneck hatte nicht gar lange zugehoret, als er mit beiden Fausten auf den Tisch schlug und sagte: 'Um aller Heiligen willen! meine Herren, reden Sie von andern Dingen als vom Heiraten, denn wenn ich nur hieran gedenke, wird mir angst und bange.' 'Ei wieso, mein Herr?' fragte ein gewisser Capitain, der sich Reston nennete, 'wie ich vernommen, so ist ja Derselbe recht glucklich im Heiraten gewesen, indem Er eine bemittelte, verstandige, tugendsame und ganz besonders schone Frau haben soll. Ich habe dieselbe zu sehen zwar niemals die Ehre gehabt, jedoch solches von meiner eigenen Frauen und andern Dames vernommen, mochte also fast wunschen, woferne es anders ohne Dessen Incommodite geschehen konnte, die Wahrheit darvon personlich zu erforschen.' Oegneck antwortete mit einigen Kopfschutteln folgendes: 'Es ist wahr, meine Herrn! ich habe eine Frau bekommen, die einen recht englischen Verstand besitzt, denn sie ist nicht allein in der Schrift, sondern auch in allen andern curieusen Wissenschaften vortrefflich wohlerfahren. Kann einen zierlichen Vers machen, nebst der Laute unterschiedene andere musikalische Instrumente recht charmant spielen, sauber schreiben, perfekt rechnen, kunstlich malen und in Wachs poussieren, die schonste gestickte Arbeit und summa summarum alles, was ihre Augen sehen, konnen ihre Hande nachmachen.
Nackend und bloss', fuhr er fort, 'ist sie nicht zu mir kommen, sondern hat ein Heiratsgut von mehr als 1000 Dukaten mitgebracht, welches Kapital ich in Banco gelegt, der vortrefflichen Meublen zu geschweigen. Ihre Jungfrauschaft ist mir zu meinem allergrossten Vergnugen unversehrt zuteile worden, und habe ich die Marquen und Beweistumer hiervon bis dato noch unter meinen kostbarsten Raritaten verwahrt liegen. Es hat ihr niemals nach einer andern Mannesperson gelustet als nach mir allein, auch fuhret sie bestandig ein einsames, stilles und frommes Leben, woraus ihr tugendhaftes Wesen sattsam erhellet. Was die Schonheit meiner Frauen anbetrifft, so kann ich dieselbe mit allem Rechte ganz unvergleichlich nennen, denn ihre Augen sind wie ein paar blaue Crystallen und schicken mir so vieles Feuer zu, dass ich mich zuweilen mit Gewalt von ihnen entfernen muss, um durch allzu hitziges Lieben mein Leben nicht vor der Zeit abzukurzen; ihre Wangen sind wie Milch und Blut, die Haut uber den ganzen Leib beschamet das allerweisseste und glattpolierteste Helfenbein; und die ubrigen Leibesteile, an und in welchen die Verliebten die Quintam Essentiam der Wollust zu suchen pflegen, sind so beschaffen, dass ...'
Hierauf brach der mit Hasenschrot geschossene Herr v. Oegneck auf einmal in seiner Rede ab, sagte aber bald hernach: 'Basta! Meine Herrn, ich muss schweigen, sonsten mochte einer oder der andere einen unordentlichen Appetit bekommen, mich zum Hahnrei zu machen. Vivat indessen', rief er, indem er zugleich ein Glas Wein an den Mund setzte, 'mein schonstes und liebstes Weibgen!' Mittlerweile hatten alle Anwesende genug zu tun, sich des lauten Lachens zu enthalten, gaben aber einander ihre Gedanken mit den Fussen unter dem Tische zu verstehen.
Mein Herr aber stund unter der Zeit, da Oegneck seiner Frauen Gesundheit trank, jahlings auf, nachdem er einigen von der Compagnie einen heimlichen Wink gegeben, ging zur Tur hinaus und lachte sich satt. Oegneck, da er das grosse Glas ausgeleeret hatte, sagte mit einer lachelnden Miene: 'Hab ich es nicht gedacht, dass sich unter dieser Gesellschaft hitzige Venusbruder befanden? Wenigstens dieser Kavalier, welchen ich heute zum ersten Male zu sehen die Ehre habe, gibt sattsam zu verstehen, dass unter meinen Reden Cupido einen Pfeil auf ihn abgedruckt hat.' Hierauf gab der Capitain Reston zur Antwort: 'Der Herr von Oegneck irret sich vor diesmal gar gewaltig, denn ich kann denselben versichern, dass dieser Kavalier ein Erzmelancholicus und Abstemius von allem Frauenzimmer, demnach chagriniert ihn nichts mehr, als wenn von Frauenzimmer, Heiraten und verliebten Handeln geredet wird, jedoch dieses wollen wir uns insgesamt nicht irren lassen, sondern ihm zum Possen dergleichen Gesprache weiter fortfuhren.' 'Ei, das ist ein anders', sagte Oegneck, 'allein wenn es so mit ihm beschaffen ist, mochte sich der liebe Herr doch nur zu mir in die Kur begeben, denn ich kuriere Melancholiam ex fundamento, wenn ich nur weiss, dass ich raisonabler Zahlung versichert bin.' 'Wo sich der Herr von Oegneck', replizierte der Capitain Reston, 'verobligieren kann und will, den Kavalier von diesem Malheur zu befreien, will ich sogleich mit ihm davon sprechen, auch werden mir die Herrn allhier alle bezeugen, dass er sich sonsten jederzeit sehr genereux aufgefuhret.' 'Ach, tun Sie doch dieses, mein Herr Hauptmann', bat Oegneck, 'ich werde niemals ermangeln, Ihnen alle Gegen-Erkenntlichkeit zu erweisen.'
Demnach ging der Capitain Reston hinaus und berichtete meinem Herrn, was man in seiner Abwesenheit von ihm gesprochen. Dieser, weil er ein extraordinar verliebter Mensch, darbei einen uberaus lustigen, listigen und verschlagenen Kopf hatte, fragte sogleich: 'Ist's denn wahr, mein Herr Hauptmann, dass dieses Haselanten Frau etwas Schones an sich haben soll?' 'Ich kann Ihnen', gab Reston zur Antwort, 'bei meiner Ehre versichern, dass, wie schon gesagt, nicht allein meine eigene Frau, sondern auch viele andere Offiziersfrauen, welche dieselbe bei gewissen Angelegenheiten gesehen und gesprochen, ihre ganz besondere Schonheit und Artigkeit mir nicht sattsam beschreiben konnen.' Hierbei ware aber nichts zu beklagen, als dass sie einen solchen Hasenfuss und eifersuchtigen Grillenfanger zum Manne hatte, welcher sie weit strenger als eine Nonne hielte. Das gute Weib beweinete ihren ungluckseligen Ehestand, welcher sie fast ganzlich von der Gesellschaft anderer Menschen verbannete, zwar taglich, durfte dieses dem torichten Kerl aber im geringsten nicht merken lassen, weiln er sonsten sogleich Verdacht auf sie legte, als ob sie Lust hatte, Ausschweifungen zu begehen. Im Gegenteil musste sie sich zwingen, ihm verliebt und freundlich zu begegnen, ubrigens ihr Ungluck mit Gedult ertragen.
'Ich vor meine Person', verfolgte Reston seine Rede, 'wurde mir eine unbeschreibliche Freude daraus machen, wenn ich erfuhre, dass jemand so glucklich gewesen, diesem Narren einen Possen zu reissen, doch ein solches ist fast unmoglich, denn obgleich das schone und artige Weibgen wohl leichtlich bewogen werden konnte, ihrem narrischen ... Hute Horner aufzusetzen, so liegt doch bestandig ein alter rotaugiger Drache, welcher noch arger ist als der Teufel, neben ihr, welcher sie, der Mann sei zu Hause oder nicht, bewachen muss.' 'Herr Hauptmann', versetzte hierauf mein Herr, 'Ihre Reden und das, was ich vor einigen Tagen an einem gewissen Orte von dem narrischen Oegneck und seiner Frau vernommen, trifft uberein, ich traue Ihrer Verschwiegenheit und versichere, dem Oegneck eine Ochsenkrone aufzusetzen, ob er auch gleich seine Frau bestandig bei sich im Schubsacke herumtruge; inzwischen bleiben Sie nur dabei, dass ich ein Melancholicus und Abstemius von Frauenliebe sei.' Reston hatte sich uber meines Herrn Vorsatz und ernsthaftes Vorbringen mogen scheckig lachen, bestarkte ihn aber nicht wenig in diesem Vorsatze und versprach, nach Moglichkeit darzu behulflich zu sein, worauf einer nach dem andern wieder ins Zimmer zur Compagnie ging.
Sobald sie sich beiderseits niedergelassen und den Herrn von Oegneck in tiefen Gedanken sitzend antrafen, rief der Capitain Reston: 'Allons! Herr von Oegneck, wie so tiefsinnig? A propos! wir haben vorhin mit Verwunderung gehoret, was Derselbe vor eine ungemeine gluckliche Heirat getroffen, wie aber reimet sich das mit dem, da Er anfanglich sagte, es wurde Ihm angst und bange, wenn Er nur an das Heiraten gedachte, da doch, meines Erachtens, wohl kein Mensch auf der Welt mehr Ursach hat, vergnugter davon zu gedenken und zu reden als eben Er.' 'Meine Herren!' gab Oegneck hierauf zur Antwort, 'vielleicht finden sich einige in dieser Gesellschaft, welchen die Gesprache vom Ehestande und dergleichen ekelhaft und verdrusslich vorkommen mochten; jedoch mit Erlaubnis, ich will das Meinige kurz machen und Ihnen allerseits nur zu erwagen geben, ob diejenigen Beschwerlichkeiten, womit der Ehestand verknupft ist, nicht vermogend sind, einem Angst und Bangigkeit zu verursachen. Ich meinesteils empfinde zwar das wenigste davon, weil ich mit meiner Frauen ein vergnugtes Leben fuhre, auch werde ich von dem Kindergeschrei und andern dabei vorfallenden Ungelegenheiten nicht geplagt. Warum? Ich breche meiner Wollust ab und menagiere meine Frau, um selbige desto langer schon, glatt und zart zu behalten, denn es ist nach aller vernunftiger Medicorum, Physicorum, Philosophorum, Naturaeque expiscatorum Meinung klar, richtig und wahrhaftig wahr, dass die Weiber von oftern Kinderzeugen runzlich, unscheinbar und hasslich werden. Am allererschrocklichsten aber kommet mir die grosse Gesellschaft der Hahnreier vor. Par Dieu! wenn ich daran gedenke, mochte ich bersten wie eine Maikrote. Und ob zwar ich in Erwagung meiner Frauen treuer und ruhmwurdiger Conduite, vornehmlich aber meiner selbsteigener gemachten Praecaution die Tage meines Lebens uber nimmermehr in diesen Orden zu kommen befurchten darf, so konnen mir doch die Exempel anderer ungluckseliger Hornertrager taglich dergestalt viel, teils Mitleiden, teils Grimm, verursachen, dass ich mich ofters fast nicht zu lassen weiss. Alle diese Grillen aber, welche ich aus christlicher Liebe gegen andere vereheligte Mitbruder zu erdulten mich fast gezwungen sehe, waren wohl unterweges geblieben, wenn ich nicht selbst verehligt ware, denn was gingen mich sonsten die Ehestandsaffaren an.'
Nunmehro war es einigen von der Gesellschaft unmoglich, das Lachen langer aufzuhalten, derowegen fingen sie mit vollem Halse an; Oegneck aber sahe so ernsthaft aus als ein anderer Cato. Jedoch, da sich das Gelachter geendigt, sprach er mit Seufzen: 'Ja, ja, Ihr lieben Herrn habt alle gut Lachen, allein fangt nur erstlich an, ein recht christliches Ehestandsleben zu fuhren, so werdet Ihr Kreuz, Trubsal und Bekummernis genung, ja mancher vielleicht mehr als ich darinnen finden.'
Hierauf sagte ein Major namens Morster: 'Der Herr von Oegneck hat recht, doch aber getraue mich, Ihn zu uberzeugen, dass Er einen recht unchristlichen und Gott hochst missfalligen Ehestand fuhret. Denn ist denn das wohl der rechte Zweck des Ehestandes, wenn man dasjenige Werk der Liebe, welches Gott zur Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts verordnet und in die Natur gelegt, nur Wollust halber treibt und den Leibesacker seiner Frauen nur deswegen nicht behorig pfluget und dunget, dass er fein derb und glatt bleiben soll? Ist's verantwortlich, dass man um eines kurzen Kindergeschreies und einiger andern Inkommoditaten wegen verhindert, dass dem Himmel viel 1000 Bet-, Lob- und Dankopfer, ja etliche Seelen mehr zugeschickt werden? Ja soll man sich selbst um das Vergnugen bringen an denjenigen Kindern, welche uns in der Jugend die Ohren vollgeschrien haben, mit der Zeit Ehre, Freude und Ruhm, ja Beistand im hohen Alter zu erleben? Ich sage nein darzu und halte es vor eine himmelschreiende Sunde. Dieses war ein Punkt, mein Herr! Bei dem andern aber fragt sich's: worinnen denn, ausser seiner Frauen ehelicher Treue, die eingebildete vortreffliche Praecaution bestehe, welche Er sich gegen die Immatrikulierung des Hahnrei-Ordens gemacht? Ich merke zwar schon, was Er, ohne die Wahrheit zu beleidigen, sonderlich nach hiesiger Landesart darauf vorstellen kann; allein es fragt sich auch noch, ob es recht und billig sei, dass man, von einer torichten Jalousie angereizt, den Ehestand zu einem angstlichen Kerker des Frauenzimmers macht und seiner Ehefrau nicht die Freiheit gonnet, welche andere Weiber an den allermeisten Orten der Welt geniessen, sondern dieselbe in der Einsamkeit die Strengigkeit ihres Mannes zu beweinen, die Blute ihrer Jugend aber zu verwelken zwinget? Heisset das geliebt, wenn man eine Person unschuldigerweise aus blossen Misstrauen zu ewiger Gefangenschaft verdammet? Oh! hole doch der Henker solche Liebe. Wie meint der Herr? wenn der Vice-Roi Ihn zu sich kommen liesse und sprache: Herr von Oegneck, ich habe vernommen, dass Er ein geschickter frommer Mann ist, der keinen Menschen bestohlen noch betrogen noch sich sonsten jemals unartig aufgefuhret hat, damit Er nun bis an Sein Ende so fein fromm bleiben und nicht etwa durch bose Gesellschaft oder Seine eigene Luste zu diesem oder jenem Laster verfuhret werden moge, will ich Ihn bis an das Ende Seines Lebens auf ein Schloss in genaue Verw[a]hrung bringen, jedoch aufs allerbeste traktieren lassen.
Was gilt's, mein Herr! die Freiheit wurde Ihm angenehmer sein als die herrlichsten Traktamenten, denn es ist dem Menschen nichts Angenehmers, auch nichts Edlers auf der Welt als die Freiheit. Gott hat im Paradiese gesagt: Ich will dem Menschen eine Gehulfin (keine Sklavin) schaffen, die um ihn (nicht aber seine Gefangene) sei etc. Wie da? mein Herr! ist es also nun christlich gehandelt, wenn man so groblich und vorsatzlicherweise wider Gottes Ordnung lebt? Man konnte Demselben noch viel scharfsinnige Fragen vorlegen, allein diese Sachen gehoren mehr vor die Herrn Geistlichen als vor Soldaten. Doch will ich Ihm noch dieses zur dienstlichen Nachricht sagen, dass Er sich vollkommen glucklich schatzen kann, wenn Ihm seine Frau vollkommen getreu und nicht selbsten zu Ausschweifungen inklinieret, widrigenfalls werden alle superkluge und vorsichtige Anstalten so vortrefflichen Stich halten wie Butter an der Sonnen.' Hierauf erzahlte der Major einige Exempel, auf was vor listige Art Ehemanner von ihren Weibern in diesem Stuck betrogen worden. Die andern Offiziers und Kavaliers erzahleten auch ein jeder etliche, da denn verzweifelte Streiche herauskamen, welche zu wiederholen viel zu weitlauftig fallen durfte. Kurz, sie bemuheten sich, den Herrn von Oegneck damit zu uberfuhren, dass das Weiberhuten eine ganz vergebliche und lacherliche Sache ware und dass auch zuweiln die allerehrlichste Frau durch vermerktes Misstrauen ihres eifersuchtigen Ehemannes und allzustrenger Hut zur Rachgier verleitet werde und dasjenige tue, was sie sonsten wohl unterlassen hatte, wenn sie nicht so scharf gehalten worden. 'Ha! meine Herrn!' rief Oegneck, 'alle die Exempel, so Sie erzahlet haben, kommen mir lacherlich vor. Die guten Leute haben alle die Art und Weise nicht recht gewusst, sich ihrer Weiber zu versichren, derowegen sind sie nicht zu beklagen, da sie betrogen worden. Die Sache muss man bei einem ganz andern Zipfel anfangen; was wollte doch alle ihre Praecaution mit meinen Anstalten vor eine Gleichheit haben? Nichts, nichts, meine Herrn, ich habe einen zehnfach mehr verschlagenen und listigern Kopf als alle diejenigen, von welchen Sie mir jetzo erzahlet haben, und derjenige, so mich betrugen sollte, musste noch erst geboren werden, denn wo andere nur hindenken, bin ich langstens gewesen, offenbare aber nicht alle meine Geheimnisse. Nun aber, meine Herrn! mag es vor diesmal genung sein von dieser Materie, ich will kein Wort mehr davon reden, Punktum!'
Die samtliche Compagnie war nunmehro sattsam uberzeugt, dass in seinem Kopfe vor 100 Narren nur 99 Stuhle befindlich, weswegen der uberleie gewaltig herumschwarmete, einen bequemen Sitz zu finden, also hatten ihrer etliche gern gesehen, dass man den Hasen noch eine Zeitlang gehetzt, doch der Capitain Reston brachte gewisser Ursachen wegen ein ernsthaftes Gesprach aufs Tapet, weswegen die lustigen Streiche vor diesmal beiseite gesetzt wurden.
Mein Herr hatte sich unter der Zeit, da alles dieses gesprochen worden, abermals vom Tische hinweg und an ein Fenster gemacht, auch getan, als ob er von allem nichts gehoret hatte, wiewohl er sich verschiedenes, das zu seinem Vorhaben dienlich, aus diesen Begebenheiten angemerkt. Er wurde zwar genotiget, wieder zur Compagnie zu kommen, allein er bat um Erlaubnis, auf die Zuruckkunft eines gewissen Kavaliers noch einige Zeit warten zu durfen. Oegneck, welcher immer ein Auge auf ihn hatte, machte sich diese Gelegenheit zunutze, stund auf und drehete sich mit Manier an seine Seite, plauderte von diesem und jenem so lange, bis er das Gesprach auf die Temperamente derer Menschen brachte und einen Herrn, der ein vollkommener Sanguineo Cholericus war, mit aller Gewalt das melancholische Temperament aufzwingen und dringen wollte. Mein Herr strebte anfanglich lange darwider, endlich da ihm Oegneck allerhand abgeschmackte medizinische Grillen vorgebracht, gab er sich uberwunden und sprach: 'Mein Herr von Oegneck, ohngeacht ich bereits unter den Handen vieler Medicorum gewesen, so kann ich Ihm doch ohngeheuchelt versichern, dass mir noch kein einziger das Pflockgen so akkurat getroffen hat als Er, und zwar in so kurzer Zeit, da Er mit mir noch so wenigen Umgang gehabt. Derowegen bin ich willens, mich Seiner Kur vollig anzuvertrauen in Hoffnung, bei Ihm die Erfullung meines Wunsches zu finden, zumalen wenn ich Ihm noch einige geheime Umstande, so meine selbsteigene Person betreffen, werde offenbaret haben, als woran vermutlich das meiste gelegen sein wird. Er wird also so gutig sein und ubermorgen fruh um sechs Uhr in mein Logis kommen, um sich mit mir zu unterreden. Doch dieses will ich im voraus sagen: Ist Er glucklich in Kurierung meines Malheurs und verschwiegen bei demjenigen Geheimnisse, so ich Ihm anvertrauen werde, soll Er von mir raisonable kontentieret werden, plaudert Er aber nur das geringste davon aus, so werde ich mein Haupt nicht eher sanfte legen, bis ich meinen Hohn an Ihm gerochen habe.'
'Ha ha!' replizierte Oegneck, 'Schweigen ist die beste Tugend an einem Medico, und diese klebt mir vor 1000 andern an. Mein Herr belieben sich dieserwegen nicht die geringste Sorge zu machen, denn bei mir ist Ihr Geheimnis ebenso verwahrt, als ob Sie es einer leblosen Kreatur anvertrauet hatten.' 'Nun wohlan', sprach mein Herr, indem er ihm zugleich die Hand drauf gab, 'es bleibt indessen bei der genommenen Abrede', worauf sie sich beiderseits wieder zum Tische setzten und von ihrem Gesprach niemand etwas merken liessen. Wenig Minuten hernach aber wurde Oegneck abgerufen, weswegen er fast wider Willen von dieser schonen Compagnie Abschied nehmen musste.
Diese raisonierten noch eine geraume Zeit uber den torichten Hasenkopf, ja kein einziger war darunter, welcher ihm nicht des Aktaons Hauptschmuck von Grund des Herzens gegonnet hatte, jedoch mein Herr sagte weiter niemanden, was er sich vor ein Projekt gemacht, ihm darzu zu verhelfen. Bald hernach ging die Compagnie auch auseinander, und ein jeder suchte sein Vergnugen da, wo er es am besten zu finden verhoffte.
Mein Herr liess sich, sobald er in sein Zimmer gekommen, sogleich auskleiden und legte sich ins Bette, wohl nicht eben aus Mudigkeit, sondern ohnfehlbar um nachzusinnen, wie er sein vorhabendes Werk am geschicktesten anfangen mochte. Indem es nun seinem verschlagenen Kopfe niemals an allerlei geschwinden, klugen und praktikablen Einfallen zu fehlen pflegte, so wurde der erste Actus dieser Komodie oder, besser zu sagen, Tragodie gar bald und ehe er noch einschlief entworfen. Fruhmorgens, sobald er erwacht, musste ich mich neben sein Bette setzen, da er mir denn offenherzig entdeckte, wie er die Sache anfangen wollte. 'Ich habe das Vertrauen zu Eurer Geschicklichkeit', so beliebte ihm zu reden, 'dass Ihr mir eine besondere Facon von einer Bandage verfertigen werdet, vermittelst welcher ich ohne gar zu grosse Inkommoditat meine Testiculos hinauf zuruck in den Leib hinein binden kann, so dass das Scrotum ledig und schlaff herunterhanget, denn ich will dem Oegneck weismachen, dass ich kastriert ware, glaube auch hierdurch meinen Zweck am allerleichtesten zu erreichen.'
Da nun seine Gemutsart so beschaffen war, dass er sich nicht gern widersprechen liess, auch in den allerdesperatesten Unternehmungen weder Warnung noch Abraten stattfinden liess, als sahe mich gemussiget, um ihn nicht verdrusslich zu machen, seinen Willen zu erfullen, traf auch das Ding dergestalt wohl, dass er ein besonderes Vergnugen daruber bezeigte. Des andern Morgens fruh, gegen die Zeit, da Oegneck kommen sollte, musste ich ihm diese Bandage anlegen, alle Gardinen wurden zugezogen, so dass es ziemlich dunkel im Zimmer war, mein Herr legte sich aufs Bette, Oegneck liess sich durch den Laquaien melden, weswegen ich mich ins Cabinet verschliessen musste, um alle Reden mit anzuhoren, jener aber wurde ins Zimmer gelassen und glaubte nicht anders, als ganz allein bei meinem Herrn zu sein.
Dieser, nachdem er den Herrn von Oegneck genotiget, sich bei einem Nachttischgen niederzulassen, redete denselben also an: 'Mein Herr von Oegneck, ich muss Ihm, ehe wir zum Zweck kommen, ein Stuck von meiner Lebensgeschicht erzahlen, doch muss Er mir erstlich eidlich angeloben, selbiges ohne meinen Willen niemanden weiter zu offenbaren.'
Da nun Oegneck sich aufs teureste vermessen, reinen Mund zu halten, fuhr mein Herr in seiner Rede also fort: 'Ich bin ein Kavalier aus einem der vornehmsten Geschlechter in Deutschland. Das Liebeswerk habe ich mir, leider! von Jugend auf mehr angelegen sein lassen, als mir nunmehro lieb ist, da ich ein Frauenzimmer behorig zu bedienen mich ganz und gar untuchtig befinde, denn alle beide Testiculi sind verlorengegangen, fuhlet her, mein Herr! ich bin, ach leider! ein beklagenswurdiger Verschnittener, weder Mann noch Weib, weder Weib noch Mann.' Oegneck begriff demnach auf Verlangen das Scrotum und glaubte wurklich, dass dem also sei, gab auch dieserwegen sein Mitleiden mit klaglichen Gebarden und Worten zu verstehen. Der verschlagene Patient aber stellete sich dergestalt jammerlich an, dass es auch schien, als ob ihm die Tranen in den Augen stunden; endlich redete er weiter: 'Ich muss Ihm nur, mein Herr, die Sache mit allen ihren Umstanden entdecken, Er hore mir fleissig zu! Ich habe mich vor einigen Jahren mit einem armen, aber sehr schonen Fraulein fleischlich vermischt und sie geschwangert, mit dem Versprechen, sie zu heiraten, nach der Zeit aber habe ich die teuresten Schwure, so ich diesem Fraulein geleistet, leichtsinnigerweise aus den Gedanken geschlagen, mich von einer andern Delila verfuhren und meine erste Liebste in den jammerlichsten Zustande sitzenlassen. Es schrieb dieselbe zwar verschiedene hochst bewegliche Briefe an mich, konnte aber damit nichts als eine mittelmassige Summa Geldes erlangen, worbei ich ihr rundheraus meldete, dass sie sich auf meine Person hinfuro nur nicht die geringste Rechnung oder Hoffnung machen mochte, wie ich ihr denn auch wegen des starken Hasses, den ich nachhero auf ihre Person gelegt, ganzlich untersagte, ferner an mich zu schreiben. Doris, so hiess diese meine erste Liebste, war zwar nicht reich an Mitteln, desto reicher aber an Verstande und andern besondern Eigenschaften, hiernachst hatte sie einen heroischen Geist, welcher sie dahin verleitete, dass sie, um sich zu rachen, sowohl mir als meiner neuen Liebste nach dem Leben trachtete. Demnach verkleidet sie sich in Manneshabit, kommt heimlich an den Ort, wo ich mich damals aufhielt, passet, da ich meine Matresse nachts aus der Opera fuhre, vorsichtig auf und stiess dieselbe plotzlich mit einem Stilett auf der Stelle an meiner Seite darnieder, dass sie augenblicklich den Geist aufgab. Auf meine Brust tat sie ebenfalls in der Geschwindigkeit zwei heftige Stosse mit diesem Mordgewehr, allein ihr Arm war zu schwach, oder vielmehr mein anhabendes ledernes Kollett mochte verhindern, dass sie mir gleichergestalt das Leben rauben konnte. Sie wurde zwar arretiert und von mir sogleich vor meine ehemals geliebet Doris erkannt, doch es wachte nicht die geringste Liebesregung in meiner Brust gegen sie auf, sondern ich war gesonnen, nach Urteil und Recht mit ihr verfahren zu lassen; allein Doris spielete das Praevenire und richtete sich selbst im Gefangnisse mit Opio hin, nachdem sie vorhero einen Brief an mich geschrieben, dessen Inhalt mir noch taglich in Gedanken sowohl als der Schatten ihres Korpers vor Augen schwebt. Aus wenigen Worten, mein Herr! die ich Euch aus dem Briefe hersagen will, werdet Ihr leicht erachten konnen, wie der ganze bogenlange Brief musse gelautet haben: Siehe, Verteufelter, hatte sie geschrieben, durch Deine geile Bru[n]st und Hurenliebe hast Du solchergestalt zwei der schonsten Frauleins um Ehre und Leben, ja was das erschrecklichste, um ihrer Seelen Seligkeit gebracht. Jedoch ich weiss ganz gewiss und sehe bereits in meiner bittern Todesstunde mit sussen Vergnugen vor Augen, wie Du noch auf Erden an demjenigen Gliede, womit Du gesundiget hast, aufs grausamste gepeiniget wirst. Gluhende Eisen, scharfe Messer, Scheren und Zangen werden Dich in Zukunft kitzeln, doch wirst Du statt empfindender Wollust Ach! Weh! Zeter und Mordio! schreien mussen etc. etc.'
Hier hielt mein Herr etwas mit Reden inne, legte sich mit zugemachten Augen (wie ich durch ein klein Loch aus dem Cabinet bemerken konnte) zuruck aufs Bette und stiess etliche tiefgeholte Seufzer aus; mir, ohngeacht ich sogleich merkte, dass er keine wahrhafte Geschichte, sondern ein blosses Gedichte hererzahlete, stunden jedennoch fast die Haare zu Berge, und kann nicht leugnen, dass mir dergleichen Beginnen sehr frevelhaft vorkam. Bald hernach aber setzte er seine Erzahlung folgendermassen fort:
'Ach mein Herr von Oegneck! wie haben der sterbenden Doris Prophezeiungen doch so richtig bei mir eingetroffen, ob ich gleich wenige Tage nach ihrem Tode alles aus dem Sinne schlug und mich um nichts bekummerte, als wo ich wieder eine neue wohlqualifizierte Matresse hernehmen wollte. Unterdessen aber, weil ich nicht sogleich finden konnte, was meine sehnlichen Augen suchten, hielt ich mich zu den gemeinen barmherzigen Schwestern und fuhrete ein dermassen garstiges Leben mit ihnen, dass ich mich nunmehro selbst schame, ferner daran zu gedenken. Jedoch die gerechte Strafe des Himmels ruckte herbei, ehe es von mir vermutet wurde, denn als ich einsmals des Abends mit schlummerenden Augen auf meinem Bette lag und in einer wollustigen Positur auf eine bestellte Coquette wartete, erschien mir der Geist der erblasseten Doris, welcher mit einem gluhenden Eisen das Unterteil meines Gemachts beruhrete und mich dermassen brennete, dass ich vor Schmerzen helle zu schreien anfing und mich solchergestalt ermunterte. Anfanglich vermeinte ich zwar, es sei ein blosser Traum, und suchte mir dergleichen Phantasien aus dem Kopfe zu schaffen, allein es war mir unmoglich, zudem uberfiel mich ein eiskalter Schauder, welcher mit der grossten Hitze zum oftern abwechselte, auch fing der im Traume gebrannte Fleck an, heftig zu schmerzen, so dass ich statt der verhofften Wollust diese Nacht uber die allerentsetzlichste Liebes- und Gemutsmarter empfinden musste.
Mit anbrechenden Tage, verhoffte ich, wurde zugleich mein schmerzhafter Zustand unterbrochen werden, indem sich meine Sinnen ohnmoglich einbilden konnten, dass mir dergleichen re vera begegnet sei. Aber! aber! ich verspurete bald mit ermunterten Sinnen und Augen, dass mein Zustand einer der allergefahrlichsten sei, inmassen mein Gemachte seine gewohnliche Gestalt verlor und sich in eine unbandig grosse Wasserblase verwandelte. O Himmel! wie wurde mir zumute? Fast hatte ich mich, um der grausamen Schmerzen auf einmal loszukommen, resolviert, mir selbst eine Pistolenkugel durchs Herz zu jagen, jedoch mein guter Engel hielt mich davon zuruck. Ich schickte nach den erfahrensten Arzten, welche zwar bald genung ankamen und mir die allerkostbarsten innerlichen und ausserlichen Arzeneien gebrauchten, allein die grausame Hollenpein, welche ich noch immerfort erlitte, konnte kaum binnen acht Tagen ein wenig gelindert werden. Endlich, nachdem zwei Wochen verflossen waren, wurden zwar die Schmerzen etwas ertraglicher, im Gegenteil schien es, als ob diese Extremitat meines Leibes ganzlich abfaulen wollte. Ins Scrotum fielen etliche Locher, beide Testiculi wurden vom kalten Brande angegriffen befunden, demnach herausgezogen und zu meinem grossten Leidwesen abgeschnitten. Also half mir mein getanes Gelubde, welches darinnen bestund, dass ich nach volliger Genesung nimmermehr kein Frauenzimmer uneheligerweise wieder beruhren wollte, vor dieses Mal gar nichts, sondern es wurde mir vom Schicksale auferlegt, die Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts andern zu uberlassen. Doch dieses ist hochst zu verwundern, dass, sobald ich solchergestalt kastriert war, sich sofort alle Schmerzen verloren, ja und kurz zu sagen, ich befand mich, ehe vier Wochen verflossen, vollkommen restituiert und wundere mich nunmehro selbst, dass von dem entsetzlichen Schaden so wenige Narben zu fuhlen sind. Nach der Zeit habe zwar wenige oder gar keine Incommodite weiter davon empfunden, doch ein beruhmter Operateur hat mir geraten, bestandig eine solche Bandage, wie mein Herr um meinem Leibe herum hier siehet, zu tragen, denn seinem Sagen nach konnte ich gar leicht einmal durch eine mittelmassige Strapaze einen doppelten Darmbruch bekommen, weiln sogar das Darmfell in meinem Leibe von dem scharfen Eiter zernagt befunden worden.'
'Es ist dieses', sagte Oegneck hierauf, 'ein ganz guter Rat. Allein wie haben sich Ihro Gn. nach der Zeit sowohl in Dero Leibeskonstitution als in den Gemutsbewegungen befunden?' 'Ach Himmel!' gab mein Herr zur Antwort, 'ich bin seit der Zeit der vorige Mensch ganz und gar nicht mehr gewesen. An der Courage, einem Feinde unter Augen zu gehen und mich mit demselben auf Degen und Pistolen zu schlagen, ist mir zwar nicht das geringste entgangen; Essen und Trinken schmeckt mir auch ganz wohl, allein die Liebe zum Frauenzimmer ist mir zuwider wie der Tod, hergegen ist mir nichts angenehmer als die Einsamkeit, doch gibt mir die Vernunft zu verstehen, dass, wenn sich meine Sinne gar zu sehr darinnen vertieften, ich vielleicht wohl gar wahnsinnig, toll oder rasend werden mochte; eben diesem Unglucke aber vorzubeugen, habe ich mich auf Reisen begeben, weiss aber nicht, ob ich es lange antreiben werde, denn ich mochte wohl nicht besser verwahrt sein als bei den Meinigen zu Hause. Sonsten habe ich ein so ziemliches Vergnugen an allerhand spekulativischen Dingen als an Malerei, ingleichen an einer doucen Musique, beweglichen poetischen Sachen, aber keine verliebten Gedichte, item allerhand moralische Historien zu lesen und anzuhoren, allein es vergeht mir auch hierzu der Appetit zuweilen ganz plotzlich, und verfalle ich ofters uber Vermuten in eine Tiefsinnigkeit, wenn nicht ein besonders kluger und geschickter Mann bei mir ist, der mit guter Manier dergleichen Grillen aus meinem Kopfe jagen kann. Ich habe zwar schon verschiedene gescheute Leute in meinen Diensten gehabt, weil aber dennoch keiner recht nach meinem Gout eingeschlagen, so habe immer einen nach dem andern wieder fortgeschafft, auch von meinen jetzigen Bedienten werde ich keinen lange um mich leiden konnen.'
'Wie ist's aber', fragte Oegneck, 'wenn sich Ihro Gn. genotiget sehen, mit Frauenzimmer zu konversieren?' 'Ei was!' fuhr mein Herr auf, 'Er schweige mir ja ums Himmels willen von diesem Geschlechte stille, denn ich wollte eher zwei wilde Manner als ein Frauenzimmer um mich leiden. Ihre Konversation ist mir bis in Tod zuwider, ja ich scheue dieselben als ein verzehrendes Feuer. Sobald ich eine ansehe, befurchte ich gleich, sie mochte etwa Wissenschaft um meine Beschaffenheit haben, mich derowegen in ihrem Herzen hohnisch auslachen und mit meinem Elende einen Spott treiben. Ob ich auch, wenngleich alles noch seine Richtigkeit bei mir hatte, nimmermehr wieder ein Frauenzimmer bedienen mochte (inmassen ich es mitten in meinem Schmerzen so teuer verschworen habe), so wollte doch ehe mein Leben dransetzen, als mich mit meiner Incapacite schrauben lassen.' 'Wenn man aber', warf Oegneck ein, 'ein solches Frauenzimmer finden konnte, die dergleichen tadelhafte und andere sundliche Affekten nicht in ihrer Seele hegte, sondern eine reine, keusche und redliche Konversation mit Ihnen zu fuhren bereit ware, wollten Ew. Gn. eine solche auch nicht um sich leiden?' 'Ach! hinweg mit dem Frauenzimmer, es mag schon oder hasslich sein', war meines Herrn Gegenrede, 'wo wollte doch immermehr eine solche, wie sie der Herr beschreibt, anzutreffen sein? es ware denn ein Kind oder ein altes Weib, von welchen beiden aber eines so wenig als das andere das Geschicke haben kann, mir einen vergnugten Zeitvertreib zu verursachen, derowegen nur stille geschwiegen von diesem verhassten Geschlechte.'
'Nun, nun!' sagte endlich Oegneck, 'Ew. Gn. geben sich nur vollig zufrieden, Ihr Malheur soll aufs langste binnen zwei oder drei Monaten gehoben sein. Was verlorengegangen, kann zwar ich und kein sterblicher Mensch wieder ersetzen, allein Ihr melancholisches Humeur hoffe mit der Hulfe des Himmels vollig zu kurieren, weil mir Rat und Mittel davor uberflussig beiwohnen, ja ich versichre bei meiner Ehre, dass schon mehr als 100 dergleichen Patienten recht lustig, frohlich und vergnugt von mir gegangen sind; doch sage ich Ew. Gn. im voraus, dass Sie sich nach derjenigen Vorschrift, welche ich Ihnen in Ihrer Diat und ganzer Lebensart machen werde, aufs allergenauste richten mussen, woferne Sie anders vollkommen glucklich kuriert sein wollen, ja solchergestalt hoffe ich, nicht einmal zwei Monat mit Ihnen zuzubringen, wenn Sie nehmlich mir billige Folge leisten werden.'
'Ich bin ja ein Mensch', sagte hierauf meine Herr, 'der noch ein ziemlich Teil Verstand hat, derowegen will ich Ihm versprechen und halten, allen demjenigen fleissig nachzuleben, was mir Seine Kunsterfahrenheit zum Reglement vorschreibt, nur bitte ich, allen moglichen Fleiss zu baldiger Kur anzuwenden, seiten meiner soll es auch an richtiger Bezahlung nicht ermangeln, wie ich Ihm denn hiermit gleich zum voraus zwolf spec. Dukaten gebe.' Oegneck hatte vor Freuden gleich aus der Haut fahren mogen, da ihm mein Herr aus seiner Goldbeurse zwolf schone Dukaten langete und dieselbe in seine Hand druckte. Anfanglich stellete er sich zwar, als ob er nichts voraus haben wollte, doch er liess sich auch nicht zehnmal notigen, sondern steckte das Gold mit Freuden in seinen Schubsack. Hierauf redete er aus einem ganz andern Tone also: 'Gnadiger Herr! vor allen Dingen wird notig sein, dass Sie Dero Logis verandern und an einem solchen Orte wohnen, wo es etwas lebhafter und nicht so einsam als allhier ist, damit Sie ofters aus den Fenstern bald auf die volkreichen Strassen, bald in schone Garten sehen konnen und durch Betrachtung anderer Objektorum von Ihren gewohnlichen tiefen Gedanken abgezogen werden. Starke und allzuoftere Compagnie bei sich zu haben, will sich anfanglich nicht wohl schicken, weil solches die Kur nur verzogern mochte, doch muss man Sie auch selten alleine lassen, sondern sehen, wo man einen geschickten Mann findet, der Ihnen mit angenehmen Gesprachen und auch wohl auf andere Art die Zeit passieret, wenn ich nicht selbst zu Hause sein kann. Ich habe', fuhr Oegneck fort, 'ein schones, wohl und geraumlich erbautes Haus gemietet, bewohne aber den wenigsten Teil davon, weil ich aber keine starke Familie habe, belieben Sie etwa, dasselbe in gnadigen Augenschein zu nehmen und, wo es anstandig, zu beziehen, so sollte an Dero schonster Kommoditat nicht der geringste Mangel erscheinen, denn ich konnte solchergestalt desto ofter bei Ihnen sein, an allem andern, worzu Sie sonsten einen zulassigen Appetit verspuren mochten, wurde auch kein Mangel erfunden werden.'
Mein Herr brachte anfanglich viele Entschuldigungen vor, warum es ihm sehr beschwerlich fiele, sein Logis zu verandern, endlich aber, nachdem er eine Zeitlang nachgesonnen, sagte derselbe: 'Mein Herr von Oegneck, ich habe einmal versprochen, Ihm in allen, was zu meiner baldigen Kur vorteilhaft erfunden wird, Gehorsam zu leisten, derowegen soll Er in diesem Stuck die erste Probe von mir sehen. Es geschehe demnach, der Herr lasse mir in seinem Hause zwei oder drei bequeme Zimmer zurechtemachen, meine Leute sollen sogleich einpacken, damit ich gegen abend einziehen und morgen mit der Kur der Anfang gemacht werden kann, denn mir wird nunmehro Zeit und Weile viel zu lang.' Oegneck mochte sich ohnfehlbar innerlich nicht wenig freuen, einen so fetten Kostganger und Patienten angetroffen zu haben, von welchen er keine magern Brocken zu geniessen verhoffte, nahm derowegen mit meinem Herrn nur noch kurze Abrede wegen ein und anderer Kleinigkeiten, beurlaubte sich nachhero und eilete nach Hause, um alles wohl einzurichten.
Kaum mochte er aber wohl zum Hause hinaus sein, als mein Herr vom Bette aufsprunge, mich rufte, dass ich ihm die Bandage abnehmen sollte, und fragte, was meine Gedanken waren bei diesen Streichen. 'Gnadiger Herr!' antwortete ich, 'bald haben mir uber Ihr Gesprach die Haare zu Berge gestanden, bald aber hatte vor Lachen zerbersten mogen.' 'Ihr musset mich', versetzte er, 'voritzo einmal als einen Komodianten betrachten, der seine Komodien selbst elaboriert. Die erste Szene, welche ich in verwichener Nacht ausgesonnen, ist, wie mich dunkt, ziemlich gut abgelaufen, allein Ihr werdet ohnfehlbar noch weit mehr dabei zu lachen kriegen, denn Oegneck muss mir nolens volens ein vollkommener Arlequin und Hahnrei werden, vorjetzo aber werden wir keine Zeit zu versaumen haben, sondern unsere Sachen einpacken mussen, damit wir noch heute an Ort und Stelle kommen.'
Demnach packten wir alles ein, und mein Herr half selbsten fleissig. Zwei Stunden nach der Mittagsmahlzeit aber kam Oegneck und meldete, dass die Zimmer zu meines Herrn Commodite bereits gereiniget und meubliert waren, weswegen sogleich der Anfang zum Aus- und Einraumen gemacht wurde, gegen abend aber begab sich mein Herr selbst mit dem Oegneck in das neue Quartier. In selbigem war zum Willkommen eine kostliche Mahlzeit zubereitet, wiewohl niemand als Oegneck mit ihm speisete, auch kamen von Domestiquen nicht mehr als ein alter ehrbarer Mann nebst zwei Knaben von zehn bis zwolf Jahren zum Vorscheine. Jedennoch hatte ich das Gluck, Oegnecks Frau am ersten zu sehen, indem sie die Speisen selbst zubereitete und dieselben durch eine Schublade, die in der Kuchentur war, herausgab. Ich muss gestehen, dass ihr Gesicht mehr einem Engel als Menschen ahnlich sahe, ihre Arme und Hande aber waren noch weisser als Alabaster, weswegen ich meinen Herrn nicht halb so sehr verdachte, dass er sich ihrenthalber so viele Muhe gab, ohngeacht er sie noch nicht gesehen. Es wollte sich nicht schicken, ihm meine gluckliche Aventure zu melden. Er aber wusste seine Person vorgenommenermassen dergestalt kunstlich zu spielen, dass Oegneck an nichts weniger gedachte, als dass man ihn so listigerweise hinter das Licht fuhren wollte, hergegen brachte er allerhand feine Historien und scherzhafte Reden vor. Es schien, als ob mein Herr hierbei ziemlich vergnugt ware, doch da die Nacht hereinzubrechen begunnte, stellete er sich dermassen wunderlich an, dass ein jeder, dem seine Verstellung unbekannt war, hatte vermeinen sollen, er sei ein wurklich delirierender Fanaticus. Ich und die beiden Laquais waren schon sattsam abgerichtet, schlichen uns deswegen ganz behutsam hinzu und brachten mit guter Manier Messer, Gabeln, Degen, Pistolen, ja alles schadliche Gewehr auf die Seite in eine Nebenkammer, derowegen wurde dem Herrn von Oegneck ziemlich bange, ja ich glaube, dass es ihm fast leid war, sich aus Ubereilung eine solche Last auf den Hals geburdet zu haben. Bei so gestalten Sachen eilete er, Arzenei herbeizuholen, auch war ihm vor diesen Patienten ein biblisches Mittel eingefallen, nehmlich die Musik, durch welche der Konig Saul, wenn er den Raptum bekommen, war besanftiget worden. Er kam bald wieder zuruck und brachte einen Julep, welchen mein Herr auf einmal austrinken sollte; dieser aber, welcher den Kopf mit beiden Armen unterstutzt hatte, niemanden ansehen, auch kein Wort antworten wollte, stiess das Glas zornig von sich, dass es auf dem Boden in Stucken brach, und blieb in voriger Positur sitzen. Uber Vermuten aber liess sich vor der Stubentur eine Laute horen, worauf erstlich ein angenehmes Praludium gespielet wurde, endlich aber fiel eine unvergleichliche Diskantstimme drein und sunge folgende
Aria:
1
Entschlage dich der bangen Grillen,
Beklemmtes Herz! Bedenke doch:
Du kannst damit den Schmerz nicht stillen,
Du schuttelst zwar dein schweres Joch,
Und kannst es doch nicht leicht von deinem Halse
kriegen,
Darum besinne dich und suche dein Vergnugen.
2
Du sprichst: Wo soll ich dieses finden?
Da etwas mich zurucke halt,
Da Hulfe, Rat und Trost verschwinden,
Da Scherz und Lust in Abgrund fallt.
Ach! glaube doch, man kann sich alles leichte
machen,
Ein kluges Auge muss bei grosster Trubsal lachen.
3
Zuviel sich gramen ist ein Laster,
Man stort damit die Lebensruh.
Gewohnheit streicht das beste Pflaster,
Die Zeit heilt alte Schaden zu;
Drum lerne mit Gedult der Plagen zu gewohnen,
Mit Sturm und Ungedult erwirbt man selten
4
Es kann sich endlich doch wohl schicken,
Dass dir ein frohes Stundgen lacht.
Kann dich nicht, was du wilt, erquicken:
Wer weiss, was sonst vor Lust erwacht,
Die deine matte Brust mit sussen Nektar labet
Und mit Ambrosia statt Aloe begabet.
Mein Herr sahe sich unter wahrenden Singen ein paarmal ganz wilde um, da aber die Musik geendiget war, stellete er sich an als einer, der aus einem tiefen Traume erwachte, rieb die Augen und hojanete etlichemal. Merken konnte er leichtlich, dass Oegnecks Frau die Sangerin gewesen, doch gab er seine Gedanken nicht von sich, sondern warf einen Dukaten auf den Tisch und sagte: 'Wo ist der Knabe, der jetzo so schon musizieret hat? Gebt ihm diesen Dukaten und lasset ihn das Stuck noch einmal repetieren, saget auch, dass er ofters kommen solle.' Oegneck nahm den Dukaten und ging darmit zur Tur hinaus, sobald er aber zuruckkam, horete man die vorige Aria nochmals, und zwar weit manierlicher singen, auch mit unvergleichlicher Variation spielen. Sobald dieselbe unter meines Herrn grosser Aufmerksamkeit geendiget war, stellete sich derselbe wiederum mit volligen Versagte: 'Ach, mein allerliebster Freund, wie glucklich schatze ich mich, dass ich in Seine Kur geraten bin, nun merke ich erstlich, dass Seine besondere Klugheit mir mehr mit ausserlichen Vorteilen als innerlichen Medikamenten raten und helfen wird. Habe ich unter wahrenden Paroxismo etwa eine Faiblesse begangen, so bitte mir selbige zu vergeben, denn ich bin zur selben Zeit ein miserabler Mensch, der selbst nicht recht weiss, was er tut. Der charmant musizierende Knabe aber hat mich mit seiner angenehmen Stimme ungemein vergnugt, nicht anders, als ob ich von Toten auferweckt worden. Diese Aria werde ich mir zu meinen Leibstuckgen erwahlen, denn der ganze Text schickt sich so von ohngefahr vortrefflich auf meinen Zustand.'
'Ich freue mich von Herzen', gab Oegneck hierauf zur Antwort, 'gleich anfanglich ein so gluckliches Mittel erfunden zu haben, Ew. Gn. zu besanftigen. Der Knabe soll Ihnen in Zukunft alle Abend, sooft es gefallig, aufwarten, dieses aber muss zur Nachricht melden, dass er in Gegenwart anderer Leute nichts Gescheutes spielen oder singen kann, derowegen ist's am besten, man lasset ihn aussen vor der Tur bleiben.' 'Ach ja', versetzte mein Herr, 'das muss ohnedem geschehen, denn ich mochte denselben vielleicht nicht bei mir vertragen konnen. Vorjetzo aber wird mir erlaubt sein, mich zur Ruhe zu legen, denn ich befinde mich ziemlich matt und schlafrig.' 'Sie tun sehr wohl hieran', sagte Oegneck und begab sich nach Anwunschung einer geruhigen Nacht von dannen.
Anstatt sich zur Ruhe zu legen, setzte sich mein Herr in sein Cabinet, rauchte noch ein paar Pfeifen Tobak, liess die Laquais zu Bette gehen, zu mir aber sagte er mit lachenden Munde: 'Das war der andere Auftritt in dieser Komodie, es muss aber noch weit mehr tolles Zeug herauskommen.' Ich offenbarete ihm, wie ich das Gluck gehabt, Oegnecks Frau zwar nur auf wenige Augenblicke zu sehen, musste aber bekennen, dass sie ein recht englisches Gesichte hatte. Er erfreuete sich hieruber ungemein und wunschte sich dieses Gluck nur vorerst auf eine einzige Minute. Nachdem er nun wegen der fernerweitigen Fort- und Ausfuhrung seines Desseins noch verschiedenes mit mir uberlegt, begab er sich endlich zur Ruhe.
Einige darauffolgende Tage hintereinander plagte ihn Oegneck mit Purgieren und Schwitzen dergestalt, dass er es fast uberdrussig werden wollte, jedoch auf mein Zureden, dass ihm dieses nicht undienlich, indem er in langer Zeit nicht medizinieret, mithin viele Unreinigkeiten aufgesammlet hatte, war er ziemlich gelassen darbei, befand sich auch sehr wohl darauf, weswegen ihn Oegneck einige Tage in Ruhe, darbei aber die delikatesten Speisen zubereiten liess.
Inmittelst begunnte mein Herr ziemlich unmutig zu werden, weiln er durch alle seine gemachten Machinationes den gewunschten Zweck zu erreichen noch keine sichere Hoffnung sahe. Er stellete sich, als ob die melancholischen Paroxismi nicht des zehenden Teils mehr so stark waren als bishero, doch gab er allgemach zu verstehen, wie er sich nach einem oder dem andern Zeitvertreibe sehnete, weswegen ihm Oegneck ein ganz Paquet Gemalde von Landschaften und andern artigen Dingen brachte und selbige zur Betrachtung vorlegte. Er bewunderte dieselben und fragte, ob der Meister davon in N. ware. Oegneck bejahete solches, doch ware er voritzo nur auf ein paar Tage verreiset. Ferner brachte er ihm allerhand in Wachs poussierte Portrats, ingleichen viele Bogen Verse, welche meistenteils von Verachtung der Welt, von der eitlen Wollust, von den Torheiten bei der Liebe und dergleichen handelten. Mein Herr lobete alles weit mehr, als es ihm ums Herze war, zeichnete sich auch einige Arien aus und bat, dass sie dem musikalischen Knaben zugeschickt werden mochten, welches denn Oegneck auch besorgte, so dass wir des darauffolgenden Abends eine unvergleichliche Vokalmusik nebst der Laute horeten. Wie aber mein Herr fragte, wer denn der Meister von diesen Versen ware, gab Oegneck zur Antwort: 'Die Schildereien, Wachsbilder und Verse sind eines Menschen Arbeit, doch dieses alles ist nichts gegen die andere unvergleichliche Geschicklichkeit, so dieser Mensch nebst einem besondern Verstande und artiger Conduite besitzt.' 'Ach Himmel!' versetzte mein Herr, 'das ware ein rechter Mensch vor mich, mochte ich doch denselben zeitlebens bei mir haben konnen, er sollte es so gut und noch weit besser haben als ich selbst, denn ich verhoffte von seiner Konversation ganz was Besonderes zu profitieren.' 'Ich glaube schwerlich', erwiderte Oegneck, 'dass er sich resolvieren mochte, zeitlebens bei Ihnen zu bleiben, denn er hat selbsten gute Mittel, ist auch bei allen seinen Geschicklichkeiten und Tugenden dennoch ziemlich eigensinnig, indem er ein ruhig Leben fuhren, durch seine Kunste sich immer hoher schwingen, mithin auch immer mehr und mehr Reichtumer erwerben kann, doch getraue ich mich ihn dahin zu persuadieren, dass er, solange sich Ew. Gn. in meiner Wohnung aufhalten, Ihnen fast taglich einige Stunden die Zeit passieren soll.' Mein Herr bat instandig, ihm mit allernachsten diesen artigen Menschen zuzufuhren, und Oegneck versprach sogleich nach ihm zu schicken, versicherte auch, dass, wenn er wieder zuruck[ge]kommen ware, derselbe nicht abschlagen wurde, ihm eine Visite zu geben.
Hiermit ging Oegneck fort und liess meinen Herrn vor diesmal die Mittagsmahlzeit allein verzehren, welches ihm wegen seines starken Appetits, dem er bei dessen Gegenwart ofters einigen Abbruch tun musste, sehr gelegen fiel.
Nach der Mahlzeit liess Oegneck melden, dass Herr Bellian, so wurde der Pansophus genennet, zuruckgekommen ware und versprochen hatte, sich nach Verlauf einer Stunde einzufinden. Mein Herr zohe hierauf eines von seinen besten Kleidern an, ja er machte sich dergestalt galant, als ob er bei dem Vice-Roi hatte Cour machen wollen.
Wie ich aber bemerke, gnadiger Herr!" sagte hier der Kammerdiener zu Elbensteinen, "so beginnet der Tag schon anzubrechen, derowegen befurchte, Dieselben um die benotigte Ruhe zu bringen, wo mir gnadigst erlaubt ist, will ich Dero Befehl erwarten, ob ich diese Geschichte Ihnen vollends bis zum Ende erzahlen soll, denn wenn ich die meisten Umstande, die in Wahrheit curieus sind, nicht zurucklassen will, durften wohl noch zwei bis drei Stunden darzu erfordert werden." Elbensteinen war die Zeit gar nicht lang worden, und er hatte, wo er nicht ware erinnert worden, immer noch zwei bis drei Stunden zugehoret, weilen er aber bedachte, dass ihm die Ruhe so dienlich als dem guten Menschen ware, gab er ihm einen Dukaten, auf seine Gesundheit ein Glas Wein darvor zu trinken, und nachdem sich dieser aufs hoflichste davor bedankt, bat er ihn, nach der Mittagsmahlzeit wieder zu ihm zu kommen, da er denn nicht allein den Rest der Geschichte vollends aushoren, sondern auch weiter mit ihm sprechen wollte. Hiermit nahm der Kammerdiener Abschied, Elbenstein aber seinen Platz im Bette.
Weiln er sich vorigen Tages schon ziemlichermassen von seiner Mudigkeit erholet, als schlief er nur wenige Stunden, besahe hernach sein schones Pferd und fand dasselbe frisch und wohl besorgt, spazierte sodann in den am Hause befindlichen Garten und widmete seine Gedanken seiner geliebten Furstin, bis er zur Mittagsmahlzeit abgerufen wurde. Nach Einnehmung derselben meldete sich alsobald der Kammerdiener wieder, welchen er, weil es ein ungemein schoner Tag war, mit in den Garten zu gehen bat und ein paar Bouteillen Wein, die im Eise stunden, dahin bringen liess. Es setzte dieser, nachdem ihn Elbenstein zu sitzen und nach Belieben zu trinken genotiget, seine Geschichtserzahlung folgendermassen fort:
"Bald hernach, da sich mein Herr vollkommen angekleidet, kam Oegneck, holete ihn ab und fuhrete ihn in ein anderes wohl ausgeputztes Zimmer, allwo (wie mir mein Herr nachhero alles von Wort zu Wort wieder erzahlet) er den Herrn Bellian mit einem Buche in der Hand auf und ab spazierend antraf, sein Hut, Stock und Degen aber lag auf einen kleinen Nebentischgen. Sobald Herr Bellian die beiden Hineintretenden erblickte, legte er sogleich das Buch aus der Hand, machte einen zierlichen Reverenz und empfing sie mit besonderer Hoflichkeit. Mein Herr tat ein gleiches und fing also an zu reden: 'Mein wertester Herr und Freund, ich gratuliere mir, in dessen galanter Person einen solchen qualifizierten Mann anzutreffen, der nach Berichten, welche mir der Herr von Oegneck von Demselben erstattet, seinesgleichen wenig in der Welt hat, weswegen ich denn eben auch nach Dessen schatzbarer Konversation ein besonderes Verlangen getragen und mir dieselbe ofters ausgebeten haben will.' 'Gnadiger Herr!' versetzte Bellian hierauf, 'ich bin kein Mensch von besonderen Komplimenten, sondern mein ganzes Wesen ist dergestalt aufrichtig beschaffen, dass ich weder simulieren noch dissimulieren kann, hergegen frei heraus rede, wie es mir ums Herze ist, derowegen bitte, mich mit grossen Ruhm und Lobeserhebungen gnadig zu verschonen; ist sonsten meine schlechte Konversation jetzt und in Zukunft vermogend, Ihnen ein Plaisir zu machen, so bin, sooft es meine notigsten Geschafte zulassen, zu Dero Diensten.' 'Ach wie gern', erwiderte mein Herr, 'gehe ich doch mit dergleichen allerliebsten Leuten um, die ihren Gebarden, Worten und ganzer Auffuhrung keine falsche Schminke anstreichen. Er setze sich doch mit mir nieder, mein wertester Herr Bellian!' unter welchen Worten er ihn bei der Hand fassete und dieselbe ungemein zart und weich befand, sich aber deshalb nichts merken liess, sondern im Reden fortfuhr 'will Derselbe wohl nicht ubel deuten, wenn ich frage, von welcher Sache Er denn hauptsachlich Profession macht?' 'Im geringsten nicht', antwortete Herr Bellian, 'muss aber bekennen, dass ich mich von Jugend an auf nichts Gewisses allein, sondern auf alle diejenigen Wissenschaften gelegt habe, die mir gefallen oder, deutlicher zu sagen, worzu mich mein curieuses Naturell angetrieben hat, demnach habe ich etwas studieret von der Geographie, Historie, Poesie, Musik, Malerei, Wachspoussieren, Helfenbeindrehen und dergleichen erlernet, teils durch Anweisung anderer geschickter Leute, teils aus Buchern, teils aus eigenem Antriebe. Viele wollen aus meiner Arbeit etwas Besonderes machen, allein die Menschen pflegen heutzutage einander zum oftern sehr zu flattieren.' 'Ich bin ein Feind von Flattieren', widerredete mein Herr, 'erstaune aber fast uber Dessen Geschicklichkeit, welche in Wahrheit mehr Ruhm verdienet, als man derselben beilegen kann. Da mir nun nicht unbewusst, dass sich kluge Leute nicht gern ins Angesicht loben lassen, will ich jetzo davon schweigen und mit des Herrn Bellians Erlaubnis fragen, was dieses vor ein Buch sei, worinnen Er sich vor unserer Ankunft divertiert hat.' 'Es hat es', berichtete Herr Bellian, 'ein gottseliger Pater gemacht, und schreibt derselbe sehr schon von den eingebildeten Wollusten der weltlich gesinneten Menschen, erweiset auch sehr vernunftig, dass alles unser Vergnugen nur blosse Eitelkeit und einem leeren Traume vollkommen ahnlich sei. Ich kann Ew. Gnaden versichern, dass mir dieses Buch bereits viele Dienste getan und noch tut, denn ob ich es gleich schon wohl 50mal durchgelesen, so fange doch allezeit wieder von vorne an und bemuhe mich, dasselbe auswendig zu lernen und meine Lebensart darnach einzurichten.' 'Mein wertester Freund', versetzte hierauf mein Herr, 'ich habe zwar dem Herrn Oegneck angelegen, Ihn zu bitten, dass Er mir die Fundamenta in der Zeichnungs- und Malerkunst zeigen mochte, allein nunmehro erkennet mein bishero verfinstert gewesener Verstand, dass ich von Ihm noch eine weit schonere Kunst, nehmlich die Beruhigung des Gemuts erlernen konne. Demnach ersuche ich Ihn instandig, dieses Buch mit mir durchzugehen, ich will einen fleissigen Schuler abgeben und dessen Bemuhung nach aussersten Vermogen rekompensieren.' Herr Bellian erzeigte sich hierzu sogleich willig und bereit, machte mit Lesen und Lehren den Anfang, Oegneck aber beurlaubte sich unter dem Vorwande, einigen wichtigen Verrichtungen nachzugehen. Mein Herr machte wunderlich Zeug, denn bald stellete er sich, als ob er sehr andachtig zuhorete, bald aber verfiel er in ein so tiefes Nachsinnen, dass man meinen sollen, er schliefe mit wachenden Augen, weswegen Herr Bellian dann und wann einen lustigern Diskurs aufs Tapet bringen musste.
Etwa drei Stunden waren sie also allein beisammen gewesen, als Oegneck wieder nach Hause kam, da sie denn noch verschiedene Gesprache fuhreten, endlich aber musste Herr Bellian halb gezwungenerweise in meines Herrn Zimmer die Abendmahlzeit mit einnehmen. Unter derselben fragte mein Herr nach dem musikalischen Knaben, bekam aber von Oegneck zur Antwort, dass sich derselbe heute etwas unpass befunden hatte, derowegen vor dieses Mal seine Aufwartung nicht machen konnte. Mein Herr war dieserwegen sehr besorgt und sagte, wie ihm der grosste Teil seines Vergnugens entfallen wurde, wenn dieser Knabe sterben sollte. Allein Oegneck versicherte, dass dessen Maladie nicht viel auf sich hatte, sondern er vielleicht schon morgen sich wiederum wurde horen lassen.
