1731_Schnabel_088 Topic 1

Johann Gottfried Schnabel

Wunderliche Fata einiger See-Fahrer,

absonderlich Alberti Julii, eines

geborenen Sachsens, auf der Insel

Felsenburg

Wunderliche FATA einiger See-Fahrer,

absonderlich

ALBERTI JULII,

eines gebohrnen Sachsens,

Welcher in seinem 18den Jahre zu Schiffe

gegangen, durch Schiff-Bruch selb 4te an eine grausame Klippe geworffen worden, nach deren Ubersteigung das schonste Land entdeckt, sich daselbst mit seiner Gefahrtin verheyrathet, aus

solcher Ehe eine Familie von mehr als 300.

Seelen erzeuget, das Land vortrefflich

angebauet, durch besondere Zufalle

erstaunens-wurdige Schatze gesammlet,

seine in Teutschland ausgekundschafften

Freunde glucklich gemacht, am Ende des

1728sten Jahres, als in seinem Hunderten Jahre,

annoch frisch und gesund gelebt, und

vermuthlich noch zu dato lebt,

entworffen

Von dessen Bruders-Sohnes-Sohnes-Sohne,

Mons. Eberhard Julio,

Curieusen Lesern aber zum vermuthlichen

Gemuths-Vergnugen ausgefertiget, auch par

Commission dem Drucke ubergeben

Von

GISANDERN.

Vorrede.

Geneigter Leser!

Es wird dir in folgenden Blattern eine Geschichts-Beschreibung vorgelegt, die, wo du anders kein geschworner Feind von dergleichen Sachen bist, oder dein Gehirne bey Erblickung des Titul-Blates nicht schon mit wiederwartigen Prjudiciis angefullet hast, ohnfehlbar zuweilen etwas, ob gleich nicht alles, zu besonderer Gemuths-Ergotzung uberlassen, und also die geringe Muhe, so du dir mit Lesen und Durchblattern gemacht, gewisser massen recompensiren kan.

Mein Vorsatz ist zwar nicht, einem oder dem andern dieses Werck als einen vortrefflich begeisterten und in meinen Hoch-Teutschen Stylum eingekleideten Staats Corper anzuraisoniren; sondern ich will das Urtheil von dessen Werthe, dem es beliebt, uberlassen, und da selbiges vor meine Parthie nicht allzu vortheilhafftig klappen solte, weiter nichts sagen, als: Haud curat Hippoclides. Auf Teutsch:

Sprecht, was ihr wolt, von mir und Julio dem

Sachsen,

Ich lasse mir darum kein graues Harlein wachsen.

Allein, ich hore leyder! schon manchen, der nur einen Blick darauf schiessen lassen, also raisoniren und fragen: Wie halts, Landsmann! kan man sich auch darauf verlassen, dass deine Geschichte keine blossen Gedichte, Lucianische Spaas-Streiche, zusammen geraspelte Robinsonaden-Spane und dergleichen sind? Denn es werffen sich immer mehr und mehr Scribenten auf, die einem neu-begierigen Leser an diejenige Nase, so er doch schon selbst am Kopffe hat, noch viele kleine, mittelmassige und grosse Nasen drehen wollen.

Was gehoret nicht vor ein Baum-starcker Glaube darzu, wenn man des Herrn von Lydio trenchirte Insul als eine Wahrheit in den Back-Ofen seines physicalischen Gewissens schieben will? Wer muss sich nicht vielmehr uber den Herrn Geschicht-Schreiber P.L. als uber den armen Einsiedler Philipp Quarll selbst verwundern, da sich der erstere gantz besondere Muhe giebt, sein, nur den Mondsuchtigen glantzendes Mahrlein, unter dem Hute des Hrn. Dorrington, mit demuthigst-ergebensten Flatterien, als eine brennende Historische Wahrheits-Fackel aufzustekken? Die Geschicht von Joris oder Georg Pines hat seit ao. 1667 einen ziemlichen Geburths- und Beglaubigungs-Brief erhalten, nachdem aber ein Anonymus dieselbe aus dem Englischen ubersetzt haben will, und im Teutschen, als ein Gerichte Sauer-Kraut mit Stachelbeeren vermischt, aufgewarmet hat, ist ein solche Ollebutterie daraus worden, dass man kaum die gantz zu Matsche gekochten Brocken der Wahrheit, noch auf dem Grunde der langen Titsche finden kan. Woher denn kommt, dass ein jeder, der diese Geschicht nicht schon sonsten in andern Buchern gelesen, selbige vor eine lautere Fiction halt, mithin das Kind samt dem Badewasser ausschuttet. Gedencket

man ferner an die fast unzahlige Zahl derer Robinsons von fast allen Nationen, so wohl als andere Lebens-Beschreibungen, welche meistentheils die Beyworter: Wahrhafftig, erstaunlich, erschrecklich, noch niemahls entdeckt, unvergleichlich, unerhort, unerdencklich, wunderbar, bewundernswurdig, seltsam und dergleichen, fuhren, so mochte man nicht selten Herr Ulrichen, als den Vertreiber eckelhaffter Sachen, ruffen, zumahlen wenn sich in solchen Schrifften lahme Satyren, elender Wind, zerkauete Moralia, uberzuckerte Laster-Morsellen, und offters nicht 6. rechtschaffene oder wahre Historische Streiche antreffen lassen. Denn

Halt inne, mein Freund! Was gehet mich dein gerechter oder ungerechter Eiffer an? Meinest du, dass ich dieserwegen eine Vorrede halte? Nein, keines weges. Lass dir aber dienen! Ohnfehlbar must du das von einem Welt-beruhmten Manne herstammende Sprichwort: Viel Kopffe, viel Sinne, gehoret oder gelesen haben. Der liebe Niemand allein, kan es allen Leuten recht machen. Was dir nicht gefallt, charmirt vielleicht 10, ja 100. und wohl noch mehr andere Menschen. Alle diejenigen, so du anitzo getadelt hast, haben wohl eine gantz besondere gute Absicht gehabt, die du und ich erstlich errathen mussen. Ich wolte zwar ein vieles zu ihrer Defension anfuhren, allein, wer weiss, ob mit meiner Treuhertzigkeit Danck zu verdienen sey? Uber dieses, da solche Autores vielleicht kluger und geschickter sind als Du und ich, so werden sie sich, daferne es die Muhe belohnt, schon bey Gelegenheit selbst verantworten.

Aber mit Gunst und Permission zu fragen: Warum soll man denn dieser oder jener, eigensinniger Kopffe wegen, die sonst nichts als lauter Wahrheiten lesen mogen, nur eben lauter solche Geschichte schreiben, die auf das kleineste Jota mit einem corperlichen Eyde zu bestarcken waren? Warum soll denn eine geschickte Fiction, als ein Lusus Ingenii, so gar verachtlich und verwerfflich seyn? Wo mir recht ist, halten ja die Herren Theologi selbst davor, dass auch in der Heil. Bibel dergleichen Exempel, ja gantze Bucher, anzutreffen sind. Sapienti sat. Ich halte davor, es sei am besten gethan, man lasse solcher Gestalt die Politicos ungehudelt, sie mogen schreiben und lesen was sie wollen, solte es auch gleich dem gemeinen Wesen nicht eben zu gantz besondern Vortheil gereichen, genug, wenn es demselben nur keinen Nachtheil und Schaden verursachet.

Allein, wo gerathe ich hin? Ich solte Dir, geneigter Leser, fast die Gedancken beybringen, als ob gegenwartige Geschichte auch nichts anders als pur lautere Fictiones waren? Nein! dieses ist meine Meynung durchaus nicht, jedoch soll mich auch durchaus niemand dahin zwingen, einen Eyd uber die pur lautere Wahrheit derselben abzulegen. Vergonne, dass ich deine Gedult noch in etwas missbrauche, so wirst du erfahren, wie diese Fata verschiedener See-Fahrenden mir fato zur Beschreibung in die Hande gekommen sind:

Als ich im Anfange dieses nun fast verlauffenen Jahres in meinen eigenen Verrichtungen eine ziemlich weite Reise auf der Land-Kutsche zu thun genothiget war, gerieth ich bey solcher Gelegenheit mit einen Literato in Kundschafft, der eine gantz besonders artige Conduite besass. Er liess den gantzen Tag uber auf den Wagen vortrefflich mit sich reden und umgehen, so bald wir aber des Abends gespeiset, muste man ihm gemeiniglich ein Licht alleine geben, womit er sich von der ubrigen Gesellschafft ab- und an einen andern Tisch setzte, solchergestalt bestandig diejenigen geschriebenen Sachen lass, welche er in einem zusamen gebundenen Paquet selten von Abhanden kommen liess. Sein Beutel war vortrefflich gespickt, und meine Person, deren damahliger Zustand eine genaue Wirthschafft erforderte, profitirte ungemein von dessen generositee, welche er bey mir, als einem Feinde des Schmarotzens, sehr artig anzubringen wuste. Dannenhero gerieth ich auf die Gedancken, dieser Mensch musse entweder ein starcker Capitaliste oder gar ein Adeptus seyn, indem er so viele guldene Species bey sich fuhrete, auch seine besondere Liebe zur Alchymie offters in Gesprachen verrieth.

Eines Tages war dieser gute Mensch der erste, der den blasenden Postillon zu Gefallen hurtig auf den Wagen steigen wolte, da mittlerweile ich nebst zweyen Frauenzimmern und so viel Kauffmanns-Dienern in der Thur des Gast-Hofs noch ein Glass Wein ausleereten. Allein, er war so unglucklich, herunter zu sturtzen, und da die frischen Pferde hierdurch schuchtern gemacht wurden, gingen ihm zwey Rader dermassen schnell uber den Leib und Brust, dass er so gleich halb todt zuruck in das Gast-Hauss getragen werden muste.

Ich liess die Post fahren, und blieb bey diesen im grosten Schmertzen liegenden Patienten, welcher, nachdem er sich um Mitternachts-Zeit ein wenig ermuntert hatte, alsofort nach seinem Paquet-Schrifften fragte, und so bald man ihm dieselben gereicht, sprach er zu mir: Mein Herr! nehmet und behaltet dieses Paquet in eurer Verwahrung, vielleicht fuget euch der Himmel hierdurch ein Glucke zu, welches ich nicht habe erleben sollen. Hierauf begehrete er, dass man den anwesenden Geistlichen bey ihm allein lassen solte, mit welchen er denn seine Seele wohl berathen, und gegen Morgen das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hatte.

Meinen Gedancken nach hatte ich nun von diesem andern Jason das guldene Fell ererbet, und vermeinte, ein Besitzer der allersichersten alchimistischen Processe zu seyn. Aber weit gefehlt! Denn kurtz zu sagen, es fand sich sonst nichts darinnen, als Albert Julii Geschichts-Beschreibung, und was Mons. Eberhard Julius, zur Erlauterung derselben, diesem unglucklichen Passagier sonsten beygelegt und zugeschickt hatte.

Ohngeacht aber meine Hoffnung, in kurtzer Zeit ein glucklicher Alchymiste und reicher Mann zu werden, sich gewaltig betrogen sahe, so fielen mir doch, beym Durchlesen dieser Sachen, verschiedene Passagen in die Augen, woran mein Gemuth eine ziemliche Belustigung fand, und da ich vollends des verungluckten Literati besonderen Brief-Wechsel, den er theils mit Mons. Eberhard Julio selbst, theils mit Herrn G.v.B. in Amsterdam, theils auch mit Herrn H.W.W. in Hamburg dieses Wercks wegen eine Zeit her gefuhret, dabey antraff, entbrandte sogleich eine Begierde in mir, diese Geschicht selbst vor die Hand zu nehmen, in moglichste Ordnung zu bringen, und hernach dem Drucke zu uberlassen, es mochte gleich einem oder den andern viel, wenig oder gar nichts daran gelegen seyn, denn mein Gewissen rieth mir, diese Sachen nicht liederlicher Weise zu vertuschen.

Etliche Wochen hierauf, da mich das Gluck unverhofft nach Hamburg fuhrete, gerieth ich gar bald mit dem Herrn W. in Bekandtschafft, eroffnete demselben also die gantze Begebenheit des verungluckten Passagiers, wie nicht weniger, dass mir derselbe vor seinem Ende die und die Schrifften anvertrauet hatte, wurde auch alsobald von diesem ehrlichen Manne durch allerhand Vorstellungen und Persuasoria in meinem Vorhaben gestarckt, anbey der Richtigkeit dieser Geschichte, vermittelst vieler Beweissthumer, vollkommen versichert, und belehret, wie ich mich bey Edirung derselben zu verhalten hatte.

Also siehest du, mein Leser, dass ich zu dieser Arbeit gekommen bin, wie jener zur Maulschelle, und merckest wohl, dass mein Gewissen von keiner Spinnewebe gewurckt ist, indem ich eine Sache, die man mir mit vielen Grunden als wahr und unfabelhafft erwiesen, dennoch niemanden anders, als solchergestalt vorlegen will, dass er darvon glauben kan, wie viel ihm beliebt. Demnach wird hoffentlich jeder mit meiner generositee zu frieden seyn konnen.

Von dem ubrigen, was sonsten in Vorreden pflegt angefuhret zu werden, noch etwas weniges zu melden, so kan nicht laugnen, dass dieses meine erste Arbeit von solcher Art ist, welche ich in meiner Hertz- allerliebsten Deutschen Frau Mutter-Sprache der Presse unterwerffe. Nimm also einem jungen Anfanger nicht ubel, wenn er sein erstes Handewerck so frey zur Schaue darstellet, selbiges aber dennoch vor kein untadelhafftes Meister-Stucke ausgiebt.

An vielen Stellen hatte ich den Stylum selbst ziemlich verbessern konnen und wollen, allein, man forcirte mich, die Herausgabe zu beschleunigen. Zur Mundirung des Concepts liessen mir anderweitige wichtige Verrichtungen keine Zeit ubrig, selbiges einem Copisten hinzugeben, mochte vielleicht noch mehr Handel gemacht haben. Hier und dort aber viel auszustreichen, einzuflicken, Zeichen zu machen, Zettelgen beyzulegen und dergleichen, schien mir zu gefahrlich, denn wie viele Fluche hatte nicht ein ungedultiger Setzer hierbey ausstossen konnen, die ich mir alle ad animum revociren mussen.

Ich weiss, was mir Mons. Eberhard Julii kunterbunde Schreiberey quoad formam vor Muhe gemacht, ehe die vielerley Geschichten in eine ziemliche Ordnung zu bringen gewesen. Hierbey hat mir nun allbereits ein guter Freund vorgeworffen, als hatte ich dieselben fast gar zu sehr durch einander geflochten, und etwa das Modell von einigen Romainen-Schreibern genommen, allein, es dienet zu wissen, dass Mons. Eberhard Julius selbst das Kleid auf solche Facon zugeschnitten hat, dessen Gutbefinden mich zu widersetzen, und sein Werck ohne Ursach zu hofemeistern, ich ein billiges Bedencken getragen, vielmehr meine Schuldigkeit zu seyn erachtet, dieses von ihm herstammende Werck in seiner Person und Nahmen zu demonstriren. Uber dieses so halte doch darvor, und bleibe darbey, dass die meisten Leser solchergestalt desto besser divertirt werden. Beugen doch die PostKutscher auch zuweilen aus, und dennoch moquirt sich kein Passagier druber, wenn sie nur nicht gar stecken bleiben, oder umwerffen, sondern zu gehoriger Zeit fein wieder in die Gleisen kommen.

Nun solte mich zwar bey dieser Gelegenheit auch besinnen, ob ich als ein Recroute unter den Regimentern der Herrn Geschichts-Beschreiber, dem (s. T.p.) Hochgeohrten und Wohlnaseweisen Herrn Momo, wie nicht weniger dessen Dutz-Bruder, Herrn Zoilo, bey bevorstehender Revue mit einer Spanischen Zahnfletzschenden grandezze, oder Pohlnischen Sub-Submission entgegen gehen musse? Allein, weil ich die Zeit und alles, was man dieser Confusionarien halber anwendet, vor schandlich verdorben schatze, will ich kein Wort mehr gegen sie reden, sondern die ubrigen in mente behalten.

Solte aber, geneigter Leser! dasjenige, was ich zu diesem Wercke an Muhe und Fleisse beygetragen, von Dir gutig und wohl aufgenommen werden, so sey versichert, dass in meiner geringen Person ein solches Gemuth anzutreffen, welches nur den geringsten Schein einer Erkanntlichkeit mit immerwahrenden Dancke zu erwiedern bemuhet lebt. Was an der Vollstandigkeit desselben annoch ermangelt, soll, so bald als moglich, hinzu gefugt werden, woferne nur der Himmel Leben, Gesundheit, und was sonsten darzu erfordert wird, nicht abkurtzet. Ja ich durffte mich eher bereden, als meinen Ermel ausreissen lassen, kunfftigen Sommer mit einem curieusen Soldaten-Romain heraus zu rutschen, als worzu verschiedene brave Officiers allbereit Materie an die Hand gegeben, auch damit zu continuiren versprochen. Vielleicht trifft mancher darinnen vor sich noch angenehmere Sachen an, als in Gegenwartigen.

Von den vermuthlich mit einschleichenden DruckFehlern wird man mich gutigst absolviren, weil die Druckerey allzuweit von dem Orte, da ich mich aufhalte, entlegen ist, doch hoffe, der sonst sehr delicate Herr Verleger werde sich dieserhalb um so viel desto mehr Muhe geben, solche zu verhuten. Letzlich bitte noch, die in dieser Vorrede mit untergelauffenen Schertz-Worte nicht zu Poltzen zu drehen, denn ich bin etwas lustigen humeurs, aber doch nicht immer. Sonsten weiss vor dieses mahl sonderlich nichts zu erinnern, als dass ich nach Beschaffenheit der Person und Sachen jederzeit sey,

Geneigter Leser,

den 2. Dec. 1730.

Dein

dienstwilliger

GISANDER.

Erstes Buch.

Ob denenjenigen Kindern, welche um die Zeit gebohren werden, da sich Sonnen- oder Mond-Finsternissen am Firmamente prsentiren, mit Recht besondere Fatalitaten zu prognosticiren seyn? Diese Frage will ich den gelehrten Natur-Kundigern zur Erorterung uberlassen, und den Anfang meiner vorgenommenen Geschichts-Beschreibung damit machen: wenn ich dem Geneigten Leser als etwas merckliches vermelde: dass ich Eberhard Julius den 12. May 1706. eben in der Stunde das Licht dieser Welt erblickt, da die bekandte grosse Sonnen-Finsterniss ihren hochsten und furchterlichsten grad erreicht hatte. Mein Vater, der ein wohlbemittelter Kauffmann war, und mit meiner Mutter noch kein volliges Jahr im Ehestande gelebt, mochte wegen gedoppelter Besturtzung fast gantz ausser sich selbst gewesen seyn; Jedoch nachdem er bald darauf das Vergnugen hat meine Mutter ziemlich frisch und munter zu sehen, mich aber als seinen erstgebohrnen jungen, gesunden Sohn zu kussen, hat er sich, wie mir erzehlet worden, vor Freuden kaum zu bergen gewust.

Ich trage Bedencken von denenjenigen tandeleyen viel Wesens zu machen, die zwischen meinen Eltern als jungen Eheleuten und mir als ihrer ersten Frucht der Liebe, in den ersten Kinder-Jahren vorgegangen. Genung! ich wurde von ihnen, wiewohl etwas zartlich, jedoch christlich und ordentlich erzogen, weil sie mich aber von Jugend an dem studiren gewidmet, so muste es keines weges an gelehrten und sonst geschickten Lehr-Meistern ermangeln, deren getreue Unterweisung nebst meinen unermudeten Fleisse so viel wurckte, dass ich auf Einrathen vieler erfahrner Manner, die mich examinirt hatten, in meinem 17den Jahre nehmlich um Ostern 1723. auf die Universitat Kiel nebst einem guten Anfuhrer reisen konte. Ich legte mich auf die Jurisprudentz nicht so wohl aus meinem eigenen Antriebe, sondern auf Begehren meiner Mutter, welche eines vornehmen Rechts-Gelehrten Tochter war. Allein ein hartes Verhangnis liess mich die Fruchte ihres uber meine guten Progressen geschopfften Vergnugens nicht lange geniessen, indem ein Jahr hernach die schmertzliche Zeitung bey mir einlieff, dass meine getreue Mutter am 16. Apr. 1724. samt der Frucht in Kindes-Nothen todes verblichen sey. Mein Vater verlangte mich zwar zu seinem Troste auf einige Wochen nach Hause, weiln, wie er schrieb, weder meine eintzige Schwester, noch andere Anverwandte seinen Schmertzen einige Linderung verschaffen konten. Doch da ich zurucke schrieb: dass um diese Zeit alle Collegia aufs neue angiengen, wesswegen ich nicht allein sehr viel versaumen, sondern uber dieses seine und meine Hertzens-Wunde ehe noch weiter aufreissen als heilen wurde, erlaubte mir mein Vater, nebst ubersendung eines Wechsels von 200. spec. Ducaten noch ein halbes Jahr in Kiel zu bleiben, nach Verfliessung dessen aber solte nach Hause kommen uber Winters bey ihm zu verharren, so dann im Fruh-Jahre das galante Leipzig zu besuchen, und meine studia daselbst zu absolviren.

Sein Wille war meine Richt-Schnur, dannenhero die noch ubrige Zeit in Kiel nicht verabsaumete mich in meinen ergriffenen studio nach moglichkeit zu cultiviren, gegen Martini aber mit den herrlichsten Attestaten meiner Professoren versehen nach Hause reisete. Es war mir zwar eine hertzliche Freude, meinen werthen Vater und liebe Schwester nebst andern Anverwandten und guten Freunden in volligen GlucksStande anzutreffen; allein der Verlust der Mutter that derselben ungemeinen Einhalt. Kurtz zu sagen: es war kein einziges divertissement, so mir von meinem Vater, so wohl auch andern Freunden gemacht wurde, vermogend, das einwurtzelende melancholische Wesen aus meinem Gehirne zu vertreiben. Derowegen nahm die Zuflucht zu den Buchern und suchte darinnen mein verlohrnes Vergnugen, welches sich denn nicht selten in selbigen finden liess.

Mein Vater bezeigte theils Leid, theils Freude uber meine douce Auffuhrung, resolvirte sich aber bald, nach meinen Verlangen mich ohne Aufseher, oder wie es zuweilen heissen muss, Hofmeister, mit 300. fl. und einem Wechsel-Briefe auf 1000. Thl. nach Leipzig zu schaffen, allwo ich den 4. Mart. 1725. glucklich ankam.

Wer die Beschaffenheit dieses in der gantzen Welt beruhmten Orts nur einigermassen weiss, wird leichtlich glauben: dass ein junger Pursche, mit so vielem baaren Gelde versehen, daselbst allerhand Arten von vergnugten Zeit-Vertreibe zu suchen Gelegenheit findet. Jedennoch war mein Gemuthe mit bestandiger Schwermuthigkeit angefullet, ausser wenn ich meine Collegia frequentirte und in meinem Museo mit den Todten conversirte.

Ein Lands-Mann von mir, Mons. H. genannt merckte mein malheur bald, weil er ein Mediciner war, der seine Hand allbereit mit groster raison nach dem Doctor-Hute ausstreckte. Derowegen sagte er einmahls sehr vertraulich: Lieber Herr Lands-Mann, ich weiss gantz gewiss, dass sie nicht die geringste Ursach haben, sich in der Welt uber etwas zu chagriniren, ausgenommen den Verlust ihrer seel. Frau Mutter. Als ein vernunfftiger Mensch aber konnen sie sich dieserwegen so hefftig und langwierig nicht betruben, erstlich: weil sie deren Seeligkeit vollkommen versichert sind, vors andere: da sie annoch einen solchen Vater haben, von dem sie alles erwarten konnen, was von ihm und der Mutter zugleich zu hoffen gewesen. Anderer motiven voritzo zu geschweigen. Ich setze aber meinen Kopff zum Pfande, dass ihr niedergeschlagenes Wesen vielmehr von einer ubeln Disposition des Gebluts herruhret, wesswegen ihnen aus guten Hertzen den Gebrauch einiger Artzeneyen, hiernachst die Abzapffung etlicher Untzen Gebluts recommendirt haben will. Was gilts? rieff er aus, wir wollen in 14. Tagen aus einem andern Thone mit einander schwatzen.

Dieser gegebene Rath schien mir nicht unvernunfftig zu seyn, derowegen leistete demselben behorige Folge, und fand mich in wenig Tagen weit aufgeraumter und leichtsinniger als sonsten, welches meinen guten Freunden hochst angenehm, und mir selbst am gefalligsten war. Ich wohnete ein- und anderm Schmause bey, richtete selbst einen aus, spatzirte mit auf die Dorffer, kurtz! ich machte alles mit, was honette Pursche ohne prostitution vorzunehmen pflegen. Jedoch kan nicht laugnen, dass dergleichen Vergnuglichkeiten zum offtern von einem bangen HertzKlopffen unterbrochen wurden. Die Ursach dessen solte zwar noch immer einer Vollblutigkeit zugeschrieben werden, allein mein Hertz wolte mich fast im voraus versichern, dass mir ein besonderes Ungluck bevorstunde, welches sich auch nach verfluss weniger Tage, und zwar in den ersten Tagen der MessWoche, in folgenden Briefe, den ich von meinem Vater empfing, offenbarete:

Mein Sohn,

Erschrecket nicht! sondern ertraget vielmehr mein un euer ungluckliches Schicksal mit grossmuthiger Gelassenheit, da ihr in diesen Zeilen von mir selbst, leider! versichert werdet: dass das falsche Gluck mit dreyen fatalen Streichen auf einmal meine Reputation und Wohl-Stand, ja mein alles zu Boden geschlagen. Fraget ihr, wie: und auf was Art: so wisset, dass mein Compagnon einen Banquerott auf 2. Tonnen Goldes gemacht, dass auf meine eigene Kosten ausgerustete Ost Indische Schiff bey der Retour von den See-Raubern geplundert, und letztlich zu completirung meines Ruins der Verfall der Actien mich allein um 50000. Thl. spec. bringet. Ein mehreres will hiervon nicht schreiben, weil mir im schreiben die Hande erstarren wollen. Lasset euch innliegenden Wechsel-Brief a 2000. Frfl. in Leipzig von Hrn. H. gleich nach Empfang dieses bezahlen Eure Schwester habe mit eben so viel, und ihren besten Sachen, nach Stockholm zu ihrer Baase geschickt, ich aber gehe mit einem wenigen von hier ab, um in Ost- oder West Indien, entweder mein verlohrnes Gluck, oder den todt zu finden. In Hamburg bey Hrn W. habt ihr vielleicht mit der Zeit und bedauert das ungluckliche Verhangnis eures treugesinnten Vaters, dessen Redlichkeit aber allzustarcker hazard und Leichtglaubigkeit ihm und seinen frommen Kindern dieses malheur zugezogen. Doch in Hofnung, GOTT werde sich eurer und meiner nicht gantzlich entziehen, verharre D.d. 5. Apr. 1725.

Euer

biss ins Grab getreuer Vater

Frantz Martin Julius.

Ich fiel nach Lesung dieses Briefes, als ein vom Blitz geruhrter, ruckwarts auf mein Bette, und habe langer als 2. Stunden ohne Empfindung gelegen. Selbigen gantzen Tag, und die darauf folgende Nacht, wurde in groster desperation zugebracht, ohne das geringste von Speise oder Getrancke zu mir zu nehmen, da aber der Tag anbrach, beruhigte sich das ungestume Meer meiner Gedancken einigermassen. Ich betete mein Morgen-Gebet mit hertzlicher Andacht, sung nach einem Morgen-Liede auch dieses: GOTT der wirds wohl machen etc. schlug hernach die Bibel auf, in welcher mir so gleich der 127. Psalm Davids in die Augen fiel, welcher mich ungemein ruhrete. Nachdem ich nun meine andachtigen, ungeheuchelten Penseen daruber gehabt, schlug ich die Bibel nochmals auf, des HERRN macht reich ohne Muhe etc.

Hierbey traten mir die Thranen in die Augen, mein Mund aber brach in folgende Worte aus: Mein GOTT, ich verlange ja eben nicht reich an zeitlichen Gutern zu seyn, ich grame mich auch nicht mehr um die verlohrnen, setze mich aber, wo es dir gefallig ist, nur in einen solchen Stand, worinnen ich deine Ehre befordern, meinen Nachsten nutzen, mein Gewissen rein erhalten, reputirlich leben, und seelig sterben kan.

Gleich denselben Augenblick kam mir in die Gedancken umzusatteln, und an statt der Jurisprudentz die Theologie zu erwehlen, wesswegen ich meine Gelder eincassiren, zwey theile davon auf Zinsen legen, und mich mit dem ubrigen auf die Wittenbergische Universitat begeben wolte. Allein der plotzliche Uberfall eines hitzigen Fiebers, verhinderte mein eilfertiges Vornehmen, denn da ich kaum Zeit gehabt, meinen Wechsel bey Hrn. H. in Empfang zu nehmen, und meine Sachen etwas in Ordnung zu bringen, so sahe mich gezwungen das Bette zu suchen, und einen beruhmten Medicum wie auch eine Wart-Frau holen zu lassen. Meine Lands-Leute so etwas im Vermogen hatten, bekummerten sich, nachdem sie den Zufall meines Vaters vernommen, nicht das geringste um mich, ein armer ehrlicher Studiosus aber, so ebenfalls mein Lands-Mann war, blieb fast Tag und Nacht bey mir, und muss ich ihm zum Ruhme nachsagen, dass ich, in seinen mir damahls geleisteten Diensten mehr Liebe und Treue, als Interesse gespuret. Mein Wunsch ist: ihn dermahleins auszuforschen, und Gelegenheit zu finden, meine Erkanntlichkeit zu zeigen.

Meine Kranckheit daurete inzwischen zu damahligen grossen Verdrusse, und doch noch grossern Glukke, biss in die dritte Woche, worauf ich die freye Lufft wiederum zu vertragen gewohnete, und derowegen mit meinem redlichen Lands-Manne taglich ein paar mahl in das angenehme Rosenthal, doch aber bald wieder nach Hause spatzirete, anbey im Essen und Trincken solche Ordnung hielt, als zu volliger wieder herstellung meiner Gesundheit, vor rathsam hielt. Den ich war nicht gesinet als ein halber oder gantzer Patient nach Wittenberg zu komen.

Der Himmel aber hatte beschlossen: dass so wohl aus meinen geistl. studiren, als aus der nach Wittenberg vorgenommenen Reise nichts werden solte. Denn als ich etliche Tage nach meinen gehaltenen KirchGange und erster Ausflucht mein Morgen-Gebeth annoch verrichtete; klopffte der Brieff-Trager von der Post an meine Thur, und nach Eroffnung derselben, wurde mir von ihm ein Brieff eingehandiget, welchen ich mit zitterenden Handen erbrach, und also gesetzt befand:

D.d. 21. May 1725.

Monsieur,

Ihnen werden diese Zeilen, so von einer ihrer Familie gantz unbekannten Hand geschrieben sind, ohnfehlbar viele Verwunderung verursachen. Allein als ein Studirender, werden sie vielleicht besser, als andere Ungelehrte, zu begreiffen wissen, wie unbegreifflich zuweilen der Himmel das Schicksal der sterblichen Menschen disponiret. Ich Endes unterschriebener, bin zwar ein Teutscher von Geburth, stehe aber vor itzo als Schiffs-Capitain in Hollandischen Diensten, und bin vor wenig Tagen allhier in ihrer Geburths-Stadt angelanget, in Meinung, dero Herrn Vater anzutreffen, dem ich eine der allerprofitablesten Zeitungen von der Welt personlich uberbringen wolte; Allein ich habe zu meinem allergrosten Miss-Vergnugen nicht allein sein gehabtes Ungluck, sondern uber dieses noch vernehmen mussen: dass er allbereit vor MonatsFrist zu Schiffe nach West-Indien gegangen. Diesem aber ohngeachtet, verbindet mich ein geleisteter corperlicher Eyd: Ihnen, Mons. Eberhard Julius, als dessen eintzigen Sohne, ein solches Geheimniss anzuvertrauen, krafft dessen sie nicht allein ihres Herrn Vaters erlittenen Schaden mehr als gedoppelt ersetzen, und vielleicht sich und ihre Nachkommen, biss auf spate Jahre hinaus, glucklich machen konnen.

Ich versichere noch einmahl, Monsieur, dass ich mir ihre allerley Gedancken bey dieser Affaire mehr als zu wohl vorstelle, allein ich bitte sie instandig, alle Hindernisse aus dem Wege zu raumen, und sich in moglichster Geschwindigkeit auf die Reise nach Amsterdam zu machen, damit sie langstens gegen St. Johannis-Tag daselbst eintreffen. Der 27. Jun., wo GOtt will, ist zu meiner Abfahrt nach Ost-Indien angesetzt. Finden sie mich aber nicht mehr, so haben sie eine versiegelte Schrifft, von meiner Hand gestellt, bey dem Banquier, Herrn G.v.B. abzufordern, wornach sie Ihre Messures nehmen konnen. Doch ich befurchte, dass ihre importanten Affairen weitlaufftiger werden, und wohl gar nicht glucklich lauffen mochten, woferne sie verabsaumeten, mich in Amsterdam auf dem Ost-Indischen Hause, allwo ich taglich anzutreffen und bekannt genug bin, personlich zu sprechen. Schliesslich will ihnen die Beschleunigung ihrer Reise zu ihrer zeitlichen Gluckseeligkeit nochmahls freundlich recommendiren, sie der guten Hand Gottes empfehlen, und beharren

Monsieur

votre Valet

Leonhard Wolffgang.

P.S.

trauen zu setzen Ursach habe, folget hierbey ein Wechselbrief a 150. spec. Ducaten an Herrn S. in Leipzig gestellet, welche zu Reise-Kosten aufzunehmen sind.

Es wird vielleicht wenig Muhe kosten, jemanden zu uberreden, dass ich nach Durchlesung dieses Briefes eine gute Zeit nicht anders als ein Traumender auf meinem Stuhle sitzen geblieben. Ja! es ist zu versichern, dass diese neue und vor mich so profitable Zeitung fast eben dergleichen Zerruttung in meinem Gemuthe stifftete: als die vorige von dem Unglucke meines Vaters. Doch konte mich hierbey etwas eher fassen, und mit meinem Verstande ordentlicher zu Rathe gehen, derwegen der Schluss in wenig Stunden dahinaus fiel: mit ehester Post die Reise nach Amsterdam anzutreten. Hierbey fiel mir so gleich der trostliche Vers ein: Es sind ja GOtt sehr schlechte Sachen, etc. welcher mich anreitzete, GOtt hertzlich anzuflehen, dass er meine Jugend in dieser bedencklichen Sache doch ja vor des Satans und der bosen Welt gefahrlichen Stricken, List und Tucken gnadiglich bewahren, und lieber in grostes Armuth, als Gefahr der Seelen gerathen lassen wolle.

Nachdem ich mich solchergestalt mit GOtt und meinem Gewissen wohl berathen, blieb es bey dem gefassten Schlusse, nach Amsterdam zu reisen. Fing derowegen an, alles aufs eiligste darzu zu veranstalten. Bey Herrn S. liess ich mir die 150. Duc. spec. noch selbigen Tages zahlen, packte meine Sachen ein, bezahlete alle diejenigen, so mir Dienste geleistet hatten, nach meinen wenigen Vermogen reichlich, verdung mich mit meiner Equippage auf die Casselische oder Hollandische Post, und fuhr in GOttes Nahmen, mit besondern Gemuths-Vergnugen von Leipzig ab.

Auf dieser Reise begegnete mir nichts ausserordentliches, ausser dem dass ich mich resolvirte, theils Mattigkeit, theils Neugierigkeit wegen, die beruhmten Seltenheiten in und bey der Land-Grafl. Hessen-Casselischen Residentz-Stadt Cassel zu betrachten, einen Post-Tag zu verpassen. Nachdem ich aber ziemlich ausgeruhet, und das magnifique Wesen zu admiriren vielfaltige Gelegenheit gehabt, verfolgte ich meine vorhabende Reise, und gelangete, noch vor dem mir angesetzten Termine, glucklich in Amsterdam an.

Mein Logis nahm ich auf recommendation des Coffre-Tragers in der Wermuths-Strasse im Wapen von Ober-Yssel, und fand daselbst vor einen ermudeten Passagier sehr gute Gelegenheit. Dem ohngeacht vergonnete mir das hefftige Verlangen, den Capitain Wolffgang zu sehen, und ausfuhrlich mit ihm zu sprechen, kaum 7. Stunden Zeit zum Schlaffe, weil es an sich selbst krafftig genug war, alle Mattigkeit aus meinen Gliedern zu vertreiben. Folgendes Tages liess ich mich von mussigen Purschen vor ein gutes Trinkk-Geld in ein und anderes Schenck-Hauss, wohin gemeiniglich See-Fahrer zu kommen pflegten, begleiten. Ich machte mich mit guter manier bald an diesen und jenen, um einen Vorbericht von des Capitain Wolffgangs Person und gantzen Wesen einzuziehen, doch meine Muhe war uberall vergebens. Wir hatten binnen 3. oder 4. Stunden mehr als 12. biss 16. Thee-, Coffee-, Wein- und Brandteweins-Hauser durchstrichen, mehr als 50. See-Fahrer angeredet, und doch niemand angetroffen, der erwehnten Capitain kennen wolte.

Mein Begleiter fing schon an zu taumeln, weil er von dem Weine, den ich ihm an verschiedenen Orten geben liess, ziemlich betruncken war, wesswegen vors dienlichste hielt, mit demselben den Ruckweg nach meinem Quartiere zu suchen. Er liess sich solches gefallen, kaum aber waren wir 100. Schritte zuruck gegangen, als uns ein alter Boots-Knecht begegnete, welchem er zurieff: Wohlauf, Bruder! Kanst du Nachricht geben von dem Capitain Wolffgang? Hier ist ein Trinck-Geld zu verdienen. Well Bruder, antwortete der Boots-Knecht, was soll Capitain Wolffgang? soll ich nicht kennen? soll ich nicht wissen, wo er logirt? habe ich nicht 2. Fahrten mit ihm gethan? habe ich nicht noch vor 3. Tagen 2. fl. von ihm geschenckt bekommen? Guter Freund! fiel ich ihm in die Rede, ists wahr, dass ihr den Capitain Leonhard Wolffgang kennet, so gebet mir weitere Nachricht, ich will Mar Dubel, replicirte der Grobian, meynet ihr, dass ich euch belugen will? so gehet zum Teuffel, und sucht ihn selber. Diese mit einer verzweiffelt-bosshafftigen und scheelen Mine begleiteten Worte waren kaum ausgesprochen, als er sich gantz negligent von uns abwandte, und in einen Wein-Keller verfugte. Mein Begleiter rieth mir nachzugehen, ihm gute Worte und etliche Stuver an Gelde zu geben, auch etwa ein Glass Wein zuzutrincken, mit der Versicherung: er wurde mir sodann schon aufs neue und viel hofflicher zur Rede stehen. Indem mir nun ein so gar vieles daran gelegen war, uberwand ich meinen innerlichen Verdruss, den ich uber die grausame Grobheit dieses Menschen geschopfft hatte, und gehorchte meinem halb betrunckenen Rathgeber.

Paul, so hiess der grobe Boots-Knecht, hatte kaum einen halben Gulden, nebst einer tuchtigen Kanne Wein und die erste Sylbe von einem guten Worte bekommen, als er so gleich der allerhoflichste Klotz von der gantzen Welt zu werden schien. Er kussete meine Hand mit aller Gewalt wohl 50. mahl, hatte wider die Gewohnheit dieser Leute seine Mutze stets in Handen, und wolte, alles meines Bittens ohngeacht, sein Haupt in meiner Gegenwart durchaus nicht bedecken. Mein Begleiter tranck ihm auf meine Gesundheit fleissig zu, Paul that noch fleissiger Bescheid, erzehlete mir aber dabey alles Haarklein, was er von des Capitain Wolffgangs Person, Leben und Wandel in dem innersten seines Hertzens wuste, und diese Erzehlung dauerte uber zwey Stunden, worauf er sich erboth, mich so fort in des Capitains Logis zu fuhren, welches nahe an der Borse gelegen sey.

Allein, ich liess mich verlauten, dass ich meine Visite bey demselben noch etliche Tage aufschieben, und vorhero erstlich von der Reise recht ausruhen wolte. Hierauf bezahlte noch 6. Kannen Wein, den die beyden nassen Bruder getruncken hatten, verehrete dem treuhertzigen Paul noch einen Gulden, und begab mich allein wieder auf den Weg nach meinem Quartiere, weil mein allzu starck besoffener Wegweiser gar nicht von der Stelle zu bringen war.

Ich liess mir von dem Wirthe die Mahlzeit auf meiner Cammer vor mich alleine zubereiten, und wiederholte dabey in Gedancken alles, was mir Paul von dem Capitain Wolffgang erzehlet hatte. Hauptsachlich hatte ich angemerckt, dass derselbe ein vortrefflich kluger und tapfferer See-Mann, anbey zuweilen zwar sehr hitzig, doch aber bald wieder gelassen, gutich und freygebig sey, wie er denn zum offern nicht allein seine Freunde und Boots-Knechte, sondern auch andere gantz frembde mit seinen grosten Schaden und Einbusse aus der Noth gerissen. Dem ohngeacht hatten seine Untergebenen vor wenig Jahren unter Wegs wider diesen ehrlichen Mann rebellirt, demselben bey nachtlicher Weile Hande und Fusse gebunden, und ihn bey einem wusten Felsen ausgesetzt zuruck gelassen. Doch hatte vor einigen Monathen das Glucke den Capitain wieder gesund zuruck gefuhret, und zwar mit vielem Geld und Gutern versehen, auf was vor Art er selbiges aber erworben, wuste Paul nicht zu sagen. Im ubrigen sey er ein Mann von mittler Statur, wohl gebildet und gewachsen, Teutscher Nation, etwas uber 40. Jahr alt, und Lutherischer Religion.

Wie ich nun mit allem Fleiss dahin gestrebet, bevor ich mich dem Capitain zu erkennen gabe, erstlich bey frembden Leuten sichere Kundschafft wegen seines Zustandes, Wesens, Gemuths- und Lebens-Art einzuziehen, so konte mir diese Nachricht als ein Confortativ meines ohne dem starcken Vertrauens nicht anders als hochst angenehm seyn. Die Speisen und Buteille Wein schmeckten mir unter diesen Gedancken vortrefflich wohl, ich machte meinem auf der Post ziemlich zerschuttelten Corper nach der Mahlzeit dennoch eine kleine Motion, hielt aber darauf ein paar Stunden Mittags-Ruhe.

Gegen Abend liess ich mich von meinem vorigen Begleiter, der seinen Rausch doch auch schon ausgeschlaffen hatte, abermahls ausfuhren, und zwar in ein beruhmtes reputirliches Coffee-Hauss, wo sich unzahlige Personen auf verschiedene Arten divertirten. Ich meines Orts sahe mich nach Niemanden anders als See-Officianten um, war auch so glucklich, einen Tisch anzutreffen, welcher mit 6. Personen von dergleichen Schlage besetzt, unten aber noch Platz genung vor mich vorhanden war.

Ich nahm mir die Freyheit, mich nach gemachten hoflichen Compliment mit meinem Coffee-Potgen zu ihnen zu setzen. Ihre gewohnliche Freyheit verleitete sie gar bald, mich, wiewohl in gantz leutseeligen terminis, zu fragen: wer, und woher ich ware? was meine Verrichtungen allhier? Ob ich mich lange in Amsterdam aufzuhalten gedachte? wie es mir allhier gefiele? u.d. gl. Ich beantwortete alle ihre Fragen nach meinem Gutachten, und zwar mit sittsamer Bescheidenheit, keines wegs aber mit einer Sclavischen Submission. Hiernachst drehten sie das Gesprach auf die Beschaffenheit verschiedener Etaaten und Oerter in Teutschland, da ich ihnen denn auf Befragen, nach meinem besten Wissen, hinlangliche Satisfaction gab. Auch fielen sie auf die unterschiedlichen Universitaten und Studenten, worbey ihnen ebenfalls zu sattsamer Nachricht nichts schuldig blieb. Wesswegen der Vornehmste unter ihnen zu mir sprach: Monsieur, ich bekenne, dass ihr mir alter am Verstande als an Jahren vorkommt. Bey GOtt, ich halte viel von dergleichen jungen Leuten.

Ich mochte uber diesen unverhofften Spruch etwas roth werden, machte aber ein hoflich Compliment, und antwortete: Mein Herr! Sie belieben allzu vortheilhafftig von ihrem Diener zu sprechen, ich kan freylich nicht laugnen: dass ich erstlich vor wenig Wochen in mein 20stes Jahr getreten bin, und ohngeacht mich fast von meiner Kindheit an eiffrig auf die studia gelegt, so weiss ich doch gar zu wohl, dass mir noch allzuviel an Conduite und Wissenschafften mangelt, welches ich aber mit der Zeit durch emsigen Fleiss und den Umgang mit geschickten Leuten zu verbessern trachten werde.

Wo ihr Mittel habt, setzte ein anderer hinzu, ware es Schade um euch: wenn ihr nicht wenigstens noch 2. oder 3. Jahr auf Universitaten zubrachtet, nach diesen Gelegenheit suchtet, die vornehmsten Lander von Europa durchzureisen. Denn eben durch das Reisen erlernet man die Kunst, seine erlangte Wissenschafften hier und dar glucklich anzubringen. Eben dieses, versetzte ich, ist mein propos, und ob gleich meine eigenen Mittel dabey nicht zulanglich seyn mochten, so habe doch das feste Vertrauen zu GOtt, dass er etwan hier oder dar gute Gonner erwecken werde, die mir mit gutem Rath und That, um meinen Zweck zu erreichen, an die Hand gehen konnen. Ihr meritirt es sehr wohl, replicirte der erstere, und ich glaube, es wird euch hinfuhro selten daran mangeln. Hiermit wurde der Discours durch ein auf der Strasse entstandenes Lermen unterbrochen, welches sich jedoch bald wiederum stillete, die Herrn See-Officiers aber blieben eine kleine Weile gantz stille sitzen. Ich tranck meinen Coffee auch in der Stille, und rauchte eine Pfeiffe Canaster-Toback, da aber merckte, dass einer von ihnen mich offters sehr freundlich ansahe, nahm mir die Kuhnheit, ihn zu fragen: Ob sich nicht allhier in Amsterdam ein gewisser Schiffs-Capitain, Nahmens Leonhard Wolffgang, aufhielte? Mir ist (antwortete er) dieser Nahme nicht bekandt. Wie? (fiel ihm derjenige, welchen ich vor den vornehmsten hielt, in die Rede) soltet ihr den beruhmten Capitain Wolffgang nicht kennen? welches jener so wohl als die andern mit einem Kopff-Schutteln verneineten. Monsieur, (redete er zu mir) ist Wolffgang etwan euer Befreundter oder Bekandter? Mein Herr, (versetzte ich) keins von beyden, sondern ich habe nur unterweges auf der Post mit einem Passagier gesprochen, der sich vor einen Vetter von ihm ausgab, und darbey sehr viel merckwurdiges von seinen Avanturen erzehlete.

Messieurs, (fuhr also der ansehnliche See-Mann in seiner Rede fort) ich kan euch versichern, dass selbiger Capitain ein perfecter See-Officier, u. dabey recht starcker Avanturier ist, welcher aber doch sehr wenig Wesens von sich macht, und gar selten etwas von seinen eigenen Begebenheiten erzehlet, es sey denn, dass er bey ausserordentlich guter Laune anzutreffen. Er ist ein special Freund von mir, ich kan mich aber desswegen doch nicht ruhmen, viel von seinen Geheimnissen ausgeforscht zu haben. Bey was vor Gelegenheit er zu seinem grossen Vermogen gekommen? kan ich nicht sagen, denn ich habe ihn vor etliche 20. Jahren, da er auf dem Schiffe, der Hollandische Lowe genandt, annoch die Feder fuhrete, als einen pauvre diable gekennet, nach diesen hat er den Degen ergriffen, und sich durch seine bravoure zu dem Posten eines Capitains geschwungen. Seine Conduite ist dermassen angenehm, dass sich jederman mit ihm in Gesellschafft zu seyn wunschet. Vor kurtzen hat er sich ein vortrefflich neues Schiff, unter dem Nahmen, der getreue Paris, ausgerustet, mit welchen er eine neue Tour auf die Barbarischen Kusten und Ost-Indien zu thun gesonnen, und wie ich glaube, in wenig Tagen abseegeln wird. Hat einer oder der andere Lust, ihn vor seiner Abfahrt kennen zu lernen, der stelle sich morgenden Vormittag auf dem Ost-Indischen Hause ein, allwo ich nothwendiger Affairen halber mit ihm zu sprechen habe, und Abrede nehmen werde, an welchem Orte wir uns Nachmittags divertiren konnen. Hiermit stund der ansehnliche Herr von seiner Stelle auf, um in sein Logis zu gehen, die andern folgten ihm, ich aber blieb, nachdem ich von ihnen hoflichen Abschied genommen, noch eine Stunde sitzen, hatte meine eigenen vergnugten Gedancken uber das angehorte Gesprach, und ging hernachmahls mit meinem abermahls ziemlich berauschten Begleiter zuruck in mein Logis, allwo mich so gleich niederlegte, und viel sanffter, als sonst gewohnlich, ruhete.

Folgenden Morgen begab mich in reinlicherer Kleidung in die neue Lutherische Kirche, und nach verrichteter Andacht spatzirte auf das Ost-Indische Hauss zu, da nun im Begriff war, die Kostbarkeiten desselben gantz erstaunend zu betrachten; horete ich seitwerts an einem etwas erhabenen Orte die Stimme des gestern mir so ansehnlich gewesenen See-Officiers zu einem andern folgendes reden: Mon Frere! sehet dort einen wohl conduisirten jungen Teutschen stehen, welcher nur vor wenig Tagen mit der Post von Leipzig gekommen, und gestrigen Abend in meiner Compagnie nach euch gefragt hat, weil er unterwegs einen eurer Vettern gesprochen: Es wurde gleich hierauf etliche mahl gepistet, so bald nun vermerckte, dass es mich anginge, machte ich gegen die 2. neben einander stehende Herren meinen Reverence, Sie danckten mir sehr hoflich, beuhrlaubten sich aber so gleich von einander. Der Unbekandte kam augenblicklich auf mich zu, machte mir ein sehr freundlich Compliment, und sagte: Monsieur, wo ich mich nicht irre, werden sie vielleicht den Capitain Wolffgang suchen? Mon Patron, (antwortete ich) ich weiss nicht anders, und bin dieserhalb von Leipzig nach Amsterdam gereiset. Um Vergebung, (fragte er weiter) wie ist ihr Nahme? (Meine Antwort war) Ich heisse Eberhard Julius. Den Augenblick fiel er mir um den Halss, kussete mich auf die Stirn, und sagte: Mein Sohn, an mir findet ihr denjenigen, so ihr sucht, nemlich den Capitain Leonhard Wolffgang. GOtt sey gelobet, der meinen Brieff und eure Person die rechten Wege gefuhret hat, doch habt die Gute, eine kleine Stunde hier zu verziehen, biss ich, nachdem ich meine wichtigen Geschaffte besorgt, wieder anhero komme, und euch abruffe. Ich versprach seinem Befehl zu gehorsamen, er aber ging eilends fort, und kam, ehe noch eine Stunde verstrichen, wieder zuruck, nahm mich bey der Hand, und sagte: So komet denn, mein Sohn, und folget mir in

mein Logis, allwo ich euch ein solches Geheimniss entdecken werde, welches, je unglaublicher es anfanglich scheinen, desto kostbarer vor euch seyn wird. Die verschiedenen Gemuths-Bewegungen, so bey dieser Zusammenkunfft in mir gantz wunderlich durch einander gingen, hatten meinen Kopff dermassen verwirret, dass fast nicht mehr wuste, was ich antworten, oder wie mich stellen wolte, doch unterwegens, da der Capitain bald mit diesen, bald mit jenen Personen etwas zu schaffen hatte, bekam ich Zeit, mich etwas wieder in Ordnung zu bringen. So bald wir demnach in seinem Logis eingetreten waren, umarmete er mich aufs neue, und sagte: Seyd mir vielmahls willkommen, allerwerthester Freund, und nehmet nicht ungutig, wenn ich euch hinfuhro, Mein Sohn, nenne, weiln die Zeit lehren soll, dass ich als ein Vater handeln, und euch an einen solchen Ort fuhren werde, wo ihr den Grund-Stein zu eurer zeitlichen Gluckseeligkeit finden konnet, welche, wie ich glaube, durch das Ungluck eures Vaters auf schwachen Fuss gesetzt worden. Jedoch, weil ich nicht gesonnen bin, vor eingenommener Mittags-Mahlzeit von unsern importanten Affairen ausfuhrlich mit euch zu sprechen, so werdet ihr euch belieben lassen, selbe bey mir einzunehmen, inzwischen aber, biss die Speisen zubereitet sind, mir eine kurtze Erzehlung von eurem Geschlechte und eigner Auferziehung thun. Ich wegerte mich im geringsten nicht, seinem Verlangen ein Genugen zu leisten, und fassete zwar alles in moglichste Kurtze, brachte aber dennoch langer als eine Stunde darmit zu, war auch eben fertig, da die Speisen aufgetragen wurden.

Nachdem wir beyderseits gesattiget, und aufgestanden waren, befahl der Capitain, Toback und Pfeiffen her zu geben, auch Coffee zurechte zu machen, er aber langete aus seinem Contoir einen dreymahl versiegelten Brieff, und uberreichte mir selben ohne einiges Wortsprechen. Ich sahe nach der Uberschrifft, und fand dieselbe zu meiner grosten Verwunderung also gesetzt:

Dieser im Nahmen der heiligen Dreyfaltigkeit ver

siegelte Brieff soll von niemand anders gebro

chen werden, als einem, der den Geschlechts

Nahmen Julius fuhret, von dem ao. 1633 un

schuldig enthaupteten Stephano Julius NB. er

weisslich abstammet, und aus keuschem Ehe

Bette gezeuget worden.

NB.

Der Fluch sehr alter Leute, die da GOtt furchten, thut gottlosen und betrugerischen Leuten Schaden.

Dergleichen Titul und Uberschrifft eines Briefes war Zeit meines Lebens nicht vor meine Augen kommen, doch weil ich ein gut gewissen hatte, konte mich gar bald in den Handel schicken. Der Capitain Wolffgang sahe mich starr an, ich aber machte eine freudige Mine, und sagte: Mon Pere, es fehlet nichts als Dero gutige Erlaubniss, sonsten hatte ich die Macht und Freyheit, diesen Brieff zu erbrechen. Erbrechet denselben, antwortete er, im Nahmen der heil. Dreyfaltigkeit. Weiln er, versetzte ich, im Nahmen der heil. Dreyfaltigkeit geschrieben und versiegelt worden, und mein Gewissen von allen Betrugereyen rein ist, so will ich, doch nicht anders, als auf Dero Befehl, denselben auch im Nahmen der heil. Dreyfaltigkeit erbrechen. Mit Aussprechung dieser Worte losete ich die Siegel, und fand den Innhalt also gesetzt:

Mein Enckel.

Anders kan und will ich euch nicht nennen, und wenn ihr gleich der machtigste Furst in Europa waret, den es fragte sich, ob mein gluckseliger Character dem eurigen nicht vorzuziehen sey, indem ich ein solcher Souverain bin, dessen Unterthanen so viel Liebe als Furcht, und so viel Furcht als Liebe hegen, uber dieses an baaren Gelde und Jubelen einen solchen Schatz aufzuweisen habe, als ein grosser Furst seinen Etaat zu formiren von nothen hat. Doch was nutzet mir das Prahlen, ich lebe vergnugt, und will vergnugt sterben, wenn nur erst das Gluck erlebt, einen von denenjenigen, welche meinen Geschlechts-Nahmen fuhren, gesehen zu haben. Machet euch auf, und kommet zu mir, ihr moget arm oder reich, krum oder lahm, alt oder jung seyn, es gilt mir gleich viel, nur einen Julius von Geschlechte, der Gottesfurchtig und ohne Betrug ist, verlange ich zu umarmen, und ihm den grosten Theil der mir und den Meinigen unnutzlichen Schatze zuzuwenden. Dem Herrn Leonhard Wolffgang konnet ihr sicher trauen, weil er seine lincke Hand auf meine alte Brust gelegt, die rechte aber gegen GOtt dem Allmachtigen in die Hohe gereckt, jenigen Forderungen, so ich an ihn gethan, nach Moglichkeit zu erfullen. Er wird alles, was ich an euch zu schreiben Bedencken trage, besser mundlich ausrichten, und eine ziemliche Beschreibung von meinem Zustande machen. Folget ihm in allen, was er euch befiehlet, seyd gesund, und kommet mit ihm bald zu mir. Dat. Felsenburg, den 29. Sept. Anno Christi 1724. Meiner Regierung im 78. und meines Alters im 97. Jahre.

(L.S.)

Albertus Julius.

Ich uberlass den Brieff wohl 5. biss 6. mahl, konte mir aber dennoch in meinen Gedancken keinen volligen und richtigen Begriff von der gantzen Sache machen, welches der Capitain Wolffgang leichtlich merckte, und derowegen zu mir sprach: Mein Sohn! alles euer Nachsinnen wird vergebens seyn, ehe ihr die auflosung dieses Ratzels von mir, in Erzahlung der wunderbaren Geschicht eures Vettern, Albert Julius, vernehmet, setzet euch demnach nieder und horet mir zu.

Hiermit fing er an, eine, meines Erachtens, der wunderbarsten Begebenheiten von der Welt zu erzehlen, die ich dem geneigten Leser, als die Haupt-Sache dieses Buchs am gehorigen Orthe ordentlicher und melden, dass da der Capitain uber zwey Stunden damit zugebracht, und mich in erstaunendes Vergnugen gesetzt hatte; ich mich auf eine recht sonderlich verpflichtete Art gegen ihn bedanckte, in allen Stukken seiner gutigen Vorsorge empfahl, anbey allen kindlichen und schuldigen Gehorsam zu leisten versprach.

Nachdem aber fest gestellet war, mit ihm zu Schiffe zu gehen, liess er meine Sachen aus dem Gasthofe abholen, und behielt mich bey sich in seinem eigenen Logis, er bezeugte eine gantz besondere Freude uber einige schrifftl. Documenta und andere Dinge, welche Zeugniss gaben, dass ich und meine Vorfahren, in richtigen graden von dem Stephano Julio herstammeten, weil derselbe meines Grossvaters Grossvater, Johann Balthasar Julius aber, als meines leiblichen Vaters Grossvater, der anno 1630. gebohren, ein leiblicher Bruder des Alberti Julii, und jungster Sohn des Stephani gewesen.

Unsere Abfarth blieb auf den 27. Jun. fest gestellet, binnen welcher Zeit ich 200. Stuck deutsche, 100. Stuck Englische Bibeln, 400. Gesang- und Gebethnebst vielen andern, so wohl geistl. als weltlichen hochst nutzlichen Buchern, alle sauber gebunden, kauffen, und zum mitnehmen einpacken muste, uber dieses muste noch vor etliche 1000. Thlr. allerhand so wohl kunstliche als gemeine Instrumenta, vielerley Hauss-Rath, etliche Ballen weiss Pappier, Dinten Pulver, Federn, Bleystiffte, nebst mancherley Kleinigkeiten erhandeln, welches alles, worzu es gebraucht worden, am gehorigen Orthe melden will.

Mein werther Capitain Wolffgang merckte, dass ich nicht gerne mussig gieng, uberliess mir demnach alle Sorgfalt uber diejenigen Puncte, so er nach und nach, wie sie ihm beygefallen waren, auf ein Papier verzeichnet hatte, und zeigte sich die wenigen Stunden, so ihm seine wichtigen Verrichtungen zu Hause zu seyn erlaubten, meines verspurten Fleisses und Ordnung wegen, sehr vergnugt.

Am 24. Jun. gleich am Tage Johannis des Tauffers, liess sich, da wir eben Mittags zu Tische sassen, ein fremder Mensch bey dem Capitain melden, dieser gieng hinaus denselben abzufertigen, kam aber sogleich wieder zuruck ins Zimmer, brachte eine ansehnliche Person in Priester habite an der Hand hinein gefuhret, und nothigte denselben sich bey uns zu Tische zu setzen. Kaum hatte ich den frembden Priester recht ins Gesicht gesehen, als ich ihn vor meinen ehemahligen Informator, Herrn Ernst Gottlieb Schmeltzern erkannte, umarmete, und zu verschiedenen mahlen kussete, denn er hatte von meinem zehenten biss ins 14te Jahr, ungemein wohl an mir gethan, und mich hertzlich geliebet.

Als er mich gleichfals vollig erkannt und gekusset, gab er seine Verwunderung, mich allhier anzutreffen, mit Worten zu verstehen. Ich that, ohne ihm zu antworten, einen Blick auf den Capitain, und nahm wahr, dass ihm uber unser hertzliches Bewillkommen, die Augen voll Freuden-Thranen stunden. Er sagte: setzet euch, meine lieben, und speiset, denn wir hernach noch Zeit genung haben mit einander zu sprechen.

Dem ohngeacht, konte ich die Zeit nicht erwarten, sondern fragte bald darauff meinen lieben Herrn Schmeltzer, ob er bey denen Lutheranern allhier in Amsterdam seine Beforderung gefunden? Er antwortete mit einigem Lacheln: Nein. Der Capitain aber sagte: Mein Sohn, dieser Herr soll auf dem Schiffe, unser, nach diesem an gehorigem Orthe, auch eurer Vettern und Muhmen, Seelsorger seyn. Ich habe die Hofnung von ihm, dass er nachst Gottl. Hulffe daselbst mehr Wunder thun, und sein Ammt fruchtbarlicher verrichten werde, als sonsten unter 100. Lutherischen Predigern kaum einer. Und in der That hatte ihn der Capitain in ordentliche Bestallung genommen, auf seine Kosten behorig zum Priester weyhen lassen, und in Amsterdam bey uns einzutreffen befohlen, welchem allen er denn auch aufs genauste nachgekommen war.

Indem aber nunmehro fast alles, was der Capitain entworffen, in behorige Ordnung gebracht war, wandte derselbe die 2. letztern Tage weiter sonderlich zu nichts an, als seinen guten Freunden die AbschiedsVisiten zu geben, worbey Herr Schmeltzer und ich ihn mehrentheils begleiteten, am 27ten Jun. 1725. aber, verliessen wir unter dem starcksten Vertrauen auf den Beystand des Allmachtigen, die Weltberuhmte Stadt Amsterdam, und kamen den 30. dito auf dem Texel an, allwo wir 14. Tage verweileten, den 15. Jul. unter Begleitung vieler andern Schiffe unter Seegel giengen, und von einem favorablen Winde nach Wunsche fort getrieben wurden. Nach Mitternacht wurde derselbe etwas starcker, welches zwar niemand von See-Erfahrnen gross achten wolte, jedoch mir, der ich schon ein paar Stundgen geschlummert hatte, kam es schon als einer der grosten Sturme vor, wesswegen alle meine Courage von mir weichen wolte, jedoch da ich nicht gesonnen, selbige fahren zu lassen, entfuhr mir folgende Tage nach einander, s.v. alles, was in meinen Magen und Gedarmen vorhanden war. Dem Herrn Schmeltzer und vielen andern, so ebenfalls das erste mal auf die See kamen, ging es zwar eben nicht anders, allein mir dennoch am allerubelsten, weil ich nicht eher ausser dem Bette dauren konte, biss wir den Canal vollig passiret waren, dahingegen die andern sich in wenig Tagen wieder gesund und frisch befunden hatten.

Meinem Capitain war im rechten Ernste bange worden, bey meiner so lange anhaltenden Kranckheit, und indem er mir bestandig sein hertzliches Mittleyden spuren liess, durffte es an nichts, was zu meinem Besten gereichte, ermangeln; biss meine Gesundheit wiederum vollig hergestellet war, da ich denn sonsten nichts bedaurete, als dass mich nicht im Stande befunden hatte, von den Frantzosischen und Englischen Kusten, im vorbey fahren etwas in nahen Augenschein zu nehmen.

Nunmehro sahe nichts um mich, als Wasser Himmel und unser Schiff, von den zuruck gelegten Landern aber, nur eine dunckele Schattirung, doch hatte kurtz darauff das besondere Vergnugen: bey schonem hellen Wetter, die Kusten von Portugall der Lange nach, zu betrachten.

Eines Tages, da der Capitain, der SchiffLieutenant Horn, Johann Ferdinand Kramer, ein gar geschickter Chirurgus von 28. biss 29. Jahren, Friedrich Litzberg, ein artiger Mensch von etwa 28. Jahren, der sich vor einen Mathematicum ausgab, und ich, an einem bequemlichen Orthe beysammen sassen, und von diesen und jenen discoutirten, sagte der Lieutenannt Horn zu dem Capitain: Mein Herr, ich glaube sie konten uns allerseits kein grosseres Vergnugen machen, als wenn sie sich gefallen liessen, einige, ihnen auf dero vielen Reisen gehabte Avanturen zu erzehlen, welche gewiss nicht anders, als sonderbar seyn konnen, mich wenigstens wurden sie damit sehr obligiren, woferne es anders, seiten ihrer, ohne Verdruss geschehen kan.

Der Capitain gab lachelnd zur Antwort: Sie bitten mich um etwas, mein Herr, das ich selbsten an Sie wurde gebracht haben, weiln ich gewisser Ursachen wegen schon 2. biss drey Tage darzu disponirt gewesen, will mir also ein geneigtes Gehor von ihnen ausgebethen haben, und meine Erzahlung gleich anfangen, so bald Mons. Plager und Harckert unsere Gesellschafft verstarckt haben. Litzberg, welchem so wohl, als mir, Zeit und Weile lang wurde, etwas erzehlen zu horen, lieff stracks fort, beyde zu ruffen, deren der erste ein Uhrmacher etliche 30. Jahr alt, der andere ein Posamentirer von etwa 23. Jahren, und beydes Leute sehr feines Ansehens waren. Kaum hatten sich dieselben eingestellet, da sich der Capitain zwischen uns einsetzte, und die Erzehlung seiner Geschichte folgendermassen anfing.

Ich bin kein Mann aus vornehmen Geschlechte, sondern eines Posamentiers oder Bortenwurckers Sohn, aus einer mittelmassigen Stadt, in der Marck Brandenburg, mein Vater hatte zu seinem nicht allzu uberflussigen Vermogen, 8. lebendige Kinder, nemlich 3. Tochter und 5. Sohne, unter welchen ich der jungste, ihm auch, weil er schon ziemlich bey Jahren, der liebste war. Meine 4. Bruder lerneten, nach ihren Belieben, Handwercke, ich aber, weil ich eine besondere Liebe zu den Buchern zeigte, wurde fleissig zur Schule und privat-Information gehalten, und brachte es so weit, dass in meinem 19. Jahre auf die Universitat nach Franckfurth an der Oder ziehen konte. Ich wolte Jura, muste aber, auf expressen Befehl meines Vaters, Medicinam, studiren, ohne zweiffel, weil nicht mehr als 2. allbereit sehr alte Medici, oder deutlicher zu sagen, privilegirte Liferanten des Todes in unserer Stadt waren, die vielleicht ein mehreres an den Verstorbenen, als glucklich curirten Patienten verdient haben mochten. Einem solchen dachte mich nun etwa mein Vater mit guter manier und zwar per genitivum zu substituiren, weiln er eine eintzige Tochter hatte, welche die allerschonste unter den hasslichsten Jungfern, salvo errore calculi, war, und der die dentes sapienti, oder deutsch zu sagen, die letzten Zahne nur allererst schon vor 12. biss 16. Jahren gewachsen waren.

Ich machte gute progressen in meinen studiren, weiln alle Quartale nur 30. Thlr. zu verthun bekam, also wenig debauchen machen durffte, sondern fein zu Hause bleiben und fleissig seyn muste.

Doch mein Zustand auf Universitaten wolte sich zu verbessern mine machen, denn da ich nach anderthalbjahrigen Abseyn die Pfingst-Ferien bey meinen Eltern celebrirte, fand ich Gelegenheit, bey meinem, zu hoffen habenden Hrn. Schwieger-Vater mich dermassen zu insinuiren, dass er als ein Mann, der in der Stadt etwas zu sprechen hatte, ein jahrliches stipendium von 60. Thlr. vor mich heraus brachte, welche ich nebst meinen Vaterlichen 30. Thlr. auf einem Brete bezahlt, in Empfang nahm, und mit viel freudigern Hertzen wieder nach Franckfurth eilete, als vor wenig Wochen davon abgereiset war.

Nunmehro meinete ich keine Noth zu leyden, fuhrete mich demnach auch einmal als ein rechtschaffener Pursch auf, und gab einen Schmauss vor 12. biss 16. meiner besten Freunde, wurde hierauff von ein und andern wieder zum Schmause invitirt, und lernete recht pursicos leben, das ist, fressen, sauffen, speyen, schreyen, wetzen und dergleichen.

Aber! Aber! meine Schmauserey bekam mir wie dem Hunde das Grass, denn als ich einsmals des Nachts ziemlich besoffen nach Hause ging, und zugleich mein Muthlein, mit dem Degen in der Faust, an den unschuldigen Steinen kuhlete, kam mir ohnversehens ein eingebildeter Eisenfresser mit den trostlichen Worten auf den Hals: Barenheuter steh! Ich weiss nicht was ich nuchterner Weise gethan hatte, wenn ich Gelegenheit gesehen, mit guter manier zu entwischen, so aber hatte ich mit dem vielen getrunckenen Weine doppelte Courage, eingeschlungen, setzte mich also, weil mir der Pass zur Flucht ohnedem verhauen war, in positur, gegen meinen Feind offensive zu agiren, und legte denselben, nach kurtzen chargiren, mit einem fatalen Stosse zu Boden. Er rieff mit schwacher Stimme: Barenhauter, du hast dich gehalten als ein resoluter Kerl, mir aber kostet es das Leben, GOTT sey meiner armen Seele gnadig.

Im Augenblicke schien ich gantz wieder nuchtern zu seyn, ruffte auch niemanden, der mich nach Hause begleiten solte, sondern schlich viel hurtiger davon, als der Fuchs vom Huner Hause. Dennoch war es, ich weiss nicht quo fato, heraus gekommen, dass ich der Thater sey; es wurde auch starck nach mir gefragt und gesucht, doch meine besten Freunde hatten mich, nebst allen meinen Sachen, dermassen kunstlich versteckt, dass mich in 8. Tagen niemand finden, vielweniger glauben konte, dass ich noch in loco vorhanden sey. Nach verfluss solcher angstlichen 8. Tage, wurde ich eben so kunstlich zum Thore hinaus practiciret, ein anderer guter Freund kam mit einem Wagen hinter drein, nahm mich unterweges, dem Scheine nach, aus Barmhertzigkeit, zu sich auf den Wagen, und brachte meinen zitterenden Corper glucklich uber die Grentze, an einen solchen Orth, wo ich weiter sonderlich nichts wegen des Nachsetzens zu befurchten hatte. Doch allzu sicher durffte ich eben auch nicht trauen, derowegen practicirte mich durch allerhand Umwege, endlich nach Wunsche, in die an der Ost-See gelegene Konigl. Schwed. Unniversitat Grypswalda, allwo ich in gantz guter Ruhe hatte leben konnen, wenn mir nur mein unruhiges Gewissen dieselbe vergonnet hatte, denn ausser dem, dass ich die schwere Blut-Schuld auf der Seele hatte, so kam noch die betrubte Nachricht darzu, dass mein Vater, so bald er diesen Streich erfahren, vom Schlage geruhret worden, und wenig Stunden darauff gestorben sey. Meinen Theil der Erbschafft hatten die Gerichten confiscirt, doch schickten mir meine Geschwister aus commiseration, jedes 10. Thlr. von dem ihrigen, und baten mich um GOTTES willen, so weit in die Welt hinein zu gehen als ich konte, damit sie nicht etwa eine noch betrubtere Zeitung, von Abschlagung meines Kopffs bekommen mochten.

Ich hatte, nach verlauf fast eines halben Jahres, ohnedem keine Lust mehr in Grypswalde zu bleiben, weiln mir nicht so wohl hinlangliche subsidia als eine wahre Gemuths-Ruhe fehleten, entschloss mich demnach selbige auf der unruhigen See zu suchen, und dessfals zu Schiffe zu gehen. Dieses mein Vorhaben entdeckte ich einem Studioso Theologi, der mein sehr guter Freund und Sohn eines starcken HandelsMannes in Lubeck war, selbiger recommendirte mich an seinen Vater, der eben zugegen, und seinen Sohn besuchte, der Kauffmann stellete mich auf die Probe, da er nun merckte, dass ich im schreiben und rechnen sauber und expedit, auch sonsten einen ziemlich verschlagenen Kopff hatte, versprach er mir jahrlich 100. Thlr. Silber-Muntze, bestandige defrayirung so wohl zu Hause als auf Reisen, und bey gutem Verhalten dann und wann ein extraordinaires ansehnliches Accidens.

Diese schone Gelegenheit ergriff ich mit beyden Handen, reisete mit ihm nach Hause, und insinuirte mich durch unermudeten Fleiss dermassen bey ihm, dass er in kurtzer Zeit ein starckes Vertrauen auf meine Conduite setzte, und mich mit den wichtigsten Commissionen in diejenigen See-Stadte versendete, wo er seine vornehmsten Verkehr hatte.

Nachdem ich 2. Jahr bey ihm in Diensten gestanden, wurde mir, da ich nach Amsterdam verschickt war, daselbst eine weit profitablere Condition angetragen, ich acceptirte dieselbe, reisete aber erstlich wieder nach Lubeck, forderte von meinem Patron gantz hofflich den Abschied, welcher ungern daran wolte, im Gegentheil mir jahrlich mein salarium um 50. Thlr. zu verbessern versprach, allein ich hatte mir einmal die Farth nach Ost-Indien in den Kopff gesetzt, und solche war gar nicht heraus zu bringen. So bald ich demnach meinen ehrlichen Abschied nebst 50. Thlr. Geschencke uber den Lohn von meinem Patron erhalten, nahm ich von denselben ein recht zartliches Valet, wobey er mich bath, ihm bey meiner Retour, ich mochte glucklich oder unglucklich gewesen seyn, wieder zuzusprechen, und reisete in GOTTES Nahmen nach Amsterdam, allwo ich auf dem Schiffe, der Hollandische Lowe genannt, meinen Gedancken nach, den kostbarsten Dienst bekam, weiln jahrlich auf 600. Hollandische Gulden Besoldung sichern Etaat machen konte.

Mein Vermogen, welches ich ohne meines vorigen Patrons Schaden zusammen gescharret, belieff sich auf 800. Holland. fl. selbiges legte meistens an lauter solche Waaren, womit man sich auf der Reise nach Ost-Indien offters 10. biss 20. fachen profit machen kan, fing also an ein rechter, wiewohl annoch gantz kleiner, Kauffmann zu werden.

Immittelst fuhrte ich mich so wol auf dem Schiffe, als auch an andern Orten, dermassen sparsam und heimlich auf, dass ein jeder glauben muste: ich hatte nicht 10. fl. in meinem gantzen Leben, an meiner Hertzhafftigkeit und freyen Wesen aber hatte niemand das geringste auszusetzen; weil ich mir von keinem, er mochte seyn wer er wolte, auf dem Munde trommeln liess. Auf dem Cap de bonne esperence, allwo wir genothiget waren, etliche Wochen zu verweilen, hatte ich eine verzweiffelte Rencontre, und zwar durch folgende Veranlassung: Ich ging eines Tages von dem Cap zum Zeitvertreib etwas tieffer ins Land hinein, um mit meiner mitgenommenen Flinte ein anstandiges stuckgen Wildpret zu schiessen, und gerieth von ohngefahr an ein, nach dasiger Arth gantz zierlich erbautes Lust-Hauss, so mit feinen Garten und Weinbergen umgeben war, es schien mir wurdig genung zu seyn, solches von aussen rings herum zu betrachten, gelangete also an eine halb offenstehende kleine Garten-Thur, trat hinnein und sahe ein gewiss recht schon gebildet, und wohl gekleydetes Frauenzimmer, nach dem klange einer kleinen Trommel, die ein anderes Frauenzimmer ziemlich Tact-massig spielete, recht zierlich tantzen.

Ich merckte dass sie meiner gewahr wurde, jedennoch liess sie sich gar nicht stohren, sondern tantzte noch eine gute Zeit fort, endlich aber, da sie aufgehoret und einer alten Frauen etwas ins Ohr gesagt hatte; kam die letztere auf mich zu, und sagte auf ziemlich gut Hollandisch: Wohl mein Herr! ihr habt ohne gebethene Erlaubniss euch die Freyheit genommen, meiner gnadigen Frauen im Tantze zuzusehen, derowegen verlangt sie zu wissen, wer ihr seyd, nachst dem, dass ihr deroselben den Tantz bezahlen sollet. Liebe Mutter, gab ich zur Antwort, vermeldet eurer gnadigen Frauen meinen unterthanigsten Respect, nachst dem, dass ich ein Unter-Officier von dem hier am Cap liegenden Hollandischen Schiffen sey, und das Vergnugen, so mir dieselbe mit ihrem zierlichen tantzen erweckt, hertzlich gerne bezahlen will, wenn nur die Forderung mein Vermogen nicht ubersteiget.

Die Alte hatte ihren Rapport kaum abgestattet als sie mir, auf Befehl der Tantzerin naher zu kommen, winckte. Ich gehorsamte, und muste mit in eine dick belaubte Hutte von Wein-Reben eintreten, auch sogleich bey der gnadigen Frau Tantzerin Platz nehmen. Der nicht weniger recht wohlgebildete Tambour, so zum Tantze aufgetrummelt hatte, fuhrte sich von selbsten ab, war also niemand bey uns als die alte Frau, in deren Gegenwart mich die gnadige Tantzerin mit der allerfreundlichsten mine auf geradebrecht Hollandisch anredete, und bath, ich mochte die Gnade haben und ihr selbsten erzehlen, wer? woher? was ich sey? und wohin ich zu reisen gedachte, ich beantwortete alles, so wie es mir in die Gedancken kam, weil ich wohl wuste, dass ihr ein wahrhafftes Bekanntniss eben so viel gelten konte, als ein erdachtes. Sie redete hierauf etwas weniges mit der Alten, in einer mir unbekandten Sprache, welche etliche mal mit dem Kopffe nickte und zur Hutte hinaus gieng. Kaum hatte selbige uns den Rucken zugekehret, da die Dame mich sogleich bey der Hand nahm und sagte: Mein Herr, die jungen Europaer sind schone Leute, und ihr sonderlich seyd sehr schon. Madame, gab ich zur Antwort, es Beliebt euch mit euren Sclaven zu schertzen, denn ich weiss dass aus meinen Ansehen nichts sonderliches zu machen ist. Ja ja war ihre Gegenrede, ihr seyd in Wahrheit sehr schon, ich wunschte im Ernste, dass ihr mein Sclave waret, ihr soltet gewiss keine schlimme Sache bey mir haben. Aber fuhr sie fort, sagt mir, wie es kommt, dass auf diesem Cap lauter alte, ubel gebildete, und keine schonen jungen Europaer bleiben? Madame, versetzte ich, wenn nur auf diesem Cap noch mehr so schones Frauenzimmer wie ihr seyd, anzutreffen ware, so kan ich euch versichern, dass auch viel junge Europaer hier bleiben wurden. Was? fragte sie, saget ihr, dass ich schone sey, und euch gefalle? Ich muste, war meine Antwort: keine gesunde Augen und Verstand haben, wenn ich nicht gestunde, dass mir eure Schonheit recht im Hertzen wohl gefallt. Wie kan ich dieses glauben? replicirte sie, ihr sagt, dass ich schone sey, euch im Hertzen wohl gefalle, und kusset mich nicht einmal? da ihr doch alleine bey mir seyd, und euch vor niemand zu furchten habt. Ihre artige lispelende wiewol unvollkomene Hollandis.

Sprache kam mir so lieblich, der Innhalt der Rede aber, nebst denen charmanten Minen, dermassen entzuckend vor, dass an statt der Antwort mir die Kuhnheit nahm, einen feurigen Kuss auf ihre Purpurrothen und zierlich aufgeworffenen Lippen zu drucken, an statt dieses zu verwehren, bezahlete sie meinen Kuss, mit 10. biss 12. andern, weil ich nun nichts schuldig bleiben wolte, wechselten wir eine gute Zeit mit einander ab, biss endlich beyde Mauler gantz ermudet auf einander liegen blieben, worbey sie mich so hefftig an ihre Brust druckte, dass mir fast der Athem hatte vergehen mogen. Endlich liess sie mich loss, und sahe sich um, ob uns etwa die Alte belauschen mochte, da aber niemand vorhanden war, ergriff sie meine Hand, legte dieselbe auf die, wegen des tieff ausgeschnittenen habits, uber halb entblosseten Bruste, welche, durch das hefftige auf- und niedersteigen, die Gluth des verliebten Hertzens abzukuhlen suchten, deren Flammen sich in den kohlpechschwartzen schonen Augen zeigten. Das Kussen wurde aufs neue wiederholet, und ich glaube, dass ich dieses mal gantz gewiss uber dass 6te Gebot hingesturtzt ware, so aber war es vor diesesmal nur gestolpert, weil sich noch zum guten Glucke die Alte von ferne mit Husten horen liess, dahero wir uns eiligst von einander trenneten, und so bescheiden da sassen, als ob wir kein Wasser betrubet hatten.

Die Alte brachte in einem Korbe 2. Bouteillen delicaten Wein, eine Bouteille Limonade, und verschiedene Fruchte und Confituren, worzu ich mich gar nicht lange nothigen liess, sondern so wohl als die Dame, welche mir nun noch 1000. mal schoner vorkam, mit grosten Appetit davon genoss. So lange die Alte zugegen war, redeten wir von gantz indiffirenten Sachen, da sie sich aber nur noch auf ein sehr kurtzes entfernete, um eine gewisse Frucht von der andern Seite des Gartens herzuholen, gab mir die Dame mit untermengten feurigen Kussen zu vernehmen: Ich solte mir Morgen, ohngefahr zwey Stunden fruher als ich heute gekommen, ein Gewerbe machen, wiederum an dieser Stelle bey ihr zu erscheinen, da sie mir denn eine gewisse Nacht bestimmen wolte, in welcher wir ohne Furcht gantz alleine beysammen bleiben konten. Weiln mir nun die Alte zu geschwinde auf den Halss kam, muste die Antwort schuldig bleiben, doch da es mich Zeit zu seyn dunckte Abschied zu nehmen, sagte ich noch: Madame, ihr werdet mir das Gluck vergonnen, dass Morgen Nachmittags meine Auffwartung noch einmal bey euch machen, und vor das heut genossene gutige Tractament einige geringe Raritaten aus Europa prsentiren darff. Mein Herr, gab sie zur Antwort, eure Visite soll mir lieb seyn, aber die Raritaten werde nicht anders annehmen, als vor baare Bezahlung. Reiset wohl, GOTT sey mit euch.

Hiermit machte ich ein nochmahliges Compliment, und gieng meiner Wege, die Alte begleitete mich fast auf eine halbe Stunde lang, von welcher ich unter weges erfuhr, dass diese Dame eine gebohrne Princessin aus der Insul Java ware. Der auf dem Cap unter dem Hollandischen Gouverneur in Diensten stehende Adjutant, Nahmens Signor Canengo, ein Italianer von Geburth, hatte sich bereits in ihrem 12ten Jahre in sie verliebt, da ihn ein Sturm gezwungen, in Java die aussbesserung seines Schiffs abzuwarten. Er habe die zu ihr tragende hefftige Liebe nicht vergessen konnen, derowegen Gelegenheit gesucht und gefunden, sie vor 2. Jahren im 17den Jahre ihres Alters, auf gantz listige Arth von den ihrigen zu entfuhren, und auf das Cap zu bringen. Das Lust-Hauss, worinnen ich sie angetroffen, gehore, nebst den meisten herum liegenden Weinbergen und Garten, ihm zu, allwo sie sich die meiste Zeit des Jahres aufhalten muste, weiln er diese seine liebste Maitresse nicht gern von andern Manns-Personen sehen liesse, und selbige sonderlich verborgen hielte, wenn frembde Europaische Schiffe in dem Cap vor Ancker lagen. Er weiss zwar wohl, setzte die Alte letzlich hinzu, dass sie ihm, ohngeachtet er schon ein Herr von 60. Jahren ist, dennoch allein getreu und bestandig ist, jedoch, zu allem Uberfluss, hat er mich zur Aufseherin uber ihre Ehre bestellet, allein ich habe es heute vor eine Sunde erkannt, wenn man dem armen Kinde allen Umgang mit andern frembden Menschen abschneiden wolte, derowegen habe ich euch, weil ich weiss, dass mein Herr vor Nachts nicht zu Hause kommt, diesen Mittag zu ihr gefuhret. Ihr konnet auch morgen um selbige Zeit wieder kommen, aber das sage ich, wo ihr verliebt in sie seyd, so lasset euch nur auf einmal alle Hoffnung vergehen, denn sie ist die Keuschheit selber, und wurde eher sterben als sich von einer frembden Manns-Person nur ein eintzig mal kussen lassen, da doch dieses bey andern ein geringes ist. Inzwischen seyd versichert, dass, wo ihr meiner Gebietherin etwas rares aus Europa mitbringen werdet, sie euch den Werth desselben mit baaren Gelde doppelt bezahlen wird, weil sie dessen genung besitzet.

Ich sahe unter wahrenden Reden der lieben Alten bestandig ins Gesichte, da aber gemerckt, dass dieselbe im rechten einfaltigen Ernste redete, wird ein jeder muthmassen, was ich dabey gedacht habe, doch meine Antwort war diese: Liebe Mutter, glaubt mir sicherlich, dass sich mein Gemuthe um Liebes-Sachen wenig, oder soll ich recht reden, gar nichts bekummert, ich habe Respect vor diese Dame, bloss wegen ihres ungemeinen Verstandes und grosser Hofflichkeit, im ubrigen verlange ich nichts, als, vor das heutige gutige Tractament, deroselben morgen ein kleines Andencken zu hinterlassen, und zum Abschiede ihre Hand zu kussen, denn ich glaube schwerlich, dass ich sie und euch mein lebtage wieder sehen werde, weil wir vielleicht in wenig Tagen von hier abseegeln werden.

Unter diesen meinen Reden druckte ich der Alten 3. neue Spanische Creutz-Thaler in die Hand, weil sie, wie ich sagte, sich heute meinetwegen so viel Wege gemacht hatte. So verblendet sie aber von dem hellen glantz dieses Silbers stehen blieb, so hurtig machte ich mich nach genommenen Abschiede von dannen, und langete, nach Zurucklegung zweyer kleinen teutschen Meilen, glucklich wieder in meinem Logis an.

Ich muste, nachdem ich mich in mein apartement begeben, uber die heute gespielte Comdie hertzlich lachen, kan aber nicht laugnen, dass ich in die wunderschone brunette unbandig verliebt war, denn ich traff bey derselben seltene Schonheit, Klugheit, Einfalt und Liebe, in so artiger Vermischung an, dergleichen ich noch von keinem Frauenzimmer auf der Welt erfahren. Derowegen wolten mir alle Stunden zu Jahren werden, ehe ich mich wieder auf den Weg zu ihr machen konte. Folgenden Morgen stund ich sehr fruh auf, offnete meinen Kasten, und nahm allerhand Sachen heraus, als: 2. kleine, und 1. mittelmassigen Spiegel, von der neusten facon. 1. Sonnen-Fechel mit guldner Quaste. 1. Zinnerne Schnupff-Tobacks Dose, in Gestalt einer Taschen-Uhr. 2. Gesteck saubere Frauenzimmer-Messer. 3erley artige Scheeren, 20. Elen Seyden-Band, von 4erley coleur, allerhand von Helffenbein gedresseltes Frauenzimmer-Gerathe, nebst Spiel- und andern Kinder-Sachen, deren mich voritzo nicht mehr erinnern kan.

Alle diese Waare packte ich ordentlich zusammen, begab mich nach Anweisung meiner Taschen-Uhr, die ich ihr aber zu zeigen nicht willens hatte, 2. Stunden vor dem Mittage auf die Reise, und gelangete ohne Hinderniss bey dem Lust-Hause meiner Prinzessin an. Die drey Spanischen Thlr. hatten die gute Alte so dienstfertig gemacht: dass sie mir uber 100. Schritte vor der Garten-Thur entgegen kam, mich bey der Hand fassete, und sagte: Willkom-mein lieber Herr Landsmann, (sie war aber eine Hollanderin, und ich ein Brandenburger) ach eilet doch, meine Gebietherin hat schon uber eine halbe Stunde auf euren versprochenen Zuspruch gehoffet, und so gar das Tantzen heute bleiben lassen. Ich schenckte ihr 2. grosse gedruckte Leinwand-Halsstucher, 2. paar Strumpffe, ein Messer, einen Loffel und andere bagatelle, woruber sie vor Freuden fast rasend werden wolte, doch auf mein Zureden, mich eiligst zu ihrer Frau fuhrete.

Dieselbe sass in der Laub-Hutte, und hatte sich nach ihrer Tracht recht propre geputzt, ich muss auch gestehen, dass sie mich in solchen Aufzuge ungemein charmirte. Die Alte ging fort, ich wolte meine 7. Sachen auspacken, da aber meine Schone sagte, es hatte hiermit noch etwas Zeit, nahm ich ihre Hand, und kussete dieselbe. Doch dieses schiene ihr zu verdriessen, wesswegen ich sie in meine Arme schloss, und mehr als 100. mahl kussete, wodurch sie wieder vollig aufgeraumt wurde. Ich versuchte dergleichen Kost auch auf ihren, wiewohl harten, jedoch auch zarten Brusten, da denn nicht viel fehlete, dass sie vor Entzuckung in eine wurckliche Ohnmacht gesuncken ware, doch ich merckte es bey Zeiten, und brachte ihre zerstreueten Geister wieder in behorige Ordnung, und zwar kaum vor der Ankunfft unserer Alten, welche noch weit kostlichere Erfrischungen brachte als gestern.

Wir genossen dieselben mit Lust, immittelst legte ich meinen Krahm aus, uber dessen Seltenheit meine Prinzessin fast erstaunete. Sie konte sich kaum satt sehen, und kaum satt erfragen, worzu dieses und jenes dienete; da ich ihr aber eines jeden Nutzen und Gebrauch gewiesen, zehlete sie mir 50. Hollandische spec. Ducaten auf den Tisch, welche ich, solte sie anders nicht zornig werden, mit aller Gewalt in meine Tasche stecken muste. Die Alte bekam eine Commission, etwas aus ihren Zimmer zu langen, und war kaum fort, da meine Schone noch einen Beutel mit 100. Ducaten, nebst einem kostbaren Ringe mit diesen Worten an mich lieferte: Nehmet hin, mein AugApffel, dieses kleine Andencken, und liebet mich, so werdet ihr vor eurer Abreise von mir noch ein weit mehreres erhalten. Ich mochte mich wegern wie ich wolte, es halff nichts, sondern ich muste, ihren Zorn zu vermeiden, das Geschenck in meine Verwahrung nehmen. Sie zeigte sich dieserhalb hochst vergnugt, machte mir alle ersinnliche Caressen, und sprach mit einem verliebten Seuffzer: Saget mir doch, mein Liebster! wo es herkommt, dass eure Person und Liebe in mir ein solches entzuckendes Vergnugen erwecket? Ja ich schwere bey dem heiligen Glauben der Christen und der Tommi, dass meine Seele noch keinen solchen Zucker geschmecket. Ich versicherte sie vollkommen, dass es mit mir gleiche Bewandtniss hatte, welches sich denn auch wurcklich also befand. Inzwischen weil mir das Wort Tommi in den Ohren hangen geblieben war, fragte ich gantz treuhertzig, was sie darunter verstunde? und erfuhr, dass selbiges eine gewisse Secte sey, worzu sich die Javaner bekenneten, und sich dabey weit hoher und heiliger achteten, als andere Mahometaner; mit welchen sie doch sonsten, was die Haupt-Satze der Lehre anbelangete, ziemlich einig waren. Ich stutzte in etwas, da in Betrachtung zog, wie ich allem Ansehen nach mit einer Heydin courtoisirte, doch die hefftige Liebe, so allbereit meine Sinnen bezaubert hatte, konte den kleinen Funcken des Religion-Scrupels gar leicht ausloschen, zumahlen da durch ferneres Forschen erfuhr: dass sie ungemeine Lust zu dem Christlichen Glauben hegte, auch sich hertzlich gern grundlich darinnen unterweisen und tauffen lassen wolte; allein ihr Liebhaber der Signor Canengo verzogerte dieses von einer Zeit zur andern, hatte auch binnen einem Jahre fast gar nicht mehr daran gedacht, ohngeacht es anfanglich sein ernstlicher Vorsatz gewesen, er auch dessfalls viele Muhe angewendet. Nechst diesen klagte sie uber ihres Liebhabers wunderliche Conduite, sonderlich aber uber seine zwar willigen, doch ohnmachtigen LiebesDienste, und wunschte aus einfaltigen treuem Hertzen, dass ich bey ihr an seiner Stelle seyn mochte. So bald ich meine Brunette aus diesem Thone reden horete, war ich gleich bereit, derselben meine so wohl willigen als krafftigen Bedienungen anzutragen, und vermeynete gleich stante pede meinen erwunschten, wiewohl straffbarn Zweck zu erlangen, jedoch die Heydin war in diesem Stucke noch tugendhaffter als ich, indem sie sich scheute, dergleichen auf eine so liederliche Art, und an einem solchen Orte, wo es fast so gut als unter freyen Himmel war, vorzunehmen, immittelst fuhreten wir beyderseits starcke Handgreiffliche Discurse, wobey ich vollends so hitzig verliebt wurde, dass bey nahe resolvirt war, nach und nach Gewalt zu brauchen, alleine, die nicht weniger erhitzte Brunette wuste mich dennoch mit so artigen Liebkosungen zu bandigen, dass ich endlich Raison annahm; weil sie mir theuer versprach, morgende Nacht in ihrem Schlaff-Gemache alles dasjenige, was ich jetzo verlangete, auf eine weit angenehmere und sicherere Arth zu vergonnen. Denn, wie sie vernommen, wurde ihr Amant selbige Nacht nicht nach Hause kommen, sondern bey dem Gouverneur bleiben, ubrigens wuste sie alle Anstalten schon so zu machen, dass unser Vergnugen auf keinerley Weise gestohret werden solte, ich durffte mich demnach nur mit andringender Demmerung getrost vor der Thur ihres LustHauses einfinden.

Kaum waren wir mit dieser Verabredung fertig, als uns die Zuruckkunfft der Alten eine andere Stellung anzunehmen nothigte, es wurde auch das Gesprach auf unser Europaisches Frauenzimmer gekehret, deren Manier zu leben, Moden und andere Beschreibungen die Dame mit besonderer Aufmercksamkeit anhorete, zumahlen, da die Alte mit ihren Darzwischen-Reden dieses und jenes bekrafftigte, oder wohl noch vergrosserte. Immittelst hatten wir uns in solchen andachtigen Gesprachen dermassen vertiefft, dass an gar nichts anders gedacht wurde, erschracken also desto hefftiger, als der Signor Canengo gantz unvermuthet zur Laub-Hutte, und zwar mit funckelenden Augen eintrat. Er sagte anfanglich kein Wort, gab aber der armen Alten eine dermassen tuchtige Ohrfeige, dass sie zur Thur hinaus flog, und sich etliche mahl uberpurtzelte. Meine schone Brunette legte sich zu meiner grosten Gemuths-Kranckung vor diesen alten Maul-Esel auf die Erde, und kroch ihm mit niedergeschlagenem Gesichte als ein Hund entgegen. Doch er war so complaisant, sie aufzuheben und zu kussen. Endlich kam die Reyhe an mich, er fragte mit einer imperieusen Mine: Wer mich hieher gebracht, und was ich allhier zu suchen hatte? Signor, gab ich zur Antwort, Niemand anders, als das Glucke hat mich von ohngefehr hieher gefuhret, indem ich ausgegangen, ein und andere curieuse Europaische Waaren an den Mann zu bringen. Und etwa, setzte er selbst hinzu, andern ihre Maitressen zu verfuhren? Ich gab ihm mit einer negligenten Mine zur Antwort: dass dieses eben meine Sache nicht sey. Demnach fragte er die Dame, ob sie die auf dem Tische annoch ausgelegten Waaren schon bezahlt hatte? Und da diese mit Nein geantwortet, griff er in seine Tasche, legte mir 6. Ducaten auf den Tisch, und zwar mit diesen Worten: Nehmet diese doppelte Bezahlung, und packet euch zum Teuffel, lasset euch auch nimmermehr bey dieser Dame wieder antreffen, wo euch anders euer Leben lieb ist. Signor, replicirte ich, es ist mir wenig an solchen Bagatell-Gelde gelegen, euch zu zeigen, dass ich kein Lumpenhund bin, will ich diese Sachen der Dame geschenckt haben, euch aber bitte ich, mich etwas hoflicher zu tractiren, wo ich nicht gleiches mit gleichem vergelten soll. Er sahe mich trefflich uber die Achsel an, die Koller aber lieff Fingers dicke auf, er legte die Hand an den Degen, und stiess die hefftigsten Schimpff-Worte gegen mich aus. Meine Courage kriegte hierbey die Sporen, wir zohen fast zu gleicher Zeit vom Leder, und tummelten uns vor der Hutte weidlich mit einander herum, doch mit dem Unterschiede, dass ich ihm mit einem krafftigen Hiebe den rechten Arm lahmete, und deren noch zweye auf dem Schedel versetzte. Ich that einen Blick nach der Dame, welche in Ohnmacht gesuncken war, da ich aber vermerckte, dass Canengo sich absentirte, und in Hottentottischer Sprache vielleicht Hulffe schrye, nahm ich meine im Grase verdeckt liegende Flinte, warff noch ein paar Lauff-Kugeln hinein, und eilete durch eine gemachte Oeffnung der Pallisaden, womit der Garten umsetzt war, des Weges nach meinem Quartiere zu.

Anfangs lieff ich ziemlich hurtig, hernachmahls aber that meine ordentlichen Schritte, wurde aber gar bald inne: dass mich 2. Hottentotten, die so geschwinde als Windspiele lauffen konten, verfolgten, der vorderste war kaum so nahe kommen, dass er sich seiner angebohrnen Geschicklichkeit gegen mich gebrauchen konte, als er mit seiner Zagaye, welches ein mit Eisen beschlagener vorn sehr spitziger WurffSpiess ist, nach mir schoss, zu grossen Gluck aber, indem ich eine hurtige Wendung machte, nur allein meine Rock-Falten durchwarff. Weil der Spiess in meinen Kleidern hangen blieb, mochte er glauben, mich getroffen zu haben, blieb derowegen so wohl als ich stille stehen, und sahe sich nach seinen Cameraden um, welcher mit eben dergleichen Gewehr herzu eilete. Doch da allbereit wuste, wie accurat diese Unflather treffen konnen, wolte dessen Annaherung nicht erwarten, sondern gab Feuer, und traff beyde in einer Lienie so glucklich, dass sie zu Boden fielen, und wunderliche Kolleraturen auf dem Erdboden machten. Ich gab meiner Flinte eine frische Ladung und sahe gantz von weiten noch zwey kommen. Ohne Noth Stand zu halten, ware ein grosser Frevel gewesen, derowegen verfolgte, unter sehr offtern Zurucksehen, den Weg nach meinem Quartiere, gelangete auch, ohne fernern unglucklichen Zufall, eine Stunde vor Abends daselbst an. Ohne Zweiffel hatten meine zwey letztern Verfolger, bey dem traurigen Verhangnisse ihrer Vorlauffer, einen Eckel geschopfft, mir weiter nachzueilen.

So bald ich in meinem Quartiere, das ist, in einer derer Hutten, welche nicht weit vom Cap, zur Bequemlichkeit der See-Fahrenden errichtet sind, arriviret war, kleidete ich mich aus, und gieng in meiner Commoditee spatzieren, setzte mich am Ufer des Caffarischen Meeres zwischen etliche dick-belaubte Straucher, machte meine heut erworbene Gold-Bourse auf, und hatte mein besonderes Vergnugen, die schonen gelben Pfennige zu betrachten, indem mir aber die Liebe zu meiner charmanten Brunette dabey in die Gedancken kam, sprach ich: Ach du liebes Geld! wie viel schoner warest du, wenn ich dich nur mit ruhigen Hertzen besasse. Ich machte meinen Beutel, nachdem ich das Geld hinein, den saubern Ring aber an meinen Finger gesteckt hatte, wieder zu, stutzte den Kopff mit beyden Handen, und sonne nach: ob ich meiner hefftigen Liebe ferner nachhangen, und Mittel, selbige vollig zu vergnugen, suchen, oder wegen der damit verknupfften grausamen Gefahrlichkeiten gantz und gar davon abstrahiren wolte.

Es wolte schon anfangen Nacht zu werden, da ich mich aus meinen tieffen Gedancken zwar in etwas ermuntert, jedoch desswegen noch gar keinen richtigen Schluss gefasset hatte, stund aber auf, um in meinem Logis die Ruhe zu suchen. Ich hatte selbiges noch lange nicht einmahl erreicht, da ein Officier mit 6. Mann von der Guarnison gegen mich kamen, und meine Personalitat mit Gewalt in die Festung einfuhreten. Die gantze Nacht hindurch hatte ich eine eigene Schildwacht neben mir sitzen, welche auf meine allergeringsten Movements Achtung gab, und niemanden, weder mit mir zu sprechen, oder an mich zu kommen, erlaubte.

Wer solte nicht vermeinen, dass ich um der mit dem Adjutanten und den Hottentotten gehabten Handel halber in Arrest kommen ware, ich zum wenigsten hatte mich dessen in meinem Hertzen vollig uberredet, jedoch an der Haupt-Ursache weit gefehlet. Denn, kurtz zu sagen, folgenden Morgens, in aller fruhe, liess mich unser Schiffs-Capitain zu sich bringen, und that mir, jedoch ohne jemands Beyseyn, folgende Proposition: Mein lieber Monsieur Wolffgang! Ich weiss, dass ihr ein armer Teuffel seyd, derowegen mag euch die Begierde, reich zu werden, verleitet haben, einen Diebstahl zu begehen. Glaubet mir, dass ich etwas von euch halte, indem ich mehr als zu viel Commiseration und Liebe vor euch hege, allein, seyd nur auch aufrichtig, und stellet mir den Beutel mit den 100. Ducaten, so dem William van Raac verwichene Nacht entwendet worden, mit freymuthiger Bekandtniss, in meine sichern Hande, ich schwore bey GOtt, die Sache auf eine listige Art zu vermanteln, und euch vollig bey Ehren zu erhalten, weil es Schade um eure Jugend und Geschicklichkeit ist.

Ich hatte wegen hefftiger Alteration uber diese Reden den Augenblick in Ohnmacht sincken mogen. Mein Gewissen war rein, indem ich mit Wahrheit sagen kan, dass Zeit Lebens vor keinem Laster mehr Abscheu gehabt, als vor der schandlichen Dieberey, dergleichen Verdacht aber ging meiner Seelen gar zu nahe. So bald mich nun von meiner Verwirrung, die der Capitain vor eine gewisse Marque meines bosen Gewissens hielt, einiger massen erholt hatte, war ich bemuhet, denselben meiner Unschuld mit den krafftigsten Betheurungen zu versichern, wie ich denn auch wurcklich nichts davon gehoret oder gesehen hatte, dass dem William van Raac, der ein Kauffmann und unser Reise: Compagnon war, Geld gestohlen sey. Allein der Capitain schiene sich uber meine Entschuldigungen zu erzurnen, und sagte: Ich hatte nicht vermeinet, Wolffgang, dass ihr gegen mich so verstockt seyn soltet, da euch doch nicht allein euer gantzes Wesen, sondern auch euer selbst eigener Mund zur Gnuge verrathen hat. Sagt mir, ob ihr laugnen konnet: dass ihr gestern am Meer-Ufer in der Einsamkeit das, dem van Raack gestohlene, Geld uberzehlet, und diese nachdencklichen Worte darbey gebraucht habt: Ach du liebes Geld! wie viel schoner warest du, wenn ich dich nur mit ruhigen Hertzen besitzen konte. Mein Herr, gab ich zur Antwort, ich ruffe nochmahls GOtt und das gantze himmlische Heer zu Zeugen an, dass mir dieser Diebstahl unrechtmassiger Weise Schuld gegeben wird, dasjenige aber, was ihr mir itzo zuletzt vorgehalten habt, befindet sich also, ich habe einen Beutel mit 150. spec. Ducaten bey mir, und gebe denselben zu eurer sichern Verwahrung, biss meine Unschuld wegen des Diebstahls ans Licht gekommen. Seyd aber so gutig, eine besondere Avanture von mir anzuhoren, und mich eures krafftigen Schutzes geniessen zu lassen.

Hiermit uberreichte ich ihm den Beutel mit 150. Ducaten, und erzehlte sodann nach der Lange, was ich, als ein junger Amadis Ritter, seit 3en Tagen vor besondere Zufalle gehabt hatte, welches er alles mit ziemlicher Verwunderung anhorete, und letzlich sagte: Ich muss gestehen, dass dieses ein verwirrter Handel ist, und sonderlich wird mir die Affaire wegen des blessirten Adjutanten und der erschossenen Hottentotten gantz gewiss Verdruss machen, doch verspreche ich euch wegen des letztern meinen Schutz, allein was den William van Raac anbelanget, so braucht dieses eine fernere Untersuchung, wesswegen ich euch so wenig als noch andere desswegen arrestirte drey Personen in Freyheit setzen kan.

Ich war, und muste auch damit zu frieden seyn, inzwischen verdross mich die schandliche und so schlecht gegrundete Diebstahls-Beschuldigung weit grausamer, als die andere Affaire, jedoch zu meinem grosten Vergnugen lieff gegen Mittag die Zeitung ein, dass William van Raac seinen Beutel mit den 100. Ducaten an einem solchen Orte, wo er ihn in Gedancken selbst hin versteckt hatte, wieder gefunden, und dennoch solches gern verschwiegen hatte, wenn ihn nicht andere dabey ertappt, und sein Gewissen gescharfft hatten. Demnach musten Raac, ich und die 3. andern, Nachmittags bey dem Hauptmann erscheinen, welcher die Sache beylegen wolte, weil die 3. Mitbeschuldigten dem William van Raac den Todt geschworen hatten, es wurde auch glucklich verglichen, denn Raac erboth sich, einem jeden von uns 10. Spanische Thlr. vor den Schimpff zu geben, nachst dem seine Ubereilung kniend abzubitten, welches er auch so gleich in Gegenwart des Capitains bewerckstelligte, doch ich vor meine Person wolte meine Grossmuth sehen lassen, und gab ihm seine 10. Thlr. wieder zuruck, liess ihm auch seine Abbitte bey mir nicht kniend, sondern stehend verrichten.

Da also dieser verdrussliche Handel zu allerseits ziemlichen Vergnugen geschlichtet war, und wir uns in Freyheit von dem Capitain hinweg begeben wolten, nothigte mich derselbe, noch etwas bey ihm zu bleiben, bat mit den allerhoflichsten Worten um Verzeihung, dass er auf Angeben eines wunderlichen Menschen fast gezwungen worden, mich solchergestalt zu prostituiren, und versprach mir, in Zukunfft desto grossere und starckere Marquen seines Eftims zu geben, weil er bey dieser Affaire meiner (wie ihm zu reden beliebte) vortrefflichen Conduite erstlich vollkommen uberzeugt worden. Er gab mir anbey mit einem freundlichen Lacheln den Beutel, worinnen sich meine 150. Ducaten befanden, wieder zuruck, nebst der Nachricht, wie zwar der Gouverneur schon Wissenschafft von einer mit dem Adjutanten vorgefallenen Rencontre erhalten, auch dass die 2. Hottentotten fast todtlich blessirt waren, der Thater sey ihm aber annoch unbekandt, und muste man nun erstlich erwarten, was weiter passiren wurde. Inzwischen gab er mir den getreuen Rath, alle meine Sachen nach und nach heimlich in sein des Capitains Logis zu schaffen, auch mich selbst bey ihm verborgen aufzuhalten, biss man fernere Mittel erfande, der zu befurchten habenden Gefahr zu entkommen.

Es wurde noch selbigen Tages, des redlichen Capitains Muthmassungen gemass, nicht ein geringes Lermen wegen dieser Affaire, man hatte mich als den Thater dermassen accurat beschrieben, dass niemand zweiffelte, Monsieur Wolffgang sey derjenige, welcher den Signor Canengo, als er von ihm bey seiner Maitresse erwischt worden, zu schanden gehauen, zweyen Hottentotten todtliche Pillen eingegeben, und welchen der Gouverneur zur exemplarischen Bestraffung per force ausgeliefert haben wolte.

Jedoch der redliche Capitain vermittelte die Sache dergestalt glucklich, dass wir einige Tage hernach ohne die geringste Hinderniss von dem Cap abseegeln, und unsere Strasse nach Ost-Indien fortsetzen konten. Ich weiss gantz gewiss, dass er dem Gouverneur meiner Freyheit und Sicherheit wegen ein ansehnliches Prsent gemacht, allein, er hat gegen mich niemahls etwas davon gedacht, vielweniger mir einen Stuver Unkosten abgefordert, im Gegentheil, wie ich ferner erzehlen werde, jederzeit die groste Consideration vor mich gehabt.

Inzwischen fuhrete mir die auf dem Cap gehabte Avanture zu Gemuthe, was vor Gefahrlichkeiten und uble Suiten daraus entstehen konnen, wenn man sich durch eine geile Liebes-Brunst auf verbotene Wege treiben lasset. Meine braunlich-schone Prinzessin klebte mir zwar noch ziemlich am Hertzen, da ich sie aber auf der andern Seite als eine Heydin und Hure eines alten Adjutanten betrachtete, verging mir, zugleich mit Wiedererlangung meines gesunden Verstandes, auf einmahl der Appetit nach solcher falschen Muntze, doch stund ich noch lange nicht in dem gradu der Heiligkeit, dass ich mein bey ihr erworbenes Geld den Armen ausgetheilet hatte, sondern verwahrete es zum Gebrauch, und wunschete ihr davor viel Vergnugen, bedaurete auch zum offtern der schonen Brunette feine Gestalt, wunderliche fata, und sonderlich das zu mir getragene gute Gemuthe.

William van Raac mochte, nachdem er mich recht kennen lernen, etwas an mir gefunden haben, das ihm gefiele; wesswegen er sich offters bey mir aufhielt, und seinen Zeitvertreib in ein und andern politischen Gesprachen suchte, auch bey Gelegenheit mit besonders guter Manier allerhand Raritaten verehrte. Ich revangirte mich zwar mit diesen und jenen nicht weniger artigen Sachen, verspurete aber doch, dass er nicht eher ruhete, biss er wieder so viel bey mir angebracht, das den Werth des Meinigen vielfaltig uberstieg.

Ein gewisser Sergeant auf dem Schiffe, Nahmens David Bockling, mit welchem William vorhero starcke Freundschafft gehalten, seit meinem Arrest aber sehr mit ihm zerfallen war, sahe unser offteres Beysammensitzen mit grostem Verdrusse an, brauchte auch allerhand Rancke, uns zusammen zu hetzen, weil er ein sehr wuster Kopff und eben derjenige war, welcher mich am Meer-Ufer, da ich meine Ducaten gezehlet, und oberwehnte Worte gesprochen, beschlichen und verrathen hatte, wie mir van Raac nunmehro solches alles offenhertzig gestund. Doch alle seine angestiffteten Bossheiten waren nicht vermogend unsere Freundschafft zu trennen, sondern es schien als ob dieselbe hierdurch immer mehr befestiget wurde, ich aber hatte mir fest vorgesetzt, dem Sergeanten bey erster bequemer Gelegenheit den Kopff zu waschen, doch ich ward dieser Muhe uberhoben, weil er, da wir uns eine Zeitlang in Batavia auf der Insul Java aufhalten musten, daselbst von einem andern erstochen, und ich von dem Capitain an dessen Stelle als Sergeant gesetzt wurde.

Weiln ich solchergestalt doppelte Gage zoge, konte schon Etaat machen, in wenig Jahren ein ziemlich Capital zu sammlen. Nechst dem so marchandirte zwar so fleissig, doch nicht so schelmisch als ein Jude, und erwarb damit binnen 3. Jahren, ein feines Vermogen. Denn so lange waren wir auf dieser meiner ersten Reise unterweges. Sonsten begegnete mir dabey nichts eben sehr ungewohnliches, wesswegen auch, um Weitlaufftigkeit zu vermeiden, davon weiter nichts gedencken will, als dass wir auf dem ruckwege, um die Gegend der Canarischen Insuln, von zweyen Saleeischen Raub-Schiffen attaquiret wurden. Das Gefechte war ungemein hitzig, und stunden wir in groster Gefahr nebst unserer Freyheit, alles Guth, wo nicht gar das Leben zu verlieren. Endlich wendete sich das Blat, nachdem wir den grimmigsten Widerstand gethan, so, dass sie zwar die Flucht, aber dabey unsere reich beladene Barque mitnehmen wolten; Allein da wir ihre Absicht zeitig merckten, und allbereit in Avantage sassen, ward nicht allein ihre Arbeit und Vorhaben zunichte gemacht, sondern das beste Schiff, mit allen dem, was darauff war, erobert.

Wenn mein naturell so beschaffen ware, dass ich mich selbst gern lobte, oder loben horete, konte bey dieser Gelegenheit schon etwas vorbringen, das einen oder den andern uberreden solte: ich ware ein gantz besonderer tapfferer Mann, allein ich versichere, dass ich niemals mehr gethan als ein rechtschaffener Soldat, dessen Ehre, Leben und Freyheit, nebst allen bey sich habenden Vermogen, auf der Spitze stehet, bey dergleichen Affairen zu thun schuldig ist.

Jedoch man kan unter dem prtext dieser Schuldigkeit, auch der guten Sache zuweilen zu viel oder zu wenig thun, mein Beyspiel zum wenigsten, kan andern eine vernunfftige Behutsamkeit erwecken; denn als wir uns an dasjenige Raub-Schiff, welches wir auch nach diesen gluckl. eroberten angehengt, und bloss noch mit dem Degen in der Faust wider einander agirten, hatte sich ein eintziger Rauber, auf seinem in letzten Zugen liegenden Schiffe, einen eigenen Kampff-Platz erwehlet, indem er, durch etliche gegenund ubereinander gesetzte Kasten, seinen Rucken frey machen lassen, und mit seiner Mord-Sense dergestalt hausete, dass alle von unsern Schiffe uberspringenden Leute, entweder todt niederfallen, oder sich starck blessirt reteriren musten.

Ich war unter dem Capitain mit etwa 12. Mann von den Unserigen auf dem vordertheil des feindl. Schiffs beschafftiget, rechtschaffen Posto zu fassen, merckte aber, dass wir mehr Arbeit fanden, als wir bestreiten konten, indem der eintzige Satan unsern succurs recht ubermenschlich abzuhalten schien, derowegen drang als ein Blitz durch die Feinde hindurch nahm meinen Vortheil ohngefehr in Obacht, und vermeynte sogleich meinen Pallasch in seinen Gedarmen umzuwenden; allein der Mord-Bube war uberall starck geharrnischt und gepantzert, dahero ich nach abgeglitschten Stosse, mich selbst in der grosten Lebens-Gefahr sahe, doch fassete ihn in dieser Angst von ohngefehr in das weit aufgesperrete Maul, riss die rasende Furie zu Boden, suchte am Unter-Leibe eine offnung, und stiess derselben meinen Pallasch so tieff in den Rantzen hinein als ich konte.

Kaum war dieses geschehen, als nach einander etliche 20. und immer mehr von den Unserigen in das Feindl. Schiff gesprungen kamen, mich secundirten, und noch vor vollig erhaltenen Siege, Victoria! schryen. Doch es vergieng nicht eine halbe Stunde, so konten wir dieses Freuden-Wort mit Recht, und in vollkommener Sicherheit ausruffen, weil wir uberhaupt Meister vom Schiffe, und die annoch lebenden Feinde, unsere Sclaven waren. Ich vor meine Person hatte zur ersten Beute einen ziemlichen Hieb uber den Kopff, einen uber die lincke Schulter, und einen Piquen-Stich in die rechte Huffte bekommen, darzu hatte der irraisonable Flegel, dem ich doch aus besondern Staats-Ursachen, ins Maul zu greiffen, die Ehre gethan, mir die vordersten Gelencke zweyer Finger lincker Hand, zum Zeitvertreibe abgebissen, und da dieselben, wie man siehet, noch biss dato fehlen, ich dieselben auch auf der Wahlstatt nirgends finden konnen; so kan nicht anders glauben, als dass er sie par hazard verschlungen habe.

Ich konte ihm endlich diese theuer genug bezahlte zwey Bissen noch so ziemlich gonnen, und war nur froh, dass an meinen zeithero gesammleten Schatzen nichts fehlete, uber dieses wurde ich noch mit dem grosten Ruhm und Ehren fast uberhaufft, weiln nicht nur der Capitain, sondern auch die meisten andern Mitarbeiter und Erfechter dieses Sieges, mir, wegen des eintzigen gewagten Streichs, den besten Preiss zu erkandten. Mein Gemuthe ware der uberflussigen Lobes-Erhebungen gern entubriget gewesen, und hatte an dessen statt viel lieber eine geschwinde Linderung der schmertzenden Leibes-Wunden angenommen, weil ich, als ein auf beyden Seiten blessirter, kaum auf dem Rucken liegend, ein wenig rasten konte, doch ein geschickter Chirurgus, und meine gute Natur brachten es, nachst Gottl. Hulffe, so weit, dass ich in wenig Tagen wiederum auf dem obern Schiffs-Boden herum zu spatzieren vermogend war. Der Capitain, so mir gleich bey meiner ersten Ausflucht entgegen kam, und mich so munter sahe, sagte mit lachen: Monsieur Wolffgang, ich gratulire zum aussgange, und versichere, dass nichts als der Degen an eurer Seite fehlet, uns zu uberreden, dass ihr kein Patient mehr seyd. Monseigneur, gab ich gleichfalls lachelnd zur Antwort, wenn es nur daran fehlet, so will ich denselben gleich holen? Bemuhet euch nicht, versetzte er, ich will davor sorgen. Hiermit gab er seinem Diener Befehl, einen Degen vor mich zu langen, dieser brachte einen propren silbernen Degen, nebst dem Gehencke, und ich muste denselben, meinen Gedancken nach zum Spass, umgurten. So bald dieses geschehen, befahl er das Schiffs-Volck zusammen zu ruffen, und da selbiges in seiner gehorigen Ordnung war, sagte er: Monsieur Wolffgang! ihr wisset so wohl als alle Gegenwartigen, dass in letzterer Action unsere beyden Lieutenants geblieben sind, derowegen will euch, en regard eures letzthin erwiesenen Helden-Muths, hiermit als Premieur-Schiffs-Lieutenant vorgestellet haben, jedoch biss auf confirmation unserer Obern, als wovor ich guarantire. Inzwischen weil ich weiss, dass niemand von Gegenwartigen etwas hierwider einzuwenden haben wird, will auch der erste seyn, der euch zu dieser neuen Charge gratuliret. Hiermit reichte er mir die Hand, ich aber wuste anfanglich nicht wie mir geschahe, doch da ich vermerckte, dass es Ernst war, machte ich das gebrauchliche Gegen-Compliment, und liess mir immerhin belieben Lieutenant zu seyn.

Kurtz drauff gelangten wir, nebst unserer gemachten Prise, glucklich wieder in Amsterdam an. Ich bekam nicht allein die Confirmation meiner Charge, sondern uber dieses einen unverhofften starcken Recompens, ausser meiner zu fordern habenden doppelten Gage, die mir theils die Feder, theils der Degen verschafft hatte. Die, aus meinen mitgebrachten Waaren, geloseten Gelder, schlug ich darzu, that die helffte davon, als ein Capital, in Banco, die andere helffte aber wandte zu meinem Unterhalt an, nachst diesen, die Equippage auf eine frische Schiffarth anzuschaffen.

Biss hierher war der Capitain Wolffgang damals in seiner Erzehlung kommen, als er, wegen einbrechender Nacht, vor dieses mal abbrach, und versprach, uns bey erster guten Gelegenheit den ubrigen Rest seiner Avanturen wissend zu machen. Es suchte derowegen ein jeder von uns seine gewohnliche Ruhe-Stelle, hatten aber dieselbe kaum 3. Stunden gedruckt, als, wegen eines sich erhebenden Sturmes, alle ermuntert wurden, damit wir uns gegen einen solchen ungestumen Stohrer unserer Ruhe in behorige positur setzen konten. Wir verliessen uns zwar auf die besondere Starcke und Festigkeit des getreuen Paridis, als welchen Nahmen unser Schiff fuhrete; da aber das grausame wuten des Windes, und die einmal in Raserey gebrachten Wellen, nachdem sie nunmehro 2. Nacht und 2. Tage ohne einzuhalten getobet, auch noch keinen Stillstand machen wolten, im Gegentheil, mit hereinbrechender 3ten Nacht, ihre Wuth vervielfaltigten, liessen wir die Hoffnung zu unserer Lebensrettung gantzlich sincken, bekummerten uns fast gar nicht mehr, um welche Gegend wir waren, und erwarteten, theils mit zitterenden, theils mit gelassenen Hertzen, die erschreckliche Zerscheiterung des Schiffs, und das mehrentheils damit sehr genau verknupffte jammerliche Ende unseres Lebens. Allein die ErhaltungsKrafft des Himmels zeigte sich weit krafftiger, als die Krafft des Windes, und der berstenden Wolcken, denn unser Schiff muste nicht allein ohne besondern HauptSchaden bleiben, sondern auch zu unserer grosten Verwunderung wieder auf die rechte Strasse gefuhret werden, ohngeacht es Wind und Wellen bald hier bald dorthin verschlagen hatten; denn etwa 2. Stunden nach Mitternacht legte sich das grausame Brausen, die dicken Wolcken zertheilten sich, und bey anbrechenden schonen hellen Tage machten die BootsLeute ein Freuden-Geschrey, aus Ursachen; weil sie den Pico so unverhofft erblickten, und wir uns gantz nahe an der Insul Teneriffa befanden. Vor meine Person wuste nicht, ob ich mehr Freude oder Erstaunung hegte, da mir diese ungeheure Machine in die Augen fiel. Der biss in den Himmel reichende entsetzliche Berg schien oben herum gantz weiss, weiln er Sommers und Winters hindurch mit Schnee bedeckt ist, man konte den aus seinem Gipffel steigenden Dampff gantz eigentlich observiren, und ich konte mich an diesem hochmuthigen Gegenstande meiner Augen die gantze Zeit nicht satt sehen, biss wir gegen Abend an die Insul anfuhren, um so lange daselbst auszuruhen, biss die zerrissenen und beschadigten Sachen unsers Schiffs wieder ausgebessert waren.

Ich fand ein besonderes Vergnugen: die raritaten auf dieser Insul zu betrachten, sonderlich aber den Pico, an dessen Fuss eine Arth von Baumen stund, deren Holtz in keinem Wasser verfaulen soll. Jedoch die Spitze des Berges mit zu erklettern, und dessen Rauch-Loch, so Kaldera genennet wird, in Augenschein zu nehmen, konte mich niemand bereden, ohngeachtet es annoch die schonste Jahrs-Zeit dazu seyn mochte. Entweder war ich nicht so sehr neugierig, als Cajus Plinius Secundus beym Vesuvio gewesen, oder hatte nicht Lust mich dergleichen fatalitaten, wie er gehabt, zu exponiren, oder war nicht Willens eine Historiam naturalem aus eigener Erfahrung zu schreiben. Kurtz, ich war hierbey entweder zu faul, zu furchtsam, oder zu nachlassig.

Hergegen kan ich nicht laugnen, dass ich mir bey dem Capitain den Canari-Sect vortrefflich gut schmecken liess, welcher mir auch besser bekam, als andern der Schwefel-Dampf auf dem Pico bekommen war, wir nahmen eine gute quantitat dieses beruhmten Getranckes, nebst vielem Zucker und andern delicatessen von dieser Insul mit, und fuhren den 12. 7br. recht vergnugt auf das Cabo Verde zu.

Es war um selbige Zeit ungemein stille See und schones Wetter, wesswegen der Capitain Wolffgang auf unser hefftiges Ansuchen sich gefallen liess, seine Geschichts-Erzehlung folgender massen zu continuiren.

Wo mir recht ist, Messieurs, fieng er an, so habe letztens gemeldet, wie ich mich in Stand gesetzt, eine neue Reise anzutreten, allein weil die Herrn General Etaaten seit kurtzen mit Franckreich und Spanien in wurcklichen Krieg verwickelt waren, kriegten alle Sachen eine gantz andere Gestalt, ich hielt mich zwar bestandig an meinen Wohlthater, nemlich an denjenigen Capitain, der mich biss hieher glucklich gemacht hatte, konte aber die Ursache seines Zauderns so wenig, als sein kunfftiges Vornehmen errathen. Doch endlich brach er loss, und eroffnete mir, dass er treffliche Pasporte erhalten, gegen alle Feinde der Republique, als ein Frey-Beuter zu agiren, wesswegen er sich auch allbereit, durch Zuschuss anderer Wagehalse, ein extraordinair schones Schiff mit allem Zubehor angeschafft hatte, so dass ihm nichts fehlete, als genungsame Leute. Wolte ich nun, setzte er hinzu, als sein Premieur-Lieutenant mit reisen, so muste mich Bemuhen zum wenigsten 10. biss 12. Freywillige aufzutreiben, wo mir dieses aber unmoglich schiene, oder ich etwa keine Lust zu dergleichen Streichen hatte, als die Frey-Beuter vorzunehmen gemussiget waren, so wolte er mir zwar bald einen Officiers-Dienst auf einem Kriegs-Schiffe schaffen, allein ob es vor mich eben so profitable seyn mochte, davon wisse er nichts zu sagen. Augenblicklich versicherte ich hierauff den Capitain, allen Fleiss anzuwenden, mein Gluck oder Ungluck unter und mit ihm zu suchen, auch mit ihm zu leben und zu sterben. Er schien vergnugt uber meine Resolution, ich gieng von ihm, und schaffte binnen wenig Tagen an statt der geforderten Zwolffe, drey und zwantzig vollkommen gute freywillige Wagehalse, deren die meisten schone Gelder bey sich fuhreten. Mein Capitain kussete mich vor Freuden, da ich ihm dieselben prsentiret hatte, und weil er binnen der Zeit auch nicht mussig gewesen, sondern alles Benothigte vollends angeschafft, seegelten wir frolich von dannen.

Wir durfften aus Furcht vor den Frantzosen, den Canal nicht passiren, sondern musten unsere Farth um die Brittannischen Insuln herum nehmen, und ob der Capitain schon treffliche Lust hatte den Spaniern auf der Strasse nach America, ein und andern Possen zu spielen, so wolte er doch vorhero erstlich genauere Kundschafft einziehen, allein ehe dieses geschahe, thaten wir einen herrlichen Zug, an einer Frantzosischen nach Irrland abgeschickten Fregatte, auf welcher 16000. Louis d'or nebst andern trefflichen Sachen, und etlichen Etaats-Gefangenen, unsere Beute wurden. Die vornehmsten Gefangenen nebst den Briefschafften, lieferten wir gegen Erlegung einer billigen discretion an einen Engellander aus, der lange Zeit vergeblich auf diese Fregatte gelauret hatte, besetzten dieselbe, nachdem wir die ubrigen Gefangenen vertheilet, mit etlichen von unsern Leuten, worunter auch ich war, also ein Neben-Schiff zu commandiren hatte, und richteten unseren Cours, in dem Mexicanischen Meere zu kreutzen.

Auf der Portugisischen Insul Madera, nahmen wir frisches Wasser ein, und fanden daselbst gleichfalls ein Hollandisches, doch von den Spaniern sehr ubel zugerichtetes Frey-Beuter-Schiff, dessen Capitain nebst den besten Leuten geblieben waren, unter dem ubrigen Lumpen-Gesinde aber war eine solche Verwirrung, dass niemand wuste wer Koch oder Keller seyn wolte. Wir fuhreten ihnen ihren elenden Zustand, worinnen sie sich befanden, zu Gemuthe, und brachten sie mit guter Art dahin, sich mit uns zu vereinigen, und unter unsers Capitains Commando alles mit zu wagen, halffen also ihr Schiff wieder in vollkommen guten Stand setzen, und seegelten voll grosser Hoffnung auf die Bermudischen Insuln zu. Unterweges bemachtigten wir uns eines Spanischen JagdSchiffs, welches die Sicherheit der See ausspuren solte, indem sich die Spanische Silber-Flotte bey der Insul Cuba versammlet, und fast im Begriff war nach Europa zu schiffen. Wir nahmen das Wenige, so nebst den Gefangenen auf dieser Jagd gefunden wurde, auf unsere Schiffe, und bohrten die Jagd zu grunde, weil sie uns nichts nutzen konte, eileten aber, uns bey Cuba einzufinden, und wo moglich von der Silber-Flotte etwas abzuzwacken. Es vereinigten sich noch 2. Hollandische und ein Englischer Frey-Beuter mit uns, so dass wir damals 6. wohl ausgerustete Schiffe starck waren, und auf selbigen ingesamt 46. Canonen, nebst 482. wohlbewehrten Leuten aufzeigen konten, hiermit konte man nun schon ein Hertz fassen, etwas wichtiges zu unternehmen, wie wir denn auch in der That die Hande nicht in den Schooss legten; sondern die Cubaner, Hispaniolaner, und andere feindliche Insuln starck allarmirten, und alle Spanische Handels-Schiffe Preiss machten, so dass auch der Geringste unter uns, seine dessfals angewandte Muhe reichlich belohnt schatzte, und niemand von Armuth oder Mangel zu reden Ursach hatte.

Wir erfuhren demnach, dass das Gluck den WageHalsen offters am geneigtesten sey. Denen Herrn Spaniern aber war wegen ihrer Silber-Flotte nicht eben allzuwohl bey der Sache, indem sie sich ohnfehlbar unsere Schiffs-Armade weit starcker einbilden mochten, rusteten derowegen, wie wir gar bald in Erfahrung brachten, 10. biss 12. leichte Kriegs-Schiffe aus, um uns, als unangenehme und gefahrliche Gaste, entweder, wo nicht Gefanglich einzubringen, doch zu zerstreuen. Der Engels-Mann als unser bissheriger Compagnon, mochte entweder zu wenig Hertze haben, oder aber sich allbereit reich genung schatzen, derowegen trenete er sich mit seinem Schiff und Barque, worauff er ingesamt 120. Mann nebst 12. Canonen hatte, von uns, und war Willens sich zwischen Cuba und Hispaniola durch zu practiciren, von dar, aus gewissen Ursachen nach Virginien zu gehen. Allein man hat uns bald hernach versichert, dass ihn die Spanier ertappt, geplundert und schandlicher weise ermordet haben.

Unsere Capitains fanden indessen nicht vor rathsam, einen Angriff von den Spaniern zu erwarten, weil ohnedem unsere Schiffe nicht allein eine baldige Aussbesserung vonnothen hatten, sondern auch viele von unsern Leuten, deren wir doch, seit der abreise aus Amsterdam, nicht mehr als 14. eingebusset, von denen vielen fatiguen sehr merode waren. Wir stelleten demnach unsere Farth auf die unsern Lands-Leuten zustandige Insul Curacao, oder wie sie einige nennen, Curassau zu, machten aber unterweges noch ein mit Cacao, Banille, Marmelade, Zucker und Toback beladenes Schiff, zu angenehmer Beute. Wenig Tage darauff, favorisirte das Gluck noch besser, indem gantz von ohngefehr, und ohne vieles Blutvergiessen 3. Barquen mit Perlen-Austern, in unsere Hande fielen, womit wir denen Herren Spaniern die Muhe erspareten, selbige ausmachen zu lassen, und dieser Arbeit, bey mussigen Stunden, uns gar im geringsten nicht zu schamen willens waren.

Mit allen diesen Reichthumern nun, landeten wir glucklich bey Curacao an, der Gouverneur daselbst empfing uns, nachdem wir ihm unsere Pasporte gezeiget, auch von ein und andern, richtigen rapport abgestattet hatten, mit grossen Freuden, zumahlen da er von uns ein ansehnliches Prsent empfieng. Jedoch nachdem unsere Capitains die damalige Beschaffenheit der Sachen und der Zeit etwas genauer uberlegten, befanden wir auf einrathen des Gouverneurs vor nutzlicher, die Insul Bonatry zu unserm Ruhe-Platz zu erwehlen, und unsere Schiffe daselbst auszubessern. Es wurde desswegen aller moglichste Fleiss angewendet, nachhero aber beschlossen, eine rechte Niederlage daselbst aufzurichten, wesswegen wir, mit Hulffe der daselbst wohnenden nicht ungeschickten Indianer, anfiengen, kleine Hauser zu bauen, auch vor den Anlauff eine gar artige Festung anlegten, und dieselbe nach und nach immer zu verbessern willens waren. Die Indianer erzeigten sich ungemein Dienstfertig gegen uns, wir gaben ihnen von dem unserigen, was sie brauchten, und wir entbehren konten, hergegen waren sie wiederum fleissig das Feld zu bauen, und Mahis, James, Palates, auch Guineisch Korn zu

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zeuge, welches uns trefflich wohl zu statten kam, nachst dem legten sie sich auch mehr, als sonsten, auf die ordentliche Hausshaltung und Viehzucht, denn es gab daselbst Ochsen, Kuhe, Pferde, Schweine, vor allem andern aber Ziegen im Uberfluss, so dass nicht nur wir zulangliche Nahrungs-Mittel hatten, sondern auch unsere Lands-Leute auf den benachbarten Insuln, mit eingesaltzenen Fleische und andern Sachen besorgen konten. Anbey thaten wir manchen Stich in die See, und bereicherten uns nicht allein mit lauter Spanischen und Frantzosischen Gutern, sondern thaten beyden Nationen allen ersinnlichen Schaden und gebranntes Hertzeleyd an.

Ich vor meine Person, hatte mir einen ziemlichen Schatz an Gold, Silber, Perlen, und andern kostbaren Sachen gesammlet, wovon ich das meiste auf der Insul an unterschiedliche Oerter vergrub, wo ich nicht leicht befurchten durffte, dass es ohne meine Anweisung jemand finden wurde. Ubrigens lebten wir ingesamt so vergnugt auf der Insul, dass es, nachdem wir 3. Jahr lang darauff zugebracht, das Ansehen hatte, als sehnete sich kein eintziger wieder nach seinem Vaterlande.

Nach so langer Zeit wurde Kundschafft eingebracht, dass die Spanier abermals mit einer reich beladenen Silber-Flotte zuruck nach Europa seegeln wolten, also machten wir einen Anschlag, etwas davon zu erhaschen, giengen mit zwey der Besten und wol ausgerusteten Schiffe, auch der resolutesten Mannschafft in See, und laureten um die Gegend der Caribischen Insuln auf dieselbe, brauchten anbey alle moglichste Vorsicht, um nicht entdeckt zu werden. Unsere Bemuhung war dessfalls so wenig als sonsten vergebens, indem wir eines Morgens sehr fruhe, nach vorhero ausgestandenen ziemlichen Sturme, ein von der Flotte verschlagenes Spanisches Schiff mit List erhaschten, mit Gewalt eroberten, und an gediegenen Silber, auch andern Kostbarkeiten mehr darauff antraffen, als wir uns fast hatten einbilden konnen. Die Flotte hatte aus dem hefftigen Donnern des Geschutzes, Unrath vermerckt, und errathen, dass eins von ihren Schiffen in Action begriffen sey, derowegen auch zwey von ihren Schiffen zum Succurs dahin geschickt, allein wir waren mit unserer Prise allbereit zur Richtigkeit gekommen, da wir den succurs noch gantz von ferne erblickten, hielten aber nicht vor rathsam dessen Ankunfft zu erwarten, sondern nahmen die Flucht auf recht verwegene Art, bey Porto Ricco hindurch, und gelangeten mit vielen Vergnugen wieder, bey unserer zuruckgelassenen Mannschafft, auf der Insel Bonatry an.

Nunmehro waren wir erstlich eifriger als jemals beflissen, nicht allein unsere Wohnungen, Feld-Bau und Vieh-Zucht, mit Beyhulffe der Indianer, in vollkommen bequeme Form zu bringen, sondern avancirten auch in weniger Zeit mit unsern Vestungs-Bau dermassen, dass wir diese Insul wider alle feindliche Anfalle ungemein sicher machten. Etliche von den Unsern hatten bey Gelegenheit Spanische und Frantzosische ledige Weibes-Personen erwischt, sich mit selbigen verheyrathet, und Kinder gezeuget, dieses erweckte bey vielen andern eben dergleichen Begierde, wesswegen sie unsern Capitain, als selbst erwehlten Gouverneur unserer Insul forcirten, eine Landung auf Hispaniola zu wagen, weil sich daselbst ungemein schones, so wohl Spanisches als Frantzosisches Frauenzimmer befinden solte.

Ob nun schon der Capitain dieses Unternehmen anfangs vor allzu verwegen und gefahrlich erkante, so sahe er sich doch letzlich fast gezwungen, dem eifrigen Verlangen der verliebten Venus-Bruder ein Genuge zu thun, und zwey Schiffe hierzu auszurusten, deren eines ich als Unter-Hauptmann commandirte. Wir lieffen aus, und kamen auf Hispaniola, glucklich an Land. Es erreichten auch die Verliebten ihren erwunschten Zweck, indem sie etliche 30. junge WeibsPersonen zu Schiffe brachten, ich aber, der ich hiebey die Arrier-Guarde fuhrete, war so unglucklich, von den nachsetzenden Spaniern einen gefahrlichen Schuss in die rechte Seite, und den andern durch die lincke Wade zu bekommen, wesswegen ich, nebst noch zweyen der Unsern, von den Spaniern erhascht, gefangen genommen und zu ihrem Gouverneur gebracht wurde.

Ein grosses Gluck war es bey unserm Ungluck, dass uns derselbe in der ersten furie nicht gleich auffhencken liess, weil er ein verzweiffelt hitziger Mann war. Jedoch wurden wir nach vollig erlangter Gesundheit wenig besser, ja fast eben so schlimm als die Turckischen Sclaven tractiret. Am allerschlimsten war die

ses: dass ich nicht die geringste Gelegenheit finden konte, meinem redlichen Capitain Nachricht von meinem wiewol elenden Leben zu geben, weil ich versichert war, dass er nichts sparen wurde, mich zu befreyen. Nachdem ich aber 3. Jahr in solchen jammerlichen Zustande hingebracht, erhielt Zeitung, dass mein redlicher Capitain nebst meinen besten Freunden die Insul Bonatry (oder Bon Ayres auch Bon air wie sie andere nennen,) verlassen, und zuruck nach Holland gegangen ware, um sich das rechtmassige Gouvernement, daruber nebst andern Vollmachten auszubitten. Anbey wurde mir der jetzige Zustand auf selbiger Insul dermassen schon beschrieben, dass mein sehnliches Verlangen, auf solche wieder zu kommen, als gantz von neuen erwachte, zumahlen wen mich meiner daselbst vergrabenen Schatze erinnerte. Jedoch ich konte, ohne meine Person und Vermogen in die groste Gefahr zu setzen, nicht erdencken, auf was vor Art ich den Gouverneur etwa einen geschickten Vorschlag wegen meiner Ranzion thun wolte. Muste also noch zwey Jahr als ein Pferde-Knecht in des Gouverneurs Diensten bleiben, ehe sich nur der geringste practicable Einfall in meinem Gehirne entsponn, wie ich mit guter manier meine Freyheit erlangen konte.

Die Noth erwecket zuweilen bey den Menschen eine Gemuths-Neigung, der sie von Natur sonsten sehr wenig ergeben sind. Von mir kan ich mit Warheit sagen, dass ich mich, auch in meinen damaligen allerbesten Jahren, um das Frauenzimmer und die Liebe, fast gantz und gar nichts bekummerte. War auch nichts weniger, als aus der intention mit nach Hispaniola gegangen, um etwa eine Frau vor mich daselbst zu holen, sondern nur bloss meine Hertzhafftigkeit zu zeigen, und etwas Geld zu gewinnen. Allein itzo, da ich in groster Noth stack, und kein sicheres Mittel zu meiner Freyheit zu gelangen sahe, nahm meine Zuflucht endlich zu der Venus, weil mir doch Apollo, Mars und Neptunus, ihre Hulffe gantzlich zu verwiegern schienen.

Eines Tages da ich des Gouverneurs Tochter, nebst ihren Cammer Magdgen, auf ein nah gelegenes Land-Gut spatzieren gefahren, und im Garten gantz allein bey der erstern war, setzte sich dieselbe auf eine grune Banck nieder, und redete mich auf eine freye Art also an: Wolffgang! sagt mir doch, was ihr vor ein Lands Mann seyd, und warum man euch niemals so lustig als andere Stall-Bedienten siehet. Ich stutzte anfanglich uber diese Anrede, gab aber bald darauff mit einem tieffgeholten Seuffzer zur Antwort: Gnadiges Fraulein, ich bin ein Teutscher von Geburth, zwar von mittelmassigen Herkommen, habe mich aber in Hollandischen Diensten durch meine Courage, biss zu dem Posten eines Unter-Hauptmanns geschwungen, und letztens auf dieser Insul das Ungluck empfunden, gefahrlich blessirt und Gefangen zu werden. Hierauff erwiederte sie mit einer niedergeschlagenen und etwas negligent scheinenden mine: Ich hatte euch zum wenigsten wegen eurer guten Visage, Adelichen Herkommens geschatzt. Stund damit auf, und gieng eine gute Zeit in tiefen Gedancken gantz allein vor sich spatzieren. Ich machte allerhand Glossen uber ihre Reden, und war mir fast leyd, dass ich von meinem Stande nicht etwas mehr geprahlet hatte, doch vielleicht (gedachte ich,) gehet es in Zukunfft mit guter manier besser an. Es geschahe auch, denn ehe wir wieder zuruck fuhren, nahm sie Gelegenheit, mir mit einer ungemeinen verliebten Mine noch dieses zu sagen: Wolffgang! Wo euch an eurer Freyheit, Gluck und Vergnugen etwas gelegen; so scheuet euch nicht, mir von eurem Stande und Wesen nahere Nachricht zu geben, und seyd versichert, dass ich euer Bestes eilig befordern will und kan, absonderlich wo ihr einige Zartlichkeit und Liebe vor meine Person heget. Sie wurde bey den letztern Worten Feuerroth, sahe sich nach ihren Magdgen um, und sagte noch zu mir: Ihr habt die Erlaubniss mir in einem Briefe euer gantzes Hertz zu offenbaren, und konnet denselben morgen meinem Magdgen geben, seyd aber redlich und verschwiegen.

Man wird mich nicht verdencken, dass ich diese schone Gelegenheit meine Freyheit zu erlangen, mit beyden Handen ergriff. Donna Salome (so hiess das Fraulein,) war eine wohlgebildete Person von 17. biss 18. Jahren, und solte einen, zwar auch noch jungen, aber einaugigen und sonst uberaus hesslichen Spanischen wohlhabenden Officier heyrathen, welches ihre eigene Mutter selbst nicht billigen wolte, aber doch von dem eigensinnigen Gouverneur darzu gezwungen wurde. Ich konte diesem nach eine ziemlich weitlaufftige Liebes-Geschicht von derselben und mir erzehlen, allein es ist mein Werck nicht. Kurtz! Ich schrieb an die Donna Salome, und machte mich nach ihrem Wunsche selbst zum Edelmanne, entdeckte meine zu ihr tragende hefftige Liebe, und versprach alles, was sie verlangen konte, wo sie mich in meine Freyheit setzen wolte.

Wir wurden in wenig Tagen des gantzen Krahms einig. Ich that ihr einen Eyd, sie an einen sichern Orth, und so bald als moglich, nach Europa zu fuhren, mich mit ihr ordentlich zu verheyrathen, und sie Zeit Lebens vor meine rechte Ehe-Gemahlin zu ehren und zu lieben. Hergegen versprach sie mir, nebst einem Braut-Schatze von 12000. Ducaten und andern Kostbarkeiten, einen sichern Frantzosischen Schiffer auszumachen, der uns vor gute Bezahlung je ehe je lieber nach der Insul Bon air bringen solte.

Unser Anschlag gieng glucklich von statten, denn so bald wir erlebten, dass der Gouverneur in eigener Person jene Seite der Insul visitirte, packten wir des Nachts unsere Sachen auf leichte, darzu erkauffte Pferde, und jagten von sonst niemand als ihren Magdgen begleitet, in etlichen Stunden an dasjenige Ufer, allwo der bestellte Frantzosische Schiffer unserer mit einem leichten Jagd-Schiffe wartete, uns einnahm, und mit vollen Seegeln nach Bon air zu eilete. Daselbst landeten wir ohne einig auszustehende Gefahr an, man wolte uns zwar anfanglich das Aussteigen nicht vergonnen, jedoch, so bald ich mich melden liess, und erkannt wurde, war die Freude bey einigen guten Freunden und Bekandten unbeschreiblich, welche dieselben uber mein Leben und gluckliche Wiederkunfft bezeigten. Denn man hatte mich nun seit etlichen Jahren langst vor todt gehalten.

Monsieur van der Baar, mein gantz besonderer Freund, und ehemaliger Schiffs-Quartier-Meister, war Vice Gouverneur daselbst, und liess mir, vor mich und meine Liebste, sogleich ein fein erbautes Hauss einraumen, nach etlichen Tagen aber, so bald wir uns nur ein wenig eingerichtet, muste uns einer von den zwey daselbst befindlichen Hollandischen Priestern ehelich zusammen geben. Ich liess auf mehr als 50. Personen eine, nach dasiger Beschaffenheit, recht kostbare Mahlzeit zurichten, vor alle andern aber, auch so gar vor die Indianischen Familien, weiss Brod, Fleisch, Wein und ander starck Getrancke austheilen, damit sich nebst mir, jederman zu erfreuen einige Ursach haben mochte. Der Vice-Gouverneur liess mir zu Ehren, beym Gesundheit Trincken, die Stucken auf den Batterien tapffer abfeuren, damit auch andere Insulaner horen mochten, dass in selbiger Gegend etwas Besonderes vorgienge, kurtz, wir lebten etliche Tage, auf meine Kosten rechtschaffen lustig. Meine nunmehrige Ehe-Liebste, die Donna Salome, war so hertzlich vergnugt mit mir, als ich mit ihr, indem ich nun erst in ihren sussen Umarmungen empfand, was rechtschaffene Liebe sey. Es solte mancher vermeinen, ich wurde am allerersten nach meinen vergrabenen Schatzen gelauffen seyn, allein ich bin warhafftig so gelassen gewesen, und habe dieselbe erst 8. Tage nach unserer Hochzeit gesucht, auch ohnversehrt glucklich wieder gefunden, und meiner Liebste dieselben in der Stille gezeiget. Sie erstaunete daruber, indem sie mich nimmermehr so reich geschatzt, nunmehro aber merckte, dass sie sich an keinen BettelMann verheyrathet habe, und derowegen vollkommen zufrieden war, ohngeacht ich ihr offenbarete, dass ich kein Edelmann, sondern nur aus Burgerlichen Stande sey.

Vier Monath nach meiner glucklichen Wiederkunfft, nachdem wir unsere Hausshaltung in vortrefflichen Stand gesetzt, hatte ich die Freude, meinen alten Capitain zu umarmen, welcher eben aus Holland wieder zuruck kam, und nicht allein die Confirmation uber seine Gouverneur-Charge, sondern auch weit wichtigere Vollmachten, nebst vielen hochst-nothigen Dingen, in 3. Schiffen mit brachte. Er erzehlete mir, dass, nach der Versicherung meines Todes, er alsofort mein zuruckgelassenes Vermogen durch redliche und theils gegenwartige Personen taxiren lassen, welches sich auf 6. tausend Thlr. werth belauffen, hiervon habe er meinem jungern Bruder, den er nach Amsterdam zu sich verschrieben, vor ihn und das andere Geschwister 5000. Thlr. gezahlet, ein tausend aber vor sich selbst zur Erbschafft, vor die meinetwegen gehabte Muhe, behalten, welche er mir aber nunmehro, da er die Freude hatte, mich wieder zu finden, gedoppelt bezahlen wolte; Allein, ich hatte eine solche Freude uber seine Redlichkeit, dass ich ihn beschwur, hiervon nichts zu gedencken, indem ich, weil ich vergnugt ware, mich reich genug zu seyn schatze, und wohl wuste, dass ihm selbst ein noch weit mehreres schuldig sey.

Wir lebten nachhero in der schonsten Eintrachtigkeit beysammen, Monsieur van der Baar muste mit 50. Mannen, und allerhand ihm zugegebenen nothdurfftigen Sachen, eine andere kleine Insul bevolkkern, ich aber wurde an dessen Statt Vice-Gouverneur, und war fast nicht mehr willens, in Zukunfft auf Frey-Beuterey auszugehen, sondern, bey meiner Liebens-wurdigen Salome, mein Leben in Ruhe zuzubringen, wie denn dieselbe ihr Verlangen nach Europa gantzlich fahren liess, und nichts mehr wunschte, als in meiner bestandigen Gegenwart Lebens-lang auf dieser Insul zu bleiben. Allein, o Jammer! mein innigliches Vergnugen wahrete nicht lange, denn da meine Hertz-allerliebste Ehe-Frau im zehenden Monath nach unserer Copulation durch eine entsetzliche schwere Geburth eine todte Tochter zur Welt gebracht hatte, vermerckte sie bald darauf die Anzeigungen ihres eigenen herran nahenden Todes. Sie hatte sich schon seit etlichen Wochen mit den Predigern, der Religion wegen, fast taglich unterredet, und alle unsere Glaubens-Articul wohl gefasset, nahm derowegen aus hertzlichen Verlangen nach dem heiligen Abendmahle die Protestantische Religion an, und starb folgenden Tages sanfft und seelig.

Ich mag meinen Schmertzen, den ich damahls empfunden, in Gegenwart anderer voritzo nicht erneuern, sondern will nur so viel sagen, dass ich fast nicht zu trosten war, und in bestandiger Tieffsinnigkeit nirgends Ruhe zu suchen wuste, als auf dem Grabe meiner Liebsten, welches ich mit einem ziemlich wohl ausgearbeiteten Steine bedeckte und mit eigener Hand folgende Zeilen darauf meisselte: Hier liegt ein schoner Raub, den mir der Todt

geraubt,

Nachdem der Freyheits-Raub den Liebes-Raub

erlaubt.

Es ist ein seelig Weib. Wer raubt ihr diesen Orden? Doch ich, als Wittber, bin ein Raub des Kummers

worden.

Unten drunter meisselte ich fernere Nachricht von ihrer und meiner Person, nebst der Jahr-Zahl, ein, um die Curiositat der Nachkommen zu vergnugen, ich hergegen wuste weiter fast nichts mehr von einigen Vergnugen in der Welt, ward dannenhero schlussig, wieder nach Europa zu gehen, um zu versuchen, ob ich daselbst, als in der alten Welt, einige GemuthsRuhe finden, und meine Schmertzen bey der begrabenen geliebten Urheberin derselben in der Neuen Welt zuruck lassen konte. Dieses mein Vorhaben entdeckte ich dem Capitain, als unsern Gouverneur, welcher mir nicht allein die hierzu benothigten freywilligen Leute, sondern auch eins der besten Schiffe, mit allen Zubehor versehen, auszulesen, ohne die allergeringste Schwierigkeit, vielmehr mit rechten Freuden, erlaubte. Jedoch mich instandig bat, bald wieder zu kommen, zumahlen, wenn ich meine Meublen und Baarschafften wohl angelegt hatte.

Ich versprach alles, was er von mir verlangte, und seegelte, nachdem er mich mit vielen wichtigen Commissionen und guten Pasporten versehen, im Nahmen des Himmels von der mir so lieb gewesenen Insel nach Europa zu, und kam, ohne besondere Hinderniss, nach verflossener ordentlicher Zeit glucklich in Amsterdam an.

Binnen 2. Monathen richtete alle mir aufgetragene Commissionen aus, uberliess das Schiff an meines Capitains Compagnons, und gab ihnen zu verstehen, dass erstlich in mein Vaterland reisen, und mich allda resolviren wolte, ob es weiter mein Werck seyn mochte, wieder in See zu gehen oder nicht. Packte nachhero alles mein Vermogen auf, und ging nach Lubeck zu meinem ehemahligen Patrone, der mich mit grosten Freuden empfing, in sein Hauss auf so lange aufnahm, biss ich einen richtigen Schluss gefasset, wohin mich nunmehro wenden wolte. Da mir aber dieser mein Patron erzehlete, dass sein Sohn, mit dem ich ehemahls in Grypswalde studiret, nunmehro vor ein paar Jahren einen ansehnlichen Dienst in Dantzig bekommen hatte, machte mich auf die Reise, ihn daselbst zu besuchen, nachdem ich vorhero meinem Bruder, der ohne mich der jungste war, schrifftlich zu wissen gethan, dass er mich in Dantzig antreffen wurde.

Derselbe nun hatte sich nicht gesaumet, sondern war noch zwey Tage eher als ich bey dem beschriebenen guten Freunde eingetroffen, indem nun ich auch arrivirte, weiss ich nicht, ob ich bey dem Bruder oder dem Freunde mehr Freude und Liebes-Bezeugungen antraff, wenigstens stelleten sie sich einander gleich. Nachdem wir uns aber etliche Tage rechtschaffen mit einander ergotzt, schickte ich meinen Bruder mit einem ansehnlichen Stuck Geldes nach meinem Vaterlande, und uberliess ihn die Sorge, durch einen geschickten Juristen, einen Pardon-Brief bey der hochsten Landes-Obrigkeit vor mich auszuwircken, wegen des in Franckfurt erstochenen Studenten. Weil nun mehrentheils auf der Welt das Geld alles ausmachen kan, so war auch ich in diesem Stuck nicht unglucklich, sondern erhielt nach Verlauff etlicher Wochen den verlangten Pardon-Brief, und konte nach genomenen zartlichen Abschiede von meinem Freunde sicher in meine Geburths-Stadt reisen, nachdem ich in Dantzig die Zeit ungemein vergnugt zugebracht, und mit den vornehmsten Kauff- und andern Leuten genaue Kund- und Freundschafft gepflogen hatte.

Meine Geschwister, Bluts- und Muths-Freunde empfingen mich mit gantz ausserordentlichen Vergnugen, konte also in den ersten 4. Wochen wenig thun, als zu Gaste gehen, nachhero liess mich zwar bereden, daselbst in Ruhe zu bleiben, zu welchem Ende ich ein schones Gut kauffen, und eine vortheilhafft Mariage treffen solte, allein, weil es vielleicht nicht seyn solte, muste mir eine unverhoffte Verdrusslichkeit zustossen, die zwar an sich selbst wenig importirte, allein ich ward auf einmahl capricieus, setzte meinen Kopff auf, resolvirte mich, wieder zur See zu gehen, und reisete, nachdem ich mich uber ein Jahr zu Hause aufgehalten, meine Verwandten und Freunde auch reichlich beschenckt, ohne fernern Zeit-Verlust wieder nach Amsterdam.

Es hielt daselbst nicht schwer, einen neuen Brief vor mich als Capitain eines Frey-Beuter Schiffs heraus zu kriegen, zumahl da mich selbst equippiren wolte, ich warb Leute an, bekam aber, wie ich nachhero erfahren muste, zu meinem Unglucke den Abschaum aller Schelmen, Diebe, und des allerliederlichsten Gesindels auf meinem Schiff, mit selbigen wolte ich nun eine neue Tour nach West-Indien vornehmen, so bald mich aber nur auf dem grossen Atlantischen Meere befand, anderten sie auf Einrathen eines Ertz-verruchten Bosewichts, der sich Jean le Grand nennete, und den ich wegen seines guten Ansehens und verstellten rechtschaffenen Wesens, zum nachsten Commandeur nach mir gemacht hatte, ihre Resolution, und zwungen mich, sie nach Ost-Indien zu fuhren. Ihr ungestumes Wesen ging mir zwar sehr im Kopffe herum, jedoch ich muste kluglich handeln, und mich in die Zeit schicken, da aber ihre Bossheit uberhand nahm, und von einigen die verzweiffeltesten und liederlichsten Streiche gemacht wurden, liess ich die Radels-Fuhrer exemplarisch bestraffen, setzte auch hiermit, meines Bedunckens, die ubrigen alle in ziemliche Furcht. Immittelst waren wir allbereit die Linie passiret, als uns ein entsetzlicher Sturm von der Ost-Indischen Strasse ab- im Gegentheil nach dem Brasilischen Meere hin-, wo das Mittagliche America liegt, getrieben hatte. Ich brauchte alle meine Beredsamkeit diesen uns von dem Gluck gewiesenen Weg zu verfolgen, und versicherte, dass wir in America unser Conto weit besser finden wurden, als in Ost-Indien; allein, meine Leute wolten fast alle anfangen zu rebelliren, und durchaus meinem Kopffe und Willen nicht folgen, wesswegen ich ihnen auch zum andern mahle nachgab, allein, sie erfuhren es mit Schaden, weil wir in offtern Sturmen bey nahe das Leben und alles verlohren hatten. Endlich erholeten wir uns auf einer gewissen Insul in etwas, und waren allbereits den Tropicum capricorni passiret, da mir die unruhigsten Kopffe abermahls allerhand verfluchte Handel auf dem Schiffe machten. Ich wolte die ehemalige Scharffe gebrauchen, allein, Jean le Grand trat nunmehro offentlich auf, und sagte: Es ware keine Manier, Frey-Beuter also zu tractiren, ich solte mich moderater auffuhren, oder man wurde mir etwas anders weisen.

Dieses war genung geredet, mich vollig in Harnisch zu jagen, kaum konte mich enthalten, ihm die Fuchtel zwischen die Ohren zu legen, doch liess ihn durch einige annoch Getreuen in Arrest nehmen, und krumm zusammen schliessen. Hiermit schien es, als ob alle Streitigkeiten beygelegt waren, indem sich kein eintziger mehr regte, allein, es war eine verdammte List, mich, und diejenigen, die es annoch mit mir hielten, recht einzuschlaffern. Damit ich es aber nur kurtz mache: Einige Nachte hernach machten die Rebellen den Jean le Grand in der Stille von seinen Ketten loss, erwehleten ihn zu ihrem Capitain, mich aber uberfielen sie des Nachts im Schlaffe, banden meine Hande und Fusse mit Stricken, und legten mich auf den untersten Schiffs-Boden, allwo zu meinem Lebens-Unterhalte nichts anders bekam als Wasser und Brod. Die Leichtfertigsten unter ihnen hatten beschlossen gehabt, mich uber Boord in die See zu werffen, doch diejenigen, so noch etwa einen halben redlichen Bluts-Tropffen im Leibe gehabt, mochten diesen unmenschlichen Verfahren sich eifferig widersetzt haben, endlich aber nach einem abermahls uberstandenen hefftigen Sturme, da das Schiff nahe an einem ungeheuern Felsen auf den Sand getrieben worden, und nach 2. Tagen erstlich wieder Flott werden konte, wurde ich, vermittelst eines kleinen Boots, an dem wusten Felsen ausgesetzt, und muste mit thranenden Augen die rebellischen Verrather mit meinem Schiffe und Sachen davon seegeln, mich aber von aller menschlichen Gesellschafft und Hulffe an einen gantz wusten Orte gantzlich verlassen sehen. Ich ertrug mein ungluckliches Verhangniss dennoch mit ziemlicher Gelassenheit, ohngeacht keine Hoffnung zu meiner Erlosung machen konte, zudem auch nicht mehr als etwa auf 3. Tage Proviant von der Barmhertzigkeit meiner unbarmhertzigen Verrather erhalten hatte, stellete mir derowegen nichts gewissers, als einen baldigen Todt, vor Augen. Nunmehro fing es mich freylich an zu gereuen, dass ich nicht auf der Insul Bon air bey dem Grabe meiner liebsten Salome, oder doch im Vaterlande, das Ende meines Lebens erwartet, so hatte doch versichert seyn konnen, nicht so schmahlich zu sterben, und da ich ja gestorben, ehrlich begraben zu werden; allein es halff hier nichts als die liebe Gedult und eine christliche Hertzhafftigkeit, dem Tode getrost entgegen zu gehen, dessen Vorbothen sich in meinem Magen und Gedarme, ja im gantzen Corper nach aufgezehrten Proviant und bereits 2. tagigem Fasten deutlich genung spuren liessen.

Die Hitze der Sonnen vermehrete meine Mattigkeit um ein grosses, wesswegen ich an einen schattigten Ort kroch, allwo ein klares Wasser mit dem grosten Ungestum aus dem Felsen heraus geschossen kam, hiermit, und dann mit einigen halbverdorreten Krautern und Wurtzeln, die doch sehr sparsam an dem rings herum gantz steilen Felsen anzutreffen waren, konte ich mich zum Valet-Schmause auf der Welt noch in etwas erquicken. Doch unversehens horete die starcke Wasser-Fluth auf einmahl auf zu brausen, so, dass in Kurtzen fast kein eintziger Wasser-Troffen mehr gelauffen kam. Ich wuste vor Verwunderung und Schrecken nicht, was ich hierbey gedencken solte, brach aber in folgende wehmuthige Worte aus: So muss denn, armseeliger Wolffgang! da der Himmel einmahl deinen Untergang zu beschleunigen beschlossen hat, auch die Natur den ordentlichen Lauff des Wassers hemmen, welches vielleicht an diesem Orte niemahls geschehen ist, weil die Welt gestanden hat, ach! so bete denn, und stirb. Ich fing also an, mit weinenden Augen, den Himmel um Vergebung meiner Sunden zu bitten, und hatte den festen Vorsatz, in solcher heissen Andacht zu verharren, biss mir der Todt die Augen zudruckte.

Was kan man doch vor ein andachtiger Mensch werden, wenn man erstlich aller menschlichen Hulffe beraubt, und von seinem Gewissen uberzeugt ist, dass man der Gottlichen Barmhertzigkeit nicht wurdig sey? Ach! da heist es wohl recht: Noth lernet beten. Doch ich bin ein lebendiger Zeuge, dass man die Gottliche Hulffe sodann erstlich rechtschaffen erkennen lerne, wenn uns alle Hoffnung auf die menschliche gantzlich entnommen worden. Doch weil mich GOtt ohnfehlbar zu einem Werckzeuge ausersehen, verschiedenen Personen zu ihrer zeitlichen, noch mehrern aber zu ihrer geistlichen Wohlfarth behulfflich zu seyn, so hat er mich auch in meiner damahligen allergrosten Lebens-Gefahr, und zwar folgender Gestalt, wunderlich erhalten:

Als ich mich nach Zuruckbleibung der WasserFluth in eine Felsen-Klufft hinein geschmieget, und unter bestandigen lauten Seuffzen und Bethen mit geschlossenen Augen eine baldige Endigung meiner Quaal wunschte; horete ich eine Stimme in Teutscher Sprache folgende Worte nahe bey mir sprechen: Guter Freund, wer seyd ihr? und warum gehabt ihr euch so ubel? So bald ich nun die Augen aufschlug, und 6. Manner in gantz besonderer Kleidung mit Schiessund Seiten-Gewehr vor mir stehen sahe, kam mein auf der Reise nach der Ewigkeit begriffener Geist plotzlich wieder zurucke, ich konte aber, ich glaube, theils vor Schrecken, theils vor Freuden kein eintzig Wort antworten, sie redeten mir derowegen weiter zu, erquickten mich mit einem besonders wohlschmeckenden Getrancke und etwas Brodt, worauf ihnen meine gehabten Fatalitaten kurtzlich erzehlete, um alle moglichste Hulffe, gegen bevorstehende Gefahr zu verhungern anhielt, und mich anbey erkundigte, wie es moglich ware, an diesem wusten Orthe solche Leute anzutreffen, die meine Mutter-Sprache redeten? Sie bezeugten durch Gebarden ein besonderes Mitleyden wegen meines gehabten Unglucks, sagten aber: Guter Freund, sorget vor nichts, ihr werdet an diesem wuste und unfruchtbar scheinenden Orthe alles finden, was zu eurer Lebens-Fristung nothig seyn wird, gehet nur mit uns, so soll euch in dem, was ihr zu wissen verlanget, vollkommenes Genugen geleistet werden.

Ich liess mich nicht zweymahl nothigen, wurde also von ihnen in den Schlund des Wasser-Falles hinein gefuhret, allwo wir etliche Stuffen in die Hohe stiegen, hernach als in einem finstern Keller, zuweilen etwas gebuckt, immer aufwarts gingen, so, dass mir wegen unterschiedlicher einfallender Gedancken angst und bange werden wolte, indem ich mir die 6. Manner bald als Zauberer, bald als bose, bald als gute Engel vorstellete. Endlich, da sich in diesem dustern Gewolbe das Tages-Licht von ferne in etwas zeigte, fassete ich wieder einen Muth, merckte, dass, je hoher wir stiegen, je heller es wurde, und endlich kamen wir an einem solchen Orthe heraus, wo meine Augen eine der allerschonsten Gegenden von der Welt erblickten. An diesem Ausgange waren auf der Seite etliche in Stein gehauene bequeme Sitze, auf deren einen ich mich niederzulassen und zu ruhen genothiget wurde, wie sich denn meine Fuhrer ebenfals bey mir niederliessen, und fragten: Ob ich furchtsam und mude worden ware? Ich antwortete: Nicht sonderlich. Hatte aber meine Augen bestandig nach der schonen Gegend zugewand, welche mir ein irdisch Paradiess zu seyn schien. Mittlerweile bliess der eine von meinen Begleitern 3. mahl in ein ziemlich grosses Horn, so er an sich hangen hatte, da nun hierauf 6. mahl geantwortet worden, ward ich mit Erstaunen gewahr, dass eine gewaltige starcke Wasser-Fluth in dem leeren WasserGraben hergeschossen kam, und sich mit grasslichen Getose und grausamer Wuth in diejenige Oeffnung hinein sturtzte, wo wir herauf gekommen waren.

So viel ists, Messieurs, sagte hier der Capitain Wolffgang, als ich euch vor diessmahl von meiner Lebens-Geschicht erzehlet haben will, den ubrigen Rest werdet ihr bey bequemerer Gelegenheit ohne Bitten erfahren, geduldet euch nur, biss es erstlich Zeit darvon ist. Hiermit nahm er, weil es allbereit ziemlich spat war, Abschied von den andern, mich aber fuhrete er mit in seine Cammer, und sagte: Mercket ihr nun, mein Sohn, Monsieur Eberhard Julius! dass eben diese Gegend, welche ich itzo als ein irrdisches Paradiess geruhmet, dasjenige Gelobte Land ist, woruber euer Vetter, Albertus Julius, als ein Souverainer Furst regieret? Ach, betet fleissig, dass uns der Himmel glucklich dahin fuhret, und wir denselben noch lebendig antreffen, denn den weitesten Theil der Reise haben wir fast zuruck gelegt, indem wir in wenig Tagen die Linie passiren werden. Hierauf wurde noch ein und anderes zwischen mir und ihm verabredet, worauf wir uns beyderseits zur Ruhe legten.

Es traff ein, was der Capitain sagte, denn 5. Tage hernach kamen wir unter die Linie, allwo doch vor dieses mahl die sonst gewohnliche excessive Hitze nicht eben so sonderlich war, indem wir unsere ordentliche Kleidung ertragen, und selbige nicht mit leichten Leinwand-Kitteln verwechseln durfften. Unsere Matrosen hingegen vergassen bey dieser Gelegenheit ihre wunderlichen Gebrauche wegen des Tauffens nicht, sondern machten bey einer lacherlichen Masquerade mit denenjenigen, so die Linie zum ersten mahle passirten, und sich nicht mit Gelde losen wolten, eine gantz verzweiffelte Wasche, ich nebst einigen andern blieb ungehudelt, weiln wir jeder einen Species Thaler erlegten, und dabey angelobten, Zeit Lebens, so offt wir an diesen Ort kamen, die Ceremonie der Tauffe bey den Neulingen zu beobachten.

Die vortrefflich schone Witterung damahliger Zeit, verschaffte uns, wegen der ungemeinen Windstille, zwar eine sehr langsame, doch angenehme Fahrt, der groste Verdruss war dieser, dass das susse Wasser, so wir auf dem Schiffe fuhreten, gar stinckend und mit eckeln Wurmern angefullet wurde, welches Ungemach wir so lange erdulden musten, biss uns der Himmel an die Insul St. Helen fuhrete. Diese Insul ist von gar guten Leuten, Englischer Nation, bewohnt, und konten wir daselbst nicht allein den Mangel des Wassers, sondern auch vieler andern Nothwendigkeiten ersetzen, welches uns von Hertzen wohlgefiel, ohngeacht wir binnen denen 12. Tagen, so wir daselbst zubrachten, den Geld-Beutel bestandig in der Hand haben musten.

Wenn der Capitain den wollustgen Leuten unsers Schiffs hatte zu gefallen leben wollen, so lagen wir vielleicht annoch bey dieser Insul vor Ancker, indem sich auf derselben gewiss recht artig Frauenzimmer antreffen liess, allein er befand, ehe sich dieselben ruinirten, vor rathsam, abzuseegeln, da wir denn am 15. Octobr. den Tropicum Capricorni passirten, allwo die Matrosen zwar wieder eine neue Tauffe anstelleten, doch nicht so scharffe Lauge gebrauchten, als unter der Linie.

Wenig Tage hernach fiel ein verdrussliches Wetter ein, und ob es wohl nicht bestandig hintereinander her regnete, so verfinsterte doch ein anhaltender gewaltigdicker Nebel fast die gantze Lufft, und konten wir um Mittags-Zeit die Sonne sehr selten und trube durch die Wolcken schimmern sehen. Wenn uns der Wind so ungewogen als das Wetter gewesen ware, hatten wir uns des ubelsten zu befurchten gnugsame Ursach gehabt, doch dessen gewohnliche Wuth blieb in ziemlichen Schrancken, obgleich der Regen und Nebel biss in die dritte Woche anhielt.

Endlich zertheilte sich zu unsern allerseits grosten Vergnugen so wohl Regen als Nebel, indem sich die Sonne unsern Augen in ihrer schonsten Klarheit, der Himmel aber ohne die geringsten Wolcken als ein blau-gemahltes Gewolbe zeigte. Und gewisslich diese Allmachts-Geschopffe erweckten in uns desto grossere Verwunderung, weil wir ausser denselben sonst nichts sehen konten als unser Schiff, die offenbare See, und dann und wann einige schwimmenden Krauter. Wir bekamen zwar einige Tage hernach auch verschiedene Seltsamkeiten, nemlich See-Kuhe, See-Kalber und See-Lowen, Delphine, rare Vogel und dergleichen zu Gesichte, aber nichts fiel mir mit mehrern Vergnugen in die Augen, als, da der Capitain Wolffgang eines Tages sehr fruhe mit aufgehender Sonne mir sein Perspectiv gab, und sagte: Sehet, mein Sohn! dorten von ferne denjenigen Felsen, worauf nachst GOtt eure zeitliche Wohlfahrt gegrundet ist. Ich wuste mich vor Freuden fast nicht zu lassen, als ich diesen vor meine Person so glucklichen Ort nur von ferne erblickte, ohngeacht ich nichts wahrnehmen konte, als einen ungeheuern aufgethurmten SteinKlumpen, welcher auch, je naher wir demselben kamen, desto furchterlicher schien, doch weil mir der Capitain in Geheim allbereis eine gar zu schone Beschreibung darvon gemacht hatte, bedunckten mich alle Stunden Jahre zu werden, ehe wir diesem Trotzer der Winde und sturmenden Meeres-Wellen gegen uber Ancker wurffen.

Es war am 12. Novemb. 1725. allbereit nach Untergang der Sonnen, da wir in behoriger Weite vor dem Felsen die Ancker sincken liessen, weil sich der Capitain vor den ihm gantz wohlbekandten SandBancken hutete. So bald dieses geschehen, liess er kurtz auf einander 3. Canon-Schusse thun, und bald hernach 3. Raqueten steigen. Nach Verlauff einer Viertheils Stunde musten abermahls 3. Canonen abgefeuert, und bey jedem 2. Raqueten gezundet werden, da denn alsofort von dem Felsen mit dreyen Canonen-Schussen geantwortet wurde, worbey zugleich 3. Raqueten gegen unser Schiff zugeflogen kamen, welches bey denen, so keinen Bescheid von der Sache hatten, eine ungemeine Verwunderung verursachte. Der Capitain aber liess noch 6. Schusse thun, und biss gegen Mitter-Nacht alle Viertel Stunden eine Raquete steigen, auch Lust-Kugeln und Wasser-Kegel in die See spielen, da denn unsern Raqueten allezeit andere von dem Felsen entgegen kamen, um Mitter-Nacht aber von beyden Seiten mit 3. Canonen-Schussen beschlossen wurde.

Wir legten uns hierauf mehrentheils zur Ruhe, biss auf einige, welche von des Capitains generositee uberflussig profitiren wolten, und sich theils bey einem Glase Brandtewein, theils bey einer Schaale Coffee oder Canarien-Sect noch tapffer lustig machten, biss der helle Tag anbrach. Demnach hatten wir schon ausgeschlaffen, da diese nassen Bruder noch nicht einmahl mude waren. Capitain Wolffgang liess, so bald die Sonne aufgegangen war, den Lieutenant Horn nebst allen auf dem Schiffe befindlichen Personen zusammen ruffen, trat auf den Oberlof, und that ohngefahr folgende Rede an die samtlich Versammle

ten:

Messieurs und besonders gute Freunde! Es kan euch nicht entfallen seyn, was ich mit einem jeden ins besondere, hernach auch mit allen insgesamt offent

lich verabredet, da ich euch theils in meiner Compagnie zu reisen, theils aber in meine wurcklichen Dienste aufgenommen habe. Die meisten unter euch haben mir einen ungezwungenen Eyd uber gewisse Puncte, die ich ihnen wohl erklaret habe, geschworen, und ich muss euch allen zum immerwahrenden Ruhme nachsagen, dass nicht ein eintziger, nur mit der geringsten Gebarde, darwider gehandelt, sondern einer wie der andere, vom grosten biss zum kleinesten, sich dergestalt gegen mich aufgefuhret, wie ich von honetten, rechtschaffenen Leuten gehofft habe. Nunmehro aber, lieben Kinder, ist Zeit und Ort vorhanden, da ich nebst denen, die ich darzu auf- und angenommen, von euch scheiden will. Nehmet es mir nicht ubel, denn es ist vorhero so mit euch verabredet worden. Sehet, ich stelle euch hier an meine Statt den Lieutenant Philipp Wilhelm Horn zum Capitain vor, ich kenne seine treffliche Conduite, Erfahrenheit im See-Wesen und andere zu solcher Charge erforderliche Meriten, folget meinem Rathe und seinem Anfuhren in guter Eintrachtigkeit, so habt ihr mit Gottl. Hulffe an glucklicher Aussfuhrung eures Vorhabens nicht zu zweiffeln. Ich gehe nun an meinen auserwehlten Ort, allwo ich die ubrige Zeit meines Lebens, ob GOTT will, in stiller Ruhe hinzu bringen gedencke. GOTT sey mit euch und mir. Ich wunsche euch allen, und einem jeden ins besondere tausendfaches Gluck und Seegen, gedencket meiner allezeit im Besten, und seyd versichert, dass ich eure an mir erwiesene Redlichkeit und Treue, allezeit danckbar zu erkennen suchen werde, denn wir konnen einander in Zukunfft dem ohngeacht wol weiter dienen. Inzwischen da ich mein Schiff nebst allen dem was ihr zur Ost-Indischen Reise nothig habt, an den Capitain Horn, vermoge eines redlichen Contracts uberlassen habe, wird hoffentlich niemand scheel sehen, wenn ich diejenigen Meublen so vor mich allein mitgenommen, davon abfuhre, hernachmals freundlichen Abschied nehme, und euch ingesammt Gottl. Schutz empfehle.

Man hatte, nachdem der Capitain Wolffgang diese seine kleine Oration gehalten, nicht meinen sollen, wie niedergeschlagen sich alle und jede, auch die sonst so wilden Boots-Knechte bezeugten. Ein jeder wolte der erste seyn, ihn mit Thranenden Augen zu umarmen, dieser fiel ihm um den Halss, jener kussete ihm die Hande, andere Demuthigten sich noch tieffer, so dass er selbst weinen und mit manier Gelegenheit suchen muste, von allen Liebkosungen loss zu kommen. Er hielt hierauff noch eine kleine Rede an den neuen Capitain, stellete ihm das Behorige zum Uberflusse nochmals vor, liess allen, die sich auf dem Schiffe befunden, abermals Wein und ander starckes, auch gelinderes und lieblicher Getrancke reichen, aus den Canonen aber tapffer Feuer geben. Wahrender Zeit wurden unsere Sachen von dem Schiffe auf Boote gepackt, und nach und nach hinuber an den Felsen geschafft, womit wir zwey vollkommene Tage zubrachten, ohngeachtet von Morgen biss in die Nacht aller Fleiss angelegt wurde.

Am allerwundersamsten kam es einen jeden vor, dass der Capitain an einem solchen Felsen bleiben wolte, wo weder Grass, Kraut noch Baume, vielweniger Menschen zu sehen waren, wesswegen sich auch einige nicht enthalten konten, ihn darum zu befragen. Allein er gab ihnen lachelnd zur Antwort: Sorget nicht, lieben Kinder, vor mich und die ich bey mir habe, denn ich weiss, dass uns GOTT wol erhalten kan und wird. Wer von euch in des Capitain Horns Gesellschafft wieder mit zuruck kommt, soll uns, ob GOTT will, wieder zu sehen und zu sprechen kriegen.

Nachdem also alle Personen und Sachen so am Felsen zuruck bleiben solten, hinuber geschafft waren, lichtete der Capitain Horn seine Ancker und nahm mit 4. Canonen-Schussen von uns Abschied, wir danckten ihm gleichfalls aus 4. Canonen die Herr Capitain Wolffgang mit an den Felsen zu bringen befohlen hatte, dieses aber war am vergnuglichsten, dass die unsichtbaren Einwohner des Felsens auch kein Pulver spareten, und damit anzeigten, dass sie uns Bewillkomen, jenen aber Gluck auf die Reise wunschen wol ten.

Kaum hatte sich das Schiff aus unsern Augen verlohren, als, indem sich die Sonne bereits zum Untergange geneiget, die samtlich Zuruckgebliebenen ihre begierigen Augen auf den Capitain Wolffgang worffen, um solchergestat stillschweigend von ihm zu erfahren, was er nunmehro mit uns anfangen wolte? Es bestunde aber unsere gantze Gesellschafft aus folgenden Personen:

1. Der Capitain Leonhard Wolffgang, 45. Jahr alt.

2. Herr Mag. Gottlieb Schmeltzer, 33. Jahr alt.

3. Friedrich Litzberg ein Literatus, der sich mei

stens auf die Mathematique legte, etwa 30. Jahr

alt.

4. Johann Ferdinand Kramer, ein erfahrner Chir

urgus, 33. Jahr alt.

5. Jeremias Heinrich Plager, ein Uhrmacher und

anderer Arbeit, seines Alters 34. Jahr.

6. Philipp Harckert, ein Posamentirer von 23. Jah

ren.

7. Andreas Klemann, ein Pappiermacher, von 36.

Jahren.

8. Willhelm Herrlich, ein Drechsler, 32. Jahr alt.

9. Peter Morgenthal, ein Kleinschmied, aber dabey

sehr kunstlicher Eisen-Arbeiter, 31. Jahr alt.

10. Lorentz Wetterling, ein Tuchmacher, 34. Jahr

alt.

11. Philipp Andreas Kratzer, ein Muller, 36. Jahr

alt.

12. Jacob Bernhard Lademann, ein Tischler, 35.

Jahr.

13. Joh. Melchior Garbe, ein Buttner, von 28.

Jahren.

14. Nicolaus Schreiner, ein Topffer-Geselle, von

22. Jahren.

15. Ich, Eberhard Julius, damals alt, 191/2 Jahr.

Was wir an Gerathschafften, Thieren und andern Sachen mit ausgeschifft hatten, wird gehoriges Orts vorkommen, derowegen erinnere nur nochmals das besondere Verlangen so wir allerseits hegten, nicht allein das Gelobte Land, darinnen wir wohnen solten, sondern auch die beruhmten guten Leute zu sehen. Capitain Wolffgang merckte solches mehr als zu Nacht noch auf dieser Stadte zu bleiben gefallen lassen, weiln es ohnedem schon spate ware, der morgende Tag aber solte der Tag unsers frolichen Einzugs seyn.

Indem er nun wenig Worte verlieren durffte, uns alle nach seinen Willen zu lencken, setzte sich ein Theil der Unsern bey das angemachte Feuer nieder, dahingegen Herr M. Schmeltzer, ich und noch einige mit dem Capitain am Fusse des Felsens spatzieren giengen und den herabschiessenden Wasser-Fluss betrachteten, welches gewiss in dieser hellen Nacht ein besonderes Vergnugen erweckte. Wir hatten uns aber kaum eine halbe Stunde hieran ergotzt, als unsere zuruckgelassenen Leute, nebst dreyen Frembden, die grosse Fackeln in den Handen trugen, zu uns kamen.

Ermeldte Frembde hatten bey den Unserigen, nach dem Capitain Wolffgang gefragt, und waren nicht allein dessen Anwesenheit berichtet, sondern auch aus Neugierigkeit biss zu uns begleitet worden. So bald die Frembden den Capitain erblickten, warffen sie sogleich ihre Fackeln zur Erden, und lieffen hinzu, selbigen alle drey auf einmal zu umarmen.

Der Capitain, so die 3. Angekommenen sehr wol kennete, umarmete und kussete einen nach dem andern, worauf er nach kurtz gefasseten Grusse sogleich fragte: Ob der Altvater annoch gesund lebte? Sie beantworteten dieses mit Ja, und baten, er mochte doch alsofort nebst uns allen zu ihm hinauff steigen. Allein der Capitain versetzte: Meine liebsten Freunde! ich will die bey mir habenden Leute nicht zur Nachts-Zeit in diesen Lust-Garten der Welt fuhren, sondern erwarten, biss Morgen, so GOtt will, die Sonne zu unsern frohen Einzuge leuchtet, und uns denselben in seiner naturlichen Schonheit zeiget. Erlaubet uns solches, fuhr er fort, und empfanget zuforderst diesen euren Bluts-Freund Eberhard Julium, welchen ich aus Teutschland mit anhero gefuhret habe.

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als sie vor Freuden in die Hohe sprungen, und einer nach dem andern mich umfiengen und kusseten. Nachdem solchergestalt auch alle unsere Reise-Gefahrten bewillkommet waren, bat der Capitain meine frembden Vettern, dass einer von ihnen hinauf steigen, dem Altvater seinen Gehorsam vermelden, anbey Erlaubniss bitten solte, dass er Morgen fruhe, mit Aufgang der Sonnen, nebst 14. redlichen Leuten bey ihm einziehen durffe. Es lief also Augenblicklich einer hurtig davon, um diese Commission auszurichten, die ubrigen zwey aber setzten sich nebst uns zum Feuer, ein Glass Canari-Sect zu trincken, und liessen sich vom Capitain erzehlen, wie es uns auf der Reise ergangen sey.

Ich vor meine Person, da in vergangenen 2. Nachten nicht ein Auge zugethan hatte, konte nunmehro, da ich den Hafen meines Vergnugens erreicht haben solte, unmoglich mehr wachen, sondern schlieff bald ein, ermunterte mich auch nicht eher, biss mich der Capitain beym Aufgange der Sonnen erweckte. Meine Verwunderung war ungemein, da ich etliche 30. ansehnliche Manner in frembder doch recht guter Tracht um uns herum sahe, sie umarmeten und kusseten mich alle ordentlich nach einander, und redeten so feines Hoch-Teutsch, als ob sie gebohrne Sachsen waren. Der Capitain hatte indessen das Fruh-Stuck besorgt, welches in Coffee, Frantz-Brandtewein, Zucker-Brod und andern Confituren bestund. So bald dieses verzehret war, blieben etwa 12. Mann bey unsern Sachen, die ubrigen aber giengen mit uns nach der Gegend des Flusses, bey welchen wir gestern Abend gewesen waren. Ich ersahe mit groster Verwunderung, dass derselbe gantz trocken war, besonn mich aber bald auf des Capitains vormahlige Erzehlung, mitlerweile stiegen wir, aber ohne fernern Umschweiff, die von dem klaren Wasser gewaschenen Felsen-Stuffen hinauff, und marchirten in einer langen, jedoch mit vielen Fackeln erleuchteten, Felsen-Hole immer aufwarts, biss wir endlich ingesammt als aus einem tieffen Keller, an das helle Tages-Licht herauff kamen.

Nunmehro waren wir einigermassen uberzeugt, dass uns der Capitain Wolffgang keine Unwahrheiten vorgeschwatzt hatte, denn man sahe allhier, in einem kleinen Bezierck, das schonste Lust-Revier der Welt, so, dass unsere Augen eine gute Zeit recht starr offen stehen, der Mund aber, vor Verwunderung des Gemuths, geschlossen bleiben muste.

Unsern Seel-Sorger, Herr M. Schmeltzern, traten vor Freuden die Thranen in die Augen, er fiel nieder auf die Knie, um dem Allerhochsten gebuhrenden Danck abzustatten, und zwar vor die besondere Gnade, dass uns derselbe ohne den geringsten Schaden und Unfall gesund anhero gefuhret hatte. Da er aber sahe dass wir gleiches Sinnes mit ihm waren, nahm er seine Bibel, verlass den 65. und 84. Psalm Davids, welche beyden Psalmen sich ungemein schon hieher schickten, Betete hierauf einige krafftige Gebete, und schloss mit dem Liede: Nun dancket alle GOTT etc. Unsere Begleiter konten so gut mit singen und beten als wir, woraus sogleich zu muthmassen war, dass sie im Christenthum nicht unerfahren seyn musten. So bald wir aber dem Allmachtigen unser erstes Opffer auf dieser Insul gebracht, setzten wir die Fusse weiter, nach dem, auf einem grunen Hugel, fast mitten in der Insul liegenden Hause zu, worinnen Albertus Julius, als Stamm-Vater und Oberhaupt aller Einwohner, so zu sagen, residirte.

Es ist unmoglich dem Geneigten Leser auf einmal alles ausfuhrlich zu beschreiben, was vor Annehmlichkeiten uns um und um in die Augen fielen, derowegen habe einen kleinen Grund-Riss der Insul beyfugen wollen, welchen diejenigen, so die Geometrie und Reiss-Kunst besser als ich verstehen, passiren zu lassen, gebeten werden, denn ich ihn nicht gemacht habe, etwa eine eingebildete Geschicklichkeit zu zeigen, sondern nur dem curieusen Leser eine desto bessere Idee von der gantzen Landschafft zu machen. Jedoch ich wende mich ohne weitlaufftige Entschuldigungen zu meiner Geschichts-Erzahlung, und gebe dem Geneigten Leser zu vernehmen: dass wir fast eine Meilwegs lang zwischen einer Allee, von den ansehnlichsten und fruchtbarsten Baumen, die recht nach der Schnur gesetzt waren, fortgiengen, welche sich unten an dem ziemlich hoch erhabenen Hugel endigte, worauf des Alberti Schloss stund. Doch etwa 30. Schritte lang vor dem Ausgange der Allee, waren die Baume mit Fleiss dermassen zusammen gezogen, dass sie oben ein rechtes Europaisches Kirchen-Gewolbe formirten, und an statt der schonsten Sommer-Laube dieneten. Unter dieses ungemein propre und naturlich kostbare Verdeck hatte sich der alte Greiss, Albertus Julius, von seiner ordentlichen Behausung herab, uns entgegen bringen lassen, denn er konte damals wegen eines geschwollenen Fusses nicht gut fortkommen. Ich erstaunete uber sein Ehrwurdiges Ansehen, und venerablen weissen Bart, der ihm fast biss auf dem Gurtel herab reichte, zu seinen beyden Seiten waren noch 5. ebenfalls sehr alt scheinende Greisse, nebst etlichen andern, die zwar etwas junger, doch auch 50. biss 60. Jahr alt aussahen. Ausser der Sommer-Laube aber, auf einem schonen grunen und mit lauter Palmen- und Latan-Baumen umsetzten Platze, war eine ziemliche Anzahl erwachsener Personen und Kinder, alle recht reputirlich gekleidet, versammlet.

Ich wuste nicht Worte genung zu ersinnen, wenn ich die zartliche Bewillkommung, und das innige Vergnugen des Albert Julii und der Seinigen vorstellen solte. Mich druckte der ehrliche Alte aus getreuem Hertzen dermassen fest an seine Brust, dass ich die Regungen des aufrichtigen Gebluts sattsam spurte, und eine lange Weile in seinen Armen eingeschlossen bleiben muste. Hierauff stellete er mich als ein Kind zwischen seinen Schooss, und liess alle Gegenwartigen, so wol klein als gross herzu ruffen, welche mit Freuden kamen und den Bewillkommungs-Kuss auf meinen Mund und Hand druckten. Alle andern Neuangekommenen wurden mit nicht weniger Freude und Aufrichtigkeit empfangen, so dass die ersten Hofflichkeits-Bezeugungen biss auf den hohen Mittag daureten, worauff wir Einkommlinge mit dem Albert Julio, und denen 5. Alten, in dem auf dem Hugel liegenden Hause, die Mittags-Mahlzeit einnahmen. Wir wurden zwar nicht Furstlich, doch in der That auch nicht schlecht tractiret, weiln nebst den 4. recht schmakkhafften Gerichten, die in Fleisch, Fischen, gebratenen Vogeln, und einem raren Zugemuse bestunden, die delicatesten Weine, so auf dieser Insul gewachsen waren, aufgetragen wurden. Bey Tische wurde sehr wenig geredet, mein alter Vetter Albert Julius aber, dem ich zur Seite sitzen muste, legte mir stets die allerbesten Bissen vor, und konte, wie er sagte, vor ubermassiger Freude, itzo nicht den vierdten Theil so viel, als gewohnlich essen. Es war bey diesen Leuten nicht Mode lange zu Tische zu sitzen, derowegen stunden wir nach ordentlicher Ersattigung auf, der Altvater betete nach seiner Gewohnheit, so wol nach als vor Tische selbst, ich kussete ihm als ein Kind die Hand, er mich aber auf den Mund, nach diesen spatziereten wir um das von festen Steinen erbauete Hauss, auf dem Hugel herum, allwo wir bey nahe das gantze innere Theil der Insul ubersehen konten, und des Merckwurdigsten auf derselben belehret wurden. Von dar liess sich Albert Julius auf einem Trag-Sessel in seinen angelegten grossen Garten tragen, wohin wir ingesammt nachfolgeten, und uns uber dessen annehmliche, nutzliche und kunstliche Anlegung nicht wenig verwunderten. Denn diesen Garten, der ohngefehr eine Viertheils Teutsche Meile lang, auch eben so breit war, hatte er durch einen Creutz-Weg in 4. gleiche Theile abgetheilet, in dem ersten quartier nach Osten zu, waren die auserlesensten Fruchtbaren Baume, von mehr als hundert Sorten, das 2te quartier gegen Suden, hegte vielerley schone Weinstocke, welche theils rothe, grune, blaue, weisse und anders gefarbte extraordinair grosse Trauben und Beeren trugen. Das 3te quartier, nach Norden zu, zeigte unzehlige Sorten von Blumen-Gewachsen, und in dem 4ten quartire, dessen Ecke auf Westen stiess, waren die allernutzlichsten und delicatesten Kuchen-Krauter und Wurtzeln zu finden.

Wie brachten in diesem kleinen Paradiese, die Nachmittags-Stunden ungemein vergnugt zu, und kehreten etwa eine Stunde vor Untergang der Sonnen zuruck auf die Albertus-Burg, speiseten nach der Mittaglichen Art, und setzten uns hernachmals vor dem Hause auf artig gemachte grune Rasen Bancke nieder, allwo Capitain Wolffgang dem Altvater von unserer letzten Reise ein und anderes erzehlte, biss uns die hereinbrechende Nacht erinnerte: Beth-Stunde zu halten, und die Ruhe zu suchen.

Ich muste in einer schonen Kammer, neben des Alberti Zimmer schlaffen, welche ungemein sauber meublirt war, und gestehen, dass Zeit meines Lebens noch nicht besser geruhet hatte, als auf dieser Stelle.

Folgenden Morgen wurden durch einen CanonenSchuss alle Einwohner der Insul zum Gottesdienst beruffen, da denn Herr M. Schmelzer eine ziemliche lange Predigt uber den 122. Psalm hielte, die ubrigen Kirchen-Gebrauche aber alle auf Lutherische Art ordentlich in Acht nahm. Den Albert Julium sahe man die gantze Predigt uber weinen, und zwar vor grossen Freuden, weiln ihm der Hochste die Gnade verliehen, noch vor seinem Ende einem Prediger von seiner Religion zuzuhoren, ja so gar denselben in seiner Bestallung zu haben. Die ubrigen versammleten waren dermassen andachtig, dass ich mich nicht erinnern kan, dergleichen jemals in Europa gesehen zu haben.

Nach vollbrachten Gottesdienste, da die Auswartigen sich alle auf den Weg nach ihren Behausungen gemacht, und wir die Mittags-Mahlzeit eingenommen hatten, behielt Albertus Herrn M. Schmeltzern allein bey sich, um mit demselben wegen kunfftiger Kirchen-Ordnung, und anderer die Religion betreffenden hochstnothigen Anstalten, Unterredung zu pflegen. Monsieur Wolffgang, der itzo durchaus nicht mehr Capitain heissen wolte, ich, und die andern Neuangekommenen, wolten nunmehro bemuhet seyn, unsere Packen und ubrigen Sachen auf die Insul herauff zu schaffen, welches uns allerdings als ein sehr Beschwerlich Stuck Arbeit furkam, allein, zu unserer grosten Verwunderung und Freude, fanden wir alle unsere Guter in derjenigen grossen Sommer-Laube besammen stehen, wo uns Albertus zuerst bewillkommet hatte. Wir hatten schon gezweiffelt, dass wir binnen 4. biss 5. Tagen alle Sachen herauff zu bringen vermogend seyn wurden, und sonderlich stelleten wir uns das Aufreissen der grossen Packe und SchlagFasser sehr muhsam vor, wusten aber nicht, dass die Einwohner der Insul, an einem verborgenen Orthe der hohen Felsen, zwey vortrefflich-starcke Winden hatten, durch deren force wohl ein gantzer Fracht-Wagen auf einmal hatte hinauff gezogen werden konnen. Mons. Litzberg hatte sich binnen der Zeit die Muhe genommen, unser mitgebrachtes Vieh zu besorgen, so aus 4. jungen Pferden, 6. jungen Stucken Rind-Vieh, 6. Schweinen, 6. Schaafen, 2. Bocken, 4. Eseln, 4. Welschen Hunern, 2. Welschen Hahnen, 18. gemeinen Hunern, 3. Hahnen, 6. Gansen, 6. Endten, 6. Paar Tauben, 4. Hunden, 4. Katzen, 3. Paar Caninichen, und vielerley Gattungen von Canari- und andern artigen Vogeln bestund. Er war damit in die nachste Wohnstadte, Alberts-Raum genannt, gezogen, und hatte bereits die daselbst wohnenden Leute vollig benachrichtiget, was diesem und jenen vor Futter gegeben werden muste. Selbige verrichteten auch in Warheit diese in Europa so verachtliche Arbeit mit gantz besondern Vergnugen, weiln ihnen dergleichen Thiere Zeit ihres Lebens nicht vor die Augen kommen waren.

Andere, da sie merckten, dass wir unsere Sachen gern vollends hinauff in des Alberti Wohnhaus geschafft haben mochten; brachten so fort gantz bequeme Rollwagen herbey, luden auf, was wir zeigten, spanneten zahmgemachte Affen und Hirsche vor, diese zohen es mit Lust den Hugel hinauff, liessen auch nicht eher ab, biss alles unter des Alberti Dach gebracht war.

Immittelst hatte Mons. Wolffgang noch vor der Abend-Mahlzeit das Schlag-Fass, worinnen die Bibeln und andere Bucher waren, aufgemacht, und prsentirte dem alten Alberto eine in schwartzen Sammet eingebundene Bibel, welche aller Orten starck mit Silber beschlagen, und auf dem Schnitt verguldet war. Albertus Kussete dieselbe, druckte sie an seine Brust und vergoss hauffige Freuden-Thranen, da er zumal sahe, dass wir noch einen so starcken Vorrath an dergleichen und andern geistl. Buchern hatten, auch horete, dass wir dieselben bey ersterer Zusammenkunfft unter die 9. Julischen Familien, (welche dem G. Leser zur Erlauterung dieser Historie, auf besondere, zu Ende dieses Buchs angehefftete Tabellen gebracht worden,) austheilen wolten. Nachst diesem wurden dem Alberto, und denen Alten, noch viele andere kostliche Sachen eingehandiget, die so wol zur Zierde als besonderer Bequemlichkeit gereichten, woruber alle insgesamt eine Verwunderungs- volle Dancksagung abstatteten. Folgenden Tages als an einem Sonnabend, muste ich, auf Mons. Wolffgangs Ersuchen, in einer bequemen Kammer einen vollkommenen Krahm, so wohl von allerhand nutzlichen Sachen, als Kindereyen und Spielwerck auslegen, weiln er selbiges unter die Einwohner der Insul vom Grosten biss zum Kleinsten auszutheilen willens war. Mons. Wolffgang aber, liess indessen die ubrigen Dinge, als Victualien, Instrumenta, Tucher, Leinwand, KleyderGerathe und dergleichen, an solche Orte verschaffen, wo ein jedes vor der Verderbung sicher seyn konte.

Der hierauff einbrechende 25. Sonntag post Trin. wurde fruh Morgens bey Aufgang der Sonnen, denen Insulanern zur Andachtigen Sabbats-Feyer, durch 2. Canonen-Schusse angekundiget. Da sich nun dieselben 2. Stunden hernach ingesammt unter der Albertus-Burg, auf dem mit Baumen umsetzten grunen Platze versammlet hatten, fieng Herr M. Schmeltzer den Gottesdienst unter freyen Himmel an, und Predigte uber das ordentliche Sonntags Evangelium, vom Greuel der Verwustung, fast uber 2. Stunden lang, ohne sich und seine Zuhorer zu ermuden, als welche Letztere alles andere zu vergessen, und nur ihn noch langer zuzuhoren begierig schienen. Er hatte gantz ungemeine meditationes uber die wunderbaren Wege GOTTES, Kirchen zu bauen, und selbige wiederum zu verwusten, brachte anbey die application auf den gegenwartigen Zustand der sambtlichen Einwohner dieser Insul dermassen beweglich vor, dass, wenn auch die Helffte von den Zuhorern die grobsten Atheisten gewesen waren, dennoch keiner davon ungeruhrt bleiben konnen.

Jedwedes von ausswartigen Zuhorern hatte sich, nach vollendeten Gottesdienste, mit benothigten Speisen versorgt, wem es aber ja fehlete, der durffte sich nur bey dem Altvater auf der Burg melden, als welcher alle nach Nothdurfft sattigen liess. Nachmittags wurde abermals ordentlicher Gottesdienst und Catechismus-Examen gehalten, welches uber 4. Stunden lang wahrete, und hatten, nebst Herrn M. Schmeltzern, wir Einkommlinge nimmermehr vermeynet dieses Orts Menschen anzutreffen, welche in den Glaubens-Articuln so trefflich wohl unterrichtet waren, wie sich doch zu unseren grosten Vergnugen so wol Junge als Alte finden liessen. Da nun auch dieses voruber war, beredete sich Albertus mit den Aeltesten und Vorstehern der 9. Stamme, und zeigten ihnen den Platz, wo er gesonnen ware eine Kirche aufbauen zu lassen. Derselbe wurde nun unten an Fusse des Hugels von Mons. Litzbergen, Lademannen und andern Bau-Verstandigen ordentlich abgesteckt, worauff Albertus sogleich mit eigenen Handen ein Loch in die Erde grub, und den ersten Grund-Stein an denjenigen Orth legte, wo der Altar solte zu stehen kommen. Die Aeltesten und Vorsteher gelobten hierbey an, gleich morgenden Tag Anstalten zu machen, dass die benothigten Bau-Materialien eiligst herbey geschafft wurden, und an fleissigen Arbeitern kein Mangel seyn mochte. Worauff sich bey herannahenden Abende jedes nach seiner Wohnstatte begab. Albertus, der sich wegen so viel erlebten Vergnugens gantz zu verjungern schiene, war diesen Abend absonderlich wohl aufgeraumt, und liess sich aus dem Freuden-Becher unsern mitgebrachten Canari-Sect hertzlich wohl schmecken, doch so bald er dessen Kraffte nur in etwas zu spuren begunte, brach er so wohl als wir ab, und sagte: Meine Kinder, nunmehro hat mich der Hochste bey nahe alles erleben lassen, was ich auf dieser Welt in zeitlichen Dingen gewunschet, da aber mercke, dass ich noch bey ziemlichen Krafften bin, habe mir vorgenommen die ubrige Zeit meines Lebens mit solchen Verrichtungen hin zu bringen, die meinen Nachkommen zum zeitlichen und ewigen Besten gereichen, diese Insul aber in den beglucktesten Zustand setzen konnen.

Demnach bin ich gesonnen, in diesem meinem kleinen Reiche eine General-Visitation zu halten, und, so GOTT will, morgenden Tag damit den Anfang zu machen, Monsieur Wolffgang wird, nebst allen neu angekommenen, mir die Gefalligkeit erzeigen und mit reisen. Wir wollen alle Tage eine Wohnstatt von meinen Abstammlingen vornehmen, und ihren jetzigen Zustand wol erwegen, ein jeder mag sein Bedencken von Verbesserung dieser und jener Sachen aufzeichnen, und hernach auf mein Bitten an mich liefern, damit wir ingesammt daruber rathschlagen konnen. Wir werden in 9. aufs langste in 14. Tagen damit fertig seyn, und hernach mit desto bessern Verstande die Hande an das Werck unserer geistlichen und leiblichen Wohlfahrt legen. Nach unserer Zuruckkunfft aber, will ich alle Abend nach der Mahlzeit ein Stuck von meiner Lebens-Geschicht zu erzehlen Zeit anwenden, hierauff Beth-Stunde halten, und mich zur Ruhe legen.

Monsieur Wolffgang nahm diesen Vorschlag so wol als wir mit grosten Vergnugen an, wie denn auch gleich folgenden Morgen mit aufgehender Sonne, nach gehaltener Morgen-Gebets-Stunde, Anstalt zum Reisen gemacht wurde. Albertus, Herr M. Schmeltzer, Mons. Wolffgang und ich, sassen beysammen auf einem artigen Wagen, welcher von 4. Zahm gemachten Hirschen gezogen wurde, unsere ubrige Gesellschafft aber folgte mit Lust zu Fusse nach. Der erste und nachste Ort den wir besuchten, war die Wohnstatt, Alberts-Raum genannt, es lag gleich unter der Alberts-Burg nach Norden zu, gerade zwischen den zweyen gepflantzten Alleen, und bestund aus 21. Feuerstatten, wohlgebaueten Scheunen, Stallen und Garten, doch hatten die guten Leute ausser einer wunderbaren Art von Bocken, Ziegen und Zahmgemachten Hirschen, weiter kein ander Vieh. Wir traffen daselbst alles in der schonsten Hausshaltungs-Ordnung an, indem die Alten ihre Arbeit auf dem Felde verrichteten, die jungen Kinder aber von den Mittlern gehutet und verpfleget wurden. Nachdem wir die Wohnungen in Augenschein genommen, trieb uns die Neugierigkeit an, das Feld, und die darauff Arbeiteten, zu besehen, und fanden das Erstere trefflich bestellt, die Letzten aber immer noch fleissiger daran bauen. Um Mittags-Zeit aber wurden wir von ihnen umringet, in ihre Wohnstatt gefuhret, gespeiset, getranckt, und von dem grosten Hauffen nach Hause begleitet. Monsieur Wolffgang schenckte dieser Albertinischen Linie 10. Bibeln, 20. Gesang- und Gebeth-Bucher, ausser den verschiedene nutzlichen, auch Spiel-Sachen vor die Kinder, und befahl, dass diejenigen so etwa leer ausgiengen, selbsten zu ihm kommen, und das Ihrige abholen mochten.

Nachdem wir nun von diesen Begleitern mit freudigem Dancke verlassen worden, und bey Alberto die Abend-Mahlzeit eingenommen hatten, liess dieser AltVater sonst niemand, als Herr Mag. Schmeltzern, Mons. Wolffgangen und mich, in seiner Stube bleiben, und machte den Anfang zu seiner Geschichts-Erzehlung folgendermassen.

Ich Albertus Julius, bin anno 1628. den 8. Januar. von meiner Mutter Maria Elisabetha Schluterin zur Welt gebohren worden. Mein Vater, Stephanus Julius, war der Ungluckseeligste Etaats-Bediente eines gewissen Printzen in Teutschland, indem er in damaliger heftiger Kriegs-Unruhe seines Herren Feinden in die Hande fiel, und weil er seinem Fursten, vielweniger aber seinem GOTT ungetreu werden wolte, so wurde ihm unter dem Vorwande, als ob er, in seinen Briefen an den Fursten, den respect gegen andere Potentaten beyseit gesetzt, der Kopf gantz heimlicher und desto mehr unschuldiger Weise vor die Fusse gelegt, mithin meine Mutter zu einer armen Wittbe, 2. Kinder aber zu elenden Waysen gemacht. Ich gieng dazumal in mein sechstes, mein Bruder Johann Balthasar aber, in sein vierdtes Jahr, weiln wir aber unsern Vater, der bestandig bey dem Printzen in Campagne gewesen, ohnedem sehr wenig zu Hause gesehen hatten, so war unser Leydwesen, damaliger Kindheit nach, nicht also beschaffen, als es der jammerlich starcke Verlust, den wir nachhero erstlich empfinden lerneten, erforderte, ob schon unsere Mutter ihre Wangen Tag und Nacht mit Thranen benetzte.

Meines Vaters Principal, welcher wol wuste, dass mein Vater ein schlechtes Vermogen wurde hinterlassen haben, schickte zwar an meine Mutter 800 Thlr. ruckstandige Besoldung, nebst der Versicherung seiner bestandigen Gnade, allein das Kriegs-Feuer gerieth in volle Flammen, der Wohlthatige Furst wurde weit von uns getrieben, der Todt raubte die Mutter, der Feind das ubrige blutwenige Vermogen, alle Freunde waren zerstreuet, also wusten ich und mein Bruder sonst kein ander Mittel, als den Bettel-Stab zu ergreiffen.

Wir musten also bey nahe anderthalb Jahr, das Brod vor den Thuren suchen, von einem Dorffe und Stadt zur andern wandern, und letztlich fast gantz ohne Kleider einher gehen, biss wir ohnweit Naumburg auf ein Dorff kamen, allwo sich die Priester-Frau uber uns erbarmete, ihren Kindern die alten Kleider vom Leibe zog, und uns damit bekleidete, ehe sie noch gefragt, woher, und wess Standes wir waren. Der Priester kam darzu, lobte seiner Frauen Mitleyden und redliche Wohlthaten, erhielt aber, auf sein Befragen von mir, zulanglichen Bericht wegen unsers Herkommens, weil ich dazumal schon 10. Jahr alt war, und die betrubte Historie von meinen Eltern ziemlich gut zu erzehlen wuste.

Der redliche Geistliche, welcher vielleicht nunmehro schon seit vielen Jahren unter den Seeligen, als des Himmels-Glantz leuchtet, mochte vielleicht von den damaligen Laufften, und sonderlich von meines Vaters Begebenheiten, mehrere Nachricht haben als wir selbst, schlug derowegen seine Hande und Augen gen Himmel, fuhrete uns arme Waysen in sein Hauss, und hielt uns nebst seinen 3. Kindern so wol, als ob wir ihnen gleich waren. Wir waren 2. Jahr bey ihm gewesen, und hatten binnen der Zeit im Christenthum, Lesen, Schreiben und andern studien, unserm Alter nach, ein ziemliches profitiret, woruber er nebst seiner Liebsten eine sonderliche Freude bezeigte, und ausdrucklich sagte: dass er sich unsere Aufnahme niemals gereuen lassen wolte, weiln er augenscheinlich gespuret, dass ihn GOTT seit der Zeit, an zeitlichen Gutern weit mehr als sonsten gesegnet hatte; doch da wenig Wochen hernach sein Befreundter, ein Amtmann aus dem Braunschweigischen, diesen meinen bissherigen Pflege-Vater besuchte, an meinem stillen Wesen einen Gefallen hatte, meine 12. jahrige Person von seinem Vetter ausbat, und versicherte, mich, nebst seinen Sohnen, studiren zu lassen, mithin den Mitleidigen Priesters-Leuten die halbe Last vom Halse nehmen wolte; liessen sich diese bereden, und ich muste unter Vergiessung hauffiger Thranen von ihnen und meinem lieben Bruder Abschied nehmen, mit dem Amtmanne aber ins Braunschweigische reisen. Daselbst nun hatte ich die ersten 2. Jahre gute Zeit, und war des Amtmanns Sohnen, die doch alle beyde alter als ich, auch im Studiren weit voraus waren, wo nicht vor- doch gantz gleich gekommen. Dem ohngeacht vertrugen sich dieselben sehr wohl mit mir, da aber ihre Mutter starb, und statt derselben eine junge Stieff-Mutter ins Hauss kam, zog zugleich der Uneinigkeits-Teuffel mit ein. Denn diese Bestie mochte nicht einmahl ihre Stieff-Kinder, vielweniger mich, den sie nur den Bastard und Fundling nennete, gern um sich sehen, stifftete derowegen immerfort Zanck und Streit unter uns, worbey ich jederzeit das meiste leiden muste, ohngeacht ich mich so wohl gegen sie als andere auf alle ersinnliche Art demuthigte. Der Informator, welcher es so hertzlich wohl mit mir meinete, muste fort, an dessen Stelle aber schaffte die regierende Domina einen ihr besser anstandigen Studenten herbey. Dieser gute Mensch war kaum zwey Wochen da, als wir Schuler merckten, dass er im Lateinischen, Griechischen, Historischen, Geographischen und andern Wissenschafften nicht um ein Haar besser beschlagen war, als die, so von ihm lernen solten, derowegen klappte der Respect, welchen er doch im hochsten Grade verlangte, gar schlecht. Ohngeacht aber der gute Herr Prceptor uns keinen Autorem vor-exponiren konte; so mochte er doch der Frau Amtmannin des Ovidii Libr. de arte amandi desto besser zu erklaren wissen, indem beyde die Privat-Stunden dermassen offentlich zu halten pflegten, dass ihre freye Auffuhrung dem Amtmanne endlich selbst Verdacht erwecken muste.

Der gute Mann erwehlete demnach mich zu seinem Vertrauten, nahm eine verstellete Reise vor, kam aber in der Nacht wieder zuruck unter das Kammer-Fenster, wo der Informator nebst seinen Schulern zu schlaffen pflegte. Dieser verliebte Venus-Professor stund nach Mitternacht auf, der Frau Amtmannin eine Visite zu geben. Ich, der, ihn zu belauschen, noch kein Auge zugethan hatte, war der verbothenen Zusammenkunfft kaum versichert, als ich dem, unter dem Fenster stehenden Amtmanne das abgeredete Zeichen mit Husten und Hinunterwerffung meiner Schlaff-Mutze gab, welcher hierauf nicht gefackelt, sondern sich in aller Stille ins Hauss herein practiciret, Licht angeschlagen, und die beyden verliebten Seelen, ich weiss nicht in was vor positur, ertappet hatte.

Es war ein erbarmlich Geschrey in der Frauen Cammer, so, dass fast alles Hauss-Gesinde herzu gelauffen kam, doch da meine Mit-Schuler, wie die Ratzen, schlieffen, wolte ich mich auch nicht melden, konte aber doch nicht unterlassen, durch das Schlussel-Loch zu gucken, da ich denn gar bald mit Erstaunen sahe, wie die Bedienten dem Herrn Prceptor halb todt aus der nachtlichen Privat-Schule heraus schleppten. Hierauf wurde alles stille, der Amtmann ging in seine Schreibe-Stube, hergegen zeigte sich die Frau Amtmannin mit blutigen Gesichte, verwirrten Haaren, hinckenden Fussen, ein gross Messer in der Hand haltend auf dem Saale, und schrye: Wo ist der Schlussel? Albert muss sterben, dem verfluchten Albert will ich dieses Messer in die Kaldaunen stossen.

Mir wurde grun und gelb vor den Augen, da ich diese hollische Furie also reden horete, jedoch der Amtmann kam, einen tuchtigen Prugel in der rechten, einen blossen Degen aber in der lincken Hand haltend, und jagte das verteuffelte Weib zuruck in ihre Cammer. Dem ohngeacht schrye sie doch ohn Unterlass: Albert muss sterben, ja der Bastard Albert muss sterben, ich will ihn entweder selbst ermorden, oder demjenigen hundert Thaler geben, wer dem Hunde Gifft eingiebt.

Ich meines Orts gedachte: Sapienti sat! kleidete mich so hurtig an, als Zeit meines Lebens noch nicht geschehen war, und schlich in aller Stille zum Hause hinaus.

Das Glucke fuhrete mich blindlings auf eine grosse Heer-Strasse, meine Fusse aber hielten sich so hurtig, dass ich folgenden Morgen um 8. Uhr die Stadt Braunschweig vor mir liegen sahe. Hunger und Durst plagten mich, wegen der gethanen starcken Reise, gantz ungemein, doch da ich nunmehro auf keinem Dorffe, sondern in Braunschweig einzukehren gesonnen war, trostete ich meinen Magen immer mit demjenigen 24. Marien-Groschen-Stucke, welches mir der Amtmann vor 2. Tagen geschenckt, als ich mit ihm aus Braunschweig gefahren, und dieses vor mich so fatale Spiel verabredet hatte.

Allein, wie erschrack ich nicht, da mir das helle Tages-Licht zeigte, dass ich in der Angst unrechte Hosen und anstatt der Meinigen des Herrn Prceptoris seine ergriffen. Wiewohl, es war mir eben nicht um die Hosen, sondern nur um mein schon Stucke Geld zu thun, doch ich fand keine Ursache, den unvorsichtigen Tausch zu bereuen, weil ich in des Prceptors Hosen bey nahe 6. Thlr. Silber-Geld, und uber dieses einen Beutel mit 30. spec. Ducaten fand. Demnach klagte ich bey meiner plotzlichen Flucht weiter nichts, als dass mir nicht erlaubt gewesen, von dem ehrlichen Amtmanne, der an mir als ein treuer Vater gehandelt, mundlich danckbarn Abschied zu nehmen. Doch ich that es schrifftlich desto nachdrucklicher, entschuldigte mein Versehen wegen der vertauschten Hosen aufs beste, kauffte mir in Braunschweig die nothigsten Sachen ein, dung mich auf die geschwinde Post, und fuhr nach Bremen, allwo ich von der beschwerlichen und ungewohnlich weiten Reise sattsam auszuruhen willens hatte.

Warum ich nach Bremen gereiset war? wuste ich mir selbst nicht zu sagen. Ausser dem, dass es die erste fortgehende Post war, die mir in Braunschweig aufstiess, und die ich nur desswegen nahm, um weit genung hinweg zu kommen, es mochte auch seyn wo es hin wolte. Ich schatzte mich in meinen Gedancken weit reicher als den grossen Mogol, liess derowegen meinem Leibe an guten Speisen und Getrancke nichts mangeln, schaffte mir ein ziemlich wohl conditionirtes Kleid, nebst guter Wasche und andern Zubehor an, behielt aber doch noch etliche 40. Thlr. ZehrungsGeld im Sacke, wovon ich mir so lange zu zehren getrauete, biss mir das Gluck wieder eine Gelegenheit zur Ruhe zeigte, denn ich wuste mich selbst nicht zu resolviren, was ich in Zukunfft vor eine Profession oder Lebens-Art erwehlen wolte, da wegen der annoch lichterloh brennenden Krieges-Flamme eine verdrussliche Zeit in der Welt war, zumahlen vor einen, von allen Menschen verlassenen, jungen Purschen, der erstlich in sein 17des Jahr ging, und am SoldatenLeben den greulichsten Eckel hatte.

Eines Tages ging ich zum Zeitvertreibe vor die Stadt spatzieren, und gerieth unter 4. ansehnliche junge Leute, welche, vermuthlich in Betracht meiner guten Kleidung, zierlicher Krausen und Hosen-Bander, auch wohl des an der Seite tragenden Degens, sehr viel Achtbarkeit vor meine Person zeigten, und nach langen Herumgehen, mich zu sich in ein WeinHauss nothigten. Ich schatzte mir vor eine besondere Ehre, mit rechtschaffenen Kerlen ein Glass Wein zu trincken, ging derowegen mit, und that ihnen redlich Bescheid. So bald aber der Wein die Geister in meinem Gehirne etwas rege gemacht hatte, mochte ich nicht allein mehr von meinem Thun und Wesen reden, als nutzlich war, sondern beging auch die grausame Thorheit, alles mein Geld, so ich im Leben hatte, heraus zu weisen. Einer von den 4. redlichen Leuten gab sich hierauf vor den Sohn eines reichen Kauffmanns aus, und versprach mir, unter dem Vorwande einer besondern auf mich geworffenen Liebe, die beste Condition von der Welt bey einem seiner Anverwandten zu verschaffen, weiln derselbe einen Sohn hatte, dem ich meine Wissenschafften vollends beybringen, und hernach mit ihm auf die Universitat nach Leyden reisen solte, allwo wir beyde zugleich, ohne dass es mich einen Heller kosten wurde, die gelehrtesten Leute werden konten. Er tranck mir hier auf Bruderschafft zu, und mahlete meinen vom Wein-Geist benebelten Augen vortreffliche Lufft-Schlosser vor, biss ich mich dermassen aus dem Zirckel gesoffen hatte, dass mein elender Corper der Lange lang zu Boden fiel.

Der hierauf folgende Morgen brachte sodann meine Vernunfft in etwas wieder zurucke, indem ich mich gantz allein, auf einer Streu liegend, vermerckte. Nachdem ich aufgestanden, und mich einiger massen wieder in Ordnung gebracht hatte, meine Taschen aber alle ausgeleeret befand, wurde mir verzweiffelt bange. Ich ruffte den Wirth, fragte nach meinem Gelde und andern bey mir gehabten Sachen, allein er wolte von nichts wissen, und kurtz zu sagen: Es lieff nach genauer Untersuchung dahinaus, dass ich unter 4. Spitzbuben gerathen, welche zwar gestern Abend die Zeche bezahlt, und wiederzukommen versprochen, doch biss itzo ihr Wort nicht gehalten, und allem Ansehen nach mich beschneutzet hatten.

Also war derjenige Schatz, den ich unverhofft gefunden, auch unverhofft wieder verschwunden, indem ich ausser den angeschafften Sachen, die in meinem Quartiere lagen, nicht einen blutigen Heller mehr im Beutel hatte. Ich blieb zwar noch einige Stunden bey dem Weinschencken sitzen, und hoffte auf der Herrn Sauff-Bruder froliche Wiederkunfft, allein, mein Warten war vergebens, und da der Wirth gehoret, dass ich kein Geld mehr zu versauffen hatte, gab er mir noch darzu scheele Gesichter, wesswegen ich mich eben zum Hinweggehen bereiten wolte, als ein ansehnlicher Cavalier in die Stube trat, und ein Glass Wein forderte. Er sagte mit einer freundlichen Mine, doch schlecht deutschen Worten zu mir: Mein Freund, gehet meinetwegen nicht hinweg, denn ich sitze nicht gern allein, sondern spreche lieber mit Leuten. Mein Herr! gab ich zur Antwort, ich werde an diesem mir ungluckseligen Orte nicht langer bleiben konnen, denn man hat mich gestern Abend allhier verfuhret, einen Rausch zu trincken, nachdem ich nun daruber eingeschlaffen, ist mir alles mein Geld, so ich bey mir gehabt, gestohlen worden. Bleibet hier wiederredete er, ich will vor euch bezahlen, doch erweiset mir den Gefallen, und erzehlet umstandlicher, was euch begegnet ist. Weiln ich nun einen starcken Durst verspurete, liess ich mich nicht zweymahl nothigen, sondern blieb da, und erzehlete dem Cavalier meine gantze Lebens-Geschicht von Jugend an, biss auf selbige Stunde. Er bezeigte sich ungemein vergnugt dabey, und belachte nichts mehr als des Prceptors LiebesAvanture, nebst dem wohlgetroffenen Hosen-Tausche. Wein und Confect liess er genung bringen, da er aber merckte, dass ich nicht viel trincken wolte, weiln in dem gestrigen Rausche eine Haare gefunden, welche mir alle die andern auf dem Kopffe verwirret, ja mein gantzes Gemuthe in tieffe Trauer gesetzt hatte, sprach er: Mein Freund! habt ihr Lust in meine Dienste zu treten, so will ich euch jahrlich 30. Ducaten Geld, gute Kleidung, auch Essen und Trincken zur Gnuge geben, nebst der Versicherung, dass, wo ihr Hollandisch und Englisch reden und schreiben lernet, eure Dienste in weiter nichts als Schreiben bestehen sollen.

Ich hatte allbereit so viel Hoflichkeit und Verstand gefasset, dass ich ihm augenblicklich die Hand kussete, und mich mit Vergnugen zu seinem Knechte anboth, wenn er nur die Gnade haben, und mich ehrlich besorgen wolte, damit ich nicht durffte betteln gehen. Hierauf nahm er mich sogleich mit in sein Quartier, liess meine Sachen aus dem Gast-Hofe holen, und behielt mich in seinen Diensten, ohne dass ich das geringste thun durffte, als mit ihm herum zu spatziren, weiln er ausser mir noch 4. Bedienten hatte.

Ich konte nicht erfahren, wer mein Herr seyn mochte, biss wir von Bremen ab und in Antwerpen angelanget waren, da ich denn spurete, dass er eines reichen Edelmanns jungster Sohn sey, der sich bereits etliche Jahr in Engelland aufgehalten hatte. Meine Verrichtungen bey ihm, bestunden anfanglich fast in nichts, als im guten Essen und Trincken, da ich aber binnen 6. Monathen recht gut Engell- und Hollandisch reden und schreiben gelernet, muste ich diejenigen Briefe abfassen und schreiben, welche mein Herr in seines Herrn Vaters Affairen offters selbst schreiben solte. Er warff wegen meiner Fahigkeit und besondern Dienst-Geflissenheit eine ungemeine Liebe auf mich, erwehlete auch, da er gleich im Anfange des Jahrs 1646. abermahls nach Engelland reisen muste, sonsten niemanden als mich zu seinem Reise-Gefahrten. Was aber das nachdencklichste war, so muste ich, ehe wir auf dem Engellandischen Erdreich anlangeten, in Weibes-Kleider kriechen, und mich stellen, als ob ich meines Herrn Ehe-Frau ware. Wir gingen nach Londen, und logirten daselbst in einem Gast-Hofe, der das Castell von Antwerpen genannt war, ich durffte wenig aus dem Hause kommen, hergegen brachte mein Herr fast taglich fremde Mannes-Personen mit sich in sein Logis, worbey ich meine Person dermassen wohl zu spielen wuste, dass jedermann nicht anders vermeynte, als, ich sey meines Herrn junges EheWeib. Zu seiner und meiner Aufwartung aber, hatte er zwey Englische Magdgen und 4. Laqueyen angenommen, welche uns beyde nach Hertzens Lust bedieneten.

Nachdem ich nun binnen etlichen Wochen aus dem Grunde gelernet hatte, die Person eines Frauenzimmers zu spielen, sagte mein Herr eines Tages zu mir: Liebster Julius, ich werde euch morgenden Nachmittag, unter dem Titul meines Eheweibes, in eine gewisse Gesellschafft fuhren, ich bitte euch sehr, studiret mit allem Fleiss darauf, wie ihr mir alle behorige Liebkosungen machen wollet, denn mein gantzes Gluck beruhet auf der Comdie, die ich itzo zu spielen genothiget bin, nehmet einmahl die Gestalt eurer Amtmanns-Frau an, und caressiret mich also, wie jene ihren Mann vor den Leuten, den Prceptor aber mit verstohlenen Blicken caressiret hat. Seyd nochmahls versichert, dass an dieser lacherlich-scheinenden Sache mein gantzes Glucke und Vergnugen hafftet, welches alles ich euch redlich mit geniessen lassen will, so bald nur unsere Sachen zu Stande gebracht sind. Ich wolte euch zwar von Hertzen gern das gantze Geheimniss offenbaren, allein verzeihet mir, dass es biss auf eine andere Zeit verspare, weil mein Kopff itzo gar zu unruhig ist. Machet aber eure Dinge zu unserer beyder Vergnugen morgendes Tages nur gut.

Ich brachte die gantze hierauf folgende Nacht mit lauter Gedancken zu, um zu errathen, was doch immermehr mein Herr mit dergleichen Possen ausrichten wolte; doch weil ich den Endzweck zu ersinnen, unvermogend war, ihm aber versprochen hatte, allen moglichsten Fleiss anzuwenden, nach seinem Gefallen zu leben, machte sich mein Gemuthe endlich den geringsten Kummer aus der Sache, und ich schlieff gantz geruhig ein.

Folgendes Tages, nachdem ich fast den gantzen Vormittag unter den Handen zweyer alter Weiber, die mich recht auf Engellandische Art ankleideten, zugebracht hatte, wurden mein Herr und ich auf einen neu-modischen Wagen abgeholet, und 3. Meilen von der Stadt in ein propres Garten-Hauss gefahren. Daselbst war eine vortreffliche Gesellschafft vorhanden, welche nichts beklagte, als dass des Wohlthaters Tochter, Jungfer Concordia Plurs, von dem schmertzlichen Kopff-Weh bey uns zu seyn verhindert wurde. Hergegen war ihr Vater, als unser Wirth, nebst seiner Frauen, 3. ubrigen Tochtern und 2. Sohnen zugegen, und machten sich das groste Vergnugen, die ankommenden Gaste zu bewirthen. Ich will diejenigen Lustbarkeiten, welche uns diesen und den folgenden Tag gemacht wurden, nicht weitlaufftig erwehnen, sondern nur so viel sagen, dass wir mit allerley Speisen und Getrancke, Tantzen, Springen, Spatziren-gehen und Fahren, auch noch andern Zeitvertreibungen, allerley Abwechselung machten. Ich merckte, dass die 3. anwesenden schonen Tochter unseres Wohlthaters von vielen Liebhabern umgeben waren, mein Herr aber bekummerte sich um keine, sondern hatte mich als seine Schein-Frau mehrentheils an der Seite, liebkoseten einander auch dermassen, dass ein jeder glauben muste, wir hielten einander als rechte Ehe-Leute von Hertzen werth. Einsmahls aber, da mich mein Herr im Tantze vor allen Zuschauern recht hertzlich gekusset, und nach vollfuhrten Tantze an ein Fenster gefuhret hatte, kam ein junger artiger Kauffmann herzu, und sagte zu meinem Liebsten: Mein Herr van Leuven, ich verspure nunmehro, dass ihr mir die Concordia Plurs mit gutem Recht gonnen konnet, weil ihr an dieser eurer Gemahlin einen solchen Schatz gefunden, den euch vielleicht viele andere Manns-Personen missgonnen werden. Mein liebster Freund, antwortete mein Heer, ich kan nicht laugnen, dass ich eure Liebste, die Concordiam, von Grund der Seelen geliebet habe, und sie nur noch vor weniger Zeit ungemein gern zur Gemahlin gehabt hatte, weiln aber unsere beyden Vater, und vielleicht der Himmel selbst nicht in unsere Vermahlung einwilligen wolten; so habe nur vor etliche Monathen meinen Sinn geandert, und mich mit dieser Dame verheyrathet, bey welcher ich alle diejenigen Tugenden gefunden habe, welche ihr als Brautigam vielleicht in wenig Tagen bey der Concordia finden werdet. Ich vor meine Person wunsche zu eurer Vermahlung tausendfaches Vergnugen, und zwar so, wie ich dasselbe mit dieser meiner Liebsten bestandig geniesse, beklage aber nichts mehr, als dass mich meine Angelegenheiten so eilig wiederum nach Hause treiben, mithin verhindern, eurer Hochzeit, als ein frohlicher Gast, beyzuwohnen.

Der junge Kauffmann stutzte, und wolte nicht glauben, dass der Herr von Leuven so bald nach Antwerpen zuruck kehren musse, da er aber den Ernst vermerckte, und seinen vermeinten Schwieger-Vater Plurs, unsern Wohlthater, herzu ruffte, ging es an ein gewaltiges Nothigen, jedoch der Herr von Leuven blieb nach vielen dargethanen Entschuldigungen bey seinem Vorsatze, morgenden Mittag abzureisen, und nahm schon im Voraus von der gantzen Gesellschafft Abschied.

Es war die gantze Land-Lust auf 8. Tage lang angestellet, da aber wir nur den 3ten Tag abgewartet hatten, und fort wolten, erbothen sich die meisten uns das Geleite zu geben, allein der Herr von Leuven nebst denen Hoffnungs- vollen Schwieger-Sohnen des Herrn Plurs brachten es durch vieles Bitten dahin, dass wir des folgenden Tages bey Zeiten abreisen durfften, ohne von jemand begleitet zu werden, dahero die gantze Gesellschafft ohngestohrt beysammen blieb.

So bald wir wiederum in Londen in unsern Quartier angelanget waren, liess mein Herr einen schnellen Post-Wagen holen, unsere Sachen in aller Eil aufpakken, und Tag und Nacht auf Douvres zu jagen, allwo wir des andern Abends eintraffen, unsere Sachen auf ein parat liegendes Schiff schafften, und mit guten Winde nach Calais abfuhren.

Vor selbigen Hafen wartete allbereit ein ander Schiff, wesswegen wir uns nebst allen unsern Sachen dahinein begaben, das vorige Schiff zuruck gehen liessen, und den Weg nach Ost-Indien erwehleten. Es war allbereit Nacht, da ich in das neue Schiff einstieg, allwo mich der Herr von Leuven bey der Hand fassete, und in eine Cammer fuhrete, worinnen eine ungemein schone Weibs-Person bey einer jungen 24. jahrigen Manns Person sass. Mein liebster Albert Julius! sagte der Herr von Leuven zu mir, nunmehro ist der Haupt-Actus von unserer gespielten Comdie zum Ende, sehet, dieses ist Concordia Plurs, das schonste Frauenzimmer, welches ihr gestern vielmahls habt erwehnen horen. Kurtz, es ist mein liebster Schatz, dieser bey ihr sitzende Herr ist ihr Bruder, wir reisen nach Ceylon, und hoffen daselbst unser vollkommenes Vergnugen zu finden, ihr aber, mein lieber Julius, werdet euch gefallen lassen, an allen unsern Glucksund Unglucks-Fallen gleichen Theil zu nehmen, denn wir wollen euch nicht verlassen, sondern, so GOtt will, in Ost-Indien reich und glucklich machen.

Ich kussete dem Herrn von Leuven die Hand, grussete die nunmehro bekandten Frembden, wunschte Gluck zu ihren Vorhaben, und versprach als ein treuer Diener von ihnen zu leben und zu sterben.

Wenige Tage hierauf liess sich der Herr van Leuven mit mir in grossere Vertraulichkeit ein, da ich denn aus seinen Erzehlungen umstandlich erfuhr, dass seine Sachen folgende Beschaffenheit hatten: Der alte Herr van Leuven war unter den Kriegs-Volckern der vereinigten Niederlander, seit vielen Jahren, als ein hoher Officier in Diensten gewesen, und hatte in einer blutigen Action den rechten Arm eingebusset, wesswegen er das Soldaten-Handwerck niedergelegt, und in Antwerpen ein geruhiges Leben zu fuhren getrachtet; weil er ein Mann, der grosse Mittel besass. Seine 3. altesten Sohne suchten dem ohngeacht ihr Gluck unter den Kriegs-Fahnen und auf den Kriegs-Schiffen der vereinigten Niederlander, der jungste aber, als mein gutiger Herr, Carl Franz van Leuven, blieb bey dem Vater, solte ein Staats-Mann werden, und wurde desswegen in seinen besten Jahren hinuber nach Engelland geschickt, allwo er nicht allein in allen Adelichen Wissenschafften vortrefflich zunahm, sondern auch seines Vaters Engellandisches Negotium mit ungemeiner Klugheit fuhrete. Hierbey aber verliebt er sich gantz ausserordentlich in die Tochter eines Englischen Kauffmanns, Plurs genannt, erweckt durch sein angenehmes Wesen bey derselben eine gleichmassige Liebe. Kurtz zu sagen, sie werden vollkommen unter sich eins, schweren einander ewige Treue zu, und Mons. van Leuven zweiffelt gar nicht im geringsten, so wohl seinen als der Concordi Vater dahin zu bereden, dass beyde ihren Willen zur baldigen Ehe-Verbindung geben mochten. Allein, so leicht sie sich anfangs die Sachen auf beyden Seiten einbilden, so schwer und sauer wird ihnen nachhero der Fortgang gemacht, denn der alte Herr van Leuven hatte schon ein reiches Adeliches Fraulein vor seinen jungsten Sohn ausersehen, wolte denselben auch durchaus nicht aus dem Ritter-Stande heyrathen lassen, und der Kauffmann Plurs entschuldigte seine abschlagige Antwort damit, weil er seine jungste Tochter, Concordiam, allbereit in der Wiege an eines reichen Wechslers Sohn versprochen hatte. Da aber dennoch Mons. van Leuven von der hertzlich geliebten Concordia nicht ablassen will, wird er von seinem Herrn Vater zuruck nach Antwerpen beruffen. Er gehorsamet zwar, nimmt aber vorhero richtigen Verlass mit der Concordia, wie sie ihre Sachen in Zukunfft anstellen, und einander offtere schrifftliche Nachricht von beyderseits Zustande geben wollen.

So bald er seinem Herrn Vater die Hand gekusset, wird ihm von selbigem ein starcker Verweiss, wegen seiner niedertrachtigen Liebe, gegeben, mit der Versicherung, dass er ihn nimmermehr vor seinen Sohn erkennen wolle, wenn sich sein Hertze nicht der gemeinen Kauffmanns-Tochter entschluge, im Gegentheil das vorgeschlagene Adeliche Fraulein erwehlete. Mons. van Leuven will seinen Vater mit allzu starcker Hartnackigkeit nicht betruben, bequemet sich also zum Scheine, in allen Stucken nach dessen Willen, im Hertzen aber thut er einen Schwur, von der Concordia nimmermehr abzulassen.

Inzwischen wird der alte Vater treuhertzig gemacht, setzet in des Sohnes verstellten Gehorsam ein volliges Vertrauen, committirt ihn in wichtigen Verrichtungen einige Reisen an verschiedene Oerter in Teutschland, wobey es denn eben zutraff, dass er mich in Bremen zu sich, von dar aber mit zuruck nach Antwerpen nahm. Einige Zeit nach seiner Zuruckkunfft muste sich der gute Monsieur van Leuven mit dem wiederwartigen Fraulein, welche zwar sehr reich, aber von Gesichte und Leibes-Gestalt sehr hesslich war, versprechen, die Vollziehung aber dieses ehelichen Verbindnisses konte nicht sogleich geschehen, weil sich der Vater gemussiget sahe, den jungen Herrn von Leuven vorhero nochmahls in wichtigen Verrichtungen nach Engelland zu schicken. Er hatte ihm die ernstlichsten Vermahnungen gegeben, sich von der Concordia nicht etwa wieder aufs neue fangen zu lassen, auch den Umgang mit ihren Anverwandten moglichstens zu vermeiden, allein Mons. van Leuven konte der hefftigen Liebe ohnmoglich widerstehen, sondern war Vorhabens, seine Concordiam heimlich zu entfuhren. Jedoch in Engelland dessfals niemanden Verdacht zu erwecken, muste ich mich als ein Frauenzimmer ankleiden, und unschuldiger Weise seine Gemahlin heissen.

So bald wir in Londen angelanget waren, begab er sich zu seinen getreuen Freunden, in deren Behausung er die Concordiam offters, doch sehr heimlich, sprechen konte. Mit ihrem mittelsten Bruder hatte Mons. Leuven eine dermassen feste Freundschafft gemacht, dass es schiene, als waren sie beyde ein Hertz und eine Seele, und eben dieser Bruder hatte geschworen, allen moglichsten Fleiss anzuwenden, dass kein anderer Mann, als Carl Franz van Leuven, seine Schwester Concordiam ins Ehe-Bette haben solte. Wie er denn aus eigenem Triebe sich bemuhet, einen Priester zu gewinnen, welcher ohne den geringsten Scrupel die beyden Verliebten, eines gewissen Abends, nehmlich am 9. Mart. ao. 1646. ordentlich und ehelich zusammen giebt, und zwar in ihrer Baasen Hause, in Beyseyn etlicher Zeugen, wie dieses Priesters eigenhandiges Attestat und beyder Verliebten Ehe-Contract, den ich, von 6. Zeugen unterschrieben, annoch in meiner Verwahrung habe, klar beweiset. Sie halten hierauf in eben dieser ihrer Baasen Hause ordentlich Beylager, machen sich in allen Stucken zu einer baldigen Flucht bereit, und warten auf nichts, als eine hierzu bequeme Gelegenheit. Der alte Plurs wuste von dieser geheimen Vermahlung so wenig als meines Herrn eigener Vater und ich, da ich mich doch, sein vertrautester Bedienter zu seyn, ruhmen konte.

Imittelst hatte sich zwar Monsieur van Leuven

gantz nicht heimlich in London aufgehalten, sondern so wohl auf der Bourse als andern offentlichen Orten fast taglich sehen lassen, jedoch alle Gelegenheit vermieden, mit dem Kauffmanne Plurs ins Gesprache zu kommen.

Demnach beginnet es diesem eigensinnigem Kopffe nahe zu gehen, dass ihm ein so guter Bekandter, von dessen Vater er so manchen Vortheil gezogen, gantzlich aus dem Garne gehen solte. Gehet ihm derowegen einsmahls gantz hurtig zu Leibe, und redet ihn also an: Mein Herr von Leuven! Ich bin unglucklich, dass auf so unvermuthete Art an euch einen meiner besten Herrn und Freunde verlieren mussen, aber bedencket doch selbst: meine Tochter hatte ich allbereit versprochen, da ihr um sie anhieltet, da ich nun allezeit lieber sterben, als mein Wort brechen will, so saget mir doch nur, wie ich euch, meiner Tochter und mir hatte helffen sollen? Zumahlen, da euer Herr Vater selbsten nicht in solche Heyrath willigen wollen. Lasset doch das vergangene vergessen seyn, und verbleibet mein wahrer Freund, der Himmel wird euch schon mit einer weit schonern und reichern Gemahlin zu versorgen wissen. Mons. Leuven hatte hierauf zur Antwort gegeben: Mein werthester Herr Plurs, gedencket an nichts von allen vergangenen, ich bin ein getreuer Freund und Diener von euch, vor eure Tochter, die schone Concordia, habe ich zwar annoch die groste Achtbarkeit, allein nichts von der auf eine Ehe abzielenden hefftigen Liebe mehr, weil ich von dem Glucke allbereits mit einer andern, nicht weniger annehmlichen Gemahlin versorgt bin, die ich auch itzo bey mir in London habe.

Plurs hatte vor Verwirrung fast nicht reden konnen, da er aber von Mons. Leuven einer guten Freundschafft, und dass er im puren Ernste redete, nochmahlige Versicherung empfieng, umarmete er denselben vor grossen Freuden, und bath, seinem Hause die Ehre zu gonnen, nebst seiner Gemahlin bey ihm zu logiren, allein van Leuven danckte vor das gutige Erbieten, mit dem Bedeuten: dass er sich nicht lange in London aufhalten, mithin sein Logis nicht erstlich verandern konne, doch wolte er dem Herrn Plurs ehester Tages, so bald seine Sachen erstlich ein wenig expediret, in Gesellschafft seiner Gemahlin, die itzo etwas Unpass ware, eine Visite geben.

Hierbey bleibt es, Plurs aber, der sich bey des von Leuven guten Freunden weiter erkundiget, vernimmt die Bekrafftigung dessen, was er von ihm selbst vernommen, mit grosten Vergnugen, machet Anstalt uns aufs beste zu bewirthen, da mitlerweile Mons. von Leuven, seine Liebste, und ihr Bruder Anton Plurs, auch die beste Anstalt zur schleunigen Flucht, und mit einem Ost-Indien-Fahrer das Gedinge machten, der sie auf die Insul Ceylon verschaffen solte. Indem Mons. von Leuvens Vaters Bruder, ein Gouverneur oder Consul auf selbiger Insul war, und er sich bey demselben alles krafftigen Schutzes getrostete.

Der 25. May war endlich derjenige gewunschte Tag an welchem Mons. de Leuven nebst mir, seiner Schein-Gemahlin, auf des Herrn Plurs Vorwerg 3. Meilen von London gelegen, abfuhren, und allda 8. Tage zu Gaste bleiben solten. Und eben selbigen Abend wolten auch Anton Plurs, und Concordia, uber Douvres nach Calais passiren. Denn Concordia hatte, diese Land Lust zu vermeiden, nicht allein hefftige Kopf-Schmertzen vorgeschutzt, sondern auch ihren Eltern ins Gesicht gesagt: Sie konne den van Leuven unmoglich vor Augen sehen, sondern bate, man mochte sich nur, binnen der Zeit, um sie unbekummert lassen, weil sie, so lange die Lust wahrete, bey ihrer Baase in der Stille verbleiben wolte, welches ihr denn endlich zugestanden wurde.

Wie wir hingegen auf dem Vorwerge unsere Zeit hingebracht, ingleichen wie wir allen Leuten unsere Verbundniss glaubend gemacht, auch dass ich mit meinem Herrn, welcher alle seine Dinge schon vorhero in Ordnung gebracht, ohne allen Verdacht abreisete, und beyde glucklich bey dem vor Calais wartenden OstIndien-Fahrer anlangeten, dieses habe allbereit erwehnet; derowegen will nur noch mit wenigen melden, dass Mons. Anton Plurs, gleich Abends am 25. May, seine Schwester Concordiam, mit guten Vorbewust ihrer Baase und anderer 4. Befreundten, entfuhret und in Manns-Kleidern glucklich aus dem Lande gebracht hatte. Die guten Freunde stunden zwar in den Gedancken, als solte Concordia nach Antwerpen gefuhret werden, allein es befand sich gantz anders, den van Leuven, Anton und Concordia, hatten eine weit genauere Abrede mit einander genommen. Was man nach der Zeit in London und Antwerpen von uns gedacht und geredet hat, kan ich zwar wol Muthmassen, aber nicht eigentlich erzehlen. Jedoch da wir bey den Canarischen Insuln, und den Insuln des grunen VorGeburges glucklich vorbey passiret waren, also keine so hefftige Furcht mehr vor den Spanischen KriegesSchiffen hegen durfften, bekummerten sich unsere erfreuten Hertzen weiter um nichts, waren Lustig und guter Dinge, und hofften in Ceylon den Haafen unseres volligen Vergnugens zu finden.

Allein, meine Lieben! sagte hier Albertus Julius, es ist nunmehro Zeit auf dieses mal abzubrechen, derowegen wollen wir beten, zu Bette gehen, und so GOTT will, Morgen die Einwohner in Davids-Raum besuchen. Nach diesem werde in der Erzehlung meiner Lebens-Geschicht, und der damit verknupfften Umbstande fortfahren. Wir danckten unserm lieben Alt-Vater vor seine Bemuhung, folgten dessen Befehle, und waren, nach wohlgehaltener Ruhe, des folgenden Morgens mit Aufgang der Sonnen wiederum beysammen. Nachdem die Morgen-Gebeths-Stunde und ein gutes Fruh-Stuck eingenommen war, reiseten wir auf gestrige Art den allerlustigsten Weg in einer Allee biss nach Davids-Raum, dieses war eine von den mittelmassigen Pflantz-Stadten, indem wir 12. Wohnhauser darinnen antraffen, welche alle ziemlich geraumlich gebauet, auch mit schonen Garten, Scheuern und Stallen versehen waren. Alle Winckel zeugten, dass die Einwohner keine Mussigganger seyn musten, wie wir denn selbige mehrentheils auf dem wohlbestellten Felde fanden. Doch muss ich allhier nicht vergessen, dass wir allda besondere Schuster in der Arbeit antraffen, welche vor die anderen Insulaner gemeine Schue von den Hauten der Meer-Thiere, und dann auch Staats-Schue von Hirsch- und Reh-Leder machten, und dieselben gegen andere Sachen, die ihnen zu weit entlegen schienen, vertauschten. In dasigem Felde befand sich ein vortreffliches Kalck-Thon- und LeimenGeburge, woruber unser mitgebrachter Topffer, Nicolaus Schreiner, eine besondere Freude bezeigte, und so gleich um Erlaubniss bath: morgendes Tages den Anfang zu seiner Werckstadt zu machen. Die Grantze selbiger Einwohner setzte der Fluss, der sich, gegen Westen zu, durch den Felsen hindurch ins Meer sturtzte. Sonsten hatten sie ihre Waldung mit ihren Nachbarn zu Alberts-Raum fast in gleichen Theile, anbey aber musten sie auch mit diesen ihren GrantzNachbarn die Last tragen, die Kuste und Bucht nach Norden hin, zu bewahren. Dieserwegen war unten am Felsen ein bequemliches Wacht-Hauss erbauet, worinnen sie im Winter Feuer halten und schlafen konten. Mons. Wolffgang, ich und noch einige andere, waren so curieux, den schmalen Stieg zum Felsen hinauf zu klettern, und fanden auf der Hohe 4. metallene mittelmassige Stucken gepflantzt, und dabey ein artiges Schilder-Haussgen auf ein paar Personen in den Felsen gehauen, da man ebenfalls Feuer halten, und gantz wol auch im Winter darinnen bleiben konte. Nachst diesen eine ordentliche Zug-Brucke nach der verborgenen Treppe zu, von welcher man herab nach der Sand-Banck und See steigen konte, und selbiger zur Seiten zwey vortreffliche Kloben und Winden, vermittelst welcher man in einem Tage mehr als 1000. Centner Waaren auf- und nieder lassen konte. Der angenehme prospect auf die Sand-Banck, in die offenbare See, und dann lincker Hand in die schone Bucht, welche aber einen sehr gefahrlichen Eingang hatte, war gantz ungemein, ausser dem, dass man allhier auch die gantze Insul, als unser kleines Paradiess, vollig ubersehen konte.

Nachdem wir uber eine gute Stunde auf solcher Hohe verweilet, und glucklich wieder herunter kommen waren, liess sich unser Altvater, nebst Herr M. Schmeltzern, bey einer Kreissenden Frau antreffen, selbige kam bald darauff mit einer jungen Tochter nieder, und verrichtete Herr Mag. Schmeltzer allhier so gleich seinen ersten Tauff Actum, worbey Mons. Wolffgang, ich und die nechste Nachbarin Tauff-Pathen abgaben, (selbiges junge Tochterlein, welches das erste Kind war, so auf dieser Insul durch Priesters Hand getaufft worden, und die Nahmen Eberhardina Maria empfieng, ist auf der untersten Linie der IX. Genealogischen Tabelle mit NB. *** bezeichnet.) Wir wurden hierauff von dem Kindtauffen-Vater mit Wein, weissem Brodte, und wohlschmeckenden Fruchten tractiret, reiseten also gegen die Zeit des Untergangs der Sonnen vergnugt zuruck auf Alberts Burg.

Herr Mag. Schmeltzer war sehr erfreuet, dass er selbiges Tages ein Stuck heilige Arbeit gefunden hatte, der Altvater vergnugte sich hertzlich uber diese besondere Gnade GOTTES. Mons. Wolffgang aber schickte vor mich und sich, noch selbigen Abend unserer kleinen Pathe zum Geschencke 12. Elen feine Leinewand, 4. Elen Cattun, ein vollgestopfftes Kussen von Ganse-Federn, nebst verschiedenen krafftigen Hertzstarckungen und andern dienlichen Sachen vor die Wochnerin, wie denn auch vor die gantze Gemeine das deputirte Geschenck an 10. Bibeln und 20. Gesang- und Gebeth-Buchern ausgegeben wurde. Nachdem wir aber nunmehro unsere Tages-Arbeit verrichtet, und die Abend-Mahlzeit eingenommen hatten, setzte unser Alt-Vater die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht also fort:

Wir hielten eine dermassen gluckliche Farth, dergleichen sich wenig See-Fahrer zur selben Zeit, gethan zu haben, ruhmten. Indem das Vor-Geburge der guten Hofnung sich allbereit von ferne erblicken liess, ehe wir noch das allergeringste von Regen, Sturm, und Ungewitter erfahren hatten. Der Capitain des Schiffs machte uns Hoffnung, dass wir aufs Langste in 3. oder 4. Tagen daselbst anlanden, und etliche Tage auf dem Lande ausruhen wurden; Allein die Rechnung war ohne den Wirth gemacht, und das Verhangniss hatte gantz ein anderes uber uns beschlossen, denn folgenden Mittag umzohe sich der Himmel uberall mit schwartzen Wolcken, die Lufft wurde dick und finster, endlich schoss der Regen nicht etwa Tropffen, sondern Strohm-Weise auf uns herab, und hielt biss um Mitternacht ohne allen Unterlass an. Da aber die sehr tieff herab hangenden Wolcken ihrer wichtigsten Last kaum in etwas entledigt un besanftigt zu seyn schienen, erhub sich dargegen ein dermassen gewaltiger Sturm-Wind, dass man auch vor dessen entsetzlichen Brausen, wie ich glaube, den Knall einer Canone nicht wurde gehort haben. Diese unsichtbare Gewalt muste, meines Erachtens, unser Schiff zuweilen in einer Stunde sehr viel Meilen fortfuhren, zuweilen aber schiene selbes auf einer Stelle zu bleiben, und wurde als ein Kreusel in der See herum gedrehet, hernachmals von den Erstaunens-wurdigen Wellen bald biss an die Wolcken hinan, augenblicklich aber auch herunter in den aufgerissenen Rachen der Tiefe geworffen. Ein frischer, und noch viel heftigerer Regen als der Vorige, vereinigte sich noch, zu unserm desto grossern Elende, mit dem Sturm-Winden, und kurtz zu sagen, es hatte das Ansehen, als ob alle Feinde und Verfolger der See-Fahrenden unsern Untergang auf die erschrecklichste Arth zu befordern beschlossen hatten.

Man sagt sonst: Je langer das Ungluck und widerwartige Schicksal anhalte, je besser man sich darein schicken lerne, jedoch dass dieses damals bey uns eingetroffen, kan ich mich nicht im geringsten erinnern. Im Gegentheil muss bekennen, dass unsere Hertzhafftigkeit, nachdem wir 2. Nachte und dritthalben Tag in solcher Angst zugebracht, vollends gantzlich zerfloss, weil die mit Donner und Blitz abermals herein brechende Nacht, schlechten Trost und Hoffnung versprach. Concordia und ich waren vermuthlich die allerelendesten unter allen, indem wir wahrenden Sturms nicht allein keinen Augenblick geschlaffen hatten, sondern auch dermassen matt und taumelnd gemacht waren, dass wir den Kopf gantz und gar nicht mehr in die Hohe halten konten, und fast das Eingeweyde aus dem Leibe brechen musten. Mons. de Leuven und Anton Plurs konten von der hochst sauren, und letzlich doch vergeblichen Arbeit auf dem Schiffe, kaum so viel abbrechen, dass sie uns zuweilen auf eine Minute besuchten, wiewol auch ohnedem nichts vermogend war, uns einige Linderung zu verschaffen, als etliche Stunden Ruhe. Wir horeten auf dem Schiffe, so offt der Sturm nur ein wenig inne hielt, ein grausames Lermen, kehreten uns aber an nichts mehr, weil sich unsere Sinnen schon bereitet hatten, das jammerliche Ende unseres Lebens mit Gedult abzuwarten. Da aber die erbarmlichen Worte ausgeruffen wurden: GOTT sey uns gnadig, nun sind wir alle des Todes, vergieng so wol mir als der Concordia der Verstand solchergestalt, dass wir als Ohnmachtige da lagen. Doch habe ich in meiner Schwachheit noch so viel verspuret, dass das Schiff vermuthlich an einen harten Felsen zerscheiterte, indem es ein grausames Krachen und Prasseln verursachte, das Hintertheil aber, worinnen wir lagen, mochte sehr tieff unter Wasser gekommen seyn, weil selbiges unsere Kammer uber die Helffte anfullete, jedoch alsobald wieder zuruck lief, worauff alles in gantz verkehrten Zustande blieb, indem der Fuss-Boden zu einer Seiten-Wand geworden, und wir beyden Krancken uns in den Winckel der Kammer geworffen, befanden. Weiter weiss ich nicht, wie mir geschehen ist, indem mich entweder eine Ohnmacht oder allzustarcker Schlaf uberfiel, aus welchem ich mich nicht eher als des andern Tages ermuntern konte, da sich mein schwacher Corper auf einer Sand-Banck an der Sonne liegend befand.

Es kam mir als etwas recht ungewohnliches vor, da ich die Sonne am aufgeklarten Himmel erblickte, und von deren erwarmenden Strahlen die allerangenehmste Erquickung in meinen Gliedern empfieng. Ich richtete mich auf, sahe mich um, und entsetzte mich gewaltig, da ich sonst keinen Menschen, als die Concordia, Mons. van Leuven, und den Schiffs-Capitain Lemelie, ohnfern von mir schlaffend, hinterwarts einen grausamen Felsen, seitwarts das Hintertheil vom zerscheiterten Schiffe, sonsten aber nichts als Sand-Bancke, Wasser und Himmel sahe. Da aber die Seite, auf welcher ich gelegen, nebst den Kleidern, annoch sehr kalt und nass war, drehete ich selbige gegen die Sonne um, und verfiel aufs neue in einen tieffen Schlaf, aus welchem mich, gegen Untergang der Sonnen, Mons. van Leuven erweckte. Er gab mir einen massigen Topf mit Weine, und eine gute Hand voll Confect, welches ich noch halb schlaferig annahm, und mit grosser Begierde in den Magen schickte, massen nunmehro fast in 4. Tagen weder gegessen noch getruncken hatte. Hierauff empfieng ich noch einen halben Topf Wein, nebst einem Stuck Zwieback, mit der Erinnerung, dass ich mich damit biss Morgen behelffen muste, weiln ein mehreres meiner Gesundheit schadlich seyn mochte.

Nachdem ich auch dieses verzehret, und mich durchaus erwarmt, auch meine Kleider gantz trucken befand, kam ich auf einmal wieder zu Verstande, und bedunckte mich so starck als ein Lowe zu seyn. Meine erste Frage war nach unsern ubrigen Reise-Gefahrten, weil ich, ausser uns vier vorerwehnten, noch niemand mehr sahe. Muste aber mit grosten Leydwesen anhoren, dass sie vermuthlich ingesammt wurden ertruncken seyn, wenn sie GOtt nicht auf so wunderbare Art als uns, errettet hatte. Denn vor Menschlichen Augen war es vergeblich, an eines eintzigen Rettung zu gedencken, weiln die Zerscheiterung des Schiffs noch vor Mitternacht geschehen, der Sturm sich erstlich 2. Stunden vor Aufgang der Sonnen gelegt hatte, das Hintertheil des Schiffs aber, worauff wir 4. Personen allein geblieben, mit aller Gewalt auf diese Sand-Banck getrieben war. Ich beklagte sonderlich den ehrlichen Mons. Anton Plurs, der sich bey uns nicht sicher zu seyn geschatzt, sondern nebst allzuvielen andern Menschen, einen leichten Nachen erwehlt, doch mit allen diesen sein Begrabniss in der Tiefe gefunden. Sonsten berichtete Mons. van Leuven, dass er so wol mich, als die Concordiam, mit groster Muh auf die Sand-Banck getragen, weil ihm der eigensinnige und Verzweiffelungs-volle Capitain nicht die geringste Handreichung thun wollen.

Dieser wunderliche Capitain Lemelie sass dorten von ferne, mit unterstutzten Haupte, und an statt, dass er dem Allmachtigen vor die Fristung seines Lebens dancken solte, fuhren lauter schandliche gottlose Fluche wider das ihm so feindseelige Verhangniss aus seinem ruchlosen Munde, wolte sich auch mit nichts trosten lassen, weiln er nunmehro, so wol seine Ehre, als gantzes Vermogen verlohren zu haben, vorgab. Mons. de Leuven und ich verliessen den narrischen Kopf, wunschten dass er sich eines Bessern besinnen mochte, und giengen zur Concordia, welche ihr Ehe-Mann in viele von der Sonne erwarmte Tucher und Kleider eingehullt hatte. Allein wir fanden sie dem ohngeacht, in sehr schlechten Zustande, weil sie sich biss diese Stunde noch nicht erwarmen, auch weder Speise noch Getrancke bey sich behalten konte, sondern vom starcken Froste bestandig mit den Zahnen klapperte. Ich zog meine Kleider aus, badete durch das Wasser biss an das zerbrochene Schiff, und langete von selbigem etliche stucken Holtz ab, welche ich mit einem darauff gefundenen breiten Degen zersplitterte, und auf dem Kopffe hinuber trug, um auf unserer Sand-Banck ein Feuer anzumachen, wobey sich Concordia erwarmen konte. Allein zum Ungluck hatte weder der Capitain Lemelie, noch Mons. Leuvens ein Feuerzeug bey sich. Ich fragte den Capitain, auf was vor Art wir etwa Feuer bekommen konten? allein er gab zur Antwort: Was Feuer? ihr habt Ehre genug, wenn ihr alle Drey mit mir crepiret. Mein Herr, gab ich zur Antwort, ich bin vor meine Person so hochmuthig nicht. Besann mich aber bald, dass ich in unserer Cajute ehemals eine Rolle Schwefel hengen sehen, badete derowegen nochmals hinuber in das Schiff, und fand nicht allein diese, sondern auch ein paar wol eingewickelte Pistolen, welche mir nebst dem Schwefel zum schonsten Feuerzeuge dieneten, an statt des Strohes aber brauchte ich meinen schonen Baumwollenen, in lauter Streiffen zerrissenen Brust-Latz, machte Feuer an, und bliess so lange, biss das ziemlich klein gesplitterte Holtz in volle Flamme gerieth.

Mons. van Leuven war hertzlich erfreuet uber meinen glucklichen Einfall, und badete noch zwey mal mit mir hinuber, um so viel Holtz aus dem SchiffsStucke zu brechen, wobey wir uns die gantze Nacht hindurch gemachlich warmen konten. Die Witterung war zwar die gantze Nacht hindurch, dermassen angenehm, als es in Sachsen die besten Sommer-Nachte hindurch zu seyn pfleget, allein es war uns nur um unsere frostige Patientin zu thun, welche wir der Lange lang gegen das Feuer legten, und aufs allerbeste besorgten. Der tolle Capitain kam endlich auch zu uns, eine Pfeiffe Toback anzustecken, da ich ihn aber mit seinen Tobackrauchen schraubte, indem er ja zu crepiren willens ware, gieng er stillschweigend mit einer scheelen mine zuruck an seinen vorigen Ort.

Concordia war indessen in einen tieffen Schlaf gefallen und forderte, nachdem sie gegen Morgen erwacht war, einen Trunck frisch Wasser, allein weil ihr solches zu verschaffen unmoglich, beredete Mons. van Leuven dieselbe, ein wenig Wein zu trincken, sie nahm denselben, weil er sehr Frisch war, begierig zu sich, befand sich aber in kurtzen sehr ubel drauff, massen sie wie eine Kohle gluete, und ihr, ihrem sagen nach, der Wein das Hertze abbrennen wolte. Ihr Ehe-Herr machte ihr die grosten Liebkosungen, allein sie schien sich wenig darum zu bekummern, und fieng unverhofft also zu reden an: Carl Frantz gehet mir aus den Augen, damit ich ruhig sterben kan, die ubermassige Liebe zu euch hat mich angetrieben das 4te Gebot zu ubertreten, und meine Eltern biss in den tod zu betruben, es ist eine gerechte Strafe des Himmels, dass ich, auf dieser elenden Stelle, mit meinen Leben davor bussen muss. GOTT sey meiner und eurer Seele gnadig.

Kein Donnerschlag hatte Mons. van Leuven erschrecklicher in die Ohren schmettern konnen, als diese Centner schweren Worte. Er konte nichts darauff antworten, stund aber in vollkommener Verzweiffelung auf, lieff nach dem Meere zu, und hatte sich gantz gewiss ersaufft, wenn ich ihm nicht nachgelauffen, und durch die krafftigsten Reden die mir GOTTES Geist eingab, damals sein Leib und Seele gerettet hatte.

So bald er wieder zuruck auf die trockene SandBanck gebracht war, legte ich ihm nur diese Frage vor: Ob er denn sein Leben, welches ihm GOTT unter so vielen wunderbarer Weise erhalten, nunmehro aus Ubereilung dem Teufel, samt seiner Seele hingeben wolte? Hierzu setzte ich noch, dass Concordia wegen ubermassiger Hitze nicht alle Worte so geschickt, wie sonsten, vorbringen konte, auch vielleicht in wenig Stunden gantz anders reden wurde, u.s.w. Worauff er sich denn auch eines andern besonn, und mir hoch und theur zuschwur, sich mit christl. Gedult in alles zu geben, was der Himmel uber ihn verhangen wolle. Er bat mich anbey, alleine zur Concordia zu gehen, und dieselbe mit Gelegenheit auf andere Gedancken zu bringen. Ich bat ihn noch einmal, seine Seele, Himmel und Holle zu bedencken, und begab mich zur Concordia, welche mich bat: Ich mochte doch aus jenem Mantel etwas Regen-Wasser ausdrucken, und ihr solches zu trincken geben. Ich versicherte ihr solches zu thun, und begehrete nur etwas Gedult von ihr, weil diese Arbeit nicht so hurtig zugehen mochte. Sie versprach, wiewohl in wurcklicher Phantasie, eine halbe Stunde zu warten; Aber mein GOTT! da war weder Mantel noch nichts, woraus ein eintziger Tropffen Wassers zu drucken gewesen ware. Derowegen lieff ich ohn ausgezogen durch die See nach dem Schiffe zu, und fand, zu meinen selbst eigenen grosten Freuden, ein zugepichtes Fass mit sussen Wasser, worvon ich ein ertragliches Lagel fullete, aus unserer Cajute etwas Thee, Zucker und Zimmet zu mir nahm, und so hurtig als moglich wieder zuruck eilete. Ohngeacht ich aber kaum eine halbe Stunde ausgeblieben war, sagte doch Concordia, indem ich ihr einen Becher mit frischen Wasser reichte: Ihr hattet binnen 5. Stunden keine Tonne Wasser aussdrucken durffen, wenn ihr mich nur mit einem Loffel voll hattet erquikken wollen; aber ihr wollet mir nur das Hertze mit Weine brechen, GOTT vergebe es euch. Doch da sie den Becher mit frischen Wasser ausgetruncken hatte, sagte ihr lechzender Mund: Habet Danck mein lieber Albert Julius vor eure Muhe, nun bin ich vollkommen erquickt, deckt mich zu, und lasset mich schlafen. Ich Gehorsamete ihrem Begehren, machte hinter ihren Rucken ein gelindes Feuer an, welches nicht eher ausgehen durffte, biss die Sonne mit ihren krafftigen Strahlen hoch genung zu stehen kam.

Immittelst da sie wiederum in einen ordentlichen Schlaf verfallen war, ruffte ich ihren Ehe-Herrn, der sich wol 300. Schritt darvon gesetzt hatte, herzu, trostete denselben, und versicherte, dass mich seiner Liebsten Zustand gantzlich uberredete, sie wurde nachdem sie nochmals erwacht, sich ungemein Besser befinden.

Damals war ich ein unschuldiger, aber doch in der Wahrheit recht glucklicher Prophete. Denn 2. Stunden nach dem Mittage wachte Concordia von sich selbst auf, forderte ein klein wenig Wein, und fragte zugleich, wo ihr Carl Frantz ware? Selbiger trat Augenblicklich hervor, und Kussete dieselbe kniend mit thranenden Augen. Sie trocknete seine Thranen mit ihrem Halss-Tuche ab, und sprach mit frischer Stimme: Weinet nicht mein Schatz, denn ich befinde mich itzo weit Besser, GOTT wird weiter helffen.

Ich hatte, binnen der Zeit, in zweyen Topffen Thee gekocht, weiln aber keine Schaalen vorhanden waren, reichte ich ihr selbigen Tranck, an statt des gefoderten Weins, in dem Wein-Becher hin. Ihr lechzendes Hertze fand ein besonderes Labsal daran, Mons. van Leuven aber, und ich, schmauseten aus dem einen irrdenen Topffe auch mit, und wusten fast vor Freuden nicht was wir thun solten, da wir die halb tod gewesene Concordia nunmehro wiederum ausser Gefahr halten, und bey vollkommenen Verstande sehen konten.

Lemelie hatte sich binnen der Zeit durch das Wasser auf das zerbrochene Schiff gemacht, wir hofften zwar er wurde vor Abends wiederum zuruck kommen, sahen und horeten aber nichts von ihm, wesswegen Mons. van Leuven Willens war hin zu baden, nach demselben zu sehen, und etwas Holtz mit zu bringen, da aber ich versicherte, dass wir auf diese Nacht noch Holtz zur Gnuge hatten, liess ers bleiben, und wartete seine Concordia mit den trefflichsten Liebkosungen ab, biss sie abermals einschlieff, worauff wir uns beredeten, wechsels-weise bey derselben zu wachen.

Selbige Nacht wurde schon weit vergnugter als die vorige hingebracht, mit aufgehender Sonne aber wurde ich gewahr, dass die See allerhand Packen und Kusten auf die nah gelegenen Sand-Bancke, und an das grosse Felsen-Ufer, auch an unsere Sand-Banck ebenfalls, nebst verschiedenen Waaren, einen mittelmassigen Nachen gespielet hatte. Dieses kleine FahrZeug hiess wol recht ein vom Himmel zugeschicktes Glucks Schiff, denn mit selbigen konten wir doch, wie ich so gleich bedachte, an den nah gelegenen Felsen fahren, aus welchen wir einen gantzen Strohm des schonsten klaren Wassers schiessen sahen.

So bald demnach Mons. van Leuven aufgewacht, zeigte ich ihme die Merckmahle der wunderbaren Vorsehung GOTTES, woruber er so wol als ich, die allergroste Freude bezeigte. Wir danckten GOTT bey unsern Morgen-Gebete auf den Knien davor, und so bald Concordia erwacht, auch nach befundenen guten Zustande, mit etwas Wein und Confect gestarckt war, machten wir uns an den Ort, wo das kleine Fahrzeug gantz auf den Sand geschoben lag. Mons. de Leuven erkannte an gewissen Zeichen, dass es eben dasselbe sey, mit welchem sein Schwager Anton Plurs untergangen sey, konte sich nebst mir hieruber des Weinens nicht enthalten; Allein wir musten uns uber dessen gehabtes Ungluck gezwungener Weise trosten, und die Hand an das Werck unserer eigenen Errettung ferner legen, weiln wir zur Zeit eines Sturms, auf dieser niedrigen Sand-Banck, bey weiten nicht so viel Sicherheit als am Felsen, hoffen durfften.

Es kostete nicht wenig Muhe, den so tieff im Sande steckenden Nachen heraus ins Wasser zu bringen, da es aber doch endlich angegangen war, banden wir selbiges an eine tieff in den Sand gesteckte Stange, machten aus Bretern ein paar Ruder, fuhren, da alles wol eingerichtet war, nach dem Stucke des zerscheiterten Schiffs, und fanden den Lemelie, der sich dermassen voll Wein gesoffen, dass er alles was er im Magen gehabt, wieder von sich speyen mussen, im tieffsten Schlafe liegen.

Mons. van Leuven wolte ihn nicht aufwecken, sondern suchte nebst mir alles, was wir von Victualien finden konten, zusammen, packten so viel, als der Nachen tragen mochte, auf, und thaten die erste Reise gantz hurtig und glucklich nach dem Ufer des Felsens zu, fanden auch, dass allhier weit bequemlicher und sicherer zu verbleiben ware, als auf der seichten SandBanck. So bald der Nachen ausgepackt war, fuhren wir eilig wieder zuruck, um unsere kostbareste Waare, nemlich die Concordia dahin zu fuhren, wiewol vor rathsam befunden wurde, zugleich noch eine Last von den nothdurfftigsten Sachen aus dem Schiffe mit zu nehmen. Diese andere Farth gieng nicht weniger glucklich von statten, derowegen wurde am Felsen eine bequme Klufft ausgesucht, darinnen auch zur Zeit des Regens wol 6. Personen oberwarts bedeckt, gantz geraumlich sitzen konten. Allhier muste Concordia bey einem kleinen Feuer sitzen bleiben, wir aber thaten noch 2. Fahrten, und holeten immer so viel, als auf dem Nachen fortzubringen war, heruber. Bey der 5ten Ladung aber, welche gantz gegen Abend gethan wurde, ermunterte sich Lemelie erstlich, und machte grosse Augen, da er viele Sachen und sonderlich die Victualien mangeln, uns aber annoch in volliger Arbeit, auszuraumen sahe. Er fragte was das bedeuten solte? warum wir uns solcher Sachen bemachtigten, die doch nicht allein unser waren, und ob wir etwa als See-Rauber agiren wolten? Befahl auch diese Verwegenheit einzustellen, oder er wolle uns etwas anders weisen. Monsieur Lemelie, vorsatzte van Leuven hierauf, ich kan nicht anders glauben, als dass ihr euren Verstand verlohren haben musset, weil ihr euch weder unseres guten Raths noch wurcklicher Hulffe bedienen wollet. Allein ich bitte euch sehr, horet auf zu brutalisiren, denn die Zeiten haben sich leyder! verandert, euer Commando ist zum Ende, es gilt unter uns dreyen einer so viel als der andere, die meisten Stimmen gelten, die Victualien und andern Sachen sind gemeinschafftlich, will der 3te nicht was 2. haben wollen, so mag er elendiglich crepiren. Schweiget mir auch ja von See-Raubern stille, sonsten werde mich genothiget sehen zu zeigen, dass ich ein Cavalier bin, der das Hertze hat euch das Maul zu wischen. Lemelie wolte uber diese Reden rasend werden, und Augenblicklich vom Leder ziehen, doch van Leuven liess ihn hierzu nicht kommen, sondern riss den Grossprahler als ein Kind zu Boden, und liess ihm mit der vollen Faust, auf Nase und Maule ziemlich starck zur Ader. Nunmehro hatte es das Ansehen, als ob es dem Lemelie bloss hieran gefehlet hatte, weil er in wenig Minuten wieder zu seinem volligen Verstande kam, sich mit uns, dem Scheine nach, recht Bruderlich vertrug, und seine Hande mit an die Arbeit legte; so dass wir noch vor Nachts wohlbeladen bey Concordien in der neuen Felsen-Wohnung anlangeten. Wir bereiteten vor uns ingesammt eine gute Abend-Mahlzeit, und rechneten aus, dass wenigstens auf 14. Tage Proviant vor 4. Personen vorhanden sey, binnen welcher Zeit uns die Hoffnung trosten muste, dass der Himmel doch ein Schiff in diese Gegend, uns in ein gut Land zu fuhren, senden wurde.

Concordia hatte sich diesen gantzen Tag, wie auch die darauff folgende Nacht sehr wol befunden, folgenden Tag aber, wurde sie abermals vom starcken Frost, und darauff folgender Hitze uberfallen, worbey sie starck phanthasirte, doch gegen Abend ward es wieder gut, also schlossen wir daraus, dass ihre gantze Kranckheit in einem gewohnlichen kalten Fieber bestunde, welche Muthmassungen auch in so weit zutraffen, da sie selbiges Fieber wol noch 3. mal, allezeit uber den 3ten Tag hatte, und sich nachhero mit 48. Stundigen Fasten selbsten curirete. Immittelst schien Lemelie ein aufrichtiges Mitleyden mit dieser Patientin zu haben, suchte auch bey allen Gelegenheiten sich uns und ihr, aus dermassen gefallig und dienstfertig zu erzeigen. An denen Tagen, da Concordia wol auf war, fuhren wir 3. Manns-Personen wechsels-weise an die Sand-Bancke, und langeten die daselbst angelandeten Packen und Fasser von dar ab, und schafften selbige vor unsere Felsen-Herberge. Wir wolten auch das zerstuckte Schiff, nach und nach vollends aussladen, jedoch ein nachtlicher massiger Sturm war so gutig, uns solcher Muhe zu uberheben, massen er selbiges gantze Stuck nebst noch vielen andern Waaren, gantz nahe zu unserer Wohnung auf die Sand-Banck geschoben hatte. Demnach brauchten wir voritzo unsern Nachen so nothig nicht mehr, fuhreten also denselben in eine Bucht, allwo er vor den Winden und Wellen sicher liegen konte.

Vierzehen Tage und Nachte verstrichen also, doch wolte sich zur Zeit bey uns noch kein Rettungs-Schiff einfinden, ohngeacht wir alle Tage fleissig Schildwache hielten, uber dieses ein grosses weisses Tuch an einer hoch aufgerichteten Stange angemacht hatten. Concordia war vollig wieder gesund, doch fand sich nun nicht mehr, als noch etwa auf 3. oder 4. Tage Proviant, wesswegen wir alle Fasser, Packen und Kusten ausraumten und durchsuchten, allein, ob sich schon ungemein kostbare Sachen darinnen fanden, so war doch sehr wenig dabey, welches die bevorstehende Hungers-Noth zu vertreiben vermogend war.

Wir armen Menschen sind so wunderlich geartet, dass wir zuweilen aus blossen Muthwillen solche Sachen vornehmen, von welchen wir doch im voraus wissen, dass dieselben mit tausendfachen Gefahrlichkeiten verknupfft sind; Im Gegentheil wen unser Gemuthe zu anderer Zeit nur eine einfache Gefahr vermerckt, die doch eben so wol noch nicht einmal gegenwartig ist, stelle wir uns an, als ob wir schon lange Zeit darinnen gesteckt hatten. Ich will zwar nicht sagen, dass alle Menschen von dergleichen Schlage waren, bey uns 4en aber braucht es keines Zweiffels, denn wir hatten, wiewol nicht alles aus der Erfahrung, jedoch vom horen und lesen, dass man auf der Schiffarth nach Ost-Indien, die Gefahrlichkeiten von Donner, Blitz, Sturmwind, Regen, Hitze, Frost, Sclaverey, Schiffbruch, Hunger, Durst, Kranckheit und Tod zu befurchten habe; doch deren keine einzige konte den Vorsatz nach Ost-Indien zu reisen unterbrechen, nunmehro aber, da wir doch schon ein vieles uberstanden, noch nicht den geringsten Hunger gelitten, und nur diesen eintzigen Feind, binnen etlichen Tagen, zu befurchten hatten, konten wir uns allerseits im voraus schon dermassen vor dem Hunger furchten, dass auch nur das blosse dran dencken unsere Corper auszuhungern vermogend war.

Lemelie that nichts als essen und trincken, Toback rauchen, und dann und wann am Felsen herum spatzieren, worbey er sich mehrentheils auf eine recht narrische Art mit Pfeiffen und Singen horen liess, vor seine kunfftige Lebens-Erhaltung aber, trug er nicht die geringste Sorge. Mons. van Leuven machte bey seiner Liebsten lauter tieffsinnige Calender, und wenn es nur auf sein speculiren ankommen ware, hatten wir, glaube ich, in einem Tage mehr Brod, Fleisch, Wein und andere Victualien bekommen, als 100. Mann in einem Jahre kaum aufessen konnen, oder es solte uns ohnfehlbar, entweder ein Lufft- oder SeeSchiff in einem Augenblicke nach Ceylon gefuhret haben. Ich merckte zwar wol, dass die guten Leute mit dergleichen Lebens-Art der bevorstehenden HungersNoth kein Quee vorlegen wurden, doch weil ich der jungste unter ihnen, und auch selbst nicht den geringsten guten Rath zu ersinnen wuste; unterstund ich mich zwar, nicht die Lebens-Art alterer Leute zu tadeln, wolte aber doch auch nicht so verdustert bey ihnen sitzen bleiben, kletterte derowegen an den Felsen herum so hoch ich kommen konte, in bestandiger Hoffnung etwas neues und guts anzutreffen. Und eben diese meine Hoffnung Betrog mich nicht: Denn da ich eine ziemlich hohe Klippe, worauff ich mich ziemlich weit umsehen konte, erklettert hatte, erblickte ich jenseit des Flusses der sich Westwarts aus dem Felsen ins Meer ergoss, auf dem Sande viele Thiere, welche halb einem Hunde und halb einem Fische ahnlich sahen. Ich saumte mich nicht, die Klippe eiligst wieder herunter zu klettern, lief zu Mons. van Leuven, und sagte: Monsieur, wenn wir nicht eckel seyn wollen, werden wir allhier auch nicht verhungern durffen, denn ich habe eine grosse Menge Meer-Thiere entdeckt, welche mit Lust zu schiessen, so bald wir nur mit unsern Nachen uber den Fluss gesetzt sind. Mons. Leuven sprang hurtig auf, nahm 2. wohlgeladene Flinten vor mich und sich, und eilete nebst mir zum Nachen, welchen wir loss machten, um die Klippe herum fuhren, und gerade zu, queer durch den Fluss hindurch setzen wolten; allein, hier hatte das gemeine Sprichwort: Eilen thut kein gut, besser beobachtet werden sollen; denn als wir mitten in den Strohm kamen, und ausser zweyen kleinen Rudern nichts hatten, womit wir uns helffen konten, fuhrete die Schnelligkeit desselben den Nachen mit unserer grosten Lebens-Gefahr dermassen weit in die offenbare See hinein, dass alle Hoffnung verschwand, den geliebten Felsen jemahls wiederum zu erreichen.

Jedoch die Barmhertzigkeit des Himmels hielt alle Kraffte des Windes und der Wellen gantzlich zurucke, dahero wir endlich nach eingebrochener Nacht jenseit des Flusses an demjenigen Orte anlandeten, wo ich die Meer-Thiere gesehen hatte. Wiewohl nun itzo nichts mehr daselbst zu sehen, so waren wir doch froh genung, dass wir unser Leben gerettet hatten, setzten uns bey hellen Mondscheine auf eine kleine Klippe, und berathschlagten, auf was vor Art wiederum zu den Unserigen zu gelangen ware. Doch weil kein anderer Weg als durch den Fluss, oder durch den vorigen Umschweiff zu erfinden, wurde die Wahl biss auf den morgenden Tag verschoben.

Immittelst, da unsere Augen bestandig nach der See zu gerichtet waren, merckten wir etwa um Mitternachts-Zeit, dass etwas lebendiges aus dem Wasser kam, und auf dem Sande herum wuhlete, wie uns denn auch ein offt wiederholtes Blocken versicherte, dass es eine Art von Meer-Thieren seyn musse. Wir begaben uns demnach von der Klippe herab, und gingen ihnen biss auf etwa 30. Schritt entgegen, sahen aber, dass sie nicht verweigerten, Stand zu halten, wesswegen wir, um sie desto gewisser zu fassen, ihnen noch naher auf den Leib gingen, zu gleicher Zeit Feuer gaben, und 2. darvon glucklich erlegten, worauf die ubrigen gross und kleine gantz langsam wieder in See gingen.

Fruh Morgens besahen wir mit anbrechenden Tage unser Wildpret, und fanden selbiges ungemein niedlich, trugen beyde Stuck in den Nachen, getraueten aber doch nicht, ohne starckere Baume und bessere Ruder abzufahren, doch Mons. van Leuvens Liebe zu seiner Concordia uberwand alle Schwurigkeiten, und da wir ohne dem alle Stunden, die allhier vorbey strichen, vor verlohren schatzten, befahlen wir uns der Barmhertzigkeit des Allmachtigen, setzten behertzt in den Strom, traffen aber doch dieses mahl das Gelencke etwas besser, und kamen nach Verlauff dreyer Stunden ohnbeschadiget vor der Felsen Herberge an, weil der heutige Umschweiff nicht so weit als der gestrige, genommen war.

Concordia hatte die gestrigen Stunden in der grosten Bekummerniss zugebracht, nachdem sie wahrgenommen, dass uns die strenge Fluth so weit in die See getrieben, doch war sie um Mitternachts-Zeit durch den Knall unserer 2. Flinten, der sehr vernehmlich gewesen, ziemlich wieder getrostet worden, und hatte die gantze Nacht mit eiffrigen Gebeth, um unsere gluckliche Zuruckkunfft, zugebracht, welches denn auch nebst dem unserigen von dem Himmel nach Wunsche erhoret worden.

Lemelie erkandte das mitgebrachte Wildpret sogleich vor ein paar See-Kalber, und versicherte, dass deren Fleisch besonders wohlschmeckend ware, wie wir denn solches, nachdem wir die besten Stucken ausgeschnitten, gebraten, gekocht und gekostet hatten, als eine Wahrheit bekrafftigen musten.

Dieser bisshero sehr faul gewesene Mensch liess sich nunmehro auch in die Gedancken kommen, vor Lebens-Mittel zu sorgen, indem er aus etlichen aus Bretern geschnitzten Stabigen 2. Angel-Ruthen verfertigte, eine darvon der Concordia schenckte, und derselben zur Lust und Zeit-Vertreibe bey der Bucht das Fischen lernete. Mons. van Leuven und ich machten uns auch dergleichen, da ich aber sahe, dass Concordia allein geschickt war, nur in einem Tage so viel Fische zu fangen, als wir in etlichen Tagen nicht verzehren konten, liess ich diese vergebliche Arbeit bleiben, kletterte hergegen mit der Flinte an den Klippen herum, und schoss etliche Vogel mit ungewohnlichgrossen Kropffen herunter, welche zwar Fleisch genug an sich hatten, jedoch, da wir sie zugerichtet, sehr ubel zu essen waren. Hergegen fand ich Abends beym Mondschein auf dem Sande etliche Schild-Kroten, vor deren erstaunlicher Grosse ich mich anfanglich scheuete, derowegen Mons. van Leuven und Lemelie herbey rieff, welcher letztere sogleich ausrieff: Abermahls ein schones Wildpret gefunden! Monsieur Albert, ihr seyd recht glucklich.

Wir hatten fast alle drey genung zu thun, ehe wir, auf des Lemelie Anweisung, dergleichen wunderbare Creatur umwenden und auf den Rucken legen konten. Mit anbrechenden Morgen wurde eine mittelmassige geschlachtet, Lemelie richtete dieselbe seiner Erfahrung nach appetitlich zu, und wir fanden hieran eine ausserordentlich angenehme Speise, an welcher sich sonderlich Concordia fast nicht satt essen konte. Doch da dieselbe nachhero besondere Lust verspuren liess, ein Feder-Wildpret zu essen, welches besser als die Kropff-Vogel schmeckte, gaben wir uns alle drey die groste Muh, auf andere Arten von Vogeln zu lauern, und selbige zu schiessen.

Im Klettern war mir leichtlich Niemand uberlegen, weil ich von Natur gar nicht zum Schwindel geneigt bin, als nun vermerckte, dass sich oben auf den hochsten Spitzen der Felsen, andere Gattunge Vogel horen und sehen liessen; war meine Verwegenheit so gross, dass ich durch allerhand Umwege immer hoher von einer Spitze zur andern kletterte, und nicht eher nachliess, biss ich auf den allerhochsten Gipffel gelangt war, allwo alle meine Sinnen auf einmahl mit dem allergrosten Vergnugen von der Welt erfullet wurden. Denn es fiel mir durch einen eintzigen Blick das gantze Lust-Revier dieser Felsen-Insul in die Augen, welches rings herum von der Natur mit dergleichen starcken Pfeilern und Mauren umgeben, und so zu sagen, verborgen gehalten wird. Ich weiss gewiss, dass ich langer als eine Stunde in der grosten Entzuckung gestanden habe, denn es kam mir nicht anders vor, als wenn ich die schonsten bluhenden Baume, das herum spatzirende Wild, und andere Annehmlichkeiten dieser Gegend, nur im blossen Traume sahe. Doch endlich, wie ich mich vergewissert hatte, dass meine Augen und Gedancken nicht betrogen wurden, suchte und fand ich einen ziemlich bequemen Weg, herab in dieses angenehme Thal zu steigen, ausgenommen, dass ich an einem eintzigen Orte, von einem Felsen zum andern springen muste, zwischen welchen beyden ein entsetzlicher Riss und grausam tieffer Abgrund war. Ich erstaunete, so bald ich mich mitten in diesem Paradiese befand, noch mehr, da ich das Wildpret, als Hirsche, Rehe, Affen, Ziegen und andere mir unbekandte Thiere, weit zahmer befand, als bey uns in Europa fast das andere Vieh zu seyn pfleget. Ich sahe zwey- oder dreyerley Arten von Geflugel, welches unsern Rebhunern gleichte, nebst andern etwas grossern Feder-Vieh, welches ich damahls zwar nicht kannte, nachhero aber erfuhr, dass es Birck-Huner waren, weiln aber der letztern wenig waren, schonte dieselben, und gab unter die Rebhuner Feuer, wovon 5. auf dem Platz liegen blieben. Nach gethanem Schusse stutzten alle lebendigen Creaturen gewaltig, gingen und flohen, jedoch ziemlich bedachtsam fort, und verbargen sich in die Walder, wesswegen es mich fast gereuen wolte, dass mich dieser angenehmen Gesellschafft beraubt hatte. Zwar fiel ich auf die Gedancken, es wurden sich an deren Statt Menschen bey mir einfinden, allein, da ich binnen 6. Stunden die gantze Gegend ziemlich durchstreifft, und sehr wenige und zweiffelhaffte Merckmahle gefunden hatte, dass Menschen allhier anzutreffen, oder sonst da gewesen waren, verging mir diese Hoffnung, als woran mir, wenn ich die rechte Wahrheit bekennen soll, fast gar nicht viel gelegen war. Im Gegentheil hatte allerhand, theils bluhende, theils schon Frucht-tragende Baume, Weinstocke, Garten-Gewachse von vielerley Sorten und andere zur Nahrung wohl dienliche Sachen angemerckt, ob mir schon die meisten gantz frembd und unbekandt vorkamen.

Mittlerweile war mir der Tag unter den Handen verschwunden, indem ich wegen allzu vieler Gedancken und Verwunderung, den Stand der Sonnen gar nicht in acht genommen, biss mich der alles bedeckende Schatten versicherte, dass selbige untergegangen seyn musse. Da aber nicht vor rathsam hielt, gegen die Nacht zu, die gefahrlichen Wege hinunterzuklettern, entschloss ich mich, in diesem irdischen Paradiese die Nacht uber zu verbleiben, und suchte mir zu dem Ende auf einen mit dicken Strauchern bewachsenen Hugel eine bequeme Lager-Statt aus, langete aus meinen Taschen etliche kleine Stucklein Zwieback, pfluckte von einem Baume etliche ziemlich reife Fruchte, welche rotlich aussahen, und im Geschmacke denen Morellen gleichkamen, hielt damit meine Abend-Mahlzeit, tranck aus dem vorbey rauschenden klaren Bachlein einen sussen Trunck Wasser darzu, befahl mich hierauf GOtt, und schlieff in dessen Nahmen gar hurtig ein, weil mich durch das hohe Klettern und viele Herumschweiffen selbigen Tag ungemein mude gemacht hatte.

Hierbey mag vor dieses mahl (sagte der Alt-Vater nunmehro, da es ziemlich spate war) meine Erzehlung ihren Aufhalt haben. Morgen, geliebt es GOtt, wollen wir, wo es euch gefallig, die Einwohner in Stephans-Raum besuchen, und Abends wieder da anfangen, wo ich itzo aufgehoret habe. Hiermit legten wir uns allerseits nach gehaltener Beth-Stunde zur Ruhe, folgenden Morgen aber ging die Reise abgeredter massen auf Stephans-Raum zu.

Hieselbst waren 15. Wohnhauser nebst guten Scheuern und Stallen auferbauet, aber zur Zeit nur 11. bewohnt. Durch die Pflantz Stadt, welche mit den schonsten Garten umgeben war, lieff ein schoner klarer Bach, der aus der grossen See, wie auch aus dem Ertz-Geburge seinen Ursprung hatte, und in welchem zu gewissen Zeiten eine grosse Menge Gold-Korner gesammlet werden konten, wie uns denn die Einwohner fast mit einem gantzen Hute voll dergleichen, deren die grosten in der Form eines Weitzen-Korns waren, beschenckten, weil sie es als eine artige und gefallige Materie zwar einzusamlen pflegten, doch

lange nicht so viel Wercks draus machten, als wir Neuangekomenen. Mons. Plager, der einige Tage her

nach die Probe auf allerhand Art damit machte, versicherte, dass es so fein, ja fast noch feiner ware, als in Europa das Ungarische Gold. Gegen Westen zu stiegen wir auf die Klippen, allwo uns der Altvater den Ort zeigete, wo vor diesen auf beyden Seiten des Flusses ein ordentlicher und bequemer Eingang zur Insul gewesen, doch hatte nunmehro vor langen Jahren ein unbandig grosses Felsen-Stuck denselben verschuttet, nachdem es zerborsten, und plotzlich herab geschossen ware, wie er uns denn in den Verfolg seiner Geschichts-Erzehlung dessfals nahere Nachricht zu ertheilen versprach. Immittelst war zu verwundern, und lustig anzusehen, wie, dem ohngeacht, der starcke Arm des Flusses seinen Ausfall allhier behalten, indem das Wasser mit groster Gewalt, und an vielen Orten etliche Ellen hoch, zwischen dem Gesteine heraus sturtzte. Ohnfern vom Flusse betrachteten wir das vortreffliche und so hochst-nutzbare Saltz-Geburge, in dessen gemachten Gruben das schonste Sal gemm oder Stein-Saltz war, und etwa 100. Schritt von demselben zeigte man uns 4. Lachen oder Pfutzen, worinnen sich die scharffste Sole zum Saltz-Sieden befand, welche diejenigen Einwohner, so schon Saltz verlangten, in Gefassen an die Sonne setzten, das Wasser abrauchen liessen, und hernach das schonste, reinste Saltz aus dem Gefasse heraus schabten, gewohnlicher Weise aber brauchten alle nur das feinste vom SteinSaltze. Sonsten fand sich in dasigen Feldern ein Wein-Geburge von sehr guter Art, wie sie uns denn, nebst allerhand guten Speisen, eine starcke Probe davon vortrugen, durch den Wald war eine breite Strasse gehauen, allwo man von der Alberts-Burg her, auf das unten am Berge stehende Wacht-Hauss, gegen Westen sehen konte. Wie denn auch oben in die Felsen-Ecke ein Schilder-Hauss gehauen war, weil aber der Weg hinauf gar zu unbequem, stiegen wir dieses mahl nicht hinauf, zumahlen auch sonsten nichts gegen Westen zu sehen, als ein steiler biss in die offenbahre See hinunter steigender Felsen.

Nachdem wir nun solchermassen zwey Drittel des Tages hingebracht, und bey guter Zeit zuruck gekehret waren, besichtigten wir die Arbeit am KirchenBau, und befanden daselbst die Zeichen solcher eifferiger Anstalten, dergleichen wir zwar von ihren Willen hoffen, von ihren Krafften aber nimmermehr glauben konnen. Denn es war nicht allein schon eine ziemliche Quantitat Steine, Kalck und Leimen herbey geschafft, sondern auch der Grund allbereits sehr weit ausgegraben. Unter unsern sonderbaren Freudens-Bezeugungen uber solchen angenehmen Fortgang, ruckte die Zeit zur Abend-Mahlzeit herbey, nach deren Genuss der Altvater in seinem Erzehlen folgender massen fortfuhr:

Ich hatte mich, wie ich gestern Abend gesagt, auf dieser meiner Insul zur Ruhe gelegt, und zwar auf einem kleinen Hugel, der zwischen Alberts- und Davids-Raum befindlich ist, itzo aber ein gantz ander Ansehen hat. Indem die Einwohner nicht allein die Straucher darauf abgehauen, sondern auch den mehresten Theil davon abgearbeitet haben. Meine Ruhe war dermassen vergnugt, dass ich mich nicht eher als des andern Morgens, etwa zwey Stunden nach Aufgang der Sonnen, ermuntern konte. Ich schamete mich vor mir selbst, so lange geschlaffen zu haben, stund aber hurtig auf, nahm meine 5. gestern geschossene Rebhuner, schoss unter Wegs noch ein junges Reh, und eilete dem Wege zu, welcher mich zu meiner verlassenen Gesellschafft fuhren solte.

Mein Ruckweg fand sich durch unverdrossenes Suchen weit leichter und sicherer als der gestrige, den ich mit Leib und Lebens-Gefahr hinauf gestiegen war, derowegen machte ich mir bey jeder Umkehrung ein gewisses Zeichen, um denselben desto eher wieder zu finden, weil die vielen Absatze der Felsen von Natur einen wurcklichen Irrgang vorstelleten. Mein junges Reh wurde ziemlich bestaubt, indem ich selbiges wegen seiner Schwere immer hinter mir drein schleppte, die Rebhuner aber hatte mit einem Bande an meinen Halss gehenckt, weil ich die Flinte statt eines Wander-Staabs gebrauchte. Endlich kam ich ohn allen Schaden herunter, und traff meine zuruck gelassene Gesellschafft, eben bey der Mittags-Mahlzeit vor der Felsen-Herberge an. Mons. van Leuven und Concordia sprangen, so bald sie mich nur von ferne erblickten, gleich auf, und kamen mir entgegen gelauffen. Der erste umarmte und kussete mich, sagte auch: Monsieur Albert, der erste Bissen, den wir seit eurer Abwesenheit gegessen haben, steckt noch in unsern Munde, weil ich und meine Liebste die Zeit eurer Abwesenheit mit Fasten und groster Betrubniss zugebracht haben. Fraget sie selbst, ob sie nicht seit Mitternachts-Zeit viele Thranen eurentwegen vergossen hat? Madame, gab ich lachend zur Antwort, ich will eure kostbaren Thranen, in Abschlag mit 5. delicaten Rebhunern und einem jungen Reh bezahlen, aber, Monsieur van Leuven, wisset ihr auch, dass ich das schone Paradiess entdeckt habe, woraus vermuthlich Adam und Eva durch den Cherub verjagt worden? Monsieur Albert, schrye van Leuven, habt ihr etwa das Fieber bekommen? oder phantasirt ihr auf andere Art? Nein, Monsieur, wiederredete ich, bey mir ist weder Fieber noch einige andere Phantasie, sondern lasset mich nur eine gute Mahlzeit nebst einem Glase Wein finden, so werdet ihr keine Phantasie, sondern eine wahrhafftige Erzehlung von allen dem, was mir GOtt und das Glucke gewiesen hat, aus meinem Munde horen konnen.

Sie ergriffen beyde meine Arme, und fuhreten mich zu dem sich kranck zeigenden Lemelie, welcher aber doch ziemlich wohl von der zugerichteten SchildKrote und See-Kalbe essen konte, auch dem WeinBecher keinen Zug schuldig blieb. Ich meines Theils ersattigte mich nach Nothdurfft, stattete hernachmahls den samtlichen Anwesenden von meiner gethanen Reise den umstandlichen Bericht ab, und dieser setzte meine Gefahrten in so grosse Freude als Verwunderung. Mons. van Leuven wolte gleich mit, und das schone Paradiess in meiner Gesellschafft besehen, allein, meine Mudigkeit, Concordiens gute Worte und des Lemelie Faulheit, fruchteten so viel, dass wir solches biss Morgenanbrechenden Tag aufschoben, immittelst aber desto sehnlicher auf ein vorbey seeglendes Schiff Achtung gaben, welches zwar immer in unsern Gedancken, auf der See aber desto weniger zum Vorscheine kommen wolte.

So bald demnach das angenehme Sonnen-Licht abermahls aus der See empor gestiegen kam, steckte ein jeder an Lebens-Mitteln, Pulver, Bley und andern Nothdurfftigkeiten so viel in seine Sacke, als er sich fortzubringen getrauete. Concordia durffte auch nicht ledig gehen, sondern muste vor allen andern in der Hand eine scharffe Radehaue mitschleppen. Ich fuhrete nebst meiner Flinte und Rantzen eine Holtz-Axt, und suchte noch lange Zeit nach einem kleinen HandBeile, womit man dann und wann die verhinderlichen dunnen Straucher abhauen konte, weil aber die HandBeile, ich weiss nicht wohin, verlegt waren, und meine 3. Gefahrten uber den langen Verzug ungedultig werden wolten, beschenckte mich Lemelie, um nur desto eher fortzukommen, mit einem artigen, 2. Finger breiten, zweyschneidigen und wohlgeschliffenen Stillet, welches man gantz wohl statt eines Hand-Beils gebrauchen, und hernachmahls zur Gegenwehr wider die wilden Thiere, mit dem Griffe in die Mundung des Flinten-Lauffs stecken konte. Ich hatte eine besondere Freude uber das artige Instrument, danckte dem Lemelie fleissig davor, er aber wuste nicht, dass er hiermit ein solches kaltes Eisen von sich gab, welches ihm in wenig Wochen den Lebens-Faden abkurtzen wurde, wie ihr in dem Verfolg dieser Geschichte gar bald vernehmen werdet. Doch da wir uns nunmehro vollig ausgerustet, die Reise nach dem eingebildeten Paradiese anzutreten, ging ich als Wegweiser voraus, Lemelie folgte mir, Concordia ihm, und van Leuven schloss den gantzen Zug. Sie konten sich allerseits nicht gnugsam uber meinen klugen Einfall verwundern, dass ich die Absatze der Felsen, welche uns auf die ungefahrlichsten Stege fuhreten, so wohl gezeichnet hatte, denn sonsten hatte man wohl 8. Tage suchen, wo nicht gar Halss und Beine brechen sollen. Es ging zwar immer, je hoher wir kamen, je beschwerlicher, sonderlich weil uns Concordiens Furchtsamkeit und Schwindel sehr viel zu schaffen machte, indem wir ihrentwegen hier und dar Stuffen einhauen musten. Doch erreichten wir endlich die alleroberste Hohe glucklich, allein, da es an den Sprung uber die Felsen-Klufft gehen solte, war aufs neue Noth vorhanden, denn Concordia konte sich aus Furcht, zu kurtz zu springen und hinunter zu sturtzen, unmoglich darzu entschliessen, ohngeacht der Platz breit genug zum Ausholen war, derowegen musten wir dieselbe sitzen lassen, und unten im nachsten Holtze einige junge Baume abhauen, welche wir mit groster Muhe den Felsen wieder hinauf schleppten, Queer-Holtzer darauf nagelten und bunden, also eine ordentliche Brucke uber diesen Abgrund schlugen, auf welcher nachhero Concordia, wiewohl dennoch mit Furcht und Zittern, sich heruber fuhren liess.

Ich will die ungemeinen Freudens-Bezeugungen meiner Gefahrten, welche dieselben, da sie alles weit angenehmer auf dieser Gegend fanden, als ich ihnen die Beschreibung gemacht, mit Stillschweigen ubergehen, und ohne unnothige Weitlaufftigkeit ferner erzehlen, dass wir nunmehro ingesamt anfingen das gantze Land zu durchstreichen, wobey Mons. van Leuven glucklicher als ich war, gewisse Merckmahle zu finden, woraus zu schliessen, dass sich ohnfehlbar vernunfftige Menschen allhier aufgehalten hatten, wo selbige ja nicht noch vorhanden waren. Denn es fand sich jenseit des etwa 12. biss 16. Schritt breiten Flusses an dem Orte, wo itzo Christians-Raum angebauet ist, ein mit zugespitzten Pfalen umsetzter GartenPlatz, in welchen sich annoch die schonsten GartenGewachse, wiewohl mit vielen Unkraut verwachsen, zeigten, wie nicht weniger schone rare Blumen und etliche Stauden von Hulsen-Fruchten, Weitzen, Reiss und andern Getrayde. Weiter hinwarts lagen einige Scherben von zerbrochenen Gefassen im Grase, und Sudwerts auf dem Wein-Geburge, welches itzo zu Christophs- und Roberts-Raum gehoret, fanden sich einige an Pfahle fest gebundene Wein-Reben, doch war dabey zu muthmassen, dass das Anbinden schon vor etlichen Jahren musse geschehen seyn. Hierauf besahen wir die See, aus welcher der sich in 2. Arme theilende Fluss entspringet, bemerckten, dass selbige nebst dem Flusse recht voll Fischen wimmelte, kehreten aber, weil die Sonne untergehen wolte, und Concordia sehr ermudet war, zuruck auf vorerwehntes erhabene Wein-Geburge, und beschlossen, weil es eine angenehme Witterung war, daselbst uber Nacht auszuruhen. Nachdem wir zu Abends gespeiset hatten, und das schonste Wild hauffig auf der Ebene herum spatziren sahen, beurtheilten wir alles, was uns heutiges Tages zu Gesicht kommen war, und befunden uns darinnen einig, dass schwerlich ein schoner Revier in der Welt anzutreffen ware. Nur wurde beklagt, dass nicht noch einige Familien zugegen seyn, und nebst uns diese fruchtbare Insul besetzen solten. Lemelie sagte hierbey: Ich schwere bey allen Heiligen, dass ich Zeit Lebens allhier in Ruhe zu bleiben die groste Lust empfinde, es fehlen also nichts als zwey Weiber, vor mich und Mons. Albert, jedoch Monsieur, (sagte er zu Mons. van Leuven) was solte es wohl hindern, wenn wir uns bey dergleichen Umstanden alle 3. mit einer Frau behulffen, fleissig Kinder zeugten und dieselbe sodann auch mit einander verheyratheten. Mons. van Leuven schuttelte den Kopff, wesswegen Lemelie sagte: ha Monsieur, man muss in solchen Fallen die Eyfersucht, den Eigensinn und den Eckel bey Seite setzen, denn weil wir hiesiges Orts keiner weltlichen Obrigkeit unterworffen sind, auch leichtlich von Niemand beunruhiget zu werden furchten durffen, so konnen wir uns Gesetze nach eigenem Gefallen machen, dem Himmel aber wird kein Verdruss erwecket, weil wir ihm zur Danckbarkeit, darvor, dass er uns von allen Menschen abgesondert hat, eine gantz neue Colonie erzeugen.

Monsieur van Leuven schuttelte den Kopff noch weit starcker als vorhero, und gab zur Antwort: Mons. Lemelie, ihr erzurnet den Himmel mit dergleichen sundlichen Reden. Gesetzt aber auch, dass dieses, was ihr vorgebracht, vor Gottlichen und weltlichen Rechten wohl erlaubt ware, so kan ich euch doch versichern, dass ich, so lange noch Adelich Blut in meinen Adern rinnet, meine Concordia mit keinem Menschen auf der Welt theilen werde, weil sie mir und ich ihr allein auf Lebens-Zeit bestandige Treue und Liebe zugeschworen.

Concordia vergoss mittlerzeit die bittersten Thranen, schlug die Hande uber den Kopffe zusammen, und schrye: Ach grausames Verhangniss, so hast du mich denn aus dem halb uberstandenen Tode an solchen Ort gefuhret, wo mich die Leute an statt einer allgemeinen Hure gebrauchen wollen? O Himmel, erbarme dich! Ich vor meine Person hatte vor Jammer bald mit geweinet, legte mich aber vor sie auf die Knie, und sagte: Madame, ich bitte euch um GOttes willen, redet nicht von allen, da ihr euch nur uber eine Person zu beschweren Ursach habt, denn ich ruffe GOtt und alle heiligen Engel zu Zeugen an, dass mir niemahls dergleichen frevelhaffte und hochst-sundliche Gedancken ins Hertz oder Haupt kommen sind, ja ich schwere noch auf itzo und folgende Zeit, dass ich eher dieses Stillet selbst in meinen Leib stossen, als euch den allergeringsten Verdruss erwecken wolte. Verzeihet mir, guter Albert, war ihre Antwort, dass ich unbesonnener Weise mehr als einen Menschen angeklagt habe. GOtt weiss, dass ich euch vor redlich, keusch und tugendhafft halte, aber der Himmel wird alle geilen Frevler straffen, das weiss ich gewiss. Worauf sich aus ihren schonen Augen ein neuer ThranenStrohm ergoss, der den Lemelie dahin bewegte, dass er sich voller Trug und List, doch mit verstellter Aufrichtigkeit, auch zu ihren Fussen warff, und folgende Worte vorbrachte: Madame, lasset euch um aller Heiligen willen erbitten, euer Betrubniss und Thranen zu hemmen, und glaubet mir sicherlich, alle meine Reden sind ein blosser Schertz gewesen, vor mir sollet ihr eure Ehre unbefleckt erhalten, und wenn wir auch 100. Jahr auf dieser Insul allein beysamen bleiben

musten. Monsieur van Leuven, euer Gemahl, wird die Gute haben, mich wiederum bey euch auszusohnen, denn ich bin von Natur etwas frey im Reden, und hatte nimmermehr vermeinet, euch so gar sehr empfindlich zu sehen. Er entschuldigte seinen ubel gerathenen Schertz also auch bey Mons. van Leuven, und nach einigen Wort-Wechselungen wurde unter uns allen ein vollkommener Friede gestifftet, wiewohl Concordia ihre besondere Schwermuth in vielen nachfolgenden Tagen noch nicht ablegen konte.

Wir brachten die auf selbigen streitigen Abend eingebrochne Nacht in susser Ruhe hin, und spatzirten nach eingenommenen Fruhstuck gegen Suden um die See herum, traffen abermahls die schonsten Weinberge und Metall in sich haltende Steine an, wie nicht weniger die Saltz-Lachen und Berge, welche ihr heute nebst mir in dem Stephans-Raumer Felde besichtigt habt. Allhier konte man nicht durch den Arm des Flusses kommen, indem derselbe zwar eben nicht breiter, doch viel tieffer war als der andere, durch welchen wir vorigen Tages gantz gemachlich hindurch waden konnen. Demnach musten wir unsern Weg wieder zuruck, um die See herum, nach demjenigen Ruhe-Platze nehmen, wo es sich verwichene Nacht so sanfft geschlaffen hatte. Weil es aber annoch hoch Tag war, beliebten wir etwas weiter zu gehen, setzten also an einem seichten Orte durch den Fluss, und gelangeten auf gegenwartigem Hugel, der itzo meine so genannte Alberts-Burg und unsere Personen tragt.

Dieser mitten in der Insul liegende Hugel war damals mit dem allerdicksten, wiewol nicht gar hohem, Gepusche bewachsen, indem wir nun bemuhet waren, eine bequeme Ruhe-Stadte daselbst auszusuchen, geriethen Mons. van Leuven, und Concordia von ohngefahr auf einen schmalen durch das Gestrauche gehauenen Weg, welcher dieselben in eine der angenehmsten Sommer-Lauben fuhrete. Sie rieffen uns beyde zuruckgebliebenen dahin, um dieses angenehme Wunderwerck nebst dessen Bequemlichkeit mit uns zu theilen, da wir denn sogleich einstimmig bekennen musten, dass dieses kein von der Natur, sondern von Menschen Handen gemachtes Werck seyn musse, denn die Zacken waren oben allzukunstlich, als ein Gewolbe zusammen geflochten, so dass, wegen des sehr dick auf einander liegenden Laubwercks, kein Tropffen Wasser durchdringen konte, uber dieses gab der Augenschein, dass der Baumeister vor diesen an 3en Seiten rechte Fenster-Locher gelassen, welche aber nunmehro gantz wild verwachsen waren, zu beyden seiten des Eingangs hingegen, stunden 2. oben abgesagte Baume, deren im Bogen geschlungene Zweige ein ordentliches Thur-Gewolbe formirten.

Es war in diesem grunen Lust-Gewolbe mehr Platz, als 4. Personen zur Noth bedurfften, wesswegen Mons. van Leuven vorschlug, dass wir samtlich darinnen schlaffen wolten, allein Lemelie war von solcher unerwarteten Hofflichkeit, dass er so gleich heraus brach: Mons. van Leuven, der Himmel hat euch beyden Verliebten aus besondern vorbedacht zuerst in dieses angenehme Quartier gefuhret, derowegen brauchet eure Bequemlichkeit alleine darinnen, Mons. Albert wird euch so wenig als ich darinnen zu stohren willens seyn, hergegen sich, nebst mir, eine andere gute Schlaf-Stelle suchen. Wie sehr sich nun auch Mons. van Leuven und seine Gemahlin darwider zu setzen schienen, so musten sie doch endlich uns nachgeben und bewilligen, dass dieses artige Quartier des Nachts vor sie allein, am Tage aber, zu unser aller Bequemlichkeit dienen solte.

Also liessen wir die beyden alleine, und baueten, etwa 30. Schritte von dieser, in der Geschwindigkeit eine andere ziemlich bequeme Schlaf-Hutte vor Lemelie und mich, brachten aber selbige in folgenden Tagen erstlich recht zum Stande. Von nun an waren wir eifrigst bemuhet, unsere nothigsten Sachen von der Sand-Banck uber das Felsen-Geburge heruber auf die Insul zu schaffen, doch diese Arbeit kostete manchen Schweiss-Tropffen, indem wir erstlich viele Stuffen einarbeiten musten, um, mit der tragenden Last recht fussen und fortkommen zu konnen. Da aber dergleichen Vornehmen wenig forderte, und die Felsen, in einem Tage, nicht wol mehr als 2. mal zu besteigen waren, fiel uns eine etwas leichtere Art ein, worbey zugleich auch ein weit mehreres hinauff gebracht werden konte. Denn wir machten die annoch beybehaltenen Tauen und Stricke von dem Schiffs-Stucke vollends loss, bunden die Sachen in massige Packe, legten von einem Absatze zum andern Stangen an, und zohen also die Ballen mit leichter Muhe hinauf, wobey Lemelie seinen Fleiss gantz besonders zeigte. Mittlerweile war Concordia gantz allein auf der Insul, ubte sich fleissig im Schiessen, denn wir hatten eine gute quantitat unverdorbenes Pulver im Vorrath, fieng anbey so viel Fische als wir essen konten, und liess uns also an gekochten und gebratenen Speisen niemals Mangel leyden, obschon unser Zwieback gantzlich verzehret war, welchen Mangel wir aber mit der Zeit schon zu ersetzen verhofften, weil wir die wenigen Waitzen und andern Getrayde-Aehren, wol umzaunt, und vor dem Wilde verwahrt hatten, deren Korner im Fall der Noth zu Saamen aufzuheben, und selbige zu vervielfaltigen, unser hauptsachliches Absehen war.

Der erste Sonntag, den wir, laut Anzeigung der bey uns fuhrenden Calender, auf dieser Insul erlebten, war uns ein hochst angenehmer erfreulicher Ruhe-Tag, an welchen wir alle gewohnliche Wochen-Arbeit liegen liessen, und den gantzen Tag mit beten, singen und Bibel-lesen zubrachten, denn Concordia hatte eine Englische, und ich eine Hochteutsche Bibel, nebst einem Gesang und Gebet-Buche, mit gerettet, welches beydes ich auch noch biss auf diesen Tag, GOTT lob, als ein besonderes Heiligthum aufbehalten habe. Die Englischen Bucher aber sollen euch ehester Tages in Roberts-Raum gezeiget werden.

Immittelst ist es etwas nachdenckliches, dass dazumal auf dieser Insul unter uns 4. Personen, die 3. Haupt-Secten des christlichen Glaubens anzutreffen waren, weil Mons. van Leuven, und seine Frau der Reformirten, ich Albert Julius, als ein gebohrner Sachse, der damals so genannten Lutherischen, und Lemelie, als ein Frantzose, der Romischen Religion des Pabsts beypflichteten. Die beyden Ehe-Leute und ich konten uns im beten und singen gantz schon vereinigen, indem sie beyde ziemlich gut teutsch verstunden und redeten; Lemelie aber, der doch fast alle Sprachen, ausser den Gelehrten Haupt-Sprachen, verstehen und ziemlich wol reden konte, hielt seinen Gottesdienst von uns abgesondert, in selbst erwehlter Einsamkeit, worinnen derselbe bestanden, weiss ich nicht, denn so lange wir mit ihm umgegangen, hat er wenig Gottgefalliges an sich mercken lassen.

Am gedachten Sonntage gegen Abend gieng ich unten an der Seite des Hugels nach dem grossen See zu, etwas lustwandeln herum, schurrte von ohngefahr auf dem glatten Grase, und fiel in einen mit dunnen Strauchern verdeckten Graben uber 4. Ellen tieff hinunter, woruber ich anfanglich hefftig erschrack, und in einem Abgrund zu seyn glaubte, doch da ich mich wieder besonnen, und nicht den geringsten Schaden an meinem Leibe vermerckt, rafften sich meine zittrenden Glieder eilig auf. Im Umkehren aber wurden meine Augen einer finstern Hole gewahr, welche mit allem Fleisse in den Hugel hinein gearbeitet zu seyn schiene.

Ich gieng biss zum Eintritt derselben getrost hin, da aber nichts als eine dicke Finsterniss zu sehen war, uber dieses eine ubelriechende Dunst mir einen besondern Eckel verursachte, fieng meine Haut an zu schauern, und die Haare begonten Berg auf zu stehen, wesswegen ich eiligst umwandte, und mit fliegenden Schritten den Ruckweg suchte, auch gar bald wiederum bey Mons. van Leuven und Concordien ankam. Beyde hatten sogleich meine blasse Farbe und hefftige Veranderung angemerckt, wesswegen ich auf ihr Befragen alles erzehlte, was mir begegnet war. Doch Mons. van Leuven sagte: Mein Freund, ihr seyd zuweilen ein wenig allzu neugierig, wir haben nunmehro, GOtt sey Lob, genung gefunden, unser Leben so lange zu erhalten, biss uns der Himmel Gelegenheit zuschickt an unsern erwehlten Ort zu kommen, derowegen lasset das unnutze Forschen unterwegen, denn wer weiss ob sich nicht in dieser Hole die gifftigen Thiere aufhalten, welche euch augenblicklich ums Leben bringen konten. Ihr habt recht, mein Herr gab ich zur Antwort, doch dieses mal ist mein Vorwitz nicht so viel schuld, als das unverhoffte Hinunterfallen, damit auch dergleichen hinfuhro niemanden mehr begegnen moge, will ich die Straucher rund herum abhauen, und alltaglich eine gute Menge Erde abarbeiten, biss diese eckle Grufft vollkommen zugefullet ist. Mons. van Leuven versprach zu helffen, Concordia reichte mir ein Glasslein von dem noch sehr wenigem Vorrathe des Weins, nebst 2. Stucklein Hertzstarkkenden Confects, welches beydes mich gar bald wiederum erquickte, so dass ich selbigen Abend noch eine starcke Mahlzeit halten, und nach verrichteten AbendGebet, mich gantz aufgeraumt neben den Lemelie schlafen legen konte.

Allein, ich habe Zeit meines Lebens keine angstlichere Nacht als diese gehabt. Denn etwa um Mitternacht, da ich selbst nicht wuste ob ich schlieff oder wachte, erschien mir ein langer Mann, dessen weisser Bart fast biss auf die Knie reichte, mit einem langen Kleide von rauchen Thier-Hauten angethan, der auch dergleichen Mutze auf dem Haupte, in der Hand aber eine grosse Lampe mit 4. Dachten hatte, dergleichen zuweilen in den Schiffs-Laternen zu brennen pflegen. Dieses Schreckens-Bild trat gleich unten zu meinen Fussen, und hielt mir folgenden Sermon, von welchen ich noch biss diese Stunde, wie ich glaube, kein Wort vergessen habe: Verwegner Jungling! was wilstu dich unterstehen diejenige Wohnung zu verschutten, woran ich viele Jahre gearbeitet, ehe sie zu meiner Bequemlichkeit gut genung war. Meinestu etwa das Verhangniss habe dich von ohngefahr in den Graben gestossen, und vor die Thur meiner Hole gefuhret? Nein keines wegs! Denn weil ich mit meinen Handen 8. Personen auf dieser Insul aus christlicher Liebe begraben habe, so bistu auserkohren meinem vermoderten Corper eben dergleichen Liebes-Dienst zu erweisen. Schreite derowegen ohne alle Bekummerniss gleich morgenden Tages zur Sache, und durchsuche diejenige Hole ohne Scheu, welche du gestern mit Grausen verlassen hast, woferne dir anders deine zeitliche Gluckseligkeit lieb ist. Wisse auch, dass der Himmel etwas besonderes mit dir vor hat. Deine Gluckseeligkeit aber wird sich nicht eher anheben, biss du zwey besondere UnglucksFalle erlitten, und diesem deinen Schlaf-Gesellen, zur bestimmten Zeit den Lohn seiner Sunden gegeben hast. Mercke wohl was ich dir gesagt habe, erfulle mein Begehren, und empfange dieses Zeichen, um zu wissen, dass du nicht getraumet hast.

Mit Endigung dieser letzten Worte druckte er mich, der ich im grosten Schweisse lag, dermassen mit einem seiner Finger oben auf meine rechte Hand, dass ich laut an zu schreyen fieng, worbey auch zugleich Licht und alles verschwand, so, dass ich nun weiter nichts mehr, als den ziemlich hellen Himmel durch die Laub-Hutte blicken sahe.

Lemelie, der uber mein Geschrey auffuhr, war ubel zufrieden, dass ich ihm Unruh verursachte, da ich aber aus seinen Reden vermerckt, dass er weder etwas gesehen noch gehoret hatte, liess ich ihn bey den Gedancken, dass ich einen schweren Traum gehabt, und stellete mich an, als ob ich wieder schlaffen wolte, wiewol ich nachfolgende Zeit biss an hellen Morgen ohne Ruh, mit Uberlegung dessen, was mir begegnet war, zubrachte, an meiner Hand aber einen starck mit Blut unterlauffenen Fleck sahe.

So bald zu muthmassen, dass Mons. van Leuven aufgestanden, verliess ich gantz sachte meine Lagerstatt, verfugte mich zu ihm, und erzehlete, nachdem ich ihn etwas ferne von der Hutte gefuhret, alles aufrichtig, wie mir es in vergangener Nacht ergangen. Er umarmete mich freundlich, und sagte: Mons. Albert, ich lerne immer mehr und mehr erkennen, dass ihr zwar das Gluck, selbiges aber euch noch weit mehr suchet, derowegen biete ich mich zu euren Bruder an, und hoffe ihr werdet mich nicht verschmahen, wir wollen gleich itzo ein gut prservativ vor die bosen Dunste einnehmen, und die Hole in GOttes Nahmen durchsuchen, denn das Zeichen auf eurer Hand hat mich erstaunend und glaubend gemacht, dass der Verzug nunmehro schadlich sey. Aber Lemelie! Lemelie sagte er weiter, macht mir das Hertze schwer, so offt ich an seine ubeln Gemuths-Regungen gedencke, wir haben gewiss nicht Ursach uns seiner Gesellschafft zu erfreuen, GOTT steure seiner Bossheit, wir wollen ihn zwar mit zu diesem Wercke ziehen; Allein mein Bruder! verschweiget ihm ja euer nachtliches Gesichte, und saget: ihr hattet einen schweren Traum gehabt, welcher euch schon wieder entfallen sey.

Dieser genommenen Abrede kamen wir in allem genau nach, beredeten Concordien, an den Fluss fischen zu gehen, eroffneten dem Lemelie von unserm Vorhaben, so viel als er wissen solte, und giengen alle 3. gerades Wegs nach der unterirrdischen Hole zu, nachdem ich in eine, mit ausgelassenen SeeckalbsFett, angefullte eiserne Pfanne, etliche angebrannte Tochte gelegt, und dieselbe an statt einer Fackel mitgenommen hatte.

Ich gieng voran, Lemelie folgte mir, und Mons. van Leuven ihm nach, so bald wir demnach in die furchterliche Hole, welche von meiner starck brennenden Lampe uberall erleuchtet wurde, eingetreten waren, erschien ein starcker Vorrath allerhand Haussgeraths von Kupffer, Zinn und Eisenwerck, nebst vielen Pack-Fassern, und zusammen gebundenen Ballen, welches alles aber ich nur oben hin betrachtete, und mich rechter Hand nach einer halb offenstehenden Seiten-Thur wandte. Nachdem aber selbige vollig eroffnet hatte, und gerade vor mich hingieng, that der mir folgende Lemelie einen lauten Schrey und sanck ohnversehens in Ohnmacht nieder zur Erden. Wolte GOTT, seine lasterhaffte Seele hatte damals den schandlichen Corper gantzlich verlassen! so aber riss ihn van Leuven gleich zuruck an die frische Lufft, rieb ihm die Nase und das Gesicht so lange, biss er sich etwas wieder ermunterte, worauff wir ihn allda liegen liessen, und das Gewolbe rechter Hand aufs neue betraten. Hier kam uns nun dasjenige, wovor sich Lemelie so grausam entsetzt hatte, gar bald zu Gesichte. Denn in dem Winckel lincker Hand sass ein solcher Mann, dergleichen mir vergangene Nacht erschienen, auf einem in Stein gehauenen Sessel, als ob er schlieffe, indem er sein Haupt mit dem einen Arme auf den darbey befindlichen Tisch gestutzt, die andere Hand aber auf dem Tische ausgestreckt liegen hatte. Uber dem Tische an der Wand hieng eine 4. eckigte Lampe, und auf demselben waren, nebst etlichen Speise- und Trinck-Geschirren, 2. grosse, und eine etwas kleinere Tafel mit Schrifften befindlich, welche 3. letztern Stucke wir heraus ans Licht trugen, und in der ersten Tafel, die dem Ansehen nach aus einem Zinnern Teller geschlagen, und sauber abgeschabt war, folgende Lateinische Zeilen eingegraben sehen, und sehr deutlich lesen konten.

Mit diesen Worten stund unser Altvater Albertus Julius auf, und langete aus einem Kasten verschiedene Brieffschafften, ingleichen die erwehnten 3. Zinnern Tafeln, welche er biss dahero fleissig aufgehoben hatte, uberreichte eine grosse, nebst der kleinen, an Herr M. Schmeltzern, und sagte: Mein Herr! ihr werdet allhier das Original selbst ansehen, und uns selbiges vorlesen. Dieser machte sich aus solcher Antiquitat eine besondere Freude, und lass uns folgendes ab:

Advena!

quisquis es

si mira fata te in meum mirum domicilium

forsitan mirum in modum ducent,

sceleto meo prter opinionem conspecto,

nimium ne obstupesce,

sed cogita,

te, noxa primorum parentum admissa, iisdem

fatis

eidemque mortalitati esse obnoxium.

Quod reliqvum est,

reliqvias mei corporis ne sine insepultas

relinqui;

Mortuus enim me mortuum ipse sepelire

non potui.

Christianum, si Christianus vel ad minimum

homo es, decet

honesta exsequiarum justa solvere Christiano,

qui totam per vitam laboravi,

ut in Christum crederem, Christo viverem,

Christo denique morerer.

Pro tuo labore parvo, magnum feres prmium.

Nimirum

Si tibi fortuna, mihi multos per annos negata,

contingit,

ut ad dissociatam hominum societatem

iterum consocieris,

pretiosissimum oper pretium ex hac spelunca

sperare & in spem long felicitatis tecum

auferre poteris;

Sin vero mecum cogeris

In solitudine solus morti obviam ire

nonnulla memoratu dignissima scripta

qu in mea sella, saxo incisa, jacent

recondita,

Tibi fortasse erunt & gaudio & usui.

En!

grato illa accipe animo,

Aura secunda tu navis vaga vela secundet!

sis me felicior.

quamvis me nunquam adeo infelicem dixerim!

Vale, Advena, vale,

manda rogatus me terr

Et crede, Deum, qvem colui, daturum,

ut bene valeas.

Auf dem kleinen Tafflein aber, welches, unsers Altvaters Aussage nach, halb unter des Verstorbenen rechter Hand verdeckt gelegen, waren diese Zeilen zu lesen.

Natus sum d. IX. Aug. CIC CCCC LXXV.

Hanc Insulam attigi d. XIV. Nov. CIC IC XIIII.

Sentio, me, tate confectum, brevi moriturum

esse, licet nullo morbo, nullisque doloribus

opprimar. Scriptum id est d. XXVII. Jun. CIC

ICC VI.

Vivo quidem, sed morti proximus, d. XXVIII.

XXIX. & XXX. Junii.

Adhuc d. I. Jul. II. III. IV.

Nachdem wir uber diese sonderbare Antiquitat und die sinnreiche Schrifft, welche gewiss aus keinem ungelehrten Kopffe geflossen war, noch ein und anderes Gesprach gehalten hatten, gab mir der Altvater Albertus die drey Zinnern Tafeln, (wovon die eine eben dasselbe in Spanischer Sprache zu vernehmen gab, was wir auf der grossen Lateinisch gelesen,) nebst den ubrigen schrifftlichen Urkunden in Verwahrung, mit dem Befehle: Dass ich alles, was Lateinisch ware, bey kunfftigen mussigen Stunden ins Hoch-Teutsche ubersetzen solte, welches ich auch mit ehesten zu liefern versprach. Worauff er uns nach verrichteten Abend-Gebeth beurlaubte, und sich zur Ruhe legte.

Ich Eberhard Julius hingegen war nebst Hn. M. Schmeltzern viel zu neugierig, um zu wissen, was die alten Brieffschafften in sich hielten, da wir denn in Lateinischer Sprache eine Lebens-Beschreibung des Spanischen Edelmanns Don Cyrillo de Valaro darunter fanden, (welches eben der 131. jahrige Greiss war, dessen Corper damals in der Hole unter dem AlbertsHugel gefunden worden,) und biss zu Mitternacht ein Theil derselben, mit grostem Vergnugen, durchlasen. Ich habe dieselbe nachhero so zierlich, als es mir damals moglich, ins Hoch-Teutsche ubersetzt, allein um den geneigten Leser in den Geschichten keine allzugrosse Verwirrung zu verursachen, vor besser gehalten, dieselbe zu Ende des Wercks, als einen Anhang beyzufugen, weil sie doch hauptsachlich zu der Historie von dieser Felsen-Insul mit gehoret. Inzwischen habe einiger, im Lateinischen vielleicht nicht allzu wohl erfahrner Leser wegen, die auf den Zinnern Tafeln eingegrabene Schrifft, teutsch anhero zu setzen, vor billig und nothig erachtet. Es ist mir aber solche Verdollmetschung, dem Wort-Verstande nach, folglich gerathen:

Ankommender Freund!

wer du auch bist

Wenn dich vielleicht das wunderliche Schicksal in

diese wunderbare Behausung wunderbarer

Weise fuhren wird,

so erstaune nicht allzusehr uber die unvermuthete

Erblickung meines Gerippes,

sondern gedencke,

dass du nach dem Fall der ersten Eltern eben dem

Schicksal, und eben der Sterblichkeit

unterworffen bist.

Im ubrigen

lass das Uberbleibsel meines Leibes nicht unbegraben

liegen,

Denn weil ich gestorben bin, habe ich mich

Verstorbenen nicht selbst begraben konnen.

Einen Christen

wo du anders ein Christ, oder zum wenigsten ein

Mensch bist,

stehet zu

einen Christen ehrlich zur Erde zu bestatten,

Da ich mich in meinem gantzen Leben bestrebt,

dass ich an Christum glaubte, Christo lebte,

und endlich Christo sturbe.

Du wirst vor deine geringe Arbeit eine grosse

Belohnung erhalten.

Denn wenn dir das Glucke, dasjenige, was es mir

seit vielen Jahren her verweigert hat,

wiederfahren lasset,

nemlich, dass du dich wieder zu der abgesonderten

Gesellschafft der Menschen gesellen konnest;

So wirstu dir eine kostbare Belohnung zu

versprechen, und dieselbe aus dieser Hole

mit hinweg zu nehmen haben;

Wenn du aber so, wie ich, gezwungen bist,

In dieser Einsamkeit als ein Einsiedler dem Tode

entgegen zu gehen;

So werden doch einige merckwurdige

Schrifften,

die in meinem in Stein gehauenen Sessel

verborgen liegen,

dir vielleicht erfreulich und nutzlich seyn.

Wohlan!

Nimm dieselben mit danckbaren Hertzen an,

der gutige Himmel mache dich begluckt,

und zwar glucklicher als mich,

wiewohl ich mich niemals vor recht unglucklich

geschatzt habe.

Lebe wohl ankommender Freud! Lebe wohl,

hore meine Bitte, begrabe mich,

Und glaube, dass GOTT, welchem ich gedienet,

geben wird:

Dass du wohl lebest.

Die Zeilen auf der kleinen Tafel, bedeuten in teutscher Sprache so viel:

Ich bin gebohren den 9. Aug. 1475.

Auf diese Insul gekommen, den 14. Nov. 1514.

Ich empfinde, dass ich Alters halber in kurtzer

Zeit sterben werde, ohngeacht ich weder

Kranckheit, noch einige Schmertzen empfin

de. Dieses habe ich geschrieben am 27. Jun.

1606.

Ich lebe zwar noch, bin aber dem Tode sehr nahe, d.

28. 29. und 30. Jun. und noch d. 1. Jul. 2. 3. 4.

Jedoch ich fahre nunmehro in unsern eigenen Geschichten fort, und berichte dem geliebten Leser, dass wir mit Anbruch folgendes Donnerstags, d. 22. 9br. uns nebst dem Altvater Albert Julio aufmachten, und die Pflantz-Stadte Jacobs-Raum besuchten, welche aus 9. Wohn-Hausern, die mit allem Zubehor wol versehen waren, bestund.

Wiewol nun dieses die kleineste Pflantz-Stadt und schwachste Gemeine war, so befand sich doch bey ihnen alles in der schonsten Hausshaltungs-Ordnung, und hatten wir an der Einrichtung und besondern Fleisse, ihrem Verstande nach, nicht das geringste auszusetzen. Sie waren beschafftiget, die Garten, Saat, Felder, und sonderlich die vortrefflichen Weinstocke, welche auf dem dasigen Geburge in grosser Menge gepflantzt stunden, wol zu warten, indem es selbiger Zeit etwa 9. oder 10. Wochen vor der gewohnlichen Wein-Erndte, bey den Feld-Fruchten aber fast ErndteZeit war. Mons. Litzberg und Plager, untersuchten das Eingeweyde des dasigen Geburges, und fanden verschiedene Arten Steine, welche sehr reichhaltig von Kupffer und Silber-Ertz zu seyn schienen, die sie auch nachhero in der Probe unvergleichlich kostbar befanden. Nachdem wir aber auf der Ruckkehr von den Einwohnern mit dem herrlichsten Weine, verschiedenen guten Speisen und Fruchten, aufs beste tractirt waren, ihnen, gleich wie allen vorhero besuchten Gemeinen, 10. Bibeln, 20. Gesang- und GebetBucher, auch allerhand andere feine nutzliche Sachen, so wol vor Alte als Junge verehret hatten, kamen wir bey guter Zeit wiederum in der Alberts-Burg an, besuchten die Arbeiter am Kirchen-Bau auf eine Stunde, nahmen die Abend-Mahlzeit ein, worauff unser Altvater, nachdem er das Tisch-Gebeth gethan, unsere Begierde alsofort gemerckt, sich lachelnd in seinen Stuhl setzte, und die gestern abgebrochene Erzahlung also fortsetzte:

Ich bin, wo mir recht ist, gestern Abend dabey geblieben: Da wir die Zinnernen Tafeln an das TagesLicht trugen, und die eingegrabenen Schrifften ausstudirten. Mons. van Leuven und ich, konten das Latein, Lemelie aber, der sich von seinem gehabten Schrekken kaum in etwas wieder erholet, das Spanische, welches beydes doch einerley Bedeutung hatte, gantz wol verstehen. Ich aber kan mit Warheit sagen, dass so bald ich nur des letzten Willens, des Verstorbenen Don Cyrillo de Valaro, hieraus vollig versichert war, bey mir im Augenblicke alle annoch ubrige Furcht verschwand. Meine Herren! sagte ich zu meinen Gefahrten, wir sind schuldig dasjenige zu erfullen, was dieser ohnfehlbar seelig verstorbene Christ so sehnlich begehret hat, da wir ausser dem uns eine stattliche Belohnung zu versprechen haben. Mons. van Leuven war so gleich bereit, Lemelie aber sagte: Ich glaube nicht, dass die Belohnung so sonderlich seyn wird, denn die Spanier sind gewohnt, wo es moglich ist, auch noch nach ihrem Tode rodomontaden vorzumachen. Derowegen versichere, dass mich eher und lieber mit zwey See-Raubern herum schlagen, als mit dergleichen Leiche zu thun haben wolte; Jedoch euch als meinen Gefahrten zu Gefallen, will ich mich auch bey dieser hasslichen Arbeit nicht ausschlussen.

Hierauf lieff ich fort, langete ein grosses Stuck alt Seegel-Tuch, nebst einer Hacke und Schauffel, welche 2. letztern Stuck ich vor der Hole liegen liess, mit dem Tuche aber begaben wir uns abermahls in die unterirrdische Hole. Mons. van Leuven wolten den Corper bey den Schultern, ich aber dessen Schenckel anfassen; allein, kaum hatten wir denselben etwas angeregt, da er auf einmahl mit ziemlichen Geprassele in einen Klumpen zerfiel, woruber Lemelie aufs neue dermassen erschrack, dass er seinen Kopff zwischen die Ohren nahm, und so weit darvon lieff, als er lauffen konte. Mons. van Leuven und ich erschracken zwar anfanglich auch in etwas, da wir aber uberlegten, dass dieses naturlicher Weise nicht anders zugehen, und weder von unserm Versehen noch andern ubernaturlichen Ursachen herruhren konte; Lasen und strichen wir die Gebeine und Asche des seeligen MitBruders zusammen auf das ausgebreitete SeegelTuch, trugen selbiges auf einen schonen grunen Platz in die Ecke, wo sich der aus dem grossen See entspringende Fluss in zwey Arme theilet, machten daselbst ein feines Grab, legten alles ordentlich zusammen gebunden hinein, und beschlossen, ihm, nach erlangten fernern Urkunden, mit ehesten eine Gedachtniss-Saule zu setzen. Ob nun schon der gute van Leuven durch seinen fruhzeitigen und bejammerens-wurdigen Tod dieses Vorhaben mit auszufuhren verhindert wurde, so ist es doch nachhero von mir ins Werck gerichtet worden, indem ich nicht allein dem Don Cyrillo de Valaro, sondern auch dem ehrlichen van Leuven und meiner seel. Ehe-Frau der Concordia, jedem eine besondere Ehren- dem gottlosen Lemelie aber eine Schand-Saule zum Gedachtniss uber die Graber aufgerichtet habe.

Diese Saulen nebst den Grabschrifften, sagte hier Albertus, sollen euch, meine Freunde, ehester Tages zu Gesichte kommen, so bald wir auf dem Wege nach Christophs-Raum begriffen seyn werden. Jedoch ich wende mich wieder zur damahligen Geschicht.

Nachdem wir, wie bereits gedacht, dem Don Cyrillo nach seinem Begehren den letzten Liebes-Dienst erwiesen, seine Gebeine wohl verscharret, und einen kleinen Hugel daruber gemacht hatten, kehreten wir gantz ermudet zur Concordia, welche uns eine gute Mittags-Mahlzeit bereitet hatte. Lemelie kam auch gar bald herzu, und entschuldigte seine Flucht damit, dass er unmoglich mit verfauleten Corpern umgehen konne. Wir lachelten hierzu, da aber Concordia gleichfals wissen wolte, was wir heute vor eine besondere Arbeit verrichtet hatten, erzehlten wir derselben alles umstandlich. Sie bezeugte gleich nach der Mahlzeit besondere Lust mit in die Hole zu gehen, da aber Mons. van Leuven, wegen des annoch darinnen befindlichen ubeln Geruchs, ihr davon abrieth, und ihre Begierde biss auf ein paar Tage zu hemmen bat; gab sie sich gar bald zu frieden, ging wieder aus aufs Jagen und Fischen, wir 3. Manns Personen aber in die Hole, weil unsere grosse Lampe annoch darinnen brandte.

Nunmehro war, nachdem wir, den moderigen Geruch zu vertreiben, etliche mahl ein wenig Pulver angezundet hatten, unsere erste Bemuhung, die alten Urkunden, welche in den steinernen Sessel verwahrt liegen solten, zu suchen. Demnach entdeckten wir im Sitze ein viereckigtes Loch, in welches ein wohlgearbeiteter Deckel eingepasset war, so bald nun derselbe ausgehoben, fanden sich oben auf die in Wachs eingefutterten geschriebenen Sachen, die ich euch, mein Vetter und Sohn, gestern Abend eingehandiget habe, unter denselbigen ein guldener Becher mit unschatzbaren Kleinodien angefullet, welcher in den schonsten guldenen Muntzen vielerley Geprages und Forme vergraben stund. Wir gaben uns die Muhe, dieses geraumliche Loch, oder den verborgenen Schatz-Kasten, gantz auszuraumen, weil wir aber weiter weder Brieffschafften noch etwas anders fanden, schutteten wir 18. Hute voll Gold-Muntze wieder hinein, nahmen den Gold-Becher nebst den Brieffschafften zu uns, und gingen, um die letztern recht durch zu studiren, hinauf in Mons. van Leuvens grune Hutte, allwo wir den ubrigen Theil des Tages biss in die spate Nacht mit Lesen und Verteutschen zubrachten, und allerhand hochst-angenehme Nachrichten fanden, die uns und den kunfftigen Bewohnern der Insul gantz vortreffliche Vortheile versprechen konten.

Es war allbereit an dem, dass der Tag anbrechen wolte, da van Leuven und ich, wiewohl noch nicht vom Lesen ermudet, sondern morgender Arbeit wegen die Ruhe zu suchen vor dienlich hielten; indem Concordia schon schlieff, der faule Lemelie aber seit etlichen Stunden von uns zu seiner Schlaf-Statte gegangen war. Ich nahm derowegen meinen Weg auch dahin, fand aber den Lemelie unter Weges, wohl 10. Schritt von unserer Hutte, krum zusammen gezogen liegen, und als einen Wurm winseln. Auf Befragen, was er da mache? fing er entsetzlich zu fluchen, und endlich zu sagen an: Vermaledeyet ist der verdammte Corper, den ihr diesen Tag begraben habt, denn das verfluchte Scheusal, uber welches man ohnfehlbar keine Seelmessen gehalten hat, ist mir vor etlichen Stunden erschienen, und hat meinen Leib erbarmlich zugerichtet. Ich gedachte gleich in meinen Hertzen, dass dieses seiner Sunden Schuld sey, indem ich von Jugend auf gehoret, dass man mit verstorbenen Leuten kein Gespotte treiben solle; wolte ihn auch aufrichten, und in unsere Hutte fuhren, doch weil er dahin durchaus nicht wolte, brachte ich den elenden Menschen endlich mit grosser Muhe in Mons. van Leuvens Hutte. Wiewohl ich nicht vergessen hatte, ihn zu bitten, um der Concordia willen, nichts von dem, was ihm begegnet ware, zu sagen, sondern eine andere Unpasslichkeit vorzuwenden. Er gehorchte mir in diesem Stucke, und wir schlieffen also, ohne die Concordia zu erwecken, diese Nacht in ihrer Hutte.

Lemelie befand sich folgenden Tages todtkranck, und ich selber habe noch selbigen Tag fast uberall seinen Leib braun und blau, mit Blute unterlauffen, gesehen, doch weil es ihm leyd zu seyn schien, dass er mir sein ausgestandenes entdeckt, versicherte ich ihm, selbiges so wohl vor Mons. van Leuven als dessen Gemahlin geheim zu halten, allein, ich sagte es doch gleich bey erster Gelegenheit meinem besten Freunde.

Wir musten ihn also diesen und viele folgende Tage unter der Concordia Verpflegung liegen lassen, gingen aber beyde zusammen wiederum in die unterirrdische Hole, und fanden, beschehener Anweisung nach, in einem verborgenen Gewolbe uber 3. Scheffel der auserlesensten und kostbarsten Perlen, nachst diesen einen solchen Schatz an gediegenen Gold- und Silber-Klumpen, edlen Steinen und andern Kostbarkeiten, woruber wir gantz erstaunend, ja fast versteinert stehen blieben. Uber dieses eine grosse Menge von allerhand vor unsere Personen hochst-nothigen Stucken, wenn wir ja allenfalls dem Verhangnisse auf dieser Insul Stand halten, und nicht wieder zu anderer menschlicher Gesellschafft gelangen solten.

Jedoch, was will ich hiervon viel reden, die Kostbarkeiten kan ich euch, meine Freunde, ja noch alle unverletzt zeigen. Worzu aber die ubrigen nutzlichen Sachen angewendet worden, davon kan meine und meiner Kinder Hausshaltung und nicht vergeblich gethane Arbeit ein sattsames Zeugniss abstatten. Ich muss demnach nur eilen, euch, meinen Lieben! den fernern Verlauff der damahligen Zeiten noch kurtzlich zu erzehlen, ehe ich auf meine einseitige Geschicht, und die anfanglich betrubte, nachhero aber unter GOttes Fugung wohl ausgeschlagene Hausshaltung komme.

Mittlerweile, da Lemelie kranck lage, raumeten Mons. van Leuven und ich alle Sachen aus dem unterirrdischen Gewolbe herauf ans Tages-Licht und an die Lufft, damit wir sehen mochten, was annoch zu gebrauchen ware oder nicht; Nach diesen reinigten wir die unterirrdische Hole, die ausser der kleinen SchatzKammer aus 3. geraumlichen Kammern bestund, von aller Unsauberkeit. Ermeldte Schatz-Kammer aber, die wir dem Lemelie nicht wolten wissen lassen, wurde von unsern Handen wohl vermauret, auswendig mit Leimen beschlagen, und so zugerichtet, dass niemand vermuthen konte, als ob etwas verborgenes darhinter steckte. Mons. van Leuven erwehlete das Vorgemach derselben, worinnen auch der verstorbene Don Cyrillo sein Lebens-Ziel erwartet, zu seinem Schlaff-Gemach, ich nahm vor mich die Kammer darneben, und vor Lemelie wurde die dritte zugerichtet, alle aber mit Pulver und Schiff-Pech etliche Tage nach einander wohl ausgerauchert, ja so zu sagen, gar ausgebrandt, denn dieser gantze Hugel bestehet aus einem vortrefflichen Sand-Steine.