Nach geendigter Mahlzeit wollte sich Herr Bellian nicht langer aufhalten lassen, weswegen ihn mein Herr mit einem schonen Gedenkringe beschenkte und auf diesmal von sich liess. Oegneck gab ihm das Geleite, mein Herr aber blieb alleine in seinem Zimmer, denn ich war kurz vorhero, ehe die Tafel abgehoben wurde, auf Abenteuer ausgegangen und entdeckte mit besondern Vergnugen, was ich wunschte. Sobald ich wiederum in meines Herrn Zimmer gekommen, waren meine erste Worte: 'Wissen Ew. Gn. etwa bereits, mit wem Sie heute konversiert haben?' 'Ich mutmasse', gab mein Herr zur Antwort, 'dass Herr Bellian keine Mannesperson, sondern ein Frauenzimmer und vielleicht des Oegnecks Frau sei, wenn es wahr, so ist's mir sehr lieb, denn ihre Person ist in Wahrheit ungemein liebenswurdig.' Hierauf offenbarete ich ihm das ganze Geheimnis folgendergestalt: 'Ew. Gn. konnen sicherlich glauben, dass in Bellians Kleidern niemand anders als Oegnecks Frau steckt, ich habe an einem geheimen Orte durch einen Ritz gesehen, wie sie sich mit Hulfe ihres Mannes und eines alten Weibes die Mannskleider aus- und dargegen ihre Weibskleider wieder angezogen, auch haben meine Ohren alle Worte gehoret, die sie Ew. Gn. wegen miteinander gewechselt. Erstlich redete Oegneck also zu ihr: "Ihr werdet Euch, mein Schatz, nunmehro gefallen lassen mussen, diese Masquerade alle Tage zu spielen." "Ich ware", gab sie zur Antwort, "solcher Possen von Herzen gern uberhoben, indem ich ein Narre sein und andere ohnedem genug geplagte Leute auch noch zum Narren machen soll." "Ei! was Narren?" versetzte Oegneck, "keinen Narren, sondern einen klugen Menschen sollet Ihr machen helfen, zudem so wird Euch ja Eure wenige Muhe teuer genung bezahlt, weil Ihr bereits so schone Dukaten vor die Musik und diesen Abend wieder einen trefflichen Ring bekommen habt, bedenket doch nur auch, was wir noch vor eine schone Zwickmuhle an diesem Herrn haben konnen." "Ei was!" widerredete die Frau, "der Himmel hat mir zeitliche Guter nach Notdurft genung bescheret, und bei dem Gelde, welches Ihr auf eine solche betrugliche Art schneidet, wird wohl wenig Gluck und Segen sein, der Henker kann es zeitig genung holen, zumalen, wenn Ihr es Eurer Gewohnheit nach auf den Spieltisch traget. Ich beklage nur, dass es dem ungluckseligen Kavalier eben also gehen wird, wie es andern melancholischen Patienten ergangen ist, die Ihr ebenfalls habt kurieren wollen, wenn nur das Konnen nicht ermangelt hatte. Was gilt's? wenn Ihr ihm nur den Beutel sattsam gefegt, wird er wieder so hinlaufen mussen, als er hergekommen ist, denn Ihr habt es ja mit dergleichen Leuten mehrenteils schlimmer als besser gemacht; aber ich furchte immer, Ihr werdet einmal ubel anlaufen." Oegneck schlug hieruber ein hohnisches Gelachter auf und sagte: "Solchen Narren muss man die Kolbe lausen, ich weiss mich schon herauszuschwatzen, und wenn ich einem solchen Hasenkopfe etliche 1000 Taler abgezwackt hatte. Ich merke aber wohl, mein Schatz, wo Euch der Schuh druckt, wenn ich Euch nur nicht entdeckt, dass der schone Kavalier seine Mannheit verloren hatte, so konntet Ihr Euch vielleicht noch Hoffnung machen, einen Amanten an ihm zu bekommen, bei so gestalten Sachen aber glaube ich, dass Euch das Herz im Leibe vor Mitleiden bluten mag. Nicht wahr, ich habe es erraten? Allein, gebt mir nur ein gut Wort, so soll er ein paarmal mit Euch zu Bette gehen." Die Frau erwiderte mit einem bittern Lachen: "Ich mag mir nicht einmal die Muhe geben, auf Eure schandlichen Reden zu antworten, die Ihr taglich aus dem eifersuchtigen verfluchten Herzen durch den Lasterrachen auf meine Ehre speiet, glaubet aber sicherlich, dass ich mich morgen wohl huten werde, abermals eine Komodiantin zu sein." Hieruber entrustete sich Oegneck ganz ungemein und sagte: "Das musste der ... geschrieben haben, wenn Ihr mir nicht gehorsamen und noch darzu an einem so starken Profite verhinderlich sein wolltet. Saget nur noch ein einzig Wort, so will ich eine neue Marter vor Euch aussinnen." "Ach!" replizierte die Frau, "hierinnen seid Ihr ohnedem beruhmter als der beste Henker. Der Himmel weiss, dass ich, der grausamen Tortur uberhoben zu sein, dergleichen Bosheit mit veruben und diesen ehrlichen Kavalier betrugen helfen muss; jedoch der Himmel wird mir's nicht zurechnen und mir aus dieser Sklaverei helfen, sodann fresset Euer mit Betrug erworbenes Brot alleine. Ach Himmel! wie hast du doch zugeben konnen, dass ich einen Marktschreier und Leutebetruger zum Ehemanne bekommen mussen."
Diese Reden reizten den Herrn von Oegneck dergestalt zum Zorne, dass er aufsprang und ihr eine sehr starke Anzahl Maulschellen und Kopfstosse versetzte, bis endlich das alte Weib darzwischenkam und Friede stiftete.'
Mein Herr war uber meine gluckliche Aventure ungemein erfreuet und schenkte mir vor meine gehabte Muhe ein schones Kleid, im ubrigen aber befahl er mir, nur weiter fleissig herumzuspekulieren, indem er dem Oegneck schon andere Possen, auch vor sich selbst und dessen Frau sattsame Revanche nehmen wollte. Des andern Tages war mein Herr sehr bekummert, indem er bei so gestalten Sachen nicht leicht glauben wollte, dass Bellian sein Wort halten und an diesem Tage wieder kommen wurde, jedoch als sich die Singestimme mit der Laute fruhmorgens horen liess, bekam er einige Hoffnung und wurde vollkommen befriediget, da Oegneck bei der Mittagsmahlzeit sagte, dass Herr Bellian bereits melden lassen, diesen Mittag ohnfehlbar wieder da zu sein. Es geschahe auch, und Oegneck fuhrete meinen Herrn selbst hinuber in das Zimmer, wo sie gestern beisammen gewesen waren, er aber retirierte sich und liess beide alleine.
Herr Bellian fuhrete sich dieses Mal ganz traurig auf, mein Herr aber trug anfanglich Bedenken, ihn um die Ursach seines Missvergnugens zu befragen, sondern, weiln verschiedene Gemalde im Zimmer aufgehenkt waren, bat er sich von einem und dem andern die Erklarung aus, worinnen ihm Herr Bellian gern willfahrete. Unter andern kamen sie zu einem Gemalde, worauf die Verwustung der Stadt Troja abgeschildert war, und Herr Bellian erzahlete viel von diesem Kriege. Da ich aber mittlerweile das vorhero abgeredete Zeichen gab, dass Oegneck zum Hause hinaus und die Haustur abgeschlossen ware, fing mein Herr zu fragen an: 'Ei horen Sie doch, mein wertester Herr Bellian, ist nicht dieser Trojanische Krieg um einer schonen Frauen halber entstanden?' 'Ja, recht!' antwortete Bellian, 'es hiess dieselbe Helena und wurde ihrem Gemahl, dem Menelao, von einem jungen Kavalier, der Paris geheissen, entfuhret, sonsten lieset man von ihr, dass sie die Schonste im ganzen Griechenland gewesen.' 'Ich glaube aber doch nicht', versetzte mein Herr, 'dass diese Helena so wunderschone gewesen als die Gemahlin des Herrn von Oegneck, deren zarte Hand zu kussen ich voritzo mir die Freiheit nehme.' Unter diesen Worten kussete und druckte er ihre Hand zu verschiedenen Malen. Oegnecks Frau, welche ich nur fernerhin Belliana nennen will, wurde uber diese unverhofften Reden und Karessen dergestalt besturzt, dass sie als ein geschnitztes Bild ohne Regung auf dem Stuhle sitzenblieb und wegen starker Verwirrung kein Wort antworten konnte. Mein Herr nahm diese Gelegenheit in acht, kussete ihre Hande noch etlichemal, liess sich hernach auf ein Knie vor ihr nieder und brachte mit ausserst verliebten fre[i]en Gebarden seine Liebeserklarung folgendermassen vor: 'Allerschonste Dame, der Ruhm Ihrer unvergleichlichen Schonheit, die von unzahligen Kavaliers nur von ferne zu betrachten, so sehnlich gewunschet worden, hat mich, sobald ich Nachricht davon erhalten, angetrieben, einen selten erhorten Streich zu spielen, um nur Dero allerangenehmste Person zu sehen. Denn da ich in Erfahrung gebracht, wie Sie von Ihrem irraisonnablen Manne auf eine ganz unmenschliche Art eingekerkert und verborgen gehalten wurden, so dass fast nicht die geringste Hoffnung vorhanden, mit Ihnen ins Gesprach zu kommen, als hat mir die Liebe eine List eingegeben, um Ihnen in Ihrer Sklaverei einige Revanche zu verschaffen und meine verliebte Sehnsucht zu vergnugen. Sie glauben demnach, Madame, dass die ganze Erzahlung, welche ich Ihrem Manne von meiner Person und Krankheit getan, ein blosses Gedichte und verstelltes Wesen ist, denn ich bin einer der gesundesten Menschen von der Welt und von der gutigen Natur mit allem dem, was einer vigoreusen Mannesperson zukommt, im Uberfluss versorgt. Es hat mir in der Seelen wehe getan, da ich neulichst Ihren Mann in offentlicher Compagnie so unvernunftig raisonieren horen musste, indem er sich ein besonders Gloire daraus machte, mit seiner wunderschonen Frauen so barbarisch zu verfahren. Weilen nun aber das Glucke mein Unternehmen sekundiert hat, so verabsaumen Sie doch, Madame, keine Zeit, die Sehnsucht Ihres getreusten Verehrers, des Barons von L., zu stillen, sich mitten in Ihrer Sklaverei ein susses Liebesvergnugen zu verschaffen und sich zugleich an Ihrem eifersuchtigen, unbesonnenen Manne zu revanchieren, indem er nicht wurdig ist, dergleichen uberirdische Schonheit allein zu geniessen.'
Belliana blieb noch immer unbeweglich auf dem Stuhle sitzen und sahe den vor ihr knienden hochst verliebten Kavalier mit unverwandten Augen an, endlich da ihr derselbe die Hande noch vielmal gekusset und aufs allerbeweglichste zugeredet, zog sie ihn in die Hohe und sagte: 'Ach stehet auf, schonster Kavalier, nehmet meinen geborgten Degen und stosset denselben in meine Brust, denn ich weiss vor Scham, Angst, Furcht und verbotener Liebe nicht zu bleiben. Was wird die ganze Welt nicht vor Ursach zu lachen und hohnisch von mir zu reden haben, wenn meine jetzige Verkleidung nebst den begangenen torichten Streichen ruchtbar wird? Wie grausam wird mein tyrannischer Mann mit mir verfahren, wenn nur das Geringste von diesem Geheimnisse vor seine Ohren kommt? Womit will ich mein Gewissen befriedigen, wenn ich einer verbotenen Liebe Gehor gebe und meine Keuschheit, die ich auch im Ehestande unbefleckt erhalten, einem lusternen Kavalier aufopfere? Totet mich', fuhr sie fort, 'oder vergonnet mir wenigstens, dass ich nimmermehr wieder vor Eure oder frembder Leute Augen komme.' 'Ehe eins von diesen beiden geschehen soll', versetzte mein Herr, 'will ich viel lieber mein Selbstmorder sein, denn ich habe mich, im Fall mir Dero Gegengunst versagt wird, der Verzweifelung ganzlich ergeben.' Unter diesen Worten, weil er sich als ein schalkhafter Amant auf alles gefasst gemacht, zohe er einen Dolch aus der Tasche, setzte denselben auf die Brust und machte Miene, als ob er sich selbst erstechen wollte.
Belliana mochte sonsten zwar wohl wenig oder gar keine Ausschweifungen begangen haben, durch meines Herrn bewegliche Reden und desperates Auffuhren oder vielleicht durch seine wohlgebildete Person auf leichtsinnigere Gedanken geraten sein, derowegen umarmete und kussete sie ihn selbst von freien Stukken, sagte anbei: 'Ihr sturmet, schonster Kavalier! zu hart auf mich, ich liebe Euch von Grund der Seelen und verspreche Euch zeitlebens zu lieben, allein dasjenige, was Ihr von mir verlanget, ist nicht nur zu gefahrlich, sondern gewisser Ursachen wegen auch ohnmoglich Euch zu gewahren.' Unter diesen Reden traten ihr die hellen Tranen in die Augen, welche mein Herr mit seinen Lippen abtrocknete, durch unablassiges Liebkosen und schmeichelende Reden aber diese Schone endlich dergestalt treuherzig und kirre machte, dass sie ihm alle Liebesfreiheiten erlaubte, nur aber zum Hauptzwecke war nicht zu gelangen, weil Oegneck seinen Lustgarten mit dem gewohnlichen italianischen Schlosse dergestalt fest verwahrt hatte, dass niemand einsteigen konnte. Mein Herr fulminierte gewaltig uber Oegnecks Tyrannei und Weiberschinderei, insinuierte sich auch dergestalt bei Bellianen, dass dieselbe sagte: 'Ach, mein Leben, ich weiss es am besten, was ich seit funf Jahren her von diesem Tollkopfe vor Marter, Angst und Not ausgestanden habe, jedennoch, und ob er gleich selbsten ganz ohnmachtig zum Liebeswerke ist, bin ich doch nicht auf die Gedanken geraten, verbotene Fruchte zu kosten, Ihr aber, mein Engel, habt mein ganzes Herze auf einmal umgekehret, ich bin vollkommen die Eurige, schafft Euch aber zu Eurer volligen Beruhigung nun selbsten Rat, ich vor meine Person weiss hierbei weder Rat noch Mittel zu ersinnen.' Mein Herr versicherte, binnen 24 Stunden schon andere Anstalten gemacht und einen akkuraten Schlussel in seiner Gewalt zu haben, worauf sie sich noch eine gute Zeit mit verliebten, auch handgreiflichen Diskursen und andern Karessen miteinander divertierten, bis ich das Zeichen durch Rufung des Hundes gab, dass Oegneck vor der Tur anpochte. Beide Verliebte setzten sich demnach in eine andere ernsthafte Verfassung und wurden von Oegneck angetroffen, da sie uber ein Gemalde diskurierten, auf welchem der nach erhaltenen Siege mit seinen Generalen schwelgende Alexander Magnus abgeschildert war. Oegneck exkusierte sein langes Wegsein mit verschiedenen Prahlereien, mein Herr aber nahm vor dieses Mal ganz unmutig Abschied und ging in sein Zimmer. Um nun von Oegneck nicht inkommodiert zu werden, gab er vor, dass er nur ein einziges Stundgen schlafen, hernach aber mit demselben in den nahe am Hause liegenden Garten in der Abendluft ein paar Stunden herumspazieren wollte.
Demnach retirierte sich Oegneck, es war aber meines Herrn wenigster Ernst zu schlafen, ob er sich gleich aufs Bette streckte, sondern er dichtete auf eine List, wie er dem Oegneck den Schlussel zu dem verdrusslichen Schlosse hinwegpraktizieren konnte. Sobald nun diese ausgesonnen, sprunge er vom Bette auf, schrieb ein Billett und schickte mich damit zu dem Capitain Reston. Ich traf denselben in seinem Logis an, und er gab mir, nachdem er das Billett gelesen, ein ergebenes Kompliment an meinem Herrn zuruck mit der Versicherung, dass er nicht ermangeln wurde, dessen Willen nach Verlauf einer Stunde zu erfullen. Mein Herr war froh hieruber und befahl mir, ja keinem Menschen im Hause zu sagen, dass er hatte Gaste zu sich bitten lassen.
Kaum war eine Stunde vorbei, als der Capitain Reston, welcher lieber zu Gaste ging als Gaste zu sich bat, indem er sehr genau lebte, mit noch vier andern Offiziers angestochen kam. Sie stelleten sich etwas betrunken und machten unten im Hause einen ziemlichen Larmen, so dass dem Herrn von Oegneck angst und bange wurde. Sobald er aber vernahm, dass sie nach meinem Herrn fragten und eine Reuterzehrung von ein paar Dutzent Bouteillen Wein exequieren wollten, gab er sich zufrieden in Hoffnung, dass vor seinen Schnabel auch etwas passieren wurde, fuhrete auch die Gaste selbst hinauf zu meinem Herrn, welcher dieselben dem Scheine nach ziemlich kaltsinnig empfing, nach gewechselten Komplimenten aber mir sogleich Befehl erteilete, von dem gegenuber wohnenden Weinhandeler erstlich ein paar Dutzent Bouteillen des allerbesten Weins zur Probe heruberlangen zu lassen. Der Wein wurde, sobald sie ihn gekostet, sehr kostlich befunden und von allen gelobet. Mein Herr bat den Herrn von Oegneck, die Gaste zum Trinken anzureizen und exkusierte sich anbei vor seine Person, dass er als ein halber Patient nicht allezeit Bescheid tun konnte, sondern nur massig trinken durfte. Im Gegenteil stummete er heimlich wiederum den Capitain Reston, dass er und die andern Offiziers dem Oegneck brav aufs Leder saufen mochten, damit er satt bekame. Demnach ging die Sauferei unter dem Schalle etlicher Waldhorner dergestalt an, dass nachts ohngefahr um zehn Uhr Oegneck in der Stube umsank, weswegen ihn unsere Laquaien aufheben und auf ein Bette tragen mussten, allein es war nicht zu verwundern, denn ausserdem, dass er sehr viel Wein getrunken, hatte ich ihm auf Befehl meines Herrn auch einen Schlaftrunk beigebracht. Die Herrn Offiziers hatten sich auch dergestalt begeistert, dass sie nicht mehr gerade gehen konnten, sondern sich von ihren Bedienten mussten zu Hause fuhren lassen. Unsere Laquaien wurden befehligt, zu Bette zu gehen, mein Herr und ich aber machten uns uber den unempfindlichen Oegneck, welcher entsetzlich schnarchte. Wir durchsuchten seine Schubsacke und fanden endlich das kleine stahlerne Schlusselchen in seiner Goldbeurse unter den Dukaten liegen. Es war nicht leicht zu vermuten, dass ein Irrtum begangen werden konnte, sondern vielmehr sicher zu glauben, dass es der rechte Schlussel sein musste, derowegen musste ich erstlich noch einmal die Visitier-Ronde unten im Hause halten, befand aber alles richtig, denn ich hatte nicht allein der alten Frauen, sondern auch dem alten Manne und den zwei Knaben soviel Wein zu trinken gegeben, als sie nur hinunterbringen konnen, uber dieses auch einen jeden ein proportionierliches Schlaftrinklein beigebracht. Nachdem ich nun meinem Herrn teuer versichert, dass er morgen fruh vor sechs bis sieben Uhr sich nicht zu befurchten hatte, dass jemand im Hause munter werden wurde, als nahmen wir dem Herrn von Oegneck den Stuben- und Kammerschlussel aus der Rocktasche (denn wir kannten beide Schlussel wohl, weil der alte Mann dieselben allezeit zu bringen pflegte, wenn Oegneck abends noch spat bei meinem Herrn sass), und mein Herr, der eine Blendlaterne in der Hand hatte, liess sich von mir bis vor Oegnecks Wohnstube fuhren. Er musste herzlich lachen, da ich dem alten Weibe, welche in einem Winkel nicht weit von der Stubentur lag, etliche tuchtige Nasenstuber versetzte, sie aber sich dennoch nicht im geringsten regte, sondern immerfort schnarchte. Der alte Mann hingegen und die zwei Knaben waren doch noch so vermogend gewesen, in ihre Bucht zu kriechen und sich auf die Betten zu werfen, lagen aber ebenso unempfindlich als das alte Weib. Bei so gestalten Sachen wollte sich mein Herr nicht langer aufhalten, sondern eroffnete mit frohen Mute erstlich die Stubentur, ich aber begab mich im Dunkeln zuruck die Treppe hinauf und bewachte den Herrn von Oegneck. Funf Stunden war mein Herr aussen gewesen, als er wieder auf sein Zimmer kam, denn der anbrechende Tag mochte ihm die Ordre zum Ruckmarsch gegeben haben. 'Dieser Streich', fing er zu mir mit erfreuten Gesichte zu sprechen an, 'ist nach Wunsche gegangen; ich bin vollkommen vergnugt, ja das Angedenken des genossenen Vergnugens wurde mich ohnfehlbar ganz melancholisch machen, wenn mir die Hoffnung beraubt wurde, dasselbe noch ofter zu geniessen.' Hierauf druckte er den kleinen Schlussel in Wachs ab, steckte denselben wieder in Oegnecks Goldbeurse, mit den beiden grossen Schlusseln musste ich es eben also machen, worauf er mir befahl, sobald die Leute in der Stadt aufgestanden, zu einem Schlosser zu gehen und Nachschlussel machen zu lassen, weiln aber dieses mir einigermassen bedenklich fiel, als kaufte ich mir eine Feile und andere Schlosserinstrumenta, war auch so glucklich, einen Schlussel von dergleichen Calibre zu ergattern, aus welchen ich einen perfekten Pas[se]partout machte, den kleinen Schlussel aber aus einem Stuck Silber zu verfertigen, war mir eine ganz leichte Kunst. Mein Herr war vor Freuden ganz ausser sich selbst, da er diese meine Meisterstucke sahe, schenkte mir eines von seinen besten bordierten Kleidern nebst zwolf spec. Dukaten. Jedoch wieder auf unsere Schlafer zu kommen, so machte das Hausgesinde erstlich zwischen acht und neun Uhr einander munter. Oegneck aber besann sich erstlich gegen zwolf Uhr wieder, dass er noch in der Welt ware, er stund auf und fand meinen Herrn noch im verstellten Schlafe liegen, hierauf fuhlete er in seine Taschen, visitierte seine Goldbeurse, und da er alles richtig fand, machte er eine vergnugte Miene. Als er aber nach der Uhr sahe und bemerkte, dass es schon in der Mittagsstunde ware, gab er seine Verwunderung durch ein kleines Gelachter und einiges Kopfschutteln zu verstehen. Ich konnte dieses alles aus der Nebenkammer, in deren Tur ich ein kleines Loch gebohret hatte, sehen, wie ich aber wahrnahm, dass er sich sachte darvonschleichen wollte, kam ich mit einem finstern Gesichte und verwirrten Haaren aus der Kammer herausgetreten, eben als ob ich den Rausch auch noch nicht ausgeschlafen hatte. Der Herr von Oegneck kam mir gleich entgegen und sagte nach Anwunschung eines guten Mittags: 'Ei ei, mein wertester Herr und Freund, das heisst der guten Sache ein wenig allzuviel getan, Sie nehmen doch nicht ungutig, dass ich Sie Ihres Bettes beraubt habe.' 'Es hat nichts zu sagen, mein Herr', gab ich zur Antwort, 'ich habe in Kleidern auf dem Feldbette hier in der Kammer sehr wohl geschlafen, denn ich hatte der Sache ebenfalls zuviel getan und mein Herr ebenfalls, denn in der letzten Stunde hat er noch so viel Wein zu sich genommen, dass wir ihn, weil er fast von seinen Sinnen nicht wusste, ins Bette haben tragen mussen. Ich glaube auch nicht, dass er sich wird umgewendet haben, denn er liegt noch so, wie wir ihn hingelegt.' 'Es ist ganz gut', sagte Oegneck, 'vielleicht kontribuiert nunmehro diese kleine Debauche etwas zu seiner Gesundheit.' Wir redeten noch viel miteinander, und ich machte dem Herrn von Oegneck sonderlich wegen der frembden Offiziers noch so viel Wind vor, dass sich mein Herr, wie er mir nachhero erzahlet, im Bette fast mit lauten Lachen verraten hatte. 'Es muss ein ungemein starker Wein sein', sagte Oegneck, 'allein ich kann versichern, dass ich ihn in vielen Jahren nicht so delikat getrunken habe.' 'Und ich', war meine Gegenrede, 'habe dergleichen mein Lebetage nicht getrunken, will aber nunmehro, sooft ich mir etwas zugute tun will, darbei bleiben, nur mit Massen.' 'Ich auch', replizierte Oegneck, 'allein ich muss nunmehro gehen und sehen, was meine Frau macht und wie es um die Kuche bestellt ist.'
Ich sagte ihm, dass mein Herr, wenn er auch gleich aufwachte, dennoch vor drei Uhren, und zwar heute nur einmal speisen wurde, denn das ware seine Art, wenn er getrunken hatte; wormit Oegneck sehr wohl zufrieden war und seiner Wege ging.
Sobald derselbe fort war, sprang mein Herr aus dem Bette, und weil er vollkommen ausgeruhet hatte, liess er sich, weil er den Tee schon sehr fruh getrunken hatte, Wein und starkende Confituren geben, passierte hernach die Zeit mit Briefschreiben nach seiner Heimat bis drei Uhr, da er zur Mittagsmahlzeit abgerufen wurde. Hierbei liess Oegneck fragen, ob es erlaubt ware, den Herrn Bellian mit zur Tafel zu bringen, welches meinem Herrn eine ungemeine Freude war, doch liess er mit einer gelassenen Miene zuruckmelden, wie ihm des Herrn Bellians Gesellschaft sehr angenehm sein wurde. Er, mein Herr, liess sich in grosster Geschwindigkeit aufs propreste ankleiden, ging zu Tische und fand sowohl den Herrn Bellian als den Herrn von Oegneck bei demselben. Weiln ich par curiosite meinem Herrn folgte, bemerkte ich, dass Herr Bellian bei dessen Eintritt blutrot wurde, jedoch er wusste sich unter dem Komplimentieren dergestalt geschicklich von dem Oegneck abzudrehen und ihm dem Rucken zuzukehren, dass dieser nichts merkte. Sie setzten sich demnach zu Tische, weil aber mein Herr sehr wenig Appetit bezeugte, indem er vorschutzte, dass er gestern eine extraordinare Debauche im Weintrunken gemacht und derowegen nicht allein starke Hitze im Magen, sondern auch einige Kopfschmerzen empfande, sagte Oegneck: 'Ich will schweigen und nicht melden, wie mir zumute ist, aber meine Frau hat mir das Kapitel recht gelesen, jedoch ich habe stille darzu geschwiegen, denn dieses Mal hat sie recht, weil ich nicht zu ihr ins Bette gekommen bin. Unterdessen hat sie doch alles wohl besorgt, so dass wir ziemlichermassen mit ihr zufrieden sein konnen.'
Ohngeacht nun Oegneck immer allein fortplauderte und aus seinen Reden soviel zu merken war, dass er von der Langschlaferei seines Gesindes nicht die geringste Wissenschaft hatte, so tat doch mein Herr, als ob er auf dessen Reden keine Acht hatte, sondern blieb immer stille vor sich hin, bis endlich Herr Bellian einen Diskurs von dem gefahrlichen Laster der Trunkenheit aufs Tapet brachte, welchen mein Herr bis zu Ende der Mahlzeit fortfuhren half.
Nach abgehobenen Speisen und nachdem sie alle dreie eine gute Weile im Zimmer herumspaziert waren, beliebte meinem Herrn, mit dem Herrn Bellian eins im Brette zu spielen, welches Herr Oegneck sehr gern sahe, indem er einige Patienten zu besuchen hatte, sich also von ihnen beurlaubte; allein er mochte kaum zehn Schritte vom Hause hinweg sein, als diese beiden Verliebten ein ander Spiel zu spielen angefangen hatten, worbei mein Herr meinen manu propria gemachten kleinen Schlussel probieret und denselben zu seinem grossten Vergnugen akkurat befindet, nachhero aber seinen eigenen Kapital-Schlussel gebraucht.
So ging es nun einen Tag und alle Tage zu, und der Herr von Oegneck wurde bei allen seinen so hochgeruhmten Praecautionen sozusagen bei sichtlichen Augen betrogen. Ja, das Gluck war meinem Herrn so gunstig, dass Oegneck auf etliche 30 italianische Meilen von Hause zu einem kranken Fursten berufen wurde, bei welchem er drei ganzer Wochen zubrachte; binnen dieser Zeit aber machte mein Herr die herrlichsten Progressen nicht nur bei Tage mit dem Herrn Bellian, sondern auch des Nachts mit der Belliana, wenn ich vorhero die Domestiquen mit Schlaftrunken im sussen Weine eingewieget hatte.
Endlich war es dahin gekommen, dass Belliana den Ansatz zur zweiten Leber im Leibe bekommen hatte, woruber sich mein Herr sowohl als sie ungemein erfreueten. Oegneck kam wieder zu Hause, fand aber meinen Herrn, der sich sehr zu verstellen wusste, ganz malade, indem er vorgab, dass er Mangel an Arzenei gehabt, jedoch nach Verlauf einiger Tage befand sich mein Herr viel besser, ging auch dann und wann in Compagnie, jedoch er blieb niemals bei einerlei Humeur, sondern verfiel, ehe man sich's versahe, wieder in eine wiewohl verstellte Tiefsinnigkeit.
Mittlerweile entstunden in unserm Hause auf einmal grosse Freudenbezeugungen, denn die Frau Wirtin hatte dem Herrn Wirte offenherzig gestanden, dass er ihr aus der frembden Luft Zeug zu einem kleinen Kindergerate mitgebracht hatte. Oegneck, sobald er dieses von ihr vernommen, lief er von Hause zu Hause und notifizierte allen Menschen, die ihm entgegen kamen, die endlich einmal glucklich erlebte Schwangerschaft seiner liebwertesten Frau Gemahlin; ja die Torheit verleitete ihn dahin, dass er eines Tages meinem Herrn bei Tische diese vergnugte Zeitung vorbrachte, und zwar mit unaussprechlicher Freude. Dieser, welcher die Sache langstens besser wusste als Oegneck selbst, spielete dennoch eine verzweifelte Masquerade, warf Teller, Loffel, Messer und Gabeln auf den Boden und sagte:
'Mein Herr! ein vor allemal ist Ihm von mir bekannt gemacht, dass mir nichts Verdrusslichers anzuhoren ist als von Liebessachen, Kinderzeugen und dergleichen; derowegen sehe gar nicht, was Er vor Ursach hat, mich mit dergleichen Gesprachen zu beunruhigen.' 'Ei, ei, Ihro Gnaden', versetzte Oegneck, 'ich bitte um Vergebung, bin aber der Meinung gewesen, des Herrn Bellians bisherige treffliche Unterweisung hatte nunmehro in Dero Herzen so viel gewurkt, dass Dieselben alles, was Ihnen vork[a]me, ohne einzige verdrussliche Gemutsbewegung anhoren und ansehen konnten, so aber erfahre ich, leider! das Gegenteil.' 'Ei was', widerredte mein Herr, 'der Herr Bellian, mein wertester Freund, kann seine Sachen ganz anders zu Markte bringen, und ob er gleich in seinen vortrefflichen lehrreichen Erzahlungen dann und wann etwas von Frauenzimmer, Liebesbegebenheiten und dergleichen einfliessen lassen, so ist solches doch allezeit mit besonderer Ernsthaftigkeit und Tugend gewurzt gewesen, so dass es mir ohnmoglich Unruhe verursachen konnen.' 'Gnadiger Herr!' sagte Oegneck, 'es ist an dem, dass ich Ihnen ein Geheimnis offenbaren und darbei Sie uberzeugen muss, dass Ihr ganzes Malheur von einem allzudicken Geblute und dann in einer wunderlichen Einbildung bestanden hat. Das erstere ist durch meine kostliche innerliche und ausserliche Medikamenta mehrenteils, ja fast ganzlich korrigiert. Was aber die andere Ursach anbelanget, so ist's an dem, dass Sie sich bishero von ein und anderer Sache eine unrichtige wunderliche Einbildung gemacht haben. Wenn sich Dieselben nun in Zukunft bemuhen werden, von solchen Dingen, welche Ihnen bishero verdrusslich gewesen, ein richtiges Konzept zu fassen, so wird die Kur vollbracht und Ihr ganzes Malheur vollkommen gehoben sein; Ew. Gn. aber zu uberfuhren, will ich Ihnen das bisherige Geheimnis entdecken, insoferne Sie nicht daruber erschrecken oder missvergnuget werden wollen.' 'Im geringsten nicht, ich will mich, da ich vorhero daran erinnert werde, schon zu fassen wissen.' 'Nun dann', liess sich hierauf Oegneck mit einigen Lacheln vernehmen, 'so will ich Ihnen sagen, dass Herr Bellian, dessen Person Sie vor vielen andern gern um sich leiden mogen, keine Mannesperson, sondern ein Frauenzimmer, und zwar mein eigenes Eheweib ist. Da sehen nun Ew. Gn., was es vor eine wunderliche Beschaffenheit hat mit der Einbildung.'
Mein Herr sahe nach Anhorung dieser Worte dem Oegneck starr in die Augen und blieb mit unterstutzten Haupte eine ziemliche Zeit in tiefen Gedanken sitzen. Endlich fuhr er plotzlich auf und fragte: 'So ist's denn wurklich wahr, dass ich unter der Person des Herrn Bellians mit einem Frauenzimmer konversiert habe?' 'So wahr ich lebe', gab Oegneck zur Antwort, 'und daferne es Ihnen gelegen, konnen Sie den vermeinten Herrn Bellian alle Stunden in der Person meiner Ehefrauen zu sehen bekommen. Ich hoffe aber, meine gebrauchte List, die ich bloss Ew. Gn. Nutzens, Vorteils und Gesundheit halber ersonnen und praktizieret, wird verhoffentlich Dieselben nicht zum Zorne reizen?' 'Nein, nein! mein wertester Herr von Oegneck', rief mein Herr aus, 'nunmehro erkennen meine bishero ganz verwirrt gewesene Sinnen vollkommen, dass ich bishero einem wahnwitzigen Menschen ahnlich gewesen, jedoch Seine ungemeine Klugheit hat mich ganz verandert und wird mir hoffentlich zu dem annoch restituierenden Teilen des Verstandes verhelfen. Gedenke ich aber an den unvergleichlichen Herrn Bellian, so muss ich uber den ungemeinen Verstand, Geschicklichkeit und Tugend, so in einem einzigen, und zwar in einem Frauenzimmerkorper beisammen wohnet, recht erstaunen. Nunmehro aber, ach leider! werde ich dessen angenehme Konversation nebst den heilsamen Lehren vielleicht seltsam zu geniessen haben oder wohl gar entbehren mussen!'
'Nicht ganzlich', trostete Oegneck, 'doch weil meine Liebste dennoch auch etwas eigensinnig ist und bei ihrer jetzigen Schwangerschaft keine Manneskleider mehr anlegen will, sonsten auch wegen ihrer Schamhaftigkeit und strengen Tugend ohne mein Beisein mit Ihnen zu konversieren sich durchaus nicht bequemen wird, als werden sich Ew. Gn. mit etwas sparsamern Visiten genugen zu lassen belieben; denn solange sie gewusst, dass sie von Ihnen vor eine Mannsperson gehalten worden, hat sie sich keiner unkeuschen Gedanken bei Ew. Gn. besorgt, nunmehro aber als ein Frauenzimmer durfte sie bei Ihnen in mehrerer Furcht schweben.' 'Ach!' seufzete mein Herr und sagte: 'Mein wertester Herr von Oegneck, eroffnen Sie ihr doch lieber, dass ich ein Kastrat bin, mithin vor allen unkeuschen Gedanken, Worten und Werken den grossten Abscheu trage. Ich hoffe, sie wird so tugendhaft und verschwiegen sein und dieses Geheimnis nicht weiter ausbreiten, inmittelst desto freier und treuherziger mit mir umgehen konnen, solchergestalt aber meine vollige Genesung befordern helfen.'
'Wenn Ew. Gn.', sprach Oegneck hierauf, 'mir erlauben wollen, meiner Liebsten dieses Geheimnis zu offenbaren, so ist gar kein Zweifel, dass sie sich in Zukunft noch weit offenherziger und freier gegen Dieselben auffuhren wird, als sie in der verkleideten Person des Bellians getan, ja ich gebe hiermit sowohl von meinet- als ihrentwegen Ew. Gn. vollige Erlaubnis, sooft es Ihnen beliebig, meine Liebste zu sich auf Dero Zimmer kommen zu lassen oder dieselbige in dem ihrigen zu besuchen und so lange bei ihr zu bleiben, als es Ihnen beiderseits gefallig.' Es ist leicht zu glauben, dass mein Herr uber diese Promessen vor innerlichen Lachen immer hatte zerbersten mogen, jedoch er umarmete den Hasenkopf und dankte vor dessen gutige Offerte, zahlete ihm auch sogleich 50 Dukaten in Abschlag vor die Kur und Kost, versprach anbei, sobald seine Wechselbriefe aus Deutschland einliefen, sich noch weit erkenntlicher zu zeigen. Vorietzo aber bat er ihn, seiner Liebste die abgeredete Sache vorzutragen, seine Person bestens zu rekommendieren, anbei ihre selbsteigene Einwilligung einzuholen. Oegneck gab dieses letztere vor etwas Leichtes aus, weil dem Vorgeben nach seine Liebste ihm in allen billigen Stucken gehorsame Folge leistete; ging aber sogleich hin und versprach in kurzen vergnugte Resolution zuruckzubringen.
Die Curiosite trieb mich in diejenige Kammer, welche akkurat uber unserer Frau Hauswirtin Schlafkammer war, denn ich hatte daselbst ein kleines Loch im Winkel des Fussbodens ausgearbeitet, wodurch ich, obgleich nicht alles sehen, doch alles horen konnte, was darinnen passierte. Hier erzahlete Oegneck nun seiner Frauen alles, was er mit meinem Herrn verabredet hatte, und endlich bat er sie recht beweglich, das Spiel nicht zu verderben, sondern in Erwagung des schonen Gewinstes dergleichen Beschwerlichkeiten gedultig uber sich zu nehmen. Da er nun mit vielen schmeichelhaften Worten und Karessen eine Resolution von ihr verlangte, sagte sie endlich: 'Ich habe zwar immer verhofft, wenn ich nur erstlich einmal schwanger worden, Eurer unrechtmassigen Eifersucht und anderer verdrusslichen Traktamenten uberh[o]ben zu sein, allein Ihr burdet mir immer mehr und mehr Plagen auf den Hals. Bedenket nur selbst, bishero habe ich nicht einmal mit Frauenzimmer konversieren durfen, und nunmehro soll ich meine Zeit mit einem Kastraten vertreiben, ja bedenket nur, was ich solchergestalt allen meinen Sinnen vor Gewalt tun muss, mich vernunftig und klug genug aufzufuhren. Jedoch was muss ich arme Kreatur nicht tun, bloss mich in Eurer Gunst zu erhalten und ein Stuck Geld verdienen zu helfen. So lasst ihn denn nur kommen, aber nicht eher als mittags nach drei Uhr, meinetwegen mag er bis in die Nacht da sitzen, ich will ihm, soviel mir moglich, die Zeit passieren, nur den Vormittag und die ubrigen Stunden bis drei Uhr will ich zu meiner Bequemlichkeit haben; aber das sage ich voraus, sollte er sich etwa erkuhnen, einen geilen Griff zu tun, so stosse ich ihm einen Dolch in die Brust.' 'Daran', versetzte Oegneck, 'ist nicht zu gedenken, mein Schatz, und hieruber habt Ihr Euch keine Sorge zu machen, fahret nur fort, bestandig so mit ihm umzugehen, als wie Ihr unter der Person des Bellians getan habt.' Hierauf dankte er ihr mit etlichen klatschenden Kussen, und da er sich von nun an ihrer ehelichen Treue und Liebe vollkommen versichert hielt, horete ich so viel, dass er ihr auch nunmehro das verdrussliche Schloss abnahm und versprach, alles bisherige Misstrauen, Eifersucht und harte Verfahren sinken zu lassen und ihr ihre volle Freiheit zu gonnen.
Ich hatte vor heimlichen Gelachter immer platzen mogen, und es ist leicht zu gedenken, wie sich mein Herr gebardet hat, da ich ihm alles dieses wiedererzahlete. Damit ich aber mich bei dieser Geschichte nicht uber die Gebuhr aufhalte, so will nur noch kurzlich melden, dass unsere Frau Wirtin taglich geputzt mit zu Tische kam. Bald liess sie mein Herr zu sich auf sein Zimmer bitten, da sie sich denn sogleich einfand, bald liess er sich bei ihr melden und blieb gemeiniglich bis zehn Uhr des Nachts bei ihr, denn Oegneck ging fast alle Tage aus, entweder zu seinen Patienten oder in eine Spielcompagnie. Solchergestalt verging fast kein Tag, da mein Herr, wie er mir offenherzig gestund, seine Wollust mit Bellianen nicht in grosster Vollkommenheit und auf allerlei Art und Weise gepfleget, denn es war diese Frau in Wahrheit ein wunderschones Bild, weswegen mein Herr sich auch kein Geld dauren liess und binnen neun Monaten, denn so lange sind wir in Oegnecks Hause gewesen, beinahe 1000 Reichstaler, meiner Rechnung nach, verschwendet hatte. Oegneck inzwischen war aus einem der allereifersuchtigsten Italianer ein ganz anderer Mensch worden; uber alles Vorgemeldte erlaubte er meinem Herrn von freien Stucken, dass er mit Bellianen spazierengehen und fahren durfte, wohin er wollte, ja ich glaube, er ware nicht jaloux worden, wenn er auch gleich beide in einem Bette beisammen angetroffen hatte.
Endlich aber, da die Zeit immer naher heranruckte, dass Belliana sich nach dem Kindbette umzusehen Ursache hatte, begonnte bei meinem Herrn die Liebe gegen sie zu erkalten, zumalen da ihm eine andere Venus in die Augen gefallen war. Er gab demnach vor, dass er Briefe aus Deutschland bekommen hatte und seine Heimreise antreten wollte, nahm derowegen, nachdem er den Herrn von Oegneck und dessen Liebste wohl kontentiert, jedoch auf zweideutige Art, von beiden Abschied und reisete wurklich mit Sack und Pack fort, jedoch nicht weiter [als] bis nach C.
Wollte Gott, er ware wurklich nach Hause gereiset, so lebte er vielleicht noch, so aber war dieses seine Meinung noch im geringsten nicht. In C. wollte es ihm auch nicht gefallen, derowegen blieb er nicht langer als einen Monat daselbst, sondern kehrete wieder nach N. zuruck, allwo er die vorigen Compagnien wieder aufsuchte, um den Herrn von Oegneck und dessen Frau aber sich gar nichts mehr bekummerte, an deren Statt aber eine Dame von vornehmen Stande aufs eifrigste bedienete und sich vielen Gefahrlichkeiten exponierte. Allein da wir noch nicht einmal zwei volle Monate aufs neue in N. gewesen, wurde mein guter Herr eines Morgens fruh auf der freien Strasse mit sechs Dolchstichen ermordet und aller seiner bei sich habenden Kostbarkeiten beraubt gefunden. Ich selbsten glaubte anfanglich nicht anders, als dass ihn die Banditen dieserwegen ermordet, indem er jederzeit eine starke Goldbeurse, goldene Tabatiere, goldene Uhr, kostbare Ringe und dergleichen bei sich fuhrete; allein wenige Tage hernach erfuhr ich zu meiner allergrossten Besturzung, dass Oegneck seine Frau und Kind mit Gifte hingerichtet, sich mit seinen besten Sachen unsichtbar gemacht und einen Brief zuruckgelassen hatte, worinnen er gemeldet, dass, weil ihn mein Herr auf eine so verzweifelt listige Art hintergangen und zum Hahnrei gemacht, sich dessen noch darzu gegen verschiedene Offiziers und Kavaliers beruhmt, die ganze Geschicht von Anfang bis zu Ende erzahlet und also ihn, den Oegneck, zum Spott aller Leute gemacht, als habe er seine Rache dergestalt ausgeubt, dass er meinen Herrn mit Beihulfe zwei[er] Banditen nachts auf der Strasse ermordet, seiner Frauen, nachdem er ihr ein starkes Gift beigebracht, eroffnet, dass er sich auf solcher Art seines Schwagers entlediget und dass sie ihn vor Verlauf einer Stunde ins Reich der Toten nachfolgen wurde. Hierauf habe er auch dem Hurenkinde, wie er solches in seinem Briefe genennet, etliche Loffel voll mit starken Gifte vermischte Milch eingeflosset und sich aus dem Staube gemacht. Auf solche Art mussten diese Ungluckseligen ihr Leben jammerlich einbussen, mein Herr aber hatte solches alles verhuten konnen, wenn er nur nicht die Torheit begangen hatte, sich mit dieser Geschicht breit zu machen, denn er konnte ja leicht voraussehen, dass es immer einer dem andern wiedererzahlen wurde, wusste auch mehr als zu wohl, was die Welschen sonderlich in diesem Punkte vor rachgierige Leute sind, oder wenigstens hatte er diese sonderbaren Streiche so lange verschweigen sollen, als er sich in N. aufzuhalten Lust gehabt.
Ich meines Orts trauete dem Landfrieden daselbst gar nicht langer, sondern sobald ein kaiserl. Minister, der sich daselbst aufhalt, meines Herrn Mobilien in seine Verwahrung genommen, ich auch noch ein ziemlich Stuck Geld herausbekommen, reisete ich mit der geschwindesten Post auf und darvon und bin endlich bis an diesen Ort gekommen. Ich hatte, weil ich in diesen Landen ziemlich bekannt, bei verschiedenen deutschen Herrn in Dienste gelangen konnen, allein ich habe einen rechten Abscheu vor diesem Lande, suche derowegen nur einen Herrn, der nach Deutschland zuruckzugehen gesonnen, da ich auch wenig oder gar nichts von ihm bekommen sollte, so ware ich dennoch zufrieden, wenn ich nur in dessen Suite mit auf den deutschen Boden kommen konnte, allwo ich schon anderweitige Dienste zu erlangen verhoffe, indem mir jetzt gedachter kaiserl. Minister ein gutes Attestat unter seiner eigenen Hand gegeben hat."
Hiermit endigte der Kammerdiener seine Erzahlung, Elbenstein aber sagte: "Mein Freund, ich bin sehr obligiert vor seine Bemuhung in Referierung dessen, was sich mit seinem ehemaligen Herrn zugetragen. Ich vor meine Person habe zwar in diesen Landen meinen Staat nicht darnach eingerichtet, einen Kammerdiener zu halten, sondern mich bishero nur mit einem Bedienten, den ich bei den Pferden brauchen kann, beholfen. Ich werde auch, sobald es nur immer moglich, dieses Land verlassen und bin willens, sobald ich den Hof erreicht, wo ich bei dem Fursten als Kammerjunker in Diensten stehe, meine Dimission zu fordern und in mein Vaterland zuruckzugehen, denn es gefallt mir selbst nicht mehr in Italien. Will Er nun solange bei mir bleiben, auf meine Sachen indessen gute Acht mit haben und hernach einen Reisegefahrten abgeben, so will ich Ihm wochentlich drei Kaisergulden und die freie Reise geben bis nach Frankfurt am Main, sodann wird Er schon bessere Dienste zu finden wissen."
Der Kammerdiener wurde hieruber hochst erfreuet, kussete Elbenstein die Hand und versprach, solange demselben annoch in Italien zu bleiben beliebte, auch auf der Reise nach Deutschland, sich gegen einen solchen genereusen Kavalier dergsetalt aufwartsam aufzufuhren, als man nur von einem rechtschaffenen Kammerdiener verlangen konnte. Hierauf erteilete ihm Elbenstein den ersten Befehl, wie er nehmlich eine Extrapost auf morgen mit dem allerfruhesten bestellen mochte, worauf Elbenstein mit seinen Sachen abfahren wollte, er, der Kammerdiener aber, sollte auf Elbensteins Pferde beiher reuten.
Nach diesem, da es Abend zu werden begunnte, begab sich Elbenstein auf sein Zimmer, speisete die Abendmahlzeit, liess sich bald hernach von dem Kammerdiener, welcher die Post wohl bestellet hatte, auskleiden und legte sich zur Ruhe, konnte aber nicht so bald einschlafen, weil ihm die von dem Kammerdiener erzahlte Geschicht immer noch in den Gedanken lag. 'Dieses ist', sprach er zu sich selbst, 'eine neue Bussglocke vor dich! Ach Elbenstein, bekehre dich einmal im rechten Ernste, verlasse dieses Sodom so bald als moglich und fange ein anderes, gottgefalliges Leben an, sonsten wird dir's noch ebenso und vielleicht noch jammerlicher ergehen als diesem ungluckseligen Kavaliere.' Er fing nunmehro wiederum an, andachtig zu beten, schlief darauf etliche Stunden ganz susse, setzte hierauf seine Reise mit lauter Extraposten sehr schnell fort und gelangte endlich glucklich in der Residenzstadt seines Fursten an.
Es war schon ziemlich spat, als er vor seinem ordentlichen Logis stillehalten liess, jedoch wurde ihm sogleich aufgemacht, und sein Bedienter war augenblicklich zur Stelle, half die Sachen abpacken und in seine Stube tragen, meldete anbei, dass er alles, was sie vor etlichen Monaten von Venedig mitgebracht, richtig an den Fursten uberliefert, welcher eins sowohl als das andere in Verwahrung nehmen lassen, ihm, dem Diener, befohlen, dass er alle Tage bei Hofe zu Tische kommen, auch wochentlich ein gewisses Geld zu Extraausgaben empfangen sollte, welches er denn auch jederzeit richtig erhalten, die im Quartiere zuruckgelassenen Meublen aber hatte der Furst des Wirts Besorgung anvertraut und sich darvon eine genaue Spezifikation einhandigen lassen.
Elbenstein fand in seiner Stube und Kammer noch alles so, wie er es verlassen hatte, nahm derowegen diesen Abend mit kalter Kuche und einer Bouteille Wein vorlieb, legte sich hierauf alsobald zur Ruhe, stund aber morgens desto fruher auf, ging zu Hofe und liess sich, sobald der Furst aufgestanden war, bei demselben melden.
Sr. Durchl. verwunderten sich ungemein uber Elbensteins unvermutete Ankunft, liessen ihn sogleich vor sich kommen und fragten ihn, jedoch mit einer besonders gnadigen und lachlenden Miene, wo er solange gesteckt hatte. Dieser nun, weil er bei dem Fursten ganz alleine war, erzahlete demselben eine wunderseltsame Historie, so wie er von seiner geliebten Furstin instruiert war, benebst dem, was er selbsten noch darzu erdichtet hatte. Der Furst musste unter Elbensteins Erzahlung des Lachens wegen zum oftern seinen Bauch halten; endlich aber sagte derselbe: "Es ist nur gut, dass Er wieder hier ist, ein andermal nehme Er sich im Courtoisieren besser in acht. In Venedig hat Er meine Angelegenheiten wohl expediert, ich habe alles richtig empfangen, und das, was ihm zugehoret, ist uneroffnet geblieben, Er kann es sogleich aus dem roten Gewolbe, allwo es verwahret ist, in Sein Logis schaffen lassen. Drei Tage will ich Ihm Zeit lassen, von der Reise auszuruhen, nachhero aber werde ich Ihm etwas zu tun geben, woran mir viel gelegen ist." Sobald sich nun der Furst in sein Cabinet begeben, liess Elbenstein gleich seine Sachen in Logis tragen, begab sich auch selbst dahin, und um seines Leibes recht zu pflegen, setzte er sich vor, in drei Tagen nicht auszugehen. Mittlerweile horete er nicht nur von seinem Diener, sondern auch von dem Wirte und der Wirtin, dass in der ganzen Stadt nicht weniger als bei Hofe uber sein langes Aussenbleiben verschiedentlich ware geurteilet worden, wie man ihm denn ein und andere Specialia erzahlete, allein Elbenstein lachte daruber und sagte: "Es ist mir lieb, dass sich die Leute auf Konto meines Namens etwas mit ihren Gedanken und Maulern zu schaffen gemacht haben. Wenn derjenige zu mir kame, welcher das Ratsel am nachsten getroffen, wollte ich ihm ein Fass Wein vor seine Muhe geben." Allein er bekam bald ein ander Gedankenspiel, denn des zweiten Abends, da es dammerich zu werden begunnte, wurde ihm ein Brief von seiner Kloster-Amour, der Marinalba, eingehandiget, worinnen sie ihm erstlich zu seiner glucklichen Zuruckkunft gratulierte, anbei aufs wehmutigste und instandigste bat, ihr nur eine einzige Visite zu geben, widrigenfalls sie aus grosser Liebe zu ihm ohnfehlbar verzweifeln musste. Elbenstein entschuldigte sich gegen die Uberbringerin des Briefes, dass er nicht schriftl. antworten, auch des Frauenzimmers Befehle unmoglich nachkommen konnte, indem er Schaden an der rechten Hand genommen, auch sonsten sich dergestalt malade befande, dass ihm unmoglich ware, aus seinem Zimmer zu gehen. Hiermit war diese abgefertiget, und Elbenstein hatte nichts weniger im willens, als noch einen Schritt nach ihr zu gehen, sondern hatte sich vielmehr vorgesetzt, wenigstens solange er in Italien lebte, keine Liebesexzesse mehr zu begehen. Kaum aber war er des andern Morgens aufgestanden, als ihm abermals durch einen unbekannten Menschen ein Brief uberbracht wurde, den die Baronesse von K. stilisiert hatte. In diesem wurde ihm nun das Capitul gar gewaltig gelesen, dass er sie etliche Wochen in der Residenzstadt seines Fursten vergeblich auf sich warten lassen, da sie doch beide die schonste Gelegenheit gehabt hatten, einander zu vergnugen. Sie warf ihm auch vor, dass er vielleicht ihrer uberdrussig worden und andere Amours werde gesucht haben, jedoch zum Schlusse des Briefes ermahnete sie ihn, dass, wenn er ein gut Gewissen hatte, sie noch liebte und sich bei ihr wegen dessen, was sie ihm schuld gegeben, sattsam zu reinigen gedachte, solle er ehester Tags Urlaub von seinem Fursten nehmen und auf einige Tage zu ihr kommen, weil ihr Gemahl verreiset ware und vor Verlauf des folgenden Monats schwerlich zuruckkommen wurde. Hierbei hatte sie ihm auch ausfuhrlich geschrieben, bei wem er im Flecken einkehren, wie er sich verhalten sollte und auf was vor Art er bei Nachtszeit heimlich in ihr Schloss und in ihr Zimmer kommen konnte.
"Nein!" sprach Elbenstein, "dir komme ich auch nicht wieder, weg mit aller solchen gefahrlichen Buhlerei." Er fertigte demnach diesen Boten fast ebenso ab als den gestrigen, nur dass er noch darbei sagen liess, wie er, sobald er sich im Stande befande, wieder auszugehen und seinen Fursten zu sprechen, er Sr. Durchl. der Gn. Baronesse Interzessionsschreiben vorlesen, auch, sobald sein Arm kuriert und er wieder schreiben konnte, nicht verabsaumen wurde, schriftliche Nachricht zu ubersenden oder womoglich dieselbe mundlich zu uberbringen.
Mit diesem Sacke voll Winde packte sich dieser andere Liebeskurier auch wieder fort; allein Elbenstein begonnten allerhand Grillen in den Kopf zu steigen, denn er gedachte: 'Merken diese Damen erstlich, dass du sie bei der Nase herumfuhrest, so werden sie endlich eine strenge Rache gegen dich ausuben; lasst du dich aufs neue wieder ins Garn locken, so kann es dir letztlich leicht also ergehen, wie es andern deinesgleichen und sonderlich dem deutschen Kavalier ergangen ist, von welchem dir der Kammerdiener erzahlet hat. Um aber diesem Unglucke vorzubauen, sonne er auf ein Mittel, sich mit guter Manier von seinem Fursten loszuwickeln und Italien zu verlassen. Endlich fiel ihm dieses ein: Er liess durch den aufgenommenen Kammerdiener im Namen seines Herrn Vaters einen Brief schreiben, in welchem ihm befohlen ward, dieweil seine Frau Mutter gefahrlich krank darniederlage und die Medici an ihrer Genesung, an dem ihr zugestossenen auszehrenden Fieber ganzlich desperierten, sich schleunigst auf die Ruckreise nach seiner Heimat aufzumachen und sich [durch] nichts als Gottes Gewalt abhalten zu lassen, indem sie sich ungemein sehnete, ihn vor ihrem Ende nur noch einmal zu sehen. Uber dieses so ware er, der Vater, ebenfalls dermassen hinfallig, dass er, zumalen wenn die Mutter sterben sollte, es nicht lange machen wurde, demnach wurde Elbenstein sowohl aus kindlicher Pflicht gegen seine Eltern als bruderlicher Liebe gegen seine unmundigen Geschwister, ingleichen seines eigenen Nutzens wegen nicht verabsaumen, aufs allereiligste nach Hause zu kommen, wie sie ihm denn zu dem Ende 200 spec. Dukaten Reisegeld par Wechsel ubermacht hatten.'
Folgendes Tages, da Elbenstein die Aufwartung wiederum aufs neue bei seinem Fursten machte, befahl dieser sogleich, dass der Wagen vorrucken und Elbenstein sich allein zu ihm hineinsetzen sollte. Demnach fuhr der Furst, von wenigen seiner Bedienten begleitet, mit ihm in [einen in] einer plaisanten Gegend und nur etwa eine Stunde von der Residenzstadt gelegenem Meierhof. Es war bereits bestellet, dass der Furst allda die Mittagsmahlzeit einnehmen wollte, weil es aber, da sie ankamen, noch zu fruh darzu war, so befahl er Elbensteinen spazieren mit ihm zu gehen. Sie gingen also um den ganzen Meierhof herum, und Elbenstein bewunderte dessen schone Lage wegen der dabei befindlichen trefflichen Felder, Waldung, Quellen, Bache und Fischhalter. "Ja, mein lieber Elbenstein", sagte der Furst, "es ist wahr, die Lage ist schon, und eben dieserwegen habe ich mir in meinen Kopf gesetzt, ein feines Lustschloss anhero zu bauen, um meines Namens Gedachtnis zu stiften, es soll aber nicht auf italianische, sondern auf deutsche Art gebaut werden. Weil ich nun weiss, dass Er in der Architektur und Zeichnungskunst wohl erfahren ist, so will ich bitten, dass Er mir zwei oder drei Risse zu einem dergleichen Schlosse macht, worunter ich mir einen auslesen will. Ich bin gesonnen, das Geld daran zu wenden, welches Er mir von Venedig gebracht hat, auch wohl noch etliche 1000 Dukaten darzuzutun, denn ich mochte es doch wohl etwas propre haben, sahe auch gern, wenn Er den ganzen Bau dirigieren wollte, indem ich mein ganzes Vertrauen auf Ihn gesetzt, auch Seine Muhwaltung desfalls wohl belohnen will."
Elbenstein stutzte gewaltig uber des Fursten Reden, so dass er die Farbe verwandelte und demselben in langer Zeit kein Wort antworten konnte, denn er sahe erstlich bei einer honorablen Station einen starken Profit vor Augen, indem er wusste, dass der Furst ein sehr genereuser Herr ware, zum andern hatte er sich hierdurch dergestalt insinuieren konnen, zeitlebens das Faktotum an seinem Hofe zu bleiben, indem er alle Umstande bereits sehr genau eingesehen, auch gleichsam durch ein Perspektiv fast alles fernerweit einsehen konnte, denn er hatte sich seiner gewohnlichen Curiosite nach um alles bekummert. Da ihn aber seine gefahrlichen Umstande, auch alle besorgliche Verwirrungen in die Gedanken fielen, blieb er bei dem Propos, seine Dimission zu fordern. Der Furst ward seiner Besturzung gewahr, fragte derowegen: "Wie? mein Elbenstein, will Er mir nicht diesen Gefallen erweisen?" "Durchlauchtigster Furst!" gab dieser zur Antwort, "ich wunsche mir, bei einem so gnadigen und liebreichen Herrn zeitlebens zu dienen, allein die Verhinderung dessen muss ich dem Schicksale zuschreiben. Ew. Durchl. geruhen gnadigst, diesen Brief zu lesen, welcher in meiner Abwesenheit angekommen und mir erst gestern zugestellet ist." Unter diesen Worten zohe er den falschen Brief hervor und zeigte selbigen dem Fursten. Dieser nahm und las denselben in Spazierengehen, blieb nachhero eine gute Weile in Gedanken stehen; endlich da Elbenstein, welcher mit Fleiss zuruckgeblieben, etwas naher kam, sagte der Furst: "So will Er denn schon wieder von mir wegziehen?" "Gnadigster Herr!" antwortete Elbenstein, "Ew. Durchl. betrachten selbst, ob mir meine schwachen Eltern und mein armes unmundiges Geschwister nicht zu Herzen gehen mussen. Wer weiss, ob ich dieselben noch lebendig antreffe. Die verlangten Risse will [ich] Ew. Durchl. binnen wenig Tagen verfertigen, und zwar auf drei-, viererlei Art, so gut als es mir nur immer moglich ist. Die Direktion des Baues aber kann ich ohnmoglich ubernehmen, sondern will nachhero um gnadige Dimission bitten, weil ich entschlossen, so schnell als immer moglich dem vaterlichen Befehle zu gehorsamen und nach Hause zu eilen." Hierauf erkundigte sich der Furst um seiner Eltern Umstande etwas weiter; da aber Elbenstein von ihren Rittergutern und andern Vermogen aus Not mehr prahlete, als sich's in der Wahrheit befand, sagte endlich der Furst: "Bei so gestalten Sachen kann ich Ihn freilich wohl nicht verdenken, dass Er seine eigenen Angelegenheiten andern vorziehet, inzwischen sehe ich Ihn nicht gern von mir ziehen, indem ich mir vorgenommen, hier in Italien vor sein Gluck bestmoglichst zu sorgen, weil es aber solchergestalt keine akzeptable Sache vor Ihm ist, so bitte mir nur aus, die Risse zu verfertigen, hernach will ich Ihm Seine Dimission und ein billiges Honorarium geben."
Hierauf eroffnete der Furst wegen Anlegung und Ausbauung des Schlosses noch in verschiedenen Stucken seine Meinung, damit Elbenstein die Risse desto besser darnach einrichten konnte, da es aber mittlerweile Zeit zur Mittagsmahlzeit wurde, begab er sich wieder zuruck in den Meierhof, speisete mit Elbensteinen ganz allein, sass immer in tiefen Gedanken, fuhr auch sogleich nach der Mahlzeit wieder zuruck in seine Residenz und redete unterweges sehr wenig. Als sie daselbst angelanget, bekam Elbenstein Erlaubnis, nicht ordentlicherweise, sondern nur nach Belieben nach Hofe zu kommen, damit die Risse desto besser geraten mochten, er begab sich demnach in sein Logis, befahl sowohl den Wirts- als seinen Leuten, dass sie ihn gegen diejenigen, welche nichts Besonderes bei ihm anzubringen hatten, verleugnen sollten, indem er vor den Fursten etwas Besonderes auszuarbeiten hatte und darinnen nicht gern verstort werden mochte.
Binnen sechs Tagen hatte er vier saubere Modelle von Schlossern fertig gemacht, legte also dieselben dem Fursten vor, welcher einen besondern Gefallen daruber bezeigte und Elbensteinen nochmals fragte, ob es denn noch sein wurklicher Ernst ware, dass er von ihm abreisen wolle. Elbenstein zuckte die Achseln und versicherte, dass ihm zeitlebens nichts kummerlicher und schmerzhafter gefallen, als von einem solchen vortrefflichen und gnadigen Fursten abzugehen, doch konne er auch nicht leugnen, dass bei so gestalten Sachen die Liebe zu seinen Eltern und Geschwistern absolute erforderte, seinem Verhangnisse unterwurfig zu sein. Demnach erteilete ihm der Furst seine Dimission unter gnadigen Expressionen: wie nehmlich Sr. Durchl. ihn ungern aus Dero Diensten gelassen, sondern lieber auf Lebenszeit darinnen behalten, woferne es Elbensteins eigene Angelegenheiten in seinem Vaterlande zugelassen hatten etc. Hiernachst empfing er uber seine vollige Besoldung des Fursten mit Edelgesteinen besetztes Bildnis und noch 100 spec. Dukaten, auch einen Pass, als ob er in furstl. Affaren nach Innspruck verschickt wurde. Hierauf saumete er sich nicht lange mehr, sondern nachdem er bei allen, die ihm wohlgewollt, Abschied genommen, wendete er sich, anstatt seinen Weg durch Tyrol zu nehmen (wie er gegen jedermann vorgegeben hatte), gerade nach Mailand und dann ferner durch die Schweiz nach Strassburg. Sein Gewissen und die bestandige Furcht, es wurden seine Liebhaberinnen, wenn sie seine jahlinge Abreise vernahmen, ihre Liebe in eine grausame Rache verwandeln und ihn, wiewohl ehemals andern widerfahren, durch nachgeschickte Banditen auf der Strasse ums Leben bringen lassen, gaben ihm gleichsam Flugel, dass er den vierten Tag nach seiner Abreise schon im Mailand war, allwo er sich doch noch nicht sicher genug zu sein erachtete, weswegen er mit einer Ritorna, welche in einer Sanfte bestund, darauf ein vornehmer Pralat nach Mailand war gebracht worden, fortreisete und dem Kammerdiener mit der Bagage, auch seinen andern Bedienten mit den Pferden, gemahlich nachzufolgen Befehl erteilete. Sobald er an letztgemeldten Orte glucklich angelanget, sahe er sich zwar ziemlichermassen ausser Gefahr, jedennoch war ihm das Herze dergestalt schwer, dass er die paar Tage, als er daselbst auf seine Equipage warten musste, keine Ruhe haben konnte, sondern nicht anders, als ob er einen Mord begangen, fast nicht in der Haut zu bleiben wusste.
Endlich kam sein Bedienter mit der Bagage und den Pferden an, dessen erste Frage war, ob der Kammerdiener bereits bei Ihro Gn. angekommen ware. Elbensteinen schoss das Blut sogleich, sagte aber: "Was sollte der Kammerdiener bei mir, ich habe ihm ja befohlen, auf dem Wagen bei der Bagage zu bleiben." Hierauf gab der Bediente zu vernehmen, dass der Kammerdiener gleich gestern abends, nachdem sie aus Mailand gereiset und ins Quartier gekommen, die kleine Chatoulle mit auf seine Kammer genommen, unter dem Vorgeben, dass dieselbe leicht gestohlen werden konnte, ohngeacht der Wirt zu dem Wagen, welcher nicht abgepackt werden sollen, drei Mann Wache bestellet und sich teuer verschworen, dass sie sich keines Schadens oder Verlusts zu besorgen hatten. Es ware auch in diesem Logis alles wohl und richtig zugegangen, fruhmorgens ware der Kammerdiener mit der Chatoulle sehr fruh auf dem Platze gewesen, hatte sie im Wagen an den vorigen Ort und sich drauf gesetzt, ware auch den ganzen Vormittag lustig und guter Dinge gewesen, bis gegen mittag, da er uber einige Ubligkeit geklagt, jedoch vorgegeben, dass solches vom Fahren herruhren musse, weil er lange nicht gefahren, sondern seithero immer geritten ware. Mittags im Logis hatte er sehr wenig gegessen und geklagt, dass ihm aufs Essen nunmehro noch schlimmer ware, derowegen hatte er, der Knecht, ihm bei der Abfahrt den neuen neapolitanischen Hengst zu reiten geben mussen, weil er vorgegeben, wie es dem Pferde ohnedem weit dienlicher sei, wenn es geritten, als wenn es an der Hand gefuhret wurde. Zwei bis drei Stunden ware der Kammerdiener immer auf 50 bis 100 Schritte voraus geritten, endlich aber, da sie durch einen Wald passieren mussen, habe er sich verloren und ware seitdem nicht wieder zum Vorscheine gekommen.