So bald wir demnach alles in recht gute Ordnung gebracht hatten, wurde Concordia hinein gefuhret, welche sich ungemein daruber erfreuete, und so gleich ohne die geringste Furcht darinnen Hauss zu halten versprach. Wolte also der wunderliche Lemelie nicht oben alleine schlaffen, muste er sich halb gezwungener Weise nach uns richten.

Indessen, da er noch immer kranck war, schafften Mons. van Leuven und ich alltaglich noch sehr viele auf der Sand-Banck liegende nutzliche Sachen auf die Insul, und kamen offters nicht eher als mit sinckenden Tage nach Hause. Da immittelst Lemelie sich krancker stellet als er ist, doch aber soviel Kraffte hat, der Concordia einmahl uber das andere so viel vorzuschwatzen, um sie dahin zu bewegen, seiner Wollust ein Genuge zu leisten, und an ihrem Ehe-Manne untreu zu werden.

Concordia weiset ihn anfanglich mit GOttes Wort und andern tugendhafften Regeln zurucke, da er aber eins so wenig als das andere annehmen, und fast gar Gewalt brauchen will, sie auch kaum Gelegenheit, sich seiner zu erwehren, gefunden, und in grosten Eiffer gesagt, dass sie ehe ihren Ehrenschander oder sich selbst ermorden, als an ihren Manne untreu werden, und so lange dieser lebte, sich mit einem andern vermischen wolte; wirfft er sich zu ihren Fussen, und bittet seiner hefftigen Liebe wegen um Verzeihung, verspricht auch, ihr dergleichen nimmermehr wieder zuzumuthen, woferne sie nur die eintzige Gnade vor ihn haben, und ihrem Manne nichts davon entdecken wolte. Concordia stellet sich besanfftiget an, giebt ihm einen nochmahligen scharffen Verweiss, und verspricht zwar, ihrem Manne nichts darvon zu sagen, allein, ich selbst muste noch selbigen Abend ein Zeuge ihrer Ehrlichkeit seyn, indem sie bey guter Gelegenheit uns beyden alles, was vorgegangen war, erzehlete, und einen Schwur that, viel lieber mit an die allergefahrlichste Arbeit zu gehen, als eine Minute bey dem Lemelie hinfuhro alleine zu verbleiben. Mons. van Leuven betrubte sich nicht wenig uber die grausame Unart unsers dritten Mannes, und sagte, dass er von Grund des Hertzens gern seinen Antheil von dem gefundenen Schatze missen wolte, wenn er nur mit solchen den Gottes-vergessenen Menschen von der Insul hinweg kauffen konte. Doch wir beschlossen, ihn ins kunfftige besser in acht zu nehmen, und bey der Concordia niemahls alleine zu lassen.

Immittelst konte doch Mons. van Leuven seinen desshalb geschopfften Verdruss, wie sehr er sich auch solches angelegen seyn liess, unmoglich gantzlich verbergen, wesswegen Lemelie bald vermerckte, dass Concordia ihrem Manne die Treue besser, als ihm ihr Wort zu halten geartet, jedoch er suchte seinen begangenen Fehler aufs neue zu verbessern, denn da er wenig Tage hierauf sich vollig genesen zeigte, war von da an niemand fleissiger, dienstfertiger und hoflicher als eben der Lemelie.

Wir hatten aber in des Don Cyrillo schrifftlichen Nachrichten unter andern gefunden, dass durch den Ausfall des Flusses gegen Mitternacht zu, unter dem Felsen hindurch, ein gantz bequemer Ausgang von der Insul nach der Sand-Banck und dem Meere zu, anzutreffen sey. Wenn man vorhero erstlich in den heissen Monaten, da der Fluss am schwachsten lieffe, einen Damm gemacht, und dessen Wasser durch den Canal, welchen Cyrillo nebst seinen Gefahrten vor nunmehro 125. Jahren gegraben, in die kleine See zum Ausflusse fuhrete. Dieses nun in Erfahrung zu bringen, sahen wir gegenwartige Zeit am allerbequemsten, weil uns der seichte Fluss einen Damm hinein zu machen Erlaubniss zu geben schien. Demnach falleten wir etliche Baume, zersagten dieselben, und rammelten ziemlich grosse Plocke um die Gegend in den Fluss, wo wir die Wahrzeichen des Dammes unserer Vorfahren mit grossen Freuden wahrgenommen hatten. Vor die mit allergroster Muh eingeramleten

Plocke wurden lange Baume uber einander gelegt, von solcher Dicke, als wir dieselbe fortzuschleppen vermogend waren, und diese musten die vorgesetzten Rasen-Stucke nebst dem vorgeschutteten fettem Erdreiche aufhalten. Mit solcher Arbeit brachten wir biss in die 4te Woche zu, binnen welcher Zeit der Damm seine nothige Hohe erreichte, so, dass fast kein Tropffen Wasser hindurch konte, hergegen alles durch den Canal sich in die kleine See ergoss. Lemelie hatte sich bey dieser sauren Arbeit dermassen fleissig, in ubriger Auffuhrung aber so wohl gehalten, dass wir ingesamt glaubten, sein voriges ubeles Leben musse ihm gereuet, und er von da an einen bessern Vorsatz gefasset haben.

Nunmehro war es an dem, dass wir die grosse Lampe anzundeten, und uns in eine abermahlige Felsen-Hole wagen wolten, welches auch des nachsten Tages fruh Morgens geschahe. Concordia wolte allhier nicht alleine zurucke bleiben, sondern sich unsers Glucks und Unglucks durchaus theilhafftig machen, derowegen traten wir unsern Weg in GOttes Nahmen an, fanden denselben ziemlich bequem zu gehen, ob gleich hie und da etliche hohe Stuffen befindlich, welchen doch gar mit leichter Muh nachzuhelffen war. Aber, o Himmel! wie gross war unsere Freude, da wir ohne die geringste Gefahr das Ende erreichten, Himmel und See vor uns sehen, und am Ufer des Felsens bey unsern annoch ruckstandigen Sachen herum spatziren, auch mit vielweniger Muh und Gefahr zuruck auf unsere Insul kommen konten.

Ihr seyd, meine lieben Kinder, fuhr unser Alt-Vater Albertus in seiner Erzehlung fort, selbsten durch diesen Gang in die Insul kommen, derowegen konnet ihr am besten von dessen Bequemlichkeit und Nutzen urtheilen, wenn ihr zumahlen die gefahrlichen und beschwerlichen Wege uber die Klippen dargegen betrachtet. Uns war dieser gefundene Gang zu damahligen Zeiten wenigstens ungemein trostlich, da wir in wenig Tagen alles, was annoch auf der Sand-Banck lag, herauf brachten, das Hintertheil des zerscheiterten Schiffs zerschlugen, und nicht den kleinesten Nagel oder Splitter davon zuruck liessen, so, dass wir weiter ausserhalb des Felsens nichts mehr zu suchen wusten, als unsern Nachen oder kleines Boot, und dann und wann einige Schild-Kroten, See-Kalber, nebst andern Meer-Thieren, wovon wir doch weiter fast nichts als die Haute und das Fett zu gebrauchen pflegten.

Solchergestalt wandten wir die fernern Tage auf nichts anders, als, nach und nach immer eine bessere Ordnung in unserer Hausshaltung zu stifften, sammleten von allerley nutzbarn Gewachsen die Saam-Korner ein, pflegten die Wein-Stocke und Obst-Baume aufs beste, als worinnen ich bey meinen lieben PflegeVatern, dem Dorff-Priester und dem Amtmanne, ziemliche Kunstgriffe und Vortheile abgemerckt. Lebten im ubrigen in der Hoffnung kunfftiger noch besserer Zeiten gantz geruhig und wohl beysammen. Allein, in der Nacht zwischen den 8ten und 9ten Novembr. uberfiel uns ein entsetzliches Schrecken. Denn es geschahe ohngefahr um Mitternachts-Zeit, da wir ingesamt im sussesten Schlaffe lagen, ein dermassen

grosser Knall in unserer unter-irrdischen Wohnung, als ob das allerstarckste Stuck Geschutzes lossgebrannt wurde, so, dass man die Empfindung hatte, als ob der gantze Hugel erschutterte. Ich sprang von meinem Lager auf, und wolte nach der beyden Ehe-Leute Kammer zu eilen, selbige aber kamen mir so gleich im Dunckeln gantz erschrocken entgegen, und eileten, ohne ein Wort zu sprechen, zur Hole hinaus, da der Schein des Monden fast alles so helle als am Tage machte.

Ich kan nicht laugnen, dass Mons. van Leuven, Concordia und ich vor Furcht, Schrecken und Zittern, kein Glied stille halten konten, unsere Furcht aber wurde noch um ein grosses vermehrt, da sich, gegen Suden zu, eine weisse lichte Flamme sehen liess, welche immer gantz sachte fort zohe, und endlich um die Gegend, wo wir des Don Cyrillo Corper begraben hatten, verschwand.

Die Haare stunden uns hieruber zu Berge, doch, nachdem wir uns binnen einer Stunde in etwas erholet hatten, brach Mons. van Leuven endlich das lange Stillschweigen, indem er sagte: Mein Schatz und Mons. Albert! ich weiss, dass ihr euch uber dieses Nacht-Schrecken so wohl als ich unterschiedene Gedancken werdet gemacht haben; allein ich glaube, dass der sonst unerhorte Knall von einem Erdbeben herruhret, wobey unser Sand-Stein-Hugel ohnfehlbar einen starcken Riss bekommen. Die weisse Flamme aber, so wir gesehen, halte ich vor eine SchwefelDunst, welche sich nach dem Wasser hingezogen hat. Monsieur van Leuven bekam in diesen Meinungen Seiten meiner starcken Beyfall, allein Concordia gab dieses darauf: Mein Schatz, der Himmel gebe nur, dass dieses nicht eine Vorbedeutung eines besondern Unglucks ist, denn ich war kurtze Zeit vor dem grausamen Knalle durch einen schweren Traum, den ich im Schrecken vergessen habe, ermuntert worden, und lag mit wachenden offenen Augen an eurer Seite, als eben dergleichen lichte Flamme unsere Kammer mit einer gantz ausserordentlichen Helligkeit erleuchtete, und die sonst alle Nacht hindurch brennende grosse Lampe ausloschte, worauf sogleich der grausame Knall und die hefftige Erschutterung zu empfinden war.

Uber diesen Bericht nun hatte ein jedes seine besondere Gedancken, Mons. van Leuven aber unterbrach dieselben, indem er sich um den Lemelie bekummerte, und gern wissen mochte, wo sich dieser aufhielte. Meine Muthmassungen waren, dass er vielleicht noch vor uns, durch den Schrecken, aus der Hole gejagt worden, und sich etwa hier oder da auf der Insul befande; Allein, nachdem wir den ubrigen Theil der Nacht ohne fernern Schlaff hingebracht, und nunmehro das Sonnen-Licht mit Freuden wieder empor kommen sahen, kam auch Lemelie unverhofft aus der Hole heraus gegangen.

Dieser bekannte auf unser Befragen so gleich, dass er weder etwas gesehen, noch vielweniger gehoret habe, und verwunderte sich ziemlich, da wir ihm von allen Begebenheiten voriger Nacht ausfuhrliche Nachricht gaben. Wir hielten ihn also vor glucklicher als uns, stunden aber auf, und besichtigten nicht allein die Hole, sondern auch den gantzen Hugel, fanden jedoch nicht das geringste Versehr, Ritze oder Spalte, sondern alles in unveranderten guten Stande. Lemelie sagte derowegen: Glaubet mir sicher, meine Freunde! es ist alles ein pures Gauckel-Spiel, der im Fegefeuer sitzenden Seele des Don Cyrillo de Valaro. Ach, wie gern wolte ich einem Romisch-Catholischen Priester 100. Creutz-Thaler Seel-Mess-Gelder zahlen, um dieselbe daraus zu erlosen, wenn er nur gegenwartig ware, und uns in vollkommene Ruhe setzen konte.

Van Leuven und ich hielten nicht vor rathsam, diesem einfaltigen Tropffen zu widersprechen, liessen ihn derowegen bey seinen 5. Augen, beschlossen aber dennoch, etliche Nacht in unsern grunen Hutten zu schlaffen, biss man sahe, was sich ferner wegen des vermeintlichen Erdbebens zeigen, und die dessfalls bey uns entstandene Furcht nach und nach verschwunden seyn wurde, welches auch dem Lemelie gantz vernunfftig vorkam.

Allein der ehrliche van Leuven schlieff nur noch 2. Nachte bey seiner liebsten Ehe-Frauen in der LauberHutte. Denn am 11. Novembr. ging er, etwa 2. Stunden, nachdem die Sonne aufgegangen war, mit einer Flinte fort, um ein oder zwey grosse wohlschmeckende Vogel, welche sich gemeiniglich auf den obersten Klippen sehen liessen, herunter zu schiessen, die wir selbigen Abend an statt der Martins-Ganse braten und verzehren wolten. Lemelie war etwa eine Stunde vorher ebenfalls darauf ausgegangen, ich aber blieb bey der Concordia, um ihr beym Kochen mit Holtz-Spalten und andern Handreichungen die Arbeit zu erleichtern.

Zwey Stunden uber Mittag kam Lemelie mit zwey schonen grossen Vogeln zurucke, uber welche wir uns sogleich hermachten, und dieselben reinigten. Mittlerweile fragte Lemelie Concordien, wo ihr Mann hingegangen? und erhielt von selbiger zur Antwort, dass er gleichergestalt auf solch Wildpret ausgegangen sey, worbey sie sich erkundigte, ob sie einander nicht angetroffen. Lemelie antwortet mit Nein. Doch habe er auf jener Seite des Geburges einen Schuss vernomen, woraus er gemuthmasset, dass sich gewiss einer von uns daselbst aufhalten wurde.

Concordia machte noch einen Spaass hierbey, indem sie sagte: Wenn nun mein Carl Franz kommt, mag er seine geschossene Martins Ganse biss auf Morgen aufheben. Allein, da die Sonne bereits unterging, und unsere beyden Braten zum Speisen tuchtig waren, stellete sich dem ohngeacht unser guter van Leuven noch nicht ein, wir warteten noch ein paar Stunden, da er aber nicht kam, verzehreten wir den einen Vogel mit guten Appetit, und spareten den andern vor ihn und Concordien. Allein, die Nacht brach endlich auch ein, und van Leuven blieb immer aussen. Concordien begunte das Hertze schwer zu werden, indem sie genug zu thun hatte, die Thranen zuruck zu halten, ich aber trostete sie, so gut ich konte, und meinete, weil es heller Monden-Schein, wurde ihr Ehe-Schatz schon noch zurucke kommen. Sie aber versetzte: Ach, es ist ja wider alle seine gewohnliche Art, was wird ihm der Monden-Schein helffen? Und wie kan er zurucke kommen, wenn er vielleicht Ungluck genommen hat? Ja, ja, fuhr sie fort, mein Hertze sagt es mir, mein Liebster ist entweder todt, oder dem Tode sehr nahe, denn itzo fallt mir mein Traum auf einmahl wieder in die Gedancken, den ich in der SchreckensNacht, seit dem aber gantzlich vergessen gehabt. Diese ihre Worte wurden mit einer gewaltsamen Thranen Fluth begleitet, Lemelie aber trat auf, und sagte: Madame! verfallet doch nicht so gleich auf die argsten Gedancken, es kan ihn ja vielleicht eine besonders gluckliche Begebenheit, oder Neugierigkeit, etwa hier oder dar aufhalten. Stehet auf, wir wollen ihm alle drey entgegen gehen, und zwar um die Gegend, wo ich heute von ferne feinen Schuss gehoret, wir wollen schreyen, ruffen und schiessen, was gilts? er wird sich bald melden, und uns zum wenigsten mit einem Schuss oder Laut antworten. Concordia weinete dem ohngeacht immer noch hefftiger, und sagte: Ach, wie kan er schiessen oder antworten, wenn er todt ist? Doch da wir beyde, ihr ferner zuzureden, nicht unterliessen, stund sie endlich auf, und folgte nebst mir dem Lemelie, wo er uns hinfuhrete.

Es wurde die gantze Nacht hindurch an fleissigem Suchen, Schreyen und Schiessen nichts gesparet, die Sone ging zwar daruber auf, doch van Leuven wolte mit selbiger dennoch nicht zum Vorscheine kommen. Wir kehreten zuruck in unsere Lauber-Hutten und unter-irrdische Wohnung, fanden aber nicht die geringste Spur, dass er Zeit seines Hinwegseyns wiederum da gewesen. Nunmehro begunte mir auch das Hertz-Blat zu schiessen, Concordia wolte gantz verzweiffeln, und Lemelie selbst sagte: Es konne unmoglich richtig zugehen, sondern Mons. van Leuven muste ohnfehlbar etwa ein Ungluck genommen haben. Derohalben fingen wir ingesamt gantz von neuen an,

ihn zu suchen, und dass ich es nur kurtz mache, am dritten Tage nach seinem letzten Ausgange entdeckten wir mit grausamsten Schrecken seinen entseelten Corper, gegen Suden zu, ausserhalb an dem Absatze einer jahen Stein-Klippe liegen, als von welcher er unserm damahligen Vermuthen nach herab gefallen war. Ich fing vor ubermassiger Betrubniss bey diesem jammerlichen Anblicke uberlaut zu schreyen und zu heulen an, und rauffte mir als ein unsinniger Mensch gantze Hande voll Haare aus dem Kopffe, Concordia, die meine Geberden nur von ferne sahe, weil sie die hohen Felsen nicht so, wie ich, besteigen konte, sanck augenblicklich in Ohnmacht hin, Lemelie lieff geschwind nach frischen Wasser, ich aber blieb als ein halb-verzweiffelter Mensch gantz sinnloss bey ihr sitzen.

Endlich halff doch des Lemelie oft wiederholtes Wasser giessen und sprengen so viel: dass Concordia sich wieder in etwas ermunterte. Allein meine Freunde, (so unterbrach allhier der Alt-Vater Albertus seine Erzehlung in etwas,) ich befinde mich biss diese Zeit noch nicht im Stande, ohne selbst eigene hefftige Gemuths-Bewegungen, der Concordia schmertzliches Klagen, und mit wenig Worten zu sagen: Ihre fast gantzliche Verzweiffelung auszudrucken, wiewol solches ohnedem besser mit dem Verstande zu fassen, als mit Worten auszusprechen ist. Doch ich setzte bey ihrem ubermassigen Jammer, mein eigenes dabey geschopfftes Betrubniss in etwas bey Seite, und suchte sie nur erstlich dahin zu bereden, dass sie sich von uns nach der Laub-Hutte fuhren liesse. Wiewol nun in dem ersten Auflauff ihrer Gemuths-Bewegungen nichts von ihr zu erhalten war, indem sie mit aller Gewalt ihren Carl Frantz sehen, oder sich selbsten den Kopf an einem Felsen einstossen wolte; so liess sie sich doch endlich durch Vorstellung einiger Biblischen Spruche und anderer Vernunfft-Lehren, dahin bewegen, dass ich und Lemelie, welcher vor verstellter Betrubniss kein Wort reden, doch auch kein Auge nass machen konte oder wolte, sie mit sinckenden Tage in die Laubhutte fuhren durfften. Nachdem ich auf ihr sehnliches Bitten versprochen: alle Muhe und Kunst anzuwenden, den verungluckten Corper ihres werthen Schatzes herauff zu schaffen.

Ohngeacht aber Concordia und ich in vergangenen Nachten fast wenig oder nichts geschlaffen hatten, so konten wir doch auch diese Nacht, wegen des allzu grossen Jammers, noch keinen Schlaf in unsere Augen kriegen, sondern ich nahm die Bibel und lass der Concordia hieraus die krafftigsten Trost-Psalmen und Capitel vor, wodurch ihr vorheriges unruhiges, und zur Verzweiffelung geneigtes Gemuthe, in merckliche Ruhe gesetzt wurde. Indem sie, obschon das Weinen und Klagen nicht unterliess, dennoch so viel zu vernehmen gab, dass sie allen Fleiss anwenden wolte, sich mit Gedult in ihr klagliches Verhangniss zu schicken, indem freylich gewiss ware, dass uns ohne GOttes Willen kein Ungluck begegnen konne. Ihre damaligen reformirten Glaubens-Grunde, trugen gewisser massen ein vieles zu der von mir gewunschten Beruhigung bey, doch nachhero hat sie diese verdachtigen HulffsMittel besser erkennen, und sich, durch mein Zureden, aus GOTTES Wort krafftiger trosten lernen.

Gegen Morgen schlief die biss in den Tod betrubte Cordia etwa ein paar Stunden, ich that dergleichen, Lemelie aber, der die gantze Nacht hindurch als ein Ratz geschlaffen hatte, stund auf, wunschte der Concordia zum guten Morgen: Dass sie sich bey einer Sache, die nunmehro unmoglich zu andern stunde, bald vollkommen trosten, und in ruhigern Zustand setzen mochte, wolte hiermit seine Flinte nehmen und spatzieren gehen, doch ich hielt ihn auf, und bat: er mochte doch der Concordia die Gefalligkeit erzeigen, und den Corper ihres Liebsten mir herauff bringen helffen, damit wir ihn ehrlich zur Erden bestatten konten; Allein er entschuldigte sich, und gab zu vernehmen, wie er zwar uns in allen Stucken Gefalligkeit und Hulffe zu leisten schuldig ware; doch damit mochte man ihn verschonen, weiln uns ja zum voraus bewust, dass er einen ungewohnlichen naturlichen Abscheu vor todten Menschen hatte, auch ohngeacht er schon lange Zeit zu Schiffe gedienet, niemals im Stande gewesen, einen frischen Todten in die See zu werffen, vielweniger einen solchen anzugreiffen, der schon etliche Tage an der Sonne gelegen. Hiermit gieng er seine Wege, Concordia aber hub von neuen an, sich aufs allerklaglichste zu gebahrden, da ich ihr aber zugeredet, sich zu massigen, und mich nur allein machen zu lassen, weil ich weder Gefahr noch Muhe scheuen, sondern ihr, unter GOttes Schutz, den Corper ihres Liebsten in ihre Hande liefern wolte; muste sie mir erstlich zuschweren, sich Zeit meines Abseyns selbst kein Leyd zuzufugen, sondern gedultig und stille zu sitzen, auch vor mich, wegen bevorstehender Gefahr, fleissig zu beten. Worauff so viel Seile und Stricke als zu ertragen waren, nebst einem stucke Seegel-Tuch nahm, und nebst Concordien, die eine Holtz-Axt nebst etwas Speise vor uns beyde trug, nach den Felsen hin eilete. Daselbst liess ich sie unten an einem sichern Orte sitzen, und kletterte nach und nach zur Hohe hinauff, zohe auch die Axt, etliche spitz gemachte Pfahle, und die ubrigen Sachen, von einem Absatz zum andern, hinter mir her. An der auswendigen Seite muste ich mich aber viel grosserer Gefahr unterwerffen, weil daselbst die Felsen weit steiler, und an vielen Orten gar nicht zu beklettern waren, wesswegen ich an drey Orten in die Felsen-Ritzen Pfahle einschlagen, ein langes Seil dran binden und mich 3. mal 8. 10. biss 12. Elen tief, an selbigen herunter lassen muste. Solchergestalt gelangete ich endlich zu meines lieben Herrn van Leuvens jammerlich zerschmetterten Corper, der, weil ihm das Gesicht sehr mit Blut unterlauffen war, seine vorige Gestalt gantzlich verlohren hatte, und allbereit wegen der grossen Hitze, einen ublen Geruch von sich gab, jedoch ich hielt mich nicht lange dabey auf, sondern wickelte ihn eiligst in das bey mir habende Tuch, bewunde dasselbe mit Stricken, band ein Seil daran, und zohe diese Last nach und nach hinauff. Zu meinem Glucke hatte ich in die vom Felsen herab hangenden Seile, verschiedener Weite nach, Knoten gebunden, sonst ware fast unmoglich gewesen wieder hinauff zu kommen, doch der Himmel bewahrete mich in dieser besondern Gefahr vor allem Unfall, und ich gelangte nach etwa 6. oder 7. Stunden verlauff, ohnbeschadet, doch sehr schwer beladen und ermudet, wiederum bey Concordien an. Durch vielles Bitten und vernunfftige Vorstellungen, erhielt ich endlich so viel von selbiger, dass sie sonst nichts als ihres seel. Ehe-Mannes Gesichte und die Hand, woran er annoch seinen SiegelRing stecken hatte, zu sehen begehrte. Sie wusch beydes mehr mit Thranen, als mit Wasser aus dem vorbey rinnenden Bachlein ab, und kussete ihn ohngeacht des ubeln Aussehens und Geruchs vielfaltige mal, zohe den Ring von seinem Finger, und liess endlich unter hefftigen Jammer-Klagen geschehen, dass ich den Corper wieder einwickelte, und auf vorige Art umwunde.

Sie halff mir denselben biss in unsere unterirrdische Hole tragen, woselbst er, weil ich nicht allein sehr ermudet, sondern es auch allbereit ziemlich spat war, liegen blieb, und von uns beyden bewacht wurde. Mit anbrechenden Tage machte ich ein Grab neben des Don Cyrillo seinem, worein wir diesen lieben verungluckten Freund, unter vergiessung hauffiger Thranen, begruben.

Lemelie, der unserer Arbeit von ferne zugesehen hatte, kam erstlich des folgenden Tages wieder zu uns, und Bemuhete sich mit Erzehlung allerhand lustiger Geschichte, der Concordia Kummer zu vertreiben. Doch dieselbe sagte ihm ins Gesicht: Dass sie lieber mit dergleichen Zeitvertreibe verschonet bleiben mochte, indem ihr Gemuthe nicht so leichtsinnig geartet, dergleichen hochst empfindlichen Verlust solchergestalt zu verschmertzen. Derowegen fuhrete er zwar nachhero etwas vernunfftigere Reden, doch Concordia, die bisshero fast so wenig als nichts geruhet, verfiel daruber in einen tieffen Schlaf, wesswegen Lemelie und ich uns gleichfalls in einer andern Ecke der Hole, zur Ruhe legten. Jedoch es schien, als ob dieser Mensch gantz besondere Anfechtungen hatte, indem er so wol diese, als viele folgende Nachte, fast keine Stunde nach einander ruhig liegen konte. Er fuhr sehr offters mit angstlichen Geschrey aus dem schlafe auf, und wenn ich ihn desswegen befragte, klagte er uber sonst nichts, als schwere Traume, wiewol man ihn nach und nach sehr abgemattet, und fast an allen Gliedern ein starckes Zittern verspurete, jedoch binnen 2. oder 3. Wochen erholete er sich ziemlich, so, dass er nebst mir, unserer kunfftigen Nahrung wegen, sehr fleissig arbeiten konte.

Bey dem allen aber, lebten wir 3. von gantz unterschiedenen Gemuths-Regungen eingenommene Personen, in einer vollkommenen Verwirrung, da es zumal das gantzliche Ansehen hatte, als ob alle unsere vorige Gedult, ja unser volliges Vergnugen, mit dem van Leuven begraben ware. Wir sassen offters etliche Stunden beysammen, ohne ein Wort mit einander zu sprechen, doch schien es als ob immer eines des andern Gedancken aus den Augen lesen wolte, und dennoch hatte niemand das Hertze, der andern und dritten Person Hertzens-Meynung auszufragen. Endlich aber da nach des van Leuvens Beerdigung etwa 4. Wochen verlauffen waren, hatte sich Lemelie bey ersehener Gelegenheit die Freyheit genommen, der Concordia in Geheim folgende Erklarung zu thun: Madame! sagt er ohngefahr: Ihr und ich haben bisshero das ungluckliche Verhangniss eures seel. Ehe-Mannes zur gnuge betrauret. Was ist nunmehro zu thun? Wir sehen kein ander Mittel, als vielleicht noch lange Zeit unserm Schicksal auf dieser Insul Gehorsam zu leisten. Ihr seyd eine Wittbe und darzu hoch schwanger, zu euren Eltern zuruck zu kehren, ist so unmoglich als schandlich, einen Mann musset ihr haben, der euch bey Ehren erhalt, niemand ist sonsten vor euch da als ich und Albert, doch weil ich nicht zweiffele, dass ihr mich, als einen Edelmann, diesem jungen Lecker, der zumal nur eine privat-Person ist, vorziehen werdet; So bitte ich um eures eigenen Bestens willen, mir zu erlauben, dass ich die erledigte Stelle eines Gemahls bey euch ersetzen darff, so werden wir nicht allein allhier unser Schicksal mit Gedult ertragen, sondern in Zukunfft hochst vergnugt leben konnen, wenn wir das Gluck haben, dass uns vielleicht ein Schiff von hier ab, und zu mehrerer menschlicher Gesellschafft fuhren wird. Albert, sagt er ferner, wird sich nicht einmal die hochmuthigen Gedancken einkommen lassen, unserer beyder Verbindung zu widerstreben, derowegen bedencket euer Bestes in der Kurtze, weil ich binnen 3. Nachten als Ehe-Mann mit euch zu Bette zu gehen entschlossen, und zugleich eure tragende LeibesFrucht, so gut als die Meinige zu achten, entschlossen bin.

Concordia, die sich aus seinen feurigen Augen, und erhitzten Gemuths-Bewegungen, nichts guts propheceyet, bittet ihn um GOTTES Barmhertzigkeit willen, ihr wenigstens eine halbjahrige Frist zur Trauer- und Bedenck-Zeit zu verstatten, allein der erhitzte Liebhaber will hiervon nichts wissen, sondern spricht vielmehr mit groster Vermessenheit: Er habe ihre Schonheit ohne wurcklichen Genuss lange genug vergebens vor Augen gehabt, nunmehro aber, da ihn nichts als der elende Albert daran verhinderlich seyn konte; ware er nicht gesonnen sich langer Gewalt anzuthun, und kurtz! wolte sie haben, dass er ihr selbst nicht Gewalt anthun solte, muste sie sich entschliessen, ihn ehe noch 3. Nachte verlieffen, als seine EheFrau beyzuwohnen. Anbey thut er die vorsichtige Warnung, dass Concordia mir hiervon ja nichts in voraus offenbaren mochte, widrigenfalls er meine Person bald aus dem Wege raumen wolle. Jedoch die Angst-volle Concordia stellet sich zwar, als ob sie seinen Drohungen ziemlich nachgabe, so bald er aber etwas entfernet war, erfuhr ich das gantze Geheimniss. Meine Erstaunung hieruber war unsaglich, doch, ich glaube eine besondere Krafft des Himmels, starckte mich augenblicklich dermassen, dass ich ihr den Rath gab, allen seinen Anfallen aufs auserste zu widerstreben, im ubrigen sich auf meinen Beystand gantzlich zu verlassen; weiln ich von nun an fleissig auf sie Acht haben, und ehe mich um mein Leben, als sie um ihre Ehre bringen lassen wolte.

Immittelst war Lemelie drey Tage nach einander lustig und guter Dinge, und ich richtete mich dermassen nach ihm, dass er in meine Person gar kein boses Vertrauen setzen konte. Da aber die fatale Nacht herein brach, in welcher er sein gottloses Vorhaben vollbringen wolte; Befahl er mir auf eine recht Herrschafftliche Art, mich nun zur Ruhe zu legen, weiln er nebst mir auf morgenden Tag eine recht schwere Arbeit vorzunehmen gesonnen sey. Ich erzeigte ihm einen verstellten Knechtischen Gehorsam, wodurch er ziemlich sicher gemacht wurde, sich gegen Mitternacht mit Gewalt in der Concordia Kammer eindrange, und mit Gewalt auf ihrem Lager Platz suchen wolte.

Kaum hatten meine aufmerckenden Ohren dieses gehoret, als ich sogleich in aller Stille aufstund, und unter beyden einen langen Wort-Streit anhorete, da aber Lemelie endlich allzu brunstig wurde, und weder der unschuldigen Frucht, noch der klaglich winselenden Mutter schonen, sondern die Letztere mit Gewalt nothzuchtigen wolte; stiess ich, nachdem dieselbige abgeredter massen, GOTT und Menschen um Hulffe anrieff, die Thur ein, und suchte den ruchlosen Bosewicht mit vernunfftigen Vorstellungen auf bessere Gedancken zu bringen. Doch der eingefleischte Teufel sprang auf, ergriff einen Sabel, und versetzte mir einen solchen Hieb uber den Kopf, dass mir Augenblicklich das Blut uber das Gesichte herunter lieff. Ich eilete zurucke in meine Kammer, weil er mich aber biss dahin verfolgen, und seinem Vorsatze nach gantzlich ertodten wolte, ergriff ich in der Angst meine Flinte mit dem aufgesteckten Stillet, hielt dieselbe ausgestreckt vor mich, und mein Morder, der mir inzwischen noch einen Hieb in die lincke Schulter angebracht hatte, rannte sich im finstern selbst dergestalt hinein, dass er das Stillet in seinem Leibe steckend behielt, und darmit zu Boden sturtzte.

Auf sein erschreckliches Brullen, kam die zitternde Concordia aus ihrer Kammer mit dem Lichte gegangen, da wir denn gleich wahr namen, wie ihm das Stillet vorne unter der Brust hinein, und hinten zum Rukken wieder heraus gegangen war. Dem ohngeacht, suchte er, nachdem er solches selbst heraus gezogen, und in der lincken Hand behalten hatte, mit seinem Sabel, entweder der Concordia, oder mir einen todtlichen Streich beyzubringen. Jedoch ich nam die Gelegenheit in acht, machte, indem ich ihm den einen Fuss auf die Kahle setzte, seine verfluchten Hande wehrloss, und dieselben, nebst den Fussen, mit Stricken fest zusammen, und liess das Aas solchergestalt eine gute Zeitlang zappeln, nicht zweiffelnd, dass er sich bald eines andern besinnen wurde. Allein es hatte fast das Ansehen, als ob er in eine wurcklich Raserey verfallen ware, denn als mir Concordia meine Wunden so gut sie konte, verbunden, und das hefftige Bluten ziemlich gestillet hatte, stiess er aus seinem verfluchten Rachen die entsetzlichsten Gotteslasterungen, und gegen uns beyde die hesslichsten Schand-Reden aus, ruffte anbey unzehlige mal den Satan um Hulffe an, verschwur sich denselben auf ewig mit Leib und Seele zum Eigenthume, woferne nur derselbe ihm die Freude machen, und seinen Tod an uns rachen wolte.

Ich hielt ihm hierauff eine ziemlich lange Predigt, mahlete sein verruchtes Leben mit lebendigen Farben ab, und stellete ihn sein ungluckseeliges Verhangniss vor Augen, indem er, da er mich zu ermorden getrachtet, sein selbst eigener Morder worden, ich aber von GOTTES Hand erhalten ware. Concordia that das ihrige auch mit grosten Eifer darbey, verwiese ihn aber letzlich auf wahre Busse und Erkantniss seiner Sunden, vielleicht, sagte sie, liesse sich die Barmhertzigkeit GOTTES noch in seiner letzten Todes-Stunde erweichen, ihm Gnade und Vergebung wiederfahren zu lassen; Doch dieser Bosewicht druckte die Augen feste zu, knirschete mit den Zahnen, und kriegte die hefftigsten Anfalle von der schweren Noth, so dass ihm ein gresslicher Schaum vor dem Maule stund, worauff er biss zu anbrechenden Tage stille liegen blieb, nachhero aber mit schwacher Stimme etwas zu trincken foderte. Ich gab ihm einen Trunck von unsern besten Getrancke, welches der aus den Palm-Baumen gelauffene Safft war. Er schluckte denselben begierig hinein, und hub mit matter Stimme zu sagen an: Was habt ihr vor Vergnugen Mons. Albert, mich ferner zu qualen, da ich nicht die allergeringste Macht habe euch fernern Schaden zu thun, erzeiget mir derowegen die Barmhertzigkeit, meine Hande und Fusse von den schmertzlichen Banden zu erlosen, ich will euch so dann ein offenhertziges Bekanntniss meiner abscheulichen Missethaten thun, nach diesem aber werdet ihr mich meiner Bitte gewahren, und mir mit einem todtlichem Stosse den wohlverdienten Lohn der Bossheit geben, mithin meiner Leibes- und Gewissens-Quaal ein Ende machen, denn ihr seyd dessen, eurer Rache wegen wol berechtiget, ich aber will solches annoch vor eine besondere Gnade der Menschen erkennen, weil ich doch bey GOTT keine Gnade und Barmhertzigkeit zu hoffen habe, sondern gewiss weiss, dass ich in dem Reiche des Teuffels, welchem ich mich schon seit vielen Jahren ergeben, auf ewig verbleiben werde.

Es stunden uns bey diesen seinen letzten Worten die Haare zu Berge, doch nachdem ich alle, mir verdachtig vorkommende Sachen, auf die Seite geschafft und versteckt hatte, wurden seine Hande und Fusse der beschwerlichen Bande entlediget, und der todtlich verwundete Corper auf eine Matratze gelegt. Er empfand einige Linderung der Schmertzen, wolte aber seine empfangene Wunde weder anruhren noch besichtigen lassen, hielt im gegentheil an die Concordia und mich ohngefehr folgende Rede.

Wisset sagte er, dass ich aus einem der allervornehmsten Geschlechte in Franckreich entsprossen bin, welches ich, indem es mich als einen rechten Greuel der Tugenden erzeuget, nicht einmal nahmhafft machen will. Ich habe in meinem 18den Jahre meine leibliche Schwester genothzuchtiget, und nachhero, da es ihr gefiel, in die 3. Jahr Blut-Schande mit derselben getrieben. Zwey Huren-Kinder, die binnen der Zeit von ihr kamen, habe ich ermordet, und in Schmeltz-Tiegeln als eine besondere kostbare Massam zu Asche verbrannt. Mein Vater und Mutter entdeckten mit der Zeit unsere abscheuliche Blutschande, liessen sich auch angelegen seyn, eine fernere Untersuchung unsers Lebens anzustellen, doch weil ich alles bey Zeiten erfuhr, wurden sie beyde in einer Nacht durch beygebrachtes Gifft in die andere Welt geschickt. Hierauff wolten meine Schwester und ich als Ehe-Leute, unter verwechselten Nahmen, nach Spanien oder Engelland gehen, allein eine andere wollustige Hure zohe meine gestilleten Begierden vollends von der Schwester ab, und auf sich, wesswegen meine um Ehre, Gut und Gewissen betrogene Schwester, sich nebst ihrer dritten von mir tragenden LeibesFrucht selbst ermordete, denen Gerichten aber ein offenhertziges Bekanntniss, meiner und ihrer Schand und Mordthaten, schrifftlich hinterliess, ich aber hatte kaum Zeit, mich, nebst meiner neu erwehlten Hure, und etlichen kostbaren Sachen, unter verstellter Kleidung und Nahmen, aus dem Lande zu machen. Hier wolte dem Bosewicht auch seine eigene schandliche Zunge den Dienst versagen, wesswegen ich, selbige zu starcken, ihm noch einen Becher Palmen-Safft reichen muste, worauff er seine Rede also fortsetzte:

Ich weiss und mercke sagte er, dass ich nicht eher sterben kan, biss ich auch den sterblichen Menschen den meisten Theil meiner schandlichen Lebens-Geschicht offenbaret habe, wisset demnach, dass ich in Engelland, als wohin ich mit meiner Hure gefluchtet war, nicht allein diese, wegen ihrer Untreue, sondern nebst derselben 19. Seelen allein durch Gifft hingerichtet habe.

Indessen aber hatte mich doch am Englischen Hofe, auf eine ziemliche Stuffe der Gluckseligkeit gebracht, allein mein Ehrgeitz und ausschweiffende Wollust sturtzten den auf ublen Grunde ruhenden Bau, meiner zeitlichen Wohlfarth gar bald darnieder, so dass ich unter abermals verwechselten Nahmen und in verstelleter Kleidung, als ein Boots-Knecht, sehr arm und elend aus Engelland abseegeln muste.

Ein gantz besonderes Glucke fuhrete mich endlich auf ein Hollandisches Caper-Schiff, und machte nach und nach aus mir einen ziemlich erfahrnen See-Mann, allein wie ich mich durch Gifft-mischen, MeuchelMord, Verratherey und andere Rancke mit der Zeit biss zu dem Posten eines Capitains erhoben, ist wegen der kurtzen Frist, die ich noch zu leben habe, unmoglich zu erzehlen. Der letztere Sturm, dergleichen ich noch niemals, ihr aber nebst mir ausgestanden, hatte mich bey nahe zur Erkantniss meiner Sunden gebracht, allein der Satan, dem ich mich bereits vor etlichen Jahren mit Leib und Seele verschrieben, hat mich durchaus nicht dahin gelangen lassen, im Gegentheil mein Hertze mit immerwahrenden Bossheiten angefullet. Er forderte hierbey nochmals einen Trunck Palmen-Safft, tranck, sahe hierauff die Concordia mit starren Augen an, und sagte: Bejammerns-wurdige Concordia! Nehmet den Himmel zu einem Artzte an, indem ich eure noch nicht einmal verblutete HertzensWunde von neuen aufreisse, und bekenne: dass ich gleich in der ersten Minute, da eure Schonheit mir in die Augen gefallen, die verzweiffeltesten Anschlage gefasset, eurer Person und Liebe theilhafftig zu werden. Mehr als 8. mal habe ich noch auf dem Schiffe Gelegenheit gesucht, euren seeligen Gemahl mit Giffte hinzurichten: doch da er ohne eure Gesellschafft selten gegessen oder getruncken hat, euer Leben aber, mir allzukostbar war, sind meine Anstalten jederzeit vergeblich gewesen. Oeffentlich habe niemals mit ihm anzubinden getrauet, weil ich wol gemerckt, dass er mir an Hertzhafftigkeit uberlegen, und ihn hinterlistiger Weise zu ermorden, wolte auch lange Zeit nicht angehen, da ich befurchten muste, dass ihr desswegen einen todtlichen Hass auf mich werffen mochtet. Endlich aber gab mir der Teuffel und meine verfluchte Begierde, bey ersehener Gelegenheit die Gedancken ein, euren seeligen Mann von der Klippe herunter zu sturtzen. Concordia wolte bey Anhorung dieser Beichte ohnmachtig werden, jedoch der wenige Rest einer bey sich habenden, balsamischen Artzeney, starckte sie, nebst meinem zwar angstlichen doch krafftigen Zureden, dermassen, dass sie das Ende dieser jammerlichen und erschrecklichen Geschicht, mit ziemlicher Gelassenheit vollends abwarten konte.

Lemelie fuhr demnach im reden also fort: Euer Ehe-Mann, Concordia! kam, indem er ein schones Morgen-Lied sang, die Klippe hinauff gestiegen, und erblickte mich Seitwarts mit der Flinte im Anschlage liegen. Er erschrack hefftig, ohngeacht ich nicht auf ihn, sondern nach einem gegen mir uber sitzenden Vogel zielete, dem er mit seiner Ankunfft verjagte. Wiewohl mir nun der Teuffel gleich in die Ohren bliess, diese schone Gelegenheit, ihn umzubringen, nicht vorbey streichen zu lassen, so war doch ich noch listiger, als hitzig, warff meine Flinte zur Erden, eilete und umarmete den van Leuven, und sagte: Mein edler Freund, ich spure dass ihr vielleicht einen bosen Verdacht habt, als ob ich nach eurem Leben stunde; Allein entweder lasset selbigen fahren, oder erschiesset mich auf der Stelle, denn was ist mir mein verdriessliches Leben ohne eure Freundschafft auf dieser einsamen Insul sonsten nutze. Van Leuven umarmete und kussete mich hierauff gleichfalls, versicherte mich seiner aufrichtigen und getreuen Freundschafft, setzte auch viele gute Vermahnungen hinzu, vermoge deren ich mich in Zukunfft tugendhaffter und Gottesfurchtiger auffuhren mochte. Ich schwur ihm alles zu, was er vermuthlich gern von mir horen und haben wolte, wesswegen wir dem auserlichen Ansehen nach, auf einmal die allerbesten Freunde wurden, unter den vertraulichsten Gesprachen aber lockte ich ihn unvermerckt auf den obersten Gipffel des Felsens, und zwar unter dem Vorwande, als ob ich ein von ferne kommendes Schiff wahrnahme, da nun der hochsterfreute van Leuven, um selbiges zu sehen, auf die von mir angemerckte gefahrlichste Stelle kam, sturtzte ich ihn mit einem eintzigen stosse, und zwar an einem solchen Orthe hinab, wo ich wuste, dass er augenblicklich zerschmettern muste. Nachdem ich seines Todes vollig versichert war, gieng ich mit zittern zurucke, weil mir die Worte seines gesungenen Morgen Liedes:

Nimmstu mich, GOTT in deine Hande,

So muss gewiss mein Lebens Ende

Den Meinen auch zum Trost gedeyhn,

Es mag gleich schnell und klaglich seyn.

gar nicht aus den Gedancken fallen wolten, biss der Teuffel und meine unzuchtigen Begierden mir von neuen einen Muth und, wegen meines kunfftigen Verhaltens, ferner Lehren einbliesen. Jedoch, sprach er mit seufftzender und heiserer Stimme: mein Gottesund Ehrvergessenes Auffuhren kan euch alles dessen nachdrucklicher und besser uberzeugen, als mein beschwerliches Reden. Und Mons. Albert, euch war der Todt ebenfalls schon vorlangst geschworen, insoweit ihr euch als einen Verhinderer meines Vergnugens angeben, und mir nicht als einem Befehlshaber gehorchen wurdet, jedoch das Verhangniss hat ein anders beschlossen, indem ihr mich wiewol wieder euren willen todtlich verwundet habt. Ach machet derowegen meiner zeitlichen Marter ein Ende, rachet eure Freunde und euch selbst, und verschaffet mich durch den letzten Todes-Stich nur bald in das vor meine arme Seele bestimmte Quartier zu allen Teuffeln, denn bey GOTT ist vor dergleichen Sunder, wie ich bin, weder Gnade noch Barmhertzigkeit zu hoffen.

Hiermit blieb er stille liegen. Concordia aber und ich setzten allen unseren anderweitigen Jammer bey Seite, und suchten des Lemelie Seele durch die trostreichsten Spruche aus des Teufels Rachen zu reissen. Allein, seine Ohren waren verstopfft, und ehe wir uns dessen versahen, stach er sich, mit einem bey sich annoch verborgen gehaltenen Messer, in etlichen Stichen das Hertze selbst vollends ab, und bliess unter grasslichen Brullen seine ohnfehlbar ewig verdammte Seele aus. Concordia und ich wusten vor Furcht, Schrecken und uberhauffter Betrubniss nicht, was wir anfanglich reden oder thun solten, doch, nachdem wir ein paar Stunden vorbey streichen lassen, und unsere Sinnen wieder in einige Ordnung gebracht hatten, schleppte ich den schandlichen Corper bey den Beinen an seinen Ort, und begrub ihn als ein Vieh, weil er sich im Leben noch viel arger als ein Vieh aufgefuhret hatte.

Das war also eine zwar kurtze, doch mehr als Erstaunens-wurdige Nachricht von dem schandlichen Leben, Tode und Begrabniss eines solchen Menschen, der der Erden eine verfluchte unnutze Last, dem Teuffel aber eine desto nutzlichere Creatur gewesen. Welcher Mensch, der nur ein Funcklein Tugend in seiner Seelen heget, wird nicht uber dergleichen Abschaum aller Laster erstaunen, und dessen durchteuffeltes Gemuthe verfluchen? Ich vor meine Person hatte recht vom Glucke zu sagen, dass ich seinen Mord-Streichen, noch so zu sagen, mit blauen Augen entkommen war, wiewohl ich an meinen empfangenen Wunden, die, wegen der sauren Arbeit bey dem Begrabnisse dieses Hollenbrandes, starck erhitzt wurden, nachhero Angst und Schmertzen genung auszustehen hatte.

Meine annoch eintzige Unglucks-Gefahrtin, nehmlich die Concordia, traff ich bey meiner Zuruckkunfft sich fast in Thranen badend an, weil ich nun der eintzige Zeuge ihres Jammers war, und desselben Ursprung nur allzu wohl wuste, wegen ihrer besondern Gottesfurcht und anderer Tugenden aber in meiner Seelen ein hefftiges Mitleyden uber ihre ungluckliches Verhangniss hegte, und mein selbst eigenes Theil ziemlich dabey hatte, so war mir um so viel desto leichter, ihr im klagen und weinen Gesellschafft zu leisten, also vertiefften wir uns dermassen in unserer Betrubniss, dass wir den gantzen Tag biss zu einbrechender Nacht ohne Essen und Trincken bloss mit seuffzen, weinen und klagen hinbrachten. Endlich da mir die vernunfftigen Gedancken wiederum einfielen, dass wir mit allzu ubermassiger Betrubniss unser Schicksal weder verbessern noch verschlimmern, die hochste Macht aber dadurch nur noch mehr zum Zorne reitzen konten, suchte ich die Concordia so wohl als mich selbst zur Gedult zu bewegen, und dieses gelunge mir auch in so weit, dass wir einander zusagten: alles unser Bekummerniss dem Himmel anzubefehlen, und mit taglichen fleissigen Gebet und wahrer GOTT-Gelassenheit zu erwarten, was derselbe ferner uber uns verhangen wurde.

Demnach wischeten wir die Thranen aus den Augen, stelleten uns recht hertzhafftig an, nahmen Speise und Tranck, und suchten, nachdem wir mit einander andachtig gebetet und gesungen, ein jedes seine besondere Ruhe-Stelle, und zwar beyde in einer Kammer. Concordia verfiel in einen sussen Schlaff, ich aber konte wegen meiner hefftig schmertzenden Wunden, die in Ermangelung guter Pflaster und Salben nur bloss mit Leinwand bedeckt und umwunden waren, fast kein Auge zuthun, doch da ich fast gegen Morgen etwa eine Stunde geschlummert haben mochte, fing Concordia erbarmlich zu winseln und zu wehklagen an, da ich nun vermeinete, dass sie solches wegen eines schweren Traumes etwa im Schlaffe thate, und, sie sanffte zu ermuntern, aufstund, richtete sich dieselbe auf einmahl in die Hohe, und sagte, indem ihr die grosten Thranen-Tropffen von den Wangen herunter rolleten: Ach, Monsieur Albert! Ach, nunmehro befinde ich mich auf der hochsten Staffel meines Elendes! Ach Himmel, erbarme dich meines Jammers! Du weist ja, dass ich die Unzucht und Unkeuschheit Zeit Lebens von Grund der Seelen gehasset, und die Keuschheit vor mein bestes Kleinod geschatzet. Zwar habe mich durch ubermassige Liebe von meinen seel. Ehe-Mann verleiten lassen, mit ihm aus dem Hause meiner Eltern zu entfliehen, doch du hast mich ja dieserwegen auch hart genug gestrafft. Wiewohl, gerechter Himmel, zurne nicht uber meine unbesonnenen Worte, ists noch nicht genung? Nun so straffe mich ferner hier zeitlich, aber nur, nur, nur nicht ewig.

Hierauf rang sie die Hande aufs hefftigste, der Angst-Schweiss lieff ihr uber das gantze Gesichte, ja sie winselte, schrye, und wunde sich auf ihren Lager als ein armer Wurm.

Ich wuste vor Angst, Schrecken und Zittern nicht, was ich reden, oder wie ich mich gebarden solte, weil nicht anders gedencken konte, als dass Concordia vielleicht noch vor Tages Anbruch das Zeitliche gesegnen, mithin mich als den allerelendesten Menschen auf dieser Insul allein, ohne andere, als der Thiere Gesellschafft, verlassen wurde. Diese klaglichen Vorstellungen, nebst ihren schmertzhafften Bezeigen, ruhreten mich dermassen hefftig, dass ich auf Knie und Angesicht zur Erden fiel, und dermassen eiffrig zu GOtt schrye, dass es fast das Ansehen hatte, als ob ich den Allmachtigen mit Gewalt zwingen wolte, sich der Concordia und meiner zu erbarmen.

Immittelst war dieselbe gantz stille worden, wesswegen ich voller Furcht und Hoffnung zu GOtt aufstund, und besorgte, sie entweder in einer Ohnmacht oder wohl gar todt anzutreffen. Jedoch zu meinem grosten Troste, lag sie in ziemlicher Linderung, wiewohl sehr ermattet, da, nahm und druckte meine Hand, legte selbige auf ihre Brust, und sagte unter hefftigem Hertz-Klopffen: Es ist an dem, Mons. Albert, dass eure und meine Tugend von der Gottlichen Fursehung auf eine harte Probe gesetzt wird. Wisset demnach, mein eintziger Freund und Beystand auf dieser Welt, dass ich in Kindes-Nothen liege. Auf euer hertzliches Gebet hat mir der Hochste Linderung verschaffet, ich glaube, dass ich bloss um eurent willen noch nicht sterben werde. Allein, ich bitte euch um GOttes Barmhertzigkeit willen, lasset eure Keuschheit, Gottesfurcht und andere Tugenden, bey meinem itzigen Zustande uber alle Fleisches-Lust, unkeusche Gedancken, ja uber alle Bemuhungen, die ich euch zu machen, von der Noth gezwungen bin, triumphiren. Denn ich bin versichert, dass alle ausserliche Versuchungen, unsern keuschen Seelen keinen Schaden zufugen konnen, so fern dieselben nur an sich selbst rein von Lastern sind.

Hierauf legte ich meine lincke Hand auf ihre bekleidete Brust, meine rechte aber reckte ich in die Hohe, und sprach: Liebste Concordia, ich schwere hiermit einen wurcklichen Eyd, dass ich zwar eure schone Person unter allen Weibs-Personen auf der gantzen Welt aufs allerwertheste achte und liebe, auch dieselbe jederzeit hoch zu achten und zu lieben gedencke, wenn ich gleich, mit GOttes Hulffe, wieder unter 1000. und mehr andere Weibs- und Manns-Personen kommen solte; Allein wisset, dass ich euch nicht im geringsten aus einer wollustigen Absicht, sondern bloss eurer Tugenden wegen liebe, auch alle geile Brunst, dergleichen Lemelie verspuren lassen, aufs hefftigste verfluche. Im Gegentheil verspreche, so lange wir beysammen zu leben gezwungen sind, aus guten Hertzen, euch in allen treulich beyzustehen, und solte ja wider Vermuthen in Zukunfft bey mir etwa eine Lust entstehen, mit eurer Person verehligt zu seyn, so will ich doch dieselbe, um euch nicht verdrusslich zu fallen, bestandig unterdrucken, hingegen allen Fleiss anwenden, euch mit der Helffte derjenigen Schatze, die wir in Verwahrung haben, dahin zu verschaffen, wo es euch belieben wird, weiln ich lieber Zeit-Lebens unvergnugt und Ehe-loss leben, als eurer Ehre und Tugend die geringste Gewalt anthun, mir aber in meinem Gewissen nur den kleinesten Vorwurff verursachen wolte. Verlasset euch derowegen sicher auf mein Versprechen, woruber ich GOtt und alle heiligen Engel zu Zeugen anruffe, fasset einen frischen Muth, und froliches Hertze. GOtt verleihe euch eine gluckliche Entbindung, trauet nechst dem auf meinen getreuen Beystand, thut eurer Gesundheit mit unnothiger und vielleicht gefahrlicher Schamhafftigkeit keinen Schaden, sondern verlasset euch auf euer und meine tugendhaffte Keuschheit, welche in dieser ausersten Noth unverletzt bleiben soll. Ich habe das feste Vertrauen, der Himmel werde auch diese hochste Staffel unseres Elendes glucklich ubersteigen helffen, und euch mir zum Trost und Beystande gesund und vergnugt beym Leben erhalten. Befehlet mir derowegen nur ohne Scheu, was ich zu eurem Nutzen etwa thun und herbey schaffen soll, GOtt wird uns, in dieser schweren Sache gantz unerfahrnen Leuten, am besten zu rathen wissen.

Diesemnach kussete die keusche Frau aus reiner Freundschafft meine Hand, versicherte mich, dass sie auf meine Redlichkeit ein vollkommenes Vertrauen setzte, und bat, dass ich aussen vor der Kammer ein Feuer anmachen, anbey so wohl kaltes als warmes Wasser bereit halten mochte, weil sie nechst Gottlicher Hulffe sich einer baldigen Entbindung vermuthete. Ich eilete, so viel mir menschlich und moglich, ihrem Verlangen ein Genugen zu leisten, so bald aber alles in volliger Bereitschafft, und ich wiederum nach meiner Kreissenden sehen wolte, fand ich dieselbe in gantz anderer Verfassung, indem sie allen Vorrath von ihren Betten in der Kammer herum gestreuet, sich mitten in der Kammer auf ein Unter-Bette gesetzt, die grosse Lampe darneben gestellet, und ihr neugebohrnes Tochterlein, in zwey Kussen eingehullet, vor sich liegen hatte, welches seine jammerliche Ankunfft mit ziemlichen Schreyen zu verstehen gab. Ich wurde vor Verwunderung und Freude gantz besturtzt, muste aber auf Concordiens sehnliches Bitten allhier zum ersten mahle das Amt einer Bade-Mutter verrichten, welches mir auch sehr glucklich von der Hand gegangen war, indem ich die kleine, wohlgebildete Creatur ihrer Mutter gantz rein und schon zuruck lieferte.

Mittlerweile war der Tag vollig angebrochen, wesswegen ich, nachdem Concordia auf ihr ordentliches Lager gebracht, und sich noch ziemlich bey Krafften befand, ausgehen, ein Stucke Wild schiessen, und etliche gute Krauter zum Zugemuse eintragen wolte, indem unser Speise-Vorrath fast gantzlich aufgezehret war. Doch selbige bat mich, noch eine Stunde zu verziehen, und erstlich das allernothigste, nehmlich die heilige Tauffe ihres jungen Tochterleins zu besorgen, inmassen man nicht wuste, wie bald dergleichen zarte Creatur vom Tode ubereilet werden konte. Ich konte diese ihre Sorge selbst nicht anders als vor hochst wichtig erkennen, nachdem wir uns also wegen dieser heiligen und christlichen Handlung hinlanglich unterredet, vertrat ich die Stelle eines Priesters, tauffte das Kindlein nach Anweisung der heiligen Schrifft, und legte ihm ihrer Mutter Nahmen Concordia bey.

Hierauf ging ich mit meiner Flinte, wiewohl sehr taumelend, matt und krafftloss, aus, und da mir gleich uber unsern gemachten Damme ein ziemlich starck und feister Hirsch begegnete, setzte ich vor dieses mahl meine sonst gewohnliche Barmhertzigkeit bey seite, gab Feuer, und traff denselben so glucklich in die Brust hinein, dass er so gleich auf der Stelle liegen blieb. Allein, dieses grosse Thier trieb mir einen ziemlichen Schweiss aus, ehe ich selbiges an Ort und Stelle bringen konte. Jedoch da meine Wochnerin und ich selbst gute Krafft-Suppen und andere gesunde Krauter-Speisen hochst von nothen hatte, muste mir alle Arbeit leicht werden, und weil ich also kein langes Federlesen machte, sondern alles aufs hurtigste, wiewohl nicht nach den Regeln der Sparsamkeit, einrichtete, war in der Mittags-Stunde schon eine gute starckende Mahlzeit fertig, welche Concordia und ich mit wunderwurdigen und ungewohnlichen Appetite einnahmen.

Jedoch, meine Freunde! sagte hier der Alt-Vater Albertus, ich mercke, dass ich mich diesen Abend etwas langer in Erzahlung, als sonsten, aufgehalten habe, indem sich meine muden Augen nach dem Schlafe sehnen. Also brach er ab, mit dem Versprechen, morgendes Tages nach unserer Zuruckkunfft von Johannis-Raum fortzufahren, und diesemnach legten wir uns, auf gehaltene Abend-Andacht, ingesamt, wie er,

zur Ruhe.

Die abermahls aufgehende und alles erfreuende Sonne gab selbigen Morgen einem jeden das gewohnliche Zeichen aufzustehen. So bald wir uns nun versammlet, das Morgen-Gebet verrichtet, und das FruhStuck eingenommen hatten, ging die Reise in gewohnlicher Suite durch den grossen Garten uber die Brucke des Westlichen Flusses, auf Johannis-Raum zu. Selbige Pflantz-Stadte bestunde aus 10. Hausern, in welchen allen man wahrnehmen konte, dass die Eigenthums-Herrn denen andern, so wir bisshero besucht, an guter Wirthschafft nicht das geringste nachgaben. Sie hatten ein besseres Feld, als die in Jacobs-Raum, jedoch nicht so hauffigen Weinwachs, hergegen wegen des naheliegenden grossen Sees, den vortrefflichsten Fischfang, herrliche Waldung, Wildpret und Ziegen in starcker Menge. Die Bache daselbst fuhreten ebenfalls hauffige Gold-Korner, worvon uns eine starcke Quantitat geschenckt wurde. Wir machten uns allhier das Vergnugen, in wohl ausgearbeiteten Kahnen auf der grossen See herum zu fahren, und zugleich mit Angeln, auch artigen Netzen, die vom Bast gewisser Baume gestrickt waren, zu fischen, durchstrichen hierauf den Wald, bestiegen die oberste Hohe des Felsens, und traffen daselbst bey einem wohlgebaueten Wach-Hause 2. Stucken Geschutzes an. Etliche Schritt hiervon ersahen wir ein in den Felsen gehauenes grosses Creutze, worein eine zinnerne Platte gefugt war, die folgende Zeilen zu lesen gab:

Auf dieser ungluckseeligen Stelle

ist im Jahre Christi 1646.

am 11. Novembr.

der fromme Carl Franz van Leuven,

von dem gottlosen Schand-Buben Lemelie

meuchelmorderischer Weise

zum Felsen hinab gesturtzt und

elendiglich zerschmettert worden.

Doch seine Seele

wird ohne Zweiffel bey GOtt

in Gnaden seyn.

Unser guter Alt-Vater Albertus hatte sich mit grosser Muhe auch an diesen Ort bringen lassen, und zeigete uns die Stelle, wo er nunmehro vor 79. Jahren und etlichen Tagen den Corper seines Vorwirths, zerschmettert liegend, angetroffen. Wir musten erstaunen, da wir die Gefahr betrachteten, in welche er sich gesetzt, denselben in die Hohe zu bringen. Voritzo aber war daselbst ein zwar sehr enger, doch bequemer Weg biss an die See gemacht, welchen wir hinunter stiegen, und in der Bucht, Sud-Westwarts, ein ziemlich starckes Fahrzeug antraffen, womit die Unserigen offters nach einer kleinern Insul zu fahren pflegten, indem dieselbe nur etwa 2. Meilen von der FelsenInsul entlegen war, in Umfange aber nicht vielmehr als 5. oder 6tehalb deutsche Meilen haben mochte.

Es wurde beschlossen, dass wir nachstens das Fahrzeug ausbessern, und eine Spatzier-Fahrt nach besagter kleinen Insul, welche Albertus klein Felsen-Burg benennet hatte, vornehmen wolten. Vor diessmal aber nahmen wir unsern Ruckweg durch Johannis-Raum, reichten den Einwohnern die gewohnlichen Geschencke, wurden dagegen von ihnen mit einer vollkommenen guten Mahlzeit bewirthet, die uns, weil die Mittags-Mahlzeit nicht ordentlich gehalten worden, trefflich zu statten kam, nahmen hierauff danckbarlichen Abschied, und kamen diesen Abend etwas spater als sonsten auf der Albertus-Burg an.

Dem ohngeacht, und da zumalen niemand weiter etwas zu speisen verlangete, sondern wir uns mit etlichen Schaalen Coffee, nebst einer Pfeiffe Toback zu behelffen beredet, setzte bey solcher Gelegenheit unser Altvater seine Geschichts-Erzehlung dergestalt fort:

Ich habe gestern gemeldet, wie wir damahligen beyden Patienten die Mahlzeit mit guten Appetit verzehret, jedoch Concordia befand sich sehr ubel drauff, indem sie gegen Abend ein wurckliches Fieber bekam, da denn der abwechselende Frost und Hitze die gantze Nacht hindurch wahrete, wesswegen mir von Hertzen angst und bange wurde, so dass ich meine eigenen Schmertzen noch lange nicht so hefftig, als der Concordi Zufall empfand.

Von Artzeneyen war zwar annoch ein sehr weniges vorhanden, allein wie konte ich wagen ihr selbiges einzugeben? da ich nicht den geringsten Verstand oder Nachricht hatte, ob ich meiner Patientin damit helffen oder schaden konte. Gewiss es war ein starckes Versehen von Mons. van Leuven gewesen, dass er sich nicht mit einem bessern Vorrath von Artzeneyen versorgt hatte, doch es kan auch seyn, dass selbige mit verdorben waren, genung, ich wuste die gantze Nacht nichts zu thun, als auf den Knien bey der Concordia zu sitzen, ihr den kalten Schweiss von Gesicht und Handen zu wischen, dann und wan kuhlende Blatter auf ihre Stirn und Arme zu binden, nachst dem den allerhochsten Artzt um unmittelbare krafftige Hulffe anzuflehen. Gegen Morgen hatte sie zwar, so wol als ich, etwa 3. Stunden schlaff, allein die vorige Hitze stellete sich Vormittags desto hefftiger wieder ein. Die arme kleine Concordia fieng nunmehro auch, wie ich glaube, vor Hunger und Durst, erbarmlich an zu schreyen, verdoppelte also unser Hertzeleyd auf jammerliche Art, indem sie von ihrer Mutter nicht einen Tropffen Nahrungs-Safft erhalten konte. Es war mir allbereit in die Gedancken kommen, ein paar melkkende Ziegen einzufangen, allein auch diese Thiere waren durch das offtere schiessen dermassen wild worden, dass sie sich allezeit auf 20. biss 50. Schritt von mir entfernt hielten, also meine 3. stundige Muhe vergeblich machten, also traf ich meine beyden Concordien, bey meiner Zuruckkunfft, in noch weit elendern Zustande an, indem sie vor Mattigkeit kaum noch lechzen konten. Solchergestallt wuste ich kein ander Mittel, als allen beyden etwas von dem mit reinen Wasser vermischten Palm-Saffte einzuflossen, indem sie sich nun damit ein wenig erquickten, gab mir der Himmel einen noch glucklichern Einfall. Denn ich lieff alsobald wieder fort, und trug ein Korblein voll von der den Europaischen Apricosen oder Morellen gleichformigen, doch weit grossern Frucht ein, schlug die harten Kernen entzwey, und bereitete aus den inwendigen, welche an Annehmlichund Sussigkeit die sussen Mandeln bey weiten ubertreffen, auch noch viel gesunder seyn, eine unvergleichlich schone Milch, so wol auch ein herrliches Gemuse, mit welchen beyden ich das kleine Wurmlein ungemein krafftig starcken und ernehren konte.

Concordia vergoss theils vor Schmertzen und Jammer, theils vor Freuden, dass sich einige Nahrung vor ihr Kind gefunden, die heissesten Thranen. Sie kostete auf mein Zureden die schone Milch, und labete sich selbst recht hertzlich daran, ich aber, so bald ich dieses merckte: setzte alle unwichtige Arbeit bey seite, und that weiter fast nichts anders als dergleichen Fruchte in grosser Menge einzutragen, und Kernen aufzuschlagen, jedoch durffte nicht mehr als auf einen Tag und Nacht Milch zubereiten, weil die Ubernachtige ihre schmackhaffte Krafft allezeit verlohr.

Solchergestalt befand sich nun nicht allein das Kind vollkommen befriediget, sondern die Mutter konte 4. Tage hernach selbiges, zu aller Freude, aus ihrer Brust stillen, und am 6ten Tage frisch und gesund das Bette verlassen, auch, wiewol wider meinen Rath, allerhand Arbeit mit verrichten. Wir danckten dem Allmachtigen hertzlich mit beten und singen vor dessen augenscheinliche Hulffe, und meineten nunmehro in so weit ausser aller Gefahr zu seyn; Allein die Reihe des kranckliegens war nun an mir, denn weil ich meine Haupt-Wunde nicht so wohl als die auf der Schulter warten konnen, gerieth dieselbe erstlich nach 12. Tagen dermassen schlimm, dass mir der Kopf hefftig auffschwoll, und die innerliche grosse Hitze den gantzen Corper aufs grausamste uberfiel.

War mein Bezeugen bey Concordiens Unpasslichkeit angstlich und sorgfaltig gewesen, so muss ich im gegentheil bekennen, dass ihre Bekummerniss die meinige zu ubertreffen schien, indem sie mich besser als sich und ihr Kind selbst pflegte und wartete. Meine Wunden wurden mit ihrer Milch ausgewaschen, und mit darein getauchten Tuchleins bedeckt, mein gantzes Gesichte, Hande und Fusse aber belegte sie mit dergleichen Blattern, welche ihr so gute Dienste gethan hatten, suchte mich anbey mit den krafftigsten Speisen und Getrancke, so nur zu erfinden war, zu erquicken. Allein es wolte binnen 10. Tagen nicht das geringste anschlagen, sondern meine Kranckheit schien immer mehr zu, als ab zu nehmen, welches Concordia, ohngeacht ich mich starcker stellete, als ich in der That war, dennoch merckte, und derowegen vor Hertzeleyd fast vergehen wolte. Ich bat sie instandig, ihr Betrubniss zu massigen, weil ich das feste Vertrauen zu GOTT hatte, und fast gantz gewiss versichert ware, dass er mich nicht so fruh wurde sterben lassen; Allein sie konte ihrem Klagen, Seufzen u. Thranen, durchaus keinen Einhalt thun, wolte ich also haben, dass sie des Nachts nur etwas ruhen solte, so muste mich zwingen, stille zu liegen, und thun als ob ich feste schlieffe, obgleich offters der grossen Schmertzen wegen in 2. mal 24. Stunden kein rechter Schlaf in meine Augen kam. Da ich aber einsmals gegen Morgen sehr sanfft eingeschlummert war, traumte mich, als ob Don Cyrillo de Valaro vor meinem Bette sasse, mich mit freundlichen Gebarden bey der rechten Hand anfassete und sprache: Ehrlicher Albert! sage mir doch, warum du meine hinterlassenen Schrifften zu deinem eigenen Wohlseyn nicht besser untersuchest. Gebrauche doch den Safft von diesem Kraut und Wurtzel, welches ich dir hiermit im Traume zeige, und welches hauffig vor dem Aussgange der Hole wachset, glaube dabey sicher, dass dich GOtt erhalten und deine Wunden heilen wird, im ubrigen aber erwege meine Schrifften in Zukunfft etwas genauer, weil sie dir und deinen Nachkommen ein herrliches Licht geben.

Ich fuhr vor grossen Freuden im Schlafe auf, und streckte meine Hand nach der Pflantze aus, welche mir, meinen Gedancken nach, von Don Cyrillo vorgehalten wurde, merckte aber sogleich, dass es ein Traum gewesen. Concordia fragte mit weinenden Augen nach meinem Zustande. Ich bat, sie solte einen frischen Muth fassen, weil mir GOTT bald helffen wurde, nahm mir auch kein Bedencken, ihr meinen nachdencklichen Traum vollig zu erzehlen. Hierauff wischete sie augenblicklich ihre Thranen ab, und sagte: Mein Freund, dieses ist gewiss kein blosser Traum, sondern ohnfehlbar ein Gottliches Gesichte, hier habt ihr des Don Cyrillo Schriften, durchsuchet dieselben aufs fleissigste, ich will inzwischen hingehen und vielerley Krauter abpflucken, findet ihr dasjenige darunter, welches ihr im schlafe gesehen zu haben euch erinnern konnet, so wollen wir solches in GOTTES Nahmen zu euerer Artzeney gebrauchen.

Mein Zustand war ziemlich erleidlich, nachdem sie mir also des Don Cyrillo Schrifften, nebst einer brennenden Lampe vor mein Lager gebracht, und eilig fortgegangen war, fand ich ohne muhsames suchen diejenigen Blatter, welche van Leuven und ich wenig geachtet, in Lateinischer Sprache unter folgenden Titul: "Verzeichniss, wie, und womit ich die, mir in meinen muhseeligen Leben gar offters zugestossenen Leibes-Gebrechen und Schaden geheilet habe." Ich lief dasselbe so hurtig durch, als es meine nicht allzuvollkommene Wissenschafft der Lateinischen Sprache zuliess, und fand die Gestalt, Tugend und Nutzbarkeit eines gewissen Wund-Krauts, so wol bey der Gelegenheit, da dem Don Cyrillo ein Stuck Holtz auf dem Kopf gefallen war, als auch da er sich mit dem Beile eine gefahrliche Wunde ins Bein versetzt, nicht weniger bey andern Beschadigungen, dermassen eigentlich und ausfuhrlich beschrieben, dass fast nicht zweiffeln konte, es muste eben selbiges Kraut und Wurtzel seyn, welches er mir im Traume vorgehalten. Unter diesem meinen Nachsinnen, kam Cordia mit einer gantzen Schurtze voll Krauter von verschiedenen Arten und Gestallten herbey, ich erblickte hierunter nach wenigen herum werffen gar bald dasjenige, was mir Don Cyrillo so wol schrifftlich bezeichnet, als im Traume vorgehalten hatte. Derowegen richteten wir selbiges nebst der Wurtzel nach seiner Vorschrifft zu, machten anbey von etwas Wachs, Schiff-Pech und Hirsch-Unschlit ein Pflaster, verbanden damit meine Wunden, und legten das zerquetschte Kraut und Wurtzel nicht allein auf mein Gesicht, sondern fast uber den gantzen Leib, worvon sich die schlimmen Zufalle binnen 4. oder 5. Tagen gantzlich verlohren, und ich nach Verlauff zweyer Wochen vollkommen heil und gesund wurde.

Nunmehro hatte so wol ich als Concordia recht erkennen lernen, was es vor ein edles thun um die Gesundheit sey. Als wir derowegen unser Te Deum laudamus abgesungen und gebetet hatten, wurde Rath gehalten, was wir in Zukunfft taglich vor Arbeit vornehmen musten, um unsere kleine Wirthschafft in guten Stand zu setzen, damit wir im fall der Noth sogleich alles, was wir brauchten, bey der Hand haben konten. Tag und Nacht in der unterirrdischen, ob zwar sehr bequemen Hole zu wohnen, wolte Concordien durchaus nicht gefallen, derowegen fieng ich an, oben auf dem Hugel, neben der schonen Lauber-Hutte, ein bequemes Hausslein nebst einer kleinen Kuche zu bauen, auch einen kleinen Keller zu graben, in welchen letztern wir unser Getrancke, so wol als das frische Fleisch und andere Sachen, vor der grossen Hitze verbergen konten. Hiernechst machte ich vor die kleine Tochter zum Feyerabende, an einem abgelegenen Orte, eine bequeme, wiewol nicht eben allzu zierliche Wiege, woruber meine Hausswirthin, da ich ihr dieselbe unverhofft brachte, eine ungemeine Freude bezeigte, und dieselbe um den allergrosten Gold-Klumpen nicht vertauscht hatte, denn das Wiegen gefiel den kleinen Magdelein dermassen wohl, dass wir selbst unsere eintzige Freude daran sahen.

Unser gantzer Getrayde-Vorrath, welchen wir auf dieser Insul unter den wilden Gewachsen aufgesammlet hatten, bestund etwa in drey Hutten voll Europaischen Korns, 1. Hut voll Weitzen, 4. Hutten Gerste, und zwey ziemlich grossen Sacken voll Reiss, als von welchem letztern wir Mehl stampften, solches durchsiebeten und das Kind damit nehreten, einen Sack Reiss aber, nebst dem andern Getrayde, zur Ausssaat spareten. Uber dieses alles, fanden sich auch bey nahe 2. Hute voll Erbsen, sonsten aber nichts von bekandten Fruchten, desto mehr aber von unbekandten, deren wir uns zwar nach und nach zur Leibes-Nahrung, in Ermangelung des Brodtes gebrauchen lerneten, doch ihre Nahmen als Plantains, James, Patates, Bananes und dergleichen mehr, nebst deren bessern und angenehmern Nutzung, erfuhren wir erstlich in vielen Jahren hernach von Robert Hulter, der kleinen Concordia nachherigem Ehe-Manne.

Inzwischen wandte ich damaliger Zeit, jedes Morgens fruhe 3. Stunden, und gegen Abend eben so viel, zu Bestellung meiner Aecker an, und zwar in der Gegend wo voritzo der grosse Garten ist, weil ich selbigen Platz, wegen seiner Nahe und Sicherheit vor dem Wilde, am geschicktesten darzu hielt. Die ubrigen Tages-Stunden aber, ausser den Mittags-Stunden, in der grosten Hitze, welche ich zum Lesen und aufschreiben aller Dinge die uns begegneten, anwandte, machte ich mir andern Zeitvertreib, indem ich einige kleine Platze starck verzaunete, und die auf listige Art gefangenen Ziegen, nebst andern jungen Wildpret hinein sperrete welches alles Concordia taglich mit groster Lust speisete und tranckte, die Milchtragenden Ziegen aber, nach und nach, so zahm machte, dass sie sich ihre Milch gutwillig nehmen liessen, die wir nicht allein an sich selbst zur Speise vor klein und grosse gebrauchen, sondern auch bald einen ziemlichen Vorrath von Butter un Kase bereiten konten, indem ich binen Monats-Frist etliche 20. Stuck melkkende, halb so viel andere, und 9. Stuck jung Wildpret eingefangen hatte.

Wir ergotzten uns gantz besonders, wenn wir an unsere zukunfftige Saat und Erndte gedachten, weil der Appetit nach ordentlichen Brodte gantz ungemein war, gebrauchten aber mittlerweile an dessen statt offters die gekochten Wildprets-Lebern, als worzu wir unsere Kase und Butter vortrefflich geniessen konten.

Solchergestalt wurden die heissesten Sommer-Monate ziemlich vergnugt hingebracht, ausgenommen, wenn uns die erlittenen Trauer-Falle ein betrubtes Zuruckdencken erweckten, welches wir aber immer eines dem andern zu gefallen, so viel moglich, verbargen, um unsere in etwas verharrschten Hertzens-Wunden nicht von neuen aufzureissen, mithin das ohne dem einsame Leben zu verbittern, oder solche Leute zu heissen, die wider das Verhangniss und Straff-Gerichte GOttes murren wolten.

Der gutige Himmel schenckte uns mittler Zeit einen angenehmen Zeit-Vertreib mit der Wein-Erndte, indem wir ohne die Trauben, deren wir taglich viel verzehreten, wider alles Vermuthen ohngefahr 200. Kannen Most ausdrucken, und 2. ziemlich grosse Sacke voll aufgetrocknete Trauben samlen konten,

welches gewiss eine herrliche Sache zu unserer Wirthschafft war. Unsere Unterthanen, die Affen, schienen hieruber sehr verdrusslich zu seyn, indem sie vielleicht selbst grosse Liebhaber dieser edlen Frucht waren, hatten auch aus Leichtfertigkeit viel zu Schanden gemacht, doch, da ich mit der Flinte etliche mahl blind Feuer gegeben, geriethen sie in ziemlichen Gehorsam und Furcht.

Ich weiss nicht, wie es kommen war, dass Concordia eines Tages einen mittelmassigen Affen, unter einem Baum liegend, angetroffen, welcher das rechte Hinterbein zerbrochen, und sich jammerlich geberdet hatte. Ihr gewohnliches weichhertziges Gemuth treibt sie so weit, dass, ohngeacht dergleichen Thiere ihre Gnade sonsten eben nicht sonderlich hatten, sie diesen verungluckten allerhand Liebkosungen machet, sein zerbrochenes Bein mit einem Tuche umwindet, ja so gar den armen Patienten in ihren Schooss nimmt, und so lange sitzen bleibt, biss ich darzu kam, und die gantze Begebenheit vernahm. Wir trugen also denselben in unser Wohn-Hauss, verbunden sein Bein mit Pflastern, Schindeln und Binden, und legten ihn hin auf ein bequemes Lager, deckten auch eins von unsern Haupt-Kussen uber seinen Corper, und gingen wieder an unsere Arbeit. Gegen Mittag aber, da wir zuruck kamen, erschrack ich anfanglich einiger massen, da sich 2. alte Affen, welche ohne Zweiffel des Patienten Eltern seyn mochten, bey demselben aufhielten. Ich wuste anfanglich nicht, ob ich trauen durffte oder nicht? Doch da sie sich ungemein betrubt und demuthig stelleten, nahete ich mich hinzu, strich den Patienten sanfft auf das Haupt, sahe nach seinem Beine, und befand, dass er unverruckt liegen geblieben war, wesswegen er noch ferner von mir gestreichelt und mit etlichen guten Fruchten gespeiset wurde. Die 2. Alten so wohl als der Patient selbst, liessen mich hierauf ihre Danckbarkeit mit Leckung meiner Hande spuren, streichelten auch mit ihren Vorder-Pfoten meine Kleider und Fusse sehr sanffte, und bezeugten sich im ubrigen dermassen unterthanig und klug, dass ich fast nichts als den Mangel der Sprache bey ihnen auszusetzen hatte. Concordia kam auch darzu, und hatte nunmehro ein besonderes Vergnugen an der Treuhertzigkeit dieser unvernunfftigen Thiere, der Krancke streckte seine Pfote gegen dieselbe aus, so, dass es das Ansehen hatte, als ob er sie willkommen heissen wolte, und da sie sich zu ihm nahete, schmeichelte er ihr mit Leckung der Hande und andern Liebkosungen auf solche verbindliche Art, dass es mit Lust anzusehen war. Die zwey Alten lieffen hierauf fort, kamen aber gegen Abend wieder, und brachten uns zum Geschenck 2. grosse Nusse mit, deren jede 5. biss 6. Pfund wog, sie zerschlugen dieselben recht behutsam mit Steinen, so, dass die Kernen nicht zerstuckt wurden, welche sie uns auf eine recht liebreiche Art prsentirten, und sich erfreuten, da sie aus unsern Gebarden vermerckten, dass wir deren Annehmlichkeit ruhmeten. Ob ich nun gleich damahls noch nicht wuste, dass diese Fruchte Cocos-Nusse hiessen, sondern es nachhero erst von Robert Hulter erfuhr, so reitzte mich doch deren Vortrefflichkeit an, den beyden alten Affen so lange nachzuschleichen, biss ich endlich an den Ort kam, wo in einem kleinen Bezirck etwa 15. biss 18. Baume stunden, die dergleichen Fruchte trugen, allein Concordia und ich waren nicht so naschig, alle Nusse aufzuzehren, sondern steckten dieselben an vielen Orten in die Erde, woher denn kommt, dass nunmehro auf dieser Insul etliche 1000. Cocos-Baume anzutreffen sind, welches gewiss eine gantz besondere Nutz- und Kostbarkeit ist. Jedoch wiederum auf unsere Affen zu kommen, so muss ich ferner erzehlen, dass ohngeacht der Patient binnen 5. oder 6. Wochen vollig gerade und glucklich curirt war, jedennoch weder derselbe noch die zwey Alten von uns zu weichen begehreten, im Gegentheil noch 2. junge mitbrachten, mithin diese funffe sich gantzlich von ihrer andern Cameradschafft absonderten, und also anstelleten, als ob sie wurcklich bey uns zu Hause gehoreten.

Wir hatten aber von den 3. erwachsenen weder Verdruss noch Schaden, denn alles was wir thaten, afften sie nach, wurden uns auch nach und nach ungemein nutzlich, indem von ihnen eine ungemeine Menge der vortrefflichsten Fruchte eingetragen wurden, so offt wir ihnen nur ordentlich darzu gemachte Sacke anhingen, ausser dem trugen sie das von mir klein gespaltete Holtz offters von weiten Orten her zur Kuche, wiegten eins um das andere unser Kind, langeten die angehangten Gefasse voll Wasser, in Summa, sie thaten ohne den geringsten Verdruss fast alle Arbeit mit, die wir verrichteten, und ihnen zu verrichten lehreten, so, dass uns dieses unser Hauss-Gesinde, welches sich zumahlen selbst bekostigte, nicht allein viele Erleichterung in der Arbeit, sondern auch ausser derselben mit ihren possirlichen Streichen manche vergnugte Stunde machten. Nur die 2. jungsten richteten zuweilen aus Frevel mancherley Schaden und Unheil an, da wir aber mit der allergrosten Verwunderung merckten, dass sie dieserwegen von den 2. Alten recht ordentlicher Weise mit Gebarden und Schreyen gestrafft, ja offters so gar geschlagen wurden, vergriffen wir uns sehr selten an ihnen, wenn es aber ja geschahe, demuthigten sich die jungen wie die zahmen Hunde, bey den Alten aber war dieserwegen nicht der geringste Eiffer zu spuren.

Dem allen ohngeacht war doch bey mir immer ein geheimes Misstrauen gegen dieses sich so getreu anstellende halb vernunfftige Gesinde, derowegen bauete ich vor dieselben einen geraumlichen festen Stall mit einer starcken Thure, machte vor jedweden Affen eine bequeme Lager-Statte, nebst einem Tische, Bancken, ingleichen allerhand Spielwerck hinein, und verschloss unsere Bedienten in selbigen, nicht allein des Nachts, sondern auch bey Tage, so offt es uns beliebte.

Immittelst da ich vermerckte, dass die Sonne mit ihren hitzigen Strahlen einiger massen von uns abzuweichen begunte, und mehr Regen-Wetter, als bisshero, einfiel, bestellete ich mit Concordiens treulicher Hulffe unser Feld, nach des Don Cyrillo schrifftlicher Anweisung, aufs allersorgfaltigste, und behielt an jeder Sorte des Getreydes auf den ausersten Nothfall, wenn ja alles ausgesaete verderben solte, nur etwas weniges zurucke. Vom Reiss aber, als wormit ich 2. grosse Aecker bestellet, behielten wir dennoch bey nahe zwey gute Scheffel uberley.

Hierauf hielten wir vor rathsam, uns auf den Winter gefast zu machen, derowegen schoss ich einiges Wildpret, und saltzten dasselbe, wie auch das ausgeschlachtete Ziegen-Fleisch ein, wobey uns so wohl die alten als jungen Affen gute Dienste thaten, indem sie das in den Stephans-Raumer Saltz-Bergen ausgehauene Saltz auf ihren Rucken biss in unsere unter-irrdische Hole tragen musten. Hiernachst schleppten wir einen grossen Hauffen Brenn-Holtz zusammen, baueten einen Camin in unserem Wohnhause auf dem Hugel, trugen zu den allbereits eingesammleten Fruchten noch viel Krauter und Wurtzeln ein, die theils eingemacht, theils in Sand verscharret wurden, und kurtz zu sagen, wir hatten uns dergestalt angeschickt, als ob wir den allerhartesten Winter in Holland oder andern noch viel kaltern Landern abzuwarten hatten.

Allein, wie befanden sich doch unsere vielen Sorgen, grosse Bemuhungen und furchtsame Vorstellungen, wo nicht gantzlich, doch meistentheils vergeblich? Denn unser Herbst, welcher dem Hollandischen Sommer bey nahe gleich kam, war kaum verstrichen, als ein solcher Winter einfiel, welchen man mit gutem Recht einen warmen und angenehmen Herbst nennen konte, offtermahls fiel zwar ein ziemlicher Nebel und Regen-Wetter ein, allein von durchdringender Kalte, Schnee oder Eis, spureten wir so wenig als gar nichts, der grasigte Boden blieb immer grun, und der guten Concordia zusammen getragene grosse Heu-Hauffen dieneten zu nichts, als dass wir sie hernach den Affen zum Lust-Spiele Preiss gaben, da sie doch nebst vielen aufgetrockneten Baum-Blattern unserem eingestalleten Viehe zur Winter-Nahrung bestimmt waren. Unsere Saat war nach hertzens-Lust aufgegangen, und die meisten Baume veranderten sich fast nicht, diejenigen aber, so ihre Blatter verlohren, waren noch nicht einmahl vollig entblosset, da sie schon frische Blatter und Bluthen austrieben. Solchergestalt wurde es wieder Fruhling, da wir noch immer auf den Winter hofften, wesswegen wir die Wunder-Hand GOttes in diesem schonen Revier mit erstaunender Verwunderung erkandten und verehreten.

Es war uns aber in der That ein wunderbarer Wechsel gewesen, da wir das heilige Weyhnachts-Fest fast mitten im Sommer, Ostern im Herbst, wenig Wochen nach der Weinlese, und Pfingsten in dem so genannten Winter gefeyert hatten. Doch weil ich in meinen Schul-Jahren etwas weniges in den Land-Charten und auf dem Globo gelernet, auch unter Mons. van Leuvens hinterlassenen wenigen Land-Charten und Buchern eins fand, welches mir meinen naturlichen Verstand ziemlicher massen scharffte, so konte ich mich nicht allein bald in diese Veranderung schicken, sondern auch die Concordia dessen belehren, und meine Tage-Bucher oder Calender auf viele Jahre in Voraus machen, damit wir doch wissen mochten, wie wir uns in die Zeit schicken, und unsern Gottesdienst gleich andern Christen in der weiten Welt anstellen solten.

Hierbey kan unberuhret nicht lassen, dass ich nach der, mit der Concordia genommenen Abrede, gleich in meinen zu erst verfertigten Calender auf das Jahr 1647. Drey besondere Fest-Bet- und Fast-Tage anzeichnete, als erstlich den 10. Sept. an welchen wir zusammen in diese schone Insul eingestiegen waren, und derowegen GOtt, vor die sonderbare Lebens-Erhaltung, so wohl im Sturme als Kranckheit und andern Unglucks-Fallen, den schuldigen Danck abstatten wolten. Zum andern den 11. Novembr. an welchen wir jahrlich den erbarmlichen Verlust unsers lieben van Leuvens zu beklagen verbunden. Und drittens den 11. Dec. der Concordiens glucklicher Entbindung, hiernachst der Errettung von des Lemelie Schand- und Mord-Streichen, auch unser beyderseits wieder erlangter Gesundheit wegen angestellet war. Diese drey Fest-Bet- und Fast-Tage, nebst andern besondern Feyertagen, die ich Gedachtnisses wegen noch ferner hinzu gefuget, sind biss auf gegenwartige Zeit von mir und den Meinen allezeit unverbruchlich gefeyert worden, und werdet ihr, meine Lieben, kommenden Dienstag uber 14. Tage, da der 11. Dec. einfallt, dessen Zeugen seyn.

Jedoch, fuhr unser Alt-Vater Albertus fort, ich kehre wieder zu den Geschichten des 1647. Jahres, und erinnere mich noch immer, dass wir mit dem neuen Fruh-Jahre, so zu sagen, fast von neuen anfingen lebhafft zu werden, da wir uns nehmlich der verdrusslichen Winters-Noth allhier auf dieser Insul entubriget sahen.

Wiewohl nun bey uns nicht der geringste Mangel, weder an Lebens-Mitteln, noch andern Bedurffnissen und Bequemlichkeiten vorhanden war, so konte doch ich nicht mussig sitzen, sondern legte einen geraumlichen Kuchen-Garten an, und versetzte verschiedene Pflantzen und Wurtzeln hinein, die wir theils aus des Don Cyrillo Beschreibung, theils aus eigener Erfahrung vor die annehmlichsten und nutzlichsten befunden hatten, um selbige nach unsern Verlangen gleich bey der Hand zu haben. Hiernachst legte ich mich starck auf das Pfropffen und Fortsetzen junger Baume, brachte die Wein-Reben in bessere Ordnung, machte etliche Fisch-Kasten, setzte allerhand Arten von Fischen hinein, um selbige, so offt wir Lust darzu hatten, gleich heraus zu nehmen, bauete Schuppen und Stalle vor das eingefangene Wildpret und Ziegen, zimmerte Fress-Troge, Wasser-Rinnen und Saltz-Lekken vor selbige Thiere, und mit wenig Worten zu sagen, ich fuhrete mich auf als ein solcher guter Hauss-Wirth, der Zeit Lebens auf dieser Insul zu verbleiben sich vorgesetzet hatte.

Inzwischen, ob gleich bey diesem allen Concordia mir wenig helffen durffte, so sass sie doch in dem Hause niemahls mussig, sondern nehete vor sich, die kleine Tochter und mich allerhand nothige KleidungsStucke, denn wir hatten in denen, auf den Sand-Bancken angelandeten Ballen, vieles Tuch, Seyden-Zeug und Leinwand gefunden, so, dass wir vor unsere und wohl noch 20. Personen auf Lebens-Zeit nothdurfftige Kleider daraus verfertigen konten. Es war zwar an vielen Tuchern und seydenen Zeugen durch das eingedrungene See-Wasser die Farbe ziemlich verandert worden, jedoch weil wir alles in der Sonne zeitlich abgetrocknet hatten, ging ihm an der Haltbarkeit ein weniges ab, und um die Zierlichkeit bekummerten wir uns noch weniger, weil Concordia das schlimste zu

erst verarbeitete, und das beste biss auf kunfftige Zeiten versparen wolte, wir aber der Mode wegen einander nichts vor ubel hielten.

Unsere Saat-Felder stunden zu gehoriger Zeit in erwunschter Bluthe, so, dass wir unsere besondere Freude daran sahen, allein, die frembden Affen gewohneten sich starck dahin, rammelten darinnen herum, und machten vieles zu schanden, da nun unsere HaussAffen merckten, dass mich dieses gewaltig verdross, indem ich solche Freveler mit Steinen und Prugeln verfolgte, waren sie taglich auf guter Hut, und unterstunden sich, ihre eigenen Anverwandten und Cameraden mit Steinwerffen zu verjagen. Diese wichen zwar anfanglich etliche mahl, kamen aber eines Tages etliche 20. starck wieder, und fingen mit unsern getreuen Hauss-Bedienten einen ordentlichen Krieg an. Ich ersahe dieses von ferne, lieff geschwinde zuruck, und langete aus unserer Wohnung zwey geladene Flinten, kehrete mich etwas naher zum Kampff-Platze, und wurde gewahr, dass einer von den unsern, die mit rothen Halss-Bandern gezeichnet waren, starck verwundet zu Boden lag, gab derowegen 2. mahl auf einander Feuer, und legte darmit 3. Feinde darnieder, wesswegen sich die gantze feindliche Parthey auf die Flucht begab, meine 4. unbeschadigten siegend zuruck kehreten, und den beschadigten Alten mit traurigen Gebarden mir entgegen getragen brachten, der aber, noch ehe wir unsere Wohnung erreichten, an seiner todlichen Haupt-Wunde starb.

Es war das Weiblein von den 2. Aeltesten, und ich kan nicht sagen, wie sehr der Wittber und die vermuthlichen Kinder sich uber diesen Todes-Fall betrubt bezeugten. Ich ging nach unserer Behausung, erzehlete der Concordia, was vorgegangen war, und diese ergriff nebst mir ein Werckzeug, um ein Loch zu machen, worein wir die auf dem Helden-Bette verstorbene Aeffin begraben wolten; allein, wir traffen bey unserer Dahinkunfft niemand an, sondern erblickten von ferne, dass die Leiche von den 4. Leidtragenden in den West-Fluss geworffen wurde, kehreten derowegen zuruck, und sahen bald hernach unsere noch ubrigen 4. Bedienten gantz betrubt in ihren Stall gehen, worinnen sie bey nahe zweymahl 24. Stunden ohne Essen und Trincken stille liegen blieben, nachhero aber gantz freudig wieder heraus kamen, und nachdem sie tapffer gefressen und gesoffen, ihre vorige Arbeit verrichteten. Mich argerte diese Begebenheit dermassen, dass ich alle frembden Affen taglich mit Feuer und Schwerdt verfolgte, und dieselben binnen Monats-Frist in die Waldung hinter der grossen See vertrieb, so, dass sich gar kein eintziger mehr in unserer Gegend sehen liess, mithin konten wir nebst unsern Hauss-Dienern in guter Ruh leben, wiewohl der alte Wittber sich in wenig Tagen verlohr, doch aber nebst einer jungen Gemahlin nach 6. Wochen wiederum bey uns einkehrete, und den lacherlichsten Fleiss anwandte, biss er dieselbe nach und nach in unsere Hausshaltung ordentlich gewohnete, so, dass wir sie mit der Zeit so aufrichtig als die verstorbene erkandten, und ihr, das besondere Gnaden-Zeichen eines rothen Halss-Bandes umzulegen, kein Bedencken trugen.

Mittlerzeit war nunmehro ein gantzes Jahr verflossen, welches wir auf dieser Insul zugebracht, derowegen auch der erste Fest-Bet- und Fast-Tag gefeyret wurde, der andere, als unser besonderer Trauer-Tag, lieff ebenfalls vorbey, und ich muss gestehen, dass, da wir wenig oder nichts zu arbeiten hatten, unsere Sinnen wegen der erneuerten Betrubniss gantz niedergeschlagen waren. Dieselben, um wiederum in etwas aufzumuntern, ging ich fast taglich mit der Concordia, die ihr Kind im Mantel trug, durch den FelsenGang an die See spatziren, wohin wir seit etlichen Monaten nicht gekommen, erblickten aber mit nicht geringer Verwunderung, dass uns die Wellen einen starcken Vorrath von allerhand eingepackten Waaren und zerscheiterten Schiffs-Stucken zugefuhret hatten. Ich fassete so gleich den Vorsatz, alles auf unsere Insul zu schaffen, allein, da mir ohnverhofft ein in ziemlicher Weite vorbey fahrendes Schiff in die Augen kam, gerieth ich auf einmahl gantz ausser mir selbst, so bald aber mein Geist sich wieder erholte, fing ich an zu schreyen, zu schiessen, und mit einem Tuche zu wincken, trieb auch solche muhsame, wiewohl vergebliche Bemuhung so lange, biss sich gegen Abend so wohl das vorbey fahrende Schiff als die Sonne aus unsern Gesichte verlohr, da ich denn meines Theils gantz verdrusslich und betrubt zuruck kehrete, in lauter verwirrten Gedancken aber unterweges mit Concordien kein Wort redete, biss wir wieder in unserer Behausung anlangten, allwo sich die 5. Affen als Wachter vor die Thur gelagert hatten.

Concordia bereitete die Abend-Mahlzeit, wir speiseten, und hielten hierauf zusammen ein Gesprach, in welchem ich vermerckte, dass sich dieselbe wenig oder nichts um das vorbey gefahrne Schiff bekummerte, auch grossere Lust auf dieser Insul zu sterben bezeugte, als sich in den Schutz frembder und vielleicht barbarischer Leute zu begeben. Ich hielte ihr zwar dergleichen Gedancken, als einer furchtsamen und schwachen Weibs-Person, die zumahlen ihres unglucklichen Schicksals halber einen Eckel gegen fernere Lust gefasset, zu gute, aber mit mir hatte es eine gantz andere Beschaffenheit. Und was habe ich eben Ursach, meine damahligen naturlichen Affecten zu verleugnen: Ich war ein junger, starcker, und fast 20. jahriger Mensch, der Geld, Gold, Edelgesteine und andere Guter im grosten Uberfluss besass, also gar wohl eine Frau ernehren konte, allein, der Concordia hatte ich einen wurcklichen Eyd geschworen, ihr mit Vorstellung meiner verliebten Begierden keinen Verdruss zu erwecken, verspurete uber dieses die starcksten Merckmahle, dass sie ihren seel. Ehe-Mann noch nach dessen Tode hertzlich liebte, auf die kleine Concordia aber zu warten, schien mir gar zu langweilig, obgleich dieselbe ihrer schonen Mutter vollkommenes Ebenbild vorstellete. Wer kan mich also verdencken, dass meine Sehnsucht so hefftig nach der Gesellschafft anderer ehrlichen Leute anckerte, um mich unter ihnen in guten Stand zu setzen, und eine tugendhaffte Ehegattin auszulesen.

Es verging mir demnach damahls fast alle Lust zur Arbeit, verrichtete auch die allernothigste, so zu sagen, fast gezwungener Weise, hergegen brachte ich taglich die meisten Stunden auf der Felsen-Hohe gegen Norden zu, machte daselbst ein Feuer an, welches bey Tage starck rauchen und des Nachts helle brennen muste, damit ein oder anderes vorbey fahrendes Schiff bey uns anzulanden gereitzet wurde, wandte dabey meine Augen bestandig auf die offenbare See, und versuchte zum Zeitvertreibe, ob ich auf der von Lemelie hinterlassenen Zitter von mir selbst ein oder ander Lied konte spielen lernen, welches mir denn in weniger Zeit dermassen gluckte, dass ich fast alles, was ich singen, auch zugleich gantz wohlstimmig mit spielen konte.

Concordia wurde uber dergleichen Auffuhrung ziemlich verwirrt und niedergeschlagen, allein ich konte meine Sehnsucht unmoglich verbannen, vielweniger uber das Hertze bringen, derselben meine Gedancken zu offenbaren, also lebten wir beyderseits in einem heimlichen Missvergnugen und verdeckten Kummer, begegneten aber dennoch einander nach wie vor, mit aller ehrerbiethigen, tugendhafften Freundschafft und Dienst-geflissenheit, ohne zu fragen, was uns beyderseits auf dem Hertzen lage.

Mittlerweile war die Ernte-Zeit heran geruckt, und unser Getrayde vollkommen reiff worden. Wir machten uns derowegen dran, schnitten es ab, und brachten solches mit Hulffe unserer getreuen Affen, bald in grosse Hauffen. Eben dieselben musten auch fleissig dreschen helffen, ohngeacht aber viele Zeit vergieng, ehe wir die reinen Korner in Sacke und Gefasse einschutten konten, so habe doch nachhero ausgerechnet, dass wir von dieser unserer ersten Ausssaat ohngefahr erhalten hatten, 35 Scheffel Reiss, 10. biss 11. Scheffel Korn, 3. Scheffel Weitzen, 12. biss 14. Scheffel Gersten, und 4. Scheffel Erbsen.

Wie gross nun dieser Seegen war, und wie sehr wir uns verbunden sahen, dem, der uns denselben angedeyhen lassen, schuldigen Danck abzustatten, so konte doch meine schwermuthige Sehnsucht nach demjenigen was mir einmal im Hertzen Wurtzel gefasset hatte, dadurch nicht vermindert werden, sondern ich blieb einmal wie das andere tieffsinnig, und Concordiens liebreiche und freundliche, jedoch tugendhaffte Reden und Stellungen, machten meinen Zustand allem Ansehen nach nur immer gefahrlicher. Doch blieb ich bey dem Vorsatze, ihr den gethanen Eyd unverbruchlich zu halten, und ehe zu sterben als meine keusche Liebe gegen ihre schone Person zu entdecken.

Unterdessen wurde uns zur selbigen Zeit ein grausames Schrecken zugezogen, denn da eines Tages Concordia so wol als ich nebst den Affen beschafftiget waren, etwas Korn zu stossen, und eine Probe von Mehl zu machen, gieng erstgemeldte in die Wohnung, um nach dem Kinde zu sehen, welches wir in seiner Wiege schlaffend verlassen hatten, kam aber bald mit erbarmlichen Geschrey zuruck gelauffen und berichtete, dass das Kind nicht mehr vorhanden, sondern aus der Wiege gestohlen sey, indem sie die mit einem holtzernen Schlosse verwahrte Thure eroffnet gefunden, sonsten aber in der Wohnung nichts vermissete, als das Kind und dessen Kleider. Meine Erstaunung war dieserwegen ebenfalls fast unaussprechlich, ich lieff selbst mit dahin, und empfand unsern kostbaren Verlust leyder mehr als zu wahr. Demnach schlugen wir die Hande uber den Kopffen zusammen, und stelleten uns mit einem Worte, nicht anders als verzweiffelte Menschen an, heuleten, schryen und rieffen das Kind bey seinem Nahmen, allein da war weder Stimme noch Antwort zu horen, das eiffrigste Suchen auf und um den Hugel unserer Wohnung herum war fast 3. Stunden lang vergebens, doch endlich, da ich von ferne die Spitze eines grossen Heu-Hauffens sich bewegen sahe, gerieth ich plotzlich auf die Gedancken: Ob vielleicht der eine von den jungsten Affen unser Tochterlein da hinauff getragen hatte, und fand, nachdem ich auf einer angelegten Leiter hinauf gestiegen, mich nicht betrogen. Denn das Kind und der Affe machten unterdessen, da sie zusammen ein frisches Obst speiseten, allerhand lacherliche Possen. Allein da das verzweiffelte Thier meiner gewahr wurde, nahm es das Kind zwischen seine Vorder-Pfoten, un rutschte mit selbigem auf jener Seite des Hauffens herunter, woruber ich Schreckens wegen fast von der Leiter gesturtzt ware, allein es war glucklich abgegangen. Denn da ich mich umsahe, lieff der Kinder-Dieb mit seinem Raube aufs eiligste nach unserer Behausung, hatte, als ich ihn daselbst antraff, das fromme Kind so geschickt aus- als angezogen, selbiges in seine Wiege gelegt, sass auch darbey und wiegte es so ernsthafftig ein, als hatte er kein Wasser betrubt.

Ich wuste theils vor Freuden, theils vor Grimm gegen diesen Freveler nicht gleich was ich machen solte, mittlerweile aber kam Concordia, so die gantze Comdie ebenfalls von ferne mit angesehen hatte, mit Zittern und Zagen herbey, indem sie nicht anders vermeynte, es wurde dem Kinde ein Ungluck oder Schaden zugefugt seyn, da sie es aber Besichtigte, und nicht allein frisch und gesund, sondern uber dieses ausserordentlich gutes Muths befand, gaben wir uns endlich zufrieden, wiewol ich aber beschloss, dass dieser allerleichtfertigste Affe seinen Frevel durchaus mit dem Leben bussen solte, so wolte doch Concordia aus Barmhertzigkeit hierein nicht willigen, sondern bath: Dass ich es bey einer harten Leibes-Zuchtigung bewenden lassen mochte, welches denn auch geschahe, indem ich ihn mit einer grossen Ruthe von oben biss unten dermassen peitschte, dass er sich in etlichen Tagen nicht ruhren konte, welches so viel fruchtete, dass er in kunfftigen Zeiten seine freveln Streiche ziemlicher massen unterliess.

Von nun an schien es, als ob uns die, zwar jederzeit hertzlich lieb gewesene kleine Concordia, dennoch um ein merckliches lieber ware, zumahlen da sie anfieng allein zu lauffen, und verschiedene Worte auf eine angenehme Art her zu lallen, ja dieses kleine Kind war offters vermogend meinen innerlichen Kummer ziemlicher massen zu unterbrechen, wiewol nicht gantzlich aufzuheben.

Nachdem wir aber einen ziemlichen Vorrath von Rocken-Reiss- und Weitzen-Mehle durchgesiebt und zum Backen tuchtig gemacht, ich auch einen kleinen Back-Ofen erbauet, worinnen auf einmal 10. oder 12. drey biss 4 Pfundige Brodte gebacken werden konten, und Concordia die erste Probe ihrer Beckerey, zu unserer grosten Erquickung und Freude glucklich abgeleget hatte; Konten wir uns an dieser allerbesten Speise, so uber Jahr und Tag nunmehro nicht vor unser Maul kommen war, kaum satt sehen und essen.

Dem ohngeacht aber, verfiel ich doch fast gantz von neuen in meine angewohnte Melancholey, liess viele Arbeits-Stucken liegen, die ich sonsten mit Lust vorzunehmen gewohnt gewesen, nahm an dessen statt in den Nachmittags-Stunden meine Flinte und Zitter, und stieg auf die Nord-Felsen-Hohe, als wohin ich mir einen gantz ungefahrlichen Weg gehauen hatte.

Am Heil. 3. Konigs-Tage des 1648ten Jahres, Mittags nach verrichteten Gottesdienste, war ich ebenfalls im Begriff dahin zu steigen, Concordia aber, die solches gewahr wurde, sagte lachelnd: Mons. Albert, ich sehe dass ihr spatzieren gehen wollet, nehmet mir nicht ubel, wenn ich euch bitte, eure kleine PflegeTochter mit zu nehmen, denn ich habe mir eine kleine nothige Arbeit vorgenommen, worbey ich von ihr nicht gern verhindert seyn wolte, saget mir aber, wo ihr gegen Abend anzutreffen seyd, damit ich euch nachfolgen und selbige zuruck tragen kan. Ich erfullete ihr Begehren mit groster Gefalligkeit, nahm meine kleine Schmeichlerin, die so gern bey mir, als ihrer Mutter blieb, auf den Arm, versorgte mich mit einer Flasche Palmen-Safft, und etwas ubrig gebliebenen Weyhnachts-Kuchen, hangte meine Zitter und Flinte auf den Rucken, und stieg also beladen den NordFelss hinauf. Daselbst gab ich dem Kinde einige tandeleyen zu spielen, stutzte einen Arm unter den Kopf, sahe auf die See, und hieng den unruhigen Gedancken wegen meines Schicksals ziemlich lange nach. Endlich ergriff ich die Zitter und sang etliche Lieder drein, welche ich theils zu Ausschuttung meiner Klagen, theils zur Gemuths-Beruhigung aufgesetzt hatte. Da aber die kleine Schmeichlerin uber dieser Music sanfft eingeschlaffen war, legte ich, um selbige nicht zu verstohren, die Zitter beyseite, zog eine Bley-Feder und Pappier aus meiner Tasche, und setzte mir ein neues Lied folgenden Innhalts auf:

1.

Ach! hatt' ich nur kein Schiff erblickt,

So war ich langer ruhig blieben

Mein Ungluck hat es her geschickt,

Und mir zur Qvaal zuruck getrieben, Verhangniss wilstu dich denn eines reichen Armen, Und freyen Sclavens nicht zu rechter Zeit erbarmen?

2.

Soll meiner Jugend beste Krafft

In dieser Einsamkeit ersterben?

Ist das der Keuschheit Eigenschafft?

Will mich die Tugend selbst verderben? So weiss ich nicht wie man die lasterhafften Seelen Mit grossrer Grausamkeit und Marter solte qualen.

3.

Ich liebe was und sag' es nicht,

Denn Eid und Tugend heist mich schweigen,

Mein gantz verdecktes Liebes-Licht

Darf seine Flamme gar nicht zeigen, Dem Himmel selbsten ist mein Lieben nicht

zuwieder,

Doch Schwur und Treue schlagt den Hofnungs-Bau

darnieder.

4.

Concordia du Wunder-Bild,

Man lernt an dir die Eintracht kennen,

Doch was in meinem Hertzen qvillt

Muss ich in Wahrheit Zwietracht nennen, Ach! liesse mich das Gluck mit dir vereinigt leben, Wir wurden nimmermehr in Hass und Zwietracht

schweben.

5.

Doch bleib in deiner stillen Ruh,

Ich suche solche nicht zu stohren;

Mein eintzigs Wohl und Weh bist du,

Allein ich will der Sehnsucht wehren, Weil deiner Schonheit Pracht vor mich zu Kostbar

scheinet,

Und weil des Schicksaals Schluss mein Wunschen

glatt verneinet.

6.

Ich gonne dir ein bessres Gluck,

Verknupfft mit noch viel hohern Stande.

Fuhrt uns der Himmel nur zuruck

Nach unserm werthen Vater-Lande, So wirstu letzlich noch dis harte Schicksal loben, Ist gleich vor deinen Freund was schlechters

aufgehoben.

Nachdem aber meine kleine Pflege-Tochter aufgewacht, und von mir mit etwas Palm-Safft und Kuchen gestarckt war, bezeigte dieselbe ein unschuldiges Belieben, den Klang meiner Zitter ferner zu horen, derowegen nahm ich dieselbe wieder auf, studirte eine Melodey auf mein gemachtes Lied aus, und wiederholte diesen Gesang binnen etlichen Stunden so ofte, biss ich alles fertig auswendig singen und spielen konte.

Hierauff nahm ich das kleine angenehme Kind in die Arme vor mich, druckte es an meine Brust, kussete dasselbe viele mal, und sagte im grosten LiebesAffect ohngefehr folgende laute Worte: Ach du allerliebster kleiner Engel, wolte doch der Himmel, dass du allbereit noch ein Mandel Jahre zuruckgelegt hattest, vielleicht ware meine hefftige Liebe bey dir glucklicher als bey deiner Mutter, aber so lange Zeit zwischen Furcht und Hoffnung zu warten, ist eine wurckliche Marter zu nennen. Ach wie vergnugt wolte ich, als ein anderer Adam, meine gantze Lebens-Zeit in diesem Paradiese zubringen, wenn nur nicht meine besten Jugend-Jahre, ohne eine geliebte Eva zu umarmen, verrauchen solten. Gerechter Himmel, warum schenckestu mir nicht auch die Krafft, den von Natur allen Menschen eingepflantzten Trieb zum Ehestande gantzlich zu ersticken, und in diesem Stucke so unempfindlich als van Leuvens Wittbe zu seyn? Oder warum lenckestu ihr Hertze nicht, sich vor deinen allwissenden Augen mit mir zu vereheligen, denn mein Hertze kennest du ja, und weist, dass meine sehnliche Liebe keine geile Brunst, sondern deine heilige Ordnung zum Grunde hat. Ach was vor einer harten Probe unterwirffstu meine Keuschheit und Tugend, indem ich bey einer solchen vollkommen schonen Wittfrau Tag und Nacht unentzundet leben soll. Doch ich habe dir und ihr einen theuren Eyd geschworen, welches Gelubde ich denn ehe mit meinem Leben bezahlen, und mich nach und nach von der brennenden Liebes-Gluth gantz verzehren lassen, als selbiges leichtsinniger Weise brechen will.

Einige hierbey aus meinen Augen rollende Thranen hemmeten das fernere Reden, die kleine Concordia aber, welche kein Auge von meinem Gesichte verwand hatte, fieng dieserwegen klaglich und bitterlich an zu weinen, also druckte ich selbige aufs neue an meine Brust, kussete den mitleydigen Engel, und stund kurtz hernach mein und ihrer Gemuths-Veranderung wegen auf, um noch ein wenig auf der FelsenHohe herum zu spatzieren. Doch wenig Minuten hierauff kam die 3te Person unserer hiesigen menschlichen Gesellschafft herzu, und fragte auf eine zwar sehr freundliche, doch auch etwas tieffsinnige Art: Wie es uns gienge, und ob wir heute kein Schiff erblickt hatten? Ich fand mich auf diese unvermuthete Frage ziemlich betroffen, so dass die Rothe mir, wie ich glaube, ziemlich ins Gesichte trat, sagte aber: Dass wir heute so glucklich nicht gewesen waren. Mons. Albert! gab Concordia darauff: Ich bitte euch sehr, sehet nicht so oft nach vorbey fahrenden Schiffen, denn selbige werden solchergestallt nur desto langer ausbleiben. Ihr habt seit einem Jahre vieles entdeckt und erfahren, was ihr kurtz vorhero nicht vermeynet habt, bedencket diese schone Paradiess-Insul, bedencket wiewol uns der Himmel mit Nahrung und Kleidern versorgt, bedencket noch dabey den fast unschatzbaren Schatz, welchen ihr ohne angstliches Suchen und ungedultiges Hoffen gefunden. Ist euch nun von dem Himmel eine noch fernere gewunschte Gluckseligkeit zugedacht, so habt doch nebst mir das feste Vertrauen, dass selbige zu seiner Zeit uns unverhoft erfreuen werde.

Mein gantzes Hertze fand sich durch diese nachdencklichen Reden gantz ungemein geruhret, jedoch war ich nicht vermogend eine eintzige Sylbe darauff zu antworten, derowegen Concordia das Gesprach auf andere Dinge wendete, und endlich sagte: Kommet mein lieber Freund, dass wir noch vor Sonnen Untergang unsere Wohnung erreichen, ich habe einen gantz besonders schonen Fisch gefangen, welcher euch so gut als mir schmecken wird, denn ich glaube, dass ihr so starcken appetit als ich zum Essen habt.

Ich war froh, dass sie den vorigen ernsthafften discours unterlassen hatte, folgte ihren Willen und zwang mich einiger massen zu einer aufgeraumtern Stellung. Es war wurcklich ein gantz besonders rarer Fisch, den sie selbigen Mittag in ihren ausgesteckten Angeln gefangen hatte, dieser wurde nebst zweyen Rebhunern zur Abend-Mahlzeit aufgetragen, worbey mir denn Concordia, um mich etwas lustiger zu machen, etliche Becher Wein mehr, als sonst gewohnlich einnothigte, und endlich fragte: Habe ich auch recht gemerckt Mons. Albert, dass ihr ubermorgen euer zwantzigstes Jahr zuruck legen werdet. Ja Madame, war meine Antwort, ich habe schon seit etlichen Tagen daran gedacht. GOTT gebe, versetzte sie, dass eure zukunfftige Lebens-Zeit vergnugter sey, allein darff ich euch wol bitten, mir euren ausfuhrlichen Lebens-Lauff zu erzehlen, denn mein seel. Ehe-Herr hat mir einmals gesagt, dass derselbige theils klaglich, theils lustig anzuhoren sey.

Ich war hierzu sogleich willig, und vermerckte, dass bey Erwehnung meiner Kinderjahrigen UnglucksFalle Concordien zum offtern die Augen voller Thranen stunden, doch da ich nachhero die Geschichten von der Ammtmanns Frau, der verwechselten Hosen, und den mir gespielten Spitzbuben-Streich, mit offt untermengten Schertz-Reden erzehlete, konte sie sich fast nicht satt lachen. Nachdem ich aber aufs Ende kommen, sagte sie: Glaubet mir sicher Mons. Albert, weil eure Jugend-Jahre sehr klaglich gewesen, so wird euch GOTT in kunfftiger Zeit um so viel desto mehr erfreuen, wo ihr anders fortfahret ihm zu dienen, euren Beruff fleissig abzuwarten, geduldig zu seyn, und euch der unnothigen und verbothenen Sorgen zu entschlagen. Ich versprach ihrer loblichen Vermahnung eiffrigst nachzuleben, wunschte anbey, dass ihre gute Propheceyung eintreffen mochte, worauff wir unsere Abend-Beth-Stunde hielten, und uns zur Ruhe legten.

Weiln mir nun Concordiens vergangenes Tages gefuhrten Reden so christlich als vernunfftig vorkamen, beschloss ich, so viel moglich, alle Ungedult zu verbannen, und mit aller Gelassenheit die fernere Hulffe des Himmels zu erwarten. Folgendes Tages arbeitete ich solchergestalt mehr, als seit etlichen Tagen geschehen war, und legte mich von aushauung etlicher Holtzerner Gefasse, ziemlich ermudet, abermals zur Ruhe, da ich aber am drauff folgenden Morgen, nemlich den 8ten Jan. 1648. aus meiner abgesonderten Kammer in die so genannte Wohn-Stube kam, fand ich auf dem Tische nebst einem grunen seydenen Schlaf-Rocke, und verschiedenen andern neuen Kleidungs-Stucken, auch vieler weisser Wasche, ein zusammen gelegtes Pappier folgendes Innhalts:

Liebster Hertzens Freund!

Ich habe fast alles mit angehoret, was ihr gestern auf dem Nord-Felsen, in Gesellschaft meiner kleinen Tochter, oft wiederholt gesungen und geredet habt. Euer Verlangen ist dem Triebe der Natur, der Vernunfft, auch Gottl. und Menschl. Gesetzen gemass; Ich hingegen bin eine Wittbe, welcher der Himmel ein hartes erzeiget hat. Allein ich weiss, dass Gluck und Ungluck von der Hand des HERRN kommt, welche ich bey allen Fallen in Demuth kusse. Meinem seel. Mann habe ich die geschworne Treu redlich gehalten, dessen GOTT und mein Gewissen Zeugniss giebt. Ich habe seinen jammerlichen Tod nunmehro ein Jahr und zwey Monath aus auffrichtigen Hertzen beweint und beklagt, werde auch denselben Zeitlebens, so offt ich Ehe-Band auf GOTTES Zulassung durch einen Meuchel-Morder vor der Zeit zerrissen worden. Ohngeacht ich aber solchergestalt wieder frey und mein eigen bin, so wurde mich doch schwerlich zu einer anderweitigen Ehe entschlossen haben, wenn nicht eure reine und hertzliche Liebe mein Hertz aufs neue empfindlich gemacht, und in Erwegung eurer bissherigen tugendhafften Auffuhrung dahin gereitzet hatte, mich selbst zu eurer kunfftigen Gemahlin anzutragen. Es stehet derowegen in eurem Gefallen, ob wir sogleich Morgen an eurem Geburts-Tage uns, in Ermangelung eines Priesters und anderer Zeugen, in GOttes und der Heil. Engel erbethener Gegenwart selbst zusammen trauen, und hinfuhro einander als eheliche ChristenLeute beywohnen wollen. Denn weil ich eurer zu mir tragenden Liebe und Treue vollig versichert bin, so konnet ihr im Gegentheil vollkommen glauben, dass ich euch in diesen Stucken nichts schuldig bleiben werde. Eure Frommigkeit, Tugend und Auffrichtigkeit dienen mir zu Burgen dass ihr mir dergleichen selbst eigenen Antrag meiner Person vor keine leichtfertige Geilheit und argerliche Brunst auslegen werdet, denn da ihr aus Ubereilung mehr gelobet habt, als GOTT und Menschen von euch forderten, doch aber ehe loblich zu sterben, als solches zu brechen gesonnen waret; Habe ich in dieser Einsamkeit, uns beyde zu vergnugen, den Aussspruch zu thun mich gezwungen gesehen. Nehmet demnach die von euch so sehr geliebte Wittbe des seel van Leuvens, und lebet nach euren Versprechen fuhrohin mit derselben nimmermehr in Hass und Zwietracht. GOTT sey mit uns allezeit. Nach Verlesung dieses, werdet ihr mich bey dem Damme des Flusses ziemlich beschamt finden, und ein mehreres mundlich mit mir uberlegen konnen, allwo zugleich den Gluck-Wunsch zu eurem GeburtsTage abstatten wird, die euch auffrichtig ergebene Geschrieben den 7. Jan. 1648.

Concordia van Leuvens.

Ich blieb nach Verlesung dieses Briefes dergestalt entzuckt stehen, dass ich mich in langer Zeit wegen der unverhofften frolichen Nachricht nicht begreiffen konte, wolte auch fast auf die Gedancken gerathen, als suchte mich Concordia nur in Versuchung zu fuhren, da aber ihre bissherige aufrichtige Gemuths- und Lebens Art in etwas genauere Betrachtung gezogen hatte, liess ich allen Zweifel fahren, fassete ein besonders frisch Hertze, machte mich auf den Weg, und fand meinen allerangenehmsten Schatz mit ihrer kleinen Tochter, beym Damme in Grase sitzend. Sie stund, so bald sie mich von ferne kommen sahe, auf, gluckseeligen Morgen gewunschet, erwiederte sie solchen mit einem wohlersonnenen Gluck-Wunsche wegen meines Geburts-Tages. Ich stattete dieserwegen meine Dancksagung ab, und wunschte ihr im gegentheil, ein bestandiges Leibes- und Seelen-Vergnugen. Da sie sich aber nach diesen auf einen daselbst liegenden Baum-Schafft gesetzt, und mich, neben ihr Platz zu nehmen, gebeten hatte, brach mein Mund in folgende Worte aus: Madame! eure schonen Hande haben sich gestern bemuhet an meine schlechte Person einen Brieff zu schreiben, und wo dasjenige, was mich angehet, keine Versuchung, sondern eures keuschen Hertzens aufrichtige Meynung ist, so werde ich heute durch des Himmels und eure Gnade, zum allergluckseeligsten Menschen auf der gantzen Welt gemacht werden. Es wurde mir schwer fallen gnungsame Worte zu ersinnen, um damit den unschatzbaren Werth eurer vollkommen tugendhafften und Liebenswurdigsten Person einigermassen auszudrucken, darum will ich nur sagen: Dass ihr wurdig waret, eines grossen Fursten Gemahlin zu seyn. Was aber bin ich dargegen? Ein schlechter geringer Mensch, der

Hier fiel mir Concordia in die Rede, und sagte, indem sie mich sanfft auf die Hand schlug: Liebster Julius, ich bitte fanget nunmehro nicht erstlich an, viele unnothige Schmeicheleyen und ungewohnliches Wort-Geprange zu machen, sondern seyd fein aufrichtig wie ich in meinem Schreiben gewesen bin. Eure Tugend, Frommigkeit und mir geleisteten treuen Dienste, weiss ich mit nichts besser zu vergelten, als wenn ich euch mich selbst zur Belohnung anbiete, und versichere, dass eure Person bey mir in hohern Werthe stehet, als des grosten Fursten oder andern Herrn, wenn ich auch gleich das Ausslesen unter tausenden haben solte. Ist euch nun damit gedienet, so erklaret euch, damit wir uns nachhero fernerer Anstallten wegen vertraulich unterreden, und auf alle etwa bevorstehende Glucks- und Unglucks-Falle gefast machen konnen.

Ich nahm hierauff ihre Hand, kussete und schloss dieselbe zwischen meine beyden Hande, konte aber vor ubermassigen Vergnugen kaum so viel Worte vorbringen, als nothig waren, sie meiner ewig wahrenden getreuen Liebe zu versichern, anbey mich gantzlich eigen zu geben, und in allen Stucken nach dero Rath und Willen zu leben. Nein mein Schatz! versetzte hierauff Concordia, das Letztere verlange ich nicht, sondern ich werde euch nach Gottes Ausspruche jederzeit als meinen Herrn zu ehren und als meinen werthen Ehe-Mann bestandig zu lieben wissen. Ihr sollet durchaus meinem Rath und Willen keine Folge leisten, in so ferne derselbe von euren, Gottlob gesunden, Verstande nicht vor gut und billig erkannt wird, weil ich mich als ein schwaches Werckzeug zuweilen gar leicht ubereilen kan.

Unter diesen ihren klugen Reden kussete ich zum offtern dero schonen Hande, und nahm mir endlich die Kuhnheit, einen feurigen Kuss auf ihre Rosen-Lippen zu drucken, welchen sie mit einem andern ersetzte. Nachhero stunden wir auf, um zu unsern heutigen Hochzeit-Feste Anstalten zu machen. Ich schlachtete ein jung Reh, eine junge Ziege, schoss ein paar Rebhuner, schaffte Fische herbey, steckte die Braten an die Spiesse, welche unsere Affen wenden musten, setzte das Koch-Fleisch zum Feuer, und lass das Beste frische Obst aus, mittlerweile meine Braut, Kuchen, Brod und allerley Gebackens zurichtete, und unsere Wohnstube aufs herrlichste auszierete, so dass gegen Abend alles in schonster Ordnung war.

Demnach fuhreten wir, genommener Abrede nach, einander in meine Schlaf-Kammer, allwo auf einen reinlich gedeckten Tische ein Crucifix stunde, welches wir mit unter des Don Cyrillo Schatzen gefunden hatten. Vor selbigen lag eine aufgeschlagene Bibel. Wir knieten beyde vor diesem kleinen Altare nieder, und ich verlass die 3. ersten Capitel aus dem 1. Buch Mose. Hierauff redete ich meine Braut also an: Liebste Concordia, ich frage euch allhier vor dem Angesicht GOTTES und seiner Heil. Engel, ob ihr mich Albert Julium zu einem ehelichen Gemahl haben wollet? gleich wie ich euch zu meiner ehelichen Gemahlin nach Gottlicher Ordnung, aus reinem und keuschen Hertzen innigst begehre? Concordia antwortete nicht allein mit einem lauten Ja, sondern reichte mir auch ihre rechte Hand, welche ich nach verwechselten Trau-Ringen in die meinige fugte, und also betete: "Du heiliger wunderbarer GOTT, wir glauben gantz gewiss, dass deine Vorsicht an diesem, von aller andern menschlichen Gesellschafft entlegenen Orte, unsere Seelen vereiniget hat, und in dieser Stunde auch die Leiber mit dem heiligen Bande der Ehe zusammen fuget, darum soll unter deinem Schutze nichts als der Tod vermogend seyn dieses Band zu brechen, und solte ja auf dein Zulassen ein oder anderer UnglucksFall die Leiber von einander scheiden, so sollen doch unsere Seelen in bestandiger Treue mit einander vereinigt bleiben. Concordia sprach hierzu: Amen." Ich aber schlug das 8. Cap. im Buch Tobia auf, und betete des jungen Tobia Gebeth vom 7. biss zu ende des 9ten Verses; wiewol ich etliche Worte nach unserm Zustande veranderte, auch so viel zusetzte als mir meines Hertzens heilige Andacht eingab. Concordia machte aus den Worten der jungen Sara, die im folgenden 10ten Vers stehen, ein schones Hertz-brechendes und krafftiges Gebet. Nach diesem beteten wir einstimmig das Vater Unser und den gewohnlichen Seegen der Christlichen Kirche uber uns, sungen das Lied: Es woll uns GOTT genadig seyn, etc. kusseten uns etliche mahl, und fuhreten einander wieder zuruck, bereiteten die Mahlzeit, setzten uns mit unserer kleinen Concordia, die unter wahrenden Trau-Actu so stille als ein Lamm gelegen hatte, zu Tische, und nahmen unsere Speisen nebst dem kostlichen Getrancke in solcher Vergnuglichkeit ein, als wohl jemahls ein Braut-Paar in der gantzen Welt gethan haben mag.

Es schien, als ob aller vorhero ausgestandener Kummer und Verdruss solchergestalt auf einmahl verjagt ware, wir vereinigten uns von nun an, einander in vollkommener Treue dergestalt hulffliche Hand zu leisten, und unsere Anstalten auf solchen Fuss zu setzen, als ob wir gar keine Hoffnung, von hier hinweg zu kommen, hatten, hergegen aus blosser Lust, Zeit-Lebens auf dieser Insul bleiben, im ubrigen alles der Vorsehung des Himmels anbefehlen, und alle angstlichen Sorgen wegen des Zukunfftigen einstellen wolten.

Indem aber die Zeit zum Schlaffen-gehen herbey kam, sagte meine Braut mit liebreichen Gebarden zu mir: Mein allerliebster Ehe-Schatz, ich habe heute mit Vergnugen wahrgenommen, dass ihr in vielen Stucken des jungen Tobia Sitten nachgefolget seyd, derowegen halte vor loblich, zuchtig und andachtig, dass wir diesen jungen Ehe-Leuten noch in dem Stucke nachahmen, und die 3. ersten Nachte mit Beten zubringen, ehe wir uns ehelich zusammen halten. Ich glaube gantz gewiss, dass GOTT unsern Ehestand um so viel desto mehr segnen und begluckt machen wird.

Ihr redet, mein Engel, gab ich zur Antwort, als eine vollkommen tugendhaffte, gottesfurchtige und keusche Frau, und ich bin eurer Meinung vollkommen, derowegen geschehe, was euch und mir gefallig ist. Solchergestalt sassen wir alle drey Nachte beysamen,

und vertrieben dieselben mit andachtigen Beten, Singen und Bibel-Lesen, schlieffen auch nur des Morgens einige Stunden, in der vierdten Nacht aber opfferte ich meiner rechtmassigen Ehe-Liebste die erste Krafft meiner Jugend, und fand in ihren Liebes-vollen Umarmungen ein solches entzuckendes Vergnugen, dessen unvergleichliche Vollkommenheit ich mir vor der Zeit nimmermehr vorstellen konnen.

Wenige Tage hierauf verspurete sie die Zeichen ihrer Schwangerschafft, und die kleine Concordia gewehnete sich von sich selbst, von der Brust gantzlich ab, zu andern Speisen und Getrancke. Mittlerweile bescherete uns der Himmel eine abermahlige und viel reichere Wein-Erndte als die vorige, denn wir presseten uber 500. Kannen Most aus, truckneten biss 6. Scheffel Trauben auf, ohne was von uns und den Affen die gantze Weinlese hindurch gegessen, auch von den frembden diebischen Affen gestohlen und verderbt wurde. Denn dieses lose Gesindel war wiederum so dreuste worden, dass es sich nicht allein Schaaren-weise in unsern Weinbergen und Saat-Feldern, sondern so gar gantz nahe um unsere Wohnung herum sehen und spuren liess. Weil ich aber schon damahls 3. leichte Stuck-Geschutzes auf die Insul geschafft hatte, pflantzte ich dieselben gegen diejenigen Oerter, wo meine Feinde offters zu zwanzig biss funfzigen beysammen hin zu kommen pflegten, und richtete mit offt wiederholten Ladungen von auserlesenen runden Steinen starcke Niederlagen an, so, dass zuweilen 8. 10. 12. biss 16. todte und verwundete auf dem Platze liegen blieben. Am allerwundersamsten kam mir hierbey dieses vor, dass unsere Hauss- und ZuchtAffen nicht das allergeringste Mitleyden uber das Ungluck ihrer Anverwandten, im Gegentheil ein besonderes Vergnugen bezeugten, wenn sie die Verwundten vollends todt schlagen, und die samtlichen Leichen in

den nachsten Fluss tragen konten. Ich habe solchergestalt und auf noch andere listige Art in den ersten 6. Jahren fast uber 500. Affen getodtet, und dieselben auf der Insul zu gantz raren Thieren gemacht, wie sie denn auch nachhero von den Meinigen zwar aufs hefftigste verfolgt, doch wegen ihrer Possierlichkeit und Nutzung in vielen Stucken nicht gar vertilget worden.

Nach glucklich beygelegten Affen-Kriege und zu gut gemachter Trauben-Frucht, auch abermahliger Bestellung der Weinberge und Saat-Felder, war meine tagliche Arbeit, diejenigen Waaren, welche uns Wind und See von den in verschiedenen Sturmen zerscheiterten Schiffen zugefuhret hatte, durch den hohlen Felsen-Weg herauf in unsere Verwahrung zu schaffen. Hilff Himmel! was bekamen wir nicht solcher Gestalt noch vor Reichthumer in unser Gewalt? Gold, Silber, edle Steine, schone Zeuge, Bockel- und gerauchert Fleisch nebst andern Victualien war dasjenige, was am wenigsten geachtet wurde, hergegen Coffee, Thee, Chocolade, Gewurtze, ausgepichte Kisten mit Zukker, Pech, Schwefel, Oehl, Talg, Butter, Pulver, allerhand eisern, zinnern, kupffern und messingen HaussGerathe, dicke und dunne Seile, holtzerne Gefasse u.d. gl. ergotzte uns am allermeisten.

Unser Hauss-Gesinde, das nunmehro, da sich der ehemahlige Patient auch eine Frau geholet, aus 6. Personen bestund, that hierbey ungemeine Dienste, und meine liebe Ehe-Frau brachte in der unterirrdischen Hole alles, was uns nutzlich, an gehorigen Ort und Stelle, was aber von dem See-Wasser verdorben war, musten ein paar Affen auf einen darzu gemachten Roll-Wagen so gleich fortschaffen, und in den nachstgelegenen Fluss werffen. Nach diesem, da eine grosse Menge zugeschnittener Bretter und Balcken von den zertrummerten Schiffen vorhanden, erweiterte ich unsere Wohnung auf dem Hugel noch um ein grosses, bauete auch der Affen Behausung geraumlicher, und brachte, kurtz zu sagen, alles in solchen Stand, dass wir bevorstehenden Winter wenig zu schaffen hatten, sondern in vergnugter Ruhe beysammen leben konten.

Unser Zeitvertreib war im Winter der allervergnugteste von der Welt, denn wenn wir unsers Leibes mit den besten Speisen und Getrancke wohl gepflegt, und nach Belieben ein und andere leichte Arbeit getrieben hatten, konten wir zuweilen etliche Stunden einander in die Arme schliessen und mit untermengten Kussen allerhand artige Geschichte erzehlen, woruber denn ein jedes seine besondere Meinung eroffnete, so, dass es offters zu einem starcken Wort-Streite kam, allein, wir vertrugen uns letztlich immer in der Gute, zumahlen, wenn die Sachen ins geheime Kammer-Gerichte gespielet wurden.

Im Fruhlinge, nehmlich am 19. Octobr. des Jahres unserer Verehligung, wurde so wohl ich als meine allerliebste Ehe-Gattin nach ausgestandenen 4. stundigen angstlichen Sorgen mit inniglichen Vergnugen uberschuttet, indem sie eben in der Mittags-Stunde ein paar kurtz auf einander folgende Zwillings-Sohne zur Welt brachte. Sie und ich hatten uns zeithero, so viel als erdencklich, darauf geschickt gemacht, derowegen befand sich, unter Gottlichen Beystande, meine zarte Schone bey dieser gedoppelten Kinder-Noth dennoch weit starcker und krafftiger als das erste mahl. Ich gab meinen hertzlich geliebten Sohnen gleich in der ersten Stunde die heil. Tauffe, und nennete den ersten nach mir, Albertus, den andern aber nach meinem seel. Vater Stephanus, that anbey alles, was einem getreuen Vater und Ehe-Gatten gegen seine lieben Kinder und wertheste Ehe-Gemahlin bey solchen Zustande zu thun oblieget, war im ubrigen hochst glucklich und vergnugt, dass sich weder bey der Mutter noch bey den Kindern einige besorgliche Zufalle ereigneten.

Ich kan nicht sagen, wie frolich sich die kleine Concordia, so allbereit wohl umher lauffen, und ziemlich vernehmlich plaudern konte, uber die Anwesenheit ihrer kleinen Stieff-Bruder anstellete, denn sie war fast gar nicht von ihnen hinweg zu bringen, unsere Affen aber machten vor ubermassigen Freuden ein solches wunderliches Geschrey, dergleichen ich von ihnen sonst niemahls gehoret, als da sie bey dem ersten Kriege siegend zuruck kamen, erzeigten sich nachhero auch dermassen geschafftig, dienstfertig und liebkosend um uns und die Kinder herum, dass wir ihnen kaum genung zu verrichten geben konten.

So weit war unser Alt-Vater Albertus selbigen Abend in seiner Erzehlung kommen, als er die Zeit beobachtete, sich zur Ruhe zu legen, worinnen wir andern ihm Gesellschafft leisteten. Des darauf folgenden Sonnabends wurde keine Reise vorgenommen, indem Herr Mag. Schmelzer auf seine Predigt studirte, wir ubrigen aber denselben Tag auch nicht mussig, sondern mit Einrichtung allerhand nothiger Sachen zubrachten, und uns des Abends auf die morgende Sabbaths-Feyer prparirten. Selbiges war der 26. Sonntag p. Trinit. an welchem sich etwa eine Stunde nach geschehenen Canonen-Schusse fast alle gesunde Einwohner der Insel unter der Alberts-Burg versammleten, und den Gottesdienst mit eiffrigster Andacht abwarteten, worbey Herr Mag. Schmelzer in einer vortrefflichen Predigt, die, den Frommen erfreuliche, den Gottlosen aber erschrockliche Zukunfft Christi zum Gerichte, dermassen beweglich vorstellete, dass sich Alt und Jung ungemein daruber vergnugten. Nachmittags wurde Catechismus-Examen gehalten, in welchen Hr. Mag. Schmelzer sonderlich den Articul vom heil. Abendmahl Christi durchnahm, und diejenigen Menschen, welche selbiges zu geniessen zwar niemahls das Gluck gehabt, dennoch von dessen heiliger Wurde und Nutzbarkeit dermassen wohl unterrichtet befand, dass er nach einem gehaltenen weitlaufftigen Sermon uber diese hochheilige Handelung, denen beyden Gemeinden in Alberts- und Davids-Raum ankundigte, wie er sich diese gantze Woche hindurch alle Tage ohngefehr zwey oder drey Stunden vor Untergang der Sonnen, in der Allee auf ihrer GrantzScheidung einstellen wolte, derowegen mochten sich alle diejenigen, welche beyderley Geschlechts uber 14. Jahr alt waren, zu ihm versammlen, damit er sie insgesammt und jeden besonders vornehmen, und erforschen konte, welche mit guten Gewissen kunfftigen Sonnabend zur Beichte, und Sonntags darauf zum heil. Abendmahle zu lassen waren, indem es billig, dass man das neue Kirchen-Jahr mit solcher hochst wichtigen Handlung anfinge. Es entstund hieruber eine allgemeine Freude, zumahlen da er versprach, in folgenden Wochen mit den ubrigen Gemeinden auf gleiche Art zu verfahren, und immer 2. oder 3. auf einmahl zu nehmen, biss er sie ingesamt dieser un

schatzbaren Gluckseeligkeit theilhafftig gemacht. Hierauf wurden die anwesenden kleinen Kinder von Mons. Wolffgangen mit allerhand Zuckerwerck und Spiel-Sachen beschenckt, nach einigen wichtigen Unterredungen mit den Stam-Vatern aber kehrete ein

jeder vergnugt in seine Behausung.

Der anbrechende Montag erinnerte unsern AltVater Albertum nebst uns die Reise nach Christophs-Raum vorzunehmen, als wir derowegen unsern Weg durch den grossen Garten genommen, gelangeten wir in der Gegend an, welche derselbe zum GOttes-Acker und Begrabniss vor die, auf dieser Insel verstorbenen ausersehen hatte. Er fuhrete uns so fort zu des Don Cyrillo de Valaro aufgerichteten Gedachtniss-Saule, die unten mit einem runden Mauerwerck umgeben, und woran eine Zinnerne Tafel geschlagen war, die folgende Zeilen zu lesen gab:

Hier liegen die Gebeine

eines vermuthlich seelig verstorbenen Christen

und vornehmen Spanischen Edelmanns,

Nahmens

Don Cyrillo de Valaro,

welcher, dessen Uhrkunden gemass,

den 9. Aug. 1475. gebohren,

Auf dem Wege aus West-Indien nebst 8. andern

Manns-Personen den 14. Nov. 1514 in dieser

Insel angelanget,

In Ermangelung eines tuchtigen Schiffs allhier

bleiben mussen,

Seine Gefahrten, die ihm in der Sterblichkeit

vorgegangen, ehrlich begraben,

und ihnen endlich

ao. 1606. ohne Zweiffel in den ersten Tagen

des Monats Julii gefolget;

Nachdem er auf dieser Insel

weder recht vergnugt noch gantzlich unvergnugt

gelebt 92. Jahr,

Sein gantzes Alter aber gebracht

uber 130. Jahr und 10. Monate.

Den Rest seines entseelten Corpers haben erstlich

nach 40. Jahren gefunden, und auf dieser

Statte aus christl. Liebe begraben

Carl Franz van Leuven und Albertus Julius.

Von dieser, des Don Cyrillio Gedachtniss-Saule, stunde etwa 4. Schritt Ost-warts eine ohngefahr 6. Elen hohe mit ausgehauenen Steinen aufgefuhrte Pyramide, auf der eingemauerten grossen Kupffernen Platte aber folgende Schrifft:

Unter diesem Grabmahle

erwartet der frolichen Auferstehung zum ewigen

Leben

eine Konigin dieses Landes,

eine Crone ihres hinterlassenen Mannes,

und eine gluckseelige Stamm-Mutter

vieler Lebendigen,

nehmlich

CONCORDIA, gebohrne PLURS,

die wegen ihrer Gottesfurcht, seltsamen Tugenden

und wunderbaren Schicksals,

eines unsterblichen Ruhms wurdig ist.

Sie ward gebohren zu Londen in Engelland

den 4. Apr. 1627.

Vermahlete sich zum ersten mahle mit Herrn

Carl Franz van Leuven den 9. Mart. 1646.

Gebahr nach dessen klaglichen Tode, am 11. Dec.

selbigen Jahres, von ihm eine Tochter.

Verknupffte das durch Morders-Hand zerrissene

adeliche Ehe-Band nachhero mit

Albert Julio

am 8. Januar. 1648.

Zeugete demselben 5. Sohne, 3. lebendige und

eine todte Tochter.

Ersahe also in ihrer ersten, und andern 68. jahrigen

weniger 11. tagigen Ehe 9. lebendige und

1. todes Kind.

87. Kindes-Kinder, 151. Kindes-Kindes-Kinder,

und 5. Kindes-Kindes-Kindes-Kinder.

Starb auf den allein seeligmachenden Glauben an

Christum, ohne Schmertzen, sanfft und seelig

den 28. Dec. 1715

Ihres Alters 88. Jahr, 8. Monat und 2. Wochen.

Und ward von ihrem zuruckgelassenen getreuen

Ehe-Manne und allen Angehorigen unter

tausend Thranen allhier in ihre

Grufft gesenckt.

Gleich neben dieser Pyramide stund an des van Leuvens Gedachtniss-Saule diese Schrifft:

***

Bey dieser Gedachtniss-Saule

hoffet auf die ewige gluckseelige Vereinigung

getrenneten Seele

der ungluckliche Corper

Herrn CARL FRANZ van LEUVENS,

eines frommen, tugendhafften und tapffern

Edel-Manns aus Holland.

Der mit seiner hertzlich-geliebten Gemahlin

Concordia, geb. Plurs,

nach Ceylon zu seegeln gedachte,

und nicht bedachte,

wie ungetreu das Meer zuweilen an denjenigen

handele, die sich darauf wagen.

Er entkam zwar dem entsetzlichen Sturme 1646.

im Monath Augusto glucklich, und setzte seinen

Fuss den 10. Sept. mit Freuden auf diese Insel,

hatte auch ohnfehlbar dem Verhangnisse

allhier mit ziemlichen Vergnugen

stille gehalten;

Allein, sein vermaledeyter Gefahrte Lemelie, der

seine gegen die keusche Concordia loderenden

geilen Flammen, nach dessen Tode, gewiss

zu kuhlen vermeynte,

sturtzte diesen redlichen Cavalier

am Tage Martini 1646.

von einem hohen Felsen herab,

der, nach dreyen Tagen erbarmlich zerschmettert gefunden, von seiner schwangern keuschen Gemahlin

und getreuen Diener Albert Julio auf

diese Statte begraben, und ihm gegenwartiges

Denckmahl gesetzt worden.

***

Etwa anderthalb hundert Schritt von diesen 3. Ehren- und Gedachtniss Saulen fanden wir, nahe am Ufer des West-Flusses, des Lemelie Schand-Seule, um welche herum ein grosser Hauffen Feld-Steine geworffen war, so, dass wir mit einiger Muhe hinzu gelangen, und folgende daran genagelten Zeilen lesen konten:

Speye aus gegen diese Seule,

Mein Leser!

Denn

Allhier muss die unschuldige Erde

das todte Aas des vielschuldigen Lemelie

in ihrem Schoosse erdulden,

welches im Leben ihr zu einer schandlichen Last

gedienet.

Dieses Mord-Kindes rechter Nahme,

auch wo, wenn, und von wem es gebohren

ist unbekandt.

Doch kurtz vor seinem erschrecklichen Ende

hat er bekannt,

Dass Vater- Mutter- Kinder- und vieler andern

Menschen Mord, Blut-Schande, Hurerey,

ja alle ersinnliche Laster sein Handwerck

von Jugend an gewesen.

Carl Franz van Leuvens unschuldig-vergossenes

Blut schreyet auf dieser Insul biss an den

jungsten Tag

Rache uber ihn.

Indem aber dasselbe kaum erkaltet war,

hatte sich der Mord-Hund schon wiederum gerustet,

eine neue Mord-That an dem armen Albert

Julio zu begehen, weil sich dieser unterstund, seiner

geil-brunstigen Gewaltthatigkeit bey der

keuschen Concordia zu widerstehen.

Aber,

da die Bossheit am grosten,

war die Straffe am nachsten,

denn das Kind der Finsterniss lieff in der Finsterniss

derselben entgegen,

und wurde

von dem unschuldig-verwundeten

ohne Vorsatz

todtlich, doch schuldig, verwundet.

Dem ohngeacht schien ihm

die Busse und Bekehrung unmoglich,

das Zureden seiner Beleydigten unnutzlich,

GOttes Barmhertzigkeit unkrafftig,

die Verzweiffelung aber unvermeidlich,

stach sich derowegen mit seinem Messer selbst das

ruchlose Hertz ab.

Und also

starb der Hollen-Brand als ein Vieh,

welcher gelebt als ein Vieh,

und wurde allhier eingescharrt als ein Vieh,

den 10. Decembr. 1646.

von

Albert Julio.

Der HErr sey Richter zwischen

uns und dir.

Wir bewunderten hierbey allerseits unsers Alt-Vaters Alberti besondern Fleiss und Geschicklichkeit, brachten noch uber eine Stunde zu, die andern GrabStatten, welche alle mit kurtzen Schrifften bezeichnet waren, zu besehen, und verfolgten hernachmahls unsern Weg auf Christophs-Raum zu. Selbige PflantzStatte bestund aus 14. Wohn-Hausern, und fuhreten die Einwohner gleich den andern allen eine sehr gute Hausshaltung, hatten im ubrigen fast eben dergleichen Feld-, Weinbergs- und Wasser-Nutzung als die Johannis-Raumer. Sonsten war allhier die erste HauptSchleuse des Nord-Flusses, nebst einer wohlgebaueten Brucke, zu betrachten. Im Garten-Bau und Erzeugung herrlicher Baum-Fruchte schienen sie es fast allen andern zuvor zu thun. Nachdem wir aber ihre Feld-Fruchte, Weinberge und alles merckwurdige wohl betrachtet, und bey ihnen eine gute MittagsMahlzeit eingenommen hatten, kehreten wir bey guter Zeit zuruck auf Alberts-Burg.

Herr Mag. Schmeltzer begab sich von dar, versprochener massen, in die Davids-Raumer Allee, um seinen heiligen Verrichtungen obzuliegen, wir andern halffen indessen mit groster Lust bey der GrundMauer der Kirche dasjenige verrichten, was zu besserer Fortsetzung dabey vonnothen war. Nach Untergang der Sonnen aber, da Herr Mag. Schmeltzer zuruck gekommen war, und die Abend-Mahlzeit mit uns eingenommen hatte, setzten wir uns in gewohnlicher Gesellschafft wieder zusammen, und horeten dem AltVater Alberto in Fortsetzung seiner Geschichts-Erzehlung dergestalt zu:

Meine Lieben, fing er an, ich erinnere mich, dass meine letzten Reden das besondere Vergnugen erwehnet haben, welches ich nebst meiner lieben Ehe-Gattin uber unsere erstgebohrnen Zwillinge empfand, und muss nochmahls wiederholen, dass selbiges unvergleichlich war, zumahl, da meine Liebste, nach redlich ausgehaltenen 6. Wochen, ihre gewohnliche Hauss-Arbeit frisch und gesund vornehmen konte. Wir lebten also in dem allergluckseeligsten Zustande von der Welt, indem unsere Gemuther nach nichts anders sich sehneten, als nach dem, was wir taglich erlangen und haben konten, das Verlangen nach unserm Vaterlande aber schien bey uns allen beyden gantz erstorben zu seyn, so gar, dass ich mir nicht die allergeringste Muhe mehr gab, nach vorbey fahrenden Schiffen zu sehen. Kam uns gleich die Tages-Arbeit offters etwas sauer an, so konten wir doch Abends und des Nachts desto angenehmer ausruhen, wie sich denn offters viele Tage und Wochen ereigneten, in welchen wir nicht aus dringender Noth, sondern bloss zur Lust arbeiten durfften.

Die kleine Concordia fing nunmehro an, da sie vollkommen deutlich, und zwar so wohl Teutsch als Englisch reden gelernet, das angenehmste und schmeichelhaffteste Kind, als eines in der gantzen Welt seyn mag, zu werden, wesswegen wir taglich viele Stunden zubrachten, mit selbiger zu schertzen, und ihren artigen Kinder-Streichen zuzusehen, ja zum offtern uns selbsten als Kinder mit anzustellen genothiget waren.

Allein, meine lieben Freunde! (sagte hier unser AltVater, indem er ein grosses, geschriebenes Buch aus einem Behaltniss hervor langete) es kommt mir theils unmoglich, theils unnutzlich und allzu langweilig vor, wenn ich alle Kleinigkeiten, die nicht besonders merckwurdig sind, vorbringen wolte, derowegen will die Weitlaufftigkeiten und dasjenige, worvon ihr euch ohnedem schon eine zulangliche Vorstellung machen konnet, vermeiden, mit Beyhulffe dieses meines ZeitBuchs aber nur die denckwurdigsten Begebenheiten nachfolgender Tage und Jahre biss auf diese Zeit erzehlen.

Demnach kam uns sehr seltsam vor, dass zu Ende des Monats Junii 1649. auf unserer Insel ein ziemlich kalter Winter einfiel, indem wir damahls binnen 3. Jahren das erste Eis und Schnee-Flocken, auch eine ziemliche kalte Lufft verspureten, doch da ich noch im Begriff war, unsere Wohnung gegen dieses Ungemach besser, als sonsten, zu verwahren, wurde es schon wieder gelinde Wetter, und dieser harte Winter hatte in allen kaum 16. oder 17. Tage gedauret.

Im Jahr 1650. den 16. Mart. beschenckte uns der Himmel wiederum mit einer jungen Tochter, welche in der heil. Tauffe den Nahmen Maria bekam, und im folgenden 1651ten Jahre wurden wir abermahls am 14. Dec. mit einem jungen Sohne erfreuet, welcher den Nahmen Johannes empfing. Dieses Jahr war wegen ungemeiner Hitze sehr unfruchtbar an Getreyde und andern Fruchten, gab aber einen vortrefflichen Wein-Seegen, und weil von vorigen Jahren noch starcker Getreyde-Vorrath vorhanden, wusten wir dennoch von keinen Mangel zu sagen.

Das 1652te Jahr schenckte einen desto reichlichern Getreyde-Vorrath, hergegen wenig Wein. Mitten in der Weinlese starben unsere 2. altesten Affen, binnen wenig Tagen kurtz auf einander, wir bedaureten diese 2. klugsten Thiere, hatten aber doch noch 4. Paar zu unserer Bedienung, weil sich die ersten 3. Paar starck vermehret, wovon ich aber nur 2. paar junge Affen leben liess, und die ubrigen heimlich ersauffte, damit die Gesellschafft nicht zu machtig und muthwillig werden mochte.

Im Jahr 1653. den 13. May kam meine werthe EheGattin abermals mit einer gesunden und wohlgestallten Tochter ins Wochen-Bette, die in der Heil. Tauffe den Nahmen Elisabeth empfieng. Also hatten wir nunmehro 3. Sohne und 3. Tochter, welche der fleissigen Mutter Arbeit und Zeitvertreib genung machen konten. Selbigen Winters fieng ich an mit Concordien, Albert u. Stephano, taglich etliche Stunden Schule zu halten, indem ich ihnen die Buchstaben vormahlete und kennen lehrete, fand auch dieselben so gelehrig, dass sie, mit Aussgang des Winters, schon ziemlich gut Teutsch und Englisch buchstabiren konten, ausser dem wurden ihnen von der Mutter die nutzlichsten Gebeter und Spruche aus der Bibel gelehret, so dass wir sie mit grosten Vergnugen bald Teutsch, bald Englisch, die Morgen- Abend- und Tisch-Gebeter, vor dem Tische, konten beten horen und sehen. Meine liebe Frau durffte mir nunmehro bey der Feld- und andern sauren Arbeit wenig mehr helffen, sondern muste sich schonen, um die Kinder desto besser und geduldiger zu warten, ich hergegen, liess es mir mit Beyhulffe der Affen, desto angelegener seyn, die nothigsten Nahrungs-Mittel von einer Zeit zur andern zu besorgen.

Am ersten Heil. Christ-Tage anno 1655. brachte meine angenehme Ehe-Liebste zum andern mahle ein paar Zwillings-Sohne zur Welt, die ich zum Gedachtniss ihres schonen Geburts-Tages, den ersten Christoph, und den andern Christian tauffte, die arme Mutter befand sich hierbey sehr ubel, doch die Krafft des Allmachtigen halff ihr in etlichen Wochen wiederum zu volliger Gesundheit.

Das 1656te Jahr liess uns einen ziemlich verdriesslichen Herbst und Winter verspuren, indem der Erstere ungemein viel Regen, der Letztere aber etwas starcke Kalte und vielen Schnee mit sich brachte, es war derowegen so wohl die darauff folgende Erndte, als auch die Wein-Lese kaum des vierdten Theils so reichlich als im vorigen Jahren, und dennoch war vor uns, unsere Kinder, Affen und ander Vieh, alles im Uberflusse vorhanden.

Im 1657ten Jahre den 22. Septembr. gebahr meine fruchtbare Ehe-Liebste noch eine Tochter, welche Christina genennet wurde, und im 1660ten Jahre befand sich dieselbe zum letzten mahle schwangeres Leibes, denn weil sie eines Tages, da wir am Ufer des Flusses hinwandelten, unversehens strauchelte, einen schweren Fall that, und ohnfehlbar im Flusse ertruncken ware, woferne ich sie nicht mit selbst eigener Lebens-Gefahr gerettet hatte; war sie dermassen erschreckt und innerlich beschadigt worden, dass sie zu unser beyderseits grosten Leydwesen am 9. Jul. eine unzeitige todte Tochter zur Welt, nachhero aber uber zwey gantzer Jahr zubrachte, ehe die vorige Gesundheit wieder zu erlangen war.

Nach Verlauf selbiger Zeit, befand sich mein werther Ehe-Schatz zwar wiederum bey volligen Kraften, und sahe in ihrem 35ten Jahre noch so schon und frisch aus als eine Jungfrau, hat aber doch niemals wiedrum ins Wochen-Bette kommen konnen. Gleichwol wurden wir daruber nicht ungeduldig, sondern danckten GOTT dass sich unsere 9. lieben Kinder bey volliger Leibes-Gesundheit befanden, und in Gottesfurcht und Zucht heran wuchsen, wie ich denn nicht sagen kan, dass wir Ursach gehabt hatten, uns uber eins oder anderes zu argern, oder die Scharffe zu gebrauchen, sondern muss gestehen, dass sie, bloss auf einen Winck und Wort ihrer Eltern alles thaten, was von ihnen verlanget wurde, und eben dieses schrieben wir nicht schlechter dings unserer klugen Auferziehung, sondern einer besondern Gnade GOttes zu.

Meine Stief-Tochter Concordia, die nunmehro ihre Mannbaren Jahre erreichte, war gewiss ein Magdlein von aussbundiger Schonheit, Tugend, Klugheit und Gottesfurcht, und wuste die Hausshaltung dermassen wol zu fuhren, dass ich und ihre Mutter sonderlich eine grosse Erleichterung unserer dahero gehabten Muhe und Arbeit verspureten. Selbige meine liebe Ehe-Gattin muste sich also mit Gewalt gute Tage machen, und ihre Zeit bloss mit der kleinsten Kinder Lehrung und guter Erziehung vertreiben. Meine zwey altesten Zwillinge hatte ich mit Gottlicher Hulffe schon so weit gebracht, dass sie den kleinern Geschwister das Lesen, Schreiben und Beten wiederum beybringen konten, ich aber informirte selbst alle meine Kinder fruh Morgens 2. Stunden, und Abends auch so lange. Ihre Mutter losete mich hierinnen ordentlich ab, die ubrige Zeit musten sie mit nutzlicher Arbeit, so viel ihre Kraffte vermochten, hinbringen, das Schiess-Gewehr brauchen lernen, Fische, Vogel, Ziegen und Wildpret einfangen, in Summa, sich in Zeiten so gewohnen, als ob sie so wol als wir Zeit Lebens auf dieser Insul bleiben solten.

Immittelst erzehlten wir Eltern unsern Kindern offters von der Lebens-Art der Menschen in unsern Vaterlandern und andern Welt-Theilen, auch von unsern eigenen Geschichten, so viel, als ihnen zu wissen nothig war: spureten aber niemals, dass nur ein eintziges von ihnen Lust bezeigte, selbige Lander oder Oerter zu sehen, woruber sich meine Ehe-Frau hertzlich vergnugte, allein ich unterdruckte meinen, seit einiger Zeit wieder aufgewachten Kummer, biss eines Tages unsere altesten zwey Sohne eiligst gelauffen kamen, und berichteten: Wie dass sich gantz weit in der offenbaren See 3. grosse Schiffe sehen liessen, worauff sich ohnfehlbar Menschen befinden wurden. Ihre Mutter gab ihnen zur Antwort: Lasset sie fahren meine Kinder, weil wir nicht wissen, ob es gute oder bose Menschen sind. Ich aber wurde von meinen Gemuths-Bewegungen dergestalt ubermeistert, dass mir die Augen voll Thranen lieffen, und solches zu verbergen, gieng ich stillschweigend in die Kammer, und legte mich mit Seuffzen aufs Lager. Meine Concordia folgte mir auf dem Fusse nach, breitete sich uber mich und sagte, nachdem sie meinen Mund zum offtern liebreich gekusset hatte. Wie ists, mein liebster Schatz, seyd ihr der gluckseeligen Lebens-Art, und eurer bisshero so hertzlich geliebten Concordia, vielleicht schon auch gantzlich uberdrussig, weil sich eure Sehnsucht nach anderer Gesellschafft aufs neue so starck verrath? Ihr irret euch, meine Allerliebste gab ich zur Antwort, oder wollet etwa die erste Probe machen mich zu krancken. Glaubet aber sicherlich, zumahl wenn ich GOTT zum Zeugen anruffe, dass mir gar nicht in die Gedancken kommen ist, von hier hinweg zu reisen, oder euch zum Verdruss mich nach anderer Gesellschafft zu sehnen, sondern ich wunsche von Hertzen, meine ubrige Lebens-Zeit auf dieser gluckseeligen Stadte mit euch in Ruhe und Friede hin zu bringen, zumal da wir das schwerste nunmehro mit GOTTES Hulffe uberwunden, und das groste Vergnugen an unsern schonen Kindern, annoch in Hoffnung, vor uns haben. Allein saget mir um GOttes willen, warum sollen wir uns nicht nunmehro, da unsere Kinder ihre Mannbaren Jahre zu erreichen beginnen, nach andern Menschen umsehen, glaubet ihr etwa, GOTT werde sogleich 4. Manner und 5. Weiber vom Himmel herab fallen lassen, um unsere Kinder mit selbigen zu begatten? Oder wollet ihr, dass dieselben, so bald der naturliche Trieb die Vernunfft und Frommigkeit ubermeistert, Blut-Schande begehen, und einander selbst heyrathen sollen? Da sey GOTT vor! Ihr aber, mein Schatz, saget mir nun, wie eure Meynung uber meine hochst wichtigen Sorgen ist, ob wir nicht Sunde und Schande von unsern bisshero wohlerzogenen Kindern zu befurchten haben? und ob es Wohlgethan sey, wenn wir durch ein und andere Nachlassigkeit, GOttes Allmacht ferner versuchen wollen?

Meine Concordia fieng hertzlich an zu weinen, da sie mich in so ungewohnlichen Eifer reden horete, jedoch die treue Seele umfassete meinen Halss, und sagte unter hundert Kussen: Ihr habt recht, mein allerliebster Mann, und sorget besser und vernunfftiger als ich. Verzeihet mir meine Fehler, und glaubet sicherlich, dass ich, dergleichen Blut-schandlich Ehen zu erlauben, niemals gesinnet gewesen, allein die Furcht vor bosen Menschen, die sich etwa unseres Landes und unserer Guter gelusten lassen, euch ermorden, mich und meine Kinder schanden und zu Sclaven machen konten, hat mich jederzeit angetrieben, zu wiederrathen, dass wir uns frembden und unbekannten Leuten entdeckten, die vielleicht auch nicht einmal Christen seyn mochten. Anbey habe mich bestandig darauff verlassen, dass GOtt schon von ohngefahr Menschen hersenden wurde, die uns etwa abfuhreten, oder unser Geschlecht vermehren hulffen. Jedoch, mein allerliebster Julius, sagte sie weiter, ich bekenne, dass ihr eine starckere Einsicht habt als ich, darum gehet hin mit unsern Sohnen, und versuchet, ob ihr die vorbeyfahrenden Schiffe anhero ruffen konnet, GOTT gebe nur, dass es Christen, und redliche Leute sind.

Dieses war also der erste und letzte Zwietracht, den ich und meine liebe Ehe-Frau untereinander hatten, wo es anders ein Zwietracht zu nennen ist. So bald wir uns aber vollig verglichen, lieff ich mit meinen Sohnen, weil es noch hoch am Tage war, auf die Spitzen des Nord-Felsens, schossen unsere Gewehre loss, schryen wie thorichte Leute, machten Feuer und Rauch auf der Hohe, und trieben solches die gantze Nacht hindurch, allein ausser etlichen Stuckschussen horeten wir weiter nichts, sahen auch bey aufgehender Sonne keines von den Schiffen mehr, wohl aber eine sturmische dustere See, woraus ich schloss, dass die Schiffe wegen widerwartigen Windes unmoglich anlanden konnen, wie gern sie vielleicht auch gewolt hatten.

Ich konte mich desswegen in etlichen Tagen nicht zufrieden geben, doch meine Ehe-Frau sprach mich endlich mit diesen Worten zufrieden: Bekummert euch nicht allzusehr mein werther Albert, der HErr wirds versehen und unsere Sorgen stillen, ehe wirs vielleicht am wenigsten vermuthen.

Und gewiss, der Himmel liess auch in diesem Stucke ihre Hoffnung und festes Vertrauen nicht zu schanden werden, denn etwan ein Jahr hernach, da ich am Tage der Reinigung Maria 1664. mit meiner gantzen Familie Nachmittags am Meer-Ufer spatzieren gieng, ersahen wir mit massiger Verwunderung: dass nach einem daherigen hefftigen Sturme, die schaumenden Wellen, nachdem sie sich gegen andere unbarmhertzig erzeiget, uns abermals einige vermuthlich gute Waaren zugefuhret hatten. Zugleich aber fielen uns von ferne zwey Menschen in die Augen, welche auf einen grossen Schiffs-Balcken sitzend, sich an statt der Ruder mit ihren blossen Handen ausserst bemuheten, eine, von den vor uns liegenden Sand-Bancken zu erreichen, und ihr Leben darauff zu erretten. Indem nun ich, nur vor wenig Monaten, das kleine Boot, durch dessen Hulffe ich am allerersten mit Mons. van Leuven bey dieser Felsen-Insul angelanget war, aussgebessert hatte, so wagte ich nebst meinen beyden altesten Sohnen, die nunmehro in ihr 16tes Jahr giengen, hinnein zu treten, und diesen Nothleydenden zu Hulffe zu kommen, welche unserer aber nicht eher gewahr wurden, biss unser Boot von ohngefehr sehr hefftig an ihren Balcken stiess, so dass der eine aus Mattigkeit herunter ins Wasser fiel. Doch da ihm meine Sohne das Seil, woran wir das Boot zu befestigen pflegten, hinaus wurffen, raffte er alle Kraffte zusammen, hielt sich feste dran, und ward also von uns gantz leichtlich ins Boot herein gezogen. Dieses war ein alter fast gantz grau gewordener Mann, der andere aber, dem dergleichen Gefalligkeit von uns erzeigt wurde, schien ein Mann in seinen besten Jahren zu seyn.

Man merckte sehr genau, wie die Todes-Angst auf ihren Gesichtern gantz eigentlich abgemahlet war, da sie zumal uns gantz starr ansahen, jedoch nicht ein eintziges Wort aussprechen konten, endlich aber, da wir schon einen ziemlichen Strich auf der Zuruckfarth gethan, fragt ich den Alten auf deutsch: Wie er sich befande, allein er schuttelte sein Haupt, und antwortete im Englischen, dass er zwar meine Sprache nicht verstunde, gleichwol aber merckte, wie es die teutsche Sprache sey. Ich fieng hierauf sogleich an, mit ihm Englisch zu reden, wesswegen er mir augenblicklich die Hande kussete und mich seinen Engel nennete. Meine beyden Sohne klatschten derowegen in ihre Hande, und fiengen ein Freuden-Geschrey an, gaben sich auch gleich mit dem jungen Manne ins Gesprache, welcher alle beyde umarmete und kussete, auch ihnen auf ihre einfaltigen Fragen liebreiche Antwort gab. Doch da ich merckte, dass die beyden Verungluckten vor Mattigkeit kaum die Zunge heben und die Augen aufthun konten, liessen wir dieselben ungestohrt, und brachten sie halb schlaffend an unsere Felsen-Insul.

Meine Concordia hatte binnen der Zeit bestandig mit den ubrigen Kindern auf den Knien gelegen, und GOTT um unsere gluckliche Zuruckkunft angerufft, weil sie dem sehr alten und geflickten Boote wenig zu getrauet, derowegen war alles desto frolicher, da wir in Gesellschafft zweyer andern Menschen bey ihnen ankamen. Sie hatte etwas Vorrath von Speisen und Getrancke vor unsere Kinder bey sich, welches den armen Frembdlingen gereicht wurde. So bald nun selbiges mit groster Begierde in ihren Magen geschickt war, merckte man wohl, dass sie hertzlich gern weiter mit uns reden wolten, allein da sie bereits so viel zu verstehen gegeben, wie sie nunmehro 3. Nachte und 4. Tage ohne Schlaff und Ruhe in den Meeres Wellen zugebracht hatten, konten wir ihnen nicht verargen, dass sie uns fast unter den Handen einschlieffen, brachten aber doch beyde, wiewol mit grosser Muhe, durch den holen Weg hinauff in die Insul.

Daselbst suncken sie als recht ohnmachtige Menschen ins Grass nieder, und verfielen in den tieffsten Schlaff. Meine beyden altesten Sohne musten bey ihnen sitzen bleiben, ich aber gieng mit meiner ubrigen Familie nach Hause, nahm zwey Rollwagen, spannete vor jeden 4. Affen, kehrete damit wieder um, legte die Schlaffenden ohne eintzige Empfindung drauff, und brachte dieselben mit einbrechender Nacht in unsere Behausung auf ein gutes Lager, welches ihnen mitlerweile meine Hauss-Frau bereitet hatte. Beyde wachten fast zu gleicher Zeit nicht fruher auf, als andern Tages ohngefahr ein paar Stunden vor Untergang der Sonnen, und so bald ich dessen vergewissert war, gieng ich zu ihnen in die Kammer, legte vor jeden ein gut Kleid nebst weisser Wasche hin, bat sie mochten solches anlegen, nachhero zu uns heraus kommen.

Indessen hatte meine Hauss-Frau eine kostliche Mahlzeit zubereitet, den besten Wein und ander Getrancke zurechte gesetzt, auch sich nebst ihren Kindern gantz sauber angekleidet. Wie demnach unsere Gaste aus der Kammer traten, fanden sie alles in der schonsten Ordnung, und blieben nach verrichteter Begrussung als ein paar steinerne Bilder stehen. Meine Kinder musten ihnen das Wasch-Wasser reichen, welches sie annahmen und um Erlaubniss baten, sich vor der Thur zu reinigen. Ich gab ihnen ohne eitle Ceremonien zu verstehen, wie sie allhier, als ohnfehlbar gute christliche Menschen, ihre beliebige Gelegenheit brauchen konten, wesswegen sie sich ausserhalb des Hauses, in der freyen Luft vollig ermunterten, nachhero wieder zu uns kehreten, da denn der alte ohngefahr 60. jahrige Mann also zu reden anfieng: O du gutiger Himmel, welch ein schones Paradiess ist dieses? saget uns doch, o ihr gluckseeligen Einwohner desselben, ob wir uns unter Engeln oder sterblichen Menschen befinden? denn wir konnen biss diese Stunde unsere Sinnen noch nicht uberzeugen, ob wir noch auf der vorigen Welt leben; Oder durch den zeitlichen Tod in eine andere Welt versetzt sind? Liebsten Freunde gab ich zur Antwort, es ist mehr als zu gewiss, dass wir eben solche muhseelige und sterbliche Menschen sind als ihr. Vor nunmehro fast 18. Jahren, hat ein besonderes Schicksaal mich und diese meine werthe Ehe-Gattin auf diese Insul gefuhret, die allhier in Ordnung stehenden 9. Kinder aber, sind, binnen solcher Zeit, und in solcher Einsamkeit von uns entsprossen, und ausser uns, die wir hier beysammen sind, ist sonst keine menschliche Seele mehr auf der gantzen Insul anzutreffen. Allein, fuhr ich fort, wir werden Zeit und Gelegenheit genung haben, hiervon weitlaufftiger mit einander zu sprechen, derowegen lasset euch gefallen, unsere Speisen und Getrancke zu kosten, damit eure in dem Meere verlohrnen Kraffte desto geschwinder wieder hergestellet werden.

Demnach setzten wir uns zu Tische, assen und truncken ingesammt, mit grosten appetite nach billigen vergnugen. So bald aber das Danck-Gebeth gesprochen war, und der Alte vermerckte, dass so wol ich als meine Concordia von beyderseits Stande und Wesen gern benachrichtiget seyn mochten, vergnugte er unsere Neugierigkeit mit einer weitlaufftigen Erzehlung, die biss Mitternacht wahrete. Ich aber will von selbiger nur kurtzlich so viel melden, dass er sich Amias Hulter nennete, und vor etlichen Jahren ein Pachtmann verschiedener Koniglicher Kuchen-Guter in Engelland gewesen war. Sein Gefahrte hiess Robert Hulter, und war des Amias leiblichen Bruders Sohn. Ferner vernahmen wir mit Erstaunen, dass die aufruhrischen Engellander im Jahr 1649. den 30. Jan. also 2. Jahr und 8. Monath nach unserer Abreise, ihren guten Konig Carln grausamer Weise enthauptet, und dass sich nach diesem einer, Nahmens Oliverius Cromwel, von Geschlecht ein blosser Edelmann, zum Beschutzer des Reichs aufgeworffen hatte, dem anno 1658. sein Sohn, Richard Cromwel, in solcher Wurde gefolget, aber auch bald im folgenden Jahr wieder abgesetzt ware, worauff vor nunmehro fast 3. Jahren die Engellander einen neuen Konig, nemlich Carln den Andern erwahlet, und unter dessen Regierung itzo ziemlich ruhig lebten.

Der gute Amias Hulter, welcher ehedessen bey dem enthaupteten Konig Carln in grossen Gnaden gewesen, ein grosses Guth erworben, doch aber niemals geheyrathet, war in solcher Unruhe fast um alles das Seinige gekommen, aus dem Lande gejagt worden, und hatte kaum so viel gerettet eine kleine Handlung uber Meer anzufangen, worbey er nach und nach zwar wiederum ein ziemliches erworben, und dasselbe seinem Bruder Joseph Hulter in Verwahrung gegeben. Dieser sein Bruder aber hatte die Reformirte Religion verlassen, sich nach Portugall gewendet, daselbst zum andern mahle geheyrathet, und sein zeitliches Gluck ziemlich gemacht. Allein dessen Sohn Robert war mit seines Vaters Lebens-Art, und sonderlich mit der Religions-Veranderung, nicht allerdings zufrieden gewesen, derowegen annoch in seinen Junglings-Jahren mit seinem Vetter Amias zu Schiffe gegangen, und hatte sich bey demselben in West-Indien ein ziemliches an Gold und andern Schatzen gesammlet. Da aber vor einigen Monathen die Versicherung eingelauffen, dass nunmehro, unter der Regierung Konig Carls des Andern, in Engelland wiederum gute Zeiten waren, hatten sie Brasilien verlassen, und sich auf ein Schiff verdingt, um mit selbigen nach Portugall, von dar aber zuruck nach Engelland, als in ihr Vaterland zu reisen, und sich bey dem neuen Konig zu melden. Allein ihr Vorhaben wird durch das widerwartige Verhangniss zeitlich unterbrochen, indem ein grausamer Sturm das Schiff von der ordentlichen Strasse ab- und an verborgene Klippen fuhret, allwo es bey nachtlicher Zeit zerscheitert, und seine gantze Ladung an Menschen und Gutern, in die wilden Fluthen wirfft. In solcher Todes-Angst ergreiffen Amias und Robert denjenigen Balcken, von welchen wir sie, nachdem die armen Menschen 3. Nachte und 4. Tage ein Spiel des Windes und der Wellen gewesen, endlich noch eben zur rechten Zeit zu erlosen das Gluck hatten.

Meine Concordia wolte hierauff einige Nachricht von den Ihrigen einziehen, konte aber nichts weiter erfahren, als dass Amias ihren Vater zwar offters gesehen, gesprochen, auch ein und andern Geld-Verkehr mit ihm gehabt, im ubrigen aber wuste er von dessen Hauss-Wesen nichts zu melden, ausser dass er im 1648ten Jahre noch im guten Stande gelebt hatte. Hergegen wuste Robert, der bisshero wenig Worte gemacht, sich noch gantz wohl zu erinnern, dass er zu der Zeit, als er noch ein Knabe von 12. oder 13. Jahren gewesen, vernommen, wie dem Banquier Plurs eine Tochter, Nahmens Concordia, von einem Cavalier entfuhret worden sey, wo sie aber hin, oder ob dieselbe wieder zuruck gebracht worden, wisse er nicht eigentlich zu sagen.

Wir berichteten ihnen demnach, dass sie allhier eben diese Concordia Plurs vor sich sahen, versprachen aber unsere Geschichte morgendes Tages ausfuhrlicher zu erzehlen, und legten uns, nachdem wir die Abend-Beth-Stunde in Englischer Sprache gehalten, sammtlich zur Ruhe.

Ich nahm mir nebst meiner Hauss-Frauen von nun an nicht das geringste Bedencken, diesen beyden Gasten und Lands-Leuten, welchen die Redlichkeit aus den Augen leuchtete, und denen die Gottesfurcht sehr angenehm zu seyn schien, alles zu offenbaren, was sich von Jugend an, und sonderlich auf dieser Insul mit uns zugetragen hatte. Nur eintzig und allein verschwiegen wir ihnen des Don Cyrillo vermaureten grossen Schatze, hatten aber dennoch ausser diesem, so viel Reichthumer an Gold, Silber, edlen Steinen und andern Kostbarkeiten aufzuweisen, dass sie daruber erstauneten, und vermeynten: es ware weder in Engelland, noch sonst wo, ein Kauffmann, oder wol noch weit grossere Standes-Person, ausser grossen Potentaten anzutreffen, die sich Bemittelter zeigen konte als wir. Dem ohngeacht, gab ich ihnen deutlich zu vernehmen, dass ich und meine Hauss-Frau diese Sachen sehr gering, das Vergnugen aber, auf dieser Insul in Ruhe, ohne Verfolgung, Kummer und Sorgen zu leben, desto hoher schatzten, und baten GOTT weiter um keine mehrere Gluckseeligkeit, als dass er unsern Kindern fromme christliche Ehegatten anhero schicken mochte, die da Lust hatten auf dieser Insul mit ihnen in Ruhe und Friede zu leben, weil dieselbe im Stande sey, ihre Einwohner fast mit allem, was zur Leibes Nahrung und Nothdurfft gehorig, reichlich und uberflussig zu versorgen.

Ich vermerckte unter diesen meinen Reden, dass dem jungen Hulter das Geblute ziemlich ins Angesichte trat, da er zugleich seine Augen recht sehnlich auf meine schone und tugend-volle Stieff-Tochter warff, jedoch nicht eher als nach etlichen Tagen durch seinen Vetter Amias bey mir und meiner Frauen um selbige anhalten liess. Da nun ich und dieselbe schon dessfalls mit einander geheime Abrede genommen, liessen wir uns die Werbung dieses wohlgebildeten und frommen jungen Mannes gefallen, versprachen ihm binnen 4. Wochen unsere Tochter ehelich zuzufuhren, doch mit der Bedingung, wenn er mit guten Gewissen schweren konte und wolte, dass er (1) noch unverheyrathet sey. (2) Unserm Gottesdienste und Glauben sich gleichformig erzeigen. (3.) Friedlich mit seiner Frau und uns leben, und (4.) Sie wieder ihren willen niemals verlassen, oder von dieser Insul, ausser der dringenden Noth, hinweg fuhren, sondern Zeit Lebens allhier bleiben wolle. Der gute Robert schwur und versprach alles zu erfullen, was wir von ihm begehreten, und setzte hinzu: Dass dieses schone Tugend-Bild, nemlich seine zukunfftige Ehe-Liebste, Reitzungen im Uberflusse besasse, alle Sehnsucht nach andern Landern, Menschen und Schatzen zu vertreiben. Hierauff wurde das Verlobniss gehalten, worbey wir alle vor Freuden weineten, absonderlich der alte Amias, welcher hoch betheurete: Dass wir bey unserm Schwieger-Sohne das allerredlichste Gemuthe auf der gantzen Welt angetroffen hatten, welches sich denn auch, GOTT sey Danck, nachhero in allen Fallen also erausert hat.

Nun beklage ich, sagte der alte Amias, dass von meinen Lebens-Jahren nicht etwa 30. oder wenigstens 20. konnen abgekaufft werden, um auch das Gluck zu haben, euer Schwieger-Sohn zu seyn, jedoch weil dieser Wunsch vergeblich ist und ich einmal veraltet bin, so will nur GOTT bitten, dass er mich zum Werckzeuge gebrauchen moge: Vor eure ubrigen Kinder Ehegatten anhero zu schaffen. Ich habe, verfolgte er, keine thorichten Einfalle hierzu, will also nur GOTT und etwas Zeit zu Hulffe nehmen.

Folgende Tage wurde demnach alles zu dem abgeredeten Beylager veranstalltet, und am 14. Mart. 1664. solches ordentlich vollzogen, an welchem Tage ich als Vater und Priester, das verlobte Paar zusammen gab. Ihre Ehe ist so vergnugt und glucklich, als Fruchtbar gewesen, indem sie in folgenden Jahren 14. Kinder, als nemlich 5. Sohne und 9. Tochter mit einander gezeuget haben, welches mir und meiner lieben Hauss-Frau zum stetigen Troste und Lust gereichte, zumal da unser Schwieger-Sohn aus eigenen Antriebe und hertzlicher Liebe gegen uns, seinen eigenen Geschlechts Nahmen zuruck setzte, und sich gleich am ersten Hochzeit-Tage Robert Julius nennete.

Wir baueten noch im selbigen Herbst ein neues schones und raumliches Hauss vor die jungen EheLeute, Amias war ihr Hauss-Genosse, und darbey ein kluger und vortrefflicher Arbeiter, der meine gemachten Anstalten auf der Insul in kurtzer Zeit auf weit bessern Fuss bringen halff, so, dass wir in erwunschten Vergnugen mit einander leben konten.

Unser Vorrath an Wein, Getrayde, eingesaltzenen Fleische, Fruchten und andern Lebens-Mitteln war dermassen zu gewachsen, dass wir fast keine Gefasse, auch keinen Platz in des Don Cyrillo unterirrdischen Gewolbern, selbige zu verwahren, weiter finden konten, dem ohngeacht, saeten und pflantzten wir doch Jahr aus, Jahr ein, und speiseten die Affen, deren nunmehro etliche 20. zu unsern Diensten waren, von dem Uberflusse, hatten aber dennoch im 1666ten Jahre ohne unsern Schaden gar wohl noch hundert andere Menschen ernehren konnen, da sich aber niemand melden wolte, musten wir zu unsern grosten Leydwesen eine grosse Menge des besten Getraydes liederlich verderben lassen.

Amias erseuffzete hieruber offters, und sagte eines Abends, da wir vor unsern Hauss-Thuren die kuhlen Abend-Luffte zur Erquickung abwarteten: Wie wunderbar sind doch die Fugungen des Allmachtigen! Ach wie viel tausend, und aber tausend sind doch unter den Christen anzutreffen, die mit ihrer sauern Hand-Arbeit kaum so viel vor sich bringen, dass sie sich nach Vergnugen ersattigen konnen. Die wenigsten Reichen wollen den Armen von ihrem Uberflusse etwas ansehnliches mittheilen, weil sie sich befurchten, dadurch selbst in Armuth zu gerathen, und wir Einwohner dieses Paradieses wolten gern unsern Nachsten alles, was wir haben, mitgeniessen lassen, so muss es uns aber nur an Leuten fehlen, die etwas von uns verlangen. Allein, mein werthester Julius, fuhr er fort, stehet es zu verantworten, dass wir allhier auf der faulen Bank liegen, und uns eine kleine Muhe und Gefahr abschrecken lassen, zum wenigsten noch so viel Menschen beyderley Geschlechts hieher zu verschaffen, als zur Beheyratung eurer Kinder von nothen seyn, welche ihren mannbaren Alter entgegen gehen, und ohne grosse Sunde und Schande einander nicht selbst eheligen konnen? Auf derowegen! Lasset uns den behertzten Entschluss fassen, ein Schiff zu bauen, und unter starcken Vertrauen zu Gottlichem Beystande an das nachst-gelegenste Land oder Insul anfahren, wo sich Christen aufhalten, um vor eure Kinder Manner und Weiber daselbst auszusuchen. Meine Gedancken sind auf die Insul S. Helena gerichtet, allwo sich Portugiesen niedergelassen haben, und wenn ich nebst der Land- und See-Charte, die ich bey euch gesehen, alle andern Umstande in Betrachtung ziehe, so versichert mich ein geheimer Trieb, dass selbige Insul unsern Wunsch nicht allein erfullen, sondern auch nicht allzu weit von hier entlegen sein kan.

Meine Hauss-Frau und ich stutzten ziemlich uber des Amias etwas allzu gefahrlich scheinenden Anschlag, ehe wir ihm gehorig darauf antworten, und gar behutsame Einwurffe machen konten, da er aber alle dieselben sehr vernunfftig widerlegte, und diese Sache immer leichter machte; gab endlich meine Concordia den Ausschlag, indem sie sagte: Lieben Freunde, wir wollen uns dieserwegen den Kopff vor der Zeit nicht zerbrechen, versuchet erstlich, wie weit es mit eurem Schiffbau zu bringen ist, wird dasselbe fertig, und in solchen Zustand gebracht, dass man sich vernunfftmassig darauf wagen, und dergleichen gefahrliche Reise vornehmen kan, und der Himmel zeiget uns binnen solcher Zeit keine andere Mittel und Wege, unserer Sorgen loss zu werden, so haben wir nachhero noch Zeit genung, Rath zu halten, wie es anzufangen, auch wer, und wie viel von uns mit reisen sollen.

Nachdem diese Meinung von einem jeden gebilliget worden, fingen wir gleich des folgenden Tages an, Baume zu fallen, und nachhero zu behauen, woraus Balken, Bohlen und Breter gehauen werden konten. Auch wurde dasjenige Holz, welches uns die See von zerscheiterten Schiffen zugefuhret hatte, fleissig zusammen gesucht, doch ein bald darauf einfallendes Regen-Wetter nebst dem nothigen Acker- und WeinBau verursachten, dass wir den Schiffs-Bau biss zu gelegener und besserer Zeit aufschieben musten.

Im August-Monat aber anno 1667. da des Roberts Ehe-Frau allbereit mit der zweyten Tochter ins Wochen-Bette gekommen war, setzten unsere fleissigen Hande die Schiffs-Arbeit aufs neue eifferig fort, so, dass wir mit den vornehmsten Holz Stucken im April des 1668ten Jahres nach des Amias Abrisse fast vollig fertig wurden. Dem zu Folge wurde unter seiner Anweisung auch eine Schmiede Werk-Statte zu bauen angefangen, in welcher die Nagel und anderes zu Schiff-Bau gehoriges Eisenwerk geschmiedet und zubereitet werden solte, hatten selbige auch allbereit in ziemlich guten Stande, als eines Tages meine 3. jungsten Sohne, welche bestellet waren, die leichtesten Holz-Stucke mit Hulffe der Affen ans Ufer zu schaffen, gelauffen kamen, und berichteten, dass sich nahe an unserer Insul ein Schiff mit Menschen besetzt sehen liesse; wesswegen wir ingesamt zwischen Furcht und guter Hoffnung hinab zum Meer lieffen, und ersahen, wie bemeldtes Schiff auf eine der vor uns liegenden Sand-Banke aufgelauffen war, und nicht weiter von der Stelle kommen konte. Zwey darauf befindliche Manner schienen uns mit angstlichen Winken zu sich zu notigen, derowegen sich Robert mit meinen beyden altesten Sohnen in unser kleines Boot setzte, und zu ihnen hinuber fuhr, ein langes Gesprach hielt, und endlich mit 9. frembden Gasten, als 3. Weibsund 6. Manns-Personen wieder zu uns kam. Allein, diese Elenden schienen allesamt den Todten ahnlicher als den Lebendigen zu seyn, wie denn auch nur ein Weibs-Bild und zwey Manner noch so viel Kraffte hatten, mit uns hinauf in die Insul zu steigen, die ubrigen sechs, welche fast nicht auf die matten Fusse treten konten, musten hinauf getragen werden.

Der alte hocherfahrene Amias erkannte so gleich, was sie selbsten gestehen musten, nemlich, dass sie nicht allein vom Hunger, sondern auch durch eine schlimme See Kranckheit, welche der Schaarbock genennet wurde, in solchen klaglichen Zustand gerathen waren, derowegen wurde ihnen so gleich Roberts Wohnhaus zum Krancken-Hause eingeraumet, anbey von Stund an zur besten Verpflegung alle Anstalt gemacht.

Wir bekummerten uns in den ersten Tagen so wenig um ihren Stand und Wesen, als sie sich um das unserige, doch konte man mehr als zu wohl spuren, wie vergnugt und erkenntlich ihre Hertzen wegen der guten Bewirtung waren, dem allen ohngeacht aber sturben so gleich, noch ehe 8. Tage verlieffen, eine Weibs- und zwey Manns-Personen, und in folgender Woche folgte die 3te Manns-Person; weil das Ubel vermuthlich allzu starck bey ihnen eingerissen, oder auch wohl keine Maasse im Essen und Trinken gehalten war. Die Todten wurden von uns mit grossen Leydwesen ehrlich begraben, und die annoch ubrigen sehr schwachen desto fleissiger gepflegt. Amias machte ihnen Artzeneyen von unsern annoch grunenden Krautern und Wurtzeln, gab auch keinem auf einmahl mehr Speise und Trank, als er vor rathsam hielt, woher es nebst Gottlicher Hulffe endlich kam, dass sich die noch ubrigen 5. Gaste binnen wenig Wochen vollig erholeten, und nicht die geringsten Merckmale einer Kranckheit mehr verspureten.

Nun solte ich zwar, meine Lieben, sagte hiermit unser Alt-Vater Albertus, euch billig noch berichten, wer die Frembdlinge gewesen, und durch was vor ein Schicksal selbige zu uns gekommen waren, allein mich bedunkt, meine Erzehlung mochte solcher Gestalt auf heute allzu lange wahren, darum will Morgen, so es GOTT gefallt, wenn wir von Roberts-Raum zurucke kommen, damit den Anfang machen. Wir, als seine Zuhorer, waren auch damit vergnugt, und traten folgendes Tages auf gewohnliche Weise den Weg nach Roberts-Raum an.

Hieselbst fanden wir die leiblichen Kinder und fernere Abstammlinge von Robert Hulter, und der jungern Concordia in 16. ungemein zierlich erbaueten Wohnhausern ihre gute Wirthschafft fuhren, indem sie ein wohlbestelltes Feld um und neben sich, die Weinberge aber mit den Christophs-Raumern gemeinschafftlich hatten. Der alteste Sohn des Roberts fuhrete uns in seiner seel. Eltern Hauss, welches er nach deren Tode in Besitz genommen hatte, und zeigete nicht allein eine alte Englische Bibel, Gesangund Gebet-Buch auf, welches von dem gantzen Geschlecht als ein besonderes Heiligthum gehalten wurde, sondern nachst diesem auch allerhand andere kostbare und sehens-wurdige Dinge, die der StammVater Robert zum Andencken seiner Klugheit und Geschicklichkeit denen Nachkommen hinterlassen hatte. Auf der ausersten Felsen-Hohe gegen Osten war ein bequemliches Wacht-Hauss erbauet, welches wir nebst denen dreyen dabey gepflanzten Stucken Geschutzes in Augenschein nahmen, und uns dabey uber das viele im Walde herum lauffende Wild sonderlich ergotzten, nachhero in dem Robertischen Stamm-Hause aufs kostlichste bewirthet wurden, doch aber, nachdem diese Gemeine in jedes Hauss eine Englische Bibel und Gesang-Buch, nebst andern gewohnlichen Geschenken vor die Jugend empfangen hatte, zu rechter Zeit den Ruckweg auf Alberts-Burg antraten.

Mittlerweile, da Herr Mag. Schmeltzer in die Davids-Raumer Allee, seine Geistlichen Unterrichtungen fortzusetzen, spatzieret war, und wir andern mit groster Begierde am Kirchen-Bau arbeiten halffen, hatte unser Alt-Vater Albertus seine beyden altesten Sohne, nehmlich Albertum und Stephanum, nebst ihren annoch lebenden Ehe-Weibern, ingleichen den David Julius, sonst Rawkin genannt, mit seiner Ehe-Frau Christina, welche des Alt-Vaters jungste Tochter war, zu sich beschieden, um die Abend-Mahlzeit mit uns andern allen einzunehmen, da sich nun selbige nebst Herrn Mag. Schmeltzern eingestellet, und wir samtlich gespeiset, auch unsere ubrige Gesellschaffter sich beurlaubt hatten; blieben der Alt-Vater Albertus, dessen Sohne, Albertus und Stephanus, nebst ihren Weibern, David und Christina, Hr. Mag. Schmeltzer, Mons. Wolffgang und ich, also unser 10. Personen beysammen sitzen, da denn unser Alt-Vater also zu reden anfing:

Ich habe, meine lieben Freunde, gestern Abend versprochen, euch nahern Bericht von denjenigen Personen zu erstatten, die wir im 1668ten Jahre, als ausgehungerte und krancke Leute aufzunehmen, das Gluck hatten, weil aber drey von demselben annoch am Leben, und allhier gegenwartig sind, als nehmlich dieser mein lieber Schwieger-Sohn, David, und denn meine beyden lieben Schwieger-Tochter des Alberti und Stephani Gemahlinnen, so habe vor annehmlicher erachtet, in eurer Gegenwart selbige zu bitten, dass sie uns ihre Lebens-Geschichte selbst erzehlen mochten. Ich weiss, meine fromme Tochter, sagte er hierauf zu des Alberti jun. Gemahlin, wie die Kraffte eures vortrefflichen Verstandes, Gedachtnisses und der Wohlredenheit annoch so vollkommen bey euch anzutreffen sind, als alle andere Tugenden, ohngeacht die Zeit uns alle auf dieser Insul ziemlich verandert hat. Derowegen habt die Gute, diesem meinem Vettern und andern werthen Freunden, einen eigenmundlichen Bericht von den Begebenheiten eurer Jugend abzustatten, damit sie desto mehr Ursach haben, sich uber die Wunder-Hand des Himmels zu verwundern.

Demnach stund die bey nahe 80. jahrige Matrone, deren Gesichts- und Leibes-Gestalt auch in so hohen Alter noch viele Annehmlichkeiten zeigete, von ihrem Stuhle auf, kussete erstlich unsern Alt-Vater, setzte sich, nachdem sie sich gegen die ubrigen hoflich verneiget, wiederum nieder, und fing ihre Erzehlung folgender massen an:

Es ist etwas schweres, meine Lieben, dass eine Frau von solchen Jahren, als ich bin, annoch von ihrer Jugend reden soll, weil gemeiniglich darbey viele Thorheiten vorzukommen pflegen, die einem reiffern Verstande verachtlich sind, doch da das menschliche Leben uberhaupt ein Zusammenhang vieler Thorheiten, wiewohl bey einem mehr als bey dem andern zu nennen ist, will ich mich nicht abschrecken lassen, dem Befehle meines hertzlich geliebten SchwiegerVaters Gehorsam zu leisten, und die Aufmerksamkeit edler Freunde zu vergnugen, welche mir als einer betagten Frauen nicht verublen werden, wenn ich nicht alles mehr in behoriger Zierlichkeit und Ordnung vorzubringen geschickt bin.

Mein Nahme ist Judith van Manders, und bin 1648. eben um selbige Zeit gebohren, da die vereinigten Niederlander wegen des allgemeinen FriedensSchlusses und ihrer glucklich erlangten Freyheit in grosten Freuden begriffen gewesen. Mein Vater war einer der ansehnlichsten und reichsten Manner zu Middelburg in Seeland wohnhafft, der der Republic so wohl als seine Vorfahren gewiss recht wichtige Dienste geleistet hatte, auch dieserwegen zu einem Mit-Gliede des hohen Raths erwehlet worden. Ich wurde, nebst einer altern Schwester und zweyen Brudern, so erzogen, wie es der Stand und das grosse Vermogen unserer Eltern erforderte, deren HauptZweck einzig und allein dieser war, aus ihren Kindern Gottesfurchtige und tugendhaffte Menschen zu machen. Wie denn auch keines aus der Art schlug, als unser altester Bruder, der zwar jederzeit von aussen einen guten Schein von sich gab, in Geheim aber allen Wollusten und liederlichem Leben oblage. Kaum hatte meine Schwester das 16te und ich mein 14 des Jahr erreicht, als sich schon eine ziemliche Anzahl junger vornehmer Leute um unsere Bekanntschafft bewarben, indem meine Schwester Philippine vor eine der schonsten Jungfrauen in Middelburg gehalten wurde, von meiner Gesichts-Bildung aber ging die Rede, als ob ich, ohne Ruhm zu melden, nicht allein meine Schwester, sondern auch alles andere Frauenzimmer im Lande an Schonheit ubertreffen solte. Doch schrieb man mir als einen besonders grossen Fehler zu, dass ich eines allzu stillen, eigensinnigen, melancholischen, dahero verdrusslichen temperaments ware, dahingegen meine Schwester eine aufgeraumte und muntere Lebensart blicken liesse.

Wiewohl ich mich nun um dergleichen Vorwurfe wenig bekummerte, so war dennoch gesinnet, dergleichen Auffuhrung bey ein oder anderer Gelegenheit moglichstens zu verbergen, zumalen wenn mein altester Bruder William dann und wann frembde Cavaliers in unser Hauss brachte. Solches war wenige mahl geschehen, als ich schon an einem, Jan van Landre genannt, einen eiffrigen Liebhaber wahrnahm, dessen gantz besonderer Hertzens-Freund, Joseph van Zutphen, meine Schwester Philippinam ebenfalls aufs auserste zu bedienen suchte. Eines Abends, da wir solcher Gestalt in zulassigen Vergnugen beysammen sassen, und aus einem Glucks-Topffe, den Joseph van Zutphen mitgebracht hatte, allerhand lacherliche Loose zohen, bekam ich unter andern eines, worauf geschrieben stund: Ich muste mich von demjenigen, der mich am meisten liebte, 10. mahl kussen lassen. Hieruber entstund unter 6. anwesenden Manns-Personen ein Streit, welcher mir zu entscheiden, anheim gestellet wurde, allein, um viele Weitlaufftigkeiten zu vermeiden, sprach ich: Meine Herren! Man giebt mir ohnedem Schuld, dass ich eigensinnig und allzu wunderlich sey, derowegen lasset es dabey bewenden, und erlaubet mir, dass ich mein Armband auf den Boden der Kammer werffe, wer nun selbiges am ersten erhaschet, soll nicht allein mich 10. mahl kussen, sondern auch das Armband zum Angedencken behalten.

Dieser Vorschlag wurde von allen mit besondern Vergnugen angenommen, Joseph aber erwischte am allergeschwindesten das Arm-Band, welches Jan van Landre, der es an dem ausersten Ende nicht fest halten konnen, ihm uberlassen muste. Jedoch er wandte sich zu ihm, und sagte mit grosser Bescheidenheit: Uberlasset mir, mein Bruder, nebst diesem Arm Bande euer darauf hafftendes Recht, wo es euch gefallig ist, zumal da ihr allbereits euer Theil habet, und versichert sein konnet, dass ich dergleichen Kostbarkeit nicht umsonst von euch zu empfangen begehre. Allein Joseph empfand dieses Ansinnen dermassen ubel, dass er in hefftigster Erbitterung gegen seinen Freund also heraus fuhr: Wer hat euch die Briefe vorgelesen, Jan van Landre, da ihr behaupten wollet, wie ich allbereits mein Theil habe? Und was wollet ihr mit dergleichen niedertrachtigen Zumuthungen bey mir gewinnen? Meinet ihr etwa, dass mein Gemuth so Pobelhafft beschaffen als das eure? und dass ich eine Kostbarkeit verkaufen soll, die doch weder von euch noch eurer gantzen Freundschafft nach ihrem Werth bezahlet werden kan? Verschonet mich derowegen in Zukunfft mit solchen thorichten Reden, oder man wird euch zeigen, wer Joseph van Zutphen sey.

Indem nun von diesen beyden jungen Stutzern einer so viel Galle und Feuer bey sich fuhrete, als der andere, kam es gar geschwind zum hefftigsten Wort-Streite, und fehlete wenig, dass sie nicht ihre Degen-Klingen in unserer Gegenwart gemessen hatten, doch auf Zureden anderer wurde unter ihnen ein Schein-Friede gestifftet, der aber nicht langer wahrete, biss auf folgenden Morgen, da beyde mit erwahlten Beystanden vor der Stadt einen Zwey Kampff unter sich vornahmen, in welchem Joseph von seinem vormahligen Hertzens-Freunde dem Jan todtlich verwundet auf dem Platze liegen blieb; der Morder aber seine Flucht nacht Frankreich nahm, von wannen er gar bald an mich die verliebtesten Briefe schrieb, und versprach, seine Sachen aufs langste binnen einem halben Jahre dahin zu richten, dass er sich wiederum ohne Gefahr in Middelburg durffte sehen lassen, wenn er nur sichere Rechnung auf die Eroberung meines Hertzens machen konte.

Allein, bey mir war hinfuhro weder an die geringste Liebe noch Aussohnung vor Jan van Landre zu gedencken, und ob ich gleich vor der Zeit seinetwegen mehr Empfindlichkeit als vor Joseph und andere Manns-Personen in mir verspuret, so loschete doch seine eigene mit Blut besudelte Hand und das klagliche Angedencken des meinetwegen jammerlich Entleibten das kaum angezundete Funklein der Liebe in meinem Hertzen auf einmahl vollig aus, mithin vermehrete sich mein angebohrnes melancholisches Wesen dermassen, dass meinen Eltern dieserhalb nicht allzu wohl zu Muthe wurde, indem sie befurchteten, ich mochte mit der Zeit gar eine Narrin werden.

Meine Schwester Philippine hergegen, schlug ihren erstochenen Liebhaber in wenig Wochen aus dem Sinne, entweder weil sie ihn eben noch nicht starck genug geliebet, oder Lust hatte, dessen Stelle bald mit einem andern ersetzt zu sehen, denn sie war zwar voller Feuer, jedoch in der Liebe sehr behutsam und ekkel. Wenige Zeit hernach stellete sich ein mit allen Glucks-Gaben wohlversehener Liebhaber bey ihr dar, er hatte bey einer Gasterey Gelegenheit genommen, meine Schwester zu unterhalten, sich in sie verliebt, den Zutritt in unser Hauss gefunden, ihr Herz fast gantzlich gewonnen, und es war schon soweit gekommen, dass beyderseits Eltern das offentliche Verlobniss zwischen diesen Verliebten anstellen wolten, als dieser mein zukunfftiger Schwager, vor dem ich mich jederzeit verborgen gehalten hatte, meiner Person eines Tages unverhofft, und zwar in meiner Schwester Zimmer, ansichtig wurde. Ich ware ihm gerne entwischt, allein, er verrannte mir den Pass, so, dass ich mich recht gezwungen sahe, seine Complimenten anzuhoren und zu beantworten. Aber! welch ein Ungluck entstunde nicht hieraus? Denn der thorichte Mensch, welcher nicht einmahl eine vollige Stunde mit mir umgangen war, veranderte so fort sein gantzes Vorhaben, und wirfft alle Liebe, die er bishero eintzig und allein zu meiner Schwester getragen hatte, nunmehro auf mich, liess auch gleich folgendes Tages offenhertzig bey den Eltern um meine Person anhalten. Dieses machte eine ziemliche Verwirrung in unserm Hause. Unsere Eltern wolten diese herrliche Parthie durchaus nicht fahren lassen, es mochte auch unter ihren beyden Tochtern betreffen, welche es wolte. Meine Schwester stellete sich uber ihren ungetreuen Liebhaber halb rasend an, und ohngeacht ich hoch und teuer schwur, einem solchen Wetterhahne nimmer mehr die ehlige Hand zu geben, so wolte sich doch dadurch keines von allen Interessenten befriedigen lassen. Meine Schwester hatte mich gern mit den Augen ermordet, die Eltern wandten allen Fleiss an, uns zu versohnen, und versuchten, bald den wankelmuthigen Liebhaber auf vorige Wege zu bringen, bald mich zu bereden, dass ich ihm mein Hertz schenken solte; Allein, es war so wohl eines als das andere vergeblich, indem ich bey meinem einmahl gethanen Schwure bestandig zu verharren beschloss, und wenn es auch mein Leben kosten solte.

Wie demnach der Wetterhahn sahe, dass bey mir durchaus nichts zu erhalten war, fing er wiederum an, bey meiner Schwester gelinde Sayten aufzuziehen, und diese spielete ihre Person dermassen schalckhafft, biss er sich aus eigenem Antriebe bequemete, sie auf den Knien um Vergebung seines begangenen Fehlers, und um die vormahlige Gegen-Liebe anzusprechen. Allein, diese vermeinete nunmehro erstlich sich vollige Genugtuung vor ihre beleidigte Ehre zu verschaffen, sagte derowegen, so bald sie ihn von der Erde aufgehoben hatte: Mein Herr! ich glaube, dass ihr mich vor einiger Zeit vollkommen geliebt, auch so viel Merckmahle einer hertzlichen Gegen-Liebe von mir empfangen habt, als ein rechtschaffener Mensch von einem honetten Frauenzimmer verlangen kan. Dem ohngeachtet habt ihr euer veranderliches Gemuthe unmoglich verbergen konnen. Jedoch es ist vorbey, und es soll euch Seiten meiner alles hertzlich vergeben seyn. Ich schwere auch zu GOTT, dass ich dieser wegen nimmermehr die geringste Feindschafft gegen eure Person hegen, anbey aber auch nimmermehr eure Ehe-Gattin werden will, weil die Furcht wegen der zukunfftigen Unbestandigkeit so wohl euch als mir bloss zur bestandigen Marter und Quaal gereichen wurde.

Alle Anwesenden stutzten gewaltig hieruber, wandten auch so wohl als der Neu-Verliebte allen Fleiss und Beredsamkeit an, meine Schwester auf bessern Sinn zu bringen, jedoch es halff alles nichts, sondern der unbestandige Liebhaber muste wohlverdienter Weise nunmehro bey beyden Schwestern durch den Korb zu fallen sich belieben lassen.

Solcher Gestalt nun wurden wir beyden Schwestern wiederum ziemlich einig, wiewohl die Eltern mit unsern eigensinnigen Kopffen nicht allerdings zufrieden waren, indem sich bey uns nicht die geringste Lust zu heyrathen, oder wenigstens mit Manns-Personen umzugehen zeigen wolte.

Endlich, da nach erwehnten unglucklichen Heyraths-Tractaten fast anderthalbes Jahr verstrichen war, fand ein junger, etwa 28. Cavalier allerhand artige Mittel, sich bey meiner Schwester einzuschmeicheln. Er hielt starcke Freundschafft mit meinen Brudern, nennete sich Alexander de la Marck, und war seinem Vorgeben nach von dem Geschlecht des Grafens Lumay de la Marck, der sich vor fast 100. Jahren durch die Eroberung der Stadt Briel in Diensten des Printzen von Oranien einen unsterblichen Ruhm erworben, und so zu sagen, den Grund zur Hollandischen Republic gelegt hatte. Unsere Eltern waren mit seiner Anwerbung wohl zufrieden, weil er ein wohlgestalter, bescheidener und kluger Mensch war, der sein grosses Vermogen bey allen Gelegenheiten sattsam hervor blicken liess. Doch wolten sie ihm das Jawort nicht eher geben, biss er sich dessfalls mit Philippinen vollig verglichen hatte. Ob nun diese gleich ihre Resolution immer von einer Zeit zur andern verschob, so wurde Alexander dennoch nicht verdrusslich, indem er sich allzuwohl vorstellete, dass es aus keiner andern Ursache geschahe, als seine Bestandigkeit auf die Probe zu setzen, und gegentheils wuste ihn Philippine jederzeit mit der holdseeligsten, doch ehrbarsten Freundlichkeit zu begegnen, wodurch seine Gedult und langes Warten sehr versusset zu werden schien.

Meiner Schwester, Brudern und ihm zu Gefallen, liess ich mich gar offters mit bey ihren angestellten Lustbarkeiten finden; doch aber durchaus von keinem Liebhaber ins Netz bringen, ob sich schon viele desswegen ziemliche Muhe gaben. Gallus van Witt, unser ehemaliger Liebster, gesellete sich nach und nach auch wieder zu uns, liess aber nicht den geringsten Unmuth mehr, wegen des empfangenen Korbes, spuren, sondern zeigte ein bestandiges freyes Wesen, und sagte ausdrucklich, dass, da es ihm im Lieben auf doppelte Art unglucklich ergangen, er nunmehro fest beschlossen hatte, nimmermehr zu heyrathen. Meine Schwester wunschte ihn also einsmahls, dass er dergleichen Sinnen andern, hergegen uns alle fein bald auf sein Hochzeit-Fest zu seiner vollkommen schonen Liebste, einladen mochte. Da er aber hierbey mit dem Kopffe schuttelte, sagte ich: So recht Mons. de Witt, nunmehro bin ich euch vor meine Person desto gunstiger, weil ihr so wenig Lust als ich zum Heyrathen bezeiget. Er errothete hieruber und versetzte: Mademoiselle, ich ware glucklich genung, wenn ich nur den geringsten Theil eurer beyder Gewogenheit wieder erlangen konnte, und euch zum wenigsten als ein Freund oder Bruder lieben durfte, ob ihr gleich beyderseits mich zu lieben, und ich gleichfalls das Heyrathen uberhaupt verredet und verschworen. Es wird euch, sagte hierauff Philippine, mit solchen Bedingungen jederzeit erlaubt, uns zu lieben und zu kussen.

Auf dieses Wort unterstund sich van Witt die Probe mit kussen zu machen, welches wir ihm als einen Schertz nicht verweigern konten, nachhero fuhrete er sich aber bey allen Gelegenheiten desto bescheidener auf.

Eines Tages brachten de la Marck, und meine Bruder, nicht allein den Gallus de Witt, sondern auch einen unbekannten vornehmen See-Fahrer mit sich, der erst neulich von den Bantamischen und Moluccischen Insuln, in Middelburg angelanget war; und wie er sagte, ehester Tages wieder dahin seegeln wolte. Mein Vater hatte so wol als wir andern alle, ein grosses Vergnugen, dessen wundersame Zufalle und den gluckseeligen Zustand selbiger Insuln, die der Republic so Vortheilhafftig waren, anzuhoren, schien sich auch kein Bedencken zu nehmen, mit der Zeit, einen von seinen Sohnen auf einem Schiffe dahin auszurusten, worzu denn der Jungere mehr Lust bezeigte, als der Aeltere. Damit er aber mit diesem erfahrnen See-Manne in desto genauere Kundschafft kommen mochte, wurde derselbe in unserm Hause 3. Tage nach einander aufs beste bewirthet. Nach deren Verlauff bat sich der See-Fahrer bey meinem Vater aus: derselbe mochte seinen vier Kindern erlauben, dass sie nebst Alexander de la Mark und Gallus van Witt, auf seinem Schiffe, selbiges zu besehen, einsprechen durfften, allwo er dieselben zur Danckbarkeit vor genossene Ehren-Bezeugung so gut als moglich bewirthen, und mit einigen auslandischen geringen Sachen beschencken wolte.

Unsere Eltern liessen sich hierzu leichtlich bereden, also wurden wir gleich folgenden Tages um MittagsZeit, von unsern aufgeworffenen Wohlthater abgeholet und auf sein Schiff gefuhret, wiewohl mein jungster Bruder, der sich vergangene Nacht etwas ubel befunden hatte, zu Hause bleiben muste. Auf diesem Schiffe fanden wir solche Zubereitungen, deren wir uns nimmermehr versehen hatten, denn die Segel waren alle vom schonsten seidenen Zeuge gemacht, und die Tauen mit vielerley farbigen Bandern umwunden, Ruder und anderes Holzwerk gemahlet und verguldet, und das Schiff inwendig mit den schonsten Tapeten ausgeschlagen, wie denn auch die BootsLeute in solche Liberey gekleidet waren, dergleichen de la Mark und Witt ihren Bedienten zu geben pflegten. Ehe wir uns hieruber sattsam verwundern konten, wurde die Gesellschafft durch Ankunfft noch zweyer Damen, und eines wohlgekleydeten jungen Menschen verstarkt, welchen mein Bruder William, auf geheimes Befragen, vor einen franzosischen jungen Edelmann Nahmens Henry de Frontignan, das eine Frauenzimmer aber, vor seine Schwester Margarithe, und die andere vor dessen Liebste, Antonia de Beziers ausgab. Meine Schwester und ich hatten gar kein Ursach, an unsers Bruders Bericht zu zweiffeln, liessen uns derowegen gar bald mit diesen schonen Damen ins Gesprache ein, und fanden dieselben so wohl, als den vermeynten Frantzosischen Edelmann, von gantz besonderer Klugheit und Beredsamkeit.

Es war angestellet, dass wir auf dem Ober-Deck des Schiffs in freyer Lufft speisen solten, da aber ein in Seeland nicht ungewohnlicher Regen einfiel, muste dieses unter dem Verdeck geschehen. Mein Bruder that den Vorschlag, was massen es uns allen zu weit grossern Vergnugen gereichen wurde, wenn uns unser Wirth bey so guten Winde eine Meile oder etwas weiter in die See, und gegen Abend wieder zuruck fuhren liesse, welches denn niemanden von der Gesellschafft zuwider war, vielmehr empfanden wir so wohl hiebey, als an den herrlichen Tractamenten, wohlklingender Music, und nachhero an allerhand ehrbaren LustSpielen einen besondern Wohlgefallen. Weil aber unser Wirth, Wetters- und Windes wegen, alle SchauLocher hatte zu nageln, und bey hellem Tage WachsLichter anzunden lassen, so kunten wir bey so vielen Lustreichen Zeitvertreibungen nicht gewahr werden, ob es Tag oder Nacht sey, biss die Sonne allbereit vor 2. oder 3. Stunden untergegangen war. Mir kam es endlich sehr bedencklich vor, dass unsere Manns-Personen einander den Wein ungewohnlich starck zutranken, auch dass die beyden Frantzosischen Damen fast so gut mit sauffen konten als das Manns-Volk. Derowegen gab ich meiner Schwester einen Winck, welche sogleich folgte, und mit mir auf das Oberdeck hinauff stieg, da wir denn, zu unser beyder grosten Missvergnugen, einen schwartz gewolckten Himmel, nebst annoch anhaltenden starcken Regen, um unser Schiff herum lauter schaumende Wellen entsetzlich, von ferne aber, den Glantz eines kleinen Lichts gewahr wurden.

Es wurde gleich verabredet unsern Verdruss zu ver

bergen, derowegen fing meine Schwester, so bald wir wieder zur andern Gesellschafft kamen, nur dieses zu sagen an: Hilff Himmel meine Freunde! es ist allbereits Mitternacht. Wenn wollen wir wieder nach Middelburg kommen? und was werden unsere Eltern sagen? Gebet euch zufrieden meine Schwestern, antwortete unser Bruder William, ich will bey den Eltern alles verantworten, folget nur meinem Beispiele, und lasset euch von euren Liebhabern also umarmen, wie ich diesen meinen Hertzens-Schatz umarme. Zu gleicher Zeit nahm er die Margarithe vom Stuhle, und setzte sie auf seinen Schooss, welche alles geduldig litte, und als die argste Schand-Metze mit sich umgehen liess. Der vermeynte Edelmann, Henry, that mit seiner Buhlerin ein gleiches, jedoch Alexander und Gallus scheueten sich dem Ansehen nach noch in etwas, mit uns beyden Schwestern auf eben diese Arth zu verfahren, ohngeachtet sie von unsern leiblichen Bruder hierzu trefflich angefrischet wurden.

Philippine und ich erstauneten uber dergleichen

Anblick, wusten aber noch nicht, ob es ein Schertz heissen solte, oder ob wir im Ernst verrathen oder verkaufft waren. Jedennoch verliessen wir die unkeusche Gesellschafft, rufften Gegenwartige meine Schwagerin, des edlen Stephani noch itzige Ehe-Gemahlin, damahls aber, als unsere getreue Dienerin herbey, und setzten uns, in lauter verwirrten Gedancken, bey einer auf dem Oberlof des Schiffs brennend stehenden Laterne nieder.

Der verfluchte Wohlthater, nemlich unser vermeintlicher Wirth, welcher sich als ein Vieh besoffen hatte, kam hinauff und sagte mit stammlender Zunge: Sorget nicht ihr schonen Kinder! ehe es noch einmahl Nacht wird, werdet ihr in euren Braut-Bette liegen. Wir wolten weiter mit ihm reden; Allein das uberflussig eingeschlungene Getrancke suchte seinen Aussgang bey ihm uberall, auf so gewaltsame Art, dass er auf einmahl als ein Ochse darnieder sturtzte, und uns, den grasslichen Gestank zu vermeiden, eine andere Stelle zu suchen zwunge.

Philippine und ich waren bey dergleichen schandlichen spectacul fast ausser Sinnen gekommen, und fielen in noch starckere Verzweiffelung, als gegenwartige unsere getreue Sabina plotzlich in die Hande schlug, und mit angstlichen Seuffzen schrye: Ach meine liebsten Jungfrauen! Wir sind, allem Ansehen nach, schandlich verrathen und verkaufft, werden auch ohne ein besonderes Wunderwerk des Himmels, weder eure Eltern, noch die Stadt Middelburg jemals wieder zu sehen kriegen. Derowegen lasset uns nur den festen Entschluss fassen, lieber unser Leben, als die Keuschheit und Ehre zu verlieren. Auf ferneres Befragen gab sie zu verstehen; Dass ein ehrliebender auf diesem Schiffe befindlicher Reisender ihr mit wenig Worten so viel gesagt: Dass sie an unsern bevorstehenden Unglucke nicht den geringsten Zweifel tragen konne.

Wie gesagt, wir hatten solchergestalt verzweiffeln mogen, und musten unter uns Dreien alle Mittel anwenden, der bevorstehenden Ohnmacht zu entgehen; als ein resoluter Teutscher, Nahmens Simon Heinrich Schimmer, Jacob Larson ein Schwede, und gegenwartiger David Rawkin ein Engellander, (welche alle Drey nachhero allhier meine werthen Schwager worden sind,) nebst noch 2. andern redlichen Leuten, zu unserm Troste bey uns erschienen. Schimmer fuhrete das Wort in aller stille, und sagte: Glaubet sicherlich, schonsten Kinder, dass ihr durch eure eigenen Anverwandten und Liebhaber verrathen worden. Zum Ungluck haben ich und diese redlichen Leute solches itzo erst vor einer Stunde von einem getreuen BootsKnechte erfahren, da wir schon sehr weit vom festen Lande entfernet sind, sonsten wolten wir euch gar bald in Freyheit gesetzt haben; Allein nunmehro ist es unmoglich, wir hatten denn das Gluck uns in kunfftigen Tagen einen starckern Anhang zu verschaffen. Solte euch aber immittelst Gewalt angethan werden, so ruffet um Hulffe, und seid vollig versichert, dass zum wenigsten wir 5. wehrhafften Leute, ehe unser Leben dran setzen, als euch schanden lassen wollen.

Wir hatten kaum Zeit, drey Worte, zu bezeugung unserer erkanntlichen Danckbarkeit, gegen diese 5. vom Himmel zugesandten redlichen Leute, vorzubringen; als unser leichtfertiger Bruder, von de la Mark und Witt begleitet, herzu kamen, uns hinunter zu holen. Witt stolperte uber den in seinem Unflath liegenden Wirth her, und balsamierte sich und seine Kleider so, dass er sich als eine Bestie hinweg schleppen lassen muste, William sank gleichfalls, da er die freye Lufft empfand, zu Boden, de la Mark aber war noch bey ziemlichen Verstande, und brachte es durch viele scheinheilige Reden und Liebkosungen endlich dahin, daa Philippine, ich und unsere Sabina, uns endlich betauben liessen, wieder hinunter in die Cajute zu steigen.

Aber, o welch ein schandlicher Spectacul fiel uns allhier in die Augen. Der saubere Frantzosische von Adel sass, zwischen den zweyen verfluchten SchandHuren, Mutternackend vor dem Camine, und zwar in einer solchen argerlichen Stellung, dass wir mit lauten Geschrey zuruck fuhren, und uns in einen besondern Winckel mit verhulleten Angesichtern versteckten.

De la Mark kam hinter uns her, und wolte aus der Sache einen Schertz machen, allein Philippine sagte: Bleibet uns vom Halse ihr vermaledeyten Verrater, oder der erste, der uns angreifft, soll auf der Stelle mit dem Brod-Messer erstochen werden. Weiln nun de la Mark spurete, dass wenig zu thun sey, erwartete er so wol, als wir, in einem andern Winckel des Tages. Dieser war kaum angebrochen, als wir uns in die Hohe machten und nach dem Lande umsahen, allein es wolte sich unsern begierigen Augen, ausser dem Schiffe, sonsten nichts zeigen, als Wasser und Himmel. Die Sonne ging ungemein hell und klar auf, fand alle andern im festen schlafe liegen, uns drey Elenden aber in schmertzlichen Klagen und heissen Thranen, die wir anderer Menschen Bossheit wegen zu vergiessen Ursach hatten.

Kaum hatten die vollen Sauen den Rausch ausgeschlafen, da die gantze ehrbare Zunfft zum Vorscheine kam, und uns, mit ihnen Caffee zu trinken nothigte. An statt des Morgen-Grusses aber, lasen wir unserm gottlosen Bruder ein solches Capitel, woruber einem etwas weniger ruchlosen Menschen hatten die Haare zu Berge stehen mogen. Doch dieser SchandFleck der Natur verlachte unsern Eifer anfanglich, nahm aber hernach eine etwas ernsthafftere miene an, und hielt folgende Rede: Lieben Schwestern, seyd versichert, dass, ausser meiner Liebsten Margaretha, mir auf der Welt niemand lieber ist als ihr, und meine drey besten Freunde, nemlich: Gallus, Alexander und Henry. Der erste, welcher dich Judith aufs allerheftigste liebet, ist zur gnuge bekannt. Alexander, ob er gleich bisshero so wol als Henry nur ein armer Schlukker gewesen; hat alle Eigenschafften an sich, Philippinen zu vergnugen, und vor die gute Sabina wird sich auch bald ein braver Kerl finden. Derowegen, lieben Seelen, schicket euch in die Zeit. Nach Middelburg wiederum zu kommen, ist unmoglich, alles aber, was ihr nothig habt, ist auf diesem Schiff vorratig anzutreffen. Auf der Insul Amboina werden wir unsere zukunfftige Lebens-Zeit ingesamt in grosten Vergnugen zubringen konnen, wenn ihr nur erstlich eure eigensinnigen Kopffe in Ordnung gebracht, und nach unserer Lebens-Art eingerichtet habt.

Nunmehro war mir und meiner Schwester ferner unmoglich, uns einer Ohnmacht zu erwehren, also sanken wir zu Boden, und kamen erstlich etliche Stunden hernach wieder in den Stand, unsere Vernunfft zu gebrauchen, da wir uns denn in einer besondern Schiffs-Kammer allein, unter den Handen unserer getreuen Sabina befanden. Diese hatte mittlerweile von den beyden schandlichen Dirnen das gantze Geheimniss, und zwar folgenden Umstanden nach, erfahren.

Gallus van Witt, als der Haupt-Urheber unsers Unglucks, hat gleich nach seinem, bey beyden Schwestern umgeschlagenen Liebes-Glucke, die allervertrauteste Freundschafft mit unserm Bruder William gemacht, und demselben vorgestellet: Dass er ohnmoglich leben konne, er musse denn eine von dessen Schwestern zur Frau haben, und solte er auch sein gantzes Vermogen, welches bey nahe in 2. Tonnen Goldes bestunde, dran setzen. William versichert ihn seines geneigten Willens hieruber, verspricht sich in allen zu seinen Diensten, und beklagt nur, dass er kein Mittel zu erfinden wisse, seines Hertzens-Freundes Verlangen zu stillen. Gallus aber, der seit der Zeit bestandig, so wohl auf einen gewaltsamen, als listigen Anschlag gesonnen, fuhret den William zu dem liederlichen Comdianten-Volcke, nemlich: Alexandern, Henry, Antonien und Margarithen, da sich denn derselbe sogleich aufs allerhefftigste in die Letztere verliebt, ja sich ihr und den ubrigen schandlichen Verrathern gantz zu eigen ergibt. Alexander wird demnach, als der Ansehnlichste, auf des Gallus Unkosten, in solchen Stand gesetzt, sich als einer der vornehmsten Cavaliers aufzufuhren und um Philippinen zu werben, mittlerweile kleiden sie einen alten verungluckten See-Rauber, vor einen erfahrnen Ost-IndienFahrer an, der unsere Eltern und uns betrugen helffen, ja uns armen einfaltigen Kinder in das verfluchte Schiff locken muss, welches Gallus und mein Bruder, zu unserm Raube, so falschlich mit grossen Kosten ausgerustet hatten, um damit einen Farth nach den Moluccischen Insuln vorzunehmen. Der letztere, nemlich mein Bruder, hatte nicht allein den Eltern eine erstaunliche Summe Geldes auf listige Art entwendet, sondern auch Philippinens, und meine Kleinodien und Baarschafften mit auf das Schiff gebracht, damit aber doch ja unsere Eltern ihrer Kinder nicht alle auf einmahl beraubt wurden, gibt der verteuffelte Mensch dem jungern Bruder, Abends vorhero, unvermerckt ein starckes Brech-Pulver ein, damit er kunfftigen Tages bey der Schiffs-Lust nicht erscheinen, und folglich in unserer Entfuhrung keine Verhinderung machen konne.

Bei solchen unerhorten schandlichen Umstanden sahen wir also vollkommen, dass vor uns keine Hoffnung ubrig war diesem Unglucke zu entgehen, derowegen ergaben wir uns fast gantzlich der Verzweiffelung, und wolten uns in der ersten Wuth mit den Brod-Messern selbst ermorden, doch dem Himmel sey Danck, dass unsere liebste und getreuste Sabina damahls weit mehr Verstand als wir besass, unsere Seelen aus des Satans Klauen zu erretten. Sie wird sich annoch sehr wohl erinnern konnen, was sie vor Arbeit und Muhe mit uns beyden unglucklichen Schwestern gehabt, und wie sie endlich, da nichts verfangen wolte, in solche Heldenmuthige Worte ausbrach: Fasset ein Hertze, meine gebiethenden Jungfrauen! Lasset uns abwarten, wer sich unterstehen will uns zu schanden, und solche Teufels erstlich ermorden, hernach wollen wir uns der Barmhertzigkeit des Himmels uberlassen, die es vielleicht besser fugen wird als wir vermeynen.

Kaum hatte sie diese tapffern Worte ausgesprochen, so wurde ein grosser Lermen im Schiffe, und Sabina zohe Nachricht ein, dass ein See-Rauber uns verfolgte, auch vielleicht bald Feuer geben wurde. Wir wunschten, dass es ein Frantzose oder Engellander seyn, der immerhin unser Schiff erobern, und alle Verrather todt schlagen mochte, so hatten wir doch ehe Hoffnung gegen Versprechung einer starcken ranzion, von ihm Ehre und Freyheit zu erhalten. Allein weil der Wind unsern Verrathern gunstiger, ausserdem auch unser Schiff sehr wol bestellt, leicht und fluchtig war, so brach die Nacht abermals herein, ehe was weiters vorgieng.

Wir hatten den gantzen Tag ohne Essen sind Trincken zugebracht, liessen uns aber des Nachts von Sabina bereden, etwas zu geniessen, und da weder William noch jemand anders, noch zur Zeit das Hertz hatte vor unsere Augen zu kommen, so verwahreten wir unsere Kammer aufs Beste, und gonneten den von Thranen geschwachten Augen, eine wiewohl sehr angstliche Ruhe.

Folgendes Tages befanden sich Philippine und Sabina so wohl als ich in erbarmlichen Zustande, denn die gewohnliche See-Kranckheit setzte uns dermassen hefftig zu, dass wir nichts gewissers als einen baldigen und hochstgewunschten Tod vermutheten; Allein der Himmel hatte selbigen noch nicht uber uns verhanget, denn, nachdem wir uber 15. Tage im argsten phantasieren, ja volligen Rasen zugebracht; liess es sich nicht allein zur Besserung an, sondern unsere Gesundheit wurde nachhero, binnen etlichen Wochen, wider unsern Willen, vollig hergestellet.

Zeitwahrender unserer Kranckheit, hatten sich nicht allein die ehrbaren Damen, sondern auch die ubrigen Verrater wegen unserer Bedienung viele Muhe geben wollen, waren aber jederzeit garstig empfangen worden. Indem wir ihnen offters ins Gesichte gespyen, alles, was wir erlangen konnen, an die Kopffe geworffen, auch allen Fleiss angewendet hatten, ihnen die verhurten Augen auszukratzen. Wesswegen sie endlich vor dienlicher erachtet, sich abwesend zu halten, und die Bedienung einer schon ziemlich alten Magd, welche vor Antonien und Margarithen mitgenommen war, zu uberlassen. Nachdem aber unsere Gesundheit wiederum gantzlich erlangt, und es eine fast unmogliche Sache war, bestandig in der dustern Schiffs-Kammer zu bleiben, begaben wir uns, auf unserer liebsten Sabine offteres Bitten, auf das Obertheil des Schiffs, um bey damahligen schonen Wetter frische Lufft zu schopffen. Unsere Verrather waren dieses kaum gewahr worden, da die gantze Schaar hertzu kam, zum neuen guten Wohlstande Gluck wunschte und hoch betheurete, dass sich unsere Schonheit nach uberstandener Kranckheit gedoppelt hervor thate. Wir beantworteten aber alles dieses mit lauter verachtlichen Worten und Gebarden, wolten auch durchaus mit ihnen keine Gemeinschafft pflegen, liessen uns aber doch endlich durch alltagliches demuthiges und hoffliches Zureden bewegen, in ihrer Gesellschafft zu essen und zu trinken, hergegen erzeigten sich unsere standhafften Gemuther desto ergrimmter, wenn etwa Gallus oder Alexander etwas verliebtes vorbringen wolten.

William unterstund sich, uns dieserwegen den Text zu lesen, und vorzustellen, wie wir am klugsten thaten, wenn wir den bissherigen Eigensinn und Widerwillen verbanneten, hergegen unsern Liebhabern gutwillig den Zweck ihres Wunsches erreichen liessen, ehe sie auf verzweyffelte, uns vielleicht noch unanstandigere Mittel gedachten, denen wir mit aller unserer Macht nicht widerstehen konnten, da zumahlen alle Hoffnung zur Flucht, oder anderer Erlosung nunmehro vergebens sey. Allein dieser verfluchte Kuppler wurde mit wenigen, doch dermassen hitzigen Worten, und Geberden dergestalt abgewiesen, dass er als ein begossener Hund, wiewohl unter hefftigen Drohungen zurucke ging, und seinen Absendern eine gantz unangenehme Antwort brachte. Sie kamen hierauff selbst, um ihr Heyl nochmals in der Gute, und zwar mit den allerverliebtesten und verpflichtetsten Worten und Betheurungen, zu versuchen, da aber auch diesesmal ihr schandliches Ansinnen verdammet und verflucht, auch ihnen der verwegne Jungfrauen-Raub behertzt zu Gemuthe gefuhret und zugeschworen wurde, dass sie in alle Ewigkeit kein Theil an uns uberkommen solten, hatten wir uns abermals auf etliche Wochen Friede geschafft.

Endlich aber wolte die geile Brunst dieser verhurten Schand-Buben sich weiter durch nichts unterdrukken lassen, sondern in volle Flammen ausbrechen, denn wir wurden einstens in der Nacht von dreyen Schelmen, nemlich Alexander, Gallus und dem Schiffs Quartiermeister plotzlich uberfallen, die uns nunmehro mit Gewalt ihren vermaledeyten geilen Lusten aufopffern wolten. Indem wir uns aber dergleichen Bossheit schon vorlangst traumen lassen, hatten so wohl Philippine und Sabina als ich, bestandig ein blosses Taschen-Messer unter dem Haupte zurechte gelegt, und selbiges allbereit zur Wehre gefasset, da unsere Kammer in einem Augenblicke aufgestossen wurde. Alexander warff sich auf meine Schwester, Gallus auf mich, und der Quartiermeister auf die ehrliche Sabinen. Und zwar mit solcher furie, dass wir Augenblicklich zu ersticken vermeynten. Doch aus dieser angestellten schandlichen Comdie, ward gar bald eine blutige Tragdie, denn da wir nur ein wenig Lufft schopfften, und das in den Handen verborgene Gewehr anbringen konten, stiessen wir fast zu gleicher Zeit auf die verfluchten Huren-Hangste loss, so dass unsere Kleider von den schelmischen hitzigen Geblute ziemlich bespritzt wurden.

Der Quartiermeister blieb nach einem eintzigen aussgestossenen brullenden Seuffzer, stracks todt auf der Stelle liegen, weil ihm die tapffere Sabina, allen Vermuthen nach, mit ihrem grossen und scharffen Messer das Hertz gantzlich durchstossen hatte. Alexander, den meine Schwester durch den Hals, und Gallus, welchen ich in die lincke Bauch-Seite gefahrlich verwundet, wichen taumelnd zuruck, wir drey Zitterenden aber, schryen aus vollem Halse Zeter und Mordio.

William und Henry kamen hertzu gelauffen und wolten Miene machen, ihrer schelmischen Mit-Bruder Blut mit dicken Knutteln an uns zu rachen, zu gleicher Zeit aber erschienen der tapffere Schimmer, Larson, Rawkin und etwa noch 4. oder 6. andere redliche Leute, welche bald Stillestand machten, und uns in ihren Schutz nahmen, auch Angesichts aller andern theuer schwuren, unsere Ehre biss auf die letzte Minute ihres Lebens zu beschirmen. William und Henry musten also nicht allein mit ihrem Anhange zu Creutze kriechen, sondern sich so gar mit ihren Huren aus der besten Schiffs-Kammer heraus werffen lassen, in welche wir eingewiesen, und von Schimmers Anhang Tags und Nachts hindurch wol bewahret wurden. Das schandliche Aas des Quartiermeisters wurde als ein Luder ins Meer geworffen, Alexander und Gallus lagen unter den Handen des Schiffs-Barbieres, Schimmer aber und sein Anhang spieleten den Meister auf dem Schiffe, und setzten die andern alle in ziemliche Furcht, ja da der alte sogenannte Schiffs-Capitain, nebst William und Henry, sich von neuen mausig machen wolten, fehlete es nicht viel, dass beyde Parteyen einander in die Haare gerathen waren, ohngeacht niemand sichere Rechnung machen konte, welches die starkste ware.

Solcher Verwirrung ohngeacht wurde die Reise nach Ost-Indien bey favorablen Winde und Wetter dennoch immer eifferig fortgesetzt, welches uns zwar hochst missfallig war, doch da wir gezwungener Weise dem Verhangniss stille halten musten, richteten sich unsere in etwas ruhigere Sinnen einzig und allein dahin, dessen Ziel zu errathen.

Die um die Gegend des grunen Vor-Geburges sehr scharf kreuzenden See-Rauber, verursachten so viel, dass sich die streitigen Partheyen des Schiffes auf gewisse Puncte ziemlich wieder vereinigten, um den gemeinschafftlichen Feinden desto bessern Widerstand zu thun, worunter aber der Haupt-Punkt war, dass man uns 3. Frauenzimmer nicht im geringsten krancken, sondern mit geziemenden Respect alle selbst beliebige Freyheit lassen solte. Demnach lebten wir in einigen Stucken ziemlich vergnugt, kamen aber mit keinem Fusse an Land, ohngeacht schon 3. mal unterwegs frisch Wasser und Victualien von den herum liegenden Insuln eingenommen worden. Gallus und Alexander, die nach etlichen Wochen von ihren gefahrlichen Wunden vollig hergestellet waren, scheuen sich uns unter Augen zu treten, William und Henry redeten ebenfalls so wenig, als ihre Huren mit uns, und kurtz zu sagen: Es war eine recht wunderliche Wirthschafft auf diesem Schiffe, biss uns ein thiopischer See-Rauber dermassen nahe kam, dass sich die Unserigen genothiget sahen, mit moglichster Tapferkeit entgegen zu gehen.

Es entstunde dannenhero ein heftiges Treffen, worinnen endlich gegen Abend der Mohr uberwunden wurde, und sich mit allen, auf seinem Raub-Schiffe befindlichen, zur Beute ubergeben muste. Hierbey wurden 13. Christen-Sclaven in Freyheit, hergegen 29. Mohren in unsere Sclaverey gebracht, anbey verschiedene kostbare Waaren und Kleinodien unter die Siegenden vertheilet, welche nicht mehr als 5. Todte und etwa 12. oder 16. Verwundete zehleten. Nachhero entstund ein grosser Streit, ob das eroberte Schiff versenckt, oder beybehalten werden solte. Gallus und sein Anhang verlangten das Versencken, Schimmer aber setzte sich mit seiner Partey dermassen starck darwider, biss er in so weit durchdrunge, dass alles Volk auf die zwey Schiffe ordentlich getheilet wurde. Also kam Schimmer mit seinem Anhange, worunter auch ich, Philippine und Sabina begriffen waren, auf das Mohrische Schiff, konte aber dennoch nicht verwehren, dass Gallus und Alexander auf selbigem das Commando uberkamen, dahingegen William und Henry nebst ihren Schand-Metzen auf dem ersten Schiffe blieben, und aus besonderer Gute eine erbeutete Schand-Hure, die zwar dem Gesichte nach eine weisse Christin, aber ihrer Auffuhrung nach ein von allen Sunden geschwarztes Luder war, an Alexandern und Gallus zur Nothelfferin uberliessen. Dieser Schand Balg, deren Geilheit unaussprechlich, und die, so wohl mit dem einem als dem andern, das verfluchteste Leben fuhrete, ist nebst uns noch biss hieher auf diese Insul gekommen, doch aber gleich in den ersten Tagen verreckt.

Jedoch behoriger Ordnung wegen, muss in meiner Erzehlung melden, dass damahls unsere beyden Schiffe ihren Lauff eiffrigst nach dem Vorgeburge der guten Hoffnung richteten, aber durch einen lange anhaltenden Sturm davon abgetrieben wurden. Das Middelburgische Schiff verlohr sich von dem Unsern, kam aber am funfften Tage unverhofft wieder zu uns, und zwar bey solcher Zeit, da es schiene, als ob alles Ungewitter vorbey ware, und das schonste Wetter zum Vorscheine kommen wolte. Wir ruderten ihm mit moglichsten Krafften entgegen, weil unsern Commandeurs, die, nebst ihren wenigen Getreuen, wenig oder gar nichts von der kunstlichen Seefahrt verstunden, an dessen Gesellschafft nur allzu viel gelegen war. Allein, nach meinen Gedancken hatte die AllmachtsHand des Allerhochsten dieses Schiff keiner andern Ursache wegen wieder so nahe zu uns gefuhret, als, uns allen an demselben ein Zeichen seiner strengen Gerechtigkeit sehen zu lassen, denn wir waren kaum noch eines Buchsen-Schusses weit von einander, als es mit einem entsetzlichen Krachen plotzlich zerschmetterte, und theils in die Lufft gesprengt, theils Stuck- weise auf dem Wasser aus einander getrieben wurde, so, dass hiervon auch unser Schiff sich grausamer Weise erschutterte, und mit Pfeil-massiger Geschwindigkeit eines Canonen-Schusses weit zuruck geschleudert wurde. Dennoch richteten wir unsern Weg wieder nach der ungluckseeligen Stelle, um vielleicht noch einige im Meere zapplende Menschen zu erretten, allein, es war hieselbst keine lebendige Seele, auch sonsten nichts als noch einige zerstuckte Balcken und Breter anzutreffen.

Was dieser unverhoffte Streich in unsern und der ubrigen Gesellschafft Gemuthern vor verschiedene Bewegungen mag verursachet haben, ist leichtlich zu erachten. Wir Schwestern beweineten nichts, als unsers in seinen Sunden hingerafften Bruders arme Seele, erkuhneten uns aber nicht, uber die Straff-Gerichte des Allerhochsten Beschwerde zu fuhren. Wie Alexandern und Gallus zu Muthe war, liess sich leichtlich schliessen, indem sie von selbigem Tage an keine froliche Miene mehr machen, auch sich um nichts bekummern konten, sondern das Commando an Mons. Schimmern gutwillig uberliessen, der, gegen den nochmahls entstehenden Sturm, die besten und klugsten Verfassungen machte. Selbiger hielt abermahls biss auf den 6ten Tag, und hatte alle unsere Leute dermassen abgemattet, dass sie wie die Fliegen dahin fielen, und nach gehaltener Ruhe im Essen und Trincken die verlohrnen Kraffte wieder suchten, ob schon kein eintziger eigentlich wissen konte, um welche Gegend der Welt wir uns befanden.

Funff Wochen lieffen wir also in der Irre herum, und hatten binnen der Zeit nicht allein viele Beschadigungen an Schiffe erlitten, sondern auch alle Ancker, Mast und besten Seegel verlohren, und zum allergrosten Unglucke ging mit der 6ten Woche nicht allein das susse Wasser, sondern auch fast aller Proviant zum Ende, doch hatte der ehrliche Schimmer die Vorsicht gebraucht, in unsere Kammer nach und nach heimlich so viel einzutragen, worvon wir und seine Freunde noch einige Wochen langer als die andern gut zu leben hatten; dahingegen Alexander, Gallus und andere allbereit anfangen musten, Leder und andere noch eckelere Sachen zu ihrer Speise zu suchen.

Endlich mochte ein schandlicher Bube unsere liebe Sabina an einem harten Stucke Zwieback haben nagen sehen, wesswegen so gleich ein Lermen entstund, so, dass viele behaupten wolten, es muste noch vor alle Vorrath genug vorhanden seyn. Derowegen rotteten sich etliche zusammen, brachen in unsere Kammer ein, und da sie noch vor etwa zehn Personen auf 3. Wochen Speise darinnen fanden, wurden wir dieser wegen erbarmlich, ja fast biss auf den Tod von ihnen geprugelt. Mons. Schimmer hatte dieses Lerm nicht so bald vernommen, als er mit seinen Freunden herzu kam, und uns aus ihren Handen retten wolte, da aber so gleich einer von seiner Partey darnieder gestochen wurde, kam es zu einem solchen entsetzlichen Blutvergiessen, dass, wenn ich noch daran gedencke, mir die Haare zu Berge stehen. Alexander und Gallus, welche sich nunmehro als offentliche RadelsFuhrer und abgesagte Feinde darstelleten, auch Schimmern ziemlich ins Haupt verwundet hatten, musten alle beyde von seinen Handen sterben, und da die andern seiner Lowen-massigen Tapfferkeit nachahmeten, wurden ihre Feinde binnen einer Stunde meistens vertilget, die ubrigen aber baten mit Aufzeigung ihrer blutigen Merckmahle um Gnade und Leben.

Es waren nunmehro in allen noch 25. Seelen auf dem Schiffe, worunter 5. Mohren und das schandliche Weibs-Bild begriffen waren, diese letztere wolte Schimmer durchaus ins Meer werfen, allein auf mein und meiner Schwester Bitten liess ers bleiben. Aller Speise-Vorrath wurde unter die Guten und Bosen in zwey gleiche Theile getheilet, ohngeacht sich der Frommen ihrer 14. der Bosen aber nur 11. befanden, nachdem aber das susse Wasser ausgetrunken war, und wir uns nur mit zubereiteten See-Wasser behelfen musten, riss die schadliche Kranckheit, nehmlich der Schaarbock, als mit welchen ohnedem schon viele befallen worden, auf einmahl dermassen hefftig ein, dass in wenig Tagen von beyden Theilen 10. Personen sturben. Endlich kam die Reihe auch an meine liebe Schwester, welche ich mit bittern Thranen und Sabinens getreuer Hulffe auf ein Bret band, und selbige den wilden Fluthen zum Begrabniss ubergab. Es folgten ihr kurtz darauf noch 5. andere, die theils vom Hunger, theils von der Kranckheit hingerafft wurden, und da wir ubrigen, nemlich: Ich, Sabina, Schimmer, Larson, Rawkin, Schmerd, Hulst, Farding, und das schandliche Weibs-Bild, die sich Clara nennete, auch nunmehro weder zu beissen, noch zu brocken hatten, uber dieses von erwehnter Kranckheit hefftig angegriffen waren, erwarteten wir fast taglich die letzte Stunde unseres Lebens. Allein, die sonderbare gnadige Fugung des barmhertzigen Himmels fuhrete uns endlich gegen diesen von aussen wuste scheinenden Felsen, in der That aber unsern werthen Errettern in die Hande, welche keinen Augenblick versaumten, die allerelendesten Leute von der gantzen Welt, nemlich uns, in beglucktern, ja in den allergluckseeligsten Stand auf Erden zu versetzen. Schmerd, Hulst und Farding, die 3. redlichen und frommen Leute, musten zwar so wohl als die schandbare Clara, gleich in den ersten Tagen allhier ihren Geist aufgeben, doch wir noch ubrigen 5., wurden durch GOttes Barmhertzigkeit und durch die gute Verpflegung dieser frommen Leute erhalten. Wie nachhero ich meinem liebsten Alberto, der mich auf seinem Rucken in dieses Paradies getragen, und wie diese liebe Sabina ihrem Gemahl Stephano, der ihr eben dergleichen Gutigkeit erwiesen, zu Theile worden, auch was sich weiter mit uns damahls neu angekommenen Gasten zugetragen, wird vielleicht ein andermal bequemlicher zu erzehlen seyn, wiewohl ich nicht zweyffele, dass es mein liestber Schwieger-Vater geschickter als ich verrichten wird. Voritzo bitte nur mit meinem guten Willen zufrieden zu seyn.

Also endigte die angenehme Matrone vor dieses mahl ihre Erzehlung, weil es allbereits ziemlich spate war. Wir danckten derselben darvor mit einem liebreichen Hand-Kusse, und legeten uns hernach sammtlich zur Ruhe, nahmen aber nachstfolgenden Morgen unsere Lust-Fahrt auf Christians-Raum zu. Hieselbst waren nicht mehr als 10. wohl erbauete Feuer-Statten, nebst darzu gehorigen Scheuern, Stallen, und ungemein schonen Garten-Wercke anzutreffen, anbey die Haupt-Schleusen des Nord-Flusses, nebst dem Canal, der das Wasser zu beliebiger Zeit in die kleine See zu fuhren, durch Menschen-Hande ausgegraben war, wohl Betrachtenswurdig. Diese Pflanz-Stadt lag also zwischen den Flussen ungemein lustig, hatte zwar in ihrem Bezirck keine Weinberge, hergegen so wohl als andere ein vortrefflich wohlbestelltes Feld, Holtzung, Wild und herrlichen Fischfang. Vor die gute Aufsicht, und Besorgung wegen der Brucken und Schleusen, musten ihnen alle andern Einwohner der Insul sonderlich verbunden seyn, auch davor einen gewissen Zoll an Weine, Saltz und andern Dingen, die sie nicht selbst in der Nahe haben konten, entrichten.

Wir hielten uns allhier nicht lange auf, sondern reiseten, nachdem wir ihnen das gewohnliche Geschencke gereicht, und die Mittags-Mahlzeit eingenommen hatten, wieder zuruck. Abends, zu gewohnlicher Zeit aber, fing David Rawkin auf Erinnerung des Alt-Vaters denen Versammleten seine Lebens-Geschicht folgender massen zu erzehlen an:

Ich stamme, sagte er, aus einem der vornehmsten Lords-Geschlechte in Engelland her, und bin dennoch im Jahr 1640. von sehr armen Eltern in einer BauerHutte auf dem Dorffe gebohren worden, weiln das Verbrechen meiner Vor-Eltern, so wohl vaterlicher als mutterlicher Seite, ihre Nachkommen nicht allein um alles Vermogen, sondern so gar um ihren sonst ehrlichen Geschlechts-Nahmen gebracht, indem sie denselben aus Noth verlaugnen, und sich nachhero schlecht weg Rawkins nennen mussen, um nur in einer frembden Provinz ohne Schimpff ruhig, obschon elend, zu leben. Meine Eltern, ob sie gleich unschuldig an allen Ubelthaten der Ihrigen gewesen, waren doch durch derselben Fall gantzlich mit niedergeschlagen worden, so, dass sie, einem furchterlichen Gefangnisse und andern Beschwerlichkeiten zu entgehen, mit ihren besten Sachen die Flucht genommen hatten. Doch, wenn sich das Verhangniss einmahl vorgesetzt hat, ungluckseelige Menschen nachdrucklich zu verfolgen, so mussen sich auch auf der allersichersten Strasse ihre Feinde finden lassen. So war es meinen Eltern ergangen, denn da sie allbereit weit genung hinweg, also von ihren Verfolgern sicher zu seyn vermeinen, werden die armen Leute des Nachts von einer Rotte Strassen-Rauber uberfallen, und biss aufs blosse Hembde ausgeplundert und fortgejagt, so, dass sie kaum mit anbrechenden Tage eine Muhle antreffen konnen, in welche sie von der barmhertzigen Mullerin aufgenommen und mit etlichen alten Kleidern bedeckt werden. Weiln aber der darzu kommende narrische Muller hieruber scheele Augen macht, und sich so wenig durch meiner Eltern gehabtes Ungluck, als durch meiner Eltern Schonheit und Zartlichkeit zum Mitleiden bewegen lasset, mussen sie, nachdem er doch aus besondern Gnaden ihnen ein halbes Brod und 2. Kase gegeben, ihren Stab weiter setzen, werden aber von einer Vieh-Magd, die ihnen die barmhertzige Mullerin nachgeschickt, in eine kleine BauerWohnung des nachst-gelegenen Dorffs gefuhret, anbey wird ihnen eine halbe Guinee an Gelde uberreicht, und der Bauers-Frau befohlen, diese Gaste auf der Mullerin Unkosten bestens zu bewirthen.

Also haben meine armen Eltern allhier Zeit genung gehabt, ihr Ungluck zu bejammern, anbey aber dennoch die besondere Vorsorge GOttes und die Gutigkeit der Mullerin zu preisen, welche fromme Frau meine Mutter wenigstens wochentlich ein paar mal besucht, und unter der Hand wider ihres Mannes Wissen reichlich versorget, weiln sie als eine betagte Frau, die weder Kinder noch andere Erben, als ihren unvernunfftigen Mann, dem sie alles zugebracht hatte, sich ein Vergnugen machte, armen Leuten von ihrem Uberflusse gutes zu thun.

In der dritten Woche ihres dasigen Aufenthalts kommt meine Mutter mit mir ins Wochen-Bette, die Mullerin nebst andern Bauers-Leuten werden zu meinen Tauff-Zeugen erwehlet, welche erstere die gantze Ausrichtung aus ihren Beutel bezahlet, und meiner Mutter aufs auserste verbietet, ihr grosses Armuth niemanden kund zu geben, sondern jedermann zu bereden, ihr Mann, als mein Vater, sey ein von einem unruhigen Bischoffe vertriebener Schulmeister.

Dieser Einfall scheinet meinem Vater sehr geschicklich, seinen Stand, Person und gantzes Wesen, allen erforderlichen Umstanden nach, zu verbergen, derowegen macht er sich denselben von Stund an wohl zu Nutze, und passieret auch solcher Gestalt vor allen Leuten, als ein abgedanckter Schulmeister, zumal da er sich eine darzu behorige Kleidung verfertigen lasset. Er schrieb eine sehr feine Hand, derowegen geben ihm die daherum wohnenden Pfarr-Herren und andere Gelehrten so viel abzuschreiben, dass er das tagliche Brod vor sich, meine Mutter und mich damit kummerlich verdienen kan, und also der wohlthatigen Mullerin nicht allzu beschwerlich fallen darff, die dem ohngeacht nicht unterliess, meine Mutter wochentlich mit Gelde und andern Bedurffnissen zu versorgen.

Doch etwa ein halbes Jahr nach meiner Geburth legt sich diese Wohlthaterin unverhofft aufs krancken Bette nieder, und stirbt, nachdem sie vorhero meine Mutter zu sich kommen lassen, und derselben einen Beutel mit Gold-Stucken, die sich am Werthe hoher als 40. Pfund Sterlings belaufen, zu meiner Erziehung eingehandiget, und ausdrucklich gesagt hatte, dass wir dieses ihres heimlich gesammleten Schatz-Geldes wurdiger und bedurfftiger waren, als ihr ungetreuer Mann, der ein weit mehreres mit Huren durchgebracht, und vielleicht alles, was er durch die Heyrath mit ihr erworben, nach ihrem Tode auch bald durchbringen wurde.

Mit diesem kleinen Capitale sehen sich meine Eltern bey ihren damahligen Zustande ziemlich geholffen, und mein Vater last sich in den Sinn kommen, seine Frau und Kind aufzupacken, und mit diesem Gelde nach Holland oder Franckreich uberzugehen, um daselbst entweder zu Lande oder zur See Kriegs-Dienste zu suchen, allein, auf instandiges Bitten meiner Mutter, last er sich solche lobliche Gedancken vergehen, und dahin bringen, dass er den erledigten Schulmeister-Dienst in unsern Dorffe annimmt, der jahrlich, alles zusammen gerechnet, etwa 10. Pfund Sterlings Einkommens gehabt.

Vier Jahr lang verwaltet mein Vater diesen Dienst in stillen Vergnugen, weil sich sein und meiner Mutter Sinn nun gantzlich in dergleichen Lebens-Art verliebet. Jedermann ist vollkommen wohl mit ihm zufrieden und bemuhet, seinen Fleiss mit ausserordentlichen Geschencken zu vergelten, wesswegen meine Eltern einen kleinen Anfang zu Erkauffung eines BauerGutgens machen, und ihr bisshero zusammen gespartes Geld an Landereyen legen wollen, weil aber noch etwas weniges an den bedungenen Kauff-Geldern mangelt, siehet sich meine Mutter genothiget, das letzte und beste gehanckelte Gold-Stuck, so sie von der Mullerin bekommen, bey ihrer Nachbarin zu versetzen.

Diese falsche Frau gibt zwar so viele kleine Munze darauf, als meine Mutter begehret, weil sie aber das sehr kennbare Gold-Stuck sehr offters bey der verstorbenen Mullerin gesehen, uber dieses mit dem Muller in verbothener Buhlschafft leben mag, zeiget sie das Gold-Stuck dem Muller, der dasselbe gegen ein ander Pfand von ihr nimmt, zum Ober-Richter tragt, meinen Vater und Mutter eines Diebstahls halber anklagt, und es dahin bringt, dass beyde zugleich plotzlich, unwissend warum, gefangen und in Ketten und Banden geschlossen werden.

Anfanglich vermeynet mein Vater, seine Feinde am koniglichen Hofe wurden ihn allhier ausgekundschafft und feste gemacht haben, erschrickt aber desto hefftiger, als man ihn so wohl als meine Mutter wegen des Diebstahls, den sie bey der verstorbenen Mullerin unternommen haben solten, zur Rede setzt. Sintemal aber in diesem Stucke beyde ein gutes Gewissen haben, und fernere Weitlaufftigkeiten zu vermeiden, dem Ober-Richter die gantze Sache offenbaren, werden sie zwar nach fernern weitlaufftigen Untersuchungen von des Mullers Anklage loss gesprochen, jedennoch so lange in gefanglicher Hafft behalten, biss sie ihres Standes und Wesens halber gewissere Versicherungen einbrachten, weiln das Vorgeben wegen eines vertriebenen Schulmeisters falsch befunden worden, und der Ober-Richter, ich weiss nicht was vor andere verdachtige Personen, in ihrer Haut gesucht.

Mittlerweile lieff ich armer 6. jahriger Wurm in der Irre herum, und nehrete mich von den Brosamen, die von frembder Leute Tische fielen, hatte zwar offters Erlaubniss, meine Eltern in ihren Gefangnisse zu besuchen, welche aber, so offt sie mich sahen, die bittersten Thranen vergossen, und vor Jammer hatten vergehen mogen. Da ich nun solcher Gestalt wenig Freude bey ihnen hatte, kam ich kunfftig desto sparsamer zu ihnen, gesellete mich hergegen fast taglich zu einem Ganse-Hirten, bey dem ich das Vergnugen hatte, im Felde herum zu lauffen, und mit den mir hochst angenehmen Creaturen, nemlich den jungen und alten Gansen, zu spielen, und sie huten zu helffen, wovor mich der Ganse-Hirte mit aller Nothdurfft ziemlich versorgte.

Eines Tages, da sich dieser mein Wohlthater an einen schattigten Orte zur Ruhe gelegt, und mir das Commando uber die Ganse allein uberlassen hatte; kam ein Cavalier mit zweyen Bedienten geritten, welchen ein grosser englischer Hund folgte. Dieser tummelte sich unter meinen Gansen lustig herum, und biss fast in einem Augenblick 5. oder 6. Stuck zu Tode. So klein als ich war, so hefftig ergrimmte mein Zorn uber diesen Morder, lieff derowegen als ein junger Wuterich auf denselben loss, und stiess ihm mit einen bey mir habenden spitzigen Stock dermassen tieff in den Leib hinein, dass er auf der Stelle liegen blieb. Der eine Bediente des Cavaliers kam derowegen schrecklich erbost zuruck geritten, und gab mir mit der Peitsche einen ziemlichen Hieb uber die Lenden, wesswegen ich noch ergrimmter wurde, und seinem Pferde etliche blutige Stiche gab.

Hierauf kam so wohl mein Meister als der Cavalier selbst herbey, welcher letztere uber die Herzhafftigkeit eines solchen kleinen Knabens, wie ich war, recht erstaunete, zumahlen ich denjenigen, der mich geschlagen hatte, noch immer mit grimmigen Gebarden ansahe. Der Cavalier aber liess sich mit dem GanseGeneral in ein langes Gesprach ein, und erfuhr von demselben mein und meiner Eltern Zustand. Es ist Schade, sagte hierauf der Cavalier, dass dieser Knabe, dessen Gesichts-Zuge und angeborne Herzhafftigkeit etwas besonderes zeigen, in seiner zarten Jugend verwahrloset werden soll. Wie heissest du, mein Sohn? fragte er mit einer liebreichen Miene, David Rawkin gab ich gantz trotzig zur Antwort. Er fragte mich weiter: Ob ich mit ihm reisen, und bey ihm bleiben wolte, denn er ware ein Edelmann, der nicht ferne von hier sein Schloss hatte, und gesinnet sey, mich in einen weit bessern Stand zu setzen, als worinnen ich mich itzo befande. Ich besonne mich nicht lange, sondern versprach ihm, gantz gern zu folgen, doch mit dem Bedinge, wenn er mir vor dem bosen Kerl Friede schaffen, und meinen Eltern aus dem Gefangniss helffen wolte. Er belachte das erstere, und versicherte, dass mir niemand Leyd zufugen solte, wegen meiner Eltern aber wolle er mit denn Ober-Richter reden.

Demnach nahm mich derjenige Bediente, welcher mein Feind gewesen, nunmehro mit sehr freundlichen Gebarden hinter sich aufs Pferd, und folgten dem Cavalier, der dem Ganse-Hirten 2. Hande voll Geld gegeben, und befohlen hatte, meinen Eltern die Helffte davon zu bringen, und ihnen zu sagen, wo ich geblieben ware.

Es ist nicht zu beschreiben, mit was vor Gewogenheit ich nicht allein von des Edelmanns Frau und ihren zwey 8. biss 10. jahrigen Kindern, als einem Sohne und einer Tochter, sondern auch von dem gantzen Hauss-Gesinde angenommen wurde, weil mein munteres Wesen allen angenehm war. Man steckte mich so gleich in andere Kleider, und machte in allen Stucken zu meiner Auferziehung den herrlichsten Anfang. Mein Herr nahm mich wenig Tage hernach mit sich zum Ober-Richter, und wurckte so viel, dass meine Eltern, die derselbe im Gefangnisse fast gantz vergessen zu haben schien, auf neue zum Verhor kamen. Kaum aber hatte mein Herr meinen Vater und Mutter recht in die Augen gefasset, als ihm die Thranen von den Wangen rolleten, und er sich nicht enthalten konte, vom Stuhle aufzustehen, sie beyderseits zu umarmen.

Mein Vater sahe sich solcher Gestalt entdeckt, hielt derowegen vor weit schadlicher, sich gegen dem Ober-Richter ferner zu verstellen, sondern offenbarete demselben seinen gantzen Stand und Wesen. Mein Edelmann, der sich Eduard Sadby nennete, sagte offentlich: Ich bin in meinem Hertzen vollig uberzeugt, dass diese armen Leute an dem Laster der beleydigten Majestat, welches ihre Eltern und Freunde begangen haben, unschuldig sind, man verfahret zu scharff, indem man die Straffe der Eltern auch auf die unschuldigen Kinder ausdehnet. Mein Gewissen last es unmoglich zu, diese Erbarmens-wurdigen StandesPersonen mit verdammen zu helffen, ohngeacht ihre Vorfahren seit hundert Jahren her meines Geschlechts Todt-Feinde gewesen sind.

Mit allen diesen Vorstellungen aber konte der ehrliche Eduard nichts mehr ausrichten, als dass meinen Eltern alle ihre verarrestirten Sachen wiedergegeben, und sie in einer, ihrem Stande nach, leidlichern Verwahrung gehalten wurden, weil der Ober-Richter zu vernehmen gab, dass er sie, seiner Pflicht gemass, nicht eher vollig loss geben konne, biss er die gantze Sache nach Londen berichtet, und von da her Befehl empfangen hatte, was er mit ihnen machen solte. Hiermit musten wir vor dieses mahl alle zu frieden seyn, ich wurde von ihnen viele hundert mahl gekusset, und muste mit meinem gutigen Pflege-Vater wieder auf sein Schloss reisen, der mich von nun an so wohl als seine leiblichen Kinder zu verpflegen Anstalt machte, auch meine Eltern mit hundert Pfund Sterlings, ingleichen mit allerhand Standes-massigen Kleidern und andern Sachen beschenckte.

Allein, das Ungluck war noch lange nicht ermudet, meine armen Eltern zu verfolgen, denn nach etlichen Wochen lieff bey dem Ober-Richter ein Koniglicher Befehl ein, welcher also lautete: Dass ohngeacht wider meine Eltern nichts erhebliches vorhanden ware, welches sie des Verbrechens ihrer Verwandten, mitschuldig erklaren konne, so solten sie dem ohngeacht, verschiedener Muthmassungen wegen, in das Staats-Gefangniss nach London geliefert werden.

Diesemnach wurden dieselben unvermuthet dahin geschafft, und musten im Tour, obgleich als hochstunschuldig befundene, dennoch ihren Feinden zu Liebe, die ihre Guter unter sich getheilet, so lange schwitzen, biss sie etliche Monate nach des Konigs Enthauptung, ihre Freyheit nebst der Hoffnung zu ihren Erb-Gutern, wieder bekamen; allein der Gram und Kummer hatte seit etlichen Jahren beyde dermassen entkrafftet, dass sie sich in ihren besten Jahren fast zugleich aufs Krancken-Bette legten, und binnen 3. Tagen einander im Tode folgeten.

Ich hatte vor dem mir hochst-schmerzlichen Abschiede noch das Gluck, den Vaterlichen und Mutterlichen letzten Seegen zu empfangen, ihnen die Augen zuzudrucken, anbey ein Erbe ihres gantzen Vermogens, das sich etwa auf 150. Pfund Sterl. nebst einem grossen Sacke voll Hoffnung belieff, zu werden.

Eduard liess meine Eltern Standes-massig zur Erden bestatten, und nahm sich nachhero meiner als ein getreuer Vater an, allein, ich weiss nicht, wesswegen er hernach im Jahre 1653. mit dem Protector Cromwel zerfiel, wesswegen er ermordet, und sein Weib und Kinder in ebenso elenden Zustand gesetzt wurden, als der meinige war.

Mit diesem Pfeiler fiel das gantze Gebaude meiner Hoffnung, wiederum in den Stand meiner Vor-Eltern zu kommen, gantzlich darnieder, weil ich als ein 13. Knabe keinen eintzigen Freund zu suchen wuste, der sich meiner mit Nachdruck annehmen mochte. Derowegen begab ich mich zu einem Kauffmanne, welchen Eduard meinetwegen 200. Pfund Sterlings auf Wucher gegeben hatte, und verzehrete bey ihm das Interesse. Dieser wolte mich zwar zu seiner Handthierung bereden, weil ich aber durchaus keine Lust darzu hatte, hergegen entweder ein Gelehrter oder ein Soldat werden wolte, muste er mich einem guten Meister der Sprachen ubergeben, bey dem ich mich dergestalt angriff, dass ich binnen Jahres Frist mehr gefasset, als andere, die mich an Jahren weit ubertraffen.

Eines Tages, da ich auf denjenigen Platz spatzieren ging, wo ein neues Regiment Soldaten gemustert werden solte, fiel mir ein Mann in die Augen, der von allen andern Menschen sonderbar respectieret wurde. Ich fragte einen bey mir stehenden alten Mann: Wer dieser Herr sey? und bekam zur Antwort: Dass dieses derjenige Mann sey, welcher der gantzen Nation Freyheit und Gluckseeligkeit wieder hergestellet hatte, der auch einem jeden Unterdruckten sein rechtes Recht verschaffte. Wie heisset er mit Nahmen? war meine weitere Frage, worauf mir der Alte zur Antwort gab: Er heisset Oliverius Cromwell, und ist nunmehro des gantzen Landes Protector.

Ich stund eine kleine Weile in Gedancken, und fragte meinen Alten nochmals: Solte denn dieser Oliverius Cromwell im Ernste so ein redlicher Mann seyn?

Indem kehrete sich Cromwell selbst gegen mich, und sahe mir starr unter die Augen. Ich sahe ihn nicht weniger starr an, und brach plotzlich mit unerschrokkenem Muthe in folgende Worte aus: Mein Herr, verzeihet mir! ich hore, dass ihr derjenige Mann seyn sollet, der einem jeden, er sey auch wer er sey, sein rechtes Recht verschaffe, derowegen liegt es nur an euch, dieserwegen eine Probe an mir abzulegen, weil schwerlich ein geborner vornehmer Engellander harter und unschuldiger gedruckt ist als eben ich.

Cromwell liess seine Besturzung uber meine Freimuthigkeit deutlich genug spuren, fassete aber meine Hand, und fuhrete mich abseits, allwo er meinen Nahmen, Stand und Noth auf einmahl in kurtzen Worten erfuhr. Er sagte weiter nichts darzu, als dieses: Habt kurze Zeit Gedult, mein Sohn! ich werde nicht ruhen, biss euch geholffen ist, und damit ihr glaubet, dass es mein rechter Ernst sey, will ich euch gleich auf der Stelle ein Zeichen davon geben. Hiermit fuhrete er mich mitten unter einen Troupp Soldaten, nahm einem Fahndrich die Fahne aus der Hand, ubergab selbige an mich, machte also auf der Statte aus mir einen Fahndrich, und aus dem vorigen einen Lieutenant.

Mein Monathlicher Sold belieff sich zwar nicht hoher als auf 8. Pfund Sterlings, doch Cromwells Freygebigkeit brachte mir desto mehr ein, so, dass nicht allein keine Noth leiden, sondern mich so gut und besser als andere Ober-Officiers auffuhren konte. Immittelst verzogerte sich aber die Wiedereinsetzung in meine Guter dermassen, biss Cromwell endlich daruber verstarb, sein wunderlicher Sohn Richard verworffen, und der neue Konig, Carl der andere, wiederum ins Land geruffen wurde. Bey welcher Gelegenheit sich meine Feinde aufs neue wider mich emporeten, und es dahin brachten, dass ich meine KriegsBedienung verliess, und mit 400. Pfund Sterl. baaren Gelde nach Holland uberging, des festen Vorsatzes, mein, mir und meinen Vorfahren so widerwartiges Vaterland nimmermehr wieder mit einem Fusse zu betreten.

Ich hatte gleich mein zwanzigstes Jahr erreicht, da mich das Glucke nach Holland uberbrachte, allwo ich binnen einem halben Jahre viele schone Stadte besahe, doch in keiner derselben einen andern Trost vor mich fand, als mein kunfftiges Gluck oder Ungluck auf der See zu suchen. Weil aber meine Sinnen hierzu noch keine vollkommene Lust hatten, so setzte meine Reise nach Teutschland fort, um selbiges als das Hertz von gantz Europa wohl zu betrachten. Mein Haupt-Absehen aber war entweder unter den Kayserl. oder Chur-Brandenburgl. Volckern Kriegs-Dienste zu suchen, jedoch zu meinem grosten Verdrusse wurde eben Friede, und mir zu gefallen wolte keinem einzigen wiederum Lust ankommen, Krieg anzufangen.

Inzwischen passirete mir auf dem Wege durch den beruffenen Thuringer Wald, ein verzweiffelter Streich, denn als ich eines Abends von einem grausamen Donner-Wetter und Platz-Regen uberfallen war, so sahe mich bey hereinbrechender Nacht genothiget, vom Pferde abzusteigen und selbiges zu fuhren, biss endlich, da ich mich schon weit verirret und etwa gegen Mitternacht mit selbigen meine Ruhe unter einem grossen Eichbaume suchen wolte, der Schein eines von ferne brennenden Lichts, durch die Straucher in meine Augen fiel, der mich bewegte meinen Gaul aufs neue zu beunruhigen, um dieses Licht zu erreichen. Nach verfliessung einer halben Stunde war ich gantz nahe dabey, und fand selbiges in einem Hause, wo alles herrlich und in Freuden zugieng, indem ich von aussen eine wunderlich schnarrende Music horete, und durch das Fenster 5. oder 6. paar Menschen im Tantze erblickte. Mein vom vielen Regen ziemlich erkalteter Leib, sehnete sich nach einer warmen Stube, derowegen pochte an, bat die heraus guckenden Leute um ein Nacht-Quartier, und wurde von ihnen aufs freundlichste empfangen. Der sich angebende Wirth fuhrete mein Pferd in einen Stall, brachte meinen blauen Mantel-Sack in die Stube, liess dieselbe warm machen, dass ich meine nassen Kleider trocknen mochte, und setzte mir einige, eben nicht unappetitliche Speisen fur, die mein hungeriger Magen mit groster Begierde zu sich nahm. Nachhero hatte mich zwar gern mit drey anwesenden ansehnlichen Manns-Personen ins Gesprache gegeben, da sie aber weder Engel- noch Hollandisch, vielweniger mein weniges Latein verstehen konten, und mit zerstuckten Deutschen nicht zufrieden seyn wolten, legte ich mich auf die Streu nieder, und zwar an die Seite eines Menschen, welchen der Wirth vor einen bettlenden Studenten ausgab, blieb auch bey ihm liegen, ohngeacht mir der gute Wirth nachhero unter dem Vorwande, dass ich allhier voller Ungeziefer werden wurde, eine andere Stelle anwiese.

Ich hatte die Thorheit begangen, verschiedene Gold-Stucke aus meinem Beutel sehen zu lassen, jedoch selbige nachhero so wol als mein ubriges Geld um den Leib herum wol verwahret, meinen MantelSack unter den Kopf, Pistolen und Degen aber neben mich gelegt. Allein dergleichen Vorsicht war in so weit vergeblich, da ich in einen solch tiefen Schlaf verfalle, der, wo es GOTT nicht sonderlich verhutet, mich in den Todes-Schlaf versenckt hatte. Denn kaum zwey Stunden nach meinem niederliegen, machten die drey ansehnlichen Manns-Personen, welches in der That Spitzbuben waren, einen Anschlag auf mein Leben, hatten mich auch mit leichter Muhe ermorden konnen, wenn nicht der ehrliche neben mir liegende studiosus, welches der nunmehro seelige Simon Heinrich Schimmer war, im verstellten Schlafe alles angehoret, und mich errettet hatte.

Die Morder nehmen vorhero einen kurtzen Abtritt aus der Stube, derowegen wendet Schimmer allen Fleiss an, mich zu ermuntern, da aber solches unmoglich ist, nimmt er meine zum Haupten liegenden Pistolen und Degen unter seinen Rock, welcher ihm zur Decke dienete, vermerkt aber bald, dass alle drey wieder zuruck kommen, und dass einer mit einem grossen Messer in der Hand, mir die Kehle abzuschneiden, miene macht.

Es haben sich kaum ihrer zwey auf die Knie gesetzt, einer nemlich, mir den todlichen Schnitt zu geben, der andere aber Schimmers-Bewegung in acht zu nehmen, als dieser Letztere plotzlich aufspringet, und fast in einem tempo alle beyde zugleich darnieder schiesset, weil er noch vor meinem niederliegen wahr genommen, dass ich die Pistolen ausgezogen und jede mit 2. Kugeln frisch geladen hatte. Indem ich durch diesen gedoppelten Knall plotzlich auffuhr, erblickte ich, dass der dritte Haupt-Spitz-Bube von Schimmern mit dem Degen darnieder gestochen wurde. Dem ohngeacht hatten sich noch 3. Mannes- und 4. Weibs-Personen vom Lager erhoben, welche uns mit Holtzernen Gewehren darnieder zuschlagen vermeyneten, allein da ich unter Schimmers Rocke meinen Degen fand und zum Zuge kam, wurde in kurtzen reine Arbeit gemacht, so, dass diese 7. Personen elendiglich zugerichtet, auf ihr voriges Lager niederfallen musten. Am lacherlichsten war dieses bey dem gantzen Streite, dass mich eine Weibs-Person, mit einer ziemlich starck angefullten Katze voll Geld, uber den Kopf schlug, so dass mir fast horen und sehen vergangen ware, da aber diese Amazonin durch einen gewaltigen Hieb uber den Kopff in Ohnmacht gebracht, hatte ich Zeit genung, mich ihres kostbaren Gewehrs zu bemachtigen, und selbiges in meinem Busen zu verbergen.

Mittlerweile da Schimmer, mit dem von mir geforderten Kraut und Loth, die Pistolen aufs neue pfefferte, kam der Wirth mit noch zwey Handfesten Kerln hertzu, und fragte: Was es gabe? Schimmer antwortete: Es giebt allhier Schelme und Spitzbuben zu ermorden, und derjenige so die geringste miene macht uns anzugreiffen, soll ihnen im Tode Gesellschafft leisten. Demnach stelleten sich der Wirth nebst seinen Beistanden, als die ehrlichsten Leute von der Welt, schlugen die Hande zusammen und schryen: O welch ein Anblick? Was hat uns das Ungluck heute vor Gaste zugefuhret? Allein Schimmer stellete sich als ein anderer Hercules an, und befahl, dass der Wirth sogleich mein Pferd gesattelt hervor fuhren solte, mittlerweile sich seine zwey Beistande als ein paar Hunde vor der Stuben-Thur niederlegen musten. Wir beyde kleideten uns inzwischen vollig an, liessen mein Pferd heraus fuhren, die Thur eroffnen, und durch den Wirth den Mantel-Sack aufbinden, reiseten also noch vor Tages Anbruch hinweg, und bedachten hernach erstlich, dass der Wirth vor grosser Angst nicht ein mahl die Zehrungs-Kosten gefordert hatte, vor welche ihm allen Ansehen nach 3. oder 4. Todte, und 6. sehr Verwundete hinterlassen waren.

Wir leiteten das Pferd hinter uns her, und folgeten Schritt vor Schritt, ohne ein Wort miteinander zu reden, dem gebahnten Wege, auch unwissend, wo uns selbiger hinfuhrete, biss endlich der helle Tag anbrach, der mir dieses mal mehr als sonsten, mit gantz besonderer Schatzbarkeit in die Augen leuchtete. Doch da ich mein Pferd betrachtete, befand sich's, dass mir der Wirth, statt meines blauen Mantel-Sacks, einen grunen aufgebunden hatte. Ich gab solches dem redlichen Schimmer, mit dem ich auf dem Wege in Erwegung unserer beyderseits Besturzung noch kein Wort gesprochen hatte, so gut zu verstehen, als mir die Lateinische Sprache aus dem Munde fliessen wolte, und dieser war so neugierig als ich, zu wissen, was wir vor Raritaten darinnen antreffen wurden. Derowegen fuhreten wir das Pferd seitwarts ins Gebusche, packten den Mantel-Sack ab, und fanden darinnen 5. verguldete silberne Kelche, 2. silberne Oblaten-Schachteln, vielerley Beschlage so von Buchern abgebrochen war, nebst andern kostbarn und mit Perlen gestickten Kirchen-Ornaten, gantz zuletzt aber kam uns in einem Bundel zusammen gewickelter schwartzer Wasche, ein lederner Beutel in die Hande, worinnen sich 600. Stuck species Ducaten befanden.

Schimmern uberfiel bey diesem Funde so wol als mich, ein grausamer Schrecken, so dass der AngstSchweiss uber unsere Gesichter lieff, und wir beyderseits nicht wusten was mit diesen mobilien anzufangen sey. Endlich da wir einander lange genung angesehen, sagte mein Gefahrte: Wehrter Frembdling, ich mercke aus allen Umstanden dass ihr so ein redliches Hertze im Leibe habt als ich, derowegen wollen wir Gelegenheit suchen, die, zu GOttes Ehre geweyheten Sachen und Heiligthumer, von uns ab- und an einen solchen Orth zu schaffen, von wannen sie wiederum an ihre Eigenthumer geliefert werden konnen, denn diejenigen, welche vergangene Nacht von uns getodtet und verwundet worden, sind ohnfehlbar KirchenDiebe gewesen. Was aber diese 600 spec. Ducaten anbelanget, so halte darvor dass wir dieselben zur recreation vor unsere ausgestandene Gefahr und Muhe wol behalten konnen. Saget, sprach er, mir derowegen euer Gutachten.

Ich gab zu verstehen dass meine Gedancken mit den Seinigen vollkommen uberein stimmeten, also packten wir wiederum auf, und setzten unsern Weg so eilig, als es moglich war, weiter fort, da mir denn Schimmer unterweges sagte: Ich solte mich nur um nichts bekummern, denn weil ich ohne dem der teutschen Sprache unkundig ware, wolte er schon alles so einzurichten trachten, dass wir ohne fernere Weitlaufigkeit und Gefahr weit genug fortkommen konnten, wohin es uns beliebte.

Es kam uns zwar uberaus Beschwerlich vor den gantzen Tag durch den furchterlichen Wald, und zwar ohne Speise und Tranck zu reisen, jedoch endlich mit Untergang der Sonnen erreichten wir einen ziemlich grossen Flecken, allwo Schimmer sogleich nach des Priesters Wohnung fragte, und nebst mir, vor derselben halten blieb.

Der Ehrwurdige, etwa 60. jahrige Priester kam gar bald vor die Thur, welchen Schimmer in Lateinischer Sprache ohngefehr also anredete: Mein Herr! Es mochte uns vielleicht vor eine Unhofflichkeit ausgelegt werden, bey euch um ein Nacht-Quartier zu bitten, indem wir als gantz frembde Leute in das ordentliche Wirtshaus gehoren, allein es zwinget uns eine gantz besondere Begebenheit, in Betrachtung eures heiligen Amts, bey euch Rath und Hulffe zu suchen. Derowegen schlaget uns keins von beyden ab, und glaubet gewiss, dass in uns beyden keine Bossheit, sondern zwey redliche Hertzen befindlich. Habt ihr aber dieser Versicherung ohngeacht ein Misstrauen, welches man euch in Erwegung der vielen herum schweiffenden Morder, Spitzbuben und Diebe zu gute halten muss, so brauchet zwar alle erdenckliche Vorsicht, lasset euch aber immittelst erbitten unser Geheimniss anzuhoren.

Der gute ehrliche Geistliche machte nicht die geringste Einwendung, sondern befahl unser Pferd in den Stall zu fuhren, uns selbst aber nothigte er sehr treuhertzig in seine Stube, allwo wir von seiner Haussfrau, und bereits erwachsenen Kindern, wohl empfangen wurden. Nachdem wir, auf ihr hefftiges Bitten, die Abend-Mahlzeit bey ihnen eingenommen, fuhrete uns der ehrwurdige Pfarrer auf seine Studier-Stube, und horete nicht allein die in vergangener Nacht vorgefallene Mord-Geschicht mit Erstaunen an, sondern entsetzte sich noch mehr, da wir ihm das auf wunderbare Weise erhaltene Kirchen-Geschmeide und Gerathe aufzeigeten, denn er erkannte sogleich an gewissen Zeichnungen, dass es ohnfehlbar aus der Kirche einer etwa 3 Meilen von seinem Dorffe liegenden Stadt seyn musse, und hofte, dessfalls sichere Nachricht von einem vornehmen Beamten selbiger Stadt zu erhalten, welcher Morgendes Tages ohnfehlbar zu ihm kommen und mit einer seiner Tochter Verlobniss halten wurde.

Schimmer fragte ihn hierauff, ob wir als ehrliche Leute genung thaten, wenn wir alle diese Sachen seiner Verwahrung und Sorge uberliessen, selbige wiederum an gehorigen Ort zu liefern, uns aber, da wir uns nicht gern in fernere Weitlaufftigkeiten verwickelt sahen, auf die weitere Reise machten. Der Priester besonne sich ein wenig, und sagte endlich: Was massen er derjenig nicht sey, der uns etwa Verdriesslichkeiten in den Weg zu legen oder gar aufzuhalten gesonnen, sondern uns vielmehr auf mogliche Art forthelffen, und die Kirchen-Guter so bald es thunlich, wieder an ihren gehorigen Orth bringen wolte. Allein meine Herrn, setzte er hinzu, da euch allen beyden die Redlichkeit aus den Augen leuchtet, eure Begebenheit sehr wichtig, und die Auslieferung solcher kostbaren Sachen hochst ruhmlich und merckwurdig ist; warum lasset ihr euch einen kleinen Auffenthalt oder wenige Versaumniss abschrecken, GOTT zu Ehren und der Weltlichen Obrigkeit zum Vergnugen, diese Geschichte offentlich kund zu machen? Schimmer versetzte hierauff: Mein Ehrwurdiger Herr! ich nehme mir kein Bedencken, euch mein gantzes Herz zu offenbaren. Wisset demnach, dass ich aus der Lippischen Grafschafft geburtig bin, und vor etlichen Jahren auf der beruhmten Universitat Jena dem studieren obgelegen habe, im Jahr 1655. aber hatte das Ungluck, an einem nicht gar zu weit von hier liegenden Furstlichen Hofe, allwo ich etwas zu suchen hatte, mit einem jungen Cavalier in Handel zu gerathen, und denselben im ordentlichen Duell zu erlegen, wesswegen ich fluchtig werden, und endlich unter Kayserlichen Kriegs-Volckern mit Gewalt Dienste nehmen muste. Weil mich nun dabey wohl hielt, und uber dieses ein ziemlich Stuck Geld anzuwenden hatte, gab mir mein Obrister gleich im andern Jahre den besten Unter-Officiers Platz, nebst der Hoffnung, dass, wenn ich fortfuhre mich wohl zu halten, mir mit ehesten eine Fahne in die Hand gegeben werden solte. Allein vor etwa 4. Monathen, da wir in Oesterreichischen Landen die Winter-Quartiere genossen, machte mich mein Obrister uber alles vermuthen zum Lieutenant bey seiner Leib-Compagnie, welches plotzliche Verfahren mir den bittersten Hass aller andern, denen ich solchergestalt vorgezogen worden, uber den Hals zohe, und da zumalen ein Lutheraner bin, so wurde zum offtern hinter dem Rucken vor einen verfluchten Ketzer gescholten, der des Obristen Hertz ohnfehlbar bezaubert hatte. Mithin verschworen sich etliche, mir bey ehester Gelegenheit das Lebens-Licht auszublasen, wolten auch solches einesmahls, da ich in ihre Gesellschafft gerieth, zu Wercke richten, allein das Blat wendete sich, indem ich noch bey zeiten mein Seiten-Gewehr ergriff, zwey darnieder stiess, 3. sehr starck verwundete, und nachhero ebenfalls sehr verwundete in Arrest kam.

Es wurde mir viel von harquibousieren vorgeschwatzt, derowegen stellete mich, ohngeacht meine Wunden bey nahe gantzlich curieret waren, dennoch immer sehr kranck an, biss ich endlich des Nachts Gelegenheit nahm zu entfliehen, meine Kleider bey Regensburg mit einem armen Studioso zu verwechseln, und unter dessen schwarzer Kleidung in armlicher Gestalt glucklich durch, und biss in diejenige MordGrube des Thuringer Waldes zu kommen, allwo ich diesen jungen Engellander aus seiner Morder-Handen befreyen zu helffen das Gluck hatte. Sehet also mein werther Herr, verfolgte Schimmer seine Rede, bey dergleichen Umstanden will es sich nicht wol thun lassen, dass ich mich um hiesige Gegend lange aufhalte, oder meinen Nahmen kund mache, weil ich gar leicht, den vor 5. Jahren erzurneten Fursten, der seinen erstochenen Cavalier wol noch nicht vergessen hat, in die Hande fallen konte. In Detmold aber, allwo meine Eltern seyn, will ich mich finden lassen, und bemuhet leben meine Sachen an erwehnten Furstlichen Hofe auszumachen.

Habt ihr sonsten keine Furcht versetzte hierauff der Priester, so will ich euch bey GOTT versichern, dass ihr um diese Gegend vor dergleichen Gefahr so sicher leben konnet, als in eurem Vaterlande. Da er auch uber dieses versprach, mit seinem zukunfftigen Schwieger-Sohne alles zu unsern weit grossern Vortheil und Nutzen einzurichten, beschlossen wir, uns diesem redlichen Manne vollig anzuvertrauen, die 600. spec. Ducaten aber, biss auf fernern Bescheid, zu verschweigen, als welche ich nebst der im Streit eroberten Geld-Katze, in welcher sich vor fast dritthalb hundert teutscher Thaler Silber-Muntze befand, in meine Reit-Taschen verbarg, und Schimmern versprach, so wohl eins als das andre, redlich mit ihm zu theilen.

Mittlerweile schrieb der Priester die gantze Begebenheit an seinen zukunfftigen Eidam, und schickte noch selbige Nacht einen reitenden Boten zu selbigem in die Stadt, von wannen denn der hurtige und redliche Beamte folgenden Morgen bey guter Zeit ankam, und die Kirchen-Guter, welche nur erstlich vor drey Tagen aus dasiger Stadt-Kirchen gestohlen worden, mit grosten Freuden in Empfang nahm. Schimmer und ich liessen uns sogleich bereden mit ihm, nebst ohngefahr 20. wohl bewehrten Bauern zu Pferde, die vortreffliche Herberge im Walde noch einmahl zu besuchen, welche wir denn gegen Mitternacht nach vielen suchen endlich fanden. Jedoch nicht allein der verzweiffelte Wirth mit seiner gantzen Familie, sondern auch die andern Galgen-Vogel waren alle ausgeflogen, biss auf 2. Weibs- und eine Manns-Person, die gefahrlich verwundet in der Stube lagen, und von einer Stein alten Frau verpflegt wurden. Diese wolte anfanglich von nichts wissen, stellete sich auch gantzlich taub und halb blind an, doch endlich nach scharffen Drohungen zeigete sie einen alten wohlverdeckten Brunnen, aus welchen nicht allein die vier kantlichen Corper, der von uns erschossenen und erstochenen Spitzbuben, sondern uber dieses, noch 5. theils halb, theils gantzlich abgefaulte Menschen-Gerippe gezogen wurden. Im ubrigen wurde so wol von den Verwundeten als auch von der alten Frau bekrafftiget, dass der Wirth, nebst den Seinigen und etlichen Gasten, schon gestrigen Vormittags mit Sack und Pack aussgezogen ware, auch nichts zuruck gelassen hatte, als etliche schlechte Stucken Hauss-Gerathe und etwas Lebens-Mittel vor die Verwundeten, die nicht mit fortzubringen gewesen. Folgenden Tages fanden sich nach genauerer Durchsuchung noch 13. im Keller vergrabene menschliche Corper, die ohnfehlbar von diesem hollischen Gastwirthe und seinen verteuffelten Zunfftgenossen ermordet sein mochten, und uns allen ein wehmuthiges Klagen uber die unmenschliche Verfolgung der Menschen gegen ihre Neben-Menschen auspresseten. Immittelst kamen die, von dem klugen Beamten bestellte 2. Wagens an, auf welche, da sonst weiter allhier nichts zu thun war, die 3. Verwundeten, nebst der alten Frau gesetzt, und unter Begleitung 10. Handfester Bauern zu Pferde, nach der Stadt zugeschickt wurden.

Der Beambte, welcher, nebst uns und den ubrigen, das gantze Hauss, Hoff und Garten nochmals eiffrig durchsucht, und ferner nichts merckwurdiges angetroffen hatte, war nunmehro auch gesinnet auf den Ruckweg zu gedencken, Schimmer aber, der seine in Handen habende Rade-Haue von ohngefahr auf den Kuchen-Heerd warff, und dabey ein besonderes Getose anmerckte, nahm dieselbe nochmals auf, that etliche Hiebe hinein, und entdeckte, wider alles Vermuthen, einen darein vermaureten Kessel, worinnen sich, da es nachhero uberschlagen wurde, 2000. Thlr. Geld, und bey nahe eben so viel Gold und Silberwerck befand. Wir erstauneten alle daruber, und wusten nicht zu begreiffen, wie es moglich, dass der Wirth dergleichen kostbaren Schatz im Stich lassen konnen, muthmasseten aber, dass er vielleicht beschlossen, denselben auf ein ander mal abzuholen. Indem trat ein alter Bauer auf, welcher erzehlete: Dass vor etliche 40. Jahren in Kriegs-Zeiten ebenfalls ein Wirth aus diesem Hause, Mord und Dieberey halber, geradert worden, der noch auf dem Richt-Platze, kurtz vor seinem unbussfertigen Ende, versprochen hatte, einen Schatz von mehr als 4000. Thlr. Werth zu entdecken, daferne man ihm das Leben schencken wolle. Allein die Gerichts-Herren, welche mehr als zu viel Proben seiner Schelmerey erfahren, hatten nichts anhoren wollen, sondern das Urtheil an ihm vollziehen lassen. Demnach konne es wol seyn, dass seine Nachkommen hiervon nichts gewust, und diesen unverhofft gefundenen Schatz also entbehren mussen.

Der hierdurch zuletzt noch ungemein erfreute Beamte theilete selbigen versiegelt in etliche Futter-Sakke der Bauren, und hiermit nahmen wir unsern Weg zuruck, er in die Stadt, Schimmer und ich, nebst 4. Bauern aber, zu unsern gutthatigen Pfarrer, der uber die fernere Nachricht unserer Geschicht um so viel desto mehr Verwunderung und Besturzung zeigte.

Wir hatten dem redlichen Beamten versprochen, seiner daselbst zu erwarten, und dieser stellete sich am 3ten Tage bey uns ein, brachte vor Schimmern und mich 200. spec. Ducaten zum Geschencke mit, angleichen ein gantz Stuck Scharlach nebst allem Zubehor der Kleidungen, die uns zwey Schneiders aus der Stadt in der Pfarr-Wohnung sogleich verfertigen musten. Mittlerweile protocollierte er unsere nochmahlige Ausssage wegen dieser Begebenheit, hielt darauff sein Verlobniss mit des Priesters Tochter, welches Freuden-Fest wir beyderseits abwarten musten, nachhero aber, da sich Schimmer ein gutes Pferd erkauft, und unsere ubrige Equippage vollig gut eingerichtet war, nahmen wir von dem guthertzigen Priester und den Seinigen danckbarlich Abschied, liessen uns von 6. Handfesten, wohlbewaffneten und gut berittenen Bauern zuruck durch den Thuringer Wald begleiten, und setzten nachhero unsere Reise ohne fernern Anstoss auf Detmold fort, allwo wir von Schimmers Mutter, die ihren Mann nur etwa vor 6. oder 8. Wochen durch den Tod eingebusset hatte, hertzlich wol empfangen wurden.

Hierselbst theileten wir die, auf unserer Reise wunderbar erworbenen Gelder, ehrlich miteinander und lebten uber ein Jahr als getreue Bruder zusammen, binnen welcher Zeit ich dermassen gut Teutsch lernete, dass fast meine Mutter-Sprache daruber vergass, wie ich mich denn auch in solcher Zeit zur Evangelisch-Lutherischen Religion wandte, und den verwirrten Englischen Secten gantzlich absagte.

Schimmers Bruder hatte die Vaterlichen Guter allbereit angenommen, und ihm etwa 3000. teutscher Thaler heraus gegeben, welche dieser zu Burgerlicher Nahrung anlegen, und eine Jungfrau von nicht weniger guten Mitteln erheyrathen, mich aber auf gleiche Art mit seiner eintzigen schonen Schwester versorgen wolte. Allein zu meinem grosten Verdrusse hatte sich dieselbe allbereits mit einem wohlhabenden andern jungen Menschen verplempert, so dass meine zu ihr tragende aufrichtige Liebe vergeblich war, und da vollends meines lieben Schimmers Liebste, etwa 3. Wochen vor dem angestellten Hochzeit-Feste, durch den Tod hinweg gerafft wurde; fasseten wir beyderseits einen gantz andern Schluss, nahmen ein jeder von seinem Vermogen 1000. spec. Ducaten, legten die ubrigen Gelder in sichere Hande, und begaben uns unter die Hollandischen Ost-Indien-Fahrer, allwo wir auf zwey glucklichen Reisen unser Vermogen ziemlich verstarckten, derowegen auch gesonnen waren, die dritte zu unternehmen, als uns die verzweiffelten Verrather, Alexander und Gallus, das Maul mit der Hoffnung eines grossen Gewinstes wasserig machten, und dahin brachten, in ihrer Gesellschafft nach der Insul Amboina zu schiffen.

Was auf dieser Fahrt vorgegangen, hat meine werthe Schwagerin, des Alberti II. Gemahlin, mit behorigen Umstanden erzehlet, derowegen will nur noch dieses melden, dass Schimmer und ich eine heimliche Liebe auf die beyden tugendhafften Schwestern, nemlich Philippinen und Judith geworffen hatten, ingleichen dass sich Jacob Larson, der unser dritter Mann und besonderer Hertzens-Freund war, nach Sabinens Besitzung sehnete. Doch keiner von allen dreyen hatte das Hertze, seinem Geliebten Gegenstande die verliebten Flammen zu entdecken, zumahlen da ihre Gemuther, durch damahlige angstliche Bekummernisse, einmahl uber das andere in die schmerzlichsten Verdriesslichkeiten verfielen. In welchem elenden Zustande denn auch die fromme und keusche Philippine ihr junges Leben klaglich einbussete, welches Schimmern als ihren ehrerbietigen Liebhaber in geheim 1000. Thranen auspressete, indem ihm dieser Todes-Fall weit heftiger schmertzte, als der plotzliche Abschied seiner ersten Liebste. Ich und Larson hergegen verharreten in dem festen Vorsatze, so bald wir einen sichern Platz auf dem Lande erreicht, unsern beyden Leit-Sternen die Beschaffenheit und Leydenschafft der Hertzen zu offenbaren, und allen Fleiss anzuwenden, ihrer ungezwungenen schatzbaren Gegen-Gunst theilhafftig zu werden. Dieses geschahe nun so bald wir auf hiesiger Felsen-Insul unsere Gesundheit vollig wieder erlangt hatten. Der Vortrag wurde nicht allein guthertzig aufgenommen, sondern wir hatten auch beyderseits Hoffnung bey unsern schonen Liebsten glucklich zu werden. Doch Amias und Robert Hull brachten es durch vernunfftige Vorstellungen dahin, dass wir insgesamt guter Ordnung wegen unsere Hertzen beruhigten, und selbige auf andere Art vertauschten. Also kam meine innigst geliebte Middelburgische Judith an Albertum II. Sabina an Stephanum, Jacob Larson bekam zu seinem Theile, weil er der alteste unter uns war, auch die alteste Tochter unsers theuren Altvaters, Schimmer nahm mit grosten Vergnugen von dessen Handen die andere, und ich wartete mit innigsten Vergnugen auf meine, ihren zweyen Schwestern an Schonheit und Tugend gleichformige Christina bey nahe noch 6. Jahr, weil ihr bestandig zarter und kranklicher Zustand unsere Hochzeit etliche Jahr weiter, biss ins 1674te hinaus verschobe. Wie vergnugt wir unsere Zeit beyderseits biss auf diese Stunde zugebracht, ist nicht auszusprechen. Mein Vaterland, oder nur einen einzigen Ort von Europa wieder zu sehen, ist niemals mein Wunsch gewesen, derowegen habe mein weniges zuruck gelassenes Vermogen, so wohl als Schimmer, gern im Stich gelassen und frembden Leuten gegonnet, bin auch entschlossen, biss an mein Ende dem Himmel unaufhorlichen Danck abzustatten, dass er mich an einen solchen Ort gefuhret, allwo die Tugenden in ihrer angebornen Schonheit anzutreffen, hergegen die Laster des Landes fast gantzlich verbannet und verwiesen sind.

Hiermit endigte David Rawkin die Erzehlung seiner und seines Freundes Schimmers Lebens-Geschicht, welche wir nicht weniger als alles Vorige mit besondern Vergnugen angehoret hatten, und uns desswegen aufs hofflichste gegen diesen 85. jahrigen Greiss, der seines hohen Alters ohngeacht noch so frisch und munter, als ein Mann von etwa 40. Jahren war, auffs hofflichste bedanckten. Der Altvater aber sagte zu demselben: Mein werther Sohn, ihr habt eure Erzehlung voritzo zwar kurtz, doch sehr gut gethan, jedennoch seid ihr denen zuletzt angekommenen lieben Freunden den Bericht von euren zweyen Ost-Indischen Reisen annoch schuldig blieben, und weil selbiger viel merkwurdiges in sich fasset, mogen sie euch zur andern Zeit darum ersuchen. Was den Jacob Larson anbelanget, so will ich mit wenigen dieses von ihm melden: Er war ein gebohrner Schwede, und also ebenfalls Lutherischer Religion, seines Handwercks ein Schlosser, der in allerhand Eisen- und Stahl-Arbeit ungemeine Erfahrenheit und Kunst zeigete. In seinem 24. Jahre hatte ihn die gantz besondere Lust zum Reisen aufs Schiff getrieben, und durch verschiedene Zufalle zum fertigen See-Manne gemacht, Ostund West-Indien hatte derselbe ziemlich durchkrochen, und dabey offters grossen Reichthum erworben, welchen er aber jederzeit gar plotzlich und zwar offters aufs gefahrlichste, nicht selten auch auf lacherliche Art wiederum verlohren. Dennoch ist er einmahl so standhafft als das andere, auf Besehung frembder Lander und Volker geblieben, und ich glaube, dass er nimmermehr auf dieser Insul Stand gehalten, wenn ihm nicht meine Tochter, die er als seine Frau sehr hefftig liebte, sonderlich aber die bald auf einander folgenden Leibes-Erben, eine ruhigere Lebens-Art eingeflosset hatten. Es ist nicht auszusprechen, wie nutzlich dieser treffliche Mann mir und allen meinen Kindern gewesen, denn er hat nicht allein Eisen- und Metall-Steine allhier erfunden, sondern auch selbiges ausgeschmelzt und auf viele Jahre hinaus nutzliche Instrumenten daraus verfertiget, dass wir das SchiessPulver zur Noth selbst, wiewohl nicht so gar fein als das Europaische, machen konnen, haben wir ebenfalls seiner Geschicklichkeit zu dancken, ja noch viel andere Sachen mehr, welche hinfuhro den Meinigen Gelegenheit geben werden seines Nahmens Gedachtniss zu verehren. Er ist nur vor 6. Jahren seiner seeligen Frauen im Tode gefolget, und hat den seeligen Schimmer etwa um 3. Jahre uberlebt, der vielleicht auch noch nicht so bald gestorben ware, wenn er nicht durch einen umgeschlagenen Balcken bey dem Gebaude seiner Kinder, so sehr beschadigt und ungesund worden ware. Jedoch sie sind ohnfehlbar in der ewig seeligen Ruhe, welche man ihnen des zeitlichen Lebens wegen nicht missgonnen muss.

Nunmehro aber meine Lieben, sagte hierbey unser Altvater, wird es Zeit seyn, dass wir uns sammtlich der Ruhe bedienen, um Morgen geliebtes Gott des seel. Schimmers und seiner Nachkommen Wohnstadte in Augenschein zu nehmen. Demnach folgten wir dessen Rathe in diesem Stuck desto williger, weil es allbereit Mitternacht war, folgenden Morgens aber, da nach genossener Ruhe und eingenommenen Fruh-Stuck, der jungere Albertus, Stephanus und David mit ihren Gemahlinnen, dieses mal Abschied von uns nahmen, und wiederum zu den ihrigen kehreten, setzten wir ubrigen nebst dem Altvater die Reise auf Simons-Raum fort.

Allda nahmen wir erstlich eine feine Brucke uber den Nord-Fluss in Augenschein, nebst derjenigen Schleuse, welche auf den Nothfall gemacht war, wenn etwa die Haupt-Schleusen in Christians-Raum nicht vermogend waren den Lauf des Flusses, welcher zu gewissen Zeiten sehr hefftig und schnelle trieb, gnugsamen Widerstand zu thun. Die Pflanz-Stadt selbst bestunde aus 13. Wohnhausern, worunter aber 3. befindlich, die vor junge Anfanger nur kurtzlich neu aufgebauet, und noch nicht bezogen waren. Ihr Hausshaltungs Wesen zeigte sich denen ubrigen Insulanern, der Nahrhafftigkeit und accuratesse wegen, in allen gleichformig, doch fanden sich ausserdem etliche Kunstler unter ihnen, welche die artigsten und nutzlichsten Geschirre, nebst andern Sachen, von einem vermischten Metall sauber giessen und ausarbeiten, auch die Formen selbst darzu machen konten, welches der seel. Simon Heinrich Schimmer durch seine eigene Klugheit, und Larsons Beyhulffe erfunden und seine Kinder damit belehret hatte. Im ubrigen waren alle, in der Bau-Kunst und andern nothigen Handthierungen, nach dasiger Art ungemein wohl erfahren.

Nachdem wir allen Hausswirthen daselbst eine kurtze Visite gegeben, und ihr gantzes Wesen wohl beobachtet hatten, begleiteten uns die Mehresten in den grossen Thier-Garten, den der Altvater bereits vor langen Jahren in der Nord-Ost-Ecke der Insul angelegt, und einiges Wild hinein geschaffet hatte, welches nachhero zu einer solchen Menge gediehen und dermassen Zahm worden, dass man es mit Handen greiffen und schlachten konte, so offt man Lust darzu bekam. Dieser schone Thier-Garten wurde von verschiedenen kleinen Bachlein durchstreifft, die aus der kleinen Oestlichen See gerauschet kamen, und sich in den ausersten Felsen Lochern verlohren. Wir nahmen ermeldte kleine See, welche etwa tausend Schritte im Umfange hatte, wohl in Augenschein, passierten uber den Ost-Fluss vermittelst einer verzaunten Brucke, und bemerckten, dass sich selbiger Fluss mit entsetzlichen Getose in die holen Felsen-Kluffte hinein sturtzte, worbey uns gesagt wurde, was massen er ausserhalb nicht als ein Fluss, sondern in unzehlige Strudels zertheilt, in Gestalt der allerschonsten fontaine wiederum zum Vorscheine kame, und sich solchergestalt in die See verlohre. Die andere Seite der See, nach Ost-Suden zu, war wegen der vielen starcken Bache, die ihren Ursprung im Walde aus vielen sumpffigten Oertern nahmen, und durch ihren Zusammenfluss die kleine See machten, nicht wohl zu umgehen, derowegen kehreten wir uber die Brucke des Ost-Flusses, durch den Tier-Garten zuruck nach Simons-Raum, wurden von dasigen Einwohnern herrlich gespeiset und getranckt, reichten ihnen die gewohnlichen Geschencke, und kehreten nachhero zurucke. Herr Mag. Schmelzer nahm seinen Weg in die Davids-Raumer Allee, um daselbst seine Catechismus-Lehren fortzusetzen, wir aber kehreten zuruck und halffen biss zu dessen Zuruckkunfft am Kirchen-Bau arbeiten, nahmen nachhero auf der Albertus-Burg die AbendMahlzeit ein, worauff der Altvater, uns Versammleten den Rest seiner vorgenommenen Lebens-Geschicht mitzutheilen, folgender massen anhub:

Nunmehro wisset, ihr meine Geliebten, wer diejenigen Haupt-Personen gewesen sind, die ich im 1668ten Jahre mit Freuden auf meiner Insul ankommen und bleiben sahe. Also befanden wir uns samtliche Einwohner derselben 20. Personen starck, als 11. mannliches Geschlechts, unter welchen meine beyden jungsten Zwillinge, Christoph und Christian im 13den Jahre stunden, und dann 9. Weibs-Bilder, worunter meine 11. jahrige Tochter Christina und Roberts zwey kleinen Tochter, annoch in volliger Unschuld befindlich waren. Unsere zuletzt angekommenen Frembdlinge machten sich zwar ein grosses Vergnugen mit an die erforderliche Nahrungs-Arbeit zu gehen, auch bequemliche Hutten vor sich zu bauen, jedennoch konten weder ich und die Meinigen, noch Amias und Robert eigentlich klug werden, ob sie gesinnet waren bey uns zu bleiben, oder ihr Gluck anderwarts zu suchen. Denn sie brachten nicht allein durch unsere Beyhulffe ihr Schiff mit groster Muhe in die Bucht, sondern setzten selbiges binnen kurtzer Zeit in Seegelfertigen Zustand. Endlich, da der ehrliche Schimmer alles genauer uberlegt, und von unserer Wirtschafft vollige Kundschafft eingezogen hatte, Verliebte er sich in meine Tochter Elisabeth, und brachte seine beyden Gefahrten, nemlich Jacob und David dahin, dass sie sich nicht allein auf sein, sondern der ubrigen Frembdlinge Zureden, bewegen liessen, ihre beyden Geliebten an meine altesten Zwillinge abzutreten, hergegen ihre Hertzen auf meine zwey ubrigen Tochter zu lencken. Demnach wurden im 1669ten Jahre, Jacob Larson mit Maria, Schimmer mit Elisabeth, mein altester Sohn mit Judith, und Stephanus mit Sabinen, von mir ehelich zusammen gegeben, der gute David aber, dessen zugetheilte Christina noch allzu jung war, geduldete sich noch etliche Jahr, und lebte unter uns als ein unverdrossener redlicher Mann.

Die Lust ein neues Schiff zu bauen war nunmehro so wol dem Amias, als uns andern allen vergangen, indem das zuletzt angekommene von solcher Gute schiene, mit selbigem eine Reise um die gantze Welt zu unternehmen, jedoch es wurden alle Schatze an Gelde und andern Kostbarkeiten, Waaren, Pulver und Geschutze gantzlich ausgeladen und auf die Insul, das Schiff selbst aber an gehorigen Orth in Sicherheit gebracht. Nachhero ergaben wir uns der bequemlichsten Hauss-Arbeit und dem Land-Baue dermassen, und mit solcher Gemachlichkeit, dass wir zwar als gute HaussWirthe, aber nicht als eitele Bauch- und MammonsDiener zu erkennen waren. Das ist so viel gesagt, wir baueten uns mehrere und beqvemlichere Wohnungen, bestelleten mehr Felder, Garten und Weinberge, brachten verschiedene Werckstadten zur Holz-SteinMetall- und Saltz-Zurichtung in behorige Ordnung, trieben aber damit nicht den geringsten Wucher, und hatten solchergestalt gar keines Geldes von nothen, weil ein jeder mit demjenigen, was er hatte, seinen Nachsten umsonst, und mit Lust zu dienen geflissen war.

Im ubrigen brachten wir unsere Zeit denmassen vergnugt zu, dass es keinem einzigen gereuete, von dem Schicksal auf diese Insul verbannet zu seyn. Meine liebe Concordia aber und ich waren dennoch wohl die allervergnugtesten, da wir uns nunmehro uber die Einsamkeit zu beschweren keine fernere Ursache hatten, sondern unserer Kinder Familien im besten Wachsthum sahen, und zu Ende des 1670ten Jahres allbereit 9. Kindes-Kinder, nehmlich 6. Sohne und 3. Tochter kussen konten, ohngeacht wir dazumahl kaum die Helffte der schrifftmassigen menschlichen Jahre uberschritten hatten, also gar fruhzeitig GrossEltern genennet wurden.

Unser dritter Sohn, Johannes, trat damahls in sein zwantzigstes Jahr, und liess in allen seinen Wesen den naturlichen Trieb spuren, dass er sich nach der Lebens-Art seiner alteren Bruder, das ist, nach einem Ehe-Gemahl, sehnete. Seine Mutter und ich liessen uns dessen Sehnsucht ungemein zu Hertzen gehen, wusten ihm aber weder zu rathen noch zu helffen, biss sich endlich der alte Amias des schwermuthigen Junglings erbarmete, und die Schiff-Fahrt nach der Helenen-Insul von neuem aufs Tapet brachte, sintemahl ein tuchtiges Schiff in Bereitschafft lag, welches weiter nichts als behorige Ausrustung bedurffte. Meine Concordia wolte hierein anfanglich durchaus nicht willigen, doch endlich liess sie sich durch die trifftigsten Vorstellungen der meisten Stimmen so wohl als ich uberwinden, und willigte, wiewohl mit thranenden Augen, darein, dass Amias, Robert, Jacob, Simon, nebst allen unsern 5. Sohnen zu Schiffe gehen solten, um vor die 3. Jungsten Weiber zu suchen, wo sie selbige finden konnten. David Rawkin, weil er keine besondere Lust zum Reisen bezeugte, wurde von den andern selbst ersucht, seiner jungen Braut wegen zuruck zu bleiben, hergegen gaben sich Stephani, Jacobs und Simons Gemahlinnen von freyem Willen an, diese Reise mit zu thun, und bey ihren Mannern gutes und boses zu erfahren. Roberts und Alberts Weiber aber, die ebenfalls nicht geringe Lust bezeigten, dergleichen Fahrt mit zu wagen, wurden genothiget, bey uns zu bleiben, weil sie sich beyde hochschwangern Leibes befanden.

Dennoch gingen binnen wenig Tagen alle Anstalten fast noch hurtiger von statten, als unsere vorherige Entschliessung, und die erwehnten 12. Personen waren den 14. Januar 1671. uberhaupt mit allen fertig in See zu gehen, weil das Schiff mit gnugsamen Lebens-Mitteln, Gelde, nothdurfftigen Gutern, Gewehr und dergleichen vollkommen gut ausgerustet, auch weiter nichts auf demselben mangelte, als etwa noch 2. mahl so viel Personen.

Jedoch der tapffere Amias, als Capitain dieses wenigen Schiffs-Volcks, war dermassen muthig, dass die ubrigen alle mit Freuden auf die Stunde ihrer Abfahrt warteten.

Nachdem also Amias, Robert, Jacob und Simon mir einen theuren Eyd geschworen, keine weitern Abendtheuern zu suchen, als diejenigen, so unter uns abgeredet waren, im Gegentheil meine Kinder, so bald nur vor dieselben 3. anstandige Weibs-Personen ausgefunden, eiligst wieder zuruck zu fuhren, gingen sie den 16ten Jan. zur Mittags-Zeit freudig unter Segel, stiessen unter unzehligen Gluckwunschungen von dieser Insul ab, und wurden von uns Zuruckbleibenden mit thranenden Augen und angstlichen Gebarden so weit begleitet, biss sie sich nach etlichen Stunden sammt ihren Schiffe gantzlich aus unsern Gesichte verlohren.

Solcher Gestalt kehreten ich, David, und die beyden Concordien zuruck in unsere Behausung, allwo Judith und meine jungste Tochter Christina, auf die kleinen 9. Kinder Achtung zu haben, geblieben waren. Unser erstes war, so gleich sammtlich auf die Knie nieder zu fallen, und GOTT um gnadige Erhaltung der Reisenden wehmuthigst anzuflehen, welches nachhero Zeit ihrer Abwesenheit alltaglich 3. mahl geschahe. David und ich liessen es uns mittlerweile nicht wenig sauer werden, um unsere ubrigen Fruchte und den Wein vollig einzuerndten, auch nachero so viel Feld wiederum zu bestellen, als in unsern und der wohlgezogenen Affen Vermogen stund. Die 3. Weiber aber durfften vor nichts sorgen, als die Kuche zu bestellen, und die unmundigen Kinder mit Christinens Beyhulffe wohl zu verpflegen.

Jedoch weil sich ein jeder leichtlich einbilden kan, dass wir die Hande allerseits nicht werden in Schooss gelegt haben, und ich ohnedem schon viel von unserer gewohnlichen Arbeit und Hausshaltungs-Art gemeldet, so will voritzo nur erzehlen, wie es meinen See-fahrenden Kindern ergangen. Selbige hatten biss in die 8te Woche vortrefflichen Wind und Wetter gehabt, dennoch mussen die meisten unter ihnen der See den gewohnlichen Zoll liefern, allein, sie erholen sich dessfalls gar zeitig wieder, biss auf die eintzige Elisabeth, deren Kranckheit dermassen zunimmt, dass auch von allen an ihren Leben gezweyffelt wird. Simon Schimmer hatte seine getreue eheliche Liebe bey dieser kummerlichen Gelegenheit dermassen spuren lassen, dass ein jeder von seiner Aufrichtigkeit und Redlichkeit Zeugniss geben konnen, indem er nicht von ihrer Seite weicht, und den Himmel bestandig mit tranenden Augen anflehet, das Schiff an ein Land zu treiben, weil er vermeinet, dass seine Elisabeth ihres Lebens auf dem Lande weit besser als auf der See versichert seyn konne. Endlich erhoret GOtt dieses eyffrige Gebet, und fuhret sie im mittel der 6ten Woche an eine kleine flache Insel, bey welcher sie anlanden, jedoch weder Menschen noch Thiere, ausgenommen Schild-Kroten und etliche Arten von Vogeln und Fischen darauf antreffen. Amias fuhret das Schiff um so viel desto lieber in einen daselbst befindlichen guten Hafen, weil er und Jacob, als wohlerfahrene See-Fahrer, aus verschiedenen naturlichen Merckzeichen, einen bevorstehenden starcken Sturm muthmassen. Befinden sich auch hierinnen nicht im geringsten betrogen, da etwa 24. Stunden nach ihrem Aussteigen, als sie sich bereits etliche gute Hutten erbauet haben, ein solches Ungewitter auf der See entstehet, welches leichtlich vermogend gewesen, diesen wenigen und theils schwachen Leuten den Untergang zu befordern.

In solcher Sicherheit aber, sehen sie den entsetzlichen Sturm mit ruheriger Gemachligkeit an, und sind nur bemuhet, sich vor dem offters anfallenden Winde und Regen wohl zu verwahren, welcher letztere ihnen doch vielmehr zu einiger Erquickung dienen muss, da selbiges Wasser weit besser und annehmlicher befunden wird, als ihr susses Wasser auf dem Schiffe. Amias, Robert und Jacob schaffen hingegen in diesem Stucke noch bessern Rath, indem sie an vielen Orten eingraben, und endlich die angenehmsten sussen Wasser-Brunnen erfinden. An andern erforderlichen Lebens-Mitteln aber haben sie nicht den geringsten Mangel, weil sie mit demjenigen, was meine Insul Felsenburg zur Nahrung hervor bringet, auf langer als 2. Jahr wohl versorgt waren.

Nachdem der Sturm dieses mahl vorbey, auch die krancke Elisabeth sich in ziemlich verbesserten Zustande befindet, halten Amias und die ubrigen vors rathsamste, wiederum zu Schiffe zu gehen, und ein solches Erdreich zu suchen, auf welchem sich Menschen befanden, doch Schimmer, der sich starck darwider setzt, und seine Elisabeth vorhero vollkommen gesund sehen will, erhalt endlich durch hefftiges Bitten so viel, dass sie sammtlich beschliessen, wenigstens noch 8. Tage auf selbiger wusten Insul zu verbleiben, ohngeacht dieselbe ein schlechtes Erdreich hatte, welches denen Menschen weiter nichts zum Nutzen darreichte, als einige schlechte Krauter, aber desto mehr theils hohe, theils dicke Baume, die zum Schiff-Bau wohl zu gebrauchen gewesen.

Meine guten Kinder hatten nicht Ursach gehabt, diese ihre Versaumniss zu bereuen, denn ehe noch diese 8. Tage vergehen, fallt abermahls ein solches Sturm-Wetter ein, welches das vorige an Grausamkeit noch weit ubertrifft, da aber auch dessen 4. tagige Wuth mit einer angenehmen und stillen Witterung verwechselt wird, horen sie eines Morgens fruh noch in der Demmerung ein plotzliches Donnern des groben und kleinen Geschutzes auf der See, und zwar, aller Muthmassungen nach, gantz nahe an ihrer wusten Insul. Es ist leicht zu glauben, dass ihnen sehr bange um die Hertzen musse gewesen seyn, zumahlen da sie bey vollig herein brechenden Sonnen-Lichte gewahr werden, dass ein mit Hollandischen Flaggen bestecktes Schiff von zweyen Barbarischen Schiffen angefochten und bestritten wird, der Hollander wehret sich dermassen, dass der eine Barbar gegen Mittag zu Grunde sincken muss, nichts desto weniger setzet ihm der Letztere so grausam zu, dass bald hernach der Hollander in letzten Zugen zu liegen scheinet.

Bey solchen Gefahrlichen Umstanden vermercken Amias, Robert, Jacob und Simon, dass sie nebst den Ihrigen ebenfalls entdeckt und verlohren gehen wurden, daferne der Hollander das Ungluck haben solte, unten zu liegen, fassen derowegen einen jahlingen und verzweiffelten Entschluss, begeben sich mit Sack und Pack in ihr mit 8. Canonen besetztes Schiff, schlupffen aus dem kleinen Hafen heraus, gehen dem Barbar in Rucken, und geben zweymahl tuchtig Feuer auf denselben, wesswegen dieser in entsetzliches Schrekken gerath, der Hollander aber neuen Muth bekommt, und seinen Feind mit frischer recht verzweiffelter Wuth zu Leibe gehet. Die Meinigen losen ihre Canonen in gemessener Weite noch zweymahl kurtz auf einander gegen den Barbar, und helffen es endlich dahin bringen, dass derselbe von dem Hollander nach einem rasenden Gefechte vollends gantzlich uberwunden, dessen Schiff aber mit allen darauf befindlichen Gefangenen an die wuste und unbenahmte Insel gefuhret wird.

Der Hauptmann nebst den ubrigen Herren des Hollandischen Schiffs konnen kaum die Zeit erwarten, biss sie Gelegenheit haben, meinen Kindern, als ihren tapffern Lebens-Errettern, ihre danckbare Erkanntlichkeit so wohl mit Worten als in der That zu bezeugen, erstaunen aber nicht wenig, als sie dieselben in so geringer Anzahl und von so wenigen Krafften antreffen, erkennen derohalben gleich, dass der kuhne Vorsatz nebst einer geschickten und glucklich ausgeschlagenen List das beste bey der Sache gethan hatten.

Nichts desto weniger bieten die guten Leute den Meinigen die Helfte von allen eroberten Gut und Geldern an, weil aber dieselben ausser einigen geringen Sachen sonsten kein ander Andencken wegen des Streits und der Hollander Hoflichkeit annehmen wollen; werden die letztern in noch weit grossere Verwunderung gesetzt, indem sich die ihnen zugetheilte Beute hoher als 12000. Thlr. belauffen hatte.

Immittelst, da die Hollander sich genothiget sehen, zu volliger Ausbesserung ihres Schiffs wenigstens 14. Tage auf selbiger Insul stille zu liegen, beschliessen die Meinigen anfanglich auch, biss zu deren Abfahrt allda zu verharren. Zumahlen, da Amias gewahr wird, dass sich verschiedene, theils noch gar junge, theils schon etwas altere Frauens-Personen unter ihnen befinden. Er sucht so wohl als Robert, Jacob und Simon, mit selbigen ins Gesprach zu kommen; doch der Letztere ist am glucklichsten, indem er gleich andern Tags darauf, eine, von ermeldten Weibs-Bildern, hinter einem dicken Gestrauche in der Einsamkeit hochst betrubt und weinend antrifft. Schimmer erkundigt sich auf besonders hofliche Weise nach der Ursach ihres Betrubnissses, und erfahrt so gleich, dass sie eine Wittbe sey, deren Mann vor etwa 3. Monaten auf diesem Schiffe auch in einem Streite mit den SeeRaubern todt geschossen worden, und die nebst ihrer 14. jahrigen Stieff-Tochter zwar gern auf dem Cap der guten Hoffnung ihres seel. Mannes hinterlassene Guter zu Gelde machen wolte, allein, sie wurde von einem, auf diesem Hollandischen Schiffe befindlichen Kauffmanne, dermassen mit Liebe geplagt, dass sie billig zu befurchten hatte, er mochte es mit seinem starcken Anhange und Geschencken also listig zu Karten trachten, dass sie sich endlich gezwungener Weise an ihm ergeben musse. Schimmer stellet ihr vor, dass sie als eine annoch sehr junge Frau noch gar fuglich zur andern Ehe schreiten, und einen Mann, der sie zumahlen hefftig liebte, glucklich machen konne; ob auch derselbe ihr eben an Gutern und Vermogen nicht gleich sey; Allein die betrubte Frau spricht: Ihr habt recht, mein Herr! ich bin noch nicht veraltert, weil sich mein gantzes Lebens-Alter wenig Wochen uber 24. Jahr erstreckt, und ich Zeit meines Ehe-Standes nur zwey Kinder zur Welt gebracht habe. Derowegen wurde mich auch nicht wegern, in die andere Ehe zu treten, allein, mein ungestumer Liebhaber ist die allerlasterhaffteste Manns-Person von der Welt, der sich nicht scheuen solte, Mutter, Tocher und Magd auf einmahl zu lieben, demnach hat mein Herz einen recht naturlichen Abscheu vor seiner Person, ja ich wolte nicht allein meines seel. Mannes Verlassenschafft, die sich hoher als 10000. Thlr. belauffen soll, sondern noch ein mehreres darum willig hergeben, wenn ich entweder in Holland, oder an einem andern ehrlichen Orte, in ungezwungener Einsamkeit hinzubringen Gelegenheit finden konte.

Schimmer thut hierauf noch verschiedene Fragen an dieselbe, und da er diese Frau vollkommen also gesinnet befindet, wie er wunscht, ermahnet er sie, ihr Herz in Gedult zu fassen, weil ihrem Begehren gar leicht ein Genugen geleistet werden konne, daferne sie sich seiner Tugend und guten Raths vollig anvertrauen wolle. Nur muste er vorhero erstlich mit einigen seiner Gesellschaffter von dieser Sachen reden, damit er etwa Morgen um diese Zeit und auf selbiger Stelle fernere Abrede mit ihr nehmen konne.

Die tugendhaffte Wittbe fangt hierauf gleich an, diesen Mann vor einen ihr von GOTT zugeschickten menschlichen Engel zu halten, und wischet mit hertzlichen Vertrauen die Thranen aus ihren bekummerten Augen. Schimmer verlast also dieselbe, und begiebt sich zu seiner ubrigen Gesellschafft, welcher er diese Begebenheit grundlich zu Gemuthe fuhret, und erwehnte Wittbe als ein vollkommenes Bild der Tugend heraus streicht. Amias bricht solcher Gestalt auf einmahl in diese Worte aus: Erkennet doch, meine Kinder, die besondere Fugung des Himmels, denn ich zweiffele nicht, die schone Wittbe ist vor unsern Johannem, und ihre Stieff-Tochter vor Christoph bestimmt, hilfft uns nun der Himmel allhier noch zu der dritten Weibs-Person vor unsern Christian, so haben wir das Ziel unserer Reise erreicht, und konnen mit Vergnugen auf eine fugliche Zuruckkehr dencken.

Demnach sind sie allerseits nur darauf bedacht, der jungen Wittbe eine gute Vorstellung von ihrem gantzen Wesen zu machen, und da dieselbe noch an eben demselben Abend von Marien und Sabinen in ihre Hutte gefuhret wird, um die annoch etwas kranckliche Elisabeth zu besuchen, kan sich dieselbe nicht gnungsam verwundern, daselbst eine solche Gesellschafft anzutreffen, welche ich, als ihr Stamm-Vater, wegen der Wohlgezogenheit, Gottesfurcht und Tugend nicht selbst weitlaufftig ruhmen mag. Ach meine Lieben! rufft die fromme Wittbe aus, sagt mir doch, wo ist das Land, aus welchen man auf einmahl so viel Tugendhaffte Leute hinweg reisen lasset? Haben euch denn etwa die gottlosen Einwohner desselben zum Weichen gezwungen? Denn es ist ja bekannt, dass die bose Welt fast gar keine Frommen mehr, sie mogen auch jung oder alt seyn, unter sich leiden will. Nein, meine schone Frau, fallt ihr der alte Amias hierbey in die Rede, ich versichere, dass wir, die hier vor euren Augen sitzen, der Tugend wegen noch die geringsten heissen, denn diejenigen, so wir zuruck gelassen, sind noch viel vollkommener, und wir leben nur bemuhet, ihnen gleich zu werden. Dieses war nun (sagte hierbey unser Alt-Vater Albertus) eine starcke Schmeicheley, allein, es hatte dem ehrlichen Amias damahls also zu reden beliebt, die Dame aber siehet denselben starr an, und spricht: Mein Herr! euer Ehrwurdiges graues Haupt bringet vielen Respect zu wege, sonsten wolte sagen, dass ich nicht wuste, wie ich mit euch dran ware, ob ihr nemlich etwa mit mir schertzen, oder sonsten etwas einfaltiges aus meinen Gedancken lokken woltet?

Diese Reden macht sich Amias zu Nutze, und versetzt dieses darauf: Madam! dencket von mir was ihr wollet, nur richtet meine Reden nicht ehe nach der Scharffe, biss ich euch eine Geschicht erzehlet, die gewiss nicht verdrusslich anzuhoren, und dabey die klare Wahrheit ist. Hierauf fangt er an, als einer, der meine und der Meinigen gantze Lebens-Geschicht vollkommen inne hatte, alles dasjenige auf dem Nagel her zu sagen, was uns passieret ist, und woruber sich die Dame am Ende vor Verwunderung fast nicht zu begreifen weiss. Hiermit aber ist es noch nicht genung, sondern Amias bittet dieselbe, von allen dem, was sie anitzo gehoret, bey ihrer Gesellschafft nichts kundbar zu machen, indem sie gewisser Ursachen wegen, sonst Niemanden als ihr alleine, dergleichen Geheimnisse wissen lassen, vielmehr einem jeden bereden wolten, sie hatten auf der Insul St. Helenae ein besonderes Gewerbe auszurichten. Virgilia van Catmers, so nennet sich diese Dame, verspricht nicht allein vollkommene Verschwiegenheit, sondern bittet auch um GOttes willen, sie nebst ihrer Stief-Tochter, welches ein Kind guter Art sey, mit in dergleichen irdisches Himmelreich (also hatte sie meine Felsen-Insul genennet) zu nehmen, und derselben einen tugendhaften Mann heyrathen zu helffen. Ich vor meine Person, setzt sie hinzu, kan mit Wahrheit sagen, dass ich mein ubriges Leben eben so gern im tugendhafften ledigen Stande, als in der besten Ehe zubringen wolte, weil ich von Jugend an biss auf diese Stunde Trubsal und Angst genug ausgestanden habe, mich also nach einem ruhigern Leben sehne. Meine Stieff-Tochter aber, deren Stieff-Mutter ich nur seit 5. Jahren bin, und die ich ihres sonderbaren Gehorsams wegen als mein eigen Kind liebe, mochte ich gern wohl versorgt wissen, weil dieselbe, im Fall wir das Cap der guten Hoffnung nicht erreichen solten, von ihrem vaterlichen Erbtheile nichts zu hoffen hat, als diejenigen Kostbarkeiten, welche ich bey mir fuhre, und sich allein an Golde, Silber, Kleinodien und Gelde ohngefahr auf 16000. Ducaten belaufen, die uns aber noch gar leicht durch Sturm oder See-Rauber geraubt werden konnen.

Amias antwortet hierauf, dass dergleichen zeitliche Guter bey uns in grosser Menge anzutreffen waren, doch aber nichts geachtet wurden, weil sie auf unserer Insul wenigen oder gar keinen Nutzen schaffen konten, im ubrigen verspricht er binnen 2. Tagen vollige Resolution von sich zu geben, ob er sie nebst ihrer Tochter unter gewissen Bedingungen, ohne Gefahr, und mit guten Gewissen, mit sich fuhren konne oder nicht, lasset also die ehrliche Virgiliam vor dieses mahl zwischen Furcht und Hoffnung wiederum von der Gesellschafft Abschied nehmen.

Folgende zwey Tage legt er unter der Hand, und zwar auf gantz klugliche Art, genaue Kundschafft auf ihr von Jugend an gefuhrtes Leben und Wandel, und erfahret mit Vergnugen, dass sie ihn in keinem Stucke mit Unwahrheit berichtet habe. Demnach fragt er erstlich den Johannem, ob er die Virgiliam zu seiner Ehe-Frau beliebte, und so bald dieser sein treuhertziges Ja-Wort mit besondern frohlichen Gemuths-Bewegungen von sich gegeben, sucht er abermahlige Gelegenheit, Virgiliam nebst ihrer Tochter Gertraud in seine Hutten zu locken, welche letztere er als ein recht ungemein wohlgezogenes Kind befindet.

Demnach eroffnet er der tugendhafften Wittbe sein gantzes Hertze, wie er nemlich gesonnen sey, sie nebst ihrer Stieff-Tochter mit grosten Freuden auf sein Schiff zu nehmen, doch mit diesen beyden Bedingungen, dass sie sich gelieben lassen wolle, den Johannem, welchen er ihr vor die Augen stellet, zum Ehe-Manne zu nehmen, und dann sich zu bemuhen, noch die 3te keusche Weibs-Person, die ohnfehlbar in ihrer Aufwarterin Blandina anzutreffen seyn wurde, mit zu fuhren. Im ubrigen durffte keines von ihnen vor das Heyraths-Gut sorgen, weil alles, was ihr Herz begehren konne, bey den Seinigen in Uberfluss anzutreffen ware.

Meine Herren! versetzt hierauf Virgilia, ich mercke und verstehe aus allen Umstanden nunmehro zur Gnuge, dass es euch annoch nur an 3. Weibs-Personen mangelt, eure ubrigen und ledigen Manns-Personen zu beweiben, derowegen sind euch, so wohl meine Stieff-Tochter, als meine 17. jahrige Aufwarterin hiermit zugesagt, weil ich gewiss glaube, dass ihr sonderlich die erstere mit dem Ehestande nicht ubereilen werdet. Was meine eigene Person anbetrifft sagt sie ferner, so habe ich zwar an gegenwartigen frommen Menschen, der, wie ihr sagt, Johannes Julius heisset, und ehrlicher Leute Kind ist, nicht das allergeringste auszusetzen; allein, ich werde keinem Menschen, er sey auch wer er sey, weder mein Wort noch die Hand zur Ehe geben, biss mein Trauer-Jahr, um meinen seeligen Mann, und einen 2. jahrigen Sohn, der nur wenig Tage vor seinem Vater verstorben, zu Ende gelauffen ist. Nach diesem aber will ich erwarten, wie es der Himmel mit meiner Person fugen wird. Ist es nun bey dergleichen Schlusse euch anstandig, mich, nebst meiner Tochter und Magd, vor deren Ehre ich Burge bin, heimlich mit hinweg zu fuhren, so soll euch vor uns dreyen ein Braut-Schatz, von 16000. Ducaten werth, binnen wenig Stunden eingeliefert werden.

Amias will so wohl, als alle die andern, nicht das geringste von Schatzen wissen, ist aber desto erfreuter, dass er ihrer Personen wegen vollige Versicherung erhalten, nimmt derowegen diesen und den folgenden Tag die sicherste Abrede mit Virgilien, so, dass weder der in sie verliebte Kauffmann, noch jemand anders auf deren vorgesetzte Flucht Verdacht legen kan.

Etliche Tage hernach, da die guten Hollander ihr Schiff, um selbiges desto bequemer auszubessern, auf die Seite gelegt, die kleinern Boote nebst allen andern Sachen aufs Land gezogen, und ihr Pulver zu trocknen, solches an die Sonne gelegt haben; kommt Amias zu ihnen, und meldet, wie es ihm zu beschwerlich falle, bey diesem guten Wetter und Winde allhier stille zu liegen. Er wolle demnach, in Betrachtung, dass sie wenigstens noch 3. biss 4. Wochen allhier verharren musten, seine Reise nach der Insel S. Helen fortsetzen, seine Sachen daselbst behorig einrichten, nachhero auf dem Ruckwege wiederum allhier ansprechen, und nebst den Seinigen in ihrer Gesellschafft mit nach einer Ost-Indischen guten Insul schiffen. Inzwischen wolle er sie, gegen baare Bezahlung, um etwas Pulver und Bley angesprochen haben, als woran es ihm ziemlich mangele.

Die treuhertzigen Hollander setzen in seine Reden nicht das geringste Misstrauen, versprechen einen gantzen Monat auf ihn zu warten, weil erwehnte Insel ohnmoglich uber 100. Meilen von dar liegen konne, verehren dem guten Manne 4. grosse Fass Pulver, nebst etlichen Centnern Bley, wie auch allerhand treffliche Europaische Victualien, welche er mit andern, die auf unserer Insul gewachsen waren, ersetzet, und dabey Gelegenheit nimmt, von diesem und jenen allerhand Samereyen, Frucht-Kernen und Blumen-Gewachse auszubitten, gibt anbey zu verstehen, dass er ohnfehlbar des 3ten Tages aufbrechen, und unter Seegel gehen wolte; Allein der schlaue Fuchs schiffet sich hurtiger ein, als die Hollander vermeynen, und wartet auf sonst nichts, als die 3. bestellten Weibes-Personen. Da sich nun diese in der andern Nacht mit Sack und Pack einfinden, lichtet er seine Ancker und laufft unter guten Winde in die offenbare See, ohne dass es ein eintziger von den Hollandern gewahr wird. Mit anbrechende Tage sehen sie die wuste Insul nur noch in etwas von ferne, wesswegen Amias 2. Canonen loset, um von den Hollandern ehrlichen Abschied zu nehmen, die ihm vom Lande mit 4. Schussen antworten, woraus er schliesset, dass sie ihren kostbaren Verlust noch nicht empfanden, derowegen desto freudiger die Seegel aufspannet, und seinen Weg auf Felsenburg richtet.

Die Ruck-Reise war dermassen bequem und geruhig gewesen, dass sie weiter keine Ursach zu klagen gehabt, als uber die um solche Zeit gantz ungewohnliche Wind-Stille, welche ihnen, da sie nicht vermogend gewesen, der starcken Ruder-Arbeit bestandig obzuliegen, eine ziemlich langsame Fahrt verursachet hatte.

Es begegnet ihnen weder Schiff noch etwas anderes merckwurdiges, auch will sich ihren Augen weder dieses oder jenes Land offenbaren, und da nachhero vollends ein taglicher, hefftiger Regen und Nebel einfallt, wird ihr Kummer noch grosser, ja die meisten fangen an zu zweiffeln, die Ihrigen auf der FelsenInsul jemahls wieder zu sehen zu kriegen. Doch Amias und Jacob lassen wegen ihrer besondern Wissenschafft und Erfahrenheit im Compass, See-Charten und andern zur Schiff-Fahrt gehorigen Instrumenten den Muth nicht sincken, sondern reden den ubrigen so lange trostlich zu, biss sie am 9ten Maji, in den Mittags-Stunden, dieses gelobte Land an seinen von der Natur erbaueten Thurmern und Mauern von weiten erkennen. Jacob, der so glucklich ist, solches am ersten wahrzunehmen, brennet abgeredter massen, gleich eine Canone ab, worauf die im Schiff befindlichen 15. Personen sich so gleich versammlen, und zu allererst in einer andachtigen Bet-Stunde dem Hochsten ihr schuldiges Danck-Opffer bringen.

Es ist ihnen selbiges Tages unmoglich, die FelsenInsul zu erreichen, wesswegen sie mit herein brechender Nacht Ancker werffen, um bey der Finsterniss nicht etwa auf die herum liegenden verborgenen Klippen und Sand-Bancke aufzulauffen. Indem aber hiermit erstlich eine, kurtz darauf 2. und abermals 3. Canonen von ihnen geloset wurden, muste solches, und zwar eben, als wir Insulaner uns zur Ruhe legen wolten, in unsere Ohren schallen. David kam mir demnach in seinem Nacht-Habit entgegen gelauffen, und sagte: Mein Herr! wo ich nicht traume, so liegen die Unserigen vor der Insel, denn ich habe das abgeredte Zeichen mit Canonen vernommen. Recht, mein Sohn! gab ich zur Antwort, ich und die ubrigen haben es auch gehoret. Alsofort machten wir uns beyderseits auf, nahmen etliche Raqueten nebst Pulver und Feuer zu uns, lieffen auf die Hohe des Nord-Felsens, gaben erstlich aus zweyen Canonen Feuer, zundeten hernach 2. Raquetten an, und horeten hierauff nicht allein des Schiffs 8. Canonen losen, sondern sahen auch auf demselben allerhand artige Lust-Feuer, welches uns die gewisse Versicherung gab, dass es kein anders als meiner Kinder Schiff sey. Diesem nach verschossen wir, ihnen und uns zur Lust, alles gegenwartige Pulver, und giengen um Mitternachts Zeit wieder zuruck, stunden aber noch vor Tage wieder auf, verschutzten die Schleuse des Nord-Flusses, machten also unsere Thor-Fahrt trocken, und giengen hinab an das MeerUfer, allwo in kurtzen unsere Verreiseten glucklich an Land stiegen, und von mir und David die ersten Bewillkommungs-Kusse empfingen. So bald wir nebst ihnen den furchterlichen hohlen Felsen-Weg hinauff gestiegen waren, und unsere Insul betraten, kam uns meine Concordia mit der gantzen Familie entgegen, indem sie die 9. Enckel auf einen grossen Rollwagen gesetzt, und durch die Affen hierher fahren lassen. Nunmehro gieng es wieder an ein neues Bewillkommen, jedoch es wurden auf mein Zureden nicht viel Weitlaufftigkeiten gemacht, biss wir ingesamt auf diesem Hugel in unsern Wohnungen anlangeten.

Ich will, meine Lieben! sagte hier unser Altvater, die Freuden-Bezeugungen von beyden Theilen, nebst allen andern, was biss zu eingenommener MittagsMahlzeit vorgegangen, mit Stillschweigen ubergehen, und nur dieses Berichten: Dass mir nachhero die Meinigen einen umstandlichen Bericht von ihrer Reise abstatteten, worauff die mit angekommene junge Wittbe ihren wunderbaren Lebens-Lauff weitlaufftig zu erzehlen anfieng. Da aber ich, meine Lieben! entschuldigte sich der Altvater, mich nicht im Stande befinde, selbigen so deutlich zu erzehlen, als er von ihrer eigenen Hand beschrieben ist, so will ich denselben hiermit meinem lieben Vetter Eberhard einhandigen, damit er euch solche Geschicht vorlesen konne.

Ich Eberhard Julius empfieng also, aus des Altvaters Handen, dieses in Hollandischer Sprache geschriebene Frauenzimmer-Manuscript, welches ich sofort denen andern in Teutscher Sprache also lautend herlass:

Im Jahr Christi 1647. bin ich, von Jugend auf sehr Ungluckseelige, nunmehro aber da ich dieses auf der Insul Felsenburg schreibe, sehr, ja vollkommen vergnugte Virgilia van Cattmers zur Welt gebohren worden. Mein Vater war ein Rechts-Gelehrter und Prokurator zu Rotterdam, der wegen seiner besondern Gelehrsamkeit, die Kundschafft der vornehmsten Leute, um ihnen in ihren Streit-Sachen beyzustehen erlangt, und Hoffnung gehabt, mit ehesten eine vornehmere Bedienung zu bekommen. Allein, er wurde eines Abends auf freyer Strasse Meuchelmorderischer Weise, mit 9. Dolch-Stichen ums Leben gebracht, und zwar eben um die Zeit, da meine Mutter 5. Tage vorher abermals einer jungen Tochter genesen war. Ich bin damahls 4. Jahr und 6. Monat alt gewesen, weiss mich aber noch wohl zu erinnern, wie jammerlich es aussahe: Da der annoch starck blutende Corper meines Vaters, von darzu bestellten Personen besichtiget, und dabey offentlich gesagt wurde, dass diesen Mord kein anderer Mensch angestellet hatte, als ein Gewissen loser reicher Mann, gegen welchen er Tags vorhero einen rechtlichen Process zum Ende gebracht, der mehr als hundert tausend Thaler anbetroffen, und worbey mein Vater vor seine Muhe sogleich auf der Stelle 2000. Thaler bekommen hatte.

Vor meine Person war es Unglucklich genung zu schatzen, einen treuen Vater solchergestalt zu verlieren, allein das unerforschliche Schicksal hatte noch ein mehreres uber mich beschlossen, denn zwolff Tage hernach starb auch meine liebe Mutter, und nahm ihr jungst gebohrnes Tochterlein, welches nur 4. Stunden vorher verschieden, zugleich mit in das Grab. Indem ich nun die eintzige Erbin von meiner Eltern Verlassenschafft war, so fand sich gar bald ein wohlhabender Kauffmann, der meiner Mutterwegen, mein naher Vetter war, und also nebst meinem zu Gelde geschlagenen Erbtheile, die Vormundschafft ubernahm. Mein Vermogen belief sich etwa auf 18000. Thlr. ohne den Schmuck, Kleyder-Werck und schonen Hauss-Rath, den mir meine Mutter in ihrer wohlbestellten Hausshaltung zuruck gelassen hatte. Allein die Frau meines Pflege-Vaters war, nebst andern Lastern, dem schandlichen Geitze dermassen ergeben, dass sie meine schonsten Sachen unter ihre drey Tochter vertheilete, denen ich bey zunehmenden Jahren als eine Magd auffwarten, und nur zufrieden seyn muste, wenn mich Mutter und Tochter nicht taglich aufs erbarmlichste mit Schlagen tractirten. Wem wolte ich mein Elend klagen, da ich in der gantzen Stadt sonst keinen Anverwandten hatte, frembden Leuten aber durffte mein Herz nicht eroffnen, weil meine Aufrichtigkeit schon offters ubel angekommen war, und von denen 4. Furien desto ubler belohnet wurde.

Solchergestalt ertrug ich mein Elend biss ins 14. Jahr mit groster Gedult, und wuchs zu aller Leute Verwunderung, und bey schlechter Verpflegung dennoch starck in die Hohe. Meiner Pflege-Mutter allergroster Verdruss aber bestund darinne, dass die meisten Leute von meiner Gesichts-Bildung, Leibes-Gestalt und gantzen Wesen mehr Wesens und ruhmens machten als von ihren eigenen Tochtern, welche nicht allein von Natur ziemlich hesslich gebildet, sondern auch einer geilen und leichtfertigen Lebens-Art gewohnt waren. Ich muste dieserwegen viele SchmachReden und Verdriesslichkeiten erdulden, war aber bereits dermassen im Elende abgehartet, dass mich fast nicht mehr darum bekummerte.

Mittlerweile bekam ich ohnvermuthet einen Liebhaber an dem vornehmsten Handels-Diener meines Pflege-Vaters, dieses war ein Mensch von etliche 20. Jahren, und konte taglich mit Augen ansehen, wie unbillig und schandlich ich arme Wayse, vor mein Geld, welches mein Pflege-Vater in seinen Nutzen verwendet hatte, tractiret wurde, weiln ihm aber alle Gelegenheit abgeschnitten war, mit mir ein vertrautes Gesprach zu halten, steckte er mir eines Tages einen kleinen Brief in die Hand, worinnen nicht allein sein hefftiges Mitleyden wegen meines Zustandes, sondern auch die Ursachen desselben, nebst dem Antrage seiner treuen Liebe befindlich, mit dem Versprechen: Dass, wo ich mich entschliessen wolte eine Heyrath mit ihm zu treffen; er meine Person ehester Tages aus diesem Jammer-Stande erlosen, und mir zu meinem Vater- und Mutterlichen Erbtheile verhelffen wolle, um welches es ohnedem itzo sehr gefahrlich stunde, da mein Pfleg-Vater, allem Ansehen nach, in kurtzer Zeit banquerot werden muste.

Ich armes unschuldiges Kind wuste mir einen schlechten Begriff von allen diesen Vorstellungen zu machen, und war noch darzu so unglucklich, diesen aufrichtigen Brief zu verlieren, ehe ich denselben weder schrifftlich noch mundlich beantworten konte. Meine Pflege-Mutter hatte denselben gefunden, liess sich aber nicht das geringste gegen mich mercken, ausserdem dass ich nicht aus meiner Kammer gehen durffte, und solcher gestalt als eine Gefangene leben muste, wenig Tage hernach aber erfuhr ich, dass man diesen Handels-Diener fruh in seinem Bette tod gefunden hatte, und ware er allen Umstanden nach an einem Steck-Flusse gestorben.

Der Himmel wird am besten wissen, ob dieser redliche Mensch nicht, seiner zu mir tragenden Liebe wegen, von meiner bosen Pflege-Mutter mit Gifft hingerichtet worden, denn wie jung ich auch damals war, so konte doch leichtlich einsehen, was vor eine ruchlose Lebens-Art, zumahlen in Abwesenheit meines Pflege-Vaters im Hause vorgieng. Immittelst traff dennoch ein, was der verstorbene Handels-Diener vorher geweissaget hatte, denn wenig Monathe hernach machte sich mein Vetter oder Pflege-Vater aus dem Staube und uberliess seinen Glaubigern ein ziemlich ausgeleertes Nest, dessen Frau aber behielt dennoch ihr Hauss nebst andern zu ihm gebrachten Sachen, so dass dieselbe mit ihren Kindern annoch ihr gutes Auskommen haben konte. Ich vor meine Person muste zwar bey ihr bleiben, durffte mich aber niemals unterstehen zu fragen, wie es um mein Vermogen stunde, biss endlich ihr altester Sohn aus Ost-Indien zuruck kam, und sich uber das verkehrte Hauss-Wesen seiner Eltern nicht wenig verwunderte. Er mochte von vertrauten Freunden gar bald erfahren haben, dass nicht so wohl seines Vaters Nachlassigkeit als die uble Wirtschafft seiner Mutter und Schwestern an diesem Ungluck Schuld habe, derowegen fieng er als ein tugendhafftiger und verstandiger Mensch gar bald an, ihnen ihr ubles Leben anfanglich ziemlich sanfftmuthig, hernach aber desto ernstlicher zu Gemuthe zu fuhren, allein die 4. Furien bissen sich weidlich mit ihm herum, musten aber doch zuletzt ziemlich nachgeben, weil sie nicht Unrecht vermuthen konten, dass er durch seinen erworbenen Credit und grosses Gut, ihr verfallenes Gluck wiederum hertzustellen vermogend sey. So bald ich dieses merckte, nahm ich auch keinen fernern Aufschub, diesem redlichen Manne meine Noth zu klagen, und da es sich eben schickte, dass ich ihm eines Tages auf Befehl seiner Mutter ein Korbgen mit sauberer Wasche uberbringen muste, gab solches die beste Gelegenheit ihm meines Hertzens-Gedancken zu offenbaren. Er schien mir diesen Tag etwas aufgeraumter und freundlicher als wohl sonsten gewohnlich, nachdem ich ihm also meinen Gruss abgestattet, und die Wasche eingehandiget hatte, sprach er: Es ist keine gute Anzeigung vor mich, artige Virgilia, da ihr das erste mal auf meiner Stube mit einem Korbgen erscheinet, gewiss dieses solte mich fast abschrecken, euch einen Vortrag meiner aufrichtigen und ehrlichen Liebe zu thun. Ich schlug auf diese Reden meine Augen zur Erden nieder, aus welchen alsofort die hellen Thranen fielen, und gab mit gebrochenen angstlichen Worten so viel darauff. Ach mein Herr! Nehmet euch nicht vor, mit einer ungluckseeligen Person zu schertzen, erbarmet euch vielmehr einer armen von aller Welt verlassenen Waise, die nach ihren ziemlichen Erbtheil, nicht ein mal fragen darff, uber dieses vor ihr eigen Geld als die geringste Magd dienen, und wie von Jugend auf, so noch biss diesen Tag, die erbarmlichsten Schlage von eurer Mutter und Schwestern erdulden muss. Wie? Was hor ich? gab er mir zur Antwort, ich vermeine euer Geld sey in Banco gethan, und die Meinigen berechnen euch die Zinsen davon? Ach mein Herr! versetzte ich, nichts weniger als dieses, euer Vater hat das Capital nebst Zinsen, und allen meinen andern Sachen an sich genommen, wo es aber hingekommen ist, darnach habe ich biss auf diese Stunde noch nicht fragen durffen, wenn ich nicht die erbarmlichsten Martern erdulden wollen. Das sey dem Himmel geklagt! schrye hierauff Ambrosius van Keelen, denn also war sein Nahme, schlug anbey die Hande uber dem Kopffe zusammen, und sass eine lange Zeit auf dem Stuhle in tieffen Gedancken. Ich wuste solchergestalt nicht wie ich mit ihm daran war, fuhr derowegen im Weinen fort, fiel endlich nieder, umfassete seine Knie und sagte: Ich bitte euch um GOttes willen mein Herr, nehmet es nicht ubel, dass ich euch mein Elend geklagt habe, verschaffet nur dass mir eure Mutter, auf meine gantze gerechte Forderung, etwa zwey oder drey hundert Thaler zahle, so soll das ubrige gantzlich vergessen seyn, ich aber will mich alsobald aus ihrem Hause hinweg begeben und andere Dienste suchen, vielleicht ist der Himmel so gnadig, mir etwa mit der Zeit einen ehrbaren Handwerks-Mann zuzufuhren, der mich zur Ehe nimmt, und auf meine Lebens-Zeit ernehret, denn ich kan die Tyranney eurer Mutter und Schwestern ohnmoglich langer ertragen. Der gute Mensch konte sich solchergestalt der Thranen selbst nicht enthalten, hub mich aber sehr liebreich von der Erden auf, druckte einen keuschen Kuss auf meine Stirn, und sagte: Gebt euch zufrieden meine Freundin, ich schwere zu GOTT! dass mein gantzes Vermogen, biss auf diese wenigen Kleider so ich auf meinem Leibe trage, zu eurer Beruhigung bereit seyn soll, denn ich muste befurchten, dass GOTT, bey so gestalten Sachen, die Misshandlung meiner Eltern an mir heimsuchte, indessen gehet hin und lasset euch diesen Tag uber, weder gegen meine Mutter noch Geschwister nicht das geringste mercken, ich aber will noch vor Abends eures Anliegens wegen mit ihnen sprechen, und gleich morgendes Tages Anstalt machen, dass ihr Standesmassig gekleidet und gehalten werdet.

Ich trocknete demnach meine Augen, gieng mit getrosteten Hertzen von ihm, er aber besuchte gute Freunde, und nahm noch selbigen Abend Gelegenheit mit seiner Mutter und Schwestern meinetwegen zu sprechen. Wiewohl nun dieselben mich auf sein Begehren, um sein Gesprach nicht mit anzuhoren, beyseits geschafft hatten, so habe doch nachhero vernommen, dass er ihnen das Gesetz ungemein scharff geprediget, und sonderlich dieses vorgeworffen hat: Wie es zu verantworten stunde, dass sie meine Gelder durchgebracht, Kleider und Geschmeide unter sich getheilet, und uber dieses alles, so jammerlich gepeiniget hatten? Allein auf solche Art wurde die gantze Holle auf einmahl angezundet, denn nachdem Ambrosius wieder auf seine Stube gegangen, ich aber meinen Henckern nur entgegen getreten war, redete mich die Alte mit funckelnden Augen also an: Was hastu verfluchter Findling vor ein geheimes Verstandniss mit meinen Sohne? und wesswegen willstu mir denselben auf den Halss hetzen? Ich hatte meinen Mund noch nicht einmal zur Rechtfertigung aufgethan, da alle 4. Furien uber mich herfielen und recht Morderisch mit mir umgingen, denn ausserdem, dass mir die helffte meiner Haupt-Haare ausgeraufft, das Gesichte zerkratzt, auch Maul und Nase Blutrunstig geschlagen wurden, trat mich die Alte etliche mahl dergestalt hefftig auf den Unter-Leib und Magen, dass ich unter ihren Morder-Klauen ohnmachtig, ja mehr als halb todt liegen blieb. Eine alte Dienst-Magd die dergleichen Mord-Spiel weder verwehren, noch in die Lange ansehen kan, laufft alsobald und rufft den Ambrosius zu Hulffe. Dieser kommt nebst seinem Diener eiligst herzu, und findet mich in dem allererbarmlichsten Zustande, last derowegen seinem gerechten Eiffer den Zugel schiessen, und zerprugelt seine 3. leiblichen Schwestern dergestalt, dass sie in vielen Wochen nicht aus den Betten steigen konnen, mich halb todte Creatur aber, tragt er auf den Armen in sein eigenes Bette, lasset nebst einem verstandigen Artzte, zwey WartFrauen holen, machte also zu meiner besten Verpflegung und Cur die herrlichsten Anstalten. Ich erkannte sein redliches Gemuthe mehr als zu wohl, indem er fast niemals zu meinem Bette nahete, oder sich meines Zustandes erkundigte, dass ihm nicht die hellen Thranen von den Wangen herab gelauffen waren, so bald er auch merckte dass es mir unmoglich ware, in diesem vor mich ungluckseeligen Hause einige Ruhe zu geniessen, vielweniger auf meine Genesung zu hoffen, liess er mich in ein anderes, nachst dem seinen gelegenes Hauss bringen, allwo in dem einsamen HinterGebaue eine schone Gelegenheit zu meiner desto bessern Verpflegung bereitet war.

Er liess es also an nichts fehlen meine Genesung aufs eiligste zu beforderen, und besuchte mich taglich sehr offters, allein meine Kranckheit schien von Tage zu Tage gefahrlicher zu werden, weilen die Fuss-Tritte meiner alten Pflege-Mutter eine starcke Geschwulst in meinem Unterleibe veruhrsacht hatten, welche mit einem schlimmen Fieber vergesellschafftet war, so, dass der Medicus nachdem er uber drey Monat an mir curiret hatte, endlich zu vernehmen gab: es musse sich irgendwo ein Geschwur im Leibe angesetzt haben, welches, nachdem es zum Aufbrechen gediehen, mir entweder einen plotzlichen Todt, oder baldige Genesung verursachen konte.

Ambrosius stellete sich hierbey gantz Trostloss an, zumahlen da ihm sein Compagnon aus Amsterdam berichtete: wie die Spanier ein Hollandisches Schiff angehalten hatten, worauff sich von ihren gemeinschafftlichen Waaren allein, noch mehr als 20000. Thlr. Werth befanden, demnach musse sich Ambrosius in aller Eil dahin begeben, um selbiges Schiff zu losen, weiln er, nemlich der Compagnon, wegen eines Bein-Bruchs ohnmoglich solche Reise antreten konte.

Er hatte mir dieses kaum eroffnet, da ich ihn umstandig bat, um meiner Person wegen dergleichen wichtiges Geschaffte nicht zu verabsaumen, indem ich die starckste Hoffnung zu GOTT hatte, dass mich derselbe binnen der Zeit seines Abwesens, vielleicht gesund herstellen wurde, solte ich aber ja sterben, so bate mir nichts anders aus, als vorhero die Verfugung zu machen, dass ich ehrlich begraben, und hinkunfftig dann und wann seines guten Andenckens gewurdiget wurde. Ach! sprach er hierauff mit weinenden Augen, sterbt ihr meine allerliebste Virgilia, so stirbt mit euch alles mein kunfftiges Vergnugen, denn wisset: Dass ich eure Person eintzig und allein zu meinem Ehe-Gemahl erwehlet habe, soferne ich aber euch verlieren solte, ist mein Vorsatz, nimmermehr zu Heyrathen, saget derowegen, ob ihr nach wieder erlangter Gesundheit meine getreue Liebe mit volliger GegenLiebe belohnen wollet? Ich stelle, gab ich hierauff zur Antwort, meine Ehre, zeitliches Gluck und alles was an mir ist, in eure Hande, glaubet demnach, dass ich als eine arme Waise euch gantzlich eigen bin, und machet mit mir, was ihr bey GOTT, eurem guten Gewissen und der ehrbaren Welt verantworten konnet. Uber diese Erklarung zeigte sich Ambrosius dermassen vergnugt, dass er fast kein Wort vorzubringen wuste, jedoch erkuhnete er sich einen feurigen Kuss auf meine Lippen zu drucken, und weiln dieses der erste war, den ich meines wissens von einer MannsPerson auf meinen Mund empfangen, ging es ohne sonderbare Beschamung nicht ab, jedoch nachdem er mir seine bestandige Treue aufs heiligste zugeschworen hatte, konte ich ihm nicht verwehren, dergleichen auf meinen blassen Wangen, Lippen und Handen noch offter zu wiederholen. Wir brachten also fast einen halben Tag mit den treuhertzigsten Gesprachen hin, und endlich geluckte es mir ihn zu bereden, dass er gleich Morgendes Tages die Reise nach Spanien vornahm, nachdem er von mir den allerzartlichsten Abschied genommen, 1000. Stuck Ducaten zu meiner Verpflegung zuruck gelassen, und sonsten meinetwegen die eiffrigste Sorgfalt vorgekehret hatte.

Etwa einen Monat nach meines werthen Ambrosii Abreise, brach das Geschwur in meinem Leibe, welches sich des Artzts, und meiner eigenen Meynung nach, am Magen und Zwerchfell angesetzt hatte, in der Nacht plotzlich auf, wesswegen etliche Tage nach einander eine erstaunliche Menge Eiter durch den Stuhlgang zum Vorschein kam, hierauff begunte mein dicker Leib allmahlig zu fallen, das Fieber nachzulassen, mithin die Hoffnung, meiner volligen Genesung wegen, immer mehr und mehr zuzunehmen. Allein das Ungluck, welches mich von Jugend an so grausam verfolget, hatte sich schon wieder aufs neue gerustet, mir den allerempfindlichsten Streich zu spielen, denn da ich einst um Mitternacht im sussen Schlummer lag, wurde meine Thur von den Gerichts-Dienern plotzlich eroffnet, ich, nebst meiner Wart-Frau in das gemeine Stadt-Gefangniss gebracht, und meiner grossen Schwachheit ohngeacht, mit schweren Ketten belegt, ohne zu wissen aus was Ursachen man also grausam mit mir umginge. Gleich folgendes Tages aber erfuhr ich mehr als zu klar, in was vor bosen Verdacht ich arme unschuldige Creatur gehalten wurde, denn es kamen etliche ansehnliche Manner im Gefangnisse bey mir an, welche, nach weitlaufftiger Erkundigung meines Lebens und Wandels, endlich eine roth angestrichene Schachtel herbey bringen liessen, und mich befragten: Ob diese Schachtel mir zugehorete, oder sonsten etwa kanntlich sey? Ich konte mit guten Gewissen und freyen Muthe Nein darzu sagen, so bald aber dieselbe erofnet und mir ein halb verfaultes Kind darinnen gezeiget wurde, entsetzte ich mich dergestalt uber diesen eckelhaften Anblick, dass mir Augenblicklich eine Ohnmacht zustiess. Nachdem man meine entwichenen Geister aber wiederum in einige Ordnung gebracht, wurde ich aufs neue befragt: Ob dieses Kind nicht von mir zur Welt gebohren, nachhero ermordet und hinweggeworffen worden? Ich erfullete das gantze Gemach mit meinem Geschrey, und bezeugte meine Unschuld nicht allein mit hefftigen Thranen, sondern auch mit den nachdrucklichsten Reden, allein alles dieses fand keine statt, denn es wurden zwey, mit meiner seel. Mutter Nahmen bezeichnete Teller-Tuchlein, zwar als stumme, doch der Richter Meynung nach, allergewisseste Zeugen dargelegt, in welche das Kind gewickelt gewesen, ich aber konte nicht laugnen, dass unter meinem wenigen weissen Zeuge, eben dergleichen Teller-Tucher befindlich waren. Es wurde mir uber dieses auferlegt mich von zwey Weh-Muttern besichtigen zu lassen, da nun nichts anders gedachte, es wurde, durch dieses hochste empfindliche Mittel, meine Unschuld vollig an Tag kommen, so muste doch zu meinem allergrosten Schmertzen erfahren, wie diese ohne allen Scheu bekrafftigten, dass ich, allen Umstanden nach, vor weniger Zeit ein Kind zur Welt geboren haben musse. Ich beruffte mich hierbey auf meinen bissherigen Artzt so wol, als auf meine zwey Wart-Frauen, allein der Arzt hatte die Schultern gezuckt und bekennet, dass er nicht eigentlich sagen konne, wie es mit mir beschaffen gewesen, ob er mich gleich auf ein innerliches MagenGeschwur curieret hatte, die eine Wart-Frau aber zog ihren Kopf aus der Schlinge und sagte: Sie wisse von meinem Zustande wenig zu sagen, weil sie zwar offters bey Tage, selten aber des Nachts bey mir gewesen ware, schob hiermit alles auf die andere Wart Frau, die so wohl als ich in Ketten und Banden lag.

O du barmhertziger GOTT! rieff ich aus, wie kanstu zugeben, dass sich alle angstlichen Umstande mit der Bossheit der Menschen vereinigen mussen, einer hochst unschuldigen armen Waise Ungluck zu befordern. O ihr Richter, schrye ich, ubereilet euch nicht zu meinem Verderben, sondern horet mich an, auf dass euch GOtt wiederum hore. Hiermit erzehlete ich ihnen meinen von Kindes Beinen an gefuhrten JammerStand deutlich genung, allein da es zum Ende kam, hatte ich tauben Ohren geprediget und sonsten kein ander Lob davon, als dass ich eine sehr gewitzigte Metze und gute Rednerin sey, dem allen ohngeacht aber solte ich mir nur keine Hoffnung machen sie zu verwirren, sondern nur bey Zeiten mein Verbrechen in der Gute gestehen, widrigenfalls wurde ehester Tage Anstalt zu meiner Tortur gemacht werden. Dieses war der Bescheid, welchen mir die allzuernsthafften Inquisiteurs hinterliessen, ich armes von aller Welt verlassenes Magdlein wuste mir weder zu helffen noch zu rathen, zumahlen, da ich von neuen in ein solches hitziges Fieber verfiel, welches meinen Verstand biss in die 4te Woche gantz verruckte. So bald mich aber durch die gereichten guten Artzeneyen nur in etwas wiederum erholet hatte, verhoreten mich die Inquisiteurs aufs neue, bekamen aber, Seiten meiner, keine andere Erklarung als vormals, wesswegen sie mir noch drey Tage Bedenck-Zeit gaben, nach deren Verlauff aber in Gesellschafft des Scharff-Richters erschienen, der sein peinliches Werckzeug vor meine Augen legte, und mit grimmigen Gebarden sagte: Dass er mich in kurtzer Zeit zur bessern Bekanntniss meiner Bossheiten bringen wolle.

Bey dem Anblicke so gestallter Sachen veranderte sich meine gantze Natur dergestalt, dass ich auf einmahl Lust bekam, ehe tausendmal den Tod, als dergleichen Pein zu erleiden, demnach sprach ich mit groster Herzhafftigkeit dieses zu meinen Richtern: Wohlan! ich spure, dass ich meines zeitlichen Glucks, Ehre und Lebens wegen, von GOTT und aller Welt verlassen bin, auch der schmahlichen Tortur auf keine andere Art entgehen kan, als wenn ich alles dasjenige, was ihr an mir sucht, eingestehe und verrichtet zu haben auf mich nehme, derowegen verschonet mich nur mit unnothiger Marter, und erfraget von mir was euch beliebt, so will ich euch nach eurem Belieben antworten, es mag mir nun zu meinem zeitlichen Gluck und Leben nutzlich oder schadlich seyn. Hierauff thaten sie eine klagliche Ermahnung an mich, GOtte, wie auch der Obrigkeit ein wahrhaftiges Bekenntniss abzustatten, und fiengen an, mir mehr als 30. Fragen vorzulegen, allein so bald ich nur ein oder andere mit guten Gewissen und der Wahrheit nach vermeinen, und etwas gewisses zu meiner Entschuldigung vorbringen wolte, wurde alsobald der ScharffRichter mit seinen Marter-Instrumenten naher zu treten ermahnet, wesswegen ich aus Angst augenblicklich meinen Sinn anderte und so antwortete, wie es meine Inquisiteurs gerne horen und haben wolten. Kurtz zu melden, es kam so viel heraus, dass ich das mir unbekannte halb verfaulte Kind von Ambrosio empfangen, zur Welt gebohren, selbst ermordet, und solches durch meine Wart-Frau in einen Canal werffen lassen, woran doch in der That Ambrosius und die WartFrau, so wohl als ich vor GOTT und allen heiligen Engeln unschuldig waren.

Solchergestalt vermeynten nun meine Inquisiteurs ihr Ammt an mir rechtschaffener Weise verwaltet zu haben, liessen derowen das Geruchte durch die gantze Stadt erschallen, dass ich nunmehro in der Gute ohne alle Marter den Kinder-Mord nebst allen behorigen Umstanden solchergestalt bekennet, dass niemand daran zu zweiffeln Ursach haben konnte, demnach war nichts mehr ubrig als zu bestimmen, auf was vor Art und welchen Tag die arme Virgilia vom Leben zum Tode gebracht werden solte. Immittelst wurde noch zur Zeit kein Priester oder Seel Sorger zu mir gesendet, ohngeacht ich schon etliche Tage darum angehalten hatte. Endlich aber, nachdem noch zwey Wochen verlauffen, stellete sich ein solcher, und zwar ein mir wohl bekandter frommer Prediger bey mir ein. Nach gethanem Grusse war seine ernsthaffte und erste Frage: Ob ich die beruchtigte junge Raben-Mutter und Kinder-Morderin sey, auch wie ich mich so wohl in meinem Gewissen als wegen der Leibes-Gesundheit befande? Mein Herr! gab ich ihm sehr freimuthig zur Antwort, in meinem Gewissen befinde ich mich weit besser und gesunder als am Leibe, sonsten kan ich GOTT eintzig und allein zum Zeugen anruffen, dass ich niemals eine Mutter, weder eines todten noch lebendigen Kindes gewesen bin, vielweniger ein Kind ermordet oder solches zu ermorden zugelassen habe. Ja, ich ruffe nochmals GOTT zum Zeugen an, dass ich niemals von einem Manne erkannt und also noch eine reine und keusche Jungfrau bin, jedoch das grausame Verfahren meiner Inquisiteurs und die grosse Furcht vor der Tortur, haben mich gezwungen solche Sachen zu bekennen, von denen mir niemals etwas in die Gedancken kommen ist, und noch biss diese Stunde bin ich entschlossen, lieber mit freudigen Hertzen in den Tod zu gehen, als die Tortur auszustehen. Der fromme Mann sahe mir starr in die Augen, als ob er aus selbigen die Bekrafftigung meiner Reden vernehmen wolte, und scharfte mir das Gewissen in allen Stucken ungemein, nachdem ich aber bey der ihm gethanen Aussage verharrete, und meinen gantzen LebensLauff erzehlet hatte, sprach er: Meine Tochter, eure Rechts-Handel mussen, ob GOTT will, in kurtzen auf andern Fuss kommen, ich spreche euch zwar keineswegs vor Recht, dass ihr, aus Furcht vor der Tortur, euch zu einer Kinder- und Selbst-Morderin machet, allein es sind noch andere eurer Einfalt unbewuste Mittel vorhanden eure Schuld oder Unschuld ans Licht zu bringen. Hierauff setzte er noch einige trostliche Ermahnungen hinzu, und nahm mit dem Versprechen Abschied, mich langstens in zweyen Tagen wiederum zu besuchen.

Allein gleich folgenden Tages erfuhr ich ohnverhofft, dass mich GOTT durch zweyerlei Hulffs-Mittel, mit ehesten aus meinem Elende heraus reissen wurde, denn vors erste war meine Unschuld schon ziemlich ans Tages Licht gekommen, da die alte Dienst-Magd meiner Pflege-Mutter, aus eigenem Gewissens-Triebe, der Obrigkeit angezeiget hatte, wie nicht ich, sondern die mittelste Tochter meiner Pflege-Mutter das gefundene Kind gebohren, selbiges, vermittelst einer grossen Nadel, ermordet, eingepackt, und hinweg zu werffen befohlen hatte, und zwar so hatten nicht allein die ubrigen zwey Schwestern, sondern auch die Mutter selbst mit Hand angelegt, dieweiln es bey ihnen nicht das erste mahl sey, dergleichen Thaten begangen zu haben. Meine andere trostliche Zeitung war, dass mein bester Freund Ambrosius vor wenig Stunden zuruck gekommen, und zu meiner Befreyung die ausersten Mittel anzuwenden, allbereits im Begriff sey.

Er bekam noch selbigen Abends Erlaubniss, mich in meinem Gefangnisse zu besuchen, und ware bey nahe in Ohnmacht gefallen, da er mich Elende annoch in Ketten und Banden liegen sahe, allein, er hatte doch nach Verlauff einer halben Stunde, so wohl als ich, das Vergnugen, mich von den Banden entlediget, und in ein reputierlicher Gefangniss gebracht zu sehen. Ich will mich nicht aufhalten zu beschreiben, wie jammerlich und dennoch zartlich und trostlich diese unsere Wiederzusammenkunfft war, sondern nur melden, dass ich nach zweyen Tagen durch seine ernstliche Bemuhung in vollige Freyheit gesetzt wurde. Uber dieses liess er es sich sehr viel kosten, wegen meiner Unschuld hinlangliche Erstattung des erlittenen Schimpffs von meinen allzu hitzigen Inquisiteurs zu erhalten, empfing auch so wohl von den geistlichen als weltlichen Gerichten die herrlichsten Ehren-Zeugnisse vor seine und meine Person, am allermeisten aber erfreuete er sich uber meine in wenig Wochen vollig wieder erlangte Gesundheit.

Nach der Zeit bemuhete sich Ambrosius, seine lasterhafte Mutter und schandliche Schwestern, vermittelst einer grossen Geld-Summe, von der fernern Inquisition zu befreyen, zumahlen da ich ihnen das mir zugefugte Unrecht von Hertzen vergeben hatte, allein, er konte nichts erhalten, sondern muste der Gerechtigkeit den Lauff lassen, weil sie nach der Zeit uberzeugt wurden, dass dieses schon das dritte Kind sey, welches seine zwey altesten Schwestern gebohren, und mit Beyhulffe ihrer Mutter ermordet hatten, wesswegen sie auch ihren verdienten Lohn empfingen, indem die Mutter nebst den zwey altesten mit dem Leben bussen, die jungste aber in ein Zucht-Haus wandern muste.

Jedoch, ehe noch dieses geschahe, reisete mein Ambrosius mit mir nach Amsterdam, weil er vermuthlich dieses traurige Spectacul nicht abwarten wolte, liess sich aber doch noch in selbigem Jahre mit mir ehelich verbinden, und ich kan nicht anders sagen, als dass ich ein halbes Jahr lang ein recht stilles und vergnugtes Leben mit ihm gefuhret habe, indem er eine der besten Handlungen mit seinem Compagnon daselbst anlegte. Allein, weil das Verhangniss einmahl beschlossen hatte, dass meiner Jugend Jahre in lauter Betrubniss zugebracht werden solten, so muste mein getreuer Ambrosius uber Vermuthen den gefahrlichsten Anfall der rothen Ruhr bekommen, welche ihn in 17. Tagen dermassen abmattete, dass er seinen Geist daruber aufgab, und im 31. Jahre seines Alters mich zu einer sehr jungen, aber desto betrubtern Wittbe machte. Ich will meinen dieserhalb empfundenen Jammer nicht weitlaufftig beschreiben, genung, wenn ich sage, dass mein Herz nichts mehr wunschte, als ihm im Grabe an der Seite zu liegen. Der getreue Ambrosius aber hatte noch vor seinem Ende vor mein zeitliches Gluck gesorget, und meine Person so wohl als sein gantzes Vermogen an seinen Compagnon vermacht, doch mit dem Vorbehalt, dass, wo ich wider Vermuthen denselben nicht zum Manne verlangete, er mir uberhaupt vor alles 12000. Thlr. auszahlen, und mir meinen freyen Willen lassen solte.

Wilhelm van Cattmer, so hiess der Compagnon meines seel. Ehemannes, war ein Mann von 33. Jahren, und nur seit zweyen Jahren ein Wittber gewesen, hatte von seiner verstorbenen Frauen eine eintzige Tochter, Gertraud genannt, bey sich, die aber, wegen ihrer Kindheit, seinem Hauss-Wesen noch nicht vorstehen konte, derowegen gab er mir nach verflossenen Trauer-Jahre so wohl seine aufrichtige Liebe, als den letzten Willen meines seel. Mannes sehr beweglich zu verstehen, und drunge sich endlich durch tagliches Anhalten um meine Gegen-Gunst solcher Gestalt in mein Hertz, dass ich mich entschloss, die Heyrath mit ihm einzugehen, weil er mich hinlanglich uberfuhrete, dass so wohl der Wittben-Stand, als eine anderweitige Heyrath mit Zurucksetzung seiner Person, vor mich sehr gefahrlich sey.

Ich hatte keine Ursach uber diesen andern Mann zu klagen, denn er hat mich nach der Zeit in unsern 5. jahrigen Ehe-Stande mit keiner Gebarde, vielweniger mit einem Worte betrubt. Zehen Monat nach unserer Vereheligung kam ich mit einer jungen Tochter ins Kind-Bette, welche aber nach anderthalb Jahren an Masern starb, doch wurde dieser Verlust bald wiederum ersetzt, da ich zum andern mahle mit einem jungen Sohne nieder kam, woruber mein Ehemann eine ungemeine Freude bezeigte, und mir um so viel desto mehr Liebes-Bezeugungen erwiese. Bey nahe zwey Jahr hernach erhielt mein Wilhelm die betrubte Nachricht, dass sein leiblicher Vater auf dem Cap der guten Hoffnung Todes verblichen sey, weil nun derselbe in ermeldten Lande vor mehr als 30000. Thaler werth Guter angebauet und besessen hatte; als beredete er sich dieserwegen mit einem einzigen Bruder und einer Schwester, fassete auch endlich den Schluss, selbige Guter in Besitz zu nehmen, und seinem Geschwister zwey Theile des Werths heraus zu geben. Er fragte zwar vorhero mich um Rath, auch ob ich mich entschliessen konte, Europam zu verlassen, und in einem andern Welt-Theile zu wohnen, beschrieb mir anbey die Lage und Lebens-Art in selbigem fernen Lande aus dermassen angenehm, so bald ich nun merckte, dass ihm so gar sehr viel daran gelegen ware, gab ich alsofort meinen Willen drein, und versprach, in seiner Gesellschafft viel lieber mit ans Ende der Welt zu reisen, als ohne ihn in Amsterdam zu bleiben. Demnach wurde aufs eiligste Anstalt zu unserer Reise gemacht, wir machten unsere besten Sachen theils zu Gelde, theils aber liessen wir selbige in Verwahrung unsers Schwagers, der ein wohlhabender Jubelier war, und reiseten in GOttes Nahmen von Amsterdam ab, dem Cap der guten Hoffnung, oder vielmehr unserm Ungluck entgegen, denn mittlerweile, da wir an den Canarischen Insuln, uns ein wenig zu erfrischen, angelandet waren, starb unser kleiner Sohn, und wurde auch daselbst zur Erde bestattet. Wenig Tage hierauf wurde die fernere Reise fortgesetzt, und mein Betrubniss vollkommen zu machen, uberfielen uns zwey Rauber, mit welchen sich unser Schiff ins Treffen einlassen muste, auch so glucklich war, selbigen zu entgehen, ich aber solte doch dabey die allerunglukkseeligste seyn, indem mein lieber Mann mit einer kleinen Kugel durch den Kopff geschossen wurde, und dieserwegen sein redliches Leben einbussen muste.

Der Himmel weiss, ob mein seeliger William seinen todtlichen Schuss nicht vielmehr von einem MeuchelMorder als von den See-Raubern bekommen hatte, denn alle Umstande kamen mir dabey sehr verdachtig vor, jedoch, GOtt verzeihe es mir, wenn ich den Severin Water in unrechten Verdacht halte.

Dieser Severin Water war ein junger Hollandischer, sehr frecher, und wollustiger Kaufmann, und hatte schon offters in Amsterdam Gelegenheit gesucht, mich zu einem schandlichen Ehe-Bruche zu verfuhren. Ich hatte ihn schon verschiedene mahl gewarnet, meine Tugend mit dergleichen verdammten Ansinnen zu verschonen, oder ich wurde mich genothiget finden, solches meinem Manne zu eroffnen, da er aber dennoch nicht nachlassen wolte, bat ich wurcklich meinen Mann instandig, seine und meine Ehre gegen diesen geilen Bock zu schutzen, allein, mein William gab mir zur Antwort: Mein Engel, lasset den Haasen lauffen, er ist ein wollustiger Narr, und weil ich mich eurer Tugend-vollkommen versichert halte, so weiss ich auch, dass er zu meinem Nachtheil nichts bey euch erhalten wird, indessen ist es nicht rathsam, ihn noch zur Zeit zum offenbaren Feinde zu machen, weil ich durch seine Person auf dem Cap der guten Hoffnung einen besonderen wichtigen Vortheil erlangen kan. Und eben in dieser Absicht sahe es auch mein William nicht ungern, dass Severin in seiner Gesellschafft mit dahin reisete. Ich indessen war um so viel desto mehr verdrusslich, da ich diesen geilen Bock alltaglich vor mir sehen, und mit ihm reden muste, er fuhrete sich aber bey meines Mannes Leben noch ziemlich vernunfftig auf, jedoch gleich etliche Tage nach dessen jammerlichen Tode, trug er mir sogleich seine eigene schandliche Person zur neuen Heyrath an. Ich nahm diese Leichtsinnigkeit sehr ubel auf, und bat ihn, mich zum wenigsten auf ein Jahr lang mit dergleichen Antrage zu verschonen, allein er verlachte meine Einfalt, und sagte mit frechen Gebarden: Er frage ja nichts darnach, ich mochte schwanger seyn oder nicht, genung, er wolle meine Leibes-Frucht vor die seinige erkennen, uber dieses ware man auf den Schiffen der Geistlichen Kirchen-Censur nicht also unterworfen, als in unsern Vaterlande, und was dergleichen Geschwatzes mehr war, mich zu einer gleichmassigen schandlichen Leichtsinnigkeit zu bewegen, da ich aber, ohngeacht ich wohl wuste, dass sich nicht die geringsten Zeichen einer Schwangerschafft bey mir auserten, dennoch einen naturlichen Abscheu so wohl vor der Person als dem gantzen Wesen dieses Wustlings hatte, so suchte ihn, vermoge der verdrusslichsten und schimpfflichsten Reden, mir vom Halse zu schaffen; Allein, der freche Bube kehrete sich an nichts, sondern schwur, ehe sein gantzes Vermogen nebst dem Leben zu verlieren, als mich dem Witwen-Stande oder einem andern Manne zu uberlassen, sagte mir anbey frey unter die Augen, so lange wolle er noch Gedult haben, biss wir das Cap der guten Hoffnung erreicht hatten, nach diesem wurde sich zeigen, ob er mich mit Gute oder Gewalt ins Ehe-Bette ziehen musse.

Ich Elende wuste gegen diesen Trotzer nirgends Schutz zu finden, weil er die Befehlshaber des Schiffs so wohl als die meisten andern Leute durch Geschencke und Gaben auf seine Seite gelenckt hatte, solcher Gestalt wurden meine jammerlichen Klagen fast von jedermann verlacht, und ich selbst ein Spott der ungehobelten Boots Knechte, indem mir ein jeder vorwarff, meine Keuschheit ware nur ein verstelltes Wesen, ich wolte nur sehr gebeten seyn, wurde aber meine Tugend schon wohlfeiler verkauffen, so bald nur ein junger Mann

Ich scheue mich, an die lasterhafften Reden langer zu gedencken, welche ich mit groster Hertzens-Quaal von diesen Unflatern taglich anhoren muste, uber dieses klagte mir meine Aufwarterin Blandina mit weinenden Augen, dass ihr Severin schandliche Unzucht zugemuthet, und versprochen hatte, sie auf dem Cap der guten Hoffnung nebst mir, als seine Kebs-Frau, beyzubehalten, allein, sie hatte ihm ins Angesicht gespyen, davor aber eine derbe Maulschelle hinnehmen mussen. Meiner zarten und fast noch nicht mannbaren Stieff-Tochter, der Gertraud, hatte der Schand-Bock ebenfalls seine Geilheit angetragen, und fast Willens gehabt, dieses fromme Kind zu nothzuchtigen, der Himmel aber fuhrete mich noch bey Zeiten dahin, diese Unschuldige zu retten. Solcher Gestalt war nun mein Jammer-Stand abermals auf der hochsten Stuffe des Unglucks, die Hulffe des Hochsten aber desto naher. Ich will aber nicht weiter beschreiben, welcher Gestalt ich nebst meiner Tochter und Aufwarterin von den Kindern und Befreunden des theuren Alt-Vaters Albert Julii aus dieser Angst gerissen und errettet worden, weil ich doch versichert bin, dass selbiger solches alles in seiner Geschichts-Beschreibung so wohl als mein ubriges Schicksal, nebst andern mit aufgezeichnet hat, sondern hiermit meine Lebens-Beschreibung schliessen, und das Urtheil daruber andern uberlassen. GOTT und mein Gewissen uberzeugen mich keiner muthwilligen und groben Sunden, ware ich aber ja eine lasterhaffte Weibs-Person gewesen, so hatte thoricht gehandelt, alles mit solchen Umstanden zu beschreiben, woraus vielleicht mancher etwas schlimmeres von mir muthmassen konte.

***

Dieses war also alles, was ich Eberhard Julius meinen Zuhorern, von der Virgilia eigenen Hand geschrieben, vorlesen konte, worauf der Alt-Vater seine Erzehlung folgender massen fortsetzte:

Unsere allseitige Freude uber die gewunschte Wiederkunfft der Meinigen war gantz unvergleichlich, zumahlen da die mitgekommene junge Wittbe nebst ihrer Tochter und einer nicht weniger artigen Jungfrau bey unserer Lebens-Art ein vollkommenes Vergnugen bezeugten. Also wurde der bevorstehende Winter so gotzlichkeit zugebracht. Das Schiff luden meine Kinder aus, und stiessen es als eine nicht allzu nothige Sache in die Bucht, weil wir uns nach keinen weitern Handel mit andern Leuten sehneten. Dahingegen erweiterten wir unsere alten Wohnungen, baueten noch etliche neue, versperreten alle Zugange zu unserer Insul, und setzten die Hauss-Wirthschafften in immer bessern Stand. Amias hatte von einem Hollander ein Glass voll Lein-Saamen bekommen, von welchen er etwas aussaete, um Flachs zu zeugen, damit die Weiber Spinnwerck bekamen, uber dieses war seine groste Freude, dass diejenigen Blumen und andere Gewachse zu ihrer Zeit so schon zum Vorschein kamen, zu welchen er die Saamen, Zwiebeln und Kernen von den Hollandern erbettelt und mitgebracht hatte. Seiner Vorsicht, guter Wartung und besonderen Klugheit habe ich es eintzig und allein zu dancken, dass mein grosser Garten, zu welchen er im Jahr 1672 den Grund gelegt, in guten Stande ist.

Doch eben in selbigem Jahre, liess sich die tugendhafte Virgilia van Cattmers, und zwar am 8. Jan., nemlich an meinem Gebuhrths-Tage, mit meinem Sohne Johanne durch meine Hand ehelich zusammen geben, und weil der jungste Zwilling, Christian, seine ihm zugetheilte Blandina an seinen altern Bruder Christoph gutwillig uberliess, anbey aber mit ruhigem Hertzen auf die Gertraud warten wolte, so geschahe dem Christoph und der Blandina, die einander allem Ansehen nach recht hertzlich liebten, ein gleiches, so, dass wir abermals zwey Hochzeit-Feste zugleich begingen.

Im Jahre 1674 wurden endlich die letzten zwey von meinen leiblichen Kindern vereheliget, nemlich Christian mit Gertraud, und Christina mit David Rawkin, als welcher letztere genungsam Proben seiner treuen und geduldigen Liebe zu Tage gelegt hatte. Demnach waren alle die Meinigen dermassen wohl begattet und berathen, dass es, unser aller vernunfftigen Meinung nach, unmoglich besser erdacht und ausgesucht werden konnen, jedoch waren meine Concordia und ich ohnstreitig die allervergnugtesten zu nennen, denn alle die Unserigen erzeigten uns aus willigen ungezwungenen Hertzen den allergenausten Gehorsam, der mit einer zartlichen Ehrerbietung verknupfft war, wolten auch durchaus nicht geschehen lassen, dass wir uns mit beschwerlicher Arbeit bemuhen solten, sondern suchten alle Gelegenheit, uns derselben zu uberheben, von selbst, so, dass eine vollkommene Liebe und Eintracht unter uns allen anzutreffen war. Der Himmel erzeigte sich auch dermassen gnadig gegen uns von allen andern abgesonderte Menschen, dass wir seine barmhertzige Vorsorge in allen Stucken gantz sonderbar verspuren konten, und nicht die geringste Ursache hatten, uber Mangel oder andere dem menschlichen Geschlecht sonst zustossende betrubte Zufalle zu klagen, hergegen nahmen unsere Familien mit den Jahren dermassen zu, dass man recht vergnugt uberrechnen konte, wie mit der Zeit aus denselben ein grosses Volck entstehen wurde.

Im Jahr 1683. aber begegnete uns der erste klagliche Zufall, und zwar solcher Gestalt: Wir hatten seit etlichen Jahren her, bey mussigen Zeiten, alle diejenigen Oerter an den auswendigen Klippen, wo wir nur vermerckten, dass jemand dieselben besteigen, und uns uberfallen konte, durch fleissige Hand-Arbeit und Sprengung mit Pulver, dermassen zugerichtet, dass auch nicht einmahl eine Katze hinauf klettern, und die Hohe erreichen konnen, hergegen arbeiteten wir zu unserer eigenen Bequemlichkeit 4. ziemlich verborgene krumme Gange, an 4. Orten, nehmlich: Gegen Norden, Osten, Suden und Westen zu, zwischen den Felsen-Klippen hinab, die niemand so leicht ausfinden konte, als wer Bescheid darum wuste, und dieses geschahe aus keiner andern Ursache, als dass wir nicht die Muhe haben wolten, um aller Kleinigkeiten wegen, die etwa zwey oder drey Personen an der See zu verrichten hatten, allezeit die grossen und gantz neu gemachten Schleusen auf- und zu zu machen. Jedoch, wie ihr meine Lieben selbst wahrgenommen habt, verwahreten wir den Aus- und Eingang solcher bequemlicher Wege mit tieffen Abschnitten und andern Verhindernissen, solcher Gestalt, dass niemanden, ohne die herab gelassenen kleinen Zug-Brucken, die doch von eines eintzigen Menschen Handen leicht zu regieren sind, weder heruber- noch hinuber zu kommen vermogend ist. Indem nun alle Seiten und Ecken durch unermudeten vieljahrigen Fleiss in vollkommen guten Stand gesetzt waren, biss auf noch etwas weniges an der West-Seite, allwo, auf des Amias Angeben, noch ein ziemlich Stuck Felsen abgesprengt werden solte, versahe es der redliche Mann hierbey dermassen schlimm, dass, da er sich nicht weit genung entfernet hatte, sein linckes Bein durch ein grosses fliegendes Stein-Stucke erbarmlich gequetscht und zerschmettert wurde, welcher Schade denn in wenig Tagen diesem redlichen Manne, ohngeacht aller angewandten krafftigen Wund-Mittel, die auf unserer Insul in grosser Menge anzutreffen sind, und die wir so wohl aus des Don Cyrillo Anweisung, als aus eigener Erfahrung ziemlich erkennen gelernet, sein edles Leben, wiewohl im hohen Alter, doch bey gesunden Krafften und frischem Hertzen, uns allen aber noch viel zu fruh, verkurtzte.

Es war wohl kein eintziger, ausgenommen die gantz jungen Kinder, auf dieser Insel anzutreffen, der dem guten Robert, als dessen Bruders Sohne, im wehmuthigsten Klagen, wegen dieses unverhofften Todes und Unglucks-Falles, nicht eifrige Gesellschafft geleistet hatte, Jacob, Simon und David, die alle drey in der Tischler-Arbeit die geschicktesten waren, machten ihm einen recht schonen Sarg nach Teutscher Art, worein wir den zierlich angekleideten Corper legten, und an denjenigen Ort, welchen ich vor langst zum Begrabniss der Todten ausersehen, ehrlich zur Erde bestatteten.

Robert, der in damahligem 19ten Jahre seines Ehestandes mit der jungern Concordia allbereit 11. Kinder, als 3. Sohne und 8. Tochter, gezeuget hatte, war nunmehro der erste, der sich von uns trennete, und vor sich und sein Geschlechte eine eigene Pflantz-Stadt, jenseit des Canals gegen Osten zu, anlegte, weil uns der Platz und die Gegend um den Hugel herum, fast zu enge werden wolte. Mein altester Sohn, Albert, folgte dessen Beyspiele mit seiner Judith, 6. Sohnen und 2. Tochtern am ersten, und legte seine PflanzStadt Nordwerts an. Diesem that Stephanus mit seiner Sabina, 4. Sohnen und 5. Tochtern, ein gleiches nach, und zwar im Jahr 1685, da er seine Wohnung jenseit des West-Flusses aufschlug. Im folgenden Jahre folgte Jacob und Maria mit 3. Sohnen und 4. Tochtern, ingleichen Simon mit 3. Sohnen und 2. Tochtern, auch Johannes mit der Virgilia, 2. Sohnen und 5. Tochtern.

Ich ersahe meine besondere Freude hieran, und weil sie alle als Bruder einander im Hauss-Bauen und andern Dinge redlich zu Hulffe kamen, so machte auch ich mir die groste Freude daraus, ihnen krafftige Handreichung zu thun. Bey uns auf dem Hugel aber wohnete also niemand mehr, als David und Christina mit 3. Sohnen und 3. Tochtern, Christoph mit 3. Sohnen und 4. Tochtern, und letztlich Christian mit 2. Sohnen und einer Tochter, ingesamt, meine Concordia und mich mit gerechnet, 24. Seelen, ausserhalb des Hugels aber 59. Seelen. Summa, im Jahr 1688. da die erstere Haupt-Vertheilung vollendet wurde, aller auf dieser Insul lebenden Menschen, 83. Nehmlich 39. Mannes- und 44. Weibs-Personen.

Ich habe euch aber, meine Lieben, diese Rechnung nur dieserwegen vorgehalten, weil ich eben im 1688ten Jahre mein Sechzigstes Lebens-Jahr, und das Vierzigste Jahr meines vergnugt gefuhrten Ehestandes zuruck gelegt hatte, auch weil, ausser meinem letzten Tochterlein, biss auf selbige Zeit kein einziges noch mehr von meinen Kindern oder Kindes-Kindern gestorben war, welches doch nachhero eben so wohl unter uns, als unter andern sterblichen Menschen-Kindern geschahe, wie mein ordentlich gefuhrtes TodtenRegister solches bezeuget, und auf Begehren zur andern Zeit vorgezeiget werden kan.

Nun solte zwar auch von meiner Kindes-Kinder fernerer Verheyrathung ordentliche Meldung thun, allein, wem wird sonderlich mit solchen allzu grossen Weitlaufftigkeiten gedienet seyn, zumahlen sich ein jeder leichtlich einbilden kan, dass sie sich mit Niemand anders als ihrer Vater und Mutter, Bruders- und Schwester-Kindern haben vereheligen konnen, welches, so viel mir wissend, Gottlicher Ordnung nicht gantzlich zuwider ist, und worzu mein erster SohnesSohn, Albertus der dritte allhier, anno 1689. mit Roberts altesten Tochter den Anfang machte, welchen die andern Mannbaren, zu gehoriger Zeit, biss auf diesen Tag nachgefolget sind.

Es mag aber, liess sich hierauf der Alt-Vater horen, hiermit auf diesen Abend sein Bewenden haben, doch Morgen, geliebt es GOtt, und zwar nach verrichteten Morgen-Gebeth und eingenommenen Fruhstuck, da wir ohnedem einen Rast-Tag machen konnen, will ich den ubrigen Rest meiner Erzehlung von denjenigen Merckwurdigkeiten thun, die mir biss auf des Capitain Wolffgangs Ankunfft im Jahr 1721. annoch Erzehlens-wurdig scheinen, und ohngefahr beyfallen werden.

Demnach legten wir uns abermals sammtlich zur Ruhe, da nun dieselbe nebst der von dem Alt-Vater bestimmten Zeit abgewartet war, gab er uns den Beschluss seiner bisshero ordentlich an einander gehenckten Erzehlung also zu vernehmen:

Im Jahr 1692. wandten sich endlich die 3. letzten Stamme auch von unserm Hugel, und baueten an selbst erwehlten Orten ihre eigene Pflantz-Stadten vor sich und ihre Nachkommen an, damit aber meine liebe Concordia und ich nicht alleine gelassen wurden, schickte uns ein jeder von den 9. Stammen eins seiner Kinder zur Bedienung und Gesellschafft zu, also hatten wir 5. Junglinge und 4. Magdleins nicht allein zum Zeitvertreibe, sondern auch zu taglichen Lust-Arbeitern und Kuchen-Gehulffen um und neben uns, denn vor Brodt und andere gute Lebens-Mittel durfften wir keine Sorge tragen, weil die Stamm-Vater alles im Uberflusse auf den Hugel schafften. Die Affen machten bey allen diesen neuen Einrichtungen die liederlichsten Streiche, denn ob ich gleich dieselben ordentlich als Sclaven meinen Kindern zugetheilet, und ein jeder Stamm die seinigen mit einem besondern Halss-Bande gezeichnet hatte, so wolten sich dieselben anfanglich doch durchaus nicht zertheilen lassen, sondern versammleten sich gar offters alle wieder auf dem Hugel bey meinen zweyen alten Affen, die ich vor mich behalten hatte, biss sie endlich theils mit Schlagen, theils mit guten Worten zum Gehorsam gebracht wurden.

Im Jahr 1694. fingen meine sammtlichen Kinder an, gegenwartiges viereckte schone Gebaude auf diesem Hugel vor mich, als ihren Vater und Konig, zur Residentz aufzubauen, mit welchen sie erstlich nach 3en Jahren vollig fertig wurden, wesswegen ich meine alte Hutte abreissen und gantz hinweg schaffen liess, das neue hergegen bezohe, und es Albertus-Burg nennete, nachhero habe in selbigem, durch den Hugel hindurch biss in des Don Cyrillo unterirrdische Hole, eine bequemliche Treppe hauen, den auswendigen Eingang derselben aber biss auf ein Lufft-Loch vermauren und verschutten lassen, so dass mir selbige kostbare Hole nunmehro zum herrlichsten Keller-Gewolbe dienet.

So bald die Burg fertig, wurde der gantze Hugel mit doppelten Reihen der ansehnlichsten Baume in der Rundung umsetzt, ingleichen der Anfang von mir gemacht, zu den beyden Alleen, zwischen welchen Alberts-Raum mitten inne liegt, und die nunmehro seit etliche 20. Jahren zum zierlichsten Stande kommen sind, wie ich denn nebst meiner Concordia manche schone Stunde mit Spatzieren-gehen darinne zugebracht habe.

Im 1698ten Jahre stiess uns abermals eine der merckwurdigsten Begebenheiten vor. Denn da David Rawkins drey altesten Sohne eines Tages den NordSteg hinnab an die See gestiegen waren, um das Fett von einem ertodteten See-Lowen auszuschneiden, erblicken sie von ohngefahr ein Schiff, welches auf den Sand-Bancken vor unsern Felsen gestrandet hatte. Sie lauffen geschwind zuruck und melden es ihrem Vater, welcher erstlich zu mir kam, um sich Raths zu erholen, ob man, daferne es etwa Nothleidende waren, ihnen zu Hulffe kommen mochte? Ich liess alle wehrhaffte Personen auf der Insul zusammen ruffen, ihr Gewehr und Waffen ergreiffen, und alle Zugange wohl besetzen, und begab mich mit etlichen in eigener Person auf die Hohe. Von dar ersahen wir nun zwar das gestrandete Schiff sehr eigentlich, wurden aber keines Menschen darauf gewahr, ohngeacht einer um den andern mit des seel. Amias hinterlassenen Perspectiv fleissig Acht hatte, biss der Abend herein zu brechen begunte, da wir meisten uns wiederum zuruck begaben, doch aber die gantze Nacht hindurch die Wachten wohl bestellet hielten, indem zu besorgen war, es mochten etwa See-Rauber oder andere Feinde seyn, die vorigen Tages unsere jungen Leute von ferne erblickt, derowegen ein Boot mit Mannschafft ausgesetzt hatten, um den Felsen auszukundschafften, mitlerweile sich die ubrigen im Schiffe verbergen musten.

Allein wir wurden weder am andern, dritten, vierdten, funfften noch sechsten Tage nichts mehr gewahr als das auf einer Stelle bleibende Schiff, welches weder Masten noch Segel auf sich zeigte. Derowegen fasseten endlich am siebenten Tage David, nebst noch 11. andern wohl bewaffneten starcken Leuten, das Hertze, in unser grosses Boot, welches wir nur vor wenig Jahren zu Ausubung unserer Strand-Gerechtigkeit verfertiget, einzusteigen, und sich dem Schiffe zu nahern.

Nachdem sie selbiges erreicht und betreten, kommen dem David sogleich in einem Winckel zwey Personen vor Augen, welche bey einem todten menschlichen Corper sitzen, mit grossen Messern ein Stuck nach dem andern von selbigen abschneiden, und solche Stucken als rechte heisshungerige Wolffe eiligst verschlingen. Uber diesen grasslichen Anblick werden alle die Meinigen in nicht geringes Erstaunen gesetzt, jedoch selbiges wird um so viel mehr vergrossert, da einer von diesen Menschen-Fressern jahlings aufspringet, und einen von Davids Sohnen mit seinem grossen Messer zu erstechen sucht, doch da dieser Jungling seinen Feind mit der Flinte, als einen leichten Stroh-Wisch zu Boden rennet, werden endlich alle beyde mit leichter Muh uberwaltiget und gebunden hingelegt.

Hierauff durchsuchen sie weiter alle Kammern, Ecken und Winckel des Schiffs, finden aber weder Menschen, Vieh, noch sonsten etwas, wovor sie sich ferner zu furchten Ursach hatten. Hergegen an dessen statt einen unschatzbaren Vorrath an kostbaren Zeug und Gewurtz-Waaren, schonen Thier-Hauten, zugerichteten Ledern und andern vortrefflichen Sachen. Uber dieses alles trifft David auf die funfftehalb Centner ungemuntzet Gold, 14. Centner Silber, 2. SchlagFasser voll Perlen, und drey Kisten voll gemuntztes Gold und Silber an, von dessen Glantze, indem er an seiner Jugend-Jahre gedenckt, seine Augen gantz verblendet werden.

Jedoch meine guten Kinder halten sich hierbey nicht lange auf, sondern greiffen zu allererst nach den kostbarn Zeug- und Gewurtz-Waaren, tragen so viel davon in das Boot als ihnen moglich ist, nehmen die zwey Gebundenen mit sich, und kamen also, nachdem sie nicht langer als etwa 4. Stunden aussen gewesen, wieder zuruck, und zwar durch den Wasser-Weg, auf die Insul. Wir vermerckten gar bald an den zweyen Gebundenen, dass es rasende Menschen waren, indem sie uns die grasslichsten Gebarden zeigten, so oft sie jemand ansahe, mit den Zahnen knirscheten, diejenigen Speisen aber, welche ihnen vorgehalten wurden, hurtiger als die Kraniche verschlungen, wesswegen zu Alberts-Raum, ein jeder in eine besondere Kammer gesperret, und mit gebundenen Handen und Fussen aufs Lager gelegt, dabey aber allmahlig mit immer mehr und mehr Speise und Tranck gestarckt wurde. Allein der schlimmste unter den Beyden, reisset folgende Nacht seine Bande an Handen und Fussen entzwey, frisset erstlich allen herum liegenden SpeiseVorrath auf, erbarmt sich hiernachst uber ein Fasslein, welches mit einer besondern Art von eingemachten Wurtzeln angefullet ist, und frist selbiges ebenfalls biss auf die Helffte aus, bricht hernach die Thur entzwey, und laufft dem Nord-Walde zu, allwo er folgendes Tages gegen Abend, jammerlich zerborsten, gefunden, und auf selbiger Stelle begraben wurde. Der andere arme Mensch schien zwar etwas ruhiger zu werden, allein man merckte doch, dass er seines Verstandes nicht machtig werden konte, ohngeacht wir ihn drey Tage nach einander aufs Beste verpflegten. Endlich am 4ten. Tage, da ich Nachmittags bey ihm in der Kammer gantz stille sass, kam ihm das Reden auf einmahl an, indem er mit schwacher Stimme rief: JESUS, Maria, Joseph! Ich fragte ihn erstlich auf Deutsch, hernach in Hollandischer und letztlich in Englischer wie auch Lateinischer Sprache: Wie ihm zu Muthe ware, jedoch er redete etliche Spanische Worte, welche ich nicht verstund, derowegen meinen Schwieger-Sohn Robert herein ruffte, der ihn meine Frage in Spanischer Sprache erklarete, und zur Antwort erhielt: Es stunde sehr schlecht um ihn und sein Leben. Robert versetzte, weil er JESUM zum Helfer angerufft, werde es nicht schlecht um ihn stehen, er moge sterben oder leben. Ich hoffe es mein Freund, war seine Antwort, dahero ihn Robert noch ferner trostete, und bat: wo es seine Kraffte zuliessen, uns mit wenig Worten zu berichten: Was es mit ihm und dem Schiffe vor eine Beschaffenheit habe? Hierauf sagte der arme Mensch: Mein Freund! das Schiff, ich und alles was darauff ist, gehoret dem Konige von Spanien. Ein hefftiger Sturm hat uns von dessen West-Indischen Flotte getrennet, und zweyen Raub-Schiffen entgegen gefuhret, denen wir aber durch Tapfferkeit und endliche Flucht entgangen sind. Jedoch die fernern Sturme haben uns nicht vergonnet, einen sichern Hafen zu finden, vielweniger den Abgang unserer Lebens-Mittel zu ersetzen. Unsere Cameraden selbst haben Verratherisch gehandelt, denn da sie von ferne Land sehen, und selbiges mit dem ubel zugerichteten Schiffe nicht zu erreichen getrauen, werffen sich die Gesunden ins Boot und lassen etliche Krancke, ohne alle Lebens-Mittel zurucke. Wir wunschten den Tod, da aber selbiger, zu Endigung unserer Marter, sich nicht bey allen auf einmahl einstellen wolte, musten wir uns aus Hunger an die Corper derjenigen machen, welche am ersten sturben, hieruber hat unsere Kranckheit dermassen zugenommen, dass ich vor meine Person selbst nicht gewust habe, ob ich noch lebte oder allbereits todt ware.

Robert versuchte zwar noch ein und anderes von ihm zu erforschen, da aber des elenden Spaniers Schwachheit allzugross war, musten wir uns mit dem Bescheide: Er wolle Morgen, wenn er noch lebte, ein mehreres reden, begnugen lassen. Allein nachdem er die gantze Nacht hindurch ziemlich ruhig gelegen, starb er uns, mit anbrechende Tage, sehr sanfft unter den Handen, und wurde seiner mit wenig Worten und Gebarden bezeigten christlichen Andacht wegen, an die Seite unseres Gottes-Ackers begraben. Solchergestalt war niemand naher die auf dem Schiff befindlichen Sachen in Verwahrung zu nehmen, als ich und die Meinigen, und weil wir dem Konige von Spanien auf keinerley Weise verbunden waren, so hielt ich nicht vor klug gehandelt, meinen Kindern das StrandRecht zu verwehren, welche demnach in wenig Tagen das gantze Schiff, nebst allen darauff befindlichen Sachen, nach und nach Stuckweise auf die Insul brachten.

Ich theilete alle nutzliche Waaren unter dieselben zu gleichen Theilen aus, biss auf das Gold, Silber, Perlen, Edelgesteine und Geld, welches von mir, um ihnen alle Gelegenheit zum Hoffart, Geitz, Wucher und andern daraus folgenden Lastern zu benehmen, in meinen Keller zu des Don Cyrillo und andern vorhero erbeuteten Schatzen legte, auch dieserwegen von ihnen nicht die geringste scheele mine empfieng.

Der erste Jan. im Jahre Christi 1700. wurde nicht allein als der Neue Jahres-Tag und Fest der Beschneidung Christi, sondern uber dieses als ein solcher Tag, an welchen wir ein neues Jahr hundert, und zwar das 18te nach Christi Gebuhrt antraten, recht besonders frolich von uns gefeyert, indem wir nicht allein alle unsere Canonen loseten, deren wir auf dem letztern Spanischen Schiffe noch 12. Stuck nebst einem starcken Vorrath an Schiess-Pulver uberkommen hatten, sondern auch nach zweymahligen verrichteten Gottesdienste, unsere Jugend mit Blumen-Krantzen ausziereten, und selbige im Reyhen herum singen und tantzen liessen. Folgendes Tages liess ich, vor die junge Mannschafft, von 16. Jahren und druber, die annoch gegenwartige Vogel-Stange aufrichten, einen holtzernen Vogel daran hancken, wornach sie schiessen musten, da denn diejenigen, welche sich wohl hielten, nebst einem Blumen-Crantze verschiedene neue Kleidungs-Stucke, Aexte, Sagen und dergleichen, derjenige aber so das letzte Stuck herab schoss, von meiner Concordia ein gantz neues Kleid, und von mir eine kostbare Flinte zum Lohne bekam. Diese Lust ist nachhero alljahrlich einmahl um diese Zeit vorgenommen worden.

Am 8. Jan. selbigen Jahres, als an meinen Gebuhrts- und Vereheligungs-Tage, beschenckte mich der ehrliche Simon Schimmer mit einem neugemachten artigen Wagen, der von zweyen zahmgemachten Hirschen gezogen wurde, also sehr bequem war, mich und meine Concordia von einem Orte zum andern spatzieren zu fuhren. Schimmer hatte diese beyden Hirsche noch gantz jung aus dem Thier-Garten genommen, und selbige durch taglichen unverdrossenen Fleiss, dermassen Kirre gewohnet, dass sie sich Regieren liessen wie man wolte. Ihm haben es nachhero meine ubrigen Kinder nach gethan, und in wenig Jahren viel dergleichen zahme Thiere auferzogen.

Nun konte ich zwar noch vieles anfuhren, als nemlich: von Entdeckung der Insul Klein-Felsenburg. Von Erzeugung des Flachses, und wie unsere Weiber denselben zubereiten, spinnen und wircken lernen. Von allerhand andern Handwercken, die wir mit der Zeit durch offteres Versuchen ohne Lehrmeisters einander selbst gelehret und zu Stande bringen helffen. Von allerhand Waaren und Gerathschafften, die uns von Zeit zu Zeit durch die Winde und Wellen zugefuhret worden. Von meiner 9. Stamme Vermehrung und immer besserer Wirtschaffts-Einrichtung im Akker-Garten- und Wein-Bau. Von meiner eigenen Wirthschafft, Schatz- Rust- und Vorraths-Kammer und dergleichen; Allein meine Lieben, weil wir doch langer beysammen bleiben, und GOTT mir hoffentlich noch das Leben eine kleine Zeit gonnen wird, so will selbiges biss auf andere Zeiten versparen, damit wir in kunfftigen Tagen bey dieser und jener Gelegenheit daruber mit einander zu sprechen Ursach finden, vor jetzo aber will damit schliessen, wenn ich noch gemeldet habe, was der Tod in dem eingetretenen 18den Seculo vor Haupt-Personen, aus diesem unsern irrdischen, in das Himmlische Paradiess versetzt hat, solches aber sind folgende:

1. Johannes mein dritter leiblicher Sohn starb

1706. seines Alters 55. Jahr.

2. Maria meine alteste Tochter, starb 1708. ihres

Alters 58. Jahr.

3. Elisabeth meine zweyte Tochter, starb 1711.

ihres Alters 58. Jahr.

4. Virgilia van Cattmers Johannis Gemahl. starb

1713. ihres Alters 66. Jahr.

5. Meine seel. Ehe-Gemahlin Concordia, starb

1715. ihres Alters im 89ten Jahre.

6. Simon Heinrich Julius, sonst Schimmer, starb

1716. seines Alters 84. Jahr.

7. Die jungere Concordia und

8. Robert Julius, sonst Hilter, sturben binnen 6.

Tagen, als treue Ehe-Leute. 1718. ihres Alters,

sie im 72. und Er im 84. Jahre.

9. Jacob Julius, sonst Larson, starb 1719. seines

Alters 89. Jahr.

10. Blandina, Christophs Gemahl. starb 1719.

ihres Alters 65. Jahr.

11. Gertraud, Christians Gemahl. starb 1723.

ihres Alters 66. Jahre.

Nunmehro, mein Herr Wolffgang! sagte hierauff der Altvater Albertus, indem er sich, wegen Erinnerung seiner verstorbenen Geliebten, mit weinenden Augen zum Capitain Wolffgang wandte, werdet ihr von der Gute seyn, und dasjenige anfuhren, was ihr binnen der Zeit eurer ersten Anwesenheit auf dieser Insul angetroffen und verbessert habt.

Demnach setzte selbiger redliche Mann des Altvaters und seine eigene Geschicht folgender massen fort: Ich habe euch, meine werthesten Freunde, (sagte er zu Herr Mag. Schmeltzern und mir,) meine Lebens-Geschicht, zeitwahrender unserer Schiffahrth biss dahin wissend gemacht: Da ich von meinen schelmischen Gefahrten an diesen vermeintlichen wusten Felsen ausgesetzt, nachhero aber von hiesigen frommen Einwohnern erquickt und aufgenommen worden. Diese meine merckwurdige Lebens Erhaltung nun, kan ich im geringsten nicht einer ohngefahren Glucks-Fugung, sondern eintzig und allein der sonderbaren Barmhertzigen Vorsorge GOTTES zuschreiben, denn die Einwohner dieser Insul waren damahls meines vorbey fahrenden Schiffs so wenig als meiner Aussetzung gewahr worden, wusten also nichts darvon, dass ich elender Mensch vor ihrem Wasser-Thore lag, und verschmachten wolte. Doch eben an demselben Tage, welchen ich damahligen Umstanden nach, vor den letzten meines Leben hielt, regieret GOTT, die Hertzen 6. ehrlicher Manner aus Simons- und Christians Geschlechte, mit ihrem Gewehr nach dem in der Bucht liegenden Boote zu gehen, auf selbigen eine Fahrt nach der West-Seite zu thun, und allda auf einige See-Lowen und See-Kalber zu lauren. Diese waren also, kurtz gesagt, die damahligen Werckzeuge GOTTES zu meiner Errettung, indem sie mich erstlich durch den Wasser-Weg zuruck in ihre Behausung fuhreten, vollig erquickten, und nachhero dem Altvater von meiner Anwesenheit Nachricht gaben. Dieser unvergleichliche Mann, den GOTT noch viele Jahre zu meinem und der Seinigen Trost erhalten wolle, hatte kaum das vornehmste von meinen Glucks- und Unglucks-Fallen angehoret, als er mich sogleich hertzlich umarmete, und versprach: Mir meinen erlittenen Schaden dreyfach zu ersetzen, weil er solches zu thun wohl im Stande sey, und da ich keine Lust auf dieser Insul zu bleiben hatte, wurde sich mit der Zeit schon Gelegenheit finden, wieder in mein Vaterland zuruck zu kommen. Immittelst nahm er mich sogleich mit auf seinen Hugel, gab mir eine eigene wohl zubereitete Kammer ein, zog mich mit an seine Tafel, und versorgte mich also mit den kostlichsten Speisen, Getrancke, Kleidern, ja mit allem, was mein Hertz verlangen konte, recht im uberflusse. Ich bin jederzeit ein Feind des Mussiggangs gewesen, derowegen machte mir alltaglich, bald hier bald dar, genung zu schaffen, indem ich nicht allein etliche 12. biss 16. jahrige Knaben auslase, und dieselben in allerhand nutzlichen Wissenschafften, welche zwar allhier nicht gantzlich unbekannt, doch ziemlich dunckel und Beschwerlich fielen, auf eine weit leichtere Weise unterrichtete, sondern auch den Acker- Wein- und Garten-Bau fleissig besorgen halff. Mein Wohlthater bezeugte nicht allein hieruber seinen besondern Wohlgefallen, sondern ich wurde bey weiterer Bekandtschafft von allen Einwohnern, Jung und Alt, fast auf den Handen getragen, wesswegen ein Streit in meinen Hertzen entstund: Ob ich bey ereigneter Gelegenheit diese Insul verlassen, oder meine ubrige Lebens-Zeit auf derselben zubringen wolte, als welches Letztere alle Einwohner sehnlich wunscheten, allein meine wunderlich herum schweiffenden Sinnen konten zu keinem bestandigen Schlusse kommen, sondern ich wanckte zwey gantzer Jahre lang von einer Seite zur andern, biss endlich im dritten Jahre folgende Liebes-Begebenheit mich zu dem festen Vorsatze brachte: alles Guth, Ehre und Vergnugen, was ich etwa noch in Europa zu hoffen haben konte, gantzlich aus dem Sinne zu schlagen, und mich allhier auf Lebens-Zeit feste zu setzen: Der gantze Handel aber fugte sich also: Der Stamm-Vater Christian hatte eine vortreffliche schone und tugendhaffte Tochter, Sophia genannt, um welche ein junger Geselle, aus dem Jacobischen Geschlecht, sich eifrig bemuhete, dieselbe zur Ehe zu haben, allein da diese Jungfrau denselben, so wohl als 4. andere, die schon vorhero um sie angehalten hatten, hoflich zuruck wiese, und durchaus in keine Heyrath mit ihm willigen wolte, bat mich der Vater Christian eines Tages zu Gaste, und trug mir an: Ob ich, als ein kluger Frembdling, nicht etwa von seiner Tochter ausforschen konne und wolle, wesswegen sie diesen Junggesellen, der ihrer so eiffrig begehrte, ihre eheliche Hand nicht reichen mochte; Ich nahm diese Commission willig auf, begab mich mit guter manier zu der schonen Sophie, welche im Garten unter einem grunen schattigen Baume mit der Spindel die zartesten Flachs-Faden spann, wesswegen ich Gelegenheit ergriff mich bey ihr nieder zu setzen, und ihrer zarten Arbeit zuzusehen, welche ihre geschickten und saubern Hande gewiss recht anmuthig verrichteten.

Nach ein und andern schertzhafften jedoch tugendhafften Gesprachen, kam ich endlich auf mein propos, und fragte etwas ernsthaffter: Warum sie denn so eigensinnig im Lieben sey, und denjenigen Jungen Gesellen, welcher sie so hefftig liebte, nicht zum Manne haben wolle. Das artige Kind errothete hieruber, wolte aber nicht ein Wort antworten, welches ich vielmehr ihrer Schamhafftigkeit, als einer Blodigkeit des Verstandes zurechnen muste, indem ich allbereit zur Gnuge verspuret, dass sie einen vortrefflichen Geist und aufgeraumten Sinn hatte. Derowegen setzte noch offter an, und brachte es endlich durch vieles Bitten dahin, dass sie mir ihr gantzes Hertz in folgenden Worten eroffnete: Mein Herr! sagte sie, ich zweiffele nicht im geringsten, dass ihr von den Meinigen abgeschickt seyd, meines Hertzens Gedancken auszuforschen, doch weil ich euch vor einen der redlichsten und tugendhafftesten Leute halte, so will ich mich nicht schamen euch das zu vertrauen, was ich auch meinem Vater und Geschwister, geschweige denn andern Befreundten, zu eroffnen Scheu getragen habe. Wisset demnach, dass mir unmoglich ist einen Mann zu nehmen, der um so viele Jahre junger ist als ich, bedencket doch, ich habe allbereit mein 32stes Jahr zuruck gelegt, und soll einen jungen Menschen Heyrathen, der sein zwantzigstes noch nicht ein mal erreicht hat. Es ist ja Gottlob kein Mangel an WeibsPersonen auf dieser Insul, hergegen hat er so wohl als andere noch das Auslesen unter vielen, wird also nicht unverheyratet sterben durffen, wenn er gleich mich nicht zur Ehe bekommt, solte aber ich gleich ohn verheyrathet sterben mussen, so wird mir dieses weder im Leben noch im Tode den allergeringsten Verdruss erwecken. Ich verwunderte mich ziemlicher massen uber dieses 32. jahrigen artigen Frauenzimmers resolution, und hatte, ihrem Ansehen und gantzen Wesen nach, dieselbe kaum mit guten Gewissen auf 20. Jahr geschatzet, doch da ich in ihren Reden einen lautern Ernst verspurete, gab ich ihr vollkommen Recht und fragte nur: Warum sie aber denn allbereit 4. andere Liebhaber vor diesem letztern abgewiesen hatte? Worauff sie antwortete: Sie sind alle wenigstens 10. biss 12. Jahr junger gewesen als ich, derowegen habe unmoglich eine Heyrath mit ihnen treffen konnen, sondern viel lieber ledig bleiben wollen.

Hierauff lenckte ich unser Gesprach, um ihren edlen Verstand ferner zu untersuchen auf andere Sachen, und fand denselben so wohl in geistlichen als weltlichen Sachen dermassen gescharfft, dass ich so zu sagen fast daruber erstaunete, und mit innigsten Vergnugen so lange bey ihr sitzen blieb, biss sich unvermerckt die Sonne hinter die hohen Felsen-Spitzen verlohr, wesswegen wir beyderseits den Garten verliessen, und weil ich im Hause vernahm, dass sich der Vater Christian auf der Schleusen-Brucke befande, wunschete ich der schonen Sophie nebst den ubrigen eine gute Nacht, und begab mich zu ihm. Indem er mir nun das Geleite biss auf die Alberts-Burg zu unserm Altvater gab, erzehlete ich ihm unterwegens seiner tugendhafften Tochter vernunfftiges Bedencken uber die angetragene Heyrath, so wohl als ihren ernstlich gefasseten Schluss, woruber er sich ebenfalls nicht wenig verwunderte, und dessfalls erstlich den Altvater um Rath fragen wolte. Derselbe nun that nach einigen uberlegen diesen Ausspruch: Zwinge dein Kind nicht, mein Sohn Christian, denn Sophia ist eine keusche und Gottesfurchtige Tochter, deren Eigensinn in diesem Stuck unstraflich ist, ich werde ihren Liebhaber Andream anderweit berathen, und versuchen ob ich Nicolaum, deines seel. Bruders Johannis dritten Sohn, der einige Jahre alter ist, mit der frommen Sophie vereheligen kan.

Wir geriethen demnach auf andere Gesprache, allein ich weiss nicht wie es so geschwinde bey mir zugieng, dass ich auf einmahl gantz tieffsinnig wurde, welches der liebe Altvater sogleich merckte, und sich um meine jahlinge Veranderung nicht wenig bekummerte, doch da ich sonst nichts als einen kleinen Kopff-Schmertzen vorzuwenden wuste, liess er mich in Hoffnung baldiger Besserung zu Bette gehen. Allein ich lage lange biss nach Mitternacht, ehe die geringste Lust zum Schlafe in meine Augen kommen wolte, und, nur kurtz von der Sache zu reden, ich spurete nichts richtiges in meinem Hertzen, als dass es sich vollkommen in die schone und tugendhaffte Sophie verliebt hatte. Hergegen machten mir des lieben Altvaters gesprochene Worte: Ich werde versuchen, ob ich Nicolaum mit der frommen Sophie vereheligen kann, den allergrosten Kummer, denn erstlich hatte ich als ein elender Einkommling noch die groste Ursach zu zweiffeln, ob ich der schonen Sophie GegenGunst erlangen, und vors andere schwerlich zu hoffen, dass mich der Altvater seinem Enckel Nicolao vorziehen wurde. Nachdem ich mich aber dieserwegen noch eine gute Weile auf meinem Lager herum geworffen, und meiner neuen Liebe nachgedacht hatte, fassete ich endlich den festen Vorsatz keine Zeit zu versaumen, sondern meinem aufrichtigen Wohlthater mein gantzes Hertze, gleich morgen fruh zu offenbaren, nachhero, auf dessen redliches Gutachten, selbiges der schonen Sophie ohne alle Weitlaufftigkeiten ehrlich anzutragen.

Hierauff liessen sich endlich meine Furcht und Hoffnungs-volle Sinnen durch den Schlaff uberwaltigen, doch die Einbildungs-Kraffte machten ihnen das Vergnugen, die schone Sophie auch im Traume darzustellen, so, dass sich mein Geist den gantzen ubrigen Theil der Nacht hindurch mit derselben unterredete, und so wohl an ihrer auserlichen schonen Gestalt, als innerlichen vortreflichen Gemuths-Gaben ergotzte. Ich wachte gegen Morgen auf, schlief aber unter dem Wunsche, dergleichen Traum offter zu haben, bald wieder ein, da mir denn vorkam, als ob meine auf der Insul Bonair seelig verstorbene Salome, die tugendhaffte Sophie in meine Kammer gefuhret brachte, und derselben ihren Trau-Ring, den ich ihr mit in den Sarg gegeben hatte, mit frohlichen Gebarden uberlieferte, hernach zurucke gieng und Sophien an meiner Seiten stehen liess. Hieruber erwachte ich zum andern mahle, und weil die Morgen-Rothe bereits durch mein von durchsichtigen Fisch-Hauten gemachtes Fenster schimmerte, stund ich, ohne den Altvater zu erwekken, sachte auf, spazierete in dessen grossen LustGarten, und setzte mich auf eine, zwischen den Baumen gemachte Rasen-Banck, verrichtete mein Morgen-Gebeth, sung etliche geistliche Lieder, zohe nach diesen meine Schreib-Tafel, die mir nebst andern Kleinigkeiten von meinen Verrathern annoch in Kleidern gelassen worden, hervor, und schrieb folgendes Lied hinnein.

1.

Unverhoffte Liebes-Netze

Haben meinen Geist bestrickt.

Das, woran ich mich ergotze,

Hat mein Auge kaum erblickt;

Kaum, ja kaum ein wenig Stunden,

Da der guldnen Freyheit Pracht

Ferner keinen Platz gefunden,

Darum nimmt sie gute Nacht.

2.

Holder Himmel! darff ich fragen:

Wilst du mich im Ernst erfreun?

Soll, nach vielen schweren Plagen,

Hier mein ruhigs Eden seyn?

O! so macht dein Wunder-Fugen,

Und die susse Sklaverey,

Mich von allen Missvergnugen,

Sorgen, Noth und Kummer frey.

3.

Nun so fulle, die ich liebe,

Bald mit Glut und Flammen an,

Bringe sie durch reine Triebe

Auf die keusche Liebes-Bahn,

Und ersetze meinem Hertzen,

Was es eh'mals eingebusst;

Denn so werden dessen Schmertzen

Durch erneute Lust versusst.

Kaum hatte ich diesen meinen poetischen Einfall zurechte gebracht, als ich ihn unter einer bekandten weltlichen Melodey abzusingen etliche mahl probierte, und nicht vermerckte, dass ich an dem lieben Altvater einen aufmercksamen Zuhorer bekommen, biss er mich sanfft auf die Schulter klopffte und sagte: Ist's moglich mein Freund, dass ihr in meine Auffrichtigkeit einigen Zweiffel setzen und mir euer Liebes-Geheimniss verschweigen konnet, welches doch ohnfehlbar auf einem tugendhafften Grunde ruhet? Ich fand mich solchergestalt nicht wenig betroffen, entschuldigte meine bisherige Verschwiegenheit mit solchen Worten, die der Wahrheit gemass waren, und offenbarete ihm hierauff mein gantzes Hertze. Es ist gut, mein Freund versetzte der werthe Altvater dargegen, Sophia soll euch nicht vorenthalten werden, allein ubereilet euch nicht, sondern machet vorhero weitere Bekanntschafft mit derselben, untersuchet so wohl ihre als eure selbst eigene Gemuths-Neigungen, wann ihr so dann vor thunlich befindet, eure Lebens-Zeit auf dieser Insul mit einander zuzubringen, soll euch erlaubt seyn, mit selbiger in den Stand der Ehe zu treten, doch das sage ich zum voraus: Dass ihr so wohl, als meine vorigen Schwieger-Sohne einen corperlichen Eyd schweren musset, so lange als meine Augen offen stehen, nichts von dieser Insel, vielweniger eines meiner Kinder eigenmachtiger oder heimlicher Weise hinweg zu fuhren. Nachst diesem, war seine fernere Rede, hat mir ohnfehlbar der Geist GOttes ein besonderes Vorhaben eingegeben, zu dessen Ausfuhrung mir keine tuchtigere Person von der Welt vorkommen konnen, als die eurige. Ich danckte dem lieben Altvater nicht allein vor dessen gutiges Erbiethen, sondern versprach auch, was so wohl den Eyd, als alles andere betraffe, so er von mir verlangen wurde, nach meinem ausersten Vermogen ein volliges Genugen zu leisten. Derselbe aber verlangte vorhero nochmahls eine umstandliche Erzehlung meiner Lebens-Geschichte, worinnen ich ihm noch selbigen Tage gehorsamete, und ohngefahr mit erwehnete: Wie ich in einer gewissen beruhmten Handels-Stadt, unter andern auch mit einem Kauffmanne in Bekandtschafft gerathen, der ebenfalls den Zunahmen Julius gefuhret hatte, doch, da ich von dessen Geschlecht und Herkommen keine fernere Nachricht zu geben wuste, erseuffzete der liebe Altvater dieserwegen, und wunschte, dass selbiger Kauffmann ein Befreundter von ihm, oder gar ein Abstammling von seinen ohnfehlbar nunmehro seel. Bruder sein mochte; Allein, ich konte, wie bereits gemeldet, hiervon so wenig, als von des Kaufmanns ubriger Familie und dessen Zustande Nachricht geben. Derowegen brach endlich der werthe Altvater loss, und hielt mir in einer weitlaufftigen Rede den gluckseeligen Zustand vor, in welchen er sich nebst den Seinigen auf dieser Insul von GOtt gesetzt sahe. Nur dieses eintzige beunruhige sein Gewissen, dass nemlich er und die Seinigen ohne Priester seyn, mithin des heiligen Abendmahls nebst anderer geistlichen Gaben beraubt leben musten: Uber dieses, da die Anzahl der Weibs-Personen auf der Insul starcker sey, als der Manner, so ware zu wunschen, dass noch einige zum Ehe-Stande tuchtige Handwercker und Kunstler anhero gebracht werden konnten, welches dem gemeinen Wesen zum sonderbaren Nutzen, und manchen armen Europaer, der sein Brod nicht wohl finden konte, zum ruhigen Vergnugen gereichen wurde. Und letztlich wunschte der liebe Alt-Vater, vor seinem Ende noch einen seiner Bluts-Freunde aus Europa bey sich zu sehen, um demselben einen Theil seines fast unschatzbaren Schatzes zuzuwenden, denn, sagte er: Was sind diese Glucks-Guter mir und den Meinigen auf dieser Insul nutze, da wir mit niemanden in der Welt Handel und Wandel zu treiben gesonnen? Und gesetzt auch, dass dieses in Zukunfft geschehen solte, so tragt diese Insul so viele Reichthumer und Kostbarkeiten in ihrem Schosse, wovor alles dasjenige, was etwa bedurfftig seyn mochte, vielfaltig eingehandelt werden kan. Demnach mochte es wohl seyn, dass sich meines Bruders Geschlecht in Europa in solchem Zustande befande, dergleichen Schatze besser als wir zu gebrauchen und anzulegen; Warum solte ich also ihnen nicht gonnen, was uns uberflussig ist und Schaden bringen kan? Oder solche Dinge, die GOtt dem Menschen zum loblichen Gebrauch erschaffen, heimtuckischer und geitziger Weise unter der Erden versteckt behalten?

Nachdem er nun noch sehr vieles von diesen Sachen mit mir gesprochen, schloss er endlich mit diesen treuhertzigen Worten: Ihr wisset nunmehro, mein redlicher Freund Wolffgang, was mir auf dem Hertzen liegt, und euer eigener guter Verstand wird noch mehr anmercken, was etwa zu Verbesserung unseres Zustandes von nothen sey, darum saget mir in der Furcht GOttes eure aufrichtige Meinung: Ob ihr euch entschliessen wollet, noch eine Reise in Europam zu unternehmen, mein Hertz und Gewissen, gemeldten Stucken nach, zu beruhigen, und nach glucklicher Zuruckkunfft Sophien zu ehligen. An Gelde, Gold, Silber und Kleinodien will ich zwey biss drey mahl hundert tausend Thaler werth zu Reise-Kosten geben, was sonsten noch darzu erfordert wird, ist nothdurfftig vorhanden, wegen der Reise-Gesellschafft und anderer Umstande aber musten wir erstlich genauere Abrede nehmen, denn mit meinem Willen soll keines von meinen Kindern seinen Fuss auf die Europaische Erde setzen.

Ich nahm nicht den geringsten Aufschub, dem lieben Alt-Vater, unter den theuresten Versicherungen meiner Redlichkeit und Treue, alles einzuwilligen, was er von mir verlangte, weil ich mir so gleich die feste Hoffnung machte, GOtt wurde mich auf dieser Reise, die hauptsachlich seines Diensts und Ehre wegen vorgenommen sey, nicht unglucklich werden lassen. Derowegen wurden David und die andern Stamm-Vater zu Rathe gezogen, und endlich beschlossen wir ingesammt, unser leichtes Schiff in guten Stand zu setzen, auf welchen mich David nebst 30. Mann biss auf die Insul St. Helen bringen, daselbst aussetzen, und nachhero mit seiner Mannschafft sogleich wieder zuruck auf Felsenburg seegeln solte.

Mittlerweile, da fast alle starcke Leute keine Zeit noch Muhe spareten, das Schiff nach meinem Angeben auszubessern, und Segel-fertig zu machen, nahm ich alle Abend Gelegenheit, mich mit der schonen Sophie in Gesprachen zu vergnugen, auch endlich die Kuhnheit, derselben mein Hertz anzubieten, weil nun der liebe Alt-Vater allbereit die Bahne vor mich gebrochen hatte, konte mein verliebtes Ansinnen um desto weniger unglucklich seyn, sondern, kurtz zu sagen, wir vertauschten bey einem offentlichen Verlobnissse unsere Hertzen mit solcher Zartlichkeit, die mir auszusprechen unmoglich ist, und verschoben die Vollziehung dieses ehelichen Bundnisses biss auf meine, in der Hoffnung, gluckliche Zuruckkunfft.

Gegen Michaelis-Tag des verwichenen 1724ten Jahres wurden wir also mit Ausrustung unseres Schiffs, welches ich die Taube benennete, und demselben Hollandische Flaggen aufsteckte, vollkommen fertig, es war bereits mit Proviant und allem andern wohl versehen, der gute alte David Julius, der jedoch an Leibes- und Gemuths-Krafften es noch manchem jungen Manne zuvor that, hielt sich mit seiner auserlesenen und wohl bewaffneten jungen Mannschafft alltaglich parat, einzusteigen, exercierte aber dieselben binnen der Zeit auf recht lustige und geschickte Art. Da es demnach nur an meiner Abfertigung lage, liess mich der Alt-Vater, weil er eben damahls einiges Reissen in Knien hatte, also nicht ausgehen konte, vor sein Bette kommen, und fuhrete mir nochmahls alles dasjenige, was ich ihm zu leisten versprochen, liebreich zu Gemuthe, ermahnete mich anbey GOtt, ihm und den Seinigen diesen wichtigen und eines ewigen Ruhms wurdigen Dienst, redlich und getreu zu erweisen, welchen GOTT ohnfehlbar zeitlich und ewig vergelten wurde. Ich legte hierauf meine lincke Hand auf seine Brust, die rechte aber richtete ich zu GOTT im Himmel in die Hohe, und schwur einen theuren Eyd, nicht allein die mir aufgetragenen 3. Haupt-Puncte nach meinem besten Vermogen zu besorgen, sondern auch alles andere, was dem gemeinen Wesen zur Verbesserung gereichlich, wohl zu beobachten. Hierauf lieferte er mir denjenigen Brief ein, welchen ich euch, mein Eberhard Julius, in Amsterdam annoch wohl versiegelt ubergeben habe, und wiese mich zugleich in eine Kammer, allwo ich aus einem grossen PackFasse an Geld, Gold und Edel-Steinen so viel nehmen mochte, als mir beliebte. Es befanden sich in selbigen am Werth mehr denn 5. biss 6. Tonnen Schatzes, doch ich nahm nicht mehr davon als 30. runde Stucken gediehenes Goldes, deren ich jedes ohngefahr 10. Pfund schwer befand, nachst diesen an Spanischer Goldund Silber-Muntze 50000. Thlr. werth, ingleichen an Perlen und Kleinodien ebenfalls einer halben Tonne Goldes werth. Ich brauchte die Vorsicht, die kostbarsten Kleinodien und grossen guldnen Muntzen so wohl in einen bequemen Gurtel, den ich auf den blossen Leibe trug, als auch in meine Unter-Kleider zu verwahren, die grossen Gold-Klumpen aber wurden zerhackt, und in die mit den allerbesten Rosinen angefulleten Korbe vertheilet und verborgen. Mit den Perlen thaten wir ein gleiches, das gemuntzte Geld aber vertheilete ich in verschiedene Lederne Beutel, und verwahrete es also, dass es zur Zeit der Noth gleich bey der Hand seyn mochte. Dem Alt-Vater gefielen zwar meine Anstalten, jedennoch aber war er der Meynung, ich wurde mit so wenigen Gutern nicht alles ausrichten konnen. Doch, da ihm vorstellete, wie es sich nicht schicken wurde, mit mehr als einem Schiffe wieder zuruck zu kehren, also ein uberflussiges Geld und Gut mir nur zur Last und schlimmen Verdacht gereichen konne; uberliess er alles meiner Conduite, und also gingen wir nach genommenen zartlichen Abschiede unter tausend Gluckwunschen der zuruck bleibenden Insulaner am 2ten Octobr. 1724. vergnugt unter Seegel, wurden auch durch einen favorablen Wind dermassen hurtig fortgefuhret, dass wir noch vor Untergang der Sonnen Felsenburg aus den Augen verlohren.

Unterwegs, nachdem diejenigen, so des Reisens ungewohnt, der See den bekannten verdrusslichen Tribut abgestattet, und sich vollig erholet hatten, war unser taglicher Zeitvertreib, dass ich meine Gefahrten im richtigen Gebrauch des Compasses, der See Charten und andern Vortheilen bey der Schiffs-Arbeit, immer besser belehrete, damit sie ihren Ruckweg nach Felsenburg desto leichter zu finden, und sich bey ereignenden Sturme oder andern Zufallen eher zu helffen wusten, ohngeacht sich desfalls bey einigen, und sonderlich bey dem guten alten David, der das SteuerRuder bestandig besorgte, bereits eine ziemliche Wissenschafft befand.

Solchergestalt erreichten wir, ohne die geringste Gefahr ausgestanden zu haben, die Insul St. Helen noch eher, als ich fast vermuthet hatte, und traffen daselbst etliche 20. Engell- und Hollandische Schiffe an, welche theils nach Ost-Indien reisen, theils aber, als von dar zuruck kommende, den Cours nach ihren Vater-Lande nehmen wolten. Hier wolte es nun Kunst heissen, Rede und Antwort zu gestehen, und doch dabey das Geheimniss, woran uns allen so viel gelegen, zu verschweigen, derowegen studierte ich auf allerhand scheinbare Erfindungen, welche mit meinen Gefahrten abredete, und hiermit auch so glucklich war, alle diejenigen, so sich um mein Wesen bekummerten, behorig abzufuhren. Von den Hollandern traff ich keinen eintzigen bekandten Menschen an, hergegen kam mir ein Englischer Capitain unvermuthet zu Gesichte, dem ich vor Jahren auf der Fahrt nach West-Indien einen kleinen Dienst geleistet hatte, diesem gab ich mich zu erkennen, und wurde von ihm aufs freundlichste empfangen und tractiret. Er judicirte anfangs aus meinem auserlichen Wesen, dass ich ohnfehlbar unglucklich worden, und in Nothen stakke? Wesswegen ich ihm gestund, dass zwar einige ungluckliche Begebenheiten mich um mein Schiff, keines weges aber um das gantze Vermogen gebracht, sondern ich hatte noch so viel gerettet, dass mich im Stande befande, eine neue Ausrustung vorzunehmen, so bald ich nur Amsterdam erreichte. Er wandte demnach einige Muhe an, mich zu bereden, in seiner Gesellschafft mit nach Java zu gehen, und versprach bey dieser Reise grossen Profit, auch bald ein SchiffsCommando vor mich zu schaffen, allein, ich danckte ihm hiervor, und bat dargegen, mich an einen seiner Lands-Leute, die in ihr Vater-Land reiseten, zu recommendieren, um meine Person und Sachen vor gute Bezahlung biss dahin zu nehmen, weil ich allbereit so viel wuste, dass mir meine Lands-Leute, nehmlich die Hollander, diesen Dienst nicht leisten konten, indem sie sich selbsten schon zu starck uberladen hatten. Hierzu war der ehrliche Mann nun gleich bereit, fuhrete mich zu einem nicht weniger redlichen Patrone, mit welchen ich des Handels bald einig wurde, meine Sachen, die in Ballen, Fasser und Korbe eingepackt waren, zu ihm einschiffte, und den Vater David mit den Seinigen, nachdem sie sonst nichts als frisches Wasser eingenommen hatten, wieder zuruck schickte, unter dem Vorwande, als hatten dieselben noch viele auf der Insul Martin Vas vergrabene und ausgesetzte Waaren abzuholen, mit welchen sie nachhero ebenfalls nach Holland segeln und mich daselbst antreffen wurden. Allein, wie ich nunmehro vernommen, so haben sie den Ruckweg nach Felsenburg so glucklich, als den nach St. Helena, wieder gefunden, auch unterwegs nicht den geringsten Anstoss erlitten. Mir vor meine Person gieng es nicht weniger nach Wunsche, denn, nachdem ich nur 11. Tage in allen, vor St. Helena, stille gelegen, lichtete der Patron seine Ancker, und segelte in Gesellschafft von 13. Engell- und Hollandischen Schiffen seine Strasse. Der Himmel schien uns recht ausserordentlich gewogen zu seyn, denn es regte sich nicht die geringste widerwartige Lufft, auch durfften wir uns vor feindlichen Anfallen gantz nicht furchten, indem unser Schiff von den andern bedeckt wurde. Doch, da ich in Canarien einen bekandten Hollander antraff, der mich um ein billiges mit nach Amsterdam nehmen wolte, uber dieses mein Engellander sich genothiget sahe, um sein Schiff auszubessern, allda in etwas zu verbleiben, so bezahlte ich dem letztern noch ein mehreres, als das Gedinge biss nach Engelland austruge, schiffte mich vieler Ursachen wegen hochst vergnugt bey dem Hollander ein, und kam am 10. Febr. glucklich in Amsterdam an.

Etwas recht nahdenckliches ist, dass ich gleich in dem ersten Gast-Hause, worinnen ich abtreten, und meine Sachen hinschaffen wolte, einen von denjenigen Mord-Buben antraff, die mich, dem Jean le Grand zu gefallen, gebunden und an die Insul Felsenburg ausgesetzt hatten. Der Schelm wolte, so bald er mich erkandte, gleich entwischen, weil ihm sein Gewissen uberzeugte, dass er den Strick um den Halss verdienet hatte. Derowegen trat ich vor, schlug die Thur zu, und sagte: Halt, Camerad! wir haben einander vor drey Jahren oder etwas druber gekandt, also mussen wir mit einander sprechen: Wie halts? Was macht Jean le Grand? hat er viel auf seinen gestohlnen Schiffe erworben? Ach, mein Herr! gab dieser Strauch-Dieb zur Antwort, das Schiff und alle, die darauf gewesen, sind vor ihre Untreu sattsam gestrafft, denn das erstere ist ohnweit Madagascar geborsten und versuncken, Jean le Grand aber hat nebst allen Leuten elendiglich ersauffen mussen, ja es hat sich niemand retten konnen, als ich und noch 3. andere, die es mit euch gut gemeynet haben. So hast du es, versetzte ich, auch gut mit mir gemeynet? Ach, mein Herr! schrye er, indem er sich zu meinen Fussen warff, ist gleich in einem Stucke von mir Bossheit verubt worden, so habe doch ich hauptsachlich hintertreiben helffen, dass man euch nicht ermordet hat, welches, wie ihr leichtlich glauben werdet, von dem gantzen Complot beschlossen war. Ich wuste, dass dieser Kerl zwar ein ziemlicher Bosewicht, jedoch keiner von den allerschlimmsten gewesen war, derowegen, als mir zugleich die Geschicht Josephs und seiner Bruder einfiel, jammerte mich seiner, so, dass ich ihn aufhub und sagte: Siehe, du weist ohnfehlbar, welches dein Lohn seyn wurde, wenn ich die an mir begangene Bossheit gehoriges Orts anhangig machen wolte; Allein, ich vergebe dir alles mit Mund und Hertzen, wunsche auch, dass dir GOtt alle deine Sunde vergeben moge, so du jemals begangen. Mercke das Exempel der Rache GOttes an deinen unglucklichen Mitgesellen, wo du mich anders nicht beleugst, und bessere dich. Mit mir habt ihrs bose zu machen gedacht, aber GOtt hats gut gemacht, denn ich habe voritzo mehr Geld und Guter, als ich jemahls gehabt habe. Hiermit zohe ich ein Gold-Stuck, am Werth von 20 deutschen Thalern, aus meinem Beutel, verehrte ihm dasselbe, und versprach, noch ein mehreres zu thun, wenn er mir diejenigen herbringen konne, welche sich nebst ihm von dem verungluckten Schiffe gerettet hatten. Der neubelebte arme Sunder machte mir also aufs neue die demuthigsten und danckbarlichsten Bezeugungen, und versprach, noch vor Abends zwey von den erwehnten Personen, nehmlich Philipp Wilhelm Horn, und Adam Gorques, zu mir zu bringen, den dritten aber, welches Conrad Bellier gewesen, wisse er nicht mehr anzutreffen, sondern glaubte, dass derselbe mit nach Groenland auf den Wall-Fisch-Fang gegangen sey. Ich hatte nicht vermeynet, dass der Vogel seyn Wort halten wurde, allein, Nachmittags brachte er beyde erst erwehnten in mein Logis, welche denn, so bald sie mich erblickten, mir mit Thranen um den Halss fielen, und ihre besondere Freude uber meine Lebens-Erhaltung nicht genung an den Tag zu legen wusten. Ich hatte ebenfalls nicht geringe Freude, diese ehrlichen Leute zu sehen, weiln gewiss wuste, dass sie nicht in den Rath der Gottlosen eingestimmet hatten, sonderlich machte mir Horns Person ein grosses Vergnugen, dessen Klugheit, Erfahrenheit und Courage mir von einigen Jahren her mehr als zu bekandt war. Er hatte sich ohnlangst wiederum in Qualitat eines Quartiermeisters engagiret, und zu einer frischen Reise nach Batavia parat gemacht, jedoch, so bald er vernahm, dass ich ebenfalls wiederum ein Schiff ausrusten, und eine neue Tour nehmen wolte, versprach er, sich gleich morgenden Tag wiederum loss zu machen, und bey mir zu bleiben. Ich schenckte diesen letztern zweyen, so bald sich der erste liederliche Vogel hinweg gemacht, jeden 20. Ducaten, Horn aber, der zwey Tage hernach wieder zu mir kam, und berichtete, dass er nunmehro frey und gantzlich zu meinen Diensten stunde, empfing aus meinen Handen noch 50. Ducaten zum Angelde, und nahm alle diejenigen Verrichtungen, so ich ihm auftrug, mit Freuden uber sich.

Ich heuerte mir ein bequemer und sicherer Quartier, nahm die vor etlichen Jahren in Banco gelegten Gelder zwar nicht zuruck, assignierte aber dieselben an mein Geschwister, und that denselben meine Anwesenheit in Amsterdam zu wissen, meldete doch anbey, dass ich mich nicht lange daselbst aufhalten, sondern ehestens nach Ost-Indien zuruck reisen, und alldorten Zeit Lebens bleiben wurde, wesswegen sich niemand zu mir bemuhen, sondern ein oder der andere nur schreiben durffte, wie sich die Meinigen befanden. Mittlerweile muste mir Horn die Perlen und einige Gold-Klumpen zu gangbaren Gelde machen, wovor ich ihm die vortrefflichen Felsenburgischen Rosinen zur Ergotzlichkeit uberliess, aus welchen er sich denn ein ziemlich Stuck Geld losete.

Hierauf sahe ich mich nach einem Nagel-neuen Schiffe um, und da ich dergleichen angetroffen und baar bezahlet hatte, gab ich ihm den Nahmen der getreue Paris, Horn aber empfing von mir eine punctation, wie es vollig ausgerustet, und mit was vor Leuten es besetzt werden solte. Ob ich nun schon keinen bosen Verdacht auf diesen ehrlichen Menschen hatte, so muste er doch alle hierzu benothigten Gelder von einem Banquier, der mein vertrauter Hertzens-Freund von alten Zeiten her war, abfordern, und eben diesen hatte ich auch zum Ober-Aufseher meiner Angelegenheiten bestellet, bevor ich die Reise, mein Eberhard, nach eurer Geburths-Stadt antrat. Dieselbe nun erreichte ich am verwichenen 6ten Maji. Aber, o Himmel! wie erschrack mein gantzes hertze nicht, da ich auf die erste Frage, nach dem reichen Kaufmanne Julius, von meinem Wirthe die betrubte Zeitung erfuhr, dass derselbe nur vor wenig Wochen unvermuthet banquerot worden, und dem sichersten Vernehmen nach, eine Reise nach Ost- oder West-Indien angetreten hatte. Ich kan nicht anders sagen, als dass ein jeder Mensch, der auf mein weiteres Fragen des GastWirths Relation bekrafftigte, auch dieses redlichen Kaufmanns Ungluck beklagte, ja die vornehmsten wolten behaupten: Es sey ein grosser Fehler und Ubereilung von ihm, dass er sich aus dem Staube gemacht, imassen allen seinen Creditoren bekandt, dass

er kein liederlicher und muthwilliger Banquerotteur sey, dahero wurde ein jeder gantz gern mit ihm in die Gelegenheit gesehen, und vielleicht zu seinem Wiederaufkommen etwas beygetragen haben. Allein, was konten mir nunmehro alle diese sonst gar wohl klingenden Reden helffen, der Kauffmann Julius war fort, und ich konte weiter nichts von seinem gantzen Wesen zu meinem Vortheil erfahren, als dass er einen eintzigen Sohn habe, der auf der Universitat in Leipzig studiere. Demnach ergriff ich Feder und Dinte, setzte einen Brief an diesen mir so fromm beschriebenen Studiosum auf, um zu versuchen, ob ich der selbst eigenen Reise nach Leipzig uberhoben seyn, und euch, mein Eberhard, durch Schrifften zu mir locken konte. Der Himmel ist selbsten mit im Spiele gewesen, darum hat mirs gelungen, ich setzte euch und allen andern, die ich zu Reise-Gefahrten mitnehmen wolte, einen sehr kurtzen Termin, glaubte auch nichts weniger, als so zeitlich von Amsterdam abzusegeln, und dennoch muste sich alles nach Hertzens Wunsche schicken. Meiner allergrosten Sorge aber nicht zu vergessen, muss ich melden, dass mich eines Mittags nach der Mahlzeit auf den Weg machte, um dem Seniori des dasigen Geistl. Ministerii eine Visite zu geben, und denselben zu bitten, mir einen feinen Exemplarischen Menschen zum Schiffs-Prediger zuzuweisen; weil ich aber den Herrn Senior nicht zu Hause fand, und erstlich folgenden Morgen wieder zu ihm bestellet wurde, nahm ich einen Spazier-Gang ausserhalb der Stadt in einem lustigen Gange vor, allwo ich ohngefahr einen schwartz-gekleideten Menschen in tieffen Gedancken vor mir hergehend ersahe. Derowegen verdoppelten sich meine Schritte, so, dass er von mir bald eingeholet wurde. Es ist gegenwartiger Herr Mag. Schmeltzer, und ohngeacht ich ihn zuvor niemahls gesehen, sagte mir doch mein Hertze sogleich, dass er ein Theologus seyn muste. Wir grusseten einander freundlich, und ich nahm mir die Freyheit, ihn zu fragen: Ob er ein Theologus sey. Er bejahete solches, und setzte hinzu, dass er in dieser Stadt zu einer Condition verschrieben worden, durch einen gehabten Unglucks-Fall aber zu spate gekommen sey. Hierauf fragte ich weiter: Ob er nicht einen feinen Menschen zuweisen konne, der da Lust habe, als Prediger mit mir zu Schiffe zu gehen. Er verfarbte sich desswegen ungemein, und konte mir nicht so gleich antworten, endlich aber sagte er gantz besturzt: Mein Herr! Ich kan Ihnen bey GOtt versichern, dass ich voritzo allhier keinen eintzigen Candidatum Ministerii Theologici kenne, denn ich habe zwar vor einigen Jahren bey einem hiesigen Kauffmanne, Julius genannt, die Information seines Sohnes gehabt, da aber nach der Zeit mich wiederum an andern Orten aufgehalten, und nunmehro erstlich vor 2. Tagen, wiewohl vergebens, allhier angekommen bin, ist mir unbewusst, was sich anitzo von dergleichen Personen allhier befindet.

Ich gewann den werthen Herrn Mag. Schmelzer unter wahrenden diesen Reden, und zwar wegen der wunderbaren Schickung GOttes, dermassen lieb, dass ich mich nicht entbrechen konte, ferner zu fragen: Ob er nicht selbsten Belieben bey sich verspurete, die Station eines Schiffs-Predigers anzunehmen, zumahlen da ich ihm dasjenige, was sonst andere zu gemessen hatten, gedoppelt zahlen wolte? Hierauf gab er zur Antwort: GOtt, der mein Hertze kennet, wird mir Zeugniss geben, dass ich nicht um zeitlichen Gewinstes willen in seinem Weinberge zu dienen suche, weil ich demnach dergleichen Beruff, als itzo an mich gelanget, vor etwas sonderbares, ja Gottliches erkenne, so will nicht weigern, demselben gehorsame Folge zu leisten, jedoch nicht eher, als biss ich durch ein behoriges Examen darzu tuchtig befunden, und dem heiligen Gebrauche nach zum Priester geweyhet worden.

Es traten unter diesen Reden mir und ihm die Thranen in die Augen, derowegen reichte ich ihm die Hand, und sagte weiter nichts als dieses: Es ist genung, mein HErr! GOtt hat Sie und mich berathen, derowegen bitte, nur mit mir in mein Logis zu folgen, allwo wir von dieser Sache umstandlicher mit einander sprechen wollen. So bald wir demnach in selbigem angelanget, nahm ich mir kein Bedencken, ihm einen wahrhafften und hinlanglichen Bericht von dem Zustande der Felsenburgischen Einwohner abzustatten, welchen er mit groster Verwunderung anhorete, und betheurete, dass er bey so gestallten Sachen die Reise in besagtes Land desto vergnugter unternehmen, auch sich gar nicht beschweren wolte, wenn er gleich Zeit Lebens daselbst verbleiben muste, daferne er nur das Gluck hatte, dem dort versamleten Chri

sten-Hauflein das Heil ihrer Seelen zu befordern. Hierauf, da er mir eine kurtze Erzehlung seiner Lebens-Geschicht gethan, nahm ich Gelegenheit, ihn wegen des Kauffmanns, Franz Martin Julii, und dessen Familie ein und anderes zu befragen, und erfuhr, dass Herr Mag. Schmelzer von Anno 1716. biss bey demselben als Informator seines Sohns Eberhards und seiner Tochter Julian Luise in Condition gewesen ware, ja er wuste, zu meinem desto grossern Vergnugen, mir die gantze Geschicht des im 30. jahrigen Kriege enthaupteten Stephan Julii so zu erzehlen, wie ich dieselbe von dem lieben Altvater Alberto in Felsenburg bereits vernommen hatte, und zu erweisen, dass Franz Martin Julius des Stephani achter Enckel im dritten Gliede sey, immassen er die gantze Sache von seinem damahligen Patron Franz Martin Julio sehr offters erzehlen horen, und im guten Gedachtnisse erhalten.

Ich entdeckte ihm hierauff treuhertzig: wie ich den jungen Eberhard, der sich sichern Vernehmen nach, itzo in Leipzig aufhielte, nur vor wenig Tagen durch Briefe und beygelegten Wechsel zu Reise-Geldern, nach Amsterdam in mein Logis citieret hatte, und zweiffelte nicht, dass er sich gegen Johannis Tag daselbst einfinden wurde, wo nicht? so sahe mich genothiget selbst nach Leipzig zu reisen und denselben aufzusuchen. Nachdem wir aber gantz bis in die spate Nacht von meinen wichtigen Affairen discuriret, und Herr Mag. Schmeltzer immer mehr und mehr Ursachen gefunden hatte, die sonderbaren Fugungen des Himmels zu bewundern, auch mir endlich zusagte: seinen Vorsatz nicht zu andern, sondern GOTTES Ehre und den seligen Nutzen so vieler Seelen zu befordern, mir redlich dahin zu folgen, wohin ich ihn haben wolte; legten wir uns zur Ruhe, und giengen folgenden Tag in aller Fruhe mit einander zum Seniori des geistlichen Ministerii. Dieser sehr fromme Mann hatte unsern Vortrag kaum vernommen, als er noch 3. von seinen Ammts-Brudern zu sich beruffen liess, und nebst denselben Herrn Mag. Schmeltzern, in meiner Gegenwart 4. Stunden lang aufs allerscharffste examinirte, und nach befundener vortrefflicher Gelehrsamkeit, zwey Tage darauf in offentlicher Kirche ordentlich zum Priester weyhete. Ich fand mich bey diesem heiligen Actu von Freude und Vergnugen uber meinen erlangten kostbaren Schatz dermassen geruhret, dass die hellen Thranen die gantze Zeit uber aus meinen Augen lieffen, nachdem aber alles vollbracht, zahlete ich an das geistliche Ministerium 200 spec. Ducaten, in die Kirche und Armen-Casse aber eine gleichmassige Summe, nahm also von denen Herrn Geistlichen, die uns tausendfachen Seegen zu unsern Vorhaben und Reise wunschten zartlichen Abschied.

Herrn Mag. Schmeltzern hatte ich zwar von Hertzen gern sogleich mit mir nach Amsterdam genommen, da aber derselbe instandig bat ihm zu vergonnen, vorhero die letzte Reise in sein Vaterland zu thun, um von seinen Anverwandten und guten Freunden volligen Abschied auch seine vortreffliche Bibliothec mitzunehmen, zahlete ich ihm 1000. Thlr. an Golde, und verabredete die Zeit, wenn und wo er mich in Amsterdam antreffen solte, so, dass ich noch bis dato Ursach habe vor dessen accuratesse danckbar zu seyn.

Ich vor meine Person setzte immittelst meine Ruckreise nach Amsterdam gantz bequemlich fort, und nahm unterwegs erstlich den Chirurgum Kramern, hernach Litzbergen, Plagern, Harkert und die ubrigen Handwercks Leute in meine Dienste, gab einem jeden 5. Franzosische Louis d'or auf die Hand, und sagte ihnen ohne Scheu, dass ich sie auf eine angenehme fruchtbare Insul fuhren wolte, allwo sie sich mit ihrer Hand-Arbeit redlich nehren, auch da es ihnen beliebig, mit daselbst befindlichen schonen Jungfrauen verheyrathen konten, doch nahm ich von jedweden einen Eyd, diese Sache weder in Amsterdam, noch bey dem andern Schiffs-Volcke ruchtbar zu machen, indem ich nur gewisse auserlesene Leute mit dahin zu nehmen vorhabens sey. Zwar sind mir ihrer 3. nachhero zu Schelmen worden, nemlich ein Zwillich-macher, Schuster und Seiffensieder, allein sie mogen diesen Betrug bey GOTT und ihren eigenen Gewissen verantworten, ich aber habe nachhero erwogen, dass ich an dergleichen Betrugern wenig eingebusset, immassen unsere Insulaner diese Kunste nach Nothdurfft selbst, obschon nicht so zierlich und leicht verrichten konnen.

Am 11. Jun. gelangete ich also mit meinen angenommenen Leuten glucklich in Amsterdam an, und hatte eine besondere Freude, da mein lieber getreuer Horn und Adam Gorques, unter Aufsicht meines werthen Freundes des Banquiers G.v.B. das Schiff nebst allem Zubehor in vollige, ja bessere Ordnung als ich vermuthet, gebracht hatten. Demnach kaufften wir noch das Vieh und andere Sachen ein, die ich mit anhero zu nehmen vor hochst nothig hielt. Ein jeder von meinen Neu angeworbenen Kunstlern und Handwerckern bekam so viel Geld, als er zu Anschaffung seines Werckzeugs und andern Bedurffnissen begehrte, und da, zu meinem gantz besondern Vergnugen, der liebe Eberhard Julius sich wenig Tage nach meiner Ankunfft bey mir einfand, bekam er etliche Tage nach einander ebenfalls genung zu thun, die ihm vorgeschriebenen Waaren an Buchern und andern nothigen Stucken einzuhandeln. Endlich am 24. Jun. gelangte die letzte Person, auf die ich allbereit mit Schmertzen zu hoffen anfieng, nemlich Herr Mag. Schmeltzer bey mir an, und weil Horn indessen die Zahl der Matrosen und Freywillig-Mitreisenden voll geschafft hatte, hielt ich des folgenden Tages General Musterung im Schiffe, und fand weiter nicht das geringste zu verbessern, demnach musten alle Personen im Schiffe verbleiben, und auf meine Ankunfft warten, ich aber machte meine Sachen bey der Ost-Indischen Compagnie vollends richtig, empfieng meine sichern Psse, Handels- und Frey-Briefe, und konte solchergestalt, uber alles Verhoffen, um eben dieselbe Zeit von Amsterdam ablauffen, als ich vor etlichen Monaten gewunschet hatte.

Auf der Insul Teneriffa, allwo wir nach ausgestandenen hefftigen Sturm unser Schiff auszubessern und uns mit frischen Lebens-Mitteln zu versehen, einige Tage stille lagen, zohe ich eines Abends meinen Lieutenant Horn auf die Seite, und sagte: Horet mein guter Freund, nunmehro ist es Zeit, dass ich mein gantzes Hertz offenbare, und euch zum wohlhabenden Manne mache, daferne ihr mir vorhero einen leiblichen Eyd zu schweren gesonnen, nicht allein dasjenige Geheimniss, welches ich sonsten niemanden als euch und dem redlichen Gorques anvertrauen will, so viel als nothig, zu verschweigen, sondern auch die billige Forderung, so ich an euch beyde thun werde, zu erfullen. Horn wurde ziemlich besturtzt, doch auf nochmahliges Ermahnen, dass ich von ihm nichts sundliches, unbilliges oder unmogliches verlangte, schwur er mir einen leiblichen Eyd, worauff ich ferner also redete: Wisset mein Freund, dass ich nicht Willens bin mit nach Ost-Indien zu gehen, sondern ich werde mich ehester Tages an einem mir gelegenen Orte nebst denen darzu bestimmten Personen und Waaren aussetzen lassen, euch aber will ich nicht allein das Schiff, sondern auch alles darzu gehorige erbund eigenthumlich schencken, und eure Person statt meiner zum Capitain und Patron denen ubrigen vorstellen, weil ich hierzu laut meiner Psse und Frey Briefe von denen Hauptern der Ost-Indischen Compagnie sattsame Gewalt und Macht habe. Hergegen verlange ich davor nichts, als dass ihr dem Adam Gorques, welcher an eure statt Lieutenant werden soll, nicht allein seinen richtigen Sold zahlet, sondern ihm auch den 3ten Theil von demjenigen, was ihr auf dieser Reise profitiret, abgebet, auf der Ruckreise aber, die ihr doch ohnfehlbar binnen 2. oder drittehalb Jahren thun werdet, euch wiederum durch etliche Canonen-Schusse an demjenigen Orte meldet, wo ich mich werde aussetzen lassen, im ubrigen aber von meinem Auffenthalt weder in Europa noch sonst anderswo ruchtbar machet.

Der gute Horn wuste mir anfanglich, ohne Zweiffel wegen verschiedener dessfalls bey ihm entstandener Gemuths-Bewegungen, kein Wort zu antworten, jedoch nachdem ich mich noch deutlicher erklaret, und ihm eine Specification derer Dinge eingehandiget, welche er bey seiner Ruck-Reise aus Ost-Indien an mich mitbringen solte; schwur er nochmals, nicht allein alles, was ich von ihm begehrte, redlich zu erfullen, sondern danckte mir auch dermassen zartlich und verbindlich, dass ich keine Ursache habe, an seiner Treue und Erkanntlichkeit zu zweiffeln. Ich habe auch die Hoffnung dass ihn GOTT werde glucklicher seyn lassen, als den Bosewicht Jean le Grand, denn solchergestallt werden wir, durch seine Hulffe, alles was wir etwa noch in kunfftigen Zeiten aus Europa vonnothen haben mochten, gar beqvem erlangen konnen, und uns darbey keiner Hinterlist und Bossheit sonderlich zu befurchten haben.

Wie es mit unserer fernern Reise und glucklichen Ankunfft auf dieser angenehmen Insul beschaffen gewesen, ist allbereit bekannt, derowegen will nur von mir noch melden, dass ich nunmehro den Haafen meiner zeitlichen Ruhe und Gluckseligkeit erreicht zu haben verhoffe, indem ich den lieben Altvater gesund, alle Einwohner in unveranderten Wohlstande, und meine liebe Sophia getreu und bestandig wieder gefunden. Nunmehro aber, weil mir der liebe Altvater, und mein gutes Gewissen, alle glucklich ausgelauffene Anstalten auch selbsten Zeugniss geben, dass ich alles redlich und wohl ausgerichtet habe, werde ein Gelubde thun: ausser der ausersten Noth und besonders wichtigen Umstanden nicht wieder aus dieser Gegend in ein ander Land zu weichen, sondern die ubrige Lebens-Zeit mit meiner lieben Sophie nach GOTTES Willen in vergnugter Ruhe hinbringen. Der liebe Altvater inzwischen wird mir hoffentlich gutig erlauben, dass ich kunfftigen Sonntags nach vollbrachten GOttes Dienste mich mit meiner Liebsten durch den Herrn Mag. Schmeltzern ehelich zusammen geben lasse, anbey das Gluck habe, der erste zu seyn, der auf dieser Insul, christlichem Gebrauche nach, seine Frau von den Handen eines ordinirten Priesters empfangt. Thut was euch gefallig ist, mein werther Hertzens Freund und Sohn, antwortete hierauff der Altvater Albertus, denn eure Redlichkeit verdienet, dass ihr allhier von niemanden Erlaubniss bitten oder Befehle einholen durffet, weil wir allerseits vollkommen versichert sind, dass ihr GOTT furchtet, und uns alle hertzlich liebet. Diesem fugte der Altvater annoch seinen krafftigen Seegen und sonderbaren Wunsch zu kunfftigen glucklichen Ehe-Stande bey, nach dessen vollendung Herr Mag. Schmeltzer und ich, ebenfalls unsere treugesinnten Gluckwunsche bey dem Herrn Wolffgang abstatteten, nachhero aber ihm einen schertzhafften Verweiss gaben, dass er weder unterwegs, noch Zeit unseres hierseyns noch nicht das allergeringste von seinen Liebes-Angelegenheiten entdeckt, vielweniger uns seine Liebste in Person gezeiget hatte, welches doch billig als etwas merckwurdiges angefuhret werden sollen, da wir am verwichener Mittwochen die Pflantz-Stadt Christians-Raum und seines SchwiegerVaters Wohnung in Augenschein genommen.

Herr Wolffgang lachelte hieruber, und sagte: Es ist, meine werthesten Freunde, aus keiner andern Ursache geschehen, als hernach die Freude unter uns auf einmal desto grosser zu machen. Meine Liebste hielt sich an vergangener Mittewochen verborgen, und man hat euch dieserwegen auch nicht einmal entdeckt, dass die neu erbaute Wohnung, welche wir besahen, Zeit meines Abwesens vor mich errichtet worden. Doch diesen Mittag, weil es bereits also bestellet ist, werden wir das Vergnugen haben, meinen Schwieger-Vater Christian Julium, nebst meiner Liebsten Sophie bey der Mahlzeit zu sehen.

Demnach aber der bissherige Capitain, Herr Leonhard Wolffgang, solchergestallt seine vollige Erzehlung geendiget, mithin die Mittags-Zeit heran gekommen war, stelleten sich Christian Julius und dessen Tochter Sophie bey der Mahlzeit ein, da denn, so wohl Herr Mag. Schmeltzer, als ich, die groste Ursach hatten, der letztern besondere Schonheit und ausnehmenden Verstand zu bewundern, anbey Herrn Wolffgangs getroffene Wahl hochst zu billigen.

Gleich nach eingenommener Mittags-Mahlzeit, begleiteten wir ingesammt Herrn Mag. Schmeltzern in die Davids-Raumer Allee, um abgeredter massen das Glaubens-Bekanntniss aller dererjenigen offentlich anzuhoren, die des morgenden Tages ihre Beichte thun, und folgendes Tages das Heil. Abendmahl empfangen wolten, und vermerckten mit grosten Vergnugen: dass so wol Alt als Jung in allen Haupt-Articuln und andern zur christlichen Lehre gehorigen Wissenschafften vortrefflich wohl gegrundet waren. Als demnach alle und jede ins besondere von Herrn Magist. Schmeltzern aufs scharffste tentiret und examiniret worden, welches bis zu Untergang der Sonnen gewahret hatte, confirmirte er diese seine ersten Beicht-Kinder durch ein andachtiges Gebeth und Auflegung der Hand auf eines jeglichen Haupt, und nach diesen nahmen wir mit ihm den Ruck-Weg nach der Albertus-Burg.

In der Mittags-Stunde des folgenden Tages, als Sonnabends vor dem I. Advent-Sonntage, begab sich Herr Mag. Schmeltzer in die schone Lauber-Hutte der Davids-Raumer Allee, welche unten am Alberts-Hugel, vermittelst Zusammenschliessung der dahin gepflantzten Baume, angelegt war, und erwartete daselbst seine bestellten Beicht-Kinder. Der Altvater Albertus war der erste, so sich in heiliger Furcht und mit heissen Thranen zu ihm nahete und seine Beichte ablegte, ihm folgten dessen Sohn, Albertus II, David Julius, Herr Wolffgang nebst seiner Liebsten Sophie, ich Eberhard Julius und diejenigen so mit uns aus Europa angekomen waren, hernachmals aus

den Alberts- und Davids-Raumer Gemeinden alle, so 14. Jahr alt und druber waren.

Es daurete dieser Heil. Actus biss in die Nacht, indem sich Herr Mag. Schmeltzer bey einem jeden mit dem absolviren sehr lange aufhielt, und sich dermassen abgemattet hatte, dass wir fast zweiffelten, ob er Morgen im Stande seyn wurde eine Predigt zu halten. Allein der Himmel starckte ihn unserm Wunsche nach aufs allerkrafftigste, denn als der erste AdventSonntag eingebrochen, und das neue Kirchen-Jahr mit 6. Canonen-Schussen allen Insulanern angekundiget war, und sich dahero dieselben an gewohnlicher Stelle versammlet hatten, trat Herr Mag. Schmeltzer auf, und hielt eine ungemein erbauliche Predigt uber das gewohnliche Sonntags Evangelium, so von dem Einzuge des Welt-Heylandes in die Stadt Jerusalem handelt. Das Exordium generale war genommen aus Ps. 118 v. 24. Diss ist der Tag, den der HERR macht, lasst uns freuen etc. Er redete in der Application so wohl von den Ursachen, warum sich die Insulaner freuen solten, als auch von der geistl. Freude, welche sie uber die reine Predigt des Worts GOttes, und andere Mittel des Heyls, so ihnen in Zukunfft reichlich wurden verkundiget und mitgetheilet werden, haben solten. In dem Exordio speciali, erklarete er die Worte Esaia c. 62 v. 11. Saget der Tochter Zion etc. Wiess in der Application, dass die Insulaner auch eine geistliche Tochter Zion waren, zu welchen itzo Christus mit seinem Worte und Heil. Sacramenten kame. Darauff stellete er aus dem Evangelio vor:

Die erfreute Tochter Zion,

und zwar:

(1) Woruber sich dieselbe freuete? als:

(a) uber den Einzug des Ehren-Konigs JEsu

Christi

(b) uber das Gute, so sie von ihm geniessen

solte, aus den Worten: Siehe dein Konig etc.

(2) Wie sich dieselbe freuete? als:

(a) Wahrhafftig.

(b) Hertzlich.

Nachdem er alles vortrefflich wohl ausgelegt, verschiedene erbauliche Gedancken und Ermahnungen angebracht, und die Predigt also beschlossen hatte, wurde das Lied gesungen: GOTT sey danck durch alle Welt etc. Hierauf schritt Herr Magist. Schmeltzer zur Consecration der auf einer guldenen Schale liegenden Hostien, und des ebenfalls in einem guldenen grossen Trinck-Geschirr zu rechts gesetzten Weins, nahm eine Hostie in seine Hand, und sprach: Mein gekreutzigter Heyland, ich empfange anitzo aus deinen, wiewohl unsichtbaren Handen, deinen wahrhafftigen Leib, und bin versichert, dass du mich, jetzigen Umstanden nach, von den gewohnlichen Ceremonien deiner reinen Evangelisch-Lutherischen Kirche entbinden, anbey mein Dir geweyhetes Hertze und Sinn betrachten wirst, es gereiche also dein heiliger Leib mir und niemanden zum Gewissens-Scrupel, sondern starcke und erhalte mich im wahren und reinen Glauben zum ewigen Leben Amen!

Hierauff nahm er die gesegnete Hostie zu sich, und bald darauff sprach er: Auf eben diesen Glauben und Vertrauen, mein JESU! empfange ich aus deinen unsichtbaren Handen dein warhafftes Blut, welches du am Stamm des Creutzes vor mich vergossen hast, das starcke und erhalte mich in wahren Glauben zum ewigen Leben Amen! Nahm also den gesegneten Wein zu sich, kniete nieder und Betete vor sich, theilete hernachmals das Heil. Abendmahl allen denenjenigen aus, welche gestriges Tages gebeichtet hatten, und beschloss den Vormittaglichen Gottesdienst nach gewohnlich Evangelisch-Lutherischer Art.

Nachmittags, nachdem wir die Mahlzeit ingesammt auf Morgenlandische Art im grunen Grase, bey ausgebreiteten Teppichen sitzend, eingenomen, und uns

hierauff eine kleine Bewegung gemacht hatten, wurde zum andern mahle GOttes-Dienst gehalten, und nach Vollbringung dessen Hr. Wolffgang mit Sophien ehelich zusammen gegeben, auch ein paar Zwillinge, aus dem Jacobischen Stamme, getaufft, welche Tab. VII bezeichnet sind.

Solchergestallt wurde alles mit dem Lob-Gesange: HERR GOTT dich loben wir etc. beschlossen, Mons. Litzberg und ich gaben, mit Erlaubniss des Altvaters, noch 12. mal Feuer aus denen auf dem Albertus Hugel gepflantzten Canonen, und nachdem Herr Wolffgang verkundigen lassen, wie er G.G. den 2ten Januar. nachstfolgenden 1726ten Jahres, von wegen seiner Hochzeit, allen Insulanern ein Freuden-Fest anrichten wolte, kehrete ein jeder, geistlich und leiblich vergnugt, in seine Wohnung.

Herr Mag. Schmeltzer hatte bereits verabredet: Dass die Stephans- Jacobs- und Johannis-Raumer Gemeinden, den Andern Advent-Sonntag, die Christophs- und Roberts Raumer den 3ten, und letzlich die Christians- und Simons-Raumer, den 4ten Advent zum Heil. Abendmahle gehen solten, daferne sich jede Gemeinde die Woche vorhero behorig versammlen, und die Catechismus-Lehren also, wie ihre Vorganger, die Alberts- und Davids-Raumer, annehmen wolte; Weil nun alle hierzu eine heisse Begierde gezeiget hatten, wartete der unermudete Geistliche alltaglich seines Ammts getreulich, wir andern aber liessen unsere aller angenehmste Arbeit seyn, den Kirchen-Bau aufs eiferigste zu befordern, worbey der Altvater Albertus bestandig zugegen war, und nach seinem Vermogen die materialien herbey bringen halff, auch sich, ohngeacht unserer trifftigen Vorstellungen wegen seines hohen Alters, gar nicht davon abwenden liess.

Eines Morgens, da Herr Mag. Schmeltzer unsere Arbeit besahe, fiel ihm ein: dass wir vergessen hatten einige schrifftliche Urkunden, der Nachkommenschafft zum Vergnugen, und der Gewohnheit nach, in den Grund-Stein einzulegen, da nun der Altvater sich erklarete, dass hieran noch nichts versaumet sey, sondern gar bald noch ein anderer ausgehohlter Stein, auf den bereits eingesenckten gelegt werden konte, auch sogleich den Seinigen desswegen Befehl ertheilete, verfertigte indessen Herr Magist. Schmeltzer eine Schrifft, welche in Lateinischer, Deutscher und Englischer Sprache abgeschrieben, und nachhero mit Wachs in den ausgeholten Grund-Stein eingedruckt wurde. Es wird hoffentlich dem geneigten Leser nicht zu wider seyn, wenn ich dieselbe Lateinisch und Deutsch mit beyfuge:

Hic lapis

ab

ALBERTO JULIO,

Vero veri Dei cultore,

Anno CICICCCXXV.

d. XVIII. Novembr.

fundamenti loco positus,

dem Deo trinuno consecratam,

sanctum clestium ovium ovile,

inviolabile Sacramentorum, baptismi & sacr

cn domicilium,

immotamque verbi divini sedem,

suffulcit ac suffulciet:

Machina qvot mundi posthac durabit in annos,

Tot domus hc duret, stet, vigeatque Dei!

Semper sana sonent hic dulcis dogmata Christi,

Per qvem credenti vita salusque datur!

Deutsch:

Dieser

von ALBERTO JULIO

Im Jahr Christi 1725. den 18. November.

gelegte Grund-Stein,

unterstutzet und wird unterstutzen:

eine dem Dreyeinigen GOTT gewidmete Kirche,

einen heiligen Schaaf-Stall christlicher

Schaafe,

eine unverletzliche Behausung der Sacramenten

der Taufe und des Heil. Abendmahls,

und einen unbeweglichen Sitz des Worts

GOTTES.

So lange diese Welt wird unbeweglich stehen

So lange soll diss Haus auch nicht zu Grunde gehen!

Was hier gepredigt wird, sey Christi reines Wort,

Wodurch ein Glaubiger, erlangt den Himmels-Port!

***

Herr Wolffgang bezohe immittelst, mit seiner Liebste, das in Christians-Raum vor dieselben neuerbauete Hauss, liess aber nicht mehr als die nothigsten von seinen mitgebrachten mobilien dahin schaffen, und das ubrige auf der geraumlichen Albertus-Burg in des Altvaters Verwahrung. Unsere mitgebrachten Kunstler und Handwercks-Leute bezeugten bey solcher Gelegenheit auch ein Verlangen den Ort zu wissen, wo ein jeder seine Werckstatt aufschlagen solte, derowegen wurden Berathschlagungen angestellet, ob es besser sey, vor dieselben eine gantz neue Pflantz-Stadt anzubauen? oder Sie in die bereits angebaueten Pflantz-Stadte einzutheilen? Demnach fiel endlich der Schluss dahinaus, dass, da in Erwegung des vorhabenden Kirchen-Baues anitzo keine andere Bau-Arbeit vorzunehmen rathsam sey, die Neuangekommenen an solche Orte eingetheilet werden mochten, wie es die Umstande ihrer verschiedenen Professionen erforderten.

Diese Resolution war ihnen samtlich die allerangenehmste, und weil Herr Wolffgang von dem Altvater freye Macht bekommen hatte, in diesem Stucke nach lichen neu-angekommenen Europaer folgender massen eingetheilet: Mons. Litzberg der Mathematicus bezohe sein Quartier in Christophs-Raum bey Herr Wolffgangen. Der wohlerfahrene Chirurgus Mons. Kramer, in Alberts-Raum. Mons. Plager, und Peter Morgenthal der Kleinschmidt, in Jacobs-Raum. Harckert der Posamentirer in Roberts-Raum. Schreiner, der sich bey dem Tohne als ein Topffer selbst einlogirt hatte, in Davids-Raum. Wetterling der Tuchmacher, in Christophs-Raum. Kleemann der Pappier-Muller, in Johannis-Raum. Herrlich der Drechssler, und Johann Melchior Garbe der Bottcher, in Simons-Raum. Lademann der Tischler, und Philipp Kratzer der Muller, in Stephans-Raum.

Solchergestalt blieben Herr Magist. Schmeltzer und ich Eberhard Julius nur allein bey dem Altvater Alberto auf dessen sogenannter Alberts-Burg, welcher annoch bestandig 5. Junglinge und 4. Jungfrauen von seinen Kindes-Kindern zur Bedienung bey sich hatte. Herr Mag. Schmeltzer und Herr Wolffgang ermahneten die abgetheilten Europaer, eine Gottesfurchtige und tugendhaffte Lebens-Art unter ihren wohlerzogenen Nachbarn zu fuhren, stelleten ihnen dabey vor, dass: Daferne sie gesinnet waren, auf dieser Insul zu bleiben, sich ein jeder eine freywillige Ehe-Gattin erwehlen konte. Derjenige aber, welchem diese Lebens Art nicht anstandig sey, mochte sich nur aller geilen und bosshafften Aussschweiffungen gantzlich enthalten, und versichert seyn: dass er solchergestalt binnen zwey oder 3. Jahren nebst einem Geschencke von 2000. Thlrn. wieder zuruck nach Amsterdam geschafft werden solte.

Es gelobte einer wie der andere dem Altvater Alberto, Hrn. Mag. Schmeltzern als ihren Seel-Sorger, und Herrn Wolffgangen als ihren leiblichen Versorger, treulich an, sich gegen GOTT und den Nachsten redlich und ehrlich aufzufuhren, seiner Hande Werck, zu GOTTES Ehren und dem gemeinschafftl. Wesen, ohne Verdruss zu treiben, ubrigens den Altvater Albertum, Hrn. Wolffgangen, und Herrn Magist. Schmeltzern, vor ihre ordentliche Obrigkeit in geistlichen und weltlichen Sachen zu erkennen, und sich bey ein und andern Verbrechen deren Vermahnungen und gehorigen Strafen zu unterwerffen.

Es soll von ihrer kunfftigen Auffuhrung, und Vereheligung, im Andern Theile dieser Felsenburgischen Geschicht, des geneigten Lesers curiositat moglichste Satisfaction empfangen. Voritzo aber habe noch zu melden, dass die samtlichen Bewohner dieser Insul am 11. Decembr. dieses ablauffenden 1725ten Jahres, den allbereit vor 78. Jahren, von dem Altvater Alberto angesetzten dritten grossen Bet und Fast-Tag biss zu Untergang der Sonnen celebrirten, an welchen Herr Mag. Schmeltzer den 116ten Psalm in zweyen Predigten ungemein trostlich und beweglich auslegte. Die ubrigen Stamme giengen an den bestimmten Sonntagen gemachter Ordnung nach, aufs andachtigste zum Heil. Abendmahle, nach diesen wurde das eingetretene Heil. Christ-Fest erfreulich gefeyret und solchergestalt erreichte damals das 1725te Jahr, zu aller Einwohner hertzlichen Vergnugen, vorjetzo aber bey uns der Erste Theil der Felsenburgl. GeschichtsBeschreibung sein abgemessenes

ENDE.

Avertissement.

Man ist zwar, Geneigter Leser, anfanglich Willens gewesen diese Felsenburgische Geschichte, oder dasjenige, was auf dem Titul-Blate versprochen worden, ohne Absatz, en Suite heraus zu geben, allein nach fernern reiffern Uberlegungen hat man sich, en regard ein und anderer Umstande, zu einer Theilung verstehen mussen. Dem Herrn Verleger ware es zwar weit angenehmer gewesen, wenn er sofort alles auf einmahl haben konnen; jedoch wenn ich nur dieses zu betrachten gebe: Dass des Herrn Eberhard Julii Manuscript sehr confus aussiehet, indem er zuweilen in Folio, ein ander mahl in 4to, und wieder ein ander mahl in 8vo geschrieben, auch viele marquen beygefugt, welche auf fast unzehlige Beylagen kleiner Zettel weisen, die hier und anderswo einzuflicken gewesen, so habe den stylum unmoglich so concise fuhren konnen, als mir anfanglich wohl eingebildet hatte. Im Gegentheil ist mir das Werck unter den Handen unvermerckt, ja fast taglich angewachsen, wesswegen ich denn vors dienlichste erachtet, ein kleines Interstitium zu machen. Anderer Vortheile, die so wohl der geneigte Leser, als der Herr Verleger und meine ohnedem niemals mussige Feder hierbey geniessen konnen, voritzo zu geschweigen. Ist dieser Erste Theil so glucklich, seinen Lesern einiges Vergnugen zu erwecken und derselben Beyfall zu erhalten, so kan dabey versichern, dass der andere Theil, den ersten, an curiositaten, wo nicht ubertreffen, doch wenigstens nichts nachgeben wird! Denn in selbigem werden nicht allein die theils wunderbaren, theils lacherlichen, theils aber auch merckwurdigen Fata ausfuhrlich vorkommen, welche denen letztern Felsenburgl. Einkommlingen von Jugend auf zugestossen sind, sondern ich will uber dieses keinen Fleiss sparen, Mons. Eberhard Julii Manuscripta ordentlich zusammen zu lesen, und daraus umstandlich zu berichten: In was vor einen florisanten Zustand die Insul Felsenburg, durch den Fleiss der neuangekomenen Europaischen Kunstler und Hand

wercker, binnen 3. folgenden Jahren gesetzt worden; Wie Mons. Eberhard Julius seine Ruckreise nach Europa angestellet, seinen Vater wieder gefunden, selbigen durch seinen kostbaren Schatz in vorige Renommee gesetzt, und endlich in Begleitung seines Vaters, und der aus Schweden zuruck verschriebenen Schwester, die andere Reise nach Felsenburg angetreten hat.

Halt oft erwehnter Mons. Eberhard Julius seine Parole so treulich, als er versprochen, nach und nach die fernern Begebenheiten der Felsenburger, entweder Herrn Banqvier G.v.B. in Amsterdam, oder Herrn W. in Hamburg schrifftlich zu ubersenden, so kan vielleicht der dritte Theil dieses vorgenommenen Wercks auch noch wohl zum Vorscheine kommen.

Ubrigens bitte mir von dem geneigten Leser, vor meine dessfalls angewandte Muhe, und wiewol gantz unvollkommene Schreib-Art, nochmahls ein affectionirtes, wenigstens unpassionirtes sentiment aus, und beharre

Desselben

dienstwilligster

GISANDER.

Genealogische TABELLEen uber das

ALBERT-JULIsche Geschlechte,

Wie solches aus Europa herstammet, und biss zu Ende

des 1725ten Jahres auf der Insul Felsenburg

fortgefuhret, und forn p. 106 versprochen worden.

Tab. I.

Tab. II.

Tab. III.

Tab. VI.

Tab. V.

Tab. VI.

Tab. VII.

Tab. VIII.

Tab. IX.

Tab. X.

Summa aller beym Schlusse des 1725ten Jahres auf

der Insul Felsenburg lebenden Personen, worzu

der Capitain Wolffgang nebst seinen 14. mitge

brachten Europaern gerechnet ist, 346. Perso

nen.

nehmlich 177. Manns- und

169. Weibs-Personen.

Aller Seelen, die besage der Tabellen zu Alberti I.

Felsenburgischen Geschlecht gehoren, so wohl

todte als lebende 429.

Not.

Der geneigte Leser beliebe anzumercken, dass das Si

gnum

die Manns-Personen,

die Weibs-Personen,

Zwillings-Kinder, und

die verstorbenen

andeutet, ubrigens zu excusiren, dass nicht alle diese Personen mit ihren Tauff-Nahmen benennet sind, welches, da man das gantze Verzeichniss derselben in Handen hat, nicht so viel Muhe als unnothige Weitlaufftigkeiten verursacht hatte. Die ubrigen wenigen Merckmahle werden gantz klar in die Augen fallen, wenn sich derselbe vorhero den ersten und andern Theil der Geschlechts-Beschreibung bekandt gemacht hat.

Anhang

Der Pag. 182.

versprochenen

Lebens-Beschreibung

des

DON CYRILLO

DE

VALARO,

aus seinem Lateinischen Manuscript ins

deutsche ubersetzt.

D.C. de Valaro.

Ich, Don Cyrillo de Valaro, bin im Jahr nach Christi Gebuhrt 1475 den 9. Aug. von meiner Mutter Blanca de Cordoua im Feld-Lager unter einem Gezelt zur Welt gebracht worden. Denn mein Vater Don Dionysio de Valaro, welcher in des neuen Castilianischen Konigs Ferdinandi Kriegs-Dienste, als Obrister uber ein Regiment Fuss-Volck getreten war, hatte meine Mutter mit sich gefuhret, da er gegen den Portugisischen Konig Alphonsum mit zu Felde gehen muste. Dieser Alphonsus hatte sich mit der Joanna Henrici des IV. Konigs in Castilien Tochter, welche doch von jedermann vor ein Bastard gehalten wurde, verlobet, und dieserwegen nicht allein den Titul und Wapen von Castilien angenommen, mithin unserm Ferdinando die Crone disputirlich gemacht, sondern sich bereits vieler Stadte bemachtiget, weilen ihn, so wohl Konig Ludwig der XI. aus Franckreich, als auch viele Grandes aus Castilien starck zu secundiren versprochen. Nachdem aber die Portugiesen im folgenden 1476ten Jahre bey Toro ziemlich geklopfft worden, und mein Vater vermerckte: Dass es wegen des vielen hin und her marschirens nicht wohl gethan sey, uns langer bey sich zu behalten, schaffte er meine Mutter und mich zuruck nach Madrit, er selbst aber kam nicht ehe wieder zu uns, biss die Portugiesen 1479. bey Albuhera totaliter geschlagen, und zum Frieden gezwungen worden, worbey Alphonsus nicht allein auf Castilien, sondern auch auf seine Braut renuncirte, Johanna aber, der man jedoch unsern Castilischen Printzen Johannem, ob selbiger gleich noch ein kleines Kind war, zum Ehe-Gemahl versprach, gieng aus Verdruss in ein Closter, weil sie vielleicht gemuthmasset, dass sie nur vexiret wurde.

Ich weiss mich, so wahr ich lebe, noch einigermassen der Freude und des Vergnugens, doch als im Traume, zu erinnern, welches ich als ein 4. jahriger Knabe uber die gluckliche Zuruckkunfft meines lieben Vaters empfand, allein wir konten dessen erfreulicher Gegenwart sehr kurtze Zeit geniessen, denn er muste wenige Wochen hernach dem Konige, welcher ihn nicht allein zum General bey der Armee, sondern auch zu seinem Geheimbden Etaats-Ministre mit ernennet, bald nach Arragonien folgen, weiln der Konig, wegen des Absterbens seines hochst seel. Herrn Vaters, in diesem seinen Erb-Reiche die Regierung gleichfalls antrat. Doch im folgenden Jahre kam mein Vater nebst dem Konige abermals glucklich wieder zuruck, und erfreuete dadurch mich und meine Mutter aufs neue, welche ihm mittler Zeit noch einen jungen Sohn gebohren hatte.

Er hatte damals angefangen seine Hausshaltung nach der schonsten Beqvemlichkeit einzurichten, und weil ihm nicht so wohl der Krieg, als des Konigs Gnade zu ziemlichen Baarschafften verholffen, verschiedene Land Guter angekaufft; indem er auf selbigen sein grostes Vergnugen zu empfinden verhoffte. Allein da mein Vater in der besten Ruhe zu sitzen gedachte, nahm der Konig Anno 1481. einen Zug wider die Granadischen Mauros vor, und mein Vater muste ihm im folgenden 1482ten Jahre mit 10000. neugeworbenen Leuten nachfolgen. Also verliess er uns abermals zu unsern grosten Missvergnugen, hatte aber vorhero noch Zeit gehabt, meiner Mutter Einkunffte und das, was zu seiner Kinder Standesmassiger Erziehung erfodert wurde, aufs beste zu besorgen. Im Jahre 1483. war es zwischen den Castilianern und Mohren, bey Malacca zu einem scharffen Treffen gekommen, worbey die Erstern ziemlich gedranget, und mein Vater fast todtlich verwundet worden, doch hatte er sich einigermassen wieder erholet, und kam bald darauff nach Hause, um sich vollig ausheilen zu lassen.

Der Konig und die Konigin liessen ihm beyderseits das Gluck ihres hohen Besuchs geniessen, beschenckten ihn auch mit einer starcken Summe Geldes, und einem vortrefflichen Land-Gute, mich aber nahm der Konig, vor seinen jungen Printzen Johannem, der noch 3. Jahr junger war als ich, zum Pagen und Spiel-Gesellen mit nach Hofe, und versprach, mich bey ihm auf Lebens-Zeit zu versorgen. Ob ich nun gleich nur in mein zehentes Jahr gieng, so hatte mich doch meine Mutter dermassen gut erzogen, und durch geschickte Leute erziehen lassen, dass ich mich gleich von der ersten Stunde an, nicht allein bey den Konigl. Kindern, sondern auch bey dem Konige und der Konigin selbst, ungemein beliebt machen konte. Und da sich eine besondere naturliche Fertigkeit bey mir gezeiget, hatte der Konig allen Sprach- und Exercitien-Meistern ernstlichen Befehl ertheilet, an meine Person so wohl, als an seinen eigenen Sohn, den allerbesten Fleiss zu wenden, welches denn nebst meiner eigenen Lust und Beliebung so viel fruchtete: Dass mich ein jeder vor den Geschicktesten unter allen meinen Cammeraden halten wolte.

Mittlerweile war mein Vater aufs neue wieder zu Felde gegangen, und hatte, nicht allein wegen seiner Verwundung, an denen Mohren in etlichen Scharmutzeln ziemliche Rache ausgeubt, sondern auch vor den Konig viele Stadte und Platze einnehmen helffen, bey welcher Gelegenheit er auch zu seinem Theile viele Schatze erobert, und dieselben nach Hause geschickt hatte. Allein im Jahr 1491 da die Stadt Granada mit 50000. Mann zu Fuss, und 12000. zu Ross angegriffen, und der Konig Boabdiles zur Ubergabe gezwungen wurde, verlohr mein getreuer und Heldenmuthiger Vater, sein edles Leben darbey, und zwar im allerletzten Sturme auf den erstiegenen Mauern.

Der Konig bekam die Briefe von dieser glucklichen Eroberung gleich uber der Tafel zu lesen, und rieff mit vollen Freuden aus: GOTT und allen Heiligen sey gedanckt! Nunmehro ist die Herrschafft der Maurer, welche uber 700. Jahr in Spanien gewahret, glucklich zu Grunde gerichtet. Derowegen entstunde unter allen, so wohl hohen als niedrigen Bedienten, ein allgemeines jubiliren, da er aber die Liste von den ertodteten und verwundeten hohen Kriegs-Bedienten zur Hand nahm, und unter andern lase: Dass Don Dionysio de Valaro, als ein Held mit dem Degen in der Faust, auf der Mauer gestorben sey, vergiengen mir auf einmahl alle meine 5. Sinne dermassen, dass ich hinter dem Cron-Printzen ohnmachtig zur Erden niedersincken muste.

Es hatte dem mittleydigen Konige gereuet, dass er sich nicht vorhero nach mir umgesehen, ehe er diese klagliche Zeitung, welche ihm selbst sehr zu Hertzen gieng, laut verlesen. Jedoch so bald mich die andern Bedienten hinweg und in mein Bette getragen, auch in etwas wieder erfrischet hatten, besuchte mich nicht allein der Cron-Printz mit seiner 13. jahrigen Schwester Johanna, sondern die Konigin selbst mit ihrem vornehmsten Frauenzimmer. Dem ohngeacht konte ich mein Gemuthe, wegen des jammerlichen Verlusts meines so lieben und getreuen Vaters, nicht so gleich besanfftigen, sondern vergoss etliche Tage nach einander die bittersten Thranen, biss mich endlich der Konig vor sich kommen liess und folgendermassen anredete: Mein Sohn Cyrillo de Valaro, wilstu meiner fernern Gnade geniessen, so hemme dein Betrubniss wenigstens dem auserlichen Scheine nach, und bedencke dieses: Dass ich an dem Don Dionysio de Valaro, wo nicht mehr, doch eben so viel als du verlohren, denn er ist mein getreuer Diener gewesen, der keinem seines gleichen den Vorzug gelassen, ich aber stelle mich selbst gegen dich an seine Stelle und will dein Versorger seyn, hiermit sey dir sein erledigtes Regiment geschenckt, woruber ich dich gleich jetzo zum Obristen bestellen und zum Ritter schlagen will, jedoch sollstu nicht ehe zu Felde gehen, sondern bey meinem Cron-Printz bleiben, bis ich euch beyde ehestens selbst mit mir nehme. Ich that hierauff dem Konige zur Danckbarkeit einen Fussfall, und empfohl mich seiner bestandigen Gnade, welcher mir sogleich die Hand darreichte, die ich in Unterthanigkeit kussete, und von ihm selbst auf der Stelle zum Ritter geschlagen wurde, worbey ich die gantz besondere Gnade hatte, dass mir die Princessin Johanna das Schwerdt umgurtete, und der Cron-Printz den rechten Sporn anlegte.

Solchergestallt wurde mein Schmertzen durch Konigliche besondere Gnade, und durch vernunfftige Vorstellungen, nach und nach mit der Zeit ziemlich gelindert, meine Mutter aber, nebst meinem eintzigen Bruder und zweyen Schwestern, konten sich nicht so bald beruhigen, und weil die erstere durchaus nicht wieder Heyrathen wolte, begab sie sich mit meinem Geschwister aus der Residentz-Stadt hinweg auf das Beste unserer Land-Guter, um daselbst ruhig zu leben, und ihre Kinder mit aller Vorsicht zu erziehen.

Immittelst liess ich mir die Ubung in den Waffen, wie auch in den Kriegs- und andern nutzlichen Kunsten dermassen angelegen seyn, dass sich in meinem 18den Jahre kein eintziger Ritter am Spanischen Hofe schamen durffte mit mir umzugehen, und da bey damahligen ziemlich ruhigen Zeiten der Konig vielfaltige Ritter- und Lust-Spiele anstellete, fand ich mich sehr eiffrig und fleissig darbey ein, kam auch fast niemals ohne ansehnlichsten Gewinst darvon.

Am Geburts-Tage der Princessin Johanna wurde bey Hofe ein prachtiges Festin gegeben, und fast die halbe Nacht mit Tantzen zugebracht, indem aber ich, nach dem Abschiede aller andern, mich ebenfalls in mein Zimmer begeben wolte, fand ich auf der Treppe ein kleines Packlein, welches in ein seidenes Tuchlein eingewickelt und mit Gold-Faden umwunden war. Ich machte mir kein Bedencken diese so schlecht verwahrte Sache zu eroffnen, und fand darinnen, etliche Elen grun mit Gold durchwurcktes Band, nebst dem Bildnisse einer artigen Schaferin, deren Gesicht auf die Helffte mit einem grunen Schleyer verdeckt war, weil sie vielleicht nicht von allen und jeden erkant werden wolte. Uber dieses lag ein kleiner Zettel mit folgenden Zeilen darbey:

Geliebter Ritter!

Ihr verlanget von mir mein Bildniss nebst einer Liberey, welches beydes hiermit aus gewogenen Hertzen ubersende. Seyd damit bey morgenden Turnier glucklicher, als voriges mahl, damit ich eurentwegen von andern Damen keine Stichel-Reden anhoren darff, sondern das Vergnugen habe, eure sonst gewohnliche Geschicklichkeit mit dem besten Preise belohnt zu sehen. Lebet wohl und gedencket eurer

Freundin.

Meine damahlige Schalckhafftigkeit widerrieth mir denjenigen auszuforschen, dem dieses Paquet eigentlich zukommen solte, bewegte mich im Gegentheil diese Liberey, nebst dem artigen Bildnisse der Schaferin, bey morgenden Lantzenbrechen selbst auf meinem Helme zu fuhren. Wie gedacht, so gemacht, denn am folgenden Morgen band ich die grune Liberey nebst dem Bildnisse auf meinen Helm, legte einen gantz neuen Himmelblauen mit goldenen Sternlein beworffenen Harnisch an, und erschien also gantz unerkannt in den Schrancken mit meinem Schilde, worinnen ein junger Adler auf einem ertodten alten Adler mit ausgebreiteten Flugeln sitzend, und nach der Sonne sehend, zur Devise gemahlt war. Die aus dem Horatio genommene Beyschrifft lautete also:

Non possunt aquil generare columbam.

Deutsch:

Es bleibet bey dem alten Glauben,

Die Adler hecken keine Tauben.

Kaum hatte ich Zeit und Gelegenheit gehabt meine Kraffte an 4. Rittern zu probiren, worvon 3. wankkend gemacht, den 4ten aber gantzlich aus dem Sattel gehoben und in den Sand gesetzt, als mir ein unbekkandter Schild-Knabe einen kleinen Zettel einhandigte, auf welchen folgende Zeilen zu lesen waren.

Verwegener Ritter,

Entweder nehmet sogleich dasjenige Bildniss und Liberey, welches ihr unrechtmassiger Weise auf eurem Helme fuhret, herunter, und liefert es durch Uberbringern dieses seinem Eigenthums Herrn ein, oder seyd gewartig, dass nicht allein euern bereits ziemlich erKrafften verdunckeln, sondern euch Morgen fruh auf Leib und Leben ausfodern wird: Der Verehrer der schonen Schaferin.

Auf diese trotzige Schrifft gab ich dem Schild-Knaben mundlich zur Antwort: Sage demjenigen, der dich zu mir geschickt: Woferne er seine Anfoderung etwas hoflicher an mich gethan, hatte ich ihm mit Vergnugen willfahren wollen. Allein seiner unbesonnenen Drohungen wegen, wolte ich vor heute durchaus meinen eigenen Willen haben.

Der Schild Knabe gieng also fort, und ich hatte die Lust denjenigen Ritter zu bemercken, welchem er die Antwort uberbrachte. Selbiger, so bald er mich kaum ein wenig mussig erblickt, kam gantz hochmuthig heran getrabet, und gab mir mit gantz honischen Stellungen zu verstehen: Dass er Belieben habe mit mir ein- oder etliche Lantzen zu brechen. Er trug einen Feuerfarbenen silber gestreifften Harnisch, und fuhrete einen blass blauen Feder-Stutz auf seinem Helme, welcher mit schwartz und gelben Bande umwunden war. In seinem Schilde aber zeigte sich das Gemahlde des Apollinis, der sich einer jungen Nymphe, Isse genannt, zu gefallen, in einen Schafer verstellet, mit den Bey-Worten: Similis simili gaudet, als wolte er deutlich dieses zu verstehen geben:

Machts, dass ich ein Schafer bin.

Ich vermerckte sogleich bey Erblickung dieser Devise, dass der arme Ritter nicht allzuwohl unter dem Helme verwahret seyn musse. Denn wie schlecht reimete sich doch der Feuerfarbene Harnisch nebst dem blaulichen Feder-Stutze, auch gelb und schwartzen Bande zu der Schaferischen Liebes-Grille? Indem mir aber das fernere Nachsinnen durch meines Gegners Anrennen unterbrochen wurde, empfing ich ihn mit meiner hurtig eingelegten Lantze zum ersten mahle dermassen, dass er auf beyden Seiten Bugel los wurde, und sich kaum mit Ergreiffung seines Pferdes Mahne im Sattel erhalten konte. Dem ohngeacht versuchte er das andere Rennen, wurde aber von meinem hefftigen Lantzen-Stosse so gewaltig aus dem Sattel gehoben, dass er halb ohnmachtig vom Platze getragen werden muste. Solchergestalt war der verliebte Feuerfarbene Schafer vor dieses mahl abgefertiget, und weil ich mich die ubrige Zeit gegen andere noch ziemlich hurtig hielt, wurde mir bey Endigung des Turniers von den Kampf-Richtern der andere Preiss zuerkannt, welches ein vortrefflicher Maurischer Sabel war, dessen guldenes Gefasse mit den kostbarsten Edel-Steinen prangete. Die Printzessin Johanna hielt mir denselben mit einer lachlenden Geberde schon entgegen, da ich noch wohl 20. Schritte biss zu ihrem auferbaueten Throne zu thun hatte, indem ich aber auf der untersten Staffel desselben nieder kniete, und meinen Helm abnahm, mithin mein blosses Gesichte zeigte, stutzte nicht allein die Princessin nebst ihren andern Frauenzimmer gewaltig, sondern Dero liebstes Fraulein, die Donna Eleonora de Sylva, sanck gar in einer Ohnmacht darnieder. Die Wenigsten mochten wohl errathen konnen, woher ihr dieser jahlinge Zufall kam, und ich selbst wuste nicht, was es eigentlich zu bedeuten hatte, machte mich aber in noch wahrenden Auflauffe, nachdem ich meinen Gewinst empfangen, ohne von andern Rittern erkannt zu werden, gantz hurtig zurucke.

Zwey Tage hernach wurde mir von vorigen SchildKnaben ein Cartell folgendes Innhalts eingehandiget:

Unredlicher Ritter,

So kan man euch mit grostem Rechte nennen, indem ihr nicht allein einem andern, der Besser ist als ihr, dasjenige Kleinod listiger Weise geraubt, welches er als seinen kostbarsten Schatz geachtet, sondern euch uberdieses frevelhafft unterstanden habt, solches zu seinem Verdruss und Spott offentlich auf dem Helme zu fuhren. Jedoch man muss die Bossheit und den Unverstand solcher Gelb Schnabel bey zeiten dampffen, und euch lehren, wie ihr mit wurdigen Leuten umgeeuch wegen des letztern ohngefahr erlangten Preises beym Lantzenbrechen, das Glucke zur Braut bekommen zu haben, einbildet. Allein wo ihr das Hertz habt, Morgen mit Aufgang der Sonnen, nebst nur einem eintzigen Beystande, auf der grossen Wiese zwischen Madrit und Aranjuez zu erscheinen; wird sich die Muhe geben, euch den Unterscheid zwischen einem lustbaren Lantzen-brechen und ernstlichen SchwerdtKampffe zu lehren, und den Kindischen Frevel zu bestraffen,

euer abgesagter Feind.

Der Uberbringer dieses, wolte durchaus nicht bekennen, wie sein Herr mit Nahmen hiesse, derowegen gab ihm nur an denselben folgende wenige Zeilen zuruck:

Frecher Ritter!

Woferne ihr nur halb so viel Verstand und Klugheit, als Prahlerey und Hochmuth besasset, wurdet ihr rechtschaffenen Leuten wenigstens nur etwas glimpflicher zu begegnen wissen. Doch weil ich mich viel lieber mit dem Schwerdt, als der Feder gegen euch verantworten, und solchergestalt keine Ursach geben will, mich vor einen zaghafften Schafer-Courtisan zu halten, so verspreche Morgen die bestimmte Zeit und Ort in acht zu nehmen, daselbst soll sich zeigen dass mein abgesagter Feind ein Lugner, ich aber sey

Don Cyrillo de Valaro.

Demnach begab ich mich noch selbigen Abend nebst dem Don Alphonso de Cordua, meiner Mutter Bruders Sohne, den ich zum Beystande erwahlet hatte, aus Madrit in das allernachst der grossen Wiese gelegene Dorff, allwo wir uber Nacht verblieben, und noch vor Aufgang der Sonnen die grosse Wiese betraten. Mein Gegner, den ich an seinen Feuerfarbenen Harnisch erkannte, erschien zu bestimmter Zeit, und konte mich ebenfalls um so viel desto eher erkennen, weil ich das grune Band, nebst dem Bilde der Schaferin, ihm zum Trotz abermahls wieder auf den Helm gebunden hatte. Er gab mir seinen Verdruss, und die Geringschatzung meiner Person, mit den allerhochmuthigsten Stellungen zu erkennen, jedoch ich kehrete mich an nichts, sondern fieng den verzweiffeltesten Schwerdt-Kampf mit meinem annoch unbekandten Feinde an, und brachte ihn binnen einer halben Stunde durch verschiedene schwere Verwundungen dahin, dass er abermahls halb todt und gantzlich Krafftlos zur Erden sincken muste. Indem ich aber hinzu trat und seinen Helm offnete, erkannte ich ihn vor den Sohn eines vornehmen Koniglichen Etaats-Bedienten, NahGnade, so der Konig seinem Vater erzeigte, ungewohnlich viel einbildete, sonsten aber mehr mit Geld und Gutern, als Adelichen Tugenden, Tapffer- und Geschicklichkeit hervor zu thun wuste. Mir war bekannt, dass ausser einigen, welche seines Vaters Hulffe bedurfften, sonst niemand von rechtschaffenen Rittern leicht mit ihm umzugehen pflegte, derowege wandte mich mit einer verachtlichen Mine von ihm hinweg, un sagte zu den Umstehenden: Dass es mir hertzlich leyd sey, meinen allerersten ernstlichen Kampff mit einem Hasen-Kopffe gethan zu haben, wesswegen ich wunschen mochte, dass niemand etwas darvon erfuhre, setzte mich auch nebst meinem Secundanten Don Alfonso, der seinen Gegner ebenfalls sehr blutig abgespeiset hatte, sogleich zu Pferde, und ritten zuruck nach Madrit.

Der alte Urrez hatte nicht bloss dieses Kampffs, sondern seines Sohnes hefftiger Verwundung wegen, alle Muhe angewandt mich bey dem Konige in Ungnade zu setzen, jedoch seinen Zweck nicht erreichen konnen, denn wenig Tage hernach, da ich in dem Konigl. Vor-Gemach aufwartete, rief mich derselbe in sein Zimmer, und gab mir mit wenig Worten zu verstehen: Wie ihm meine Herzhafftigkeit zwar im geringsten nicht missfiele, allein er sahe lieber, wenn ich mich vor unnothigen Handeln hutete, und vielleicht in kurtzen desto tapfferer gegen die Feinde des Konigs bezeugte. Ob ich nun gleich versprach, mich in allen Stucken nach Ihro Majest. allergnadigsten Befehlen zu richten; so konte doch nicht unterlassen, bey dem bald darauff angestellten Stier-Gefechte, so wohl als andere Ritter, einen Wage-Hals mit abzugeben, dabey denn einen nicht geringen Ruhm erlangete, weil drey unbandige Buffel durch meine Faust erlegt wurden, doch da ich von dem Letzten einen ziemlichen Schlag an die rechte Hufften bekommen hatte, nothigte mich die Geschwulst, nebst dem geronnenen Geblute, etliche Tage das Bette zu huten. Binnen selbiger Zeit lieff ein Schreiben folgendes Innhalts bey mir ein:

Don Cyrillo de Valaro.

Warum wendet ihr keinen bessern Fleiss an, euch wiederum offentlich frisch und gesund zu zeigen: Denn glaubet sicherlich, man hat zweyerley Ursachen, eurer Auffuhrung wegen schwere Rechenschafft zu fordern, erstlich dass ihr euch unterstanden, beym letztern Turnier eine frembde Liberey zu fuhren, und vors andere, dass ihr kein Bedencken getragen, eben dieselbe beym Stier-Gefechte leichtsinniger Weise zuruck zu lassen. Uberlegt wohl, auf was vor Art ihr euch redlicher Weise verantworten wollet, und wisset, dass dennoch mit euren itzigen schmertzhafften Zustande einiges Mittleyden hat

Donna Eleonora de Sylva.

Ich wuste erstlich nicht zu begreiffen, was dieses Fraulein vor Ursach hatte, mich, meiner Auffuhrung wegen zur Rede zu setzen; biss mir endlich mein LeibDiener aus dem Traume halff. Denn dieser hatte von der Donna Eleonora vertrauten Aufwarterin so viel vernommen, dass Don Sebastian de Urrez bey selbigen Fraulein bishero in ziemlich guten Credit gestanden, nunmehro aber denselben auf einmahl gantzlich verlohren hatte, indem er sie wahnsinniger Weise einer groben Untreue und Falschheit beschuldigte. Also konte ich mir leichtlich die Rechnung machen, dass Eleonora, um sich rechtschaffen an ihm zu rachen, mit meiner Person entweder eine Schertz- oder Ernsthaffte Liebes-Intrigue anzuspinnen suchte.

Diese Muthmassungen schlugen keines weges fehl, denn da ich nach vollig erlangter Gesundheit im koniglichen Lust Garten zu Buen-Retiro Gelegenheit nahm mit der Eleonora ohne beyseyn anderer Leute zu sprechen, wolte sie sich zwar anfanglich ziemlich kaltsinnig und verdriesslich stellen, dass ich mir ohne ihre Erlaubniss die Freyheit genommen, Dero Liberey und Bildniss zu fuhren; Jedoch so bald ich nur einige trifftige Entschuldigungen nebst der Schmeicheley vorgebracht, wie ich solche Sachen als ein besonderes Heiligthum zu verehren, und keinem Ritter, wer der auch sey, nicht anders als mit Verlust meines Lebens, zuruck zu geben gesonnen ware, fragte sie mit einer etwas gelassnern Stellung: Wie aber, wenn ich dasjenige, was Don Sebastian nachlassiger Weise verlohren, ihr aber zufalliger Weise gefunden, und ohne meine Vergunstigung euch zugeeignet habt, selbst zuruck begehre? So muss ich zwar, gab ich zur Antwort, aus schuldigen Respect eurem Befehle und Verlangen ein Genugen leisten, jedoch darbey erkennen, dass ihr noch grausamer seyd als das Glucke selbst, uber dessen Verfolgung sich sonsten die Ungluckseeligen eintzig und allein zu beklagen pflegen. Es ist nicht zu vermuthen, sagte sie hierauff, dass euch hierdurch eine besondere Gluckseeligkeit zuwachsen wurde, wenn gleich dergleichen Kleinigkeiten in euren Handen blieben. Und vielleicht darum, versetzte ich, weil Don Sebastian eintzig und allein bey eurer schonen Person gluckseelig seyn und bleiben soll? Unter diesen Worten trat der Donna Eleonora das Blut ziemlich in die Wangen, so dass sie eine kleine Weile inne hielt, endlich aber sagte: Seyd versichert Don Valaro dass Urrez Zeit seines Lebens weniger Gunst-Bezeugungen von mir zu hoffen hat, als der allergeringste Edelmann, denn ob ich mich gleich vor einiger Zeit durch gewisse Personen, die ich nicht nennen will, bereden lassen, vor ihn einige Achtbarkeit, oder wohl gar einige Liebe zu hegen, so ist mir doch nunmehro seine ungeschickte und pobelhaffte Auffuhrung besser bekannt und zum rechten Eckel und Abscheu worden. Ich weiss ihm, sprach ich darauff, weder boses noch guts nachzusagen, ausser dem, dass ihn wenig rechtschaffene Ritter ihres Umgangs gewurdiget. Allein er ist nicht darum zu verdencken, dass er dergleichen Schmach jederzeit wenig geachtet, indem ihn das Vergnugen, sich von dem allerschonsten Fraulein am gantzen Hofe geliebt zu sehen, dieserhalb sattsam trosten konnen.

Donna Eleonora vermerckte vielleicht, dass sie ihre gegen sich selbst rebellirenden Affecten in die Lange nicht wurde zwingen konnen, denn sie muste sich freylich in ihr Hertz hinein schamen, dass selbiges bisshero einem solchen ubel beruchtigten Ritter offen gestanden, der sich bloss mit seinem Weibischen Gesichte, oder etwa mit Geschencken und sclavischen Bedienungen bey ihr eingeschmeichelt haben mochte; Derowegen sagte sie mit einer etwas verdriesslichen Stimme: Don Cyrillo, lasset uns von diesem Gesprach abbrechen, denn ich mag den verachtlichen Sebastian de Urrez nicht mehr erwehnen horen, von euch aber will ich ausbitten, mir die nichtswurdigen Dinge zuruck zu senden, damit ich in Verbrennung derselben, zugleich das Angedencken meines abgeschmackten bissherigen Liebhabers vertilgen kan. Was soll denn, versetzte ich, das unschuldige Band und das artige Bildniss den Frevel eines nichtswurdigen Menschen bussen, gewisslich diese Sachen werden noch in der Asche ihren hohen Werth behalten, indem sie von so schonen Handen gekommen, um aber das verdriessliche Angedencken auszurotten, so erzeiget mir die Gnade und gonnet meinem Hertzen die erledigte Stelle in dem eurigen, glaubet anbey gewiss, dass mein gantzes Wesen sich jederzeit dahin bestreben wird, eurer unschatzbaren Gegen-Gunst wurdiger zu seyn als der liederliche Urrez.

Donna Eleonora mochte sich ohnfehlbar verwundern, dass ich als ein junger 18. jahriger Ritter allbereit so dreuste und alt-klug als der erfahrenste Liebhaber reden konte, replicirte aber dieses: Don Cyrillo, eure besondere Tapfer- und Geschicklichkeit, hat sich zwar zu fast aller Menschen Verwunderung schon sattsam spuren lassen, indem ihr in Schertz- und Ernsthafften Kampffen Menschen und Thiere uberwunden, aber mein Hertz muss sich dennoch nicht so leicht uberwinden lassen, sondern vielmehr der Liebe auf ewig absagen, weil es das erste mahl unglucklich im wahlen gewesen, derowegen verschonet mich in Zukunfft mit dergleichen verliebten Anfallen, erfullet vielmehr mein Begehren mit baldiger Ubersendung der verlangten Sachen.

Ich hatte wider diesen Ausspruch gern noch ein und andere Vorstellungen gethan, allein die Ankunfft einiger Ritter und Damen verhinderte mich vor dieses mahl. So bald ich nach diesem allein in meiner Kammer war, merckete mein Verstand mehr als zu deutlich, dass der gantze Mensch von den Annehmlichkeiten der Donna Eleonora bezaubert ware, ja mein Hertze empfand eine dermassen hefftige Liebe gegen dieselbe, dass ich diejenigen Stunden vor die allertraurigsten und verdriesslichsten hielt, welche ich ohne sie zu sehen hinbringen muste. Derowegen nahm meine Zuflucht zur Feder, und schrieb einen der allerverliebtesten Briefe an meinen Leitstern, worinnen ich hauptsachlich bat, nicht allein mich zu ihrem Liebhaber auf und anzunehmen, sondern auch die Liberey nebst Dero Bildnisse zum ersten Zeichen ihrer Gegen-Gunst in meinen Handen zu lassen.

Zwey gantzer Tage lang liess sie mich hierauff zwischen Furcht und Hoffnung zappeln, biss ich endlich die halb erfreuliche und halb traurige Antwort erhielt: Ich mochte zwar behalten, was ich durch Gluck und Tapfferkeit mir zugeeignet hatte, doch mit dem Bedinge: Dass ich solches niemahls wiederum offentlich zeigen, sondern vor jedermann geheim halten solle. Uber dieses solte mir auch erlaubt seyn, sie morgenden Mittag in ihren Zimmer zu sprechen, allein abermahls mit der schweren Bedingung: Dass ich kein eintziges Wort von Liebes-Sachen vorbrachte.

Dieses Letztere machte mir den Kopff dermassen wuste, dass ich mir weder zu rathen noch zu helffen wuste, und an der Eroberung dieses Felsen-Hertzens schon zu zweiffeln begunte, ehe noch ein recht ernstlicher Sturm darauff gewagt war. Allein meine Liebe hatte dermahlen mehr Glucke als ich wunschen mogen, denn auf den ersten Besuch, worbey sich mein Gemuthe sehr genau nach Eleonorens Befehlen richtete, bekam ich die Erlaubniss ihr taglich nach der Mittags-Mahlzeit aufzuwarten, und die Zeit mit dem Bret-Spiele zu verkurtzen. Da aber meine ungewohnliche Blodigkeit nebst ihrem ernstlich wiederholten Befehle das verliebte Vorbringen lange genung zuruck gehalten hatten, gab ich die feurige Eleonora endlich selbst Gelegenheit, dass ich meine hefftigen Seuffzer und Klagen kniend vor derselben ausstiess, und mich selbst zu erstechen drohete, woferne sie meine allerauserste Liebe nicht mit gewunschter Gegen-Gunst beseeligte.

Demnach schiene sie auf einmahl anders Sinnes zu werden, und kurtz zu sagen, wir wurden von derselben Stunde an solche vertraute Freunde miteinander, dass nichts als die Priesterliche Einsegnung fehlte, uns beyde zu dem allervergnugtesten Paare ehelicher Personen zu machen. Immittelst hielten wir unsere Liebe dennoch dermassen heimlich, dass zwar der gantze Hof von unserer sonderbaren Freundschafft zu sagen wuste, die Wenigsten aber glaubten, dass unter uns annoch sehr jungen Leuten allbereits ein wurckliches Liebes-Verbundniss errichtet sey.

Es war niemand vorhanden der eins oder das andere zu verhindern trachtete, denn mein eintziger Feind Don Sebastian de Urrez hatte sich, so bald er wieder genesen, auf die Reise in frembde Lander begeben. Also lebte ich mit meiner Eleonora uber ein Jahr lang im sussesten Vergnugen, und machte mich anbey dem Konige und dessen Familie dermassen beliebt, dass es das Ansehen hatte, als ob ich dem Glucke gantzlich im Schoosse sasse.

Mittlerweile da Konig Carl der VIII. in Franckreich, im Jahr 1494. den Krieges-Zug wider Neapolis vorgenommen hatte, fanden sich verschiedene junge vornehme Neapolitanische Herren am Castilianischen Hofe ein. Einer von selbigen hatte die Donna Eleonora de Sylva kaum zum erstenmahle erblickt, als ihn dero Schonheit noch geschwinder als mich zum verliebten Narren gemacht hatte. Ich vermerckte mehr als zu fruhe, dass er sich aufs eiffrigste angelegen seyn liess, mich bey ihr aus dem Sattel zu heben, und sich an meine Stelle hinein zu schwingen, jedoch weil ich mich der Treue meiner Geliebten hochst versichert schatzte, uber dieses der Hoflichkeit wegen einem Fremden etwas nachzusehen verbunden war, liess sich mein vergnugtes Hertze dieserwegen von keinem besondern Kummer anfechten. Allein mit der Zeit begunte der hoffartige Neapolitaner meine Hoflichkeit vor eine niedertrachtige Zaghafftigkeit zu halten, machte sich also immer dreuster und riss eines Tages der Eleonora einen Blumen-Strauss aus den Handen, welchen sie mir, indem ich hurtig vorbey gieng, darreichen wolte. Ich konte damahls weiter nichts thun, als ihm meinen dieserhalb geschopfften Verdruss mit den Augen zu melden, indem ich dem Konige eiligst nachfolgen muste, allein noch selbigen Abend kam es unter uns beyden erstlich zu einem hohnischen, bald aber zum schimpfflichsten WortWechsel, so dass ich mich genothiget fand, meinen Mit-Buhler kommenden Morgen auf ein paar spitzige Lantzen und wohlgeschliffenes Schwerdt hinaus zu fordern. Dieser stellete sich hieruber hochst vergnugt an, und und vermeinte mit einem solchen zarten Ritter, der ich zu seyn schiene, gar bald fertig zu werden, ohngeacht der Prahler die Junglings-Jahre selbst noch nicht gantz uberlebt hatte; Allein noch vor MitterNacht liess mir der Konig durch einen Officier von der Leib-Wacht befehlen, bey Verlust aller seiner Konigl. Gnade u. meines zeitlichen Glucks, mich durchaus mit dem Neapolitaner, welches ein vornehmer Printz unter verdeckten Nahmen ware, in keinen ZweyKampf einzulassen, weiln der Konig unsere nichtswurdige Streit-Sache ehester Tages selbst beylegen wolte.

Ich hatte hieruber rasend werden mogen, muste aber dennoch gehorsamen, weil der Officier Ordre hatte, mich bey dem geringsten widerwartigen Bezeigen sogleich in Verhafft zu nehmen. Eleonora bemuhete sich, so bald ich ihr mein Leyd klagte, durch allerhand Schmeicheleyen dasselbe zu vernichten, indem sie mich ihrer vollkommenen Treue gantzlich versicherte, anbey aber hertzlich bat, ihr nicht zu verargen, dass sie auf der Konigin Befehl, gewisser Staats-Ursachen wegen, dem Neapolitaner dann und wann einen Zutritt nebst einigen geringen LiebesFreyheiten erlauben muste, inzwischen wurde sich schon mit der Zeit noch Gelegenheit finden, dessfalls Rache an meinem Mit-Buhler auszuuben, wie sie denn nicht zweiffelte, dass er sich vor mir furchte, und dieserwegen selbst unter der Hand das Konigl. Verboth auswurcken lassen.

Ich liess mich endlich, wiewohl mit grosser Muhe, in etwas besanfftigen, allein es hatte keinen langen Bestand, denn da der Konig die Untersuchung unserer Streit-Sache verzogerte u. ich dem Neapolitaner allen Zutritt bey Eleonoren aufs moglichste verhinderte, geriethen wir unverhofft aufs neue zusammen, da der Neapolitaner Eleonoren im Koniglichen Lust-Garten an der Hand spatzieren fuhrete, und ich ihm vorwarff: Wie er sich denoch besser anzustellen wisse, ein Frauenzimmer, als eine Lantze oder blosses Schwerdt an der Hand zu fuhren. Er betheurete hierauff hoch, meine frevele Reden sogleich mit seinem Seiten-Gewehr zu bestraffen, wenn er nicht befurchtete den Burg-Frieden im Konigl. Garten zu brechen; Allein ich gab mit einem hohnischen Gelachter zu verstehen: Wie es nur bey ihm stunde, mir durch eine kleine Pforte auf einen sehr bequemen Fecht-Platz zu folgen, der nur etwa 100. Schritte von dannen sey, und gar nicht zur Burg gehore.

Alsobald machte der Neapolitaner Eleonoren, die vor Angst an allen Gliedern zitterte, einen Reverentz, und folgte mir auf einen gleichen Platz ausserhalb des Gartens, allwo wir Augenblicklich vom Leder zohen, um einander etliche blutige Characters auf die Corper zu zeichnen.

Der erste Hieb gerieth mir dermassen glucklich, dass ich meinem Feinde sogleich die wallenden Adern am Vorder-Haupt eroffnete, weil ihm nun solchergestalt das hauffig herabfliessende Blut die Augen ziemlich verdunckelte, hieb er dermassen blind auf mich loss, dass ich ebenfalls eine kleine Wunde uber den rechten Arm bekam, jedoch da er von mir in der Geschwindigkeit noch zwey starcke Hiebe empfangen davon der eine in die Schulter, und der andere in den Hals gedrungen war, sanck mein feindseeliger Neapolitaner ohnmachtig zu Boden. Ich sahe nach Leuten, die ihn verbinden und hinweg tragen mochten, befand mich aber im Augenblick von der Konigl. Leibwacht umringet, die mir mein Quartier in demjenigen Thurme, wo noch andere Ubertreter der Konigl. Gebote logirten, ohne alle Weitlaufftigkeit zeigeten. Hieselbst war mir nicht erlaubt an jemanden zu schreiben, vielweniger einen guten Freund zu sprechen, jedoch wurde mit den kostlichsten Speisen und Getrancke zum Uberflusse versorgt, und meine geringe Wunde von einem Chirurgo alltaglich zweymal verbunden, welche sich binnen 12. Tagen zu volliger Heilung schloss.

Eines Abends, da der Chirurgus ohne beyseyn der Wacht mich verbunden, und allbereit hinweg gegangen war, kam er eiligst wieder zuruck und sagte: Mein Herr! jetzt ist es Zeit, euch durch eine schleunige Flucht selbst zu befreyen, denn ausserdem, dass kein eintziger Mann von der Wacht vorhanden, so stehen alle Thuren eures Gefangnisses offen, darum eilet und folget mir! Ich besonne nicht lange, ob etwa dieser Handel mit fleiss also angestellet ware oder nicht, sondern warff augenblicklich meine vollige Kleidung uber mich, und machte mich nebst dem Chirurgo in groster Geschwindigkeit auf den Weg, beschenckte denselben mit einer Hand voll Gold-Cronen, und kam ohne eintzigen Anstoss in des Don Gonsalvo Ferdinando de Cordua, als meiner Mutter leiblichen Bruders Behausung an, dessen Sohn Don Alphonso mir nicht allein den sichersten heimlichen Auffenthalt versprach, sondern sich zugleich erboth, alles auszuforschen, was von meiner Flucht bey Hofe gesprochen wurde.

Da es nun das Ansehen hatte, als ob der Konig dieserwegen noch hefftiger auf mich erbittert worden, indem er meine gehabte Wacht selbst gefangen zu setzen, und mich auf allen Strassen und im gantzen Lande aufzusuchen befohlen; vermerckte ich mehr als zu wohl, dass in Castilien meines bleibens nicht sey, liess mir derowegen von meiner Mutter eine zulangliche Summe Reise-Gelder ubersenden, und practicierte mich, nach verlauff etlicher Tage, heimlich durch nach Portugal, allwo ich in dem nachsten Hafen zu Schiffe und nach Engelland ubergieng, um daselbst unter Konig Henrico VII. der, der gemeinen Sage nach, mit den Schotten und einigen Rebellen Krieg anfangen wolte, mich in den Waffen zu uben. Allein meine Hoffnung betrog mich ziemlicher massen, indem dieses Kriegs-Feuer bey zeiten in seiner Asche erstickt wurde. Ich hatte zwar das Gluck dem Konige aufzuwarten, und nicht allein seines machtigen Schutzes, sondern auch kunfftiger Beforderung vertrostet zu werden, konte aber leicht errathen, dass das Letztere nur leere Worte waren, und weil mir ausserdem der Englische Hof allzuwenig lebhafft vorkam, so hielt mich nur einige Monate daselbst auf, besahe hierauff die vornehmsten Stadte des Reichs, gieng nach diesen wiederum zu Schiffe, und reisete durch die Niederlande an den Hof Kaysers Maximiliani, allwo zur selbigen Zeit alles Vergnugen, so sich ein junger Ritter wunschen konte, im grosten Uberflusse bluhete. Ich erstaunete uber die gantz seltsame Schonheit des Kayserlichen Printzens Philippi, und weiln bald darauff erfuhr, dass derselbe ehestens, mit der Castilianischen Princessin Johanna vermahlet werden solte, so preisete ich dieselbe allbereit in meinen Gedancken vor die allerglucklichste Princessin, wiewohl mich die hernach folgenden Zeiten und Begebenheiten gantz anders belehreten.

Inzwischen versuchte mein auserstes, mich in dieses Printzen Gunst und Gnade zu setzen, weil ich die sichere Rechnung machen konte, dass mein Konig mich auf dessen Vorspruch bald wiederum zu Gnaden annehmen wurde. Das Glucke war mir hierbey ungemein gunstig, indem ich in verschiedenen Ritter-Spielen sehr kostbare Gewinste, und in Betrachtung meiner Jugend, vor andern grossen Ruhm erbeutete. Bey so gestallten Sachen aber fanden sich gar bald einige, die solches mit scheelen Augen ansahen, unter denen sonderlich ein Savoyischer Ritter war, der sich besonders Tapffer zu seyn einbildete, und immer nach und nach Gelegenheit suchte, mit mir im Ernste anzubinden. Er fand dieselbe endlich noch ehe als er vermeinte, wurde aber, in Gegenwart mehr als tausend Personen, fast todtlich verwundet vom Platze getragen, dahingegen ich an meinen drey leichten Wunden nicht einmahl das Bette huten durffte, sondern mich taglich bey Hofe offentlich zeigen konte. Wenig Wochen darnach wurde ein Gallier fast mit gleicher Muntze von mir bezahlet, weil er die Spanischen Nationen mit ehrenruhrigen Worten, und zwar in meinem Beyseyn angriff. Doch eben diese beyden Unglucks-Consorten hetzten den dritten Feind auf mich, welches ebenfalls ein Neapolitaner war, der nicht so wohl den Savoyer und Gallier, sondern vielmehr seinen in Madrit verungluckten Lands-Mann an mir rachen wolte.

Er machte ein ungemeines Wesen von sich, bath unseres Zwey-Kampffs wegen bey dem Kayser selbst, nicht allein die Vergunstigung, sondern auch frey und sicher Geleite aus, in so ferne er mich entleibte, welches ihm der Kayser zwar anfanglich abschlug, jedoch endlich auf mein unterthanigstes Ansuchen zugestunde.

Demnach wurden alle Anstallten zu unserm MordSpiele gemacht, welchem der Kayser nebst dessen gantzer Hofstatt zusehen wolte. Wir erschienen also beyderseits zu gehoriger Zeit auf dem bestimmten Platze, mit Wehr, Waffen und Pferden aus dermassen wohl versehen, brachen unsere Lantzen ohne besondern Vortheil, griffen hierauff zun Schwerdtern, worbey ich gleich anfanglich spurete: Dass mein Gegner kein ungeubter Ritter sey, indem er mir dermassen hefftig zusetzte, dass ich eine ziemliche Weile nichts zu thun hatte, als seine geschwinden Streiche abzuwenden. Allein er war sehr starck und ungeschickt, mattete sich also in einer viertheils Stunde also hefftig ab, dass er lieber gesehen, wenn ich ihm erlaubt hatte, etwas auszuruhen. Jedoch ich muste mich dieses meines Vortheils auch bedienen, zumahlen sich an meiner rechten Huffte die erste Verwundung zeigte, derowegen fieng ich an, meine besten Krafte zu gebrauchen, brachte auch die nachdrucklichsten Streiche auf seiner Sturm-Hauben an, worunter mir einer also Missrieth, dass seinem Pferde der Kopf gespalten, u. er herunter zu fallen genothiget wurde. Ich stieg demnach gleichfalls ab, liess ihn erstlich wieder aufstehen, und traten also den Kampf zu Fusse, als gantz von neuen wieder an. Hierbey dreheten wir uns dermassen offt und wunderlich herum, dass es das Ansehen hatte als ob wir zugleich tantzen und auch fechten musten, mittlerweile aber drunge allen beyden das Blut ziemlicher massen aus den zerkerbten Harnischen heraus, jedoch mein Gegner fand sich am meisten entkrafftet, wesswegen er auf einige Minuten Stillstand begehrte, ich vergonnete ihm selbigen, und schopffte darbey selbst neue Kraffte, zumahlen da ich sahe, dass mir der Kayserl. Printz ein besonderes Zeichen seiner Gnade sehen liess. So bald demnach mein Feind sein Schwerdt wiederum in die Hohe schwunge, liess ich mich nicht trage finden, sondern versetzte ihm einen solchen gewaltsamen Hieb in das Haupt dass er zu taumeln anfieng, und als ich den Streich wiederholet, endlich todt zur Erden sturtzte. Ich warff mein Schwerdt zuruck, nahete mich hinzu, um durch Abreissung des Helms ihm einige Lufft zu schaffen, da aber das Haupt fast biss auf die Augen gespalten war, konte man gar leicht begreiffen, wo die Seele ihre Ausfahrth genommen hatte, derowegen uberliess ihn der Besorgung seiner Diener, setzte mich zu Pferde und ritte nach meinem Quartiere, allwo ich meine empfangenen Wunden, deren ich zwey ziemlich tieffe und 6. etwas geringere aufzuweisen hatte, behorig verbinden liess.

Dieser Glucks-Streich brachte mir nicht allein am gantzen Kayserl. Hofe grosse Achtbarkeit, sondern des Kayserl. Printzens vollige Gunst zuwege, so dass er mich in die Zahl seiner Leib-Ritter aufnahm, und jahrlich mit einer starcken Geld-Pension versahe. Hierbey erhielt ich Erlaubniss, nicht allein die vornehmsten teutschen Fursten-Hofe, sondern auch die Konigreiche Bohmen, Ungarn und Pohlen zu besuchen, woruber mir die Zeit geschwinder hinlieff als ich gemeinet hatte, indem ich nicht ehe am Kayserl. Hofe zuruck kam, als da die Princessin Margaretha unserm Castilianischen Cron-Printzen Johanni als Braut zugefuhret werden solte. Da nun der Kayserl. Printz Philippus dieser seiner Schwester das Geleite nach Castilien gab, bekam ich bey solcher Gelegenheit mein geliebtes Vaterland, nebst meiner allerliebsten Eleonora wieder zu sehen, indem mich Konig Ferdinandus, auf Vorbitte der Kayserl. und seiner eigenen Kinder, zu Gnaden annahm, und den ehemals begangenen Fehler gantzlich zu vergessen versprach.

Es ist nicht zu beschreiben was die Donna Eleonora vor eine ungewohnliche Freude bezeigte, da ich den ersten Besuch wiederum bey ihr ablegte, hiernachst wuste sie mich mit gantz neuen und sonderbaren Liebkosungen dermassen zu bestricken, dass meine ziemlich erkaltete Liebe weit feuriger als jemahls zu werden begunte, und ob mir gleich meine besten Freunde dero bissherige Auffuhrung ziemlich verdachtig machten, und mich von ihr abzuziehen trachteten; indem dieselbe nicht allein mit dem Neapolitaner, der sich, nach Heilung seiner von mir empfangenen Wunden, noch uber ein Jahr lang in Madrit aufgehalten, eine allzugenaue Vertraulichkeit solte gepflogen, sondern nachst diesem auch allen andern Frembdlingen verdachtige Zugange erlaubt haben; so war doch nichts vermogend mich aus ihren Banden zu reissen, denn so offt ich ihr nur von dergleichen verdriesslichen Dingen etwas erwehnete, wuste sie von ihrer verfolgten Unschuld ein solches Wesen zu machen, und ihre Keuschheit so wohl mit grossen Betheurungen als heissen Thranen dermassen zu verfechten, dass ich ihr in allen Stucken volligen Glauben beymessen, und mich glucklich schatzen muste, wenn sich ihr in Harnisch gebrachtes Gemuthe durch meine kniende Abbitte und ausersten Liebes-Bezeugungen nur wiederum besanfftigen liess.

Da nun solchergestalt alle Wurtzeln der Eifersucht von mir gantz fruhzeitig abgehauen wurden, und sich unsere Hertzen aufs neue vollkommen vereinigt hatten, uber dieses meine Person am gantzen Hofe immer in grossere Achtbarkeit kam, so bedunckte mich, dass das Missvergnugen noch weiter von mir entfernet ware, als der Himmel von der Erde. Nachdem aber die, wegen des Cron-Printzens Vermahlung, angestelleten Ritter-Spiele und andere vielfaltige Lustbarkeiten zum Ende gebracht, gab mir der Konig ein neues Regiment Fuss-Volck, und damit meine Waffen nicht verrosten mochten, schickte er mich nebst noch mehrern gegen die um Granada auf dem Geburge wohnenden Maurer zu Felde, welche damahls allerhand lose Streiche machten, und eine formliche Emporung versuchen wolten. Dieses war mein allergrostes Vergnugen, alldieweilen hiermit Gelegenheit hatte meines lieben Vaters fruhzeitigen T o d an dieser verfluchten Nation zu rachen, und gewiss, sie haben meinen Grimm sonderlich im 1500ten und folgenden Jahre, da ihre Emporung am hefftigsten war, dermassen empfunden, dass dem Konige nicht gereuen durffte mich dahin geschickt zu haben.

Immittelst war Ferdinandus mit Ludovico XII. Konige in Franckreich, uber das Konigreich Neapolis, welches sie doch vor kurtzer Zeit unter sich getheilet, und den Konig Friedericum dessen entsetzt hatten, in Streit gerathen, und mein Vetter Gonsalvus Ferdinandus de Cordua, der die Spanischen Truppen im Neapolitanischen en Chef kommandierte, war im Jahr 1502. so unglucklich gewesen, alles zu verliehren, bis auf die eintzige Festung Barletta. Demnach schrieb er um schleunigen Succurs, und bat den Konig, unter andern mich, als seiner Schwester Sohn mit dahin zu senden. Der Konig willfahrete mir und ihm in diesen Stucke, also gieng ich fast zu Ende des Jahres zu ihm uber. Ich wurde von meinem Vetter, den ich in vielen Jahren nicht gesehen, ungemein liebreich empfangen, und da ich ihm die erfreuliche Zeitung von den bald nachkommenden frischen Volckern uberbrachte, wurde er desto erfreuter, und zweyffelte im geringsten nicht, die Scharte an denen Frantzosen glucklich auszuwetzen, wie er sich denn in seinem Hoffnungs vollen Vorsatze nicht betrogen fand, denn wir schlugen die Frantzosen im folgenden 1503ten Jahre erstlich bey Cereniola, ruckten hierauff vor die Haupt-Stadt Neapolis, welche glucklich erobert wurde, lieferten ihnen noch eine uns vortheilhaffte Schlacht bey dem Flusse Garigliano, und brachten, nachdem auch die Festung Cajeta eingenommen war, das gantze Konigreich Neapolis, unter Ferdinandi Botmassigkeit, so dass alle Frantzosen mit grosten Schimpf daraus vertrieben waren. Im folgenden Jahre wolte zwar Konig Ludovicus uns mit einer weit starckern Macht angreiffen, allein mein Vetter hatte sich, vermoge seiner besondern Klugheit, in solche Verfassung gesetzt, dass ihm nichts abzugewinnen war. Demnach machten die Frantzosen mit unserm Konige Friede und Bundniss, ja weil Ferdinandi Gemahlin Isabella eben in selbigem Jahre gestorben war, nahm derselbe bald hernach eine Frantzosische Dame zur neuen Gemahlin, und wolte seinen Schwieger-Sohn Philippum verhindern, das, durch den Tod des CronPrintzen auf die Princessin Johannam gefallene, Castilien in Besitz zu nehmen. Allein Philippus drunge durch, und Ferdinandus muste nach Arrogonien weichen.

Mittlerweile hatte sich mein Vetter Gonsalvus zu Neapolis in grosses Ansehen gesetzt, regierte daselbst, jedoch zu Ferdinendi grosten Nutzen, als ein wurcklicher Konig, indem alle Unterthanen Furcht und Liebe vor ihm hegten. Allein so bald Ferdinandus dieses etwas genauer uberlegte, entstund der Argwohn bey ihm: Ob vielleicht mein Vetter dahin trachtete, dieses Konigreich dem Philippo zuzuschantzen, oder sich wohl gar selbst dessen Krone auf seinen Kopf zu setzen? Derowegen kam er unvermuthet in eigener Person nach Neapolis, stellete sich zwar gegen Gonsalvum ungemein gnadig, hielt auch dessen gemachte Reichs-Anstalten vor genehm, allein dieser verschlagene Mann merckte denoch, dass des Konigs Freundlichkeit nicht von Hertzen gienge, dem ohngeacht verliess er sich auf sein gut Gewissen, und reisete, ohne einige Schwurigkeit zu machen, mit dem Konige nach Arrogonien, allwo er vor seine treu geleisteten Dienste, mehr Hohn und Spott, als Danck und Ruhm zum Lohne empfieng. Meine Person, die Ferdinando ebenfalls verdachtig vorkam, muste meines Vetters Unfall zugleich mit tragen, jedoch da ich in Aragonien ausser des Konigs Gunst nichts zu suchen, sondern mein Vater- und Mutterliches Erbtheil in Castilien zu fordern hatte, nahm ich daselbst meinen Abschied, und reisete zu Philippo, bey dessen Gemahlin die Donna Eleonora de Sylva aufs neue in Dienste getreten, und eine von ihren vornehmsten Etaats-Frauleins war.

Philippus gab mir sogleich eine Cammer-HerrensStelle, nebst starcken jahrlichen Einkunfften, also heyrathete ich wenig Monathe hernach die Donna Eleonora, allein ob sich hiermit gleich ein besonders schoner, weiblicher Corper an den Meinigen fugte, so fand ich doch in der genausten Umarmung bey weiten nicht dasjenige Vergnugen, wovon die Naturkundiger so vieles Geschrey machen, und beklagte heimlich, dass ich auf dergleichen ungewisse Ergotzlichkeit, mit so vieljahriger Bestandigkeit gewartet, und den ehemaligen Zuredungen meiner vertrauten Freunde nicht mehrern Glauben gegeben hatte.

Jedoch ich nahm mir sogleich vor, dergleichen ungluckliches Verhangniss mit moglichster Gelassenheit zu verschmertzen, auch meiner Gemahlin den allzuzeitlich gegen sie gefasseten Eckel auf alle Weise zu verbergen, immittelst mein Gemuthe nebst eiffrigen Dienstleistungen gegen das Konigliche Haus, mit andern vergonnten Lustbarkeiten zu ergotzen.

Das Glucke aber, welches mir biss in mein dreissigstes Jahr noch so ziemlich gunstig geschienen, mochte nunmehro auf einmahl beschlossen haben, den Rukken gegen mich zu wenden. Denn mein Konig und machtiger Versorger starb im folgenden 1506ten Jahre, die Konigin Johanna, welche schon seit einigen Jahren an derjenigen Ehe-Stands-Kranckheit laborirte, die ich in meinen Adern fuhlete, jedoch nicht eben dergleichen Artzeney, als ich, gebrauchen wolte oder konte, wurde, weil man so gar ihren Verstand verruckt glaubte, vor untuchtig zum regieren erkannt, derowegen entstunden starcke Verwirrungen unter Grossen des Reichs, biss endlich Ferdinandus aus Arragonien kam, und sich mit zurucksetzung des 6. jahrigen Cron-Printzens Caroli, die Regierung des Castilianischen Reichs auf Lebens-Zeit wiederum zueignete.

Ich weiss nicht ob mich mein Eigensinn oder ein

allzu schlechtes Vertrauen abhielt, bey diesem meinem alten, und nunmehro recht verneuerten Herrn, um die Bekrafftigung meiner Ehren-Stelle und damit verknupffter Besoldung anzuhalten, wie doch viele meines gleichen thaten, zumahlen da er sich sehr gnadig gegen mich bezeigte, und selbiges nicht undeutlich selbst zu verstehen gab; Jedoch ich stellete mich in diesen meinen besten Jahren alter, schwacher und krancklicher an als ich war, bath mir also keine andere Gnade aus, als dass mir die ubrige Zeit meines Lebens auf meinen Vaterlichen Land-Gutern in Ruhe hinzubringen erlaubt seyn mochte, welches mir denn auch ohne alle Weitlaufftigkeiten zugelassen wurde.

Meine Gemahlin schien hiermit sehr ubel zu frie

den zu seyn, weil sie ohnfehlbar gewisser Ursachen wegen viellieber bey Hofe geblieben ware, jedoch, sie sahe sich halb gezwungen, meinem Willen zu folgen, gab sich derowegen gantz gedultig drein. Ich fand meine Mutter nebst der jungsten Schwester auf meinem besten Ritter-Gute, welche die Hausshaltung daselbst in schonster Ordnung fuhreten. Mein jungster Bruder hatte so wohl als die alteste Schwester eine vortheilhaffte und vergnugte Heyrath getroffen, und wohneten der erste zwey, und die letztere drey Meilen von uns. Ich verheyrathete demnach, gleich in den ersten Tagen meiner Dahinkunfft, die jungste Schwester an einen reichen und qualificierten Edelmann, der vor etlichen Jahren unter meinem Regiment als Hauptmann gestanden hatte, und unser Grantz-Nachbar war, die Mutter aber behielt ich mit grosten Vergnugen bey mir, allein zu meinem noch grossern Schmertzen starb dieselbe ein halbes Jahr darauf plotzlich, nachdem ich ihr die Freude gemacht, nicht allein meinen Schwestern ein mehreres Erbtheil auszuzahlen, als sie mit Recht verlangen konten, sondern auch dem Bruder die Helffte aller meiner erblichen Ritter-Guter zu ubergeben, als wodurch diese Geschwister bewogen wurden, mich nicht allein als Bruder, sondern als einen Vater zu ehren und zu lieben.

Nunmehro war die Besorgung der Landereyen auf drey nahe beysammen gelegenen Ritter-Gutern mein allervergnugtester Zeitvertreib, nachst dem ergotzte mich in Durchlesung der Geschichte, so in unsern und andern Landern vorgegangen waren, damit mich aber niemand vor einen Geitzhalss oder Grillenfanger ansehen mochte, so besuchte meine Nachbaren fleissig, und ermangelte nicht, dieselben zum offtern zu mir zu bitten, woher denn kam, dass zum wenigsten alle Monat eine starcke Zusammenkunfft vieler vornehmer Personen beyderley Geschlechts bey mir anzutreffen war.

Mit meiner Gemahlin lebte ich ungemein ruhig und vertraglich, und ohngeacht wir beyderseits wohl merckten, dass eins gegen das andere etwas besonders muste auf dem Hertzen liegen haben, so wurde doch alle Gelegenheit vermieden, einander zu krancken. Am allermeisten aber muste bewundern, dass die sonst so lustige Donna Eleonora nunmehro ihren angenehmsten Zeitvertreib in geistlichen Buchern und in dem Umgange mit heiligen Leuten beyderley Geschlechts suchte, dahero ich immer befurchtete, sie mochte auf die Gedancken gerathen, sich von mir zu scheiden, und in ein Kloster zu gehen, wie sie denn sich von freyen Stucken gewohnete, wochentlich nur zwey mahl bey mir zu schlaffen, worbey ich gleichwohl merckte, dass sie zur selbigen Zeit im Wercke der Liebe gantz unersattlich war, dem ohngeacht wolten sich von unserern ehelichen Beywohnungen gar keine Fruchte zeigen, welche ich doch endlich ohne allen Verdruss hatte um mich dulden wollen.

Eines Tages, da ich mit meiner Gemahlin auf dem Felde herum spatzieren fuhr, begegnete uns ein Weib, welches nebst einem ohngefahr 12. biss 13. jahrigen Knaben, in die nachst gelegene Stadt Weintrauben zu verkauffen tragen wolte. Meine Gemahlin bekam Lust, diese Fruchte zu versuchen, derowegen liess ich stille halten, um etwas darvon zu kaufen. Mittlerweile sagte meine Gemahlin heimlich zu mir: Sehet doch, mein Schatz, den wohlgebildeten Knaben an, der vielleicht sehr armer Eltern Kind ist, und sich dennoch wohl besser zu unserm Bedienten schicken solte, als etliche, die des Brodts nicht wurdig sind. Ich nehme ihn, versetzte ich, so gleich zu eurem Pagen an, so ferne es seine Mutter und er selbst zufrieden ist. Hieruber wurde meine Gemahlin alsofort vor Freuden Blut-roth, sprach auch nicht allein die Mutter, sondern den Knaben selbst um den Dienst an, schloss den gantzen Handel mit wenig Worten, so, dass der Knabe so gleich mit seinem Frucht-Korbe uns auf unser Schloss folgen muste.

Ich muste selbst gestehen, dass meine Gemahlin an diesen Knaben, welcher sich Caspar Palino nennete, keine uble Wahl getroffen hatte, denn so bald er sein roth mit Silber verbramtes Kleid angezogen, wuste er sich dermassen geschickt und hofflich aufzufuhren, dass ich ihn selbst gern um mich leiden mochte, und allen meinen andern Bedienten befahl, diesem Knaben, bey Verlust meiner Gnade, nicht den geringsten Verdruss anzuthun, wesswegen sich denn meine Gemahlin gegen mich ungemein erkanntlich bezeugte.

Wenige Wochen hernach, da ich mit verschiedenen Gasten und guten Freunden das Mittags-Mahl einnahm, entstund ein grausames Lermen in meinem Hofe, da nun dieserwegen ein jeder an die Fenster lieff, wurden wir gewahr, dass meine Jagd-Hunde eine Bettel-Frau, nebst einer etwa 9. jahrigen Tochter zwar umgerissen, jedoch wenig beschadigt hatten. Meine Gemahlin lieff aus mitleidigen Antriebe so gleich hinunter, und liess die mehr von Schrecken als Schmertzen ohnmachtigen Armen ins Hauss tragen und erquikken, kam hernach zuruck, und sagte: Ach mein Schatz! was vor ein wunderschones Kind ersiehet man an diesem Bettel-Magdlein, vergonnet mir, wo ihr anders die geringste Liebe vor mich habt, dass ich selbiges so wohl als den artigen Caspar auferziehen mag.

Ich nahm mir kein Bedencken, ihr solches zu erlauben, da denn in kurtzen das Bettel-Magdlein dermassen heraus geputzt wurde, auch sich solchergestallt in den Staat zu schicken wuste, als ob es darzu gebohren und auferzogen ware. Demnach konte sich die Donna Eleonora alltaglich so vieles Vergnugen mit demselben machen, als ob dieses Magdlein ihr liebliches Kind sey, ausserdem aber bekummerte sie sich wenig oder gar nichts um ihre Hausshaltungs-Geschaffte, sondern wendete die meiste Zeit auf einen strengen GOttes-Dienst, den sie nebst einer heiligen Frauen oder so genannten Beata zum offtern in einem verschlossenen Zimmer verrichtete.

Diese Beata lebte sonst gewohnlich in dem Hospital der Heil. Mutter GOttes in Madrid, hatte, meiner Gemahlin Vorgeben nach, einen Propheten-Geist, solte viele Wunder gethan haben, und noch thun konnen, uber dieses fast taglicher Erscheinungen der Mutter GOttes, der Engel und anderer Heiligen gewurdiget werden. Sie kam gemeiniglich Abends in der Demmerung mit verhullten Gesichte, und brachte sehr offters eine ebenfalls verhullete junge Weibs-Person mit, die sie vor ihre Tochter ausgab. Ein eintziges mahl wurde mir vergonnet, ihr blosses Angesicht zu sehen, da ich denn bey der Alten ein ausserordentlich hassliches Gesichte, die Junge aber ziemlich wohlgebildet wahrnahm, jedoch nachhero bekummerte ich mich fast gantz und gar nicht mehr um ihren Aus- und Eingang, sondern liess es immerhin geschehen, dass diese Leute, welche ich so wohl als meine Gemahlin vor scheinheilige Narren hielt, offters etliche Tage und Wochen aneinander in einem verschlossenen Zimer sich aufgehalten, u. mit den kostlichsten Spei

sen und Getrancke versorget wurden. Ich muste auch nicht ohne Ursach ein Auge zudrucken, weil zu befurchten war, meine Gemahlin mochte dereinst beym Sterbe-Fall ihr grosses Vermogen mir entziehen, und ihren Freunden zuwenden.

Solchergestalt lebte nun biss ins vierdte Jahr mit der Donna Eleonora, wiewohl nicht sonderlich vergnugt, doch auch nicht gantzlich unvergnugt, biss endlich folgende Begebenheit meine bissherige Gemuths-Gelassenheit vollig vertrieb, und mein Hertz mit lauter Rach-Begierde und rasenden Eiffer anfullte: Meiner Gemahlin vertrautes Cammer-Magdgen, Apollonia, wurde von ihren Mit-Bedienten vor eine Geschwangerte ausgeschryen, und ohngeacht ihr dicker Leib der Sache selbst einen starcken Beweissthum gab, so verliess sie sich doch bestandig aufs Laugnen, biss ich endlich durch erleidliches Gefangniss, die Wahrheit nebst ihrem eigenen Gestandnisse, wer Vater zu ihrem Hur-Kinde sey, zu erforschen Anstalt machen liess. Dem ohngeacht blieb sie bestandig verstockt, allein, am 4ten Tage ihrer Gefangenschafft meldete der Keckermeister in aller Fruhe, dass Apollonia vergangene Nacht plotzlich gestorben sey, nachdem sie vorhero Dinte, Feder und Pappier gefordert, einen Brief geschrieben, und ihn um aller Heiligen Willen gebeten, denselben mit groster Behutsamkeit, damit es meine Gemahlin nicht erfuhre, an mich zu ubergeben. Ich erbrach den Brief mit zitternden Handen, weil mir mein Hertz allbereit eine grassliche Nachricht prophezeyete, und fand ohngefahr folgende Worte darinnen:

Gestrenger Herr!

Vernehmet hiermit von einer sterbenden ein Geheimniss, welches sie bey Verlust ihrer Seeligkeit nicht mit Eleonora, ist eine der allerlasterhafftesten WeibesBilder auf der gantzen Welt. Ihre Jungfrauschafft hat sie schon, ehe ihr dieselbe geliebt, dem Don Sebastian de Urrez Preiss gegeben, und so zu reden, vor einen kostbarn Haupt-Schmuck verkaufft. Mit dem euch wohlbekandten Neapolitaner hat sie in eurer Abwesenheit den Knaben Caspar Palino gezeuget, welcher ihr voritzo als Page aufwartet, und das vermeynte Bettel-Magdlein Euphrosine ist ebenfalls ihre leibliche Tochter, die sie zu der Zeit, als ihr gegen die Maurer zu Felde laget, von ihrem Beicht-Vater empfangen, und heimlich zur Welt gebohren hat. Lasset eures Verwalters Menellez Frau auf die Folter legen, so wird sie vielleicht bekennen, wie es bey der Geburth und Auferziehung dieser unehelichen Kinder hergegangen. Eure Mutter, die ihr gleich anfanglich zuwider war, habe ich auf ihren Befehl mit einem subtilen Gifft aus der Zahl der Lebendigen schaffen mussen, euch selbst aber, ist eben dergleichen Verhangniss bestimmet, so bald ihr nur eure bissherige Gelindigkeit in eine strengere Herrschafft verwandeln werdet. Wie aber ihre Geilheit von Jugend auf gantz unersattlich gewesen, so ist auch die Zahl derjenigen Manns-Personen allerley Standes, worunter sich offters so gar die allergeringsten Bedienten gefunden, nicht auszusprechen, die ihre Brunst so wohl bey Tage als Nacht Wechsels-Weise abkuhlen mussen, indem sie den offtern Wechsel in diesen Sachen jederzeit von ihr allergrostes Vergnugen gehalten. Glaubet ja nicht, mein Herr, dass die so genannte Beata eine heilige Frau sey, denn sie ist in Wahrheit eine der allerliederlichsten Kupplerinnen in gantz Madrit, unter derjenigen Person aber, die vor ihre Tochter ausgegeben wird, ist allezeit ein verkappter Munch, oder ein anderer junger Mensch versteckt, der eure Gemahlin, so offt ihr die Lust bey Tage ankommt, vergnugen, und des Nachts an ihrer Seite liegen muss, und eben dieses ist die sonderbare Andacht, so dieselbe in dem verschlossenen Zimmer verrichtet. Ich fuhle, dass mein Ende heran nahet, derowegen muss die ubrigen Schand-Thaten unberuhret lassen, welche jedoch von des Menellez Frau offenbarer werden konnen, denn ich muss, die vielleicht noch sehr wenigen Augenblikke meines Lebens, zur Busse und Gebet anwenden, um dadurch von GOtt zu erlangen, dass er mich grosse Sunderin seiner Barmhertzigkeit geniessen lasse. Was ich aber allhier von eurer Gemahlin geschrieben habe, will ich in jenem Leben verantworten, und derselben von gantzen Hertzen vergeben, dass sie gestern Abend die Cornelia zu mir geschickt, die mich nebst meiner Leibes-Frucht, vermittelst eines vergiffteten Apffels, unvermerckt aus der Welt schaffen sollen, welches ich nicht ehe als eine Stunde nach Geniessung desselben empfunden und geglaubet habe. Don Vincentio de Garziano, welcher der Donna Eleonora seit 4 Monaten daher von der Beata zum Liebhaber zugefuhret worden, hat wider meiner Gebietherin Wissen und Willen seinen Muthwillen auch an mir ausgeubt, und mich mit einer ungluckseeligen Leibes-Frucht belastiget. Vergebet mir, gnadigster Herr, meine Bossheiten und Fehler, so wie ich von GOTT Vergebung zu erhalten verhoffe, lasset meinen armseeligen Leib in keine ungeweyhete Erde begraben, und etliche SeelMessen vor mich und meine Leibes-Frucht lesen, damit ihr in Zukunfft von unsern Geistern nicht verunruhiget werdet. GOTT, der meine Seele zu trosten nunmehro einen Anfang machet, wird euch davor nach ausgestandenen Trubsalen und Kummernissen wiederum zeitlich und ewig zu erfreuen wissen. Ich sterbe mit grosten Schmertzen als eine bussfertige Christin und eure

unwurdige Dienerin

Apollonia.

Erwege selbst, du! der du dieses liesest, wie mir nach Verlesung dieses Briefes musse zu Muthe gewesen seyn, denn ich weiss weiter nichts zu sagen, als dass ich binnen zwey guten Stunden nicht gewusst habe, ob ich noch auf Erden oder in der Holle sey, denn mein Gemuthe wurde von gantz ungewohnlichen Bewegungen dermassen gefoltert und zermartert, dass ich vor Angst und Bangigkeit nicht zu bleiben wuste, jedoch, da aus den vielen Hin- und Hergehen der Bedienten muthmassete, dass Eleonora erwacht seyn musse, brachte ich dasselbe in behorige Ordnung, nahm eine verstellte gelassene Gebarde an, und besuchte sie in ihrem Zimmer, ich war wurcklich selbst der erste, der ihr von dem Tode der Apolloni die Zeitung brachte, welche sie mit massiger Verwunderung anhorte, und darbey sagte: Der Schand-Balg hat sich ohnfehlbar selbst mit Giffte hingerichtet, um des Schimpffs und der Straffe zu entgehen, man muss es untersuchen, und das Aas auf den Schind-Anger begraben lassen. Allein, ich gab zur Antwort: Wir werden besser thun, wenn wir die gantze Sache vertuschen, und vorgeben, dass sie eines naturlichen Todes gestorben sey, damit den Leuten, und sonderlich der heiligen Inquisition, nicht Gelegenheit gegeben wird, vieles Wesen davon zu machen, ich werde den Pater Laurentium zu mir ruffen lassen, und ihm eine Summe Geldes geben, dass er nach seiner besondern Klugheit alles unterdrucke, den ungluckseeligen Corper auf den Kirchhof begraben lasse, und etliche SeelMessen vor denselben lese. Ihr aber, mein Schatz! sagte ich ferner, werdet, so es euch gefallig ist, die Gute haben, und nebst mir immittelst zu einem unserer Nachbarn reisen, und zwar, wohin euch beliebt, damit unsere Gemuther, nicht etwa dieser verdrusslichen Begebenheit wegen, einige Unlust an sich nehmen, sondern derselben bey lustiger Gesellschafft steuren konnen.

Es schien, als ob ihr diese meine Reden gantz besonders angenehm waren, auf mein ferneres Fragen aber, wohin sie vor dieses mahl hin zu reisen beliebte? schlug sie so gleich Don Fabio de Canaria vor, welcher 3. Meilen von uns wohnete, keine Gemahlin hatte, sondern sich mit etlichen Huren behalff, sonsten aber ein wohlgestaltet, geschickter und kluger Edelmann war. Ich stutzte ein klein wenig uber diesen Vorschlag, Eleonora aber, welche solches so gleich merckte, sagte: Mein Schatz, ich verlange nicht ohne Ursache, diesen ubel-beruchtigten Edelmann einmahl zu besuchen, um welchen es Schade ist, dass er in so offenbarer Schande und Lastern lebt, vielleicht aber konnen wir ihn durch treuhertzige Zuredungen auf andere Wege leiten, un dahin bereden, dass er sich eine Gemahlin aussuchet, mithin den Lastern absaget. Ihr habt recht, gab ich zur Antwort, ja ich glaube, dass niemand auf der Welt, als ihr, geschickter seyn wird, diesen Cavalier zu bekehren, von dessen Lebens-Art, ausser der schandlichen Geilheit, ich sonst sehr viel halte, besinnet euch derowegen auf gute Vermahnungen, ich will indessen meine nothigsten Geschaffte besorgen, und so dann gleich Anstalt zu unserer Reise machen lassen. Hierauf liess ich den Kercker-Meister zu mir kommen, und erkauffte ihn mit 200. Cronen, wegen des Briefs und Apolloniens weitern Geschichten, zum ausersten Stillschweigen, welches er mir mit einem theuren Eyde angelobte. Mit dem Pater Laurentio, der mein Beicht-Vater und Pfarrer war, wurde durch Geld alles geschlichtet, was des todten Corpers halber zu veranstalten war. Nach diesen befahl meinem allergetreusten Leib-Diener, dass er binnen der Zeit unserer Abwesenheit eine kleine schmale Thur aus einem Neben-Zimmer in dasjenige Gemach durchbrechen, und mit Bretern wohl verwahren solte, allwo die Beata nebst ihrer Tochter von meiner Gemahlin gewohnlich verborgen gehalten wurde, und zwar solchergestalt, dass Niemand von dem andern Gesinde etwas davon erfuhre, auch in dem Gemach selbst an den Tapeten nichts zu mercken seyn mochte. Mittlerweile erblickte ich durch mein Fenster, dass die Beata nebst ihrer verstellten Tochter durch die HinterThur meines Gartens abgefertiget und fortgeschickt wurden, wesswegen ich meinen Leib-Diener nochmahls alles ordentlich zeigte, und ihn meiner Meynung vollkommen verstandigte, nach eingenommener Mittags-Mahlzeit aber, mit Eleonoren zu Don Fabio de Canaria reisete.

Nunmehro waren meine Augen weit heller als sonsten, denn ich sahe mehr als zu klarlich mit was vor feurigen Blicken und geilen Gebahrden Eleonora und Fabio einander begegneten, so dass ich leichtlich schliessen konte: wie sie schon vor dem musten eine genauere Bekanndtschafft untereinander gepflogen haben, anbey aber wuste mich dermassen behutsam aufzufuhren, dass beyde Verliebten nicht das geringste von meinen Gedancken errathen oder mercken konten. Im gegentheil gab ihnen die schonste Gelegenheit allein zusammen zu bleiben, und sich in ihrer verdammten Geilheit zu vergnugen, als womit ich Eleonoren ausserordentlich sicher machte, dem Fabio aber ebenfalls die Meynung beybrachte: ich wolte oder konte vielleicht nicht Eifersuchtig werden. Allein dieser Vogel war es eben nicht allein, den ich zu fangen mir vorgenommen hatte. Er hatte noch viele andere Edelleute zu sich einladen lassen, unter denen auch mein Bruder nebst seiner Gemahlin war, diesem vertrauete ich bey einem einsamen Spazier-Gange im Garten, was mir vor ein schwerer Stein auf dem Hertzen lage, welcher denn dieserwegen eben so hefftige GemuthsBewegungen als ich selbst empfand, jedoch wir verstelleten uns nach genommener Abrede aufs Beste, und schienen so wohl als alle andern, drey Tage nach einander rechtschaffen lustig zu seyn. Am vierdten Tage aber reiseten wir wiederum aus einander, nachdem mein Bruder versprochen, alsofort bey mir zu erscheinen, so bald ich ihm dessfalls nur einen Boten gesendet hatte. Zwey Tage nach unserer Heimkunfft, kam die verhullte Beata nebst ihrer vermeynten Tochter in aller Fruhe gewandelt, und wurde von Eleonoren mit grostem vergnugen empfangen. Mein Hertz im Leibe entbrannte vom Eiffer und Rache, nachdem ich aber die Arbeit meines Leib-Dieners mit Fleiss betrachtet, und die verborgene Thur nach meinem Sinne vollkommen wohl gemacht befunden, liess ich meinen Bruder zu mir entbiethen, welcher sich denn noch vor Abends einstellete. Meine Gemahlin war bey der Abend-Mahlzeit ausserordentlich wohl aufgeraumt, und schertzte wieder ihre Gewohnheit sehr lange mit uns, da wir aber nach der Mahlzeit einige Rechnungen durchzugehen vornahmen, sagte sie: Meine Herren, ich weiss doch, dass euch meine Gegenwart bey dergleichen ernstlichen Zeitvertreibe beschwerlich fallt, derowegen will mit eurer gutigen Erlaubniss Abschied nehmen, meine Andacht verrichten, hiernach schlafen gehen, weil ich ohnedem heute ausserordentlich mude bin. Wir fertigten sie von beyden Seiten mit unverdachtiger Freundlichkeit ab, blieben noch eine kurtze Zeit beysammen sitzen, begaben uns hernach mit zweyen Blend-Laternen und blossen Seiten-Gewehren, gantz behutsam und stille in dasjenige Zimmer, wo die neue Thur anzutreffen war, allwo man auch durch die kleinen Locher, welche so wohl durch die Breter als Tapeten geschnitten und gestochen waren, alles gantz eigentlich sehen konte, was in dem, vor heilig gehaltenen Gemache vorgieng.

Hilff Himmel! Was vor Schande! Was vor ein scheusslicher Anblick! Meine schone, fromme, keusche, tugendhaffte, ja schon halb canonisirte Gemahlin, Donna Eleonora de Sylva, gieng mit einer jungen Manns-Person Mutternackend im Zimmer auf und ab spatzieren, nicht anders als ob sie den Stand der Unschuld unserer ersten Eltern, bey Verlust ihres Lebens vorzustellen, sich gezwungen sahen. Allein wie kan ich an den Stand der Unschuld gedencken? Und warum solte ich auch diejenigen Sodomitischen Schand-Streiche erwehnen, die uns bey diesem wunderbaren Paare in die Augen fielen, die aber auch kein tugendliebender Mensch leichtlich errathen wird, so wenig als ich vorhero geglaubt, dass mir dergleichen nur im Traume vorkommen konne.

Mein Bruder und ich sahen also diesem Schandund Laster-Spiele langer als eine halbe Stunde zu, binnen welcher Zeit ich etliche mahl vornahm die Thur einzustossen, und diese bestialischen Menschen zu ermorden, allein mein Bruder, der voritzo etwas weniger hitzig als ich war, hielt mich davon ab, mit dem Bedeuten: dergleichen Strafe ware viel zu gelinde, uber dieses so wolten wir doch erwarten was nach dem saubern Spaziergange wurde vorgenommen werden. Wiewohl nun solches leichtlich zu errathen stund, so wurde doch von uns die rechte Zeit, und zwar mit erstaunlicher Gelassenheit abgepasset. So bald demnach ein jedes von den Schand-Balgen einen grossen Becher ausgeleeret, der mit einem besonders annehmlichen Getrancke, welches die verfluchte Geilheit annoch vermehren solte, angefullet gewesen; fielen sie, als gantz berauschte Furien, auf das seitwarts stehende Huren-Lager, und trieben daselbst solche Unflatereyen, deren Angedencken ich gern auf ewig aus meinen Gedancken verbannet wissen mochte. Nunmehro, sagte mein Bruder, haben die Lasterhafften den hochsten Gipffel aller schandlichen Wolluste erstiegen, derowegen kommet mein Bruder! und lasset uns dieselben in den tieffsten Abgrund alles Elendes sturtzen, jedoch nehmet euch so wohl als ich in acht, dass keins von beyden todtlich verwundet werde. Demnach wurde die kleine Thur in aller Stille aufgemacht, wir traten durch die Tapeten hinein, ohne von ihnen gemerckt zu werden, bis ich den verfluchten geilen Bock beym Haaren ergriff, und aus dem Bette auf den Boden warf. Eleonora that einen eintzigen lauten Schrey, un bliebe hernach auf der Stelle ohnmachtig liegen. Die verteuffelte Beata kam im blossen Hembde mit einem Dolche herzu gesprungen, und hatte mich ohnfehlbar getroffen, wo nicht mein Bruder ihr einen solchen hefftigen Hieb uber den Arm versetzt, wovon derselbe biss auf eine eintzige Sehne durchschnitten und gelahmet wurde. Ich gab meinem Leib-Diener ein abgeredetes Zeichen, welcher sogleich nebst 2. Knechten in dem Neben-Zimmer zum Vorscheine kam, und die zwey verfluchten Frembdlinge, so wir dahinein gestossen hatten, mit Stricken binden, und in einen sehr tieffen Keller schleppen liess.

Eleonora lag so lange noch ohne alle Empfindung, bis ihr die getreue Cornelia bey nahe dreyhundert Streiche mit einer scharffen Geissel auf den wollustigen nackenden Leib angebracht hatte, denn diese Magd sahe sich von mir gezwungen, ihrer Frauen dergleichen krafftige Artzeney einzugeben, welche die gewunschte Wurckung auch dermassen that, dass Eleonora endlich wieder zu sich selbst kam, mir zu Fusse fallen, und mit Thranen um Gnade bitten wolte. Allein meine bissherige Gedult war gantzlich erschopfft, derowegen stiess ich die geile Hundin mit einem Fusse zurucke, befahl der Cornelia ihr ein Hembd uberzuwerffen, worauff ich beyde in ein leeres wohlverwahrtes Zimmer stiess, und alles hinweg nehmen liess, womit sie sich etwa selbsten Schaden und Leyd hatten zufugen konnen. Noch in selbiger Stunde wurde des Menellez Frau ebenfalls gefanglich eingezogen, den ubrigen Theil der Nacht aber, brachten ich und mein Bruder mit lauter Berathschlagungen hin, auf was vor Art nehmlich, die wohl angefangene Sache weiter auszufuhren sey. Noch ehe der Tag anbrach, begab ich mich hinunter in das Gefangniss zu des Menellez Frau, welche denn gar bald ohne Folter und Marter alles gestund, was ich von ihr zu wissen begehrte. Hierauff besuchte nebst meinem Bruder die Eleonora, und gab derselben die Abschrifft von der Apollonie Briefe zu lesen, worbey sie etliche mahl sehr tieff seuffzete, jedoch unseres Zuredens ohngeacht, die auserste Verstockung zeigte, und durchaus kein Wort antworten wolte. Demnach liess ich ihren verfluchten Liebhaber in seiner Blosse, so wohl als die schandliche Beata hertzu fuhren, da denn der Erste auf alle unsere Fragen richtige Antwort gab, und bekannte: Dass er Don Vincentio de Garziano hiesse, und seit 4. oder 5. Monaten daher, mit der Eleonora seine schandbare Lust getrieben hatte, bat anbey, ich mochte in Betrachtung seiner Jugend und vornehmen Geschlechts ihm das Leben schencken. Es ist mir, versetzte ich, mit dem T o d e eines solchen liederlichen Menschen, wie du bist, wenig oder nichts geholffen, derowegen solstu zwar nicht hingerichtet, aber doch also gezeichnet werden, dass die Lust nach frembden Weibern verschwinden, und dein Leben ein taglicher Tod seyn soll. Hiermit gab ich meinem LeibDiener einen Winck, welcher sogleich 4. Handfeste Knechte herein treten liess, die den Vincentio sogleich anpackten, und auf eine Tafel bunden. Dieser merckte bald was ihm wiederfahren wurde, fieng derowegen aufs neue zu bitten und endlich zu drohen an: wie nehmlich sein Vater, der ein vornehmer Konigl. Bedienter und Mit-Glied der Heil. Inquisition sey, dessen Schimpff sattsam rachen konte, allein es halff nichts, sondern meine Knechte verrichteten ihr Amt so, dass er unter klaglichen Geschrey seiner Mannheit beraubt, und nachhero wiederum gehefftet wurde. Ich muste zu meinem allergrosten Verdrusse sehen: Dass Eleonora dieserwegen die bittersten Thranen fallen liess, um desswillen sie von mir mit dem Fusse dermassen in die Seite gestossen wurde, dass sie zum andern mahle ohnmachtig darnieder sanck. Bey mir entstund dieserwegen nicht das geringste Mittleyden, sondern ich verliess sie unter den Handen der Cornelia, der Verschnittene aber muste nebst der vermaledeyten Kupplerin zuruck ins Gefangniss wandern. Nachhero wurde auch die Cornelia vorgenommen, welche sich in allen aufs Laugnen verliess, und vor die allerunschuldigste angesehen seyn wolte, so bald ihr aber nur die Folter-Banck nebst dem darzu gehorigen WerckZeuge gezeigt wurde, bekannte die liederliche Metze nicht allein, dass sie auf Eleonorens Befehl den vergiffteten Apffel zugerichtet, und ihn der Apollonie zu essen eingeschwatzt hatte, sondern offenbarete uber dieses noch ein und anderes von ihrer verstorbenen Mit-Schwester Heimlichkeiten, welches alles aber nur Eleonoren zur Entschuldigung gereichen, und mich zur Barmhertzigkeit gegen dieselbe bewegen solte. Allein dieses war alles vergebens, denn mein Gemuthe war dermassen von Grimm und Rache erfullet, dass ich nichts mehr suchte als dieselbe rechtmassiger Weise auszuuben. Immittelst, weil ich mich nicht allzusehr ubereilen wolte, wurde die ubrige Zeit des Tages nebst der darauff folgenden Nacht, theils zu reifflicher Betrachtung meines ungluckseel. Verhangnisses, theils aber auch zur benothigten Ruhe angewendet.

Da aber etwa zwey Stunden vor Anbruch des Tages im halben Schlummer lag, erhub sich ein starcker Tumult in meinem Hofe, wesswegen ich aufsprunge und durchs Fenster ersahe, wie meine Leute mit etlichen frembden Personen zu Pferde, bey Lichte einen blutigen Kampf hielten. Mein Bruder und ich warffen sogleich unsere Harnische uber, und eileten den unsern beyzustehen, von denen allbereit zwey hart verwundet auf dem Platze lagen, jedoch so bald wir unsere Schwerdter frisch gebrauchten, fasseten meine Leute neuen Muth, dass 5. unbekandte Feinde getodtet, und die ubrigen 7. verjagt wurden. Indem kam ein Geschrey, dass sich auf der andern Seiten des Schlosses, ein Wagen nebst etlichen Reutern befande, welche Eleonoren und Cornelien, die sich eben itzo zum Fenster herab liessen, hinweg fuhren wolten. Wir eileten ingesammt mit vollen sprungen dahin, und traffen die beyden saubern Weibs-Bilder allbereit auf der Erden bey dem Wagen an, demnach entstunde daselbst abermahls ein starckes Gefechte, worbey 3. von meinen Leuten, und 8. feindliche ins Grass beissen musten, jedoch letzlich wurden Wagen und Reuter in die Flucht geschlagen, Eleonora und Cornelia aber blieben in meiner Gewalt und musten, um besserer Sicherheit willen, sich in ein finsteres Gewolbe verschliessen lassen.

Ohnfehlbar hatte Cornelia diesen nachtlichen Uberfall angesponnen, indem sie vermuthlich Gelegenheit gefunden, etwa eine bekandte getreue Person aus dem Fenster anzuruffen, und dieselbe mit einem Briefe so wohl an ihre eigene als Eleonorens Vettern oder Buhler abzusenden, welche denn allerhand Wagehalse an sich gezogen, und sie zu erlosen, diesen Krieg mit mir und den Meinigen angefangen hatten, allein ihr Vortheil war sehr schlecht, indem sie 13. todte zuruck liessen, wiewohl ich von meinen Bedienten und Unterthanen auch 4. Mann dabey einbussete. Dieses eintzige kam mir hierbey am allerwundersamsten vor, dass derjenige Keller in welchem die Beata und der Verschnittene lagen, erbrochen, beyde Gefangene aber nirgends anzutreffen waren, wie ich denn auch nachhero niemahls etwas von diesen schandlichen Personen erfahren habe.

Ich liess alle meine Nachbarn bey den Gedancken, dass mich vergangene Nacht eine Rauber-Bande angesprenget hatte, denn weil meine Bedienten und Unterthanen noch zur Zeit reinen Mund hielten, wuste niemand eigentlich, was sich vor eine verzweiffelte Geschicht in meinem Hause zugetragen. Gegen Mitternacht aber lieff die grausame Nachricht bey mir ein, dass sich so wohl Eleonora als Cornelia, vermittelst abgerissener Streiffen von ihren Hembdern, verzweiffelter Weise an zwey im Gewolbe befindlichen Haken, selbst erhanckt hatten, auch bereits erstarret und erkaltet waren. Ich kan nicht laugnen, dass mein Gemuthe dieserwegen hochst besturtzt wurde, indem ich mir vorstellete: Dass beyde mit Leib und Seele zugleich zum Teuffel gefahren, indem aber nebst meinem Bruder diesen grasslichen Zufall beseuffzete und berathschlagte, was nunmehro anzufangen sey, meldete sich ein Bothe aus Madrit, der sein Pferd zu tode geritten hatte, mit folgenden Briefe bey mir an:

Mein Vetter.

Es hat mir ein vertrauter Freund vom Hofe in geheim gesteckt, dass sich entsetzliche Geschichte auf eurem Schlosse begeben hatten, woruber jederman, der es horete, erstaunen muste. Ihr habt starcke Feinde, die dem, euch ohne dieses schon ungnadigen Konige, solche Sache noch heute Abends vortragen und den Befehl auswurcken werden, dass der Konigl. Blut-Richmuthlich noch Morgen vor Mittags bey euch einsprechen mussen. Derowegen bedencket euer Bestes, machet euch bey Zeiten aus dem Staube, und glaubet sicherlich, dass man ihr moget auch Recht oder Unrecht haben, dennoch euer Gut und Blut aussaugen wird. Reiset glucklich, fuhret eure Sachen in besserer Sicherheit aus, und wisset, dass ich bestandig sey

euer getreuer Freund,

Don Alphonso de Cordua.

Nunmehro wolte es Kunst heissen, in meinen verwirrten Angelegenheiten einen vortheilhafften Schluss zu fassen, jedoch da alle Augenblicke kostbarer zu werden schienen, kam mir endlich meines getreuen Vetters Rath am vernunfftigsten vor, zumahlen da mein Bruder denselben gleichfalls billigte. Also nahm ich einen eintzigen getreuen Diener zum Gefahrten, liess zwey der besten Pferde satteln, und so viel Geld und Kleinodien darauf packen, als sie nebst uns ertragen mochten, begab mich solchergestallt auf die schnellste Reise nach Portugall, nachdem ich nicht allein meinem Bruder mein ubriges Geld und Kostbarkeiten mit auf sein Gut zu nehmen anvertrauet, sondern auch, nebst ihm meinem Leib-Diener und andern Getreuen, Befehl ertheilet, wie sie sich bey diesen und jenen Fallen verhalten solten. Absonderlich aber solte den Knaben Caspar Palino, und das Magdlein Euphrosinen heimlich auf sein Schloss bringen, und dieselben in genauer Verwahrung halten, damit man sie jederzeit als lebendige Zeugen darstellen konne.

Ich gelangete hierauff in wenig Tagen auf dem Portugisischen Gebiethe, und zwar bey einem bekandten von Adel an, der mir auf seinem wohlbefestigten Land-Gute den sichersten Auffenthalt versprach.

Von dar aus uberschrieb ich meine gehabten Unglucks-Falle mit allen behorigen Umstanden an den Konig Ferdinandum, und bat mir nichts als einen Frei- und Sicherheits-Brief aus, da ich denn mich ohne Zeit-Verlust vor dem hohen Gerichte stellen, und meine Sachen nach den Gesetzen des Landes wolte untersuchen und richten lassen. Allein ob zwar der Konig anfanglich nicht ungeneigt gewesen mir dergleichen Brief zu ubersenden, so hatten doch der Eleonora und des Vincentio Befreundte, nebst meinen anderweitigen Feinden alles verhindert, und den Konig dahin beredet: Dass derselbe, nachdem ich, auf dreymal wiederholte Citation, mich nicht in das Gefangniss des Heil. Officii gestellet, vor schuldig und straffbar erklaret wurde.

Bei so gestallten Sachen waren alle Vorstellungen, die ich so wohl selbst schrifftlich, als durch einige annoch gute Freunde thun liess, gantzlich vergebens, denn meine Guter hatte der Konig in Besitz nehmen lassen, und einen Theil von den Einkunfften derselben dem Heil. Officio anheim gegeben. Ich glaube gantz gewiss, dass des Konigs Geitz, nachdem er diese schone Gelegenheit besser betrachtet, mehr Schuld an diesem meinen gantzlichen Ruine gewesen, als die Verfolgung meiner Feinde, ja als die gantze Sache selbst. Mein Bruder wurde ebenfalls nicht ubergangen, sondern um eine starcke Summe Geldes gestrafft, jedoch dieser hat meinetwegen keinen Schaden gelitten, indem ich ihm alles Geld und Gut, so er auf mein Bitten von dem Meinigen zu sich genommen, uberlassen, und niemahls etwas zuruck gefordert habe. Also war der Konig, der sich in der Jugend selbst zu meinen Versorger aufgeworffen hatte, nachhero mein Verderber, welches mich jedoch wenig Wunder nahm, wenn ich betrachtete, wie dessen unersattlicher Eigen-Nutz nicht allein alle vornehmsten des Reichs zu paaren trieb, sondern auch die besten Einkunffte der OrdensRitter an sich zohe.

Dem ohngeacht schien es als ob ich noch nicht ungluckseelig genug ware, sondern noch ein harter Schicksaal am Leibe und Gemuth ertragen solte, denn es schrieb mir abermahls ein vertrauter Freund: Dass Ferdinandus meinen Auffenthalt in Portugal erfahren hatte, und dieserwegen ehestens bey dem Konige Emanuel, um die Auslieferung meiner Person bitten wolte, im Fall nun dieses letztere geschahe, durffte keinen Zweiffel tragen, entweder meinen Kopf zu verlieren, oder wenigstens meine ubrige Lebens-Zeit in dem Thurme zu Segovia als ein ewiger Gefangener hinzubringen. Da nun weder dieses noch jenes zu versuchen beliebte, und gleichwohl eines als das andere zu befurchten die groste Ursach hatte, fassete ich den kurtzen Schluss: mein verlohrnes Gluck zur See wieder zu suchen, und weil eben damahls vor 8. oder 9. Jahren die Portugiesen in der neuen Welt eine grosse und vortreffliche Landschafft entdeckt, und selbige Brasilien genennet hatten, setzte ich mich im PortCale zu Schiffe, um selbiges Land selbst in Augenschein zu nehmen, und da es nur in etwas angenehm befande, meine ubrige Lebens-Zeit daselbst zu verbleiben. Allein das Ungluck verfolgte mich auch zur See, denn um die Gegend der so genannten gluckseeligen Insuln, wurden die Portugisischen Schiffe, deren 8. an der Zahl waren, so mit einander seegelten, durch einen hefftigen Sturm-Wind zerstreuet, dasjenige aber, worauf ich mich befand, zerscheiterte an einem Felsen, so dass ich mein Leben zu erhalten einen Balcken ergreiffen, und mich mit selbigen 4. Tage nach einander vom Winde und Wellen muste herum treiben lassen. Mein Untergang war sehr nahe, jedoch der Himmel hatte eben zu rechter Zeit etliche Spanische Schiffe in diese Gegend gefuhret, welche nebst andern auch mich auffischeten und erquickten.

Es waren dieses die Schiffe des Don Alphonso Hojez, und des Don Didaco de Niqvesa, welche beyde von dem Spanischen Konige, als Gouverneurs, und zwar der Erste uber Carthago, der Andere aber uber Caragua, in die neu erfundene Welt abgefertiget waren. Unter allen bey sich habenden Leuten war nur ein eintziger, der mich, und ich hinwiederum ihn von Person sehr wohl kennete, nehmlich: Don Vasco Nunez di Valboa, der unter dem Hojez ein SchiffsHauptmann war, dieser erzeigte sich sehr auffrichtig gegen mich, hatte vieles Mittleyden wegen meines unglucklichen Zustandes, und Schwur wider meinen willen, mich niemanden zu entdecken, also blieb ich bey ihm auf seinem Schiffe, allwo er mich, mit Vorbewusst des Hojez, zu seinem Schiff-Lieutenant machte.

Wir erreichten demnach ohne ferneres Ungemach die Insul Hispaniolam, daselbst rustete der Gouverneur Hojez, 4. grosse und starcke, nebst etlichen kleinen Neben-Schiffen aus, auf welchen wir gerades Wegs hinuber nach der Stadt Neu-Carthago zu seegelten. Hieselbst publicirte Hojez denen Einwohnern des Landes das Konigliche Edict: Wie nehmlich dieselben von ihrem bissherigen Heydnischen Aberglauben ablassen, von den Spaniern das Christenthum nebst guten Sitten und Gebrauchen annehmen, und den Konig in Castilien vor ihren Herrn erkennen solten, widrigen falls man sie mit Feuer und Schwerdt verfolgen, und in die strengste Sclaverey hinweg fuhren wolte.

Allein diese Leute gaben hierauff sehr freymuthig zur Antwort: Dass sie sich um des Konigs von Castilien Gnade oder Ungnade gar nichts bekummerten, nachst diesen mochten sie zwar gern das Vergnugen haben in ihrem Lande mit frembden Volckern umzugehen, und denenselben ihre uberflussigen Reichthumer zuzuwenden, doch musten sich selbige freundlich, fromm und tugendhafft auffuhren. Da aber die Spanier seit ihrer ersten Ankunfft etliche Jahre daher nichts als Tyranney, Geitz, Morden, Blutvergiessen, Rauben, stehlen, sangen und brennen, nebst andern schandlichen Lastern von sich spuren lassen, nahmen sie sich ein billiges Bedencken, dergleichen verdachtiges Christentum, Sitten und Gebrauche anzunehmen. Demnach mochten wir nur alsofort zurucke kehren und ihre Grantzen verlassen, widrigenfalls sie sich genothiget sahen ihre Waffen zu ergreiffen, und uns mit Gewalt von dannen zu treiben.

Ich vor meine Person wuste diesen sehr vernunfftmassigen Entschluss nicht im geringsten zu tadeln, zumahlen da die gottlose und unchristliche Auffuhrung meiner Lands-Leute mehr als zu bekannt worden. Dem ohngeacht liess der Gouverneur alsobald sein Kriegs-Volck an Land steigen, fieng aller Orten zu sangen, zu brennen, todtzuschlagen und zu verfolgen an, verschonete auch weder Jung noch Alt, Reich noch Arm, Mann- oder Weibliches Geschlechte, sondern es muste alles ohne Unterscheid seiner Tyranney herhalten.

Meine Hande huteten sich so viel als moglich war, dieses unschuldige Blut vergiessen zu helffen, ja ich beklagte von Grunde meiner Seelen, dass mich ein ungluckliches Verhangniss eben in dieses jammervolle Land gefuhret hatte, denn es bedunckte mich unrecht und grausam, auch gantz wieder Christi Befehl zu seyn, den Heyden auf solche Art das Evangelium zu predigen. Uber dieses verdross mich heimlich, dass der Gouverneur aus purer Bossheit, das Konigliche Edict, welches doch eigentlich nur auf die Caraiber oder Menschen-Fresser zielete, so muthwillig und schandlich missbrauchte, und nirgends einen Unterschied machte, denn ich kan mit Wahrheit schreiben: dass die Indianer auf dem festen Lande, und einigen andern Insuln, nach dem Lichte der Natur dermassen ordentlich und tugendhafft lebten, dass mancher Maul-Christe dadurch nicht wenig beschamt wurde.

Nachdem aber der Gouverneur Hojez um Carthago herum ziemlich reine Arbeit gemacht, und daselbst ferner keinen Gegenstandt seiner Grausamkeit antreffen konte, begab er sich uber die zwolff Meilen weiter ins Land hinein, streiffte allerwegen herum, Bekriegte etliche Indianische Konige, und verhoffte solchergestallt eine grosse Beute von Gold und Edelgesteinen zu machen, weil ihm etliche gefangene Indianer hierzu die groste Hoffnung gemacht hatten. Allein er fand sich hierinnen gewaltig betrogen, denn da wir uns am allersichersten zu seyn beduncken liessen, hatte sich der Caramairinenser Konig mit seinem ausserlesensten Land-Volcke in beqveme heimliche Oerter versteckt, welcher uns denn dermassen scharff zusetzte, dass wir gezwungen wurden eiligst die Flucht zu ergreiffen und dem Meere zu zu eilen nachdem wir des Hojez Obristen Lieutenant Don Juan de la Cossa, nebst 74. der tapffersten Leute eingebusset, als welche von den Indianern jammerlich zerhackt und gefressen worden, woraus geurtheilet wurde, dass die Caramairinenser von den Caraibern oder Menschen-Fressern herstammeten, und derselben Gebrauche nachlebten, allein ich halte davor, dass es diese sonst ziemlich vernunfftigen Menschen damahls, mehr aus rasenden Eiffer gegen ihre Todt-Feinde, als des Wohlschmeckens wegen gethan haben mogen.

Dieser besondere Unglucks-Fall veruhrsachte, dass der Gouverneur Hojez in dem Hafen vor Carthago, sehr viel Noth und Bekummerniss ausstehen muste, zumahlen da es uns so wohl an Lebens-Mitteln als andern hochstnothigen Dingen zu mangeln begunte. Jedoch zu gutem Glucke traff Don Didaco de Niquesa nebst etlichen Schiffen bey uns ein, welche mit bey nahe 800. guten Kriegs-Leuten und gnugsamen Lebens-Mitteln beladen waren. So bald er demnach den Hojez und dessen Gefahrten aufs Beste wiederum erqvickt hatte, wurde berathschlagt, den empfangenen unglucklichen Streich mit zusammen gesetzter Macht an den Caramairinensern zu rachen, welches denn auch grausam genung von statten gieng. Denn wir uberfielen bey nachtlicher Weile dasjenige Dorff, bey welchem de la Cossa nebst seinen Gefahrten erschlagen worden, zundeten dasselbe rings herum mit Feuer an, und vertilgeten alles darinnen was nur lebendigen Othem hatte, so dass von der grossen Menge Indianer die sich in selbigem versammlet hatten, nicht mehr ubrig blieben als 6. Junglinge, die unsere Gefangene wurden.

Es vermeynete zwar ein jeder, in der Asche dieses abgebrannten Dorffs, so aus mehr als hundert Wohnungen bestanden, einen grossen Schatz an Gold und edlen Steinen zu finden, allein das Suchen war vergebens, indem fast nichts als Unflat von verbrannten Corpern und Todten-Knochen, aber sehr wenig Gold zum vorscheine kam, wesswegen Hojez gantz verdriesslich zuruck zohe, und weiter kein Vergnugen empfand, als den Todt des de la Cossa und seiner Gefahrten gerochen zu haben.

Wenige Zeit hernach beredeten sich die beyden Gouverneurs nehmlich Hojez und Niquesa, dass ein jeder diejenige Landschafft, welche ihm der Konig zu verwalten ubergeben, gnungsam auskundschaffen und einnehmen wolte. Hojez brach am ersten auf, die Landschafft Uraba, so ihm nebst dem Carthaginensischen Port zustunde, aufzusuchen. Wir landeten erstlich auf einer Insul an, welche nachhero von uns den Nahmen Fortis erhalten, wurden aber bald gewahr, dass dieselbe von den allerwildesten Canibalen bewohnet sey, wesswegen keine Hoffnung, allhier viel Geld zu finden, vorhanden war. Jedoch fand sich uber Vermuthen noch etwas von diesem kostlichen metall, welches wir nebst zweyen gefangenen Mannern und 7. Weibern mit uns hinweg fuhreten. Von dar aus seegelten wir gerades Weges nach der Landschafft Uraba, durchstreifften dieselbe glucklich, und baueten Ostwarts in der Gegend Caribana einen Flecken an, nebst einem wohlbefestigten Schlosse, wohin man sich zur Zeit der feindlichen Emporung und plotzlichen Uberfalls sicher zuruck ziehen und aufhalten konte. Dem ohngeacht, liess sich der schon so oft betrogene Hojez abermahls betriegen, indem ihn die gefangenen Indianer viel Wesens von einer austraglichen Gold Grube machten, welche bey dem, 12000. Schritt von unserm Schloss gelegenen Dorffe Tirafi, anzutreffen ware. Wir zogen also dahin, vermeynten die Einwohner plotzlich zu uberfallen und alle zu erschlagen, allein selbige empfiengen uns mit ihren vergiffteten Pfeilen dermassen behertzt, dass wir mit Zurucklassung etlicher Todten und vieler Verwundeten schimpflich zuruck eilen musten.

Folgendes Tages kamen wir in einem andern Dorffe eben so ubel, ja fast noch schlimmer an, auf dem Rukk-Wege aber begegnete dem Gouverneur Hojez der allerschlimste und gefahrlichste Streich, denn es kam

ein kleiner Konig, dessen Ehefrau von dem Hojez Gefangen genommen war, und gab vor, dieselbe mit 20. Pfund Goldes auszulosen, wie denn auch 8. Indianer bey ihm waren, welche, unserer Meynung nach, das Gold bey sich trugen, allein uber alles Vermuthen schoss derselbe einen frisch vergiffteten Pfeil in des Gouverneurs Huffte, und wolte sich mit seinen Gefahrten auf die Flucht begeben, wurden aber von der Leib-Wacht ergriffen, und samtlich in Stucken zerhauen. Jedoch hiermit war dem Gouverneur wenig geholffen, weiln er in Ermangelung krafftiger Artzeneyen, die dem Giffte in der Wunde Widerstand zu thun vermogend, entsetzliche Quaal und Schmertzen ausstehen muste, wie er sich denn seiner Lebens-Erhaltung wegen, etliche mahl ein gluend Eisen-Blech auf die Wunde legen liess, um das Gifft heraus zu brennen, als welches die allergewisseste und sicherste Cur bey dergleichen Schaden seyn solte, jedennoch dem Hojez nicht zu seiner volligen Gesundheit verhelffen konte.

Mittlerzeit kam Bernardino de Calavera, mit einem starcken Schiffe, das 60. tapffere Kriegs Leute, nebst vielen Lebens-Mitteln aufgeladen hatte, zu uns, welches beydes unsern damahligen gefahrlichen und bedurfftigen Zustand nicht wenig verbesserte. Da aber auch diese Lebens-Mittel fast aufgezehret waren, und das Krieges-Volck nicht den geringsten glucklichen Ausschlag von des Hojez Unternehmungen sahe, fiengen sie an, einen wurcklichen Aufstandt zu erregen, welchen zwar Hojez damit zu stillen vermeynte, dass er sie auf die Ankunfft des Don Martin Anciso vertrostete, als welchem er befohlen, mit einem Last-Schiffe voll Proviant uns hierher zu folgen, jedoch die Kriegs-Knechte, welche diese Trostungen, die doch an sich selbst ihre Richtigkeit hatten, in Zweiffel zohen, und vor lauter leere Worte hielten, beredeten sich heimlich, zwey Schiffe von den Unsern zu entfuhren, und mit selbigen in die Insul Hispaniolam zu fahren.

So bald Hojez diese Zusammen-Verschwerung entdeckt, gedachte er dem Unheil vorzubauen, und that den Vorschlag, selbst eine Reise nach Hispaniolam anzutreten, bestellete derowegen den Don Francisco de Pizarro in seiner Abwesenheit zum ObristenLieutenant, mit dem Bedeuten, dass wo er innerhalb 50. Tagen nicht wiederum bey uns eintraffe, ein jeder die Freyheit haben solte hin zu gehen wohin er wolte.

Seine Haupt-Absichten waren, sich in Hispaniola an seiner Wunde bey verstandigen Aertzten vollig heilen zu lassen, und dann zu erforschen, was den Don Anciso abgehalten hatte, uns mit dem bestellten Proviant zu folgen. Demnach setzte er sich in das Schiff, welches Bernardino de Calavera heimlich und ohne Erlaubniss des Ober-Admirals und anderer Regenten aus Hispaniola entfuhret hatte, und segelte mit selbigen auf bemeldte Insul zu.

Wir Zuruckgebliebenen warteten mit Schmertzen auf dessen Wiederkunfft, da aber nicht allein die 50. Tage, sondern noch mehr als zweymahl so viel verlauffen waren, und wir binnen der Zeit vieles Ungemach, so wohl wegen feindlicher Anfalle, als grosser Hungers-Noth erlitten hatten; theilete sich alles Volck in des Hojez zuruckgelassene zwey Schiffe ein, des willens, ihren Gouverneur selbst in Hispaniola aufzusuchen.

Kaum hatten wir das hohe Meer erreicht, da uns ein entsetzlicher Sturm uberfiel, welcher das Schiff, worinnen unsere Mit-Gesellen sassen, in einem Augenblicke umsturzte und in den Abgrund versenckte, so dass kein eintziger zu erretten war. Wir ubrigen suchten dergleichen Unglucke zu entgehen, landeten derowegen bey der Insul Fortis, wurden aber von den Pfeilen der wilden Einwohner dermassen unfreundlich empfangen, dass wir vor unser grostes Gluck schatzten, noch bey zeiten das Schiff zu erreichen, und von dannen zu seegeln.

Indem nun bey solchen kummerlichen Umstanden die Fahrt nach Hispaniola aufs eiligste fortgesetzt wurde, begegnete uns uber alles verhoffen der Oberste Gerichts-Prsident Don Martin Anciso, welcher nicht allein auf einem Last-Schiffe allerhand Nahrungs-Mittel und Kleider-Gerathe, sondern auch in einem Neben-Schiffe gute Kriegs-Leute mit sich fuhrete.

Seine Ankunfft war uns ungemein trostlich, jedoch da er nicht glauben wolte, dass wir von unsern Gouverneur Hojez verlassen waren, im Gegentheil uns vor Aufruhrer oder abgefallene Leute ansahe, musten wir uns gefallen lassen, erstlich eine Zeitlang in der Einfahrth des Flusses Boyus zwischen den Carthaginensischen Port und der Landschafft Cuchibacoam bey ihm stille zu liegen, hernachmahls aber in seiner Begleitung nach der Urabanischen Landschafft zuruck zu seegeln, weil er uns weder zu dem Niqvesa noch in Hispaniolam fuhren wolte, sondern vorgab, er musse uns alle, Krafft seines tragenden Ammts und Pflichten, durchaus in des Gouverneurs Hojez Provinz zurucke bringen, damit dieselbe nicht ohne Besatzung bliebe.

Demnach richteten wir unsern Lauff dahin, allein es schien als ob das Gluck allen unsern Anschlagen zuwider ware, denn als des Anciso allerbestes Schiff in den etwas engen Hafen einlauffen wolte, gienge selbiges durch Unvorsichtigkeit des Steuer-Manns zu scheitern, so dass aller Proviant, Kriegs-Gerathe, Gold, Kleinodien, Pferde und andere Thiere zu Grunde sincken, die Menschen aber sehr kummerlich ihr Leben retten musten, welches wir doch ingesammt, wegen Mangel der nothigen Lebens-Mittel und anderer Bedurffnissen ehestens zu verlieren, fast sichere Rechnung machen konten.

Endlich, nachdem wir uns etliche Tage mit Wurtzeln, Krautern, auch elenden saueren Baum Fruchten des Hungers erwehret, wurde beschlossen etwas tieffer ins Land hinein zu rucken, und viellieber Heldenmuthig zu sterben, als so schandlich und verachtlich zu leben, allein da wir kaum 4. Meilen Wegs zuruck gelegt, begegnete uns eine erstaunliche Menge wohl bewaffneter Indianer, die den tapfern Vorsatz alsobald zernichteten, und uns uber Halss und Kopf, mit ihren vergiffteten Pfeilen, an das Gestade des Meeres, allwo unsere Schiffe stunden, wieder ruckwarts jagten.

Die Bekummerniss uber diesen abermahligen Unglucks-Fall war dennoch nicht so gross als die Freude, so uns von einigen gefangenen Indianern gemacht wurde, welche berichteten, dass oberhalb, dieses Meer-Busens eine Landschafft lage, die an Fruchten und allen nothdurfftigen Lebens-Mitteln alles im grosten Uberflusse hervor brachte. Don Anciso sahe sich also gezwungen, uns dahin zu fuhren. Die dasigen Einwohner hielten sich anfanglich ziemlich ruhig, so bald wir aber anfiengen in diesem gesegneten Lande Hauser aufzubauen, und unsere Wirthschafft ordentlich einzurichten, brach der Konig Comaccus mit seinen Unterthanen auf, und versuchte, uns frembde Gaste aus dem Lande zu jagen. Es kam solchergestallt zu einem grausamen Treffen, welches einen gantzen Tag hindurch und bis in die spate Nacht wahrete, jedoch wir erhielten den Sieg, jagten den zerstreueten Feinden aller Orten nach, und machten alles, was lebendig angetroffen wurde, aufs grausamste darnieder.

Nunmehro fand sich nicht allein ein starcker Uberfluss an Brod, Fruchten, Wurtzeln und andern nothwendigen Sachen, sondern uber dieses in den Gepuschen und sumpffichten Oertern der Flusse, uber drittehalb tausend Pfund gediehen Gold, nebst Leinwand, Bett-Decken, allerley metallenes, auch irrdenes und holtzernes Geschirr und Fasser, welches der Konig Comaccus unsertwegen dahin verstecken und vergraben lassen. Allhier liess Don Anciso nachhero eine Stadt und Kirche, welch er Antiqua Darienis nennete, aufbauen, und solches that er wegen eines Gelubdes, so er der sancta Maria Antiqua die zu Sevillen sonderlich verehret wird, noch vor der Schlacht versprochen hatte. Mittlerzeit liess Don Anciso unsere zuruck gelassenen Leute, in zweyen Schiffen herbey holen, unter welchen sich auch mein besonderer Freund, der Hauptmann Don Vasco Nunez di Valboa befand, welcher nunmehro an der, von einem vergiffteten Pfeile empfangenen Wunde wiederum vollig hergestellet war. Da es nun wegen der erbeuteten Guter zur behorigen Theilung kommen solte, und ein jeder vermerckte, wie Don Anciso als ein eigennutziger Geitzhals uberaus unbillig handelte, indem er sich selbst weit grossere Schatze zueignete, als ihm von rechts wegen zukamen, entstund dieserwegen unter dem KriegsVolcke erstlich ein heimliches Gemurmele, welches hernach zu einem offentlichen Auffruhr ausschlug, da sich die besten Leute an den Don Valbao henckten, und ihn zu ihren Ober-Haupt und Beschutzer aufwarffen. Des Don Anciso Anhang gab zwar dem Valboa Schuld: dass er von Natur ein auffruhrischer und unnutzer Mensch sey, dessen Regiersucht nur allerley Ungluck anzustifften trachte; Allein so viel ich die gantze Zeit meines Umgangs bey ihm gemerckt, war er ein Mann von besonderer Hertzhafftigkeit, der sich vor niemanden scheute, und derowegen das Unrecht, so ihm und den Seinigen geschahe, unmoglich verschmertzen konte, hergegen selbiges auf alle erlaubte Art zu rachen suchte, wiewohl er hierbey niemals den Respect und Vortheil des Konigs in Castilien aus den Augen setzte.

In diesem Lermen kam Don Roderiguez Colmenarez mit zweyen Schiffen aus Hispaniola zu uns, welche nicht allein mit frischen Kriegs-Volck, sondern auch vielen Proviant beladen waren. Dieser vermeynete den Hojez allhier anzutreffen, von dem er erfahren, dass er nebst seinem Volck in grosser Angst und Nothen steckte, fand aber alles sehr verwirrt, indem sich Anciso und Valboa um die Ober-Herrschafft stritten, und jeder seinen besondern Anhang hatte. Um nun einen fernern Streit und endliches Blutvergiessen zu verhuten, schiffte Colmenarez zuruck, seinen Vettern Don Didaco de Niquesa herbey zu bringen, welcher die streitenden Partheyen aus einander setzen, und das Ober-Commando uber die andern alle annehmen solte.

Colmenarez war so glucklich den Niqvesa eben zu rechter Zeit anzutreffen, und zwar in der Gegend die von ihm selbst Nomen Dei benahmt worden, allwo der arme Niqvesa nackend und bloss, nebst seinen Leuten halb todt gehungert, herum irrete. Jedoch nachdem ihn Colmenarez nebst 75. Castilianern zu Schiffe und auf die rechte Strasse gebracht, kam er unverhofft bey uns in Antiqua Darienis an. Hieselbst war er kaum an Land gestiegen, als es lautbar wurde, wie schmahlich und schimpflich er so wohl von Anciso als Valboa geredet, und gedrohet, diese beyden nebst andern Haupt-Leuten, theils ihrer Aemter und Wurden zu entsetzen, theils aber um Gold und Geld aufs scharffste zu bestraffen. Allein eben diese Drohungen gereichten zu seinem allergrosten Unglucke, denn es wurden solchergestalt beyde Theile gegen ihn erbittert, so dass sie den armen Niquesa nebst seinen Leuten wieder zuruck in sein Schiff, und unbarmhertziger weise, ohne Proviant, als einen Hund aus derselbigen Gegend jagten.

Ich habe nach Verfluss einiger Monate etliche von seinen Gefahrten auf der Zorobarer Landschafft angetroffen, welche mich berichteten, dass er nahe bey dem Flusse, nebst etlichen der Seinen, von den Indianern sey erschlagen und gefressen worden, wesswegen sie auch diesen Fluss Rio de los perditos, auf Teutsch den Fluss des Verderbens nenneten, und mir einen Baum zeigten, in dessen glatte Rinde diese Lateinischen Worte geschnitten waren: Hic misero errore fessus, DIDACUS NIQVESA infelix periit. Zu Teutsch: Hier ist der vom elenden herum schweiffen ermudete, und ungluckliche Didacus Niqvesa umgekommen.

Jedoch ich erinnere mich, um bey meiner Geschichts-Erzehlung eine richtige Ordnung zu halten, dass wir nach des Niqvesa Vertreibung abermahls den grosten Kummer, Noth und Hunger leyden musten, indem des Colmenarez dahin gebrachter Proviant gar bald auffgezehret war, so dass wir als wilde Menschen, ja als hungerige Wolffe uberall herum lieffen, und alles hinweg raubten was nur in den nachst gelegenen Landschafften anzutreffen war.

Endlich nachdem Valboa einen Anhang von mehr als 150. der ausserlesensten Kriegs-Leute beysammen hatte, gab er offentlich zu verstehen, dass er nunmehro, da der Gouverneur Hojez allem vermuthen nach umgekommen, unter keines andern Menschen Commando stehen wolle, als welcher ein eigen Diploma von dem Konige selbst aufzuweisen hatte. Anciso hingegen trotzete auf sein oberstes GerichtsPrsidenten-Ammt, weiln aber sein Beglaubigungs Brief vielleicht im letztern Schiffbruche mit versunkken war, oder er nach vieler anderer Meynung wohl gar keinen gehabt hatte, fand Valboa desto mehr Ursach sich demselben nicht zu unterwerffen, und so bald Anciso sein Ansehen mit Gewalt zu behaupten mine machte, uberfiel ihn Valboa plotzlich, liess den Prahlhafften Geitzhals in Ketten und Banden legen, und theilete dessen Gold und Guter der Koniglichen Cammer zu. Jedoch nachdem ich und andere gute Freunde dem Valboa sein allzuhitziges Verfahren glimpfflich vorstelleten, besann er sich bald eines andern, bereuete seine jachzornige Strengigkeit, stellete den Anciso wiederum auf freyen Fuss, gab ihm sein Gold und Guter ohne Verzug zuruck, und hatte sich ohnfehlbar gantzlich mit Anciso ausgesohnet, wenn derselbe nicht allzurachgierig gewesen ware. Wenig Tage hernach seegelte Anciso mit seinen Anhangern von uns hinweg und hinterliess die Drohungen, sich in Castilien, bey dem Konige selbst, uber den Valboa zu beklagen, jedoch dieser letztere kehrete sich an nichts, sondern brachte seyn samtliches Kriegs-Volck in behorige Ordnung, setzte ihnen gewisse Befehlshaber, auf deren Treue er sich verlassen konte, als worunter sich nebst mir auch Don Rodriguez Colmenarez befand, und fieng alsobald an seyn und unser aller Gluck mit rechten Ernste zu suchen.

Coiba war die erste Landschafft, welche von uns angegriffen wurde, und deren Konig Careta, als er sich mit dem Mangel entschuldigte, Proviant und andere Bedurffnissen herzugeben, muste sich nebst Weib, Kindern und allem Hof-Gesinde nach Darien abfuhren lassen.

Mittlerzeit sahe Valboa so wol als alle andern vor nothig an, den Valdivia und Zamudio nach Hispaniola zu senden, deren der erstere bey dem Ober-Admiral, Don Didaco Columbo, und andern Regenten dieser Lande, den Valboa bestens recommandiren, und um schleunige Bey-Hulffe mit Proviant und andern Bedurffnissen bitten solte, Zamudio aber war befehligt eiligst nach Castilien zu seegeln, und des Valboa mit Anciso gehabten Handel bey dem Konige aufs eiffrigste zu vertheidigen. Inzwischen wurde der Coibanische Konig Careta wieder auf freyen Fuss gestellet, jedoch unter den Bedingungen, dass er nicht allein unser Kriegs-Volck nach moglichkeit mit Speise und Tranck versehen, sondern auch dem Valboa in dem Kriegs-Zuge, wider den benachbarten Konig Poncha, beystehen, und die rechten Wege zeigen solte.

Indem nun Careta mit diesem seinen argsten Feinde Poncha bestandig Krieg gefuhret, und von ihm sehr in die Enge getrieben worden, nahm er diese Gelegenheit sich einmahl zu rachen mit Freuden an, zog mit seinen Unterthanen, welche mit langen holtzernen Schwerdtern und sehr spitzigen Wurff-Spiessen bewaffnet waren, stets voraus, um den Poncha unversehens zu uberfallen. Allein dieser hatte dennoch unsern Anzug bey zeiten ausgekundschafft und dieserwegen die Flucht ergriffen, dem ohngeacht fanden wir daselbst einen starcken Vorrath an Lebens-Mitteln und andern trefflichen Sachen, wie nicht weniger etliche 30. Pfund feines Goldes.

Nach diesem glucklichen Streiche wurde der Konig Comogrus uberfallen, mit welchen wir aber auf des Konigs Caret Unterhandlung Bundniss und Friede machten. Dieser Comogrus hatte 7. wohlgestallte Sohne, von welchen der Aelteste ein Mensch von gantz besondern Verstande war, und nicht allein vieles Gold und Kleinodien unter uns austheilete, sondern auch Anschlage gab, wo wir dergleichen kostliche Waaren im uberflusse antreffen konten.

Es liess sich der Konig Comogrus mit seiner gantzen Familie zum christlichen Glauben bereden, wesswegen er in der Tauffe den Nahmen Carolus empfieng, nachdem aber das Bundniss und Freundschafft mit ihm auf solche Art desto fester geschlossen worden, nahmen wir unsern Ruckweg nach Antiquam Darienis, allwo der Valdivia zwar wiederum aus Hispaniola angelangt war, jedoch sehr wenig Proviant, hergegen starcke Hoffnung mit sich brachte, dass wir ehestens alles Benothigte in desto grosserer Menge empfangen solten.

Das Elend wurde also abermahls sehr gross, dazumahlen unsere Erndte durch ungewohnlich starcke Wasser-Fluthen verderbt, alle um und neben uns liegende Landschafften aber ausgezehret waren, derowegen trieb uns die Noth mit grosser Gefahr in das Mittel-Land hinein, nachdem wir am 9ten December des Jahrs 1511. den Valdivia mit vielen Gold und Schatzen, die vor den Konig Ferdinandum gesammlet waren, uber Hispaniolam nach Spanien zu seegeln abgefertiget hatten.

In diesem Mittagigen Lande traffen wir etliche Hauser an, aus welchen ein kleiner Konig Dabaiba genannt, nebst seinen Hof-Gesinde und Unterthanen entflohen war, und wenig Lebens-Mittel, allein sehr viel Hauss-Gerathe, Waffen, auch etliche Pfund gearbeitetes Gold zuruck gelassen hatte. Auf der weitern Fahrth brachte uns ein gewaltiger Sturm um 3. Schiffe, welche mit Volck und allen Gerathe zu Grunde giengen.

So bald wir mit Kummer und Noth zu Lande kamen, wurde der Konig Abenamacheius angegriffen, dessen Hof-Lager in mehr als 500. wohlgebaueten Hutten bestand. Er wolte mit den Seinigen die Flucht nehmen, muste aber endlich Stand halten, und sich nach einer blutigen Schlacht nebst seinen besten Leuten gefangen geben. Dieser Konig hatte in der Schlacht einem von unsern Kriegs-Leuten eine leichte Wunde angebracht, welches dem Lotter-Buben dermassen verdross, dass er ihm, da er doch schon unser Gefangener war, so schandlich als geschwind einen Arm vom Leibe herunter hieb. Weil aber diese That dem Valboa hefftig verdross, wurde dieser Knecht fast biss auf den tod zerprugelt.

Nach diesem erlangten Siege und herrlicher Beute, fuhrete uns ein nackender Indianer in die grosse Landschafft des Konigs Abibeiba, der seine Residenz auf einem sehr hohen und dicken Baume aufgebauet hatte, indem er wegen offterer Wassergusse nicht wohl auf dem Erdboden wohnen konte. Dieser Konig wolte sich weder durch Bitten noch durch Droh-Worte bewegen lassen von diesem hohen Gebaude herab zu steigen, so bald aber die Unsern einen Anfang machten den Baum umzuhauen, kam er nebst zweyen Sohnen herunter, und liess seine ubrigen Hof-Bedienten in der Hohe zuruck. Wir machten Friede und Bundniss mit ihm, und begehrten eine billige Schatzung an Lebens-Mitteln und Golde geliefert zu haben, indem er nun wegen des letztern seinen sonderlichen Mangel vorgeschutzt, gleichwohl aber nur desto hefftiger angestrenget wurde etliche Pfund zu verschaffen, versprach er nebst etlichen seiner Leute auszugehen, und uns binnen 6. Tagen mehr zu bringen als wir verlangt hatten. Allein er ist darvon gegangen und nachhero niemahls wiederum vor unsere Augen gekommen, nachdem wir uns also von ihm betrogen gesehen, wurde aller Vorrath von Speise, Wein und anderen guten Sachen hinweg geraubt, wodurch unsere ermatteten Leiber nicht wenig erquickt und geschickt gemacht wurden, eine fernere muhsame Reise anzutreten.

Mittlerweile hatten sich 5. Konige, nehmlich letztgemeldter Abiebaiba, Cemacchus, Abraibes, dessen Schwager Abenamacheius und Dabaiba zusammen verschworen, uns mit zusamen gesetzten Krafften

plotzlich zu uberfallen und gantzlich zu vertilgen, jedoch zu allem Glucke hatte Valboa eine ausserordentlich schone Jungfrau unter seinen gefangenen WeibsBildern, welche er vor allen andern hertzlich liebte, diese hatte solchen Blut-Rath von ihrem leiblichen Bruder nicht so bald ausgeforschet, als sie von der getreuen Liebe getrieben wurde dem Valboa alle wider ihn gemachten Anschlage zu offenbahren. Dieser theilete sogleich sein Volck in zwey Hauffen, er selbst gieng nebst mir und etliche 70. Mann auf die vertheileten Hauffen der versammleten Indianer loss, zerstreuete dieselben und bekam sehr viele von der Konige Bedienten gefangen, die wir mit zuruck in unser Lager fuhreten, Don Colmenarez aber muste mit 4. Schiffen auf den Flecken Tirichi loss gehen, allwo er so glucklich war denselben unvermuthet zu uberfallen, und der Indianer gantze Kriegs-Rustung, die daselbst zusammen gebracht war zu zernichten, auch eine grosse Beute an Proviant, Gold, Wein und andern brauchbaren Gerathschafften zu machen. Uber dieses hat er allen Aufruhrern und Feinden ein entsetzliches Schrecken eingejagt, indem der oberste Feld-Herr an einen Baum gehenckt und mit Pfeilen durchschossen, nechst dem noch andere Indianische Befehlshaber andern zum Beyspiele aufs grausamste hingerichtet worden.

Solchergestallt verkehrte sich alle bissherige Gefahr, Unruhe und kummerliches Leben auf einmahl, in lauter Friede, Ruhe, Wollust und Freude, denn da sich nachhero die vornehmsten Aufruher gutwillig unter des Valboa Gehorsam begaben, liess er einen allgemeinen Frieden un Vergebung aller vorhergegangenen Widerspenstigkeit halber, ausruffen, seyn Volck aber auf so vieles ausgestandenes Ungemach eine Zeitlang der Ruhe geniessen.

Hierauff nahmen wir unsern Ruck-Weg nach der Urabanischen Landschafft, allwo nach vielen Berathschlagungen endlich beschlossen wurde, dass Don Rodriguez Colmenarez nebst dem Don Juan de Quicedo nach Hispaniolam, und von dar zum Konige von Castilien abgesandt werden solten, um an beyden Orten ordentlichen Bericht von unsern sieghafften Begebenheiten abzustatten, und die Sachen dahin zu veranstallten, dass wir mit etwa 1000. Mann und allen Zubehor verstarckt, den Zug in die Goldreichen Landschafften gegen Mittag sicher unternehmen, und dieselben unter des Konigs in Castilien Bothmassigkeit bringen konten, denn Valdivia und Zamudio wolten nicht wieder zum vorscheine kommen, woraus zu schliessen war, dass sie etwa auf der See verungluckt seyn mochten. Demnach giengen Colmenarez und Quicedo im October 1512. unter Seegel, nachdem sie versprochen keine Zeit zu versaumen, sich so bald als nur moglich wiederum auf den Urabanischen Kusten einzustellen. Allein da Valboa dieser beyder Manner Zuruckkunfft nunmehro fast 11. Monath vergeblich abgewartet, und in Erfahrung brachte, dass Don Pedro de Arias, ehestens als Koniglicher Gouverneur uber die Urabanische und angrantzende Landschafften bey uns eintreffen wurde, trieb ihn so wohl die allbereits erlangte Ehre, als Verlangen die Mittaglichen Goldreichen Lander zu erfinden, so weit, dass er mit den Ober-Hauptern der Landschafften zu Rathe gieng, und den gefahrlichen Zug dahin mit etwa 200. KriegsLeuten vornahm, ohngeacht ihm nicht allein von des Comogri Sohne, sondern auch von den andern Indianischen Konigen gerathen worden, diesen Zug mit nicht weniger als 1000. Mann zu wagen, indem er daselbst ungemein streitbare Volcker antreffen wurde.

Es war der 4te Sept. 1513. da wir mit 3. grossen und 10. sehr kleinen Schiffen abseegelten, und zum erstenmahle wiederum bey des Coibanischen Konigs Caret Landschafft anlandeten. Hieselbst liess Valboa die Schiffe nebst einer Besatzung zuruck, wir aber zogen 170. Mann starck fort, und wurden von des Caret uns zugegebenen Wegweisern in des Ponch Konigreich gefuhret, welchen wir, nachdem er unsern ehemaligen Zuspruch erwogen, endlich mit grosser Muhe zum Freunde und Bundsgenossen bekamen. Nachhero haben wir viele andere Konige, als den Qvarequa, Chiapes, Coquera und andere mehr, theils mit Gute und Liebe, theils aber auch mit Gewalt zum Gehorsam gebracht, mittlerweile aber am 18. October desselbigen Jahres das Mittagliche Meer erfunden, und um selbige Gegend einen erstaunlichen Schatz an Gold und Edel-Steinen zusammen gebracht.

Bei so gluckseeligen Fortgange unseres Vorhabens, bezeigte sich Valboa dermassen danckbar gegen GOTT und seine Gefahrten, dass kein eintziger Ursach hatte uber ihn zu klagen. Eines Tages aber, da er mich an einem einsamen Orte ziemlich betrubt und in Gedancken vertiefft antraff, umarmete er mich mit gantz besonderer Freundlichkeit und sagte: Wie so unvergnugt mein allerbester Hertzens-Freund, fehlet euch etwa Gesundheit, so habe ich Ursach euch zu beklagen, sonsten aber wo Gold, Perlen und edle Steine euren Kummer zu stillen vermogend sind, stehet euch von meinem Antheil so viel zu diensten als ihr verlanget. Ich gab ihm hierauff zu verstehen: dass ich an dergleichen Kostbarkeiten selbst allbereit mehr gesammlet, als ich bedurfte, und mich wenigstens 5. mahl reicher schatzen konte als ich vor dem in Castilien gewesen. Allein mein jetziges Missvergnugen ruhre von nichts anders her, als dass ich mich vor der Ankunfft meines abgesagten Feindes, des Don Pedro de Arias furchtete, und indem ich noch zur Zeit von dem Konige Ferdinando keinen Pardon Brief aufzuweisen hatte, wurde mir derselbe allen ersinnlichen Tort anthun, und wenigstens verhindern, dass ich auch in dieser neuen Welt weder zu Ehren noch zur Ruhe kommen konte. Valboa fieng hieruber an zu lachen und sagte: Habt ihr sonst keine Sorge, mein werthester Freund, so entschlaget euch nur auf einmahl aller Grillen, und glaubet sicherlich, dass es nunmehro mit uns allen beyden keine Noth habe, denn diejenigen Dienste, so wir dem Konige durch Erfindung dieses Mittagigen Meeres und der Gold-reichen Lander geleistet haben, werden schon wurdig seyn, dass er uns alle beyde, jedweden mit einem ansehnlichen Gouvernement, in diesen Landschafften begabet, welche binnen wenig Jahren also einzurichten sind, dass wir unsere ubrige Lebens-Zeit vergnugter darinnen zubringen konnen, als in Castilien selbst. Es sey euch, fuhr er fort, im Vertrauen gesagt, dass ich in kurtzer Zeit selbst eine Reise nach Spanien zu thun willens bin, allda sollen mir eure Sachen noch mehr angelegen seyn, als die meinigen, solchergestalt zweiffele auch im geringsten nicht, euer und mein Glucke zu befestigen.

Diese wohlklingenden Zuredungen machten mein Gemuthe auf einmahl hochst vergnugt, so, dass ich den Valboa umarmete, mich vor seine gute Vorsorge im Voraus hertzlich bedanckte, und versprach, Zeit Lebens sein getreuer Freund und Diener zu verbleiben. Er entdeckte mir hierauf, wie er nur noch willens sey, den Mittagigen Meer-Busen, welchen er St. Michael genennet hatte, nebst den so reich beschriebenen Perlen-Insuln auszukundschafften, nachhero aber so gleich die Ruck-Reise nach Uraba anzutreten, welches Vorhaben ich nicht allein vor billig erachtete, sondern auch alles mit ihm zu unternehmen versprach.

Dieser Meer-Busen solte sich, des Indianischen Konigs Chiapes Aussage nach, 160. Meilen weit von dem festen Lande biss zu dem ausersten MeeresSchlunde erstrecken. Derowegen wurde bald Anstalt gemacht, diese Fahrt anzutreten, und ohngeacht der Konig Chiapes dieselbe hefftig widerrieth, indem er angemerckt hatte, dass um diese Zeit zwey bis drey Monate nach einander die See entsetzlich zu sturmen und zu wuten pflegte, so wolte doch Valboa hiervon im geringsten nicht abstehen, sondern liess etliche Indianische kleine Schifflein zurechte machen, in welche wir uns mit etliche 80. der muthigsten KriegsLeute setzten, und von dannen seegelten.

Allein, nunmehro hatte das unerforschliche Verhangniss beschlossen, mich vor dissmahl nicht allein von dem Valboa, sondern nach etlichen Jahren auch von aller andern menschlichen Gesellschafft abzusondern, denn wenige Tage nach unserer Abfahrt entstund ein entsetzlicher Sturm, welcher die kleinen Schifflein aus einander jagte, und unter andern auch das meinige, worauf ich nebst 9. Kriegs-Leuten sass, in den Abgrund des Meeres zu versencken drohete. Indem nun kein Mittel zu erfinden war, dem jammerlichen Verderben zu entgehen, uberliessen wir uns gantzlich den unbarmhertzigen Fluthen, und suchten allein bey GOtt in jenem Leben Gnade zu erlangen, weil er uns selbige in diesen zeitlichen abzuschlagen schien. Jedoch, nachdem wir noch zwey Tage und Nacht recht wunderbarer Weise bald in die erstaunlichste Hohe, bald aber in grausame Abgrunde zwischen Fluth und Wellen hin verschlagen und fortgetrieben worden, warffen uns endlich die ergrimmten Wellen auf eine halb uberschwemmte Insul, die zwar vor das jammerliche Ertrincken ziemliche Sicherheit versprach, jedoch wenig fruchtbare Baume oder andere Lebens-Mittel zeigte, womit wir bey etwa langweiligen Aufenthalt, unsern Hunger stillen konten.

Es war das Gluck noch einem unserer Fahrzeuge, worauf sich 8. von unsern Kriegs-Leuten nebst zweyen Indianern befanden, eben so gunstig gewesen, selbiges so wohl als uns auf diese Insul zu fuhren, derowegen erfreueten wir uns ungemein, als dieselben zwey Tage hernach zu uns kamen, und ihre gluckliche Errettungs-Art erzehleten.

Wir blieben demnach beysammen, trockneten unser Pulver, betrachteten den wenigen Speise-Vorrath, brachten alle ubrigen Sachen in Ordnung, und fingen hierauf an, die gantze Insul durch zu streiffen, worinnen wir doch weder Menschen noch Vieh, wohl aber einige Baume und Stauden antraffen, welche sehr schlecht nahrhaffte Fruchte trugen. Demnach musten wir uns mehrentheils mit Fischen behelffen, welche die beyden Indianer, so sich in unserer Gesellschafft befanden, auf eine weit leichtere und geschwindere Art, als wir, zu fangen wusten. Da aber nach etlichen Tagen das Wasser in etwas zu fallen begunte, sammleten wir eine grosse Menge der vortrefflichsten Perlen-Muscheln, die das umgeruhrte Eingeweyde des Abgrundes auf diese Insul auszuspeyen gezwungen worden. Ich selbst habe an diesem Orte 34. Stuck Perlen von solcher Grosse ausgenommen, und mit anhero gebracht, dergleichen ich vorhero noch nie gesehen oder beschreiben horen, doch nach der Zeit habe auf andern Inseln noch mehr dergleichen, ja theils noch weit grossere gesammlet, welche derjenige, so diese meine Schrifft am ersten zu lesen bekommt, ohnfehlbar finden wird.

Jedoch meinen damahligen Glucks- und UnglucksWechsel zu folgen, ersahe einer von unsern Indianern, der ein gantz ungewohnlich scharffes Gesichte hatte, Sud-Westwerts eine andere Insul, und weiln wir daselbst einen bessern Speise-Vorrath anzutreffen verhofften, wurden unsere kleinen Schiffe bey damahligen stillen Wetter, so gut als moglich, zugerichtet, so, dass wir einsteigen, und besagte Insul nach dreyen Tagen mit abermahliger groster Lebens-Gefahr erreichen konten. Uber alles Vermuthen traffen wir auch daselbst ein kleines Schiff an, welches das wutende Meer mit 11. unserer Mit-Gesellen dahin geworffen hatte. Die Freuden- und Jammer-Thranen lieffen hauffig aus unsern Augen, ersten theils wegen dieser glucklichen Zusammenkunfft, andern theils darum, weil uns die letztern berichteten, dass Valboa nebst den ubrigen ohnmoglich noch am Leben seyn konte, weil sie ingesammt durch den Sturm auf die gefahrlichste und furchterlichste Meeres-Hohe getrieben worden, allwo weit und breit keine Insuln, wohl aber bey hellen Wetter erschrockliche aus dem Wasser hervor ragende Felsen und Klippen zu sehen waren. Im ubrigen war diese Insul so wenig als unsere vorige mit Menschen besetzt, jedoch liessen sich etliche vierfussige Thiere sehen, welche theils den Europaischen Fuchsen, theils aber den wilden Katzen gleichten. Wir nahmen uns kein Bedencken, dieselben zu schiessen, und als vortreffliche Lecker-Bissen zu verzehren, worbey wir eine gewisse Wurtzel, die unsere Indianer in ziemlicher Menge fanden, an statt des Brodts gebrauchten. Nechst diesen liessen sich auch etliche Vogel sehen, die wir ebenfalls schossen, und mit grosten Appetit verzehreten, anbey das Fleisch der vierfussigen Thiere dorreten, und auf den Nothfall spareten.

Ich konte meine Gefahrten, ohngeacht sie mich einhellig vor ihr Ober-Haupt erklareten, durchaus nicht bereden, die Ruck-Fahrt nach St. Michael vorzunehmen, weil ihnen allezeit ein Grausen ankam, so offt sie an die gefahrlichen Klippen und sturmende See gedachten, derowegen fuhren wir immer gerades Weges vor uns von einer kleinen Insul zur andern, biss uns endlich das Gluck auf eine ziemlich grosse fuhrete, die mit Menschen besetzt war. Selbige kamen hauffig herzu, und sahen uns Elenden, die wir durch 19. Schiff-Fahrt gantz krafftloss und ziemlich ausgehungert waren, mit groster Verwunderung zu Lande steigen, machten aber dieserwegen nicht die geringste grimmige Gebarde, sondern hatten uns vielleicht gar als Gotter angebetet, wenn unsere zwey Indianer ihnen nicht bedeutet hatten, dass wir arme verirrete Menschen waren, die lauter Liebe und Freundschafft gegen sie bezeugen wurden, woferne man uns nur erlaubte, allhier auszuruhen, und unsere hungerigen Magen mit einigen Fruchten zu befriedigen. Ob nun schon die Einwohner der unsern Sprache nicht vollig verstunden, sondern das meiste durch Zeichen errathen musten, so erzeigten sich dieselben doch dermassen gefallig, dass wir an ihren naturlichen Wesen noch zur Zeit nicht das geringste auszusetzen fanden. Sie brachten uns gedorretes Fleisch und Fische, nebst etlichen aus Wurtzel-Mehl gebackenen Brodten herzu, wovor wir die glasernen und messingenen Knopffe unter sie theileten, so wir an unsern Kleidern trugen, indem dergleichen schlechte Sachen von ihnen ungemein hoch geschatzt, und mit erstaunlicher Freude angenommen wurden. Gegen Abend kam ihr Konig, welcher Madan genennet wurde, zu uns, dieser trug einen Schurtz von bunten Federn um den Leib, wie auch dergleichen Crone auf dem Haupte, fuhrete einen starcken Bogen in der rechte Hand, in der lincken aber einen holtzernen Wurff-Spiess, wie auch einen Kocher mit Pfeilen auf dem Rucken. Ich hatte das Gluck, ihm ein hochst angenehmes Geschenck zu uberreichen, welches in einem ziemlich grossen Taschen-Messer, einem Feuer-Stahl und zweyen FlintenSteinen bestund, und habe niemahls bey einer lebendigen Creatur grossere Verwunderung gespuret, als sich bey diesem Menschen zeigte, so bald er nur den Nutzen und Krafft dieses Werckzeugs erfuhr. Er bekam uber dieses noch ein Hand-Beil von mir, dessen vortreffliche Tugenden ihn vollends dahin bewegten, dass uns alles, was wir nur anzeigen konten, gereicht und verwilliget wurde. Demnach baueten meine Gefahrten ohnfern vom Meer-Ufer etliche Hutten auf, worinnen 4. 5. oder 6. Personen bequemlich beysammen ruhen, und den hauffig herzu gebrachten SpeiseVorrath verzehren konten. Von unsern Schiess-Gewehr wusten sich diese Leute nicht den geringsten Begriff zu machen, ohngeacht unsere Indianer ihnen bedeuteten, dass diese Werckzeuge Donner, Blitz und Feuer hervor bringen, auch sogleich todtliche Wunden machen konten, da aber einige Tage hernach sich eine ziemliche Menge mittelmassiger Vogel auf einem Baume sehen liessen, von welchen der Konig Madan in grossester Geschwindigkeit zwey mit einem Pfeile herunter schoss, ergriff ich ihn bey der Hand, nahm meine Flinte, und fuhrete ihn biss auf etliche 30. Schritt, gegen einen andern Baum, auf welchen sich diese Vogel abermahls nieder gelassen hatten, und schoss, vermittelst eingeladenen Schrots, auf einmahl 6. von diesen Vogeln herunter. Kaum war der Schuss gethan, als dieser Konig nebst allen seinen anwesenden Unterthanen plotzlich zu Boden fiel, da sie denn vor Schrecken sich fast in einer halben Stunde nicht wieder erholen konten. Auf unser freundliches und liebreiches Zureden kamen sie zwar endlich wiederum zu sich selbst, bezeugten aber nach der Zeit eine mit etwas Furcht vermischte Hochachtung vor uns, zumahlen da wir ihnen bey fernerer Bekandtschafft zeigten, wie wir unsere Schwerdter gegen bose Leute und Feinde zu entblossen und zu gebrauchen pflegten.

Immittelst hatten wir Gelegenheit, etliche Pfund Gold, das auf eine wunderliche Art zu Halss- und Armbandern, Ringen und Angehencken verarbeitet war, gegen allerhand elende und nichts-wurdige Dinge einzutauschen, auch einen starcken Vorrath von gedorreten Fleisch, Fischen, Wurtzeln und andern nahrhafften Fruchten einzusammlen. Nachdem wir aber 3. von den allerdicksten Baumen umgehauen, und in wenig Wochen so viel Schiffe daraus gezimmert, die da weit starcker als die vorigen, auch mit Seegel-Tuchern von geflochtenen Matten und zusammen gedreheten Bast-Stricken versehen waren, suchten wir mit guter Gelegenheit von diesen unsern Wohlthatern Abschied zu nehmen, und nach dem Furth St. Michael zuruck zu kehren, allein, da meine Gefahrten von den Einwohnern dieser Insul vernahmen, dass weiter in See hinein viel grossere bewohnte Insuln anzutreffen waren, worinnen Gold, Edle-Steine, und sonderlich die Perlen in groster Menge befindlich, geriethen sie auf die Verwegenheit, dieselben aufzusuchen. Ich setzte mich zwar so viel, als moglich, darwieder, indem ich ihnen die groste Gefahr, worein wir uns begaben, sattsam vorstellete, allein, es halff nichts, ja es trat alsobald einer auf, welcher mit groster Dreustigkeit sagte: Don Valaro, bedencket doch, dass Valboa nebst unsern andern Cameraden im Meere begraben worden, also durffen wir uns auf unsere geringen Kraffte so wenig, als auf die ehemahligen Bundnisse und Freundschafft der Indianischen Konige verlassen, welche ohne Zweiffel des Valboa Ungluck zeitig genung erfahren haben, diesemnach uns Elenden auch bald abschlachten werden. Lasset uns also viellieber neue Insuln und Menschen aufsuchen, welche von der Grausamkeit und dem Geitze unserer Lands-Leute noch keine Wissenschafft haben, und seyd versichert, dass, so ferne wir christlich, ja nur menschlich mit ihnen umgehen werden, ein weit grosseres Gluck und Reichthum vor uns aufgehaben seyn kan, als wir in den bissherigen Landschafften empfunden haben. Kommen wir aber ja im Sturme um, oder werden ein Schlacht-Opffer vieler Menschen, was ists mehr? Denn wir mussen eben dergleichen Unglucks auf der Ruck-Fahrt nach St. Michael und in den Landern der falsch-gesinneten Konige gewartig seyn.

Ich wuste wider diese ziemlich vernunfftige und sehr tapffermuthige Rede nicht das geringste einzuwenden, wesswegen ich dieses mahl meinen Gefahrten nachgab, und alles zur baldigen Abfahrt veranstalten liess.

Der Abschied von dem Konig Madan und seinen von Natur recht redlichen Unterthanen ging mir wahrhafftig ungemein nahe, zumahlen, da dieselben auf die letzte fast mehr Speise-Vorrath herzu brachten, als wir in unsere kleinen Schiffe einladen konten, einer aber von ihnen, der vom ersten Tage an bestandig um mich gewesen war, fing bitterlich zu weinen an, und bat, sonderlich da er vernahm, wie ich auf dem Ruckwege allhier wiederum ansprechen wolte, ich mochte ihm vergonnen, dass er mit uns reisen durffte, welches ich ihm denn auch mit grosten Vergnugen erlaubte. Er war ein Mensch von etwa 24. Jahren, wohl gewachsen und eines recht feinen Ansehens, zumahlen, da er erstlich etliche Kleidungs-Stuck auf den Leib bekam, sein Nahme hiess Chascal, welchen ich aber nachhero, da er den christlichen Glauben annahm, und von mir die heilige Tauffe empfing, verandert habe.

Solchergestalt fuhren wir mit diesem neuen Wegweiser, der aber wenigen oder gar keinen Verstand von der Schiff-Fahrt hatte, auf und davon, bekamen zwar in etlichen Wochen nichts als Himmel und Wasser zu sehen, hatten aber doch wegen des ungemein stillen Wetters eine recht ruhige Fahrt. Endlich gelangeten wir an etliche kleine Insuln, welche zwar sehr schlecht bevolckert, auch nicht allzusehr fruchtbar waren, jedoch hatten wir die Freude, unsere kleinen Schiffe daselbst aufs neue auszubessern, und mit frischen Lebens-Mitteln anzufullen, biss wir endlich etliche, nahe an einander gelegene grosse Insuln erreichten, und das Hertz fasseten, auf einer der grosten an Land zu steigen.

Hier schienen die Einwohner nicht so guter Art als die vorigen zu seyn, allein, unsere 3 Indianischen Gefahrten leisteten uns bey ihnen recht vortreffliche Dienste, so, dass wir in wenig Tagen mit ihnen allen recht gewunschten Umgang pflegen konten. Wir erfuhren, dass diese Leute vor wenig Jahren grosse Muhe gehabt, sich einer Art Menschen, die ebenfalls bekleidet gewesen, zu erwehren, indem ihnen selbige die Lebens-Mittel, Gold, Perlen und Edlen-Steine mit Gewalt abnehmen und hinweg fuhren wollen, jedoch, nachdem sie unsere Freund- und Hofflichkeit zur Gnuge verspuret, wurde uns nicht allein mit gleichmassiger Freundlichkeit begegnet, sondern wir hatten Gelegenheit, auf dieser Insul erstaunliche Schatze und Kostbarkeiten einzusamlen, wie wir denn auch die an

dern nahgelegenen besuchten, und solchergestalt fast mehr zusammen brachten, als unsere Schiffe zu ertragen vermogend waren.1 Meine Leute nahmen sich demnach vor, ein grosses Schiff zu bauen, in welchem wir sammtlich bey einander bleiben, und unsere Guter desto besser fortbringen konten, ich selbst sahe dieses vor gut an, zumahlen wir nicht allein alle Bedurffnisse darzu vor uns sahen, sondern uns auch der Einwohner redlicher Beyhulffe getrosten konten. Demnach wurden alle Hande an das Werck gelegt, welches in kurtzerer Zeit, als ich selbst vermeynte, zum Stande gebracht wurde. Die Einwohner selbiger Insuln fuhren zwar selbsten auch in einer Art von Schiffen, die mit Seegeln und Rudern versehen waren, doch verwunderten sie sich ungemein, da das unsere ihnen, auf so sonderbare Art zugerichtet, in die Augen fiel. Wir schenckten ihnen zwey von unsern mit dahin gebrachten Schiffen, nahmen aber das dritte an statt eines Boots mit uns, wie wir denn auch zwey kleine Nachen verfertigten, um selbige auf der Reise nutzlich zu gebrauchen.

Nachdem wir uns also mit allen Nothdurfftigkeiten wohl berathen hatten, seegelten wir endlich von dannen, und kamen nach einer langweiligen und beschwerlichen Fahrt an ein festes Land, allwo wir ausstiegen, und uns abermahls mit frischen Wasser nebst andern Bedurffnissen versorgen wolten, wurden aber sehr ubel empfangen, indem uns gleich andern Tages mehr als 300. wilde Leute ohnversehens uberfielen, gleich anfanglich drey der unsern mit Pfeilen erschossen, und noch funff andere gefahrlich verwundeten. Ob nun schon im Gegentheil etliche 20. von unsern Feinden auf dem Platze bleiben musten, so sahen wir uns doch genothiget, aufs eiligste nach unsern Schiffe zuruck zu kehren, mit welchen wir etliche Meilen an der Kuste hinunter fuhren, und endlich abermahls auf einer kleinen Insul anlandeten, die zwar nicht mit Menschen, aber doch mit vielerley Arten von Tieren besetzt war, anbey einen starcken Vorrath an nutzlichen Fruchten, Wurtzeln und Krautern zeigte. Allhier hatten wir gute Gelegenheit auszuruhen, bis unsere Verwundeten ziemlich geheilet waren, fuhren hernachmahls immer Sudwerts von einer Insul zur andern, sahen die Kusten des festen Landes lincker Seits bestandig mit sehnlichen Augen an, wolten uns aber dennoch nicht unterstehen, daselbst anzulanden, weiln an dem Leben eines eintzigen Mannes nur allzu viel gelegen war, endlich, nachdem wir viele hundert Meilen an der Land-Seite hinunter geseegelt, liess sich die auserste Spitze desselben beobachten, um welche wir herum fuhren, und nebst einer kalten und verdrusslichen Witterung vieles Ungemach auszustehen hatten. Es war leichtlich zu muthmassen, dass allhier ein wurckliches Ende des festen Landes der neuen Welt gefunden sey, derowegen machten wir die Rechnung, im Fall uns das Gluck bey der Hinauf-Fahrt der andern Seite nicht ungunstiger, als bisshero, seyn wurde, entweder den rechten Weg nach Darien, oder wohl gar nach Europa zu finden, oder doch wenigstens unterwegs Portugisen anzutreffen, zu welchen wir uns gesellen, und ihres Glucks theilhafftig machen konten, denn es lehrete uns die Vernunfft, dass die von den Portugisen entdeckte Landschafften ohnfehlbar auf selbiger Seite liegen musten. Immittelst war die hochste Noth vorhanden, unser Schiff aufs neue auszubessern, und frische LebensMittel anzuschaffen, derowegen wurde eine Landung gewagt, welche nach uberstandener groster Gefahr ein gutes Glucke versprach, daferne wir nicht Ursach gehabt hatten, uns vor feindseeligen Menschen und wilden Thieren zu furchten. Jedoch die allgewaltige Macht des Hochsten, welche aller Menschen Hertzen nach Willen regieren kan, war uns dermahlen sonderlich geneigt, indem sie uns zu solchen Menschen fuhrete, die, ohngeacht ihrer angebohrnen Wildigkeit, solche Hochachtung gegen uns hegten, und dermassen freundlich aufnahmen, dass wir uns nicht genung daruber verwundern konten, und binnen wenig Tagen alles Misstrauen gegen dieselben verschwinden liessen. Es war uns allen wenig mehr um Reichthum zu thun, da wir allbereit einen fast unschatzbarn Schatz an lautern Golde, Perlen und Edelgesteinen besassen, bemuheten uns derowegen nur um solche Dinge, die uns auf der vorhabenden langweiligen Reise nutzlich seyn konten, welches wir denn alles in kurtzer Zeit gewunscht erlangten.

Die bey uns befindlichen 3. redlichen Indianer machten sich das allergroste Vergnugen, einige wunderbare Meer-Thiere listiger Weise einzufangen, deren Fleisch, Fett und sonderlich die Haute, vortrefflich nutzbar waren, denn aus den letztern konten wir schones Riemen-Werck, wie auch Lederne Koller, Schuhe, Mutzen und allerley ander Zeug verfertigen.

So bald wir demnach nur mit der Ausbesserung und Versorgung des Schiffs fertig, dasselbe auch, wo nur Raum ubrig, mit lauter nutzlichen Sachen angefullet hatten, traten wir die Reise auf der andern LandSeite an, vermerckten aber gleich anfanglich, dass Wind und Meer allhier nicht so gutig, als bey der vorigen Seite, war. Zwey Wochen aneinander ging es noch ziemlich ertraglich, allein, nachhero erhub sich ein sehr hefftiger Sturm, der uber 9. Tage wahrete, und bey uns allen die groste Verwunderung erweckte, dass wir ihm endlich so glucklich entkamen, ohngeacht unser Schiff sehr beschadiget an eine sehr elende Kuste getrieben war, allwo sich auf viele Meilwegs herum, ausser etlichen unfruchtbaren Baumen, nicht das geringste von nutzlichen Sachen antreffen liess.

Etliche von meinen Gefahrten streifften dem ohngeacht uberall herum, und kamen eines Abends hochst erfreut zuruck, weil sie, ihrer Sage nach, ein vortrefflich ausgerustetes Europaisches Schiff, in einer kleinen Bucht liegend, jedoch keinen eintzigen lebendigen Menschen darinnen gefunden hatten. Ich liess mich bereden, unser sehr beschadigtes Schiff dahin zu fuhren, und fand mit groster Verwunderung dass es die lautere Wahrheit sey. Wir bestiegen dasselbe, und wurden ziemlichen starcken Vorrath von Wein, Zwieback, geraucherten Fleische und andern Lebens-Mitteln darinnen gewahr, ohne was in den andern Ballen und Fassern verwahret war, die noch zur Zeit niemand eroffnen durffte. Tieffer ins Land hinein wolte sich keiner wagen, indem man von den hochsten FelsenSpitzen weit und breit sonsten nichts als lauter Wusteney erblickte, derowegen wurde beschlossen, unser Schiff, so gut als moglich, auszubessern, damit, wenn die Europaer zuruck kamen, und uns allenfalls nicht in das Ihrige aufnehmen wolten oder konten, wir dennoch in ihrer Gesellschafft weiter mitseegeln mochten.

Allein, nachdem wir mit allem fertig waren, und einen gantzen Monath lang auf die Zuruckkunfft der Europaer vergeblich gewartet hatten, machten meine Gefahrten die Auslegung, dass dieselben ohnfehlbar sich zu tieff ins Land hinein gewagt, und nach und nach ihren Untergang erreicht hatten, wesswegen sie vors allerklugste hielten, wenn wir uns das kostliche Schiff nebst seiner gantzen Ladung zueigneten, und mit selbigen davon fuhren. Ich setzte mich starck wider diesen Seerauberischen Streich, konte aber nichts ausrichten, indem alle einen Sinn hatten, und alle unsere Sachen in moglichster Eil in das grosse Schiff einbrachten, wolte ich also nicht alleine an einem wusten Orte zuruck bleiben, so muste mir gefallen lassen, das gestohlne Schiff zu besteigen, und mit ihnen von dannen zu segeln, konte auch kaum so viel erbitten, dass sie unser bissheriges Fahrzeug nicht versenckten, sondern selbiges an dessen Stelle stehen liessen.

Kaum hatten wir die hohe See erreicht, als sich die Meinigen ihres Diebstahls wegen ausser aller Gefahr zu seyn schatzten, derowegen alles, was im Schiffe befindlich war, eroffnet, besichtiget, und ein grosser Schatz an Golde nebst andern vortrefflichen Kostbarkeiten gefunden wurde. Allein, wir erfuhren leider! allerseits gar bald, dass der Himmel keinen Gefallen an dergleichen Bossheit habe, sondern dieselbe ernstlich zu bestraffen gesinnet sey. Denn bald hernach erhub sich ein abermahliger dermassen entsetzlicher Sturm, dergleichen wohl leichtlich kein See-Fahrer hefftiger ausgestanden haben mag. Wir wurden von unserer erwehlten Strasse gantz Seitwerts immer nach Suden zu getrieben, welches an dem erlangten Compasse, so offt es nur ein klein wenig stille, deutlich zu ersehen war, es halff hier weder Arbeit noch Muhe, sondern wir musten uns gefallen lassen, dem aufgesperreten Rachen der grasslichen und todtlichen Fluthen entgegen zu eilen, viele wunschten, durch einen plotzlichen Untergang ihrer Marter bald abzukommen, indem sie weder Tag noch Nacht ruhen konten, und die letzte klagliche Stunde des Lebens in bestandiger Unruhe unter dem schrecklichsten Hin- und Wiederkollern erwarten musten. Es wahrete dieser erste Ansatz des Sturms 16. Tage und Nacht hinter einander, ehe wir nur zwey bis drey Stunden ein wenig verschnauben, und das Sonnen-Licht auf wenige Minuten betrachten konten, bald darauf aber meldete sich ein neuer, der nicht weniger grimmig, ja fast noch hefftiger als der vorige war, Mast und Seegel wurden den erzurnten Wellen zum Opffer uberliefert, worbey zugleich 2. von meinen Gefahrten uber Boort geworffen, und nicht erhalten werden konten, wie denn auch 3. gequetschte und 2. andere krancke folgendes Tages ihren Geist aufgaben. Endlich wurde es zwar wiederum vollkommen stille und ruhig auf der See, allein, wir bekamen in etlichen Wochen weder Land noch Sand zu sehen, so, dass unser susses Wasser nebst dem Proviante, welchen das eingedrungene See-Wasser ohnedem schon mehr als uber die Helffte verdorben hatte, vollig zum Ende ging, und wir uns Hungers wegen gezwungen sahen, recht wiedernaturliche Speisen zu suchen, und das bitter-saltzige See-Wasser zu trincken. Bei so beschaffenen Umstanden riss der Hunger, nebst einer schmerzhafften Seuche, in wenig Tagen einen nach dem andern hinweg, so lange, biss ich, die 3. Indianer und 5. Spanische Kriegs-Leute noch ziemlich gesund ubrig blieben. Es erhub sich immittelst der dritte Sturm, welchen wir 9. Personen, als eine Endschafft unserer Quaal, recht mit Freuden ansetzen horeten. Ich kan nicht sagen, ob er so hefftig als die vorigen zwey Sturme gewesen, weil ich auf nichts mehr gedachte, als mich nebst meinen Gefahrten zum seeligen Sterben zuzuschicken, allein, eben dieser Sturm muste ein Mittel unserer damahligen Lebens-Erhaltung und kunfftiger hertzlicher Busse seyn, denn ehe wir uns dessen versahen, wurde unser jammerlich zugerichtetes Schiff auf eine von denenjenigen Sand-Bancken geworffen, welche ohnfern von dieser mit Felsen umgebenen Insul zu sehen sind. Wir liessen bey bald darauff erfolgter Wind-Stille unsern Nachen in See, das Schiff aber auf der Sand-Banck in Ruhe liegen, und fuhren mit groster Lebens Gefahr durch die Mundung des Westlichen Flusses, welche zur selbigen Zeit durch die herab gesturtzten FelsenStucken noch nicht verschuttet war, in diese schone Insul herein, welche ein jeder vernunfftiger Mensch, so lange er allhier in Gesellschafft anderer Menschen lebt, und nicht mit andern Vorurtheilen behafftet ist, ohnstreitig vor ein irrdisches Paradiess erkennen wird.

Keiner von uns allen gedachte dran, ob wir allhier Menschen-Fresser, wilde Thiere oder andere feindseelige Dinge antreffen wurden, sondern so bald wir den Erdboden betreten, das susse Wasser gekostet und einige fruchttragende Baume erblickt hatten, fielen so wohl die drey Indianer als wir 6. Christen, auf die Knie nieder und danckten dem Allerhochsten Wesen, dass wir durch desselben Gnade so wunderbarer, ja fast ubernaturlicher Weise erhalten worden. Es war ohngefahr zwey Stunden uber Mittag, da wir trostloss gewesenen Menschen zu Lande kamen, hatten derowegen noch Zeit genung unsere hungerigen Magen mit wohlschmeckenden Fruchten anzufullen, und aus den klaren Wasser-Bachen zu trincken, nach diesen wurden alle fernern Sorgen auf dieses mahl bey Seite gesetzt, indem sich ein jeder mit seinem Gewehr am Ufer des Flusses zur Ruhe legte, biss auf meinen getreuen Chascal, welcher die Schildwachterey von freyen stucken uber sich nahm, um uns andern vor besorglichen Unglucks-Fallen zu warnen. Nachdem aber ich etliche Stunden und zwar biss in die spate Nacht hinein geschlaffen, wurde der ehrliche Chascal abgeloset, und die Wacht von mir biss zu Auffgang der Sonne gehalten. Hierauff fieng ich an, nebst 4. der starcksten Leute, einen Theil der Insul durchzustreiffen, allein wir fanden nicht die geringsten Spuren von lebendigen Menschen oder reissenden Thieren, an deren statt aber eine grosse Menge Wildpret, Ziegen auch Affen von verschiedenen Farben. Dergleichen Fleischwerck nun konte uns, nebst den uberflussigen herrlichen Krautern und Wurtzeln, die groste Versicherung geben, allhier zum wenigsten nicht Hungers wegen zu verderben, derowegen giengen wir zuruck, unsern Gefahrten diese frohliche Bothschafft zu hinterbringen, die aber nicht eher als gegen Abend anzutreffen waren, indem sie die Nordliche Gegend der Insul ausgekundschafft, und eben dasjenige bekrafftigten, was wir ihnen zu sagen wusten. Demnach erlegten wir noch selbigen Abend ein stuck Wild nebst einer Ziege, machten Feuer an und brieten solch schones Fleisch, da immittelst die drey Indianer die besten Wurtzeln ausgruben, und dieselben an statt des Brods zu rosten und zuzurichten wusten, welches beydes wir so dann mit groster Lust verzehreten. In folgenden Tagen bemuheten wir uns samtlich aufs auserste, die Sachen aus dem gestrandeten Schiffe heruber auf die Insul zu schaffen, welches nach und nach mit groster Beschwerlichkeit ins Werck gerichtet wurde, indem wir an unser kleines Boot der Lange nach etliche Floss Holtzer fugten, welche am Vordertheil etwas spitzig zusammen lieffen, hinten und vorne aber mit etlichen darauff befestigten Queer-Balcken versehen waren, und solchergestalt durfften wir nicht allein wegen des umschlagens keine Sorge tragen, sondern konten auch ohne Gefahr, eine mehr als vierfache Last darauff laden.

Binnen Monats-Frist hatten wir also alle unsere Guter, wie auch das zergliederte untuchtige Schiff auf die Insul gebracht, derowegen fiengen wir nunmehro an Hutten zu bauen, und unsere Hausshaltung ordentlich einzurichten, worbey der Mangel des rechten Brodts uns das eintzige Missvergnugen erweckte, jedoch die Vorsorge des Himmels hatte auch hierinnen Rath geschafft, denn es fanden sich in einer Kiste etliche wohl verwahrte steinerne Flaschen, die mit Europaischen Korne, Weitzen, Gerste, Reiss und Erbsen, auch andern nutzlichen Samereyen angefullet waren, selbige saeten wir halben Theils aus, u. ich habe solche edle Fruchte von Jahr zu Jahr mit sonderlicher Behutsamkeit fortgepflanzt, so dass sie, wenn GOTT will, nicht allein Zeit meines Lebens sich vermehren, sondern auch auf dieser Insul nicht gar vergehen werden, nur ist zu befurchten, dass das allzuhauffig anwachsende Wild solche edle Aehren, noch vor ihrer volligen Reiffe, abfressen, und die selbst eigene Fortpflantzung, welche hiesiges Orts, gantz sonderbar zu bewundern ist, verhindern werde.

Du wirst, mein Leser, dir ohnfehlbar eine wun

derliche Vorstellung von meinem Glauben ma

chen, da ich in diesen Paragrapho die Vorsorge

des Himmels bewundert, und doch oben be

schrieben habe, wie meine Gefahrten das Schiff

nebst allem dem was drinnen, worunter auch die

mit Getrayde angefullten Flaschen gewesen, un

redlicher Weise an sich gebracht, ja aufrichtig zu

reden, gestohlen haben; Wie reimet sich dieses,

wirstu sagen, zur Erkantniss der Vorsorge GOt

tes? Allein sey zufrieden, wenn ich bey Verlust

meiner Seeligkeit betheure: dass so wohl ich, als

mein getreuer Chascal an diesen Diebs-Streiche

keinen Gefallen gehabt, vielmehr habe ich mich

aus allen Krafften darwieder gesetzt, jedoch

nichts erlangen konnen. Ist es Sunde gewesen,

dass ich in diesem Schiffe mitten unter den Die

ben davon gefahren, und mich aus dermahligen

augenscheinlichen Verderben gerissen, so weiss

ich gewiss, dass mir GOTT dieselbe auf meine

eiffrige Busse und Gebeth gnadiglich vergeben

hat. Inzwischen muss ich doch vieler Umstande

wegen die Gottliche Vorsorge hiebey erkennen,

die mich nicht allein auf der sturmenden See,

sondern auch in der grausamen Hungers Noth

und schadlichen Seuche erhalten, und auf der

Insul mittelbarer Weise mit vielem guten uber

haufft. Meine Gefahrten sind alle in der Helffte

ihrer Tage gestorben, ausgenommen der eintzige

Chascal welcher sein Leben ohngefahr biss 70.

Jahr gebracht, ich aber bin allein am langsten

uberblieben, auf dass ich solches ansagte.

Wir machten uns inzwischen die unverdorbenen Guter, so auf dem gestohlenen Schiffe mitgebracht waren, wohl zu nutze, ich selbst bekam meinen guten Theil an Kleiderwerck, Buchern, Pappier und andern Gerathschafften davon, that aber dabey sogleich ein Gelubde, solcher Sachen zehnfachen Werth in ein geistliches Gestiffte zu liefern, so bald mich GOTT wiederum unter Christen Leute fuhrete.

Es fanden sich Weinstocke in ihrem naturlichen Wachsthume, die wir der Kunst nach in weit bessern Stand brachten, und durch dieselben grosses Labsal empfiengen, auch kamen wir von ohngefahr hinter den kunstlichen Vortheil, aus gewissen Baumen ein vortreffliches Getrancke zu zapffen, welches alles ich in meinen andern Handschrifften deutlicher beschrieben habe. Nach einem erleidlichen Winter und angenehmen Fruhlinge, wurde im Sommer unser Getrayde reiff, welches wir wiewohl nur in weniger Menge einerndten, jedoch nur die Probe von dem kunftig wohlschmeckenden Brodte machen konten, weil das meiste zur neuen Aussaat vor 9. Personen nothig war, allein gleich im nachstfolgenden Jahre wurde so viel eingesammlet, dass wir zur Aussaat und dem nothdurfftigen Lebens-Unterhalt vollige Genuge hatten.

Mittlerweile war mein Chascal so weit gekommen, dass er nicht allein sehr gut Castilianisch reden, sondern auch von allen christlichen Glaubens-Articuln ziemlich Rede und Antwort geben konte, derowegen nahm ich mir kein Bedencken an diesem abgelegenen Orte einen Apostel abzugeben, und denselben nach Christi Einsetzung zu tauffen, worbey alle meine 5. christlichen Gefahrten zu Gevattern stunden, er empfieng dabey, wegen seiner besondern Treuhertzigkeit, den Nahmen Christian Treuhertz. Seine beyden Gefahrten befanden sich hierdurch dermassen geruhret, dass sie gleichmassigen Unterricht wegen des Christenthums von mir verlangten, welchen ich ihnen mit grosten Vergnugen gab, und nach Verfluss eines halben Jahres auch beyde tauffte, da denn der erstere Petrus Gutmann, der andere aber Paulus Himmelfreund genennet wurde.

In nachfolgenden 3. oder 4. Jahren, befand sich alles bey uns in dermassen ordentlichen und guten Stande, dass wir nicht die geringste Ursach hatten uber appetitliche Lebens-Mittel oder andern Mangel an unentbehrlichen Bedurffnissen zu klagen, ich glaube auch, meine Gefahrte wurden sich nimermehr aus die

ser vergnugenden Landschafft hinweg gesehnet haben: wenn sie nur Hoffnung zur Handlung mit andern Menschen, und vor allen andern Dingen, WeibsLeute, ihr Geschlechte fortzupflantzen, gehabt hatten. Da aber dieses letztere ermangelte, und zu dem erstern sich gantz und gar keine Gelegenheit zeigen wolte, indem sie nun schon einige Jahre vergeblich auf vorbeyfahrende Schiffe gewartet hatten, gaben mir meine 5. Lands-Leute ziemlich trotzig zu verstehen: dass man Anstalt machen muste ein neues Schiff zu bauen, um damit wiederum eine Fahrt zu andern Christen zu wagen, weil es GOtt unmoglich gefallen konte, dergleichen kostbare Schatze, als wir besassen, so nachlassiger Weise zu verbergen, und sich ohne eintzigen Heil. Beruff und Trieb selbst in den uneheligen Stand zu verbannen, darbey aber aller christlichen Sacramenten und Kirchen-Gebrauche beraubt zu leben.

Ohngeacht nun ich sehr deutlich merckte, dass es ihnen nicht so wohl um die Religion als um die Weiber-Liebe zu thun ware, so nahm mir doch ein Bedencken ihrem Vorhaben zu widerstreben, zumahlen da sie meinen vernunfftigen Vorstellungen gantz und gar kein Gehor geben wolten. Meine an sie gethane Fragen aber waren ohngefahr folgendes Innhalts: Meine Freunde bedenckt es wohl, sprach ich,

1. Wie wollen wir hiesiges Orts ein tuchtiges

Schiff bauen konnen, das uns etliche hundert, ja

vielleicht mehr als 1000. Meilen von hier hin

weg fuhren und alles Ungemach der See ertragen

kan. Wo ist gnugsames Eisenwerck zu Nageln,

Klammern und dergleichen? Wo ist Pech,

Werck, Tuch, Strickwerck und anders Dinges

mehr, nach Nothdurfft anzutreffen?

2. Werden wir nicht GOTT versuchen, wenn wir

uns auf einen ubel zugerichteten Schiffe unter

stehen einen so fernen Weg anzutreten, und wer

den wir nicht als Selbst-Morder zu achten seyn,

daferne uns die Gefahr umbringt, worein wir uns

muthwillig begeben?

3. Welcher unter uns weiss die Wege, wo wir hin

gedencken, und wer kan nur sagen in welchem

Theile der Welt wir uns jetzo befinden? auch wie

weit die Reise biss nach Europa ist?

Solche und noch vielmehr dergleichen Fragen die von keinem vernunfftig genung beantwortet wurden, dieneten weiter zu nichts, als ihnen Verdruss zu erwekken, und den gefasseten Schluss zu befestigen, derowegen gab ich ihnen in allen Stucken nach, und halff den neuen Schiff-Bau anfangen, welcher langsam und unglucklich genung von statten gieng, indem der Indianer Paulus von einem umgehauenen Baume plotzlich erschlagen wurde. Dieser war also der erste welcher allhier von mir begraben wurde.

Im dritten Sommer nach angefangener Arbeit war endlich das Schiff so weit fertig, dass wir selbiges in den Fluss, zwischen denen Felsen, allwo es gnugsame Tieffe hatte, einlassen konten. Weiln aber zwey von meinen Lands-Leuten gefahrlich Kranck darnieder zu liegen kamen, wurde die ubrige wenige Arbeit, nebst der Einladung der Guter, biss zu ihrer volligen Genesung versparet.

Meine Gefahrten bezeigten allerseits die groste Freude uber die ihrer Meynung nach wohlgerathene

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Arbeit, allein ich hatte an dem elende Wercke nur allzuviel auszusetzen, und nahm mir nebst meinem getreuen Christian ein billiges Bedencken uns darauff zu wagen, weil ich bey einer so langwierigen Reise dem Tode entgegen zu lauffen, gantz gewisse Rechnung machen konte.

Indem aber nicht allein grosse Verdriesslichkeit, sondern vielleicht gar Lebens-Gefahr zu befurchten war, soferne meine Gefahrten dergleichen Gedancken merckten, hielt ich darmit an mich, und nahm mir vor auf andere Mittel zu gedencken, wodurch diese unvernunfftige Schiffahrth ruckgangig gemacht werden konte. Allein das unerforschliche Verhangniss uberhob mich dieser Muhe, denn wenig Tage hierauff, erhub sich ein grausamer Sturm zur See, welchen wir von den hohen Felsen-Spitzen mit erstaunen zusahen, jedoch gar bald durch einen ungewohnlichen hefftigen Regen in unsere Hutten getrieben wurden, da aber bey hereinbrechender Nacht ein jeder im Begriff war, sich zur Ruhe zu begeben, wurde die gantze Insul von einem hefftigen Erdbeben gewaltig erschuttert, worauff ein dumffiges Geprassele folgete, welches binnen einer oder zweyer Stunden Zeit noch 5. oder 6. mahl zu horen war. Meine Gefahrten, ja so gar auch die zwey Krancken kamen gleich bey erster Empfindung desselben eiligst in meine Hutte gelauffen, als ob sie bey mir Schutz suchen wolten, und meyneten nicht anders, als musse das Ende der Welt vorhanden seyn, da aber gegen Morgen alles wiederum stille war, un der Sonnen lieblicher Glantz zum Vorscheine kam, verschwand zwar die Furcht vor das mahl, allein unser zusammengesetztes Schrecken war desto grosser, da wir die eintzige Einfahrt in unsere Insul, nehmlich den Auslauff des Westlichen Flusses, durch die von beyden Seiten herab geschossenen Felsen gantzlich verschuttet sahen, so dass das gantze Westliche Thal von dem gehemmten Strome unter Wasser gesetzt war.

Dieses Erdbeben geschahe am 18tden Jan. im Jahr Christi 1523. bey eintretender Nacht, und ich hoffe nicht unrecht zu haben, wenn ich solches ein wurckliches Erdbeben oder Erschutterung dieser gantzen Insul nenne, weil ich selbiges selbst empfunden, auch nachhero viele Felsen-Risse und herab geschossene Klumpen angemerckt, die vor der Zeit nicht da gewesen sind. Der Westliche Fluss fand zwar nach wenigen Wochen seinen geraumlichen Auslauff unter dem Felsen hindurch, nachdem er vielleicht die lockere Erde und Sand ausgewaschen und fortgetrieben hatte, und solchergestalt wurde auch das Westliche Thal wiederum von der Wasser-Fluth befreyet, jedoch die Hoffnung unserer baldigen Abfahrt war auf einmahl gantzlich zerschmettert, indem das neu erbaute Schiff unter den ungeheuern Felsen-Stucken begraben lag.

GOTT pflegt in der Natur dergleichen Wunderund Schreck-Wercke selten umsonst zu zeigen. Dieses erkandte ich mehr als zu wohl, wolte solches auch meinen Gefahrten in taglichen Gesprachen beybringen, und sie dahin bereden, dass wir ingesamt als Heilige Einsiedler unser Leben in dieser angenehmen und fruchtbarn Gegend zum wenigsten so lange zubringen wolten, biss uns GOTT von ohngefahr Schiffe und Christen zuschickte, die uns von dannen fuhreten. Allein ich predigte tauben Ohren, denn wenige Zeit hernach, da ihnen abermahls die Lust ankam ein neues Schiff zu bauen, welches doch in Ermangelung so vielerley materialien ein lacherliches Vornehmen war, machten sie erstlich einen Anschlag, im Mittel der Insul den Nordlichen Fluss abzustechen, mithin selbigen durch einen Canal in die kleine See zu fuhren, deren Ausfluss sich gegen Osten zu, in das Meer ergiesset.

Dieser letztere Anschlag war mir eben nicht missfallig, weiln ich allem Ansehen nach, leicht glauben konte, dass durch das Nordliche naturliche Felsen-Gewolbe, nach abgefuhrten Wasser-Flusse, ohnfehlbar ein bequemer Aussgang nach der See zu finden seyn mochte. Derowegen legte meine Hande selbsten mit ans Werck, welches endlich, nach vielen sauern vergossenen Schweisse, im Sommer des 1525ten Jahres zu Stande gebracht wurde. Wir funden einen nach Nothdurfft erhoheten und weiten Gang, musten aber den Fuss-Boden wegen vieler tieffen Kluffte und steiler Abfalle, sehr muhsam mit Sand und Steinen beqvemlich ausfullen und zurichten, biss wir endlich sehr erfreut das Tages-Licht und die offenbare See ausserhalb der Insul erblicken konten.

Nach diesem glucklich ausgeschlagenen Vornehmen, solten aufs eiligste Anstallten zum abermahligen Schiff-Bau gemacht, und die zugerichteten Baume durch den neu erfundenen Weg an den auswendigen Fuss des Felsens hinunter geschafft werden; Aber! ehe noch ein eintziger Baum darzu behauen war, legten sich die zwey schwachsten von meinen Lands-Leuten darnieder und starben, weil sie ohnedem sehr ungesundes Leibes waren, und sich noch darzu bisshero bey der ungezwungenen Arbeit allzuhefftig angegriffen haben mochten. Solchergestallt blieb der neue Schiffs-Bau unterwegs, zumahlen da ich und die mir getreuen zwey Indianer keine Hand mit anlegen wolten.

Allein, indem ich aus gantz vernunfftigen Ursachen dieses tollkuhne Werck gantzlich zu hintertreiben suchte, und mich auf mein gutes Gewissen zu beruffen wuste, dass solches aus keiner andern Absicht geschahe, als den Allerhochsten wegen einer unmittelbaren Erhaltung nicht zu versuchen, noch seiner Gnade zu missbrauchen, da ich mich aus dem ruhigsten und gesegnetsten Lande nicht in die allersicherste Lebens Gefahr sturtzen wolte; so konte doch einem andern gantz abscheulichen Ubel nicht vorbauen, als woruber ich in die allerauserste Besturtzung gerieth, und welches einem jeden Christen einen sonderbaren Schauder erwecken wird.

Es meldete mir nehmlich mein getreuer Christian, dass meine 3. noch ubrigen Lands-Leute seit etlichen Monathen 3. Aeffinnen an sich gewohnet hatten, mit welchen sie sehr offters, so wohl bey Tage als Nacht eine solche schandliche Wollust zu treiben pflegten, die auch diesen ehemaligen Heyden recht eckelhafft und wider die Natur lauffend vorkam. Ich liess mich keine Muhe verdriessen dieser wichtigen Sache, um welcher willen der Hochste die gantze Insul verderben konen, recht gewiss zu werden, war auch endlich so glucklich, oder besser zu sagen, unglucklich, alles selbst in Augenschein zu nehmen, und ein lebendiger Zeuge davon zu seyn, worbey ich nichts mehr, als verdammte Wollust bestialischer Menschen, nechst dem, die ungewohnliche Zuneigung solcher vierfussigen Thiere, uber alles dieses aber die besondere Langmuth GOttes zu bewundern wuste. Folgendes Tages nahm ich die 3. Sodomiten ernstlich vor, und hielt ihnen, wegen ihres begangenen abscheulichen Lasters eine krafftige Gesetz-Predigt, fuhrete ihnen anbey den Gottlichen Ausspruch zu Gemuthe: Wer bey einem Viehe schlafft, soll des Todes sterben etc. etc. Zwey von ihnen mochten sich ziemlich geruhrt befinden, da aber der dritte, als ein junger freveler Mensch, ihnen zusprach, u. sich vernehmen liess, dass ich bey itzigen Umstanden mich um ihr Leben u. Wandel gar nichts zu bekummern, vielweniger ihnen etwas zu befehlen hatte, giengen sie alle drey hochst verdriesslich von mir.

Mittlerzeit aber, da ich diese Straf-Predigt gehalten, hatten die zwey frommen Indianer Christianus und Petrus, auf meinen Befehl die drey verfluchten Affen-Huren glucklich erwurget, so bald nun die bestialischen Liebhaber dieses Spectacul ersahen, schienen sie gantz rasend zu werden, hatten auch meine Indianer ohnfehlbar erschossen, allein zu allem Glucke hatten sie zwar Gewehr, jedoch weder Pulver noch Bley, weiln der wenige Rest desselben in meiner Hutte verwahret lag. In der ersten Hitze machten sie zwar starcke Gebarden, einen Krieg mit mir und den Meinigen anzufangen, da ich aber meinen Leuten geladenes Gewehr und Schwerdter gab, zogen die schandlichen Buben zurucke, dahero ich ihnen zurieff: sie solten auf guten Glauben herzu kommen, und diejenigen Gerathschafften abholen, welche ich ihnen aus Barmhertzigkeit schenckte, nachhero aber sich nicht gelusten lassen, uber den Nord-Fluss, in unser Revier zu kommen, widrigenfalls wir sie als Hunde darnieder schiessen wolten, weil geschrieben stunde: Du sollst den Bosen von dir thun.

Hierauff kamen sie alle drey, und langeten ohne ein eintziges Wort sprechen diejenigen Geschirre und andere hochstnothigen Sachen ab, welche ich durch die Indianer entgegen setzen liess, und verlohren sich damit in das Ostliche Theil der Insul, so dass wir in etlichen Wochen nicht das geringste von ihnen zu sehen bekamen, doch war ich nebst den Meinigen fleissig auf der Hut, damit sie uns nicht etwa bey nachtlicher Zeit uberfallen und erschlagen mochten.

Allein hiermit hatte es endlich keine Noth, denn ihr boses Gewissen und zaghaffte Furchtsamkeit mochte sie zuruck halten, jedoch die Rache folgte ihnen auf dem Fusse nach, denn die Bosewichter musten kurtz hernach einander erschrocklicher Weise selbsten aufreiben, und den Lohn ihrer Bossheiten geben, weil sich niemand zum weltlichen Richter uber sie aufwerffen wolte.

Eines Tages in aller Fruhe, da ich den dritten Theil der Nacht-Wache hielt, horete ich etliche mahl nach einander meinen Nahmen Don Valaro von ferne laut ausruffen, nahm derowegen mein Gewehr, gieng vor die Hutte heraus, und erblickte auf dem gemachten Damme des Nord-Flusses, einen von den dreyen Bosewichten stehen, der mit der rechten Hand ein grosses Messer in die Hohe reckte. So bald er mich ersahe, kam er eilends herzu gelauffen, da aber ich mein aufgezogenes Gewehr ihm entgegen hielt, blieb er etwa 20. Schritt vor mir stehen und schrye mit lauter Stimme: Mein Herr! mit diesem Messer habe ich in vergangener Nacht meine Cameraden ermordet, weil sie mit mir um ein junges Affen-Weib Streit anfiengen. Der Weinbeer und Palmen-Safft hatte uns rasend voll gemacht, sie sind beyde gestorben, ich aber rase noch, sie sind ihrer grausamen Sunden wegen abgestrafft, ich aber, der ich noch mehr als sie gesundiget habe, erwarte von euch einen todtlichen Schuss, damit ich meiner Gewissens-Angst auf einmahl loss komme.

Ich erstaunete uber dergleichen entsetzliche MordGeschicht, hiess ihm das Messer hinweg werffen und naher kommen, allein nachdem er gefragt: Ob ich ihn erschiessen wolle? und ich ihm zur Antwort gegeben: Dass ich meine Hande nicht mit seinem Blute besudeln, sondern ihn GOTTES zeitlichen und ewigen Gerichten uberlassen wolle; fassete er das lange Messer in seine beyden Fauste, und stiess sich selbiges mit solcher Gewalt in die Brust hinein, dass der verzweiffelte Corper sogleich zur Erden sturtzen und seine schandbare Seele ausblasen muste. Meine verschiedenen Gemuths-Bewegungen presseten mir viele Thranen aus den Augen, ohngeacht ich wohl wuste, dass solche lasterhaffte Personen derselben nicht werth waren, doch machte ich, mit Hulffe meiner beyden Getreuen, sogleich auf der Stelle ein Loch, und scharrete das Aass hinein. Hierauff durchstreifften wir die Ostliche Gegend, und fanden endlich nach langem Suchen die Hutte, worinnen die beyden Entleibten beysammen lagen, das teufflische Affen-Weib sass zwischen beyden inne, und wolte durchaus nicht von dannen weichen, wesswegen ich das schandliche Thier gleich auf der Stelle erschoss, und selbiges in eine Stein-Klufft werffen liess, die beyden ViehischMenschlichen Corper aber begrub ich vor der Hutte, zerstorete dieselbe, und nahm die nutzlichsten Sachen daraus mit zuruck in unsere Hausshaltung. Dieses geschahe in der Weinlese-Zeit im Jahre 1527.

Von nun an fuhrte ich mit meinen beyden Getreuen christlichen Indianern die allerordentlichste LebensArt, denn wir beteten taglich etliche Stunden mit einander, die ubrige Zeit aber wurde theils mit nothigen Verrichtungen, theils aber in vergnugter Ruhe zugebracht. Ich merckte an keinen von beyden, dass sie sonderliche Lust hatten, wiedrum zu andern Menschen zu gelangen, und noch vielweniger war eine Begierde zum Frauen-Volck an ihnen zu spuren, sondern sie lebten in ihrer guten Einfalt schlecht und gerecht. Ich vor meine Person empfand in meinem Hertzen den allergrosten Eckel an der Vermischung mit dem Weiblichen Geschlechte, und weil mir ausserdem der Appetit zu aller weltlichen Ehre, Wurde, und den darmit verknupfften Lustbarkeiten vergangen war, so fassete den gantzlichen Schluss, dass, wenn mich ja der Hochste von dieser Insul hinweg, und etwa an andere christliche Oerter fuhren wurde, daselbst zu seinen Ehren, vermittelst meiner kostbaren Schatze, ein Closter aufzubauen, und darinnen meine Lebens-Zeit in lauter GOttes-Furcht zuzubringen.

Im Jahr Christi 1538. starb auch der ehrliche getauffte Christ, Petrus Gutmann, welchen ich nebst dem Christiano hertzlich beweinete, und ihn aufs ordentlichste zur Erde bestattete. Er war ohngefahr etliche 60. Jahr alt worden, und bisshero gantz gesunder Natur gewesen, ich glaube aber, dass ihn ein jahlinger Trunck, welchen er etwas starck auf die Erhitzung gethan, ums Leben brachte, doch mag er auch sein ihm von GOtt bestimmtes, ordentliches Lebens-Ziel erreicht haben.

Nach diesem Todes-Falle veranderten wir unsere Wohnung, und bezogen den grossen Hugel, welcher zwischen den beyden Flussen fast mitten auf der Insul lieget, allda baueten wir eine geraumliche Hutte, uberzogen dieselbe dermassen starck mit LaubWerck, dass uns weder Wind noch Regen Verdruss anthun konte, und fuhreten darinnen ein solches geruhiges Leben, dergleichen sich wohl alle Menschen auf der gantzen Welt wunschen mochten.

Wir haben nach der Zeit sehr viel zerscheiterte Schiffs-Stucken, grosse Ballen und Pack-Fasser auf den Sand-Bancken vor unserer Insul anlanden sehen, welches alles ich und mein Christian, vermittelst eines neugemachten Flosses, von dannen heruber auf unsere Insul holeten, und darinnen nicht allein noch mehrere kostbare Schatze an Gold, Silber, Perlen, Edlen-Steinen und allerley Hauss-Gerathe, sondern auch Kleider-Werck, Betten und andere vortreffliche Sachen fanden, welche letztern unsern EinsiedlerOrden von aller Strengigkeit befreyeten, indem wir, vermittelst desselben, die Lebens-Art aufs allerbequemste einrichten konten. Neunzehn gantzer Jahre habe ich nach des Petri Tode mit meinem Christiano in dem allerruhigsten Vergnugen gelebt, da es endlich dem Himmel gefiel, auch diesen eintzigen getreuen Freund von meiner Seite, ja von dem Hertzen hinweg zu reissen. Denn im Fruhlinge des 1557ten Jahres fing er nach und nach an, eine ungewohnliche Mattigkeit in allen Gliedern zu empfinden, worzu sich ein starcker Schwindel des Haupts, nebst dem Eckel vor Speise und Tranck gesellete, dahero ihm in wenig Wochen alle Kraffte vergingen, biss er endlich am Tage Allerheiligen, nehmlich am 1. Novembr. selbigen Jahres, fruh bey Aufgang der Sonnen, sanfft und seelig auf das Verdienst Christi verschied, nachdem er seine Seele in GOttes Hande befohlen hatte. Die Thranen fallen aus meinen Augen, indem ich dieses schreibe, weil dieser Verlust meines lieben Getreuen mir in meinem gantzen Leben am allerschmerzlichsten gewesen. Voritzo, da ich diesen meinen Lebens-Lauff zum andern mahle aufzuzeichnen im Begriff bin, stehe ich in meinem 105ten Jahre, und wunsche nur dieses:

Meine Seele sterbe des Todes der Gerechten,

Christians Ende.

Den werthen Corper meines allerbesten Freundes habe ich am Fusse dieses Hugels, gegen Morgen zu, begraben, und sein Grab mit einem grossen Steine, worauf ein Creutz nebst der Jahr-Zahl seines Ablebens gehauen, bemerckt. Meine Augen sind nachhero in etlichen Wochen niemahls trocken von Thranen worden, jedoch, da ich mir nachhero den Allerhochsten zum eintzigen Freunde erwehlte, so wurde auf gantz besondere Art getrostet, und in den Stand gesetzt, mein Verhangniss mit groster Gedult zu ertragen.

Drey Jahr nach meines liebsten Christians Tode, nehmlich im Jahr 1560. habe ich angefangen in den Hugel einzuarbeiten, und mir auf die Winters-Zeit eine bequeme Wohnung zuzurichten. Du! der du dieses liesest, und meinen Bau betrachtest, wirst gnungsame Ursache haben, dich uber die Unverdrossenheit eines eintzelnen Menschen zu verwundern, allein, bedencke auch die lange Weile, so ich gehabt habe. Was solte ich sonst nutzbares vornehmen? Zu meinem Acker-Bau brauchte ich wenige Tage Muhe, und bekam jederzeit hundertfachen Segen. Ich habe zwar gehofft, von hier hinweg gefuhret zu werden, und hoffe es noch, allein, es ist mir wenig daran gelegen, wenn meine Hoffnung, wie bisshero, vergeblich ist und bleibt.

Den allergrosten Possen haben mir die Affen auf dieser Insul bewiesen, indem sie mir mein Tage-Buch, in welches ich alles, was mir seit dem Jahr 1509. biss auf das Jahr 1580. merckwurdiges begegnet, richtig aufgezeichnet hatte, schandlicher Weise entfuhret, und in kleine Stucken zerrissen, also habe ich in dieser zweyten Ausfertigung meiner Lebens-Beschreibung nicht so ordentlich und gut verfahren konnen, als ich wohl gewollt, sondern mich eintzig und allein auf mein sonst gutes Gedachtniss verlassen mussen, welches doch Alters wegen ziemlich stumpff zu werden beginnet.

Immittelst sind doch meine Augen noch nicht dunckel worden, auch beduncket mich, dass ich an Krafften und ubriger Leibes-Beschaffenheit noch so starck, frisch und ansehnlich bin, als sonsten ein gesunder, etwa 40. bis 50. jahriger Mann ist.

In der warmen Sommers-Zeit habe ich gemeiniglich in der grunen Laub-Hutte auf dem Hugel gewohnet, zur Regen- und Winters-Zeit aber, ist mir die ausgehaune Wohnung unter dem Hugel trefflich zu statten gekommen, hieselbst werden auch diejenigen, so vielleicht wohl lange nach meinem Tode etwa auf diese Stelle kommen, ohne besondere Muhe, meine ordentlich verwahrten Schatze und andere nutzliche Sachen finden konnen, wenn ich ihnen offenbare, dass in der kleinsten Kammer gegen Osten, und dann unter meinem Steinernen Sessel das allerkostbarste anzutreffen ist.

Ich beklage nochmahls, dass mir die leichtfertigen Affen mein schones Tage-Buch zerrissen, denn wo dieses vorhanden ware, wolte ich dir, mein zukunfftiger Leser, ohnfehlbar noch ein und andere nicht unangenehme Begebenheiten und Nachrichten beschrieben haben. Sey immittelst zu frieden mit diesen wenigen, und wisse, dass ich den Vorsatz habe, so lange ich sehen und schreiben kan, nicht mussig zu leben, sondern dich alles dessen, was mir hinfuro noch sonderbares und merckwurdiges vorkommen mochte, in andern kleinen Buchleins benachrichtigen werde. Voritzo aber will ich diese Beschreibung, welche ich nicht ohne Ursach auch ins Spanische ubersetzt habe, beschliessen, und dieselbe bey Zeiten an ihren gehorigen Ort beylegen, allwo sie vor der Verwesung lange Zeit verwahret seyn kan, denn ich weiss nicht, wie bald mich der Todt ubereilen, und solchergestalt alle meine Bemuhung nebst dem guten Vorsatze, meinen Nachkommen einen Gefallen zu erweisen, gantzlich zernichten mochte. Der GOtt, dem ich meine ubrige Lebens-Zeit aufs allereiffrigste zu dienen mich verpflichte, erhore doch, wenn es sein gnadiger Wille, und meiner Seelen Seeligkeit nicht schadlich ist, auch in diesem Stucke mein Gebeth, und lasse mich nicht plotzlich, sondern in dieser meiner Stein-Hole, entweder auf dem Lager, oder auf meinem Sessel geruhig sterben, damit mein Corper den leichtfertigen Affen und andern Thieren nicht zum Spiele und Scheusal werde, solte auch demselben etwa die zukunfftige Ruhe in der Erde nicht zugedacht seyn: Wohlan! so sey diese Hole mir an statt des Grabes, bis zur frohlichen Auferstehung aller Todten.

***

So viel ists, was ich Eberhard Julius von des seeligen Don Cyrillo de Valaro Lebens-Beschreibung aus dem Lateinischen Exemplar zu ubersetzen gefunden, kommt es nicht allzu zierlich heraus, so ist doch dem Wercke selbst weder Abbruch noch Zusatz geschehen. Es sind noch ausser diesem etliche andere Manuscripta, und zwar mehrentheils in Spanischer Sprache vorhanden, allein, ich habe bisshero unterlassen, dieselben so wohl als die wenigen Lateinischen ins Deutsche zu ubersetzen, welches jedoch mit der Zeit annoch geschehen kan, denn sein Artzeney-Buch, worinnen er den Nutzen und Gebrauch der auf dieser Insul wachsenden Krauter, Wurtzeln und Fruchte abhandelt, auch dabey allerley Kranckheiten und Schaden, die ihm und seinen Gefahrten begegnet sind, erzehlet, verdienet wohl gelesen zu werden, wie denn auch sein allerhand nutzlichen Regeln wegen der Witterung nicht zu verachten ist.