Elbenstein stund anfanglich nicht anders, als ob er vom Schlage geruhret ware, rekolligierte sich aber bald wieder und liess vor allen Dingen die Chatoulle herbeibringen, da er denn bald die Gewissheit dessen erfuhr, was er gemutmasset, dass nehmlich der Kammerdiener die Chatoulle beraubt und mit dem Pferde darvongeritten ware. Es konnte Elbenstein seinen Verlust an Gelde und andern Pretiosis gar gern auf 5 bis 600 Dukaten schatzen, jedoch war er nur froh, dass er das Beste in dem einen stark verwahrten Coffre noch unversehrt antraf, auch an den Briefschaften, die in der Chatoulle gelegen, nicht das geringste vermissete, im ubrigen, da er dafur hielt, dass es viel zu weitlauftig und endlich doch vergeblich sein wurde, dem Schelme nachzuschicken oder ihn durch Steckbriefe zu verfolgen, so schlug er sich diesen Verlust aus dem Sinne und dachte einesteils: 'Wie gewonnen, so zerronnen!' Hierauf setzte er seine Reise mit grosster Gelassenheit und lauter guten christlichen Gedanken mit kurzen Tagereisen weiter fort und langete, nachdem er den Montecenari wie auch den St.-Gotthards-Berg glucklich passieret, zu Basel frisch und gesund an. Daselbst verkaufte er seine Pferde und ging zu Wasser nach Breisach und Strassburg, von dannen aber uber Lichtenau und Rastatt nach D., allwo er den Winter uber zu bleiben, auf den Fruhling aber nach St. zu gehen beschloss.
Diesemnach berichtete er seinen Eltern den Ort seines Aufenthalts und wessen er sich entschlossen. Ob er aber gleich noch Barschaft genung hatte, sich langer als ein paar Jahr damit zu behelfen, so versuchte er doch seine Eltern und bat dieselben, ihm zu seiner Subsistance 100 Taler zu ubermachen. Mittlerweile erteilete er seinem italianischen Bedienten, der sich jederzeit getreu und wohl bei ihm aufgefuhret, damals aber der deutschen Luft nicht gewohnt werden konnte, auf dessen instandiges Bitten seinen Abschied, gab ihm seinen versprochenen und wohlverdienten Lohn, auch noch etliche Taler zu Zehrungskosten bis nach seiner Heimat druber und machte demselben weis, als ob er selbsten nicht uber etliche Tage noch in D. zu verbleiben gesonnen ware; allein es war sein Ernst nicht, gegen den Winter weiter zu reisen, sondern nahm einen ehrlichen Schwaben in seine Dienste und bezog ein bequemes Logis.
Sein Herr Vater schickte ihm zwar nach Verlauf dreier Wochen die verlangten 100 Taler, gab ihm aber dabei auch schriftlich eine ziemliche Reprimende wegen seiner in Italien gepflogenen Loffelei, indem derselbe einigermassen hinter seine Liebesaventuren gekommen war, und zwar folgendergestalt: Es hatte Elbensteins geistliche Venus, die Donna Marinalba, nicht sobald seine geschwinde Abreise vernommen, als sie durch listiges Nachforschen, wer die Kaufleute in Venedig waren, die bishero Elbensteinen seine Wechsel bezahlt hatten, endlich erfuhr, dass ein gewisser Banquier namens Giovanni Ferranzoni ihm einen Wechsel von 120 Ducati di Venetia ausgezahlet; von diesem bekam sie hernach fernere Nachricht, dass die Herrn Hopffer und Bachmeyer fernerweit jedesmal die Auszahlung der Wechsel und Spedierung der Briefe besorgt hatten. Durch dieser Herrn Adresse nun geriet folgender Brief in seines Herrn Vaters Hande:
O meine schmerzliche Regungen! die ihr den Freudenmorgen meines Herzens in eine jammervolle Trauernacht verwandelt, indem Du Fladdergeist mit Deinen bezauberenden Schmeicheleien meine Seele zu verblenden gesucht hast, damit sie nochmals Deiner Grausamkeit zu Fusse fallen musse. Nun, nun! beruhme Dich nur immerhin, dass Du uber ein solches Herze triumphieret hast, welches niemals von den Pfeilen der Liebe verletzt werden konnen. O ihr ungetreuen Buchstaben! O treulose Zeichen einer falschen und verlogenen Hand, die ihr mir auf einem leichten Blatte anstatt einer mit Nektar angefulleten Schale einen Gifttrunk reichet, wodurch alles mein Vergnugen ertotet wird. Ach mein Elbenstein! so handelst Du so ubel mit meiner aufrichtigen und ungefarbten Treue und Liebe, welche Du jederzeit rein und unbefleckt an mir erfunden hast. So verbirgest Du, gleich einer schadlichen Blume, die Natter Deiner arglistigen Auffuhrung, damit ich durch die Wut Deiner Falschheit moge getotet werden. Ei nun! reise nur hin, begib Dich immer hinweg, eile von mir, damit ich Dich nimmermehr wieder sehen moge, der Du in der Werkstatt Deiner Treulosigkeit das Schwert geschmiedet hast, womit mein grosstes Vergnugen gefallet werden muss. Sage mir doch, was Dich zu einer so schnellen Abreise bezwungen hat? Erklare mir doch die Ursache Deiner Flucht! Hat Dich Dein Herr Vater nach Hause berufen, oder ist vielleicht das Liebesspiel mit der Baronne von K. zum Ende gekommen? Doch dem sei, wie ihm wolle, ziehe nur hin, Du Grausamer, und bleibe, wo Du willst, ich will Dich nicht mehr lieben, und so stark ich Dich bishero geliebt, so stark werde ich mich inskunftige bemuhen, Dich zu hassen.
Indem nun Elbensteins Herr Vater der italianischen Sprache nicht kundig, jedoch viel zu neugierig war, den Inhalt dieses Briefes zu wissen, so machte er sich dieserwegen einen besondern Weg nach ***, um sich denselben bei einem Sprachmeister ins Deutsche ubersetzen zu lassen, welcher sich gegen einen Rekompens nicht lange damit saumete. Da sahe nun der gute Vater, wie retiree sich der liebe Sohn in Italien gehalten und aufgefuhret hatte, doch war er noch so treuherzig, dass er ihm den Brief in originali nebst der Ubersetzung zum Schure mitschickte. Elbenstein schluckte die vaterlichen Pillen geduldig ein, weil ein Confortans von 100 Reichstalern dabei war, konnte aber nicht begreifen, wie die Marinalba hinter das Liebesgeheimnis zwischen der Baronne von K. und ihm gekommen sein musse. Endlich fiel aller Verdacht auf die alte Ruffiana zu Ariqua. Demnach war er herzlich froh und dankte dem Himmel, dass er noch beizeiten einer augenscheinlichen Todesgefahr entgangen, als worin er ohnfehlbar geraten sein wurde, woferne er sich noch langer in Italien aufgehalten hatte.
Nachdem er sich nun in dem Antwortsschreiben an seinen Herrn Vater aufs plausibleste exkusiert, anbei gemeldet, dass er bloss, um den geilen Liebesnachstellungen und Verfolgungen des italianischen Frauenzimmers zu entgehen, seine vortreffliche Station quittieret und sich aus diesem wollustigen Sodom hinwegbegeben, nunmehro aber dahin trachten wollte, sich bei einem deutschen furstlichen Hofe zu engagieren, worbei er zugleich den von dem italianischen Fursten erhaltenen schriftlichen Abschied und Pass mit nach Hause schickte, woraus die Eltern sich seiner Auffuhrung wegen eines Bessern belehren konnten; als wurden diese seine Eltern vollig zufriedengestellet und vermachten ihm von Hause aus, solange er in keiner austraglichen Bedienung stunde, alle Quartal 100 frankische Gulden, dass er also als ein rechtschaffener Kavalier, zumal an einem solchen Orte, wo alles um einen billigen Preis zu bekommen war, recht wohl und vergnugt leben konnte.
ENDE
des Ersten Teils
Fussnoten
1 Allen Umstanden und Vermuten nach ist dieses der Brentafluss gewesen.
Elbensteins Geschichte
Zweiter Teil
Nachdem, wie im vorigen gemeldet, Elbenstein in D. glucklich angelanget war, verdunge er sich bei einem gewissen Professore in die Kost, brachte es aber durch seine gute Auffuhrung in kurzer Zeit dahin, dass er bei dem Fursten von B. die Kammerjunkersstelle erhielt, und weilen er gute Studia hatte, anbei die italianische und franzosische Sprachen wohl redete und schrieb, so wurde er nicht nur in Verschickungen, sondern auch in andern geheimen Angelegenheiten sehr ofters gebraucht, indem er sich jedesmal dergestalt konduisierte, dass er des Fursten Gunst und Gnade vollkommen erlangete. Ob nun schon sein ernstlicher Vorsatz war, sich in keine Liebeshandel mehr zu verwickeln, so blieb er doch nicht lange von denselben befreiet.
Es war der Gebrauch am D. Hofe, dass die Dames und Kavaliers bei denen vornehmsten Ministern und ihren Gemahlinnen wochentlich ein- oder wohl mehrmal die Visiten ablegten, wodurch denn geschahe, dass, als Elbenstein in des Geheimbden Rats von M. Behausung mit einsprach, er mit einem artigen Fraulein des Geschlechts von G., welche eine nahe Anverwandtin des Geheimbden Rats war, in Bekanntschaft geriet, da denn nach einem kurzen Umgange in beider Herzen eine Liebe erwuchs. Eines Tages, da die gewohnliche Compagnie wieder zusammengekommen war, setzten sich die meisten nieder und spieleten zum Teil a la Bassette, l'Hombre oder andere beliebige Spiele. Elbenstein aber, welcher die franzosischen Zeitungen in einem Fenster gefunden, deprezierte das Spielen und lase dargegen die Zeitungen. Das Fraulein von G., als sie vermerkte, dass Elbenstein heute nicht Lust zu spielen hatte, drehete sich auch mit guter Manier vom Spiele ab und knoppelte zur Lust an der Frau Geheimbden Ratin ihrem Knoppelkussen, bis sie bemerkte, dass Elbenstein mit Lesung der Zeitungen fertig ware, da sie denn mit einer angenehmen Freimutigkeit auf ihn zu ging und den Antrag tat, dass, weil er sowenig als sie heute zum Spielen disponiert ware, wollten sie einander die Zeit mit Gesprachen vertreiben, worauf sie ihn ersuchte, ihr etwas von Italien und von der Einwohner Naturell zu erzahlen, auch weiln sie vernommen, dass dem Frauenzimmer daselbst nicht erlaubt ware, mit Frembden zu konversieren, so ware sie curieux zu wissen, worinnen der Herr von Elbenstein, als ein galanter Kavalier, einigen vergnugten Zeitvertreib gefunden. Dieser gab hierauf zur Antwort, wie er den Hauptzweck, warum er in frembde Lande gereiset, zu beobachten, die Zeit also anwenden und einteilen mussen, dass er nach der ohnedem hochst gefahrlichen Konversation der italianischen Dames nicht verlangen konnen, mit dissoluten und liederlichen aber die Zeit zu verlieren wurde weder appetitlich, ratsam noch nutzlich gewesen sein, in Erwagung, dass man von dergleichen Ergotzungen nur ein nagendes Gewissen, ungesunden Leib und Verlust seines Geldes zu gewarten hatte. Die Fraulein von G. replizierte, dass sie sich wurde schwerlich uberreden lassen, dass der von Elbenstein von allen verliebten Aventuren sollte befreiet geblieben sein, lobete ihn anbei, dass er mit seinen Liebesergotzungen so geheim ware, deswegen sie diejenige Dame glucklich schatzen musse, welche von einem so diskreten und honetten Kavalier astimiert wurde. Sie vor ihre Person wollte sich hochlich gratulieren, wenn sie Elbensteinen nur zu ihren Konfidenten erkiesen durfte.
Wie nun er, als ein Sanguineus, so den Liebesanfallen bei einem so angenehmen Gegenstande nicht lange zu widerstehen vermogend war, ergriff er das auf der Seite stehende Glas Wein und sagte: "Mein schones Fraulein, ich halte Sie bei Ihrem Worte, und zu bezeugen, dass ich es recht aufrichtig und von Herzen meine, so erlauben Sie mir, dass ich dieses Glas Wein auf gluckliche Aufrichtung einer bestandigen und getreuen Konfidentschaft Ihnen zutrinken moge", worauf er unter verliebten Mienen das Glas austrank, nachdem er es wieder eingeschenkt, den Rand desselben kussete und ihr mit einer charmanten Art uberreichte, welches sie auf gleiche Art mit besonders liebreicher Stellung austrank. Hierauf fragte Elbenstein, wann er nunmehro die susse Vergnugung haben und den Effekt der gemachten Confidence geniessen sollte, worauf das Fraulein von G. antwortete, dass in Gegenwart so vieler Dames und Kavaliers es sich voritzo nicht schickte, wenn er aber auf ihr Zimmer, allwo ihr Magdgen nur allein ware, sich bemuhen wollte, so konnte seinem und ihrem Verlangen eher ein Genugen geschehen. Hierauf ergriff Elbenstein das artige Fraulein bei der Hand und sagte zu ihr etwas laut: "Gnadiges Fraulein! wo es nicht beschwerlich, so wollte ich gehorsamst bitten, mir, als einem Liebhaber der Schildereien, die in den andern Gemachern befindliche Stucke zu zeigen." Wie sie sich nun hierzu gefallig erzeigte, fuhrete er sie nach ihrem Zimmer, allwo sie dem Magdgen befahl, etwas von Obste und Confituren herbeizubringen. Mittlerweile, als diese abwesend war und Elbenstein der Fraulein Portrat ansichtig ward, sagte er: "Mein schonster Engel! Ich will den Anfang machen, Ihnen etwas in geheim zu vertrauen." Unter diesen Worten kussete er der Fraul. Portrat aufs zartlichste. Sie, welche von dergleichen artiger Erfindung, einen Liebesantrag zu tun, nicht wenig charmiert war, sagte darauf: "Ich sehe wohl, dass Sie in Italien die Abgotterei recht gelernet haben; allein versund[i]gen Sie sich doch nicht so sehr an leblosen Kreaturen", womit sie ihn ganz verliebt ansahe und die Hand druckte. Elbenstein sagte hierauf: "So will ich das Original um Vergebung dieses begangenen Verbrechens bitten", unter welchen Worten er das Fraul. zu verschiedenen Malen auf das verliebteste kussete, welches, als es zum oftern wiederholet ward, das verliebte Fraulein endlich mit gleichen vergalt. Es wollten sich zwar bei Elbensteinen noch mehrere lusterende Kuriositaten regen, allein die Ankunft des Magdgens setzte beide Verliebten in eine sittsamere und eingezogenere Positur.
Die Fraulein prasentierte ihrem neuen Konfidenten etwas von denen Erfrischungen, und et legte ihr gegenteils unter lauter schmeichelenden Mienen ein und anderes vor. Ehe er sich's aber versahe, fing ihm die Nase heftig zu bluten an. Demnach befahl das Fraul. ihrem Magdgen, eine Schale mit kalten Wasser herbeizubringen und mit einem darein genetzten Tuche Elbensteins Nacken zu beruhren. Dieser aber merkte gar bald, dass des artigen Magdgens Hulfleistung aus etwas anders als aus einer blossen Dienstfertigkeit herruhrete, indem unter dieser Beschaftigung ihre Finger an Elbensteins Halse das zu verstehen gaben, was ihr Mund ihm nicht sagen durfte. Er als ein starker Practicus in der Loffelei antwortete ihr mit einem verbindlichen Blicke, wie dass er nehmlich ihre Meinung verstanden hatte, dahero er ihr seiner wandelbaren Gemutsart nach sogleich einen ziemlichen Teil von der ihrer Fraul. gewidmeten Neigung zuwendete, und indem er, ihre Muhe mit einem Gulden zu vergelten, sie bei der Hand fassete, durch eine den Verliebten bekannte und gewohnliche Art und Weise ihr seine Gewogenheit zu verstehen gab.
Also war Fraulein und Dienerin zugleich mit ihm ins Liebesgarn geraten; weiln aber der Wohlstand erfoderte, dass die Fraulein sich eher als er sich wieder zur Gesellschaft begabe, ging sie alleine voran und berichtete auf beschehene Nachfrage, wo er geblieben und dass ihm die Nase so stark geblutet hatte. Solchergestalt bekam Elbenstein Gelegenheit, Grisetten, so war des Kammermagdgens Name, durch etliche hitzige Kusse, welche sowohl auf den Mund als die wohlbestellte Brust fielen, ihre zu ihm tragende Liebe zu probieren, in welcher Probe denn sie durch etliche wohl angebrachte geilen Kusse, worbei die Zunge auch das ihrige beitrug, zu verstehn gab, dass, ob sie gleich kaum das 18te Jahr zuruckgelegt, sie dennoch in der Kunst und Wissenschaft zu lieben kein unerfahrnes Kind ware. Die kurze Zeit, so ihnen ohne Verdacht beieinander zu sein erlaubt war, druckte beiden eine Sehnsucht ein, genauer miteinander bekannt zu werden, welche zu stillen der folgende Tag fruh um neun Uhr in seinem Logis die beste Gelegenheit an die Hand gab, dieweil es aber Zeit war, sich nach Hofe zur Abendtafel zu verfugen, auch die Aufwartung eben an Elbensteinen war, so nahm er nebst einigen Dames und Kavaliers von dem Geheimbden Rate und der ubrigen Compagnie Abschied und begab sich nach Hofe, dahingegen die meisten, welche sich in ein starkes Spiel engagiert hatten, noch beisammen blieben und die zubereitete Kollation abwarteten.
Den folgenden Tag, als Elbenstein noch im Schlafrocke herumging, meldete sich das angenehme Grisettgen bei ihm an, brachte eine Schussel mit Obst und Confituren nebst einem Morgenkompliment von ihrer gnadigen Fraulein. Elbenstein, dem die in Italien angewohnte Liebesnascherei von neuen ankam, auch allhier nicht solche Lebensgefahrlichkeiten wie dort zu befurchten hatte, gab seinem Diener eine Pistolette mit Befehl, ihm solche zu verwechseln, aber kein anderes als lauter ganz Geld an luneburgischen Zweidrittelstucken davor zu bringen, nennete ihm auch etliche Juden, zu welchen er gehen sollte, und wenn einer nicht wollte, wurden es schon andere tun, wodurch er denn gnugsame Zeit gewann, sich mit seiner Grisette, deren Augen aus Begierde zum Liebeskampfe gleichsam brannten, nach Wunsche zu ergotzen, welches denn, da der Diener kaum den Rucken gewendet, mit beiderseits entzuckender Zufriedenheit geschahe.
Zwar merkte er soviel, dass in diesem Liebesgarten bereits andere die ersten Fruchte gebrochen hatten, weil er aber eben nicht so gar sehr capricieus in diesem Stucke war, liess er es dem treuherzigen Kinde nicht entgelten, indem er noch soviel Annehmlichkeiten bei derselben fand, seinen Appetit zu stillen und zugleich sie sattsam zu vergnugen. Nach gebusseter Lust wurde die Abrede genommen, uber drei Tage diese Ringekunst weiter zu versuchen und ein und andere von der Alo ... Sig ... vorgeschriebene Lectiones zu probieren, vor dieses Mal aber liess er sie mit einem Geschenke vor erzeigte Gefalligkeit und einem ergebensten Kompliment an ihre Gn. Fraulein repassieren.
Hierauf kleidete er sich vollends an und begab sich nach Hofe, allwo die samtliche Dames und Kavaliers in der Furstin Vorgemach versammlet waren. Einer von den Kammerjunkern ersuchte Elbensteinen daselbst, die Gefalligkeit vor die Frauleins und ihn zu haben und eine gewisse Arie, die er ihm in einer italianischen Opera zeigte, ins Deutsche zu ubersetzen, worzu er sich denn sogleich willig finden liess, begab sich demnach etwas beiseite an ein Fenster und ubersetzte solche in eben dem Metro und Genere, welches der italianische Poet gebraucht hatte, folgendergestalt:
Aria
1
Von euch Sonnen kommt mein Achzen,
Euer Strahl hat mich fast halb entseelt,
Des Herzens Entzunden
Kann schwerlich verschwinden,
Indem es sein Lechzen
und Qualen verhehlt.
2
Schonster Mund, du bringst mir Schmerzen,
Und mein Herz vergehet fast vor Glut,
Mit Hoffen und Sehnen,
Mit Schweigen und Stohnen
Empfind ich im Herzen
Des Cypripors Wut.
Solche Ubersetzung erwarb ihm bei den samtlichen Dames und Kavaliers nicht nur vieles Lob, sondern es verursachte auch bei den erstern gewisse Gemutsregungen, die sie aber ihrer angewohnten Eigensinnigkeit und Hoffart nach, welche nur Verehrer haben, aber denselben keine Vergeltung tun, viel weniger ihre Liebe mit Gegenliebe belohnen will, vertuscheten, indem sie sich nicht entschliessen konnten, ihre Leidenschaften an den Tag zu geben. Wie aber auch die wildesten Kreaturen zahm und bandig gemacht werden konnen, also gewann die Liebe bei diesen Hochmutigen durch die sittsame und hofliche Auffuhrung des von Elbenstein, welche mit einer wohlanstandigen Blodigkeit und insinuanten Schmeichelei untermengt war, endlich die Oberhand, dass, da sie zuvor gewohnt waren, diejenigen, so sie fast anbeteten, mit lauter sproden Verachtungen zu qualen, sich nunmehro bequemten, ein gelasseneres Wesen an sich zu nehmen. Aus diesem entsprunge ein Verlangen, alleine zu sein, und in solcher Einsamkeit malete ihnen der Liebesgott in Gedanken alle die trefflichen Gemuts- und Leibesgaben des von Elbenstein auf das allerangenehmste ab, worauf der Wunsch folgte, von einem solchen artigen Kavalier astimiert zu werden, und endlich sagte ihnen ihr eigenes Herze, dass dergleichen Regungen mit keinem andern Namen als der Liebe belegt werden konnten. Unter diesen grosstenteils veranderten Damen befand sich eine unverheiratete, so die Baronne von L. genennet ward, welche, je mehr sie von Elbensteins Qualitaten eingenommen war, je vergnugter sie sich hergegen schatzen konnte, indem ihre mit einer charmanten Traurigkeit verknupften Blicke Elbensteinen dermassen fesselten, dass, je langer er mit dieser liebenswurdigen Person umging, je heftiger er in sie verliebt ward, und so viel schone Leibes- und Gemutseigenschaften diese Fraulein besass, so viel Fesseln und Ketten waren auch, den fladderhaften und unbestandigen Elbenstein nunmehro feste zu binden und aus einem fluchtigen und changanten einen getreuen und bestandigen Liebhaber zu machen; denn ausser der angenehmen Gesichtsbildung wie auch unvergleichlich proportionierter Taille war diese Dame aus einem uralten beruhmten freiherrlichen Geschlechte, aus welchem etliche zu zahlen, die im Rom. Reiche unter dem Titul Kurfurstl. Gn. vor weniger Zeit waren beruhmt gewesen. An Gutern und Mitteln mangelte es auch nicht, denn die halbe Herrschaft H., bei Landau gelegen, vermoge des vaterlichen Testaments ihr als der einzigen Tochter anderer Ehe, nebst vielen Weinzehenten an der Mosel, eigentumlich zugehoreten, und obgleich die meisten von diesem vornehmen Geschlechte sich zur rom. katholischen Religion bekenneten, so war doch dieses Fraulein sowohl als ihre bereits verstorbenen Eltern der protestantischen oder evangelischen Religion zugetan, dass also Elbenstein auch ratione religionis nichts Bedenkliches fand.
Alles dieses, zumalen er durch dergleichen Mariage bei dem D. Hofe hoher zu avancieren sich gute Rechnung machen konnte, bewogen ihm dahin, dass er alle sonst gewohnte Liebesausschweifungen ganzlich abandonnierte und sich seiner auserwahlten und allerliebsten Fraulein von L. ganz und gar allein ergab. Ob sie nun gleich anfanglich seinen Verpflichtungen nicht sofort volligen Glauben beimessen wollte, so ward doch endlich ihr tugendhaftes Herze durch seine tagliche Schmeicheleien und Contestationes uberwunden, indem er dieselben sowohl schriftlich als mundlich anbrachte, bis sie sich ihm endlich ganz zu eigen ergab. Es wird nicht unangenehm sein, eine von dessen poetischen Liebesdeklarationen anhero zu setzen: Mein Schicksal hat den Schluss nun uber mich
gefasset,
Ich soll, mein Engel! Dir allein gewidmet sein, Da ich doch noch nicht weiss, ob mich Dein Auge
hasset
Anstatt der Gegengunst und ob Dein Herz ein
Stein.
Doch will ich meine Glut Dir nochmals offenbaren, Die durch Dein schones Licht sich in mir
angeflammt,
Mein frei Bekenntnis will nichts Widriges befahren, Dieweil Dein Gutigsein vom frommen Himmel
stammt.
Die Sanftmut, welche sich in Deinen Augen zeiget, Weissaget mir noch nicht, dass ich zuviel getan, Und ob Dein schoner Mund annoch ganz stille
schweiget,
Zeigt doch sein Purpurrot kein Ungewitter an. Erlaube mir demnach, Dich ewig zu verehren, Und glaube, dass mein Herz Dir bis in Tod getreu, Du kannst, mein Leben! ja die Treu vorher bewahren, Lass bei der Prufung nur vor mich die Hoffnung
frei.
Wenn Dir gefallen wird, mich zornig anzublicken, Bet ich die Strengigkeit in tiefer Ehrfurcht an. Will mir Dein schoner Mund ein kaltes Nein
zuschicken,
So glaube, dass ich auch bei Nein treu lieben kann. Sprachst Du auch gleich zu mir: Ich soll und muss
Dich hassen,
Ja stiesse mich Dein Fuss ganz sprode von sich hin, Wollt ich doch mit Begier die schonen Hande fassen, Zu zeigen aller Welt, wie ich bestandig bin. Auch wenn zum Uberfluss, die Treue zu probieren, Du mir verbieten willst, Dich gar nicht anzusehn, Soll Deinen Schatten doch mein Auge nicht verlieren, Bis Deine Gute spricht, dass Proben gnug
geschehn.
Diesemnach wurde beiderseits Liebe dergestalt heftig, dass eines ohne das andere fast keine Stunde bleiben konnte. Die erste Probe seiner liebreichen Fraulein von L. geschwornen Treue legte Elbenstein damit ab, dass, als Grisette kam und ihn im Namen ihrer Fraulein notigte, diesen Nachmittag in des Oberjagermeisters Hause, allwo Assemblee sein wurde, zu erscheinen, er seinen Diener nicht wegschickte, weswegen das arme Ding ungelabt fortgehen musste.
Weilen aber seine allerliebste Fraul. von L. par renommee nebst andern Hofdamen und Kavaliers daselbst mit zu erscheinen sich gemussiget sahe, fand er sich auch allda ein. Die Fraul. von G. suchte zwar Gelegenheit, Elbensteinen mit guter Manier von der Compagnie abzuziehen, er tat aber, als merkte er es nicht, sondern liess sich bald mit dieser oder jener Dame oder Kavalier ins Gesprach ein und leerete dabei mit dem alten Herrn von H., der ein besonderer Liebhaber des edlen Rebensafts war, manches Glasgen auf Gesundheit dieses oder jenes guten Freundes aus. Da die Fraul. von G. nun sahe, dass sie solchergestalt ihren Zweck, mit ihrem Konfidenten sich in einer angenehmen Retirade zu unterhalten, nicht erreichen konnte, stellete sie es an, weil die Oberjagermeistern ihrer Frau Mutter Schwester war und der sie vertrauet hatte, dass Elbenstein mit ihr ein genauer Liebesverbundnis zu schliessen schiene, dass sie die Erlaubnis erlangete, an den von Elbenstein durch des Oberjagermeisters Diener einen Brief zu uberschicken, unter dem Vorwande, als ob derselbe von der Post gekommen ware. Wie nun Elbenstein von der Compagnie hinweg und etwas beiseite ging, um den Brief desto bedachtsamer zu lesen, ersuchte ihn der Diener, dass Ihro Gn. sich nur ein wenig vor das Zimmer hinaus bemuhen und das Schreiben daselbst lesen mochten, welches Elbenstein ohne weiteres Nachsinnen tat und sich hinausbegab. Der Diener, so ihm folgte, zeigte ihm sogleich das gegenuber offenstehende Zimmer, damit er nicht unter den hin und wider laufenden Aufwartern stehen und lesen durfte, weswegen Elbenstein ohne besonderes Bedenken dahinein trat. Kaum aber hatte er den Brief zu lesen angefangen, als die Fraul. von G. durch eine andere Tur zu ihm hineingetreten kam, welche nach gemachten Kompliment ihn sogleich in einen Erker zohe und unter haufigen Karessen ersuchte, dem sehnlichen Verlangen, so sie nach ihm als ihrem allerliebsten Konfidenten gehabt und ohne dessen angenehme Gegenwart sie gar nicht vergnugt leben konnte, es zuzuschreiben, dass sie ihn von der Gesellschaft auf eine kurze Zeit abgezogen hatte. Allein wie besturzt wurde das gute Fraulein, da sie nichts als lauter Komplimenten statt der bei der ersten Zusammenkunft gebrauchten Liebkosungen von ihm genosse, weswegen sich diese Entrevue auf seiten der guten Fraulein mit nicht geringen Chagrin bald endigte. Sie konnte nicht begreifen, woher doch diese jahlinge Gemutsveranderung bei Elbensteinen musse entstanden sein, endlich aber fiel sie auf die rechte und wahre Ursache, wie nehmlich etwa eine andere Schonheit ihr ins Liebesgehege gegangen und ihr ein so liebreiches Wildpret bestrickt hatte.
Hierauf untersuchte sie in ihren Gedanken sowohl die samtliche Hofdamen als auch der andern in der Stadt sich aufhaltenden Fraulein Gesichter und Mienen, konnte aber alles angewandten Fleisses ohngeachtet nichts Gewisses erfahren oder ausmachen, auch nicht mutmassen, denn die kluge Baronne von L. hatte mit ihren Elbenstein bereits Abrede genommen, ihre Liebe noch zur Zeit geheim zu halten. Da auch die folgende Woche bei Hofe Assemblee und abends bunte Reihe war und es sich also fugte, dass Elbenstein bei der Furstin, die Fraulein von G. bei dem Fursten und die Fraul. von L. bei ihrem Vetter, dem Hofrat und Kammerjunker von W., zu sitzen kam, vermochte jene abermals nicht etwas auszuforschen, woruber sie denn endlich in eine solche Rage geriet, dass, wo sich nur die geringste Gelegenheit zeigte, sie nichts eifriger tat, als von Elbensteinen ubel zu reden, worzu ihr denn folgende Begebenheit sattsam Anlass gab. Es hatte der Stadtschulze den Hofjunker von N., welcher bei ihm eingemietet hatte, nach G. auf sein daselbst habendes Vorwerk auf eine Mittagsmahlzeit invitiert, darbei gebeten, noch ein paar andere gute Freunde mitzubringen, welches der von N. sich gefallen lassen und Elbensteinen nebst dem Jagd- und Hofjunker R. ersuchte, mit hinauszureuten.
Weil denn die Furstin selbiges Morgens auf ihr eine Stunde von D. gelegenes Lusthaus und darbei befindliche Meierei gefahren war, nebst ihrem Gemahl aber weiter niemand bei sich hatte als die Frauleins von L. und von H., den Hofmarschall Freiherrn von L. und den Geheimbden Rat von R., den folgenden Tag aber allererst retournieren wollte, so begab sich Elbenstein benebst den zwei andern Kavaliers vormittags gegen zehn Uhr nach gedachten Vorwerke, allwo sich des Stadtschulzen zwei Tochter und des Bereuters Schwester, nebst noch eines Ratsherrns Tochter wie auch des Stadtschulzens Sohn, der vor wenig Tagen von der Universitat Tubingen, allwo er nunmehro seine Studia Academica absolviert, zuruckgekommen war, bereits befanden.
Die Kavaliers wurden unter Trompeten- und Paukenschall empfangen und ihnen, weil es kurz vor der Mahlzeit war, nur einige Erfrischungen vorgesetzt. Als sie etwas davon zu sich genommen, sagte der alte Stadtschulze, welches ein Mann von ganz besonders lustigen Humeur war: "Mit Dero gutigen Erlaubnis, meine Herrn! ich muss heute das Sprichwort unwahr machen: Vor Essens wird kein Tanz." Hiermit nahm er seine alte Mutter bei der Hand und sprunge mit ihr herum als der jungste Kerl, worauf die Kavaliers und der Studente dem Alten folgten, ein jeder ein Frauenzimmer ergriff und sich gleichfalls wacker herumtummelten. Mittlerweile war in einer gegenuber gelegenen Stube das Essen aufgesetzt worden, weswegen sie sich ingesamt dahin begaben und es ihnen unter einer angenehmen Musik wohl schmecken liessen. Jeder hatte seine Tanzerin neben sich sitzen und ginge alles in lauter Lust und Frohlichkeit zu. Nach geendigter Mahlzeit ward zwar das Tanzen wieder angefangen, weil sich aber bald darauf der Himmel mit Wolken umzoge und mit Regen drohete, machten sich die samtlichen Gaste zum Aufbruche fertig. Als nun die Kavaliers sich aufsetzen wollten und die guten Kinder sich gleichfalls zwar zum Fortgehen schickten, jedoch darbei bekummert waren, wie sie ihren Schmuck und gute Kleider, wenn sie unterwegs der Regen uberfallen sollte, vor der schadlichen Nasse salvieren mochten, so tat der Jagdjunker den Vorschlag, dass sich das Frauenzimmer mit auf ihre und der Diener Pferde setzen sollte, gesetzt nun, dass es zu regnen anfinge, so waren sie ja mit Manteln genug versehen, dass ihnen also der Regen wenig schaden wurde. Dieser Vorschlag ward von allen gebilliget, und die guten Jungfern waren noch darzu ganz froh, dass sie den Ruckweg so bequemlich nehmen konnten.
Wie sie demnach ihre Kavalkade mit aller Zufriedenheit antraten, befahl der Stadtschulze der altern Tochter, sobald sie nach Hause gekommen sein wurden, in des Rats Marstalle Kutsche und Pferde zu bestellen, um ihn, seine Frau und Sohn nach Hause zu fuhren. Hierauf ritten die Kavaliers, nachdem sie sich bei dem Herrn Wirte vor das gute Traktament und genossene Hoflichkeit nochmals bedankt hatten, nach der Stadt zu, waren auch insoweit glucklich, dass es nicht eher zu regnen anfing, bis sie sich in der Vorstadt vor dem Gasthofe zur K. befanden, allwo das Frauenzimmer abstiege, weil der Wirt in ermeldten Gasthofe der einen Jungfer naher Anverwandter war. Sowohl sie als dieser ersuchten die Kavaliers, nur so lange, bis der Regen vorbei ware, mit einzusprechen, worzu sich denn diese nicht lange notigen, sondern die Pferde in die Stalle bringen liessen; der Wirt aber schickte sogleich einen von seinen Leuten in die Stadt, um die Kutsche zu des Stadtschulzens Abholung zu bestellen. Wenige Zeit hernach fanden sich die Musikanten, welche ihnen draussen aufgewartet hatten, gleichfalls ein. Sobald nun die Gesellschaft dieselben ersahe, mussten sie zu ihnen in die Oberstube kommen, allwo man sich denn von neuen wieder lustig machte, so lange, bis die Zeit und der Wohlstand den Aufbruch erforderte.
Elbenstein verfugte sich nach seinem Quartiere und legte sich bald zur Ruhe, um desto fruher auf dem Schlosse sein zu konnen. Als er nun des folgenden Morgens um sieben Uhr dahin zu gehen im Begriff war, ward er von dem Geheimbden Rat von E. im Vorbeigehen auf eine Tasse Schokolade invitiert. Wie er nun diesem vornehmen Minister solches nicht wohl abschlagen konnte, als trat er hinein und wurde sehr hoflich empfangen, mit dem Vermelden, dass der Herr von Elbenstein eine angenehme Compagnie von Frauenzimmer und guten Freunden antreffen wurde. Dieser befand sich zwar in etwas betroffen, als er in das Zimmer hineintrat und unter andern die Fraul. von G. darinnen erblickte, doch er fassete sich alsbald wieder, und als er gegen die samtliche Compagnie seine Komplimenten vertauscht, sagt der Herr Geheimbde Rat, dass er langstens gewunschet, mit dem Herrn von Elbenstein genauer bekannt zu werden, denn ob er gleich bereits oftermals auf dem Schlosse zu seinem Wunsche zu gelangen Gelegenheit gesucht, so hatte er doch, weil er jedesmal an der furstl. Tafel zu speisen, nachhero mehrenteils mit der durchl. Herrschaft l'Hombre spielen mussen, bis dato nicht zu der Ehre einer genauern Bekanntschaft gelangen konnen, wollte sich demnach das Gluck seines oftern werten Zuspruchs instandig ausgebeten haben, insonderheit da ihm des von Elbensteins Hauswirt, der Herr Professor M., berichtet hatte, dass er im Studio nummismatico sonderlich erfahren und zu Padua des beruhmten Kavaliers und Professoris Caroli Patini (welcher sonst an einem gewissen furstl. Hofe in Schwaben, weil er aus dem dasigen Munzcabinet einen genuinen Ottonem entfuhrt, ein schlechtes Lob erworben) Privatinformation in hoc scibili genossen, von welchen er gleichfalls ein starker Liebhaber ware. Elbenstein gab, indem er einem tiefen Reverenz machte, zur Antwort, wie er sich hochst glucklich achten wurde, bei einem so vornehmen Minister seine Aufwartung ofters zu machen und von dessen gelehrten Diskursen zu profitieren.
Da es aber nun endlich Zeit war, Abschied zu nehmen, drehete sich das Fraul. von G. so lange herum, bis sie neben Elbenstein zu stehen kam, da sie ihn denn mit einem gezwungenen hohnischen Lachen, jedoch eben nicht allzulaut fragte, ob er bei der gestrigen Konversation mit den Burgermagdgens vielleicht mehr Vergnugen gefunden hatte als bei der hiesigen Gesellschaft, weil er so eilfertig ware.
Elbenstein fragte sie hingegen, ob ein treuer Knecht und Konfidente dergleichen hohnische und pikante Fragen meritiert hatte. Das gute Fraulein bekannte hierauf durch eine aufsteigende Rote ihre Reue uber die ausgestossene unbedach[t]same Frage und Ubereilung, sagte aber, wenn der Herr von Elbenstein in ihres Herrn Vetters, des Herrn Geheimbden Rats von M. Hause ehestens einsprechen wurde, wollte sie dieserwegen weiter mit ihm zu sprechen sich die Erlaubnis ausgebeten haben, worauf aber derselbe replizierte, wenn sie von sonsten nichts anders als hiervon mit ihm zu reden gesonnen ware, wurde es sowohl zu ihrer als zu seiner Satisfaktion am dienli[ch]sten sein, so lange des Herrn Geheimbden Rats von M. Wohnung zu meiden, bis dereinst er eines angenehmern und gutigern Traktaments, auch freundlicher Unterredung wurde versichert werden; setzte aber nach seiner gewohnlichen schmeichelenden Art und einer etwas betrubt scheinenden Miene noch hinzu: "Wenn ich, mein Engelsfraulein, mich heimlich in Dero Zimmer einschleichen konnte, wie schmerzlich wollte ich dem darinnen stehenden charmanten Portrat, welches mir am allerersten etliche inbrunstige Kusse erlaubt, klagen, dass das Original, bei dem ich nichts verschuldet, so hart mit mir umgehet und verfahrt." Die Fraulein versetzte hierauf: "Das Original soll dem Herrn von Elbenstein, worinnen es ihm zuviel getan, alles herzlich abbitten." Elbenstein aber antwortete: "Ich trage viel zu grossen Respekt vor die schone Fraul. von G., dass sie sich vor einen ihrer ergebensten Diener dergestalt erniedrigen sollten. Damit ich nun dergleichen Ihnen und mir unanstandige Handelung nicht erfahren und ansehen darf, so will ich lieber Dero Privatkonversation hinfuro meiden und hiermit Adieu! pour tous jours gesagt haben." Hiermit hatte dieser geheime Diskurs seine Endschaft erreicht, und Elbenstein beurlaubte sich sowohl bei dem Herrn Geheimbden Rat von E. als auch der ganzen Compagnie, welche gleichfalls bald hernach samtlich Abschied nahm.
Die Fraul. von G., als sie in ihr Zimmer eingetreten, bliebe eine lange Zeit in tiefen Gedanken stehen, in welcher Positur sie der Geheimbde Rat von M., ihr Vetter, beschlich und nach der Ursache ihrer Veranderung sehr sorgsam fragte; worauf sie vorwandete, es wurde nicht viel zu bedeuten haben, die bei dem Geheimbden Rat von E. getrunkene Schokolade, weil sie mit Milche gekocht gewesen, als die sie niemals wohl vertragen konnen, hatte ihr eine kleine Ubelkeit verursacht. Indem trat die Geheimbde Ratin auch ins Zimmer, diese erzahlete ihrem Gemahl als etwas Neues, dass der Herr von Elbenstein nebst den zwei Jagdjunkern sich gestern zu G. und in dem Wirtshause zu K. recht lustig gemacht, und zwar mit des Stadtschulzen und andern Burgerstochtern, weswegen sie nicht zweifeln wollte, dass auf diese Ergotzung in drei Vierteljahren Fruchte mit Handen und Fussen zum Vorscheine kommen durften. "Jedoch", setzte sie hinzu, "ein andermal mogen sich Narren wieder mit Edelleuten verwirren, ich kenne die Jagdjunkers N. und R., sie sind beide keine Kostverachter, was aber Elbenstein anbetrifft, so glaube ich, dass er in Italien die Kunst zu lieben mehr und besser als etwas anders gelernet hat. Gewiss, er scheinet mir in diesem Stucke ein gefahrlicher Politicus zu sein. Soviel ich aus seiner neulichen Auffuhrung, als er bei uns war, abmerken konnte, hatte er seine Augen, mein liebes Basgen, auf Sie gericht und suchte Sie aufs emsigste zu bedienen, auch immer mit Ihr zu schwatzen. Allein, hute Sie sich ja vor ihm, es ist ein Fladdergeist und frembder Kerl, wer weiss auch einmal, ob er derjenige ist, vor den er sich ausgibt." Durch diese Reden wurde das arme Fraulein dergestalt treuherzig gemacht, dass sie bekannte, wie sich Elbenstein bei der ersten Zusammenkunft unter vielen verbindlichen Expressionen nicht undeutlich herausgelassen, dass er sich mit ihr ehelich zu verbinden gesonnen sei, etliche Tage hernach aber ware er ganz anders Sinnes und dergestalt kaltherzig gegen sie gewesen, als ob er sie zeitlebens nicht gesehen hatte, viel weniger mit ihr umgegangen ware, und heute, als er auch bei dem Geheimbden Rat von E. gewesen und von ihr wegen des gestrigen Divertissiments nur ein wenig vexiert worden, hatte er ihr die empfindlichsten und pikantesten Repliken gegeben. Ja, damit ware er noch nicht einmal zufrieden gewesen, sondern hatte ihr alle fernerweitige Konversation aufgesagt. Der Geheimbde Rat von M., welches ein hitziger, jachzorniger Mann war, ereiferte sich nicht wenig uber den guten Elbenstein, denn er die Fraulein von G. als seiner Schwester Tochter so sehr als sein eigenes Kind liebte. Er brach demnach in folgende Worte aus: "Harre du Kerl! du sollst ehrlicher Leute Kinder am langsten bei der Nase herumgefuhret haben." Mit diesen Worten ging er aus der Fraul. Zimmer, setzte sich in die bereits angespannete Karosse und fuhr aufs Schloss, allwo geheimer Rat gehalten werden sollte. Elbenstein, als er zu seiner geliebten Fraul. von L. kam, machte sich auch schon auf Anhorung einer Reprimende gefasst, allein weil diese mehr Vertrauen auf seine Treue setzte, sagte sie ihm weiter nichts, als dass die ganze Begebenheit dem Fursten und der Furstin bereits aufs allerodieuseste ware vorgebracht worden, mit dem Beisatze, dass, was zu G. wegen der Eltern Gegenwart und Aufsicht nicht geschehen, im Wirtshause zu K., allwo der Wirt ein Erzkuppler ware, desto fuglicher hatte vollbracht werden konnen. Es ware auch von dem Geheimen Rat M. angeraten worden, dass zu Verhutung einiges Kindermords oder Abtreibung der Frucht die Menscher durch geschworne Hebammen und verstandige Medicos besichtiget wurden.
Elbenstein, weil er ein gutes Gewissen hatte, erzahlete ihr den ganzen Verlauf nach der reinen Wahrheit, worauf sie ihm den Einschlag gab, bei ihrem Vetter, dem Baron von W., welcher Hofrat und Kammerjunker war, zu sondieren, was er ihm bei diesen Handeln etwa raten wurde.
Dieser, welchem der Furst die lustige Geschichte mit grossem Gelachter (denn er selbst gar oft auf der Parforcejagd seine Liebesflammen bei einem hubschen Bauermagdgen zu loschen pflegte) bereits erzahlet hatte, kam gleich von ohngefahr ins Zimmer getreten und sagte nach gemachten kurzen Kompliment: "Meiner gnadigen Furstin Melkerei zu K. wird, wie ich hore, bald mit drei schonen roten Kuhn verstarkt werden?" (denn NB. dieses war damals die Strafe, wenn ein Kavalier wider das sechste Gebot peccierte, dass er der Furstin eine rote Kuh zinsen musste). Hierauf erzahlete ihm Elbenstein alles haarklein, was passiert war, und bekam diesen Rat von ihm, dass er nebst den zweien andern Kavaliern sich bei dem Fursten wegen der uber sie ausgesprengten Kalumnien und Injurien beschweren und anbei untertanigst bitten sollten, ihnen des Denunzianten Namen, damit sie ihre Satisfaktion von ihm fordern konnten, gnadigst zu entdecken. Hiernachst musse solches dem Stadtschulzen und der andern Jungfern Eltern zu wissen gemacht werden, damit sie der uber ihre Kinder verhangten Prostitution vorkommen und solche legitimo modo abwenden mochten.
Hierauf ging man zur Tafel, allwo der Hausmarschall oftgedachte drei Kavaliers unter andern Gesprachen zu vexieren begonnte. Allein der Jagdjunker von R. verstunde unrecht und sagte uber offentlicher Tafel ungescheuet und laut, so dass es die mit daran sitzende Hofmeisterin und Frauleins auch mit horen konnten, Salva venia, Huren, Canaillen und Schelmen hatten diese infamen Lugen ausgebracht, dass nehmlich sie drei mit den ehrlichen Kindern etwas Ungebuhrliches vorgehabt hatten, vielleicht ware diejenige Weibsperson, so diese Schandlugen am ersten ausgesprenget, eine solche, die den Liebeshandel besser verstunde als diese ehrlichen frommen Kinder. Kurz zu melden, die Sache geriet endlich zu einer solchen Weitlauftigkeit, dass, als die drei Kavaliers und die andern Interessenten des Denunzianten Namen erfahren, sie den Geheimen Rat von M. durch Notarien und Zeugen beschicken und ihm sagen liessen, die samtlichen Interessenten hielten ihn so lange vor einen boshaften Verleumbder und Ehrenschander, bis er, was durch ihn von dem Frauenzimmer und ihnen bei Hofe angegeben und in der Leute Mauler gebracht worden, verifiziert und erwiesen hatte, worbei sowohl der Stadtschulze als der andern Jungfern Eltern droheten, den Geheimbden Rat vor dem Kammergerichte zu Speyer zu verklagen, wodurch denn dieser dergestalt erschreckt wurde, dass er, in Betrachtung der ihm aus solcher Sache entstehenden Prostitution und Geldversplitterung, die besten Worte und eine hinlangliche Deklaration den Kavaliers gabe, den Eltern der Jungfern aber sagen liess, wie er die ganze Sache ex vago rumore hatte und ihm leid, solchen ungegrundeten Erzahlungen Glauben beigemessen zu haben; er hielte sie samt und sonders vor ehrliche, unbescholtene Leute und Jungfrauen; und dieses musste er schriftlich von sich ausstellen.
Allein die Verfolgungen und Verbitterungen gegen den von Elbenstein nahmen von Seiten des Geheimen Rats und dessen Familie vollends uberhand, als er kurze Zeit darauf in Gegenwart der Ober-Hofmeisterin von K., des Geheimbden Rats und Oberamtmanns zu K.G. und des Hofrats und Kammerjunkers von W. sich mit der holdseligen Fraulein von L. ordentlicherweise verlobte. Es suchte zwar das Fraul. von G. ihn auf allerhand Art und Weise zu detournieren und auf ihre Seite zu bringen, da sie aber ihren Zweck nicht erreichen konnte, legte sie sich aufs Lamentieren und beklagte sich aufs beweglichste in einem ihm zugeschickten Briefe, welchen er aber bloss mit folgenden poetischen Zeilen beantwortete:
1
Was willst Du mich doch mit Verfolgung pressen?
Was klagest Du mein Herz als untreu an?
Halt ein damit! mir solches beizumessen,
Ich hab es nicht, mein Schicksal hat's getan.
Wollt ich gleich Dein Getreuer sein,
So saget selbiges doch immer dazu: Nein!
2
Ich bin ein Schiff, das keinen Leitstern siehet,
Mich treibet nur das wankelhafte Gluck,
Wohin sein Wink und Wille mich nun ziehet,
Da muss ich hin, bald vor, bald auch zuruck.
Es saget mir: In Lieb und Meer
Kommt man zum Port durch Wallen hin und her.
3
Versuch es denn, desselben Schluss zu zwingen,
Verandre Du die Masse, Zeit und Ziel,
So soll mein Herz von lauter Treue singen,
Ich tue, was Dein Wille haben will,
Der soll alsdenn sein der Magnet,
Nach welchem sich mein Liebesschiffgen dreht.
4
Lass Dir's nur nicht wie einst dem Xerxes gehen,
Der Wellen schlug zu seinem Untergang.
Das Schicksal will sich ungebunden sehen,
Kein Zwang verbannt es auf die Ruderbank.
Wer schliesset es in Kett und Fesseln ein?
Der muss was mehr als nur ein Mensche sein.
Hiermit hatte die arme Fraulein ihren Bescheid, und weil sie aus allen Umstanden merkte, dass es doch nur eine vergebliche, vor sie aber selbst sehr nachteilige Sache ware, wenn sie [sich] um Elbensteins Herze noch fernerweitige Muhe gabe, so entschluge sie sich endlich dieser Gedanken und beschloss, mit Gedult die Zeit abzuwarten, bis ihr der Himmel einen andern, bestandigern Liebhaber zufuhrete. Elbenstein hingegen, so zartlich und aufrichtig er bishero seine Liebste, die Fraul. von L., karessiert, auch dero reiner und vollkommener Gegenliebe versichert war, um soviel desto strafbarer war diejenige Misshandlung, zu der er sich durch folgende Begebenheit, teils von Unkeuschheit, teils Ambition, teils Interesse angetrieben, verleiten liess. Es kam nehmlich im folgenden Jahre zu Ende des Maimonats die verwittbete Grafin N.N. nach D., allwo sie 14 Tage verbliebe. Elbenstein bekam die Aufwartung bei ihr. Ob sie nun gleich schon eine Dame von ohngefahr 40 Jahren war, so sahe sie sich doch noch nicht von denjenigen Regungen befreiet, so sonsten nur die jungen und blutreichen Personen anzufallen und zu bekampfen pflegen. Dannenhero geschahe es, dass, sobald sie nur Elbensteinen anblickte, gleich den Schluss fassete, ihn vor allen andern zu Befriedigung ihrer lusternen Begierden anzureizen.
Wie nun Elbenstein die Proprete im weissen Zeuge ungemein astimierte und nach damaliger Mode ein Hembde, um den Halsbund und Schlitz mit den kostbarsten venetianischen Spitzen besetzt, wie auch Manschetten und Hals von eben dergleichen Sorten diesen Tag anhatte, so geschahe es, dass, da der Grafin Fraulein und die andern Anwesenden, nachdem sie, die Grafin, gefruhstuckt, sich aus dem Zimmer begeben, sie auf Elbensteinen zuging und erstlich den Schlossgarten, den man aus ihrem Zimmer ubersehen konnte, wegen seiner Schonheit lobte, nachmals auf die Frage kam, wie lange er bei diesem Hofe in Diensten stunde und was dergleichen Fragen mehr waren, die er alle in geziemender Bescheidenheit kurz beantwortete, nach welchem sie mit einer sonderbaren Freundlichkeit zu ihm im Reden fortfuhr: "Monsieur, Er erlaube mir, die artigen und saubern Spitzen, so Er tragt, etwas naher zu betrachten", mit welchen Worten sie erstlich die Manschetten, Halstuch und endlich die an der Brust und um den Halsbund stehende Spitzen begriff, ihn ganz feurig verliebt ansahe und die Unterkehle und Wangen etlichemal ganz sanfte druckte, vor welche unverhoffte Karessen er der Grafin Hand etlichemal aufs zartlichste kussete. Hierauf sagte sie: "Mein Kind! Ich will hoffen, dass ich an Ihm einen diskreten und verschwiegenen Kavalier werde gefunden haben, Er wird mir demnach aufrichtig bekennen und die unverfalschte Wahrheit sagen, ob Er sich entschliessen kann, meine Person zu lieben und meine zu Ihm tragende Liebe und Affektion mit gleicher Gegenliebe zu vergelten?"
Elbenstein, den wohl ehemals eine schwarzbraune Bauerin zu charmieren fahig gewesen, bedachte sich nicht lange, ihr solches zu versprechen, denn sie, der Jahre ohngeachtet, eine solche angenehme und wohlgewachsene Person und von einem recht liebenswurdigen Gesichte war, absonderlich hatte sie ein Paar charmante muntere Augen und eine unvergleichliche Brust, so dass sie mancher Dame von 24 Jahren an reizenden und adretten Wesen den Vorzug streitig machen konnte. Seiner gewohnlichen Kuhnheit und Freimutigkeit gemass, welche er doch jedesmal mit einer einnehmenden und liebkosenden Art zu umhullen pflegte, umfassete er seiner neuen Gottin Schenkel und kussete solche auf eine liebreizende Art zum oftern, uber welche kitzelende Liebkosungen die in der verliebten Grafin Gesichte aufsteigende Rote sattsam und klarl. bezeugte, dass ihr Geblute in eine starke Aufwallung musse geraten sein, und das darauf erfolgende inbrunstige Kussen, welches Elbensteins Lippen empfanden, diente ihm zur evidenten Versicherung, dass seine freie Auffuhrung ihr hochst angenehm falle.
Der kunftige Abend ward zu einer fernern verliebten Unterhaltung von beiden Teilen beliebet, worauf Elbenstein sich aus dem Gemach begab, und die Grafin, nachdem sie sich vollends ankleiden lassen, liess sich von ihm zu der Furstin von D. fuhren, da denn unterwegs das verliebte Handedrucken, sehnliches Anblicken und heimliche Seufzer als der Liebe gewohnliche und in der ganzen Welt eingefuhrte, auch denen barbarischen Nationen wohlbekannte Sprache nicht unterlassen, sondern damit bis an der Furstin Vorgemach fortgefahren ward. Nach der Abendtafel, als sich jede furstl. und hohe Standesperson in ihr Zimmer retiriert hatte, druckte ihm die Grafin, dass es niemand gewahr ward, unter wahrenden Fuhren eine Schreibtafel in die Hand, weil sich's nicht schicken wollte, ohne ihren Leuten Verdacht zu geben, sich mit ihm in langen Diskurs einzulassen, dahero Elbenstein, sobald er sie in ihr Gemach gebracht und nachdem er mit einem tiefen Reverenz angefragt, ob Ihro Hochgrafl. Gn. noch etwas gnadig zu befehlen hatten, wunschte sie ihm eine gute Nacht, worauf er sich retirierte, an einem geheimen Orte die Schreibtafel durchsahe und folgende Worte drinnen eingezeichnet fand:
Mein Wertester, ich finde es nicht vor ratsam, diese Nacht zu unserm Vergnugen zu erwahlen, sondern bis auf eine bequemere Zeit damit anzustehen, damit man sich den prajudizierlichen Urteilen curieuser und scharfsichtiger Augen nicht exponieret. Morgen fruh beim Fruhstuck ein mehreres, Er ruhe besser als ich.
Elbenstein befand es ebenfalls gefahrlich, auf dem Schlosse, welches ordinairement um zehn Uhr gesperret ward, sich finden zu lassen, derowegen ging er bald in sein Quartier und zu Bette, damit er desto fruher aufstehen konnte, wie er fruhmorgens halb acht Uhr schon in der Grafin Vorgemach war und den Pagen und Laquais Befehl erteilte, das Fruhstuck in Zeiten zu holen. Nach Verfliessung einer halben Viertelstunde kam die Grafin aus ihrem Gemach und sagte ihm, dass, sobald er ihre Frauleins und Kammerjungfern wurde ins Vorgemach kommen sehen, er in ihr Schlafzimmer kommen sollte, zu welchem Ende sie die aussen auf die Galerie gehende Tur aufgeschlossen hatte. Als nun die Frauleins im Vorgemach erschienen, ging Elbenstein, unter dem Vorwande zu sehen, wo die Pagen und Laquais so lange blieben, heraus auf die Galerie und von dar in das bedeutete Schlafzimmer. Die Zeit war zu pretieus, sich mit blossen Kussen zu amusieren, daher passierte hier bald ein mehreres, und weil der verliebten Grafin Kleidung ihn in seiner Liebes-Entreprise vielmehr bequem als verhinderlich war, so geschahe auch die Attaque auf seiten seiner mit einem solchen Vigueur und Lebhaftigkeit, dass diese verliebte Aktion sowohl auf seiten des siegenden als besiegten Teils mit vollkommener Zufriedenheit geendiget wurde. Auf solche Art loscheten sie alle Morgen ihre Liebesflammen, und je geheimer und verstohlener diese Nascherei geschahe, je susser und anmutiger sie ihnen deuchtete.
Zwei Tage vor der Grafin Abreise kam ihr Leibkutscher zu Elbensteinen auf dem Schlosse, als er um die gewohnliche Zeit zur Aufwartung ging, und forschete, ob es ihm nicht gefallig ware, nachdem er seine gnadige Grafin zur furstl. Herrschaft gebracht, sich in den Schlossgarten zu bemuhen, indem er ilmi von Ihro Hochgrafl. Gn. etwas in geheim einzuhandigen hatte. Elbenstein versprach ihm, sich um zehn Uhr ohnfehlbar daselbst einzufinden, mit dem Beifugen, dass, weil man nicht wissen konnte, was etwa Verhinderliches darzwischenfallen konnte, einer auf den andern warten sollte. Hierauf begab er sich in der Grafin Vorgemach, und sobald er das Frauenzimmer von derselben zuruckkommen sahe, ging er auf die Galerie heraus, von da er sich gewohnlichermassen ins Schlafgemach verfugte und seine angenehme Grafin auf die verliebteste Art wieder bedienete. Als er nun selbige nachhero zu der Furstin gefuhret hatte, eilete er nach dem Schlossgarten, und der Grafin Leibkutscher, welcher ihn aus der Hofstube vorbeigehen sehen, eilete ihm auf dem Fusse nach. Sie gingen miteinander auf das so gemachte Judizierhaus, daselbst ubergab er Elbensteinen ein Paquet von 50 spec. Dukaten nebst einem Briefe, worinnen sie ihm ihr Begehren eroffnete, wie er nehmlich einen fluchtigen Reitklepper kaufen und alle Abend, wann er von Hofe gekommen, sich nach ihren drei Stunden von D. gelegenen Schlosse begeben und in des Uberbringers Hause absteigen sollte, von da er durch einen sichern und verborgenen Weg zu ihr gelangen wurde. Als Elbenstein den Brief gelesen hatte, sagte der alte Kuppler: "Gnadiger Herr! ich weiss den ganzen Inhalt des Briefes, und weil Sie sich ohnfehlbar einen guten und schnellen Klepper anschaffen wollen, so habe ich gestern vor dem Tore in einem Gasthofe einen Rittmeister namens M. angetroffen, welcher zwei treffliche siebenburgische Pferde verkaufen will, mit demselben konnten Sie vielleicht einen guten Handel treffen." Elbenstein liess sich diesen Vorschlag gefallen und ging sogleich aus dem Schlossgarten, rief seinen Diener, welcher bei den furstl. Bedienten in der Hofstube zu speisen pflegte, zu sich, befahl ihm ein Kompliment an den Rittmeister und darbei zu vernehmen, ob er sich selbigen Mittages in seinem Quartiere wollte einheimisch finden lassen, so wollt er ihm auf eine halbe Stunde zusprechen und ihm, weil er vernommen, dass der Herr Rittmeister einige von seinen Pferden verkaufen wollte, eines gegen bare Bezahlung abhandeln. Kurz darauf liess ihm der Rittmeister wieder wissen, dass er des Herrn von Elbenstein angenehmen Zuspruch nachmittages um drei Uhr erwarten, ihm auch die Wahl unter zwei guten und daurhaften Pferden lassen und ihm en regard seines gnadigsten Fursten eines davon um einen raisonnablen Preis zukommen lassen wollte. Kurz zu melden, Elbenstein kaufte eines von diesen Pferden mit Sattel und Zeuge, akkordierte zugleich mit dem Wirte, den er vorhero schon gekannt, dass er das Pferd mit Futter und Wartung wohl versehen sollte, also dass er selbiges alle Abend um neun Uhr gefuttert und gesattelt finden konnte.
Demnach blieb dieses Pferd aussen in der Vorstadt, in welche bis nachts zwolf Uhr man durch das Pfortgen kommen konnte. Als nun den folgenden Tag Elbenstein seine geliebte Grafin wie bishero bedienet hatte, berichtete er ihr unter gehorsamster Dankabstattung, wie er dero Befehlen schuldigst nachgekommen, bat sich aber dabei aus, ihm gnadigst zu erlauben, dass er in den Flecken, allwo sie ihre Residenz hatte, das erste Mal bei Tage kommen durfte, um des Orts Gelegenheit desto besser abzusehen, welches sie ihm denn auch sogleich verwilligte und mit ihm die Abrede nahm, dass er jedesmal nachts um zwolf Uhr bei ihr sein und bis fruh drei Uhr sich mit ihr divertieren sollte. Elbenstein versprach unter vielen feurigen Kussen, ihren Befehlen und Verlangen aufs allergenauste nachzuleben. Hierauf schlich er mit aller Behutsamkeit heraus auf die Galerie und von dar hinunter in die Kuche, von dannen, als er veranstaltet hatte, dass das gewohnliche Fruhstuck gleich nachgebracht werden mochte, er sich wieder ins Vorgemach begab und seiner angenehmen Grafin Herauskunft erwartete, welche kurz darauf die Tur eroffnete und ihn hineinzukommen ersuchte, worauf das Essen aufgesetzt ward, und als sie etwas Weniges davon genossen, begab sie sich, wie sie taglich zeit ihres Daseins zu tun pflegte, zur andern furstl. Herrschaft. Als nun der folgende Tag, welchen sie zur Abreise angesetzt, kaum angebrochen war, eilete Elbenstein zu seiner liebreichen Grafin, welche, sobald sie ihn gehoret im Vorgemache herumgehen, im blossen Schlafrocke heimlich zu ihm herauskam und ihn unter vielfaltigen Kussen andeutete, dass er auf die Galerie hinausgehen und achthaben sollte, wenn die Tur vom Schlafgemach aufgehen wurde, da er sich denn kuhnlich hineinbegeben mochte. Dieses geschahe etliche Minuten darauf, und das verliebte Letzen wurde mit solchen Handlungen verbracht, dass es die Venus selbst nicht verliebter hatte erdenken und ausfinden konnen.
Er musste ihr hierauf versprechen, noch diese kommende Nacht den Anfang seiner Liebesvisiten auf ihrem Schlosse zu machen, worzu sich eine gute Gelegenheit prasentierte. Denn weil die andere anwesende frembde furstl. Herrschaften dem Fursten zu D. versprechen mussen, nicht eher als nachmittags abzureisen, so musste die Grafin sich dieses gleichfalls gefallen lassen und ihren Abschied bis dahin aufschieben. Als aber endlich die samtlichen Frembden solches nachmittags um zwei Uhr taten, befahl der Furste dem von Elbenstein, die Grafin bis auf die Grenze, welches ein Dorf, eine Meile Wegs von D. gelegen war, zu begleiten, da er denn Gelegenheit hatte, Sr. Durchl. um gnadige Permission untertanigst zu ersuchen, dass er diese Nacht aussenbleiben mochte, weil er dem Herrn von S.A. als seinem guten Freunde einmal zuzusprechen schon vor etlichen Wochen zugesagt hatte. Als ihm nun solches erlaubt, befahl er seinem Knechte, dass er ein Billett zu dem Gastwirte vor dem Tore bringen, anbei mundlich sagen sollte, er mochte ihm doch den siebenburgischen Klopper, welchen er, der Wirt, von dem Rittmeister M. gekauft hatte, mit Sattel und Zeug zuschicken, indem er ihn nur probieren und morgen zuruckschicken wollte. Der Inhalt des Briefes aber war dieser, dass der Wirt dem Knechte nicht sagen sollte, dass das Pferd Elbensteinen zu eigen gehorete, sondern vorzugeben, dass er, der Wirt, selbiges vor sich erhandelt hatte. Als nun Elbenstein dem erteilten gnadigsten Befehle zu untertanigster Folge die Grafin bis an den bestimmten Ort begleitet hatte, beurlaubte er sich mit gebuhrender Reverenz von derselben, nachdem sie aber mit ihrer eigenen Suite fortgefahren, setzte er sich auf den Siebenburger, dem Knechte aber befahl er, mit dem andern zwei Pferden wieder nach der Stadt zuruckzureuten und morgen seiner Zuruckkunft zu erwarten.
Er nahm seinen Weg seitwarts nach dem Holze zu, wandte sich aber, sobald ihm nur der Knecht aus dem Gesichte war, auf die nach der Grafin Schlosse gehende Strasse und folgte ihrer Kutsche immer, jedoch ganz von weiten nach, blieb auch im Holze so lange halten, bis er selbige nicht mehr sehen konnte, alsdenn ritt er Schritt vor Schritt nach dem nachsten vor dem Holze liegenden Dorfe, stieg daselbst in dem Wirtshause ab und verzohe so lange, bis die Sonne untergehen wollte, alsdenn eilete er vollends an den Ort, wo sein angenehmer Leitstern befindlich war, und gelangete in der Dammerung in dem bei dem Schlosse liegenden Flecken an. Weil er aber nicht wusste, wo der grafl. Leibkutscher seine Wohnung hatte, so ging er selbsten, nachdem er sein Pferd in einen Gasthof eingestallet, heraus auf die Gasse, fragte aber weder den Wirt noch dessen Leute, wo selbiger wohnete, sondern als er etliche Hauser von dem Gasthofe hinweg war, erkundigte er sich bei einer ihm begegnenden Magd und gab derselben ein Trinkgeld, dass sie ihn zurechte wiese. Es fugte sich eben, dass der Leibkutscher vom Schlosse kam, welcher ihn denn mit grossen Freuden empfing und seine Frau alsobald zur Grafin schickte, um derselben Elbensteins Ankunft melden zu lassen. Diese kam nach Verlauf einer halben Stunde zuruck und brachte in einem Korbe etliche Schusseln mit den delikatesten Essen, auch eine grosse Bouteille, die mit dem besten Moseler Weine angefullet war, mit sich, berichtete anbei, dass die Grafin des Herrn von Elbensteins Zuspruch diese Nacht um zwolf Uhr erwartete.
Weiln es nun ziemlich dunkel zu werden begonnte und der Mond nur ein wenig schien, so kehrete Elbenstein, ehe er etwas von Speisen zu sich genommen, zuruck nach dem Gasthofe, bezahlete daselbst das Pferdefutter und Stallgeld, und unter dem Vorwande, dass er, weil der Mond aufginge, seine Reise weiter fortsetzen wollte, setzte er sich auf und ritte seines Weges. Der Wirt wurde uber diesen kurzen Zuspruch ziemlich verdrusslich, indem er sich schon Hoffnung gemacht, einen Taler oder wenigstens einen Gulden von diesem Passagier zu erobern, da es aber solchergestalt nur etliche Kreuzer waren, schmiss er die Tur hinter ihm mit der grossten Ungestumigkeit zu. Elbenstein hingegen verfugte sich zum Leibkutscher, allwo er nebst ihm und seiner Frau, die auch nicht hasslich war, die uberbrachten Speisen und den Mosler Wein auf Gesundheit der gnadigen Frau Grafin vergnugt verzehreten und die bestimmte Zeit erwarteten.
Wie es nun endlich auf dem Schlosse dreiviertel auf zwolf geschlagen, traten beide, sowohl der Galan als der Kutscher, ihre Nachtreise an, und fuhrete ihn dieser durch einen Zwinger, worinnen die Grafin zu ihrer Lust Hasen und Kaninichen hatte, nach dem sogenannten untern Turme, durch eine von hohen Rustern gemachte Allee, dessen Ture er mit einem Kapital-Schlussel in moglichster Stille aufschloss und Elbensteinen etliche Stufen hinauf in ein sauber meubliertes Zimmer brachte, welches auf zweien Seiten Turen hatte.
In diesem Zimmer stund ein schones, auf franzosische Art gemachtes Bette und nicht weit davon eine kleine Ovaltafel, auf welcher etliche Schalen mit allerhand Confituren stunden. Auf einem andern Tischgen zeigten sich zwei Bouteillen, davon die eine mit Alikantenwein und die andere mit Limonade angefullet war. Der alte Kutscher fragte, was Ihro Gnaden zu trinken beliebten, da denn Elbenstein die Limonade erwahlete und etwas von gebrannten Mandeln darzu ass. Mittlerweile hatte die Glocke zwolf geschlagen, derowegen kam bald hernach die Liebesgottin in einem grunen, mit goldenen Blumen durchwirkten Schlafhabite hineingetreten. Der weite Ausschnitt des Kleides liess eine wohlproportionierte Brust sehen, die so weiss war als ein gefallener Schnee. Der Leibkutscher retirierte sich alsofort durch die andere Tur aus dem Zimmer, worauf denn unter diesen beiden Verliebten eine solche voluptueuse Unterhaltung passierte, dass man Bedenken tragt, selbige zu referieren, um unschuldige Seelen nicht zu argern.
Man meldet demnach nur mit wenigen, dass Elbenstein diese Liebesvisiten, sooft es das Wetter und seine herrschaftl. Bedienung (indem er der Reihe nach wochentlich einen Tag und eine Nacht auf dem Schlosse bleiben musste) verstatteten, fast taglich kontinuieret, und ob er gleich diesen Weg, welcher beinahe zwei Meilen, mehrenteils in weniger als zwei Stunden mit seinem fluchtigen Klopper reuten konnte, zumalen, wenn er den nachsten Weg durch den Wald nahm, so erwahlete er doch lieber, den Hinweg ausserhalb des Holzes auf die nahe aneinander liegenden Dorfer zu reuten, als sich in der Finsternus durch den ungeheuren Wald zu wagen und sich ein oder andern Gefahrlichkeiten mutwillig zu exponieren, zumalen wenn kein Mondenschein war. Den Ruckweg hingegen, weil es alsdenn gegen den Tag ging, pflegte er gemeiniglich durch den Wald zu nehmen.
Es hatte nun dieses mehr auf Elbensteins als der verliebten Grafin Seite untugendhafte Beginnen (indem dieser die seiner getreu bestandigen und ihn wie ihre eigene Seele liebenden Freiin von L. geschworne Treue so freventlich und gewissenlose violiert und gebrochen) vom 12. Jun. bis 4. Aug. (etliche wenige Tage wegen eingefallenen Regenwetters und seiner Bedienung wegen ausgenommen) gewahret, er wurde aber in Erwagung solcher allzustarken Strapazen dergestalt merode, dass wegen seiner blassen Farbe und Magerkeit die liebe Fraulein von L. hochst bekummert ward und zum oftern Tranen dieserwegen vergoss, indem sie sich einbildete, dass ihrem so herzlich geliebten Elbenstein eine gefahrliche Krankheit anwandelte, allein er wusste sich bald mit diesem bald mit jenem gehabten Chagrin zu exkusieren und sie zu trosten, dass er vermittelst stiller Ruhe und dem Gebrauch bewahrter Arzeneien bald seine vorige Farbe und Fleisch wiederbekommen wolle.
Endlich liess ihm der uber seine Ausschweifungen erzurnte Gott eines Morgens auf seiner frevelhaften und sundlichen Ruckreise sehen und horen, indem ihm am bemeldten 4. Aug. ein entsetzliches Donnerwetter uberfiel. Es turmete sich dieses, als er noch lange nicht die Halfte des Waldes passiert war, unter entsetzlichen Blitzen und heftigen Donnerschlagen, auch einem grausamen Platzregen dergestalt auf, dass, ob er gleich nach aller Moglichkeit eilete, er dennoch das jenseit des Holzes gelegene Dorf nicht erlangen konnte, sondern durch und durch nass ward, hiernachst ward er in das ausserste Schrecken gesetzt, da immer ein Blitz und grausamer Donnerschlag auf den andern erfolgte, ja seine Besturzung und Angst vermehrte sich noch weit grosser, da, sooft ein Blitz geschahe, sein Pferd mit ihm niederfiel und nachmals mit entsetzlichen rasenden Kapriolen wieder aufsprunge. Hierbei ist nun leichtlich zu ermessen, in was vor einem elenden Zustande sich Elbenstein damals musse befunden haben, indem nicht allein der Leib durch den kalten Regen und seines Pferdes Wildigkeit heftig inkommodiert war, sondern auch sein aufwachendes Gewissen und die greulichen Blitze und Donnerschlage seine Seele und Gemute mit rechter Hollenangst besturmeten.
Als er nun in solcher Angst und Not fast an das Ende des Waldes gelanget war, auch das nachste Dorf bereits sehen konnte, geschahe ein solcher entsetzlicher Schlag in eine etwa 50 Schritte vor ihm am Wege stehende grosse Eiche, dass die Splittern und Aste herumflogen und das von dem schwefeligen Dampfe und starken Donnerschlage vollends ganz unbandig gewordene Pferd fast nicht mehr zu erhalten war, sondern weil es weder Zaum noch Gebiss mehr fuhlen wollte, in grosster Rage mit ihm querfeldein lief. In dieser Verwirrung fiel ihm der Hut vom Kopfe, jedoch endlich gelangete er als ein halb Erstorbener in dem Dorfe an und dankte dem Himmel, dass das Pferd, als es ins Dorf kam, von seiner Wildigkeit etwas nachliess und etwas ruhiger wurde. Er stieg demnach vor dem Wirtshause ganz entkraftet ab, und weilen das Gewitter meistens vorbei war, indem sich das erschrockliche Donnern nur noch von weiten horen liess, gab er einem Bauren ein Trinkgeld, welcher den Weg nach dem Walde zu ging und ihm nach Verlauf einer Stunde seinen Hut wieder zuruckbrachte. Die gutherzigen Leute hingen seine Kleider an den Ofen, und der Priester des Orts, als ervernahm, dass Elbenstein ein Bedienter seines gnadigsten Landesherrn ware, schickte ihm weisse Wasche, Schlafrock und Pantoffeln. Als er sich nun in der Oberstube alleine befand, fiel er auf seine Knie und dankte Gott unter Vergiessung haufiger Busstranen, dass er ihn, wie er mit seinem bisherigen ruchlosen Leben wohl verdient hatte, nicht nach seiner Gerechtigkeit gestraft und wohl gar aus dem Lande der Lebendigen hinweggerissen. Er tat nachmals ein Gelubde, diese und dergleichen Missetaten fernerhin nicht weiter zu begehen, wie er denn auch, nachdem er nach Hause gekommen war, ein paar Tage darauf zur Beichte und heil. Abendmahle ging.
Durch diesen Zufall endigte sich auf einmal die strafbare Liebeswallfahrt, und Elbenstein wurde nicht wenig erfreuet, da ihm einige Tage hernach der Grafin Leibkutscher als ein dieserwegen abgeschickter Expresser die Nachricht erteilete, wie nehmlich den Tag nach seiner letztern Visite sich ein gewisser Graf bei seiner gnadigen Grafin als ein Freier melden lassen, worauf die Ehestiftung sogleich gemacht worden und das Beilager in 14 Tagen vollzogen werden sollte. Im ubrigen uberbrachte dieser Liebes-Ambassadeur an Elbensteinen von der Grafin einen gnadigen Gruss und zugleich den schriftlichen Abschied des Inhalts, dass er hinfuro seine Messures anders nehmen und sich ihrentwegen nicht ferner bemuhen mochte. Er hatte zwar seine Reise- und Liebesbemuhungen erstlich durch den siebenburgischen Klepper, hernach mit einem stark bordierten Kleide, einer goldenen englischen Uhr, einem kostbaren Ringe, ihrem mit Diamanten besetzten Portrat, einem silbernen Degen, vortrefflich schoner Wasche von hollandischer Leinewand und brabandischen Spitzen, sodann auch noch mit einer Goldbeurse von 200 spec. Dukaten zieml. vergolten bekommen; doch alles dieses war kein Aquivalent gegen den Schaden, den er sich an seinem Leibe und Gewissen zugezogen hatte, indem er seine Gesundheit geschwacht und die seiner getreuen L. geschworene eheliche Treue so liederlich gebrochen hatte. Unterdessen, da sich diese Liebesintrigue geendiget, machte er Psalter, und unter andern ist auch folgende Arie, welche er auf seine nachtliche Liebesvisiten und Buhlschaft eingerichtet, nicht zu vergessen.
1
Komm, stille Nacht, mit deinem holden Schatten,
Verhulle doch der Sonnen Angesicht,
Verweile nicht!
Die Sehnsucht will mein Herze ganz ermatten,
Drum tritt mit dem Flor
2
Du nur allein bist's, der ich's darf vertrauen,
Warum mein Herz so sehnend seufzt und achzt,
Warum es lechzt.
Bei Tage darf ich meinen Schatz nicht schauen,
Weil die Behutsamkeit
Es hart verbeut.
3
Lasst meine Glut sich denn nicht anders stillen,
Beim Tageslicht mein englisch Tausendschon
Recht anzusehn?
So will ich mich in deinen Flor verhullen
Und loschen unerkannt
Den Liebesbrand.
4
Vergnuge mich mit deinen braunen Schatten,
Bei dir allein vertreibt man seine Zeit
In Sussigkeit.
Der Venus Zoll ist leichter abzustatten,
Man darf bei dir nichts scheun
Noch blode sein.
5
Bei Nachte wird das feuergleiche Funkeln
Vom edlen Stein und hellen Diamant
Weit mehr erkannt;
Es kusset sich viel zartlicher im Dunkeln,
Die Wollust trifft das Ziel
Durch das Gefuhl.
6
Ich bin vergnugt, wenn statt der schonsten Rosen
Nur stets vor mich die Nachtviole bluht,
Und bin bemuht,
Die Venus stets, auch schlafend lieb zu kosen,
So labet meine Brust
Sich stets mit Lust.
Jedoch von nun an schlug sich Elbenstein die unordentlichen Liebesgrillen aus den Gedanken und wandte nunmehro alle seine Liebe und Treue einzig und allein der tugendhaften Fraulein von L. zu, brachte auch das, was er bishero gegen sie missgehandelt, durch unverfalschte Karessen, wenigstens seinen Gedanken nach, alles wieder ein. Unterdessen, wie sehr sie ihn auch bat, so konnte sie doch von ihm nicht die eigentliche Ursach seines Malheurs erfahren, indem er taglich blasser u. magerer wurde, sondern er gab nur dieses vor, dass die derzeitige ungemein grosse Hitze schuld daran ware, indem er hierbei nicht den geringsten Appetit zum Essen empfande, auch sehr wenig schlafen konnte; er hoffe aber, sobald die grosse Hitze vorbei und die Nachte kuhler zu werden beginneten, seine vollkommene Gesundheit wiederzuerlangen. Mittlerweile ruckte der Tag Egidii herbei, welcher die samtliche furstliche Herrschaft veranlassete, sich nach M. zu verfugen und die Brunftzeit uber sich daselbst zu divertieren. Wie nun Elbenstein nebst der meisten Hofstatt mit dahin zu gehen beordert war, so hatte er die beste Gelegenheit, mit seiner herzlich geliebten L. im vollkommensten Vergnugen zu leben, und diese brachte es bei ihrer Furstin so weit, dass dieselbe bei ihrem Gemahle vor Elbensteinen die Oberamtmannsstelle zu BW. auswurkte. Sobald man aber wieder in der Residenz angelanget, sollte ihre Vermahlung vor sich gehen, damit Elbenstein mit seiner Gemahlin das Amt an selbigen Orte beziehen konnte.
Es ist nicht zu beschreiben, wie hochst vergnugt damals dieses verliebte Paar lebte und sich taglich die angenehmsten Ideen von ihrem kunftigen Ehestande und Hauswesen machte. Aber die guten Kinder mussten gar bald erfahren, dass nichts leichter verschwindet als der Menschen susse Einbildungen und vermeintliches Vergnugen, ja es traf wohl recht das italianische Sprichwort ein: Gli diletti humani son un sogno. Die menschliche Ergotzlichkeit ist ein Traum.
Denn es kam zu Ende des Septembr. der Kammerjunker Z., welcher sich in Elsass etliche Wochen auf seinen Gutern aufgehalten, nachts um zwolf Uhr mit einer Extrapost an und brachte die unangenehme Zeitung, dass die franzosische Armee in voller Bewegung ware, um noch vor Eintritt des Winters die Festung Philippsburg zu belagern und zu erobern.
Dieses war ein harter Donnerschlag, durch welchen sowohl des Fursten bisheriger florisanter Zustand als auch Elbensteins susse Hoffnung, am D.-Hofe sein vollkommenes Gluck zu machen, auf einmal in starken Verfall kam. Man brach, sobald der Himmel grauete, in grosster Besturzung und Konfusion von M. auf, und sobald man zu D. angelanget, wurden nebst dem Silbergeschirre alle Kostbarkeiten eingepackt und in die Schweiz nach Basel geschafft. Drei Tage hernach wurde Elbensteinen nebst verschiedenen andern Kavaliers und Bedienten der Abschied bis auf bessere Zeiten durch den Baron von C. erteilet, welches sowohl dem Fursten als den Abgedankten beinahe Tranen auspressete. Das schmerzliche Scheiden Elbensteins von seiner herzl. geliebten Fraul. von L. war dergestalt jammerlich, dass auch die unempfindlichsten Gemuter solches ohne Mitleiden nicht ansehen konnten. Da nun aber taglich Zeitungen einliefen, dass sich die franzosische Armee der importanten Festung Philippsburg immer mehr naherte, so sahe sich Elbenstein endlich genotiget, um der Gefahr und Plunderung zu entgehen, seine Retirade uber den Nekkar nach Schorrendorf, einer wurttembergischen Festung zu nehmen, weswegen er sich zu seiner Abreise schickte, zuvor aber, ehe er den Ort verliess, wo seine andere Seele zuruckbliebe, handigte er derselben folgende Reimzeilen ein: Ein kummervolles Herz, betrante Augenlider, Ein zwar verliebt, doch auch recht hochst betrubter
Sinn,
Ein Korper, der vor Schmerz und Jammer sinkt
darnieder,
Fallt jetzt, mein Engelskind, zu deinen Fussen hin. Mein Schreiben zeigt dir an: Ich soll von hinnen
ziehen.
Ach hartes Donnerwort! das mir das Schicksal
spricht,
Es soll dem Ansehn nach mein Gluck und Wohl
verbluhen,
Die Hoffnungsstutze fallt. Ich leb und lebe nicht. Mein banges Herze schwebt in grossen
Kummerwellen,
Es soll mein Liebesschiff durchaus zu Grunde
gehn,
Das Sturmen ist zu stark; bei diesen Unglucksfallen Kann nur allein die Treu auf festen Fusse stehn. Mein sonst vergnugter Geist, die freudenvollen Augen Sehn dieses sehnend an, was ich bisher geliebt, Sie baden sich mit Schmerz in bittrer Tranen Laugen, Kurz! Auge, Seel und Herz sind bis in Tod betrubt. Dem blassen Munde will es nun an Worten fehlen, Ein immerwahrend Ach! vergrabt sich selbst in
sich.
Mein Elend kann ich dir ausfuhrlich nicht erzahlen, Denn alle meine Kraft, ach! die verlasset mich. Drum schreibt die matte Hand in Angsten diese
Worte:
Zu tausendmal Adieu! mein Trost, mein ander Ich, Bin ich dem Leibe nach gleich am entfernten Orte, So denkt mein Herze doch bestandig nur an dich. Nachdem nun der betrubte und verliebte Elbenstein seine Reise angetreten hatte und zu Pforzheim angelanget war, wurde ihm von guten Leuten geraten, dass, wenn er folgenden Tages den Wald passieren wurde, allwo sich etliche 1000 Bauren zusammen rottieret, um den daherum streifenden franzosischen Parteien aufzupassen, er den rechten Flugel vom Mantel zuruckschlagen sollte, weil dieses das Wahrzeichen oder Losung, dass man Freund ware. Diesem Rate folgte Elbenstein zwar, er war aber kaum dieser Gefahr entgangen, so erblickte er, als er zu Cannstatt uber den Neckar zu passieren willens und kaum noch etliche 100 Schritte von der Brucke war, eine gewaltige Menge Soldaten auf derselben. Indem er sich nun nicht getrauete, weiter fort zu reuten und sich in Gefahr zu sturzen, nahm er den Weg zur rechten Hand, behielt aber den Neckar bestandig im Gesichte.
Als er nun uber eine gute Stunde also fortgeritten, traf er einen Bauer an, welchen er sogleich fragte, ob er ihn nicht berichten konnte, was vor Volker in Cannstatt eingeruckt waren, worauf der Bauer zur Antwort gab, dass diesen Morgen um vier Uhr zwei Regimenter franzosischer Dragoner sich daselbst einlogiert hatten und bei den Burgern auf Diskretion lebten. Hierauf forschete Elbenstein weiter, wo er wohl den Neckar am sichersten passieren konnte, da denn der Bauer, weil er ihn vielleicht vor einen furstl. wurttembergischen Bedienten hielt, sich erbot, ihn gegen ein Trinkgeld durch den Neckar und weiter auf den nachsten Weg nach Schorrendorf zu bringen. Elbenstein gab ihm sogleich einen Gulden, und der Bauer setzte sich auf das Handpferd, welches Elbensteins Diener fuhrete, brachte ihn nicht allein glucklich durch den Strom, sondern auch auf einen nach Schorrendorf gehenden nahern Weg, als die ordinare Landstrasse war, dass er also halb vier Uhr nachmittags in dieser Festung glucklich anlangete, von dannen brach er mit dem fruhesten wieder auf, futterte mittags in Schwabisch-Gemund und gelangete abends spate in Dunckelspiel an. Von dar setzte er seine Reise weiter fort auf Anspach, allwo ihm von den beiden Prinzen, denen Herren Marggrafen daselbst, als er einige von dero Prinzessin-Schwester mitgegebene Briefe uberantwortete, die zwei Tage, als er daselbst verharrete, viel Gnade und Ehre erzeiget ward. Hierauf nahm er seinen Weg nach Bayreuth, woselbst er bei der Frau Marggrafin gleichfalls einige Schreiben uberlieferte und auf gnadigsten Befehl des Herrn Marggrafens Hochfurstl. Durchl. etliche Tage verbliebe, endlich aber uber Nurnberg nach C. und so ferner auf M. ging, allwo er gleichfalls die von seiner gnadigsten Herrschaft anvertraute Schreiben insinuierte und den andern Tag auf die in demselben enthaltene Rekommendation von der Herzogin zu ihrem Kammerjunker angenommen ward.
Je retireer er sich nun daselbst sowohl bei Hofe als in der Stadt bei dem Frauenzimmer auffuhrete, indem ihm seine geliebte L. bestandig im Sinne lag, je mehr fanden sich Leute, die ihn auf eine recht verschmitzte Art folgende Gedanken in den Kopf setzten: Du suchest zwar (waren seine Grillen) der Fraulein von L. getreu und bestandig zu verbleiben, bist du aber von derselben auch dergleichen versichert? Deine Charge, die du voritzo bekleidest, ist nicht suffizient, eine Frau standesmassig zu ernahren; konntest oder wolltest du ihr also wohl verargen, dass, wenn sich bei solchen hal[b]wege eine avantageuse Gelegenheit vor sie ereignen sollte, sie anderes Sinnes wurde, ihre Zusage aufhube und widerrufte? Wer weiss, ob sie noch so getreu und bestandig ist, als du dir einbildest und schmeichelst? Vielleicht hat sie in dieser Minute etwa mit einem galanten Kavalier ein angenehmes Gesprache, trifft also wohl das Sprichwort bei ihr ein: Aus den Augen, aus dem Sinne. Solche und dergleichen Gedanken, welche zugleich von einer Eifersucht begleitet wurden, setzten den armen Elbenstein in solche heimliche Unruhe und Bekummernis, dass, wo er auch nur war, er sein heimliches Anliegen nicht so wohl verbergen konnte, dass man es nicht einigermassen an ihm hatte merken sollen, dannenhero eines Tages, als er nebst andern Kavaliers und Dames zur Baronne von D.T. auf eine Abendmahlzeit invitiert worden, die eine Kammerfraulein von R. ihn auf eine besondere anmutige Art fragte, was doch immermehr schuld daran ware, dass er niemals recht aufgeraumt zu sein schiene, sie wunschte so glucklich zu werden, etwas zu seinem Contentement beitragen zu konnen. Hiernachst wollte sie ihm im Vertrauen eroffnen, wie ihre gnadigste Herzogin schon vor einigen Tagen erwahnet, wie sie an ihm ein besonderes Anliegen verspurete und darbei gesagt hatte, ihr Kammerjunker musse entweder an dem Orte, wo er in Diensten gestanden, etwas Liebes zuruckgelassen oder allhier etwas haben, so ihn charmierte, oder aber mit der Gage nicht zufrieden sein. Anbei hatten Ihro Durchl. sich noch gnadigst verlauten lassen, dass seine guten Qualitaten wohl meritierten, dass ihm in den letztern zwei Punkten geholfen wurde.
Elbenstein fand sich uber dieses Gesprach einigermassen betroffen, jedoch rekolligierte er sich alsobald und gab vor, dass nicht allein sein Temperament dergleichen douce Auffuhrung mit sich brachte, sondern er hatte sich auch auf der letztern beschwerlichen Reise dergestalt strapaziert, dass er sich noch bis dato nicht vollkommen rekolligieren konnen. Da man ihn aber in andern Verdacht ziehen wollte, so konne er das gnadige Fraulein mit gehorsamsten Respekt versichern, wie er versichert ware, dass, wenn eines von Ihro Durchl. erwahnten Stucken an seiner Auffuhrung schuld sein sollte, sowohl das gnadigste Erbieten Ihro Hochfurstl. Durchl. als auch der gnadigen Fraulein gutiger Wunsch capable sein wurden, ihn in vollkommene Zufriedenheit zu setzen. Weilen er aber aller dreier Stucke halber sich unschuldig befande, so wollte er sich befleissigen, durch Gebrauch dienlicher Mittel sein Temperament zu korrigieren und sich ein munterer Wesen anzugewohnen. Mittlerweile wurden die Speisen aufgesetzt, und kam er zwischen der Baronne von D.T. und ihrer Fraulein Tochter an der Tafel zu sitzen.
Diese war eine sonderbare Liebhaberin der deutschen Poesie, liess sich also mit Elbensteinen dieserhalb in einen Diskurs ein, und da sie bemerkte, dass er ebenfalls ein starker Liebhaber davon ware, indem er sehr wohl davon zu raisonieren wusste, so ersuchte sie ihn, ihr etwas von seinen poetischen Sachen zu kommunizieren, auch ihr ofters die Ehre seines Zuspruchs zu gonnen. Er machte dieserwegen ein verbindliches Kompliment und gab zu vernehmen, wie er es vor eine besondere Gluckseligkeit schatzen wurde, dero Befehlen ein Genuge zu leisten und bei solcher kostbaren Gelegenheit von ihrer unvergleichlichen Wissenschaft in diesem Scibili zu profitieren, anbei uberlieferte er ihr einige Reime, die er selbiges Tages aus dem Franzosischen ins Deutsche ubersetzt hatte und also lauten:
1
Erdrucke mich doch nur, du grasses Ungelucke, Erzurnter Himmel, tote mich, Zermalme mich nur jammerlich, Es ist doch auf der Welt nichts mehr, das mich
erquicke.
Die Menge meiner Qual und Pein Reisst mir Vernunft und Sinnen ein,
2
Ich weiss ja gar nichts mehr von Lachen, Lust und
Freuden,
Der Gram ergotzt mich nur allein, Der Kummer ist mein Sonnenschein, Mein mattes Herze fuhlt ein immerwahrend Leiden, Weil alles mich zu fallen tracht. Ich sehe nichts als lauter Nacht, Da alles wettert, blitzt und kracht.
3
Es wuten immerzu die ungestumen Wellen Und werfen mich bald her, bald hin. Ach Grab! nach dir verlangt mein Sinn, Du kannst den muden Leib allein zufriedenstellen, Wenn er in dir so sanfte ruht, Befreit von aller Ungluckswut, Von Sturme, Wetter, Flut und Glut.
4
Gewiss, ich gleiche recht dem sonst so stillen Meere, Das dennoch bald ein Sturm bewegt, Bis dass es grosse Wellen schlagt; Da es doch vor sich selbst wohl gerne ruhig ware,
Indem die Last bald steigt, bald fallt
Und lauter Wut vor Augen stellt.
5
Ich mag, wohin ich will, mich kehren oder wenden, So kann ich keine Rettung sehn, Mein Schiffgen muss noch untergehn, Indem kein Hafen da, allwo es konnte landen; Mein Schiff, das ohne Segel schwebt, Stets schlenkert, stauchet, zittert, bebt, Bis es sich in die Flut vergrabt.
6
Drum fliesst nur immer, fliesst, ihr heissen
Jammerzahren,
Ihr Augen, zollt die Tranenflut So lange, bis mein Herz und Mut Euch weder Saft noch Kraft noch Nahrung kann
gewahren;
Das falsche Gluck verfolget mich, Die Hoffnung selbst verlieret sich, Drum komm, o Tod! ich bitte dich. Die Baronne, ihre Frau Mutter, welche diese Ubersetzung zugleich mit durchlesen hatte, sagte lachlend: "Ich hatte nicht gemeint, dass sich der Herr von Elbenstein die Muhe geben konnen, etwas so Trauriges und Grassliches zu ubersetzen; jedoch da ihm die Version in einer so traurigen Materie dergestalt wohl geraten, ware ich curieus, etwas Lustigers oder Verliebtes zu sehn." Elbenstein versetzte, dass eben dieser Autor etwas, so von einer verliebten Sehnsucht handelte, geschrieben, welches er ebenfalls vertiert hatte, und wenn Ihro Gn. es gutigst erlauben wollten, sollte sein Diener sogleich solches aus seinem Logis holen. Hierum ersuchten ihn nun nicht allein die Baronne nebst ihrem Fraulein, sondern auch die ganze Compagnie, indem sie vorgaben, dass der Inhalt nicht anders als charmant sein konne. Wie nun das Blatt gebracht worden, bat die Gesellschaft den von Elbenstein, es ohnbeschwert selbsten abzulesen, der sich zwar willig darzu finden liess, jedoch vorhero nochmals versicherte, dass er von diesem Stuck nicht der Inventor ware, sondern das Original in franzosischer Sprache in der Liebes- und Lebensgeschicht des spanischen Kardinals Porto-Carero gefunden, als auf welchen der Autor diese Verse verfertiget hatte. Hierauf lase er folgendes her:
1
Liebreiche Nacht! anmutge Dunkelheit, Verzeuch doch nicht, die Schatten herzufuhren. Lass unter deinem Flore nicht mehr spuren; Ein Engel sucht vermittelst deiner Gunst Die susse Frucht vor sein und meine Brunst.
2
Mein Herze brennt, wie gross ist seine Pein? Es stirbet fast, der Angst ist nichts zu gleichen. Soll denn davor kein Trost zu finden sein? Ach Tageslicht! willst du nicht einmal weichen, Ei weich doch nur! du ungluckseligs Licht, Weil mir die Nacht mehr Sussigkeit verspricht.
3
Mein Engelskind! mein holdes Tausendschon! Was werd ich nicht vor sussen Nektar schmecken, Wird nicht mein Herz in vollen Freuden stehn, Wenn es dir darf sein Innerstes entdecken? Komm, schones Schwarz, vertreibe Tag und Licht, Mein schonstes Licht verlier ich dennoch nicht. Die Fraulein von R. sahe ihn hierauf mit einem so charmanten Blicke an, dass er ihre Regungen leicht erraten konnte, und die Fraulein von D.T. ersuchte ihn mit einer angenehmen Freiheit, dass er ihr von seinen eigenen Erfindungen doch etwas mochte sehen lassen, da ihm die Ubersetzung anderer so wohl geraten waren.
Elbenstein, den der delikate Wein und das artige Wesen der samtlichen Damen freier zu reden animierete, fragte mit einer schmeichlenden Art, von was vor einer Materie solche handeln, ob sie verliebt, lustig, traurig oder moralisch sein sollte. Die Fraul. von D.T. sahe ihn mit einer solchen Miene an, daraus er als ein erfahrener Practicus in Liebeshandeln schon ermessen konnte, wie seine Verse sollten eingerichtet sein; demnach sagte er etwas heimlich zu ihr: "Mein englisches Fraulein werden mir demnach erlauben, dass, wenn ich morgen meine Dichterei vornehmen werde, an Ihre anbetenswurdige Schonheit gedenken und solche zum Sujet meiner Poesie erkiesen darf. Ich flattiere mir, dass alsdenn die Einfalle und Penseen nicht anders als tendre und sinnreich sein werden, da das wunderschone Sujet voller Esprit und hochst liebenswurdig ist." "Ach!" gab hierauf das Fraulein zur Antwort, "der Herr von Elbenstein wird's wohl erfahren, dass, wenn er seine Gedanken auf die Betrachtung meiner schlechten Qualitaten wenden wird, wie schlecht und gezwungen seine Verse geraten werden. Jedoch", fuhr sie fort, indem sie ihm die Hand sanfte druckte, "will ich es gern geschehen lassen, auch mich glucklich schatzen, wenn so ein qualifizierter und galanter Kavalier sich meinetwegen bemuhen will, und die dafur schuldige Reconnaissance soll auf seiten meiner genau beobachtet werden." Da fing nun die seiner geliebten Fraulein von L. allein gewidmete Liebe und Treue allmahlich an zu wanken, ja als nach aufgehobener Tafel er mit der Fraul. von D.T. alleine reden konnte, machte er ihr so viel Karessen, dass das gute Fraul. seinen verliebten Anfallen nicht lange widerstehen konnte, sondern ihm sein Bitten gewahrete, welches darinnen bestund, dass sie ihm erlauben mochte, ihren schonen Mund zu kussen; dieserwegen wollte er sich hinaus auf den Saal in den Erker verfugen und ihrer gutigen Gewahrung seines inbrunstigen Wunsches daselbst im Dunkeln erwarten.
Es trug sich aber zu, dass ihre Frau Mutter sie zu sich rufte und mit ihr von ein und andern, so sie veranstalten sollte, uber Vermuten etwas lange redete. Mittlerweile ging die Fraul. von R., um sich etwas abzukuhlen, aus dem Gemache auf den Saal und an den Erker, allwo sich Elbenstein befand. Indem er nun diese vor das Fraulein von D.T. hielt, so umarmete und kussete er sie etlichemal aufs zartlichste, sagte hierauf: "Morgen wird mein schonster Engel erfahren, wie angenehme Penseen meine Verse in sich halten werden." Es ward ihm aber hierauf nicht geantwortet, vielmehr begab sich die Fraulein von R. eiligst von ihm hinweg, indem sie sich leicht einbilden konnte, dass diese Karessen einer andern zugedacht waren. Sie war auch kaum wieder bei der andern Gesellschaft angelanget, als sich die Fraulein von D.T. bei ihm einstellete und Elbensteinen um Vergebung bat, dass sie ihn so lange hatte warten lassen, zur Satisfaktion aber wegen des Verzugs wollte sie ihm dasjenige erstlich selbst geben, was sie sonsten von ihm erwarten wollen. Unter diesen Worten kussete sie ihn auf eine solche liebreizende Art, dass Elbenstein dadurch in die angenehmste Entzuckung geriet und nach vielen gewechselten Kussen sich noch mehrerer Freiheit gebrauchen wollte, uber welche unzeitige Verwegenheit aber sich das Fraul. von D.T. dergestalt alterierte, dass sie sich augenblicklich von ihm losriss und mit geschwinden Schritten eine Treppe hinunterlief. Wiewohl nun Elbenstein, als er wieder zur Compagnie kam, auch die Fraul. von D.T. bereits bei derselben wieder antraf, alle Gelegenheit suchte, seiner erzurnten Venus den begangenen Fehler oder Frevel abzubitten, so wollte sich selbige doch nicht fugen, und die Fraul. von D.T. fuhrete sich, solange die Compagnie noch beisammen blieb, dergestalt sprode und kaltsinnig auf, dass er auf einmal alle Hoffnung verlor, seine Loffelei fortzusetzen. Inmittelst war er desto neugieriger auszukundschaften, wer diejenige gewesen, so er zuerst vor der Fraulein von D.T. Ankunft gekusset, und seiner changanten Art nach schlug er sich die sprode und kaltsinnige Fraul. von D.T. sogleich aus dem Sinne, ergotzte sich hingegen in seinem Herzen uber den angenehmen Irrtum, der ihm begegnet war. Endlich mahnete die Uhr die samtliche Gesellschaft an, bei der Wohltaterin unter geziemender Danksagung sich zu beurlauben, dahero die Hofdames hierinnen den Anfang machten, und Elbenstein, als er die Fraul. von R. in den Wagen hub und um Vergebung bat, woferne er sich etwas zu frei aufgefuhrt hatte, bekam unter einem zartlichen Handedrucken ganz leise von derselben zur Antwort: "Ich bitte gleichzeitig um Verzeihung, dass ich mich etwas zu frei aufgefuhret und einer andern vorgefischt habe, jedoch ist es mir lieb, dass ich nunmehro nur weiss, dass der Herr von Elbenstein nicht so unempfindlich gegen das Frauenzimmer ist, als er sich bishero angestellet hat."
Er ging demnach, weil er nunmehro gewiss wusste, wer ihm den Liebespossen gespielet, mit vergnugten Gesichte zuruck in der Baronne Zimmer, um gleichfalls seinen Abschiedsreverenz zu machen, sobald auch solches geschehen, begab er sich nach seinem Quartiere, allwo er sich mit vergnugten Gedanken uber die den vergangenen Tag uber gehabten Liebesaventuren innigst ergotzte. Den darauffolgenden Morgen bekam er von seiner Herzogin Befehl, nach der Mittagstafel nach H. zu reuten und sie bei der daselbst regierenden Herzogin anzumelden, dahero, weil er lieber bei guter Zeit als zu spate in H. sein, auch seine Pferde nicht ubernehmen wollte, er in sein Logis zuruck ging und seinem Diener befahl, ihm etwas von Speisen, ob es gleich auch nur kalte Kuche ware, von dem furstl. Mundkoche zu langen.
Der Diener berichtete ihm bei seiner Zuruckkunft, dass die Fraulein von D.T. im Begriff ware, zu ihrer Frau Muhme, der Frau von B., nach Hh. zu fahren. Weil nun Elbenstein wusste, dass die Strasse dahin vor seinem Quartiere vorbeiginge, als setzte er sich mit seinem Essen an das aufgemachte Fenster, da denn kurze Zeit darauf die Fraulein von D.T. gefahren kam, und als sie den von Elbenstein, welcher ihr mit verstellten traurigen Gesichte die Reverenz machte, erblickte, nahm sie das an der Brust steckende und aus weissen Lilien und Jesmin bestehende Bouquet und schickte solches durch ihren Laquais dem von Elbenstein, nebst dem Vermelden, dass weil sie gestern von ihm erfahren und gemerkt hatte, wie er ein besonderer Liebhaber der Blumen, vornehmlich aber der Lilien sei, so wollte sie ihm hiermit von dergleichen ein Present machen, wunschte anbei so glucklich zu sein, ihn zu Hh. zu sehen und nur eine Viertelstunde mit ihm zu sprechen. Elbenstein liess nebst Vermeldung seines gehorsamsten Respekts der Fraulein zurucksagen, wie er verhoffte, sie in einer halben Stunde einzuholen und seinen gehorsamsten Dank vor das hochst angenehme Present personlich abzustatten.
Unterdessen hatte er zwar keine Zeit gehabt, die versprochenen Verse zu machen, zu allem Gluck aber fielen ihm etliche bei, die er schon vor einiger Zeit verfertiget, so aber niemand sonst bekannt waren. Er hielt davor, dass sie sich bei der jetzigen Aventure ebenfalls wohl anbringen liessen, schrieb sie derowegen neu ab, und lauteten dieselben also:
1
Ach, warum andert doch der Himmel meiner Liebe Nun auf einmal den heitern Freudenschein? Ach! welche Wolke macht ihn jetzt so plotzlich
trube?
Was muss doch wohl hieran die Ursach sein? Ich bin mir nichts Verdammliches bewusst, Kein Falschheitsgift beflecket meine Brust.
2
Mein Schiffgen ladet ja sonst keine andern Waren, Als die mir selbst die Liebe hat erlaubt. Von mir soll nimmermehr ein Sterblicher erfahren, Dass Geilheits Mumien ich je geraubt; Gleichwohl straft mich die Liebe solchen gleich, Die ihren Fuss gesetzt ins Lasterreich.
3
So musst du denn nunmehr, mein armes Herze,
stranden
Auf Klippen, die ein kalter Sinn gemacht. Kein Hoffnungsanker ist vor dieses Mal vorhanden, Ein Liebessturm hat dich in Not gebracht, Ist's nicht zu scharf? der Venus strenge Wut Benimmt mir jetzt Trost, Freude, Lust und Mut.
4
Nun denn mein Geist! bleib nur auf deinen
Trauerklippen,
Da deine Lust im wilden Meere schwimmt, Bis deine Gottin dich mit trostungsvollen Lippen Besanftigt und in ihren Schoss aufnimmt, Denn klage ihr bei wiederholtem Kuss, Wie Redlichkeit unschuldig leiden muss. Inzwischen nun, da die Pferde fertig gemacht wurden, kleidete er sich propre an, sobald er aber vor die Stadt kam und der Fraulein Wagen annoch erblickte, folgte er demselben in vollen Galopp, welchen er endlich nach Verlauf einer halben Stunde einholete, weil die Fraulein dem Kutscher unter dem Vorwande, dass sie ein wenig schlafen wollte, langsam zu fahren befohlen hatte. Der Laquais, welcher Elbensteinen gleich erkannte, meldete solches der Fraulein alsobald an, woruber sie in ihrem Herzen eine ungemeine Freude empfand. Als nun Elbenstein nach abgelegten Kompliment derselben die Verse zum Wagen hineingereicht und sie solche gelesen hatte, ersuchte sie ihn, dass er belieben mochte, ihr bis nach Hh. das Geleite zu geben, auch, um die Zeit mit angenehmen Gesprachen zu vertreiben, sich zu ihr in den Wagen zu setzen. Dieser liess sich nicht zweimal notigen, sondern stieg vom Pferde ab, gab solches seinem Diener an die Hand und setzte sich zur Fraulein in den Wagen, deren erste Worte waren: "Ihre Verse, mein wertester Herr von Elbenstein, haben vollige Approbation bei mir gefunden; davor sollen Sie auch die Erlaubnis haben, auf die in Ihrer Ode beschriebene Art mir Ihre Not zu klagen", mit welchen Worten sie ihren Arm ganz entzuckt um ihn herum schlug und ihren Kopf an seine Brust legte.
Die darauf erfolgte verliebte Tandeleien, so sie miteinander vornahmen, sind unnotig zu beschreiben, sondern man will nur melden, dass Elbenstein der Fraulein versprechen mussen, diesen Abend noch von H. zuruckzukehren und die Nacht uber bei ihrer Frau Muhme und Herrn Vetter zu verbleiben, welches er ihr unter vielen Tenderkussen versprach, auch um desto eher wieder aufbrechen zu konnen, vor Hh. sich wieder zu Pferde setzte und den nachsten Weg nach H. nahm, allwo die dasige Herzogin an seine Prinzipalin wieder zuruckschrieb und selbige ersuchte, ihr ohnmassgeblich ubermorgen auf dem halben Wege zu T. die Ehre ihres hochst angenehmen Zuspruchs zu gonnen und ihre Reise also zu veranstalten, dass sie im Mittage daselbst eintreffen konnte. Ebendieses sagte sie Elbensteinen auch, mahnete ihn zugleich an, dass er den Aufbruch von M. also ordinieren mochte, damit sie mittags in gemeldten Orte sein konnten, welches denn leichtlich moglich zu machen, indem beide Orter nur drei Stunden voneinander lagen. Indem nun Elbenstein solchergestalt seine Abfertigung erhalten, auch seine Pferde unter der Zeit wohl gefuttert waren, und ihm von den Herren Kavalieren etliche Glaser Wein waren zugetrunken worden, weiln er allen andern Traktamenten depreziert hatte, nahm er seine Ruckreise wieder nach Hh., schickte aber aus einem eine Stunde von Hh. gelegenen Dorfe einen sichern Expressen mit der Herzogin von H. Schreiben an seine Prinzipalin nach M. und berichtete anbei, dass ihm eine plotzliche Unpasslichkeit unterweges zugestossen, welches Ursach ware, dass er das von der Herzogin zu H. Hochfurstl. Durchl. ihm anvertraute Schreiben nicht selbst gehorsamst uberreichen konnen, sondern unterwegs bleiben mussen; jedoch weil es nur ein Anstoss von der Colica, hoffe er morgen mittags in M. zu sein und seine untertanigste Relation mundlich abzustatten. Hiermit befahl er dem Boten, soviel als moglich zu eilen, damit die Herzogin die Briefe noch zu lesen bekame, ehe sie zur Ruhe ginge, er aber eilete, sobald der Bote fort war, ebenfalls so schnell als moglich nach Hh. zu, allwo er mit Untergang der Sonnen anlangete und sowohl von dem Herrn B. als dessen Gemahlin sehr hoflich empfangen ward.
Weiln nun der Obristlieutnant von R. und seine Gemahlin, ingleichen zwei Fraul. von R. und zwei junge Kavaliers des Geschlechts von K. bereits daselbst eingesprochen, so hatte Elbenstein mittlerweile, da diese Gaste in dem daranliegenden Garten die Abendmahlzeit bei der angenehmen Abendluft in einer wohlangelegten Grotte einnehmen wollten, Gelegenheit, die schone Fraul. von D.T., wiewohl auf eine sehr kurze Zeit, in ihrem Gemache zu sprechen, da sie denn viele Kusse wechselten, worbei das Fraulein immer die zwei letztern Zeilen aus seiner von ihm empfangenen Ode wiederholete: Da klage ihr bei wiederholten Kuss, wie Redlichkeit unschuldig leiden muss. Da aber der Wohlstand erforderte, sich zur Gesellschaft zu begeben, nahmen sie ihren Weg durch eine Scheune, aus welcher man sogleich in den Garten kommen konnte, und verfugten sich in eine Mooshutte, welche der Grotte, worinnen gespeiset werden sollte, gerade gegenuber lag, fingen hieselbst ihre Loffelei von neuen wieder an, dabei sogar auch die Hande nicht mussig waren, ja die Vertraulichkeit wurde endlich so gross, dass, ob es gleich die Tugend und Ehrbarkeit verbote, die von des veranderlichen Elbensteins Schmeicheleien und Karessen gleichsam bezauberte Fraulein ihm dennoch eine nachtliche Visite in ihrem Zimmer zu verstatten, mithin die Ture nicht zuzuschliessen, sondern nur anzulehnen versprach. Wie er nun als ein furstl. Bedienter ein propres Zimmer, welches sehr nahe an der Fraul. von D.T. ihrem angelegen, einbekommen hatte, so machten sie sich die susse Hoffnung, dass die nachtliche Zusammenkunft ganz fein angehen konnte und wurde.
Nachdem dieses alles verabredet, gingen sie zur andern Compagnie und setzten sich bald hernach unter selbiger zur Tafel, sobald selbige abgehoben, wendete Elbenstein wegen getaner Reise grosse Mudigkeit vor, nahm derowegen von der Compagnie unter dem Vorwande, dass er morgen mit dem allerfruhesten aufbrechen musste, sogleich Abschied und begab sich in das ihm angewiesene Zimmer. Die andern Gaste blieben noch bis Mitternacht in der Grotte, spieleten und trunken von dem delikaten Weine, welchen der Herr von B. selbsten im Uberflusse im Keller hatte; die Fraul. von D.T. aber machte sich unter dem Vorwande, dass ihr die heutige Sonnenhitze starke Kopfschmerzen zugezogen, auch bald aus dem Staube. Sobald nun Elbenstein merkte, dass im ganzen Hause alles ruhig und stille war, schlich er sich ganz leise in der Fraulein Zimmer, was sie aber daselbst miteinander ferner verabredet, ist nicht eigentlich zu melden, man hat auch nicht gehoret, dass sich auf seiten der Fraul. etwas geaussert, so einen ungluckseligen Verrater dieser nachtlichen Visite abgegeben hatte oder ihr sonsten einigen Verdruss zuziehen mogen, ausser diesen, dass die Elbensteinen verstattete Freiheit ihm nachmals einen solchen Ekel vor dieses sonst recht liebenswurdigen Frauleins Person verursachte, dass er nach der Zeit auf alle nur ersinnliche Art und Weise jederzeit die Gelegenheit vermieden, mit ihr zu konversieren, woruber das gute Kind unter ernstlicher und unaufhorlicher Bereuung ihrer Leichtsinnigkeit unzahliche Tranen vergossen, welches er aber, als ein rechter Wetterhahn im Lieben, sich wenig oder gar nicht zu Herzen gehen liesse, hergegen leichtsinniger- und irraisonnablerweise sich uber ihre Einfalt mokierte, nunmehro aber neugierig war, sein Liebsgluck und Verhangnis bei der Fraul. von R. zu erfahren. Dannenhero er, als er in Hh. ziemlich fruh von dem Herrn von B., weil die andern alle noch schliefen, ordentlichen Abschied genommen und sich vor alle erwiesene Hoflichkeit und Gute hofmassig bedankt, sich zu Pferde setzte und zu rechter Zeit in M. anlangete.
Er stattete noch vor der Tafel seinen mundlichen untertanigsten Bericht bei seiner Herzogin ab, und dieselbe gab in besonders gnadigen Terminis zu vernehmen, wie sie in allen Stucken mit seiner Auffuhrung sehr wohl zufrieden ware. Allein Elbenstein war ein Schalk, denn da er heraus ins Vorgemach kam und wohl wusste, dass die beiden Kammerfrauleins von K. und Z. bald durchpassieren mussten, setzte er sich auf einen am Fenster stehenden Lehnestuhl, legte den Kopf ruckwarts und stellete sich, als ob ihm eine Ohnmacht oder Steckfluss befiele, spielete auch diesen Streich dergestalt witzig, dass es der allerklugste Medicus hatte glauben mussen. Die beiden Frauleins trafen ihn also in diesem Zustande an, fragten, was ihm fehlete, da er aber die Augen im Kopfe verdrehete und ein Zeichen gab, dass er nicht antworten konnte, lief die Fraul. von Z. sogleich zur Herzogin ins Zimmer, um aus dero Apothekgen, welches jederzeit in Bereitschaft stunde, einen herzstarkenden Spiritum zu langen; da ihm inzwischen die Fraulein von R. ein mit Schlagbalsam angefulltes Buchselein vor die Nase hielt, seine Schlafe und Pulse an den Armen mit diesem Balsam salbete und ihm zu allem Uberfluss drei derbe Kusse auf den Mund versetzte. Diese letztere kraftige Medizin wurkte so viel, dass der chicanierende Elbenstein plotzlich die Augen aufschlug, der Fraul. von R. sanfte die Hand druckte und mit schwacher Stimme sagte: "Ach mein Engel!" Ihre gleichfalls ganz leise Antwort war: "Ach mein wertester Elbenstein!"
Indem brachte die Fraul. von Z. den Spiritum, von welchen die Fraulein von R. etwas auf ein in ihr Schnupftuch gemachtes Knotgen goss, auch seine Stirne, Schlafe und Hande damit bestrich, jedoch es schien dennoch, als ob die Lebensgeister nicht so bald zuruckkehren wollten; demnach bezeugte die durchl. Herzogin in eigener hoher Person das gnadige Mitleiden gegen ihm, dass sie selbst aus ihrem Gemach heraustrat und ihm eine Schale voll Arzenei brachte, welche er austrinken musste. Er fand sich oder stellete sich vielmehr hierdurch auf einmal erquickt, dankte in schuldigster Devotion vor die gnadigste Vorsorge, welche Ihro Durchl. vor dero untertanigsten Knecht gehabt; worauf die Herzogin befahl, dass er in ein bequemes Zimmer gebracht und aufs beste verpflegt werden sollte, trug auch den beiden Frauleins auf, fleissige Nachfrage nach ihm tun zu lassen. Der verstellete Patient liess sich des andern Morgens vernehmen, wie er sich vollig restituiert befande, allein die Herzogin liess ihm sagen, wo er vermerkte, dass sein Malheur noch nicht vollig vorbei, konne er immer zu Hause bleiben und seine vollige Gesundheit abwarten; daferne er aber ja im Stande, in ihrer Suite mit nach H. zu gehen, solle er bis vor die Stadt mit in der Fraulein Kutsche fahren, um seine Gesundheit desto besser zu menagieren. Elbenstein liess sich nochmals untertanigst, und zwar durch das Fraul. von R., vor die ihm erzeigte besondere Gnade bedanken und um Erlaubnis bitten, dass er sich in sein Logis begeben durfte, um sich reisefertig zu machen, weil er sicherlich glaubte, dass sich sein ganzes Malheur durch die empfangenen kostlichen Medicamenta ganzlich verloren hatte.
Da aber sein Bedienter und der Fraulein Aufwarterin sich aus dem Zimmer begeben hatten, stattete er der schonen Fraul. von R. die verbindlichste Danksagung vor ihre gehabte Muhe und Vorsorge ab und beteurete dabei, dass eines solchen englischen Frauleins gutiges Mitleiden und personl. geleistete Hulfe ihn am meisten gestarkt und das Leben erhalten hatte. "Ach! mein wertester Elbenstein", antwortete das Fraulein, "konnten Sie nur in mein Herze sehen, so wurden Sie von meiner gegen Sie hegenden aufrichtigen und unverfalschten Neigung die vollkommenste Versicherung finden." Nach diesen Worten nahete er sich ihr in einer Ecke des Erkers, und als er sie auf die verliebteste Art etlichemal gekusset, welches die Fraulein aus gutiger Erkenntlichkeit auf gleiche Art wieder vergalt; ja sie liessen ihren Affekten nach in etwas weiter den Zugel schiessen, bis sie endlich von den ankommenden Bedienten in der Hauptsache gestoret wurden, worbei keine Partei sagen konnte, dass sie etwas gewonnen oder verloren hatte.
Etwa eine Stunde hernach, als das Fraulein von ihm Abschied genommen hatte, kam ein herzogl. Kutscher und meldete, wie der Wagen bereits angespannet ware, um den Herrn von Elbenstein in sein Logis zu fuhren. Er hielt sich demnach nicht lange mehr auf, sondern fuhr fort. Sobald er aber in seinem Logis angelanget war und seine Wirtin die ihm auf dem Schlosse zugestossene Unpasslichkeit erfuhr, schickte sie ihre alteste Tochter hinauf zu ihm in sein Zimmer, allwo ihm dieselbe im Schlafrocke auf dem Bette liegend antraf. Sie bezeugte sowohl im Namen ihrer Mutter als vor sich selbst ein herzliches Mitleiden wegen des ihm zugestossenen Unfalls, und zwar auf eine so bewegliche Art und in obliganten Terminis, dass Elbenstein gleich urteilen konnte, wie von seiten der Mutter eine mitleidige Vorsorge, von seiten der Tochter aber die Liebe an dieser Besuchung teilhabe.
Weil nun Elbenstein vorwitzig war und probieren wollte, wie weit er es bei diesem wohlgewachsenen, mit ein paar schonen schwarzen Augen, kussenswerten Lippen und rot mit weiss vermischten angenehmen Antlitze von der gutigen Natur begabten Frauenzimmer bringen konne, so ersuchte er sie, nach vorher abgestatteter Danksagung vor die gutige Vorsorge, sich bei seinem Bette ein wenig niederzulassen, bis sein Diener das Essen vom Schlosse gebracht hatte. Sie gehorsamete ganz willig und bat, nur zu befehlen, worinnen sie ihm dienen konne. Elbenstein druckte ihr die Hand und sagte zugleich, dass ein solches charmantes Frauenzimmer, wie sie ware, das meiste zu seiner Genesung kontribuieren konne, dahero er jetzo erfahren wollte, ob sie gutig oder hart mit ihm zu verfahren gewillet sei, unter welchen Worten er sie zartlich umarmete und auf den weichen Rosen ihrer Lippen etliche Kusse anbrachte. Sie sahe ihn mit gleichsam schmachtenden Blicken an, und unter einem oft wiederholten Ach! vergonnete sie ihm nicht allein viele Liebesfreiheiten, sondern forderte ihn endlich durch etliche hitzige Kusse, so ihre zarten Lippen mit der schonsten und einer recht bezauberenden Geschicklichkeit anzubringen wussten, zu noch etwas Ernsthafftern heraus, und Elbenstein, welcher nicht gewohnt war, zu dergleichen verliebten Bravaden lange stille zu sitzen, machte sich schon fertig, als die zur Treppe herauf kommende Mutter, welcher ein schwindsuchtiger Husten anstatt des Furiers vorlief, alles verstorete und dieses vorseiende Duell unterbrach, man konnte aber aus denen erroteten Wangen, funkelenden Augen und in Unordnung gebrachten Haaren sattsam urteilen, dass die Keuschheit bei beiden in grosster Gefahr gewesen ware. Weil aber die gute Mutter erstlich haussen vor der Stube auf dem Saale etwas verschnauben und recht aushusten wollte, gewann sowohl die schone Gratiana als auch Elbenstein Zeit und Raum, sich zu rekolligieren und alles wieder in ziemliche Ordnung zu bringen.
Gratiana nahm ein leeres Glas in die Hand, ging heraus auf den Saal, eilete aber nach der etwas dunkeln Treppe zu und fragte die mit dem trockenen Husten sich noch katzbalgende Mutter, wo der Kellerschlussel ware, indem der gnadige Herr einen Trunk von ihrem Hausbiere verlangete, und da sie solches erfahren, eilete sie vollends die Treppe hinunter in den kuhlen Keller, allwo sie die verdachtige ubrige Rote vollends verlor. Elbenstein war uber diese mit der artigen Gratiana so geschwind gemachte Liebeskundschaft dergestalt vergnugt, dass er die folgende Arie verfertigte:
1
Unvergleichlich schones Wunder!
Harter Herzen Liebeszunder!
Deiner Anmut Glanz und Schein
Macht die Liebe selbst verliebet;
Der ist harter als ein Stein,
Der sich dir nicht ganz ergibet.
2
Meine Freiheit ging verloren
In dem Kampf mit zweien Mohren.
Seh ich deine Augen an,
So hab ich schon die gefunden,
Die mir Fesseln angetan
Und mich vollig uberwunden.
3
Doch ich will gefangen leben
Und der Freiheit mich begeben;
Meine Ketten sind so schon,
Dass sie allen Freiheitsschatzen
Nicht nur an der Seite stehn,
Sondern mich weit mehr ergotzen.
Als nun endlich aber Gratiana mit dem Biere heraufkam und ihr langes Aussenbleiben damit entschuldigte, dass sie erstlich nicht sogleich den Kellerschlussel finden und vors andere auch kein Licht bekommen konnen, indem die Magd die Kuche zugeschlossen und den Schlussel zu sich gesteckt hatte, als sie von der andern Schwester verschickt worden, ging die alte Mutter zugleich mit in die Stube, und weil der Diener zu gleicher Zeit das Essen vom Schlosse brachte, nahm sich Gratiana die Muhe selbst, solches zu warmen und aufzutragen. Elbenstein ersuchte Mutter und Tochter mit zu speisen, welches sie endlich nach einiItalianer etliche Bouteillen Frontignac langen, welcher bei seinen Gasten den gewunschten Effekt tat, denn die Mutter, welche nur ein einziges Glasgen zuviel getrunken hatte, hielt vors ratsamste, sich in die Unterstube zu begeben, um ein wenig zu ruhen. Gratiana hingegen, weil sie vollends vom Weine erhitzt war, erlaubte Elbensteinen alle Freiheiten, deren er sich bei ihr gebrauchte; jedoch dieser ging sehr behutsam, und zwar aus Furcht, damit er nicht etwa von einem kleinen Zeugen ihrer Liebespossen dereinsten uberfuhrt werden mochte.
Tages darauf reisete die Herzogin nach T., da unterwegs Elbenstein, weil die Fraulein von Z. sich zur Herzogin in die Kutsche setzen mussen, mit der angenehmen Fraulein von R. vertraulich zu sprechen und sich in Kussen zu ergotzen die schonste Gelegenheit hatte. Mit solchen Beschaftigungen ward die Zeit auf beiden Seiten hochst vergnugt zugebracht, welches Vergnugen bei Erblickung der Stadt T. zwar auf kurze Zeit unterbrochen wurde; doch hatten sie den Trost und Hoffnung, bald wiederum Gelegenheit zu finden, ihr Liebesspiel ungehindert fortzusetzen, weswegen sie beiderseits ein munteres und lustiges Wesen an sich nahmen, mithin ausser dem Verdachte blieben, dass sie genauer miteinander bekannt waren.
Bei solchen wollustigen Ausschweifungen gedachte Elbenstein wenig oder gar nicht an seine getreue und von der Sehnsucht gequalte Fraul. von L., traf also das Sprichwort: Aus den Augen, aus dem Sinne, bei ihm am ersten und besten ein.
Allein nunmehro konnte die Gerechtigkeit des Himmels dieses unbestandigen Wetterhahns strafbare Untreue und Unbestandigkeit nicht langer ungestraft lassen, dahero schickte sie ihm ein und andere Unglucksfalle zu, worunter auch dieser mit begriffen war: dass ihm sein bestes Pferd, so 150 Reichstaler gekostet, jahlings umfiel. Dieser und andere dergleichen Unglucksfalle waren sozusagen nur die Vorlaufer weit grosserer und harterer Zuchtigungen, die ihm sein Gewissen als wohlverdiente Strafen nunmehro zu erkennen gab. Die tagliche Konversation aber mit der charmanten Gratiana und die tendren Karessen, so er taglich von der liebenswurdigen Fraulein von R. genoss, benebelten gleichsam seinen Verstand und gesunde Vernunft, so dass er seine Buhlschaftssunden und Verbrechen nicht eher bereuete und erkannte, bis die Ungluckswetter ihn sozusagen auf allen Seiten besturmeten. Denn als die Fraulein von R. sich endlich uberzeugt sahe, dass ihre auf eine ehrliche Verbindung abzielende Liebe und Treue bloss mit einer schnoden Loffelei belohnet werden sollte und sie nur immer von einer Zeit zur andern bei der Nase herumgefuhret wurde, auch Wind bekam, dass Elbenstein mit Gratianen, als seiner Wirtin Tochter, ebenso vertraut, ja wohl noch vertrauter und verliebter als mit ihr umginge, liess sie sich das daruber empfundene Betrubnis und Kummer dergestalt einnehmen, dass jedermann und sonderlich die Herzogin ihre Gemutskrankheit gar leicht wahrnehmen und erkennen konnte. Weiln nun die Herzogin dieses artige Fraulein wegen ihrer besondern Qualitaten und trefflichen Verstandes sonderlich werthielt, als melierte sie sich, nachdem sie das zwischen der Fraul. von R. und Elbensteinen angesponnene Liebeskommerzium in Erfahrung gebracht, selbsten in diese Affare und bemuhete sich, diese beiden Personen durch das Band der Ehe zu vereinigen, dahero sie eines Tages, als sie sich auf ihrem Leibgedinge zu W. im Garten divertierte, Elbensteinen in besonders gnadigen Terminis zu verstehen gab, wie es ihr nicht missfallig sein wurde, wenn er sich mit ihrer Kammerfraul. der von R. in ein ehrliches Verbindnis einliesse, indem sie angemerkt, dass beide einander wohl leiden mochten; worbei sich die durchl. Herzogin ferner erklarete, alles, was zu beiderseits Vergnugen und Wohlsein gereichen konnte, gnadig beizutragen, und wollte sie ihm hiermit nebst der Amtshauptmannsstelle zu S. auch die Oberhofmeister-Charge versprochen haben, weil ihr bisheriger Oberhofmeister bei ihrem Herrn Vater Kammerprasident werden sollte. Sie, die noch jetzige Fraul. von R., sollte bei ihren Prinzessinnen Hofmeisterin sein und beiderseits ihre Wohnung auf dem Schlosse haben.