Fussnoten

1 Es ist fast zu vermuthen, dass der Autor solchergestalt auf die jetziger Zeit so genannten Insulas Salomonis gekommen, jedoch in Erwegung anderer Umstande konnen auch wohl nur die Peru und Chili gegen uber gelegenen Insuln gemeynet seyn.

Wunderliche FATA einiger See-Fahrer,

Zweyter Theil,

oder:

fortgesetzte

Geschichts-Beschreibung

ALBERTI JVLII,

eines gebohrnen Sachsens,

und seiner auf der Insul Felsenburg errichteten

Colonien, entworffen

Von dessen Bruders-Sohnes-Sohnes-Sohne,

Mons. Eberhard Julio, Curieusen Lesern aber

zum vermuthlichen Gemuths-Vergnugen

ausgefertiget, auch par Commission dem

Drucke ubergeben

Von

GISANDERN.

Vorrede.

Geneigter Leser,

Promissa sunt servanda. Dieses lobliche Sprichwort heisset in deutschen ungezwungenen Reim-Worten so viel, als:

Versprechen und halten

Steht wohl bey Alt- und Jungen.

Wiewohl nun ich, mich noch zur Zeit weder unter die Alten noch Jungen rechnen kan, so befinde mich dennoch schuldig, deinen curieusen Augen diesen Zweyten Theil der Felsenburgischen Geschichts-Beschreibung vorzulegen, zumahlen ich gewisser massen uberzeugt bin, dass der erste Theil, wenigstens von solchen Leuten, die quid Juris verstehen, vor passable erkannt und angenommen worden.

Es hat zwar Jemand, nachdem er Permission gebethen, meine Paruque ein wenig auf die Seite zu schieben, das Trommel-Fell meines Gehors ziemlich geruhret, indem er mir das sonderbare Arcanum publicum anvertrauet: was massen dieser Andere Theil vielen zum Plaisir, einem oder etlichen aber zum starcken Chagrin gereichen wurde; Allein diese mit meiner Schreib-Feder poussirte Statue in octav (von deren groben oder subtilen Ausarbeitung itzo die Rede nicht ist) flatzschet zwar eben die Zahne nicht, wenn ihr jemand in vorbey gehen eine freundliche Mine macht, ich aber kan doch auch nicht gut darvor seyn, dass die darinnen versteckte Orgel-Pfeiffe nicht brummen solte, wenn ein naseweiser, qveer Feld einblasender Wind deren Ventil mit Gewalt aufklappen wolte.

Per Tertium, Quartum & Quintum ist mir auch gesteckt worden, dass noch ein anderer Jemand (welchen man mir eben nicht nahmhafft machen wollen) wegen einer im Ersten Theile mit angefuhrten Liebes-Begebenheit, seinen unzeitigen Eiffer ausgeschuttet, dabey aber, ich weiss nicht, ob aus Einfalt oder Schein-Heiligkeit selbst gestanden, dass er dieserwegen so gleich einen Eckel am gantzen Buche empfangen, und weiter nichts darinnen lesen wollen.

Wiewohl man nun mit Leuten, die sich in ihren Beurtheilungen allzusehr zu ubereylen gewohnt, ein billiges Mitleyden tragt, so sehe doch nicht, warum man sich eben scheuen durffte, ihnen mit aller Hoflichkeit eine Prise Schnupff-Toback zur Reinigung des Haupts anzubiethen.

Demnach mochte doch ein dergleichen imbestallter Censor, solche Sachen nicht schlechterdings auf der lincken Seite betrachten, und erstlich darthun: ob die im Ersten Theile pag. 35. seq. befindliche Liebes-Geschicht des Capitain Wolffgangs, propter imitationem von ihm erzehlet, und von mir nachgeschrieben worden? Oder ob Herr Wolffgang, oder ein anderer dergleichen Ausschweiffungen approbiret habe? Ich glaube, wenn man sich bemunen will pag. 54. von lin 28. und pag. 85. von lin. 15. an, ein wenig fort zu lesen, so wird sich vermuthlich die Sache selbst defendiren, und mich einer Muhe, die mir ohnedem nicht hinlanglich bezahlet werden mochte, uberheben.

Sonsten mag es doch wohl nicht gantzlich unwahr seyn, dass sich heutiges Tages in der Welt eine gewisse Art von Sonderlingen und Super-klugen Leuten auffhalten soll, welche, wenn es allein nach ihren Kopffen gienge, wohl gar verschiedene Capitel der Heil. Bibel ausmertzen, ja die gantze reine und lautere Theologie, in eine andere, nach ihrer Phantasie gemachte Forme giessen mochte; Also nimmt es mich gar kein Wunder, dass etwa ein oder anderer von dieser Sorte an meinen guten Capit. Wolffgange und andern Seefahrern zum Ritter werden will, indem sie sich, wie mir gesagt ist, ungemein gern in alle und allerley Handel mengen. Jedoch nicht zu hitzig meine feine Herrn, mein Rath ware, ihr liesset die Seefahrer und Felsenburgischen Einwohner, ihrer Lebens-Art und gemachten Anstallten halber, immer zu frieden, denn sie befinden sich im Stande ihre eigenen Vertheydiger zu seyn.

Was diesem Geschicht-Buche auch von Jemanden vor ein sauberer Titul durch Briefe beygelegt und sonsten mit gemeldet worden, will dem Verleger zu Gefallen so deutlich nicht anfuhren. Aber mein Freund, sage mir, wer hat dich zum Ausgeber oder Wagmeister der gottlichen Gnade gemacht? oder wer bist du, dass du einen frembden Knecht richtest.

Deinen Principiis nach dorfften solchergestalt gar keine Historien von allerley Lastern, Mord, Diebsstreichen und dergleichen geschrieben werden, und zwar unter dem lappischen Vorwande, dass nicht etwa ein oder anderer zu dergleichen Lastern angereitzet werden mochte. Jedoch zur Zeit horet man nicht, dass sich jemand uber etwas anders aufgehalten, als wenn etwa die Species facti eines Fehltritts uber das 6te Geboth, ob schon in den allerverantwortlichsten Terminis aufs Tapet gekommen, hierbey aber werden die gezeigten ublen Folgerungen, Straffen, Erkanntniss und Reue uber dergleichen Sunden, als der eigentliche Spiegel in keine Consideration gezogen.

Konte es denn aber auch wohl moglich seyn, dass sich manche Leute in eingebildeter vollkomener Weissheit und Erkantniss, von ihren schwermenden Affecten regiren liessen? Solle denn bey einem oder dem andern etwa der Pfahl geruttelt seyn, der ihm im Fleische steckt? Man sagt zwar sonst: Wer gern tantzt, dem ist leicht gepfiffen. Wer ausserordentlich verliebt ist, findet leicht was in seinen Krahm dienet. Wer gern stiehlt, macht sich die Gelegenheit auch auf den schlechtesten Wochen-Marckten zu Nutze. Aber was kan denn ein Geschichtschreiber davor, wenn lasterhaffte Leute sein vorgestecktes Ziel mit Fleiss verfehlen, andere hingegen alles zu Poltzen drehen wollen.

Es wurde zwar eben keine Herculeische Arbeit kosten, diese Materie etwas deutlicher, grundlicher und weitlaufftiger auszufuhren, jedoch weil ich eben itzo bald Mittags-Ruhe zu halten gesonnen bin, auch ausserdem den geneigten Leser nicht mit einer solchen Vorrede aufhalten mag, welche durchzulesen, kaum der 20te Tag des Monats Junii lang genug seyn mochte, so will obgemeldten censirenden Muckenseigern an statt der Felsenburgischen Geschichte, das 23. Cap. Mathi zum desto fleissigern Durchlesen und sich selbst zum aufrichtigen Erklaren freundlich an recommendiret haben, sonsten aber versichern, dass es bey kunfftigen Attaquen einiger Grillenfanger oder Mocqueurs halten werde, wie der weyland ehrliche Weidemann Erasmus. Denn dieser konte, jedoch sans comparaison, seinen Haasen nach belieben schiessen, oder auch lauffen lassen.

Tityre, tu patulae recubans sub tegmine fagi.

Liege nur immer stille und lass mich mit meiner Felsenburgischen Geschicht ungepfoppt, denn man wird zu weilen auch im Schatten von kleinen Mucken gestochen, welche sich nicht so leicht fangen und erdrucken lassen.

Basta! Ich muss aber noch mit wenigen melden, dass wenn 1) ja jemand so curieus seyn solte zu fragen: Warum ich einige Nahmen der Lander, Stadte und Menschen entweder gar aussen gelassen, verkehrt oder nur mit den Initial Buchstaben und darzu gesetzten Sternleins ausdrucken lassen? ihm ad interim, bis wir einander mundlich sprechen, schrifftlich zur Antwort dienet: wie ich meine gewissen Raisons darzu gehabt, welche nach eingezogenen umstandlichern Berichte hoffentlich kein Vernunfftiger tadeln wird. 2.) Durffte vielleicht sich ein oder anderer an die im Ersten Theile mit eingeschlichenen Druck-Fehler gestossen haben, weil aber hoffe, dass dadurch eben keine blauen Flecke an den Schienbeinen oder verdrussliche Excrescenzen an der Stirn verursacht worden, so bezeuge hingegen meine Unschuld, indem das Manuscript hoffentlich ziemlich Orthographice gewesen, der beste Setzer und Corrector aber auch leichtlich etwas ubersehen kan. Im ubrigen werden es wohl gar kleine Kleinigkeiten seyn, welche der Hauptsache keinen besondern Abbruch thun. 3). Sage ich noch einmahl und bleibe dabey, dass es mir gleich viel gilt, es mag ein oder ander, viel, wenig, oder gar nichts von der Wahrheit dieser Geschichte glauben, oder darauf bestehen bleiben, dass ich mich in der Vorrede ziemlich verdachtig gemacht, als ob ich selbst nicht viel davon glaubte. Genug, es ist keine Gewissens-Sache, und ausserdem des Heil. Romischen Reichs Wohlfarth gar nicht damit verknupfft. Bey Leuten aber, die mit lappischen Vorurtheilen schwanger gehen, auch so gar das, was doch vor aller Menschen Augen probabel ist, nicht einmahl in ihr viereckigtes Gefasse des Gehirns fassen konnen, nahme ich mir nicht einmahl die Muhe einen ad hunc actum nothwendigen Policischen Staar-Stecher abzugeben.

Noch etwas kommt mir, indem ich dieses schreibe zu Ohren, es sollen sich nehmlich ein paar Gelehrte uber die in der Vorrede des Ersten Theils auf der vierdten Seite lin. 10 & seq. befindliche Zeilen: Wo mir recht ist, halten sapienti sat: aufgehalten und dieselben als etwas zu leichtsinnige beurtheilet haben; Allein an statt darauf zu antworten, will dieselben gantz freundlich auf die Vorreden des seeligen Herrn Doct. Lutheri uber das Buch Judith und Tobia verweisen, und damit Holla!

Ubrigens will diesen Andern Theil der Felsenburgischen Geschichte nicht weiter recommandiren, als nachdem ihn der geneigte Leser nach seinem Geschmack befinden mochte, zumahlen ich voritzo nicht mehr Zeit zu verliehren habe, als meiner Schuldigkeit nach annoch zu versichern, dass ich sey

Des geneigten Lesers

den 2. Dec. 1731.

bereitwilligster Diener

so weit es rathsam und moglich ist

GISANDER.

Kaum hatte Hn. Leonhard Wolffgangs kostbare Englische Uhr, welche nach Mons. Litzbergs in Felsenburg verfertigten Sonnen-Zeiger aufs accurateste gestellet war, Nachts zwischen dem 31. Dec. und 1. Jan. durch zwolff hellklingenge Schlage den volligen Abschied des 1725sten Jahres angemeldet, als nur erwehnte zwey werthen Freunde, so wohl als ich Eberhard Julius, unsere bereits brennenden Zund-Ruthen ergriffen, und 6. von den auf dem Alberts-Hugel gepflantzten starcksten Canonen, binnen einer Stunde 4. mahl nothigten: ihre scharff eingepresste Ladung mit Blitz und Donnern von sich zu spruhen, da uns denn bey jeglicher Salve von den 4. Wacht-Hausern auf den Felsen-Hohen, jedes Orts aus 3 Canonen geantwortet wurde; wiewohl die auf der Nord- und Ost Gegend stehenden, wegen eines starcken Sud-WestWindes sehr dumpffig, im Gegentheil die gegen Suden und Westen desto scharffer knalleten.

Nachdem aber solchergestallt das Neue 1726ste Jahr erfreulich bewillkommet und dessen Eintritt allen Felsenburgischen Einwohnern kund gethan worden, legten wir uns noch einige Stunden zur Ruhe berufften aber fruh Morgens um 6. Uhr, durch 3. abermahlige Canonen-Schusse, alle andachtige Hertzen zum eiffrigen GOttes-Dienste; welchen Herr Mag. Schmeltzer in einer herrlichen Predigt als die allervortrefflichste Sache zur Erneuerung im Geist unseres Gemuths, nach den Worten Pauli Ephes. 4. v. 23. 24. aufs Beste recommendirte und damit gewisslich bey allen und jeden starcken Eindruck that.

Gleich nach vollbrachten zweymahligen GottesDinste, liess Herr Wolffgang, nochmahls alle Insulaner auf morgenden Tag, zu einer erlaubten christlichen Ergotzlichkeit, wegen seiner vor wenig Wochen getroffenen Heyrath, einladen, welche denn alle, so wohl grosse als kleine, nicht ermangelten, sich gegen die Mittags-Zeit in ihrer reinlichsten Kleydung einzustellen. Es waren hierzu bereits seit etlichen Tagen mit grostem fleisse alle behorige Anstallten gemacht worden, wesswegen sich in jedem Stucke die schonste Ordnung zeigte. Denn auf der schonen Ebene am Fusse des Alberts-Hugels zwischen beyden Alleeen hatte Herr Wolffgang die Sitz-Stadten in die Erde eingraben, die Tische mit grunen Rasen erhohen und besetzen, rings herum aber alles mit grunen Laubwerck verzaunen, und vor den heissen Sonnen-Strahlen oben verdecken lassen, so dass es recht mit Lust anzusehen war. Es wird dem geneigten Leser nicht zuwieder seyn, dass ich einen kleinen Grund-Riss davon beyfuge.

A. Die Braut-Tafel.

B. Der Christians-Raumer Tisch.

D. Der Stephans-Raumer Tisch.

E. Der Johannis

F. Der Christophs

G. Der Jacobs

H. Der Simons

I. Der Davids

K. Der Roberts-Raumer Tisch.

L. 4. Koch- und Brat-Stadten.

M. 3. tieffe und oben verdeckte Gruben, worinnen

der Wein und ander kostlich Getrancke vorrathig

war.

An der Braut-Tafel lassen: 1. Herr Wolffgang, 2. dessen Liebste Sophia, 3. Der Alt-Vater Albertus. 4. Der Braut-Vater Christian Julius, 5. Hr. M. Schmeltzer, 6. 7. Albertus Julius II. und dessen Ehe-Frau Judith, 8. 9. Stephanus Julius und dessen Ehe-Frau Sabina, sen Ehe-Frau Christina, 13. Mons. Litzberg. 14. Mons. Kramer, 15. Mons. Plager, 16. Ich Eberhard Julius. Jedoch wir 4. Letztern blieben die kurtzeste Zeit sitzen, halffen vielmehr aus Liebe gegen den Herrn Wolffgang, unsern andern letzt mit gekommenen Cammeraden, die einheimischen Gaste bewirthen, welche sich, wie aus dem gemachten Abrisse zu ersehen, Geschlechter weise, jedes an einen besondern Tisch, rangiret hatten. Der Alt-Vater aber hatte aus jedem Geschlechte einige Manns- und Weibs-Personen, die sich am besten auf die zubereitung der Speisen verstunden, auserlesen; weil nun an allerhand feisten Wildpret, zahmen und wilden Ziegen-Fleisch, grossen und kleinen Vogeln, vielerley arten von Fischen, Schildkroten, See-Kalbern, Vogel- und Schildkrot-Eyern, allerhand frischen und eingemachten Krautern, Wurtzeln und kostlichen Fruchten kein Mangel, sondern vielmehr alles zum uberflusse bey Handen war, wurde gewisslich eine dermassen delicate Mahlzeit angerichtet, dass wir samtl. Europaer zur Verwunderung gnungsame Ursache fanden. Ob nun gleich das Tafel-Zeug und andere Gerathschafften nicht so zierlich und uberflussig als in Teutschland und anderen wollustigen Landern bey dergleichen Gastereyen anzutreffen; so gieng doch alles sehr reinlich, ordentlich und vergnugt zu, zumahlen da eitler Pracht, Hoffart, Ehr-Geitz, Uppigkeit nebst der schandlichen Mocquerie von dieser Insul gantzlich verbannet zu seyn schiene, hergegen lauter treuhertzigkeit und fromme Einfalt die dasige Lebens-Art desto lieblicher machte. Ich will aber eben keine unnothige Beschreibung von den aufgesetzten vielerley Speisen Gebakkens, Confituren und mancherley Arten von Getrancke machen, indem ich die Zeit, Dinte, Federn und Pappier an merckwurdigere Geschichte zu spendiren habe, also nur kurtzlich nochmahls bekrafftigen, dass bey der Mahlzeit alles vergnuglich, ehrbar und ordentlich zugieng.

Nach der Mahlzeit, welche uber 4. Stunden lang gehalten war, stellete Herr Wolffgang vor die jungen Leute beyderley Geschlechts, ein Wettlauffen an, indem er etliche niedrige grune Baume aufrichten, und dieselben mit allerley artigen Europaischen Waaren behangen lassen, da denn die Hurtigsten ihre Muhe mit den besten Stucken belohnet fanden, die ubrigen aber mit den geringern Sachen vorlieb nehmen musten. Immittelst hatten die Alten ihr Vergnugen dieses Spiel mit anzusehen, welches biss nach untergang der Sonnen wahrete. Worauff von einem gantzen Centner gebrandter Caffee-Bohnen, nebst behoriger Quantitat Zucker, ein angenehmes warmes Getrancke zubereitet wurde, ob aber gleich nicht gnungsame darzu gemachte Coffee-Schalchen vorhanden waren, so muste doch ein jeder, der diesen Nectar aus einem andern bequemen Geschirr zu trincken das eintzige Malheur hatte, bekennen: dass dem ohngeacht seiner delicatesse nicht das geringste abgienge. Da nun die Lustbarkeiten des ersten Hochzeit-Tages, mit eintretender geringen Demmerung ihre Endschafft erreicht, begaben sich die mehresten Hochzeit-Gaste auf den Weg ihre Nacht-Ruhe zu suchen, nachdem sie erinnert worden morgenden Tages, und zwar etwa 3. Stunden nach aufgang der Sonnen, wiederum auf dem TafelPlatze zu erscheinen. Es nahmen aber die nachst gelegensten Geschlechter, als nehmlich die Alberts-Simons-Christians- und Stephans-Raumer ihre etwas weiter abgelegenen Freunde mit in ihre Behausungen, wie denn auch eine ziemliche Anzahl der weit abgelegenen, ihr Logis auff der Alberts-Burg fanden.

Unser Altvater liess sich zwar nebst den andern Aeltesten auch in seine Burg fahren, welchen wir Jungern biss in sein gewohnliches Zimmer folgeten; da aber derselbe noch keine Lust zum Schlafen bezeugte, sondern uns beredete mit ihm noch ein paar Pfeiffen Toback bey einem Truncke seines wohl abgesottenen Gersten-Wassers, zu rauchen, war ein jeder bereit dem Altvater, der sich diesen Tag uber alle massen vergnugt bezeigt hatte, mit grossern Appetit zu gehorsamen. Selbst Herr Mag. Schmeltzer, der doch sonsten eben kein sonderlicher Liebhaber vom Toback rauchen war, liess sich diesen Abend bereden: ein Pfeiffgen mit anzustecken, worbey jedennoch allerhand erbauliche Gesprache gefuhret wurden, biss endlich der Altvater Albertus, mit guter Art, sein gantz besonderes Verlangen zu vernehmen gab, nach und nach bey bequemer Gelegenheit eines jeden, letzlich mit angekommenen, Europaers wahrhaffte LebensGeschicht anzuhoren. Da nun Herr Mag. Schmeltzer so wohl als die andern alle, dessen Verlangen so billig, als sich schuldig befanden, eine Hofflichkeit, nach Vermogen, mit der andern zu vergelten, machte erst gemeldter ohne einziges Verzogern selbsten den Anfang, und erzehlete folgender massen seine eigene, nehmlich:

Die Lebens-Geschichte Herrn Mag. Schmeltzers.

Ich Ernst Gottlieb Schmelzer, bin der zweyte Sohn eines Evangelisch-Lutherischen Predigers, der in einem Pohlnisch-Preussischen, ohnweit Elbing gelegenen Dorffe sein heil. Ammt zu verwalten hatte. Der 28. Aug. des 1692sten Jahres ist mein Gebuhrts-Tag gewesen, und von diesem Tage an, haben meine seel. Eltern keinen Fleiss gesparet, mich nebst meinem altern Bruder und einer alteren Schwester, so GOtt gefallig, als die nachkommenden zwey jungern Bruder und eben so viel Schwestern auffzuziehen. Wir Kinder, bekamen gleich von zarter Kindheit an einen guten Informatorem, nebst einer besondern WartFrau, denn meine Mutter hatte eine sehr schwere Hauss-Wirthschafft zu besorgen, zumahlen da mein Vater als ein exemplarischer Priester allzugewissenhafft war, sich um die Nahrungs-Sorgen zu bekummern, dahingegen er seinem Beruffe auffs eiffrigste nachzukommen trachtete.

Allein eben dieser preisswurdige Eiffer, brachte meinen seel. Vater in seinen besten Jahren um das zeitliche Leben, und zwar bey solcher Gelegenheit: Es hatten bey denen, im Jahre 1703. vor PohlnischPreussen sehr gefahrlichen Krieges-Lauffen, zwey Schwedische Officiers, ohnfern von unserm Dorffe Kugeln gewechselt; worvon der eine sehr gefahrlich, und zwar der Medicorum Aussage nach, durch den Magen und Unterleib geschossen war. So wohl die Medici, als Chirurgi, hatten diesen elenden Patienten, nach vernunfftiger Untersuchung der Blessur, so gleich das Leben abgesprochen; und zwar in Erwegung seines jederzeit gefuhrten ruchlosen Lebens, ihn um so viel desto eher dahin zu reitzen; den wenigen Rest seiner Lebens-Zeit, noch zur wahren Busse und Versohnung mit GOtt anzuwenden. Und eben dieser Ursachen wegen, wird mein seel. Vater, von dessen guten Freunden, zu ihm beruffen, wiewohl die zwey ersten Visiten gantz Fruchtloss abgehen, weilen dieser atheistische Patient, weder von der Busse und Bekehrung, und noch vielweniger vom Tode und Sterben etwas horen will. Bald hernach uberfallt ihn ein hitziges Wund-Fieber, es fangt derselbe ziemlicher massen an zu rasen, jedoch so bald der paroxismus voruber, und er nur einiger massen wiederum zu verstande komt, lassen dessen Freunde nebst denen Medicis und Chirurgis, meinen seel. Vater um Mitternachts-Zeit abermahls instandig bitten, sich dahin zu bemuhen und des Patienten Seele aus des Teuffels Rachen zu reissen; weiln allen umstanden nach, selbiger schwerlich noch einen Tag uberleben wurde. Mein seel. Vater lasset an seiner Hurtigkeit und allen er sinnlichen Arten der Uberredung nichts ermangeln, kan aber dennoch seinen Zweck nicht im geringsten erreichen, weiln der Patient ohnablassig rufft: Man solle ihm den schwartzen Pfaffen von Halse schaffen, oder er musse verzweiffeln. Mein werther Herr und Freund, sagt endlich mein seel. Vater, ich wolte gern einen weissen, blauen, rothen oder anders gefarbten Rock anziehen, wenn es mir in solcher Kleydung moglich ware: eure arme Seele aus des Satans Netzen zu wickeln, allein fasset alle eure Vernunfft zusammen und uberleget: ob es nicht besser sey einen schwartz gekleydeten Diener GOttes, der den Weg zum Himmel zeiget, als unzahlige hollische Geister, die auf die theuer erkauffte Seele lauren, vor seinen Sterbe-Bette zu dulden.

Kaum hat mein seel. Vater die letzte Sylbe seiner Worte ausgesprochen, als der vom Satan gestarckte Patient ohnvermuthet aus dem Bette springt, ihn samt seinen Sessel zu boden stosst, uber meinen seel. Vater herfallt, und dessen Gesicht mit den Finger-Nageln aufs grimmigste zerkratzt, uber dieses ihm zwey Bisse in die Backen und den dritten in das lincke Ohr versetzt, ja endlich denselben ohnfehlbar erstickt hatte, wenn nicht 5. starcke Manns-Personen herzu gesprungen, und diesen Mord-Buben mit auserster Gewalt zuruck gerissen hatten.

Es brachten demnach etliche Leute meinen gantz ohnmachtigen Vater nach Hause gefuhret, welcher sogleich ins Bette gelegt, und von den besten Medicis besucht und besorgt wurde. Der verzweiffelte HollenBrand hatte noch vor Anbruch des Tages, seine durchteuffelte Seele, mit erschrecklichen brullen ausgeblasen, mein seel. Vater aber bekam von dem gehabten Schrecken ein entsetzliches hitziges Fieber, worbey ihm der Kopff wegen der ohnfehlbar sehr gifftigen Bisse grausam aufschwall, so dass er ohngeacht alles angewandten Fleisses der Medicorum und Chirurgorum, 7. Tage hernach seinen Geist aufgeben muste.

Also wurde ich in meinen 11ten Jahre nebst meinen 6. andern Geschwistern, von welchen der jungste Bruder nur etliche Wochen alt war, plotzlich zur armen Waise gemacht, denn obgleich mein Vater bey nahe 16. Jahr in einer sonst sehr austraglichen Pfarre gesessen, so war es doch wegen verschiedener UnglucksFalle, die von den allgemeinen Landes-Plagen herruhreten, in seiner Hausshaltung endlich so weit gekommen: dass seine beste Verlassenschafft dem gemeinen Sprichworte nach, in libris & liberis, in Buchern und Kindern bestund. Meine liebe Mutter zohe gleich nach verflossenen Gnaden-Jahre nebst uns Kindern in ihre Geburts-Stadt Elbing, zumahlen da sie von ihrer Mutter Schwester, die eine betagte und Kinderlose Frau war, auf begebenden Sterbe-Fall noch eine ziemliche Erbschafft zu hoffen hatte. Mein altester Bruder, welcher keine Lust zum Studiren, hingegen desto grossere zur Chirurgie und Barbier-Kunst bezeugte, wurde also in seinem 16ten Jahre zu einem beruhmten Meister dieser Profession gebracht. Er reisete nach ausgestandenen 3. Lehr-Jahren in die Welt, kam nach 6. jahriger Abwesenheit wieder zu Hause, nahm aber bald darauff Dienste auf der Schwedischen Flotte unter dem Schout bey Nacht Ehrenschild, da aber ein Theil gedachter Flotte am 27. Jul. 1714. von den Russen geschlagen wurde, hatte mein ehrlicher Bruder auch das Ungluck, sein junges leben darbey zu verlieren. Ich meines Theils, war von Jugend an desto eiffriger auf die Bucher erpicht, und mein getreuer Informator, gab sich so wohl als mein leiblicher Vater die auserste Muhe, so bald ich nur das deutliche Reden erlernet, mir zugleich mit der deutschen, auch die lateinische Sprache so zu sagen in der Mutter-Milch einzuflossen. Weiln ich nun die Grund-Regeln derselben nach und nach recht spielende fassete, so setzten mich meine treuen Prceptores auf dem Elbinger Gymnasio in meinem 13den Jahre mit in Selectam, wodurch mein bestandiger Fleiss um so viel desto mehr angefrischet wurde. Ausser diesem widmete ich meine Frey-Stunden der Choral- und InstrumentalMusic, und brachte es durch unermudete Lust und Liebe, ziemlich weit darinnen. Weiln aber ausser dem Geld-Beutel meiner lieben Mutter, die doch nebst denen noch ubrigen 5. Kindern, selbst von der Schnure zehren muste; wenige Beyhulffe zu suchen wuste, indem unsere alte Frau Muhme, als eine dem Geitze sehr ergebene Frau, bey ihren grossen Vermogen noch immer Hungers zu sterben befurchtete: und der Himmel auf einem andern Gymnasio, wegen meiner reinen und ziemlich manierlichen Singe-Stimme, sehr wichtige subsidia vor mich zeigte: schaffte mich meine liebe Mutter auf instandiges Anhalten, unter Vergiessung hauffiger Thranen, mit zufalliger guter Gelegenheit dahin, allwo sonderlich die herrlichen Testimonia meiner Prceptorum, und Recommendations-Schreiben anderer vornehmer Leute mir den profitablesten Unterhalt verschafften.

Es war kurtz nach Pfingsten des 1707den Jahres, da ich solchergestallt, eine gantz neue und verbesserte Einrichtung in meinem Studiren machte, und weiln mir das Gluck favorisirte, mich bey dem ersten Examine so wohl im Peroriren, als in der Elaboration aller vorgegebenen Exercitien, vor andern, die doch weit alter als ich waren, ziemlicher massen hervor zu thun: fiel mir die Gunst vornehmer Schul-Patronen und der neuen Prceptorum in reicherer Masse bey, als ich mir hatte einbilden konnen. Ein vornehmer Mann, mit dessen 12. jahrigen artigen Sohne ich die Humaniora alltaglich, zu seinem und meinem Nutzen, aufs fleissigste repetiren muste, gab mir aus besonderer Liebe gegen meine Wenigkeit, freyen Tisch, Stube, Holtz, Licht, Wasche und uber dieses alles, noch manchen schonen Thaler an baaren Gelde; ja da er meine besondere Emsigkeit merckte, zohe er selbst noch 4. andere wohlgezogene Knaben zu dieser privat-Ubung, deren Eltern, als lauter vornehme und wohlhabende Leute, mich unverdienter Weise mit Geschencken fast uberhaufften. Nachst diesem brachte mir meine Singe-Stimme, die sich Wochentlich im Chore, alle Sonntage bey der Kirchen-Musique, und dann auch offters in vornehmer Leute Hauser horen liess, ein starckes Accidens zu wege, wesswegen ich nach Verlauff des ersten halben Jahres, nach Abzug aller Bedurffnissen, meiner lieben Mutter 6. spec. Ducaten nach Hause schicken konte.

Solcher gluckliche Zustand wurd mir aber, nach Verlauf weniger Zeit, durch eine odieuse Begebenheit mit desto grossern Jammer eingetranckt. Denn es ist zu wissen: dass an dem orte meines damahligen auffenthalts ein Collegium des Romisch-Catholischen so genandten Jesuiter-Ordens war, mit dessen Schulern meine Commilitones, nehmlich die Evangelisch-Lutherischen Gymnasiasten, in bestandigen Zwistigkeiten lebten. Ich habe mich vor meine Person niemahls bemuhen wollen, zu untersuchen, welche Parthey der andern am meisten Gelegenheit zum Zancken und Streiten gegeben, weilen bekannt, dass gemeiniglich unter allen Heerden raudige Schaafe zu finden sind: Allein zu meiner Zeit weiss ich gewiss, dass uns die Jesuiter-Schuler allen ersinnlichen Verdruss anthaten, absonderlich kranckte uns nachfolgender SpottStreich am aller empfindlichsten: Es befand sich ohnfern von der Stadt in einem lustigen Spatzier-Gange von Natur ein artiges Echo, welches die letztern etwas starck ausgerufften Sylben der Worter, zu 2. 3. biss 4. mahlen ungemein vernehmlich repetirte. In dieser Gegend nun pflegten sich der Jesuiter-Schuler sehr ofters aufzuhalten, so bald dieselben aber merckten, dass sich etwa ein oder anderer Gymnasiaste ebenfalls daherum divertirte, schrye gemeiniglich einer von unsern Feinden folgende lappische, jedoch sehr empfindliche Stichel-Worte aus:

Quid est Lutheranus? Echo resp. Anus.

Quid est Lutheri mulus? : Mulus

Quomodo vocatur Lutheranorum

studiosus? : O sus!

Wir bemerckten zwar bald, dass dieses eine Parodie auf den lustigen Einfall eines langst verstorbenen protestantischen gelehrten Mannes ware, nahmen uns aber nicht einmahl die Muhe andere dergleichen Schimpff-Spruche auszusinnen, jedoch waren einige der Unsern so hertzhafft, die eigenen Worte des vorerwehnten Gelehrten, dem Echo entgegen zu ruffen:

Quid est Jesuitulus? Echo resp. Vitulus.

Nonne nequam est Jesuitu? Ita.

Hieruber kam es nun verschiedene mahl zum wurcklichen Hand-Gemenge, worbey bald der JesuiterSchuler, bald die Evangel. Gymnasiasten blutige Kopffe und blaue Flecke darvon trugen. Einsmahls aber, da ich nebst andern Concertisten auf eine Hochzeit, Music zu machen, beruffen war, befanden sich auch ein paar Jesuiter-Schuler (oder Studenten wie sie gern heissen wolten) daselbst gegenwartig, welche, indem wir nebst andern Musicanten bey Tische sassen und speiseten, nicht unterlassen konten ihre eingebildete Gelehrsamkeit mit vielen lateinischen Stichel-Worten an Tag zu legen, unter andern brachte einer ex tempore folgendes lateinisches Distichon zu Marckte:

Quo Lutheranus, dic possit nomine dici:

Hresium dici bibliotheca potest.

Es solte etwa auf Deutsch so viel zu verstehen geben:

Sag an: Was eigentlich ein Lutheraner sey?

Er ist der Inbegriff von aller Ketzerey.

Ich weiss nicht wie es kam, dass, indem ich unter Anhorung dieser Verse ein Spitz-Glassgen Wein tranck, meine Vena poetica gantz ausserordentlich begeistert wurde, weiln, da ich solches nach 2. mahligen kurtzen Absetzen gantzlich ausgeleeret hatte, folgendes Distichon nicht so bald fertig, als unbedachtsam von mir heraus gesagt war:

Ordine nil melius; sed nil est ordine pejus,

Qui Jesu nomen, non tamen omen habet.

Deutsch:

Das ist der beste zwar doch auch der boste Orden, Der sich nach JESU nennt, und ihm nie gleich

geworden.

Man ersahe augenblicklich an den ergrimmten Gesichtern unserer beyden Wiedersacher, dass ihnen die Galle aufs graulichste uber die Grantzen trat, indem sie von einem sechzehendehalb jahrigen Knaben, dermassen hasslich abgekappt worden. Ein gewisser Musicus aber, der ein sehr guter Lateiner war, bath mich, dieses Distichon noch einmahl her zu sagen, und da mich dessen aus Ubereilung nicht wegerte, schriebenes so gleich, nebst ihm, meine Commilitones, wie auch noch andere dabey sitzende, in ihre Schreib-Tafeln; wesswegen unsere Widersacher aus Bossheit mit den Zahnen knirscheten, da sie aber selbiges Orts kemen krafftigen Beystand wusten, liessen sich die Buben ihre Nachgier auf frischer Farth auszuuben, vor dieses mahl vergehen, und schlichen gantz stillschweigend davon.

Unser Rector hatte folgendes Tages diesen Streich nicht so bald vernommen; als er mich nebst den andern Gymnasiasten, die mit auf der Hochzeit musiciret hatten, zu sich ruffen liess. Nach seinem Befragen, geschahe von uns allen ein offenhertziges Bekantniss dessen, was vorgegangen war. Er schrieb mein Distichon in sein Diarium, schuttelte hernachmahls den Kopff und sagte: Mein Sohn! euer gutes Ingenium ist so wenig zu tadeln als das herrliche Naturell zur Poesie; allein gebraucht dasselbe kunfftig hin mit groster Vorsicht, zumahl an solchen Orten, wo gewisser massen Ecclesia oppressa ist. Die Herrn Jesuiten sind so wohl, als ihre Schuler sehr rachgierige Leute, solchergestallt kontet ihr gar leicht euch, und uns allen, grossen Verdruss und Ungluck uber den Hals ziehen. Wer weiss was sie dieser Affaire wegen zusammen schmieden werden, indessen ist mein getreuer Rath: dass ihr euch auf der Strasse, und sonderlich bey Abends-Zeit, sehr wohl in acht nehmet, um ihren Schulern nicht in die Krallen zu gerathen.

Mein Principal nebst andern Patronen und guten Freunden, gab mir eben dergleichen guten Rath und Warnung zu vernehmen, immittelst ward mein Distichon fast in allen Evangelischen Hausern kundbar, jedoch die Herrn Jesuiter, stelleten sich an als ob sie diesen Streich entweder nicht wusten, oder nichts achteten, derowegen fieng ich nach Verfluss eines gantzen Monaths zu glauben an: meine Furcht und gebrauchte Vorsicht, nicht etwa ein Schlacht-Opffer ihres Eiffers zu werden, sey gantz und gar vergebens. Allein dass nicht alle schlaffen, welche die Augen zu thun, und dass die stillen Wasser gefahrlich und tieff sind, muste ich damals zu meinem ziemlichen Ungluck erfahren. Denn da ich eines Abends vor der Hauss-Thur stund, kam ein grun gekleydeter Laquey und bath mich, ihn zu berichten, in welchem Hause der Gymnasiaste Schmeltzer anzutreffen; nachdem ihm nun vergewissert, dass ich selbsten derjenige sey, welchen er suchte, sprach er mit sehr freundlichen Geberden, ich solte so gut seyn und ihm in ein gewisses Hauss, welches er mir nennete, folgen, weilen daselbst zwey frembde Cavalier, meine, ihnen so sehr geruhmte Singe-Stimme, bey einer doucen Abend-Musique zu horen verlangten, meine Muhe aber reichlich belohnen wollen. Allein, setzte er hinzu, ich durffte mich nicht saumen, weil sie und die Musicanten selbst, mit schmertzen darauff warteten. Zu meinem Ungluck war mein Principal, nebst seiner Familie, bey einem vornehmen Freunde zu Gaste, und weil ich uber 2. oder 3. Stunden nicht auszubleiben vermeynete, sagte ich dem Hauss-Gesinde, gewisser Ursachen wegen, nicht wo ich hin wolte, sondern holete nur eiligst einige Musicalien von meiner Stube, mit welchen ich dann, ohne eintziges Nachdencken, dem, unten vor der Thur auf mich wartenden Laqueyen, sehr hurtig nachfolgte. Es traff ein, dass ein Paar sehr propre gekleidete Cavalier, in der Ober-Stube des bezeichneten Hauses sassen, allein es waren nur zwey, mir gantz unbekandte Musicanten bey ihnen, deren einer eine Violdi Gamba, der andere aber eine Violine spielete. Man bewillkommete mich aufs allerfreundlichste, und sagte nach diesen: Monsieur! ihr hattet nicht nothig gehabt Musicalien mit zu bringen, weil wir allbereit diejenigen Stucke, so wir langst gern horen mogen, bey uns haben. Demnach legten sie mir, eine nicht uneben gesetzte Cantata vor, die ich ohne Bedencken annahm, und nach meinem besten Vermogen abfunge. Sie bezeugten so bald dieselbe zum Ende, ihr sonderliches Vergnugen daruber, und uberreichten mir noch eine dergleichen, nach deren Absingung ich eine kurtze Zeit ruhen, auch ein paar Glaser Wein, nebst etwas Confect geniessen muste. Hierauff wurden noch andere lustige Arien und dergleichen Zeug hervor gesucht, doch weil alle gantz leicht gesetzt waren, hatte ich wenige Muhe, dieselben gehorig heraus zu bringen. Beyde Cavaliers legten mir also ein gantz besonderes Lob bey, so dass ich endlich bitten muste: mich nicht zu beschamen. Immittelst muste mir der Laquey mehr Wein und Confect bringen, weil ich aber sehr wenig trincken und essen wolte, sprach der eine Cavalier: Er wird vielleicht diesen Wein seiner Stimme nicht zutraglich befinden, Jacob! lange ihm ein Glas Canari Sect aus dem Flaschen-Futter, nebst zweyen von meinen kostlichen Morsellen, dieses wird ihm appetitlicher und nutzlicher seyn. Ich deprecirte zwar alles, da aber der Diener augenblicklich beyderley herbey brachte, liessen beyde Cavaliers nicht ab zu nothigen, biss ich alles auf ihre Gesundheit verzehret hatte.

Mittlerweile zohe einer von den Musicanten eine

Partitur aus dem Busen, und sagte zu beyden Cavaliern: Gnadige Herren! ich habe hier eine sehr artige, gantz nagelneu-componirte Cantata, mit Dero gnadigen Erlaubniss wollen wir doch dieselbe probiren. Da nun beyde, mit Neigung der Haupter, ihren Wohlgefallen zeigten, muste ich mich bequemen aus der Partitur zu accompagniren. Die letzte Aria von dieser Cantata habe ich nach der Zeit niemahls vergessen konnen, sie lautete aber also:

So muss man die Fuchse fangen,

Die so schlau und kuhne sind.

Tolpel mercks! du bist betrogen,

Ja du bist ins Garn gezogen,

Fuchse riechen sonst den Wind:

Aber du bist fehl gegangen.

Da Capo.

Es handelte zwar die gantze Cantata durchgehends, von einem ins Garn gebrachten Verachter der Liebe, allein da ich nachhero der Sache besser nachgedacht, so habe dieselbe zweydeutig befunden, denn unter dem gefangenen Fuchse, wurde wohl niemand anders verstanden: als ich damahliger armer Schuler. Unter wahrender dieser letzten Arie aber, lachten so wohl die beyden Cavalier, als die Musicanten, dermassen, dass die letztern fast nicht spielen konten, die erstern aber die Bauche halten musten. Dennoch vermerckte ich nicht den geringsten Unrath, weiln nichts weniger vermeynte: als dass ich mich unter gantz verzweiffelt listigen Menschen-Fangern befande. Im Gegentheil wurde mir auf einmahl sehr ubel im Leibe, ein hefftiger Schwindel des Haupts verursachte: dass ich bey nahe ohnmachtig zu Boden gesuncken ware, wenn mich der Laquey nicht aufgefangen, und auf ein, in der Neben-Cammer stehendes Bette, getragen hatte. So bald ich zu liegen kam, vergiengen mir vollends alle Gedancken, ja ich verfalle in einen dermassen tieffen Schlaff, dass sich endlich, bey dessen allzu langen Anhalten, meine Feinde genothiget sehen, mich, ich weiss nicht ob mit dem Dampffe von Schwefel, oder anderer hasslich stinckender Materie auffzumuntern. Allein nachdem ich vollig ermuntert war, ware es kein Wunder gewesen, wenn ich aufs neue ohnmachtig worden, oder gar den Geist aufgegeben hatte. Denn ich befand mich in einem furchterlichen unterirrdischen Keller-Gewolbe, und sahe 10. oder 12. wohlbekandte Jesuiter-Schuler, mit brennenden PechFackeln, um mein Bette, welches aus etlichen Halmen, auf der Erden ausgestreuten Strohes bestund,) als junge Teuffel mit Feuer Branden gewaffnet, herum lauffen. Man hatte mich biss aufs blosse Hembde ausgezogen, und an statt der Kleider, mit einer alten Jesuiter-Kutte bedeckt, unter welcher ich aber bereits gantz starr gefroren war. Dem ohngeacht muste ein Knecht, der eine grosse Ruthe in Handen hielt, naher kommen, mir das Hembde uber den Kopffe zusammen ziehen, und meinen Leib, von Schultern biss auf die Fuss-Sohlen, so lange geisseln, biss ich uberall mit meinem Blute gefarbt war. Ich schrye und winselte dergestalt erbarmlich, dass die Steine hatten mogen zum Mitleyden bewogen werden, meine Felsenharten Peiniger aber, trieben ihr Gespotte druber, und sagten endlich, da ihr Henckers-Knecht vom zuhauen Krafftloss war: Nun konte ich aus der Erfahrung reden, ob die Jesuiten gute oder bose Leute waren, und dasselbe in weitlaufftigern Versen aussfuhren, giengen hiermit ingesamt davon, und liessen mich in der allerdicksten Finsterniss, im grosten Schmertzen alleine zurukke, doch kam nach Verlauff etlicher Stunden der Knecht, und brachte ein Stuck Brodt, nebst einem Topffe Wasser zu meiner kummerlichen Lebens-Erhaltung, wiewohl ich vor Angst und Schmertzen wenig oder gar nicht an die Nahrungs-Mittel gedachte.

Man solte zwar wohl meinen, dass diese grimmigen

Furien solchergestallt ihr Muthlein sattsam an mir gekuhlet hatten; allein nichts weniger als dieses, denn des andern Tages kamen dieselben um vorige Zeit wieder, und trieben eben dasselbe Mord-Spiel mit meinem schwachen Corper. Am dritten Tage geschahe dergleichen, so dass nunmehr fast gar nichts gesundes am gantzen Leibe zu finden, sondern die etliche tausendmahl zerkerbte Haut uberall mit Eyter und Blut unterlauffen war. Ach wie Betete ich so fleissig: dass mich ein baldiger seliger Todt, aus diesem peinlichen Zustande erlosen mochte, weil auf anderweitige Befreyung gantz und gar nicht zu gedencken war. Jedoch kein Selbst-Morder zu werden, nahm ich in der dritten Nacht zum ersten mahle etwas Brod und Wasser zu mir, konte aber selbiges nicht bey mir behalten, sondern muste es (s.v.) wiederum hinweg brechen, wesswegen meine Schwachheit in wenig Stunden dermassen zunahm, dass ich nicht noch eine Nacht zu leben vermuthete, gleich wohl kamen die Barbarn am 4ten Tage ebenfalls wieder mich zu qualen, derowegen redete ich sie gantz behertzt also an: So schlaget denn zu ihr Tyrannen, und weydet eure Augen an meiner zeitlichen Marter, wisset aber, dass dieser Tag vielleicht der letzte meines Lebens seyn wird, und dass ihr euch werdet bequemen mussen, mir dieses Tractaments wegen vor GOttes Richter-Stuhl Rede und Antwort zu geben. Die Lotter-Buben lachten dieserhalb uberlaut, und stiessen uber dieses die schandlichsten un Gotteslasterlichsten Reden aus ihren vermaledeyten Halsen, befahlen auch dem Knechte, sein Amt nur getrost zu verrichten. Nachdem nun dieser, mein in die verwundete Haut gantz eingebackenes Hemde, mit Gewalt abgerissen, so dass gantze Flatschen daran hangen blieben, ich aber nicht die geringste Empfindung spuren liess, sprach er: Meine lieben Herren, meine Muhe ist vergebens, der verteuffelte Ketzer fuhlet voritzo nichts mehr, der Satan hat ihn abgehartet, lasset ihn so lange Ruhe, biss er halb wiederum heil worden, was gilts, hernach sollen meine Streiche um so viel desto hefftiger anziehen.

Hierauff redete mich einer von der jungen Basilisken-Brut also an: Hore Hund! wilstu dich entschliessen deinem Ketzerischen Glauben abzuschweren, so wollen wir alle vor dich bitten, dass dir die annoch zugedachten ubrigen gerechten Strafen geschenckt werden; wo nicht, so wirstu in wenig Tagen empfinden mussen dass alles bissherige Verfahren ein blosses Kinder Spiel gegen diejenigen Martern zu achten sey, die dir annoch vorbehalten sind. Da behute mich GOTT vor, gab ich zur Antwort, dass ich meinen allein seligmachenden Glauben verlaugnen und verschweren solte, macht mit mir was ihr wollet, GOTT kan und wird mich eher aus euerm Mord Klauen erlosen als ihrs vielleicht glaubet. Dieser Worte wegen stiess mich einer mit dem Fusse dermassen in die Seite, dass mir fast aller Othem vergieng, meine Peiniger aber verliessen mich also vor dissmahl, ohne mir fernere Marter anzuthun. Ich verhoffte gantz gewiss, dass die folgende Nacht die Letzte meines Lebens seyn wurde, allein selbige mochte kaum eingetreten seyn, da mich zwey Knechte aus dem finstern Keller herauff trugen, und in eine ziemlich gute Cammer zu Bette brachten. Nachdem mir ein alter Chirurgus ein weisses Hembde angezogen, und meinen gantzen Leib mit einer Schmertzstillenden und heilenden Salbe bestrichen hatte, brachte man mir auch eine gute warme Suppe, eine halbe gekochte Taube, ingleichen etwas Wein, von welchen allen ich ein sehr Weniges zu mir nehmen konte, jedoch in selbiger Nacht einige Ruhe genosse.

Folgenden Morgen kam nebst dem alten Chirurgo, auch ein alter Jesuite mit vor mein Bette, da denn so bald mich der erste abermahls mit der guten Salbe bestrichen, der andere so gleich ein Gesprach von meiner Religions-Veranderung anfieng. Selbiges wahrete langer als 2. Stunden, weil er aber dessfalls lauter unwichtige Bewegungs-Grunde aufs Tapet brachte, blieb ich endlich bey dem Schlusse: dass mir gantz unmoglich, eine andere Religion zu ergreiffen, so lange ich nicht der Unrichtigkeit von der meinen vollkommen uberzeugt sey. Dem ohngeacht gab mir der alte Pater, so wohl als der Chirurgus, lauter gute Worte, weil sie mich hiermit um so viel desto eher zu gewinnen vermeineten, wolten auch sagen: es hatten ihre Schuler wieder der Ehrwurdigen Patrum Wissen und Willen, mich elenden Menschen gefangen nehmen, und dermassen zurichten lassen, nachdem es aber einmahl geschehen, stunde es nicht zu andern, jedoch solten sie nachdrucklich genung darvor gestrafft, mir aber alles Gluck und Wohlseyn befordert werden, daferne ich mich nur gutwillig zu ihrer Religion bekennen, und denen Ketzereyen auf ewig abschweren wolte. Allein ich glaubte von allen so viel als ich nothig zu seyn erachtete, und weiln meine Resolution bereits mehr als zu deutlich ausgesprochen war, ubrgieng ich das Ubrige alles mit Stillschweigen, welches sie mir denn auch in Betrachtung meiner grossen Schwachheit und Schmertzen, ziemlicher massen zu gute hielten, und mich mit fernern Anfallen einige Tage verschoneten.

Mittlerweile verschaffte mir der alte Chirurgus taglich die niedlichsten Speisen und Getrancke, sparete auch sonsten keinen Fleiss, meine Gesundheit wiederum herzustellen, woher denn kam, dass ich nach Verlauff dreyer Wochen ziemlich frisch und munter wurde. Von der Zeit an, stellete sich immer ein alter Pater um den andern in meiner Cammer ein, aus welcher ich keinen Fuss setzen, sondern als ein, auf Leib und Leben gefangen sitzender Delinquente, Tags und Nachts hindurch verbleiben muste. Dem ohngeacht fruchteten ihre bestandig muhsamen Lehren nicht das allergeringste bey mir, sondern ich wurde nur immer desto mehr in meinem Vorsatze bestarckt: die reine Evangelisch-Lutherische Lehre nicht zu verschweren, und solte es auch gleich mein junges Leben kosten. Solchergestalt wurde mir nicht allein aufs neue mit der taglichen Geisselung gedrohet, sondern man fienge auch wurcklich an, mich wieder mit blossen Wasser und Brod zu speisen, welches mir doch der gutige Himmel weit besser als die andern Lecker-Bissen gedeyhen liess. Wenige Tage hernach, bekam ich dennoch andere bessere Speisen, vermerckte aber in den Gesichtern aller derer so bey mir aus- und eingiengen, eine allgemeine Besturtzung und etwas schwachern Eifer, mich zu qualen oder umzukehren, glaubte derowegen, man wurde mich vielleicht unter gewissen Bedingungen ehestens meiner Wege lauffen lassen. Allein es war weit gefehlt, denn wie ich nachhero erfahren und wohl erwogen, so sind meine Widersacher aus keiner andern Ursache dermassen Besturtzt gewesen, als weil sich eine, in der Stadt grassirende gifftige Seuche, auch in ihren Collegio angemeldet, und etliche, so wohl Junge als Alte, plotzlich hinweg gerafft hatte. Endlich wurde ich in einer gewissen Nacht unverhofft aus dem ersten Schlafe gestohret, und von einem Bedienten, der alle meine ordentlichen Kleider mit sich brachte, angestrengt, mich aufs hurtigste anzukleiden. Die Einbildung, dass meine ErlosungsStunde nunmehro erschienen sey, machte mich dergestalt frolich und hurtig, dass ich in wenig Minuten vollig fertig war. Demnach wurde in der Finsterniss hinunter gefuhret und in einen Wagen gebracht, worinnen allbereit 2. alte Patres und 2. mir an Jahren ziemlich gleiche, so genandte Studenten sassen, zwischen deren Fussen ich als ein Hund liegen, auch nicht selten von den jungen Bosewichtern empfindliche Tritte und Stosse erdulden muste. Der Wagen ware rings herum dichte zugemacht und verwahrt, derowegen konte und dorffte mich gar nicht umsehen, ohngeacht das Tages-Licht vollig angebrochen war, wiewohl es in den ersten zweyen Tagen entsetzlich starck regnete. So offt ein naturlicher Antrieb, mich oder die andern aus dem Wagen zu steigen nothigte, kam mir nichts in die Augen als mehrentheils wustes Feld, Walder, und etwa sehr weit entlegene Dorffer oder kleine Stadte. Niemahls sind wir vor dunckeler Nacht in ein Quartier gekommen, und mehrentheils fruh vor Anbruch des Tages wieder fort gereiset, ich bemerckte aber: dass meine Fuhrer lauter Kloster zu ihrem Abtritt erwehlet, und vermuthlich allezeit einen reitenten Bothen, der das Logis bestellen mussen, voraus geschickt hatten. Mittlerweile bekam ich so wohl des Abends im Quartiere, als bey Tage, im Wagen sehr gute Speisen, hatte aber sehr wenige Gelegenheit meinen Mund zum Reden auffzuthun, welches mir denn ungemein lieb war, meine Fuhrer aber redeten eine selbst erdichtete, aus vielen andern vermischte Sprache, und zwar dermassen gelauffig mit einander, dass mir unmoglich war nur ein eintziges Wort davon zu verstehen.

Nachdem wir nun solchergestallt 7. gantzer Tage die Reise ziemlich hurtig fortgesetzt hatten, wurden endlich einem gantz grossen Closter zwey Tage zum Aussruhen angewendet, ich aber befand mich in einer festen Cammer eingesperret, durch deren wohl verwahrte Fenster eine grosse See, wohlbestelltes Feld, weit darvon aber ein grosser Wald zu betrachten war. Nachts, wenig Stunden vor unsern wieder Abreisen, sagte einer von den jungen Jesuiten zu mir: Nun Ketzer-Hund! Nun hastu hohe Zeit dich zu bekehren, wiedrigen falls wirstu, ehe noch 3. Tage vergehen, an einen solchen Ort gebracht werden, wo allerhand schmertzliche Plagen deiner warten. Ich uberlasse mich, war meine Antwort, der Fugung des Hochsten, der mir nicht mehr Trubsal aufflegen wird, als ich werde ertragen konnen, ja es ist ihm ein geringes, mich unschuldige Creatur aus den Handen meiner Peiniger, wo nicht auf andere Art, jedoch durch einen seel. Todt zu erlosen. Wie kan sich doch, versetzte der Bube hierauff, so eine verfluchte Ketzer-Seele der Hulffe des Hochsten getrosten? Unter diesen Worten aber schlug er mich mit der Hand dergestallt ins Angesicht, dass mir das helle Blut aus Mund und Nase lieff. Hieruber riss mein Gedult-Faden plotzlich entzwey, also nahm ich den frechen Buben beym Halse, riss ihn zu Boden und klopffte seine Nase mit der vollen Faust, so lange, biss sein Gesicht ebenfals uber und uber mit Blut gefarbet war. Jedoch ich hatte bald hernach Ursach genung, meine Unbesonnenheit und jachzornige Ubereilung zu bereuen, denn als sein Camerad nebst den beyden Patribus herzu kam, und ihnen mein Feind berichtete: dass ich ihn Meuchelmorderischer Weise uberfallen und stranguliren wollen, ich aber auf meine Gegen-Klage nicht einmahl gehoret wurde, muste der Kutscher kommen, und mich mit einem dreyfach zusammen gedreheten Strikke so lange schlagen, biss ich gantz ohnmachtig auf dem Fuss-Boden liegen blieb.

Etwa zwey Stunden hernach, wurde ich dergestalt zerlastert, ja fast halb todt auf den Wagen getragen, und muste, den darauff folgenden Tag uber rechte Hollen-Marter ausstehen, denn die beyden jungen Satans-Engel, traten und stiessen nicht allein, fast alle Augenblicke auf meinen, gantz mit Blut unterlauffenen Leib, sondern thaten mir ausserdem alle nur ersinnliche Schmach an, welches die zwey Ehrwurdigen Herrn Patres nicht nur geschehen liessen, sondern auch ihre hertzliche Freude daruber bezeugten. Selbigen gantzen Tag uber, gonnete mir ihre Grausamkeit nicht das allerwenigste von Speise und Tranck, sie hergegen hatten etliche Flaschen Ungarischen Wein aufgetrieben, und soffen sich darinnen rasend voll. Abends im Logis gab mir der Kutscher etwas Brod und Wasser, zum Nach-Tische aber 30. Streiche mit vorerwehnten knotigen Stricke, welches unsaglich schmertzhaffte Tractament mir alle Nacht-Ruhe verwehrete, so dass ich gegen Morgen, ohne einem eintzigen Augenblick geschlaffen zu haben, abermahls auf den Wagen geschleppt wurde.

Ohngeacht ich nicht schlafen konte, so hatte doch vor meinen Peinigern in etwas Ruhe, weiln alle 4. des gestrigen Tages und Nachts in Uberfluss gesoffenen Weins wegen, in einen tieffen Schlaff verfallen waren. Die auffgehende liebliche Sonne schickte einen eintzigen von ihren erwarmenden Strahlen, durch eine geringe Oefnung des Wagens auff mein Gesicht und Hande, welches indem mir als etwas seltsames vorkam, mich von der Sonne bescheint zu sehen, ein inner- und auserliches Vergnugen verursachte. Ich verrichtete derowegen mein andachtiges MorgenGebet, und bat GOTT mit heissen Zahren, daferne es sein Heil. Wille ware, mich armes Schlacht-Schaaf, auf was vor Art ihm beliebte, aus den Handen meiner Feinde zu reissen, damit ich bey so starcken Anfechtungen, nicht etwa in Verzweiffelung fallen, oder gezwungener Weise, den wahren, allein seeligmachenden Glauben verlaugnen mochte.

Dieses mein heimliches Schreyen war also noch ehe ichs vermuthete erhoret, und der Tag meiner Erlosung erschienen, denn ehe noch eine Stunde verlief, hielt unser Kutscher plotzlich stille, riss den Wagen auff, und fragte mit angstlichen Gebarden in Pohlnischer Sprache: Was er anfangen solte, indem er von ferne eine Schwedische Parthey zu Pferde auf uns zu kommen sahe? Ich verstund alles sehr wohl, ohne dass es meine Feinde vermeinten, wunschte also von Hertzen, dass uns die Herrn Schweden anhalten mochten. Die Patres so wohl als ihre jungen Henckers-Buben, liessen deutlich mercken dass ihnen das Hertz im Leibe zittere, wenn sie nur das Wort, Schweden, nennen horeten, wurden auch samtlich so blass wie Leichen, fasseten aber einen kurtzen Schluss und sagten: Der Kutscher solle nur Lincks um machen, und aufs schnelleste dem dicksten Walde zu eilen. Dieserwegen schien die Hoffnung meiner Erlosung in den Brunnen zu fallen, allein die guten Herrn Patres hatten sich mit ihren Aussweichen selbst verdachtig gemacht, also vermerckten die Herrn Schweden Unrath, gaben ihren Pferden die Sporn, jagten Quer-Feld ein, ertappten also unsern Wagen kurtz vor dem Walde.

Wie ich nach der Zeit vernommen, haben wir uns damahls eben in Pohlen auf der Land-Strass zwischen Kruswick und Gnesen befunden, so bald aber die Herrn Patres merckten, dass ihnen die Schweden auf dem Halse waren, und bereits dem Kutscher mit aufgezogenen Carabinern bedroheten, ihn, bey verweigerten Stand halten, vom Pferde herunter zu schiessen, stiegen alle beyde aus dem Wagen, und vermeynten sich mit List von den Schweden loss zu wickeln, indem sie vorgaben: dass sie Kruswikische Geistliche, und in einigen daherum liegenden Dorffern Zinsen eintreiben wolten, hatten aber noch zur Zeit keinen Choustack, (welches eine Pohlnische Muntz-Sorte ist) einbekommen, allein der commandirende Officier, nahm zwar diesen Bericht taliter qualiter an, liess sich aber dennoch die Lust ankommen zu sehen, ob sonsten etwas verdachtiges im Wagen anzutreffen sey. Als er demnach die Leder zuruck risse und hinein schauete, raffte ich mich eiligst auf und schrye ihm entgegen: Ach mein Herr! ich zweiffele fast nicht, dass ihr ein guter Evangelischer Christ seyd, derowegen habt die Barmhertzigkeit einen armen Evangelischen Priesters Sohn, aus den Handen dieser grimmigen Leute zu erretten, welcher schon viele Wochen daher, von ihnen entsetzliche Marter erdulden mussen, weil er dem Evangelisch-Lutherischen Glauben nicht abschweren will. Ja mein Herr, fuhr ich fort, ihre Reise ist voritzo hauptsachlich darum angestellet: mich in ein abgelegenes Closter zu stecken, allwo ich gewiss durch weit mehr Quaal und Marter zum Abfall gezwungen werden, oder darinnen jammerlich sterben soll.

Wie klinget dieses, meine schonen Herrn Patres? fragte hierauff der Officier, indem er sie beyde mit einer martialischen Mine ansahe, hierauff gab der eine, welcher ein ausgelerneter Ertz-Vogel war, dem Scheine nach, gantz unpassionirt und lachelnd zur Antwort: Gestrenger Herr! Sie konnen nicht glauben, was massen dieser Bube eine rechte Quinta Essentia aller Schelmen ist, die nur auf der Welt leben konnen. Man bedencke nur, was vor eine verzweiffelte Lugen derselbe sogleich vorbringen kan, indem er eines Romisch-Catholischen Kauffmanns Sohn ist. Sein Vater hat sehr viel an ihn gewendet, der Bube hat auch so ziemlich was gelernet, dabey aber mit stehlen, rauben, huren, spielen, sauffen, ja mit allen Lastern seinem Vater dermassen viel Hertzeleyd zugefugt, dass dieser endlich die Patres de Societate Jesu um GOttes willen gebethen, ihn in ihre Zucht zu nehmen, damit er bekehret, und zuletzt nicht etwa an den Galgen gebracht werde.

Mentiris Cain! ja du gewissenloser Pfaffe, schrye ich ihm ins Angesicht hinein, du leugst dieses in deinen Halss, und wirst solches nimmermehr vor der redlichen Welt, vielweniger bey GOtt im Himmel verantworten konnen. Wandte mich hierauff abermahls zum Commandeur, und erzehlte demselben in aller Kurtze meinen gantzen Lebens-Lauff, auch warum, und auf was vor Art mich diese erbitterten Jesuiter in ihre Klauen bekommen hatten. Wie kunstlich aber auch die Patres mich zum Lugner, sich aber selbst zu unstrafflichen Leuten machen wolten, so merckte doch der ihnen allzu kluge Commandeur, an ihrem gantzen Wesen gar leichtlich, dass sie ihres Ordens gewohnliche Streiche gern fort spielen und ihm eine Nase drehen wollen, derowegen sprach er: Wohlan ihr Herrn! ich muss gestehen, dass es eine kitzliche Sache ist, einen von unsern Glaubens-Genossen dergestallt barbarisch zu tractiren, weiln nun diese Sache nach Wurden zu untersuchen, bessere Gelegenheit erfordert wird, als sich hier auf freyen Felde zeiget, werde ich euch ingesammt mit zu unserer Armee fuhren, soferne ihr aber die muthmassliche Wahrheit reden und gestehen wollet: dass dem Junglinge von euren OrdensBrudern also mit gefahren worden, will ich ihn zwar mit mir nehmen, jedoch euch reisen lassen wo ihr hin wollet.

Solchergestallt liessen sich die super-klugen Patres fangen, und bekenneten, auf noch einiges gutliches Zureden der Herrn Schweden, endlich die klare Wahrheit. So so! sagte hierauff der Commandeur, wie artig konnet doch ihr heiligen Herrn dergleichen Kleinigkeiten an den armen Lutheranern rachen, und dieselbe zu eurer Kirche herein zu kommen nothigen, doch ich will meine Parole halten und euch reisen lassen, wo ihr hin wollet. Allein vorhero musset ihr von rechts wegen einiger massen zu gebuhrlicher Strafe gezogen werden. Demnach musten 12. Mann von seinen Dragonern absteigen, und die 4. Jesuiten dahin nothigen, sich biss aufs blosse Hembde auszukleyden mittlerweile schnalleten die Dragoner ihre Steig Riemen ab, und schmiereten damit die unchristlichen Jesuiten-Corper der massen, dass sie endlich, eben so wie ich vor diesen, halb todt zur Erden sincken musten.

Dem Kutscher wiederfuhr ein gleichmassiges Tractament, nachhero wurden ihre Kleyder visitiret und ihnen, ausser den besagten Kleydern, nicht das geringste von Gelde, oder Geldes-Werth gelassen, mithin setzte sich ein Dragoner auf den Platz des Kutschers, und fuhrete mich gantz allein im Wagen sitzenden, unter Begleitung von 3. biss 400. Schweden auf und darvon, nachdem der Commandeur denen Patribus noch also zugesprochen hatte: Nun konnet ihr zu Fusse reisen wohin euch beliebt, und habt zweyerley Vortheil erhalten: erstlich dass ihr in Zukunfft wisset, wie mit denen Lutheranern, und andern Neben-Christen behorig umzugehen; vors andere erfahret, wie euern Glaubens-Brudern, den Bettel-Monchen zu muthe sey. Und dieses war der Abschied.

Mir wurde von denen Herrn Schweden alle erwunschte Gute und Freundschafft erzeigt, zumahlen da sie, nach einigen herum schweiffen, in einer ziemlich feinen Stadt etliche Rast-Tage hielten, bey welcher Gelegenheit sich meine Gesundheit wiederum in ziemlich guten Stand setzte. Der Commandeur, welchen ich nachhero als einen Schwedischen Major kennen lernete, schenckte mir gleich anfanglich ein seines Kleid nebst 12. spec. Ducaten an Golde, betheurete auch hochlich, dass er von Grund der Seelen gern alle Kosten herschiessen wolte, mich nach Elbing zu meiner Mutter zu schaffen, allein es zeigte sich keine Gelegenheit darzu. Solche Reise aber allein zu Fusse oder zu Pferde vorzunehmen, ware allzugefahrlich ja thoricht gewesen. Demnach muste aus der Noth eine Tugend machen, und unter denen Soldaten bleiben, biss sich bessere Gelegenheit zeigte wiederum auf eine Evangelische Schule zu kommen. Immittelst da ich bey dem Major taglich freyen Tisch hatte, profitirte ich von denen hohen Officiers manchen schonen Ducaten wegen meines Singens, bekam auch von denen Herrn Feld-Predigern, allerhand schone, so wohl deutsche als lateinische Bucher, um vermittelst selbiger, meine wenigen Studia bestandig in frischen Gedachtnisse zu erhalten. Endlich aber da ich mit meinem Major nach Warschau gereiset war, traff ich daselbst einen bekandten Bresslauer Kauffmann, gantz unverhofft, zu allergrosten Freuden an, erzehlete demselben meine gehabten unglucklichen Avanturen, und fand ihn so gleich willig, mich mit nach Bresslau zu nehmen, daferne er solches nur, ohne mit dem Schwedischen Major Verdruss zu haben, thun konte. Allein dieser redliche Herr, war viel zu Gewissenhafft und zartlich, mich an meinen vorgesetzten Studiren zu hindern, willigte derowegen gleich in mein Ansuchen, liess den Bresslauer selbst zu sich kommen, empfahl mich demselben aufs beste, beschenckte mich noch mit 12. spec. Ducaten, und verschaffte uber dieses: dass andere hohe Officiers, bey denen ich Abschied nehmen muste, ihre milde Hand ebenfalls aufthaten, so, dass ich in allen, eine Gold-Bourse von etliche 80. Stuck spec. Ducaten, mit nach Bresslau brachte.

In selbiger Stadt schlug mir mein Patron, der wohlthatige Kauffmann, die schonsten Gelegenheiten vor, meine Studia mit wenigen Kosten erspriesslich fort zu setzen, allein weil ich eine grausame Furcht vor den Catholiquen, und sonderlich vor den Jesuiten bey mir spurete, also an keinen Orte leben wolte wo dergleichen Leute anzutreffen waren, setzte ich mich auf die Post, und gelangte gar bald in Sachsen auf einem beruhmten Gymnasio an, allwo, nachdem die Herrn Gymnasiarchen und Prceptores meine Avanturen verkommen, ich mit Freuden auf- und angenommen wurde. Von nun an war meine erste Bemuhung, meiner lieben Mutter, und dann auch demjenigen Patrone, aus dessen Hause ich listiger Weise entfuhret worden, Nachricht von meinem Leben, jetzigen Auffenthalt, gehabten Fatalitaten und kunfftigen Vorsatze zu geben, jedoch bath ich in meinen Briefen jederseits, meine Affaire nicht kundbar zu machen, weiln man sich vor dergleichen Feinden als ich gehabt, nicht gnungsam in acht nehmen konte.

Meine liebe Mutter bezeugte nach Verlauff weniger Wochen, in einem zwey Bogen langen Brieffe, eine gantz ausserordentliche Freude daruber, dass, (wie sie schrieb,) ihr Sohn Joseph noch lebe, von dessen plotzlichen Verluste sie sich noch weit elendere Vorstellungen gemacht hatte, als der Ertz-Vater Jacob wegen seines Sohns Joseph, den derselbe von einem wilden Thiere gefressen zu seyn glaubte. Nechst dem erfuhr ich, dass letzt erwehnter, mein Principal und Patron, vor wenig Monaten verstorben sey, jedoch kurtz vor seinem Ende, alle meine zuruckgelassenen Sachen, an meine liebe Mutter geschickt hatte, welche mir dieselbe denn mehrentheils nebst einem WechselBriefe a 100. Thl. ubersendete, ja die hertzliche Mutter Liebe trieb sie dahin: die sehr weite Reise auf sich zu nehmen, und mich um Michaelis 1709. im Gymnasio Persohnlich zu besuchen, worbey ich erfuhr: wie sie vor kurtzen von der Verstorbenen Muhme ein Capital von 2800. Thl. geerbt, und selbiges in der AltStadt Elbing, so wohl angelegt, dass sie davon nebst meinem Geschwister, ihr vergnugliches jahrliches Auskommen haben konte.

Solchergestallt befand ich mich nunmehro in allen Stucken vollkommen vergnugt, und brachte durch unermudeten Fleiss alles wiederum ein, was die Bossheit meiner Feinde verhindert hatte, so dass ich um Ostern, 1710. mit guten Gewissen, auf eine der beruhmtesten Universitaten ziehen konte, allwo ich durch Beyhulffe getreuer Lehrer und vornehmer Gonner, die beste Gelegenheit fand, auf den wohlgelegten Grund der Theologie, ferner fort zu bauen.

Allein meine wertheste Herren und Freunde, sagte hierauff Herr Mag. Schmeltzer, ich mercke zwar bey niemanden unter ihnen, einen Verdruss oder Mudigkeit, da es aber bereits Mitternacht ist, werde ich wohl thun, wenn, weder des lieben Altvaters Ruhe, noch unser aller gute Ordnung nicht zu unterbrechen, meine Lebens-Geschicht voritzo theile, und den ubrigen Rest derselben, Morgen G.G. erzehle, daferne es anders Ihnen allerseits beliebig ist, selbige vollends anzuhoren.

Wir danckten also ingesammt unsern liebsten Seelsorger, vor dessen gehabte Gutigkeit, und weiln die allermeisten Anwesende, bey Anhorung seiner klaglichen Avanturen, sich der Thranen nicht enthalten konnen; wurde derselbe von der gantzen Gesellschafft, desto umstandiger ersucht, uns auf die traurigen, auch seine hoffentlich frolichern Begebenheiten wissend zu machen, wornach vor dieses mahl, ein jeder seine angewiesene Schlaff-Stadte suchte.

Folgendes Tages etwa zwey Stunden vorher, ehe die Sonne ihren allerhochsten Grad uber unserer Insel erreicht, versammleten sich alle Einwohner, abgeredter massen, abermahls auf ihren angewiesenen TafelPlatzen, und wurden mit einer nicht weniger kostlichen Mahlzeit als vorigen Tages bewirthet. Nachdem dieselbe eingenommen war, schickte sich alle junge Mannschafft welche das Schiess-Gewehr wohl zu fuhren vermogend war, in zierlicher Ordnung auf denjenigen Platz zu ziehen, wo die Vogelstange auffgerichtet war, um daselbst nach einen grossen Holtzernen Kropff-Vogel zu schiessen, welchen unser Tischler Lademann, nebst dem Muller Kratzern, sehr kunstlich ausgearbeitet, und mit schwartz und gelber Farbe angestrichen hatten. Wir zuletzt angekommenen Europaer, schossen mehrentheils auch mit, die jungern und annoch kindischen Leute aber theileten sich in verschiedene Hauffen, und nahmen allerhand Lust-Spiele vor, dahingegen die Alten, bald dieses bald jenes mit Vergnugen beschaueten. Mit Untergang der Sonnen wurde nicht allein das Spielen, sondern auch das Vogelschiessen geendiget, und weiln des Kropff-Vogels mehr als halber Leib, nebst einem Fusse, und grostem Stucke des Schwantzes, noch sehr fest an der Stange hienge, nahmen wir Abrede, selbiges morgendes Nachmittags vollends herunter zu schiessen. Voritzo aber zogen die meisten, so wohl alte als junge Leute, zuruck auf den Speise-Platz, und wurden Herr Wolffgangs Veranstalltung nach, mit gekochten Reiss, der mit Zucker und Zimmet starck bestreuet war, ingleichen mit gebratenen Wildpret, Kuchen und Fruchten bedienet. Mit dem Alt-Vater Alberto hingegen, begaben sich alle diejenigen, so gestriges Abends bey ihm geblieben waren, auf seine Burg, allwo ein jeder nach seinem Belieben entweder etwas zu speisen oder zu trincken fand, nachhero das Vergnugen hatte, die

Fortsetzung von Herrn Mag. Schmeltzers

Lebens-Geschicht

mit anzuhoren. Meine Werthesten! fieng also Hr. Mag. Schmeltzer diesen Abend wiedrum zu sagen an, es werden in Teutschland wenig Menschen seyn, welche nicht wissen solten, was vor eine wunderliche und mehrentheils leichtsinnige Lebens-Art, junge Studenten auf den Universitaten zu fuhren pflegen, ich muss es selbst gestehen, dass unter so vielen mehrentheils sinnreichen und begeisterten Corpern, allerhand nutzliche, unnutzliche, auch ziemlicher massen indifferente Streiche passiren; allein ich vor meine Person liess, ohne Ruhm zu melden, dieses meine eifrigste Sorge seyn, mich vor allen verdachtigen Gesellschafften zu huten, modest und massig zu leben, keine nutzliche Doctrin zu verabsaumen, und dann auf meiner Stube dasjenige fleissig zu wiederholen und zu untersuchen: was in den Collegiis so wohl publice als privatim war vorgetragen worden. Es geluckte mir in eine solche Compagnie zu gerathen, welche gemeiniglich alle Woche ein oder zweymahl Zusammenkunfft hielt, worbey ein jeder ein Specimen seines Fleisses und Judicii auffzeigen muste, welches denn aufs genauste erwogen, und von den andern nach befinden bescheidentlich gelobet, oder carpirt wurde. Es ist fast nicht zu glauben, was mir dieses feine Exercitium vor gantz ungemeinen Nutzen schaffte, denn vermittelst dessen, brachte ich binnen 3. Jahren, einen solchen starcken Vorrath von gelehrten Sachen in meinen Kopff, und darzu gemachte Bucher, als wohl ohne dieses in 6. oder mehr Jahren nicht geschehen ware. Nach Verlauff selbiger Zeit aber, konte um so viel desto Hertzhaffter auff der Cantzel erscheinen, und da sich sehr offtere Gelegenheit zum predigen vor mich zeigte: so hatte dabey das Gluck, wenigstens von den meisten Leuten nicht ungern gehoret zu werden. Jedoch einem weltberuhmten Theologo zu gefalle, und denselben personlich zu horen, begab ich mich von der ersten hinweg, und auf eine andere Universitat, allwo binnen drittehalb jahriger Anwesenheit, meine Zeit dermassen wohl anzuwenden Gelegenheit fand, dass mich selbige, biss diese Stunde, nicht im geringsten gereuen zu lassen Ursach habe. In der Michaelis Messe aber des 1715ten Jahres, da ich von einem guten Freunde zur mundlichen Unterredung nach Leipzig verschrieben worden, gab mir derselbe die betrubte Zeitung zu vernehmen, dass meine liebe Mutter, seit etlichen Wochen an einem auszehrenden Fieber darnieder lage, und zu ihren wieder auffkommen schlechte Hoffnung vorhanden sey; derowegen dieselbe ein hertzliches Verlangen truge, mich vor ihrem Ende noch einmahl zu sehen und zu sprechen, wie denn derselben an mich abgelassenes Schreiben solches mit mehrern Umbstanden bekrafftigte.

Demnach begab mich mit erst erwehnten guten Freunde auf die Reise, und kam unterwegs mit dem Kauffmann, Herrn Frantz Martin Julio in Bekandschafft, welcher an meiner wenigen Person etwas ihm gefalliges finden mochte, u. derowegen mir sogleich in seinem Hause, die Condition eines Informatoris vor seinen 10. jahrigen Sohn, und 7. jahrige Tochter, unter sehr profitablen Vorschlagen antrug. Ich konte zwar damahls auf der Reise, weder Ja noch Nein darzu sagen, nachdem aber den Handschlag von mir gegeben, den Zustand der Meinigen erstlich zu erkundigen, so dann dessfalls weiter mit ihm Briefe zu wechseln, reisete wenig Tage hernach, ein jeder von uns seine Strasse.

Meine liebe Mutter traff ich in sehr schwachen Zustande an, und ob sie zwar in folgenden Tagen, durch meine Gegenwart sehr gestarckt zu werden schien, so nahm dennoch bald hernach das hectische Fieber, von neuen dergestallt uberhand, dass sie endlich am 4. Decembr. selbiges Jahres, bey vollem Verstande, nach gemachten unpartheyischen Testamente, sanfft und seelig verschied.

Ich leistete dem entseelten Corper die schuldige Pflicht, ihrem letzten Willen aber eiffristen Gehorsam, und weiln meine alteste Schwester bereits vor 4. Jahren, einen ansehnlichen und wohl bemittelten Burger geheyrathet, uberliess ich demselben die Sorge vor unsere gemeinschafftlichen wenigen Guter, liess dem jungern Geschwister Vormunder bestatigen, gab meinem 19. jahrigen Bruder, der seit 4. Jahren bey einem Kauffmanne die Handlung zu erlernen, im Begriff war, und denen Schwestern, welche die alteste Schwester nicht von sich lassen wolte, gute Vermahnungen, den jungsten Bruder aber, bey dem sich in seinem damahligen 12ten Jahre ein ausserordentlich aufgewecktes Naturell zum Studiren zeigte, verliess unter der Zucht eines exemplarischen und besonders wohl qualificirten Schul-Collegen, welcher ihn vor jahrliche bedungene Gelder, als sein leibliches Kind zu halten versprach, ich aber gelobte diesem meinem jungern Bruder, bey kunfftigen wohlverhalten, alljahrlich aus meinem eigenen Vermogen, wenigstens 20. Thlr. Zubusse zu geben, damit es nicht allzu starck uber sein bissgen Erbtheil hergehen mochte.

Nachdem nun solchergestallt bey den Meinigen

alles in gute Ordnung gebracht war, fieng ich auch an vor meinen eigenen kunfftigen Auffenthalt zu sorgen. Es wurden mir in Elbing, ohne Ruhm zu sagen verschiedene Conditiones angetragen, allein die Conduite des Herrn Frantz Martin Julii, hatte mich dermassen eingenommen, dass ich alle andern fahren liess, und ihm nunmehro in einem Briefe, meine Person zu seinen Diensten offerirte, ohngeacht ich wuste, dass in seiner Stadt ein Jesuiter-Collegium anzutreffen, und dieselbe ausser dem mit vielen Romisch-Catholischen Leuten angefullet war, als vor welcher Art Menschen ich mich zu furchten gnungsame Ursache fande.

Kaum hatte ich diesem redlichen Manne meine Meynung uberschrieben, als er gleich folgenden PostTag mir 4. spec. Ducaten Reise-Gelder uberschickte, und instandig bat, keinen Tag zu versaumen, sondern aufs eiligste bey ihm zu erscheinen, welchem Bitten ich denn auch, nach genommenen Abschiede von den Meinigen, billige Folge leistete.

Es war der 28. April. 1716. mein Eberhard Julius! (so redete damahls Herr Mag. Schmeltzer gegen mich,) und zwar Abends um 8. Uhr, da ich den ersten Fuss uber eures Herrn Vaters Schwelle setzte, ihr waret als ein wohlgezogener Knabe, so gefallig, gleich bey dem ersten Eintritte mir entgegen zu lauffen und meine Hand zu kussen, welches mich dermassen afficirte, dass ich euch nachhero mit ungemeiner Treue geliebet, auch 4. Jahre lang, nach meinem besten Vermogen so gezogen habe, wie ich es vor GOtt, meinem Gewissen, euern Eltern, und vor euch selbst jederzeit zu verantworten getraue. Seiten meiner ist an euch, eurer frommen Schwester, und andern darzu gezogenen vornehmen Kindern, nicht das geringste versaumt worden, jedennoch habe dabey einige Zeit gehabt, meine eigene Studia zu beobachten, und mich sehr offters in predigen zu uben, anbey unverdienter Weise vielen ungesuchten Ruhm, auch manche unverhoffte Gunst, Bezeugungen und Geschencke von solchen Leuten zu empfangen; die ich ofters kurtz vorhero nicht einmahl gesehen oder gekennet hatte. Jedoch wir werden von unsern 4. jahrigen Beysammen seyn, und dem was sich binnen der Zeit zugetragen, noch offter mit einander zu sprechen, Gelegenheit haben, derowegen will voritzo nur in meinen ParticulairGeschichten fortfahren.

Vor Ostern 1720. schrieb mir ein gewisser vornehmer Universitats-Patron, mit dem ich bisshero wenigstens monathlich Briefe gewechselt hatte: Ich solte meine Condition bey Herrn Frantz Martin Julio aufgeben, und je eher je lieber zu ihm kommen: weiln er verschiedene tuchtige Subjecta, in ein und anderes austragliches Ammt vorzuschlagen, genothiget worden, wannenhero er sonderlich auf mich, der ich doch wurcklich kein Jungling mehr sey, gantz besondere Reflexion gemacht habe, um GOtt und der Christl. Gemeinde, entweder auf der Cantzel oder auf dem Schul-Catheder meine moglichsten Dienste zu leisten. Ich konte dergleichen Ruff nicht anders als vor regulair erkennen, derowegen nahm kurtz nach Ostern von meinem bisherigen vortrefflichen Wohlthater, Herrn Julio, wie auch allen andern Freunden, zartlichen Abschied, und reisete mit der geschwinden Post, zu nur erwehnten meinem eingebildeten grossen Beforderer. Selbiger empfieng mich aufs allerfreundlichste, und gab mir nach Verlauff weniger Tage, vortreffliche Recommendations-Schreiben, an verschiedene Schul-Patronos einer gewissen Stadt, von welchen ich mit Worten sehr hofflich an- und auffgenommen wurde, auch nebst zweyen andern, zur Prsentation und Probe, wegen eines vacanten austraglichen Schul-Dienstes mit gelangete. Ein gewisser, ohnfehlbar hierzu abgeordneter Mann wolte mich glaubend machen: ich hatte nicht nur unter den letztern, sondern auch alle bissherigen Competenten am besten bestanden, derowegen fehlete es nur daran, dass ich dem Herrn Ephoro und regierenden Burgemeister, jedem etwa ein Dutzet Thaler, dem Herrn Schul-Vorsteher halb so viel, dem Herrn Stadt-Schreiber 6. fl. und wo mir recht ist, noch andern etwas mehr oder weniger in die Jacke wurffe, so wurde die gantze Sache ihre gewisse Richtigkeit haben; Allein, da ich gantz einfaltig heraus sagte: Wie es solchergestallt das Ansehen haben konte: als ob ich mich in dergleichen Dienste einkauffen wolte, wovor mich doch GOtt in Gnaden behuten wurde; bekam ich gleich folgendes Tages das Consilium abeundi, unter dem Vorwande: dass ich kein Magister sey, auch ihren ambitieusen Schulern nicht gravitatisch genung vorkommen mochte. Nun hatten zwar diese beyden Scrupels gar leichtlich konnen gehoben werden, wenn ich mir nehmlich binnen wenig Tagen ein Magister-Diploma, vor etwa 30. Thlr. und dann eine geknupffte Peruque vor 2. oder 3. Thlr. angeschafft hatte, denn NB. ich erschien vor ihnen nur in einer kleinen naturell Peruque, allein weil ich mich vollig persuadirte, dass diesen allzu gewissenhafften Herrn Patronis, mehr mit reichlichen Spendagen, als mit einem neu gebackenen, und Etaats-peruquirten Magister gedienet sey: blieb ich bey meiner Einfalt, bedanckte mich noch uber dieses, vor erwiesene Ehre, ohngeacht mir kein Bissen Brod vorgesetzt, vielweniger aber die Reise-Kosten gut gethan worden, und eilete zuruck, dem hohen Universitats Patrone mein fehl geschlagenes Gluck vorzustellen.

Dieser schuttelte mit dem Kopffe, und sagte weiter nichts als: Mundus regitur opinionibus. Der Herr thut wahrhafftig nicht ubel, wenn er sich den langst verdienten Magister-Crantz auffsetzen last, weiln ohnedem in wenig Tagen dergleichen offentliche Promotion hiesiges Orts angestellet wird. Man muss sich freylich bey den wunderlichen Zeiten, so wohl in diese, als in die Leute zu schicken suchen.

Ich meines Orths begieng auf sein ferneres Zureden, wurcklich die Thorheit vor etliche 30. Thlr. ein Candidatus Magisterii, ja was sage ich, nicht nur dieses, sondern ein leibhafftiger, erb- und eigenthumlicher Magister, auf meine Person und gantze LebensZeit zu werden. Wiewohl, es sey ferne von mir diesen loblichen Ritum und das, was darmit verknupfft ist, verachtlich durchzuhecheln, sondern ich will nur so viel sagen: dass mir das grosse M. vor meine Person nach der Zeit so viel nutze gewesen, als das 5te Rad am Wagen. Im Gegentheil hat es mich um das schone Geld, welches ich ohnfehlbar besser anwenden konnen, und dann auch nachhero um etwas mehr Dinte und Federn gebracht.

Wenige Wochen hernach, recommendirte mich mein wohlmeynender Beforderer, an einem Edelmann auf dem Lande; von welchem er ersucht worden, ihm einen tuchtigen Menschen zu zu senden, der, indem sein Pfarr-Herr und Seelsorger verstorben, mitlerzeit Predigten und Beth Stunden, in seiner Dorff-Kirche halten konte, weiln die benachbarten Herrn Pastores, selbige allzu sparsam besuchten. Der Edelmann hatte zu Ende des Briefs noch die kostliche Clausul angehenckt, dass wenn es ein gelehrter und habiler Mensch sey, man ihn en regard Ihro Magnificenz bey kunfftiger Pfarr-Vergebung, vor allen andern in Consideration ziehen wurde. Ich reisete demnach ohne Saumniss dahin, und wurde von dem alten Edelmanne, und seiner ebenfalls ziemlich bejahrten Gemahlin, allem Ansehen nach, recht treuhertzig bewillkommet, ja so bald ich nur meine erste Predigt abgelegt, dermassen mit Lob-Reden und taglichen Wohlthaten uberhaufft, dass sie mich mehr vor einen Engel, als sterblichen Menschen zu betrachten, schienen. Ein vollkommenes viertel Jahr war ich also in dieses Edelmanns Hause und an seiner Tafel gewesen, binnen welcher Zeit ich nicht allein den Gottes-Dienst der Gemeine aufs eiffrigste befordert, sondern auch des Edelmanns zwey jungste, sehr wild und ubel erzogene Sohne, mit auserster Treue und Liebe, auf bessere Wege zu bringen gesucht hatte; Als eines Abends mein am Podagra kranck liegender Edelmann, seinen Verwalter, welches ein betagter und ziemlich vernunfftiger Mann war, an mich schickte und melden liess: wie ich vor dieses mahl auf die kunfftige Sonntags Predigt zu studiren nicht nothig hatte, denn es wurde kommenden Sonntag, nebst andern Gasten, ein benachbarter Edelmann seinen Informatorem mit bringen, welchem der Principal eine Gast-Predigt, und zwar Ehrenhalber thun zu lassen, versprechen mussen. Ich gab zu verstehen: dass solches mir von Hertzen angenehm sey, zumahlen da ich ohnedem einen starcken Catharren auf der Brust hatte. Der Verwalter aber, der sich ein wenig bey mir auffzuhalten Lust bezeugte, redete gantz treuhertzig fort: Mein lieber Herr Magister, ich will ihnen im Vertrauen eroffnen, dass eben dieser Informator auch ein Competent um den hiesigen PfarrDienst ist, allein ich weiss gewiss, dass mein Principal, den Herrn Magister vor allen andern erwehlen wird, daferne sich derselbe nur in einem eintzigen Stucke nach seinem, und sonderlich der Frau Principalin Sinne richtet. Ich stellete mich recht sehr aufmercksam an, einer Sache die ich bisshero nicht gemerckt oder mercken wollen, vollkommen vergewissert zu werden, im Gegentheil wuste der gute Verwalter nicht Umschweiffe genung zu machen, die ihm, von der Frau Principalin, in den Mund gelegten Worte manierlich heraus zu bringen. Jedoch ich will mich nicht lange bey dieser argerlichen Sache auffhalten, sondern nur kurtz heraus sagen, dass die Edel-Frau, welche nicht allein vom Jure Patronatus, sondern auch von der gantzen Hauss-Herrschafft, den grosten Zipffel in beyden Handen hielt, eine 35. jahrige Jungfer zur Aussgeberin bey sich hatte, welche derjenige, so die Pfarr haben wolle, unumganglich zu heyrathen, sich anheischig machen solte. Allein ich gab den Verwalter hierauff gantz trocken und deutlich zu vernehmen: dass wenn auch dieses erwehnte Frauenzimmer, ihr nicht eben hessliches Gesichte in ein englisches, und ihr mittelmassiges Naturell, in die aller ganlanteste Auffuhrung verwandeln konte, so hatte doch ich ein dermassen zartes Gewissen dass ich eher Zeit lebens die Schweine huten, als mich solchergestallt in eine Pfarre eindringen, und meine Vocation in eine Weiber-Schurtze gewickelt, annehmen wolte. Will mich GOtt, sprach ich ferner, zum Hirten einer christlichen Heerde haben, wird er mich wohl durch reputirliche und erlaubte Wege darzu fuhren, wo nicht, so wird er mir Gelegenheit zeigen, mein Brod auf andere ehrliche Weise zu verdienen.

Diese Erklarung war vermogend genung alle meine krafftigen Recommendationes, ja meine gantze PfarrHoffnung, hiesiges Orts, uber einen hauffen zu werffen, denn da ich gleich des andern Tages, so wohl von dem Principal, als dessen Gemahlin, wie nicht weniger der Jungfer Ausgebern, die scheelesten Minen empfieng, war gar leicht zu mercken, dass der Verwalter offenhertzig ausgebeichtet, mir aber wurcklich damit den grosten Gefallen erwiesen hatte.

Folgenden Sonntag, kam nebst denen vornehmen Gasten, auch bereits erwehnter Informator an, welches zwar ein wohl ansehnlicher, und mit einer ziemlich starcken Sprache begabter Mensch, im ubrigen aber ein sehr schwacher Gelehrter war, wie denn alle seine Reden, und vornehmlich die erbarmlich zusammen gestoppelte Predigt, dessfalls sattsames Zeugniss ablegten. Dem ohngeacht wurde in meines Principals Hause, ein ziemliches Wesen von diesem Menschen gemacht, jedoch keiner andern Ursache wegen: als weil er einige verliebte Blicke auf die Jungfer Ausgeberin gespielet, und sich schon unterwegs gegen unsern Kutscher verlauten lassen: derjenige Mensch hatte vom Glucke zu sagen, welcher mit der Zeit die kluge, hausswirthliche, tugendhaffte und uberhaupt wohl qualificirte Jungfer Ausgeberin zur Ehe bekame, die er nur ein eintziges mahl von ferne zu sehen die Ehre gehabt hatte.

Nachst folgendes Tages liess mich der Principal selbsten vor sich kommen, und that denjenigen Vorschlag, mit einer hochadelichen ernsthafften Mine, selbst ungescheut, welchen mir der Verwalter vor wenig Tagen nur als im Vertrauen gesteckt hatte, betheurete anbey hoch, dass ich Seiten seiner, den Vorzug vor allen andern Competenten hatte, jedoch seine Gemahlin, und er selbst, hielte vor hochst billig, ihre fromme und keusche Hauss-Jungfer, wegen ihrer von Jugend auf geleisteten treuen Dienste, zugleich mit zu versorgen. Allein ich wiederholete meinen, dem Verwalter bereits eroffneten Schluss, und bat: Seine Wohlgebohrnen mochten sich solchergestallt meinetwegen nicht abhalten lassen, Dero Pfarre zu geben wem sie wolten, ich gonnete gern einem jeden das, was er sich wunschte, auch vor GOtt und seinen Gewissen zu verantworten getrauete, meines theils aber ware sehr scrupulos, und wolte lieber mit guten Gewissen Betteln gehen, als mit schweren Gewissen in den vornehmsten Ammte sitzen. Die Frau Principalin kam ebenfalls darzu, und konte, nachdem sie ihre Hauss-Jungfer aufs Beste heraus gestrichen, fast nicht Worte genung ersinnen, meinen so genandten EigenSinn zu brechen, allein ich verharrete bey meinem Entschlusse, und bat: so bald es ohne Verhinderung des Gottesdienstes geschehen konte, mir meine Dimission zu geben.

Selbige bekam ich also noch an eben diesem Tage, jedoch mit der unerwarteten Erlaubniss, kunfftigen Sonntag noch einmahl zu predigen, bey solcher Gelegenheit nahm von der gantzen christlichen Gemeine offentlichen Abschied, und wunschte ihnen: dass die erledigte Seelen-Hirten-Stelle, mit einem rechtmassiger weise beruffenen Diener des Worts ersetzt werden, und dessen Leben jederzeit mit Christi Lehre wohl uberein stimmen mochte.

Es gab nach verrichteten GOttes Dienst ein starckes Gemurmele unter der Gemeine auf dem KirchHofe, allein, ich liess mich nichts anfechten, sondern reisete mit Anbruch des folgenden Montags, nach genommenen freundlichen Abschiede von allen, die mir nur die geringste Gute erzeigt hatten, gantz vergnugt zu meinem Universitats-Patrone.

Selbiger rieff, nachdem ich ihm meine Avanture erzehlet, abermahls aus: O tempora, o mores! lobte aber meine gefassete Resolution, und ermahnte mich, nur nicht zu verzagen, weiln sich mein Glucke noch zu rechter Zeit finden wurde. Immittelst hatte letzt gedachter Edelmann keine andere Ursache meiner Dimission vorzuschutzen gewust, als dass meine Sprache zu schwach sey, und seine Kirche nicht allzuwohl ausfullen konte, welches doch ein lacherliches und wider die Wahrheit lauffendes Geschwatz war, seine Bauern aber, die etwan auch ein Wort bey der Wahl eines neuen Predigers zu sprechen hatten, setzten sich starck wider den Beruff des oberwehnten Informatoris, haben auch, wie mir gesagt worden, die grobe Expression gebraucht: Wenn es nur auf die starckbrullende Stimme allein ankame, so ubertreffe ihr Dorff-Ochse den Informatorem bey weiten. Allein, die armen Leute haben doch, nach vielen processiren, denselben endlich mit Gewalt annehmen, und er die Jungfer Ausgeberin ebenfalls gezwungen heyrathen mussen, nachdem er viele listige Streiche, sich von dem, mit ihr eingegangenen Verlobniss loss zu wikkeln, gespielet hatte.

Wenige Wochen nach meiner Zuruckkunfft erhielt ich abermahls, und zwar ohne Zweiffel auf geheime Unterhandlung meines Patrons, ein InvitationsSchreiben zu einer Probe Predigt in einer nahgelegenen mittelmassigen Stadt, welchem zu Folge, mich denn zu gehoriger Zeit aufmachte, und selbige nach meinem Vermogen unerschrocken ablegte, auch nach dasiger gewohnlichen Art ein ziemlich scharffes tentamen, und zwar hauptsachlich uber den Locum de providentia divina auszustehen hatte. Ich muss abermahls hierbey, jedoch ohne eitlen Ruhm, bekennen, dass mir viel gutes nachgesagt wurde, so, dass ich in der Wahl die allermeisten Vota gehabt haben soll, jedoch eine verzweiffelte Verleumdung, machte auch dasiges Orts alles wiederum ruckgangig. Denn als ich eines Abends im Post-Hause, allwo mein Logis war, unter etlichen daselbst einheimischen Gelehrten, auch frembden sehr vernunfftigen Passagiers, meinen Platz erhalten, und unvermerckt mit in den Discours de motu mechanico gezogen wurde, worbey ihrer etliche einen beruhmten Professorem, wegen seiner etwas hart lautenden Grund-Satze, gantz und gar zum Atheisten machen wolten; gab ich mir die Muhe, ihn disputationis gratia zu defendiren, zeigte auch, dass derselbe Grund gelehrte Mann in vielen Stucken gantz anders verstanden seyn wolte.

Da nun die darbey sitzenden einheimischen jungen Gelehrten letztlich fast nichts mehr gegen meine, wiewohl mehrentheils schertzhaffte defension aufzubringen wusten, mogen sie etwa aus Verdruss und Bossheit in der gantzen Stadt aussprengen: Ich ware ein ErtzAnhanger von dem oberwehnten Professore, und wurde in dem heiligen Predigt-Amte treffliche Streiche machen. Nun muste mich zwar von rechtswegen das geistliche Ministerium, welches meine principia Theologica ernsthafftig genug angehoret hatte, selbsten defendiren, allein ein alter halb-gelehrter Compatronus, der eine starcke Freundschafft in der Stadt hatte, und der, im Fall nur ich abgewiesen ware, seinen nahen Vetter desto eher auf die Cantzel zu bringen gedachte, tritt so gleich auf und rufft: O Domini! Domini! latet anguis in herba, bedencket nach eurem Gewissen, was das beste sey, auch der geringste Verdacht in diesem Stucke, ist schon vermogend Irrthumer anzurichten, es sind noch genug andere untadelhaffte Leute in der Welt anzutreffen, ob sie gleich nicht in so vielen speculativischen Dingen geubt sind.

Einige mir ungemein wohlwollende, doch mehrentheils unbekandte Gonner, verursachten, dass ich dieser Blame wegen, noch einmahl vor dem dasigen Corpore Theologico erscheinen, und meines Glaubens wegen Rechenschafft geben muste, so bald dieses zu meiner Avantage geschehen war, bath ich mir als eine ausserordentliche Gutigkeit aus: dass mir vergonnet werden mochte: gleich morgendes Tages vor Gelehrten und Ungelehrten, an einem offentlichen Orte, jedoch ausser der Kirche, meine Lehr-Art in einer sanfftmuthigen Deutschen Oration ordentlich vorzustellen. Solches wurde mir gewunscht erlaubt, und zwar in dem grossen Schul-Auditorio, allwo sich fruh zwischen 8. und 9. Uhr, alle gelehrte und ungelehrte Honoratiores versammleten. Demnach fieng ich an zu peroriren, erzehlete meinen Lebens-Lauff gantz kurtz, that mein Glaubens-Bekantniss desto weitlaufftiger, und provocirte hernach meine bosshafften Calumnianten, mit sanfftmuthigen Geiste, sich allhier offentlich meiner Lehre, Leben und Wandel zu opponiren, und meiner fernern Erklarung gewartig zu seyn. Allein, ob gleich alle dieselben zugegen waren, so wolte doch kein eintziger seinen Mund aufthun, derowegen sprach ich nach langen warten: Es ist genung vor mich, dass sich mein gantzes Wesen hiesiges Orts gerechtfertigt gefunden, derowegen will im Nahmen des HErrn meine Strasse wiederum zuruck ziehen, und mein anderweitiges Gluck mit ruhiger Gelassenheit erwarten, um denen, so an ihrer Beforderung verzweiffeln wollen, so wohl als meinen Verleumdern keine fernere Ungelegenheit zu verursachen. Dieserwegen wurde ich folgenden Nachmittag in eine Versammlung verschiedener redlicher Leute geruffen, welche sich zwar, so wohl als der Primarius des geistlichen Ministerii selbst, viele Muhe gaben, meine wieder Fort-Reise zu hintertreiben, hergegen fest versicherten, die Sache ohne meine geringste Bekummerniss und ohne allen fernern Streit auf erwunschen Fuss zu setzen; allein, da ich binnen wenig Tagen erfuhr, dass der oben erwehnte halbgelehrte Compatronus mit seinem Anhange allerhand verdrussliche Handel in der Stadt anzuspinnen suchte, hergegen von andern rechtschaffenen Patrioten allerhand Gegen-Verfassungen gemacht wurden, nahm ich alles Bittens und Zuredens ungeacht, von allen redlich-gesinneten Gonnern und Freunden plotzlichen Abschied, und zwar aus keiner andern Ursache, als meine Person nicht zur Ursache des Zwiespalts, Zancks und Streits zu machen.

Meine Ruckreise gieng abermahls zu dem offterwehnten Universitats-Patrono, welcher nach Anhorung meiner Fatalitaten diesen Vigilianischen Vers ausrieff: Ah!

Discite justitiam, moniti, & non temnere divos.

der bey dieser Gelegenheit auf Deutsch so viel zu verstehen geben solte: Ihr Richter lernt das Recht, und gebet GOtt die Ehre, Verdammt nicht unerwegt gescheuter Leute Lehre. Dem allen ohngeacht war dieser mein grosser Patron sehr geflissen, ja gantz unermudet, mich rechtschaffen unterzubringen, da aber bey allen Gelegenheiten gantz besonders scrupuleuse Umstande versirten, konte ich nicht anders dencken, als dass es GOttes Wille nicht sey, mich durch die Vorsorge dieses sonst sehr beruhmten Mannes zu versorgen. Ihm also keine fernere Muhe mehr zu verursachen, nahm von demselben auf etliche Wochen Abschied, nachdem ich vor seine besondere Muhwaltung gehorsamst-schuldigsten Danck abgestattet, u. mich seines bestandigen Wohlwollens bestens versichert hatte.

Meine Reise gieng mit einem guten Freunde, der viel Lobens- wurdiges an sich, und sehr fleissig Jura studiret hatte, in seine Geburths-Stadt, allwo ich bey seinen vornehmen und uberaus gutthatigen Eltern, etliche Wochen als ein Gast zu verbleiben, mich fast gezwungen sahe. Hieselbst fand nun mitlerweile gar leichtlich. Gelegenheit, so wohl bey dem Ober-Pfarrer, als bey den andern Herrn Geistlichen, einen freyen Zutritt zu erhalten, ja weiln nur gemeldter Ober-Pfarrer ein ziemlicher Valetudinarius war, liess ich mich per tertium bereden: um ein billiges Kost-Geld eine Zeitlang den Aufenthalt in dessen Hause zu suchen, an seinem Tische mit zu speisen, und ihm seine vielen Ammts-Verrichtungen, nach meinem Vermogen, und so viel als zulassig war, besorgen zu helffen. Der ehrliche Mann sahe wohl, dass ich mir in keinem Stucke, auch so gar in einigen Hausshaltungs-Geschafften, einige Muhe verdruffen liess, wolte derowegen nicht das geringste von Kost-Gelde oder Stuben-Zinse annehmen, allein seine Ehe-Frau, die eine Dame von gantz wunderbarer Conduite, und schon ziemlich bey Jahren war, wuste sich dennoch meines Geld-Beutels auf so artige und uninteressirt-scheinende Art zu bedienen, dass sie zuweilen ein mehrers aus selbigem Zog, als das offerirte Honorarium austrug. Es war immer Schade um diesen sonst aller Ehren wurdigen Mann, dass er ein Sclave der Affecten seines Weibes war, denn weil sie ihn betaubt hatte, den Bischoffs-Stab nach ihrem Willen, als eine Wunschel-Ruthe zu gebrauchen, so muste dieselbe bey Besetzung ein und anderer geistlichen Aemter nur auf diejenigen Personen schlagen, allwo diese geitzige Frau, auf importante Spendagen sichere Rechnung machen konte. Hatte ich dieses vorher gewust, so wurde mich vor diesem Hause gehutet haben, so aber erfuhr alles nur nach und nach. Von vielen Exempeln nur etliche wenige zu erzehlen, so hatte um selbige Zeit ein gewisser vornehmer Herrn Diener die Unzucht begangen, sich mit einer Weibs-Person fleischlich zu vermischen, welchen Flecken abzuwischen, er endlich die Copulation eingieng, und sich der gewohnlichen Geld-Busse unterwarff. Wegen der Copulation wurde ihm zwar gewillfahret, andern theils aber wolte der Herr Ober-Pfarre aus gantz besondern Ursachen beyde Leute nicht eher zum heiligen Abendmahle lassen, biss sie die ordentliche Kirchen-Busse gethan, und der christlichen Gemeine das gegebene Aergerniss, kniend abgebeten hatten. Der Herr des erwehnten Dieners wolte selbigen nicht gern vor allen Leuten prostituirt wissen, wandte derowegen viele Muhe an, von dem Ober-Pfarrer dasjenige Beneficium zu erhalten, welches bereits vielen andern privat-Personen vor baares Geld angediehen war; allein, ziemlich lange Zeit gantz vergebens, endlich schlug sich die Frau Primariin ins Mittel, liess erwehnten Herrn ersuchen, ihr vor ihren Sohn, der Auditeur unter der Soldatesque war, um Geld und gute Worte ein paar HirschHaute zum Collett und Hosen zu uberlassen, da nun solchergestalt der Herr vermerckte, wo er Bartheln muste Most holen lassen, gab er, dem im KirchenBann sich befindlichen Diener, zwey Hirsch-Haute, selbige der Frau Primariin als ein Geschenck zu uberbringen, die ihm denn gleich augenblicklich vollige Abolition seines Verbrechens, nebst der Erlaubniss zu wege brachte, noch selbigen Tages in den BeichtStuhl und morgendes Tags zum Tische des HErrn zu kommen. Dieses hiess nun freylich seine Affecten mehr als zu starck verrathen zu haben, allein, der gute Mann muste ja wohl den Binde- und Lose-Schlussel nach seiner Frauen Anweisung gebrauchen. Zur andern Zeit hatte abermahls ein im Ehestande lebender Mann sich gelusten lassen, eine ledige Dirne zu Falle zu bringen, nachdem aber selbige die Zeichen ihrer Schwangerschafft, und uber dieses leichtlich merckt: dass es am klugsten gehandelt sey, von ihrem EhrenSchander ein Stucke Geld zu nehmen, und auf einen andern zu bekennen, findet sie bald Gelegenheit, sich einem andern liederlichen Kerl zu unterwerffen, welchen sie auch hernach als Vater ihres Hur-Kindes angab. Beyde Schand-Schwager kommen hierauf mit einander zum Streite, so, dass immer einer dem andern das Vater-Recht an den Halss wirfft, biss die Sache endlich an die Geistlichkeit gelanget. Der vereheligte mag ohnfehlbar bessern Bescheid wissen als der andere, uberbringt derowegen der Frau Primariin ein paar Packlein feines Zeug, welches kaum mit der Elle ausgemessen, da schon der froliche Geber von aller Schuld loss gesprochen ist, ja als der andere Mensch diesen Flecken nicht alleine wolle auf sich hafften lassen, giebt ihm der Herr Primarius noch diese trostliche Vermahnung: Er solle es doch immer gut seyn lassen, es ware ein menschlicher Fehler, welcher durch eine massige Kirchen-Censur abgethan werden konte, er ware ein lediger Mensch, der aus Liebe zu seinem vereheligten Nachsten, dergleichen Sache eher auf sich nehmen konte, als der andere, mit dem es schon etwas mehreres auf sich hatte.

Man bedencke, ob allhier nicht eingetroffen, was GOtt durch den Propheten Micha, cap. 3. v. 11 redet: Ihre Haupter richten um Geschencke, ihre Priester lehren um Lohn, und ihre Propheten wahrsagen um Geld. Jedoch nur noch etwas weniges und wahrhafftes von meinem damahligen Patrono zu melden, so wuste er alles dermassen politisch zu spielen, dass niemand leichtlich einen Pfarr- oder Schul-Dienst in der Stadt oder auf dem Lande bekam, als wer sich vorhero quovis modo mit der Frau abgefunden, denn weil deren Mann die andern Kirchen- und SchulPatronos dergestalt eingenommen hatte, dass sie ihn in allen dergleichen Handlungen fast nach eigenen Gefallen schalten und walten liessen, that er mehrentheils was er wolte, doch besser gesagt, was seiner Frauen gefiel. Ich weiss etliche arme Dorff-Prediger, die sich wehe genung haben thun mussen, ehe sie das versprochene honorarium, theils mit Korn, Waitzen, Gerste, Butter, Kase, Flachs, jungen Schweinen, Kalbern, Hunern, Gansen, etc. theils mit baaren Gelde abtragen konnen, woruber dennoch die allzu nahrhaffte Frau das debet und dedit nach ihrer Autoritat einrichtete. Ein gewisser noch ziemlich passabler Studiosus Theol. bekam den allerelendesten SchulCollegen-Dienst in der Stadt, jedennoch aus lautern Gnaden, dieweil er ein sehr artiges, und von seinen eigenen Handen fabricirtes Poppen-Schranckgen mit Schubladgen zum Present uberreichte. Ich glaube nicht ohne Ursach, dass in einem, solcher Schubladgen, etwa etliche geharnischte Manner mit Schwerdtern, verarrestirt gelegen, kan es aber dennoch nicht vor gantz gewiss aussagen. Die Herrn Dorff-Schulmeisters oder Cantores, wie sie gern heissen wolten, musten sich desto genereuser zeigen ein oder ein paar Bienen-Stocke, etliche Kannen Honig oder Pflaumen-Muss, Butter und Kasewurden gantz negligent angenommen, derjenige aber, so einen oder ein paar fette Consistorial-Vogel, wenigstens so viel Capaunen, eine mit vielen Kuchleins gesegnete Glukk-Henne, und dergleichen brachte, bekam nicht allein freundlichere Minen, sondern verblumter weise so gar spem successionis auf die Pfarre. Sonsten war die Frau Primariin die Zuflucht aller Manner-begierigen Jungfern, denn wenn diese nur erstlich die rechten Schliche zu Deroselben Hertzen fanden, wurden ihnen nach Standes-Gebuhr gar bald mit einem Pfarrer, Kirchen- oder Schul-Diener geholffen, und solcher gestalt bussete der gute Sanct Andreas, auch bey dem alleraberglaubigsten Frauenzimmer, seinen volligen Credit ein. Denen Wittben und Waysen war diese Frau ungemein trostlich, denn selbige mochten hier oder dort eine gerechte oder ungerechte Forderung anstellen, so muste ihnen dennoch das Urtheil favorabel gesprochen werden, daferne sie nur etwas im Vermogen und zu spendiren hatten. Denen alten armen Leuten, aber nur weibliches Geschlechts, stund ihre milde Hand taglich offen, weil selbige sonderlich geschickt waren, alle neue Mahren, so in der Stadt und auf dem Lande passirten, in ihr Cabinet zusammen zu tragen, welches zu gewissen Tages-Stunden allen dergleichen Posten-Tragerinnen offen stund. Ubrigens, aller hauffigen Einkunffte ohngeacht, regierte doch SchmalHans, ihrer excessiven Nahrhafftigkeit wegen, in allen Ecken; so, dass kaum die Kinder, das Hauss-Gesinde aber um so viel desto weniger, satt zu essen bekamen, wesswegen denn selten eine Magd uber ein Viertel Jahr bey ihr blieb. Recht argerlich war es, dass offtermeldte Frau ihre Kinder in allen nur ersinnlichen Thorheiten unterwiess, indem sie ihnen, ihrer Meynung nach, die Grund-Reguln der Politique beyzubringen gedachte. Konte der jungste Sohn ex tempore eine Lugen aus der Lufft schnappen, so war es zwar nach ihrem Sinne eine Anzeigung eines inventieusen Kopffs, daferne er aber seine Lugen nicht mit besondern wahrscheinlichen Umstanden unverschamter Weise defendiren und fortfuhren konte, muste er einen Verweiss einstecken, und aus ihrem mutterlichen Munde die subtilesten Cautelen anhoren und behertzigen. Den altern Sohn unterwiese sie selbsten fast taglich in der Kunst, mit galanten Frauenzimmer zu conversiren, er muste lernen charmiren, obligante Complimente machen, eines Frauenzimmers Hand und Mund a la mode kussen, und hunderterley dergleichen Thorheiten mehr begehen, von welchem allen er denn bey der Frau Mamma offt wiederholte Proben ablegen muste. Die alteste von ihren Tochtern war wurcklich ein sehr wohl qualificirtes Frauenzimmer, und laugnete selbst nicht, dass sie bereits seit einiger Zeit an einen anstandigen und Standes- massigen Liebsten versprochen sey, ich habe aber einige Zeit nach meinem Hinwegreisen vernommen, dass die Frau Fick-Fackerin, nach ihrer eingebildeten Weissheit, ihren christlichen Mann endlich beredet, aus gewissen Staats-Ursachen, solches Verlobniss zu wiederruffen, und die Tochter an einen andern, wiewohl eben nicht so gar angenehmen Mann, zu verheyrathen. Ich vor meine Person hatte zwar eben nicht Ursach uber mein Tractament zu klagen, allein, so bald ich alle Anstalten dieses Hauses in genauere Betrachtung gezogen, uber dieses erwogen hatte, dass ich hiesiges Orts ebenfalls keine Beforderung, ohne sonderbare Knoten und Gewissens-Scrupel, erhalten wurde, bedachte ich mich kurtz, und trat, so bald mein voraus bezahltes Kost-Geld verzehrt zu haben meynte, eine Reise nach meinem Vaterlande an, mit dem Versprechen, nach Beschaffenheit meiner Umstande vielleicht bald zuruck zu kommen.

Nun war es zwar an dem, dass ich die Meinigen, von welchen ich wenigstens monathlich Briefe empfieng, einmahl besuchen, und sonderlich wegen meines jungsten Bruders ein oder andere Anstalt machen wolte, allein, es wurde mir unterwegs in einer beruhmten Stadt bey einem hochansehnlichen Manne die Condition eines Informatoris seiner 3. wohlgezogenen Sohne angetragen, die ich ohne langes Bedencken annahm, und meinen jungsten Bruder auf der Post zu mir zu kommen verschrieb.

Er gelangete nebst seinen Sachen bey mir an, und weiln selbiges Orts eine sehr wohlbestellte Schule anzutreffen, sich auch verschiedene Wohlthater fanden, welche ihn mit freyem Tische und Stube begabten, muste er fleissig in die Schule und bey mir zur privatInformation gehen, welches denn so viel fruchtete, dass ich ihn endlich um Michaelis 1723. mit guten Gewissen auf die Universitat, um daselbst ebenfalls Theologiam zu studiren, schicken konte. Mir gieng es immittelst sehr wohl in meines dasigen Principals Diensten, ja ich hatte so wohl als derselbe mein besonderes Vergnugen, uber die gute Auffuhrung und den besondern Fleiss meiner Untergebenen. Endlich wurde mir gerathen, mich wegen einer erledigten Diaconats-Stelle, so wohl als andere ehrliche Leute zu melden, weiln die Herrn Patroni doch auch, wie es hiess, darum begrusst seyn wolten, und nicht leichtlich die Vocation einem entgegen zu schicken pflegten. Ich folgte, und hatte das Glucke, unter 24. Competenten selb- 4te mit ausgelesen und examinirt zu werden, den Dienst aber bekam einer meiner allerwerthesten Schul- und Universitats-Freunde, dem ich wegen seiner sonderbaren Meriten und unserer Freundschafft, die sich bey unserer damahligen Zusammenkunfft gantz erneuerte, sein Gluck von Grund der Seelen gonnete.

Wenige Zeit hernach wurde das Schul-Rectorat vacant, ich hielt auf Zureden meines Principals ebenfalls darum an, wurde auch abermahls nebst 3. andern Candidaten zum Examine beruffen, und hatte, wie ich es ohne eiteln Ruhm meinem Principal nachrede, unter allen am besten bestanden, dahero die groste Hoffnung, diesen Dienst gewiss zu erhalten, allein zu meinem Unglucke muste mein Principal oben selbiges Jahr wenig in dergleichen Sachen zu sprechen haben, und ob er zwar, gewisser Ursachen wegen, nebst andern Gonnern dennoch zu meinem Vortheil durchdringen konnen, so schlug sich doch ein Hoherer ins Mittel, welcher die hinlanglichen Meriten seines seit 10. Jahren gewesenen Informations-Raths in Consideration zog, hauptsachlich aber vorstellete: Wie derselbe sich anheischig gemacht, um die Helffte der ordinairen Besoldung zu dienen, wannenhero man bey jetzigen erschopften rario, und Geldmangelnden Zeiten, vor das ubrige, noch einen hochst-bedurfftigen Schul-Collegen verschaffen und annehmen konte.

Mein Principal war hiermit zwar sehr ubel zu frieden, suchte aber jedennoch mich zu bereden, diese Condition, in spem futur promotionis, ebenfalls einzugehen, weil ich solchergestalt dennoch vor jenem den Vorzug haben solte; allein, weil ich mir ein Gewissen machte, derjenige Mensch zu seyn, von welchem die Successores dieses Dienstes, ubel reden, ihn auch vielleicht gar wegen seines ubler ausgelegten Beginnens gar verfluchten mochten ausser dem gar nicht gesonnen war, eine verdachtige oder auf Schrauben stehende Vocation anzunehmen, so konte es nicht anders seyn, als dass ich abermahls leer ausgehen muste. Jedoch wurde mir von allen sanctissime versprochen, dass ich von nun an die erste die beste Vocation, und zwar ohne eintziges ferneres Tentamen, Examen und alles empfangen solte.

Also blieb ich bey meinem Principal nach wie vor zufrieden, obschon dessen zwey altesten Sohne bald hernach auf eben die Universitat, wo mein jungster Bruder lebte, geschickt wurden. Eben dieser mein Bruder hatte sich gleich anfangs sehr wohl bey ihnen insinuiret, wurde derowegen von diesen zweyen Wohlthatern, auf Befehl ihres Vaters, in allen defrayret, welches ich vor meine Person mit besondern Freuden und allem ersinnlichen Dancke erkandte. Ich hatte mit dem jungsten Sohne wenig Arbeit, und doch eben die vorige Besoldung, da ich aber mittlerzeit, mein Eberhard Julius, mit eurem Herrn Vater, und andern werthen Freunden in eurer Geburths-Stadt, zum offtern Briefe gewechselt, und ihnen den Ort meines Auffenthalts jederzeit bekandt gemacht hatte, bekam ich am 3ten Martii des abgelauffenen 1725ten Jahres, von einem derselben, ohnverhofft solche Briefe, worinnen ich gebethen wurde, aufs eiligste bey ihnen zu erscheinen, weil vor meine Person eine gantz besonders treffliche Condition offen sey, ich will nicht sagen, worinnen dieselbe bestanden, sondern aus schuldiger Demuth melden, dass ich mich derselben unwurdig zu schatzen so wichtige Ursachen, als desto weniger zu befurchten gehabt, vergebliche Ansuchung zu thun.

Allein da unerforschliche Verhangniss hatte gantz widerwartig-scheinende Schlusse gegen mich gefasset, denn, nachdem ich von meinem Principal etliche Wochen Erlaubniss zur Heim-Reise ausgebethen, und bereits auf der geschwinden Post bey nahe 20. Meilen zuruck gelegt hatte, schlug einsmahls mitten in der Nacht der Post-Wagen dergestalt unglucklich vor mich um, dass nicht allein durch die nachschiessenden aufgepackten Kasten meine beyden Beine sehr geschellert, sondern uber dieses der rechte Arm schmertzlich zerbrochen wurde. Einem andern Passagier gieng es noch erbarmlicher, indem er im sturtzen das HalssGenicke zerbrochen, und augenblicklich seinen Geist aufgab, zwey noch andere aber, waren fast eben so unglucklich worden als ich. Der Wagen wurde zwar endlich mit groster Muhe wieder aufgerichtet, und wir elenden, von 3. annoch gesunden Personen, wiederum drauf gesetzt, allein ich weiss es am allerbesten, was ich, binnen etlichen Stunden, vor grausame Schmertzen ausgestanden, und zwar so lange, biss wir endlich nach angebrochenen Tage, eine mittelmassige Stadt erreichten, und uns von einem daselbst wohnhafften Chirurgo und darzu beruffenen Medico, konten zu Hulffe kommen lassen.

Ich war der elendeste unter allen, wurde zwar am Arm und Beinen behorig verbunden, empfand auch an selbigen einige Linderung, jedoch die starcke Contusion am Ruckgrad, mochte eine innerliche Inflammation verursacht haben, wesswegen mich wenig Tage hernach ein hitziges Fieber uberfiel, woran ich biss in die 4te Woche hochst gefahrlich darnieder lag. Die Heilung meines zerbrochenen Arms, wie auch der angeschellerten Beine, wurde hierdurch um ein merckliches verzogert, endlich aber befand mich in der siebenden Woche wiederum krafftig genung, die fernere Reise anzutreten. Mitlerweile hatte zwar zwey Briefe an euern Herrn Vater, mein liebster Eberhard, schreiben lassen, und demselben mein zugestossenes Unglucke, so wohl auch nachgehends die ziemliche Besserung zu wissen gethan, allein ich habe nicht erfahren, ob dieselben richtig eingelauffen oder verlohren gegangen sind, denn bey meiner Ankunfft fand ich alles verandert in eures Vaters Hause, derselbe war bereits verreiset, niemand aber konte mich berichten wohin. Dieses sonst mehr als zu redlichen Mannes besondere Fatalitat kranckte mich fast noch mehr, als mein eigenes gehabtes Ungluck, welches doch zugleich verursacht hatte: dass ich abmermahls um eine schone Condition gekommen, weil selbige wegen meines allzulangen aussen bleibens allbereit mit einem andern Subjecto besetzt war.

Wer hatte wohl bey dergleichen offt wiederhohlten Streichen des falschen Glucks nicht endlich ungeduldig und zaghafft, ja gar zweiffelhafft an seiner Beforderung werden wollen? Doch GOTT sey Lob, ich bin in geziemender Gelassenheit verblieben, und habe bestandig geglaubt: dass die rechte Stunde zu meiner Beforderung noch nicht erschienen sey. Nun hatte mir zwar vorgenommen, nur wenige Tage von der kummerlichen Reise auszuruhen, hernach zu meinen, in Elbing befindlichen Geschwister zu reisen, allein es fugte sich unverhofft, dass ich vorhero von gegenwartigen Herrn Wolffgang muste ins Predig-Ammt beruffen werden. Es hat derselbe mir neulichst alles umstandlich erzehlet, was zwischen und mit uns vorgegangen, derowegen will Weitlauftigkeit zu vermeiden, solches nicht noch einmahl wiederholen, sondern nur melden, dass so bald unter uns alles richtig verabredet worden, ich die Reise zu meinem Geschwister aufs eiligste vornahm. Dieselben fand ich zwar nicht alle beysammen, denn der nach mir folgende Bruder, welcher die Handlung erlernet hatte, war nach Coppenhagen gereiset, und daselbst so glucklich gewesen, eine sehr beguterte junge Wittbe zu heyrathen, die zweyte Schwester, war allbereits dem substituirten Sohne des jenigen Priesters angetrauet, der meinen seel. Vater in der Pfarre succedirt hatte, der jungste Bruder aber befand sich schon seit anderthalb Jahren auf der Universitat, dem ohngeacht erfreute ich mich hertzlich Nachricht zu erhalten, dass es einem jeglichen meiner Geschwister wohl gienge. Die alteste und jungste Schwester empfiengen mich so wohl als mein Schwager selbst, mit freudigen Thranen, selbige aber wurden in Jammer und Klagen verwandelt, so bald sie meinen Vorsatz vernommen, eine sehr weite Reise zur See anzutreten, derowegen suchte ich sie aufs moglichste zu besanfftigen, reisete auch gleich folgendes Tages nach meiner Ankunfft, in ihrer Gesellschafft zur mittlern Schwester aufs Land. Daselbst giengen die hertzlichen Freuden-Bezeugungen aufs neue an, und ich hatte noch selbigen Abend das Vergnugen, meine jungste Schwester an einen jungen wohlhabenden Frey-Gassen zu verloben, welcher schon seit etlichen Wochen bey ihren Geschwister um sie geworben, jedoch bisshero eintzig und allein auf meine schrifftliche Einwilligung vertrostet worden. Nach diesen theilete ich mein weniges Vermogen, nebst noch 500. Thlr. von demjenigen Gelde, so mir Herr Wolffgang geschenckt hatte, unter meine Geschwister in so weit zu gleichen Theilen aus, dass nur der jungste Bruder 200. Thlr. mehr als die andern bekam, um seine Studia desto besser fortzusetzen. Diesem ubersandte, bey dem schrifftlich von ihm genommenen Abschiede, eine sorgfaltige Instruction wie er seine Zeit auf Universitaten nutzlich anwenden und sich in den Stand setzen solte, mit der Zeit ein rechtschaffener Arbeiter in dem Weinberge GOttes zu werden. Von dem Coppenhagner Bruder nahm ich ebenfalls schrifftlichen Abschied, der Mundliche aber bey den Schwestern und Schwagern war desto zartlicher, jedoch ich sahe mich verbunden dem Gottl. Ruffe zu folgen, liess mich derowegen nichts anfechten, sondern brachte alle diejenigen Sachen, so ich mitzunehmen vor hochst nothig erachtete eiligst in Ordnung, und reisete mit guten Winde zur See biss Lubeck, weiln mich aber daselbst muste ausssetzen lassen, und vernahmen: dass dem Winde nicht allerdings zu trauen, von ihm zwischen dato und Johannis-Tage nach Amsterdam gefuhret zu werden, also viel besser gethan ware, die Reise zu Lande fortzusetzen; versuchte ich solches biss Hamburg, jedoch da mich selbiges Orts andere Leute versicherten, dass ich am allergeschwindesten und beqvemsten zu Schiffe fortkommen wurde, liess ich mich abermahls zur Einschiffung bereden, gelangete auch solchergestallt am 22. Jun. gegen Abend, gluck ich in Amsterdam an. Den folgenden Tag wendete zu Ausschiffung meiner Sachen, und nach diesen, hochst ermudet, zum Ausruhen an, am Fest-Tage Johannis des Tauffers aber, begab mich zu dem ehrlichen Herrn Wolffgang, bey dem ich meinen ehemaligen Schuler, den lieben Eberhard, mit allergrosten Vergnugen antraff, und so wohl von einem als dem andern recht hertzlich bewillkommet wurde. Nun solte zwar noch erwehnen, welchergestallt mich Herr Wolffgang in Amsterdam, mit verschiedenen kostbaren und hochstnothigen Sachen, recht im Uberflusse beschenckt, so dass ich, nur seiner damahligen Gutigkeit wegen, in vielen Jahren weder an Kleider, Wasche, noch andern unentbehrlichen Dingen Mangel zu haben, befurchten durffte, daferne nur GOtt solche Sachen vor Feuer und Wasser bewahret; Allein ich weiss, dass es ihm verdrusslich fallt, seinen Ruhm selbst mit anzuhoren. Welcher Mensch auf der Welt solte nun wohl zweiffeln, dass ein solcher PfarrDienst, wie der meinige, als der allervergnugteste in der gantzen Welt zu achten sey? ich vor meine Person, spure nicht die geringste Lust, mit dem allervornehmsten Theologo, er sey ein Konigl. oder Furstl. Hof Prediger, ein General-Superintendens, Doctor oder Professor, oder was er sonsten wolle, Ammts, Ehre oder Einkunffte halber umzutauschen, habe also die groste Ursache, gleichwie bey allen, mir zugestossenen Fatalitaten, also auch bey meinem itzigen vergnugten Zustande, und zum Beschluss meiner bissherigen Lebens-Geschichte dieses mein Symbolum auszuruffen: Der Nahme des HErrn sey gelobet.

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Hiermit endigte unser werthester Seelsorger vor dieses mahl seine Erzehlung, und vergonnete uns allen, die wir ihm aufs alleraufmercksamste zugehoret hatten, noch ein und andere Gesprache daruber zu fuhren, worbey wir sonderlich die wunderbaren Wege des himlischen Verhangnisses betrachteten, endlich

aber, um Mitter-Nachts Zeit, unsere Ruhe-Stadten suchten, und auf selbigen biss zu Aufgang der Sonnnen verweileten. So bald demnach dieses grosse WeltLicht, den 3ten Tag des Wolffgangischen HochzeitFests zu beleuchten angefangen, vertrieben wir uns, nach verrichteter Morgen-Andacht, meistentheils die Zeit mit spatzieren gehen, hielten hernach, so bald sich die samtlichen Einwohner herbey gefunden hatten, dieses mahl die Mittags-Mahlzeit etwas fruher als gewohnlich, um hernach desto langer Zeit zu haben, den Rest von dem holtzernen Kropff-Vogel herab zu schiessen. Selbiger aber liess sich durch den ernsthafte Fleiss der lustigen Schutzen, binnen 4. Stunden bewegen, vollig herunter zu fallen, demnach wurden die vor die Crone empfieng ein Simons-Raumer Junggeselle, eine saubere leichte Vogel-Flinte. 2.) Vor den Kopff ein Stephans-Raumer, einen ziemlich grossen kupffernen Kessel. 3.) Vor den Kropf-Hals, ein Johannis-Raumer, eine schone zinnerne 6. Maas-Flasche. 4.) Vor den rechten Flugel, abermahls ein Simons-Raumer Junggeselle: ein kunstlich ausgearbeitetes Schreib-Zeug, nebst allen zur Schreiberey gehorigen Instrumenten. 5.) Vor den lincken Flugel, Herr Chirurgus Kramer: ein Futterall mit Messer und Gabel, nebst einen silbernen Loffel. 6.) Vor den rechten Fuss, ein Davids-Raumer junger Geselle: 2. grosse zinnerne Schusseln. 7.) Vor den lincken Fuss: 6. zinnerne Teller, ein junger Geselle aus Roberts-Raum. 8.) Vor den Schwantz, Mons. Litzberg, einen schonen mittelmassigen grossen Spiegel. 9.) Das letzte Stuck aber, als den Haupt-Gewinst, schoss eben derselbe junge Geselle aus Roberts-Raum herunter, welcher allbereits den lincken Flugel-Gewinnst uberkommen hatte, und empfieng davor: ein feines Zeug zum neuen Kleide, nebst im Feuer verguldeten Knopffen, und allen andern Zubehor, ausser diesem verschiedene Stucke allerley hochst-nutzlichen Hauss-Geraths, wie auch die Ehre, das gantze Jahr uber, der Schutzen Konig genennet zu werden. Hiernachst wurden auch etliche 20. Span-Gewinste ausgetheilet, welche ich Weitlaufftigkeit zu vermeiden, nicht Specificiren will, sie bestunden aber mehrentheils in verschiedenen zur Hauss-Wirthschafft dienlichen Instrumenten, als Aexten, Sagen, Schnittemessern, Hammern, Zangen, Meisseln, Grabscheitern, Schauffeln und dergleichen, welches alles Herr Wolffgang von den mitgebrachten Sachen, durch seine Liebste Sophie austheilen liess, hernach noch eine kostliche Abend-Mahlzeit gab, auch sonsten allerhand Confecturen und andere Sachen unter die Tisch-Gesellschafften vertheilen liess, worauff der Freuden-Becher noch einmahl herum gieng, und so dann ein jeder seinem Logis zu eilete, welches etliche kaum um Mitternacht erreichen konten, jedoch weil es um diese Zeit die gantze Nacht hindurch ungemein helle ist, kam es niemanden sonderlich beschwerlich vor.

Der hierauff folgende Sonnabend, wurde zum Ausruhen, und der Sonntag mit welchem zugleich das Fest der Heil. 3. Konige einfiel, mit eifrigem GottesDienste zugebracht. Dienstags, nehmlich den 8. Januar. feyreten wir samtl. Insulaner den Geburths- und Vereheligungs-Tag unseres liebsten Altvaters, welcher an eben diesem Tage, vor nunmehro 98. Jahren das Licht dieser Welt erblickt, und sich vor 78. Jahren mit der Stamm-Mutter Concordia verehligt, also einen gluckseeligen Anfang zur Bevolckerung dieses gesegneten Landes gemacht hatte.

Es wurden, dieses Fest zu beehren, fruh Morgens 12. Stuck-Schusse gethan, der Altvater tractirte auf seiner Burg die Stamm-Vater und letzt angekommenen Europaer mit einer guten Mahlzeit, worbey verabredet wurde, dass von nun an der Kirchen-Bau mit allen ernstlichen Fleisse fortgesetzt, und jede Gemeinde alltaglich 4. Manns- und 2. Weibs-Personen zur Bau-Arbeit stellen solte, die andern aber mochten zu Hause bleiben, und die Feld-Fruchte, wie auch ubrigen Hausshaltungs-Geschaffte besorgen.

Allein es blieb bey dieser gemachten Ordnung nicht, denn diese Leute, welche etwas weniges von den Europaischen Kirch-Gebauden erzehlen horen, waren dermassen begierig, ihr Gottes-Hauss in behorigen Stande zu sehen, so dass sie hauffig ja fast uberflussig herzu gelauffen kamen, und eher die sonst gewohnlichen Feyerabend-Stunden, zu ihrer Hauss-Arbeyt und Erndte anwendeten; als des Vergnugens beraubt seyn wolten, ihren Schweiss beym Kirchen-Bau zu vergiessen. Jedoch da die Stamm-Vater, und sonderlich der Altvater Albertus, endlich gewahr wurden, dass die all zu vielen Arbeiter einander sehr offters nur verhinderten, anbey befurchteten, wie solchergestallt ein und andere Feld-Fruchte zu Schaden kommen konten, machten sie die klugsten Anstallten, eins so wohl als das andere zu besorgen, woher denn kam, dass zu Aussgange des April-Monats, das Mauerwerck der Kirche und des Thurms, seine vollige Hohe erreichte. Dannenhero waren 12. ziemlich geubte Zimmer-Leute, unter Beyhulffe und richtiger Anweisung unseres Tischlers und Mullers, nehmlich Lademanns und Krazers bemuhet, das Sparrwerck und Dach-Gestuhle, aus den allbereit zugerichteten und behauenen Baumen zu verfertigen, auch einen seinen holtzernen Aufsatz und zierliche Haube auf den Thurm zu bringen. An statt der Schiefer oder Ziegel-Steine zum Dachdecken, wurden von einem leicht zu spaltenden Holtze, Schindeln verfertiget, selbige aber mit dem Schlamme aus denen ostlichen See-Lachen, bestrichen, welcher, so bald ihn die Sonne getrocknet einen solchen Glantz von sich gab, wie das Spiess-Glass in Europa, auch so fest als ein Kitt auf dem Holtze sitzen blieb, selbiges lange Zeit vor der Vermoderung bewahrete, und nachdem es einmahl recht eingetrocknet, sich durch keine Feuchtigkeit von dem Holtze oder Steinen abziehen liess. Solchergestallt warff unser Kirch und Thurm-Dach, nachdem selbiges am 14. Julii vollkommen fertig worden, bey Sonnenschein, einen artig durch einander spielenden Glantz von sich, welches sehr angenehm anzusehen war, derowegen beredeten sich Mons. Litzberg und Plager, ob es nicht practicable sey, aus dieser Materie mit der Zeit, und zwar durch den Zusatz anderer Leimenoder Thon-Erde, Ziegel- und Back-Steine zu brennen. Jedoch hiervon wird kunfftighin ein mehreres zu melden seyn, voritzo fahre fort zu erzehlen, welchergestallt Lademann, Kratzer und Herrlich, die geschicktesten Holtz-Arbeiter unter den Insulanern ausslasen, um nach Mons. Litzbergs gemachten Abrisse, den Altar, Cantzel, Tauff-Stein, Empor-Kirchen vor die Manner, und dann die Stuhle vor die Weibs-Personen zu verfertigen, mittlerweile die andern, die sich am besten aufs Mauern verstunden, den Fuss-Boden, von glatt abgeriebenen, viereckigten Sand-Steinen legten, die Mauern mit Kalck tunchten, und wiederum andere, die Oberdecke, oder den so genandten Himmel zurichteten. Diese Maurer und Tuncher, brachten ihr Werck in den angenehmsten Fruhlings-Tagen, und zwar zu Ende des Monats Septembris, vollig fertig, mit der Holtz-Arbeit aber gieng es nicht so hurtig von statten, jedennoch liess uns ihr unermudeter Fleiss hoffen, mit Eintritt des neuen Kirchen-Jahres, unser neues GOttes Hauss als vollig fertig einzuweyhen. Der ehrliche Peter Morgenthal, liess es sich bey diesem Baue auch hertzlich sauer werden, denn durch seine Hande gieng alles Eisenwerck, so darbey gebraucht wurde, selbst Mons. Plager, der seine Hande auch nicht in Schooss legte, wunderte sich uber dessen besonders saubere Schlosser- und Kleinschmidts-Arbeit, und dennoch war er auch unverdrossen, die beschwerlichste Grob-Schmiede-Arbeit, auch Nagel, ja fast alles zu machen was man ihm nur vorlegte, denn er hatte sich des seel. Jacob Larsons Werckstadt aufs allerbeqvemste eingerichtet, auch drey junge starcke Pursche aus dem Jacobs Raumer Geschlechte, in die Lehre genommen, die sich sehr wohl zu dieser Profession anschickten.

Jedoch es scheinet mir nothig zu seyn, diese Bauund Arbeits-Erzehlung in etwas zu unterbrechen, um auch andere Merckwurdigkeiten beyzubringen, welche sich binnen der Zeit zugetragen haben. Am 22. Febr. fanden etliche Knaben aus dem Simons- und Alberts Raumer Geschlecht, da sie an der See, Austern und Muscheln zu suchen, herum lieffen, einen halb verfaulten Menschen-Corper mannliches Geschlechts, demselben war mit einem Stucke messingenen Drats ein durchlocherter Franzosischer Lois d'or an den Halss gehenckt, woraus zu schliessen: dass diejenigen, so diesen Corper in die See geworffen, selbigen gern wolten begraben wissen. Derowegen erkannten wir uns, auch ohne dieses Gold-Stuck empfangen zu haben, vor schuldig, ihm diesen christlichen Liebes-Dienst zu erweisen, bedeckten also den annoch auf einem Brete fest angebundenen Corper, mit einer Matte, und begruben ihn ehrbarlich an die Seite unsers GOttes-Ackers.

Wir bekamen sonsten selbiges Jahr, nach aussage der Aeltern, einen mittelmassigen Getrayde, doch ziemlich starcken Trauben-Seegen, die wilden Affen wolten sich hierbey ziemlich dreiste machen, uns berauben, und unsere mit allerhand farbigen Halss-Bandern gezeichneten Affen, verfolgen, jedoch ich Mons. Harckert und andere Europaer, so bey der KirchenArbeit wenig wichtige Hulffe leisten konten, legten den ausersten Fleiss an, unsere dienstbarn Affen zu schutzen, und die Frembden mit Feur und Schwerdt zu verfolgen. Jedoch wendeten wir nicht alle unsere Zeit hierauff, sondern besorgten auch andere nutzliche Dinge, absonderlich war meine Arbeit, Herrn Mag. Schmeltzern bey seiner auf sich genommenen Muhe taglich 4. Stunden abzulosen, selbige aber bestund darinnen: Es hatte ermeldter Herr Mag. Schmeltzer eine Schule von achtzehen Knaben, die ohngefehr 12. biss 14. Jahr alt waren, angelegt, so dass sich von jeder Gemeine zwey darinnen befanden, diese fieng er an, nicht allein in den aller nachsinnlichsten Puncten der Theologie, sondern auch in den Grund-Sprachen zu informiren, ich aber muste taglich zwey Stunden zum Latein, eine Stunde zum schreiben, und eine Stunde zum rechnen mit ihnen anwenden, so dass diese Knaben fruh von 6. biss 10. Uhr, und Nachmittags von 1. biss 5. Uhr, in bestandigen Fleisse verharren musten, also hatte ich fruh von 8. biss 10. Uhr das Latein, Mittags von 1. biss 2. Uhr das Schreiben, und von 2. biss 3. Uhr das Rechnen mit ihnen vor. Es kostete gewiss ein wenig Muhe, allein der Nutzen war dieser, dass aus diesen Knaben solche Leute werden solten, welche hernachmals vermittelst ihrer erlangten habilitee in ihren Geschlechtern wiederum die andere Jugend lehren konten. Ausser diesen hielt Herr Mag. Schmeltzer nicht allein alle Sonntage Nachmittags, sondern auch Mittwochs, auf Herrn Wolffgangs Taffel-Platze, oder in der Davids-Raumer Allee, vor die Simons-Alberts-Davids- und Stephans-Raumer- und Freytags im grossen Garten vor die Christians-Roberts-Christophs-Johannis- und Jacobs-Raumer Jugend, eine 3. stundige Kinder-Lehre, um selbige von zarter Kindheit an, in den Glaubens-Articuln der christlichen Lehre recht zu grunden. Mons. Litzberg hatte gleichergestallt 4. geschickte Knaben zu sich in seine Wohnung genommen, welchen er nach und nach die Matthesin von Stuck zu Stuck, nebst der Latinitat beyzubringen suchte, als in welcher Letztern ihm Herr Wolffgang nach Vermogen hulffliche Hand reichte.

Der Chirurgus Mons. Kramer, welcher seinen Sitz in Alberts-Raum genommen hatte, war ungemein eiffrig, die Kraffte und Tugenden, der auff dieser Insul befindlichen Dinge, so wohl in regno animali als minerali und vegetabili auszuforschen, und eben hierzu wurden ihm so wohl des Don Cyrillo de Valaro, als des Altvaters Alberti Schrifften und Observationes communiciret. Er sagte offters, sein, obschon sehr starcker Vorrath an Medicamenten, den er auf Vorschub Herrn Wolffgangs mitgebracht hatte, konte dennoch wohl mit der Zeit, theils verderben, theils alle werden, ob er schon nicht wunschen oder hoffen wolte, dass GOtt diese Insul, wegen der frommen Einwohner, mit bosen Seuchen oder besondern Schaden straffen wurde, es ware inzwischen aber keine Sunde, sondern hochst nothig, in seiner Profession immer mehr und mehr zu untersuchen. Zu dem Ende hatte er sich 3. habile Knaben zur Hand gewohnet, mit welchen er taglich botanisiren gieng, und sich nebst dem die groste Muhe gab: ihnen die Theoriam von seiner Profession bey zu bringen, weil es damahliger Zeit in Praxi vor ihn nicht viel zu thun gab als wovor wir GOtt besondere Ursach zu dancken hatten, sintemahl es kein grosses Wunder gewesen, wenn bey dergleichen schweren Bau jemand zu Schaden kommen ware.

Ausser seiner Profession war Mons. Kramer ein grosser Liebhaber vom Garten-Werck und ViehZucht, wesswegen Mons. Litzberg die Helffte, von dem aus Europa mitgebrachten Vieh und Geflugel, unter seiner Auffsicht in Alberts-Raum uberliess, die andere Helffte aber war nach Christophs-Raum gebracht worden, allwo Herr Wolffgang nebst Litzbergen, ihr Vergnugen hatten: dessen ordentliche Verpflegung ihren Freunden zu lehren. Weiln aber doch voritzo eben von unsern Thieren zu schreiben im Begriff bin, wird es vielleicht nicht allzu unangenehm seyn, wenn ich beylauffig melde, wie starck sich dieselben binnen der ersten Jahres-Frist unseres daseyns, vermehret haben. Von rechtswegen hatte zwar erstlich von Vermehrung der Menschen gedencken sollen, allein ich spare solches nicht unbillig biss zum Beschluss des Kirchen-Jahres, da Herr Mag. Schmeltzer christlicher Gewohnheit nach, die Specification der gebohrnen, gestorbenen, copulirten und confirmirten, offentlich von der Cantzel verlass. Demnach gebe zu erwegen, dass der Gottliche Macht-Spruch: Seyd fruchtbar und vermehret euch etc. sich auch in diesem kleinen Welt-Theile, dessen Erde wohl dergleichen Thier-Arten noch niemahls getragen, noch eben so krafftig, ja recht wunderbar Seegenreich erzeiget. Denn 1.) Von den jungen Zucht-Stuten waren 2. Fullen gefallen. 2.) 4. Kuhe hatten so viel Kalber gebracht. 3.) 3. Zucht-Sauen hatten ingesammt 33. junge Schweine geworffen, und 4.) Funff Schaafe 7. Lammer erzeugt, die ubrigen wann verungluckt. 5.) Zwey Eselinnen gaben auch so viel junge Esel. 6.) 4. Welsche Huner hatten ingesammt ohne die verungluckten, 42. junge aufgebracht. 7.) Von 18. HaussHunern waren 4. Stuck umkommen, und bey denen noch ubrigen 14. alten, und 3. Hahnen, befanden sich ingesammt 123. junge Huhnlein. 8.) Bey 6. alten Gansen, lieffen 39. junge Ganse herum. 9) 6. alte Endten fuhreten 34. junge. 10.) 6. paar alte Tauben hatten 14. paar lebendige junge geheckt. 11.) Zwey Hundinnen hatten 9. junge Hunde, und 12.) 2. Katzen 8. junge Katzlein. 13.) Wie viele junge aber die 3. paar Caninichen zur Welt gebracht, konte man nicht wohl bemercken, denn sie waren alle weiss, und kamen niemahls auf einmahl zum Vorscheine.

Demnach hatten wir im November 1726. an Europaischen Viehe, 6. Pferde, als nehmlich 3. Hengste und 3. Stuten, 10. Stucken Rind-Vieh, und zwar 2. Ochsen, und ein Ochsen-Kalb, 4. Kuhe und 3. ZuchtKalber. 15. Schaafe, worunter 2. alte und 3. junge Bocke. 6. Esel. 39. alte und junge Schweine. 48. Welsche Huner und Hahne. 140. Hauss-Huner und Hahne. 45. Ganse. 40. Endten. 20. paar Tauben. 13. Hunde. 12. Katzen, unn eine ungewisse Anzahl von Caninichen, die ihre Wohnungen ohnfern von Alberts-Raum, unter einem massigen Hugel, in lockern Boden selbst gebauet hatten, und sich auch ohne unsere Hulffe selbst ernehreten.

Mons. Plager war ausserdem, wenn er nicht bey dem Kirchen-Bau mit Rath und wurcklicher Hilffe beschafftiget war, bestandig fleissig seine in JacobsRaum, nahe bey Morgenthals Wohnung angelegte Werckstatt, nach seinem etwas eigensinnig scheinenden Kopffe einzurichten. Sein hauptsachliches Dichten und Trachten war dahin gerichtet, so bald als moglich, eine grosse Schlage-Uhr auf des Alt-Vaters Wohnung zu setzen, auch selbsten eine proportionirliche Glocke darzu zu giessen. Er hatte auch zwey seine 18. jahrige Pursche, einen aus Jacobs- und den andern aus Simons-Raum an sich gezogen, welche seine Kunst zu erlernen, ein grosses Verlangen bezeugten.

Harckert der Posamentirer, Klemann der Pappiermacher, Wetterling der Tuchmacher und Garbe der Bottiger, konten bis dato es in ihrer HandwercksProbe noch nicht zeigen, was sie gelernet hatten, halffen derowegen mittlerzeit fleissig, alles verrichten was ihnen vorkam und zu thun moglich war, der Topffer Schreiner aber, hatte seine Werckstatt, so wohl als den selbst erbauten Brenn-Ofen, bereits in sehr guten Stande, auch schon eine grosse Menge allerley Sorten von Topffer-Geschirr verfertiget, welche er mit Freuden unter die Stamme vertheilete und damit nicht geringen Danck verdienete, wie sich denn auch zu seiner, etwas schmutzig scheinenden Profession, schon 3. Knaben angegeben, denen er selbige mit groster Lust zu lehren, Mine machte.

Jedoch nachdem ich, um unserer zu letzt angekommenen Europer Auffuhrung einiger massen zu beschreiben, mich mit Fleiss ein wenig verirret, muss ich nunmehro meinen Leser wiederum in etwas zuruck fuhren, und demselben die fernern Begebenheiten so viel als moglich, ordentlicher erofnen.

Im Monat Junio mochte ein gewaltiger Sturm ohnfehlbar auf der See gegen Norden zu, einige Schiffe zerscheitert haben, weilen 3. grosse Mast-Baume nebst vielen andern Schiff-Holtze, auf unsern SandBancken anlandeten, wir fuhren derowegen dahin, holeten selbiges heruber, fanden auch 2. Fasser voll Nelcken und andere Gewurtze, konten aber wenig davon nutzen, weilen das meiste im See-Wasser verdorben war.

Im August-Monat, hatte ich das Gluck, auf meinen ausgesteckten Leim-Ruthen, unter andern einen besonders schone Vogel zu fangen, er war wie ich von klugern Leuten horete, noch etwas kleiner als die kleineste Art von Papegeyen, mochte aber dennoch wohl aus derselben Geschlechte seyn, weil seine Federn am gantzen Leibe, die schonste vermischung von hellund dunckel-roth, grun, blau und Silber-Farbe zeigten, auf dem hell-grunen Kopffe prangete eine Zinnoberrothe Kuppe, der Schnabel war in etwas dicke, jedoch nicht so sehr als eines Papegeyen, dem aber seine Fusse vollkommen gleichten. Ich machte diesem schonen Vogel, mit Beyhulffe Mons. Harckerts, in groster Geschwindigkeit einen Bauer, und nachdem ich gemerckt, dass das weisse in Milch getauchte Brod ihm eine angenehme Speise war, setzte ich ein darmit angefulltes Gefasse zu ihm hinein, hieng aber den Bauer zun Fussen meines Bettes, nahe an das Fenster, damit ich diesen, wegen seiner schonen Gestalt, liebens- wurdigen Vogel, nur so offt ich etwa RuheStunde machte, im Gesichte haben konte. Jedoch ich werde Gelegenheit suchen, das Ergotzen, so mir dieser Vogel nachhero unverhofft gemacht, ebenfalls anzufuhren, voritzo fallt mir der Ordnung gemass, nichts merckwurdigers vor, als dass am 10. Sept. Abends sehr spate, Herrn Wolffgangs allerliebste Sophie mit einem jungen Sohne ins Wochen-Bette kam. Wir hatten eben selbigen Tag einen grossen Buss-Bet- und Fast-Tag gehalten, und zwar zum Gedachtnisse dessen, dass unser Alt-Vater vor nunmehro 80. Jahren, und zwar an eben diesem Tage, die Insul Felsenburg zum ersten mahle betreten. Derowegen gab es allerhand Gelegenheit, diesem Kinde, wegen seines merckwurdigen Geburths-Tags, ein und andere Gluckseligkeiten zu prominiren. Der Alt-Vater wurde also nachstfolgenden 12. Sept. nebst seiner Hausshalterin, Christiana Virgilia Juliin, (welche seines seel. Sohns Johannis, zweyten Sohnes, alteste Tochter war) und Mons. Litzbergen zu Tauffzeugen erwehlet. Also fuhren der Alt-Vater, Herr Magister Schmeltzer, Christiana und ich auf dem mit Hirschen bespanneten Wagen hinab. Dem Kindlein wurden in der heiligen Tauffe die Namen Albertus Friedrich gegeben. Herr Mag. Schmeltzer hielt nach vollbrachten Tauff-Actu einen schonen Sermon, und wunschte zuletzt: dass dieses ein rechter GOtt- beliebter Sohn werden mochte, weiln es sich ohnedem so wohl gefugt, dass er an einem so merckwurdigen Tage gebohren, und am Nahmens-Tage Gottlieb, welcher im Calender am 12. Sept. bemerckt war, getaufft worden.

Herr Wolffgang tractirte hierauf uns, und alle Christians-Raumer Einwohner, mit gantz vortrefflichen Speisen und Getrancke, gegen Abend aber, da der Alt-Vater etwas lustiger, als gewohnlich, wurde, verschaffte er uns allerseits das Vergnugen

Mons Litzbergs Lebens-Geschicht,

aus dieses werthen Freundes eigenen Munde dermassen anzuhoren:

Ich bin, fieng er an, im Jahr 1694. am 17. Octobr. in der Kayserlichen Residentz-Stadt Wien, einem Evangelisch-Lutherischen Vater und einer RomischCatholischen Mutter, zu verwuthlich nicht geringen Vergnugen, als die erste Frucht ihrer ehelichen Liebe, zur Welt gekommen. Mein Vater war ein guter Ingenieur und dabey Stuck-Lieutenant bey der Kayserlichen Artollerie, da sich aber der Russische Czaar im Jahr 1698. kurtze Zeit in Wien aufhalt, lasset er sich auf zureden desselben gelusten, seine Dimission zu fordern, und dem Czaar mit Weib und zweyen Kindern nach Moscau zu folgen. Nun hatte sich zwar mein Vater nicht allein wegen der hohern Charge, sondern auch wegen der Gage um ein wichtiges verbessert, allein es ware vielleicht besser vor ihn und uns gewesen, wenn er die Kayserlichen Dienste nicht quittiret hatte. Denn als wir uns mit ihm in der Belagerung Narva befanden, und der Konig in Schweden diese Vestung im Novembr. Ao 1700. mit 8000. Mann entsetzte, und das gantze Russische Lager, nebst aller Artollerie eroberte, wurde mein guter Vater, von den Schweden, in der ersten Hitze so wohl als andere darnieder gehauen. Wo meine Mutter nebst der kleinen 4. jahrigen Schwester hingekommen, habe nach der Zeit niemahls erfahren konnen, wie gross auch dessfalls meine Bemuhung gewesen. Ich vor meine Person aber, der ich unter wahrenden grausamen Blutvergiessen aus dem Lager gelauffen, und meine Sicherheit in einem hohlen Graben gesucht hatte, wurde, nachdem ich die gantze Nacht darinnen gelegen, Hunger und Durst gelitten, auch fast gantzlich erfroren war, von zweyen Schwedischen Musquetiern aufgehoben, zum Feuer gefuhret, und mit gnungsamer Speise und Getrancke erquickt. Hierauf wurde ich ihrem Obristen vorgestellet, welcher einem Marquetener Befehl gab, mich zu sich zu nehmen, und so gut, ja noch besser als seine eigenen Kinder zu halten, weiln er, der Obrister, davor bezahlen wolte. Ich konte, ohngeacht meiner Jugend, diesem Obristen dennoch hinlangliche Nachricht von meinen Eltern, und von meines Vaters Charge geben, derowegen liess er unter allen gefangenen Russen, fleissig nach meinen Eltern forschen, allein, dadurch erfuhr ich eben die jammerliche Zeitung, dass mein Vater unter den Todten gelegen, von der Mutter aber konte niemand von allen gegenwartigen das geringste berichten. Mittlerweile da wir selbigen Winter wenig Wochen in Quartieren stunden, liess mir der Obriste ein sauberes Schwedisches Soldaten-Kleid nach meinen, kleinen Corper machen, nahm mich in sein eigen Quartier, allwo ich aufs beste verpflegt wurde, und weil mich gern um sich leiden konte, durffte mir kein Mensch eine scheele Mine machen. Der Obriste verstund und redete zwar sehr gut Deutsch, sonsten aber waren sehr wenige unter seinen Leuten anzutreffen, die meine Sprache verstehen konten, vor mich aber war es desto elender, dass ich die ihrige gleichfalls nicht verstund. Nun hatte sich dieses zwar wohl mit der Zeit gelernet, allein der vortreffliche Obriste, war so gnadig, nicht allein zu Beforderung dessen, sondern auch wegen meiner anderweitigen Information einen feinen Menschen von einer andern Compagnie zu sich zu nehmen. Es war selbiger, wo ich nicht irre, von Geburth ein Holsteiner, und hatte einige Jahre auf deutschen Universitaten zugebracht, ich glaube aber, nachdem ich seinem gantzen Wesen etwas weiter nachgedacht, dass er vielleicht jemanden erstochen, oder eine andere sonderbare Fatalitat gehabt, wesswegen er seine Sicherheit unter der Schwedischen Armee in Pohlen gesucht, wie ich denn auch zweiffele, dass der Nahme Schwedeke, sein rechter Zunahme hergegen vielmehr ein selbst angenommener Nahme gewesen.

Jedoch es ist nicht nothig, dieserwegen eine genaue Untersuchung anzustellen, genung, weiln dieser Mensch gut Schwedisch, Deutsch, Lateinisch und Franzosisch verstund, nahm ihn der Obriste zu seinem Secretario und zu meinem Informatori an. Ich konte (es meinem seel. Vater nicht zur Schande nachzureden) zur selben Zeit, wenig mehr beten als das Vater Unser, und etliche Reim-Gebetlein, im A.B.C.Buche aber war mir noch kein eintziger Buchstabe bekandt, vielweniger andere Sachen, worinnen sonst andere 6. biss 7. jahrige Knaben schon ziemlich geubt sind. Allein, weil Mons. Schwedeke die gelegene Zeiten und Stunden vortrefflich wohl in acht zu nehmen und zu nutzen wuste, ich auch eine grosse Begierde zeigte, lernete ich binnen einem Jahr vollkommen Deutsch, Lateinisch und Schwedisch lesen, auch in allen drey Sprachen ziemlich schreiben, welches letztere aber in folgenden Jahre sich weit verbesserte. Derowegen muste nunmehro auch anfangen die Lateinische Sprache fundamentaliter zu erlernen, worinnen ich denn meinen Fleiss nicht im geringsten sparete, ohngeacht die starcken Marsche und andere Fatiguen, wie auch die blutigen Schlachten in Pohlen, viele Verhinderungen darein brachten. Ich blieb zwar mit meinem Informatore bestandig bey der Bagage, jedoch weil die Schweden mehrentheils siegten, hatten wir nicht selten Gelegenheit, den allererschrecklichsten und jammerlichsten Zustand auf den Wahlstadten zu betrachten. Zeit Lebens aber werde ich an den grausamen Anblick des Wahlplatzes, bey einem Gross-Pohlnischen Stadtgen, Fraustadt genannt, gedencken, allwo die guten Sachsen eine erbarmliche Niederlage erlitten hatten. Meine Haut schaudert sich noch, wenn ich daran gedencke. Ich wolte meine Augen immer davon abwenden, jedoch wohin? denn uberall zeigte sich Blut und Mord. Die erschlagenen Russen und Sachsen jammerten mich weit mehr, als die Leichen der Schweden, und zwar aus keiner andern Ursache: als weil die letztern meinen seel. Vater ermordet hatten, und in Erwegung dessen konte nicht umhin, auf diesem Wahl-Platze hauffige Thranen zu vergiessen.

Jedoch ich will die grasslichen Umstande dieser klaglichen Schlacht zu anderer Zeit erzehlen, und voritzo nur melden, dass ich in meinem 12ten Jahre, nehmlich Ao. 1706. unter denen Schweden gleichfalls mit in Sachsen kam.

Mein Obrister bezoge sein Quartier auf einem vortrefflichen Adel. Ritter-Gute, ohnweit Torgau, hieselbst bekam ich nun zwar ein neues, starck mit Gold bordirtes Kleid, wie auch eine etwas schlechtere Wochen-Livree, allein dieses war mir in meiner Seele ungemein empfindlich, dass er zuweilen frembden Leuten gantz negligent erzehlete, wie mein Vater vor Narva massacriret, meine Mutter entlauffen, und ich solchergestalt sein Leib- eigner Knecht worden ware. Jedoch fand sich schon so viel Verstand bey mir, dass ich meine dessfalls aufsteigenden Affecten bestmoglichst zu verbergen suchte. Mons. Schwedeke nahm mittlerweile dasiges Orts die Gelegenheit in acht, mich aufs eiffrigste zur Latinitat, Geographie, Historie, Schreib- und Rechen-Kunst anzuhalten, weil ich mich nun mit Lust zu allem dem, was er mir vorlegte, beqvemete, auch seiner ubrigen Zucht gehorsamste Folge leistete, kan ich mich nicht erinnern, von ihm mehr als ein eintzig paar Ohrfeigen bekommen zu haben, und zwar darum: dass ich aus Frevel eine uberladene Musquetier-Flinte abgeschossen hatte, die gar leichtlich springen, und mir den Kopff zerschmettern konnen. Mein Herr, der Obrister, hatte gleichfalls noch niemahls Ursach gehabt, mich etwa uber eine Bossheit, welche sonsten gemeiniglich den Knaben in Hertzen steckt, straffen zu lassen, doch endlich wachte bey ihm unverhofft eine grausame Tyranney wider mich auf, und zwar durch folgende Gelegenheit: Ich war eines Tages bey den samtlichen Adelichen Kindern dasiges Orts, spielete erstlich, und speisete hernach mit ihnen. Hierbey bat mich die Edel-Frau, ihnen meine Avanturen, von der Zeit an, als ich in meine Kindheit zuruck dencken konte, nebst dem, was ich in meinem jungen Soldaten-Leben seltsames gesehen, zu erzehlen. Indem nun kein Bedencken mag, dieser, mir sehr gewogen scheinenden Dame Gehorsam zu leisten, war ich dabey so unbedachtsam, folgende Reden auszustossen: Wolte GOtt, es waren an statt der lieben Sachsen lauter Schweden erschlagen worden; denn diese bosen Leute haben mir meinen lieben Vater ermordet, und ich erinnere mich noch, wiewohl als im Traume, etliche mahl von ihm gehort zu haben, dass er auch ein gebohrner Sachse gewesen, ich weiss aber nicht, aus welcher Stadt. Ja! rieff ich in meinen kindischen Eyffer noch darzu aus: Wolte GOtt, ich konte erfahren, wer ihn getodtet hatte, ich wagte mein Leben an dem Morder, meines Vaters jammerlichen Todt zu rachen, und wenn es auch des Obristen selbst eigne Person betreffen solte.

Nun hatten zwar verstandige Leute ein grosses Mitleyden wegen meines Unglucks, gaben sich auch die Muhe, meinen ohnmachtigen Eiffer mit den Vorstellungen zu bezahmen: dass es im Kriege nicht anders her zu gehen pflegte, und daselbst kein Ansehen der Person gelte; letztlich wurde auch gewarnet, sonderlich wegen meines Obristen, nicht also frey zu sprechen, allermassen mich sonsten gar leichtlich in Ungnade und bosen Verdacht bey ihm sturtzen konte, hergegen solte erwegen, dass derselbe doch voritzo meines Vaters Stelle vertrate. Diese Reden uberzeugten mich nicht wenig meines Unverstandes, nahm mir derowegen vor, in zukunfft kluger zu sprechen, aber vor einmahl war es schon zu spate, denn ein verzweiffeltes Cammer-Katzgen bey dieser Adelichen Dame, hatte alle meine Reden noch selbigen Tages, einem von unsers Obristen Laquayen, mit welchem sie vielleicht in heimlicher Liebe lebte, gantz im Vertrauen wieder gesagt. Dieser Kerl war wegen seines liederlichen Lebens sehr ubel beym Obristen angeschrieben, und stunde es damahls eben darauf, dass er die Musquete auf dem Buckel nehmen solte, derowegen suchte er sich zu meinem Unglucke, aufs neue einzuschmeicheln, und unter dem Schein der Treue und des Rechts, dem Obristen die gantze Sache nebst vielen beygefugten Lugen, dergestalt plausibel vorzustellen; dass derselbe wurcklich auf die Gedancken verfiel: wie er vielleicht an mir eine Schlange in seinem Busen erzoge, welche ihn mit der Zeit menchelmorderischer weise schaden, oder wohl gar den Tod anthun konte. Ich wurde demnach, gleich darauf folgenden Morgen in aller fruhe, von Herr Schwedken und des Obristen Cammer-Diener, wegen meiner gefuhrten Reden examinirt, da aber diese beyden aus Liebe ziemlich gelinde verfuhren, trat der Obriste, der in einem Neben-Zimmer alles mit angehoret hatte, selbst hinein, und zwar mit dermassen ergrimmten Gesichte, dass ich vor Schrecken in die Erde zu sincken vermeynte, solchergestalt sahe ich mich gezwungen, auf sein zorniges Befragen alles zu gestehen, was ich gestriges Tages unbedachtsamer weise heraus geplaudert hatte. Die zugesetzten Lugen aber ebenfalls ein zu gestehen: Konte mich kein Mensch bewegen, wie ich denn dessfalls immer auf meine Adelichen Zuhorer provocirte, allein es halff dieses so viel als nichts, hergegen wurde ich eine Stunde hernach, von des Obristen Knechten, im Pferde-Stalle mutternakkend ausgezogen, mit grossen Ruthen biss aufs Blut gepeitscht, und in den altesten zerlumpten Kleidern fortgejagt. Ich konte vor grossen Schmertzen nicht weiter kommen, als biss in eines Bauern Garten, woselbst mich in das Gepusche verkroch, und den gantzen Tag uber, ohne Speise und Tranck, sehr unruhig, darinnen ruhete, da aber gegen die Nacht ein grausames Donner-Wetter und schrecklicher Platz-Regen einfiel, gieng ich sehr matt und furchtsam, ja mit zitterenden Gliedern in das Bauer-Hauss hinein, allwo zu meinen Glucke die zwey darinnen liegenden Schweden nicht zu Hause, sondern auf etliche Tage auscommandiret waren. Die guten Bauers-Leute hatten von meinem gehabten Unglucke bereits ziemliche Nachricht, und zwar aus der Edel-Frauen eigenen Munde, bey welcher die Baurin ohnlangst als Magd in Diensten gewesen, beklagten derowegen zwar mein unschuldig erlittenes Elend, wusten sich aber nicht zu resolviren, ob sie es aus Furcht vor den Obristen wagen durfften, mir ein Nacht-Lager im Hause zu verstatten. Endlich uberwog doch die Barmhertzigkeit alle Furcht, so, dass ich nicht allein Speise und Tranck, sondern auch Erlaubniss von ihnen erhielt: diese Nacht, ja so lange in ihren Hause zu bleiben, biss sie vernommen, ob etwa die Edel-Frau vor mich sorgen wolte. Dieses zu erfahren, gieng die Baurin, noch ehe es vollig Nacht wurde, zur Edel-Frau, kam aber bald zuruck, und brachte diese gnadige Dame selbsten zu mir gefuhret, welche, so bald sie mich dergestalt jammerlich in einem Winckel sitzen sahe, augenblicklich helle Thranen zu vergiessen anfieng. Ich weinete ebenfalls, horete aber, dass sie folgende Worte zu mir sprach: Ach mein Kind! verzeyhet! ja verzeyhet mir, ich bin schuld an eurem Unglucke, denn hatte ich euch nicht zur Erzehlung eurer Geschichte beredet, so hattet ihr nicht dergleichen kindische unbedachtsame Reden fliegen lassen, ich wunsche hertzlich, zu erfahren, wer euch verrathen hat, denn es muss ohnfehlbar einer von unsern Bedienten dieses Schelmenstucke verubet haben. Der Himmel lindere eure Schmertzen, vertrauet auf GOtt und meine moglichste Beyhulffe, denn ich will euch morgende Nacht an einen Ort bringen lassen, wo es euch wohl gehen soll, so bald uns aber GOtt von den Schweden befreyet, will ich euch in mein Hauss als ein Kind aufnehmen. Hiermit klopffte sie mich sanfft auf den Backen, ich aber kussete und benetzte ihre Hand mit meinen Thranen, wesswegen sie mir desto mehr Trost zusprach, und sich nichts abhalten liess, meinen jammerlich-verwundeten Leib selbst zu besichtigen. Ach! schrye sie, ist dieses eine Marque der Schwedischen Frommigkeit und GOttes-Furcht? O ihr Tyrannen! o ihr Turcken! ist es zu verantworten, einen unmundigen Knaben, um eines unbesonnen Worts willen, welches ihm der Jammer wegen des Angedenckens seines entleibten Vaters ausgetrieben, dergestalt zu tractiren? Ach! wo ist hier die Proportion zwischen der Straffe und dem Verbrechen zu finden? Ach! das arme Kind hatte sich, wenn es recht unterrichtet und zu Verstande gebracht worden, wohl 1000. mahl anders bedacht, und die einfaltige Hitze seiner Jugend hernachmahls selbst gemissbilliget. Solche und dergleichen Reden fuhrete sie noch einige Zeit, nahm endlich Abschied von mir, die Baurin aber mit sich auf ihren Hof, von wannen dieselbe vor mich ein weisses Hembde, nebst etlichen kostlichen Confituren und einer Flasche Wein mitbrachte, anbey Befehl erhalten hatte: selbigen zu warmen, und meinen gantzen Leib damit abzuwaschen, welches zwar anfanglich sehr schmertzhafft, jedoch nachhero ungemein schmertz-stillend war, und da ich nachhero auch ein paar Glaser Wein darauf getruncken, verschlieff ich in folgender Nacht den grosten Theil meiner Plagen und Sorgen.

So bald sich gegen Mittag meine Augen wieder eroffneten, verrichtete ich mein Morgen-Gebet, und danckte, ohngeacht meiner aufwachenden Schmertzen, dem Allmachtigen, dass er mich, von denen, mir niemahls anstandigen Kriegs-Gurgeln, erloset, hergegen Hoffnung zu einer ruhigern Lebens-Art verliehen hatte. Nachdem die Baurin aber meine Verpflegung den gantzen Tag hindurch aufs beste besorgt, kam die guthertzige Edel-Frau, die pro forma ihre Landereyen zu Fusse besucht hatte, gegen Abend durch den Garten zu uns, liess durch die Baurin, aus ihrem Hofe, einen Korb abholen, in welchem sich ein schones Kleid, nebst vieler Wasche, Buchern und andern Bedurfnissen befande. Mit diesen Sachen beschenckte sie mich, und sagte, wie sie gesonnen: mich kunfftige Nacht, durch meinen Wirth von hier hinweg, und zu einem ihrer Befreundten, der seine Hofhaltung in Chur-Brandenburgischen Landen hatte, fahren zu lassen, bey diesem solte ich mich nur fein stille und fromm verhalten, fleissig beten und lernen, so wurde ich keine Noth leyden, vielmehr alles Vergnugen finden. Immittelst mochte ich offters, so gut als ich konte, an sie schreiben und versichert leben: dass ich so gleich nach dem Abmarch der Schweden, wurde zuruck geholet, um nebst ihren eigenen Kindern behorig auferzogen, und in allen nothigen Wissenschafften unterrichtet zu werden.

Wie hatte eine leibliche Mutter vor ihr eintziges Kind bessere Sorge tragen und klugere Anstalten machen konnen? Ist dieses nicht als ein Exempel der gottlichen Vorsorge vor arme, sonst von aller Welt verlassene Waysen zu erkennen und zu admiriren? Jedoch weil ich gesonnen bin, mich in meiner LebensLauffs Erzehlung moglichster Kurtze zu befleissigen, will nur berichten, dass nach genommenen zartlichen Abschiede von dieser Liebes-vollen Pflege-Mutter, der Bauer als mein Wirth gegen Mitternacht seinen Wagen anspannete, mich wohl verdeckt darauf packte, und mit moglichster Behutsamkeit darvon fuhr, ohne von einem oder dem andern Schwedischen Soldaten befragt oder angehalten zu werden. Wir saumeten uns an keinem Orte uber die dringende Noth, gelangeten also dritten Tages gegen Abend bey demjenigen Edelmanne im Brandenburgischen an, der unserer Edel-Frauen Schwester zur Ehe hatte, welcher mich denn auch so wohl als seine, nicht weniger guthertzige Gemahlin, nach Verlesung der mitgebrachten Briefe sehr liebreich auf- und annahm, den Uberbringer aber folgenden Tages mit behorigen Antworts-Schreiben wiederum zuruck fertigte. Ich wurde in Wahrheit nicht als ein armer verlauffener Junge, sondern so gut als ein Adeliches Kind gehalten, ein jeder, so meine erlittenen Fatalitaten anhorete, warff eine, mit vielen Mitleyden vermischte Liebe auf mich, und weil das ausgestandene Creutz mir eine gantz besonders sittsame und submisse Lebens-Art hinterlassen, wurde ich bey jederman nach und nach immer mehr beliebt. Es hatte dieser Edelmann 3. Sohne, von welchen der alteste 16, der jungste aber wie ich, in seinem 12ten Jahre war, hiernachst 2. Tochter, davon die alteste ins 10te und die jungste ins 8te Jahr ging. Ausserdem waren noch zwey Vater- und Mutter- lose Adeliche Kinder bey ihnen, nemlich ein Juncker von 13. und ein Fraulein von 11. Jahren, welche letztere den Nahmen Charlotte fuhrete. Ein ungemein wohl-qualificirter Informator hatte also seine volle Arbeit uns 8. Kinder in stetigem Fleisse und guter Zucht zu erhalten, doch weil er ein sehr aufgeweckter Kopff war, der seinen Untergebenen alles spielende beyzubringen, uber dieses die rechten Mittel zu gebrauchen wuste, uns in bestandiger Furcht und Liebe zu erhalten, hatten unsere Studia auf allen Seiten einen recht erwunschten Fortgang, wesswegen sich der Adel. Principal nebst seiner Gemahlin so wohl uber die Auffuhrung des Lehrers, als der Lernenden recht ungemein vergnugt bezeigten.

Wenige Wochen aber nach dem Abzuge der Schweden aus Sachsen, kam meine vorherige Wohlthaterin mit ihrem Ehe-Herrn dahin gereiset, um ihren Befreundten eine Visite zu geben, und zugleich mich, mit Sack u. Pack zuruck zunehme, allein meine itzigen Versorger, sonderlich aber das umstandige Anhalten meiner Schul- und Spiel-Gesellschafft, und dann die starcke Vorbitte, des mir sehr gewogenen Informatoris, brachten es endlich so weit, dass ich noch auf eine Zeitlang Erlaubnis erhielt, zu bleiben wo ich war, worbey zugleich von der Gutigkeit meiner ersten Gonner 20. Thlr. zu Kleidung, Wasche und Buchern erhielt, ohngeacht mein itziger, Patron sich erklaret, alles benothigte selbst herzugeben, und solches nur darum, weil seine beyden jungsten Sohne durch mein Exempel angefrischet wurden, dem altesten Bruder, der ungemeine Lust zum Studiren erwiese, auf dem Fusse nachzufolgen.

Beylauffig muss ich mit erwehnen, dass selbigesmahl die Nachricht erhielt: wie mein Obrister, wenig Tage nach meinem Hinwegseyn, und nachdem er meine Erzehlung von seinem Hospite, und dessen Gemahlin, aufrichtiger und wahrhaffter vernommen, sich des mir zugefugten ubeln Tractaments habe gereuen und verlauten lassen: er wolle demjenigen 10. spec. Ducaten geben, welcher Nachricht von mir bringen und mich ihm wieder schaffen konne, allein die redlichen von Adel, hatten dennoch dem Land-Frieden nicht trauen wollen, sondern alle. Vorsicht gebraucht, meinen Auffenthalt verschwiegen zu halten, da auch kurtz hernach die Rede gegangen, es sey jenseit des Elb-Stroms ein ersoffener Knabe gefunden worden, hat man ihn bey den Gedancken gelassen, dass ich ohnfehlbar zufalliger weise in solches Ungluck gerathen, welches sich denn der Obrister sehr zu Gemuthe gezogen, seinen Zorn aber endlich an dem lugenhafften und verratherischen Laqueyen ausgelassen, allermassen er demselben 200. Hiebe mit dunnen SpiessRuthen, und hernachmahls die Musquete auf dem Buckel geben lassen. Das verhurte und klatsch-haffte Cammer-Madgen hatte gleichfalls ihren Lohn bekommen, denn nachdem sie den Schwedischen Trouppen etliche Tage-Reisen als eine liederliche Hure nachgefolget, war sie endlich biss aufs Hembde ausgezogen und zuruck gepeitschet worden.

Mein Fleiss, wurde durch die unverdienten Wolthaten solcher vornehmen Gonner, dergestalt encouragiret, dass ich so gar Abends und fruh Murgens meinem Schlaffe abbrach, um nur dem altesten Juncker nachzukommen, denn der Patron hatte mir versprochen, daferne meine Auffuhrung in bissherigen guten Stande bliebe, mich so dann nebst und bey seinen Sohnen etliche Jahr auf der Universitat frey zu halten, und zwar nicht als einen Bedienten, sondern als einen guten Compagnon.

Meine erste Wohlthaterin, starb zu Ende des 1709ten Jahres, und zwar zu meinem grosten Leydwesen, hatte mir aber mit Genehmhaltung ihres Gemahls 200. Thlr. vermacht, die ich auch 3. Jahre hernach cum Interesse richtig erhalten habe. Immittelst ruckte, unter allen taglichen Vergnugen, die Zeit heran, da der Patron seine 3. Sohne, nebst seinem jungen verwayseten Vetter und mir, unter der Aufsicht des Informatoris, der nunmehro den Character als Hof-Meister bekam, auf die Universitat nach Halle sendete. Es geschahe solches um Michaelis des 1711ten Jahres, wir bekamen, in einem Hause 3. Zimmer zu unserer Bequemlichkeit, die zwey altesten Junckers legten sich hauptsachlich auf die Jurisprudenz, haben es darinnen auch so weit gebracht, dass sie nachhero alle beyde sehr honorable Konigliche Bedienungen erhalten, der jungste nebst dem Vater- und Mutter- losen August aber, deren Sinn von Jugend an auf das Soldaten-Leben gerichtet war, wolten sich nur zu den galanten Studiis, als Historie, Geographie, Genealogie, Mathesi-Tantzen, Reuten Voltoisiren, Fechten und dergleichen bequemen, ich hielt es mit den letztern, am allermeisten aber legte ich mich auf die Mathesin, besuchte dessfalls eines beruhmten Professoris Collegia mit allergrosten Vergnugen, und wandte uber dieses einem Extraordinario den meisten Theil meiner Spiel-Gelder zu, um privatim desto hurtiger in dieser Wissenschafft, und was derselben anhangig, zu avanciren. Hiernachst hatte nun zwar auch Gelegenheit genung, mir, auf Kosten meiner Compagnons, ein und andere vergnugte Veranderung, so wohl in der Stadt, als auswartig zu machen, allein es war dennoch mein allergrostes Plaisir, auf der Stube in meiner Einsamkeit zu sitzen, und mit den mathematischen Instrumenten zu arbeiten, wiewohl ich auch die Stunden auf der Reit-Bahn, Tantz- und Fechtboden selten versaumte, mithin in dergleichen Exercitiis vor andern einigen Vortheil erlangete. Kurtz ich studirte immer auf einen General-Lieutenant loss, weil es mir an Courage, mein Gluck unter der Soldatesque zu suchen, gar nicht fehlete, uber dieses ein und andere falsche Vor-Urtheile in meinem Gehirne schwermeten; dass ich mich weit geschwinder mit dem Degen in der Faust, als Feder hinter dem Ohre zu Ehren schwingen konte, zumahln wenn ich etwas rechts in der Architectura militari gethan hatte. Mittlerweile lieffen 3. Universitats-Jahre geschwinder hin als ich vermuthet. Binnen selbiger Zeit war ich mit meinen Junckers nur ein eintziges mahl zu Hause gewesen. Ich sage mit allem Fleiss, zu Hause, weil mich meine Wohlthater noch biss auf denselben Tag, als ein leibliches Kind hielten. Um Michaelis 1714. giengen wir abermahls dahin, die angenehme HerbstZeit daselbst zu passiren und weil die galanten Frauleins meines Principals, ingleichen die ungemein wohlgebildete Charlotte, eine ziemliche Anzahl junger Cavalier dahin zogen, war antaglich vergnugten Veranderungen und Lustbarkeiten nicht der allergeringste Mangel zu spuren. Jedoch nachdem ich uberlegt, dass es meine Schuldigkeit sey, den verwittbeten Gemahl meiner ersten Wohlthaterin, die gehorsamste Aufwartung zu machen, bat ich mir dieserwegen bey dem itzigen Versorger ein Pferd aus, und ritte zum ersten mahle die Strasse zuruck, auf welcher mich vor etlichen Jahren ein Bauer-Wagen in schmerzlichen Zustande, meinem Glucke entgegen gefuhret hatte: Der alte rechtschaffene von Adel empfieng mich so wohl, als der eine zu Hause lebende Herr Sohn ungemein freundlich und complaisant, man tractirte mich unverdienter weise wurcklich als einen Cavalier, und wolte mir glaubend machen: ich hatte ein solches gutes Ansehen und Geschicklichkeit erworben, dass ich nunmehro im Stande sey, in zukunfft ohne andere Recommendation mein Glucke selbst zu befordern, und allen Wiederwartigkeiten Trotz zu biethen. Nachdem ich aber dem jungern Herrn etliche wohlgemachte Zeichnungen von Landschafften, Stadten, Fortificationen und dergleichen gezeiget, und bey vermerckung seiner Begierde, selbige mir abzuhandeln, ihm ein angenehmes Prsent damit gemacht hatte, uberkam ich nicht allein sofort die von seiner verstorbenen Mutter, mir vermachten 200. Thlr. baar bezahlt, sondern von ihm 2. vortreffliche, fast noch gantz neue Kleider, wovon das eine starck mit Golde bordirt war. Der alte von Adel aber beschenckte mich, vor das ihm gemachte Prsent, welches in allerhand Arten geschliffener vergrosserungs Glaser, curiosen Sonnen-Uhren und dergleichen Plunder bestund mit 50. spec. Ducaten, also konte nach etlichen Tagen in einer, seiner Carossen, sehr vergnugt wiederum zu meinen Compagnons reisen.

Diesen zeigte ich mich nun, wenig Tage hernach, in meinen wohl aptirten neuen Staats-Kleidern, und bekrafftigte dadurch das alte Sprichwort: Kleider machen Leute. Hiernachst inspirirte mir meine Gold-Bourse einen solchen unverzagten Muth, dass ich fest glaubte, es konne einem mit so vielen GlucksGutern uberhaufften Avanturieur unmoglich etwas in der Welt fehl schlagen. Allein bey wir traff solchergestallt auch ein, was geschrieben siehet: Des Menschen Feinde sind seine eigene Haussgenossen, worunter ohnfehlbar die thorichten Affecten eines Menschen zu verstehen sind. Denn ich hatte zwar bisshero, ohngeacht der, um diese Jahre sonst meistentheils schwermenden Jugend, meine Affecten ziemlicher massen moderiren konnen, doch unverhofft fieng sich ein gantz besonderer Affect an zu regen, und mich plotzlich dergestallt zu ubermeistern, dass ich denselben, weder mit dem Zaume der Klugheit, noch mit dem Gebisse der Renommee, zu regieren vermogend war. Kurtz zu sagen: Ich wurde verliebt gemacht, und zwar von dem ausbundig schonen Fraulein Charlotte, wiewohl nicht vorsetzlicher und freventlicher weise, sondern vermittelst folgender Umstande: Wir wurden fast taglich von einem benachbarten Land-Juncker besucht, welcher Charlottens Gewogenheit zu erwerben, sich die groste Muhe gab. Dieser war sonsten ein Mensch von ziemlich guten Ansehen und Eigenschafften, hatte auch zu seinem Stande hinlangliche Einkunffte, jedoch schon verschiedene mahl das Malheur gehabt: seine Ausgeberinnen, Kochinnen, und so gar die Vieh-Magde, in den Stand der Ammen zu versetzen, wie ihm denn nur noch vor weniger Zeit eine Vieh-Magd, die er ohngeacht ihres starck geschwollenen Leibs, von sich geprugelt, zur Revange auf einmahl ein paar Zwillinge vor der Thur prsentiret hatte. Nun waren zwar nachhero alle diese Handel mit Gelde geschlichtet und abgethan, dem ohngeacht machten ihm selbige aller Orten, wo dieser Herr Ferdinand von H. ** seinen Haaken ehelicher Liebe einzuschlagen suchte, die allergroste Verhinderung. Bey Charlotten hergegen vermeynete er doch am allerersten anzukommen, weil selbige ein zwar schones, darbey aber sehr armes Fraulein ware, die wohl kaum 500. Thlr. im Vermogen hatte.

Eines Tages wurde er so treuhertzig gegen mich, mir sein gantzes Geheimniss, bey Gelegenheit eines einsamen Spatzier-Ganges zu offenbaren, und meine Person also unverschuldeter Weise zu seinem LiebesVertrauten zu machen, auch sich meinen Vorspruch bey Charlotten auszubitten; indem er glaubte, dass ich nicht allein bey derselben, sondern auch des Principals Herrn von V**. Fraulein Tochtern in sehr guten Credite stunde, und zwar darum weil wir vor der Zeit mit einander in die Schule gegangen waren. Anfanglich machte mir zwar ein starckes Bedencken den Character eines Copulations-Raths anzunehmen, jedoch da er mir eine silberne Englische Uhr prsentirete, und vor dissmahl weiter nichts verlangte, als dass ich Charlottens Bruder Augustum, welcher bisshero sehr wiederwartig geschienen, dahin bringen mochte, in zukunfft bessere Freundschafft zu pflegen, liess ich mich endlich bereden, und machte den Anfang ein Liebes-Garn zu spinnen, worein sich mein Hertz in wenig Tagen selbst verstrickte. Mons. August liess sich, weil wir jederzeit sehr gute Freunde gewesen waren, endlich behandeln, mit Ferdinando ziemlich vertraulich scheinende Freundschafft einzugehen, allein was die Schwagerschafft anbelangete, merckte ich gar bald, dass August als ein ambitieuser, ja extraordinair capricieuser Kopff, schwerlich seinen Consens, darzu geben wurde, jedoch es gieng mich nichts an, derowegen war nur froh, dass Ferdinand sich der ersten wohl ausgerichteten Commission wegen sehr vergnugt bezeugte, und zur uberflussigen Danckbarkeit, mich mit einem wohl proportionirten Reit-Klapper nebst Sattel und Zeuge beschenckte, anbey bath: ich mochte mir die Muhe geben, in seinen Nahmen einen Liebes-Brieff, nebst beygelegten Versen, an Charlotten zu verfertigen. Auf die Verse solte ich auch eine feine Melodey componiren, damit er sie Abends unter Charlottens Fenster, welches in den Baum-Garten stiess, absingen konte, da ich denn seiner angenehmen Stimme mit meiner Laute accompagniren solte, um solchergestallt stallt conjunctis viribus, Charlottens bissheriges Felsen hartes Hertze zu brechen. Ich machte abermahls unzahlige Einwurffe, dass solches erstlich gar keine Art und Geschicke haben wurde, andern theils konte ich vielen Verdruss darvon haben, auch ware ich ein schlechter Lauteniste, un noch schlechterer Componiste, allein es halff da kein Einreden, der, von dem Liebes-Gotte vollkommen angeschossene, Ferdinand, wolte rasend werden, wenn ich ihm meine Hulffe versagte, um deren Beschleunigung er mir abermahls ein Prsent machte, welches in einer verguldeten silbernen Schnupff-Tobacks Dose bestund.

Demnach ergriff ich endlich das Schreibe-Zeug, und setzte an Charlotten einen Brieff auf, dessen Copie ich zwar annoch biss diese Stunde in meinem Brief-Couvert bey mir trage, allein es wird unnothig seyn, dergleichen Thorheiten der Jugend, bey reiffern Verstande zu repetiren.

Hiermit wolte Mons. Litzberg in seiner Erzehlung einen Sprung machen, allein der Altvater sagte mit hertzlichen Lachen: Halt Mons. Litzberg! so haben wir nicht gewettet, es heisset: Narravere patres & nos narramus omnes. Ich habe das Vertrauen zu eurem, mir allzu redlich vorkommenden, Gemuthe, dass ihr keine ausserordentlichen argerlichen Streiche werdet vorgenommen haben, was aber die Thorheiten der Jugend anbelanget, daran wird sich von uns niemand argern, derowegen konet ihr dieselben zum erlaubten Schertze wohl erzehlen, zumahlen da ich in meiner eigenen Geschichts-Erzehlung die meinigen selbsten nicht verschwiegen habe. Solchergestallt wurde Mons. Litzberg genothiget seine Brieff-Tasche hervor zu langen, und uns aus selbiger das Concept eines Briefes folgendes Innhalts vorzulesen.

Allerschonstes Fraulein,

Mein auserst verliebtes Hertze, hat zwar dem Munde und Augen unzehlige mahl Ordre gegeben, Ihnen die Beschaffenheit desjenigen Feuers, welches Dero unvergleichlichen Augen in dem innersten meiner Seelen angezundet haben, zu entdecken; allein wenn bey aller erwunschten Gelegenheit, der Mund zu blode, so sind hingegen die Augen desto unglucklicher gewesen; weiln mein anbetens-wurdiges Fraulein, deren Sprache niemahls verstehen wollen. Jetzo wagt es meine Hand, dem beklemmten Hertzen einige Linderung zu suchen, welches ohnfehlbar in weniger Zeit gantzlich als die Uhrheberin solcher Glut, demselben nicht Dero unschatzbare Gegen-Gunst zur Erquickung gonnen wollen. Ich erwarte also zwischen Furcht und Hoffnung von Ihnen den Ausspruch: ob ich Liebe oder Hass, Leben oder Todt zu finden habe, und bin demnach bey allen

Meines allerwerthesten Frauleins

biss ins Grab getreuer

Ferdinand von H**.

Anbey hatte meine ubel exercirte poetische Feder folgende Aria ausfliessen lassen:

ARIA.

1.

Ists wahr, ihr allerschonsten Augen,

Dass ihr charmant und grausam seyd.

Nein! dieses schickt sich nicht zusammen,

Drum, stifftet ihr gleich Gluth und Flammen:

So lasst doch endlich mit der Zeit

Aus euren Blicken Kuhlung saugen. Da Capo.

2.

Erwegt, dass meine treue Seele

Durch euren Strahl entzundet ist,

Betrachtet doch in meinem Hertzen

Den Einfluss aller Angst und Schmertzen,

Wo Gram und Furcht das Hertze frisst,

Seht an! Ach seht wie ich mich quale! Da Capo.

3.

Drum lass ihr schonsten Augen-Sonnen

Euch endlich zur Erbarmung ziehn,

Vergottert euch durch Huld und Gute,

So kommt mein Hoffen bald zur Bluthe.

So muss der Schmertz von hinnen fliehn,

So hat mein treues Hertz gewonen. Da Capo.

Kaum hatte der auserst-verliebte Ferdinand das Concept von beyden sich vorlesen lassen, als er gleich decken-hoch auffsprunge, und mich unter den aller sensiblesten Umarmungen unzahlige mahl kussete, weiln, wie er sagte, seine Gedancken dermassen darinnen ausgedruckt waren, als ob ich selbsten in das innerste seiner Seelen hinein geschauet hatte, wannenhero ich ihm selbiges alsofort zur Abschreibung uberlassen wolte; allein hier stack der Knoten, denn der gute Edelmann konte nebst seinen Nahmen, wenig mehr als die deutschen Ziefern mahlen, also muste ich nolens volens, mit etwas veranderter Hand, die Sache selbst in Ordnung bringen, und zu allem Uberflusse, auch den Brief, nach der Mittags Mahlzeit, an Charlotten ubersenden.

Hiermit war aber dennoch lange nicht alles ausgerichtet, sondern nunmehro muste der gezwungene Versifex, sich erstlich par force zu einem Capell-Meister nothzuchtigen lassen, und gantz erbarmlich lautende Noten uber den jammerlichen Text setzen. So bald dieses geschehen, lieffen wir mit ein ander eine halbe Meilwegs fort ins Holtz, allwo ich dem lichter-loh brennenden Venus-Bruder, die Melodey etliche hundertmahl vorsingen muste, ehe er dieselbe auswendig lernen und sich getrauen konte, selbige en faveur der dunckeln Nacht, unter Charlottens Fenster abzusingen. Wir kamen Abends nicht zu Tische, sondern truncken uns in einer nah gelegenen Schencke erstlich einen halben Rausch, um desto mehrere Caurage zu kriegen, unsere Abend-Musique ohne Pudeley abzulegen. So bald es aber vollig Nacht worden, schlichen wir uns, ohne Licht, gantz sachte auf meine Stube, von dar ich meine, bey Tage schon zu recht gestimmte Laute abholete, und mich mit dem, von dem Cupido jammerlich gepeitschten Gefahrten, zwischen etliche, noch ziemlich belaubte Hasel-NussStraucher verfugte, die Charlottens Schlaf-Cammer gerade gegen uber gewachsen waren. Ich hatte kaum angefangen auf der Laute ein wenig zu prludiren, da dieselbe das Fenster hurtig eroffnete und sich in ihren Nacht-Habite personlich prsentirte. Der erhitzte Wechselbalg der Liebe, Ferdinand, gab mir dergleichen vortrefflichen Aspect, als ein gluckliches Omen, seines hoffentlichen Vergnugens, mit einem hochst empfindlichen Rippen-Stosse zur fernern Uberlegung. Da aber ich solchergestallt, um frischen Othem zu schopffen, etwas inne halten muste, vermeynete er, es sey nunmehro Zeit den Text anzufangen, erhub also seine Hoch-Adeliche Stimme, auf eine dergestallt affectuese Art, dass es kein Wunder gewesen, wenn sich die gantze Esels-Zunfft, Europaischer Nation gratuliret hatte, ihn als einen Virtuosen in ihre Capelle auf- und anzunehmen. Ich konte seinen Thon auf keinerley Weise finden, und weil er so wohl den Text als die Melodey vergessen oder versoffen hatte, fingen wir die zwey ersten Zeilen der Arie wohl 6. mahl da Capo an, biss uns endlich Charlottens uberlauts Gelachter, eine Pause von etlichen Tacten auferlegte. Allein hiermit entfiel dem sterblich verliebten Ferdinando, zusamt der Stimme, auf einmahl alle Coura

ge; wolte aber ich nicht in der Schande stecken bleiben, so muste, nach einem abermahligen kurtzen Prludio die gantze Arie selbsten absingen, worauff Charlotte zum Zeichen ihres Vergnugens in die Hande klatschte, und in Frantzosischer Sprache, welche Ferdinand nicht verstund, folgende Worte sprach: Cela m'a donne a ce soir un double contentement. Dormez bien: auf Teutsch: Ich bin diesen Abend auf gedoppelte Art ergotzt worden, ruhet wohl!

Er fragte mich, so bald sie hierauff ihr Fenster zugeschlagen, was sie gesprochen? ich merckte aber den Braten einigermassen, und gab vor: Sie hatte sich bedanckt, und uns eine geruhige Nacht gewunscht. Demnach hieng sein Liebes-Himmel uberall voller Geigen, er druckte mir auf der Stelle 2. spec. Ducaten in die Hand, und weiln seine Geschaffte durchaus nicht erlauben wolten, diese Nacht ausser seinem Hause zu schlaffen, liess er sich in aller Stille sein Pferd bringen, und ritte darvon, mit dem Versprechen: uber morgen Mittags, gantz gewiss wiederum bey uns zu seyn, da ich ihm denn die vermuthliche Antwort des Frauleins einhandigen und erklaren solte.

Ich versprach seine Liebes-Affairen bestens zu beobachten, legte mich hernach aufs Ohr, stund aber gewohnlicher weise sehr fruh auf, und divertirte mich auf dem, im Garten befindlichen Vogel Heerde, allwo mir durch eine, Charlotten sehr getreue Magd, nachfolgende Zeilen eingehandiget wurden, die ich also nothwendiger weise ebenfalls ablesen muss:

Monsieur

Verstellet eure Hand wie ihr wollet, seyd aber versichert, dass Charlotte dieselbe unter tausenden, dennoch erkennen wird. Allein saget mir, warum ihr so verratherisch handeln, und auf die Seite meiner Feinde Wissens, lauter Redlichkeit und unstrafliche Liebe gegen eure Person bezeuget habe, und wenn ich offenhertzig schreiben soll, biss dato, noch mehrern Estim vor euch hege, als vor alle andere, mir zur Zeit bekandte Manns-Personen. Betrachtet demnach selbst, ob es mir nicht schmertzlich fallt, mich von einem eingebildeten auffrichtigen Freunde, unverschuldeter weise hintergangen zu sehen: Jedoch seyd ihr vielleicht verfuhret, und etwas unschuldiger als ich noch zur Zeit glauben kan, so ists vergonnet, euch gegen Abend im Lust-Garten bey ersehener Gelegenheit, und ohne Beyseyn anderer zu entschuldigen. Immittelst gebet dem abgeschmackten Ferdinand nur dieses zur Antwort: dass ich endlich noch die gantze Schrifft als einen angenehmen Schertz aufgenommen hatte, daferne nur an statt seines, mir biss in den Todt verhassten Nahmens, die zwey Buchstaben F.L. gestanden hatten. Saget ihm nur franchement, dass mein fester Schluss sey: Ehe einen ehrbaren Burger, als dergleichen Edelmann, wie er ist, zu heyrathen. Der Adeliche Stand ist mir ein Greuel, daferne derselbe nicht die Helm-Decken der Tugend und Geschicklichkeit im Wapen, und zugleich im gantzen Wesen auffzuzeigen hat, hergegen ist eine, mit diesen beyden Stucken gezierte Civil-Person, in meinen Augen des vortrefflichsten Adels wurdig, ja noch weit hoher geschatzt. Uberlegt selbst was ich hiemit gesagt haben will, erweiset mir hierauff die Gefalligkeit, diesen Brieff zu verbrennen, damit er sonsten nicht etwa in verdachtige Hande falle, und glaubet, dass auch in zukunfft, ohne muthwillig gegebene Ursach, und zugefugte Beleydigung euch niemahls hassen wird

Charlotte R. von M.

Hierbey lagen folgende Verse:

Arie.

1.

Wen ich durchaus nicht lieben kan,

Der suche mich nur nicht zu qualen,

Es muss sich fein ein jederman

Das, was ihm gleicht, zur Lust erwehlen.

Mir ist die Geilheit argerlich,

Wer diese liebt

Und taglich ubt:

Der packe sich.

2.

Ich soll und muss doch eben nicht

Des Standes wegen Eckel freyen,

Denn weil der Himmel selber spricht:

Man soll sich vor den Lastern scheuen;

Und beuge vor,

Wenn sich ein Thor

In mich vergafft.

3.

Erlang ich nicht was mich charmirt,

So bleibt die Freyheit mein Vergnugen,

Wer keinen keuschen Wandel fuhrt,

Wird nimmermehr mein Hertz besiegen,

Und dennoch bleib ich immer froh.

Wer mich verdenckt

Sey ungekranckt,

Ich bin nun so.

Gleich unter Lesung dieser auffrichtigen Zeilen wurde mein Hertze dergestallt mit heisser Liebe erfullet, dass ich vor Freuden ja recht innerlichen Vergnugen gleichsam in einer Entzuckung sitzen blieb. Denn kurtz von der Sache zu reden, was konte wohl deutlicher seyn, als dass mir Charlotte den Schlussel zu ihren Hertzen zeigte, und sich nach einem kuhn gewagten Anfalle auf Discretion zu ergeben Mine machte. Laugnen kan ich zwar im geringsten nicht, dass ich dieses artige Fraulein noch als ein Kind, von dem ersten Tage unserer Bekandschafft an, vor andern recht hertzlich, doch heimlich geliebt, allein diese Liebe war, in Betrachtung meines Zustandes, mit so viel Respect und Hochachtung begleitet, dass mir niemahls in die Gedancken kam, von ihr einige GegenLiebe zu verlangen. Nunmehro aber wurde, besagter massen, dergestallt aus mir selbst, und in die Betrachtung aller ihrer Annehmlichkeiten versetzt, dass ich auch die Mittagige Speise-Glocke daruber verhorete, und erstlich abgerufft werden muste. Charlotte und ich konten, bey der Tafel, einander ohne merckliche Gemuths-Bewegungen, nicht lange ansehen, derowegen passireten lauter verstohlene Blicke: biss ich endlich die Gelegenheit beobachtete, gegen Abend im spatzieren gehen, das gantze Gehemniss von der mit Ferdinando gemachten Kundschafft zu offenbahren, dieserwegen um Verzeyhung zu bitten, ihr meinen kunfftigen gehorsamsten Respect zu versichern, und endlich mit diesen Worten zu schliessen: Es liegt mir aber, Gnadiges Fraulein, noch ein eintziger Punct auf dem Hertzen, den ich jedoch seiner Wichtigkeit wegen unmoglich offenbaren kan, so lange ich zu befurchten habe, dass uns etwa jemand von ferne observiren mochte, uber dieses erfodert meine Blodigkeit eine bequemere Zeit und Gelegenheit des Orts: ein vor alle mahl etwas zu sagen, welches mein Gnadiges Fraulein vielleicht nicht errathen wird. Das muss was besonderes seyn, versetzte Charlotte hierauff, allein mein Freund! euer Wesen kommt mir heute in allen Stucken, ohne dem gantz anders vor als sonsten, derowegen ware um so viel desto curieuser, solches Anbringen zu vernehmen, jedoch ich wuste mich auf keine euch beliebige Gelegenheit ohne Verletzung meiner Ehre, zu besinnen, seyd ihr in diesem Stucke ingenieuser als ich, so meldet es, aber, voraus gesagt, ohne Verdacht und Nachtheil meiner Renommee, sonsten will mir viellieber alle Curiositee auf einmahl vergehen lassen. Behute der Himmel, gnadiges Fraulein, war meine Gegenrede, dass ich Ursache seyn solte nur den geringsten Schein des Verdachts wieder Dero unvergleichliche Tugend zu stiften, jedoch wo mir erlaubt ist, eine Gelegenheit vorzuschlagen, so wird sich eines von Dero Cammer-Fenstern, welches in den Baum-Garten stosset, am besten darzu schicke, es ist ja selbiges nicht gar hoch, mit festen eisernen Staben verwahret, und in einem solchen Winckel befindlich, allwo ich auf einer kleinen Leiter biss dahin gelangen und aufs geheimste mit ihnen sprechen kan, daferne nur mein gnadiges Fraulein eine gewisse Stunde bestimmen will, wenn ich die Freyheit nehmen darff, mich zu naheren.

Charlotte schuttelte den Kopff hierzu, besonn sich eine lange Zeit, endlich aber verwilligte sie: dass ich kunfftige Nacht, wenn der weisse Vorhang heraus hienge, um 11. Uhr vor diesem Auditorio erscheinen durffte, ausser diesem Zeichen aber durchaus nicht. So bald demnach andere Leute zu Bette waren, schlich ich mich gantz heimlich in den Garten, bauete mein Catheder auf, und fassete endlich das Hertze, Charlotten, so bald sie sich am auffgemachten Fenster prsentirte, durch die engen eisernen Stabe meine Liebes-Declaration zu thun.

Es ist unnothig den Innhalt derselben voritzo weitlaufftig anzufuhren, denn wer nur ein eintzig mahl verliebt gewesen, wird sich gar leichtlich einbilden konnen: was man bey dergleichen Zeiten und Gelegenheiten vor Fleiss anwendet, seinen Vortrag auf recht hertzbrechende Art einzurichten. Kurtz, Charlotte und ich, wurden des Handels binnen zwey Stunden vollkommen einig, verwechselten unsere Hertzen, schwuren einander ewige Treue, und verabredeten: dass ich erstlich nach Wien reisen, und aus kundschaffen solte, ob noch etwas von meinem Vaterlichen oder Mutterlichen Erbtheile zu erhalten sey, da denn hernach etwas Geld an eine sichere Officiers-Charge spendiren, und meine Geliebte offentlich zur Ehe begehren konte. Doch dieses war an uns beyden eben nicht zu loben: dass wir uns beredeten Ferdinanden so lange bey der Nase herum zu fuhren, biss ich von Wien glucklich wiederum zuruck gekommen ware.

Ich hatte damahls zum allerersten mahle das Vergnugen diejenigen Sussigkeiten, sehr offt wiederholt zu kosten, welche sich eine Manns-Person von den recht purpur farbenen Lippen eines ungemein schonen Frauenzimmers wurcklich zu geniessen, einbilden und wunschen kan; den die, zwar sehr engen eisernen Gitter, waren dennoch so raisonable beschaffen: mir diese Ergotzlichkeit auf den Lippen und zarten Handen meiner Geliebten, wiewohl sehr gezwungen zu erlauben. Nachdem aber alles, was uns bey dieser ersten geheimen Zusammenkunfft eingefallen, aufs genauste verabredet worden, war ich so hofflich Charlottens Nacht-Ruhe nicht gantzlich zu verderben, sondern begab mich um 2. Uhr zuruck in mein Apartement.

Folgendes Tages stellete sich Ferdinand versprochener massen sehr zeitig ein, erhielt von mir die trostliche Nachricht, dass seine Sachen bey Charlotten ein ziemlich gutes Ansehen gewonnen, und ob sie gleich verredet hatte, zeit Lebens keine Liebes-Briefe an eine Manns-Person zu schreiben, so wurde er doch in ihren Reden, Minen und fernern Umgange, solche Vortheile vor seine Liebe finden, dass er sich meines Vorspruchs bedient zu haben, nicht durfte gereuen lassen. Allem Ansehen nach, fand er sich dieserwegen unbetrogen, denn Charlotte wuste ihm dergestallt politisch zu begegnen, dass er mit ihrer vermeintlich aufkaumenden verliebten Auffuhrung vollkommen zufrieden war. Sie muste recht gezwungener weise, ein kostbares Prsent von ihm annehmen, welches am Werthe bey nahe 100. Ducaten betraff, hergegen liess sie sich durchaus nicht bereden, den Vortrag eines baldigen Verlobnisses, und kurtz darauff anzustellender Hochzeit anzunehmen, indem sie nebst andern erheblichen Ursachen, vornehmlich diese anfuhrete: dass sie ihn wenigstens erstlich Jahr und Tag, wegen seiner Treue auf der Probe halten musse. Ihren Bruder hatte er durch Geschencke und andere Gefalligkeiten, nach und nach dermassen eingenommen: dass es schiene, als ob sie ein Hertz und eine Seele waren, wie denn auch dieser August, mehr bey ihm als bey uns war, und ohnfehlbar sein naturliches Geschlechte, bey Ferdinands Kochinnen und Magden vermehrete. Im Gegentheil wurde meine Copulations-Raths-Charge gantzlich cassirt, weil Ferdinand seiner Meynung nach, keinen ferneren Vorsprecher mehr bedurffe, doch bekam ich zum hofflichen Abschiede noch 12. Stuck spec. Ducaten, welche vielleicht das quivalent des gebrauchlichen Kuppel-Peltzes seyn solte.

Immittelst kamen Charlotte und ich, fast alle Nacht an dem vorerwehnten Orte zusammen, denn unsere brennende Liebes-Hitze, konte der damahligen kalte des Winters, noch ziemlichen widerstand thun, doch musten wir uns sehr genau in acht nehmen, dass die, durch offt wiederholtes Kussen befeuchte Lippen, nicht etwa ihr zartes Hautlein an den unbarmhertzigen eisernen Staben hangen liessen, welches ich nur ein eintziges mahl mit ziemlicher Empfindlichkeit gewahr wurde, allein die hefftige Liebe verschmertzte alles, in Betrachtung dass man vor dergleichen Delicasse auch etwas ausstehen musse.

Ich wuste inzwischen nicht zu begreiffen, warum der Herr von V** seine Sohne so lange von der Universitat zurucke hielt, da doch selbige selbst taglich wiederum nach Halle zu kommen wunschten. Ich, der ich mich taglich in der Mathematique mit ihnen exercirte, wurde biss dato noch von allen lieb und werth gehalten, doch an allerliebsten von meiner englischen Charlotte; Inzwischen giengen wir beyde vor andern Leuten dermassen unpassionirt mit einander um, dass auch die Allerklugsten nichts weniger, als eine wurckliche Liebes-Verbindung von uns prsumiren konten, ohngeacht Charlotte den von mir empfangenen Diamantenen Verlobniss-Ring, taglich an ihren Finger trug, worgegen sie mir einen kostbaren PerschafftRing verfertigen, und verblumter weise den mehresten Theil von ihren Stamm-Wapen, wiewohl nach eigener Invention etwas verandert, hinein setzen lassen.

Solcher gestallt verfloss die Helffte des strengen Winters, derowegen hielt ich mit meiner Geliebten geheimbden Rath, worinnen endlich das, auf beyden Seiten schmertzlich fallende Urtheil gesprochen wurde: dass ich um Fast-Nachten, meine Reise nach Wien antreten, und dieser wegen von meinen Patrons beglaubte Attestate, Reise-Psse und Recommendations-Schreiben auswurcken solte. Ich observirte also eines Tages die gute Gelegenheit, meinem Principalen vorzustellen: Wie nunmehro, da ich durch seine unverdiente gnadige Hulffe in solchen Stand gesetzt worden: mein Brod in zukunfft selbst zu verdienen; es mir zur Sunde und Schande gereichen wurde, wenn ich dessen Gnade ferner missbrauchen, und nicht allein hier auf der Baren-Haut liegen und die guten Tage zahlen, sondern auch um mein ferneres Aus- und Einkommen unbekummert seyn wolte. Wesswegen ich um gnadige Erlaubniss bathe, in meinen eigenen Standesund Etaats-Affairen eine Reise nach Wien anzutreten, worbey mir sonderlich durch dessen gnadige Vorschrifft und selbst eigene Recommendation ein sicheres Conto zu finden getrauete.

Der gute alte Herr wandte zwar viel darwieder ein, schlug mir auch vor: von Ostern an, noch ein Jahr oder wohl langer bey seinen Sohnen auf der Universitat zu bleiben, mittlerweile er auf allerhand Mittel bedacht seyn wolle, mich nach meinen Meriten behorig zu versorgen; Allein die Liebe, ach die hefftige Liebe zu Fraulein Charlotten, stack mir einmahl im Kopffe, und machte mich dermassen beredsam, dass ich dadurch endlich meinen Zweck erreichte, und 2. Tage nach Fass-Nachten 1715. mit 100. Thlr. Geld und einem propren Kleide von ihm abgefertiget wurde.

Nichts auf der Welt kam meinem Hertzen empfindlicher vor, als das klagliche Scheiden, ich wandte alle meine Beredsamkeit und beweglichsten Caressen an mein Fraulein Charlotte, dahin zu bewegen: mir in der letzten Nacht einen geheimen Zutritt in ihren Schlaf-Gemache zu erlauben, betheurete auch bey allen dem was heilig gehalten wird, weder mit Worten, Gebarden oder Wercken nicht das geringste wieder ihre Ehre und Tugend zu tentiren, allein dieselbe war in diesem Stucke ein wenig allzu strenge, also muste nur vergnugt seyn, dass meine AbschiedsKusse, in grimmiger Kalte, durch das unbarmhertzige eiserne Gatter nehmen durffte.

Demnach nahm meinen Weg, nebst einen zu meiner Bedienung angenommenen Reit-Knechte, der meine Reise-Sachen hinter sich auf dem Pferde in zwey, starck angefullten, Mantel-Sacken fuhrete, erstlich noch einmahl auf Halle zu, allwo mein annoch daselbst befindliches Gerathe und Bucher, einem redlichen Freunde in Verwahrung, selbigen auch zu Unterhaltung meiner Correspondenz mit Charlotten, hinlangliche Instruction gab, nachhero meine Reise so hurtig als es meine zwey ziemlich tauerhafften Reit-Klapper ausstehen konten, uber Leipzig und Prag nach Wien fortsetzte. Selbige Weltberuhmte Stadt erreichte ich endlich, gleich am Sonntage Judica, also 14. Tage vor dem Oster-Feste, hieselbst kostete es nun nicht wenig Muhe, das Geschlechte meiner Mutter auszuforschen, jedoch nach vielen vergeblich angewandten Kosten, traff ich endlich meine Gross-Mutter mutterlicher Seite, bey einer ihrer Tochter an, die an einen Zeugwarter bey der Kayserl. Artollerie verheyrathet war, und mit selbigen 5. lebendige Kinder erzeuget hatte. So bald ich mich kund gegeben und alle ausgestandene Fatalitaten ausfuhrlich erzehlet hatte: umarmete mich meine Grossmutter aufs allerliebreichste, und erkandte mich aus allen Umstanden, sonderlich aber an den Gesichts-Zugen, und dem Muttermahle, welches ich am Halse unter dem Halsstuche auffzuweisen habe, vor den leiblichen Sohn ihrer altesten Tochter. Hergegen wurde ihr, und mein eigenes Betrubniss gantz sonderbar erneuert, da keins von allen nur die geringste Nachricht zu geben wuste, wo meine Mutter mit der jungsten Tochter musse hingekommen seyn.

Meine Grossmutter aber, hatte nebst dieser Tochter, bey welcher sie lebte anoch zwey andere an Kayserliche Officiers verheyrathete Tochter, und einen Sohn, der unter der Kayserl. Infanterie als Capitain in Ungarn stunde. Nun erkandten mich zwar anfanglich alle 3. Muhmen, vor den Sohn ihrer altesten Schwester, nachdem sie aber die Sache mit ihren Mannern etwas reifflicher uberlegt, und sich leichtlich die Rechnung gemacht, dass ich mein Muttertheil prtendiren wurde, spieleten sie das Lied aus einem gantz andern Thone, zuckten die Achseln und gaben zu vernehmen, wie sie dennoch verschiedene trifftige Ursachen hatten zu zweiffeln: ob ich derjenige Vetter sey, vor welchen ich mich ausgabe, man hatte sehr viele Exempel, dass die Leute von dergleichen listigen Landstreichern hintergangen worden, derowegen muste ich mich erstlich besser legitimiren, vor allen dingen aber die Romisch-Catholische Religion annehmen, so dann solten mir nicht allein von jedweden, meiner Mutter Geschwister, 200. Kayser-Gulden baar Geld gezahlt, sondern auch uber dieses vor mich gesorget werden, dass ich, durch Vorschub meines Vetters, in Ungarn etwa einen Ober-Officiers- oder Ingenieurs-Platz erhielte. Was war hierbey zu thun? mehrere Beweissthumer meines rechtmassiger weise fuhrenden Geschlechts-Nahmens beyzubringen, fiel mir unmoglich, der Evangelischen Religion abzuschweren, und die Romisch-Catholische, des zeitlichen schlechten Gewinsts wegen anzunehmen, schien bey GOtt und Menschen unverantwortlich, einen Process aber gegen meine dasigen Bluts-Freunde zu formiren, war gantz und gar nicht rathsam, sondern in Betrachtung meiner wenigen Mittel, allzu gefahrlich. Derowegen nahm ich meine einzige Zuflucht zur Gross-Mutter, und verhoffte: dieselbe solte durch ihre Autoritat meine Sachen auf guten Fuss setzen, allein selbige stund selbst gar auf schwachen Fussen, denn die gute Alte war fast ein Spott ihrer bosen Kinder und Kindes Kinder, ihr Vermogen hatte sie biss auf wenige zuruck behaltene Gold-Stucken und Jubelen, schon vor etlichen Jahren unter dieselben vertheilet, muste also meistentheils deren Gnade leben, uber dieses war sie sehr eiffrig Catholisch, und sagte mir ausdrucklich: wie sie mich ebenfalls nicht mit rechten guten Gewissen vor ihren Enckel erkennen und sich meiner annehmen konte, so lange ich mich in meinen irrigen ketzerischen Glauben befande. Jedoch war sie endlich so mitleydig mir 30. Stuck spec. Ducaten, nebst einem ziemlich kostbarn Diamant-Ringe und silbernen Degen zu verehren, meldete mir anbey denjenigen Furstl. Sachsischen Hof, allwo meines Vaters leiblicher Vater, vor vielen Jahren in Diensten gestanden, rieth mir anbey dahin zu reisen und zu versuchen, ob noch etwas von meinem vaterlichen Erbtheile zu erhalten sey, mittlerweile hatte auch Zeit und Gelegenheit zu uberlegen, ob ich den Vorschlagen meiner mutterlichen Anverwandten Folge leisten, und mir ihr Anerbiethen zu Nutz machen wolte, solchergestallt ich denn mit ehesten zuruck kommen und sie allerseits gedoppelt erfreuen konte. Ich war von Hertzen, doch nicht halb so sehr uber das empfangene Geschencke erfreuet, als da ich nunmehro die GeburthsStadt meines Vaters ausgekundschafft hatte, versprach zwar alles wohl zu erwegen, reisete aber unter dem Vorsatze fort, mit Gottlichen Beystande mein anderweitiges Gluck zu suchen, und dergleichen falschund halssstarrig gesinneten Bluts-Freunden nimmermehr wiederum vor die Augen zu kommen, noch vielweniger sie um einige Bey-Steuer anzusprechen, weil mich lieber zeitlicher weise von ihnen verlassen, als geistlicher weise ins Verderben gesturtzt wissen wolte.

Also trat ich in der angenehmsten Sommers-Zeit meine Ruck-Reisen an, und erreichte wenig Tage nach Johannis-Feste, meines seel. Vaters GeburthsStadt, jedoch in selbiger war mein GeschlechtsNahme, vor wenig Jahren, mit dem Gross-Vater gantzlich ausgestorben, ingleichen meines Vaters alteste Schwester nebst ihrem Ehe-Manne, mit hinterlassung dreyer Tochter verschieden, die andere aber lebte annoch mit einem Furstlichen Secretario, in sehr vergnugter Ehe, und hatte zwey erwachsene Tochter, auch so viel Sohne, die etwa 12. biss 15. Jahr alt waren. Diese Leute konten sich zwar wohl ihrem Stande gemass auffuhren, hatten aber allem Ansehen, und ihrem eigenen Gestandnisse nach, wenig ubrig, wie sich denn auch vermuthlich dieser Ursachen wegen, keine anstandige Freyer vor die sonst ziemlich fein aussehenden, und desto besser gezogenen Jungfern anfinden wolten. Zu bejammern war es, dass meine Gross-Eltern nicht in starckern Mitteln gesessen, sondern im hohen Alter vor ihrem Ende fast alles zugesetzt, so dass meines Vaters beyde Schwestern nach Abzug der Begrabniss-Kosten, kaum 100. Thlr. werth an Meublen ererbt hatten. Mein Vetter der Secretarius war so redlich, dass er ohne mein geringstes Suchen, augenblicklich vor billig erkandte, was massen der dritte Theil der Verlassenschafft mir zugehore, derowegen erbothig, mir denselben, vor sich und seines Schwagers Tochter, uber welche er Curator war, auszuliefern, allein solche Redlichkeit afficirte mich dermassen, dass ich nicht nur alles deprecirte, sondern uber dieses, meine Vettern und Muhmen, mit ein und andern artigen Sachen beschenckte.

Es begab sich aber dieser mein Vetter, nachdem er vermerckt, wie meine Absichten zukunfftiger LebensArt eintzig und allein auf eine Militair-Bedienung gerichtet waren, alle Muhe, mich hiervon abzuziehen, und zu einem ruhigern Stande zu persuadiren, allein vors erste wuste er nicht, dass mich eine besondere Liebes-Intrigue darzu antriebe, und vors andere wurde alle seine Vorsorge, mich bey dem Furstl. Hofe zu engagiren, durch einen Widersacher zernichtet. Selbiger war ein Mensch von erbarmlicher Conduite, seiner Einbildung nach aber, ein anderer Richelieu oder Mazarini. Er hatte etwas, wiewohl nichts sonderliches fundamentelles in der Mathesi gethan, konte jedoch ein und andere Risse aus diesem und jenen Kupfferstiche zusammen klauben, ziemlich sauber aufs Pappier bringen, und selbige hernach mit hochtrabenden Gebarden, vor seine eigene sonderbare Invention ausgeben. Er glaubte: dass er sonderlich glucklich sey, von allen Dingen, die nur aufs Tapet kommen konten, ein ausserordentlich geschickliches Judicium zu fallen, und davon noch vortrefflichere Specimina abzulegen, es kamen aber selbige zuweilen nicht allein sehr unglucklich, sondern offtermahls gar absurd heraus. Jedoch hatte seine Theorie in ein und andern Stucken endlich noch so hingehen mogen, allein in der Praxi hatte er sich bereits zu verschiedenen mahlen verlachungs-wurdige Prostitution zugezogen, so dass ein vornehmer und grund-gelehrter Mann, ein solches Judicium von ihm gefallet: dieser Kunstler versuchte auf des Fursten Unkosten und mit dessen nicht geringen Schaden erstlich hinter die rechten Sprunge zu kommen; welches den in der That und Wahrheit mehr als zu gewiss eintreffen mochte. Nechst dem war dieser Mensch der Philautie oder Eigenliebe im hochsten Grad ergeben, indem nun aus selbiger gemeiniglich ein enormer Hochmuth, und aus diesen wiederum, nicht selten eine Charlatanerie zu entstehen pflegt, so konte man an diesem Subjecto eins wie das andere nur gar zu deutlich mercken, denn wie mein Vetter sagte, so wisse er mit seinen blonden Haaren nicht sattsam zu haseliren, bald truge er dieselben Krause, bald schlecht, bald steckte er alle mit einander in einen mit glantzenden schmeltzbekleckten Sammet-Beutel, bald knupffe er sie in 1. 2. oder 3. Knoten, bald liess er sie auf lacherliche und wunderliche Art in Zopffe flechten, bald truge er gar eine kohlpechschwartze Peruque, die er zuweilen sehr weiss, zu weilen auch in 4. Wochen gar nicht pouderte, endlich abermahls wechselte, selbige wegwurffe, und sein blondes Haar wiederum zum Vorscheine kommen liesse. Anderer Grimacen, gezwungener Complimenten, affectirter Redens-Arten, Gebarden und Leibes-Stellungen nicht zu gedencken. Kurtz! dergleichen Wesen gab auch einem frembden annoch von ferne zu verstehen, dass eine starcke Sympathie zwischen ihm und denjenigen Creaturen sey, welche im Mertzen am meisten zu schertzen pflegen, ja man hat, ich glaube aber zum Schertz versichern wollen, dass er nicht nur bestandig einen Zahn-Stocher von dergleichen Creatur, sondern so gar einen gantzen Laufft desselben im Schubsacke bey sich fuhrete.

Diesem artigen Herrn nun mich adjungiren zu lassen: gab sich mein Vetter bey dem Fursten die groste Muhwaltung. Da man aber gewisser Ursachen wegen, gantz besondere consideration vor diesen allzuartigen Herrn bezeigte, und, damit er sich ja nicht etwa disjoustirt befinden mochte, erstlich Gelegenheit abwarten wolte, ihm solches mit einer Manier bey zu bringen, vermuthete ich, dass mir solchergestallt die Zeit etwas zu lang wahren, auch da es endlich ja angehen solte, keine gar zu gute Seide mit diesem, meinem Temperamente durchaus contrairen Menschen spinnen wurde, liess mich also bereden, mit dem eintzigen Sohne eines vornehmen Ministers, noch einmahl nach Halle zu gehen, und folgenden Herbst und Winter uber noch recht fleissig zu studiren.

Es war dieses keine unebene Sache vor mich, denn ausser dem, dass ich vor die Privat-Information des jungen Cavaliers in allen defrayrt wurde, und noch uber dieses wochentlich einen Thaler bekam, getrauete ich mir den Winter uber mit meinem HandwercksZeuge, und zwar nur zum Feyerabende, wenigstens 50. Thlr. zu verdienen, derowegen verkauffte meine zwey Pferde, den Bedienten aber weil er sehr getreu war, behielt ich bey mir, zumahl da ihm der junge Cavalier Logis und Kost ebenfalls frey gab, ich also nur dessen Liberey zu bezahlen hatte.

Mit meinem Fraulein Charlotte hatte ich indessen, so offt als es nur moglich gewesen, Briefe gewechselt, und von den ihrigen einen so starcken Vorrath in Handen, dass ich fast zwey Stunden Zeit nehmen muste, wenn ich mir das groste Vergnugen mit Durchlesung derselben machen wolte. So bald mich aber nur etwas weniges aufs neue in Halle eingerichtet hatte, trieb mich die hefftige Begierde, selbige wiedrum einmahl zu sehen, dahin, dem Herrn von V** meine Aufwartung zu machen. Ich wurde seiner angebohrnen Gutigkeit nach, hertzlich wohl empfangen, stattete Rapport von meiner Reise und gehabten Verrichtungen ab, und hatte das Vergnugen meinen Engel an dem alten Orte aussfuhrlich zu sprechen und zu kussen. Sie erzehlete mir mit Lachen: dass Ferdinand abermahls eine Vieh-Magd, seiner Meynung nach in aller Stille mit 50. Thlr. abgefertiget hatte, dem ohngeacht, weil sie sich nichts darvon mercken liesse, begegnete er ihr noch immer mit den ausersten Liebkosungen, und drange scharff darauff: dass ihre Vermahlung noch vor Weyhnachten vor sich gehen mochte. Allein sie bliebe bestandig darbey, dass es in ihren Hertzen vorlangst beschworen sey, vor Verlauf ihres 20sten Jahres keinen Mann zu nehmen, also musse er sich gezwungener weise, von einer Zeit zur andern, mit Gedult schmieren, woferne ihm nicht gelegen sey, bey ihr auf einmahl durch den Korb zu fallen.

Mir gab anbey mein liebstes Fraulein einen Verweiss, dass ich mich nicht emsiger um einen Officiers-Platz bemuhete, ja sie durffte fast auf die Gedancken gerathen: als ob mir an ihrer, desto baldigen Besitzung, gar wenig, oder wohl gar nichts gelegen sey. Derowegen hatte genung zu thun, ihr solche Gedancken auszureden und zu erweisen, dass die itzigen Friedens-Zeiten, mich dermassen verwirrt machten, dass ich fast nicht wuste unter welche Trouppen ich mich wenden solte. Demnach schlug sie mir die Sachsische Soldatesque vor, welche damahls eben mit den Pohlnischen Confderirten im Kriege verwickelt war, erboth sich auch mir so gleich mit 200. Thlr. an heimlich gesammleten Gelde und Geschmeide an die Hand zu gehen. Hieraus ware nun Dero gantz besonders treue Liebe sattsam zu spuren, derowegen versprach ich nur noch biss gegen den Fruhling zu verweilen, nachhero so gleich meine Reise zu der Sachsischen in Pohlen stehenden Armee anzutreten.

Hierbey blieb es vor dieses mahl, doch hatte noch binnen zween Tagen, und des Nachts vor dem eisernen Gatter, die schonste Gelegenheit, derselben meine inbrunstige Liebe mit beweglichen Worten vorzustellen, welche denn von beyden Seiten mit unzahligen Kussen aufs neue befestiget und versiegelt wurde.

Des Herrn von V** Herrn Sohne, waren auf die Universitat Leipzig gezogen, derowegen konte mich Ehrenhalber nicht langer bey dem alten Herrn aufhalten, nahm also vor dissmahl Abschied, empfing abermahls eine Ritter-Zehrung von 6. Ducaten, und kehrete wieder zu meinem jungen Cavalier nach Halle. Selbiger brachte so wohl als ich seine Zeit, den gantzen Herbst und Winter uber, sehr fleissig zu. Im Februario des 1716. Jahres aber, verkauffte ich alle meine unnothigen Sachen mit guten Vortheil, erhandelte abermahls ein paar gute Klopper, und wartete nur auf das Fraulein Charlotte, welche selbsten nach Halle zu kommen versprochen hatte. Sie stellete sich endlich im Mittel des Februarii ein, uberlieferte mir 100. Thlr. baar Geld, und vor so viel Geld allerley Geschmeide, welches ich gar bequem bey mir fuhren konte, da aber meine Allerliebste vielerley zu verrichten hatte; und sich noch selbigen Tages auf die Ruckreise begeben muste, wurde unser Abschied kurtzlich, jedoch dermassen zartlich gemacht: dass wir beyderseits in Thranen zu zerfliessen vermeynten, doch da es nicht anders seyn wolte, schwuren wir einander nochmahls ewig feste Treue und schieden von einander.

Noch selbigen Abend setzte ich einen Brieff an den Herrn von V** auf, ihm mein Vorhaben zu eroffnen und zugleich schrifftl. Abschied zu nehmen, weil ich von dessen Gute dermassen uberhaufft worden, dass mich schamen muste, wiederum vor seine Augen zu kommen, biss ich eine wurckliche Ober-Officiers Bedienung erhalten. Von meinem jungen Cavalier nahm ich gleichfalls recht zartlichen Abschied, empfieng von ihm uber meinen versprochenen Verdienst, noch ein schones rothes Reise-Kleid, nebst 30. Luneburgischen Gulden, reisete also mit meinen Bedienten, dem ich mittlerweile gut lesen, schreiben und rechnen lernen lassen, wohl gespickt und hochst vergnugt die Straffe nach Pohlen zu.

Durch Sachsen und Schlesien war gut reisen, allein so bald ich auf den Pohlnischen Boden kam, wurde in einer Stadt von etlichen Lutheranern gewarnet, wohl Achtung zu haben, weil es Kunst kosten wurde: bey dermahligen Troublen mich biss in die Sachsische Armee durch zu practiciren. Allein ich muste mehr Glucke als Verstand haben, denn medio Aprilis, gelangete ich ohne einige gehabte Verdriesslichkeit, glucklich bey der Sachsischen Infanterie an, engagirte mich anfanglich bey einem Regimente als Voluntair, bekam aber, ehe 2. Monat vergiengen, einen erledigten Fahndrichs Platz, und zwar ohne grosse Kosten, sondern mehrentheils aus besonderer Gnade eines genereulen Obristen, der noch darzu meinen Schwedischen tyrannischen Obristen sehr speciell gekennet hatte, welcher letztere, wie damahls erstlich erfuhr, bey Pultawa in der Schlacht von den Moscovitern massacriret worden.

Plus ultra, war von nun an mein ernstliches Symbolum, derowegen suchte meinem Character, durch moglichste accuratesse, in allen Stucken behorige Satisfaction zu geben. Immittelst war mir von Grund des Hertzens leyd, dass ich nicht ein oder anderthalb Jahr fruher unter die Sachsen gegangen, denn die delicatesten Expeditiones waren mehrentheils vorbey, und passireten dermahlen nur allerhand kleine Scharmutzels, worbey sich dennoch einige Gelegenheit dargab meine Courage zu zeigen. Es wurde hoffentlich die Erzehlung derselben nicht so verdriesslich als langweilig fallen, derowegen will diese Materie biss auf eine andere Zeit versparen, und voritzo nur berichten: dass, nachdem der Friede zwischen beyden streitenden Partheyen am 1. Febr. anno 1717. in Warschau ratificirt worden, ich unter den Konigl. Trouppen ebenfalls mit zuruck und mein Quartier in Sachsen beziehen muste. Selbiges war etwa 14. biss 16. Meilen von meiner liebsten Charlotte Auffenthalt entlegen, doch weilen so gleich keinen Uhrlaub bekommen konte, eine personliche Visite bey ihr abzulegen; muste ich die Zuflucht zu meinem Correspondenten in Halle nehmen, und in dessen Brieff ein Schreiben an meinen Engel einlegen, allein 14. Tage darauff erhielt von ermeldten guten Freunde die sichere Nachricht, dass sich meine Schone nicht mehr bey dem Herrn von V.** aufhielte, sondern an einem andern, ihm unwissenden Ort, geschafft ware.

Mir war hierbey nicht bange, sondern ich vermeynete wenn ich nur einen Brieff an den alten Herrn von V.** ingleichen an dessen Sohne schriebe, mich um ihrer allerseits, und beylauffig um Charlottens gutes Auffbefinden erkundigte, so wurde doch wohl einer von ihnen, ohngefahr auf die Gedancken gerathen, mir Charlottens Auffenthalt zu vermelden, zumahlen da ich glaubte: dass sie nunmehro um so viel desto mehr Estim gegen meine Personalitat bezeugen wurden, weiln ihnen zugleich avisirte dass ich Hoffnung hatte: binnen wenig Wochen in die Lieutenants Charge zu treten, aber weit gefehlt, denn in einigen Tagen lieff folgender verzweiffelt eckele Brieff bey mir ein:

Monsieur,

und Insonders Hochgeehrter Herr Fahndrich.

Derselbe nehme mir nicht ubel, dass ich auf expressen Befehl meines gestrengen Herrn, des Wohlgebohrnen Herrn von V.** welcher das Jus Patronatus in unsern Dorffe hat, diese eigenhandige Zeilen an Denselben absenden thue. Sintemahl und demnach es nunmehro leyder schon vor etlichen Wochen ans Licht gekommen, dass Er die Wohlgebohrne Fraulein Charlotte verfuhren, und wie vermuthet wird, wohl gar um ihre Frauleinschafft bringen wollen, doch sit ferbis fenia, wo ich mich irre, hat es nach dem Ausspruche des Terentius wohl recht geheissen: Tambus omnia padefacit, welches in Teutschen Reimen also klingen und lauten thut:

Es ist so kleine nichts gesponnen,

Das nicht kam mit der Zeit zur Sonnen.

Der wohlgebohrne Herr nebst seiner gantzen Hoch schlechts ist grausam erbittert und im Zorne ergrimmet auf ihn, und so gar etliche Bauren selbst wollen das Ding gar nicht billigen, dass er als einer den der gestrenge Herr den Bettel Stabe entrissen, und ihn erstlich zum rechtschaffenen Kerl gemacht hat, ist so undanckbar gewesen, und hat aus dem Staube seine Augen an den Hoch Adelichen Stern-Himmel gehoben, und mit einem solchen Venus-Sterne geliebaugelt. Aber Amor fincit omnia, das heist die Liebe ist blind. Ich habe solches wohl dem gestrengen Herrn auch vorgehalten, allein ich bekam ein zorniger Gesichte, als wenn ich seinen Retten-Hund mit einem Steine geworffen hatte. So wahr ihr ein ehrlicher Cantor bin, Herr Fahndrich Litzberg, der Juncker August und der Juncker Ferdinand haben euch alle beyde den Todt geschworen, ich rathe euch nicht, dass ihr ihnen auf den Felde begegnet, denn sie gehen mit unsern jungsten Juncker alle Tage mit der Flinte spaziren herum. Cavete vos, Das heisset hutet euch. Aber doch will euch noch der gestrenge Herr, die Gnade erzeigen und thun, und euch euren Ruffert, den ihr hier stehen gelassen, hin schicken lassen, wo ihr ihn hin haben wollet, denn ich habe den Ruffert schon in meinem Hause unter meinem Bette stehen, da soll ihn leichtlich kein Dieb hervor langen, ich will nur wissen wo ich ihn hin schicken soll, auf der Post oder durch einen Bothen, welchen ihr aber bezahlen musset, denn es heisset ein Arbeiter, also auch ein Bothe ist seines Lohnes wehrt. Ja ich hatte es bald vergessen, ich soll euch auch schreiben, dass ihr nur nicht gedencken sollet das Fraulein Charlotte wieder zu sehen, ehe sie einen Edelmann gekriegt hat. Denn eine solche schone Fraulein soll nun durchaus vor keinen andern Menschen als vor einen Edelmann gewachsen seyn, welches auch niemand verdencken wird, denn es heist simulus similus gautet auf Teutsch:

Gleich und gleich gesellt sich gern,

Ein' Qvetschk hat keinen Schleen-Kern.

Ich solte zwar auch was neues berichten, aber ich weiss nichts sonderliches, doch ja, vor 3. Vertel Jahren da ich Toffel Zaunsteckens Tochter Annen, welche mit Melcher Truthahns Sohne Tonnigesen in ein christlich Ehe-Gelobniss getreten war, in die BrautMesse lauten sollen, fuhr der Kloppel aus der Glocke zum Schall-Loche heraus, und hat Nachbar Erbs Micheln ein jung Schwein todt geschlagen, das war aber nur eins, mir aber sind diesen Winter 3. Ferckel auf einmahl erfroren, wodurch in sehr grosses Leydwesen gesetzt worden, doch was hilffts hodie michi cras tibe. Mein lieber Sohn ist von dem Hallischen Gymnastio wieder nach Hause gekommen, er hat zwar nur biss in quinda gesessen, kan aber mehr als der beste Primanner, die Leute sprechen nun, ich soll ihn auf die Unverstdt schicken, aber er hats nicht nothig, ich will ihn lieber mir substiren lassen, denn ich werde doch alle Tage alter, bin ich in den Dienste nicht verhungert, wird er auch nicht verhungern. Ich schriebe gerne noch etwas mehr, habe aber gewiss und wahrhafftig kein Schnippelgen Pappier mehr im Hause, und in der Schencke sind sie schon zu Bette. Wenn ich anfanges was geschrieben habe, dass euch etwa verdriessen thut, so rechnet es mir nicht zu, denn ich bin ein Mensch darzu der Obrigkeit unterthan, die hat mirs befohlen fein Teutsch raus zu schreiben. Tic cur hit pflegen wir Gelehrten an unsere Studier-Stuben zu schreiben, und also habe ich thun mussen, was mir der gestrenge Herr befohlen hat, wir bleiben desswegen doch gute Freunde, ihr habt mir nichts zu Leyde gethan, und ich euch auch nicht, ein Schelm ders bose meynt. Fale amice ich verbleibe desselben.

Monsieur

und Insonders Hochgeehrter Herr Fahnrich

Dienstwilliger Freund

N.N.R.

Cantor und Ludimoder: in N.

Wer glaubts wohl nicht, (sprach hierauf Mons. Litzberg, nachdem er uns diesen Brieff nochmahls vorlesen und Zeit lassen mussen, die von Lachen gantz zerschuttelten Corper wieder in Ordnung zu bringen,) dass ich uber diese verzweiffelte Schreib-Art hatte halb toll und halb narrisch werden mogen, doch ich will mich mit Wiederholung meiner entsetzlich verwirrt-aufgestiegenen Affecten gantz und gar nicht aufhalten, sondern nur die listigen Anschlage entdekken, welche ich Tag und Nacht schmiedete, um den gewissen Auffenthalt des Frauleins Charlottens zu erfahren. Der Schulmeister, den ich wegen seines schandlichen Briefes in der ersten Furie den Hals zerbrochen, jedoch wenn ich ihn nur erstlich bey mir gehabt hatte, wurde nach und nach in meinen Augen und Gedancken eine vortrefflich nutzliche Creatur, kurtz! ich war auf lauter Streiche bedacht, durch ihn zu erfahren, wohin man meine andere Seele geschafft hatte, setzte mich derowegen auf die Post, und richtete meine Reise also ein: dass ich accurat Freytags Abends in demjenigen Sachsischen Stadtgen eintraff, welches nur eine kleine Meil wegs von des Herrn von V.** Guthe entlegen war. Ich hatte mich mit allen Dingen, welche ich zu Ausfuhrung meines Vorhabens nothig hielt, sehr wohl versehen, und weiln gewiss versichert war, dass sich der vertrackte Cantor gemeiniglich des Sonnabends, einen guten halben Tag, in dem Stadtgen zu machen pflegte, wenn er nehmlich den Communicanten Wein von darselbst abholete, und sich den Rantzen bey solcher Gelegenheit recht voll gutes Stadt-Bier soff, so verfarbte mein Gesichte so schwartz-braun, als es sich schickte, zog einen braunen Rock an, setzte eine schwartz-braune liederliche Peruqve uber meine zusammen gebundenen Haare, legte einen grossen Schwedischen Degen auf die Schulter, und einen grunen Qveer-Sack druber, band auch einen mit etwas versilberten Messing beschlagenen Streich-Riemen vorn an die Brust, machte also eine Figur, wie ein liederlicher Scheer-Knecht oder Barbier-Geselle, gieng Vormittags um 10. Uhr, des halben Wegs, auf diejenige Strasse, wo ich wuste, dass der Schulmeister von rechts wegen herkommen muste, legte mich hinter ein Gestrauche, und wartete mit Schmertzen auf dessen Ankunfft, war auch um 12. Uhr so glucklich, denselben zu erblicken, stund derowegen auf, und gieng sachte vorher, weil mir seine Art bekandt, dass er sehr neugierig war, und jederman gern kennen und ausfragen mochte. Es schlug mir in diesem Stucke nichts fehl, denn er verdoppelte seine Schritte so lange, biss er mich einholte, auf Befragen: Wer ich sey, und wo ich hin wolte? Bekam er zur Antwort: Ich sey ein ehrlicher Barbiers-Geselle, eines Schulmeisters Sohn aus Westphalen, und suchte Condition, aber in keiner kleinen, sondern in einer grossen Stadt, weiln ich ohngeacht meiner liederlichen Kleidung etliche 20. Ducaten bey mir hatte, die ich ihm auch zeigte, und bath: mich in einen Gasthoff zu fuhren, wo ich eine Stube allein haben konte. Er erboth sich in allen zu meinen Diensten, zumahl da ich mich verlauten liess, es musse heute ein Ducaten in Wein und Biere versoffen werden, und wenn ich auch den Nacht-Wachter zum Sauff-Bruder herzu ruffen solte. Allein der Herr Schulmeister, den ich seit langen Jahren aus- und inwendig, er aber vor dissmahl mich nicht kannte, versicherte mich, dass es an Compagnons nicht fehlen wurde, und solte er auch allenfalls selbst einen abgeben, derowegen eileten wir fort ins Quartier, allwo ich so gleich eine besondere Stube bekam, und zum Willkommen 6. Maass Wein, so viel Bier, nebst andern Delicatessen, die in der Eil zu haben waren, herbey bringen liess, die Stuben-Thur abschloss, und mich mit dem Herrn Schulmeister en deux rechtschaffen lustig machte. So bald ich einen halben Tummel bey ihm verspurete, rieb ich mein Gesicht mit einen besondern Pulver ab, liess meine Haare, nach weggeworffener Peruqve, herab fallen, wesswegen er mich augenbilcklich erkandte, und vor Angst nicht wuste, wie ihm geschahe. Allein ich machte ihm alle ersinnliche Caressen, nenete ihn meinen allerliebsten Freund und Vater, druckte einen spec. Ducaten in seine Hand, soff den Hansen brav aufs Leder, machte sein Hertze zur welcken Rube, und erfuhr endlich, nicht nur meiner liebsten Charlotte wahrhafften Auffenthalt, sondern auch alles andere, was er von meinen und ihren Affairen vernommen hatte. Hierauf inponirte ich ihm altum silentium, versprach in zukunfft davor weit bessere Erkanntlichkeit zu erzeigen, und liess ihn durch einen zugegebenen Bothen mit aufgehenden Monde, biss vor sein Hauss begleiten.

Noch selbige Nacht nahm ich eine Extra-Post, und reisete wiederum meinem Quartier zu, weiln nicht langer als auf 5. oder 6. Tage Uhrlaub genommen hatte, nunmehro aber, bath auf einen oder 2. Monath Uhrlaub aus, muste jedennoch 14. Tagen warten, ehe mir abzureisen erlaubt wurde, binnen dieser Zeit, schrieb ich einen abermahligen Brief an den Herrn von V.** excusirte das, mir so hoch aufgemutzte Verbrechen, schutzte vor: dass es gar nichts unerhortes sey, wenn ein Fraulein einen Officier heyrathete, der zumahlen die groste Hoffnung hatte, durch seinen Degen, sich des Adelichen Standes vollkommen wurdig zu machen, ubrigens wolte vor dieses mahl dasjenige Touchement, so mir durch die thorichte Zuschrifft des einfaltigen Schulmeisters zugefugt worden, en regard dessen, dass ich dem Herrn von V.** gantz desondern Respect restire, durch Klugheit uberwinden, mir aber dabey ausbitten: dass von jungen Edelleuten nicht mechant von mir gesprochen wurde, wiedrigenfalls ich mich genothiget sahe, einen oder den andern auf ein paar Pistolen zu Gaste zu bitten, oder den Injurianten dergestalt zu prostituiren, dass sich endlich zeigen muste, wer das beste Adeliche Hertze im Leibe hatte.

An meinen vielgeliebten Herrn Schulmeister schrieb ich aber einen gantz andern hochst-verbindlichen Brief, schickte ihm auch noch einen Ducaten, und bath durch den abgefertigten Expressen, mir nicht allein meinen Coffre zu senden, sondern uber dieses auch noch sonsten schrifftlich zu berichten, was er etwa damahls vergessen hatte.

Der Herr von V.** war dennoch so eigensinnig, mir auch auf dieses Schreiben nicht zu antworten, hingegen schrieb mir der Herr Schulmeister desto hertzbrechendere Zeilen, jedoch weil nichts remarquables darinnen befindlich, will voritzo die Zeit menagiren, und selbigen Brief nicht einmahl hervor suchen, sondern nur sagen: dass ich endlich Erlaubniss zum Hinwegreisen erhielt. Ich hatte biss zu meines Frauleins Auffenthalt 26. Meilen zuruck zu legen, die ich ebenfalls auf der Post antrat, jedoch nicht weiter gehen wolte, biss in die letzte nachst gelegenste Stadt, ich kam hurtig genug daselbst an, und zwar eben an einem solennen Jahrmarckts-Tage. Allein wie erschrack ich nicht, da, indem ich von der Post abstieg, August und Ferdinand ohnfern vor mir vorbey giengen, jedoch zu guten Gluck meiner nicht gewahr wurden. O Himmel! wie geschwind griff ich nach meiner Buchse, worinnen die vortreffliche Salbe verwahret war, wodurch man sich in der Geschwindigkeit zum halben Zigeuner machen konte. Ich folgete dem Postilion in den Stall, und beschmierete mich unvermerckt so viel als nothig war an Gesicht und Handen, liess geschwind meinen Coffre abpacken, zohe ein fahles Kleid an, setzte eine braune gute Peruqve auf, und gieng eiligst auf dem Marckte herum spaziren, allwo mir nach einer halben Stunde mein Fraulein Charlotte unter etlichen andern Adelichen Dames in die Augen fiel. Vor Freude und Bekummerniss war ich fast halb todt, jedoch, da sie bald hernach in ein grosses GastHauss giengen, vor welchen ihre Carossen unangespannet stunden, schlich ich mich gegen uber in ein Wein-Hauss, forderte Feder und Tinte, hatte immer ein Auge aufs Fenster, das andere aber aufs Pappier gerichtet, und schrieb in der Geschwindigkeit ohngefahr folgende Zeilen:

Allerschonstes Fraulein.

Euer allergetreuster Verehrer F.L. ist allhier zugegen, und hat bereits das Gluck gehabt, euch als seine Sonne unter andern blossen Sternen von ferne zu sehen. Lasset ihm wissen, ob er sich noch den Eurigen nennen darff, oder ob derjenige Sturm, welchen seine Seele, auch entfernet, ebenfalls empfunden, die Wurtzel der zu ihm getragenen Gunst aus Eurem ohne Ursache befurchten, kan es aber fast unmoglich glauben, weil Euer, sonst in allen billigen Sachen bestandiges Gemuthe, mir jederzeit vor Augen schwebt. Verkurtzet derowegen meine Quaal und Marter, entdeckt mich entweder meinem anwesenden Mit-Buhler, der mir den Todt geschworen hat, oder zeiget mir Gelegenheit, wo, und wann das Vergnugen, Euch in Geheim zu sprechen, haben kan, der im Post-Hause in verstellter Kleidung auf Antwort wartende

bekummert-Verliebte Litzberg

Geschrieben war der Brief, ich sahe auch mein Fraulein nebst andern Dames gegen uber im Fenstern liegen, allein, wie ihr derselbe unvermerckt in die Hande zu spielen sey, wolte mir gar nicht einfallen. Endlich da sich ohngefahr ein massiger Pursche vor mir prsentirte, und allerhand Galanterie-Waaren zum Verkauffe anboth, merckte ich gleich an seinem gantzen Wesen, dass er ein durchtriebener Schalck seyn musse, zohe ihn derowegen auf die Seite, kauffte vor einen Ducaten nothige Waaren, zeigte ihm hernach das im Fenster liegende, sehr betrubt aussehende Fraulein, und versprach ihm einen spec. Thaler zu verehren, wenn er derselben, ohne dass es andere Leute merckten, diesen Brief einhandigen, und ihr heimlich zu verstehen geben konte: so bald es ihr gedenn eine kleine Schreib-Taffel nebst Bleystifft gab, die er ihr ebenfalls uberreichen, zur Losung aber nur die beyden Buchstaben F.L. schreiben oder reden konte, so wurde sie alsofort mercken, was es zu bedeuten hatte.

Der lose Vogel war mehr als zu dreuste, schleicht sich also gantz leise in dasjenige Zimmer, wo die Adelichen Personen befindlich, zupfft das Fraulein gelinde beym Ermel, und da sie sich, ohne dass es die andern gewahr werden, umwendet, giebt er ihr alsofort den Brief so wohl als die Schreib-Taffel, mit verzweiffelten Gebarden und Augen-Wincken in die Hande, erhalt so viel von ihr, dass sie es stillschweigend verbirget, nachhero legt er seine Waaren aus, da immittelst Charlotte einen Abtritt nimmt, endlich wieder zuruck kommt, ihm ein und anderes abkaufft, und die Schreib-Taffel gantz unvermerckt wiederum zustellet. Selbige brachte er zu meinem grosten Vergnugen eiligst zuruck, denn ich war noch nicht wiederum ins Post-Hauss gegangen, sondern wolte nunmehro im Wein-Hause erstlich abwarten, was ferner passiren wurde, fand demnach in der Schreib-Taffel folgende Antworts-Zeilen:

Mein Werthester!

Dieses ist versichert die erste vergnugte Stunde, so derum zu empfinden habe. Ihr bleibet, so lange ein Othem in mir ist, dennoch der Meinige und ich die Eurige, und wenn sich gleich die gantze Welt darwieder setzte. Seyd so gutig, und traget im Post-Hause noch in etwas Gedult, Morgen mit den allerfruhesten, wird mein Bruder mit seinem unflatigen Compagnon abreisen, gegen Abend aber sollet ihr von meinem getreuen Magdgen fernere mundliche und schrifftliche Nachricht empfangen, Lebet wohl mein HertzensSchatz, ich bin

eure getreue Charlotte.

Niemahls habe ich einenen spec. Thaler mit grossern Vergnugen ausgegeben, als denjenigen, welchen mein glucklicher Liebes-Courier, nehmlich der Galanterie-Handler, itzo von mir empfieng, so lange aber meiner Augen hochst ergotzliche Weyde, sich noch am Fenster blicken liess, gieng ich nicht von der Stelle, sondern wartete so lange im Wein-Hause, biss sie sich endlich in den Wagen setzte, und davon fuhr, da ich denn wiederum zuruck ins Post-Hauss gieng, und meine Zeit mit verliebter Sehnsucht so lange vertrieb: biss folgenden Tages fast gegen Abend Charlottens Getreue mir folgende Zeilen uberbrachte:

Mein Liebster!

Folget der Uberbringerin dieses, meinem getreuen Magdgen ohne Scheu an denjenigen Ort, wo sie euch hinfuhret, damit ich das Vergnugen habe, euch auf einige Stunden zu sprechen. Nehmet mir immittelst nicht ungutig, dass voritzo nicht weitlaufftiger geschrieben, denn eine gute Freundin hat mich auch bey nachtlicher Weile, an dieser mir sonst hochst ergotzlichen Arbeit verhindert. Meine Peiniger sind fort. Adieu mon coeur.

Dieser angenehmen Ordre schuldige Folge zu leisten, begab ich mich mit herein brechender AbendDemmerung, nebst meiner Fuhrerin, auf den Weg, und wurde, nachdem wir eine starcke Stunde Wegs zuruck gelegt, durch einen Bauern-Garten in ein dergleichen Hauss gefuhret, woselbst mich ein alter 70. jahriger Mann nebst einer, vielleicht um sehr wenig Jahre jungern Bauer-Frau, nach ihrer Art sehr hoflich und freundlich bewillkommeten. Mein englisches Fraulein stellete sich um die Mitternachts-Zeit auch daselbst ein, fuhr aber entsetzlich zusammen, da sie von mir, als einem Zigeuner ahnlichen, schwartzbraunen Peruqven-Hanse, empfangen wurde. Jedoch ich liess sie nicht lange in dieser Verwirrung stecken, sondern, war bemuhet durch die Krafft meines Pulvers, und etwas warmen Wassers, meine naturliche Gestalt herzustellen, welche nach abgelegter Peruqve, ein unzweiffelhafftes Attestat von meinen eigenen Haaren empfieng.

Wir belachten hierauf diesen Spaass eine kurtze Zeit, liessen die alten Leute immerhin bey den Gedancken: dass ich mehr als Brod fressen konte, und fiengen hernach in ihrer Gegenwart unsern Discours in Frantzosischer Sprache an: Dergestalt erfuhr ich nun, dass unser geheimes Liebes-Verstandniss, durch niemand anders als durch Charlottens eigenen Bruder entdeckt und ausgebreitet worden, denn dieser liederliche Wildfang, hatte einsmahls durch einen Ritz in Charlottens Stube geguckt, und observiret: dass dieselbe mit weinenden Augen, einige, aus ihrem Chattoull hervor gelangte Briefe gelesen, hernachmahls selbige verschiedene mahl gekusset und wiederum aufs sorgfaltigste verwahret hatte. Da nun Ferdinand gleichfalls ein Zeuge darvon gewesen, gehen sie mit einander zu rathe, und erbrechen nachhero einsmahls unter der Kirche Charlottens Stube und Chatoull, finden alle meine Briefe nebst den meisten Concepten ihrer Antwort, und zeigen dieselben, um Charlotten nur recht zu prostituiren, erstlich allen Leuten, und auf die letzte auch dem Herrn von V.**

Was die gute Charlotte dieserwegen vor Verdruss und Qvaal ausstehen mussen, und wie es uber mich armen Schops hergegangen, ist leichter zu vermuthen als zu erzehlen. Ferdinand, dessen Liebe dieserwegen dennoch nicht verschwindet, sondern um so viel desto mehr Nahrung empfangt, weil er nunmehro versichert ist, dass Charlotte gar wohl lieben kan, wenn sie nur will, vermeynet bey solchen Umstanden im truben zu fischen, und es dahin zu bringen: dass Charlottens Ausschweiffung, (wo es anders menschlicher weise also zu nennen) sich mit seinen groben Schand-Flekken compensiren soll. Allein diese fasset einen Helden-Muth, und saget franchement heraus: dass sie 1000. mahl eher einen gemeinen Musquetier von guter Conduite, als einen solchen Edelmann heyrathen wolle, der sich mit allen Vieh-Magden auf dem Miste herum geweltzt, und so viel Hur-Kinder zu ernahren hatte, dass in zukunfft seine Korn- und Waitzen-Erndte nicht einmahl hinlanglich seyn wurde, selbigen die veraccordirten Mund-Portiones zu reichen.

Der Herr von V.** fasset sich dieses einiger massen zu Hertzen, und weil er Charlotten, von Jugend auf nicht viel geringer als seine eigene Kinder geliebt, erlaubt er zwar, dass sich Ferdinand weiter um sie bemuhen mochte, gibt aber anbey zu verstehen: dass er das Fraulein zu keiner Heyrath zwingen, jedennoch auch bey seinen Lebzeiten nicht erlauben wolte, dass sie mich, oder einen andern, der nicht Adeliches Herkommens sey, zum Manne bekommen solte.

Solcher gestalt wird die liebe Charlotte auf allen Seiten, und zwar von ihren leiblichen Bruder am meisten geplagt, biss endlich die Zeitung von dem Ruck-March der Sachsischen Trouppen einlaufft. Mein Avancement ist ihnen allerseits schon bekandt, derowegen befurchten sie nicht ohne Ursache, dass es Handel setzen mochte, schaffen also Charlotten bey Zeiten weiter fort, zu einer ihrer Anverwandten im Anhaltischen. Allein die guten Leute hatten doch ihre Sachen nicht klug genug angestellet, weil ich, wie bereits gemeldet worden, gar bald alles auskundschaffte. Ferdinand und August die man vor ein paar veritable Krippen-Reuter und Schmarotzer halten konte, hatten einmahl patroulliren und erkundigen wollen, ob Charlotte etwas ferneres von mir vernommen, oder ob ich mich etwa um selbige Gegend gezeiget, ihr auch vorgeschwatzt, ich hatte Regiments-Gelder angegriffen, und ware mir dieserwegen der Degen, vom Stekken-Knecht vor dem Knie zerbrochen, um die Ohren geschlagen, ich also als ein Schelm vom Regiment verjagt worden, allein sie kommen in allen Stucken blind, Litzberg aber hatte das Vergnugen, damahls und nachhero seine Feinde offentlich zu schanden zu machen, denn mein, von dem General eigenhandig unterschriebener Reise-Pass, konte dissmahl Charlotten, mein Degen und Pistolen aber weiterhin allen andern das Gegentheil zeigen.

Auf solche Art wurde die Zeit unserer ersten Wiederzusammenkunfft, mit lauter ernsthafften Gesprachen verbracht, doch weil ich meinen getreuen Engel umstandig bat, mir wenigstens noch zweymahl an selbigen Orte eine Nacht Visite zu gonnen, um unsere fernern Anstalten zu uberlegen, hatte ich dennoch die erwunschte Lust, auf ihren Rosen-Lippen die meinigen zu weyden, ausser diesen aber wurde von beyden Theilen die strengste Keuschheit observirt, denn Charlotte hatte in Wahrheit ein vollkommen Tugendhafftes Gemuthe, und ich hatte lieber sterben, als mich mit dem geringsten Zeichen der Geilheit bey ihr verdachtig machen wollen. Unsere Abrede war demnach diese: dass ich sehr fleissig an sie schreiben, jedoch den Titul des Briefs an ein gantz unbekandtes Fraulein machen, die Briefe auch ohne Scheu an den Post-Meister des nachstgelegenen Stadtgens addressiren, ihm aber nichts darvon melden solte, weil sie bereit sey, um besserer Sicherheit willen, diesen Mann selbst auf ihre Seite zu ziehen, und ihm einzubilden: dass ihrer Baasen eine, ein Geheimes LiebesVerstandniss mit einem gewissen Cavallier hatte, worinnen Charlotte Unterhandlerin ware. Mit dem veranderten Nahmen und Petschafften, nahmen wir auch indessen vollige Abrede, und nachdem sie mir abermahls 100. Thlr. baar Geld offerirt, ich aber selbiges ohne dringende Noth nicht annehmen wolte, hingegen ihr eine, in Pohlen erbeutete goldene Uhr, nebst einem kostbaren Diamantenen Creutze einhandigte, wurde, um keinen besorglichen Verdacht zu erwecken, mit Endigung der dritten Nacht-Visite der Abschied gemacht. Die guten ehrlichen Bauers-Leute empfingen von mir, vor ihre gehabte Beschwerlichkeit, einen Ducaten, und also reisete ich per Posto wiederum in mein Stand-Quartier.

Ich mercke, verfolgete hierbey Mons. Litzberg seine Rede, dass ich meine Liebes-Handel ihnen, meine Herrn, vielleicht zum Verdruss etwas zu weit ausdehne, jedoch ich werde mich im Rest derselben desto mehr auf die Kurtze befleissigen, woferne dieselben sich bemuhen wollen, mir noch ein halbes Stundgen zuzuhoren. Der Alt-Vater Albertus versetzte hierauf: Mons. Litzberg! ihr macht mir diesen Abend eine besondere Ergotzlichkeit, ich gestehe, dass dergleichen Geschicht bey eurer so sehr stillen Gemuths-Art nicht gesucht hatte, nunmehro aber habt die Gute fortzufahren, denn mich gelustet das Ende abzuwarten, solte ich auch einen Excess begehen, und vor anbrechenden Tage nicht schlaffen, denn ich bin heute ohnedem ausserordentlich munter. Ich werde, replicirte Mons. Litzberg, dennoch von nun an allen Excess zu verhuten suchen, jedoch in meinem Fortsatze nicht zu viel, auch nicht zu wenig thun. Demnach fuhr er also fort:

Das Glucke favorisirte mir in so weit, dass ich zu Ende des 1717 den Jahres den Lieutenants-Platz erhielt, wie ich denn auch durch meine wenige Wissenschafft in der Mathesi allein, mir nicht nur einigt vornehme Gonner, sondern in kurtzen auf die 300. Thlr. erwarb, also um Ostern 1718. ein Capital von 800. Thlr. baar beysammen, und meine Eqvippage ohne diss, in vollkommen guten Stand gesetzt hatte. Mitlerweile ging die Correspondenz mit meinem liebsten Fraulein nach Wunsche von statten, da ich aber eben im Begriff war, eine frische Reise zu ihr vorzunehmen, lieff die angstliche Nachricht von derselben ein, wasmassen der Herr von V.** einen Cavalier, Nahmens A.W.v.P.** als Brautigam zu ihr gebracht, und weil sie selbigen zu verwerffen, keine erhebliche Ursachen vorbringen konnen, ware sie gezwungen worden: sich mit ihm zu verloben, doch auf solche Art, dass ihr Vormund, ihre Hand mit Gewalt in des Cavaliers Hand gelegt, und da sie sich geweigert, das JaWort zu geben, er an statt ihrer Ja gesagt hatte. Binnen 14. Tagen solte sie demnach wieder zuruck auf des Herrn v.V.** Guter geholet werden, wolte ich also sie nicht auf ewig verliehren; muste ich eiligste Anstalten zu ihrer Entfuhrung machen.

Bey solchen Umstanden war nun nicht lange zu zaudern, derowegen setzte mich nebst meinem Bedienten noch selbigen Abends, ohne Uhrlaub und alles, zu Pferde, und jagte binnen drittehalb Tagen, ohne gewechselte Pferde, zu dem, Charlotten sehr getreuen Post-Meister. Darauf folgende Nacht, machte ich Anstalten: dass meine Charlotte von meiner Anwesenheit Nachricht bekam, wir sprachen einander in der andern Nacht, nahmen Abrede, wie wir unsere Sachen aufs klugste einfadeln wolten; in der dritten Nacht aber die Flucht, weil ich ohnweit von dem Dorffe eine Extra-Post bestellet, und so wohl meine als ihre Sachen darauf geschafft harte. Es gieng alles, gebrauchter Vorsicht nach, glucklich von statten, und ich brachte vermittelst verschiedener Extra-Posten meine Geliebte glucklich zu meines Vaters Schwester-Manne dem oben-erwehnten Secretario, selbiger hatte die Beschaffenheit des gantzen Handels kaum uberlegt, da er uns nebst andern klugen Vorstellungen, den nicht unebenen Rath gab, eine Reise an einen sichern Ort zu thun, und uns daselbst von einem Romisch-Catholischen Priester copuliren zu lassen, weil, wegen des allzu scharffen Verboths kein Lutherischer solches wagen durffte, mithin wurde solcher gestalt der groste Scrupel gehoben, und wegen des ubrigen konte mit der Zeit schon ein Vergleich, zwischen den Hoch-Adelichen eigensinnigen Befreundten, getroffen werden. Ach wolte GOtt! meine Charlotte hatte sich entschliessen konnen, diesem gegebenen Rathe zu folgen, allein sie war nicht zu erweichen, sondern schutzte vor: Nunmehro da ich dem Herrn von V.** Trotz diethen, und seinen Conses mit Gewalt zu erlangen, mich getrosten konte, dorffte ich mich ja nur bemuhen, ihn aus falschen Hertzen und verstellter Submission, zu meinem Willen zu disponiren. Solchergestalt verfuhren wir, ihrer Meynung nach, ordentlich, hatten vielleicht keine scrupulose Copulation nothig, konten auf dessen Verweigerung dennoch thun was wir wolten; zumahlen da sie sich in stiller Sicherheit befande, und so zu sagen, unmoglich ausgeforscht werden konte.

Ich sahe mich gezwungen, meiner Gebietherin zu gehorsamen, reisete derowegen in das, ohnweit des Herrn von V.** gelegene Stadtgen, suchte von daraus durch Briefe, und einen abgeschickten sehr klugen Advocaten, zu tractiren, jedoch es war in allen Stukken Hopffen und Maltz verlohren, an statt der Antwort liess man mir die schandlichsten Injurien sagen, von welchen mich nichts arger verdross, als dass ich ein Bettler, barmhertziger Officier und Frauleins-Rauber ware, oder doch zum wenigsten den Spitz-Buben Geld gegeben hatte, das Fraulein Charlotte zu entfuhren. Ja Ferdinand hatte in Gegenwart des Cavaliers Herrn von P.** und verschiedener anderer von Adel dennoch behaupten wollen: Ich ware cum infamia von dem Regiment verjagt worden. Nun war zwar P.** noch so klug gewesen, in diesem Stucke das Gegentheil zu erweisen, jedennoch desto unbesonnener meinen Stand und Wesen aufs allerverachtlichste durchzuhecheln, und weiln mir solches gleich andern Tages von andern vernunfftigen Edelleuten, die sich ein Plaisir aus meinen Umgange machten, gesteckt wurde; setzte ich so gleich ein Cartell auf, welches ich mutatis mutandis eigenhandig schrieb und unterschriebe, einem jeden von diesen beyden, durch zwey junge Cavaliers uberschickte, die sich selbst nicht allein zu Uberbringern, sondern auch zu meinen Secundanten erbothen:

Verwegene Massette,

So bald ich vernommen, dass deine canailleuse Zunge, meine Renommee aufs allerempfindlichste angetastet, hat meine Hand die Feder ergriffen, dir zu vermelden: wie ich die Auslegung deiner schelmischen Worte nicht anders als durch den raisonanz des Degens oder der Pistolen zu horen und zu sehen verlange. Hastu demnach nur etwa ein halbes Quentlein Adeliches Blut im Leibe, woran aber nicht ohne Ursache zu zweiffeln ist, so zeige dich Morgen fruhe um 4. Uhr auf dem Platze, allwo einen Cujon nach dem andern abzufertigen, oder aus Liebe zu der englischen Charlotte, sein Leben zu lassen, gesonnen ist

der Lieutenant Friedrich Litzberg.

Folgenden Morgen machte ich mich also nebst zweyen Secundanten und eben so viel Adelichen Zuschauern auf, traff an statt des von P.** welcher schon verreiset gewesen, Charlottens Bruder Augustum an, der sich zu seiner Lust den Degen erkiesete, Ferdinand hingegen bezeugte Appetit Kugeln zu wechseln. Es wurde demnach wenig Federlesens gemacht, sondern August, welcher sein Heyl am ersten versuchen wolte, wurde mit einem sehr gefahrlichen Stiche in die Seite bezahlt, Ferdinand aber erstickte an meiner zweyten Pistolen-Kugel, weil ihm dieselbe accurat uber der Brust die Lufft-Rohre abgerissen hatte. Diesem nach hielt ich nicht vor rathsam, langer in dieser Gegend zu verweilen, sondern beschleunigte meine Reise, um Charlotten meine Begebenheiten selbsten mundlich zu hinterbringen, war aber 4. Tage hernach so unglucklich mit dem Pferde zu sturtzen, und die Rippen der lincken Seite dermassen anzuscheuern, dass ich vor grausamen Seitenstechen und Schmertzen auf keiner Statte liegen bleiben, vielweniger das Reisen fortsetzen konte, hergegen 4. volle Wochen auf meine Cur wenden muste. Meine zwey Secundanten, welches ein paar junge hertzhaffte Sachsische Edelleute waren, verliessen mich nicht in dieser Noth, sondern blieben bey mir, biss ich mich vollig curiert, wiederum auf den Weg machen konte, reiseten auch mit biss zu meinem Vetter, allwo ich Charlotten ohnfehlbar noch anzutreffen vermeynete. Allein zu meiner allergrosten Besturtzung muste erfahren: dass der Herr von V.** Charlottens Auffenthalt ausgekundschafft, dero Auslieferung von dem regierenden Landes-Herrn durch unterthanigste Vorstellungen erhalten, und endlich den Cavalier P.** abgeschickt hatte, seinen kostbarn Schatz abzuholen, und zu fuhren, wohin ihm beliebte. Dieser ware nun auch allererst gestern Mittags, auf einen commoden Wagen, in aller Sicherheit davon gefahren, weiln er leichtlich muthmassen konnen, dass, da ich seiner Meynung nach Land-fluchtig werden mussen, ihm sonst niemand Verdruss machen wurde. Zu meinem vermeinten grosten Glucke, fand sich jemand, der mir seine erwehlte Strasse mit Anfuhrung glaubhaffter Umstande sehr kluglich bezeichnete, derowegen setzte mich, ohne den Rath meines Vettern anzuhoren, nebst meinen beyden Compagnons, die so wohl als ich junge Wagehalse waren, eiligst wiederum zu Pferde, ritten fort, nahmen, um Tag und Nacht hindurch desto besser nachzueilen, aller Orthen frische Pferde, und erreichten endlich am 5ten Tage, auf dem Hessischen Grunde und Boden, den Wagen, worinnen Charlotte bey dem von P.**, ihr Magdgen aber ruckwerts sass. Ich hiess dem Kutscher stille halten, und rieff: Heraus aus dem Wagen, Mons. von P.**, und uberlasset mir meine Braut, mit welcher ich seit langerer Zeit verlobet bin, oder greifft zum wenigsten nach euren Pistolen. Nun ritten zwar drey Hand-feste Kerls hinter dem Wagen her, allein meine Compagnons und die Diener hatten ein scharffes Auge auf ihre Bewegung. Der von P.** aber sprach zu Charlotten: Mein Engel, kennen sie diesen Herrn? Warum nicht? antwortete Dieselbe, es ist ja wurcklich mein Schatz, mein Lieutenant Litzberg. Hierauf sprung er aus dem Wagen, und sagte: Ha! ha! Monsieur, so ists doch wohl billig, dass wir um die Braut tantzen, stieg hiermit auf sein ReitPferd, welches ein Kerl an der Hand fuhrete, ergriff seine Pistolen, und streiffte auf den ersten Schuss, meinen lincken Arm mit einer blutigen Wunde, ich hingegen traff ihn, indem sich sein Pferd etwas ungeschickt wendete, durch den hohlen Leib dermassen: dass er an seinen baldigen Tode zu zweiffeln, wenig Ursach haben mochte. Dem ohngeacht hatte der verzweiffelte Mensch noch die Macht, sein anderes Pistol zu spannen, womit er schandlicher weise auf Charlotten zielete, und diesen irrdischen Engel augenblicklich eine Kugel durch die rechte Brust jagte, wovon sie sogleich ohnmachtig vor sich nieder auf ihr Magdgen fiel. Der von P.**, indem er seinen Leuten zurieff: Schiesset zu! gebt Feuer! rachet meinen Todt! sanck ebenfalls vom Pferde herunter, jedoch von seinen Leuten unterstund sich kein eintziger, eine Hand aufzuheben, ihre Pistolen aber liessen sie ohne eintzige Widerrede von meinen Leuten ab- und in die Lufft schiessen, auch die Steine abschrauben, da ich mittlerweile die in jammerlichen Zustande befindliche Charlotte, mit Beyhulffe ihres Magdgens, wiederum dahin brachte, dass sie ihren Mund und Augen offnete, und mich mit diesen klaglichen Worten anredete: Ich sterbe, mein Litzberg! und zwar durch Morders Hand, GOtt hat nicht gewolt, dass unsere Leiber also wie die Gemuther sollen vereinigt werden, derowegen fasset euch mit Gedult. Habet Danck vor eure getreue Liebe, nehmet diese Stucke zuruck, dass sie nicht in andere Hande kommen. Und hiermit zohe sie alle ihre Ringe von den Fingern, band das Diamant-Creutz vom Halse, langete die goldene Uhr, wie auch ihren Coffre-Schlussel hervor, welchen letztern sie ihrem Magdgen gab, mit dem Befehle, ihre rothe gestickte Sammet-Tasche aus dem Coffre zu langen, welches denn augenblicklich geschahe, und also uberreichte mir das getreue Hertze nebst vorerwehnten Kostbarkeiten, auch diese Tasche, worinnen etliche Kleinodien nebst 56. spec. Ducaten stacken, mit folgender Ansprache: Krancket mich nicht, mein Engel! mit Verschmahung dieser Kleinigkeiten, welche ich in keinen andern als euern Handen wissen will, zu meinem Begrabniss und vor meine Getreue, wird sich noch hinlangliches Geld und Geldes werth in meinem Coffre finden. Lebet wohl und gedencket zuweilen an eure getreue Charlotte, die euch biss in den Todt vollkommen keusch geliebet hat. Ich vermeynte bey diesen letztern Worten gantzlich in Verzweiffelung zu fallen, nahm auch Dinge vor, die man sonsten wohl bey rasenden Personen, aber an keinem Christen wahrzunehmen pfleget. Da nun hierauf Charlotte mich um GOttes, ihrer Seelen-Seligkeit und getreuer Liebe wegen bat, dieses ungluckliche Verhangniss mit besserer Standhafftigkeit zu ertragen, ihre Schmertzen nicht zu vergrossern, sondern die noch wenigen Augenblicke uber, so sie noch zu leben hatte, ihr einige Ruhe zu gonnen, damit sie sich in ihren Hertzen mit GOtt versohnen und zum seeligen Sterben anschicken konte, wolte ich Anstalt machen, sie an den nachsten Ort fuhren zu lassen; allein sie verlangte: dass wir ihr aus dem Wagen, unter einen schattigen Baum verhelffen solten, allwo sie ein wenig ausgestreckt liegen konte, wie nun dieses geschehen, und ich ihr Haupt auf meinen Schooss gelegt, sie aber eine gute halbe Stunde in stillen und eiffrigen Gebeth zugebracht hatte, fieng sie aufs hefftigste an Blut auszubrechen, und gab bald darauf mit fest zusammen gefaltenen Handen ihren Tugendhafft Geist auf.

Biss hieher hatte sich Mons. Litzberg bey Erzehlung seines jammerlichen Zufalls, ungemein standhafft erzeigt, nunmehro aber traten die Thranen auf einmahl plotzlich in seine Augen, so, dass er ziemlich lange inne halten, und unser aller Weichhertzigkeit ebenfalls gewahr werden muste, ehe er sein Gesprach also fortsetzen konte.

Sie werden, meine Herrn, ohne schwer selbst begreiffen, wie mir elenden und alles Trosts unfahigen Menschen zu Muthe gewesen, derowegen will nichts davon gedencken. Der von P.** hatte sich einige Minuten eher als meine Charlotte verblutet, mithin zugleich die Bitterkeit des zeitlichen Todes uberstanden, ob ihm vor seinem Ende diese verdammte Mordthat gereuet hat: weiss ich nicht, denn ich habe weiter kein Wort aus seinem Munde gehort, doch soll er zu seinem Diener, der ihm die Wunde zustopffen wollen, gesagt haben: Lass mich in Ruhe, es ist alles umsonst, ich muss sterben.

Ich vor meine Person, wolte durchaus den entseelten Corper meiner hertzlich Geliebten in das nachste Dorff oder Stadt begleiten, und daselbst zur Erden bestatten lassen; Allein meine zwey Compagnons wandten allen Fleiss an, mich daran zu verhindern, vielmehr zur schleunigen Flucht zu bereden, selbst die Diener meines entleibten Mit-Buhlers sagten: Ach Monsieur! rettet in GOttes Nahmen euer Leben mit der Flucht, denn uns wird mit eurem Blute wenig gedienet seyn, bekommt man euch in hiesigen Landen einmahl in Arrest, so siehts um euren Kopff gefahrlich aus. Endlich kam ich mit grosser Muhe zu einigen Verstande, zohe das Magdgen meiner seeligen Liebste auf die Seite, und gab derselben ein und andere verwirrte Rathschlage, bath sie, wenn ihrer Gebietherin der letzte Liebes-Dienst geleistet worden, bey meinem Vetter Rapport von ihren Verrichtungen abzustatten, kussete den erblasseten Mund und Hande meines liebsten Engels noch zu guter letzt unzahlige mahl, setzte mich hernach auf instandiges Anhalten nebst meinen Compagnons zu Pferde, und suchte aufs eiligste uber die Grantzen dieses mir hochst fatalen Landgens zu kommen.

Wir hielten uns ohne die ausserste Noth in keinem Quartiere sehr lange auf, biss endlich die beruhmte Stadt Strassburg erreicht war. Von hier aus schrieb ich an meinen Vetter den Secretarium, berichtete demselben das mir zugestossene Ungluck mit behorigen Umstanden, und bat, so ferne meiner seeligen Fraulein Bediente bey ihm angelanget, mir ihren abgestatteten Rapport aufs eiligste zu uberschreiben, weil ich an ermeldten Orte biss zu Einlauff seiner Antwort verziehen wolte. Vier Wochen hernach bekam ich also sein Antworts-Schreiben, und erfuhr, dass kein Magdgen zu ihm gekommen, sondern dieselbe vermuthlich des nachsten Wegs nach ihrer Heymath gereiset ware, immittelst hatte er so viel vernommen, dass so wohl mein seel. Fraulein als der Corper des entleibten von P.** in eine kleine Dorff-Kirche, vor den Altar nahe beysammen begraben worden, welches Gluck ich dem Stohrer meines Vergnugens durchaus nicht gonnete, und solches dennoch leyden muste. Im ubrigen hatte mein Vetter ausgekundschafft, dass meine Angelegenheiten beym Regiment auf sehr schlimmen Fusse stunden, fintemahl ich ohne Uhrlaub hinweg gereiset, und uber dieses dergleichen blutige Tragoedien angestifftet hatte. Demnach ware sein getreuer Rath, dass ich die Sachsischen, Brandenburgischen, Anhaltischen und angrantzende Lander gutwillig vermeiden, ja viel lieber mein Gluck ausserhalb des Romischen Reichs suchen, und die zuruck gelassenen Sachen nur immer vergessen mochte.

Dieser Rath war bey so gestalten Sachen wohl der beste, derowegen nahm von meinen beyden Compagnons, welche sich zuruck in Kayserliche Guarnisons-Dienste begeben wolten, Abschied, und reisete mit meinem Diener nach Paris, allwo ich denselben bey einem vornehmen Teutschen Herrn als Laqvey anbrachte, mich auch selbsten in dessen Dienste en qualite eines Reise-Secretarii begab. Dieser mein neuer Herr war im Begriff, incognito frembde Lander zu besehen, wannenhero ich das Gluck hatte, bey solcher Gelegenheit von seiner Curiositee zu profitiren, und sonsten wenig andere Arbeit zu haben, als seine Rechnungen uber Einnahme und Ausgabe, ingleichen ein accurates Journal uber alles dasjenige, was uns remarquable vorkam, zu fuhren. Wir besahen demnach erstlich Franckreich, hernach Italien, Spanien, Portugall, Engelland, und letztlich die Spanischen Niederlande. Es sind gewisslich in allen diesen Landern, verschiedene theils angenehme, theils verdrussliche Begebenheiten aufzuzeichnen vorgekommen, wie denn mein eigenes vor mich gefuhrtes Journal solches mit mehrern besaget, jedoch ich werde in zukunfft bey Gelegenheit, solches Stuckweise communiciren, und voritzo nur zum Schlusse meiner heutigen Erzehlen eilen.

Diesemnach muss ich melden, wie mein vornehmer Principal, nach Besehung der besten Stadte in Holland, Braband und Flandern, seine Retour antreten wolte, ich gantz unterthanigst um meine Dimission bath. Nun wuste er zwar wohl die Ursach, warum ich mich nicht wiederum nach Teutschland wagen wolte, versprach derowegen, seinen eignen Credit und Kosten anzuwenden, mir alle Sicherheit zu verschaffen, und die vielleicht ohnedem mehrentheils vergessenen Handel gantzlich beyzulegen, allein der Teutsche, vor mich ungluckseelige Boden, war mir ein vor allemahl hochst zum Eckel worden, und weil ich ausserdem, seit dem Absterben meiner Geliebten keine rechtschaffen froliche Stunde gehabt, machte ich mir die Vorstellung, dass sich mein stilles Wesen endlich wohl gar in eine wurckliche Melancholie verwandeln konte, wenn ich den Tummel-Platz meines widerwartigen Glucks aufs neue betrate. Solcher gestalt bekam ich, nebst meinem honorablen Abschiede, eine Summe von 400. Thlr. theils verdienten, theils geschenckten Geldes, mit welchen ich mich auf die Reise machte, annoch die beyden Nordischen Cronen, nehmlich Dannemarck und Schweden zu sehen, und zu versuchen: ob ich unter deren Schatten etwa eine Kuhlung, meiner annoch bestandigen Schmertzen finden konte. Im Junio des 1722ten Jahres kam ich also in Coppenhagen an, allwo ich mich auf dem neuen Konigs-Marckte einlogirte, doch in wenig Tagen bey einem beruhmten Mathematico bekandt und in sein Hauss genommen wurde; dessen 15. jahrigen Sohn in der Franzosischen Sprache, wie nicht weniger in der kunstlichen Zeichnung, privatim zu informiren. Weiln sich nun in kurtzen noch einige andere Scholairs darzu fanden, konte ich ohne die Kost und andere Bequemlichkeit, bloss durch das informiren jahrlich fast mehr als 150. Thlr. verdienen. Uber dieses hatte noch Zeit genung ubrig, auf dasiger Universitat meine ziemlich verwelckten Studia in etwas wiederum zu erfrischen, und mir die vortreffliche publique Bibliothec, worinnen ich sonderlich des beruhmten Mathematici Tychonis de Brahe und anderer Mathematicorum Bucher fleissig durchsuchte, gar sehr zu Nutze zu machen. Selbige ist in einem runden Thurme verwahret, auf welchen man von unten an biss oben aus, mit Wagen und Pferden fahren kan. Der Eingang in die Bibliothec aber ist wochentlich zweymahl erlaubt. So lange ich frey und ungebunden leben konte, war mein Sinn noch ziemlicher massen vergnugt, ohne wenn ich dann und wann mit den Gedancken auf meine Hertzkranckende Avanturen verfiel, und mich nicht selten gantze Nachte, mit dergleichen melancholischen Grillen herum schlug. Allein, so bald mir einige nicht ubelgesinnete Freunde, das Seil uber die Horner werffen, und mich durch die Heyrath mit einer von meines Patrons Tochtern in ein gar honorables und austragliches Amt ziehen wolten; vergieng mir auf einmahl alle Lust, langer in Coppenhagen zu bleiben, nahm dannenhero plotzlich Abschied, und war gesinnet, nach Stockholm zu reisen, allein, wie ich nachhero erwogen, muste ich mich durch den Schluss des unergrundlichen Verhangnisses, zu meinen nachherigen grosten Vergnugen, von einem guten Freunde, ich weiss aber selbst nicht warum, gantz leicht bereden lassen: mit ihm uber Lubeck, abermahls eine Reise nach Amsterdam anzutreten, welche schone Stadt ich doch schon vor 3. Jahren gesehen hatte. Dieser gute Freund ist niemand anders als Mons. Plager gewesen, als mit welchem ich, wegen seiner besondern Geschicklichkeit in Verfertigung Mathemathischer Instrumente seit 2. Jahren her eine genaue Freundschafft errichtet hatte. Unterwegs, nehmlich in Lubeck, geriethen wir als Passagiers in einige Bekandtschafft mit dem Herrn Capitain Wolffgang, und setzten die weitere Reise in seiner vergnugenden Gesellschafft fort, nachdem er aber uns, ein und anderes von seinen curieusen Avanturen, und wir im gegentheil, ihm das meiste von unsern biss daherigen LebensLaufften erzehlet, that er uns endlich mit guter Manier den Vortrag: dass, weil wir beyderseits wenig Vergnugen in Europa zu finden vermeyneten, wurde kein besserer Rath seyn, als in seiner Gesellschafft die Reise in ein ander Welt-Theil vorzunehmen, kamen wir glucklich an denjegen Ort, wohin er gedachte, so mochten wir uns binnen 2. oder 3. Jahren entweder zum bestandigen Dableiben, oder da solches nicht beliebig, zur Ruck-Reise resolviren, und vollkommen versichert seyn, dass er einem jeden, vor jedes Jahr 1000. Thlr. baar Geld geben, und zwar ohne das, was wir selbst erwerben konten, auch die freye Ruckreise befordern wolte.

Ich kan nicht laugnen, dass Mons. Plagern und mir dergleichen profitable Promessen anfanglich etwas verdachtig vorkamen; wir bathen uns also Zeit zur Uberlegung aus, und endlich da Mons. Wolffgang unser Verstandniss etwas besser offnete, sein redliches Gesichte auch eine sattsame Caution gegen alles Misstrauen stellete, wurde der Handel vollig geschlossen, ehe wir noch nach Amsterdam kamen.

Hieselbst legten Plager und ich ausser denen 1000. Ducaten, die uns Mons. Wolffgang zu Erkauffung allerley Kunst- und Handwercks-Zeuges auszahlete, unser meistes Vermogen an eben dergleichen, wie auch an nutzliche Bucher und andere nothdurfftige Sachen, welche so wohl als unsere Personen auf dieser schonen Insul glucklich angekommen sind.

Nunmehro dancke ich dem Himmel, allen meinen gegenwartigen Wohlthatern und guten Freunden aus treuem Hertzen und von Grunde meiner Seelen vor das bisshero und noch jetzo geniessende Vergnugen. Ich schwere, dass mein Hertz vollkommene Zufriedenheit empfunden, so bald ich dieses gesegnete Erdreich betreten habe, von welchen mich, ob GOtt will, weder zeitliche Ehre, Wollust, Reichthum, oder was nur angenehmes genennet werden kan, hinweg, und in ein ander Land reitzen soll. Ich habe nach dem klaglichen Abschiede von dem Corper meiner seeligen Charlotte gantz ein ander Leben angefangen, mein Dichten und Trachten auf bestandige wahre Busse gerichtet, stehe auch, GOtt Lob, noch taglich darinnen, und zweiffele nicht im geringsten an Gottlicher Vergebung der grossen Sunden und Fehler meiner Jugend. Andere Specialia von meiner heutigen summarischen, jedoch ziemlich lange gewahrten Erzehlung, werde, wie schon gemeldet, zu anderer Zeit kund zu machen Gelegenheit haben, vorjetzo aber schliesse dieselbe mit meinem jederzeit im Hertzen tragenden GedenckSpruche:

O quam fausta viro labuntur sidera, tali,

Qui tempestivis crimina delet aquis!

Wie glucklich steht es nicht um einen solchen Mann, Der seine Sunden last, wenn er noch sund'gen kan!

***

Wir danckten allerseits dem guten Mons. Litzberg, vor das, durch seine muhsame Erzehlung, uns gemachte Vergnugen, wunschten ihm in folgenden Lebens-Jahren alle erspriessliche Gemuths- und Leibes Ruhe, wolten hierauff von Herrn Wolffgangen und seiner geliebten Wochnerin Abschied nehmen, und auf die Burg zuruck fahren, allein dieselben hatten so wohl vor den Altvater als vor uns, in einem andern Gemache, das trefflichste Nacht-Lager zubereiten lassen; wesswegen sich der Altvater zum dableiben bereden liess, und erstlich folgenden Tages, nach eingenommenen Fruh-Stucke wiederum zurucke fuhr, so dann fast alle Tage von Morgen an biss gegen Abend, den fleissigen fortsatz des Kirchen-Baues betrachtete. Weilen aber die hauptsachlichsten Anstallten desselhabe, unnothige Weitlauffigkeiten zu machen Bedencken trage, und von damahliger Zeit, keine besonders merckwurdige Sachen zu erinnern weiss, so will ohne weitere Umstande melden, dass unser neues GottesHauss accurat in derjenigen Woche fertig wurde, in welcher wir Europaer nunmehro vor einem vollen Jahre, dieses Land betreten hatten. Zwar will nicht laugnen, dass an den Zierathen und einigen andern, zu besserer Beqvemlichkeit gereichenden Stucken noch verschiedenes auszubessern ubrig geblieben, allein solches alles war eben so besonders nothig nicht, und konte mit guter Musse vollends zugerichtet werden. Genung, dass nicht die geringste Hinderniss mehr im Wege lag, den Gottes-Dienst aufs ordentlichste darinnen abzuwarten. Nun hatte zwar der Altvater mit Herr Mag. Schmeltzern verabredet: dass die Einweyhung biss auf den 1. Advent ausgestellet seyn solte, allein folgender Umstand veranlassete sie, selbige 8. Tage fruher anzustellen, denn am 17den Novembr. Sonntags den 22. post Trinitatis, da gegen Abend nach verrichteten Gottes-Dienste der Altvater, Herr Mag. Schmeltzer, Herr Wolffgang, Mons. Litzberg und ich nach der Kirche zu spatzirten, kam ein frischer, Alberts-Raumer Junggeselle, hinter uns her gelauffen, und brachte an: Wie Monsieur Kramer nebst seinen Europaischen Cameraden und einigen andern, sich die Erlaubniss ausbitten liessen: dem Altvater und Herr Mag. Schmeltzern einen besondern Vortrag zu thun. Es wuste niemand von uns zu errathen was sie damit haben wolten, da aber der Altvater den JungenGesellen mit lachlenden Munde und der Antwort abgefertiget: dass sie in GOttes Nahmen kommen und ihr Verlangen zu verstehen geben mochten; selbiger auch kaum bey dem Trouppe angelanget war, kam Mons. Kramer, mit einem Frauenzimmer an der Hand, voran gezogen, dem die andern Europaer und noch etliche Felsenburgische Junggesellen auf gleiche Art, jeder ein Frauenzimmer an der Hand fuhrend, in richtiger Ordnung folgeten. Hinter ihnen her, kam auch noch ein grosser Hauffe von alten und jungen Leuten, ebenfalls gantz ordentlich gezogen. Herr Mag. Schmeltzer sagte lachend: Ich wolte fast rathen, dass diese 22. Paar, so ich zehle, ebenfalls so viel ehelige Verbindungen zu stifften, Erlaubniss suchen werden. GOtt gebe, versetzte hierauff der Altvater mit einer frolichen Geberde, dass es wahr ist, und dass ein jedes von ihnen wohl gewehlt habe. Mittlerweile kamen die 22. Paar heran, und schlossen einen Kreyss um uns herum, Mons. Kramer, trat nach gemachten Reverenz etwas naher zum Altvater, und gab mit wohlgesetzten Worten ohngefahr folgendes zu vernehmen: Nachdem nehmlich die Fugung des Himmels und kluge Fuhrung des Herrn Wolffgangs sie auf diese unvergleichliche Insul gebracht, welches ihre Hertzen nunmehro binnen Jahr und Tag als eine gantz besondere Gluckseeligkeit zu erwegen gnungsame Gelegenheit, nur aber allzuwenig Vermogen gehabt ihre Danckbarkeit dagegen vollkommen abzulegen; der theure Altvater auch, nebst allen seinen werthen Angehorigen, ihnen nicht nur bisshero alle unbeschreibliche Liebe und Treue erzeiget, sondern uber dieses bey allen Umstanden mercken lassen: wie ihm zum sonderbaren Vergnugen gereichen wurde, wenn die sammtlichen vor Jahres-Frist angekommenen Europaer, bestandig auf der Insul Felsenburg verbleiben wolten, so waren sie nun allhier gegenwartig, nicht nur selbst nochmahls um dasjenige zu bitten: was ihnen so guthertzig angebothen worden, und da es verlangt wurde einen heiligen Eyd zum Pfande ihrer bestandigen Liebe, Treue und Redlichkeit abzulegen, sondern ausserdem, von dem lieben Altvater als dem Ober-Haupte dieser Insul, gutige Erlaubniss zu bitten: dass sich ein jedweder mit demjenigen Frauenzimmer, welches er an der Hand fuhrete, durch ihren allgemeinen Seelsorger Herrn Mag. Schmelzern offentlich und ehelich durffe zusammen geben lassen. Immassen biss auf diese Condition, die Braute, deren Eltern und Verwandte, ihr Ja-Wort bereits von sich gegeben hatten. Wird nun unser Suchen (setzte er hinzu) vor billig erkandt, so getrosten wir uns baldiger geneigter Willfahrung, und zwar noch vor Eintritt der Heil. Advents-Zeit, in welcher man bey den Lutheranern, loblicher Gewohnheit gemass, nicht leichtlich zu heyrathen pflegt; Ist aber an einem oder dem andern unter uns etwas auszusetzen, so bitten wir ihm seine Fehler in Liebe und Gute zu entdecken, denn in dem Stucke sind wir alle eines Sinnes: unser Leben immer tugendhaffter anzustellen, damit wir desto eher den frommen eingebohrnen Felsen-Burgern gleich werden mogen.

Der gute Altvater, fieng unter Mons. Kramers wohlgegebenen Reden, vor Freuden hertzlich an zu weinen, und gab hernach zur Antwort: Lieben Freunde, ich finde an eurer keinem eintzigen, seinem Verstande und Wesen nach, nicht das geringste auszusetzen. Habet Danck vor alle Liebe, Treue und Redlichkeit, so ihr mir bisshero erwiesen, und Zeit Lebens zu erweisen versprechet, doch erlaubet, dass ich vorhero, eines jeden gethane Wahl etwas genauer betrachte. Hiermit gieng er von einem Paare zum andern, und da er jedes sehr wohl zusamen treffend befand, Kussete

er alle im gantzen Creyse herum, und sagte nach ausgesprochenen Vaterlichen Seegen: Es soll geschehen, meine Kinder, was ihr wunschet, machet euch diese Woche geschickt, heute uber 8. Tage geliebtes GOtt, wird euch Herr Mag. Schmelzer ehelich zusammen geben, und Tages darauff sollet ihr euer Hochzeit-Fest ingesammt auf Herrn Wolffgangs darzu bestimmten Platz celebriren. Hierauff stattete Mons. Kramer in einer abermahligen wohl gesetzten doch kurtzen Rede, im Nahmen aller, verbindliche Dancksagung ab, und nachdem sie den Altvater auf die Burg begleitet, einen Trunck Wein zu sich genommen und sich beuhrlaubt hatten, fuhrete ein jeder seine Braut in Gesellschafft ihrer Befreundten nach Hause.

Herr Wolffgang blieb nebst seiner liebsten Sophie und kleinen Sohne noch in etwas bey uns, und weiln er sonderbare Lust zu schertzen hatte, brach er in diese belachens-wurdigen Reden aus: Wenn alle Jahre eine Anzahl solcher dreusten Europaer auf diese Insul kame, durfften die Jungfrauen bald rar werden, mein Rath ware: Herr Mag. Schmeltzer, Mons. Litzberg und Mons. Eberhard suchten sich bey zeiten etwas Liebes aus, damit sie nicht hernach etwa das Nachsehen haben mussen. Herr Mag. Scmeltzer muste selbst uber dessen Worte lachen, sagte aber: Mein Herr Wolffgang! eure treuhertzige Sorgfalt solte mich fast dahin verleiten, euch zu meinem Vorsprecher bey der artigen Christiana Virgilia anzunehmen, denn ich bin in Liebes-Sachen sehr blode, uber dieses weiss auch nicht, ob ich es wagen durffte, dem werthen Altvater seine klugste Hauss-Wirthin abspenstig zu machen. Der Altvater lachelte hierzu, Herr Wolffgang aber fragte gantz dreuste: Ob es Ernst ware? so wolte er die Commission mit Freuden auff sich nehmen, indem er sich zum voraus versichert hielte, dabey nicht unglucklich zu seyn. Ja, ja! Antwortete der Herr Magister, es ist der wahrhaffte Ernst, Ernst Gottlieb Schmeltzers, die schone und tugendhaffte Christiana Virgilia zu heyrathe, daferne sich dieselbe darzu entschliessen will, und gegenwartiger werthe Altvater, nebst ihren leiblichen Eltern darein consentiren. Auf diese Worte reichte der Altvater Herr Mag. Schmeltzern, die Hand, und sagte: Mein liebster Herr! Christiana ist euch seiten meiner zugesagt, welche sich nicht wegern wird, einen solchen schatzbaren EheGatten anzunehmen, morgen geliebtes GOTT will ich, nebst Herr Wolffgangen, bey ihren Eltern so wohl, als bey ihr selbst, vor euch werben, daferne sie sonsten von eurer keuschen Liebe noch keine nahere Kundschafft hat. Dass nun dieses letztere unmoglich seyn konne, versicherte Herr Mag. Schmeltzer sonderlich, indem, wie er sagte: auch seine Augen so behutsam gewesen, ihr nicht das geringste mercken zu lassen. Da aber hierauff Herr Wolffgang seinen Schertz mit Mons. Litzbergen fortsetzte, brach der letztere endlich unverhofft freymuthig heraus: dass er sich in die, ihm vor allen andern gefallige Helena, der Sophien altesten Bruders, zweyte Tochter verliebt, auch bereits ihrer Gegengunst versichert ware, in so ferne es ihre Eltern, der Grossvater Christian, und vornehmlich der liebe Altvater Albertus erlauben wurden. Des Altvaters Consens erhielt also Mons. Litzberg gleich auf der Stelle, demnach reichte ihm Herr Wolffgang die Hand und sagte: So seyd mir demnach willkommen mein lieber Herr Schwager, Vetter und guter Freund, ich mercke fast, dass ihr auf der Christians-Raumer-Erde meine Schliche gefunden, und fein selbst auf die Heyrath gegangen seyd, damit euch nicht etwa der Bothe betrugen mochte. Was aber, fuhr Herr Wolffgang fort, werden wir uns nun von unsern lieben Eberhard zu getrosten haben? Alles guts mein Herr! antwortete ich, meine Geliebte ist bereits nicht allein in die Augen, sondern auch ins Hertze gefasset, jedoch wegen ihrer an noch ziemlich zartlichen Constitution, werde mich noch 3. oder 4. Jahr gedulden, denn mittlerweile wird mein Ansehen vielleicht auch etwas mannlicher, zu dem so rathen die Physici, dass es nicht allezeit wohl gethan sey, wenn zwey gar zu junge Leute einander heyrathen, allermassen selbige der hitzigen Liebe nicht allemahl mit behorigen Verstande Einhalt zu thun wissen. Ich habe wieder eure vernunfftigen Reden nichts einzuwenden, versetzte Herr Wolffgang, allein verzeyhet meiner Curiositee, welche unmoglich ruhen kan, biss sie den Nahmen eurer Geliebten erfahren. Wiewohl ich nun anfanglich nicht Willens war, selbige heutigen Abend zu befriedigen, so qualeten mich doch alle Anwesenden so lange: biss ich endlich ausbeichten muste: dass es die niedliche kleine Cordula, aus dem Robertischen Geschlechte sey, mit welcher ich mich in ein tugendhafftes Liebes-Versprechen eingelassen, jedoch da wir uns beyderseits beredet, die Vollziehung desselben wenigstens noch 3. oder 4. Jahr hinaus zu setzen, hatten wir auch aus Schamhafftigkeit, bisshero noch nicht um den Consens unserer Vorgesetzten Ansuchung thun konnen. Der Altvater tadelte meine getroffene Wahl so wenig als Herr Wolffgang und Mons. Litzberg, welche mich vor einigen Tagen mit meiner Schone am Canal spatzieren gehend angetroffen hatten, und bekrafftigten sonderlich, dass man nicht leichtlich ein Frauenzimmer von angenehmer Gesichts-Bildung und netteren Gewuchse antreffen konne, ja der Altvater gab hierbey zu vernehmen: dass sie dass vollkommene Bildniss ihrer Grossmutter, nehmlich seiner uberaus schon gewesenen, nunmehro aber seel. Stief-Tochter, der jungern Concordia, in ihren Gesichts-Lineamenten vorstellete. Wie denn Cordula auch erstlich von ihrer Aelter-Mutter, der altern Concordia, biss in ihr 4tes Jahr, so dann von der Grossmutter, nehmlich der jungern Concordia, biss in ihr siebendes Jahr wohl erzogen worden, ehe beyde die Schuld der Natur bezahlet hatten.

Unter solchen Gesprachen ruckte endlich die Nacht heran, wesswegen Herr Wolffgang nebst seiner Liebste, und Mons. Litzbergen nach Hause, wir aber bald darauff zur Ruhe giengen. In folgender Woche wurden nicht allein alle Anstallten zu Beruhigung der Verliebten Hertzen, sondern hauptsachlich zu Einweyhung des Gottes-Hauses gemacht, so dass Sonnabends vor dem 23. Sonntage p. Trinit. noch mehr aber des darauff folgenden Sonntags, mit der solennen Einweyhung selbst, unser aller Arbeit und sorgfaltige Bemuhung den hochst gewunschten Endzweck erreichte.

Es ist nicht zu beschreiben was des Herrn Mag. Schmeltzers religieuse Anordnung und selbst eigenes andachtiges Bezeugen beym Altar und auf der Cantzel, vor gantz ausserordentlichen Eindruck in aller gegenwartigen Hertzen that. Ich und viele andere musten offenhertzig bekennen, dass wir die geistlichen Lieder: Komm heiliger Geist HErre Gott etc. Allein GOtt in der Hoh sey Ehr etc. O HERRE Gott dein Gottlich Wort etc. den christlichen Glauben etc. Das Te Deum laudamus und dergleichen noch niemahls bedachtsamer und auffmerksamer gesungen hatten, als in dieser, gegen andere, gantz einfaltig aussehenden Kirche, ja es kam mir vor, als wenn ich nunmehro erstlich zu erkennen anfienge, was ein rechtschaffener Gottes-Dienst sey. Herr Mag. Schmeltzer verlass und erklarete nebst dem gewohnlichen Sonntags-Evangelio, das 6te Cap. des 2. Buchs der Chron. worinnen das Gebeth enthalten, welches Salomo bey der Tempel-Weyhe zu GOtt abgeschickt, anbey wuste derselbe das Capitel und Evangelium ungemein erbaulich und gelehrt zu vereinigen, denn er nahm zu:

Propos. Den Zins-Groschen welchen ein jeder

Mensch dem hochsten GOtte zu geben schuldig ist.

Hierbey wurde gezeigt:

1.) Das Metall, woraus selbiger gepragt sey.

2.) Das Geprage welches darauff befindlich sey.

3.) Die Art und Weise wie er zu geben sey.

Die Ausfuhrung und Application, auf unsern gegenwartigen Stand und Wesen, war dergestallt wohl elaborirt dass ich mich nicht erinnern konte, zeit Lebens eine herrlichere Predigt gehort zu haben. Nachdem aber der Vormittagliche GOttes-Dienst mit dem Liede: Es woll uns GOtt genadig seyn etc. welches des Altvaters alltaglicher Gesang war, beschlossen worden, begab sich die gantze Versamlung, auf den,

von Herrn Wolffgang angelegten Speise-Platz, der von neuen ausgeputzt und mit frischen grunen Laubwerck umzaunet war. Hieselbst hatte der Altvater die Veranstalltungen gemacht: dass alle Einwohner, gross und klein, nothdurfftige Speisen und Getrancke zu sich nehmen konten. Da nun auch dieses mit groster Massigkeit geschehen, wurde das Zeichen gegeben, wiederum in die Kirche zu gehen, allwo nach einigen Mag. Schmeltzer erstlich ein Tochterlein aus dem Stephans-Raumer Geschlechte tauffte, worbey Jacob Bernhard Lademann nebst seiner Braut und deren Gross-Mutter Sabina, gebohrne Fleuters, zu Gevattern stunden. Nach diesem Heil. Actu, machte sich Herr Mag. Schmeltzer vor dem Altare fertig, die Trauung der bereits in Ordnung sitzenden Verlobten vorzunehmen, demnach wurde erstlich Mons. Litzberg von Herr Wolffgangen und mir, dessen Braut (a) Helena aber von ihrem leiblichen Vater und dem Gross-Vater Christian Julio zum Altar gefuhret, und auf Evangelisch-Lutherische Art zusammen gegeben. Hierauff folgete der Chirurgus, Herr Johann Ferdinand Kramer, der ebenfalls von Herr Wolffgangen und mir, dessen Braut (b) Maria Albertina aber, von ihrem leiblichen Vater und Gross-Vater Alberto II. gefuhret wurde. Mons. Plager liess sich von Mons. Litzbergen und mir begleiten, dessen Braut (c) Dorothea Jacobine aber von ihrem Vater und dessen eintzigen leiblichen Bruder. In folgender Ordnung wurden demnach weiter von abwechselenden Personen herbey gefuhrt, Mons. Philipp Harckert mit seiner Liebste (d) Anna Robertina, die meiner Liebsten Cordula Vaters, Bruders Tochter war. Andreas Kleemann mit seiner Braut (e) Catharina Johanna. Willhelm Herrlich mit (f) Magdalenen. Peter Morgenthal mit seiner (g) Susanna. Lorentz Wetterling mit seiner (h) Blandina. Philipp Andreas Kratzer und Lademann, welche beyde zwey Schwestern und zwar der erste die alteste (i) Rosinen der andere aber (k) Margaretham erwehlet. Johann Melchior Garbe mit (l) Maria Elisabeth. Und Nicolaus Schreiner mit (m) Eva Christinen.1

Auf diese nunmehro vollig vergnugten 12. Paar, folgten annoch 11. Paar aus den eingebohrnen Geschlechtern, dass also Herr Mag. Schmeltzer uber 4. Stunden Zeit zu bringen muste, ehe er mit diesen 23. Copulationen fertig werden konte, zuletzt aber vollzohe er auch sein eigenes eheliches Verbundniss mit der tugend vollen Christiana Virgilia, welche auf der IV. Tabelle unter der andern Linie bezeichnet stehet. Der Altvater Albertus, verrichtete zwar eigentlich den Haup-Actum der Copulation, gab auch beyden seinen Stamm-Vaterlichen Seegen, jedoch die ubrigen andachtigen Gebrauche, hielt Herr Mag. Schmeltzer selbst, u. zwar auf eine recht bewegliche Art, so dass den meisten Anwesenden die Thranen in den Augen stunden, und endlich wurde der gantze heutige, hochst wichtige Actus, mit dem Liede: Nun dancket alle GOtt etc. und nachherigen hertzlichen Gluckwunschen beschlossen.

In gleich darauff folgender Nacht wurden aus allen Pflantz-Stadten gnugsame Victualien herbey geschafft, so dass wir ingesammt, drey Freuden-Tage mit ungemeiner Ergotzlichkeit, so wohl bey guten Speisen und Getrancke, als andern vergnugten ZeitVerkurtzungen, recht ergotzlich hinbringen konten. Jedoch sahe und horete man im geringsten nichts von einiger Unmassigkeit und andern argerlichen Bezeugen, sondern wir genossen dasjenige Vergnugen, welches GOtt seinen Kindern auf der muhseeligen Welt nicht missgonnet, als gute Christen, danckten dem Hochsten davor, bedachten hernach auch: dass nach der Lehre Salomonis, alles seine Zeit, und ein jedes Vornehmen unter der Sonnen seine gewissen Stunden habe; wesswegen sich mit Ablauff des dritten Tages, ein jeder an seinen gehorigen Ort verfugte, und nicht allein seine eigene nothige Hauss-Arbeit, sondern auch dasjenige nach allen Krafften besorgen halff, was zu Verbesserung des gemeinschafftlichen Wesens, hier und dar am nothigsten zu seyn, erachtet wurde.

Mit dem ersten Advent-Sontage des nunmehro sich zum Ende neigenden 1726ten Jahres, wurde zugleich der Eintritt eines neuen christl. Kirchen-Jahres mit eiffriger Andacht celebriret, Herr Mag. Schmeltzer hatte seinen neuen Jahr-Gang aus den Worten Pauli, 1 Corinth. 3. v. 16. 17. genommen, die also lauten: Wisset ihr nicht, dass ihr GOttes Tempel seyd etc. und wolte hinfuro in allen Predigten von Stuck zu Stuck zeigen: Wie man den geistl. Tempel GOttes in seinem Hertzen nicht nur erbauen, sondern auch im baulichen Stande und Wesen erhalten solle; welches gewiss bey damahligen Zeiten eine sehr feine Materie war. Nach der Predigt empfiengen etliche 60. Personen das Heil. Abendmahl und solchergestallt wurde auch dieses mahl der GOttes-Dienst in gebuhrlicher Andacht beschlossen. Jedoch ich erinnere mich, oben versprochen zu haben, eine Specification, von der Vermehrung des Felsenburgl. Geschlechts, auf das Jahr 1726. beyzufugen, derowegen will, um vielleicht die Curiositee einiger, obschon nicht aller Leser zu vergnugen, mein Wort, vermittelst einer Tabelle erfullen, die ich aus Herrn Mag. Schmeltzers Kirchen-Register extrahirt habe. Insul Felsenburg, an Jungen und Alten, Einheimischen und Auslandischen lebendigen Menschen: 394. nehmlich 203. Manns- und 191. Weibs-Personen, die in aller Frommigkeit, Liebe und Einigkeit mit einander lebten, und nach dem Exempel der ersten christl. Kirche eine treuhertzige Gemeinschafft der zeitlichen Guter untereinander hielten, keinen Eigennutz, auch im allergeringsten Dinge zeigten, sondern ihren Nachsten und sich selbst zu dienen, alles mit Lust verrichteten, worzu sie sich geschickt befanden. Man sage mir welcher vernunfftiger Mensch Scheu tragen und nicht vielmehr hertzlich wunschen solte, seine gantze Lebens-Zeit an dergleichen ergotzlichen Orte zu zu bringen.

Jedoch ich bin nicht gesonnen, hiervon viel zu philosophiren, sondern erkenne mich schuldig, die fernern Geschichte vorzutragen: Nach nunmehro glucklich vollbrachten Kirchen-Bau, machten sich die allermeisten und besten Holtz-Arbeiter uber die Auffrichtung einer Mehl-Muhle her, welche allererst Philipp Kratzer auf dem Stephans-Raumer Grund und Boden, mit Beyhulffe Mons. Litzbergs, Lademanns, Plagers, Herrlichs und Morgenthals angelegt hatte. Der Altvater sahe diesem Baue nebst mir fast alle Tage zu, wenn die Lufft gegen Abend etwas kuhle zu werden begunte, besuchte auch dann und wann seine Kinder in den andern Pflantz-Stadten. Eines Tages aber, da uns Herr Kramer eine Menge vortrefflich grosser Zucker-Schoten gesendet hatte, kam dem Altvater die Lust an, dieses guten Hausswirths wohl angelegten Kuchen- und Lust-Garten in genauern Augenschein zu nehmen, derowegen reisete er nebst Mons. Wolffgangen, Litzbergen, mir und andern hinnunter nach Alberts-Raum in dessen Wohnung, und traffen denselben bey seiner Maria Albertina in einer schonen mit grossen Kurbis-Rancken bedeckten Laub-Hutte sitzend an, allwo sie den Safft aus etlichen guten Krautern und Blumen presseten, um solchen seiner Kunst gemass, zur Artzeney zu gebrauchen. Es war so zu sagen fast in einem Augenblicke alles bereit, uns, als seine angenehmsten Gaste aufs Beste zu tractiren. Sein Getrancke schmeckte sonderlich sehr angenehm, und hatte darbey die Tugend, dass es keine Incommoditee im Leibe oder im Kopffe machte, derowegen sassen wir sehr vergnugt beysammen. Endlich aber bezeugte der Altvater ein besonderes Verlangen, des Chirurgi Monsieur

Fussnoten

1 Alle Braute dieser unserer mitgebrachten Europaer sind in den beygefugten Genealog-Tabellen des ersten Buchs, genau bemerckt, und nach Belieben aufzuschlagen: als (a) vid. Tab. VI. Litzbergs Fr. (b) Tab. II. J.F. Kramers Ehe-Fr. (c) Tab. VII. Plagers Frau. (d) Tab X. Harckerts Fr. (e) Tab. IV. A.K. Fr. (f) Tab. VIII. Herrlichs Fr. (g) Tab. VII. Morgenthals Fr. (h) Tab. V. Wetterl. Fr. (i. und k.) sab. III. P.K. Fr. und J.B.L. Fr. (l) Tab. VIII. Garbens Fr. (m) Tab. IX. Schreiners Fr.

Johann Ferdinand Kramers Lebens Geschicht

ebenfalls zu wissen, dahero sich derselbe, nach einigen nothigen, gefallen liess, uns dieselbe folgendergestallt zu erzehlen:

Ich bin, fieng er an, von Geburth ein Westphalinger, mein Vater und Mutter, von denen ich im Jahr 1692. erzeuget worden, waren ehrliche Leute, und etwas mehr als Burgerlichen Standes, starben aber beyde, ehe ich noch das 10te Kinder-Jahr uberschritten hatte, wesswegen mich, meines Vaters Freunde, als das eintzige hinterlassene Kind meiner Eltern, zu sich nahmen, und zu guter Aufferziehung anfanglich die besten Minen machten; Allein es gieng mir nicht anders, als es gemeiniglich allen Elterlosen Waisen zu gehen pfleget. Denn so bald sie nur mein Vermogen, welches sich etwa auf 1500. Thlr. belieff, unter das ihrige vermischt, niemanden aber zur Zeit Rechnung abzulegen hatten, als sich selbst, schien es nicht anders, als ob sie mich um GOttes willen bey sich duldeten, ja mit der Zeit fiel ihnen gar meine Person, obschon nicht mein Gut, ziemlich beschwerlich, derowegen ich unter solchem Vorwande in eine andere Stadt geschafft wurde: dass in selbiger weit civilisirtere Leute befindlich, von denen ich besser gezogen werden konte, denn wenn die Freunde, wie sie sagten, einen jungen wilden Knaben nur ein wenig scharff angriffen, muste es gleich ein Hundemassiges Tractament heissen, zumahl bey solchen Leuten, die sich ein Vergnugen machten, dergleichen Bosewichter zu verziehen. Ich wuste zwar damahls nicht auf wen sie stichelten, kan auch im geringsten nicht laugnen, dass ich ein wildes und etwas allzu feuriges Temperament hatte, allein es war dennoch, ohne eigenen Ruhm zu melden, gewiss, dass unter meinen lustigen Streichen, die ich taglich anzustellen beflissen, sehr selten etwas bosshafftes zu finden war, wenn man anders, nicht mit Gewalt eine Bossheit daraus erzwingen wolte. Von verschiedenen Streichen, nur in aller Kurtze etliche wenige anzufuhren, so wird daraus zu schliessen seyn, dass ich zwar zuweilen etwas spitzfindig, zum offtern auch sehr einfaltig gewesen. Eines Tages, da mein Vetter mit einer Gerichts-Person lange Zeit ein geheimes Gesprach gehalten, horete ich beym Abschied nehmen von ihm diese Worte: Ja Herr Gevatter! wenn sich nur jemand unterstehen wolte der Katze die Schelle anzuhangen, ich wolte ihm gerne alle Gefalligkeit darvor erzeigen, und, weiter konte ich nichts vernehmen, denn sie redeten wiederum heimlich, verstund aber dieses Sprichwort in sensu proprio, holete mir bey einem Schul-Cameraden eine grosse Schelle, versteckte selbige in mein Bette, wartete biss die Katze des Nachts zu mir hinnein kam, hieng dieser sonst wilden Bestie, die sich leichtlich von niemanden als von mir angreiffen liess, andere aber grimmig biss und kratzte, ohne besondere Muhe die grosse Schelle an, und warff sie zu meiner Kammer hinaus. Was dieses Thier hernachmahls die gantze Nacht hindurch vor ein grausames Lermen, mit springen, poltern und herum lauffen im gantzen Hause verfuhret, ist nicht auszusprechen, ich schlieff zwar daruber ein, allein mein Vetter und die meisten andern, im Hause wohnenden Leute, vermeynen nicht anders, als das es ein teufflisches Gespenst sey, wollen derowegen sich mit selbigen nicht vermengen, sondern dringen die gantze Nacht mit grosser Furcht in angstlichen Schweisse zu. Endlich fruh Morgens hat sich das Gespenst gefunden, ich wurde darum befragt, und so bald nur ja gesagt war, mein HinterCastell, ohne mir fernere Defension zuzulassen, dermassen mit Ruthen gestrichen, dass ich in etlichen Tagen keine Banck damit drucken konte. Das war also nicht allein der Danck vor meine einfaltige Treuhertzigkeit, sondern es wurde dieser Streich so gar vor die allererschrecklichste Bossheit ausgeschrien. Ein andermahl fand ich einen Tobacks-Brieff, worauff mit ziemlich grossen Buchstaben diese Worte gedruckt waren: Wer mich wird versuchen und proben, wird mich ruhmen und loben. Nachdem ich nun von diesem Tobacks-Briefe das andere unnutze Bilderwerck abgeschnitten, beschmierte ich denselben auf der lincken Seite mit Vogel-Leim, und legte das Blatgen hinter dem Ofen, auf denjenigen Sessel, welchen unsere faule Magd gemeiniglich des Tages sehr offte zu besitzen pflegte, und zwar also, dass die Schrifft, nachdem die Magd auffgestanden, accurat auf ihren Wulste des Rocks zu lesen war. Selbige wurde kurtz hernach zu Marckte geschickt, in unsern Hause hatte kein Mensch diese Inscription bemerckt, allein auf dem Marckte finden sich desto mehr curieuse Leute solche zu betrachten. Was es vor ein Gelachter gegeben, zumahlen da einige Schuler darzu kommen, und daruber glossiren, ist leicht zu erachten, allein mir bekam diese Naseweisigkeit sehr ubel, denn mein hitziger Vetter schlug mir, so bald ich nur vor den Thater ausgeruffen worden, dieserwegen in der Furie den lincken Arm entzwey. Dass dieses von mir eine grosse Leichtfertigkeit, aber doch keine gar zu grausame Bossheit gewesen, kan jedweder so leicht begreiffen, als eine proportionirliche Strafe darauff dictiren, allein ob diese Strafe mit dem Verbrechen quadriret? gebe ich zur Uberlegung anheim. Immittelst hatte die Curiositee zu empfinden, wiewohl es duncke wenn man 6. Wochen unter den Handen eines unverstandigen, Tolpelhaften, dabey aber dennoch unbarmhertzigen Chirurgi liegt, denn mein krum geheilter Arm muste noch einmahl zerbrochen und durch einen geschicktern Mann geheilet werden. Noch eins! Meine Muhme hatte einen mittelmassigen Hund, der im Sommer alle 4. Wochen auf Lowen-Art glatt geschoren wurde, dieser war bey ihr in grosserer Achtbarkeit als ich und viele andere Leute, wesswegen er auch seinen besondern ledernen gepolsterten Stuhl in der Stube stehen hatte, und grausam brummete, wenn ich selbigen zur Abends-Zeit nur ein klein wenig zur Ruhe brauchte, denn NB. sonsten pflegte sich kein anderer Mensch drauff zu setzen. Also war ich besorgt mein Muthlein an dieser eigensinnigen Bestie zu kuhlen, besonn mich endlich, etliche spitzige Steck-Nadeln von unten auf durch den Stuhl, doch also zu schlagen, dass die Spitzen dem Hunde nur ein klein wenig in die Haut gehen, hingegen keinen Menschen, der nur gut gefutterte Bein-Kleider an hatte verletzen konten. Demnach fieng der Hund, so offt er sich durch einen schnellen Sprung auf den Stuhl warff, jederzeit erbarmlich an zu schreyen, wolte auch endlich gar nicht mehr auf dem Stuhle liegen, dahingegen ich mit desto grossern plaisir darauff sitzen konte. Meine Muhme merckte vielleicht etwas, konte aber erstlich nichts am Stuhle finden, denn er war hoch ausgestopfft, und man muste das Polster gar sehr scharff nieder drukken, wenn die Spitzen, eine Empfindlichkeit verursachen solten; endlich aber kam es dannoch ans Licht, und meine artige Invention wurde mit dem OchsenZiemer dermassen recompensirt, dass ich mich fast in 14. Tagen nicht recht bewegen konte. Dieses Verbrechen wurde solchergestallt abermahls allzu hart gestrafft, denn Salomo lehret zwar: dass die Ruthe der Zucht, die, im Hertzen eines Knaben steckende Thorheit, ferne von ihm treiben werde; allein auf die Art wars, wie gesagt, zu scharff, und weiln ich fast taglich gantz sonderbaren Zuschlag von allen Seiten zu hoffen hatte, derowegen fast gantzlich in Verstockung gerieth, fugte sichs zu meinem Glucke, dass man mich in eine andere Stadt zu frembden, aber doch verstandigen Leuten brachte.

Daselbst war eine sehr beruhmte Schule, welche ich mit grosten Vergnugen sehr fleissig besuchte, und mich in kurtzen vor andern, die doch noch alter als ich waren, distinguirte, so dass ich, in meinem 14den Jahre, unter den obersten Primanern zu sitzen kam. Zwar ist nicht zu laugnen, dass ich auch daselbst manchen lustigen Streich spielte, jedoch weil dasige Herrn Prceptores die Bossheit und den Muthwillen eines Knabens besser zu unterscheiden wusten, als meine Anverwandten; kam ich mehrentheils mit einem starcken Verweise, oder aufs hochste mit einer gelinden Strafe darvon, und zwar in Betrachtung dessen, dass ich meine Lectiones jederzeit behorig observirte, und zuweilen mehr that als von mir verlanget wurde. Ich mag niemanden mit der Erzehlung meiner Schul-Possen verdrusslich fallen, jedoch ein eintziger kurtzweiliger Streich meritirt vielleicht gemeldet zu werden. Einmahls stund ich, nach geendigter Lection, noch eine gute weile im Creutzgange stille, und hatte mich, weiss aber selbst nicht warum, gantz besonders in meinen Gedancken vertiefft, dieses merckt der Cantor als dasiger Collega III. von ferne, kommt derowegen gantz sachte auf mich zugeschlichen, fragte mich aber gantz unverhofft, worauff ich spintisirte? Da nun bereits wuste, dass er ein curieuser Kopff und mir nicht so gewogen als der Rector und Con-Rector ware, jedoch eben denselben Respect verlangte, und vor einen gantz besonders gelehrten Mann angesehen seyn wolte, war ich so schalckhafft, ihn mit folgen Griechischen Worten anzureden: ,

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~

. Teutsch: Hochgeehrter Herr Prceptor! Ich bitte, mir heute zu erlauben, einen Sack voll Aepffel aus dem Garten zu holen.

Nun ist zu mercken, dass die drey obersten Herrn

Schul-Collegen dasiges Orts einen vortrefflichen Baum-Garten zu nutzen hatten, aus welchen sie allerjahrlich das Obst in drey gleiche Theile unter sich zu theilen pflegten, allen Schulern aber, war bey harter Strafe verbothen, diesen Garten, ohne besondere Erlaubniss des Garten-Inspectoris, nicht zu betreten, vielweniger das geringste Stucke von Obste anzuruhren, dieses Jahr hatte der Herr Cantor die Inspection daruber, und war gewisslich der geitzigste unter allen, derowegen muste derjenige, welcher Appetit bekam, nur in den Garten ein wenig spaziren zu gehen, ihm gewisslich mit den elegantesten lateinischen Schmeichel-Worten zu begegnen wissen. Ich aber vermeynte meine Captationem benevolenti jocosam desto glucklicher anzubringen, wenn ich ihn auf Griechisch anredete, und damit seiner Erfahrenheit in dieser Sprache, schmeichelte. Er lachelte derowegen sehr gravitatisch und gab zur Antwort: T? ?? ??st?. Teutsch: Es ist von mir erlaubt. Allein der gute Mann mochte meine Anrede nicht vollig verstanden haben, wolte aber dennoch darvor gehalten seyn, das Griechische so gut als seine Mutter-Sprache zu wissen, hatte mich also gantz kurtz mit diesen drey, vermuthlich aufgeschnappten Worten abgefertiget. Demnach gieng ich ohne Scheu mit einem grossen QverSacke in den Obst-Garten, pfluckte die allerbesten Aepffel da hinein, trug selbige offentlich heraus, und theilete meinen Mit-Schulern reichlich mit. Doch solches kam gar bald vor den Rector, wesswegen meine Person, vor dem Schul-Gerichte, wegen der, wie sie sagten, gestohlnen Aepffel, gleich morgenden Tages zur Inquisition gezogen wurde. Ich protestirte solennissime wieder alle falsche Anklage und gedrohete Strafe, berieff mich auch lediglich darauff: dass ich, von dem Herrn Cantore selbst, Erlaubniss darzu bekommen hatte. Dieser aber wolte von nichts wissen, jedoch da sich 4. oder 5. Zeugen angaben, dass ich ihn in Griechischer Sprache mit vorerwehnten Worten angeredet, und besagte Antwort erhalten hatte: muste ich einen Abtritt nehmen, wurde nachhero auch dieserwegen nicht im gerinsten mehr befragt, hergegen kam der expresse Befehl heraus, dass in Zukunfft die Schuler sich keiner andern, als der lateinischen Sprache gebrauchen solten, wenn sie von den Prceptoribus etwas ausbitten wolten.

Bey so gestallten Sachen, konte leichtlich ein jeder mercken was die Glocke geschlagen habe, und dass der Herr Cantor ein sehr schwacher Grcus sey, ich aber muste dieserwegen dessen vollige Ungnade ertragen, welches mein freyer Sinn doch wenig stimirte, sondern zufrieden war, dass sich der Rector- und Conrector desto gutiger gegen mich erzeigten, und in allen Stucken meines Wohlseyns wegen gute Vorsorge trugen, wie denn ich auch keinen Fleisssparete, mich so viel als moglich, nach dieser beyden Gonner Sinne zu richten, sonderlich aber meine Studia eiffrig fortzusetzen. Mittlerweile erhielt mein Vetter, meines Wohlverhaltens wegen, immer ein gutes Testimonium uber das andere, doch weil er selbsten 3. Sohne auf der Schule hatte, selbige aber mehr Wercks vom liederlichen Leben, als von den Buchern machten, trieb ihn ohnfehlbar der Neid an, mein propos zu verrukken, und mich von der Schule hinweg zu nehmen, um durch mich seinen Sohnen, bey der fleissigen Welt, keinen Vorwurff zu machen. Demnach kam er um Johannis an. 1707. unverhofft, kundiate dem Rectori meinetwegen das Logis, Kost- und Schuld-Geld, ja alles auf, was zu meiner grosten Bequemlichkeit bisshero gereicht hatte, mir aber die Ruckfarth nach seinen Hause abermahls an, und zwar unter dem Vorwande, dass mein weniges Vermogen nicht hinlanglich, mich etliche Jahr auf Universitaten zu erhalten, derowegen ware es kluger gehandelt dahin zu gedencken: dass ich eine reputirliche Profession ergriffe, selbige bey einem wohl versuchten und beruhmten Meister, redlich lernete, und den meisten Theil meines Vermogens solchergestalt erspahrete, welches ich mit der Zeit zu meinem Hausshaltungs-Anfange hochst nothig genung brauchen wurde.

Hierwieder mochten nun, nebst mir, alle meine guten Gonner einwenden, was sie immer wolten, es halff nichts, ja das gute Anerbiethen der Prceptorum mir alle Information frey zu geben, uber dieses zu Ersparung meines Erbtheils gute Hospitia und andere Accidentia zu verschaffen, wurde von diesem lieblosen Freunde und Vormunde unverantwortlicher weise verworffen, hergegen muste ich mich mit aller Gewalt bequemen, auf den Wagen zu steigen und die Reise mit Sack und Pack zuruck in seine Behausung anzutreten. Ich merckte daselbst in kurtzen, dass er gesinnet sey mich nur zu einem Hauss-Puffel aufzuziehen, denn ich wurde taglich zum Bier-Brauen, Branteweins-Brennen, Vieh-Masten und anderer groben Hauss-Arbeit angewiesen, allein dergleichen kam mit meiner schwachen Leibes-Constitution schlecht, und mit meinem Genie noch schlechter uberein, derowegen begehrte ich durchaus meine Bucher, des Willens, wiederum auf vorige Schule zu lauffen, verlangte auch weder Geld noch Kleid darzu, sondern hatte das gute Vertrauen: GOTT wurde schon Leute erwecken, die einen Knaben, der so grosse Lust zum studiren bezeugte, mit guten Rath und wurcklicher Hulffe begegneten. Allein mein Suchen war vergebens, hergegen schlug man mir, da ich mich durchaus um die Oeconomie nicht mehr bekummern wolte, bald dieses bald jenes Handwerk vor, jedoch alle solche waren mir zu schlecht. Man brachte mich zur Handlung auf die Probe, bey einen sehr bemittelten Kaufmann, da ich aber gleich in den ersten 6. Wochen als ein Hund aus einem Winckel in den andern gestossen wurde, und diese Marter 6. Jahr gedultig auszustehen Befehl bekam, lieff ich darvon. Man brachte mich zu einem Gold-Schmiede, da ich aber merckte, dass mir in kunfftigen Jahren, das sitzen so beschwerlich als die gegenwartige schmutzige Arbeit fallen wurde, uber dieses in Gefahr stehen muste gantz fruhzeitig blind zu werden, lieff ich darvon. Man brachte mich auf die Apotheke, hieselbst war die Arbeit vor den jungsten Jungen noch schmutziger, meine Hande wurden so garstig, dass ich mich selbst scheuete daraus zu essen, muste auch den gantzen Tag biss in die spate Nacht, die groste Kalte an Handen und Fussen ausstehen, und durffte, bey allen meinen Schmertzen, nicht einmahl eine betrubte Mine machen, derowegen lieff ich auch da darvon. Kurtz! Mein Vormund mochte mich hinbringen, wohin er wolte, ich lieff darvon und wolte nirgends bleiben als auf der Schule, da aber selbiger dennoch bey seinem Schlusse blieb: mich durchaus nicht studiren zu lassen, sondern meine Kleider verschloss, und mich mit Stuben-Arrest, Schlagen, Hunger und andern Plagen so lange qualete, biss ich endlich versprach mir selbsten eine Profession auszusinnen und darbey gut zu thun, erwehlete ich endlich die Chirurgie und Barbier-Kunst, und wurde zu einem beruhmten Meister derselben gebracht, in dessen Gegenwart mich mein Vormund aufs ernstlichste ermahnete und bedrohete, so ferne ich auch allhier darvon lieffe, mich alsofort in ein Zucht-Hauss zu bringen. Besondere Ursache hatte ich nun eben nicht an Erfullung dieses trostlichen Versprechens zu zweiffeln, den meine Frau Vormundin die mir so feind als einer Spinne war, lag ihm dieserwegen bestandig in Ohren, und hatte lieber gesehen wenn ich nur ihres Hundes wegen, berits etliche Jahr im Zucht-Hause gesessen hatte. Jedoch da mir die erwehlte Profession nach und nach, und zwar je langer je besser zu gefallen begunte, der Herr auch nur zuweilen etwas wunderlich, sonsten aber ein ziemlich gutiger Mann war, suchte ich mich, so viel als moglich, unter die Hand meines Verhangnisses zu demuthigen, und befand das gemeine Sprichwort: Lust und Liebe zum Dinge, macht alle Arbeit geringe, in der That wahr zu seyn. Denn ich fassete nicht allein alle bey dieser Profession mir gezeigten Vortheile, weit leichter als andere so mit mir certirten, sondern machte mir die treffliche Gelegenheit, in Anatomicis einen guten Grund zu legen, sehr wohl zu Nutze, wendete die, wiewohl selten mussigen Tages-Stunden, auf Lesung nutzlicher Bucher, brach auch nicht selten fruh Morgens ein paar Stunden vom Schlafe ab, um nur bey Zeiten was rechts zu begreiffen.

Inzwischen, machte nun zwar, welches nicht zu laugnen, auch in meiner Lehre allerhand lustige Possen, jedoch weil keine Bossheit, noch besonderes Nachtheil des Nachsten darunter versirte, liess es mein Vorgesetzter, so dann und wann ohne Strafe hingehen, und wenn zuweilen etwas ingenieuses passirt war, merckte ers zwar, und that doch als ob ers nicht merckte. Ich trage ein billiges Bedencken viel von solchen Jugend- und Jungens-Possen zu recapituliren, doch einen einzigen nicht gar wohl uberlegten lustigen Streich, muss ich wohl melden, weil selbiger die einzige Ursache war, dass mich mein Herr zum ersten und letzten mahle mit dem Spanischen Rohre, und zwar wohl verdienter massen tractirte.

Ich muste einmahls in aller Fruhe bey dem KohlenVerkauffer einen Handkorb voll Schmiede-Kohlen holen, da mich nun unter wegs jemand in sein Hauss ruffte, setzte ich vorhero meinen mit Kohlen gehaufften Korb, am Rathhause in einen Winckel, und gieng davon, muste aber bey meiner Zuruckkunfft, den Korb uber die Helffte ausgeleeret erblikken, dahero Noth halber zuruck gehen, und denselben vor mein eigen Geld wieder hauffen lassen. Nachhero legte starcke Kundschafft auf diesen Diebstahl, und erfuhr: dass die am Marckte, taglich sitzenden und allerhand Nasch-Waaren verkauffenden, naseweisen Magde, benebst den alten Weibern, sich vereiniget hatten, mir diesen Streich zu spielen, welches um so viel desto eher zu glauben war; weil, so oft ich diesen Weg sonsten mit Kohlen gieng, und ein oder zwey aus dem Korbe fallen liess, selbige gleich herzu lieffen wie die Katzen nach den Mausen, denn sie wusten diese guten Kohlen, gar zu wohl in den unter sich habenden Kohlen-Topffen zu gebrauchen. Demnach war ich Tag und Nacht auf Revange, wegen des letzt gespielten groben Possens, bedacht, und endlich wurde folgender Streich so verbracht wie ausgesonnen. Ich nahm etliche Kohlen, holete dieselben aus, und setzte kleine Schwermer mit geriebenen Schiess-Pulver hinnein, vermachte die Locher wiederum so, dass an den Kohlen kein Betrug zu mercken war, legte hernach selbige, indem ich abermahls Kohlen vor den liederlichen Weibs-Bildern vorbey tragen wolte, gantz zu oberst auf den Korb, that als ob ich stolperte, und liess dieselben gantz unachtsam herunter fallen, welche denn von ihnen begierig auffgehoben und in die Kohlen-Topffe gelegt wurden. Ich lieff gegen uber in ein bekandtes Hauss und wartete daselbst die Zeit ab, biss das sprudelende Pulver Feuer fieng, und ein verzweiffeltes Lermen, doch aber weiter keinen Schaden anrichtete. Allein da die Sache an meinen Herrn gelangete, bekam der kunstliche Feuerwercker seinen verdienten Lohn.

Nach ausgestandenen Lehr-Jahren ergriff ich den Wander-Stab, und reisete von meinem Vormunde mit 10. Thlr. Gelde und nothigster Equippage abgefertiget in die Welt, weiln ich aber in meiner Lehre von der Generositee einiger vornehmen Patienten, welchen ich unermudet aufgewartet, bey nahe 50. Thlr. profitiret und heimlich gesammlet hatte, schien es mir ungemein despectirlich und beschwerlich zu Fusse zu reisen, und noch viel verdrusslicher, der Professions-Gewohnheit nach, bey andern Chirurgis das Gnaden- oder wie es etwas ehrbarer klingt, das Frembd-Gesellen-Brod zu essen, reisete derowegen so lange mit der Post herum, biss mein unuberwindlich scheinendes Capital, dermassen auf die Neige kam, dass ich nunmehro an statt der Thaler kaum so viel Groschen zahlen konte.

Da! war der Haase gefangen, die Gelder verschwunden, die Kleider auf dem Post Wagen ziemlich verschabt, der Winter vor der Thure, zu guter Condition kein Anblick, hergegen desto mehr Ambition vorhanden, dem Vormunde meinen Fehler zu entdecken, und von ihm etwas Geld zu verlangen. Jedoch ich fassete kurtze Resolution, entschloss mich nunmehro post Festum zu Fusse zu gehen, erreichte eine beruhmte Residentz-Stadt, weil aber in selbiger vor mich keine Condition offen, kein eintziger Barbier-Geselle auch so hofflich seyn, und mir die seinige abtreten wolte, sahe ich mich genothiget, aus dringender Noth, bey einem so genandten Bein-Haasen, der eine GnadenBarbier-Stube in der Vorstadt hatte, Condition anzunehmen. Es war derselbe, ohngeacht ihn die andern Chirurgi sehr hasseten, ein ehrlicher, vernunfftiger und wohlerfahrner Mann, der seine Profession nicht allein Zunfftmassig gelernet, sondern auch in verschiedenen Feld Zugen sehr wohl excoliret hatte, seine Praxis gieng sehr starck, woher denn kam, dass ich binnen anderthalb Jahren nicht allein ein sehr vieles in der Kunst und Wissenschafft von ihm profitirte, sondern auch meine Kleidung und Sachen wiederum in guten Stand setzte, uber dieses alles, etliche 60. Thlr. baares Geld sammlete, worzu die Verachtung meiner Professions-Genossen, kein geringes beytrug, denn selbige achteten mich darum, weil ich bey einem Pfuscher servirte, vor einen infamen Kerl, welcher nicht wurdig ware: dass redliche Barbiers-Gesellen eine Kanne Bier mit ihm trancken. Mittlerzeit aber sparete ich mein Geld, entgieng vielen Verfuhrungen, und konte zuletzt, meinen so genandten abscheulichen Schand-Fleck, sehr leicht vermittelst eines halben Fasses Bier wieder abwaschen, welches die Herrn Cameraden noch lange nicht gantz ausgesoffen hatten; da ich schon wieder so ehrlich, ja ich glaube, in ihren Hertzen vor noch weit ehrlicher als vorhin geachtet war. Nichts als die Curiositee, noch mehr grosse Stadte zu sehen, trieb mich von diesem Manne hinweg, derowegen ergriff abermahls meinen Wander-Stab, setzte mich aber nicht wie ehermahlen auf die geschwinde Post, sondern glaubte dem experto Ruperto, und marchirte per pedes Apostolorum fort, nachdem ich meinen Coffre zuruck in Verwahrung gelassen. Die am Rhein, Neckar, Mosel und Mayn gelegenen Stadte, waren mir sehr herrlich beschrieben worden, und weiln ich ohne dem lieber Wein als Wasser trincken mochte, gieng die Reise darauff zu. Nun fand mich zwar, wegen des so sehr geruhmten Weins gar nicht betrogen, allein wo ich nur hin kam, muste ich vernehmen, dass es wegen der Conditionen ausser der Zeit und wenigstens in einem halben Jahre nichts zu hoffen sey, uber dieses war kein eintziger Professions-Genosse der Ehren, mir nur einen Bissen Brod vorzusetzen, sondern ich muste uberall vor mein baares Geld zehren. Hierbey befand sich nun der Magen, welcher auch den allerbesten Wein ziemlich vertragen lernete sehr wohl, allein der Beutel bekam nach und nach den starcksten Ansatz zur Schwindsucht, so dass ich dieses Land aufs eiligste zu verlassen, und die Lufft zu verandern suchen muste, woferne besagter mein Beutel, nicht sein gantzes Eingeweyde aussspeyen solte. Demnach wanderte auf den Saal-Strohm loss, und demselben so lange entgegen, biss sich endlich in einer Furstl kleinen Residentz-Stadt, Condition vor mich fand. Mein Herr war Hof-Ammts- und Stadt-Chirurgus, uber alles dieses noch Cammer-Diener bey dem Fursten, und hatte solchergestallt mehr Glucke als Verstand, denn ich nicht leichtlich einen Chirurgum angetroffen, der, der leidigen Trunckenheit mehr ergeben gewesen, als eben er. In Praxi war ihm ein und andere Cur von ohngefahr noch so ziemlich eingeschlagen, doch in Theoria alles sehr schwach und elend bestellet, woher denn kam: dass sein gantzer Professions-Bau auf einem wacklenden Grunde ruhete. In der Prahlerey, Aufschneiderey und lappischen Raisonir-Kunst hatte er hingegen einen dermassen starcken Habitum, dass er sich auch nicht scheuete vor geschickten und gelehrten Leuten, ohne Scheu, alles heraus zu platzen was ihm nur vors Maul kam, es mochte practicable, wahrscheinlich, und vernunfftig seyn oder nicht. Einsmahls wolte er einem gesturtzten Patienten, ein grosses Stuck des Cranii ausgehoben, duram matrem zerschnitten, piam matrem aber vom cerebello abseparirt, und das geronnene Gebluth, wie auch 11/2 Loth vom Gehirne selbst mit dem Thee-Loffel heraus genommen haben. Einem andern Patienten hatte er, seinem sagen nach, einen Polypum cordis, oder so genandten HertzWurm per fedes abgetrieben, und zeigte denselben annoch in einem mit Spiritu Vin. angefulleten Glase. Wieder einem andern solte durch seine Geschicklichkeit, und kunstliche Hefftung, die mit groben Schrot durchschossenen dunnen Gedarmer, und des Magens, das liebe Leben erhalten seyn. Alle Arten der Blindheit, so gar auch des schwartzen Staars, vermass er sich ohne eintzige innerliche oder auserliche Medicin, bloss vermittelst eines Geheimniss-vollen sympathetischen Schnupff-Tobacks zu curiren: allein ich habe niemand ausforschen konnen, der eine Probe davon gesehen oder empfunden.

Indem aber, mehrere Exempel seiner Quacksalberischen Prahlereyen anzufuhren, vor allzu weitlaufftig halte, muss ich doch ein und andere eigenhandige Probe seiner jammerlichen Chirurgischen Berichte, Wund-Zeddel und Recepte aufzeigen. Hiermit stund Mons. Kramer auf, und holete einige Scripturen, welche, nachdem er uns dieselben vorgelegt, wir also gesetzt befanden:

(I.) Bericht: Num. 9. anno 1710. den 5. Sept.

Auf Begehren eines Hochlobl. Amts-Gerichts alhier u. auch auf gnadigen Specigal Befehl des meines gnadigen Herrn, habe Ich Endes unterschriebener Chyrugus N.N. obigen datum, Nach Mittage um Eins den entleibeten Korber des verstorbenen und vorhero unwissend von wem er mordet worden, in seiner Behausung auf einer Taffel, nebst meinem Gesellen und Lehr-Jungen, nechst diesen in Beyseyn des Herrn Stadt- und Land-Fisicus Herr D.N.N. zu seciren und antomiren angefanget, und habe also an selbigen Korber wie folget angemerckt und obselviret.