Elbenstein wurde nicht wenig uber den freien Anund Vortrag der Furstin besturzt, und weil die seiner getreuen L. geschworne Treue, welche bishero eine Zeitlang durch eine tadelhafte und strafwurdige Liebe ins Exilium vertrieben gewesen, bei dieser Begebenheit plotzlich zuruckkam, so konnte er seiner (ausgenommen in Liebeshandeln) beiwohnenden Redlichund Aufrichtigkeit nach nicht anders, als der Herzogin offenherzig und aufrichtig bekennen, wie dass er schon seit zweien Jahren her sein Herz und Treue der Baronne von L. verpflichtet hatte, dannenhero er herzlich bedauerte, dass er dieses sonderbaren Glucks und hoher Gnade nicht fahig sein konnte. Hierbei dankte er Ihro Hochfurstl. Durchl. vor die gnadige Vorsorge ganz untertanigst, bat anbei, dieses sein freies Bekenntnis nicht in Ungnaden zu vermerken, sondern fernerweit seine gnadige Herzogin zu verbleiben.
Die Herzogin wurde durch Elbensteins Antwort, welche ihr so unvermutet kam, ungemein verbittert, sie sahe ihn mit einem ernsthaften Blicke an und sagte: "So sollte man auch ehrlicher Leute Kinder nicht so leichtfertigerweise mit allerhand Schmeicheleien bei der Nase herumfuhren und ihnen vergebliche Hoffnung machen." Hiermit wendete sich die Herzogin von ihm hinweg, ging in ein Gartenhaus, worinnen sich die Fraul. von R. befand, und schloss die Tur hinter sich zu. Bei so gestalten Sachen merkte Elbenstein gar leicht, dass sich sein Glucksrad bald verdrehen und sein Wohlstand sich zu Grunde neigen wurde. Da es nun heisset:
Nulla calamitas sola,
Kein Ungluck kommt allein,
Es will begleitet sein,
also erfolgte den andern Tag darauf eine neue Widerwartigkeit. Es hatte nehmlich der Fraul. von R. alteste Schwester sich mit dem Forstmeister B. ehrlich versprochen. Dieser nahm teil an der Beschimpfung, so Elbenstein der Schwester seiner Liebsten erwiesen, suchte derowegen auf alle Art und Weise Gelegenheit, sich an ihm zu reiben. Er fand dieselbe endlich und schalt Elbensteinen in Gegenwart des Erbprinzens und der andern Kavaliers vor einen nichtswurdigen Kerl, welcher Affront Elbensteinen dermassen aus aller Contenance brachte, dass er des Respekts gegen Ihro Durchl. vergass und in dero Zimmer dem von B. eine solche derbe Maulschelle gab, dass er sich um und um drehete. Da nun solchergestalt alle beide sich gewaltig vergangen und zugleich den Burgfrieden violiert hatten, so wurde einem jeden in seinem Quartiere eine Soldatenwacht gesetzt.
Elbenstein vertrieb seine Zeit mit Buchern und der Poesie, unter andern machte er damals folgende
Aria:
1
Ach schmerzliches Lieben und fluchtiges Glucke! Ihr seid es, die mich jetzt so kirre gemacht. Im Anfang gabt ihr mir sehr liebliche Blicke, Nun werd ich von beiden so schnode veracht. Ach! Liebe und Glucke, wie steckt ihr voll Tucke? Ihr habt mich, ach leider! zu Falle gebracht.
2
Ach Stunden! wo seid ihr? ja leider! verschwunden, Allwo ich in einem recht englischen Schoss Sehr ofters so susses Entzucken gefunden, Indem mich der Himmel der Wollust umschloss, Da mich der Cupido so lange gebunden, Bis dass mir vor Anmut die Seele entfloss.
3
Was ganz vor unmoglich sonst wurde betrachtet, Das ward mir durch Hulfe der Liebe ganz leicht, Woruber ein Herkules ware verschmachtet, Das hab ich durch Hulfe des Gluckes erreicht.
Drum schaut doch! wie Liebe und Glucke betreugt.
Mittlerweile wurden sowohl Elbenstein als B. jeder von seiner Charge auf sechs Wochen suspendiert. Weil aber B. gleich acht Tage darauf wieder nach Hofe kommen und seine Funktion verrichten durfte, Elbensteinen hingegen dergleichen nicht widerfuhr, so entschloss er sich, nachdem er erstlich mit dem von B. als seinem Kontrapart seine Sache durch ein ordentliches Duell auf der W.-Grenze ausgemacht, seine Dimission an selbigem Hofe zu fordern, indem er deutlich spuren konnte, dass sich die durchl. Herzogin ganz kaltsinnig und ernsthaft, kurz zu sagen, ungnadig gegen ihn erzeigte. Es kam ihn bei so gestalten Sachen die Lust an, mit obgedachten durchl. Erbprinzen, bei welchem er wegen des vor seine hohe Person nicht beobachteten Respekts untertanigst depreziert und Pardon erhalten hatte, mit in die Kampagne nach Brabant zu gehen.
Die ohne einzige Diffikultat darzu erhaltene Einwilligung gab ihm sattsam zu verstehen, dass man ihn gerne los sein wollte, woruber er sich aber als ein Fladdergeist wenigen Kummer machte, indem er einen wohlgespickten Beutel und standesmassige Equipage hatte, uber dieses wusste, dass er sich von dem variablen Gemute dieser Furstin niemals weder bestandige Gnade noch Dienste versprechen konnte, da dieselbe mit ihren Bedienten gar zu ofters zu changieren gewohnt war und diejenigen, denen sie wenig Stunden vorher alle Gnadenzeichen erkennen lassen, wegen Klatscherei einer geringen Waschmagd oder einer verlogenen Kammerfrau und anderer dergleichen Postentrager und Beilaufer sogleich auf den Platz mit dem Abschiede zu regalieren pflegte.
Ein franzosischer Refugie, welcher an diesem Hofe in Diensten stund, schrieb dieses Sentiment an einen seiner guten Freunde in franzosischer Sprache, welches man aber nur ins Deutsche vertiert anhero setzen will:
'Ubrigens lebt man allhier in kontinuierlicher Unruhe, und wie die Sonne selbsten ihre Gebrechen und Flecken hat, also mogen hohe Personen eben nicht geruhmet werden, als wenn sie eine unvergleichliche Vollkommenheit besassen. Man gibt der Canaille gar zuviel Gehor und glaubt einer klatschhaften Kammerfrau oder andern luderlichen Dirne alles, was sie sagen, welche doch nicht wert sind, von so hohen Standespersonen angesehen zu werden. Bisweilen ist man gar zu leichtglaubig und bisweilen gar zu argwohnisch. Man liebt die Neuerung und vergisset leichtlich der guten und getreuen Dienste. Der Geistlichkeit lasst man, ich weiss nicht aus was vor Ursachen, gar zu sehr den Zugel schiessen, welches ein erschreckliches Unheil verursachet. Schlusslich will man vor sehr gerecht gehalten und astimiert sein, ohne denen, die es bedurfen, Recht widerfahren zu lassen' etc.
Demnach reisete Elbenstein ganz getrost und vergnugt von diesem Hofe ab, indem er ein solches Humeur hatte, das sich bald fassen konnte, er liess sich auch der Fraul. von R. Tranen und klaglich Tun um soviel weniger zu Herzen gehen, je mehr sie an der von der Herzogin auf ihn geworfenen Ungnade teilhatte, und zwar durch ihre unbedachtsame Offenherzigkeit und unzeitiges Verlangen, Elbensteinen in das Garn des Ehestandes zu ziehen. Die angenehme Gratiana aber verliess er nicht ohne Wehmut und schrieb derselben zu guter Letzt unter tausend Kussen in ihr Liederbuch folgende
Aria:
1
Vergiss mein nicht! mein holdes Tausendschon, Dies will ich dir zum Angedenken schenken. Mein Schicksal heisst mich ferne von dir gehn, Es ist umsonst, den strengen Schluss zu lenken, Es muss so sein, drum bitt ich dich, mein Licht,
Vergiss mein nicht.
2
Vergiss mein nicht! mein Tausendschon, mein
Licht!
Vergiss mein nicht! Magneten ziehn das Eisen. Vergiss mein nicht! Ach ja! Vergiss mein nicht, Vergiss mein nicht! muss ich gleich von dir reisen; Vergiss mein nicht, mein Tausendschon, mein
Licht!
Vergiss mein nicht.
Die artige Gratiana war in ihrer Liebe so bescheiden, klug und heimlich gewesen und hatte diejenigen freien Handlungen, so zwischen ihr und Elbenstein bei Nachte vorgegangen, dergestalt geschicklich verborgen, dass zwar jedermann ihrer Schonheit wegen glauben konnte, dass dieser Kavalier ein Auge auf sie hatte, durch ihre Modestie aber von allen wollustigen Ansinnen zuruckgehalten wurde, derowegen bliebe sie bei den allermeisten Leuten in besondern Kredite, als ob sie zwar hoflich und freundlich mit Mannespersonen umgehen konnte, darbei aber ihre Ehre zu konservieren wusste. Allein, wie der ausserliche Schein gemeiniglich zu betrugen pflegt, so war es auch hier mit der Gratiana beschaffen. Unterdessen setzte ihr Elbenstein noch folgende Reimzeilen zum Angedenken auf:
1
Mein Schicksal, dem ich nicht kann widerstreben,
Heisst mich im Lieben heimlich sein,
Drum geb ich mich geduldig drein,
Gewohnheit lehrt auch Sklaven ruhig leben.
Mein Engel weiss, ob gleich der Mund nicht achzet,
Dass bloss nach ihm mein brennend Herze lechzet.
2
Verhohl' ich gleich die rosensusse Luste,
Die deine Anmut auf mich streut,
Mit strenger Eingezogenheit,
Und tu ich, als ob ich von dir nichts wusste,
So muss mein Mund jedoch ganz heimlich sagen:
Wer also liebt, ist wurklich zu beklagen.
Der durchl. Prinz nebst dero bei sich habenden Suite, nachdem sie ihren Weg uber Rotenburg an der Fulda, Hilgershausen, Gutensberg, Fritzlar, Wildungen, Frankenberg, Hatzfeld, Badenbruck, Hilgebach, Ehrensdorf, Romershagen, Ruhmburg, Cranecht, Koln, Bergen, Julich, Ma[a]strich[t] und Lowen genommen, gelangete den 10. Jul. gesund und glucklich in Brussel an und begaben sich, nachdem sie vier Tage daselbst ausgeruhet, in das nicht weit davon befindliche Campement der hollandischen und anderer Auxiliairtruppen. Eines Tages, als Elbenstein alleine in seinem Zelte war und uber seine seithero gehabten wunderlichen Zufalle und Fatalitaten allerhand Grillen gemacht hatte, zeichnete er endlich diese Verse in seine Schreibtafel:
1
Wenn langt einmal aus denen Ungluckswellen Mein Herz am Port der Freuden an? Wenn kommt es denn nach vielen Trauerfallen Ganz sorgenfrei auf die Vergnugungsbahn? Das Glucke hat mit mir den Ball gespielet, So dass mein Herz noch dessen Schlage fuhlet.
2
Ich walle rum in der verhassten Ferne, Ungluck hat mich zum Pilgerim gemacht. Ich sehe nicht die Sonne, Mond und Sterne, Drum seufzt mein Mund, der sonsten nur gelacht. Mein Zeitvertreib ist bloss ein stilles Klagen, Mein Korper ist ein Trager aller Plagen.
3
Ich schreibe zwar auf meinen magern Wangen Und ist schon oft ein schoner Tag vergangen, So endet sich doch nicht mein Ungluckslauf. Tag, Zeit und Jahr muss zwar sein Ende finden, Mein Trauren will jedennoch nicht verschwinden.
4
Jedoch ich will nichts mehr von Trauren sagen, Mein Wort erstirbt. Ach sturb ich selber mit! So durft ich hier nicht ferner angstlich klagen, Ich tate gern ins Grab den letzten Schritt, So stillte sich mein jammervolles Girren, Ich durfte nicht in finstern Waldern irren. Es ist wahr, Elbenstein befand sich um selbige Zeit sehr niedergeschlagen und missvergnugt, indem sein Naturell nicht sonderlich zum Soldatenleben inklinierte, allein er wurde bald anderes und lustigern Sinnes, denn eines Tages, da ein gewisser Obrister namens S. in seinem Zelte etliche Staats- und Oberoffiziers traktierte, Elbenstein aber eben von ferne vorbeiging, kam der Obriste S. selbst aus seinem Zelte heraus auf ihn zugegangen und sagte: "Monsieur! ich habe mir alleweile sagen lassen, dass ich in Ihrer Person den Herrn von Elbenstein sahe, welcher sich eine gute Zeit in Italien und andern furstlichen Hofen aufgehalten. Wollen Sie mir derowegen die Gefalligkeit Compagnie, so ich bei mir habe, verstarken, so wird es mir zum besondern Plaisir gereichen." Elbenstein, welchen diesen Obristen schon kennenlernen, jedoch noch niemals mit ihm gesprochen hatte, machte anfanglich verschiedene Exquisen, wessentwegen er sich nicht im Stande befande, vor dieses Mal bei einer solchen vornehmen Compagnie zu erscheinen, allein der Obriste S., welches ein redlicher Deutscher war, liess mit Notigen nicht nach, nahm ihn auch selbst bei der Hand und fuhrete ihn in sein Zelt. Es befanden sich noch zwei Obristen, ein Obristlieutnant, zwei Majors drei Capitains und noch andere Offiziers darinnen, von welchen allen, sowohl hohen als geringern, er aufs allerhoflichste bewillkommet wurde. Die Weinglaser gingen stark herum, und hierbei war sonsten nichts aufgesetzt als eine Schale voll Biskuit. Elbenstein zeigte sich dergestalt, dass ein jeder darvor halten konnte, wie er als ein Kavalier zu leben wusste, weswegen alle Anwesende einen besondern Estim vor ihn darlegten. Nach verschiedenen Gesprachen sagte endlich der Obriste S.: "Monsieur, unser Zeitvertreib bei mussigen Stunden allhier ist dieser, dass, wenn wir beisammen sind, einander curieuse Geschichte erzahlen. Wie ich nun nicht zweifele, Sie werden in Italien viele dergleichen aufgemerkt haben, als will ich nicht allein vor mich, sondern im Namen der samtlichen Compagnie freundlich gebeten haben, uns mit ein oder anderer Historie zu divertieren, sonderlich von dem verliebten Frauenzimmer und von der unbandigen Jalousie der Manner, sonderlich was sich zu Ihrer Zeit in diesen Stucken zugetragen."
Elbenstein, der sich auf einmal ganz aufgeweckt befand, tat gar nicht blode, sondern versprach, dem Herrn Obristen Gehorsam zu leisten, fing demnach an, nicht allein seine eigene Begebenheiten (wiewohl unter verdeckten Namen), sondern auch andere Geschichte, die zu seiner Zeit in Italien passieret waren, zu erzahlen, welche die samtliche Compagnie mit besondern Vergnugen bis nach Mitternacht anhorete, ja sie waren ohnfehlbar vor Tages nicht auseinander gegangen, wenn nicht die meisten mit fruher Tageszeit hatten auf dem Platze sein mussen.
Mittlerweile hatte sich Elbenstein hierdurch bei allen insgesamt ungemein rekommendiert. Der Obriste K., welches ein ungemein artiger Mann war, nahm ihn bei der Hand und sagte: "Mein Herr von Elbenstein, Sie haben mir durch Ihre Erzahlung heute viel Vergnugen verursacht, auf morgen nachmittags ohngefahr drei Uhr will ich Sie benebst dieser ganzen lobl. Compagnie in mein Zelt auf ein Glas Wein gebeten haben, da will ich Ihnen gewiss auch eine artige Geschicht erzahlen, die mir in neulichen Zeiten nicht beigefallen ist." Wie nun die andern sich um bestimmte Zeit einzustellen versprochen hatten, so versprach auch Elbenstein dem Herrn Obristen seinen gehorsamen Reverenz zu machen; mithin nahmen alle voneinander Abschied. Elbenstein begab sich nach seinem Zelte und schlief um ein gut Teil ruhiger als bishero. Des andern Tages, und zwar nachmittags um drei Uhr, kleidete er sich proprer an als gestrigen und spazierte gegen vier Uhr auf des Obristen von K. Zelt zu. Dieser kam ihm sogleich mit der grossten Complaisance entgegen, fuhrete ihn hinein, da denn, obgleich nicht alle Personen, so gestern zugegen gewesen, doch fast alle Stuhle um die Tafel herum besetzt waren.
Nachdem die Gesundheiten herum getrunken, wurde der Obriste K. erinnert, sein gestriges Versprechen zu halten und die artige Geschicht zu erzahlen. Er war sogleich bereit darzu und fing also an:
"Vor wenig Jahren hatte ich einen gemeinen Reuter unter meinem Regimente, dessen Frau sehr wohlgebildet war, so, dass sie meritiert hatte, einen Mann von hohern Stande zu haben, denn nicht allein ihre Schonheit, sondern auch ihr Verstand und Geschicklichkeit distinguierten sie vor allen andern, und wenn es wahr ist, dass sie ihrem Manne allein Farbe gehalten, wie ihr denn jedermann Zeugnis gab, so ist es gewiss von einer Soldatenfrau etwas Rares. In diese verliebte ein gewisser Edelmann dasiges Orts namens W., welcher jedoch schon Frau und Kinder hatte; und unter dem Vorwande, dass er ihr eine scharlachene Chabraque zu stucken geben wollte, lockte er sie einsmals, da seine Frau abwesend war, in sein Haus, allwo er mit Darlegung einiger Stuck Dukaten sie zu seinen Willen zu bereden sucht. Da aber weder mit guten Worten noch mit Geschenken etwas von ihr zu erhalten, will er Gewalt brauchen. Die Frau aber ist resolut, lauft an ein Fenster des Zimmers, welches auf die Gasse hinaus gehet, drohet um Hulfe zu schreien, ergreift auch ein Messer, ihre Ehre damit zu defendieren. Derowegen wird der wollustige Buhler verzagt, spricht sie zu Frieden, reicht ihr sechs Stuck Dukaten und bittet um aller Heiligen willen, dass sie nur niemanden etwas von dieser Rencontre sagen sollte. Madine, so will ich die Frau nennen, verspricht zwar dieses Mal zu schweigen, verlangt aber weder das Gold noch die Chabraque, so er ihr zu stucken mitgeben will, anzunehmen, sondern gehet in grosster Rage von ihm.
Sobald sie nach Hause kommt, erzahlet sie ihrem Manne den ganzen Handel, der zwar ihre Treue lobet, ihre Einfalt aber wegen Verschmahung der Dukaten und des guten Stucks Arbeit sonderlich tadelt. Madine lag mit ihrem Manne in der Vorstadt, und zwar in einem Weinhause im Quartiere, derowegen kommt der Herr von W. wenige Tage darauf hinein und lasset sich eine Kanne Wein geben. Weiln auch Madinens Mann eben nicht zu Hause ist, nimmt er Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, und bittet instandig, ihm doch die Gefalligkeit zu erweisen und die Chabraque zu verfertigen, weil er wusste, dass niemand die Arbeit besser machen konnte als sie, erbietet sich auch, darvor zu bezahlen, was sie nur verlangen wollte. Madine erlaubt ihm endlich, ihr die Chabraque durch seinen Diener zuzuschicken, worauf er ihr sechs Dukaten zu Gold- und Silberfaden gibt und darbei verspricht, ihre Arbeit a parte zu bezahlen; ferner bittet er sich aus, dass er ofters zu ihr kommen und ihrer schonen Arbeit zusehen durfte. Da ihm nun Madine dieses mit verstellten liebreichen Gebarden erlaubt, wird er etwas dreuster und fangt an, ihr seine heftige Liebesleidenschaft aufs neue zu offenbaren. Da sie nun auch dieses ganz gelassen anhoret und sich ein wenig freundlicher gegen ihn anstellet, fragt er, warum sie denn neulichst so eigensinnig gegen ihn gewesen und sich seiner sogar mit dem Messer erwehren wollen. Hierauf gibt sie zur Antwort, sie wurde sich ja nimmermehr so dreuste machen und in einem frembden Hause dergleichen Dinge vornehmen, da so leicht seine Frau als jemand anders darzukommen konnen. Allein er versichert, dass sie sich dieserwegen nichts zu befurchten habe, und bittet um eine nochmalige Visite, weil aber Madine sich hierzu nicht verstehen will, bittet er, sie mochte doch selbst einen Ort vorschlagen, der sich zu einem verliebten Rendezvous schickte. Madine aber bleibt bei der Antwort, es ware besser, man liesse solche gefahrliche Handel gar unterwegens. Mit solchem Bescheide muss er vor dasmal zufrieden sein, jedoch weil ihre verstellten verliebten Gebarden und Karessen ihn betrugen, gehet er das erstemal mit der grossten Hoffnung, sie durch gute Worte und Geschenke mit der Zeit noch zu gewinnen, ganz vergnugt von ihr.
Folgende Tage, da sie die Chabraque in der Arbeit hat, ist er fast taglich auf etliche Stunden bei ihr eingesprochen, und weiln ihr Mann dann und wann zu Hause gewesen, macht er vermittelst einiger Kannen Wein und anderer Delikatessen mit demselben die vertrauteste Freundschaft. Dieser Reuter, welcher ein durchtriebener Vogel war, lasset sich dieserwegen die vorgesetzte Rache wegen des versuchten Horner-Aufsetzens gar nicht vergehen, wird hergegen desto erbitterter gegen seinen Herrn Schwager Ungewiss, zumalen da ihm seine Frau des von W. verliebte Gesprache taglich wiedererzahlt und die kostbarn Geschenke zeiget, welche sie gemeiniglich recht mit Zwange angenommen oder sich zum wenigsten so zu stellen gewusst.
Solchergestalt wird der von W. von einem Tage zum andern von ihr bei der Nase herumgefuhret, einmal macht sie ihm verblumterweise Hoffnung zu der verlangten letzten Gunst, ein andermal aber stellet sie sich wieder gewissenhaft und rappelkopfisch, dass der von W. teils vor Liebe, teils vor Verdruss hatte bersten mogen. Die rote Chabraque wird fertig, worauf er ihr nebst raisonnabler Bezahlung noch verschiedene andere Sachen zu stucken gibt, jedennoch will sich das eigensinnige Weib noch nicht nach seinem Willen bequemen. Derowegen, als er bedenkt, dass diese Sirene bereits uber 100 spec. Dukaten von ihm gezogen und vielleicht nur aus blosser Blodigkeit und Scham sich seinem Begehren widersetze, greift er das Werk anders an, gibt Madinen ihrer Wirtin ein Stuck Geld, womit er sie zur Verschwiegenheit bringet und von ihr verlanget, dass, da sie im Kuppeln sehr beruhmt, ihn bei nachtlicher Weile in Madinens Kammer zu verhelfen, sobald ihr Mann nebst seinem Kameraden, dem andern Reuter, auf die Wacht oder sonst auskommandiert ware. Madine behorcht beide, lasst sich aber gegen ihre Wirtin ganz im geringsten nichts merken, vertrauet es hergegen ihrem Manne, welcher ihr befiehlt, dem von W. nur aufs allerfreundlichste zu begegnen, damit er den Possen nicht merke, inzwischen wollte er schon einen Streich ersinnen, wie er diesen Vogel ganzbeinigt fangen konne.
Indem es nun diesem Schalke an lustigen Einfallen nicht ermangelte, als erfindet und bewerkstelligt er folgenden Fang: Die Kammer, worinnen er und seine Frau liegen, ist gerade uber einer andern grossen Kammer, welche uber vier Ellen hoch mit Hackerling angefullet ist; aus seiner Kammer aber gehet eine Fallture herunter in die unterste Kammer, von welcher der lose Vogel die Turbander abreisset und die Ture also befestiget, dass sie beim Aufmachen in die unterste Kammer zuruck fallt, jedoch an der Decke behangen bleibt; uber diese Ture setzt er sein Bette ohne Boden, saget auch dessen Fusse ab, dass es fein niedrig stehet, und fullet es wohl mit kleingehackten Heu aus, hinter dem Bette macht er noch eine Bucht, worinnen eine Person sehr genau liegen kann, dass es also scheinet, als ob es ein einziges breites Bette ware. Hierauf unterrichtete er seine Frau, wie sie sich in allen Stucken zu verhalten habe, bestellet einen seiner Kameraden, welcher ihn anstatt des Korporals pro forma, und zwar in Gegenwart der Wirtin, auf ein drei Meilen von der Stadt gelegenes Dorf kommandieren muss, um daselbst etliche Tage als Salva guarde stehen zu bleiben.
Beide im Quartier liegende lose Vogel donnern, blitzen und hageln, dass sie niemals rechte Ruh haben konnten, setzen sich aber zu Pferde und reiten fort, jedoch nicht weiter bis in eine andere Vorstadt, da sie ihre Pferde bei guten Kameraden einstellen, sich mit ihnen lustig machen und mit Verlangen auf die hereinbrechende Nacht warten.
Mittlerweile, da beide Reuter kaum vom Hause hinweg sind, lauft die alte Kupplerin augenblicklich fort, dem Herrn von W. eine frohliche Zeitung zu bringen und sich ein gut Trinkgeld zu verdienen. Dieser kommt selbigen Nachmittag nicht zu Madinen, da es aber Abend worden, stellet er sich ein und verlangt, folgende Nacht ihr Beischlafer zu sein. Diese will sich anfanglich hierzu nicht verstehen, doch da der von W. sagt: 'Wie aber, wenn ich Sie, mein schones Weibgen, einmal heimlich beschleichen konnte?', gibt sie ihm nebst einer verliebten Miene einen sanften Backenstreich und bittet, er mochte sie doch verschonen, indem ihr Mann gar zu schlimm ware, und wenn er das Geringste hiervon erfuhre, wurde er sie und ihn ohnfehlbar erschiessen. Hierauf gehet sie von ihm zur Tur hinaus, um zu sehen, ob sich ihr Mann abgeredtermassen schon heimlich hereingeschlichen hatte. Wie nun dieser nebst dreien seiner Kameraden sich schon an denjenigen Ort versteckt hatte, wo er auf gegebenes Zeichen von seiner Frauen den Riegel an der Fallture aufziehen konnte, so begab sich Madine, als sie dessen vergewissert war, wieder hinein in die Stube, begegnete dem von W. sehr freundlich, weiln aber sonsten noch verschiedene Weingaste anwesend, gab sie vor, dass sie unter diesem Schwarme nicht bleiben konne, sondern sich zu Bette verfugen wolle, nahm derowegen sowohl bei dem von W. als bei der Wirtin gute Nacht und legte sich, jedoch in Kleidern, ordentlich zu Bette, und zwar in die vorbesagte, hinter dem Bette gemachte Bucht. Etwa zwei Stunden hernach, da alle andern Gaste hinweggegangen und der von W. vermeinet, Madine solle nunmehro wohl im besten Schlafe sein, lasset er sich von der Wirtin hinaufleuchten, offnet die Tur mit einem Nachschlussel, den ihm die Wirtin prokurieret hatte, kleidet sich aus bis aufs Hembde und legt sich mit zitterender Freude zu Madinen ins Bette. Diese stellete sich, als ob sie jahlings erwachte, schrie also: 'Holla! Wer ist da?' 'Stille, mein Engel', gab der von W. sachte zur Antwort, 'ich gebe Euch vor diese erste Visite zehn Dukaten.' Indem er sich ihr nun nahern wollte, stiess sie mit dem Fusse eine zurechtgelegte etliche Pfund schwere eiserne Kugel auf den Boden herunter, welche mit ihrem Gepoltere die Losung gab. Im selbigen Augenblicke wurde der Riegel an der Fallture aufgezogen, da denn der Herr von W. in den Hakkerling heruntersturzte und bis an die Schultern darinnen versank. Madine stellete sich erschrocken, rief ihm zu, er solle nur die Arme in die Hohe recken, sie wolle ihm ein Seil hinunterlassen und alle Krafte dran strecken, ihn heraufzuziehen, damit er nicht etwa erstickte, denn er selbst habe es versehen und den Riegel aufgestossen. Unter der Zeit aber kam ihr Mann mit seinen Kameraden zur Kammer hineingeschlichen, warf dem guten Hrn. Schwager ein Seil hinunter, sobald aber die losen Vogel des armen Sunders Hande im Hinaufziehen erreichen konnen, schlingen sie einen Strick darum, machen denselben oben feste und lassen den ungluckseligen Venusritter so lange in der Luft schweben, bis der helle Tag anbricht; doch dieses war noch nicht genung, sondern diese vier Saufbruder zechten die ganze Nacht hindurch und liess immer einer nach dem andern sein Wasser auf des Hrn. von W. Kopf laufen. Dieser bat um aller heil. Marterer willen, man mochte ihn los und in der Stille nach Hause gehen lassen, so wolle er 200 sp. Dukaten zahlen. Die Frau und die andern Reuter baten selbst vor ihn, allein der erzurnte Ehemann liess sich durchaus nicht erbitten, sondern sobald es helle geworden, ging er hinunter in die Hackerlingskammer, legte ein Brett uber eine Leiter, risse dem in der Luft verarrestierten Herrn von W. das Hembde vom Leibe und peitschete mehr als 50 Spitzruten an ihm entzwei. Da nun uber des von W. Zetergeschrei viele Leute vor das annoch verschlossene Haus gelaufen kommen, horet er endlich auf, den armen Herrn Schwager zu peinigen, stosset ihn nackend und bloss zum Hause hinaus und ruft hinterdrein: 'Lauft zu, ihr Leute! so muss man die Edelleute striegeln, die eine ehrliche Frau zur Hure und einen tapfern Reuter zum Hahnrei machen wollen.'
So wurde mir", sagte hier der Obriste von K., "die ganze Species facti von dem Reuter und seiner Frau erzahlet, worbei sie bekannten, dass sie 50 Stuck spec. Dukaten, etliche Taler Silbergeld, eine englische goldene Uhr, eine silberne Tabatiere, einen goldenen, mit Diamanten besetzten Petschaftring und andere Kleinigkeiten mehr bei ihm und in seinen Kleidern gefunden. Ich liess auf Befehl des Herrn Gen. Lieutn. von N. diesen Reuter nebst seiner Frau und den darbeigewesenen Kameraden alsofort arretieren und die erbeuteten Sachen in mein Quartier bringen. Es entstunde hieruber ein starker Streit, denn der Generalauditeur wollte behaupten, man konnte den ohnedem genungsam kastigierten und prostituierten Venusritter nicht mit gedoppelten Ruten peitschen, unterstunde sich auch, aus den Rechten darzutun, dass, weiln der Reuter die Selbstrache ausgeubt, er die eroberten Sachen wieder herausgeben und selbige dem Eigener zustellen musse, wann er aber die Selbstrache unterlassen und den Edelmann ohne Kastigation und Prostitution fortgeschickt, hatte er unter der Hand alle diese Sachen wohl behalten konnen.
Allein ich nahm mich meines Reuters an und schutzte vor, es ware keine geringe Verwegenheit, einen rechtschaffenen Soldaten suchen zum Hahnrei zu machen, es konne auch dergleichen Frevel nicht gnugsam bestraft werden. Wenn mir dergleichen Streich passierte, wurde ich mich schwerlich enthalten konnen, einem solchen ungebetenen Gaste eine Kugel oder den Degen durch den Leib zu jagen. Was nun Ehestandsaffaren anbetrafe, darinnen hatte ein gemeiner Reuter soviel Recht als ein Ober- oder Stabsoffizier etc., derowegen wollte ich meinen Reuter bei seiner gemachten Beute so lange schutzen, bis sein Kontrapart die Sache hoheres Orts suchte und ausmachte. Allein dieser machte sich bald hernach unsichtbar, mein Reuter aber wurde wenig Tage darauf seines Arrests entlassen und behielt, was er hatte."
"Meines Erachtens", sagte hierauf ein gewisser Major, "ware es unbillig gewesen, wenn man des Reuters Verfahren nicht in allen Stucken approbiert und ihm die erbeuteten Sachen nicht vor seinen gehabten Chagrin zur Rekreation uberlassen hatte, in Betrachtung, dass selbige Nation, wo dieser mir schon bekannte Streich passiert ist, mit unsern Landsleuten weit barbarischer umzugehen pflegt. Wie ich denn ein grassliches Exempel weiss, das eben im selbigen Jahre sich zugetragen."
Die ganze Compagnie bat den Herrn Major, selbiges zu erzahlen, und selbiger erzeigte sich seiner complaisanten Art nach hierzu gefallig, fing derowegen also zu reden an: "In N. befand sich eine gewisse vornehme Dame, welche man dem Liebesappetite nach mit Recht unter die unersattlichen rechnen konnte. Diese warf ihre Augen auf einen Fahndrich von meiner Compagnie, den ich nur mit dem Buchstaben F. bezeichnen oder benennen will. Er sahe nicht hasslich von Gesichte und hatte eine vortreffliche grosse und lange Nase, woraus sie als eine wollustige Dame vielleicht sonst einen guten Schluss gemacht. Vor seine Person war dieser F. sonsten ein sehr stiller, mehr melancholischer als lustiger Mensch, verrichtete seine Dienste akkurat, liebte weder Spiel noch Trunk und dem Ansehen nach das Frauenzimmer am allerwenigsten.
Corvenia, so will ich die Dame nennen, hatte diesen Fahndrich kaum in die Augen gefasset, als sie ihn durch ein altes Weib und eigenhandige vertrauliche Briefe die auf ihn geworfene Liebe anzeigt und instandig bittet, sich mit ihr in nahere Vertraulichkeit einzulassen; allein dieser Eigensinnige tragt Bedenken, sich in einen solchen gefahrlichen Handel einzulassen, gibt sich derowegen nicht einmal die Muhe, diese Dame kennenzulernen, viel weniger, auf ihre Schreiben zu antworten, ohngeacht sie ihm eine namhafte Geldsumma versprochen, wann er ihr zu demjenigen verhelfen konnte, worzu ihr Mann sich seit langer als acht Jahren her incapable befunden hatte.
Hierauf begab sich's, dass, da er bloss mit seinem Knechte ein kleines Haus bewohnete, ihm in einer Nacht fast alles, sein Geld, Kleider und die meisten Meubles gestohlen wurden, so dass er so lange im Bette bleiben muss, bis ihm andere Offiziers notdurftige Kleidung nebst etwas Gelde vorschiessen; uber alles dieses aber haben die schelmischen Diebe seine im Stalle stehende drei Reitpferde mit Dolchen erstochen. Demnach sahe sich F. in einem sehr miserablen und bedurftigen Zustande, jedoch, da gleich des andern Tages Corvenia, deren Haus von hinten zu an das seinige stiess, ihm wegen seines Verlusts ein Kondolenzschreiben zuschickte, anbei ersuchte, ihr nur eine einzige Visite zu geben, wofur sie ihm seinen erlittenen Schaden gedoppelt ersetzen wollte, konnte dieser eigensinnige Kopf dennoch nicht resolvieren, dergleichen Vokation Gehorsam zu leisten, sondern gab dem abgeschickten Weibe zu Antwort: 'Ei was!' Er als ein Kavalier konnte doch wohl in kurzen wieder zu Equipage und Gelde kommen und hatte eben nicht notig, solches mit verbotener Courtoisie zu erwerben. Allein was geschicht? Etwa funf oder sechs Tage hernach wird mein guter Fahndrich des Nachts, als er im besten Schlafe liegt, von sechs baumstarken Kerls gebunden und im blossen Hembde mit verbundenen Augen und verstopften Munde in einen finstern Keller getragen, auf eine Schotte Stroh gelegt, und nachdem sie ihm die Augen aufgebunden, lassen sie ihn in dem finstern Keller verschlossen alleine liegen.
Anfanglich weiss er nicht, ob dieses alles ein Traum
ist oder ob es ihm in der Tat und Wahrheit also widerfahret, doch als ihm wegen des festen Bindens Arme und Beine geschwollen und er kaum durch die Nase ein wenig Luft holen kann, auch in dem kalten Keller den grausamsten Frost empfindet, vermerkt er mehr als zu wohl, dass es kein blosser Traum sei. Nachdem er nun uber zwei Stunden lang in solchen schmerzhaften Zustande da gelegen, erblickt er eine Person in einem langen Nachtkleide, die durch eine kleine Treppe zu ihm von oben herunterkommt. Es hat dieselbe einen silbernen Leuchter mit darauf brennenden Wachslichte in der Hand, tritt gerade gegen ihn uber und halt ohngefahr folgenden Sermon: 'Verdammter Hund! Welcher Wolf hat dich erzeuget, oder welcher Barin Bruste hast du gesogen, dass du so unempfindlich gegen meine heftige Liebe gewesen bist? Doch nein! du musst nicht einmal von wilden Tieren herstammen, dann diese lassen sich ofters noch leichter bewegen, die Menschen zu lieben, sondern die hollischen Furien, als Feinde des menschlichen Geschlechts, mussen dich geboren, erzogen und in die Welt geschickt haben. Elender Sklav! du hast meine Gewogenheit und ubermassige Liebe verschmahet, deren du nimmermehr wurdig bist, ja du hast eine Dame verachtlich traktieret, vor welcher noch fast taglich einer, der zehenmal besser ist als du, sich zur Erden wirft und nur um einen gunstigen Blick bittet. Vermaledeieter Molch! vergiftender Basiliske, du hast mich niemals sehen und dennoch toten wollen, voritzo tue deine schandlichen Augen auf und betrachte mein Gesichte, ob, ohngeacht ich jetzt voller Zorn und Grimm bin, ein einziger Zug darinnen zu finden, der wider das Muster der Schonheit ist. Beschaue, du Nichtswurdiger! meinen ganzen Leib und erwage, ob es der Natur wohl moglich sei, ein zartlicher und zierlicher Frauenzimmer zu bilden?' Unter diesen Worten hatte sie das Licht vor sich niedergesetzt, den Schlafrock aufgeschlagen und ihren blossen Leib, der auch nicht einmal von einem Hembde bedeckt gewesen, hergewiesen. 'Sage an!' redet sie ferner, 'wo siehest du einen Flecken, der dir einen Ekel erwecken, im Gegenteil nicht das allerunempfindlichste Herz zur Gegenliebe reizen konnte? Siehst du allhier nicht den kurzen Begriff aller Annehmlichkeiten? Urteile demnach, ob sich derjenige nicht glucklich zu schatzen hat, dem ich dieses alles aus Liebe freiwillig in die Arme liefern wollte. Dir war es bestimmt, du schandliches Krokodil! nunmehro aber hast du anstatt des Genusses aller dieser Delikatessen und meiner brunstigen Liebe, nebst reichlicher Belohnung, nichts anders als die grausamste Marter und den allerschmahlichsten Tod zu hoffen. Du hast mich entblosset gesehen, aber zu deinem Verderben, und sterben musst du nunmehro gewiss, damit niemand auf der Welt leben moge, der sich ruhmen konne, er habe die von C. nakkend gesehen. Ich habe mir vorgenommen, dich in diesem Gewolb verhungern und erfrieren zu lassen, jedoch wenn du mir die Wahrheit bekennest, warum du einen solchen besondern Ekel gegen meine Person bezeiget, kannst du vielleicht noch mit einer etwas gelindern Todesstrafe begnadiget werden.'
Der armselige Fahndrich hatte hierauf antworten sollen, es war ihm aber unmoglich gewesen zu reden, weilen seine Diebe ihm ein solches Instrument in den Mund gesteckt, welches ihm den Gebrauch der Zunge und Lippen verhindert. Die erzurnte Dame vermeinet, er wolle ihr aus Trotz nicht antworten, tritt ihn deswegen mit dem Fusse in die Seite, knirschet mit den Zahnen und sagt: 'Hollischer Drache! Bist du noch so verstockt und willst mir nicht einmal antworten? Warte! ich will dir noch in dieser Nacht mehrere Wurkungen meines Zorns empfinden lassen.' Hierauf gibt er mit Brummen und Brausen zu verstehen, dass ihm etwas im Munde stecke. Demnach nimmt ihm die Frau von C. selbiges heraus, da ihm denn die Angst ohngefahr folgende Worte in den Mund gibt: 'Schonste Gottin! ich gestehe es, ich habe den Tod verdienet, indem ich zwar nicht aus Ekel und Verachtung, sondern aus blosser Einfalt und knechtischer furchtsamer Einbildung Dero englische Schonheit anzubeten verabsaumet. Ich schwere, dass ich Dero unvergleichlich wohlgebildetes Angesicht zu sehen niemals das Gluck gehabt, und ware es auch geschehen, so wurde ich doch, als ein von Natur sehr bloder Mensch, in meiner Einbildung noch vielmehr gestarkt worden sein, dass man mit mir als einer schlechten Person ein bloss Possenspiel zum Zeitvertreibe vornehmen wolle. Erbarmen Sie sich derowegen meiner und lassen mich auf eine gelinde Art vom Leben zum Tode bringen, denn mein Leben wurde mir ohnedem zur Last gereichen, da ich ein solches Engelsbild gesehen und mich des wurklichen Liebesgenusses bei demselben unachtsamerweise selbst verlustig gemacht habe.'
Solche und dergleichen herzbrechende Reden bewegen endlich die erzurnte Dame zum Mitleiden, so dass sie fragt: 'Liebt Ihr mich denn nunmehro?' Der arme Gefangene kontestiert aus Angst mit noch tausenderlei schmeichelhaften Worten, dass er nunmehro in diesen wenigen Minuten zum allerersten Male den heftigsten Liebesaffekt bei sich, und zwar gegen ihre Person empfunden (ohngeacht ihm die Bande an Handen und Fussen ziemliche Schmerzen verursachten), da er doch sonsten von Jugend auf ein Abstemius von Frauenzimmer gewesen und von den Leidenschaften der Liebe befreiet geblieben. 'Einfaltiger!' sagte die Dame hierauf, 'damit Ihr sehet, wie ich, jedoch wider meine gewohnliche Art, voritzo mit Euch leichter zu versohnen als fernerweit zum Zorne zu reizen bin, so soll Euch vor diesmal nebst Eurem Leben meine Liebe und Gnade geschenkt sein, jedoch mit dem Bedinge, dass Ihr Euch verpflichtet, sooft ich Euch rufen lasse und Ihr keine erweisliche hochst wichtige Verhinderungen habt, Eure Visiten bei mir abzulegen'
Der angstvolle Fahndrich F. williget alles ein, was sie ihm vorschreibt, erklaret sich auch sogar, woferne sie es verlangte, seiner Charge zu resignieren, damit er an seinen ihr allein gewidmeten Diensten nicht verhindert werde. Allein sie erlaubt ihm bis auf fernere Verabredung, nur noch eine Zeitlang seine Charge zu behalten, sich aber nur sonsten ihrem Willen und Verlangen gemass zu bezeigen. Hierauf langet sie ein Messer, schneidet ihm die Stricke an Handen und Fussen entzwei, umarmet und kusset ihn aufs zartlichste, fuhret hernach den halberstarreten Gefangenen in ein propre meubliertes und warmgemachtes Zimmer, erquicket denselben mit vortrefflichen Herzstarkungen, bestreicht und bereibt seine geschwollenen Arme und Schenkel mit den kostbarsten Balsamen und Spiritibus, legt ihn saubere Nachtkleider an und zeiget ihn hernach ein grosses sauberes Bette, wohinein er sich legen muss.
Seine nunmehrige Auffuhrung und verliebtes Bezeigen hatte die Dame dergestalt kontentiert, dass sie ihn persuadiert, funf Tage und ebensoviel Nachte in geheim bei ihr zu bleiben. Weiln er nun aufs propreste von ihr traktiert und aufs zartlichste karessiert wird, kommt ihm diese Lebensart je langer je angenehmer vor; die Madame von C. aber ist nicht weniger vergnugt, weiln sie sich in ihren Gedanken nicht geirret, sondern in reicher Masse bei ihm gefunden, was sie gesucht.
Inmittelst, weiln des Fahndrichs F. Diener nicht zu sagen wusste, wie es mit seinem Herrn zuginge und wo derselbe hingekommen ware, so wusste man beim Regimente nicht, was man von ihm denken sollte. Viele gerieten, in Betrachtung, dass er jederzeit sehr zur Melancholie inklinieret habe, auf die Gedanken, ob er sich wegen Beraubung seines Geldes, Verlust der Pferde und anderer Equipage nicht etwa aus Desperation ersauft oder sonsten auf eine andere Art ums Leben gebracht habe. Man forschete derowegen fleissig nach seiner Person, um dieselbe entweder lebendig oder tot ausfundig zu machen. Allein es war alle Muhe vergebens. Endlich am sechsten Tage kam er wieder zum Vorscheine und meldete sich am allerersten bei mir, weil er wohl wusste, dass ich ihm wohl geneigt war. Er entschuldigte seine funftagige Abwesenheit mit einem besondern Zufalle, der ihm wider seinen Willen begegnet ware, auf so lange Zeit ein Arrestante zu sein. Da nun ich dieserhalb einen ausfuhrlichern Bericht von ihm verlangte, bat er instandig, ihn damit zu verschonen, weiln er, um sein Leben zu retten, einen schweren Eid ablegen mussen, diese Begebenheit noch zur Zeit niemanden zu erzahlen und noch viel weniger vor sich selbst Rache auszuuben. Ich liess ihn als einen bekannten Grillenfanger passieren und deprimierte alles, obgleich verschiedene wunderliche Gesprache uber sein Aussenbleiben gefuhret wurden. Jedoch er gab durch seine nachherige Auffuhrung denen, die ihn vorher gekannt hatten, Materie zu weitern Nachsinnen. Denn von nun an merkte ein jeder gar leicht, dass das melancholische Wesen den Fahndrich F. ganz und gar verlassen hatte, gegenteils war aus ihm ein vollkommener Sanguineus worden. Er besuchte wider seine Gewohnheit die starksten Compagnien, traktierte zum oftern, tanzte, spielete, schaffte sich die propresten Kleider, vier der schonsten Pferde, hielt zwei Kerl, in summa, er tat es allen Subalternen fast zuvor. Dieses alles aber kam aus der Frauen von C. Beutel hergeflossen, denn da sie ihn das erste Mal von sich gelassen, hatte sie ihm ein Packl., worinnen 500 Dukaten, mit auf den Weg gegeben, anbei versprochen, dass, wo er sich ferner wohl halten und seinem Versprechen nachkommen wurde, dieses nur ein kleiner Anfang ihrer Erkenntlichkeit sein solle, denn es war ihr nur allzuviel an einem jungen Sohne gelegen, damit, wenn ihr gebrechlicher Gemahl aus dieser Welt spazierte, sie alles sein Vermogen fein beisammen behielte.
Dieser ihr Mann brachte seine meiste Zeit bei den Gesundbrunnens, warmen Badern und Doctoribus zu; ausserdem aber, wenn er sich etwas bei Kraften befand, mehrenteils auf seinen Rittergutern, deren er neun erb- und eigentumlich besass. Sie, die Gemahlin, hingegen, unter dem Vorwande, dass sie ausser ihrem Palais in der Stadt keine Nacht recht ruhig schlafen konne, vertreibet mittlerweile die Zeit mit ihren Galans, worunter, wie schon gemeldet, das Gluck oder Ungluck auch unsern Fahndrich F. fuhret, und weil es zutrifft, dass sie dreiviertel Jahre nach der mit ihm aufgerichteten nahen Bekanntschaft mit einem jungen Sohne niederkommt, hat er, seinem eigenen Gestandnisse nach, binnen Jahresfrist uber 2000 Reichstaler Wert von ihr geschenkt bekommen.
Allein man pflegt im gemeinen Sprichworte zu sagen: Der Krug gehet so lange zu Wasser, bis ihm der Henkel abbricht; und dieses war bei beiden Verliebten auch richtig eingetroffen, denn weil ihr Liebesverstandnis so vielen Domestiquen bekannt wird, die Frau von C. aber zuweilen sehr barbarisch mit ihren Leuten umzugehen gewohnt ist, als mag eins von denselben endlich auf Revanche bedacht sein und dem Hausherrn aufrichtig entdecken, was seine Gemahlin vor eine Lebensart fuhret.
Der alte Herr wird ziemlichermassen in Harnisch gejagt, begreift sich aber in der Bosheit und studiert auf Mittel und Wege, wie er seine Frau nebst ihrem Galane plotzlich uberfallen mochte. Er erreicht endlich seinen gewunschten Zweck und betrappelt beide in aller Stille, da sie, von allzuheftiger Liebesarbeit ermudet, im sussesten Schlafe liegen. Wie er nun vorhero schon alle Anstalten darzu gemacht, als werden beide an Armen und Beinen gebunden und aus dem Bette auf den Boden geworfen, so dass sie sich kaum ermuntern und begreifen konnen, wie ihnen geschicht. Sechs Kerls stehen mit entblossten Schwertern und aufgespanneten Pistolen um sie herum, der erzurnte Corniger wendet sich mit einem entblosseten Dolche zu dem Fahndrich F. und spricht: 'Bekenne, du Massette! wie lange du mit dieser vermaledeieten Canaille dieses Spiel getrieben hast, und leugne mir nicht, sonsten will ich deinen schandlichen Korper, ehe ich ihn des Lebens beraube, auf eine solche grausame Art zermartern lassen, dergleichen noch von keinem Barbar erfunden worden.' Unter diesen Worten stach er ihm mit dem Dolche in jedes dicke Bein ein Loch.
Der Fahndrich F., welcher nichts Gewissers als den allerschmerzhaftesten Tod sich in seinen Gedanken vorstellen konnte, merkte nunmehro wohl, dass weder Schmeicheln, Leugnen, Verstellen, Bitten noch Flehen mehr helfen wurde, ergriff die Resolution, die klare Wahrheit zu bekennen, fing derowegen also zu reden an: 'Mein Herr! wenn ich aus eigenen Mutwillen oder unzuchtigen Liebesbegierden mich unterstanden hatte, Eurer Gemahlin genaue Umarmung zu suchen und Euer Ehebette zu beflecken, so wurde mir doch von der ganzen Christenheit keine andere Marter als der Tod durch das Schwert zuerkannt werden; da ich aber bei Nachtszeit von sechs bewehrten Leuten mit Gewalt aus meinem Bette, worinnen ich im besten Schlafe lag, geholet, entsetzlich gemartert und gepeiniget, auch mit der grausamsten Todesart bedrohet worden, so habe mich, um mein Leben zu fristen, verleiten lassen, Eurer Gemahlin ihren Willen, sooft sie es verlangen und mir nur immer moglich sein wurde, zu erfullen. Demnach bedenket selbst, mein Herr, wie Ihr Euch bei dergleichen Umstanden, wenn Ihr an meiner Stelle gewesen waret, hattet auffuhren wollen. Nunmehro wird es', so fahret der arme F. auf ferneres Befragen mit seiner Antwort fort, 'wenig Wochen uber ein Jahr sein, dass man mir also mitgespielet hat, und seit der Zeit habe ich zu verschiedenen Malen, wenn Ihr nicht einheimisch gewesen, Eure Stelle vertreten mussen, aus Furcht, nicht etwa wegen Brechung meines Eides heimlicher- und meuchelmordischerweise um mein Leben gebracht zu werden. Erwaget demnach, dass man mich auf eine grausame Art gezwungen, dergleichen Torheit zu begehen, und verschonet meiner mit der gedroheten Marter. Kann aber mein Verbrechen bei Euch durch nichts anders als durch meinen Tod ausgesohnet werden, nun! so lasset mich nur eine einzige Stunde beten, hernach schicket meine Seele in die andere Welt, jedoch nicht auf eine barbarische Art, denn ob Ihr gleich von mir empfindlich beleidigt worden, so bedenkt doch, dass Ihr kein Barbar, sondern ein getaufter Christe seid.'
Der ergrimmte Ehemann hatte sich unter Anhorung dieser Relation entsetzlich ungebardig gestellet, mit den Fussen auf die Erde gestampft, mit den Zahnen geknirschet und die Augen grimmigerweise im Kopfe verdrehet, nachhero aber gefragt, ob er, F., Vater zu dem Kinde sei, welches die von C. letzthin geboren hatte, worauf dieser geantwortet, das konne er nicht sagen, sondern die Dame musse es am besten wissen. Demnach wird die Dame von ihrem furieusen Manne dieserwegen befragt, welche sich ganz rasend anstellet und ihm zur Antwort gibt: 'Nein! nicht dieser mein Liebster, sondern du alter verfluchter Drache bist selbst Vater zu diesem hasslichen Balge, welches nebst der mir verhassten Gestalt schon alle deine ekelhaften Mienen und Gebarden an sich hat. Rechne die Zeit nach von deiner Wiederkunft aus dem N. Bade, ob es nicht eintrifft. Inmittelst bedaure ich nichts mehr, als dass ich diesen schandlichen Wurm nicht im ersten Bade ersauft habe; bringe ihn her, ich will ihn sogleich vor deinen Augen erwurgen, damit du nur kein Andenken von mir haben mogest. Tote mich immerhin, du verfluchter Tyranne, denn ich verlange ohnedem nicht mehr deine Gemahlin zu heissen, lass nur den unschuldigen F. leben, denn es ist wahr, und ich bekenne es selbst, dass ich ihn aus allzu heftiger Liebe zu meinem Willen gezwungen habe.' 'Halt! du ungetreue Bestia!' spricht der erzurnete Mann, 'ich will dich und deinen Galan schon zu belohnen wissen.' Hiermit gibt er seinen Gewaffneten ein Zeichen, dass sie den ohnedem schon gebundenen F. festhalten mussen, einer von seinen Bedienten aber, der vielleicht ein Wundarzt gewesen, schneidet demselben in grosster Geschwindigkeit die Zeugen seiner Mannheit heraus und uberliefert dieselben seinem Herrn. Dieser prasentiert solche seiner Gemahlin auf einem silbernen Teller mit einem zornigen Lacheln und spricht: 'Hier Madame! labet Euch nunmehro recht wohl mit den delikatesten Stucken Eures Amanten.' Die Dame gerat hieruber fast in eine vollkommene Raserei, reisset das Band, womit ihr die Hande gebunden sind, entzwei, ergreift den Teller und nimmt beide Stucke zu sich, den blutigen Teller aber wirft sie ihrem Gemahl an den Kopf mit diesen Worten: 'Siehe da, du tyrannischer Mordhund! das musst du vor meinem Ende doch noch leiden' etc.
Es ist leicht zu erachten, dass der ohnehin ergrimmte Mann hierdurch vollends in eine rasende Wut versetzt worden, er tritt sie demnach mit dem Fusse dergestalt auf den Leib, dass sie in eine starke Ohnmacht verfallt, ja er wurde sie ohnfehlbar mit dem Dolche durchbohret und ermordet haben, wenn nicht einer von seinen Bedienten, auf den er sehr viel gehalten, ihm in die Arme gefallen und den Stoss aufgehalten hatte. Hierauf begreift er sich in etwas, gehet in ein anderes Zimmer und befiehlt, den Fahndrich F. bis auf seine fernere Verordnung in ein wohlverwahrtes Gefangnis zu legen.
Dessen Wunden sind von einem unbekannten Menschen behorig verbunden und er binnen 18 Tagen fast vollig kuriert worden, auch hat man ihm mittlerweile ganz wohl zugerichtete gesunde Speisen und Getranke gereicht, den 19ten Tag aber hat man ihm bloss Wasser und Brot gebracht, mit der Ankundigung, dass er sich nur immer zu seinem Ende gefasst machen konne, weil er taglich 50 Hiebe mit einer mit Draht durchflochtenen Geissel, woran viele Hakgen und kleine Sporn befestiget, bekommen sollte, bis er krepierte. Derjenige, so ihm dieses sein Urteil angekundiget, wartet auf keine Antwort, sondern macht sich eilig wieder zuruck; allein etwa eine Stunde hernach kommen zwei starke Kerls, welche seinen Oberleib entblossen, ihm die Hande zusammenbinden und also mit den Handen an einen Haken hangen, der oben mitten im Gewolbe eingemauert ist, so, dass der arme F. in der Luft schwebt. Hierauf gibt ihm ein jeglicher von den zweien Canaillen 25 Hiebe mit der schon erwahnten Geissel, da denn sein Oberleib dergestalt zugerichtet wird, dass ganze Stuckgen Haut und Fleisch herausgerissen worden; hernachmals waschen sie ihn mit Essig und Branntewein, binden ihn wieder los und legen ihn auf sein Lager.
Wie dem guten F. musse zumute gewesen sein, ist wohl ganz leicht zu erachten, ja ich glaube, der Allerherzhafteste sollte wohl bei dergleichen Todesart erzittern und auf die Gedanken geraten, sich sein Lebensziel selbst abzukurzen. Allein der Fahndrich F. resolviert sich, mit moglichster Standfestigkeit die zeitlichen Strafen zu ertragen, welche der Himmel uber ihn verhangt hat. Demnach fugt es der Himmel auch, dass dennoch sein Leben erhalten wird. Denn gleich darauffolgende Nacht kommt der Kerkermeister mit einem Lichte zu ihm hinein und bringet ihm nebst verschiedenen Kleidungsstucken einen Mantel, erinnert ihn, dass er ohne Zeitverlust dieses alles anlegen und sich mit Hulfe der Nacht in Sicherheit bringen solle, weilen er sonsten in wenig Tagen des Todes sein musse. Sobald er sich nun vollig angekleidet und den Mantel um sich geschlagen, gibt ihm der Kerkermeister einen versiegelten Brief in die Hande mit dem Vermelden, dass er denselben wohl verwahren mochte, weil er ihm in seinem jetzigen elenden Zustande wohl zustatten kommen wurde. Dieser halt sich also nicht lange an diesem ungluckseligen Orte auf, sondern eilet so geschwinde, als es seine Schwachheit zulassen will, nach seinem Quartiere, welches aber verschlossen und von keinem Menschen bewohnet war.
Demnach nimmt er in diesen seinen Angsten seine Zuflucht zu mir, zumalen da er in meinen Fenstern noch Licht erblickt und von der Schildwache vernimmt, dass niemand Frembdes bei mir sei. Ich erschrak, den ganz vor verloren geschatzten Fahndrich F., und zwar in so jammerlicher Gestalt, vor mir zu sehen, und horete nur erstlich die Hauptstucke seiner Aventure, die er mir unter Vergiessung haufiger Tranen erzahlete, mit Erstaunen an. Es erweckte aber sein elender Zustand bei mir ein ganz besonderes Mitleiden, derowegen sprach ihm soviel als moglich Trost zu, hielt ihn ganz heimlich in meinem Quartiere auf und liess ihn aufs beste verpflegen. Ein Feldscher, auf dessen Treue und Verschwiegenheit ich mich verlassen konnte, musste den elenden Menschen vollends kurieren, sodann verschaffte ich ihm sein im Quartiere zuruckgelassenes Geld und Equipage nebst einem ehrlichen Abschiede vom Regimente. Damit ich aber auch nicht vergesse, was das Papier zu bedeuten gehabt, welches ihm der Kerkermeister bei seiner Loslassung so sehr rekommendiert hatte; so war dieses ein Kondolenzschreiben von der Mad. C., in welchem sie recht herzbrechende Worte gebrauchte und versprach, seinen und ihren ausgestandenen Schmerz, Verlust, Spott und Hohn mit dem Blute und Tode ihrer Feinde zu rachen, inmittelst konne er vor beigelegten Wechselbrief bei dem Kaufmanne N.N. 1000 spec. Taler heben und sich in moglichster Stille nach R. begeben, allwo sie ihn ehe Jahr und Tag verginge, anzutreffen verhoffete, da sie denn ihre Treue und Erkenntlichkeit in Erwagung seines ihrenthalber erlittenen schmerzlichen Verlusts ihm reichlicher zeigen wolle. Ich verschaffte also dem armen Fahndrich F. auch diese 1000 spec. Taler, worvon er mir eine ansehnliche Verehrung offerierte, allein ich nahm nichts an, sondern erwiese ihm vielmehr noch die Gefalligkeit und liess ihn in einem verdeckten Wagen unter hinlanglicher Eskorte uber die Grenze dieses ihm ungluckseligen Landes bringen.
Etliche Wochen hernach empfing ich Briefe von ihm, worinnen er aber, wie er schrieb, mit allem Fleiss den Ort seines Aufenthalts nicht melden wollte, indem dieses sein einziger Wunsch ware, dass er von allen Menschen, die ihn vorhero gesehen oder die er gekennet, nicht mochte erkannt oder gesehen werden. Anbei schickte er mir dennoch zur Erkenntlichkeit 200 spec. Dukaten, welche ich, weil ich nicht wusste, wohin ich sie respedieren sollte, wider meinen Willen behalten musste."
Die ganze Compagnie bezeigte nach geendigter Erzahlung ein wundervolles Erstaunen und bekraftigte, dass dieser barbarische Hahnrei eine Rache nach italianischer Art ausgeubt, ohngeacht er kein Italianer gewesen, beklagten anbei den redlichen Fahndrich F., dass er sich nicht besser prospiziert und endlich wegen allzugrosser Sicherheit dergestalt unglucklich worden.
"Es fallt mir", sagte ein gewisser Capitain, der mit in Compagnie sass, "bei abermaliger Erwahnung der Italianer eine zum Teil etwas lacherliche Historie ein, die dem von B., welchen viele von uns kennen werden, vor ohngefahr anderthalb Jahren in Italien passieret ist. Dieser lasset sich durch die charmanten Blicke, Prasente und Liebesbriefe einer ungemeinen schonen Kaufmannsfrau anlocken, ihr dann und wann, sooft ihr hochst eifersichtiger Mann nicht zu Hause ist, eine Visite zu geben und ihr einen beliebigen Zeitvertreib zu machen. Hiervon aber mag der Mann Wind bekommen, ziehet derowegen einige von seinem Gesinde mit Geschenken an sich, macht auch sonsten alle behorige Anstalten, seine Frau mit dem von B. zu belauschen und zu sehen, wie sie miteinander umgehen. Einsmals gibt er vor, dass er mit der um Mitternacht abgehenden Post fort musse, allein der Vogel schleicht sich wieder in sein Haus zuruck und logiert sich neben seiner Frauen Zimmer, allwo er durch ein gemachtes Loch, so er verdecken kann, alle Actiones seiner Frauen zu betrachten vermogend ist. Diese lasst den von B. mittags zu sich zu Gaste laden und traktiert ihn aufs propreste, da denn der delikateste Wein und die trefflichsten Confituren beide um soviel desto mehr instigieren, einander die zartlichsten Karessen zu machen, bis endlich nach aufgehobener Tafel die Hauptursache ihrer Zusammenkunft vorgenommen werden soll. Beide machen es sich mit Ablegung der Oberkleider und sonsten recht kommode, indem sie aber im Begriffe sind, den Liebesstreit anzufangen, eroffnet der abgunstige Mann die Tur, postiert sechs oder acht Banditen davor, welche ihre entblossten Degen und Mordmesser in Handen halten, tritt hierauf hinein ins Zimmer und spricht zu dem von B.: 'Mein werter Herr! es stehet in meinem Hause alles zu Euren Diensten, ausgenommen meine Frau, die ich, wenn es moglich ware, gern vor mich allein behalten wollte; unterdessen, weil ich vernommen habe, dass Ihr einesteils unschuldig seid, indem sie Euch selbsten hat rufen lassen, so will ich mein Hausrecht vor dieses Mal an die Seite setzen und keine Hand an Euch legen, sondern Euch die Freiheit lassen, ob Ihr Euch durch diese bewaffnete Kerls zur Tur hinaus schlagen oder zu diesem grossen Fenster, welches ich hiermit eroffne, hinunter auf die Strasse springen wollet?' Dem von B. mogen allerdings wohl die Haare zu Berge stehen, denn sich durch so viel desperate, doppelt bewaffnete Banditen durchzuschlagen und lebendig davonzukommen, scheinet eine ohnmogliche Sache zu sein, und einen solchen Sprung aus dem zweiten, sehr hohen Stockwerke zu wagen, ohne den Hals auf dem Steinpflaster zu sturzen, will ihm auch nicht in den Kopf, jedoch da der vertrackte Kaufmann kurze Resolution fordert, erwahlet er das letztere, zumalen da er etwas im Voltigieren getan, springt herunter auf das Steinpflaster, und zwar dergestalt glucklich, dass er keinen weitern Schaden nimmt, als das Gelenke des rechten Fusses ein wenig verdrehet; hierauf eilet er, soviel als moglich sein will, davon in eine Kirche, mischt sich unter das Volk, trifft einige von seinen guten Freunden und Landsleuten an, welche ihn an einen sichern Ort bringen. Allda lasst er sich verbinden, befiehlt seinen Leuten, in grosster Geschwindigkeit alle seine Sachen einzupacken und eine Extrapost zu bestellen, mit welcher er noch selbigen Abend in Begleitung einiger guten Freunde zu Pferde auf und darvon reiset, indem er befurchtet hat, der Kaufmann mochte etwa auf andere Gedanken geraten und ihm durch bestellte Banditen einmal plotzlich das Lebenslicht ausblasen lassen. Wie aber der Kaufmann mit seiner wollustigen Frau umgegangen, solches hat er niemals in Erfahrung bringen konnen."