1. Mag ihn der Morder einen Schlag etwa mit einen Stuhl-Beine auf das Cramgum gegeben haben, denn es war die gantze Schwarte auf dem Kopffe sehr mit Blut unterlauffen, derowegen habe ich das Cranigum Kunstmassig abgesegt, aber innwendig nicht beschadiget gefunden, sondern es war alles gut und die turra mater und bia mater frisch, ausgenommen dass das Cereberum und die meningnes nieder gesuncken waren, welches von Schrecken hergeruhret hat, es war sehr viel von den Cereberum im Kopffe, also kein Wunder, dass der Mann sehr klug gewesen ist. 2. War ihm die rechte claviculam entzwey geschmissen geworden.

3. Hatte er 5. Stiche auf den Ossa sternium und auf der Pectus wovon aber nur zwey durch die costa ver gegangen und nachdem ich die cartilago welche das Ossa sternium mit den costas verbinden (und welche Verbindung oder Zusammenfugung die antomicis Synchonderosis nennen) kunstmassig durchschnitten und das Ossa sternium aufgehaben, ging der rechte Stich durch den Musculus serratus major anticus oder pectoralis in einen globum pulmonis, durch und durch und hinten bey den vertebras torsis wieder heraus, es war auch ein ramum von der vena pulmonaris abgeschnitten, und schrecklich viel Blut in der cavitatis torazcis gelauffen. Der andere ldale Stich ging durch die Vena pulmonal oder arteria pulmonala welches ich wahl haben will, und durch das lincke auricul cordis ins Cor hinnein und blieb in den Ventriculus sinistri cordis sitzend, welches wohl hauptsachlich causa mordis seyn mochte, doch sind die andern vulneris auch dabey in consiteratigon zu ziehen.

4. Die Morder mochten ihn auch brav auf den Leibe herum gesprungen seyn, denn die Urin Vesica war ihm im Leibe geplatzt und der Scrotus sehr geschwollen auch mit vielen geronnenen sangvinis unterlauffen und die Testiculis und vasa spergemanica jammerlich zerqvetzt. Die Hepar und die Splen oder Lien sahen auch nicht naturlich aus, in summa es war dem, in seinem Leben ehrlichen Korber, noch elender mit gespielet als dem der zu Jericho unter die Morder gefallen war. Da aber er doch nicht zu curiren gewesen ware wenn er gleich noch einige Tage gelebt hatte, indem man zu seinen hauptsachlichen Vulnera nicht hinzu kommen und weder ingectigon noch Wund-Balsam abeliciren konnen, so folget daraus dass diese lesionen ber se & absolud ledal zu nennen zu achten und zu halten seyn, und hoffe ich, dass alle Vaculteten es mag hin geschickt werden wo es hin will mit mir darinnen uberein stimmen werden, es muste denn jemand Lust zu disbutiren haben. Uhrkundlich habe ich diesen chyrurgischen Bericht eigenhandig unterschrieben und mit meinen gewohnlichen Perschafft bestarckt, verbleibe auch

Des Hoch Lobl. Amts-Gerichts

Dienstwilliger

(L.S.)

N.N.

wohlbestalter Hof-Stadt- und

Land-Chyrurgus juratius.

(II.) Wund-Zettel Num. 86. den 13. Jan. 1712.

Ich Endes unterschriebener bekenne hiermit dass ich vergangene Nacht etwa um 2. Uhr N.N. in die Cur bekommen und an ihn folgende Plessuren befunden: Erstlich einen gefahrlichen Hieb uber den lincken Elbogen, worbey die Tenda und Flexores gantzlich zerschnitten einfolglich die Gunctura nicht wieder wird curiret werden konnen, sondern er wird einen lahmen Arm behalten, den ich ihn nach den Regeln der Kunst krum heilen werde. Ich werde aber auch viel Muhe haben das Glied-Wasser zu stillen. Vors andere einen Hieb auf das Sinsciput und Ossa frondale uber die sutura coronale her, es wird wenig fehlen dass die oberste dabula des Cranigums nicht gantzlich durch gehauen ist. Vors dritte weil er seit etlichen Jahren her ein Gewachse an Occiput gehabt, welchen tumor wir Chirurgos Anteroma, Steccatoma oder Glicirrice zu nennen pflegen, ist ihm dasselbe ebenfalls aufgeschlagen, dass es nunmehro auch vollends muss heraus geschnitten werden. Sonsten ist bereits an allen Vulnera starcke Geschwulst und imflamatio gewesen, die ich zu vertreiben grossen Fleiss Muhe und Kosten anwenden werde. Uhrkundlich habe diesen Wund-Zettel unter meiner eigenen Hand u. Perschafft ausgestellet Dat: ut sapra

(L.S.)

N.N.

(III.) Specificatigon was ich Endes Unterschriebener

wegen der glucklich gethanen Curan N.N. vor

Medicamentis und Artzlohn zu fodern habe:

Vor Speciges zur Fomentation 1 Thlr. 16 gr. Vor Spec: per Thecoct: Vulneraria 3 Thlr. - gr. Vor innerliche Medicin die nach der medode medende eingerichtet gewesen 2 Thlr. 12 gr. Vor Balsamus vulneraria 1 Thlr. 8 gr. Vor Emplastrum und Ungevent. 2 Thlr. - gr. Pro lapora & studia 6 Thlr. - gr.

16 Thlr. 12 gr.

den 16. Decempr. 1711.

N.N.

(IV.) Recepte.

P. Succq Limonia lb ij

Bals. Sulpher: zj

Sal praunelli

saturnus. aa. Zij

Camolorat. Zss

Ol: Terepenthin. q.s.

M.f. Mixtura dentur in Vitrum.

P. Rad. Hippekanne gr. 15.

Mercur: dulcius. gr. viij

Concerv: Ros. q.s.

M.d. in Schatulam.

Monsieur Kramer hatte zwar noch einen starcken Vorrath von dergleichen lacherlichen Scripturen dieses Kunstlers, doch weil er sich dabey nicht lange aufhalten wolte, ubergab er mir selbige auf mein Bitten gantz und gar, weil ich mir zuweilen daraus mit Herrn Wolffgangen und Litzbergen, einen lustigen Zeit-Vertreib zu machen suchte. Ich habe aber auch mit allem Fleisse allhier nichts mehr von dergleichen Possen anfuhren wollen, erstlich darum: weil dem Gen. Leser mit dem Uberflusse ein Eckel erweckt werden mochte, vors andere weil mir Mons. Kramer selbst gestanden, dass er die Abschrifft von allen diesen Raritaten, wenige Zeit hernach, einen guten Universitats-Freunde anvertrauet, welcher dadurch bewogen worden, die Delicias Medicas & Chirurgicas des beruhmten Leipziger Chirurgi Monetons alias Muntzer seel. zu continuiren, ob es geschehen weiss ich nicht, Mons. Kramer aber fuhr damahls in seiner Erzehlung also fort:

Meine Condition bey diesem Manne war endlich noch so ziemlich passable, weil ich sehr selten zu Hause auf der Barbier-Stube seyn konte, sondern von Morgen an biss gegen Abend mehrentheils meine bestellte Arbeit, an Barbiren und Verbinden bey der Hoffstatt, auch das meiste Brod auf dem Schlosse zu essen hatte, wohinnauf mein Herr sehr selten kam, als wenn er etwa gerufft wurde, denn deutsch von der Sache zu reden, so bekam er die Besoldung nur aus puren Gnaden und wegen seiner in den jungern Jahren wohlgeleisteten Dienste, die er nunmehro, als ein gar zu starcker Liebhaber des Sauffens, nicht wie vor der Zeit, verrichten durffte und konte. Zu seinem desto grossern Ungluck starb der alte regierende Furst, und weil mein Principal bey dessen Beysetzung sich gantz ausserordentlich liederlich aufgefuhret hatte, bekam er wenig Wochen hernach seine vollige Dimission, mithin traten auch die besten Kund-Leute bey Hofe und in der Stadt zu einem andern uber. Er wurde solchergestalt nur desto desperater im sauffen, spielen und andern liederlichen Streichen, ruinirte sich und die seinigen immer mehr und mehr, so dass ich den Jammer bey seiner sehr vernunfftigen Frau und 6. Kindern nicht mehr ansehen konte, sondern meinen Abschied nahm, und nachhero erfuhr, dass ihn der Wein, Bier und Brandtewein, noch zu rechter Zeit ins Grab gebracht hatten, wie seelig er aber gestorben, weiss ich nicht.

Mich fuhrete ein gluckliches Fatum von dieser Residenz-Stadt hinweg und auf eine beruhmte Universitat, allwo ich zwar so gleich keine Condition zu hoffen hatte, jedoch von einem genereusen LandsManne, auf seine Stube genommen und ausser der Kost und Kleidung in allen defrayret wurde. Dieser mein Lands-Mann studirte Medicinam, und da ich kaum zwey Tage bey ihm gewesen, erwachte bey mir auf einmahl wiederum die Lust zum Studiren. Mein Vormund wegerte sich nicht, mir nunmehro, da ich majorennis worden, und ihm doch nicht gleich zu Halse gelauffen kam, 100. Thlr. zu schicken, welches aber auch das letzte Geld war, welches ich von meinen Vaterlichen und Mutterlichen Erbtheile empfangen habe, ohngeacht ich meiner gemachten Rechnung nach, wenigstens noch 800. Thlr. ruckstandig zu haben vermeynete. Jedoch da ich mich weder einiges Betrugs, noch andern Unglucks befurchtete, machte sich mein, auf das Studiren so sehr erpichtes Gemuthe dessfalls keinen Kummer oder Argwohn, sondern ich repetirte, mein bisshero immer sehr warm gehaltenes Latein, aufs allerfleissigste, mit einem zwar armen, jedoch gelehrten Studenten, welchen ich alle Tage einmahl gratis mit zu Tische fuhrete, und ausserdem, wochentlich einen halben Thaler Geld, vor tagliche 4. stundige Information, im Latein- und Griechischen, bezahlete. Solcher gestalt konte mich nun mit ziemlicher Renommee in den Catalogum dererjenigen inscribiren lassen, die unter Hygens Panier ihr Heil versuchen wolten. Das ist so viel gesagt, ich changirte die Bartschererey, und wurde ein ernstlicher Studiosus Medicin. Durch treulichen Vorschub meines Stuben-Purschen und gute Recommendation bekam ich Erlaubniss, verschiedene Collegia frey zu besuchen, die ubrigen hochst nothigen aber vor halbes Geld. Weilen nun albereits ratione meiner Profession und fleissigen Bucher-Lesens einen guten Vorsprung vor andern hatte, brauchte es bey mir halbe Arbeit, derowegen wendete die beste Zeit darauf an, die Anatomie, Physicam experimentalem, Materiam medicam und die Botanic grundlich zu fassen. Inmassen es nun an keiner Gelegenheit fehlete, mich in allen solchen Stucken aufs beste zu exerciren, anbey unter der Hand durch heimliche Chirurgische Curen, mit Beyhulffe meines Lands-Mannes, manchen schonen Thaler Geld zu verdienen, so wurden die ersten 5. Viertel-Jahre ungemein fleissig und stille verbracht, so bald aber die Wissenschafften dergestalt etwas zugenommen, wuchs auch die Ambition, mich unter andern eingebildeten Gelehrten, ebenfalls etwas breit zu machen, und weil die douce Praxis, immer mehr Geld einbrachte; fieng ich an, ein und andern Schmause beyzuwohnen, selbsten dergleichen auszurichten, und mir vor allen Dingen etwas Liebes anzuschaffen, denn zur selbigen Zeit konte niemand vor einen galanten Purschen passiren, der nicht zum wenigsten eine Spass-Courtoisie mit einem oder andern Frauen-Zimmer unterhielt. So bald ich mir also nur ein roth Kleid geschafft, und auch in anderer Auffuhrung einigen Etaat blicken lassen, zeigten sich also bald ein paar Syrenen von nicht geringen Stande, welche meiner Meynung nach, ihre charmanten Blicke und Minen nur darum gegen meine Person spieleten, dass sie einen so galanten Herrn, der aufs langste binnen anderthalb Jahren den Doctor-Hut auf dem Schadel haben musse, ja fein bey Zeiten zur Gegen-Liebe bewegen mochten, um mit der Zeit sein Hertz zu erbeuten, und durch ihn Frau Doctorin genennet zu werden. Etwas verzweiffeltes war es, dass ich so wohl als alles andere Leute, die um mein Wesen Bescheid wusten, in der Persuasion stund: mein Vormund musse mir wenigstens noch 8- biss 900. Thlr. baar Geld auszahlen, denn ich glaube, bloss dieses war genung, mir den Zutritt bey vielen Frauenzimmer von Condition zu verschaffen, allein ich gieng doch in diesem Stuck noch ziemlich behutsam, und nahm mich sehr genau in acht, nicht etwa unbesonnener weise einzuplumpen, und meine Freyheit einer zukunfftigen vielleicht allzu spaten Reue aufzuopffern, zumahlen da die tagliche Erfahrung lehret: dass das Universitats-Frauenzimmer gemeiniglich von Flandern, und selten langer getreu zu lieben pflegte, als man bey ihnen sitzt und spendiret. Endlich vermeynete ich doch eine gantz besonders getreue Seele angetroffen zu haben, weil sich selbige in ihren gantzen Wesen ungemein still und sittsam, gegen mich aber sehr keusch und zuchtig verliebt anstellete. Derowegen riss sich meine hin und her wanckende Liebe, von allen andern Gegenstanden loss, und blieb eintzig und allein, an dieser Schonen hangen, die sich Eleonore nennete. Ja! nachdem sich mein Lands-Mann von dieser Universitat hinweg, und auf eine andere begeben, war ich meiner Einbildung nach, vor hundert andern, so ungemein glucklich, bey der Liebens-wurdigen Eleonore ein Hauss-Pursche zu werden. Die Gelegenheit war also recht erwunscht vor mich indem ich nicht allein die Beqvemlichkeit hatte, meine Liebe durch tagliche Hertz-brechende Unterredung auf festen Fuss zu setzen, sondern nechst dem, bey einem solchen Manne im Hause zu wohnen, welcher das Studium anatomicum als sein Hauptwerck triebe, und darinnen etliche 50. Studenten privatim informirete, hierzu fein eigenes compendieuses Theatrum anatomicum angelegt hatte, und sich die groste Muhe gab, an den Leibern aller Thiere, so er nur habhafft werden kunte, das merckwurdigste und nutzlichste zu zeigen. Ich war hierbey dermassen geschafftig, dass ich in kurtzen sein Profector wurde, welche Ehre und Vorzug mir bey einigen andern ziemlichen Neid und Verfolgung erweckte, zumahlen da mit der Zeit, mein geheimes Liebes-Verstandniss mit Eleonoren ruchtbar zu werden begunte. Jedoch ehe ich meine eigenen fernern Geschichte verfolge, und eben itzo noch von der Anatomie gedacht habe, muss ich einer seltsamen Begebenheit erwehnen, welche beweiset, dass die Lust zur Anatomie, oder welches fast glaublicher, der Geld-Mangel, den Affect der Liebe eines Kindes gegen seine Mutter, allem Ansehen nach sehr zu mindern, ja gantzlich auszurotten vermogend ist.

Es wohnete in dasiger Vorstadt ein armer Studiosus Medicin, nebst seiner bey nahe 70. jahrigen Mutter und leiblichen Schwester, in einem kleinen Hause zur Miethe, und erhielt dieselben von den wenigen Geldern, die er sich etwa mit seiner schwachen Praxi, und Information einiger Kinder erwerben konte, wiewohl die Schwester mit ihrer Hand-Arbeit auch etwas beygetragen haben mag. Nachdem aber endlich die Mutter verstorben, muss er alle seine und ihre fahrende Haabe, entweder verkauffen oder versetzen, um dieselbe nur mit Ehren unter die Erde zu bringen, welches dem armen Schlucker dermassen zu Hertzen gehet, dass er, indem das Begrabniss etliche Tage aufgeschoben werden muss, vor Sorgen und Grillen sich nicht zu lassen, auch nirgends Trost zu suchen weiss. Doch in der letzten Nacht vor dem mutterlichen Begrabnisse, fallt ihm ein, dass unser Anatomicus, dessen Privat-Collegia er fleissig besuchte, nur vor wenig Tagen uns folgender gestalt angeredet: Messieurs! Sie reiten, fahren und spaziren ja doch immer auf den Dorffern herum, solte denn niemand unter ihnen so geschickt seyn, einmahl einen menschlichen Corper auf unser Theatrum anatomicum zu verschaffen, damit wir an selbigen, diejenige curiositee untersuchen konten, welche sich der Professor einer benachbarten Universitat jungsthin gantz neu erfunden zu haben ruhmet? Es giebt ja Leute genung, die sich eben kein uberflussiges Gewissen machen solten, uns einen todten Corper zu verkauffen, daferne man ihnen nur die gute Manier inspiriret, wie es zu practiciren und heimlich zu halten ist. Und wir werden ja alle zusamen auch noch etwa ein 100. Thl.

daran spendiren konnen, ich gebe 10. Thlr. vor meine Person, hoffe, die Herrn werden ein paar Lumpichte Thaler auch nicht stimiren, und sich die Sache angelegen seyn lassen, denn es ist hierbey Ehre, Ruhm und Nutzen zu erwerben.

Wie gesagt, dieser Vortrag fallt dem armen Studioso eben in der letzten Nacht ein, da er die Wache gantz allein bey der im Sarge liegenden Mutter halten muss, und weil seine Schwester sehr feste schlafft, nimmt er den todten Leichnam aus dem Sarge heraus, wickelt denselben in ein altes Tuch, versteckt ihn auf dem Boden hinter das Feuer-Gemauere, an dessen Stelle aber legt er etwas Heu, Stroh und Steine in den Sarg, und vernagelt denselben aufs allerfesteste. Folgenden Morgen kam er in aller Fruhe zu unsern Professore gelauffen, meldet, dass er ein Subjectum anatomicum humanum ausgekundschafft habe, selbiges aber unter 100. Thlr. nicht erhandeln konnen, derowegen er sich bey ihm erkundigen wolle: ob es davor anstandig sey oder nicht. Viele haben nachhero zwar statuiren wollen, dass er dem Professori das gantze Geheimniss ohne Scheu entdeckt, ich aber lasse solches dahin gestellet seyn. Kurtz! unser Professor ist mit dem Quanto zu frieden, giebt ihm so gleich 50. Thlr. in Abschlag, und verspricht den Rest, so gleich bey Empfang des Cadaveris zu bezahlen, welches dieser arme Schlucker folgendes Abends selbst zu uberbringen, und in seine Hande zu liefern angelobet. Vorhero aber, liess er Nachmittags, an statt seiner Mutter, den mit Steinen und Stroh gefullten Sarg, offentlich und mit allen gewohnlichen Ceremonien zur Erden bestatten, und so bald es dunckel worden, steckt er den bereits wohl eingewickelten mutterlichen Corper, in einen alten Sack, um damit nach des Professoris Hause zu zu wandern. Unter wegs begegnet ihm ein anderer bekandter Studiosus, der, ohngeacht er sich moglichst zu verstellen gesucht, ihn dennoch erkennet, und nicht ablasset zu fragen: was er unter dem Mantel truge? uber dieses gar, den Mantel aufzudecken, Miene macht. Allein der arme besturtzte Schlucker wickelt sich endlich doch von ihm loss, und giebt zur Antwort: Herr Bruder! lass mich nur zu frieden, ich trage eine alte Bass-Geige. Solchemnach kommt er, ohne fernern Anstoss, glucklich in unsern Hause an, und empfangt von dem Professore die annoch restirenden 50. Thlr. als womit er sich vor dasmahl aus aller seiner Noth und Schulden gerissen, vielleicht auch noch etwas erubriget hat. Folgenden Tages fanden wir samtlichen Interessenten, ein so

lange gewunschtes menschliches Cadaver, bezahleten derowegen des Professoris Vorschuss reichlich wieder, und machten uns an die Arbeit, der arme Schlukker zahlete zwar pro forma auch 2. Thlr. 16. Gr. darzu, und halff getrost mit in seiner Mutter Haut und Fleisch hinein schneiden, vermeynete auch, die Sache solte um so viel desto mehr unverdachtig und verschwiegen bleiben, allein da der Professor bey Demonstration der partium genitalium in etwas moralisirte, beym Utero aber solche Worte gebrauchte: Dieses ist der Gelehrten und Ungelehrten allererste Studier-Stube; Ein anderer aber hinzu setzte: Welche der grimmige Nero in seiner eigenen Mutter zu betrachten, so unmenschlich curieux gewesen; fand sich offt erwehnter Mutter-Verkauffer, dermassen betroffen, dass er bey nahe in Ohnmacht gesuncken ware, da doch zur selbigen Zeit noch niemand als ich und ein anderer guter Freund um den gantzen Handel Bescheid wusten. Nachhero wurde das vermeynte Geheimniss, zwar freylich etwas weiter fortgeweltzt, ob es aber vollig ruchtbar und Stadt-kundig worden: weiss ich nicht, weil mich nach diesem, selbiges Orts nicht lange aufgehalten habe.

Meine Particulair-Avanturen nunmehro weiter zu verfolgen, muss ich berichten: dass bald hernach zwey reichere, dabey aber ungezogenere Pursche, als ich, von der Magd im Hause erfuhren: wie Eleonore mich vor allen andern wohl leyden konte, und weil deren Vater sich sonderlich gutig gegen meine Person bezeigte, ware leicht zu vermuthen, dass ich diese artige Schone biss auf weitern Bescheid mir zu eigen machen konte. Da nun diese beyde, recht ernsthaffte NebenBuhler waren, fand sich bald Gelegenheit, einander die Degen-Spitzen zu zeigen. Jedoch ich war so glucklich, in einer Woche alle beyde mit blutigen Denckmahlen abzufertigen, derowegen entbrandte ihr Grimm nur um so viel desto hefftiger, so, dass sie noch etliche so genannte, aber nur eingebildete Renommisten zu sich nahmen, und unter dem prahlhafften Titul: Die heroische Bruderschafft, manche Nacht durch die Strassen schwermeten, allen eintzelen Leuten Verdruss und Schmach anthaten, unter andern aber auch ein blutiges Absehen auf meine Person hatten, und mich, bey Gelegenheit tuchtig zu zeichnen, sich verlauten liessen. Nun brauchte ich zwar alle behorige Vorsicht, mich nicht leichtlich in muthwillige und unnothige Handel einzumischen, jedoch da ich einsmahls zur Nachts-Zeit, von einem wohlbekandten Freunde aufgeruffen worden, um einen gefahrlichblessirten Studenten eiligst zu verbinden, und wir beyderseits im Begriff waren, in sein, mir wohlbekandtes Logis zu gehen, kam uns die heroische Bruderschafft unverhofft uber den Halss, mit Ausstossung dieser empfindlichen Worte: Canaille steh! Mein Begleiter sagte zu mir: Monsieur, ich bitte gar sehr, dass sie auf meine Verantwortung nur eiligst zu meinem blessirten Stuben-Purschen lauffen wolten, ich will diese Canaillen schon abfertigen. Allein ehe ich noch Zeit hatte ihm zu antworten, rieffen etliche Stimmen nochmahls: Hundsf: steh! Gedult! Gedult! rieff ihnen mein Compagnon entgegen, ich stehe schon. Unter diesen Worten aber, zohe er seinen Rock aus, legte denselben ohnfern des Superintendentens Wohnung in eine Thor-Fahrt, entblosste seine Esquadronir-Klinge, und hieb, auf dermassen verzweiffelte Art, die creutze und die qveere in die heroische Bruderschafft hinnein, dass selbige an nichts weniger als an die Gegenwehr zu gedencken schien; sondern sich auf die Flucht begab. Hiermit aber war es noch nicht genung, sondern er verfolget dieselbe dermassen furieus, dass von 10. oder 12. Personen, nicht zwey bey einander bleiben durffen, worauf er sans passion zurucke gehet, und seinen Rock wieder anziehet, mich aber bey seinen blessirten Stuben-Purschen antraff, und die gantze Geschicht ohne eintzige Prahlerey erzehlete. Dergleichen Courage hatte ich meines theils bey keinem Menschen, am allerwenigsten aber bey diesen gesucht, denn er schien eben der starckste nicht zu seyn, war aber doch mittlerer Taille ziemlich untersetzt, und etwas unter 3. Jahren auf der Universitat, vorhero aber auf dem Gymnasio zu Zeitz gewesen, allwo er verschiedene mahl Gelegenheit gehabt, sich mit den Soldaten herum zu schlagen, welches die hasslichen Narben auf seinem Kopffe des mehrern bezeugten. Wie gesagt, ich hatte dergleichen hertzhafften Streich nimmermehr geglaubt, wenn nicht das meiste selbst mit Augen gesehen, und in darauf folgenden Tagen die Confirmation von allen, die um selbige Gegend wohneten, gehoret hatte.

Inzwischen war die gantze heroische Bruderschafft zum grosten Gelachter aller Menschen auf einmahl zerstreuet worden, ich aber machte mit diesem resoluten Studioso die vertrauteste Freundschafft, weil selbiger, meinen Gedancken nach, mir zum Schilde wider alle dergleichen Verfolgungen dienen konte. Er hatte nicht sonderlich viel in bonis, da ich aber durch ihn in kurtzen zu schonen Geld-Verdienste gelangete, wurde er von mir nicht allein nach meinem Vermogen dann und wann mit Gelde fournirt, sondern in allen Compagnien, wo er bey mir war, frey gehalten. Jedoch auf solche Manier, lernete ich wochentlich zwey, drey, auch wohl 4. mahl auf die Dorffer spaziren, und meinen bissherigen Fleiss, der wegen taglicher LiebesGrillen ohnedem schon einigen Abbruch gelitten, noch weit starcker hemmen. Aber was wurde draus? erstlich ein lustiger Pursche, hernach ein nasser Bruder, weiter ein Craqveler, und endlich ein desperater Kerl. Denn einsmahls, da ich mich auf einem nahgelegenen Dorffe unter lustiger Compagnie befand, kamen auch ihrer funffe von der ehemahligen heroischen Bruderschafft in unsern Saal getreten. Mir machten sie keine Sorge, denn da ich dero besondere Hertzhafftigkeit einmahl auf der Probe gesehen, trug mein, von Bier und Wein ziemlich angefeureter Geist, nicht das allergeringste Bedencken, mit ihnen anzubinden, ohngeacht mein ehemahliger Vorfechter dieses mahl nicht mit zugegen war. Es wahrete nicht lange, so wurden allerhand Stichel-Reden gewechselt, welche ich und meine Anhanger mit gleicher Muntze bezahleten, endlich aber, da die Worte fielen: dass sich heute zu Tage ein jeder Bartscheerer vom Doctor-Hute wolte traumen lassen, wurde dem Fasse der Boden ausgestossen. Meine 3. Anhanger waren so glucklich, ihre 4. Gegner zur Thur hinnans zu fuchteln, ich aber so unglucklich, demjenigen, der mich touchirt hatte, einen solchen Circumflexum uber den Hirnschadel zu schreiben, wovon er augenblicklich zu Boden sincken, und als ein halb-todter Mensch aufs Stroh gelegt werden muste.

Ware ich so vernunfftig gewesen, gleich meines Wegs uber die Grantze zu gehen, so hatte es seiten meiner weiter nichts zu bedeuten gehabt, denn meine Sachen, die in lauter Buchern und Kleidern bestunden, wurden meine guten Freunde gar bald in Sicherheit gebracht haben; Allein meine Thorheit bildete sich, noch Recht uberley zu haben, ein, derowegen ging ich ohne Scheu in mein Logis, erzehlete die gehabten fatalitaten, trunck mit meiner Amasia noch einen Coffee, und legte mich hernach aufs Ohr. Da aber mein guter Kramer kaum zwey oder drey Stunden geschlaffen hatte, meldete sich der Herr Pedell, nebst hinter sich habenden Handgreifflichen Anwalden, (denn solchen Titul haben sich in diesem Seculo die Herrn Hascher beygelegt) und fuhreten ihn in die Custodiam.

Es brauchte kein langes Kopffbrechens und Fragens nach den gewohnlichen Oratorischen BehelffsWorten: Quis? quid? ubi? quibus auxiliis? cur? quomodo? quando? sondern ich konte mir leicht die Rechnung machen: dass mein kunstmassig gezogener Circumflexus, diese ublen Suiten nach sich gezogen, und vielleicht noch ublere nach sich ziehen konte, zumahl da es hiess, dass an des Patienten Aufkommen gar sehr gezweiffelt wurde. Man vergonnete mir zwar, aus meinem Logis die Speisen zu empfangen, doch durffte der Uberbringer kein Wort mit mir reden, denn meine 4. Wachter, die allem Ansehen und Vermuthen nach, in linea obliqva von des grossen Goliaths Waffentrager herstammeten, waren in den ersten 9. Tagen, ich glaube, eines besondern Aberglaubens wegen, dermassen unerweichlich, dass sie auch kaum einer Fliege vergonnen wolten, aus meinem Glase zu trincken, indem sie befurchteten, ich mochte durch dieselbe etwa eine geheime Correspondenz, meiner Befreyung wegen, anzuspinnen suchen, dem ohngeacht war doch meine Eleonora endlich so inventieus, dieselben zu betriegen, denn sie hatte auf gantz subtile Art, ein kleines Briefgen folgendes Innhalts mit dem Messer in mein mittagiges Dreyer-Brod geschoben:

Mon Ami,

Ihr konnet seit der fatalen Nacht, eurer Handel wegen, unmoglich in grossern Aengsten geschwebt verfluchten Creti und Plethi, meinen Abgeschickten so wenig, als andern guten Freunden, erlauben wollen, euch zu sprechen, oder einen Brief zuzusenden, doch fasset nunmehro guten Muth, denn mein Papa hat heute den Patienten selbst besucht, und ihn besser befunden, als die Rede gehet, derowegen hat bald Hoffnung, in erwunschter Freyheit einen Russ von euch zu empfangen

votre amie Eleonore N.

Gleich nach Verlesung dieses, mit meinem BrodMesser unversehener weise durchschnittenen Briefs, wurde mir das Hertze um etliche Centner leichter, ich muste aber doch uberhaupt 5. Wochen weniger 2. Tage pausiren, ehe sich meine Freyheit vor 53. Thlr. Unkosten und Straff-Gelder erhalten liess. Allein was halffs? da ich nunmehro den Vorsatz gefasset, wieder umzukehren, meine vorige fleissige Lebens-Art von neuen anzufangen, und die Tochter dem Vater nach Jacobs Weise abzuverdienen, wurde ich eines Abends, da ich mit meiner Liebste in der Hauss-Thur stund, von einem vorbey gehenden Meuchelmorder, unversehens durch und durch gestochen, so, dass ich augenblicklich zu Boden sanck, weil aber der MordStich nur durch die Weichen gegangen war, und keine von den edelsten Theilen beruhret hatte, wurde ich auszugehen. Jedoch gleich am ersten Abende meines Ausgangs, hatte ein unbekandter Bothe, einen an mich gestelleten Brief ins Hauss gegeben, den ich also gesetzt befand:

Monsieur,

Wenn euch eures Lebens wegen zu rathen stehet, so fasset entweder den Schluss, aufs eiligste diesen Ort zu verlassen, oder eure, der Sage nach, hochst-geliebte Eleonora gantzlich, und zwar vermittelst einer offentlichen prostitution zu quittiren. Das letztere wird euren, vermuthlich redlichen, Gemuthe vielleicht unmoglich seyn, derowegen uberleget das erste, und bedenckt euer bestes, denn einer solchen Zusamen-Ver

schwerung, als eurentwegen geschehen, seyd ihr und alle eure Gonner, in Wahrheit nicht capable zu widerstehen. Gebrauchet Raison, Monsieur, und machet von dieser meiner Schrifft kein Bruit, sonsten wird der Verdacht ohnfehlbar auf eine Person fallen, die nur das Plaisir gehabt hat, euch von ferne kennen zu lernen, sich aber dennoch nennet

Monsieur,

eurer Liebsten und eure

gute Freundin in N.N.

Bey so gestalten Sachen konte ich wohl ohne

Schertz sagen: Inter sacrum & saxum sto! Friss Vogel oder stirb. Jedoch muste die Sache erstlich mit meinen, in Hoffnung habenden Schwieger-Eltern, so wohl als mit der Liebste selbst uberlegen, und da diese ingesamt riethen: nur aufs eiligste abzureisen, und nicht eher wieder zu kommen, biss sie mir die Versicherung uberschrieben, dass sich der itzige Sturm gelegt, oder ich mir selbst eine gute bleibende Statte ausgemacht hatte, gieng ich mit der ersten Post auf mein VaterLand zu, nachdem mir Eleonore die krafftigsten Versicherungen gegeben: nimmermehr keinen andern als mich zu heyrathen, sondern viel lieber Zeit Lebens ledig zu bleiben.

Zum grosten Unglucke war ich auf die Gedancken gerathen: meinem Vormunde einen Brief voraus zu schicken, und ihm den Post-Tag zu melden, an welchen ich bey ihm eintreffen, mich aufs eiligste mit ihm berechnen, und so dann die Reise nach einer andern Universitat fortsetzen wolte, denn es wurde mir mein Concept gewaltig verruckt, da mich ohngefahr 8. oder 9. Meilen vor meiner Geburths-Stadt, beym PostWechsel, ein Troupp Soldaten umringete, nebst meinen bey mir habenden Sachen, auf einen andern Wagen setzte, uber Stock und Stiel fortfuhrete, und endlich in einer ziemlichen Vestung auf die HauptWache lieferte. Was mir daselbst vor Schmach und Qvaal angethan worden, da ich durchaus nicht willigen wolte, eine Musquete auf die Schulter zu nehmen, ist wahrhafftig nicht auszusprechen, mein Vorschlag war jedennoch, 500. Thlr. vor den Abschied zu geben, und da solches verweigert wurde, einen FeldscheersDienst anzunehmen, auch auf 3. oder 4. Jahr zu capituliren, allein es war alles vergebens, denn die Officiers sagten mir frey ins Gesichte: dass sie eben keine lang gewachsenen Feldscheers, wohl aber lange Musquetirs brauchten. Endlich da ich 2. Tage und 3. Nacht krumm zusammen gebunden, unter der Pritsche schwitzen mussen, und kein anderes Laabsal oder Nahrungs-Mittel empfangen hatte, als HeeringsKopffe, welche mir einmahl uber das andere in den Mund gesteckt wurden, war es unmoglich, die Marter langer auszustehen, sondern ich muste mich endlich entschliessen, einen hochst-gezwungenen Eid zur Kriegs-Fahne abzulegen. Nun hatte sich zwar nach und nach vielleicht die Gedult bey mir eingefunden, diesem widerwartigen Verhangnisse so lange stille zu halten, biss sich mit der Zeit Gelegenheit gefunden, selbiges mit guter Manier zu verbessern, allein das unerhort grausame Tractament, welches ich alltaglich von den Unter-Officiers, und sonderlich dem Sohne meines Vormundes, der Corporal hiess, erdulden muste, war abermahls unertraglich. Ich glaube, dass letzt erwehnter Bosewicht, mir lediglich auf Anstifften seiner vergallten Mutter, so viel Hertzeleyd zufugte, und auch seine andern Cameraden darzu anreitzte, denn wenn ich beym privat-exerciren nur das Weisse in den Augen ein wenig verwendete, geschweige denn sonst etwas unmogliches recht zu machen wuste, muste mein Rucken dermassen viel Stock-Schlage fuhlen, dergleichen er sich empfangen zu haben nicht erinnern konte, seit dem ich der Katze die Schelle angehangt, der Magd den Zettel angeklebt, des Hundes Stuhl mit Steck-Nadeln gefuttert, und den alten Weibern das curieuse Feuerwerck prparirt hatte.

Wir musten uber die besonders lustige Art, womit Mons. Kramer dieses letztere vorbrachte, von Hertzen lachen, ohngeacht die Beschreibung seines angetretenen Soldaten-Lebens eben nicht lacherlich war, so bald er sich aber selbst mit uns satt gelacht hatte, fuhr er in Erzehlen also fort:

Solchergestalt muste ich sehr einfaltig gewesen seyn: wenn ich nicht gemerckt, dass mir mein Vetter und Vormund dieses Bad selbst zubereitet hatte, um nur desto langer mit dem verdrusslichen Spruche: Thue Rechnung von deinem Hausshalten etc. verschonet zu bleiben. Derowegen war eben im Begriff, etwa einen hohern Officier, durch Geschencke, und Versprechung eines mehrern, auf meine Seite zu bringen, der mir nicht allein einige Linderung, sondern auch von meinem ungetreuen Vormunde hinlangliche Satisfaction verschaffen solte; als mir ein anderer unglucklicher Streich begegnete, und zwar bey folgender Gelegenheit: Es schlugen sich eines Abends etliche Handwercks-Pursche auf der Strasse mit Knutteln weidlich herum, da nun ich dieses Spectacul mit anzusehen, in voller Montur, nebst meinem Wirth um die Ecke des Quartiers spazirt war, kam der Corporal, mein Herr Vetter ohnverhofft auf mich zu, und fragte: was ich hier zu stehen, und ob ich etwa Lust mit zu machen hatte? Nichts weniger als dieses, gab ich zur Antwort, denn ich menge mich nicht gern in frembde Handel. So scheert euch, sprach er, in euer Quartier, und legt euch auf den denn Morgen habt ihr die Wache. Es wird, versetzte ich, Morgen an mir nicht fehlen, heute aber habe nicht eher Ursach mich nieder zu legen, biss der Zapffen Streich geschlagen ist. Canaille, wilst du lange raisoniren, schrye er hierauf, und schlug mich dermassen mit dem Stocke uber den Kopff dass mir augenblicklich das Blut uber die Nase lieff, wesswegen ich von einem recht rasenden Eiffer angestammt, augenblicklich meinen Pallasch zohe, dem schandlichen Bluts-Freunde etliche Hiebe in den Kopff und Schultern versetzte, letztlich aber die rechte Hand dergestalt streiffte, dass sie nur noch an einer eintzigen Flachse behangen blieb. Dieserwegen kam ich erstlich in Arrest, bald hernach aber ins Verhor und Krieges-Recht, allwo mir das trostliche Urtheil gefallet wurde: Drey Tage nach ein ander, und zwar alle Tage 12. mahl durch die SpitzRuthen zu lauffen. Dieses kam meiner Seele weit unertraglicher vor, als der Tod selbsten, ja der Satan war so geschafftig, mir einzugeben, dass ich mich lieber selbst ermorden, als dergleichen Marter ausstehen solte, weil ich doch so wohl davon crepiren muste als ein anderer, der nur vor wenig Tagen eben dergleichen Straffe erlitten. Jedoch dieser desperate Entschluss wurde noch bey Zeiten von christlichern Gedancken erstickt, hergegen fiel mir ein anderer Hazard ein, der doch zum wenigsten nicht so gar verzweiffelt und strafflich zu achten war. Diesemnach, da ich wuste, dass bey dem heimlichen Gemache, welches zu der Corps de Garde, da ich gefangen sass, gehorete, eine schmale Schlufft den Wall hinab, nach dem WasserGraben zu, gieng, observirte ich Sonntags, nehmlich des Tags vorhero, da ich Spitz-Ruthen lauffen solte, alle Gelegenheit, wie auch die Gegend jenseit der Vestung sehr genau, simulirte Nachts ein hefftiges Reissen im Leibe, liess mich etliche mahl hinaus bringen, so lange biss meine Begleiter daruber verdrusslich wurden, und mir alleine an den Ort zu gehen erlaubten, wo man seinen Vortrag mit gebogenen Knien zu thun obligirt ist, in Meynung, dass ich doch unmoglich entwischen konte, weiln ohnedem 4. Schild-Wachen um diese Gegend stunden, die man nicht so leicht vorbey passiren konte. Allein ich ersahe meinen Vortheil, Nachts gegen 12. Uhr, rutschte durch die enge Schlufft den Wall hurtig hinnab, sprung eine 8. biss 9. Elen hohe Mauer hinunter in den Graben, so, dass mir das Wasser uber den Kopffe zusammen schlug, rieff den Hochsten, um Erhaltung meines Lebens, an, begab mich aufs Schwimmen, kam glucklich hindurch, und erreichte endlich nach Ubersteigung vieler Abschnitte und Pallisaden die freye Landstrasse.

Vor allen Dingen fiel ich nunmehro erstlich nieder auf meine Knie, und bat GOtt um gnadige Vergebung meiner Sunden, indem mich die groste Noth getrieben hatte, einen, obschon aufgezwungenen, Eyd zu brechen, hiernachst dass mich derselbe ferner gnadiglich fuhren, und lieber mit anderweitigen vaterlichen Zuchtigungen belegen, als wiederum in die Hande meiner tyrannischen und unmenschlichen Lands-Leute geben wolle. Da nun unter diesen eiffrigen Gebethe ein wenig verschnaubt hatte, begab ich mich aufs Lauffen, weilen allbereit ausgekundschafft hatte, dass die Grantze des benachbarten Landes-Herrn nicht uber 4. Meilen von dieser Stelle entlegen sey. Wie mir zu Muthe gewesen, da ich einen, oder, wo mir recht ist, zwey Canonen-Schusse aus der Stadt, und dann in allen umliegenden Dorffern, die Sturm Glokken lauten horete, lasse ich ihnen, meine Herrn, selbst erwegen, denn dieses war das gewohnliche Zeichen, dass ein Deserteur aus der Vestung entsprungen, und dass jede Dorffschafft obligirt sey, denselben zu verfolgen. Fruh Morgens gegen Aufgang der Sonnen, da ich mich auf einer weiten Ebene befand, und mir unmoglich fiel, ohngeruhet weiter zu lauffen, zwangete sich mein ermudeter Corper in einen aufgesprungenen hohlen Weyden Baum, der da weit von allen Strassen, nebst unzahligen andern, auf einer Viehtrifft stund. Etwa eine Stunde hernach, da ich schon in stando ein wenig geschlummert hatte, passirte der Vieh-Hirte vor mir vorbey, war aber, wie ich glaube, mit Blindheit geschlagen, weil er mich so wenig sahe als sein Knabe, der ebenfalls sehr offters bey meinem SchlaffGemache vorbey lieff. Jedoch so bald er nur etwa hundert Schritt von mir, sich nebst seinem Knaben in die Sonne gelegt, fieng ich von neuen an zu schlummern, wurde aber nochmahls durch das Getose etlicher Reuter gestohret, welche, wie ich durch ein Spalt-Loch sehen konte, sich dem Hirten naherten, und fragten: ob er keinen Deserteur, in solcher Kleidung, wie sie ihm die meinige beschrieben, vorbey lauffen sehen. Er konte freylich wohl mit guten Gewissen Nein sagen, berichtete auch auf ferneres Befragen, dass nur noch eine gute Stunde Wegs biss zur Grantze sey, wesswegen die Reuter ihre Pferde desto scharffer ansporneten, und zwischen den Baumen, nicht 12. Schritt vor meinem Behaltnisse, hinritten. Mein Hertze klopffte inzwischen so lange, biss ich dieselben aus dem Gehore und Gesichte verlohr, endlich aber verlohr sich auch zugleich die allergroste Angst, in darauf folgenden mehr als 6. stundigen Schlaffe. Nachdem ich aufgewacht war, fieng mich der Hunger ziemlich zu plagen an, jedoch der Magen muste vor dieses mahl durchaus Raison annehmen, weil ich nicht vor rathsam hielt, diesen sichern Ort zu verlassen, ohngeacht derselbe vor menschlichen Augen sehr unsicher zu seyn schien. Der Hirte, welcher binnen der Zeit weit im Felde gewesen, kam endlich gegen Abend wiederum zuruck, und setzte sich etwa 20. Schritt von meinem Baume nieder, bald darauf kam auch sein Knabe, der vermuthlich Tags uber im Dorffe gewesen war, setzte sich neben ihn, und fragte unter andern: ob die Reuter wieder zuruck gekommen waren, die dem entlauffenen Lands-Knechte nachgesetzt hatten. Der Alte bejahete solches, meldete darbey, dass er abermahls mit ihnen gesprochen, und erfahren, wie sie heute einen vergeblichen Ritt gethan hatten. Es ist Schade Vater, sagte hierzu der Knabe, dass wir den Schelm nicht haben ansagen konnen, denn sonst hatten wir gewiss einen Thaler Geld dabey verdienet, oder wohl gar zwey. Ach Toffel! versetzte der Alte, behute uns GOtt vor solchen Blut-Gelde, es kan vielleicht wohl ein gut ehrlich Mutter-Kind gewesen seyn, wer weiss, wie sie ihn gecreutziget haben, ich wolte lieber einen Pfenning oder wohl gar nichts nehmen, und einen solchen armen Kerl 10. Meilen fort bringen, als vor 10. Thlr. Geld ihn den Soldaten verrathen, denn diese machen nicht viel Federlesens, sondern lassen auch die besten Kerls an den Galgen hencken. O du redliches Blut! gedachte ich in meinen Hertzen, GOtt wird dir deine christliche Liebe, wo nicht zeitlich, doch dort ewig zu vergelten wissen. Jedoch ich hielt mich noch bestandig in aller Stille, biss endlich, nach verschiedenen andern Gesprachen, der Knabe weit ins Feld lieff, um das zerstreute Vieh zusammen zu treiben. Da nun bald hernach der Hirte etwas naher an meinen Baum kam, rieff ich ihn an, klagte seiner Treuhertzigkeit meine Noth, uberreichte ihm einen Ducaten, und bat, mir davor, so bald es moglich, nur einen Trunck Bier, nebst einem Stucke Brod zu verschaffen. Er zeigte grosses Mittleyden bey meinem Elende, uberreichte mir indessen ein Stuck Brod nebst einem Kase, und versprach, binnen zwey Stunden mit besserer Speise und Getrancke bey mir zu erscheinen, wolte aber durchaus kein Gold, sondern sagte: ich mochte ihn nur etliche Groschen Silber-Geld geben, um die Speisen davor zu kauffen, weil er in seinem gantzen Leben voritzo nicht mehr als 10. Pfennige baares Geld aufzubringen wuste. Demnach uberreichte ich ihm eine gantze Hand voll Silber-Geld, wovon er aber nicht mehr als etliche Groschen auslase, und das ubrige durchaus nicht annehmen wolte, sondern mit starcken Kopffschutteln davon gieng, nachdem er versprochen, binnen einer Stunde wieder bey mir zu seyn. Er hielt sein Wort redlich, kam mit der Abend-Demmerung zuruck, brachte einen halben Schincken, ein starck Stucke Wurst, ein halbes Brod, eine Flasche Bier, wie auch Butter und Kase in seinem Rantzen getragen, liess mich nach Belieben davon speisen, er aber setzte sich etliche Schritt von mir hinweg, und erzehlete binnen der Zeit, seiner Einfalt nach, verschiedene kluge Streiche, die von einem Manne, der taglich mit niemanden, als unvernunfftigen Vieh umgieng, nicht leicht zu vermuthen waren. So bald die Nacht herein brach, fuhrete er mich glucklich uber die Grantzen meines verhassten Vaterlandes, ruhete hernach uber 3. Stunden, in einem dicken Gepusche, an meiner Seite, und zeigete mir hernach die richtige Strasse, worauf ich ohnfehlbar binnen 3. oder 4. Stunden eine kleine Stadt erreichen wurde, in welcher nicht die geringste Gefahr vor mich zu befurchten, hergegen alle Sicherheit anzutreffen sey. Ich fragte, was er vor seine Bemuhung haben wolte, und der gute Mann forderte nicht mehr als 2. Groschen, welches mich dermassen afficirte, dass ich ihm 2. spec. Ducaten gab, die er vermuthlich nicht angenommen, wenn die Dunckelheit ihn nicht verhindert hatte, Gold- und Silber-Geld zu unterscheiden.

Nunmehro setzte ich meine Reise in groster Geschwindigkeit nach bezeichneter Stadt fort, und erreichte dieselbe noch vor anbrechenden Tage. Mein gantzes Vermogen belieff sich auf 43. spec. Ducaten, und etwa 12. biss 15. Thl. Silber-Geld, derowegen konte noch wohl das Hertz haben, mich in einen reputirlichen Gasthoff einzulogiren, allwo ich ebenfalls sehr gutthatige Leute antraff, mich mit reinlicher neuer Kleidung und Wasche versorgte, nach Muhlhausen zu einem weitlaufftigen Befreundten reisete, und von daraus, an meinen ungewissenhafften Vormund schrieb, um zu vernehmen, ob er mir noch etwas von meinem Erbtheile heraus geben wolte oder nicht. Allein ich hatte die groste Ursache, das daran gewendete Post-Geld zu bedauren, denn die Antwort fiel accurat also, wie ich mir dieselbe eingebildet hatte, nehmlich, ich solte erstlich kommen, mich mit ihm berechnen, seinem Sohne, die, meuchelmorderischer weise abgehauene Hand, bezahlen, und so dann den Galgen, wegen meiner Desertion an statt des Rests zu fordern haben. Derjenige Brief, welchen ich ihn hierauf geschrieben, wird schwerlich einem andern lebendigen Menschen, als uns beyden, vors Gesichte gekommen seyn, mich aber gereuet es fast, dass das Concept nachhero von mir verbrandt worden.

Diesemnach hiess es nun mit mir: Omnia mea mecum porto, wiewohl ich dieserwegen den Muth gantz und gar nicht sincken liess, sondern mein niedergedrucktes Glucke, auf einer andern Universitat wiederum aufzurichten verhoffte; Allein die Herrn Soldaten verruckten mein Concept zum andern mahle, und forcirten mich bey damahliger starcken Recreutirung, mit Gewalt Dienste zu nehmen, doch war diese Art gegen die vorige Englisch zu nennen, denn ich konte und durffte bey ihnen doch dasjenige, wovon ich Profession machte, unter einer reputirlichen Charge practiciren, bekam auch von einem recht liebreichen Officier hinlanglichen Sold, und machte mir also nicht das geringste Bedencken, hinkunfftig ein oder etliche Campagnen mit zu wagen.

Inmittelst waren nunmehro 7. Monath verstrichen, seit dem ich von meiner allerliebsten Eleonore Abschied genommen, und ihr binnen der Zeit mehr als 8. Briefe geschrieben, jedoch nicht die geringste Antworts-Zeile erhalten hatte. Ich habe von meiner allerliebsten Eleonore geredet, nehmlich von derjenigen Eleonore, welche mir mit unverlangten grausamen Eyd-Schwuren versprochen: ehe 1000. mahl zu sterben, als sich, Zeit meines Lebens, an eines andern Seite zu legen, ja man solte sie eher in Stucken zerreissen, als mit einer anderen Manns-Person ins BrautBette bringen. Uber dieses hatte sie jederzeit eine dermassen strenge Tugend gegen mich bezeuget, dass meine Caressen bey ihr niemahls einen hohern Grad erreichen durffen, als ihre Hand und Mund zu kussen. Allein nunmehro berichtete mich ein guter Freund: dass dieselbe noch kein eintziges mahl gestorben, vielweniger, seines Wissens, ein eintziges Stuck von ihrem Leibe abreissen lassen, und dennoch bereits vor 3. Monathen, ohne allen Zwang, einen Licentiaten geheyrathet hatte.

Eben da dieser Brief bey mir einlieff, war ich im Begriff, eine Comdie, von dem philosophischen Harleqvin Diogene, und zwar diejenige Passage zu lesen, da man ihm berichtet: wie sein Knecht Manes darvon gelauffen sey. Worauf er zur Antwort gegeben: Kan Manes ohne Diogene, so kan auch wohl Diogenes ohne ihn leben. Derowegen applicirte ich dieselbe Passage auf mich und meine ungetreue Liebste, imitirte also diesen klugen Narren zu meiner ungemeinen Gemuths Befriedigung. Weil ich mich aber erinnerte: ihr, nebst einer Englischen Uhr, noch andere pretieuse Sachen, die am Werth mehr als 150. Thlr. betrugen, auf die Treue gegeben zu haben; so konte doch nicht unterlassen, einen stacheligen Gratulations-Brief an dieselbe zu schreiben, und meine Sachen wieder zuruck zu verlangen, mit der Bedrohung, dass ich auf den Verweigerungs-Fall, andere, ihr vielleicht nicht sonderlich renommirliche Messures nehmen wurde. Mein Special-Freund hatte diesen Brief der Dame zu eigenen Handen geliefert, und durch mundliches Zureden so viel ausgewurckt, dass sie mir endlich meine Uhr nebst 100. Thlr. baaren Gelde remittirte. Ihren mit allerhand kahlen Entschuldigungen und lappischen Fratzen angefulleten Brief, habe kaum des Lesens gewurdiget, hergegen kam mir das uberschickte desto besser a propos. Denn ich konte damit meine Equippage, gegen bevorstehende Campagne, nicht allein in desto bessern Stand setzen, sondern auch in gegenwartigen Winter-Quartiere, eine solche Figur machen: dass sonderlich das Frauenzimmer besondern Estim vor meine Person zeigte.

Weil nun die Liebe durchaus, an Eleonoren, Revange zu nehmen, verlangte, um selbiger ungetreuen Person zu zeigen, dass ihr Verlust sehr leicht und zwar weit vortheilhaffter zu ersetzen sey; liess ich mir durch die Reitzungen einer artigen Rosine, abermahls das Hertze rauben, und weil dieselbe von guten Geschlechte, ziemlichen Vermogens, darbey auch recht artiger Bildung, und sonderlich eines aufgeweckten und klugen Geistes war, schlossen wir, mit Genehmhaltung ihrer Eltern, ein festes Liebes-Verbindniss, worbey mir jedoch erlaubet wurde, vor Vollziehung desselben ein oder etliche Campagnen unter der Soldatesque zu thun, indem mein Schatz nur erstlich 17. Jahr alt, also wohl noch einige Jahr warten konte. Nach glucklicher Zuruckkunfft, solte mir von meines Schwieger-Vaters Bruder, der keine Erben hatte, die Stadt-Apotheke zugeschlagen werden, damit ich, nach Belieben, alle drey Species der Medicin, nehmlich Medicinam selbst, anbey auch Chirurgiam und Pharmacopam practiciren konte.

Solchergestallt gieng ich im darauff folgenden Fruh-Jahre, mit vergnugen zu Felde, in Meynung folgenden Winter, oder doch aufs langste binnen zwey oder drey Jahren wieder bey meiner Braut zu seyn. Allein es wurden vollkommene 5. Jahr daraus, binnen welcher Zeit ich zwar etliche Briefe an dieselbe und ihre Eltern schrieb, auch auf alle die angenehmsten Antworten erhielt; jedoch da vor gantzlicher Beylegung des Kriegs, keine Hoffnung zum Abschiede vorhanden, musten wir uns auf allen Seiten mit Gedult schmieren. Nun solte Ihnen, meine Herren, sagte hierbey Mons. Kramer, auch eine ausfuhrliche Beschreibung von meinen zugestossenen Kriegs-Begebenheiten machen, allein ich furchte, es mochte selbige auf einmahl, wegen der Langweiligkeit verdrusslich fallen, derowegen will dergleichen, biss auf eine andere Zeit versparen, und voritzo nur melden: dass, nach glucklich abgelegten Ruck-March, kaum mein StandQuartier bezogen hatte, da ich sogleich um Uhrlaub bat, und die Reise zu meiner Liebsten antrat. Aber, aber! indem ich dieselbe unverhofft zu uberfallen, und desto mehr Freude zu verursachen gedachte, traff ich im Hause alles consternirt, betrubt und gegen mich kaltsinnig an. Meine Braut solte vor wenig Wochen zu einer ihrer Muhmen gereiset seyn, welche selbige nicht so bald wieder hatte von sich lassen wollen; Ich machte mir allerhand Gedancken bey solchen verwirreten und kaltsinnigen Wesen, jedoch was will ich itzo viele Umschweiffe machen? die saubere Rosine hatte bey ihrer grossen Klugheit ins Nest hofieret, deutlich aber zu sagen: ein Jungfer-Kindgen bekommen, und zwar von einem solchen Spaas-Galane, der sie Standes wegen nicht heyrathen durffte oder wolte.

Ihre Eltern liessen mir dieses Malheur, durch den dritten Mann, in einem Safftgen beybringen welcher hoch und theuer versicherte: dass diese Sache gantz und gar noch nicht kundbar ware, sondern gantz artig vermantelt werden konte, wenn ich vor 1000. Thlr. besondere Discretion, mich ins Mittel schlagen, Vater des Kindes heissen, u. die Geschwachte heyrathen wolte. Allein hierzu war der gantze Kerl, uber alle massen delicat, und ohngeacht die schwangere Jungfer vor gantz ausserordentlich schon ausgeschryen, auch mir eine noch starckere Discretion angebothen wurde, so blieb ich dennoch bey meinem Eigensinne, verlangte nicht mehr als 300. Thlr. vor meine ehemahls gegebenen Geschencke und Reise-Kosten, versprach auch davor alle honette Verschwiegenheit zu halten, und reisete, nachdem ich solch gefordertes Geld, ohne die geringste Weigerung, gegen einen ausgestelleten Revers erhalten, fast noch vergnugter zuruck, als ich daselbst angelanget war. Zwar kan ich nicht laugnen, dass mir das wohlgebildete Gesichte und artige Conduite meiner gewesenen Liebste, dergestallt vor Augen und in Gedancken schwebete, dass ich nachhero lange Zeit nicht ohne besondere Betrubniss an ihr Malheur gedencken konte, jedoch wenn ich im Gegentheil bedachte: dass dergleichen Auffuhrung eines verlobten Frauenzimmers, eine verzweiffelte Leichtsinnigkeit und liederliche Lebens-Art anzeigte, begunte nach und nach die Empfindlichkeit zu verschwinden.

Nachdem hierauff etliche Monate verstrichen waren, erhielt ich endlich den instandig gesuchten Abschied, und war nunmehro gesonnen, ein Oerthgen auszusuchen wo ich mein Leben in guter Bequemlichkeit hinbringen konte, weil sich das Vermogen an baaren Gelde und andern Mobilien, doch auf 800. Thlr. belieff. Mein missgonstiges Verhangniss aber hatte das Wieder-Spiel beschlossen, denn ich liess mich von einem gewissen Cavalier, der eine hohe Charge an einem, der vornehmsten Hofe in Deutschland bekleidete, in Dienste zu treten, bereden. Selbiger war in der That ein ungemein wohl conduisirter Herr gegen seine Bedienten, absonderlich konte ich mit Recht, vor andern, mich gantz sonderbarer Gnade von ihm flattiren, denn er tractirte mich jederzeit mit solcher Gefalligkeit, die den Character, unter welchen ich mich bey ihm engagirt hatte, sehr weit uberstieg. Binnen etlichen Jahren, hatte ich durch seine Unterstutzung, mein Gluck zum offtern durch Heyrathen und mittelmassige Aemter gar wohl machen konnen, allein er inspirirte mir selbsten immerfort die Hoffnung, auf etwas noch besseres. Aber, aber! da ich solchergestallt dem Glucke am allerbesten im Schoosse zu sitzen vermeynte, wurde mein Herr des Nachts plotzlich von etlichen Officiers und Soldaten uberfallen, in einen verdeckten Wagen gesetzt, und nach einem festen Schlosse in Arrest gebracht. Meine Person muste unvermutheter Weise par Compagnie auch mit, wurde gleichfalls in das wohl verwahrte Zimmer eines Thurms gesetzt, und zwar ein Stockwerck hoher als mein Herr, mit dem ich in folgender Zeit kein Wort zu sprechen Gelegenheit nehmen durffte. Ich habe niemahls erfahren konnen, was ihm eigentlich und hauptsachlich vor ein Verbrechen schuld gegeben worden, aus denenjenigen Articuln aber, woruber man mich vernahm, konte ich leichtlich schliessen, dass es Sachen von grosser Wichtigkeit seyn musten. Nachdem ich nun ein halbes Jahr weniger 4. Tage gefangen gesessen, unschuldig befunden, und endlich frey gelassen worden, also nichts mehr abzuwarten hatte, als die Auslieferung meiner Gelder und Sachen, welche unter meines Herrn Meublen mit hinweg geschafft waren, die Zeit aber mir dessfalls verzweiffelt lang gemacht wurde, steckte mir eines Tages ein Soldat einen kleinen Brieff in die Hand, den ich nach Eroffnung also gesetzt fand:

Mein liebster Kramer!

Nehmet euch meiner in dieser Noth an, und zweiffelt im geringsten nicht an meiner raisonablen Erkanntlichkeit, denn ihr wisset ja selbst, dass ich ausserhalb Landes, an sichern Orten solche Capitalia zu heben habe, wovor ich und ihr Zeit Lebens gnugsamen Unterhalt finden konnen. Es wird euch weiter keine Muhe machen, als mir an denjenigen Faden, den ich folgende Nacht um 1 Uhr aus meinem Fenster hinab lassen werde, eine lange doch NB. feste Leine anzuknupffen: vermittelst welcher ich mich hinunter auf die Strasse zu kommen getraue, kauffet oder bestellet indessen ein paar fluchtige Pferde, und lasset dieselben Nachts zwischen den 11. und 12ten huj. vor der Stadt hinter den Garten ohnweit der K. Strasse warten. Lasset euch die wenigen Sachen, welche ihr etwa zuruck lassen musset, nicht abhalten, mir die allerstarckste Probe, der jederzeit verspurten Liebe und Treue zu zeigen, ja wurcklich zu leisten. So bald ich nur den Hof erreicht, hat es mit uns weder Gefahr noch Noth. Erweiset euch als einen Man, und wisset, dass ihr solchergestallt das Leben erhaltet

eurem Freunde.

Allem Ansehen nach, war dieser Brief, vielleicht in Ermangelung der Dinte, mit Blut, und zwar durch eine ungewohnliche Feder geschrieben, welches den Affect des Mitleydens und der Erbarmung dergestallt in meiner Seelen erregte, dass ich ohne alles fernere uberlegen den Schluss fassete: demjenigen meine Hulffe nicht zu versagen, welcher sich seithero so ungemein auffrichtig gegen mich bezeigt hatte.

Von Stund an machte ich also die klugsten Anstallten hierzu, und weil mein Geld-Beutel nicht zureichen wolte, fassete ich das Hertze, von einem Manne, der meines Herrn und mein eigener heimlicher guter Freund war, noch 30. Thlr. auffzunehmen, gab also einem Reit-Knechte meines Herrn, der sich seit etlichen Tagen bey mir gemeldet hatte, und sonsten ein sehr getreuer Mensch war, 60. Thlr. zu Erkauffung drey tuchtiger Klapper, mit volliger Instruction, wie er sich damit verhalten solle, mittlerweile besorgte ich alles ubrige selbsten aufs beste, und nachdem mir der Kerl von seiner guten Verrichtung, am bestimmten Abende, behorigen Rapport abgestattet, auch weitere accuratesse zu beobachten versprochen, legte ich die letzte Hand an das Werck, brachte auch meinen Herrn glucklich zur Stadt hinaus, und zu Pferde. Aber! aber! da wir uns in der sehr dunckeln Nacht verirreten, erschien zu unsern allergrosten Schrecken, hinter uns ein Troupp Reuter mit vielen Fackeln, der ReitKnecht und ich, setzten uber einen Graben, mein Herr aber, der doch das allerbeste Pferd ritte, mochte wohl das Tempo nicht recht in acht genommen haben, sturtzte also hinein und wurde gefangen, des ReitKnechts Pferd unter seinem Leibe erschossen, ich aber entkam en faveur der dunckeln Nacht glucklich, ohngeacht mir 3. oder 4. Kugeln nahe an den Ohren vorbey sauseten. Das arme Pferd muste so lange lauffen, biss es endlich folgenden Vormittags in einem dicken Walde unter mir nieder sanck, wesswegen ich abstieg, Grass ausrauffte und ihm selbiges zu fressen gab, auch in meinem Hute Wasser vorhielt, wodurch es sich binnen etlichen Stunden wiederum erholte, so dass ich, nachdem mein hefftiger Hunger mit etwas Brod und Erdbeeren gestillet war, die fernere Reise antreten und Abends ein Dorff erreichen konte, allwo die Leute meine Sprache nicht einmahl recht verstunden. Bey allen meinem Unglucke schatzte ich es dennoch vor das allergroste Glucke, dass mich nach eingezogener gewisser Kundschafft, auf solchem Grunde und Boden befand, da meine Verfolger sich nicht hinwagen durfften, derowegen begab mich in das nachst gelegenste Stadlein, allwo nicht allein die Posten durch passireten, sondern auch gute deutsche Leute anzutreffen waren. Von dar aus, uberschrieb ich unsere ungluckliche Avanture, an meines Herrn Gemahlin und leiblichen Bruder, und bat dieselben, mich wegen meiner treu geleisteten Dienste, und starcken Verlusts mit etwas Gelde zu secundiren, indem ich in Wahrheit nach verkauffung meines Pferdes, nicht mehr als etwa noch 35. Thlr. baar Geld, nebst sehr schlechten Kleidungs-Stucken besass. Jedoch ich bekam von der geitzigen Gemahlin nicht mehr als 100. spec. Ducaten uberschickt, nebst dem Versprechen, dass so bald ihr Herr seine Freyheit erhalten hatte, welches vielleicht in wenig Wochen geschehen konte, indem seine Affairen nicht so gefahrlich stunden als man wohl vermeynete, mir mein Verlust gedoppelt ersetzt werden solte. Allem ich konte nach der Zeit keinen Heller mehr erhalten, ohngeacht ich binnen 3. Jahren mehr als 50. Briefe an diese Dame abschickte. Vorerwehnten guten Freunde ubermachte ich die von ihm geborgten 30. Thlr. redlich wieder, erhielt von demselben eine sehr verbindliche Dancksagungs-Schrifft, nebst der Nachricht: dass von meinem Herrn sehr klagliche Gesprache rouimen, denn selbiger ware auf ein anderes Schloss in weit strengere Verwahrung gebracht, welches gar keine gute Anzeigung sey, ich aber hatte zu meinem grosten Glucke das beste Theil erwehlet, und mochte mich ja huten, den vor mich gefahrlichen Boden wiederum zu betreten.

Wenige Wochen hernach hat mich getraumet: dass meinem guten Herrn der Kopff abgeschlagen sey, ob es wurcklich also geschehen, kan ich nicht sagen, jedoch es gieng mir auch dieses getraumte TrauerSpectacul dermassen nahe, dass ich um selbige Gegend, zumahl da ich weder von meinem guten Freunde, noch von meines Herrn Anverwandten einige Antwort erhalten konte, nicht langer zu bleiben wuste, sondern die Reise nach einer beruhmten Hansee-Stadt antrat. Daselbst sahe ich mich, wegen ziemlich zerschmoltzenen Geldes genothiget, Condition bey einem sehr beruhmten Chirurgo zu acceptiren, der aber nunmehro auch sehr alt und stumpf zu werden begunte, dahero sich in allen Stucken auf mich verliess, und da er binnen anderthalb Jahren meiner Dienstfertigkeit und Treue wegen, sattsame Proben erhalten, vermachte er mir vor seinem bald darauff folgenden Ende, seine 24. jahrige und sehr tugendhaffte Frau, nebst zweyen Kindern, die er mit der ersten Frau gezeuget hatte.

Da nun selbige artige Frau an meiner Person und Wesen nichts auszusetzen hatte, vielmehr nach abgelauffenen Trauer-Jahre den Anfang machte: mir mit allen honetten Liebes-Bezeugungen zu begegnen, hielten wir endlich um Licht-Messe, offentliches Verlobniss, und waren gesonnen, selbiges gleich nach den Oster-Ferien, durch Priesterliche Copulation vollziehen zu lassen.

Solchergestallt vermeynete ich nunmehro den Hafen meines zeitlichen Vergnugens, vermittelst einer erwunschten glucklichen Heyrath und wohlbestellten Barbier-Stube, gefunden zu haben, bekummerte mich auch gantz und gar nichts mehr, um mein, durch verschiedene Unglucks-Falle eingebusstes ziemliches Vermogen, sondern hielt davor: ich ware von dem Verhangnisse mit allen Fleiss forcirt worden: vorhero so viel an mein bestandiges Wohlseyn zu spendiren, um solches desto erb- und eigenthumlicher zu erkauffen. Aber, aber! selbiges war noch lange nicht ermudet mich zu verfolgen, sondern mir nunmehro erstlich den aller empfindlichsten Streich zu spielen, denn meine hertzlich geliebte Witt-Frau bekam 14. Tage vor Ostern einen gefahrlichen Anfall vom hitzigen Fieber, und schloss 2. Tage nach Ostern ihre schonen Augen zu.

Ich gestehe nochmahls, dass mir dieser UnglucksFall unter allen denen, die mir von Jugend auf begegnet, der Allerschmertzlichste gewesen, und zwar dergestallt, dass recht bittere Thranen aus meinen Augen gepresset wurden. Nichts war vermogend mich zu trosten, am allerwenigsten aber die Barbier-Stube, nebst denen 300. Thlr. baaren Gelde, welche mir meine seel. Liebste im ordentlichen Testamente vermacht hatte. Das Letztere wurde mir gleich nach verlauff der ersten 4. Trauer-Wochen eingehandiget, wegen der Barbier-Stube aber, wolten die Vormunder der Kinder, Advocaten Streiche machen, jedoch nachdem mir dieselbe von der Obrigkeit des Orts adjudicirt worden, war ich so genereus den beyden Kindern die Barbier-Stube gegen Erlegung des halben Werths an 450. Thlr. zu uberlassen, weilen mir ohnmoglich schien an diesen, vor mich ebenfalls fatalen Orte zu bleiben, ohngeacht sich viele Freunde die Muhe gaben, meiner feel. Liebsten leibliche Schwester, mit mir zu verkuppeln.

Der gantze deutsche Erdboden kam endlich bey reifflicher Uberlegung, meinem Gemuthe unglucklich und verdrusslich vor, derowegen brachte alle meine Sachen in Ordnung, reisete erstlich nach Lubeck, und war gleich im Begriff demselben auf ewig Abschied zu geben, hergegen mein Gluck in Schweden oder Danemarck zu suchen; als der Himmel gegenwartigen Herrn Wolffgang darzwischen fuhrete, dessen Ansinnen mir augenblicklich das groste Vergnugen erweckte, mein anderweitiges Project verruckte, und mich animirte: seinen redlichen Vorschlagen willige Folge zu leisten. Der Himmel gebe ihm selbst die Belohnung davor, weil ich mich nicht im Stande befinde, meine schuldige Danckbarkeit sattsam auszudrucken. Nunmehro aber kan ich mit bessern Recht sagen, dass ich unter dem Schatten des Allerhochsten, in den sussen Umarmungen meiner allerliebsten Mari Albertin, bey der liebreichen Gesellschafft frommer Leute und getreuer Freunde, endlich durch viele UnglucksWellen den Haafen eines irrdischen Paradieses gefunden, allwo mein Gemuthe taglich den Vorschmack himmlischer Ergotzlichkeiten findet. Und also hat das, schon in meiner Jugend erwehlte Symbolum:

Tandem bona causa trimphat.

Deutsch:

Ein redlich Hertze wird gedruckt, doch nicht erstickt, Und endlich auf Verdruss mit Lust-Genuss erquickt. eine gluckseelige Erfullung nach sich gezogen, und in meinen besten Jahren hergestellet, da ich doch ordentlicher weise kaum die Helffte meiner Tage erreicht habe.

Hiermit schloss Mons. Kramer die Erzehlung seiner curieusen Lebens-Geschicht, die man aus seinem auserlichen Wesen nicht leicht judiciret hatte, allein er war gewisslich ein gantz besonders artiger Kopff, der seines gleichen wenig hatte, so dass man ihn zuweilen vor einen melancholischen Grillen-Fanger, zuweilen hergegen, vor einen ausserordentlich auffgeweckten Menschen halten muste, jedoch war in seiner Auffuhrung gantz nichts pedantisches oder haselirendes, sondern er wuste im Umgange, seine Gemuths-Bewegungen mit einer besondern Klugheit zu temperiren, seinen Gesprachen und Erzehlungen aber zu zuhoren, konte man nicht leicht mude werden, denn er hatte die Gabe bey allen Passagen den Affect vollkommen auszudrucken, und mit eingemischten Schertz-Worten und artigen Geberden nicht selten ein Gelachter zu erregen, welches durch sein eigenes sauer sehen gemeiniglich vermehret wurde.

Wir hatten ihm vor dieses mahl, da es ohnedem noch hoch Tag war, wenigstens noch ein paar Stunden mit dem allergrosten Plaisir zugehoret, allein er wolte durchaus nichts mehr erzehlen, sondern bemuhete sich mit andern ergotzlichen Veranderungen und Delicatessen, die seine Liebste indessen bereitet hatte, uns aufs herrlichste zu bewirthen, worbey jeden noch manch lustiges Gesprach gefuhret wurde. Endlich nachdem wir auch seine gantze Oeconomie in Augenschein genommen, und darinnen gantz besonders inventieuse Sachen angemerckt hatten, bestimmten wir ihn auf Morgen, in Jacobs-Raum zu erscheinen, um zu versuchen, ob wir, den, sonst sehr eigensinnig scheinenden Mons. Plager dahin bewegen konten: uns gleicher Gestallt seine Lebens-Geschicht zu erzehlen. Nachdem nun Mons. Kramer, sich daselbst einzustellen versprochen, nahmen wir Abschied und reiseten mit einbrechenden Abend ein jeder an seinen Ort.

Herr Mag. Schmeltzer, der diese Spatzier-Farth, wegen anderer wichtigerer Verrichtungen nicht mit antreten wollen, empfieng uns nebst seiner Liebste, die, dem ohngeacht die Alberts-Burgische-Oeconomie noch bestandig fortfuhrete, unten am Berge bey der Kirche, oben aber fanden wir einen zubereiteten Caffee-Tranck, worzu wir eine Pfeiffe Toback ansteckten, ich aber muste Herrn Mag. Schmeltzern einen concisen Bericht von dem Kramerischen Lebens-Lauffe abstatte, woruber wir zum Ruhme dieses werthen Freundes unsere Penseen ausschutteten, und uns hernach zur Ruhe legten. Selbige Nacht aber passirte mir ein possierlicher Streich: denn fruh Morgens da kaum der Himmel zu grauen begunte, erweckte mich eine Stimme mit diesen Worten aus dem Schlaffe: Eberhard mein Sohn! weil nun selbige mit des Altvaters Stimme eine genaue Gleichheit hatte, sprung ich augenblicklich aus dem Bette, warff meinen Nacht-Rock uber, gieng durch die offen stehende Thur in des Altvaters Cammer, tratt vor sein Bette und fragte: liebster Pappa was ist zu euern Diensten? Allein der Allvater lag in seinem naturlichen sussen schlaffe, wesswegen ich mir die gantzliche Einbildung machte, dass ich getraumet hatte, und mich wiederum zu Bette legte, auch gar bald wiedrum einschlieff. Jedoch bald hernach rieff es abermahls: Eberhard mein Sohn! Derowegen lieff ich zum andern mahle vor des Alt-Vaters Bette, und that vorige Frage, da derselbe aber sehr stille lag und nicht das geringste Schnauben von sich horen liess, ergriff ich ihn bey der Hand und druckte selbige so lange, biss er sich aus seinem sussen schlaffe ermunterte, und mich fragte: was mein Begehren sey? lieber Pappa! gab ich zur Antwort, ich zittere vor Bangigkeit, weil ich vermuthe dass euch ein ubler Zufall im Schlaffe begegnet sey, denn ihr habt mich nun zweymahl geruffen! Eberhard mein Sohn! die zu euren Fussen liegenden Knaben aber, schlaffen wie die Ratzen. Nein! mein Kind, versetzte der Altvater, ich habe euch mit meinem wissen nicht geruffen, sondern sehr vergnugt und wohl geruhet, es muss euch getraumet haben, gehet in GOttes Nahmen wiedrum zu Bette, denn die Sonne wird in drey Stunden noch nicht auf unsere Insul scheinen. Ich gehorsamete, jedoch etwa eine Stunde hernach, erweckte mich eben dieselbe Stimme zum dritten mahle. Ich stund wieder auf, gieng vor des Altvaters Bette fand denselben im sussen Schlummer liegen, trat derowegen an das Fenster, offnete selbiges und sagte mit angstlicher Stimme: Mein GOTT! bin ich denn heute gantz und gar bethort, es ist ja unmoglich dass ich dreymahl hinter einander also getraumet habe. Hieruber konte endlich der Altvater sein heimliches Lachen nicht langer verbergen, sondern sagte: Mein Sohn! macht euch keine kummerenden Gedancken, ich bin wahrhafftig unschuldig, aber legt euch noch einmahl stille hin und wachet, so werdet ihr erfahren wer der Stohrer eurer Ruhe sey. Ich wuste mich auf keinerley Weise aus dem Handel zu finden, gehorsamete aber seinem Befehle, legte mich in aller Stille nieder, und blieb munter.

Ehe ich mich nun dessen versahe, liess sich oberwehnte Stimme mit eben denselben Worten zum vierdten mahle horen, und also kam es endlich heraus, dass mein schoner Vogel, den ich vor einigen Wochen in des Altvaters Cammer-Fenster gehangt hatte, diese Worte, mit welchen mich der Altvater gemeiniglich zu ruffen pflegte, auffgefangen, und auswendig gelernet hatte. Kein Furstenthum oder Konigreich ware nunmehro capable gewesen, bey mir ein quivalent, gegen diesen vortrefflichen Vogel abzugeben, ja ich war dermassen vergnugt uber diese Curiositee, dass nicht viel fehlete, ich hatte desswegen an alle Insulaner ausserordentliche Notifications-Schreiben abgesendet. Der Altvater selbst hatte eine solche Freude uber meine Freude, dass er von nun an, niemanden als sich selbst, die Sorge vor diesen unvergleichlichen Vogel anvertrauen wolte.

Ich will diejenige Lust, welche mir der possirliche Vogel nachhero gemacht, biss zu gehorigen Platze versparen, voritzo aber berichten: dass wir folgendes Tages Mons. Plagern in seiner Werckstadt plotzlich uberfielen, ihm vor dissmahl Feyerabend zu machen, und uns aufs beste zu bewirthen gebothen, auch alle Anstallten selbst besorgen halffen, biss sich endlich Mons. Kramer ebenfalls noch zu rechter Zeit bey der Tafel einstellete. Nach eingenommener Mahlzeit, da sich unser guter Wirth sehr vergnugt und gefallig bezeigte, liess der Altvater nicht ab, denselben so lange mit freundlichen Bitt-Worten zu unterhalten, biss er sich endlich beqvemete in unser aller Verlangen zu willigen. Und also setzten wir uns zusammen, und horeten mit auffmercksamen Ohren auf

Mons. Plagers Lebens-Geschicht.

Wenn ich ihnen, meine Herrn! fieng er an, eine auffrichtige Erzehlung meines bissherigen Lebens-Lauffs abstatten soll, so bitte voraus, nicht ubel auszulegen, wenn ich die Fehler und Verbrechen meiner Eltern und Freunde mit lebendigen Farben abmahle, auch die Sunden und thorichten Streiche meiner selbst eigenen Jugend nicht heuchlerischer weise zu vermanteln suche. Anbey aber bitte den Unterscheid zu betrachten, was ich nehmlich vor diesem vor ein Fruchtgen gewesen, und wie ich dargegen itzo gesinnet bin. GOtt lob! mein Sinn hat sich bereits vor etlichen Jahren zu bessern angefangen, und ich verhoffe nunmehro im Stande zu bleiben, mich biss an mein Ende vor allen muthwilligen Sunden zu huten, auch GOTT und meinem Nachsten desto eiffriger und nutzlicher zu dienen. Mein Vater war von Geburth ein Augspurger und von solchen Eltern gezeuget, welche die Evangelisch-Lutherische Religion auserst bekeneten, auch alle ihre Kinder darinnen wohl erzogen hatten. Da aber mein Vater nachhero, als ein junger Goldschmidts-Geselle in die Frembde reiset, und zu Schaafhausen in der Schweitz, sein zeitliches Gluck, vermittelst einer reichen Heyrath zu machen, Gelegenheit findet, lasset er sich verblenden, die Lutherische Religion mit der Reformirten zu verwechseln. Zehen biss zwolff Jahr hat er nachhero zwar in ziemlich ruhigen vergnugen gelebt, und drey Kinder mit der erheyratheten Wittfrau gezeugt, nehmlich mich, einen altern Bruder, und dann auch eine jungere Schwester, anbey als ein besonderer Kunstler, durch fleissiges Arbeiten sein Vermogen um ein merckliches vergrossert, so dass mehr Uberfluss als Mangel in unserm Hause zu spuren, und in keinem Stucke Noth vorhanden war. Allein so bald meiner Mutter Bruder, als ein alter Vagaband von seinen 15. jahrigen Reisen zu Hause kommt, und meiner Mutter allerhand verzweiffelte Lufft-Schlosser ins Gehirne bauet, last dieselbe nicht nach meinem Baier so lange in den Ohren zu liegen, biss er sich mit demselben als einen vermeinten Alchymisten in verschiedene chimische Processe verwikkelt. Ob nun schon die ersten Versuche sehr unglucklich ablauffen, und bereits etliche 1000. Thlr. theils an das Laboratorium und andere requisita verwendet, theils aber in die Lufft verflogen sind, mein Vater also mit groster Raison die Hand von der Butte ziehen, und fernerem Unglucke vorbauen konnen; findet sich dennoch in seinem Gemuthe das klare Gegenspiel, kurtz zu sagen, es ist nach diesem ersten verungluckten Processen, kein Mensch begieriger, erpichter und versteuerter auf das Goldmachen, als mein Vater.

Ihr werdet vielleicht gedencken, meine Herrn, mein Vater musse ein alberner Schops oder liederlicher Hauss Wirth gewesen seyn, allein solchergestallt irret ihr gar sehr, denn ohne Flatterie, kan ich ausser demjenigen, was den Punct des Goldmachens anbelanget, theur versichern: dass er einen ausserordentlich guten Verstand gehabt, zwischen der Verschwendung und dem Geitze aber, die Mittel-Strasse dergestallt zu wandeln gewust, dass ich ihn seiner nachherigen Thorheiten wegen, weit mehr verdacht, oder gar eine HirnWandelung vermuthet hatte, wenn ich mit der Zeit nicht an meinem eigenen Exempel erfahren: welcher gestallt die Alchymie die allerentsetzlichste Art einer Gelben-Sucht des Gemuths, ja ein solch verzweiffelt ansteckendes pestilentialisches Fieber, welches sehr selten gantzlich zu vertreiben, palliative aber durch nichts als Armuth und Mangel zu curiren sey.

Jedoch zur Sache. Mein Vater fieng zum grosten Vergnugen seiner Frauen und deren Bruders, das Werck weit kostbarer und arbeitsamer an als vorhero, liess seine schone Profession, die ihm doch jahrlich ein gewisses und ansehnliches Interesse vor Aufwand und Muhe einbrachte, gantzlich liegen, schaffte Gesellen und Lehr-Jungen ab, und gab bey andern Leuten vor, sein ubriges Leben in Ruhe und Friede hinzubringen. Jedoch es geschahe nichts weniger als das letzte, denn er kunte sich kaum Zeit zum essen, noch weniger aber zum schlaffen nehmen. Bald darauff wurde ein Gemurmele unter den Leuten, welche curieus waren zu wissen: worzu doch wohl mein Vater so grausam viele Kohlen und andere Materialien gebrauchen musse? Dieserwegen hielt er vor rathsamer und desto unverdachtiger, die Gold-Schmidts Werkkstadten wiedrum anzulegen, neue Gesellen und Jungen anzunehmen, und weit fleissiger als jemahls arbeiten zu lassen, nur damit die Leute nicht in ihren, ihm vielleicht schadlichen Urtheilen, gestarckt wurden. Allein was halffs? Es war bey aller Arbeit und bey allen Vornehmen nunmehro weder Seegen, Gluck noch Stern, denn binnen wenig Jahren wurde mein Vater an auswartige und einheimische Creditores, mehr schuldig als sein gantzes Vermogen betrug, dass, so zu sagen kein Ziegel auf dem Dache, weder ihm noch meiner Mutter annoch zugehorete. Also war es an dem, dass entweder sehr schleunig, Gold, oder Banqverott gemacht wurde, indem ein oder zwey Creditores schon von ferne in etwas zu brummen anfiengen, derowegen gehet meine Mutter mit ihren Bruder zu rathe, drehen die Poltzen, welche mein Vater nachhero verschiessen muss. Kurtz zu sagen: weil das Goldmachen nicht gerathen will, verfallen sie auf das gefahrliche Mittel: Geld zu machen. Denn vor das viele verlaborirte schone Geld und Gut, hatten sie dennoch eine betrugliche Massam erfunden, welche dem Golde aufs genauste ahnlich sahe, eine ziemliche Geschmeidigkeit hatte, den Strich auch vollkommen hielt, allein im Schmeltz-Tiegel, und zwar erstlich im dritten Gradu des Feuers, zu einer nichts nutzigen schwartzen Schlacke wurde. Die Sache gieng ihrer Meynung nach herrlich und gut von statten, mein Vater muss die Stempel zu Frantzosischen und andern Gold-Muntzen schneiden, die Mutter hilfft mit muntzen, deren Bruder aber, nachdem er eine starcke Quantitat von der saubern Massa gemacht, begiebt sich, mit einer grossen Summe solches neu gepragten Geldes, auf die Reise, um selbiges zu vertreiben und gute Sorten davor einzuwechseln, ist auch so glucklich binnen zwey Jahren, allein in Franckreich, vor 20000. Thlr. dergleichen falsche Muntze anzuwerden, ohne was nach Holland oder Deutschland gegangen war. Solchergestallt rissen sich meine Eltern sehr geschwind aus allen ihren schulden, und hatten mehr als 30000. Thlr. werth an baaren Gelde und Meublen beysammen, uber dieses, so war zu damahliger Zeit noch nicht der allergeringste Verdacht auf den Unwerth solcher falschen Muntze, und noch viel weniger auf sie, geworffen; derowegen ware es annoch hohe Zeit gewesen sich zu retiriren, allein sie werden blind, verstockt, und desto muthiger ihre gefahrliche Handthierung so lange fortzutreiben, biss endlich mein respective super kluger Herr Vetter, in Flandern mit 15000. Thlr. solcher falschen Gold-Muntze ertappt, gefangen gesetzt, und endlich durch grosse Marter dahin gebracht wird: meinen Vater als seinen Complicen anzugeben.

Nun ware es zwar ein leichtes gewesen meinen Vater, in groster Sicherheit, auf frischer That zu ertappen, allein zu seinem Glucke, entdecket ein alter mit in den Gerichten sitzender Susannen-Bruder, ich weiss aber nicht aus was vor Affection, den gantzen Handel, vielleicht aus besondern Absichten meiner Mutter, und zwar annoch zur hochsten Zeit, diese aber hat doch noch die eintzige Barmhertzigkeit, ihren Eh-Gatten, der auf ihr Zureden, sein Alles in die Schantze geschlagen, mit etwa 500. Thlr. abzufertigen, und ihn auf einer schnellen Post des Landes auf ewig zu verweisen. Meiner Mutter Bruder hat nachhero an einem sehr gewaltsamen hitzigen Fieber, und zwar auf einem, von Holtz und Stroh gemachten Sterbe-Bette, die Seele im Dampf und Rauche von sich blasen mussen. Ob ihm eine solche Todes-Art allzuschmertzlich angekommen? solte man fast zweiffeln, weil Feuer, Dampff, Rauch und Gestanck, so zu reden, sein Element auf dieser Welt gewesen. Meine Mutter als ein sehr verschlagenes Weib, gedencket zwar, nachdem sie den Vater fort, und die meisten verdachtigen Sachen beyseits geschafft, den Kopff aus der Schlinge zu ziehen, und das Ihrige in Friede und Ruhe zu besitzen, jedoch sie kommt dem ohngeacht in die Inquisition, uberstehet alle angethane Marter heldenmuthig, ohne das geringste von ihrer Mit-Wissenschafft zu bekennen, schweret sich durch ein corperliches Eid von der gantzen Sache loss, allein was halff ihr solches viel? denn alle ihre Guter wurden confisciret, meine Schwester in ein Waisen-Hauss zur Aufferziehung gebracht, sie aber selbst zu ewiger Gefangniss condemniret, dahingegen mein Vater seine Flucht an einen solchen Ort genommen, wo er nicht leicht auszuspuren war.

So ergieng es den Meinigen, die sich von einem gottlosen Buben und Land-Streicher, und dann durch die schnode Gold- und Geld Sucht ins Verderben sturtzen liessen. Ich habe ihnen aber, meine Herren, sagte hierbey Mons. Plager, diese Geschichte dergestallt erzehlet, als ob ich bey allen gegenwartig gewesen ware, jedoch nichts weniger als dieses, denn ich bin von meinem 11ten Jahre an, auf instandiges Verlangen meiner Gross-Eltern, bey ihnen in Augspurg erzogen worden, und in meinem 17den Jahre, lieff daselbst die betrubte Zeitung von meines Vaters Gefahr und Flucht ein, jedoch alles was ich ihnen voritzo gemeldet, ist mir einige Jahre hernach von meinem Vater selbst, und zwar kurtz vor seinem Ende offenbaret worden, wie der Verfolg meiner Lebens-Geschicht mit mehrern zeigen wird, als welche ich nunmehro so ordentlich als moglich fortsetzen will.

Mein Geburths-Tag war den 21. Decembr. des 1691sten Jahres, und die Aufferziehung also beschaffen, wie selbige von so wohlhabenden Leuten, als unsere Eltern zu seyn schienen, verhofft werden konte. Da aber im Jahr 1702. mein Gross-Vater als ein noch sehr frischer Mann, meinen Vater besuchte, und mit heimlichen Verdruss wahrnahm: wie derselbe seine Kinder ebenfalls in der Reformirten Religion auferzoge, indem mein 15. jahriger Bruder bereits etliche mahl zum Tische des HErrn gegangen war, und ich ihm ebenfalls bald nachfolgen solte; verfallt mein treuer Gross-Vater gleich auf ein gutes Mittel, mich in den Schoss der reinen Evangelisch Lutherischen Kirche einzulegen, erhalt derowegen nach vielen gutigen Versprechungen endlich so viel von meinem Vater, dass er mich etwa auff ein halbes Jahr lang, zu seinem, und der Gross-Mutter Vergnugen, mit nach Augspurg nehmen darff.

Er mein Gross-Vater war ein beruhmter Mechanicus, und wuste mich durch allerhand Lieblosungen dergestallt an sich zu ziehen, dass ich mich nicht allein zu seiner Profession applicirte, sondern auch zur Evangelisch-Lutherischen Religion bekennete, und durchaus nicht wieder zuruck zu meinen Eltern verlangete. Mit den Jahren nahm die Lust zu denen Wissenschafften, und der Fleiss bey der Arbeit dermassen zu, dass mein Gross-Vater nicht nur ein ungemeines Vergnugen dieserwegen bezeigte, sondern auch den Trost gab: wo ich also fort fuhre, wurde wegen meines guten Ingenii und geschickter Faust, mit der Zeit ein guter Meister aus mir werden. Die Grossmutter hatte ihre eintzige Freude an mir, weil sie noch kein eintziges von ihren Kindes-Kindern, als mich eintzig und allein zu sehen, das Gluck gehabt, denn ihre andern zwey Sohne waren ebenfalls in der Ferne verheyrathet, die eintzige Augspurgische Tochter aber unfruchtbar. Allein da, wie bereits gemeldet habe, in meinem 17den Jahre die erschreckliche Zeitung von dem Unglucke meines Vaters einlieff, zog sich die Grossmutter selbiges dermassen zu Gemuthe: dass sie daruber ihren Geist aufgab, ja es fehlete wenig, meinem lieben Gross-Vater ware ein gleiches wiederfahren, jedoch der Himmel liess ihn vielleicht zu meinem Troste noch eine Zeitlang leben. Wir hoffeten nach der Zeit immer auf Briefe von meinem Vater, allein gantz vergebens, endlich aber da im Jahre 1713. mein Gross-Vater vor genehm hielt, dass ich mich in frembde Lander begeben, und die Inventiones anderer geschickten Leute in Augenschein nehmen solte; trieb mich dennoch die Liebe zum Vater-Lande in meine Geburths-Stadt, wiewohl ich mich daselbst unter einem andern Nahmen, gantz incognito auffhielt, und meine Mutter zu sprechen trachtete, allein selbiges war nicht moglich, dahingegen kundschaffte ich meine Schwester aus, die bey einer vornehmen Dame als Aufwarte-Magdgen in Diensten stund, und gewann dieselbe mit leichter Muhe, sich mit mir auf die Post zu setzen und den Gross-Vater zu zu eilen. Sie hatte ihre Mutter ebenfalls seit 5. Jahren nicht gesehen, sondern war, nachdem sie 3. Jahr im WaisenHause zugebracht, von besagter Dame heraus, und in ihre Dienste genommen, auch noch so mittelmassig tractiret worden, wesswegen sie von derselben schrifftl. Abschied nehmen, und sich vor erzeigte Gute bedancken, ihre plotzliche Abreise aber bestens excusiren muste. Mein altester Bruder war als ein Goldschmidts-Geselle, etwa ein halbes Jahr vor meines Vaters Falliment, nach Welschland gegangen, und hatte sich seit der Zeit noch nicht wieder gemeldet. Meinem Gross-Vater war es von Hertzen angenehm, dass ich ihm so unverhofft die Schwester ins Hauss brachte, indem er lauter frembde Leute zu seiner Bedienung und Wirthschafft halten muste. Sie hat sich jederzeit sehr wohl auffgefuhret, die Lutherische Religion angenommen, und nachhero eine gluckliche Heyrath getroffen. Ich aber trat meine ernsthaffte Reise aufs neue an, und zwar in die Residentz-Stadt eines gewissen deutschen Fursten, bey dem sehr viele Leute von meiner Profession ihren Auffenthalt gefunden, und vortreffliche Werckstadten angelegt hatten. Bloss meines Nahmens und meines Gross-Vaters wegen, der weit und breit beruhmt war, fand ich sehr bald was ich suchte, der Furste selbst aber, sahe und merckte so wohl als seine Directeurs, dass ich mein Geld und Brod nicht mit Sunden verdienete, sondern ohne Ruhm zu melden, mehr Kunst und Geschicklichkeit als Jahre besass, wannenhero ich binnen 3. Jahren Gelegenheit genung fand, mir ein ansehnliches Stucke Geld zu sammlen. Nach der Zeit da unser Furst einen andern grossen Fursten mit einer besonders kunstlichen Machine beschenckte, muste ich nebst zweyen unter mir stehenden Gesellen, selbige dahin uberbringen und behorig auffrichten, wovor mir ein Recompens von 2000. Thl. zu Theile wurde, mit welchem schonen Capitale ich eben meine Ruck-Reise anzutreten im Begriff war, da mich eines Abends ein Knabe auf der Strasse anredete und bat, ihm in ein gewisses, in der Vorstadt gelegenes Hausslein, zu folgen, allwo mich ein kranckliegender Lands-Mann zu sprechen verlangete. Diesem Ruffe folgte ich ohne Bedencken, weilen vielleicht Gelegenheit zu finden vermeinete, einem armen bedurfftigen Landes-Manne, meine freygebige Hand zu zeigen, traff auch wurcklich einen Menschen daselbst an, der in einer besondern Stube, bey dunckel brennenden Lichte, auf seinem SiechBette sehr schwach und elend darnieder lag. Jedoch da er mich im propern rothen Kleide, mit einer geknupfften Perruque zu seiner Thur hinein treten sahe, richtete er sich ein wenig auf, betrachtete mich eine lange Zeit, und sagte endlich, nachdem ich ihn gegrusset: Monsieur Sie vergeben mir, dass ich ihnen die Muhe gemacht, mich elenden an diesen schlechten Orte zu besuchen. Ists wahr, dass sie ein Enckel des beruhmten Augspurgischen Mechanici NB. sind? Ich weiss nicht anders, war meine Antwort. Und von welchem Sohne? redete er weiter, vielleicht von dem Schweitzer? Da nun ich solches bejahete, fragte er nach meinem und meines Vaters, auch meiner Mutter und Geschwister Nahmen, welche ich ihm in groster Verdrusslichkeit meldete, jedoch solches nicht wohl abschlagen konte, weiln vermuthete, dass dieser Mann allem Ansehen nach, vielleicht die gantze Historie von meinen Eltern, besser als ich wissen mochte. Er lag hierauff eine ziemliche Weile sehr stille, wesswegen ich endlich zu fragen anfieng, ob er meinen GrossVater von Person wohl kennete. Seine Antwort war: Ja! mein Freund, sehr wohl, aber euren leiblichen Vater noch weit mehr, thut so wohl und eroffnet mir, wo sich derselbe voritzo auffhalt, und welcher gestallt er in so grosses Ungluck gerathen, denn ich versichere, dass derselbe mein allervertrautester Freund gewesen. Mein Herr! versetzte ich, den Auffenthalt meines ungluck seeligen und dennoch geliebten Vaters zu erfahren, habe ich seit etlichen Jahren, sehr viele vergebliche Muhe angewendet, sonsten ist es leyder an dem, dass er sich, von einem gottlosen und ehrvergessenen Land-Streicher, der noch darzu meiner Mutter Bruder gewesen, ins Unglucke fuhren und um sein zeitliches Gluck bringen lassen, da er doch sonst jederzeit, und von jederman vor einen redlichen, geschickten und vernunftigen Mann gehalten worden. Hierauff fragte der Patient: Ob ich nicht wisse wie es meiner Mutter und Geschwistern ergienge, und ich berichtete ihm die Wahrheit, dass nehmlich die Mutter meines wissens, annoch in gefanglicher Hafft, mein altester Bruder noch nicht aus Welschland zuruck gekommen, die Schwester aber von mir vor einigen Jahren nach Augspurg gefuhret sey. GOtt sey gelobt, schrye er hierauff mit weinender Stimme, der doch zwey von meinem lieben Kindern aus dem Verderben gerissen hat. Ich wuste nicht so gleich was ich aus solchen Worten schliessen solte, so bald ich aber das Licht genommen, und dem Patienten unter die Augen geleuchtet hatte, erkannte ich ohngeacht seiner starck veranderten Gestallt, meinen leiblichen Vater, fiel ihm um den Halss, und benetzte sein Angesicht mit vielen heissen Thranen. Er weinete gleichfalls uberlaut, da aber mittlerweile sein Aufwarter in die Stube trat, wurde derselbe abermahls in die Stadt geschickt, vor mich eine Bouteille Wein zu langen. Also blieben wir allein beysammen, und mein Vater fieng an, mir eine ausfuhrliche Erzehlung seiner Glucks- und UnglucksFalle zu thun, jedoch weil ich das meiste bereits gemeldet habe, so will voritzo nur berichten, dass er auf seiner Flucht von Schaafhausen, gerades Wegs nach Holland gereiset, und daselbst unter gantz veranderter Tracht, auch unter dem veranderten Nahmen Plager, etliche Jahr ziemlich ruhig hingebracht, indem er seiner Profession eiffrig obgelegen, und sich schones Geld verdienet. Jedoch der Satan hat aufs neue sein Spiel, indem er sich zum andern mahle von einem so genandten Adepto verfuhren lasset: seine gantze Baarschafft an die Alchymisterey zu legen, und mit ihm in Compagnie zu treten. Seinem beduncke nach, gehet der angefangene Process glucklich genung von statten, da sie aber ehester Tages den erwunschten Azoth oder Mercurium Philosophorum Catholicon, nach welchen ihnen die Schrifften des Welt bekandten Henrici Kunradi, die Mauler so trefflich wassrig gemacht, mit Augen zu sehen und mit Handen zu greiffen gedencken, zerspringt ohnverhofft eine Phiole auf dem Feuer, dem Haupt-Artisten aber springt ein gross Stucke Glass dermassen tieff ins Auge, dass er etliche Tage hernach elendiglich crepiren muss. Solchergestallt fallt der gantze kostbare Process auf einmahl in den Qvarck, mein Vater erbet etwas Geld und Mobilien von diesen ungluckseeligen Artisten, an statt aber, sich dessen Schaden zur Warnung dienen zu lassen, verwendet er alles sein Haab und Gut auf einen nochmahligen Process, gerath daruber in die groste Armuth, so, dass er fast das Bettel-Brod daruber essen muss, endlich aber bringet er dennoch ein mercurialisch metallisches Liquidum zur Perfection, durch dessen Hulffe wie er mir gesagt, er die fixen Goldund Silber-Strahlen im offenen Tiegel, auf dem Feuer, ohne alles corrosiv von ihrem Corpore absondern kan, also fehlet ihm nichts mehr als die volatilischen mercurialischen, zu einer philosophischen truckenen Tinctur zu zwingen, welches ihm aber nach der Zeit niemahls recht gerathen wollen, gleichwohl verdienet er sich bey etlichen Adeptis durch Eroffnung dieses Arcani, mehr als 1000. Thlr. und gehet aus besondern Ursachen aus Holland nach Ungarn, halt sich daselbst auch etliche Jahre auf, und verlaboriret abermahls sein gantzes Vermogen, muss sich also aus Ungarn biss nach Deutschland, als wohin er ein besonderes Verlangen getragen, mit Betteln behelffen. Er kommt nach langen herum vagiren endlich an denjenigen Hof, allwo ich, wie oben bereits gemeldet, meine Machine zu prsentiren hatte, vermeynet durch Entdekkung seiner Inventorum und Arcanorum ein Stucke Geld zu erhaschen, allein dieses ist am selbigen Hofe zu der Zeit schon etwas bekandtes, weil der Principal vor den einzigen Process des mercuria

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lisch-metallische Liquidi mehr als 5000. Thlr. gezahlet, und zwar an eben diejenigen Kerls, welche denselben meinem Vater sammtlich vor 1000. Thlr. abgekaufft hatten. Jedoch da der Principal ohnedem einen grossen Schwallich eingebildeter kluger Adeptorum sitzen hat, und doch bey meinem Vater ein und andere, sonst noch nie erfahrne und gesehene Curiosa antrifft, weiset er ihm in seinem Laboratorio eine Stelle an, nebst jahrlicher mittelmassiger Pension. Mein Vater hilfft eine ziemliche Zeit lang sehr getreu arbeiten, trifft aber solche Kunstler an, die von sich ausgeben, dass sie nur noch einer eintzigen Haare breit von dem Astro auri entfernet waren, in der That aber sind es eitel Betruger, ausgenommen ein eintziger, welcher nicht so viel Bossheit als einfaltigen Hochmuth in sich hat. Er giebt aber allen um so viel desto genauer Achtung auf die Finger, mercket eines jeden Schelmerey mit der Zeit sehr kluglich ab, und entdekket endlich den Principal gantz treuhertzig: dass er unter seinen 21. Laboranten oder Goldmachern, wenigstens 19. Schelme und Spitzbuben ertappen konne. Dieser halt hierauff eine General-Musterung last alles genau untersuchen, und nach glucklich entdeckten Betrugereyen, schopfft er auf einmahl einen dermassen hefftigen Eckel gegen diese gefahrliche Kunst, welche ihn binnen etlichen Jahren nicht allein um ein entsetzliches Capital, sondern uber dieses noch in mehr als 2. Tonnen Goldes Schulden gebracht, so dass er das gantze Laboratorium zerstohren, meinem Vater aber nebst seinem eintzigen, noch etwas ehrlichen Consorten 2000. Thlr. reichen lasset, mit dem Bedeuten, dass sie selbiges Geld in ihren selbst beliebigen Nutzen verwenden mochten, auch die Freyheit haben solten, in seiner Residentz und Landen zu bleiben, doch mit dem Beding: dass keiner, der da ferner zu laboriren gesonnen, sich unterstehen mochte, von ihm hinfuhro einen eintzigen Pfennig zu fordern, biss er den veritablen Lapidem Philosophorum auffzuweisen hatte, und sich eine unverdachtige Probe damit zu machen getrauete. Im Gegentheil werden die andern 19. Haupt-Betruger, nebst ihren Handlangern, in aller Stille des Landes auf ewig verwiesen, weil der allzugutige Herr seiner gerechten Rache nicht den volligen Zugel schiessen, oder vielleicht andern Leuten keine fernere Materie zu verdrusslichen Sentiments uberlassen wollen.

Wiewohl hatte doch mein armer Vater gethan, wenn er seinen Theil a 1000. Thlr. auf Zinsen gelegt, und als eine Privat Person von dem jahrlichen Interesse gelebt hatte, zumahl da er ausserdem noch ein paar hundert Thlr. Geld in Handen gehabt, und sich an einem solchen Orte befunden, wo seine Ruhe leichtlich von niemanden ware gestohret worden. Allein es ist ihm unmoglich, die Hand von demjenigen Pfluge abzuziehen, mit welchen er noch immer den Stein der Weisen, die Tinctur der Physicorum das Astrum Metallorum das Mysterium magnum, ja die Himmlische Sophiam, oder wie das Ding sonsten noch genennet werden mag, auszuackern gedenckt. Kurtz zu sagen, er legt nebst dem Compagnon sein noch ubriges alles aufs neue an, miethet sich in der Vorstadt ein Garten-Hauss zum Laboratorio, und arbeitet Tag und Nacht mit solchen unermudeten Fleisse: diss ihn endlich der Dampf von einer gewissen communicirten Massa, nicht allein gantz contract an allen Gliedern macht, sondern auch eine dermassen hefftige Schwindsucht zuziehet, dass er bey annoch gantz frischen Hertzen, Lunge und Leber auszuspeyen gezwungen ist. Er hatte trifftige Ursachen zu glauben gehabt, dass ihm ein boser Bude, diesen Streich muthwilliger und morderischer weise gespielet habe, jedoch ertragt er sein Creutz mit ziemlicher Gelassenheit, und eben in diesem Zustande erfahrt er meine Anwesenheit zufalliger weise, schicket derowegen seinen Aufwarte-Knaben so lange nach mir aus, biss selbiger mich endlich antrifft und zu ihm bringt.

Ich bejammerte meines Vaters elenden Zustand, und erfuhr, dass er keines Thalers mehr machtig ware, sondern einzig und allein von der Gnade, seiner, selbst sehr armseelig lebenden, vermeintlichen Artisten, dependiren muste, weiln er ihrer Meynung nach, noch ein und andere Arcana auf dem Hertzen, so wohl auch in Schrifften verborgen hatte, die sie nach und nach von ihm heraus zu locken gedachten. Ich hergegen machte nunmehro alle Anstallten meinen Vater aufs beste zu verpflegen, jedoch durffte ich ihn in Anwesenheit anderer Leute, nicht Vater, sondern nur Vetter nennen, damit sein veranderter Nahme nicht verdacht erweckte. Wiewohl die Hoffnung zu seiner Genesung, schien gantz vergeblich zu seyn, und binnen Monats-Frist wurde sein Zustand dermassen schlecht, dass er selbsten zu verstehen gab: welchergestallt sein Ende heran nahete, derowegen mochte ich mir weiter keine grossere Muhe geben, als ihm einen Lutherischen Prediger zuzufuhren, der ihn taglich etliche Stunden zum seel. sterben prpariren, und mit dem letzten Zehr-Pfennige, nehmlich dem heil. Abendmahle, welches er seit 5. Jahren nicht empfangen, versehen mochte. Dennoch erkundigte ich mich mit allem Fleisse, nach einem recht exemplarischen Priester, war auch so glucklich einen solchen anzutreffen, und nachdem ich ihm den leiblichen und geistlichen gefahrlichen Zustand meines Vaters, als ein besonderes Geheimniss anvertrauet, liess er sich gefallen, denselben taglich, wenigstens 4. Stunden zu besuchen. Ich weiss nicht ob sich mein Vater mehr uber die Gesellschafft seines Seelsorgers, oder dieser uber das offenhertzige Bekanntniss, wahre Reue, ernstliche Busse und festen Glauben, des bisshero verirrt gewesenen Schaafs erfreuet; genung ich kan mich nicht erinnern, Zeit Lebens zwey vergnugtere Personen gesehen zu haben. Endlich aber da sich mein Vater wiederum vollig zur Evangelisch-Lutherischen Religion gewendet, auch das heil. Abendmahl empfangen hatte, brach er bey immer mehr und mehr abnehmenden Krafften in beyseyn des Priesters und meiner, in folgende Worte aus: GOTT sey gelobet! der mich armen fast gantzlich verlohrnen Sunder wieder zu Gnaden auf und angenommen hat, ja! nunmehro weiss ich gewiss, dass ich von den verguldeten Ketten des Teuffels befreyet bin, und die gewisse Hoffnung habe, ein Erbe der ewigen Seeligkeit zu werden. O du verdammter Gold- und Geld-Durst! O du verfluchte Begierde! hattest du mich nicht bald mit Leib und Seele in den ewig brenenden hollischen SchwefelPfuhl gesturtzt? Ja! bey nahe ware ich aus dem zeitlichen ins ewige Verderben verfallen. Spiegle dich mein Sohn! sprach er zu mir, an meinem Exempel, und lass dich die zeitlichen Kostbarkeiten, Kunste und Wissenschafften, die ich in Wahrheit nunmehro erstlich vor Koth, Eitelkeit und Stuckwerck erkenne, niemahls verleiten: GOttes daruber zu vergessen, oder solche Guter hoher, als die unverganglichen zu achten. Bleibe, mein Sohn! bestandig bey der einmahl erkandten Evangelischen Wahrheit, so wirst du auf deinem Todt-Bette nicht Ursache haben: dich, halb verzweiffelt, mit dem Teuffel und deinem bosen Gewissen herum zu schlagen, wie du leyder, an mir zur Gnuge verspuret. Lass dich nicht zu solchen Sachen verfuhren, die dir zu hoch sind, sondern bleibe viel lieber in deinem Stande und Beruff, lege dein Geld nicht an etwas ungewisses, zum wenigsten nicht mehr, als du ohne deinen Schaden verschencken oder verlieren kanst, sondern halt dasselbe zu rathe, weil du an mir vermerckest, dass Armuth im Alter und auf dem Siech-Bette wehe thut. Ja mein Sohn! strebe nicht so eiffrig nach Reichthum, denn es bleibt ewig wahr, was die heil. Schrifft sagt: die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und Stricke, u.s.f. Hute dich ein Weib zur Ehe zu nehmen, die anderer Religion ist als du, hauptsachlich aber vor einer Reformirten. Glaube mir, da ich jetzo zwischen Tod und Leben stehe, dass ein Reformirtes Weib den Grund-Stein zu meinem zeitlichen Verderben gelegt, GOtt erbarme sich ihrer und bekehre sie, wo sie anders noch am Leben ist. Uberhaupt lass dir gesagt seyn, dass du dich nicht leicht einem andern Glaubens-Genossen anvertrauest, ich vor meine Person weiss gewiss, dass ich unter hunderten kaum einen angetroffen, der ohne Falschheit gewesen. Die wenigen Scripturen so unter meinem Haupt-Kussen liegen, verbrenne viel lieber, als dass du dich selbst, oder deinen Neben-Christen zu der betruglichen Kunst, ich meyne die Alchymie, verleiten lassest. Deiner vollkommenen kindlichen Liebe bin ich mehr als zu viel versichert, dieses ist auch mein eintziges zeitliches Vergnugen, so ich noch vor meinem Ende empfinde und GOtt hertzlich davor dancke, dieserwegen will ich auch alle Sorge vor meinen entseelten Corper, deiner Treue einzig und allein uberlassen, und dir den vaterlichen Seegen ertheilen, welchen GOtt wegen meiner Busse und Bekehrung bekrafftigen wird, theile du denselben mit deinen Geschwistern, daferne sie in der Gottesfurcht stehen, wo nicht, so bleibe derselbe allein auf deiner Scheitel.

Nach diesen und noch vielen andern treuhertzigen Vermahnungen, empfieng ich den vaterlichen Seegen mit weinenden Augen, hierauf befahl er noch kurtzlich: was ich meinem Gross-Vater und der Schwester vermelden solte, bekummerte sich weiter aber um keine zeitlichen Dinge, sondern verharrete nebst dem Prediger, noch etliche Stunden im eifrigen Gebeth, biss er endlich bald nach Mitternacht sanfft und selig einschlieff. Ich liess den entseelten Corper, auf Einrathen des redlichen Priesters, Abends in der Stille auf dem Gottes-Acker an einen reputirlichen Ort begraben, bezahlete alle diejenigen, welche damit zu thun gehabt reichlich, nahm meines Vaters hinterlassenes Gerathe zu mir, packte selbiges in einen besondern Kasten, und war willens mit ehester Post zuruck an denjenigen Hof zu reisen, allwo ich meine Pension zu ziehen hatte; als Tages vor Abgang der Post, ein unbekannter schlecht gekleideter Mann in meine Cammer trat, und mich ohngefahr also anredete: Monsieur nehmet mir nicht ungutig, dass ich euch unangemeldet Beschwerlichkeit verursache, ich trage hertzliches Mitleyd uber den klaglichen Todes-Fall eures Vettern und bedaure sonderlich, dass ich heute mit der Post zu spate gekommen bin, denselben vor seinem seeligen Ende noch einmahl mundlich zu sprechen, denn wir sind in Wahrheit jederzeit sehr gute Freunde gewesen, ich bin gewisslich fast um keiner andern Ursache willen verreiset, als einen Gottes-Mann her zu fuhren, der euren Vater von dem Irrwege auf die rechte Strasse fuhren, und ihn zu einem wiedergebohrnen Menschen und rechtschaffenen Christen machen solte, da ich aber von einem meiner Mittbruder, nur vor wenig Stunden vernommen, dass er als ein bussfertiger und bekehrter Christ von der Welt geschieden, gonne ich ihm die seelige Ruhe von Grunde meiner Seelen gern, euch aber, mein Herr, will ich freundlich ersucht haben, mir um eine billige Bezahlung, dieses euren seel. Vetters hinterlassene chymische Schrifften zu uberliefern, weil sie doch vermuthlich euch schlechten Nutzen schaffen werden. Ich gab hierauff zur Antwort: dass mir an etlichen Thalern Geldes wenig gelegen sey, jedoch weil ich dergleichen betruglichen Plunder gantz und gar nichts achtete, ware ich bereit ihm die Schrifften meines Vetters sehr gern zu uberlassen, wenn erwehnter mein Vetter mir nicht vor seinem Ende befohlen, diese Schrifften viel lieber zu verbrennen, als mich selbst oder meinen Neben-Christen dadurch zu der gefahrlichen und betruglichen Goldmacher-Kunst zu verleiten. Ich halte euch, mein Herr! war des Frembden Gegenrede, euer Gesprach dissfalls zu gute, weil ich hore, dass ihr so wenig Wissenschafft von der himmlisch Gottlichen Kunst habt; als ein rechtschaffener wiedergebohrner Mensch seyd. Jedoch ubereilet euch nicht, mein Freund, dasjenige zu unterdrucken, was Gott durch seine unerforschliche Barmhertzigkeit, zu Vergrosserung seiner Herrlichkeit, auch einem schlechtglaubigen Menschen erfinden lassen, glaubet anbey sicherlich, dass euer Vetter den Welt beruffenen Stein der Weisen vor 1000. andern Artisten wurde gefunden haben, woferne er nur etliche Jahre zeitiger Busse gethan, und mit feuriger Andacht im lebendigen Glauben und Gebet, die Gnade des heil. Geistes angesucht, ja ich will fast glauben, dass er diesen kostbaren Schatz schon wurcklich in seiner Gewalt gehabt, allein weil er bey seiner Arbeit nicht auf Theosophische Weise durch geheime Gesprache mit Jehova, eine reine Gottesfurcht geubt hat, so sind ihm von der himmlischen Sophia die Augen seines Leibes und Gemuths gehalten worden, dasjenige nicht zu sehen, und zu begreiffen, was er doch wurcklich vor Augen und unter seinen Handen gehabt hat.

Ich wurde uber diesem Gesprache dermassen verwirrt, dass ich nicht wuste, was ferner antworten solte, endlich aber fragte ich, gantz in Gedanckenvertiefft: Mein Herr, wie ist euer Nahme? Mein gewohnl. Name, sprach er, ist euch zu wisse ohne eintzige Nutzen, mein Kunst-Nahme aber heisst Elisus, habt ihr selbigen bereits erwehnen horen? Nein versetzte ich, sonsten aber fallt mir bey, in einem Tracttlein von einem Adepto gelesen zu haben, der sich Elias Artista genennet, bereits vor etlichen 40. oder 50. Jahren dem beruhmten Haagischen Chymico Helvetio erschienen seyn, und demselben den Lapidem Philosophorum nicht allein gezeigt, sondern auch etwas davon mitgetheilt haben soll. Eben dieser Elias, sprach der Frembde, ist mein Meister, er lebt biss diese Stunde noch in seinem 94ten Jahre, dermassen gesund und frisch, dass er itzo vor einen Mann von etliche 40. Jahren anzusehen ist, denn die aus dem Lapide prparirte universal Medicin, bewahret ihn nicht allein vor aller Kranckheit, sondern auch die Theile seines Leibes vor aller Ungestaltniss, Runtzeln und andern gewohnlichen Beschwerlichkeiten. Mein Freund, rieff ich endlich aus, wenn ihr mir diesen Wunder-Mann, so wohl als sein arcanum nebst der Probe davon zeigen wollet, so bin ich nicht allein erbothig euch vollig Glauben zu zustellen, sondern uber dieses meines Vettern hinterlassene Schrifften zu ubergeben, welche euch aber meines Erachtens wenig nutzen konnen indem, wie ihr sagt, euer Meister den Lapidem schon wurcklich besitzet. Ich konte euch, sagte der Frembde, durch eine kurtze Erzehlung sehr wunderbarer Geschichte, gar bald aus dem Traume helffen, allein derjenige Eyd, welchen ich meinem Meister geschworen; verbiethet mir solches zu thun, doch verzeyhet mir, dass ich mich uber eure Einfalt wundere: ihr erbiethet euch, daferne ihr meinen Meister nebst der Probe von dem himmlischen Arcano zu sehen bekommet, der Sache volligen Glauben zu geben, und die Schrifften eures Vettern auszuliefern. Ist dieses auch etwas besonderes? O ihr thorichter Mensch! warum woltet ihr euch nicht vielmehr bestreben sein Junger und mein Mitschuler zu werden? Wie viel Konige, wie viel Fursten, wie viel tausend gelehrte und ungelehrte solten sich ein solches Gluck nicht wunschen, und es mit der Helffte ihres Bluts erkauffen? Lebet wohl! Ich verlasse euch und zweiffele, ob ihr mich nur ein einzig mahl wieder zu sehen das Gluck haben werdet.

Ich meines Theils weiss biss diese Stunde noch nicht, ob mich dieser Mensch mit seinen blossen Worten bezaubert, oder als ein Basilisske durch das Ansehen vergifftet hatte, denn so bald er mir nur den Rucken zukehren wolte, wurde mein gantzes Wesen dergestalt verandert, dass ich augenblicklich aufsprung, ihm um den Hals fiel, und hertzlich bat, mich als einen verwirrten Menschen, der da nicht wisse, was er glauben solle, um des Himmels willen nicht zu verlassen, sondern meiner Schwachheit zu Hulffe zu kommen, und wenigstens Morgen, nachdem ich meine 5. Sinne wiederum in einige Ordnung gebracht, noch ein einzigs mahl bey mir einzusprechen. Er versprach solches zwar, jedoch mit einer solchen Gebarde, dass ich daraus die starckste Ursache nahm, an der Erfullung seines Worts zu zweiffeln, wesswegen ich mit Bitten nicht abliess, biss er endlich den Schwur that, mir, so wahr er ein wahrhafftiger Anbeter des grossen Jehova ware, sein Wort zu halten.

Wen ich erzehlen solte, wie mir in folgender Nacht zu Muthe gewesen, und welchergestalt alle meine Affecten und Gedancken durch einander her gegangen, so muste mehr als einen Tag Zeit darzu haben. Kurtz! ich bleibe fast darbey, dass mein gantzer Verstand bezaubert worden. Die Vermahnungen meines sterbenden Vaters, zerschmoltzen wie Butter an der Sonnen, und wie sehr ich sonsten auf die betrugerischen Alchymisten erbittert gewesen, so sehr wunschte ich nunmehro den wundervollen Elias und den frommen Elisum zu umarmen, an die Abreise aber wurde gar im geringsten nicht gedacht.

Etwa zwey Stunden, nachdem ich von meinem Lager aufgestanden, stellete sich der so sehnlich gewunschte Elisus ein, fragte gantz devot, ob ich wohl geruhet und Belieben hatte ihm zu folgen. Derowegen warff ich mit erfreuten Hertzen, in groster Geschwindigkeit, meinen Mantel um mich, und folgete meinem Fuhrer, welcher sich durchaus nicht erbitten liess, etwas von meinem delicaten Fruh-Stucke einzunehmen, indem er einen halben Fast-Tag zu haben vorschutzte. Er fuhrete mich jenseit der Stadt ebenfalls in ein kleines Hausslein, allwo ein etliche 40. Jahr alt scheinender Mann, in der Stube herum gieng, und mich ohne besondere Ceremonien willkommen hiess. Selbiger redete erstlich weiter nichts, Elisus aber fieng einen sonderbaren geistlichen Discours an, worinnen er die vermeinte Gottliche Kunst, biss in den Himmel erhub, und beylauffig den gegenwartigen so genandten Elias, noch hoher als alle heil. Propheten und Evangelisten erhub, endlich gab er zu vernehmen, wie mir die Probe von der Transmutation der Metallen, noch in dieser Stunde gezeigt werden solte; daferne ich kein Bedencken nahme eine Eydes-Formul abzuschweren, welche ohngefahr folgendes Innhalts war: 1) Solte ich mit andachtigen und Gottesfurchtigen Hertzen meine Augen auf das grosse Welt-Wunder richten. 2.) Dem Meister Elias und seine Junger so wenig, als das Wunder selbst, verrathen und ausplaudern. 3.) Daferne ich ja so gluckseelig werden solte, bey ihnen unter die Zahl der Lernend in aufgenommen zu werden, mich aus allen Krafften der Seelen, dahin zu bestreben, als ein wiedergebohrner heiliger Mensch zu leben, auch wie es der Zustand rechtschaffener Christen erforderte, alles das meinige, und hingegen auch alles das ihrige gemeinschafftlich zu halten. 4.) Dem Artisten Elia alle Huld, Treue und Gehorsam zu leisten, oder da mir solches nicht langer anstunde, und ich etwa vor mich allein leben und arbeiten wolte, ihm vorhero danckbarliche Aufkundigung zu thun.

Kan man wohl glauben, dass ich so thoricht gewesen, dergleichen Eyd zu schweren, welchen gemass zu leben, doch eine weit andere als menschliche Krafft erfordert wurde. Allein man bedencke nur, dass mein Verstand, in Wahrheit durch die hefftige Begierde nach dem Steine der Weisen, nicht um ein kleines verruckt worden, derowegen hatte ich wohl noch weit unmoglichere Dinge angelobet, um nur desto hurtiger meine Neugierigkeit zu befriedigen. Endlich wurde ich in ein kleines Laboratorium gefuhret, allwo ein bereits angemachtes Kohl-Feuer, uberall aber lauter chymisches Geschirr zu sehen war. In der Wand stunden etwa 7. oder 8. kleine Schmeltz-Tiegel, derowegen sagte Elisus: Mein Freund, leset euch einen von diesen Schmeltz-Tiegeln aus, besehet ihn, ob er tuchtig ist, und setzt denselben ins Feuer, denn ich und mein Meister werden euch gantz allein handthieren lassen und allhier vor der Thur stehen bleiben, damit ihr vollig versichert, seyn moget, dass alles ordentlich und richtig zugehe. Ich zitterte vor Freuden, gehorsamete aber und setzte den Tiegel in die Gluth. Habt ihr etwas Bley oder Zinn bey euch, fragte Elisus, so waget dort auf der Wage 1. Loth ab, und werfft es in den Tiegel. Ich hatte einen bleyernen Griffel in meiner Schreib-Taffel, weil aber selbiger noch kein Loth wuge, so muste noch einen zinnernen Knopff von meinen Bein-Kleidern reissen, etwas davon abschneiden und hinzu legen, damit ein accurates Loth-Gewicht heraus kam. So bald ich gesagt, dass es zerschmoltzen sey, fiel Elias auf seine Knie nieder, schlug mit der Hand an die Brust, kehrete die Augen gen Himmel, murmelte etliche unverstandliche Worte her, zog immittelst ein klein Buchslein hervor, und nahm aus selbigen ein rothliches Stucklein Hartz, oder was es sonsten seyn mochte, etwan einer halben Erbsen gross, schabte so viel darvon, als ein halber kleiner Stecke-Nadels-Knopff betragt, und fragte, ob ich etwas Wachs bey mir hatte? Da nun ich solches verneinete, sprach Elisus, sehet hier ist Wachs genung, damit euch aber wegen unserer Materialien kein Verdacht erweckt werde, so nehmet ein wenig Ohren-Schmaltz, machet mit Kothe aus der Hand eine Massam daraus, damit ihr dieses kleine Staublein von dem Lapide darein kleiden und in das geschmoltzene Bley werffen konnet. Nachdem solches geschehen, und ich die vortreffliche Pille hinein geworffen, muste ich ein bey der Hand liegendes, etwa halben Fingers dickes, Eisen nehmen, ein einzig mahl damit auf den Boden des Schmeltz-Tiegels, und zwar nicht gar zu gelinde stossen, worauf alsobald ein starckes Getose im Tiegel entstund, jedoch Elisus erinnerte mich das Gesicht hinweg zu wenden, und hernachmahls gar eines Schritts breit davon, auf den Sessel nieder zu lassen, allwo ich etwa eine halbe Stunde pausiren muste, ehe Elias sich mit besonderes andachtigen Gebarden von der Erden aufhub, mir den Tiegel aus dem Feuer zu heben, und das, was darinnen, auf die Steine zu schutten befahl. Indem ich solches verrichtete, giengen sie beyderseits in die Stube, sich aber folgte ihnen nicht eher nach, biss ich den erkalteten Guss, unter dem Kothe hervorziehen, und zur eigentlichen Betrachtung in die Stube tragen konte. Ach Himmel, wie erfreut war mein Hertz, da sich ein Stuck, aus Bley gemachtes Gold, in meinen Handen befand. Elias fragte: Kennet ihr nun das gemachte Gold? Glaubt ihr nun, dass die Transmutation keine HirnGeburth ist? Haltet ihr nun darvor, dass Elias Artista ein von GOtt auserordentlich begnadigter Mann sey? Ja, lieber Herr! ich glaube alles, war meine Antwort, lege mich derowegen zu euren Fussen, und bitte, mich Unwurdigen in die Lehre zu nehmen. Pfuy! schrye er, betet GOtt an, und nicht mich als seinen unwurdigsten Knecht, dancket dem Hochsten, der euch das Geheimniss mit sichtbaren Augen anzusehen, und zu gleich eine solche Gluckseligkeit vergonnet hat, welche so viel hundert Kayser und Konige vergeblich gewunscht haben. Allein mein Sohn, fuhr er fort, ihr seyd dennoch viel zu leichtglaubig, woher konnet ihr wissen, dass dieses wurckliches und aufrichtiges Gold sey, da selbiges noch von keinem Unpartheyischen, sattsam probirt ist, gehet derowegen hin, ich schencke euch das gantze Stuck, lasset es von allen Goldschmieden examiniren, bedencket aber dabey euren gethanen Eyd, und kommet in dreyen Tagen wiederum an diesen Ort, so dann wollen wir weitlaufftiger mit einander sprechen. Um keine Grobheit gegen diesen capricieusen Kopff zu begehen, bequemte mich augenblicklich zum Gehorsam, gieng auch zu allen Goldschmieden in der gantzen Stadt, liess mein Stuck probiren, und erhielt das allgemeine Zeugniss, dass selbiges vom allerschonsten Kremnizer-Ducaten-Golde ware.

Nunmehro beklagte ich erstlich: dass mein seel. Vater nicht noch am Leben seye, um dieses unvergleichliche Kunst-Stuck mit Augen anzusehen. Nunmehro bedaurete ich meine vormahlige Einfalt und dummes Judicium von der Transmutatione Metallorum. Ja nunmehro war ich entschlossen alle andern Wissenschafften an den Nagel hangen zu lassen, und mich eintzig und allein auf das laboriren zu legen. Allein, wie wurde mein gantzes Gemuthe doch in das allergroste Betrubniss versetzt? da ich am dritten Tage, das leere Nest, und weder den Elias, noch den Elisum antraff, auch in nachfolgenden 8. Tagen nicht die geringste Nachricht von allen beyden erhalten konte. Ich blieb gantz ohne Trost in meinem Logis, brachte die meiste Zeit als ein, am Leibe und Gemuthe krancker Mensch auf meinem Lager zu, lieff doch taglich 3. oder 4. mahl in das kleine Hauss, allwo ich das grosse Geheimniss erfahren, fand aber selbiges von solchen Leuten bewohnet, welche weder den Eliam noch Elisum kennen, oder nur das geringste von ihnen gesehen haben wolten. Endlich da ich mir die gantzliche Rechnung gemacht, dass sie mich nicht wurdig geschatzt in ihre Gesellschafft aufzunehmen, und daruber fast in Verzweiffelung fallen wolte, kam am Abende des 8ten Tages Elisus, ohnangepocht in meine Stube getreten, fragte, wie ich mich befande, und entschuldigte hernach, ziemlich freundlich, dass er und sein Meister wichtiger Ursache wegen sich einige Tage verborgen halten mussen, meldete auch: dass sie binnen 3. Tagen diese Stadt gantzlich verlassen, und sich in ein ander sicherer Land begeben wurden, allwo weit frommere Leute, als hiesiges Orts anzutreffen waren. Ich fiel dem Eliso um den Halss, bat ihn aufs flehentlichste, mich nicht zu verstossen, sondern bey dem Artisten Elia allen Vorspruch anzuwenden: Dass mir vergonnet werden mochte, in seiner Gesellschafft mit zu reisen. Endlich wurde mein Bitten erhoret, und ich zu einem Mitgliede ihrer Kunstgenossenschafft auf und angenommen, sie schwuren mir, welches erstaunlich zu erwegen, beyderseits einen theuern Eyd: Mich in keinem Glucks- oder UnglucksFalle zu verlassen, sondern mir jederzeit mit treuer Lehre, auch Gut und Blut zu dienen, ich hergegen muste alle meine Mobilien zu Gelde machen, einen niedertrachtigen Habit anziehen, und alles in Gold verwechselte Geld, welches sich ohngefahr auf 2300. Thlr. belieff, darein vernehen. Hierauf traten wir die Reise zu Fuss an, und zwar an denjenigen Furstl. Hof, wo ich meine mechanische Werckstadt hatte, daselbst nahm ich meinen Abschied, unter dem Vorwande eine Reise nach Engelland anzutreten, verkauffte alle noch ubrigen Gerathschafften, und losete 530. Thlr. daraus, hatte also ein Capital von 2830. Thlr. beysammen, welches ich dem Eliso halb zu tragen gab, und mit meinen Fuhrern immerfort reisete, ohne mich zu bekummern, wohin. Uberall wo wir nur einkehreten, musten die aller delicatesten Speisen aufgetragen werden, ohngeacht aber alles aus meinem Beutel bezahlet wurde, bekummerte ich mich doch sehr wenig um das eitele Geld, weilen mich versichert hielt, dass so bald selbiges verzehret sey, Elias den Schaden schon durch einen wichtigen Gold-Klumpen ersetzen konte. Endlich gelangeten wir in einem Hollandischen Dorffe an, allwo unser Wirth den Elisum und Eliam als wohlbekannte Freunde empfieng, und mir ebenfalls alle Hofflichkeit erzeigte, es fand sich daselbst ein unterirrdisches weitlaufftiges Laboratorium, in welchen Elias Artista mit mir zu laboriren anfieng, und zwar keine andern, als diejenigen Processe, welche mein seel. Vater schrifftl. hinterlassen, Elisus aber muste eine Reise antreten, um ein und andere Materialien herbey zu schaffen, hierzu nahm er mein Geld mit, warum ich mir aber nicht die geringste Sorge machte. Mittlerzeit war der vortreffliche Lehrmeister so gnadig, mir dann und wann ein Stucke von seinem Lebens-Lauffe zu erzehlen, und gab vor: er sey ein Nord-Hollander, im Jahr 1622. gebohren, hatte von Jugend auf bey einem seiner Verwandten dem laboriren beygewohnet, und zum Scheine das Roth-Giessen gelernet, nach der Zeit ware er durch die Zubereitung verschiedener trefflicher chymischer Artzeneyen in starcken Ruff kommen, so dass ihm viele beruhmte Kunstler besucht, und ihres Vorhabens wegen seinen Rath verlanget hatten. Endlich aber sey, bey sehr schlimmen Wetter, einsmahls ein unbekandter Mann zu ihm gekommen, den er wegen seiner Erfahrenheit im laboriren etliche Tage beherberget, wohl gepfleget und von ihm letzlich die Prparation des Schatzes aller Schatze nehmlich des Lapidis philosophici erhalten hatte, jedoch mit dem Bedinge, selbigen keinen Menschen vollig zu offenbaren, als welcher gewisse Merckmahle, die mir aber Elias nicht sagen wolte, in seinem Gesichte, Gebarden und gantzen Wesen von sich blicken liesse.

Hierauf muste ich recht erstaunliche Geschichte von seinen durch alle Europische Lander gethanen wundervollen Reisen anhoren, die ich voritzo beliebter Kurtze wegen ubergehen will, sonsten aber betheurete er hoch, dass von 6. Personen, denen er seit etliche 60. Jahren her, dieses Geheimniss mit guten Gewissen offenbaren durffen, kein eintziger mehr am Leben sey, ihn aber habe der Himmel durch die Kraffte und Tugenden seiner universal Medicin, stets gesund, frisch und starck erhalten, so dass er sich uber dieses Wunder, selbst niemahls genung, verwundern konte.

Ich weiss, sprach er hierauf, aus einer himmlischen Offenbahrung gewiss, dass sich mein Leben noch etwas uber 120. Jahr erstrecken wird. Der Vorrath von meinem kostbaren Schatze ist zwar annoch so gross, dass ich mehr als vor 100000. Thlr. Gold aus blossen Bley machen kan; allein erschrecket nicht mein Sohn, wenn ich euch offenhertzig gestehe, dass mir nunmehro bey nahe seit zehen Jahren her, nicht ein einzigmahl moglich gewesen den Lapidem so rite zu prpariren als vor dem. Horet, was ich euch sage: Ach leyder! ich bin vor fast zehn Jahren, in eine gantz besondere Sunde gefallen, die niemand leichtlich errathen wird, derowegen straffte mich der Himmel auf frischer That, dergestalt, dass mir, so zu sagen, nur ein kleiner Funcke von meinem sonst so vortrefflichen Gedachtnisse ubrig blieb. Dem Himmel sey 1000. mahl gedanckt, dass ich diesen kleinen Funcken nur noch darzu anwenden konnen, mich in der strengesten Busse und Casteyung des Leibes vor dem Himmel zu demuthigen, und eine neue heilige Lebens-Art an zufangen, denn nachhero, erlangete ich zwar binnen zweyen Jahren, meinen ziemlichen Verstand und Gedachtniss wieder, allein, die Prparation des Lapidis war unmoglich wieder auszufinnen; Derowegen brachte meine Zeit in tieffster Traurigkeit des Geistes zu, ja ich hatte die allergroste Muhe der gantzlichen Verzweiffelung zu wiederstehen, welche mir eines Tages folgende Worte auspressete: Herr! ist es moglich, dass du um einer eintzigen ubereilten Sunde willen, mir das grosse Siegel und Zeugniss deiner Gnade zuruck ziehen kanst? lass entweder dieses nicht von mir geschieden seyn, oder scheide meinen Leib und Seele gleichfalls von einander. Gleich nach Aussprechung dieser Worte wurde mein Geist entzuckt, an einen solchen Ort, der wegen seiner Klarheit und Zierde nicht zu beschreiben ist, auch sind die Worte nicht nachzusagen, die ich daselbst gehoret habe, es kam mir aber eine diamantene Taffel vor die Augen meines Gemuths, auf welcher folgende Worte geschrieben stunden: Elias Artista hat auf einmahl 10. Sunden begangen, derohalben muss er zur Straffe, 10. gantzer Jahr, der gantzlichen Zubereitung des himmlischen Kleinods beraubt seyn, ohngeacht an seiner eiffrigen Busse und volliger Bekehrung kein Zweiffel ist. So bald ich, fuhr der verzweiffelte Wind-Beutel Elias fort, diese Schrifft tieff in meine Seele eingedruckt, fuhr dieselbe eiligst zuruck in ihren Corper, welcher auf dem Boden der Cammer ausgestreckt lag. Eines theils befand sich derselbe etwas getrostet, andern theils wurde er zum offtern wieder mit neuer Traurigkeit uberfallen, so dass ich die allereinsamsten Oerter suchte, mich zur Erden niederwarff und ohne Unterlass schrye: Ach HErr, wie so lange? Wende dich HErr! Ists nicht genung 3. Jahr? Ists nicht genung 4. Jahr? Ists aufs hochste nicht genung 5. Jahr? Endlich da ich mich unter solchen Klagen fast sehr ausgezehret hatte, trat ein unbekandtes Mannlein zu mir, und sprach: Elias hore mir zu! reitze mit deiner Ungedult, die himmlische Gerechtigkeit, welche dein Urtheil mit ihren Finger geschrieben, nicht zum Zorne, sondern ertrage mit Gedult, was sie dir auferlegt hat, so werden deine Jahre auf 120. verlangert werden. Du hast ja von dem himmlischen Kleinode, Vorrath genung, dich annoch 7. biss 8. Jahre vor Armuth und Kranckheit zu bewahren, denn es sind ja nunmehro bey nahe 3. Jahre von deiner Straf-Zeit verflossen. Zeuch armselige Kleidung an, und wandere als ein Pilgrim durch die Welt, wende die Helffte deines Schatzes an das Armuth, von der ubrigen Helffte nimm deine Artzeney und Nahrung, und lobe bestandig den Hochsten. Erinnere dich, dass dieses Geheimniss nirgends anders zu finden sey, als bey Jehova saturnine collocato in centro mundi, derowegen lautere deine Seele, damit die himmlische Sophia aufs neue deine Freundschafft suche, und dir die niemahls auszuschopffenden Strome ihrer Gnade und Gutigkeit noch reichlicher, als vorhero anbiethe.

Ich Elias, fand mich durch die Rede des Mannleins sehr beruhiget und gestarckt, fragte aber also: Was soll das Zeichen seyn, dass deine Reden wahrhafftig, und dass die himmlische Sophia nach Verfluss der 10. Straff-Jahre wiederum vollkommene Freundschafft mit mir machen werde? Die Zeichen, gab es zur Antwort, sind folgende: Vor Ablauff dieses dritten Jahres wirst du wiederum aufs neue entdecken und zu beschauen haben: der nackenden Dian Bad, des Narcissi Brunnen, worinnen er sich nach langen Bespiegeln selbst ersaufft. Im vierdten Jahre: die abgezehrte Echo in hohlen Klufften, und die Scyllam, wegen ubermassiger Sonnen-Hitze, ohne Kleider, in der offenbahren See herum spaziren. Im funfften Jahre: das zusammen gelauffene Blut von Pyramo und Thisbe, durch welches die weisse Maulbeeren roth gefarbt werden, ingleichen des Adonidis Blut, wie solches von der herabsteigenden Venere in die Rose Anemone verwandelt wird. Im sechsten Jahre: die schone Hyacinth-Blume, welche von Ajacis Bluthe entsprossen, ingleichen das Blut der Himelsturmenden Riesen,

welches ihnen Jovis Donner-Kerl erschopffet. Im siebenden Jahre: die hauffigen Thranen der Alth, indem sie ihr guldenes Kleid ausziehet, und von sich legt. Im achten Jahre: den Garten Hesperidum, in welchen die guldenen Aepffel von den Baumen gebrochen werden. Den Hippomenes, welcher mit der Atalanta um die Wette laufft, und die Venus, welche 3. guldene Aepffel darzwischen wirfft, den Lauff zu hemmen. Im neundten Jahre: die von der Gottin Venere, in einen Cometen verwandelte, und unter die Sterne versetzte Seele, des Julii Csaris. Das Feuer, woran Medea 7. Lichter anzundet, ingleichen die von Phaetontis Wagen entzundete und brennende Lunam. Im zehendten Jahre: den verdorreten Oelzweig, so aufs neue mit Beeren grunet, ja den neuen und jungen Oel-Baum. Plutonis Wohnung, vor deren Thoren der dreykopffige Cerberus liegt. Den Scheiterhauffen, worauf Hercules seine von der Mutter empfangenen sterblichen Theile verbrennet, die Vaterlichen unsterblichen Theile aber, unverbrennlich erhalt, also nichts von seinem Leben verliehret, sondern endlich selbst in einen GOtt verwandelt wird.

Nach Verfluss dieser 10. Jahre, redete das Mannlein weiter, wirstu Elias Artista wiederum eingefuhret werden in den Tempel des Baurischen verwandelten Hauses, dessen Deckel aus puren lautern Golde bestehet, du wirst darinnen die philosophische Konigin waschen und baden, oder deutlicher zu sagen: die terram virgineam catholicam in crystallino artificio Physico magico circuliren lassen, du wirst den Philosophischen, inwendig feurigen Konig mit seiner Crone aus dem Braut-Bette seines crystallinischen Grabes herauf steigen sehen, in seinem glorificirten feurigen hochst vollkommenen Leibe, mit allen Farben der Welt geschmuckt, gleich einem hell-leuchtenden Carfunckel und Wasser-speyenden Salamander. Ja deine Augen werden aufs neue in den tieffsten Abgrund der spogyrischen Kunst sehen, als in welchem sichern Schoosse die ubermenschlichen Geheimnisse bewahret liegen.

Nachdem das Mannlein, fuhr Elias fort, seine Rede geendet, und mir ausserdiesem, noch verschiedene, euch mein Sohn, annoch zu wissen undienliche Wahrzeichen und Lehren gegeben, schied es plotzlich von mir, ich habe mich nach der Zeit in allen sehr genau nach seinen Worten gerichtet, und befunden: dass biss auf diesen Tag alles sehr wohl eingetroffen ist. Euer Vater seel. hatte ein grosses Licht der Welt werden konnen, allein er hat die Vermahlung mit der himmlischen Sophia selbst verschmahet, ich habe ihn zwar von Person nicht gekennet, doch Elisus hat mir die unbetruglichen Wahrzeichen, die ich auch an euch, als seinem Sohne, mit grosten Freuden spure, Haarklein erwiesen, mich auch aus einem fernen Lande beruffen, eurem seel. Vater in der wahren Theosophie zu unterrichten, und mit Jehova zu vereinigen, allein der Geist zeigte mir in einer Entzuckung an, dass ich denselben nicht mehr lebendig, gleichwohl aber seinen darzu tuchtigen Sohn antreffen wurde, welches auch geschehen, denn es ist zu mercken, dass ich ohne gantz besondern Antrieb des Geistes, niemanden dasjenige, was ich weiss, zu lehren Erlaubniss habe, ihr aber, mein Sohn, seyd so wohl als Elisus vom Himmel darzu auserkohren. Nunmehro ist das zehendte Jahr biss auf wenige Wochen verlauffen, es fehlet mir also in diesem Jahre weiter nichts an der Propheceyung des Mannleins, als des Herculis Scheiterhauffen und dessen Vergotterung erfullet zu sehen, welches ich mit Beyhulffe der Schrifften eures Vaters in kurtzen vergnugt zu finden verhoffe.

Was duncket euch, meine Herren? fragte hierauf Mons. Plager, indem er einen kleinen Absatz seiner Erzehlung gemacht, und einige Erfrischungen vor seine Gaste herbey gebracht hatte, solten dergleichen Redens-Arten eines durchteuffelten Menschen, nicht krafftig genung seyn, einen bethorten Kerl, wie ich damahls war, vollends gantz narrisch zu machen? Ich muss bekennen, dass selbige von mir mit solcher Attention angehoret und erwogen wurden, als ob sie vom Himmel herab geredet wurden, denn mein Gehirne war mit der allerstarcksten Hoffnung, in wenig Monathen ein vollkommner Gold-Macher zu seyn, dergestalt angefullet, dass wenig andere vernunfftige Gedancken oder Beurtheilungs-Kraffte darinnen Platz hatten. Wir laborirten indessen immer drauf loss, warteten aber mit Schmertzen auf des Elisi Zuruckkunfft, Elias reisete zwar auch zuweilen 3. 4. biss 8. Tage hinweg, kam aber immer mit allerhand Materialien und andern leckerhafften Sachen zurucke, welche Kosten doch alle aus meinem Beutel bezahlet werden musten, weil Elias sein ungemuntztes Gold nicht ehe verwechseln wolte, biss es die hochste Noth erforderte.

Eines Tages aber fiel mir ein verzweiffelt schandlicher Streich in die Augen, denn da ich Nachmittags des Eli Cammer-Thur eroffnete, traff ich denselben in dem argerlichsten Zustande, mit einer liederlichen Schand-Metze auf seiner Schlaff-Statte liegend an. Dass ich uber diesen heiligen Mann grausam erschrokken seyn musse, ist leicht zu erachten, jedoch ich machte die Thur so gleich wieder zu, wunschte, dass selbige nicht eroffnet worden, gieng in den Garten, legte mich unter einen grunen Baum, und verfiel uber diese Affaire in ein sehr tieffes Nachsinnen. Bald darauf kam Elias zu mir, und sagte mit gantz unpassionirten Gebarden: Mein Sohn, der Geist hat mir eingegeben, dass ihr euch in dieser Stunde zum ersten mahle an meinem Wesen geargert habt, derowegen ist mir auferlegt, euch eines bessern zu unterrichten. Wisset demnach, dass dergleichen Handlung, als ich anitzo mit einer Weibs-Person gepflogen, demjenigen Leibe, dessen Seele bereits in der Vergotterung stehet, nicht zur Unflaterey und Sunde zugerechnet wird, sondern dieser Auswurff ist in keine andere Betrachtung zu ziehen, als die ubrigen naturlichen Auswurffe des Unflats, Urins, Schweisses und des Speichels, diejenigen Luste auch, so darbey empfunden werden, gehen eintzig und allein den Leib, im geringsten aber nicht die Seele an. Mit unwiedergebohrnen Leuten aber, deren Seelen noch in keiner Vergotterung stehen, hat es eine gantz andere Beschaffenheit, denn weil deren Seele, mit dem Leibe zugleich, Theil an den Lusten nimmt, so gereicht es dem gantzen Menschen zur Schande, Unflaterey und straffbarer Sunde. Der tausende Mensch kan dieses nicht recht begreiffen, ihr aber, mein Sohn, sollet hinfuhro noch mehr sichere Grunde dessfalls erfahren.

Mein GOtt! rieff Mons. Plager aus, hatte ich nicht gleich mercken sollen, dass dieses eine der allerverfluchtesten Teuffels-Lehren sey, welche schnurstracks wider die heilige Gottl. Schrifft lieffe, zumahlen ich als ein guter Lutheraner kein Frembdling in der Bibel und der reinen Augspurgischen Confession war. Allein der Satan verblendete auf GOttes Verhangniss ohnfehlbar meine Augen, verstopffte meine Ohren vor der Stimme des heiligen Geistes, und verfinsterte meinen Verstand dergestalt, dass ich einem verfluchten Ketzer mehr glaubte, als allen dem, was ich von Jugend auf aus dem Worte GOttes gelernet hatte.

Ich dancke GOtt tausendmahl, der mich hernach noch zu rechter Zeit aus diesen verdammlichen Irrthumern gerissen, und will nicht weiter an diejenigen Greuel gedencken, die ich noch von dem schandlichen Elia anzufuhren wuste, deren mich aber doch, GOtt sey gelobt, nicht selbst theilhafftig gemacht, sondern immer einen geheimen Abscheu dargegen gehegt habe. Hergegen will ich erzehlen, welchergestalt ich armer Schops endlich von ihm betrogen worden.

Elisus kam wieder zu uns, und also wurde das Laboriren mit aller Gewalt fortgesetzt, so, dass ich mich zu Ende des Jahres ein starcker Chymicus zu seyn beduncken liess. Elias zeigte mir nunmehro seine verfluchten Hirn-Geburthen im lebendigen Feuer, nehmlich den neuen jungen Oelbaum, des Plutonis Wohnung, den Cerberum und den Herculem auf den Scheiter-Hauffen, es war ihm aber ein leichtes, mich zum volligen leichtglaubigen Narren zu machen, weil ich Zeit Lebens wenig oder gar nichts vom Laboriren gesehen als bey ihm. In den letzten Tagen des Jahres, muste Elisus vor mein Geld eine neue Reise antreten, mit dem Befehl, aufs langste in einem Monate wieder zu kommen, weil Elias so dann den Anfang machen wolte, die Terram virgineam catholicam circuliren zu lassen, und den Philosophischen Konig aus seinem Grabe herauf zu holen: Zwey Wochen hernach nahm Elias ebenfals eine Reise nach der nachsten Stadt vor, und versprach binnen 9. Tagen wieder da zu seyn, mittlerweile gab er mir ein machtiges Stuck chymischer Arbeit vor, ausserdem muste ich ihm alle meine Gold-Muntze auszahlen biss auf 100. spec. Ducaten, dahingegen gab er mir von seinem durch Kunst gemachten Golde 8. Platten in Verwahrung, worvon die 4. grosten 11/4. Pfund, die 4. kleinesten aber 4. 6. biss 8. Loth am Gewichte hielten. Da nun, wie bereits sehr offters gemeldet, bey mir nicht der geringste Verdacht wegen eines Betruges herrschete, liess ich auf Katzen- und Mause-Art immer mit mir hin spielen verrichtete die aufgegebene Arbeit mit grosten Fleisse, wartete 9. Tage, verzog noch einen gantzen Monat, allein vergeblich, denn es wolte weder Elias noch Elisus wieder zum Vorscheine kommen, endlich empfing ich von dem erstern einen Brieff, worinnen er mir mit grossen Schmeicheleyen berichtete, dass er wichtiger Ursachen wegen die Reise nach Amsterdam fortsetzen mussen, also solte ich mich nicht saumen, aufs eiligste nachzukommen, die ausgearbeiteten Sachen aber, an ihren Orthe wohl verschlossen stehen lassen, weil er Elisum unterwegs angetroffen und mit sich genommen hatte. Wer war hurtiger als ich, mich auf die Reise nach Amsterdam zu begeben, und dennoch kam ich um drey Tage zu spate, weil in dem angewiesenen Logis einen Brief von dem Elia fande, worinnen er mit sehr ungeduldigen Ausdruckungen betheurete: dass er ohnmoglich langer auf mich warten konnen, sondern sich genothigt befunden, die Reise nach London in Engelland aufs eiligste anzutreten, ich mochte demnach, so lieb mir alle meine Wohlfarth sey, ihm auch dahin folgen, in einem gewissen Hause nach ihm fragen, doch solte ich mich ja huten, ihn Eliam Artistam, sondern an statt dessen, Curt van Delfft zu nennen. Ich kam sehr geschwind nach London uber, traff in dem bezeichneten Hause zwar verschiedene Leute an, die ich mit guten Gewissen vor Laboranten oder Adeptos halten konte, bekam aber unter ihnen weder meinen Eliam noch Elisum zu Gesichte, und da ich nach dem Curt van Delfft fragte, machten alle zusammen grosse Augen, bekannten auch, dass sie zwar sehr viel von dem Curt van Delfft gehoret, selbigen aber zu sehen das Gluck noch niemahls gehabt. Wer mir im Hause vorkam, den fragte ich so gut als es die Vermischung allerley Sprachen zuliess, nach dem Curt van Delfft, biss mich endlich der Wirth durch einen Dollmetscher abhoren liess, was ich von dem Curt van Delfft haben wolte. Ich gab vor, dass derselbe mein grosser Freund sey, mit dem ich seit einiger Zeit starcken Verkehr gehabt, und dass er mich aus Holland an diesen Ort und in dieses Hauss beruffen, mithin bereits da seyn, oder doch bald anhero kommen muste. Hieraf liess mir der Wirth sagen, wenn die Sachen eine solche Bewandniss hatten, mochte ich nur eine eintzige Stunde Gedult haben, indessen ein Glass Wein trincken, er wolte den Curt van Delfft so gleich aufsuchen lassen. Ich liess mir solches gefallen, und mich so lange bey der Nase herum fuhren, biss es finstere Nacht wurde, endlich liess mich der Wirth in ein Zimmer seines Hinter-Gebaudes ruffen, mit dem Bedeuten: dass sich mein Freund schon daselbst befande. Aber, ach Himmel! kaum hatte mein Fuss die Schwelle des Zimmers uberschritten, da mich etliche gewaffnete Leute uberfielen, zu Boden warffen, meine Hande und Fusse mit grasslichen eisernen Ketten belegten, und also gerades Weges, in eins von den allerschlimmsten Gefangnisse schleppten. Hier hatte ich Zeit genug, nachzugrubeln, warum man doch so unbarmhertzig mit mir umgehen mochte, indem ich mich keines Haupt-Verbrechens schuldig wuste, denn binnen 3. Wochen kam kein anderer Mensch zu mir, als derjenige, welcher taglich einmahl Wasser und Brod zu meiner Nahrung brachte, und auf mein jammerliches Klagen in gebrochener Hollandischer Sprache nichts anders zur Antwort gab: als dass man in Engelland die Spitz-Buben nicht anders zu tractiren pflege. Ich will mich bey dieser klaglichen Begebenheit nicht lange aufhalten, sondern um sagen, dass zur selbigen Zeit ein beruffener Spitz-Bube in der Welt herum flanquirte, der sich bald diesen, bald jenen, unter andern aber auch den Nahmen Curt van Delfft beygelegt hatte. Vor dessen Complicen mich zu erkennen, hatten die Herrn Engellander die allergroste Ursache, da ich mich selbst geruhmt mit ihm in genauer Bekandtschafft zu stehen. So bald ich demnach zum Verhor kam, wurden mir die allererschrocklichsten und empfindlichsten Fragen vorgelegt, und weil die Antwort darauf nicht nach der Richter Verlangen ausschlug, fiengen sie sehr fruhzeitig von der Tortur zu schwatzen an, da nun solchergestalt das Wasser biss an die Seele ging, konte ich nicht umhin, meinen gantzen Lebens-Lauff, so viel nehmlich davon zu meiner Vertheidigung nothig achtete, zu erzehlen, welches aber dennoch die Richter vor ein erdichtetes Werck hielten, und mich gantz gewiss in den elendesten Zustand gesetzt hatten, wenn sich zu meinem Glucke nicht unvermuthet ein reicher Correspondent meines GrossVaters ins Mittel geschlagen, Caution vor mich gemacht, und endlich die gantze Sache zu meinem Vortheile ausgefuhret hatte.

Wer solte wohl zweiffeln, dass ich den Eliam so wohl als Elisum nunmehro wurde vor Spitz-Buben gehalten haben? Aber weit gefehlt, im Gegentheil glaubte ich dennoch steiff und feste, dass Elias ein ehrlicher Mann, und nunmehro schon wieder ein vollkommener Goldmacher sey, ich glaubte auch, dass ihm vielleicht der beruchtigte Spitz-Bube den Nahmen Curt van Delfft abgeborgt, dass Elias entweder schon in London sey, und vielleicht von meinem Ungluck nichts wisse, oder dass er bald kommen, oder wenigstens, mir weitere schrifftliche Nachricht von seinem Auffenthalt geben wurde, woferne ihn nicht ein und andere wichtige Umstande noch eine Zeitlang daran verhinderten. Jedoch mein Hoffen war gantzer 6. Monath vergebens, ohngeacht ich in demjenigen Hause, wo er mich zu meinem Unglucke hingewiesen, bestandig logirte, und alle Tage wohl hundert mahl nach ihm umsahe. Mittlerzeit aber gerieth ich mit einem andern Adepto in Kundschafft, welcher die Redlichkeit selbst zu seyn schien, dieser verwunderte sich nicht wenig uber meine Erfahrenheit in der Alchymie, und bekennete: dass ich keinen ungeschickten Lehrer musse gehabt haben, nachdem er mich aber endlich gantz und gar treuhertzig gemacht, und das Geheimniss von dem Eliso und Elia ausgeforschet, auch meine Gold-Platten probiret hatte, zeigte er mir den offenbaren Betrug, dass nehmlich unter allen meinen 8. Platten, kaum vor 8. Ducaten Gold zu finden, ich auch unter ein paar hocherfahrne, aber dabey Spitz-Bubische Laboranten gerathen ware, die mich mit meinem Braten-Fette ein wenig betreuffelt, den Braten selbst aber, nehmlich mein schones Geld, listiger weise entwendet hatten. Doch unverzagt, mein lieber Lands-Mann, sprach dieser mein neuer Freund, der sich Meschner nennete, und vor einen Pfaltzer ausgab, wo ihr Lust habt, eure Kunst, Geld und andere Haabe mit mir zusammen zu setzen, so weiss ich etliche Tage-Reise von London, einen solchen Herrn anzutreffen, der uns Vorschuss genung thun soll, den Lapidem Philosophorum auszufinden. Man saget sonst im gemeinem Spruchworte: Wer gerne tantzt, dem ist leicht gepfiffen, also ergieng es auch mit mir, denn ich nahm augenblicklich das Erbiethen dieses redlichen Mannes an, und reisete mit ihm fort. Es gefiel mir, dass er sich vor den Meister und mich nur vor seinen Handlanger ausgab, also erlangeten wir in wenig Wochen eine vortreffliche Condition, laborirten aufs fleissigste, biss endlich der so genannte Meister, binnen anderthalben Jahren eine Untze Tinctur zu wege brachte, mit welcher er in der Probe, vor des Principals Augen drittehalb Untzen Bley in Gold verwandelte. Vor dieses Experiment erhielten wir beyde 500. Stuck spec. Ducaten zum Gratial. Der Meister machte ein neues Feuer an, und versprach, die Probe binnen 6. Monathen erstlich noch einmahl im Kleinen zu machen, brachte es auch glucklich zu wege, ich aber wuste noch zur Zeit nicht, wie es zugienge, denn mein Compagnon schien nicht mehr so aufrichtig als anfangs, zu seyn, ohngeacht er mir von dem andern Gratial, welches in 1000. spec. Ducaten bestund, ebenfalls die redliche Helffte gegeben, so, dass ich nun wiederum ein Capital von mehr als 800. Ducaten, nebst andern seinen Sachen vor mich gesammlet, und davon 500. Ducaten an meinen Gross-Vater per Wechsel ubermacht hatte. Nun solte es auf den grossen Haupt-Einsatz loss gehen, worzu der Meister 12000. spec. Ducaten verlangete, weil aber der Principal diese Gelder allererst binnen 3. Monaten zu heben hatte, so befahl er uns den Process im Kleinen, indessen noch einmahl zu machen, als worzu der Meister nun nicht mehr als 6. Wochen Zeit zu gebrauchen, sich ruhmete. Es wurde demnach zum dritten mahle angefangen, mein Compagnon aber tractirte ein und andere Dinge vor mir dergestalt heimlich, dass ich mich endlich hefftig mit ihm zu zancken und vorzuwerffen anfieng, wie er allem Ansehen nach, mich, in der Kunst zu betrugen, vorhabens sey. Endlich brach er loss, und vielleicht nur darum, weil er sich mehr vor meiner Starcke und Hertzhafftigkeit, als dem ubel-verdorbenen Verstande furchtete, und beichtete aus: dass er es vor eine, uns unmogliche Sache hielte, das Arcanum Philosophicum magnum zu finden, immittelst weil er allhier ein Mittel sahe, uns beyden auf listige Art ein solches Stucke Geldes zu verschaffen, wovon wir Zeit Lebens hinlangliche Zehrung nehmen konten, hatte er allen seinen Verstand angewendet, die Sache auf einen guten Fuss zu setzen.

Und also erfuhr ich aus offenhertziger Erzehlung: dass mein Compagnon ein Spitz-Bube sey, der des Nachts mit groster Lebens-Gefahr sich an einem Seile durch den Schorrnstein in das Laboratorium, welches der Principal jederzeit selbst verschloss und versiegelte, hinunter liess, die unanstandigen Materialien aus den Gefassen heraus- und davor hinein schuttete, was ihm beliebte, und zu seinem Betruge dienlich war. Ich erstaunete gewaltig uber dergleichen Bossheit, liess mich aber gegen ihm nichts mercken, sondern forschete mit aller verstellten Treuhertzigkeit so lange, biss er gestund: dass sein volliger Vorsatz ware, mit den zu hoffen habenden 12000. Ducaten nebst mir nach Franckreich, Spanien oder Portugall zu seegeln. Meine Redlichkeit und der Abscheu vor dem Diebstahle war noch nicht erstorben, weil auch uber dieses bey so desperaten Unternehmen, der Galgen immerfort vor meinen Augen schwebete, uberlegte ich die gantze Sache etliche Tage und Nachte lang sehr wohl. Den Compagnon zu bekehren, schien eine vergebliche Sache zu seyn, von dem, durch Spitz-Buberey erworbenen Gelde, hatte ich selbst schon eine starcke Summe participiret, derowegen fassete den Schluss, mein Gewissen und Hande zu reinigen, und dem Principal, der ein sehr gutiger Herr war, vor fernern Ungluck zu warnen. Zu allem Glucke wurde mein Compagnon nach London verschickt, derowegen ergriff ich die schone Gelegenheit mit beyden Handen, und redete den Principal, welcher selbigen Tages ungemein vergnugt zu seyn schien, folgendergestalt an: Edler Herr! ich befinde mich, vor die viele genossene Gnade, schuldig, euch vor einem grossen Ungluck zu warnen, worein ihr von einem eurer Bedienten, vielleicht in kurtzen gesturtzt werden konnet, jedoch weil dem Ubel annoch vorzubauen ist, so habt die Gnade, mir zu versprechen: dass ihr den Ubelthater nicht am Leben straffen, sondern ihn nach euren Gefallen nur in solchen erleidlichen Stand setzen wollet, euch und keinem andern redlichen Manne mehr zu schaden.

Der Principal verwandelte seine Farbe ziemlich, uber diesen meinen unverhofften Vortrag, erholte sich aber bald, nahm mich mit in sein geheimes Zimmer, prsentirte mir einen Stuhl, und sagte: Eroffnet mir, mein Freund, das Geheimniss, so auf eurem redlichen Hertzen liegt, ich versichere bey GOtt, dass ich solches nach seinen Wurden belohnen werde. Hierauf erzehlte ich ihm die verdammten Anschlage meines Compagnons, nebst meiner eigenen Lebens-Geschicht, woruber dieser Herr in eine besondere Erstaunung gerieth, mich aber letztlich umarmete, und bat, ich mochte nur auf alles fleissig Acht haben, ihm richtigen Rapport abstatten, an seiner Erkanntlichkeit aber nicht den geringsten Zweiffel tragen.

Ich versprach darbey, binnen wenig Wochen, die, an meinen Augspurgischen Gross-Vater ubermachten Gelder, nebst denen, so ich noch bey mir hatte, wieder zuruck zu liefern, weil ich so ubel erworbenes Gut unmoglich behalten konte, allein der Principal widersetzte sich diesem Anerbiethen, und versprach: noch uber dieses, mich mit einem guten Prsent zu begnadigen, wenn ich ferner redlich handeln wurde.

Mein Compagnon stellete sich wieder ein, setzte ein volliges Vertrauen auf meine Treue, deutlich aber zu sagen, so hielt er mich vor einen nicht viel geringern Spitz-Buben als sich selbst, die Tinctur wurde abermahls zur vermeintlichen Perfection gebracht, er that den Einsatz von 3. Untzen Bley, in des Principals Gegenwart bey spaten Abend, der Principal muste den Beysatz der Tinctur selbsten thun, hernachmahls das Laboratorium abermahls verschliessen und versiegeln, damit es die Nacht uber ungestohrt digeriren konne. Der kunstliche Meister trat in den Mitternachts-Stunden, da alles, seinem Beduncken nach, im festen Schlaffe lag, die Fahrt durch den Schorrnstein an, schuttete die unnutzen Sachen aus dem Tiegel heraus, legte davor 3. Untzen gutes Gold hinnein, allein der Principal, dem ich das verabredete Zeichen gegeben, hatte nicht nur durch ein verborgenes Loch alle seine Hand-Griffe selbst in Augenschein genommen, sondern uber dieses das Seil, durch einen Bedienten, gantz gelinde zuruck hinauf ziehen lassen, also stack die Maus in der Falle, und muste im Laboratorio pausiren, biss der Tag anbrach, da endlich der Principal die Siegel und Schlosser eroffnete, den SpitzBuben in schwere Ketten schlagen, und in das tieffste Gefangniss werffen liess.

Wie es ihm ferner ergangen, weiss ich nicht zu sagen, denn ich bekam wenige Tage darauf meine Abfertigung mit 100. spec. Ducaten, uber alles dasjenige Geschenck, was ich vorhero empfangen hatte, und reise damit nach London, des willens, ehestens zuruck nach Holland zu gehen, und den Eliam und Elisum aufzusuchen. Zweymahl war ich nun solchergestalt sehr hasslich angefuhret worden, hatte derowegen die groste Ursache gehabt, diesen betruglichen Kunsten auf ewig abzuschweren; allein, ich liess mich von einem Ertz-Betruger aufs neue fangen, mit ihm und noch zwey andern bey einer sehr vornehmen Englischen Witt-Frau in Bestallung zu treten. Dieser Schelm, welcher sich Renard nennete, hatte einen nicht weniger abgefeimten Spitzbuben zu seinem Vertrauten bey sich, der ein Italiner von Geburth seyn, und Merillo heissen wolte. Ein Kerl von schlechter Erfahrung doch grossen Prahlen und Windmachen, war der dritte, und meine eigene Person der vierdte, bey dieser loblichen Gesellschafft. Renard und Merillo, verfertigten binnen Jahr und Tag ein rothes, wie auch ein schwartzes Pulver, und gebrauchten das erstere aus Bley Gold, das letztere aber aus Kupffer Silber zu machen, legten auch verschiedene Proben, zu der Dame allergrosten Vergnugen, damit ab, so dass sie sich endlich kein Bedencken nahm, ihnen beyden 50000. Thlr. zu zahlen, um das Werck en gros anzufangen, allein Renard und Merillo nahmen das Geld und begaben sich auf die Flucht, der letztere ist mit etlichen 1000. Thlr. glucklich durchgekommen, und wie ich nachhero erfahren, laborirt er an einem vornehmen deutschen Hofe sehr scharff, Renard aber wurde auffgecapert zuruck gebracht, und muste nolens volens am Galgen zappeln, weil seine roth und schwartzen Pulver nicht allein betruglich erfunden, sondern auch an statt der 50000. Thlr. nur vor 20. tausend Thaler Wechsel-Briefe bey ihm angetroffen wurden. Mein annoch ubriger Compagnon und ich, hatten vom Gluck zu sagen, dass wir dem Stricke, oder wenigstens der Staupung entgiengen, ohngeacht ich sonderlich, mich der Spitzbuberey im geringsten nicht theilhafftig gemacht, sondern mein Brod mit taglichen redlichen arbeiten wohl verdienet hatte. Allein die Dame war ungemein erbittert, jagte uns beyde zum Hause hinaus, behielt alle unsere Sachen, gab aber endlich doch mir, von den meinigen auf allerklaglichstes Flehen, noch 50. spec. Ducaten auf die Reise.

Was war zu thun? einen Process gegen eine solche hohe Person anzustellen, schien mir eine lacherliche Sache zu seyn, von kahlen 50. Duc. konte in Engelland nicht lange zehren, derowegen setzte mich zu Schiffe, und gieng zuruck nach Holland, an denjenigen Ort, wo ich meinen Eliam zuletzt gesehen hatte. Daselbst traff ich zwar eben das Laboratorium, jedoch einen gantz andern Hausswirth, ingleichen gantz frembden Laboranten an, kein Mensch wolte weder von Elia, noch vom Eliso etwas wissen, doch war der Meister von den Laboranten, nachdem er mein Malheur erfahren, so gutig, mir Condition, freye Kost, und Wochentlich einen spec. Ducaten Lohn, zu geben.

Selbiges war ein sehr frommer und gelehrter Mann, der die kostlichsten Artzneyen bereitete, ausserdem aber auch sehr eiffrig das grosse Philosophische Geheimniss zu erfinden suchte, jedoch auf eine weit vernunfftigere Art, als alle diejenigen, so ich bisshero gesehen. Ich war so glucklich binnen weniger Zeit, mich in seine vollige Gunst zu setzen, denn weil er in allen seinen Wesen vollkommen redlich, so merckte er auch gar bald, dass bey mir der Verstand zwar ziemlich verdorben, im ubrigen keine Schalckheit und Betrugerey anzutreffen ware. Dennoch wendete dieser vortreffliche Mann allen Fleiss an, mich so wohl in der christlichen Lehre, als auch in andern Wissenschafften aufs allertreulichste zu unterrichten, und solchergestallt geschahe es, dass ich innerhalb 2. Jahren gantz ein anderer und klugerer Mensch wurde.

Mittlerweile aber waren alle diejenigen Processe, welche mein Principal, und so zu sagen, anderer Vater, den Stein der Weisen auszufinden, angestellet hatte, fruchtloss abgelauffen, wesswegen er einen kleinen Tractat in die Welt fliegen liess, unter dem Titul: Schwer auffzulosende zweiffels Knoten uber die Frage: Ob der beruffene Stein der Weisen, jemahls von einem sterblichen Menschen erfunden sey? Etwa ein halb Jahr hernach, kam eines Montags fruh, ein ehrbahrer etliche 50. Jahr alt scheinender Mann, der das Ansehen eines Reichs-stadischen reputirlichen Pfahl-Burgers hatte, vor unsere Thur, und verlangete mit dem beruhmten Chymico, nehmlich mit meinem Principal zu sprechen. Ich wolte denselben unter dem Vorwande, dass mein Herr noch nicht auffgestanden sey, mit einem halben Frantz-Gulden abweisen, weil er mir nicht anders, als ein AllmosenSucher in die Augen leuchtete, allein er bedanckte sich, und gab vor: wie er meinem Herrn nicht beschwerlich fallen, sondern nur ein kurtzes Gesprach von chymischen Geheimnissen mit ihm halten, dieserwegen auch in einer Stunde wiederkommen wolte. Hiemit gieng er fort, ich aber muste in meinem Hertzen lachen, dass ein solcher einfaltiger Mensch, sich in so wichtige und hohe Dinge mischen wolte, denn ohne Schertz, dieser Mann schien in meinen Augen ein gantz ausserordentlicher Einfalts-Pinsel zu seyn. Ich sagte meinem Principal nicht einmahl etwas davon, da aber der Mann in einer guten Stunde wieder kam, war der erstere so gutig, denselben in sein geheimes Cabinet zu fuhren. Sie waren 3. gute Stunden in sehr ernsthafften Gesprachen begriffen, wovon aber ich wenig oder nichts deutliches verstehen konte. Nachhero speisete der Gast mit meinem Principal gantz allein, nach Tische aber muste ich ein grosses Feuer-Becken, einen mittelmassigen Schmeltz-Tiegel, einen Blasebalg, wie auch ein Pfund-Stuck Bley in das geheime Cabinett bringen, indem ich aber bey dem Feuer-Becken stehen blieb und die Kohlen anbliess, gab der Frembde meinem Principal einen Winck, der so viel bedeutete, dass er mich hinaus schaffen solte. Der Principal aber sagte darauff: Mein Herr! wenn ihr sonsten keine besondere Ursachen habt, euch vor diesen Menschen zu furchten, so lasset ihn in GOttes Nahmen die Wunderwercke des Allerhochsten beschauen, ich bin Burge vor seine GottesFurcht und Redlichkeit, denn er ist in der CreutzSchule gewesen, und nach vielen Thorheiten zu sehr guten Verstande gekommen.

Demnach liess sich der Frembde gefallen, dass ich da blieb, mein Principal legte das Pfund-Stuck Bley in den Schmeltz-Tiegel, weil aber selbiger, als ein untuchtiges Gefasse zersprunge, muste ich etliche andere herbey bringen, wovon wir den besten auslasen, und ein ander Stuck Bley hinnein warffen. So bald es zergangen war, sagte der Frembde: werffet noch ein Pfund Bley zum Geschenck vor diesen redlich scheinenden Menschen hinein. Mittlerweile mein Principal dieses that, langete der Frembde aus seinem Brustlatze eine kleine Helffenbeinerne Buchse hervor, worinnen ein Rubin-rothes Pulver war, von diesem nahm er etwas weniges auf die Spitze eines Messers, schuttete dasselbe auf ein Wachs-Kuchlein, so etwa eines Hollandischen Duttchens gross, aber sehr dunne war. Mein Principal, der ihm das Wachs-Kuchlein vorhielt, machte selbiges mit dem inwendigen Pulver zu einer Kugel, und warffs in das bereits vollig zerschmoltzene Bley. Alsobald erhub sich im Tiegel ein starckes Gezische, das Bley schien mit seinem Ober-Herrn zu kampffen, konte aber nichts anders ausrichten: als unzehlige Wind-Blasen, welche die wunderwurdigsten Farben hatten, in die Hohe werffen. Nachdem es Stillstand worden, zeigte die Massa im Tiegel, die allerschonste grune Farbe, beym ausschutten schien sie Blut-Roth, endlich aber kam in dem Giess-Becher die vortrefflichste Gold-Farbe zum vorscheine.

Mein Principal, welcher das Probiren aus dem grunde verstund, befand es alsobald vor ein solches Gold, das von keinem andern in der gantzen Welt ubertroffen wurde, derowegen war er so wohl als ich, gantz ausser sich selbst gesetzt, ja wir wusten vor Verwunderung, Freude und Schrecken nicht was wir reden oder gedencken solten. Der Gast sass inzwischen mit gefaltenen Handen auf seinem Stuhle gantz stille, da aber mein Principal und ich, uns an der wunderbaren Veranderung nicht satt sehen konten, unterbrach er endlich das Stillschweigen, und sagte mit einer gelassenen Mine: Wie nun, mein Herr! werdet ihr auch nunmehro euren letzthin geschriebenen Tractat wiederruffen, oder ihn zum wenigsten verbessern? Ach ja, mein allerwerthester Freund, versetzte mein Principal, ich werde in Zukunfft entweder klugere Sachen oder gar nichts mehr schreiben. Thut was ihr wollet, sagte der Frembde, voritzo aber erlaubet mir, dass ich mit euch beyden ein wenig ins Feld spatzieren gehe, denn die Bewegung ist nach der Mahlzeit meine beste Sache. Mein Principal war bereit seinem unvergleichlichen Gaste alle Gefalligkeit zu erweisen, gieng derowegen in ein anderes Zimmer, um bessere Kleider anzuziehen. Immittelst that ich meinen Mund auf, und sagte zu dem Frembden: Mein Herr! ihr habt eure Kunst besser und auffrichtiger gezeigt als mein Meister Elias Artista, welcher mich eben allhier in diesem Hause vor wenig Jahren aufs allerschandlichste betrogen, und um ein schones Stucke Geld gebracht hat. Mein Sohn! gab er zur Antwort, ihr seyd sehr ubel berichtet, denn der wahrhaffte Elias Artista, welcher mein eigener Lehr-Meister gewesen, ist bereits vor etliche 20. Jahren den Weg aller Welt gegangen, und von mir in aller Stille, auf sein eigenes Verlangen, an einen solchen Ort begraben worden, den ausser mir kein Mensch auf der gantzen Welt weiss. Ich weiss aber wohl, dass sich seit vielen Jahren, ein anderer Elias Artista gezeiget, und vorgegeben hat, wie er eben derselbe sey, der sich durch die Krafft und Tugend seines philosophischen Steins, biss zu so hohen Alter gebracht hatte, allein der Kerl ist ein Spitzbube und Leute-Betrieger, ich kenne ihn so wohl als seine Eltern, er ist kein Hollander von Geburth, wovor er sich ausgiebt, sondern ein Deutscher, (hierbey sagte mir der redliche Gast, auf mein Bitten, die Geburths-Stadt, und alle andern Uhrkunden des verteuffelten Spitzbubens, welches ich alles sehr eigentlich anmerckte,) Elisus sein Diener aber, ein getauffter Jude, es ware mir an verschiedenen Orten ein leichtes, ihm seine Tucken auffzudecken; allein wieder meinen Beruff gewesen, denn die Liebe muss allezeit von sich selbst anfangen. Seine verzweiffelt gespielten Streiche sind ausserordentlich bosshafft und guten theils lacherlich, ich aber bemuhe mich gar selten daran zu gedencken. Hierauff erzehlete ich unserm Gaste so kurtz als moglich, welchergestallt ich von dem falschen Elia und Eliso hintergangen worden, wunschte letzlich aber nichts mehr, als zu wissen wie es zugegangen ware, dass er mich so wahrscheinlich mit der ersten Probe, seines darvor ausgegebenen Weisen-Steins, ubertauben konnen. Mein Freund, sprach der Gast hierauff, es ist zu verwundern, dass euch die Spitzbuben ihre Kunste nicht gelernet, ihr musset ihnen in Wahrheit zu ehrlich und einfaltig geschienen haben, ich wolte euch sehr viele von ihren subtilen Taschen-Spieler-Kunsten auffdecken, allein voritzo leydet es die Zeit nicht, doch was die Art anbelanget, mit welcher euch der falsche Elias bethoret hat, so wisset, dass er seine Schmeltz-Tiegel, worinnen er die Probe machen will, dergestallt zurichtet, dass auf dem inwendigen Boden derselben, nach proportion der Grosse des Tiegels, 2. 4. 6. auch wohl mehr Loht reines Gold-Staubs zu liegen kommt, nachhero uberziehet er selbst den Tiegel mit einer undurchsichtigen Lasur, die sich in starcken Feuer verzehret, das Bley, so er in den Tiegel zu legen befiehlet, muss ebenfalls verbrannt und verzehret werden, so dann kan ohne seinen betruglichen Stein, das verborgen gewesene Gold, welches in der Glut, von Natur am Gewichte und Gute nichts fallen last, zum vorscheine kommen, setzt ihm aber jemand einen andern Tiegel vor, so weiss er seine Streiche schon dermassen einzurichten, dass selbiger ohnfehlbar zerspringen muss. Ach! schrye der gute Gast hierauff, die Welt will betrogen seyn, mit euch als einem zu der Zeit Unerfahrnen nimt es mich wenig Wunder, allein unter so

vielen Europaischen Liebhabern dieser Kunst, sind seit etlichen Seculis, schon so unzahlig viele betrogen worden, und dennoch lassen es sich die wenigsten nicht ehe zur Warnung dienen, biss sie den Betrug nicht nur mit Augen sehen, sondern mit Handen greiffen, und die Nach-Wehen in ihren Geld-Kasten fuhlen konnen.

Ich hatte nicht Zeit hierauff zu Antworten, vielvielweniger meine Fluche uber den falschen Eliam und alle andere spitzbubischen Gold-Macher auszustossen, denn mein Principal kam darzwischen und fuhrete den Gast aufs freye Feld spatzieren, und zwar einen solchen Weg, den der Gast selbst erwehlete, ich hatte die Erlaubniss neben ihnen her zu gehen, und vortreffliche Lehren aus ihren erbaulichen Gesprachen zu ziehen. Indem wir nun ohngefahr eine Stunde von unserer Wohnung entfernet waren, kam seitwarts in der Land-Strasse eine schneller Post-Wagen gefahren, auf welchen zwey Passagiers sassen. Unser Gast schien nicht darauff Achtung zu haben, gieng aber etwas auf die Seite, als ob er andere Verrichtungen hatte; allein er zohe ein Blat Pappier aus dem Busen, legte ein kleines Buch auf das Knie, beschrieb das Blat mit Bleystiffte, legte ein ander Pappierlein hinein, rollete es zusammen, und behielts in der Hand. Mein Principal und ich, stunden und warteten auf seine Wiederkunfft, mittlerweile kam auch der PostWagen sehr nahe, und hielt zu unserer Verwunderung stille. So bald aber der Gast zuruck kam, umarmete und kussete er so wohl mich als meinen Principal, und sprach: Meine Freunde! seyd bedanckt vor die mir angethane Ehre, ich sehe mich vor dieses mahl gezwungen von euch zu scheiden, beurtheilet mich ohne trifftige Ursachen zu keinem Verbrechen, uberlegt diese meine Schrifft aufs allergenauste, der Himmel segne euch, dass ihr vergnugt leben moget, biss wir uns vielleicht, so GOTT will, bald wieder sehen. Unter diesen Worten gab er meinem Principal das zusammen gelegte Pappier in die Hand, wartete auf keine Antwort, sondern gieng gantz hurtig nach dem Wagen zu, und fuhr in groster Geschwindigkeit davon. Wir beyde blieben als ein paar geschnitzte Bilder auf unsern Stellen so lange gantz unbeweglich stehen, biss der Wagen gantzlich aus unserm Gesichte verschwunden war, ja ich glaube wir hatten uns noch in langer Zeit nicht geregt, wenn nicht ein von ferne heran kommendes Donnerwetter, unsere zerstreuten Gedancken und Sinnen wieder zusammen getrieben hatte. Mein Principal sahe mich und ich ihn mit seufftzen an, endlich offnete er die Schrifft, und fand selbige also gesetzt:

Meine Freunde!

Ich will mich um eure vielerley Gedancken, die ihr wegen meiner unverhofften Ankunfft und plotzlichen Abreisens hegen werdet, voritzo nicht bekummern. Schlaget in Lutheri deutscher Bibel den 3ten Versicul des 28. Cap. im Buch Hiob auf, in selbigem ist durch ein reines Anagramma, der richtige Process zu finden, wie man auf die allerleichteste Weise den Lapidem Philosophorum finden kan. Hat euch GOTT diese Gnade zugedacht, so wird er den Fleiss nicht vergeblich seyn lassen, den ihr zu Ausforschung des versteckten Geheimnisses anwendet, oder es fugen, dass ich euch vielleicht in wenig Monaten wieder beunschatzbarn Schatze, als euch hier beygelegt und nothig ist, die Wahrheit des gottlichen Geheimnisses vor allen Verlaumdern zu rechtfertigen. Seyd jederzeit fromme Kinder GOTTES, vergesset die Armen nicht, und bleibt mit so, wie ich euch gewogen,

Daniel Artista.

Es fehlete wenig, dass wir beyderseits uberlaut zu weinen angefangen hatten, weil aber dennoch nicht alle Hoffnung abgeschnitten war, den theuren Man wieder zu sehen, uber dieses die trostliche Zuschrifft, und denn das innliegende Pulver, welches ohngefahr 6. Gran am Gewichte hielt, uns einigen Muth machte, so erreichten wir endlich ziemlich beruhigt, unsere Wohnung. Gleich Tages darauff, machte der Principal die Probe, mit einem viertheils Gran des Arcani, und proportionirlicher Quantitat Bleyes noch einmahl und also sahen wir mit wiederholter Verwunderung: dass das Bley abermahls ins feinste Gold verwandelt wurde, und sonsten alles seine vollkommene Richtigkeit hatte.

Nach der Zeit wandte so wohl der Principal als ich, die meiste Zeit auf die Ausfindung des Anagrammatis, allein wir konten binnen 5. oder 6. Monaten wenig oder gar nichts kluges zu Marckte bringen. Der theure Mann, Daniel Artista, wolte nicht wieder zum cipal nur immer desto erpichter auf die Arbeit, so, dass er des Nachts kaum 2. oder 3 Stunden zu schlaffen pflegte. Endlich, zu Ende des 8ten Monats, brachte er folgendes Anagramma zu wege, welches ich nicht allein im guten Gedachtnisse, sondern auch unter meinen geschriebenen Sachen auffbehalten habe, und solches euch, meine Herrn, augenblicklich zeigen will.

Unter diesen Worten zohe Mons. Plager ein Blat aus seiner Schreib-Tafel hervor, gab es in unsere Hande, und wir fanden auf selbigen folgende Schrifft:

Hiob. XXVIII. 3.

Es vvird ie des finstern etvva ein Ende, und iemand

findet ia zuletzt den Schieffer tieff verborgen.

Per Anagramma purissimum:

Diamant, Weinstein, Federvveiss, nuzzen Gold,

vierfach Feur bereitet, der Feind findet den Stein.

Nachdem wir es alle gelesen und wohl uberlegt, unser Urtheil aber dieserhalb biss auf eine andere Zeit ausgesetzt, fuhr Mons. Plager in seiner Erzehlung folgender Gestalt fort: Ich will jetzo nicht weitlaufftig erweisen, ob wir klug, oder entschuldigen, dass wir thoricht gehandelt haben, da uns dieser halb deutlich und halb dunckele Spruch, zum Grunde aller Muhe und Arbeit machter vortheilhaffter Auslegung, unser gantzliches Vertrauen darauff, allein es zerbrach ein sehr starcker Pfeiler meiner Hoffnung, da der Principal, wegen sich selbst verursachter Strapazen im zehendten Monat nach des Daniels Abreise, vom Schlage geruhret wurde, und wenig Tage darauff im 62sten Jahre seines Alters plotzlich den Geist aufgab. Wenn ich nicht allzu ehrlich gewesen, so hatte nicht allein den Rest des Geheimnisvollen Pulvers, sondern auch ein ziemlich Stuck Geld auf die Seite schaffen konnen, dergestallt aber muste mich von seinem, in der nachsten Stadt wohnhafften Bruder, der ein ziemlicher Geitzhals seyn mochte, mit 400. Gulden vor ruckstandiges Lohn und alles, abspeisen lassen, und da derselbe uber dieses so eigensinnig und argwohnisch war, mir, des verstorbenen Principals kleines Hand-Apotheck gen, worinnen auch das Geheimnis-volle Pulver befindlich, vor die gebothenen 200. fl. zu uberlassen, so machte auch ich mir ein Bedencken, ihm die Kraffte und Nutzen der ihm unbekandten Sachen zu offenbaren. Gleichwohl fragte er mich, wie viel wohl Zeit erfordert werden mochte: die annoch im Feuer stehenden Materien zu perfectioniren, und ob ich mich wolte darzu gebrauchen lassen? Ich erklarete ihm also, dass wenigsten 3. Monat Zeit darzu gehoreten, und wie ich zwar nach vorgeschriebener Art und eigener Erfahrung selbige zu gute machen, jedoch so wenig vor die Verungluckung, als andere dabey zuweilen entstehende Gefahrlichkeiten oder Schaden hafften konte und wolte. Wie ich hernach bedacht, so ware es mir ein leichtes gewesen, ihm, unter diesen oder jenem Prtext, das kostbare Pulver abzuschwatzen, allein ich muss glauben, dass es solchergestallt mein Verhangniss selbsten hintertrieben hat. Inzwischen nahm ich den Accord an, vor Monatl. 50. fl. noch eine Zeitlang da zu bleiben, so lange nehmlich, biss in allen reine Arbeit gemacht ware. Demnach war ich meiner andern Mit-Gesellen vorgesetzter, der neue Principal aber, welcher von der Kunst wenig oder gar nichts verstund, kam gemeiniglich nur Wochentlich zwey mahl, uns zu besuchen. Eines Tages, da ich mich der kuhlen Abend-Lufft, ohnfern von der Wohnung, unter den grunen Baumen bedienete, kam ein frembder Mann zu mir und fragte: ob mein Principal, den er bey seinem gantzen Nahmen nennete, zu Hause sey? und ob es ihm wurde gelegen seyn, sich diesen Abend sprechen zu lassen? Ich gab hierauff zur Antwort, dass derjenige, nach welchem er fragte, nur vor wenig Wochen gestorben, erkannte aber auf einmahl an seinem Gesichte, dass dieser, einer von den zweyen Passagiers, welche, nunmehro bey nahe vor einem Jahre, mit dem Daniel auf der schnellen Post davon gefahren. Derowegen fieng ich vor Freuden an zu zittern, zumahlen da er sich stellete, als ob er nach Anhorung so unverhoffter Zeitung, wieder Abschied nehmen wolte, jedoch auf mein instandiges Bitten liess er sichs endlich gefallen, bey mir ein Nacht-Quartier zu nehmen. Ich liess nebst dem kostlichsten Weine, die besten Delicatessen aufftragen, so nur zu haben waren, that hernach dem Frembden, eine ausfuhrliche Erzehlung von meines Herrn Leben und Tode, hernachmahls auch von meinem eigenen Wesen, und wie weit ich es in der Kunst aller Kunste gebracht hatte. Indem ich ihm das Anagramma vorlegte, vermerckte ich, dass er unter dem lesen Blutroth im Gesichte wurde, letzlich aber ein klein wenig die lincke Schulter zuckte. Auf mein Befragen, was er von diesem Anagrammate urtheilete, gab er diese Antwort: Mein werther Herr und Freund! verzeyhet mir, ich darff gegen euch, biss auf expressen Befehl meines Meisters des Danielis Artist von diesen Sachen kein positives Urtheil fallen, allein ich werde ihm die gantze Beschaffenheit gewissenhafft referiren. Beliebt euch nicht, versetzte ich, diesen Zeddul mit dem Anagrammate beyzustecken, oder eine Abschrifft davon zu nehmen? Es ist nicht nothig, sprach er, denn bekandte Sachen lassen sich um so viel desto leichter in meinem ohnedem sehr guten Gedachtnisse erhalten. Hierauff veranderte er das Gesprach, jedoch nur in etwas, und gab mir vortreffliche Lehren, diejenige Arbeit, welche ich unter Handen hatte, mit Renomme zu absolviren. Auf Befragen aber, wie ich mich in der Haupt-Sache zu verhalten hatte, sprach er: Seyd nicht so ungestum, mein Herr, sondern erwartet die Zeit. Morgen fruh werde ich euch noch einige gefallige Dienste erzeigen, voritzo aber erlaubt mir einige Stunden zu schlafen.

Es ware eine Grobheit gewesen, den Gast weiter zu incommodiren, derowegen legten wir uns in zwey besondere Betten nieder, ich kunte vor Freude, Furcht und Warten der Dinge die kommen solten, kein Auge zu thun, biss mein Gast, so bald der Himmel grauete, aufstund, mich gleichfalls weckte, und sich ankleidete. Nachdem verrichte er sein Morgen-Gebet kniend sehr stille am Cammer-Fenster, mittlerweile hatte ich einen gluenden Wein bereitet, von welchen er 4. oder 5. Tassen zu sich nahm, und mich nachhero bat mit ihm ins Feld zu spatzieren. Ich fragte: ob er denn vielleicht schon Abschied von mir nehmen, und nicht noch einen Tag und Nacht ausruhen wolte? Seine Antwort war: Ich kan nicht langer bleiben, mein Freund, habt Danck vor euren guten willen, unterwegs auf freyem Felde werde noch etwas weniges von eurem Vergnugen sprechen. Solchergestallt sahe mich betrubter weise gezwungen, ihm zu gehorsamen, und auf den Weg zu begleiten, unterwegs offenbarete er mir noch verschiedene chymische treffliche Vortheile, allein wegen der Haupt-Sache blieb es darbey: dass er erstlich mit seinem Meister Daniel sprechen, und demselben meinetwegen einen Gewissenhafften Bericht abstatten musse, worauff ich die Antwort, oder vielleicht den Meister Daniel selbst zu sprechen, bekommen solte; wenn ich mich bemuhen wolte, mich auff kunfftigen ersten Christ-Tag in Cassel bey einem gewissen Gastwirth, den er mir sehr eigentlich bezeichnete, zu melden.

Also schied dieser Gast, dessen Nahmen ich nicht erfahren konte, von mir, ich gieng zuruck an meine Arbeit, und blieb biss zu Ende des Novembris in meiner Station, brachte alle unter der Hand gehabte Massen und Mixturen so weit zu rechte, dass sie bey genauer Untersuchung nicht getadelt werden konten, kauffte mir ein gutes Pferd und reisete darvon, ohngeacht mich der neue Patron sehr instandig zum langern dableiben animiren, und meinen Lohn um die Helffte verbessern wolte.

In Hoffnung war ich nunmehro ein sehr reicher Mensch, an baaren Gelde aber hatte doch auch so viel, dass mich in Deutschland auch an dem aller vornehmsten Orte zu etabiliren getrauen konte. Allein die Sache bekam in wenig Tagen ein gantz anderes Ansehen, denn auf der Reise nach Cassel zu, wurde ich eines Morgens gar fruh, und zwar im Walde, bey sehr strenger Kalte, von 4. Strassen-Raubern angehalten und genothiget, ihnen alles bey mir habende Geld, nebst andern Sachen, und so gar den Mantel-Sacke zu uberlassen, denn zwey von diesen Buben setzten mir ihr aufgezogenes Gewehr in die Seiten, da inzwischen die beyden andern mein Vermogen auspresseten. Dem ohngeacht muste es vor eine besondere Gnade passiren, dass sie mir nicht allein mein Pferd, sondern auch ein klein Paquet gediehenes Gold, nicht abnahmen, welches letztere ich, ihnen unbewust, auf der Brust an einer guldenen Kette hangen hatte.

Ich machte unterwegens nicht viel Wesens von diesem mir passirten Streiche, um desto sicherer vor den Nachstellungen solcher Leute zu seyn, nahm mich aber besser in acht, und reisete niemahls alleine, biss ich endlich 12. Tage vor Weyhnachten, die Residentz-Stadt Cassel erreichte, und mich bey dem bezeichneten Wirth einlogirte. Allda verkauffte ich mein Pferd mit Sattel und Zeug vor 62. Thlr. zehrete sehr spaarsam, und wartete mit Schmertzen, nicht so wohl auf das erfreuliche Weyhnachts-Fest, sondern vielmehr auf die erqvickende Gegenwart des unvergleichlichen Daniels.

Der erste Christ-Tag lieff vorbey, es meldete sich meinetwegen niemand, derowegen nahm Gelegenheit, meinen Wirth, Abends sehr spat in geheim zu sprechen, und von ihm zu erfahren: Ob er mir keine Nachricht von dem beruhmten Chymico Daniel, oder seinen Consorten geben konne. Der Wirth stellete sich anfanglich sehr frembde, und animirte mich zu einer etwas deutlicherern Erklarung, worauf er endlich sagte: Habt nur Gedult, mein Herr, der Tag ist vielleicht heute zu heilig gewesen, eure Freunde werden sich wohl Morgen oder Uber-Morgen melden, inzwischen blieb er dabey, dass er weder den, von mir geruhmten Daniel noch seine Consorten kenne, oder jemahls, seines Wissens, einigen Umgang mit ihnen gehabt. Der andere Feyertag verstrich auch zu meinem grosten Leydwesen, allein am dritten bekam ich fruh Morgens, von einem unbekandten Knaben folgende Zeilen eingeliefert:

Monsieur,

Mein abgeschickter Freund hat mir eures Wesens halber wahrhafften Bericht abgestattet, ich erkenne daraus, dass ihr nur noch sehr wenig Schritte von dem benebelten guldenen Hause der himlischen Weissheit

entfernet seyd, jedoch durch die allergeringste Unbehutsamkeit, gar leichtlich in einen solchen Irr-Garten gerathen konnet, worinnen ehe der Todt als der gewunschte richtige Ruck-Weg zu finden ist. Mir ist nicht erlaubt, euch weitere Nachricht zu geben als diese: Erweget denjenigen Zweck sehr wohl, wornach ihr so begierig zielet, und fraget euer Gewissen ohne Heucheley, was geschehen soll, wenn derselbe getrofFreundes gehaltenen Reden nicht aus den Gedancken fallen. Ist eure Absicht ohne Tadel, so wird euer Thun gelingen, wo nicht? so schlagt es fehl. Inzwischen habt ihr von eurem Wirth, ein versiegeltes Paqvet abzufordern, worinnen 500. Stuck Ducaten sind, die euch nach Erfahrung dessen, dass ihr unterwegs von den Raubern geplundert worden, zu einiger Recreation uberreicht, und im Zweiffel stehet, ob er fernet mit euch handeln darff, dennoch aber der Pflege des hochsten Gebers aller Guter empfiehlet

euer Freund

Daniel Artista.

Ich wurde von Wehmuth und Bangigkeit gantz aus mir selbst gesetzt, nachdem ich diese bedenckliche Zeitung erfahren, und die gantzliche Rechnung zu machen hatte, dass der vortreffliche Meister Daniel mich mit seiner Conversation nicht ferner-begluckseeligen wolte, doch weil mit ubrigen Sorgen und Gramen mein Schicksaal nicht verbessert werden konte; so gab mich endlich geduldig drein, foderte das Packlein Geld von dem Wirth, welcher selbiges diesen Morgen von einem frembden Menschen empfangen zu haben vorgab, und war willens, eine Reise zu meinem GrossVater zu thun, an welchen ich nicht geschrieben, seit der Zeit ich ihm die 500. spec. Ducaten aus Engelwenig Tage nach dem Feste auf die Post, und reisete fort. Indem nun einigen Umweg nahm, und zwar aus keiner andern Ursache, als einige beruhmte Stadte und Residenzen in Augenschein zu nehmen, fiel mir in einer derselben, da ich im Post-Hause durchs Fenster guckte, von ohngefahr mein ehemahliger sauberer Meister Elias nebst seinem schelmischen Consorten Eliso in die Augen, welche ich, ohngeacht sie sich ziemlich verstellet, rothe Kleider, weisse Peruquen und Tressen-Hute trugen, augenblicklich erkandte, und bemerckte, dass sie am Marckte vor dem Laden eines Materialisten stehen blieben. Demnach fragte ich den bey mir stehenden Post-Meister, nach den Nahmen und Stande dieser beyden Stutzer, und erfuhr sub rosa von ihm, dass es ein paar beruhmte Laboranten waren, deren Nahmen aber er so genau nicht sagen konne. Wenige Zeit hernach kamen beyde Stutzer selbst auf die Post, da ich denn die allerbeste Gelegenheit hatte, selbige desto genauer zu erkennen, mich aber konten sie nicht wahrnehmen, indem ich meine schwartze Schaaf-Peruque gantz uber die Bakken gezogen, und mich in den Reise-Rock verhullet, auf einem, im dunckeln Winckel stehenden GrossVater-Stuhl gesetzt, und eine Stellung gemacht, als ob ich schlieffe.

Sie hielten sich zu meinem Vergnugen nicht lange auf, sondern loseten ihre, auf der Post mit gekommenen Paqveter und Briefe ab, welche ein Knecht hinter ihnen her auf die Burg tragen muste, ich aber erfuhr bey solcher Gelegenheit auf der Statte, was vor erdichtete Nahmen sich diese beyden Hangens-wurdigen Spitz-Buben gegeben hatten. Das Vergnugen, so mir dieses unvermuthete Antreffen verursachte, last sich nicht mit Worten ausdrucken, um aber ihnen beyden zu meiner Revange einen wichtigen Streich zu spielen, stellete ich mich an: als ob mir eine hefftige Colica die weitere Reise verbothe, liess also die Post fahren, und zu meiner Verpflegung alles dienliche herbey schaffen. Gegen Abend befand ich mich vollkommen gesund, konte gut speisen, und bedaurete zum Scheine, dass die Post allbereit fort ware, allein dem Herrn Post-Meister schien eben nicht ungelegen zu seyn, dass ich 3. oder 4. Tage bey ihm auf die andere warten muste, und mir war es gleichfalls lieb, dass sich noch selbigen Abend eine Compagnie von 5. oder 6. honetten Personen zusammen, unter selbigen aber zwey Hof-Bediente fanden, die, wie ich aus ihren Gesprachen horete, taglich sehr nahe um den LandsHerrn waren.

Das Gesprach kam endlich auf die beyden Laboranten, und da ich ihre Haupt-Streiche ausgekundschafft, und in Erfahrung gebracht: dass ein gewisser Minister von ihren Kunsten gantzlich bezaubert sey, auch nicht das geringste Misstrauen in sie setzte, hergegen der meiste Hauffe, diese Kerls vor Land-Lauffer und Betruger hielte, kartete ich mit vorerwehnten beyden Hof-Bedienten, noch selbigen Abend die Sache dergestalt heimlich, ab, dass sie mich bey Nachts-Zeit mit auf die Burg fuhreten, ihrem Principal mein hertzhafftes Unternehmen vorstelleten, und es endlich dahin brachten, den beyden beruchtigten Spitz-Buben entgegen gestellet zu werden, welche den strengesten Befehl erhielten: ihre geruhmte Probe in meiner Gegenwart zu machen, und sich von mir tentiren zu lassen.

Ey Himmel! wie erschracken Meister Elias und Elisus nicht, da ich ihnen so unvermuthet vor die Augen kam, allein die abgefeimten Betruger wusten sich augenblicklich in den Handel zu finden und anzustellen, als ob sie mich Zeit Lebens nicht mit Augen gesehen hatten. Ich sparete keine Muhe, den Eliam wegen seiner Verjungerung, Entzuckungen, geheimen Offenbahrungen und andern von ihm selbst erzehlten Streichen aufs allerempfindlichste zu schrauben, welches er aber alles ohne besondere Passion zu zeigen, einfrass, und sich nur darauf verliess, mir mit seiner listigen Probe das Maul desto nachdrucklicher zu stopffen. Allein, darbey kamen mir des Meister Danielis Lehren trefflich zu statten, denn es traff alles accurat ein, was mir derselbe von des Eli Spitz-Buben-Streichen offenbahret hatte. Kurtz zu sagen: Elias konte zwar die Probe in seinem selbst zubereiteten Schmeltz-Tiegel zu wege bringen, und 2. Loth Bley in Gold verwandeln, allein in keinem andern, ohngeacht ihm die allerstarcksten dargereicht wurden. Derowegen nahm ich mit Erlaubniss des Principals drey von des Eli Schmeltz-Tiegeln, setzte zwey ins Feuer, und liess, ohne dass jemand weder Bley noch sonsten etwas hinnein geworffen hatte, nachdem sie eine Zeitlang wohl gegluet hatten, aus jedem, 2. Loth feines Gold auf die Steine schutten, den dritten Schmeltz-Tiegel aber schlug ich mit einem Hammer in Stucken, entdeckte den darein gegossenen Gold-Staub und zugleich den gantzen Betrug, so, dass die beyden eingebildeten Kunstler wie Butter an der Sonne bestunden. Nachhero da ich eine hinlangliche Nachricht, von den, mir und andern Leuten gespielten Schelm-Streichen abgestattet, und die am letztern Orte vorgehabte grausame Filouterie darzu kam, hatte ich das Vergnugen, die beyden grossen Alchymistischen Welt-Lichter an zwey Schutt-Karne schmieden zu sehen, auf welchen sie den Unflath, in und um der Burg, hinweg schaffen musten. Auf ihren hocherfahrnen Hauptern prangete eine grosse eiserne SturmHaube, mit angeschnallten wurcklichen Esels-Ohren, uber diesen ein eiserner proportionirlicher Galgen, in welchem eine klaglich lautende Kuh-Schelle hing. Das war also der Lohn solcher verzweiffelten ErtzBosewichter, denen alles gleich viel geschienen, ob sie hohe, mittelmassige, geringe, kluge oder einfaltige Personen zu betrugen vor sich finden konten, eine grosse Gnade hiess es, dass sie wegen ihrer erstaunlichen Verwegenheit nicht Hangel-Beeren fressen musten, wie mein ehemahliger Compagnon Renard in Engelland, jedoch ich halte davor: dass dergleichen Straffe, vor Menschen von solcher Gattung, noch weit empfindlicher sey als der Todt selbst.

Mir wurde an diesem Hofe eine nicht unebene Bedienung angetragen, allein ich deprecirte dieselbe aus keiner andern Ursache, als meinen Gross-Vater in seinem Alter zu assistiren, und meine Goldmacher-Streiche in Geheim darbey fortzufuhren, reisete also mit einem guten Recompens von danen.

Wenige Tage hernach liess ich mich an einem andern Orte dennoch uberlistigen auf eine Zeit lang, als Mechanicus und Chymicus zugleich, in die Dienste einer gewissen Standes-Person zu treten, weil selbige ungemein vortheilhafftig vor mich schienen. Zwar nahm ich erstlich noch eine Reise zu meinem GrossVater vor, allein, derselbe war bereits gestorben, und zu Vergrosserung meines Unvergnugens war, mein aus Engelland an ihn ubermachter Wechsel, wegen des Banquerots des Wechsel-Herrens mit Protest zuruck gegangen, derowegen muste mich mit 600. Thlr. ererbeter Gross-Vaterlicher Gelder begnugen lassen, und wieder zuruck an denjenigen Ort reisen, wo ich mich engagirt hatte. Ich etabilirte meine Hausshaltung sehr wohl, liess mich auch bereden, ein junges rasches Frauenzimmer zu heyrathen, die der gemeinen Sage nach uber 4000. Thlr. im Vermogen haben solte, allein, da es nach der Hochzeit zur Untersuchung kam, fanden sich kaum 400. Thlr. HeyrathsGut, welches den ersten Grund-Stein zu unserm Missvergnugen legte. Uber dieses fuhrete meine Frau einen ungemeinen Etaat, lebte herrlich, und hatte taglichen Besuch von guten Freunden, so wohl mannliches als weibliches Geschlechts, die sie als ein gewesenes Hof-Frauenzimmer entweder bey Hofe oder sonst von Jugend auf gekannt haben wolten. Solchergestalt war ein starcker Aufgang in meiner Hausshaltung, mein meistes Geld aber, hatte ich in ein kostbares Hauss, und dann in das pestilentialische laboriren gesteckt, um nunmehro den Stein der Weisen mit Gewalt heraus zu zwingen.

Bey sothaner doppelten Arbeit und Sorgen, konte nun freylich auf meiner jungen Frauen Wirthschafft, nicht sattsame Achtung geben, und ob ich gleich dieselbe auch nicht alle Stunden mit den zartlichsten Caressen uberhauffte, so liess ich ihr dagegen in allen ihren Willen, nicht vermeynend, dass sie von der Art derjenigen Weiber sey, welche die, in dem LiebesWercke nachlassigen Manner mit Hirsch-Geweyhen zu cronen pflegen. Allein, ich erfuhr selbiges leyder zu meinem allergrosten Unglucke mehr als zu wahrhafftig, denn da ich mich eines Tages wegen hefftiger Kopff-Schmertzen ohnbewust meiner Frauen, im Cabinet der obern Stube, ein wenig aufs Faulbette gelegt, kam meine Frau ganz eilig auf eben dieselbe Stube gelauffen, klapperte mit den Schlusseln, und schloss einen von ihren Wasch-Kastens auf, der gantz nahe bey meinem getaffelten Cabinet stunde, krahmete mit ein und andern Sachen, und sunge inzwischen etliche schandliche Verse eines geilen Buhler-Liedes, welches sich vor eine reputirliche Frau gantz und gar nicht geziemete. Indem nun eben im Begriff war, sie dieserwegen zu reprimandiren, horete ich eine gantz leise herbey schleichende Person folgende Worte sprechen: Ihr Knecht, Madame! wie stehts, werden sie bald fertig seyn? Mademoiselle N. wartet mit Schmertzen auf sie, und die ubrigen sind schon voraus. Lasset sie seyn, gab meine Frau zur Antwort, wir wollen noch zeitig genung nachkommen, das Nikkelgen muss wohl warten, allein, mein Kind, du darffst nicht halb so ehrbar thun, denn wir sind alleine. Wo ist denn dein Mann? mein Engel, fragte der Courtoisan ferner, ich bin gekommen, ihn ehrenthalber auch zu dieser Lust zu invitiren. Ach! schrye meine Frau, lass den Unflath ja zu frieden, der wird vor Mitternachts nicht aus dem Kohlen-Staube gekrochen kommen, denn er hat sich Essen und Trincken genung ins Laboratorium bringen lassen. Das ist ja vortrefflich, versetzte der Courtoisan, allein, solchergestalt ware nicht uneben, wenn wir uns nach abgeschlossenen Thuren ein kleines Vergnugen machten. Ists nicht zu viel, sagte meine Frau, dergleichen bey hellen lichten Tage vorzunehmen? Hierauf antwortete der Ehebrecher mit verschiedenen Kussen, die ein lautes Geklatsche verursachten. Bald hernach gingen beyde hin, verschlossen und verriegelten die Thuren, worbey meine geile Bestie noch diese Worte von sich horen liess: Mein Engel! wenn ja jemand anpochen solte, so kanstu dich nur durch jene Kammer uber den Gang in den Hof reteriren, du must dich aber ja in acht nehmen, denn die Breter sind auf dem Gange noch nicht angenagelt, und konten leichtlich aufkupffen. Gut, gut! sprach der Cujon, fuhrete hiermit das schandliche Weib zum Bette, und nahm eine solche verfluchte Arbeit mit derselben vor, die mich, der ich durch eine Spalte guckte, zu recht rasender Wuth verleitete. Solchemnach ergriff ich ein an der Wand hangendes scharff-geschliffenes Couteau de chasf, stiess die Thur auf, und versetzte meinem Ehren-Schander, der eben zuruck springen, und seinen auf den Tisch gelegten Degen ergreiffen wolte, einen krafftigen Hieb uber den Kopff und gleich darauf einen Stich in die Brust, dass er augenblicklich zu Boden sturtzte, und in einer hasslichen Positur mit herabgefallenen Bein-Kleidern liegen blieb. Das ehebrecherische Weib sprung darvon, hatte sich aber doch nicht gnugsam vor demjenigen Unglucke huten konnen, wovor sie nur kurtzlich ihren Schand-Bock gewarnet hatte, sondern war mit etlichen Bretern herab auf den scharffen Rand eines Brau-Bottichs gefallen, die nachschiessenden Breter und kleinen Schwellen aber hatten ihr gleich auf der Stelle das Hals-Genick und Ruck-Grad abgestossen.

In meinem gantzen Hause war keine eintzige Seele, welche nur das geringste von diesem Unheil gemerckt oder gehoret hatte, derowegen bedeckte ich den in seinen Sunden zerqvetschten und entseelten Corper mit Bretern und Fassern, verschloss den Stall so wohl als alle andere Thuren zur Stube, worinnen der auch bereits verreckte Ehebrecher lag, aufs beste, nahm von meinem noch ubrigen Gelde, Geschmeide und andern nothigsten Sachen so viel zu mir, als ich in und unter den Kleidern verbergen konte, und begab mich schleunigst auf die Flucht, war auch so glucklich, vor der Stadt einen geschwinden Post-Wagen anzutreffen, dem ich mich anvertrauete, und wenig Tage hernach eine sonst wohl bekandte Stadt erreichte, allwo ich meine Kleider veranderte, und en Courier die Reise nach Hamburg antrat, von wannen ich bald hernach zu Schiffe nach Coppenhagen uberging, mithin mein Hauss und ubriges Vermogen alles im Stiche liess, um auch desto unbekandter zu leben, meinen ordentlichen Geschlechts-Nahmen veranderte, und mich Plager nennete. Wie es in meinem Hause weiter zugegangen, zumahlen da man die entleibten Corper gefunden, weiss ich nicht, habe mich auch niemahls darum bekummern wollen, hergegen zog ich mir die grausame jachzornige Ubereilung dermassen zu Gemuthe, dass ich fast in die allerelendeste Verzweiffelung gefallen ware, jedoch ein vortrefflicher Priester in Coppenhagen, dem ich alles, was ich auf dem Hertzen liegen hatte, aufrichtig erzehlete, hat mich endlich in den Stand gesetzt: den Verzweiffelungsvollen Versuchungen des Satans jederzeit krafftigen Widerstand zu thun, und mit ernstlicher Busse, bey GOtt die Vergebung aller begangenen Sunden zu suchen. Ja eben dieser gottselige Priester, hat nachhero in meinem Hertzen einen vollkommenen Eckel gegen die betruglichen Goldmacher-Kunste angezundet, und mir zu taglichen Denck-Spruchen unter andern auch folgende Lateinische und Deutsche Verse recommandiret:

Auri sacra fames quid non mortalia cogis

Pectora? res fallax, cognita sero, vale!

Verdamter Gold-Durst, hastu nicht so manches Hertz

in Schmertz gebracht?

Nun kenn' ich dich, du falsche Kunst, zwar etwas

spat, drum gute Nacht!

Ich habe nach der Zeit die Transmutationem Metallorum zwar vor kein solches Geheimniss betrachtet, welches GOtt durchaus keinen sterblichen Menschen offenbahret habe oder offenbahren wolle, allein doch auf grundliche Vorstellungen des gottseeligen Priesters und Uberlegung meiner eigenen Erfahrung, dieserwegen gantz andere, als vormahlige Concepte gefasset, welche ich zu anderer Zeit eroffnen will.

Von selbiger Zeit an ergriff ich meine ordentliche Profession, nehmlich die Mechanic, wieder, und habe, so lange ich nachhero in Coppenhagen war, taglich sehr fleissig darinnen gearbeitet, wie mir solches gegenwartiger Mons. Litzberg, der mich ohngefahr 2. Jahr lang in Coppenhagen gekennet, aufrichtig und wohl bezeugen wird. Da aber nach der Zeit in Amsterdam an einer gewissen Welt-beruhmten Machine gearbeitet wurde, worbey ich vor meine, vielleicht nicht unangenehme Invention und Handanlegung, so wohl als andere Kunstler, ein gut Stuck Geld zu verdienen vermeynete, nahm ich die Reise dahin vor mich, beredete auch Mons. Litzbergen, einen beliebten Reise-Gefahrten abzugeben. Allein die Fuhrung des Himmels hat es besser mit uns gemeynet, denn wie bereits bekandt ist, sind wir in Lubeck an den Herrn Wolffgang gerathen, der uns nebst andern Gefahrten, auf diese gluckseelige Insul gefuhret hat, allwo ich nunmehro, dem Himmel sey Danck, ein dermassen ruhiges und vergnugtes Leben fuhre, welches gegen keinen philosophischen Stein vertauschen wolte, und wenn derselbe gleich den allergrosten Muhlstein am Gewicht ubertraffe, wunsche also weiter nichts mehr, als meine ubrige Lebens-Zeit in wahrer Frommigkeit zuzubringen, auf der Insul meinen liebsten Freunden nutzliche Dienste zu leisten, und endlich in den Armen meiner liebsten Dorothee Jacobine, ruhig und seelig zu sterben.

Solchergestalt, meine Herrn und Freunde! sagte nunmehro Mons. Plager zum Beschlusse, habe ich ihnen einen offenhertzigen Bericht, meines von Jugend auf gefuhrten Wandels abgestattet, ich weiss aber nicht, ob ich wunschen darff, dass sie demselben ferner nachdenken, oder zum wenigsten meine Thorheiten und Ubelthaten gantz und gar wieder vergessen mochten, jedoch mein bester Trost ist dieser: dass ich ein besserer Christ geworden, und auch vollkommen gesonnen bin, mich Zeit-Lebens also aufzufuhren, da ich, GOtt Lob, im Stande lebe, meinen ehemahligen Affecten ein Gebiss anzulegen, und sie nicht uber mich herrschen zu lassen.

Also endigte Mons. Plager die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht, aus welcher wir, an seiner Person und gantzen Wesen, nichts anders zu tadeln fanden: als dass er sich der hefftigen Gold-Begierde, und denn dem Jah-Zorne allzu starck uberlassen, den Vermahnungen seines sterbenden Vaters nicht besser nachgelebt, und sich an dessen Exempel gespiegelt hatte, denn wie er annoch selbst bekennete, so hatte er die meiste Gesellschafft mit unchristlichen Leuten, Ovakkern und Mennonisten gepflogen, wie denn auch sein ehebrecherisches Weib eine ubel conduisirte Reformirte gewesen war. Es gab auch viel Disputirens unter uns: ob er recht oder unrecht gethan, den leichtfertigen Ehebrecher so plotzlich zu uberfallen und zu ertodten? allein, endlich fiel doch der Schluss dahinnaus, dass es christlicher gehandelt gewesen, wenn die Selbst-Rache unterblieben ware.

Nachdem aber unter dergleichen Gesprachen der Abend einzubrechen begunte, nahm ein jeder die Ruckreise zu seiner Wohnung vor sich, mit dem Verlass, ehester Tags, wenn es dem Alt-Vater beliebte, in Stephans-Raum zu erscheinen, um daselbst des Tischlers Lademanns, und des Mullers Kratzers Lebens-Lauffte anzuhoren.

Solches verzohe sich nun zwar auf etliche Tage, weil der Alt-Vater einen schlimmen Zufall von StockSchnupffen und truckenen Husten bekam, allein, nachdem er endlich durch gute Wartung und BeySorge Mons. Kramers, der ihn mit den Herrlichsten Medicamenten zu Hulffe kam, wiederum vollige Besserung verspurete, und ihm von dem letztern selbst, eine kleine Spazier-Fahrt zur Motion, angerathen wurde, begaben wir uns in seiner Gesellschafft nach Stephans-Raum, nahmen erstlich den neuen MuhlBau in Augenschein, und bezeugten eine besondere Freude daruber, denn das gantze Gebaude stund schon vollig unter dem Dache, mittlerweile aber, da andere dasselbe vollends tunnchten und ausputzten, arbeiteten Lademann, Kratzer und Herrlich, nebst ihren Lehrlingen an den Muhl-Radern, welche sie aufs langste binnen 14. Tagen einzulegen vermeinten, nachhero Muhl-Steine aus dem Alberts-Hugel, als welcher Stein sich am allertuchtigsten darzu anliess, aushauen, so dann gleich nach vollbrachter Erndte, zu mahlen anfangen wolten. Allein, weil der Alt Vater freundlich zu vernehmen gab, wie er dieses mahl in Lademanns Wohn-Hause abzutreten gesonnen sey, und gegen Abend das Vesper-Brod bey ihm speisen wolte, gaben die Meisters ihren Lehrlingen und Handlangern ein abgemessenes Stuck Arbeit auf, und begleiteten uns alle drey in Lademanns Wohn-Hauss, allwo sich auch in kurtzen Herr Wolffgang, Litzberg und Plager einstelleten, weil wir selbigen unsere Dahin-Reise zu wissen thun lassen. Wir ladeten uns an einen wohlschmeckenden und sehr kuhlen HaussTruncke, rauchten, weil es etwa 3. biss 4. Stunden nach der Mittags-Mahlzeit war, Toback darbey, da aber unser Wirth mit seiner jungen Hauss-Frauen das Vesper-Brod aufgetragen, und der Alt-Vater mit freundlichen Worten zu vernehmen gab, wie er wunschte, seine, nehmlich

Des Tischlers Lademanns Lebens-Geschicht

anzuhoren, machte sich derselbe alsofort bereit darzu, und fieng seine Erzehlung also an:

Ich Johann Bernhard Lademann, bin vor nunmehro 36. Jahren, auf einem Dorffe ohnweit Altenburg, zur Welt gebohren worden. Mein Vater hatte zwar ein kleines Hauss, nebst etlichen Ackern Feld, uberliess aber die Wirthschafft dessfalls meiner Mutter, und verdiente sein Geld hier und dar mit der Geige, Schalmeye, und sonderlich mit dem Hacke-Brete, welches er, in Betrachtung, dass alles ein von sich selbst gelernetes Werck war, sehr gut spielen kunte, und dieserwegen unter noch 6. andern dergleichen DorffMusicanten, der so genannte Premieur wurde. Seiner Kinder waren 5. nehmlich drey Tochter und zwey Sohne, mein altester Bruder, der in der Schule mit groster Muhe, nebst dem Catechismo, etwas weniges lesen und schreiben gelernet, wolte sich zu nichts anders als dem Acker-Baue beqvemen, wurde derowegen darbey gelassen, ich als der jungste aber, hatte es vermuthlich etwas weiter bringen konnen, wenn mich der Vater nicht sehr fruhzeitig mit auf die Hochzeiten und andere Aufwartungen genommen; alwo ich die Pratsche par force mit spielen muste, es mochte auch klingen oder klappen, jedoch ausser der Zeit, wenn nehmlich nichts zu thun war, hatte doch mein Vater die Sorgfalt, mich dann und wann wieder in die Schule zu schicken, und weil ich eine Sache weit leichter, als mein Bruder, fassen konte, so geschahe es, dass mir nebst dem Lesen, Schreiben und Rechnen etwas weniges vom Donate in den Kopff gebracht wurde. Um die Hauss-Arbeit aber durffte ich mich wenig oder nichts bekummern, sondern ausser den Schul Stunden, meine Zeit auf das Hacke-Bret, Schallmeye und Discant-Geige wenden, und solchergestalt sahe ich schon in meinem 12ten Jahre, einen halb vollkommenen musicalischen Pfuscher so ahnlich, als ein Ey dem andern.

Mein Vater hatte eine besondere Freude: dass ich in seiner Profession so trefflich wohl einschlug, und bey so jungen Jahren mein Brod, nicht allein mit musiciren, sondern vielmehr mit haseliren verdienen konte. Denn ich machte mich mit den vornehmsten Lieder-Tragern bekandt, kauffte ihnen jederzeit die neusten und lustigsten Lieder ab, lernete dieselbe aufs beweglichste singen, auf dem Hacke-Brete selbst darzu spielen, verdiente also, zumahlen wenn der Vater den Bass darzu brummete, manchen schonen Groschen besonders, welches Geld ich aber mehrentheils dem Schulmeister zuwendete, der mir die Noten und das Orgel-Spielen lernen muste.

Dem Schulmeister, stund mein anschlagischer Kopff vor allen andern sehr wohl an, denn ich lernete einen feinen Discant singen, also konte er mich bey seiner Kirchen-Music, die mein Vater und seine Consorten, wenn sie mitspielen solten, vorhero auswendig lernen musten, sehr gut brauchen, vor allen Dingen war ich ihm ein sehr nutzlicher Pursche, wenn wir um die neue Jahrs-Zeit stapuliren giengen, und auf den umliegenden Dorffern das neue Jahr sungen, denn solches wahrete gemeiniglich 14. Tage, biss 3. Wochen, wir nahmen aber taglich, selten mehr als ein oder ein halbes Dorff vor, setzten uns hernach Abends in die Schencke, allwo ich gemeiniglich mein kleines Hakke-Bret und des Schulmeisters Geige aufzuheben gegeben hatte, fiengen an zu singen und zu musiciren, nahmen uns offters auch kein Bedencken, zum Tantze aufzuspielen, da denn alt und jung, Geld uber Geld gab, und darzu Maul und Nase uber solche Virtuosen aufsperrete. Von allem was wir verdienten, bekam ich den halben Theil, es muste denn seyn, dass der Schulmeister die Theilung nach seinem Gefallen gemacht hatte, wie ihm denn mein Vater, da er sich hernachmahls mit ihm zanckte, dessfalls eines offenbaren Betrugs beschuldigte, jedoch ich, meines Orts war vollkommen zu frieden, wenn ich so lange es wahrte, alle Tage 8. 10. ja gar biss 12. Groschen verdienen konte, wovor mir meine Mutter rothe Brust-Latze, schone Schuh und Strumpffe kauffen muste, bundte Bander aber bekam ich zur Gnuge von den Bauers-Tochtern auf den Hochzeiten geschenckt.

Allein der Handel zwischen mir und dem Herrn Schul-Meister kam endlich vor unsern Pfarr-Herrn, der dem erstern das Cantate legte, meinen Vater und mich aber ebenfalls zu sich beschied, den erstern einen derben Verweiss gab: dass er mich in allen argerlichen Leben erzoge und allerley Schand-Lieder zu singen erlaubte, ja noch seine Freude daruber bezeugte, mir aber drohete er mit der Zuruckstossung vom Beicht-Stuhl und heil. Abendmahle, (als welches ich in meinem 14ten Jahre zum erstenmahle empfangen wolte,) woferne ich mich nicht bessern, und in der Gute von solchen Schand Possen ablassen wurde. Diese Drohungen verursachten unserseits doch so viel, dass wir dieses beste Stuck unserer Profession etwas heimlicher trieben, hergegen desto mehr Geld damit verdienten, und weil der Pfarrherr einige Kundschafft darauff gelegt und erfahren hatte, dass ich an etlichen Orten, wo ich aber wohl wuste, dass ich meine Aufseher hatte, durchaus keine Zoten-Lieder singen wollen, hielt er mich vor einen bekehrten Sunder, mithin vor seinen besten Beicht-Sohn. Aber der fromme Mann erfuhr bald, wie er sich in seiner Meynung schandlich betrogen, denn gleich des Tages darauf, nachdem ich zum heil. Abendmahl gewesen, wurde ich von meinem Vater in die nachst gelegenste Stadt geschickt, um Sayten und Colofonium einzukauffen, der Pfarrer hatte selbiges erfahren, gab mir also einen Brieff an den Buchdrucker selbiger Stadt mit, nebst dem Befehle, ihm von besagten Buchdrucker einen Pack gedruckter Sachen mit zuruck zu bringen. Nachdem ich nun meine Dinge in der Stadt meistens ausgerichtet, bey dem Buchdrucker aber eine gute Zeit aufgehalten wurde, indem er eine starcke Parthey BettelLeute ebenfalls mit gedruckten Sachen abzufertigen hatte, welche Sachen ich aber nicht so genau bemercken konte, weil er in seiner Kammer alles gar heimlich mit ihnen tractirte, in der Stube aber nur sein baares Geld, vor die zusammen gepackten Sachen in Empfang nahm, erblickte ich doch endlich einen bedruckten Bogen unter dem Titul: Vier schone weltliche lustige Lieder, das Erste: Lissetgen hat Studenten-Gut im Arme etc. Das andere: Wer kan die krancken Jungfern trosten? der etc. Das dritte: Mei Hanns komm met mer ins Korn etc. Das vierdte: Ae Schmatzgen schmeckt wie ZuckerCand, etc. Gedruckt zu Colln am Rhein, da die wakkern Madgens seyn. Mein Hertz im Leibe fieng vor Freuden zu hupffen an, da ich diese allerneusten noch nie erhorten vortrefflichen Lieder, nebst beygesetzten bekandten Melodeyen ins Gesichte bekam. Ich fragte mit angstlichen Gebarden den Buchdrucker-Gesellen, ob er diese Lieder zu verkauffen hatte, und was sie kosteten? Er forderte einen Groschen, und da ich fragte: wie es kame, dass diese so theuer, andere solche Stucke Pappier aber, um 8. oder 9. Pf. wohlfeiler waren? gab er zur Antwort: Ja mein lieber Sohn, neue Sachen gelten allezeit mehr und noch 4. mahl so viel als die alten, ein anderer als ihr muste wohl 18. Pf. darvor geben. Derowegen zahlete ich ihm 1. gl. steckte den halben Bogen zu mir und fragte: ob keine andere Sorten von dergleichen Liedern vorhanden waren, indem ich, als ein junger Musicus dergleichen Sachen hochst von nothen hatte, und mein baares Geld schon wieder heraus zu bringen wuste. Sogleich meldete sich der Meister oder Herre selbst, brachte eine unzahlige Zahl von noch mehrern allerneusten Liedern, liess sich aber besser behandeln als der Geselle, denn ich bekam vor 16. Groschen einen dermassen starcken Pack Lieder, dass ich denselben kaum ertragen konte.

Vor diese 16. Groschen solte ich meiner Schwester 2. Ellen blauen Cattun mitbringen, allein ich gedachte: Cattun ist alle Tage zu bekommen, dergleichen vortreffliche Lieder aber sehr selten, und also legte ich mein Geld mit desto grossern Freuden an, in Hoffnung mich mit meiner Schwester dessfalls schon zu vergleichen. Im Hinweggehen, steckte mir der Buchdrucker noch ein ziemlich Paqvet von dergleichen trefflichen Liedern in den Busen, und sagte darbey: Mein Sohn, saget eurem Herrn Pfarrer ja nichts, dass ihr diese Lieder von mir gekaufft habt, auch sonsten niemanden etwas davon, sondern haltet dieselben heimlich, so will ich euch in zukunfft mehr dergleichen vor halb Geld zukommen lassen, denn ich habe fast alle Wochen gantz spannagel neue, und zwar die allervortrefflichsten, welche ein beruhmter guter Meister in der Vers- und Singe-Kunst macht, und wenn ihr verschwiegen seyd, will ich euch jederzeit ein Stuck oder 6. in den Kauff geben. Ich versprach alles wohl zu mercken, was er mir sagte, und reisete uber meinen erhandelten Schatz, hochst vergnugt von dannen. Kurtz vor der Stadt begegnete mir mein Bruder und brachte an: dass mein Vater nahe bey der Stadt, auf einem Vorwerge, Auffwartung hatte, wesswegen ich sehr eiligst dahin kommen solte. Diesemnach gab ich meinem Bruder so wohl des Herrn Pfarrers, als mein eigenes Paquet von gedruckten Sachen, befahl ihm das meinige in seine Lade zu schliessen, dem Herrn Pfarrer aber das seinige auf die Pfarr-Wohnung zu tragen, und band ihm darbey sehr ernstlich ein, die Paqueter nicht zu verwechseln, ich aber machte lincks um, und lieff auf das Vorwerck zu, allwo ich meinen Vater nebst zweyen seiner Consorten in voller Arbeit antraff, hergegen um so viel desto freundlicher bewillkommet wurde, weilen die Kindtauffens-Garste sie wenig Lust mehr zum Tantzen, hergegen desto grossere, mich singen zu horen, bezeugten, und an meiner Ankunfft allbereits gezweiffelt hatten. Ich verdiente vermittelst der Zugabe von den neuen Liedern, welche mir der Buchdrucker in den Busen geschoben hatte, diesen ersten Abend redliche 18. Pf. uber das Capital von 16. gl. welches ich meiner Schwester an statt des Cattuns wieder zu geben schuldig war, andern Tages kam noch ein halber Thaler darzu, also konte ich nebst meinem Vater, der auf seine Portion auch uber zwey Thaler verdienet hatte, nach Mitternacht vergnugt nach Hause gehen. Wir legten uns also, da der Himmel schon zu grauen anfieng, sehr ermudet nieder, und ich ware gewiss, sonst durch nichts, als die klapperenden Teller zum Aufstehen bewogen worden, wenn mich nicht einer von unsers Herrn Pfarrers Sohnen erweckt, und mit auf die Pfarre zu gehen beredet hatte.

Ich kam dahin, und zwar eben, da der Herr Pfarrer von der Mittags-Mahlzeit aufstund, dessen erste Frage war: Von wem ich das Paquet gedruckte Sachen an ihn zu bestellen empfangen hatte. Ich konte nicht anders, als der Wahrheit gemass, antworten: Von dem Buchdrucker. Hierauff passireten noch viele andere Fragen und Antworten, endlich aber kam es zu meinem allergrosten Schrecken heraus, dass mein dummer Bruder, die Paqueter verwechselt, meine Lieder dem Herrn Pfarrer gegeben, und hingegen dessen Sachen, vermuthlich in seine Lade geschlossen hatte, welches ich nicht eigentlich wissen konte, weiln er bey meiner Heimkunfft bereits im Bette, vor meinem Aufstehen aber schon mit dem Pfluge ins Feld gezogen war. Ich zittere noch biss dato, wenn ich daran gedencke, wie mir der fromme Pfarrherr die Holle so heiss, und mich gantz und gar zu einem TeuffelsKinde machte, worinnen er auch, wie ich nachhero wohl erwogen, das allergroste Recht hatte, jedoch endlich, nachdem ich ihn alles offenhertzig bekennet, und mich rechtschaffen zu bessern versprochen, auch dabey die bittersten Thranen vergossen, fieng er mich wiederum an zu trosten und zu vermahnen, nahm aber das Paquet der weltlichen Lieder, fuhrete mich in die Kuche und verbrandte es in meiner Gegenwart auf dem Feuer-Herde, hergegen beschenckte er mich mit einer Bibel, Gebet- und Gesang-Buche, dergleichen Sachen in unserm Hause, theils schlecht, theils gar nicht anzutreffen, waren.

Mein armer einfaltiger Bruder muste zwar nachhero das Gelach bezahlen, indem Vater, Mutter und alles, uber ihn allein her war, allein was halffs? geschehene Dinge konten nicht geandert werden. Ich trug dem Herrn Pfarrer sein Paquet hin, und bekam von demselben eine nochmahlige gute Vermahnung, ihm mein Wort zu halten, und ja bey Leibe keine Zoten-Lieder mehr zu lesen, vielweniger zu singen. Allein, ob ich auch schon den ernstlichen Vorsatz gefasset hatte, so wurde doch derselbe des leidigen Geld-Verdienstes wegen, nicht allein von uppigen Leuten, sondern so gar von meinem Vater selbst, in wenig Tagen dergestalt zernichtet, dass ich nicht allein meine alten Lieder wieder hervor suchte, sondern auch gegen die HerbstZeit, da es die meisten Hochzeiten zu geben pfleget, einen eigenen Weg in die Stadt vornahm, um von dem Buchdrucker etwa vor einen halben Thaler neue Lieder zu kauffen.

Jedoch ich kam bey demselben sehr ubel an, denn so bald ich mein Gewerbe mit der grosten Freundlichkeit vorgebracht, stiess der Buchdrucker die schandlichsten Laster-Reden gegen mich aus, und schloss endlich mit solchen trostlichen Worten: Geh du Spion, du Schelm an den hellen lichten Galgen, und sage dem, der dich abgeschickt hat: er soll sich um seine Postillen-Reuterey und um die weiten Ermel am Pfaffen-Rocke bekummern, andere ehrliche Leute in ihrer Nahrung aber ungehudelt lassen. Da ich nun bald merckte, wohin der erboste Mann zielte, und was er vor einen wunderlichen Argwohn auf meine Unschuld gelegt hatte, eroffnete ich ihm das Verstandniss, mit treuhertziger Erzehlung meiner neulichen Verdrusslichkeiten, und erhielt endlich mit grosser Muhe von ihm, was ich so eiffrig suchte.

Es ist aber hierbey zu mercken, dass, wie ich nachhero erfahren, dieser Buchdrucker jederzeit vor einen besonders frommen Mann gehalten seyn, und dem Scheine nach, allen Heiligen die Fusse abbeissen wollen, wie er sich denn auch uberall geruhmet, er liesse seine Schrifften durchaus zu keinen argerlichen Sache gebrauchen, und wenn er vor jeden Bogen 1000. Thlr. zu verdienen wuste, in der That aber war er ein ErtzHeuchler, der, wie man nachhero erfahren, die allerliederlichsten Sachen von der Welt gedruckt hat, und zwar um einen weit geringern Preiss, als andere seines gleichen. Wegen meiner Begebenheit, hatte ihm unser Pfarrherr, in einem Brieffe, das Gewissen ziemlich gescharfft, und solchergestalt seine Galle uber alle massen aufgeruhret, jedoch letztlich, nachdem ich ihm meine Unschuld mit den glaubenswurdigsten EydSchwuren dargethan, wurden wir wiederum gute Freunde, und ich bekam die neue Versicherung, ihm jederzeit willkommen zu seyn, wie er denn auch nachhero durch mich allein, manches hundert von dergleichen und andern Lust erweckenden Sachen loss wurde.

Unter dergleichen loblicher Lebens-Art, war nun fast mein 15 des Lebens-Jahr verstrichen, und weil ich schon ziemlich kunstmassig auf der Orgel und andern Instrumenten spielen konte, liess sich mein Vater endlich durch das Zureden reputirlicher Leute bewegen: mich zu einem Stadt-Pfeiffer in die Lehre zu verdingen, damit ich nach ausgestandenen 5. Lehr-Jahren, vor einen zukunfftigen Kunst-Pfeiffer-Gesellen passiren konte. Mein Lehr-Printz nahm mich mit Freuden vor ein Blutweniges Lehr-Geld an, in Erwegung dessen, da ich schon geschickt war, ihm gute Dienste zu leisten, allein weil ich mich bey den blasenden Instrumenten allzuscharff angriff, ausserdem das starcke Bier-Wein- und Brandtewein-Trincken allzusehr liebte, stelleten sich gleich nach Verlauff meines ersten Lehr-Jahres hefftige Blutsturtzungen ein, welche mich dergestalt ausmergelten, dass sich endlich mein Vater gezwungen sahe, seinen liebsten Sohn wieder nach Hause zu nehmen. Es sahe eine Zeitlang sehr schlimm mit mir aus, ja der Doctor, welchen mein Vater mehrentheils alle Woche aus der Stadt holen liess, zweiffelte selbst an meiner Wiedergenesung, jedoch nachdem ich uber andert-halb Jahr gekranckelt, fand sich die Besserung nach und nach vollkommen wieder.

Wahrender meiner Kranckheit hatte mich unser Herr Pfarrer sehr fleissig besucht, und einen ziemlich veranderten Menschen aus mir gemacht, so dass ich durchaus kein musicalisch Instrument, zu Beforderung uppiger Luste mehr anruhren wolte, ja es stellete sich bey mir ein Eckel, fast uberhaupt gegen alle Music ein, wovon ich doch sonsten ein so grosser Liebhaber gewesen. Mein Vater wolte zwar durchaus haben, dass ich wieder zum Stadt-Pfeiffer in die Lehre gehen solte, da aber der Pfarrherr ohngefahr in einer Predigt den Spruch mit anbrachte: Siehe zu, du bist gesund worden, sundige hinfort nicht mehr, auf dass dir nicht etwas argers wiederfahre; ging mir derselbe dermassen zu Hertzen: dass ich augenblicklich noch in der Kirche den Schwur that, die Music liegen zu lassen, hergegen ein anderes ehrliches Handwerck zu erlernen. Noch selbigen Sonntags gegen Abend ging ich zu dem Pfarrherrn, mich wegen dieses Vorsatzes seines Raths zu erholen, dieser schlug mir sehr erfreuet die Organisten-Kunst vor, weiln ich doch schon etwas davon gefasset hatte, allein auch darzu war bey mir alle Lust verschwunden. Andere Kunste zu erlernen, schien etwas allzu kostbar, derowegen fiel mir endlich das Tischler-Handwerck ein, und zwar bey der Gelegenheit, da unsers Pfarrherrns Bruder, als ein beruhmter Meister, in dasiger Kirche einen neuen Altar, Cantzel, Tauffstein und Orgel bauen halff.

Anfanglich wolte zwar, so wohl bey dem Pfarrherrn als bey dem Meister, ein Zweiffel entstehen, ob ich wegen ausgestandener gefahrlichen Kranckheit, der, mit diesem Handwercke verknupfften schweren Arbeit gewachsen seyn mochte, jedoch ich befand mich innerlich und auserlich dermassen wohl aus curirt, dass ich ihnen diesen Zweiffel mit gutem Recht ausreden konte, und also wurde ich um ein billiges LehrGeld, welches der Pfarrer zur Helffte aus seinem Beutel bezahlete, meinem Vater zum ziemlichen Verdruss in die Lehre genommen, kan auch nicht anders gedencken, als dass dergleichen Resolution dem Himmel gefallig gewesen, weil seit der Zeit nicht den geringsten Anfall von einer innerlichen Kranckheit gehabt habe. Mein Meister war, wie gesagt, ein sehr kunstlicher Mann, sonderlich im fourniren und anderer subtiler und kunstlicher Tischer-Arbeit, ausserdem nahm er wenig andere als Kirchen-Arbeit an, von gemeinen und groben Sachen aber gar nichts. Ich fand mich wahrender Lehrzeit in den allermeisten nach seinem Wunsche, nachdem ich aber ausgelernet, blieb ich noch zwey Jahr um halbes Lohn bey ihm, und zwar darum, weil er sich keine Muhe verdriessen liess, mich in den Haupt-Stucken der Architectur zu unterrichten, als welche er sehr wohl verstund.

Mittlerweile war mein Vater gestorben, die Mutter abgebrandt, also hatten wir Kinder, ein jedes vor sein Theil, kaum 20. Gulden zu fordern, derowegen schenckte ich der Mutter meine Portion der Erbschafft, und reisete etliche 30. biss 40. Meilen in die Welt hinnein. Alldieweiln ich nun, ohne Ruhm zu melden, etwas rechtschaffenes in meiner Profession gelernet zu haben, ziemlich versichert war, so suchte keine andere Arbeit, als in den grosten Stadten, und zwar bey solchen Meistern, die keine Marckt- oder Bauer-Arbeit machten, hatte auch immer das Gluck, nicht lange auf der Baren-Haut zu liegen.

Meine stille und ziemlich melancholisch scheinende Lebens-Art, die aber einen desto starckern Fleiss bey der Arbeit beforderte, erwarb mir gemeiniglich die Gunst der Meister, hergegen einen heimlichen Hass bey den Mittgesellen, jedoch ich machte mir dieserwegen nicht die geringste Sorge, im Gegentheil hatte mehrern Vortheil davon, weil ich solchergestalt von vielen Ungelegenheiten, die durch das Sauffen, Spielen und anderes liederliches Leben zu entstehen pflegen, befreyet blieb.

Diesemnach kan mich keiner besondern Avanturen ruhmen, es musse denn seyn, dass folgende, einen Platz unter den besondern Begebenheiten eines reisenden Handwercks-Purschen verdieneten:

Mein Meister, welches der vornehmste Tischler in der beruhmten Residentz eines Romisch Catholischen Bischoffs war, schickte mich eines Tages nebst einem Jungen in das Hauss eines sehr reichen Mannes, um das Taffel-Werck aus seiner Wohn-Stube zu reissen, hergegen selbige Stube aufs neue mit Nuss-BaumHoltze auszutaffeln. Indem nun der Lehr-Junge eben im Begriff war, eine Kanne Bier von der Ausgeberin, ich aber indessen das aus Holtz geschnitzte Bild des heil. Bonifacii, welches oben in einer Ecke angenagelt war, herunter zu langen; brach mir dieser wurmstichige Heilige unter den Handen entzwey und schuttete aus seinem ausgeholten Leibe eine grosse Menge Gold-Stucker uber meinen Kopff, wesswegen ich ungemein erschrack, jedoch das Bild vollends herunter hub, die ausgestreuten Gold-Stucke alle zusammen in meine Mutze sammlete, und befand, dass es 632. Stuck lauter Kremnizer Ducaten waren.

Diese Arbeit war vollbracht, ehe mein Lehr-Junge mit dem Biere, und der Hauss-Knecht mit dem Mittags-Brodte ankam, welchen letztern ich bat, dem Hauss-Herrn meinetwegen zu sagen: dass er augenblicklich zu mir in die Stube kommen mochte, weil ihm etwas besonders anzuzeigen hatte. Da aber der Hauss-Herr eben bey der Mittags-Mahlzeit gesessen, so kam er nicht eher zur Stelle biss nach aufgehobener Taffel, fragte auch so gleich: was es besonders gabe: Mein Herr! gab ich ihm zur Antwort, es wird euch bewust seyn, dass die Lutheraner, als zu welcher Parthey ich mich bekenne, nicht glauben, dass die verstorbenen Heiligen den annoch lebenden Menschen einige Wohlthaten erzeigen konnen; allein euer heiliger Bonifacius, dessen vortrefflichen Nahmen ich zu seinen Fussen angeschrieben sehe, hat mich heute eines andern uberzeugt. Denn ohngeacht ich so unglucklich gewesen, seinen, von Wurmern gantz durchfressenen Corper, zu zerbrechen, so hat er mir dennoch dieses Geschencke, euch als dem Hauss-Herrn zu uberreichen anvertrauet. Unter Ansprechung dieser letztern Worte, setzte ich meine, mit Ducaten ausgestopffte Mutze vor ihn auf den Tisch, und indem er selbige eroffnete, erstaunete der Mann gantz ungemein, sagte aber weiter nichts als: Verziehet ein klein wenig, ich muss doch dieses Heiligthum meiner Frauen zeigen: Und darauf lieff er eiligst fort. Ich wartete langer als eine Stunde auf seine Zuruckkunfft, und stund in der gantzlichen Hoffnung er wurde mir zum wenigsten etliche Stuck Ducaten Trinck-Geld einhandigen; allein statt dessen kam bald hernach die Wache und fuhrete mich mit samt dem Lehr-Jungen in Arrest.

So lange ich auf der Welt gelebt hatte, war mir kein Zufall unvermutheter und wundersamer vorgekommen, als dieser, jedoch, weil ich ein gut Gewissen hatte, blieb ich eine gantze Nacht hindurch, obgleich nicht ohne Verdruss, dennoch ohne grosse Bekummerniss. Folgenden Morgen aber wurde der Junge von mir hinweg, ich selbst etwa eine Stunde darauff, in Ketten geschlossen und vor das Geistl. Gerichte gefuhret. Allwo mich der Hauss-Herr nicht allein auf einen vermuthlichen Diebstahl, sondern auch wegen Lasterung GOttes und seiner Heiligen angeklagt hatte. Ich verantwortete mich nach meinem guten Gewissen, so gut als ich konte, erzehlete die gantze Sache mit ihren wahrhafften Umstanden und wurde wieder zuruck gefuhret, eine halbe Stunde hernach aber noch einmahl so hart geschlossen.

Mein Meister, der jedoch ein sehr eiffriger Catholic war, hatte kaum Erlaubniss bekommen konnen, mich mundlich zu sprechen, erforschete derowegen desto genauer, was die Sache nach meinem Vorgeben, vor eine Bewandniss habe, und da er endlich den Verlauff von mir vernommen, sprach er: Traget nur Gedult und bleibet bey der reinen Wahrheit, ich hoffe, ihr sollet Morgen oder Uber-Morgen bey dem Bischoff selbst zum Verhor kommen. Solches traff ein, denn nach Verlauff zweyer Nachte, wurde ich von den Ketten befreyet, und gerades Wegs in den Bischofflichen Pallast, ja so gar in dessen Zimmer gefuhret, allwo derselbe auf seinem Stuhle sass, und das wurmstichige Bildniss des heil. Bonifacii, auf einem kleinen Tische, vor sich liegen hatte. Zu seiner Seiten stunden verschiedene Bedienten, etwas weiter unten aber mein Anklager, der meine Mutze mit den Kremnizer Ducaten in Handen hatte, und denn mein Meister. So bald ich meinen Reverenz gemacht, fragte der Bischoff mit einer zornigen Geberde: Bist du der frevele Ketzer, welcher das wunderthatige Bild des heil. Bonifacii, bosshaffter weise zerbrochen, und uber dieses schimpfflich von demselben gesprochen hat? Hochwurdigster, Gnadigster Herr! gab ich zur Antwort, ich ruffe denjenigen GOtt, den so wohl die Lutherisch-als die Romisch-Catholischen Christen anbeten, zum Zeugen an, dass ich dieses Heiligen Bild nicht muthwilliger oder bosshaffter weise zerbrochen, sondern gleichwie es dem Augenscheine nach, gar sehr wurmstichig, ist es mir unter den Handen entzwey gegangen, und zwar vermuthlich nicht ohne sonderbare Gottliche Fugung, damit der darinnen verborgene Schatz, an 632. Stuck Kremnizer Ducaten, dem Hauss-Herrn zu gute kommen solte. Ich bin allein gewesen, und hatte mit leichter Muhe dieses Geld bey seite schaffen konnen, allein mein Gewissen ist zu enge, dergleichen Gut, so mich nicht vor den Eigenthums-Herrn erkennet, an sich zu bringen, hergegen hat es mich angetrieben, solches dem Hauss-Herrn einzuliefern, und auf eine, ihm selbst beliebige Discretion zu warten, jedoch meine Redlichkeit ist mir ubel belohnet worden. Hierauf sahe der Bischoff meinen Anklager an, welcher in diese mir hochst empfindliche Worte ausbrach: Hochwurdigster! Dieser Kerl ist ein Schelm, wie alle Ketzer sind. Man lasse ihn auf die Tortur bringen, so wird er nicht allein gestehen, dass er das heilige Bild, welches ich hoher als eine Tonne Goldes geschatzt und ihm taglich hundert Kusse gegeben, muthwilliger weise zerbrochen, sondern mir, daraus mehr als 1300. Ducaten entwendet hat. Denn da mein seel. Gross-Vater auf dem TodtBette lag, seine Erben aber bey Vermissung 2000. Stuck Kremnitzer Ducaten, ihn befragten, wo er dieselben hingelegt hatte, wiese er bestandig mit dem Finger auf den heil. Bonifacium, konte auch, weil ihm ein Schlag-Fluss die Zunge gelahmet, weiter nichts mehr heraus stammlen, als: San-ctus Bo-ni-fa-ci-us San-ctus Bo-ni-fa-ci-us hat-al-les. Dieses, sagte mein Anklager weiter, weiss ich mich in meinem itzigen 68sten Jahre annoch wohl zu erinnern, als ob es vor acht Tagen geschehen ware, ohngeacht ich damahls nur ein Knabe von 14. Jahren war. Wir samtlichen Erben haben zwar nach der Zeit rund um das heil. Bild herum gesucht, aber nichts gefunden, biss es dieser diebische Ketzer endlich entdeckt, und mehr als die Helffte davon genommen hat. Gerechter Himmel! rieff ich hierauf aus, ist wohl moglich, dass in einer so kleinen Holung mehr als so viel Ducaten Raum haben? man lasse das Bild zertheilen und nachsehen, ob sich vielleicht noch mehr geheime Oeffnungen darinnen finden, ich bezeuge nochmals vor allen dem, was heilig ist, dass mir nicht mehr als 632. Gold-Stukke zu handen kommen sind, kan auch unmoglich glauben, dass etwa ein oder etliche Stuck auf dem Boden des Zimmers sich verlauffen hatten, denn es ist alles glatt, eben und ohne Locher. Der Bischoff betrachtete hierauff das Bild etwas genauer, und befand, dass die weiteste Holung, in der Brust desselben war, von der Scheitel aber gieng ein Loch herunter, dergleichen in den Spaar-Buchsen zu seyn pfleget, welches zu alleroberst sehr dunne, und mit gelben Wachs voll gegossen war. Derowegen liess er alles Wachs heraus schmeltzen, das Bild im Bruche ordentlich auf einander setzen, und die 632. Stuck Ducaten, einem nach dem andern, hinein zehlen. Da dieses geschehen, das Loch aber noch nicht erfullet war, muste sein Schatz-Meister einen grossen Beutel mit Kremnitzer Ducaten herbey bringen, deren etliche gezeichnet und hinnein gesteckt wurden, allein da der Schatz-Meister den dreyzehenden Ducaten hinnein gesteckt, war das Loch schon biss oben angefullet. Nachhero muste mein Meister eine saubere Sage herbey schaffen, und das Bild von unten auf, in 4. Theile schneiden, allein es fand sich weder Gold noch fernere Holung darinnen. Mein Anklager bestund also wie Butter an der Sonnen, und ob er gleich noch viele Winckel-Holtzer machen wolte, so kehrete sich dennoch der Bischoff nicht im geringsten daran, sondern that zu meiner, und aller Menschen groster Verwunderung diesen unerwarteten Ausspruch: Horet mein Freund! also redete er meinen Anklager an, es erhellet aus allen Umstanden, dass ihr ein unersattlicher Geitzhals, und mit dem Schatze, den euch dieser ehrliche Kerl eingeliefert, aus keiner andern Ursache nicht zufrieden seyd, als weil ihr euch verbunden gesehen: ihm ehrenthalber ein ansehnliches Geschenck davon zu geben, jedoch ich werde dieserwegen sprechen, was rechtens ist: Es werde diese Summe in drey gleiche Theile getheilet, der erste Theil gebuhret vor allen Dingen dem heil. Bonifacio, der die gantze Summe seit so langen Jahren, in den gefahrlichen Kriegs-Laufften vor den Raub-Klauen der Frantzosischen Soldaten, vor den langen Fingern der Diebe, vor Feuer, Wasser und andern Unglucke sicher erhalten hat. Der andere Theil kommt von rechtswegen dem Hausswirthe zu, der dritte aber ohne allen Streit dem gluckseeligen Finder des Schatzes, und schadet hierbey gar nichts, dass er seinem eigenen Gestandnisse nach ein Ketzer ist, denn man muss die Treue und Redlichkeit, als eine von den vornehmsten Haupt-Tugenden, auch in den Feinden belohnen. Es fehlete wenig, mein Anklager ware uber diesen Urtheils-Spruch in Ohnmacht gefallen, er wolte zwar noch sehr viel Einwendens machen, allein es blieb darbey, und zum grosten Gelachter aller Anwesenden, wurde der letzte Betrug arger als der erste, denn indem mein Anklager mit zitterenden Handen zugreiffen, und seinen abgezehlten dritten Theil hinweg nehmen wolte, sprach der Bischoff: Haltet inne mein Freund, ich habe noch etwas zu erinnern. Der heilige Bonifacius ist durch eure ungestume Anklage mehr beleydiget, als durch die leichtsinnigen Reden gegenwartigen Ketzers, denn um eurent willen ist man genothiget worden, denselben zu viertheilen. Sehet er wird in Zukunfft Kleider vonnothen haben, solche ihm unschuldig zugefugte Schmach zu bedecken, auch ists billig, dass man ein so uhraltes wunderthatiges Heiligen-Bild wieder zusammen leim, und ihm zur Erstattung seiner Ehre, einen Altar auffrichte. Zu diesem heil. Gestiffte werdet ihr euren Antheil des Geldes, am allerbesten anzulegen wissen, und damit eure Schuld bussen. Gegenwartiger Ketzer aber soll von seinem Antheil ebenfalls 50. Ducaten darzu geben, damit er in zukunfft bescheidener und andachtiger von den verstorbenen Heiligen reden lerne.

Hierbey muste es bleiben, mein Anklager mochte sich auch so verzweiffelungs-voll anstellen als er immer wolte, ich aber bekam zu meinem Theile 160. Kremnitzer Ducaten, 2. Kayser-Gulden und etliche Patzen richtig in den Hut gezehlt, und zugleich die Freyheit hin zu gehen wo mir beliebte. Dieser Streich gab in der Stadt zu vielen lustigen Gesprachen Anlass, unter andern hatte ein spitzfindiger Kopf folgende Verse darauff gemacht:

Madrigal.

Du armer Bonifacius, Ist das der Danck vor deine Treue: Sonst werden nur die Leiber Der Morder und der Straffen-Rauber, Geviertheilt und aufs Rad gelegt. Dick setzt man zwar Auf den geschmuckten Bet-Altar; Jedoch wer weiss, was dir dein Hauss-Wirth gonnt, So offt er sieht, wie schon dein Wachs-Licht brennt: Denn sein Verdruss Ist alle Morgen neue. Ach! fahre fort den Ketzern guts zu thun, Die Pabstler lassen dich ja keine Stunde ruhn, Zuletzt heists doch: (sic mos est horum,) Undanck in fine laborum. Weil aber dergleichen Sachen mir verschiedene Verdrusslichkeiten zuzogen, setzte ich meinen Stab etliche 20. Meilen weiter, und kam bey einem Meister in Arbeit, der im Nonnen-Closter die Tischler-Arbeit zu einer Orgel, zugleich auch viele andere Dinge im Closter und in der Kirche zu machen hatte. Von dar aus, schickte ich 120. Stuck Ducaten an den Pfarr-Herrn meines Geburths-Dorfs, uberschrieb ihm meinen gehabten wunderlichen Zufall, und bat: dass er das meinetwegen ausgelegte Lehr-Geld davon zuruck nehmen, meiner Mutter 50. fl. zu volliger Ausbauung des abgebrandten Hauses und besserer Nahrung auszahlen, das ubrige aber biss zu meiner Zuruckkunfft, in seiner Verwahrung behalten solte.

Wenig Wochen hernach, bekam ich von diesem lieben Manne, eine eigenhandige Schrifft, worinnen er mir nicht allein alles, was Zeit meiner Abreise veranderliches vorgegangen war, berichtete, sondern auch eine Gerichtliche Abschrifft von derjenigen Qvittung uberschickte, die er meiner Mutter wegen des Empfangs der 120. Ducaten, und der, ihr davon ausgezahlten 50. Gulden, zur sichern Verwahrung gegeben hatte, das vor mich ausgelegte Geld aber, wolte er biss zu meiner Zuruckkunfft ausgesetzt lassen, und mittlerweile mein ubriges, an sichere Orte auf Zinsen austhun.

Ich hatte indessen Geld genung zuruck behalten, mir recht saubere Kleidung, Wasche und andere Bedurffnissen anzuschaffen, verdiente auch unter dem neuen Meister, bey dem Orgel- und Closter-Bau von Zeit zu Zeit, ein schon Stuck Geld, wovon ich den meisten Theil darzu anwendete, bey einem Bau-Meister, in der Architectur die neusten und besten Stucke zu erlernen, und denn auch bey dem Orgel-Bauer, die, mir noch unbewusten Vortheile seiner Kunst auszuforschen. Es gieng mir auf beyden Seiten alles sehr wohl von statten, weil diejenigen mussigen Stunden, welche andere zum sauffen, spielen und spatzieren gehen anwendeten, besser zu gebrauchen wuste. Mit dem altesten Orgel-Bauers-Gesellen, der bereits capable war einen Meister abzugeben, stifftete ich binnen wenig Wochen eine vollkommene Freundschafft, erlernete also von demselben diejenigen Vortheile, welche er und sein Meister sonsten als Geheimnisse zu halten pflegten. Nachdem ich aber eigentlich vermerckt, dass dieser mein Freund zum offtern in eine grosse Tieffsinnigkeit verfiel, und darbey unzahlige Seuffzer aussstiess, lag ich ihm so lange an, biss er mir endlich offenbarete, dass er sich aufs auserste in eine Nonne verliebt, mit welcher er zwar noch kein eintziges Wort gesprochen, jedoch bereits mehr als 12. Liebes-Briefe gewechselt hatte. Ich belachte diesen Streich von Hertzen, und wolte ihn, als meinen Glaubens-Genossen, von solcher Gefahr bringenden Liebe abmahnen, allein, er seuffzete und sprach: Ach mein werthester Freund! wenn ihr meine Nonne, welches die vornehmste Sangerin ist, und denn diejenige, welche itzo, in Ermangelung der Orgel, das Clavicien spielet, nur ein eintzig mahl sehen soltet, wurdet ihr gantz anders reden, und ich bin versichert: dass diese schonen Kinder so gern Manner hatten als wir das Leben haben, allein ich weiss mich auf kein Mittel zu besinnen, meine Liebste aus diesem verzweiffelten Kaffige zu entfuhren.

Meine Neugierigkeit erstreckte sich so weit, ihn zu ersuchen, mir die Gelegenheit zu zeigen, wie man diese geruhmten Schonheiten zu sehen bekommen konte, er versprach mir binnen 3. Tagen zu willfahren, allein ich muste mir die Muhe nicht verdrussen lassen, in einem engen Behaltnisse, mit einiger unbequemlichkeit, eine gantze Nacht auf diesen vortrefflichen Anblick zu warten. Ich versprach alles zu thun, was er von mir verlangen und selbst thun konte. Demnach sperrete er mich und sich, eines Abends, nachdem wir alle unsere Mit-Arbeiter fortgeschickt, die Kirch-Thuren alle verschlossen, uns beyde aber selbst eingeschlossen hatten, in ein enges Behaltniss des neugebauten Orgel-Gehauses ein, allwo wir sehr unbequem sitzen, und kaum unsere mit hinein genommene Wein-Bouteille nebst dem Zwiebacke zum Munde fuhren konten. Jedoch weiln um damahlige Jahrs-Zeit sehr warme Nachte waren, kam uns dergleichen Nacht Wache nicht eben allzu beschwerlich an, nur dieses machte mir bange, dass wenn wir in diesem Gehause betroffen wurden, uns vielleicht ein grosseres Verbrechen, nehmlich die Kirchen-Rauberey schuld gegeben werden konte, uber dieses war mir um die MitterNachts-Zeit ziemlich bange vor Gespenstern und Bethorungen, jedoch alle dergleichen furchterliche Gedancken verschwanden, da gegen Morgen das gantze Orgel Chor von musicalischen Nonnen angefullet wurde, denn es war eben das Fest der Heimsuchung Maria zu feuern. Zeit Lebens hatte ich keine angenehmere Music gehort als diese, welche von alten und jungen Nonnen gemacht wurde, jedoch ich glaube, dass die Einbildung auch sehr viel bey der Sache gethan hat. Sie spieleten nicht allein allerhand Arten von Instrumenten, sondern die Vocal-Music war dermassen bestellet, dass ich vor Vergnugen immer in einen Klumpen zu sincken vermeinete, jedoch die Vernunfft raffelte sich endlich zusammen, da eine alte sehr runtzelige Nonne, mit der penetrantesten Bass-Stimme, eine Arie solo sunge, so bald aber eine andere, welche als Capel-Meisterin den Tact fuhrete, mit einer, der allervortrefflichsten Nachtigall gleichenden Discant Stimme, das darauff folgende Recitativ heraus drechselte, und mein Gefahrte, mir das verabredete Zeichen gab, dass dieses seine verliebte Correspondentin sey, hatte ich abermahls vor ubermassiger Verwunderung aus der Haut fahren mogen. Inzwischen stund mir der alte Zeisel-Bar, nehmlich die alte Nonne, welche den Bass sunge, mit ihrer Concerte bestandig im Wege, die, auf dem Clavicien spielende Nonne, im Gesichte zu sehen, so lange biss endlich dieses Stuck vollig abgethan war.

Indem das alte Brum-Eisen nun auf die Seite trat, war die wunderschone Organistin eben im Begriff, die bey ihr stehenden zwey Wachs-Lichter zu putzen, und also fiel mir ihre unvergleichliche Gesichts-Bildung auf einmahl vollkommen in die Augen. Dieser eintzige allererste Anblick war vermogend, mein Hertz vollkommen verliebt zu machen, so dass ich kein Auge von derselben verwenden konte, biss mir endlich andere darzwischen tretende, den Prospect aufs neue verhinderten. Mittlerweile sahe ich die charmante Seele meines Gefahrten desto genauer an, und befand: dass die Gesichts-Bildung derselben, nicht halb so angenehm als der schonen Organistin Gestallt war, allein wie ich nachhero an ihm vermerckt, so hatte er im Gegentheil vor seine Liebste eben so vortheilhaffte Gedancken, als ich vor die meinige. Nachhero, da ich die eingebildete Gluckseeligkeit aufs neue hatte, die letztere frey zu betrachten, wurde meine hefftige Liebe dermassen befestiget, dass ich beschloss so gar mein Leben daran zu wagen, um nur fein offte den Vortheil zu erlangen, mit ihr, gleich wie mein Gefahrte mit der seinigen, Briefe zu wechseln.

Die Fruh-Mette gieng endlich, zum wenigsten mir, mehr als zu hurtig vorbey, wesswegen die Kirche so wohl von denen Nonnen als allen andern Leuten verlassen wurde. Mein Gefahrte fragte mich, ob wir uns davon schleichen, oder noch etliche Stunden verziehen, und die hohe Messe abwarten wolten, ich erwehlete das letztere, und gab vor: dass ich ehe 3. Tage und Nacht ohne Essen, Trincken und Schlafen verbleiben, als dieses Vergnugens, welches so wenig Muhe kostete, beraubt leben wolte; woraus derselbe so gleich vermerckte, dass Cupido in meiner Person einen verliebten Haasen getroffen hatte, und mich dieserwegen nicht wenig vexirete. Jedoch weil er vermerckt: dass seine Geliebte denjenigen kleinen Brief, welchen er unter ihr Singe-Pult versteckt, zu sich genommen hatte, sagte er gantz leise zu mir: Mein Freund wo es wahr ist, dass ihr in die schone Clavicien-Spielerin verliebt seyd, so bin ich dessfalls bereits euer FreyWerber gewesen, und versichert, dass diese vertrauten Schwestern eben itzo im Begriff seyn werden, meinen Brieff zu lesen, seyd ihr aber ja bey einer solchen Schonheit von Eisen und Stahl, so stellet euch zum wenigsten eine Zeit lang verliebt, damit ihr mir mein Spiel nicht verderbet, denn da meine Liebste einmahl die Unbehutsamkeit gehabt: ihr Liebes-Geheimniss ihrer vertrauten Gespielin zu offenbahren, muss ich in bestandigen Furchten schweben, dass die letztere nicht verschwiegen genung sey, sondern aus Neid eine Verratherin werden mochte, welches aber nicht leichtlich geschehen kan, wenn sie selbsten etwas Liebes weiss. Ach mein Freund, gab ich zur Antwort, mein Hertze brennet vor Liebe lichterloh, allein ich zweiffele sehr, dass mich die schone Nonne zu ihrem Liebsten annehmen mochte, denn sie scheinet mir, ihrer Geberden wegen, von etwas hohen Sinnen und vornehmen Stande zu seyn. Schweiget von diesen, versetzte mein Gefahrte, ich weiss es besser, sie ist zwar eines Patricii Tochter, aber wegen der vielen Geschwister und unzulanglicher Mittel, von ihrer Mutter, nach dem Tode des Vaters mit Gewalt ins Closter gesteckt worden. Ach, ach! fuhr er fort, die Liebe zur Freyheit, und anderthalb Centnern Manns-Fleische, kan ein Frauenzimmer leicht dahin bringen, die Eitelkeiten eines etwas hohern Standes hindan zu setzen, und einen ansehnlichen rechtschaffenen Kerl, der seine Profession aus dem Grunde verstehet, zu heyrathen, uber dieses weiss ich gewiss, dass sie zum wenigsten auf die 300 spec. Thaler am Gelde und kostbaren Geschmeide haben wird, welches, wenn wir Gelegenheit zur Flucht finden konnen, durch kluge List leichtlich mit fortzuschaffen ist. Ach, sprach ich, wenn ich nur die Person erstlich in meiner Heymath hatte, ich wurde mir wenig oder nichts aus dem Heyraths-Gute machen, weil ich zu meinem Anfange schon Geld genung weiss.

Indem ich ferner reden wolte, wurde die hinterste Thur, welche aus dem Closter aufs Orgel-Chor fuhrete, geoffnet, wesswegen wir uns sehr stille hielten, und endlich mit zitterenden Freuden unsere beyden Gelieben ankommen sahen. Sie machten sich alle beyde uber das Clavicien her, und stimmeten dasselbe, zogen auch etliche Sayten auf, endlich aber zog die Sangerin, welche Caroline hiess, ein Schreibzeug nebst einem Blat Pappier hervor, und beschrieb das letztere auf dem Pulte, da ihr immittelst meine Schone, die sich Lucia nennete, uber die Achsel sahe, und endlich sagte: Schwesterchen du schreibst zu viel, ich habe ja den lieben Menschen noch nicht ein eintzig mahl recht im Gesichte gesehen, vielweniger ein Wort mit ihm gesprochen, lass ihn doch, sich zum wenigsten erstlich einmahl, auf einer angemerckten Stelle zeigen. Schweig mein Schatz! gab Caroline zur Antwort, ich weiss schon im voraus, dass er dir im Hertzen wohl gefallen wird, so bald du ihn nur von ferne sehen wirst, und wo dieses heute nicht geschicht, solstu doch aufs langste Morgen einen Brief von ihm haben. Gleich mit endigung dieser Worte, liess mein Gefahrte die oberste Klappe von dem Vorschlage herunter fallen, in welchen wir uns versteckt hatten, und sagte: Erschrecket nicht schonsten Kinder, eure allergetreusten Liebhaber sind allhier gegenwartig, und haben von gestern Abend an, auf das Vergnugen gehofft, euch durch diese kleinen Locher nur zu sehen, nunmehro aber da wir den erwunschten Vortheil haben, euch personlich zu sprechen, so erklaret euch, ob ihr unsere hefftige Liebe auf ehrliche und eheliche Weise vergnugen wollet, daferne wir erstlich Gelegenheit genommen, euch aus diesem Kercker in unser Vaterland zu fuhren. Die guten Kinder erschracken zwar anfangs hefftig, erholeten sich aber gar bald, und fuhreten das treuhertzigste Gesprach mit uns allen beyden. Kurtz! da keines an dem andern etwas auszusetzen hatte, wurde das Verlobniss in der Geschwindigkeit geschlossen, wir schwuren unsern Geliebten ewig feste Treue zu, und sie im Gegentheil versprachen zu folgen, wohin wir beliebten. Nach fernerer genommener Abrede aber, kehreten sie zuruck, und wir practicirten uns, ohne von jemand vermerckt zu werden, sehr glucklich zur Orgel und Kirche heraus, und zwar noch wohl eine gute Stunde vor Anfang der hohen Messe.

Wenn ich betrachtete, dass sich binnen so wenig Stunden meine gantze Natur in einen auserst verliebten Haasen-Safft verwandelt hatte, muste ich mich selbst auslachen, es fielen mir zwar ein und andere Scrupels, wegen dieser so plotzlichen Verbindung in die Gedancken, allein, das, stets vor meinen Augen schwebende Gesicht der schonen Lucia, und dann die hefftige Liebe, waren vermogend gewesen, meinen gantzen Verstand, vielweniger dergleichen gering scheinende Grillen zu vertreiben. Nach diesen lieffen bey nahe vier Monat vorbey, binnen welcher Zeit wir unsere Geliebten zwar offters sehen und Briefe mit ihnen wechseln, aber nur zweymahl auf wenige Minuten sprechen konten. Derowegen begunte uns auf allen Seiten die Liebe immer hefftiger anzufechten. Die meiste Arbeit an der Orgel war gethan, also zu befurchten, dass uns in zukunfft die allerbeste Gelegenheit abgeschnitten werden mochte, uber dieses ruckte die rauhe Herbst-Zeit immer starcker heran, also schafften wir unsere besten Sachen immer nach und nach fort in eine andere Stadt, zu dem Anverwandten meines Cameradens. Unsere beyden Liebsten machten sich auch kein Bedencken, ihr Geld, Geschmeide, und andere leicht fort zu bringende Sachen bey nachtlicher Weile in unsere Hande zu liefern, derowegen liessen wir ein rothes und ein blaues Officier-Kleid verfertigen, kaufften 2. Degen, Stocke, Hute, und alles was ein paar Cavalier nothig haben. Vor uns beyde aber liessen wir ein paar Laqveyen-Kleider machen. Kurtz! wir fadelten alle Anstallten, die beyden Nonnen in Officiers Habiten fortzubringen, dermassen kluglich und listig ein: dass wir an glucklicher Ausfuhrung unseres Vorhabens nicht im geringsten zweiffeln konten. Mein Compagnon bestellete also nach vollig genommener Abrede, in der nachsten Stadt eine Extra-Post, welche auff einen gewissen Tag und Stunde parat stehen solte, ein paar Officiers mit ihren Dienern abzufuhren. In unserer Vorstadt aber miethete er einen Lohn-Wagen, schaffte unsere ubrige Sachen hinaus, und konte sich darauff verlassen, dass derselbe alle Minuten wenn es ihm beliebte, abfahren wolte. Die Officiers-Kleider und darzu gehorigen Sachen, practicirten wir bey Tage in die verschlossene Orgel, Abends aber verschlossen wir uns selbst mit Feuerzeugen und BlendLaternen hinein. Unsere Nonnen versaumeten nicht, sich zu bestimmter Zeit einzustellen, verschlossen sich mit den empfangenen Officiers-Kleidern, weissen Peruquen und allen Zubehor, in die Blasebalgs Cammer, kleideten sich um, und wurden hernach von uns glucklich zur Kirche, und in die Vorstadt hinnaus begleitet, worbey wir zugleich ihre eingepackten Nonnen-Kleider, nebst noch einigen andern mitgebrachten Sachen, unter unsern Manteln mit fort trugen.

Es war Abends noch nicht vollig 10. Uhr, da wir die Stadt unseres bissherigen Auffenthalts verliessen, mit anbrechenden Tage aber, bey der bestellten Extra-Post eintraffen, welche, immittelst wir nur einige Erfrischungen zu uns nahmen, sich vollig fertig machte, und aufs allergeschwindeste davon fuhr. Nachdem wir aber noch zwey frische Extra-Posten genommen, erreichten wir einen solchen Ort, allwo, unter der Bothmassigkeit eines protestantischen Landes-Herrn, sattsame Sicherheit anzutreffen war, derowegen liessen wir die allzukostbare Extra-Post zuruck gehen, um etliche Tage daselbst auszuruhen. Binnen selbigen, hatten wir Zeit genung die Priorin und andern Closter-Schwestern ins Faustgen auszulachen, zumahlen da unsere Geliebten erzehleten, wie sie beyderseits ihre Zellen aufs alterfesteste verschlossen, die Schlussel aber so wohl als die Kirch-Schlussel, nebst zweyen Abschieds Briefen in ein SchnupffTuch gebunden und zwischen die Blasebalge gesteckt hatten, allwo sie die Schwester Calcantin mit der Zeit schon finden wurden. Ich und mein Compagnon liessen bey der Gelegenheit vor unsere Liebsten feine Frauenzimmer-Kleider zu rechte machen, weil wir selbige in Officiers-habiten nicht weiter sicher durchzubringen getraueten, dieselben sich auch selbst ein Gewissen machten, ohne Noth dergleichen Kleider ferner zu tragen, denn ich kan zu ihrer beyder besondern Ruhme nicht anders sagen, als dass sie sich ungemein fromm keusch und zuchtig auffgefuhret haben. Mein Compagnon, der ein Hesse von Geburth war, trennete sich nebst seiner Liebste in selbigen Lande von mir, und zwar in einer solchen Stadt, wo sich viele Studenten befanden. Der Abschied, welchen die zwey Closter-Schwestern von einander nahmen, war ungemein zartlich, denn solchergestallt solten sie sehr weit von einander zu wohnen kommen, weil aber ich mit meinem guten Freunde die Abrede genommen, an selbigen Orte so lange zu verweilen, biss unsere, bey dessen Anverwandten eingesetzten Sachen ankamen, und ihm seinen Coffre nach zu schicken, bewegte mich meine Liebste selbst offters zu einem Spatzier-Gange, worbey sie nicht selten wunschte: bereits an Ort und Stelle zu seyn, damit wir uns ordentlich copuliren lassen, und die Hausshaltung anfangen konten, inzwischen aber war sie dermassen eigensinnig, dass mir mit guten Willen niemahls erlaubt wurde, sie als meine verlobte Braut auf den Mund zu kussen, sondern sie sprach bestandig: dergleichen Caressen gehoreten sich nicht ehe anzustellen, als nach beschehener Copulation.

Mittlerweile traff ich von ohngefahr einen ehemahligen Neben-Gesellen an, welcher in dieser Stadt Meister geworden, und eine reiche Heyrath getroffen hatte, derselbe liess nicht ab, biss ich versprach: folgenden Abend sein Gast zu seyn. Meine Liebste erlaubte mir dieses, da ich aber bey guter Zeit wieder in unser Logis kam, traff ich sie mit einem schwartz gekleideten Menschen, der sehr wohl aussahe im eiffrigen Gesprach, bey einem kleinen Neben-Tische sitzend an, ohngeachtet nun noch etliche Personen in der Stube gegenwartig waren, so entfarbte sich doch meine Liebste ziemlich bey meiner Ankunfft, jedoch ich gab ihr die freundlichsten Minen bat auch um Erlaubniss mich bey ihnen niederzulassen, und dem schwartzgekleideten Herrn eine Pfeiffe Toback zu prsentiren, welche er mit groster Freundlichkeit annahm, und darbey mich und meine Liebste so treuhertzig machte, ihm und den andern Anwesenden unsere gantze Lebens-Geschichte zu erzehlen. Er bedanckte sich, da es fast Mitternacht war, vor die erzeigten Gefalligkeiten, wunschte sehr viel Gluck zu unsern fernern Vorhaben, und bat: dass er sich die Freyheit nehmen durffte, uns morgen fruh mit einem Caffee und Bouteille Wein zu tractiren, welches ich indessen annahm. Weilen aber dieses Menschen Conduite mir besonders artig vorkam, liess ich sehr fruhzeitig alles zurechte machen, womit er uns tractiren wolte, und tractirete ihn den gantzen Tag hindurch aufs allerbeste. Nachmittags kamen meine und meines gewesenen Compagnons Sachen mit der Post an, welche letztern ich auslosete, fortschaffte, und zu meiner morgenden Abreise Allstallt machte, dieserwegen auch gegen Abend ausgieng, um von ersterwehnten guten Freunde Abschied zu nehmen.

Den ehrlich scheinenden Schwartz-Rock, traff ich bey meiner Zuruckkunfft, abermahls bey meiner Liebste in eiffrigen Gesprach begriffen an, er nahm aber bald darauff Abschied, wunschte uns darbey auch eine gluckliche Reise, und meine Liebste, die ich um die, mit ihm gefuhrten Reden, sehr freundlich befragte, gab zur Antwort: dass er ihr die Irrthumer der Romisch-Catholischen Kirche entdecket hatte, welches mir sehr lieb zu vernehmen war. Allein meine Leichtglaubigkeit zeigte mir hernach gantz andere Irrthumer, denn da ich fruh Morgens nach meiner Liebste sehen liess, die in der Hohe ihre besondere Cammer hatte, war dieselbe uber alle Berge, und hatte den Schlussel zu unsern Reise-Coffre, in einen auf den Tisch gelegten Brief gesiegelt, der folgendes Innhalts war:

Monsieur Lademann,

Ich habe euch biss auf diese Stunde vor einen frommen, tugend- und gewissenhafften Menschen erkannt, der allein, wegen seiner Treue und Redlichkeit, von der schonsten Person auf der Welt geliebet zu werden verdienet. Allein, nehmet mir nicht ubel, dass ich, euren Gedancken nach, eine Untreue an euch ausube. Es ist mir unmoglich, mich mit euch zu verehligen. Solte ich dieserwegen eine Ursache anzugeben gezwungen seyn; so wuste keine andere vorzubringen als diese: dass es mir unmoglich ist: ohngeacht ich an euren gantzen Wesen nichts auszusetzen weiss. Ich glaube, dass euch der dessfalls verursachte geringe Verdruss weit leichter vorkommen wird, als wenn ihr Zeit-Lebens mit mir in einer unvergnugten Ehe leben soltet. Eures mir gethanen Schwures seyd ihr hiermit quittirt, quittiret dargegen auch meine leichten Versprechungen. Macht euch keine Muhe, mich aufzusuchen, denn ich weiss gewiss, dass ihr meine Person so wenig finden als zwingen sollet. Von euren Sachen habe mit Wissen und Willen nichts mitgenommen, hergegen etwas von den meinigen zum Andencken, nebst 200. Thlr. vor gehabte Muhe und Reise-Kosten, in Coffre zuruck gelassen. Lebet wohl, vergebet mir meinen Fehler, den ich als eine Sclavin des Schicksaals zu begehen, mich gezwungen sehe, und glaubet, dass ausserdem Zeit-Lebens verbleibet

eure danckbare Freundin

Lucia N.

Ich hatte verzweiffeln mogen, da ich diesen Brief, so zu sagen, in einem Athem mehr als 10. mahl uberlesen hatte, die Post ruckte angespannet vor die Thur, ich aber konte mich unmoglich resolviren, mit zu reisen, sondern blieb noch da, in Hoffnung, meine Geliebten auszuforschen, allein die Muhe war vergebens, uber dieses, weil die Wirths-Leute ein heimliches Gespotte uber meine Klagen trieben, so merckte ich gar bald, dass die Karte falsch gespielet worden, argerte mich zwar nicht wenig daruber, bedachte aber doch letztlich: dass bey unveranderlichen Sachen die Vergessenheit das beste Mittel sey, und reisete gantz verwirrt in mein Geburths-Dorff, allwo mich mein getreuer Vormund, der gute Pfarr-Herr, durch vernunfftige Vorstellungen, endlich bald wieder zu frieden stellete. Meine Mutter war mittlerweile gestorben, zwey Schwestern sehr gut verheyrathet, die jungste dienete beym Pfarr-Herrn, der Bruder aber, welcher ebenfalls geheyrathet, und bereits zwey Kinder gezeuget, hatte das Vaterliche Hauss angenommen, worauf mein Erbtheil noch stund, weil ich aber uber 400. Thlr. Geld mit brachte, legte ich selbiges meistentheils an Feld-Guter, ubergab selbige dem Bruder zur Verwaltung, weil sich der Pfarr-Herr zum Aufseher Zinsen vorlegte, welches ich jedoch, nachdem ich der jungsten Schwester 30. Thlr. und jeder andern 20. Thlr. zum Hochzeit-Geschencke vermacht, unter seinen Handen liess, zur Danckbarkeit aber ihm verschiedene ansehnliche Hauss-Raths-Stucke fournirte, und nachhero wieder in die Welt gieng.

Es begegnete mir binnen etlichen Jahren nichts besonders, ausserdem dass ich von meinem Verdienste noch ein klein Capital von 140. Thlr. an meinen lieben Herrn Pfarrer ubersandte. Bald darauf kam mir die Luft an: meinen ehemahligen Compagnon, den Orgel-Bauer im Hessen-Lande zu besuchen, um zu erfahren, wie vergnugt er mit seiner lieben Nonne lebte, auch ob er nichts von meiner Begebenheit vernommen hatte. Allein, unterwegs hatte ich im Walde das Ungluck, von den Zigeunern ausgeplundert und biss aufs Hembde ausgezogen zu werden. Die etliche 20. Thlr., so ich bey mir hatte, waren endlich, in Betrachtung dass ich mein Leben als eine Beute darvon trug, zu vergessen gewesen, allein es kranckte schmertzlich sehr, dass ich von einem Dorffe biss zum andern betteln muste, und doch kaum so viel erbetteln konte, meine Blosse mit alten Lumpen zu bedecken. Endlich kam ich in ein grosses Dorff, allwo meine erste Frage nach der Pfarr-Wohnung war, weil doch von rechtswegen die Einwohner derselben am barmhertzigsten seyn sollen.

Ich pochte an, eine Magd offnete die Thur, und hiess mich, auf mein Andringen: dass der Herr Pfarrer, einem von den Zigeunern ausgeplunderten Handwerkks-Purschen, mit ein paar alten Schuen helffen solte; ein wenig warten. Die Thur blieb etwas offen stehen, derowegen konte ich von ferne die Priester-Frau im Hause sitzen sehen, welche ein kleines Kind auf dem Schosse, ein ander grosseres aber vor sich stehen hatte, und mit beyden aufs liebreichste spielete. Aber, ach Himmel, wie wurde mir zu Muthe, da ich an dieser Priester-Frau, meine ehemahlige Geliebte Lucia erkandte. Ja, sie war es selbst leibhafftig, und also fehlete wenig, dass ich nicht in Ohnmacht gesuncken ware, jedoch ob schon dieses nicht geschahe, so blieb ich hergegen gantz entgeistert, mit halb hinweg gewendeten Gesichte vor der Thure stehen, konte mich auch kaum ermuntern, da mir die Magd ein paar gantz feine Schue, ein paar schwache Strumpffe und dann ein Hessisches 3. Ggr.-Stuck brachte. Die gute PfarrFrau konte mich unmoglich erkennen, weil mein Bart und die Haare sehr verwildert waren, sie auch mich nicht einmahl recht im Gesichte hatte, derowegen ware ihre Mildigkeit aus der reichlichen Gabe mehr als zu klar zu spuren. Mir wurden durch verschiedene Gemuths-Bewegungen die hellen Thranen-Tropffen aus den Augen getrieben, so dass, nachdem ich meine Dancksagung der Magd mit jammerlichen Gebarden aufgetragen hatte, dieselbe mich fragte: ob ich etwa kranck oder beschadigt ware? Ich beantwortete solches mit Seuffzen und Thranen, suchte aber mit betrubten Hertzen den Ruckweg, jedoch da ich kaum hundert Schritte hinweg war, kam mir die Magd mit einem halben Brodte und zweyen Knackwursten nach gelauffen welche mir die Frau Pfarrerin auf ihren Bericht, dass ich vielleicht hungerig seyn wurde, ubersendete. Saget eurer Frauen, sprach ich, dass ich ihr von Grund des Hertzens danckte, und alle bestandige Gluckseligkeiten anwunschte, denn die Zeiten sind veranderlich, wie an mir zu sehen ist, da ich eure Frau vor etlichen Jahren am Fest Mari Heimsuchung zum ersten mahle musiciren sahe, hatte ich nicht vermeynet, dereinst vor ihre Thur betteln zu kommen. Die Magd lieff fort, und ich machte mich in die Schencke, nicht so wohl aus Appetit zum Essen und Trincken, als, etwa in einem Winckel, ein wenig zu ruhen, und meinem Unglucke in der Stille nachzudencken.

Allein, ich hatte wenig Ruhe, denn erstlich wurde von vielen Leuten vexiret, ihnen die Art meiner letztern Plunderung zu erzehlen, und hernachmahls schickte der Pfarrer etliche mahl, und liess mich bitten, nochmahls in seinem Hause einzusprechen, weil er aus gewissen Umstanden, einen verungluckten bekandten Freund an mir vermerckte. Ich entschuldigte mich zwar mit einer Unpasslichkeit, allein gegen Abend kam der Pfarrer mit seiner Liebsten selbst, mich aus der Schencke in ihr Hauss abzufuhren. Solchergestalt wurde das Ratzel, warum ich mir seit 6. Jahren den Kopff ziemlich zerbrochen, sehr plotzlich aufgeloset, denn dieser Herr Pfarrer war kein anderer als derjenige Schwartz-Rock, welcher mir im PostHause meine Liebste abspenstig gemacht hatte, und zwar unter dem Scheine, dass er ihr die Irrthumer der Romischen Kirche entdecken wollen, allein, er hatte ihr unter solchem Deck-Mantel, seine Liebe entdeckt, und meine Liebste, als eine von Jugend auf delicat erzogene Person, war freylich eben nicht zu verdencken, dass sie sich von einem reichen Priesters-Sohne, der eben im Begriff war, seinem Vater substituirt zu werden, einnehmen lassen, da er ohnedem vor einen sehr ansehnlichen Menschen passiren konte. Der listige Betrug biss mich zwar immer noch am Hertzen, allein, was war nunmehro besser zu thun, als sich in die Zeit zu schicken? Demnach konte ich ihren unablassigen Nothigen endlich keinen fernern Widerstand thun, sondern liess mich von diesen beyden Ehe-Leuten, an beyden Handen in ihr Hauss fuhren.

Man bedencke was dergleichen Aufzug, wenn nehmlich ein ansehnlicher Priester, nebst seiner schonen Ehe-Frau, einen jammerlich zerlumpten Handwercks-Purschen, ja besser gesagt, Bettler, bey den Handen in ihr Hauss einfuhren, vor ein Aufsehen in einem sehr volckreichen Dorffe machen kan. Ich schamete mich mehr als sie selbsten, allein versichert, solche Humanitee veranderte mein Gemuthe dergestalt, dass ich allen Kummer und Verdruss schwinden liess, und zu ihrer vergnugten Ehe, aus getreuen Hertzen gratulirte, und mich glucklich schatzte, ein Werckzeug zum Wohlstande solcher Personen gewesen zu seyn.

Ich will, um fernere Weitlaufftigkeit zu vermeiden, nicht anfuhren, wie die Gesprache unter uns gefallen sind, sondern nur melden, dass die wohlthatigen Leute gleich folgenden Tages, einen Schneider aus der nachsten Stadt kommen liessen, welcher alles Behorige mitbringen, und mir in der Geschwindigkeit ein vortreffliches neues Kleid verfertigen muste, welches wenigstens auf etliche 20. Thlr. zu stehen kam, uber dieses versorgte mich meine ehemahlige Liebste mit sauberer Wasche und andern hochstnothigen Sachen, dem ohngeacht muste ich einen gantzen Monath bey ihnen bleiben, da mir aber unmoglich war, fernere Ungelegenheit zu verursachen, und ich mich verlauten liess: ehe heimlich fort zu gehen, als Dero Gute noch langer zu missbrauchen, wurde ich endlich mit 30. Frantz-Gulden abgefertiget, und gebethen, so bald es meine Gelegenheit zuliesse, ihnen wieder zuzusprechen. Ich wegerte mich durchaus, mehr als einen eintzigen Gulden Zehr-Geld anzunehmen; allein, der treuhertzige Pfarrer sagte: Mein Freund, ich bitte gar sehr, macht keine Weitlaufftigkeiten, dieses Bagatell anzunehmen, welches wir euch aus besten Gemuthe geben und gonnen, ich bin euch ein weit mehreres schuldig, allein bedencket: dass ich seit wenig Jahren her ein grosses durch Rauberey und andere Unglucks-Falle verlohren habe, indessen weil ich nicht zweiffele, dass mir GOtt, vermittelst meines sehr austraglichen PfarrDiensts, den Schaden gar bald wieder ersetzen wird, so stehet euch mein Hauss, Kuche und Geld-Beutel jederzeit offen, kommet alle Jahr etliche mahl, und verlanget einen Theil unseres Vermogens, es soll euch mit grosten Vergnugen gereicht werden, denn meine Liebste und ich lieben euch als einen leiblichen Bruder. Auf dergleichen redliches Anerbiethen, konte ich mit nicht so viel Worten als Thranen antworten, kussete derowegen beyden Ehe-Leuten die Hand, und nahm mit den hertzlichsten Gluckwunschungen, nebst dem offerirten Geschencke, danckbarlichen Abschied.

Ob eine grosse Anzahl solcher redlichen Leute, auch so gar unter den Geistlichen in der Welt anzutreffen, will ich eben nicht auscalculiren, sondern folglich berichten: dass meine Reise von daraus, zu meinem ehemahligen Compagnon, dem Orgel-Bauer, ging. Diesen ehrlichen Mann traff ich zwar seiner Handthierung wegen, in sehr guten Stande an, denn er hatte volle Arbeit und starcken Verdienst, allein, was seine Ehe anbetraff, so lebte er im grosten Unvergnugen, denn weil er, seiner Profession gemass, zum offtern etliche Tage ausserhalb des Hauses seyn muste, hatte sich seine allzuhitzige Frau, indessen andere Bedienung angeschafft, der gute Mann hatte sie zwar zu verschiedenen mahlen bey nahe auf der That erwischt, allein doch keine hinlangliche Ursachen zur Ehescheidung und volligen Beweiss ihrer ubeln Auffuhrung wegen beybringen konnen. Derowegen ist leichtlich zu erachten, was vor gut Geblute aus dergleichen herrlicher Lebens-Art entstehen kan? Ach wie froh war ich, dass die unerforschliche Fugung des Himmels mein Hertze von dergleichen Kummer frey gehalten hatte, denn meiner Lucia ware wegen dergleichen um so viel desto weniger zu verdencken gewesen, weil sie von Jugend auf zu allem Staat und Delicatessen erzogen, des armen Orgel-Bauers Frau aber, war nur eine Schusters-Tochter, und als ein armes Magdgen, wegen ihrer schonen Stimme, aus Gnaden ins Closter genommen worden.

Ich sahe kein Mittel, diese beyden Ehe-Leute zu vereinigen, muste im Gegentheil vermercken: dass eins dem andern die empfindlichsten Hertzens-Stiche, mit Worten und Gebarden versetzte, derowegen nahm in wenig Tagen Abschied von ihnen, und muste mir wider meinen Willen, von dem annoch bestandigen Hertzens-Freunde, 10. harte Thaler zum Geschencke aufdringen lassen. Dieses Geld aber war mir nicht so lieb, als die vortrefflichen Risse und neuen Erfindungen in seiner Profession, welche er mir schrifftlich communicirte, und dessfalls ferner mit mir zu conversiren versprach.

Von dar aus setzte ich meine Reise eiligst fort, um noch vor dem Winter, etwa in einer Niederlandischen grossen Stadt, Arbeit zu bekommen. Es traff auch ein, nachhero hielt vor rathsam, die vornehmsten Hollandischen Stadte zu besehen, und in dieser oder jener, etwa auf ein halbes Jahr oder weniger, Arbeit anzunehmen, solches habe so lange getrieben, biss mir endlich gegenwartiger Herr Capitain Wolffgang in Amsterdam, die allergroste Begierde erweckte, unter ihm eine Reise zur See zu thun, welches mich denn biss auf diese Stunde nicht gereuet hat, auch wohl nimmermehr gereuen wird, weil ich einen solchen ergotzlichen Ort, solche vortreffliche Leute, und denn ein solches liebes Weib gefunden, dergleichen Kostbarkeiten sonsten sehr schwerlich in andern Welt-Theilen beysammen anzutreffen sind. Also ist mein eintziger Wunsch, mich der erlangten Gluckseeligkeit durch meiner Hande Werck vollkommen wurdig zu machen, und dann, wo es moglich seyn konte, meinem lieben Vormunde, dem Pfarr-Herrn meines Geburths-Dorffs, so wohl auch denen Geschwistern einige Nachricht von meinem Zustande, das zuruck gelassene Geld aber ihnen zur Theilung anheim zu geben. Hiermit endigte unser ehrlicher Lademann die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht, seine geliebte Hauss-Frau Margaretha deckte derowegen den Tisch, und bewirthete die sammtlichen Gaste, worzu noch der Gross-Vater Stephanus aus dem Felde kam, aufs herrlichste. Nach der Mahlzeit aber, da es noch sehr hoch Tag war, verschaffte der Alt-Vater Albertus uns versammleten annoch die Lust

Des Mullers Kratzers Lebens-Geschicht

zu vernehmen, als welcher dieselbe folgender massen her erzehlete:

Ich bin, meine Herrn, nunmehro ein Mann von 37. Jahren, mein Vater war ein Fluss-Muller an der Mulda, der in meinem 4ten Jahre, und zwar in seinen besten Jahren, im Flusse, da er dem Grund-Eise fort helffen wollen, das Leben eingebusset, derowegen nahm meine Mutter einen andern Mann, ich aber nebst zwey altern Geschwistern bekam an demselben einen sehr strengen Stief-Vater, der, weil er ein Reformirter, meine Mutter aber, so wie ihr voriger Mann, Lutherisch, und uns 3. Kinder auch in solcher Religion auferziehen wolte, seinen dessfalls geschopfften Verdruss nicht bergen konte, sondern bald nach der Hochzeit Mutter und Kinder wie die Hunde tractirete, so lange, biss sich dieselbe endlich beqvemete, ihm nach zu geben, und uns Kinder in dem Reformirten Glauben aufzuziehen. Sie hatte solchergestalt so wohl als wir, eine Zeit lang Friede im Hause, jedoch nicht gar lange, denn weil mein Stieff-Vater den verzweiffelten Brandtewein allzu sehr liebte, wurde derselbe, wenn er sich zuweilen darinnen ubernommen, fast gantz rasend, so, dass sich keins von den Seinigen im Hause durffte sehen lassen. Meine Mutter war also, und zwar mit ihrem mercklichen Schaden, zu spat innen worden: dass sie das Abrathen guter Leute, wegen der Heyrath mit diesem Menschen, verlacht hatte; Allein, nunmehro halff nichts als die liebe Gedult. Den altesten Bruder hatte dieser bose Mann gantz zu Schande geschlagen, so, dass er wegen Gebrechlichkeit zu keiner starcken Arbeit etwas nutzte, sondern das Schneider-Handwerck lernen muste. Mit mir ware er ohnfehlbar auf gleiche Weise verfahren, allein, ich lieff mit heimlicher Bewilligung meiner Mutter, im zwolfften Jahre darvon, wurde von meines Vaters Bruder, der ebenfalls ein Muller, und zwar an der Saale, von guten Mitteln war, aufgenommen, und nicht allein zum Handwercke angefuhret, sondern auch zur Lutherischen Schule gehalten, so, dass ich bald hernach zum heiligen Abendmahle gehen konte.

Es schien, als ob ich zum Muller gebohren ware, denn das Handwerck kam mir gantz und gar nicht sauer zu lernen an, noch weniger aber die Kunst mit dem Zirckel und andern Bau-Instrumenten umzugehen. Hierbey hatte mich die Natur mit einer ausserordentlichen Starcke begabt, so, dass ich schon in meinem 16ten Jahre, fast mehr heben und tragen konte, als zwey andere Kerls. Einsmahls machte sich ein grosser Baum-starcker Muhl-Pursche breit darmit, dass er in jeder Hand ein anderthalb Centner-Stucke auf einmahl in die Hohe heben konte, ich aber that ihm nicht allein dieses gleich auf der Stelle nach, sondern hub noch zugleich das dritte mit den Zahnen auf, nachdem ich nur ein wenig Leinewand um den Rinkken gewickelt hatte; welches aber der Baum-starcke Kerl unterweges lassen muste. Andere dergleichen Proben will ich nicht erwehnen, denn es ist aus diesem eintzigen schon zu mercken, dass ich eine ziemliche Force, und zwar in so jungen Jahren, gehabt haben musse, welche sich nachhero, da ich etwas mehr Geschicke kriegte, und hinter ein und andere Vortheile kam, dergestalt vermehrete, dass ich in selbiger Gegend ziemlich beruhmt wurde. Nachdem aber mein neunzehendes Jahr verstrichen war, liess ich mich nicht langer aufhalten, dem Wasser nachzulauffen, nahm also von meinem Vetter, wie auch von der Mutter und dem murrischen Stief-Vater abschied, und reisete nebst zwey andern Muhl-Purschen fort. Weil ein jeder unter uns mehr als 12. Thlr. Geld im Schubsacke hatte, war unsere Meynung, nicht so gleich Arbeit zu suchen, sondern wir liessen uns die freye Zehrung, so wir jedes Orts fanden, anreitzen, vorhero die Welt ein wenig zu besehen, waren aber eben noch nicht allzuweit gelauffen, da uns eines Abends in einer Dorff-Schencke, 6. oder 8. Soldaten uberfielen, und mit Gewalt hinweg nehmen wolten, jedoch ich und meine zwey Hand-festen Cameraden lachten die guten Leute nur aus, und bathen sie, uns mit dergleichen Zumuthungen zu verschonen, oder wir wurden, jeder, einen von ihnen beym Kragen anfassen, und die andern damit zur Thure hinnaus stossen. Diese Worte gaben so gleich Feuer, die Soldaten zohen vom Leder, wir aber ergriffen unsere Muhl-Aexte, und stauberten sie ohne besondere Muhe zum Hause hinnaus, setzten uns darauf hin, und fiengen erstlich an recht lustig zu sauffen. Jedoch mit einbrechender Nacht wurden wir aufs neue durch 12. oder mehr andere Soldaten beunruhiget, welche sich anfanglich zwar stelleten, als wusten sie von den, bey Tage vorgegangenen Handeln, gar nichts, es zeigte sich aber bald, dass sie ebenfalls aus keiner andern Ursache angekommen waren, als uns hinweg zu holen, denn nachdem einer von meinen Cameraden, welches ein ziemlich langer und wohlgewachsener Kerl war, das, ihm in die Mutze gesteckte Hand-Geld, unter den Tisch schuttete, und selbiges mit den Fussen fort stiess, kam es augenblicklich zum Streichen, die Soldaten hieben mit ihren Degens auf uns, wir aber mit unsern Muhl-Axten auf sie, dergestalt verzweiffelt loss, dass es auf jener Seite ziemlich Blut setzte, indem wir uns aber sehr vortheilhafftig gestellet, und im Auspariren alle drey sehr fix waren, lieffen die Sachen noch ziemlich gut, biss endlich 3. Soldaten zu Boden suncken, etliche zur Thur hinaus gefeget wurden, die 4. tapffersten aber annoch Stand hielten. Einem von diesen wurde sein Degen aus der Hand geschmissen, derowegen bekam ich Lust etwas von den Klopfechter-Kunsten an ihm zu versuchen, welche mir ein alter weit und breit gereifeter MuhlPursche, der sich gemeiniglich nur Pumphat nennen liess, gelernet hatte, ergriff derowegen den Soldaten vortheilhafft beym rechten Arme, und brach ihm denselben ohne besondere Muhe entzwey. Da dieses so leichtlich angegangen war, trieb mich der Grimm auch dahin, selbiges Kunst Stuck an seinem lincken Arme zu versuchen, und solches gelunge mit solcher Hefftigkeit, dass die eine Arm-Rohre durch das Camisol hindurch stach. Der Kerl fieng vor Schmertzen uberlaut an zu schreyen, und ich bekam mittlerweile von einem andern, einen geringen Streiff-Hieb uber den Kopff, weil mir der Hut abgefallen war. Hierdurch entbrannte meine Wuth vollends dergestallt, dass ich meinen Beleydiger die Klinge unterlieff, ihn dermassen hefftig in die Arme fassete, und an meine Brust druckte, dass ihm augenblicklich der Athem stehen blieb, und er als ein Wasch-Lappen zu Boden fiel, da nun indessen meine zwey Cameraden reine Arbeit gemacht hatten, mein letzter Beleidiger aber sich in etwas wieder erholet, brach ich ihm, zum Andencken, auf der Erde noch ein Bein entzwey, und nachdem ein jeder von uns dem Wirthe einen Gulden vor die Zeche zugeworffen, nahmen wir unsere Sachen, und marchirten bey Nacht und Nebel unserer Wege.

Dieser Streich war also mein Eintrit in eine solche Lebens-Art, woruber der Teuffel in der Holle seine eintzige Freude haben mag, allein, weil mich meine Cameraden, der bezeigten Tapfferkeit wegen, fast auf den Handen trugen, und uberall ein grosses Wesen davon machten, so, dass die Handwerks-Genossen selbst fast Maul und Nase uber mich aufsperreten, bedunckte mir alles mein Thun sehr loblich und wohlgethan zu seyn, ja in die Lange wurde ich dermassen stoltz und barbarisch, dass mich niemand krumm ansehen durffte, wenn er nicht von Arm-Bein- und HalssBrechen horen wolte.

Nach langen Herumschwermen zwang uns endlich der Geld-Mangel Arbeit zu suchen, ich fand dieselbe bald in der grossen Muhle einer Welt-beruhmten Stadt, wuste mich auch so wohl mit dem Meister als den Mahl-Gasten dermassen wohl zu vertragen, dass sich sonderlich die letztern um meine Arbeit drangeten, denn es bekam von meinen Kund-Leuten ein jeder mehrentheils etwas mehr Mehl, als er mit Recht verlangen konte, allein, hieran war meine Redlichkeit am wenigsten Ursache, denn weil der Mit-Gesellen noch etliche waren, so wuste ich ihnen von dem Getrayde ihrer Kund-Leute, auch wohl zuweilen aus des Meisters Sacke selbst, immer so viel hinweg zu parthieren, dass ich nicht allein solchergestalt Ruhm und Ehre, sondern auch gute Trinck-Gelder erwarb.

Weil aber doch alle mein Verdienst nicht hinlanglich war, ein solches herrliches Leben auszufuhren, dergleichen mir im Kopffe schwebete, so suchte ich andere Gelegenheiten, mir gnugsames Geld in den Beutel zu schaffen. Das Wurffel- und Karten-Spiel fiel mir als die aller reputirlichste Art in die Gedancken, derowegen besuchte zum offtern die SpielGelacke, jedoch mehrentheils mit dem allergrosten Schaden, weil gemeiniglich alles Geld, was die gantze Woche zusammen gesparet war, des Sonntags Abends auf einmahl drauf zu gehen pflegte. Jedoch durch folgende Gelegenheit, bekam mein Spielen bald ein gantz anderes Ansehen: Es hatten nehmlich etliche Degen tragende Handwercks-Pursche, eines Abends einen starcken Verlust auf dem Spiele erlitten, gaben derowegen dem Schilderer oder Spielhalter ein und andern Betrug Schuld. Dieses war sonst ein Kerl, der sich nicht leichtlich auf der Nasen trommelen liess, allein voritzo waren ausser mir 9. Kerls gegenwartig, von welchen allen er sich nichts, oder wenigstens nicht viel Guts zu versehen hatte. Es daurete mich, dass der Kerl, von diesen Purschen, worunter einige waren, denen noch der Milch-Brey am Munde klebte, so viele Schnupff-Fliegen einfressen muste, ohngeacht ich ihm sonst ebenfalls nicht allzugunstig war, derowegen legte ich mich darzwischen und sagte: Ihr Herren, haltet das Spiel nicht auf, gefallt jemanden aber nicht mehr zu spielen, der halte sein naseweise Maul, oder ich werde mir die Muhe nehmen, ihm zum Fenster hinaus auf die Strasse zu werffen. Es war, wo mir recht ist, ein Stuck von einem Apothecker-Gesellen darbey, der vielleicht mir wenig Courage zutrauen mochte, oder wenigstens ein gut Theil mehr als ich zu haben vermeynete, dieser fuhrete das Wort, und gab mit verachtlichen Geberden zu vernehmen, dass ich keine Ehre zu reden hatte. Monsieur sprach ich, den Augenblick marchirt zur Thure hinaus, oder es soll mich sehr jammern, wenn ich euch in den Stand setzte, wenigstens in 4. Wochen keine Buchse zu binden zu konnen. Der Eisenfresser zog vom Leder, ich liess ihn zweymahl auf mein Spanisch Rohr hauen, hierauf konte er sich nicht so geschwind umsehen, als sein rechter Arm schon morsch entzwey gebrochen war. Demnach entblosseten die andern 8. alle ihre Degen gegen mich, der Spiel-Halter wolte mir zu Hulffe kommen, allein ich stiess ihn zuruck, und prugelte, binnen einer Zeit von weniger als 5. Minuten, mit meinem Spanischen Rohre alle zur Stube hinaus, biss auf den letzten, welchen, um mein Wort zu halten, seines naseweisen Mauls wegen zum Fenster hinaus auf die Strasse steckte. Dieser Streich brachte mir bey allen Kunst- und Handwercks-Gesellen, eine grosse Ehrfurcht, und dann, welches der beste Vortheil zu seyn schien, des ermeldten Spiel Halters vollkommene Freundschafft zu wege, so dass er mir alle seine subtilen Griffe, sich und diejenigen, welche es mit ihm hielten, zu bereichern, der Lange nach heraus beichtete, und mich solchergestalt zu seinen allervertrautesten Dutz-Bruder machte. Demnach gieng keine Woche hin, dass ich nicht auf dem Spiel-Tische, 10. 20. biss 30. Thaler gewonnen hatte, wovon mein Dutz-Bruder wenigstens den 3ten Theil haben muste. Hergegen, weil er ein guter Fecht-Meister war, erlernete ich von ihm bey taglicher Ubung, das Fechten mit dem Degen und Pallasch nach der Kunst, wesswegen ich mich ein vollkommen geschickter Kerl zu seyn beduncken liess. Er wolte mich zwar auch das zierliche Tantzen lehren, allein, weil ich ein gantz besonderer Feind vom Weibs-Volcke, und mit ihnen umzugehen, fast wieder meine Natur war, so gereichte mir auch das Tantzen zum Eckel, hergegen war spielen, sauffen und schlagen mein einziges Vergnugen, als welche drey S. mehr als zu starck sind, einen jungen Menschen um das 4te gedoppelte S. nehmlich der Seelen-Seeligkeit zu bringen.

Allein dazumahl gedachte ich nicht einmahl daran, dass eine Seele in meinem Corper stacke, geschweige denn, dass ich mich bemuhen muste: durch Gebet und Christlichen Wandel, derselben nach dem Tode ein gutes Quartier zu bereiten, ja es war schon dahin mit mir gekommen, dass ich weder an den Morgen noch Abend-Seegen gedachte, die Tisch-Gebethe mit grosten Verdruss anhorete, ausser diesem, bereits seit zwey Jahren oder etwas langer, in keine Kirche, vielweniger zum heil. Abendmahle gegangen war.

Ein schones Leben vor einen Menschen, der in seinen besten Junglings-Jahren stund. Ware es auch zu bewundern gewesen, wenn GOtt mich dieserwegen in der besten Bluthe meines Lebens, aufs schandlichste verdorren lassen, jedoch seine Langmuth erstreckte sich noch weiter. Denn so bald ich ein ansehnliches Stucke Geld auf solche subtile Diebes-Art, nehmlich durch lauter betrugliches Spielen zusammen gescharret hatte, liess ich mir ein paar Edelmanns Kleider machen, kauffte Peruquen, Tressen Hute, einen silbernen Degen, ja alles ein, was zur Ausstafierung eines jungen Edelmanns gehorete, packte die Sachen in einen Coffre, reisete etliche 30. Meilen weiter in die Welt, blieb endlich in einer Stadt bekleben, wo sich viel dergleichen Leute zeigten, als ich vor mir zu haben wunschte.

Ich gab mich daselbst vor einen Menschen von Sachsischen guten Geschlechts aus, der sich unter verdeckten Nahmen, so lange an frembden Orten aufzuhalten gezwungen sahe, biss er eine gewisse verdrussliche Affaire, die er mit einem Cavalier gehabt, durch seine Anverwandten und guten Freunde ausmachen lassen. In der That aber, war ich mit Wahrheit und ohne Ruhm zu melden, damahls ein subtiler Spitz-Bube. Und gewisslich es solte wenig gefehlet haben, mich in die vollige Diebs- und Spitz-Buben Zunfft zu ziehen, als worzu sich sehr sonderbare Gelegenheit-Macher anmeldeten, wenn ich nicht in meiner Jugend eine besondere Aversion vor dergleichen Leuten bekommen hatte, und zwar bey der Gelegenheit: da ich etliche solche Galgen-Vogel erstlich erbarmlich martern, und hernachmahls theils radern, theils aufhencken sahe. Wiewohl ich will selbst nicht Burge davor seyn, dass dergleichen Eckel, durch das fernere Zureden solcher saubern Gesellen endlich nicht hatte konnen vertrieben werden, wenn die subtilen Sayten auf der Geige meines liederlichen und GOttes vergessenen Lebens nicht mehr hatten klingen wollen. So aber konte zu damahliger Zeit mit dem aller listigsten Kunst-Griffen beym Wurffel, Bassetund andern kostbaren Karten-Spielen, mein annoch bestandiges gutes Conto finden, wie ich denn eines Abends bey einer Assamblee so glucklich war, von einem gewissen Major 1000. Thlr. baar Geld zu gewinnen. So viel Geld getrauete ich mich unmoglich alleine durchzubringen. Derowegen verschrieb meinen zuruckgelassenen Kunst-Lehr- und Fecht-Meister zu mir, ubersandte ihm 200. Thlr. von dem gewonnenen Gelde, mit dem Unterricht: dass er sich bey seiner Ankunfft, vor allen Dingen einen adelichen Nahmen geben musse, vor unsern Staat zu fuhren, solte er hingegen, mich alleine sorgen lassen.

Er saumete nicht sich unter einem vornehmen Adelichen Geschlechts-Nahmen der Eustachius von S** lautete, einzustellen, gleichwohl muste er das Ansehen bey allen andern haben, als ob wir beyde einander niemahls mit Augen gesehen hatten, jedoch in wenig Tagen, errichteten wir die allervertrauteste Freundschafft, und bezogen zusammen ein Logis. Es ist mir unmoglich alle Arten der List und Bossheit auszufuhren, durch welche wir binnen wenig Monaten ein Capital von mehr als 2000. Thlr. zusammen brachten, jedoch der Krug gieng so lange zu Wasser, biss endlich der Henckel abbrach; denn mein Compagnon wurde eines Abends, von einem Cavalier, auf frischer That des falsch Spielens, ertappt, und bekam von demselbigen eine tuchtige Maulschelle.

Dieser Schimpff konte nun mit nichts anders, als Blute abgewaschen werden, derowegen liess mein Camerad Stax, dem Cavalier folgenden Morgen durch mich vor die Spitze fordern, selbiger war keine feige Memme, sondern erschien mit seinem Secundanten auf dem bestimmten Platze, hatte aber das Ungluck, von meinem Cameraden auf der Stelle erstochen zu werden. Wir hatten uns vorigen Abend auf dergleichen Streich schon gefast gemacht, derohalben unsere besten Sachen vor angebrochenen Tage mit der Post fort, und in eine Franzosische Grantz-Stadt geschafft, mithin wurde nicht lange gesaumet, biss dahin nachzueilen, wir kamen auch, ohngeacht uns ein Commando Reuter nachgeschickt worden, um eine halbe Stunde eher, als dieselben, glucklich uber die Teutsche Grantze. Die Reise gieng ohne fernere Sorge auf Paris zu, in welcher reichen Stadt wir unsere Streiche am allerbesten fortzufuhren gedachten, allein zu groster Verwunderung fanden sich daselbst unzehlig viele solche Leute, die unter dem Cavaliers-Habite dergleichen Kunste, wo nicht besser, doch wenigstens so gut als wir, verstunden. Derowegen musten wir ungemein behutsam, nur und an solche Orte gehen, wo etwas geringere Personen uber den Tolpel zu werffen waren.

Mittlerweile erwarben wir dennoch von Zeit zu Zeit so viel, dass es nicht nothig war die mitgebrachten Gold-Beursen anzugreiffen, wiewohl mein Stax mehr als ich verthat, indem er bestandig den Huren nachlieff, und sich gegen selbige sehr spendable erzeigte, da im Gegentheil ich mich auf die Franzosische Sprache befliss; auch was weniges von dasiger Baukunst begriff, um zum wenigsten doch etwas lobliches in Frankreich vorzunehmen. Bey solcher Gelegenheit gerieth ich in die Bekandschafft zweyer Mecklenburgischer junger Edelleute, die von einem Hofmeister gefuhret wurden; Weil nun der letztere sich durch meine redliche Stellung betrugen liess, so erlaubte er mir zum offtern diese beyden jungen Herrn spaziren zu fuhren, zumahl, wenn er Lust haben mochte seinen eigenen Streichen nach zu gehen. Sie fuhreten starcke Gelder bey sich, welches mir eine hochst vergnugliche Sache war, sie derowegen in solche Compagnien fuhrete, wo sich vor dergleichen junge Lecker allerhand Ergotzlichkeiten fanden, hergegen stellete ich mich an als ob das Spielen mir eine wiederwartige Sache sey, zumahl, da leicht zu mercken, dass sie beyderseits starcke Liebhaber davon waren. Mein Camerad Stax muste endlich auch in ihre Bekandschafft kommen, dieser liess einen starckern Appetit zum Spiele blikken, jedoch bey dem ersten, andern und dritten Umgange, die jungen Herrn so wohl als ihren Hoffmeister mehr als zwey oder drittehalb hundert Frantz Gulden gewinnen. Ich bekam davor, dass ich sie an einen so profitablen Ort gefuhret, von dem altesten eine kostbare Englische silberne Uhr, von dem jungsten aber einen silbernen Degen geschenckt, wurde auch gebethen: sie ferner in andere dergleichen Compagnien zu fuhren, und auf ihre Schantze so treulich wie bisshero Achtung zu geben. Dieses geschahe einsmahls, und zwar da der Hofmeister wegen einiger Kopff-Schmertzen im Logis zu bleiben gesonnen war, allein die beyden guten Herrn wurden von meinem Stax nicht allein um 200. fl. bey sich habende Silber-Muntze, sondern uber dieses noch um 300. halbe Louis d'or geschneutzet, ich selbst, der aber mit dem Stax unter einem Hutgen spielete, hatte zum Scheine auch 50. Louis d'or nebst 100. Frantz-Gulden mit verlohren, horete aber auf zu spielen, weil, wie ich sagte, heute kein Gluck vor mich vorhanden ware, allein die jungen Herrn spieleten mit dem ernsthafften und sehr raisonable scheinenden Stax, auf Conto weiter fort. Ich hielt nicht vor rathsam diese melckenden Kuhe auf einmahl zu ruiniren, schlich mich derowegen heimlich zu ihrem Hoffmeister, erzehlete demselben mit verstellter Treuhertzigkeit, dass die beyden jungen Herrn heute sehr unglucklich gewesen, und dem ohngeacht durchaus nicht nachlassen wolten, bath ihn derowegen um Gottes Willen, seine Autoritat zu gebrauchen, und sie darvon abzuziehen, weil heute doch weder Gluck noch Stern vor sie sey. Der gute Pursche merckte nunmehro zu spat, dass er seinen Untergebenen allzuviel Willen, und was das groste Versehen war, den Schlussel zum Geld, Chatoul uberlassen hatte, derowegen warff er in grosten Aengsten seine Kleider uber sich, erfuhr aber zu seinem allergrosten Schrekken, dass seine Untergebenen Zeit meines Abwesens noch 200. Louis d'or verspielet hatten, wesswegen Stax, bey ein und andern empfindlichen Reden des Hoffmeisters, das rauche heraus zu kehren begunte, und entweder auf der Stelle sein Geld oder wenigstens einen tuchtigen Burgen verlangte. Indem er nun gantz allein im Stande war, dem Hoffmeister und seinen beyden jungen Herrn, Angst und Schrecken einzujagen, musten sich diese auf gute Worte befleissigen, um mit der Helffte davon zu kommen, allein er war nicht zu erweichen, biss ich mich ins Mittel schlug, und so viel auswurckte, dass er endlich mit 100 Louis d'or zufrieden war, welche der Hoffmeister alsofort aus dem Logis langen und ihm bezahlen muste. Die guten Herrn stelleten sich zwar nach der Zeit noch ziemlich gefallig, allein ich weiss nicht, ob der Hoffmeister einigen Verdacht auf mich legen mochte, weil er sich sehr kaltsinnig stellete, auch bey meiner Ankunfft, seine Untergebenen entweder verleugnete, oder ihnen doch im geringsten nicht erlauben wolte, ferner mit mir aus zu spaziren.

Demnach that es mir von Hertzen leyd: dass ich sie nicht noch besser berupfft, sondern so gnadig durchgelassen hatte, jedoch es passirten in nachfolgenden 3. Jahren, so lange nehmlich mein Stax und ich uns noch in den vornehmsten Franzosischen Stadten umsahen, unzahlige dergleichen Streiche, welche alle haarklein zu erzehlen, ich wenigstens eine gantze Woche Zeit haben muste. Endlich zerfiel ich mit diesem meinen bissherigen Hertzens-Freunde, um einer sehr geringen Sache willen, worinnen er sich, in Beyseyn vieler andern Leute, einer sonderbaren Autoritat uber mich anmassen wolte, allein weil ich etwas zu viel Wein getruncken hatte, blieb ich ihm an allerhand empfindlichen Redens-Arten nichts schuldig, dahero er endlich auf die Thorheit gerieth: mit Kreide eine Muhl-Axt auf den Tisch und ein NB. daruber zu mahlen. Es wuste zwar kein Mensch, was dieses eigentlich bedeuten solte, mich aber verdross dieser Streich dergestalt, dass ich ihn augenblicklich forciren wolte: mir mit seinem Degen gegen den meinigen, eine vollkommene Auslegung zu thun, allein wir wurden, von etlichen sich darzwischen Legenden Cavaliers, abgehalten und ermahnet, dergleichen Vornehmen biss auf den morgenden Tag zu versparen.

Stax gieng in seiner Maitresse Logis den Rausch auszuschlaffen, und vermeynte vielleicht, wenn ich dergleichen gethan, wurde sich der gestrige Eiffer wohl gelegt haben, allein die Galle gieng mir dergestalt im Eingeweyde herum, dass ich kaum den Morgen erwarten konte. So bald derselbe angebrochen war, kauffte ich mir von einem Pferde-Handler ein gut Pferd mit schonen Sattel und Zeuge, schickte den nunmehrigen argsten Feinde ein Cartell zu, Nachmittags um zwey Uhr eine Meile vor der Stadt auf einem bewusten Tummel-Platze zu erscheinen. Weil mir aber sogleich ein Ungluck ahndete, kauffte ich noch einen leichten Klopper vor einen deutschen Laqueyen, den ich, weil er von seinen Herrn verlassen worden, nur vor wenig Tage in meine Dienste genommen hatte, liess meine besten Kleider und Sachen in zweyen Mantel-Sacken darauf packen, befahl dem Kerl auf etliche 100. Schritt voraus zu reiten, und zu erwarten, wie mein vorhabendes Duell ablieffe, ich aber setzte mich gleichfalls zu Pferde, und gelangte bald auf den Platz, allwo sich mein Gegner zu bestimmter Zeit einstellete. Nehmet euch in Acht! rieff er mir zu, so bald wir einandar das Weisse im Auge sehen konten, denn die Meisters behalten gemeiniglich die beste Finte vor sich. Es ist gut, gab ich gantz gelassen zur Antwort, in kurtzen wird sich zeigen, wer des andern Meister ist. Hiermit giengen wir nach abgeworffenen Kleidern aufeinander loss, und mein Gegner wurde im zweyten Gange ein wenig in den Arm verwundet, da er aber dieserhalb nur desto hitziger wurde; und seinen Hohn in der Geschwindigkeit zu rachen vermeynte, auch vor der mir selbst gezeigten Finte sich nicht versahe, lieff er sich meinen Degen dermassen gewaltsam unter dem Arme in die Brust hinnein, dass er, vermuthlich wegen einer Hertz-Wunde augenblicklich umfiel, und nach wenigen Zucken die Seele ausbliess. Ich sprach zu den beyden Anwesenden Secundanten: Messieurs nehmet euch so viel, als es seyn kan, dieses entleibten Deutschen an, denn ich weiss, dass der Gurtel, den er auf seinem blossen Leibe tragt, die Muhe belohnen wird. Hiermit bekummerte mich weiter um nichts, sondern gab meinem Pferde die Sporn, und jagte nebst meinem Diener so hurtig als moglich nach den Grantzen der Osterreichischen Niederlande zu. Selbige erreichten wir ohne eintzigen Anstoss, da doch sonsten ohne Pass hindurch zu kommen eine ziemliche Kunst war.

Ich hatte die groste Ursache und schonste Gelegenheit gehabt, dasiger Orten die bissherige schandliche Lebens-Art zu quittiren, und hergegen eine honorable Kriegs-Charge anzunehmen; allein die gebundene Lebens-Art schien mir ein Eckel zu seyn. Jedoch, weil ich uber 3000. Thaler an Golde und Jubelen bey mir fuhrete, gefiel mir endlich: Bald bey diesen, bald jenen Kayserlichen Regimente Curassirer, als Volontair herum zu schwermen, worbey meine Profession, nehmlich das verfluchte Spielen zu exerciren, sich tagliche Gelegenheit fand.

Endlich nachdem ich von dem vielen Gelde nicht mehr als 200. spec. Ducaten an meinen Vetter und Lehrmeister ubermacht, stiess mir ohnweit Luxemburg die abermahlige Fatalitt zu, einen Officier, des beym Spiele entstandenen Streits wegen, zu erstechen, also nahm ich die Flucht aufs neue nach Franckreich, streiffte erstlich in vielen andern Stadten herum, und kam endlich im Winter des 1720ten Jahres wieder nach Paris, alwo damahliger Zeiten, lauter Lermen, wegen der so frewlen Spitzbuben war. Um nun nicht etwa in dergleichen Verdacht zu kommen miethete ich mich bey einem deutschen Zucker-Becker ein, und fuhrete wieder meine Gewohnheit ein ziemlich ordentliches Leben, liess mich aufs neue in ein und andern, zur Mathesi gehorigen und mir beliebigen Kunsten unterrichten, da aber das Spielen nicht unterlassen konte, so spielete jedennoch fast gezwungen, ziemlich ehrlich, war auch darbey zuweilen ungemein glucklich. Mein Wirth war, ohngeacht dessen, dass er die Protestantische mit der Catholischen Religion verwechselt hatte, in allen seinen auserlichen Wesen ein grund redlicher Mann, und erzeigte mir gegen billige Bezahlung alle Gefalligkeit, ich bedaurete selbst zum offtern, wenn sich ein klein Funcklein recht gesunde Vernunfft bey mir spuren liess, dass ich mich nicht entschliessen konte nach Hause zu reisen, und eine ordentliche Lebens-Art anzufangen, denn das Hertze wolte mir zum voraus sagen, dass dergleichen Auffuhrung endlich ein beklecktes Ende nehmen wurde. Allein solche gute Gedancken wurden fast augenblicklich als von einem Sturmwinde zerstreuet, hergegen kam mir die eingewohnte Weise immer susser vor, so lange biss ich eines Abends, ebenfalls des Spiels wegen, in einer Rencontre, mit zweyen Degens zugleich durchstochen, sonsten am Leibe auch sehr ubel zerhauen wurde.

Man schaffte mich vermittelst einer Sanffte andern Tages in mein Logis, allwo ich die Ehre hatte, von vielen deutschen Clavaliers besucht zu werden, weil ein jeder glaubte, ich sey derjenige, vor welchen ich mich ausgab, und weil keine sonderlichen Schrifften unter meinen Sachen angetroffen wurden, so konte dessfalls um so viel weniger verrathen werden. Es waren ein Medicus und 2. Chirurgi uber mir, welche aber wieder die gewohnliche Art der Franzosen schlechten Trost gaben, derowegen begunte mein Gewissen auf einmal aufzuwachen, so dass ich vor Angst in gantzliche Verzweiffelung gefallen ware, wenn nicht ein gewisser Cavalier meine Hertzens-Bangigkeit gemerckt, und mir dieser wegen den Prediger eines gewissen Lutherischen Abgesandtens zugebracht hatte. Selbiges war ein ungemeiner Mann, der mein Gewissen solchergestalt zu ruhren wuste, dass ich ihm endlich, wie fast alle Zeichen meines heran nahenden Todes vorhanden waren, ein offenhertziges Bekantniss meiner bissherigen Lebens-Art, und darbey den grossen Zweiffel zu vernehmen gab: Ob ein solcher Mensch wie ich, annoch Vergebung und Gnade bey GOtt erlangen konne? Demnach war er fast eine gantze Nacht hindurch bemuhet, mich aus der Verzweiffelung zu reissen, und auf die rechte Strasse zu bringen, da ich nun gegen Morgen, eine ernstliche Reue, Busse und Glauben durch Worte und Gebarden zeigte, absolvirte er mich, und reichte mir nachhero in aller Stille das Hochwurdige Abendmahl, worauf ich ungemeine Linderung, so wohl an den Leibes- als Gewissens-Wunden fuhlete, und ein Gelubde that, welches so viel in sich hielt: Dass, wenn mich GOtt diesesmahl beym Leben erhalten wurde, ich so gleich nach wieder erlangter Gesundheit, alles mein Geld und Gut unter die Armen theilen, und nichts mehr davon ubrig behalten wolte: als was ich zur Reise in mein Vaterland hochst vonnothen hatte, daselbst wolte ich denn auch, die, meinem Vetter uber machten 200. spec. Ducaten und den Werth von den ubrigen ubel erworbenen Reste, an Kirchen, Schulen, und arme Leute verwenden. Bald nach diesem gethanen Gelubde, liess sichs mit meinen Schaden zu schleuniger Besserung an, die Aertzte fiengen an besser zu trosten, sagten aber frey heraus, dass wenn ich vollkommen curiret seyn wolte, sie, um den Eyter aus der Brust-Hole zu zapffen, uber den kurtzen Rippen eine Oeffnung machen musten.

Ich gab meinen Willen drein, stund die hochst schmertzliche Cur aus, und wurde also nach wenig Wochen vollkommen gesund. Allein wer solte es wohl glauben? dass, so bald sich die verlohrnen Kraffte wieder eingestellet, ich nicht allein mein gethanes Gelubde vergessen, sondern mir auch nicht das geringste Gewissen gemacht hatte, die vorige LebensArt wiederum zu ergreiffen.

Unter andern gerieth ich mit einem sehr artigen Frantzosen in Bekandtschafft, der sich La Rosee nennete, und wie ich merckte, die Spiel-Kunste ungemein wohl verstund, derowegen hutete mich ihm keinen Verdruss, mir aber keinen Schaden zu zu ziehen, nicht zwar aus einiger Furcht, sondern weil ich diesem Menschen, unwissend, warum, gewogen seyn muste. Er im Gegentheil vermerckte bey mir gnugsame Hertzhafftigkeit, zugleich auch, dass ich seine kunstlichen Streiche guten Theils abgemerckt, dem ohngeacht die Gefalligkeit vor ihm gehabt, und stille geschwiegen hatte. Derowegen suchte er mir bey andern Gelegenheiten allerhand Vergnugen zu machen, tractirte mich offters in seinem Logis mit den herrlichsten delicatessen, und ich bewirthete ihn gleichfalls offters in meinem Hause, worbey er mir zu vernehmen gab: Wie er die starckste Anwartung auf einen Officiers-Dienst in einer benachtbarten Guarnison hatte, und mich zugleich bereden wolte, ebenfalls Dienste unter der Miliz zu suchen, allein ich zuckte die Achseln hierzu und sagte: dass, wenn mir mein freyer und ungebundener Stand nicht lieber gewesen, ich schon vorlangst unter den Kayserl: Trouppen eine Compagnie haben konnen. Hierauf sprach er: ja Monsieur, es ware mir zwar auch also zu Muthe, allein, wo wollen die Mittel allezeit herkommen: Monsieur, versetzte ich, dergleichen Kunste als ihr im Spielen gezeiget habt, mussen ihren Mann niemahls fallen lassen. Ach! sprach er, es ist zwar etwas, jedoch nicht hinlanglich, denn in Paris ja in gantz Franckreich werden die Reichen immer kluger, die Armen aber immer armer, und ich glaube, ehe ein Jahr verstreicht, wird fast niemand mehr spielen wollen, derowegen muss man sich auf andere Kunste legen. Unter diesem Gesprache fiel mir ein eiserner etwa 2. Ellen langer Guardinen Stab, vom Fenster herunter auf den Kopff, jedoch ohne besondern Schaden, dem ohngeacht brach ich denselben aus Bossheit, als einen Tobacks-Pfeiffen-Stiel in mehr als zwantzig Stucke. La Rosee sperrete daruber Maul und Nase auf, vermeynete auch, dass ich vielleicht ein Hexen-Meister sey, allein ich bezeugte ihm mit vielen mir gar nicht schwer ankommenden Eydschwuren, dass dieses meine angebohrne Starcke also mit sich brachte, zerbrach auch vor seinen Augen einen mehr als 6. mahl dickern Fenster-Stab in etliche Stucken, woruber La Rosee in noch starckere Verwunderung gerieth, und mich zu einem seiner besten Freude mit zu gehen bat, welchem er heute eine Visite zu geben versprechen mussen. Ich liess mich leicht bereden, zumahlen da selbigen Abend sonsten keine tuchtige Compagnie wuste. Demnach fuhrete er mich in die Vorstadt St. Marcel und zwar in ein nicht allzu ansynliches Hass, allwo in der Unter-Stube des hinterGebaudes, zwey ansehnliche Cavaliers im Brete mit einander spieleten, jedoch bey des Le Rosee und meinem Eintritt alsobald aufsprungen, und uns aufs hofflichste bewillkommeten.

Sie liessen so gleich den kostlichsten Wein, nebst andern Delicatessen auftragen, und weil noch ein ansehnlicher feiner Herr darzu kam, sassen wir da, liessen die Glaser tapffer flanquiren und raisonnirten von lauter Etaats-Affairen, so dass ich diese Herrn vor vollkommene Etaats-Leute gehalten, wenn mir la Rosee nicht gesagt hatte, dass sie Officiers von demjenigen Regiment waren, worunter er sich halb engagirt hatte. Der Wein hatte wegen seines gantz besonders trefflichen Geschmacks, mir allbereits einen halben Tummel zu gezogen, als plotzlich ein scheinbarer Officier mit 6. Mann in die Stube trat, und mit brullender Stimme sprach: Messieurs gebt euch auf Befehl des Konigs in Arrest! Ich vor meine Person, der dieses Tags wegen ein ziemlich gutes Gewissen hatte, wuste nicht, was es bedeuten solte, sahe derowegen meine Zech-Gesellen an, und fragte in aller Stille: Ob wir diesen Kerlen nicht die Halse brechen wolten? La Rosee sprach: Allerdings, sonst sind wir verlohren.

Auf dieses Wort, sprunge ich als eine Furie hervor, riss den Officier plotzlich zu Boden, stiess einen andern mit dem Kopffe wieder die Wand, dass er ohnmachtig wurde, den dritten aber mit einem ausgezogenen Stillet auf der Stelle todt. Meine Zechbruder brachten die ubrigen 4. zwar glucklich zur Thur hinaus, ersahen aber, dass noch mehr als 12. Mann im Hofe parat stunden, uns zu attaquiren. Jedoch zu allem Glucke war die Stuben-Thur inwendig mit starcken eisernen Bandern und Riegeln versehen, derowegen wurde dieselbe, aufs beste verwahret, hergegen schien meinen Compagnons das Durchwischen unmoglich, weil die 3. Fenster mit eisernen Staben allzu fest besetzt waren. Allein hierzu wurde bald Rath, denn ich riss einen nach dem andern aus der Mauer, und also sprungen wir auch einer nach dem andern zum Fenstern heraus. Diese waren nun zwar auch mit einer geringen Manschafft besetzt, allein ich schlug mich glucklich durch, und kam ohnbeschadigt in meinem Logis an.

Folgenden morgen besuchte mich einer von den gestrigen Zechbrudern, der sich, le Pressoir nennete, und brichtete: dass la Rosee nebst noch einem andern dennoch von der Wacht attrapirt und ins Chastelet gefuhret worden, uber dieses ware auch der Kerl, welchen ich mit dem Kopffe so hart an die Mauer gestossen, crepiret, derowegen der beste Rath, wenn ich mein Quartier veranderte, weil man mich hier leicht ausforschen und zu dem la Rosee setzen konte. Demnach liess ich mich von diesem Schein-Freund bereden, mit in sein eigenes Logis zu ziehen, allwo ich schone Gelegenheit, aber fast taglich solche Personen um mich hatte, welche den Krams-Vogeln gar nicht, den Galgen-Vogeln aber desto ahnlicher sahen. Le Pressoir brach endlich beym Truncke, und zwar, da wir gantz allein beysammen waren, mit dem gantzen Geheimnisse heraus, dass nehmlich er und seine Gefahrten Cartouchianer, auf deutsch Mitgesellen der aller beruhmtesten Spitz-Buben-Bande unter allen waren, die dermahlen auf der gantzen Welt florirten.

Ich erschrack hieruber von Hertzen, und zwar dermassen, dass mir der kalte Schweiss austrat, denn im Augenblicke stelleten sich alle Gehenckten, Geraderten, Geviertheilten, Gebrandmarckten, Gestaupten und dergleichen vor mein Gesichte, die ich nicht nur von eben dieser Bande in Paris, sondern auch von Jugend auf an andern Orten Mord und Diebstahls wegen executiren sehen. Le Pressoir merckte einige Besturtzung an mir, sagte derowegen: Schamet, euch Monsieur! bey so vortrefflichen Leibes-Gaben ein solch feiges Gemuthe zu haben. Bedencket doch wer heute bey Tage sein Gluck auf festen Fuss setzen will, muss wahrhafftig viel Geld haben, die Art, wo mit wir selbiges zu erwerben suchen, scheinet zwar etwas desperat und schimpflich, allein das letztere zumahl, ist eine leere Einbildung, weil einige von den grosten Monarchen das Gewerbe, sich mit Gewalt zu bereichern, offentlich, wie armen Schlucker aber dasselbe nur heimlich treiben. Ach! sprach er noch, es sind viele von unserer Bande hinweg geschlichen, die mit ihrem darbey erworbenen Gute, theils in Deutschland, Engelland, Holland und andern Landern, sich auf Lebens-Zeit vergnugte Ruhe-Stadte zubereitet haben.

Solche Gesprache fuhreten wir biss in die MitterNacht, ich versprach dem le Pressoir die Sache zu beschlaffen, und dessfals Morgen mit dem fruhesten den Schluss zu fassen, ob ich mich ihrem Obristen wolte prsentiren lassen. Allein mein Sunden-Maass lieff ohnedem schon uber, und weil die Gottliche Barmhertzigkeit vielleicht noch viele Grausamkeiten zu verhuten, mich aber zu einiger Erkantniss zu bringen gesonnen, fugte es dieselbe dergestallt, dass le Pressoir diese Nacht ausgekundschafft, nebst mir im ersten Schlaffe uberfallen, gebunden und ebenfalls ins Chastelet gefuhret wurde.

Hieselbst wurden mir alle meine Kleider biss auf die Hosen und Hembde abgezogen, ingleichen der Barchent Gurtel, worin mein Gold und Kleynodien vernehet waren, und den ich jederzeit auf dem blossen Leibe trug, abgerissen, so dass von allen ubelerworbenen Gute nichts in meiner Gewalt blieb, als ein kleiner Diamant-Ring etwa 15. thaler werth und dann 6. gehenckelte Gold-Stucke, die in einer verborgenen Hosen-Ficken stacken, und etwa 30. thaler austrugen. Man warff mir zwar an statt meiner schonen Kleider etliche andere Stucke zu, welche ohnfehlbar etwa ein gehenckter oder geraderter Dieb zuruck gelassen hatte, allein ich wolte selbige nicht eher anziehen, biss mir endlich des Nachts die grimmige Kalte allen Eckel vertrieb, denn es war gar ein verzweiffelt kaltes, stinckendes und niedriges Gewolbe im untern Stockwercke, worinnen man mich an entsetzlich starcken Ketten gefangen hielt.

Wenig Tage hernach wurde ich ins Verhor gebracht, allwo ich mich zwar, was die Cartouchianer anbetraff, aufs beste zu verantworten suchte, allein um so viel desto schlechter Gehor fande, ja die Sache wurde dergestallt eiffrig getrieben, dass ich zu meinem Trost, ein vor allemahl den Bescheid bekam, entweder binnen dreyen Tagen reinen Wein einzuschencken oder der allerentsetzlichsten Tortur gewartig zu seyn, zu desto grosseren Schrecken aber muste dabey seyn, da ein anderer, mir unbekanter Cartouchianer von zweyen Henckern aufs allerentsetzlichste gefoltert wurde, welches mir eine dermassen hefftige Empfindlichkeit verursachte, dass ich auf der Stelle hatte verzweiffeln mogen.

Nunmehro, so bald ich wieder in mein dunckeles Gefangniss gefuhret worden, hielt mir erstlich der Satan die Kuh-Haut, ja ich mochte sagen eine Elephanten-Haut vor, worauf alle meine von Jugend auf begangenen Sunden, mit den aller klaresten aber desto nachdrucklichsten Schrifften angezeichnet waren. Dass Eisen-Geschmeide an meinen Handen, Fussen und gantzen Leibe zu zerbrechen, war mir eine gantz leichte Sache, ja ich trug dasselbe deutlich zu sagen meinen Verwahrern nur zum Spotte. Alleine durch die Mauer zu brechen schien desto unmoglicher, derowegen bewegte mich die ausserordentliche GewissensAngst zur volligen Verzweiffelung, so dass ich gantzlich beschloss, mich in folgender Nacht ohne ferneres Bedencken selbst ums Leben zu bringen, es geschehe auch auf was vor Art als es wolle. Denn, ohngeacht ich in meinen Gewissen der Cartouchianer wegen ziemlich reine war, so propheceyete mir doch die Tortur, und dann das gemeine Sprichtwort: Mit gefangen mit gehangen, ein klagliches Ende. Demnach erwartete ich mit Schmertzen, biss der Kercker-Meister Nachts, um etwa 10. Uhr, zum letztenmahle nach mir gesehen hatte, wandte hierauf mittelmassige Kraffte an, und zerbrach binnen einer halben Stundte, nicht allein alles an mir habende Eisenwerck, sondern drehete auch die Schlosser und gelencke von den Handund Bein-Schellen glucklich ab, so dass ich mich hiervon vollig befreyet befand. Hierauf tappte mit den Handen nach einem Haacken herum, woran ich mich mich vermittelst meiner Strumpff Bander zu hangen suchte, indem aber warff der Mond seine Strahlen durch ein Viertheil-Elen breites Lufft-Loch, welches jedennach mit einem starcken eisernen Stabe verwahret war. Selbigen Stab riss ich mit auserster Muhe aus den Steinen heraus, weltzte einen grossen Klotz an das Lufft-Loch und bemerckte: dass selbiges nicht uber 6. oder 8. Elen hoch von der Erde sey, derowegen setzte die Henckers-Gedancken etwas bey seite und versuchte, ob das Loch nicht etwa binnen etlichen Stunden dergestallt auszubrechen und zu erweitern ware, dass ich hindurch wischen konte; die Steine waren ziemlich murbe, also fing ich mit Hulffe des eisernen Stabes, die Arbeit dermassen hitzig an; dass endlich binnen 2 oder drey Stunden das Loch durch die Mauer so gross als nothig wurde.

Nunmehro hielt ich freylich das fernere Uberlegen vor einen unnutzen Zeit-Verlust, warff derowegen den eisernen Stab, als ein hochstnothiges Faust-Gewehr voraus, und schlupffte hinter drein. Der Sprung war hoher herunter geschehen, als ich mir dem Augenmasse nach eingebildet hatte, demnach prasselten alle Rippen in meinem Leibe, weil ich sehr unsanffte auf das Stein-Pflaster gefallen war. Jedoch die weit grossere Angst erstickte endlich diese etwas kleinere und starckte mich dermassen, dass ich nicht allein, noch eine 6. Elen hohe Mauer uberklettern, sondern auch vor anbrechenden Tage, im freyen Felde, einen Erdfall erreichen konte, in dessen nicht allzu wohl verwahrte Hole ich meinen zerstauchten Corper schmiegte und denselben fast uber und uber mit Erde bedeckte. Nachdem die Sonne bereits etliche Stunden geschienen, und ich mich ziemlich weit ausser denen ordentlichen Strassen zu liegen vermerckte, das kalte Lager aber fast nicht mehr ertragen konte, zerriss ich meinen ohndem genung zerfleischten Bettlers-Kittel noch mehr, und brachte alles in eine dermassen unordentliche Ordnung, dass mich ein jeder nicht nur vor den allerarmsten Bettler, sondern so gar vor einen rasenden Menschen ansehen muste. Wer mir begegnet, lieff entweder aus dem Wege, oder warff beyzeiten ein Stuck Geld, Brod oder andere Victualien entgegen, nur damit ich ihm vom Halse bleiben solte, und solchergestallt practicirte mich glucklich uber die Franzosischen Grantzen, biss an den Rheinstrom, allwo mir, von dem annoch bey mir habenden Gelde, nunmehro erstlich wieder ein Muhl-Purschen Kleid, Axt, nebst allem andern, was zu solchen Stande gehorete, anschaffte.

Es liessen sich zwar immittelst in allen meinen Gliedern die Zeichen einer bevorstehenden Kranckheit mercken, allein weil ich durchaus keine Lust hatte an Catholischen Orten stille zu liegen, so setzte dennoch meine Reise biss in die Wetterau fort, und fand daselbst bey einem gutthatigen Muller, Gelegenheit, etwas Artzeney zu gebrauchen, welche auch in so weit anschlug, dass ich nachhero die Reise biss in meine Heymath mit ziemlichen Krafften uberstehen konte.

Mein ernstlicher Vorsatz war: von nun an meine Sunden zu bereuen, und so bald ich mich zu Hause mit einem frommen Seelsorger bekandt gemacht, ein christliches und GOtt wohlgefalliges Leben anzufangen, jedoch weil dieser Vorsatz dem Teuffel ohnfehlbar hefftig verdross, warff er mir eine abermahlige Verhinderung darzwischen. Denn so bald ich in meiner Mutter Hauss eintrat, machte der nunmehro ziemlich alte und desto schlimmere Stief-Vater scheele Augen, und gab unter seinen brummenden Worten so viel zu verstehen: dass ich bey demjenigen, welchen ich vor etlichen Jahren das gute Geld geschickt, nunmehro auch die Baren-Haut suchen, und darauf liegen konte, so lange als ich wolte. Denn er konte leichtlich mercken dass ich mehr Ungeziefer als Ducaten mit brachte, welches doch wurcklich erlogen war. Jedoch meine sehr alte unvermogliche Mutter empfing mich desto freundlicher, und sagte: ich solte mich nichts anfechten lassen, denn der bose Mann, welcher sie seit so vielen Jahren her als einen Hund tractiret hatte, ware nur darum so rasend, dass sie mit ihm kein Kind gezeuget, vor weniger Zeit aber ein Testament gemacht, ihm nur, 100 fl. mir und meinen Geschwistern hingegen nicht allein die Muhle, sondern auch alle beweglichen und unbeweglichen Guter vermacht hatte. Ich liess also des Stief-Vaters verdrussliche Reden zu einem Ohre ein, und zum andern wieder heraus gehen, begegnete ihm auch mit moglichster Hofflichkeit, allein da ich eines Tages darzu kam, und sahe: wie er meine arme alte Mutter aufs aller erbarmlichste tractirte, so, dass ihr das klare Bluth uber das Gesichte lieff und demnach des erbarmlichen Schlagens kein Ende werden wolte; fassete ich den Morder beym Arme und stiess ihn zur Tuhr hinaus, meine Mutter aber hatte ich kaum ins Bette getragen und einigermassen von Bluthe gereiniget, da der erboste Stief-Vater zuruck kam und mich mit einem grossen Prugel dermassen uber den Rucken schlug, dass ich fast verzweiffeln mogen, jedoch ehe er noch dergleichen Schlag wiederholen konte, stiess ich ihn zur Thur hinaus, so dass er rucklings eine kleine Treppe herunter sturtzte und ohnmachtig liegen blieb.

Es waren etliche Mahl-Gaste gegenwartig, welche, das mir und meiner Mutter zugefugte Unrecht mit angesehen hatten, also meinen Jachzorn um so viel desto weniger missbilligen, dem ohngeacht meinen StiefVater mit Essig und andern starcken Sachen wieder erquicken wolten, allein ob derselbige gleich die Augen auf zuthun und sich in etwas zu regen begunte, so wolte doch kein Verstand wieder kommen, wir schickten nach dem Bader des Dorffs, der ihm eine Ader offnen und sonsten mit Artzeneyen zu Hulffe kommen solte, allein ehe die Mitternachts Stunde einbrach, starb er unverhofft und plotzlich, weil, wie ich nachhero erfahren, ihm das Ruckgrad entzwey gebrochen war. Solchergestallt muste ich mich auf Zureden meiner Mutter und anderer guten Freunde eiligst aus dem Staube machen, und weil mir die erstere einen guten Zehr-Pfennig auf die Reise gab, zugleich ein gut Pferd aus dem Stalle mit zu nehmen erlaubte, erreichte ich gar bald einen sichern Ort, allwo biss zu Ausmachung dieser Sache in Sicherheit leben konte.

Allein mein Gewissen fand sich von so hauffigen Blut-Schulden und andern nicht viel geringern, dermassen bedrangt, dass ich erstlich in eine grosse Tieffsinnigkeit, und bald hernach auch in ein gefahrliches hitziges Fieber verfiel, und binnen 14. Tagen, da solches an allerhefftigsten gewutet, nicht gewust, wie mir zu Muthe gewesen. Ich habe mittlerweile nicht nur phantasiret, sondern dergestallt hefftig geraset, dass offters 8. biss zehen der starcksten Manns-Personen mich kaum bandigen und vor dem Selbst-Morde bewahren konnen. Endlich sehen sich die guten Leute gezwungen, mich mit starcken Stricken und Seilen im Bette anzubinden, die ich aber nicht anders als vermodert Garn zerrissen habe. Ein gleiches ist nachhero auch unterschiedliche mahl mit denen angelegten Ketten und Banden geschehen, jedoch endlich hat ein Schmid die starcksten eisernen Bande verfertiget, auch die Muhe auf sich genommen, nebst seinen Gesellen bey mir zu wachen, und meine Hande, so offt sie sich an dem Eisenwercke vergreiffen wollen, mit Brenn-Nesseln so lange zu peitschen, biss mir die Lust zum Zerbrechen nach und nach verschwunden.

Hatte mich GOtt in diesem Zustande dahin sterben lassen, so ware mein Leib und Seele gantz gewiss ewig verdammt und verlohren gewesen, allein seine Barmhertzigkeit, die auch die allergrosten Sunder, auf allerhand Arten zur Busse zu reitzen suchet, hat sich auch bey mir auf eine gantz besondere Art offenbaret, und zwar unaussprechlich mehr als ich verdienet gehabt. Da ich also einst in der Nacht, meinen volligen Verstand wieder bekam, und mich dergestallt gefesselt und verwahret befand, anbey nicht anders glaubete; die Gerichten hatten wegen des meinem StiefVater verursachten Todes, diese Sorgfalt, mich fest zu halten, angewendet, fing ich aufs erbarmlichste zu seuffzen und zu klagen an und bat die Anwesenden mit Thranen, mir die Hande und Fusse nur auf eine eintzige Stunde frey zu lassen, damit ich so lange Zeit ein wenig auf der Seite liegen konte, denn mein Rukken war fast lauter roh Fleisch, und brennete dermassen schmertzlich, als ob lauter gluende Kohlen unter mir gelegen hatten. Allein man trauete mir nicht, sondern ich muste die Marter noch so lange erdulden biss, des Morgens fruh noch etliche starcke Leute ankamen, um meiner Gewalt auf den Noth-Fall desto besser zu wiederstehen. Aber die guten Leute hatten dergleichen Furcht nicht nothig gehabt, denn ich war nunmehro weit unkrafftiger als eine Fliege, und gab die vernunfftigsten und besten Worte, erfuhr immittelst zu einiger Beruhigung, dass ich keines Verbrechens, sondern nur meiner Raserey wegen geschlossen worden. Man legte mich auf die Seite, wesswegen ich in etwas Ruhe und Linderung empfand, bald darauf aber folgende Gedancken bekam: Du gerechter GOtt! wie lang und grausam schmertzlich ist mir nicht die vergangene halbe Nacht vorgekommen, da ich mich doch nur auf den Rucken etwas durchgelegen habe? was ist dieses kurtze Stuck der Zeit gegen die unendliche Ewigkeit, und was sind diese Schmertzen gegen die unaussprechliche Pein zu rechnen, die allen Gottlosen, ja allen solchen, die noch wohl 1000 mahl weniger Sunde als ich begangen haben, bereitet ist. Nun fiel mir auf einmahl wieder ein, was ich in meiner Jugend von dem jungsten Gerichte, von der ewigen Hollen-Quaal und Straffe der Gottlosen, predigen, singen und sagen horen, ingleichen prsentirten sich vor meinen Augen alle diejenigen Personen, die ich im Zorn ums Leben gebracht, verwundet, bevortheilet, oder sonsten beschadiget hatte, welches alles in meinem Gemuthe einen dermassen hefftigen Auflauff verursachte, dass mir der Angst-Schweiss ausbrach, und ich mich vor Schrecken, Furcht und Elende nicht zu lassen wuste, ja weil ich erwog wie schandlich ich das, bey ehemahliger Kranckheit gethane Gelubte gebrochen, so zweiffelte fast, dass GOtt mein ferneres Gebeth anhoren, vielmehr mich, als einen unnutzen Knecht, der sich niemahls ein rechtes Gewissen gemacht GOtt, seine Diener und Nachsten zu betrugen, dem Teuffel in die Klauen und in den ewig brennenden Hollen-Pfuhl ubergeben und verstossen wurde.

Meine verpfleger vermeyneten vielleicht, es ruhre dieser Zufall von dem, aufs neue ausbrechenden Fieber her, liessen derowegen den Artzt ruffen, welcher, da ich mich gantz und gar nicht begreiffen konte, mir mit Gewalt einige starcke Artzeneyen eingoss, jedoch da sich meine Sinnen nur ein klein wenig erholet, verlangete ich nach einem Priester, so bald derselbe kam, muste man mich mit ihm alleine lassen, und nach dem ich ihm ein offenhertziges Bekandtniss meiner Gewissens-Marter abgelegt, wie nehmlich dieselbe mich weit hefftiger qualete als die leiblichen Schmertzen, wandte dieser erleuchtete Mann das auserste an mir, die Verzweiffelung aus dem Sinne, hergegen neue Busse, neuen Glauben und neue jedoch ernstliche Lebens-Besserung einzu predigen. Es hat GOtt sey tausendmahl Danck, ihm und mir gelungen, denn nachdem er alle Zeichen eines verbesserten Gemuths wahrgenommen, reichte er mir das heil. Abendmahl, besuchte mich auch so lange, biss die Kranckheit gantzlich voruber war, und ich wiederum in die freye Lufft gehen konte. Nunmehro war die Haupt-Sache zwar gehoben, jedoch erregte der Satan fast taglich noch einen zweiffel in meiner Seelen, an der vollkommenen Begnadigung GOttes und Vergebung meiner Sunden, derowegen besuchte ich den Frommen Priester fast taglich ein oder ein paar Stunden, unn bekam von ihm die allerkrafftigsten Trostungen, ausser diesen schenckte er mir eine kleine Hand-Bibel, ein Gesang Buch, worinnen er mir die krafftigsten Buss- und Trost-Lieder ordentlich bezeichnete, Joh. Arends Paradiess-Gartlein, dann noch das vortreffl. Buch: Mayers verlohrnes und wieder gefundenes Kind GOttes, recommendirte mir auch uber diese noch einige andere erbauliche Bucher, die er schrifftl. aufsetzte. Ich folgte seinen gegebenen Rath aufs allergenauste und habe nach der Zeit fast keinen Tag versaumet, in dergleichen Buchern sehr fleissig zu lesen und meinen Lebens-Wandel darnach einzurichten, wie ich denn auch alle dieselben mit auf diese Insul gebracht habe, und sie vor meinen allerbesten Schatz halte.

Der vortreffliche Geistliche wolte durchaus keine Belohnung vor seine mit mir gehabte Muhe von mir annehmen, ich habe ihm aber dennoch, nachdem ich albereit mit thranenden Augen Abschied von ihm genommen, 20 harte Thaler von demjenigen Gelde, welches mir meine Mutter mit auf die Reise gegeben, durch die Post ubersendet, und hertzlich gebethen, sich zu meinem Angedencken andere geistl. Bucher darvor zu kauffen. Die andern ehrlichen Leute, die mich in meiner Kranckheit so wohl besorgt, habe ich auch von dem Gelde, welches ich vor mein verkaufftes Pferd eingenommen, erkantlich bezahlet, also nicht mehr als noch etwa 30 Thl. ubrig behalten. Dieses wenige, aber mit guten Gewissen besitzende Vermogen, beschloss ich zurahte zu halten, mich vor allen Gottlosen liederlichen Leben, sonderlich vor dem verdamten Spielen und Sauffen, Zeit Lebens zu huten, hergegen mein Brod, auf dem, von Jugend auf ehrlich erlernten Handwercke, zu gewinnen, und zu erwarten, ob mir GOtt etwa hier oder dar in einem frembden jedoch Lutherischen Lande, etwa eine bestandige RuheStadte verschaffen wolle: damit ich nicht Ursach hatte selbige in meinem Vaterlande, als welches mir nicht allein der letzten verdrusslichen, sondern auch anderer argerlichen Begebenheiten wegen, eckel war, zu suchen. Unter solchen Absichten schrieb ich meinem Vetter, das an ihm ubersandte Capital halb an eine arme Kirche und die andere Helffte an ein gewisses ubel besorgtes Hospital zu wenden. Meine Mutter bath ich gleichfalls dasjenige, was sie mir an Erbtheile zugedacht, an geistliche Stifftungen zu legen, indem ich entweder gar nicht, oder doch nur desswegen wieder eine Reise in meine Heymath vornehmen wurde: zu vernehmen ob man in diesem Stucke meinem Willen nachgelebt hatte; denn die Sache wegen meines Stief-Vaters, war schon mit 120. Thl. baaren Gelde vor den Gerichten vollig ausgemacht worden, weiln mehr als 7. Zeugen vorhanden gewesen, die mit Wahrheit bekrafftigen konnen: dass ich weder muthwillige Handel an ihm gesucht, noch ihm freventlicher hergegen recht abgenohtigter weise und recht wieder meinen Willen, zum Tode befordert hatte.

Demnach hielt ich mich bey nahe noch anderthalb Jahr in einer beruhmten Fluss-Muhle auf, legte bey deren neuer Erbauung nich allein viel Ehre ein, sondern bekam auch von dem Eigenthums Herrn ein ansehnliches Stucke Geld. Indem mich aber ein junger Norwegischer reicher Muhl-Pursche instandig bat: mit in sein Vater-Land zu reisen und seine ErbMuhle, die noch weit mehrere Einkunffte als erwehnte hatte, auf eben die Art einrichten zu helffen. Liess ich mich bereden mit ihm nach Norwegen zu reisen. Allein der gutige GOtt, den ich von weniger Zeit her taglich inbrunstig anbetete, fuhrete mich unterweges zu dem Herrn Capitain Wolffgang, dessen unvergleiche Beredsamkeit mein Vorhaben verruckte, und mir die Reise zur See, als das allerangenehmste Pflaster zur Heilung, meiner in Europa selbst verursachten alten Schaden, darlegte. Derowegen nahm mir kein Bedencken, meinem Gefahrten die Zusage aufzukundigen, und diesem vollkommen redlich scheinenden Manne zu folgen, der mich auch in der gemachten Hoffnung keines Wegs betrogen, sondern noch vielmehr gehalten, als er versprochen hat.

Zu ihnen, meine Herrn! sagte nunmehro unser guter Muller, habe ich aber hierbey das vollkommene Vetrauen, dass sie mich wegen meines aufrichtigerstatteten Berichts, der meine Person bey manchen Europer vielleicht verachtlich machen wurde, um so viel desto besser achten werden, denn ein Mensch, der vorhero ein Schelm gewesen und nachhero fromm worden ist, nach dem Winckel-Masse der Vernunfft vor besser zuhalten, als 1000 andere, die sich zwar fromm und ehrlich stellen und doch Schelme in der Haut bleiben. Es hat mich niemand gezwungen ihnen die wahrhafften Umstande meiner begangenen Bossheiten zu erzehlen, ich habe auch dieserwegen hiesiges Orts keine Zeugen, als den einigen GOtt, und mein Gewissen uber mich zu furchten gehabt. Sie aber sollen hinfuro allerseits Zeugen, meines, nach menschlicher Moglichkeit zu fuhrenden, christlichen Wandels seyn; weiln ich von der ersten Minute an, da mein Fuss diese gluckselige Insul beschritten: allererst eine vollkommene Gemuths-Beruhigung gefunden und nunmehro auch dieselbe durch eine gluckliche Heyrath, leiblicher weise, im hochsten Grad erreicht habe. GOtt segne meiner Hande Werck allhier, zu ihrer aller und meinem fernern Vergnugen, dergestallt, dass ich der mir erzeigten Freundschafft und Gute immer wurdiger werde, denn nichts als der Todt soll mich ungeschick machen, ihnen meine bestandige Ergebenheit spuren zu lassen. Indessen will ich ihnen doch den Gedenck-Spruch, den mir mein lieber Beicht-Vater nach der letzten kranckheit eingepragt, zum beschluss meiner Erzehlung melden, er lautet also: Sprich, Teuffel, was du wilst, ich falle GOtt zu Fusse Das Bose nicht mehr thun ist doch die beste Busse Hinfuro tugendhafft, dem Nechsten nutzlich seyn Tilgt alte Schulden aus und macht mich Engel rein.

Der Alt-Vater nahm hierauf unsern Philipp Kratzer bey der Hand und sagte: Mein lieber Sohn! Unser Heyland thut uns in der heil. Schrifft klarlich zu wissen, was vor Freude im Himmel sey uber einen Sunder der Busse thut; derowegen muste derjenige ein Gottesvergessener ruchloser Mensch seyn, welcher euch als einen solchen Menschen, an dem GOtt seine heilsame Gnade gantz sonderbar offenbahret hat, geringer als andere Menschen achten wolte. Wenn wir ingesammt unser Gewissen fragen und nach dem Gesetze prufen, so wird sich wohl kein einziger finden, der sich eines besondern Vorzugs vor andern sundhafften Menschen ruhmen kan. Ach ich befurchte leyder, dass Manasse, Paulus und andere dergleichen Heilige, an jenem Tage zwar genung Sunden- aber nicht so viel Buss- Genossen antreffen werden.

Unter solcherley Gesprachen ruckten endlich die dustern Abend-Stunden herbey, wesswegen alle Auswartigen von den werthen Stephans-Raumer Freunden, vor alles genossene Vergnugen, danckbarlicheu Abschied nahmen, und sich auf den Weg zu ihren eigenen Wohnungen begaben. Dergestallt erreichte nun auch der Altvater nebst seinen Hauss-Genossen seine Beqvemlichkeit auf der Alberts-Burg, indem wir uns ingesammt bald darauff zur Ruhe begaben. Einige Tage hernach, da der Drechsler Herrlich, mir einen wohlgemachten Bauer vor meinen schonen Vogel uberbrachte, und zur Danckbarkeit von dem Altvater mit dem allerbesten Weine tractiret wurde, liess sich derselbe von mir bereden, dem Altvater zum Zeitvertreibe seine, nehmlich

Des Drechsslers herrliche Lebens-Geschicht

zu erzehlen, und zwar folgender massen:

Ich bin fieng er an, im Jahr 1693. in einem kleinen Stadtgen, von armen Eltern erzeuget worden, denn mein Vater ernehrete sich, meine Mutter und mich, als sein eintziges Kind, mit Handlangen und Botschafft lauffen, brachte aber doch damit immer so viel vor sich, dass wir nicht allein satt zu essen, sondern auch nothdurfftige Kleider anzuziehen hatten, so bald aber ich kaum mein zehendtes Jahr erreicht, spannete mich mein Vater schon zu allerhand Arbeit an, hergegen wurde an gar kein Schulgehen gedacht, sondern mein Vater war vollkommen zufrieden, dass mir die Mutter das Vater Unser, den christlichen Glauben, die Tischund etliche andere Gebete nach der Larve herbeten gelernet, meynete auch, mit den ubrigen Glaubens-Articuln hatte es schon noch Zeit, biss das Jahr herzu kame, da dergleichen Jungens zum Abendmahle gehen musten, denn seine Eltern waren mit ihm auf gleiche Weise verfahren, und hatten ihm weder schreiben noch lesen lernen lassen.

Mittlerweile fugte sichs: dass mein Vater, bey einem vornehmen Manne, der ein neues Hauss bauen liess, ein gut Stuck Arbeit bekam, woran meine Mutter und ich mit Hand anlegen musten, weil nun dessen Kinder, wenn ihr Informator dieselben in das neue Hauss spatzieren fuhrete, sich offters mit mir ins Gesprach einliessen, so bat ich einsmahls den jungsten, mir ein fein gross Buch zu schencken, denn ich hatte gute Lust das Lesen zu erlernen. Der Knabe fragte mich, ob ich denn in die Schule gienge, und wer mir das Lesen lernen solte? Ich aber gab zur Antwort: zum Schulgehen hatten wir kein Geld, dem aber ohngeacht, wolte ich das Lesen doch wohl lernen, wenn ich zusahe wie es andere Leute machten. Er fieng an zu lachen, und erzehlete mein Gesprache seinen zweyen andern Brudern, welche mir ein schon gross Buch zu schencken versprachen, wann ich auff den Abend vor ihre Thur kommen, und selbiges abholen wolte. Ich war nicht faul, sondern gieng zu bestimmter Zeit hin, empfieng auch, von ihnen einen sehr grossen Folianten von zusammen gebundenen Leichen-Predigten, und versteckte selbigen, aus Furcht vor meinem Vater, zu Hause unter die Treppe.

So bald mein Vater fruh Morgens um die gehorige Zeit an die Arbeit gegangen, mir und meiner Mutter nachzukommen befohlen, nahm ich mein Buch unter den Arm, gieng nach der Stadt-Schule zu, und erkundigte mich, in welcher Stube der oberste Schulmeister Schule hielte. Indem mich nun ein jedweder, und zwar nicht ohne trifftige Ursachen, vor einen einfaltigen, ja sehr dummen Jungen hielt, und vermeynete, ich hatte das grosse Buch etwa an den Rector zu bringen, so wiese man mich in Prima, allwo ich nach zweymahligen Anklopffen, die Thure selbst eroffnete, mit baarfussen Beinen und abgenommener Mutze hinein trat, dem Rector aber gantz dreuste und ohne alle Weitlaufftigkeit, mit diesen Worten anredete: Guten Tag Herr! die Leute haben mir gesagt, dass ihr der oberste Schulmeister seyd, und den Jungens mehr lernet als die andern kleinen Schulmeisters, darum wolte ich euch bitten, ihr soltet mich vor Geld und gute Worte lesen lernen, denn ich habe mir 5. Groschen weniger einen Dreyer Geld gesammlet, das will ich doch dran wagen, wenn es fein bald geschehen kan, weil ich nicht viel Zeit drauff wenden kan, denn mein Vater braucht mich alle Tage nothwendig, dass ich ihm muss helffen Steine auslesen, und in den Schubkarn schmeissen. Die in der Classe sitzenden grossen Kerls, fiengen uber meine kauderwelsche Rede, graulich zu lachen an, jedoch nachdem ihnen der Rector mit einer ernsthafften Gebarde das Stillschweigen auferlegt, fragte er mich sehr freundlich: Mein Sohn, wer hat dich hergeschickt? Es hat mich niemand hergeschickt gab ich zur Antwort, sondern ich bin von mir selbst gekommen, weil ich Lust habe vor Geld und gute Worte in diesem Buche lesen zu lernen. Es ist gut, mein Sohn, versetzte der Rector, allein gehe hin und bringe erstlichen ein kleines A.B.C. Buch her, so will ich vor dich sorgen, dass du lesen lernest. Nein! sprach ich, das ist mir ungelegen, ich mag mich mit keinem kleinen Buche herum hudeln, sondern ich will gleich aus diesem grossen Buche lesen lernen, und zwar vor mein gut Geld, welches ich euch den Augenblick geben will, so bald ich nur erstlich so gut, als die grossen Bengels, lesen kan, die dort herum sitzen. Die Schuler fiengen aufs neue zu lachen an, und der Rector selbst wurde ein wenig zum lacheln bewogen, welches mich dermassen verdross, dass ich mit zornigen Geberden sprach: Ich habe gedacht an einen klugen Ort zu kommen, und treffe doch alberne Leute an, wollet ihr mich nicht lesen lernen, so lasst es bleiben, und lachet uber euch Narren selbst, so lange ihr konnet. Hiermit setzt ich meine Mutze auf unn wolte wieder fort gehen, allein der Rector nahm mich beym Arme und sagte: Mein Sohn, werde nicht bose, sondern setze dich hier auf diese kleine Banck, ich will dich das Lesen umsonst lehren, und dir noch Geld darzu geben. Ich sahe ihn starr in die Augen, um zu erforschen ob es sein Ernst sey, liess mich aber endlich bereden ihm zu gehorsamen, da er denn alsobald den Folianten selbst auffschlug, mir zuerst 4. Buchstaben zeigte und befahl, dieselben wohl zu mercken, noch mehr dergleichen in dem grossen Buche zu suchen, und ihm nachhero dieselben zu weisen. In einer Viertheils-Stunde hatte ich nicht nur alle wohl ins Gedachtnis gefasset, sondern auch auf allen Seiten des Buchs, noch viele dergleichen mit den Nageln gezeichnet, wesswegen mir der Rector vier neue, und bald hernach abermahls 4. neue kennen lernete, so dass ich binnen einer Stunde schon das halbe A.B.C. inne hatte. Mittlerweile setzte er seine Lection bey den grossen Schulern immer fort, und nachdem die Stunde verflossen, gab er ihnen die ernstliche Vermahnung mich nicht auszuhonen, weil er seine besondern Absichten auf mein besonderes Naturell hatte; ich aber hatte auch meine besondern Gedancken und merckte wohl, dass dieses kein Lesen hiesse, konte also nicht umhin, ihm ins Gesichte zu sagen: Er mochte mich mit vielen Weitlaufftigkeiten verschonen, denn ich hatte keine Zeit zu verliehren, sondern wolten fein bald fertig seyn, damit mich mein Vater bey seiner Hand-Arbeit brauchen konte. Hierauff fuhrete er mich bey der Hand in sein Hauss, erkundigte sich nach meinen Eltern, und liess in der MittagsStunde meinen Vater und Mutter zu sich kommen. Was er mit ihnen gesprochen, habe ich nicht angehoret, denn ich muste unterdessen mit seinen zwey, 8. biss 10. jahrigen Kindern, essen, nachhero aber sagte mein Vater und Mutter: Ich solte hinfuro nicht mehr Handlangen helffen, sondern bey dem Herrn Rector bleiben, und ihm in allen gehorsam seyn, so lange biss ich vollkommen lesen konte. Wer war froher und vergnugter als ich, zumahlen da mir der gute Rector ein abgelegtes Kleid von seinem altesten Sohne zurechte machen liess, und mich also vom Haupte biss auf die Fusse recht reputirlich bekleidete. Ein grosser Schuler, der des Rectors Kinder taglich ein paar Stunden informirte, muste auch allen Fleiss an mich wenden, welches denn so viel verursachte, dass ich binnen wenig Wochen nicht allein vollkommen lesen, sondern auch etwas weniges schreiben lernete. Der gute Rector selbst sparrete keinen Fleiss noch Kosten, mich zu fernern Studiren anzuhalten, in Meynung, dass hinter der grossen Lust welche ich zum lesen und schreiben bezeuget, vielleicht noch eine hohere verborgen stacke; er fand sich aber betrogen. Denn so leichte mir biss daher alles angekommen war, so schwer fiel mir nachdem, das Latein in den Kopff zu bringen, ja ich konte mit Muhe und Noth kaum so viel fassen, endlich in meinem 15ten Jahre in Secunda zu kommen. Zu Hause ruhreten meine Hande aus eigener Bewegung kein Buch an, hergegen war mein eintziges Vergnugen, ein und andere Stuckgen Holtz auszusuchen, und recht verwunderens-wurdige Narren-Possen daraus zu schnitzen.

Jedoch weil ich mich sonsten in des Rectors Hause jederzeit dienstfertig, gehorsam und getreue finden lassen, nahm mich derselbe eines Tages vor, und sagte: Mein lieber Junge! ich habe nunmehro wieder mein Vermuthen vollkommen angemerckt, dass aus dir schwerlich ein Gelehrter werden wird, denn du bist ein Holtz-Wurm, und hast mehr Lust zu schnitzeln und hacken, als zum Latein und andern gelehrten Ubungen, derowegen sage nur frey heraus, ob dir beliebig ist ein Zimmermann, Tischler, Drechssler, Bildhauer oder dergleichen zu werden, so will ich nebst andern guthertzigen Leuten Sorge tragen, dass du zu einem guten Meister, von dieser Professionen einer gethan wirst, und dieselbe Zunfftmassig erlernest. Ich war vor Freuden gantz ausser mir selbst, da ich den Rector also reden horete, bat derowegen mich entweder zu einem Drechsler oder Bildhauer zu bringen, weil sich zu diesen beyden Professionen bey mir die meiste Lust fande, also wurde meinem eigenen Triebe gewillfahret, und ich bey einem Drechssler auffgedungen, weil der Bildhauer vors erste allzuviel Lehr-Geld forderte, vors andere aber zu verstehen gab, dass er, als ein betagter Mann, keine besondere Lust mehr hatte Jungens anzunehmen, indem er schwerlich glaubte, noch 5. Jahre, als so lange ich stehen solte, zu uberleben. Zum Lehr-Gelde und Bette durfften meine Eltern nicht eines Hellers werth Beytrag thun, denn mein gutthatiger Rector, legte in aller Stille, unter einigen, so wohl einheimischen als auswartigen guten Freunden, eine kleine Lotterie zum Lust-Spiele an, worbey die Einlage 3. Ggr. der beste Gewinst aber 12. Thlr. war, und von diesem Spiele tropffelte also so viel ab, jedoch mit vorbewust aller Interessenten, denen die richtige Eintheilung vorgelegt wurde, dass mein volliges Lehr-Geld heraus kam. Ich gewann mit 2. Loosen selbst 2 Thl. 16. Ggr. darbey, bekam auch von einigen Wohlthatern so viel geschenckt, dass davon, in den ersten 2. Jahren, nothdurfftige Kleidung und Wasche anschaffen konte.

Nachdem meine Lehr-Jahre verflossen, und ich noch etwas Zeit daruber, bey dem Lehr-Meister geblieben, anbey im Stande war, hinfuro meinen Lohn in der Frembde redlich zu verdienen, begab ich mich endlich auf Reisen, und war binnen 11. Jahren immer so glucklich bey den besten Meistern Arbeit zu bekommen, sonderlich aber die kunstlichsten Sachen aus Helffenbein und Messing drehen zu lernen, uber alles dieses, hieng ich meiner ehemaligen Lust zur Bildhauerey annoch sehr nach, und machte bey mussigen Stunden genaue Kundschafft mit einem alten beweibten Bildhauer Gesellen, der mir vor ein leichtes Geld, die Kunst zu zeichnen, nebst den besten Vortheilen in ihrer Arbeit lehrete, und weil ich, wie bereits gemeldet, nicht allein gute Lust, sondern auch ein naturliches Geschicke darzu hatte, so brachte es nachhero darinnen ziemlich weit. Endlich da ich mir binnen besagter Reise-Zeit ein Capital von fast anderthalb hundert Thalern gesammlet, kam mir die Lust, meine Vaters-Stadt zu sehen, wieder an. Meine Mutter war bereits vor etlichen Jahren gestorben, der Vater aber hatte sich seines Alters und Unvermogens wegen, vor alle sein erspaartes Gut ins Hospital eingekaufft, mein Wohlthater der Rector aber lebte, ohngeacht seines hohen Alters, mit seiner Frauen annoch sehr vergnugt, und bezeugte eine besondere Freude, da er mich in so guten Stande wieder kommen sahe, welche Freude nicht um ein geringes vermehret wurde, da ich ihm unterschiedliche Raritaten nicht allein von kunstlichen, sondern auch naturlichen Sachen mit brachte, indem mir bewust war: dass er selbst eine artige compendieuse Naturalien-Cammer besass, und dergleichen Sachen wegen, mit den vornehmsten Leuten Correspondenz fuhrete. Der ehrliche Mann gestunde mir etwa ein halbes Jahr hernach, dass er aus meinen Sachen bey nahe hundert Thaler geloset, both mir derowegen die Helffte solches Geldes zu meinem Burger- und Meister- Rechte in selbiger Stadt an, da ich aber durchaus nichts annehmen wolte, sondern zu erkennen gab, wie er nachst GOtt allein derjenige sey, welchem ich alles was ich im Kopffe und im Leben hatte zu dancken schuldig, so versprach er dagegen meinen alten Vater, Wochentlich 3. Tage von seinem Tische zu speisen, auch ihm, wie bisshero schon geschehen, alle Sonntage ein Nossel Wein zur Starkkung, und zwar auf Lebens-Zeit zu reichen. Allein mein lieber alter Vater starb etwa 8. Monat hernach, ich aber erhielt mit grosser Muhe die Erlaubniss, ihm auf dem Hospitals Kirch-Hofe eine Gedachtniss-Tafel, die ich mit eigener Hand so kunstlich als mir moglich war verfertigte, auffzurichten. Selbige Tafel, war 2. Ellen hoch, fast eine Elle breit, und zeigete in einer ausgeschnitzten Devise das Bildniss Christi, vor welchem mein Vater, nach allen seinen Lineamenten abgebildet, auf den Knien lag, und mit den Handen 4. Gewicht-Stucken, auf deren jeden das Zeichen 1. Centn. bemerckt, an ihren Rincken hielt. Von seinem Munde an, waren in zweyen Zeilen folgende Worte ausgeschnitzt: HErr! du hast mir zween Centner gethan; siehe da, ich habe mit denselben zween andere gewonnen. Aus dem Munde des Welt-Heylandes aber, der in seiner rechten Hand einen OehlZweig, und in der lincken einen Reichs-Apffel hielt, flossen diese Worte: Ey du frommer und getreuer Knecht, du bist uber wenig getreu gewesen; ich will dich uber viel setzen. Gehe ein zu deines HERRN Freude. Zu oberst hatte ich die himmlische Glorie, unten auf der Erden herum aber, meines Vaters Handwercks-Zeug, nehmlich einen Bothen-Spiess, Grabscheit, Schauffel, Hacke, Schubkarn und dergleichen, sehr sauber ausgeschnitzt, ferner einige Nachricht von seiner Person, Geburths- und Sterbens-Zeit und endlich folgenden Biblischen Spruch gesetzt: 1. Cor. 1. "v. 26.29. Nicht viel Weisen nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edele sind beruffen; Sondern was thoricht ist vor der Welt, das hat GOTT erwahlet, dass er die Weisen zu schanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat GOTT erwahlet, dass er zu schanden mache was starck ist, und das Unedle vor der Welt, und das Verachtete hat GOTT erwahlet, und das da nichts ist, dass er zunichte mache was etwas ist: Auf, dass sich vor ihm kein Fleisch ruhme."

Wie gesagt, es hielt gleich anfanglich sehr hart, ehe ich die Erlaubniss bekam, einem so schlechten Manne, wie mein Vater gewesen, dergleichen Ehren-Gedachtnis aus kindlicher Liebe zu setzen, nachdem ich aber dieserwegen 12. Thaler in die Hospitals-Kirche gezahlet, bekummerte sich weiter niemand drum. So bald ich nun selbiges mit standhafften Farben zierlich ausgemahlet, die Schrifften mit feinem Golde verguldet, und das gantze Stuck Morgens in aller fruh, durch einen Schlosser an die Mauer hefften lassen, gab es gleich, noch ehe es Mittag wurde, einen ziemlichen Lermen bey einigen Geistlichen, noch mehr aber bey den vornehmsten Personen in der Stadt; so dass mich gleich nach der Mahlzeit der Ober-Pfarrer zu sich ruffen liess, und in Gegenwart des regierenden Burgemeisters, wie auch des Hospital-Vorstehers befragte: Wer mir die Erlaubniss gegeben vor meinen Vater, der zwar ein ehrlicher Mann, jedoch nur ein armer Tagelohner gewesen, ein so prachtiges und kostbares Epitaphium zu setzen? Ich gab hierauff zur Antwort, dass damit nicht der geringste Pracht, sondern nur eine Marque meiner kindlichen Liebe, und nechst diesen meiner wenigen erlangten Geschicklichkeit, gesucht wurde, die Kostbarkeit ware sehr geringe, indem ich nicht mehr als etwa 20. Ggr. vor Farben und Gold dran gewendet, die Arbeit aber vor gar nichts rechnete, uber dieses, da mein Vater nach Aussage seines Beicht-Vaters, und zwar in Erwegung dessen, dass er kein Schrifftgelehrter gewesen, ein besonderes lobliches Ende genommen, als ein frommer Christ auf das Verdienst Christi gestorben, auch ihrem eigenen Zeugnisse nach als ein redlicher Mann gelebt, so sahe ich nicht, warum man ihm und mir dergleichen Ehren-Gedachtniss nicht gonnen wolle. Sie fertigten mich hierauff mit dem Bescheide ab: Die Sache kame ihnen etwas spitzig und verdachtig vor, erforderte also fernere Uberlegung und Untersuchung, ich solte inzwischen gehen und weiterer Verordnung gewartig seyn. Wenig Tage hernach, schickte mir der Burgemeister einen schrifftlichen Befehl zu, des Innhalts: Ich solte ohne ferneres Einwenden, und zwar bey 10. Thlr. Strafe, binnen 24. Stunden, das Vaterliche Epitaphium selbst herunter nehmen; alldieweilen selbiges, bey ein und andern Leuten, viele anzugliche Reden und Anmerckungen, nebst diesen noch andere Bedencklichkeiten verursachte: oder gewartig seyn, dass solches auf den Verweigerungs-Fall, durch andere Personen abgeworffen wurde. Ich konte mich gantz und gar nicht darein finden was die eigensinnigen Leute darunter suchten, zog derohalben nicht allein meinen Pflege-Vater den Rector, sondern auch den untersten Stadt-Priester, als meinen Beichtvater, ingleichen einen klugen Advocaten zu Rathe, welche mich sammtlich instigirten, dessfalls von dem Burgemeister nahere Erklarung zu fordern, immittelst aber allenfalls, wieder die Herabwerffung des Bildes solennissime zu protestiren, und mich auff den Ausspruch des Ober-Consistorii zu beruffen, worbey sich der Advocat sogleich erboth, meine Sache den Rechten nach auszufuhren, und mir vor allen Schaden zu stehen. Demnach wurde ich ohnvermuthet in einen Process verwickelt, und zwar gegen sehr gewaltige Leute, jedoch ich gewann denselben, solchergestallt: dass nicht allein meines Vaters Epitaphium stehen bleiben, sondern auch mein Gegenpart mir alle verursachten Kosten ersetzen muste. Ich hatte damit zufrieden seyn, und fein geruhig leben konnen, zumahlen da die Leute der Stadt, ein gutes Concept von meiner wenigen Geschicklichkeit fasseten, und mir nach und nach viel Geld zuwendeten, allein eine heimliche Rachgier verleitete mich zu allerhand losen Streichen. Denn als mir hernachmahls ein und andere in die Stadt-Kirche bedurfftige Drechsler-Arbeit verhandelt worden, konte ich meinen Lohn nicht eher empfangen, biss mich, auf des Ober-Pfarrers und des Kirchen-Vorstehers ungestumes Zureden, endlich erklarete in den Kauff, noch ein ausgschnitztes Bild uber den BeichtStuhl zu machen. Man gab mir dieserwegen einen Kupffer-Stich vom Pharisaer und Zollner im Tempel, ich wandte vielen Fleiss dran, muss aber selbst offenhertzig bekennen, dass unter dem Bilde des Pharisaers: unser Ober-Pfarrer, und dann unter dem Zollner: der Kirchen-Vorsteher, beyde nach ihrer eigentlichen Physiognomie, dergestallt accurat getroffen waren, als ob sie leibeten und lebten. Es fehlete nicht viel, man hatte mir dieserwegen einen neuen Process an den Halss geworffen, denn der Burgemeister war mein abgesagter Feind geworden, jedoch es mochte ein gewisser kluger Mann ins Mittel getreten seyn, welcher durch einen andern Bildhauer und Mahler die Gesichter gantz und gar verandern lassen, so dass sich weiter niemand beschweren durffte. Bey herannahenden Weyhnachts-Feste, da meine Handwercks-Genossen gemeiniglich allerhand Spiel- und Possenwerck vor die Kinder zu machen pflegen, war ich auch nicht der letzte meine curieusen Inventionen, deutlicher aber zu sagen Schraubereyen, auf den Laden heraus zu setzen, ich will aber nur diejenigen beschreiben, welche mir den meisten Verdruss verursachten. Es prsentirte sich demnach die Gerechtigkeit auf einer Schaukel sitzend. An statt der Binde, welche sie sonsten um die Augen zu tragen pflegt, hatte ich ihr eine Brille ohne Glaser auf die Nase gesetzt. In der rechten Hand fuhrete sie: ein in der Scheide steckendes Schwerdt, wenn aber die Scheide abgezogen wurde, kam ein ordentlicher Pflug-Reidel zum Vorscheine. Die lincke Hand hielt eine Wage, deren eine Schale, von dem darinnen liegenden Zehl-Brete, aufs tieffste niedergezogen war; da hingegen in der andern hoch hinauff gezogenen Schale, ein Buch mit der Auffschrifft Corpus Juris lag. Auff beyden Seiten dieser in der Schwebe hangenden Gerechtigkeit stunden zwey kleine Knaben, welche, so offt man unten an der Machine ein Radgen drehete, die Gerechtigkeit hinter und vorwarts schauckelten, der zur rechten hatte das Wort: Gunst, der zur lincken aber Ungunst an seiner Brust geschrieben stehen. Ferner hatte ich einen Mann in Priester-Habite, dessen Mess-Gewand von SchaafsFelle gemacht, der Priester-Rock aber mit WolffsPeltze gefuttert war. An dem Buche, welches er unter dem Arme trug, hingen zwey recht naturell nachgemachte Fuchs-Schwantze. Noch ferner hatte ich einen Ziegen-Bock nach dem Leben abgebildet, der darauff sitzende Ritter fuhrete in der rechten Hand eine Schneider-Scheere, an der Seite statt des Degens, eine Elle, und hielt den Ziegen-Bock mit der lincken Hand im Kap-Zaume, der von einer wollenen Tuch-Schrote gemacht war, an statt der Steig-Bugel sahe man zwey Bugel-Eisen, u. wo die Sporn an Stiefeln stehen solten, befanden sich etliche, wunderlich durch einander gesteckte Neh-Nadeln. Die Horner des Bocks waren verguldet, Sattel und Chaberaque von BarenheuterZeuge, und mit Schellen behangen, in den PistolenHolfftern aber stacken 2. dergleichen Pfrimen, womit die Schnur-Locher ausgebohret werden, ja ich weiss mich fast selbst nicht mehr zu entsinnen, was ich sonsten an diesem Ziegen-Bocke, so wohl auch noch an verschiedenen andern dergleichen thorichten Inventionen vor Gauckeleyen ausgeubt habe. Nun ist leicht zu erachten dass dieserwegen gar bald Lerm in der Stadt worden, es stund dermassen viel Volck um meinen Laden herum, als ob ein armer Sunder abgethan werden solte, meine Sachen giengen alle reissend weg, jedoch an die verdachtigen Stucken wolte sich niemand wagen, weil sie vorerst ziemlich theuer gebothen wurden, vors andere dem Kauffer, ein nicht unbilliges Bedencken verursachten. Endlich meldeten sich unverhofft etliche Mit-Glieder der loblichen Schneider-Zunfft, und machten nicht unebene Minen, meinen Laden zu sturmen, jedoch da ich ein paar Pistolen und eine Flinte zurechte legte, im ubrigen aber einem jeden nach Wurden hoflich und freundlich begegnete, vergieng ihnen die Lust mich zu attaquiren. Bald hernach kam fast die gantze Schneider-Zunfft mit den Handgreifflichen Anwalden angestochen, welche letztern oberwehnte anzugliche Stucke, auf Befehl des Burgermeisters von mir abfordern wolten. Allein es war nur wenig Augenblicke zuvor, mein guter Advocat, der meinen ersten Process gewonnen, in den Laden getreten, um vor seine Kinder etwas auszulesen, dieser merckte sogleich was die Ankommenden suchen wurden, warff mir also 4. gantze Gulden auf den Tisch und sprach: Meister Drechsler! also sind wir richtig, und ich bekomme nur noch 8. Ggr. zuruck. Hierbey konte ich, aus seinem Augen-wincken, sogleich mercken, was die Glocke geschlagen hatte, nahm derowegen sein Geld und Sachen hinnein in die Stube. So bald nun die Raths-Diener den Burgemeisterlichen Befehl angebracht hatten, schlug sich mein Advocat ins Mittel und sagte: Mein Freund! vermeldet dem Herrn Burgemeister nebst meinem Grusse, dass die verlangten Sachen, kein Kauffmanns-Gut mehr waren, sondern ich hatte dieselben bereits vor meine Kinder zum Spiele erhandelt und bezahlt, wie ihr denn sehet, dass mir der Meister hier auf 4. Gulden, 8. Ggr. zurucke giebt, mir aber ist dergleichen vor keine 10. Thlr. feil, ich weiss auch, dass sich der Herr Burgemeister huten wird, solche mir mit Gewalt abzunehmen. Sie schwiegen hierzu stille, fragten aber mich: warum ich Pistolen und Flinten im Laden liegen hatte? Sie sind, gab ich zur Antwort, zu verkauffen, denn es sind kostbare Stucke, die ich mit aus der Frembde gebracht habe. Hierauff zog die sammtliche Procession mit der langen Nase zurucke, gleich nach den Feyertagen aber gieng ein dreyfacher Process wider mich an, den jedoch mein Advocat dergestallt geschicklich durchfuhrete, dass ich nicht viel uber 5. Thlr. dabey verlohr. Hergegen gereichte mir zu desto grosserer Lust und Ehre, dass mein Advocat, die beruffenen Stucke, listiger weise, so wie sie von mir gemacht waren, an das allerhochste Ober-Haupt des Landes zu spielen wuste, welches ein besonderes Vergnugen daruber bezeigt, und alles zur Raritat in Dero beruhmte Kunst- und Naturalien-Cammer zu setzen befohlen hat.

Mein Advocat hat ohnfehlbar den besten Zug hierbey gethan, allein ich gonnete ihm selbigen von Hertzen gern, zumahlen da er mir dann und wann einen schonen Verdienst zuwiese. Es durffte sich nun zwar auch in der Stadt niemand offentlich an mir reiben, allein es ist doch leicht zu erachten: dass ein junger Burger, der das freye, aus der Frembde mitgebrachte Wesen noch nicht aus dem Sinne schlagen kan, und der den Rath so wohl als die oberste Geistlichkeit gegen sich erbittert gemacht hat, ungemein behutsam gehen muss, wenn er heutiges Tages in Teutschland, allwo ohnedem in vielen Stadten das Kirchen- und Regierungs-Schiff, von lauter Affects-Winden hin und her getrieben wird, sichern und geruhigen Auffenthalt finden will. Ich will mich zwar eben nicht so gar weiss und unschuldig brennen, sondern viellieber gestehen, dass ich mich starck vergangen gehabt, denn es war ein schlechter Verstand, auf solche spitzige Art, denenjenigen Ursach zu hadern zu geben, die da hoher waren als ich. Und ausserdem, was hatten mir die armen Schneider gethan, dass ich sie mit dem ZiegenBocke argerte? Wahrhafftig, ich wuste nichts anders auf sie zu bringen, als dass der Burgermeister eines Schneiders Sohn, und mit vielen andern Schneidern beschwagert war, sonsten muste ich sie so wohl damahls, als wie annoch biss auf diese Stunde, in ihrem Handwercke, vor rechtschaffene, ehrliche und brave Leute erkennen. Aber was nimmt ein junger TollKopff, der die Horner noch nicht vollig abgelauffen, zuweilen nicht vor thorichte Handel vor?

Kurtz von der Sache zu reden, ohngeacht ich, jedoch mit der ausdrucklichen Weisung: hinfuro alle spitzfundigen Streiche zu vermeiden, in hohern Schutz genommen war, so muste doch von Zeit zu Zeit allerhand Verdruss erdulden, unter welchen mich aber nichts mehr kranckte, als dass mir meine Liebste, die eines reichen Burgers Tochter, und sonsten ein Magdgen von feiner Gestalt und herrlichen Tugenden war, abspenstig gemacht, und an einen andern verheyrathet wurde. Ich war schon gewisser massen mit derselben wurcklich versprochen, that derowegen einen Einspruch, konte aber nichts erhalten, weil sich die Eltern aufs Laugnen legten, und die Tochter, welche es doch im Hertzen treulich mit mir meynen mochte, ebenfalls zum Lugen verfuhreten. Da nun vollends bey der letztern vermerckte, dass sie ihren Brautigam gezwungener weise annehmen musse, trieb mich die Eyffersucht so weit, dass ich denselben Nachts vor der Hochzeit erstechen wolte, allein, GOtt verhutete dieses Ungluck, solchergestalt, dass ich ihn nur durch das dicke Bein stach, mich nachhero auf die Flucht begab, und vieles von meinem HandwercksGerathe zuruck liess. Jedoch hatte die Vorsicht gebraucht, alles mein Geld zu mir zu nehmen, und die besten Sachen, bey meinem Advocaten in Verwahrung zu geben, denn der Rector, mein Pflege-Vater, war nur vor wenig Wochen im hohen Alter verstorben. Der Advocat war dennoch so ehrlich, mir die Sachen auf der Post biss Braunschweig nachzuschicken, nebst einer schrifftlichen Erinnerung: dass ich in GOttes Nahmen, mein Gluck in einer andern Stadt suchen mochte, weil es im Vaterlande nicht zu bluhen, sondern wegen der letztern Affaire vollends gantzlich verdorret zu seyn, schiene. Ich gieng nachhero auf Bremen zu, allwo ich bey dem Meister, der mir vor etlichen Jahren sehr gewogen gewesen, eine junge, schone und reiche Tochter wuste, die ich ihm abzuverdienen gedachte. Der schlaue Fuchs merckte mein Absehen wohl, stellete sich auch, so lange er mich nothwendig brauchte, sehr gefallig an, allein, ehe ich mich dessen versahe, wurde mir die Rahel entzogen, und einem andern gegeben, ich aber solte auf die Lea warten, welches mir solchen Verdruss verursachte, dass ich gleich noch selbigen Tages Abschied nahm, und nach Holland reisete, allwo ich kurtz darauf so glucklich war, von dem Herrn Capitain Wolffgang zur Reise auf diese gluckseelige Insul beredet und angenommen zu werden. Wie vergnugt sich hieselbst mein Hertze, nicht allein wegen einer wohlgetroffenen Heyrath, sondern auch sonsten in allen andern Stucken befindet, ist leichtlich aus meiner gantzen Lebens-Art abzunehmen. GOtt erhalte uns allerseits nur bestandig in dergleichen Vergnugen, und gebe, dass auch ich mit meiner erlernten Pofession nutzliche Dienste leisten kan, damit sie, meine Herrn, mich ihrer fernern werthen Freundschafft wurdig schatzen.

Also endigte unser lieber Freund, der Drechssler Herrlich, die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht, unter welcher, der sonsten gar ernsthaffte Alt-Vater, selbst etliche mahl zum Lachen bewogen worden, und begab sich mit untergehender Sonne auf den Weg nach seiner Behausung.

Um selbige Jahrs-Zeit waren die meisten eingebohrnen Insulaner beschafftiget, die bereits vollig reiffen Getrayde-Fruchte einzusammlen, worbey zu bemercken, dass diese Erndte um die Helffte reicher als die im vorigen Jahre gewesen, ohngeacht eben dasselbe Maass ausgesaet worden. Wir wunschten wohl tausend mahl, unsern Uberfluss unter bedurfftige Leute vertheilen zu konnen, allein, solche Wunsche waren unter die vergeblichen zu zahlen. Demnach that Mons. Litzberg den Vorschlag, auf dem Albertus-Hugel, hinter der Burg, mit der Zeit, und so bald die andern nothigsten Gebaude und Werckstatten fertig waren, ein etwas grosses Magazin aufzubauen, um daselbst das uberflussige alte Getrayde zu verwahren, weil man doch nicht wissen konne, ob GOtt nach so vielen fettenetwa etliche magere Jahre schicken mochte. Solcher Rathschlag gefiel dem Alt-Vater sehr wohl, es wurde auch wurcklich, jedoch fast zwey Jahr hernach, und kurtz vorhero, ehe ich Eberhard Julius die Ruckreise nach Europa antrat, der Grund zu besagten grossen Korn Hause gelegt.

Nachdem aber mit Ablauff des Monaths Januarii die Getrayde-Erndte vorbey, und mittlerweile unser Muller Kratzer die neuerbaute Mehl-Muhle gantzlich zum Stande gebracht, wurde am 3. Febr. 1727. in Gegenwart fast aller erwachsenen Insulaner, die Probe auf allen beyden Gangen, mit 2. Maass Rocken, gemacht, welches ohngefahr so viel als einen Dressdner Scheffel betrug. Es ist unmoglich zu beschreiben, was die sammtlichen Insulaner vor eine gantz besondere Freude uber diese, von ihnen noch nie gesehene Machine, bezeugten. Da sie wohl erwogen, was es ihnen bisshero vor grausame Muhe und Arbeit gekostet, dieses fast unentbehrliche Nahrungs-Mittel zu gute zu bringen, derowegen gaben sich bey dem ehrlichen Meister Kratzer, fast zehnmahl mehr Lehrlinge an, als er zu unterweisen Zeit und Gelegenheit hatte; jedoch suchte er sich voritzo 4. der starcksten und geschicktesten Pursche aus, und versprach dieselben aufs treulichste in seiner Profession zu unterrichten, daferne ihm aber GOtt das Leben gonnete, in wenig Jahren, noch eine dergleichen Muhle, jenseit des Canals, vor die, uber dem Nord-Flusse gelegenen Einwohner zu erbauen. Immittelst sey nicht zu zweiffeln, dass er mit dieser Muhle allen samtlichen Insulanern, Jahr aus

Jahr ein, gnungsames Mehl verschaffen wolle, wie denn dieselbe von erwehnten Tage an, ausser denen Sonn- und Fest-Tagen, selten stille stund, so, dass auch der Alt-Vater, vor sich und seine Hausshaltung, in wenig Wochen von allen Stammen sein Deputat uberhaupt wohl zubereitet empfieng.

Wenige Zeit nach der reichen Getrayde-Erndte, trat die ergotzliche Weinlese ein, welche nicht geringer war als voriges Jahrs. Unser Bottcher Garbe, hatte biss anhero seine Hande nicht in Schooss gelegt, um bey dieser Zeit, mit seiner Arbeit Ehre zu erwerben, schaffte derowegen in alle Weinberge, nicht nur viel alte ausgebesserte, sondern auch gantz neue WeinFasser, welche letztern er, als ein guter Wein-verstandiger Kuffer, bereits ausgelohrt und zugerichtet hatte. Wie nun um diese Zeit alle diejenigen Insulaner, welche in ihren eigenen Fluren keinen besondern Weinwachs hatten, denen Nachbaren zusprachen, den reichen Seegen einsammlen halffen, und zuletzt ihren beschiedenen, ja uberflussigen Theil davon bekamen, so brachte ich bey der Gelegenheit die meisten Tage in Roberts-Raum bey meiner Liebsten Cordula und Monsieur Harckerten zu, der, zu meiner grosten Verwunderung in aller Stille, selbsten zwey Stuhle verfertiget hatte, auf welchen er seiner Frauen und meiner Liebste, das Bander- und Bortenwurcken lehrete. Ich sahe mit besondern Vergnugen zu, wie geschickt sich meine artig Cordula hierbey zeigte, allein Harckert gab mir zu vernehmen: dass es bey dieser Arbeit nicht bleiben solte, sondern er wolle ehestens mit Hulffe anderer guten Freunde viel grossere Stuhle verfertigen, auf welchen er dem Frauenzimmer weit schonere Zeuge zu wurcken, Anweisung zu geben gesonnen, denn so viel nothiges Bandwerck, als man auf dieser Insul jahrlich brauchte; konten zwey Personen fast in 2. Monathen allein verfertigen, die Staats-Banderey aber, als eine zur Hoffarth und Thorheit reitzende Sache, nicht rathsam einzufuhren, also ware er in zukunfft bereit, an statt solcher, in Europa sehr beliebter Dinge, seine Profession weiter auszudehnen, und allerhand zur Reinlichkeit und Beqvemlichkeit dienliche Zeuge, aus Baum-Wollen und Flachsen-Garne zu machen, und die Seyde, als eine Sache, die wir ohnedem hiesiges Orts sehr sparsam hatten, zu vermeyden.

Ich konte Mons. Harckerts Gedancken nicht anders als sehr vernunfftig und klug erachten, denn was war uns in diesem ohnedem mehr warm als kalten Lande wohl nutzlicher, als das saubere Baum-Wollen- und Leinen-Gerathe, welches er auf Zwillich-BarchentEannefas- und andere Arten zuwege zu bringen vermeynte. Es hatte zwar der Alt-Vater Albertus so wohl als Herr Wolffgang, noch einen ziemlichen Vorrath von kostbarn seydenen Zeuge, allein, es war schon verabredet, dergleichen Waaren, sonderlich, den zur Tandeley geneigten Frauenzimmer, also vorzubilden, als ob die bundten Farben nur vor kleine Kinder, die schwartzen und dunckeln aber vor alte Leute gehoreten, den Jungfrauen hingegen stunde die weisse Farbe als ein Zeichen ihrer Keuschheit, und denn denen Weibern andere modeste Zeuge am besten, welche ein jedes aus dem Sode von unterschiedenen Baum-Rinden, Blattern und Krautern mit leichter Muhe selbst farben konte. Von Spitzen, Bandern, vielen Krauseleyen, Fontangen, Armbandern, Ohren-Gehencken und dergleichen unzahligen Staate, welchen das Europaische Frauenzimmer sich anzuschaffen pflegt, wurde ihnen selten etwas vorgeschwatzt, und da solches ja dann und wann geschahe, wenn ein oder ander Frauenzimmer zugegen war, so wusten wir doch unsere eigenen Europaischen Lands-Leute, aus vernunfftigen Ursachen, in diesem Stucke als leibliche Schwestern oder Tochter der Frau Thorheit abzumahlen.

Jedoch ich werde von unserer Kleider-Ordnung weitern Bericht zu erstatten ohnfehlbar bessere Gelegenheit finden, derowegen will vorjetzo, um keine Verwirrung in meinem Gedachtnisse anzurichten, vermelden: dass annoch wahrender Weinlese-Zeit, eines Tages der Alt-Vater und Herr Magist. Schmeltzer nebst seiner Liebste, mir zu gefallen mit nach Roberts-Raum reiseten, um Monsieur Harckerten in seinem Hause zu besuchen. Unterwegs sprachen wir bey Herrn Wolffgangen und Mons. Litzbergen an, um dieselben nebst ihren Weibern ebenfalls mitzunehmen, der erste liess sich gleich bereden, Mons. Litzberg aber, der den Tischler Lademann bey sich hatte, und vorgab, dass ihm derselbe etwas bequemes in seine Wohnung zu machen versprochen, gelobte doch an, nebst seiner Frauen und diesem guten Freunde etwa in ein paar Stunden nachzukommen. Allein, nachdem wir uns fast den gantzen Tag uber, biss etwa 2. Stunden vor Untergang der Sonnen, im Weinberge aufgehalten hatten, Mons. Litzberg aber noch nicht angekommen war, nahmen wir die von meiner Liebsten und Mons. Harckerts Frau zubereitete AbendMahlzeit ein, und horeten darauf zum noch ubrigen Zeitvertreibe

Des Posamentirers Harckerts Lebens-Geschicht

aus eigener Erzehlung folgender massen an:

Ich bin, meine Herren! liess er sich vernehmen, eines Dorff-Schulmeistes Sohn aus der Ober-Laussnitz, und im Jahr 1702. gebohren. Mein Vater hatte dreyerley Professionen, er war nicht allein Schulmeister, sondern zugleich auch Schneider und Leinweber im Dorffe, so dass er, als ein sehr arbeitsamer Mann, sein Brodt wohl verdienen konte, denn wenn ein Handwerck nicht gehen wolte, so nahm er das andere vor. Ich war sein eintziger, jungster und liebster Sohn, weil er ausser mir lauter Tochter gezeuget hatte, wovon jedoch nur 4. am Leben blieben. Seines herannahenden hohen Alters ohngeacht, vermeynte mein Vater dennoch, so lange zu leben, meine Gelahrsamkeit sich zum Stubtifuten setzen zu lassen, derowegen muste ich gleich von der Wiege an, nicht nur die Principia von der Schulmeisterey, sondern auch von der Schneider- und Leinweberey lernen. Ja mein Vater wuste, um mich zu einem recht tuchtigen Manne zu machen, die Tages-Stunden dermassen einzutheilen, dass mir wurcklich sehr wenig Zeit zum Spielen ubrig blieb. Was dieses vor eine Marter vor einen solchen Jungen, wie ich, war, ist nicht auszusprechen, denn mein grostes Vergnugen bestund darinnen, mit den Bauer-Jungens auf dem Dorffe, die Saue und den Krausel zu treiben, oder solche Spiele zu spielen, welche die Jahrs-Zeit unumganglich zu erfodern schien. Mein Vater hingegen war dergestallt unbarmhertzig, dass er mir wochentlich kaum zwey Stunden darzu vergonnete, und zwar auf allerhochste Vorbitte meiner Mutter, welche befurchtete, das liebe Kind mochte gantz und gar zusammen wachsen. Selbst das verdrussliche Schicksaal konte den harten Sinn meines Vaters, aus mir, einen recht vollkommenen Schulmeister zu machen, nicht brechen, denn ohngeacht in meinem 12ten Jahre die Kunste schon am gantzen Leibe, dergestalt auszubrechen begunten, dass es schien, als ob ich lauter Gelencke, und in jedem Gelencke doppelte und dreyfache Courage hatte, so erbarmete sich doch mein Vater nur in so weit, mich zwar eine Zeit lang mit der Schneider- und Leinweberey zu verschonen, hergegen muste ich von Morgen an biss auf den Abend dermassen uber den Buchern liegen, dass meiner Mutter angst und bange wurde: ich mochte mit der Zeit etwa gar ein Advocat oder ein Narr werden, als welchen Leuten sie am allergramsten war, denn ein Advocat hatte sie um eine reiche Erbschafft gebracht, und ihr erster Mann war von einer liederlichen Vettel, vermittelst eines Liebes-Truncks, zum Narren gemacht und angereitzt worden, meine Mutter zu verlassen, und mit der Hure davon zu lauffen. Indem ich nun ein rechtes, so zu sagen, Pferde-massiges Gedachtniss hatte, konte ich nicht allein in meinem 13ten Jahre fast alle Evangelia und Episteln, sondern uber dieses, welches zu verwundern, alle Declinationes und Conjugationes auf dem Nagel herbeten, der lieben Psalmen zu geschweigen, denn mein Vater argerte sich solchergestalt fast uber nichts mehr, als dass der Konig David nicht zum wenigsten noch ein paar hundert mehr gemacht hatte. In der Schneider- und Leinweber-Kunst war ich auch, seinen Gedancken nach, weit avancirt, dass er mich ohne ferneres Bedencken hatte konnen zum Meister machen lassen, derowegen fehlete nichts weiter, meine erfahrne Person sich substituiren zu lassen, als das eintzige, nehmlich, dass ich nicht 8. oder 10. Jahre fruher auf die Welt gekommen ware.

Mittlerweile sahe der Pfarrer und die Gemeine, ich weiss nicht aus was vor Ursachen, meinen 63. jahrigen Vater vor alter an, als er sich selbst zu seyn bedunckte, und da sonderlich der Gemeine nicht anstund: dass ich fast alle Sonntage an seiner statt cantorirte, meine Mutter aber wochentlich mehr als 5. Tage den Schulmeister agirte, weil der Vater indessen die bestellte Schneider- oder Leinweber-Arbeit abwarten muste; so kam es durch ein und andere Verdrusslichkeiten endlich dahin, dass meinem Vater aus dem Consistorio ein Substitute gesetzt wurde, und zwar, dem Vorgeben nach, aus keiner andern Ursache, als: weil sich die Gemeine anheischig gemacht, in ihre Kirche eine Orgel bauen zu lassen, die mein Vater gar nicht, der Stubtifute aber desto besser spielen konte.

Mein Vater wolte diesen Schimpff durchaus nicht verdauen, so bald aber unsere Gemeine den Anfang zum Orgel-Baue machen liess, lieff er mit mir, fast alle Tage, 3. Viertel Meilwegs in die nachste Stadt, um in seinem hohen Alter, annoch das Orgel-Spielen zu erlernen, und hiermit bey bevorstehender Orgel-Probe seinen Stubtifuten uber den Tolpel zu werffen, meine Gelahrthafftigkeit, muste von dem hochst intonirten Stadt-Organisten, vor wochentliches baares Geld, Kase, Butter, junge Huhner und andere Dinge ohngerechnet, auch lectiones nehmen, allein, wir hatten kaum die Claves kennen, und den Choral: O wir armen Sunder etc. spielen lernen, als mein Vater, der taglichen Strapazen wegen, bettlagerig wurde, und bald hernach verstarb. Mit ihm wurde zugleich meine Hoffnung auf den zukunfftigen Schul-Dienst unseres Dorffs, nebst meiner gantzen Organisten-Kunst zu Grabe getragen, und so bald meine Mutter nebst den zwey jungsten, annoch unverheyratheten Schwestern, das Schul-Hauss quittiren muste, muste auch ich mich beqvemen, bey dem Manne meiner altesten Schwester, der ein Schneider-Meister in der Stadt war, in die Lehre zu treten, ohngeacht mein gantzes Hertze, ich weiss nicht warum, einen hefftigen Eckel vor diesem Handwercke hatte.

Es verdross mich hefftig, dass ich nunmehro erstlich gantz von neuen anfangen, und einen Schneider-Jungen abgeben solte, allein, die Lehre wahrete nicht viel uber 6. Wochen, denn so bald sich mein hochtrabender Herr Schwager ein wenig zu mausig machen, und mich, der ich schon vor Geselle arbeiten, auch zur Noth ein Kleid zuschneiden konte, allzu Jungenhafft tractiren wolte, warff ich ihn eines Tages die Scheere nach dem Kopffe, und lieff zu meinem andern Schwager dem Leinweber. Dieser missbilligte des Schneiders hochtrabendes Verfahren, und beredete mich, bey ihm als Leinweber in die Lehre zu treten, mit dem Versprechen, mich taglich noch ein paar Stunden im Schreiben, Rechnen und Latein informiren zu lassen, damit ich mit der Zeit etwa die Hand nach einem Ehren-Amte ausstrecken konte. Uber dieses liess er mich, aus seinem alten blauen Mantel, von Fuss auf neue kleiden, und diese Manu mea gemachte Montur, stund mir in meinen eigenen Augen dermassen wohl an, dass ich nicht geringe Ursache zu haben vermeynete, mir etwas rechts einzubilden.

Immittelst schien es doch, als ob es mir bey diesem Schwager besser gefallen wolte als bey dem ersten, denn ich durffte nur nach Belieben, so viel als ich wolte, arbeiten, und weil er etliche Gesellen sitzen hatte, die die schonsten Arten von Damassken und andern Zeugen machten, so fielen mir dabey verschiedene Kunst-Griffe in die Augen.

Bey so gestallten Sachen war es Schade, dass mein Schwager ein gantz heimlicher Narre war, denn weil er etwas weniges schreiben und im Donate Mensa decliniren gelernet, liess er sich den Dunckel einkommen, es ware niemand als er, wurdiger, mit ehesten ein Viertels-Meister, hernach Raths-Herr, und endlich gar Burgemeister in der Stadt zu werden. Alldieweiln aber sein gantzes Vermogen nur in einem kleinen Hause und dann in den Weber Stuhlen versteckt war, gleichwohl zu dergleichen Aemtern, ein grosses Hauss, nebst Brau-Ackern und andern liegenden Grunden erfordert wurden, mochte er sich vielleicht im Traume haben vorkommen lassen: als ob in seinem Keller ein Schatz vergraben ware. Derowegen streckte der arme Schlucker sein gantzes Vermogen dran, diesen Schatz, von beruhmten Schatz-Grabern heben zu lassen, allein, je mehr er sich darbey in recht hefftig druckende Schulden gesetzt, je starcker fand er sich auf die letzte betrogen, so dass er, ehe man sich dessen versahe, nebst meiner Schwester, 4. Kindern und allen Hauss-Gesinde, worunter auch meine Personalitat begriffen war, gantz plotzlich aus dem Hause gestossen wurde, und kaum die auf dem Leibe tragenden Kleider mit hinweg nehmen durffte.

Demnach fahe ich mich genothiget, meiner Mutter, welche sich nebst meinen beyden jungsten Schwestern, in der Stadt bey einem Posamentirer, der zugleich ein Raths-Herr war, eingemiether hatte, die besten Worte zu geben, dass sie mir nur die tagliche Kost und einigen Vorschub reichte, mich in der StadtSchule auf das Studiren zu legen. Sie liess sich beschwatzen, kauffte mir einen alten blauen Mantel, nebst etlichen darzu gehorigen Buchern, und ich fieng solchergestalt ohne allen Schertz an, auf einen DorffPriesters-Dienst loss zu studiren, hatte jedoch den bestandigen Trost darbey, dass zum wenigsten ein DorffSchulmeister aus mir werden muste, weil ich aus vielen Umstanden vermerckte, dass meines Vaters Geist zweyfaltig in mir wohnete.

Jedoch, ehe ich von meinen eigenen Angelegenheiten weiter rede, muss ich vorhero melden, wie es meinem ehrlichen Herrn Schwager Leinweber ergangen: Dieser nun fand sich nicht allein von seiner Schwieger-Mutter, dem Schwager Schneider; sondern auch von allen andern Befreundten, seines thorichten Wesens halber, gantzlich verlassen, muste dahero nebst seiner Frauen bey andern Meistern ums Lohn arbeiten, damit nur das tagliche Brod vor ihre, und der 4. Kinder Mauler verdienet wurde. Ich glaube, der arme Tropff zog sich diese verdrussliche Lebens-Art dergestalt zu Gemuthe, dass er vollends ein, oder etliche Sparren zu viel oder zu wenig bekam, welches daraus abzunehmen, weil er kurtze Zeit hernach um den erledigten Calcanten-Dienst, bey der Geistlichkeit und dem Stadt-Rathe, ein selbst elaborirt und eigenhandig-geschriebenes Memorial folgendes Inhalts eingab: Hoch-Ehrwurdige, Hochgelahrte, Hoch-Achtbare, Hochweise, Hocherfahrne, Hochgeehrteste Herren und

machtige Beforderer.

Ich Endes unterschriebener Burger, Zeug- und Leinweber allhier, bin in Erfahrung kommen, dass der menschenfressende Todt, welcher nach Syrachs und anderer frommen Lehrer Ausspruche, keine Person ansiehet, vor etlichen Tagen ihren dahero gewesenen Calcanten oder Orgel-Balgen-Treter, den Wohlehrbaren und Nahmhafften, Meister N.N. mit seiner Sense, als einen frischen Kraur-Strunck abgehauen und ins Grab geworffen hat; alss woruber Dieselben, wie nicht unbillig, in grosses Leydwesen versetzt worden, denn es verdriesset ja wohl dem Muller, wenn ihm ein Esel umfallt, warum solte es denn nicht nahe gehen, wenn ein ehrlicher Mann und frommer Kirchen-Bedienter, in seinen besten Jahren, die Beine, wormit er, wie mir gesagt worden, die Balge uber 13. Jahr getreten, in chen Untersuchung anheim gestellet und gegeben seyn lassen, ob ihn der Doctor, durch das vor etlichen Wochen eingegebene Vomitiv oder Brech-Pulver, die Schwindsucht verursacht, oder ob er sich dieselbe, vielleicht durch seinen uberflussigen Fleiss, an den Halss getreten hat. Denn der gute Mann wolte zwar, wie ich selbst offters gesehen habe, seine Geschicklichkeit gar zu sehr zeigen, allein es fehlete ihm am besten, denn er war nicht musicalisch. Mit mir hat es gar eine andere Beschaffenheit, denn ich kan nicht allein alle Chorale nach der Tabulatur und Noten auswendig, sondern spiele auch selbst etwas auf der Geige, wiewohl ohne Ruhm zu melden. Ew. Hoch

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wurdige, Hochgelahrtheiten etc. etc. werden also nach ihren ziemlichen Verstande gleich mercken, dass ich um den Calcanten-Dienst anhalten will, und hierinnen fehlen sie nicht, den es ist bey meiner hochsten Treue mein rechter Ernst, weil ich durch bose LeuteBeschmeisser vor kurtzer Zeit sehr ins Armuth gebracht worden bin. Ich weiss zwar aus gewissen Uhrkunden sehr wohl, dass auch ein anderer Burger und Schneider alhier, und denn wiederum ein Holtzhauer, um dieses Ehren-Aemtgen herum gehen, wie die Katzen um den heissen Brey, allein, ich kan es Meinen Hochgeehrtesten Herrn mir guten Gewissen nicht rathen, mir diese Leute vorzuziehen, denn wenn der erste sein Bugel-Eisen nicht in der Ficke hat, mochte er zu leichte seyn, und vielleicht, wenn zumahl der Hencker sein Spiel hatte, wohl gar einmahl in das Ventil hinnein geschluckt werden. Mit dem andern groben Bengel aber ist es gar nichts, und was das Hauptwerck abermahls ist, so sind beyde auch nicht musicalisch, wie ich. Derowegen glaube steiff und feste, Ew. Hochwurd. und Hochgelahrtheiten, werden in Betrachtung meiner Person und angebohrnen Geschicklichkeit, mir dieses Kirchen- und Ehren-Amt, vor allen andern gonnen, wie ich mich denn dieserwegen gleich zum voraus bedancken will, damit Sie der Muhe uberhoben sind, noch eine DancksagungsSchrifft von mir durchzulesen, ich aber ebenfalls fernerer Schreiberey und Aufwands entubriget sey. Wegen der Bestallung, die sich jahrlich auf 10. fl. etliche Scheffel Getrayde ohne die Accidentien von Braut-Messen und dergleichen belaufft, will ihnen die Sorge alleine uberlassen, weil ich schon weiss, dass sie an dieser alten Stifftung, die noch ans den katholischen Wesen herruhrer, keine Aenderung machen, sondern es bey den alten Lochern lassen werden, doch bleibet Ihnen unverwehrer, eine Zulage entweder an baaren Gelde oder Getrayde zuthun, weil ich von dato an bestandig seyn und bleiben will

Ew. Hochwurd. und Hochgelahrtheiten

Meiner insonders Hochgeehrsten Herren

gehorsamer Burger und Calcante

bey Freude und Leyd

Michel Conrad N.

Es ist leicht zu erachten, dass die machtigen Beforderer uber dergleichen einfaltiges und doch hochtrabendes Memoriale nicht wenig werden gelacht haben, jedoch er bekam das Fiat gleich auf der Statte, mit der einzigen Bedingung, dass er sich von dem Stadt-Organisten erstlich solte tentiren lassen. Dieser nun war ein gantz besonderer Spaas-Vogel, und mochte entweder das Memoriale selbst gelesen, oder wenigstens den gantzen Inhalt gehoret haben, mithin wurde mein Schwager, der vielleicht noch nicht Zwirn genung im Kopff hatte, vollends zum Narren gemacht, denn weil er wegen seiner Probe durchaus ein schrifftliches Attestat von dem Organisten verlangete, erhielt er endlich folgendes: Ich Endes unterschriebener bekenne durch diese, dass Meister Michel Conrad N. bey seiner abgelegten Calcanten-Probe sehr wohl, und fast besser, als sein Antecessor bestanden, denn nachdem er von mir durch alle musicalische Regeln, die einem Kunstet fahrnen Calcanten zu observiren nothig sind, durchgenommen worden, so habe an ihm nichts auszusetzen gefunden, als dass er nicht so leicht moll als dur treten, oder, nach der Kunst zu schreiben, spielen kan, welches sich aber bey fernern Exercitio schon geben wird, denn der Mann hat in Wahrheit sehr feine Maniren an sich, welche sich ein anderer, der nicht von Jugend auf die Fusse unter dem Weber-Stuhle gehabt, nicht so leicht angewohnen mochte. Ubrigens ist er auch gegen andere gantz Unwissende in der Music gar sonderlich erfahren. Welches alles zu Steuer der Wahrheit mit Hand und Siegel bekrafftiget

N.N.

bestalter Stadt-Organiste.

In folgenden Zeiten hat dieser Organist fast immer seinen Schertz mit diesem gelehrten Calcanten getrieben, und ihm gemeiniglich die Thone angezeiget, aus welchen er treten solle, so dass derselbe auf die Gedancken gerath, das Werck konne unmoglich recht gehen, wenn er nicht vorhero mit dem Organisten behorige Abrede genommen hatte. Jedoch einesmahls, da der Organist unpass, und der Cantor, welcher ein sehr murrischer Mann war, die Orgel zur Music selbst spielen muste, kam mein Schwager eiligst hervor gelauffen, und fragte den Cantor: aus welchem Tone das Stucke gienge, ob es dur oder moll, auch was es vor Tact ware? der Cantor, welchem der Kopff eben nicht recht stund, wurde desto verdrusslicher, und und tretet eure Balge, oder ich werde euch die Wege weisen. Mein Schwager wolte dem ohngeacht lange nicht von der Stelle gehen, biss ihn endlich des Cantors zornige Gebarden zuruck in die Balg-Kammer trieben, dieser wegen aber ruhrete er dennoch keinen Balg an, woruber der Cantor, welcher wohl zehnmahl geklingelt hatte, immer rasend zu werden gedachte, denn die Music solte angehen, und in der Kirche wunderte sich ein jeder Mensch uber das lange Stillschweigen. Er schickte einen Schuler nach dem andern fort, um den Calcanten zum Treten anzumahnen, oder selbst die Balge zu treten, allein dieser stiess einen jeden zuruck, der ihm ins Handwerck fallen wolte, schwur auch hoch und theuer, er trate eher keinen Balg, biss ihm der Cantor sagen lassen, aus welchem Tone die Music gehen, und was es vor Tact seyn solte. Ich erbarmte mich endlich, nachdem ich erfahren, woran es lage, uber meinen wurmsichtigen Schwager, that, als ob ich dem Cantor gefragt und erfahren hatte: dass das musicalische Stucke aus dem fis moll gienge, und 5/4tel Tact ware, dahero er sich endlich bewegen liess, die Balge zu treten, der Cantor aber war dergestalt zum Eyffer, hergegen die Musicanten und Concertisten zum greulichen Gelachter gereitzt worden, so, dass immer eine Saue nach der andern heraus kam, biss endlich alles stecken blieb, und das gantze Stuck von neuen angefangen werden muste. So bald endlich die Music mit Kummer und Noth verbracht war, liess der Cantor einem Schuler den Glauben spielen, er aber lieff als eine Furie hinter in die Balg-Kammer, um meinen Schwager einen tuchtigen Ausputzer zu geben, da ihm nun dieser kein Wort verschwieg, liess sich der Cantor vom Zorne dergestalt ubermeistern, dass er dem Calcanten ein paar Maulschellen gab, dieser restituirte dieselben cum lnteresse, warff auch des Cantors schwartze Peruque zum Schall-Loche auf den Kirchhoff hinunter ihn aber selbst endlich zur Balg-Kammer hinaus, woruber eine abermahlige Unordnung entstund, denn mittlerweile waren die Balge aufgelauffen, wesswegen die Orgel stille schwieg, jedoch ich schlug mich noch ins Mittel, und vertrat die Vices meines Schwagers, welcher sich so wohl als der Cantor dergestalt ergifftet hatte, dass er kein Glied stille halten konte. Die Sache kam zur Klage und Untersuchung, mein Schwager aber war nicht faul, seine Defensions-Schrifft in folgenden Zeilen einzugeben.

P.P.

Der weise Hauss-Zucht- und Sitten-Lehrer Syrach schreibet im ersten Versicul des 8ten Capitels seines Buchleins die nachdencklichen Worte: Zancke nicht mit einem Gewaltigen, dass du ihm nicht in die Hande keine Ursache, mit mir zu zancken, vom Zaune gebrochen, auch mich mit den Tractamenten, womit er seine Schul-Jungens zu beneventiren pfleger, ich meyne, ein paar Maulschellen, verschonet, so wurde mich schwerlich jemand haben bereden konnen, dem ehrlichen Manne durch ein paar Dutzend Ohr- und Augen-Feigen, blaue Fenster zu machen, und ihm, in dem Grimme meines Zorns die schwartze ZodelPeruque zum Schall-Loche hinnaus zu werffen. Der Geitz ist eine Wurtzel alles Ubels, und also auch der Ehr-Geitz, ware der Cantor nicht so ehrgeitzig und eigensinnig gewesen, sondern hatte mit mir, als einer Haupt-Person bey der Kirchen-Music, sein uberlegt, wie das Stucke am besten zu practiciren und tractiren ware, so waren viele Solennitaten unterwegens geblieben, nehmlich, es waren keine Sauen gemacht worden, und die ubrige Prostibulation hatte auch unterwegens bleiben konnen. Davor muss ich sagen, dass der Organiste 1000. mahl mehr Verstand in seinem kleinen Finger hat, denn es wird mir und ihm, sonderlich, so lange ich die Calicanten Charge verwaltet habe, kein Mensch nachsagen konnen, dass wir nur das geringste Ferckel, geschweige denn solche Sauen in der Music gemacht hatten, als am vergangenen Sonntage herum gelauffen sind. In der Musica ist die Harmonica die allerschonste Tugend und diese muss sich nicht allein in den Geigen und Pfeiffen, sondern auch unter den Personen finden lassen, aber ich weiss gar wohl, dass es grobe Flegels giebt, welche den Calicanten weit geringer schatzen wollen, als einen Stadt-Pfeiffer-Jungen, der kaum in die Lehre getreten ist, welcher Unverstand aber von der loblichen StadtObrigkeit, billig nach befinden, mit ein paar Alten oder wohl gar Neuen-Schock-Straffe belegt werden solte. Ich hoffe also meine Unschuld klar genung dargethan zu haben, und weil ich ohnedem gewohnt bin, meine schrifftlichen Sachen sehr kurtz zu fassen so bitte Ew Hoch Ehrwurd. und Hochgelahrtheiten, mir in allen Dingen Recht zu sprechen, und dem Cantor, wenn sie ihm ja die Straffe schencken wollen, dahin anzuweisen, dass er sich in zukunfft besser mit mir confirmire, damit keine fernern Solennitaten verubt werden, denn wenn es auf das Punct horis, kommt, bin ich freylich sehr kutzlich, und lasse mir nicht gern im Maule mahten, vielweniger ins Amt greiffen, wie die Schuler am vergangenen Sonntage mit der Balgtreterey thun solten. Schliesslich habe noch zu erinnern, dass mir der Cantor am Sonntage Schuld gegeben, ich hatte mich im Brandteweine vollgesoffen wie ein Schwein, welches aber vor aller Welt erstuncken und erlogen ist, weil nicht mehr als vor einen Dreyer in mein Maul gekommen, verlange derowegen eine Abbitte, Ehren-Erklarung und Bezahlung des Schimpffs vor allen Leuten, die in der Kirchen gewesen sind. Ubrigens wunsche Ew. Hoch Ehrw und Hochgelahrtheiten wohl zu leben, und verbleibe etc. etc.

Dieses machte aber so wohl meinem Schwager als dem Cantori vielen Verdruss, und fehlete wenig, dass der erste nicht sehr zeitig wiederum den Dienst verlohren hatte, der andere aber sonsten gestrafft worden; Jedoch endlich wurde alles in der Gute beygelegt, ich weiss aber selbst nicht auf was vor Art, weil mich etliche aufruhrische Schuler beredeten, mit ihnen fort zu gehen, und eine andere Schule zu suchen, wo die Schuler nicht so strenge, als von unsern SchulCollegen gehalten wurden.

Ich war um selbige Zeit gleich 16. Jahr alt, und sung eine ziemlich seine Stimme, wormit ich mich bey dem Cantore dasiges Orts ziemlich recommendirte, so, dass er mir sehr gute Hospitia ausmachte, und allen Fleiss anwandte, mich zu einem perfecten Concertisten zu machen; worbey ich denn auch, was die Latinitt unter dem Rectore und Conrectore anbetraff, nicht unter die schlimmsten, jedoch auch nicht unter die besten zu rechnen war. Immittelst konte doch Jahr aus Jahr ein so viel verdienen, mich in Kleidung, Wasche und dergleichen selbst frey zu halten. Da aber drittehalb Jahr hernach eben derselbe Schulmeister, welcher in meinem Gebuhrts-Dorffe an meimeine Mutter solches so gleich schrifftlich berichten und rathen: ich solte eiligst nach Hause kommen, und um den Dienst anhalten, denn sie zweiffelte im geringsten nicht, dass ich so wohl im Orgel-spielen, als andern darzu gehorigen Wissenschafften, so viel wurde begriffen haben, noch eines weit wichtigern Dienstes wurdig zu seyn.

Diese Post war kaum eingelauffen, als in meinen Gedancken schon alles richtig war, bedaurete also nichts, als dass ich mir nur vor wenig Wochen ein Spannagel neues Farben-Kleid angeschafft hatte, jedoch mein bester Trost war, dass es konte schwartz gefarbet werden. Meine Mutter, die mich in so langer Zeit nicht gesehen, erfreuete sich hertzlich einen dergestalt ansehnlichen Sohn zu haben, wie nicht weniger unser Herr Hospes der Posamentirer, der einen besondern Estim und Liebe vor mich bezeigte. Ja, was noch mehr, so verliebte sich noch selbigen ersten Tages, dessen jungste Jungfer Tochter in mich, zu mahlen, da sie vernahm, dass ich anitzo in Begriff sey, um einen Schuldienst auf dem Dorffe anzuhalten, und mir dabey das Prdicat als Herr Cantor und Organiste geben zu lassen.

Ich machte nicht viel Schwurigkeiten, diesen gantz feinen Madgen meine Gegen-Liebe zu erkennen zu geben, uberreichte immittelst mein Bitt-Schreiben um den Schul-Dienst, gehoriges Orts, und bekam sehr gute Vertrostungen, wie denn auch der Raths verwandte Herr Posamentirer, sich viele Muhe gab, mich bey den Herrn Patronis bestens zu recommendiren, u. endlich selbst die sichere Nachricht brachte, dass mir seines Vorspruchs wegen der Dienst unmoglich entgehen konte. Ich wuste zur schuldigen Danckbarkeit vor seine vielfaltige Muhwaltung nichts bessers zu ersinnen, als ihn um seine 17. jahrige jungste Jungfer Tochter anzusprechen. Der gute Mann machte nicht viel Umschweiffe, sondern richtete gleich folgenden Tages einen kleinen Schmaus aus, worbey ich und dessen Jungfer Tochter ordentlich mit einander verlobt wurden. Lange Zeit hernach habe ich erstlich erfahren, dass er die groste Ursach gehabt also zu eilen, und seine Tochter mit Ehren unter die Haube zu bringen, denn weil sie jederzeit eine ungemeine Liebhaberin von Mannes-Fleisch gewesen, und er- der Vater selbst, die Tochter sehr offt des Nachts mit den Schulern auf der Strasse, nicht selten auch einen oder den andern in ihrer Schlaff-Kammer angetroffen hatte, so mochte derselbe befurchten, seiten ihrer, ehe als es ihm angenehm sey, Gross-Vater zu werden. Solchergestalt wurde ich in allergroster Geschwindigkeit ein Brautigam, und schatzte mich bey einer so schonen Liebste der gluckseligste Mensch von der Welt zu seyn, weil aber Gluck und Ungluck sehr selten weit von einander entfernet ist, so muste auch ich armer Schelm, solches zu meinem grosten Verdrusse erfahren, denn da ich schon alle Anstalten zu meiner bevorstehenden Cantors-Hausshaltung machte, bekam ein anderer den Dienst, und ich das Nachsehen.

Dieser Streich verdross mich dergestalt hefftig, dass ich so gleich noch in der ersten Bossheit einen Schwur that, nimmermehr wiederum um einen Kirchen- und Schul-Dienst anzuhalten, sondern bey meinem Schwieger-Vater das Posamentir-Handwerck zu erlernen, nach ausgestandenen Lehr-Jahren, Geselle und Meister auf einmahl zu werden, und hernach meine Braut darauf zu nehmen und zu ernehren. Mein Schwieger-Vater war zwar so wohl als die Braut ziemlich stutzig, jedoch das Verlobniss war ein vor allemahl geschehen, und ohnmoglich zu wiederruffen, weiln in Gegenwart sehr vieler Leute alle Ceremonien darbey observirt waren. Endlich muste sich auf Zureden meiner Mutter und anderer guten Freunde alles geben, denn mein Schwieger-Vater versprach: daferne ich mit seiner Tochter fein keusch und zuchtig leben wurde, er binnen zwey Jahren alles dahin bringen wolte, mich so wohl zum Meister, als vergnugten Ehe-Manne zu machen. Demnach wurde ich in meinem 19ten Jahre zum drittenmahle als ein Lehr Junge aufgedungen, und kame nachhero fast niemahls aus dem Hause, weil ich mich vor den Spott-Reden der Schneider und Leinweber-Jungen, am meisten aber vor den leichtfertigen Schulern furchte. Dieses nutzte indessen so viel, dass ich, ehe ein Jahr vergieng, das gantze Handwerck besser begriffen, als mancher, der schon etliche Jahr darauf gereiset war, denn mein Meister und Schwieger-Vater, liess wahrhafftig die schonsten und besten Sachen arbeiten, und hatte bestandig 8. biss 9. gangbare Stuhle, auch gemeiniglich 4. biss 5. recht wohl erfahrne Gesellen, die mir vor offtere freye Bier-Zechen, die kunstlichsten Sachen machen lerneten. Meine Liebste inzwischen war sehr ubel zufrieden, dass diese Jahre langer als 14. Tage lang daureten, und mochte wohl desto unvergnugter seyn, dass ich mich gar zu genau an meines Schwiegers-Vaters Lehren band, und ihr, ausser einem keuschen Kusse, weiter keine nachdrucklichern Liebkosungen erwiese, jedoch, ich glaube mein Schutz-Engel hat mich dessfalls von vielen Verdrusslichkeiten zuruck gehalten, denn, da mein anderes Lehr-Jahr schon etwas uber die Helffte verlauffen war, kam erstlich meine jungste Schwester, und 5. Tage hernach, meine Liebste, jede mit einem jungen, wohlgestalten Sohnlein darnieder. Die erste bekandte auf meinen Herrn Schwieger-Vater, und die letztere auf meine Personalitat. Ich, der ich mich in meinem Gewissen von dieser Schuld vollkommen rein befand, wurde dergestalt ergrimmt, dass meinen alten Degen ergriff, und so wohl den Schand-Mutz in ihrem Wochen-Bette, als auch den Schwieger-Vater selbst erstechen wolte. Jedoch meine Mutter schlug sich ins Mittel, und eroffnete mir das Verstandniss, durch den Bericht, dass der alte Susannen-Bruder meine Schwester zu heyrathen, mir aber 200. Thlr. im Voraus zu geben versprochen, wenn ich seiner losen Tochter Kind, vor das meinige annehmen wolte; welches ihr eigentlich ein abgereiseter Schuler hinterlassen hatte.

Wider den ersten Punct, dass nehmlich aus dem Schwieger-Vater ein Schwager werden solte; hatte ich nicht das geringste einzuwenden, allein vor meine Person fand ich hochst unbillig, eines andern SchandBalg anzunehmen, vielmehr verschwur ich mich hoch und theuer, diesen Schimpff mit Blute auszuwischen, wenn man mich nicht, noch ehe es Abend wurde, mit baaren Gelde befriedigte, und den Leuten den rechten Vater des Hur-Kindes bekandt machte. Uber dieses sprach ich ferner, ware es nicht genung, dass der alte geile Bock meine Schwester nunmehro als eine geschandete heyrathete, denn da sie ihm als Frau gut genug zu seyn geschienen, hatte er sie wohl in Ehren darzu verlangen, und annehmen konnen, weil sie ehrlicher Leute Kind, und noch bessern Herkommens, als er selbst sey. Ich wuste aber schon, war mein Zusatz, was ich vor einen Streich zu spielen bey mir beschlossen hatte. Diese und dergleichen Drohungen, worbey ich den blossen Degen nicht von abhanden kommen liess, wurckten so viel, dass ich binnen wenig Stunden von dem Alten durch meine Mutter 100. Thlr. baar Geld ausgezahlet bekam, mit dem Bedeuten, dass wenn ich das Hauss verlassen, und die ubrigen wenigen Lehr-Monate bey einem andern Stadt-Meister ausstehen wolte, ich noch ein Stucke Geld auf die Reise bekommen solte.

Das war Wasser auf meine Muhle, derowegen nahm kein Bedencken, meiner Mutter Zuredungen gehorsame Folge zu leisten, begab mich auch also fort zu einem andern Meister, stund meine Zeit vollends aus, empfieng hernach von dem neuen Schwager, welcher meine Schwester wurcklich geheyrather hatte noch 50. Thlr. ohngeacht ich nach der Zeit seine Schwelle nicht wieder betreten, vielweniger meine gewesene Liebste des Ansehens gewurdiget hatte, und reisete zu Ende des 1721ten Jahres in die Frembde, liess auch keinen Heller von meinem Gelde zu Hause, ausgenommen das wenige Erbtheil, welches meiner Mutter verblieb, weil ich den gantzlichen Vorsatz hatte, nimmermehr wieder in mein Vaterland zuruck zu kehren, doch habe drey Jahre hernach von einem Lands-Manne in Hamburg erfahren, dass mein Mitbuhler und Vorfischer, etwa anderthalb Jahr hernach, seine Geschwachte nebst dem Kinde abgeholet, und sich mit ihr trauen lassen; weil er den OrganistenDienst in einer kleinen Stadt nebst der Stadt schreiberey uberkommen. Also muste diese Jungfer scil. dennoch auf einen Gelehrten fallen.

Ich habe nachhero in meiner 3. biss vierdtehalbjahrigen Reise-Zeit manchen lustigen Streich gespielet, indem ich mich zuweilen vor einen verdorbenen Studenten, zuweilen vor einen Schneider- oder Leinweber-Purschen ausgegeben, so lacherlich aber dieselben Streiche gewesen, so weiss ich doch, dass mein Gewissen von groben Sunden und Bossheiten befreyet geblieben. Es mogen dieselben biss auf andere Gelegenheiten zum Erzehten ausgesetzt bleiben, voritzo will zum Beschlusse nur noch melden, dass nachdem ich mir an verschiedenen Orten ein massiges Stuckgen Geld zu demjenigen, welches ich von Hause mitgenommen, gesammlet hatte, ich mir endlich in Hamburg die Lust ankommen liess, eine Reise nach Ost-Indien vorzunehmen, weil ich vernommen, dass offt ein armer Schelm, der keinen Thaler im Vermogen gehabt, binnen 3. oder 4. Jahren etliche hundert biss 1000. Thaler mit zuruck gebracht. In solchen Absichten reisete ich also nach Amsterdam, erkundigte mich nach Schiffen, die nach Ost-Indien reiseten, und wurde endlich unvermuthet zu des Herrn Capitain Wolffgangs bevollmachtigten Mons. Horn gefuhret, der mich biss auf die Zuruckkunfft des Herrn Capitains mit Warte-Geldern versahe, und endlich in Dienste brachte, denn gegenwartiger Herr Wolffgang liess sich mein immer aufgeraumtes Humeur vor andern wohlgefallen und sagte, dass er mir sonderlich wegen der Profession gewogen, weil er selbsten eines Posamentirers Sohn sey. Ich kan nicht anders sagen, sondern muss es vielmehr mit schuldigsten Danck erkennen, dass er mich auf dem Schiffs vor verschiedenen andern Mit-Reisenden sonderlich distinguirt, und endlich auf dieser Insul vollkommen glucklich gemacht hat. Der Himmel gebe ihm die Vergeltung davor, ich aber werde Zeit Lebens bemuhet seyn, mich hiesiges Orts so auf zufuhren, dass ihnen, meine Herrn, hoffentlich nicht gereuen soll, meine Wenigkeit in ihre Freund- und Schwiegerschafft aufgenommen zu haben.

Hiermit beschloss Mons. Harckert die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht, und wir waren eben im Begriff uns zur Abreise zu schicken, da der Tischler Lademann kam, und nach Mons. Litzbergen fragte, welcher schon vor langer als einer Stunde nach Roberts-Raum voraus gegangen sey. Indem wir aber von demselben weder etwas gesehen noch gehoret hatten, war die Verwunderung desto grosser, und wir fiengen fast an, uns ein oder andere Sorge uber dessen Aussenbleiben zu machen, schickten auch einen Bothen in die Weinberge um zu erfahren, ob er sich etwa bey dasigen Wachtern befande, um die frembden Affen vertreiben zu helffen, allein unsere Bekummerniss war nicht allein vergebens, sondern verwandelte sich endlich in das allerangenehmste Vergnugen, denn nachdem sich der Alt-Vater durch Mons. Harckerts, und anderer, vielfaltiges Bitten endlich bereden lassen: diese Nacht nebst uns allen seinen Gefahrten in Roberts-Raum zu schlaffen, liess sich mit hereinbrechenden Abend, im dicken Gebusche des Gartens, ein Saytenspiel horen, welches wir in moglichster Stille bewunderten, und nach langen prludiren endlich von einer artigen Tenor-Stimme, folgende Cantata unter dem Sayten-Klange vernahmen.

Aria.

Nicht alles und doch alles haben,

Scheint zwar ein dunckler

Spruch zu seyn;

Doch trifft er bey Vergnugten ein.

Die alle, lernen viel verachten,

Da viele sonst nach allen trachten,

Denn vielen ist die Welt zu klein,

Ihr Lecker. Maul recht wohl zu laben.

Da Capo.

Recit.

Wir Felsenburger sind Die Reichsten auf der Welt Das macht, wir lassen uns begnugen Mit dem, was unser Feld, Wald, Fluss und See zur Nothdurfft reicht. Hier weht kein seichter Wollust-Wind. Hier kan so leicht kein eitler Wahn betrugen. Hier wird die schwerste Arbeit leicht. Hier ist ein irrdisch Paradiess. Hier schmeckt, was andern bitter scheint, Recht Zucker suss. Hier wird der Nahme, Freund, Mit Ernst und Wahrheit ausgesprochen; Hier ist ja, ja, und nein ist nein. Hier wird durch falschen Schein Kein zugesagtes Wort gebrochen, Hier hort man nichts von Grantz- und andern Streite. Denn kurtz gesagt: wir sind vergnugte Leute.

Aria.

Wucher, Hoffart, eitler Tand,

Setzen sonst das beste Land

Leicht in volle Glut und Brand,

Himmel steure diesen Feinden,

Dass sie uns vertrauten Freunden

Niemahls ins Gehege gehn.

Lass uns nach der alten Weise,

Uns zum Nutzen, dir zum Preise

Ihnen krafftig widerstehn.

Da Capo.

Recit.

Bleib weg von uns du toller Kleider-Pracht! Hier wird dein Gauckel-Spiel ins Fausigen

ausgelacht.

Was helffen uns Brabandsche Spitzen, Die nicht einmal zu guten Zunder nutzen? Was sollen Frantzen, Knotgen, Gold und Silber

Band?

Was nutzt die Seyden-Waare? Was, die gekrauselten und falschen Haare? Hat nicht so mancher kluger Geist Dergleichen Werck, auch wo es Mode heist: Vor Quackeley und Affen-Spiel erkannt? Drum wollen wir bey unsrer Einfalt bleiben, Und doch die Zeit In sussester Zufriedenheit Gantz fein vertreiben? Die Frommigkeit sey unser schonstes Feyer-Kleid, Und Tugend unser alle Tags-Gewand; Hiernachst wird See und Land Schon so viel Flachs und Thiere geben: Worvon, so lange wir auf Erden leben, Weib, Kind und Mann Die Kleidung rein und zierlich haben kan.

Aria.

So sind wir denn alle nach Wunsche zufrieden,

So lange die Wurtzel des Ubels nicht grunt.

Zwar sind wir nicht alle von Fehlern befreyet,

Der Saame, den Satan in Eden gestreuet,

Wird wider Vermuthen gar offters erquick;

Jedennoch durch Fasten und Beten erstickt.

Indessen wird vieles was Eitel vermieden,

Das manchen vor diesen zum Falle gedient.

Da Capo.

Es ist unbeschreiblich, was diese unvermuthete Neuigkeit vor ein gantz besonderes Vergnugen in aller Anwesenden Hertzen verursachte, ja es ist leichtlich zu glauben, dass die auf der Insul gezogen und gebohren, unsern lieben Litzberg, als welcher eben die vortreffliche Music machte, gantz erstaunend bewundert haben, denn weilen seit anno 1661. da ein naseweiser Affe des Alt-Vaters eintziges musicalisches Instrument, nemlich die vom Lemelie ererbte Cyther zerlastert, niemand weiter das geringste von einem Sayten-Spiele gehoret hatte, war die Verwunderung desto grosser. Es hatte aber Mons. Litzberg nebst dem Tischler Lademannen, schon seit einem halben Jahre her, jedoch in aller Stille und Heimlichkeit an diesem Instrumente gearbeitet, ehe sie dasselbe, sonderlich der Sayten wegen zum Stande gebracht, jedoch dergleichen inventieusen Kopffen wie diese beyden hatten, muste so zu sagen alles nach Wunsche gehen, denn wie ich nachhero gesehen, war von ihnen eine solche Menge allerley Sayten bereitet worden, und zwar aus den Darmen der wilden und zahmen Ziegen, wie auch anderer Thiere, dass man wohl noch 200. dergleichen Instrumente, als dieses, welches die ziemliche, doch in etwas weniges veranderte Gestalt einer Laute zeigte, hatte damit beziehen konnen.

Mons. Litzberg spielete hierauf, zu unserm Vergnugen, noch verschiedene andere artige Stucke, und accompagnirte wechselsweise mit seiner anmuthigen Stimme, bis endlich der liebe Alt-Vater gegen Mitternacht hierdurch in einen sussen Schlaff gebracht wurde, wesswegen wir ubrigen uns nach ihm richteten, und samtlich die Ruhe suchten, folgenden Tages aber nach eingenommenen Fruhe-Stucke erstlich gegen Mittag wiederum von einander reiseten.

Zeitwahrender Wein-Lese machten wir uns samtlich bald in dieser, bald in jener Pflantz-Stadt ein und andere vergnugte Veranderung, so bald aber dieselbe vorbey, alles eingesammlet, und zur neuen BestellZeit behorige Anstalt gemacht war, ersuchte ich den Alt-Vater mir nebst andern Europaern und denen, so ausser dem noch Lust darzu hatten, eine Fahrt zur See auf die benachbarte Insul Klein-Felsenburg zu thun. Er liess sich durch unablassiges Anhalten endlich bereden, zumahlen da der Vater David Julius, alias Rawkin, sich zum Schiffs-Patrone anboth, derowegen wurde das in der Bucht liegende Schiff, binnen wenig Tagen vollig ausgebessert, worauf wir samtlichen letzt angekommenen Europaer, ausgenommen Herr Mag. Schmeltzer und Herr Wolffgang uns am 28. Apr. 1727. embarquirten, und die Reife bey guten Wetter und Winde antraten. Es war eben kein allzustarcker Hazard dergleichen Fahrt vorzunehmen, denn wir gelangeten in wenig Stunden auf der lustigen Insul Klein-Felsenburg, und zwar in dem vortrefflichen Hafen an, welcher auf dem beygefugten KupfferStiche mit A bezeichnet ist. Der Ort, wo wir bequemlich aussteigen konten, ist mit B. bemerckt, und hieselbst baueten wir samtlichen an der Zahl 36. Personen, in der Geschwindigkeit 6. geraumliche LauberHutten von abgehauenen Baum-Aesten auf, vergassen auch nicht, aus denen 3. mitgenommenen kleinen Canonen, eine dreymahlige Salve zu geben, um unsern Freunden in Gross-Felsenburg kund zu thun: dass wir glucklich angelandet waren, worauf uns dieselben gleichfalls dreymahlige Antwort gaben.

Diesen ersten halben Tag brachten wir also mit Untersuchung der Nordlichen Gegend zu, durchstreifften dieselbe, so weit uns die ziemlich angelauffenen Wasser-Flusse das Gehen erlaubten, nemlich wie auf dem Kupffer-Stiche zu sehen, von B. zu C.D.E.F. und an den Ort B, allwo unsere Hutten aufgebauet waren. Wir hatten, ausser unzahligen fruchtbaren Baumen vortrefflicher Graserey, sussen Wasser-Bachen und der mit D. bezeichneten saltzigen See, worinnen sich eine grosse Menge Fische aufhielt, nichts sonder- und wunderbares angemerckt, als einen unvergleichlich fetten Erdboden, der ungemein geschickt ware seinen Art-Leuten die angewandte Muhe und BestellungsKosten zu ersetzen, ingleichen eben die Arten von Wildprat, Ziegen und Vogeln, wie sich dieselben auf der Insul Gross-Felsenburg befanden, jedoch wir stelleten keinen nach, indem wir Proviant zur Gnuge bey uns fuhreten, auch zum Zugemuse noch allerhand frische Fruchte, Krauter und Wurtzeln erblickten. Kurtz zu melden, dieses Land hatte mit dem Gross-Felsenburgischen fast einerley Art, nur dass allhier die blosse Natur, dorten aber zugleich die menschlichen Kunste und Wissenschafften mit wurckten. Folgendes Tages fuhren wir mit zwey kleinen Booten in die durch den Meer-Busen abgesonderte Westliche Gegend G. wanderten hinunter biss an die Nord-Spitze, von dar mehrentheils am Gestade, zuruck biss an das Geburge H. allwo wir die Mittags-Stunden uber ausruheten, etwas von unsern mitgenommenen Speisen zur Erquickung nahmen, hernach das Geburge umgiengen, die SudEcke I. betrachteten, abermahls einen grossen MeerBusen K. und weiter hin die grosse See L. antraffen, und endlich zuruck an den Ort kamen, wo der in die kleine See lauffende Fluss die kleine Insul C. macht. Allhier uberfiel uns die Nacht, wesswegen wir uns bey einem angemachten Feuer niederlagerten, und in guter Ruhe biss zu Aufgang der Sonne schlieffen. Wir hatten also nur noch das Oestliche Theil der Insul zu betrachten, vor uns, weil aber der Strohm, der sich aus der grossen in die kleine See ergoss, gestriges Tages allzu breit und tieff befunden worden, solte, um alle Gefahr zu vermeiden, der Ruckweg zu den Booten angetreten werden; Allein der Tuchmacher Lorenz Wetterlingund der Botticher Melchior Garbe, hiessen uns ohne alle Sorge auf der Statte warten, und sie nur machen zu lassen, indem sie durch den Strohm schwimmen, und ehe 2. Stunden verlieffen, mit den Booten bey uns seyn wolten. Es wolte zwar keiner von uns darein willigen, sondern viel lieber den Ruckweg in Compagnie antreten, allein sie liessen sich nicht wehren, schwummen auch bey der kleinen Insul um die Gegend a. glucklich durchhin, und kamen noch, ehe wir uns dessen versahen, in einem Boote den Fluss herunter gefahren, schleppten auch das andere angebundene Boot hinter sich her, nahmen uns ein, so dass wir die kleine See durch passiren, und in der Gegend M. aussteigen konten. Nachdem die Boote befestiget, besahen wir erstlich die grosse See von dieser Seite, kosteten deren Wasser, und befanden dasselbe, ohngeacht verschiedene susse Bache hinein flossen, gantz grausam saltzig, wesswegen Mons. Litzberg par curiositee ein Feuer anmachte, eine kupfferne Schaale mit diesem See-Wasser angefullet, darauf setzte, selbiges verrauchen liess, und gar bald das vortrefflichste Saltz abschaumete. Nach diesen, schlugen wir uns lincker Hand, nach dem grossen Geburge N. zu, umgiengen und bestiegen dasselbe, fanden zwar Merckmahle, dass selbiges Ertz oberhalb aber keine Weinstocke, wie das Unserige in Gross-Felsenburg truge. Hierauf vertheileten wir uns offters in 2, offters auch in 3. Partheyen, durchstreifften den Wald und die steilen Klippen am Ufer gegen Osten zu, fanden aber nichts besonderes als eine ungemeine hohe Felsen-Spitze, welche entsetzlich hoch in die Hohe lieff, und kaum auf die Helffte zu erklettern war. Mons. Litzberg, Lademann, Plager und ich waren dennoch so curieux so weit hinauf zu steigen, als ohne allergroste Gefahr moglich war, unsere Muhe aber war nicht gantzlich vergebens, denn wir entdeckten durch ein mitgenommenes 8. Fuss langes Perspectiv, gegen den Suder-Pol zu, ein gross Stucke Land, welches nach Mons. Litzbergs Meynung ohngefehr 40. biss 50. Meilen von uns entfernet, und dem Augenmasse nach wenigstens etliche 30. oder mehr Meile in der Breite halten musse, die Lange aber, von uns gegen Suden zu, war nicht anzumercken. Alle unsere Gefahrten, die etwas von der Geographie verstunden, glaubten fest, dass dieses ein den Europaern noch gantz unbekandtes Land seyn musse, weil man auf keiner eintzigen Land- oder See-Carte um diese Gegend etwas angemerckt befunden. Ware es nach unsern Kopffen, und nicht wieder des Alt-Vaters expressen Befehl gegangen, so hatten wir gleich folgenden Tages unsere Seegel dahin gerichtet, so aber muste es unterbleiben. Immittelst kamen wir auf dem Platze P. alle 36. Mann ohnbeschadigt wieder zusammen, kochten ein Gerichte Fische, welche etliche der Unsen aus den Bachen gefangen hatten, hielten noch ein und anderes Gesprach uber das neu-erblickte Land, und schlieffen mit einbrechender Nacht bey dem Feuer ohn alle Sorgen ein.

Am vierdten Tage unseres Daseyns wurde endlich der ubrige Theil der Oestl. Gegend vollends ausgekundschafft, da aber weiter nichts sonderliches merckwurdiges zu betrachten vorkam, machten wir beyzeiten Feyerabend, schossen jedoch ein kleines Wild, um das auf dieser Insul erzeugte Wildprat theils gekocht, theils gebraten zu versuchen, befanden aber gegen unser Gross-Felsenburgisches nicht den geringsten Unterschied. Nachstfolgenden funfften Tages setzen wir uns bey der kleinen See in aller Fruhe wieder in unsere Boote, ruderten den Strohm hinauf, wendeten uns aber uber der kleinen Insul um, und kamen gegen Mittag auf der mit B. bezeichneten Stadte an, allwo unser Schiff vor Ancker liegend, und die aufgebaueten Lauber-Hutten annoch unversehrt angetroffen wurden. Es gefiel uns allen noch eine Nacht in diesen, noch ziemlich frischen Laub-Hutten zu schlaffen, derowegen wendeten wir den ubrigen Theil des Tages darzu an, eine grosse Menge derer besten Fruchte, Krauter und Wurtzeln aufs Schiff zu schaffen, um solches unsern Freunden zum Schertz als etwas seltsames mitzubringen. Lademann, Herrlich und andere mehr machten sich indessen ebenfalls unothige Muhe, indem sie verschiedene gerade Baume und Stangen umhieben, und dieselbe zum mitnehmen mit groster Muhe aufs Schiff schafften. Mons. Litzberg nahm zur Curiositee sein gesottenes Saltz, Plager aber eine grosse Menge Ertzhaltige Steine aus dem Geburge mit, als woran er sich nebst etlichen andern fast halb kranck getragen hatte, wir lachten ihn dieserwegen ziemlich aus, allein er lachte wieder und sagte: Meine lieben Herren, es wird schon die Zeit kommen, dass ihr oder eure Kinder Glocken, Brau-Pfannen, Kessel und anderes Kupffer und Messing-Geschirr verlangen werdet, ists nun nicht gut, wenn man weiss, wo das darzu benothigte Ertz zu suchen ist? Solchergestalt musten wir ihm in Wahrheit recht geben.

Nachdem aber alles seine Richtigkeit, auch Mons. Litzberg den ohngefahren Abriss von dieser kleinen Insul, welche er auf dem Geburge vollig ubersehen konnen, verfertiget hatte, kehreten wir Sonnabends den 3ten Maji wiederum zuruck aufs Schiff und bald Nachmittags zu der Insul Gross-Felsenburg, allwo uns unsere Freunde, erstlich, nachdem wir sie mit 3. Salven gegrusset, gleichfalls mit etlichen Stuck-Schussen, bey glucklicher Anlandung aber dergestalt hertzlich bewillkommeten, als ob wir 10. Jahr aussen gewesen waren, und die halbe Welt umseegelt hatten. Ein jeder, der sich herbey nahete, wurde mit ausland. sogenandten Fruchten beschenckt, welches ein hertzliches Gelachter, sonderlich bey dem Alt-Vater erweckte, denn er bekam den besten Theil, uber dieses statteten wir ihm einen richtigen Rapport von unserer Untersuchung der kleinen Insul ab. Da aber Mons. Litzberg auf das erblickte unbekandte Land kam, und zu vernehmen gab; wie er sehr grosse Lust hatte selbiges genauer zu betrachten, sprach der Alt-Vater: Mein Sohn! dieses Land haben ich und der alte Amias schon vor vielen Jahren, nur aber zu gewissen Zeiten, wenn das Wetter nicht allzu klar und auch nicht gantz trube gewesen, ohne Perspectiv gesehen. Ich glaube selbst, dass es eines von den gegen den Suder-Pol gelegenen unbekandten Landern auch vielleicht unbewohnt und dennoch fruchtbar, aber auch wol nur ein blosser Schatten oder Blendwerck der Augen seyn kan. Allein, gesetzt auch, dass es ein wurckliches gutes Land ware, was nutzet uns, sonderlich anitzo, dergleichen Untersuchung, genung wenn wir unsern Nachkommen hiervon einige Nachricht hinterlassen. Es wird, wie ich glaube, noch eine ziemliche Zeit hingehen, ehe sich meine Geschlechter dergestalt vermehren, dass sie auf Gross- und Klein-Felsenburg nicht mehr Platz und Nahrung haben konnen, als denn ist es erstlich Zeit, dass sie sich nach andern Insuln oder festen Landern umsehen. Bey jetzigen Umstanden aber und ferner in einem Seculo oder noch langer, ware es mit unter die eiteln Luste zu rechnen, wenn sich jemand grosse Muhe dieserhalb geben wolte. Denn was solte wohl an solchen Orten zu suchen seyn, welches wir nicht in grossen Uberfluss besassen, oder wenigstens entrathen konten. Demnach schameten wir uns wegen des neuentdeckten Landes samtlich dermassen, dass hinfuhro in Gegenwart des Alt-Vaters, ferner kein eintziger ein Wort davon erwehnen wolte, zumahlen da uns itzo Herr Mag. Schmeltzer und Herr Wolffgang ziemlich damit aufzogen.

Immittelst war doch nunmehro auch diese Neugierigkeit und Lust gebusset worden, bald hernach ruckte die etwas rauhere Herbst- und Winters-Zeit heran, welche aber unser Vergnugen keinesweges stohrete, denn nunmehro war ein jeder, sonderlich zur RegenZeit desto fleissiger seine Hauss-Arbeit, die unter dem Dache verrichtet werden konte, vorzunehmen.

Monsieur Litzberg, Lademann, Plager und Herrlich brachten bey dieser Zeit zwey vollkommen gute Clavicordia zuwege, und schenckten eins darvon auf die Albertus-Burg, damit zuweilen Herr Mag. Schmeltzer oder ich, uns darauf uben und dem AltVater die lange Weile vertreiben konten. Die DratSeyten hatte Mons. Plager hierzu gezogen, und guten Theils ubersponnen, als warum Lademann anfanglich die meiste Sorge getragen. Ausser diesen wurden auch bald 2. Violinen und eine Bass-Geige fertig, welche zwar nicht alle Europaische Zierrathen, jedoch einen sehr guten Klang hatten. Demnach befanden wir uns im Stande eine vollstimmige Music zu machen, wenn nehmlich Mons. Litzberg die Laute, Kramer und Herckert die Violinen, Lademann den Violon, ich aber das Clavier spielete, und weil Mons. Litzberg, sonderlich aber Herr Mag. Schmeltzer etwas von der Composition verstunden, so wurde gar bald Anstalt zu einer Kirchen-Music gemacht, und selbige auch nicht selten zu allerseitigen Vergnugen abgelegt. Unter unserer studirenden Jugend fanden sich gar geschwind tuchtige Subjecta, so wol zur Vocal- als Instrumental-Music, und weil Lademann nebst seinen Lehrlingen nach und nach immer mehr dergleichen Instrumente verfertigten, war kein Zweiffel binnen weniger Zeit ein vollkommenes Chor zu bestellen.

Endlich liess sich der kunstliche Lademann gar in den Sinn kommen, eine Orgel in die Kirche zu bauen, indem er sich derer, in der Nonnen-Kirche erlernten Wissenschafften, annoch sehr wohl erinnerte, und da ihm vollends Herr Mag. Schmeltzer in vielen Stucken und sonderbaren Vortheilen Rath zu geben, auch wurckliche Hulffe zu leisten versprach, liess er alle andere nicht so gar nothige Arbeit liegen, und fieng mitten im Winter an das Holtz zum Gehause zuzurichten. Die Pfeiffen solten erstlich von ordinairen OrgelBauer-Metall gemacht werden, nachdem aber weiter von der Sache gesprochen worden, liess der Alt-Vater durch mich, aus seiner Schatz-Kammer, verschiene Silber-Klumpen hervor langen, da sich denn Mons. Plager so gleich verobligirte: mit Morgenthals und ihrer beyder Lehrlinge Hulffe, die Platten zu den Pfeiffen behorig auszuarbeiten, und nach Lademanns Anweisung zusammen zu lothen. Jedoch weil dieses vortreffliche Werck im 1728. Jahre noch nicht einmal zur Helffte gebracht war, und ich Eberhard Julius daruber nach Europa gereiset bin, kan ich dessen Zustand der Gebuhr nach voritzo nicht beschreiben, hoffe aber selbiges, bey meiner Zuruckkunfft meistens fertig, zu finden, da ich denn nicht ermangeln werde, meinem Europaischen Herrn Correspondenten, durch den Capitain Horn auch dessfalls sichern Bericht abzustatten.

Hergegen hatte Mons. Plager zu Ausgange des Monaths Julii 1727. seine vor einiger Zeit angefangene grosse Uhr vollkommen zur Richtigkeit gebracht, auch bereits zwey Schaalen oder Glocken darzu gegossen, worvon die Vierthel-Seiger-Glocke 55, die vollschlagende aber 112. Pf. wog, Es war unter seiner zugerichteten Glocken-Speise mehr als die Helffte Silber, woher dann ein vortrefflich rein und heller Klang entstund. Demnach wurde die Uhr in den ersten Tagen des August-Monaths oben auf die Albertus-Burg gestellet, und konte solchergestalt fast von den meisten Einwohnern gehoret werden, welches eine unaussprechliche Freude unter dem gantzen Volcke verursachte.

Von allen unsern Europaern war nunmehro um diese Zeit kein eintziger mehr ubrig, der seine besondere Profession nicht behorig hatte treiben konnen: als Kleemann der Pappier-Muller, und Wetterling der Tuchmacher, dem letztern zu Gefallen brach Lademann von seinem hochst-fleissigen Orgelbauen einige Tage ab, und verfertigte ihm in kurtzer Zeit 2. tuchtige Tuchmacher-Stuhle, vor das ubrige war der Meister Tuchmacher selbst besorgt, brachte es auch in wenig Wochen dahin, so viel Baumwollen-Garn aufzuziehen, darvon er zur ersten Probe wenigstens 80. Ellen Zeug oder Tuch, wovor man es halten wolte, darlegen konte. Spinnerinnen fanden sich zur Gnuge an, wie denn auch zwey tuchtige Lehr-Pursche, derowegen wunschte Wetterling, dass sich nur unsere Schaaffe taglich vermehren mochten, um sattsame Wolle zu rechtschaffenen Tuchern zu bekommen, auch war der Drechsler so behulfflich, ihm etliche Woll-Rader zu machen, worauf er die Weibs-Personen spinnen lehrete, und also war der Wunsch dieses fleissigen Arbeiters zum wenigsten auf die Helffte erfullet, indem er mittler weile entweder lauter Baumwollen, oder zur Helffte leinen Garn wurcken konte.

Uber den Pappiermuller Kleemann erbarmete sich unser ehrlicher Muller Kratzer, und machte den Anfang, ihm eine Pappier-Muhle bauen zu helffen, welche der gute Kleemann zwar bey seiner Wohnung selbst errichten, aber nicht zum Stande bringen konnen. Jedoch weil es noch zur Zeit ohnedem an gnugsamen Materialien zur Pappiermacherey fehlete, gieng es nicht eben allzu hurtig mit dem MuhlenBaue zu allein er hat dennoch endlich im Mittel des 1728ten Jahres seine erste Probe so wol mit sehr feinen weissen, als auch andern schlechten Sorten von Pappier abgelegt, welches uns allen zu sonderbaren Vergnugen gereichte, zumahlen da auch er seine Profession auf die Insulaner fortzupflantzen bereit war, und dieserwegen gleich anfanglich 3. junge Pursche auf ein mahl in die Lehre nahm.

Also stunde es nun um damahlige Zeit mit unsern Kunstlern und Handwercks-Leuten, denn indem dieselben ihren Fleiss den sammtlichen Gemeinden zum besten anwendeten, so waren im Gegentheil nicht allein ihre Weiber besorgt, die Hausshaltungs- und Nahrungs-Mittel anzuschaffen, sondern es wurde einem jeden an Getrayde und Victualien durch ihre Nachbarn und Freunde dermassen viel zugetragen, dass sie in allen Dingen bestandigen Uberfluss hatten.

Herr Mag. Schmeltzer, Monsieur Litzberg, Herr Wolffang und ich waren immittelst taglich bemuhet, unsere angenommenen Schuler auf solche Art wie schon oben erwehnet, zu informiren, und weilen nunmehro seit kurtzem auch das Studium musicum darzu gekommen war, brachten wir samtlich sehr wenig Stunden mussig zu, der Alt-Vater hatte sein innigliches Vergnugen, die Jugend also fleissig zu sehen, besuchte derowegen sehr offters die Schul-Stuben, ausser dem aber vertrieb er seine Zeit mit Lesung geistlicher Bucher, ingleichen seine Chronicke ordentlich fort zu schreiben, weil ihm biss dato die Augen noch sehr klar und helle waren.

Solchergestalt befand sich das Kirchen-Schul- und Hauss-Wesen eins so wol als das andere in vollkommen guten Stande, Kummer, Sorge und andere Verdrusslichkeiten aber, waren uns gantzlich unbewust. Nur allein befand sich in meiner Seele sehr offters eine grosse Betrubnis, wenn ich an meine zuruckgelassene Schwester, vornehmlich aber an meinen lieben Vater Franz Martin Julium gedachte, als von welchem ich nicht wuste ob er unter die Todten oder Lebendigen zu zahlen sey. Demnach wartete ich in Wahrheit mit einiger Ungedult auf die Zuruckkunfft des Capitains Horns, und beschloss gantzlich, dass wo derselbe aufs langste vor Ablauff des 1728ten Jahres nicht kame, ich sodann dem Alt-Vater keine Ruhe lassen wolte, bis er mich mit benothigter Fracht an Gold, Perlen und Edlen-Steinen auf die Insul St. Helen schiffen liesse, von wannen ich dann schon weiter zu kommen trauete, um zu erfahren, ob sich mein lieber Vater bey unsern guten Freunden nicht etwa gemeldet hatte; oder da ich ja nicht so glucklich seyn solte, von ihm sichere Nachricht einzuziehen; so war doch mein ernstlicher Vorsatz durch Bezahlung seiner Schulden ihn von aller ublen Nachrede zu befreyen, nachst dem bey ein oder andern guten Freunde ihm einen schrifftlichen Bericht von meinem erlangten Glucke und dem Orte meines Aufenthalts zu hinterlassen, nachst diesen allen Fleiss anzulegen, meine Schwester zur ReiseGefahrtin auf die Insul Felsenburg zu bereden, jedoch daferne sich dieselbe annoch in ihrem ledigen Stande befande, widrigenfalls ich ihr nicht das geringste von meinem Schicksaal zu eroffnen, sondern sie nur mit einem kostbaren Geschencke abzu, fertigen beschloss. Dieses waren also meine eintzigen Grillen, welche durch Gedult zu unterdrucken, ich genugsame Muhe anwenden muste, jedoch die taglich sehr vielfaltig abwechslenden Geschaffte musten die besten SorgenVertreiber seyn, und ausser diesen konten die musicalischen Instrumenta, sonderlich aber mein Vogel mir manches Vergnugen erwecken. Denn dieses artige Thier hatte sich sehr viel vergnugende Redens-Arten, auch andere lustige Streiche angewohnen lassen, und guten Theils selbst aufgefangen, welche es zuweilen von ohngefehr zu groster Verwunderung und Gelachter aller Anwesenden sehr artig anzubringen wuste. Ich hatte meiner liebsten Cordula ungemein gern ein Prsent mit diesen schonen Vogel gemacht, weil aber der Alt-Vater sich selbst fast taglich mit ihm bespracht, und allerhand Schertz trieb, wolte ich demselben in seinem hohen Alter dieses Vergnugens nicht berauben.

Jedoch des Alt-Vaters Vergnugen zeigte sich desto volliger, da mit Ausgange des Monats Augusti, bey denen am 23. p. Trin: voriges Jahrs copulirten, Europischen und Felsenburgl. Eheleuten, der erfreuliche Ehe-Seegen immer nach und nach zum Vorscheine zu kommen begunte. Denn es war recht zu bewundern, wie auf der Alberts-Burg immer eine erfreuliche Zeitung nach der andern, von der glucklichen Niederkunfft einer oder der andern Wochnerin, einlieff. Unter denen letzt angekommenen Europaern traff das Gluck am ersten Mons. Kramern, der am 28. Aug. eine junge Tochter bekam. Hierauff erhielt am 29. dito fruh, Herrlich eine Tochter, und gegen Abend Morgenthal einen Sohn. Den 30ten Mons. Plager und Schreiner jeder eine Tochter. Den 1. Sept Herr Mag. Schmeltzer einen Sohn, und der Muller Kratzer, eine Tochter. Den 3ten Sept. Mons. Litzberg einen Sohn, den 4ten Sept. Melchior Garbe eine Tochter. Den 6. Sept. Lademann einen Sohn, und Wetterling eine Tochter. Den 8. Sept. Kleemann eine Tochter, und den 9ten dito Mons. Harckert einen Sohn. Die Liebes-Pfander der eingebohrnen EheLeute aber, halte voritzo zu specificiren nicht rathsam, sondern will selbige biss zur Jahr-Rechnung auffbehalten. Immittelst hatte Herr Mag. Schmeltzer bey dieser Zeit fast tagliche Ammts-Geschaffte, indem er die neugebohrnen Kinder zu tauffen, immer von einem Orte zum andern reisen muste, dieweil nicht rathsam schien: die allzuweit entlegenen in die Kirche zur Tauffe zu bringen. Jedoch Kramers, Litzbergs, Kratzers und Herr Mag. Schmeltzers Kinder, empfiengen wegen der nachstgelegenheit, die Heil. Tauffe in der Kirche, meine Cordula aber hatte nebst dem Altvater und Herrn Mag. Schmeltzers SchwiegerVater die Ehre, von diesem unsern werthen Seel-Sorger mit zur Tauff-Zeugin seines jungen Sohnleins erwehlet zu werden, welches die Nahmen Albertus Georgius empfieng.

Nachdem aber die Sechswochnerinnen allerseits einen frolichen Kirch-Gang gehalten, wurde bald hier bald dort von den erfreuten Kind-Tauffen Vatern eine kleine Collation angestellet, worzu ein jeder vornehmlich den Altvater und Herr Mag. Schmeltzern, nachst diesen aber seine Nachbarn, und dann die letzt angekommenen Europaer zu bitten pflegte. Demnach hatten wir auch in diesem Fruh-Jahre vielerley vergnugende Veranderungen. Unter andern war mein Gevatter Peter Morgenthal beschafftiget gewesen, seine erbethenen Gaste bestens zu bewirthen, denn derselbe hatte ohngeacht seines taglichen Fleisses in der Werkkstadt, dennoch immer so viel Zeit abgebrochen: seine Hauss-Wirthschafft im Acker-Garten-Bau und ViehZucht aufs ordentlichste einzurichten, er war auch der erste gewesen, der sich von Herrn Kramern allerley Sorten, der aus Europa mitgebrachten Thiere ausgebethen, die sich denn allbereits in seinem Revier nicht wenig vermehret hatten. Jedoch ich besinne mich, dass um diese Zeit, schon alle Arten von Viehe unter die 9. Gemeinden vertheilet waren, biss auf das Rind-Vieh, und Pferde, welche letzern Mons. Wolffgang, Litzberg und Kramer um besserer Zucht willen, annoch in Alberts- und Christians-Raum vertheilt hielten. Zur Zeit war noch kein Pferd, weder zum reiten, fahren, vielweniger zum pflugen gebraucht worden: allein eben bey dieser Collation, beredete sich Morgenthal mit Mons. Litzbergen, Lademannen und andern geschickten Holtz-Arbeitern, ehestens etliche Pfluge zu verfertigen, welche von Pferden und Ochsen, auch wohl vielleicht von zahm gemachten Hirschen gezogen werden konten, hiernachst den Insulanern das Pflugen und Aegen zu lehren, damit ihnen in Zukunfft, bey starckerer Vermehrung der Menschen und Thiere, der Feld-Bau erleichtert werden mochte. Der Altvater horete diese Invention, als eine Sache, worvon er mit Herr Wolffgangen schon zum offtern gesprochen, mit grosten Vergnugen an, lobete derowegen den guten Vorsatz. Nach fernern ernsthafften Gesprachen aber, bezeugte derselbe ein besonderes Verlangen, auch dieses unseres guten Wirths,

Peter Morgenthals Lebens-Geschicht

anzuhoren; wie nun selbiger unserer allereinstimmiges Begehren merckte, machte er sich so gleich bereit, seine Gaste vermittelst folgender Erzehlung zu beruhigen:

Mein Geburths-Ort ist die beruhmte Stadt Magdeburg, allwo mein Vater als ein Zimmermann viele Jahre nach einander gearbeitet, eine Frau genommen, zwey Kinder mit derselben gezeuget, und endlich bey einem schweren Baue sein Leben eingebusset hat. Ich war damahls etwa 9. mein jungster Bruder aber 6. Jahr alt, und weil mein Vater durch seine Arbeit, die er unter andern Zimmer-Meistern nur als Geselle verrichtet, wenig Schatze sammlen, sondern mit genauer Noth die Seinigen erhalten konnen, musten wir uns, nachdem das wenige Gerathe verkaufft und auffgezehret war, bequemen, nebst unserer Mutter den BettelStab zu ergreiffen, denn weil meine Mutter eine arme frembde Dienst-Magd, mein Vater aber ebenfalls ein frembder gewesen, so fand sich kein eintziger Freund, der eines oder das andere Kind auffnehmen oder ernahren wolte. Dennoch suchten wir unser Brod, von einem Dorffe und Stadt zur andern, mit Beten und Singen vor der Leute Thuren; dass aber solchergestallt, zuweilen viel Kummer und Noth mit untergelauffen, ist leichtlich zu erachten, jedoch meine Mutter, welche um selbige Zeit etwa 32. biss 33. Jahr alt war, gedachte sich ihr Elend zu erleichtern, indem sie einen abgedanckten Soldaten heyrathete, welcher seines abgeschossenen Beins wegen, zu Pferde im Lande herum bettelte. Ob sie sich ordentlich mit ihm copuliren lassen, weiss ich zwar nicht, aber allen Ansehen nach, waren sie rechte Ehe-Leute, u. meine Mutter erzeigte ihrem neuen, wiewohl sehr wunderlichen und jachzornigen Manne alle gehorsamliche Ehr-Furcht, so dass sie wegen der allzustarcken ehelichen Liebe, die Kindliche gegen uns ihre beyden Sohne zu vergessen schien, dessen die taglichen Schlage ein sattsames Zeugniss abstatteten, zumahlen wenn wir armen Knaben, des Abends, nicht gnugsame Pfennige, Brod und andere Victualien-Stucken einbrachten; denn es ist zu merken, dass ich und mein Bruder bereits gewohnet worden, gantz besondere Streiffereyen zu thun, und Abends in der bestimmten Bettel-Herberge einzutreffen. Die verfluchte Schind-Mehre, nehmlich das Pferd unsers Stief-Vaters, verfrass fast mehr als wir sammtlich erbetteln konten, und dennoch liess sein Hochmuth nicht zu, selbiges zu verkauffen, endlich aber, da der Klapper-Storch bey meiner Mutter einkehren wolle, und sie fast nicht mehr fort kommen konte, blieben wir ohnweit Zorbig in einem Dorffe, Radegast genannt, liegen, allwo der Stieff-Vater sein Pferd an einem Bauer vor 11. Thlr. verkauffte, sich nebst uns in ein klein Bauer-Hauss einmiethete, und nebst meiner Mutter das Korbmacher Handwerck anfieng, als in welchem er ziemlich erfahren zu seyn schien. Wenige Zelt hernach kam meine Mutter in die Wochen, und wie ich horete, so setzte es, noch ehe das neugebohrne Schwesterlein gebohren wurde, bey dem Pfarrer ziemliche Verdrusslichkeiten, des Trau-Scheins wegen, jedoch weil sich meine Eltern, ich weiss nicht auf was vor Art zu entschuldigen wusten, wurde zwar endlich das Kind getaufft, ihnen aber auferlegt, entweder binnen 6. Wochen ihren Trau-Schein und andere gute Zeugnisse zu schaffen, oder sich aus dem Dorffe zu packen. Meine Mutter gab vor, so bald es ihre Kraffte zuliessen, selbst eine Reise nach Magdeburg zu thun, um von dar die Zeugnisse ihres ehrlichen Lebens und Wandels, unterwegs auch einen neuen Trau Schein, von demjenigen Dorff-Priester, der sie getrauet, abzuholen; weil sie den ersten ohngefahr verlohren hatte. Jedoch weil es noch vor Weyhnachten also im hartesten Winter war, verzog sich ihre Reise biss kurtz vor den Oster-Feyertagen, da sie denn endlich nebst ihrem kleinen saugenden Kinde dieselbe antrat, und noch vor dem Feste wieder zu kommen versprach. Der Stief-Vater war inzwischen sehr fleissig, und machte in der nahgelegenen Stadt Zorbig, alle seine Korbmacher-Arbeit zu Gelde. Mittwochs vor Ostern aber, da die Mutter noch nicht zu Hause war, schaffte er die letzten Stucke in die Stadt, und welches mir am bedencklichsten vorkam, so packte er so wohl meiner Mutter, als sein eigenes angeschafftes Gerathe, in einen grossen Deckel-Korb, verband denselben sehr fest, und liess ihn mit in die Stadt fahren: hatten ich oder mein Bruder gefragt was dieses bedeuten solte; wurde es ohnfehlbar entsetzliche Schlage geregnet haben, derowegen schwiegen wir stille, er aber gab uns gute Worte, und versprach: noch vor Abends wieder zu kommen, wir solten aber ja durchaus nicht aus dem Hause gehen, sondern sein fleissig Korb-Holtzer schnitzeln, denn die Mutter wurde heute oder Morgen gantz gewiss zuruck kommen, und uns Magdeburger Semmeln mitbringen. Demnach gaben wir uns zufrieden, zumahl da er wieder seine Gewohnheit, den Brod-Kammer Schluffel stecken gelassen, in welcher noch 4. Haussbackene Brodte, nebst ein halb Schock Kase, etwa zwey Pfund Butter, nebst Mohren, Ruben und andern Koch-Speisen lagen.

Wir kochten, speiseten, und bedieneten uns alle beyde nach Hertzens-Lust, sahen auch offters zur Thur hinaus nach der Mutter, allein es wolte sich selbige, so wohl als der Stief-Vater, weder diesen noch folgenden Tag einstellen. Wir schlieffen am CharFreytage, biss fast gegen Mittag, da ich mich aber endlich befurchtete, der Vater oder Mutter mochten mir bey ihren plotzlichen Eintritte in die kalte Stube, einen ubeln guten Morgen biethen, erhuben sich die ausgeruheten Glieder aus dem, nicht mit Schwanssondern Schweins-Federn ausgestopffen Bette, worauff ich mich bemuhete eine tuchtige warme Stube zu machen, jedoch, weil ich ein wenig gar zu viel durres Reiss-Holtz und Spane in den Ofen mochte gesteckt haben, schlug die Flamme dergestallt plotzlich zum Ofen heraus, dass ich mich genothiget sahe, vor Angst und Schrecken, Feuer zu schreyen. Mein jungerer Bruder lieff im blossen Hembde zum Hause heraus in eine andere Wohnung, mir aber, der ich schon etwas Wasser in den Ofen gegossen, kamen noch andere Leute, und zwar eben zu rechter Zeit zu Hulffe, denn das Feuer hatte schon oben zwey oder drey Balcken angezundet, jedennoch wurde in der Geschwindigkeit alles volig geloschet. Dem ohngeacht kam fast alles Volck aus dem Dorffe zusammen gelauffen, ihrer etlichen schryen: Werffet die Mord-Brenner ins Feuer! andere: Lasst uns die Bettel-Bagage ins Nahmen verbrennen! wieder andere, die mich von ferne, als einen Koch, der den Brey verdorben, mit niedergeschlagenen Kopffe stehen sahen, rieffen: Haschet, haschet doch jenen grosten Schelm, haltet ihn fest, dass er nicht entlauffe!

Bey so gestallten Sachen, hielt ich, meiner damahligen grossen Einfallt ohngeacht, dennoch darvor, dass es die groste Thorheit ware, wenn ich mich hiesiges Orts lange auffhielte, machte mich derowegen auf die baarfussen Beine, und lieff uber einen sehr langen Stein-Damm, dermassen hurtig nach der Stadt zu, als ob das angezundete Feuer selbst hinter mir drein schluge. Da ich aber auf der Hohe vor der Stadt endlich keine Verfolger hinter mir sahe, vergieng die Angst ziemlicher massen, ja ich gieng gantz getrost eine lange Strasse in der Stadt hinauff und bemerckte, indem die Leute gleich aus der Kirche gegangen kamen, dass viele darunter waren, welche sich sehr mitleydig uber meine elende Bekleidung un gantz blossen Fusse bezeigten, den bey damahliger, annoch anhaltenden starcken Kalte, lag noch ziemlich viel Schnee und Eiss auf den Strassen. Endlich war ein Apothecker, den ich Herr Stolle nennen horete, so barmhertzig mich vor seinen Laden zu ruffen, und mir ein paar alte Strumpffe und Schue zu zu werffen. Auf sein Befragen, wegen meiner Eltern und anderer Beschaffenheiten, erzehlete ich ihm alles auffrichtig, biss auf die eintzige letzte Feuer-Begebenheit, wesswegen er nicht allein aus fernern Mittleyden, wir ein noch sehr gutes Camisol gab, sondern auch verursachte: dass die daherum wohnenden Nachbarn, ihre milde Hand auch aufthaten, und mich mit ein paar alten Hembden, einer rauchen alten Mutze, Handschuen, auch noch mehrern Strumpffen beschenckten.

Ein Gastwirth am Marckte erlaubte, mich in seiner Stube zu erwarmen, und liess mir Speisen und Getrancke reichen, worbey ich abermahls genothiget wurde, meine Begebenheiten zu erzehlen, da aber solches noch nicht einmahl geschehen, berichteten etliche dabey sitzende reisende Leute: dass ihnen schon gestern, ein solcher Mann wie ich meinen Stief-Vater beschrieben hatte, nahe vor der Stadt Halle begegnet ware, wie nun auf mein ferneres Befragen, mit dem Steltz-Fusse und dem Deckel-Korbe, welchen er auf einem Holtz-Wagen sitzend neben sich stehen gehabt, alles sehr eigentlich zutraff, durffte ich keinen fernern Zweiffel tragen, dass dieses mein ungetreuer StiefVater gewesen, der allem Ansehen nach, uns armen Kinder verlassen wolle.

Jedoch ich fassete einen behertzen Schluss denselben zu verfolgen, reisete derowegen in Gesellschafft vieler andern Leute, noch diesen Tag auf Halle zu, konte aber die Stadt nicht vollig erreichen, sondern muste in dem nachst gelegenen Dorffe bleiben. Am Oster heil. Abend fruh aber, kam ich nicht nur in die Stadt Halle, sondern erfuhr auch nach vielen herum lauffen, von zweyen seit etlichen Jahren her wohl bekandten lahmen Bettel-Leuten, dass sie meinen StiefVater so wohl als meine leibliche Mutter mit dem kleinen Kinde, in dieser Stadt Allwosen einsammlend, angetroffen; weil es aber schon ziemlich spate, und die Stadt mir allzuweitlaufftig vorkam, versparete ich das fernere Auffsuchen biss auf Morgen. Allein, ohngeacht ich am ersten und andern Oster-Feyertage, allen moglichen Fleiss anwandte, meine Eltern anzutreffen; so war doch alles vergebens, wesswegen bey herein dringender Nacht in einer jenseitigen Vorstadt mein Nacht-Qvartier suchen muste. Ich hatte den Tag uber nicht nur verschiedene mahl gute Leute angetroffen, welche mich mit uberflussigen Speisen versehen, sondern auch uber dieses bey nahe 3. Ggr. an kleiner Muntze eingesammlet, wesswegen ich in der Herberge gar wohl vor mein Geld zehren konte. Nachdem sich aber bey spater Nacht noch viele andere Bettel-Leute daselbst versammlet, und ich ihnen die Ursach meiner Reise entdeckt, versicherten mich einige, dass ihnen dieses vergangenen Nachmittags mein steltzfussiger Stief-Vater nebst Mutter und Kinde in einem Dorffe zwischen Halle und Qverfurth begegnet, und zu vernehmen gegeben hatten, wie sie gesonnen waren, den beruhmten Qverfurthischen Marckt auf der EselsWiese abzuwarten. Demnach machte ich mich mit anbrechenden Tage in Gesellschafft eines blinden Mannes, den ein Junge von meinem Alter fuhrete, und noch zweyer andern Land-Streicher auf den Weg nach Qverfurth, und erreichte nebst ihnen vor Abends ein Dorff, welches kaum eine halbe Stunde von der beruhmten so genandten Esels Wiese abgelegen war.

Ich machte mich Mittwochs am ersten Jahr-Markkts-Tage sehr fruh auf, und war so glucklich binnen zwey oder drey Stunden, von vornehmen Staats- und andern Leuten, mehr als 5. Ggr. zusammen zu betteln, worbey meine Augen sich sehr fleissig nach meinen Eltern umsahen, und endlich mit gantz besondern Freuden dieselben auf dem Ross-Marckte erblickten, allwo mein Stief-Vater, der einen seinen weissen Rock mit blauen Auffschlagen anhatte, um ein Pferd handelte, dasselbe auch endlich mit baaren guten Gelde bezahlete. Meine Mutter, die nicht weniger ziemlich gut bekleidet war, und ihr kleines Kind im Korbe auf den Rucken trug, wurde meiner mit grosten Schrecken am ersten gewahr, gab mir aber mit einem Wincke zu verstehen, dass ich zuruck bleiben solle. Ich gehorsamete und blieb von ferne stehen, nachdem aber der Pferde-Handel vollig geschlossen war, und der Stief-Vater selbiges schon auf die Seite gefuhret hatte, mochte ihm die Mutter meine Anwesenheit mit Manier wissend gemacht haben, wesswegen sie mir beyderseits winckten zu ihnen zu kommen.

Aus den Augen meines Stief-Vaters strahlete mir ein grimmiger Zorn-Blitz entgegen, um nun den vermuthlich darauff folgenden Schlagen vorzubeugen, zohe ich meine gantze zusammen gebettelte Baarschafft hervor, und trug dieselbe meinen ergrimmt scheinenden Eltern entgegen. Der Stief-Vater riss mir das Geld aus den Handen, warff es ohngezahlt in seine Tasche, und bewillkommete mich mit folgenden liebreichen Worten: Wo fuhren dich verfluchte Bestie alle 1000. her? Ich erzehlete mit zittern, wie es mir in Radegast mit dem Feuer ergangen, dass ich meinen kleinen Bruder daselbst zuruck gelassen, und ihm nachgelauffen, auch so glucklich gewesen sie beyde zu finden. Hierauff sagte er nichts weiter, knirschete aber dergestallt mit den Zahnen, dass mir horen und sehen vergieng, jedoch auf meiner Mutter instandiges Bitten, sich nicht allzusehr zu argern, gab er mir endlich sein Pferd mit Befehl selbiges hinter einer Muhle herum zu fuhren, und am Wege nach der Stadt etwas Gras fressen zu lassen. Wiewohl nun um selbige Zeit das Gras kaum ein klein wenig aus der Erden kaumete, so dass das hungrige Pferd selbiges mit seinen Zahnen kaum fassen konte, bemuhete ich mich dennoch, um meines Stief-Watters Gnade zu erwerben, selbiges an die besten Oerter zu bringen; allein da ich diesen Unglucks-Gaul mit Gewalt uber einen Stea fuhren wolte, riss sich derselbe loss, und lieff qveer Feld ein, ich und viele andere Bettel-Jungens machirten hinter drein, weil aber diese Henckers Buben nicht so wohl gesinnet waren, mir das Pferd wieder fangen zu helffen; als dasselbe nur desto rasender zu machen, scheuchten sie so lange, biss es in einen holen Weg sturtzte, und ein paar Beine entzwey brach. Ich war noch im Begriff das Pferd mit Hertzbrechenden Worten mm Auffstehen zu bewegen, als mein Stief-Vater herzu trat, dessen Ankunfft ich aber nicht ehe gemerckt, biss er mir etliche Streiche mit seinem knolligen Stocke auff den Kopff und Rucken versetzt hatte. Mein Leben wurde gantz geiss so dunne als ein seidener Faden worden seyn, wenn nicht einige guthertzige Leute darzwischen getreten und meine Schutz-Engel gewesen waren, meine treuhertzige Mutter kam endlich ebenfalls herbey, und stellete sich an, als ob sie mich in ihren Schutz nehmen wolte; gab mir aber unvermuthet einen dermassen hefftigen Streich mit der vollen Faust auf die Nase, dass mir nicht allein der Geruch sondern auch die ubrigen 4. Sinne vergiengen, ja ich habe auch fast nicht einmahl gefuhlet, wie sie mir mit einem auffgehobenen Steine ein grosses Loch in den Kopff geworffen.

Die Ankunfft des Gerichts-Knechts hatte endlich meine tyrannischen Eltern verjagt, mir aber sattsame Sicherheit verschafft, hiernechst fand sich ein barmhertziger Wund-Artzt an, welcher meine sehr starck blutende Haupt-Wunde mit dienlichen Balsam und Pflastern verband, wie denn auch unzehlige vorbey gehende Leute, mir immer ein Geld-Stuck zuwarffen, so dass ich durch dieses Ungluck reicher an Gelde wurde, als ich Zeit lebens noch nicht gewesen, denn es war, nachdem ich selbiges gezahlet hatte, uber 3. Thlr. Endlich kam ein Cavalier, der schon in Halle im Gasthofe meine Avanturen mit angehoret, mich auch mit einem 6. Pfenning Stucke beschenckt hatte und fragte, indem er meine Person so gleich erkannte: auf was vor Art ich zu diesen Schaden gekommen? Ich gab ihm von allen richtigen Bescheid, liess es auch an grausamen Schimpff-Worten, die meinen steltzbeinigen Stief-Vater betraffen, nicht ermangeln. Ja, sprach ich, GOTT wird mir helffen, dass ich noch ein paar Jahr hinlebe, und tuchtig werde eine Musquete und einen Degen zu tragen, so dann will ich den verlauffenen Morder das andere Bein auch vom Leibe herunter hauen. Der Cavalier fieng hieruber hertzlich an zu lachen, und sagte: Junge, dein Vorsatz ist dieserwegen loblich, weil es doch scheinet, dass du Courage im Leibe hast, wenn ich mich auf deine Treue und Redlichkeit zu verlassen wuste, wolle ich dich augenblicklich in meine Dienste nehmen, und dir ein Hand-Pferd zu reiten geben. Ich sprang augenblicklich von der Erden auf, und bat diesen Herrn mit heissen Thranen, mich armen Schelmen anzunehmen, weil ich mich eher 10. mahl todt schlagen lassen, als ihm ein eintzig mahl ungetreu seyn wolte. Demnach befahl er mir ohne fernere Weitlaufftigkeit ihm zu folgen, kauffte Tuch, Futter und alles, mich von Fuss auf neue kleiden zu lassen, und gebrauchte mich von dato an wurcklich, nicht so wohl zu seinem Pferde, Jungen, sondern als einen Aufwarter, indem er nebst mir noch einen Reit-Knecht hatte.

Ich war um selbige Zeit wenig uber 14. Jahr alt, jedoch von dem Bettel-Brodte dermassen wohl gemastet worden, dass mich meiner Lange und starcken Leibes-Gestalt wegen, jedermann vor einen 18. jahrigen Purschen ansahe, wuste mich auch in meines Herrn Weise dermassen wohl zu schicken, dass er mir von Tage zu Tage immer gunstiger wurde. Derselbe hielt sich niemahls lange an einem Orte auf, sondern reisete bestandig bald hier bald dort hin, ausgenommen, wenn er etwa in diesem oder jenen Gast-Hofe einen guten Wirth, und ihm gefallige Gesellschafft antraff, zuweilen reisete er auch auf etliche Tage alleine weg, oder nahm nur den Reit-Knecht mit sich, mich aber musten mitlerweile die Wirths-Leute aufs beste tractiren. Am allermerckwurdigsten war: dass er sehr offters seinen Nahmen veranderte, und sich bald vor einen Herrn von Franckenstein, Lilienfeld, Rothenstein, Grunenthal, bald wiederum anders nennen liess, als worzu er so wohl mich, als den Reit-Knecht vorhero abrichtete und befahl: dass wir uns durchaus von niemanden ausforschen lassen, sondern vorwenden solten, wir waren nur allererst wenig Wochen bey ihm gewesen. Ich war noch viel zu einfaltig, dieserhalb ein weiteres Nachdencken zu haben, lebte aber seinen Befehlen desto genauer nach, zumahlen da mich wegen der taglich geniessenden Wohlthaten verbunden zu seyn erachtete, ihm, mehr als andern Menschen, getreu und hold zu seyn.

Etwas uber ein Jahr mochte ich etwa in seinem Dienste gewesen seyn, da wir endlich auch in meine Geburths Stadt Magdeburg reiseten. Ich hatte eine besondere Freude, da ich nicht allein meine ehemahligen Spiel-Platze, sondern auch das Hauss wieder fand, worinnen mein seel. Vater gewohnet hatte, ohngeacht sich itzo gantz andere Leute in demselben befanden. Nach wenig Tagen aber traff ich von ohngefahr denjenigen Zimmermann auf der Strasse an, von welchen mein Vater oder Mutter gewohnlich das WochenLohn geholet hatten. Es war mir fast unmoglich diesen Mann unangeredet passiren zu lassen, und da solches geschehen, erkante er mich so gleich vor denjenigen, vor welchen ich mich ausgab, nahm mich auch mit in ein Bier-Hauss, allwo ich nicht unterlassen konte ihm meine und meiner Mutter, nach des Vaters Tode gefuhrten Lebens-Art, sonderlich aber das letztere ubele Tractament meines Stief-Vaters, zu berichten. Er wunderte sich hochlich daruber, nachdem er aber auch die Nachricht von meinen gegenwartigen guten Zustande erhalten, ermahnete mich der gute Mann sehr treuhertzig, meinen Herrn ja mit bestandiger Liebe und Gehorsam zugethan zu verbleiben, weil ein solcher vornehmer Herr ohnfehlbar mich auf Lebens-Zeit glucklich machen konte. Wir sassen also biss es Nacht wurde beysammen, ich macht mir ein Vergnugen, vor diesen alten Bekandten, wieder seinen Willen, die Zeche bezahlt zu haben, wovor er mich zur Erkanntlichkeit auf Morgen in seine Behausung nothigte, worinnen ich ihm denn zu willfahren versprach.

Mein Herr hat sich mitlerweile im Gasthofe hochlich uber mein langes aussenbleiben verwundert, da ich aber halb berauscht nach Hause kam, und auff sein Befragen ihm die wahre Ursache erzehlet, war er sehr wohl zufrieden und sagte: Es ist gut mein Sohn, dass du mich an einer nothigen Sache erinnerst, hier hastu zwey Ducaten, gehe Morgen hin zu dem Zimmer-Meister, und bitte denselben, dass er dir vor dieses Geld einen Gerichtlichen Geburths-Brief wegen deines ehrlichen herkommens verschaffe, denn ich bin gesonnen, dich ein Handwerck lernen zulassen, als worzu dergleichen Brieff hochst nothig ist. Solle, sprach er ferner, dieses Geld nicht zureichen, so kanst du mehr fordern. Ich war von Hertzen erfreuet uber dieses Anerbiethen, denn ich hatte in Wahrheit grossere Lust ein ehrlich Handwerck zu lernen, als ein Laqvey oder Pferde-Knecht zu werden, danckte derowegen meinem Herrn aufs verbindlichste, und gelobte an, mich in allem nach seinen Befehlen zu richten.

Es passirten nicht die geringsten Weitlaufftigkeiten wegen meines Geburths-Brieffs, denn der ZimmerMeister nahm mich folgenden Tages nur zu zwey oder drey Personen mit, auf welchen dergleichen Sachen zu beruhen pflegen, also wurde derselbe binnen 24. Stunden ausgefertiget, und meinem Herrn uberliefert, welcher dem Zimmer-Meister noch einen Gulden Trinck-Geld gab, den Brieff selbst in seine Verwahrung nahm, und wenige Tage hernach die fernere Reise fort setzte. Auf selbiger bekam ich weit vortrefflichere Oerter-als bisshero zu sehen, endlich aber blieben wir in Ulm hafften, um daselbst eine Zeitlang auszuruhen. Allhier fragte mich nun mein Herr ob ich bereit sey ein Handwerck anzutreten? Meine Antwort war: dass ich, in so ferne es ihm beliebig, gleich diese Stunde bereit darzu ware. Was hastu dir, sprach er, vor ein Handwerck ausgesonnen? Noch keins, erklarte ich mich, sondern ich erwarte worzu mich Ew. Gn: bestimmt haben. Ich will, fragte er ferner, doch erstlich wissen worzu du am meisten Lust hast? derowegen sage deine Meynung nur ohne Scheu. Wenn es bey mir allein stunde, versetzte ich demnach, so wehlete ich das Zimmer-Handwerck, weil mein Vater ein Zimmermann gewesen ist. Hieruber fing mein Herr hertzlich an zu lachen und mir vorzustellen, warum ich so ein einfaltiger Tropff sey und dergleichen beschwerliche und verdrussliche Profession erwehlete, die ausserdem nicht das gantze Jahr hindurch gangbar sey, endlich sprach er: Hore mein Sohn, meine eigenthumlichen Guter die ich an den Bohmischen Erantzen liegen habe, sind etwas weit von der Sadt abgelegen, derowegen macht es mir und den meinigen viel Verdruss, wenn etwa ein Schlussel verlohren oder sonsten ein oder andere Schlosser-Arbeit nothig ist, also hatte vors rathsamste, dass du das Schlosser Hand-Werck erwehlest, und dasselbe recht wohl erlernest, solchergestallt will ich dir dein gutes Auskommen biss in den Todt versprechen. In Wahrheit es schien mir diesen Augenblick das Schlosser-Handwerck das allerangenehmste zu seyn, derowegen war so gleich bereit darzu, mein Herr liess sich von dem Gast-Wirthe einen guten Schlosser zuweisen mit welchen er wegen des Lehr-Geldes und jahrlich benothigter Kleidung so gleich einig wurde, die Helffte von dem veraccordirten Geldern voraus bezahlete, mich aufdingen liess und wenig Tage hernach fort reisete, mit dem Versprechen, in wenig Wochen wieder zu kommen und zu vernehmen, wie ich mich bey diesem Handwercke auffuhrete.

Mein Meister fand an mir einen Jungen, der recht nach seinem Kopffe und Wunsche war, denn weil er so wohl als seine gantze Familie sehr selten an das Beten, Singen, Kirchen-gehen und andere christliche Ubungen gedachte, so bekummerte ich mich auch wenig oder gar nichts drum, u. verlernete so gar die schonen Gebete und Lieder, die ich vor diesen, um mein Brod damit heraus zu pressen, nicht aus Vorsorge meiner Eltern, sondern aus dringender Noth auswendig lernen mussen. Etwa ein halbes Jahr nach meinem Aufdingen kam mein Herr wieder nach Ulm, und vernahm von dem Meister mit grossen Vergnugen, dass ich mich ungewohnlich wohl beym Handwercke gebrauchen liesse, und ein Ding nachzumachen nur ein oder zweymahlige Unterweisung bedurffte. Ich wuste dazumahl nicht wie es kam, dass mein Herr, der dieses mahl nur gantz allein auf der Post angekommen war, mit meinem Meister ungemein vertraut umzugehen anfieng, sich auch in dessen Hause mit einer gar schlecht ausgezierten Stube behalff und von der Meisterin, so gut als dieselbe konte, bekostigen liess, da ich doch eine grosse Katze voll GoldStucke, nebst einem noch grossern Sacke voll grob Silber-Geld in seinem Coffre liegen, und ihn selbiges zahlen, gesehen hatte. Mein Meister arbeitete um selbige Zeit meistens um Mitternacht, wenn die andern Gesellen und Jungen im festen Schlaffe lagen, nebst mir an allerhand Arten ungewohnlicher Schlussel und andern, mir unbekandten Instrumenten, verboth mir aber aufs Leben, keinen Menschen hiervon etwas zu sagen, denn es waren sehr geheime kunstliche Sachen, die mein Herr mit nach Frankreich nehmen wolte. Eben derselbe that dergleichen Verboth an mich, mit der Bedrohung, woferne er erfahren solte: dass ich von meines Meisters kunstlicher Nacht-Arbeit nur ein einzig Wort ausgeplaudert hatte, er mich also fort nakkend und blossausziehen, zum Hencker jagen, und nimmermehr wieder in seine Gnade aufnehmen wolte. In der Gottlosigkeit hatte ich es damahliger Zeit schon so weit gebracht, ihm meiner bestandigen Treue und Verschwiegenheit mit den allergrausamsten Fluchen und Schwuren zu versichern, wesswegen er biss auf fernern Bescheid zufrieden war, mich mit 6 gantzen Thalern beschenckte, und darbey ausdrucklich befahl, dass ich mir dann und wann an Son- und Fest-Tagen einen Rausch sauffen solte.

Nachdem also mein Herr fast einen gantzen Monat lang zu gegen gewesen, nahm er Abschied, unter dem Vorwande: eine Reise in Franckreich zu thun, und gegen die Zeit meines Losssprechens schon wiederum in eigener Person nach Ulm zu kommen. Bey meinem Meister hatte ich nach wie vor gute Zeit, und ausser den Arbeits-Stunden meine vollige Freyheit hinzugehen und zu machen was ich wolte. Da aber einige Wochen uber mein erstes Lehr-Jahr verflossen waren, trat der Lehr-Meister eine Reise an, von welcher er noch biss auf diese Stunde zuruck in sein Hauss kommen soll. Drey oder 4 Monat hernach machte sich die Frau auch aus dem Staube und uberliess die Hausshaltung ihrer Schwester, welche sich von einem liederlichen Schlosser Gesellen schwangern lassen, der immittelst des Meisters Stelle vertreten solte, jedoch dermassen ubel hausete, dass die andern Gesellen nebst einem Lehr-Jungen fort und zu andern Meistern giengen. Mit mir konte er sich noch etwas langer vertragen, jedoch da er eines Abends sehr besoffen nach Hause kam, und so wohl Frau als Magd und mich mit einem Stabe Eisen jammerlich zerprugelte: verursachte dieses mir gantz ungewohnliche Tractamant, dass ich gleich mit anbrechenden Tage ebenfals Abschied nahm, und mich zu dem Handwercks-Meister begab, welcher in Erwegung meiner Umstande, es gantz leicht dahin brachte, dass ich biss zur Wiederkunfft meines ersten Meisters, woran jedoch viele, aus wichtigen, mir damahls unbekandten Ursachen, zweiffeln wolten, zu einem andern Meister gebracht werden solte, um meine Lehr-Jahre vollends richtig auszustehen. Bey diesem andere Meister traff ich auch eine gantz andere Hausshaltungs-Verfassung an denn weil derselbe ein sehr frommer und GOttesfurchtiger Mann war, so hielt er auch sein Gesinde zum fleissigen Bethen, Singen und Kirchen-gehen an, verhutete auch unter ihnen, so viel als moglich war, alles Vollsauffen und anderes liederliche Leben. Nachdem er mich im Christenthume examiniret, erstaunete der ehrliche Mann und weinete fast die bittersten Thranen uber den jammerlichen Zustand meiner Seelen, that auch dieserwegen solche Vorstellungen, dass mir die Haare zu Berge stunden, und mein Gewissen auf einmahl plotzlich rege gemacht wurde. So bald er dieses merckte, sprach er mir etwas gelinder zu, ermahnete mich nur zum fleissigen Beten und Kirchen-gehen im ubrigen versprach er, wegen meiner fernern Unterweisung alle Anstallten zu machen.

Wenig Tage hernach nahm er einen geistlichen Studenten in sein Hauss, der nicht allein seine 4 Kinder informiren, sondern auch alle Morgen und Abends Beth-Stunde halten muste. Welcher von seinen Gesinde dergleichen nicht mit Andacht besuchen und abwarten wolte; durffte auch weder zur Arbeit noch zu Tische kommen. Ich vor meine Person hatte dem besten Vortheil darbey, denn vors erste erlangte ich nunmehro erstlich einen rechten Begriff vom Christenthum, vors andere war mein Meister so gutig, mir bey mussigen Stunden das Lesen, Schreiben und Rechnen umsonst lernen zu lassen, als wovor ich ihm noch in dieser Stunde nebst seiner Familie tausendfachen geist. und leibl. Seegen wunsche. Anbey versaumete ich aber im Hand-Wercke wenig Stunden, sondern hielt mich dermassen wohl, dass mein Meister vollkommen zufrieden war, es ruckte zwar die Zeit meines Losssprechens allgemach herbey, allein es wolte sich so wenig mein Herr als der erste Meister wieder ein, stellen. Dem ohngeacht wurde mein frommer Lehr-Meister gar nicht verdrusslich daruber, sondern liess mich gehoriger Zeit zum Schlosser-Gesellen machen, jedoch mit dem Vorbehalt, dass ich ihm noch anderthalb Jahr um halbes Lohn dienen solte.

Ich konte zwar mich nicht genungsam verwundern, dass mein Herr seine Parole nicht besser hielte, da mir aber vorgestellet wurde, wie derselbe in frembden Landern durch besondere Angelegenheiten gar leichtlich aufgehalten werden konte, gab ich mich zufrieden, erzeigete meinem Wohlthater allen schuldigen Gehorsam, hatte auch hierbey nicht den geringsten Schaden, indem mich mein Meister in die andere Werckstadt setzte, allwo ich nicht allein das Stahlund Eisen-Schneiden, sondern auch nebst diesen, andere kunstliche Arbeit verfertigen lernete.

Demnach blieb ich an statt der anderthalb, gantzer drey Jahre, uber meine Lehr-Zeit, bey dem Meister, sammlete auch binnen der Zeit uber 40 thl. baar Geld, weil ich mich in keine liederlichen Compagnien eingelassen, sondern die mussigen Stunden auf das Schreiben, Rechnen u. Lesung guter Bucher gewendet, ausserdem aber eine solche christliche LebensArt angenommen hatte; wie mir solche nicht allein von meinem frommen Lehr-Meister, sondern auch von Gottseeligen Lehrern und Predigern angewiesen worden.

Nach Verlauff dieser Jahre rieth mir mein ehrlicher Meister selbst, die Wanderschafft anzutreten, mich einige Zeit in der Frembde umzusehen, nachhero wieder zu ihm zu kommen, da er denn allenfalls nach Moglichkeit vor mein Gluck sorgen wolte.

Ich will ihnen, meine Herrn, mit Erzehlung meines hin und wieder lauffens und anderer Begebenheiten, welche gemeiniglich den reisenden Handwerckss-Purschen vorzustossen pflegen, nicht verdrusslich fallen, weilen solche wenig besonderes in sich halten, jedoch kan nicht unangemerckt lassen, dass ich etliche Jahr hernach meine Mutter ohnweit Dressden in sehr erbarmlichen Zustande antraff. Denn der steltzbelnige Bosewicht hatte sie nicht allein durch tagliches prugeln endlich gantz krum und lahm gemacht, sondern hernach mahls gar mit 3 Kindern sitzen lassen. Sie erkante selbst, dass sie diese Straff-Gerichte gewissermassen mit ihrer unziemlichen Auffuhrung verdienet, gestund auch, dass sie von dem Bosewichte beredet worden, mich und meinen Bruder, als eine rechte Raben-Mutter, sitzen zu lassen, woruber sie nachhero tausend Thranen vergossen, zumahlen da ihr das letztere grausame Verfahren bey Qverfurth auf dem Jahrmarckte, nicht aus den Gedancken kommen, vielemehr das Hertze immer sagen wollen, ich hatte mich aus Verzweiffelung selbst ersaufft. Von meinem jungsten Bruder konte sie mir ebenfalls Nachricht geben, dass derselbe sich in Leipzig bey einem vornehmen Manne als Laqvay in Diensten befande, wie und von wem derselbe erzogen worden, wuste sie aber nicht zu sagen, indem ihr boses Gewissen nicht zu gelassen hatte, sich ihm zu erkennen zu geben.

Die bittern Thranen meiner leiblichen Mutter loscheten in einem Augenblicke das verhassete Angedencken ihres mir und meinem Bruder zugefugten Jammers aus, so dass ich mein halbes Vermogen an baaren Gelde an sie und mein Stieff-Geschwister wandte, indem ich 60 thl. baar Geld in ein Spital zahlete un nach Versprechung, hinfure nebst meinem Bruder ein mehreres zu thun, die Versicherung erhielt, dass meine Mutter nicht allein biss an ihr Ende wohl verpflegt, sondern auch vor ihre drey Kinder gesorgt werden solte, dieselben, mit zunehmenden Jahren, bey gute Leute zu bringen.

Nachdem solches alles wohl bestellet war, reisete ich hurtig nach Leipzig und traff daselbst meinen Bruder in einer grauen Liberey mit gelben Aufschlagen an. Er war von Hertzen erfreuet, mich wieder zu sehen und eben so begierig die Histoire von meiner Auferziehung, als ich, die von der seinigen anzuhoren. Solchergestallt berichtete er mich: wie er, nachdem auch ich ihn verlassen, um sein Brod zu verdienen erstlich die Ganse, hernach die Schweine huten mussen, ware aber jederzeit so unglucklich gewesen, dass ihm ein oder etliche Stuck an der Zahl gefehlet, wesswegen ihn endlich die Leute fortgejagt hatten. Also muss er sich von neuen aufs Betteln legen, ist auch so glucklich in die Weltberuhmte Stadt Leipzig zu kommen, allwo er seine Nahrung in der Leute Hausern sehr behutsam sucht, um den Feinden der Bettel Leute nicht in die Hande zu fallen. Eines Tages bettelt er in den, Hause sehr reicher und vornehmer Leute, indem aber das Gesinde wegen vieler Geschaffte sich nich bemuhen will ihm eine Gabe zu reichen, komt ein kleiner Knabe, der meinem Bruder gern ein Almosen gegeben, wenn er nur Geld bey sich gehab hatte, wie er denn alle seine Schubsacke aussucht, aber nichts finden konnen. Demnach laufft das Kind in die Stube, holet zwey silberne Loffel und heisset meinen Bruder damit fortgehen. Dieser gehet zwar in etwas auf die seite, biss der kleine Knabe von seiner, die Treppe herunter kommenden Mutter in die Stube gejagt ist, macht sich darauf an die vornehme Frau, uberreicht derselben die von ihrem kleinen Sohne empfangenen Loffel und bittet sich davor etwas zu Essen aus, weil er wohl merckte, dass diese Gabe vor ihm zu kostbar ware, und vielleicht Gefahr bringen konte.

Die vornehme Dame ziehet sich die Redlichkeit, und den Verstand meines Bruders dermassen zu Gemuthe, dass, nachdem sie diesen Streich ihrem EheHerrn erzehlet, beyderseits Ehe-Leute die Gute haben, meinen damahls etwa 15 jahrigen Bruder, zu ihren Bedienten auf zu nehmen, von Fuss auf neu kleiden, hiernachst im Lesen, Schreiben und Rechnen informiren zu lassen. Er war noch biss auf selbigen Tag in Diensten dieser vortrefflichen Leute, welche seine auf vielerley Art probirte Treue, alljahrlich reichlich belohneten, und weil er ausserdem so glucklich gewesen, bey einer Lotterie uber anderthalb hundert Thaler zu gewinnen, befand er sich in sehr guten Stande.

Nachdem ich ihm aber erzehlet, auf was vor Art ich unsere Mutter und Stief-Geschwister versorgt, war dieser mein Bruder nicht allein so redlich mir 30 thl. baar Geld wieder zuruck zu geben, sondern versprach auch, gleich nach geendigter Messe, eine Reise an den Ort ihres Auffenthalts zu thun und zu ihrer desto bessern Verpflegung fernere Anstallten zu machen. Wir blieben also uber 14 Tage beysammen, binnen welcher Zeit ich der Herrschafft meines Bruders, meine Avanturen eigenmundig erzehlen, und davor ein Geschencke von 12 harten Thalern annehmen muste. Es fehlete mir an keiner Gelegenheit in Leipzig Arbeit zu bekommen, weil ich aber grosse Lust hatte die beruhmtesten Stadte in Bohmen und Schlesien zu besehen, nahm ich den Verlass mit meinem Bruder ihm fleissig zu schreiben, nachhero aber Abschied und reisete meinem Vorsatze zu folgen fort. Es begegnete mir binnen zwey Jahren eben nichts besonders, nach der Zeit aber der allersonderbarste Streich. Denn als ich eines Tages in einer Romisch Catolischen Stadt in der Marter-Woche den Processionen zusahe, wurde ich von ohngefehr meinen ehemahligen Herrn unter der grossen Versammlung des Volcks gewahr, wuste aber anfanglich nicht ob ich meinen Augen trauen solte, biss mir endlich sein alter Reut-Knecht, Martin genannt, hinter ihm zu Gesichte kam. Ich verwandte kein Auge von beyden, biss ich sie als Leute, die einander gantz und gar nichts anzugehen schienen, in den besten Gasthof eintreten sahe, allwo sich gleich ein grun und weiss gekleideter Laqvay zum Dienst des Herrn prsentirte. Ich erkundigte mich so gleich bey vielen Leuten, wer dieser Herr sey, und erfuhr: dass er sich vor einen Schwedischen Baron von Lilienfeld ausgabe. In betrachtung dass, es seine alte Weise gewesen, bald diesen bald jenen Nahmen zu fuhren, verursachte mir dieses, dass er sich letztens in Ulm vor einen Herrn von Franckenstein ausgegeben, weniges Nachdencken, nahm aber Gelegenheit den alten Martin auf zu suchen und mit ihm in Geheim zu sprechen, auch denselben zu bitten, mich bey seinem Herrn zu melden. Martin erfreuete sich von Hertzen uber meine Gegenwart, eroffnete von seinen und seines Herrn Zustande so viel, als er sich bey demselben zu veranworten getrauete, warnete mich aber in zeiten, gegen niemanden mercken zu lassen, dass er, nehmlich Martin, in des Baron Lielienfelds Diensten stunde, oder gestanden hatte, noch vielweniger solte ich von dessen voriger Lebens-Art etwas erzehlen, biss mir der Herr selbst mundlichen Unterricht gegeben hatte. Solchem nach kam ich bey spatem Abende zur Audience, der Herr Baron war gantz allein in seinem Zimmer, verschloss dasselbe gleich nach meinem Eintritte und empfieng mich nicht etwa als einen ehemaligen Bedienten oder Bettel-Jungen, sondern als seinen leiblichen Sohn oder Bruder. Ich wurde allerdings beschamt uber dergleichen unerwartete Hoflichkeit und Liebes-Bezeugungen, nachdem er mich aber ein grosses Glass Mein aus zu trincken genothiget, muste ich ihm erzehlen wie es mir seit seiner Abreise so wohl in Ulm als anderer Orten ergangen sey. Er stellete sich, da ich mit Reden fertig war, hochst vergnugt uber mein gantzes Wesen an, erzehlete mir auch, wie er damahls auf seiner Ruck-Reise aus Franckreich von Hertzen gern wieder in Ulm bey mir seyn und mir aus der Lehre helffen wollen; allein er hatte ohnweit Ulm das Ungluck gehabt einen Deutschen Cavalier im Duell zu erstechen, wesshalben er sich nach der Zeit vor der gantzen umliegenden Gegend huten mussen. An meinen Meister hatte er zwar mehr als 12 Briefe abgesendet, jedoch da derselbe, wie er itzo von mir vernommen, darvon gelauffen, so ware kein Wunder, dass er nicht die geringste Antwort darauf erhalten. Nach fernern weitlaufftigen und biss in die spate Nacht gewahrten Gesprechen fragte er mich kurtz, ob ich mir indessen, biss er sich auf seine Guter zur Ruhe begabe, wolle gefallen lassen, bey ihm Laqvayen-Dienste anzunehmen, weil der Kerl, den er itzo bey sich hatte, nichts nutzte, dieserwegen morgendes Tages seinen Lauf-Zettel haben solte. Ich erkandte mich schuldig demjenigen, der den ersten Grund-Stein zu meiner zeitlichen Wohlfahrt gelegt, alle Gefalligkeit zu erweisen, zumahlen da mir, meinen Gedancken nach, die sichere Rechnun machen konte; von ihm auf Lebens-Zeit wohl versorgt zu werden. Demnach wurde sein bissheriger Laqvay abgeschafft und ich bekam nebst der Charge, eine kostbar starck mit Silber bordirte Liberey, wochentlich aber auf meine Person 2 thl. Zehrungs Geld und in Hoffnung 20 thl. Jahr-Lohn.

Mein Herr hielt sich bey nahe 3 Monat in selbiger Stadt auf, reisete zwar zuweilen auf etliche Tage mit leeren Coffre und Mantel-Sacke hinweg, kam aber gemeiniglich wohl bepackt zurucke, ausserdem sprachen fast wochentlich verschiedene Cavaliers in unseren Gast-Hoffe ein, mit welchen derselbe so gleich in Bekandschafft gerith und tapffer schmausete, worbey es vor meine Person keine geringen Accidentien setzte, allein ich hutete mich sonderlich vor dem uberflussigen Trincken und fuhrete uberhaupt eine sehr stille Lebens-Art, so dass mein Herr, wenn er mich uber dem Lesen der Bibel oder anderer Gottseeligen Bucher antraff, sehr spottisch daruber wurde, und es endlich durch sein tagliches Raisoniren dahin brachte, dass ich mich ihm zu gefallen stellete, als ob mir die Lust zum beten und singen vergangen ware, im gegentheil zeigete ich mich manchen Abend als eine besoffene Bestie, und bemerckte, dass er daruber eine gantz besondere Freude hatte. Indem aber mein Sinn zu der Zeit gantz anders als in vorigen Jahren war, und mich das Gewissen uberzeugte, dass dergleichen Lebens-Art den nachsten Weg zur Hollen fuhrete, denn ich taglich nichts als sauffen, schwermen, hurrn, spielen und dergleichen feine Tugenden ersahe, begunte es mir von Hertzen leyd zu werden, dass ich mich in dergleichen Laqvayen-Dienste begeben, ja ich schatzte es nun schon vor kein Gluck und Vergnugen mehr, meinen Herrn so unverhofft angetroffen zu haben, sondern hatte lieber gesehen, wenn ich bey einem guten Meister in der Werckstadt arbeiten durffen und konnen. Jedoch mein Verdruss verwandelte sich nach und nach in eine grosse Hertzens-Bangigkeit, als ich aus gewissen Umstanden immer mehr und mehr abnehmen konte, dass mein Herr nichts weniger als eine vornehme Standes-Person, sondern einer der allerargsten Spitz-Buben, wo nicht gar das OberHaupt einer solchen Bande seyn musse. Da aber endlich derselbe eines Abends, mir dieses bissherige Geheimniss, mit seinen eigenen Munde eroffnete, und im sichern Vertrauen auf meine Treue und Verschwiegenheit, die starcksten Bewegungs-Grunde brauchte, meine sehr nutzliche Person in die Diebs- und SpitzBuben-Zunff einzuverleiben; wurde ich dermassen verwirret, dass mir unmoglich war ein eintziges Wort auf zu bringen, sondern ich zitterte an allen Gliedern dergestallt, dass ich nicht mehr auf den Fussen stehen, sondern mich niedersetzen muste. Mein Herr wurde dieserwegen von rasender Wuth dergestallt eingenommen, dass er Augenblicklich seinen Hirsch-Fanger entblossete, mich bey den Haaren ergriff, und, indem er mir die Spitze auf die Brust setzte, sprach: Canaille! bette ein Vater unser in der Stille und gib nicht den geringsten Laut von dir, denn du must sterben; weil ich mercke, dass du eher ein Verrather und Schelm an mir werden, als dich meines Glucks theilhafftig zu machen und mir gefallig zu leben trachten wirst. Ich fieng, so viel ich mich besinnen kan, gleich an meine Seele in GOTTES Hand zu befehlen, und ein andachtiges Vater Unser zu beten, sanck aber mitlerweile ohnmachtig zu Boden, weiss auch nicht was man mit mir vorgehabt hat; biss endlich um Mitternachts-Zeit mein Verstand wieder kam, indem ich auf meines Herrn Bette lag und so wohl von meinem Herrn selbst, als dem Reut-Knecht Martin mit starcken Wassern bestrichen wurde.

So bald mich der erstere wiederum ziemlich bey Krafften zu seyn vermerckte, sprach er: Peter! sey kein Narre, was ich dir zu Leyde gethan habe, ist in Trunckenheit und zum Schrecken geschehen, ich mercke, dass du ein Kerl bist, der wenig Courage hat, jedoch dieselbe soll sich finden, folge nur mir, denn ich habe es seit etlichen Jahren her besser, als ein leiblicher Vater mit dir gemeinet, es kommt nur darauf an, dass du mir etwa noch zwey oder drey Streiche vollbringen hilffst, hernach wollen wir ohnfehlbar so viel beysammen haben, Zeit Lebens vollkommen vergnugt zu leben, denn ich schwere, so bald mir nur noch dieses gelungen, dass ich mich von Stund an in ein frembdes Land zur Ruhe begeben, und hernach biss an mein Ende ein stilles Leben fuhren will, zumahlen da ich schon uber 12000. Thlr. an Gelde und Kostbarkeiten besitze. Gnadiger Herr, gab ich zur Antwort, ihr seyd etwas grausam mit mir umgegangen, da euch doch bewust, wie ich alle Augenblicke bereit bin, mein Leben vor und bey euch zu lassen, in andern Dingen bin ich freylich etwas feige und zaghafft, allein, was kan denn ich davor, dass ich niemahls zur Tapfferkeit angefuhret worden, mit euch, und wo ihr darbey seyd, will ich alles wagen, was nur ein Mensch sich unterstehen kan, ich wolte, auf euren Befehl, einem das Hertze aus dem Leide reissen, aber vor mich allein etwas zu thun, schatzte ich mich zu einfaltig und zaghafft, nehmet mich derowegen nur erstlich mit, und zeiget mir, wie ich mich verhalten soll, so werdet ihr bald erfahren, dass euer Peter kein SchaafsKopff ist.

Durch diese Reden liess sich mein Herr dermassen zum Mitleyden bewegen, dass er mich hertzlich umarmete, er selbst schenckte mir ein Glass uber das andere vom allerbesten Weine ein, gab mir anbey etliche Stucke vom Hertz-starckenden Confecte, kurtz! mein Herr, Martin und ich lebten die gantze Nacht hindurch dergestalt lustig und bruderlich zusammen, dass wir mit anbrechenden Tage so voll als die Bestien waren. Nachdem der Rausch ausgeschlaffen war, fiengen wir aufs neue an, mit dreyen, mittlerzeit angekommenen andern Ertz-Dieben, zu fressen und zu sauffen, jedoch in aller Stille, so, dass weder der Wirth noch jemand anders wahrnahm, dass Herrn und Knechte in so genauer Freundschafft und ohne alle Ceremonien lebten. Es erzehlete, so bald die Nasen begossen waren, ein jeder seine hier und dort erwiesenen Helden-Thaten und klugen Streiche, die er seit vielen Jahren erwiesen hatte, und es wurde keine geringe Erstaunung verursachen, wenn ich dasjenige, was mir annoch davon in Gedancken schwebt, voritzo mit erwehnen wolte, allein, solches mag biss auf eine andere Zeit versparet bleiben, weil es allzu viele Ausschweiffung in meiner eigenen Geschichte machen mochte, derowegen will nur sagen: dass mein Herr, wegen seiner ausgefuhrten recht seltsamen unzahligen Handel, den besten Preiss darvon trug, unter welches Erzehlung ich angemerckt, dass er grausame Vergifftungen und andere Mordthaten theils angestifftet, theils selbst begangen, und durch subtile und grobe Diebstahle ein grosses Gut erbeutet hatte. Ich armer Schelm war von ihm nicht etwa aus einer besondern Barmhertzigkeit aufgenommen, und zum SchlosserHandwercke befordert worden, sondern eintzig und allein aus der Ursache, damit er einen Leib-eigenen Schlosser haben mochte, der ihm, so offt es von nothen, allerley, vorhero in Wachs abgedruckte, Schlussel und andere Diebs-Instrumenta verfertigen konte. Meinen ersten Meister hatte er seit vielen Jahren zu dergleichen kunstlicher Arbeit gebraucht, ohngeacht er sich damahls in Ulm anfanglich gestellt, als ob er ihn erstlich kennen gelernet. Der arme Schelm hatte sich auch belieben lassen, meinem Herrn in das Elsassische Gebiethe zu folgen, um daselbst durch verwegene Diebs-Streiche auf einmahl reich und glucklich zu werden; allein der gute Schlucker war gleich in dem ersten Lehr-Jahre gefangen und auf gehenckt worden, und hatte noch darzu meinem Herrn sein bestes Spiel verdorben, so, dass sich derselbe uber Haltz und Kopff auf- und in ein ander Land machen mussen.

Die Haare stunden mir bey Anhorung aller dieser entsetzlichen Streiche zu Berge, jedoch da ich bey der allergeringsten Bezeugung eines Ibscheues, den schmertzlichsten Todt befurchten muste, stellete ich mich dermassen dreuste und begierig zu diesem saubern Handwercke an, dass mein Herr binnen wenig Tagen nicht allein ein vollkommen gutes Concept von mir fassete, sondern auch sein gantzes Hertze gegen mich ausschuttete, und meine Person zu seinem vertrautesten Freunde machte.

Solchergestalt brachte ich nicht allein sein gantzes Vorhaben, sondern auch die Nahmen und den Auffenthalt aller seiner Mit-Bruder in Erfahrung, erstaunete aber ziemlich daruber: dass sich in dieser Stadt, welche doch keine von den allergrosten war, eine Compagnie von 17. wohl exercirten Haupt-Dieben aufhielt, die theils in Cavalliers-Kleidern, theils in ehrbarer Burger oder anderer Tracht, bald in diesem, bald in jenem Wirths-Hause meinem Herrn ihre Aufwartung machten, ihren Bericht abstatteten, und fernerweitige Ordre holeten.

So lange man mich nicht anstrengete, mit auf die Rauberey auszugehen, liess ich alles gehen wie es gieng, bemerckte jedoch inzwischen, dass mein Herr starcke Einkunffte von seinen Untergebenen zu geniessen hatte, welche ihn nicht eher zu beunruhigen pflegten, als wenn ein schweres und gantz sehr profitables-Werck obhanden war.

Indem sie aber einen gewissen Einnehmer des Orts, der ohngefehr 16. biss 18. tausend Thlr. baar Geld im Vorrathe liegen hatte, nicht allein selbiges hinweg nehmen, sondern auch allenfalls Mord und Todtschlag auszuuben, alle Anstalten machten, und mich so wohl bey dem ersten Angriffe, als vornehmlich die Schlosser und Thuren hurtig aufzumachen, gebrauchen wolten, fiel mir auf einmahl aller Muth, zumahlen da dieser Haupt-Diebstahl in kurtzen, nehmlich gleich in der zweyten Nacht, vor sich gehen solte. Ich wuste gewiss, dass mein Leben an einem seidenen Faden hienge, wenn ich von meiner Bangigkeit etwas mercken liesse, oder die geringste Miene machte, mich den Vorschlagen meines Herrn zu widersetzen, derowegen stellete mich an als ein begieriger Lowe, und brachte in meines Herrn Stube einen gantzen Tag mit nichts anders hin, als die kunstlichsten lnstrumenta und Brech-Eisen zu Aufmachung aller Schosser und Thuren zu verfertigen.

Mein Herr sprach zu mir: Mein Peter, halte dich auf morgende Nacht wohl, ich versichere, dass zum wenigsten auf deinen Theil 6. biss 800. Thlr. fallen. Herr! sprach ich, und wenn ich nur Ein- oder 200. Thlr. zu bekommen weiss, so will ich mir kein Bedencken nehmen, alle diejenigen, so mir entgegen kommen, mit diesem lnstrumente, (welches ein dreyzakkiges Brech Eisen war) mit einem eintzigen Schlage in die andere Welt zu schicken. So recht! sprach er, du bist nach meinem Sinne. Ach, dass ich dich nicht schon seit 10. Jahren bey mir gehabt habe, wir wolten gewiss um 20000. Thlr. oder etwas weniger reicher seyn, denn der Himmel hat mich immer mit dergleichen Kerlen belastiget, die zwar viel Courage im Maule, aber desto weniger im Hertzen gehabt haben, bey dir aber mein Peter, mercke ich nunmehro mehr Courage im Hertzen als im Maule.

Es muss sich ohnfehlbar wunderlich schicken, ja ich glaube vielmehr, der Allmachtige GOtt muss einen Menschen sonderlich verblenden, wenn er ihn reif zur Straffe befindet, denn mein Herr, der doch sonsten der Ausbund eines erfahrnen und klugen Menschen zu seyn schien, hatte mich nur ein klein wenig genauer betrachten durffen, so wurde er in meinen Augen und zerrutteten Gebarden, alle Merckmahle der Angst, Furcht, wenigstens der Verstellung erblicket haben, allein, wie gesagt, seine Augen wurden ohnfehlbar gehalten, derowegen blieb ich sein vertrautester Peter. Zu mehreren Beweiss, dass GOtt seinen bissherigen Mord- und Diebs-Streichen einmahl Einhalt thun wolte, muste er auf die Gedancken gerathen, mich Tages vorhero, ehe der grausame Diebstahl geschehen solte, zum Stadt-Richter zu senden, um vor ihm und mich einen Reise-Pass nach Wien auszulosen, als worzu er mir zwey spec. Ducaten mitgab. Indem ich hingieng, mein befohlenes Geschaffte auszurichten, war noch nichts weniger in meinen Gedancken als die gantze Karte zu verrathen, sondern ich hatte mir vorgenommen, gegen Abend, vorsichtiger weise die Treppe herunter zu purtzeln, und mich zu stellen, als ob ich sehr beschadigt, also untuchtig ware, mit auf Parthie auszugehen, nachdem ich aber bey dem StadtRichter meines Herrn Compliment angebracht, die Reise-Passe erhalten, und ihm darvor die 2. spec. Ducaten dargelegt hatte, sprach dieser ehrliche Mann: Ach mein Freund, nehmet in GOttes Nahmen euer Geld zukucke, ich verlange nichts, und wunschte von Hertzen, dass ich eurem Herrn diesen Dienst schon vor etlichen Wochen leisten konnen, wo es anders sein Ernst ist, von hier abzureisen. Ich stutzte ziemlich uber dergleichen Redens-Art, da aber vermerckte: dass dieser Mann ohnedem kein gut Concept von meines Herrn Lebens-Art gefasset hatte, brach ich auf einmahl loss, und sagte: Woferne ich mich auf seine augenscheinliche Redlichkeit verlassen durffte, so, dass mir, als einem ehrlichen Handwercks-Purschen, der ob er gleich itzo Laqveyen-Kleider anhatte, dennoch lieber auf seiner Profession arbeiten, als Herren dienen wolte, kein unschuldiger Tort angethan wurde, ich im Stande sey, ihm ein solches Geheimniss zu offenbahren, wodurch vielleicht einem grausamen Ubel vorgebauet werden konte. Solchergestalt sahe mich der Stadt-Richter etwas eigentlicher an, bath aber mich, ihm auf seine geheime Stube zu folgen. Daselbst fieng er so gleich also zu reden an: Mein Freund, ich mercke, dass ihr ein redlich Hertze im Leibe habt, scheuet euch derowegen nicht, mir alles zu vertrauen, was so wohl eure Person als andere gefahrliche Sachen betrifft, und glaubet, dass ich nebst meiner Haabe und Gutern, auch mein Leib und Leben, ja meinen Theil, den ich an der ewigen Seeligkeit dermahleins zu haben verhoffe, zum Pfande setze, wenn ich nicht alle Mittel vorkehre, euch in allen Schadloss zu halten, ihr mochtet auch die allergrosten Verbrechen begangen haben, denn mein Hertze sagt mir im Voraus, dass ihr den hiesigen Lobl. Stadt-Gerichten ein solches Licht anzunden konnet, welches wir langstens vergeblich gesucht haben.

Hierauf brach ich loss, erwiese erstlich meine Unschuld durch kurtze Erzehlung meines Lebens-Lauffs, nachhero aber eroffnete der Lange nach, alles, was mir von meines Herrn Wesen und itzigen Vorhaben wissend war, woruber der Stadt-Richter zwar ziemlich erstaunete, jedoch sich bald zu fassen und Mittel zu ersinnen wuste, die frechen Diebe gantz artig in die Falle lauffen zu lassen. Immittelst befahl er mir, nur wieder zu meinem Herrn zu gehen, und, um ihn keinen Verdacht zu erwecken, lustig und gutes Muths zu seyn, daferne ich aber in zukunfftiger Nacht ja allenfalls mit auf Parthie ausgehen muste, solte ich nur ein weiss Schnupff-Tuch um den rechten Arm binden, damit mir so dann die plotzlich heraus brechende Schaar-Wache nicht etwa Leydes zufugen mochte. Ich nahm alles wohl in acht, und verfugte mich aufs eiligste zu meinem Herrn, der meines langen Aussenbleibens wegen schon allerhand Gedancken gehabt hatte, und sehr scharff nach des Stadt-Richters Auffuhrung forschete, allein ich berichtete, dass derselbe ausser dem weitlaufftigen Complimenten, welche er mir an Ihro Gn. zu machen befohlen, wenig oder gar nichts anders geredet, doch ware er anfanglich nicht gleich zu Hause gewesen, wesswegen ich in dem Bier-Hause gegen uber, auf ihn gewartet hatte. Er war also zu frieden, befahl mir noch, die Extra-Post zu bestellen, welche fruh um 2. Uhr absolut parat stehen muste, und da auch dieses geschehen, wurde die ubrige Zeit biss in die spate Nacht, theils mit Einpacken, theils mit Verabredung unseres machtigen Vorhabens hingebracht. Schon um 11. Uhr brachten die von meinem Herrn ausgestelleten Spions die Nachricht ein, dass bereits seit 9. Uhren, in des Einnehmers Hause alles ruhig und stille, auch zu noch besserer Anzeigung eines guten Glucks, nicht das geringste Licht zu sehen ware, welches doch sonsten in der Eck-Stube die gantze Nacht hindurch zu brennen pflegte, vor diessmahl aber ohngefahr ausgegangen seyn musse. Dem ohngeacht befahl mein Herr, noch so lange gute Schildwacht zu halten, biss der Seiger zwey Viertel auf 1. Uhr schluge, um welche Zeit er sich nebst mir bey dem Hinter-Gebaude des Einnehmers einfinden wolte, um daselbst, als an dem beqvemsten Orte, einzubrechen, und so dann in aller Stille die vordersten Hauss-Thuren zu eroffnen, oder sich nach andern Retiraden umzusehen.

Kurtz von der Sache zu reden, unser Vorhaben schien nach Wunsch von statten zu gehen, indem wir in aller Stille nicht allein das Hinter-Gebaude durchbrachen, sondern auch alle Thuren im Hause ohne das geringste Getose eroffneten, worbey ich mir mit Fleiss einen Riss in die rechte Hand gab, dass das Geblute hauffig hervor quall, mithin desto bessere Ursache hatte, eine grosse weisse Serviette so wohl um die Hand als um den Arm zu binden. Es waren unserer 13. bemuhet, die letzte Thur zu der Cammer, worinnen der Einnehmer mit dem Gelde anzutreffen seyn solte, vollends aufzubrechen, erreichten auch nach vieler Bemuhung unsern Zweck. Allein, indem die Thur vollig aufgethan wurde, geschahe nicht allein in der Cammer ein Pistolen-Schuss, sondern es zeigten sich auch bey dem Bette des Einnehmers 12. Geharnischte-Manner, die entsetzlich grosse Sabels an der rechten Hand hangen, ihre Buchsen aber im Anschlage liegen hatten. Ich war, ohngeacht meines guten Gewissens, dennoch fast halb todt bey diesem Anblicke, horete aber aus der Cammer eine Stimme ruffen: Ihr ungebethenen Herrn Gaste, gebt euch gefangen oder sterbet! Bey so gestallten Sachen hielt ich nicht vor rathsam, lange Stand zu halten, sahe mich derowegen nach dem Ruckwege um, wurde aber auf der Treppe von zweyen Knechten, ohngeacht meines weissen Arm-Bandes, bey der Kahle genommen, und gantz stillschweigend in einem finstern Keller gestossen, aus welchen uber 24. Mann wohl bewaffneter Burger herauf stiegen. Solchergestalt sahe ich weiter nichts, horete aber unter einem starcken Tumulte etliche Schusse, und habe hernach erfahren, dass mein, biss dahin gewesener Herr, als er gesehen, dass unmoglich zu entkommen sey, sein Terzerol hervor gezogen, und damit Feuer auf den Einnehmer gegeben, indem er aber fehl geschossen, treffen ihn die Geharnischten mit drey Kugeln desto gewisser, so, dass er augenblicklich todt darnieder fallt, die ubrigen 11. Cameraden, werden nach allerstarckster Gegenwehr, so wohl als zwey andere, die auf der Strasse Schildwacht gestanden hatten, gefangen und gebunden, ich aber wurde, so bald der Tumult vorbey, noch vor Tages Anbruch aus dem finstern Keller hervor gelanget, in des Stadt-Richters Behausung gefuhret, und daselbst aufs allerbeste verpflegt.

Ich will mich mit dem Bericht, wie es denen auf frischer Fahrt ertappten Ertz-Dieben ferner ergangen, voritzo nicht aufhalten, zumahlen ich ohnedem selbiges erstlich nach einiger Zeit bald so, bald anders erzehlen horen, denn nachdem meine wohlbedachtige Aussage binnen 4. Wochen von Tage zu Tage nieder geschrieben worden, brauchten mich die Gerichts Herrn zu keinem ferneren Beweise, sondern liessen mich endlich mit einem Geschencke von 500. Thalern hinreisen wohin ich wolte, jedoch bath mich der ehrliche Stadt-Richter, ihm dann und wann von meinem Auffenthalte Nachricht zu geben, welches ich auch nachhero zweymahl aus Stettin und Rostock gethan, allein, keine Antwort erhalten habe, ohngeacht mein Auffenthalt an beyden Orten uber 2. Jahr lang gewesen. Endlich resolvirte ich mich, wieder zuruck in mein Vater-Land zu reisen, war auch schon wurcklich biss Berlin gekommen, jedoch weil ich daselbst einen verfluchten Ertz-Dieb erblickte, der mit meinem Herrn in sehr genauer Freundschafft gestanden hatte, werckte ich so gleich, dass diese Rotte noch nicht gantz ausgerorter ware, befurchtete also leichtlich erkandt, und als ein Diebs-Verrather von diesen rachgierigen Mord-Gesellen ermordet zu werden. Demnach nahm ich aufs eiligste die geschwinde Post uber Braunschweig nach Holland zu, und weil mir dem ohngeacht immer zu Muthe war, als ob ich von Mordern verfolgt wurde, erwehlete ich endlich eine Reise zu Schiffe zu wagen, etliche Jahr aussen zu bleiben, und mit der Zeit, wenn GOtt Leben und Gesundheit verliehe, mein Vaterland wieder zu suchen, weiln doch vermuthlich binnen der Zeit diese Morder- und Diebs-Bande entweder wurde abgethan oder zerstreuet werden. Allein, der Himmel hat durch seine gluckliche Fuhrung zu dem Herrn Wolffgang, mich nunmehro auf dieser Insul in eine solche vergnugte Sicherheit gesetzt, dass ich mein Vaterland sehr wohl entrathen kan, wesswegen ich nicht unterlassen werde, nach Moglichkeit, mich gegen GOTT, den Herrn Wolffgang und alle hiesige getreue Freunde, Zeit-Lebens dergestalt danckbar und erkanntlich zu erzeigen, als es meine Schuldigkeit erfordert. Und also endigte der ehrliche Gevatter, Freund und Schwager, Peter Morgenthal, die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht, als vor welche wir ihm so wohl als vor alle andere erwiesene Gefalligkeit vielen Danck sagten, und uns sammtlich zuruck in unsere verschiedenen Wohnungen begaben.

Not. Hier hat Mons. Eberhard Julius, der Ordnung

gemass, die Lebens-Geschichte der ubrigen letzt mit

angelangeten Europaer, nehmlich des Pappier-Mul

lers Kleemanns, des Tuchmachers Wetterlings,

des Bottchers Garbens, und des Topffers Schrei

ners mit eingeflochten, weiln ich Gisander aber

befurchte, dass, wenn ich selbige gleichfalls bey

brachte, vielleicht dieser andere Theil des Wercks,

den Ersten um viele Bogen ubertreffen durffte, so

will die Erzehlungen besagter Avanturiers entwe

der, wo Platz vorhanden, zum Anhange, oder biss in

den ohnfehlbar bald folgenden dritten Theil verspa

ren, indessen, den proprio ausu begangenen Feh

ler, (wo es anders ein Fehler zu nennen) feyerlichst

depreciren, die Haupt-Sache aber selbst-erwehlter

Ordnung nach also fortsetzen:

Am 13. Octobr passirte in Stephans-Raum ein erbarmlicher Streich, indem sich ein 6. jahriger artiger Knabe allzu weit in das Fluth-Bette der Muhle wagte, dahero schnell fortgefuhret, und von dem Muhl-Rade dermassen starck gegen die gleich uber liegenden Steine geworffen wurde, dass man ihn von der Stelle mit zerschmetterten Kopffe, todt aufgehoben. Den 7. Nov. sturtzte sich eine entsetzlich-grosse Felsen-Spitze zwischen Osten und Suden mit grausamen Krachen in die See. Es verursachte dieses ein sehr grosses Schrecken auf der gantzen Insul, jedoch, nachdem wir Jungern, solches in Augenschein genommen, und dem Alt-Vater Rapport abgestattet hatten, sagte derselbe, dass er diesen Absall schon seit etliche 20. Jahren vermuthet, indem sich diese Spitze immer nach und nach tieffer geneigt hatte.

Den 22. Novemb. wurde in Christians-Raum ein Knabe von einem Fullen darnieder gerennet, sehr zertreten, und am Schenckel starck verwundet, so, dass man an dessen Aufkommen zweiffelte, jedoch Mons. Kramer hat denselben binnen kurtzer Zeit wiederum vollig gesund hergestellet.

Die See ist in diesem Fruh-Jahre dermassen aufgeschwollen gewesen, dass wir sehr selten, kaum 50. Schritt lang auf dem Sande vom Felsen hingehen konnen. Hergegen haben wir bey der Gelegenheit eine grosse Menge von Austern, Muscheln, Fischen und Meer-Thieren eingefangen.

Andere geringe Veranderungen, die sich noch in diesem 1727ten Jahre zugetragen haben, will beliebter Kurtze wegen nicht beruhren, jedoch befinde mich schuldig, ein abermahliges Verzeichniss der copulirten, gebohrnen, confirmirten und begrabenen, vermittelst nachstehender Tabelle, darzulegen:

Solchem nach sind die Felsenburgischen Bewohner in ob erwehnten Jahre vermehret worden um 28. Personen als 17. Mannliches und 11. Weibliches Geschlechts.

Mithin wurde das neue 1728. Jahr mit vollem Seegen und Vergnugen angetreten, der GOttes-Dienst vor allen andern Dingen wohl abgewartet, im ubrigen aber alle andere erlaubte Christliche Freuden-Bezeugungen und Lustbarkeiten, so, wie im vorigen Jahre, ja noch viel ordentlicher angestellet, von welchen ich aber voritzo keine verdrussliche Wiederholung anstellen, sondern von etwas merckwurdigern Sachen schreiben will.

Unser Bottcher Melchior Garbe hatte binnen etlichen Wochen nebst verschiedenen Gehulffen, 4. ordentliche Wagens mit Radern und allen Zubehor, so, wie dieselben in Deutschland gesehen werden, verfertiget, welche, bey der, dieses Jahr ungemein gesegneten Erndte, treffliche Dienste thaten, indem Herr Wolffgang und Mons. Kramer die tuchtigsten Pferde darzu hergaben, und bald diesen bald jenen PflantzStatten die Fruchte einfuhren liessen, solchergestalt hatten nun nicht allein die Menschen, sondern auch die armen Affen, welche bissanhero nebst den wenigen zahm-gemachten Hirschen, dergleichen Emfuhre verrichten mussen, eine grosse Erleichterung zu spuren.

Die wilden Affen waren hingegen durch bissheriges tagliches Verfolgen sehr vermindert, und die ubrigen wenigen dergestalt in die Enge getrieben worden, dass man, und zwar nur in den allerausersten und wilden Oertern der Insul, sehr selten ein paar oder etliche beysammen fand. Ich habe bey den Merckwurdigkeiten des vorigen Jahres zu melden vergessen: dass diese wilden zornigen Bestien einen von den Roberts-Raumer jungen zahmen Affen, der sich allein etwas zu weit ins Geholtze gewagt, schandlich zerfleischt, und die Stucken auf dem Fuss-Stege hin, biss nahe an die Pflantz-Stadt Roberts-Raum ausgestreuet hatten, welches ein starckes Merckmahl war, dass sie unserer zahmen Hauss-Affen geschworne Feinde gewesen. Jedoch wir hatten dieses letztern wegen noch viel deutlichere Wahrzeichen, welche ich doch beliebter Kurtze wegen ubergehe.

Die Weinlese war in diesem Jahre nicht weniger Segenreich, als die Getrayde Erndte, weil sich sonderlich die letzt angekommenen Europaer sehr bemuhet hatten, die Weinberge zu verbessern, und weiter auszubreiten, ingleichen geriethen die Cocos-Nusse und andere vortrefflichen Fruchte, dermahlen in ungemeiner Menge, fast ausserordentlich wohl und kostlich, so dass es aller Orten alle Hande voll zu thun gab, eine jede Sache zu ihren Nutzen zuzurichten, und gehoriges Orts zu verwahren. Von immer besserer Einrichtung unserer Schulen, Kunstler und HandwercksLeute, ingleichen von ein und andern Bau-Sachen annoch zu reden, halte ebenfalls vor uberflussig und unnothig, weil die Haupt-Stucke schon oben, meines Erachtens, ziemlich deutlich vorgestellet habe, derowegen will nur einige Denck wurdigkeiten des 1728ten Jahres nebst andern Sachen vortragen, die obgleich nicht alle von sonderbarer Wichtigkeit sind, jedoch vielleicht diesem oder jenem Leser nicht so gar verdrusslich fallen werden.

In spatester Herbst-Zeit wurden fast die meisten Einwohner der Insul eines Abends in besonderes Schrecken gesetzt, denn wie ich theils selbst gesehen, theils aus dem Berichte dererjenigen, welche auf dem Nord-Felsen die Wacht gehabt, vernommen, kam anfanglich zwischen West und Nord eine dicke blassfeuerige Pyramide aus der See am Himmel herauf gestiegen, welche sich zumahlen an denjenigen Stellen, wo etwas dicke Wolcken waren, recht grasslich ansehen liess. Bald kamen sehr viele Strahlen oder Pfeile, auf die Art, wie die Donner-Pfeile gemahlet zu werden pflegen, heraus geschossen, bald aber sprungen einzelne gross und kleine helleuchtende Funcken heraus, dergleichen man in den Feuer-Essen der Schmiede siehet. Binnen einer Stunde verlohr sich die Pyramiden-Gestalt, hergegen zohe sich eine Streiffe, die ohngefahr 5. oder 6. mahl breiter, als ein gewohnlicher Regenbogen zu seyn schien, erstlich gantz biss an den Polar-Stern hinauf, zertheilete sich so dann der Lange nach in etliche schmahlere Streiffen, die da ingesamt gegen Osten zu, wieder biss in die See reichten, und sich gantz wunderbar unter einander verzogen. Hierbey sahe man unter diesen lichten Streiffen ein ofteres Zucken, ungewohnliches Blitzen, und Flimmern, welches aber doch nicht also in die Augen fiel, als ein ordentliches Wetterleuchten und Blitzen, so vor dem Donner herzugehen pfleget. Um Mitternachts-Zeit erhub sich ein mittelmassiger Wind, der die Streiffen aus ein ander trieb, an deren Stelle sich fast am gantzen Himmel sehr wunderbare Figuren zeigten, die aber nicht gar lange in einerley Stellung blieben, worbey das Zucken, Flimmern oder Blitzen bestandig fort dauerte, je naher aber der Tag heran ruckte, je blasser begunten die feurigen Strahlen und andere Figuren zu werden, biss endlich mit anbrechenden Tage das gantze Gesichte verschwand.

Wie ich bereits oben gemeldet, waren nicht allein die aller meisten Einwohner hieruber hefftig erschrekken, so dass auch fast kein eintziger Mensch an das Schlaffen gedacht, sondern das Ende abgewartet hat, sondern es wurde auch davor gehalten, dass dieses Feuerzeichen eine vorher Verkundigung gantz besonderer Zufalle seyn musse; allein da Herr M. Schmelzer, Mons. Litzberg, Herr Wolffgang nebst dem AltVater, und andern, die sich von der Physic einen rechten Begriff machen konten, die Sache weiter uberlegten; und darinnen einig wurden, dass dieses Wunder vor ein starckes Meteoron oder Nord-Licht zu achten sey, Herr Mag. Schmelzer auch nachst darauf folgenden Sonntage Nachmittags einen erbaulichen Sermon daruber gehalten, und die Wunder GOttes, welche er in die Natur gelegt, anbey die vernunfftigen Ursachen solcher Feuerzeichen angezeigt hatte, verwandelte sich der meiste Theil des Schreckens bey allen in eine Gottesfurchtige Bewunderung, so dass wir dergleichen Meteora, welche sich nachhero noch etliche mahl, wiewohl nicht gar so sehr furchterlich zeigten, samtlich mit mehrerer Gelassenheit betrachteten. Mons. Eberhard Julius hat bey dieser Passage einen gar feinen und gelehrten Discours, den die Felsenburgischen Herrn Naturkundiger dieses Meteori wegen gehalten, beygebracht, weil aber derselbe gar zu weitlaufftig, uber dieses seit wenig Jahren fast aller Orten verschiedene Observationes und Abhandlungen von solcher Materie, in deutscher, Lateinischer und andern Sprachen gedruckt zum Vorscheine gekommen sind, so dass fast ein jeder gemeiner Mann in Deutschland ziemlich wohl darvon zu raisoniren weiss, als habe mich unterstanden, selbigen aussen zu lassen.*

Am 15. May kam in Alberts-Raum durch Verwahr

losung eines kleinen 4. jahrigen Magdleins, welches in Abwesenheit der Eltern einen gluenden FeuerBrand zu nahe an den gedorrten Flachs getragen, ein Hauss dergestalt geschwind in Brand, dass, ohngeacht aller angewandten Arbeit, keine Rettung zu thun war, sondern dasselbe, nebst Scheunen und Stallen zum Aschen-Hauffen werden muste, jedoch, ausser dem am allermeisten Haussgerathe dieser guten Leute, war nichts beklagenswurdiger, als ein junges Rind, und 13. Stuck Huner, welche, weil man in der Angst nicht an dieselben gedacht, mit verbrandt waren.

Die klare Wahrheit zu sagen, so war uns allen an diesen jungen Stuck Rind-Vieh, und den Hunern dermassen viel, ja weit mehr gelegen, als an einem gantzen Hause und allen darzu benothigten Hauss-Rathe, denn dergleichen Hauss war bey so redlicher Handreichung, binnen kurtzer Zeit wieder aufgebauet, der Hauss-Rath aber konte in einem eintzigen Tage, ohne jemands Schaden, zehnfach, ja was sage ich: hundertfach ersetzt werden. O! wie mancher Bosewicht in Deutschland solte sich mit grosten Vergnugen, ohne eintzigen Gewissens-Scrupel zu machen, sein Wohnhauss selbst uber dem Kopffe anzunden, und nackend und bloss heraus lauffen, wenn er sich nur dergleichen Beneficien zu getrosten hatte. Sonsten, weil ich eben jetzo gedacht, in was vor sonderbaren Werthe das Europische Vieh auf unserer Insul gewesen, fallt mir bey, dass als eines Tages Herr Wolffgang den AltVater, nebst einigen andern guten Freunden zu Gaste, und unter andern Gerichten, etliche gekochte junge Huner nebst einem Kalbs-Braten aufgesetzt hatte, war der Alt-Vater dermassen eigensinnig, dass er weder von dem einem noch dem andern Gerichte etwas kosten wolte, sondern es dem ehrlichen Herrn Wolffgang vor eine unverantwortliche Verschwendung auslegte, indem sich selbige Thiere noch lange nicht so starck vermehret hatten, dass man sie mit Recht zu Leckerbissen brauchen durffte. Herr Wolffgang aber zeigte sich hierauff dermassen gefallig gegen den AltVater, dass er ihm ungelobte binnen Jahr und Tag kein einzig Stuck Feder-Vieh, binnen 5. Jahren, auch kein vierfussiges Europisches Thier schlachten zu lassen, ohngeacht wir damahliger Zeit schon eine ungemein starcke Anzahl von Hunern, Gansen, Tauben und dergleichen halten.

Am 23. May wurde ein junger Mann aus Simons-Raum, welcher zur unrechten Zeit etwas von sehr feinen Thone aus den Thon-Gruben hauen wollen, plotzlich verschuttet und sehr zerdruckt, jedoch weil es andere Leute zeitig wahrgenommen, annoch vom jammerlichen Ersticken errettet, und von Mons. Kramern wiederum vollig aus curiret. Acht oder 10. Tage hernach fiel unsers ehrlichen Topffers, Meister Schreiners, Brenn-Ofen ein, so, dass alles darinnen befindliche Topffer-Zeug zerschlagen, einer von seinen Lehrlingen aber durch einen Stein auf dem Kopffe sehr beschadiget wurde.

Zu Ende des Monats Julii brachte in Davids-Raum ein Schaaf ein monstreuses Lamm zur Welt, mit zwey Kopffen, 4. Beinen und zwey Schwantzen, am 5ten Tage wurde selbiges von Mons. Kramern geschlachtet, anatomirt, und dessen Haut zur Raritzt ausgestopfft, auch die Gebeine ausgekocht, und ordentlich an einander gehefftet, gleicher gestalt wie die aufgerichteten Scelata in den Europaischen Anatomie-Cammern gesehen werden.

Am 16. Augusti etwa zwey Stunden vor dem Mittage, horeten wir auf der Insul ein starckes Donnern von abgefeuerten Canonen aus Osten her erschallen, wesswegen sich die hurtigen Roberts-Raumer sogleich auf die Felsen-Hohen begeben, und unsern dahin abgefertigten Bothen die Nachricht entgegen gebracht hatten, dass auf dem hohen Meere ein Schiff vor Ankker lage, welches einmahl uber das andere fein Geschutz losete. Ich sprung vor Freuden in die Hohe, weil mir sogleich ahndete, dass es vielleicht der aus Ost-Indien zuruckkommende Capitain Horn seyn werde, indem sich aber Herr Wolffgang und Mons. Litzberg bey uns einstelleten, nahm mir der erstere das Wort aus dem Munde, und erinnerte, dass es rathsam sey, unser leichtes Schiff aus der Sud-Bucht heraus zu langen, und diesen Frembden mit einigen Erfrischungen entgegen zu fahren, wenn doch zu vermuthen, dass es Christent-Leute waren, die von unsern hiesigen Auffenthalt einige Nachricht hatten, im Fall ja der Capitain Horn selbst nicht gegenwartig sey. Auserdiesen konte auch wohl seyn: dass die vor Ankker liegenden in grossen Nothen stacken, und durch Abfeuerung ihrer Canonen Hulffe rieffen. Der AltVater hielt Herrn Wolffgangs Meynung vor billig, und weiln der Stamm-Vater David eben zu rechter Zeit ankam, nahm derselbe, ohngeacht seines hohen Alters, die Muhe uber sich, nebst erforderlicher Mannschafft unser Schiff hervor zu fuhren, und in aller Eil ein und andere gute Lebens-Mittel einzuladen. Allein, wenig Stunden hernach, landete ein von dem frembden Schiffe ausgeworffenes Boot, an der Nord-Seite bey unsern Felsen an, und wir erkannten so gleich von der Hohe herab die Person des Capitain Horns, welcher noch 3. andere Personen bey sich hatte. Demnach stiegen Herr Wolffgang, Mons. Litzberg, Mons. Kramer und ich so gleich hinnab, und empfiengen denselben auf eine solche zartliche Art, als ob er unser leiblicher Bruder gewesen ware.

Die drey bey ihm seyenden, waren seine auf den Philippinischen Insuln erkauffte Sclaven, konten aber jedoch schon ziemlich gut Hollandisch sprechen, weil uns nun etliche junge Manner mit einigen Flaschen Wein, weissen Brodte, gebratenen Fischen und Fleische, auch allerley Fruchten beladen, nachgestiegen waren, musten ihrer 6. die 3. frembden Gaste, in diejenige, von der Natur wohl zubereitete, Felsen-Hole fuhren, worinnen ehemahls noch vor Entdeckung des Landes, der Alt-Vater Albertus nebst Franz van Leuven, Concordien und Lemelie viele Tage lang ihren Auffenthalt genommen hatten, und sie daselbst aufs beste bewirthen, denn Mons. Wolffgang wolte ohne specielle Erlaubniss des Alt-Vaters, keinen andern Frembden als den Capitain Horn, auf die Insul fuhren. Die drey guten Menschen, welche seit etlichen Wochen keine recht schmackhafften Speisen, vielweniger dergleichen kostliches Getrancke zu sich zu nehmen, Gelegenheit gehabt, waren vor Vergnugen gantz ausser sich selbst, also weiter um keine anderen wichtigen Sachen bekummert, als ihres Leibes zu pflegen. Mittlerweile waren oben auf dem Lande die Schleusen zugesetzt worden, und das Wasser im Felsen-Gange abgelauffen, wesswegen wir den Capitain Horn, nachdem er etwas Speise und Tranck zu sich genommen, auch seinen Sclaven befohlen, seinethalben ohne alle Sorgen zu leben, biss er wieder zuruck kame, hinauf fuhreten, vor Nachts noch etliche Gebund Stroh, Bett-Decken, nebst noch mehrern Lebens-Mitteln vor die drey Frembden hinunter tragen liessen, und den lieben Gast, auf der Albertus-Burg dem Alt-Vater in seinem Zimmer vorstelleten.

Der Alt-Vater sass in seinem Gross-Vater-Stuhle, welchen ihm Lademann sehr bequehm gezimmert, mit Tuch beschlagen, und mit Wild-Haaren ausgestopfft hatte. Mons. Horn erstaunete recht bey seinem Eintritte, einen solchen venerablen Greiss mit dem weissen langen Barthe zu sehen, der eine schwartze Sammet-Mutze, und einen langen SchlaffRock von braunen Atlas trug, machte ihm aber ein solches hoffliches Compliment, als man sonsten gegen Fursten und Herrn zu thun pflegt, indem er sich aber naherte, stund der Alt-Vater auf, und empfieng ihn mit einem Kusse.

Des Capitain Horns Anrede bestund ohngefahr in folgenden Worten: Ehrwurdiger Alt-Vater! Ich komme zu ihm als einem Manne, den der Himmel durch seine besondere Fugung vor andern Menschen in einen bewunderens wurdigen Stand gesetzt, mit Erzeigung des schuldigen Respects, und dancke gehorsamst davor, dass mir die Erlaubniss gegeben worden, dieses sonderlich gluckseelige Erdreich, so gar auch sein Zimmer zu betreten, will aber bey dieser ersten Zusammenkunfft weiter nichts melden, als, dass ich ehe mein Leben, wenn es moglich ware, tausendmahl verliehren, als des loblichen ewigen Nachruhms entubriget seyn wolte, ein getreuester Knecht und Freund von ihm und allen dessen Angehorigen zu seyn.

Des Alt-Vaters Gegenrede lautete ohngefahr also, Mein Herr und Freund! ich lobe den Allerhochsten, dass er euch nach einer bey nahe dreyjahrigen, und ohnfehlbar mit vielen Gefahrlichkeiten verknupfften Reise, gesund zu uns gefuhret hat. Herr Wolffgang und andere von meinen lieben Angehorigen haben mir dermassen viel von eurer sonderbaren Treu und Redlichkeit vorgesagt, dass ich, in eure Person das geringste Misstrauen zu setzen, eine Missethat begehen durffte, derowegen habt ihr keine Ursach euch bey uns als einen Knecht, sondern vielmehr als einen werthen Hertzens-Freund auszugeben, wollet ihr aber mir und den Meinigen nach Gelegenheit ein oder andere Gefalligkeit erzeigen, so versichere dagegen, dass ich im Stande bin, euer zeitliches Gluck, daferne es anders die Gottliche Vorsicht nicht verhindert, auf solchen Fuss zu setzen, dass ihr vor vielen, ja etlichen 1000. andern Europaern auf diese oder jene Art sehr vergnugt leben konnet.

Es waren freylich noch ein- und andere hoffliche Reden gewechselt worden, allein Herr M. Schmeltzers Liebste hatte die Abend-Mahlzeit in dem grosten Zimmer bereits auftragen lassen, wesswegen wir uns in Begleitung der mehresten Aeltesten der Geschlechter, und einiger naturalisirten Felsenburger dahin verfugten, unsern neu-angekommenen Gast best moglichst zu bewirthen. Herr Wolffgang allein war nicht zu bereden, sich mit zu Tische zu setzen, sondern er liess sich ein Pferd satteln, jagte damit nach der mittagigen Seite, und halff dem Alt-Vater David alle diejenigen Sachen einschiffen, welche denen vor Ancker liegenden gleich mit anbrechenden Tage uberbracht werden solten, unterrichtete auch einen jeglichen mitfahrenden, was er gegen die Frembden sprechen, und wie er sich gegen dieselben auffuhren solte.

Immittelst speiseten wir andern in guten Vergnugen, vermerckten aber, dass sich Mons. Horn fast mehr nach einer sanfften Ruhe, als nach leck erhafften Speisen und Getrancke sehnete, denn er hatte wurcklich etliche Tage daher nicht allein einen mittelmassigen Sturm ausgestanden, sondern war wegen wieder Antreffung dieser Insul dergestalt besorgt gewesen, dass er bereits feit etlichen Wochen sehr wenig schlaffen und ruhen konnen. Derowegen wurde er bald nach aufgehobener Taffel, und nachdem wir uns ingesamt eine kleine Bewegung gemacht, in meine Cammer auf ein besonders gutes Lager gefuhret, und ermahnet, ohne alle Sorgen so lange ruhig zu schlaffen, als es ihm selbst moglich ware, ich aber bestellete ein paar geschickte Knaben zu seiner Bedienung, welche ihm, so bald er aufgestanden, behorig bedienen, hernach zu Herr Mag. Schmeltzern zum Caffee fuhren solten, und begab mich, ohngeacht es fast Mitternacht war, nebst Mons. Litzbergen, Kramern und Lademannen auf den Weg noch der Ostlichen Hohe, um auf derselben kommenden Morgen unser Schiff bey dem vor Ancker liegenden anfahren zu sehen. Wir erreichten das Wacht-Hauss auf der Ostlichen Hohe noch lange vor anbrechenden Tage, legten uns derowegen noch auf ein paar Stunden zur Ruhe, und schlieffen so lange, biss wir durch die Donnernden Canonen, wormit so wohl unser als das vor Ancker liegende Schiff einander begrusseten, aufgeweckt wurden. Es mochte wohl ohngefahr 8. Uhr seyn da sich die Unsern an das Gast-Schiff anhingen, wesswegen wir durch uberflussige Neugierigkeit sattsam vergnugt zuruck kehreten, und noch mehr ermudet um Mittags-Zeit auf der Alberts-Burg wieder eintraffen, allwo Herr Wolffgang ebenfalls zuruck gekommen war.

Nachdem wir die Mittags-Mahlzeit eingenommen hatten, hath sich der Capitain Horn von selbsten die Freyheit aus, eine so kurtz als moglich gefassete Relation von seiner Reise, seit dem er im Novembr. 1725. von uns Abschied genommen, abzustatten, weiln nun alle Anwesende hochst begierig waren, selbige mit anzuhoren, als setzten wir uns samtlich in bequehmliche Ordnung, worauf Mons. Horn folgendergestalt zu reden anfieng:

Nachdem ich vor nunmehro 3. Jahren auf der Reise aus Amsterdam, biss Angesichts dieser gluckseeligen Insul, von meinem allerbesten und werthesten Patrone, gegenwartigen Herrn Wolffgang sattsame Instructiones, wegen meiner kunfftigen Auffuhrung, fortzusetzenden Reise und endlichen Ruckkehr erhalten; auch wie ihnen allerseits wissend seyn wird, behorigen Abschied genommen hatte, fuhrete, mich ein nicht allzugutiger Wind bey nahe zwey Monat fort, ohne das geringste Ungemach zu empfinden, endlich aber wurde uns bange, da das susse Wasser, und das Brenn-Holtz gantz auf die Neige gekommen war, und wir nicht wusten zu welcher Seite wir uns wenden solten, etwa eine Insul anzutreffen, auf welcher dieser Mangel ersetzt, und auch sonsten ein oder andere nothige Verbesserung am Schiff vorgenommen werden konte. Ehe aber unser Wunsch erfullet wurde, musten wir einen entsetzlichen Sturm ausstehen, welcher biss in den 11ten Tag anhielt, und uns nicht allein dergestalt abgemattet, sondern auch das Schiff, ohngeacht es ungemein dauerhafft gebauet war, also zugerichtet hatte, dass wo sich nicht bald Land zeigte, nichts gewissers als das Verschmachten und Versincken zu vermuthen war.

Zwey Tage nach dem gewunschten Abschiede des Sturms traffen wir ein in letzten Zugen liegendes Portugiesisches Schiff an, dessen Gefahr wir dennoch weit grosser als die Unsrige befanden, denn es sass auf einer verdeckten Sandbanck dergestalt feste, als ob es angenagelt ware, und einen Flinten-Schuss davon, rageten die Masten eines andern versunckenen Schiffs aus dem Wasser heraus. Wir waren samtlich nicht allein wegen unserer eigenen Noth, sondern aus mitleydigen Triebe so gleich bereit diesen Elenden unsere Hulffe anzubieten, brachten auch des Portugiesen beste Ladung, so wohl, als die darauf befindliche Menschen, in unser Schiff, und das Portugisische Schiff glucklich von der Sandbanck ab, worein sich aber niemand mehr wagen wolte, weiln es bey dem geringsten Ungestume auseinander zu gehen drohete. Das versunckene war ein Englisches Schiff, von welchem der Portugiese den Capitain nebst 6. Mann die sich noch bey zeiten ins kleinste Boot werffen konnen, auffgenommen hatte, hingegen war den guten Engels-Mannern ihr Vermogen mit versuncken.

Ich und die Meinigen waren nur in diesem Stuck sehr vergnugt, dass wir von dem Portugiesen frische Kost und susses Wasser bekamen, denn derselbe hatte sich nur neulichst auf dem Cap der guten Hoffnung mit allen Bedurffnissen wohl versorgt. Nachdem uns derselbe aber angezeigt, dass wir, nach kurtzen herum creutzen, ohnfehlbar ein oder die andere kleine obschon unbewohnte Insul in dieser Gegend antreffen musten, folgten wir seinem Rathe, traffen auch wurcklich nach dreyen Tagen zwey derselben mit den Augen an, wovon wir die nachste und kleineste zu unserm Trost- und Ruhe-Platze erwehleten. Des HimmelsVorsorge liess uns auf derselben dasjenige antreffen, was wir am allernothigsten brauchten, nehmlich suss Wasser und ziemlich gutes Holtz zu ausbesserung der Schiffe, ausserdem reichte uns nicht allein die See vielerley Fisch-Arten, sondern auch das Land einige Fruchte und Fleisch Werck, jedoch was das letztere anbetraff, nicht sonderlich uberflussig.

Wir machten uns meistentheils vor allererst uber das Portugiesische sehr zerlasterte Schiff her, und brachten dasselbe nach vieler sauern Arbeit endlich in vollkommen guten Stand, hierauff wurde das Unserige vorgenommen, welches mit leichterer Muhe und in kurtzer Zeit vollig ausgebessert war.

Immittelst begegneten uns auf dieser Insul zweyerley Unglucks-Falle, denn beym Holtz abhauen fuhr einem von unsern Leuten ein scharff zugespitztes Beil vom Handgriffe ab, und dem gegen uber sitzenden, der seine Axt auf dem Schleiffsteine wetzte, solchergestallt gerade und tieff in das lincke Auge hinein, dass er, ohngeacht alles angewandten Fleisses dreyer Wund-Aertzte, nehmlich des unsern, wie auch des Portugiesischen und Englischen, zwey Tage hernach sterben muste. Er hiess Johann Tobias Fasert, meines behalts von Minden an der Weser geburtig, seiner Profession ein Becker, sonsten ein feiner arbeitsamer und behertzter Mensch von etwa 26. Jahren.

Das andere Ungluck begab sich folgender gestallt: zwey Portugiesen, 2. von meinen Leuten, und ein Engellander, streifften eines Tages etwas weit in die Insul hinnein, und brachten gegen Abend zwey junge Stucken Wild, 6. geschossene Vogel, die an Grosse den Amseln gleichten, und dann einen ziemlichen Sack voll delicater Wurtzeln, von welchen man ein uberaus wohlschmeckendes Gemuse kochen konte. Sie gaben alles Preiss, behielten auch nur etwas weniges von Wurtzeln, nebst den 6. Vogeln, und bereiteten daraus vor sich eine besondere Abend-Mahlzeit, giengen auch alle 5. in eine besondere Hutte, um vor ihre gehabte Muhe sich etwas a partes zu gute zu thun. Indem sie nun ihr zubereitetes Gemuse, nebst den gebratenen Vogeln angerichtet haben, gehet von ohngefahr der sehr betrubte Englische Capitain Wodley vorbey, wesswegen sein Lands-Mann zu den ubrigen Compagnons spricht: Sehet, meine Herrn! wie betrubt mein Capitain daher spatzieret, wolte der Himmel er hatte nicht mehr verlohren als ich: so wurde ihm das versunckene Schiff lange nicht mehr im Kopffe herum schiffen, aber wenn es euch nicht zuwieder, so will ich ihn auf den 6ten gebratenen Vogel zu Gaste bitten, denn wir behalten dennoch der Mann noch einen Vogel.

Meine Leute lassen sich dieses so wohl als die Portugiesen gefallen, derowegen wird der Capitain Wodley, der doch sonsten bey mir speisete, zu Gaste gebethen, und weil er ein sehr liebreicher Mann war, schlagt er solches nicht ab, sondern isset so wohl etwas von dem Gemuse, als den ihm zugetheilten Vogel mit gutem Appetite, so wohl als die andern, welche noch selbigen Abend lustig und guter dinge waren, und an keine Kranckheit gedachten. Allein folgenden Morgen wurden meine zwey Deutschen, der Engellander und ein Portugiese auf ihrem Lager todt gefunden, der Capitain VVodlay aber und der andere Portugiese, waren erbarmlich dicke geschwollen, und konten kaum ein Glied am gantzen Leibe regen.

Dass unser allerseitiges Schrecken uber diese Begebenheit nicht geringe gewesen seyn musse; ist leicht zu erachten, jedoch da unsere Schiffs-Barbiers herzu kamen und die Meynung bestarckten, dass so wohl die Verstorbenen als die noch etwas lebenden Patienten ein starckes Gifft genossen haben musten, wurden alle moglichen Mittel vorgekehret, die letztern von dem augenscheinlichen Tode zu retten, welche denn auch so gut anschlugen, dass so wohl der Capitain als der Portugiese, binnen 14. Tagen gantzlich ausser Gefahr gesetzt wurden. Die Verstorbenen begruben wir, jeden in ein besonderes Grab, doch nahe beysammen, unter einem sehr dicken, ohnfern vom Ufer stehenden Baum, ich aber bejammerte sonderlich meine zwey wackern Leute, deren einer ein verungluckter Handelsmann aus dem Luneburgischen war, Nahmens Georg Ulrich Vorberg, seines Alters 52. Jahr, der andere ein Fleischhauer aus dem Anhaltischen, Nahmens Johann Martin Stahlkopff, von 29. Jahren.

Es entstund unter uns viel Disputirens, woran sich eigentlich diese Personen die Kranckheit und den Todt gegessen hatten, denn die meisten von uns, hatten so wohl als jene, von den Wurtzel-Gemuse, obschon keine Vogel gespeiseit, als auf welche letztern niemand einigen Verdacht legte, sondern vielmehr vermeynte: es musse etwas sehr gifftiges in ihren Gemuse-Topff, oder in die Anrichte-Schussel gefallen seyn, allein der Capitain Wodley halff uns aus dem Traume, denn derselbe hatte beobachtet, dass die 4. Verstorbenen, die Magens und das meiste vom Eingeweide ihrer gebratenen Vogel mit gespeiset, welches er und der eine Portugiese zu allem Gluck unterlassen hatten. Zu noch starckern Beweissthume aber dienete, des Capitain Wodley Hund, welcher nicht das geringste vom Gemuse, jedoch die zwey hinweg geworffenen Eingeweyde, nebst den Knochen der Vogel gefressen hatte, und noch in selbiger Nacht gestorben war:

Ich habe etliche Tage hernach in Gesellschafft unseres Chirurgi selbst 8. Stuck von eben dergleichen Art Vogeln geschossen, dieser secirte derselben 3. und fand in ihren Magen eine gewisse Sorte grunlicher Beeren, nebst einem dicken sehr scharffen Saffte, welcher so gleich sein Incision-Messer blau anlaufend machte, und zwar so, dass es nicht wieder blanck zu machen war. Mich daureten unsere 4. getreuen bey uns befindlichen Hunde, sonst hatte ich so fort ein paar Bogel braten und die Probe machen lassen, allein der Chirurgus Mons. Brachmann, war dennoch so neugierig und schalckhafft gewesen, ein paar zu braten, und dieselben unvermerckt eines Portugiesen Hunde vorzuwerffen, welcher dieselben begierig gefressen hatte, und noch vor Abends verreckt war.

Nachdem aber so wohl das Portugiesische als unser eigenes Schiff vollig Seegelfertig gemacht war, nahmen wir, auf instandiges Anhalten des Engellanders, unsern Weg zurucke nach dessen versunckenen Schiffe, denn er hatte sich mit dreyen bey mir befindlichen Tauchern beredet, und nicht allein ihnen, sondern uns allen ansehnliche Geschencke versprochen, wenn ihm die besten Sachen aus seinen so tieff unter Wasser stehenden Schiffe herauff geholet wurden. Der Portugiese sahe solches ungern, allein weiln er mir und den Meinigen selbst vielen Danck schuldig war, konte er sich nicht wohl entbrechen meine Zuredungen statt finden zu lassen, und dem gantz verarmten Engellander eine der allergrosten Hulffe mit zu leisten. Wir funden aber das versunckene Schiff in weniger Zeit glucklich wieder, unsere 3. Taucher machten sich und ihre Gehause, vermittelst deren sie von uns wolten in die Tieffe hinnab gelassen werden, alsobald fertig und traten dergleichen gefahrliche Farth wechsels-weise binnen 5. Tagen so offt an, biss sie des Engellanders beste Sachen nach und nach in die hinnab gelassenen Haaken eingehangt hatten, welche so dann von uns hinnauff gewunden, und ihm zugestellet wurden. Er hatte vermuthlich nicht ungern gesehen, wenn wir nicht nur noch 5. Tage, sondern so lange gearbeitet hatten, biss nicht das geringste von guten Waaren mehr in seinem Schiffe geblieben ware; allein weilen er selbst gestunde, dass die grosten Schatze und Kostbarkeiten nunmehro auffgefischt, wurden meine Leute des gefahrlichen Handels uberdrussig, also fuhren wir, nachdem er dem Portugiesen ein reichliches Geschencke, an baaren Gelde, vor die erste Aufnahme gegeben, und sich nebst seinen Sachen bey mir eingeschifft hatte, von dannen, und setzten unsere fernere Reise nach Ost-Indien fort.

Ich will alle Weitlaufftigkeiten vermeiden, sonsten muste mein Tage-Buch zur Hand nehmen, wenn alle Kleinigkeiten bemerckt werden solten, da nun aber wohl weiss, dass solche den allermeisten Zuhorern verdrusslich zu fallen pflegen, so will berichten, dass wir ohne fernere allzugefahrliche Beunruhigung wohl vergnugt bey der Insul Java anlangeten. Der Portugiese blieb, ich weiss nicht ob vielleicht aus besondern Ursachen, eine ziemliche Weite zurucke, ich aber liess mich von dem treuhertzigen Engellander bereden, in dem Bantamischen Haafen einzufahren und daselbst mein Gewerbe zu treiben, welches mich auch nicht gereuet hat, denn meine Leute, so wohl als ich selbst, zogen an diesem Orte einen ungemeinen Profit.

Hergegen war der gute Capitain Wodley desto unglucklicher, inmassen seine gemachten Anschlage, sich allhier wieder in guten Stand zu setzen, das gewunschte Ziel nicht erreichten. Denn seine ubrig gebliebenen 5. Gefahrten, spieleten ihm gar garstige Streiche, und brachten den ehrlichen Mann um sehr viel Vermogen, derowegen, ob er schon noch eine ziemliche Geld-Summe vor sich hatte, wolte er dennoch mit selbiger keinen andern Hazard wagen, als sich mit mir in Compagnie einzulassen, und meiner Redlichkeit anzuvertrauen.

Mir und den Meinigen war dieses ein gefundener Handel, denn er besass im Seefahren und Handelen eine weit starckere Erfahrung und Wissenschafft, als wir alle mit einander, derowegen nahmen wir ihn, seinen Feinden und Verfolgern zum Possen, uns aber zum Vortheil mit Freuden auff, und fuhren mit ihm ohne viel Wesens zu machen, von dannen nach der grossen Insul Borneo zu.

Daselbst liess es sich vor mich und die Meinigen zu einer sehr profitablen Handlung an, denn diejenigen Waaren, welche mir Herr Wolffgang in Commission anvertrauet, und auch dasjenige, was ich so wohl als viele andere vor mich selbst mit genommen hatte, fand uberall Liebhaber genung, da aber der Capitain Wodley merckte, dass ich gegen Gold und Specereyen, sonderlich aber gegen ungemein schone Diamanten allzuviel lossschlagen wolte, sprach er in geheim zu mir: Mein Freund, ubereilet euch nicht mit Vestechung eurer Waaren, vor welche ihr anderer Orten weit mehr Gold, die Specereyen aber fast umsonst bekommen konnet, was aber die Diamanten anbelanget, so kauffet die schonsten auf, denn in gantz Ost- und West-Indien werdet ihr dergleichen nicht leicht feiner und wohlfeiler finden, eure Leute aber lasset von ihren Gutern immerhin verhandeln so viel als sie wollen, denn auf solche Art wird euer Schiff lediger, und desto bequemer, andere nutzliche Waaren vor euch selbst einzunehmen.

Ich vor meine Person konte mir fast nicht einbilden, irgendswo eine vortheilhafftere Handelschafft anzutreffen als allhier, allein da der ehrliche Capitain Wodley sein gantzes Hertze gegen mich ausschuttete und sich sehr obligirte, uns auf einige kleine Insuln in der Gegend der Philippinischen zu fuhren, allwo wir Gold und Specereyen zur gnuge antreffen wurden; folgte ich nicht allein dem guten Rathe, sondern uberliess mich seiner guten Vorsorge fast gantzlich.

Meine Gefahrten, die etwas zu verhandeln hatten, aber, wie dem Herrn Wolffgang bekandt ist, mehrentheils junge unerfahrne Kauffleute waren, schlugen gewaltig loss, weil sie die Messe zu versaumen vermeyneten, anbey sich einbildeten ich wurde mich eben nicht allzulange in Ost-Indien auffhalten, sondern meine Waaren an einem gewissen Orte auf einmahl lossschlagen und verstechen, hernach wiederum auf den eiligen Ruckweg dencken. Allein es war gefehlt, und meine Versicherungen, die ich ihnen aus auffrichtigen Gemuthe that, halffen nichts.

Nachdem ich mich aber ihnen zu gefallen lange genug daselbst auffgehalten, das Schiff auch mit allen Bedurffnissen wohl versehen hatte, fuhren wir endlich Sud-Ostwerts ausserhalb der langen Reihe, kleiner, mehrentheils unbewohnter Insuln um Borneo herum, immer gerades Wegs auf die Philippinischen Insuln loss, wurden aber bald hernach, durch Sturm, an die Macassarischen Kusten verschlagen.

Nicht so wohl die Noth als der Vorwitz trieb uns daselbst auszusteigen, zumahlen da der Capitain Wodley berichtete: dass die Hollander dieser Orten mehrentheils den Meister spieleten, und nicht allein die Hauptstadt in Besitz, sondern auch andere Vestungen darauff hatten. Meine doppelten Basse, die mir so wohl den Respect eines freyen Kauffmanns, als Hollandischen Schiff-Capitains zu wege brachten, kamen uns daselbst nicht wenig zu statten, meine Leute handelten und wucherten, aber nicht anders als Juden, und weil die Wollustigen etwas erworben hatten, geriethen sie in ein liederliches und schandliches Leben, welches verursachte, dass sich ihre Zahl unglucklicher weise um 5. Mann verringerte, und zwar solchergestallt: Es befanden sich auf diesem Lande in Wahrheit sehr viele, vor andern Indianerinen wohlgebildete Weibs-Personen, welche sonderlich die Europaer, der weissen Haut wegen, wohl leyden konnen. Ob nun schon dieselben von ihren Eltern, Befreundten und Mannern ziemlich gehutet werden, so wissen sie doch so gut als unser Europaisches Frauenzimmer, leichtlich heimliche Zusammenkunffte anzustellen, zumahlen wenn sich die weissen Manns-Personen fein freygebig gegen dieselben anstellen. Nun hatte sich einer von meinen Leuten, nehmlich Jonas Branckel, ein junger liederlicher Kauffmanns Sohn aus Rotterdam, der sein vaterliches Erbtheil biss auf etliche 100. Thlr. verthan, und dieserwegen die Reise nach Ost Indien angetreten, in eine junge Ehe-Frau sterblich verliebt, auch bereits verschiedene mahl Gelegenheit gefunden selbige nach seinem Wunsche zu bedienen. Dieses merckt ein daselbst in Besatzung liegender Hollandischer Soldat, der ohnfehlbar vorhero ebenfalls mit dieser Ehe-Frauen in schandlicher Bekandschafft mag gelebt haben, steckt es derowegen ihrem Ehe-Manne, welcher sogleich auf Rache bedacht ist, und noch selbigen Tages einen Meuchelmorder erkaufft, um den frembden Liebhaber seiner Frauen hinzurichten.

Jonas Branckel wurde folgendes Tages durch eines unbekandten Zuschrifft gewarnet, sich bey zeiten aus dem Staube zu machen, oder wenigstens seine Maitresse zu qvittiren, allein er lachte darzu, und machte aus der gantzen Sache einen Spaass, etwa zwey oder 3. Tage hernach aber, da er nebst 4. seiner Cameraden aus einem Schenck-Hause gehet und sich, ohngeacht es kaum Mittag war, schon ziemlich berauscht hatte; kommt plotzlich ein toller Maccassarischer Bube aus einem andern Hause gesprungen, und indem er etliche mahl Moka! Moka! schreyet, laufft er hurtig auf Branckeln zu, und legt denselben mit einem eintzigen Dolch-Stiche zu Boden. Branckels Cameraden ziehen zwar vom Leder und wollen ihres Zech-Bruders Todt rachen, stechen auch gewaltig auf den Macasser loss, der aber, weil er nicht nur unter den Kleidern geharnischt, sondern auch durch einen, bey ihnen gebrauchlichen starcken Tranck zur ausserordentlichen Tollkuhnheit gereitzt ist, sich nicht das geringste darum bekummert, sondern seine 4. Gegner mit dem grossen Seiten-Gewehre dergestallt zurichtet, dass sie noch vor Anbruch des andern Tages, so wohl als Jonas Branckel, ihren Geist auffgeben musten. Denn es ist zu mercken, dass diejenigen Macasser, oder Celebes, welche auf das Moka-Schreyen, oder deutlicher zu sagen, Mord- und Todtschlagen ausgehen, ihre Dolche, Schwerdter und Pfeile dergestallt vergifften, dass ein damit Verwundeter nicht leicht beym Leben bleibt, wenn ihm nicht mit dem Saffte aus den Blattern eines gewissen Baumes bey zeiten Hulffe gethan wird. Wir brauchten zwar durch Vorschub etlicher redlicher Leute dieses Mittel auch, allein die Wunden waren entweder zu gross, oder die Artzeney war bereits zu spat angekommen.

Am allermerckwurdigsten kam mir dieses bey der gantzen Sache vor, dass Jonas Branckeln, wie er uns allen wenige Monate vorher erzehlet hatte, durch einen Nativitat-Steller war Propheceyet worden: Er wurde in Rotterdam erstochen werden, um nun so wohl diesen Propheten zum Lugner zu machen, als auch aus einiger Furcht, vor seinen vielen Feinden, hatte er seine Geburths-Stadt Rotterdam verlassen, und einen grossen Schwur gethan, selbige gutwillig nimmermehr wieder zu betreten, allein der elende Mensch konte seinem Verhangnisse solchergestallt so wenig entgehen, als den Nativitat-Steller auf das mahl zum Lugner machen, denn diese Vestung auf der Insul Celebes, in welcher er erstochen wurde, fuhrete ebenfalls den Nahmen Rotterdamm.

Es wird leichtlich zu glauben seyn, dass mir diese klagliche Begebenheit viele Versaumniss, Muhe und Sorgen zugezogen habe, zumalen da mich alle meine ubrigen Leute forciren wolten, durchaus ohne Satisfaction nicht von dannen zu weichen; Allein es war nichts zu thun, denn den Thater wolte oder konte niemand finden, dannenhero gaben mir einige daselbst einquartirte redliche Hollander den Rath, ich solte, um mein Leben selbst nicht in Gefahr zu setzen, in GOTTES Nahmen fort reisen, denn die Macasser waren eingefleischte Teufel, und sehr schwer zur Raison zu bringen, also kauffte ich den Hollandern noch 4. Sclaven vor eine ziemliche starcke Summe Geldes ab, und seegelte weit verdrusslicher als vormahls, auf die Philippinischen Insuln zu.

Wir waren noch nicht zwey Nacht unter Seegel gewesen, als mir durch das verdammte Laster der Geilheit, eine neue Verdrusslichkeit zugezogen wurde. Denn Lorentz Wellingson ein Schwede, und Gurgen Frisch ein Hollsteiner, hatten vor sich allein, jedoch mit meiner Erlaubniss, einen jungen 18. jahrigen Sclaven gekaufft, und wo mir recht ist, 60. oder 80. Ducaten davor gegeben. Sie warteten und pflegten denselben aufs allerbeste, um wie sie vorgaben einen rechten Kerl aus ihm zu ziehen, denn der Pursche sahe sehr wohl aus von Gesichte, und zeigte, allen Anzeigungen nach, einen sehr gelehrigen Kopff, auch gantz geschickte Hande. Endlich kam ich hinter ihre Schelm-Streiche, und merckte, dass sie mich betrogen hatten, denn es war keine Manns- sondern eine Weibs-Person, welche sie beyde vor sich zur gemeinschafftlichen Unzucht halten wollen, jedoch sich biss dato noch nicht vereinigen konnen, eines theils aus Eiffersucht, andern theils, weil das Madgen wieder alles Vermuthen ihre jungfrauliche Keuschheit gantz sonderlich bewahret hatte. Ich liess beyde Buhler so wohl des mir gespielten Betruges, als des vorgehabten argerlichen Lebens wegen, in Ketten und Banden legen, lass ihnen darbey das Capitel ziemlicher massen, und bedrohete sie mit einer behorigen Strafe, wodurch denn heraus kam, dass ein jeder dieselbe, ihrer sonderbaren Keuschheit wegen, zur ehelichen Frau haben, und dem andern die vorgeschossene Helffte des Geldes wieder erstatten, auch wegen der ehelichen Verbindung und Beyschlaffs, so lange Gedult haben wolte, biss das Mensch getaufft und zum christl. Glauben bekehret ware. Ein jeder war bereit dem andern das Geld auszuzahlen, keiner aber wolte dem andern die Braut uberlassen. Ich fragte das Mensch, welche ziemlich gut Hollandisch verstehen, aber annoch sehr schlecht reden konte, ob sie lieber den 43. jahrigen Schweden, oder den 31. jahrigen Hollsteiner zum EhManne verlangte; allein sie bezeugte zu dem einen so wenig Lust als zum andern, sondern bat, ich mochte ihr darzu behulfflich seyn, dass sie eine Jungfrau biss in ihr zwantzigstes Jahr bleiben durffte. Auf die Frage aber, warum eben biss in ihr zwantzigstes Jahr? wolte sie durchaus keine richtige Antwort geben. Der Capitain Wodley, Adam Gorqves mein Lieutenant, und alle andere verwunderten sich ungemein uber dieses Magdleins scheinbare Tugend, ich aber wolte selbiger eher keinen Glauben beymessen, biss sie eine starckere Probe ausgestanden hatte, legte es also mit Wodley, Gorqves und etlichen andern ab, dass sie sich in meiner Cammer heimlich verbergen musten, um alles mit anzusehen und anzuhoren, was ich vorzunehmen willens war.

Demnach liess ich gegen Abend die Talli, denn so war ihr Nahme, in meine Cammer ruffen, und indem ich auf meinem Bette sass, sie aber, neben mich zu sitzen, halb gezwungen hatte, fieng ich dem Scheine nach, aufs allerverliebteste mit derselben zu sprechen an, praesentirte ihr sehr vielerley Sorten von den besten Confituren und Fruchten, nebst Wein und andern starcken Getrancke, allein sie genoss alles dergestallt massig, dass sich daruber zu verwundern war, und meine verliebten Reden wurden mit lauter kaltsinnigen aber doch sehr hoflichen Gegen-Gesprachen erwiedert: Nach und nach stellete ich mich etwas dreuster, zeigte ihr vortreffliche kostbare Zeuge zu Kleidungen, nebst allerhand Gold-Stucken und Edelsteinen, mit dem Versprechen ihr selbiges alles zu verehren, wenn sie sich entschliessen wolte, mir die HauptProbe ihrer Gegen-Liebe zuzustehen, aber sie blieb hierbey gantz unbeweglich, wesswegen ich mich endlich anstellete, als ob ich das gesuchte Vergnugen mit Gewalt finden wolte; Allein die keusche Seele fiel zu meinen Fussen nieder, umfassete meine Knie, und bat mich unter Vergiessung hauffiger Thranen, ihrer Keuscheit vielmehr ein Beschutzer als Verfolger zu seyn. Diese seltsame, und von einer Heydin niemahls vermuthete tugendhaffte Auffuhrung, gieng mir dergestallt zu Hertzen, dass ich mich nicht langer halten konte, sondern ihr das gantze Geheimniss eroffnete, auch die versteckten Zeugen ihrer besondern Keuschheit herbey rieff. Die Sachen wurden nachhero dahin verglichen, dass Wellingson und Frisch, mit einander um die Braut loosen, der Gewinner aber dieselbe nicht eher als nach Verlauff zweyer Jahre heyrathen solte, binnen welcher Zeit sie nicht allein den christl. Glauben, sondern auch nachhero, den ihr vom Gluck zugetheilten Ehe-Mann anzunehmen, selbst versprach.

Solchergestallt wurden die beyden Arrestirten, ohne weitere Strafe wieder auf freyen Fuss gestellet, und liessen sich den Vorschlag des Loosens endlich auch in so weit gefallen, dass der Gewinner nicht allein die Braut behalten, sondern auch nicht schuldig seyn solte, dem andern das geringste vom KauffGelde heraus zu geben, sondern selbiges als eine Morgen-Gabe zu behalten.

Das Glucke wendete sich im Loosen, auf des Holsteiner Frischens Seite, wir wunschten ihm allerseits Gluck darzu, Wellingson aber suchte seine Bekummerniss aufs moglichste zu verbergen, denn er mochte die Indianerin, welche, ohngeacht ihrer braunlichen Farbe, von nicht gemeiner artigen Gesichts-Bildung war, recht hefftig lieben. Immittelst war auf allen Seiten guter Friede, wir wendeten auch ingesammt grossen Fleiss an, unsere Talli nicht allein in der Hollandischen Sprache, sondern auch in der Kocherey und Wirthschafft, hauptsachlich aber im Christenthume, nach besten Vermogen zu unterrichten, welches alles sie mit leichter Muhe und grossen Vergnugen erlernete. Allein der Satan war geschafftig ihrentwegen ein neues Mord-Spiel anzustifften, denn als wir nach etlichen Wochen auf einer kleinen Insul ausgestiegen waren, um etwas Holtz nebst frischen Wasser einzunehmen, vornehmlich aber frisches Wildpret und Vogel zu schiessen, die Talli aber eines Tages etwas tieff ins Gestrauche gehet, um allerhand schmakkhaffte Koch-Speise einzusammlen, schleicht ihr Lorentz Wellingson so lange nach, biss sich dieselbe an einem beqvemen Orte, seinen Muthwillen an ihr auszuuben, befindet. Er tragt ihr seine Leidenschafft mit freundlichen Worten, Gebarden und Anerbiethung etlicher Gold-Stucke vor, da sie aber von nichts horen will, sondern seine schandbaren Forderungen mit sehr harten Worten bestrafft, wird er endlich desperat, und will alle seine Kraffte anwenden das gute Madgen mit Gewalt zu nothzuchtigen. Talli hingegen wehret sich tapffer, und versetzt ihm mit einem leichten Grab-Stichel einen krafftigen Stoss ins Angesichte, wovon er gantz betaubt wird, sie aber Zeit bekommt, sich gantzlich von ihm loss zu reissen und fort zu lauffen. Zu allem Ungluck kommt ihr sogleich ihr Brautigam frisch entgegen, dem sie das leichtfertige Vorhaben erzehlet, und ihn dergestallt zum Zorne reitzet, dass er so gleich den Wellingson auffsucht und mit ihm anbinden will, allein dieser Bosewicht last den armen Frisch, nicht einmahl gantz an sich kommen, sondern wirfft ihm sein in Handen habendes scharff gespitzt und geschliffenes Beil dergestallt tieff in den Leib hinnein, dass sogleich das Eingeweide durch die hesslich grosse Oeffnung heraus dringet.

Wir hatten nicht so bald Nachricht von diesem abermahligen Ungluck empfangen, als wir den todtlich Verwundeten auf einer Trage-Baare in die Hutten trugen, vermeynten anbey Wellingson, wurde nicht wieder zum Vorscheine kommen, sondern sich vielleicht des bosen Gewissens wegen in der Wildniss verbergen, allein er kam noch ehe es Abend wurde, und stellete sich mit ergrimmten Gebarden an, als ob er noch Recht uberley hatte, ich liess ihn aber sogleich fest machen, und biss auf fernern Bescheid krum zusammen schliessen.

Frisch starb dritten Tages nach empfangener Wunde recht erbarmlich, und so zu sagen mit gesunden und frischen Hertzen, nachdem wir ihn aber mit grossen Leydwesen begraben hatten, traten wir die fernere Reise an, und erreichten endlich, nach vielen ausgestandenen Widerwartigkeiten von Wind und Wetter, die grosse Philippinische Insul Mindanao.

Indem nun der Capitain Wodley allhier bereits Bescheid wuste, fuhren wir biss an den Ort, allwo wir einen mittelmassigen Fluss aus der Insul in die See fallen sahen, warffen daselbst etwa auf anderthalb Meilwegs von der Kuste die Ancker aus, steckten grosse neue Englische Flaggen auf, und gaben den Mindanaern unsere Anwesenheit durch 6. Canonen-Schusse zu verstehen. Es wurde uns von der Insul mit dreyen geantwortet, bald aber kam ein kleines Fahrzeug an, worauff sich ein Ober-Officier nebst 4. Mindanaischen Soldaten und einem Dollmetscher, der ein Engellander war, befanden. Capitain Wodley kante den letztern seit etlichen Jahren her, wesswegen sie einander mit hofflichen Worten hertzlich bewillkommeten. Er nothigte nicht allein diesen seinen LandsMann, sondern auch den Officier nebst seinen Leuten zu uns an Boord zu kommen, allein die letztern entschuldigten sich damit, dass ihnen solches bey ihrem Sultan Verantwortung bringen mochte, dem Engellander aber wurde das Herauff steigen erlaubt, mit welchen sich Wodley in ein ernstliches Gesprach einliess, da inzwischen ich und einige der Meinigen, den Officier nebst seiner Mannschafft, mit Wein und Confect tractirten, und einen jeglichen reichlich beschenckten.

Mittlerweile ruffte mich VVodley auf die Seite und sagte: Mein Freund, jetzo ist es Zeit darvon, dass wir einige Kostbarkeiten in die Schantze schlagen, und den Sultan in Mindanao nebst seiner Familie, sonderlich auch seinen Gross-Vetzir der sein naher Vetter ist, ansehnliche Geschencke schicken, denn ich versichere, dass wir hundertfaltigen Nutzen davon ziehen konnen.

Ich liess mir solches gefallen, suchte derowegen aus meinen besten Sachen hervor: erstlich eine guldene Halss-Kette, an welchen VVodley eine 12. Ducaten schwere guldene Medaille befestigte, auf welcher das Brust-Bild Sr. Konigl. Maj. in Engelland Georg des Ersten abgedruckt war. Zum andern eine kostbare Flinte mit zwey Schlossern und Laufften, 12. Elen Violet-Sammet, und 24. Elen guldene Spitzen, ein Fasslein Canari-Sect, nebst einer kleinen Rolle Canaster-Toback, und vielerley Arten Europaischer Confituren. Capitain VVodley legte nicht weniger kostbare Sachen bey, vor des Sultans vornehmste Gemahlin, und deren 5. Kinder, welches 3. Printzessinnen und 2. Printzen waren, ingleichen vor den Gross-Vetzier, und dieses alles muste Adam Gorqves, welcher sehr gut Spanisch und Englisch reden konte, nebst noch einem andern Engellander von des Capitains VVodley uberbliebenen Leuten, auf einem besondern kleinen Fahrzeuge, in Begleitung des Officiers uberbringen, wir aber schossen wacker mit denen Canonen hinter ihnen her.

Unsere Abgesandten waren nicht allein ungemein wohl empfangen, und nebst den Geschencken angenommen worden, sondern der Gross-Vetzier kam gleich darauff folgenden Tages gantz fruh zu uns an Boort, und brachte ein Gegen-Geschencke, dieses bestund in zwey Puffel-Ochsen, zwey jungen Kuhen, 6. Ziegen, 3. Korben schon Mehl, 15. grossen Brodten, 6. Korben mit allerley Koch-Speisen, und Fruchten, 6. Korben mit Reiss, und in etliche 60. Krugen eines wohlschmeckenden kostbarn Getrancks. Anbey brachte er uns die Erlaubniss mit, unser Schiff den Strohm hinauff ziehen zu lassen, und unser Gewerbe nach allen eigenen Gutbeduncken zu treiben.

Der Capitain VVodley gab sich hierauff dem Gross-Vetzier zu erkennen, wie er nehmlich bereits vor 12. Jahren mit dessen Vater, ja ihm den Gross-Vetzier selbst, als einen damahligen Jungling von etwa 14. biss 16. Jahren sehr wohl bekandt gewesen, welches dem letztern, als er sich der Wahrheit an ein und andern Merckmahlen erinnerte, eine ausserordentliche Freude erweckte. Er liess demnach nicht ab zu bitten, sich aufs baldigste mit ihm zum Sultan zu begeben, als welches des itzigen Gross-Vetziers Vaters-Bruders-Sohn war, und ich sahe nicht ungern dass ihm VVodley dahin folgte. Mittlerweile aber war ich nebst den Meinigen beschafftiget unser Schiff an einen solchen Ort zu bringen, wo es vor den Sturm Winden und den Wurmern, welche sich um dasige Gegend sonderlich auffhalten, und binnen weniger Zeit einen Schiffs-Boden gantzlich durchzufressen vermogend sind, in sicherer Verwahrung liegen konte.

Am zweyten Tage kam der Capitain VVodley wieder zuruck, und fuhrete uns sammtlich in die Residentz des Sultans, biss auf einige Mannschafft, welche zur Besatzung und Verwahrung des Schiffs und unserer Sachen zuruck bleiben musten.

Ich wurde aber langer als zwey biss drey Tage Zeit haben mussen, sagte hierbey der Capitain Horn, wenn ich der Lange nach alles erzehlen wolte, wie uns allhier von den Mindanaern und etlichen daselbst gegenwartigen Engel- und Hollandern begegnet worden, denn es hatten sich verschiedene, welche des herum schweiffens uberdrussig gewesen, daselbst fest gesetzt, Weiber genommen und Kinder gezeuget, wie sie denn auch zwey Englische Priester bey sich, und ein besonderes Hauss zu Haltung des Gottes-Dienstes erbauet hatten, jedoch fanden sich viele unverheyrathete Mannes-Personen unter ihnen, welche mit dem dasigen Zustande nicht allerdings zu frieden waren. Immittelst ging unsere Handlung daselbst sehr profitabel von statten, das meiste was wir eintauschten, bestund in lautern Golde, Wachs, trefflichen Toback, Nagel-Rinde und andern Specereyen. Nachdem wir uns aber eine gantz neue Barque gebauet, fuhren wir mit diesem Leichten Schiffe auf andere umliegende Insuln und zogen aus selbigen einen ungemeinen Nutzen, indem wir die Naglein und Muscaten-Nusse ausser dem ohne dieses wohlfeilen Preise halb umsonst bekamen, anbey alle Gelegenheit flohen, unsern Lands-Leuten den Hollandern, welche sich auf die Moluccischen Insuln feste gesetzt, vor die Augen zu kommen.

Indem aber ich und die arbeitsamsten von meinen Leuten unter Anfuhrung des Capitains Wodley allen moglichsten Fleiss und Muhe anwendeten, die vollige Ladung auf das Schiff und die Barque zu schaffen, muste Adam-Gorques nebst einer hinlanglichen Mannschafft auf Mindanao, in unserer Niederlage als Ober-Aufseher zuruck bleiben. Allein da wir einsmahls nach 4 Monatlicher Abwesenheit wieder zuruck kamen, fand sich alles in sehr verwirreten Zustande, denn Adam Gorques war so wohl als seine Untergebenen in ein sehr liederliches Leben gerathen, hatte nicht allein sein gantzes Vermogen durchgebracht, sondern nebst seinen ubrigen liederlichen Gesellen von unsern Gutern und Sachen genommen, verkaufft oder verschenckt was ihnen beliebt hatte. Dieserwegen erhub sich ein starcker Streit unter uns, und wenn ich so hitzig als Gorques und sein Anhang gewesen ware, durffte es leichtlich zu einem blutigen Gefechte unter uns selbst gekommen seyn. Allein weil der Capitain Wodley merckte, dass sich Adam Gorques einen starcken Anhang unter den Mindanaern gemacht, und ein gantz besonderes Vorhaben aus zufuhren willens hatte, stifftete er einen Vergleich unter uns allen, so dass wir denen Rebellen annoch etwas Gewisses heraus gaben und zufrieden waren, dass sie sich von uns trenneten und als Leute, die hinfuro bestandig auf dieser Insul zu bleiben Lust hatten, ihre Hausshaltungen einzurichten anfingen.

Adam Gorques war einzig und allein Schuld und Ursach an dieser Trennung, denn er hatte sich in die Tochter eines daselbst wohnenden Engellanders verliebt, mit der er sich auch bald hernach trauen liess, und unter allerhand sussen Vorstellungen, begaben sich nach und nach die allermeisten auf seine Seite, so dass aus der hochstnothigen Anzahl annoch getreuer Schiff-Knechte, letzlich nicht mehr als 8 Personen und der Capitain Wodley mit seinen Engellandern auf meiner Seite blieben und mit mir zuruck gehen wolten. Dieses ging mir sehr verdrusslich im Kopffe herum, jedoch der Capitain Wodley sprach mich zufrieden, und gab den Anschlag, wie wir, durch Geld und eine kluge List, Leute genung zur Ruck-Farth erlangen konten. Er sprach demnach etliche missvergnugte Holl- und Engellander an, welche, wie ich bereits gemeldet, schlechte Lust langer auf Mindanao zu bleiben hatten, und machte den Handel in geheim mit ihnen richtig! dass sie ohnbewust der Mindanaer und unserer Rebellen heimlich mit uns abfahren solten, ich aber kauffte, nicht allein hier, sondern hernach auch anderer Orten so viel Sclaven auf, als zu besetzung des Schiffs und der Barque nothig waren, machte aber durch getreue Beyhulffe des Capitain Wodley unser Schiff mit guter Musse seegelfertig, uberredete so wohl den Sultan nebst seinen Unterthanen, als auch unsere Abtrunnigen, denen Hollander als unsern eigenen Lands-Leuten auf dieser oder jener Specerey-Insul noch etwas abzuzwacken, und so dann wieder nach Mindanao zu kommen, fuhren also mit ziemlichen Vergnugen von dannen, des Willens so bald nicht wieder daselbst zu erscheinen.

Nunmehro erzehleten diejenigen, welche der Capitain Wodley von Mindanao abspenstig gemacht hatte, offentlich, dass alle daselbst zuruck gebliebenen Europer eine Zusammenverschwerung unter sich errichtet hatten, nach und nach immer mehr Volck an sich zu ziehen, Schiffe und Vestungen zu bauen, in Summa lauter solche Anstallten zu machen, dass sie den Sultan von Throne stossen, nebst seiner gantzen Familie und vornehmsten Bedienten ermorden, ja in der gantzen Stadt und Lande, ein grausames MordSpiel anrichten und solchergestallt wenigstens den grosten Theil der Insul unter ihre Bothmassigkeit bringen wolten, Adam Gorques aber sey das Haupt dieser Zusammenverschwornen und vermeynte Konig darauf zu werden, hatte aber aus keiner andern Ursache das Geheimniss gegen uns verschwiegen, als weil er entweder vermeynet der Capitain Wodley und ich mochten uns in diesen gefahrl. Handel nicht mischen, oder ihm nach glucklichen Ausschlage etwa die Ehre disputirlich machen wollen.

Wir, die solches zum ersten mahle horeten, erstauneten uber solche tollkuhne Anschlage, propheceyeten aber dem Adam Gorques und seinen Anhangern wenig guts, und danckten dem Himmel, dass diese zusammen Verschwerung nicht bey unsern Daseyn verrathen worden, weil es sonsten gar leichtlich unser Leben mit kosten konnen, ohngeacht wir unschuldig waren.

Immittelst fuhrete uns der Capitain Wodley einen gantz besondern Weg nach der Kuste von Neu-Guinea hin, und brauchte alle Behutsamkeit, die mit Hollandern oder Portugiesen besetzte Insuln zu vermeiden, doch stiegen wir bald bey dieser, bald bey einer andern unbewohnten, oder einer solchen Insul aus, allwo Wodley gewiss wuste, dass keine Gefahr zu befurchten war, um uns mit frischen Wasser, Holtz und andern nutzlichen Sachen, wie vorhanden waren, zu besorgen. Hierauf schlugen wir uns gantz weit nach der Kuste von Neu-Holland hinnuber, weilen aber einem jeden schon bekandt war, dass dieses Land eines von den allerelendensten der gantzen Welt sey, betraten wir dasselbe nicht, besuchten aber etliche nicht weit davon liegende Insuln und fanden dieselben wenig besser, wie denn auch die dasigen Menschen fast den unvernunfftigen Thiren gleichen. Wenig Zeit hernach uberfiel uns ein erschrecklicher Sturm, der die Barque, worauf sich nebst den Ruder-Knechten 4 Mann von meinen Europischen Passagiers befanden, von uns hinweg gefuhret hat, ob dieselbe untergegangen oder irgend an einem Ort in Sicherheit gekommen ist, weiss der Himmel, denn ohngeacht wir bey nahe 6 Wochen auf der Cocos-Insul stille gelegen und unser Schiff daselbst calfatert auch derselben viele Losungen aus den Canonen gegeben haben, so ist sie doch nachhero nicht wieder vor unsere Augen gekommen. So bald wir die Cocos-Insul zuruck gelegt, entdeckte ich dem Capitain Wodley, als einem Manne, der mir die allerstarcksten Proben seiner Redlichkeit, bey so vielfaltigen Gelegenheiten geleistet hatte, mein Vorhaben, wie ich nehmlich nicht gesonnen sey auf das Cap der guten Hoffnung zu, sondern ferne bey demselben vorbey zu fahren und auf einer gewissen unbenahmten Insul Rast-Tage zu halten, allwo ich gantz besondere Freunde wuste, die sich vor einigen Jahren daselbst in geheim etabiliret und Vorrath genung hatten, uns mit allen Bedurffnissen reichlich zu versorgen. Er legte seine Verwunderung dessfalls zur gnuge an Tag, und liess nicht ab, biss ich ihm, nachdem er mir den Eyd der Verschwiegenheit uber gewisse Puncte geleistet, so viel erzehlte, als mir Hr. Wolffgang selbst von dem Felsenburgischen Staat eroffnet hat. Sein Vergnugen uber dergl. Geschichte war unbeschreiblich und wunschte derselbe so wohl als ich, nur fein bald dieses gluckseelige Land zu erblicken, welches ich ihm indessen auf meiner, nach besten Vermogen selst gezeichneten Land- und See-Carte, wiese. Wir brauchten hierauf unsere mathematischen Instrumenta fast taglich, um ja nicht etwa auf einen Irrweg zu gerathen und der Insul Felsenburg zu verfehlen, allein es hat uns dennoch Kummer, Sorge und Gedult genung gekostet, durch alle Verdrusslichkeiten, die sonderlich Wind und Wetter verursachten, hindurch zu dringen, biss uns endlich gestern fruh bey aufgehender Sonne, die, durch deren Strahlen erleuchtete Felsen Spitzen, zu unaussprechlicher Freude in die Augen fielen.

Solchergestallt habe ich von allen Personen die mit uns aus Amsterdam gefahren sind, nicht mehr zuruck gebracht als 6 Boots-Knechte, und 4 Freywillige nehmlich den Nadler Johann George Bucht aus dem Hildesheimischen, den Hut-Staffier Michael Eichert von Bremen, den Handels-Diener Friedrich Christian Fleischmann aus Glaucha, und den Peruquen-Macher August Dietrich von Erffurt. Die ubrigen so sich vor itzo bey mir befinden sind alle unterwegs eingenommen oder als Sclaven von mir erkaufft worden, unter den erstern befindet sich, nebst 9 Hollandern 7 Engellandern und zweyen Deutschen, der Capitain Wodley mit seinen 5 Engellandern, die letztern aber, nehmlich meine Sclaven, deren annoch 9 an der Zahl sind, weiln auf der Cacos-Insul einer davon gestorben, haben sich biss anhero dermassen wohl aufgefuhret, dass mich die angewandten Kosten nicht im geringsten gereuen, ohngeacht sie mich uber 1500 Rthl. zu stehen kommen. Uber diese alle habe ich auch die Talli annoch bey mir, die sich ungemein fromm, keusch und redlich aufgefuhret hat, sie ist in allen Articuln des christl. Glaubens ziemlich wohl unterrichtet, zur Zeit aber noch nicht getaufft.

Von meinen eigenen und auch gemeinschafftl. Waaren ist mit der Barque ein ziemlicher Theil verlohren gangen, und wir sind insgesammt noch nicht im Glauben einig, ob die Barque vom Wellen verschlungen, oder bey Gelegenheit des Sturms leichtfertiger weise von denen darauf befindlichen Personen entfuhret worden, um die darauf befindlichen Guter an einen sichern Orte unter sich zu theilen.

Jedoch bekummern ich und alle die bey mir sind uns nicht halb so viel um das verlorne, als um die armen Leute, wenn sie ja verungluckt und ertruncken seyn solten, denn biss hieher haben wir sammtlich noch so viel Gut und Geld, dass uns die uberstandenen Gefahrlichkeiten eben nicht verdrussen durffen, der Himmel helffe weiter.

Hiernachst habe vermuthlich alles wohl ausgerichtet und eingekaufft was mir Herr Wolffgang vor die werthgeschatzten Einwohner der Insul Felsenburg aus Ost-Indien mit zu bringen befohlen hat, erwarte also nur Befehl, wenn und wo ich alles aussetzen und wie mich in allem ubrigen verhalten soll, denn vielleicht werden Dinge dabey seyn, an welche sie allerseits nicht gedacht haben, und dennoch theils zum Nutzen, theils besondern Laabsal, theils aber nur zur Lust gereichen.

Hiermit endigte der Capitain Horn den kurtz gefassten Bericht von seiner gethanen Reise, mit dem Versprechen, selbigen bey bequemen Gelegenheiten von Stuck zu Stuck weitlaufftiger zu erzehlen, worauf beschlossen wurde, dass er morgendes Tages zuruck auf sein Schiff gehen, mit selbigen um die Sud-Seite der Insul Felsenburg herum fahren, und bey der andern Insul klein Felsenburg anlanden solte, unser Schiff aber wurde bestellet, bey dessen Ankunfft voraus zu fahren, und ihm den sichersten Weg biss in die Bucht zu zeigen, allwo seine Leute aussteigen un auf etliche Wochen Dableibens, Hutten bauen konten, weilen ohne dem voritzo die allerschonste Jahrs-Zeit im volligen Anzuge war. Von der Insul Gross-Felsenburg aber solten sie wochentlich ja fast taglich mit allen Bedurffnissen reichlich Versorget werden. Anbey wurde auch verabredet, dass biss auf fernern Bescheid noch niemand anders mehr unsere Insul betreten solle als der Capitain Wodley und die Talli.

Gleich darauf folgenden Tages fruh ging also der Capitain Horn nebst seinen 3 Sclaven, welche sich ungemein wohl gepflegt, auch von Herrn Wolffgangen gantz neue Kleidungen empfangen hatten, zuruck nach seinem Schiffe und landete gantz zeitig bey der Insul Klein-Felsenburg an. Ich Eberhard Julius war nebst Mons. Lizbergen, Harckerten und Lademannen mit auf unsern Schiffe unter denen, die ihm den Weg und alle nothige Anstallten zeigeten. Bucht, Eichert, Fleischmann und Dietrich, wie auch die annoch bekandten Boots-Knechte umarmeten uns hertzlich, und vergossen mehrentheils Thranen vor allzugrossen Freuden, wegen vergnugter Zusammenkunfft, ohngeacht wir noch nicht einmahl vollig 3 Jahr von einander geschieden gewesen. Sie erzehleten uns ihre gehabten privat Avanturen und suchten im gegentheil zu erforschen, wie es uns gegangen, auch was es eigentlich vor eine Beschaffenheit auf der gegen uberliegenden Insul ware, allein wir sagten anfanglich nicht mehr als ihnen zu wissen dienlich war, liessen inzwischen aus unsern Schiffe die mitgebrachten Delicatessen herbey bringen, und weil der Felsenburgische Wein ihre Kahle sonderlich wohl zu statten kam, betruncken sie sich grosten theils dermassen, dass sie fast nicht mehr sitzen oder stehen konten, derowegen ubergaben die Capitains Horn und Wodley, einem alten ansehnlichen Engellander, welcher die Stelle des Ober-Steuermanns begleitete, dass vollige interims Commando und fuhren mit beyden Schiffen, nach dem eines jeden nothwendigste Sachen heraus getragen waren, mit Anbruch folgendes Tages zuruck nach Gross-Felsenburg.

Die Verwunderung des Capitain Wodley und der Talli, welche sie beyderseits beym Eintritt auf unsrer Insul, noch mehr aber im fernern Fortgange und endlicher Ankunfft auf der Albertus-Burg spuren liessen, ist nicht wohl zu beschreiben. Die letztere konte nicht allein vollkommen gut Hollandisch, sondern fast noch besser Deutsch reden, weil sie selbiges von dem Capitain Horn und seinen bey sich habenden Deutschen, als zu welchen sie jederzeit die groste Neigung getragen, aufgefasset hatte.

Man merckte eine grosse Blodigkeit an derselben, ohngeacht sie sich schon so lange unter so vielen Manns-Personen allein befunden hatte, derowegen wurde sie von Herr Mag. Schmeltzers und Mons. Wolffgangs Liebste in eine besondere Cammer gefuhret, und daselbst auf die Felsenburgische Frauenzimmers Art, von Fuss auf neu angekleidet, wodurch ihre feine Gesichts-Bildung und ubriges gutes Ansehen, noch weit besser als vorhero aus nahm.

Immittelst aber der Capitain Wodley, von dem AltVater und andern Aeltesten der Stamme aufs beste bewirthet und mit Gesprachen unterhalten wurde, war der Capitain Horn nebst Herrn Wolffgangen und uns andern Europern, unten an der Nord-Seite auf seinen Schiffe gegenwartig, um die Ausladung, welche durch unsere Leute verrichtet wurde, zu befordern. Es wurde sehr weitlaufftig fallen, wenn ich alle mit gebrachten Guter der lange nach specificieren wolte, jedoch kan nicht umhin zu melden was uns am angenehmsten in die Augen fiel, als 1) 4 Chinesische unvergleichlich schone Zucht-Pferde, 2.) 4 Stucken Rind Vieh worunter zwey trefflich grosse Buffel. 3) 8 Mindanaische Schaafe. 4.) 2 junge Maulthiere. 5.) 6 Chinesische Schweine. 6.) 2 paar Pappegayen von besonderer Art, nebst verschiedenen andern raren und uns unbekandten Vogeln. 7.) 12 stuck Indianische Huhner und Hahne. 8.) 5 paar Turteltauben. Dieses hielt ich meinen Gedancken nach vor die vornehmsten Stucke, nechst dem war etwas hochst verwunderbarliches, dass er auf einer so fernen Reise 3 Bienen-Korbe mit lebendigen Bienen fortbringen konnen, es hatte aber dem guten Capitain Horn nicht wenig Muhe gekostet dieselben zu erhalten, wie ihm denn von 12 korben, die er eingeschifft, nur diese 3 ubrig geblieben, die andern aber ausgestorben waren. Uns gereichten diese, wegen ihres mehr als zu wohl bekandten Nutzens zum gantz besondern Vergnugen, weilen bey des Alt-Vaters Lebzeiten noch niemahls eine Biene auf der Insul Felsenburg gesehen worden. Indem aber der Pappiermacher Klemann eine sonderliche Wissenschafft von Verpflegung der Bienen zu haben vorgab, so wurde ihm erlaubt die drey Binen-Korbe nebst einen Fasslein Honig mit sich nach Johannis-Raum abzufuhren. Sonsten hatte der Capitain einen starcken Vorrath von Honig, Wachs, Zucker, Taback, Thee, Coffee Muscaten-Nussen, Naglein und andern Specereyen, feinen Zeugen, Chinesischen Porcellain und andern Geschirre, eine grosse Quantitt Eisen Stabe, sehr viel gegossene Kupffer Klumpen, allerley Samereyen, worunter sonderlich Mindanaischer TabackSaamen, Thee-Saamen etc. etc. vielerley Frucht-Kernen, dergleichen bey uns nicht zu finden, in Summa lauter solche Sachen, die den Felsenburgern ungemein zu statten kamen, wiewohl was die Gewurtz-Waaren it. allerley Chinesische Zeuge, Tapeten, Decken und d. gl. anbelangte, so behielt er mehr als die Helffte nach Europa mit zu nehmen, weiln der Alt Vater, Herr Mag. Schmeltzer und Hr. Wolffgang nicht vor rathsam hielten, die Insulaner mit allzuvielen unnothigen und uberflussigen Sachen, die zumahl mit der Zeit im langen liegen verderben konten, zu uberhauffen.

Solchergestallt wurden fast 3 volle wochen, mit

Ausladung und Hinaufschaffung der Sachen, die in Felsenburg bleiben solten, zugebracht, nachhero verlieff fast eben so viel Zeit, ja wohl nochmehr, biss jede Sachen an ihren gehorigen Orth gesetzt und meistentheils unter die Familien vertheilet wurden, denn es bekam ein jeder Hauss-Wirth seinen bescheidenen Theil, nachdem er viel oder wenig Kinder, oder sonsten Lust und Gelegenheit hatte, dieses oder jenes zu nutzen.

Ich muss aber ein wenig zuruck gehen und melden,

dass es der 13. Sontag p. Trinit. war, da die Capitains Wodley und Horn nebst der Talli in unserer Kirche dem offentl. Gottesdienste beywohneten. Sie bezeugten ein ungemeines Vergnugen, vornehmlich bey Hrn. Mag. Schmeltzers Predigt uber das Evangelium von Barmhertzigen Samariter, die Talli sonderlich, stellete sich dergestallt andachtig, dass jedermann glauben muste, wie es ihr ein rechtschaffener Ernst sey den christlichen Glauben anzunehmen. Herr Mag. Schmeltzer liess sich nach gehaltener NachmittagesPredigt mit derselben in ein ernsthafftes Gesprach ein, und befand in der That warhafftig zu seyn, dass sie des Capitain Horns Bericht nach, schon einen ziemlichen Begriff von dem christlichen Glauben hatte, um nun auf diesen Grund ferner fortzu bauen, nahm Herr Mag. Schmeltzer selbige von dato an taglich etliche Stunden vor, die ubrige Zeit aber wurde ihr von dessen und Mons. Wolffgangs Liebste der Catechismus, nest verschiedenen schonen Gebethern auswendig herzusagen gelehret, so dass sie binnen 4 Wochen hinlanglich zubereitet erfunden wurde die Heil. Tauffe zu empfangen.

Eines Abends, da nach der Mahlzeit der Alt-Vater vor der Burg auf dem Hugel in der Lufft sass, u. von vielen seinen Angehorigen umgeben war, sahen wir die Talli mit Herr Mag. Schmeltzers Liebste von Christians-Raum her spazirt kommen, weil sie daselbst die Frau VVolffgangin besucht hatten, wesswegen der Alt-Vater den neben ihm sitzenden Capitain bey einer Pfeiffe Toback also anredete: mein Herr; nehmet doch meine Neugierigkeit nicht ubel auf, wenn ich frage: was ihr doch eigentlich in zukunfft mit und aus eurer Sclavin der Talli zu machen willens seyd? Capitain Horn gab hierauf geschwind zur Antwort: wenn mein Herr erlauben wolte, dass die Talli ihre Lebenszeit auf dieser gluckseligen Insul zubringen durffte, so ware ich gesonnen diese mir zugefallene Sclavin, und das an ihrer Person habende Recht an des Herrn Mag. Schmeltzers Liebste abzutreten, weilen vermercke, dass die Frau Magisterin selbige wohl leyden mag, und mir deucht sie solte sich in kurtzer Zeit bald darein finden lernen, eine gute Kochin abzugeben, ob sie nunmehro aber etwa Lust zu heyrathen bekommen hat, kan ich nicht sagen, weilen in langer Zeit von dieser Materie nichts mit ihr gesprochen habe.

Der Alt-Vater wurde uber diese Antwort sehr erfreuet und versprach nicht allein die Talli von Hertzen gern auf der Insul zu dulden, sondern das an die Frau Magisterin gethane geschencke aus seiner SchatzCammer zu recompensiren.

So bald nun beyde auf dem Hugel anlangeten, und sich bey uns niederliessen, sagte der Capitain Horn: hore meine gute Talli! mache dich fertig, denn wir werden in wenig Tagen wieder zu Schiffe gehen. Talli verbarg zwar ihr Betrubniss wegen dieses plotzlichen Befehls, sagte aber mit einem tieff geholten Seuffzer: mein Herr! Leute die so wenig Sachen haben als ich, konnen sich gar bald fertig machen, allein erzeiget mir die Gnade und lasset mich bey diesen vortrefflichen Leuten, in ihrer Kirche die Heil. Tauffe empfangen, damit wenn ich ja auf einer abermahligen langwierigen Reise sterben solte, ich doch nicht als eine Heydin, sondern als eine getauffte Christin sterben moge. Sie begleitete diese letztern Worte mit einigen Thranen, welches verursachte, dass dem Alt-Vater und vielen andern ebenfals die Augen ubergingen, wenigstens wurden alle Anwesende sehr bewegt. Der Capitain Horn aber fuhr im Fragen fort: hore Talli deine Bitte ist schon gewahret, du wirst ehester Tags, so bald es dem Herrn Mag. Schmeltzer gefallig ist, getaufft werden, allein sage mir aufrichtig verlangestu nicht viellieber allhier auf dieser Insul zu bleiben, als wiederum zu Schiffe zu gehen? einer Sclavin, gab Talli zur Antwort, gebuhret dem Befehle ihres Herrn Gehorsam zu leisten, wenn ich aber eine freye Person ware, so wurde allerdings weit lieber an einem solchen Orte bleiben, wo mehr Weibs-Personen, vornehmlich aber Grund fromme Leute wohnen; als unter lauter Manns-Personen im wilden Meere herum schiffen. Meine gute Talli, rieff demnach der Capitain Horn, deine Aufrichtigkeit verursacht, dass ich mich nach deinem Vergnugen bequeme, und mein, an deiner Person habendes Recht, an gegenwartige Frau Magisterin verschencke, die ich zugleich gehorsamst ersuche diese meine bissherige Sclavin, welche ich aber, da der Himmel mein Zeuge ist, nicht als eine Sclavin, sondern als eine leibliche Schwester tractirt habe, zu meinem Angedencken auf- und anzunehmen. Talli wuste vor Freuden nicht was sie thun oder sagen solte, nachdem aber die Frau Mag. Schmeltzerin ihre verbindliche Dancksagung dieserhalb bey dem Capitain Horn abgelegt hatte, fiel die Talli hurtig vor des Capitains Fusse, und danckte vor die erzeigte Gnade, da er sie aber aufgehoben und ihr viel Gluck und Seegen gewunscht, kussete sie der Frau Mag. Schmeltzerin die Hand, und wolte derselben ebenfalls einen Fussfall thun, allein diese verhinderte solches, kussete die Talli auf den Mund und erklarete sie augenblicklich vor eine freye Person, sagte anbey sie hatte vernomen, dass die Sclaverey unter den Christen

nicht erlaubt ware.

Nachst darauf folgenden Sonntags nehmlich am 17 p. Trinit. wurde die Talli Nachmittags in Gegenwart fast aller Insulaner getaufft, ihre Tauff-Zeugen waren: der Alt-Vater Albertus, die Frau Mag. Schmeltzerin und die Frau VVolffgangin, welche ihr die Nahmen Albertina Christiana Sophia beylegten. Herr Mag. Schmeltzer hielt darbey, an statt der Mittags-Predigt, einen erbaulichen Sermon und stellete nach Gelegenheit des Sonntags Evangelii in artiger Vergleichung vor: die durch Christum verrichtete Heilung des Wassersuchtigen, und die Reinigung, welche durch das Wasser-Bad der Heil. Tauffe geschicht etc. etc.

Bald nach empfangener Tauffe legte sie im BeichtStuhle ihre Beichte ab, und hierauf wurde ihr das Heil. Abendmahl gereicht, in dem sie sich den gantzen Tag der Speise und Trancks enthalten, auch vor Untergang der Sonnen nicht essen oder trincken wolte, ohngeacht ihre Pathen eine kostliche Mahlzeit vor alle Anwesenden Insulaner auf Herrn VVolffgangs Taffel-Platze zugerichtet hatten.

Immittelst dass dieses alles in Gross-Felsenburg vorgieng, wolten die Frembden auf der Insul Klein-Felsenburg vor Neugierigkeit fast die Schwindsucht kriegen, da sich der Capitain Horn bey ihnen von einer Zeit zur andern entschuldigte, dass er von dem Gouverneur der grossen Insul keine Erlaubniss bekommen konte frembde Leute hinnein zu fuhren, und weilen sie nicht das geringste Land, sondern rings herum lauter steile wuste und unformliche Klippen gesehen hatten, gleichwohl aber wochentlich die allerschonsten frischen Victualien, lebendiges Wildpret und andere Thiere bekamen, mochte ihr verlangen alles in Augenschein zu nehmen um so viel desto grosser seyn, allein der Capitain wuste sie von einer Zeit zur andern zu trosten, und ihnen das gute Leben, so sie allhier hatten, nebst der Hoffnung reichlicher Beschenckung, dergestallt susse vorzumahlen, dass sie von einer Zeit zur andern bey der Gute erhalten wurden, wie sie sich denn sehr bequeme Hutten gebauet, und ihre Wirtschafft aufs beste eingerichtet, auch Gelegenheit genung hatten, sich bey der allerschonsten Jahres-Zeit, den vergnutesten Zeit-Vertreib mit jagen, fischen, spielen und dergleichen zu machen.

Zwischen der Zeit musten unsere Schiffs-BauLeute das frembde Schiff aufs Trockene bringen, den Boden nebst allem was wandelbar daran gefunden wurde, unter Anweisung Herrn VVolffgangs und der beyden Capitains von gantz ebenen Holtze machen und solches auf eine ferne Reise vollkommen wohl zubereiten, worauf der Capitain Horn, der nunmehro nicht mehr volle Ladung hatte, eine grosse Quantitt Reiss und Rosinen von den Felsenburgl. einlude, und sich immer allmahlig bereit machte, aufs langste im kunfftigen November Monat von dannen zu fahren. Wir hatten sonsten den Frembdlingen gern das Vergnugen gegonnet, unsere Insul und alle Anstallten derselben zu besichtigen, allein Ratio status erfoderte vor diesesmahl ein anders, doch da einsmahls der Capitain Horn seine gantze Gesellschafft noch einmahl herrechnete, und darbey ihre Professionen und Lebens-Arten erwehnte, hielt sich Herr VVolffgang bey nachfolgenden auf, die uns auf dieser Insul noch fehleten und vielleicht gute Dienste leisten konten, nehmlich, 1) ein Gurtler. 2) ein Nadler, 3) ein Gerber, 4) ein Hutmacher. 5) ein Seyler. 6) ein Kupfferschmidt. Weilen nun der Capitain Horn versicherte, dass dieses alles gantz feine unveralterte Kerls waren, die sich leichtlich wurden bereden lassen auf dieser Insul zu bleiben, indem er von ihnen vernommen, dass keiner in seiner Heymath viel zu suchen wuste, als wurde beschlossen, dieselben gleich morgendes Tages mit guter Manier und, wo moglich, ohne Vorbewust der andern heruber zu holen.

Der kluge Capitain Horn legte auch in diesem Stucke eine Probe seiner Verschlagenheit ab, denn er hatte einen nach den andern heimlich vorgenommen, und mit ihnen verabredet, dass, mittlerweile er sich nebst allen andern auf den Weg ins Gebusche, um das Land auszukundschaffen, begeben wurde; sie sich indessen heimlich zuruck schleichen, und ins Schiff verstecken solten, damit er gegen Abend unvermerckt mit ihnen abfahren konte. Diese List war also glucklich von statten gegangen, ausgenommen dass sich ein eintziger ungebethener, gleichfalls mit eingeschlichen hatte, den der Capitain, um das gantze Spiel nicht zu verderben, auf sein unablassiges Bitten fast mit Gewalt mitnehmen mussen. Demnach bekamen wir bey schon gantz spater Nacht in Gross-Felsenburg folgende fremde Gaste zu sehen:

1. Johann George Bucht, ein Nadler aus

Deutschland, 27. Jahr alt.

2. Balthasar Gottfried Herbst, ein Gurtler aus

Deutschland, 35. Jahr alt.

3. Johann Conrad Rumpler, ein Gerber aus

Schlesien, 31. Jahr alt.

4. Heinrich Tau ein Hutmacher aus Engelland,

29. Jahr alt.

5. Matthaus Pur, ein Kupfferschmidt aus Engel

land, 32. Jahr alt.

6. Michael Bertholt, ein Seyler aus Holland, 28.

Jahr alt.

7. August Dietrich, ein Peruquenmacher aus

Deutschland, 32. Jahr alt.

Der siebende und letzte, war derjenige, welcher sich mit Gewalt eingeschlichen hatte, jedoch weil der Mensch gantz fein und redlich aussahe, wurde ihm die gebrauchte Verwegenheit, benebst dem gantzen Fehler, vergeben. Sie wurden aber alle zusammen bey Mons. Kramern in Alberts-Raum aufs beste tractiret, in folgenden Tagen aus einer Pflantz-Stadt in die andere gefuhret, um alle dasige Anstalten wohl in Obacht zu nehmen, nach diesen prsentirte Mons. Horn dieselben dem Alt-Vater, und zuletzt nahmen wir sie mit in unsere Kirche dem Gottesdienste beyzuwohnen.

Rumpler, Herbst, Dietrich und Bucht hielten bald darnach bey Herrn Magist. Schmeltzern an, ihnen das Heil. Abendmahl zu reichen, worinnen ihnen auch gewillfahret wurde, weil sie gute Lutheraner waren, Bertholt der Hollander aber, ingleichen die beyden Engellander, Tau und Purr wurden nicht so bald darzu gelassen, ohngeacht sie es verlangeten, denn der erste, der sich zu der Secte der Calvinisten bekennete, hatte einen sehr elenden Begriff von Glaubens-Sachen, die andern beyden aber schienen Indifferentisten zu seyn, weil sie selbsten nicht eigentlich wusten, zu welcher von den dreyen Haupt-Secten des Christenthums sie sich zahlen solten. Herr Mag. Schmeltzer hingegen fieng von selbigen dato an, sich taglich ein paar Stunden von der reinen Glaubens-Lehre, mit ihnen zu besprechen, brachte auch alle drey noch vor meiner Abreise so weit, dass sie einige, bissanhero, ja von Jugend auf gehegten irrigen Meynungen erkandten, selbigen absagten, und sich zu der reinen und unverfalschten Evangelischen Wahrheit bekandten, und darauf das Heil. Abendmahl nach Christi Einsetzung empfingen.

Es wurde immittelst auf eines jeden Thun und Lassen sehr genau Achtung gegeben, da wir aber vermerckten, dass einer so wohl als der andere die allergroste Lust bezeigte, auf der Insul zu verbleiben, wurden die 6. erstgemeldten Handwercker eines Tages zum Alt-Vater beschieden, welcher ihnen durch Herrn Wolffgangen seine Meynung vortragen liess: ob sie nehmlich, wo nicht auf Lebens-Zeit, jedoch etwa auf 3. oder 4. Jahr, in dieser Insul zu verharren, und ihre Professionen den Unsern zu lehren Belieben trugen, da ihnen denn letztern Falls, die freye Abfuhre nach Europa nebst einem Geschencke von 2000. Thlr. zu statten kommen solte; Sie nahmen also den Vorschlag ohne eintziges Bedencken sammtlich mit Vergnugen an, und legten gleich darauf folgenden Tages, den, ihnen allen zur Uberlegung aufgeschriebenen und zugestelleten Eyd der Treue ab, wurden auch also fort unter die Zahl der Felsenburgischen Einwohner gerechnet.

Dietrich der Peruquier hatte dieses kaum vernommen, als er mit gantz betrubten Gebarden zu mir kam, und fragte: warum denn er unter seinen 6. ubrigen Cameraden allein vor so unwurdig und verachtlich geachtet, und nicht auch auf dieser Insul geduldet werden solte, da er doch aus Liebe zu dieser angenehmen Lebens-Art nicht allein seine Eltern, Geschwister, Erbschafft und alles zuruck setzen, und sich so ehrlich, als wohl einer von den andern sechsen, auffuhren wolte? Ich gab ihm hierauf zur Antwort: Mein werther Freund, an eurer Person und Redlichkeit hat niemand das geringste auszusetzen, allein, wie ich vermercke, so ist dem Befehlshaber dieses kleinen Landes eure Profession zuwider, wie ihr denn selbst absehen konnet, dass selbige allhier gantz nichts nutzig ist, weil kein eintziger eine Peruque tragt, ich vor meine Person habe zwar selbst so wohl als Herr Mag. Schmeltzer, Mons. Litzberg und andere mehr, in Europa auch Peruquen getragen, allein auf Zureden Herrn Wolffgangs, warffen wir dieselben hinweg, so bald wir in Amsterdam zu Schiffe gegangen waren, und liessen unsere Haare, der Natur gemass, wachsen, demnach hat von hiesigen eingebohrnen Insulanern niemahls einer eine Peruque gesehen, es sollen auch dergleichen niemahls eingefuhret werden. Saget demnach, was ihr uns auf dieser Insul vor Nutzen schaffen kontet, und ob es nicht besser vor euch sey, wenn ihr ein ansehnliches Geschencke empfanget, wodurch ihr euch, so bald wir in Europa anlanden, an irgend einem guten Orte niederlassen, und eure Profession treiben konnet? Der gute Dietrich wurde dieser Reden wegen noch betrubter, und gab zu vernehmen, wie auf der gantzen Welt wohl kein Mensch zu finden, der des Herumschweiffens uberdrussiger ware als er, derowegen er instandig bitten wolte, es doch auf eine Person mehr oder weniger nicht ankommen zu lassen, sondern ihm das Dableiben zu erlauben, indem er sich so hertzlich sehr nach dergleichen ruhigen und vergnugten Leben sehnete, er wolte hingegen an seine Peruquenmacher-Profession gantz und gar nicht mehr gedencken, sondern sich bey Mons. Plagern in die Lehre begeben, und demselben aufs fleissigste arbeiten helffen, wie er sich denn vollig versichert hielte, dass ihn dieser gute ehrliche Freund an- und aufnehmen, und in allerley Kunsten unterrichten wurde. Ausserdem, setzte er hinzu, ware ja diese Insul gross genung, noch mehr als 1000. Menschen zu ernehren, die zumahlen ihr Brod nicht mit Mussiggehen zu verdienen gesonnen, in Europa hergegen, ware man tausenderley Verdrusslichkeiten unterworffen, man mochte auch gleich viel oder wenig Geld haben.

Die aufrichtige Art, womit Dietrich dieses alles vorbrachte, bewegte mich dahin, dass ich so gleich bey dem Alt-Vater, Mons. Wolffgangen und Herr Mag. Schmeltzern sein Wort redete, und endlich zuwege brachte, dass ihm erlaubt wurde, auf der Insul zu bleiben. Mons. Plager nahm ihn mit Freuden zu sich in seine Behausung, und man merckte binnen wenig Wochen, dass sich Dietrich nicht allein sehr wohl zu dieser Profession schickte, sondern sich auch alle Muhe gab, Mons. Plagers seiner Frauen jungste Schwester, welches ein artiges Magdlein von 14. Jahren war, bey Zeiten zu seiner Braut zu erwerben. Es ist auch dieser beyden Verlobniss noch vor meiner Abreise gehalten worden.

Beylauffig muss ich auch melden, dass sich Heinrich Tau sonderlich in die Talli verliebt hatte, allein er war unglucklich, denn vors erste schutzte die Talli vor: dass sie ihn nicht lieben konte, und vors andere hatte der Alt-Vater auch ungern gesehen, wenn zwey frembde Personen ein besonderes Geschlechte auf der Insul errichtet hatten. Demnach fand sich ein junger Gesell aus Simons-Raum zu ihrem Liebsten an, welchen sie, allem Ansehen nach, etwas besser leyden konte, allein, vor meiner Abreise wuste man noch nicht gewiss, ob ein Paar aus ihnen werden wurde.

Mit Eintrit des Monath Novembris war endlich der Capitain Horn am eiffrigsten beschafftiget, alles das, was er mit nach Europa nehmen solte, gantzlich einzuschiffen, weil es demnach nur an meiner Equippage fehlete, ersuchte der Alt-Vater Mons. Wolffgangen einen Aufsatz von denenjenigen Sachen zu machen, welche zu meiner Abfertigung und Besorgung aller fernern Angelegenheiten unumganglich erfordert wurden, und da dieses geschehen, bekam ich aus des AltVaters Schatz-Cammer eine uberflussige Quantitat von gemuntzt und ungemuntzten Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen und dergleichen Kostbarkeiten, nachst dem eine weitlaufftige schrifftliche Instruction, dessen, was ich mit Beyhulffe des Capitain Horns zum weitern Behuff und Nutzen der Felsenburgischen Einwohner anschaffen und bestellen solte. Hierbey gab mir nicht allein Herr Mag. Schmeltzer ein gross Paqvet Briefe mit, um dieselben an die Seinigen zu ubersenden, sondern es folgten dessen Exempel auch verschiedene von den andern letzt eingekommenen Europaern, als welche Commissionen ich von einem so wohl als dem andern mit besondern Freuden ubernahm, und alles bestens auszurichten versprach.

Am 14. Novembr. nehmlich am 25. Sonntage p. Trinit. nachdem uns Herr Mag. Schmeltzer in offentlicher Predigt tausendfaches Gluck auf die Reise gewunschet, auch versprochen hatte, so wohl mich als den Capitain Horn ins gewohnliche Kirchen-Gebeth biss zu glucklicher Wiederkunfft mit einzuschliessen, nahmen wir Mittags nach verrichteten GOttes-Dienste von allen Stammen, die sich auf dem Kirch-Hofe in besondere Hauffen getheilet, und ihre Aeltesten vor sich stehen hatten, zartlichen Abschied, empfiengen ihre hertzlichen Gluck-Wunsche auf die Reise, und begaben uns hernach mit den sammtlichen Aeltesten auf die Albertus-Burg, allwo noch ein und anderes erinnert wurde, welches ich, um in Europa nichts zu vergessen, in meine Schreib-Taffel eintragen muste.

Hierauf setzten wir uns zu Tische, die Valet-Mahlzeit einzunehmen, worbey verschiedene Gesprache vorfielen, unter andern sagte der Capitain Wodley zu Herrn Wolffgang und dem Capitain Horn: Meine Herren, ich habe ihnen meines Wissens alles mein baares Geld und Gut gezeiget, was meynen sie wohl, wie hoch sich dasselbe belauffen solte? Indem nun beyde einstimmig waren, dass er selbiges, inclusive der vielen Edelgesteine und andern Kostbarkeiten, die zwar von kleinem Gewichte, aber desto grossern Werthe waren, schwerlich unter dreymahl hundert tausend Reichs-Thaler hingeben wurde; sprach Wodley ferner: Sie haben richtig genung taxiret, meine Herren, wolte aber der Himmel! es ware solches hinlanglich, mich damit in diese gluckseelige Insul einzukauffen, denn ich habe Zeit meines Hierseyns, bey der vergnugten Lebens-Art hiesiger Einwohner, einen solchen Eckel gegen andere Gesellschafft geschopfft, dass ich nicht anders als mit betrubten Hertzen zuruck in mein Vaterland gehen kan, allwo voritzo mehr Laster als Tugenden zum Vorscheine kommen. Ich laugne zwar nicht, dass ich von Jugend auf derjenigen Secte, welche man in Engel- und Schottland Presbyterianer nennet, zugethan gewesen, als welche den hiesigen Religions- und Kirchen-Gebrauchen, um ein nicht geringes entgegen ist, allein, die erbauliche Lehr-Art des Herrn Mag. Schmeltzers, hat mein Hertz dergestalt geruhret, dass ich wunschen mochte, von ihm weiter unterrichtet, und endlich einmahl auf meinem TodtBette zum seeligen Sterben bereitet zu werden, denn ohngeacht ich ein Mann von nur etliche 50. Jahren bin, der sonsten eine von den starcksten und gesundesten Naturen gehabt, so glaube doch, dass der vor wenig Jahren genossene vergifftete Vogel, selbige dergestalt geschwacht hat, dass ich mein Leben wohl nicht allzu hoch bringen mochte. Sonsten bin ich mein Leb-Tage niemahls verheyrathet gewesen, habe auch keine andere Freunde und Erben, als einen eintzigen leiblichen Bruder, der ein Kupfferstecher in Yarmouth ist, und etliche 100. Pfund Sterlings im Vermogen haben mag, welchem ich doch wohl etliche kostbare Jubelen zum Andencken meiner, wunschen mochte, daferne ich ja so glucklich seyn solte, von dem vortrefflichen Alt-Vater und Herrn dieses Landes, Erlaubniss zu erhalten, den Rest meines Lebens unter moglichster Arbeit, auf dieser gluckseeligen Insul zuzubringen.

So bald der Capitain Wodley seine Rede geendiget, sahen wir alle mit verlangenden Augen den Alt-Vater an, um zu vernehmen, was derselbe darauf antworten wurde, selbiger aber reichte, ohne langes Besinnen, dem, ihm zur Rechten sitzenden Capitain Wodley, die Hand, und sagte: Bleibet hier, mein Freund, im Nahmen des Herrn, denn weil diese Insul zum Ruhe-Platze redlicher Leute von dem Himmel bestimmt zu seyn scheinet, so ware es ein unverantwortliches Verbrechen, wenn ich euch den beliebigen Auffenthalt versagen wolte, von allerverdrusslichen Muhe und Arbeit werdet ihr jederzeit befreyet leben konnen, an meinem Tische und in dieser Burg, so lange ich lebe, vor lieb nehmen, nach meinem Tode aber werden euch die redlichen Meinigen auch niemahls Noth leyden lassen, denn ich bin versichert, dass sie den Befehle ihres AltVaters nimmermehr so starck zuwider handeln konnen. Was aber eure Schatze anbelanget, so wendet dieselben in GOttes Nahmen euren leiblichen Bruder zu, mein Eberhard kan ihn zu sich nach Amsterdam oder einen andern Hollandischen Ort verschreiben, und demselben alles einhandigen, denn wir haben dergleichen zeitliche Guter, nach hiesiger Beschaffenheit, in solchem Uberflusse, dass wir nichts mehr bedurffen. Im ubrigen aber, mein Freund, erweget nochmahls wohl, ob ihr ohne eintzigen Gewissens-Scrupel, euch so wohl unseren Satzungen, als hauptsachlich der Religion, gemass und gleichformig, nicht allein jetzo, sondern jederzeit, bezeigen konnet und wollet.

Capitain Wodley kussete hierauf des Alt-Vaters Hand, und nach weitlaufftiger Dancksagung, betheurete er hoch, dass er seit etlichen Wochen, alles wohl uberlegt, und den festen Schluss, sich erwehnter Lebens-Art gleichformig zu bezeigen, gefasset, doch bestandig gezweiffelt hatte, ob man ihm auf sein instandiges Ansuchen, und zwar in Betrachtung seines Alters, das Dableiben erlauben wurde. Nachhero wendete er sich zu mir, und sagte: Mons. Eberhard! alle meine Sachen sind bereits eingeschifft, biss auf ein kleines Kastlein, welches ich noch bey mir habe, ich will aber von allen nichts zuruck nehmen, als einen eintzigen Kasten, worinnen zwar wenig kostbare, jedoch solche Sachen verwahret liegen, welche vielleicht den Einwohnern dieser Insul auch lange Jahre nach meinem Tode angenehm und nutzlich seyn werden. Ausser diesen will ich sie, mein Herr, bitten, eine schrifftliche und versiegelte Instruction wegen meiner ubrigen Sachen anzunehmen, dieselbe aber nicht ehe zu erbrechen, biss sie in Europa zu Lande gekommen sind, hergegen meiner Verordnung aufs allergenaueste nachzuleben, denn ich versichere, dass sie ihnen keinen Gewissens-Scrupel, auch nicht allzu grosse Muhe verursachen wird.

Ich versprach dem Capitain Wodley mit Hand und Munde, seiner Verordnung aufs genaueste nachzuleben, und ihm jederzeit alle moglichsten Gefalligkeiten zu erzeigen, indem aber unter solchen Gesprachen die Mahlzeit geendigt, und das ubrige abgetragen war; hatte Mons. Litzberg das gantze Collegium Musicum zusammen beschieden, um uns Abreisenden noch zu guter letzt ein musicalisches Vergnugen zu machen, welches dem Alt-Vater so wohl als allen andern hertzlich wohl gefiel. Ich durffte vor dieses mahl nicht mit musiciren, indem Herr Mag. Schmeltzer selbst den General-Bass zu vielen moralischen und andern Lobens-wurdigen Cantaten spielete, sass derowegen bey meiner liebsten Cordula im stillen Vergnugen, und trocknete ihr zuweilen einige Thranen ab, die sie meiner fernen Reise wegen vergoss. Zum Beschluss aber der gantzen Music sunge Mons. Litzberg noch folgende selbst gemachte und componirte Cantata ab:

CANTATA.

Aria.

Adieu, das herbe Wort

Thut treu-gesinnten Hertzen

Nach keusch-verliebten Schertzen

Den allergrosten Torr.

Auf Scheiden reimet sich das Leyden,

Denn, muss man sein Geliebtes meiden,

So gonnt die Sehnsucht immerzu

Wenig Ruh.

Recit.

Ach Eberhard und Cordula!

Ihr allerliebsten Beyde,

Mich duncket, eure Freude

Ist jetzo sehr vergallt,

Doch wenigstens verstellt,

Warum? die Abschieds-Zeit ist da.

Der liebste Eberhard

Muss sich den Wellen anvertrauen,

Die wir so offt von hier mir Furcht beschauen;

Der frohe Muth erstarrt,

Wenn wir an die Gefahr gedencken,

Jedoch des Himmels Macht,

Die stets vor unser Glucke wacht,

Kan alle Noth zurucke lencken.

Aria.

Sorge nicht, getreue Seele,

Angenehme Cordula!

Lass dein halbes Hertze fahren,

Denn der Himmel will es ja

Auf der Reise wohl bewahren,

Dass, nach uberstandner Pein,

Deine Lust kan vollig seyn.

Da Capo.

Recitativ.

Verbeisse deinen Schmertz Mein Eberhard, und lass den Himel walten,

Der kan und will und wird dich wohl erhalten. Bleibt gleich dein halbes Hertz Auch hier bey deiner Cordula zurucke; So bussestu an solchen schonen Stucke Doch gar nichts ein, Ein gantzes Hertzgen soll davor dein eigen seyn, So bald der Himel dich, nach unsern Hoffen,

Gesund zuruck gebracht; Drum sey auf lauter Trost und keinen Schmertz

bedacht

Ein frischer Muth hat stets das beste Ziel getroffen.

Aria.

So reise denn, geliebter Freund!

Und komm und eile bald zurucke.

Der Himmel, der dir gunstig scheint,

Verdopple stets die Sonnen-Blicke.

Regen, Winde, Sturm und Wellen,

Die sich dir entgegen stellen,

Mussen so, wie Sonnenschein,

Deiner Gross-Muth Zeugen seyn;

Biss dass wir dich wieder in Felsenburg haben,

Allwo dich dein Hertzgen mit Kussen kan laben.

Diese Cantata, ohngeacht sie sich in der Music vollkommen wohl ausnahm, that dennoch bey meiner Cordula einen wiedrigen Effect, indem selbige dadurch in vollige Wehmuth gesetzt wurde, so dass ihre Thranen noch viele 1000. andere Thranen von abwesenden Personen beyderley Geschlechts, heraus lockten. Selbige Nacht aber, muste bey allen auf der Alberts-Burg versammleten Freunden, ihren behorigen Zoll einbussen, weilen kein eintziger, auch so gar der Alt-Vater nicht zu bereden war, sich einige Stunden der Ruhe zu bedienen. Um Mitternachts-Zeit wurden, bestelltermassen, die Schleussen des Nord-Flusses niedergelassen, so bald aber der Himmel zu grauen anfing, nahm ich erstlich von dem Alt-Vater und von meiner Cordula den allerzartlichsten Abschied, hernach beuhrlaubte mich von Herr Mag. Schmeltzern, Herr Wolffgangen und allen anwesenden getreuen Freunden, Mons. Horn that dergleichen, und also marchirten wir unter starcker Begleitung durch den Wasser-Fall hinunter an das Meer-Ufer, allwo die Boote bereits fertig stunden uns in die grossen Schiffe uberzufuhren.

Mons. Wodley fuhr nebst denen 7. neu eingenommenen Europern mit hinuber auf die Insul KleinFelsenburg, um den daselbst einlogirten, denen aber die Ordre zur Abreise albereit kund gethan war, zu zeigen, dass sie mit guten Willen zuruck blieben. Diese Verlassenen schienen anfanglich sehr mussvergnugt zu seyn, nachdem aber ich auf Verordnung des Alt-Vaters, einen jeden durch die Banck hinweg und ohne Ansehn der Person 2. Pfund Gold und ein Sachsis. Nossel der schonsten Orientalischen Perlen eingehandiget, auch versprochen hatte, dass nach glucklicher Anlandung in Europa, daferne sie sich wohl auffuhreten, ein jeder noch 100. spec. Duc. von mir empfangen solte; war alles lustig und guter dinge, ausser diesem machte ihnen ein paar Fasser des mitgebrachten allerbesten Felsenburgischen Weins, doppelte Curage, so dass wir den 16. Novembr. Nachts etwa um 1. Uhr, wohl besorgt abfahren konten.

Wir gaben aber unsere Abfahrt den Gross-Felsenburgern durch eine Salve von 12. Canonen zu verstehen, worauf uns aus allen auf den Felsen-Hohen stehenden Geschutze, drey mahl hinter einander nochmahls Gluck auf die Reise gewunschet wurde, nachhero horeten wir biss uber Mittag des zweyten Tages ordentlich alle zwey Stunden, 3. Canonen-Schusse von der Felsenburg, worauf wir, wegen Sparsamkeit des Pulvers jedesmahl nur mit einem Schusse antworteten, jedoch nach der Zeit erhub sich ein etwas starckerer Wind, welcher unser Schiff mit fast unglaublicher Geschwindigkeit dergestalt fortfuhrete, dass wir die Insul St. Helen fast 14. Tage eher, als den ordentlichen Vermuthen nach, erreichten.

Wie glucklich aber die biss daherige gantze Fahrt gewesen war, so unglucklich war hingegen die Einfahrt in dasigen Hafen, denn unser Schiff wurde, wie die meisten sagten, aus Versehen des Steuer-Manns dergestalt gegen eine Klippe geworffen, dass wegen des grausamen Krachens und Erschutterens, ein jeder nicht anders vermeynete, als dass es augenblicklich zerfallen, und zu Grunde sincken wurde, allein der Himmel verhutete selbiges Ungluck, und halff uns glucklich zu Lande, allwo wir, um den genommenen Schaden auszubessern, fast 6. Wochen lang stille liegen musten.

Es ist dieses, wie ich, wo mir recht ist, schon ehemahls gemeldet, eine anzugliche und gefahrliche Insul vor lusterne und Geldhabende See-Leute, derowegen hatte der Capitain Horn die gantze Zeit uber wenig Ruhe, weil er stets besorgt war, der Seinigen Schaden zu verhuten, dem ohngeacht konte er folgendes Ungluck nicht ablencken: Des zuruck gebliebenen Capitains Wodley Schiffs-Barbier, der ein Engellander von Geburth war, hatte ein junges Magdlein von 16. Jahren, in ihrer Eltern Behausung zu seinen Willen beredet, auch seine Wollust taglich mit ihr fortgetrieben, und zwar unter dem Versprechen, sie voritzo gleich mit sich nach Engelland zu ihren annoch lebenden Gross-Eltern zu fuhren, und daselbst sich mit ihr ehelich verbinden zu lassen, der liederliche Mensch aber hat nicht so bald vernommen, dass wir binnen 3. oder 4. Tagen abseegeln wollen, als er seine gethanen Eydschwure, so wohl, als das geschwangerte WeibsBild ins Buch der Vergessenheit schreibt, und sich bey Zeiten aus dem Staube und auffs Schiff macht. Die Eltern und Befreundte der Geschwangerten kamen und suchten ihn mit Erlaubniss des Capitain Horns auf unsern Schiffe, fanden aber nicht die geringste Spur, weil er sich ungemein kluglich verborgen hatte. Zu seinem Unglucke aber, kam er Tags vor der angestellten Abfahrt, hinter mir und dem Capitain hergegangen, eben, da wir im Begriff waren, noch zum letzten mahle auf die Insul zu gehen, wir riethen ihm, er solte alle Weitlaufftigkeiten zu vermeiden, zuruck bleiben, allein er hatte seinen Spaass daruber, kaum aber waren wir 200. Schritt weiter fort gegangen, als der Vater nebst dreyen Brudern der Geschwachten herzu kamen, und den wollustigen Barbier ermahneten, er mochte sein Wort halten, und seiner geschandeten Liebste die Ehre ersetzen, jedoch der Barbier lachte darzu, und sagte: Die Ehre ware theuer genug bezahlet, indem er ihr bey nahe 10. Ducaten werth davor gelassen hatte. Das ist nicht genung, sagte der Vater, sondern ich will, dass ihr entweder meine Tochter heyrathen, oder ihr 200. Ducaten vor den Jungfer-Crantz bezahlen sollet. Nicht 200. Kieselsteine antwortete der Barbier. Der Vater war ziemlich raisonable, liess immer weiter nach, biss es endlich auf 50. Duc. herunter kam, welche aus zu zahlen, der Capitain Horn, dem Barbier selbst zuredete, auch sich erboth, ihm dieselben gleich auf dem Platze vorzustrecken, daferne er allenfalls kein Geld bey sich hatte. Allein der eigensinnige und tollkuhne Mensch wolte durchaus nicht, sondern sagte mit Ausstossung eines schrecklichen, den Engellandern aber sehr gelauffigen Schwures: Ich gebe nicht 50. Pfifferlinge, denn vor dergleichen Hure, sind 10. Ducaten schon mehr als zu viel gewesen. Kaum aber war das letzte Wort ausgesprochen, als er schon 3. Dolche auf einmahl im Leibe stecken hatte, welche die 3. Bruder der Geschwachten dergestalt hurtig auf ihn zuckten, dass der Capitain Horn so wenig, als ich vermogend war, der plotzlichen Rache Einhalt zu thun. Die Morder hielten sich so wohl, als ihr Vater nicht lange bey uns auf, indem aber etliche von unsern Leuten herzu kamen, wolten wir Anstalt machen, den, allem Ansehen nach todtlich verwundeten Barbier auf unser Schiff zu schaffen, allein er starb uns gleich unter den Handen, und so bald etliche Einwohner der Insul solches vermerckten, gaben sie nicht einmahl zu, dass wir des Entleibten Kleider aussuchten, sondern schlossen einen Creyss um den Corper, und jagten uns mit ziemlichen Ungestum zuruck in unser Boot.

Capitain Horn versuchte zwar dieses Streichs wegen von dem Gouverneur Satisfaction zu erhalten, merckte aber sehr zeitig, dass derselbe ziemlich partheyisch, auch nicht ungeneigt ware, uns unschuldigen viele Handel und Weitlaufftigkeiten zu verursachen, derowegen schien am klugsten gethan zu seyn, wenn wir stille schwiegen, und uns mit guter Manier aus dem Staube machten, weil in Wahrheit der entleibte Barbier auch wenig Recht uberley hatte.

Unsere weitere Fahrt gieng hernachmahls desto glucklicher von statten, denn wir traffen bey der Insul Ascension 5. aus Ost-Indien zuruckkommende Hollandische Kauffarthey-Schiffe, unter einer starcken Convoye an, zu welchen wir uns nach abgegebenen billigen Discretion-Geldern schlugen, und ohne die geringste Gefahr auszustehen, erstlich die Insuln des grunen Vorgeburges, hernachmahls aber die Canarischen erreichten, allwo abermahls Rast gehalten, und eine kleine Ausbesserung des Schiffs vorgenommen wurde. Die bey uns befindlichen Engellander waren dahier hertzlich gern von uns ab und nach ihren Vaterlande gegangen, allein der Capitain Horn hatte seine besondern Ursachen, warum er dieselben nicht ehe, als in Amsterdam von sich lassen wolte, immassen nun ein jeder annoch 100. spec. Ducaten ruckstandig wuste, musten sie sich um so viel desto mehr nach des Capitains Willen bequemen. Demnach lieffen wir endlich am 24. Mart. des 1729. Jahres im Texel ein, und kamen 12. Tage hernach glucklich in Amsterdam an, in welcher Stadt der Capitain Horn und ich Herrn Wolffgangs ehemahliges Quartier bezogen. Wir lieferten vor allererst Herrn Wolffgangs vornehmen Patronen und andern guten Freunden, die an sie gestelleten Brieffe und kostbarn Geschencke ein, erhielten nachhero besondere Erlaubniss, unser Gut aus zu laden, ohne dasselbe von einem oder dem andern eroffnen und besichtigen zu lassen. So bald dieses geschehen, zahlte der Capitain einem jeden nicht nur den ruckstandigen Sold, sondern auch das versproche Geschenck an 100. spec. Ducaten aus, die Engellander begaben sich so gleich von dannen in ihr Land, die ubrigen bathen sich mehrentheils Passe vom Capitain Horn aus, um die ihrigen zu besuchen, versprachen aber mehrentheils aufs langste gegen das Ende des Augustmonats sich wiederum anzumelden, und noch eine Fahrt mit uns zu wagen, solchergestalt blieb niemand von allen mitgekommenen bey uns, als drey Schiffs-Officiers, und die 9. Sclaven, welchen letztern der Capitain allen uberein graue Kleider mit gelben Aufschlagen machen, auch einen Evangelischen Studiosum aufsuchen liess, der sie samtlich, taglich 6. Stunden, in der deutschen Sprache, welche einer vor dem andern schon ziemlich gut reden konte, unterrichten, und den Lutherischen Catechismum nebst der Auslegung mit ihnen tractiren muste.

Jedoch von meinen eigenen Angelegenheiten etwas zu melden, so war mein allererstes Vornehmen, nach Hamburg an Herrn W. als meines Vaters getreusten Freund zu schreiben, um von demselben zu vernehmen, ob ihm nichts von dem Auffenthalte und Zustande meines Vaters bekandt ware. Es begleitete diesen Brieff eine Kiste, worinnen vor mehr als 1000. Thlr. Ost-Indianische Raritten und Kostbarkeiten lagen, um denselben zu desto geschwinderer Antwort zu bewegen. Mittlerweile ich aber recht mit Schmertzen auf dessen Antwort wartete, fiel mir die von dem Capitain Wodley empfangene schrifftliche Instruction in die Gedancken, die ich ohne ferneres Bedencken erbrach, und also gesetzt befand:

Monsieur Eberhard Julius!

Die mir zugehorigen auf dem Schiff befindlichen Guter werden euch ohnfehlbar durch den Capitain Horn ausgeliefert werden. Derowegen habt die Gutheit, die mit 1. W.W. No. 3. bezeichnete Kiste, meinem Bruder in Yarmouth den Kupfferstecher Melchior Jacob Wodley zuzustellen, denn es befindet sich alles darinnen, was ihm von mir zugetheilet ist, mehr aber soll er aus gewissen Ursachen, durchaus nicht haben und ich hoffe, dass er damit vollig zufrieden seyn kan und wird. Alles ubrige stelle zu eurer freyen Disposition, denn ich weiss im Voraus, dass ihr es entweder den Felsenburgern zum Nutzen, oder wenigstens also anwenden werdet, dass ich keine Ursache, es zu bereuen, haben kan. Ich beschwere euch demnach bey der Felsenburgischen Treue und Redlichkeit, das mir gethane Versprechen zu erfullen, und dieser meiner kurtzen Instruction genug zu thun. Geschrieben auf der Insul Gross-Felsenburg den 15. Novembr. 1728.

Anbey lag dessen eigenhandiges an seinen Bruder gestelltes Schreiben, welches ich mit dem nechst abgehenden Post-Jagt-Schiffe nach Yarmouth abschickte, nachdem ich einen Umschlag darum gemacht und darinnen den Kupffer-Stecher, entweder selbst zu kommen, oder einen Gevollmachtigten an mich zu schicken, ersucht hatte. Es stellete sich auch derselbe binnen weniger Zeit personlich ein, nahm das bruderliche Geschencke mit grossen Vergnugen in Empfang, stellete davor an mich ein Recipisse aus, und war eifrig bemuhet seines Bruders des Capitain Wodley eigentlichen Zustand von mir auszuforschen, allein weilen ihn derselbe alle Umstande zu offenbahren einiges Bedencken getragen, so erfuhr er auch von mir nicht mehr als ich ihm zu wisen nothig erachtete.

Mittlerweile erhielt ich von Hamburg die Antwort: dass mein Vater seinen Banquerot durch eine gluckliche Avanture bey nahe drittentheils remedirt, und vielleicht seine gantze Sache auf neuen guten Fuss gesetzt, wenn ihm nicht ein plotzlicher melancholischer Zufall daran verhindert hatte. Hr. W. schrieb ferner, dass so wohl des Herrn Wolfgangs als meine eigene an meinen Vater zuruck gelassene Briefe, demselben nicht anders als Fabelhafft vorgekommen waren, so dass seine Melancholie nur um so viel desto mehr zugenommen, weilen er aber, ohne wenigstens eins von seinen leiblichen Kindern um sich zu sehen, nirgends einige Ruhe finden konnen, als habe er, Hr. W. sich seiner erbarmet, und ihn vor nunmehro einem halben Jahre nach Schweden hinuber zu meiner Schwester bringen lassen, allwo es binnen 3 oder 4. Monaten bald sehr schlimm, bald aber ziemlich gut mit ihm gewesen, allein nach der Zeit habe Hr. W. keine weitere Nachricht von ihm erhalten, wisse also nicht gewiss, ob er noch lebendig oder todt sey.

Ich war dieses letztern wegen dergestallt consternirt in meinem Gemuthe, dass fast nicht wuste worzu ich am ersten schreiten solte, nachdem ich aber den Capit. Horn zu Rathe gezogen, so ubermachte an den Hrn. W. in Hamburg sehr starcke Wechsel-Briefe, bath denselben in Person nach meiner Geburths-Stad zu reisen, daselbst meines Vaters samtlichen Creditores mit allem Interesse, so dieselben nur mit Recht fordern konten, zu befriedigen, seine eigenen ReiseKosten inne zu behalten, mir die Gerichtliche General-Quittung nach Schweden zu senden, und so lange in meiner Geburths-Stadt zu verharren, biss ich mit meinem Vater daselbst anlangete oder ihm wenigstens schrifftliche fernere Nachricht gabe. Hr. W. that mir seine Willfahrigkeit vermittelst einer der schnellesten Staffeten zu wissen, wesswegen ich mich alsofort zu Schiffe und auf die Fahrt nach Schweden begab. Zu Gothenburg liess ich mich ausschiffen und setzte meine Reise zu Lande biss nach Stockholm fort, indem ich aber daselbst vernahm, dass sich meine Anverwandten von dar hinweg und nach Nykopping gewendet hatten, muste ich einen verdrusslichen Ruckweg biss dahin vor mich nehmen, allwo mir zwar die Wohnung meiner Befreundten gar bald angewiesen wurde, allein in selbiger war niemand anders als das HaussGesinde anzutreffen, welche mich berichteten, dass ihre Herrschafft vor zweyen Tagen verreiset sey, es wisse aber keines von ihnen eigentlich wohin. Ich fragte weiter ob die Mademoiselle Juliin auch zugleich mit gereiset ware, und ob sich etwa deren Vater bey ihr befande, man sahe mich aber dieser Fragen wegen, noch um so viel mehr vor einen Spion an, ohngeacht ich endlich meldete, dass ich ein naher Anverwandter von ihrer Herrschaft ware. Kurtz, es war bey dem entweder allzugetreuen oder allzueigensinnigen Hauss-Gesinde nicht das geringste auszulocken, wesswegen ich mich mit nicht geringen Verdruss in das fast gegen uber liegende Wirths-Hauss begab, und daselbst allerley Calender machte.

Es war mir hochst verdrusslich, dass ich die Schwedische Sprache nicht selbst reden und verstehen konte, sondern alles durch einen Dollmetscher, welchen ich nebst zweyen von des Capitain Horns Indianischen Sclaven aus Holland mitgenommen, abhandeln muste, jedoch eben dieser Dollmetscher welches der Ausbund eines verschlagenen Kopffs war, brachte mir noch selbigen Abend das gantze Geheimnuss nebst dessen volliger Erklarung zu Ohren, indem er sich mit einer jungen Magd in ein vertrauliches Gesprach eingelassen, und nachdem er vermerckt, dass ihr so wohl meiner Schwester, als der Anverwandten Wirthschafft und gantzes Wesen sehr genau bewust, sie durch gute Worte und Geschencke dahin gebracht, dass sie ihm den Ort gemeldet, wohin man meine Schwester gefuhret, welche sich daselbst mit einem reichen Kauffmanne verloben solte, dem das gantze Untermaul vor einiger Zeit abgehauen worden. Von meinem Vater hatte dieses junge Mensch zwar nichts gewisses zu melde gewust, als dieses, dass sich gleichfals vor einiger Zeit ein krancklicher Mann in dem Hause meiner Baase aufgehalten, von dem gesagt worden, dass er sehr viel schuldig sey, sie wisse aber nicht ob er noch in selbigem verborgen, oder bereits wieder fortgeschafft ware.

Ich liess demnach gleich ohne ferneres Uberlegen eine schnelle Post bestellen, setzte mich mit meinem Dollmetscher und zweyen Bedienten drauff, und gelangete Nachts um ohngefahr Ein Uhr in dem bezeichneten Orte an. Der Postillon muste im Wirthshauss ausspannen unter dem Befehle, so lange zu verziehen, biss ich ihn selbst abfahren hiesse, ich aber wanderte nebst meinen Leuten nach einem grossen Hofe zu, in welchem alles, wie von aussen zu horen war, herrlich und in Freuden hergieng. Wir schlichen so lang um den Pallast herum, biss mein Dollmetscher einen Domestiqen antraff, von welchen er nicht allein erfuhr, dass der Hauss-Herr seinen Verlobniss-Schmauss ausrichtete, sondern auch dass die Braut Madem. Juliin hiesse. Mir pochte das Hertz im Leib ungemein starck, ehe ich das Gluck oder Ungluck haben konte, meinen neuen und einzigen Herrn Schwager kennen zu lernen, schickte aber alsofort den Dollmetscher an denselben, ein gehorsamstes Compliment abzustatten, und zu vernehmen, ob einem der allernechsten BlutsFreunde der Jungfer Braut, erlaubet ware, seine Aufwartung bey ihnen zu machen? Im Augenblicke wurde im gantzen Hause alles noch einmal so lebhafft, als es vorhero gewesen war, zugleich kamen mehr als 30. Lichter und Laternen, welche meine Personalitt besichtigen und nach Befinden an diejenige Treppe begleiten musten, alwo das halb vergnugte und halb unvergnugte Braut-Paar sich auf der obersten Stuffe prsentirte. Kaum hatte ich meine liebste Schwester nur durch einen eintzigen Blick erkannt, als mich, im andern Blicke, die entsetzliche hassliche Gesichts-Bildung und gantze Leibes-Gestallt ihres mir bereits einiger massen beschriebenen Liebsten, dergestallt erschreckte, dass ich die Augen sogleich niederschlagen muste, und dieselben kaum empor heben konte, da ich mich bereits auf der obersten Stuffe bey ihnen befand.

So bald mir meine Schwester ins Gesichte gesehen, fiel sie nach den ausgeschryenen Worten: Ach mein Bruder Eberhard! augenblicklich ohnmachtig zurucke. Ich befand mich am allermeisten hierdurch bewegt, und war nicht im Stande die hofflichen Complimente zu beantworten, mit welchen mich so wohl der Hr. Schwager als meine Frau Baase, nebst andern unbekandten Personen uberschutteten, sondern hatte bestandig die Augen auf meine Schwester gerichtet, welche doch von den Anwesenden Dames in kurtzen vollig wieder zu sich selbst gebracht wurde.

Ein jedes solte zwar von rechtswegen glauben, diese Ohnmacht ware ihr von gar zu jahlinger Freude zugestossen, allein es stack ein mehreres darhinter. Inmittelst war dieses Zufalls wegen die gantze Lust unterbrochen, ohngeacht man mir aber, unter dem Vorwande einer sorgfaltigen Bewirthung, alle Gelegenheit abschneiden wolte mit meiner Schwester etliche Wort in geheim zu sprechen, so liess ich mich doch nicht eher von ihrer Seite bringen, biss mir so viel Nachricht, so wohl von ihr als meiner Baase gegeben worden, dass mein Vater nur vor wenig Tagen nach meiner Geburts-Stadt abgereiset ware, um daselbst noch einen grossen Theil seiner Schulden zu bezahlen, und mit einem neuen Compagnon in frische Handlung zu treten, auch seine gantze Hausshaltung daselbst von neuen wieder anzufangen.

Man machte sich hierauf viele Muhe, mich als der Braut Bruder aufs beste zu verpflegen, allein weil es bereits sehr spate war, hatte ich die beste Gelegenheit, mich dieses mahl gar bald von dem verdrusslichen Herrn Schwager, so wohl als der andern Ruh bedurfftigen Gesellschafft loss zu wickeln, und den ubrigen Theil der Nacht mit sehr verdrusslichen Gedancken zu zubringen.

Kaum war der Tag vollig angebrochen als meine Schwester nebst ihrer Aufwarte-Frau, die in der Kindheit ihre Amme gewesen war, zu mir in die SchlafCamer kamen, und nach gebothenen guten Morgen,

an statt fernerer Worte hauffige Thranen hervor brachten. Die erstere setzte sich auf mein Bette nieder, und sagte endlich mit klaglichen Seufftzen: Ach mein allerliebster Bruder, ist noch ein eintziger Trost in meinem Jammer zu finden, so ist es gewiss dieser, dass doch ihr selbsten Zeuge seyd und mit sichtlichen Augen sehet, wie bloss um meines Vaters Renomme einigermassen wieder herzustellen, ich mich in den aller beklagens-wurdigsten Zustand setze. Inmassen nun ich mich gegen meine Schwester weiter mit nichts heraus lassen wolte, biss ich der Haupt-Sache wegen vollige Nachricht eingezogen, so erzehlete sie mir auf mein Bitten in aller Kurtze, dass ihr par force Brautigam vor einen der allerreichsten Handels-Leute, nicht allein in diesen, sondern auch in andern Landen, geschatzt wurde. Unser Vater ware auf der Reise mit ihm bekandt worden, und hatte denselben vor JahresZeit mit sich nach Stockholm gebracht, allwo dieser Mensch sie nicht so bald gesehen, als er sich schon auf eine recht narrische Weise in ihre Person verliebt gehabt. Sein Ansehen ware damals zwar vor ein junges Frauenzimmer ubel genung aber des tausenden Theils nicht so hesslich gewesen als anitzo, so bald er ihr aber seine hefftige Liebe angetragen, hatte sie ihn ein vor allemal zu verstehen gegeben: dass sie Zeit Lebens mit guten Willen nicht dahin zu vermogen seyn wurde, einen Mann zu nehmen der mehr 1000. als sie 100. Thlr. im Vermogen hatte. Nun ware zwar leichtlich zu mercken gewesen, dass er mit ihren Vater in sehr wichtigen Handlungs-Tractaten gestanden, endlich aber sey es heraus gekommen, dass eben unser Vater sich von der Noth gedrungen gesehen, zwischen seiner eintzigen Tochter und einem sehr ecklen Menschen, seines Vortheils wegen, eine Verbindung gut zu heissen, die er in seinem Wohlstande, ehe mit etlichen 1000. Thlr. zu hintertreiben, gesucht hatte.

Mittlerweile ware ein gewisser Cavalier der Hr. von L** ebenfals mit verliebten Regunge gegen diese meine Schwester angefullet worden, der sich, so bald er nur gehoret, dass sie dem Kauffmanne (welchen ich gewisser Ursachen wegen nur Peterson genennet haben will) versprochen werden solte, aufs grausamste vermessen, dem, wie er gesagt, wurmstichigen Kerle, ehe 1000. mahl den Halss zu brechen, als zu vergonnen, dass er die schone Preussin, (denn unter diesem Nahmen war meine Schwester in Stockholm bekandt, jedoch nicht offt zu sehen gewesen) ins Braut-Bette fuhren solte.

Kurtz von der Sache zu reden, es war endlich dahin gekommen, dass der Herr von L** Gelegenheit gesucht, dem Peterson ein wichtiges anzuhangen, und sein nicht lobenswurdiger Anschlag war ihm in so weit gelungen, dz er demselben unter vielen starcke Verwundungen, fast das gantze Unter-Maul hinweg gehauen hatte, welches den armen Menschen vollends ungemein verstellete. Weilen sich aber mein Vater mit Peterson allbereit zu tieff verwickelt, so soll dem ohngeacht die Verbindung desselben mit meiner Schwester vor sich gehen, und da dieselbe solcher Ursachen wegen vor Jammer fast vergehen will, ziehet es sich mein Vater dergestallt zu Gemuthe, dass er gantz melancholisch wird, derowegen schlagen sich unsere so genandten Freunde ins Mittel, welche, aus lauterm Eigen-Nutz, meine Schwester unter den trifftigsten Vorstellungen dahin bewegen, dass sie um unsers Vaters Leibes- und Gemuths-Kranckheit, ingleichen dessen Renomme wieder herzustellen, sich endlich entschliesset: mit dem eckelhafften Peterson, ein, auf die Ehe abzielendes Verlobniss einzugehen, jedoch bedinget sie sich erstlich noch so lange Zeit aus, biss sie sahe, ob ihr Vater seine vollige Gesundheit wieder erlangen und Peterson sein Wort halten konte, demselben so viel Gelder herzuschiessen, als zu Wiederauffrichtung seiner vorigen Handelschafft und gantzen Wesens erfodert wurde.

Indem nun meine Schwester ihren geheimen Kummer sonderlich zu verbergen, und sich anzustellen weiss, als ob ihr mit dergleichen Heyrath gantz wohl gedienet sey, wird der Vater nach und nach vollig gesund, so bald Peterson dieses merckt, giebt er sich alle Muhe dessen Creditores dahin zu behandeln, dass sie mit der Helffte der zu fodern habenden Capitalien zufrieden seyn, und ihn vor voll quittiren wollen, wesswegen er meinen Vater die darzu benothigten Gelder auszahlet, sich als Compagnon mit ihm zu handeln engagiret, und nachdem er so wohl dieser, als meiner Schwester wegen einen schrifftl. Contract mit dem Vater geschlossen; selbigen dahin bewegt, immer nach Hause in meine Geburths-Stadt zu reisen, und alle Sachen richtig zu machen, binnen welcher Zeit Peterson mit meiner Schwester ordentlich Verlobniss und Hochzeit halten, und bald darauff nachfolgen wolle. Demnach war gestern Abend das Verlobniss celebrirt, und meiner Schwester Hand in Petersons Hand gelegt worden, jedoch weil dieselbe dabey gantz ohnmachtig gewesen, und auf offteres Befragen, kein Ja-Wort sagen konnen oder wollen, hatte der dabey anwesende Priester den Kopff geschuttelt und gesagt: Mit dergleichen Verlobnissen habe ich nichts zu thun; war auch alsobald zum Hause hinaus gegangen. Dem ohngeacht wenden unsere bestochenen Freunde allen Fleiss an, meine Schwester nur dahin zu vermogen, dass sie, um den Peterson nicht gantzlich zu prostituiren, sich endlich mit zu Tische setzt, auch nachhero etliche Reyhen mit ihm und andern anwesenden Gasten tantzet, wiewohl ihr eben nicht gar tantzerlich zu muthe gewesen. Peterson hatte sich sonsten bey dieser verdrusslichen Affaire ziemlich politisch und vernunfftig auffgefuhret, jedoch sich etliche mahl gegen die alte Amme verlauten lassen: Er wolle seine Liebste in zukunfft schon anders gewohnen.

Dieses war also der kurtze Haupt-Innhalt von mei

ner Schwester damahligen ungluckseeligen Zustande, welchen sie mir nicht so bald erzehlet hatte, als ich ihr den allerkrafftigsten Trost zusprach, und die Versicherung gab: mein allerauserstes anzuwenden, sie aus dieser Noth zu erlosen, indem mir der Himmel so viel Vermogen zugewendet, nicht allein meines Vaters gantzliche Schulden damit zu bezahlen, sondern auch ihren ungestallten Liebsten mit feiner Haabe und Gutern vielleicht wohl zwey oder mehrmahl auszukauffen.

Sie horete dieses mit bangen Hertzen als ein blosses Mahrlein an, jedoch nachdem ich ihr noch weit theurere Versicherung gegeben, und nicht ehe aus diesem Hause zu weichen versprochen, biss ich sie mit mir hinweg fuhren konte; fieng sie an etwas starckere Hoffnung zu schopffen, und schlich sich mit ihrer Amme gantz sachte wieder in ihre Cammer, ehe noch jemand von Petersons Leuten auffgestanden, und unserer Zusammenkunfft inne worden war.

Etwa eine Stunde hernach, wurde alles vollig munter, und die Musicanten liessen sich zu meinem damahligen grosten Verdruss tapffer wieder horen, ich war bereits angekleidet, trat derowegen aus meiner Cammer heraus, und fragte nach meiner Schwester Zimmer, als wohin mich die bereits abgerichtete Amme so gleich fuhrete. Es befand sich niemand bey ihr, als unsere Baase, indem ich aber meine Schwester weinend antraff, fragte ich alsobald, was ihre gestrige und noch itzige betrubte Auffuhrung zu bedeuten hatte. Indem nun meine Schwester vor Thranen nicht antworten konte: nothigte mich die Baase zum niedersitzen, und fieng eine weitlaufftige Erzehlung an, von derjenigen Gluckseeligkeit, worein meine Schwester nicht allein sich selbst, sondern auch meinen Vater und meine eigene Person setzen konte, daferne sie ihren Eigensinn brache, ein wenig in einen sauern Apffel bisse, und den Peterson sich gefallig bezeugte; dessen verlobte Braut sie nun ohnedem schon ware. Was? rieff ich aus, soll meine Schwester etwa mit Gewalt den ungestallten Menschen heyrathen? Das wolle der Himmel nimmermehr. Es ist nun nicht anders, antwortete meine Baase, den gestern Abend vor eurer Ankunft, mein Vetter, ist das Verlobniss schon geschehen. Ey was Verlobniss? fieng nunmehro meine Schwester zu reden an, wer hat von mir ein Ja-Wort gehort? hat man nicht meine Hand mit Gewalt in seine Hand geleget? Man frage doch den dabey gewesenen Priester, was der darzu sagt. Sie beruffen sich alle auf den Contract den Peterson mit meinem Vater geschlossen, allein ich glaube die Obrigkeit in Schweden wird nicht billigen, dass ein Vater seine Tochter als eine leibeigene Sclavin verkauffen kan.

Unter diesen Gesprachen trat Peterson mit dem gantzen Gefolge seiner Freunde oder Anhanger, ins Zimmer, und weil er uns ohnfehlbar behorcht hatte; mengete er sich alsofort in unser Gesprach und sagte zu mir: Monsieur! ich hatte vermeynet, ihr waret als ein getreuer Sohn eures Vaters, und als ein guter Freund gekommen, dessen Gluck und mein Vergnugen zu befordern, allein wie ich aus wenigen Worten gemerckt, so raisoniret ihr so unglucklich als eure capricieuce Schwester. Monsieur! gab ich etwas hitzig zur Antwort, wir haben vielleicht, als freygebohrne Kinder ehrlicher Eltern, nicht geringe Ursache eurer Auffuhrung, Person und gantzen Wesens wegen, capricieus zu seyn, und mich wundert nicht wenig, dass ihr euch des besitzenden Reichthums wegen unterstehen wollet, ein honettes Frauenzimmer mit Gewalt in euer Ehe-Bette zu zwingen.

Es geschicht nicht mit Gewalt, versetzte er, sondern sehet! hier ist der mit mir geschlossene Contract eures leibl. Vaters, und hier sind die Handschrifften uber diejenigen Gelder, welche ich ihm bereits vorgeschossen habe, auch noch ein weit mehrers vorzuschiessen willens bin. Hiermit zohe er etliche Briefschafften aus seiner Tasche hervor, welche ich mit fluchtigen Augen uberlase, jedoch bald darauff sagte: Der Vaterliche Contract kan meine Schwester zu nichts verbindlich machen, unterdessen ist es billig dass euch eure vorgeschossenen Gelder mit Danck und Interesse wieder bezahlet werden. Seyd ihr, sprach er hierauff mit einer honischen und hasslichen Gebarde, etwa ein solcher Capitaliste, der diese Gelder heute, oder langstens binnen 8. Tagen an mich bezahlen, oder einen Burgen schaffen kan, so nehmet eure Schwester und reiset mit derselben wohin ihr wollet, ausser diesem lasset sie hier, und packet euch augenblicklich zum Hause hinaus.

Holla! nicht so hitzig, vermeintlicher Herr Schwager, versetzte ich, wie man merckt so beruhet eurer gantzer Vorschuss in allen, etwa auf kahlen 70. oder 80000. Thlrn. Hiermit zohe ich vor 120. tausend Thlr. Wechsel-Briefe, die Hr. G.v.B. in Amsterdam ausgestellet hatte hervor, und fragte ob er diese vor gultig erkennete, darauff Geld heraus geben, oder vor so viel Werth an Diamanten annehmen, oder noch heute vor Abends in Nykopping sein baares Geld eincassiren wolte. Er stutzte gewaltig bey diesem unvermutheten Erbiethen zumahlen, da ich ihm den Ernst zu zeigen, eine guldene, und mit den allerkostbarsten Edelgesteinen angefullete Dose aus der Tasche zohe, und selbige zur Schaue darlegte.