Es entstunde unter der ganzen Compagnie uber diese wunderliche Begebenheit ein nicht geringes Gelachter und wurden verschiedene Urteile daruber gefallet. Unter andern mancherlei Gesprachen kam auch aufs Tapet, dass sich durch verbotenes Courtoisieren sowohl im Militar- als Zivilstande viele geschickte Mannespersonen glucklich gemacht, auch zu grossen Mitteln und hohen Ehrenstellen geholfen hatten. Bei dieser Gelegenheit bat ein gewisser Lieutenant, welcher in eines andern grossen Potentaten Diensten stunde und nur gute Freunde zu besuchen bei diesem Regimente auf der Vorbeireise eingesprochen war, um Erlaubnis, eine curieuse und wahrhafte Geschicht zu erzahlen. Als er nun von der samtlichen Compagnie ersucht wurde, ihnen diese Gefalligkeit zu erweisen, finge er also zu reden an:
"Als ich vor acht Jahren als Fahndrich in Z. auf Werbung stund, um sonderlich vor meines Capitains Compagnie etwa zehn bis zwolf Rekruten anzuwerben, bekam ich auf listige Art einen schonen und wohlgewachsenen Menschen von ohngefahr 20 Jahren, welcher seine Studia auf der Schule daselbst absolvieret hatte und bei seinen Eltern nur auf etliche Taler Geld laurete, um damit auf Universitaten zu gehen, womit ihm aber dieselben, weil sie wenig im Vermogen hatten, nicht alsobald helfen konnten. Eben dieses war wohl die meiste Ursache, dass er zwei Dukaten Handgeld und das Versprechen von mir annahm, dass er den ersten Furiersplatz, so unter dem Regimente aufginge, haben sollte. Allein, wie es gemeiniglich zu gehen pflegt, dass dergleichen Versprechen nicht gar zu genau gehalten werden, so traf es auch bei dem ehrlichen Merillo zu, denn er musste uber Jahr und Tag die Flinte tragen, fuhrete sich aber dabei sehr wohl und gelassen auf, hielt sich in der Montur allezeit reinlich und uberhaupt alle seine Sachen sehr ordentlich, frequentierte keine luderlichen Compagnien, sondern blieb lieber zu Hause, lase in den Buchern, so er geborgt kriegen konnte, bemuhete sich anbei sonderlich, die franzosische Sprache fertig reden und schreiben zu lernen, wie er denn auch dieselbe binnen kurzer Zeit fast vollkommen innen hatte. Nach der Zeit, da er sich durch sein Schreiben einige Taler Geld erworben, mag ihm auch wohl auch ein Lustgen ankommen, in Compagnie zu gehen, derowegen attachiert er sich stets an die Unteroffiziers und andere reputierliche Leute, welche ihn wegen seiner guten Auffuhrung und klugen Diskurse lieben und ehren. Nur ist das schlimmste, dass das Geld nicht immer zureichen will, denn die Lohnung langete nicht allzuweit, und nach einiger anderer Soldaten Art, auf Merode oder, besser zu sagen, stehlen zu gehen, war seiner noblen Ambition zuwider, derowegen musste er sich nolens volens nach der Decke strecken und manche lustige Compagnie meiden. Bei seiner Wirtin, die eine sturmische, geizige Wittbe und bereits etliche 40 Jahr alt war, hatte er sich seit etlichen Wochen vor empfangene Viktualien in ein paar Taler Schulden gesetzt, durfte sich also, wenn er nicht gemahnet sein wollte, nicht allzuwohl vor ihr sehen lassen, sondern kroch manchen Nachmittag auf den Heuboden, nahm ein Buch mit dahin und las so lange darinnen, bis ihn der Mittagsschlaf uberfiel.
Ich habe vergessen zu melden, dass wir damals schon nach einem zuruckgelegten Marsche von etliche 40 Meilen bei unserm Regiment angekommen waren. Jedoch die Geschicht fortzusetzen, wie mir dieselbe von dem Merillo umstandlich erzahlet worden: so schlummert er eines Tages auf gedachten Heuboden abermals ganz susse; seine Frau Wirtin, die etwa ihr Heu besichtigen will, trifft ihn, und zwar in einer solchen Positur liegend an, die zwar ein junges Magdgen, keinesweges aber eine Frau von solchen Jahren zur Liebe reizen sollen. Merillo ermuntert sich zwar und merkt, dass sie vor ihm stehet und ihn beschauet, jedoch aus Furcht, von ihr gemahnet und gescholten zu werden, bleibt er ganz stille liegen und fangt an zu schnarchen als ein Ratz. Die verliebte Alte bleibt eine gute Zeit ganz entzuckt zu seinen Fussen stehen, endlich, da sie vermeinet, dass er in dem allerfestesten Schlafe lage, setzt sie sich ganz sanfte an seine Seite, suchet dasjenige, was ihr Herze begehrt. Weil aber Merillo sich hierdurch nicht ermuntern lasst und ihr die Zeit zu lang werden will, legt sich das verliebte alte Rabenfell auf ihn, liebkoset und bittet ihn so lange, bis er ihr denjenigen Dienst leistet, den er, wenn er nur einige Taler im Vermogen gehabt, ihr vielleicht versagt hatte. Sie hat sich hierauf ungemein vergnugt und gutig gegen ihn erzeigt, ihm die Schuld erlassen und noch darzu etliche harte Taler in seine Tasche gesteckt, anbei versprochen, ihn taglich aufs beste zu traktieren und jederzeit mit benotigten Gelde zu versorgen, daferne er sie in Zukunft ferner vergnugen wolle. Merillo entschliesset sich demnach, in einen sauern Apfel zu beissen, um delikate Bissgen zu haben und ein gutes Leben zu fuhren. Er fuhrete sich weit sauberer in Kleidung und Wasche auf als sonsten, ging ofters in Compagnie, spielete auch dann und wann ein Spiel mit, welches vorhero sein Werk nicht gewesen war, doch bei allem dem war er sehr akkurat in Versehung seiner Dienste und suchte sich bestandig in der Gunst der Hohern zu erhalten, welches ihm denn erstlich die Korporals- und wenig Monate hernach die Furiersstelle zuwege brachte. Damals gab er denen andern Unteroffiziers einen vortrefflichen Schmaus, der ihm mehr als 30 Taler kostete, hatte es auch eben nicht weit von sich geworfen, als ihm einige railliert, wie nehmlich er gewiss Frauenzimmer-Stipendia genosse. Niemand aber hatte auf seine unscheinbare Wirtin gedacht und geglaubt, dass bei derselben die Liebe den Geiz uberwunden hatte. Allein die Alte gab alles her, was er von ihr verlangte, beide aber trieben ihr geheimes Liebesspiel so lange, bis sie einsmals von der Tochter beschlichen und in voller Arbeit angetroffen worden. Da sich nun die Tochter unterstehet, der Mutter wegen ihres unzuchtigen Lebens einen Verweis zu geben, wird das gute ehrliche Magdgen von der erzurnten Mutter dergestalt mit Schlagen traktiert, dass sie in etlichen Tagen nicht aus dem Bette kommen, mithin, ihrer Bedrohung nach, dem Beichtvater nicht anzeigen kann, was sie mit ihren Augen gesehen. Mutter und Tochter versohnen sich zwar wieder, allein in wenig Tagen gehet der Streit und das Drohen der Tochter von neuen an, bald hernach aber wird das Magdgen fruhmorgens in ihrem Bette tot gefunden und unter dem Vorwande, dass sie an einem Schlagflusse gestorben, in aller Stille begraben.
Merillo schopft hieruber arge Gedanken und mutmasset aus verschiedenen Umstanden, dass die Mutter ihre Tochter vielleicht durch Gift von der Welt gebracht, um das Liebesspiel desto sicherer zu treiben. Demnach bekommt er einen heftigen Ekel und Abscheu vor diesem alten Felle und sinnet auf Gelegenheit, sich mit guter Manier aus den Fesseln derselben zu reissen. Hierzu ereignete sich nun dieses angenehme Mittel: Das alte Weib hatte von ihrem zusammengescharreten Gelde 1200 Stuck alte Kremnitzer Dukaten in ihrem Speisegewolbe in die Erde gesetzt. Merillo kommt ihr von ohngefahr hinter die Schliche und merkt das Fleckgen; einige Tage hernach aber nimmt er diesen Schatz heraus und vergrabt denselben an einen andern, ihm gelegenern und sichern Ort, lasset sich aber nichts merken, sondern stellet sich, als ob er immer armer und Geld bedurftiger wurde, ja er macht sich gar unpasslich, um der Aufwartung bei seiner alten Sara uberhoben zu sein. Diese wartet und pflegt ihn aufs beste, um seine Krafte wiederherzustellen, eines Tages aber kommt sie ohnversehens als eine hollische Furie mit zerrauften Haaren und grasslichen Zetergeschrei in seine Stube gelaufen und stellet sich nicht anders an als ein Mensch, das ganz von Sinnen kommen will. Merillo stellet sich ungemein erschrokken an und fragt, was ihr denn Leides widerfahren sei, worauf sie ihm mit allen Umstanden klaget, dass ihr ihr grosstes Kapital, an 1200 Stuck Dukaten, weggenommen worden, auch hinzufugt, er und kein anderer musse es entfuhret haben, derowegen mochte er es nur bekennen, weil sie ohnedem gesonnen gewesen, dieses Geld mit ihm zu verzehren. Merillo versucht anfanglich, ihr diesen Wahn in Gute zu benehmen, ermahnet sie auch, vorhero recht zu suchen, weil sich das vergrabene Geld oftermalen zu verrucken pflegte. Da sie aber nicht nachlasset, ihm diesen Raub auf den Kopf schuld zu geben, fahret er plotzlich mit andern Worten heraus und spricht: 'Du alte Bestia! kannst du mir so wohl erweisen, dass ich dich bestohlen habe, als ich dir dartun will, dass du, um deine Geilheit desto sicherer auszuuben (worzu du mich sozusagen bei den Haaren gezogen hast), eine Morderin an deiner einzigen Tochter worden bist? Warte, warte!' spricht er ferner, 'ich will dich altes Luder bald in Schindershanden sehen, weil du mich als einen ehrlichen Unteroffizier zum Diebe machen willst.' Hiermit springt er auf, ziehet seine Kleider an und will zum Hause hinausgehen, allein die Alte, welcher das Gewissen schlagt, fallt zu seinen Fussen und bittet mit Tranen, ihr kein Ungluck uber den Hals zu ziehen, sie wolle gern alles vergessen und, ob sie gleich an dem plotzlichen Tode ihrer Tochter unschuldig, ihm doch noch 100 spec. Taler schenken, nur dass sie durch ihn nicht in bosen Verdacht und Nachrede gesetzt wurde. Merillo lasst sich nach langen Weigern endlich besanftigen, nimmt die 100 Taler noch mit und verspricht, ihr weder Guts noch Boses nachzureden, gehet zum Hause hinaus, lasset seine Sachen durch ein paar Musketiers nachholen und kommt nachhero nicht wieder zu ihr, erfahret aber wenig Wochen hernach, dass sie in einem hitzigen Fieber in grosster Raserei dahingestorben sei.
Solchergestalt konnte er sich nun seines erworbenen Geldes etwas freier bedienen, doch fing er seine Sachen recht klug an, indem er vorgab, es ware in seiner Heimat ein naher Anverwandter von ihm gestorben, welcher ihm zu seinem Avancement unter der Miliz ein ziemliches Kapital vermacht hatte. Nebst seiner guter Auffuhrung machten die geheimen Spendagen, dass er bald hernach Feldwebel wurde, da er sich denn so galant als der beste Oberoffizier auffuhrete. Er besuchte den Fecht- und Tanzboden fleissig, zeigte viel Courage; seiner guten Conduite wegen waren ihm aber auch diejenigen gewogen, welche einesteils Ursach gehabt hatten, ihn zu beneiden und sich feindselig gegen ihn zu erzeigen.
Wegen seiner propren Auffuhrung und wohlgebildeten Person nun verliebte sich ein Kammerfraulein einer gewissen vornehmen Dame, die als Wittbe in der Stadt lebte, wo wir in Garnison lagen, in unsern Merillo. Ich will die Dame bloss Livicarda und das Kammerfraulein Rosinde nennen. Diese Rosinde kann nicht ruhen, bis sie mit Merillo zu sprechen kommt. Es geschicht endlich dieses durch Vermittelung einer alten Frau zum ersten Male, als von ohngefahr, in einem Garten. Beide Personen gefallen einander, werden derowegen ihres verliebten Krams bald einig, worauf denn Merillo von seiner Geliebten einsmals um Mitternachtszeit in ihrer Gebieterin, der Livicarden Palast, ja sogar in ihre Schlafkammer gefuhret wird, allwo sie im grossten Vergnugen eine Bouteille Wein und allerlei Sorten von Konfekt miteinander verzehren. Indem sie sich aber anschicken, die allersusseste Kost der Liebe zu geniessen, offnet sich ganz plotzlich die Tur, welche Rosinde zuzuschliessen vergessen. Livicarda kommt selbsten hineingetreten und spricht: 'Siehe da! ihr artigen Herzgen, trifft man euch also hier beisammen an. Beschimpft ihr solchergestalt meinen Palast? Rosinde! wollet Ihr schon Euren Jungferkranz durch einen Soldaten zerreissen lassen? Und Ihr!' so redet sie den Merillo an, 'wer seid denn Ihr? Ich bitte um Vergebung nur derentwegen, dass ich Euch ein standesmassiges Bad kann zubereiten lassen. Traget Ihr nicht mehr Respekt vor eine solche Dame, wie ich bin, als dass Ihr Euch unterstehet, eine von ihren Frauleins zu schanden?'
Merillo will zwar seine Verantwortung und untertanigste Bitte um Gnade vor Livicarden kniend verrichten, doch dieselbe horet ihn nicht, sondern ergreift Rosinden beim Arme und schleppt sie fort aus der Stube, verriegelt dieselbe und spricht, er solle nur Gedult haben, sie wolle ihm etwas anders weisen. Dass dem guten Merillo nicht allzuwohl bei der Sache gewesen sein musse, ist leicht zu glauben; er hatte die Fenster betrachtet, um herunterzuspringen, allein sie sind zu hoch und darzu mit eisernen Staben verwahret, auch ist die Tur dergestalt befestiget, dass er sie nicht aufbrechen kann. Ob nun zwar sein Verbrechen keine Todsunde war, so wollte ihm doch schon im voraus von einer scharfen Zuchtigung und starken Prostitution traumen, derowegen blieb er uber eine Stunde lang in den allerangstlichsten Sorgen und Bekummernissen sitzen; nach Verlauf derselben aber stellet sich die zwar sehr schon, doch darbei sehr zornig aussehende Livicarda wieder ein und redet ihn mit folgenden Worten an: 'Wohlan! freveler Soldat! hieraussen vor meiner Tur stehen vier bewehrte Knechte, getrauet Ihr Euch mit Euren Degen durchzuschlagen, so waget Euch hinaus, die Turen meines Palasts sind geoffnet, dass Ihr weiterkommen konnet.' Merillo fallt abermals zu ihren Fussen, bittet um Gnade, stellet vor, es wurde ja einer solchen irdischen Gottin, welcher lauter Gute und Barmherzigkeit nebst andern unaussprechlichen Annehmlichkeiten aus den Augen leuchteten, eben nicht mit einer Handvoll seines Bluts gedienet sein, zudem so ware ja das Verbrechen, worzu ihn die hitzige Jugend verleiten wollen, noch nicht vollfuhret worden etc. etc., worauf Livicarda mit einer etwas gnadigern Miene spricht: 'Rosinde hat mir bereits gestanden, wievielmal ihr Unzucht miteinander getrieben habt; werdet Ihr nun auch in diesem Stucke die reine Wahrheit bekennen, damit ich hore, ob Eure Reden ubereintreffen, so soll Euch dennoch ein Teil meiner Gnade angedeihen.'
Merillo bekraftiget demnach mit teuren Schwuren, dass dieses ihre erste geheime Zusammenkunft ware, und setzet noch hinzu, dass er sich zeitlebens noch mit keinem Frauenzimmer fleischlich vermischt habe. Hierauf erkundigt sie sich wegen seiner Charge, Herkommens und anderer seine Person betreffenden Umstande, und da er sie dessen allen mit wohlgesetzten Worten und manierlichen Gebarden berichtet hat, sagt sie endlich mit lachenden Munde: 'Ich glaube Euch alles wohl, nur daran zweifele ich, dass Ihr noch ein reiner Junggeselle seid.'
Dieses nun versichert Merillo nochmals mit den kraftigsten Worten, worauf Livicarda mit einer verliebten Miene spricht, dergleichen Wildpret ware etwas Rares und viel zu delikat vor ein armes Fraulein. 'Wo mich mein Spiegel nicht betrugt oder ich mir nicht selbst schmeichele, so hielte ich mich fast um ein gut Teil wohlgebildeter als meine Rosinde. Wie gefiele Euch demnach der Tausch, Merillo, wenn Ihr anstatt Rosinden mich karessieren durftet?' 'Madame!' antwortete Merillo, 'Sie suchen vielleicht ein Wort von mir herauszulocken, welches mir das Leben kosten soll; doch muss ich bekennen, dass mir dergleichen ubermenschliche Schonheit, wie die Ihrige ist, zeit meines Lebens noch nicht vor Augen gekommen, ich aber bin ein Wurm gegen Dero unvergleichliche Person und geniesse mehr als zu vieles Gluck, wenn ich nur den Staub zu Dero Fussen kussen darf.' 'Eurer Gestalt und Geschicklichkeit nach', versetzte Livicarde, 'waret Ihr wurdig, ein geborner Prinz zu sein, demohngeacht aber, wo Ihr vernunftig lieben und schweigen konnet, so stehet Euch bei mir dasjenige Vergnugen offen, welches Ihr diese Nacht bei Rosinden zu finden verhofft habt, saget demnach kurzlich Eure Meinung und was Ihr Euch selbsten zutrauet.'
Bei so gestalten Sachen hielt Merillo mit der Resolution nicht lange zurucke, sondern gab die Livicarden wohlgefallige Erklarung mit zitterender Freude von sich, worauf sie selbst ihm den ersten Kuss gab, ihn nach einigen verliebten Tandeleien bei der Hand nahm und eine Treppe hinunter in ihr Schlafzimmer fuhrete, allwo er auf den gehabten Schrecken erstlich einen guten Trunk von einer kostlichen Herzstarkung tun, hernach sich kommode machen und bei Livicarden, ihrer Meinung nach, die ersten Proben seiner Tapferkeit im Venuskriege ablegen musste.
Er hat mir", sagte hier der Lieutenant, "teuer zugeschworen, dass ihm damals 1000mal besser um die Leber gewesen als bei seiner alten Wirtin auf dem Heuboden; allein er hatte solches eben nicht notig gehabt, denn ich konnte es ohnedem wohl glauben sowohl als dieses, dass beide keinen Schlaf in ihre Augen kommen lassen, bis endlich der anbrechende Tag erinnert, dass es Zeit sei, voneinander zu scheiden, da ihm denn Livicarda die Verschwiegenheit nochmals bei Verlust seines Lebens eingebunden, diese erste Visite mit einer guten Handvoll Dukaten, die sie ihm in den Hut gelegt, belohnet, auf folgende Nacht seine Wiederkunft durch eine kleine Gartentur, die sie ihm bezeichnet, verlanget und also diesen wohlbestellt befundenen Venusritter fortwandern lasst.
Solchergestalt hatte sich nun Merillo das gestorte Liebesvergnugen bei Rosinden gar nicht gereuen lassen, dieses arme Magdgen aber hat selbige Nacht ihre heisse Liebesglut in einem kalten Gewolbe abkuhlen mussen, folgenden Morgens aber ist sie in einen zugemachten Wagen gesetzt und 16 Meilen von dannen zu den Ihrigen gefuhrt worden, weswegen denn Merillo dieselbe nach der Zeit nicht wieder zu sehen bekommen.
Livicarda lebte, wie ich bereits gemeldet, als eine Wittbe, indem ihr Gemahl, mit dem sie kaum zwei Jahr in einer sehr vergnugten Ehe gelebt, an einer Blutsturzung nur etwa vor einem halben Jahre plotzlich gestorben war. Sie war sehr schon, ihres Alters ohngefahr 21 bis 22 Jahr, darbei stark bemittelt. Es hatten sich zwar schon verschiedene Freier bei ihr antragen lassen, allein sie mochte bei jedweden etwas auszusetzen haben, indem sie sehr eigensinnig war, jedoch weil sie sehr propre und delikat lebte, konnten die wollustigen Liebestriebe wohl ohnmoglich aussen bleiben, derowegen suchte sie sich in geheim zu vergnugen, vor den Leuten aber wusste sie sich dergestalt zu verstellen, dass man hatte glauben sollen, es ware ihr an nichts weniger als an dem Venusspiele gelegen, wie sie denn auch noch niemals gesegnetes Leibes gewesen war, allein die oftern Umarmungen des muntern Merillo verursachten, dass sie binnen wenig Wochen bei sich verspurete, wie sie zwei Lebern im Leibe hatte. Es stiegen ihr dieserwegen verschiedene Grillen in den Kopf, doch alles dieses gibt der Liebe zu dem Merillo nicht den geringsten Stoss, welches er daraus abmerken konnte, da sie ihm immer eine starke Geldsumme uber die andere in die Taschen steckte, welches er denn nicht ubel anlegte, sondern vermittelst desselben erstlich die Fahndrichs- und etwa drei oder vier Monat hernach die Lieutenantsstelle erhielt, auch einen kavaliermassigen Staat fuhrete.
Mittlerweile wird ihrer beider Liebe und die nachtlichen Zusammenkunfte dergestalt geheim praktiziert, dass kein Mensch das geringste davon erfahret, da aber die Zeit ihrer Niederkunft immer naher herbeikommt, tritt sie eine Reise in ein anderes Konigreich an. Merillo erlangt zu gleicher Zeit Urlaub, auf etliche Monate in seine Heimat zu reisen, also kommen sie beide an einem bestimmten Orte zusammen, allwo Livicarda ihre Bagage und ubrigen Bedienten zurucklasset, weiter aber niemand mit sich nimmt als eine einzige vertraute Frau und ein getreues Magdgen, die von Jugend auf bei ihr erzogen worden. Merillo, der sich Wagen und Pferde, ingleichen zwei fremde Bedienten angeschafft, fuhret sie also etliche 50 Meilen weit in das fremde Land hinein, so lange bis der junge Merillo sich zu stark reget und das fernere Reisen verhindert. Indem sich nun beide Verliebte vor ein Paar Eheleute ausgeben, wird das Kind, nachdem es frisch und gesund zur Welt gekommen, in einem Dorfe getauft. Livicarda pflegt daselbst drei bis vier Wochen ihrer Gesundheit, nach diesen lassen sie die alte Frau mit dem Kinde in besagten Dorfe und begeben sich wieder auf die Ruckreise. Merillo begleitet sie bis nahe an den Ort, wo sie ihre Suite zuruckgelassen, sodann gehet er genommener Abrede nach abermals zuruck und nimmt das Kind nebst der alten Frauen und einer tuchtigen Amme mit sich nach Deutschland, bringet es bei gute Leute zur Auferziehung, mit dem Begehren, dass es als ein adeliches Kind traktiert und besorgt werden solle; hierzu deponiert er vorerst 500 spec. Taler, indem er von Livicarden noch einmal soviel empfangen hatte, und verlanget, dass man ihm wenigstens alle Monat einmal von des Kindes Zustande Rapport abstatten solle.
Seinen Eltern gibt er bei dieser Gelegenheit auch eine Visite, sagt ihnen aber von der Vermehrung ihres Geschlechts nicht das geringste. Da aber dieselben sich uber sein jahlinges Avancement zum hochsten verwundern, gibt er bei ihnen vor, er sei einsmals des Nachts von einem Gespenste aufgeweckt worden, welches ihm anbefohlen, gleich aufzustehen und mitzugehen, weil er in dieser Nacht denjenigen Schatz heben konne, welcher ihm bescheret sei, widrigenfalls wurde dieser Schatz nach sieben Jahren einem andern zuteil werden. Er als ein Soldat habe demnach das Herze gefasset und ware dem Gespenste gefolget, welches ihm den Schatz frei und sicher heben und hinwegtragen lassen, auch weiter nichts von ihm verlangt, als dass er jahrlich auf diesen Tag zum Gedachtnisse des gehobenen Schatzes sein Hemde ausziehen und dasselbe einem armen Menschen geben solle.
Ich weiss nicht mehr zu sagen", sprach hier der Lieutenant, "was er seinen Eltern und Befreundten noch mehr vor Wind vorgemacht, denn es fehlete ihm niemals an geschickten Einfallen. Er lasset aber ein gut Stuck Geld zu Hause, worgegen ihm liegende Guter verschrieben werden, den usum fructum aber schenkt er seinen Eltern, bis er nach gebusseter Soldatenlust wieder nach Hause kame. Nachdem er nun die Sachen in seiner Heimat behorig eingerichtet, verkaufte er die Kutsche und die Pferde, bis auf drei tuchtige Reitklopper, gab den auslandischen Bedienten eine raisonable Belohnung, schenkte ihnen die Liberei, die sie nur wenig Wochen getragen, mit auf den Weg, nahm sich einen Reitknecht aus seiner Vaterstadt an, der ihn zugleich als Laquais bedienen konnte, und reisete, nachdem seine Urlaubszeit beinahe verflossen, wieder zum Regimente.
Das Liebesspiel mit Livicarden fing er also aufs neue an, jedoch muss er auf ihr banges Zureden mehr Behutsamkeit als anfanglich gebrauchen, weilen ihr ohngelegen, dergleichen Fatiguen so bald wieder auszustehen und einen solchen Hazard zu wagen, der vielleicht nicht so glucklich ausschlagen durfte als der erste. Solchergestalt war nun Livicardens Trauerzeit, und zwar noch ein grosser Teil druber, auf eine ganz plaisante Art verbracht. Es melden sich zwar, wie schon gedacht, verschiedene standesmassige Freier, muss aber einer nach dem andern mit einem Korbe abziehen, weil sie vielleicht von keinem unter allen vermuten konnen, dass er so geschickt sei, sie zu vergnugen, als Merillo. Endlich kommt ein junger feiner Herr namens Ch. mit seiner Werbung bei Livicarden angestochen, zu diesem bekommt dieselbe Appetit, weiln er dem Merillo an Jahren, Gestalt und galanten Wesen ziemlich zu gleichen geschienen, an Reichtum aber ubertraf er fast die Livicarda selbst; allein sie will dennoch nicht eher zuschlagen, bis sie vorhero ihrem Trampelgalan mit guter Manier abgeschaffet hat.
Merillo, welcher zwar vor wie nach seine Aufwartung noch bei Livicarden machen muss, merket jedoch gar bald, dass er, nur um ihre Brunst zu loschen, Notknecht sein musse, indem er nicht des zehenden Teils mehr so zartlich traktiert und karessiert wird als vorhero. Derowegen fangt er an, sich einigermassen uber ihre Kaltsinnigkeit zu beklagen und ihr vorzurucken, dass sie vielleicht seiner uberdrussig sein musse, indem sie gemeiniglich nach vollbrachten Liebesspiele einen besondern Ekel gegen seine Person spuren liesse, worauf Livicarda freimutig bekennet, dass sowohl das Staats- als ihr eigenes Interesse erforderte, die Anwerbung des Herrn G. von Ch. nicht auszuschlagen, sondern ihm die ehelige Hand zu geben; derowegen wurde er, Merillo, sie nicht verdenken, wenn sie sich gewohnen musste, sich seiner nach und nach zu enthalten, inzwischen wurde sie das mit ihm genossene Liebesvergnugen bestandig in geneigten Andenken behalten und allezeit eine gute Freundin von ihm verbleiben.
'Wohl gut, Madame!' sagt Merillo mit einer etwas ernsthaften Stimme und Miene, 'ich muss mir gefallen lassen, meine Gluckseligkeit und Vergnugen, zu welchem ich plotzlich und unverhofft gelanget, auch plotzlich und unverhofft wiederum zu quittieren, schatze mich auch verbunden, vor Dero Interesse mehr als mein Vergnugen aufzuopfern, und bin bereit, das letzte Adieu von Ihnen zu nehmen, doch bitte nur vorhero von Ihnen Ordre aus, ob die Frucht Ihres Leibes zum burgerlichen oder adelichen Stande erzogen werden soll.' Sie lasset durch Gebarden nicht undeutlich spuren, dass sie sich uber diese Reden alteriert, gehet aber, nachdem sie ihn noch ein wenig warten heissen, in ein Nebenzimmer und kommt erstlich nach Verlauf einer halben Stunde wieder zuruck, da sie denn mit einer negligenten Miene zu ihm spricht: 'Ich bin voritzo nicht imstande, Euch zu kontentieren. Gehet dieses Mal hin, ich will Euch bei nachster Zusammenkunft in allen Satisfaktion geben.' Er macht sein Kompliment und gehet ziemlich trotzig seiner Wege, ist aber kaum drei oder vier Schritt von der Gartentur hinweg, als er in der dicken Finsternis, und zwar in einem Tempo, zwei Stiche, einen von vorne in die rechte Schulter und den andern durch die linke Weiche, bekommt. Er tut einen Sprung auf die Seite, ziehet seinen Degen, um bei weiterer Attaque einen seiner Feinde mit in den Tod zu nehmen, da er aber vermerkt, dass dieselben davonlaufen, halt er nicht vor ratsam, grossern Larm zu machen, sondern schleicht in aller Stille nach seinem Quartiere, lasst einen Feldscher kommen und sich verbinden. Etliche Tage sahe es sehr schlimm mit ihm aus; jedoch weil keine Hauptteile im Unterleibe verletzt waren, wurde er in wenig Wochen vollkommen restituiert.
Inmittelst erfuhr er, dass Livicarda ehester Tages mit dem G. von Ch. Beilager halten wurde, derowegen trieb ihn der heftige Chagrin an, folgende Zeilen an Livicarden zu schreiben:
Gehet dieses Mal hin, ich will Euch bei nachster
Zusammenkunft in allen Satisfaktion geben.
Madame!
Dieses waren die letzten Worte, so ich neulich von einer vornehmen Dame horen musste, die mich ehedem sehr ofters kommen, aber niemals weggehen heissen. Doch Glucke, Glas und die Liebe eines vornehmen Frauenzimmers gegen eine Mannsperson geringeres Standes zerbricht gar leichtlich, und also bewundere ich nichts, als dass Dero heftige Brunst von so langer Dauer sein und durch mein unermudetes Bemuhen nicht eher als itzo geloschet worden. Jedoch was will ich von loschen sagen, da vielleicht die Glut dermalen durch den Anblick eines vierschrotigen Landsmannes noch heftiger angeblasen worden, von welchen etwa prasumiert wird, dass er seine Rebus besser machen werde als ein politer Deutscher. Demnach verwundere ich mich auch nicht, dass ich meinen Abschied von Ihnen bekommen, nur wundert mich, dass, da beschlossen gewesen, mir das Lebenslicht ausblasen zu lassen, Sie keine geschicktern Meuchelmorder, sondern solche feige Canaillen choisiert haben, welche die rechten Fleckgen nicht zu treffen gewusst, sondern, nachdem sie ihre Stosse mit selbsteinur meinen Degen aus der Scheide fahren horeten, auf die Flucht begaben. War denn etwa dieses, Madame! die versprochene Satisfaktion? Sollte dieses der Rekompens vor meine oft uber die Gebuhr angespannete Krafte sein? Sollte solchergestalt das kostbare Geheimnis erstickt und keinen Menschen kundgemacht werden, ob der arme kleine Livicardomarillus vom Himmel gefallen oder hinter dem Zaune gefunden sei, mithin dieses unschuldige Kind zu einer vater- und mutterlosen Waisen gemacht werden? Ja, ja! ich besinne mich, die Staatsraison hat solches absolutement erfordert. Doch nein, Madame! das Militarleben ist vermogend, einem burgerlichen Korper ein adeliches Herze einzupfropfen. Ob es aber zwar gleich keine Heldentat ist, dergleichen Cameralia, als wir eine Zeit dahero miteinander traktieret, auszuplaudern, so wird doch hoffentlich die galante Welt, in Betrachtung meiner ausgestandenen Fatiguen, mich nicht verdenken, wenn ich auf Mittel sinne, meinen Hohn zu rachen, welches ich wohl unterlassen, wenn man nicht versucht hatte, mich auf eine so liederliche Art ums Leben zu bringen. Demnach kundige ich Ihnen, Madame! meine vorgesetzte Rache an, worbei ich meinen Korper tausend Gefahrlichkeiten exponiere, jedoch garantiere, dass, ob auch mein Korper in tausend Stukke zerteilet wurde, dennoch keine menschliche Gewalt vermogend sein soll, die Publikation des Geheimnisses zu verhindern, welches zur Zeit noch meines Wissens niemanden als uns beiden bekannt ist; denn es liegt bereits mit allen akkuraten Umstanden der ganzen Welt zur Nachricht aufgeschrieben an einem sichern Orte, welches ich darum getan habe, weil ich nicht weiss, ob ich vor meinem Ende noch imstande sein mochte, solches mundlich publik zu machen. Zwar glaube ich nicht, dass mein vertrauter Umgang mit Ihnen Dero hohen Stande eben so gar sehr despektierlich sein kann, weil ein braver Soldat ebensowohl von Adam und Even herstammet als eine Staatsdame hiesiges Landes. Vielleicht ist auch der Herr G. von Ch. eben so ekel nicht, dass er nach Vernehmung dieser Liebesbegebenheit Dieselben nicht ebenso feurig, als Sie sich ohnfehlbar schon im Geiste vorstellen, embrassieren sollte, wo er ja die Probe nicht bereits abgelegt. Dem sei aber, wie ihm sei, so will doch ich erstlich eine mit Pulver, Blei und Blut geschriebene Protestation wider das fernere Verfahren einlegen, um wegen meines, mir meuchelmorderischerweise abgezapften unschuldigen Bluts Revanche zu nehmen. Solches meldet Ihnen zur dienstlichen Nachricht
der beherzte
Merillo."
"Man muss bekennen", sagte ein darbeisitzender Offizier, "dass dergleichen Schreiben vermogend ist, entweder ein Frauenzimmer in bange Furcht oder wohl gar in die argste Desperation zu setzen." "Bei Livicarden", versetzte der erzahlende Lieutenant, "mag sich ohnfehlbar beides ereignen, jedoch sie bedienet sich der Verstellung, denn da Merillo eines Tages auf dem grossen Platze vor ihrem Palais herumspazieret und wegen seiner in Gurt gesteckten Pistolen mutmassen lasset, als ob er auf dem G. von Ch., der eben damals von Livicarden traktiert wurde, laurete, schickt sie eine ihrer Getreuen an ihn ab, lasset ihm eine ziemliche Summa Geldes bieten, wenn er sie ferner ungekrankt lassen und sich gar von dannen hinweg in andere Dienste begeben wolle; anbei lasst sie versprechen, sich noch selbigen Abends in einem Schreiben wegen des auf sie gelegten Verdachts, den Meuchelmord betreffend, zu entschuldigen und ihm bessere als vermeinte Satisfaktion zu geben. Dieser stellet sich anfanglich ziemlich sprode, weiln aber dennoch seine Absichten bloss allein auf das Geld gerichtet sind, verspricht er endlich, die Satisfaktionspunkte in seinem Quartiere zu erwarten, begibt sich also, nachdem er vor Livicardens Palais ein Pistol in die Luft geschossen, in sein Quartier.
Von ohngefahr fugte sich's, dass ich nebst noch einem Offizier durch solche Strasse passierte, weiln wir nun den Merillo im Fenster gucken sahen und wussten, dass er ofters lieber ein paar gute Freunde auf der Stube hatte als in starke Compagnien ging, trafen ihn aber sehr konsterniert und kaltsinnig an. Doch weiln sich bekannte Offiziers untereinander nicht viel hieran zu kehren pflegen, so machten wir beide auch diesmal uns keine Sorge daraus, setzten uns nieder, spieleten ein l'Hombre und rauchten eine Pfeife Tobak darbei. Merillo stellete sich, da es Abend zu werden begunnte, etwas unpasslich und schlafrig an, allein mein Kamerad, der etwas lustiges Geistes war, sagte: 'Herr Bruder! du magst im Ernste krank oder schlafrig sein, so gehe ich doch vor Mitternachts nicht vom Flecke.' Wie er demnach sahe, dass es nicht anders war, stellete er sich etwas aufgeraumter. Ohngefahr um zehn Uhr des Nachts aber kam sein Bedienter und meldete, dass zwei Personen da waren, welche etwas an ihn zu uberbringen hatten. Derowegen sprach Merillo zu mir und dem andern Offizier: 'Messieurs, seid von der Gute, nehmet ein Licht und gehet nur auf einige Minuten in dieses Nebenzimmer, weil ich nur noch etwas zu negotiieren habe, worvon ich euch nachhero Part geben will.' Wir weigerten uns nicht, dieses zu tun, weil ich aber curieux war zu sehen, was passierete, guckte ich durch das Schlusselloch und wurde gewahr, dass sein Diener zwei Weibspersonen hineinbrachte, von welchen die eine einen schwer angefulleten Korb truge und von einer sogenannten wohlbewussten Person einen Gruss wie auch ein Schreiben brachte, anbei den Merillo bat, er mochte von der Gute sein und seinen Diener bis an die Ecke der Strasse gegen den Markt zu schicken, weiln zwei Weiber unterwegs waren, die das Beste trugen, sich aber vielleicht verirren konnten. Dieser schickte also seinen Diener mit der Laterne fort, trat zum Lichte und erbrach den empfangenen Brief, immittelst half eine der andern den Korb auf die Erde setzen, welcher, wie wir hernach befanden, mit etlichen wohlversiegelten Kastlein, worinnen lauter Sand befindlich, unten aber mit Steinen beschwert war. Da dieses geschehen, zohen sie eine seidene starke Schlinge hervor, warfen dieselbe dem Merillo mit grosster Geschwindigkeit uber den Kopf um den Hals, rissen ihn zu Boden, so dass er sich kaum regen, viel weniger um Hulfe rufen konnte.
Es ist leicht zu erachten, dass mein Kamerad und ich nicht lange werden gezaudert haben, dem ehrlichen Merillo in seinen Todesnoten beizuspringen. Ich kam eben noch zu rechter Zeit, demjenigen Stosse Einhalt zu tun, welchen die eine Verteufelte mit einem Dolche in seine Brust tun wollte. Indem ich nun bemuhet war, dieselbe zu entwaffnen, wollte mein Kamerad dem gurgelenden Merillo die Schlinge vom Halse machen, bekam aber daruber von der andern Bestia einen Dolchstich ins Gesasse und hatte also Ursach, dem Himmel zu danken, dass sie seines hohlen Leibes verfehlet. Ich wurde es sobald als er selbst gewahr, zohe derowegen alsofort meinen Degen und hieb ihr die Hand, worinnen sie den Dolch fuhrete, vom Leibe, so dass beides zu ihren Fussen fiel. Die andere fetzte ich gleichfalls etlichemal uber den Kopf ins Gesicht und uber die Hande. Da nun mittlerweile mein Kamerad dem ehrlichen Merillo die Schlinge abgemacht und es dahin gebracht, dass er wieder Luft schopfen und die Augen eroffnen konnte, stiessen wir beide Canaillen zu Boden, bunden ihnen selbst Hande und Fusse so fest als moglich zusammen, befanden aber, dass das eine zwar eine Weibs-, das andere aber eine Mannsperson war. Wir liessen die beiden Mordbestien liegen und strampeln, den ohnmachtigen Merillo aber trugen wir auf sein Feldbette, da ihn denn mein Kamerad den Hals und das Gesichte mit Franzbrannteweine riebe, dessen er kaum eine halbe Stunde vorhero eine ganze Bouteille voll holen lassen, ich aber trat an ein Fenster und rufte dessen ausgeschickten Diener mit lauter Stimme, allein ich hatte lange rufen mogen, denn derselbe war ebenfalls von etlichen Strassenraubern uberfallen, zu allem Glucke aber von der darzu kommenden Patrouille noch errettet und in die Corps de Garde gebracht worden. Solches erfuhren wir von einem die Wacht habenden Soldaten, welchem ich befahl, dass er augenblicklich einen von seinen Kameraden, den nachsten den liebsten aufsuchen und ihn sogleich zu uns schicken sollte. Es wahrete keine drei Minuten, so stellete sich einer ein, dem wir ein Paar geladene Pistolen gaben, um, daferne er etwa auf der Strasse von Mordern angegriffen wurde, sich damit zu wehren, nur aber ohne Zeitverlust einen Feldscher herzubringen. Er kam nebst dem Feldscher eiligst wieder, demnach wurde dem ehrlichen Merillo vor allen andern Dingen eine Ader geschlagen und etwas Arzenei eingeflosset, worauf er sich wieder besinnen, auch einige Worte sprechen konnte. Mein Kamerad liess sich auch nach seiner Wunde sehen, es wurde aber dieselbe, wiewohl etwas tief, aber doch nicht gefahrlich befunden. Die beiden Meuchelmorder wurden gleichfalls verbunden, und unser Soldat musste sie bewachen, der Feldscher aber und ich bewachten unsere beiden Patienten, welche wir in das Nebenzimmer zur Ruhe gebracht hatten.
Fruhmorgens befande sich unser Merillo ziemlich besser, da aber der Feldscher weggegangen war, um einige Medicamenta zu holen, dankte er uns aufs verbindlichste vor die Rettung seines Lebens, sagte anbei, wir als seine Schutzengel mussten gewiss durch eine besonders gnadige Fugung des Himmels ihm zugeschickt worden sein, da er doch nicht leugnen konnte, dass er gestrigen Abend wegen ein und anderer Grillen lieber allein zu sein gewunschet, wo er aber alleine gewesen, wurde er sich nunmehro ohnfehlbar schon im Reiche der Toten befinden. Nach diesen, weiln er merkte, dass aus dem gefundenen und mit Livicardens Namen unterschriebenen Briefe uns ein und anderes von seinen Liebeshandeln musse bekannt worden sein (denn ohngeacht dieser Brief, unter dessen Durchlesung ihm die Kahle bald ware zugeschnuret worden, war, ohngeacht er ziemlich mit Blut besudelt, doch noch ziemlich leserlich), so erzahlete er uns Verschiedenes von seinen Aventuren, bat sich aber hierbei noch zur Zeit unserer Verschwiegenheit aus und versprach dargegen vor redlich geleistete Hulfe und Lebensrettung, uns eine ansehnliche Diskretion zu verschaffen."
"Ei, Herr Lieutenant!" fragte der Obriste Sw., "wie lautet denn der an Merillo von Livicarden geschriebene Brief ohngefahr?" "Ich habe denselben", versetzte der Lieutenant, "gleich in der ersten Nacht abgeschrieben, sowohl als die andern, welche mir Merillo kommuniziert und darbei erlaubt hat, seine Aventuren, die er mir nachhero weit umstandlicher erzahlet, in behoriger Form zu Papiere zu bringen. Livicardens Brief aber, den ich noch jetzo in meiner Brieftasche bei mir fuhre, klinget also:
Mein Merillo!
Ihr glaubt, dass ich Euch geliebt habe, dass ich Euch aber noch liebe, wollet Ihr nicht glauben; allein ich versichere Euch dessen vollkommen, ja ich rufe den Himmel zum Zeugen an, dass ich alle Staatsmaximen verdammen und niemand auf der Welt lieber als Euch zum Ehegemahl haben wollte. Doch wo Ihr vernunftig seid, so erwaget selbst, dass die rasende Wut meiner Landsleute uns alle beide nicht einen Monat lang wurde leben lassen. Wie konnet Ihr nun verlangen, dass ich meine zeitliche Gluckseligkeit, ja sogar mein Leben in die Schanze schlagen und an Euren und meinem Tode Ursacherin sein sollte? Zwar wie ich aus Eurem Schreiben ersehe, so stehet Ihr bereits in den Gedanken, als ob ich die Bosheit begangen und einen meuchelmorderischen Anschlag auf Euer Leben gemacht; allein mein Gewissen ist von dieser Sunde frei. Ich glaube wohl, dass Euch jemand bei meinem Garten mag aufgepasset haben, denn die Bangigkeit meines Herzens und das auf derselben Stelle gefundene frische Blut, sodann die Nachricht, dass Ihr Euch unpass befandet, uberzeugten mich, dass Euch ein Ungluck widerfahren sein musse. Ich konnte aber keine genauere Nachricht davon einziehen, weil man mir sagte, dass Ihr Tag und Nacht gute Freunde um Euch hattet; unterdessen, weil ich an Eurem Ungluck unschuldig, so hat Euer auf mich gelegter Verdacht mir wohl mehr Tranen als Euch der Morderstahl Blutstropfen ausgepresset. Hierbei bin ich auf die Gedanken geraten, ob etwa einer von meinen Freiern eins von meinen Bedienten mit Gelde bestochen und zur Untreue bewogen, mithin einige Nachricht von unsern geheimen Zusammenkunften erfahren und Euch also auf den Dienst gelauret. Ihr sehet also, dass die Gefahr vor uns beiderseits sehr gross ist, derowegen handelt klug, nehmt von mir 6000 Taler bar Geld, verlasset diesen fatalen Ort, gehet auf eine Zeit in andere Dienste und machet damit vor dieses Mal mich ruhig, Euch aber glucklich und vergnugt. Ja! mein Merillo, folget mir und entfernet Euch auf diesmal, was Euch hinfuro mangeln mochte, sollet Ihr jederzeit par Wechsel von mir zu gewarten haben, denn Livicarda wird Euch nebst ihrem eigenen Fleische und Blute nimmermehr Not leiden lassen. Nach einigen Jahren ist Euch die Zuruckkunft unverwehrt, ja Ihr konnet sodann Euer Vergnugen vielleicht in reicherer Masse wieder finden als jetzo, da Ihr es vor verloren schatzet. Folget mir anjetzo, mein Merillo, denn Euer und mein Gluck beruhet darauf, bleibt auch versichert, dass ohngeachtet ihrer Vermahlung mit einem andern Euch dennoch bis in den Tod bestandig lieben wird.
L.v.c.A.
Es ist erstaunlich, wenn man das verzweifelte Gemute einer solchen falschen Sirene betrachtet, welche zwar Honig im Munde, Strick und Dolch aber in Handen fuhret. Wenn ich an des Merillo Stelle gewesen ware, so hatte mich der Jachzorn ohn allen Zweifel dahin verleitet, Livicarden auf ihren Zimmer zu erschiessen oder sie aufs wenigste vor aller Welt zu prostituieren. Doch dieser hatte sich von der gesunden Vernunft und seinem eigenen Interesse regieren lassen, setzte demnach folgendes Schreiben an sie auf:
Tyrannische Dame!
Gestrenge Gebieterin der Henker
und Meuchelmorder!
Wisset, dass Euer verteufelter Anschlag, mich von zweien verkleideten Furien (wovon Ihr ohnfehlbar die dritte seid) mit Strick u. Dolch ums Leben bringen zu lassen, durch Schickung des Himmels abermals ruckgangig worden und nicht nach Eurem Wunsche abgelaufen ist; denn Merillo lebet noch, ohngeachtet ihm der Hals bereits zugeschnuret und alle Gedanken vergangen waren. Ja, er lebt noch und vielleicht zu Eurem Ungluck, wenigstens Spotte, Hohne und Verachtung bei der honetten Welt. Wisset ferner, dass, wo Ihr mir nicht heutiges Tages vor Untergang der Sonnen 6000 spec. Taler zu meiner Rekreation und zur Auferziehung Eures zur Welt gebrachten uneheligen Kindes, nachst diesen 1000 spec. Taler vor vier PerBegebenheit Wissenschaft haben, in mein Quartier anhero sendet, so will ich die in meiner Gewalt habenden Meuchelmorder morgen mit dem allerfruhesten in die Hande der Justiz liefern und nebst Eingebung einer ordentlichen Specie facti der curieusen Welt solche Geheimnisse vor Augen legen, die sich der tausende Mensch von einer solchen Person, wie Ihr angesehen sein wollet, wohl schwerlich hatte traumen lassen. Bekomme ich aber das Verlangte ungesaumt, so soll nicht allein alles, was geschehen, unterdruckt und verschwiegen bleiben, sondern es sollen auch die zwei gefangenen Morder an Euch ausgeliefert werden. Nehmet es als eine besondere Marque meiner ehemaligen Liebe und noch jetzigen Hoflichkeit und Gelassenheit an, dass ich mich den Jachzorn nicht verleiten lasse, anders zu verfahren. Uberleget Eure Affaren aufs beste, inzwischen wird seine Avantage auch zu uberlegen bemuhet sein
Merillo.
Diese Zeilen lieferte ich auf des Merillo Bitten Livicarden in ihre eigenen Hande, sie erbrach dieselben und wendete sich damit an ein Fenster. Ohngeacht ich ihr nun nicht ins Gesichte sehen konnte, so bemerkte ich doch, dass sie unter dem Lesen recht erzitterte und eine gute Weile als eine Statue auf einer Stelle stehenblieb, endlich besonne sie sich wieder, wendete sich herum, sahe so blass aus als eine Leiche und sagte zu mir: 'Monsieur! weil ich nicht zweifele, dass Sie ein vertrauter Freund von dem Herrn Lieutenant Merillo sind, so bitte ihm von meinetwegen zu melden, dass es zwar einen starken Schein habe, als ob ich an dem ihm begegneten Zufalle schuld habe, allein es ist nicht an dem, sondern ich bin unschuldig und will mich schriftlich deutlicher gegen ihn erklaren, auch heute abend, sobald es dammrig wird, dasjenige ubersenden, was er verlanget hat, worgegen ich verhoffe, dass er als ein redlicher Offizier seine Parole halten werde.' Wie sie nun Miene machte, sich in ihr Cabinet zu begeben, versprach ich, dero Befehle wohl auszurichten, machte meinen tres humble und brachte dem Merillo die frohliche Post zurucke.
Livicarda hielt ihr Wort redlich, denn sobald es abends dammerig zu werden begonnte, meldeten sich zwei Personen, die eine Sanfte mit sich gebracht hatten, lieferten in sieben Sacken 7000 spec. Taler an Merillo, welcher die Sacke sogleich aufschnitt, um zu sehen, ob nicht abermals ein Betrug darunter vorginge, mittlerweile stunden unser vier Personen bei einem Tische, worauf sechs Paar geladene Pistolen und vier Pallasche lagen. Da aber Merillo merkte, dass alles richtig sein und die Summa wohl zutreffen wurde, liess er die zwei blessierten Arrestanten verabfolgen, welche in die Sanfte gelegt und fortgetragen wurden, ohne dass weiter jemand etwas von der Hauptsache gemerkt hatte, denn Merillo bewohnete sein Quartier ganz alleine mit seinem Bedienten. Den Brief, welchen er nebst der Geldsumme von Livicarden empfangen, hat er mir nicht gezeiget, doch merkte ich, dass sich sein Zorn gegen dieselbe ziemlich gelegt hatte, denn er liess sich verlauten, wie er sich nicht genung verwundern konne, dass Livicarda ein so grosses Vertrauen auf seine Parole gelegt, und er schlosse fast aus gewissen Umstanden, dass sie an der Meuchelmorderei keinen Teil habe; derowegen bat er mich und meinen Kameraden hochlich, alles das, was er uns von seinen Liebesaventuren erzahlet, sowohl als alles dasjenige, was in vergangener Nacht und heute passiert, verschwiegen zu halten, damit weder er noch Livicarda prostituiert und auf der Leute Zungen herumtanzen mussten. Wir gelobten ihm demnach nicht nur auf Offiziersparole das Stillschweigen an, sondern verschwuren uns auch teuer, weder zu seinem noch Livicardens Verdruss etwas auszuplaudern, und obgleich ich anitzo diese Geschicht erzahlet habe, so wird doch von Ihnen, Messieurs! wohl keiner erraten, was eigentlich vor Personen unter den fingierten Namen gemeinet sein.
Jedoch zum Schlusse meiner Erzahlung zu kommen, so muss ich bekennen, dass Merillo so liberal war und uns beiden Offiziers jeden 500 spec. Taler vor unsere gehabte Bemuhung aufzwange. Dem Feldscher gab er 200, dem Musketier aber wie auch seinem eigenen Bedienten jeden 100 Taler, welche drei letztern in unsern Beisein einen ordentlichen Eid schworen mussten, von dieser Begebenheit und alledem, was sie gesehen und gehoret, nichts auszuplaudern. Mein Kamerad und ich blieben noch einige Tage bei ihm, ausgenommen, wenn mich die Wache traf, brachten auch auf des Merillo Verlangen verschiedene andere Offiziers mit, die ihm, weil er wurklich vom Schrecken noch etwas unpass war, die Zeit passieren mussten. Ferner hielt er alle Nacht vier bis sechs Musketiers von der Compagnie, bei welcher sein Hauptmann damals nicht gegenwartig war, in der untern Stube seines Quartiers mit Essen und Trinken frei, welche die Nachtwache mit ihrem Gewehr bei ihm halten mussten, indem er sich immer noch eines meuchelmorderischen Uberfalls befurchten mochte. Sobald aber sein Capitain wieder zur Compagnie kam, nahm Merillo abermals Urlaub zu verreisen, liess seine beschwerliche Bagage in meiner Verwahrung und machte sich mit einer Extrapost aufs eiligste fort. Wenig Wochen hernach kamen Briefe von ihm, worinnen er bei dem Chef um seinen Abschied anhielt, welchen er auch bald hernach nebst seinen zuruckgelassenen Sachen bekam. Nach diesen habe ich zwar den ehrlichen Merillo nicht wieder gesprochen noch gesehen, jedoch vernommen, dass, nachdem er bei einer nordischen Puissance Dienste genommen und sich in ein paar Kampagnen wohl gehalten, er nunmehro den Obristlieutenants-Posten erstiegen. Ich aber bin immer noch Lieutenant", meldete hier der Historicus mit Lacheln, "das macht, weiln ich kein Geld, mithin nur einen Sack voll Hoffnung habe, mit der Zeit, wenn es einmal buntuber gehet, hoher zu steigen. Unterdessen siehet man doch, wie das Glucke mit dem Menschen zu spielen pfleget, denn hatte Merillo bei dem Frauenzimmer keine Goldgruben gefunden, was gilt's? er sollte mir wohl noch bis auf diese Stunde Korporal, wenn es viel ware, Furier oder hochstens Sergeant sein."
Wie nun der Lieutenant hiermit seine Erzahlung beschlossen hatte, sagte ein gewisser, zwar noch junger, jedoch sehr artiger und geschickter Capitain: "Ich gebe dem Herrn Lieutenant in seiner letztern Meinung gar gerne Beifall; vor mein Particulier aber danke ich vor dergleichen Behelfsmittel und wollte lieber zeitlebens Musketier sein als solchergestalt avancieren. Es ist doch kein Segen und Gewissensruhe darbei. Wie kann ein Offizier, der sein Herz mehr der Veneri als dem Marti gewidmet, seine Dienste mit Plaisir verrichten? Wie kann er mit freien und sichern Herzen in eine Bataille oder Sturm gehen? Gewisslich ein Soldat, der sein Herz erstlich an das Frauenzimmer henkt, wird feige gemacht, und wenn er gleich noch soviel Guts an sich hat. Man sage mir, ob dergleichen Courtoisie reputierlich, im Gegenteil aber nicht vielmehr hochst schadlich und sundlich sei. Uber dieses siehet man sich darbei sehr ofter solchen Gefahrlichkeiten exponiert, die vermogend sind, auch den wakkersten Soldaten um Ehre und Leben, ja was das vornehmste ist, gar um seiner Seelen Seligkeit zu bringen. Wo ware Merillo wohl hingefallen, wenn die beiden Meuchelmorder nicht von dem Herrn Lieutenant und dessen Compagnon waren verhindert worden, ihn mit der Schlinge und dem Dolche ums Leben zu bringen?"
"Wenn man dieses bedenkt", versetzte der Lieutenant, "so sollte einem freilich wohl der Appetit vergehen, dergleichen gefahrliche Gluckswege zu wandeln, die ohnedem einem Menschen nicht zur wahren Gluckseligkeit, sondern in den Irrgarten aller Laster fuhren und worauf die Strafe, wo nicht in dieser, doch in jener Welt erfolget. Allein, es ist leider! zu beklagen, dass das Courtoisieren bei den Soldaten grand mode worden, auch ganz und gar vor keine Sunde mehr gehalten wird, es sei auch mit ledigen oder vereheligten Frauenzimmer, denn ein junger Mensch, der gerne gut leben will, mit seiner Gage nicht auskommen kann und dennoch auch nach hohern Chargen strebt, lasset sich niemals eine Sunde leichter als diese gelusten, weil sie mit so vielen wollustigen Vergnugen verknupft ist. Ja, wenn alle hohe und geringere Martis-Sohne, welche das sechste Gebot ubertreten haben, vom Himmel darmit gestraft werden sollten, dass sie keine Pistole oder Flinte losbrennen konnten, so wurde man gewisslich dann und wann in manchem Treffen sehr miserable Salven horen."
Uber diese letztere Expression entstunde bei der ganzen Compagnie ein starkes Gelachter und wurde uber dieses Thema noch eine Zeitlang pro & contra disputiert, bis endlich die Reveille geschlagen wurde, da sich denn ein jeder uber die Fluchtigkeit der Zeit verwunderte und nach schuldigster Danksagung vor genossene Gultigkeit an seinen gehorigen Ort eilete.
Elbensteinen begunnte von nun an das Soldatenleben immer besser und besser zu gefallen. Es ging aber in diesem Jahre ausser der blutigen Bataille bei F. nichts Remarquables vor, weswegen hochgemeldter Prinz im Weinmonat aus dem letztern Campement bei St. Q.L. sich wieder nach N. begaben. Elbenstein aber, der sich leicht die Rechnung machen konnte, dass er zu N. sein Gluck schwerlich finden wurde, blieb bei der Armee und hielt sich die ubrige Zeit der Kampagne wie auch den Winter uber als Volontar bei dem Dragoner-Regiment von Bh. auf. Er spurete klarlich, dass, da er ein Gelubde getan, nun und nimmermehr seiner geliebten L. wiederum treulos zu werden, der erzurnte Himmel seine gerechte Strafe und Rache gegen ihm aufgehoben und in lauter Erbarmung und Gutigkeit verwandelt hatte, auch seine Vorsorge ihm reichlich blicken liess, indem er bei Eroffnung der folgenden Kampagne eine Lieutenantsstelle unter dem N. Regiment zu Pferde erhielt, welches auf englischen Fuss stunde. Er hatte solchergestalt monatlich 70 Taler Einkommens, derowegen fassete er den Schluss, um seine Gelubde desto besser halten zu konnen, sich mit seiner verlobten Braut zu vereheligen. Solches geschahe auch nach geendigter Kampagne, und zwar zu U. in Gegenwart vieler darzu erbetener vornehmer Personen sowohl mannals weibliches Geschlechts.
Vorhero aber, ehe sich die Kampagne noch geendigt hatte, musste Elbenstein noch zwei starke Anfechtungen von dem Feinde des menschlichen Geschlechts und des heil. Ehestandes ausstehen. Die erste bestunde darinnen: Als er eines Abends bei einem Marketender, der zugleich Wachtmeister unter dem Regiment war, gespeiset und eine Bouteille Wein getrunken hatte, gab er der Frauen einen Louisdor mit der Bitte, ihm einzelne Munze darvor zu geben und das Verzehrte zu dekortieren. Sie bat ihn, ohnbeschwert mit ihr in ihr Nebengezelt zu gehen, woselbst sie ihm einzelne Munze aufzahlen wollte. Da sich nun Elbenstein nichts Ubeles besorgte, folgte er ihr auf dem Fusse nach, sobald er aber in das Zelt trat, umarmete sie ihn und gab ihm einen derben Kuss auf seinen Mund, sagte hierauf: "Liebster Herr Lieutenant! nun habe ich mich vor die schlechte Abendmahlzeit, die Sie bei mir genossen haben, schon bezahlt gemacht; hier haben Sie Ihre Pistolette zuruck, erweisen Sie mir nur die Gefalligkeit und bedienen Sie sich meines Tisches alle Tage, ich will Sie nach meinem aussersten Vermogen aufs allerbeste bedingen und sonst nichts darvor verlangen als Dero Gewogenheit nebst der Erlaubnis, dass ich heunte Nacht auf ein Stundgen in Ihr Zelt kommen und Sie um eine Gefalligkeit ansprechen darf."
Elbenstein ubereilete sich aus angeborner Complaisance gegen das weibliche Geschlecht nicht wenig mit seiner Antwort, indem er sie versicherte, dass ihm ihre Visiten jederzeit sehr angenehm sein sollten, worauf er sich nach seinem Zelte begab und bei einer Pfeife Tobak einen franzosischen Autorem las, den ihm ein guter Freund kommuniziert hatte; immittelst begunnte es ihm zu gereuen, dass er der Wachtmeisterin, ohngeachtet sie eine sehr wohlgebildete Frau war, Erlaubnis erteilet hatte, ihm eine Nachtvisite zu geben, denn er besanne sich nunmehro erstlich, dass der Satan mit im Spiele sei und ohnfehlbar dahin trachten wurde, ihn zu Brechung seines Gelubdes zu bewegen. Zu allem Gluck kam der Quartiermeister von seiner Compagnie, welcher noch etwas zu rapportieren hatte, diesen, weil er ein artiger Mensch, uber dieses auch von vornehmen Eltern war, bat Elbenstein, dass er ihm die Gefalligkeit erweisen und noch ein paar Pfeifen Tobak mit ihm rauchen mochte, offenbarte auch demselben, dass sich ein gewisses Frauenzimmer bei ihm melden lassen, um etwas Geheimes mit ihm zu sprechen, weilen ihm aber die Sache, zumalen bei nachtlicher Zeit, verdachtig vorkame, indem er kein Liebhaber des Frauenzimmers sei, so mochte er, der Quartiermeister, sobald das Frauenzimmer angestochen kame, zwar zum Zelte hinausgehen, als ob er bei der Compagnie etwas zu besorgen hatte, jedoch nur bei dem Zelte stehenbleiben und, wenn er, Elbenstein, hustete, sogleich wieder hineinkommen und rapportieren, was ihm eben in die Gedanken kame; denn er wisse selbst nicht, was das Frauenzimmer von ihm haben wolle. Ohngefahr um elf Uhr erschien also die Frau Wachtmeisterin mit einem Mantel bedeckt. Der Quartiermeister retirierte sich alsofort, weswegen sie den Mantel abwarf, Elbensteinen umarmete und kussete, hernachmals als eine geborne Wallonin in franzosischer Sprache sagte: "Mein Herr Lieutenant, ich bemerke, dass es Ihnen an kleinen Gelde fehlet, hier bringe ich Ihnen zehn Taler Kleingeld in einem Beutel, freie Zehrung an Speisen und Wein sollen Sie ausserdem alle Tage bei mir haben, hiervor bitte mir aber nur Dero genauste Freundschaft und Liebe aus, denn ich kann nicht leugnen, dass mich auf der Welt nach nichts mehr als nach einem jungen Erben verlanget, welchen ich wegen der heftigen Liebe, so ich auf Sie geworfen, von niemand eher als von Ihnen zu erhalten verhoffe."
Elbenstein war froh, dass er dem Quartiermeister vor seinem Zelte zu warten befohlen, denn durch dieser wohlgebildeten Frauen spirituellen Liebsantrag und herzhaften Expressiones, als auch durch die negligente, zur Liebe reizende Tracht, in welcher sie vor ihm erschien, wurde er dergestalt konsterniert, dass es, wenn er nicht an die Verabredung mit dem Quartiermeister gedacht, gefahrlich um die Haltung seines Gelubdes gehalten haben wurde. Solchergestalt aber sagte er zu ihr: "Madame! Ich bin niemals gewohnt gewesen, unerkenntlich gegen diejenigen zu sein, so Freundschaft vor mich hegen, geschweige denn gegen so ein charmantes Frauenzimmer, als Sie sind. Allein ich bedauere, dass ich mich nicht im Stande befinde, Ihrem Verlangen ein Genugen zu leisten, denn da ich mich vor zwei Jahren mit einer gewissen Baronesse verlobt, habe ich ihr, bevor ich in Kampagne ging, vermittelst der allerteuresten Eidschwure die Versicherung geben mussen, in meiner Treue und Liebe nicht wandelbar zu sein. Derowegen musste ich die allerschweresten Strafen des Himmels befurchten, wenn ich solche teuren Schwure leichtsinnigerweise brache."
Die Frau Wachtmeisterin wollte zwar hierwider verschiedene Exceptiones machen, da sich aber Elbenstein stellete, als ob ihm unter wahrenden Trinken etliche Tropfen in die unrechte Kehle gekommen waren und er dieselben wieder aushusten musste, kam bald hernach der Quartiermeister, pochte vor dem Zelte, und da ihn Elbenstein hereintreten hiess, rapportierte [er] folgendes: "Mein Herr Lieutenant, diesen Augenblick lasst der Korporal von N. Compagnie zur Nachricht melden, dass zwei von unsern Leuten, welche vergangene Nacht mit auf Partie gegangen, zuruckgeblieben; er wisse aber nicht, ob sie desertiert oder gefangen waren." Elbenstein liess den Quartiermeister ins Zelt kommen und hiess ihn warten, weil er diesfalls noch weiter mit ihm zu sprechen hatte. Die Frau Wachtmeisterin vermeinte zwar, es wurde dieser bald wieder fortgeschickt werden, da es aber nicht geschahe, wurde sie endlich verdrusslich und sagte: "Nun, mein Herr Lieutenant, Sie werden, weil Sie heunte mehr zu tun haben, das Geld wohl morgen fruh nachzahlen, meines Wissens ist es richtig."