Es befand sich ein Jubelier unter Petersons Beystanden, der, als ein Habicht uber meine Kleinodien und Edelgesteine herfiel, und dieselben mit begierigen Augen beschauete, indem er vielleicht muthmassete, dass es falsche und betrugerische Waaren waren, nachdem er aber alle und jede acht und recht befunden: sprach er mit ziemlich besturtzten Gebarden, als welche Zeugen seiner Bossheit waren: die Sachen sind zwar gut, allein aufs hochste taxirt, so werden sie wenig uber 40000. Thlr. betragen. Mein Herr! gab ich zur Antwort, lernet entweder solche Sachen besser kennen, oder redlicher taxiren, denn ihr habt in Wahrheit mit ehrlichen Leuten und mit keinen Juden zu thun. Indem nun Peterson von dergleichen Sachen ebenfalls gute Wissenschaft zu haben vorgab, und sich verlauten liess, dass er dieselben kaum vor 30000. Thlr. annehmen konte, sprach ich: Mein Herr, ihr thut euch selbsten Schaden, denn in Betrachtung eures guten Gemuths, welches ihr gewisser massen gegen meinen Vater und Schwester blicken lassen, hatte ich euch alle diese Sachen nebst der guldenen Dose, welche unter Brudern eine Tonne Goldes werth sind, theils zu Bezahlung der Vaterlichen Schuld, theils zum guten Andencken uberlassen, bey so gestallten Sachen aber, werdet ihr euch gefallen lassen, dass ich meine Schwester, als eine freye Person, mit mir hinweg fuhre, eure Geld aber konnet ihr noch vor Abends in Nykopping, entweder selbst, oder durch einen Bevollmachtigten in Empfang nehmen, und mich meines Vaters gemachten Contracts wegen, vollig qvittiren. Mithin sehet ihr, dass ich ein solcher Capitaliste bin, der eure Prtensiones aufs genauste erfullen kan. Peterson wuste vor Verwirrung nicht was er antworten solte, indem er sich dergleichen Schicksal nimmermehr eingebildet hatte, wolte also verwenden er hatte nichts mit dem Sohne, sondern mit dem Vater allein zu thun, allein ich sprach dargegen: Mein Herr! ich bitte euch nochmahls, machet keine Weitlaufftigkeiten, denn ein vor allemahl habt ihr das Wort von euch gegeben, dass ich euch meines Vaters Schuld bezahlen, u. mit meiner Schwester hinreisen soll, wohin ich will, ausser dem glaubet mir nur sicherlich, dass ich mehr Tonnen Goldes an meiner Schwester Vergnugen zu wenden habe, als ihr vielleicht meynet. Peterson liess zwar hierauf einige empfindliche Reden fliegen, konte sich aber zu nichts gewisses entschliessen, sondern ging mit seinen Anhangern davon, und liess mich nebst meiner Schwester und Baase gantz allein im Zimmer zurucke. Die letztere wuste nunmehro nicht was sie vor Worte zu Marckte bringen solte, jedoch weil ich vorher aus allen Umstanden vermerckt, dass sie gantzlich auf Petersons Seite hinge, sprach ich: Liebste Schwester, wir sind hiesiges Orts so zu sagen verrathen und verkaufft, kommet wir wollen unsere Affairen auf einen kurtzen Spazier-Wege in geheim uberlegen. Gut mein Bruder! versetzte sie, allein thut so wohl, und schreibet vorhero ein paar Zeilen an Peterson, dass er binnen Zeit von einer oder zwey Stunden seine vollige Erklarung von sich geben solle, damit wir hernach unsere anderweitigen Messures nehmen konnen. Ich hielt diesen Vorschlag vor hochst billig, folgte derowegen, schrieb wenige Zeilen an Peterson, ubersendete ihm selbige durch die alte Amme, nahm hierauf meine Schwester bey der Hand, um mit derselben einen Spatzier-Gang auf die freye Strasse zu thun, allein ob schon die Hauss-Thuren offen stunden, so waren doch alle Thore und Thuren des Hofes verschlossen. Wir merckten also wie es gemeynet war, da aber eben eine Magd mit einem Bunde Grass, aus dem weitlaufftigen Baum-Garten heraus trat, drungen wir uns neben derselben hinein und gingen biss an das Ende desselben, welches mit starcken Pallisaden versetzet war. Glaubet sicherlich Bruder! sagte meine Schwester, Peterson will uns allhier im Arreste behalten, er ist ein sehr untugendhaffter Mensch, wer weiss was ihm der Satan vor Bosheiten eingiebt sich an uns zu rachen: Wolte GOtt! wir konten nur diese Pallisaden ubersteigen und uns in des Priesters Behausung begeben, daselbst verhoffte ich weit sicherer als in Petersons 4. Pfahlen zu seyn. Meiner Schwester Gedancken konten mir nicht anders als sehr vernunfftmassig vorkommen, derowegen versuchte ich bald hier bald dort ein paar Pallisaden auszubrechen, und war endlich, nach allen angewandten Leibes-Krafften so glucklich, solches ins Werck zu richten. Wir schlupfften alle beyde durch die gemachte Oefnung, und vermerckten im nochmahligen Umsehen, dass der Peterson mit vielen von seinen Hanss-Gesinde hinter uns her gelauffen kam, und dieses bewegte uns, dass wir ebenfalls hurtiger lieffen, auch das Pfarr-Hauss glucklich erreichten, da Peterson mit den seinen noch weiter als 50. Schritte zurucke war.

Es blieben viele Leute auf der Strasse stille stehen, welche vermeyneten, wir hatten samtlich aus Wollust

ein Wett-Rennen angestellet, allein da Peterson grausam zu fluchen, lastern und schimpffen anfing, merckten sie bald Unrath, der Zulauff aber wurde nur desto grosser, zumahlen da Peterson als ein rasender Mensch in des Priesters Hauss gelauffen kam, und meine Schwester mit Gewalt heraus zu reissen Mine machte. Der Priester, ohngeacht er mich nicht kannte, zeigte sich bey seiner Besturtzung sehr hoflich, ich gab ihm in lateinischer Sprache, ohngefahr so viel zu verstehen, dass ich und meine Schwester unter seinem Dache Schutz suchten, gegen einen irraisonablen Menschen, der die letztere, wieder alle Rechte, seine Ehe-Frau zu werden, zwingen wolte. Wie ihm nun dieses genung gesagt war, so wendete er sich alsofort zu Peterson, und redete denselben, wie mir hernachmahls verdeutscht wurde, also an: Mein Herr, ihr wisset die Gesetze dieses Landes vielleicht nicht vollig, allein woferne euch eure rechte Hand lieb ist, so hutet euch in meinem Hause den geringsten Unfug anzufangen, ihr habt in Wahrheit nicht viel gerechte Sache vor euch, derowegen lasset entweder fremden Personen ihre Freyheit, oder den Policey Richter anhero beruffen, welcher einem jeden sein Recht sprechen wird, wo nicht, so will ich selbsten einen Bothen nach ihm senden, wollet ihr euch aber nicht warnen lassen, so kan ich mein Hauss-Recht zu beschutzen, durch wenige Glocken-Schlage die Nachbarn bald zusammen ruffen lassen, werdet ihr alsdenn prostituirt oder in Schaden gebracht, so habt ihr niemanden als euch selbst die Schuld beyzulegen. Nach Anhorung dieser guten Erinnerung zog Peterson alsobald gelindere Saiten auf, und da er mich so wenig als meine Schwester bereden konte, wieder mit ihm zuruck auf sein Guth zu kehren, begab er sich mit seinem Gefolge von dannen, ohne zu melden, ob er meine ihm gethane Vorschlage in der Gute annehmen wolle oder nicht. Mir war es immittelst eine besondere Freude, dass der Schwedische Priester sehr gut deutsch sprechen konte, denn er hatte nicht allein auf der Universitat Wittenberg drey Jahr lang studiret, sondern auch als FeldPrediger im Jahr 1707. in Sachsen ohnweit Bitterfeld im Quartiere gelegen. Ich erzehlete ihm von meines Vaters und meinen eigenen Geschichten so viel als vor nothig hielt, machte mich auch seines guten Raths sehr wohl bedient, indem mir die Schwedischen Reichs-Gesetze, so wohl als dasiger Nation Lebensund Gemuths-Art nicht sonderlich bekant waren, denn Peterson wolte sich durchaus nicht mit uns vergleichen, sondern stellete eine wurckliche Klage wieder meine Schwester an, allein selbige lief nicht so glucklich, als er wunschte, sondern wurde zu unsern grossen Vergnugen, gleich im ersten Termino beygelegt, so dass ich an Peterson, die, meinen Vater vorgeschossene Gelder, so viel er darthun konte, bezahlen, er hingegen mir den vaterlichen Contract nebst den Obligationen zuruck liefern muste. Solchergestalt nahm ich von dem Priester, bey dem wir uns biss zu ausgemachter Sache aufgehalten hatten, liebreichen Abschied, beschenckte ihn und seine gantze Familie reichlich, und reisete unter ausgebethener gerichtlichen Begleitung in guter Sicherheit nach Nykopping zurucke, allwo wir nur wenige Tage auf ein Seegelfertiges Schiff warten musten, nachhero aber auf selbigen in unsere Gebuhrts-Stadt uberfuhret wurden. Ich trat mit meiner Schwester, dem Hollandisch-Schwedischen Dollmetscher und denen zweyen Bedienten, in einem der vornehmsten Wirthshauser ab, allwo ich mich durch den Dollmetscher vorhero unter der Hand erkundigen liess, wie es um meines Vaters Wesen stunde, erfuhr aber zu meinen grosten Freuden gar bald, dass derselbe nicht nur seine Schulden vollig bezahlet, sondern auch bereits sein ehemahliges Hauss wieder bezogen und das Gewolbe eroffnet hatte. So bald die Abend-Demmerung eintrat, nahm ich meine Schwester an die Hand und fuhrete dieselbe zu unser beyderseits unbeschreiblichen Vergnugen nach demjenigen Hause hin, in welchen wir zum ersten das Licht dieser Welt erblickt hatten. Es war eben an einem Sonntags Abend, als wir bey unserm lieben Vater gantz unverhofft in die Stube traten, da er mit einem alten guten Freunde am Tische sass und im Schach spielete. Er fieng hertzlich an zu weinen, als wir ihm fast beyde zugleich um den Halss fielen, so dass sich unsere Freuden-Thranen, mit den seinigen, die von Kummer und Freude zugleich ihren Ursprung nahmen, vermischeten, jedoch da ich dieses merckte, erkante ich mich schuldig, ihm so gleich, vor allen andern Dingen, zu eroffnen, dass meine Schwester annoch ledig und frey ware, auch sich wegen des verdriesslichen Petersons nichts mehr zu besorgen hatte. Worbey ihm zugleich den durchrissenen Contract nebst Petersons Quittungen in die Hande lieferte, woruber mein Vater vor Freuden fast aus sich selbst gesetzt wurde. Hierauf erzehlete er von des Herrn W. von Hamburg unverhoffter Ankunfft, und wie derselbe alles was ich ihm aufgetragen treulich ausgerichtet, auch nur vor etwa drey Wochen zuruck nach Hamburg gereiset ware, immittelst hatte so wohl Herr VV. als er mein Vater selbst, verschiedene Briefe an mich und meine Schwester nach Schweden abgeschickt, es hatten uns aber selbige theils unmoglich antreffen konnen, theils mochten auch wohl von Peterson und unserer Baase unterschlagen seyn, denn weil die letztere, biss auf die letzte Stunde Petersons Parthie hielt, so war ihr noch vor dem Abschiede alle fernere Freundschafft von uns beyden aufgekundigt, die meiner Schwester anderweitig erzeigten Gefalligkeiten aber, zehnfach bezahlet worden.

Folgendes Tages liess mein Vater Anstalt zu einer grossen Gasterey machen, worzu nicht allein alle seine getreu verbliebenen Freunde, sondern auch viele andere geladen wurden, die ihm bisshero Tort gethan hatten, nunmehro aber Zeugen seines neuen guten Wohlstandes seyn musten. Ein jeder war begierig einen umstandlichen Bericht von meiner Reise und den darauf erworbenen fast erstaunlichen Reichthumern anzuhoren, denn mein Vater sagte unverhohlen, dass er nur durch den zwantzigsten Theil meiner Baarschafften und Kostbarkeiten, wieder in vorigen, ja noch weit bessern Stand gesetzt worden, allein ich nahm mir vor dissmahl ein Bedencken, allzu aufrichtig im Erzehlen zu seyn, sagte derowegen nicht mehr als ihnen allen zu wissen dienlich, mir aber unschadlich seyn mochte, und gab vor, ich hatte auf einer gewissen Insul einen vergrabenen Schatz gefunden, auch ein ansehnliches von einem unterwegs verstorbenen speciellen Freunde ererbet, der ein Deutscher von Geburth gewesen, und mich als seinen Lands-Mann in Ermangelung anderer Anverwandten zu seinem Erben eingesetzt hatte. Ubrigens bekummerte ich mich sehr wenig darum ob man mir vollkommenen Glauben zustellete oder nicht. Hergegen entdeckte ich meinem Vater und Schwester allein das gantze Geheimniss, und setzte damit beyderseits in die groste Verwunderung, beyde bezeugten nicht geringe Lust die Insul Felsenburg und unsere dasige starcke Freundschafft selbsten in Augenschein zu nehmen, nur der ferne Weg schien ihnen so beschwerlich als gefahrlich, jedoch auf mein hefftiges Zureden und Bitten, versprach endlich mein Vater sich weiter darauf zu bedencken, binnen welcher Zeit ich eine Reise nach Herrn Mag. Schmeltzers Anverwandten vornahm, um vornehmlich dessen jungsten Bruder zu sprechen, als welchen ich bereits bey seinen Schwestern und Schwagern eingetroffen zu seyn vermuthete, indem ich des Hrn. Mag. Schmeltzers und meine eigenen beygelegten Briefe schon vor etlichen Wochen, durch Herrn W. aus Hamburg, dahin bestellen lassen.

Mein Wunschen war nicht vergebens, denn ich traf nicht allein Mons. Schmeltzern, sondern auch noch einen Candidatum Theologi, bey des erstern Herrn Schwager dem Dorff-Prediger an. So bald meine Ankunfft kundbar worden, versammlete sich Herr M. Schmeltzers gantze Freundschafft, um von ihren werthesten Bruders und Freundes vergnugten Zustande ausfuhrlichen Bericht zu vernehmen, weil aber Herr M. Schmeltzer den Ort seines Auffenthalts so wenig, als eine gar zu genaue Beschreibung von dasiger Lebens-Art kund gethan, als nahm auch ich mich in acht, nicht uber meine Instruction zu schreiten, jedoch so bald ich vergewissert wurde, dass Mons. Jacob Friedr. Schmeltzer, nebst dem andern Candidaten, der sich Joh. Friedr. Hermann nennete, die allergroste Lust bezeugten, mit mir dahin zu reisen, wo sich Herr Mag. Ernst Gottl. Schmeltzer aufhielte; liess ich ihnen etwas mehr von dem Geheimnisse als andern wissen, und versprach die vollige Entdeckung zu thun, so bald wir uns eingeschifft hatten.

Nachdem mich die lieben Leute 14. Tage bey ihnen zu bleiben fast gezwungen hatten, trat ich die RuckReise mit diesen beyden Theologis nach meiner Vater-Stadt an, und fand daselbst meinen Vater und Schwester annoch in der grosten Besturtzung, denn der oberwehnte Schwedische Edelmann Herr von L** welcher eine unbesonnene Liebe auf meine Schwester geworffen, auch ihrenthalben Peterson so schandlich zugerichtet hatte, war, nachdem er bey dem Vater um dieselbe angehalten, jedoch so wohl von ihm als ihr eine hoflich abschlagige Antwort erhalten, auf die Thorheit gerathen, meiner Schwester, durch eine heimliche Entfuhrung, sich theilhafftig zu machen. Jedoch dieser Anschlag misslinget ihm noch zu allem Glucke, ohngeacht er meine Schwester in einem zugemachten Wagen, bereits auf eine halbe Stunde von der Stadt hinweg gebracht hat, indem dieselbe, als sie durch einen kleinen Spalt etliche Fracht-Wagens hintereinander herfahrend gewahr wird, ein plotzliches Zeter-Geschrey zu machen anhebt, wodurch die Unarth vermerckenden Fuhr-Leute bewogen werden, mit ihrem Hand-Gewehr die Carosse anzuhalten, und meine klaglich um Hullfe bittende Schwester zu befreyen, Mons. L** ist noch so glucklich auf eins seiner Bedienten Pferde zu kommen, und sich mit denenselben auf die Flucht zu begeben, sonsten wurden ihn ohnfehlbar die Fuhr-Leute so wohl als seinen LohnKutscher ziemlich garstig zugerichtet, und in die Hande der Obrigkeit geliefert haben. Immittelst hat mein Vater nichts von der Entfuhrung seiner Tochter gewust, sondern vermeynet, sie ware mit einer guten Freundin spatziren gefahren, biss ihm dieselbe von den ehrlichen Fuhr-Leuten vors Hauss gebracht wird, denen er nebst vieler Dancksagung 100. spec. Duc. vor gehabte Muhe giebt, und sie dabey bittet, nur kein weiters Lermen von dieser Sache zu machen, weil sonderlich die Edelleute sehr rachgierig zu seyn pflegten.

Dieser Zufall machte meine Schwester um so viel desto begieriger, wenigstens auf eine Zeitlang mit nach Felsenburg zu reisen, indem ich aber wohl gedencken konte, dass dem Capitain Horn in Amsterdam die Zeit ungemein lang duncken wurde, ehe ich mich wiederum bey ihm einfande, so war meine statige Beschafftigung, der in Handen habende Alt-Vaterlichen Instruction gemass, alles dasjenige einzukauffen, was ich in meiner Geburths-Stadt am bequemsten und aufrichtigsten erlangen konte. Hierauff offenbahrete ich meinem Vater, wie mir mein ehemahliger Informator und jetziger Felsenburgischer Seelsorger, Herr Mag. Schmeltzer aufgetragen, seinen jungern Herrn Bruder dahin zu bereden, dass er entweder selbst mit mir dahin reisen mochte; da aber derselbe etwa bereits im Amte sasse, zwey andere oder wenigstens einen Candidatum Theologi, der also beschaffen wie Herr Mag. Schmeltzer, in dem, an seinen Bruder abgelassenen Schreiben, den Abriss gemacht, mir vorzuschlagen und zuzuweisen, damit ich dieselben an demjenigen Orte, wo er, der Herr Mag. Schmeltzer, ordinirt worden, ebenfalls ordiniren lassen, und zum KirchenDienste der Felsenburgischen Gemeinden mit mir fuhren konte. Nun hatte sich nicht allein Mons. Schmeltzer, so bald er seines Herrn Bruders und mein beygelegtes Schreiben erhalten, alsobald aus der MarckBrandenburg, allwo er in Condition gestanden, bey seinen Freunden, allwo ich ihn zu sprechen hin beschieden, selbst eingestellet, sondern auch gegenwartigen Candidatum Herrn Herrmannen, der seit etlichen Jahren sein Hertzens-Freund gewesen, mitgebracht, und zwar aus keiner andern Ursache, als weil er ihn also zu seyn befunden, wie ihm Herr Mag. Schmeltzer verlangete, uberdieses zumahlen da derselbe die allergroste Lust bezeugt einen geistlichen Missionarium abzugeben, indem er bisshero wenig Beforderer und noch weniger zeitliche Guter vor sich gehabt. Mein Vater bezeugte hieruber ein vergnugtes Nachsinnen, und nachdem ich ihm noch ein und anderes von der Einrichtung unseres dasigen Gottesdienstes, dem neuen Kirch-Baue, den Schulen und andern dazu gehorigen Ubungen wiederhohlungs weise desto deutlicher erzehlet, resolvirte er sich in der Geschwindigkeit nebst meiner Schwester einen Reise-Gefahrten nach der gluckseeligen Insul Felsenburg abzugeben, weswegen ich vor Vergnugen fast gantz ausser mir selbst gesetzt wurde. Wie nun, um die Herrn Candidaten, desto baldiger ordiniren zu lassen, keine Zeit versaumen wolte, so liess mein Vater den dasigen Seniorem des geistlichen Ministerii, eines Sonntags Abends aufs freundlichste durch mich und meine Schwester, welche mit dessen Tochtern in genauer Freundschafft stund, zur Abend-Mahlzeit invitiren, und dieser Exemplarische Priester liess sich endlich auf oft wiederholtes Bitten bewegen, nebst seiner gantzen Familie um bestimmte Zeit zu erscheinen. Die beyden Herrn Candidaten, nehmlich Mons. Schmeltzer und Mons. Herrmann, befanden sich auch mit zu Tische, sonsten aber niemand mehr von den StadtLeuten als meines Vaters eintziger vertrautester Freund Herr O.** Unter vielerley Gesprachen wurde auch von meinem Studiren und dann von meinem ehemaligen Informatore Herrn Mag. Schmeltzern erwehnet, worbey der Senior meldete, dass er denselben vor langer als drey Jahren alhier ordiniret, indem er sich resolvirt gehabt mit einem Ost-Indien-Fahrer zu Schiffe zu gehen, und auf einer gewissen Insul das Wort GOttes zu predigen.

Demnach bedunckte es mich die bequehmste Zeit zu seyn, mit denen Brieffen heraus zu rucken, welche mir Herr Mag. Schmeltzer und Herr Wolffgang an den Herrn Seniorem mitgegeben hatten, und solches verrichtete ich bey Auftragung des Confects, bemerckte auch, dass der Herr Senior so viel Vergnugen als Verwunderung unter wahrendem Lesen schopffte, indem ihm aber beyde zugleich ersucht hatten, von der gantzen Sache unnothiger weise nichts zu melden, weiln zu befurchten, dass die dadurch erregte Neugierigkeit einiger See-Fahrer denen Felsenburgischen Einwohnern nur allerhand Verdrusslichkeiten verursachen mochten; so legte er die Brieffe stillschweigend zusammen, bewunderte die sonderbaren Fuhrungen des Himmels, und versprach sich ein und anderer Dinge wegen, ingeheim mit uns zu unterreden, daferne wir uns wolten belieben lassen, nach aufgehobener Mahlzeit ihn in ein anderes Zimmer zu fuhren. Mein Vater bezeigte sich gantzlich nach seinem Gefallen, demnach gieng der Herr Senior nebst ihm und mir in ein Nebenzimmer, allwo ich ihm bey einem Glase des besten Ungarischen Weins den haupt-Inhalt der Felsenburgischen Geschichte erzehlete, nachhero von ihm verlangete, so bald als es nur moglich ware, die bey mir habenden zwey Herrn Candidaten nach vorhergegangenen scharffen Examine zu ordiniren, damit ich mit selbigen des ehesten meine Ruckreise antreten konte, er versprach das Examen gleich folgenden Tages anzustellen, und weil die Herrn Candidaten mit seiner Erlaubniss herbey geruffen wurden, liess er sich vorlauffig mit denenselben in ein genaues Gesprach ein, welches biss um Mitternachts-Zeit daurete, worauf der Herr Senior nebst seinen lieben Angehorigen nach Hause fuhr. Binnen dreyen Tagen bekam ich also an offt erwehnten beyden Herrn Candidaten zwey geweyhete Priester, beschenckte derowegen das Geistl. Ministerium, die Haupt-Kirche, das Waysen-Hauss, Hospital und andere Armen dergestalt, dass von einem erhobenen Wechselbrieffe a 10000. Thlr. ordentlich gemachter Eintheilung nach, nichts ubrig bleiben durffte.

Mein Vater war inzwischen nebst meiner Schwester aufs eifrigste bemuhet, seine neu-errichtete Handlung und Wirthschafft, meiner Mutter-Bruders-Sohne auf Rechnung zu ubergeben, und denselben vor seiner Abreise mit einer tugendhafften Ehe-Gattin zu berathen, denn er war ein sehr feiner, geschickter, vernunfftiger und wohl gereiseter Mensch, der aber kaum tausend Thaler Erbtheils-Gelder im Vermogen hatte. Indem er nun seit etwa zweyen Jahren bey einem der vornehmsten Kauff-Leute meiner Gebuhrs-Stadt, als Buchhalter in Condition gestanden, mochte sich der gute Mensch die Rechnung gemacht haben, seinem Herrn, durch bestandige Treue und Redlichkeit mit der Zeit eine von seinen dreyen Tochtern abzuverdienen, deren geschicktes Wesen nebst der starcken Morgengabe die Schonheit der Gesichter bey weiten zu ubertreffen schien, allein so bald er sich dieses gegen einen vermeintlichen guten Freund mercken last, dieser aber nicht reinen Mund halt, wird mein ehrlicher Vetter dergestalt honisch und sprode von seinem Herrn und dessen gantzer Familie tractiret, dass er vor Verdruss und Kummer, eine Ferne Reise anzutreten, den Schluss fasset. Hiervon halt ihm nun die plotzliche Ankunfft meines Vaters zurucke, und weilen derselbe bald hernach seine Handlung von neuen aufzurichten anfangt, quittiret er die ersten, und giebt sich zu meinem Vater in Dienste. So wohl meines Vaters als mein eigenes Vorhaben war, dieses Menschen zeitliches Gluck so viel moglich zu befestigen, und ohngeacht wir ihm nicht gantzlich zugesagt, dass er unser aller eintziger Erbe, in Deutschland, seyn und bleiben solte, indem mein Vater noch nicht vollig resolvirt war, Zeit Lebens in Felsenburg zu bleiben, so bekam er doch von uns solche starcke Geschencke und sonderbare Vortheile in die Hande, dass er ohngescheut wagen durffte, auch den vornehmsten Capitalisten um seine Tochter anzusprechen. Sein voriger Herr roch den Braten gar balde, suchte derowegen zum Scheine, unter diesen und jenen Vorschlagen gantz genaue Freundschafft zu stifften, liess aber auch unter der Hand meinem Vetter die Wahl anbieten, sich eine von seinen Tochtern zur Frau auszulesen; allein derselbe war ohngeacht der zu hoffen habenden starcken Mitgifft so capricieus, dass er zur Antwort gab: wer seine redliche Affection der Zeit nicht stimirt hatte, da er kaum etliche 100. Thlr. im Vermogen gehabt, dessen Schwiegerschafft achtete er nun mehro auch nicht, da ihm der Himmel durch die Generositee redlicher Bluts-Freunde in den Stand gesetzt, dass er nicht die geringste Ursache hatte sich nach einer bemittelten, wohl aber tugendhafften Braut umzusehen.

Diese Resolution gefiel uns ungemein, indem er aber zu vernehmen gab, wie er eine besondere Affection auf die tugendhaffte jungste Tochter des Herrn Senioris geworffen hatte, ohngeacht, er wohl wisse, dass wegen der vielen Kinder von dem Ehrwurdigen Herrn kein starckes Heyraths-Gut zu hoffen sey, als liess sich mein Vater dieses von Hertzen angenehm seyn, begab sich selbst zum Herrn Seniori, und brachte auf einmahl das Jawort, so wohl von dem Herrn Schwieger-Vater, als der Jungfer Braut mit nach Hause.

Indem aber ich von dem Capitain Horn aus Amsterdam immer Brieffe uber Brieffe bekam, meine Zuruckkunfft zu beschleunigen, damit uns nicht die verdrussliche Witterung vor volliger Einrichtung unserer Sachen uber den Halss kommen mochte, als trieb ich auch die Meinigen an, sich aufs schleunigste wegfertig zu machen.

Demnach wurde meines lieben Vetters Verlobniss und Hochzeit auf einen Tag in aller Stille celebrirt, ich schenckte den beyden Verliebten annoch vor 12000. Thlr. Jubelen, versprach, wo es nur moglich seyn wolte, in zukunfft ein 10. mahl mehreres zu thun, und war nachhero beschafftiget, alle eingekauffte Waaren in das bedungene Schiff einzuschiffen. Ich erstaunete anfanglich gewaltig uber die entsetzliche Quantitat gedruckter Bucher, welche Herr Schmeltzer jun. und Herr Herrmann vor diejenigen Gelder, welche ich zu ihrer Disposition uberlassen, eingekaufft hatten, ja ich hatte fast vermeynet, dass in allen Stadten auf 20. Meilwegs herum, nicht so viel Bucher anzutreffen waren, machte mir aber eine hertzliche Freude daraus, zumahlen, da sie einen feinen BuchbindersGesellen Johann Martin Radler aus dem Hildesheimischen geburtig, in ihren Dienst genommen, auch eine ungemeine Quantitat Buchbinder-Materialien darzu angeschafft hatten.

Am 12. Julii langeten endlich die letztern FrachtWagens mit Kupffer, Zinn, Messing, Bley und andern Materialien an, welche ich zum Mitnehmen bestellet, und alles so gleich einschiffen liess, so dass wir am 28. Julii nach genommenen zartlichen Abschiede von allen treugesinneten Freunden, aus meiner GeburthsStadt abreisen, und uns auf die Farth nach Hamburg begeben konten, allwo von dem redlichen Herrn W. ebenfalls Abschied zu nehmen, es unsere Schuldigkeit so wohl, als ein und andere Nothwendigkeit erforderte. Wir hatten eine ungemeine, bequeme und vergnugte Reise, uberrumpelten auch den Herrn W. in Hamburg zum grosten Vergnugen, da er sich unserer am wenigsten versahe, ich will mich aber mit einer weitlaufftigen Erzehlung seiner vielfaltigen Anstalten, die er binnen 14. Tagen zu unser trefflichsten Bewirthung blicken liess, nicht aufhalten, sondern nur melden, dass er eine uninreressirte vollkommene Freundschafft gegen uns bezeugte, welche wir auf alle moglichste Art zu erwiedern bedacht waren.

Etwa 6. oder 8. Tage vor unserer Abreise kam ein armer Studiosus in des Herrn W. Behausung, der so wohl bey ihm, als dessen Informatore um ein Viaticum Ansuchung that. Ich erkante denselben sogleich vor denjenigen, der er wurcklich war, nemlich vor einen meiner ehemahligen besten Universitats-Freunde in Kiel. Diesen ehrlichen Menschen1 hatte ich in ungemeinen Wohlstande verlassen, verwunderte mich derowegen nicht wenig, ihn also verandert anzutreffen, zumahlen, da seine Meriten eines besondern Glucks wurdig sind. Es hielt mich weiter nichts ab, als seine kranckliche, zur Schwindsucht und Blutauswerffen sehr geneigte Leibes-Constitution, dergleichen Personen sich zu See-Fahrern gar nicht schicken, sonst hatte ich ihn leichtlich zur Mit-Reise nach Felsenburg persuadiren wollen; Solchergestalt aber sahe vor besser an, demselben ein ansehnliches Capital zu Beforderung seiner zeitlichen Wohlfarth in die Hande zu liefern, wovor er mir weiter keine andere Danckbarkeit erweisen, als diese gegenwartige GeschichtsBeschreibung der Felsenburger, jedoch nicht eher biss nach meiner Abreise, formlich in Druck geben solle.

Ich glaube, dass es ihm zwar einige Muhe kosten wird, meine confuse Schreib-Art auseinander zu finden, denn meine Umstande haben noch niemahls zulassen wollen, selbige durch eigenen Fleiss in behorige Ordnung zu bringen, jedoch wird es curieusen Leuten, ob gleich kein vollkommenes, dennoch einiges Vergnugen erwecken, wenn ihnen nur die Haupt-Sachen bekandt gemacht werden. Ists moglich, so soll binnen zwey oder drey Jahren der andere Theil2 zum Vorscheine kommen, worinnen ich meine Verrichtungen in Amsterdam, die zweyte Abfahrt von dar nach Felsenburg, und die Lebens-Geschichte meines Vaters, meiner Schwester und anderer Reise-Gefahrten, etwas deutlicher und ordentlicher, als bisshero geschehen, beschreiben will. Denn ich verhoffe auf dem Schiffe, und nach G.G. glucklicher Ankunfft in Felsenburg, gnugsame Zeit u. Bequemlichkeit darzu zu finden. In Erwegung meiner wichtigen Beschafftigung, wird mir niemand ubel nehmen, dass ich voritzo so kurtz abbreche, und nicht einmahl die gewisse Zeit meiner Abreise melde, denn ich lasse, wie gesagt, meine gantzen Manuscripta, dem geliebten Freunde in Hamburg zurucke, welcher sich nicht wagen will, mir das Geleite biss nach Amsterdam zum Capitain Horn zu geben. Jedoch werde nicht unterlassen, demselben noch vor unserer Abfahrt Briefe zuzusenden, um zu bezeugen, dass ich sey

Dessen, wie auch aller geehrten kunfftigen Leser

meiner entworffenen Felsenburgischen Ge

schichts-Beschreibung

ergebener Diener

Eberhard Julius, D.B.

Nun folgen die Copien einiger Briefe, welche Mons. Eberhard Julius an seinen Freund, der das gantze Werck ediren sollen, annoch vor feiner Abreise aus Amsterdam geschrieben, ingleichen einige von Herrn W. aus Hamburg:

I.

Monsieur,

& tres cher ami.

Wie ich nicht zweiffele, es werde sich dessen Maladie gezeigter Besserung nach bald verlohren haben, so wunsche zu einer volligen Cur allen himmlischen Seegen. Ein fleissiges Gebeth, ordentliche Lebens-Art und Verbannung alles Chagrins wird vielleicht bey den zu brauchenden Artzeneyen das beste rhun. Wir sind den 8. Octobr. glucklich in Amsterdam eingetroffen, und durfften uns wenigstens noch 5. biss 6. Wochen allhier zu bleiben gemussiget finden, denn es fehlen uns nicht allein noch einige verschriebene Leute und hochst-nothige Sachen, sondern wir haben auch ausserdem wichtige Ursachen, nicht ehe von dannen zu fahren. Hierbey folget noch eine kurtze Beylage zur Geschicht, welche ich annoch in meinem Chatoull gefunden, und die sie gehoriges Orts anzubringen wissen werden. Herr Herrmann ist etwas unpass, wir hoffen aber dessen baldige Genesung, so wohl als meiner lieben Schwester, welche von einem leichten Fieber befallen war, jedoch gantzlich restituirt ist. Die Mathematischen Instrumenta, welche sie an Herrn G.v.B. addressirt uns nachsenden sollen, dancke nochmahls vor ihre Bemuhung. Innliegende Briefe an meinen Vetter, wie auch andere Personen an verschiedenen Orten, bitte, jedoch die letztern nicht ehe, als nach 3. biss 4. Wochen, richtig zu bestellen, denn ich habe dissfalls meine besondern Ursachen.

Von der vortrefflichen Hallischen Medicin hatten wir gern noch etliche vollstandige Apothheckgen, sie waren zwar allhier auch zu haben, allein, es hat mir ein besonderer Freund die Furcht wegen einer Verfalschung eingejagt, derowegen versaumen Sie keine Zeit, uns wenigstens noch 12. St. anhero zu senden, indem ich nicht zweiffele, dass sie noch zu recht kommen werden. Von noch einigen andern besondern Sachen, die wir in Hamburg am fuglichsten einzukauffen vergessen haben, wird sich Herr W. ohnfehlbar mit Ihnen besprechen, als an welchen ich voritzo zugleich ausfuhrlich geschrieben habe. Inmittelst empfehle Dieselben Gottl. Schutzwaltung, und verharre bestandig

Monsieur & tres honore Amy

le Votre

Eberhard Julius

II.

Monsieur, mon cher Ami.

Die Versicherung von Dessen itzigen Wohlbefinden hat mich ungemein vergnugt, wunsche, dass selbiges viel und lange Jahre biss an das ordentliche LebensZiel bestand haben moge. Die Medicamenta habe in 8 Kastlein wohl erhalten, bedaure, dass nicht wenigstens noch 4. dabey seyn konnen. Hoffe aber, die Gottliche Vorsorge werde solchen Mangel unmittelbarer weise ersetzen, so lange wir derselben mit reinem Hertzen vertrauen. Es ist mir sonsten noch ein und anderes beygefallen, worinnen sie uns vor unserer Abreise besondere Gefalligkeiten erweisen konnen, allein, weiln die Zeit nunmehro verflossen, indem wir uns keine 10. oder 12. Tage langer alhier zu bleiben vermuthen, so halte vor unnothig, etwas davon zu melden. Capitain Horn hat wegen seiner Schiff-Farth einige Verdrusslichkeiten, jedoch weil man klarlich siehet, dass es eine blosse Geldschneiderey zu bedeuten hat, wird wohl alles ohne besondern Schaden beyzulegen seyn. Am verwichenen Sonntage hat unser lieber Prediger, Herr Jacob Friedrich Schmeltzer, zu meines Vaters und meinem selbst eigenen Vergnugen sich mir meiner Schwester Juliana verlobet, die Priewir glucklich in Felsenburg angelangt seyn. Auch hat meine Schwester zwey arme, aber sehr artige und tugendhaffte Freundinnen gefunden, welche sich als ein paar Vater- Mutter- und Freund-lose Waisen belieben lassen, mit uns nach Felsenburg zu reisen. Sonsten weiss voritzo nichts sonderbares zu berichten, bitte aber, sich so lange noch in Hamburg aufzuhalten, biss sie vor dieses mahl das letzte Schreiben von mir erhalten haben, welches am Tage unserer Abfahrt ausgefertiget werden soll, womit unter Empfehlung Gottlicher Obhut beharre

Monsieur, mon cher Ami

le Votre

Eberhard Julius.

III.

Monsieur, mon cher Ami.

Endlich nach Uberwindung noch vieler Verdrusslichkeiten, die wir uns nicht eingebildet hatten, und die ich ihnen weitlaufftig zu berichten, jetzo vor unnothig halte, sondern solches biss zu seiner Zeit versparen will, sind wir resolvirt, diesen Nachmittag, als den 27. Nov. uns zu Schiffe zu begeben, und unter Gottl. Geleite abzuseegeln, wesswegen mit diesem Schreiben, auf dieses mahl, mein letztes Adieu von Ihnen nehme, und mit kurtzen Worten, jedoch getreuen Hertzen, Sie der Gottl. Vorsorgen empfehle, als in welcher alles unser zeitliches und ewiges Gluck und Vergnugen beruhet, wie denn auch nicht zweiffele, dass sie uns Reisende mit in ihr tagliches andachtiges Gebet einschliessen werden. So ferne es mit Erlaubniss unserer Aeltern und Obern geschehen darff, vornehmlich aber es dem Himmel gefallen will, verspricht sich der Capitain Horn, ehe zwey Jahr vollig verlauffen, wieder an den Europaischen Ufern zu seyn, ob er aber eben in Amsterdam wieder anlanden mochte, zweiffelt er annoch selbst. Ihnen, mein Herr, stehet nunmehro frey, in ihr Vaterland zu reisen, so bald es beliebig, doch bitte, mit dem Herrn G. v.B. bald sich der Capitain Horn selbst, oder ein anderer von uns Abgeordneter, bey einem von diesen beyden Herrn melden wird, soll er auch zugleich den fernern Verfolg unserer Geschichte mit sich bringen, welche ich ordentlich auszuarbeiten mir hinfuro noch mehr Muhe, als bisshero, geben werde. Tragen sie doch mittlerweile in ihrem Patria einige Sorge, uns eine hinlangliche Buchdruckerey nebst darzu behorige Personen zu procuriren, jedoch nur auf den Fall, wenn der Capitain Horn oder jemand anders von uns sich bey ihnen meldet, damit es zu solcher Zeit nicht allzu grosse Weitlaufftigkeiten und langes Warten verursachet. Denn ich halte davor, dass uns oder unsern Nachkommen, in zukunfft, obgleich eben itzo nicht, eine Buchdruckerey sehr nothig seyn mochte. Vor innliegenden Wechsel-Brieff a 5000. Thlr. den ich Ihnen zum Abschiede verehrt haben will, wird Herr W. die Gewahre leisten, worbey nicht zweiffele, dass Sie solches Geld zu ihren guten Nutzen anwenden, anbey die Beforderung der Ehre GOttes, auch die Liebe des Nachsten nicht vergessen werden, ich vor meine Person verlange weder mundlichen noch schrifftlichen Danck, sondern eine getreue Freundschafft davor, die zu recompensiren alle fernere Sorge tragen werde, wofern der Himmel die Gelegenheit befordert. Solte mittlerweile etwas von besondern mechanischen oder andern curieusen Sachen beschrieben und ausgearbeitet werden, so bitte alles wohl zu notiren, auch wo moglich, in natura parat zu halten, damit unsere Gesandten keine Zeit zu verspielen nothig haben. Bey kunfftigen Geld-Mangel, zu dergleichen wird Herr G.v.B. Herr W. und mein Vetter in meiner GeburthsStadt hoffentlich jederzeit zu helffen nicht verweigern, welchem letztern beyliegendes Paquet AbschiedsBriefe, mir nachster Post zuzusenden sind, wie ich denn selbigen bey Gelegenheit, und so offt es moglich, zu besuchen bitte. Ich schliesse, weil mich alles an weitern Schreiben verhindern will, empfehle Sie derowegen nochmahls der guten Hand Gottes, und verbleibe

Monsieur,

votre fidele Ami

Eberhard Julius.

P.S.

So gleich bey Zusammenlegung des Briefes erfahre, dass einer von unsern 3. angenommenen Glassmachern entlauffen ist, und den Capitain Horn mehr als 500. Ducaten entwendet habe, jedoch wir wunschen, dass sie ihm nicht nach Verdienste gedeyhen.

IV.

Monsieur,

Dessen gluckliche Ankunfft in Zell, erfreuet mich noch vielmehr, als dass meine Ihm aufgetragene Commission nach Wunsche ausgerichtet worden, wovor aber hochlich verbunden bin. Die Pack-Fasser werden nunmehro vielleicht schon vor einigen Tagen in Magdeburg angelanget seyn. Hatte ich gewust, dass Sie Ihren anfangs gemachten Reise-Cours verandern wurden, so hatte man erliche Thlr. Fracht Gelder menagiren konnen. Die eingelauffenen Antworts-Schreiben folgen hierbey, ingleichen ein Packlein vermuthlich vergessnes Zeuges, welches des Post-Geldes werth ist. Zukunfftiger Correspondenz wegen erwarte von Zeit zu Zeit Addresse, und verbleibe unter Emphehlung Gottl. Schutzes

M.H. Hn.

Hamburg, den 4. Jan. 1730.

bereitwilligster Diener

H.W.

V.

Edler etc.

Insonders Hochgeehrter Herr.

Vor das ubersandte dancke freundlichst, und suche Gelegenheit, mich hinlanglich zu revangiren, wovon anbey eine geringe Marque gebe, bitte mir aber dabey aus, ehesten den Ort zu benahmen, wo Sie sich bestandig aufzuhalten belieben werden; weiln vermercke, dass sie dissfalls noch nicht schlussig sind. Beykommendes sub J.B.F. hat schon uber 14. Tage in meiner Verwahrung gelegen, was es ist, weiss ich nicht. Mit Verlangten will nach erhaltener Nachricht ihres Auffenthalts hertzlich gern dienen, und dabey desto ausfuhrlicher schreiben, jetzo fehlet Zeit, doch bin

Ew. Edl.

Hamburg, den 8. Febr. 1730.

aufrichtiger Freund

H.W.

Fussnoten

1 Dieses ist der gute Mensch, welcher, wie in der Vorrede des ersten Theils gemeldet worden, so unglucklich gewesen, vom Post-Wagen herunter zu sturtzen, und das Leben zu verlieren. 2 Solcher wird, Gisanders gemachter Ordnung nach, bey uns der 3te Theil werden.

Wunderliche FATA einiger See-Fahrer,

Dritter Theil,

oder:

fortgesetzte

Geschichts-Beschreibung

ALBERTI JULII,

eines gebohrnen Sachsens, seines, im Jahr 1730.

erfolgten Todes, und seiner auf der Insul

Felsenburg (allwo er in seinem 103ten

Lebens-Jahre beerdiget worden) in vollkomenen

Stand gebrachten Colonien, entworffen von des

Bruders-Sohnes-Sohnes-Sohne,

Mons. Eberhard Julio, Curieusen Lesern aber

zum vermuthlichen Gemuths-Vergnugen

ausgefertiget, auch par Commission dem

Drucke ubergeben

Von

GISANDERN.

Vorrede.

Sat cito, si sat bene.

Ein jedes gutes Ding will Zeit und Weile haben,

Den, der ihm gunstig ist, um desto mehr zu laben.

Geneigter Leser!

Mit diesem uhralten Sprichworte, uberreiche ich dir hiermit, pro nunc, den dritten und letzten Theil der Felsenburgischen Geschichte, und bringe denselben, als ob ich, wegen des langen Aussenbleibens, mich zu schamen Ursach hatte, nicht etwa unter dem Mantel, sondern frey und offentlich hergetragen. Sey so gutig, denselben erstlich mit solcher Aufmercksamkeit, als die vorigen, durchzulesen, so wirst du mich hernach ohne allen Zweiffel entschuldiget halten, dass ich nicht ehe damit erschienen bin. Bekandt ists, und ich hatte, wenn ich nicht eines demuthigen Geistes ware, fast Ursach, die Backen ein wenig aufzublasen, dass dieser dritte Theil, oder die fernerweitige Fortsetzung der Felsenburgischen Geschichte, von vielen schon vor 2. biss 4. Jahren instandigst verlanget worden, man ihnen aber zwar Hoffnung darzu machen, jedoch so gleich nicht damit aufwarten konnen, und nimmt sich kein man durch falsche Nachrichten, als ob der Capitain Horn bereits angekommen ware, schon zweymahl betrogen, mithin angereitzt worden, bemeldten dritten Theil in der nachsten Leipziger-Messe heraus zu schaffen. Jedoch Sit ut sit. Accidit in anno, quod non speratur in puncto. Nun ist er ja doch da, und kan allen denjenigen die Mauler stopffen, welche judicirt haben: Gisander wolte, mochte, konte und NB. durffte auch wohl nicht, sich unterstehen, denselben ans Tages-Licht zu bringen. Lacherlich ist mirs vorgekommen, dass einem Deutschen Longobarden die Zeit, selbigen zu sehen, gar zu lang werden wollen, wesswegen er, uber schon gedachte Muthmassungen, ausgesprengt, Gisander ware gestorben, und hatte, vielleicht aus Neid, Mons. Eberhard Julii Manuscript in seinen Sarg legen und mit sich begraben lassen, wannenhero, um die curieuse Welt zu vergnugen, seiner Schuldigkeit gemass zu seyn, erachtet, selbigen auszugraben, oder, welches fast eher zu glauben, einen dritten Theil ex Koppo zu fingiren, und vor rechtmassig auszugeben. Allein, Gisander lebet noch, und schreibt fast alle Tage, und weil er unter seinen Kindern noch zur Zeit keinen Spurium leiden will, hatte er zwar dessen Gestalt gern sehen und belachen mogen, wurde aber denselben ohngebrandtmarckt nicht von sich gelassen haben. Will Herr Longobardus etwas schreiben, so hielte davor, er thate besser, wenn er sich sonst woran machte, oder immerhin etwas fingirte, um der Welt zu zeigen, dass er keinen zugemauerten Kopff habe, anderer Leute angefangene Arbeit aber, ehe er darzu beruffen wird, ungehudelt zu lassen, denn es fallt ja, dem gemeinen Sprichworte nach, nicht einmahl ein Sch-eerenschleiffer, dem andern gerne ins Handwerck.

Sonsten hat auch jemand, welcher, weil er mit einem schlechten Kahne gar bald in die offenbare See rudern kan, (sich derowegen etwa kein Bedencken nimmt, auch zuweilen von hohen Personen, freyer, als es erlaubt ist, zu sprechen) den zweydeutigen Urtheils-Spruch, uber Gisandern und dessen heraus gekommene 2. Theile der Felsenburgischen Geschichte, gefallet: Ex ungue leonem; auch sonsten davon in die Welt geschrieben, was ihm eben in den Kopff gekommen; allein, was ist daraus zu machen, man konte gegen dieses, den Leuten auch Sprichworter aufzurathen geben, e.g. Asinus apud Cumanos; wenn nur Lucianus dieses nicht so gar deutlich erklaret hatte.

Jedoch Schertz und alles bey Seite! Gisander ist vergnugt, dass die 2. erstern Theile der Felsenburgischen Geschichts-Beschreibung von unzahligen Lesern wohl aufgenommen worden, zweiffelt also sehr, dass dieser, als der Dritte und Letzte, mit scheelen Augen angesehen, oder gar verworffen werden solte, ohngeachtet derselbe etwas langer, als man vermeynet, aussen geblieben. Wie schon gesagt, in der Geschicht selbst wird sich finden, dass nicht Gisander, sondern andere Umstande daran schuldig sind, wesswegen ich mich auch hier in der Vorrede eben nicht weitlauftig defendiren und excusiren will und mag.

Ubrigens, da nunmehro ziemlicher massen versichert bin, dass mein Vortrag seit Anno 1730. sehr vielen Liebhabern gedruckter Historischer Sachen gantz angenehm zu lesen gewesen, werde nicht allein auf kunfftige Michaelis-Messe 1736. G.G. den, in der Vorrede des Isten Theils versprochenen SoldatenRomain, welcher jedoch lauter wahrhaffte Geschichte in sich halt, zum Vorscheine bringen, sondern auch andere, schon parat liegende, curieuse Reise-Beschreibungen und Lebens-Geschichte der Personen von mancherley Standes, kund zu machen, nicht saumselig seyn. Der ich mich zu fernerweitigen Wohlwollen recommandire, und allstets beharre

Des geneigten Lesers

Raptim an der Wilde, d. 2. Dec.

1735.

Dienst-beflissener

Gisander.

Wunderliche FATA einiger See-Fahrer. Dritter

Theil.

Die ungemeinen Freundschafts-Bezeugungen und instandiges Bitten unsers Hertzens-Freundes, des Herrn H.W. in Hamburg, verursachten dass wir unsere Abreise von dar nach Amsterdam, immer von Tage zu Tage weiter hinaus schoben, wiewohl ich daselbst die wenigste Zeit mussig zubrachte, sondern meine meiste Sorge seyn liess, alles dasjenige worauf ich mich nur immer besinnen konte, dass es uns auf der Insul Felsenburg nutzlich und dienlich seyn konte, einzukauffen und anzuschaffen. Endlich aber da mir der Capitain Horn von Amsterdam aus, recht ernstliche Vorstellungen that, wie nunmehro ja nicht die geringste Zeit mehr zu versaumen ware, sich zur Ruck-Reise anzuschicken, zumahlen da wir in Amsterdam noch gar entsetzlich viel zu besorgen hatten, stellete ich solches meinen lieben Vater, Schwester und andern Reise-Gefahrten aufs liebreichste vor, womit ich denn so viel auswurckte, dass sie sich resolvirten gleich morgendes Tages zu Schiffe zu gehen. Herr H.W. wolte zwar durchaus nicht darein willigen, sondern bath was moglich war, nur noch eine eintzige Woche bey ihm zu verharren, allein, einmahl war der Schluss gefasset, und da er sahe dass es nicht anders seyn konte, gab er sich endlich mit unaffectirter Betrubniss darein, stellte aber, um selbige einiger massen zu vertreiben, einen herrlichen und kostbarn Valet-Schmauss an, worbey sich Trompeten und Paucken ja fast alle Musicalische Instrumenta die nur zu erdencken, die gantze Nacht hindurch Wechsels-weise horen liessen. Folgendes Tages reiseten wir nach genommenen zartlichen Abschiede, aus dieses redlichen Freundes Behausung hinweg, nach unsern Schiffe, welcher uns nebst fast seiner gantzen Familie und andern guten Gonnern auf etlichen Gutschen das Geleite bis an die Elbe gab, und so lange daselbst verharrete bis wir uns vollig eingeschifft hatten. Unsere Reise-Compagnie so zusammen gehorete, bestund aus folgenden Personen: 1.) Mein Herr Vater. 2.) Meine liebste Schwester. 3.) Mons. Schmeltzer, 4.) Mons. Herrmann. 5.) Ich, Eberhard Julius. 6.) Jungfer Anna Sibylla Krugerin, 7.) Jungfer Susanna Dorothea Zornin. 8.) Meiner Schwester Aufwarte-Magd, Barbara Kuntzin. 9.) Johann Martin Radler der Buchbinder welcher Mons. Schmeltzern bedienete. 10.) Christian Gebhard Ollwitz, ebenfalls ein Buchbinder, welchen Mons. Herrmann erstlich in Hamburg zu seiner Bedienung angenommen. 11. und 12.) Die 2 Sclaven welche mir Capit. Horn mit gegeben hatte.

Ich kan nicht sagen dass uns etwas verdrussliches auf der Reise bis Amsterdam begegnet ware, ausgenommen, dass diejenigen welche ihr Lebtage noch auf keinem Schiffe gewesen waren, nehmlich die beyden Herren Geistlichen, die beyden Jungfern, die Magd und denn die 2 Buchbinders, eine, wiewohl noch ziemlich kleine See-Kranckheit, so bloss im Schwindel und Brechen bestund, ausstehen musten; worbey ich mich nur uber die beyden Hrn. Geistlichen und den ersten Buchbinder verwunderte, dass es ihnen eben itzo ankam, da sie sich doch auf der Fahrt von meiner Gebuhrts-Stadt bis Hamburg, so ritterlich gehalten hatten.

Es war der 8. Octobr. da wir alle frisch und gesund in Amsterdam bey dem Capitain Horn anlangten, und derselbe gab mir, nachdem er uns mit erfreutem Hertzen bewillkommet hatte, fast eine kleine Reprimande, dass ich so lange aussen gewesen, weil er aber die Avanturen meiner Schwester in Schweden nicht wuste, muste ich ihm Recht geben, indem ich ihm solchergestallt die grosten Haupt-Sorgen fast einzig und allein auf dem Halse gelassen hatte.

In Wahrheit er hatte Ursache verdrusslich zu seyn, weil nicht allein die besten Leute und Sachen, so er und ich verschrieben hatten, noch nicht halb angekommen waren, sondern weil ihme durch einige heimliche Feinde und Missgonner verschiedene bose Streiche gespielet worden und er bereits unter der Hand vernommen, dass uns vor und bey der Abfahrt noch mehrere und argere gespielt werden durfften. Ich redete ihm zu, dass allhier mit einer klugen List, sonderlich aber mit Gelde alles zu zwingen stunde, worauf er zur Antwort gab: Ja mein Herr! wir haben allem Ansehen nach gewaltige Summen ausgegeben, hier ist die Rechnung, von dem was ich an Baarschafft unter Handen gehabt, zur Ruck-Reise brauchen wir auch Geld. Ich muste lachen uber seine unnothigen Sorgen, sagte aber Mons. Horn! hier ist meine Rechnung auch, von dem was ich in Europa ausgegeben habe, das meiste wie ich mercke, ist schon bezahlt, und vor das ubrige was wir etwa noch brauchen, werden wohl 200000 Thlr. hinlanglich seyn. Ach ja! sprach er, allein wir brauchen noch vielmehr, ehe wir wieder nach Felsenburg kommen. Meynet ihr denn, replicirte ich, dass, wie ich aus allen Umstanden und unser beyder Rechnungen vermercke, wir wohl den 4ten Theil von dem Schatze verthan hatten, welchen mir der AltVater allein mitgegeben hat, des Capitain Wodley Kostbarkeiten ohngerechnet. Mein Rath ware, wir kauften noch ein Schiff und nahmen noch mehr Waaren mit nach Felsenburg, denn was hilft das, wenn wir ihnen viel Geld, Gold, Perlen und Edle-Steine wieder zuruck bringen.

Horn sahe mich starr an, ich aber lachte und sagte: Mein Herr wolt ihr mir nicht glauben, so kommet und sehet das an, was ich nicht aus Falschheit vor euch verhohlet, sondern geglaubt habe, es sey euch schon bekandt und keiner fernern Rede werth. Da ich ihm nun binnen etwa 2 Stunden alles gezeiget, wuste er sich nicht genug zu verwundern, dass wir so viel verthan und doch so sparsam gewesen waren. Was aber anbelangte, noch ein Schiff zu erkauffen, war sein Rath durchaus nicht, sondern er sagte: Wir wurden genung zu thun haben, wenn wir nur mit einem Schiffe ungehudelt von Amsterdam hinweg kamen, dieserwegen durften wir auch etliche 1000 Thlr. Spendagen nicht ansehen, damit wir nur nach unsern Belieben einladen durften, was wir wolten, und gute Pasporte bekommen mochten. Uberdieses ware unser Schiff auch gross genung, mehr als uns committirt ware, und als man in Felsenburg brauchte, darauf zu laden, es sey denn dass wir mehr Vieh, als er bereits bestellet, mit nehmen wolten, hierzu gehoreten aber auch mehr Leute, je mehr Leute aber, je mehr Verrather und man brauchte ja ohnedem auf Felsenburg keine andern Manns-Personen mehr, als solche Hand-Wercker und Kunstler, die noch nicht da, doch aber daselbst nothig waren.

Nunmehro war ich seiner Meynung wohl verstandiget und gab ihm in allem Recht, nachhero berathschlagten wir, wie wir unsere Affairen per tertium tractiren, diesem und jenem die Hande vergolden und sonsten alles anstellen wolten, waren auch krafft unserer gelben Pfennige endlich mit grosser Muhe so glucklich, dass wir binnen weniger Zeit, nicht allein tuchtige Pasporte, sondern auch alles andere erhielten was wir verlangten.

Mittlerweile, ob wir gleich die beste Beqvemlichkeit und sonsten alles hatten was unser Hertze begehrete, so bekam doch meine liebe Schwester ingleichen Mons. Herrmann einen Zufall vom Fieber, wurden aber bald wieder davon befreyet.

Wenig Tage hernach geschahe das Verlobniss meiner Schwester mit Herrn Jacob Friedrich Schmeltzer, welches meinem lieben Vater und mir eine besondere Freude erweckte.

Endlich um Martini kamen unsere von andern Orten her verschriebene Sachen fast alle auf einmahl an, auch hatten sich die angenommenen HandwercksLeute, bereits in dem ihnen angewiesenen Wirthshause versammlet; wovon jedoch einer von den 3 Glassmachern, die der Capitain Horn angenommen, diesen aber am meisten getrauet, und ihn nur einmahl auf seine Kammer geschickt, schelmischer weise entlief und dem Capitain einen Beutel mit 500 Ducaten entwendete. Von alten denen so wir mit nach Amsterdam gebracht, und die versprochen hatten zu Ende des Augusti wieder zu kommen und noch eine Fahrt mit uns zu thun, kam kein eintziger zuruck, wir sahen es auch gantz gern, und zwar gewisser Ursachen wegen. Jedoch die 3 Schiffs-Officiers welchen Capitain Horn monatlich ihren gewohnlichen Sold gegeben, weil sie so treulich bey ihm hielten und denn die 9 Sclaven, waren diejenigen noch, die mit gekommen waren, und auch gutwillig wieder mit zuruck wolten. Oberwehnte 3 Officiers hatten auch Matrosen zur Gnuge angeworben und sonsten alles so wohl veranstalltet, dass wir am 27 Nov. 1729. insgesammt wohl vergnugt von dannen abseegeln konten, worbey wir das Vergnugen hatten, dass unser besonderer Freund und Wohlthater Herr G.v.B. uns das Geleite biss Portugall zu geben, ihn aber im Hafen Port a Port auszusetzen, sich ausbath, welches denn auch geschahe, nachdem wir biss dahin eine sehr geruhige Fahrt gehabt.

Noch eins hatte ich bald vergessen! Tags vorhero ehe wir abreisen wolten, als ich meine Schwester, welche noch ein und andere Kleinigkeiten einzukauffen willens war, an der Hand durch eine enge Strasse fuhrete, jedoch aber von 6 des Horns Sclaven begleitet wurde, begegnete mir ein Mensch in BetilersHabit, welcher so gleich die Hande uber dem Kopffe zusammen schlug, fast laut zu schreyen und zu heulen anfing und sich in einen Winckel verkroch. Meinen und meiner Schwester Gedancken nach, war es ein rasender Mensch, wesswegen meine Schwester einen Hollandischen Gulden aus der Ficke zohe und selbigen diesen Armseeligen durch einen Sclaven wolte einhandigen lassen. Indem drehete sich dieser Elende mit dem Kopffe in etwas wieder herum, da wir denn gleich erkandten, dass es mein Schwedischer Dollmetscher war, der mir und meiner Schwester so viel gute Dienste gethan hatte. Hierbey muss ich melden, dass ich ihm auf der Reise seine Besoldung nicht allein redlich bezahlt, sondern auch, weil ich ihn nicht weiter nothig zu seyn erachtete, biss in meines Vaters Hauss, ihm nebst vielen Dancke, noch 50 Ducaten gegeben und gemeldet dass er nunmehro in GOttes Nahmen wieder nach Hause reisen konte. Mein Vater und meine Schwester hatten ihm gleichfalls, jedes 10 Ducaten geschenckt, derowegen rieff ich voller Besturtzung aus: Hilff Himmel Mons. van Blac wie treffe ich euch hier also verandert an? Ach mein Herr, gab er mit thranenden Augen zur Antwort: ich bin der ungluckseeligste Mensch von der Welt, 500 Gulden und noch ein mehreres habe ich in wenig Wochen von eurer Generositee proficiret und alles wohl zu Rathe gehalten, auch vor mich sonst noch 200 fl. gehabt, wormit ich mich auf die Reise anhero gemacht, um entweder nach Ost- oder nach West-Indien mit zu gehen und mit diesem Gelde noch ein mehreres zu erwerben, allein ich bin vor wenig Wochen unter Morder gefallen, welche mich nicht allein meines Geldes und meiner Kleyder beraubt, sondern auch meinem Leibe viele Wunden zugefugt, jedoch ein mitleydiger Artzt hat diese letztern glucklich curirt, da ich aber keinen Deut im Leben hatte, sahe ich mich genothiget das Brod vor den Thuren zu suchen.

Der Mensch jammerte mich, denn es war ein artiger Kerl, der sein gut Latein, Hollandisch, Englisch, Schwedisch, Danisch, Spanisch, Italianisch etc. etc. sprechen konte, derowegen befahl ich einem Sclaven diesen Menschen so lange in unser Qvartier zu fuhren und wohl zu verpflegen, biss wir wieder nach Hause kamen, welchem Befehle dieser so gleich gehorchte. Meine Schwester expedirde ihre Sachen bald, sagte aber im zuruckgehen: Mein Bruderchen, wenn dieser arme Mensch will, so bitte ich euch, nehmet ihn aus Barmhertzigkeit mit nach Felsenburg. Mein Hertz! gab ich zur Antwort wenn es euer Liebster und der Capitain Horn vor rathsam halten, nehme ich ihn gern mit, zumahlen da ihr vor ihn bittet.

So bald wir in unser Logis kamen, sahen wir dass nicht allein alle unsere Leute, sondern auch der Capitain, Herr Schmeltzer und Herr Herrmann um den Armseeligen herum stunden. Der Capitain hatte ihm etwas Bisqvit und Wein geben lassen woran er sich labte; indem aber ich mich nur blicken liess, sagte der Capitain: Monsieur wenn es euch gefallig ist, wollen wir diesen Menschen mit nach Felsenburg nehmen, denn Herr Schmeltzer meynt, dass er wegen der vielen Sprachen die er ex fundamento verstehet, einen guten Prceptorem abgeben konte. So ist, versetzte ich, meiner Schwester Bitte erfullet. Horn lachte und sagte: so ist dieses bejammerns-wurdigen Menschen Wunsch erhoret, derowegen will ich so gleich auf den Trodel schicken und ihm das beste Kleyd so da ist, bringen lassen, denn wir haben keine Zeit ihn neu zu kleyden. Augenblicklich schickte er fort, ich und meine Schwester aber wandten uns zu dem Mons. van Blac und fragten: ob er mit uns nach Ost-Indien fahren wolte? Ach! seufzete er, wenn ich so glucklich seyn konte mein Leben in Dero Diensten zu enden. Wir wollen euch, gab ich ihm zur Antwort, nicht zu unsern Diener, sondern zu einem Mit-Genossen, unsers, mit GOtt zu hoffen habenden Glucks und Vergnugens machen, auch eure zeitliche Wohlfahrt moglichstens befordern. Er kussete hierauf meinem Vater, mir, meiner Schwester und dem Capitain Horn die Hande und versprach, daferne er in unserer Gesellschafft mit reisen durffte, so bald es von ihm verlangt wurde, den Eyd der Treue abzulegen. Bald hernach kamen verschiedene Kleyder, der Capitain Horn kauffte ein rothes, und noch ein braunes, welche beyden ihm am besten passeten, und also war unser Mons. van Blac wieder ein Kerl, der Abends mit bey uns zu Tische sitzen konte, indem wir uns seiner Gelehrsamkeit und guter Conduite wegen, auch seiner Person gar nicht zu schamen hatten. Sonsten war er ein Mensch von ohngefahr 30 Jahren, sahe wohl aus von Gesichte, und ob ihm schon die Morder bey letzterer Rencontre 2 Hiebe ins Angesichte gegeben hatten, so hatte er doch sonsten an den Gliedern welche ebenfalls blessirt worden, nicht die geringste Lahmung.

Ich habe mich nicht umsonst bemuhet, diese geringscheinende Avanture so weitlaufftig zu erzahlen, denn der Verfolg dieser Geschichte wird zeigen, dass van Blac nachhero bey unserer Gesellschafft und gantzem Geschlechte eine recht bemerckens-wurdige Person worden und man dabey die sonderbare Fuhrung des Verhangnisses zu betrachten Ursache habe. Jedoch wieder auf unsere Reise zu kommen, so hatten wir, nachdem Herr G.v.B. nebst seinen Sachen im Portugiesischen Hafen Port a Port ausgesetzt war, von dar biss zu den Canarischen Insuln die allerangenehmste Fahrt, wesswegen ich eines Tages meinen Vater ersuchte, mich doch zu berichten, wo er sich nach seinem gehabten Unglucke An. 1725. hingewendet, und wie es ihm sonsten unter der Zeit ergangen? Es war derselbe bereit mir zu willfahren, sagte aber, weil seine Fatalitaten eben keine besondern Geheimnisse waren, so durfften meine Schwester, der Capitain Horn, und die beyden Geistlichen, wie auch van Blac dieselben wohl mit anhoren, wesswegen ich itzt gemeldte Personen insgesammt in unsere Kammer beruffte, worauf mein Vater also zu reden anfing: Von dem klaglichen Schicksale meiner Vor-Eltern konte ich eine weitlaufftige und vielleicht nicht unangenehme Erzahlung machen, auch selbige mit glaubwurdigen alten schrifftlichen Urkunden erweisslich machen, allein es mag solches biss auf eine andere Zeit versparet bleiben, und ich will voritzo nur von meiner eigenen Person, auch gehabten Glucks- und Unglukks-Fallen, so kurtz als moglich Bericht erstatten, damit doch ein jeder von ihnen recht wisse wer ich sey und wie das Schicksal mit mir gespielet hat.

Mein Nahme ist Franz Martin Julius, gebohren d. 13 Jun. 1680 und zwar von solchen Eltern, die eben nicht reich, jedoch bey jedermann ein gutes Geruchte hatten, denn mein Vater Christianus Julius war Steuer- und Zoll-Einnehmer im Luneburgischen, muss sich aber nicht viel Sportuln dabey gemacht haben weil meine Mutter nach dessen Tode ausser den standesmassigen Meublen vor sich, mich und 2 Schwestern, kaum 600 Thlr. baar Geld aufzuweisen hatte, jedoch war dabey noch ein eigenes Haussgen und etwas Feld, welches ohngefahr auf 1000 Thlr. geschatzt werden konte, hergegen hatte meine Mutter 800 thlr. baar Geld eingebracht.

Mein seeliger Vater starb An. 1694. da ich 14 Jahr alt war, und also vor mich noch viel zu fruhzeitig. Folgendes Jahr darauf folgte ihm meine jungste Schwester im Tode nach, da sie nur 12. Jahr alt war und bald hernach verheyrathete sich meine Mutter mit demjenigen wieder, der meines Vaters Dienst bekommen hatte, behielt auch mich und meine altere Schwester Dorotheen Sibyllen bey sich, indem der StiefVater ein sehr gutiger Mann war, mich nicht allein fleissig zur Schule hielt sondern auch taglich selbst etliche Stunden privatim informirte endlich aber in eine grosse Stadt zu einem vornehmen Kauff- und Handelsmanne, um bey selbigen die Handlung zu erlernen, brachte, auch hinlangliche Caution vor mich machte. Ich fuhrete mich zeitwahrenden meinen LehrJahren, ohne Ruhm zu melden, so auf, dass mein Herr und meine Eltern wohl zufrieden mit mir waren; sonsten aber passirte mir in meinen Lehr-Jahren dieser notable Streich: eines Abends da mein Herr sich mit etlichen frembden Kauff-Leuten in einem Wein-Hause befand, muste ich mit der Laterne dahin gehen, denselben nach Hause zu leuchten, allda horete ich nun verschiedene Handels-Gesprache, ein eintziger frembder Kauffmann aber, sass bestandig in sehr tieffen Gedancken, wesswegen mein Herr, der vom Weine ein wenig lustig worden war, aufstund, ihn auf die Schulter klopffte und sagte: betrubet euch nicht, mein Herr! vor der Zeit, denn das Schiff kan noch glucklich zuruck kommen. Ja ja! antwortete jener, mein Herr! wollet ihr mir 10000 gegen 20000 setzen. Mein Patron war ein ungemein reicher Mann und gar gewaltiger Hazardeur, wesswegen er ohne langes Bedencken heraus fuhr: Wa topp! kommt das Schiff mit der Ladung zurucke, so zahlet ihr mir 20000 Thlr. ist es verlohren gegangen, so zahle ich euch 10000 Thlr. Der Frembde liess sich ebenfalls nicht lange nothigen, sondern schlug zu, die andern musten Zeugen seyn, der Contract wurde mit wenig Zeilen errichtet und behorig unterschrieben, hierauf ging ein jeder seines Weges.

So bald mein Herr in die freye Luft kam, mochte ihm anders zu Muthe werden, denn er sprach zu mir: Franz! was habe ich gemacht, 10000 Thlr. ist eine schone Summa, aber 20000. ist gleich noch einmahl so viel. Meine Antwort war: Das ist gewiss, allein mir stehen alle Haare zu Berge, wenn ich daran dencke; Ach wolte doch der Himmel dass das Schiff wieder kame! Das mussen wir erwarten, versetzte er, kommt es nicht, so bin ich desswegen noch lange nicht ruinirt, kommt es aber so solst du vor deinen guten Wunsch, 1000. Thlr. von meinem Gewinste haben. Ich glaubte nicht dass es Ernst ware, dachte aber doch, dass, wenn das Schiff kame, mir mein Patron vor die Worte so er in Trunckenheit gesprochen, wenigstens ein neues Kleyd schencken wurde, schloss derowegen dieses Schiff allezeit mit in mein Morgen- und Abend-Gebeth, seufzete auch offters bey Tage im Laden: Ach GOtt! hilff doch, dass das Schiff glucklich zuruck kommt; welches, wie mir mein Herr nachhero erzahlet, er ofters gehoret und heimlich daruber gelacht hat. Etwa 8 Wochen darnach schreibt mein Herr ohne mein Wissen an meine Eltern, dass beyde, oder wenigstens Eins von ihnen auf seine Unkosten zu ihm kommen solten, weil er etwas nothwendiges mit ihnen zu sprechen hatte. Meine Eltern erschrecken und meynen, dass ich etwa gar zum Schelme geworden ware, setzen sich derowegen beyde auf einen Wagen und kamen in meines Herrn Hauss. Es war eben Zeit zur MittagsMahlzeit, wesswegen sie mein Herr so gleich zu Tische fuhrete, jedoch bey Tische von lauter indifferenten Dingen redete, nach der Mahlzeit aber in sein Cabinett gieng, einen grossen Sack voll Geld heraus brachte und sagte: Meine lieben Freunde! ich bin so glucklich gewesen, auf ein vor verlohren gehaltenes Schiff, durch Wetten, 20000 Thlr. zu gewinnen, und habe mich, da ich dieselben vor etlichen Tagen ausgezahlt bekommen, erinnert, dass ich ihrem Sohne, meinem Frantz 1000 Thlr. davon versprochen, alldieweiln er sein redlich Hertze bisshero in allen Stucken gegen mich gezeiget, hier sind die 1000 Thlr. man kan ihm dieselben auf Zinsen austhun, biss er mit GOtt seine eigene Handlung anfangt.

Es wird leichtlich zu glauben seyn dass meine Eltern und ich anfanglich von Besturtzung und Freude eingenommen, gantzlich verstummeten, endlich aber da mein Patron mit Lacheln zu mir sagte: Nun wie stehets? Frantz, bin ich nicht ein Mann der sein Wort redlich halt, und meynest du nicht, dass dir dieses Geld einmahl eine gute Beyhulffe seyn kan, eine eigene Handlung anzufangen? brach endlich das Band meiner Zunge, ich kussete ihm die Hand und danckte mit den verbindlichsten Worten vor so ein grosses unverhofftes Geschencke, meine Eltern spareten gleichfals nichts, ihre schuldigste Danckbarkeit meinetwegen zu erkennen zu geben, bathen aber den Patron, doch selbsten die Gute zu haben und diese Gelder auf Zinsen auszuthun, welches er sich denn nicht wegerte, ihnen hingegen eine schriftliche Obligation auf 1000 Thlr. gab. Mein gutiger Patron beschenckte mich nachhero mit noch allerley Sachen deren ich bedurftig war, denn die Generositee schien ihm angebohren zu seyn, bey so vielen Mitteln aber die er hatte, wunderte sich ein jeder, dass er nicht geheyrathet, auch nicht heyrathen wolte, sondern seine Schwester die eine alte Jungfer war, fuhrete die gantze Wirthschafft, im Gewolbe aber befanden sich 3 Diener und 2 Lehrlinge unter welchen ich des Patrons Vertrauter war.

So bald meine Lehr-Jahre uberstanden waren, recommandirte mich mein Patron in die beruhmte Handels-Stadt D. an einen Kaufmann, welcher einen erstaunlichen Verkehr hatte, und ich war noch kein Jahr bey diesem meinem neuen Herrn gewesen, als derselbige meine Fahigkeit merckte, auf meine Treue ein grosses Vertrauen setzte, dannenhero mich in seinen Negotiis erstlich nach vielen beruhmten HandelsStadten Deutschlandes, nachhero auch nach Russland, Polen, Schweden, Danemarck, Holland, Engelland, Portugall, Spanien, Franckreich und Italien verschickte, da ich denn so glucklich war, das mir aufgetragene jederzeit ihm zum Vergnugen auszurichten, wesswegen ich mir denn, weil ich sehr sparsam lebte, auf meinen Reisen nicht allein ein gut Stuck Geld sammlete, sondern auch von meinem Herrn zum oftern reichlich beschenckt wurde.

Endlich, da An. 1705. ein Handelsmann in selbiger Stadt verstarb und nebst seiner 70 Jahr alten Frauen nur einen eintzigen Sohn hinterliess, welcher ein vornehmer Rechts-Gelehrter war und in einem honorablen Amte sass, begieng dieser mein Patron die Redlichkeit an mir, dass er mir nicht allein behulflich war diese Handlung anzutreten, sondern auch schon gemeldten Rechts-Gelehrtens Tochter zu heyrathen, mit welcher ich ein schon Stuck Geld uberkam, so dass ich im Stande war, mit meinem bissherigen Hrn. und Patron in Compagnie zu handeln.

Durch unermudeten Fleiss, vornehmlich aber durchs Gluck und GOttes Seegen, wurde ich in wenig Jahren einer der starcksten Handels-Leute in D. so dass meinen nunmehrigen Compagnon sehr weit ubersehen konte, doch war dieser desswegen nicht neidisch, sondern blieb mein vertrauter Freund, wesswegen ich ihn denn zu verschiedenen mahlen mit gewaltigen GeldSummen secundirte.

Mit meiner Liebste lebte ich von Anfange an, bis zu ihrem Tode, in der allervergnugtesten Ehe, denn sie war sehr schon, tugendhaft, sonsten aber von sehr zartlicher Leibes-Beschaffenheit. Die Pfander unserer Liebe sind dieser mein Sohn Eberhard Julius, welchen sie mir An. 1706. den 12 May, und diese meine Tochter Juliana Louise, die sie den 7 Nov. 1709. zur Welt gebahr.

Wie nun aus allen dem was ich bisshero erzahlet genungsam abzunehmen, dass mir das Gluck in allen Stucken sehr gewogen gewesen und ich binnen so viel Jahren wenig Verdruss, vielmehr recht guten Genuss gehabt und vollkommen vergnugt leben konte, liess ich doch meinen Fleiss in der Handelschaft gar nicht sincken, die Haupt-Sorge aber war, meine beyden Kinder, welche von ihrer Mutter hertzinniglich geliebt wurden, recht wohl zu erziehen, wesswegen ich ihnen denn von Jugend auf eigene informatores hielt, die sie im Christenthume und andern Wissenschafften unterrichten musten. Unter allen hat mich keiner besser vergnugt, als der redliche Hr. Mag. Ernst Gottlieb Schmelzer, dem GOtt heute in Felsenburg einen guten Tag gebe. Er war 4 Jahr lang und zwar von 1716 biss 1720 bey mir und ware ohnfehlbar langer geblieben, wenn ihm nicht unruhige Kopffe hinweg gesprengt hatten. Jedoch die Vorsicht des Himmels hat es vielleicht mit Fleiss also fugen wollen. Inzwischen fing das Gluck, welches mich bisshero so freundlich angelacht, auf einmahl an, mir die empfindlichsten Streiche zu spielen, denn An. 1724. am 16 Apr. raubete mir der Tod meine hertzgeliebteste Ehe-Gattin in Kindes-Nothen sammt der getragenen Leibes-Frucht. Mein Compagnon dem ich gar gewaltige Summen zugeschossen, wurde Banqverot und blieb uber 2 Tonnen Goldes schuldig, weil er in gewissen Stucken allzuviel hazardirt hatte, wiewohl was will ich von ihm sagen, ich war ja selbst ein Narre und hatte mich in den Actien-Handel dergestallt vertiefft, dass ich bey deren damahligen Verfall auf die 100000 Frantz-Gulden einbussete. Alles dieses aber hatte mich dennoch nicht in gantzlichen Verfall gebracht, wenn nicht die letzte Hiobs-Post gekommen ware, dass, das mehrentheils auf meine eigene Kosten nach Ost-Indien ausgerustete Kauffarthey-Schiff an den Africanischen Kusten von den See-Raubern erobert und ausgeplundert worden. Diese schlug meine Courage und Credit auf einmahl vollig darnieder, wesswegen ich mich gemussiget sahe, Hauss, Hof, Gewolbe, Stadt und alles mit dem Rucken anzusehen, demnach nahm ich meine Baarschafften und kostbaresten Sachen zusammen, liess das ubrige alles in Stiche, schaffte aber vorhero meine alhier gegenwartige Tochter mit 2000 FrantzGulden nach Schweden zu einer Anverwandtin von ihrer Mutter, meinem Sohne, der damahls auf der Universitat zu Leipzig studirte, schickte ich nebst einem lamentablen Briefe, worinnen ich ihm mein zugestossenes Ungluck vermeldete, eben so viel und trat ohne jemands Vermercken eine Reise nach Portugall an, um von dannen mit einem guten Freunde und Correspondenten die Tour entweder nach Ost- oder WestIndien zu thun, und zu probiren, ob ich daselbst mein verlohrnes Gluck wieder gunstiger, oder den Todt finden konte.

Ich machte mir kein Bedencken, meinem Portugiesischen Freunde und bissherigen starcken Correspondenten, der sich Don Juan d'Ascoli nennete, meine gehabten Unglucks-Falle ausfuhrlich zu erzahlen, zeigte ihm auch mein uberbliebenes Capital, worauf er so gutig war, noch eine starcke Summe darzu zu schiessen und noch ein Schiff vor mich in Beschlag zu nehmen, auch mit mir in Compagnie der Flotte, welche jahrlich von den Portugiesen nach Brasilien geschickt wird, dahin abzuseegeln.

Die Fahrt war diesesmahl sehr verdrusslich wegen der vielfaltigen Sturme, doch endlich langeten wir glucklich in der ungemein grossen Bay vor S. Salvator an, welche sehr tief, aber sehr beqvem und sicher ist, es konten auch wohl auf die 2000 Schiffe, einander ohngehindert, darinnen liegen. Wir stiegen aus und nahmen unser Qvartier in der Stadt, welches die Haupt-Stadt in gantz Brasilien dabey sehr gross, treflich gebauet, reich und mit 3 Castellen wohl verwahrt ist. Die Einwohner sind dem Fressen, Sauffen und allen andern Wollusten ungemein ergeben, bekummern sich wenig um die Arbeit, sondern ihre Sclaven mussen alles besorgen, weil die meisten Hauss-Wirthe ungemein wohl begutert sind, dannenhero war es mein besonders Glucke, dass ich in Portugall mein Geld an solche Waaren gelegt, die solchen wollustigen Leuten in die Augen fielen, und dieserwegen konte ich in kurtzer Zeit alles mein mitgebrachtes zu Gelde machen und einen wichtigen Profit ziehen, welchen ich denn nebst dem allermeisten meines Capitals wieder anlegte und Ambra, Toback, Balsam, Saffran, Baumwolle auch etwas von Jaspis und Crystall, meistentheils aber Zucker darvor kauffte, als woran ich in Europa einen gewaltig starcken Profit vor mir sahe, auch sicher glauben konte, dass ich bey nahe die Helffte von meinen Verlohrnen wieder erworben, mithin wunschte, dass wir nur bald wieder abfahren mochten, indem ich gesonnen war, noch ein oder 2 Touren nach Brasilien zu thun, in Hoffnung dadurch wieder in meinen vorigen Stand zu kommen und alle meine Creditores biss auf den letzten Heller zu bezahlen.

Ohngeacht ich dasiges Orts nicht der geringste Handelsmann unter allen Mitgereiseten war, hatte ich doch das Gluck, mich am allerersten expedirt zu haben, da wir aber nicht ehe als mit der Flotte abseegeln konten, wurde mir die Zeit ungemein lang. Es wolten mich zwar einige Wage-Halse immer bereden, tieffer mit ins Land hinnein zu gehen, indem wir ein und andern wilden eingebohrnen Brasilianern verschiedene Kostbarkeiten an puren Golde und dergleichen umsonst abzwacken und uns damit bereichern konten; allein ich hatte keine Lust darzu, sondern war vergnugt mit dem was ich schon hatte, und wolte mein Leben nicht in Gefahr setzen, indem mir die Einwohner zu St. Salvator erzahleten: dass die tieffer im Lande wohnenden Brasilianer wurckliche Menschen-Fresser waren, sie schlachteten die Gefangenen gleich dem Viehe ab, wusten von keiner Religion, ja sie hatten in ihrer gantzen Sprache kein eintzig Wort welches einen GOtt bedeutete; betheten hergegen den Teuffel an und erholten sich bey demselben Raths, jedennoch hatte man an ihnen wahrgenommen dass sie ihre Seelen vor unsterblich hielten. Sie wohneten nicht in Hausern, sondern in blossen Lauber-Hutten, schlieffen nicht in Betten, sondern in Netzen, und ihre gewohnliche Speise bestunde aus Brod, welches aus dem Meel einer Wurtzel Mendioca genandt, gebacken wurde.

Alles dieses jagte mir so viel Schrecken ein, dass ich allen denen so mich zum Parthey gehen mit nehmen wolten, abschlagige Antwort gab; es blieb auch in Wahrheit mancher ehrlicher Mann von den mitgekommenen Europaern bey solchen Partheygangereyen aussen, der vielleicht von den wilden Brasilianern ist gefressen worden.

Hergegen blieb ich mehrentheils zu Hause in meinem Logis, bath dann und wann gute Freunde zu mir, die meiste Zeit aber vertrieb ich mit Bucher lesen oder mit Grillen uber meine Fatalitaten, hierbey pressete mir das Angedencken uber meine zuruck gelassenen lieben Kinder zum offtern viele 1000 Thranen aus.

Eines Tages kam ein junger Kauffmann, der ein gebohrner Schwede, eben nicht allzu fein von Gesichte doch jederzeit sehr gefallig gegen mich gewesen war, unverhofft auf meine Kammer und traff mich in der grosten Besturtzung an, denn ich weinete eben und die 3 Contrafaits, als meiner seel. Liebste und dieser meiner beyden Kinder lagen vor mir auf dem Tische. Ich gab meinen Aufwarter so gleich Befehl, ein und anderes herbey zu bringen, um diesen jungen, jedoch sehr reichen Schwedischen Kauffmann behorig zu bewirthen; mitlerweile wirfft dieser seine Augen auf die Contrafaits und fragte so gleich: Mein Herr! was sind das vor Bildnisse? Dieses erste sagte ich, ist meine ohnlangst verstorbene Liebste, die andern beyde stellen meine 2 zuruck gelassenen Kinder vor. Ihr habt, gab der Schwede darauf, eine sehr schone Frau gehabt, aber die Tochter ist noch weit schoner, wo befindet sich dieselbe? Voritzo, war meine Antwort, in Stockholm bey meiner Befreundtin. Gluckseelig ist mein Vaterland, sprach er, eine solche seltene Schone in sich zu haben. Ihr schertzet oder flattiret sehr, mein Herr sagte ich, denn da ich 2 mahl in Schweden gewesen bin, so kan versichern, dass ich weit schonere Gesichter darinnen angetroffen habe. Hierauf lenckte ich den Discours auf Handlungs-Affairen, der Schwede aber schien mir auf einmahl gantz melancholisch zu werden, welches er dem getrunckenen Coffee Schuld gab, derowegen ich ihm ein gut Glass Wein vorsetzte. Er trunck davon, sagte aber: mein Herr ihr habt einen recht guten Wein, aber so gut ist er doch nicht als der Canari, von welcher Sorte ich eine ziemliche Qvantitat in meinem Logis liegen habe, weil es noch sehr hoch am Tage, so seyd so gutig, mit mir dahin zu spatzieren, zumahlen da es nicht gar weit ist.

Auf oft wiederholtes Bitten liess ich mich endlich bereden mit ihm in sein Logis zu gehen, allwo ich fand, dass er nicht gelogen, sondern einen gantz vortreflichen Wein hatte. Er erzeigte mir alle nur erdenkkliche Hoflichkeiten, gab mir Nachricht von seinem gantzen Zustande und Wesen, zeigte eine gewaltige Menge Sacke die mit Gelde angefullet waren, (dergleichen ich in meinem Wohlstande auch wohl so viel, und wohl noch mehr beysammen gehabt hatte) Summarum er offenbahrete mir sein gantzes Hertze, wesswegen ich bey dem guten Weine endlich auch treuhertzig wurde und ihm ebenfals mein gantzes Hertze offenbahrete. So bald er solchergestalt alles von mir erfahren, sagte er: Mein Herr! ich habe mehr, als ein vernunftiger Mensch in der Welt verthun kan, bin also im Stande euch so viel vorzuschiessen, als ihr vonnothen habt eure Schulden vollig zu bezahlen und die Handlung von neuen anzufangen, bin auch bereit, euch so gleich 50000 Thlr. auf eure Handschrift zu zahlen, daferne ihr versprecht, mir eure schone Tochter, deren Portrait ich heute gesehen, zum Ehe-Gemahl zu geben. Ich bitte euch, mein Herr! gab ich zur Antwort, fanget keine Sache an die euch etwa hernach gereuen mochte, sehet doch erstlich die Person selbst an, ob sie so beschaffen, wie sie der Mahler abgeschildert. Es ist zwar wahr, sagte Peterson, dass die Mahler zuweilen flattiren, allein ich fuhle in meinem Hertzen, nachdem ich das Bild erblickt, gantz besondere Regungen und bin zufrieden, wenn die Person nur halb so schone, als sie abgeschildert ist. Ich gab mir viele Muhe, ihm diesen so plotzlich aufsteigenden Liebes-Appetit zu verweisen, biss wir wieder nach Europa kamen; da ich denn selbst mit ihm nach Stockholm reisen und ihm meine Tochter personlich zeigen wolte, allein er liess nicht ab, biss er mir 50000 Thlr. gegen eine blosse Handschrift so zu sagen aufgedrungen und den vaterlichen Consens von mir erpresset hatte. Mit der Braut getrauete er sich bald fertig zu werden, inmassen sich, seinen Gedancken nach, ein Frauenzimmer durch kostbare Geschencke am allerleichtesten zur Liebe bewegen liesse.

Da ich nach Hause kam, waren die 50000 Thlr. schon daselbst, worbey einer von seinen Dienern die Wache hielt, und folgenden Morgen kam Peterson gantz fruh, trunck mit mir Thee und respectirte mich von nun an schon wurcklich als seinen SchwiegerVater, bath sich aber instandig das Bildniss meiner Tochter aus, allein ich schlug ihm solches rotunde ab und gab vor ich hatte geschworen, diese 3 Bildnisse mit Willen nicht von mir kommen zu lassen, so lange ich lebte und wenn mir auch jemand eine Tonne Goldes darvor geben wolte. Solchergestalt war er nur damit vergnugt, dass ich die 3 Bilder in meiner Kammer an die Wand anheftete und ihm die Erlaubniss gab, so oft als ihm beliebte zu mir zu kommen.

Die 50000 Thlr. legte ich an Zucker, BrasilienHoltz, Thier-Haute und andere Brasilianische Waaren, wurde also von neuen ein ziemlich starcker Marchandeur. Don Juan d'Ascoli der Portugiese war noch bestandig mein getreuer Freund, ich hielt aber doch eben nicht vor rathsam, ihm das geheime Commercium zu eroffnen, welches ich mit Peterson hatte, ohngeacht wir 3 fast taglich beysammen waren.

Endlich da die Zeit kam, dass sich die Flotte wiederum Seegel-fertig machte, nach Europa zuruck zu gehen, theileten wir 3 guten Freunde, unsere Waaren auf 3 Schiffe, damit wenn ja eines von denselben verungluckte, der Schade vor einen allein, doch nicht so gross seyn mochte. Don Juan d'Ascoli blieb auf einen, der Schwede Peterson aber blieb mit einem seiner Bedienten bey mir in meinem Schiffe und wolte sich durchaus nicht von mir trennen, um vielleicht nur das Vergnugen zu haben, sein geliebtes Bild taglich etliche mahl anschauen zu konnen.

Wir kamen, ohne einzigen Verdruss auszustehen glucklich wieder zu Lissabon an, allwo ich einen ziemlichen Theil meiner mitgebrachten Waaren mit gutem Profite zu Gelde machte, dem Don Juan d'Ascoli seinen Vorschuss und die Fracht-Gelder davon bezahlete, das ubrige aber in Petersons Schiff einschiffte und mit demselben die Reise nach Schweden antrat um entweder unterweges oder in Schweden selbst, meine ubrigen Waaren zu verkauffen. Vorhero aber hatte ich mit Don Juan d'Ascoli Abrede genommen, gegen die Zeit da die Flotte wieder nach Brasilien abginge, auch wieder bey ihm zu seyn und noch eine Fahrt mit ihm zu thun, woraus er denn sich ein grosses Vergnugen zu machen schien, ich aber hatte angemerckt, dass er sehr gern mit mir in Gesellschafft seyn mochte, zumahlen da ich der Portugiesischen Sprache ziemlich machtig war.

In Engel- und Holland, als bey welchen beyden Landern, wir Petersons Affairen wegen anlandeten, hatte ich meine ubrigen Waaren mit ziemlichen Profit loss werden konnen, allein Peterson wiederrieth es mir und stellete vor, dass weil ich ja die Fracht bis Schweden frey hatte, ich daselbst oder in Danemarck meine Waaren ungemein profitabler verhandeln konte, wesswegen ich ihm denn in diesen Stuck Folge leistete und nachhero in der That befand, dass ich nicht ubel gethan, sondern in Schweden mit denselben 2 pro Cent mehr erwarb, als ich in Engell-Holl- und Deutschland erworben hatte. Jedoch auf die Haupt-Sache zu kommen, so war dieses des Petersons allererstes Verlangen, so bald wir in Stockholm angekommen waren, ihm meine Tochter zu zeigen, wie nun dieses nicht zu versagen stunde, so nahm ich ihn gleich des ersten Tages mit in unserer Befreundtin Behausung, bey welcher sich dieselbe aufhielt und uber meine Gegenwart vor Freuden fast aus sich selbst gesetzt wurde, hergegen wurde auch Peterson von narrischer Liebe gantz entzuckt, und wenn ich es recht sagen soll, halb ausser Vernunfft gesetzt. Ich wolte mein Logis bey meiner Befreundtin und Tochter erwahlen, allein Peterson liess mit Bitten nicht ab, dass so lange wir uns in Stockholm aufhielten, ich ihm das Vergnugen gonnen mochte, mich in seinen Logis zu bedienen, wesswegen ich endlich versprach seinen Willen zu erfullen. Peterson machte sich gleich bey dieser ersten Visite viel Muhe, meiner Tochter Gegengunst zu erwerben, ich aber hielt noch zuruck und wolte zum ersten mahle nichts von der vorseyenden Heyrath melden, erkundigte mich aber folgende Tage bey andern vornehmen Kaufleuten um Petersons gantzes Wesen, welche mir einstimmig dasjenige sagten, was ich von ihm selbst gehoret, wie er nehmlich als der eintzige Erbe seines vor wenig Jahren verstorbenen Vaters, einer der starcksten Capitalisten unter allen Handels-Leuten in gantz Schweden ware, seine ordinaire Wohnung aber in Nykopping und nicht weit von selbiger Stadt ein vortreffliches Ritter-Gut in Besitz hatte. Hierauf begab ich mich zu meiner Tochter und that ihr in Beyseyn ihrer Baase den Vortrag, ob sie wohl gesonnen, den Herrn Peterson welchen ich vor einigen Tagen mit zu ihr gebracht zum Ehe-Gemahl anzunehmen, machte ihr auch eine Beschreibung von dessen gantzen Wesen und grossen Reichthumern, allein, da meine Tochter von der Ehe horete, schien es nicht anders als ob sie von einem Schlag-Flusse geruhret ware und die Frau Baase schrye: Ums Himmels willen, Herr Schwager, weg mit dem hasslichen Kerl und wenn er 1000 Millionen im Vermogen hatte. Nachdem ich aber meine Tochter alleine auf die Seite gezogen, stellete ich ihr vor, wie dass man im Heyrathen nicht allein auf die Schonheit des Gesichts und Leibes, sondern weit mehr auf ein redlich Gemuthe und gutes Auskommen sehen muste, welches von beyden letztern, bey Peterson vollkommen anzutreffen, indem ich seit der und der Zeit nichts lasterhaftes an ihm verspuret; allein die arme Creatur fing bitterlich an zu weinen, zumahl da sie aus meinen Reden verspurete, dass es mein ernstlicher Wille sey und ich mir dadurch aus meinen Nothen zu helffen gedachte; bath sich aber wenigstens einen Monat Bedenck-Zeit aus, welche ich ihr denn nicht abschlagen konte, dem Peterson dessen benachrichtigte und ihm die Freyheit liess, seine Werbung selbst anzubringen, indem er meinen vaterlichen Consens zwar vollig hatte, ich aber doch meine Tochter, welche biss dato noch keine Lust zum Heyrathen bezeugte, mit Gewalt darzu zu zwingen gar nicht gesonnen ware, sondern ihm viellieber seine mir vorgeschossenen Gelder cum Inresse so gleich wieder baar bezahlen und mein Gluck weiter suchen wolte.

Peterson wolte hiervon nichts horen, sondern blieb bey seinem Versprechen, mir mit mehr als noch einmahl so viel an die Hand zu gehen, ubrigens solte ich ihn nur walten lassen, denn ob er gleich wisse, dass er meiner Tochter nicht galant genung in die Augen fiele, so wurde sich doch durch offtern Umgang und andere honetten Vortheile deren sich ein Verliebter gebrauchen muste, mit der Zeit alles geben. Demnach liess ich ihm die Freyheit, sie taglich im Beyseyn ihrer Baase zu sprechen und erfuhr selbst von ihm, dass meine Tochter ihm zwar taglich hoflicher und freundlicher, aber noch gar nicht verliebt begegnete, wesswegen er jedoch noch die allergroste Hoffnung hatte ihr Hertz zu besiegen.

Bey diesem allen versaumete ich, wie schon gemeldet, keine Zeit, den Rest, meiner aus Brasilien mitgebrachten Waaren loss zu schlagen und da ich vollkommen damit fertig war, auch ein gut Stuck Geld in der Hand hatte, machte ich mich zur Abreise nach D. fertig, nahm meine Tochter noch einmahl vor und erklarete derselben, wie es nur auf sie allein ankame, mich wieder in vorigen Stand zu bringen, darum solte sie, wo es moglich ware, diese Parthie nicht ausschlagen, und was dergleichen mehr war. Sie versprach mit weinenden Augen, ihren Sinn nach meinen Willen einzurichten, ich solte nur die gantze Sache nicht so gar eilig treiben, weiln ja Peterson von selbst so raisonable gewesen, ihr noch einige Frist zu verstatten. Hierauf nahm ich von allen mit recht bangen Hertzen Abschied, und bekam von Peterson das Versprechen mit auf den Weg, dass, wenn mir noch mit 50 oder mehr 1000 Thlr. gedienet, er mir selbige durch Wechsel ubermachen wolte, jedoch ehe ich noch fort reisete, besann er sich dahin und zahlete mir ohne mein Verlangen noch 25000 Thlr. baar Geld, welches er eben selbiges Tages aus Franckreich ubermacht bekommen hatte. Wiewohlen nun dieses, nebst meinen eigenen Geldern noch lange nicht hinlanglich war, alle meine Schulden zu bezahlen, so hatte doch die sicherste Hofnung, meine meisten Creditores mit halben Gelde und gantzen guten Worten ad interim zu befriedigen und mich aufs neue in Credit zu setzen.

Peterson liess mich auf seinem eigenen Schiffe nach D. bringen und gab mir 2 von seinen getreusten Handels-Dienern mit, dergestalt langete ich gantz glucklich jedoch gantz unerkandt daselbst an, und trat bey meinem sonst immer gewesenen allergetreusten Freunde Herrn O.** ab, liess auch alles mein Vermogen in seine Behausung schaffen. Dieser redliche Mann verwunderte sich ziemlich, uber meine Zuruckkunft und war erfreuet, dass ich mich wieder von neuen daselbst etabiliren wolte, versprach mir auch alle moglichste Dienstleistungen, wesswegen wir denn etliche Tage nach einander meine Handels-Bucher vornahmen, die ich versiegelt in seine Verwahrung gegeben hatte und die Eintheilung machten, wie viel dieser oder jener Creditor haben, und wie ich meine Sachen etwa sonsten anstellen solte, damit ich mich wiedrum frey und offentlich sehen lassen durfte. Herr O.** tractirte meine gantze Sache, und es wuste niemand von meinen Creditoren, dass ich mich in seinem Hause aufhielt; brachte auch binnen wenig Wochen, meine Affairen auf einen solchen Fuss, dass meine Creditores ziemlich begutiget wurden, ich von der Obrigkeit einen Salvum Conductum erhielt, mich also wiederum auf der Borse zeigen und mein bisshero seqvestrirtes Hauss beziehen durffte.

Herr H.W. in Hamburg hatte nicht so bald Nachricht hiervon bekommen, als er mehr mir zu Gefallen als seiner eigenen Negocien halber nach D. kam, und mir so wohl des Capitain Wolfgangs als meines Sohnes Briefe vorlegte, ich lase zwar dieselben, hielt aber alles vor Mahrlein und glaubte dass mein Sohn bloss aus Desperation zu Schiffe gegangen ware, und sich vielleicht von einem listigen Vogel etwas hatte aufbinden lassen. Herr H.W. suchte mir dieses auf alle Art auszureden, allein ich war viel zu kleinglaubig und dieser gute Freund resolvirte sich, seine Reise ferner nach Russland fortzusetzen, kam nach etlichen Wochen zuruck und traf mich in einem ublen Zustande an, denn weil mein Sohn in alle Welt gegangen war und ich sast keine Hoffnung schopfen konte ihn Zeit Lebens wieder zu sehen, meine Tochter aber aus Schweden mir die allerlamentabelsten Briefe schrieb, und zu meinem grosten Leydwesen endlich meldete, dass ihr nunmehro unmoglich fiele, den sonst ohnedem nicht wohlgestallten Peterson zu heyrathen, nachdem er mit einem gewissen Edelmanne in Handel gerathen, welcher ihm nicht nur viele starcke Blessuren im Gesicht und am Leibe angebracht, sondern auch fast das gantze Untermaul hinweg gehauen hatte; wurde ich vor grosser Betrubnis gantz melancholisch und wuste mir weder zu rathen noch zu helffen, verlangete aber bestandig meine eintzige Tochter zu sehen, wesswegen Herr H.W. und Herr O. Anstalten machten und mich wieder nach Schweden uberfuhren liessen, da immittelst meiner seel. Frauen Bruders Sohn, als ein sehr geschickter Handels-Diener meine neu errichtete Handlung fortsetzen solte. So bald ich in Stockholm angelanget, fand ich des Petersons Ungluck mehr als wahr zu seyn, er traf wenig Tage hernach bey uns ein, und ich entsetzte mich selbst, ihn in solcher Gestalt zu erblicken, allein dem ohngeacht wolte er durchaus von meiner Tochter nicht ablassen, die Baase hatte er durch Geschencke auch dergestalt auf seine Seite gebracht, dass diese ihm in allen Stucken das Wort redete und so gar die empfindlichen Worte gebrauchte: Da meine Sachen so stunden, muste sich die Tochter nicht weigern in einen sauren Apfel zu beissen. Im Gegentheils giengen mir die Jammer-Klagen meiner Tochter und die ubrigen Grillen dergestalt im Kopfe und Hertzen herum, dass ich fast vollig melancholisch und so gar Bettlagerig wurde. Endlich fing meine Tochter an etwas aufgeraumter zu werden, und stellete sich, mir zu Gefallen, an, als ob sie den Peterson nunmehro gantz wohl leiden konte, auch die Heyrath mit ihm nicht ausschlagen wolte, sie liess sich auch von ihrer Baase und ihm bereden, dass wir ingesammt, sonderlich mir zum Vortheil, um die Luft zu verandern, nach Niekpping fuhren. Daselbst als ich sahe dass sich meine Tochter mit Peterson ziemlich wohl vertragen konte, bekam ich meine vorige Gesundheit bald wieder, sie war daruber sehr erfreuet, es mag ihr aber wohl nicht wenig Muhe gekostet haben, den innerlichen Kummer zu verbergen.

Nachhero wurde ich mit Peterson vollig eins, dass wir mit einander in Compagnie handeln wolten und er versprach mir trefliche Vortheile schloss einen ordentlichen Contract mit mir und bewegte mich dahin, wieder nach Hause zu reisen, um alles wohl einzurichten, ihm aber die Freyheit zu lassen, mit meiner Tochter so bald es sich schickte Hochzeit zu machen; worauf er denn mit den Geld-Sacken nachkommen und mich vollig ausser Schulden setzen wolte. Ich reisete demnach von Niekpping ab und wieder nach Hause, hatte auch nicht die geringste Ursache an Petersons Versprechen zu zweiffeln, denn er war in mehr als zu guten Stande selbiges zu halten, doch war mein Hertze unterwegs immer voll lauter Unruhe und Bangigkeit, auch noch einige Tage da ich schon zu Hause war und meine Sachen in guten Stande fand, biss Herr H.W. ohnverhofft von Hamburg abermahls ankam und mir nicht allein die froliche Zeitung von der Wiederkunfft meines Sohnes, sondern auch gar gewaltige Geld-Summen und Wechsel-Briefe mit brachte, als womit ich alle meine Creditores gedoppelt hatte bezahlen konen. Ich bezahlete aber auch alles redlich mit gewohnlichen Interesse und blieb solchergestalt keinem Menschen einen Scherf schuldig, wesswegen aller Augen in der gantzen Stadt auf mich sahen, mich wieder vor einen grossen Mann achteten, jedoch nicht wusten, wie das Ding zugehen mochte. Herr H.W. hielt sich eine ziemliche Zeit bey mir auf, und wolte gern die Ankunfft meiner Kinder aus Schweden abwarten, denn er und ich zweiffelten nunmehro nicht, dass der Bruder die Schwester auslosen und mitbringen wurde. Wir schrieben auch beyde verschiedene Briefe nach Schweden, allein ich glaube dass dieselben entweder durch unsere Anverwandtin, oder durch Petersons Vorsicht unterschlagen seyn. Endlich sahe sich Herr H.W. seiner eigenen wichtigen Geschaffte wegen genothiget, nachdem ich ihn vor seine Muhe wohl vergnugt, von mir zu reisen und ohngefahr 3 Wochen hernach, kamen mir meine Kinder eines Abends ohnverhofft, da ich mit meinem alten guten Freunde Herrn O. im Schacht spielete plotzlich um den Halss gefallen, woruber ich eine solche jahlinge Freude empfand, dergleichen ich Zeit Lebens gehabt zu haben, mich nicht leicht zu erinnern weiss. Was sonsten das ubrige meiner Geschichten anbelanget, wird ihnen, meine Herren! vielleicht schon guten Theils bekannt seyn, oder ich will selbiges zur andern Zeit erzahlen, weiln uns die eingebrochene Nacht ins Bette weiset.

Hiermit endigte mein Vater den kurtzen Bericht von seinem Lebens-Lauffe, und wir begaben uns insgesammt zur Ruhe, weil wir sehr stille See hatten, so bald wir aber den Tropicum Cancri passirt waren, erhub sich auf einmahl ein solcher gewaltiger SturmWind und Regen, dass wir ingesammt nicht anders glaubten, als in dieser Gegend zu verderben; von Donnern und Blitzen horeten und sahen wir nichts, nur der Sturm-Wind erregte die Wellen dergestalt, dass wir alle Augenblicke vermeynten, von denselben verschlungen zu werden, wie uns denn ausser diesem der grausame Regen die groste Beschwerlichkeit verursachte. Dritten Tages horte es zwar auf zu regnen, allein der Wind sturmete desto scharffer, so, dass man nirgends ruhig stehen oder liegen konte. Unser Frauenzimmer wurde sehr unpasslich, meine Schwester aber recht todtlich kranck, und ob wir gleich derselben die kostbarsten Artzeneyen, nach Anweisung unsers sehr verstandigen Schiffs-Barbiers, eingaben, so wolte doch nichts anschlagen, sondern es wurde am 9ten Tage, da das Sturmen noch immer fort wahrete, so schlimm mit derselben, dass wir an ihrer Aufkunfft zweiffelten. Dahingegen es sich mit den andern Krancken ziemlich besserte. Mein Vater und ich waren dieserwegen aufs auserste betrubt, ihr Brautigam aber, Mons. Schmeltzer, gantz trostloss, so, dass er sich fast nicht zu fassen wuste. Keiner unter allen zeigte bey diesen gefahrlichen und betrubten Umstanden mehr Courage, als Herr Herrmann, ohngeacht dieses seine erste Reise zur See war. Lieben Freunde! sagte er zum offtern, glaubt es nicht, dass wir unglucklich seyn werden, GOtt kennet uns, und seine Gute und Barmhertzigkeit ist viel zu gross, als dass er uns verderben solte; trauet doch derselben nur wenigstens so hertzhafft als ich. Er war auch in diesem Stucke ein guter Prophete, denn meine Schwester wurde nicht allein wieder besser sondern der Sturm legte sich auch, allein, wir sahen uns dergestalt von unserer Fahrt verschlagen, dass die verstandigsten unter uns die Brasilianischen Kusten bemercken konten.

Weil nun unser Schiff eine starcke Ausbesserung von nothen hatte, folgeten alle einmuthig meines Vaters Rathe, die grosse Bay vor St. Salvator zu suchen, um daselbst unser Schiff wieder in vollkommen guten Stand zu setzen, auch selbsten in etwas von der muhseligen Reise auszuruhen, indem er dasiges Orts noch viele gute Bekandte Portugiesen hatte.

Wir fanden dieselbe endlich, und stiegen aus, fanden auch in der Stadt gute Bequemlichkeit, so, dass wir uns alle, und sonderlich unsere Krancken, binnen den 4. Wochen, da unser Schiff ausgebessert wurde, vollig wieder erholen konten. Wir kaufften auch verschiedene Waaren dieses Landes ein, und hatten solchergestalt unser Schiff so voll geladen, dass fast nichts mehr hinein zu bringen war. Endlich begaben wir uns wieder an Boord, und setzten unsere Reise, nach Suden zu, fort, hatten zwar nachhero noch etliche mahl Sturme und Ungewitter auszustehen, allein, es waren selbige eben von solcher Wichtigkeit nicht, unsern ungemein starcken Schiffe Schaden zuzufugen. Einen eintzigen starcken Sturm aber, der uns hatte Furcht und Schrecken einjagen konnen, warteten wir auf einer kleinen unbewohnten Insul ab, bey welcher wir 2. Tage vorher gelandet, um frisches Wasser einzunehmen, auch einiges frisches Wildpret und Vogel zu schiessen, denn ob wir gleich Rind-Schaaf- und allerley Feder-Vieh in ziemlicher Anzahl bey uns hatten, so wolten wir doch lieber unsern Appetite steuren, als davon etwas schlachten, indem diese lebendigen Thiere in Felsenburg ungemein angenehm waren. Gantzer 18. Tage verharrten wir also auf schon gemeldter unbevolckerten Insul, welches eben nicht die fruchtbarste zu seyn schien, doch fand sich viel taugliches Wildpret darauf, nebst Vogeln von verschiedenen Sorten, die sich wohl essen liessen. So bald aber die See wieder stille, und der Himmel klar zu werden begunte, brachen wir unsere Gezelter, die Mons. Horn zum Geschencke vor den Alt-Vater erkaufft, wieder ab, begaben uns auf die fernere Reise, nahmen unterwegs noch 2. mahl bey zweyen wusten Insuln frisches Wasser ein, und passirten endlich den Tropicum Capricorni, allein, da schien es nun Kunst zu kosten, die Insul Gross-Felsenburg wieder zu finden, denn wir kamen einen gantz andern Weg her, als den wir abgefahren waren, und hatten die Insul St. Helena voritzo sehr weit lincker Hand liegen lassen. Endlich da es eines Tages gantz heitere Lufft war, rieff ein BootsKnecht oben aus dem Mast-Korbe herunter: Zwey Insuln gegen Osten, eine grosser als die andere. Ich befand mich eben bey dem Capitain Horn, welcher so gleich vor Freuden in die Hande schlug, und sagte: GOtt Lob! das konnen fast keine andern als die Felsenburgischen seyn; er war aber so neugierig und verwegen, selbst am Maste hinauf zu steigen, nahm auch ein ziemlich gross Perspectiv mit hinauf, kam bald wieder herunter, und sagte: Dem Himmel sey gedanckt, ich habe die Felsen-Spitzen gantz eigentlich sehen und unterscheiden konnen, wir sind zu weit rechter Hand kommen, ich habe aber doch nur in vergangener Nacht ausgemessen und ausgerechnet, dass wir unmoglich weit mehr davon seyn konten. Derowegen befahl er so gleich dem Steuer-Manne, den Lauff des Schiffs gegen Osten zu richten; weil wir aber einen scharffen wiederwartigen Ost-Wind hatten, erreichten wir erstlich von der Zeit, am Abend des 5ten Tages, nehmlich am 4ten Jun. 1730. die Insul klein Felsenburg, allwo, weil sogleich eine sehr finstere Nacht einbrach, Capitain Horn Ancker werffen liess, nachdem wir uns alle zusammen beredet, diese Nacht gantz stille zu seyn, 2. Stunden vor Anbruch des Tages aber das verabredete Zeichen zu geben; denn es daurete uns nicht nur alle Einwohner, sondern vornehmlich den Alt-Vater, wenn er ja noch lebte, um die gantze Nacht-Ruhe zu bringen, und es war leicht zu glauben, dass die wenigsten vor Freuden ein Auge wurden zugethan haben, wenn sie gewust hatten, dass wir so nahe waren.

Es war, wie gesagt, dieses eine ungemein finstere Nacht und gewaltiger Regen, weil es eben hieselbst im Winter war, derowegen legten wir uns einige Stunden zur Ruhe, wiewohl in meine Augen kam kein Schlaff, derowegen stund ich wieder auf, liess mir Caffee zubereiten, rauchte Toback, legte die Uhr vor mich auf den Tisch, und wartete mit sehnlichen Verlangen, biss die Stunde heran kam, da wir das Signal aus unsern Canonen geben wolten. Capitain Horn wurde zur rechten Zeit munter, derowegen liessen wir auch unsere ubrigen Freunde wecken, gaben sodann eine Salve aus 6. Canonen, liessen 12. Raqueten steigen, und wiederholten solches 2. mahl, da denn die Felsenburger alles ihr Geschutz, kurtz hinter einander her, loseten, und an verschiedenen Orten Raqueten steigen liessen, mit welchen Lust-Feuern denn continuirt wurde, biss endlich der helle Tag anbrach. Wie nun schon gestern verabredet worden, dass ich erstlich allein hinuber fahren, dem Alt-Vater den Respect erweisen, und ihm unsere Ankunfft melden, auch erfragen solte, welche Personen auf kleinen Felsenburg etwa zuruck bleiben musten; so war ich gleich im Begriff, ins Boot zu steigen, und mich von etlichen Matrosen hinuber setzen zu lassen, als wir eben drey Gross-Felsenburgische Boote auf uns zu kommen sahen, deren jedes 4. Manns-Personen in sich hatte, und die unser Schiff noch weit von ferne schon vor das rechte erkandt, blieb also noch zuruck. Lebt der Alt-Vater noch? Dieses war der erste Ruff, den ich ihnen durchs Sprach-Rohr entgegen schickte, wesswegen sie mit den Handen klatschten, und ihre Mutzen um die Kopffe schwungen, weil wir den Laut ihrer Stimmen von so weit her noch nicht vernehmen konten. Endlich aber, da sie immer naher und naher kamen, horeten wir die deutlichen Worte: Er lebet noch! Willkommen! Willkommen! Bald hernach gelangeten sie bey unserm Schiffe an, da wir denn, weil sie mich, so wie ich sie alle wohl und bey Nahmen kenneten, einander auf das frolichste bewillkommeten, worauf sie auch den Capitain und den andern neu mit angekommenen Europaern ihre Reverenze machten, sodann ein gutes Fruh-Suck einnahmen.

Weiln ich aber keine Zeit versaumen wolte, gab ich meine Meynung den Felsenburgern zu verstehen, da sich denn gleich die ersten 4. offerirten, mich hinuber zu fuhren, die ubrigen 8. aber blieben bey unsern Schiffe. So bald wir nun dem Eingange gegen uber kamen, nehmlich, wo sonst der Nord-Fluss seinen gewohnlichen Ausfall hat, waren die allermeisten GrossFelsenburgischen Einwohner unten am Fusse des Geburges versammlet, voran aber stunden Herr Wolffgang, der alte Capitain Wadley, Litzberg und die andern Einkommlinge, wir umarmten einander, ohne viel Worte zu machen, da aber der Capitain Wolffgang merckte, dass ich schwerlich vor Abends fertig werden wurde, wenn ich einem jeden anwesenden Befreundten die gebuhrende Hoflichkeit erzeigen wolte, sprach er: Mein Herr! wir alle werden in kunfftigen Tagen Zeit genung haben, euch unsere zartliche Liebe zu erzeigen, und ausfuhrlich von euch die Begebenheiten eurer Reise zu vernehmen, vorietzo aber lasset uns keinen Augenblick versaumen, euch zu dem AltVater zu fuhren, denn ich weiss, dass er vor Verlangen, euch zu sehen, fast verschmachtet. Demnach stiegen wir in dem Felsen-Gewolbe hinauf, und der gantze Zug folgte uns nach biss auf die Albertus-Burg, weil aber der Alt-Vater wegen bisheriger offterer Schwachheit nicht aus seinem Zimmer kommen konte, und dieses zu enge war, eine solche Menge Volcks als mich begleitete, in sich zu fassen, kamen ausser den alten Greissen nur die wenigsten hinein. Der Alt-Vater umarmete und kussete mich und vergoss viel FreudenThranen, wie ich denn ebenfalls in einer guten Weile vor Freuden den Mund nicht aufthun konte. Endlich aber stattete ich meinen Rapport so kurtz, als moglich, ab, gab zu vernehmen, wie ich nebst den allernothigsten Sachen auch noch viele nothige Personen mitgebracht, die allhier zu verbleiben ohnfehlbar Lust bezeigen wurden, meldete aber noch nicht, wer sie waren, vielweniger dass ich meinen Vater und Schwester bey mir hatte. Inzwischen bath ich den Alt-Vater, dass, weil man doch den Capitain Horn nicht so bald konte wieder zuruck seegeln lassen, Ordre zu stellen, wie es mit Verpflegung seiner Leute solte gehalten werden, ob sie hier oder auf klein Felsenburg bleiben solten, und was sonsten etwa zu erinnern ware. Allein der Alt-Vater, der mir lange nicht mehr so frisch und munter, als bey meiner Abreise, vorkam, ubergab alle diese Sorgen seinem altern Sohne Alberto II. und nebst diesem, denen Capitains Wolffgang und Wodley, ich aber solte nicht von seiner Seite kommen, biss ich ihm einen ausfuhrlichen Bericht von der gantzen Reise abgestattet hatte, da aber Herr Wolffgang vorschutzte, wie es absolute nothig sey, dass ich wieder mit hinuber zum Schiffe fuhre, und erstlich den Capitain Horn nebst den andern neuen Europaern mit herein fuhrete, da denn in Beyseyn Horns, der Bericht weit vollkommener abgestattet werden konte, liess er es sich endlich gefallen, dass ich erstlich noch einmahl mit dahin fuhre, wesswegen wir uns nicht lange saumeten, um noch vor Nachts wieder auf dem Schiffe zu seyn.

Unter so vielen Anwesenden vermissete ich fast niemanden so bald, als Herrn Mag. Schmeltzern, erfuhr aber, auf mein Nachfragen, dass er sich seit zweyen Tagen in Roberts-Raum bey einem krancken Manne aufgehalten, und noch daselbst befindlich ware.

Es war schon finstere Nacht, als wir in dem Schiffe anlangeten, und das freundliche Bewillkommen der Bekannten und Unbekannten wahrete gantz lange, die allergroste Freude aber hatte Herr Wolffgang uber die Mitkunfft meines Vaters, meiner Schwester und den Bruder Herrn Mag. Schmeltzers, gab mir auch einen kleinen Verweiss, dass ich solches dem Alt-Vater und ihm verschwiegen hatte, allein, ich entschuldigte mich, dass es darum geschehen, bey personlicher Zusammenkunfft eine desto grossere Freude zu verursachen. Nachhero wurde geheimer Rath gehalten und beschlossen, alle diejenigen Personen, welche nicht auf der grossen Insul bleiben solten, mitlerweile auf der Insul Klein-Felsenburg auszusetzen, weil aber der Capitain Horn befurchtete, dass die drey Officiers, wenn sie mit den Matrosen alleine zuruck gelassen wurden, rebellisch werden, und ihm auf der RuckReise bose Streiche spielen mochten, that er den Vorschlag, dass nur etliche von uns mit dem Schiffe hinuber fahren solten, er selbst aber wolte mit den ubrigen noch einige Tage bey den drey Officiers und Matrosen auf klein Felsenburg verharren, diesen letztern alle ubeln Gedancken benehmen, und ihnen eine gute Meynung beybringen, auch Anstalten machen, dass tuchtige Hutten und Heerde gebauet wurden, damit sich diese Leute bey itziger Winters-Zeit behelffen konten, worbey er denn nicht zweiffelte, dass man sie von Gross-Felsenburg aus, von Zeit zu Zeit mit guten Ess-Waaren und Getrancke versehen wurde. Nach gerade aber konte man so wohl ihn als die andern Europaer, welche in Gross-Felsenburg bleiben solten, immer ein Paar nach dem andern abholen.

Dieser Rath war sehr wohl ausgesonnen, und nur dabey zu bedauren, dass wir den guten Capitain Horn nicht sogleich mit uns nehmen, und dem Alt-Vater vorstellen solten, allein, Herr Wolffgang war selbst der Meynung, dieses Stratagema zu gebrauchen. Mittlerweile berichtete der Capitain Horn, wie der groste Theil von den Matrosen abgewichenes Tages auf den Booten, benebst 2. Felsenburgern bereits nach der kleinen Insul abgefahren, und Schiess-Gewehr, auch so viel Proviant mit sich genommen, dass sie sich wohl etliche Tage behelffen konten. Dieses war schon eine gute Sache, und weil ich dem Capitain Horn anzeigte, wie ich gesonnen ware, jedem Matrosen vor seine bisshero gehabte Muhe 50. spec. Thlr. einem jeden von den 3. Officiers aber 100. Thlr. zu verehren, als liess er so gleich unter die ubrigen, so noch auf dem Schiff waren, ausstreuen, dass wir Morgen alle auf die kleine Insul uberfahren, daselbst eine kurtze Lust haben, und zusehen wolten, wie sich die Matrosen anstellen wurden, weil Eberhard Julius so und so viel Geld unter sie vertheilen, auch viel Wein und Brandtewein, nebst andern Sachen unter sie Preiss geben wolte.

Das war ihnen ein gefunden Fressen, derowegen fuhren sie mit Erlaubniss des Capitains Horn gleich, sobald der Tag anbrach, hinuber auf klein Felsenburg, etliche kamen wieder zuruck, holeten die Wein- und Brandteweins-Fasser, nebst andern Victualien ab, gegen Mittag aber fuhr Capitain Horn nebst einigen mitgekommenen Europaern, auch etlichen Felsenburgern ihnen nach, und wir traffen das gantze Heer der Matrosen auf dem Platze an, welcher auf dem GrundRisse der Insul Klein-Felsenburg (im andern Theile dieser Geschichts-Beschreibung bey pag. 452.) mit dem Buchstaben F. bezeichnet ist, allwo sie im vollen Wercke begriffen waren, Hutten zu bauen, auch schon viele Feuer angemacht, und Wildprets-Braten angesteckt hatten, weil die gestern voraus gegangenen von der Jagd nicht leer zuruck gekommen waren.

Zuerst liess Capitain Horn ein Fass Brandtewein anstecken, und jeglichen eine gute Portion geben, damit sie erstlich Geister bekamen, hernach liess ich meine mit lauter Spanischen Creutz-Thalern angefulleten Sacke herbey bringen, zahlete einem jeden Officier 100. und jedem Matrosen 50. Thaler in die Mutze, danckte ihnen aufs hoflichste vor ihre unterwegs auf der Fahrt erzeigte Treue, Fleiss und Gehorsam, und versprach, woferne sie sich binnen der Zeit, da wir uns allhier aufhielten, fein fromm und Christlich auffuhreten, vor der Abreise, noch uber ihren versprochenen Sold, ein mehreres zu geben.

Da gieng es an ein Hande-Kussen und an ein Jubiliren, ja sie versprachen denjenigen, der unter ihnen am ersten Rebellion oder Handel anstifften wolte, sogleich auf der Stelle mit ihren Messern in tausend Stucken zu zerschneiden. Capitain Horn lachte, und sagte: Kinder, seyd nur fromm, so werdet ihr allhier bessern Gewinst und bessere Tage haben, als ihr gedenckt, auch an guten Essen und Trincken nicht den geringsten Mangel leiden.

Wenn das ist, versetzte einer hierauf, so lasst uns so lange auf dieser Insul bleiben, biss es allhier Sommer wird. Ja! Bruder ja! schryen die andern, wenn der Capitain will.

Daferne ihr, (sprach der Capitain Horn,) wie ich schon gesagt, nur fromm seyn wollet, kan Rath darzu werden, und ihr sollet versichert seyn, dass alles, was euch versprochen worden, redlich wird gehalten werden.

Mir aber, sprach er ferner, werdet ihr doch nicht ubel auslegen, wenn ich dann und wann etliche Tage mich auf jener grossern Insul bey guten Freunden aufhalte, jedoch offters sehe, was ihr macht, das Commando dem altesten Officier uberlasse, und vor eure Verpflegung Sorge trage.

Ihr seyd, antwortete der starckste unter ihnen, der beste Capitain von der Welt, thut, was euch gefallt, verschafft uns nur allhier gut Fressen und Sauffen, und hernach eine gute Fahrt, wobey wir noch was erwerben konnen. Die andern stimmeten diesen bey, und baten sich aus, man solte sie nur allhier auf dieser Insul bey ihrer Lust lassen, Bossheiten wolten sie nicht begehen.

Wohlan! weil ihr so redlich seyd, (redete ich zu ihnen) will ich euch auf instehenden Johannis-Tag vor mein particulier 3. Fass Wein heruber senden, ohne was andere thun werden. He Vivat! rieffen alle, und wurffen die Mutzen in die Hohe.

Hierauf fiengen sie an, Gesundheiten zu trincken, auch die Hande wieder an ihren Hutten-Bau zu legen, wesswegen ich den Capitain Horn ein wenig auf die Seite zohe, und zu ihm sagte: Diese Leute sind von Natur weit raisonnabler, als wir uns eingebildet haben; wer hatte dergleichen Resolution in ihnen suchen sollen? Inzwischen kommt sie recht a propos, und gereicht zu meinem grosten Vergnugen, dass wir sogleich alle zusammen vor den Alt-Vater treten konnen. Horn gab hierauf zur Antwort: Es ist wahr, nun glaube ich dem Satze, dass das Geld, der Wein, u. dann auch vornehmlich die Liebe die grosten Potentaten uber das menschl. Geschlechte sind, denn mit den allergrosten Flatterien hatte ich diese Leute binnen 8. Tagen dahin nicht bringen konnen, (wenn sie gewust hatten, dass es mein ernstlicher Wille ware,) wohin sie sich von freyen Stucken selbst gewendet.

Wir blieben also noch ein wenig bey ihnen, da es uns aber Zeit zu seyn dauchte, ruffte sie Capitain Horn nochmahls zusammen, und sprach: Nun so haltet denn euer Wort, seyd vernunfftig, folget euren 3. Vorgesetzten, macht euch eure Hutten und FeuerHeerde bequem, denn zu Kochen und Braten werdet ihr genung kriegen, sorget vor nichts, und bleibet nur hier in Ruhe, wir aber wollen an Boord gehen, jedoch in wenig Tagen will ich euch wieder besuchen, und horen, wie ihr euch aufgefuhret habt.

Sie waren alle wohl zufrieden, sonderlich wegen der vollen Fasser, begleiteten uns aber doch biss an das Ufer, allwo die Boote stunden, mit welchen die Felsenburger uns mit sammt den Europaern wieder aufs Schiff brachten, weil aber die Nacht vor der Hand war, wolten wir die Ancker nicht so gleich lichten, sondern verspareten solches biss zu anbrechenden Tage, horeten die gantze Nacht hindurch ein gewaltiges Freuden-Geschrey von unsern auf der Insul befindlichen Matrosen, welche sich allem Vermuthen nach das Getrancke ziemlich zu Nutz gemacht hatten, wir gonneten es ihnen aber sehr gern, wunden noch vor anbrechenden Tage die Ancker auf, und gelangeten ohngefahr um 9. Uhr in behoriger Weite vor dem Eingange der Insul an, da wir denn die Ausladung des Schiffs den Felsenburgern uberliessen, bey welchen Capitain Wolffgang und einige bereits eingesessene Europaer blieben, von dem itzt angekommenen aber stiegen folgende Personen durch das Nord-Gewolbe den Felsen hinauf:

1. Mein Vater, Franz Martin Julius.

2. Capitain Horn.

3. Herr Jacob Friedrich Schmeltzer.

5. Herr Johann Friedrich Herrmann.

6. Mons. Richard van Blac.

7. Jungfer Anna Sibylla Krugerin.

8. Jungfer Susanna Dorothea Zornin.

9. Barbara Kuntzin, meiner Schwester Magd.

10. Johann Martin Radler,

11. Christian Gebhard Ollwitz, 2. Buchbinder.

12. Valentin Schubard,

13. Jeremias Rudolph Kindler, 2. Glassmacher.

14. Joh. Hildebrand Breitschuch, ein Seiffensieder.

15. Moritz Engelhart, ein Blechschmidt.

16. Victor Magnus Hollersdorff, ein Mahler.

17. Salomon Friedrich Besterlein, ein Sattler.

18. Carl Heinrich Trotzer, ein Zinn-Giesser.

19. Emanuel Siegfr. Langrogge,

20. Heinrich Gottfr. Hildebrand, 2. vortreffliche

Musici.

Die 9. Sclaven des Capitain Horns musten gleichfals mit auf dem Schiffe bleiben, doch wolte sich Capitain Horn bey dem Alt-Vater ausbitten, dass sie nach volliger Ausladung desselben auf die Insul gelassen, und daselbsten getaufft wurden, weil sie, nach Herrn Schmeltzers und Herrn Herrmanns Versicherung, welche beyde dieselben unterwegs fleissig informirt, die Articul des Christlichen Glaubens sehr wohl inne, auch die groste Lust hatten, sich tauffen zu las

Es waren abermahls fast alle Einwohner der gantzen Insul beysammen, als wir an Land kamen, oben aber auf der Ebene war Herr Mag. Schmeltzer der erste unter den naturalisirten Felsenburgern, welcher uns entgegen kam, und fast vor Freude in Ohnmacht gesuncken ware, als er seinen liebsten Bruder, meinen Vater und meine Schwester erkandte. Jedoch weil meine Beschreibung viel zu weitlaufftig werden wurde, wenn ich alle Reden, die allhier vorfielen, wiederholen wolte, will ich mich nur der Kurtze befleissen, und so viel sagen, dass wir abermahls recht in Procession die Albertus-Burg hinauf stiegen, mitlerweile aber unsere Gefahrten unten in einem grossen Zimmer in etwas zu verweilen gebeten wurden, fuhrete ich die ersten 5. Haupt-Personen erstlich allein zum Alt-Vater hinauf, unter welchen aber dieser niemanden kennete, als den Capitain Horn. Nachdem ich ihm nun gesagt, dass dieser Herrn Mag. Schmeltzers leiblicher Bruder, jener Herr Herrmann, ebenfalls ein Theologus, welche beyden ich in Europa zu Priestern weyhen lassen, das aber mein Vater und diese meine Schwester ware, sass er eine lange Zeit als ein Lebloser, endlich aber erholte er sich wieder, umarmete und kussete uns alle, fragte hernach meinen Vater: Wisset und glaubet ihr auch, dass ich so ein naher Anverwandter von euch bin. Ich habe es, mein Herr Vater! gab mein Vater zur Antwort, aus dem Munde dieses meines eintzigen Sohnes, Eberhard Julii, vernommen, und bin noch itzo unvermogend, die wunderbaren Fuhrungen des Himmels gnungsam zu bewundern. Ich freue mich von Grund der Seelen, versetzte der Alt-Vater, euch alle insgesammt bey mir zu sehen, und dass ihr Zeugen meines vergnugten Wohlstandes seyn konnet, ihr werdet aber vielleicht auch Zeugen meines bald heran nahenden Endes seyn, denn da der Himmel nunmehro mein Bitten und Flehen in allen Stucken erhoret hat, wuste ich mir nichts weiter zu wunschen, als einen baldigen sanfft und seeligen Todt. Wir thaten hieruber sehr klaglich, ich aber sagte: wie dass ich den Himmel bitten wolte, ihn nur wenigstens so alt werden zu lassen, als Don Cyrillo de Valaro auf dieser Insul alt worden ware. Nein, mein Sohn! versetzte er, das wunschet mir nicht, sondern viel lieber eine baldige Auflosung; Don Cyrillo hat viel Arbeit auf dieser Insul gethan, ich werde aber wohl nicht lugen, wenn ich sage, dass ich noch mehr gethan, und weit mehr Kummer und Sorgen ausgestanden habe als er; Derowegen fuhle ich meine Mattigkeit wohl, und mercke, dass ich es nicht mehr lange machen werde, bin auch hertzlich damit zufrieden, indem mir vor meinem Ende alles nach Wunsche ergangen. Hierauf reichte er meinem Vater und meiner Schwester die Hande, und nothigte sie, neben sich zu sitzen, uns andern wurden auch Stuhle gesetzt, mitlerweile aber der Alt-Vater mit meinem Vater von unsern Vor-Eltern eine lange Unterredung gehalten, dieser letztere ihm auch erzahlet, was er von ihnen wuste, und was er noch vor schrifftliche Urkunden, diese und jene Sachen betreffend, mit sich gebracht hatte, waren die Mittags-Stunden bereits vorbey, wesswegen die Mahlzeit aufgetragen wurde, wir 6. Angekommenen speiseten nebst Alberto II. und einigen andern grauen Hauptern an des Alt-Vaters Taffel, Herr Wodley aber, welcher sonsten taglich an des Alt-Vaters Taffel speisete, tractirte voritzo in dem untersten Zimmern die andern neuen Einkommlinge, nebst denen, welche oben nicht Platz bekommen konten.

Unter den grauen Hauptern vermissete ich sonderlich den ehrlichen alten David, sonst Rauking genannt, welcher nur vor wenig Monaten gestorben, und fast 90. Jahr alt worden war, ich bedaurete diesen Mann sehr wegen seiner Erfahrenheit und Aufrichtigkeit. Sonsten waren die Aeltesten, so ich verlassen hatte, noch alle am Leben, in Davids-Raum aber war nunmehro des verstorbenen erstgebohrner 45. jahriger Sohn, Aeltester und Vorsteher worden.

Mein Vater, Schwester und die ubrigen wunderten sich ungemein, wie appetitlich, sauber und ordentlich die Mahlzeit an- und eingerichtet war, ein jeder wurde von einem reinlichen 12. biss 14. jahrigen Knaben bedienet, die Speisen waren sehr wohl, aber doch nicht wie in Europa zuweilen geschicht, so gar leckerhafft, oder wenn ich es recht sagen soll, tantelhafft zugerichtet. Hierbey war ein wohlgebrautes Bier und ein schoner Felsenburger Wein unser Getrancke.

Weil der Alt-Vater mit meinem Vater bestandig im Discurs begriffen war, welchem die andern eiffrig zuhoreten, gerieth ich ohngefahr in tieffe Gedancken, und muss nur gestehen, dass mich der Magnet zu meiner Cordula zohe, welche ich noch nicht gesehen, auch sie noch diesen Tag zu sehen nicht hoffen konte, weil sie ihrer Mutter, und der andern Aussage nach, schon seit vielen Wochen immer krancklich gewesen ware, und sich nicht wohl aus dem Hause wagen durffte. Demnach war mir einiger massen verdrusslich, dass ich aus Respect gegen den Alt-Vater und die Fremden heute nicht zu ihr reisen konte, sonsten hatte lieber Essen und Trincken entbahren wollen. Indem kam Mons. Litzberg ohnvermerckt, stohrete mich in meinen tieffen Gedancken, und vermeynte, er wolle wohl errathen, was mich so tieffsinnig machte. Ich fragte: wie ihm zu Muthe gewesen, da er einsmahls verliebt gewesen ware? Hierauf sagte er: Wartet ein klein wenig, mein Herr, ich muss mich eurer erbarmen, und euch ein Pflaster aufs Hertze holen. Hiermit ging er in ein Neben-Zimmer, und brachte mir meine Cordula heraus gefuhret, ich sprang gleich auf, und konte mich nicht enthalten, sie mit einem Kusse zu bewillkommen, wesswegen ihre blasse Farbe sich in eine Blut-rothe verwandelte. Sie wuste hernach die andern Fremden mit einer ungemein artigen Stellung, meine Schwester aber mit einem heissen Kusse zu bewillkommen, wesswegen mein Vater vor Freuden zu weinen anfieng, und sagte: Wohl gewahlt, mein Sohn, GOtt segne euch beyde. Meine Cordula wurde von den Alten Greisen fast gezwungen, sich an meine Seite zu setzen, ohngeacht wenig Platz vorhanden war, jedoch wir konten vor allzugrosser Freude wenig Worte zu Marckte bringen, ehe wir es uns aber versahen, fieng Monsieur Litzberg mit einigen Felsenburgischen Junggesellen und Knaben, die sich binnen der Zeit sehr starck in der Music geubt und gebessert hatten, im Neben-Zimmer an, ein schones Concert zu spielen, und damit ich nichts vergesse, so hatte dieser redliche Freund, der ungemein viel Liebe gegen mich bezeigte, seinen Hirsch-Wagen angespannet, war damit nach Roberts-Raum gerennet, und hatte mit Bitten nicht abgelassen, biss sich meine Cordula resolviret, in seiner und Harkerts Gesellschafft nach der Albertus-Burg zu fahren.

Wir horeten dieser Instrumental- Music alle mit Vergnugen zu, bald hernach aber veranderte er die Instrumente, und sunge folgende

CANTATA.

Aria.

Willkommen, Hertz-geliebten Freunde!

Willkommen hier in Canaan!

Seyd tausend-tausendmahl willkommen!

Da ihr uns unsern Schmertz benommen;

Der Himmel sey davor gepriesen,

Der euch und uns diss Gluck erwiesen,

Ja, seine Gute hats gethan.

Willkommen, Hertz-geliebten Freunde!

Willkommen hier in Canaan.

Recit.

Bisshero stunden wir

Nur immer alle Morgen

Mit Kummer-vollen Sorgen

Und lauter Seuffzern auf,

Und legten uns des Abends wieder

Mit bangen Hertzen nieder.

Diss Lust-Revier,

So gar der Sonnen-Lauff,

War fast nicht mehr geschickt,

Uns die Vergnuglichkeit zu geben,

So Seele, Geist und Leben

Bissher erquickt.

Blieb einer bey dem andern stehn,

So war das erste Wort:

Wie mag es den Verreis'ten gehn?

Aria.

Weich zuruck, betrubte Zeit!

Denn der Himmel lasst geschehen,

Dass wir nach der Bangigkeit

Uns frohlockend wieder sehen.

Nun ist unser Wunsch erfullt,

Das Verlangen ist gestillt.

Nun verschwindet alles Leyd,

Weich zuruck, betrubte Zeit!

Recit.

Es kommen Hertz und Hertzgen itzt

Aufs neue hochst-vergnugt zusammen,

Wo Amors-Pulver blitz,

Verrathen sich gar bald die Liebes-Flammen;

Doch diese sind von reiner Art,

Weil gleich und gleich

Sich hier zusammen paart.

Der Himmel lasse nun,

Nachdem das Sturmen uberstanden,

Ein jedes Liebes-Schiff vergnugend landen,

Und in dem Haafen sicher ruhn.

Aria.

Es musse das Glucke und lauter Gedeyhen Uns, die wir in Felsenburg wohnen, erfreuen, Es lebe Albertus noch lange vergnugt. Es leben die Freunde, die sonder Betruben Einander von Hertzen recht bruderlich lieben, Und keiner den andern mit Falschheit betrugt. Es wolle des Himmels hochst-gnadiges Walten Die Insul in ruhigem Wesen erhalten, So, wie er's bisshero nach Wunsche gefugt. Es musse das Glucke und lauter Gedeyhen Uns, die wir in Felsenburg wohnen, erfreuen, Es lebe Albertus noch lange vergnugt.

Ob nun schon Mons. Litzberg diese Verse in groster Geschwindigkeit gemacht, und auch selbst in groster Geschwindigkeit componiret hatte, so, dass es eben kein Meister-Stucke zu nennen war, gefielen sie unser aller Ohren, zumahl er selbige mit seiner artigen Tenor-Stimme vorbrachte, auch sich auf einen besondern Instrumente selbst accompagnirte, dennoch dergestalt wohl, dass wir ihn nicht genung zu veneriren wusten, nachdem er aber noch einige andere Arien abgesungen, stunden wir von der Taffel auf, da denn vor allererst die ubrigen Fremden dem Alt-Vater prsentirt wurden, sich mit ihm in ein kurtzes Gesprach einliessen, und darbey meldeten, was sie vor Professiones hatten, auf dieser Insul Nutzen zu stifften.

So bald der Alt-Vater mit allen durch die Banck fertig war, sprach er: Nun glaube ich selbst, dass meine Insul, Monsieur Litzbergs Ausspruche nach, ein vollkommen gelobtes Land werden wird, und es auch bleiben kan, wenn sich nur die Einwohner, mit der Zeit, nicht gleich den Kindern Israel die Lust-Seuche ankommen lassen. Herr Mag. Schmeltzer versetzte hierauf, dass noch zur Zeit nichts ubles von ihnen zu vermuthen ware, indem er seit der Zeit, als er da gewesen, sich angelegen seyn lassen, auch die Gemuther der kleinesten Kinder auszuforschen, doch bey niemanden grobe Laster oder ubermassige Bossheiten angetroffen, der Himmel wurde ferner helffen, dass durch die gute Zucht der Eltern, Schul-Lehrer und Priester, allem besorglichen Ubel gesteuret wurde. Das helffe der Himmel in jeder Familie, sagte hierzu der Alt-Vater.

Nachhero wurden die Neulinge wieder hinunter zum Caffee genothiget, Capitain Horn aber von dem Alt-Vater eben bey diesem Getrancke und einer Pfeiffe Toback ersucht, ihm eine ausfuhrliche Erzahlung von unserer Reise und Verrichtungen zu thun. Wie nun dieser so gleich bereit darzu war, ich aber merckte, dass die Reihe nicht so bald an mich kommen wurde, Horns Erzahlung fortzufuhren, gieng ich inzwischen mit meiner Braut, Schwester, Herrn Schmeltzern und Mons. Litzbergen in das NebenZimmer, truncken eine Kanne Caffee alleine, und hielten unter uns ein besonderes vertrauliches Gesprach.

Mir war auf der Welt nichts angenehmer, als dass meine Cordula und meine Schwester in so kurtzer Zeit einander dergestalt lieb gewonnen hatten, dass sie sich nicht aus den Armen gelassen, und sich nicht satt gekusset, wenn Herr Schmeltzer und ich auf Zureden Mons. Litzbergs nicht Schieds-Manner worden waren, und dergleichen Zinsen der Liebe vor uns selbst eingefodert hatten. Bey dieser Gelegenheit compromittirten Hr. Schmeltzer und ich, dass wir uns mit nachsten, und zwar in einem Tage, copuliren lassen wolten. Bald darauf machte Monsieur Litzberg alle Thuren zu, dampffte sein Instrument, welches fast wie aller Lauten Gross-Mutter, und dennoch nicht recht wie eine Laute aussahe, und machte uns damit eine charmante douce Musique, zumahlen da 2. Knaben Wechsels-weise mit 2. Fleute Traversen sanffte darzu blasen musten. Diese Lust wahrete biss fast gegen Mitternacht, da endlich der Alt-Vater mude wurde, derowegen Bet-Stunde halten liess, worauf sich ein jeder an seinen angewiesenen Ort zur Ruhe legte, Herr Wolffgang aber wolte nicht wieder kommen, sondern war diese Nacht auf dem Schiffe geblieben. Folgenden Tages, da es Donnerstag, und zugleich Kirch-Tag war, gingen wir, nachdem wir den Thee mit dem Alt-Vater getruncken hatten, herunter in die Kirche, der Alt-Vater aber wurde von zweyen starcken Insulanern, in einer wohl gemachten Sanffte sitzend, herunter getragen. Es war aus allen Stammen sehr viel Volck in der Kirche, den neu angekommenen Europaern wurden die besten Stellen angewiesen, Capitain Horn aber, Hr. Schmeltzer, Hr. Herrmann, mein Vater und ich wurden mit auf die Empor-Kirche gefuhret, da der Alt-Vater und ubrigen Stamm-Vater ihre Sitze halten. Ich verwunderte mich sehr, dass nicht allein die Orgel vollkommen fertig, mit vielen Zierrathen von Bildhauer-Arbeit ausgeschmuckt, sondern auch durch Lademannen und seine Lehrlinge uberall in der Kirche die sauberste und kunstlichste Tischer-Arbeit angebracht war, dass also an den auserlichen Zierrathen gar nichts mehr fehlete, als das Mahlen und Vergulden, zu welchem Ende ich denn eine gewaltige Quantitat von allerley Farben, geschlagen Blatgens Gold, Silber und Metall, auch nur fast dieserwegen allein einen eigenen recht kunstlichen Mahler mitgenommen hatte. Herr Mag. Schmeltzer hielt eine vortreffliche Predigt, und hatte zum Texte die 9. Versicul aus dem 107. Psalm, die also lauten: "Dancket dem HErrn, denn er ist freundlich, und seine Gute wahret ewiglich. Saget, die ihr erloset seyd durch den HErrn, die er aus der Noth gerissen hat. Und die er aus den Landern zusammen bracht hat, vom Aufgang, vom Niedergang, von Mitternacht und vom Meer. Die irre giengen in der Wusten und ungebahntem Wege, und funden keine Stadt, da sie wohnen konten. Hungrig und durstig, und ihre Seele verschmachtet. Und sie zum HErrn rieffen in ihrer Noth, und er sie errettete aus ihren Aengsten. Und fuhrete sie einen richtigen Weg, dass sie giengen zur Stadt, dass sie wohnen konten. Die sollen dem HErrn dancken um seine Gute und um seine Wunder, die er an den Menschen-Kindern thut. Dass er sattiget die durstige Seele, und fullet die hungrige Seele mit Gutem." So wohl als dieser Text ausgesucht, so vortrefflich war dessen Explication und Application nicht nur auf uns Einkommlinge, sondern auch auf die eingebohrnen Felsenburger. Ich glaube, ein jeder hatte gern 3. oder mehr Stunden zugehoret, allein, Herr Mag. Schmeltzer hatte sich angewohnet, die Wochen-Predigten nicht uber eine Stunde zu halten. Mein Vater weinete fast die gantze Predigt uber, und sagte mir ins Ohr: Nun mercke ich erstlich, dass ich bissher kein rechter Christe gewesen bin, sondern mein Hertz mehr an die Erde, als an den Himmel gehangen habe. Nach geendigten GOttes-Dienste kam mir van Blac unten an der Treppe entgegen, und sagte: O GOtt! was war das vor eine treffliche Predigt, ich habe mich zwar bisshero zur Reformirten Religion bekennet, muss aber gestehen, dass ich seit langer Zeit selbst nicht gewust, was ich geglaubt habe. Von nun an will ich die Herrn Geistlichen bitten, dass sie mich Lutherisch machen. Der Himmel segne euer gutes Vorhaben, war meine Antwort, denn es ist nichts bessers im Gewissen, als wenn man in seinem Glauben recht gegrundet ist.

Hierauf weil ich angemerckt, dass die Einwohner ihren Kirch-Thurm binnen Zeit meines Abwesens um ein merckliches erhohet, liess ich mir die Lust ankommen, in selbigen hinauf zu steigen, und fand darinnen 4. schone Glocken, deren Thone ungemein wohl mit einander accordirten, sie waren meistens von Silber biss auf die allergroste, die nur bey hohen Festen gelautet wurde. Ferner betraten wir das Orgel-Chor, da ich denn das gantze Werck so wohl gemacht befand, dass mich ungemein daruber verwunderte, denn wegen der Register, war die Disposition folgende:

1. Principal 4. Fuss.

2. Quinta dena

8. Fuss

3. Grob-Gedackt 8. Fuss

4. Spitz-Flote 4. Fuss

5. Klein-Gedackt 4. Fuss

6. Quinta 3. Fuss

7. Octava 2. Fuss

8. Ditonus 13/5. Fuss

9. Sesquialtera 2. fach.

10. Mixtura 3. fach.

11. Trompeta 8. Fuss.

Pedal.

1. Sub-Bass 16. Fuss.

2. Octaven-Bass 8. Fuss

3. Quinten-Bass 6. Fuss

4. Choral-Flote 2. Fuss

5. Posaunen-Bass 16. Fuss.

Das Clavier war von C biss und das Pedal von C biss die 2. Balge aber jeder 9. Schu lang und 5. Schu breit. Es war ein ungemein schones Werckgen, sehr viele Pfeiffen von puren Silber, die ubrigen aber theils von Zinn, Metall oder Holtz, welches mir, da ich es probirte, viel Vergnugen erweckte, auch mir vornahm, selbst offters Organist zu seyn, wiewohl von den Felsenburgern schon 3. Knaben sich binnen der Zeit so starck angegriffen hatten, dass sie nicht allein alle Chorale, sondern auch den General-Bass fertig spielen konten. Hr. Schmeltzer, Hr. Herrmann, und die mitgebrachten 2. Musici machten auch ihre Probe auf der Orgel, und spieleten sehr feyn. Hierauf sagte ich, es solte meine erste Sorge seyn, dass der Altar, Cantzel und Tauff-Stein, so dann aber die Orgel sauber gemahlt und verguldet wurden, worauf wir uns sammtlich wieder auf die Albertus-Burg begaben, indem es Zeit zur Mittags-Mahlzeit war.

So bald dieselbe eingenommen, machten wir uns eine kleine Motion, da mir denn Mons. Litzberg zeigte, wie fleissig die Einwohner gewesen waren, indem sie nicht allein unter der Zeit hinter der Albertus-Burg das grosse Magazin oder Korn-Hauss, wohinein die uberflussigen Fruchte geschuttet wurden, vollig aufsondern auch noch einen grossen Flugel an des AltVaters Wohn-Hauss angebauet hatten, so, dass nunmehro fast noch einmahl so viel Menschen in den reinlich zugerichteten Stuben und Cammern wohnen konten, als vorhero. Die ubrige Zeit des Tages, brachten wir, die Haupt-Personen bey dem Alt-Vater mit Erzahlung alles dessen zu, was sich sowohl auf der Reise als in Europa zugetragen, wie wir unsere Sachen eingerichtet, auch was wir eigentlich vor Waaren eingekaufft und mit anhero gebracht hatten. Da ich ihm denn so wohl als Mons. Horn eine Specification derselben, ingleichen eine Berechnung uber die mitbekommenen Geld-Summen und Kostbarkeiten uberreichte. Das letztere, sagte er, mein Sohn, ist nicht nothig, was ihr nicht habt anlegen konnen, werdet ihr schon an gehorigen Ort und Stelle zu bringen wissen; Wir wollen so genau nicht mit einander rechnen, ich will nur aus Neugierigkeit nachsehen, was ihr uns guts mitgebracht habt. Er bezeugte uber die meisten Sachen, so auf diese Insul noch nicht gekommen, aber doch sehr nutzbar waren, eine besondere Freude; allein, da er auch in der Specification ein paar Paucken, 6. Trompeten und sonsten sehr viel Musicalische Instrumenta antraf, schuttelte er den Kopff, und sagte: Ey, diese Eitelkeiten hatten wir missen konnen; da ich aber zur Antwort gab: dass ich dieselben Hauptsachlich zu GOttes Ehren bey der Kirchen-Music zu gebrauchen, mitgenommen, indem ja David sagte: dass man den HErrn mit Paucken und allerhand Instrumenten loben solte; neigte er sein Haupt, und sprach: Ihr habt wohl gethan, mein Sohn. Unsere ubrigen mitgebrachten Lands-Leute waren inzwischen spaziren gegangen, kamen auch nicht eher als mit dem Abende wieder, da wir denn die Mahlzeit einnahmen, und bald zur Ruhe legten, und folgenden Freytags fruh die kurtze Reise an die See zu Herrn Wolffgangen antraten, welcher noch immer beschafftiget war, die Sachen aus dem Schiffe hinauf bringen zu lassen. Es waren demnach nicht nur unsere mitgebrachten jungen Zucht-Pferde, Stucken Rind- und ander vierfussig Vieh, nebst dem Geflugel bereits, theils nach Albertstheils nach Simons-Raum geschafft, sondern auch schon ziemliche Lasten in die Hohe gewunden worden. Wir hatten kalte Kuche mit genommen, um diesen Mittag am Fusse des Felsens mit Herrn Wolffgangen zu speisen, fanden es aber bey ihm besser, indem er schone Fische absieden, auch zweyerley Fleisch braten und kochen lassen, darneben einen guten Vorrath von Wein und Bier holen lassen, indem er vor Morgen, als Sonnabends-Abends, nicht gesonnen war, nach Hause zu kehren, um Sontags den GottesDienst abzuwarten, Montags aber gleich wieder heraus zu gehen, damit wir auf die folgende Woche wenigstens alles auf der Insul und nichts mehr auf dem Schiffe hatten. Es war eine Lust anzusehen, wie fleissig die Felsenburger arbeiteten, ja sie waren so gefallig, des Capitain Horns Sclaven nicht einmahl zu erlauben, dass sie eine Hand anschlagen durfften, sondern sie solten mit aller Gewalt von der bissherigen Reise ausruhen, und sich was zu Gute thun. Also hiess es hier wohl recht: Viel Hande machen bald der Arbeit Ende. Wir vergnugten uns nebst Herrn Wolffgangen sehr daruber, denn die Sclaven waren in Wahrheit sehr getreue Leute, und hatten unterwegs ungemein gute Dienste gethan. Etwa ein paar Stunden vor Untergang der Sonnen begaben wir uns wieder auf den Ruck-Weg zur Alberts-Burg, allwo wir noch eben zur Abend-Mahlzeit eintraffen, nachhero uns abermahls Mudigkeit wegen zeitig zur Ruhe legten. Des folgenden Tages aber, da der jungere Herr Schmeltzer und Herr Herrmann auf ihre Predigten studiren wolten, indem der erste Morgen Vor- und der andere Nachmittags ihre Probe abzulegen von dem altern Herrn Mag. Schmeltzern erinnert waren, dieser aber selbsten Beichte sitzen muste, nahm ich mit meiner Braut, Schwester, den ubrigen Mitgebrachten und andern guten Freunden einen Spazier-Gang durch den grossen Garten nach dem GOttes-Acker oder BegrabnissPlatze der Felsenburger vor, und besahen daselbst die Gedachtniss-Saulen und Epitaphia. Indem ich nun begierig war zu sehen, was vor Personen seit meiner Abreise verstorben, mich also zu den neuen Grabern machte, und die Epitaphia derselben mit Fleiss betrachte, gehen die andern zu den grossen GedachtnissSaulen, und lesen deren Inscriptiones. Ehe ich michs versahe, entstunde bey des seeligen Carl Franz van Leuvens Gedachtniss-Saule ein kleiner Tumult, wesswegen ich eiligst dahin lief, und sahe, dass Mons. van Blac vor derselbigen stunde, immer in die Hande schlug, und ausrief: O! welch ein Verhangniss! O! welch ein Schicksal! Er repetirte diese Worte mehr als 20. mahl, wesswegen ich, da die andern stille stunden, und nicht wusten, was ihn etwa angefochten hatte, endlich zu ihm trat und sagte: Mein Herr! warum wolt ihr euch diese Sache, die vor so langen Jahren passirt ist, so gar sehr zu Gemuthe ziehen? Es ist zwar eine Geschicht, die einem jeden rechtschaffenen Menschen zum Jammer bewegen kan, allein nunmehro doch nicht zu andern. Ach, Mein Herr! antwortete van Blac, ich sage noch einmahl, O! welch ein Verhangniss, O! welch ein Schicksal! glaubet ihr denn wohl, dass dieser Carl Franz van Leuven, der die Concordia Plurs aus Engelland entfuhrt hat, meiner Mutter ihres Gross-Vaters leiblicher und jungster Bruder gewesen ist? Denn meine Mutter ist eine gebohrne van Leuven gewesen, und ich weiss von des Franzens Historie gar viel, unsere Vorfahren aber haben vermeynet, dass er mit seiner Concordia im Meer ersoffen ware. Ich sahe hierauf den van Blac mit Verwunderungs-vollen Augen an, er aber sprach: Mein Herr! ich will so lange nichts weiter von dieser gantzen Sache melden, biss ich mein Felleisen, so in eine eurer Kisten gepackt ist, vom Schiffe bekomme, dann will ich euch mein Geschlechts-Register und einige dabey aufgezeichnete Geschichte zeigen, so werdet ihr sehen, dass ich nicht luge, weil mir meine Berauber und Mord-Buben doch diesen Schatz nicht haben mit hinweg nehmen konnen. Mein Herr! versetzte ich, zu euren Worten habe ich ein starckes Vertrauen, dasselbe aber wird allerdings noch weit starcker werden, wenn ihr dessfalls einige schrifftliche Urkunden aufzeigen konnet, allein diese Begebenheit ist wurdig, dass wir so gleich zurucke kehren, und selbige dem Alt-Vater erzahlen. Er war damit zufrieden, bath sich al er nur aus, erstlich noch die Schrifften an den andern drey Gedachtniss-Saulen zu lesen, wobey er denn immer in die Hande schlug, und die Worte: O Verhangniss! O Schicksal! wohl 50. mahl wiederholete. Hierauf giengen wir sammtlich zuruck nach des AltVaters Zimmer, bey welchem die Capitains Horn und Wadley allein waren, und denselben mit Gesprachen unterhielten. Ich fuhrete den van Blac an der Hand hinein, und sagte: Liebster Herr und Vater, es hat sich abermahls eine Wunder-Geschicht auf dieser Insul zugetragen, dieser Mann muss ohnstreitig zu unsern Geschlechte gerechnet werden, denn seiner Mutter GrossVater ist ein leiblicher Bruder von dem allhier jammerlich ermordeten Carl Franz van Leuven gewesen, und er sagt, dass er dieserwegen schrifftliche Zeugnisse in seinem Felleisen, welches noch auf dem Schiffe verwahret ist, bey sich habe. Der Alt-Vater schlug die Hande zusammen und sagte: Solte dieses wohl moglich seyn konnen? Ja! gebiethender Herr, sprach van Blac, es ist moglich und wahrhafftig, und wenn ich es nicht vollkommen erweisslich mache, will ich mich zu dieser Insul hinaus staupen, oder gar in die See sturtzen lassen. So strenge Gerichte, versetzte der AltVater, haben wir hier nicht, allein, wie weit konnet ihr euer Geschlecht von mutterlicher Seite herrechnen? So wohl von vaterlicher als mutterlicher Seite uber 300. Jahr, welches ich, wie gesagt, mit alten Schrifften beweisen will. Habt ihr wohl, fragte der AltVater, von einem Anton Florentin von Leuven gehoret? Ja wohl! anwortete van Blac, dieser ist ein beruhmter Obrister in den alten Kriegen unter den Trouppen der vereinigten Niederlander gewesen, es ist ihm aber mit einer Stuck-Kugel der rechte Arm abgeschossen worden, derowegen begiebt er sich nach Antwerpen, um in Ruhe zu leben, und seine Gelder zu verkehren. Er hat 2. Tochter und 4. Sohne gehabt, der erste hat geheissen Anton Florentin, wie der Vater, er ist in einer Schlacht geblieben; der andere, Jan Adrian, der, nachdem er auf einem Kriegs-Schiffe, welches in die Lufft gesprengt worden, kaum sein Leben und nichts mehr errettet, so dann nach Hause gegangen, und ebenfalls die Ruhe gesucht. Dieses ist meiner Mutter Gross-Vater gewesen. Der dritte Sohn, hat, wo mir recht ist, Richard Severin geheissen, ist auch ein grosser Kriegs-Officier gewesen, jedoch endlich so ubel zugerichtet worden, dass er niemahls heyrathen konnen. Der vierte Sohn endlich ist der auf dieser Insul verungluckte Carl Franz gewesen, der vorhero die Concordia Plurs aus Engelland entfuhret hat, deren Geschlecht bis dato daselbst annoch in sehr gutem Stande ist, denn ich habe die Ehre gehabt, mit vielen von ihnen umzugehen, und von eben dieser Historie mit ihnen zu sprechen, kan aber versichern, dass die Vor-Eltern nicht anders geglaubt, als dass Carl Franz, Concordia, ihr mitgereiseter Bruder und alle andern Menschen, sammt dem Schiffe untergegangen waren, weiln nachhero niemand weiter etwas von ihnen erfahren konnen.

Der Alt-Vater reichte dem van Blac die Hand, und sagte: ich habe die groste Ursach, euch in allen volligen Glauben zuzustellen, denn die Nahmen und Umstande haben in so weit ihre Richtigkeit, da ich nun die Asche meines seeligen Vorwirths, Carl Franz van Leuven, annoch in ihrer Grufft verehre, und ihr solchergestalt ein Anverwandter von ihm seyd, will ich euch versichern, dass ihr meinen Befreundten und Abstammlingen gleich gehalten werden sollet, damit ihr aber doch sehen moget, woher ich weiss, dass eure Reden eintreffen, so will ich euch ein Buch zeigen, welches der selige Carl Franz van Leuven mit eigener Hand geschrieben, und worinnen nicht allein sein gantzes Geschlechts-Register, sondern auch viel andere besondere Umstande, und endlich, sein fast biss an seinen Todes-Tag fortgefuhrtes Diarium anzutreffen ist. Hiermit offnete der Alt-Vater seinen BucherSchranck, und langete ein geschriebenes Buch heraus, blatterte erstlich ein wenig darinnen herum, und sagte endlich: Ja, es ist wahr, die Nahmen treffen zu, jedoch die Nahmen der beyden Schwestern habt ihr nicht gemeldet, ich will sie euch sagen: Die erste hat geheissen: Antonia Salome, die andere aber Esther Benigna. Ich glaube, dass es so seyn wird, mein Herr, replicirte van Blac, allein, ich kan aus dem Kopffe nicht alles so ordentlich hersagen, sondern muss erstlich meine Schrifften darzu nehmen. Auf dieses uberreichte ihm der Alt-Vater das Buch, und sagte: Da sehet ihr die eigene Handschrifft des jungsten Bruders eures Gross-Gross-Vaters, woruber van Blac sich theils erfreuete, theils betrubete, etliche Seiten darinnen uberlase, und es bald wieder zuruck gab, sich aber ausbath, ihm zu erlauben, selbiges gantz durch zu lesen, wenn er erstlich seine alten Urkunden dabey legen konte. Der Alt-Vater versprach, ihm solches zu erlauben, doch wurde er sich so dann auch gefallen lassen, ihm seine vaterlichen und selbst eigenen Geschichten zu erzehlen, welches denn van Blac gantz willig und offenhertzig zu thun angelobte.

Unter diesen Gesprachen war der Abend heran geruckt, Herr Wolffgang kam vom Schiffe zurucke, und berichtete, dass diesen Tag abermahls ziemliche Lasten herauf gebracht waren, so, dass nicht zu zweiffeln, es wurde vor Ende der zukunfftigen Woche alles gut auf der Insul stehen. Die ubrigen stelleten sich auch ein, derowegen wurde bald nach der AbendMahlzeit Betstunde gehalten, und wir legten uns sogleich zur Ruhe, um morgenden Sonntag den GottesDienst desto munterer abzuwarten.

Nachdem nun abermahls die Nacht dem Tage gewichen, wurden die Einwohner der Insul durch einen Canonen-Schuss von dem Albertus-Hugel aufgeweckt, und ihnen hiermit das Zeichen gegeben, dass sie sich bald auf den Kirch-Weg begeben solten, hierauf wurde um 7. Uhr mit der 2ten grossen Glocke, um halb 8. Uhr, abermahls mit derselben, und sobald der Seiger auf der Albertus-Burg 8. schlug, mit 3en Glokken eingelautet. Die gantze Einrichtung des GottesDienstes kam mit derjenigen uberein, welche die Evangelische Lutherischen zu observiren pflegen, wie denn auch vor und nach der Predigt musiciret wurde. Die Predigt legte schon gedachtermassen, Herr Schmeltzer jun. ungemein geschickt und erbaulich ab, seine Proposition bestund in den zweyen Worten: Himmel und Holle; denn es war eben der I. post Trinitatis, und also das Evangelium: vom reichen Manne etc. er wuste die Holle dergestalt erschrocklich, hergegen den Himmel so lieblich vorzubilden, auch zu zeigen, wie man den Weg zum Himmel finden, den Hollen-Weg aber vermeiden konne, dass ihn jederman mit der grosten Attention zuhorete, zumahlen da er eine angenehme und fast noch starckere Aussprache hatte, als sein alterer Herr Bruder. Nachmittags that Herr Herrmann eine nicht weniger schone Predigt uber die ordentliche Sonntags-Epistel, und stellete vor: Die gluckselige Vereinigung mit GOtt, durch das Band der Liebe. Es war dieses in Wahrheit auch ein recht beliebter Prediger, der sehr schone Studia, eine etwas schwache, aber desto lieblichere Aussprache hatte, derowegen schatzten wir uns alle recht glucklich, 3. solche wackere und ansehnliche Seelsorger zu haben.

Nach der Kirche liess Herr Mag. Schmeltzer, welcher dieserwegen schon mit dem Alt-Vater Abrede genommen hatte, die Aeltesten und Vorsteher der Gemeinden bitten, mit auf die Albertus-Burg zu kommen, weil man ihnen etwas besonders vorzutragen hatte; Da nun diese Folge leisteten, eroffnete ihnen Herr Mag. Schmeltzer, wie auf kunfftigen 25ten Tag dieses Monahts, nehmlich den Tag nach Johannis, in Europa von allen Evangelisch-Lutherischen Glaubens-Bekennern ein besonderes hohes Fest oder Jubilum celebrirt werden wurde, weil eben an demselben Tage vor nunmehro 200. Jahren, das Evangelische Lutherische Glaubens-Bekanntniss dem Romischen Kayser Carolo V. zu Augspurg ubergeben, mithin der Grund gelegt worden, dass die reine Lehre, welche von einigen seit undencklichen Zeiten her mit vielen Irrthumern vermischt gewesen, wieder an theils Orten in Europa frey und offentlich, nach Anweisung des Gottlichen Worts, gepredigt werden durffen, auch den gemeinsten Leuten wieder erlaubt worden, die heilige Bibel zu lesen, welches bisshero verbothen gewesen, etc. etc.

Demnach schiene nicht nur sehr nutzlich, sondern auch unsere Schuld und Pflicht zu seyn, dass wir Felsenburger uns der Freude und Vergnugens uber die besondere Gnade GOttes, so er auch uns durch seinen auserwehlten Rust-Zeug, den seel. Lutherum erwiesen, theilhafftig machen, GOtt zu Ehren und zum Heyl unserer Seelen den 25. 26. und 27ten Junii, als 3. hohe Fest-Tage, so wir Weyhnachten, Ostern und Pfingsten, mithin dieses Jubilum auf die Art celebrirten, wie es, besage der Kirchen-Historie, die Evangelisch-Lutherischen vor 100. Jahren in Europa celebrirt hatten.

Die Vorsteher der Gemeinden horeten diesen Vortrag mit grosten Vergnugen an, und versprachen alles, was von ihnen erfordert wurde, schleunigst zu veranstalten, man solte nur so gutig seyn, und ihnen schrifftliche Verordnungen geben, damit sich die Stamme, einer wie der andere, darnach richten konten. Herr Mag. Schmeltzer versprach, solche Verordnung folgenden Dienstags Vormittags einem jeden Vorsteher schrifftlich zuzuschicken, ermahnete anbey, dass sich die Einwohner fleissig in den Donnerstagigen Wochen-Predigten einstellen mochten, weil ihnen in selbigen die gantze Reformations-Historie vorgelesen und erklaret werden solte. Hierauf begab sich ein jeder wohl vergnugt an seinen behorigen Ort.

Folgenden Montags wurde ein Boot zugerichtet, auf welchen nicht allein viel Brod, Bier, Wein, Wildpret, Ziegen-Fleisch, nebst noch anderen Victualien, sondern auch viel weisses Zeug nebst andern Kleidungs-Stucken und Gerathe, nach Klein-Felsenburg zu Verpflegung der Matrosen hinuber gefuhret wurde, es fuhr auch Herr Herrmann nebst etlichen, schon vor einigen Jahren naturalisirten Europaern mit hinuber, welche letztern nur dieses Schiffs-Volck zu sehen, Herr Herrmann aber desswegen hinuber fuhr, ihnen eine Predigt zu halten, und etliche geistliche Lieder vorzusingen. Capitain Horn reisete gleichfals mit, um zu erfahren, wie sie sich bisshero aufgefuhret hatten. Ich nebst dem Capitain Wadley war inzwischen beschafftiget, Anstalten zu machen, dass unsere bereits auf der Insul befindlichen Sachen, mit RollWagens auf die Albertus-Burg geschafft wurden, als worzu sich denn nicht allein die Affen, zahm gemachten Hirsche und Pferde, sondern auch die Menschen gebrauchen liessen.

Mittwochs, Nachmittags, kam Capitain Horn auf dem Boote nebst allen mitgeseegelten glucklich zuruck, und berichtete, dass sich die Matrosen, der Officiers Rapport nach, sehr vernunfftig aufgefuhret, die Zeit mit Jagen und anderer Hand-Arbeit, zuweilen auch mit allerley Lust-Spielen zugebracht, jedoch nicht den geringsten Streit erregt hatten. Bey Hn. Herrmanns Predigt, Beten und Singen, waren sie sehr andachtig gewesen, auch hatten einige EvangelischLutherische unter ihnen verlangt, dass ihnen doch mit nachsten das Heil. Abendmahl gereicht werden mochte. Ubrigens ware keiner unter ihnen gewesen, welcher einiges Missvergnugen daruber bezeigt, dass man sie nicht mit auf die grosse Insul genommen. Wir waren hieruber sehr vergnugt, merckten aber wohl, dass dieses lauter Fruchte waren von Capitain Horns kluger Conduite; denn er war wurcklich ein Mann, der die Schifffahrt wohl verstunde, und sich zu einem Commandeur am allerbesten schickte, indem er ungemein gutig, wohlthatig und leutselig war, aber doch, wenn es die Noth erforderte, seine Autoritat gewaltig zeigte, dieselbe zwar nicht missbrauchte, seinen Respect indessen niemahls vergab.

Donnerstags, den 15. Junii, fanden sich fast alle auf der Insul wohnende Menschen in Herrn Mag. Schmeltzers Wochen-Predigt ein, ja es wurde auch so gar des Capitain Horns 9. Sclaven erlaubt, das Schiff zu verlassen, und dem GOttes-Dienste mit beyzuwohnen, welche sich denn sehr aufmercksam bezeigten. Herr Mag. Schmeltzer trug erstlich vor, dass wir den Tag nach Johannis-Tage, 3. Tage nach einander, ein besonderes hohes Fest feyern wolten, meldete hierauf kurtzlich: aus was vor Ursachen, und zu was vor Nutzen; nachhero fieng er an, den ersten Absatz der Evangelisch-Lutherischen Reformations-Historie zu verlesen, und erklarete denselben dergestalt, dass es auch das kleineste Kind fast hatte begreiffen konnen, ob nun gleich diese Predigt uber 3. Stunden lang wahrete, so liess doch fast jede Person an ihren Gebarden spuren, dass sie wohl noch 3. Stunden zugehoret hatte.

Nachhero ging ein jedes wieder an seine Arbeit, Capitain Horn wurde gebeten, dem Alt-Vater die Zeit zu passiren, Wadley aber und ich begaben uns mit Mons. Kramern nach Alberts-Raum, nahmen erstlich die Mittags-Mahlzeit bey ihm ein, und besorgten hernach die weitere Fortschaffung unserer Sachen nach der Alberts-Burg, nahmen folgende Nachte unser Quartier bey demselben, und brachten Sonnabends Abends, bey eingetretener Nacht, auch die schlechtesten und geringsten Sachen an ihren gehorigen Ort und Stelle. Am 2ten Sonntage post Trin. predigte Vormittags Hr. Mag. Schmeltzer uber das ordentliche Evangelium, Nachmittags verlass Hr. Schmeltzer jun. den andern Absatz von der Reformations-Historie, und erklarete denselben so deutlich, als sein Hr. Bruder vorigen Donnerstag gethan.

Folgende Werckel-Tage brachten wir mit Auspakkung unserer nothbedurfftigsten Sachen zu, die Herrn Geistlichen und andere aber besorgten ein jeder das Seine.

Donnerstags verlass Hr. Herrmann den dritten Absatz von der Reformations-Historie, und folgte in der Art, dieselbe zu erklaren, seinen Vorgangern. Diesen Tag, nach vollbrachtem Gottes-Dienste, und denn den folgenden, wendeten wir gleichfalls zum Auspacken unserer nothigsten Sachen an, der Sonnabend aber wurde darzu angewendet, sich auf das Johannis-Fest und Jubilum zu prpariren, wie denn auch Nachmittags ein Collegium Musicum auf dem grossen Saale des Hinter-Gebaudes angestellet wurde, um die Kirchen-Stucke zu probiren, worzu die Herren Geistlichen die Texte gemacht, theils Hr. Mag. Schmeltzer, theils Mons. Litzberg, theils aber einer von unsern neuen mitgebrachten Musicis, dieselben componiret hatten.

Am St. Johannis-Tage predigte Hr. Schmeltzer jun. Vormittags uber das Fest-Evangelium, und Nachmittags verlass Herr Herrmann den 4ten und letzten Theil der Reformations-Historie, erklarete dieselbe, und schloss mit der Vermahnung, dieses seltsame Fest, welches die allermeisten unter uns, wohl nicht wieder erleben wurden, nicht mit gleichgultigen Augen anzusehen, sondern dessen Ursach und Nutzen wohl zu Hertzen zu fassen.

Nach verrichteten Gottes-Dienst hielt Herr Mag. Schmeltzer abermahls Conferenz bey dem Alt-Vater mit den Vorstehern der Gemeinden, und erfuhr von ihnen, dass nach seiner Vorschrifft alles nach Vermogen eingerichtet ware, weilen aber wegen der jungen mitkommenden Kinder, die nicht so hurtig gehen konten, auch anderer Ursachen wegen, schon vorhero beschlossen worden, den ersten Jubel-Tag nur einmahl Kirche zu halten, als wurde ihnen angesagt, nicht ehe aus ihren Hausern nach der Kirche zu gehen, als wenn die Canonen zum andern mahle abgefeuert wurden. Hiernach versprachen sie sich zu richten, reiseten eiligst nach ihren Wohnungen, und wir hielten uns gleichfalls nicht lange auf, sondern suchten mit einbrechender Nacht unsere Ruhe-Stellen.

So bald der Himmel zu grauen anfing, stund ich auf, kleidete mich an, sahe erstlich nach dem AltVater, und da ich merckte, dass derselbe schon aufgewacht war, sagte ich: Lieber Vater! wo es euch gefallig, will ich, da es nunmehro Tag wird, das erste Signal mit den Canonen geben lassen. Ja! mein Sohn, gab er zur Antwort, thuet es, denn ich kan ohnedem nicht mehr schlaffen, werde aber doch noch ein paar Stundgen liegen bleiben, besorget nur inzwischen alles wohl. Ich kussete ihn, gieng hierauf fort, und fand die Bestellten schon in Parade stehen, mit welchen ich hinging, und die, dieses Fests wegen, auf die Albertus-Burg gepflantzten 18. Canonen zum ersten mahle abfeurete. Mittlerweile hatten sich unsere 2. neu mitgebrachten Musicanten, nebst Mons. Litzbergen, Harckerten und Matthus Pur, welchen Capitain Horn schon vormahls als Kupfferschmidt auf diese Insul gebracht, oben auf den Seiger-Thurm geschlichen, und fingen mit Trompeten und Paucken gewaltig an zu lermen, welches, weil es mir selbst unverhofft kam, mich um so viel desto mehr entzuckte, es schlug aber der Kupfferschmidt Pur die Paucken vortrefflich gut, denn er hatte diese Kunst so gar nach Noten gelernet, die 4. erstgemeldten aber bliesen die Trompeten auch sehr wohl, ohngeacht Litzberg und Harckert lange nicht im Exercitio gewesen waren.

Etwa eine Stunde darnach liess ich die Canonen zum andern mahle abfeuern, worauf sich denn wiederum Trompeten und Paucken binnen einer Stunde 3. mahl horen liessen. Endlich da wir sahen, dass die Einwohner von allen Strassen her, immer naher und naher angezogen kamen, wurden die Stucke zum dritten mahle geloset; Trompeten und Paucken liessen sich wieder horen, biss sich alles Volck vor der Albertus-Burg versammlet hatte, da denn endlich die Melodey des Chorals: Es woll uns GOtt genadig seyn etc. etc. als welcher unsers Alt-Vaters taglicher Gesang war, 3. mahl mit Zincken und Posaunen abgeblasen, nachhero mit allen Glocken zu lauten angefangen, und damit eine gantze Stunde lang continuirt wurde. Binnen der Zeit war alles in Ordnung gebracht, und der Zug von der Albertus-Burg also eingerichtet: Erstlich giengen die Kinder von 3. 4. biss 14. Jahren, alle uber ihre ordentliche Kleidung mit weissen Hembden, die fast biss auf die Erde reichten, angethan, grune Crantze auf den Hauptern, und grune Zweige in den Handen habend, voran; sie waren von ihren Schulmeisters nicht nur in Ordnung gestellet, sondern wurden auch darinnen erhalten; hernach folgten die Jungfrauen mit Crantzen, ebenfalls in weissen Habit; auf diese die 3. Herren Geistlichen, denen der Alt-Vater in der Sanffte nachgetragen wurde. Hinter derselben her, giengen erstlich die sammtlichen Felsenburgischen Jung-Gesellen, alle in rother Kleidung, diesen folgten die Weiber und Wittben, alle schwartz gekleidet, hernach kamen die sammtlichen Europaischen Einkommlinge; und den gantzen Zug beschlossen die Felsenburgischen Manner, in solcher Ordnung, dass jede Familie von ihrem Aeltesten oder Vorsteher, der voran gieng, gefuhret wurde.

Im Heruntergehen wurden die Lieder gesungen: Nun freut euch lieben Christen gemein, etc. etc. Es ist das Heil uns kommen her, etc. etc. Wie schon leucht uns der Morgen-Stern, etc. etc. Nun lob, mein Seel, den HErren, etc. etc. So bald sich alle Personen in der Kirche befanden, und das letzte Lied ausgesungen war, wurde auch zu lauten aufgehoret, und der GOttes-Dienst mit dem Liede: Komm Heiliger Geist, erfull etc. etc. angefangen, hierauf intonirte Hr. Mag. Schmeltzer vor dem Altare: Gelobet sey die Heil. Dreyfaltigkeit. Worauf unter Trompeten und Paucken-Schall von dem Orgel-Chor geantwortet wurde: Und unzertrennte Einigkeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen! Und unter der Zeit wurden auch auf der Albertus-Burg 6. Canonen abgefeuert, nachdem aber Herr Mag. Schmeltzer das Gebet: HErr GOtt himmlischer Vater, von dem wir ohn Unterlass allerley Guts etc. etc. abgesungen, wurde der Choral: Allein GOtt in der Hoh sey Ehr etc. angestimmet. Hierauf an statt der Epistel das 41te Capitel aus dem Propheten Jesaia verlesen, so dann das Lied gesungen: O HErre GOtt, dein gottlich Wort etc. an statt des Evangelii der 122. Psalm Davids verlesen, und hernach folgende Cantata musiciret:

* *

*

Recit.

Soprano solo.

Aus meines Hertzens-Grunde

Sag' ich dir Lob und Danck,

Jedoch allgegenwartig bist,

Und vor des Satans Trug und List

Die dir ergeb'nen Seelen schutzest.

Es sagt die Felsenburger-Schaar,

Die sonst ein kleines Haufflein war,

Aus einem Munde

Und mit vereinten Hertzen,

Jetzt und ihr Lebenlang

Dir, grosser GOtt,

Und starcker Zebaoth,

Vor deine Gute Lob und Danck.

Concert.

Psalm. 147. v. 12. seq.

Preise, Jerusalem, den HErrn, lobe Zion deinen GOtt, denn er macht veste die Riegel deiner Thore, und segnet deine Kinder drinnen.

Er schaffet deinen Grantzen Friede, und sattiget dich mit dem besten Weitzen. Er sendet seine Rede auf Erden, sein Wort laufft schnelle.

Choral.

Tenore.

Lob und Danck sey dir gesungen,

Vater der Barmhertzigkeit,

Dass mir ist mein Werck gelungen,

Dass du mich vor allem Leyd

Und fur Sunden mancher Art

So getreulich hast bewahrt,

Auch die Feind' hinweg getrieben,

Dass ich unbeschadigt blieben.

* *

*

Keine Klugheit kan ausrechnen

Deine Gut und Wunderthat,

Ja kein Redner kan aussprechen,

Was dein Hand bewiesen hat,

Deiner Wohlthat ist zu viel,

Sie hat weder Maass noch Ziel,

Ja du hast mich so gefuhret,

Dass kein Unfall mich beruhret.

Recit.

Alto solo.

Ja wohl ist niemand so geschickt,

Die Gnaden-Zeichen allzumahl,

So GOtt von Kindes-Beinen an

Bey uns gethan,

Diss heist die ungezahlte Zahl,

Und wird es immer bleiben,

Biss uns nach dieser Zeit

Des Allerhochsten Gutigkeit

Ins ew'ge Leben ruckt.

Inzwischen mussen wir bekennen:

Wie dass die groste Wohlthat sey:

Dass wir sein heilig Wort

Und Luthers reine Lehren

Von nun an fort und fort

Auf dieser Insul konnen horen;

Und uns dabey

Auch GOttes Kinder durffen nennen.

Concert.

Psalm. 119. v. 105.

Dein Wort ist meines Fusses Leuchte, und ein Licht auf meinem Wege.

Choral.

Sopran.

Mein'n Fussen ist dein heiligs Wort ein brennende Lucerne, ein Licht, das mir den Weg weis't fort, so dieser Morgen-Sterne in uns aufgeht, so bald versteht der Mensch die hohen Gaben, die GOttes Geist den'n g'wiss verheist, die Hoffnung darein haben.

Recit.

Basso solo.

GOttes Wort und Luthers Lehr

Vergehet nun und nimmermehr;

Wird gleich der Himmel mit der Erden

In nichts verwandelt werden,

Bleibt jenes beydes dennoch veste stehn,

Und kan niemahls zu Grunde gehn;

Drum wollen wir

Nur fur und fur

Den Hochsten lassen walten,

Und uns allstets an diese Felsen halten.

Concert.

Psalm. 31. v. 3.

Sey mir ein starcker Felss und eine Burg, dass du mir helffest; denn du bist mein Felss und meine Burg; und um deines Nahmens willen wollest du mich leiten und fuhren.

Choral.

Alto.

Du bist mein Starck, mein Felss, mein Hort, mein Schild, mein Krafft, sagt mir dein Wort, mein Hulff, mein Heil, mein Leben, mein starcker GOtt in aller Noth, wer mag dir wiederstreben.

Tutti.

Glori, Lob, Ehr und Herrlichkeit

Sey dir GOtt Vat'r und Sohn bereit, etc. etc.

Sowohl uns dieser von Herrn Mag. Schmeltzern gemachte Text gefiel, so angenehm fiel auch dessen Composition, die unser Musicus, Mons. Langrogge, uber sich genommen hatte, in die Ohren. Die ersten 2. Zeilen des ersten Recitativs, welches ein reiner Discantiste sunge, ihm nicht einmahl mit der Orgel, sondern nur mit einer sanfft geblasenen Trompete accompagnirt wurde, hatten der Gemeine fast die Meynung beygebracht, als ob dieses Morgen-Lied gantz ausgesungen werden solte, allein, gleich bey der 3ten Zeile, fiel so gleich die Orgel mit ein, und wurde das Recitativ nach seiner Art abgesungen, im ubrigen war die Abwechselung der Stimmen und Instrumenten dergestalt wohl in Acht genommen, dass, wie gesagt, dergleichen Stuck in dieser Kirche noch nicht gehoret worden. Nach geendigter Music und gesungenen Choral: Wir glauben all an einen GOtt, etc. predigte Herr Mag. Schmeltzer uber den 122. Psalm Davids, und stellete daraus vor: Die GOtt wohlgefallige Jubel-Freude. Verglich unser Felsenburg mit der Stadt Jerusalem und dem Berge Zion, auf eine ungemein erbauliche Art. Am Ende der Predigt aber gab er der Gemeinde zu vernehmen, wie, bald itzo nach der Predigt, sein leiblicher Bruder, Herr Jacob Friedrich Schmeltzer und Herr Johann Friedrich Herrman, ihnen, so wohl als er, zu Priestern und, Beicht-Vatern vorgestellet werden solten, derowegen mochten sich in Zukunfft, des Alt-Vaters beliebter Ordnung gemass, die auf der Albertus-Burg befindlichen, ingleichen die Alberts-Johannis- und Christophs-Raumer, bey ihm, Hn. Mag. Schmeltzern; die Simons-Christians- und Roberts-Raumer, bey Herrn Schmeltzern jun. die Jacobs-Stephans- und Davids-Raumer aber bey Herrn Herrmannen im Beicht-Stuhle einfinden, auch sich sonsten, ihrer Sorge in geistlichen Dingen anvertrauen. Wiewohl dieserwegen niemanden ein Zwang auferlegt, sondern jedem erlaubt ware, sich so wohl an einen als an den andern Priester zu addressiren.

Nachdem also die Predigt beschlossen, und nochmahls eine Cantata musicirt war, giengen die drey Priesters vor dem Altar, Herr Mag. Schmeltzer blieb auf der Obersten Stuffe, die beyden jungern aber eine Stuffe tieffer stehen, der Alt-Vater und die Vorsteher der Gemeinden rangirten sich zu beyden Seiten des Altars. Herr Mag. Schmeltzer hielt erstlich eine Rede, die ohngefahr eine halbe Stunde wahrete, worinnen er von der Pflicht der Priester gegen ihre Zuhorer, und dann auch von der Pflicht der Zuhorer oder anvertrauten Seelen gegen ihre Priester, sehr beweglich handelte, stellete nachhero diese seine geliebten Mit-Arbeiter am Wort, der gantzen Felsenburgischen Gemeine vor, segnete sie ein, beschloss mit einem schonen Gebete und Wunsche vor beyde Theile, intonirte hernach den Lob Gesang: HErr GOtt, dich loben wir, etc. etc. Hierauf wurde vom Orgel-Chore unter Trompeten und Paucken-Schalle, ingleichen von der gantzen Gemeine, derselbe biss zu Ende gesungen, und auch unter der Zeit, das auf der Alberts-Burg stehende schwere Geschutz nach gegebenem Zeichen vier mahl abgefeuert. Nach gesprochenem Segen und angestimmten Liede: Nun dancket alle GOtt, etc. etc. also, nach geendigtem Gottes-Dienste, wurden die Canonen nochmahls binnen einer Stunde dreymahl geloset, auch eine gantze Stunde lang gelautet, und der Choral: Von GOtt will ich nicht lassen etc. etc. vom Thurme geblasen, worauf denn alle gegenwartige Felsenburger in verschiedenen Zimmern der AlbertusBurg kostlich tractiret wurden, gegen Abend aber alle, bis auf etliche alte Greise, wieder in ihre Wohnung kehreten. Folgende zwey Tage wurden nicht weniger so andachtig als frolich zugebracht, Herr Mag. Schmeltzer aber wegen seiner vielen gehabten Sorgen und Bemuhungen, in Anordnung dieser gantzen Fest-Ceremonien, mit Predigen verschonet, indem Herr Schmeltzer jun. die Vor- und Herr Herrmann die Nachmittags-Predigten verrichteten.

Der darauf folgende 28. Jun. wurde von den sammtlichen Einwohnern mit allerhand erlaubten Lustbarkeiten zugebracht, und keine als die hochstnothigsten Arbeiten darane gethan; Donnerstags aber fuhr Herr Schmeltzer jun. mit etlichen Europaern und Felsenburgern hinuber auf die kleine Insul, hatte daselbst den Matrosen eine Beth-Stunde und Predigt gehalten, einigen Evangelisch-Lutherischen das Heilige Abendmahl gereicht, und sonst alles in guter Ordnung gefunden, doch hatten sie sehr Verwunderungs-voll gefragt, was denn binnen drey Tagen das offtere Canoniren zu bedeuten gehabt hatte, worauf sie die Antwort bekommen, dass es keine Gefahr zu bedeuten gehabt, sondern es ware ein besonderes Fest auf der Insul gefeyert worden. Ubrigens, nachdem sie zu verstehen gegeben, wie sie daselbst mit einander gantz vergnugt lebten, auch noch wohl auf 3. Wochen Proviant, Bier und Wein genug hatten, waren unsere Leute wieder abgefahren, und kamen noch vor Abends wieder zu uns.

Nachstfolgenden Sonntag gieng abermahls ein besonderer Actus in unserer Kirche vor, denn nachdem des Capitain Horns 9. Sclaven von Herrn Mag. Schmeltzern Tags vorhero examinirt und in allen Glaubens-Articuln wohl unterrichtet befunden worden, so wurden dieselben gleich nach der Predigt erstlich von ihm getaufft, wobey die 9. Felsenburgischen Vorsteher, 9. von uns Europaern und 9. Felsenburgische Jungfrauen zu Gevattern stunden. Nach der Tauffe wurde ihnen von Herrn Schmeltzern jun. und Herrn Herrmannen das Heilige Abendmahl gereicht, nachdem je 3. und 3. bey einem jeden Priester gebeichtet hatten. Der Alt-Vater liess sie hierauf in einem besondern Zimmer mit den besten Speisen versorgen, nachhero in sein Zimmer ruffen, und durch mich einem jeden 100. Spanische Creutz-Thaler zum Pathen-Geschencke auszahlen. Capitain Horn schenckte ihnen die Freyheit, und sagte, dass sie von nun an nicht mehr Sclaven seyn und heissen, jedoch so lange bey ihm bleiben solten, biss er wieder in Europa angelanget ware, da sich denn ein jeder nach seinem Belieben hinwenden konte, wohin er wolte, mitlerweile solten sie auch von ihm den monatlichen Matrosen-Lohn zu gewarten haben. Merckwurdig war dieses bey ihrer Tauffe, dass ein jeglicher Christian genennet wurde, jedoch noch einen Vornahmen darzu bekam, mit welchen man sie im Zuruffen oder Gesprachen unterscheiden konte, der Zu-Nahme aber, war einem jeden, sich selbst zu erwahlen, uberlassen.

Sie bezeigten sich einer wie der andere ungemein erfreuet, dass sie sich nunmehro unter die Christen rechnen konten, lasen auch bey mussigen Stunden bestandig in den ihnen geschenckten Bibeln, Gesangund Gebet-Buchern, wesswegen sie denn auch der AltVater nicht von uns kommen lassen, sondern im Christenthume noch immer mehr gestarckt wissen wolte, biss zu Capitain Horns Abreise.

Bey dieser Gelegenheit fallt mir Talli ein, welche Ao. 1728. am 17. Sonntage p. Trin. auch auf dieser Insul getaufft, und gleich diesen ihren Lands-Leuten aus dem Heyden-ins Christenthum gefuhret wurde; es hatte aber dieselbe unter der Zeit unsers Abwesens einen feinen Mann aus dem Simonischen Geschlechte bekommen, jedoch voritzo lag sie eben in 6. Wochen, weil sie kurtz vor unserer Ankunfft eine junge Tochter zur Welt gebracht hatte, und eben dieserwegen war sie noch nicht zum Vorscheine gekommen. Jedoch nachdem ich, vielleicht manchem Leser zum Verdruss, mich bey den Geistlichen Begebenheiten etwas lange aufgehalten, und dennoch manches Betrachtens-wurdige zuruck gelassen, welches aber vielleicht hier und dar noch beylauffig mit eingestreuet werden kan; so muss mich nun wohl auch befleissigen, Bericht abzustatten, wie die Sachen fernerweit nicht allein seit unseres Abseyns, sondern auch nach unserer glucklichen Zuruckkunfft eingerichtet worden.

Die 7. Einkommlinge, so Mons. Horn vordem da gelassen, (NB. die im andern Theile pag. 560. specificirt sind) hatten sich gantz wohl berathen, 3. unter ihnen, nehmlich, Tau, Pur und Berthold, welche vorhero andern Secten zugethan gewesen, waren nicht nur zur Evangelisch-Lutherischen Religion ubergetreten, sondern hatten sich auch bereits verheyrathet, und mehrentheils neben den Hausern ihrer Schwieger-Eltern und Freunde neue Hauser und Werckstatten aufgebauet, dergestalt, dass Bucht, der Nadler, in Davids-Raum; Dietrich, der junge Mechanicus, (welcher Mons. Plagers seiner Frauen Schwester bekomen, und bereits ein kunstlicher und fleissiger Mann war,) und Herbst, der Gurtler, in Jacobs-Raum; Rumpler, der Gerber, in Stephans-Raum; Tau, der Hutmacher, in Simons-Raum; Purr, der Kupfferschmidt, in Johannis-Raum, und Berthold, der Seyler, in Christophs-Raum zu wohnen kommen waren. Derowegen schien das allernothigste zu seyn, die neuen mitgebrachten Kunstler und Hand-WercksLeute ebenfalls in diejenigen Pflantz-Stadte einzutheilen, allwo sie ihre Professiones am bequemlichsten treiben konten. Demnach wurde mit den Stamm-Vatern und klugsten Europaern Rath gehalten, und endlich beschlossen, dass der Buchbinder Ollwitz in Christians-Raum, bey Mons. Litzbergen, Radler, der Buchbinder, Besterlein, der Sattler, Hollersdorff, der Mahler, in Alberts-Raum, u. zwar dieser Letztere in Mons. Cramers Behausung, Breitschuch, der Seiffensieder, und Trotzer, der Zinngiesser, in Roberts-Raum; Engelhart, der Blechschmidt, in Davids-Raum; Schubart, der Glassmeister, nebst ihme Rindler, der Glass-Blaser in Stephans-Raum, ihre Wohnstadten bekommen solten, und zwar diese beyden letztern nur so lange, biss die Glass-Hutte zu Stande gebracht, welche am Walde bey den Saltz-Lachen, zwischen Jacobs- und Stephans-Raum, nach Uberlegung der Verstandigsten angelegt werden solte. Nachdem nun ein jeder in die ihm zuerkanndte PflantzStadt eingefuhrt, ihm sein Logis und Platz zur Werckstatt angewiesen worden, auch sich nach erstattetem Bericht keiner unter ihnen gefunden, welcher nicht sehr wohl damit zufrieden gewesen ware, lieferte ich jeden seine Kisten, worein die zu seiner Profession gehorigen Sachen eingepackt waren, nebst ihren ubrigen annoch bey mir befindlichen Gerathe aus, ermahnete einen jeglichen, nur erstlich seine Sachen in Ordnung zu bringen, und zu uberschlagen, wo und wie ihre Werckstatten angelegt werden musten, da denn so gleich unsere Bau-Leute Anstalt machen solten, dieselben in behorige Ordnung zu bringen, auch solte es ihnen an Gehulffen und Lehrlingen nicht ermangeln, indem sich genung Felsenburgische Knaben anfinden wurden, die diese oder jene Profession zu erlernen geschickt waren.

Demnach blieben auf der Albertus-Burg nur folgende Personen:

Der Alt-Vater Albertus mit denen, ihm von jeden

Stamme zur Aufwartung zugegebenen Knaben

und Magdleins.

Mein Vater, Franz Martin Julius.

Herr Mag. Schmeltzer nebst seiner Liebste und

zweyen Kindern.

Herr Schmeltzer jun.

Herr Herrmann.

Capitain Wadley.

Mons. van Blac.

Mons. Langrogge und

Mons. Hildebrand, die beyden Musici.

Ich, Eberhard Julius.

Meine Schwester, Juliana Louise.

Jungfer Krugerin

Jungfer Zornin

Barb. Kuntzin, meiner Schwester Bediente.

Capitain Horn mit seinen 9. Sclaven, so lange als

ihm allhier auszuruhen beliebte.

Die Buchbinders hatten ihre Werck-Zeuge am allerersten in Ordnung gebracht, indem sie die vornehmsten Stucke aus Europa mitgenommen hatten, derowegen kamen beyde, und ersuchten auch die Kisten, worinnen die rohen Bucher, Pergament und ander Zubehor verwahret ware, auszupacken, damit sie einen Anfang machen konten, die grosse Anzahl Bucher zu verfertigen, welche zu der Felsenburgischen Bibliothec erkaufft und gewidmet waren. Sie durfften hierauf nicht lange warten, sondern bekamen bald, was sie verlangeten. Nachst diesen suchte ich das benothigte vor Mons. Hollersdorffen, den Mahler, hervor, welcher denn mit drey ihm zugegebenen jungen Purschen, die er in der Mahler-Kunst unterrichten solte, in wenig Tagen den Anfang machte, den Altar zu mahlen, und an behorigen Orten zu vergulden. Weiln aber in unserer Kirche, so wohl als auf der Albertus-Burg keine Glass-Fenster, sondern die Rahmen nur mit durchsichtigen Fisch-Hauten uberzogen waren, welche doch sehr verdunckelten, so liess ich nicht ab, biss Mons. Litzberg und die ubrigen BauVerstandigen, sich nebst gnugsamen Arbeitern mit mir auf denjenigen Platz begaben, wo die Glass-Hutte angelegt werden solte. Es wurde also nicht nur binnen wenig Tagen der Grund aufgegraben, sondern auch sattsames Holtz, Kalck und Steine aufgefuhret, und das gantze Gebaude binnen wenig Wochen unter das Dach gebracht. Der Glass-Meister Schubart war ein sehr geschickter Mann, gab an, wohin die Glass-Cammer oder Magazin, der Calcinir-Ofen, der Schmeltzoder Werck-Ofen, und dann der Kuhl-Ofen gebauet, und wie eigentlich diese dreyerley Arten von Ofen gemacht werden solten, bestellete auch die dazu benothigten Machinen und Instrumente, als, die Pfeiffe, Vorschneid-Eisen, das Zwack-Eisen, Buhm-Eisen, Scheere, Auftreib-Scheere, Rossgen, Sattel, eiserne Schoppe, Wasser-Trog, Formen, Morser und dergleichen, und versprach, wenn man ihn und seinen Compagnon so fleissig fort forderte, auch gnugsame Materialien zufuhren liesse, binnen wenig Wochen so viel Glass-Taffeln zu liefern, als wir zu unsern Kirch-Fenstern nothig hatten. Ich sparete keine Worte, die Vorsteher der Gemeinden dahin zu bringen, dass sie sich diesen Bau rechtschaffen angelegen seyn liessen, derowegen fehlete es nicht an fleissigen Arbeitern, auch wurden die Materialien zum Glassmachen nach und nach dergestalt hauffig zugefuhret, dass der Glass-Meister vollig vergnugt war. Ich begab mich alle Woche zwey biss drey mahl dahin, diesen Bau zu besichtigen, allein, ich konte wenig tuchtigen Rath darzu geben, weil ich die Sache nicht verstund, hergegen thaten Mons. Litzberg, Plager, Morgenthal und andere nebst dem Glass-Meister Schubart das beste bey Anlegung dieser Sache, so, dass sie endlich noch vor Michaelis vollig zum Stande kam, und wir eine Probe von vielerley Sorten der Glaser, mit grosten Vergnugen zu sehen bekamen, auch die fleissigen Arbeiter zum offtern besuchten, indem sich verschiedene Felsenburgische junge Manner, Junggesellen und Knaben mit darzu gebrauchen liessen.

Binnen der Zeit aber kam uns auch die Lust an, die andern neu mitgebrachten Handwercker zu besuchen, und fanden, dass die Buchbinders sehr fleissig gewesen waren, denn sie hatten schon eine ziemliche Anzahl Bucher recht nett und sauber eingebunden. Der Seiffensieder Breitschuch zeigte schon viele Centner von seiner, mittelmassigen und geringen Seiffe, versprach auch, nur noch einige Centner darzu zu machen, und selbige hernach auf die Albertus-Burg zu liefern, damit selbige unter die Stamme vertheilt, und jede Hausswirthin so viel davon habhafft werden konte, sich eine Zeitlang damit zu behelffen. Der Zinngiesser Trotzer lieferte von den ihm gegebenen 10. Centner Zinn vorerst 6. Dutzent grosse, mittelmassige und kleinere Schusseln, 12. Dutzent Teller, nebst allerhand andern Sachen, welche alle zu specificiren viel zu weitlaufftig fallen wurde, das ansehnlichste darunter aber war ein Hand-Fass von besonderer facon und ungemein sauberer Arbeit, nebst einem gantz Zinnern propern Caffee-Tische, welche beyden Stukke er in des Alt-Vaters Zimmer gestellet haben wolte. Besterlein, der Sattler, hatte in des Alt-Vaters Zimmer 2. Dutzent saubere Stuhle beschlagen, 3. schone Sattel und verschiedene Sorten von Riemen-Werck zum Meister-Stucke gemacht. Bey Engelhardten in Davids-Raum traff man schon eine gewaltige Menge von allerley blechernen und messingenen Gefassen und Sachen an, er wolte aber deren erstlich noch mehr verfertigen, sie sodann auf die Albertus-Burg liefern, damit der Alt-Vater damit disponiren konte, wie ihme beliebte. Mons. Hollersdorff, der Mahler, hatte nicht nur den Altar bereits vollkommen schon ausgemahlt, sondern wurde auch noch vor Michaelis mit der Cantzel fertig. Solchergestalt sahen unsere Aeltesten mit Vergnugen, dass wir keine Schmarotzer und faule TageDiebe, sondern lauter fleissige Arbeiter mitgebracht hatten, inzwischen durfften sich diese um keine Lebens-Mittel bekummern, denn es wurde ihnen alles, was sie begehrten, reichlich zugetragen.

Mittlerweile wurde es kundig, dass Hr. Schmeltzer jun. mit meiner Schwester, und ich mich mit meiner Cordula an dem kunfftigen Michaelis-Feste wolten copuliren lassen, derowegen mag der Appetit zum Heyrathen nicht nur einigen Felsenburgern, sondern auch etlichen von unsern neu mitgebrachten Europaern ankommen, denn diese Letztern hatten die Tochter des Landes schon besehen, waren auch so wohl im Aussuchen als in der Anwerbung mehrentheils glucklich gewesen, weiln es nicht nur an sich selbst feine Manner waren, sondern die altern Europaer sich ihrer als Bruder angenommen, und ihnen das Wort geredet hatten. Inzwischen ware doch bald ein Streit zwischen Mons. van Blac und dem Mahler Hollersdorff entstanden, denn es hatten sich beyde zugleich in Herrn Kramers seiner Frauen ihre jungste Schwester verliebt, wesswegen wir andern uns dazwischen schlugen, und auf Vermercken, dass die Jungfrau den Mahler gewogener war, als den van Blac, diesen Letztern von ihr abwendig machten. So bald er vernommen, dass die Jungfrau seinen Mit-Buhler lieber hatte, als ihn, liess er sich gleich weisen, nahm Abschied von ihr, und suchte sich nachhero eine nicht weniger wohlgebildete und tugendhaffte Jungfrau aus dem JohannisRaumer Geschlechte aus, welche Hr. Mag. Schmeltzers seiner Liebsten jungste, ohngefahr 18. jahrige, Schwester war. Diese hatte an seiner Person nichts auszusetzen, jedoch ehe das Verlobniss geschahe, nahm ihn der Alt-Vater eines Abends vor, und bat, weil es eben itzo Zeit davon ware, uns seine LebensGeschicht zu erzahlen, da er selbiges schon vor einigen Wochen versprochen hatte. Mons. van Blac liess sich nicht lange nothigen, sondern fing seine eigene Historie, nachdem er erstlich einige Bucher und Briefschafften aus seiner Cammer geholet, folgender massen herzusagen an:

Im Jahr 1698. den 24. Octobr. bin ich zur Welt gebohren worden, und zwar auf dem von den Geographis so genannten Teutschen Meere, wesswegen ich nicht weiss, ob ich mich einen gebohrnen Teutschen oder Hollander nennen soll, denn mein Vater und Mutter waren beyde in Holland gebohren und gezogen, erstgemeldter hiess Joost Henry van Blac, und war Capitain eines Hollandischen Schiffs, meine Mutter aber, Maria Angelica van Leuwen, deren Vater ebenfalls ein beruhmter Schiffs-Capitain gewesen war. Die besondere Lust zum Reisen auf der See, und denn die hertzliche Liebe gegen meinen Vater, hatte meine Mutter angereitzt, gleich nach ihrer Vereheligung verschiedene Reisen mit demselben in ein und anderes Europaisches Reich zu thun, auf der Rukk-Reise von Norrwegen aber biss Holland passirt ihr dieser Streich, dass sie Antwerpen, allwo wir unser Wohn-Haus hatten, nicht erreichen kan, sondern ihr Wochen-Bette mit mir im Schiffe aufschlagen muss; und eben dieserwegen kan ich mich keines Menschen Lands-Mann, wohl aber See-Mann nennen. Mit alle dem kommen doch, so wohl meine Mutter als ich, glucklich und gesund in Antwerpen an, und werden von meiner Gross-Mutter, die annoch lebte, wohl empfangen und gepfleget. Mein Vater hatte sich nach wenig Tagen wieder zu Schiffe begeben mussen, und war nicht nur dieses mahl ein halbes Jahr, sondern nachhero zum offtern 8. 10. ja wohl biss 18. Monathe aussen geblieben, und dennoch hatte er niemahls einen rechtschaffenen Profit mit nach Hause gebracht, sondern mehrentheils grossere Summen mit auf die Reise genommen; woran es gelegen gewesen, weiss ich nicht, und meine Mutter, weil sie ihn hertzlich liebte, zur selbigen Zeit auch noch ihr gutes Auskommen wuste, hatte ihn in allen nach seinem Belieben schalten und walten lassen. Ich blieb nicht alleine, sondern bekam immer mehr und mehr Geschwister, so, dass in meinem 14ten Jahre schon unserer 9. waren, indem sich unter uns 2. paar Zwillinge befanden. Meine Mutter sparete keinen Fleiss, uns sammtlich wohl zu erziehen, und sonderlich mich, als ihren erstgebohrnen und liebsten Sohn, in den behorigen Wissenschafften unterrichten zu lassen, und ich hatte in Wahrheit auch eine besondere Lust zum Studiren, allein, in meinem 15ten Jahre, da mein Vater eben wieder zu Hause kam, doch sich nicht langer als etwa einen Monat bey uns aufgehalten hatte, gab er zu vernehmen, dass er mich mit zu Schiffe nehmen wolte; meine Mutter setzte sich zwar starck darwider, und wendete vor, dass es ewig Schade sey, mich itzo in den besten Jahren vom Studiren abzuziehen, da ich, meiner Prceptorum Zeugnisse nach, schon so sehr weit gekommen ware; allein, er schmeichelte ihr, dass er noch einmahl so frolich und vergnugt leben wolte, wenn er wenigstens eins von seinen Kindern bey sich hatte, und ihr Ebenbild darinnen betrachten konte, zudem ware auf seinem Schiffe ein Grund-gelehrter Mensch befindlich, welcher sich eines in Franckreich gehabten Unglucks-Falls wegen auf die See begeben mussen, dieser konte nicht allein meine bereits erlerneten Wissenschafften mit mir repetiren, sondern mich auch viel weiter bringen, weiln wir auf dem Schiffe Zeit genung darzu hatten. Auf diese Vorstellungen gab endlich meine Mutter ihren Willen drein, und liess mich mit ihm fortfahren, nachdem er noch eine gewaltige Geld-Summe in Antwerpen aufgenommen, und meiner Mutter vorgesagt hatte, binnen 8. oder 9. Monathen vier mahl so viel davor zuruck zu bringen. Allein, es war nicht an dem, dass er dieses mahl so bald wieder kommen konte, denn wir nahmen unsern Lauff nach Ost-Indien zu, und ich befand in der That wahr zu seyn, dass ich auf dem Schiffe von obgemeldten Studioso, der sich Bredder nennete, und vor dem einige junge Barons durch die allermeisten Reiche und Lander von Europa gefuhret hatte, eben so viel, ja noch mehr lernen konte, als zu Hause, denn mein Vater hatte nicht allein viele nutzliche Bucher vor mich mitgenommen, sondern Mons. Bredder hatte auch eine ziemliche Menge derselben bey sich, um mich in den vornehmsten Europaischen HauptSprachen grundlich zu unterrichten, und firm zu machen. Ausser diesen tractirte er die Historie, Geographie, und einige Stuck aus der Mathesi mit mir, kurtz, er brachte mich binnen 3. Jahren, die wir unterwegs und in Ost-Indien zubrachten, durch seinen und meinen unermudeten Fleiss so weit, dass ich obgedachte Europaische Haupt-Sprachen nicht allein fertig lesen und schreiben, sondern auch verstehen und reden konte, und weiln sich Leute von verschiedenen Nationen auf unsern Schiffe befanden, so hatte mein Vater ein besonderes Vergnugen daruber, dass ich fast mit einem jedweden in seiner Mutter-Sprache gantz ordentlich sprechen konte.

Mein Vater war diesesmahl in seinem Handel und Wandel auch dergestalt glucklich gewesen, dass er ein grosses Gut erworben, derowegen mit grossem Vergnugen zuruck reisete, um meiner Mutter, die sich, wie leicht zu errathen, unter der langen Zeit unsers Wegseyns genungsam gegramet, eine besondere Freude zu machen. Allein, uber welchen das Verhangniss einmahl beschlossen hat, ihn unglucklich zu machen, der muss es wohl seyn und bleiben, das erfuhr unter allen, die wir auf dem Schiffe befindlich waren, mein Vater am allermeisten.

Denn als wir auf dem Ruckwege zwischen den Canarischen Insuln und Africanischen Kusten hinfuhren, uberfiel uns einer der grausamsten Sturme, das Schiff zerscheiterte an den Klippen, wurde in die Tieffe des Meeres versenckt, mein Vater, Informator und ich nebst noch 6. Personen aber, wurden an die Africanischen Kusten getrieben, allwo wir zwar unser Leben erretteten, jedoch die Freyheit verlohren, indem wir uns den Maroccanern als Sclaven ergeben musten.

Der eintzige Trost in diesem Jammer-Stande ware wohl noch dieser gewesen, wenn mein Vater, Informator und ich hatten beysammen bleiben konnen, so aber kauffte mich wenig Tage nach unserer Anlandung ein vornehmer Maroccanisch-Kayserl. Bedienter den Menschen-Fischern ab, und nahm mich in seinem Geleite mit an den Kayserlichen Hof nach Mequinez. Es tractirte mich dieser mein Herr, um welchen ich taglich seyn muste, ziemlich gutig, ich bekam auch bessere Kleidung und Speisen als seine andern Sclaven, weiln ihm nicht allein meine auserliche Gestalt besser als der andern gefiel, sondern er sich auch ein besonderes Vergnugen daraus machte, dass ich verschiedene Sprachen zu reden wuste. Dieses eintzige war mir sehr verdrusslich, dass, wenn er speisete, und ich neben ihm kniete, er seine an den Gerichten beschmutzten Finger allezeit an meine lockigen, damahls noch gantz blonden Haare abwischte, denn die Maroccaner brauchen weder Messer, Gabel noch Loffel, sondern essen bloss mit den Fingern, und zwar auf der Erden sitzend.

Eines Abends sagte er zu mir, ich solte mich in dieser Nacht mit allem Fleiss baden, reinigen und salben, weil ich morgen fruh neue Kleidung anziehen solte, indem er willens ware, mich mit an den Kayserl. Hof zu nehmen. Ich folgte seinem Befehle, und morgendes Tages seiner Person nach, wuste aber nicht, was er mit mir vor hatte, biss ich sahe, dass er mich nach gehabter Audienz an den alten 73. jahrigen Kayser Muley Ismael verschenckte. Es war mir vorhero gesagt, dass ich mich vor denselben auf die Erde, und zwar auf den Bauch, niederlegen muste, welches ich denn auch that, da aber der alte Kayser einige Fragen erstlich in Spanischer und hernach in Englischer Sprache an mich gethan, und ich dieselben in beyderley Sprachen beantwortet hatte, indem ich den Kopff, so wie ein Hund nur ein wenig die Hohe reckte, hiess er mich endlich aufstehen, da mir denn mein bissheriger Herr einen Winck gab, auf den Knien vor dem Kayser liegen zu bleiben, allein, dieser war so gnadig, mit der Hand ein Zeichen zu geben, dass ich gerade auftreten solte. Hierauf fragte er mich abermahls in Spanischer Sprache, aus welchem Lande ich geburtig, wess Standes und Herkommens, und auf was vor Art ich in die Sclaverey gerathen ware? Ich beantwortete alles der Wahrheit gemass, und wurde endlich, nachdem er ein besonderes gnadiges Wohlgefallen uber meine Person bezeugt, auch in Maroccanischer Sprache Ordre gegeben, wie ich verpflegt werden solte, in ein Zimmer gefuhret, wo noch 3. andere Europaische Knaben, nehmlich 2. Spanier und ein Portugiese von Geburth, die alle 3. kaum 16. Jahr alt, sich unter der Aufsicht eines Maroccanischen Lehrmeisters befanden, der sie in dasiger Rechts-Gelehrsamkeit, der Grammatic, Poesie, Stern-Seher- und Stern-DeuterKunst, wie auch in vielen andern Wissenschafften, hauptsachlich aber in der Arabischen Sprache unterrichtete.

Diese 3. Pursche erfreueten sich ungemein, noch einen Mit-Consorten ihres Unglucks zu bekommen, und weil wir alle 4. gut mit einander sprechen konten, wurden wir gar bald gute Freunde. Ich bekam so gleich so kostbare Liberey als wie sie; wir wurden von 2. mohrischen Knaben bedienet, speiseten nebst unserm Informatore allein, und hatten alle Mahlzeiten 8. Gerichte nebst dem besten Getrancke, jedoch keinen Wein, denn es heist, die Maroccaner durffen keinen Wein trincken, ohngeacht vortreffliche WeinStocke in diesem Reiche anzutreffen, so, dass offters 2. Manner kaum einen Weinstock umklafftern konnen, und die Beeren an den Trauben offt grosser als die Huner-Eyer sind. Weil ihnen aber dieses edle Gewachse so gar sehr appetitlich vorkommt, kochen sie die Trauben, und prpariren ein besonderes Getrancke daraus, welchem sie einen andern Nahmen, ihrer Kehle aber ein herrliches Labsaal damit geben.

Jedoch von meinen und meiner Mit-Consorten Abwartung und Stande ferner zu reden, so wurden wir solchergestalt nicht anders als wurckliche Leib-Pagen des Kaysers tractiret, thaten aber sehr wenig Dienste, sondern hatten die Woche kaum 3. oder 4. mahl einige Stunden Aufwartung, nur dass uns der Kayser zuweilen sehen mochte. Sonsten musten wir alle Morgen eine Stunde vor der Sonnen Aufgang aufstehen, uns reinigen und vollig ankleiden, denn es schlieffen zwey und zwey in einem Cabinet auf herrlichen Betten und Matratzen, der Mohren-Junge aber lag auf der Erde zu unsern Fussen auf einer schlechten Matratze als ein Hund, unser Herr Hofmeister schlieff auch in einem besondern Cabinet, sein Bedienter ebenfalls in einer kleinen Bucht darneben. Gleich mit, oder um die Zeit der Sonnen Aufgang, fing unser Hofmeister in unserer Gegenwart an, das Morgen-Gebeth nach Art der Mahometaner zu thun, verlass hierauf ein Stuck aus dem Alcoran, erklarete die schweresten Puncte desselben, und gab sich viel Muhe, uns allen vieren die Haupt-Stucke der Mahometanischen Religion beyzubringen, allein, wie ich bald merckte, war keiner unter uns, der zu diesem Glauben inclinirte, wir horeten zwar alles mit an, fasseten seine Lehre, gaben auf seine Fragen richtige Antwort, allein, ohne allen Ernst, jedoch durfften wir nicht das geringste Gespotte daraus machen, wenn wir nicht aufs allerstrengste gezuchtiget werden wolten, welches meine 3. Cameraden zum offtern erfahren hatten.

Nachdem die Andachts-Stunde verbracht, gingen die Lectiones in diesen und jenen Wissenschafften an, welche 3. Stunden wahreten, hernach hatten wir die Freyheit, uns im Garten oder auf dem Spiel-Platze, oder wenn es garstig Wetter war, auf dem SpielSaale, mit allerhand Spielen zu divertiren. In der Mittags-Stunde speiseten wir, durfften uns hernach wieder eine Stunde Motion machen, musten so dann abermahls 3. Stunden die Lectiones abwarten, hatten nachhero biss zu Untergang der Sonnen wieder Erlaubniss zu spielen, endlich aber nochmahls eine Mahometanische Bet-Stunde halten, und alsobald zu Bette gehen.

So war meine Lebens-Art damals beschaffen, allein, in den erstern Wochen vergoss ich tausend Thranen, theils uber meinen Vater, von welchen ich nicht wuste, wo er hingekommen war, theils wegen meiner Mutter, die solchergestalt ihres Mannes, Sohnes und so vieler schonen Guter auf einmahl beraubt war, theils uber mich selbst, dass ich in solchen Zustand gerathen, und meine Studia nicht recht nach Europaischer Art fortsetzen, vielweniger mich in meinem Christenthume rechtschaffen uben konte, indem ich kein eintziges Christliches Buch hatte, jedoch mir die vornehmsten Glaubens-Articul, Gebete und Gesange, die ich auswendig gelernet, um selbige nicht zu vergessen, alle aufschrieb, und selbige in Abwesenheit unsers Hofmeisters oder sonsten an einem geheimen Ort repetirte, auch meine Cameraden sonderlich damit erfreuete, ohngeacht sie Romisch-Catholischer Religion waren, und noch niemahls so, wie ich schon offtermahls, das Heil. Abendmahl empfangen hatten, welches letztere bey diesen meinem Zustande immer mein bester Trost war.

Mittlerweile bezeigte unser Hof- und Lehr-Meister eine besondere Freude uber mich, dass ich nicht allein die Arabische und Marroccische Sprache so leicht fassen, und ehe ein Jahr verging, beyde fast fertig reden und schreiben, auch die in derselben geschriebenen Bucher gantz wohl exponiren konte. Bey den ubrigen Wissenschafften spurete er ebenfals keinen dummen Kopff an mir, sondern ich kan, ohne Ruhm zu melden, wohl sagen, dass er noch vieles mit grosser Begierde von mir erfragte und lernete, weil ich ihm denn auch jederzeit sehr hoflich begegnete, liebte er mich vor den andern allen am meisten, und sagte zum offtern: Blac! ihr konnet in wenig Jahren an unsers Kaysers Hofe einer der grosten Ministers werden, wenn ihr euch zu unserer Religion bekennet, und beschneiden lasset; Allein, so offt ich von diesem Letztern horete, erstarrete mir alles Blut in meinen Adern.

Wenige Zeit hernach, hatte eben dieser unser Hofund Lehr-Meister, seiner eigenen Ehre wegen, verlanget, dass uber uns seine 4. Scholaren ein Examen angestellet werden mochte, welches denn auch geschahe, indem sich 6. der gelehrtesten Maroccaner (die wenigstens davor gehalten wurden) bey uns einstelleten, und das Zeugniss ertheileten, dass wir es alle schon sehr hoch, ich aber es am allerweitesten gebracht hatten.

Allein, eben dieses Examen zohe sehr traurige Folgerungen nach sich, denn etliche Tage darauf wurde erstlich der jungste Spanier, andern Tags der Portugiese, 3ten Tages der altere Spanier beschnitten und verschnitten, am 4ten Tage aber solte die Reihe an mich kommen, welches mir der Kisler-Agasi, (oder der Oberste unter den Verschnittenen, welcher uber die Weiber und Concubinen des Kaysers, auch deren verschnittene Bediente die Aufsicht hat,) durch einen Bedienten ansagen liess. Ich aber gab demselben gleich zur Antwort, dass ich mich ehe in 1000. Stukken zerhauen, oder mit den grausamsten Martern belegen, als dergleichen mit mir wolte vornehmen lassen, denn ich ware vollig resolvirt, meinen Glauben niemahls zu verlaugnen, sondern als ein Christ zu leben und zu sterben, auch stunde mir nicht an, ein Verschnittner zu seyn, sondern wolte, wie gesagt, lieber sterben. Diese kurtze Abfertigung des Bedienten hatte unser bisheriger Hof-Meister in seinem Cabinet gehoret, kam derowegen heraus, und sagte: Wisset ihr auch, dass euch diese Worte noch diesen Abend das Leben kosten konnen? Denn der Kisler-Agasi ist ein gewaltiger Mann, in dessen Handen vieler Menschen Leben und Todt stehet; aber das will ich euch zum Vortheil sagen, wenn diejenigen ankommen solten, die euch etwa zu stranguliren oder auf andere Art zu ermorden befehligt waren, so rufft nur den Nahmen unsers Kaysers Muley Ismael etliche mahl aus, denn solchergestalt konnet ihr euer Leben so lange erretten, biss ihr den Kayser erstlich selbsten gesprochen, und er hernach Befehl gegeben, dass man seinen Nahmen eurentwegen nicht ferner mehr respectiren, sondern Gewalt brauchen soll.

Ich fassete dieses zu Ohren, es kam aber diesen Tag niemand weiter zu mir, hergegen that ich in kunfftiger Nacht vor Kummer und Sorgen kein Auge zu, besann mich jedoch auf allerhand Streiche, die ich im Fall der Noth spielen, und damit, wo moglich, nicht nur mein Leben retten, sondern auch der schandlichen Ver- und Beschneidung entgehen wolte.

Fruh Morgens, etwa 2. Stunden nach Aufgang der Sonnen, kam der zweyte Abgesandte, und trug mir vor, welchergestallt der Kisler-Aga meine gestrige trotzige Antwort sehr ubel empfunden, jedoch weil ihm bewust, dass der Kayser eine gantz besondere Gnade auf mich geworffen, hatte er seinen Zorn gemassiget, von dem Kayser aber Befehl erhalten, mich heute verschneiden zu lassen, wolte ich nun die Gnade des Kaysers nebst meinem zukunfftigen Glukke nicht muthwillig verschertzen, so solte mich nicht ferner wiederspenstig erzeigen, sondern die wenigen Schmertzen mit frolichen Hertzen ausstehen, indem ich solchergestalt die Hoffnung erlangte, vielleicht in wenig Jahren ein grosser Mann zu werden, etc. und was dergleichen trostliche Worte mehr waren. Allein, ich blieb bey meiner ersten Resolution, lieber zu sterben, als meine Religion zu verandern, und als ein Verschnittener zu leben. Der abgeschickte gab sich hierauf nebst meinem bissherigen Hofmeister und lnformator viel Muhe, mich in Gute zu diesem Unheyl zu bewegen, da aber nichts verfangen wolte, wurde der erstere endlich in Harnisch gejagt, und sagte: Nun so muss man, dem Befehle nach, Gewalt brauchen; ging auch gleich zum Zimmer hinaus, und ruffte 4. bewaffnete Mohren herein, nebst noch 2. andern, welche die Instrumenta, mich zu castriren und zu beschneiden, bereits in Handen trugen. Die 4. Bewaffneten fingen so gleich an, sich nach abgelegtem Gewehr, meiner zu bemachtigen, wolten mich auf den Tisch legen, damit die vortrefflichen Operateurs ihre Kunst an mir ausuben konten, ich wehrete mich mit groster Gewalt, wurde aber vermahnet, mich nur mit Gedult derein zu geben, oder mir es selbst zuzuschreiben, wenn der Schnitt mir zum Schaden oder gar zum Tode gereichte; da nun vermerckte, dass ich mich ihrer nicht mehr erwehren konte, bath ich nur um ein bequemeres Lager und etwas Zeit zum Verschnauben. Es wurde mir gewillfahret, auch angerathen, mich auf mein Bette zu legen, allwo die Operation eben so fuglich verrichtet werden konte, mitlerweile aber hatte ich Zeit, in meinen Schubsack zu greiffen, und ein starckes Feder Messer aus der Scheide zu ziehen, welches ich den Operateur, so bald er sich von neuem an mich machte, dergestalt tieff in das Hertz hinein stach, dass er augenblicklich zu Boden sanck. Hieruber wurden die andern besturtzt, ich aber bekam Lufft, aufzuspringen, und sagte: Nun will ich mit Freuden sterben, weil ich doch weiss, warum? Doch hoffe die Gnade zu haben, vor meinem Ende den Kayser Muley Ismael erstlich noch einmahl zu sprechen. Rieff hierauf auch noch etliche mahl den Nahmen Muley Ismael aus.

Diese kurtze Appellation wurckte so viel, dass die Schwartzen keine fernere Gewaltthatigkeiten an mir verubten, sondern mich nur in genauer Verwahrung hielten, biss der Abgeschickte, der nebst meinem bissherigen Informatore weg ging, nach Verlauff etwa zweyer Stunden wieder zuruck kam, und die Post brachte, dass man mich vor den Kayser fuhren solte. Solches geschahe, und hatten die 4. Mohren ihre entblosten Schwerdter in den Handen, der Meynung, in Gegenwart des Kaysers ein Stuckgen Arbeit zu bekommen, und mich Elenden in etliche Stucke zu zerhauen. Der Kayser Muley Ismael sass auf einem kostbaren Stuhle, und so bald ich mich vor ihm niedergeleget, und die Erde gekusset hatte, fing er an, mit eben nicht gar zu zornigen Gebarden, also zu reden: Verfluchter Christ! wie bist du auf die Gedancken gerathen, die dir bishero erzeigte und noch fernerhin zugedachte Gnade mit Fussen von dir zu stossen; denn ich habe beschlossen gehabt, so gleich nach volliger Heilung deiner Wunde und Annehmung des Mahometanischen Glaubens, dich zum Schach-Zadeler-Agasi (dieses ist derjenige Officier unter den Verschittenen, welcher uber des Kaysers Kinder die Ober-Aufsicht hat, und in grossen Ansehen stehet) zu machen, und dein Gluck noch weiter zu befordern, nun aber wirst du nicht allein wegen deiner Wiederspenstigkeit, sondern auch wegen des, an einem meiner Unterthanen begangenen Mordes, des schmalichsten Todes sterben mussen. Rede Hund!

Solchergestalt sahe ich meinen Tod vor Augen, denn obgleich Muley Ismael seit einigen Jahren her nicht mehr so grausam gewesen war, als vor dem, so konte doch gar leicht glauben, dass mir auf dieses mein Verbrechen die Todes-Straffe wurde dictirt werden. Dem ohngeacht verspurete ich in meinem Hertzen nicht die geringste Furcht vor dem Tode, sondern brachte meine Antwort in folgenden freymuthigen Maroccanischen Worten vor:

Groster Kayser! Dich hat GOtt der Allerhochste zu einem Gott auf Erden gemacht, wesswegen ich mich schuldig erkenne, den Staub zu deinen Fussen aufzulecken; Dein Reichthum ist unschatzbar, und deine Macht unaussprechlich, bey dem allen aber pflegst du mehr zu geben als zu nehmen. Erwege demnach selbst, warum du itzo so begierig bist, mir den Christlichen Glauben aus dem Hertzen, und das, was mir GOtt und die Natur geschenckt, aus dem Leibe reissen zu lassen. Ich bin zwar durch ein besonderes Schicksal unter deine Gewalt gebracht, jedoch wegen der unverdient genossenen Gnaden bewogen worden, dir Zeit-Lebens getreu und redlich zu dienen, so weit sich meine Wissenschafft und Vermogen erstreckt. Groster Kayser, glaube mir, dass derjenige, welcher an seinem GOtt und Glauben ungetreu wird, auch seinem Herrn niemahls getreu seyn kan, und wo will ein solcher, welcher mit Gewalt verstummelt und verschnitten wird, die Lust hernehmen, sein ihme aufgetragenes Amt mit behoriger Freudigkeit und ohne heimlichen Kummer und Widerwillen zu verrichten. Ich ein Christ viel lieber ein ewiger Sclave bleiben, als ein verstummelter Mammelucke, ein Erbe deiner Reiche und Lander werden wolte. Wende deine Augen auf meine Treue und Standhafftigkeit, denn, wirst du mich mit Gewalt beschneiden und castriren lassen, so wisse, dass der erste Dolch, Messer, Strick, oder ein ander Mord-Instrument, ein Mittel seyn wird, mich aus dem Reiche der Lebendigen ins Reich der Todten zu versetzen, wesswegen ich denn bey GOtt im Himmel Vergebung zu erlangen verhoffe.

(Hier fiel mir, verfolgte Mons. van Blac seine Rede, eine in voriger Nacht ausgedachte Noth-Luge ein, die ich dergestalt vorbrachte:)

Allermachtigster Kayser! ich habe mich zwar anfanglich vor dem Sohn eines Schiff-Capitains ausgegeben, allein, solches ist nur darum geschehen, etwa mit der Zeit etwas an meinen Kantzion-Geldern zu ersparen, denn ich bin ein gebohrner Graf aus Holland, dessen wohlbemittelte Eltern vermuthlich noch am Leben sind, die allzu grosse Lust zur See zu reisen, und Ost-Indien zu sehen, hat mich durch Schiffbruch anhero gebracht; Wird mir mein Leben, und das, warum ich schon gebeten, gelassen, so kan ich vielleicht binnen weniger Zeit mit baarem Gelde ausgeloset werden, ist aber keine Hoffnung zu meiner Freyheit vorhanden, so will ich Zeit-Lebens dein getreuster Sclave verbleiben, jedoch als ein Christ und Unverschnittener. Ausser diesem will eher erdulden, dass man meinen elenden Corper in tausend Stucken zerhackt, und denselben den Hunden vorwirfft. Jedoch was werden, Groster Kayser! deine allergnadigsten Augen und Gedancken vor besonderes Vergnugen an diesem Jammer-Spiele haben? Derowegen erhore meine Bitte, begnadige deinen allergetreusten Knecht und Sclaven, doch soll ich ja sterben, so lass nur mein Haupt mit einem eintzigen Schwerd-Streiche zu deinen Fussen legen.

Dieses war (fuhr Mons. van Blac fort) ohngefahr der Innhalt meiner Rede, die ich an den Kayser that, er horete mir so wohl als alle bey ihm stehenden sehr aufmercksam zu, ging darauf mit dem Kisler-Aga und einigen andern Ministers in ein Neben-Zimmer, aus welchem nach Verlauff etlicher Minuten der KislerAga zuruck kam, und zu meinen Begleitern sagte: Der Sclav soll sterben, doch hat ihn der Kayser in so weit begnadiget, dass ihm unten auf dem Platze nur bloss der Kopff abgeschlagen werden soll.

Demnach fuhrete man mich hinunter auf den Platz, ich betete unterwegs die trostreichsten und Christlichen Gebete, so mir nur einfielen, muste hernach unten auf dem Platze, unter des Kaysers Fenster, mich auf einen viereckten Stein setzen, und den Streich erbrachte die Nachricht: Der Kayser ware dennoch gesonnen, mir das Leben zu schencken, wenn ich mich nur bloss beschneiden, und die Mahometanische Religion annehmen wolte, mit der Verschneidung aber solte ich verschonet bleiben, allein, weil ich mich schon vollig zum Sterben zubereitet, war meine Antwort diese: Der Tod ware mir lieber als dieses. Hierauf druckte ich meine Augen veste zu, betete laut in Hollandischer Sprache, um mitten im Gebet mein Haupt zu verlieren, endlich aber, da ich sehr lange gesessen, ergriffen mich zwey Mohren bey den Armen, und fuhreten mich auf das Zimmer eines Thurms, welches ziemlich reinlich, jedoch mit eisernen Thuren und Fenster-Staben wohl verwahret war, liessen sich auch im Hinweggehen so viel verlauten, dass ich wegen meines Eigensinnes allhier eine grossere Straffe und Marter abzuwarten hatte.

Ich stellete alles in GOttes Hande, und blieb bey dem vesten Schlusse, lieber alle Marter auszustehen, als meinen Christlichen Glauben zu verlaugnen, und ein Mahometaner zu werden; inzwischen hatte an guten Speisen und Getrancke keinen Mangel, auch meinen vorigen, ohngefahr 14. jahrigen Mohren-Knaben zur Aufwartung bey mir, welcher, auf gegebenes Zeichen mit einer Klatsche, fast so offt heraus und herein kommen konte, als ihm beliebte. Die offtern Visiten meines bissherigen Informatoris und einiger Officiers der Verschnittenen gereichten mir in dieser meiner Einsamkeit mehr zum Verdruss als zum Vergnugen, indem ihre eintzige Absicht war, mich zum Mammelucken zu machen, doch war dieses meine groste Freude, dass mir mein bissheriger Informator nicht nur verschiedene, von mir selbst erwehlte Bucher, wie auch Dinte', Federn und Pappier mitbrachte und zuschickte.

Solchergestalt konte mir doch manche Grille vertreiben, und meine Christlichen Gebeter, Bibliche Spruche und Gesange, die ich auswendig wuste, aufzeichnen. Nachdem ich aber langer als 3. Wochen in diesem Behaltnisse gesessen, kam eines Abends mein Mohren-Knabe, und reichte mir, nachdem er das Abend-Essen aufgesetzt, eine schlecht ansehnliche, holtzerne, versiegelte Buchse in die Hande, sagte auch, (weil er als ein Unverstandiger, durch meine offtern Geschencke und andere erzeigten Wohlthaten, mir sehr getreu worden war,) dass seine Schwester, mir selbige in Geheim zu uberbringen, bey Leib- und Lebens-Straffe anbefohlen hatte. Ich liess Essen und Trincken stehen, gieng an ein Fenster, und fand oben verschiedene grosse Gold-Stucke, in der Mitten einen zusammen gelegten Brief, unten aber ein in Gold eingefassetes Portrait eines sehr wohlgebildeten Frauenzimmers. Den Innhalt des Briefes zu lesen, war ich am allerneugierigsten, und fand denselben also gesetzt:

Werthefter Herr Lands-Mann!

Ich schatze es mir vor ein besonderes Gluck und Vergnugen, euch in Wahrheit versichern zu konnen, dass mein Vorbitten bey dem Kayser euch allein das Leben erhalten, denn ich habe in dem Neben-Zimmer nicht nur eure an den Kayser gethane Rede von Wort zu Wort angehoret, sondern auch eure Person durch ein kleines Glas-Fensterlein selbsten gesehen, derowegen jammerte es mich, dass ihr sterben soltet, und brachte durch einen Fussfall und hefftiges Bitten es bey dem Kayser, welcher mir bisshero fast keine eintzige Bitte versagt, dahin, dass er euch so gleich das Leben schenckte, und mit dem gedroheten Haupt-Abschlagen nur eure Bestandigkeit probiren wolte. Bleibet derowegen bestandig bey eurem Christlichen Glauben, da ihr bereits eine solche starcke Probe abgelegt, und kehret euch an nichts, denn auf mein Angeben seyd ihr zwar gefangen gesetzt, ich hoffe aber, eure Freyheit nachstens mir guter Manier zu befordern. Von meinem eigenen Wesen will ich euch voritzo so viel eroffnen, dass ich Ungluckselige, eine Ehe-Frau eines Hollandischen Kauffmanns, auf der Fahrt nach Ost-Indien aber vor 3. Jahren von den See-Raubern gefangen und anhero gefuhret worden bin, da man nen gebracht, und zu einer ungluckseligen Bett-Warmerin des alten Kaysers machen will. Jedoch ist der Himmel mein Zeuge, dass er mich noch niemahls vollkommen fleischlich beruhret hat, sondern ich habe mein bestes Kleinod noch biss diese Stunde unzerbrochen erhalten. Ob mein Mann aus der Sclaverey errettet, und noch am Leben ist, habe ich nicht erfahren konnen, jedoch durch euch hoffe ich es auszukundschaffen, so bald ich eure Freyheit zuwege gebracht. Mittlerweile will auch schon auf Mittel bedacht seyn, Gelegenheit zu verschaffen, dass wir einander einmahl auf eine Stunde mundlich sprechen konnen. Weil ich sonsten glaubte, dass ihr vielleicht eben nicht mit vielen Mitteln versehen, so habe einige Golo-Stucke beygelegt, damit ihr euch ein und anderes beliebige davor kontet einkauffen lassen, zu unterst aber liegt mein Portrait, damit ihr an selbigen mochtet erkennen lernen

Eure

redlich gesinnete

Landsmannin.

P.S. Findet ihr euch im Stande, mir auf dieses zu antworten, so konnet ihr das Schreiben nur in ein ausgeholtes Wachs-Licht einhullen, und euren kleinen Mohren anvertrauen, denn er ist getreu, so wie seine nehmet ihn nebst dem Bildnisse sehr wohl in Acht, damit wir nicht beyde unglucklich dadurch werden.

Nach etlichmahliger Uberlesung dieses Briefes beschauete ich das Portrait etwas genauer, und befand dessen Lineamenten sehr schon gezeichnet, kussete selbiges aus hertzlicher Danckbarkeit gegen meine Lebens-Erhalterin, ware auch wohl noch lange in tieffen Gedancken am Fenster stehen geblieben, wenn mich nicht mein Aufwarter erinnert hatte, etwas von den aufgesetzten Speisen zu geniessen. Ob ich nun gleich etwas von denselben genoss, so blieb doch bestandig in tieffen Gedancken uber diese Avanture, konte nicht schlussig werden, ob, wie oder was ich antworten solte, legte mich endlich zur Ruhe, da aber um Mitternachts-Zeit mein kleiner Mohr sehr vest eingeschlaffen zu seyn, allerhand Zeichen von sich gab, stund ich wieder auf, und fassete, ebenfals in Hollandischer Sprache, folgendes Antworts-Schreiben ab:

Madame!

Vor Dero besondere Gnade und Gutigkeit, die sie an mir Elenden erstlich ohne mein Wissen, nachhero aber durch sichere Merckmahle erwiesen, schatze ich mich verbunden, ihnen mit meinem Blute zu dienen, Lebens mit danckbarem Hertzen zu erkennen bemuhet seyn. Wolte der Himmel, dass es Ihnen moglich ware, mich in Freyheit zu setzen, und mir das ungemeine Vergnugen zu verschaffen, nur eine kurtze Zeit mundlich mit Ihnen zu sprechen, so solte mir nach genommener Abrede, vielleicht nicht unmoglich fallen, Sie und mich in vollige Freyheit und in unser Vater-Land zu versetzen, denn ich habe einige, nicht so gar sehr ungereimte Mittel darzu ausersonnen, welche aber erstlich mit Ihnen uberlegen muste. Dero werthesten Zeilen zu verbrennen, ist mir unmoglich, weil sie der eintzige Trost in meinem Jammer-Stande sind, ich werde aber dieselben nebst dem Verehrens-wurdigen Portrait meiner Lebens-Erretterin, schon dergestalt zu verbergen wissen, dass keine Verratherey daraus entstehen kan. Ubrigens erwarte Dero fernerweitigen Befehle, empfehle mich Ihrer bestandigen Gnade, und beharre Zeit-Lebens

Dero

gehorsamster Knecht.

Auf das erstere mahl ein mehrers zu schreiben, hielt nicht vor rathsam, weilen von dieser Person Sinnen und Gedancken noch nicht vollkommen informirt war, sondern erstlich abwarten wolte, worzu sie sich in Zukunfft entweder schrifftlich oder mundlich weiter wurde. Demnach versteckte ich das gantz subtil zusammen gerollte Pappier in ein Stucklein ausgeholtes Wachs-Licht, gab es meinem kleinen Mohren, selbiges seiner Schwester einzuhandigen, mit dem Bedeuten, dass diese, eben dieses Stuck Wachs-Licht, derjenigen Person zuruck geben solte, welche mir die holtzerne Buchse zugeschickt hatte.

Tags hernach bekam ich die erfreuliche Nachricht ebenfalls in einem Stucklein Wachs-Lichte eingehullet, dass unsere Correspondenz dieses mahl glucklich abgelauffen ware, und 4. Tage hernach wurde ich vor den Kayser gefuhret, welcher, indem ich mich vor ihm niedergeleget, also zu mir sprach: Hore, Sclav! aus besondern Ursachen habe ich dir nicht allein dein Leben geschenckt, sondern auch zugegeben, dass du hinfuro nicht mehr ein Gefangener seyn solst; es ist dir erlaubt, ein Christ zu bleiben, und dir eine Christliche Sclavin zur Frau auszusuchen, so bald derselben eingebracht werden; Allein, aus meinen Diensten lasse ich dich nicht, sondern du solst eine gute Charge erhalten, auch wenn du dich dabey wohl auffuhrest, weiter befordert werden.

So bald der alte Kayser aufgehoret hatte zu reden, beruhrete ich mit meiner Stirne 3. mahl den ErdBoden, zum Zeichen meiner Danckbarkeit, versprach mit dem Munde, solchergestalt, Zeit meines gantzen Lebens der allergetreuste Knecht des Kaysers zu verbleiben, wurde hernach unter die Zahl der GeheimSchreiber und Dollmetscher aufgenommen, auch zugleich zum Unter-Aufseher des Bau-Wesens bestellet, bekam im ubrigen die Freyheit, in der gantzen Residentz-Stadt herum zu wandeln, wohin ich wolte, jedoch nur ausser der Zeit meiner Amts-Verrichtungen, welche hauptsachlich darinnen bestunden, dass ich zuweilen Morgens wenigstens 2. biss 3. Stunden bey dem Kayser mit zur Aufwartung seyn muste. Wenig Tage darauf brachte mir mein kleiner Mohr, abermahls im Wachs-Lichte, ein Pappier, worauf diese Zeilen geschrieben stunden:

Mein Herr!

Ich bin nunmehro versichert, dass ihr erfahren habt, wie viel mein Vorspruch gilt, und dass ihr dadurch in Freyheit gesetzt seyd. Nunmehro bin ich auch selbst begierig, euch personlich zu sprechen, weil sich aber solches nicht so leicht schicken will, so ziehet mit Geschencken, meine Mohren-Sclavin, als die Schwester eures Bedienten, an euch, lasset euch so weit fuhren, biss ihr erstlich den richtigen Eingang zu meinem Zimmer sehet, und nicht fehl gehen konnet, so dann will ich euch ferner schrifftliche Nachricht geben, zu welcher Zeit es sich schicken kan, mich zu besuchen, doch werdet ihr euch gefallen lassen, den Habit meischnittenen keine Manns-Person passiren last. Anbey sende abermahls in einer holtzernen Buchse 100. Zechins, welche ihr zu Ausfuhrung eures Vorhabens, daferne euch etwas daran gelegen, anwenden konnet. Binnen 3. Tagen sollet ihr nahere Instruction von mir haben, etc. etc.

Niemahls hat mir eine Zeit langer gewahret, als diese 3. Tage, doch mitlerweile suchte ich Gelegenheit, den Eingang zu ihren Zimmer auszuspuren, und gegen Abend, des 3ten Tages, kam meines Aufwarters Schwester, brachte mir so wohl mundlich als schrifftlich die Nachricht, dass ich ihre Kleider anziehen, und ein Tuch vor das Gesicht halten, als ob ich grosse Zahn-Schmertzen hatte, (indem es diese getreue Sclavin im Herausgehen auch schon so gemacht) und solchergestalt durch die Wache der Verschnittenen zu meiner Lands-Mannin hindurch passiren solte.

Ich sturtzte mich allerdings hiermit in eine Augenscheinliche Todes-Gefahr, war aber dennoch resolvirt, alles zu wagen, um nur meine Lebens-Erretterin zu sehen und zu sprechen. Demnach zohe ich, bey angetretener Demmerung, der Mohrin Kleider an, schwartzte mein Angesicht, Arme und Hande nach Mohren Art, liess diese in meinem Zimmer bey ihrem Bruder bleiben, folgte ihrer Anweisung, und begab mich auf den Weg, kam auch glucklich, ohngefragt und unbesichtiget durch die Wache hindurch, biss in das Zimmer meiner Landesmannin. Dieselbe mochte nun schon alles abgepasset haben, hatte aber doch eine alte bey ihr sitzende schwartze Wart-Frau nicht loss werden konnen, allein, so bald ich die Thur eroffnete, nahm mich die Dame bey dem Arme, und sagte: Du armes Thier, hast du denn noch immer so grosse Schmertzen, komm nur, und lege dich in deiner Cammer zu Bette; unter diesen Worten fuhrete sie mich in eine Neben-Cammer, und wiese mir wurcklich ein Bette an, worein ich mich legen und verhullen solte. Ich gehorsamte ihren Wincken, sie aber blieb wohl noch eine Stunde lang munter, schwatzte binnen der Zeit mit der alten Mohrin, und schaffte sie endlich mit guter Manier auf die Seite.

Leichtlich ists zu errathen und zu glauben, dass mir das Hertze damahls gewaltig musse gepocht haben, jedoch da meine Frau Lands-Mannin endlich kam, und mir einen Muth einsprach, dass wir nunmehro nichts gefahrliches zu besorgen hatten, sondern biss gegen Anbruch des Tages vertraut mit einander sprechen konten, liess ich alle Zaghafftigkeit fahren, erzahlete auf ihr Bitten meine gantze Lebens-Geschicht, und vernahm auch hernach die Ihrige, als womit fast die gantze Nacht zugebracht wurde, letztlich aber wurde die Abrede so genommen, dass sie mir vor etliche 1000. Thlr. Gold und Kleinodien zuschicken wolte, vermittelst dessen ich etwa einen Judischen oder Christlichen Spion erkauffen konte, der uns beyde in verstelleter Kleidung entweder auf ein Christliches Schiff, oder aber durch einen Umweg nach der, auf den Africanischen Kusten gelegenen Spanischen Vestung Ceuta, brachte.

Weilen aber der Tag anzubrechen begunte, muste ich mich vor dieses mahl, da es noch ein wenig demmerig war, eiligst fort machen. Meine Lands-Mannin hatte die Vorsicht gebraucht, mir ein ziemlich gross Gefass in die eine Hand zu geben, begleitete mich auch biss in die Thur des Saals, wo die Wache der Verschnittenen stunde, und sagte, dieselbe vom Fragen abzuhalten, indem ich hurtig fortging: Bleib nicht allzu lange aussen, und zerbrich mir ja das Gefass nicht! Solchergestalt kam ich glucklich, ohne dass mich jemand anredete, in meinem Zimmer an, gab der Mohrin ihre Kleider nebst dem Gefass, welches sie mit frischem Wasser fullete, und wieder zu ihrer Gebiehterin ging, ich aber brachte uber eine gute Stunde zu, ehe ich die schwartze Farbe wieder vom Gesicht und Handen loss werden konte.

Die ubrige Zeit dieses gantzen Tages stellete ich mich etwas unpasslich, damit ich in meinen Gedancken desto fuglicher wiederholen konte, was ich in der vergangenen Nacht mit meiner Lands-Mannin gesprochen hatte, denn wir hatten in Wahrheit ein schweres Werck vor uns, welches, wenn es ware entdeckt worden, beyden die grosten Martern und den ohnfehlbaren Todt wurde zugezogen haben. Jedoch weil sie mir versprochen hatte, fleissig um die gluckliche Ausfuhrung unsers Vorhabens zu beten, so nahm ich meine Zuflucht auch zum Gebet, und spurete dabey, dass mir mein Hertz immer leichter wurde. Folgende Tage nahm ich mir vor, mich, ausser der Kayserl Residentz, in der Stadt bekandt zu machen; es wird aber vielleicht nicht missfallig seyn, wenn ich eine kleine Beschreibung davon mache. Das Kayserliche Schloss, Accassave genannt, ist ein sehr prachtiges Gebaude, welches mit den vortrefflichen Garten, so darzu gehoren, eine gute Meilwegs im Umfange hat, es ist auch das Seraglio oder Behaltniss der Weiber darinnen, und befanden sich in selbigem damahls, ausser den 4. Gemahlinnen, uber 2000. Kebs-Weiber. Denn obgleich der Kayser nicht mehr als 4. wurckliche Gemahlinnen haben darff, so ist ihm doch erlaubt, so viel Kebs-Weiber zu halten als er will. In der HauptStadt, welche mit ziemlich viel Pallasten der Grossen angefullet ist, finden sich aber auch viel geringere, ja gantz schlechte Hauser, es wohnen auch sehr viel Juden darinnen, jedoch in einem besondern Revier, welches des Nachts verschlossen wird. Ausser dem liegt noch eine andere gantz grosse Stadt an der NordWest-Seite, die aber nicht sonderlich wohl gebauet ist, und von lauter gantz schwartzen und gelben Mohren bewohnet wird; in dieser habe ich mich niemahls sehr umgesehen, weiln gehoret hatte, dass wenig oder gar keine Christen oder Juden darinnen angetroffen wurden. Da ich nun merckte, dass mir sehr viel Freyheit gelassen wurde, indem mich kein Mensch unbescheiden fragte, weder, wo ich hin wolte? noch wo ich herkame? oder wo ich gewesen ware? so stellete mich gantz dreuste an, und gab hier und dar bey den hohern Bedienten zu vernehmen, wie ich nur darum ausgienge, etwa eine mir anstandige Christen-Sclavin anzutreffen, selbige zu erkauffen und mit derselben eine Heyrath und eigene Wirthschafft zu stifften, damit ich nachhero meine Dienste desto ordentlicher und lustiger verrichten konte; ja ich war einsmahls so verwegen, eben dieses dem Kayser selbst, da er bey guter Laune war, aufzubinden, und vermerckte, dass ihm meine Absichten wohl gefielen, denn er versprach, wenn ich mir auch die allerschonste und beste Sclavin auslase, mir selbige zu schencken. Mittlerweile lernete ich nun, mich meiner Freyheit immer besser und besser zu bedienen, liess aber keine 2. oder 3. Tage vorbey streichen, dass ich meiner Lebens-Erhalterin, Lands-Mannin und besondern Wohlthaterin nicht ordentliche Nachricht von allen gegeben hatte, und zwar vermittelst einer besondern Schrifft, die niemand als wir beyde lesen und verstehen konte, und woruber wir mit einander eins worden waren. Inzwischen schickte sie mir gewaltige Geld-Sumen und sehr kostbare

Kleinodien zu, so, dass mir recht angst und bange daruber wurde, weil ich noch keinem eintzigen guten Freund angetroffen, dem ich mein Hertz hatte offenbaren und ihm wenigstens die Helffte von allen in Verwahrung geben konnen.

Meiner Nachlassigkeit konte ich dieses nicht Schuld geben, denn ohngeacht ich in Mequinez einen und andern Hollander und Engellander gesehen, so war mir doch von allen diesen, keiner als ein Werckzeug vorgekommen, durch welches ich meine und meiner Lands-Mannin Befreyung zu erlangen hoffen konnen, denn Deutsch zu sagen, sie kamen mir alle zu dumm vor. Eines Tages aber, da ich durch die JudenStadt ging, kam ein ohngefahr etliche 30. jahriger Jude eben zu seiner Thur heraus, und fragte, ob mir nicht beliebte, ihm etwas von Galanterie Waaren abzuhandeln. Ich fragte in Maroccanischer Sprache: was er besonders hatte? und ging auf sein Bitten mit ins Hauss, da er mir denn allerhand artige Sachen von Silber, Gold und andern Metallen kostbar verfertiget, vorzeigte, und die Lust erweckte, vor mehr als 50. Zechinen von ihm zu kauffen, welches aber alles gantz leicht in den Schubsacken verbergen konte, denn es waren lauter kleine Sachen. Endlich zeigte er mir eine saubere goldene Repetir-Uhr vor 120. Zechinen, vor welche ich ihm ohne langes Handeln das geforderte Geld hinzahlete, jedoch mit dem Bedienge, dass, wo ich dieselbe binnen 8. Tagen falsch befinden solte, er mir das Geld wieder zuruck zu geben schuldig sey, denn ich ware ein Bedienter des Kaysers, und konte mir bald Hulffe schaffen. Der Jude war damit zufrieden, sagte, dass er heut uber 8. Tage den gantzen Tag allhier in seinem Wohn-Hause verbleiben, und auf mich warten wolte, fing hernach von freyen Stucken zu sagen an: Mein Herr! ihr habt mehr Mittel als ich anfanglich bey euch gesucht hatte, allein wo ich rathen soll, so seyd ihr ein gebohrner Christ und vielleicht durch Ungluck anhero in die Sclaverey gekommen? Ja wohl, sagte ich, habt ihr es errathen, und nicht allein ich, sondern auch meine leibliche Schwester, die noch ein paar Jahr alter ist als ich, wir sind aus einem vornehmen Geschlechte, aus Holland geburtig, und haben unsere reichen Eltern noch am Leben, welche uns gerne mit etliche 1000. Thlr. losskaufften, wenn sie nur wusten, wo wir waren, allein, wir sind darinnen unglucklich, dass, ohngeacht ich schon 2. mahl Briefe nach Holland mitgegeben, wir dennoch keine Antwort zuruck erhalten haben, derowegen zu glauben, dass die Briefe nicht zurecht gekommen, sondern verlohren gegangen sind. Wenn ihr, versetzte der Jude hierauf, eines andern und nicht des Kaysers Sclaven waret, so ware wohl noch Rath zu finden, euch loss zu kauffen, allein, vor Geld pflegt der Kayser seine Sclaven nicht zuruck zu geben, und derowegen ist wenig Hoffnung zu eurer Errettung da, wenn ihr euch nicht mit List zum Lande hinaus practiciren konnet; allein, ihr wisset allhier keinen Bescheid, und ein anderer, es sey Christ oder Jude, wird sich ohne schwere Geld-Summen nicht leicht in dergleichen Sachen mischen, weil, wenn die Sache verrathen wurde, das Leben eines jeden schon so gut als verlohren ist. Das ist leicht zu erachten, war meine Antwort, inzwischen muss man auf die Hulffe des Allmachtigen hoffen, auf ein paar tausend Zechinen aber solte es mir eben nicht ankommen, wenn sich ein redlicher Mensch finden wolte, der uns beyde wieder unter die Gesellschafft unserer Lands-Leute bringen konte. Hierauf sagte der Jude, wenn ihr redlich seyn, mich nicht verrathen, und mir meine Muhe wohl bezahlen wollet, will ich vor eure Befreyung, welche listiger Weise angestellet werden muss, Sorge tragen, allein, wo befindet sich eure Schwester, hat selbige auch, wie ihr, die Freyheit hinzugehen, wo sie hin will? So viel Freyheit, sprach ich, ist ihr nicht erlaubt, als mir, doch ware es eben keine unmogliche Sache, sie zur Nachts-Zeit ein paar Meilen von Mequinez hinweg zu bringen. Wenn sie nur erstlich bey Nachts-Zeit allhier in mein Hauss gebracht werden konte, sagte der Jude, so solte sich nachhero alles schicken, denn ich bin im Stande, euch alle beyde etliche Wochen an einem geheimen Orte darinnen aufzuhalten, allwo euch die Mohren nimmermehr finden konnen, sie mogen auch suchen wie sie immer wollen. Ob auch gleich bey Nachts-Zeit das Revier, wo wir Juden wohnen, verschlossen wird, so wissen doch viele von uns solche Schliche, dass wir aus- und einkommen konnen, wenn wir wollen.

Ich wuste so gleich nicht, was ich weiter antworten solte, blieb derowegen eine ziemliche Zeit in tieffen Gedancken sitzen, mitlerweile brachte der Jude eine Bouteille Wein auf den Tisch, und fragte mich, ob ich auch Wein trancke? Ich that ihm Bescheid, und fand den Wein so kostlich, als ich ihn jemahls getruncken hatte, nachdem ich aber noch einige kleine Glaser ausgelehret, fuhr der Jude mit Reden also fort: Mein Herr, ich mercke wohl, dass ihr auf meine Reden kein besonderes Vertrauen setzet, allein, glaubet sicherlich, dass wir Juden es hier zu Lande mehr, und weit lieber mit den Christen halten, als mit den Mohren und andern Nationen, die Kauff-Leute wissen auch selbst dass wir es allezeit redlicher mit ihnen meynen, als mit den Maroccanern, allein, wir mussen uns sehr behutsam dabey auffuhren. Damit ihr aber dessen vollkommen uberzeugt werdet, so kommet nach zweyen Tagen wieder zu mir, alsdenn will ich euch einem Christlichen Kauffmanne aus Engelland prsentiren, welcher ein Contoir in Gibraltar, und zum offtern starcken Verkehr allhier gehabt hat, nunmehro aber ist er resolvirt, in sein Vaterland, nehmlich nach Engelland, zuruck zu reisen, vielleicht ists moglich, dass ihr alle beyde von ihm durch List mitgenommen werden konnet; wo nicht? werde ich ein ander Mittel zu erfinden wissen, denn, wie schon gesagt, wir Juden dienen den Christen gern vor ein billiges Geschencke, welches aber etwas kostbarer seyn muss, wenn Lebens-Gefahr bey der Sache zu besorgen ist.

Hierauf trunck ich noch etliche Glaser Wein, zahlete dem Juden eine Zechin darvor, versprach, die Sache mit meiner Schwester zu uberlegen, und am dritten Tage in der Mittags-Stunde wieder bey ihm zu seyn, auch daferne er sein Wort halten, und uns in Freyheit verhelffen konte, ihm seine Muhe besser zu bezahlen, als er sich wohl einbilden mochte; also ging ich dieses erste mahl in tieffen Gedancken, zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, von ihm, setzte mich des Nachts in meinem Zimmer hin, und berichtete meiner Lands-Mannin schrifftlich, wie ich nunmehro die erste Hand an das Werck unserer Befreyung gelegt, und bat mir, auf Ubermorgen fruh, ihre Meynung und fernern guten Rath daruber aus.

Sie war nicht saumselig gewesen, sondern schickte mir gleich dritten Tages in aller fruhe ein AntwortsSchreiben, hielt davor, dass meine Anstalten nicht uneben, weil es an dem, dass die Juden den Christen gegen eine gute Belohnung ungemein getreu waren, inzwischen musten wir die gantze Sache noch etliche Wochen weiter hinaus schieben, biss die Nachte etwas langer und finsterer geworden, unter welcher Zeit sie mir denn auch ihre ubrigen Kostbarkeiten vollends zuschantzen, ingleichen vielleicht noch einmahl mundliche Abrede mit mir nehmen konte.

Demnach begab ich mich um die bestimmte Zeit zum andern mahle zu meinem getreuen Juden, und fand wurcklich einen vornehmen Englischen Kauffmann bey ihm, welchem der Jude bereits so viel von meiner Geschicht erzahlet hatte, als er selbst davon wuste, ich aber erzahlete ihm auch noch so viel darzu, als ihm von meinen Umstanden zu wissen nothig war. Indem uns nun hernachmahls der Jude beyde alleine liess, redete mich der Kauffmann also an: Mein werther Freund! ich kan zwar nicht laugnen, dass ich seit etlichen Jahren verschiedenen Christen-Sclaven, welche entweder gar keine Mittel gehabt, sich loss zu kauffen, oder vor Geld nicht einmahl haben loss kommen konnen, zu ihrer Freyheit verholffen, und sie heimlicher und listiger Weise mit mir fortgefuhret, bloss auf Angeben dieses verschlagenen Juden, welcher so geschickt ist, dass er mit einem gewissen Saffte, binnen 2. oder 3. Stunden einem Menschen gleich eine gantz andere Gesichts-Bildung geben kan, solchergestalt, dass ein Jungling oder Jungfer von 16. 18. oder 20. Jahren, so alt und verruntzelt aussehen, als ob es Personen von 60. biss 80. Jahren waren, nachdem er nehmlich mit seinem Saffte oder Tinctur die Haut mehr oder weniger einbeitzt. Allein, mit allen dem, so ist es eine sehr gefahrliche Sache vor mich, und soltet ihr bey mir ertappet werden, konte es mir mein Leben, oder wenigstens alles mein Gut kosten; der Jude aber, wenn es heraus kame, muste ohnfehlbar mit dem Leben bussen. Weil ich nun auch ohnedem nicht weiss, ob ich noch etwa 4. 6. oder 8. Wochen allhier verbleiben muste, so kan mich eurentwegen zu nichts erklaren, wie gern ich sonsten meinem Mit-Christen alle moglichsten Dienste leiste.

Ich wurde ziemlich kleinlaut bey dieser Anrede, sagte aber mit Seuffzen: Mein Herr, wenn meine und meiner Schwester Freyheit mit Gelde zu erkauffen ware, so wolte gleich morgendes Tages vor 3. biss 4000. Ducaten werth Gold oder Kleinodien in eure Hande liefern, denn ich habe so viel und noch mehr in meiner Gewalt, allein, hieran zu gedencken, ist eine vergebliche Sache, und wenn wir unsere Personen nicht mit einer besondern List aus diesem Reiche practiciren, so werden wir vor Kummer darinnen sterben mussen.

Vor meine Sorge und Muhe, versetzte der Kauffmann, eines Schillings werth zu verlangen, wurde ich mir ein grosses Gewissen machen, allein, wenn alles glucklich ablauffen solte, wurden ohngefahr 1500. Ducaten darzu erfordert werden, damit der Jude erstlich 2. fremde Sclaven vor mich kauffen, Passe auf selbige losen, und manchen die Augen blind machen, das ubrige aber vor seine Muhe behalten konte. Hernach muste er diese Sclaven unter der Hand erstlich anderwerts wieder verhandeln, damit, wenn der Jude endlich eure Kleider wohl verandert, und eure Gesichter verwandelt, ich euch beyde, an deren Stelle, laut des geloseten Passes, mit zu Schiffe nehmen durffte. Allein, wie gesagt, (war seine fernere Meynung,) die gantze Sache ist annoch vielen Gefahrlichkeiten unterworffen.

Das wuste ich mehr als zu wohl, liess mich derowegen die Haupt-Sache, wegen meiner Landes-Mannin und ausgegebenen Schwester, um so viel desto weniger mercken, sondern legte dessfalls, so zu sagen, alle meine Worte auf die Gold-Wage. Nachdem aber der Kauffmann noch ein paar Bouteillen Wein mit mir ausgetruncken hatte, und der Jude wieder zu uns gekommen war, meynete der erste, dass wir von dieser Sache nach weiterer Uberlegung in etlichen Tagen ein mehreres sprechen konten, der Jude aber schlug vor: dass es besser ware, wenn wir in Zukunfft in einem andern Juden-Hause, welches er uns zeigte, zusammen kamen, und daselbst, Verdacht zu vermeiden, auf einer besondern Stube, fernere Unterredung hielten.

So weit war Mons. van Blac vor dieses mahl in Erzahlung seiner Geschichte gekommen, als die Glocke zwolff Uhr schlug, und uns damit erinnerte, den AltVater nicht langer von seiner Ruhe abzuhalten, wesswegen derselbe den Mons. van Blac bath, Morgenden Abends den ubrigen Rest von seiner curieusen Geschicht, uns vollends mitzutheilen, wir uns aber alle hierauf zur Ruhe begaben. Ein jeder besorgte folgenden Tages das Seine; Abens zu bestimmter Zeit fanden wir uns wieder bey dem Alt-Vater ein, und horeten den

Verfolg von Mons. van Blacs Lebens-Geschicht.

Ich habe, fing er an, wohl vermerckt, dass ich gestern Abend etwas zu weitlaufftig in Erzahlung meiner Geschicht gewesen bin, allein, eines Theils habe ich die besondere Gabe der Beredsamkeit nicht, mit wenig Worten viel zu sagen, andern Theils wuste nicht, was ich sonderlich hatte weglassen konnen, wenn ich einen vollkommenen Bericht von meinen Begebenheiten abstatten soll. Jedoch von nun an will ich mich befleissigen alles aufs kurtzeste, jedoch deutlichste vorzutragen.

Bey noch offtern Zusammenkunfften schien mir der Englische Kauffmann immer gewogener zu werden, zumahlen, da ich ihm einige Jubelen von hohem Werth zeigte, denn meine Lands-Mannin hatte mir nachhero binnen 3. Wochen mehr als vor 10000. Thlr. an Golde und Geldes werth zugeschickt, auch nur nebst verschiedenen Kostbarkeiten, so viel an Gold-Stucken bey sich behalten, als sie sich in ihren Kleidern selbst mit fortzubringen getrauete. Endlich, da der Kayser sehr unpass, und fast jedermanniglich consternirt daruber war, hatte sie es abermahls angestellet, dass ich gantzer 24. Stunden bey ihr bleiben, und vollkommen mundlichen Rapport von meinen gemachten Anstalten abstatten konte, denn ich hatte nicht allein dem Kauffmanne vor den Juden bereits 1500. spec. Ducaten gezahlet, sondern ihm auch das meiste von meiner Landsmannin Gutern, in eine besondere Kiste versiegelt, anvertrauet, dargegen von ihm die vollige Versicherung erhalten, dass er vor alles sorgen wolte, wir musten uns aber dabey gefallen lassen, nicht nur des Judens Rathe in allen Stukken zu folgen, sondern auch, nachdem alles wohl eingerichtet, meine Schwester in Mannes-Sclaven-Kleidern so wohl als ich, jedes ein Maul-Thier biss nach Arzilla zu treiben, als wohin er seine Guter zu schaffen, Erlaubniss hatte, und biss dahin solte uns auch der Jude begleiten.

Solchergestalt waren ich und meine Landsmannin uber unsere glucklich gemachten Anstalten biss dahin vollkommen vergnugt, nur das eintzige lag mir auf dem Hertzen, wie sie aus dem Seraglio heraus und in das Juden Hauss zu bringen seyn wurde, allein, sie machte sich hieraus keine sonderliche Beschwerlichkeit, sondern sagte, wie sie bey dunckler Nachts-Zeit, mir leichter Muhe, hinunter in einen der Garten, auch zu einer verborgenen Thur durch die Mauer kommen konte, als zu welcher sie den Schlussel schon vor Jahr und Tage hinweg practiciret hatte, so dann durffte sie weder Wache noch nichts passiren, sondern konte so wohl in die Stadt als in das freye Feld kommen. Dieserwegen schopffte ich bessern Muth, zumahlen mir der Jude schon die Schliche gewiesen, wie und wo wir uns bey nachtlicher Weile in die Juden-Stadt und in sein Hauss practiciren konten.

Der alte Sultan hatte zur selbigen Zeit wurcklich einen sehr gefahrlichen Zufall, welcher wohl mehrentheils von dem Alter herruhren mochte, und ohngeacht er nachhero noch etliche Jahre gelebt, so war es uns beyden doch damahls ungemein vortheilhafft, dass er itzo so gar schwach war, weil dieserwegen so wohl meine Lands-Mannin als ich, etwas mehr Freyheit hatten. Derowegen, da ohnedem die dunckelsten Nachte eingebrochen waren, auch des Monden Licht zurucke blieb, hielten wir nicht vor rathsam, unsere Sachen langer aufzuschieben, sondern wagten das auserste. Sie schrieb mir, dass ich in einer bestimmten Nacht, etwa eine Stunde vor Mitternacht, mich vor der bezeichneten verborgenen Pforte ausserhalb einfinden, vorhero aber aller Gelegenheit wohl erkundigen solte, um ihre Ankunfft durffte ich nicht besorgt, sondern versichert seyn, dass sie accurat in der Mitternachts-Stunde die Pforte eroffnen, bey mir seyn, und sich von mir weiter fuhren lassen wolte.

Da fing mir das Hertze abermahls gewaltig zu klopffen an, jedoch ich hatte einen guten Sabel, ein paar treffliche Pistolen, und auch ein paar TaschenPufferte schon im Vorrath angeschafft, recognoscirte demnach binnen der Zeit etliche mahl selbige Gegend, und maass fast alle Fuss-Tritte ab; wie ich aber in der bestimmten Nacht kaum eine Stunde vor der verborgenen Pforten-Thur gelauret hatte, kam meine wertheste Lebens-Erretterin heraus getreten, schloss die Thur sachte hinter sich zu, umarmte mich aus keuscher Liebe, und sagte: GOtt Lob! so weit bin ich nun frey; bath mich aber, die Strick-Leiter, welche sie von starcken seidenen Schnuren seit etlichen Wochen her selbst zusammen gewurckt, und woran sie sich herunter gelassen hatte, zu tragen. Wir konten theils vor Freude, theils vor Angst und Zittern wenig mit einander sprechen, biss wir endlich an den Ort kamen, wohin ich den Juden bestellet hatte, der uns endlich durch einen beschwerlichen, jedoch glucklichen Weg in sein Hauss und in ein solches Zimmer brachte, wo zwischen 2. Wanden kaum eine Person geraumlich sitzen, man aber gar kein Tages-Licht sehen konte, sondern wenn man sehen wolte, muste auch bey hellem Tage ein Licht darinnen angezundet werden. Es waren auch zu oberst nur einige schieff-lauffende Locher darinnen, damit der Dampff und Dunst heraus gehen konte; der Lange nach war endlich vor 3. Personen zum Liegen Platz genug darinnen, doch meine Landsmannin sagte: Wenn ich allhier lange verbleiben soll, bin ich ohnfehlbar des Todes.

Allein, der Jude hatte seine Streiche klug genug gemacht, und da binnen 3. Tagen weder Hauss-Suchung geschahe, noch sonst ein Rumor vorging, liess er uns zuweilen etliche Stunden in einem Neben-Zimmer respiriren, bestellete hierauf den Englischen Kauffmann eines Abends zu uns, welcher meiner so genannten Schwester, der ich alles vorhero gesagt, wie sie sich aufzufuhren hatte, mit besonderer Hoflichkeit begegnete, und nochmahls betheurete, dass er zu unserer Befreyung alle Sorge und Muhe anwenden wolte, allein, wir musten so wohl seiner Affairen, als unsers eigenen Bestens wegen noch einige Wochen Gedult haben.

Das war ein ubler Thon in den Ohren meiner Landsmannin, jedoch was wolte nunmehro bey der gantzen Sache besser helffen, als Gedult und gute Hoffnung? Gleich darauf folgenden Tages fing der Jude an, mit seiner Tinctur unsere Gesichter zu verwandeln, und machte dieselben binnen 24. Stunden dergestalt schandlich, dass wir einander selbst fast nicht mehr kannten, versicherte jedoch anbey, dass es nichts schadete, sondern nach der Zeit mit einem gewissen Spiritu alles wieder abgewaschen, und in die vorige Gestalt gebracht werden konte. Vor alte Sclaven-Kleider trug er auch Sorge, uns selbige zu verschaffen, als vor welche wir ihm unsere guten Kleider gaben, die er augenblicklich auseinander schneiden und wohl verwahren liess. Demnach warteten wir in dieser abermahligen Gefangenschafft auf die Stunde unserer Erlosung mit dem grosten Schmertzen, erfuhren mitlerweile, dass der Jude vor den Engellander 4. Sclaven erkaufft, sich mit ihnen so wohl als mit dem Engellander selbst, zu dem Bassa begeben, als welches der oberste Minister des Kaysers ist, und so wohl auf den Engellander und seine Waaren, als auch auf die 4. Sclaven und 4. Maul-Thiere einen freyen Passir-Zettel erlangt, indem der Engellander dem Bassa ein nicht geringes Prsent gemacht.

Nachdem wir also 6. Wochen und 4. Tage in des Juden Hause eingesperret gewesen, wurden wir endlich nebst noch 2. Sclaven heraus und in des Engellanders Quartier gefuhret, des Nachts packte man die 4. Maul-Thiere auf, welche von uns 4. Sclaven solten getrieben werden, und fruh Morgens mit anbrechendem Tage ging die Reise fort, so, dass wir nach etlichen zuruck gelegten Tage-Reisen endlich den Hafen Arzilla glucklich erreichten, allwo andern Tages der Engellander nebst seinen ubrigen Sachen auch eintraff, und nach vorgezeigten Passir-Zettel uns 4. Sclaven mit den Waaren einschiffen, die Maul-Thiere verkauffen, und den Juden wieder zuruck wandern liess, nachdem derselbe vor seine gehabte Muhe wohl vergnugt worden. Was dieser Jude mit den 2. ubrig erkaufften Sclaven angefangen, weiss ich nicht, wir aber danckten den Himmel, dass er uns gunstigen Wind schenckte, wesswegen sich der Kauffmann nicht langer saumen wolte, sondern die Seegel aufziehen liess, demnach lieffen wir in wenig Tagen im Hafen zu Gibraltar ein.

Wie erfreut meine Lands-Mannin und ich uber unsere nunmehro vollig erlangte Freyheit waren, solches ist nicht wohl auszusprechen, unser Erretter, der Englische Kauffmann, wurde nicht allein mit allen ersinnlichsten Danck und Lob-Spruchen belegt, sondern wir wolten ihn auch unsere Danckbarkeit mit baaren Gelde zeigen, allein, er weigerte sich, selbiges anzunehmen, doch liess er sich endlich zum freundlichen Angedencken 2. ziemlich kostbare Kleinodien von uns fast aufzwingen.

Nunmehro waren wir bemuhet, nachdem wir unsere Kiste von dem Kauffmanne zuruck erhalten, uns wiederum ordentliche Kleider anzuschaffen, auch unsere Gesichter und Hande von der schandlichen Farbe, die uns aber vor dieses mahl gute Dienste gethan hatte, zu reinigen. Dieses letztere machte uns wohl 3. biss 4. Tage die allergroste Muhe, den anfanglich wolte weder Spiritus, Wasser, Lauge und Seiffe etwas davon hinweg nehmen, wesswegen wir glaubten, Zeit Lebens gelbe Mohren zu verbleiben, allein, endlich fing sich fast das gantze Oberhautlein von unsern Gesichtern und Handen abzuscheelen an, und binnen 3. Wochen war alles dergestalt reine worden, dass wir wieder aussahen wie vorhero. Mittlerweile traffen wir in Gibraltar zwar verschiedene Hollander an, konten aber von ihnen allen, eben so wenig als in Mequinez, erfahren, ob meiner Lands-Mannin Ehe-Mann, und denn mein leiblicher Vater, noch ausserhalb, oder in ihr Vater-Land zuruck gekommen waren, derowegen, weil unser Engellander gesonnen war, wenigstens noch 3. oder 4. Monat in Gibraltar zu verbleiben, hielten wir vor das rathsamste, uns nach einem andern Schiffe umzuthun, welches nach Engel- oder Holland seegelte, denn was hatten wir in Gibraltar zu schaffen.

Zwar fanden wir in dieser Vestung bey verschiedenen vornehmen Leuten, die nur unsere Geschicht anzuhoren, uns zu sich einladen liessen, manchen vergnugten Zeitvertreib, allein, die Sehnsucht, die so wohl meine Landsmannin nach den Ihrigen, und ich nach den Meinigen hatte, verursachte, dass wir taglich Mittel suchten, unsere Abreise zu beschleunigen, und es gereichte zu unsern grosten Freuden, da ein von Genua zuruck kommender Hollander sich einige Tage im Hafen vor Gibraltar aufzuhalten genothiget fand, wesswegen ich so gleich zu ihm eilete, und so viel von ihm erlangete, dass er uns beyde mit nach Amsterdamm zu nehmen versprach. Indem er nun kein Zauderer war, sondern seine Sachen aufs eiligste ausrichtete, bekamen wir bald die angenehme Nachricht, dass, wenn wir mit nach Holland wolten, keine Zeit ubrig sey, sich einzuschiffen, derowegen nahmen wir von unsern Engels-Manne, der uns so redlich aus der Barbarey gefuhret hatte, zartlichen Abschied, beurlaubten uns bey andern guten Gonnern und vornehmen Personen, welche uns nicht allein viel Proviant, sondern auch andere Kostbarkeiten mit auf die Reise verehreten, und gingen mit grossen Freuden unter Seegel.

So bald wir die Strasse passiret, und die furchterlichen Barbarischen Kusten nicht mehr zu sehen waren, fing meine wertheste Landsmannin erstlich an recht lebhafftig zu werden, alle ihre Redens-Arten waren nicht allein weit lustiger als sonsten, sondern auf ihren Wangen kam Blut und Milch in artiger Vermischung zum Vorscheine, die Rosen auf ihren Lippen aber bluheten vollkommen, denn sie hoffte, nun bald den Hafen ihres Vergnugens zu finden, wurde aber doch in etwas verdrusslich, da sich der Patron des Schiffs verlauten liess, er muste in dem Hafen zu Lissabon einlauffen, und daselbst erstlich noch eine bestellte starcke Ladung einnehmen. Jedoch auf mein Zureden, dass, da wir nehmlich seithero in der grosten Gefahrlichkeit so viel Gedult gehabt, wir dieselbe nunmehro in guter Sicherheit auch nicht gantzlich fahren lassen musten, gab sie sich zufrieden, und so bald wir im Hafen zu Lissabon angelanget, liess sie es sich gefallen, auch mit den Boot uberzugehen, und diese Betrachtens wurdige Stadt in Augenschein zu nehmen, denn es prsentirte sich dieselbe von aussen dergestalt prachtig, dass man glauben konte, wie sie inwendig ebenfalls nicht elend beschaffen seyn muste. Weil es nun eben ein sehr angenehmes Wetter war, und unser Patron sagte, dass wir aufs wenigste binnen 14. Tagen oder 3. Wochen nicht von dannen seegeln wurden, nahm ich einen Fuhrer an, welcher meiner Landsmannin und mir die Haupt-Merckwurdigkeiten zeigen solte, brachten auch die Zeit vom Morgen biss Abend damit zu, doch weil ihr das Gehen beschwerlicher als die Betrachtung der Curiosaten fallen wolte, nahmen wir in folgenden Tagen eine Chaise, um die allzuweit abgelegenen Merckwurdigkeiten zu besichtigen. Indem wir um eines Tages auf einem grossen Platze stille hielten, um eine daselbst aufgerichtete kostbare Bild-Saule in genauen Augenschein zu nehmen, indem sich bereits viele Personen, die wie Auslander aussahen, dabey befanden, vermerckte ich, dass eine Manns-Person von naher 30. Jahren bestandig ihre Augen auf meine Landsmannin gerichtet hatte, auch da sie die besondern Figuren und Inscriptiones rings um die Bild-Saule herum betrachtete, ihr immer ex opposito blieb, bald blass, bald roth wurde, etliche mahl mit dem Kopffe schuttelte, und sonsten viele andere Zeichen der Verwunderung von sich gab. Meine Landsmannin wurde nichts davon gewahr, jedoch da ich sahe, dass sich dieser Curiosus etliche Schritte entfernete, und mit einem andern, der ebenfals so ein gelblich Kleid, wie er, anhatte, in einen vertraulichen Discours eingelassen, beyde aber sich offters nach meiner Landsmannin umsahen, drehete ich mich nach und nach an ihre Seite, und sagte ihr ins Ohr: Madame, sehet, jene beyden Gelb-Rocke sprechen von niemand anders als von euch, wenn ich wahrsagen soll, so ist wenigstens dem einen eure Person bekandt. Meine Landsmannin ergriff mich bey der Hand, mit den Worten: Kommet, mein Freund, wenn ich sie gleich nicht kenne, so werden wir doch vielleicht mercken oder erfahren konnen, ob es welche von unsern Lands-Leuten sind. Ich fuhrete sie gerades Wegs auf beyde Personen zu, weiln unser Wagen in der Gegend stund, da wir aber noch etwan 30. Schritte von ihnen waren, dreheten sie sich erstlich beyde uns entgegen, machten hernach lincks um, und gingen etliche Schritte weiter nahe an den Wagen, von welchem sie nicht wusten, dass er unser war. Meine Landsmannin druckte mir die Hand, und sagte: Ich bin fast aus mir selbst, denn alle beyde sind mir sehr wohl bekandt, der alte, etliche 50. jahrige heisset Cornelius Dostart, der jungere aber, welcher meines Vaters Laden-Diener gewesen, Jan Pancratius Rackhuysen. Sie haben mir beyde Verdruss genung verursacht, und eben desswegen haben die Schelmen kein gut Gewissen, sich zu erkennen zu geben. So wollen wir, versetzte ich hierauf, ihnen zum Tort auf sie zugehen, und fragen, ob sie nicht Hollander waren, denn wir solten sie fast kennen.

Mir geschicht, antwortete meine Dame, hiermit eben kein besonderer Verdruss, denn ich kan auch wohl mit meinen Feinden sprechen. Demnach fuhrete ich sie erstlich seitwarts vor den beyden Hollandern, die noch immer in ernstlichen Gesprach begriffen waren, vorbey, drehete mich aber mit ihr kurtz um, so, dass wir sie beyde jahlings im Angesichte hatten. Der jungste schlug die Augen itzo nieder, ohngeachtet er meine Landsmannin kurtz vorhero bey der Bild-Saule mit groster Verwunderung betrachtet hatte; Der altere aber, welchen ich hatte Dostart nennen horen, ging meiner Landsmannin entgegen, und sagte mit besturtzten Minen: Madame! wie soll ich dencken? sind sie des Herrn Bredals Tochter oder derselben Geist. Meine Landsmannin stellete sich gantz aufgeraumt an, und antwortete! Man siehet bald, dass ich kein Geist bin, indem ich Fleisch und Bein habe, auch den Herrn Dostart so wohl als Mons. Rackhuysen annoch besser kenne, als mich dieser letztere kennen will, ohngeacht wir doch wohl langer als 6. Jahr an einem Tische gespeiset haben. Madame! gab dieser letztere darauf, sie vergeben mir, dass ich vor Verwunderung, uber das besondere Gluck, dieselben allhier vergnugt anzutreffen, gantz aus mir selbst gesetzt bin, und mich nicht so gleich fassen kan. Es ist nichts ungewohnliches, replicirte die Dame, dass Menschen in der Fremde, Berg und Thal aber desto seltener zusammen kommen; allein, konnen sie mir nicht sagen, ob meine Eltern noch leben, und ob mein Liebster wieder aus der Sclaverey zuruck nach Leuwarden gekommen ist. Nein, Madame! gab Rackhuysen zur Antwort, davon kan ich keine Nachricht geben, weil ich bereits uber drittehalb Jahr aus Holland abwesend, und nur vor etlichen Tagen aus Ost-Indien biss hieher gekommen bin; Herr Dostart aber wird ihnen vielleicht die Wahrheit sagen konnen, weiln er nur vor wenig Wochen von Leuwarden abgegangen. Sie wandten hierauf ihre Augen auf den alten Dostart, welcher sie, nachdem er mir ein hoflich Compliment gemacht, etliche Schritte von uns hinweg und einen ziemlich langen heimlichen Discours mit ihr fuhrete. Mitlerweile sprach Rackhuysen zu mir: Monsieur! sie werden vielleicht ein Befreundter von dieser Dame seyn? Nein, mein Herr, gab ich zur Antwort, ich habe sie sonsten in Holland niemahls gesehen, denn ich bin von Antwerpen, sie aber von Leuwarden geburtig, doch mache mir das groste Vergnugen daraus, dass sie durch meine schlechte Person, listiger Weise aus der Barbarischen Sclaverey, und so gar aus des Maroccanischen Kaysers Muley Ismaels, Seraglio befreyet worden. Das gestehe ich! war seine Verwunderungsvolle Gegen-Rede, worauf er eine lange Zeit in tieffen Gedancken stehen blieb, endlich aber noch ein und anderes von mir ausfragen wolte, allein, ich drehete das Gesprach auf eine listige Art herum, und fragte selbst nach seinem Wesen, und was ihm auf der OstIndischen Reise besonders vorgefallen ware, worauf denn zu antworten, er mir nicht wohl abschlagen konte, biss endlich die Dame und Dostart wieder zu uns kamen. Ich hatte unter der Zeit meine Augen offtermahls nach der Dame gewendet, und angemerckt, dass sie zu verschiedenen mahlen, die Hande gen Himmel gehoben, gefalten und gerungen, auch sonsten allerhand klagliche Stellungen gemacht, derowegen nahm es mich kein Wunder, dass, da sie wieder zu mir kam, sehr wehmuthig aussahe, und zu mir nur so viel sagte: Mein Herr und Freund! die Hitze ist zu gross, lasset uns zuruck in unser Quartier fahren, diese beyden Herren werden, wo es ihnen gefallig, uns morgen auf einen Caffee zusprechen, denn ich habe dem Herrn Dostart schon gesagt, wo wir logiren. Alles zu Dero Diensten, antwortete ich, machte den beyden Herrn mein Copliment, und nothigte sie auch nochmals, hub die Dame in den Wagen, setzte mich neben sie, und befahl dem Kutscher, nach unserm Logis zu fahren.

Unterwegs klagte sie uber Kopff-Schmertzen, redete sonsten wenig, so bald wir aber in unser Logis kamen, legte sie sich gleich im Cabinet mit den Kleidern auf ihr Bette, weigerte sich etwas zu essen, sondern bath nur um ein paar Schalchen Caffee. Ich ging selbst hin, selbigen desto hurtiger fertig zu schaffen, und sie mittlerweile ein wenig ruhen und abkuhlen zu lassen, denn es war wurcklich ein sehr heisser Tag. Als ich aber mit dem Caffee kam, welchen ihr schon in Gibraltar angenommenes Hollandisches AuswarteMagdgen trug, sich aber gleich wieder fort machte, und ich meine wertheste Landsmannin hefftig weinend antraff, konte ich mich nicht enthalten, aus besondern Mitleyden zu fragen: Madame! ist mir erlaubt, nach der Ursache Dero hefftigen Betrubnisses zu fragen, so bitte dabey, mir selbige zu entdecken, kan ich Ihnen gleich nicht vollkommen helffen, so ist doch vielleicht ein guter Rath und Trost nicht gantzlich zu verwerffen. Ach mein werther van Blac, sagte sie, ich bin und bleibe eine ungluckselige Person auf dieser Welt. Der Himmel hat geholffen, dass meine Ehre, Leben und Gesundheit in und aus der Barbarey glucklich erhalten und errettet worden; allein, in meinem Vaterlande werde ich vielleicht alles mit einander einbussen mussen. Das wolte der Himmel nicht, replicirte ich, wie kommen Sie auf solche Gedancken? Ach! verfolgte sie ihre Rede, meine alten Eltern sind beyde gestorben; Mein Mann hat schon seit einem Jahre wieder geheyrathet, und zwar eine solche Person, mit welcher er von vielen Jahren her ein geheimes Liebes-Verstandniss gehabt, sich auch verlauten lassen, dass er mich nicht wieder annehmen wolte, und wenn ich auch ein gantzes Orlogs-Schiff voll Diamanten, Perlen und Gold-Klumpen mitbrachte, weil ihm eine von den Barbarn geschandete Person kein Vergnugen geben konte; Aber, o du gerechter Himmel, du allein weist meine Unschuld und Ehre, und hast dieselbe wunderbar auch unter den Barbarn zu erhalten gewust, bist auch der beste Zeuge, dass ich Zeit meines Lebens mit niemanden, als mit meinem Ehe-Manne, mich fleischlich vermischet habe.

Unter diesen letztern Worten schossen die Thranen dergestalt hauffig aus ihren Augen, dass sie gar nicht mehr zu reden vermogend war. Ich liess den ersten Sturtz vorbey, stellete ihr nachhero vor, dass man ja sich nicht so gleich an die erste fliegende Rede kehren muste, vielleicht ware das meiste davon unwahr, und ihr Mann, der sie ehedem so sehr geliebt, wurde vielleicht, wenn er sie nur erstlich wieder gesehen, auch ihre Geschichte und Contestationes angehoret, gantz andere Gedancken kriegen. Durch diese und andere Redens-Arten schien sie sich ein klein wenig zu besanfftigen, tranck auch ein paar Schalchen Caffee, und sagte hernach: Ich kenne meines Mannes Gemuthe am besten, zumahlen er nunmehro diejenige Person im Ehe-Bette hat, die er vor mir langst gern hinein haben wollen; Aber ich bitte sehr, Mons. van Blac, lasset mich ein paar Stunden ruhen, und schlaffet ihr selbst, diesen Abend will ich mich mit euch an den Tisch setzen, und meine gantze Geschicht erzahlen, denn weil ich weiss, dass ihr mir niemahls im geringsten lasterhafft, sondern jederzeit redlich und getreu begegnet habt, so kan ich euch auch wohl mein gantzes Hertze offenbaren, damit ihr ein Licht in der Sache bekommet, wisset aber, dass Morgen fruh um 9. Uhr Dostart sich eine gantz geheime Visite bey mir, und sonderlich dabey ausgebeten hat, euch ein paar Stunden auf die Seite zu schaffen, allein, das ist mein Wille nicht, sondern ich will euch in diesem Cabinet die Zeit uber verschlossen halten, damit ihr alle seine Reden mit anhoren konnet.

Ich kussete ihr hierauf die Hand, verschloss das Cabinet, und legte mich haussen in der Stube hinter einer Spanischen Wand auf meinem Bette auch ein wenig zur Ruhe. Allein, an statt des Schlaffs stiegen mir allerhand Gedancken in den Kopff, denn ich gedachte: Wenn der eigensinnige Mann in Leuwarden seine Frau nicht wieder haben wolte, solte das nicht ein schones Futterchen vor mich werden konnen, denn sie war in Wahrheit ein ungemein schones Bild, und mit Recht eine von den allerschonsten Frauen in gantz Holland zu nennen, wie ich mich denn gleich anfanglich, so bald ihr Portrait empfing, noch mehr aber, da ich das Original selbst sahe, sterblich in sie verliebte, allein, ihre strenge Tugend, Gottesfurcht und Frommigkeit, nebst unsern gefahrlichen Umstanden, hatten mich bisshero bestandig abgehalten, das geringste von dem, in meiner Brust verborgenen Feuer mercken zu lassen, hergegen hatte ich ihr jederzeit mit der sittsamsten Aufrichtigkeit und Treue begegnet. Kurtz: da sie, seit unserer erstern Bekanntschafft und Umgangs an, nicht die geringste geile oder leichtfertige Mine, sondern die grosten Zeichen der Keuschheit von sich blicken lassen, so ahmete ich ihr in allen Stucken nach, und unterdruckte die mir zuweilen aufsteigenden Affecten, nicht so wohl aus Blodigkeit, sondern vielmehr aus besonderer Hochachtung vor eine solche tugendhaffte Seele, welches mich denn in solchen Credit bey ihr setzte, dass sie offters, jedoch in ihren Kleidern, wie schon in Mequinez im Juden-Hause geschehen, gantz ruhig und sicher an meiner Seite schlieff. Dieses alles, wie schon gemeldet, kam mir auf einmahl in die Gedancken, nachhero aber wuste ich nicht, ob ich wunschen mochte, dass sie von ihrem Manne wieder angenommen, oder verstossen, und mir zu Theile werden solte. Solchergestalt blieb mein vorgenommener Schlaff gantz aussen, es stelleten sich aber dagegen die Annehmlichkeiten meiner schonen Landsmannin immer mehr und mehr vor meine Augen, so, dass ich biss auf den hochsten Grad verliebt in sie wurde, und weiter an nichts anders gedachte, biss sie endlich ihr Cabinet eroffnete, durch die Stube hinweg ging, und das Aufwarte-Madgen ruffte, welches sich aber auch in einem gantz kleinen Cabinet ein wenig zur Ruhe gelegt hatte, und so gleich zum Vorscheine kam.

Ich stund ebenfalls gleich auf, und fragte: Wie sie sich befande? und, ob sie wohl geschlaffen hatte? Es ist, antwortete sie, kein Schlaff in meine Augen gekommen, sondern ich habe nur meinem zukunfftigen Schicksale bestandig entgegen gedacht, jedoch letztlich alles der Fugung des Himmels anheim gestellet, und mich gefasst gemacht, alles Ungluck mit der grosten Gelassenheit zu ertragen, wenn ich nur bleiben kan, wo Christen seyn, um mich mir GOttes Wort und dem Rathe guter Freunde zu trosten.

Dieses ist eine Resolution, versetzte ich, welche nur bloss allein tugendhaffte Seelen, so, wie die Ihrige beschaffen ist, ergreiffen konnen; bleiben Sie dabey, und lassen im ubrigen den Himmel walten. Allein, was ist zu Dero Diensten, denn ich habe gehoret, dass sie der Magd geruffen? Nichts weiter, replicirte sie, als dass sie auf die Apotheque gehen, und mir ein Hertz-Pulver holen soll, denn ich weiss nicht, wie es kommt, dass ich so gar matthertzig bin. Ich bath mir sogleich aus, diesen Dienst selbst zu verrichten, und etwas zu bringen, wodurch der Leib wiederum gestarckt und das Gemuthe aufgeraumt gemacht wurde; zohe auch gleich meinen Ober-Rock an, und liess mich durch sie nicht an meinem hurtigen Fortgehen verhindern. Bey der Wirthin bestellete ich erstlich eine delicate Abend-Mahlzeit nebst ein paar Bouteillen des allerbesten Weins, hernach ging ich auf die Apothecke, liess ein herrliches Cordial, auf ihren Zustand gerichtet, zurechte machen, und brachte es so hurtig, als moglich, zuruck.

Ihr seyd allzu dienstfertig, Mons. van Blac, sagte sie hierzu, (nachdem sie einige Loffel voll davon zu sich genommen, und es krafftig befunden hatte,) und wenn es noch so lange wahren solte, als es gewahret hat, durffte mein gantzes Vermogen nicht zureichen, euch eure Liebe und Treue zu belohnen. Die letztern wenigen Worte machten, dass mir die Thranen in die Augen stiegen, wesswegen ich mich an ein Fenster wandte, um den Affect nicht mercken zu lassen, konte auch kaum mehr als so viel Worte vorbringen: Madame! ich verlange keine Vergeltung von Geld und Gut, sondern bin vergnugt, wenn sie nur bey dem Glauben bleiben, dass ich redlich bin. Sie mochte etwas an mir mercken, derowegen nahm sie noch ein wenig von dem Cordial, und begab sich stillschweigend wieder in ihr Cabinet, ich aber besann mich, und sahe nach der Kuche, ging eine Zeitlang im nahe daran liegenden Garten spatzieren herum, und verirrete mich dergestalt tieff in meinen Gedancken, dass ich mich nicht heraus finden konte, biss mich endlich die Wirthin ruffte, und fragte, ob sie das Essen auftragen solte? Ich befahl ihr, nicht damit zu saumen, weil wir heute wenig genossen, ging hinauf, und fand meine Landsmannin in der Stube herum gehend, dem Scheine nach, ziemlich wohl disponirt, es gefiel ihr auch, dass ich einige gute Tractamenten hatte zurichten lassen, indem sie alle mit Appetit versuchte.

Wie sauer es aber ihr, vielleicht nur meinetwegen, werden mochte, ihre Bekummerniss zu verbergen, so schwer kam es mir auch an, meine Affecten zu unterdrucken, allein, da wir erstlich eine Bouteille von dem vortrefflichsten Weine getruncken, offnete sich der Mund auf beyden Seiten einiger massen, jedoch redeten wir von gantz indifferenten Sachen, biss sie endlich, nachdem alles abgetragen, und das Madgen zur Ruhe gegangen war, von selbsten anfieng, und sagte: Mons. van Blac! ich habe euch heute etwas zu erzahlen versprochen, derowegen horet an die

Lebens-Geschicht der unglucklichen Charlotte

Sophie van Bredal.

Ich bin unter 11. Kindern meiner Eltern das jungste, und deren erste und letzte Tochter, denn meine Vorganger sind lauter Sohne gewesen, deren ich bey meiner Abreise noch 8. lebendig gesehen. Mein Vater trieb zwar die Handlung, hatte aber wenig Mittel, wesswegen er alles sehr genau einfadeln muste, denn bey einer solchen starcken Familie wurden, wie leicht zu erachten, auch starcke Ausgaben erfodert, zumahlen da sich kein eintziger von meinen Brudern zur Handlung appliciren, sondern ein jeder viel lieber ein Handwerck lernen wolte, wesswegen mein Vater fremder Leute Kinder zu Jungen und Handels-Dienern annehmen muste. Ich will mich aber hiebey nicht lange aufhalten, sondern nur von meiner eigenen Person erwehnen, dass, da ich kaum das 13te Jahr erreichte, mich einige Leute vor schon ausgeben wolten; dannenhero fanden sich fast taglich nicht nur die Sohne der reichsten Kauff-Leute, sondern auch weit Vornehmere, bey meinen Brudern ein, um zu schauen, ob bey mir etwas schones anzutreffen ware. Ich weiss nicht, was dieser oder jener gefunden, doch bekam ich bald von diesem, bald von jenem, nicht nur die verliebtesten Briefe, sondern auch verschiedene Galanterie-Waaren.

Ich armes Kind wuste gar nicht, was dieses zu bedeuten haben solte, klagete es derowegen meiner Mutter, und zeigete ihr alles offenhertzig, welche darzu lachelte, und sagte: Meine Tochter! zerreiss die NarrenBriefe, die Geschencke aber kanst du als ein Andencken aufheben, damit es die Personen, so sie dir geschickt, nicht vor einen Hochmuth auslegen, inzwischen entziehe dich ihrer aller Gesellschafft, so viel du kanst, und mache dich mit niemanden familiair, er sey so reich als er immer wolle.

Ich folgte meiner Mutter Lehren, kam aber bald in das Geschrey, als ob ich mir auf meinen Spiegel etwas einbildete, und gewaltig eigensinnig ware. Dem ohngeacht gaben sich die reichsten und vornehmsten Junggesellen viele Muhe, sich in meine Gunst zu setzen, allein, ich fuhlete damahls in meinem Hertzen noch nicht den geringsten Trieb zur Liebe, ob schon mein 15tes Lebens-Jahr bey nahe verstrichen war. Wie man mich aber um selbige Zeit schon vor mannbar halten wolte, so meldete sich eben dieser, bereits ziemlich bejahrte Kauffmann Dostart, bey meinem Vater, und hielt um mich an. Mein Vater mochte zwar wohl den grossen Unterscheid unserer Jahre betrachtet haben, indem ich die 1. vor der 5. er dieselbe aber bereits hinter derselben hatte, weil er aber ein sehr wohl bemittelter Mann, auch ohne Kinder und andere Erben war, so wurde mir gar bald angetragen, denselben zu meinem kunfftigen Ehe-Manne zu erwahlen.

Ich hatte des Todes seyn mogen uber diese Anmuthung, indem ich mich selbst noch ein Kind zu seyn schatzte; wurde aber um so viel desto mehr besturtzt, da meine Mutter selbst, dieses Seil mit zu ziehen, anfing, und mir nicht allein zu dieser Heyrath rieth, sondern auch die besten Lehren gab, wie ich mich kunfftig hin im Ehe-Stande zu verhalten hatte. Bey so gestalten Sachen aber, war meine erste Ausrede, dass ich mich als ein Kind noch unmoglich zum Heyrathen resolviren konte, solte es aber ja mit der Zeit einmahl geschehen, so wurde ich gewiss meine Freyheit nicht an einen solchen alten eigensinnigen Mann verkauffen, denn es fanden sich ja wohl noch jungere und geschickte Manns-Personen, ob sie gleich nicht so viel Mittel hatten, als der alte Dostart. Das redete ich so in meiner Einfalt aus aufrichtigen Hertzen her, da ich aber auf meiner Eltern ferneres Vorstellen und Zureden immer bey dieser Meinung blieb, wurde mein Vater endlich gestrenger, gab mir auch Dostarts wegen einmahl wurcklich ein paar Ohrfeigen, wodurch sich denn die Liebe um so viel weniger wolte aufwecken lassen, hergegen ein wurcklicher Hass bey mir gegen diesen Mann erwuchs. Bey dem allen aber liessen meine Eltern nicht ab, mir die Lust zum Heyrathen, und sonderlich zu diesem eckelhafften Manne einzuflossen, welchen letztern ich aber durchaus nicht leiden konte, wesswegen mein Vater endlich Mine machte, mich mit Gewalt zu dieser widerwartigen Heyrath zu zwingen. Viele Leute hatten Mitleiden mit mir, da die Sache Stadt-kundig wurde; eines Tages aber, da ich mit zweyen von meinen Brudern von einer Befreundin in ihren Garten eingeladen war, fand sich unter andern jungen Leuten beyderley Geschlechts, welche, um die Lust vollkommen zu machen, Music bestellet hatten, auch eines Kauffmanns Sohn dabey ein, den ich zwar offters von ferne gesehen, aber Zeit-Lebens noch kein Wort mit ihm gesprochen hatte. Er hiess Emanuel van Steen, war sehr wohl gebildet und gut gewachsen, voritzo aber zeigte sein gantzes Wesen etwas melancholisches an, denn er machte sich gar kein Vergnugen aus der Music, sondern liess die andern schertzen und tantzen, kam also mit meinem Humeur vollkommen uberein, denn ich konte diesen Tag ohnmoglich lustig seyn. Um aber von der lustigen Compagnie, die so wohl ihn als mich zum offtern vexirte, abzukommen, ging er auf jene Seite des Gartens weit darvon spatziren herum, ich aber ging mit einem alten Befreundten auf dieser Seite, und redete von verschiedenen Sachen mit demselben, biss endlich meine Befreundtin den van Steen an der Hand zu mir gefuhret brachte, und sagte: Ich kan kein besser Werck stifften, als wenn ich jene bey ihrer Lust lasse, und diese beyden Missvergnugten zusammen bringe, vielleicht kan eins das andere trosten. Demnach brachte sie uns zusamen in eine grune

Laube, blieb erstlich eine Weile da, ging aber, unter dem Vorwande einiger Verrichtungen, hinweg, und liess mich mit dem van Steen gantz alleine sitzen. Dieser fing unter niedergeschlagenen Augen zu sprechen an: Mademoiselle, warum nehmen dann sie keinen Theil an den Lustbarkeiten bey der Music? Monsieur, antwortete ich, mir ist selbsten nicht bewust, warum ich heute keinen Appetit zu dergleichen Lustbarkeiten habe, da ich doch sonst keine Verachterin, sondern vielmehr eine grosse Liebhaberin der Music bin. Ich wolte, sagte er weiter, die Ursach dessen wohl errathen, kan aber versichern, dass derjenige Kummer, welcher Sie, mich gedoppelt qualet. Ich wuste eben nicht, versetzte ich, was mich vor ein besonderer Kummer qualete. Ich weiss es aber wohl, versetzte er, bitte nur, meine Frey muthigkeit nicht im ublen zu vermercken, wenn ich sage, dass wohl nichts anders, als die verdrussliche Heyrath, welche sie gezwungener Weise mit dem Dostart eingehen sollen, Schuld daran ist, derowegen laboriren wir an einer Kranckheit, und zwar ich gedoppelt, weiln diejenige Person, welche ich mir ausersehen, nunmehro schon in eines andern Armen liegt, und ich von meinen Eltern ebenfalls, so wie sie, besturmet werde, eine zwar reiche, aber desto hasslichere Ehe-Gattin zu erwahlen.

Wie nun ich mich ziemlich bey diesen Reden betroffen fand, so konte nicht gleich mit einer geschickten Antwort fertig werden, wesswegen er nochmahls zu fragen anfing: Habe ich nicht Recht, Mademoiselle, dass wir beyde fast einerley Schicksal haben? Mein Herr! gab ich zur Antwort, meine Noth haben sie wohl errathen, weil dieselbe kein Geheimniss mehr ist, wiewohl es soll mich keine menschliche Gewalt zu einer widerwartigen Heyrath zwingen; von ihren Affairen aber habe nicht die geringste Wissenschafft. Er fing hierauf an, mir eine weitlaufftige Erzahlung von seiner Liebes-Geschicht mit der Helena Leards zu machen, welche ich aber nur kurtz fassen, und so viel davon melden will, dass er dieselbe, ob sie gleich nicht sonderlich schon von Gesicht, jedoch eines lebhafften Geistes und sonst guter Gestalt, vor andern Frauenzimmer geliebt, auch Hoffnung bekommen hatte, von ihr keinen Korb zu erhalten, allein, die Eltern auf beyden Seiten hatten in diese Heyrath nicht willigen wollen, und also ware Helena vor wenig Wochen an einen Procurator verheyrathet worden. Er hingegen solte bloss nach dem Willen seiner Eltern die Catharina van Nerding heyrathen, welche ihm doch so starck zuwider ware, als der blasse Tod.

Indem wir nun meine Befreundtin von ferne auf uns zukommen sahen, brach er seinen fernern Gesprache ab, und sagte nur noch dieses: Mademoiselle, die dritte Ursache meiner heutigen Unruhe will ich ihnen, wo es mir erlaubt ist, Morgen schrifftlich melden, denn ich mercke, dass wenig Gelegenheit heute seyn wird, unsern Discours fortzufuhren. Ich konte hierauf nicht antworten, weiln nicht allein meine Befreundtin, sondern auch andere von der Compagnie schon so nahe da waren, und zu nothigen nicht abliessen, biss wir mit ihnen zur andern Gesellschafft gingen, welche das Tantzen bereits eingestellet hatte, und nur einer angenehmen Music zuhorete, worbey einige Arien gesungen wurden. Mit anbrechender Demmerung machte ich den Aufbruch, konte aber dem van Steen nicht abschlagen, mich in Begleitung meiner Bruder nach Hause zu fuhren, welche ihn auf morgenden Tag zu sich in unser Hauss nothigten, weiln ohnedem unsere Eltern zu einem Hochzeit-Schmause fahren wolten. Van Steen stellete sich, versprochener massen, um gehorige Zeit ein, meine Bruder hatten unter sich und vor die darzu erbetenen Gaste ein Lust-Spiel angestellet, ehe sich aber van Steen in selbiges einliess, passete er die Gelegenheit ab, mir einen Brief in die Hande zu practiciren, dessen Inhalt dieser war: wie er als ein vollkommener aufrichtiger Mensch zwar nicht leugnen konte, dass er seit wenig Jahren seine Augen auf die Helena geworffen, allein, es ware dieses zu einer solchen Zeit geschehen, da er nicht gewust, dass meine Gestalt und gantzes Wesen (seinen Schreiben nach) weit angenehmer, vollkommener und Liebens-wurdiger sey, als der Helen. Hierbey that er mir einen formlichen Liebes-Antrag, und versicherte, daferne ich mich wolte erbitten und bewegen lassen, statt des alten Dostarts, ihn, den van Steen, zum Liebsten anzunehmen, er es mit guter Manier und Beyhulffe meiner eigenen Eltern, in kurtzen dahin bringen wolte, dass wir ein paar Ehe-Leute wurden. Anderer beygefugten Schweicheleyen oder verliebten Thorheiten zu geschweigen, will nur dieses beruhren, dass er einen starcken Eyd-Schwur angehangt habe, wie er nicht gesonnen, mich hinter das Licht zu fuhren, sondern lauter redliche Absichten hatte, indem er gestern gleich auf das erste mahl, als er mich gesehen, die Helena gantz vergessen, und nach fernerweit eingezogener Kundschafft wegen meiner Auffuhrung, vollkommen in mich verliebt worden.

Er war, wie schon gemeldet, ein schoner, artiger und wohl conduisirter Mensch von aussen anzusehen, darum fuhlete ich von Stund an in meinem Hertzen viele zartliche Regungen gegen ihm, so bald er dessen vergewissert war, addressirte er sich an meine Eltern, und da er noch mehr Vermogen als der alte Dostart zu hoffen, sein Vater auch ohnverhofft mit dem alten van Nerding zerfiel, und dieser mein Liebhaber, Emanuel, bey solcher Gelegenheit zu verstehen gegeben, dass er nunmehro keine andere als mich zur Ehe haben, wiedrigenfals in die weite Welt gehen, und nimmermehr wieder kommen wolte, wurden seine und meine Eltern mit einander einig, wir mit einander versprochen, und der alte Dostart bekam den Korb, unter dem Vorwande, dass ich ihn so wenig lieben, als mich mein Vater darzu zwingen konte.

Inmittelst war unser Hochzeit-Fest noch auf etliche Wochen hinaus geschoben, mein Brautigam hatte offters Gelegenheit, etliche Stunden gantz alleine bey mir zu seyn, derowegen begunte er immer dreuster zu werden, muthete mir auch solche Dinge zu, von welchen ich zu der Zeit noch gantz und gar keine Wissenschafft hatte. Wenn ich ihm nun dieserwegen eine eintzige scheele Mine machte, kam er zuweilen in 8. Tagen nicht wieder, so lange biss ihm etwa der Rummel vergangen war, hernach stellete er sich aber desto freundlicher, that jedoch immer neue Ansuchung, ihm seinen lasterhafften Willen zu erfullen, welches jedoch von mir durchaus nicht zu erlangen war, denn bey so gestalten Sachen kehrete ich mich wenig an sein Kommen und Hinweggehen, hatte auch fast lieber gesehen, er ware gar nicht wieder gekommen. Mittlerweile nahete unser bestimmter Hochzeit-Tag heran, mein Brautigam war 8. Tage, seinem Sagen nach, verreiset gewesen, kam aber des zweyten Abends vorhero wieder zu Hause, und in meines Vaters Hauss, da eben mein Vater ein paar gute Freunde bey sich hatte, und mit ihnen in der Charte spielete. Nachdem mich nun mein Schatz, vielleicht aus falschen Hertzen, ein wenig becomplimentiret, liess er sich mit ins Spiel ein, bath sich aber aus, dass ich auch neben ihn sitzen, und seine Cassa fuhren mochte. Auf Befehl meines Vaters gehorsamete ich, er spielete biss ohngefahr halb 12. Uhr mit Lust, hernach zohe er seine Uhr heraus, wurde auf einmahl verdrusslich, und sagte, dass es nunmehro Zeit ware, nach Hause zu gehen, indem er sehr mude von der Reise sey. Ich vermerckte, dass er mit der Uhr ein Billet heraus zog, und selbiges ohne sein Vermercken auf den Boden fallen liess, wesswegen ich mein Schnupff-Tuch darauf warff, und beydes zugleich aufnahm. Mein Schatz wurde dieses nicht gewahr, sondern eilete hurtig fort, ich aber verfugte mich auch geschwind in meine SchlaffCammer, wickelte das versiegelt gewesene Billet auf, und fand darinnen folgende Worte, welche ich auswendig gelernet, auch nimmermehr vergessen werde:

Mein Allerliebster!

Vier Nachte habt ihr zu meinem grosten Vergnugen bey mir zugebracht, aber wo dann die 3. darauf folgenden? Bey eurer Liebsten nicht, das weiss ich gewiss, und wolte wohl errathen wo sonsten. Allein, mich herrschen lassen, und bitten, dass ihr mir die Gefalligkeit erzeiget, und puncto 12. Uhr zu mir kommet, denn die Thur ist offen, und alles wohl bestellet, weil mein Wiedersacher wenigstens in 3. Tagen nicht wieder kommt. Vergnuget nur mich, und das, was ihr mir unter das Hertze verschafft habt, diese Nacht noch einmahl zu guter letzte, weil ich doch wohl glaube, dass ihr nachhero von eurer Liebste nicht viel werdet abkommen konnen. Setzet dem Stohrer unseres Vergnugens noch ein rechtschaffenes Horn auf, ehe ihr selbst in die Sclaverey gerathet, welche ich so wohl als mein eigenes Schicksal taglich beweine, denn ihr wisset, dass ich bin einmahl wie immer

Eure

Getreue.

Wiewohl ich nun von Liebes-Intriquen wenige oder gar keine Wissenschafft hatte, so verursachte mir doch dieses Schreiben ein schmertzhafftes Nachsinnen, da es aber schon ziemlich spate, legte ich mich gleich zu Bette, und war erstlich so glucklich, dass mir ein baldiger susser Schlaff die unruhigen Gedancken vertrieb, hernach so unglucklich, dass die Hand einer Manns-Person zum ersten mahle meine Brust begriff, worauf so gleich ein Kuss folgte. Ich fuhr so gleich in die Hohe, u. fing an zu schreyen, konte aber vor nahm mich jemand bey der Hand, u. sagte: Um Gottes willen, Mademoiselle, schreyen sie nicht, ich bin Dero allergetreuester Knecht, und habe mich in diese Gefahr bloss allein darum gewagt, ihnen ein Geheimniss zu eroffnen, worauf die Gluckseeligkeit ihres gantzen Lebens beruhet. Nunmehro erkannte ich wohl an der Sprache, dass es niemand anders sey, als unser Handels-Diener Rackhuysen, riss derowegen meine Hand zuruck, und sagte: Welcher Satan hat euch Verwegenen in meine Cammer gefuhret? Kein Satan, antworte er, sondern die Treue und Redlichkeit gegen ihre Person und gantze Familie; wo habe ich anders Gelegenheit finden konnen, mit ihnen ohne Verdacht in Geheim zu sprechen, und ihnen mit Wahrheit zu offenbaren: Dass ihr Liebster, mit dem sie ubermorgen copulirt werden sollen, der allerlasterhaffteste und luderlichste Mensch von der Welt ist. Denn er hat nicht nur 4. gantzer Tage und Nacht bey der Helena versteckt gelegen, sondern nachhero noch 3. Nacht bey einer Jedermanns- zugebracht, und voritzo weiss ich gewiss, und will meinen Kopff zum Pfande setzen, dass er wiederum bey der Helena im Bette liegt, denn ihr Mann ist verreiset, und sie hat ihn zu sich bestellet.

Ey! sagte ich, lasset ihn liegen wo er will, und retirirt euch aus meiner Cammer. O Himmel! wiederredete er, wie konnen sie sich so gnadig vor einen unwurdigen und so undanckbar vor einen getreuen Menschen erzeigen? Ich weiss nicht alles, was er mehr vorbrachte, doch bey so viel durch einander her lauffenden Affecten wuste ich nicht, ob ich horete oder nicht, biss Rackhuysen endlich vermeynete, ich thate solches mit allem Fleisse, und mich nicht nur kussen, sondern sich auch mehrerer Freyheit gebrauchen wolte; Allein, ich fing plotzlich uberlaut an zu schreyen, wesswegen er sich wieder durch das Fenster, da er herein gestiegen war, zuruck begeben wolte, allein, er mochte mit seinen Kleidern inwendig an einem Hacken hangen bleiben, wesswegen mein Vater, der mit dem Capital-Schlussel meine Cammer so gleich eroffnete, und nebst meiner Mutter mit dem Lichte hinein trat, ihn annoch antraffen, und nur froh waren, dass er, ohne den Halss zu brechen, auf der angelegten Leiter glucklich herunter kam. Ich erzahlete meinen Eltern den Frevel dieses Menschen, so wohl als die gantze Geschicht meines Brautigams, zeigte den gefundenen Brief, und sagte: Liebster Vater! allem Ansehen nach, hat das Verhangniss beschlossen, mich Arme durch das Heyrathen unglucklich zu machen. Er lass den Brief mit ziemlicher Besturtzung, wuste aber gar bald, ein ander Mittel zu erfinden, indem er sagte: Meine Tochter! das ist eine falsche Charte, euer Brautigam ist unschuldig, aber Rackhuysen ist ein Schelm, und hat ohnfehlbar die gantze Sache auf die Art eingerichtet, auch diesen falschen Brieff gemacht, denn ich habe vermerckt, dass er sich vorigen Abend immer etwas um den van Steen zu thun gemacht hat, kehret euch an nichts, ich will genaue Kundschafft darauf legen, wo euer Brautigam diese Nacht zugebracht hat, der frevele Rackhuysen aber soll, so bald der Tag anbricht, zum Hause hinaus.

Demnach wurde ich begutiget, und um desto sicherer zu schlaffen, muste sich meiner Mutter AufwarteMagdgen zu mir in die Cammer legen. Fruh Morgens vor Tage, hatte sich Rackhuysen mit allen seinen Sachen schon aus dem Staube gemacht, woruber mein Vater sich etwas verdrusslich stellete, allein, es mochte eben sein harter Ernst nicht seyn, mitlerweile machte er mir weiss, er hatte gleich auf der Stunde nach meines Brautigams Behausung geschickt, und erfahren, dass derselbe unschuldig, auch gerades Wegs nach Hause gegangen, und von unserm Jungen in seinem Bette vest schlaffend angetroffen worden. Ich glaubte meinem Vater zu Gefallen alles, was er mir vorredete, erfuhr aber wenige Zeit hernach besser, dass mein Vater so gleich 3. Schild-Wachter ausgeschickt, welche den van Steen selbiges Morgens fruh bey anbrechenden Tage, aus der Helen Behausung hatten heraus kommen sehen.

Inzwischen stellete sich van Steen, des, auf diese fatale Nacht folgenden Tages, gleich nach der Mittags-Mahlzeit bey uns ein. Mein Vater empfing ihn sehr freundlich, um keinen Spuck in die Hochzeit, welche Morgen vor sich gehen solte, zu machen, oder weil er glaubte, dass wenn wir nur erstlich beysammen waren, van Steen seine Extra-Gange von selbsten unterlassen wurde. Mir begegnete van Steen ungemein zartlich und verliebt, wesswegen ich fast selbst auf die Gedancken gerieth: dass er unschuldig ware, und ihm also das vermeyntlich angethane Unrecht in meinem Hertzen abbath, auch ihn von nun an recht vollkommen zu lieben anfing, und solchergestalt trat ich folgendes Tages ziemlich ruhig und vergnugt in den EhStands-Orden, wurde auch nachhero so wohl von meinen Schwieger-Eltern, als dem Scheine nach, von meinem Manne recht hertzlich geliebt, ja die erstern betheureten hoch, dass es ihnen nunmehro tausendmahl angenehmer ware, mich an statt der Helena zur Schwieger-Tochter zu haben, mein Mann aber begegnete mir im Anfange etliche Monate dergestalt liebreich, dass ich nicht in dem geringsten Stucke uber ihn zu klagen hatte, auch war er bey unserer neu angelegten Handelschafft dergestallt fleissig, dass seine, so wohl als meine Eltern nebst mir ein vollkommenes Vergnugen daruber fanden. Allein, ehe noch das erste Jahr verging, legte er sich auf die schlimme Seite, fing an murrisch und verdrusslich zu werden, bekummerte sich um die Handlung so wenig als um den Hausshalt, ging fleissig zum Truncke und in die Spiel-Hauser, kam entweder gar nicht, oder doch des Nachts sehr betruncken nach Hause, und brach die Ursach vom Zaune, Zanck und Streit anzufangen. Ich begegnete seinem wunderlichen Humeur mit aller Hoflichkeit, kam aber doch offters plotzlich mit ihm unvermuthet in hefftigen Wort-Streit, so, dass er mich dann und wann im Eifer sehr ubel tractirete, weiln aber, wie bekandt, in unserm Lande ein Frauenzimmer grosses Recht hat, schlugen sich zu vielen mahlen beyderseits Eltern darzwischen, und versohneten uns wieder mit einander, damit die Sache nicht zu Weitlaufftigkeiten und ubler Nachrede ausschlagen mochte.

Mir war nichts weniger in die Gedancken gekommen, als dass die Helena die eintzige Ursach in meinem Ungluck ware, allein, nach gerade kam ich darhinter, dass er diese Bestie, welche ihm vielleicht einen Liebes-Trunck gegeben haben mochte, annoch bey allen Gelegenheiten aufs zartlichste caressirte, und so offt es sich schickte, Nacht-Visiten bey derselben abstattete, so lange biss ihn endlich ihr Mann bey derselben ertappet, und ehe es Tag wurde, sehr zerschlagen und verwundet nach Hause bringen liess.

Mein Mann machte mir weiss: Dass er unter eine Compagnie falscher Spieler gerathen, und von ihnen so ubel zugerichtet worden ware; welches ich denn anfanglich glaubete, allein, die wahrhaffte Historie wurde bald Stadt-kundig, welches sich denn seine und meine Eltern, sonderlich aber ich, uns sehr zu Gemuthe zogen, jedoch ich liess mich nicht gegen ihn mercken, das ich dieses vor eine gerechte Straffe erkennete, sondern begegnete ihm mit aller Freundlichkeit, in Hoffnung, dass er sich von nun an bessern wurde, welches er denn auch allem Ansehen nach that, und eine lange Zeit gar nicht aus dem Hause ging. Da ihm aber nach und nach der Appetit zur lustigen Compagnie und andere Ausschweiffungen wieder ankam, ging er wieder Tag vor Tag aus, kam aber mehrentheils sehr missvergnugt nach Hause, indem er wegen gemeldter Historie fast in allen Compagnien aufgezogen und geschraubt worden, derowegen mochte er mehrentheils dieserwegen auf die Desperation gerathen, mit einem andern Kauffmanne in Compagnie und selbsten die Reise nach Ost-Indien anzutreten, in Hoffnung, dass wahrender Zeit seines Abseyns, seine Geschichten wurden vergessen und den Leuten neuere Mahren in den Mund gelegt werden.

So wohl seine als meine Eltern waren mit dieser Resolution hertzlich zufrieden, und ohngeacht ich die letzte war, so davon Wissenschafft bekam, gab ich doch nicht allein meinen Willen drein, sondern liess mich auch bereden, mit ihm zu reisen, weiln er vorgab, dass er ohne mich nicht leben konte. Die HauptUrsache war, ihn von der aus Geilheit und sonsten allerley Bossheit zusammengesetzten Helena abzubringen, alles vergangene zu vergessen, und nunmehro unser Ehe-Band desto vester und angenehmer zu verknupffen. Allein, wir hatten, nachdem wir zu Schiffe gegangen, kaum die auserste Spitze von Europa, nehmlich das Capo de S. Vincente aus den Augen verlohren, da wir von einem Saleeischen See-Rauber (ich weiss nicht unter was vor Vorwand, denn die Hollander stunden dazumahl mit dem Kayser von Maracco gantz wohl) attaquiret und zu Sclaven gemacht wurden. Mein Mann stellete sich bey diesem Ungluck sehr klaglich, ich aber wurde daruber gar ohnmachtig, und kam nicht eher zu mir selber, biss ich mich Tags darauf in der Gesellschafft einiger Mohren-Weiber befand.

Wie mir da zu Muthe gewesen, werdet ihr, mein Herr van Blac, selbsten zu beurtheilen wissen, allein, ich hatte nicht viel Zeit, meinem Schicksale nachzudencken, indem ich in Gesellschaft einiger MohrenWeiber alsofort nach Mequinez an den Kayserl. Hof geschafft wurde, auch mir gefallen lassen muste, Tag und Nacht zu reisen. Man brachte mich bald darauf zu dem Kayser Muley Ismael, welchem der Rauber mit meiner Person ein Present gemacht hatte, und welches auch sehr wohl von ihm aufgenommen wurde, denn er hatte, wie mir nachhero gesagt worden, so gleich befohlen, mich unter die Zahl seiner Kebs-Weiber zu versetzen. Es wurde mir ein properes Apartement nebst verschiedenen Cabinetten und Cammern angewiesen, die Tractamenten waren koniglich, von Aufwartern aber hatte ich mehr um mich, als ich gebrauchte, und um mich leiden konte.

Der Kayser that mir in den ersten Tagen (seiner Meynung nach, und wie ich von andern horete) die besondere Gnade, mich in meinen Apartement, welches ich, so propre es auch war, dennoch vor einen verfluchten Kaffig hielt, personlich zu besuchen, fand mich aber in der grosten Betrubniss, er kussete meine Hande und die Stirne mit Gewalt, den Mund aber veruhrete er nicht, sondern liess nur sein Schnupff-Tuch zurucke, welches er mir uber die Schulter legte, und sogleich wieder fort ging. Ich wuste damahls noch nicht, was dieses zu bedeuten hatte, legte selbiges auf den Tisch, und danckte dem Himmel, dass der alte Greiss wieder fort gegangen war; indem bekam ich die Visite von einer andern seiner Kebs-Weiber, welche eine gebohrne Franzosin war, und sich in der Welt ziemlich herum getummelt haben mochte. Diese gratulirte mir gleich Anfangs zu der Ehre, dass ich diese Nacht zum ersten mahle bey dem Kayser schlaffen solte. Ich gab zur Antwort, dass ich davon nichts wuste, auch mich nimermehr darzu verstehen wurde,

wenn es gleich mein Leben kosten solte. Ach mein Hertz, sagte diese, laugnet nur gegen mich nichts, denn ich weiss es schon, und sehe zu allem Uberflusse, dass des Kaysers Schnupff-Tuch auf eurem Tische liegt, welches die Haupt-Marque ist, dass ihr diese Nacht an seiner Seite liegen musset. Verflucht ware diese Marque, versetzte ich, mich bringet niemand dahin, und solte ich mich ehe in Oele sieden lassen. Ja! war ihre Gegenrede, anfanglich war ich auch der Meynung, allein, nachhero bin ich doch uberwunden worden. Unter diesem unsern Gesprache kam ein Officier von den Verschnittenen, uberbrachte mir ein sauberes Kastlein, nebst der Ordre, dass ich mich diese Nacht gefast halten solte, zu dem Kayser abgeholet zu werden. Ich wuste vor Erschrecken keine Antwort zu geben, der Verschnittene aber mochte glauben, dass ich wegen der besondern Ehre und Gnade dergestalt besturtzt ware, ging also ohngesaumt seiner Wege. Habe ich es nicht gesagt, sprach die Franzosin, dass es seine Richtigkeit hatte, und also komen wurde? Ihr

seyd glucklicher als ich, denn ich habe viel langer auf diese Gnade warten mussen. Verflucht ist diese Gnade, war meine Antwort, und ehe ich mich darzu bequeme, soll, noch ehe man mich aus diesen Zimmer bringt, ein Messer in meinem Hertzen stecken. O! schrye die Franzosin, wer wolte so wunderlich seyn in der Welt, es erfordert der Menschen Schuldigkeit, sich in ihr Verhangniss schicken zu lernen. Was sich nicht will andern lassen, muss man mit Gedult umfassen. Einmahl vor allemahl haben wir, so lange dieser alte Kayser lebt, keine Erlosung zu hoffen, denn er ist viel zu eigensinnig, dass er eine von seinen Kebs-Weibern in Freyheit stellete, und warum solte ich nicht mich uberwinden konnen, binnen 6. 8. oder wohl mehr Monaten, einmahl bey einem solchen alten Manne zu liegen, welcher nicht einmahl mehr thun kan, was er gerne will.

Ich horete aus diesen und noch mehr andern Worten, welche ich mich zu sagen schame, nur allzuwohl, wess Geistes Kind diese Franzosische Dame, und dass sie gar keine Kost-Verachterin ware, es mochte gleich Christe, Heyde, Jude oder Turcke uber sie kommen, denn sie hatte den guten Glauben, dass alle solche Leute ebenfalls Menschen waren wie wir.

Inzwischen uberredete sie mich, mein uberschickt bekommenes Kastlein zu eroffnen, worinnen sich denn 3000. Stuck Zechinen nebst verschiedenen Kleinodien und allerhand Geschmeide befanden, welches alles ihr denn mehr als mir in die Augen leuchtete, so, dass sie sagte: Madame! ich nahme nur 100. Zechinen, und schlieffe diese Nacht vor euch bey dem Kayser. Mir kam gleich ein glucklicher Einfall in den Kopff, derowegen sagte ich: Madame, nicht hundert, sondern tausend will ich euch zahlen, woferne ihr mich durch eine kluge List von meinem Tode wenigstens noch auf einige Zeit befreyen wollet; denn, wie schon gesagt, lebendiger und gutwilliger Weise lasse ich mich nimmermehr an eines Unchristen Seite legen, sondern will mich viel lieber enthaupten lassen, so wie er es bereits vielen andern vor mir gemacht hat.

Ich hore, sehe und spure wohl, sagte die Franzosin, dass ihr so eigensinnig als schone seyd, ich hatte mich vor 6. Jahren auch nicht darzu verstanden, wenn mir mein Leben nicht allzu lieb gewesen ware, allein, da ich es ein und etliche mahl gezwungener Weise habe thun mussen, so ist nunmehro nichts weiter daraus zu machen, und da ich zumahlen seit langer als einem Jahre her von dem Kayser fast gantzlich zuruck gesetzt worden bin, will ich euch zum Vergnugen, ihm aber zum Possen einmahl einen lustigen Streich spielen, und diese Nacht, statt eurer mit verhulleten Haupte, wie gewohnlich ist, zu ihm gehen, denn die Mahometaner pflegen des Nachts das Werck der Liebe nicht bey brennendem Lichte zu verrichten. Es gehet auch die Sache darum vortrefflich wohl an, weil wir beyde, durch unsere Cammer-Thuren alle Augenblikke zusammen kommen, und uns solchergestalt in den Personen leicht verwechseln konnen. Ich wuste vor innerlichen Freuden nicht, was ich auf diesen Antrag sagen solte, sondern ging nur hin, zahlete ihr 1000. Zechinen, und versprach noch ein mehreres zu thun, wenn sie meine Stelle vertreten und alles wohl ausrichten wurde. Sie nahm zwar den Beutel mit dem Golde an, bath mich aber, denselben so lange in meiner Verwahrung zu behalten, biss sie mit anbrechendem Tage glucklich wieder zuruck kame, im ubrigen wurde es Zeit seyn, dass wir in eine Cammer gingen, und die Kleider mit einander verwechselten, denn die Verschnittenen wurden bald kommen, und mich abholen wollen. Es geschahe auch! denn wir waren kaum fertig, als sich diese Unholden vor der Thur meldeten, an statt meiner aber die Franzosin, welche sich la Galere nennete, zum Kayser fuhreten.

In meine Augen kam diese gantze Nacht kein Schlaf, denn ich meynete immer, der Betrug wurde offenbar werden, allein, so bald als der Tag anbrechen wolte, kam la Galere wieder zuruck, und erzahlete mit grosten Freuden, dass der Betrug glucklich abgelauffen, und der Kayser sehr vergnugt gewesen ware; die ubrigen Umstande, welche ich mich selbst von ihr anzuhoren schamete, will ich vor euren zuchtigen Ohren verschweigen.

Sie, la Galere, hatte schon vorigen Abend eine ziemliche Quantitat von dem schonsten Griechischen Weine (der mir zum Present geschickt worden) zu sich genommen, bath sich derowegen nach wohl ausgerichteter Sache noch ein eintzig Glassgen aus, tranck aber eine gantze Bouteille. Ich gonnte ihr so wohl dieses als andere lieber, als mir selbst, da ich aber merckte, dass sie den Schwindel bekam, brachte ich sie selbst zu Bette, und legte mich auch zur Ruhe. Mein Schlaff wahrete fast bis gegen Mittag, da mir denn meine zugegebene Mohren-Sclavin berichtete, dass ein Officier nebst 2. Verschnittenen bereits uber 2. Stunden vor der Thur gewartet hatten, um mir ein Geschenck von dem Kayser zu uberbringen; Derowegen kleidete ich mich hurtig an, liess den Officier herein kommen, welcher mir den Morgen-Gruss vom Kayser uberbrachte, anbey vermeldete, dass der Kayser sehr wohl mit mir zufrieden ware, und mir nicht nur zur Erfrischung allerhand Delicatessen, sondern auch noch ein besonderes Kastlein schickte. Dieses letztere lieferte er mir selbst in meine Hande, ich aber gab ihm benebst einem Geschencke von 50. Zechinen seine Abfertigung. Um die Victualien bekummerte ich mich wenig, weiln ohnedem alles bekam, was ich nur foderte, da aber das versiegelte Kastlein eroffnete, fand ich abermahls nebst 3000. Zechinen, ein kostbares Halss- und Arm-Geschmeide, wie auch einen Finger-Ring darinnen, welcher wegen der darein versetzten Diamanten wenigsten 1000. Zechinen werth ist.

Bey meinem damahligen grossen Ungluck konte ich mich dennoch des Lachens nicht erwehren, dass eine andere die schandliche Arbeit verrichtet, ich aber den starcken Profit davon gezogen hatte. La Galere erfuhr von diesem allen nichts, weil sie viel zu lange geschlaffen hatte, jedennoch, weil ich glaubte, dass es vielleicht die Noth erfordern mochte, sie noch offters solchergestalt in meinem Nahmen zu verschicken, machte ich ihr, da sie wieder zu mir kam, noch ein starckes Present an Gelde, Galanterie-Waaren und andern Delicatessen, uber dieses nahm ich sie zu meiner vertrautesten Freundin an, und wir sassen bestandig beysammen, indem ich zur selben Zeit noch mit niemand Hollandisch, mit dieser aber Franzosisch sprechen konte.

Ich muste mehr als 24. Stunden Zeit haben, wenn ich meine Geschichte mit allen behorigen Umstanden erzahlen solte, derowegen will nur so viel sagen, dass die la Galere meine Person und die gantze Tragdie dergestalt wohl gespielet hat, dass weder der Kayser, noch die Verschnittenen, nicht das geringste davon gemerckt, und obschon ich den grosten Gewinst davon hatte, so liess ich sie doch nicht leer ausgehen, sondern gab ihr, was billig war, habe auch niemahls vermerckt, dass sie ubel mit mir zufrieden gewesen ware.

Ein eintziges mahl, da der Kayser einige von seinen Kebs-Weibern in den Garten beruffen liess, bekam er einen plotzlichen Appetit, mich in ein geheimes Cabinet zu fuhren, jedoch da ich ihm mit einer ernsthafften Mine versicherte, dass ich es verschworen hatte, und mich eher umbringen lassen wolte, als bey hellen lichten Tage dergleichen zu thun, kusste er mich auf den Mund, und gab sich zufrieden. Dieses ist auch der erste und letzte Kuss gewesen, den ich von ihm empfangen, und gezwungener Weise habe leiden mussen, folgende Nacht aber muste meine la Galere wieder fort, und er mochte viel wissen, was er hatte, denn man sagte mir, dass er allezeit sehr betruncken zu Bette ginge.

Mittlerweile hatte ich zwar erfahren, dass man einen jungen Hollander dem Kayser zum Sclaven und Pagen vorgestellet, ich konte aber nicht so glucklich werden, euch, mein werther Herr van Blac, zu Gesichte zu bekommen, biss ich, eben zu der Zeit, da ihr eure grossmuthige Rede vor dem Kayser ablegtet, nebst noch 5. andern der vornehmsten Kebs-Weiber des Kaysers, die wir zusammen in das Neben-Zimmer beruffen worden, euch nicht allein zu horen, sondern auch das erste mahl zu sehen das Gluck hatte.

So bald der Kayser mit dem Kisler-Aga und andern Ministern in das Neben-Zimmer eintrat, fragte er, was uns bedeuchte bey diesem verwegenen Christen? Indem nun ich vermerckte, dass er diesen Tag wenig oder gar keine Galle im Magen hatte, wagte ich es plotzlich, fiel ihm zu Fusse, und sagte: Grossmachtigster Kayser! ich bitte um Gnade vor diesen elenden Fremdling, in Betrachtung dessen, dass er eine Europaische Standes-Person und mein Lands-Mann ist. Die andern 5. Kebs-Weiber fielen ebenfalls neben mir nieder, und stimmeten meinen Bitten bey, ob sie schon keine Hollanderinnen, aber doch auch aus Europa geburtig waren.

Der Himmel mochte das Hertz dieses sonst ungemein grausam gewesenen Tyrannen voritzo besonders dahin lencken, dass er mir zum Zeichen der Erhorung meiner Bitte, seinen in Handen habenden Stab aufs Haupt legte, die Hand reichte, mithin aufzustehen nothigte. Nach diesen wurde zwar noch eine Probe eurer Bestandigkeit gemacht, welche ich mit zitterenden Hertzen ansahe, denn mir war immer bange, ihr wurdet euch durch das Schrecken vor dem Tode, auf andere Gedancken bringen lassen, allein, meine Freude war hernach desto grosser, da ich verspurete, und augenscheinlich sahe, dass ihr in eurer Resolution unbeweglich waret. Da nun mein Hertze im voraus andeutete, dass ihr ohnfehlbar, das, mir vom Himmel zugeschickte Rust- und Werck-Zeug, seyn wurdet, meine Person, Ehre und Leben zu erretten, und mich aus diesem verfluchten Lande hinweg zu fuhren, machte ich mir den Kummer eben nicht gar zu gross, da ich nur erstlich erfuhr, in was vor ein Gefangniss man euch brachte, indem ich die starckste Hoffnung hatte, euch mit nachsten daraus zu erlosen.

Ihr wisset, (sagte hier die Madame van Bredal,) die Anstalten, die ich hierzu gemacht, aus unsern vorigen Gesprachen vielleicht schon zur Gnuge, derowegen will, weil es ohnedem sehr spat ist, vor dieses mahl den Schluss meiner Erzahlung machen, jedoch werdet ihr Morgen, wenn Dostart kommt, vielleicht schon ein mehreres von meinem Verhangnisse zu vernehmen kriegen, hiermit nahm sie gute Nacht von mir, legte sich in ihr Cabinet, ich aber mich hinter die Spanische Wand schlaffen.

Folgendes Morgens kam Dostart zu bestimmter Zeit, der Caffee stund schon parat, ich aber hielt mich in ihrem Cabinet versteckt und verborgen auf. Er begegnete ihr ungemein hoflich und freundlich, worauf sie gar bald mit einander ins Gesprach geriethen, da sie ihm denn alle ihre Begebenheiten, seit der Abreise von Holland, wie sie in die Sclaverey gerathen, wie es ihr darinnen ergangen, und endlich, auf was vor Art sie aus derselben befreyet worden, auch wie sie nicht nur so glucklich gewesen, ein ziemliches Vermogen, sondern, welches das Haupt-Stuck, ihre Ehre unverletzt wieder mit zuruck zu bringen. Hierbey vergass sie denn auch nicht, ihm meine gantze Geschicht und die ihr geleisteten Dienste bey der Befreyung zu melden. Dostart, welchem ich durch einen Ritz in die Augen sehen konte, war hieruber sehr Verwunderungsvoll, stattete bey der van Bredal nochmahls seine Gratulation ab, fing aber hernach also zu reden an: Madame, es ist an dem, dass sie in ihren besten Jahren die bosesten Fata gehabt, ihre Schonheit und Tugend hatte freylich ein besseres Schicksal verdienet, aber dem Himmel sey gedanckt, dass nur das schlimmste vorbey ist, aus dem ubrigen wolte ich ihnen wohl rathen, sich keinen besondern Kummer zuziehen, denn

Wie er nun solchergestalt in seinen Reden auf einmahl inne hielt, sagte die van Bredal: Nun so sagen sie mir doch, mein Herr Dostart, was ich ohngefahr, wenn ich in mein Vaterland komme, vor mir finden werde. Madame, gab er zur Antwort, ich will ihnen aufrichtig sagen, was so wohl Freunde als Feinde von ihrer und ihres Mannes Geschichten judiciren. Es ist gleich Anfangs jedermann bekannt gewesen, dass ihr Mann, der van Steen, von Jugend auf mit der Helena ein geheimes Liebes-Verstandniss, und zwar dergestalt gehabt, dass beyden ohnmoglich gewesen, von einander zu lassen, ohngeacht sich beyde nachhero mit andern Personen verheyrathen musten.

Dem van Steen hielt es die gantze Welt vor ubel, dass er, ohngeacht er an euch eine weit schonere, tugendhafftere und Liebens-wurdigere Frau bekommen, als die Helena war, er dennoch diese weit hoher als euch schatzte. Von seinen Ausschweiffungen und gefahrlichen Unternehmungen werdet ihr zwar wohl vieles, aber doch wohl nicht so viel, als ich, wissen. Allein, davon will ich voritzo nichts mehr gedencken, sondern nur so viel sagen, dass die allermeisten Leute, so um den gantzen Handel gewust, glauben, er habe euch, als seine Frau, auf Anstifften der Helen, gutwillig unter die Barbarn verkaufft, und sich nur pro forma mit gefangen nehmen lassen, weil zu seiner baldigen Wieder-Erlosung schon vorhero gute Anstalten gemacht gewesen. Ihr waret mit eurem Manne kaum etliche Monat hinweg, als euer Ungluck in Leuwarden schon Stadt-kundig wurde, eures Mannes Compagnon reisete also nach, um so wohl ihn als euch loss zu kauffen, und dieser war kaum wenig Wochen hinweg, als der Helen Mann, da er eines Tages sehr fruh eine Reise angetreten, unterwegs vom Pferde gefallen, und gleich auf der Stelle todt geblieben war. Es wurde zwar ausgestreuet, als ob ihn ein plotzlicher und hefftiger Schlag-Fluss geruhret hatte, allein, die Klugsten glaubten, und zwar nicht ohne Grund, dass ihm Helena selbst ein subtiles Gifft beygebracht, indem er seit der Zeit, da er nicht nur euren Mann, sondern auch noch andere zu verdachtigen Zeiten bey ihr angetroffen, sehr unvergnugt mit ihr gelebt hatte.

Dem sey nun wie ihm sey, weil der Helena nichts besonderes zu erweisen stund, so wurde auch keine Untersuchung angestellet, sie war dem Scheine nach sehr betrubt uber diesen Unglucks-Fall, liess sich aber bald durch solche Troster trosten, die nur ihren Zuspruch des Nachts bey ihr thaten. Kaum war ihr Trauer-Jahr verflossen, als euer Mann, aus der Gefangenschafft erloset, wieder zuruck kam, und selbst public machte, dass ihr unter die Zahl der Kebs-Weiber des Kaysers von Marocco waret versetzt worden, wesswegen er nun zwar sehr klaglich that, doch nachhero desshalber viele Zeugen abhoren liess, welche alle einhellig aussagten, dass an eure Rantzion nicht zu gedencken ware, und wenn man auch etliche Millionen daran wenden wolte, und solchergestalt bekam der van Steen, euer Mann, bald die Erlaubniss, sich wiederum anderwerts zu verheyrathen. Man hatte noch nicht eben erfahren, dass er nach seiner Zuruckkunfft bey der Helena aus- oder eingegangen ware, als es plotzlich ruchtbar wurde, dass er mit derselben Verlobniss gehalten, sich auch, ohne viel Zeit zu verlieren, in aller Stille mit derselben trauen liess.

Kurtz zu sagen, van Steen lebte vergnugt mit seiner neuen Ehe-Gattin, und da er einsmahls in einer Compagnie, wo ich auch eben gegenwartig, gefragt wurde: Was er denn aber machen wolte, wenn nun seine erste Frau ein Mittel fande, denen Barbarn zu entwischen und wieder zu ihm kame? gab er zur Antwort: Ich will ihr ihre Befreyung hertzlich gern gonnen, wolte auch mit einem guten Stuck Gelde darzu behulfflich seyn, wenn dieselbe auszuwurcken stunde, allein, in mein Ehe-Bette soll sie nicht wieder kommen, und wenn sie ein gantzes Orlogs-Schiff mit Golde, Perlen und Edelgesteinen mitbrachte, denn wer wolte mir zumuthen: eine von den Barbarn geschandete Person wieder anzunehmen, ohngeacht ich sie, vor der Zeit, und sonderlich, so lange sie meine EheFrau gewesen, hertzlich geliebt habe.

Wie dieses, Madame! eure Eltern wieder erfuhren, zohen sie es sich dergestalt zu Gemuthe, dass sie Bettlagerig wurden, und binnen 4. Wochen alle beyde sturben. Inzwischen ist euch doch euer Erbtheil bis auf eine gewisse Zeit ausgesetzt, und ein Curator daruber bestellet worden, welches ihr, so bald als ihr kommet, werdet heben konnen, inzwischen halte das vor euer grostes Gluck, dass ihr mit dem van Steen, welcher euerer Person niemahls wurdig gewesen, keine Kinder gezeugt habt.