"Nein! Madame!" versetzte Elbenstein, "erweisen Sie mir die Gefalligkeit und nehmen dieses Geld wieder zurucke bis morgen nach der Mittagsmahlzeit, die ich bei Ihnen einnehmen werde, sodann wird es sich besser als bei Lichte zahlen lassen." Mit diesem Bescheide musste sich die lusterne Frau Wachtmeisterin abfertigen lassen und mit grossten Missvergnugen nach ihrem Marketenderzelte zurucke kehren in Hoffnung, ihm mit der Zeit den Rummel dennoch zu benehmen und ihr verliebtes Dessein auszufuhren.
Hingegen dankte Elbenstein, als er sich vollends recht besonne, dass er dieser Versuchung so glucklich entgangen war. Der Quartiermeister erzahlete hierauf, dass diese Frau, welche ihren Mann, den Wachtmeister, nunmehro erstlich vier Jahr hatte, sich in den ersten zwei bis drei Jahren sehr retiree gehalten, so dass man an ihr nicht die geringste Ausschweifungen verspuret, nachdem ihr aber die Grillen in den Kopf gekommen sein mochten, wie sie einen Mann habe, der ihr nicht einmal ein Kleines fabrizieren konne, ware sie auf die Gedanken geraten, sich nicht allein an ein und andern wohlaussehenden Offizier, sondern auch sogar an verschiedene gemeine Reuter, und zwar bald an diesen, bald an jenen zu attachieren, wie man aber sahe, wollte dennoch nichts fruchten. Da nun Elbenstein und der Quartiermeister noch verschiedenes von dieser Begebenheit gesprochen hatten, stellete sich endlich der erste schlafrig an, der andere nahm gute Nacht und begab sich nach seinem Gezelte.
Ob sich nun Elbenstein auch sogleich zu Bette legte, so wollte doch kein Schlaf in seine Augen kommen, derowegen verdross ihm, sich vergeblicherweise im Bette herumzuwalzen, stund also auf, nahm sein Schreibezeug und brachte folgende Arie zu Papiere:
1
Auf, mein Geist, sei wohlgemut,
Wenn Begierden sturmen,
Lass nicht ab, dein Fleisch und Blut
Tapfer zu beschirmen.
Halte dich
Ritterlich,
Lass nicht ab zu kampfen,
Du wirst sie noch dampfen.
2
Lass die Sinnen leblos sein,
Fuhle ohne Fuhlen,
Schliess die geilen Lippen ein
Vor der Kusse Spielen.
Das Gesicht
Sehe nicht,
Wenn ein schnodes Blicken
Unschuld will bestricken.
3
Lass die Ohren abgekehrt
Weil, sobald man sie gehort,
Sie uns bald verschlingen.
Ihr Geton
Klinget schon,
Doch in einer Stunde
Geht man gleich zu Grunde.
4
Ach! ihr Sinnen, regt euch nicht,
Sonst musst ich verlieren!
Der Begierden Irrwisch-Licht
Pflegt nur zu verfuhren,
Und ihr Glanz
Kann mich ganz
Als ein Blitz verblenden
Und in Abgrund senden.
5
Frisch, mein Geist! dein tapfrer Mut
Hat nun doch gesieget,
Schau! wie Lasterluste Wut
Ganz darniederlieget.
Du hast dich
Ritterlich
Gegen sie verhalten,
Wollust muss erkalten.
Der zweiten Falle, so ihm der Asmodaus oder der Geist der Unzucht und Hurenteufel gestellet, entging er durch Gottes Gnade folgendermassen: Er hatte etliche Tage nach der Aventure mit der Marketenderin den Feldprediger auf sein Ansuchen wegen gewisser Umstande zu seinem Zeltkameraden angenommen und dessen Feldbette neben das seinige schlagen lassen. Nun trug es sich zu, dass besagter Feldprediger zu einem andern Regiment, um einen Delinquenten zu einem christlichen und seligen Ende zu praparieren, voziert wurde, weil der Feldprediger des andern Regiments krank darniederlag, welches dieser auch gern und willig uber sich nahm und fortginge. Es mochte aber fruhmorgens etwa um vier Uhr sein, als ein sehr artig angekleidetes Weibsbild zu Elbensteinen in das Zelt trat und bat, ihr etwas von ihren guten und delikaten Liqueurs und Confituren abzukaufen. Sie erwartete keine Antwort, sondern setzte sich recht frech und ungescheut zu ihm aufs Bette, prasentierte ihm ein Glasgen Persico nebst einem Schalchen voll Konfekt. Elbenstein, um nicht vor einen Schrupper oder kargen Filz angesehen zu werden, akzeptierte solches und trunk es aus. Mittlerweile setzte sich das Frauenzimmer zu ihm aufs Bette, reichte ihm noch zwei Glaser und unterstund sich nachhero, ihm an demjenigen Orte den Puls zu begreifen, wo derselbe bei Sanguineis am starksten zu schlagen pflegt, anderer Karessen durch Kusse und dergl. zu geschweigen. Indem nun dieses eine Person, die nicht schoner hatte gemalt werden konnen, weil sie von der Natur nicht nur wohl, sondern noch mehr als wohl gebildet worden, so wachten bei Elbensteinen, sonderlich wegen des eingeschluckten Persico, die Lebensgeister oder, besser zu sagen, die Hurengedanken auf einmal wieder auf, und es war an dem, dass der arme Elbenstein in die vom Asmodao neu gelegte Schlinge verfallen sollte, denn diese Lais oder Sklavin der Unzucht hatte bereits das Korbgen, worinnen sie ihre Waren hatte, beiseite gesetzt und war eben im Begriff, sich mit entblosseten Unterleibe zu Elbensteinen ins Bette zu legen, als sich von ferne des zuruckkommenden Feldpredigers Stimme horen liess, welcher aus dem bekannten Liede: Wer weiss, wie nahe mir mein Ende etc. eben den Vers anstimmete: Herr! lehr mich stets mein End bedenken etc.
Hierdurch wurde die unzuchtige und verdammliche Vollziehung des schandlichen Desseins, worzu schon beider Wille geneigt und bereit war, auf einmal plotzlich unterbrochen; dahero die geile Canaille ihre Waren eiligst auffassete, jedoch nicht so hurtig fortwischen konnte, dass sie der Feldprediger nicht hatte aus des Lieutenants Zelte kommen sehen. Es bot derselbe zwar Elbensteinen einen guten Morgen, fragte aber auch zugleich mit einem sehr ernsthaften Gesichte, was denn die Erzhure, die Regimentshenkerin, bei ihm im Gezelte gemacht hatte. Elbenstein erschrak ungemein, als er den Charakter dieser Schonen erfuhr, war aber so aufrichtig und bekannte dem Feldprediger alles haarklein, worauf der Feldprediger sagte: "Gott Lob und Dank, dass ich noch zu rechter Zeit die wurkliche Vollbringung solcher Schandtat verhindert habe, allein, dem allen ohngeacht, mein werter Herr Lieutenant, hat Er doch den langmutigen Gott mit Seinem unzuchtigen Willen und Begierden vorsatzlicherweise beleidiget und sich wider seine Gebote schwerlich versundiget. Ach! Er bereue demnach Seine Sunden herzlich und schmerzlich und danke darnebst der unermesslichen gottlichen Barmherzigkeit vor die unverdiente Gnade, die Ihm vor dem wurklichen Falle so treulich behutet hat, wofur ich selbsten dem allmachtigen Gotte, der den Tod des Sunders nicht begehret, inbrunstigen und demutigsten Dank abstatte, dass er mich, seinen armen und geringsten Diener, gewurdiget hat, ein Instrument zu sein, welches diese Schandtat verhindert hat." Elbensteinen gingen solchergestalt die Augen uber, der Feldprediger aber, nachdem er seine Reue als das erste Stuck der Busse bemerkt, trostete und starkte ihn ferner zur ernstlichen Busse und Bekehrung, pragte ihm den wahren Glauben ein, wodurch er allein die Vergebung seiner groben Sunden erlangen konnte, hierauf betete er vor ihm ein kraftiges Gebet aus dem Herzen und legte sich hernach, weil er die ganze Nacht gewacht, zur Ruhe, indem die Exekution allererst auf den folgenden Tag angesetzt war. Elbenstein aber stund, sobald sich die Sonne blicken liess, auf und spazierte in eine hinter dem Lager befindliche dunne, jedoch sehr angenehme Bosquade, allwo er die bei sich habende Bibel aufschlug und sogleich die Flucht Lots aus Sodom in die Augen bekam.
Diese Geschichte und was ihm vor wenig Stunden passiert war, vereinigte er miteinander und hatte seine Speculationes und Meditationes daruber, endlich schrieb er folgende Strophen in seine Schreibtafel, welche eine Arie oder Ode bedeuten sollen. Man hat selbigen bona fide bloss wegen einiger guten Penseen die Stelle an diesem gehorigen Orte eben nicht streitig machen wollen, ohngeachtet gar sehr wider die reine Poesie darinnen gestrauchelt ist. Sie lauten aber also:
1
Eile, meine Seele, eil!
Aus dem Sodom schnoder Luste,
Sonsten findest du kein Heil
Oder Mittel, das dich friste
Vor dem ewig herben Tod,
2
In Buss, Reu und Glauben lauf!
Schau, was vor ein schrocklichs Wetter
Uber dich sich turmet auf;
Eile, hier ist kein Erretter,
Dein Verweiln und Stillestehn
Macht dich sonst zu Grunde gehn.
3
Aber sieh! dass deine Flucht
Sichrer mog als Lots geschehen:
Wer auf Erden Rettung sucht,
Kann dem Falle nicht entgehen,
Und ein geiler Starkungstrank
Macht die Seele sterbekrank.
4
Ich weiss bessre Sicherheit
Vor dich, o! du arme Seele!
Christus halt vor dich bereit
Seiner heilgen Wunden Hohle.
Da wird dir sein Blut ein Wein,
Der dich ewig starket fein.
5
Lauf hin mit getrosten Mut,
Meid ein sundliches Umsehen;
Dieser Erden Pracht und Gut
Muss in Dampf und Glut aufgehen:
Wer zu Christi Schutz sich halt
Acht't kein Zoar dieser Welt.
Es ist ohnstreitig, dass die Poesie nicht viel tauget, unterdessen aber sind doch die Gedanken gut gewesen. Er ging auch in seiner Andacht weiter und genoss des andern Tages darauf, nach herzlicher und bussfertiger Bereuung seiner vielen und schweren Sunden, das heil. Abendmahl. Sobald aber die Armee in die Winterquartiere einruckte, reisete er heraus nach U., liesse sich daselbst, wie schon gedacht, mit seiner liebsten Baronne von L. ordentlich kopulieren, von dar fuhrete er sie nach Hause zu seinen Eltern, woselbst er bis Fastnachten mit ihr verbliebe. Als aber die Zeit zum Marsche herbeikam, nahm er von seiner liebsten, nunmehro schwangern Gemahlin Abschied, sowohl auch von seinen betagten Eltern, welcher denn auf allen Seiten traurig und betrubt genung war, jedoch die Renommee instigierte ihn, sich nicht langer aufzuhalten, zumalen da ihm sein Obristlieutenant, dessen Compagnie er kommandierte, durch einen Expressen Ordre Platze zu finden, weilen allem Vermuten nach, wie es denn auch geschahe, die Kampagne fruhzeitiger als sonsten wurde eroffnet werden, zumalen da Se. Majestat von Grossbritannien derselben dieses Jahr in eigener hoher Person beiwohnen wurden.
Demnach erfolgte sein Aufbruch unter vielen Tranen, er aber musste Tag und Nacht par Posto, zuweilen fahrend, zuweilen auch reutend gehen, bis er das bereits abmarschierte Regiment, worzu er gehorete, endlich einholte und bei Lowen antraf.
In dieser Kampagne bekam der Marquis de Cronvall wegen vorgehabten Meuchelmordes an hochstgedachten Konige von Engelland seinen verdienten Lohn, indem derselbige nicht weit von Notre Dame de Lambeck bei der spanischen Artillerie gevierteilt wurde. Nach diesem folgte den 3. Aug. selbiges Jahres das hitzige Treffen bei Steenkirchen zwischen dem Konig Wilhelm und dem franzosischen Marschall von Luxemburg (den, woran man doch aus christlicher Liebe zweifelt, der Teufel geholt haben soll). Sichere Nachrichten meldeten damals, dass auf beiden Seiten 22000 Mann geblieben, der Spion aber, welcher das Dessein der Alliierten, nehmlich das franzosische Lager zu attaquieren, dem General Duc de Luxembourg verraten, ward gleich den Tag nach dieser unglucklichen Aktion ohne viele Weitlauftigkeiten fruhe um funf Uhr an einen Baum geknupft.
Nach diesen ging die hollandische Armee in Flandern, allwo sie so lange stehenblieb, bis man die Winterquartiere reguliert hatte. Weiln nun das Regiment, bei welchem Elbenstein Lieutenant war, wiederum an den Rheinstrom marschieren sollte, auch die Armee bereits zu kantonieren begunnte, so bekam er Urlaub, voraus und sodann nach seiner Heimat zu reisen, allwo er zu Ende des Octobris anlangte. Anstatt aber seine herzallerliebste Gemahlin gesund und vergnugt zu embrassieren, musste er bei seiner Anheimkunft die betrubte und hochst schmerzliche Nachricht horen, dass schon im verwichenen Augustmonat Mutter und Kind das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hatten, und zwar das Kind 14 Tage eher als die Mutter.
Nunmehro kam Elbensteinen erstlich in den Kopf, dass es seiner Sunden Schuld ware, einen so kostbaren Schatz eingebusset zu haben, derowegen sank er, noch ehe er seines Herrn Vaters Haus erreichen konnte, in eine Ohnmacht, musste also hineingetragen werden. Er blieb uber zwei Stunden in solchem gefahrlichen Zustande, sobald er sich aber wieder besonne, beklagte er mit bittern Tranen und angstlichen Handeringen seinen jammerlichen und schmerzlichen Verlust, liess sich auch nachhero den Gram, Kummer und Traurigkeit dergestalt einnehmen, dass an seiner Wiederaufkunft billig zu zweifeln war.
Demnach sahen sich seine Eltern gemussiget, etliche wohlgeubte und exemplarische Geistliche herbeizurufen, welche dem trostlosen Elbenstein aus Gottes Wort zusprachen und zugleich vorstelleten, dass durch eine solche heidnische Traurigkeit der Allmachtige zum hochsten beleidiget wurde. Alldieweiln er nun ein Mensch war, der sowohl in geistlichen als politischen Schriften wohl erfahren, so geschahe es, dass, da er Wudrians 'Kreuzschule' zu lesen bekam, er sich allmahlich in Gottes unerforschlichen Willen zu schicken und sich demselben in rechtschaffener Christen geziemender Gedult ganzlich zu ergeben lernete.
Er wollte zwar wieder zum Regimente und dem Kriege weiter nachfolgen, allein seine Eltern und sonderlich der Vater lag ihm sehr an und stellete vor, wie er diese Krankheit als einen Morbum Chronicum, der Medicorum Urteile nach, nicht wurde uberstehen und der Gebrauch aller Medikamenten bloss eine Cura palliativa ware; er als der Alteste musste nach seinem todlichen Hintritte sich nicht allein der hinterlassenen Guter, sondern auch der alten schwachen Mutter und des jungern Bruders annehmen, und weiln er den mittelsten Sohn als Capitain in Ungarn eingebusset, so wurde er wenig Segen haben, wenn er wider der Eltern Willen die Kriegsdiense kontinuieren wollte, und was dergleichen mehr war. Wie nun einer seiner Vettern, der Obristlieutenant war, mit einstimmete, musste endlich der ungluckliche Elbenstein versprechen, die Kriegsdienste zu quittieren, doch ward ihm frei gelassen, sich in der Nahe an einem furstl. Hofe zu engagieren, da es sich denn einige Wochen hernach fugte, dass ihm sein Vetter, der Baron von W., schriebe, wasmassen er einige Zeit daher bei der Herzogin von N.N. als Kammerjunker in Diensten gestanden, nunmehro aber in anderweite Bestallung als Hofmeister bei dem Herzog zu N. gelangen wurde. Weiln er nun seiner gnadigsten Herzogin versprochen, einen andern Kavalier an seine Stelle zu schaffen, welchen sie sowohl in Verschickungen als in ihren andern Angelegenheiten wohl gebrauchen konnte, so hatte er den von Elbenstein vorgeschlagen, welchen Vorschlag sich auch Ihro Durchl. gnadigst gefallen lassen und ihm Befehl erteilet hatte, an ihn zu schreiben, dass er sich ehestens zu P. einfinden und seine Station antreten sollte. In Erwagung nun, dass er nicht so gar weit von seinen Eltern kame und alle Woche von ihrem Zustande Nachricht erhalten konnte, akzeptierte er mit deroselben Bewilligung diese Funktion, schrieb auch sogleich an den Baron von W. wieder zuruck, dass er erstlich bei der ihm anvertrauten Stabscompagnie abdanken, nachhero aber aufs langste in 14 Tagen oder drei Wochen sich bei Ihro Hochfurstl. Durchl. untertanigst einfinden wollte. Es trachteten zwar seine andern Freunde, zweifelsohne auf Veranlassung seiner Eltern, ihn zu einer anderweitigen Heirat zu persuadieren, allein die Wunde wegen des Verlusts seiner so lieb gewesenen Gemahlin war noch zu frisch, weswegen sie, da sie sahen, dass sie ihn mit dergleichen Vortragen nur chagrinierten, endlich davon stille schwiegen.
Nachdem er nun seinen Abschied vom Regimente, und zwar zum grossen Verdruss seines Obristlieutenants, als welcher ihn ungerne verlor, bekommen hatte, versaumete er keine Zeit, sondern ging par Posto nach P. Er langete daselbst glucklich an und ward sowohl von der durchl. Herzogin als dero Frau Mutter wegen seiner ihnen anstandigen Gestalt und Conduite sehr gnadig empfangen, zumalen sie ihm nicht allein ihre Hofhaltung, sondern auch die Korrespondenz mit etlichen grossen Ministris am kaiserl. Hofe anvertrauen konnte. In wahrender Zeit, da die Herzogin fast wochentlich, ja taglich Visiten von hohen Standespersonen bekam, konnte es ohnmoglich sein, als dass sich unter so vielen schonen Gesichtern doch wenigstens eins, wo nicht mehr, befand, welches capable war, Elbensteinen zu charmieren und seine verliebten Blicke zu rekompensieren. Die erste Intrigue sponne sich also an: Es wurde die durchl. Herzogin eines Tages von dem OBG. traktieret, an der Tafel kam Elbenstein neben der Grafin von W. zu sitzen, bei welcher er sich durch allerhand insinuante Diskurse dergestalt einzuschmeicheln wusste, dass, um dieses Mal allen Verdacht zu vermeiden, sie ihn auf den folgenden Tag in die Karmeliterkirche auf der K.S. beschiede, daselbst nahmen sie die Abrede, den morgenden Tag in ihrer Fr. Muhmen, der Grafin von S., Palais, weil selbige eben in das warme Bad gereiset, zusammenzukommen. Elbenstein war so unachtsam nicht, dass er die abgeredte Stunde sollte vergessen haben, sondern er wartete mit grosster Attention darauf, wurde auch von der schonen Grafin mit einer anmutigen und liebreizenden Miene empfangen. Sie spielete, als er kam, eben auf der Laute und hatte ein kleines Arienbuch bei sich liegen, weswegen Elbensteinen die Curiosite antrieb, selbiges zu perlustrieren. Indem er nun akkurat 59 Arien, Oden und dergleichen darinnen fand, bat er sich die Erlaubnis aus, das Schock voll zu machen und eine Arie nach einer bekannten Melodei hineinzuschreiben. Da nun die Grafin versicherte, dass ihr dieses zum besondern Plaisir gereichen wurde, zeichnete er folgende Verse ex tempore hinein:
1
Ein hartes Verhangnis hat mich jetzt betroffen, Es heisset mich lieben und dennoch nicht hoffen; Unendliches Qualen bleibt, glaub ich, der Lohn, Den ich vor mein Lieben einst trage darvon.
2
Doch ob auch mein Lieben ganz abgeschmackt
scheinet,
So bin ich's zu lassen doch gar nicht gemeinet; Dieweil mir der Himmel noch diesen Trost gibt: Sei stille im Lieben, bleib immer betrubt.
3
Mein brennendes Herze, das eilet zum Grabe, Dieweil ich die Hoffnung zum Troste nicht habe. Wer kann mir das nachtun, der schreibe sich ein: Ohn Hoffnung im Lieben bestandig zu sein. Ob nun schon mancher Poete diese daktylischen Reime durchzuhecheln Ursache gehabt hatte, so war dennoch die Grafin vollkommen wohl damit zufrieden. Sie sahe ihn, nachdem sie selbige durchlesen, recht liebreizend an, druckte ihm die Hand und sagte: "Ein solcher Amant, der ohne Hoffnung bestandig sein kann, muss nicht ohne Hoffnung gelassen werden. Sein Sie nur bestandig, mein werter Elbenstein, und hoffen zugleich, so werden Sie nicht fehlen." Er ergriff der Grafin schone Hand und kussete dieselbe, sprach darbei: "Hierdurch will ich versuchen, wieviel ich hoffen darf." Die Grafin antwortete: "Wer mein Herz zu eigen hat, kann alles hoffen." Unter diesen Worten legte sie ihren Kopf ganz, als ganz unachtsam, an Elbensteins Brust. Dieser kussete erstlich ihre charmanten blauen Augen und sagte darbei: "Ihr allerschonsten Augen! euch beschwere ich, mich nicht zu verraten wegen dessen, was ihr sehen werdet." Hierauf machte er sich an die korallenroten Lippen und kussete dieselben mehr als hundertmal. Theresia, so war der verliebten Grafin Taufname, liess solches unter einer verstellten Unempfindlichkeit geschehen, endlich aber nahm die Liebe und Erkenntlichkeit dergestalt uberhand, dass sie das Empfangene mehr als gedoppelt restituierte, weswegen Elbenstein, wegen wichtiger Verrichtungen, hochst vergnugt von ihr schiede, nachdem sie die Abrede miteinander genommen, dass, sooft sie miteinander in Compagnie kamen, sich durch ein unvermerktes Zeichen ihre bestandige Liebe zu erkennen geben wollten.
Dieses Zeichen bestunde darinne, dass Theresia ein Bouquet Blumen an ihrer Brust, Elbenstein aber nach damaliger Bandermode in seinen Armeln oder Manschetten rosenfarbene Bander tragen wollten. Theresia pflegte demnach oftermals den Blumenstrauss, als ob sie daran riechen wollte, an den Mund zu drucken, und Elbenstein im Gegenteil stellete sich zum oftern, als ob ihm die Manschettenbander zu lose worden waren, befestigte sie derowegen mit Hulfe des Mundes und kussete zugleich das Band, welches der Theresia Leibfarbe war. Solchergestalt fuhreten beide ihr geheimes Liebesverstandnis miteinander fort. Allein dieses Geheimnis wurde bald entdeckt: denn als sie einsmals in dreien Tagen miteinander zusammenzukommen keine Gelegenheit finden konnen, gab die Grafin, welche der Herzogin Palais gegenuber wohnete, Elbensteinen ein Zeichen, zur Vesperzeit in obgedachtes Karmeliterkloster zu kommen. Der Herzogin Fraulein aber, eine geborne von C., die ebenfalls ein Auge auf Elbensteinen haben mochte, wurde solches gewahr, wollte demnach gerne wissen, was solches bedeutete und wem das Winken gegolten; demnach stellet sie sich in der kleinen Prinzessin Zimmer an ein Fenster, aus welchem sie alle in selbige Kirche gehende Leute observieren konnte.
Solchergestalt, da Elbenstein als ein Protestante so gar allzusehr nach der Karmeliterkirche zu eilete, sie das ganze Geheimnis erriet, indem sie urteilen konnte, dass keine besondere Andacht, sondern vielmehr der reizende Gehorsam der vorausgegangenen Grafin ihn dahin gezogen.
Es fehlete bei der Abendtafel keineswegs an allerhand Stichelreden, welche sich aber Elbenstein gar nicht zuzog. Jedoch da die Fraulein von C. ihm einen Becher Wein auf Gesundheit der Grafin Theresia zutrank, wurde er im Gesichte blutrot, und ohngeacht er seine Liebe zu derselben zu verbergen suchte, wurde nachhero doch alles vollig verraten.
Demnach mussten sich beide Verliebten etwas genauer in acht nehmen, und weil sie nicht personlich zusammenkommen konnten, so wurde ihr Liebeswerk durch Briefe traktiert. Diese trug hin und her des Generals und Kommendanten zu P., Grafens von T. Zukkerbackerin, womit denn beiderseits einiges Labsal geschafft wurde. Ob sie aber nicht zuweilen einander dennoch in geheim gesprochen, solches kann man nicht vor gewiss sagen. Inzwischen daurete dieses Vergnugen nicht langer als ein Vierteljahr, denn Elbenstein bekam Briefe, aufs schleunigste zu seinem Herrn Vater zu kommen, derowegen bat er bei der Herzogin auf vier Wochen Urlaub, welchen er auch erhielte. Da aber mittlerweile hochgedachte, seine durchl. Herzogin, sich mit dem Fursten von N. in eine Eheverlobnis eingelassen und das Beilager mit nachsten geschehen sollte, hergegen Elbensteins Eltern ihm nicht gestatten wollten, ferner bei Hofe zu bleiben, aus Beisorge, dass er etwa wegen der Religion Anstoss haben mochte, so resolvierte er sich, seine Dimission schriftlich zu suchen, erhielt auch dieselbe nebst seiner ruckstandigen Besoldung und einem besondern Gnadengeschenke.
Die holdselige Grafin Theresia wechselte zwar noch uber ein halbes Jahr Briefe mit ihm par Adresse des Traiteurs S. zu D., als sie aber sich nicht entschliessen wollte, ihre Gelder nach N. zu verwenden, im Gegenteil pratendierte, sein vaterlich Gut zu verkaufen und das dafur bekommene Kaufgeld entweder in B. oder C. wieder anzuwenden, verloschen diese Liebesflammen beiden auf einmal.
Nachhero fugte sich's, dass Elbensteins Herr Vater im Herbste des 1693sten Jahres das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselte, weswegen er sich genotiget sahe, in seinem Vaterlande zu heiraten. Es wurden ihm demnach von seinen Freunden allerhand Partien vorgeschlagen, unter welchen eine mit besonderer Schonheit und Klugheit begabte Fraulein des Geschlechts von M. war; allein es zwangen ihn triftige Raisons, sich bei derselben nicht zu engagieren. Er vereheligte sich demnach Anno 1694 mit einer Fraulein von D., welche aber nach elf Monaten im Kindbette starb, und das Kind, welches ihm nachhero, da es erwachsen war, viel Bekummernis und Herzeleid verursachte, am Leben bliebe.
Der arme Elbenstein sahe sich nunmehro zum andern Male in dem betrubten Witberstande, hatte die ganze Last der schweren Haushaltung allein auf dem Halse, weswegen er sich denn zum dritten Male vermahlete, und zwar mit einer Fraulein des Geschlechts von NB., mit welcher er verschiedene und meistenteils ganz wohlgeratene Kinder erzeugte. Als er nun in die zehn Jahre auf seinen Gutern im Privatstande und ohne Herrndienste gelebt, bekam er von einem gewissen Reichsfursten Vokation, bei welchem er etliche Jahre in ansehnlichen Hofdiensten verharrete.
Wie aber die Sunden der Jugend von dem gerechten Gott nicht ungestraft bleiben, also musste Elbenstein nunmehro an sich auch erfahren, dass nichts Gutes unvergolten und nichts Boses ohngestraft bliebe, indem er allmahlig durch viele schwere kostbare Prozesse, Kriegstroublen, sonderlich die schwedische Invasion, ferner durch etliche Jahr nacheinander fortdaurenden Misswachs, Falliment seiner Debitoren und dergleichen mehr in grosse Schulden und Abfall seines Vermogens geriet. Der Gram und Kummer, welchen er dieserwegen einnahm, brachte ihn dergestalt von Kraften, dass er schwachheitshalber seine Funktion nicht mehr verrichten konnte, sondern sich genotiget sahe, seine Charge zu resignieren und sich auf sein Gut zu begeben in Hoffnung, durch gute Menage sich wiederum empor und aus den Schulden zu bringen. Allein es war vor ihn weder Gluck noch Stern, sondern alle seine Projekte, sie mochten noch so vernunftig und klug ausgesonnen sein, gingen den Krebsgang, so dass er fast seinen ganzlichen Ruin vor Augen sahe. Dergleichen Unglucksfalle entkrafteten ihn nun binnen zwolf Jahren dermassen, dass er sozusagen alt und grau vor der Zeit wurde, indem er ofters mit einem schlechten Gerichte Kohl oder andern Zugemuse nebst einem leichten Trunk Kovent vorliebnehmen musste, wenn er sich nur noch einigermassen seinem gehabten Charakter gemass auffuhren wollte. In solchen trubseligen Zeiten und kummerlichen Zustande liess sich eines Abends, da es entsetzlich stark regnete, ein Kavalier bei ihm melden und ihn wegen der besondern Freundschaft, so sie in der Jugend miteinander gepflogen, bloss allein um ein Nachtquartier ansprechen, indem er in dem kleinen Schenkhause, welches bereits mit Fuhr- und andern Leuten angefullet ware, nicht wohl unterkommen konnte, sonsten aber wolle er dem Herrn von Elbenstein keine Ungelegenheit verursachen. Elbenstein erfreute sich demnach recht herzlich, einen alten Bekannten anzutreffen, und zwar um soviel desto mehr, weil ihm seine Zinsleute vor ein paar Tagen etliche Scheffel Hafer und anderes Getreide eingebracht, auch waren ihm von einem benachbarten Edelmanne, der seine Klopperjagd gehalten, drei Hasen und etliche schone Stuck Flugelwerk zum Geschenke geschickt worden, also kam ihm dieser gute Freund recht a propos, dieses mit zu geniessen. Demnach fragte er den Bedienten nach seines Herrn Geschlechtsnamen, allein der Bediente sagte: "Ihro Gnaden werden mir nicht ungnadig nehmen, wenn ich hierinnen nicht gehorsamen kann, weil mir solches von meinem Herrn expresse verboten worden, indem er die Lust gern haben will zu erfahren, ob er von Ihro Gn. wird erkannt werden, da Sie einander in so vielen Jahren nicht gesehen haben." Solchergestalt wurde nun Elbenstein noch zehnmal curieuser zu wissen, wer sein Gast sein wurde, als vorhero, fertigte aber den Bedienten sogleich ab und liess zurucksagen, weil ihm der Zuspruch honetter Kavaliere jederzeit sehr angenehm, so musse ihm die gutige Visite eines alten Freundes um soviel mehr vergnugend sein. Er bate demnach, sich in dem schlimmen Wetter nicht langer zu verweilen, sondern nur mit seinen Leuten und Pferden frei einzusprechen und mit bei jetzigen Umstanden moglichsten Accommodement gutigst vorliebzunehmen.
Es wahrete demnach nur noch eine kurze Zeit, da sich der Gast einstellete. Elbenstein ging demselben bis vor seine Hoftur entgegen, kaum aber war dieser vom Pferde gestiegen und hatte sein Gesicht blicken lassen, als ihn Elbenstein im Moment vor den Herrn von A. erkannte. Dieser Herr von A., welcher nur ohngefahr ein Jahr junger als Elbenstein, war von der zartesten Kindheit an mit Elbensteinen zugleich aufgezogen worden, indem des Herrn von A. Herr Vater sehr fruhzeitig gestorben war, der alte Herr von Elbenstein aber als Vormund diesen jungen Hrn. von A. zu sich genommen hatte und, als ob es sein eigenes Kind ware, mit unter den seinigen erziehen liess. Dieser nun und unser Elbenstein hatten sich wegen Gleichheit der Jahre und des Temperaments jederzeit vor allen andern am besten miteinander vertragen konnen und sich fast niemals veruneiniget, auch immer vor einen Mann gestanden, wenn sie von den andern attaquieret worden. Demnach war die Freude vorjetzo bei Elbensteinen ungemein gross, da sie in ihrem 15ten oder 16ten Jahre voneinander gekommen und seit der Zeit sich nicht wieder gesehen, auch wenig Nachricht voneinander erhalten. Beide Herrn umarmeten und kusseten sich recht bruderlich, worauf der Herr von A. von Elbenstein in sein bestes Zimmer gefuhret und hernach etwas allein gelassen wurde, um seiner Bequemlichkeit zu gebrauchen. Nachhero wurde die Abendmahlzeit aufgetragen, und ob selbige gleich eben nicht kostbar war, sondern nur aus einer guten Eiersuppe, ein paar gekochten Huhnern und aus einem rohen Schinken bestund, so erzeigte sich doch der Gast sehr vergnugt darbei und bat Elbensteinen, der sich wegen schlechter Bewirtung zum oftern entschuldigen wollte, instandig, hiervon nichts zu gedenken, indem er bei dem Plaisir, ihn zu sehen und mit ihm zu sprechen, gar gern mit einem blossen Butterbrot, einem Trunk Bier und Pfeife Tobak vorliebnehmen wollte. Mit Weine war Elbenstein nicht versehen, doch konnte er einen herrlichen Trunk Bier in seinem Dorfe haben. Sobald sie demnach die Abendmahlzeit mit gutem Appetite eingenommen, blieben sie beide ganz alleine beisammen, da denn Elbenstein dem Herrn von A. die Hauptstucke seines Lebenslaufs nebst seinen bis hieher gehabten Fatalitaten ziemlich ausfuhrlich erzahlete. Wie aber unter solchem Gesprach die Mitternachtsstunde bereits verstrichen, wollte Elbenstein seinen Gast nicht langer von der Ruhe abhalten, nahm derowegen, nachdem derselbe auf instandiges Bitten endlich versprochen, morgenden Tag noch bei ihm zu bleiben, auf dieses Mal gute Nacht und begab sich gleichfalls zur Ruhe.
Folgenden Morgen beim Tee erzahlete Elbenstein vollends den Rest seiner Begebenheiten und machte den Schluss damit, wie er wohl erkennete und sich in seinem Gewissen uberzeugt befande, dass alle seine gehabten Unglucksfalle gerechte Strafen des Himmels waren, die er mit seiner zuweilen recht unbandigen Lebensart wohl, ja noch weit mehr verdienet, weswegen er sich auch von Tage zu Tage besser in seinen jetzigen pauvren Zustand schicken lernete, anbei den Himmel inbrunstig anflehete, dass er nach den zeitlichen Strafen seiner nur dorten in der Ewigkeit schonen mochte.
Nachdem nun der Herr von A. sein herzliches Mitleiden gegen Elbensteinen bezeuget und gewunscht, dass, da dem Himmel es eine sehr schlechte Sache ware, den Reichen arm und den Armen reich zu machen, er auch Elbensteins Zustand bald in einen vergnugtern und frohlichern verwandeln mochte. "Allein, mein wertester Herr Bruder", fuhr der Herr von A. gegen Elbensteinen fort, "sonsten pflegt man zu sagen: Solamen miseris socios habuisse malorum. Ich kann Euch versichern, dass unser beiderseitiger Zustand sehr wenig voneinander unterschieden ist. Mein einziges Gluck ist's, dass ich mit meiner Gemahlin keine Kinder habe, sonsten wurde ich noch weit miserabler leben mussen. Ich habe aber nur vor weniger Zeit erstlich auch angefangen, Betrachtungen anzustellen, dass dergleichen Kalamitaten, welche mir seit wenigen Jahren her begegnet, gerechte Zuchtigungen und Strafen des Himmels sein mussen."
Elbenstein erseufzete hieruber sehr tief. Weiln sie eben zur Mittagsmahlzeit abgerufen wurden, versprach der Herr von A., nachhero, weil sie wegen des starken Regens doch nicht aus dem Zimmer kommen und ein wenig spazierengehen konnten, Elbensteinen zur Revanche auch die Hauptstucke von seinen Begebenheiten zu erzahlen.
Solches geschahe nun, denn da sie sich beide allein in das Zimmer begeben, wohin Elbenstein Bier, Tobak und Licht bringen lassen, fing der Herr von A. also zu reden an:
"Sobald Ihr, mein wertester Herr Bruder, nach J. auf die Universitat gebracht, ich aber wegen einer damaligen schweren Krankheit, die beinahe ein halb Jahr anhielt, in Eures Vaters als meines Vormunde Hofe zuruckbleiben musste, wurde mir Zeit und Weile entsetzlich lang, und weil [ich] aus Ungedult kein Buch vor den Augen leiden konnte, so geschahe es, dass ich viel von demjenigen, was ich schon gelernet hatte, verschwitzte, wie es sich aber in etwas mit mir gebessert, brachte mich Euer Herr Vater nach M. zu demjenigen Medico ins Haus, welcher mich bishero in der Kur gehabt hatte und meine Gesundheit ferneweit besorgen sollte. Hierbei musste ich nun fleissig in die Schule gehen, und der Medicus hatte ein sehr scharfes wachsames Auge auf mich, nahm mich nicht allein, wenn er Zeit hatte, sonderlich des Abends, selbst privatissime vor und repetierte die Lectiones mit mir, sondern er gab auch sehr genau acht auf meine Diat und ubrige Lebensart, woher denn kam, dass ich nach ein paar Jahren Verlauf gesund, frisch und sattsam tuchtig erfunden wurde, auf die Universitat L. zu gehen. Ich hielt mich etwas uber drei Jahre daselbst auf, brachte meine Zeit nicht eben allzu ubel zu, sondern besuchte die Collegia fleissig und profitierte doch so viel, dass man schon mit mir zufrieden sein konnte, ausserdem aber auch eben kein Melancholicus, sondern machte mich mit andern Kavaliers und andern braven Purschen zum oftern lustig, liess mich auch bald mit diesem, bald mit jenem Frauenzimmer in eine verliebte Vertraulichkeit ein, welches aber niemals lange Bestand hatte, indem [ich] im oftern Wechseln mein grosstes Vergnugen suchte, auch nicht selten fand.
Da ich aber nach der Zeit, und zwar nur wenige Tage vorhero, als ich meinen Valetschmaus geben und von der Universitat nach Hause gehen wollte, einen unglucklichen Sturz mit dem Pferde getan, dabei den linken Arm sehr stark angeschellert hatte, weswegen mir derselbe nach etlichen Wochen zu schwinden anfing und keine gebrauchten Arzeneien anschlagen wollten, riet mir mein ehemaliger Medicus, mit einem meiner Befreundten in ein warmes Bad zu gehen, als welcher ebenfalls ein gewisses Malheur an sich hatte. Wir traten demnach die Reise par Posto an und erreichten in wenig Tagen eines der beruhmtesten warmen Bader, mieteten uns Logis, und zwar jeder das seine besonders. Anfanglich lebte ich sehr douce und hielt mich ausser der Zeit, die zur Motion bestimmt war, fast bestandig inne, nachdem ich aber merkte, dass die Kur wohl ausschluge, und mich der Medicus versicherte, dass ich vor Monatsverlauf vollkommen kuriert sein, hernach abreisen konnte, wenn ich wollte, ward ich herzlich froh und begab mich in ein und andere Gesellschaften; unter andern traf ich eines Tages ein ungemein schones Frauenzimmer darunter an, welche das Fraulein L. von P. genennet wurde. Ich konnte mich nicht erinnern, zeit meines Lebens jemals gegen ein Frauenzimmer dergleichen heftig verliebte Regungen bei mir empfunden zu haben als jetzo gegen dieses Fraulein, und zwar gleich bei der ersten Zusammenkunft, ich konnte auch folgends weder Tag noch Nacht rechte Ruhe haben, wenn ich nicht das Gluck hatte, mit dieser Schonen in Compagnie zu sein. Sie stellete sich jederzeit sehr freundlich und complaisant gegen mich, und da sie eines Tages einige Kavaliers und Dames traktierte, liess sie mich in specie mit darzu bitten. Indem sie nun gewahr ward, dass ich das Schachspiel, welches sie ungemein wohl spielte, auch in etwas gut spielen konnte, bat sie mich, ihr die Gefalligkeit zu erweisen und ofter bei ihr einzusprechen, weil sie dieses Spiels nicht leicht uberdrussig wurde, ausser diesem auch, da mein stilles Humeur mit dem ihrigen sehr wohl ubereinstimmete, mochte sie mich vor allen andern gern um sich leiden. Ich versprach ihr, woferne ich mich ihrer gnadigen Erlaubnis im Ernst versichert halten konnte, meine Aufwartung, sooft es deroselben gefallig, zu machen. Es geschahe auch, so dass wir zum oftern vom Mittage an bis zur spaten Abendszeit beisammen sassen und uns mit dem Schachspiele divertierten, wiewohlen, wenn ich ihre bewundernswurdigen Artigkeiten betrachtete, zum oftern bald dieses, bald jenes im Spiele versahe.
Mein heimliches Liebesfeuer wurde solchergestalt immer heftiger angeblasen, so dass ich es fast nicht mehr verbergen konnte, weiln aber Zunge und Mund allzu blode waren, solches zu eroffnen, mussten meine Augen nur das ihrige verrichten. Die v. P. merkte bald, dass mir eine kleine Melancholie am recht bedachtsamen Spielen hinderlich ware, derowegen, da ich einsmals in Gedanken etwas tief seufzete, fragte sie mit einer mitleidigen Stellung: 'Was liegt Ihnen doch immermehr auf dem Herzen, Mons. de A., dass Sie von Tage zu Tage tiefsinniger werden? Ich bitte mich zu Ihrer Vertrauten zu machen, das Geheimnis sei so gross, als es immer will, durch mich soll nichts verraten werden, vielleicht aber kann ich etwa mit einem guten Rate dienen, obgleich die Hulfe in meinem Vermogen nicht stehen mochte.' Mir stieg unter diesen ihren Reden die vollige Glut aus dem Herzen ins Gesichte, ich bliebe auch eine gute Zeitlang ganz besturzt sitzen und wusste nicht, was ich antworten sollte, endlich, da mir, ich weiss nicht was vor ein Geist meine scheltenswurdige Zaghaftigkeit, zumalen bei einem ledigen Frauenzimmer, welches mir sozusagen die Liebesdeklaration selbst abnotigte, vorwerfen wollte, fassete ich plotzlich einen Mut, brachte den ganzen verliebten Plunder auf einmal zu Markte und schloss mit diesen Worten: 'Ist also, allerschonstes Fraulein von P., noch kein anderer Kavalier in Dero Herz eingeschlossen, so bitte fussfalligst, mir, Dero gehorsamsten und getreu verliebten Knechte dieses himmlische Quartier zu gonnen, widrigenfalls wird mein ausserst gequaltes Herz von den Flammen der Liebe vollends in Asche verwandelt werden.'
Die von P. horete meine Reden mit niedergeschlagenen Augen in grosster Gelassenheit an, da ich aber innehielt, sagte sie mit einem tiefgeholten Seufzer: 'Ach, mein werter d'A., mein Herz ist mehr als zu ledig und hat zeit seines Lebens noch keine verliebten Triebe empfunden, ausgenommen diejenigen Zartlichkeiten, welche Ihre Person und sonderbare Auffuhrung erweckt hat, allein mein ungluckseliges Verhangnis und mein Gewissen lassen es nicht zu, Ihre Sehnsucht zu vergnugen, wie gern ich es auch wunschen wollte. Ich glaube es, dass Sie mich als ein honetter Kavalier aufrichtig und getreu lieben wurden, und versichere, dass ich Ihrer Person nicht weniger gewogen bin. Aber wie gesagt, mein Schicksal gestattet nicht, Sie nach Wunsche zu vergnugen, sondern ich bin darzu pradestiniert und kondemniert, dass ich vielleicht meine ganze Lebenszeit ohne Liebe, gegenteils aber im grossten Missvergnugen zubringen soll.'
Was diese", redete der Herr von A. weiter zu Elbensteinen, "mit einer besondern klaglichen Art vorgebrachte Antwort in meinem Gemute vor eine Zerruttung anrichtete, ist nicht auszusprechen. Der Fraulein von P. stiegen vor Jammer die Tranen in die Augen, und bei mir fehlete wenig, dass die einer Mannsperson ubel anstandigen Zeugnisse der Kleinmutigkeit nicht uber die Backen heruntergerollet waren. Wir sahen einander mit angstlichen Blicken an, und es war nicht anders, als ob ein Schlagfluss die Nerven meiner Zunge geruhret hatte. Nachdem aber die von P. ihre und meine Augen abgetrocknet, zugleich meine Wangen mit ihren zarten Handen sehr liebreich gedruckt, erholte [ich] mich in etwas und sprach: 'Eroffnen Sie mir doch nur wenigstens, mein allerschonstes Fraulein, die Ursache, so meinem Glucke und Vergnugen im Wege stehet. Sollen Dero uberirdischen Annehmlichkeiten samt dem allerschonsten Korper etwa in ein furchterliches Klostergebaude verbannet werden? Diesem Unglucke ware ja noch vorzukommen, mein Vaterland ist die allersicherste Freistatt vor dieselben. Uber dieses verlange ich ausser Dero allerschonsten Person, wie Sie allhier gehen und stehen, weder Geld, Guter noch andere Kostbarkeiten, indem ich gesonnen bin, bloss nach meinem Vergnugen zu heiraten, weiln mir meine fruhzeitig verstorbene Eltern als ihrem einzigen hinterlassenen Sohn zugleich auch drei eintragliche Ritterguter nebst einem guten Vorrate von Barschaft und Meubles hinterlassen.' 'Ach, mein Herzensfreund', versetzte hierauf die von P., 'Geld und Gut habe ich zur Gnuge und wollte mir nur vor dasjenige, was in dieser kleinen Chatoulle verwahrt liegt, in Eurem Vaterlande vortreffliche Land- und Ritterguter ankaufen; allein was hilft es mich, meiner Seelen ekelt vor dergleichen Bagatellen und sehnet sich vielmehr nach solchen Schatzen, die in einem tugendhaften Behaltnisse verwahrt liegen. Aber! ich bin bereits in ein solches Kloster verbannet, aus welchem mich niemand als der Tod reissen kann.'
Indem sie dieses redete, eroffneten ihre zarten Hande zugleich ein mittelmassiges Chatoull, in welchem alle Facher und Schubladen mit lauter Goldstucken und den allerkostbarsten Juwelen angefullet waren. Meine Augen wurden demnach ganz verblendet, die Vernunft aber uberredete mich, die von P. vor eine hohere Standesperson zu halten, als sie sich ausgab. Derowegen gab ich ihr meine Gedanken ziemlich deutlich zu verstehen und bat mit zitterenden Lippen, da meine Wenigkeit sich allzuhoch verstiegen hatte, um gnadige Vergebung meines begangenen Fehlers und Irrtums. Es versicherte mich aber dieselbe, abermals mit einem tiefgeholten Seufzer, dass sie von Geburt nicht hoher als eine von Adel, doch hatte sie der Himmel mit einem grossen Vermogen, im Gegenteil aber auch mit desto mehr Kreuz und Elend uberschuttet.
Indem ich nun vermittelst heftiger Klagen eine noch deutlichere Explikation von ihr herauszulocken vermeinete, liessen sich ein paar Dames bei ihr melden, weswegen ich mich vor diesmal genotiget sahe, zuruckzuhalten und meine Retirade durch ein ander Zimmer und durch das Hintergebaude des Hauses zu nehmen. Dass ich aber den ubrigen Teil des Tages benebst der darauf folgenden Nacht hindurch von der unbandigen Liebe die grausamsten Folterungen erlitten, kann niemand leichter glauben, als wer ehemals auch heftig verliebt gewesen. Ohnmoglich konnen sich Odipus und seine Mitgesellen den Kopf uber Sphyngis Ratsel so grausam zerbrochen haben, als ich den meinen zerbrach uber die dunklen Spruche der Fraulein von P. Bald schmeichelte mir wegen ihrer freundlichen und verliebten Auffuhrung die Hoffnung, sie noch mit der Zeit zu gewinnen, bald lachte Fortuna mit einem hohnischen Gesichte mich mit allen meinen gemachten Anschlagen und Ideen recht hasslich aus. Morpheus versagte mir seinen Dienst ganzlich, weswegen ich in dieser einzigen Nacht ganz blass, hager und merode wurde. Der anbrechende Tag wollte mir zwar einigen Trost versprechen, indem ich mir sicherlich einbildete, die von P. wurde mich beizeiten wieder zu sich rufen lassen. Nachdem ich aber, bis es dunkele Nacht worden, vergeblich darauf gehoffet hatte, musste sich mein gequaltes Herze mit Gedult darein ergeben, noch eine Nacht wie die vorhergehende zuzubringen, da denn meine Liebespein mehr vermehrt als vermindert wurde.
Folgenden Morgens stund ich mit dem allerfruhesten auf und memorierte die in vergangener Nacht konzipierte Oration, welche in diesen Nachmittag bei der von P. zu halten mir vorgenommen hatte. Der Vormittag, welcher mir damals langer als ein Monat sonsten zu wahren begonnte, verstrich endlich, da aber eine Stunde nach der Mahlzeit der von P. ihr Bote sich noch nicht einstellete, nahm ich mir die Kuhnheit, mich in ihrem Logis selbst anmelden zu lassen. Allein, o Himmel! wie erstaunete ich, da ich vernahm, dass die von P. bereits gestern noch vor anbrechenden Tage samt allen ihren Sachen aufgebrochen und mit einer Extrapost fortgereiset ware. Meine funf Sinnen spieleten das Versteckspiel im ganzen Korper herum, keiner aber wollte sich finden lassen, bis endlich der Wirt des Hauses, nachdem er mich, der ich in der Tur stund und das Gesicht auf die Strasse heraus gedrehet hatte, lange und oft bei dem Armel gezupft hatte, mich wieder zu mir selbst brachte und sagte: 'Monsieur! die fortgereisete Dame hat eine versiegelte Schachtel an Denselben zuruckgelassen, hier ist sie.' Ich nahm selbige Schachtel begierig an, eilete damit nach Hause und fand nach Eroffnung derselben obenauf einen Brief, dessen Inhalt, weil ich ihn wohl mehr als 1000mal durchlesen, ganz von Wort zu Wort auswendig gelernet habe, also denselben aus dem Kopfe hersagen kann. Er lautet aber also:
Liebster S. d'A.
Der Himmel ist mein Zeuge, dass ich Sie nicht allein wegen Ihrer galanten Person, sondern der angemerkten Tugend halber mehr liebe und astimiere als sonsten eine einzige Mannsperson in der ganzen Welt. Tue ich Sunde hieran, so bitte ich den Himmel mit Tranen um Vergebung; jedoch da meine Liebe auf keinem lasterhaften Grunde ruhet, so hoffe, das heiligste Wesen, so uber uns wohnet, werde ein Mitleiden mit meiner Schwachheit haben. Dass ich aber mich Ihren aufrichtig verliebten Augen ohne vorher genommenen mundlichen Abschied entzogen, und zwar so plotzlich, solches ist aus keiner andern Ursach geschehen, als weil ich mich vor mir selber furchte und besorgt habe, die Schiffe unserer Tugend mochten etwa auf dem gefahrlichen Liebesmeere an eine verborgene Klippe geraten und unvermutet stranden. Dieses zu verhuten, habe [ich] die Trennung vor das allersicherste Mittel erfunden. Wussten Sie meinen volligen Zustand, so wollte mich persuadiert halten, Ihr tugendhaftes Herze wurde mir in allen Beifall geben. Indessen entschlagen Sie sich der ubermassigen Liebe und verwandelen dieselbe in eine aufrichtige Sehnsucht zu vergnugen die pur lautere Ohnmoglichkeit im Wege stehet. Ihre angenehme Person taglich sehen zu konnen, ware zwar mein grosstes Vergnugen, allein weiln es uns beiden nur zur Qual gereichen wurde, wunsche ich, dass Sie mich niemals mogen finden, es sei denn, dass der Himmel selbst eine Anderung trafe. Wollten aber Mons. d'A. mir eine einzige Gefalligkeit noch erweisen, so lassen Sie Ihr Portrat bei demjenigen zuruck, der Ihnen diese Schachtel einhandiget, bemuhen Sie sich aber nicht, auf den Abforderer zu warten, denn ich selbst nicht weiss, ob ich es uber lang oder kurz kann abholen lassen. Mein Portrat habe nicht zu Erhaltung seiner Liebe, sondern nur zum geneigten Andenken beilegen wollen. Mein letzter Wunsch ist dieser, dass der Himmel Ihnen mit der Zeit bei einer andern anmutigen Liebste so vieles Vergnugen gonnen wolle, als in ihren jetzigen Stande Unvergnugen geniesset
die ungluckselige
L. de P.
Wie mir nach Verlesung dieser Zeilen zumute gewesen, bin selbst nicht vermogend, von mir zu sagen, so viel weiss ich mich zu entsinnen, dass ich fast uber zwei Stunden lang als ein steinern Bild auf meinem Stuhle gesessen, den Brief aber bestandig in den Handen gehalten habe. Nach diesen, da ich als aus einem Schlafe erwacht, durchstrich ich alle Gassen, um zu erkundigen, ob niemand wisse, wo die von P. hingefahren und wo ihre Heimat sei. Allein niemand konnte mich dessen berichten, keiner wollte ihr Geschlechte kennen, sondern viele glaubten, es ware nur ein erdichteter Name, den sie sich beigelegt, unter ihrer Person aber eine weit hohere Standesperson versteckt gewesen, damit sie keinen so grossen Staat fuhren durfen. Ich wusste, wie gesagt, nicht, was ich denken sollte, bald glaubte ich solches auch, ohngeacht sie mich selbst versichert, dass sie bloss von Adel, bald hielt ich sie vor einen jungen grossen Herrn, der sich zur Lust in ein Frauenzimmer verkleidet, bald vor eine bereits verheiratete Dame, ja es fielen mir wohl noch torichtere Gedanken ein, die ich nicht einmal melden will. Unterdessen, weil Cupido mich als seinen verliebten Hasen recht scharf aufs rechte Fleckgen getroffen hatte, konnte ich keine Ruhe haben, sondern mein Reitknecht musste die Pferde satteln, da ich denn zehn bis zwolf Tage mit ihm herum gockerte, um der von P. Reisekurs oder wohl gar den Ort ihres Aufenthalts zu erfahren, allein die Muhe war vergebens; demnach reisete ich unverrichteter Sache wieder zuruck ins warme Bad, liess mein Portrat verfertigen, legte dasselbe nebst einem kostbaren Ringe (denn sie hatte mir auch einen Diamantring von grossen Werte beigelegt) in eine Schachtel, vergass auch nicht, einen lamentablen Brief darbei zu schreiben, und gab alles dieses wohlversiegelt in des Wirts Verwahrung, mit dem Bedeuten, alles dieses so lange aufzuheben, bis es die Dame abfordern liesse, hiernachst versprach ich dem Wirte 50 Taler bar Geld zu zahlen, wenn er ausforschen und mir Bericht erstatten konnte, wo sich diese Dame eigentlich aufhielte, wie ich denn dieserhalb nach Verlauf einiger Wochen wiederum bei ihm wollte Anfrage tun lassen.
Der Wirt vermass sich hoch und teuer, mir zu Gefallen allen moglichsten Fleiss anzuwenden, ich aber reisete fort, durchstrich alle umliegenden Provinzen und erkundigte mich nach dem Geschlechte von P., erfuhr aber an einem Orte sowenig als am andern. Endlich kam ich von ohngefahr zu einem Vornehmen von Adel, welcher wegen seiner Gelehrsamkeit in der Politik, Historie, Genealogie, Heraldik etc. weit und breit beruhmt war. Dieser versicherte mich, wie er alle, auch die neueren adelichen Geschlechter des ganzen Deutschlandes und was darzu gehorig in etlichen Folianten aufzuweisen hatte, indem er sich dieserwegen viel Muhe durch Korrespondenzen gegeben, auch sehr viele Kosten daran gewendet, allein ohngeacht wir alle Folianten mit ihren Registern durchblatterten, so fand sich zwar endlich ein Geschlecht dieses Namens, welches aber schon vor langer als 200 Jahren ganzlich und glatt ausgestorben war, welches denn die darbei angefuhrten Umstande vollkommen glaubhaft machten. Ware ich klug gewesen, so hatte ich mir diese Dame bald aus dem Sinne geschlagen, da es aber hiess: Amare & sapere vix Diis conceditur, so war ich halb rasend zu nennen, beging auch solche torichte Streiche, dergleichen man sich nimmermehr von mir einbilden sollen und woruber ich, nachdem ich wieder zu Verstande kommen bin, mich selbst verwundern mussen.
Ich bin zwar mit denenjenigen eben nicht eines Glaubens, welche ein inevitabile fatun, praedestinationem, absolutum decretum und dergleichen statuieren, jedennoch weiss ich doch auch nicht, wie es damals mit mir zuging, denn ob ich gleich mich bereden liess, in der Suite zweier junger Grafen Frankreich, Engelland, Holland, sodann die nordischen Konigreiche mit zu durchreisen, so konnte ich mich doch binnen dieser Zeit von beinahe von vier Jahren dennoch nicht uberwinden, die von P. aus den Gedanken zu schlagen, sondern musste ihr [Bild] fast taglich mit grosster Devotion betrachten, hatte ich auch dann und wann mir gelusten lassen, eine wurkliche Sunde wider das sechste Gebot zu begehen, so war mir in Wahrheit weit banger darum, dass ich die von P. benebst ihrem Portrat, als dass ich meinen Gott dadurch beleidiget hatte, ja ich war weit hurtiger, vor dem Portrat niederzuknien und dergl. Sunden dem Originale abzubitten, als ein solches vor meinem allmachtigen Schopfer zu tun, da doch weder Original noch Portrat von nichts wussten, Gott aber alles siehet.
Erwaget meine Torheiten, liebster Bruder!" sagte hier der Herr von A. besonders zu Elbensteinen. "Nachhero bin ich 1000mal auf die Gedanken geraten, ich musse bezaubert und die von P. zur Hauptperson pradestiniert gewesen sein, mir in dieser Welt Fatalitaten, ja was sage ich, das grosste Ungluck zu stiften, woferne es nicht die gottliche Barmherzigkeit noch etlichermassen remediert hatte. Ihr werdet erstaunen, mein Bruder! uber den Verfolg meiner Geschichte, vorhero aber muss ich Euch erzahlen, auf was vor Art ich nach so langer Zeit die von P., und zwar von ohngefahr, wieder zu sehen bekommen habe.
Die Grafen, in deren Suite ich noch immer mitreisete, von ihnen, weil sie mich gerne um sich leiden mochten, viel Gnade genoss, auch vor andern ziemlichermassen distinguieret wurde, erfuhren, dass in einem gewissen Reiche eine starke Veranderung vorgegangen ware, dermalen aber in der Hauptstadt N. ein grosser Pracht und Herrlichkeit zu sehen sein wurde. Indem sie sich nun resolvierten, zur See dahin zu reisen, liess ich mich persuadieren, diese Tour auch noch mit zu tun. Wir kamen eben zu rechter Zeit, da alles in prachtigster Gala war und niemanden gereuen durfte, sich dieser Seltenheiten wegen auf die Reise begeben zu haben und etwas darauf gehen zu lassen. Eines Abends wurde eine vortreffliche italianische Opera gespielet, welcher ich mit besondern Vergnugen zusahe, indem eine Passage darinnen vorkam, die eine ziemliche Gleichheit mit meiner Liebesaventure hatte.
Aber! o Himmel! in was vor eine Erstaunung geriet ich nicht, da ich unter dem vornehmsten Frauenzimmer [m]eine andere Seele, nehmlich die schone von P. erblickte. Anfanglich wusste ich zwar nicht, ob ich meinen Augen trauen durfte oder nicht, nachdem aber dieselben eine gute Zeitlang auf ihren englischen Angesichte kleben geblieben waren und alle Mienen und Gebarden wohl observiert hatten, befand ich mich der Wahrheit vollkommen uberzeugt, zumalen da ich von ihr (die mich, wie ich hernach von ihr selbst erfahren habe, eher als ich sie erblickt) angesehen wurde, zugleich auch durch Neigung des Haupts das Zeichen eines Grusses von ihr empfing.
Demnach wusste ich mich vor Freuden und Vergnugen fast nicht zu lassen. Die von P. mochte meine Gemutsbewegungen merken, gab mir derowegen mit einer andern besondern Miene zu verstehen, ich sollte mich der Verstellung bedienen und tun, als ob ich sie nicht kennete. Ich folgte hierinnen, weilen mir aber die Zeit verzweifelt lang wurde, um zu erfahren, was ich gern wissen wollte, veranderte ich meine Stelle, begab mich zu einem deutschen Kavalier, mit welchem ich vor etlichen Tagen bekannt worden war und welcher sich schon eine Zeitlang in diesem Reiche aufgehalten hatte, liess mich mit ihm in einen besondern Diskurs ein und fragte nach den Namen der meisten gegenwartigen Standespersonen, sonderlich aber des Frauenzimmers. Der Kavalier gab mir mit besonderer Hoflichkeit in allen, soviel er wusste, Bescheid. Endlich kam die Reihe auch an die von P., von welcher er mir meldete, dass es die Gemahlin eines Staatsministers namens K. ware. Ich verbarg mein dieserhalb entstehendes Schrecken und sagte: 'Man sollte diese Dame, welche noch sehr jung und schon aussiehet, eher vor ein lediges Fraul. als vor eine Vereheligte ansehen.' 'Viele glauben auch', versetzte der Kavalier, 'dass sie zwar eine Frau dem Namen nach, in der Wahrheit aber noch ihre Jungfrauschaft habe, indem sie von ihrem Gemahl noch niemals soll sein beruhret worden. Sie ist', fuhr der Kavalier fort, 'eine geborne Deutsche und durch ein besonderes Schicksal an diesen Herrn vermahlt worden. Ich glaube aber, sie wendeten auf beiden Seiten ein gut Stuck Geld daran, wenn sie so leichte wieder voneinanderkommen konnten, als sie zusammengekommen sind.' 'Ei!' fragte ich, 'was hat denn das vor Ursachen?' 'Es wird nicht allein in dieser Stadt', antwortete der Kavalier, 'sondern auch weit und breit herumgesprochen, dass ihnen gleich an ihrem ersten Hochzeittage ein schandlicher Possen gespielet worden, denn wenn er sie nur an der Hand oder an Backen oder sie ihn beruhret, bricht ihm gleich der Angstschweiss aus und stosset ihm eine Ohnmacht zu.' 'Das ware ja', replizierte ich, 'ein unerhorter und verteufelter Streich.' 'Mein werter Herr Landsmann', gab der Kavalier hierauf, 'man hat mir gesagt, dass solches hierzulande ganz und gar nichts Seltsames sei, sondern man habe sowohl hier in dieser Stadt als in der Nahe herum, sowohl unter hohen als geringen Eheleuten erstaunlich viele Exempel, dass selbige teils auf ein oder etliche Jahr, teils auf ihre ganze Lebenszeit solchergestalt fasziniert oder, auf deutsch, behext gewesen und noch sind.' 'Es ist erstaunlich', war meine fernere Rede, 'allein was mogen sie solchergestalt wohl vor eine Ehe miteinander fuhren?' 'Diese Ehe', replizierte der Kavalier, 'kann wohl schwerlich die beste sein, jedoch man horet doch, dass die fromme, tugendhafte und kluge Dame sich sonderlich in ihre Fatalitaten zu schicken und dem sturmischen Manne mit Gedult und Gelassenheit nachzugeben weiss. Es hat mir jemand gesagt, dass ihr eine hohe Person in geheim antragen lassen, ihre Ehescheidung zu befordern, allein sie soll grossmutig zur Antwort gegeben haben, sie verlasse sich bloss allein auf die Fugung des Himmels und verlange niemals auf andere Art als durch einen naturlichen Tod von ihrem Gemahl getrennet zu werden.'
Wir hatten vermutlich unser Gesprach noch weiter fortgefuhret, weiln aber die Opera eben zum Ende ging, beurlaubte ich mich von diesem Kavalier und ersuchte ihn, mir ehester Tages die Ehre seines Zuspruchs in meinem Logis zu geben. Mittlerweile kam mir die von P., welche ich von nun an Mad. K. nennen will, aus den Augen, derowegen begab ich mich nach meinem Logis, allwo ich die darauf folgende Nacht mit tausenderlei verdrusslichen Grillen hinbrachte, da ich aber endlich nach langen Herumwerfen meiner Vernunft Gehor gab, riet mir dieselbe, sowohl meiner ungluckseligen Liebe als der Stadt N. adieu zu sagen und weder die Mad. K. selbst noch ihr Portrat wieder anzusehen, hergegen mich auf meine Guter zu begeben und eine ordentliche Okonomie anzurichten. Ach aber, diese Resolution, ohngeachtet sie diese Nacht auf einen Stahl- und Eisengrund gebauet zu sein schien, wurde durch ein kleines Blattgen Papier uber einen Haufen geworfen, denn sobald ich fruhmorgens das Bette verlassen, lieferte mir einer von der Mad. K. Bedienten ein Billett folgendes Inhalts in meine Hande:
Monsieur!
An Ihrer Person vermerke, dass einem Verliebten alles ubermassige Zartlichkeit, mich wiederzusehen, Sie angereizt hat, mir nachzufolgen, gestehe anbei, dass es mir zugleich lieb und leid ist, dass Sie mich gefunden. Lieb darum, weil ich das Vergnugen habe, Ihre artige Person gesund zu erblicken, leid aber, weil Ihre Anwesenheit mir hochst gefahrlich werden kann. Unterdessen wo Sie einige Consideration vor meine Person und mein Bitten haben, so bleiben Sie so lange in Ihrem Logis verborgen, bis ich Ihnen Nachricht gebe, an welchem Orte Sie mich ohne Gefahr sehen und sprechen konnen. Denn ich befurchte, es mochten sonsten untugendhafte Gemuter einen bosen Verdacht auf unsern zwar verliebten, doch tugendhaften Umgang werfen und meiner Ehre einen unausloschlichen Schandfleck anhangen, zumalen da es eine sehr schwere Sache ist, die verliebten Affekten bestandig im Zaume zu halten. Sie belieben demnach meinem Rate zu folgen und versichert zu leben, dass Ihnen mit einer bestandigen, jedoch Ehre und Tugend unschadlichen getreuen Liebe ergeben verbleibt
L. de P.
Bei so gestalten Sachen anderte sich meine Resolution alsofort und beschloss, solange in N. zu verbleiben, als es der Mad. K. gefiele, damit ich aber ihrem Befehle gemass desto verborgener in meinem Logis sein und mich bei meinen Reisegefahrten nicht etwa in Verdacht setzen mochte, stellete ich mich krank, kam nicht aus meinem Zimmer, vertrieb indessen meine Zeit mit der Poesie und andern verliebten Grillenfangereien. Zwei Wochen vergingen, es meldete sich aber noch keiner von der Mad. K. Bedienten, inzwischen, weiln die Lustbarkeiten zum Ende und die Vornehmsten schon wieder abgereiset waren, brachen auch meine jungen Grafen auf und versprachen mir, ganzer vier Wochen in B. auf mich zu warten, damit ich, wenn ich binnen der Zeit wieder gesund wurde, sie daselbst antreffen und vollends mit ihnen nach Hause reisen konnte. Ich wunschte ihnen aus guten Herzen viel Gluck auf die Reise und war froh, dass ich vor diesmal ihrer loswurde, mithin mein fernerweitiges Schicksal vor mich allein in der Stille abwarten konnte. Gleich des darauffolgenden Tages bekam ich den zweiten Brief von der Mad. K., worinnen sie sich bedankte, dass ich ihrem Begehren Folge geleistet hatte, anbei ein herzliches Verlangen bezeugte, mit mir zu sprechen, weiln aber allhier in der Hauptstadt so viele Aufseher waren, hielte sie vors ratsamste, dass ich ihr auf ein zwei Meilen von der Stadt gelegenes Landgut folgte, und zwar in Weibskleidern. Hierzu wollte sie mir in folgender Nacht durch eine getreue Frau und einen Bedienten alles Notige ubersenden, jedoch sollte ich ihr vorhero berichten, ob mir dergleichen Masquerade nicht etwa zuwider ware.
Nun kann ich zwar nicht leugnen, dass mir dieser Streich anfanglich sehr unanstandig schien, denn es fiel mir dabei diese Frage ein: Werden nicht die, so es einmal erfahren, sagen: Hercules servivit. Jedoch ich trostete mich in diesem Stuck folgendergestalt: Hat sich gleich Herkules durch die Liebe verleiten lassen, seiner geliebten Omphale zu Gefallen Weibskleider anzuziehen und in der Spinnstube mit dem Rocken unter ihren Magden zu sitzen, so ist er doch der starke Herkules geblieben und nach seinem Tode vergottert worden. Ferner wollte mir auch diese Masquerade verdachtig und gefahrlich vorkommen, allein die Liebe uberwaltigte bei mir die gesunde Vernunft sowohl als den Wohlstand, derowegen versaumete keine Zeit, der Mad. K. zu versichern, wie mein Wille in allen Stucken ihren Befehlen unterworfen sei. Also stellete sich in darauffolgender Nacht eine mit zwei Pferden bespannete Karosse ein, worinnen nebst einer etwas betagten deutschen Frau auch ein einziger deutscher Laquais sass, welcher aber keine Liberei hatte. Die Frau allein kam in mein Zimmer und bat, ich sollte durch meinen Diener einen Coffre von dem Wagen nehmen und herauftragen lassen. Dieses geschahe, nachhero wurden aus dem Coffre vortreffliche Frauenzimmer-Kleider ausgepackt, ich als ein Frauenzimmer angekleidet und also reiseten wir, noch ehe der Tag anbrach, fort, nachdem ich meinen getreuen Diener, welcher in Wahrheit das Leben vor mich gelassen hatte, Instruktion gegeben, wie er sich zeit meiner Abwesenheit verhalten und wie er mit den Geldern, so ich ihm zuruckliess, disponieren solle.
In drei Stunden langeten wir ganz gemachlich auf dem Landgute an, ich wurde von der Mad. K., die schon vorausgereiset war, in einem schon meublierten Zimmer sehr freundlich empfangen. Die verliebten Komplimenten, so zwischen uns gewechselt wurden, will [ich] sowenig beruhren als den taglich vergnugenden Zeitvertreib, den wir uns machten, sondern nur so viel sagen, dass ich mich dieses erste Mal ganzer vier Wochen bei ihr aufhalten musste, im Liebeswerke aber konnte [ich] bei ihr nicht weiter avancieren, als dass sie mich dann und wann, jedoch in Wahrheit sehr selten, einen Kuss von ihrem schonen Munde und Handen rauben liess, weiter konnte ich von ihrer strengen Tugend nichts erlangen, ja diese kleine erlaubte Freiheit wollte ihr schon mehr als zu lasterhaft vorkommen, jedoch auf meine unablassige verliebten Vorstellungen gab sie sich endlich zufrieden. Da aber hierdurch mein Liebesappetit nach den delikatesten, jedoch verbotenen Fruchten immer starker werden wollte, lockte sie mir einmals mit artiger Manier einen Schwur aus dem Munde und vinkulierte mich damit so weit, dass ich versprechen, angeloben und schworen musste, ihr, solange ihr Gemahl am Leben, niemals etwas zuzumuten, was wider die Hauptregeln der Keuschheit liefe. Demzufolge habe auch nach der Zeit nicht einmal an etwas Unkeusches gedenken, geschweige denn davon reden wollen. Ausser diesem aber lebten wir sehr vertraut miteinander und vertrieben unsere meiste Zeit mit dem Schachspiele oder verliebten Gesprachen, und zwar in franzosischer Sprache, damit die alte deutsche Frau, welche der Mad. K. nicht von der Seite kommen durfte, nicht eben alles verstehen konne. Binnen dieser Zeit erzahlete mir die Mad. K. auch ihre ganze Lebensgeschicht, die mit demjenigen ziemlich ubereinstimmete, was mir der deutsche Kavalier in der Opera gesagt. Sie ist gewiss sehr merkwurdig, aber auch sehr weitlauftig, derowegen halte es nicht vor ratsam, mein wertester Elbenstein, dieselbe voritzo anzufangen, sondern ich will dieselbe bis auf eine anderweite Zusammenkunft versparen, jedoch in meiner eigenen Geschichte fortfahren.
Nachdem vier Wochen verflossen, liess mich die Mad. K. wieder nach der Hauptstadt in mein Logis bringen, sie folgte ebenfalls dahin, jedoch ich musste daselbst ihr Palais ganzlich vermeiden und mich anstellen, als ob ich sie gar nicht kennete. Indessen, weil ich von ihrer Freigebigkeit mit einer starken Summe Geldes, ausser etlichen Kleinodien von grossen Wert, war beschenkt worden, so konnte ich in dieser Stadt, wo ohnedem sehr teuer zehren war, dennoch starke Figur machen und die vornehmsten Compagnien frequentieren; als ich aber nach Verlauf eines Monats die andere Ordre bekam, folgte ich der Mad. K. abermals hochst vergnugt auf ihr Landgut und bliebe fast sechs Wochen daselbst in ihrer Gesellschaft. Wir vertrieben einander die Zeit ebenso wie das vorige Mal, und, kurz zu sagen, wir wechselten solchergestalt Ort und Zeit unseres Aufenthalts uber ein ganzes Jahr hindurch, denn ihr Gemahl, welcher in Affaren des Staats verschickt war, schrieb zwar zum oftern, verschob aber seine Wiederkunft von einer Zeit zur andern. Mir geschahe hierdurch kein Possen, ohngeachtet ich manche Nacht sozusagen auf einem gluhenden Roste lag und braten musste, dieweiln ich die Quintessenz der Liebe nicht zur Arzenei erlangen konnte. Jedoch ich hielt der Mad. K. meinen Schwur, und diese liess sich sehr ofters bewegen, etliche Wochen langer auf den Gutern die Zeit hinzubringen, als sie sich anfanglich vorgesetzt gehabt. Wie ich es demnach uberrechnete, so haben wir im ganzen Jahre kaum zwolf Wochen separiert und in der Stadt gelebt.
Eines Abends, da es bereits dammerig zu werden begunnte, stunden wir alle beide an einem eroffneten Fenster und diskurierten miteinander. Indem fing Mad. K. ohnverhofft zu sagen an: 'Mein Herz wird mir grausam schwer, mein wertester d'A. Ich wollte wunschen, dass wir beide in der Stadt, und zwar ein jedes in seinem Logis befindlich waren.' 'Was schwer, was schwer, mein Engel?' versetzte ich, 'Euer Gemahl, vor dem wir uns allein zu furchten haben, kommt seinen letztern Briefen gemass ja wenigstens in sechs Wochen noch nicht.'
Kaum hatte ich diese Worte ausgeredet, da der deutsche Laquais gelaufen kam und berichtete, wie der Herr von K. mit etlichen andern Vornehmen von Adel auf den Hof zugeritten kame. Dass Mad. K. und ich nicht weniger besturzt hieruber wurden, ist leicht zu erachten, jedoch wir hatten doch noch etwas Zeit, uns zu rekolligieren, fasseten deswegen die kurze Resolution, uns der Verstellung zu bedienen und den Ankommenden dreuste unter Augen zu gehen. Hierauf kam der Herr von K. mit allen seinen Gasten plotzlich ins Zimmer getreten und wurde sowohl von seiner Gemahlin als mir ganz freimutig und hoflich bewillkommet. Der Herr von K. sahe mir starr, jedoch mit einer sehr freundlichen Miene in die Augen, sobald er aber von seiner Gemahlin vernommen, dass ich eine von ihren Befreundtinnen aus Deutschland sei, bewillkommete er mich aufs hoflichste mit einem Handkusse. Mein Angesicht und der Bart konnten mich so leicht nicht verraten, denn ich habe mich bis dato eben noch nicht allzusehr uber einen scharfen Bart zu beschweren, uber dieses so kratzte ich damals selbst mit einem Schermesser alle Morgen die herausdringenden Stoppeln ab, so dass man an mir gar keinen Bart verspurete.
Die Angekommenen inkommodierten uns nicht lange, begehrten auch keine Abendmahlzeit einzunehmen, indem sie vorgaben, dass sie dieselbe kaum vor einer Stunde bei einem benachbarten Edelmanne eingenommen hatten, hergegen fuhrete sie der Herr von K. in ein ander Zimmer, allwo sie sich mit Wein, Bier und Tobakrauchen divertierten. Mittlerweile liess der Herr von K. seiner Gemahlin sagen, wie er jetzo eben im Begriff ware, einen Expressen nach der Stadt zu schicken, um allen Zubehor zu einem herrlichen Schmause vor 16 bis 20 Personen heraus zu schaffen, woferne sie nun eins oder das andere darbei zu erinnern hatte, mochte sie es bald tun, damit der Expresse nicht aufgehalten wurde, sondern morgen bei guter Zeit mit allen Requisitis zur Stelle sein konne. Er, der Herr von K., wurde mit seiner Gesellschaft zwar morgen mit dem allerfruhesten erstlich zu dem Hrn. von W. reiten, jedoch gegen abend um funf oder sechs Uhr wieder zugegen sein, derowegen mochte Mad. K. alles so einrichten, dass sie bald nach ihrer Ankunft speisen konnten.
Mad. K. liess ihn bitten, weiter vor nichts Sorge zu tragen, indem sie schon alles bestmoglichst besorgen wollte. Inzwischen war sie meinetwegen in grossen Angsten, geriet auch auf die Gedanken, mich noch in dieser Nacht heimlich nach der Stadt bringen zu lassen, allein sie resolvierte sich bald anders, indem sie glaubte, hierdurch den Verdacht noch grosser zu machen, demnach bat sie mich, nur morgen bei Tage wenig zum Vorscheine zu kommen, wenn aber ihr Herr, nachdem ich mich wegen einer kleinen Unpasslichkeit exkusieren lassen, ja darauf bestunde, dass ich mit bei der Tafel erscheinen sollte, mochte ich nur Folge leisten und meine Szene aufs beste spielen. Hierauf begab ich mich von ihr in mein ordentliches Zimmer, kam auch den andern Tag gar nicht zum Vorscheine, bis Mad. K. die alte Frau schickte und mir sagen liess, es konnte nicht anders sein, ich musste zur Tafel kommen, es wollte keine Entschuldigung helfen, derowegen sollte ich mich nur ankleiden. Da solches geschehen und ich bei der Compagnie, worunter sich vier Frauenzimmer ausser der Mad. K. befanden, wurde ich von allen insgesamt aufs complaisanteste bewillkommet und musste mich an des Herrn von K. Seite setzen. Es wurde propre traktiert und Tafelmusik darbei gemacht, nach aufgehobener Tafel aber forderte mich der Herr von K. am allerersten zum Tanze auf, woruber die Mad. K. sowohl als ich, ohngeacht uns allen beiden nicht allzuwohl um die Leber war, von Herzen lachen mussten. Ohngeacht ich mich aber zeitlebens wenig in Frauenzimmerhabit und -art zu tanzen geubt hatte, so konnte doch meine Dinge noch so ziemlich machen, so dass nicht allein der von K., sondern auch seine Gaste meine Geschicklichkeit ungemein ruhmeten. Kurz zu sagen, der Herr von K. verliebte sich in mich und trug mir seine inbrunstige Liebe gleich diesen ersten Abend an einem bequemen Orte in franzosischer Sprache an. Dieses war mir ein gefundenes Fressen, zwar wegerte ich mich anfanglich, ihm zu antworten, endlich aber, da er fortfuhr, von nichts anders als von verliebten Zeuge zu schwatzen, sagte ich: 'Stille, stille, mein Herr! Ich wollte nicht tausend Dukaten drum nehmen, dass Eure Gemahlin unsern Diskurs erfuhre.' 'Ha!' erwiderte der Herr von K., 'meine Gemahlin muss zufrieden sein, wenn ich mich morgendes Tages von ihr scheiden lasse. Saget nur ein Wort, meine Schone, ob Ihr mich vergnugen wollet, so sollet Ihr nicht allein morgendes Tages 1000 Dukaten zum voraus von mir haben, sondern binnen wenig Wochen meine ehelige Gemahlin sein.' 'Mein Herr!' versetzte ich, 'nehmet nicht ungnadig, wenn ich glaube, dass vielleicht mehr der Wein als meine wenige Schonheit Euch diesen Abend in mich verliebt macht, leugnen kann ich zwar nicht, dass mich Eure galante Person ungemein charmiert, wunschte auch imstande zu sein, Euch zu vergnugen, allein Eure Gemahlin ist meine weitlauftige Befreundtin, und diese aus ihrem Ehebette zu vertreiben ware nicht redlich gehandelt, eine Nebenbuhlerin aber zu leiden, wurde ihr sowenig gelegen sein als mir, dergleichen Kondition anzunehmen.' 'Mein Engelskind!' sagte hierauf der Herr von K. zu mir, 'berichtet mich nur kurzlich, ob Ihr mich lieben konnet oder nicht, denn wenn ich nur dessen versichert bin, dass Ihr mich liebet, so soll sich in der Kurze schon alles geben.' Ich stellete mich an, als ob ich vor Schamhaftigkeit und Furcht nicht antworten konnte, fuhrete aber in aller Stille seine Hand zu meinem Munde, kussete und druckte dieselbe. Er nahm diese Karesse vor ein wurkliches Jawort an und passete das Tempo ab, da seine Gemahlin hinausgegangen war, mich hinter eine Gardine zu fuhren und mir etliche derbe Kusse auf den Mund zu versetzen. 'Wohlan!' sprach er hierauf, 'lasset meiner Gemahlin nichts merken, morgen sollet Ihr mit derselben nach der Stadt in unser Palais fahren und von mir 1000 Dukaten zu Eurer Bedurfnis empfangen, ich muss zwar noch eine Reise tun, komme aber aufs langste in drei Wochen wieder zurucke, sodann soll zu unser beiderseits Vergnugen vollige Anstalt gemacht werden.' Hierauf verliess er mich und redete diesen Abend fernerhin sehr wenige Worte mit mir, hergegen machte er sich mit seinen Gasten bei den Weinbouteillen noch etliche Stunden lustig, folgenden Morgens aber brachen wir in aller Stille nach der Stadt auf. Mad. K. und ich sassen in einem Wagen beisammen, da ich denn derselben unterwegs erzahlete, was mir gestern abend passiert war. Sie lachelte zwar daruber, allein das vor mich gewunschte Vergnugen wollte sich gar nicht zeigen, doch sagte sie: 'Weiln mein Gemahl heute wieder fortreisen will, wollen wir doch den Possen vollends fortspielen und abwarten, was daraus werden wird.'
Nachdem wir im Palais angelanget, begab er sich in sein Appartement, mir aber liess er durch seinen Kammerdiener in geheim sagen, dass ich mich mittags um drei Uhr in mein Zimmer begeben sollte, unter dem Vorwande, Mittagsruhe daselbst zu halten, weil er mir durch ihn, den Kammerdiener, dem gestrigen Versprechen gemass etwas zuschicken, sich sodann gleich zu Pferde setzen und fortreisen wollte. Wie ich nun versprechen lassen, mich darnach zu achten, begab ich mich sogleich zu der Mad. K., der ich den Antrag erzahlete. Sie sagte hierauf, ich sollte mein Versprechen nur halten. Weiln aber der Herr von K. unter dem Vorwande, dass er vor seiner Abreise noch notwendige Briefe zu schreiben hatte, in seinem Appartement allein auf der Serviette zu speisen verlangete, als speisete ich mit der Mad. K. ganz allein und begab mich hernach in mein Zimmer. Um die bestimmte Zeit kam der Kammerdiener, brachte mir nebst einem freundlichen Abschiedskomplimente einen Brief nebst einem Beutel, worinnen 1000 Dukaten versiegelt, von seinem Herrn und begab sich eiligst wieder zuruck. Ich erbrach den Brief und fand die herrlichsten Liebesverpflichtungen nebst folgender nachdenklichen Expression darinnen: Bleibet mir nur getreu und sorget vor nichts, die Ehescheidung zwischen mir und meiner Gemahlin und die Vermahlung mit Euch und mir wird leichter geschehen, als sich vorjetzo jemand einbilden kann. Nachdem ich der Mad. K. diesen Brief zu lesen gegeben, sagte sie: 'Mein werter d'A., nunmehro ist dieses mein bester Rat, nehmet die 1000 Dukaten und retiriert Euch damit, wohin Ihr wollet, oder getrauet Ihr Euch, in Eurem Kavalierskleidern noch etliche Wochen hierzubleiben, so stehet es Euch frei. Ich finde vor notig, mich auf eine Zeitlang zu verbergen, weilen, wie ich merke, mein Leben in Gefahr stehet, denn der verfluchte Kammerdiener wird ganz gewiss Ordre haben, mich mit Gifte hinzurichten.'
Ich erstaunete gewaltig uber diese ihre Reden, da sie sich aber sehr angstlich gebardete, musste ich ihren Mutmassungen desto mehr Glauben beimessen, versprach demnach, ihr zu gehorsamen und mich mit einbrechender Nacht in mein Logis zu begeben, jedoch noch eine kurze Zeit in dieser Stadt zu bleiben, um unter der Hand auszuforschen, was nach ihrer heimlichen Abreise weiter passieren wurde. Inmittelst ersonne sie einen artigen Streich, sich des Kammerdieners zu versichern, fuhrete auch denselben glucklich aus, und zwar folgendergestalt: Sie liess von ihren getreuen Bedienten sechs handfeste Kerls in ihr Zimmer kommen, welchen sie vorschwatzete, wasmassen sie ein besonderes Geheimnis entdeckt, dass nehmlich der Kammerdiener ein Grosses verbrochen, welches in einer Verraterei und Betrug gegen ihren Gemahl und auch sie bestunde; derowegen sollten sie den Kammerdiener alsofort gefangennehmen, binden und in einem finstern und tiefen Gewolbe so lange bewahren, bis ihr Gemahl wieder zuruckkame, dem sie alsofort einen Expressen nachschicken, auch ihm selbst entgegenreisen wollte. Dieses wurde nun alsofort bewerkstelliget, und zwar ohne einzigen Rumor, weil dem Kammerdiener keiner von allen andern Domestiquen gewogen war. Hierauf packte die Mad. K. alle ihre Kostbarkeiten in etliche Coffres ein und wartete mit Verlangen auf den hereinbrechenden Abend. Sobald derselbe eingebrochen, nahm sie von mir beweglichen Abschied und versprach, dass ich im warmen Bade bei ihrem Wirte nach wenig Wochen Briefe von ihr finden sollte. Hierauf liess sie mich in mein Logis bringen, sie aber ist ohngefahr eine Stunde hernach abgereiset.
Ich hielt mich etliche Tage ganz stille in meinem Logis auf und liess durch meinen Diener aussprengen, als wenn ich nach G. verreiset gewesen ware, daselbst aber einige Zeit krank darniedergelegen hatte. Nachhero besuchte ich wieder diejenigen Orter, wo die vornehmsten Kavaliers anzutreffen waren und wo man alle neuen Maren, so in und ausserhalb der Stadt passiereten, am allerersten erfahren konnte, es erwahnete aber kein Mensch etwas von denjenigen Affaren, welche ich gern, ohne meine Person darein meliert zu wissen, anhoren mogen. Etwa drei Wochen hernach, da ich nebst zwei Kavaliers aus der Stadt und drei Deutschen spazieren geritten war, stiegen wir bei einem Wirtshause ab, das im freien Felde lag. Kaum hatten wir ein paar Glaser Bier ausgeleeret, da der Herr von K. nebst drei seiner bei sich habenden Leute von der S. Strasse daher gejagt kam und allen Ansehen nach auf die Stadt zu eilete, da er aber uns zu sehen bekam, wendete er ein und stieg ebenfalls bei dem Wirtshause ab.
Der eine von den Stadtkavaliers, so in meiner Gesellschaft waren, mochte mit dem von K. bekannt sein, fragte derowegen sogleich, wo er so eiligst herkame. Der von K. aber, sobald er mich in die Augen bekam, blieb ganz unbeweglich stehen und konnte diesem Kavalier, seinem Landsmanne, vor Besturzung kein Wort antworten. Es wurde ihm ein Glas Bier zugetrunken, allein er entschuldigte sich und forderte Branntewein, leerete auch in der Geschwindigkeit funf bis sechs ziemliche Glaser aus. Nach diesen rufte er seinen Kammerdiener auf die Seite, redete eine Weile heimlich mit demselben, worauf er wieder zuruckkam und sich bei uns niedersetzte. Indem nun der Kammerdiener sich stellete, als ob er hinter das Schenkhaus gehen wollte, rief ihm sein Herr zu, er sollte Schnupftobak hergeben. Dieser brachte eine frisch gefullete Dose und sahe mir ebenfalls starr ins Gesichte. Mittlerweile nun der von K. Schnupftobak nahm, fragte er den Kammerdiener: 'Ist's der rechte?' 'Ja, gnadiger Herr!' antwortete dieser, 'es ist der rechte.' Hierauf sagte der von K. nochmals: 'Wenn es nur wahr, dass es der rechte ist.' Da denn der Kammerdiener mit einem Fusse auf die Erde stampfte und mit ernsthafter Stimme sprach: 'Hol mich 1000 ..., es ist der rechte.' Hierauf prasentierte der von K. einem jeden die Dose, wie er aber an mich kam und ich eben zugreifen wollte, liess er dieselbe aus der Hand auf die Erde fallen, ich nahm geschwind ein wenig Schnupftobak von dem Haufen, der auf den steinernen Tritt gefallen war, hub auch die Dose auf und prasentierte ihm dieselbe als einem Unbekannten mit einem hoflichen Komplimente, sagte anbei, wie es schade ware, dass ein so delikater Tobak hatte sollen verschuttet werden. Der von K. antwortete nichts, nahm aber die Dose und warf dieselbe, ohngeacht es ein kostbares Stuck war, augenblicklich in einen sehr nahe an dem Wirtshause gelegenen Teich. Alle sahen einander an und wussten nicht, was sie aus diesen narrischen Beginnen schliessen sollten, ich aber fing nunmehro an zu merken, was diese Auffuhrung zu bedeuten hatte, setzte mich derowegen in Positur, rief meinem Diener und befahl ihm in geheim, frisch Pulver auf die Pfannen unserer Pistolen zu schutten und die Pferde an den Arm zu nehmen.
Hierauf redete der von K. seine beiden Landsleute, die mit mir dahin geritten waren, also an: 'Meine Herren! Wisset Ihr etwas Neues? Meine bisher gewesene Frau, die Canaille, ist mir seit kurzen mit einer starken Summa Geldes und vielen kostbaren Kleinodien echappiert.' Einer von diesen beiden antwortete, wie er zwar in der Stadt an einigen Orten etwas davon murmeln gehoret, wollte aber nicht hoffen, dass dem in der Tat also sei. 'Es ist mehr als zu wahr', versetzte der von K., 'ich habe es leider mit meinem Schaden erfahren, doch wollte ich gern noch einmal soviel verlieren, wenn ich nur das Vergnugen haben konnte, mich an ihrer Person dergestalt zu rachen, wie ich mich an demjenigen Kujon rachen will, der sie verfuhret hat.' Hierauf stiess er die allergrausamsten Fluche und Scheltworte auf die deutsche Nation aus, beides mannlichen als weiblichen Geschlechts, sagte auch ausdrucklich, alle Deutschen waren wert, dass man sie in diesem Lande totschluge wie die Hunde. Meine drei Landsleute machten grosse Augen, mir aber uberlief die Galle dergestalt, dass ich aufsprunge und unter den Worten: 'So raisonieren Massetten' meinen Degen zog und dem von K. ferner zurufte: 'Ziehe vom Leder, Canaille! und defendiere deine aus einem mit Brannteweine eingebeizten Rachen ausgestossene schandliche Redensarten.' Darnach zog der von K. auch seinen Sarrass, beiderseits Diener liefen herzu und wollten auch mit schlachten helfen, allein die beiden Nationalisten stelleten sich darzwischen und wollten dergleichen irregulare Rencontre durchaus nicht statuieren, widrigenfalls die Partie der Deutschen nehmen. Dergleichen Raisonabilite hatte ich und meine Landsleute mir von ihnen nicht eingebildet. Unterdessen aber, da mich der von K. aufs scharfste injurierte, einen Weiberverfuhrer, Hurenschelm und dergleichen schalt, anbei mich zu einem Duell auf Leib und Leben provozierete, stellete ich mich zwar gegen die andern, als ob ich gar nicht wusste, was der rasende Kerl bei mir als einem rechtschaffenen Kavalier suchen wollte, jedoch weil er mit aller Gewalt Handel an mir suchte, wollte ich ihm, um der deutschen Ehre zu maintenieren, auf ein paar Pistolen stehen, indem wir ungleich Seitengewehr hatten. Die Gesellschaft konnte hierwider fast nichts einwenden, sondern war geneigt, uns beide Mann vor Mann zu lassen, allein der von K. wollte von keinen Pistolen, sondern nur von einem Zweikampf mit dem Seitengewehr horen. Dieses war mir um soviel desto lieber, zumalen da er auch keine Sekundanten leiden wollte. Als wir demnach zusammen gelassen wurden, erklarete sich mein Gegner, dass absolut einer von uns beiden auf dem Platze bleiben musste, er ging auch auf mich los als eine Furie, allein er kam blind und erhielt von mir kurz nacheinander zwei gefahrliche Wunden, und zwar eine oben in den Arm und die andere in die Brust, weswegen er matt wurde, seinen Sarrass sinken liess und endlich zu Boden fiel. Ich stellete mich, als ob ich ihm mit einem Stosse noch die letzte Olung geben wollte; derowegen, als er den Tod vor Augen sahe, mich recht klaglich um sein Leben bat. Die ubrigen von der Compagnie naheten sich herzu, um mich von diesen barbarischen Verfahren abzuhalten, ich aber gab ihnen einen Wink und sagte zu meinem Feinde: 'Siehe, Canaille! ohngeachtet nicht allein ich, sondern die ganze deutsche Nation von dir aufs allerschandlichste touchiert worden, so will ich doch an dir etwas tun, welches du an mir nicht leicht wurdest verubt haben, wenn du mich so wohl uberwunden hattest als ich dich. Ich schenke dir demnach dein Leben, jedoch mit der Kondition, dass du alle ausgestossene Injurien auf deine eigene Person zurucknehmest, dich selbst als einen boshaften Lugner aufs Maul schlagest und mir wegen der aufgeburdeten Laster eine Ehrenerklarung tuest. Geschicht dieses nicht, so stosse ich dir augenblicklich den Degen durch die Brust.'
Die ubermassige Furcht vor dem Tode trieb den angstvollen von K. an, mein Begehren gleich auf der Stelle zu erfullen, woruber seine Bedienten sowohl als die Leute die Augen nicht wenig in den Kopfen herum dreheten, allein es movierte sich niemand, weswegen ich mich mit meinen drei Landsleuten zu Pferde setzte und zuruck nach der Stadt ritte. Tages darauf war diese Begebenheit bereits stadtkundig, wurde aber von einem auf diese und von dem andern auf jene Art erzahlet, von den meisten aber wurde meine Auffuhrung geruhmet und ich vor einen resoluten Kavalier gehalten. Ohngeacht ich nun bei vielen in den heimlichen Verdacht geriet, als ob ich mit des von K. Gemahlin in heimlicher Vertraulichkeit gelebt hatte, so wurde doch wenig daraus gemacht, im Gegenteil wunschete sich mancher, wie ehemals Neptunus getan, bei dieser Venus so glucklich als Mars bei jener gewesen zu sein und einem murrischen Vulkano Horner aufzusetzen.
Nach der Zeit wurde mir von verschiedenen guten Freunden angeraten, diese Stadt zu verlassen, denn des von K. rachgieriges Gemute ware jedermann bekannt, und obgleich ich in der Hauptsache unschuldig, so wurde er doch nicht unterlassen, bloss wegen des vor ihn unglucklich ausgefallenen Duelles an mir, wo nicht offentliche, doch heimliche Rache zu suchen. Allein, ich kehrete mich an nichts, glaube auch, ich hatte dieses Land eher quittiert, wenn ich solches nicht erfahren hatte. So aber, um nicht vor einen feigen Kerl angesehen zu werden und die Mad. von K. mit mir zugleich um soviel mehr aus allem Verdachte zu setzen, beschloss ich, das halbe Jahr vollends auszuwarten, sodann ins warme Bad zu reisen, um zu sehen, ob die von K. ihr Wort gehalten und Briefe an mich dahin gesendet hatte.
Durch diesen Eigensinn aber sturzte ich mich, wiewohl unschuldigerweise, in das grosste Unglucke, und zwar folgendermassen: Ich besuchte fast taglich die besten Compagnien, sonderlich wo stark gespielet wurde, indem mir das Gluck im Spielen sonderlich favorisierte, derowegen spazierete zum oftern ganz allein, und zwar sehr spat in mein Logis, weil ich meinen getreuen Bedienten lieber zur Sicherheit meiner Habseligkeiten zu Hause liess. Eines Abends aber spielete ich einmal ganz extraordinar unglucklich, so dass alles bei mir habende Geld fortging, derowegen, weil es bereits spat war, nahm ich vor dieses Mal von der Compagnie Abschied, und zwar akkurat, da die Glocke eins schlug. Es horeten alle die Glocke schlagen und verwunderten sich einigermassen, dass die Zeit so geschwinde verflossen ware, demohngeachtet machten die andern noch keinen Aufbruch, sondern ich alleine ging mit meiner kleinen Taschenlaterne den nachsten Weg nach meinem Quartiere zu. Als ich nun in die einsame Gegend eines Klosters kam, horete ich etliche Personen hinter mir her getreten kommen, wandte mich derowegen mit der Leuchte um, zu sehen, wer dieselben waren, in selbigem Augenblick aber bekam ich einen Hieb uber diese meine linke Hand, weswegen ich die Laterne musste zur Erden fallen lassen. Eine Stossklinge ging mir fast zu gleicher Zeit durch den Rock und Kamisol an der Brust hinweg, schurfte aber nur die Haut, derowegen tat ich einen Sprung auf die Seite, zohe meinen Degen und stiess auf den los, der mir am nachsten war, traf ihn auch dergestalt glucklich, dass er augenblucklich zu Boden fiel und in seiner Sprache das Miserere mei! ausrief. Demohngeachtet setzten mir die zwei ubrigen Morder, deren Bewegung mich das wenige Sternenlicht einigermassen observieren liess, desto heftiger zu, da aber der eine, wie ich merken konnte, drei oder vier empfindliche Stiche von mir bekommen hatte, verging ihm die Lust, mich ferner zu attaquieren, der dritte Filou aber wollte gar nicht weiter anbeissen, sprang also zuruck, nahm die Flucht, gab aber ein Zeichen mit einer hellen Pfeife von sich.
Nun konnte ich mir leicht einbilden, dass er hierdurch noch mehrere seiner schelmischen Kameraden herbeirufte, derowegen hielt ich nicht vor ratsam, mich langer auf diesem Platze aufzuhalten, begab mich also mit fliegenden Schritten nach meinem Logis und kam eben in demselben an, da es ein Viertel auf zwei Uhr schlug, welches mir der Wirt nebst demjenigen Feldscher, der mich verbunden, und vielen andern ehrlichen Leuten, die damals noch bei meinem Hauswirte gesessen haben, bezeugen konnten; denn unter wahrenden Verbinden, als ich den Feldscher fragte, ob ich eine lahme Hand bekommen wurde, und mir derselbe zur Antwort gab, er konne vor die Restitution der Gelenke nicht Burge sein, sagte ich ganz betrubt: 'Hilf Gott! kann man nicht so unverhofft in Ungluck geraten. Jetzt hat es nur ein Viertel auf zwei Uhr geschlagen, und da die Glocke eins schlug, wusste ich hiervon noch nichts.'
Man fragte mich hierauf, mit wem ich Handel gehabt, allein ich fand nicht ratsam, sogleich die Wahrheit zu sagen, sondern gab vor, es ware in einer Rencontre geschehen, meinen Diener aber schickte ich gleich mit anbrechenden Tage auf den fatalen Kampfplatz, allein er hatte nichts daselbst angetroffen als meine in Kot getretene Laterne, welche er zum Wahrzeichen mitbrachte, und etliche Flecken Blut, woraus ich schloss, die Strassenrauber mussten ohnfehlbar ihren todlich blessierten Kameraden selbst mit fortgeschleppt haben. Derowegen machte ich mir gar keine sorgsamen Gedanken, verbot aber meinem Diener, gegen jemanden etwas von dieser Affare zu gedenken, wie ich denn auch bei mir beschloss, kein Wesens davon zu machen.
Allein, ehe die Mittagsstunde herannahete, wurde ich von der Senatswache in meinem Logis arretiert und in ein Gefangnis gefuhret, wo sonsten die allergrossten Missetater verwahret wurden. Der Himmel weiss am besten, wie schandlich und wider alles Recht mit mir prozediert worden, denn es war bekannt, ich aber erfuhr es nur von ohngefahr, dass der von K. ohnweit von seinem Palaste, und zwar in eben derselbigen Nacht, war ermordet worden. Dieser Palast aber liegt in der V. Vorstadt und eine gute halbe Stunde von demjenigen Hause, wo ich selbigen Abend in Compagnie gewesen bin. Nun bedenke ein jeder vernunftiger Mensch, ob es wohl moglich sei, in einer Viertelstunde dahin zu laufen, den Mord zu begehen und auch wieder in meinem Logis zu sein, welches noch weiter abgelegen war. Aber alles dieses und noch viel anderes mehr, was zu meiner Entschuldigung und Entdeckung meiner Unschuld dienen konnen, ist boshafterweise unterdruckt, hergegen vier falsche Zeugen uber mich abgehoret worden, deren lugenhafte Aussage ich zwar klar und deutlich widerlegte, meine Inquisitores aber gaben sich nicht einmal die Muhe, dasjenige, was ich zu meiner Defension vorbrachte, anzuhoren, noch viel weniger aber registrieren zu lassen, suchten hergegen mich durch die Tortur zur Bekenntnis zu bringen.
Wie ich mich nun von aller Welt verlassen sahe, indem man einem jeden, er mochte auch sein, wer er wollte, den Zutritt bei mir verwehrete, auch mir weder Feder noch Dinte zuliess, verging mir alle Hoffnung, errettet zu werden, indem die Gerechtigkeit dasiges Orts kein Quartier hatte. Alle meine Courage verliess mich, sobald ich den erschrocklichen Torturapparatum ansichtig wurde, derowegen schien mir der Tod weit erleidlicher zu sein, als mich so schandlich und jammerlich martern zu lassen. Um nun meinen Tod zu beschleunigen, indem ich deutlich spuren konnte, dass kein ander Mittel vorhanden ware, mich der Ketten und Bande nebst einer jammerlichen Marter zu entreissen, bekannte ich, eine Mordtat verubt zu haben, die mir zeitlebens nicht in den Sinn gekommen war, bat also um nichts mehr, als mir die Gnade zu erteilen und mich mit dem Schwerte hinrichten zu lassen. Dieses wurde mir nach etlichen Tagen verwilliget und zugleich ein paar Geistliche zu mir ins Gefangnis geschickt, welche sich viele Muhe gaben, mich zu bereden, meine Religion zu changieren und die ihrige anzunehmen. Allein ihre Muhe war vergebens, indem ich ihnen ein vor allemal sagte: 'Ich weiche nicht von meinem Glauben, sondern wollte viel lieber unschuldigerweise sterben, als mein Leben durch Veranderung meiner Religion oder Ausstehung der Tortur zu retten suchen, weiln ich mit dem erstern meiner Seele, mit dem andern aber meinem Leibe einen unausloschlichen Schandfleck anhinge.' Also blieben diese geistlichen Herren etliche Tage von mir, bis sie endlich mit demjenigen wieder angestochen kamen, der mir ankundigte, dass ich mich zu meinem Ende bereiten mochte, weiln mir uber den dritten Tag fruh um neun Uhr der Kopf vor die Fusse gelegt werden sollte. Das Urteil ware zwar anfanglich so gesprochen worden, mich lebendig zu radern, jedoch en regard dessen, dass ich von adelichen Geblute herstammete, ware es noch gemildert worden. Ich horete alles mit grosster Gelassenheit an, wendete nichts weiters dargegen ein als dieses: 'Ich danke Ihnen, mein Herr! vor Ihre Bemuhung, mir mein Todesurteil anzukundigen. Vor Gottes Gerichte am Jungsten Tage werde ich bessere Justiz antreffen als bei meinen hiesigen Richtern, derowegen will ich sie dahin zitieren und hier auf Erden mit mir umgehen lassen, wie sie belieben.'
Der Mann, ich weiss nicht, wer er war, wendete sich ohne fernere Antwort von mir, hergegen kamen die Herren Geistlichen und bombardierten mich mit ihren Vermahnungen, allein ich erklarete mich gegen sie rotunde, dass alle ihre Muhwaltung vergebens ware, wollten sie aber ein Werk der christlichen Liebe an mir ausuben, so mochten sie meine ungerechten Richter dahin persuadieren, dass sie einen Geistlichen von meiner Religion zu mir kommen liessen. Hiermit aber hatte ich die Holle vollends angezundet, sie ubergaben mich dem Teufel und gingen in grosster Rage von mir hinweg. Ich dargegen machte mich mit christlicher Gelassenheit zu meinem Tode gefasst, indem ich an keine Erlosung zu gedenken hatte. In der Nacht aber vor dem angestelleten Exekutionstage bekam ich einen starken Anstoss von der Colica, so dass ich mich genotiget fand, meine Wachter zu bitten, mit mir hinauszugehen. Viere derselben schliefen, die zwei wachenden aber gingen mit mir heraus, da denn der eine eine Laterne vortrug, der andere aber mit entblosseten Seitengewehr hinter mir herging. Nachdem ich das Opus naturae verrichtet, losete mich der eine Wachter ab, der andere aber blieb bei mir auf dem Boden an einem grossen Fensterloche stehen, allwo ich frische Luft schopfete.
Er sahe sowohl als ich hinunter in einen Hof, allwo, wie ich schon vor etlichen Tagen angemerkt, sehr viel Mist lag. Indem redete mich der Wachter also an: 'Wolltet Ihr wohl wagen, einen Sprung dahinunter zu tun, um den Handen des Scharfrichters zu entgehen?' 'Nein', gab ich zur Antwort, indem ich mich zugleich von dem Loche hinweg wendete und nach meinem Gefangnisse zuging, 'ein solcher Tod mochte ungleich schmerzhafter sein.' Unter diesen Reden aber kamen mir ganz plotzlich andere Gedanken in den Kopf, derowegen, als wir ganz nahe bei einer steil herabgehenden Treppe vorbeigingen, gab ich dem Wachter einen solchen gewaltigen Stoss, dass er mitsamt seiner Laterne die Treppe hinuntersturzte, ehe aber der andere aus dem heimlichen Gemache herauskam, war ich schon wieder bei dem Loche, fassete meinen Schlafrock zusammen, befahl mich dem Allmachtigen und wagte den Sprung von der Hohe herab, fiel auch so glucklich und ziemlich sanft auf einen lockern Misthaufen, dass ich weiter keinen Schaden nahm, als nur den linken Arm ein wenig anschellerte, weil ich mit demselben auf eine daliegende Mistgabel gefallen war. Der Hof war schlecht verwahrt, derowegen fassete ich die anhabenden Ketten zusammen, dass sie kein Gerassele machten, nahm die Mistgabel mit, schlich in der dicken Finsternis und im starken Regen hurtig fort und verkroch mich in ein altes zerfallenes Gebaude, allwo ich mit Hulfe der Mistgabel mich der Ketten, so an einem Arme und an einem Fusse befestiget waren, entledigte und dieselben ganz leise in einen Winkel legte. Mein Vorsatz war zwar, in dem Hause eines gewissen Abgesandten Schutz zu suchen, unterdessen aber horete ich, dass auf der Strasse einiger Larm entstund, weswegen ich mich in einen Winkel verkroch, kann aber nicht leugnen, dass mir das Herze im Leibe gewaltig pochte. Es wurde endlich stille auf der Strasse, doch sahe ich den Schein einiger Fackel herzukommen, weswegen mir noch tausendmal angster wurde, allein meine Furcht verschwand einigermassen, als ich zwei Laquais mit Fackeln vorausgehen und zwei Personen mit Regenrocken kommen sahe, auch vernahm, dass diese beiden letztern deutsch, und zwar recht laut, miteinander redeten. Als sie etwas naher kamen, verstunde ich ganz deutlich, dass der eine sagte: 'Es sei aber, wie es wolle, Herr Bruder! so muss doch eine solche ... Wache den Respekt gegen Offiziers von unserer Nation aufs genauste observieren.' 'Bei dergleichen Umstanden, Herr Bruder!' versetzte der andere Offizier hierauf, 'sind sie in Wahrheit ebensosehr nicht zu verdenken, Gott gebe nur, dass sich der arme Teufel d'A. in Sicherheit gebracht hat.'
Diese letztern Worte waren eine vortreffliche Herzstarkung vor mich, derowegen fassete ich einen Mut, spazierte aus dem alten verfallenen Gebaude heraus und immer hinter den Offiziers her, bis sie auf einen mir gefallig scheinenden Platz kamen, da ich denn meine Schritte verdoppelte, den einen beim Armel zupfte und sagte: 'Messieurs! ich bitte Sie um Gottes und Ihrer eigenen Ehre willen, nehmen Sie sich eines unschuldigen Delinquenten und ungluckseligen Kavaliers an, denn sonsten muss ich nach wenig Stunden Verlauf meinen Kopf wider alles Recht und Billigkeit hergeben.' 'Hui! Mons. d'A.', sagte dieser 'Ach freilich', war meine Antwort, 'bin ich der ungluckselige d'A.' Hierauf sagten beide: 'Stille, stille, kein Wort mehr gesprochen!' Unterdessen aber tat der eine seinen Regenrock ab und warf ihn uber mich, der andere aber setzte mir seine Peruque und Hut auf, nahm inzwischen dem Diener den Hut und setzte ihn auf seinen eigenen Kopf, mich aber nahmen beide in die Mitte und fuhreten mich wohl noch uber 300 Schritte bis in des einen Quartier. Wie ich diese beiden Herren recht beim Lichte besahe, waren es die Capitains B. und C., welche ich ehedem auf der Universitat L. gekannt hatte, jedoch nur kurze Zeit mit ihnen umgegangen war, indem sie wenig Wochen nach meiner Dahinkunft ihren Valetschmaus gaben.
Um aber meine Erzahlung nicht allzu weitlauftig zu machen, so will ich nur so viel sagen, dass diese beiden redlichen Kavaliers, welche nunmehro weit hohere Chargen erlangt haben, alles an mir getan, was nur leibliche Bruder aneinander tun konnen. Nachdem ich nun ihnen die ganze Speciem facti und alle Prozeduren erzahlet, brachten sie es dahin, dass ich in hohern Schutz genommen wurde, auch zu Rettung meiner Ehre meine Defension ordentlicher fuhren konnte. Kaum aber war dieserwegen der Anfang gemacht, als meine Unschuld von selbsten wunderbarer- und unverhoffterweise zutage kam. Es wurde nehmlich mittlerweile ein beruchtigter Strassenrauber exekutiert und hatte bereits zwei Stosse mit dem Rade bekommen, als dieser ruchlose Mensch, der sich vorhero weder bekehren noch von Himmel und Holle horen wollen, dem Scharfrichter plotzlich zurufte: 'Halt inne, ich habe noch ein Geheimnis auf den Herzen, woran sehr viel gelegen ist, ich will beichten und das heilige Sakrament empfangen, vielleicht kann ich noch selig werden.'
Dieserhalb machte der Scharfrichter mit seiner grasslichen Arbeit einen Stillstand, rief die Richter und Geistlichen, welche, von einer grossen Menge Volks begleitet, hinzutraten. Auf kurzes Befragen, was nehmlich er, der arme Sunder, noch auf seinen Herzen hatte, sprach er mit vernehmlicher Stimme: 'Gott hat mir mein Herze geruhret, derowegen bekenne ich, dass ich uber alle Mordtaten, so ich bereits gestanden, noch etliche 30 verubt habe. Unter dieser Zahl ist auch der Herr von K., denn er hatte mich vor 100 Dukaten gedungen, den deutschen Kavalier d'A. bei Nachtszeit auf der Strasse zu ermorden. Des Herrn von K. Kammerdiener hatte eines Abends ausgespuret, wo sich der Kavalier in Compagnie aufhielt, weilen aber sowohl der Herr als der Bediente wussten, dass der Kavalier ein resoluter Mensch und guter Fechter ware, getraueten sie sich alle beide allein nicht an denselben heran, sondern der Kammerdiener kam zu mir und holete mich ab. Wir laureten also alle drei dem deutschen Kavalier bei dem ... Kloster auf, weil wir wussten, dass er den Weg nach seinem Logis allda vorbei nehmen musste. Ich hatte einen Stossdegen, der Herr von K. und sein Kammerdiener aber Pallasche, wir sahen ihn ankommen und attaquierten ihn, allein der Kavalier wehrete sich dergestalt desperat, dass der Kammerdiener durch einen todlichen Stich sogleich zu Boden gelegt wurde. Dem Herrn von K. wurde durch einen gewaltigen Stich der rechte Arm gelahmet, weswegen er zu fernerer Attaque untuchtig war, mithin zurucke ging. Ich aber, weil ich merkte, dass der Deutsche als ein Lowe fochte und ihm nirgends beizukommen war, sprung endlich auch auf die Seite und vermeinete, mit meiner Pfeife etliche von meinen Kameraden, die sich vielleicht um selbige Gegend aufhalten mochten, herbeizulocken. Allein der Deutsche begab sich aufs Laufen, und der Herr von K. befahl mir, ihn erstlich nach seinem Palais zu fuhren, hernach den Korper des entleibten Kammerdieners auch nachzubringen. Ich gehorsamte, griff ihm unter den Arm und fuhrete ihn ganz sachte fort. Unterwegs fragte ich, ob Ihro Gn. etwa gefahrliche Blessuren an sich spureten, worauf er mir antwortete, dass er bloss an einem Stiche, den er in die Brust bekommen, einige Schmerzen fuhlete, die ubrigen Wunden aber wurden nicht viel zu bedeuten haben. Inmittelst beklagte er den plotzlichen Tod seines erblasseten Kammerdieners fast mit Tranen, mir aber warf er mit den allerempfindlichsten Worten vor, dass ich vor 100 Dukaten meine Courage nicht besser gezeigt hatte, er selbst ware todlich blessiert, der Kammerdiener erstochen, ich aber hatte nicht einmal einen Blutstropfen dabei vergossen. Solche und dergleichen empfindliche Redensarten erbitterten mich aufs heftigste. Weilen mir nun vorhero ein kostbarer Diamantring, den er an seiner linken Hand trug, in die Augen gefallen war und ich darbei hoffen konnte, eine fette Goldbeurse und andere Kostbarkeiten bei ihm zu finden, als ergriff die Resolution und gab ihm, mich seiner pikanten Worte wegen zu revanchieren, mit einem Dolche in der Geschwindigkeit drei oder vier Stiche in den Rucken zwischen die Schulterblatter, weswegen er, da er sich ohnedem schon ziemlich verblutet hatte, ohne einzigen Laut von sich zu geben, zu Boden sank, durch drei Stiche aber, die ich ihm in die Brust gab, loschete ich ihm das Lebenslicht vollends aus. Hierauf nahm ich nicht allein den Ring von seinem Finger, sondern leerete ihm auch alle Schubsacke aus, lief aber, weil ich hernach Leute kommen horete, auf und darvon, und zwar wieder auf den Platz, wo der erstochene Kammerdiener lag. Diesen scheelete ich ebenfalls aus, fand ein herrliche Beute bei ihm und warf seinen Korper in den Brunnen bei dem ... Kloster, worinnen derselbe ohnfehlbar noch zu finden sein wird. Ausser diesem', verfolgte dieser Strassenrauber seine Rede, 'kann ich noch versichern, dass der Herr von K. zweien von meinen Kameraden, welche Franzosen von Geburt sind, einem jeden 100 Duk. in Abschlag und noch dreimal soviel zu geben versprochen hat, woferne sie seine Gemahlin antreffen und ums Leben bringen konnten, wenn sie aber ihm dieselbe lebendig in die Hande zu liefern capable waren, sollten sie gedoppelten Lohn empfangen. Weiter', sagte er zu den Geistlichen, 'fallet mir voritzo nichts mehr ein, derowegen sagt mir, ob ich noch die Seligkeit erlangen kann.' Die Herren Geistlichen wollten also sich in ein christliches Gesprach mit ihm einlassen, mussten aber auf Befehl der Gerichtspersonen zurucktreten, welche diesen armen Sunder, der bereits dergestalt zugerichtet war, dass ihm die Splitter der Armund Beinknochen aus dem Fleische hervorrageten, auf eine Schleife legen und wieder zuruck ins Gefangnis schleppen liessen, in welchem er, dem Vorgeben nach, weiter examiniert werden sollte, allein er ist in der darauffolgenden Nacht krepiert.
Hieran lag mir nun nichts, sondern dessen Aussage vor so vielen umstehenden Personen liberierte mich von allen meinen aufgeburdeten Verbrechen, weswegen mir auch auf hohern Befehl meine ungerechten Richter eine hinlangliche Satisfaktion prastieren mussten, zumalen, da alles wohl zutraf, auch der Korper des entleibten Kammerdieners im Brunnen gefunden wurde. Ich bekam hierauf eine Lieutenantsstelle unter einem Regimente Infanterie, reisete zwar erstlich ins warme Bad, fand auch daselbst ausfuhrliche Nachricht von der Mad. von K. Aufenthalt, versaumete derowegen keine Stunde, sie zu sehen und zu sprechen, als ich aber dahin kam, musste ich zu meinem allergrossten Schmerzen und Betrubnis vernehmen, dass dieselbe drei Wochen vorhero plotzlich dieses Zeitliche gesegnet hatte und standesgemass ware begraben worden.
Man kann leicht erachten, wie mir musse zumute gewesen sein, zumalen da alles ihr Vermogen in die Hande ihrer Befreundten gefallen war und ich nicht an einen Groschen Anspruch machen konnte, sondern abziehen musste wie die Katze vom Taubenschlage. Ich wurde in Wahrheit recht melancholisch, bekam uber dieses ein hitziges Fieber und musste in B. beinahe ein Vierteljahr stille liegen, bis ich wieder restituiert war. Nachhero, weil die Kampagne eroffnet werden und ich mich wieder auf meinem Posten stellen sollte, hatte ich nicht einmal Zeit, nach Hause zu reisen und mich um meine Guter zu bekummern, sondern ich musste fort und mit zu Felde gehen. Ich hielt mich, ohne Ruhm zu melden, jedoch sozusagen fast aus Desperation, sehr tapfer, bekam als Capitain eine eigene Compagnie, wurde darauf Major und endlich Obristlieutenant. Als Major habe ich geheiratet, jedoch einen ungluckseligen Ehestand gefuhret, von welchem ich voritzo nichts erwahnen will, jedoch betrachte denselben als eine Strafe des Himmels wegen der begangenen Sunden meiner Jugend.
Was mich aber am allermeisten geschmerzt und gekrankt hat, war dieses, dass mir meine Feinde, deren ich gewisser Ursachen wegen sehr viel hatte, aufburden wollten, als hatte ich bei einer gewissen Attaque mein Devoir nicht behorig observiert. Ich kam dieserwegen in Arrest, fuhrete aber meine Sache dergestalt aus, dass ich von dem hochsten Befehlshaber freigesprochen und in meiner Charge bestatiget, auch vertrostet wurde, das erste vakant werdende Regiment als Obrister zu bekommen. Allein es verging mir auf einmal die Lust, ferner in Kriegsdiensten zu verbleiben, derowegen suchte und erhielt [ich] meine Dimission, wendete mich auf meine Guter, fand aber dieselben in dem allermiserabelsten Zustande, denn durch Betrug der Pachter, Brand, Dieberei, Wetterschaden und andere Unglucksfalle, ohne die Capitalia, so ich vorhero zu Bestreitung meiner wollustigen Reisen aufgenommen, ist es dahin gekommen, dass ich von meinen Rittergutern das elendeste behalten habe, auf welches ich doch auch noch verschiedene Posten zu bezahlen schuldig bin. Demnach habe ich nicht mehr als aus der Hand ins Maul, danke aber, wie zuvor gemeldet, dem Himmel nur davor, dass er mich in meinem ungluckseligen Ehestande mit Kindern verschonet hat. Wenn ich also sterbe, mag erben, wer da will."
Hiermit endigte der Herr von A. seine Erzahlung, und weil es bereits spat war, gonnete ihm Elbenstein die Ruhe; nach eingenommenen Fruhstuck aber schieden beide guten Freunde folgenden Morgens voneinander, worbei Elbenstein versprach, den Herrn von A. mit nachsten auf seinem Gute zu besuchen.
Er, Elbenstein, hatte zwar seines Freundes Fatalitaten sehr aufmerksam angehoret, allein er wusste sich daraus wenigen Trost vor seinen eigenen schlechten Zustand zu schopfen, hergegen zohe er sich diesen immer mehr und mehr zu Gemute, wurde auch ganz tiefsinnig daruber. Als er aber dieses an sich merkte, fing er desto fleissiger an zu beten, im ubrigen hielt er vors ratsamste, sich dann und wann eine Motion zu machen. Demnach reisete er einsmals nach T., woselbst ihm in Gasthofe viel von einem nur eine kleine Stunde davon gelegenen wusten Schlosse, auf welchem in vorigen Saeculis unterschiedliche deutsche Kaiser ihr Hoflager gehabt, erzahlet wurde.
Dieweiln er nun ein besonderer Liebhaber des Studii antiquitatis und der Historiae medii aevi war, so resolvierte er sich, indem noch die besten Tage zu Anfange des Augustmonats vorhanden, das alte Schloss in Augenschein zu nehmen. Also befahl er seinem bei sich habenden Sohne, einem Knaben von zwolf Jahren, eine Bouteille Bier aufzupacken, und trat mit demselben die Reise an. Sie gelangeten nach Verlauf einer guten Stunde, wiewohl wegen der grossen Hitze ziemlich ermudet, auf dem Gipfel des Berges an, allwo Elbenstein das ganze Revier observierte, sich aber endlich in ein altes verfallenes Gewolbe des uralten Schlosses setzte, eine Pfeife Tobak ansteckte, da immittelst sein Sohn sich die Erlaubnis ausbat, die Haselstauden durchzustreifen und seine Taschen mit Haselnussen anzufullen. Elbenstein fand verschiedene Merkwurdigkeiten, die er in seine Schreibetafel einzeichnete und daruber in ferneres Nachsinnen geriet, das gute Kind aber wurde in seiner Lust gestoret, denn es turmete sich ein entsetzliches Donnerwetter auf, und der zugleich mit einfallende heftige Platzregen jagte es zu dem Papa ins Gewolbe.
Beide laureten daselbst auf bessere Witterung, allein es erfolgete immer Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag, auch fing es immer heftiger an zu regnen, bis endlich die Nacht hereinbrach, da sich denn das Gewitter zwar verzog, der Regen aber nicht nachlassen wollte. Demnach mussten sie sich nolentes volentes resolvieren, in dem dustern Gewolbe zu pernoktieren. Der ermudete Knabe schlief bald ein, Elbenstein aber horete noch die Glocke elf Uhr schlagen, ehe er mit einem sanften Schlafe uberfallen wurde. Er mochte aber kaum recht eingeschlummert sein, als ihm im Traume (wo es anders ein blosser Traum gewesen) ein erschrockliches und merkwurdiges Gesichte vorkam. Er sahe nehmlich einen ganz schwarzen, mit sechs Pferden solcher Farbe bespanneten Wagen den Berg heraufgefahren kommen, aus welchem unterschiedliche Frauenzimmer herausgestiegen kamen und sich nach und nach vor ihm im Gewolbe prasentierten. Er erschrak ganz ungemein, als er inneward, dass diese Personen seinen vor vielen Jahren gehabten Amouren und Matressen gleichten. Sie gingen in ihren Kleidungen, wie er sie in Italien und an andern Orten gesehen hatte, vor ihm vorbei und stelleten sich ihm gegenuber in eine Reihe. Das ganze Gewolbe wurde so helle, als ob lauter Lichter darinnen angezundet waren. Als er nun dieselben etwas genauer betrachtete, ward er gewahr, dass aus dieser sonst schonen und angenehmen Personen Augen, Munde, Nasen und Ohren lauter feurige Schlangen herausgekrochen kamen. Als ihm nun dieselben eine lange Weile in solcher Stellung erschrockliche Blicke gegeben, huben sie zugleich ihre Unterkleider auf und zeigten ihm einen solchen Anblick, dass auch der Beherzteste daruber in Ohnmacht sinken mogen. Lauter Schlangen, Eidechsen, Kroten und dergleichen giftiges Gewurm bedeckten ihre Beine und diejenigen Teile des Leibes, mit welchen vor diesen am meisten und schandlichsten war gesundiget worden, in welcher Positur sie insgesamt mit grasslicher Stimme "Weh! Weh! Wehe! Zeter und Mordio!" ausriefen und endlich ein abscheuliches Geheul anstimmeten.
In solchen Angsten fiel Elbensteinen das Busslied ein: Wo soll ich fliehen hin etc., und als er an den Vers kam: Du bist der, der mich trost etc., verschwand dieses erschrockliche Gesichte, es wurde so finster als vorhero im Gewolbe, Elbenstein besann und ermunterte sich, zitterte aber wie ein Espenlaub mit allen Gliedern. Er rief seinem Sohne etlichemal, allein der Knabe gab mit seinem Schnarchen zu verstehen, dass er im allerfestesten Schlafe lage, derowegen kroch Elbenstein vor bis an die Tur des Gewolbes, blieb auf den Knien sitzen, sahe gen Himmel und verharrete im andachtigen Gebet, bis der Tag anzubrechen begonnte. Die truben Wolken hatten sich zerteilet, und die Morgenrote verkundigte einen heitern Tag; als er demnach noch einige Morgen- und Busslieder gesungen, weckte er seinen Sohn mit vieler Muhe auf und verliess diesen grasslichen und furchterlichen Ort. Der gehabte Schrecken war ihm dergestalt in die Glieder, sonderlich aber in die Beine geschlagen, dass er den Ruckweg mit sehr langsamen Schritten nehmen musste, endlich aber langete er sehr matt und kraftlos wieder zu T. im Gasthofe an, nahm vor die gehabte grosse Alteration, weil in der Geschwindigkeit sonsten keine andere Arzenei zu haben war, eine starke Dosin Hirschhorn und Krebsaugen mit Holundersaft ein und schwitzte darauf, der Effekt war nach Wunsche, indem er sich folgendes Tages nebst seinem Sohne wiederum auf den Weg nach Hause machen konnte.
Nach der Zeit ist Elbensteinen dieses grassliche Gesichte oder Traum, wie es zu nennen sein mag, nie aus den Gedanken gekommen, er tat dieserwegen unter herzlicher Bereuung der Sunden seiner Jugend Gott, dem barmherzigen Vater, ein Gelubde, solange er noch lebte, alle Jahr diesen Tag mit Fasten und Beten zuzubringen, mit dem ernstlichen Vorsatze, sich nicht nur vor dergleichen, sondern soviel als mensch- und moglich vor allen andern Sunden zu huten. Hierbei dankte er Gott vor die bishero zugeschickten vaterlichen Zuchtigungen und Strafen, betete auch taglich sehr ofters ganz getrost die Worte: So fahr hie fort und schone dort und lass mich hier wohl bussen, unterwarf sich mithin in christlicher Gedult und Gelassenheit ganzlich der gottlichen Direktion, welche ihn denn zwar sinken, aber doch nicht gar ertrinken liess. Soviel ist in den schriftlichen Memoirs von des Herrn von Elbensteins Lebens- und Liebesgeschicht gefunden worden. Derowegen hat man, weil der Historicus allhier den Schluss gemacht, Bedenken getragen, ein mehreres hinzuzufugen, ohngeacht nachhero viele fernerweitige mundliche und schriftliche Nachrichten eingezogen worden; sonderlich ware eine vor weniger Zeit unter des Herrn von Elbensteins nachgelassenen Erben passierte jammerliche Mordgeschicht wert gewesen, ausfuhrlich beigebracht zu werden, allein man hat seine besondern Ursachen gehabt, solches nicht zu tun, sondern es darbei bewenden lassen, dass alles vorhero Beschriebene unter der Decke fingierter Namen bleiben solle und moge. Doch wird zum Beschlusse noch die von dem ehrlichen Herrn von Elbenstein auf die Gedult selbst verfertigte Arie beigefugt.
1
Ich lasse mir den Trost mitnichten rauben, Den der Gedult der Himmel zugesagt. Die Bosheit mag auch noch so grimmig schnauben, So bleibt Gedult jedennoch unverzagt. Der Zeiten Wechsel lasst sich sehn in allen Dingen, Er kann nach truber Nacht mir heitre Tage bringen.
2
Muss gleich mein Herz in bangen Kummer schweben, Doch wird mein Schiff nicht gleich zu Grunde
gehn.
Gedult kann nur das Ungluck uberleben, Gedult kann nur in Glut und Wellen stehn. Nur mit Gedult lasst sich ein steiler Fels ersteigen, Hergegen Ungedult pflegt uns den Fall zu zeigen.
3
Des Gartners Fleiss wird durch Gedult bewahret, Die Aloe kommt durch Gedult zum Bluhn, Gedult ist's nur, die matte Pflanzen nahret, Doch Ungedult kann Saft und Kraft entziehn. Dass Israel solang muss in der Wusten wallen, War einzig schuld, dieweil ihm die Gedult entfallen.
4
Des Lastrers Maul zwingt die Gedult zum Schweigen, Ihr sanfte Tun stumpft den Verleumdungspfeil, Gedult allein kann solche Mittel zeigen, Die in der Not uns bringen Trost und Heil. Wer bei entstandnen Sturm geduldig sich verborgen, Erblickt nach schwarzer Nacht den angenehmsten
Morgen.
5
Den Untergang hilft die Gedult vermeiden, Wenn man sich nur in Fels und Klufte schmiegt. Wer widerstrebt, muss doppelt Schmerzen leiden, Wer nun Verlangen tragt, zur Ehrenburg zu reisen, Den kann nur die Gedult den sichern Fusspfad weisen.
ENDE