Hiermit beschloss Dostart seine Erzahlung, und fragte nur noch dieses: Was meynet ihr nun, Madame, bey diesen Geschichten, und wie wollet ihr die Sachen mit eurem ungetreuen Manne anstellen? Die van Bredal hatte die meiste Zeit unter seinem Erzahlen geweinet, konte derowegen auch itzo vor Thranen noch nicht gleich antwortten, doch endlich sagte sie: Was will ich anders machen, als meine Sache dem Himmel befehlen, ich will den van Steen gantz nicht in seinem Vergnugen stohren, wenn er nur mir mein weniges eingebrachtes Gut wieder zuruck giebt, will er solches auch nicht thun, so ist es mein geringster Kummer, denn es wird sich schon so viel finden, dass ich nachhero an einem andern guten Orte, als eine einsame Wittbe, reputirlich biss an mein Ende leben kan. Nein, Madame! versetzte Dostart hierauf, das sind nicht die rechten Wege, sondern van Steen muss erstlich besser vexirt werden, das ist wohl gewiss, dass er sich von seiner Helena nicht trennen und euch wieder annehmen wird, allein, was ware euch auch mit einem solchen ungetreuen und lasterhafften Menschen gedienet, der seine Extra Gange niemahls unterlassen kan, und bey welchen ihr eures Lebens so wenig sicher seyn, als Vergnugen mit ihm haben wurdet. Darum ist meine Meynung, dass die Sachen so gespielet werden, dass ihr ordentlich von ihm geschieden werdet, und dabey ebenfalls die Freyheit erlanget, zu heyrathen, wem ihr wollet. Hiernachst wird er euch nicht allein euer eingebrachtes Gut wieder zuruck geben, sondern annoch mit einem Stucke Gelde heraus rucken mussen, denn er allein ist ja Schuld, dass ihr in die Sclaverey gerathen; warum hat er euch nicht zu Hause in Sicherheit gelassen. Ich wolte tausend Thaler darauf verwetten, die Sache binnen wenig Monaten auf solchen Fuss zu setzen, bin auch bereit, alle Kosten, so auf diesen Process lauffen mochten, herzuschiessen, und nichts wieder zuruck zu verlangen, daferne er Fehl schlagen solte, jedoch muste vorhero wissen, ob, wenn ihr erstlich von dem van Steen geschieden, ich hernach euer Hertz erlangen, und euch in mein EheBette zu fuhren, das Gluck haben solte, welches Gluck ihr mir vor einigen Jahren nicht gegonnet, binnen der Zeit aber wohl 1000. mahl vergnugter gelebt hattet. Jedoch wer weiss, ob nicht der Himmel dieses alles darum geschehen lassen, dass wir dennoch ein paar Ehe-Leute werden, und vergnugt mir einander leben sollen, denn ich kan euch versichern, Madame! dass mich das Gluck, Zeit eures Abwesens, wenigstens um 10000. Thlr. reicher gemacht hat, mein voriger Zustand aber ist euch von Jugend auf bekandt gewesen. Die van Bredal wurde uber diesen Antrag ungemein besturtzt, ich aber hatte im Cabinet vor Gifft und Galle bersten mogen, wolte mich aber doch nicht regen, sondern horete, dass die van Bredal also antwortete: Mein Herr! ich bin ihnen sehr verbunden vor die gute Zuneigung, indem ich von Jugend auf vermerckt, dass sie ein guter Freund von meinem Vater gewesen sind. Konnen sie nun etwas zu meinem Vortheil stifften, wird es mir hochst angenehm seyn, jedoch in Kosten will ich sie nicht setzen, sondern, wo es ja zum Processe, zwischen mir und meinem gewesenen Manne, kommen solte, alles selbst herschiessen, auch vor ihre Muhe besonders erkantlich seyn; allein, ob ich mich, wenn ich auch gleich nach der Scheidung, die Erlaubniss erhalten, mich zum andern mahle zu verheyrathen, hierzu resolviren konte, solches glaube ich schwerlich, sondern halte davor, dass ich nicht besser thun werde, als an einem frembden Orte mein Leben in stiller Ruhe zuzubringen,

Das ware ewig Schade, versetzte Dostart hierauf, wenn ihr, dem ungetreuen Steen zu Gefallen, eure besten Jahre solchergestalt zubringen woltet, vielmehr thut ihr besser, wenn ihr durch eine anderweite profitable Heyrath, ihm einen Wurm in das Hertz setzet, denn es ist gar nicht zu zweiffeln, dass er in wenig Jahren empfinden wird, was er sich vor eine Ehe-Gattin ausgesucht, und was er in eurer Person von sich gestossen und verlohren. Mein Herr! sagte hierauf die van Bredal, hiervon wird sich nachhero ein mehreres sprechen lassen, wenn ich erstlich in meiner VaterStadt angelangt bin, voritzo bedaure nichts mehr, als dass mich nicht im Stande befinde, euch zu einer guten Mittags-Mahlzeit einzuladen, denn weil ich, die gantze Nacht uber, sehr schwach gewesen bin, mein Reise-Gefahrte aber in seinen Affairen ausgegangen, und anderswo speisen wird, habe nichts als ein wenig Suppe vor mich bestellen lassen, will mir aber die Ehre auf ein ander mahl ausgebeten haben.

Ich, sagte hier Mons. van Blac, war erfreuet, diese Worte zu horen; Dostart hatte zwar wohl mit gantz geringen Tractamenten vorlieb genommen, wenn nicht die van Bredal, unter Vorschutzung gewaltiger Kopff-Schmertzen, die fernern Complimenten vergessen, und ihrem Magdgen geruffen hatte. Er bath sich demnach das Vergnugen aus, sie bald wieder besuchen zu durffen, und nahm seinen hoflichen Abschied, erlosete mich mithin aus meiner kleinen Gefangenschafft. Mir war, ich weiss selbsten nicht wie, zu Muthe, und weiss auch nicht, was ich der van Bredal, auf eine und andere an mich gethane Fragen, geantwortet habe; konte aber meine Verwirrung nicht besser verbergen, als dass ich mich von ihr auf eine kurtze Zeit beurlaubte, unter dem Vorwande: zu sehen, ob die Wirthin die Mahlzeit bald auftragen wolte, indem mich sehr hungerte.

Diese war gleich bereit, wir setzten uns zu Tische, und speiseten. Die van Bredal war betrubt, und liess offters Thranen fallen, ich aber blieb ebenfalls in meiner entstandenen Verwirrung, so, dass vielleicht wenig Worte wurden seyn gewechselt worden, wenn nicht ein fremder Knabe angekommen ware, und der van Bredal, einen versiegelten Brief uberbracht, denselben aber niemand anders, als ihr selbst, in die Hande geben wollen. Sie ging in groster Verwunderung hin, und liess sich denselben geben, hiess den Bringer desselben warten, und sagte zu mir: Wo wird der Brief anders her kommen, als vom Dostart? Da sie denselben aber erbrochen, und gelesen, schuttelte sie den Kopff, und reichte mir den Brief, mit Bitte, ihn gleichfals zu lesen, wie mich nun dessen auf vielfaltiges Nothigen nicht entbrechen konte, so fand ihn, meines Behalts, ohngefahr also gesetzt:

Madame!

Es ist zwar nicht zu zweiffeln, dass Dieselben annoch vielleicht einen alten Groll in Dero Hertzen gegen meine Person tragen konten, allein, weiln das, was vor einigen Jahren zwischen uns vorgegangen, aus keinem Frevel, sondern, Seiten meiner, aus einer besondern Treue und allzu hefftiger Liebe gegen Dero schone Person, geschehen; so bitte gehorsamst, dass mir diesen Nachmittag, um eine selbst beliebige Stunde, mochte erlaubt werden, auf kurtze Zeit meine Aufwartung bey Ihnen zu machen, um nicht nur meinen ehemahls begangenen Fehler zu depreciren, sondern ausserdem, einige geheime Nachrichten zu geben, woran Ihnen allerdings sehr viel gelegen seyn mochte. Konte es seyn, dass wir beyde allein und ohne andere Zuhorer waren, so wurde vielleicht desto dreuster heraus sagen konnen, wer der Urheber Ihres bissherigen Ungemachs gewesen, und wie Sie vor der Hand, Dero Affairen, itzigen Umstanden nach etwa einzurichten, am besten thaten. In Erwartung einiger Antworts-Zeilen bin

Madame

le votre

Rackhuysen.

Ich gab nach Verlesung des Briefs denselben mit einer lachlenden Mine wieder zuruck, sagte aber kein Wort darzu, wesswegen sie von selbsten anfing, und im Fortgehen sprach: Ich werde mich dieser Visite entschlagen, und vorgeben, dass ich heute Zuspruch von Frauenzimmer hatte. Madam! rieff ich ihr nach, bedencken sie wohl, was sie thun, bey ihren delicaten Affairen mussen sie itzo viel anhoren, so wohl von ein und andern Umstanden, als von guten, Rathschlagen, damit sie hernach sich desto besser darnach richten, und das beste auslesen konnen. Es ist wohl wahr, replicirte sie, ging hierauf ins Cabinet, und schrieb folgende Antworts-Zeilen zuruck:

Monsieur!

Mir soll eben nicht zuwider seyn, wenn Sie diesen Mittag um 3. Uhr mich besuchen wollen, indem niemand als meine Magd zugegen seyn wird, welche von meinen Unglucks-Fallen ohnedem nichts weiss, um 5. Uhr habe mich aber versprochen, einem gewissen Frauenzimmer, mit welchem ich vor wenig Tagen bekannt worden, eine Visite zu geben. Ware Dero Brief ein paar Stunden eher kommen, so hatte diese biss Morgen verschieben konnen; ubrigens bin

votre Amie.

Ich muste diese ihre Antwort, ehe sie selbige dem Knaben zuruck gab, auch erstlich lesen, worauf sie zu sagen anfing! Ihr werdet doch, Mons. van Blac, nur die Gefalligkeit erweisen, und diesen Mittag abermahls ein oder langstens zwey Stunden ein Gefangener seyn? Madame! antwortete ich, es kan ihnen doch wenigen Vortheil bringen, wenn ich gleich alles, was ihnen gesagt wird, mit anhore, derowegen wolte lieber ausbitten, mir zu erlauben, dass ein wenig durffte Spatziren ausgehen. Wenn ihr ausgehen wollet, sagte sie, so gehe ich auch aus dem Hause, der Kerl mag kommen oder nicht, denn sein Reden wird mir ohnedem wenig nutzen, da ich schon mehr erfahren habe, als mir lieb ist.

Indem ich nun merckte, dass sie von neuen zu weinen anfangen wolte, erzeigte ich mich gefalliger, und sagte: Madame! ich will ihnen gehorsamen, und zu Hause bleiben, weiln vermercke, dass ihnen etwas daran gelegen, und gewiss, es kan nicht undienlich seyn, wenn sie anhoren, was auch dieser vorgiebt. Der Wirthin Ankunfft verstohrete uns in unserm Gesprach, und wir liessen uns gefallen, nach eingenommener Mittags-Mahlzeit mit in ihren Garten zu spatziren, allwo wir uns biss gegen 3. Uhren aufhielten, hernach wiederum in unser Zimmer gingen, und ich mich, so bald die Magd den Herrn Rackhuysen meldete, ins Cabinet versteckte.

Dieser Monsieur stellete sich anfanglich sehr submiss, deprecirte sein ehemahliges Verbrechen in einer sehr langen Oration, welche er ohnfehlbar Abends vorhero aufgeschrieben, und die gantze Nacht, auch wohl den gantzen Vormittag, selbige auswendig zu lernen, angewendet haben mochte. Nachhero erzahlete er eben diejenigen Geschichte, welche Dostart erzahlet hatte, jedoch mit vielen Zusatzen, welche nun wohl wahr, oder erdichtet seyn konten. Endlich machte er auch seinen Schluss auf die Art, wie Dostart, und schlug vor, dass, wenn die Madame van Bredal sich obligiren wolte, ihn, der sie von Jugend auf Hertz-inniglich geliebt, zu heyrathen, so ware er im Stande, nicht allein die Ehe-Scheidung mit ihrem ohnedem schon verheyratheten Manne, sondern auch ihr vollkommenes Gluck auf dieser Welt zu befordern, indem er nicht allein in Ost-Indien ein grosses Gut erworben hatte, sondern ihm auch Zeit seiner Abwesenheit eine Erbschafft von 12. biss 16000. Thlr. zugefallen ware, als welches letztere er nur erstlich itzo allhier in Lissabon erfahren.

Die van Bredal gab ihm noch eine weit kaltsinnigere Antwort als dem alten Dostart, wesswegen er mit allerhand hochtrabenden, theils auch niedertrachtigen verliebten Worten und Narrens-Possen aufgezogen kam, welche ich dergestalt belachte, dass mich fast selbst daruber vergass, endlich aber mir die 2 Susannen Bruder in meinen Gedancken vorstellete deren Personen voritzo allhier Dostart und Rackhuysen accurat prsentirten.

Indem ich aber in diesen Gedancken verwickelt war, entstund ein kleiner Tumult, wesswegen ich durch den Ritz guckte, und wahrnahm, dass Mons. Rakkhuysen die Dame par force kussen wolte, sie wehrete sich nach ihren ausersten Vermogen, allein, er ward ihrer machtig, und warff sie auf einen im Winckel stehenden Schlaf-Stuhl, kehrete sich daran nicht, dass sie ihn mit den Nageln ins Gesicht und ziemlich blutrunstig gekratzt hatte, sondern wolte uber das Kussen noch etwas mehreres versuchen, indem er ihr den Mund mit seinem Schnupff-Tuche zuhielte, und die trostlichen Worte darzu gebrauchte: Stille, Madame, was die Barbarn von ihnen genossen haben, konnen sie ja auch wohl einem Christen gonnen. Nunmehro merckte ich erst, dass das arme Ding nicht um Hulffe schreyen konte, weil ihr der Mund zugehalten wurde, und dass sie in Ausbleibung meiner Hulffe fast verzweifeln und ohnmachtig werden wolte, (denn ich konte durch den Ritz zwar etwas, doch nicht alles absehen,) derowegen sprang ich plotzlich aus dem Cabinet heraus, ergriff meinen an der Seite stehenden Degen, und hatte dem lustigen Bruder damit schon 2. Streiche uber den Rucken gegeben, als er noch immer im Begriff war, der Dame den Rock aufzuheben, da er aber den dritten und etwas starckern Hieb in die eine Waade (denn auf den entblosten Kopff durffte ich nicht hacken, weil ich sonsten die Dame selbst mit verwundet hatte,) empfing, liess er von der hitzigen Arbeit ab, drehete sich herum, und langete nach seinem auf dem Stuhle liegenden Degen, jedoch, ehe er selbigen erreichen konte, bekam er noch 2. Hiebe uber den Kopff, und wurde von mir mit der blossen Hand zu Boden gestossen, da ich ihm denn die Klinge auf die Brust setzte, und fragte: ob er etwa in dieser Welt noch etwas zu erinnern hatte? Nichts! war seine Antwort, als dass ich um Gnade bitte, und meinen Fehltritt mit baaren Gelde zu bezahlen verspreche.

Die van Bredal hatte sich inzwischen wieder erholt, und diese Worte verstanden, wesswegen sie hurtig vom Stuhle aufsprang, und schrye: Verflucht ist dein Geld, du verfluchter Ehrenschander, denn das ist nun das andere mahl, dass du mich listiger und gewaltsamer Weise um meine Ehre zu bringen gesucht, aber es wird doch auch allhier in der Fremde noch Recht und Gerechtigkeit zu finden seyn. Hiermit wolte sie die Wirthin ruffen, und nach der Wache schicken, allein, ich nahm beyde Degen in meine Hand, hielt die erzurnte Frau zurucke, und bath, dass sie sich nur besanfftigen mochte, indem dergleichen Sachen (wie ich ihr heimlich ins Ohr sagte,) nur Weitlaufftigkeiten verursachten, wir aber schlechte Ehre davon hatten. Sie ging derowegen zuruck, und schloss sich in ihr Cabinet; Rackhuysen vergoss so viel Blut, dass es schon fast biss an die Thur gelauffen war, konte sich auch vor Mattigkeit nicht aufrichten, wesswegen ich ihm aufhalff, und in den Schlaff-Stuhl setzte, allwo er kurtz vorhero seine Lust zu bussen gedacht hatte. Der Magd hatte ich sogleich befohlen, nach einem Chirurgo zu gehen, welcher, indem er da war, ihm das Blut stillete, die Wunden verband, und mir berichtete, dass dieselben eben so gefahrlich nicht waren, sondern in 3. biss 4 Wochen geheilet werden konten. Ich liess ihn in unserm Gast Hofe auf eine besondere Stube bringen, bath den Chirurgum, bey ihm zu bleiben, weil ihm seine Muhe wohl bezahlt werden solte, bestellete auch sonsten noch jemand zu seiner Aufwartung, und ging hernach etwas im Garten spatzieren herum. Etwa eine Stunde hernach schickte Rakkhuysen, und liess mich bitten, zu ihm zu kommen; derowegen nahm kein Bedencken, solches zu thun. Er lag im Bette, sahe sehr blass aus, reichte mir aber doch die Hand, und sagte: Monsieur, ihr habt mich heute so gezeichnet, dass ich mein Lebetage daran dencken kan, aber ich werde dergleichen Thorheiten Zeit Lebens nicht wieder begehen, wurde auch heute nicht darein verfallen seyn, wenn ich nicht ein Glass Wein zu viel im Kopffe gehabt hatte, vergebet mir meinen Fehler, denn ich will mich davor erkantlich erzeigen, und bittet eure Liebste, dass sie mir denselben nur auch vergeben moge, denn ich will gern Zeit-Lebens nicht wieder vor ihre Augen kommen, ohngeacht ich sie von Jugend auf mehr als meine Seele geliebt, ihrer Gegen-Gunst aber niemahls habe theilhafftig werden konnen. Vielleicht hatte ich itzo ihre Person mit Gute gantz und gar gewinnen konnen, allein, der Satan hat mich zu Gewaltthatigkeiten verleitet.

Mein Herr, gab ich zur Antwort, vergebet mir das, was ich an euch gethan habe, um meiner Landsmannin und Reise-Gefahrtin Ehre zu beschutzen und zu retten, welche der Himmel selbst in der Barbarey beschutzet und gerettet hat. Ihr nennet sie zwar itzo meine Liebste, allein ich weiss nicht, wie ich das verstehen soll, indem sie bereits an einen Ehe-Mann verbunden ist, und ich ihr nachsagen muss, dass sie ihre Keuschheit, Zucht und Tugend jederzeit mehr als zu genau in Acht genommen hat, eure andern Reden verstehe ich nicht, will mich auch um meiner Reise-Gefahrtin Geschichte so genau nicht bekummern, im ubrigen nur bitten, dass ihr euren Fehler bereuen moget, wie ich denn denselben bey ihr bestens zu excusiren suchen werde, wovor ich aber in Zukunfft keine andere Erkanntlichkeit, als eine redliche Freundschafft von euch verlange, daferne wir ja etwa weiter mit einander zusammen kommen solten.

Er gab mir die Hand darauf, bath mich instandig, dem alten Dostart von dieser Rencontre nur nichts wissen zu lassen, und Morgen einen eintzigen Gang nach seinem Logis zu thun, um seinen Diener anhero zu fuhren, damit er demselben ein und andere Befehle, seine Handlungs-Affairen betreffend, ertheilen konte, um nicht in allzu grossen Schaden zu kommen. Ich versprach ihm, alle Gefalligkeiten, so er von mir verlangte, zu erweisen; wunschte ihm gute Nacht, und begab mich in aller Stille an gehorigen Ort, weil ich glaubte, dass meine Reise-Gefahrtin vor Verdruss schon eingeschlaffen seyn wurde. Allein, ich traff dieselbe annoch gantz munter, jedoch in groster Betrubniss an, indem sie sehr weinete, darbey uber grosse Schmertzen in allen Gliedern klagte. Ich horete, dass sie auf dem Eiffer und Erschrocken nichts eingenommen hatte, schickte derowegen die bey ihrem Bette sitzende Magd zur Apotheque, um ein Schreck-Pulver zu holen. Mittlerweile fing sie an: Ists nicht wahr, Mons. van Blac, dass ich die ungluckseligste Person von der Welt bin? sehet, so wird meine Tugend besturmt, auch an solchen Orten, wo ich mich sicher zu seyn schatze. Madame! gab ich zur Antwort, wird die Tugend gleich besturmt, so ist sie derowegen doch nicht so gleich zu uberwaltigen, dergleichen Sturme bringen mehr Ehre als Schande, wenigstens bey vernunfftigen Leuten. Ach! fuhr sie zu reden fort, was soll ich in Holland machen, wenn ich keinen bessern Trost darinnen zu finden weiss. Wollen sie denn nicht, war meine Antwort, dem guten Rathe folgen, den ihnen heute Herr Dostart gegeben, und sich dabey selbst zu den allerstarcksten Gefalligkeiten anheischig gemacht hat? sie schienen ja nicht abgeneigt, weil die angenehme Resolution drauf erfolgte. Mein Herr! hiervon wird sich ein mehreres sprechen lassen, wenn ich erstlich in meiner Vater-Stadt angelangt bin, etc. Madame, ich vor meine Person will ihnen ferner nicht verhinderlich seyn, sondern viel lieber einen andern Weg erwahlen, als zu Dero Verdruss bey ihnen bleiben. Ja, ja! sagte sie, ich habe es wohl gedacht, dass ich noch nicht genung gekranckt ware, nun aber, da auch ihr anfangen wollet, mir Hertzeleyd zuzufugen, sehe ich wohl, dass mich die gantze redliche Welt verlassen will. Unter diesen Worten liess sie ihr Haupt zuruck sincken, fing von neuen an bitterlich zu weinen, ja es schien gar, als wenn ihr eine Ohnmacht zustossen wolte, indem sie so blass als eine Leiche ward. Weil nun nichts anders, als frisches Wasser bey der Hand wuste, lieff ich gleich hin, tauchte ein SchnupffTuch ein, und bestrich ihr Gesicht und Hande damit, wodurch sie in etwas wieder zu sich selber kam, auch etwas von der Artzeney einnahm, welche die Magd eben herzu brachte. Sie drehete sich auf die andere Seite herum, und stellete sich, als ob sie schlaffen wolte, jedoch die Magd und ich traueten dem LandFrieden nicht, sondern befurchteten, dass sie etwa eine wurckliche Ohnmacht bekommen mochte, allein, sie schlieff bald gantz sanfft ein, wesswegen sich denn die Magd zu unterst des Bettes auf die Erde niederlegte, und als ein Ratz zu schnarchen anfing, ich aber blieb vor dem Bette sitzen, und wachte. Etwa um Mitternachts-Zeit fuhr sie, als von einem schweren Traume erschreckt, zusammen, warff sich herum, und sagte, da sie mich erblickte: Seyd ihr noch da, Falscher? warum gebet ihr euch einer Ungluckseeligen wegen so viel Muhe, eure eigene Ruhe zu unterbrechen? Madame! antwortete ich, meine Ruhe kan durch nichts starcker unterbrochen werden, als wenn ich weiss, dass sie unruhig sind, und sich kranck befinden. Sie seuffzete hieruber, und that die Augen wieder zu, da ich aber gewahr wurde, dass ihr dem ohngeacht dis Thranen heraus drangen, und uber die Wangen lieffen, wischete ich ihr dieselben mit einem Tuche sanffte ab, wurde zwar bey dieser Arbeit selbsten sehr wehmuthig, wuste aber nicht, wo ich auf einmahl die Courage her bekam, ihr einen derben Kuss auf den Mund zu drucken, woruber sie auffuhr, und sagte: Verwegener! was soll das bedeuten? Ich war gleich mit der Antwort fertig, und betheurete sehr: dass es nicht aus Geilheit und Unzucht, sondern vielmehr aus Wehmuth und reiner Liebe geschehen ware, konte aber anbey nicht laugnen, dass, wenn sie ja mit ihrem ersten Manne nicht wieder vereiniget, sondern von ihm geschieden werden solte, ich mir auf dieser Welt kein grosser Vergnugen wunschen wolte, als mit ihr vereheliget, und so wohl dem Dostart als allen andern Manns-Personen vorgezogen zu werden, wie ich denn schon so viel Mittel zusammen zu bringen gedachte, einen honorablen Dienst, wenn es auch gleich ausser unserm Vaterlande ware, zu erlangen und sie reputirlich zu ernahren. Sie schwieg hierauf eine lange Weile stille, da ich aber endlich ihre Hand kussete und fragte, ob sie mich denn hierauf gar keiner Antwort wurdigen wolte? ermunterte sie sich, und gab mir diese: Mons. van Blac, in meinem itzigen Zustande, da ich mich noch vor eine Verehligte halten muss, ware es eine grosse Leichtfertigkeit von mir, wenn ich mich mit euch oder jemand anders in verbothene Vertraulichkeit oder zum voraus in ein geheimes LiebesVerstandniss einlassen wolte; seyd demnach damit zufrieden, wenn ich euch so viel verspreche, dass, woferne ich von meinem ungetreuen Ehe-Manne nicht wieder angenommen werden, und nach erlangter Freyheit auf die Gedancken gerathen solte, zur andern Ehe zu schreiten, ich euch, wegen eurer genug geprufeten Redlichkeit, allein, oder keine Manns-Person auf dieser Welt, an meine Seite will kommen lassen.

Mit dieser gutigen Resolution war ich vor dieses mahl vollkommen vergnugt, kussete ihre Hand, und auf vielfaltiges Vorstellen, dass das Kussen, so wie wir es verrichteten, zu keiner gar zu grossen Sunde zu machen sey, bekam ich auch dann und wann Erlaubniss, ihren Mund zu kussen, mittlerweile aber, da wir noch von diesen und jenem sprachen, verstrich die Nacht uber Vermuthen, und der helle Tag begunte anzubrechen, weswegen ich sie nothigte, noch einige Stunden zu ruhen, welches ich auf meinem Bette gleichfalls thun, und hernach alles, was sonst nothig ware, besorgen wolte. Sie hielt es selbst vor rathsam, derowegen, wunschte ich ihr wohl zu ruhen, und legte mich auf mein Bette.

Allein, (war hier Mons. van Blacs Zwischen-Rede) da ich eben der Ruhe erwahne, so mercke wohl, dass es voritzo, sonderlich vor den werthesten Alt-Vater, nicht dienlich seyn mochte, derselben langer zu entbahren, zumahlen da es ohnfehlbar schon uber Mitternacht seyn wird, derowegen will den Rest meiner Geschichte morgenden Abend, wo es gefallig, vollends erzahlen.

Wir jungen Leute hatten zwar gern biss zu Anbruch des Tages zugehoret, denn van Blac wuste seine Sachen alle gantz fein vorzubringen, allein, um des AltVaters Willen, machten wir Schicht, brachten den folgenden Tag mit Besorgung alles dessen hin, was Sorge und Aufsicht erforderte; Abends aber freueten wir uns recht, anzuhoren den

Beschluss von Mons. van Blac Avanturen.

Es wird ihnen, meine Herrn, (fing er an) vielleicht noch im frischen Gedachtnisse seyn, wo ich gestern Abend geschlossen, derowegen will nur gleich fortfahren, und sagen, dass meine halb- und halbe Liebste, die Madame van Bredal, Mittags ziemlich besser war, denn den gantzen Vormittag hatte ich sie unter der Aufsicht unserer Wirthin und der Magd gelassen, selbsten aber, nebst unsern eigenen Geschafften auch mir vor den krancken Rackhuysen gesorgt. Derselbe liess sich aber noch vor Abends in ein ander Quartier bringen, und ich habe ihn seit dem in Lissabon nicht wieder gesehen. Dostart liess sich etliche mahl bey uns melden, bekam auch Erlaubniss, zu uns zukommen, da ich aber auf expressen Befehl meiner Landsmannin nicht von der Stelle gehen, sondern stets dabey bleiben muste, brachte er in seinen Gesprachen nichts besonders vor, und endlich war uns das allerfreundlichste, da unser Schiffs-Patron ansagen liess, dass, wo wir mit nach Holland wolten, wir uns eiligst am Boord einfinden solten, indem er sich expedirt und bey itzigem guten Winde und Wetter keine langere Zeit versaumen wolte.

Wir machten uns demnach gleich fertig, hatten eine sehr angenehme Fahrt, und erreichten die Hollandischen Kusten, ehe als wir es vermeynet hatten, der Schiffs-Patron war so gefallig, uns in Harlingen auszusetzen, weil die Madame van Bredal von dannen nur noch einen kurtzen Weg nach Leuwarden hatte; anfanglich waren wir eins worden, dass ich sie biss in diese ihre Geburths-Stadt begleiten solte, nachhero aber, da wir dieses besser uberlegt, wurden wir schlussig, dass sie allein mit einer Extra-Post dahin, ich aber zu Schiffe nach meiner Vaters-Stadt Antwerpen abgehen wolte. Wir blieben also nur 2. Tage in Harlingen, um von der Reise ein wenig auszuruhen, nahmen nachhero beweglichen Abschied von einander, wobey sie mir versprach, dass, so bald sie wurde vermeinen, dass ich in Antwerpen konte angekommen seyn, mir von ihrem Zustande Nachricht zu geben, auch beschenckte sie mich noch mit 1000. Ducaten und verschiedenen kostbaren Kleinodien, welches letztere aber anzunehmen ich mich aufs allerauserste weigerte, allein, sie liess nicht nach, mir solches aufzuzwingen, und sagte dabey: Nehmet mir zu Gefallen nur itzo dieses wenige zum Reise-Gelde, es komme hinfuhro mit mir wie es will, so werde ich euch doch bedencken; Mir aber war gantz anders zu Muthe, und an ihrer Person mehr gelegen als an Gelde und Gute, welches ihr deutlich genung zu verstehen gab. Allein, sie blieb bey ihrer ehemaligen in Lissabon gethanen Erklarung, und fugte hinzu, wie sie hoffte, dass wir in wenig Wochen einander sprechen wurden, es mochten nun ihre Sachen gut oder schlimm abgelauffen seyn. Hierauf liess sie ihre meisten Sachen zu Harlingen in Verwahrung, und reisete auf Leuwarden loss, ich ebenfals ging gleich folgenden Tages mit einem Middelburgischen Schiffe ab.

Ich war auf dieser gantzen Reise sehr betrubt und traurig, denn das Hertze mochte mir im voraus sagen, dass ich wenig Vergnugen in meiner Vaters-Stadt antreffen wurde, es war auch an dem, denn mein Vater war nicht wieder zuruck kommen, sondern sichern Nachrichten gemass, in dem ersten Jahr seiner Sclaverey gestorben, hieruber, und da zumahlen die Creditores zugegriffen, und meiner Mutter fast alle das Ihrige genommen, so, dass sie nebst ihren annoch lebenden 6. Kindern, denn zwey waren schon davon bey diesem Hertzeleyde gestorben, auf die letzte in einem MiethHause, kaum so viel gehabt, dass sie das liebe Leben erhalten konnen, hieruber, sage ich, gramet sie sich ebenfals noch dergestalt, dass sie ohngefahr ein halbes Jahr vor meiner Zuruckkunfft gestorben, und der Gross-Mutter, welche noch ihr eintziger Trost gewesen, binnen 3. Wochen im Tode nachgefolgt war.

Meine zwey jungsten Geschwister hatte man aus Erbarmung ins Waysen-Hauss genommen, von den 3. altesten Brudern lerneten zwey Profesiones, der jungere wartete einem Herrn auf, und die alteste Schwester war gleichfalls ein Cammer-Magdgen bey einer vornehmen Frau geworden. Ich besuchte dieselben alle, oder liess sie zu mir kommen, weil ich aber vermerckte, dass sie sich in ihr Ungluck ziemlich schikken gelernet, auch mit dem jetzigen Zustande ziemlich zufrieden waren, liess ich jedes an seinen Orte, zumahlen, da ich noch nicht wuste, wie es mit meiner eigenen Person kommen wurde, schenckte aber einem jeden von meinen Geschwistern 100. spec. Ducaten, und dabey ein neues Kleid, mit dem Versprechen, dass, wenn sie fleissig vor mich beten wurden, damit mir eine gewisse Affaire wohl geriethe, ich an ihnen nach und nach ein noch mehreres thun wolte.

Mittlerweile sahe mich jedermann, der mich in der Jugend in meiner Vaters-Stadt gekennet hatte, fast vor ein Meer-Wunder an, jedoch, da ich den verstandigsten Leuten, worunter sich auch viele Vornehme befanden, meine Fatalitaten erzahlet hatte, bekam ich ohnverhofft verschiedene gute Gonner und Freunde, welche sich sehr verobligirten, mir eine gute Bedienung zu verschaffen, wobey ich honettement leben konte, allein, ich sahe mich nicht im Stande, noch zur Zeit etwas anzunehmen, sondern wolte erstlich auf Briefe von der van Bredal warten, welche denn auch in der 6ten Woche, nach meiner Ankunfft in Antwerpen, durch einen Expressen einlieffen, und die ich also gesetzt befand:

Mein werther Mons. van Blac.

Wie ich mir immer seithero selbst propheceyer, so ist es mir auch ergangen. Nehmet es mir nicht ubel, dass ich euch eine weitlaufftige Nachricht von meinem allhiesigen Begebenheiten uberschreibe. So bald ich nach Leuwarden kam, that ich, als ob ich gar nichts von der anderweitigen Verheyrathung meines ungetreuen Mannes wuste, fuhr derowegen gerade vor das Hauss, worinnen ich sonsten mit ihm gewohnet hatte, stieg ab, ging in die ordinaire Wohn-Stube, und fragte so gleich nach dem van Steen, welcher ausgegangen war, jedoch kam seine Gemahlin, die Helena, so gleich zur Stelle, und fragte, was ich beliebte? Madam! gab ich zur Antwort, ich habe zwar die Ehre nicht, sie zu kennen, mochte aber gern meinen EheMann den van Steen sehen. Hierauf sahe mir die Helena etwas tieffer in die Augen, und da sie mich so gleich erkennen mochte, wurde sie so blass als eine Leiche, stund auch eine gute Zeit als ein steinern Bild vor mir, wesswegen ich zu ihr sprach: Madam, warum werden sie so verwirret? Ist ihnen etwa nicht wohl? Sie wuste erstlich noch nicht, was sie antworten solte, endlich aber flossen diese Worte aus ihrem Munde: Ist der van Steen euer Mann, so musset ihr nicht wohl im Gehirne verwahret seyn, denn ich habe ihn nun Wiege, und eins im Leibe von ihm, wuste auch nicht, wer mir meinen Mann abdisputiren wolte, zumahlen da seine erste Frau in Marocco unter den Kebs-Weibern des Kaysers befindlich, und er dieserwegen allhier Erlaubniss erhalten, sich als ein von ihr geschiedener mit mir zu verheyrathen. Madame! replicirte ich, ihr seyd von der gantzen Sache entweder gar zu viel oder gar zu wenig unterrichtet; ich bin die erste Frau des van Steen, und habe noch niemahls einen andern Mann, als ihn, erkannt, auch hat mich der Himmel sonderlich davor bewahret, eines andern Kebs-Weib zu werden, wie es aber um eure eigene Ehre stehet, konnet ihr am allerbesten nachdencken und wissen. So bald als dieser Schand-Balg dergleichen Reden von mir horete, fiel sie als eine Furie uber mich her, wolte mich zu Boden reissen, und mir die Augen auskratzen, allein, ich wehrete mich meiner Haut so gut, und so lange, biss erstlich einige von den Hauss Genossen, und endlich der van Steen selbst darzu kamen, und uns von einander brachten. Mir blutete zwar die Nase, allein, meine Feindin hatte doch noch starckere Trumphe in die Augen, so wohl als auf die Nase und auf das Maul bekommen, wesswegen sie mich durchaus todt haben wolte; allein, in diesem Stuck war der van Steen doch etwas vernunfftiger, und sagte zu mir: Madame! ich kenne euch sehr wohl, bin auch sehr erfreuet, dass ihr aus der Sclaverey entronnen seyd, allein, vergebet mir, dass ich euch nimmermehr wieder zu meiner Ehe-Frau annehmen kan, doch will ich euch alles das Eurige heraus geben, und ausserdem noch ein ubriges thun, nur thut so wohl, und retiriret euch, um ferneres Ungluck zu vermeiden, aus meinem Hause, glaubet anbey, dass es mir sehr schmertzlich fallt, euch solchergestalt abzufertigen; welcher Mensch aber ist so krafftig, sein Verhangniss zu besiegen? Monsieur! war meine Antwort, ich habe schon von ferne gehoret, was die Glocke bey euch geschlagen hat, derowegen will ich erstlich mit meinem Verhangnisse einen rechtschaffenen Streit anfangen, ehe es mich vollkommen besiegen soll. Die erzurnete Helena melitte sich hierbey aufs neue in das Gesprach, welches nach und nach so hefftig wurde, dass wir einander wieder nach den Kopffen greiffen wolten, van Steen aber verhutete dieses, und gab endlich Befehl, dass mich 4. von seinen Leuten zum Hause hinaus fuhren musten. Ich war nicht im Stande, mich zu wehren, schwieg auch, um mich nicht ferner prostituiren zu lassen, gantz stille, stieg in meinen Wagen, und liess mich in ein Gast-Hauss fahren, allwo ich blieb, und selbige erste Nacht einen beweglichen Brief an meinen ungetreuen Ehe-Mann schrieb, auch ihm darinnen sein Verfahren gegen mich von Anfang an biss auf diese Stunde vorruckte, allein, er wurdigte mich nicht, mir schrifftlich zu antworten, sondern schickte einen Lappischen Kerl zu mir in mein Logis, welcher mir vorstellen muste, dass ich ja, da ich ein Kebs-Weib eines Barbarn gewesen, uber dieses lange Zeit mir einem jungen Hollander (unter welchen ihr mein ehrlicher van Blac verstanden wurdet) in der Welt herum gereiset, ohnmoglich verlangen konte, dass mich der Herr van Steen wieder annehmen, und seine itzige Frau, die er uber alles in der Welt liebte, von sich jagen solte; inzwischen bliebe er bey dem Entschlusse, dass woferne ich alle Weitlaufftigkeiten vermeiden, er mir nicht allein alles mein eingebrachtes Gut baar bezahlen, sondern auch uber dieses noch 1000. spec. Thlr. schencken wolte.

Ich nahm mir nicht einmahl die Muhe, diesen Maul-Affen behorig zu antworten, sondern sagte nur, es ware alle gut, er mochte seinen Principal wieder grussen, ich wurde meine Sache schon auszufuhren, und meine Ehre gegen ihn und seine itzige Frau zu retten wissen.

Nachhero habe erfahren, dass der van Steen mit dem erstlich Abgeschickten, der sich Norgel nennete, und noch einem andern, mich zweymahl nach einander besuchen wollen, weil er vielleicht kein gutes Gewissen, oder etwa bessere Gedancken bekommen hatte, allein, seine Frau hatte es dennoch zu hintertreiben gewust, so, dass ich an dessen Statt die schandlichsten Reden von ihm horen muste, worzu vielleicht der in Lissabon zuruck gebliebene Rackhuysen durch Briefe das meiste beygetragen haben mag.

Vom Dostart vernehme, dass er bisshero durch eine schwere Kranckheit an seiner Zuruckkunfft verhindert worden, wiewohl ich ihn nun desswegen aus Christlichem Gemuthe bedaure, so ist mir doch an seiner Gegenwart gar nichts gelegen, weil ich den Process gegen meinen ungetreuen Mann bereits einem gescheuten Procureur anvertrauet, welcher mit aber keinen andern Trost giebt, als es binnen wenig Wochen dahin zu bringen: dass ich erstlich von demselben, alles mein eingebrachtes Gut; vors andere, einen Gerichtlichen Scheide-Brief, mit der Erlaubniss, wieder zu heyrathen, wen ich wolte, und drittens, wenigstens 5000. fl. vor den Abtritt bekommen solle, jedoch in so ferne ich eydlich erharten konte, dass ich binnen der gantzen Zeit meines Hinwegseyns von keiner MannsPerson, auf solche Art, wie mein ungetreuer Mann meynet, beruhret worden. Weiln ich nun dieses letztere mit reinem Gewissen alle Augenblicke thun kan, so bitte ich euch, mein redlicher Mons. van Blac, mir zu allem Uberfluss zu Hulffe zu kommen, und ein Zeugniss meiner Auffuhrung, so viel euch nehmlich davon bewust ist, abzustatten.

Ich versehe mich eurer baldigen Ankunfft gewiss, sende anbey 100. Ducaten Reise-Kosten, und beharre mit aller Aufrichtigkeit

Eure

getreue Freundin

Charlotte Sophie geb. van Bredal.

Gleich nach Lesung dieses Briefes, der mir hochst angenehm war, machte ich mich auf den Weg, um ein Pferd zu erhandeln, und mit meinen angekommenen Expressen, die Reise zu Lande nach Leuwarden anzutreten, zu allem Gluck aber begegnete mir der Schiffer, welcher mich von Harlingen mit anhero gebracht hatte, und liess sich verlauten, dass er gleich morgenden Tages abermahls dahin fahren wolte, wesswegen ich gleich bedachte, dass es mir auf diese Art eher dahin zu kommen moglich seyn wurde; also auf der Stelle den Accord mit ihm machte, meine Sachen zu Schiffe bringen, den Expressen aber zu Lande fort reisen liess.

Ich kam zeitiger in Leuwarden an, als es die Madame van Bredal wohl vermeynet hatte, und weil ich mein Logis in eben dem Gast-Hause, wo sie sich einlogirt, genommen, erfuhr ich unter der Hand gleich, dass sie mit einer ihrer Befreundtinnen auf ein Land-Gut gereiset, ihre Zuruckkunfft aber unter 4. Tagen wohl nicht zu hoffen ware. Demnach hielt ich nicht vor rathsam, ihr nachzureisen, sondern vor besser, auf sie zu warten, liess mich aber gar nicht mer

Nachdem ich dritten Tages von der Reise vollkommen ausgeruhet hatte, ging ich vor die Stadt spatzieren, gerieth in einen schonen Garten, und ohngefahr mit einer lustigen Compagnie ins Spiel, und gewann binnen wenig Stunden 16. biss 20. Hollandische Gulden, kam zwar im Streit mit einem Unbekannten, etwa 5. oder 6. lumpichter Guldens halber, liess mich aber als ein Fremder bald weisen, und nahm die angebothene Helffte davon nicht einmahl an, sondern sagte, dass, weil ich ohnedem durchs Gluck etwas gewonnen, ich diesen geringen Satz gar leicht vergessen konte. Die Spiel-Compagnie ging hierauf fort, biss auf sehr wenige, welche, so wie ich selbst, noch Appetit hatten, Caffee und darauf ein Glass Wein zu trincken. Indem ich mich nun in ein Cabinet gen besonders gesetzt, um etliche daselbst gefundene Zeitungs-Stucke durchzulesen, kam mein, auf dem Spiele gewesener Wiedersacher zu mir, brauchte die groste Complaisance, bedaurete, dass wir mit einander um eines Bagatells willen zerfallen waren, und wunschete, dass, weil er mich vor einen moralisirten Menschen ansahe, wir naher mit einander bekannt werden mochten. Ich erzeigte demselben alle Gegen-Gefalligkeit, nothigte ihn, den Caffee und Wein mit mir zu verzehren, worzu er sich leicht erbitten liess, jedoch dabey seine Neugierigkeit nicht bergen konte, zu wissen, wer ich ware, und was ich allhier zu verrichten hatte. Es war mir ein leichtes, ihn damit abzufertigen, dass ich ein Kauffmanns-Diener, und nach Engelland uberzugehen gesinnet ware; dahingegen offenbarete er mir, und zwar erstlich, da die andern schon alle hinweg gegangen, und wir beyde nur alleine beysammen waren, dass sein Nahme Norgel, und er ein Notarius Publicus ware, seine Profession ihm aber ein sehr weniges einbringen wurde, wenn er nicht dieses Orts die vortrefflichsten Weiber Stipendia zu geniessen hatte.

Nunmehro, da ich diesen Nahmen, in der van Bredal an mich geschriebenen Briefe, gelesen zu haben, mich erinnerte, sperrete ich erstlich beyde Ohren auf, liess sans passion noch ein paar Maass Wein herein geben, und stellete mich ungemein lustig, verdrehete den Discurs auf den itzigen Zustand von Europa, allein, Mons. Norgel bezeugte zu solchen Sachen eben keinen besondern Appetit, sondern fing ex abrupto wieder an, von seiner eigenen Person und Bewunderungs-wurdigen Liebes-Intriquen zu raisoniren. Seines Nahmens wegen, und um, ihn noch treuhertziger zu machen, liess ich noch 2. Bouteillen Wein langen, bey welchen er denn auch so aufrichtig wurde, und theuer versicherte, dass er diese Nacht 3. Dames, so ihn um Mitternacht zu sich invitirt, versaumen, die 4te aber, welches sein Abgott, und die bemittelste ware, ohnfehlbar abwarten und besorgen muste. Wie ich nun hierbey eine lacherliche Mine machte, fuhr er, etwas entrustet, heraus: Monsieur, glaubt ihr mir nicht, so leset diese 3. Billets, (welche er also gleich aus der Ficke zohe,) das 4te aber an dem Lichte verbrannte. Nach wenigen fernern Nothigen, fand ich das erste also gesetzt:

Du Irr-Wisch!

Stellest du dich heute diesen Abend gegen 9. Uhr nicht in meiner Cammer ein, so uberschreite derselben Schwelle nur nimmermehr wieder, sonsten wisse, dass ich dich mit Hunden hinaus hetzen, und Zeit-Lebens deine Todt-Feindin verbleiben will.

E.

Das andere Billet war folgendes Inhalts:

Mein Vergnugen.

Die Gelegenheit von deinen mir hochst angenehmen Caressen zu prositiren, ist itzo vor mich besser als jemahls, derowegen kom, noch ehe die Sonne unterge

het, weilen sonst Verdacht entstehen mochte; ich will dich gewiss erstlich mit einer delicaten Abend-Mahlzeit, hernach mich mit dir vollends vergnugen, dieweil ich bin Das dritte Billet, welches mir am allermeisten verdachtig vorkam, lautete so:

Falscher Kebs-Mann!

Du weist, was du an mir gethan, und dass ich einige Wochen, so zu sagen, als eine Wittbe leben mussen, weiln mein Mann, seit der Zuruckkunfft seiner Barbarn-Hure, mir wenig Caressen gemacht, um so viel desto mehr hattest du dein Plaisir befordern konnen; weil du es aber versaumet, muss ich dich an deinem Profite selbst erinnern. Darum komm! so bald es dunckel ist, durch den gewohnlichen Gang, vergnuge mich und dich, und glaube, dass ich, wenn ich dich redlich befinde, allezeit seyn werde, du weist es wohl,

Deine

gutwillige v.S.

Mein Herr! sprach ich, nachdem ich ihm alle 3. Briefe wieder zuruck gegeben, die letztere schreibt gar zu treuhertzig, darum solte wohl meynen, dass sie es am allermeisten meritirte, ihr aufzuwarten. Es ist wahr, mein Herr, gab er zur Antwort, sie ist sehr genereux, dabey hitzig, aber nicht so Liebens-wurdig als die, welche ich am meisten liebe, und deren Brief ich itzo verbrannt habe, denn diese ist ungemein schones Bild, voller Feuer, und bezahlt dennoch sehr reichlich, dasjenige was ich ihr gern umsonst thate. Sie sind glucklich, mein Herr! gab ich darauf, und ich durffte fast wunschen, nur an einem Orte einmahl ihre Stelle zu vertreten. Ich bin nicht neidisch, war seine Antwort, und wo sie, mein Herr, nur die Kleider allhier mit mir verwechseln und meiner Anfuhrung folgen wollen, so konnen sie heunte Nacht die Madame van Steen nach ihrem Plaisir bedienen, denn sie hat unvergleichliche Anstalten darzu gemacht, wird auch den Betrug nicht mercken, nur bitte mir aus, mit anbrechendem Tage wieder allhier zu seyn, damit ein jeder sein Kleid wieder anziehen kan, und wir einander von allem Nachricht geben konnen, denn es ist mir bey der van Steen nur um den Profit zu thun, aus ihren Caressen aber mache ich mir nicht das geringste.

Ich hatte, wie leicht zu erachten, verzweiffelte Streiche im Kopffe, stellete mich derowegen uber Norgels Treuhertzigkeit sehr vergnugt an, und dieser fuhrete mich, so bald wir die Kleider und Peruquen mit einander verwechselt hatten, durch etliche schmale Gassen, die ich wohl bemerckte, biss vor der van Steen hinter-Thur des Gartens, befahl mir, die GartenThur mit den Nach-Schlussel, den er mir gab, nur zu eroffnen, und getrost auf das Garten-Hauss, allwo sie in der obersten Etage schlieffe, zuzugehen, so dann wurde ich rechter Hand oben an dem Gesimse eine Bley-Kugel, woran ein Bindfaden bevestiget ware, antreffen, mit selbigem solte ich nur einige Zuge thun, so wurde die Thur gleich von sich selbst aufgehen, denn sie hatte den Bindfaden an ihren Arm gebunden, konte auch so gleich, vermittelst eines herab gehenden Eisen-Drats, die Riegel aufziehen. Ich versprach dem Norgel, alles wohl zu observiren, und noch vor TagsAnbruch abgeredter massen wieder bey ihm zu seyn, nahm also dissmahl Abschied von ihm, und marchirte mit zitterenden Fussen in den Garten hinein. So bald ich vor die Thur des Garten-Hauses kam, durffte ich nicht einmahl nach dem Bindfaden und der BleyKugel umgreiffen, denn die Thur that sich gleich von selbsten auf, seitwarts inwendig brennete eine kleine Nacht-Lampe, welche doch so viel Schein von sich gab, dass ich die Treppe, so wohl als oben der Helenen Schlaff-Cammer-Thur, welche mir Norgel genau genung bezeichnet hatte, gantz ordentlich finden konte. In ihrer Cammer war kein Licht, derowegen muste mich nur nach dem wenigen Scheine des Himmels richten, der durch die 2. Fenster schimmerte, kaum aber war ich in die Cammer hinein getreten, als mich Helena also bewillkommete: Komst du denn einmahl, du falsches Teuffels-Kind, ziehe dich nur erstlich aus, ich will dir einen derben Fickerling geben. Madame! (war meine gantz sachte und ziemlicher massen nach Norgels Mund-Art eingerichtete Antwort) ich will mich bald bey ihr rechtfertigen. Ach, ich hore schon, sagte sie, du hast gesoffen, mache nur fort, und lege dich her, denn du bist doch nicht besser zu gebrauchen, als wenn du einen Rausch hast.

Wer nun Lust zu tantzen gehabt hatte, dem ware genung gepfiffen gewesen, allein, weil ich mich im Truncke gantz und gar nicht ubernommen hatte, hauptsachlich aber an meine schone, keusche und sonst vollkommen tugendhaffte, die van Bredal gedachte, bekam ich einen wurcklichen Eckel an dieser bosen Speise, zumahlen mein Vorsatz ohnedem nicht war, etwas von ihr zu geniessen, sondern nur dieselbe zu prostituiren, mithin die van Bredal zu rachen, und dem van Steen den Staar zu stechen: Doch a propos, weil sie mir die Trunckenheit vorworff, fing ich an, etliche mahl zu kolckern, als ob aus dem Magen alles oben heraus wolte, wesswegen sie mir rieth, ich solte, um das Zimmer nicht zu verunreinigen, erstlich noch ein wenig im Garten herum spatzieren, alles aus dem Leibe (s. v.) heraus speyen, und hernach etwas von dem auf dem Tische stehenden Cordial zu mir nehmen, so wurde es schon besser werden. Ich sagte: Ja, Ja! da aber eben auf den Stuhl zu sitzen gekommen war, worauf sie ihre Kleider gelegt, nahm ich nicht allein alle dieselben gantz behutsam unter den Arm, sondern noch ihre Pantoffeln und Strumffe darzu, schlich mich sachte hinunter, und nach gerade immer zum Garten hinaus, brachte auch alle die Sachen glucklich in meine Herberge, ohne dass es jemand darinnen gewahr wurde, denn der Hauss-Knecht, so mir aufmachte, hatte kein Licht, und ich ging gerades Wegs damit nach meiner Cammer, und verdeckte diese allerley Sachen.

So bald als der Tag anbrechen wolte, machte mir der Hauss-Knecht, genommener Abrede nach, das Hauss wieder auf, und ich ging an denjenigen Ort, allwo mich Norgel hin bestellet hatte, er kam etwa eine halbe Stunde hernach ebenfalls; ich stellete mich sehr besoffen und verdrusslich an, klagte ihm auch, dass ich meinen Zweck nicht erreichen konnen, indem ich nicht ehe gemerckt, dass ich mich so sehr vollgesoffen hatte, als biss ich zur Dame ins Zimmer gekommen ware, um aber dasselbe nicht zu verunreinigen, hatte ich mich erstlich in Garten retirirt, und hernach, da ich gemerckt, dass meine Kraffte gantz und gar verschwunden, meinen March zuruck genommen, und das meiste vom Rausche im Winckel hinter einen Brunnen ausgeschlaffen.

Norgel fing hieruber grausam an zu lachen, und sagte: Mein Herr, desswegen werdet ihr aber doch erkennen, dass nicht ich, sondern ihr selbst Schuld an dem misslungenen Vergnugen seyd, mir aber ist es besser ergangen, denn ich habe nicht allein 6. spec. Ducaten, sondern auch mein vollkommenes Vergnugen erlanget, ich wolte euch auf kunfftige Nacht wohl Gelegenheit verschaffen, den begangenen Fehler zu verbessern, allein, in 2. Stunden muss ich mich auf einen Wagen setzen, und etliche Meilen wegfahren, denn meine Abgottin hat mir eine Commission aufgetragen, welche ich ausrichten muss, werde auch wohl unter 8. Tagen nicht wieder zuruck kommen; nach Verlauff derselben aber hoffe die Ehre zu haben, euch wieder allhier zu sprechen.

Mir hatte wohl nichts angenehmers als dieses zu Ohren kommen konnen, denn binnen der Zeit gedachte ich den angefangenen Streich, so bald ich nur der Madame van Bredal Gutbeduncken desswegen vernommen, vollends auszufuhren, inzwischen, da Norgel eine Kanne Chocolade, ich aber nur blossen Thee tranck, und ohngefahr gewahr wurde, dass derselbe, vielleicht aus Versehen, nicht nur der van Steen, sondern auch die 2. andern Liebes-Briefe oder Citationes in seine Rock-Taschen, die ich anhatte, gesteckt, wesswegen ich mich eiligst ein wenig auf die Seite begab, und diese nebst noch andern Zettuln in meine Bein-Kleider steckte, nachhero das Kleid wieder mit ihm umtauschte, mich auch nicht lange aufhielt, sondern nach meinem Logis eilete, nachdem ich Abschied von Norgel genommen, ihm eine gluckliche Reise gewunschet, und versprochen, nach Verlauff der 8. Tage mich offters an diesem Orte wieder finden zu lassen. Ohngeacht ich nun diese Nacht sehr wenig geschlaffen, so trieb mich doch die Curiositat dahin, nunmehro bey Tage recht zu besichtigen, was ich diese Nacht erbeutet hatte, demnach fand ich erstlich 2. Frauenzimmer-Rocke, 1. Nacht-Camisol, 1. Schurtze, 1. Halss-Tuch, 1. Mutze, eine Anhange-Tasche mit einem silbernen Bugel, worinen 4. spec. Ducaten, 2. Louis d'or, und ohngefahr 6. Gulden Silber-Muntze nebst 3. Liebes-Briefen von verschiedenen Handen stacken, in den Ficken aber fand ich ihre Petschafft, 6. biss 8. Schlussel, ein paar Messer und andere Kleinigkeiten, welches ich denn alles wohl betrachtete, und hernachmahls in meinen Reise-Couffre verwahrete.

Uber das Nachdencken dieser Intrique verging mir vollends aller Schlaff, wesswegen ich mich an ein Fenster legte, und eine Pfeiffe Toback rauchte. Bald hernach kam eine Chaise gefahren, welche unter meinem Fenster stille hielt, und ich sahe mit dem allergrosten Vergnugen die Madame van Bredal heraus steigen, die auch bald mit noch einem Frauenzimmer und einer Magd, die Treppe herauf gegangen kam, und wie ich durch mein Schlussel-Loch sehen konte, mit ihrer Begleitung in ein Zimmer ging, das nicht gar weit von dem Meinigen war.

Wie nun nicht vor rathsam hielt, mich eher sehen zu lassen, biss ich ihr vorhero meine Ankunfft in Geheim zu wissen gethan, so wolte eben nachsinnen, wie dieses anzufangen ware, als ich gewahr wurde, dass das andere Frauenzimmer mit der Magd hinunter ging, sie ihnen aber das Geleite biss an die Treppe gab. So bald sie demnach umkehrete, machte ich die Thur meines Zimmers auf, und ihr ein hofliches Compliment. Sie erschrack ziemlich uber den jahlingen Anblick, und wurde Blutroth, sagte aber bald: ich bin von Hertzen erfreuet, Mons. van Blac, euch allhier wohl zu sehen, und hatte nicht gemeynet, dass ihr so bald hier seyn wurdet, wisset aber, dass meine Affairen bereits vollig zum Ende sind, und ich von dem van Steen gantzlich abgeschieden bin, ein ferneres wollen wir zu gelegener Zeit mit einander reden, thut mir voritzo nur ein paar Tage den Gefallen, und stellet euch an, als ob ihr mich sonsten noch niemahls gesehen hattet.

Madam! gab ich zur Antwort, ich bin schon einige Tage hier, habe mir aber nicht die Courage nehmen wollen, ihnen nachzureisen, und ob ich gleich ausser mir selbst war, da ich das Vergnugen hatte, Sie von dem Wagen steigen, und durch mein Schlussel-Loch auf den Saal kommen zu sehen, so wolte mich doch vor andern Leuten nicht eher zeigen, biss ich erstlich Ordre von Ihnen erhalten, unterdessen mochte wunschen, dass ich allhier auf dieser Stelle nur eine eintzige Stunde Zeit haben mochte, ihnen eine gewisse Avanture zu eroffnen, woruber Sie sich ungemein verwundern werden. Mons. van Blac, sagte sie hierauf, ich habe diesen Tag noch wichtige Verrichtungen, und werde vor Abends nicht wieder hieher kommen, so bald aber in diesem Gast-Hause alles zu Bette ist, will ich euch durch meine Magd in mein Zimmer ruffen lassen, meine Baase, welche itzo mit derselben von mir gegangen, wird, wie bisshero, zwar auch bey mir seyn, allein, ihr habt euch vor beyden nicht zu scheuen, denn sie sind mir sehr gewogen und getreue, ich werde mich auch ehester Tages mit beyden zu Schiffe setzen, und nach Engelland seegeln.

Ich wurde uber diese letztern Worte einiger massen in meinen Gedancken verwirret, welches Sie wohl anmerckte, jedoch nichts mehr sagte, als: habt guten Muth, mein werther Freund, diesen Abend wollen wir deutlicher mit einander sprechen; hiermit begab sie sich in ihr Zimmer, und ich mich in das Meinige, stellete mich gegen meinen Aufwarter etwas unpass, und liess mir dieserwegen die Speisen herauf bringen, kam auch den gantzen Tag nicht aus dem Zimmer, merckte aber wohl an, dass die Madame van Bredal noch vor Essens ausging, und erstlich mit einbrechender Nacht wieder zuruck kam.

Um Mitternachts-Zeit klopffte jemand gantz sanffte an meine Thur, und da ich dieselbe leise eroffnete, trat ihre Magd herein, brachte ein Compliment von der Madame van Bredal, welche bitten liesse, ob ich nicht die Gute haben, von meiner Ruhe etwas abbrechen, und auf ein wichtiges Gesprach zu ihr kommen wolte? Ich folgte der Magd so gleich nach, und traff die beyden Frauenzimmer auf 2. Schlaff-Stuhlen sitzend an, zwischen welchen ein Tisch stunde, auf welchem sich ein paar Bouteillen Wein nebst Confect befanden. So bald sie mich bewillkommet und zu sitzen genothiget, fing die van Bredal an, sehet, meine liebste Baase, dieses ist der Herr, welcher mir mit seiner grosten Lebens-Gefahr zu meiner Freyheit verholffen, die zu erkauffen, vielleicht keine Million hingereicht haben wurde. Die Baase war eine artige Jungfer von 19. biss 20. Jahren, und nennete sich Gillers, war eines aufgeweckten Geistes, stund auf und sagte: mein Herr, erlaubt mir, dass ich euch vor die ubergrosse Gefalligkeit, die ihr meiner allerliebsten Freundin auf dieser Welt, und zugleich mir erwiesen habt, die Hand kussen darff. Indem ich mich nun dessen weigerte, und sehr beschamt befand, kussete sie mich in der Geschwindigkeit dergestalt derb auf den Mund, dass ich mich fast selbst schamete, und gantz Feuerroth im Gesichte wurde.

Die van Bredal fing hertzlich daruber an zu lachen, sagte aber: Kinder! wir mussen die wenigen Stunden, so wir beysammen bleiben konnen, mit ernsthafften Gesprachen zubringen. Demnach fing sie an, mir alles zu erzahlen, wie es ihr allhier ergangen, die HauptPuncte aber waren diese: 1.) Hatte sie anfanglich absolut prtendirt, ihren Mann, den van Steen, wieder zu haben, derselbe aber hatte vielleicht nicht so wohl aus ubeln Verdacht, sondern vielmehr darum, weil ihm seine Helena stundlich um den Halse gelegen, sich absolut geweigert, sie wieder anzunehmen, und die Helena fahren zu lassen, wesswegen es denn endlich dahin verglichen worden, dass sie nunmehro vor 9. Tagen einen gerichtlichen Scheide-Brieff bekommen, mit der Clausul, sich ebenfalls wieder verheyrathen zu durffen, an wem sie wolte. 2.) Ware der van Steen dahin genothiget worden, ihr vor ihr eingebrachtes Gut benebst den Abtritts-Geldern 10000. Hollandische Gulden zu bezahlen, welche sie auch heutiges Tages durch ihren Procuratorem in Empfang nehmen lassen. 3.) Die Erb-Portion von ihren Eltern a 1600. fl. ware ihr gleichfalls schon ausgezahlt, und nunmehro 4.) da sie frey und ledig ware, wolte sie diesen ihr ungluckseligen Boden verlassen, und mit dieser ihrer Baase nach Engelland ubergehen.

Ich hatte mit grosser Verwunderung und bangen Hertzen zugehoret, blieb aber, da sie inne hielt, abermahls in tieffen Gedancken sitzen, und war nicht einmahl gewahr worden, dass sich Mademoiselle Gillers mit der Magd hinaus begeben hatte um noch Caffee zu kochen. Derowegen fing Madame van Bredal von neuen zu reden an: Nunmehro, sagte Sie, mein Herr van Blac, habe ich es noch mit euch zu thun, um euch die mir treu geleisteten Dienste zu belohnen, ist euch mit baarem Gelde gedienet, so stehen noch 3000. Thlr. von dem Meinigen zu euren Diensten, wollet ihr euch aber gefallen lassen, diese meine Baase, welche doch gewiss ein schones Frauenzimmer zu nennen ist, zur Frau zu nehmen, so versichere, dass ihr nicht allein meine, euch itzt versprochenen 3000. Thlr. sondern auch von ihrem Vermogen wenigstens noch gedoppelt so viel empfangen sollet; denn ich vor meine Person bin entschlossen, meine ubrige Lebens-Zeit im ledigen Stande zuzubringen, mein Geld und Gut auf Zinsen auszuthun, und in der Stille vor mich zu leben.

Diese Worte waren ein Donnerschlag in meinen Ohren und Hertzen, jedoch ich stund gantz gelassen auf vom Stuhle, und sagte: Madame! Dero Generositee ist jederzeit grosser gewesen gegen mich, als meine wenigen Dienste, ich habe noch ein starckes Capital davon aufzuweisen, will aber selbiges weit vergnugter wieder zuruck geben, als noch mehr von ihnen annehmen. Vor die vorgeschlagene Mariage dancke ich gehorsamst, nicht zwar etwa aus Verachtung gegen diese Liebens-wurdige Person, sondern nur darum, weil mir nicht moglich ist, etwas anders zu lieben, so lange ich weiss, dass die Madame van Bredal lebt; Geld und Gut ist nicht capable mich zu vergnugen, weil ich aber Dero Entschluss vernommen, so will mich aus ihren Augen verbannen, und mein kunfftiges Schicksal mit Gedult ertragen. Adieu Madame! Der Himmel lasse sie jederzeit vergnugt leben. Mein werthester Freund, versetzte sie hierauf, indem sie mich bey dem Kleide zuruck zohe, bedencket doch euer Bestes, ich will euch 3. Tage Zeit darzu lassen. Ich gab zur Antwort! Madame! 3. Jahr, 3. Tage, 3. Minuten oder 3. Secunden sind mir in diesem Stucke einerley, weil ich weiss, dass mein Gemuthe in diesem Stucke so unveranderlich ist, als ich unglucklich bin, erlauben sie nur, dass ich mich retiriren, und Dero Complaisance nicht langer missbrauchen darff. Sie hielt mich noch vester, und sagte: Mein Herr, in der Rage lasse ich euch nicht von mir gehen, erweget aber, ob ihr, als ein Junggeselle, der sich davor ausgiebt, noch kein Frauenzimmer gewisser massen beruhrt zu haben, nicht wohl thatet, wenn ihr meine Baase oder eine andere Jungfrau heyrathet, als mich, die ich als eine Wittbe zu achten bin, und dennoch wohl nachhero bey euch in den Verdacht gerathen konte, als ob Ich unterbrach ihre Rede, und bath: Madame! qualen sie mich nur nicht langer, denn ich bin ja uberzeugt genug, dass ihnen meine Person nicht anstandig ist, darum ist ja meine Resolution die allervernunfftigste, dass, da ich nicht erlangen kan, was ich suche, lieber mich entfernen will.

Unter diesen Worten rolleten mir, so viel ich mich von meiner Kindheit an zu erinnern weiss, zum ersten mahle einige Thranen die Backen herunter, welche, so bald es die Madame van Bredal sahe, eine solche Wurckung thaten, dass sie auf einmahl anders Sinnes wurde, mir um den Halss fiel, mich offtermahls kussete, und endlich sagte: Bleib mein Schatz, ich bin Deine, und du solst der Meinige seyn, so lange als ich lebe, in Engelland wollen wir Hochzeit haben, unterdessen aber richte dich nach meinen Umstanden, und uberlege mit mir, wie wir uns etwa allhier noch aufzufuhren haben. Uber diese Worte wurde ich dergestalt entzuckt, dass ich selbst nicht wuste, wie mir zu helffen war, indem ich so lange auf meiner Liebsten Munde kleben blieb, biss wir die Mademoiselle Gillers und die Magd mit dem Caffee ankommen horeten. Wir setzten uns, und truncken etliche Schalchen. Die Magd ging fort, derowegen redete mein Schatz zu ihrer Baase: Dencket doch, mein Hertz, dieser Herr, mit dem ich mich abfinden wollen, will weder Geld noch Gut, sondern meine Person selbst vor seine mir geleisteten Dienste haben. Ihr waret, antwortete die Mademoiselle Gillers, die allerunerkanntlichste Person von der Welt, wenn ihr ihm dieselbige versagtet, denn er hat euch errettet, und durchs Gluck den grosten Antheil daran, ihr seyd wenig Jahre alter als ich, und werdet den ledigen Stand bey eurer Schonheit schwerlich ohne starcke Versuchungen zubringen konnen, derowegen machet mir das Vergnugen, dass ich itzo gleich die Verlobniss-Ringe von euren Fingern abziehen und verwechseln darff, das Beylager aber muss ausgestellet bleiben, biss wir in meines Bruders Hauss nach Portsmouth kommen. Hiermit stund das lose Ding auf, zohe so wohl mir als der van Bredal die Ringe vom Finger, verwechselte dieselben, und stellete sich so dabey mit Reden und Gebarden an, als wenn sie ein wurcklicher Priester ware, liess auch nicht eher nach, biss wir einander die Hande und 50. Kusse auf die Treue gaben.

Da nun dieses vorbey war, und alles seine vollkommene Richtigkeit hatte, erzahlte ich beyden Frauenzimmern den Streich, welchen ich in vergangener Nacht dem Norgel und der Helena gespielet hatte. Sie lachten sich alle beyde bald zu Tode daruber, wolten aber nicht alles glauben, biss ich sie in mein Zimmer hinuber fuhrete, der Helen Kleider, Strumpffe und Pantoffeln vorzeigte, und selbige meiner nunmehrigen Liebste in Verwahrung gab. Und wenn ihr mir, sagte diese, mein nunmehriger allerliebster Schatz, 100000. Thlr. zum Mahl-Schatze gegeben hattet, so waren mir selbige doch nicht halb so angenehm, als diese Equipage; Stille! nun wollen wir nicht mehr unter dem Verdeck spielen, sondern dem van Steen zeigen, was er verlohren oder gewonnen hat, inzwischen bin ich vergnugt, Mons. van Blac, dass ich mich nunmehro die Eurige nennen darff und kan. Morgen fruh will ich mich mit euch copuliren lassen, daferne ihr ein Zeugniss aus Antwerpen bey euch habt, dass daselbst von eurer Verehligung mit jemand, keiner etwas wisse, (dieses zeigte ich ihr so gleich) sodann will ich noch 1000. und mehr Thaler daran wenden, wenn es ja erfodert werden solte, dass die H. Helena rechtschaffen prostituiret, und dem van Steen der Staar gestochen werden moge.

Wie viel mir nun auch an der Person der van Bredal gelegen war, so hielt ich doch nicht vor rathsam, dass wir uns in diesem Stuck ubereileten, indem uns von unsern Feinden garstige Possen gespielet werden konten, hergegen war ich der Meinung, dass es besser ware, wenn wir uns, so bald wir unsere Sachen alle in Ordnung gebracht, je ehe je lieber nach Engelland ubersetzen liessen, mitlerweile wolte ich die gantze Comdie von der Helena mit allen Umstanden zu Pappier bringen, einen Brief an den van Steen darzu legen, der Helen Kleider und Sachen in ein Kastlein packen, und selbiges alles zusammen dem van Steen in die Hande liefern lassen, nachhero wurden wir in Engelland dennoch wohl erfahren, was etwa ferner vorgegangen ware. Meine Geliebte hielt dieses vor genehm, und sagte, wie sie in allen Stucken Reise fertig ware, und binnen 3. oder 4. Tagen abfahren konte; Demnach wurden wir schlussig, dass ich morgenden Tag noch ausruhen, den folgenden aber nach Harlingen voraus reisen solte, damit niemand einmahl erfuhre, dass wir einander allhier in Leuwarden gesprochen hatten. Dieses geschahe also, ich kehrete aber nicht in dem Gast-Hause ein, wo sie einkehren wolte, sondern in einem andern, setzte mich hin, und schrieb erstlich die gantze Geschicht von Wort zu Wort auf, die sich mit Norgel, der Helena und mir zugetragen hatte, verfertigte sodann einen Brief an den van Steen, welcher folgendes Inhalts war:

Monsieur.

Ich habe die Ehre zwar niemahls gehabt, denselben von Person zu kennen, trage aber dennoch einiges Mitleiden seinetwegen, dass er sich dem grosten Orden der Hahnreyschafft, vielleicht wider seine Einbildung, einverleibt sehen muss. Beyliegende Geschichts-Beschreibung befindet sich in der That und Wahrheit also, und kan derselbe dessfals noch ein und andere Nachricht einziehen, so dann erwegen, ob nicht alles zutrifft, wiewohl ich hoffe, es werden seiner Liebsten Kleider und andere Sachen, wie auch die beygelegten Liebes-Briefe ein sattsames Zeugniss abhaffte Geschichte sey. Ware ich so wollustig als curieux gewesen, das Beginnen einer geilen Dame zu bemercken, so ware die Zahl seiner Horner ohnfehlbar durch mich vermehret worden, denn nach Norgels Beschreibung soll seine Frau Liebste schones Leibes, dabey sehr freygebig seyn gegen diejenigen, so sie rechtschaffen bedienen, indem sie sehr hitzig in dem Liebes-Wercke; ob es wahr ist, weiss ich nicht, da ich niemahls das Gluck gehabt, sie zu sehen, viel weniger anzuruhren. Ich uberlasse seinem eigenen Gefallen, wie er sich bey dieser Begebenheit auffuhren, und ob er seinen Herrn Schwagern, nehmlich den Mannern der Madame E. und A. auch das Verstandniss eroffnen will, in so ferne er dieselben ausforschen kan. Ich verhoffe das Meinige gethan zu haben, als ein unbekannter redlicher Freund, denn wenn ich ein Filou oder Betruger, oder sonsten Geld-bedurfftig ware, so hatte wenigstens die Baarschafften vor meine Muhe zuruck behalten konnen. Ubrigens bitte mir durch diesen abgeschickten Expressen ein kleines Recipisse aus, indem ich mich allhier in Harlingen nicht lange aufhalten, sondern ehester Tages nach Amsterdam abseegeln werde, jedoch beharre.

Monsieur

votre Ami.

Liebste nebst ihrer Baase angekommen, und ebenfalls in einem andern Gast-Hause, als wo wir ehedem logirt, abgetreten ware, begab ich mich gleich des ersten Abends zu ihr, zeigte ihr meine Schrifften, welche sie approbirte, wir packten darauf der Helen Kleidungs-Stucke in ein gatliches Kastlein, versiegelten es mit einem fremden Petschafft, und trug dasselbe bey Nachts-Zeit selbst in mein Logis. Drey Tage hernach wolte ein Schiff nach Engelland abseegeln, auf selbiges verdungen sich das Frauenzimmer und auch ich besonders, als ob wir nicht zusammen gehoreten, waren auch bestellet, uns vor Abends am Boord einzufinden, weil der Schiffer so dann in See gehen wolte. Derowegen fertigte ich um Mittags-Zeit erstlich einen Expressen-Bothen an den van Steen nach Leuwarden ab, gab ihm einen guten Lohn, mit dem ausdrucklichen Befehle, die Briefe nebst dem Kastlein ja keinem andern Menschen, als dem van Steen selbst in die Hande zu geben, wo aber derselbe etwa nicht zu Hause ware, so lange zu warten, biss er zur Stelle kame, indem ihm sein Warte-Geld entweder dort, oder von mir wohl bezahlt werden solte. So bald aber der Bothe etwa eine Meile-Wegs fort seyn mochte, bezahlete ich den Wirth, und liess meine Sachen aufs Schiff tragen, zu welchen ich so dann meinen Weg auch nahm, und bald hernach mein Frauenzimmer ebenfalls ankommen sahe. Wir seegelten also mit gutem Winde frolich ab, und gelangeten in wenig Tagen glucklich Portsmouth bey der Mademoiselle Gillers Bruder an, welcher uns mit vielen aufrichtigen FreundschafftsBezeugungen empfing, auch, da er unser Anliegen und Umstande vernommen, wenig Tage hernach Anstalt machte, dass ich mit meiner Liebste von einem Priester ehelich zusammen gegeben wurde. Wir waren hierauf gesonnen, uns mit nachster Gelegenheit ein feines Land-Gutgen zu kauffen, eine ordentliche Hausshaltung anzufangen, und von demjenigen, was uns das Gut einbrachte, reputirlich zu leben; da sich aber nicht so gleich ein anstandiges finden wolte, lebten wir uber ein halbes Jahr vor unser Geld, sehr vergnugt, bey dem Herrn Gillers.

Eines Abends, da ich mit demselben aus einer Compagnie guter Freunde, da es schon ziemlich dunckel war, nach Hause ging, kam uns eine schwartz gekleidete Manns-Person entgegen, und stiess mich im Vorbeygehen mit einem Dolche in die Seite, lieff hierauf noch schneller, als ein Windspiel, fort. Ich selbsten kaum, geschweige denn Herr Gillers, wuste, wie mir geschehen war, endlich aber fuhlete ich die Blessur, und war froh, dass wir bald nach Hause kamen, denn der Stich war zwar nicht todtlich, weil er auf dem rechten Hufft-Beine sitzen geblieben, allein, sehr schmertzhafft, wie denn auch nachhero noch sehr uble Zufalle darzu kamen, so, dass ich doch fast daran hatte crepiren konnen, allein, endlich wurde ich wieder gesund, erfuhr auch wunderbarer Weise, dass niemand anders, als Norgel der Meuchel Morder, gewesen. Denn es muste sich so wunderlich fugen, dass einer von des van Steens Handels-Purschen heruber nach Engelland, und bey Herrn Gillers in Condition gekommen war. Dieser hatte meine Liebste nicht so bald erblickt, als er sich derselben so gleich zu erkennen und darbey zu vernehmen gab, wie sie, als die erste Frau des van Steen, ehemahls seine Patronin gewesen ware, er aber sey nur vor wenig Wochen aus des van Steen Diensten gegangen, um sich eine Zeitlang in Engelland aufzuhalten, konte auch, wenn es uns etwa auf den Abend gelegen ware, verschiedene wunderbare Geschichte, so vor weniger Zeit in des van Steens Hause und sonsten in Leuwarden passirt waren, erzahlen.

Meine Frau, die sich dieses Menschens, von etlichen Jahren her, noch sehr wohl zu erinnern wuste, bath ihn so gleich, uns die Gefalligkeit zu erweisen, und Abends auf unser Zimmer zu kommen, welches er denn that, und eine weitlaufftige Erzahlung von den Geschichten des van Steen, seiner Helena, Norgels und anderer mehr machte, und endlich kam er auf die letzten Streiche, so ich in Leuwarden gespielet hatte, wuste aber nicht, dass ich es gewesen, sondern erzahlete nur, dass der van Steen neulichst von unbekandter Hand einen Brief nebst einem Kastlein mit Kleidungs-Stucken und andern Sachen, die seiner Frau gehoreten, und davon sie ausgegeben, dass sie ihr gestohlen worden, erhalten. Er hatte sich gantz rasend daruber angestellet, wenig Stunden darnach aber seine Frau nebst ihrem Aufwarte-Magdgen in ein finsteres Gewolbe verschlossen, und ihnen 3. grosse Brodte nebst einem Fassgen voll Wasser hinein gesetzt. Hierauf ware er mit dem Bothen, welcher den Brief gebracht, nach Harlingen gereiset, und andern Tages sehr verdrusslich wieder zuruck gekommen, hatte auch allen seinen Leuten hart verboten, von allen dem, was sie in seinem Hause etwa horeten und merckten, kein Wort auszuplaudern; ferner ware der van Steen immer unruhig geblieben, bald zu diesem bald zu jenem guten Freunde gelauffen, und endlich hatte man unter der Hand vernommen, dass der Notarius Norgel in eines andern Kauffmanns-Hause bey Nachts-Zeit sehr grausam ware geschlagen und verwundet worden, so, dass man ihn in einer Sanffte hatte nach Hause tragen mussen, der van Steen hatte im Gesicht und an den Handen ebenfalls die Wahrzeichen gehabt, dass er in einer Schlagerey gewesen ware, bald hernach aber ware die Helena nebst ihrer Magd, fruh Morgens vor Tage, in einen Wagen gesetzt worden, den man verschlossen, und sie unter Begleitung von 4. unbekandten Reutern fortgefuhrt, wohin, wisse niemand eigentlich. Norgel, fuhr dieser Kauffmanns-Diener fort, ging, so bald er wieder curirt war, heruber nach Engelland, und zwar auf eben dem Schiffe, worauf ich mich befand, liess sich auch eines Tages dieser verwegenen Reden gegen mich verlauten: ich trage diesen meinen Kopff zum erstenmahle nach Engelland, weiss aber nicht, ob ich denselben wieder heraus bringen werde, doch frage ich nichts darnach, wenn ich nur so glucklich bin, mich an einem gewissen Feinde zu rachen, der mir den argsten Possen auf der Welt gespielt hat, kan ich nur ihn in die andere Welt schaffen, so will ich gern sterben.

Aus allen diesen Reden des Kauffmanns-Dieners nun, konten ich und meine Liebste bald schliessen, dass Norgel unser Geheimnisse ausgeforschet haben, und kein anderer als er mein Meuchel-Morder gewesen seyn musse, denn es kamen noch viele andere Umstande darzu, welche ich, Weitlaufftigkeit zu vermeiden, verschweigen will.

Inzwischen verging meiner Liebsten bey so gestalten Sachen alle Lust in Engelland zu bleiben, denn nachdem sie noch darzu verschiedene schreckliche Traume gehabt, blieb sie bey den Gedancken, unsere Feinde wurden nicht ehe ruhen, biss sie uns vom Brodte geholffen, derowegen wurden wir schlussig, unser Geld und Gut zusammen zu packen, und mit ersterer Gelegenheit nach Jamaica zu seegeln. Ich kam in etlichen Wochen nicht aus meinem Logis, um nicht von neuen in Morder-Hande zu fallen, nachhero, da der Herr Gillers uns die Nachricht brachte, dass er vor uns gesorgt, und auf ein nach Jamaica gehendes Schiff verdungen hatte, welches in wenig Tagen abseegeln wurde, schafften wir unsere Sachen darauf, und traten, nach wehmuthig genommenen Abschiede, die Reise nach der neuen Welt an. Meine Liebste war sehr vergnugt, dass wir diese Resolution ergriffen hatten, zumahlen, da uns Wind und Wetter sehr favorable waren; allein, das grausame Verhangniss hatte beschlossen, uns auf eine jammerliche Art von einander zu trennen, denn da wir bereits eine ziemliche Weite uber die Insul Madera hinaus waren, uberfiel uns ein entsetzlicher Sturm, welcher uns auf die lincke Seite nach den Insuln des grunen Vorgeburges zutrieb, wir sahen dieselben schon vor Augen, konten sie aber nicht erreichen, indem unser Schiff um die Mittags-Zeit gantz plotzlich zerscheiterte, und mit seiner gantzen Ladung zu Grunde ging. Ich und meine Liebste konten nicht so glucklich werden, dass man uns mit in ein Boot genommen hatte, denn es waren schon beyde uberflussig besetzt, derowegen muste uns nur so wohl als vielen andern zum Troste dienen, dass wir einen starcken Balcken erhaschen, und uns auf demselben erhalten konten. Allein, was halff es, in folgender finstern Nacht schlug eine ungeheure Welle meine Allerliebste von dem Balcken herunter, und horete ich noch, dass sie rieff: JEsus! Gute Nacht, mein Schatz. Mir vergingen vor Wehmuth alle Gedancken, und wundere ich mich uber nichts, als wie ich mich bey solchen hochst-schmertzlichen Leyd-Wesen noch habe auf dem Balcken an- und erhalten konnen, inzwischen, da ich mich in etwas besonnen, konte ich doch keine Hand vor Augen sehen, andern Tages gegen Mittag aber befand mich an dem Ufer der Insul St. Lucia, welches eine von den Insuln des grunen Vorgeburges ist, und wurde errettet. Viele Tage habe ich auf dieser Insul mit lauter Winseln und Wehklagen uber den klaglichen Verlust meiner Allerliebsten zugebracht, weiln mit ihr alles mein Vergnugen, ja meine gantze Gluckseeligkeit im Meere ertruncken war, endlich, weil ich noch etwa 100. und etliche spec. Ducaten in meinen Kleidern vernehet bey mir trug, kam mir in die Gedancken, mit einem Portugiesischen Schiffe nach Brasilien zu gehen, auch aus Verzweiffelung so lange hie und dahin zu fahren, biss ich auch mein nunmehro mir verdrussliches Leben endigte, jedoch der Himmel gab mir andere Gedancken ein, dass ich nehmlich in mein Vaterland zuruck gehen, und entweder in meiner Geburts-Stadt oder in Amsterdam eine stille und ruhige Lebens-Art erwehlen solte; als welches denn auch von mir resolvirt wurde, da ich aber in Lissabon bey einem vornehmen Schwedischen Herrn bekandt gemacht wurde, nahm mich derselbe zum Sprach-Meister seines Sohnes an, und mit sich nach Schweden. Mein Discipul war sehr lehrbegierig, allein, er starb, da ich wenig Wochen uber ein Jahr mit ihm zu thun gehabt, also bekam ich mein bedungenes Geld, hatte darzu nochden Vortheil, dass ich die Schwedische Sprache vollkommen erlernet, von welcher ich sonsten unter den andern das wenigste wuste, und reisete erstlich nach meiner VaterStadt, hernach weil ich daselbst vor Jammer uber alles mein Ungluck nicht bleiben konte, nach Amsterdamm, allwo ich abermahls Condition als Sprach Meister bey etlichen Kauffmanns-Dienern annahm, welche mir so viel bezahleten, dass ich mein melancholisches und stilles Leben gantz reputirlich fortfuhren konte. Da aber einige von ihnen abgingen, ich also aus meinem Beutel zusetzen muste, fugte es sich eben, dass der wertheste Monsieur Eberhard Julius, gegen dessen Logis ich gerade uber wohnete, einen Dolmetscher nach Schweden mitzureisen, aufsuchen liess, und ihm ein Ansehnliches Monat-Geld zu zahlen versprach, wesswegen ich an ihm recommendirt, so gleich acceptirt und mit genommen wurde. Was unsere Verrichtungen daselbst gewesen, ist ihnen allerseits bekandt, ich habe nach meinem wenigen Vermogen nichts ersparet, ihnen getreue Dienste zu leisten, bin auch ungemein raisonable davor belohnt worden, so, dass ich dieserwegen sehr vergnugt, um aber von der angenehmen Compagnie abgeschieden zu seyn, hochst betrubt von Hamburg nach Amsterdam zurukke reisete. Hieselbst wolte es nunmehro gar nicht mehr nach meinem Kopffe seyn, ohngeacht mir eine gar profitable Mariage nebst einer Charge bey dem Schiffs-Bau Wesen angetragen wurde, sondern es kam mir die Grille auf einmahl wieder in den Kopff, zur See, entweder nach Ost- oder West-Indien zu gehen, und mein Capital, welches ohngefahr in 700. Gulden oder etwas druber bestund, anzulegen.

Ich liess mich dessen einsmahls Mittags in meinem Speise-Quartier verlauten, allwo, dem Ansehen nach, 2. feine See-Officiers zugegen waren, welche so gleich sagten, wo dieses mein Ernst ware, konten sie mir dienen, denn das Schiff, worauf sie sich engagirt, wurde in wenig Tagen nach Ost-Indien unter Seegel gehen. Es war mir dieses die hertzlichste Freude von der Welt, ich machte, wegen ihres guten Ansehens, so gleich die vertrauteste Feundschafft mit ihnen, und schaffte gleich andern Tages meine Sachen, die in 2. Kisten gepackt waren, in ihr Quartier, allwo sie mich gantz wohl tractiren, ich vermerckte auch binnen zweyen Tagen, dass dann und wann Matrosen kamen, welche bald dieses bald jenes anmeldeten. Ich befahrete mich keines Bosen, hatte meine besondere Cammer, worinnen ich schlief, fuhr aber in der 3ten Nacht jahlings aus dem Bette, da mir jemand meine BeinKleider unter dem Kopffe hinweg zohe. Ich verfolgte den Dieb, war aber kaum in die andere Cammer gekommen, als so gleich ihrer 3. auf mich zuhieben und stachen, so, dass ich der Gewalt weichen, zu Boden fallen und um mein Leben bitten muste. Es sey dir aus Gnaden, sagte der Eine, geschenckt, drehete mir aber in der Geschwindigkeit einen Knebel in den Mund, die andern banden mir Hande und Fusse, und liessen mich Elenden also auf dem blossen Boden liegen, biss ich fruh Morgens von des Wirths Gesinde, fast im Blute schwimmend, angetroffen wurde. Selbiges machte ein Geschrey, so, dass der Wirth auch herzu gelauffen kam, welcher mich reinigen und durch einen Wund-Artzt verbinden liess. Ich hatte 2. Hiebe ins Gesichte, einen uber den Kopff, 3. uber die Arme, einen Stich auf den Brust-Knochen, und einen in die lincke Schulter bekommen, und meynte nicht anders, ich wurde an diesen 8. Blessuren meinen Geist aufgeben mussen, allein, der Chirurgus sparete keinen Fleiss, ein Meister-Stuck seiner Kunst an mir zu beweisen, curirte mich auch binnen wenig Wochen recht vollig, und war nachhero so genereux, nicht einen Deut vor seine Muhe und angewandte Kosten zu verlangen, wesswegen ich ihn mit Recht einen barmhertzigen Samariter nennen kan; der Himmel aber vergelte es ihm tausendfach, weil ich nicht im Stande gewesen, ihm meine Danckbarkeit anders, als mit Worten, die aus redlichen Hertzen und Munde geflossen, zu bezeugen.

Von allen meinen Sachen hatte ich nichts behalten, als ein Bundel schwartze Wasche und eine ziemlich grosse lederne Tasche, worinnen meine Briefschafften befindlich, denn ich hatte selbigezum Fussen meines Bettes gesteckt, und meine Rauber mochten daselbst nicht gesucht haben. Von Gelde oder Geldes-Werth aber hatte nicht das geringste mehr, vielweniger etwas an den Leib zu ziehen. Der Wirth war Zeit wahrender meiner Kranckheit so wohlthatig, mich mit den besten Speisen zu versorgen, verschaffte auch, dass mir, nachdem ich wieder aufgestanden war, verschiedene gute Leute einige Kleidungs-Stucke zuwarffen; er verlangte keine Bezahlung von mir, biss ich wieder in den Standt kame, so viel missen zu konnen, ihn zu recompensiren. Das war nun endlich Hoflichkeit genung, allein, es sind mir zum offtern die Gedancken aufgestiegen, ob nicht der Wirth mit meinen Raubern und Mordern selbst unter einer Decke gesteckt haben mochte. Thue ich ihm zu viel, so vergebe es mir der Himmel. Er gab vor, diese Leute habe er Zeit-Lebens sonsten nicht gesehen, sie hatten sich vor See-Officiers ausgegeben, und auf einen Monat das Logis bey ihm gemiethet, Abends vorhero aber, ehe sie mich so morderisch tractirt und beraubt, ihre Schuld bezahlt, und zu verstehen gegeben, wie noch diese Nacht etliche Matrosen ankommen wurden, ihre Sachen abzuholen, indem das Schiff, worauf sie gehorten, in Bereitschafft stunde abzuseegeln. Er, der Wirth, hatte solches geglaubt, ware mit seiner Frauen zu Bette gegangen, und hatte die unruhige Nacht-Arbeit einmahl dem Gesinde uberlassen, hatte auch nimmermehr geglaubt, dass dergleichen Streiche in seinem Hause vorgehen solten, biss ihn fruh Morgens das Gesinde, welches die Cammern reinigen wollen, herzu gerufft.

Was war zu thun? Geld hatte ich nicht, die Sache weiter untersuchen zu lassen, derowegen muste zufrieden seyn, dem wohlthatigen Wirthe die grosten Dancksagungs-Complimente machen, und versprechen, wenn ich in bessern Stand kame bey, ihm redliche Zahlung zu leisten. Hierauf zohe ich die mir zugeworffenen alten Kleider an, begab mich wieder in die Stadt, denn NB. mein bissheriges Quartier war ausserhalb derselben gewesen, suchte gute Freunde, die mich wieder in bessern Stand setzen solten, fand aber sehr wenig, die mir mit einer christlichen Bey-Steuer zu Hulffe kamen.

Jedoch der Himmel, welcher doch selten ein redliches Gemuthe verderben last, fuhrete mich unvermuthet in eine Strasse, allwo mir der wertheste Mons. Eberhard mit seiner Jungfer Schwester entgegen kamen. Die verschiedenen bey mir aufsteigenden Affecten machten, dass ich einen lauten Schrey that, hernach vor Jammer bitterlich zu weinen anfing, und mich vor ihnen verbergen wolte, allein, zu meinem Gluck wurde ich von ihnen erkandt, sie nahmen mich Elenden auf, setzen mich in solchem Stand, dass ich mich wieder mit honetten Leuten sehen lassen und mit ihnen umgehen konte, ja was das Haupt-Werck, sie waren so gutig, mich zu ihren Reise-Gefahrten und auf diese gluckselige Insul mitzunehmen. Solchergestalt habe nunmehro nach so vielen ausgestandenen Widerwartigkeiten allhier den Hafen meines irrdischen Vergnugens gefunden, und kan mit frohem Munde ausruffen:

Post nubila Phbus.

Auf Sturm, Blitz, Wetter, Angst und Pein

Folgt ein vergnugter Sonnenschein.

Zwar ists an dem, dass mir bisshero unter allen meinen gehabten Unglucks-Fallen, der jammerliche Tod meiner allerliebsten Charlotte Sophie am allerschmertzlichsten gewesen, allein, ich hoffe, dass der Himmel diese Hertzens-Wunde durch die Hand meiner allhier erwahlten schonen Braut endlich auch verbinden und heilen werde. Denen, die mich mit auf diese gluckselige Insul genommen, kan ich meine mich aber dahin bestreben, solche in Zukunfft auch thatlich zu erweisen, indem ich dasjenige Amt, welches man mir etwa allhier auftragen wird, jederzeit mit allem moglichsten Fleisse unverdrossen verrichten, auch Zeit-Lebens ein getreuer Freund und Diener von Ihnen allerseits und allen Insulanern verbleiben will.

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Hiermit endigte Mons. van Blac seine GeschichtsErzahlung, und obgleich die Glocke schon 2. Uhr geschlagen hatte, da er aufhorete, war doch der AltVater so wenig, als jemand anders, ermudet worden, ihm zuzuhoren, wie denn der Alt-Vater den Mons. van Blac, so offt er abbrechen wolte, selbsten ersuchte, biss zum Ende fortzufahren, weiln er ohnedem voritzo wenig schlaffen konte. Nunmehro aber legten wir uns sammtlich zur Ruhe, und schlieffen fast biss gegen Mittag da bereits mit den Tellern geklappert wurde. Es ist aber nicht genung, dass ich Eberhard Julius nur referire, wie wir mit einander geplaudert, gewacht, geschlaffen, gegessen und getruncken haben, sondern ich muss auch sagen, was ferner merckwurdiges auf unserer Insul vassirete.

Wir wurden zu Anfange des Septembris, nachdem tus-Burg in vollkommene Ordnung gebracht, schlussig, von neuen eine Visitation in allen Pflantz-Stadten anzustellen, um sonderlich in Augenschein zu nehmen, wie sich die Handwercker und Kunstler befanden, und womit ihnen etwa noch zu dienen oder zu helffen sey, allein, ein entsetzliches Erdbeben, welches sich am 8. Septembr. in den Vormittags-Stunden 4. mahl spuren liess, verursachte, dass wir, da nur Alberts- und Davids-Raum visitiret war, zu Hause blieben, und zu Winckel krochen, wie die schuchternen Tauben, der Alt-Vater aber sagte zu uns: Kinder, furchtet euch nicht, GOtt ist zwar allmachtig genung, nicht nur diese Insul, sondern die gantze Welt auf einmahl in einen Klumpen zu werffen, ich hoffe aber, er wird diese Insul, die er so vest gegrundet hat, noch nicht verderben. Ich habe auch dergleichen Erdbeben schon offters allhier empfunden, und dabey angemerckt, dass gemeiniglich einige Tage hernach ein grausamer Sturm auf der See entstanden. Gebt Achtung, ob es nicht eintreffen wird, oder vielleicht ist dieses Erdbeben ein Vorbothe, dass ich bald sterben werde, denn eben an diesem Tage haben meine Fusse diese Insul am ersten betreten. Wir waren ingesammt sehr niedergeschlagen, wunschten, dass er noch lange auf der Welt bey uns bleiben mochte; allein, er schuttelte mit dem Kopffe, und sagte: Vielleicht ist dieses Erdbeben auch eine Anmahnung, dass wir Ubermorgen G.G. unsern Buss-Bet- und Fast-Tag desto andachtiger begehen sollen. Wir feyreten derowegen diesen solennen Tag, nehmlich den 10. Sept. da der Alt-Vater Ao. 1646. zum ersten mahle seine damahlige Gesellschafft herauf gefuhret hatte, recht sehr devot, mit dreymahligen Kirchengehen, niemand aber nahm einen Bissen Speise zu sich, biss die Sonne untergangen war. Der AltVater behielt die Aeltesten der Stamme und vornehmsten Europaer bey sich, und wir speiseten an zwey langen Tafeln in seinem Zimmer, nachhero wurde von vielen wichtigen und nothigen Sachen, die noch vorgenommen werden solten, Unterredung gepflogen, so, dass die Mitternachts-Stunde unterdessen heran geruckt war, welches aber niemand vermerckte, biss vor dem Zimmer ein ungewohnliches Getose entstund, wesswegen ich nebst einigen andern hinaus ging, und horete, dass man hinter den grossen Garten in der Gegend zwischen den zweyen Flussen viele Feuer-Flammen aufsteigen und herum vagiren sahe. Wir lieffen gleich hin zu den Fenstern, und fanden, dass es wahr war, Mons. Litzberg und andere judicirten, dass es Dunste aus der Erde oder so genannte Irrwische waren, allein, da das Lerm grosser wurde, und sich der Alt-Vater selbst an das eine Fenster fuhren liess, sagte er gleich: Meine Kinder! diese Flammen steigen aus dem GOttes-Acker empor, die Todten ruffen mich zu sich in ihre Ruhe, nun ist nichts mehr ubrig, als dass ich mein Hauss bestelle, denn eben dergleichen weisse, lichte Flamme zeigte sich kurtz vorhero, ehe der selige Carl Franz van Leuwen von dieser Welt Abschied nehmen muste. Dazumahl, (fuhr er fort) lag nur ein Christlicher Corper auf diesem GOttes-Acker, itzo aber sind ihrer mehr, die sich nach meiner Gesellschafft sehnen. Wir brauchten zwar insgesammt alle Beredsamkeit, dem Alt-Vater die Sterbens-Gedancken auf dieses mahl auszureden, allein, er kehrete sich an nichts, liess hernach Bet-Stunde halten, und bath Herrn Mag. Schmeltzern, dass er einigen Knaben befehlen mochte, unter einer doucen Musique den Choral zu singen: Wer weiss wie nahe mir mein Ende etc.

Er begab sich hierauf zur Ruhe, mein Vater und ich aber blieben fast wider seinen Willen vor seinem Bette sitzen, und bewachten ihn, da zugleich meine Schwester nebst vielen andern im Neben-Zimmer ebenfalls die Wache hielten. Wir bemerckten, dass er einen gantz naturlichen, aber dergestalt leisen Schlaff hatte, dass ihn auch das gelindeste Gerausche erweckte. Folgende Tage wurde er recht mercklich immer schwacher und schwacher, so, dass er kaum mehr einen Arm oder Bein allein aufheben konte, jedoch, weil sich kein Eckel vor der Speise und Tranck bey ihm spuren liess, hatten wir immer noch gute Hoffnung, sass oder lag er stille, so waren seine Augen mehrentheils geschlossen, und schiene es, als wenn er im Schlummer zuweilen lachelte. Einige Tage vor dem Michaelis-Feste fragte ich ihn, ob er denn etwa an einem oder andern Theile des Leibes, innerlich oder ausserlich, Schmertzen fuhlete? Ach nein, mein Sohn, gab er zur Antwort, ich fuhle weder Schmertz noch Pein, sondern eine angenehme susse Mattigkeit, wie ein Mensch, der in sanfftem Schlummer liegt und bald in einen rieffen Schlaff verfallen will, und wenn ich meine Augen zuschliesse, sehe ich die allerlieblichsten Sachen vor mir.

Solchergestalt sass und lag er fast bestandig in einem sussen Schlummer, und man merckte, dass ers nicht gerne hatte, wenn man ihn ohne Noth darinnen stohrete, war also wenig munter, als wenn man ihm Speise reichte, und wenn Bet-Stunde gehalten wurde. Als er am Michaelis Heil Abend in die Vesper lauten horete, und von uns vernahm, dass Morgendes Tages das Michaelis-Fest zu feyern sey, sprach er mit einer muntern und frolichen Gebarde: Ach! meine Kinder, ich muss zu guter Letzt die Kirche noch einmahl mahl besuchen, ehe ich schwacher werde, denn ich spure, dass mein Lebens-Ende nicht mehr weit entfernet ist. Wir musten ihm demnach des andern Morgens seine besten Kleider anziehen, und in die Kirche tragen lassen, allwo er den GOttes-Dienst recht frisch und munter gantz aus abwartete, auch die geistlichen Lieder mit heller Stimme mitsunge. Diesen gantzen Tag uber schien er, gegen die bissherigen, sehr starck zu seyn, folgendes Tages aber wieder so schwachlich, als die vorigen. Sonntags nach Michaelis hielt Herr Herrmann eine Predigt in des AltVaters Zimmer, welche mein Vater, ich und einige andere, die sich nicht von ihm hinweg begeben wolten, mit anhoreten. Nachdem er nun etwas weniges von Speise und Tranck zu sich genommen, verlangete er, man solte den Tischler Lademann zu ihm kommen lassen, jedoch nicht ehe, biss die Nachmittags-Predigt vorbey ware. Da sich nun dieser zu bestimmter Zeit einstellete, sprach der Alt-Vater zu ihm: Mein Sohn! ihr habt mir, so lange ihr allhier auf dieser Insul gewesen seyd, vielen Nutzen gestifftet, und grosse Gefalligkeiten erwiesen, allein, ich habe doch noch eine Bitte an euch, dass ihr mir nehmlich mein Ruhe-Cammerlein oder Sarg so eiligst, als nur immer moglich, verfertigen mochtet, denn ich habe nicht lange Zeit mehr hier zu bleiben, sondern GOtt wird mich nachster Tags zu sich ruffen, ich mochte doch aber gern vorhero mein Ruhe-Cammerlein sehen.

Der ehrliche Lademann fing bitterlich an zu weinen, kussete den Alt-Vater die Hand, und gab zu vernehmen, dass er sehnlich wunschte, mit dieser traurigen Arbeit noch viele Jahre verschont zu bleiben, allein, der Alt-Vater sagte: Mein Sohn, das viele Reden kommt mir sauer an, thut so wohl, erfullet meinen Willen so eilig als moglich, und gebt mir die Hand darauf. Lademann muste ihm solchemnach versprechen, das zu thun, was er verlangte, er gab ihm die Hand, und ging darauf mit weinenden Augen zum Zimmer hinaus. Gleich hernach liess der Alt-Vater die Frau Mag. Schmeltzerin und meine Schwester ruffen, bestellete sich bey ihnen seinen Todten-Habit, bat, selbigen aufs eiligste zu verfertigen, und neben sein Bette zu hangen, damit er ihn stets vor Augen haben konte; Diese beyden wolten unter Vergiessung hauffiger Thranen, ebenfalls viel Einwendungen machen und um Aufschub bitten; allein der Alt-Vater sagte: Erzeiget mir die Liebe, und erfullet meinen Willen, ich solte meynen, binnen 2. Tagen konte alles fertig sein. Sie musten ihm also beyde die Hande darauf geben, worauf er wieder anfing einzuschlummern. Weil man aber verspurete, dass er es nicht gern hatte, wenn viele Leute um ihn waren, so blieben nur allezeit 2. Manner bey seinem Bette sitzen, die ubrigen aber gingen in den Neben-Zimmern immer ab und zu. Montags fruh kam Herr Mag. Schmeltzer wieder, den Alt-Vater zu besuchen, welcher noch immer im Schlummer lag, wesswegen ich zu diesem Geistlichen sagte: ob es denn auch wohl rathsam sey, dass man ihn immerfort in solchen Schlummer liegen liesse? und ob es nicht vielleicht besser sey, wenn man ihn ermunterte, und von geistlichen Dingen mit ihm redete? So leise ich nun auch dieses sprach, so horete es doch der Alt-Vater, und gab zur Antwort: Nein, Mein Sohn! gonnet mir immer dieses Vergnugen, denn ich geniesse solchergestalt wurcklich hier auf Erden den Vorschmack der himmlischen Freude, sehe ich schon hier mit meinen irrdischen obschon verschlossenen Augen so viel, was wird nicht droben mit verklareten Augen zu sehen seyn? Herr Mag. Schmeltzer gab darauf, er mochte uns unsere Vorsorge nicht ubel auslegen, weil um befurchteten, er mochte uns gantz unverhofft unter den Handen dahin sterben. Nein, gab er zur Antwort, ich werde noch einige, ob schon wenige Tage bey euch bleiben, und will es schon etliche Stunden vorher sagen, wenn meinem Lebens-Lichte das Nahrungs-Oel auf die Neige kommt; GOtt wird mir ein sanfftes Ende bescheren, und mir die Stunde vorher verkundigen, ich muss auch ja erstlich noch den theuren Zehr-Pfennig, nemlich das heilige Abendmahl, mit auf die Reise nehmen, und meine Sunden-Burde wegwerffen, wenn ich als ein Auserwahlter vor GOttes Angesicht erscheinen will.

Wir konten alle, vor Jammer, uns der Thranen nicht enthalten, und da er dieses sahe, sprach er: Schamet euch, dass ihr um eines eitlen Vergnugens willen, meinen alten verruntzelten Corper noch eine Zeitlang um und bey euch zu sehen, mit das Vergnugen missgonnet, je eher je lieber bey GOtt zu seyn. Seyd doch Manner und keine Kinder. Herr Mag. Schmeltzer stellete sich hierauf recht hertzhafft, und fing einen erbaulichen Discours von der himmlischen Herrlichkeit an, kam aber endlich aus die Frage: Ob denn er, der Alt-Vater, da er itzo noch bey vollkommenen Verstande ware, nicht etwa eine Disposition machen wolte, wie es nach seinem Tode in diesen und jenen Sachen auf der Insul solte gehalten werden, und was dergleichen mehr war; stellete ihm anbey das Exempel des Ertz-Vaters Jacob, Genes. 47. v. 29. biss cap. 50. vor, und sagte, dass es eine GOtt sehr wohlgefallige Sache sey, wenn die Vater und Aeltesten den Nachkommen zum besten vernunfftig und wohl disponirten, ingleichen dass dergleichen letzter Wille allezeit mehr Autoritat hatte, als diejenigen Verordnungen, welche von den jungern gemacht wurden. Hierauf sprach der Alt-Vater: Es ist gantz recht, ich habe schon vor einigen Jahren meine Gedancken dessfalls sehr weitlaufftig zu Pappiere gebracht, welches sich unter meinen Schrifften finden wird, da sich aber seit der Zeit auf dieser Insul viel verandert hat, konnen selbige nun nicht mehr in allen Stucken statt finden, derowegen will ich, dass auf kunfftigen Donnerstag G.G. nach verrichteten Gottes-Dienste die Aeltesten meiner Stamme nebst den vornehmsten Europaern allhier vor meinem Bette erscheinen, und meine Meynung kurtzlich anhoren sollen, welche mein Sohn Eberhard zu Pappiere bringen kan. Inzwischen mochte doch zugesehen werden, ob an meinem Sarge und Sterbe-Kleide gearbeitet wurde.

Herr Mag. Schmeltzer versicherte, dass seine Liebste, meine Schwester und andere mehr das letztere unter Handen hatten, ich aber, um mich ihm biss an sein Ende gefallig zu erzeigen, ging selbsten den Berg herab nach Stephans-Raum, und fand, dass Lademann nebst seinen Leuten so wohl an einem leichten als an einem andern grossen Sarge, in welchen der leichte kleinere hinein geschoben werden solte, arbeitete. Bey Plagern und Morgenthalen, den Eisen-Arbeitern, waren die Rincken und Beschlage auch bereits bestellet, und, um nur des Alt-Vaters Willen zu erfullen, solte der Sarg Mittwochs Abends fertig und Donnerstags fruh auf der Albertus-Burg seyn. Der Alt-Vater zeigte uber diese Nachricht ein besonderes Vergnugen, und weil Herr Mag. Schmeltzer diesen Tag nicht von ihm hinweg gegangen war, fing unser Alt-Vater, indem er sich aus dem gewohnlichen Schlummer jahlings zu ermuntern schien, auf einmahl recht frisch zu sprechen an? Wisset ihr, mein Herr Sohn! was ich mir vor einen Leichen-Text erwahlet? Wie nun Herr Mag. Schmeltzer hierauf mit Nein! antwortete, fuhr der Alt-Vater im Reden fort: Den gantzen 23sten Psalm: Der HErr ist mein Hirt, etc. etc. Hierauf konnet ihr nur immer im voraus studiren, weil ich doch weiss, dass ihr mir eine Gedachtniss-Predigt halten werdet. Herr Mag. Schmeltzer wunschte, dass GOtt den Alt-Vater wieder starcken, damit er diese Gedachtniss-Predigt erstlich nach Verlauff noch vieler Jahre thun mochte; allein, dieser antwortete weiter nichts darauf, sondern verfiel wieder in seinen gewohnlichen Schlummer, blieb auch folgenden Dienstag und Mitwochen bey dieser Weise, und redete sehr wenig, ausgenommen, wenn wir ihm zum Speisen nothigten, und vor seinem Bette Bet-Stunde hielten.

Hierbey kan ungemeldet nicht lassen, dass wir Montags Nachts zwischen den 2ten und 3ten Octob. einen grausamen Sturm auf der See anmerckten, diejenigen, so in der Tieffe auf unserer Insul wohneten, hatten zwar weiter keine Ungelegenheit davon, als etliche Tage nach einander einen gewaltigen PlatzRegen und einen massigen Wind, auf der Albertus Burg aber sturmete der Wind etwas scharffer, so, dass auch die oberste Haube von dem Seiger-Thurme abgeworffen wurde, die Etage aber, worinnen der Seiger war, unbeschadigt blieb. Einige, die auf die FelsenSpitzen gestiegen waren, konten nicht gnungsam beschreiben, was vor ein entsetzliches Ungewitter auf der See sey, indem die Wellen hoher stiegen als unser Kirch-Thurm, ja sie wusten sich von Jugend auf nicht zu besinnen, dass sich das Meer in dieser Gegend so gar sehr hefftig bewegt hatte. Wir sahen also, dass die Propheceyung des Alt-Vaters wegen des neulichen Erdbebens accurat eintraff, hofften aber, es solte sich mit ihm bessern und er noch eine Zeitlang am Leben bleiben, indessen kamen Mittwochs Abends die 2. Sarge auf der Albertus-Burg an, wir sagten aber dem Alt-Vater nichts darvon, biss er Donnerstags sehr fruh mit einiger Ungedult fragte: Ob denn sein Sarg und Sterbe-Kleid noch nicht fertig ware? Wir antworteten darauf mit Ja! und musten also den Sarg so gleich in sein Zimmer bringen und gegen sein Bette uber setzen lassen. Es waren diese beyden Sarge von dem allerfeinesten Holtze, so auf dieser Insul anzutreffen war, verfertiget, mit einer braun-rothlichen Farbe angestrichen, das Leisten-Werck versilbert, schone Spruche und Sinn-Bilder darauf gemahlet, und die Rincken verzinnet. Der innere Sarg war eben so wie der grosse angestrichen und mit grunen Damast ausgefuttert, wie denn auch ein mit grunen Damast uberzogenes Bett und Haupt-Kussen darinnen lag. Die Frau Mag. Schmeltzerin und meine Schwester brachten in Gesellschafft meiner Liebsten, der Frau Wolffgangin und vieler andern Frauenzimmer mehr, das von silber-farbenen Atlas verfertigte Todten-Kleid, nebst einem Sterbe-Hembde, von der allerfeinesten Hollandischen Leinwand gemacht, ingleichen eine Purpur-farbene Sammet-Mutze und ein paar weisse seidene Strumpffe, hingen auch diese Stucke, nach seinem Verlangen, ohnweit des Bettes an die Wand, vergossen aber viele Thranen darbey. Er hingegen machte ungemein freudige Gebarden und sagte: Meine lieben Kinder, es ist alles gar zu schon, zierlich und kostbar, allein, warum habt ihr euch so gar grosse Muhe gemacht, ich bin ja Erde und werde zur Erden werden. Alle Umstehenden antwortteten bloss mit Seuffzern und Thranen, weil ihm aber dieses verdrusslich fallen mochte, legte er sich im Bette wieder nieder, und that die Augen zu, wesswegen der meiste Hausse zuruck ging, und nebst der Frau Mag. Schmeltzerin nur wenige Manns-Personen bey ihm blieben.

Unter der Zeit, da unten Kirche gehalten wurde, schlug er die Augen auf und sahe sich nach allen um, die im Zimmer waren, sprach darauf recht frisch: Ey, Kinder! thut mir doch mein Todten-Kleid an, damit ich mich in dem grossen Spiegel, welchen mir mein Eberhardt mitgebracht hat, beschauen und sehen kan, ob es mir wohl stehet. Wir waren von Herrn Mag. Schmeltzern gestimmet, ihm in allen zu willfahren, derowegen halffen wir ihm aus dem Bette, und wunderten uns uber seine erneuerten Kraffte. Herr Mag. Schmeltzers Liebste legte ihm das Kleid an, er trat vor den Spiegel, lachte, und sprach frolich: Mein grunes Brautigams-Kleid, welches mir meine seelige Liebste, Concordia, vor nunmehro bey nahe 83. Jahren gemacht hatte, gereichte mir zum grosten Vergnugen auf der Welt, allein, dieses schone Kleid, in welchem mein schwacher Leib, nachdem die Seele in den Himmel gefahren, in der Erde schlaffen soll, ergotzt mich noch tausend mahl mehr. Bald, bald werd ich zu meiner Liebsten Concordia kommen.

Wir musten ihn wohl 10. mahl die Stube auf- und abfuhren, und spureten lauter Freude und Vergnugen an ihm, endlich aber liess er sich wieder entkleiden, und auf den Schlaff-Sthul bringen, allwo er mit zugeschlossenen Augen sass, biss sich die Herrn Geistlichen, benebst den Stamm-Vatern und vornehmsten Europaern vor dem Zimmer meldeten. Er nahm von jeden den Gruss und Hand-Kuss an, bath, dass sie erstlich speisen, und hernach wieder zu ihm in sein Zimmer kommen mochten, weil er vor seinem Abschiede aus dieser Welt, ihnen allen noch etwas vorzutragen hatte. Sie gehorsameten, und speiseten in den NebenZimmern, er, der Alt-Vater, nahm auch ein wenig Suppe, etliche Bissen von gekochten und gebratenen Speisen, nachhero ein eintzig Glass Wein zu sich, sass hernach mit offenen Augen in dem Stuhle, biss der gantze Hausse wieder zuruck kam. Nachdem sich die Herrn Geistlichen und Aeltesten auf Stuhle gesetzt, die ubrigen aber in Ordnung getreten waren, befahl er mir, Pappier, Dinte und Feder zu langen, und seine Rede nachzuschreiben, denn, sagte er: ich werde langsam genung reden. Ich gehorsamete, und also horeten wir in nachfolgenden Worten:

Die Abschieds-Rede und letzten Willen des

Alt-Vaters Alberti Julii I.

Lieben Kinder und werthesten Freunde! Sehet, ich werde in wenig Tagen sterben, doch, GOtt wird mit euch seyn. Meine Seele ist, GOtt sey Lob und Danck gesagt, wohl berathen, denn ich bin versichert, dass sie GOTT gewiss zu Gnaden auf- und annehmen wird. Das Zeitliche hatte ich mir bereits aus dem Sinne geschlagen, jedoch auf Einrathen meines Beicht-Vaters, Herrn Mag. Schmeltzers, habe mir gefallen lassen, vor meinem Abschiede, euch noch mundlich meine Gedancken ein und anderer Dinge wegen zu eroffnen. Ich habe zwar schon vor einigen Jahren meinen letzten Willen zu Pappier gebracht, welcher sich unter meinen Scripturen finden wird, weiln sich aber seit der Zeit auf dieser Insul vieles verandert, vermehret und verbessert hat, so verlange ich nicht, dass man sich eben in allen Puncten darnach einrichten solle, ich will aber auch nicht, dass man dieses Manuscript gantz und gar hinweg werffe, denn die Gesetze, Anweisungen und Vermahnungen, so ich darinnen gegeben, sind zum Theil noch wohl Betrachtens-wurdig, obschon einige derselben unnoth- und uberflussig sind.

Das wenige, was ich etwa noch anzuordnen habe, ist dieses:

1.) Soll mein erstgebohrner Sohn Albertus Julius II. nach meinem Tode auf diesem meinem Stuhle sitzen, und an meiner Statt das Ober-Haupt auf dieser Insul seyn. Nach dessen Tode folget ihm sein Sohn Albertus III. weiter aber soll sich das Recht der ErstGeburth nicht erstrecken, sondern nach dem Ableben Alberti III. soll derjenige, welcher in den Stammen meiner Sohne, die aus meinen Lenden gekommen sind, nehmlich Alberti, Stephani, Johannis, Cristophori und Christiani, am altesten an Jahren erfunden wird, das Regiment haben. Jedoch ist meine Meinung im geringsten nicht, dass ein solches Ober-Haupt als ein souverainer Furst regieren und befehlen solle, sondern seine Macht und Gewalt muss durch das Ansehen und Stimmen noch mehrerer Personen eingeschranckt seyn. Demnach sollen

2.) Neun Senatores oder Vorsteher der Gemeinen, und zwar aus jeglicher Pflantz-Stadt, wie sie itzt sind, bleiben, und nach deren Ableben allezeit andere Aeltesten und Vorsteher erwahlet werden. Hiernachst sollen

3.) aus jeder Pflantz-Stadt noch 3. Beysitzer, nehmlich 1. Felsenburger und 2. Europaer, und zwar nicht nach dem Alter, sondern nach ihrem Verstande und Wissenschafft ausgesucht werden.

4.) Mein Vetter Franz Martin Julius, dessen Sohn Eberhard Julius, die Capitains Wolffgang und Wodley, auch Litzberg und van Blac, sollen wegen ihres besondern Verstandes und Geschicklichkeit bey dem gantzen Regimente, welches solchergestalt mit dem Ober-Haupte aus 37. Personen bestehet, als Geheimbde Rathe stehen, und als Befehlshaber mit zu achten seyn.

5.) Was das Kirchen- und Schul-Wesen anbelanget, so sollen die 3. Herren Geistlichen freye und unumschranckte Macht und Gewalt haben, darinnen so zu disponiren, wie sie es vor GOTT und ihrem Gewissen verantworten konnen, wie ich denn schon versichert bin, dass sie, wie bisshero geschehen, nach Beschaffenheit der Zeit und Gelegenheit fernerhin alles wohl einrichten werden, derowegen sey derjenige verflucht, welcher sich ihren loblichen Unternehmungen widersetzt.

6.) Weiln auch zu befurchten, dass in kunfftigen Zeiten etwa der Satan, auf GOttes Zulassung, wie im Paradiese, also auch auf dieser Insul die Menschen zu groben Sunden, Schanden und Lastern zu reitzen und zu verfuhren trachten werde, als zweiffele zwar nicht, es werden die Herrn Geistlichen alle Kraffte anwenden, demselben zu widerstehen, allein, es wird auch nothig seyn, dass die Aeltesten mit Zuziehung der Herrn Geistlichen nach und nach, wie es nehmlich die Zeiten mit sich bringen werden, heilsame Gesetze und Ordnungen stifften, wornach sich ein jeder richten konne und solle.

7.) Wegen Bau- und Verbesserung des Zustandes auf dieser Insul, will ich euch, meine liebsten Kinder und Freunde, nichts vorschreiben, sondern alles eurem Fleisse und Klugheit uberlassen. Lasset nur den Capitain Horn, welcher so viel Treue und Liebe gegen uns erzeiget hat, nicht unbelohnet, bedencket auch das Volck wohl, das er mit sich fuhret, denn ihr habt keinen Mangel an zeitlichen Gutern.

8.) Nun will ich von dem reden, was mich allein betrifft: Begrabet meinen Leib an die lincke Seite meiner seel Ehe-Gemahlin, der Concordia, denn ihr erster Mann liegt ihr zur Rechten, und ich habe mir diese Stadte schon seit vielen Jahren ausersehen.

Hier fiel Herr Mag. Schmeltzer ins Wort, und

sagte, wie er in seinen Gedancken gehabt, dass, wenn

der Alt-Vater nach GOttes Willen von dieser Welt

abgefodert werden solte, denselben in die Kirche

gleich vor den Altar begraben zu lassen. Nein! rieff

hierauf der Alt-Vater: in das GOttes-Hauss geho

ren keine todte, sondern lebendige Corper, lasset

mich auf dem Gottes-Acker an der Seite meiner

allerliebsten Concordia ruhen. Wie ihr es son

sten bey Beerdigung meines Corpers halten wollet,

darum bekummere ich mich nicht, weil ich weiss,

dass ihr mich liebet, daruber aber bin ich hochst er

freuet, dass ich mein schones Todten-Kleid und

Ruhe-Cammerlein noch vor meinen lebendigen

Augen habe.

9.) Wenn sich der itzo noch anhaltende Sturm legen und es wieder stille Wetter werden wird, werdet ihr mein Ende heran nahen sehen, lasset derowegen Morgen und Ubermorgen diejenigen zu mir kommen, welche mich noch sehen und den Segen aus meinem Munde empfangen wollen, auf den Sonntag aber werde ich beichten, das Heil. Abendmahl empfangen, hernach mich um das Zeitliche nichts mehr bekummern, sondern meine Auflosung in stiller Ruhe abwarten.

Hierauf segnete der liebe Alt-Vater einem jeglichen Stamm und alle Anwesenden mit Hertz-brechenden Worten, wesswegen fast jederman weinete, da er aber ins Bette gebracht zu werden begehrete, nahmen alle, biss auf etliche wenige, ihren Abtritt.

Folgende zwey Tage kamen aus allen Pflantz-Stadten Alt und Jung herbey gezogen, und nahmen, ein Geschlecht nach dem andern, mit thranenden Augen und Kussung seiner Hande beweglichen Abschied von dem Alt-Vater, er aber ertheilete ihnen den Segen mit frolichen Geberden.

Sonntags Vormittags hielt Hr. Mag. Schmeltzer den GOttes-Dienst in seinem Zimmer, zu Ende desselben beichtete der Alt-Vater, und empfing das Heil. Abendmahl sehr andachtig, wolte aber nachhero nicht sondern er liess sich den gantzen Tag uber Wechselsweise geistliche Lieder und Sterbe-Gebeter vorsingen und lesen. Nach verrichteten GOttes-Dienst unten in der Kirche, versammleten sich die Herrn Geistlichen und Alt-Vater zu ihm, allein, er liess sich nicht in seiner Andacht stohren, sondern verharrete stets im Beten und Singen.

Eben diesen Sonntag, den 8 Octobr. 1730, Abends gegen Untergang der Sonnen, fing der Sturm an, sich zu legen, welches der Alt-Vater sogleich vermerckte, und mit annoch ziemlich starker Stimme sprach: Meine Seele wird noch vor Mitternacht bey GOtt seyn, inzwischen haltet an im Gebet. Die Herren Geistlichen beteten und sungen also Wechsels-weise, was ihnen der Geist eingab, der Alt-Vater hatte die Augen verschlossen, ruhrete aber noch immer die Lippen biss gegen 10. Uhr, da wir erstlich, indem er Herrn Mag. Schmeltzern die Hand reichte, vermerckten, dass ihm die Sprache vergangen war, und er immer schwacher zu athemen anfing, jedoch der Verstand war noch vollkommen da, weil er auf etliche Fragen, die Hr. Mag. Schmeltzer noch an ihm that, das Haupt neigete, und die Hande aufhub: Derowegen segnete ihn derselbe ein, und gleich, nachdem der Seiger II. geschlagen, trennete sich die Seele von seinem Corper, welcher doch nicht das geringste Zeichen einiges Schmertzens, etwa mit Zucken oder sonsten von sich gegeben hatte, sondern es blieb ihm nur der Mund offen stehen.

Nunmehro ging das Lamentiren und Weh-Klagen bey Grossen und Kleinen erstlich recht an, allein, die Herren Geistlichen redeten allen trostlich zu, so, dass sich die meisten auf die Seite machten, und ihre Klage in Geheim fuhreten. Wir aber, die wir in etlichen Tagen und Nachten daher sehr wenig geschlaffen hatten, bestelleten andere Wachter bey die Leiche, und legten uns nieder, um etwas auszuruhen.

Gleich mit Aufgang der Sonnen wurde dieser Trauer-Fall allen Insulanern mit 12. Canonen, da immer eine, eine Minute nach der andern, abgefeuert wurde, kund gethan, auch wurden Mittags von 11. biss 12. Uhr alle Glocken auf dem Kirch-Thurme gelautet, und damit 6. Wochen nach einander fortgefahren, da denn Capitain Horns ehemahlige Sclaven sich zu dieser Arbeit sehr fleissig einfanden. Noch dieses Montags musten die Maurer, unter Anweisung Mons. Litzbergs, auf dem Gottes-Acker, und zwar auf der Statte, die sich der sel. Alt-Vater neben seiner Concordia Grabe erwahlt hatte, ein gemaurtes und gewolbtes Grab zu machen anfangen, inzwischen wurde die Leiche angekleidet und in den Sarg gelegt, indem fand sich unser Mahler Hollersdorff ohngeruffen von selbsten herbey, und zeichnete des sel. Alt-Vaters Gesichts-Bildung ab, welches mir und vielen andern um so viel desto angenehmer war, weil sich in diesem Betrubnisse niemand darauf besonnen hatte. Donnerstags ging die Beerdigung vor sich, und der Zug fast auf eben die Art, wie am Jubel Feste, nur dass die Kinder und Jungfrauen alle weiss, die Weiber und ubrigen Manns-Personen, sowohl ledige als verheyrathete, alle in schwartzer Kleidung erschienen. Die Leiche wurde nicht getragen, sondern auf einem mit schwartzen Tuche behangenen Wagen gefahren, wie denn auch die 4. Pferde schwartze Decken aufliegen hatten. So bald der Zug von der Albertus-Burg herunter ging, wurden 12. Canonen geloset, hernach, da wir mitten im grossen Garten waren, abermahls 12. Canonen, und endlich, da der Sarg in das Grab gesetzt wurde, zum dritten mahle 12. Canonen abgefeuert, auch mit Lauten der Glocke nicht eher inne gehalten, biss wir alle wieder zuruck auf die Albertus-Burg kamen.

Die Leichen Predigt und ubrige Andacht, auch Ehren-Bezeugungen, waren ausgestellt biss kunfftigen Sonntag, da Herr Mag. Schmeltzer dem seligen AltVater eine ungemein vortreffliche Leichen-Predigt uber dessen selbst erwahlten Leichen-Text hielt. Es erschien zwar alles in Trauer-Habit darinnen, allein, es war weder Cantzel, Altar, Tauff-Stein, Orgel noch sonsten etwas mit schwartzen Tuche bekleidet, sondern in der Kirche blieb alles in seiner behorigen Ordnung, wie es war. Vor der Leich-Predigt wurde mit gedampfften Instrumenten und dem Orgel-Wercke eine bewegliche Cantata, nach derselben aber eine Trauer-Ode musiciret, es hatte auch bey offentlichen Gottes-Dienste die Kirchen-Music GOtt zu Ehren alle Sonntage ihren Fortgang, sowohl als wie die Orgel zu den Choralen immerfort gespielet wurde, so, dass dieser, obschon grosse Trauer-Fall, bey dem, was GOtt zu Ehren sonst gestifftet worden, dennoch nicht die geringste Aenderung machen solte.

Ausserdem aber war auf der Insul alles Volck sehr niedergeschlagen und betrubt, und kamen die hauptsachlichsten Besorgungen auf die Capitains Wolffgang, Wodley, Horn und Mons. Litzbergen an, als welche alles unumganglich nothige veranstalteten.

Am 23 Octobris, nahm unser nunmehriger Aeltester und Regent, Albertus Julius II. auf der Vorsteher und unser aller Einrathen, die so genannte Huldigung von allen Stammen ein, und es wurden dieselben, weil es sehr schon Wetter war, auf dem grunen Taffel-Platze gespeiset, kehreten aber mit Untergang der Sonnen jeder in seine Behausung, und es ging wegen der tieffen Trauer gantz stille zu. Bey dieser Gelegenheit wurden nicht nur die bissherigen Aeltesten der Stamme in ihrem Amte bestatiget, sondern auch aus jeder Pflantz-Stadt nach des seeligen Alt-Vaters Willen 3. Beysitzer erwahlet und dieselben bestellet, wenigstens voritzo eltliche Wochen hintereinander, allezeit Donnerstags nach angehorter Predigt auf der Albertus-Burg zu erscheinen, um das gemeine Beste zu berathschlagen. Ein jeder Stamm gab demnach ein, was in seiner Pflantz-Stadt annoch voritzo vor der Erndte hochstnothig zu bauen und zu verbessern sey, ingleichen kam in Vorschlag, dass neben der Kirche etliche geraumliche Hauser vor die 3. Herrn Geistlichen, Informatores, insonderheit auch ein besonderes SchulHauss vor diejenigen Knaben erbauet werden solte, welche sich nicht auf das Haus-Wesen, sondern auf die Theologie und ander hohe Studia legen wolten. Allein, ehe wir alles dieses Bau-Werck noch anfingen, erfuhren wir zu groster Verwunderung, dass uns ein unverhofftes Stuck Arbeit vorgekommen war; denn es hatte sich der letztere Sturm-Wind in der Bucht, wo Capitain Horns Schiff lag, dergestalt gefangen, dass es von allen Seilen und Anckern loss gerissen, und dergestalt an die Felsen-Ecken geschleudert und zerstossen war, dass diese gantze grosse Machine fast gantzlich wandelbar und unbrauchbar worden, worbey am meisten zu bedauern, dass 4. Canonen mit der Wand heraus gefallen und versuncken waren. Capitain Horn krauete sich zwar ziemlich im Kopffe dieses Unglucks-Falls wegen, allein, wir redeten ihm zu, dass er sich dieserwegen keinen Kummer machen mochte, indem sein Schiff nicht allein wieder in vollkommenen Stand gestellet werden, sondern auch er, wenn er gleich mit seinen Leuten noch Jahr und Tag allhier verbleiben muste, doch eben so viel Profit haben solte, als wenn er eine 3. jahrige Reise nach Ost-Indien gethan hatte. Demnach muste er sich wohl zufrieden geben, das Schiff aber wurde aus der Bucht heraus gefuhret, und am Fusse unserer Felsen-Insul aufs Trockene gebracht. Sonsten waren die Boote auch ziemlich zerlastert, so, dass die zwey, mit welchen unsere Leute binnen wenig Tagen nach der Insul Klein-Felsenburg fahren und dasigen Gasten frische Lebens-Mittel bringen solten, ebenfalls erstlich ausgebessert werden musten.

Nachdem dieses geschehen, bekamen unsere Leute unter Anfuhrung des Capitain Horns ihre vollige Ladung von Lebens-Mitteln, kamen aber noch selbigen Abends mit der Nachricht zurucke, dass sich 9. Portugiesen, welche im letztern Sturme in dieser Gegend Schiff-Bruch erlitten, mit einem Boot bey den Matrosen auf der Insul Klein-Felsenburg eingefunden, weil sie daselbst Feuer und Rauch aufgehen sehen. Die Capitains Wolffgang und Wodley waren curieux, diese neu angekommenen Gaste zu besehen, zumahlen da sie horeten, dass ihr Capitain auch mit unter den Erretteten sey, derowegen bekam ich, nebst einigen andern, worunter sich auch Mons. van Blac befand, ebenfalls Lust mit hinuber zu fahren, und ihre Unglucks-Falle anzuhoren. Also nahmen wir wenig Tage hernach etwas mehrere Delicatessen nebst etlichen Fasslein von dem allerbesten Weine zu uns und fuhren hinuber, traffen auch die 9. Fremden mehrentheils vor ihrer Hutte sitzend an, welche, da sie uns vor etwas ansehnlicher als andere, vielleicht auch wohl gar vor strenge Befehlshaber ansahen, so gleich aufstunden und uns entgegen kamen. Mons. van Blac, welcher am besten mit ihnen Portugiesisch sprechen konte, bewillkommete sie in unserer aller Nahmen aufs freundlichste, und verdeutschte uns hingegen, was sie antworteten. Da aber eben dieser, weil er so lange kein Portugiesisch gesprochen, sich fast nicht satt schwatzen konte, sagte ich: Ey! Mons. van Blac! fuhret doch die ehrlichen Leute an das Ufer, oder lasset ihnen von unsern Boote das mitgebrachte abholen. Mein Herr! sagte er, unsere eigenen Leute sind schon beschafftiget, alles herbey zu schaffen; es war auch wahr, und bald hernach speiseten wir mit 8. Portugiesen unter freyem Himmel, denn der 9te besorgte, als Koch, die Kuche, und trug auch die Speisen, so er zugerichtet hatte, selbst auf. Da er nun fertig war und wir unsere mitgebrachten Confituren und Weine auch herbey brachten, wolte sich dennoch der Koch nicht setzen, sondern blieb dem van Blac gegen uber stehen, und sahe ihn bestandig in die Augen. Endlich brach ich loss, und sprach: Mons. van Blac, der gegen euch uber stehende Koch, ist gewiss mit unserem Tractamenten oder der gantzen Auffuhrung nicht zufrieden, denn er siehet euch bestandig ernsthafft an. Es kan seyn oder auch nicht seyn, antwortete hierauf der Koch, aber, wenn der Herr van Blac sich satt gegessen hat, werde ich mir ausbitten, einige Worte mit ihm allein zu reden. Hiermit drehete er sich herum, und ging nach den Hutten zu. Der Portugiesische Capitain aber fing an zu sagen: Ja, meine Herren, keinen fleissigern, getreuern und Gottesfurchtigern ChristenMenschen habe ich Zeit-Lebens nicht gesehen, als diesen Koch, ohngeacht er nicht meiner Religion, sondern ein Hollander ist. Wie? ein Hollander? fragte Mons. van Blac. Ja, mein Herr, sagte der Portugiese, er ist ein gebohrner Hollander, und hat unsere Sprache binnen wenig Jahren doch dergestalt wohl gelernet, dass ihn jedermann vor einen Portugiesen hielte, wenn er nur nicht immer so tieffsinnig und traurig ware.

Durch Ankunfft etlicher von Capitain Horns Leuten wurde dieser Discours auf etwas unterbrochen, da aber alles abgehandelt und jedermann vom Tische aufgestanden war, gingen wir alle ein wenig unter den Baumen herum spatziren, mittlerweile kam offt gemeldter Koch wiederum zum Vorscheine, doch in weit sauberer Figur, denn er hatte nicht allein weisse Kleidung angezogen, einen artigen Turckischen Bund um seinen Kopff gemacht, sondern sein Gesicht, Hande und Arme sehr rein gewaschen, so, dass man an ihm eine ungemeine Zarte Haut betrachten konte.

Mons. van Blac blieb, so bald er den Koch in solcher Gestalt vor sich stehen sahe, als ein steinern Bild stehen; der Koch auch; endlich erholete sich Mons. van Blac und sagte: Mein Freund! wenn ihr ein Hollander seyd, so wird mirs auch nicht fehlen, dass ihr aus dem Geschlecht meiner seligen allerliebsten EheFrauen Charlotte Sophie van Bredal seyd, denn dieser ihre Gesichts-Bildung, die mir immer noch Tag und Nacht vor den Augen schwebt, kommt mit der eurigen vollkommen uberein. Ich schreibe mich van Bredal, antworttete der Koch, und kan vielleicht ein Freund von der Charlotte seyn, habe auch vernommen, dass sie einen unbekandten Menschen geheyrathet hat, aber wo ist die Charlotte hingekommen? Ach! schrye der van Blac, meine allerliebste Charlotte ist mir, nach erlittenem Schiff-Bruche, durch eine ungestume Welle, da sie sich nebst mir auf einen Balcken gesetzt hatte, in der finstern Nacht von der Seite hinweg geschlagen und in die Tieffe des Meeres begraben worden. Hierbey stiegen dem van Blac die Thranen in die Augen, und er ware gewiss umgesunkken, wenn wir ihn nicht erfasset und an einen Baum nieder gesetzt hatten. Der Koch sahe ihn starr an, so bald aber van Blac die Augen nur in etwas eroffnete, sagte der Koch: Mein Herr und Freund! ihr habt eines theils recht, andern theils aber seyd ihr irrig; denn eure Charlotte ist nicht in die Tieffe des Meeres begraben, sondern lebt noch, und hat das Vergnugen, euch wieder, ob gleich in Manns-Habit, zu umarmen. Unter diesen Worten umarmete und kussete sie ihn, fiel bey ihm nieder, und liess nicht nach, biss er vollkommen wieder zu sich selbst kam.

Diese verwunderungs-volle Avanture setzte so wohl uns als den Portugiesischen Capitain in die groste Erstaunung, und obschon dieser nicht so viel von Mons. van Blacs Lebens-Geschichte wuste, als wir, so wunderte er sich doch uber nichts mehr, als dass dieser Koch sein Geschlecht so lange zu verbergen, geschickt gewesen, indem kein Mensch auf dem Schiffe jemahls auf die Gedancken gerathen, dass unter seinen Kleidern ein Frauenzimmer versteckt sey.

Seyd ihr noch ledig, und im Stande, eure Charlotte wieder anzunehmen, sagte eben diese Charlotte zu ihrem van Blac, oder soll ich eure Person missen? Nein, mein Engel! antworttete dieser, nun solst du, und keine andere, mein Vergnugen seyn, weil ich auf dieser Welt lebe. Es ware zwar fast geschehen, dass ich mich mit einer artigen unschuldigen Seele, in ein neues Ehe-Verlobniss eingelassen hatte, allein, der Himmel hat solches durch andere betrubte Zufalle zuruck gehalten, nunmehro aber hoffe ich ohne jener ihren Verdruss, und ohne fernere Unruhe, biss an mein Ende, mit dir allhier vergnugt zu leben, wenn du nur erstlich gesehen hast, was du dir itzo noch nicht einbilden kanst.

Ich Eberhard Julius hatte mein besonderes Vergnugen uber diese gantz unverhoffte Zusammenkunfft dieser beyden Ehe-Leute; und zwar in Erwegung meines ehemahligen Schicksaals, schlich mich aber von der Compagnie hinweg, befahl meinen Felsenburgern, dass sie noch vor Nachts wieder zuruck fahren, Morgen fruh eiligst wieder kommen, und von der Frau Mag. Schmeltzerin ein, nach der Felsenburgischen Mode gemachtes vollkommenes FrauenzimmerKleid, mitbringen solten. Nachhero liessen wir den hochsterfreuten van Blac nebst seiner Liebste, die in Wahrheit, ohngeacht aller ihrer ausgestandenen Kummernisse, noch ein recht schones Frauenzimmer vorstellete, im Grunen etwas allein, und horeten zu, was Capitain Horn mit seinen Untergebenen vor hatte. Diesen eroffnete er nun erstlich, was sich mit seinem Schiffe zugetragen, und dass man solches fast gantz von neuen wurde bauen mussen; allein, selbige kehreten sich daran nicht, sondern sagten: Lieber Capitain, wir leiden hier keine Noth, und wenn es so fort gehet, so lasset uns so lange hier bleiben, biss es noch einmahl Sommer wird, binnen der Zeit wollen wir schon ein neues Schiff bauen. Diese Leute hatten meines Kopffs viel, derowegen fingen wir alle hertzlich an zu lachen, und ich versprach: dass, wo es ihnen gefiele, noch 2. Jahr und langer hier zu bleiben, sie an guter Speise und Tranck niemahls Mangel leiden solten. Sie waren hieruber sehr erfreuet, und versprachen, sich jederzeit als redliche Schiff-Leute aufzufuhren. Indem wir aber einmahl beschlossen hatten, bey der zeitiger angenehmen Witterung selbige Nacht auf der Insul Klein-Felsenburg zuzubringen, lagerten wir uns alle in einer recht lustigen Gegend, und liessen Caffee zubereiten, worbey sich Mons. van Blac nebst seinem schonen Koche endlich auch einstellete. Mein Herr! sprach Mons. van Blac zu dem Portugiesischen Capitain, ich werde euch diesen Koch abspenstig machen, und ihn zu meinem Schlaff-Gesellen behalten, weil ich das allergroste Recht darzu habe; allein, saget mir, worinnen ich euch eine Gegengefalligkeit erweisen kan. Der Portugiesische Capitain war hoflich, und sagte: dass er uber diese Person nichts zu gebiethen, sondern sich vielmehr zu gratuliren Ursache hatte, dass er dieselbe vor einigen Jahren nach erlittenen grausamen Sturme, an einer wusten Stein-Klippe gefunden, beym Leben erhalten, und auf seinem Schiffe mit nach Ost-Indien nehmen konnen. Er bedaure zwar, dass sein Schiff in dem letztern Sturme mir vielem Gute und Volcke untergangen, ware aber doch noch in etwas froh, dass er nebst diesen 8. Personen sein Leben gerettet, nach langen Herumfahren endlich diese Insul gefunden, und Hoffnung bekommen, dass man ihn wieder in sein Vaterland schaffen wolle. Wir versprachen diesem ehrlichen Manne alle moglichste Hulffe zu leisten, weil ich aber so neugierig war, der Frau van Blac wunderbare Lebens-Erhaltung zu vernehmen, als stillete sie meine und unser aller Couriositee mit folgender Nachricht:

Wie ich vernommen, sprach sie, so hat mein Liebster unser beyder Geschichte, seinen werthesten Freunden allhier schon ausfuhrlich erzahlet, derowegen will nur melden, dass, als mich, nach erlittenem Schiffbruche, die ungestumen Wellen auch nicht einmahl auf dem Balcken bey meinem Liebsten wollen sitzen lassen, sondern mich in der allerdunckelsten Nacht herunter geworffen hatten, ich meines Erachtens erstlich fast biss in den Abgrund versenckt, plotzlich aber wieder empor gehoben wurde, da mir nun alle Sinnen und Gedancken vergehen wolten, ich mich auch bereits dem Tode ergeben hatte, stiess ich mit dem Kopffe dergestalt hefftig an ein Stuck eines zerbrochenen Schiffs, dass ich, ohngeacht der Erkaltung im Wasser, dennoch fuhlete, wie mir das heisse Blut im Rucken herunter lieff, jedoch dieser Stoss, welcher mich vollends hinrichten konnen, dienete mir vielleicht zur Ermunterung, denn als ich meine Arme ausreckte, kriegte ich so gleich von ohngefahr einen eisernen Rincken zu fassen, an welchem ich mich vest anhielt, und also in der wilden See mit diesem Stucke fortgetrieben wurde, biss der helle Tag anbrach, da sahe ich nun, dass dieses ein sehr grosses und breites Schiffs-Stucke war, ersahe auch die Gelegenheit, mich darauf zu schwingen, und auf einer Ecke desselben sitzen zu bleiben, brauchte anbey die Vorsicht, dass ich einen breiten Saum von meinen Unter Kleidern abriss, ein Seil daraus drehete, und selbiges an meinem Arme sowohl als an den eisernen Rincken bevestigte, damit, wenn ich ja allenfalls wieder herunter geworffen wurde, ich mir dennoch wieder hinauf helffen konte; allein, die See wurde selbigen Tages vollig stille, und ich wurde von einem sanfften Winde fort- aber weit von den Insuln des grunen Vorgeburges hinweg getrieben, so, dass ich dieselben noch vor Abends aus meinen Augen verlohr. Es brach abermahls eine dunckle Nacht ein, doch war See und alles ungemein stille, so, dass mich endlich mein Fahrzeug in einem sanfften Schlaff wiegte, dessen ich mich auch mit Fleiss nicht erwehren wolte, weiln nur wunschte, in selbigen ohne Marter mein Leben zu endigen, indem mir nicht allein das Wasser den Tod drohete, sondern sich auch in meinen Schubsacken kaum auf 2. Tage NahrungsMittel befanden. Mit aufgehender Sonne erwachte ich, und spurete, dass mir im Leibe ziemlich wohl war, nur die Wunde am Haupte fing mich an zu schmertzen, ich konte aber nichts daran thun, als dieselbe mit See-Wasser auswaschen. Es war dieses ein sehr heisser Tag, denn die Sonne brannte wegen der stillen Lufft gewaltig, derowegen plagte mich der Durst mehr als der Hunger, und ich meinete nichts anders, als dass ich verschmachten muste, jedoch die Gute des Himmels hatte in der folgenden Nacht mein Fahrzeug dergestalt an eine aus der See hervor ragende Klippe getrieben, dass ich gantz commode absteigen und an dieser Klippe hinauf klettern konte. Was mich am meisten ergotzte, war dieses, dass ich in einer Klufft derselben ein ziemlich Theil suss Wasser antraff, welches von dem neulichen Regen daselbst zusammen gelauffen war. Wenn ich sonsten diese Klippe beschreiben soll, so war sie, meines Erachtens, mit ihrer hochsten Spitze nicht hoher als 50. biss 60. Ellen, und bey damahliger See etwa an ihrem Fusse 80. biss hochstens 100. Schritt im Umfange, allein, man konte nicht rings um dieselbe herum gehen, weil es als ein steiler Thurm und an theils Orten das Wasser gar zu nahe anschlug, an zwey Orten aber sahe man unten eine kleine Ebene von 10. biss 12. Schritten lang, aber nicht gar zu breit. Biss auf die halbe Hohe konte man diesen Felsen besteigen, und da fand sich ein Absatz, allwo, wie in einem Bette, 3. biss 4. Personen neben einander liegen konten, sonsten aber fanden sich wenig Stuffen, wo etwa 2. oder 3. neben einander hatten stehen oder sitzen konnen. Ich erwahlete mir dieses gemeldte steinerne Bette zu meinem Grabe, und war gesonnen, so bald ich vom Hunger und Durst ermattet ware, mich dahinein zu legen, und mein Ende abzuwarten; allein, da ich mich Nachmittags wieder herunter an den Fuss des Felsens begab, fand ich nicht allein verschiedene Kasten und Pack Fasser, sondern auch 4. todte mannliche Corper, welche die See dahin getrieben, zwey von diesen Todten hatten etwas Brod, Bockel-Fleisch und Kase in ihren Schubsacken, ob es nun gleich ziemlich eckelhafft war, so legte ich doch alles mit Fleiss an die Sonne, suchte weiter, und fand bey den andern ein Horn mit Schiess-Pulver, ingleichen ihr Tobacks- und Feuer-Zeug. Meine erste Bemuhung war also, dass ich das Pulver und zum Feuermachen gehorige, an der Sonne trocknete, um nur Feuer und Rauch anmachen zu konnen, damit, wenn etwa ein Schiff vorbey passirte, es doch an diesen Zeichen, verungluckte Menschen bemercken und dieselbe retten konte. Demnach schlug ich auch etliche Fass-Boden und andere Splitter mit spitzen Steinen von einander, und war so glucklich, dass ich, noch ehe es Nacht wurde, ein grosses Feuer anmachen konte. Selbige Nacht schlieff ich auf den Kleidern der 4. ertrunkkenen Menschen sehr geruhig, und kan in Wahrheit sagen, dass ich damahls weder Eckel noch Furcht bey mir gespuret. Fruh Morgens, so bald die Sonne aufgegangen war, ging ich wieder hinunter an den Fuss des Felsens, und befand, dass derselbe viel breiter, indem die See sehr gewichen war, auch sahe ich; dass noch ungemein viel Kisten, Ballen, Fasser und andere Sachen, ingleichen noch 2. todte Corper an den Felsen geschoben waren, derowegen liess ich meine erste Arbeit seyn, die Todten biss auf die Hembder auszuziehen, und sie in den Sand zu scharren, weilen, wenn gleich Schauffeln und Hacken da gewesen waren, ich ihnen dennoch in den harten Felss keine Graber machen konnen. Ich fand bey den 2. Letztern, welche sehr wohl gekleidet waren, viel goldene und silberne Muntze, schone Ringe, auch viel Gold und edle Steine in ihren Kleidern vernehet, allein, ich hatte gar keine Freude daruber, vielmehr gereichte mir zu meiner Ergotzlichkeit, dass ich 2. wohl verwahrte Fasslein Wein und 3. Fasser susses Wasser, ingleichen 2. Fass voll Zwieback und 1. Fass voll gerauchert Fleisch in die Hande bekam. Um die andern Kisten, Kasten, Fasser und Ballen bekummerte ich mich wenig, sondern nur um Holtz, Splittern, und Breter aufzufischen, damit ich mir ein Wetter-Dach bauen und auch zum Verbrennen etwas haben konte, denn auf meinem Felsen war weder Laub noch Grass, auch nicht die geringste Staude, sondern nur hie und da etwas Mooss zu sehen, weil es ein purer Stein-Klippe und gar keine Erde darauf war.

Demnach richtete ich mir binnen etlichen Tagen ein Wetter-Dach uber mein Felsen-Bette auf, so, dass ich auch im Regen trocken liegen konte. Meine Nahrung war der gefundene Zwieback, Wasser und Wein, und weil ich kein Trinck-Geschirr hatte, so verfertigte ich mir eins aus einem Stuck Leder, welches ich auch so ohngefahr am Ufer gefunden hatte. Das Fleisch, so ich hatte, konte in Ermangelung eines Geschirres nicht kochen, derowegen steckte selbiges an ein spitz gemachtes Holtz, begoss es offters mit Wasser, und liess es am Feuer so lange braten, biss es kauen und gemessen konte. Mein Feuer liess ich Tag und Nacht brennen, und meine tagliche Arbeit war Holtz aufzufischen, und selbiges zu spalten, worbey mir ein breites Seiten-Gewehr, das einer von den ertrunckenen an sich hatte, ungemein nutzlich war.

Kurtz zu sagen, ich wendete allen Fleiss an, mein Leben, so lange als moglich, zu erhalten, um nicht aus Nachlassigkeit, als eine Selbst-Morderin, in des Himmels-Straffe zu verfallen, und mich um die ewige Seligkeit zu bringen. Da ich aber den Uberschlag gemacht, dass ich nunmehro binnen 14. Tagen an Holtze und Lebens-Mitteln (ausgenommen das susse Wasser, welches so lange nicht reichen oder sich halten durffte,) so viel Vorrath hatte, mich langer als 3. Monat damit zu behelffen, nahm ich mir vor, etliche Tage auszuruhen, doch waren meine Augen bestandig nach der See gerichtet, um zu sehen, ob nicht ein Schiff vorbey seegelte, wesswegen ich denn auch bey Tage viel nass Holtz und Mooss auf das Feuer warff, damit ein desto starckerer Rauch aufsteigen solte, allein, es wolte sich keines erblicken lassen, derowegen hielt ich meinem Verhangnisse stille, beklagte den muthmasslichen Tod meines lieben Ehe-Mannes van Blac mit bittern Thranen und Seuffzern, so wohl als mein gantzes ubriges Schicksal, jedoch kam mir fast alle Nacht im Traume vor, als ob ich disseit eines Flusses, mein Blac aber mit vielen schwartz und weiss gekleideten Leuten, jenseit desselben stunde, und mir immer ein Seil nach dem andern zuwarff, um mich dahin zu bewegen, in den Fluss zu schwimmen, und das Seil zu ergreiffen. Eines Morgens, da ich eben dergleichen Traum gehabt, sprach ich selbst noch halb im Schlaffe diese Worte zu mir: Du wirst auf diesem Felsen nicht sterben, sondern errettet werden, und deinen Liebsten van Blac endlich wieder zu sehen kriegen. Ob ich nun schon diese Worte in der Phantasie selbst zu mir gesprochen, so trosteten sie mich doch dergestalt, dass ich fast vollige Hoffnung zu meiner Errettung schopffte. Immittelst fiel mir dabey ein, um desto mehrerer Sicherheit meiner Ehre wegen, die WeibsKleider aus- und hergegen ein Manns-Kleid von den Ertrunckenen anzuziehen, auch mich vor einen Schiffs-Koch auszugeben, indem ich aus den Briefschafften des einen Ertrunckenen sahe, dass er ein Koch, und auf der Ruck-Reise aus Brasilien nach Portugall begriffen gewesen. Meine Kleider warff ich also in die See, und zohe einen volligen Manns-Habit an, schnitt meine Haare vor einem gefundenen Spiegel vollends kurtz ab, weil ich ohnedem wegen der gehabten, jedoch bereits geheilten Haupt-Wunde schon ein ziemlich Theil derselben abgeschnitten hatte. Kurtz von der Sache zu reden, ich sahe meiner Meinung nach einer Manns-Person vollkommen ahnlich, und truge zwischen zweyen Hembdern ein ledern Collett.

Endlich da ich 5. Wochen und 4. Tage auf diesem Felsen zugebracht, erschien die Stunde meiner Erlosung, denn dieser ehrliche Portugiesische Capitain, welcher im Sturme auch viel ausgestanden, und sein Schiff auf den Insuln des grunen Vorgeburges erstlich wieder ausgebessert hatte, ersiehet den Rauch von meinem angemachten Feuer aussteigen, und weil er daraus abnimmt, dass ohnfehlbar daselbst verungluckte Menschen sich aufhalten musten, schickte er ein Boot zu mir heruber, und liess mich abholen, da denn die Matrosen auch, auf mein Erinnern, das am Felsen liegende Gut aufluden, und mit auf sein Schiff fuhreten. Es nahmen mich alle diese Leute mit Freuden auf, und muss ich sagen, dass ich jederzeit sehr hoflich und freundlich von ihnen tractirt worden bin, auch hat man mir nachhero die Helffte des Werths von denen an meinem Felsen gefundenen Gutern baar und richtig ausgezahlt.

Gern ware ich zwar solchergestalt, da ich ein Capital von mehr als 60000. Thlr. bey mir hatte, wieder in Europa gewesen, da ich aber nicht verlangen konte, dass man meinetwegen umkehren solle, liess ich es mir gefallen, als Schiffs-Koch eine Reise nach Ost-Indien mit zu thun, habe durch Handel und Wandel viel daselbst erworben, in dem vergangenen Sturme aber auch viel eingebusset, bin, weil ich jederzeit vertraglich, nuchtern und massig gelebt, doch niemahls in Verdacht kommen, dass ich eine Weibs-Person sey, und bringe meinem lieben Manne, meines erlittenen Schadens ohngeachtet, doch noch einen neuen BrautSchatz an Gelde und Kleinodien von etlichen 20000. Thlr. werth mit, indem ich, ehe unser letzteres Schiff versuncken, einen Sack, der mit meinen besten Sachen angefullet war, mit in das Boot geworffen, auch glucklich anhero auf diese Insul gebracht habe. Wie nun hiermit die Frau van Blac die kurtze Nachricht ihrer bissherigen Fatalitaten beschlossen, sagte Mons. van Blac zu ihr: Mein Schatz! Der Himmel hat euch und mich an einen solchen gluckseeligen Ort gefuhrt, allwo Gold, Silber, Geld und Edle-Steine vor nichts geachtet werden, jedoch ihr werdet alles besser mit euren Augen sehen, als ich es euch erzahlen kan, denn ich hoffe, unsere werthesten Freunde werden uns erlauben, dass wir unsere Lebens-Zeit, jedoch nicht als Mussigganger, bey ihnen zubringen durffen. Es wurde uns allen wehe thun, gab ich hierauf zur Antwort, wenn ihr als ein Paar, welches der Himmel nach so vielen ausgestandenen Gefahrlichkeiten und schmerzlichen Leydwesen wiederum so wunderbarer Weise allhier zusammen gefuhret hat, uns verlassen woltet; Bleibet derowegen ja bey uns, und nehmet so wohl als wie wir, mit demjenigen vorlieb, was uns die Gutigkeit des Himmels in unsern gelobten Lande schenckt. Wir brachten hierauf den Abend mit allerhand vergnugten Gesprachen zu, legten uns hernach in einer Laub-Hutte schlaffen, und sahen kurtz nach Aufgang der Sonnen das Felsenburgische Boot wieder zu uns kommen. Die Frau Mag. Schmeltzerin hatte mir mit demselben nicht nur einige vollkommene schwartze Frauenzimmer-Kleider, sondern auch allerhand andern Zubehor ubersendet. Derowegen ging ich damit zur Frau von Blac, und sagte: Madame, ich nehme mir die Ehre, ihnen wiederum die ersten Frauenzimmer-Kleider zu prsentiren, und bedaure nur dabey, dass es TrauerZeug ist, hoffe aber, dass sie sich keine bose Vorbedeutung daraus machen werden, denn da das Ober-Haupt dieser Insuln vor wenig Tagen gestorben, und wir sammtlichen Einwohner in der tieffsten Trauer begriffen sind, werden sie sich als eine Anverwandtin von uns allen, ebenfalls nicht weigern, auf die behorige Zeit die Trauer anzulegen. Sie brachte ihre Danckbarkeit und Willfahrung mit wohl gesetzten Worten vor, worauf wir sie in einer Hutten alleine und ihr das Auslesen unter den Kleidern liessen; es verging aber keine Stunde, da sie sich in dem reinlichsten und zierlichsten Putze wiederum bey uns einstellete. Ein jeder bewunderte ihre besonders schone Gesichts-Bildung, und muste nunmehro gestehen, dass selbige durch den Kochs-Habit ungemein verdunckelt worden. Mons. van Blac war vor Freuden gantz ausser sich selbst, und mir wolte selbsten Zeit und Weile lang werden, ehe wir dieses schone Bild unter unser Frauenzimmer auf Gross-Felsenburg brachten, derowegen wurde nur eine kurtze Mahlzeit gehalten, und wir versprachen denen, so auf Klein-Felsenburg bleiben musten, ihnen nicht allein alles, was sie nothig hatten von Zeit zu Zeit zuzusenden, sondern sie auch ehestens wieder zu besuchen, nahmen darauf vor dieses mahl Abschied, ruderten fort, und kamen ein paar Stunden uber Mittag in Gross-Felsenburg an. Alles unser Frauenzimmer kam diesem schonen Gaste, welche von Mons. van Blac und mir in der Mitten voran gefuhret wurde, entgegen, und empfingen dieselbe mit der grosten Zartlichkeit, allein, die Verwunderung und die Freude war gantz unbeschreiblich, da sie horeten, dass es Mons. van Blacs Liebste, von welcher er geglaubt, dass sie im Meere umkommen ware. Sie wurde uns, da wir auf der Alberts-Burg angelanget, von dem Frauenzimmer entrissen und hinweg gefuhret, mit einigen Erfrischungen bedienet, und hernach dem Mons. van Blac nebst seiner Liebste ein etwas weitlaufftiger Logis angewiesen, folgendes Morgens aber fand die Frau van Blac dergestalt viel Leinewand, andere Zeuge, Flachs und dergleichen, nebst allerley Hauss- und Kuchen-Gerathe auf dem Saale vor Sie zum Geschencke zusammen getragen, dass Sie fast nicht wuste, wo sie alles hinthun solte. Am allerzartlichsten kam uns dieses vor, dass der Frau Mag. Schmeltzerin Schwester, als Mons. van Blacs neulichst versprochene Braut, sich ohngeacht man vermerckt, dass sie den van Blac sehr liebte, eine von den ersten mit war, welche der Frau van Blac zur vergnugten Wiedervereinigung mit ihrem Liebsten Gluck wunschete, und dem Himmel danckte, dass sie noch zu rechter Zeit wiedergekommen ware, anderer Gestalt, wenn nehmlich ihr Ehestand mit dem van Blac bereits vollzogen gewesen, es auf allen Seiten vielen Kummer wurde verursacht haben. Die Frau van Blac sagte hierauf: Mein schones Kind, wenn es auch geschehen ware, so schwore ich euch doch heilig, dass ich euch, meinen Mann, ohne allen Verdruss hatte uberlassen wollen, denn er hatte keine bessere Wahl als an euch treffen konnen, und ihm ware ja nicht mehr zu verargen gewesen, wenn er sich statt meiner eine andere Liebens-wurdige Person ausgelesen, zumahlen da er nicht anders glauben konnen, als dass ich, die ihn zu dieser gefahrlichen Reise fast gezwungen, mein Begrabniss in den Wellen des Meeres gefunden. Derowegen hatte ich, wie gesagt, ihn von euch nicht abwendig machen, jedoch Zeit-Lebens seinen Nahmen fuhren, auf dieser schonen Insul in Gesellschafft so frommer Leute bleiben, und mein Leben entweder als eine Wittbe, oder als eure getreue Gehulffin, jedoch ohne eurer Liebe Eintrag zu thun, zubringen wollen. Weilen es der Himmel aber nunmehro dergestalt gefugt, hoffe ich, er werde eure schone und artige Person auch wohl zu versorgen wissen.

Und dieses geschahe auch, denn Herr Diaconus Herrmann, welcher dieses Gesprach mit anhoret, verliebt sich so gleich in das schone Gesicht und angenehme Wesen der artigen Johanna Maria dass er wenig Tage hernach mich und den van Blac bey einem ausgebetenen Spatzier-Gange ersuchte, seine Frey-Werber bey derselben zu seyn. Mons. van Blac hatte eine besondere Freude uber diese Commission, wir versprachen demnach Herrn Hermannen aus redlichen Hertzen, keinen Fleiss zu sparen, ihm zu vergnugen, waren auch so glucklich, dass er in wenig Tagen das Ja-Wort bekam, und Verlobniss halten konte.

Jetzo fallt mir ein, dass ich schon oben gemeldet, wie nicht nur der Herr Archi-Diaconus Schmeltzer mit meiner Schwester, ich mit meiner Cordula, sondern auch verschiedene Europaer und Felsenburger unsere Hochzeiten angestellet hatten, allein, der dazwischen gekommene Todes Fall des Alt-Vaters hatte unser Concept verruckt, nachhero aber erfuhren wir, dass sich seit der Zeit noch mehr verliebte Hertzen vereinbaret hatten, derowegen fragte ich eines Tages Herrn Mag. Schmeltzern bey Gelegenheit: Wenn er denn wohl meynete, dass es sich schickte, diese Verlobten alle zu copuliren? Worauf er zur Antwort gab: Es ware keine Sunde, meine Lieben, wenn selbiges morgenden Tag geschehe, allein, es ware nicht unbillig, wenn wir auch eine feine auserliche Zucht unter uns beobachten, und wegen der itzigen tieffen Trauer wenigstens 3. Monat vorbey streichen liessen, zumahlen da die Heilige Advents-Zeit und das Christ-Fest heran kommt. Ich konte nicht anders als ihm hierinnen recht geben, derowegen wurde kund gemacht, dass alle diejenigen, welche sich mit einander verlobt, oder noch binnen der Zeit Verlobniss halten wurden, nicht ehe als den 9ten Januarii des zukunfftigen 1731sten Jahres offentlich in der Kirche copulirt werden solten, inzwischen konte binnen der Zeit ein jeder desto besser auf Einrichtung seines Hauss-Wesens bedacht seyn. Es murrete hierwieder niemand, sondern ein jeder beflisse sich auszusinnen, wie er sich am bequemsten und der Republic (denn so kan ich unser gantzes Werck wohl nennen) am vortheilhafftesten postiren konne.

Mons. Litzberg und Lademann hatten unter der Zeit besorg, dass die Kirch-Fenster um Martini alle vollig eingesetzt waren. Lademann mit seinen Gehulffen hatten die Rahmen gemacht, und der Glass-Meister und Schneider, die grossen schonen Spiegel-Taffeln da hinein geschnitten. Demnach waren sie nunmehro beschafftiget, auch auf der gantzen Albertus-Burg Glass-Fenster einzusetzen. Der Mahler, Mons. Hollersdorff, war zwar in etwas abgehalten worden, die Mahlerey in der Kirche zu verfertigen, indem er den seligen Alt-Vater 2. mahl recht naturell ausgemahlt hatte, da denn das eine Stuck in der Kirchen, das andere aber auf der Albertus-Burg angehefftet wurde, indessen hatten doch seine angenommenen Lehrlinge die Stuhle mit Farben angestrichen, auch das meiste, was gemahlet werden solte, bereits gegrundet, so, dass es nur noch an ihm fehlete, die entworffenen Biblischen Historien, so hie und dahin kommen solten, vollkommen auszumahlen, auch noch dieses und jenes zu vergulden. Oberwehnte Glas-Hutte befand sich schon im vollkommenen Stande, um die andern Kunstler und Hand-Wercker hatten die Aeltesten nicht einmahl Ursach sich zu bekummern, weil sie vor alles selbst sorgten, und wo ihre Kraffte nicht zureichten, die Nachbarn zu Hulffe rufften.

Plager, Morgenthal, Herbst und Dietrich hatten 12. Werck-Statten in Jacobs-Raum angelegt, worinnen Ertz, Messing, Kupffer, Stahl und Eisen grob und klein verarbeitet wurde, also war diese Pflantz-Stadt weit volckreicher worden als bisshero, denn es arbeiteten in jeder Werck-Statt wenigstens 5. biss 6. Personen, und die Felsenburger schienen besondere Lust zum Schmiede-Werck und Metall-Giessen zu haben.

Lademann, Herrlich und Kratzer hatten nicht vielweniger geschickte Gehulffen im Holtz-Arbeiten, nehmlich in der Dressler-Bildschnitzer-Tischler- und Muller-Profession, der gemeinen Zimmer-Leute aber waren noch weit mehr.

Schreiner, der Topffer, hatte 5. Werck-Statten und 4. treffliche Brenn-Oefen, so, dass er mit seinen 4. Gehulffen nicht allein bisshero alle Insulaner wohl versorgt, sondern auch noch einen gewaltigen Vorrath an Topffer-Zeuge hatte.

Jedoch weil ich schon oben ein und anderes von den Professionen gedacht, so will voritzo nur noch so viel sagen, dass sich schon um diese Zeit ein jeder Meister seiner Kunst oder Handwercks dergestalt wohl eingerichtet hatte, dass mancher mit 3. 4. 6. ja noch weit mehr Gesellen und Lehrlingen arbeiten konte.

Mittlerweile da wir gewahr wurden, dass ausser dem vielen zugehauenen Bau-Holtze, das unten am Fuss der Albertus-Burg annoch vorrathig, auch in allen Pflantz-Stadten noch eine grosse Menge dergleichen anzutreffen war, schlug Mons. Litzberg vor, dass man die Geschlechter doch darum ansprechen mochte, noch so viel Zuschuss von dem besten Bau-Holtze zu thun, als genung ware, ein Schul-Hauss nebst noch einigen andern Gebauden vor die Herrn Geistlichen und ubrigen Personen, welche auf dem Platze bey der Kirche Lust zu wohnen hatten, zu errichten, ja Mons. Litzberg erklarete sich, seine Wohnung in Christians Raum selbst zu quittiren, um nur auch nahe an der Albertus-Burg und an der Kirche zu wohnen, ich fassete ebenfalls die Resolution, meine Wirthschafft hinzukunfftig mit meiner Cordula auf diesem Platze in einem besondern Hause anzufangen, und meinen Vater zu mir zu nehmen, da sich nun hierzu noch andere mehr angaben, so, dass auf einmahl der Bau gar zu starck worden ware, wurden vor erst die nothigsten ausgelesen, und Mons. Litzberg machte also den Riss zu den Gebauden, so, dass sie im Grunde folgender Gestalt zu stehen kamen:

Es gefiel diese Eintheilung nicht allein uns, sondern auch den Aeltesten und ubrigen sehr wohl, denn solchergestalt konten mit der Zeit noch viel dergleichen Hauser um die Kirche herum biss an die Albertus-Burg gebauet werden. Es war demnach dieser Abriss kaum so bald gezeiget, da die Aeltesten aus den Gemeinden gleich Anstalt machten, Holtz, Steine, Kalck, Leimen und dergleichen Bau-Materialien herbey zu schaffen, demnach war in wenig Tagen schon eine ziemliche Menge vorhanden. Mittlerweile hatte Mons. Litzberg den Fullmund auf dem Erd-Boden abgezeichnet, derowegen fing alles, was Hande hatte, zu graben, hacken und schauffeln an, auch die Herren Geistlichen selbst, nebst den zartlichsten Frauenzimmer kamen, sonderlich fruh Morgens und gegen Abend, in den kuhlesten Stunden herbey, und machten sich 2. biss 3. Stunden lang eine ziemliche Motion.

Capitain Horns 9. Freygelassene griffen sich bey selbst, arbeitete wider unsern Willen und Bitten, als ein Pferd darbey, denn wir hatten Leute uberflussig; die Maurer arbeiteten hurtig hinter drein, und diejenigen, welche mit der Zimmer-Art umzugehen wusten, deren denn eine gar starcke Anzahl war, fackelten auch nicht, sondern hieben dergestalt fleissig, dass zu Ende des Jahrs alles Holtz zum Richten dieser 13. Gebaude fertig lag.

Das heilige Weyhnachts- und Neu-Jahrs-Fest unterbrach demnach vor dieses mahl unsere saure Arbeit. Es ging aber itzo, wegen unserer anhabenden Trauer, ziemlich stille zu, jedoch in der Kirche war Music, es wurden auch an den hohen Fest-Tagen geistliche Melodeyen vom Thurme geblasen, und in der Neu-Jahrs-Nacht 3. mahl die Canonen geloset, ingleichen ein Neu-Jahrs-Choral abgeblasen. Endlich da alle heilige Fest-Tage christlich celebrirt waren, trat auch der Tag, nehmlich der 9te Jan. ein, da folgende Paar mit einander copulirt wurden:

1. Herr Archidiaconus Schmeltzer mit meiner

Schwester.

2. Hr. Diaconus Herrmann mit der Frau Mag.

Schmeltzerin jungsten Schwester.

3. Ich, Eberhard Julius, mit meiner Cordula.

4. Mons. Langrogge, der Musicus, mit einer Jung

frau aus Roberts-Raum.

mons-Raum.

6. Mons. Hollersdorff, der Mahler, mit der Frau

Kramerin Schwester.

7. 8. Die beyden Buchbinder, Ollwitz und Radler,

der erste mit einer Wittbe aus Christians- und

der andere mit einer Jungfrau aus Alberts-Raum.

9. Besterlein, der Sattler, mit einer feinen Wittbe

aus Davids-Raum, allwohin er auch mit ihr

zohe.

10. Breitschuch, der Seiffensieder, mit einer Jung

frau aus Roberts-Raum.

11. Schubart, der Glass-Meister, mit einer Jungfrau

aus Stephans-Raum. NB. Dessen Mitarbeiter

Kindler aber, so wohl als Trotzer der Zinn-Gies

ser und Engelhardt der Blechschmidt, blieben

noch im ledigen Stande, weil diejenigen Jung

frauen, worauf sie ihre Augen geworffen, noch

ein wenig zu jung schienen. Hergegen heyrathete

12. ein feiner Junggeselle, der bey Mons. Plagern

in Arbeit stund, die Jungfer Krugerin. Und

13. ein anderer Junggeselle aus Alberts-Raum, der

bey Mons. Cramern die Artzeney-Kunst und

Chirurgie gelernet hatte, die Jungfer Zornin, er

hiess Johann Albert Julius. Letztlich

14. ein junger wohlgeschickter Topffer aus Davids

Raum, die Kuntzin, meiner Schwester bissheriges

Aufwarte-Magdgen.

Es waren die allermeisten Personen dieser Insul in reinlicher Kleidung zugegen, um diesem Trau-Actui zuzusehen, welcher biss in die Mittags-Stunde wahrete. Unser nunmehriger Alt-Vater Albertus II. war auch selbst zugegen, und fuhrete, nebst meinem Vater, die 3. ersten Paare zum Altare, die ubrigen wurden von den andern Aeltesten und Europaischen guten Freunden gefuhret. Nachdem sich nun der gantze Trau-Actus, den Hr. Mag. Schmeltzer mit einem Sermon angefangen, wie sonst ordentlicher Weise, jedoch ohne Music, beschlossen, und die Mittags-Stunde heran genahet war, begaben wir uns sammtlich an den Ort, wo der Alt-Vater auf Hrn. Wolffgangs grunen Taffel-Platze, auf allen Tischen, vor alle Stamme, vortreffliche Speisen und Getrancke auftragen und zurichten lassen. Die Copulirten sassen mit dem AltVater, Hrn. Mag. Schmeltzern, denen Capitains Wolffgang, Wodley und Horn auch Mons. Litzberg und Blac an der halb-runden so genannten Braut-Taffel, die ubrigen Aeltesten aber prsidirten bey ihren Tischen, und die ledigen Europaer hatten sich bey ihre besten Freunde eingetheilt, wie denn auch Capitain Horns Freygelassene mit an die Tische eingetheilt und zur Aufwartung lauter Felsenburgische Knaben und Magdlein bestellet waren. Also sassen wir biss 3. Stunden lang unter den vergnugtesten Gesprachen bey Tag war, nach diesen gingen wir samtlich in den Alleeen ein paar Stunden spatziren, eine gute Stunde vor Untergang der Sonnen aber begab sich ein jeder mit seinen Angehorigen nach seiner Wohnung, und liessen die Lustbarkeiten biss auf eine andere Zeit ausgesetzt bleiben.

Gleich Tags darauf ging die Arbeit an unsern Schul- und Hauser-Bau wieder an, so, dass binnen 4. Wochen alle diese 13. Gebaude vollkommen gerichtet waren, so bald eins fertig stund, waren die Maurer und Tuncher gleich hinter her, so, dass im May-Monat schon alles fertig gemauert, getuncht und geweisset war, ohngeacht dass uns die Erndte-Zeit und WeinLese viel fleissige Arbeiter entzogen hatte. So fleissig nun aber diese Bau-Leute gewesen, desto weniger spareten die Tischler, Schlosser und Glassmacher ihre Muhe, um diese Wohnungen mit Thuren, Schlossern und Fenstern, auch Tischen und Stuhlen zu versehen, wie denn die Zimmer-Leute, auch die Treppen und andere Notwendigkeiten, nach Anweisung Mons. Litzbergs, immer nach gerade fertig machten, so, dass alle diese Gebaude vor Ausgang des 1731sten Jahres vollkommen ausgebauet stunden, und wir nach Belieben einziehen konten, wenn wir wolten. Allein, wir beredeten uns alle, die Wande erstlich vollkommen austrocknen zu lassen, und nicht ehe, als mit Eintrit des Februarii 1732. einzuziehen, welches denn auch geschahe. Ich muss aber doch vorhero eine kleine Beschreibung von allen diesen Wohn-Statten machen, auch die Personen anzeigen, welche sich deren zu bedienen hatten, demnach war in der Mitten

Num. I. das Schul-Hauss, 3. Stockwercke hoch, oben mit einem kleinen Thurmlein, worein mit der Zeit eine Schlage-Uhr, nebst einer Schul-Glocke gebracht werden solte. Es befanden sich in diesem Schul-Hause 6. geraumliche Stuben, 8. zum Theil etwas kleinere Cammern, eine grosse und kleine Kuche, 2. Speise-Gewolber und ein Keller.

Die andern 12. kleinern Hauser waren nur 2. StockWerck hoch, hatten jegliches 3. Stuben und ein Sommer-Stubgen im Dache, nach der Kirche zu, 5 Cammern, 1. Kuche, 1. Speise-Gewolbe, einen Keller, und es war acurat eins in Dach, Fach und sonsten gebauet und ausgeziert wie das andere. Es erwahlten sich demnach und bezogen die

Num. 2. Herr Mag. Schmeltzer.

Num. 3. Dessen Herr Bruder mit meiner Schwester.

Num. 4. War mir Eberhard Julio wegen der Aus

sicht an 3. Seiten, nehmlich gegen Morgen, Mit

tag und Mitternacht am angenehmsten, wesswe

gen ich selbiges mit meiner Cordula bezohe.

Num. 5. Hr. Diac. Herrmann.

Num. 7. Mons. Litzberg.

Num. 8. Mons. Langrogge,

Num. 9. Mons. Hildebrand,

die beyden Musici.

Num. 10. Mons. Hollersdorff, der Mahler.

Num. 11. Mons. Johann Albert Julius, der Chirur

gus.

Num. 12. Der Buchbinder Ollwitz.

Num. 13. Der Buchbinder Radler. Diese beyden

letztern wurden desswegen mit anhero genom

men, weil sie das Amt eines Kirchners, Wech

sels-weise, auch wohl an den Kirch-Tagen beyde

zugleich verrichteten.

Sonsten ist noch bey diesen 12. Hausern zu mercken, dass alle Vorder-Thuren nach der Kirche zu gingen, durch die unterste Hinter-Thur kam man in einen geraumlichen Hof, wo nicht allem Holtz zu legen, sondern auch Stalle zu bauen waren, vor diejenigen, welche etwa Lust bekommen mochten, Vieh zu halten. Aus dem Hofe trat man durch eine Thur auf den Garten-Platz, welcher zwar damahls noch nicht umzaunet, jedoch dergestalt ordentlich abgestochen war, dass kein Garten oder Hof um eines Fusses breiter war als der andere; inzwischen war der Garten-Platz gross genug, Baume, auch Kuchen-Speise vor eine starcke Familie hinein zu pflantzen. Hinter allen diesen Hausern in der Hohe, wo die Abtheilung des ersten und andern Stockwercks ist, gehet ein 5. Schu breiter, oben rings herum mit einem Dach versehener Gang, da man von auswendig nicht hinauf kommen kan, von inwendig aber gehet aus jedem Hause eine HinterThur heraus auf diesen Gang, so, dass man einander von einem Ende biss zum andern besuchen kan, ohne uber den Platz zu gehen, oder sich vor dem Regen zu furchten, denn dieser Gang ist auch uber die schmalen Gasslein hergebauet, welche allezeit zwischen 2en Hausern durchgehen. Meines Erachtens solte es nicht ubel lassen, wenn man mit der Zeit die Kirche noch mit mehr dergleichen Hausern umringte, und auf jener Seite ein eintziges grosses Thor, dem Schul-Hause gegen uber, zum Haupt-Eingange liesse, auch eine Verwahrung daran machte, damit kein Vieh darauf lauffen konte; um desswillen denn auch bey dem Eingange eines jeden schmalen Gassleins, so, wie in Europa auf den Kirch-Hofen zu sehen, ein tieffes Loch mit einem darauf liegenden eisernen Gegatter zu machen ware. Wer weiss, was in Zukunfft geschicht, wenn wir erstlich noch andere wichtige Sachen besorgt haben. Doch muss ich auch nicht vergessen, dass wir, um das Wasser nicht gar zu weit holen zu durffen, 4 schone Brunnen aufgraben und wohl einfassen liessen. Diese stunden vor den Gebauden Num. 3. 6. 9. 12. und im Hofe des Schul-Hauses, war beschlossen, noch einen besondern grossen Brunnen ausgraben zu lassen; wiewohl es kommen auch einige, jedoch gantz kleine Wasser-Bachlein von der Albertus Burg hergerieselt, welche man mit der Zeit wohl zusammen leiten, und wegen Feuers-Gefahr einen grossern Teich oder Wasser-Behalter anlegen konte.

Durch die fleissige Anfuhrung Herrn Mag. Schmeltzers waren seit einigen Jahren daher aus jeglichem Stamme hier oder da, 2. auch wohl 3. gelehrige Kopffe, bereits dahin gebracht worden, dass sie in ihren Pflantz-Stadten die zarte Jugend im Christenthume, lesen, schreiben und rechnen unterrichten konten, wie denn dieserwegen Herr Mag. Schmeltzer fleissige Visitation hielt. Nunmehro aber wurden die besten Kopffe, welche die meiste Lust zum Studiren bezeigten, ausgesucht und an der Zahl 33. in das neue SchulHauss gebracht. Ein jeder bekam von seinen Eltern ein besonderes Bette, gnugsame Wasche und was er sonsten nothig hatte, die altesten von diesen Knaben waren 16. und die jungsten 12. Jahr. Sie wurden zwar alle von den drey Herren Geistlichen taglich im Christenthume, ihrer 18. aber Hauptsachlich in der grossern Theologie, wie auch im Hebraischen und Griechischen informiret, Mons. Litzberg und ich hatten Wechsels-weise die Lateinische Sprache mit ihnen zu tractiren, einige blieben nur bey dieser und der Englischen, welche letztere Sprache ihnen van Blac wohl zu lehren wuste, ingleichen auch einigen das Hollandische. Schreiben und Rechnen hatten sie von mir und Litzbergen zu lernen, weil es hiess, dass wir die feinesten Hande schrieben, einige legten sich auf die Mathematic und was mit derselben verbunden, andere liebten die Sternseher-Kunst, um Calender schreiben zu konnen, wieder andere hatten besondere Lust zur Music, etliche auch zum Zeichnen und Reissen, worinnen sie Hollersdorff informirte, ins besondere war Mons. van Blac bestellet, sie in ihrer Auffuhrung, so wohl bey Tische, als wenn sie ihre Frey-Stunden hatten zu corrigiren, des Nachts aber musten Wechsels-weise entweder einer von den beyden Musicis oder einer von den beyden Kirchnern, der Mahler Hollersdorff, oder der Chirurgus Julius bey diesen Knaben in einem besondern Bette schlaffen, damit sie nicht etwas verwahrloseten, also kam es alle 6. Nacht an einen von diesen sechsen, und man sahe nicht, dass einer verdrusslich daruber war, ohngeacht sich Litzberg, van Blac und ich, nebst den Priestern von dieser Beschwerlichkeit frey machten. Jedennoch fing mein lieber Vater einsmahls von freyen Stucken an, und sagte: Kinder! ich sehe, dass ich euch wenig hier nutze, als dass ich bete, esse, trincke und wenig arbeite, derowegen gebt mir das Amt, dass ich ausser den Schul-Stunden, und wenn ihr alle was nothigers verrichten konnet, die Aufsicht uber die Knaben habe, und des Nachts im Schul-Hause bey ihnen schlaffe, denn es ist ja gleich viel, mein Sohn Eberhard! ob ich unter deinem Dache oder unter dem Schul Dache schlaffe. Ich habe ohnedem wenig Schlaf, kan also diese Knaben besser bewachen, als junge Leute, welche ohnedem solchergestalt von ihren Weibern wegbleiben mussen. Wir wolten erstlich alle nicht darein willigen, endlich aber, da er sagte: Gonnet mir doch dieses Amt, woraus ich mir eine Freude mache, sonsten werde ich mich gramen, wenn ich sehe, dass ihr alle fleissig seyd, und ich solte gar nichts nutze seyn, denn schwerer Arbeit bin ich niemahls gewohnt gewesen. Demnach musten wir ihm endlich nachgeben, meine Cordula machte ihm ein schones Bette mit Vorhangen in die mittelste Schlaf-Cammer der Knaben, so, dass er sie alle in 3. Cammern um und neben sich liegen hatte, er brachte aber auch des Tages die meiste Zeit bey den Knaben zu, und ass mehr mit ihnen als an meinem Tische, solchergestalt war Mons. van Blac auch dann und wann einer Bemuhung uberhoben.

Sonsten war unsere Oeconomie in diesen Hausern dermahlen also eingerichtet: Es wurde uns alle Dienstage, Donnerstage und Sonnabends fruh von der Albertus-Burg herunter, frisches Brod, Kase, Butter, allerhand Gemuse, frisch Wildpret und Ziegen-Fleisch auf Wagens zugefahren, eine jede Hausswirthin nahm davon so viel als ihr beliebte, denn es war allezeit mehr da als wir brauchten, und worzu dienete uns das ubrige? Fische konten wir alle Morgen von Christians- oder Stephans-Raum holen, und auslesen lassen was wir wolten, denn die dasigen Fisch-Kasten und Behalter wurden niemahls ledig. Von Flugel-Werck, so wohl kleinen als grossen, brachte man uns wochentlich so viel, dass wir das meiste wieder zuruck geben musten. Mit Bier, Wein, Gewurtze und dergleichen waren unsere Keller und Speise-Cammern zur Gnuge versorgt. Was die Knaben anbelangete, so speisete mein Vater oder Mons. van Blac, auch wohl jemand anders, mit den 18. grosten an der einen Taffel, und gleich neben derselben, speiseten an der andern die ubrigen 15. so, dass man sie alle ubersehen konte. Die Tractamenten bestunden Tag vor Tag 1.) in einer Suppe, 2.) eine Schussel Fleisch, worbey auch Zugemuse, 3.) eine Schussel mit Fische, 4.) ein Braten nebst dem Zubehor. Jeder Knabe hatte seinen zinnernen Becher, den er nach Belieben 2. mahl voll Bier, des Sonntags aber auch einmahl voll Wein bekam. Ubrigens wurde die Zurichtung der Speisen nach dem Appetite sehr wohl verandert, und die Kuche von 2en betagten Wittben, da die eine aus Roberts- die andere aber aus Alberts-Raum war, ingleichen von 5. Jungfrauen besorgt, die alle entweder Sohne oder Bruder in der Schule hatten. Zu allem Uberfluss musten die 3. Priester-Weiber, die Frau Litzbergin, die Frau van Blac und meine Cordula, eine Woche um die andere die Ober-Aufsicht uber die Kuche nehmen, welches denn alle 6. Wochen an eine kam. So fehlete es uns auch an Holtze nicht, denn alle Woche 2. mahl, brachten die Simons-Roberts- und Stephans-Raumer, auch andere mehr, gespaltene und gantze Stucke herzu gefahren, welche letztern von den Knaben zur Lust gespaltet wurden.

So bald demnach unser Schul- und Haus-Wesen in ziemliche Ordnung gebracht, fing ein jeder an, mit Hulffe der Knaben und anderer guten Freunde, seinen Garten zu verzaunen, wir setzten Baume, saeten und pflantzten allerhand nutzliche und appetitliche Garten-Gewachse und Blumen-Werck, baueten Stalle vor vierfussig Vieh, auch Flugelwerck, in Summa, ehe Jahr und Tag verging, befanden wir uns allerseits in recht vergnugten Stande, wunschten auch viele tausend mahl, dass nur unser lieber seeliger Alt-Vater, dieses schone Stuck Arbeit, noch vor seinem Ende hatte mogen mit Augen ansehen. Es erzeigte sich zwar unser itziger Regent nicht weniger liebreich und vaterlich gegen uns, liess sich auch alle unsere Anstalten ungemein wohl gefallen, und brachte die meisten Tags-Stunden bey uns zu, allein, es war uns allen doch noch nicht moglich, Albertum I. zu verschmertzen.

Um nun dessen Gedachtniss zu verehren, wurden wir schlussig, ihm, so, wie er seiner seeligen EheFrauen der Concordia gethan, eine Pyramide zum Haupten, gleich neben der Concordia ihrer, von ausgehauenen Steinen zu setzen, derowegen legte man so gleich die Hand aus Werck, und ward binnen 2. Monaten gantzlich damit fertig. Die Figur dieser Pyramide ist dreyeckigt, 6. Ellen hoch, und auf der Spitze ruhet eine im Feuer verguldete proportionirlich grosse kupfferne Kugel. Die Steine sind sehr sauber zusammen gefugt, und mit dauerhafften Farben ubermahlt, das daran befindliche Laub-Werck und Zierrathen aber starck verguldet. Ausserdem sind 6. wohl ausgetriebene kupfferne und im Feuer verguldete Schilder, an den 3. Ecken oben und unten bevestiget, und auf selbige folgende Sinnbilder gemahlt:

1.

Ein beschadigtes Schiff auf dem Meere, mit der

Beyschrifft:

Post mala mixta bonis portum ratis intrat amoenum.

Nach guten und nach bosen Stunden

Wird der gewunschte Port gefunden.

2.

Sic sitit astra pius, cervus velut appetit undas.

Ein Hirsch lachtzt nach dem frischen Bache,

Ein Christ nach jenem Sternen-Dache.

3.

Eine angezogene Glocke, mit der Beyschrifft:

Mortis Christianus reminiscitur re sonante.

Hort ein Christ den Glocken-Schlag,

Denckt er an den Sterbe-Tag.

4.

Ein verdorreter Baum, mit der Beyschrifft:

Sic homo marcescit, veluti marcesit & arbor.

Es geht dem Menschen auf der Erden

Wie Baumen, welche durre werden.

5.

Ein aufsteigender Rauch, mit der Beyschrifft:

Ut fumus transit, sic transit gloria mundi.

Das Leben kan nicht stets bestehen,

Es muss wie Rauch und Dampff vergehen.

6.

Ein Todten-Sarg, mit der Beyschrifft:

Est ita: mors talem loculum dabit omnibus atra.

Der Todt wird allen, die noch leben,

Ein solches Hauss zur Wohnung geben.

An jeglicher Seite der Pyramide in der Mitte war eine grosse Kupfferne Platte eingefugt, und die Nachricht mit goldenen Buchstaben darein geatzt. Die erste Seite gab demnach folgendes im Latein zu lesen:

* *

*

Heus! Viator,

gradum siste, lege, luge,

nimirum

hoc in saxeo sepulcro

placide requiescit

ALBERTUS JULIUS I.

supremus hujus Insul saxos dominus,

natione Saxo, ratione Nestor,

faustus infaustorum fatorum victor,

parens clarisimis parentibus clarior,

nauta, naufragio felix,

Crsus ex Iro factus,

Rex non nomine, sed omine,

concordium familiarum conditor

juvante

CONCORDIA,

maxime

verus ver pietatis cultor;

O irreparabile damnum!

quot conspicua boni ordinis specimina

ab incolis hujus insul conspiciuntur,

tot testes testantur

ALBERTUM

non fuisse Davum, sed Oedipum

non otiosum, sed negotiosum;

Posteri post sera secula ingemiscent,

JULIUM

vitam cum morte commutasse,

qui inermis rupes robustis hostibus robustiores

vicit,

& de natur difficultatibus triumphavit

majori cum pompa

quam si in urbem

Quatuor in niveis aureus isset equis;

migravit

e solo in polum

exemplar virtutum sine exemplo

sapientissimus bonorum morum magister,

acerrimus vitiorum osor,

certa vit cynosura,

Senex denique ad aram usque devenerandus

qui in adversis nunquam cogitavit,

nisi semper

qui credidit, ut vixit, & vixit, ut credidit,

hoc est,

vere, pie bene ac sincere;

sed tacet & jacet

cujus anima DEO placet,

postquam

d. VIII. Octobr. cIo Io CCXXX.

sensim sine sensu

animam exhalavit.

Hoc te volebam,

Viator,

nunc ubi, & quoad vivis, vive

in vita feliciter!

* *

*

An der andern Seite zeigte sich die Deutsche Schrifft eben dieses Inhalts, und gleichfalls mit guldenen Buchstaben eingeatzt in diesen Worten:

* *

*

Hore! mein Wandersmann,

stehe stille, liess dieses

und traure dabey.

In dieser steinernen Grufft ruhet in

guter Ruhe

Albertus Julius der Erste,

der Ober-Herr dieser Felsen-Insul,

von Geburth ein Sachse, von Verstande

ein Nestor,

ein glucklicher Besieger der unglucklichsten

Schicksale,

ein Vater, der beruhmter ist als viele

der beruhmtesten Vater,

ein Schiffer, der durch Schiffbruch erst

glucklich

und

aus einem armen Iro ein reicher Crsus

worden ist.

Ein Konig, nicht dem Nahmen, sondern

der That nach;

Ein Stiffter vieler eintrachtigen Familien,

mit Bey-Hulffe seiner Gemahlin,

CONCORDIA,

sonderlich

in wahrer Liebhaber der wahren Gottes

Furcht.

O unersetzlicher Schade!

So viel herzliche Proben der guten Ordnung

von den Einwohnern auf dieser Insul

bewundert werden,

so viel unverwerffliche Zeugen sind:

dass

Albertus

nicht albern, sondern klug,

nicht ein Mussigganger, sondern ein mehr

als zu fleissiger Arbeiter gewesen sey.

Dessen Nachkommen werden nach spaten

Zeiten noch klagen, dass

JULIUS

das Leben mir dem Tode verwechselt;

welcher ohnbewaffnet die starcksten Felsen

bezwungen,

die mehr als starcke Feinde zu schaffen machen,

auch uber die Schwierigkeiten der Natur

einen Triumph gehalten;

der prachtiger ist,

als wenn er in die Stadt Rom auf einem mit

weissen Pferden bespanneten guldenen

Wagen triumphirend eingezogen ware.

Nun

hat das Irrdische mir dem Himmlischen

verwechselt:

ein unvergleichliches Muster der Tugend,

ein weiser Sitten-Lehrer,

ein abgesagter Feind der Laster,

eine gewisse Lebens-Regel,

ein Ehr-wurdiger Greiss,

der im Ungluck, an das Gluck,

und im Gluck, an das Ungluck,

niemahls

als allezeit gedacht

Der so geglaubt, wie er gelebt,

und so gelebt, wie er geglaubt;

das heist:

wahrhafftig, gottselig, wohl und aufrichtig.

Aber

sein Mund ist nun verschlossen,

er liegt,

dessen Seele sich in GOtt vergnugt,

nachdem er

im Jahr 1730. den 8ten Octobr.

ohne Empfindlichkeit, allmahlich Athem

zu holen aufgehoret hat.

Dieses verlangte ich von dir,

Mein Wandersmann!

Nun gehe hin, und lebe, so lange du lebest,

glucklich.

* *

*

An der dritten Seite der Pyramide war eben diese Gedenck-Schrifft in Englischer Sprache zu lesen, und an den drey Seiten des Fuss-Gestelles der Pyramide noch dieses, ebenfalls in dreyerley Sprachen:

Albertus Julius

ward gebohren Ao. 1628. d. 8. Januar.

entdeckte diese Insul Ao. 1646. d. 8. Septembr.

hat also auf der Welt gelebt: 102. Jahr

9. Monat,

auf dieser Insul zugebracht 84. Jahr

1. Monat.

Leichen-Text:

Der 23ste Psalm.

Der HErr ist mein Hirt, mir wird

nichts mangeln, etc. etc.

Es gab diese Pyramide unsern Gottes-Acker eine nicht geringe Zierde, wesswegen wir manchen Spatzier-Gang dahin thaten, und selbigen niemahls leer von Leuten antraffen, sonderlich lieffen die Kinder fast taglich Hauffen-weise dahin, weiln aber auch die unvernunfftigen und wilden Thiere darauf herum lieffen, so beschlossen wir, den gantzen Gottes-AckersPlatz in behoriger Weite mit einer Mauer einzufassen, und nicht mehr als 2. Thore zum Ein- und Ausgange zu lassen, nehmlich eins, so auf den grossen Garten, und das andere, so auf den Fluss stossen solte, wo sich derselbe oben in 2. Strome theilet. Nachdem nun, ausser den vielen Steinen, so in selbiger Gegend zusammen gelesen, auch eine grosse Menge derselben aus dem Johannis-Raumer Geburge nebst allen andern Zubehor herbey gebracht worden, machten sich die Maurer an das Werck, und brachten es in wenig Monaten in fertigen Stand.

Solchergestalt lieff unter dieser und anderer BauArbeit auch volliger Einrichtung der neu errichteten Wirthschafften auch das 1732ste Jahr zum Ende, ohne dass man zu des Capitain Horns Schiffs-Bau den Anfang gemacht hatte, weiln aber dermahlen auf unserer Insul nichts hochstwichtiges zu thun war, ausgenommen, dass der Muller Kratzer zwischen Christophs- und Christians-Raum noch eine neue Muhle erbauete, so wurden auf instandiges Anregen des Capitains Horn die geschicktesten Zimmer-Leute ausgelesen, und hinnuber auf Klein-Felsenburg geschafft, um daselbst mit gemeldeten Capitains Leuten ein gantz neues Schiff zu erbauen. Das gute Bau-Holtz auf unserer grossen Insul zu ersparen, war zwar eine Haupt-Ursache mit, allein, wir hatten noch viel andere mehr, warum wir das Schiff nicht an unserm Gestade wolten bauen lassen, denn solchergestalt hatten die Frembden auch nicht nothig heruber zukommen, das zerscheiterte Schiff aber wurde auch nach Klein-Felsenburg gebracht, um das dienliche noch davon brauchen zu konnen. Es war am 16 Januar. 1733. da der erste frische Baum auf der Insul Klein-Felsenburg zu Capitain Horns neuen Schiffe gefallet und zugehauen wurde, wesswegen eine starcke Gesellschafft von Gross-Felsenburg hinuber gefahren war, indem sich die SeeLeute, mit Permission ihres Capitains, ein kleines Freunden-Fest angestellet hatten, welches sie des Abends mit Tantzen und sonst allerley Kurtzweile begingen, worzu wir ihnen eine zulangliche Portion an Weine mitgebracht hatten, welchen sie sich mit den Portugiesen, die mit ihnen gemeinschafftlich und in der besten Vertraglichkeit lebten, hertzlich wohl schmecken liessen, die folgenden Tage aber desto flleissiger arbeiteten. Inzwischen hatte der Capitain Horn angemerckt, dass oben in der Sudlichen Gegend der Insul bey der grossen Bucht K. in dem grossen Walde weit schoner und dauerhaffter Holtz als in der Gegend B. anzutreffen ware, derowegen resolvirte sich alles sein Volck, gleich morgenden Tages dahin aufzubrechen, und ihre Wohnstatten daselbst aufzuschlagen. Wir Gross-Felsenburger liessen ihnen ihren Willen, versprachen aber, sie ehester Tags wieder zu besuchen, oben herum zu fahren und in der Bucht K. anzulanden. Wir wurden unser Versprechen zeitig genung erfullet haben, allein, die Niederkunfft meiner liebsten Cordula, hielt sowohl mich als meine werthen Freunde auf eine Zeitlang davon zurucke. Es brachte mir aber gemeldete meine Liebste am 6. Februar. einen jungen gesunden Sohn zur Welt, welcher am 9. dito die heilige Tauffe und die Nahmen Albertus Franciscus Carolus empfing, indem ich den Regenten Albertum II meinen Vater und die Frau van Blac zu Tauff Zeugen erwahlet. Die Freude uber diesen kleinen Stammhalter, war bey mir unsaglich gross, denn da alle diejenigen, welche mit mir zugleich copulirt waren, bereits Kindtauffen ausgerichtet hatten, begunte ich fast an der Fruchtbarkeit meiner Cordula zu zweiffeln, jedoch endlich war mein Wunsch erfullet, und, wie gesagt, die Freude war um so viel desto grosser, woran denn auch alle Insulaner Theil nahmen, welche grosten Theils 3. Tage nach einander auf dem Tafel-Platze tractiret wurden, worbey sich denn nicht allein die beste Music horen liess, sondern es hatten auch meine werthen Freunde allerhand andere Lustbarkeiten angestellet. Capitain Horn war auch von Klein-Felsenburg darzu heruber geholet worden, als er aber am 4ten Tage wieder zuruck fuhr, versprachen wir ihm, langstens in 14. Tagen auf Klein-Felsenburg eine Visite zu geben, und seinen Leuten, um sie desto besser zur Arbeit aufzumuntern, einige Erfrischungen mitzubringen.

Weiln sich nun meine Cordula ungemein wohl be

fand, trat ich am 2ten Mart. die Fahrt mit Mons. Litzbergen, van Blac, Wolffgang, Wodley und andern mehr, abermahls nach Klein-Felsenburg an, un zwar so fuhren wir oben durch die Strasse durch, welche Sudwerts beyde Insuln von einander scheidet, als welchen Weg wir noch niemahls genommen hatten, hatten zwar bey der grossen Felsen-Spitze O. mit einiger Unbequemlichkeit landen und aussteigen konnen, wolten aber solches nicht thun, sondern fuhren um die gantze Sud-Seite herum, und langeten endlich glucklich in der grossen Bucht K. an, allwo wir unser Fahrzeug befestigten, an dem Flusse, welcher sich aus der grossen See in die Bucht ergiesst, hinauf spatzirten, und endlich fanden, dass alles Volck seine Hutten auf der Ebene zwischen diesem Flusse und dem Walde aufgeschlagen, in selbiger Gegend auch schon eine ziemliche Menge neu zugehauenes Schiffs-Holtz liegen hatte. Capitain Horn war selbst mit unter den ersten, die uns entgegen kamen; wir nahmen alle Platz vor seiner Hutte, und er saumete nicht, uns einige Erfrischungen vorzusetzen, indem wir nun selbige genossen, fing er an zu sagen: Meine Herrn! sie kommen accurat, als wenn sie geruffen waren, denn am gestrigen Sonntage, haben einige von meinen Leuten ein besonderes curieuses Stuck auf einem Platze, jenseit der grossen See, aus der Erden gehoben, woran zu bemercken, dass sich vielleicht vor vielen 100. ja mehr als 1000. Jahren schon Menschen auf dieser Insul befunden haben. Wir spitzten alle die Ohren ziemlicher massen, er aber ging, nachdem er noch ein paar von seinen Leuten zu sich gerufft hatte, in seine Hutte, und brachte einen grossen Viereckigten Stein heraus, der bey nahe drey Viertel Ellen lang, breit und dicke war. Diesen setzte er bey uns nieder, nahm einen oben sauber eingefugten steinernen Deckel ab, und zohe einen goldenen Becher in die Hohe, welcher uber die Helffte voll Asche war, unter derselben sich noch etliche Stucklein gebrannter Knochen befanden. Der Becher an sich selbst war sast einer halben Ellen hoch, oben im Diametro 6. unten aber vier Daumen breit, sonsten aber uber und uber gantz glatt und ohne einige Figur oder Zierrathen. Auf dem obersten, schon gemeldten steinernen Deckel aber, sahe man, nachdem er reinlich abgewaschen war, in der Mitte diese Figur:

Nachdem wir insgesammt das gantze Werck in Augenschein genommen, und lange Zeit Verwunderungsvoll betrachtet, konten wir nicht anders urtheilen, als dass es eine Heydnische Urna oder Todten-Krug ware, worinnen die Asche eines verstorbenen und nach ihrer Weise verbrannten Corpers, verwahret und der Erden anvertrauet worden. Derowegen konte es dem Capitain Horn niemand abstreiten, dass vor uns und unsern Zeiten Menschen aus dieser Insul gewesen waren, oder dieselbe wohl gar ordentlicher Weise bewohnet hatten.

Uber niemanden unter der gantzen Gesellschafft muste ich mehr lachen, als uber Mons. Litzbergen, denn derselbe konte den Deckel nicht genung ansehen, und hatte vor angstlicher Curiositat verzweiffeln mogen, dass ihm unmoglich war, die Deutung der unbekandten Characters zu erfinden, uber dieses verdross ihn, dass man keine ihm bekandte Jahres-Zahl darauf gezeichnet, derowegen warff er verschiedene Fragen auf, als: In welchem Jahre der Welt mag diese Urna verscharret seyn? Was mogen dieses vor eine Art von Heyden gewesen seyn? Ob sie auch auf dieser Insul eine ordentliche Wirthschafft getrieben haben? Ob sie ausgestorben, von andern hinweg gefuhret worden, oder die Insul gutwillig verlassen haben? und was dergleichen Zeug mehr war, woruber zwar ein jeder raisonniren konte, allein, es kam nicht heraus, sondern es verblieb uns nichts gewissers, als die Ungewissheit.

Demnach wurde ich des vielen Scrupulirens uberdrussig, und bath den Capitain Horn, uns zu erzahlen, wie, und auf was Art seine Leute eigentlich zu dieser Raritat und Antiquitat gekommen? selbiger war also so gefallig, uns folgenden Bericht abzustatten: Meine Leute, sagte er, haben sich bisshero in den Feyerabends-Stunden, zur Lust ein bequemes Fahrzeug gemacht, wormit sie am Rande der ohnweit von hier liegenden grossen See und derer Flusse, hin und her, aufund abfahren und die schonsten Fische fangen konnen. Vor etlichen Tagen, da sie Abends spat von ihrer Lust-Fahrt zuruck kamen, berichteten sie mich, dass sie jenseit der grossen See, in einer ebenen Gegend einen Baum angetroffen hatten, dessen gleichen sie zwar an Geradigkeit, aber an Hohe Zeit ihres Lebens in der Welt nicht gesehen hatten und solte sich derselbe ungemein wohl zum Mast-Baume schicken, allein, es ware Jammer-Schade darum, weil dieser Baum eine rechte Raritat und Zierde dieser Insul zu nennen, ausser dem 12. andere, jedoch bey weiten nicht so hohe Baume um denselben herum stunden, worbey man fast schworen solte, dass sie mit allem Fleisse von Menschen nach dem Zirckel und Maass-Stabe dahin gepflantzt waren. Ich war so neugierig, gleich des andern Nachmittags mit ihnen an denselben Ort zufahren, und die curieusen Baume zu besichtigen, fand es auch in der That also, wie sie gesagt hatten, bewunderte nicht allein die ausserordentliche Hohe des mittelsten Baumes, sondern auch die Accuratesse der 12. andern, so um ihn herum stunden, bildete mir aber fast gleich ein, dass solche nicht von der Natur, sondern von Menschen-Handen herruhren moge. Doch demselben sey, wie ihm sey, ich geboth meinen Leuten bey Straffe, sich ja nicht an diesen Baumen zu vergreiffen, sondern sie als eine Raritat dieser Insul stehen zu lassen, fuhr also mit ihnen wieder zuruck. Gestern, als Sonntags fruh, machten sich die lustigsten von meinen Purschen auf, nahmen Proviant und ein frisch geschossen Stuck Wild mit sich auf ihr Fahrzeug, und wolten dasselbe zur Lust unter dem hohen Baume braten und verzehren, indem sie aber ein Feuer-Loch in die Erde graben wollen, finden sie diesen Stein; kamen also bald zuruck, und brachten mir denselben, so, wie er da ist, sammt dem Becher, welchen sie zwar heraus gehoben, vor gulden erkannt, jedoch denselben ordentlich wieder hinein gesetzt hatten. Ein rechtes Gluck ists, dass der nicht allzu dicke steinerne Deckel im Hacken oder Graben nicht ist entzwey gestossen worden.

Wir bekamen auf diese Nachricht gleich ingesammt Lust, selbiges Revier nebst den curieusen Baumen ebenfals in Augenschein, auch Grabe-Scheiter, Schauffeln und Hacken mit zu nehmen; um zu sehen, ob wir noch mehr dergleichen Urnen oder TodtenTopffe daselbst finden konten, wurden derowegen von dem Capitain Horn und einigen seiner Leute dahin gefahren, und ergotzten uns nicht wenig uber den angenehmen Platz, wo die 12. Baume um den grossen herum stunden,

NB. Dieses ist der kleine Platz, welcher, weil er

von 2. kleinen Strohmlein, die aus der grossen See

kommen, und unten zusammen lauffen, fast die Ge

stalt einer Zunge hat, und auf dem Grund-Risse der

Insul Klein-Felsenburg, gleich unter dem Platze, der

mit P. bezeichnet, im 2ten Theile pag. 452. zu

sehen ist.

betrachteten alles sehr genau, und fingen endlich an zu graben, fanden auch diesen und folgenden Tag in einem kleinen Bezirck noch 9. eben solche ausgearbeitete Steine, mit eben solchen Deckeln, worauf eben solche Figuren, wie auf dem ersten eingehauen waren, doch fand sich nur noch in einem Steine ein guldener, in 5. Steinen aber nur silberne Becher, in 3. Steinen aber waren gar keine Becher, sondern die Asche und die Stucklein gebrandter Knochen waren nur so bloss hinein gethan worden. Nachdem wir aber noch einen gewaltigen Fleck um- und ausgegraben, jedoch nicht das allergeringste mehr gefunden hatten, vermerckten wir endlich, dass nichts mehr vorhanden ware, seegelten derowegen mit diesen unsern gefundenen Raritaten wiederum zuruck an den Ort, wo die Hutten stunden, betrachteten alle diese Urnen sehr genau, konten aber, wie gesagt, nichts als unbekandte Characters darane finden. Abends, da die Sonne unterging, und wir, im Grunen sitzende, indem wir Caffee truncken und Toback dabey rauchten, unsere Gesichter gegen den grossen Berg O, kehreten, prsentirte sich dessen hohe Felsen-Spitze gantz Feuer-roth, so, dass sie zuweilen einer wurcklichen Feuer-Flamme gantz ahnlich sahe, welches zu verschiedenen curieusen Gesprachen Anlass gab, endlich, da sich Mons. van Blac wunschte, bey hellem Wetter ein oder ein paar Stunde, auf dieser entsetzlich hohen Felsen-Spitze stehen und sich recht umsehen zu konnen, sagten wir ihm, dass uns eben dergleichen Neugierigkeit, vor einigen Jahren, bey erstmahliger Besichtigung dieser Insul, dahin getrieben, wir hatten aber kaum die Helffte des Berges erklettern, und weil es gar zu steil, die Spitze nicht erreichen konnen.

Hierauf ersuchte uns Mons. van Blac, morgenden Tag noch da zu bleiben, und ihm zu Gefallen den Berg noch einmnhl mit zu steigen, Mons. Litzberg und die andern, die zum Theil auch noch nicht auf dem hohen Berge gewesen waren, liess sich nebst mir leichtlich hierzu bereden, derowegen legten wir uns bey Zeiten schlaffen, um den March dahin desto fruher anzutreten.

Fruh Morgens, so bald der Tag anbrach, weckten wir einander auf, da sich aber Mons. van Blac ermunterte, sprach er: Ich konte mich nun fast der Muhe uberheben, den grossen Berg zu besteigen, denn ich habe ihn heunte Nacht im Traume schon bestiegen, aber wenn ich noch daran gedencke, so stehen mir die Haare zu Berge, denn da wir kaum halb hinauf waren, kamen uns aus einer dustern Hole 12. grosse Vogel, so schwartz, als die Raben, und noch grosser, als die Ganse, entgegen geflogen, und schwungen sich in die Lufft, ich wagte mich in die Felsen-Klufft oder Hole, erblickte aber etliche unbekandte grimmige Thiere, deren Gestalt recht entsetzlich war, so, dass ich, ob sie mir gleich nichts thaten, nur von dem blossen Anblikke doch noch zitterte, als man mich aufweckte.

Wir hatten demnach unsern Spaass mit Mons. van Blac uber dieses Gesichte, und sagten endlich, wenn er denn so furchtsam ware, wolten wir unsere LustReise nach dem Berge lieber einstellen, und zuruck nach Gross-Felsenburg fahren, allein, er protestirte wider das letztere, und sagte: er wolle nun doch mit rechtem Ernste versuchen, wie hoch er an der grossen Felsen-Spitze hinauf klettern konne.

Demnach begaben wir Gross-Felsenburger, als wir ein gutes Fruh-Stuck ein- auch einen ziemlichen Theil Speise und Getrancke zur Vorsorge mit auf den Weg genommen, uns sammtlich allein auf die Reise, denn der Capitain Horn gab auf unser Nothigen, zu verstehen, dass er eben diesen Tag mit seinen Leuten ein solches Stuck Arbeit vor hatte, worbey seine Gegenwart unumganglich erfodert wurde, uber dieses, so ware er Zeit seines Hierseyns, schon viermahl den Berg von allen Seiten, in Gesellschafft aller seiner Leute zu besteigen, so curieux gewesen, allein, sie hatten wenig Plaisir darauf gefunden, und nichts darvon getragen, als mude Beine. Also liessen wir ihn da bleiben, bathen uns auf den, morgenden Tag ein gutes Mittags-Brod aus, indem wir uns nicht zu starck strapaziren, sondern des Nachts unterwegs bleiben und ausruhen wolten; marchirten also fort, gelangten auch eben um die Mittags-Zeit am Fusse des Berges an.

Weil wir nun vor einigen Jahren an der Ost-SudSeite den Berg hinnan gestiegen waren, so war mein Rath, dass wir denselben voritzo an der Nord-WestEcke hinauf beklettern wolten. Einige redeten zwar darwider, weil es auf dieser Seite gar zu uneben und steinig ware, allein, Mons. van Blac fiel meiner Meynung vor allen andern bey, indem er vorstellete, dass, obgleich der Berg allhier unbequemer zu besteigen ware, so hatten wir hergegen die Last nicht, dass uns die Sonne so starck auf den Leib und ins Gesichte brennete, also folgten alle dem van Blac und mir nach.

Es war aber in Wahrheit ein rechter Mord-Weg, denn ob wir gleich keine steile Klippen zu erklettern hatten, sondern immer Schlangen-weise zwischen grossen Hugeln gerade aufgehen konten, so war doch der Fuss-Boden wegen der grossen und kleinen Schieferund Sand-Steine, die vom Regen und Wetter da hinein gebracht waren, dergestalt bose, dass man sich vor dem Fallen sehr wohl in Acht nehmen muste; Mons van Blac aber, der vor mir her ging, sagte offters lachend zu mir: Diss ist wurcklich der Weg, von dem mich in vergangener Nacht getraumet hat. Endlich, nachdem wir fast 2. gute Stunden Berg- auf gestiegen waren, gelangten wir auf einem Hugel an, der oben gantz platt wie ein Tisch, und ziemlich dicke mit Moose und grunem Grase bewachsen war. Dieser angenehme Platz nothigte uns fast mit Gewalt zum Ausruhen, und etwas Speise und Tranck zu uns zu nehmen, indem wir ein ziemlich breites steinigtes Thal vor uns sahen, welches wir erstlich passiren musten, wenn wir an den rechten Berg, auf welchem die entsetzlich hohe Felsen-Spitze stund, gelangen wolten.

Allein, eine besondere Begebenheit setzte uns dahier in nicht geringe Verwunderung und Erstaunen: denn, da wir noch im besten Speisen waren, und alle mit einander unsere Gesichter gegen den grossen Berg gewendet hatten, kam immer ein schwartzer grosser Vogel nach dem andern aus einer Klufft des Felsens heraus geflogen, wir zahleten deren accurat zwolffe, warteten aber vergeblich auf mehrere, hergegen schwungen sich diese hoch in die Lufft, machten, nachdem sie alle 12. zusammen gekommen, ein grassliches Geschrey, und nahmen ihren Flug nach Suden zu, wesswegen wir in unserer Meynung gestarckt wurden, dass sich in selbiger Gegend nach dem Sud-Pol zu, noch mehr Land befinden musse. Inzwischen konten wir diese Vogel eine lange Zeit fliegen sehen und schreyen horen; nachdem sie sich aber gantzlich aus unsern Gesicht und Gehor verlohren, sahen wir alle den Mons. van Blac an, und verwunderten uns hochlich, dass sein Traum auch in diesem Stucke so accurat eingetroffen ware. Er hingegen schien sehr muthig zu seyn, und sagte: Meine Herren und Freunde, ich bin in meinem Hertzen vollkommen versichert, dass wir in diesem Geburge, nach der alten Art zu reden, ein besonderes Abentheuer antreffen werden, derowegen lasset uns, weil es noch hoch am Tage, auf die FelsenKlufft zu wandern; gonnet mir die Ehre, dass ich voraus gehe, und sehe, wie es in derselbigen beschaffen, indem ich, als ein Mensch, der viele Gefahrlichkeiten ausgestanden, Courage genung darzu habe. Wir weigerten uns nicht, ihm zu folgen, und erreichten nach Verlauff einer guten halben Stunde mit vieler Beschwerlichkeit den Eingang zu der Felsen-Klufft, welchen wir aber gantz anders befanden, als er sich unsern Augen von ferne prsentirete, denn auf beyden Seiten hatte, dem Ansehen nach, die Natur, so zu sagen, hohe Mauern oder Pfeiler gesetzt, zwischen welchen nur eine Person auf dem schmalen Wege hingehen, und sonst nichts, als die hohen Felsen-Mauern neben sich, und den Himmel uber sich sehen konte, so war auch dieser schmale Weg, der 3. Krummen hatte, hundert und etliche 30. Schritte lang. Mons. van Blac, der sehr emsig im Gehen war, blieb endlich stehen, und rieff zuruck: Halt! hier ist das Ende, weiter konnen wir nicht kommen. Demnach versamleten wir

uns alle, als wir aus dem schmalen Gange heraus gekommen waren, um ihn herum, auf einem Ufer, welches nur 18. Schritt breit und etliche 40. Schritt lang war. Hier schien es, als ob diese Felsen mit aller Gewalt von dem grossen Klumpen abgerissen waren, und vor uns auf dem Fuss-Boden fanden wir einen Riss oder Schlufft, etwa 10. biss 12. Ellen breit. Es stunden einem, wenn man da hinunter in die Tieffe und dicke Finsterniss sahe, die Haare zu Berge, uber dieses machte das, in diesem Abgrunde wallende Wasser, ein recht wunderlich und furchterliches Getose, wesswegen niemand grosse Lust bezeigte, sich lange bey diesem terriblen Schlunde aufzuhalten. Auf der andern Seite aber sahen wir ebenfals wieder einen Riss oder Spalte von oben herunter in dem grossen Berge, zu welchem eine ordentliche Treppe von mehr als 30. Stuffen hinauf ging, welche wir schwerlich von Natur also, sondern von Menschen-Handen ausgehauen und gemacht zu seyn, beurtheileten. O! wenn wir doch uber den schandlichen Abgrund hinuber waren, sagte Mons. van Blac, denn ich mercke schon, diese Treppe fuhret an einen Ort, wo sich Curiositaten befinden. Allein, sein und unser aller Wunschen war vergebens, denn, weder zur rechten noch zur lincken Hand, konten wir den Anfang noch das Ende, wegen der steilen Felsen, erforschen, und auf jener Seite war es eben so schlimm, auch nirgends aufzusteigen, als auf der ausgehauenen Treppe.

Dem ohngeacht stunden wir noch fast eine gantze Stunde daselbst, um alles desto genauer zu mercken, kehreten endlich durch den vorigen Weg zurucke, und kamen sehr ermudet auf dem grunen Platze an, allwo wir etliche Stunden vorhero gespeiset und den Ausflug der Vogel gesehen hatten, beschlossen auch, die Nacht uber, welche sehr warm und angenehm war, allda zu verbleiben. Mons. van Blac hatte seine Grillen, dass nehmlich in dem grossen Berge, vielleicht eine ausgehauene Wohnung und andere Spuren von Menschen anzutreffen seyn wurden, einem jeden von uns allen dergestalt scharff eingepragt, dass wir auch alle glaubten, es konte und muste nicht anders seyn, derowegen berathschlagten wir biss in die spate Nacht, was zu thun sey? Beschlossen erstlich, gleich morgendes Tages wieder zuruck nach Felsenburg zu fahren, unsern Aeltern und andern guten Freunden alle diese Seltsamkeiten, so wir allhier gefunden, zu zeigen und zu erzahlen, nachhero wieder heruber zu rudern, lange Balcken und Bolen herbey zu schaffen, um eine rechte veste Brucke uber den Abgrund zu schlagen, und so dann hinuber zu passiren; doch wurde auch nothig seyn, dass wir Fackeln, Wind-Lichter, Gewehr und andere Bedurffnisse mit uns nahmen, indem wir nicht wusten, ob man in dunckele Gange oder Holen gerathen, und daselbst etwa mit Schlangen oder andern Thieren zu streiten haben wurde. Hiernachst wurde auch verabredet, dem Capitain Horn nicht alle unsere Gedancken zu offenbaren, jedoch denselben zu bitten, uns durch seine Leute in dem nachst an dem Berge gelegenen Walde etwa 6. oder 8. Stuck, 15. biss 16. Ellen, lange Balcken, und denn auch etliche 30. biss 40. Queer-Stucke aushauen und an den Fuss des Geburges schaffen zu lassen; zu welchem Ende wir ihm denn einige Zeichen auf dem Wege dahin machen wolten. Hierauf schlieffen wir etliche Stunden biss zu Anbruch des Tages, machten uns so dann auf die Beine, und gelangeten zeitig bey dem Capitain Horn an, statteten ihm Nachricht von unserer Reise ab, so viel er nehmlich davon wissen solte, fanden denselben zu allem, was wir von ihm begehrten, willig, nahmen die Mittags-Mahlzeit mit ihm ein, nachhero Abschied, versprachen, in wenig Tagen wieder zu kommen, liessen die gefundenen Urnen auf unser Schiff tragen, versprachen des Capitain Horns Leuten vor den ersten Fund, einem jeden bey der Abreise besonders ein halb Pfund Gold zum Gratial zu geben, stiegen ein, seegelten auf Gross-Felsenburg zu, und kamen in spater Nacht in unsern Wohnungen an.

Mir war es eine besondere Freude, dass ich meine liebste Cordula nebst meinem kleinen Sohne bey vollkommener Gesundheit wieder fand, folgendes Tages liessen wir die 10. Urnen aus dem Fahrzeuge auf die Albertus-Burg schaffen, da sich denn, um diese Antiquitaten zu sehen, eine grosse Menge Volcks etliche Tage nach einander einfand, allein, auch die klugsten, verstandigsten und gelehrtesten wusten nichts anders davon zu urtheilen, als was wir schon anfanglich in Klein-Felsenburg davon geurtheilet hatten. Die Characteres wuste auch kein Mensch auszulegen, ohngeacht unsere Herren Geistlichen im Arabischen, Syrischen, Chaldaischen Schrifften und Signaturen nicht unerfahren waren. Doch hielt Herr Mag. Schmeltzer davor, es konten vielleicht eine solche Art von Heyden gewesen seyn, welche die Sonne, als ihren hochsten Gott, angebetet hatten, weil die Sonne nicht undeutlich, als ein alles regierendes Wesen, recht in der Mitte des Deckels der Urnen abgebildet ware, hiernachst hielt er das oberste Zeichen vor den Mond, und das unterste vor ihren irrdischen Haupt-Gotzen, weil dieses Zeichen etwas grober ausgedruckt ware als die andern 10. welche vielleicht die ubrigen Planeten oder andere Gestirne, oder auch wohl andere selbst erwahlte Gotzen anzeigen solten. Doch wolte Herr Mag. Schmeltzer diese seine Meynung vor keine untrugliche Wahrheit ausgeben, wir aber hielten dieselbe, allen Umstanden nach, vor sehr vernunfftmassig. Da wir nun nachhero eine Relation von demjenigen abstatteten, was wir bereits weiter erforscht, und noch ferner zu untersuchen willens waren, fanden sich nebst dem Alt-Vater sehr viele, welche uns von diesen verwegenen und gefahrlichen Vornehmen abrathen wolten, andere Wagehalse hingegen bothen sich an, uns Gesellschafft zu leisten, allein, wir liessen uns von den erstern nichts einreden und abschrecken, den letztern aber schlugen wir ihr Anerbiethen hoflich ab, weil die Compagnie sonsten gar zu starck, mithin verdrusslich worden ware, in Klein-Felsenburg aber ohnedem Helffers-Helffer genung anzutreffen waren.

Man machte derowegen alles zu unserer Abfahrt fertig, und wartete nur, mir zu Gefallen, biss meine Cordula am 19. Mart. zur Kirche gegangen war, Montags den 23. dito aber ging die Reise fort, nachdem wir uns mit Flinten, Pistolen, Seiten-Gewehr, Fackeln, Wind-Lichtern, auch allerhand krafftigen Speisen und Getrancke wohl besorgt hatten, und zwar so waren es eben diejenigen Personen, welche das vorige mahl mit gewesen waren, biss auf Lademannen, der kranck worden war, und an dessen Stelle wir den jungen Chirurgum Julium mit nahmen. Noch Vormittags gelangten wir bey dem Capitain Horn an, erfuhren von ihm, dass er unsern Willen in allen Stucken erfullen, und die bestellten Holtz Stucken an den bezeichneten Ort, am Grunde der Hugel bringen lassen, wesswegen wir nur in der Geschwindigkeit etwas speiseten, so dann unsern Weg, in Begleitung des Capitain Horns und aller seiner Leute, biss auf ihrer 4. die theils Schaden an sich hatten, theils etwas unpasslich waren, vor uns nahmen, und den Ort gar bald erreichten, wo das zugehauene Holtz lag. Hier packte nun alles an, was Hande hatte, die grossen und kleinen Stucken, theils Berg auf, mit Seilen zu schleppen, theils hinauf zu tragen, brachten auch noch vor Nachts alle Stucken hinunter in das Thal vor den schmalen Weg, starckten hernach unsere abgemarteten Leiber mit Speise und Tranck, und legten uns endlich unter freyem Himmel zur Ruhe.

Noch vor Aufgang der Sonnen ermunterten wir uns wieder, verrichteten unser Morgen-Gebeth einstimmig, damit uns GOtt vor allen Schaden und Gefahr bewahren mochte, sungen ein paar geistliche Lieder, nahmen hieraus das Fruh-Stuck ein, und gingen mit aufgehender Sonne auch wieder an unsere Arbeit. Allein, war uns die gestrige sauer geworden, so war in Wahrheit die heutige noch zehnmahl beschwerlicher, denn wie kuhle es auch in dem engen Wege, zwischen den zwey Felsen-Mauern war, so brach uns doch der Schweiss aus, die langen Balcken hindurch zu bringen, weil wir dieselben bey jeder Krumme empor heben und also herum tragen musten, noch weit muhsamer aber war, selbige mit einem Ende auf das jenseitige Ufer des Abgrundes zu bringen, indem wir wenig Raum, auch keine tuchtige Machinen darzu hatten, jedoch es muste endlich alles angehen, wie wir denn noch vor Nachts die 8. langen Balcken in ihr ordentliches Lager brachten, nachhero aber sehr ermudet unsere Bequemlichkeit auf dem steinigten Boden suchten, und uns sammtlich auf demselben nieder lagerten. Viele unter unserer Gesellschafft schlieffen, nachdem wir Beth-Stunde gehalten, auf diesem, obschon elenden Lager, bald ein, allein, mir war es unmoglich einzuschlaffen, weil ich, wegen der schmertzlich drukkenden Steine, ohngeacht ich meinen Rock darauf gebreitet, mich alle Augenblick einmahl umwenden muste; ausserdem machte das Wasser in dem Schlunde, welches vermutlich in selbiger Gegend einen starcken Abfall haben mochte, in der stillen Nacht ein solches grassliches Getose, dass meine Ohren mehr als zu verdrusslich wurden, selbiges anzuhoren. Dem Mons. van Blac und dem Chirurgo Julio mochte es eben so gehen wie mir, derowegen stunden sie auf, setzten sich bey das angemachte Feuer, und fingen an, Toback zu rauchen, also stund ich auch auf, und leistete ihnen Gesellschafft. Mons. van Blac erzahlete von vielen Wunder-Dingen der Natur, die er auf seinen Reisen angemerckt hatte, und wir beyde horeten ihm fleissig zu, mithin wurde uns die Zeit gar nicht lang, allein, wir erschracken ziemlichermassen, da plotzlich gegen uns uber, aus der Felsen-Klufft eine Feuer-Flamme in die Hohe fuhr, eben als wenn Colofonium durch ein starckes Rohr ware geblasen worden. Wir sahen einander stillschweigend an, und wusten nicht, was wir davon sagen und dencken solten, Mons. van Blac aber sahe nach seiner Uhr, und sagte: Es ist itzo accurat die Mitternachts-Stunde eingetreten, entweder hat der Satan sein Spiel, oder es ist eine entzundete Schwefel- oder Salpeter-Dunst gewesen. Ich gab ihm Beyfall, etwa 4 oder 5. Minuten hernach aber, kam eben dergleichen Flamme zum andern mahle, und wieder nach so langer Zeit, zum dritten mahle heraus gefahren; weiln wir nun solchergestalt glaubten, es wurde dieses noch offter geschehen, so weckten wir die nahe liegenden Mons. Wolffgangen und Litzbergen nebst noch einigen andern auf, und diese hatten sich kaum ermuntert, auch angehoret, was passirt war, als eben dergleichen Blitz zum 4ten mahle geschahe, und alle 4. biss 5. Minuten ordentlich wiederholt wurde. Endlich da er zum 12ten mahle heraus gefahren war, sahe Mons. van Blac abermahls nach seiner Uhr, und sagte: Was guts? wenn es ein Spielfechten des Satans ist, so wird es nun bald ein Ende haben, denn die Mitternachts-Stunde ist bald vorbey.

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als eine grassliche Stimme, die so starck war, als wenn 10. ja 20. Ochsen auf einmahl brulleten, die abgesetzten Sylben aus der Felsen-Klufft heraus rieff: Ka-to-mahoom. Es wahrete dieser Ruf, so zu sagen, in einem Athem, ohngefahr eine halbe Minute, worauf eine andere viel schwachere und gantz klaglich lautende Stimme, die, unsers Bedunckens, oben, zwischen den Felsen des schmalen Ganges hinter uns, heraus schallete, zur Antwort gab: Ur-mi-di. Hierauf horeten wir augenblicklich ein entsetzliches Geheule aus der Felsen-Klufft erschallen, eben als wenn eine gewaltige Anzahl Wolffe, Katzen, Eulen und dergleichen wohlsingende Thiere in einem Gewolbe eine Vocal-Music machten. Dieses Geheule dauerte ohngefahr 3. Minuten, worauf alles stille wurde. Mons. van Blac sagte: Nunmehro ist die Mitternachts-Stunde vorbey, und wir horeten, und sahen auch wurcklich weiter nichts, biss der helle Tag anbrach, da sich denn die andern alle ermunterten, und sehr verwunderten, dass sie, nach erhaltener Nachricht von dem, was passirt war, nicht das geringste gehoret hatten.

Wir hielten hierauf die Morgen-Beth-Stunde, und sungen unter andern das Lied: GOtt der Vater wohn uns bey etc. verzehreten das Fruh-Stuck, und sahen nachhero zu, wie Capitain Horns Leute wechselsweise die kleinen Quer-Holtzer mit eisernen Clammern, deren wir eine ziemliche Anzahl mitgebracht hatten, an einander und auch an die langen Balcken bevestigten, so, dass sich nichts schieben solte, und wir also ohne alle Gefahr, nicht nur daruber gehen, sondern auch wohl ziemliche Lasten hatten tragen konnen.

Etwa 2. Stunden uber Mittag war also die gantze Brucke fertig, allein, wir hielten nicht vor rathsam, gegen den Abend oder die Nacht zu, die jenseitige Klufft zu untersuchen, oder den grossen Berg zu beklettern, sondern es lieber zu sparen biss Morgen fruh, damit wir den Tag vor uns hatten; was mir aber am besten gefiel, war dieses, dass der Capitain Horn seine Leute befehligte, nach ihren Hutten umzukehren, und zwar unter dem Vorwande, dass sie nicht so viel an ihrer Schiffs-Arbeit verabsaumen mochten, ausserdem so ware eine so gar starcke Compagnie bey dergleichen Vornehmen, als wir hatten, nur beschwerlich, wenn wir aber ja etwas curieuses finden solten, wolten wir ihnen schon Nachricht davon geben, damit sie es hernachmahls nach Belieben auch in Augenschein nehmen konten, weiln ja der Weg offen bliebe, u.s.w.

Die guten Leute liessen sich so gleich weisen, parirten Commando, gingen frolich zuruck, und versprachen, Morgen gegen Abend eine gute Mahlzeit vor uns zuzubereiten. Als sie fort waren, legten ich und diejenigen, welche in vergangener Nacht gar nicht geschlaffen hatten, uns in etwas zur Ruhe, und schlieffen indessen, da die andern, so geschlaffen hatten, Wechsels-weise zu wachen versprochen, sehr wohl, biss ein paar Stunden nach Untergang der Sonnen. Mittlerweile war von den munter gebliebenen ein gross Feuer angemacht worden, um selbiges setzten wir uns herum, und warteten mit Verlangen, ob in der heuntigen Mitternachts-Stunde, abermahls etwas besonderes zu sehen und zu horen seyn wurde.

Mons. van Blac sahe dieserwegen fleissig nach seiner Uhr, und als es kaum eine Minute uber 11. Uhr war, kam eine gewaltige grosse Feuer-Kugel aus der Felsen-Klufft die Treppe herunter, und auf unsere Brucke gerollet, schwermete fast einer Minuten lang mitten auf derselben herum, und sturtzte sich endlich hinunter in den Abgrund, in welchem ein solches entsetztliches Geprassele und Getose entstund, dass uns fast allen, sowohl uber eins als uber das andere, ein Grausen ankommen wolte, der eintzige Mons. van Blac sagte mit Lachen: Nur nicht naher! so geths noch hin. Ich bath ihn stille zu seyn, er aber sprach: man siehet nun doch wohl, dass es nichts naturliches, sondern ein teuffelisches Blendwerck ist, desswegen muss man dem Teuffel die Liebe nicht thun, und sich vor ihm furchten, vielmehr seiner spotten; Wir haben uns GOtt besohlen, und sind nicht gesonnen, etwas boses auszuuben, was hat der Teuffel vor Macht an uns? Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als die andere Feuer-Kugel aus der Klufft Himmel zu fuhr, sich gemachlich wieder herunter senckte, eben als wenn sie zwischen uns niederfallen wolle, wesswegen wir indem aufspringen und zuruck lauffen wolten, allein, da sie noch wohl 50. Ellen uber uns war, verging sie plotzlich als ein Wind. Mons. van Blac hatte in Wahrheit die meiste Courage unter uns allen, denn er blieb ohnbeweglich sitzen, schalt unsere Furcht, die wir wegen des Teuffels-Gauckeley hatten, und ermahnete uns, ein starcker Vertrauen auf den Gottlichen Schutz zu setzen. Demnach blieben wir gantz hertzhafft sitzen, ob gleich vor Verlauff dieser Stunde noch 10. Feuer-Kugeln aus der Felsen-Klufft heraus geflogen kamen, die theils auf der Brucke herum schwermeten, und sich hernach in den Abgrund sturtzten, theils hoch in die Lufft stiegen, im Heruntersincken aber verschwanden. Nachdem dieses Feuer-Werck vorbey war, liess die Stimme aus der Felsen-Klufft folgende deutliche Sylben erschallen: On-za-to hoom! und die hinter uns antwortete noch klaglicher als gestern: Mi-di-schriz-schriz-schriz! Hierauf horete man abermahls ein grassliches Brullen, Heulen und Winseln aus dem grossen Berge erschallen, eben als wenn lauter Lowen, Baren, Wolffe, Hunde, Katzen und dergleichen Thiere darinnen befindlich waren, da aber die Mitternachts-Stunde zu Ende, ward alles auf einmahl stille, derowegen schlieffen wir Wechsels-weise, biss der helle Tag wieder da war.

Nachdem wir uns ingesammt in einem andachtigen Morgen-Gebeth GOtt befohlen, auch die Leiber mit krafftiger Speise und kostlichen Weine gestarckt hatten, steckten wir, jeder die Taschen voll Victualien, hingen die mit Wein gefulleten Flaschen uber die Schultern, nahmen in die lincke Hand eine Pech-Fakkel oder Wind-Licht, in die rechte aber theils einen Degen oder Pistol, deren jeder ein paar vor sich im Gurt gesteckt mit sich genommen, die Flinten hingen gleichfalls auf den Schultern, und also marchirten wir Paar und Paar uber die Brucke hinuber, an welcher nicht das geringste zu sehen war, dass sich in vergangener Nacht Feuer-Kugeln darauf herum getummelt hatten. So bald wir die Stuffen hinauf und in die Felsen-Klufft eingetreten waren, zeigte sich ein ohngefahr 3. Ellen breiter Gang gegen Suden zu, der jedoch von forne zu vollkommen durch das Tages-Licht erleuchtet wurde, welches von oben durch die FelsenRitzen hinein fiel, endlich wandte sich der Weg auf einmahl gegen Osten, und als wir denselben etwa 20. Schritt passirt, war kein Tages-Licht mehr, sondern eine dicke Finsterniss vor uns zu sehen; wesswegen wir alle unsere Fackeln und Laternen ansteckten. Mons. van Blac und der Capitain Horn gingen voraus, die Capitains Wolffgang und Wodley folgten ihnen, hernach kam Mons. Litzberg und ich, auch die ubrigen Paar und Paar. Bisshero war uns nicht das geringste von Ungeziefer vor die Augen gekommen, doch nunmehro, da wir die Feuchtigkeit spureten, ging auch die Furcht vor dem Ungeziefer an, allein, wir merckten nichts, sondern kamen, nachdem wir etwa 100. Schritt durch die Finsterniss gegangen waren, auf einem 20. Schritte langen auch so breiten Platze alle zusammen zu stehen. Der Platz war ziemlich vierekkig, biss 7. Ellen hoch, und oben als ein Gewolbe, sonsten aber an dessen Seiten nichts von Figuren oder sonsten etwas zu bemercken. Gleichwie wir nun bisshero nur einen kurtzen Strich gegen Osten, hergegen immer nach Suden zu gegangen waren, so fand sich auch auf derselben Seite ein 3. Ellen hohes Loch oder Thur, oben mit einem ordentlich ausgehauenen Schwibbogen, und nach fernerer Untersuchung eine Treppe von breiten Stuffen in die Tieffe. Ehe wir da hinein traten, thaten wir alle erstlich einen guten Schluck Weins, hernach ging die Reise fort, und ich kan nicht laugnen, dass, als ich schon 200. Schritt hinab gezahlet hatte, und dennoch kein Ende zu sehen war, mir, ohngeacht der Gesellschafft, doch gantz bange ums Hertze wurde. Endlich, ehe wir es uns versahen, befanden wir uns vor einem ordentlichen Tempel, in welchen das Tags-Licht durch etliche Oeffnungen des Felsens hell und klar hinein fiel, wesswegen ein Theil unserer Fackeln und Wind-Lichter ausgeloscht und nur einige derselben brennend hingesetzt wurden, wir aber gingen samtlich in den Tempel hinein, um denselben genauer zu betrachten, da wir denn Dinge fanden, welche wir allhier nimmermehr gesucht hatten. Um aber alles genau zu beschreiben, so war der Tempel im Umfange gantz rund, in der weite 68. Ellen, und 26. Ellen hoch, nehmlich da, wo er am hochsten war, denn die Decke war auch rund, als ob sie ordentlich ausgewolbt ware, da es doch nur durch Menschen also ausgeholet war.

In der Mitte dieses Tempels befand sich ein runder Altar, auf selbigen ein etwa Ellen hohes Gestelle, und auf diesen ruhete eine guldene Kugel, die im Durchschnitte 3. Viertel-Ellen hatte, und deren eingefugte grosse, mittelmassige und kleine Diamanten und andere edlen Steine einen wunderbaren schonen Glantz gaben, ja rechte Strahlen von sich warffen, zumahlen, da wir nachhero bey Nachts-Zeit Lichter dargegen stelleten. Rings um diesen Altar herum, zahleten wir 12. halb-runde Altare an den Wanden des Tempels angefugt, auf deren jeden ein 2. Ellen hohes massiv-guldenes Gotzen-Bild, und zwar in ordentlicher Weite von einander stunden. Das erste, so der Thur, wo wir hinein getreten, gegen uber stund, prsentirte sich in Gestalt eines Frauenzimmers, die einen mit Edelgesteinen besetzten halben Mond auf dem Kopffe, in den Handen aber einen gespanneten Bogen mit darauf gelegten Pfeile hatte, und sich stellete, als ob sie eben loss drucken wolte; zu ihren Fussen waren 2. Hirsch-Kopffe mit Geweyhen, ebenfalls von Golde zu sehen. Das andere von oben her, uns zur Rechten, war ein scheussliches Monstrum, indem es einen Kopff fast wie eine Nacht-Eule, vor der Stirn nur ein grosses Auge, sonsten aber fast uber und uber die Gestalt eines Baren hatte. Das dritte machte die Stellung eines ergrimmten Menschen, der etwas mit der Keule in Stucken zerschlagen will. Das vierte war zwar auch am Leibe gestaltet als ein Mensch, hatte aber einen Hunds-Kopff mit einem geraden spitzigen Horne. Das funffte zeigte die Figur eines aufgerichts sitzenden Ochsen, der die beyden Vorder-Pfoten ausstreckte, und den Rachen weit aufsperrete. Das sechste stellete das ordentliche Bildniss des Neptuni oder Meer-Gottes mit seiner dreyzackigten Gabel dar, so, wie es heutiges Tages gemahlt oder ausgehauen wird. Das siebende war unter allen das scheusslichste, indem es einen Lowen-Kopff mit krummen Hornern und grausame Krallen an den ausgebreiteten Vorder-Pfoten hatte. In die Augen waren ihm 2. grosse Diamanten eingesetzt, welche starcke Strahlen von sich warffen, mithin dieses Bild desto grasslicher vorstelleten, dessen Unter-Leib die Gestalt eines halben Frosches hatte; am allerschandlichsten aber prsentirte sich dasjenige Glied, welches zu verdecken, selbst die Natur erinnert, allein, hier schien es, als wenn das Modell von einem brunstigen Hirsche genommen ware. Das achte Gotzen-Bild, welches an unserer Eingangs-Thur zur Lincken stunde, fiel gegen das vorige etwas besser in die Augen, indem es ein lachlendes Frauenzimmer vorstellete, die auf dem Haupte eine Crone, von Aehren und allerley Blumen, die reichlich mit Edelgesteinen besetzt, unter dem rechten Arme ein Gefass mit Obst-Werck, in der lincken Hand aber einen Becher hatte. Unsern Muthmassungen nach, solte dieses Bild vielleicht die Gottin Ceres, so, wie das erste, etwa die Dianam vorstellen. Das neunte hatte die ordentliche Figur eines Affen, der auf dem Hintergestelle sass, die eine Vorder-Pfote in die Hohe, die andere aber niederwerts reckte, und die Zahne fletschte. Das zehende war abermahls ein schandliches Monstrum, indem auf 2. Greiffen-Klauen ein fast Kugel-runder sehr dicker Bauch, woran ein weibliches Geburths-Glied aus argerliliche Art bemerckt, zu sehen war. Um den Nabel herum zeigeten sich 6. Zitzen, oben aber lieff der gantze Bauch, ohne eine ordentliche Brust zu formiren, immer schmaler zu, so, dass es das Ansehen eines Halses bekam, aus welchem 2. Hande gewachsen, die ein kleines nackendes Kind bey dem Kopffe hielten, dessen Fusse in dem weit ausgesparreten Maule des auf dem Halse stehenden breiten Kopffes stacken. Sonsten aber befand sich auf diesem Kopffe eine sauber ausgearbeitete Crone von guldnen Blattern, die dem Epheu gleichten, zwischen selbigen auch viele edle Steine. Das eilffte stellete eine junge vigoreuse Manns-Person mit verdeckter Schaam vor, indem selbige auf dem lincken Fusse stund, den rechten aber vor sich aufgehoben hatte. In der Rechten hielte sie einen Griffel, in der Lincken aber eine Tafel, und zwar so, als ob sie darauf schreiben wolte. Weiln auch auf dem Rucken Flugel zu sehen, so bedunckte uns, dass dieses Bild vielleicht den Mercurium vorstellen solte. Das zwolffte endlich, so der, von uns also genannten Diana gleich zur Rechten stund, war eine, auf einer Kugel mit dem Schwantze sitzende ordentliche Schlange, Schlangenweise in die Hohe gerichtet, mit einem starcken Kopffe und funckelenden Augen, und einem im Maule haltenden guldenen Apffel.

Ausser diesen Gotzen-Bildern und mehr gemeldten, war doch in dem gantzen so genannten Tempel nicht das geringste von andern Sachen mehr anzutreffen, auch kan ich mit Wahrheit versichern, dass nichts von Staube oder Beschlag, ohngeachtet es ein unterirrdisches Gewolbe, darinnen zu spuren war, sondern die guldenen Statuen oder Gotzen-Bilder, glantzten alle noch dergestalt, als ob sie erst gestern vom Goldschmiede verfertiget worden.

Anfanglich glaubten wir zwar nicht, dass alle diese Bilder durchgehends von puren Golde waren, allein, da einige der unsern an verschiedenen ein und andere Proben gemacht, fiel fast aller Zweiffel, und derowegen waren wir ingesamt, uber diesen gefundenen un

schatzbaren Schatz fast ausser uns selbst, konten die ungemein saubere Arbeit nicht genung bewundern, und musten nunmehro vollkommen glauben, was die heilige Schrifft und so mancher Geschicht-Schreiber von den besondern Kunstlern der alten Zeiten meldet. Endlich gingen wir davon ab, und fanden noch 3. andere Ausgange aus diesem Tempel, deren 2. so wohl als der, da wir herein gekommen, offen stunden, von dem 4ten aber, der sich gegen Suden zu, gleich neben der Statua der Diana befand, bemerkten wir eine steinerne mit eisernen Staben oder Riegeln wohl verwahrte Thur, welches uns einiges Nachdencken verursachte. Nachdem nun in Vorschlag gebracht worden, den Ausgang nach Westen zu, noch zu untersuchen, so bezeigten die wenigsten von unsern Gefahrten Lust darzu, indem es weit uber Mittag war, und der Abend heran zu nahen begunte, gaben vielmehr zu verstehen, dass wir bey Zeiten wieder zuruck kehren mochten, weiln es uber Nacht in diesen unterirrdischen Gewolbern zu verbleiben gar zu furchterlich ware. Allein, Mons. van Blac trat hervor, und hielt folgende heroische Rede: "Meine Herren! sagte er, wer wolte furchtsam seyn? es ist zwar leicht zu erachten, dass der Teuffel entsetzlich bose seyn wird, weil uns GOTT wunderbarer Weise hieher gefuhret hat, seine Capelle zu zernichten, in welcher er vielleicht noch mit der Zeit neue Anbeter zu sehen vermeinet hat; allein, was wird er anders thun, als etwa unsern Augen ein Blendwerck und unsern Ohren ein Getose vormachen konnen? Ich weiss, dass sich seine Krafft, Macht und Gewalt allenfalls nicht weiter erstrecken wird, und wir konnen mit Recht unser Gespotte daruber haben, da wir wissen, dass GOTT unser machtiger Beschutzer ist, dem zu Ehren und zu Lobe, wenn es nach meinem Sinne gehet, wir nachster Tags die schandlichen falschen Gotter, auf der Insul Gross-Felsenburg, im Triumphe einfuhren wollen. Meine Herren! seyd derowegen Manner, lasset uns nur erstlich ein wenig erforschen, was es mit diesem Ausgange gegen Westen zu vor eine Bewandniss habe, und hernach bevorstehende Nacht mit Beten, Singen zu GOTT, in diesem Heyden-Tempel zubringen, denn es ist schwer zu glauben, dass, weil die Welt stehet, ein andachtig Vater Unser etc. an diesem Orte gebetet worden. Saget mir, ob GOTT hieran nicht einen besondern Gefallen haben wird, wenn man ihn an einen solchen Orte im Geist und in der Wahrheit anbetet, wo vielleicht vor diesen der Teuffel auf mancherley Art angebetet worden? Oder meinet ihr etwa, dass GOTT dieses Gewolbe, welches seine Langmuth so viele hundert oder tausend Jahre veste stehen, eben diese Nacht auf unsere Haupter wird einfallen lassen? Ich glaube es nicht, sondern hoffe, der GOtt, der uns hierher gefuhret hat, wird uns auch erhalten, dem Teuffel zum Trotz. Hiernachst legen wir, wenn wir diese Begebenheiten nach Europa berichten wollen, vor aller Welt Ehre ein, und die gantze Welt wird sich wundern, dass wir solche Glukks-Kinder sind, die je mehr Schatze finden, je mehr sie anderen Bedurfftigen damit zu helffen geneigt sind. Ich vor meine Person gehe nicht von dannen; will niemand bey mir bleiben, so bleibe ich alleine hier, damit ich Morgen nicht den Herweg vor den Hinweg rechnen muss."

Indem nun Mons. van Blac diese kleine Oration mit recht ernsthafften Gebarden hielt, schiene es, als ob die andern alle neuen Muth bekamen, derowegen versprachen wir, ihm, als dem gluckseligen Vorganger bey dieser Sache, in allen Stucken zu folgen, wo er hin wolte. Demnach steckten wir unsere Fackeln und Wind-Lichter an, und spatzirten in den dunckeln Gang nach Westen zu, welcher ohngefahr 80. Schritt lang war, und so dann ein Ende hatte, auf jeder Seite aber bemerckten wir 6. schmale Eingange, wesswege wir im Ruckwege selbige durchkrochen, mithin 12. geraumliche Cammern angetroffen wurden, in welchen wir einen starcken Vorrath von Eisen, Kupffer, Bley, allerhand wunderlich, jedoch zur Arbeit und Hausshaltung dienlichen Instrumenten, nebst dem, sehr viel verfault und vermodert Zeug fanden. Schauffeln, Picken, Hacken und dergleichen, lagen genung da, allein, die holtzernen Stiele an denselben, waren entweder schon verweset, oder sie zerfielen uns in den Handen, wie anderes faules Holtz. Mit Besichtigung anderer Instrumenten aber, die wir weder zu nennen noch ihren eigentlichen Nutzen wusten, brachten wir endlich die Nacht heran, gingen desswegen auch mit dieser Curiositat wohl vergnugt wieder zuruck, lagerten uns in dem geraumlichen Vorhofe des Tempels, der so gleich vor der Thur nach Norden zu befindlich, auf den Boden, liessen unsere Wind-Lichter bey uns stehen, hielten die Abend-Mahlzeit, nach derselben aber eine andachtige Bet-Stunde, und warteten mit Verlangen auf die Mitternachts-Stunde. Allein, mit Eintritt derselben geschahe ein grausamer Knall, eben als wenn 100. Canonen auf einmahl geloset wurden, auf diesen folgte ein grausames Geprassele, der Boden bebete unter uns, und es lief sich anhoren, als ob der gantze Berg in viel tausend Stucken zerspringen und in einen Klumpen zerfallen wolte. Wie uns hierbey zu Muthe gewesen, wird jederman leicht muthmassen, zumahlen da unsere Lichter nur einen kleinen Schein von sich gaben, als ob sie indem ausgehen wolten, weil ein dicker Staub oder Nebel dieselben verdunckelte. Endlich, da das grassliche Geprassele und unser erster Schrecken uber 3. Minuten lang gewahret, ward alles stille, wir spureten keine Erschutterung mehr, unsere Lichter fingen an heller zu brennen, der dicke Nebel verzohe sich zum Theil, so, dass wir erstlich mit Verwunderung bemerckten, wie die auf dem Altar befindliche runde Kugel als ein Uhrwerck sehr schnell herum lieff, und Strahlen von allerhand Farben von sich warff. Ferner bemerckten wir, doch als im Nebel, womit der Tempel angefullet war, dass sich Figuren wie Menschen in demselben regten, so theils gingen, theils stille stunden, theils auf dem Boden herum webelten. Um halb 12. Uhr stund die Kugel auf einmal stille, aus dem Eingange nach Osten zu, erschallete ein grasslicher Laut, als ob auf einem grossen Horne geblasen wurde. Hierauf erhub sich ein wunderlich durch einander her, grob und klar klingendes Schreyen, Heulen und Winseln, welches etwa 4. Minuten wahrete, und als das Horn zum andern mahle geblasen wurde, so gleich aufhorete. Nach diesem liess eine dumpffigte Stimme, die unserm Beduncken nach aus dem grossen Altare kam, etliche unvernehmliche Worte horen, worauf sich ein sanfftes Gemurmele im gantzen Tempel erhub, inzwischen aber liessen sich bald dort bald da laute Stimmen horen, als ob sie etwas fragten, worauf ihnen die dumpffigte Stimme aus dem Altar allezeit ordentlich antwortete, biss endlich das Schreyen, Heulen und Winseln wieder anging, und sich nicht eher als bey Blasung des Horns endigte. Kaum war der Schall des Horns verschwunden, als sich eben ein so starcker Knall, wie vor einer Stunde, auch eben dergleichen Erschutterung, Gepoltere und Geprassele, zutrug, jedoch uber alles dieses war der gantze Tempel voll lauter Feuer, und nicht anders anzusehen, als ein im hochsten Grad geheitzter Brenn- oder Schmeltz-Ofen, es schlugen etliche mahl Flammen heraus auf uns zu, wesswegen einige der Unsern furchtsam werden und zuruck welchen wolten, allein, wir vordersten sassen wie unbewegliche Steine, liessen uns nichts anfechten, und ich kan versichern, dass die heraus schlagenden Flammen nicht die geringste Hitze mit sich brachten, sondern ein blosses Lufft-Spiel waren, welches Gauckel-Spiel unter einem wiederholten Knall alles auf einmahl verschwand.

Nachdem wir uns von der gehabten Alteration, vollig erholt, vermeyneten einige, das Feuer wurde im Tempel alles verzehret haben, allein, da unsere Lichter wiederum vollkommen helle zu brennen anfingen, sahen wir keine Veranderung, ja, Mons. van Blac war so hertzhafft, mit einer Laterne im gantzen Tempel herum zu spatziren, und meldete sodann, dass er alles unversehrt gefunden hatte.

Folgenden Morgens war unsere erste Arbeit, den Ausgang nach Osten durchzusuchen, und daselbst fand sich, nachdem wir nur etwa 10. oder 12. Schritte in die Hole hinein gethan, ein guldenes Horn, etwa so lang, als ein gekrummter Manns-Arm, jedoch unten sehr weit und dick, an einer guldenen Kette hangen, gleich darneben auf der rechten Seite war eine offene Thur, durch welche wir in eine grosse Cammer, oder so zu sagen, Vorhoff traten, in welchem gerade vor uns, nach der Sud-Seite zu, 2. offen stehende, nach der Ost-Seite aber, eben so viel, jedoch verschlossene Thuren, zu sehen waren. Die erste von den offen stehenden fuhrete uns in eine grosse Cammer, die ziemlich helle war, indem das Tages-Licht durch 2. grosse Felsen-Locher hinein fiel, sonsten aber kam uns die Cammer als eine Kuche, oder gar als ein Laboratorium vor, indem sich einige hohe und niedrige Heerde, so dann verschiedene kleine, auch ziemlich grosse Feuer- und Schmeltz-Oefen, ingleichen 2. eingemauerte kupfferne Pfannen, eine 4. die andere 21/2. Ellen lang, beyde aber 2. Ellen breit und tieff, an welchen allen die Rauch-Fange gar kunstlich und geschickt oben hinaus gefuhret waren. Hiernachst fanden sich verschiedene in Ordnung gesetzte Instrumenta, als: Feuer-Rohre, Schauffeln, Gabeln, Hacken, eiserne und kupfferne Topffe, Tiegel, Pfannen, Schaalen, grosse und kleine Platten, und dergleichen Zeug, welches man theils in der Kuche, theils beym Schmeltzen und Laboriren brauchen kan; sonsten wurden noch 2. grosse zugedeckte Locher entdeckt, deren eines gantz mit Kohlen, und das andere uber die Helffte mit Asche angefullet war, ausser diesem allen aber nichts besonderes merckwurdiges, wesswegen wir zuruck und in die 2te offen stehende, Cammer gingen, die ebenfalls vom Tages-Licht erleuchtet war. Allhier zeigte sich der Thur gleich gegen uber auf einem halb-runden Altare das Bildniss Phbi, so, wie es noch heutiges Tages von den Mahlern und Bildhauern vorgestellet wird. Es war dasselbe so wohl wie die andern im Tempel 2. Ellen hoch, und von puren Golde. Auf jeder Seite des Altars, als wohin das meiste TagesLicht fiel, stunde ein aus dem gantzen gehauener steinerner Tisch, vor jedem auch ein steinerner Sessel, in der Mitte eines jedweden Tisches aber war eine viereckigte, grosse, guldene, glatt-gemachte Platte eingefugt, an welchen so gleich zu mercken, dass sie heraus genommen werden konten; als wir demnach die auf dem Tische zur Rechten ausgehoben, fanden sich in dem ausgeholten Tische 253. kupfferne und 118. steinerne Taflein, jedes 8. Zoll lang und 51/2. Zoll breit. Es wurde erstlich von jeder Sorte nur eins, hernach alle zusammen heraus genommen, jedoch numerirte Mons. Litzberg die kupffernen und ich die steinernen mit spitzigen Instrumenten, indem oben und unten an den Tafleins Platz genung darzu war. Auf allen Tafeln durchgehend, befanden sich, auf jeder Seite, nicht mehr und nicht weniger als 13. Zeilen Schrifft, die aber von uns so wenig gelesen, als nur ein eintziger Buchstabe oder Character erkandt werden konte. Mons. Litzberg wurde vor allen andern hieruber dergestalt verdrusslich und ungedultig, dass er sprach: "Wolte der Himmel! dass alle in diesem Berge befindlichen Kostbarkeiten zu blossen gemeinen Steinen wurden, wenn ich nur dagegen das Vergnugen haben solte, diese Schrifft lesen und auslegen zu konnen."

Viele, worunter auch ich, waren mit ihm einstimmig, der Wunsch aber vergeblich, derowegen wurde alles wiederum ordentlich nach den Nummern hinein gelegt, und wir begaben uns an der andern Tisch, huben die guldene Platte gleichfalls auf, und fanden unter derselben 402. guldene Tafeln, jede 9. Zoll lang, 7. Zoll breit und 1/8. Zoll dicke. Auf jeglicher Seite waren ebenfals nicht mehr als 13. Zeilen, jedoch die Littern oder Characters etwas grober ausgestochen, als in den vorherigen kupffernen und steinernen. Sie wurden alle ebenfals numerirt, und biss aus weitern Bescheid indessen wieder an ihren Ort und Stelle gelegt.

Lincker Hand, in der etwas dunckeln Ecke, sahe man eine, gleich einem Back Troge ausgehauene steinerne Lager-Statt, vor derselben eine Absatz, Stuffe oder Banck, und zum Haupten in der Ecke einen Tisch, unter welchem in 3. Fachern allerhand Instrumenta, als Messer, Grabstichel und dergleichen von verschiedener Grosse in behoriger Ordnung lagen. Auf dem Tische und der Banck stunden und lagen verschiedene Sachen, als eine kupfferne Flasche, ein goldener Trinck-Becher, 2. Pfannen oder halbe Topffe, 2. guldene Schalen, die an statt der Schusseln, und so viel Platten, die an statt der Teller zu gebrauchen, verschiedenes kleineres Geschirr, ein Messer, ein Loffel, dessen Stiel eine Schlange vorstellete, und was es sonsten mehr war. In obgemeldeter Lager-Statt fand sich, nach genauer Besichtigung, erstlich oben ein wurcklicher Todten-Kopff, so dann die starcksten Menschen-Knochen in ausgestreckten Lager, die dunnen, kleinen und schwachen Knochen aber waren schon gantzlich, oder doch mehrentheils verweset, und so wohl als die Kleider, die dieser Mensch angehabt haben mochte, zu Mulben und Asche worden. Wir liessen den Rest dieses Corpers in seiner Ruhe liegen, erblickten zu dessen Fussen nach der Thur hin, noch 2. eben dergleichen Lager-Statten, die aber rein und ledig waren, und da also in dieser Cammer weiter nichts merckwurdiges anzutreffen, eroffneten wir die Thuren der 3ten und 4ten Cammer, muthmasseten, dass solches die Speise- und Vorraths-Cammern gewesen seyn mochten, indem sich viel vermodertes und zu Staub und Asche gewordenes Zeug darinnen befand, doch kan ich auch nicht laugnen, dass wir einen ziemlichen Vorrath von nutzbaren Sachen allhier antraffen, die, wo nicht eben uns, doch unsern Nachkommen, noch wohl dienlich seyn konnen.1

Hierauf nahmen wir den Ruckweg nach der ersten Thur, bey welcher das grosse guldene Horn hing, erblickten derselben gegen uber abermahls eine Thur, welche uns in ein Gewolbe oder Cammer fuhrete, darinnen eine ziemliche Anzahl sowohl kupfferner als steinerner Wasser- oder Wein-Kruge und dergleichen Gefasse, befindlich, woraus zu schliessen, dass dieses der Keller gewesen, wo man das Getrancke verwahrt, wie denn gantz zu hinterst in diesem Gewolbe ein Strohmlein des klaresten und sussesten Wassers, fast eines Arms dicke, oben aus dem Felsen heraus geschossen kam, und sich auf dem Boden in einen sehr tieffen Riss ergoss, uber welchen jedoch ein steinerner Trog von ziemlicher Grosse gesetzt war. Im Zuruckgehen, fanden wir auf der rechten Seite im Gange, noch ein schmales Loch, jedoch weil man etliche Stuffen dahinunter, gewahr ward, wagten sich Mons. und ledig waren, und da also in dieser Cammer weiter nichts merckwurdiges anzutreffen, eroffneten wir die Thuren der 3ten und 4ten Cammer, muthmasseten, dass solches die Speise- und Vorraths-Cammern gewesen seyn mochten, indem sich viel vermodertes und zu Staub und Asche gewordenes Zeug darinnen befand, doch kan ich auch nicht laugnen, dass wir einen ziemlichen Vorrath von nutzbaren Sachen allhier antraffen, die, wo nicht eben uns, doch unsern Nachkommen, noch wohl dienlich seyn konnen.1

Hierauf nahmen wir den Ruckweg nach der ersten Thur, bey welcher das grosse guldene Horn hing, erblickten derselben gegen uber abermahls eine Thur, welche uns in ein Gewolbe oder Cammer fuhrete, darinnen eine ziemliche Anzahl sowohl kupfferner als steinerner Wasser- oder Wein-Kruge und dergleichen Gefasse, befindlich, woraus zu schliessen, dass dieses der Keller gewesen, wo man das Getrancke verwahrt, wie denn gantz zu hinterst in diesem Gewolbe ein Strohmlein des klaresten und sussesten Wassers, fast eines Arms dicke, oben aus dem Felsen heraus geschossen kam, und sich auf dem Boden in einen sehr tieffen Riss ergoss, uber welchen jedoch ein steinerner Trog von ziemlicher Grosse gesetzt war. Im Zuruckgehen, fanden wir auf der rechten Seite im Gange, noch ein schmales Loch, jedoch weil man etliche Stuffen dahinunter, gewahr ward, wagten sich Mons. van Blac und der Capitain Horn allein hinunter, und versprachen, wenn Gefahr vorhanden, so gleich wieder umzukehren, bey guten Fortkommen aber einen Laut von sich zu geben. Da wir nun diesen zum offtern horeten, folgeten Litzberg und ich ihnen nach, und traffen die beyden Vorganger in dem ausgeholten Altare an, auf welchem sie zu oberst schon eine guldene Platte aufgehoben und mit dem halben Leibe hinauf gekrochen waren, so, dass sie den gantzen Tempel ubersehen konten, worauf sie uns beyden Nachkommenden hierzu auch Platz machten. Sonsten befand sich in diesem Altare ein stahlernes Uhrwerck, vermittelst dessen die guldene Kugel zum schnellen Herumlauffen gebracht werden konte, welches Mons. Litzberg zu unserer aller Verwunderung, so offt er nur wolte, werckstellig zu machen geschickt war. Ausserdem bemerckten wir 8. kleine Locher, in welche man etwa einen Finger stecken, jedoch alles im Tempel dadurch beschauen konte. Ingleichen fand sich ein guldenes unten sehr weites, fast wie ein Sprach-Rohr gemachtes Horn, bey nahe einer Ellen lang, darinnen, welches uns auf die Gedancken brachte, es wurden vielleicht die Gotzen-Priester den Fragenden dadurch geantworttet haben, und dass dieses gantze Heiligthum etwa gar ein Oraculum gewesen ware. Vor dieses mahl aber legten wir alles wieder an seinen Ort und Stelle, nahmen den Ruckweg, und offneten die wohl eingefugte steinerne Thur, so gegen Suden zu, bey dem Altare der Diana befindlich war. Ausserhalb dieser fanden wir eine starcke eiserne und dann noch eine dicke steinerne Thur, die alle beyde mit grossen eingelegten eisernen Riegeln verwahrt, und mit schwerer Muhe eroffnet werden musten.

Da aber dieses geschehen, konte man ein geraumes, doch unformliches sehr finsteres Loch sehen, in welches wir mit allen angezundeten Fackeln und WindLichtern eintraten, jedoch nur etliche 70. biss 80. Schritte fort thaten, als wir oben uber uns, durch einen schmalen Felsen-Riss, den klaren Himmel, ja so gar etliche Sterne an demselben erblickten, welches einigen in der Astronomie Unerfahrnen, unter uns sehr wunderbar vorkam, allein, es wurde ihnen dieses Wunders Ursache bald kund gemacht. Je weiter wir fort schritten, je breiter wurde nicht allein der FelsenRiss uber unsern Hauptern, (so, dass wir der Fackeln hatten entbehren konnen) sondern auch der Weg, in welchem wir sehr ubel fort kommen konten, denn es war derselbe dergestalt voll Risse, Kluffte, spitze und scharffe Steine, dass man alle Augenblick befurchten muste, nicht nur die Schue, sondern vielmehr die Fusse zu beschadigen. Dieser schandlich bose Weg war uber 130. Schritt lang, biss wir an einen ziemlich starcken Wasser-Fall kamen, welcher erstlich einen massigen Teich machte, und aus welchem hernach das Wasser durch krumme Wege weiter Berg- abfloss. Wir glaubten, dass dieses eben das Wasser sey, welches oben aus dem Keller und unter dem GotzenTempel hinweg biss hierher kame, passirten an der lincken Seite des Teichs, auf einen etwas bessern Wege, um einen runden Hugel herum, und bekamen, nachdem wir noch etwa eine halbe Viertel-Stunde Wegs zuruck gelegt, erstlich einen weitlaufftigen angenehmen grunen und ebenen Platz, auf welchem sehr viel fruchtbare Baume stunden, vor demselben aber die offenbare See ins Gesichte. Wir gingen biss an das Ufer der See, und fanden selbiges sehr bequem zum Anlanden, an keinem Ende des Platzes aber, war man vermogend, um das Geburge herum zu kommen, sondern die steilen Felsen-Spitzen gingen weit in die See hinein, machten also, dass dieser grune Platz, dessen Lange am Ufer etwa 500. Schritt, die Breite aber von dem Berge biss zum Ufer etwa 400. Schritt war, ein rundes aufgeschnittenes Brod psentirte.

Bey unserer Herum-Fahrt um diese kleine Insul, war dieser grune Platz zwischen und unter den rauhen Felsen bereits angemerckt worden, wesswegen es keine Muhe bedurffte, mit dem Boote daselbst anzufahren, weiln es aber bereits Mittag war, rieth Mons. van Blac, dass wir nunmehro, da unsere Curiositat sattsam vergnugt, den Ruckweg suchen, und so viel, als moglich, nach den Hutten eilen mochten, indem sonsten die Zuruck geschickten, sich eines uns begegneten Unglucks-Falls besorgen, also ohnfehlbar kommen, und uns aufsuchen wurden. Capitain Horn versetzte hierauf: "Meine Herren! ich habe auch etwas zu erinnern; mir scheinet nicht rathsam zu seyn, von allen dem, was wir unter diesem Geburge gefunden und gesehen haben, meinen Leuten und den Portugiesen einen wahrhafften Bericht abzustatten; die Ursachen sind leicht zu errathen, was wir ihnen aber vorschwatzen wollen, das kan unterwegs unter uns verabredet werden, damit wir alle bey einerley Rede bleiben. Mein getreuer Rath ist demnach dieser, dass sie allerseits, gleich Morgen zuruck fahren, bey diesem grunen Platze anlanden, durch den Gang, den wir itzo gekommen sind, und wieder zuruck gehen wollen, passiren, und von den gefundenen Schatzen, aus dem Tempel und sonst, so viel mit hinuber nehmen, als ihnen auf das ernste mahl beliebig ist, nachhero konnen sie ja in folgenden Tagen, ohne sich bey uns spuren zu lassen, so offt kommen, biss alles ausgeleeret ist. Hiernachst halte ich vor das Beste, dass wir unsere geschlagene Brucke von einander reissen, und in den Abgrund sturtzen, denn es wird uns ein leichtes seyn, etliche eiserne Clammern auszubrechen, so dann die langen Balcken aus einander zu ziehen, worauf die gantze Machine in den Grund sincken muss. Ich wurde ihnen, meine Herren! (fugte der Capitain Horn noch hinzu) vielleicht diesen Rath nicht geben, wenn ich interessirt ware, und nach nochmahliger glucklichen Zuruckkunfft aus Europa, nicht selbst Lust hatte, meine ubrige Lebens-Zeit auf der gluckseligen Insul Gross-Felsenburg zuzubringen, und mich mit einem bereits auserwahlten lieben Schatze zu vereheligen, welches beydes mir hoffentlich nicht wird abgeschlagen werden. Allein, nunmehro ist keine Zeit zu versaumen, sondern vielmehr zuruck zu eilen, unterwegs kan von allen ein mehreres gesprochen werden."

Dieser Vortrag des Capitain Horns kam uns allen gantz wunderbar vor, doch fanden wir vor billig, ihm in allen Stucken Beyfall zu geben, und nachdem wir erstlich die Brucke in den Abgrund gesturtzt, ein mehreres von den Sachen zu reden, eileten also moglichstermassen zurucke, und kamen gleich nach 3. Uhr auf dem Platzgen, jenseit unserer holtzernen Brucke an. Hier schickten wir die beyden alten Herrn Wolffgang und Wodley voraus, nachdem wir mit ihnen verabredet, dass sie am Fusse des Geburges unserer warten, woferne ihnen aber einige von Capitain Horns Leuten begegneten, nur mit ihnen nach den Hutten gehen und vorgeben solten, wir jungen Leute hatten erstlich noch ein Geburge besteigen wollen, welches ihnen zu verdrusslich geschienen, wurden aber in weniger Zeit nachfolgen. Inzwischen waren unsere Hande dergestalt fleissig an Zerreissung der Brucke, dass selbige um 5. Uhr schon vollig in die Tieffe versenckt, und man kaum sehen konte, dass an diesem Orte eine gewesen war. Allein, weil wir uns bey dieser Arbeit ziemlichermassen entkrafftet, konten die Fusse nicht sogar scharff, als sonsten, marchiren, derowegen war die Sonne schon untergegangen, als wir die Herrn Wolffgang und Wodley unten am Fusse des Berges auf der Ebene antraffen. Wir setzten uns, von der grossen Mudigkeit in etwas auszuruhen, bey ihnen nieder, beschlossen auch, mehrentheils diese Nacht allhier zu verbleiben, weil noch Proviant genung vorhanden war; allein, Capitain Horn sagte: Meine Herren! wir wollen heute zwar nicht nach den Hutten, aber doch, wenn wir erstlich ausgeruhet, ein Stuck Wegs nach Nord-Osten zugehen, und uns daselbst bey einem angemachten Feuer lagern, denn ich glaube gantz gewiss, dass meine Leute, wo nicht heute Nacht, doch Morgen mit dem fruhesten, uns zu suchen, ausgehen werden. Sie treffen uns nun an oder nicht, so konnen wir ihnen doch nachhero desto fuglicher weiss machen: Wir hatten die Brucke und den vorigen Weg gar nicht finden konnen, sondern waren durch andere hochst-gefahrliche Wege endlich aus der Nord-Ost-Seite mit Kummer und Noth wieder vom Berge herunter gekommen. Dieser Vorschlag liess sich wohl horen, derowegen ruheten wir noch eine Zeitlang, und spatzirten so dann, weil es eine angenehme gantz helle Nacht war, ein gut Stuck Weges um den Berg herum nach Norden zu, machten bey einem Gepusche ein Feuer an, lagerten uns, und schlieffen Wechsels-weise, biss die Sonne schon 2. biss 3. Stunden unsern Horizont beschienen hatte, kamen auch nicht eher als Nachmittags in den Hutten an, und erfuhren daselbst so gleich, dass fruh vor Anbruch des Tages 6. Mann von ihrer Gesellschafft uns zu suchen ausgegangen waren, indem ihnen allen unser gar zu langes Aussenbleiben bedencklich gefallen ware. Wir uberliessen die Antwort dem Capitain Horn, welcher ihnen lauter erdichtet Zeug mit vielen Umstanden vorschwatzte, endlich auch sagte: dass wir zwar wiederum auf die Stelle gekommen, wo die holtzerne Brucke geschlagen gewesen, hatten aber die Brucke selbst nicht wieder finden konnen, wesswegen wir uns gemussiget gesehen, die grasslichsten Klippen und Kluffte zu uberklettern, da es sich denn endlich gefugt, dass wir gestern in spater Nacht an der Nord-Ost-Seite herunter kommen, und ein geruhiges Nacht-Lager in selbiger Gegend halten konnen.

Indem wir nun hierauf von den zubereiteten warmen Speisen etwas zu uns nahmen, kam einer von Capitain Horns Leuten gelauffen, und meldete, dass die heute fruh ausgegangenen 6. Mann zuruck kamen, von ferne aber schon mit Zeichen und Gebarden so viel zu verstehen gaben, als ob ein grosses Ungluck entstanden ware. Wir gebothen demnach allen, nicht zu sagen, dass wir in den Hutten gegenwartig waren, sondern nur erstlich anzuhoren, was sie vor Nachricht bringen wurden. Da sie nun naher kamen, rieffen fast alle zugleich: O! welch ein Ungluck, die Brucke ist von den bosen Geistern in den Abgrund gesturtzt, und unser redlicher Capitain Horn ist ohnfehlbar mit seiner gantzen Gesellschafft ums Leben gekommen, denn wir horen und sehen nichts von ihnen, ohngeacht, da wir etliche Stunden lang ein Geschrey gemacht, dass die Felsen hatten bersten mogen; O! die ehrlichen Leute; Ach der wackere Capitain! was wollen wir nun anfangen? Hierauf trat der Capitain und wir alle zu den Hutten heraus, da denn die Verwunderung und Freude bey diesen 6. Mannern unbeschreiblich war. Capitain Horn erzahlte diesen eben die Geschichte, welche er ihren Mit-Gesellen kurtz vorhero erzahlet hatte, liess mithin alle bey den Gedancken, dass die Brucke von bosen Geistern eingesturtzt seyn musse.

Wegen grosser Mudigkeit beschlossen wir GrossFelsenburger, heute noch bey dieser Gesellschafft auszuruhen, legten uns derowegen bey Zeiten zur Ruhe, bald nach Mitternacht aber wanderten wir nach unserm Boote, vergassen auch nicht, etliche taugliche Stucken Holtz mitzunehmen, aus welchen wir auf dem Boote Trage-Baaren zusammen nagelten, um, auf solchen die Gotzen-Bilder und ander Sachen, aus dem Tempel ins Boot zu tragen.

Es war Vormittags zwischen 9. und 10. Uhr, da wir hinter dem Berge bey dem obgemeldten grunen Platze anlandeten, wesswegen nur allein die beyden Capitains Wolffgang und Wodley im Boote bleiben musten, wir jungen starcken Leute aber stiegen aus, nahmen Fackeln, Wind-Lichter und allen Zubehor mit uns, und brachten noch vor Abends nicht allein die auf dem Altare stehende runde Kugel, sondern auch noch 6. Gotzen-Bilder ins Boot, ruderten sodann, weil, wie schon gemeldet, die Nachte um selbige Zeit gantz helle waren, damit auf und darvon, und kamen folgenden Morgen, nehmlich des Montags, glucklich auf Gross-Felsenburg an, nachdem wir eben 7. Tage und 7. Nacht aussen gewesen waren, und es sich accurat so geschickt hatte, dass wir am Palm Sonntage, dem Teuffel seinen Tempel zu spoliren angefangen. Weiln aber dieses die heilige Marter-Woche war, so beschlossen wir, unserer Andacht keinen Abbruch zu thun, sondern die fernern Reisen biss nach dem Heiligen Oster-Feste zu versparen, schickten jedoch mit dem Boote, der auf Klein-Felsenburg befindlichen Gesellschafft, viel frische Lebens-Mittel, auch allerley Lecker-Speise und Wein, insonderheit Herr Diaconus Herrmannen mit etlichen Singe-Knaben hinuber, welche dasigen Volcke das Fest uber Kirche halten solten; den Capitain Horn aber liessen wir mit zuruck bringen, um, biss nach dem Oster-Feste bey uns zu bleiben. Jedoch ich muss etwas zuruck gehen und melden, dass wir gleich bey unserer Ankunfft die GotzenBilder auf den Trage-Baaren, jedoch eingehullet, und mit daruber gedeckten Teppichen herauf tragen, und mitlerweile in eine kleine Cammer, so unten in unsern Kirch-Thurme befindlich, setzen liessen. Am grunen Donnerstage Nachmittags, da sich nach verrichteten Gottes-Dienste alles Volck biss auf die Aeltesten und Vorsteher nach Hause begeben, zeigten wir demselben sowohl als dem Alt-Vater Alberto II. denen Herrn Geistlichen und andern erfahrnen Leuten, unsere gefundenen Schatze, welche vor Verwunderung nicht wusten, was sie davon gedencken solten; Derowegen begaben wir verreiset gewesenen uns sammtlich mit ihnen auf die Albertus-Burg, allwo mir von der ReiseGesellschafft aufgetragen wurde, einen ausfuhrlichen Bericht von allen Begebenheiten abzustatten, welches denn zum theil vor, zum theil aber nach der AbendMahlzeit geschahe. Nach Endigung meiner Erzahlung wusten meine Zuhorer nicht, ob sie sich mehr uber diese Heydnischen Alterthumer, oder uber die wunderbare Fugung, oder uber unsere Courage verwundern solten, dahero ich denn nicht vergass, den Mons. van Blac, wegen seines ausnehmenden HeldenMuths, besonders heraus zu streichen, ja es wurde ihm von uns und allen zuerkannt, dass er die HauptPerson bey dieser Entdeckung sey. Inzwischen war unter allen denen, die diese Wunder-Geschicht angehoret, kein eintziger, welcher nicht die groste Begierde gezeigt hatte, diesen Gotzen-Tempel und das gantze unterirrdische Werck selbst in Augenschein zu nehmen, wesswegen beschlossen wurde, dass wir gleich bey der ersten Fahrt, den Alt-Vater Albertum, Hrn. Mag. Schmeltzern und noch einige Stamm-Vater mit dahin nehmen solten. Wie also, nicht nur die stille Woche, sondern auch das Heilige Oster-Fest mit behoriger Andacht gefeyert worden, machten wir so gleich Tags hernach Anstalt zu unserer Reise, und Donnerstags den 9. Apr. fuhren wir, in starcker Gesellschafft, auf 2. Fahr-Zeugen abermahls hinuber, liessen mit dem einen den Capitain Horn wiederum zu seinen Leuten, hergegen den Priester, Herr Hermannen, nebst den Singe-Knaben zuruck, auf den grunen Platz bringen; von welchen wir erfuhren, dass sich der meiste Theil des Schiffs-Volcks, auch so gar die frembden Portugiesen, diese Heilige Tage uber sehr still und andachtig bezeigt, auch die wenigsten gespielet, oder andere uppige Lust getrieben hatten. Unter der Zeit aber, da das andere Fahr-Zeug unterwegs, war der groste Theil der Unsern mit dem AltVater, Herrn Mag. Schmeltzern und andern Aeltesten in den Berg hinein gegangen, da denn alles so gefunden wurde, wie wir es verlassen hatten, worbey, wie leichtlich zu erachten, diejenigen, so den wunderbaren Bau zum ersten mahle sahen, sich ungemein daruber verwunderten, da aber die Trager ihre Lasten zum andern mahle aufgefasset, und schon ein ziemlich StuckWeges damit voraus waren, folgeten wir ubrigen ihnen auch nach, indem der Abend heran zu nahen begunte, denn der Alt-Vater so wohl als die andern Aeltesten bezeigten keine Lust uber Nacht an solchen furchterlichen Orten, sondern viel lieber unter freyen Himmel zu verbleiben, demnach lagerten wir uns alle auf dem grunen Platze, nicht ferne vom Meer-Ufer, bey etlichen angemachten Feuern, brachten aber den meisten Theil der Nacht mit Gesprachen zu, denn ein jeder von den Erfahrensten sagte seine Meinung von diesem Wercke und Wesen, worauf endlich Herr Mag. Schmeltzer also zu reden anfing: Lieben Freunde und Bruder! Wenn wir so gelehrt waren, die Schrifften auf denen in den Tischen gefundenen Tafleins auszulegen, so wurden wir ein grosses Licht in dieser dunckeln Sache finden, so aber ist dieses einem so wohl als dem andern unmoglich, und wer weiss auch, ob sich in gantz Europa jemand finden mochte, der so hochgelahrt ist, diese Schrifften, welche ich vor der damahligen Einwohner Zeit-Geschicht- und Gesetz-Bucher halte, auszulegen. Euer aller Meinungen sind nicht unvernunfftig, ob gleich dann und wann eine wider die andere streitet. Wohl kan es seyn, dass dieser Tempel und Heydnisches Heiligthum, viele hundert Jahre vor unsers Heylandes CHristi Geburth erbauet worden, und dass die Leute, deren nicht wenig mussen gewesen seyn, viele Jahre damit zugebracht, ehe sie so viele Gange, Gewolber und Cammern in diesen, obschon nicht allzu harten SteinBerg, ausund durchgehauen haben. Wie ich vernehme, so findet sich in diesem Geburge sehr viel reichhaltig GoldErtz, denn Mons. Litzberg, Plager und einige andere haben mir Ertz-Stuffen aus diesem Berge gezeigt, worinnen gantze Stucken des gediehenen Goldes, grosser als eine Feld-Bohne zu sehen, ohne die kleinern Stucklein. Bekannt ist es, dass das Gold vermogend ist, der allermeisten Menschen Hertzen an sich zu ziehen, und dass schon vor uralten Zeiten sich Leute mit Schiffen in das wilde Meer gewagt, um Gold aus andern Landern und Insuln zu holen, wie wir solches nicht allein in den alten Geschicht-Buchern von allerley Sprachen, sondern auch in der heiligen Schrifft, I. Reg. IX, 27. 28. lesen, dass Hiram, der Konig zu Tyro, seine Knechte, die gute SchiffLeute und auf dem Meere sehr wohl erfahren gewesen, mit den Knechten des Konigs Salamo gesendet, da sie denn nach Ophir gekommen, und von dannen dem Konige Salomo 420. Centner Goldes gebracht, welches in Wahrheit auch ein schoner Klumpen gewesen seyn muss. Dass andere Nationen von Heyden, um, und nach selbiger Zeit nicht weniger in der Schiffart wohl erfahren gewesen, ohngeacht sie zur selbigen Zeit noch keinen Compass gehabt, indem derselbe nur erstlich vor 300. und etlichen Jahren erfunden worden, ist gleichfalls eine ausgemachte Sache, derowegen kan es, wohl seyn, dass einmahl ein Schiff mir solchen Gold-Suchern an diese Insul verschlagen worden, da sie sich denn wegen der angenehmen Gegend, entweder so gleich allhier freywillig niedergelassen, oder von der Noth gezwungen gesehen, in Ermangelung eines tauglichen Schiffs, da zu bleiben; Oder sie sind erstlich nach Hause gefahren, haben ihre Weiber und Kinder hergeholet, mithin die bestandige Wohnung aufgeschlagen, weil allhier ein fruchtbarer Boden ist. Ob sie nun das Commercium mir andern Menschen fortgefuhret, oder in diesem abgelegenen Stucklein von der Welt, vor sich alleine in Ruhe geblieben, das ist eine andere Frage. Nun frage sichs auch, ob sie ihre Hutten auf dem Lande gebauet, oder alle in den Felsen-Klufften gewohnet: Ich glaube das erstere, dass nehmlich wenigstens diejenigen, welche das Feld gebauet, etwa in der Gegend, wo die Urnen gefunden worden, die Berg-Leute und Gold-Sucher aber, auch wohl im Geburge gewohnet haben mogen. Wie starck diese Colonie gewesen? Wie lange sie sich hier aufgehalten? Dieses und dergleichen sind vergebliche Fragen, die niemand beantworten kan; das aber ist wohl zu glauben, dass sie einen bestandigen Sitz hier haben wollen, und erhellet daraus, weil sie einen so grossen Tempel und kostbare Gotzen-Bilder verfertiget, welches alles auch Zeugnisse sind, dass es keine grobe, ungeschliffene, sondern guten Theils kluge, kunstliche und geschickte Heyden mussen gewesen seyn. Nun ist die Haupt-Frage: Wo sind sie alle hingekommen, so, dass wir von allen diesen vermuthlich vielen Volcke kein anderes Uberbleibsel als 10. Gefasse mit Asche und ein eintziges Todten-Gerippe finden konnen? Haben sie vielleicht keine Weiber, ihr Geschlecht zu vermehren, bey sich gehabt, mithin endlich wohl aussterben mussen? Oder sind sie, so wohl Weiber, Manner als Kinder, durch eine Pestilentz, alle zusammen hingerafft worden? Oder sind sie von andern wilden Nationen massacrirt, beraubt oder sammtlich gefangen hinweg gefuhret worden? Dieses alles lasst sich fragen, anhoren, nur aber nicht grundlich beantworten. Man konte sagen: Wenn sie von ihren Feinden waren ausgerottet worden, so wurden selbige doch auch den Tempel gefunden und ausgeplundert haben. Allein, konte es nicht auch seyn, dass eben diese Feinde, durch des Teuffels und seiner Pfaffen Gespenster und Gauckeleyen abgeschreckt worden, sich in die unterirrdischen Holen zu begeben: Vielleicht haben sich nur, bey dem morderischen Uberfalle, die Pfaffen alleine in den Tempel zu retiriren und aufzuhalten Gelegenheit gefunden, da denn immer einer den andern begraben, biss auf den Letzten, der sich in sein steinern Bette gelegt, und den Todt darinnen erwartet, mithin unbegraben oder unverbrannt liegen geblieben, und mogen der vornehmsten Pfaffen vielleicht 3. gewesen seyn, weil sich nur 3. ausgehauene Bett-Stellen in der einen Cammer befinden. Uber den grasslichen Abgrund jenseit des Berges nach der Insul zu, mogen diese Leute auch wohl eine Brucke gehabt haben, die aber nach der Zeit verfault und versuncken seyn kan, oder wer weiss, ob dieser Riss zu ihrer Zeit schon gewesen, und nicht erst nachhero entstanden ist? Denn man hat Exempel genung, dass Felsen zerspalten und zerrissen, mithin solche Abgrunde entstanden, die vorhero nicht gewesen oder gesehen worden sind.

Mit diesen und noch viel mehreren Reden, hatte uns also Herr Mag. Schmeltzer seine Gedancken zu vernehmen gegeben, schloss aber endlich also: Es lasst sich, meine Freunde und Bruder! von diesen Sachen viel urtheilen und schwatzen, allein, wir schwatzen alle davon, wie die Blinden von der Farbe, so lange als wir die Schrifften auf den guldenen, kupffernen und steinernen Tafeln nicht auslegen konnen.

Hierauf legten wir uns grosten Theils zur Ruhe, des folgenden Freytags begaben sich der Alt-Vater nebst den Aeltesten, Hn. Mag. Schmeltzern, Hn. Herrmannen und andern nochmahls mit in den Tempel, und blieben biss uber Mittag darinne, da inzwischen die jungen fleissigen Arbeiter im Tragen sich dergestalt angriffen, dass wir auf beyden Fahrzeugen eine ziemliche und sehr kostbare Ladung hatten, und also fuhren wir ingesamt Sonnabends mit dem allerfruhesten von

dannen ab und zuruck nach Gross-Felsenburg. In folgender Woche thaten Mons. van Blac und Litzberg die Reise noch 2. mahl, nahmen allezeit andere mit, so das Wunder-Gebaude noch nicht gesehen hatten, und brachten endlich alles, was sich so wohl im Tempel als sonsten, nutzliches und brauchbares, vom grosten biss zum kleinesten, befunden hatte, glucklich heruber; da inzwischen ich und viele andere, so zu erst mit gewesen, um auszuruhen zu Hause geblieben waren.

Diesemnach wurde Rath gehalten, ob man die Gotzen-Bilder in Klumpen schmeltzen und dieses Gold bey die andern Kostbarkeiten, in die unter der Albertus-Burg befindliche Schatz-Cammer legen, oder sonsten etwas daraus giessen lassen wolte? Allein, Herr Mag. Schmeltzer sprach selbst darwider, und rieth, man solte es immer noch, als eine besondere Antiquitat, im itzigen Stande und Wesen lassen, von den guldenen, steinernen und kupffernen Tafeln aber dem Capitain Horn einige Stuck mit nach Europa geben, damit er sie daselbst in Kupffer stechen lassen, auch in natura etlichen hochgelahrten Leuten zeigen konte, als an welche, er, Herr Mag. Schmeltzer, dieserwegen Briefe schreiben und ein starckes Prmium darauf setzen wolte, vor denjenigen, der den Schlussel zu der unbekandten Schrifft finden wurde.

Wir billigten also diese Meynung ingesammt, und versprachen einander, vor des Capitains Horns Abreise, diesen Sachen schon noch weiter nachzudencken, und einen Schluss daruber zu fassen. Gedachter Capitain Horn hatte, weil es voritzo ohnedem Winter zu werden angefangen, und im Felde nicht viel zu thun war, um noch mehrere Gehulffen angehalten, die 2. neuen Schiffe vollends, und zwar je eher je lieber, zu rechte und in die See bringen zu konnen, denn es war, wie ich, wo mir recht ist, schon oben gemeldet, resolvirt worden, vor uns Felsenburger ebenfalls ein gantz neues und starckes Schiff zu erbauen, welches in der Bucht gegen Suden zu, liegen bleiben solte, um sich dessen entweder zur Lust, oder auf kunfftige vorhero unbewuste Falle bedienen zu konnen.

Dieser Ursachen wegen wurde dem Capitain Horn nun um so viel desto hurtiger gewillfahret, und die Arbeit dergestalt hurtig fortgesetzt, dass Capitain Horn die sichere Hoffnung hatte, beyde Schiffe vor Ausgang des Junii vom Stapel in die See lauffen zu lassen.

Es lieff wider meine Commoditat nunmehro so offt nach Klein-Felsenburg hinnuber, und dem SchiffsBaue zuzusehen, wie viele andere, und sonderlich Mons. van Blac und Litzberg thaten, dahingegen wartete ich die Information in der Schule fleissig ab, brachte gleich den andern meinen Garten in vollkommenen guten Stand, bauete hinter meiner Wohnung im Hofe eine Scheune und verschiedene Stalle vor allerley Vieh, indem ich nicht nur allerley Vieh halten, sondern auch zwischen meinem Garten und der Alberts-Raumer-Grantze ein Stucke Feld annehmen, dasselbe mit anderer Leute Hulffe zurichten und mit allerhand Getrayde, mehr zu meiner Lust, als aus Nothdurfft besaen, hernach die Fruchte einerndten und in meine Scheuern sammlen wolte. Hierzu bewegte mich meine Cordula, welche eine ungemeine Liebhaberin von der Zucht des aus Europa angekommenen Viehes, ingleichen vom Garten- und Feld-Baue war. Ausser diesem war Spinnen und Weben ihre tagliche Arbeit, und machte sie auf 2en Weber-Stuhlen, die ihr Lademann in ihr besonderes Zimmer verfertiget hatte, Wechsels-weise die schonsten Zeuge, theils von Leinen-theils von Baumwollenen Garne, wie denn die Weiber der Priester, so wohl als andere sich ebenfals dieser, manchem Europaischen Frauenzimmer verachtlich vorkommenden Arbeit nicht schameten. Ob nun schon meine Hausshaltung nur aus 5. Personen, nehmlich aus mir, meiner Frauen, dem kleinen Sohne, einem Knaben und Magdlein zur Aufwartung, bestunde, so war doch alles ordentlich sauber und reinlich darinnen anzutreffen. Dieses aber nicht allein bey mir, sondern auch in allen Hausern, wo man nur hinkam; indem in den Pflantz-Stadten, diejenigen, welche die schmutzigsten Handthierungen trieben, dennoch ihre reinlichen Stuben hatten, wohinnen sie diejenigen, von welchen sie besucht wurden, fuhren konten. Es waren aber diese Pflantz-Stadte, seit dem ich selbige im Jahr 1725. zum ersten mahle besucht, weit Volckreicher, also auch etwas starcker angebauet, und die Felder erweitert. Sonderlich muste man sein Vergnugen uber die wohlangelegten Garten haben, in welchen die trefflichsten, zur Speise dienenden Krauter und Wurtzeln, ingleichen die herrlichsten Obst-Baume, anzutreffen waren. Uberall, wo man hin kam, sahe man Zeugnisse eines ungemeinen Fleisses, auch schwerer Muhe und Arbeit, horete aber keinen Menschen klagen oder sich beschweren, dass ihm diese oder jene Arbeit sauer, schwer und verdrusslich angekommen ware, sondern ein jeder verrichtete sein Beruffs-Werck, sich, seinen Angehorigen und andern Nutzen und Vortheil zu schaffen, recht mit Lust. Die letztere Erndte und Weinlese hatte dergestalt viel Getrayde, Reiss und Trauben gegeben, dass sich die Aeltesten nicht entsinnen konten, binnen etliche 20. Jahren ein so gar Segen-reiches Jahr gehabt zu haben, und eben dieserwegen waren das Korn-Hauss und die Wein-Keller dermassen angefullet, dass fast nichts mehr darinnen Platz fand, ohngeacht die Land-Besteller nur von ihrem Uberflusse hergegeben hatten. In allen Hausern der Pflantz-Statte war nunmehro schon ein zulanglicher Vorrath von zinnernen, blechernen, kupffernen, eisernen, topffernen und dergleichen Hauss-Gerathe anzutreffen, welches ebenfals Zeugniss ablegte, dass unsere Europaischen Kunstler und Handwercker nicht gefaullentzt. Wetterling, der Tuchmacher, hatte vor Eintritt des Winters den Rest der seinen und schlechten Tucher auf die Albertus-Burg geliefert, da nun eine jede Manns-Person von 10. Jahren und druber, Tuch zu einem Sonntags- und Werkkeltags-Kleide bekommen, fand sich nach gemachten Uberschlage doch noch so viel Tuch ubrig, dass alle Manns-Personen noch 2. Sonn- und 2. WerckeltagsKleider bekommen konten, dem ohngeacht, weil noch ein starcker Vorrath von Capitain Horns mitgebrachter Wolle, wie auch von unserer eigenen, indem sich unser Schaaf-Vieh schon ziemlich vermehrt, vorhanden war, hielt Wetterling mit denen, welchen er seine Profession erlernet, doch nicht inne, sondern sie machten immer mehr Tucher, welche theils schwartz, theils braun, theils roth gefarbt wurden, denn alle Jung-Gesellen vom 10ten Jahre an trugen biss zu ihrer Heyrath, roth; die Manner braun, die Aeltesten und Vorsteher der Gemeinden aber so wohl als die Priester, schwartz Schwartze Trauer-Kleider aber wurden nur um die Eltern, Kinder, Geschwister, und dann um die Aeltesten und Vorsteher angelegt. Um der Frauenzimmer Kleidung bekummerten sich die Manns-Personen nicht, sondern die Frau Mag. Schmeltzerin, meine Schwester und die Frau Hermannin, nahmen alle Donnerstage den Vorrath von den Spinnerinnen und Wurckerinnen, ingleichen von Harckerten und seinen Professions-Genossen auf; gaben hergegen auch von Leinen- und Wollenen Zeugen heraus, was diejenigen Weibs-Personen, die mit dieser Arbeit nicht umgehen konten, von nothen hatten.

Kleemann, der Pappiermacher, hatte von seinem, mittelmassigen und geringen Pappiere, auch PappenTafeln und dergleichen so viel geliefert, dass wir uns alle eine gute Zeit darmit behelffen konten; war dieserwegen gesonnen, seine Profession eine Zeitlang an den Nagel zu hangen, und sich mit seinen Gehulffen desto fleissiger auf den Feld- und Garten-Bau zu legen; allein, da ihm vorgestellet wurde; wie wir resolvirt hatten, durch den Capitain Horn eine Buchund Kupffer-Druckerey aus Europa mitbringen zu lassen versprach er, mit seiner Profession fortzufahren, und eine zulangliche Menge von solchem Pappiere, das sich wohl darzu schickte, zu verfertigen.

Zu Ende des Aprilis war auch unser Muller Kratzer, mit der, zwischen Christophs- und ChristiansRaum zu bauen angefangenen neuen Mehl-Muhle fertig worden, da man denn auch so gleich die Probe darauf gemacht, und dieses neue Werck vollkommen gut befunden; wesswegen sich der alteste von Kratzers ausgelerneten Muhl-Purschen, in dieser Muhle setzte, und einen von den jungern zu sich nahm, dahero der Alte Meister Kratzer nunmehro nur halb so viel Arbeit auf dem Halse hatte, weil sich vornehmlich die Christophs Roberts-Christians- und Simons-Raumer, dieser neuen Muhle bedieneten.

Mons. Hollersdorff verfertigte nicht allein noch verschiedene schone Bild-Stucken in die Kirche, sondern hatte sich auch vorgenommen, alle itzt lebende Aeltesten, wie auch andere gute Freunde abzuschildern; machte inzwischen vor die letztern, zum Feyerabende auch manches kleines schones Bild, die Zimmer damit auszuzieren. Uber dieses war er willens, die gefundenen Heydnischen guldenen Gotzen-Bilder, ingleichen den gantzen Tempel abzumahlen.

Von allen ubrigen Kunstlern und Handwercken, habe ich bereits oben hoffentlich sattsame Nachricht ertheilet, demnach weil nachst dem Feld-Baue auch die Vieh-Zucht wohl von statten ging, indem sich die aus Europa mitgebrachten Thiere ungemein starck vermehret hatten, so fand sich beym Nahr- oder HausStande kein Tadel. Den Lehr-Stand betreffend, habe auch schon zur Gnuge gemeldet, wie das Kirchenund Schul-Wesen aufs ordentlichste, andachtigste und erbaulichste eingerichtet worden. Solchergestalt ist nun leichtlich zu glauben, dass der Wehr- oder Obrigkeitliche Stand keine besondere Last tragen dorffen, indem allhier keine straffbaren Laster im Schwange gingen, ein jeder das Seine ohne Zwang verrichte, guten Vermahnungen und Erinnerungen gern und willig Folge leistete, vor auswartigen Feinden aber man sich unter GOttes Schutz dermahlen nicht zu furchten Ursache hatte.

Also stunden die Sachen zu Anfange des Monats Julii 1733. auf unserer Insul Gross-Felsenburg, da uns Capitain Horn, in den ersten Tagen besagten Monats, hinuber auf Klein-Felsenburg invitirte, um zuzusehen, wie die neu-erbaueten Schiffe ins Wasser gelassen wurden. Es fuhr demnach eine starcke Gesellschafft hinuber, und blieben 4. gantzer Tage daselbst, um erstlich die Arbeit, welche glucklich von statten ging, hernach den Schiffs-Bauern ihre Lust zu betrachten, denn es machten sich sonderlich Capitain Horns Leute und die Portugiesen einen herrlichen Muth, sungen, tantzten und sprungen bey dem kostlichen Weine, den wir ihnen zu verschmansen mitgebracht. Nachhero wiese Capitain Horn seinen Leuten auf etliche Tage Arbeit an, und reisete mit uns nach GrossFelsenburg, um der ersten Conferenz beyzuwohnen, die er seiner Abreise wegen mit den Aeltesten und andern Europaern zu halten, sich ausgebeten hatte. Wie nun diese in den nachstfolgenden Tagen angestellet war, that er, an die auf der Albertus-Burg Versamle- ten, folgende Rede:

Meine Herren! ich habe nunmehro, ihren Willen zu Folge, eine geraume, und zwar langere Zeit bey ihnen zugebracht, als ich anfanglich vermeinet hatte, woran auch guten Theils mit Schuld, dass mein mitgebrachtes Schiff allhier im Hafen gestrandet ist. Hoffentlich werde von ihnen das Zeugniss erhalten, dass so wohl ich vor meine Person, als auch die unter meinemx Commando stehende Leute, uns nicht allzu ubel aufgefuhret haben, ob wir ihnen gleich allhier keinen besondern Nutzen schaffen konnen. Ihre Gutigkeit gegen uns ist im Gegentheil sehr gross gewesen, vor welche ich, zugleich im Nahmen meiner Untergebenen, schuldigsten Danck abstatte, und mich mit eydlicher Pflicht verobligiren will, derjenigen Instruction, welche sie mir wegen einer nochmahligen Hinund Her-Reise schrifftlich zuzustellen belieben werden, getreulich sonder Gefahrde nachzukommen, in so ferne mir GOtt Leben, Gesundheit und Gluck verleihen wird.

Allein, meine Herren! nun muss ich ihnen allerseits eroffnen, wie ich wohl gesonnen ware, nach meiner nochmahligen glucklichen Zuruckkunfft und wohl ausgerichteten Geschaffte, auf dieser Insul bey ihnen in Ruhe zu wohnen, und mich mit meiner auserwahlten Liebste, Johanna Margaretha, Andre Robert Julii, in Roberts-Raum, jungsten Tochter, welche mit Mons. Eberhard Julii seiner Liebsten Cordula Geschwister Kind ist, zu vereheligen, als deren, wie auch ihrer Eltern Ja-Wort, biss auf den Consens und Erlaubniss der Aeltesten dieses Volcks, ich bereits erhalten.

Vors andere, weil meine 9. Freygelassenen eine gantz besondere Lust bezeigen, in diesem Revier zu verbleiben, so wolte zugleich anfragen, ob ihnen erlaubt ware, eine Pflantz-Stadt auf der Insul Klein-Felsenburg anzulegen, und dieselbe mit der Zeit zu bevolckern?

Diese beyden (verfolgte Capitain Horn seine Rede) sind voritzo die ersten Haupt-Puncte, so ich vorzutragen habe, ihnen selbige zur Uberlegung anheim stellen, inzwischen einen Abtritt nehmen, und auf einige Antwort warten will.

Hiermit ging Mons. Horn, nach gemachten Reverenz, wurcklich zum Zimmer hinaus, durffte aber wegen dieser 2. Puncte nicht lange auf Antwort warten, sondern wurde, nachdem die Aeltesten und wir einen kurtzen Schluss gefasset, bald wieder herein geruffen, da ihm denn der Alt-Vater Albertus II. folgende Antwort ertheilete:

Werther Herr und Freund! Eure so lange Anwesenheit auf dieser Insul, hat uns allerseits zu gantz besondern Vergnugen gereicht, den Nutzen und Vortheil, so ihr uns bereits gestiffter, und mit Gottlichem-Beystande noch stifften konnet, werden wir und unsere Nachkommen zwar jederzeit zu ruhmen wissen, aber niemahls gnugsam verdancken konnen. Was wir euch und den Eurigen etwa zu Gute gethan, hat die Schuldigkeit von uns erfordert, indem eure Auffuhrung sehr loblich, christlich und angenehm gewesen. So setzen wir auch aufs kunfftige in eure Redlichkeit nicht das geringste Misstrauen, sondern haben das veste Vertrauen, GOtt werde euch Krafft, Starcke und Gluck geben, dasjenige, was euch etwa in Europa auszurichten committirt werden mochte, wohl zu vollenden, auch euch gesund zuruck fuhren, so dann wollen wir allerseits mit grosten Freuden sehen, dass ihr euch durch eine vergnugende Heyrath mit uns befreundet, und bestandig bey uns verbleibet. Was aber die 9. Freygelassenen anbelanget, so jammert uns allen sehr, dass die Beschaffenheit unserer Sachen nicht zulassen will, ihnen zu willfahren, ohngeacht wir sie alle vor wackere, arbeitsame und tugendhaffte Leute erkandt haben. Bedencket selbst, ihr werdet uns noch einige unbeweibte Kunstler aus Europa mitbringen mussen, wenn nun diese so wohl, als eure 9. Freygelassenen mit unsern Tochtern solten berathen werden, so wurden unsere Felsenburgischen Junggesellen (wie es denn bereits ausgerechnet ist) bald selbsten den Mangel der Weiber empfinden mussen. Wolte man sagen, sie solten sich Weiber aus Europa mitbringen, so laufft dieses wider die Verordnung und den Willen meines seel. Vaters Alberti des Ersten, welcher durchaus verbothen, ein fremdes Geschlecht, welches nicht mit ihm, dem Stamm-Vater, oder der Concordia, als Stamm-Mutter, verwandt ist, ohne die hochste Noth unter uns entstehen zu lassen. Hiernachst ware es auch eine Thorheit von uns, wenn wir ein Stuck Landes oder die gantze kleine Insul, welche ebenfalls so wohl, wie diese grosse, als unser Eigenthum, zu betrachten ist, fremden Leuten uberliessen, deren Kinder und Nachkommen, ob ihre Vater gleich noch so from gewesen, unsern Nachkommen allerhand Verdruss und Schaden verursachen konten. Uber dieses so kan es mit der Zeit geschehen, dass diese grosse Insul dergestalt Volck-reich wird, dass ein Theil derselben unserer Kinder-Kinder, selbst Lust bekommen auszuziehen, und die kleine Insul zu bevolckern, mithin als Bluts-Verwandten ihren Handel und Wandel mit einander zutreiben. Wie ich nun hoffe, mein werthester Herr und Freund, in diesem letztern Puncte euren Beyfall zu bekommen, so glaube auch, ihr werdet es nicht ubel empfinden, wenn euren Freygelassenen dieses ihr Begehren versagt wird, doch wollen wir sie so beschencken, dass sie in Europa ein reputirliches Leben fuhren konnen.

So viel war es, was der Alt-Vater dem Capitain Horn zur Antwort gab. Dieser danckte sehr verbindlich, dass man ihm, vor seine Person, nach glucklicher Zuruckkunfft erlauben wolte, ein Mit-Genosse unseres ruhigen und vergnugten Lebens zu seyn; erkandte die Entschuldigung, wegen Aufnehmung seiner Freygelassenen vor recht vernunfftig und billig, versprach auch, ihnen unterwegs die Felsenburgischen Gedancken schon aus dem Sinne zu reden.

Hierauf ging die gantze Versammlung vor dieses mahl aus einander, Capitain Horn aber mit mir in meine Behausung, weil sich seine Liebste schon seit etlichen Tagen bey meiner Frauen daselbst als ein Gast aufhielt, um ihren Brautigam zu sprechen, welchen sie allem Merckmahlen nach so sehr liebte, als er sie, ohngeacht derselbe dermahlen fast noch einmahl so alt als sie, jedoch ein wohlgebildeter Mensch, mit schonen lockigten Haaren und sonsten sehr wohl gewachsen war. Ich liess die beyden Verliebten bey meiner Cordula alleine, und ging hinuber zu Mons. Litzbergen, bey welchem sich Herr Wolffgang, der diesen Abend nicht nach Hause gehen wollen, nebst andern guten Freunden befand. Nach der AbendMahlzeit aber kam der Capitain Horn ebenfalls dahin, wesswegen Herr Wolffgang so gleich mit demselben wegen seiner Braut zu schertzen anfing, und unter andern sagte: er hatte ihn, den Capitain Horn, nicht darum mitgenommen, dass er sich von einer Felsenburgischen einfaltigen Schone solte bezaubern lassen, sondern vermeynet, er wurde sein Vermogen in Europa an einem guten Orte anlegen, sich eine rechte Staats-Dame zur Ehe-Frauen auslesen, und mit derselben de propriis vergnugt leben, so aber musse man erfahren, dass er in allen Stucken, in seine, des Capitain Wolffgangs, Fusstapffen treten wolle. Ich hoffe nicht, mein Herr! versetzte hierauf der Capitain Horn, dass man mich schelten wird, wenn ich in der Muhe und Arbeit eurem Exempel folge, und also wird man mich auch nicht verdencken, wenn ich eben dergleichen Recreation suche, als ihr gefunden habt. So viel will ich versichern, dass, wenn ich auch in den Stande ware, mir in Europa ein Furstenthum oder Konigreich anzukauffen, so wurde ich doch nimmermehr geheyrathet, oder mich mit Frauenzimmer verwirret haben, denn die Untreue, List und Betrug des Europaischen Frauenzimmers ist unbeschreiblich, so, dass unter Tausenden, ach! sagt mir doch, wie viel? zu finden, die ein redliches Hertze gegen eine, (ich sags mit Fleiss, Eine) Manns-Person haben. Ich habe von der Zeit an, da ich nur meinen Verstand in etwas zu gebrauchen angefangen, ungemein viel Exempel, nicht von Horensagen angemerckt, sondern mehrentheils selbst in Erfahrung gebracht, bey reiffern Verstande aber daraus schliessen konnen, dass bloss allem das Frauenzimmer, den Manns-Personen die allergrosten Verdrusslichkeiten, Unglucks-Falle und Missvergnugen stifftet; Dieserwegen ist mir fast jederzeit bange worden, wenn ich par renommee mit diesen Geschlechte umgehen mussen, ja ich habe mir nachhero vest vorgesetzt, nimermehr zu heyrathen, weil ich

auch an meinem eigenen Exempel die Falschheit und List des Frauenzimmers sattsam erfahren, ja eben dieses trieb mich in meinen besten Jahren dahin, mein Fortun auf der See zu suchen, um nur von diesen Land-Syrenen weit genug entfernt zu seyn. Da ich aber allhier, statt der Europaischen, masquirten, auch wohl gar geschminckten, so genannten irrdischen Engel, wurckliche Engel von Gestalt und Gemuthe angetroffen, ist mir die Lust zum Heyrathen auf einmahl wieder angekommen, ja ich wolte meine Braut, nebst dem in Zukunfft mit derselben zu hoffen habenden vergnugten Leben, nicht um ein Konigreich vertauschen, der Himmel gebe nur, dass meine Hin- und Herfahrt glucklich sey.

Der Capitain Wolffgang sagte hierauf: Mein Herr! ich will jetzo kein Urtheil fallen, ob ihr wegen des Frauenzimmers und sonderlich wegen des Europaischen, Recht oder Unrecht habt, sondern nur von Hertzen wunschen, dass ihr bald wieder zuruck kommen, und hernach so vergnugt mit eurem Hanne Gretgen leben moget, als ich mit meiner Fiecke. Allein, es fallt mir eben itzo ein, dass, ohngeacht wir beyde seit so vielen Jahren her, Bekandte und gute Freunde gewesen sind, ihr mir doch noch niemahls eure LebensGeschicht von Jugend auf erzahlet habt, welche doch, wie ich jetzo aus wenig Worten vernommen, eben nicht unangenehm zu horen seyn wird. Derowegen, weil es sich itzo ohnedem sehr gut schickt, wolte ich mir diese Gefalligkeit wohl von euch ausgebethen haben. Dieser vermeynete, es mochte bereits etwas zu spate seyn, da wir aber entgegen setzten, dass sich dergleichen Erzahlungen in der stillen Nacht, da man von niemanden gestohret wurde, am besten thun und anhoren liessen, war er endlich geneigt darzu; wir setzten uns auch zurechte, und merckten mit begierigen Ohren auf

Des Capitain Horns Lebens-Geschichte.

Im Jahre 1693. (fing derselbe seine Erzahlung an) bin ich im H. Lande von ehrlichen Eltern erzeuget worden, mein Vater aber, welcher ein guter Jager, war Holtz-Forster, und wohnete im Walde in einem eintzelnen Hause an der Heer-Strasse, trieb also zugleich die Wirthschafft mit. Seiner Kinder waren 5. nehmlich 3. Sohne, worunter ich der mittelste, und 2. Tochter, die noch junger waren als ich. Meine Mutter war nach der Niederkunfft der jungsten Schwester, bestandig kranck geblieben, wesswegen der Vater immer sehr verdrusslich aussahe, und da dieselbe in meinem 9ten Jahre starb, mehr Zeichen der Zufriedenheit, als der Betrubniss von sich gab. Ohngeacht nun mein Vater ein Mann von 65. Jahren, so war er doch noch sehr vigoreus, und that es in seiner Profession vielen noch weit jungern zuvor, welches ihn auch veranlassete, eine wohlgebildete Bauers-Tochter von etwa 17. biss 18. Jahren zur andern Ehe-Frau zu erwahlen.

Allem Ansehen nach hatte mein Vater eine ungemein gute Heyrath getroffen, denn unsere neue StiefMutter konte ihm doch gar zu niedlich um den Bart herum gehen, und dergestalt schmeicheln, als ob sie einen Mann von ihren Alter vor sich hatte. Er mochte bey Tage oder bey Nacht, um welche Zeit es auch war, aus dem Walde kommen, so stund sein KrafftSuppchen und Lecker-Bissgen alsobald auf dem Tische; uns Kinder tractirte sie auch dermassen wohl, dass wir uber sie noch weniger, als uber unsere seelige Mutter zu klagen hatten, denn die Holdseeligkeit und Freundlichkeit schien ihr angebohren zu seyn, wesswegen sich denn nicht allein Sonntags, sondern auch in der Woche viele Wein-Bier- und Brandteweins-Gaste bey uns einfanden, und alle nach Wurden accommodiret wurden.

Unter andern gewohnete sich auch ein junger unbeweibter Forster von der Nachbarschafft, gar sehr offters zu uns zu kommen, ob ihn nun gleich mein Vater, weil es sein College war, sehr wohl leiden konte, so stellete sich doch unsere Stief-Mutter jederzeit verdrusslich an, so offt er da war, liess sich auch zum offtern gegen unsern Vater verlauten: Sie wisse in aller Welt nicht, wie dieser Kerl in unser Hauss kommen konte, da er doch wisse, dass ihr seine Person biss in Todt zuwider sey, und sie ihm vor einiger Zeit, da er um sie gefreyet, den Korb nicht nur darum gegeben, weil er einen so schlechten Dienst, sondern weil sie einen naturlichen Abscheu vor seiner Person hatte; und eben dieserwegen sahe sie am allerliebsten, wenn ihr dieser Kerl aus dem Hause bliebe. Mein Vater lachte hierzu, sprach, dass sie in diesem Stuck eine Narrin ware, den ehrlichen Menschen aber zufrieden lassen solte, welcher schon von etlichen Jahren her sein guter Freund ware, uber dieses manchen schonen Thaler bey uns verzehrete. Wegen des letztern, sagte die Stief-Mutter, mag es noch seyn, und es ist das beste, dass der Sauff-Teuffel noch immer seine Zeche und das Schlaff-Geld bezahlt, wenn er aber zu borgen anfangen will, wie er in andern Wirths-Hausern gethan hat, so wird die Paucke bald ein Loch kriegen. Frau! sagte mein Vater, sey kein Narre, lass den Kerl zufrieden, gib ihm, was er verlangt, denn wenn er mir auch 100. Thlr. schuldig ware, so wuste ich mich schon bezahlt zu machen. Solche und dergleichen Discourse passirten gar offters zwischen unsern Eltern, endlich aber kam es einmahl wurcklich dahin, dass sich die Stief-Mutter um einer eintzigen Kanne Wein halber mit dem Forster zanckte, und ihm etliche grobe Schmah-Reden an den Halss warff, welche dieser, ohngeacht er betruncken war, dennoch verschmertzte, sich mit dem Kopffe auf den Tisch legte, und weiter nichts sagte, als dieses: um eines guten Mannes willen, muss man einer bosen Frau viel zu gute halten. Mein Vater nahm diese Worte vor redlich auf, liess sich demnach den Zorn dahin verleiten, dass er der Stief-Mutter, welche hinaus ging, folgte, und ihr eine derbe Maulschelle gab. Sie schien dieserwegen vor Jammer gantz ausser sich selbst zu seyn, konte diesen ersten Liebes-Schlag durchaus nicht vergessen, kam auch den gantzen Abend nicht wieder zum Vorscheine, sondern legte sich weinend zu Bette; jedoch der Vater hatte sie durch gutliches Zureden dahin gebracht, dass sie fruh Morgens nicht allein wieder freundlich aussahe, sondern auch dem Forster Helnam, der Worte wegen, die sie gestern Abend in tollen Muthe ausgestossen, um Verzeihung bath. Hierauf ging mein Vater mit demselben in den Wald, mein jungerer Bruder war in die Stadt geschickt, die beyden kleinen Schwestern spieleten im Hofe, ich aber hatte mich, weil ich zu viel in der Sonne herum gelauffen war, und starcke Kopff-Schmertzen bekommen, oben in unserer ziemlich dunckeln Cammer ins Bette gelegt, und war etwas eingeschlummert, ermunterte mich aber sogleich, als Helnam mit meiner StiefMutter in die Cammer hinein getreten kam, einander umarmeten und vielemahl kusseten, welches mir denn sehr wunderbar vorkam, jedoch lag ich gantz stille, biss Helnam meine Stief-Mutter auf ein anderes Bette legte, und sich anstellete, als ob er sie erdrucken und ersticken wolte, wesswegen ich, in Meynung, er wolle wegen der gestrigen Schelt-Worte Rache an der StiefMutter ausuben, mit vollem Halse um Hulffe schrye, da denn Helnam vor Schrecken zur Cammer hinaus sprunge, meine Stief-Mutter aber, nachdem sie sich einigermassen recolligiret, zu mir kam, mich zufrieden sprach, und sagte: Helnam hatte nur seinen Schertz mit ihr getrieben, ich solte aber bey Leib und Leben weder dem Vater noch jemand anders ein Wort darvon sagen, so wolte sie mir hinfuhro alles geben, was ich nur verlangte, wiedrigenfals aber, und da sie erfuhre, dass ich nur das allergeringste darvon ausgeplaudert, wolte sie mich alle Tage schlagen, und mir nicht halb satt zu essen geben. Ich hatte in Wahrheit viel Liebe vor meine Stief-Mutter, weil sie mich ebenfalls unter meinen Geschwistern am liebsten zu haben schien, derowegen gelobte ich ein ewiges Stillschweigen an, und ging mit ihr herunter in die Stube, in welche Helnam kurtz hernach auch eingetreten kam, zu dem meine Mutter sagte: Sehet, was ihr mit euren Tandel-Possen angerichtet habt, der arme Junge hat gemeinet, ihr wollet mich im Ernste ermorden, ist derowegen vor Schrecken fast halb todt, und ich habe ihm doch unter den andern allen am liebsten. Derowegen gab mir Helnam meine gantze Hand voll Geld, welches ich der Stief-Mutter aufzuheben darreichte, und auf beyderseitiges noch mehrers Zureden desto starcker angelobte, keinem Menschen etwas von dieser Mord Geschichte zu sagen. Helnam trunck ein Maas Wein auf das Schrecken, die Stief-Mutter machte mir eine Wein-Kalte-Schaale mit Zucker, befahl mir, selbige auszuessen, in der Stube zu bleiben, und sie zu ruffen, wenn jemand kame; ging hierauf mit Helnam hinaus, kam erstlich nach einer halben Stunde wieder zurucke, sagte, dass Helnam nach Hause gegangen, und befahl mir, gegen den Vater nur gar nichts zu gedencken, dass er da gewesen ware, denn die kleinen Schwestern hatten ihn nicht gesehen, weil sie in den Wald gegangen waren, und Holtz-Bundel holeten. Ich hielt in der That reinen Mund, merckte zwar nachhero gar offters, dass Helnam in Abwesenheit meines Vaters mit der Stief-Mutter in dem obern Stockwercke eine geheime Zusammenkunfft hielt, doch da ich nicht wuste, was es zu bedeuten hatte, bekummerte mich solches auch nicht, vielmehr war ich damit vergnugt, dass mir meine Stief-Mutter alles gab und zuliess, was nur mein Hertze begehrte. Allein, etwa ein Jahr hernach, da mein Vater auf etliche Tage verreiset war, entstund ein grausamer Tumult in unserer Eltern Schlaf-Cammer, denn die Thure wurde eingestossen, wir horeten die Mutter schreyen und auch des Vaters-Stimme, auch einen Buchsen-Knall zum Cammer-Fenster hinaus, wesswegen wir vier Kinder (denn mein altester Bruder war schon bey Hofe in Diensten) alle auf einmahl aufsprungen, in der Eltern Cammer lieffen, und sahen, dass der Vater immer auf die Mutter mit dem Hirschfanger loss hieb, sie auch gewiss in Koch-Stucken zerhauen haben wurde, wenn wir Jungens ihm nicht den Arm gehalten und die Madgens sich uber die Mutter hergebreitet hatten. Inzwischen schwamm die Mutter fast in ihrem Blute, denn sie hatte etliche Hiebe uber den Kopff, Bruste und Arme bekommen. Endlich liess sich der Vater durch unser jammerliches Schreyen bewegen, mit mir hinunter in die Stube zu gehen, allwo ich so gleich eine Laterne anstecken und mit ihm vom Hause hinweg nach dem Walde zu gehen muste; er hatte eine Buchse an der Schulter hangen, und den blossen Hirschfanger in der Hand, wir waren aber kaum 100. Schritte gegangen, als wir den Forster Helnam in blossen blutigen Hembde auf dem Gesichte liegend antraffen. Mein Vater wendete ihn um auf den Rukken, sagte weiter nichts als diese Worte: Ja, ja, du bists, und hast genung. Er liess aber den Corper liegen, und kehrete mit mir um nach unsern Hause zu, schickte mich auch sogleich hinauf, um zu sehen, was die Mutter machte. Dieser hatte mein Bruder die Wunden voll Zunder, Spinneweben, Werck und dergleichen gestopfft, auch Brandtewein hinein gegossen und drauf gelegt, allein, selbige wolten doch nicht zu bluten aufhoren, und da ich dieses dem Vater wieder zu sagen hinunter kam, war derselbe fort.

Wir Kinder meyneten, er wurde etwa in das nachste Dorff gegangen seyn, und Leute herzu ruffen, hoffeten aber auf deren Ankunfft umsonst, biss der Tag anbrach, da denn zu unsern Glucke etliche Manns- und Weibs-Personen kamen, welche in die Stadt zu Marckte gehen, vorhero aber erstlich bey uns Brandtewein trincken wolten. Zwey Weiber, die sonst mit meiner Stief-Mutter wohl bekandt waren, blieben bey derselben, welche, als sie horete, dass Helnam nicht weit von unsern Hause erschossen lage, eine starcke Ohnmacht bekam, wesswegen die Weiber Muhe hatten, sie wieder zu ermuntern, die Manner aber eileten nach der Stadt, hatten die Geschichte der Obrigkeit gemeldet, da denn gar bald die Gerichten mit Doctor, Barbierer und Priester heraus kamen, erstlich die Mutter behorig verbinden liessen, nachhero examinirten. Sie hatte die gantze Geschicht offenhertzig und dabey bekennet, dass sie schon seit etlichen Jahren, und ehe sie noch meinen Vater geheyrathet, mit Helnam der Liebe gepflogen, meinen Vater aber, um ihn nicht eiffersuchtig, sondern desto sicherer zu machen, immer vorgeschwatzt, dass ihr dieser Mensch zuwider ware etc. etc. Hierauf hatte sie gebeten, dass der Priester bey ihr bleiben, der Doctor und Barbierer aber nur nach Hause reisen mochten, indem sie fuhlete, dass sie den Abend nicht erleben wurde. Dieses Letztere traff auch ein, denn nachdem der Priester den gantzen Tag mit ihr gesprochen und gebetet, auch das Heilige Abendmahl gereicht, starb sie, ehe es Abend wurde. Helnams Corper offnete man, nachhero wurde derselbe, so wohl als meine Stief-Mutter auf besondere Landes-Herrliche Begnadigung, an die Seite des Gottes-Ackers des nachsten Dorffs begraben. Uns armen Kindern hatten die Gerichten fast nichts mehr als die allernothigsten Sachen gelassen, einen Mann und Frau bestellet, die indessen die Wirthschafft treiben und uns verpflegen musten; allein, etliche Wochen hernach war der Landes-Herr so gnadig, meinem altesten Bruder, der schon einige Jahr bey ihm in Diensten gestanden, in die Stelle meines Vaters, von dessen Auffenthalt kein Mensch etwas wissen wolte, zu setzen, da denn mein Bruder eine betagte Befreundtin zur Hausshalterin annahm, uns seine Geschwister noch eine Zeitlang bey sich zu behalten versprach, auch es bey dem Landes-Herrn dahin brachte, dass die Gerichten nach Abzug der Kosten, die ubrige Verlassenschafft unserer Eltern, an bestellte Vormunder ausliefern musten. Es war aber, leyder! nicht allzu viel ubrig geblieben; und also sehen sie, meine Herren! (erinnerte uns allhier der Capitain Horn) dass ein ungetreues listiges Weib, unsern Vater und uns Kinder ins Ungluck, sich und ihren Amanten aber ums Leben gebracht hat. Jedoch meine eigene Geschicht zu verfolgen, so muss ferner melden, dass noch nicht ein volles halbes Jahr nach dieser traurigen Begebenheit, ein vornehmer Cavallier, welcher nach Hofe zu reisen im Begriff, des Nachts auf der Strasse, bey Umwerffung seines Wagens, Schaden am Arm genommen, demnach weil er in unsern Hause Licht erblickte, ausspannen liess, um den Tag zu erwarten. Er fragte, so bald er hinein kam, nach meinem Vater, und mein Bruder erzahlete ihm die obgemeldete klagliche Geschichte in der Kurtze, woruber sich derselbe, weil er uber Jahr und Tag nicht in dieser Gegend gewesen, ungemein verwunderte, nachhero seinen Arm mit warmen Weine waschen und sich etwas zu essen bringen liess. Ich war sehr hurtig, ihm mit aufwarten zu helffen, welches er observirte, und nachhero, da ich Pappier, die Tobacks-Pfeiffe anzuzunden, reichte, mich fragte: Wie alt bist du? 12. Jahr, gab ich zur Antwort. Was wilst du werden? fragte er ferner; und ich antworttete: ja, das weiss GOtt, was aus mir werden wird, denn ich bin ein armes Kind worden, seit dem mein Vater weg ist. Hast du Lust mit mir zu reisen? sprach er; Ach! seuffzete ich: wenn ich nur gross genung ware, so wolte ich mit einem so wackern Herrn wohl biss ans Ende der Welt reisen. Indem kam mein altester Bruder in die Stube, zu welchem der Cavallier so gleich sagte: Mein Freund! an diesem euren jungsten Bruder gefallen mir sonderlich 3. Stuck: erstlich sein munteres und dreustes Wesen; zum andern: sein aufrichtiges Gesichte, und zum dritten: seine weissen krausen Haare; ist es euch und ihm gefallig, so will ich ihn in meine Dienste nehmen, und vor sein kunfftiges Wohlseyn sorgen? Mein Bruder besann sich so kurtz als ich, und kurtz zu sagen: ich packte mein Bundel mit Freuden eilfertig zusammen, und fuhr mit diesem meinem nunmehrigen Herren nach der Residentz unseres Landes-Herren zu. Allda liess mir mein Herr sogleich eine saubere Liberey machen, und mich alle Tage 6. Stunden in die Schule gehen, ausser der Zeit aber, muste ich mehrentheils um ihn seyn, auch so gar, wenn er ausging oder ausfuhr. Er probirte meine Treue und Verschwiegenheit auf verschiedene Art und Weise, ohne dass ich damahls sogleich mercken konte, nachdem er mich aber in den ersten 2. Jahren acht und redlich befunden, wurde ich von ihm sehr offters mit Gelde und andern Sachen reichlich beschenckt, welches mir zwar bey den altern Bedienten einigen Neid zuwege brachte, allein, es durffte sich keiner an mir vergreiffen. Mein Herr war unverheyrathet, ich aber wurde von ihm fast alle Tage mit Briefen und Paqueten an eine vornehme Dame, die sehr schon und eine junge Wittbe, doch aber eben nicht allzu starck begutert war, abgeschickt, und er selbst gab derselben gar offters Visiten, jedoch entweder des Nachts, oder wenn es sonst nicht leicht jemand gewahr werden konte. Einige Zeit hernach veruneinigten sie sich mit einander, und die Dame wurde dergestalt zornig, dass sie von meinem Herrn weder Briefe mehr annehmen, vielweniger ihm erlauben wolte, sie ferner zu besuchen. Indem er nun dennoch Gelegenheit suchte, sie in ihrem Zimmer zu sprechen, und sich dieserwegen einsmahls heimlich in ihr Hauss geschlichen, seinen Zweck aber nicht erreichen konnen, weil die Dame seiner noch bey Zeiten gewahr worden, und sich in ein anderes Zimmer versteckt und verschlossen hatte, fing er grausam an zu fulminiren, stiess verschiedene Schimpff-Reden aus, welche doch von niemand anders als von ihren Domestiquen angehoret wurden, und ging endlich im grosten Grimm und Zorne nach seinem Logis. Folgenden Morgens sehr fruh, da er noch nicht aufgestanden war, bekam er von einer gewissen hohern Hand einen schrifftlichen Befehl, dessen Inhalt, wie ich hernach erfahren, dieser war: dass er sich bey Vermeidung groster Ungnade, auch ernstlicher Bestraffung, ferner nicht unterstehen solte, diese Dame weder mit Worten, Schrifften, vielweniger mit Wercken zu beleidigen. Ich brachte diesen Brief meinem Herrn ins Bette, so bald er aufgewacht, und zu allem Gluck kein eintziger von den andern Bedienten im Schlaf-Zimmer war, er hatte aber denselben kaum gelesen, als er, wie halb rasend, aus dem Bette sprunge, den Brief mit Fussen trat, und sich im Eiffer folgender Worte vernehmen liess: "Ha! ists so bestellet? warte, Ungetreue ich will dir nicht 10. biss 12000. Thlr. werth umsonst ausgebeutelt haben, sondern meinem Hohn an dir rachen, und wenn es auch mein Leben kosten solte." Hierauf muste ich die andern Bedienten ruffen, um ihn anzukleiden, sie konten es ihm zwar alle ansehen, dass er Grillen hatte, und zornig war, allein, er konte sich doch auch in so weit bezwingen, einem jeden, was er auf heute zu befehlen hatte, mit ziemlicher Gelassenheit zu sagen. Nachhero rieff er den Secretarium und Cammer-Diener in sein Cabinet, besprach sich mit beyden langer als eine Stunde in Geheim, und fuhr darauf, indem er nur einen eintzigen Laqueyen und mich zur Bedienung mit sich genommen, zu einem guten Freunde aufs Land. Wir waren daselbst sehr willkommen und wohl tractiret; nach Mittags aber, da der Hauss-Herr mit seinem GerichtsHalter in einem Ober-Zimmer etwas geheimes zu tractiren hatte, und mein Herr mitlerweile allein mit der Hauss-Frauen das Bretspiel zum Zeitvertreibe genommen hatte, merckte ich, der ich allein im Zimmer aufwartete, doch gar zu bald, dass beyde einander schon besser kennen musten. Denn mein Herr kussete und caressirte diese Dame ohngescheuet; und ob sie gleich anfanglich wegen meiner Gegenwart in etwas daruber erschrack, so gab sie sich doch bald zufrieden, als ihr mein Herr, vielleicht meinetwegen, nur wenig Worte ins Ohr gesagt hatte; blieb ihm auch keinen Kuss und Gegen-Caresse schuldig, ja sie wurden gar so dreuste, in ein kleines Cabinet, worinnen nur ein Schlaf-Stuhl und ein Tisch stund, zu gehen, ob sie nun da ebenfalls ein Damen-Spiel spieleten, oder nur zum Fenster hinaus in den Lust-Garten sahen, das weiss ich nicht, jedoch kamen beyde, ehe jemand anders ins Zimmer kam, wieder heraus, und spieleten nunmehro recht ernsthafft im Brete fort.

Abends, nach der Mahlzeit, begab sich mein Herr mit dem Haus-Herrn in ein besonderes Zimmer, allwo sie uber 3. Stunden gantz alleine geblieben, so dann zur Ruhe gingen, mit anbrechenden Tage aber hatte sich der Haus-Herr mit nur einem Bedienten auf eine Reise begeben, und mein Herr trunck den Thee mit der Dame in einem abgeschlossenen Zimmer uber 2. Stunden lang gantz alleine. Gegen Mittag stelleten sich 2. benachbarte Edelleute nebst ihren Gemahlinnen und einem Officier ein, welche, wie ich bey den ersten Complimenten vernehmen konte, der HausHerr auf seinen Hof bitten lassen, um wahrend seiner Abwesenheit meinem Herrn die Zeit passiren zu helffen. Die Haus-Frau liess derowegen noch eine Fraulein, die vielleicht nicht weit von ihr wohnen mochte, herzu bitten, um auch ein Frauenzimmer zur Conversation vor den Officier zu haben, allein, dieser hatte seine Augen mehr auf die Wirthin, als auf das Fraulein, gerichtet, welche zwar wohl gewachsen, jedoch eben nicht fein von Gesichte, dahingegen die erstere recht schon war. Es wurde in allen Stucken recht propre tractiret, sie gingen Spatziren, spieleten allerhand Spiele, worbey jedoch mein Herr jederzeit die Wirthin zur Seiten hatte, welches dem Officier, allem Vermercken nach, verdrusslich fiel, allein, er muste Respect brauchen, weil ihn mein Herr an Stande und Vermogen weit ubertraff. Endlich aber, da es Nachts schon weit hin war, kamen doch mein Herr und der Officier, der Haus-Frauen wegen, (ich kan aber nicht eigentlich sagen, welchergestalt) in einen spitzfundigen WortStreit, der aber durch die andern Gaste beygelegt, und so gleich Schicht gemacht wurde. Mein Herr legte sich, so bald er in sein angewiesenes Zimmer kam, augenblicklich zu Bette, befahl auch mir, nur gleich einzuschlaffen, weil ich Morgen bald aufstehen muste. Ich legte mich demnach in das, hinter einer Spanischen Wand stehende Feld-Bette; war aber kaum eingeschlaffen, als die Seiten-Thur des Zimmers eroffnet wurde, durch welche eine Person, in einem langen weisslichen Schlaff-Rocke, herein getreten kam, wesswegen ich, etwas furchtsam, Wer da? rieff, mein Herr aber antwortete: Schlaf nur geruhig, Wilhelm, und kehre dich an nichts. Weiln nun die Spanische Wand weit offen stund, konte ich in der Dammerung doch so viel observiren, dass diese Machine auf meines Herrn Bette zu ging, und hinter seinen Guardinen verschwand, ich wuste nicht, ob es ein wurcklicher Corper oder ein Geist war, konte derowegen vor vielen Scrupuliren kein Auge zu thun, bemerckte auch, dass mein Herr sehr unruhig lag, sich offters bewegte und herum warff, doch endlich schlieff ich druber ein, und ermunterte mich nicht eher, biss der helle Tag schon angebrochen war, mich also erinnerte, aufzustehen. Indem ich nun aus dem Bette steigen wolte, rieff mein Herr: Wilhelm! es ist noch zu fruh allhier aufzustehen, schlaff nur noch ein paar Stunden, biss ich dich selbst aufruffe. Ich gehorsamete, konte aber, weil ich mich schon gewohnet, fruh munter zu seyn, nicht wieder einschlaffen, sondern lag mit offenen Augen, horete auch, dass mein Herr in seinem Bette mit jemanden ein leises Gesprach hielt, von welchen ich aber sehr wenig verstehen konte, und endlich, da schon die aufgehende Sonne ihren ersten Strahl durch die Fenster warff, kam die gestrige Machine abermahls zum Vorscheine, hatte den Schlaf-Rock oben uber den Kopff hergezogen, so, dass ich Blintzender, nichts als ein paar schone, grosse, schwartze Augen sehen konte, von welchen ich geschworen hatte, dass es unserer Frau Haus-Wirthin ihre Augen gewesen waren, wenn ich nicht gedacht, dass dieselben, weil sie sehr spate zu Bette gegangen, annoch vielleicht im sussesten Schlummer zugeschlossen lagen. Kaum hatte gemeldte Machine ihren Ruckweg durch die Seiten-Thur genommen, als mich mein Herr bey meinem Nahmen ruffte, allein, ich hielt dieses mahl nicht vor rathsam, ihm eher zu antworten, biss er mich zum drittenmahle geruffen hatte. Demnach befahl er, mich hurtig anzuziehen, und einen von des Haus-Wirths Stall-Knechten herauf zu ruffen; als ich mit demselben ankam, sass mein Herr schon im Schlaf-Rocke am Tische, und schrieb, sagte aber zu dem Stall-Knechte: Horet, mein Freund! thut mir den Gefallen, und sattelt vor diesen meinen Purschen einen Klopper, weil ich keine Reit-Pferde bey mir habe, ich will ihn nur nach der Stadt schicken, und es bey eurer gebiethenden Frau, die ohnfehlbar noch schlaffen wird, verantworten. Der Kerl war so gleich willig, zumahlen, da ihn mein Herr einen Gulden darreichte, ich aber bekam 2. Briefe von ihm, einen an den vornehmsten Kauffmann, und den andern an einen Jubelier, mit dem Befehle, nicht in unserm Logis, sondern in einem GastHofe einzukehren, und so bald ich an beyden Orten meine Abfertigung bekommen, alles wohl in den Mantel-Sack einzupacken, und den Ruck-Weg eiligst zu nehmen. Ich versprach alles wohl auszurichten, ob ich aber gleich nicht gelesen, was in den Briefen stund, so war ich doch so schlau, so wohl von des Kauffmanns als des Jubeliers Leuten, heraus zu lokken, dass der erstere ein kostbares, mit Golde durchwurcktes Zeug zu einer Frauenzimmer-Kleidung, und der andere ein Diamanten Brust-Creutz nebst einer goldenen Uhr eingepackt hatte. Ich brachte dieses alles bey guter Zeit auf meines Herrn Zimmer, ihn aber selbst traff ich bey der andern Gesellschaft im Garten an, und stattete meinen Bericht ab. Er ging demnach also fort selbst auf sein Zimmer, mochte die Sachen eroffnet, besehen und gut befunden haben, denn er machte mir eine gnadige Mine, als er zuruck kam. Ich merckte, dass er die Frau Haus-Wirthin im Garten etwas bey Seite fuhrete, und mit ihr heimlich redete, hernach mich ruffte, und sagte: Wilhelm! gieb Achtung, wenn die Haus-Wirthin zur Garten-Thur hinaus gehet, so gehe erstlich langsam hinter ihr her, lauff sodann voraus, und gieb ihr das, auf meinem Tische im Zimmer liegende Paquet, aufzuheben, denn sie wird da vorbey gehen. Ich war fix, und da die Dame kam, stund ich schon mit dem Paquete in der Thur, sie fragte: Mein Sohn! ist dieses das Paquet, welches ich eurem Herrn verwahren soll? Ja, gnadige Frau! antwortete ich, es ists; Also muste ich es in ihr Schlaf-Zimmer tragen, und in einen Kasten werffen, hierbey bemerckte ich, dass zwischen ihrem und meines Herrn Schlaf-Zimmer nur eine Scheide-Wand, durch deren Thur in vergangener Nacht die Masque pass- und repassirt war. Da ich nun wieder fortgehen wolte, rieff sie mich zuruck, und beschenckte mich mit 2. Stucken Leinwand, verboth mir aber, ausser meinem Herrn, keinem Menschen etwas davon zu sagen, sondern vor mich Unter- und Ober-Hembder davon machen zu lassen. Ich danckte gantz unterthanigst davor, und befand hernach beyde Stuck sehr fein, auch dass jedes 30. Ellen hielt. Nach der AbendMahlzeit, klagte mein Herr uber gewaltige KopffSchmertzen, wesswegen die Lust auf diesen Abend ziemlich gestohrt zu seyn schien, und sich ein jedes desto zeitiger zu Bette begab. Jedoch bey meinem Herrn mochten die Kopff-Schmertzen wohl ein blosses verstelltes Wesen seyn, denn da er auf sein Zimmer kam, war er lustig und guter Dinge, rauchte auch, ehe er zu Bette ging, noch ein paar Pfeiffen Canaster. Gegen Mitternacht offnete sich die Seiten-Thur abermahls, und die Masque hielt es ebenfalls wie in voriger Nacht, ich aber stellete mich an, als ob ich sehr veste schlieffe, biss mich mein Herr etwa um 5. Uhr aufweckte, und befahl, den Thee nicht eher als um 9. Uhr zu fordern, und gegen jederman zu sagen, dass er vor Kopff-Schmertzen die gantze Nacht hindurch fast kein Auge zuthun konnen. Dieser Tag wurde ebenfalls in lauter Wohlleben zugebracht, ausserdem, dass der Officier und mein Herr immer auf einander stichelten, denn ob schon beyde sonsten noch niemahls mit einander in Compagnie gewesen waren, so schien es doch, als ob eine wurckliche Antipathie unter ihnen ware, doch kam es diesen Tag noch zu keinen Thatlichkeiten, und in der folgenden Nacht ging es eben so zu, wie in den 2. vorigen. Als diese verstrichen, kam der Hauss-Herr etwa ein paar Stunden vor der Mittags-Mahlzeit wieder zuruck von der Reise, und gab meinem Herrn, als in dessen Affairen er verreiset gewesen, in einem besondern Zimmer geheime Nachricht von demjenigen, was er ausgerichtet hatte, hernach wurde gespeiset und starck Wein getruncken, weil der Hauss-Herr, als ein grosser Liebhaber des Reben-Saffts, seine Gaste starck darzu forcirte. Der Herr Hauss-Wirth brachte meinem Herrn eine Gesundheit zu: Auf gut Gluck in der bewusten Sache! Mein Herr that Bescheid, reichte zugleich dem Hauss-Wirthe die Hand, und als er den Pocal ausgeleeret, danckte er demselben verbindlich davor, dass er ihm das eine Werck so glucklich zum Stande gebracht, und in der andern Sache seine Vices so wohl vertreten hatte; versprach anbey, sich in der That erkanntlich zu erzeigen. Der Hauss-Herr schutzte vor, dass seine Schuldigkeit nicht allein solche, sondern weit muhsamere Dienste, meinem Herrn zu leisten, erforderte; worgegen dieser auch keine Complimente schuldig blieb; allein, der Officier, welchen der Wein oder andere Grillen schon zu starck in den Kopff gestiegen waren, melirte sich in ihren Discours, und sagte zu dem Hauss-Wirthe: Mein Herr! sie belieben die Complimenten zu versparen, denn haben sie des Herrn G. Vices vertreten, so hat derselbe vielleicht die Ihrigen auch vertreten, so, dass ihre Frau Liebste wohl nicht uber ihn klagen wird. Monsieur! (sprach mein Herr, dem die Galle auf einmahl uberging, und das Geblute ins Gesichte stieg) Was sind das vor Reden? Werden mir nicht diese Herren und Dames Zeugniss geben, dass ich mich als ein honetter Gast und nicht als Wirth aufgefuhret? Worinnen bestehen also die Vices, so ich vertreten habe? Das weiss der Himmel und der NachtWachter, antwortete der Officier. Und das ist eine narrische Antwort, gab mein Herr darauf, welchem die andern alle beyfielen, und dem Officier zu verstehen gaben, wie sie gar nicht wusten, warum er schon vorgestern, gestern und auch heute so wunderliche, ja gantz ungeraumte Stichel-Reden und Magde-SprichWorter im Munde gefuhret, man ware ja sonst von ihm dergleichen gar nicht, sondern einer weit artigern Auffuhrung gewohnt, u.s.w. Allein, der Officier fuhr auf, und sprach: Ey was, ich halte den vor einen etc. der meine Rede und Antwort vor narrisch halt, es wird ein schlechter Unterscheid seyn zwischen einem Officier, wie ich bin, und einem solchen Herrn, wie der ist. Dieses war genug, meinen Herrn aufs auserste zu bringen, demnach griff er also fort nach einer an der Wand hangenden Carbatsche, und schlug den Officier etliche mahl damit uber den Kopff. Dieser wolte zwar vom Leder ziehen, allein, der Hauss-Herr und die andern beyden von Adel, hielten ihn davon ab, und stiffteten in so weit Friede, weil mein Herr dem Officier versprach, Morgen bey Aufgang der Sonnen, mit ein paar geladenen Pistolen vor ihm auf der Grantze zu erscheinen. Bald hernach liess der Officier seine Pferde satteln, und ritt, nachdem er einen negligenten Abschied genommen, voll Wein und Grimm seiner Wege. Jederman war froh, dass er diese Resolution ergriffen, und sonderlich das Frauenzimmer; die Frau Hauss-Wirthin aber, welche eine in der Geburth arbeitende Frau besucht, war bey dem gantzen Streite gar nicht zugegen gewesen, verwunderte sich derowegen ziemlich daruber, und sagte: sie hatte jederzeit eine malhonette Conduite an diesem Officier gemerckt, indem er zum offtern den tugendhafftesten Leuten Klebe-Flecken anhangen und sich selbsten ein und anderer Sachen beruhmen wollen, die wohl niemahls wahr gewesen, etc. etc. (Allein, es hat mir kurtze Zeit hernach ein guter Freund im Vertrauen eroffnet, dass diese Dame eben diesen Officier, in Abwesenheit ihres Gemahls, gar offters heimlich zu sich bitten lassen, und ihm gar gern ein oder etliche Nacht-Quartiere gonnen mogen, wesswegen ihn allerdings die Eiffersucht wegen meines Herrn, vor diessmahl zu einer wunderlichen Auffuhrung verleitet haben mag.)

Mein Herr war, ohngeacht der gefahrlichen Arbeit, die er auf Morgen fruh vor sich hatte, lustig und guter Dinge, mir aber pochte das Hertz als ein Hammer, und an der Frau Hauss-Wirthin merckte ich ein paar mahl, dass, wenn sie sich alleine, ausserhalb der Stube, befand, sie die Hande runge, und Thranen fallen liess. Jedoch unser beyder Angst wurde in etwas vermindert, da noch selbigen Abend des Officiers Laquey zuruck geritten kam, und Nachricht brachte, dass seinem Herrn unterwegs ein Ordonnance-Reuter begegnet, welcher ihm die Ordre uberbracht, sich so gleich zu Pferde zu setzen, und zum General zu kommen, wesswegen denn sein Herr die gegebene Parole vor dieses mahl nicht halten konte, sondern sich seine Satisfaction auf einen andern Tag zu fordern, vorbehalten muste. Mein Herr hatte dem Kerl nicht geglaubt, sondern dem Officier einer Zaghafftigkeit beschuldiget, wenn ihm der Laquey nicht die Ordre in Originali vorgezeiget hatte, solchergestalt gab er ihm weiter nichts zur Antwort, als dieses: Es ware ihm gleich viel, und ein Tag so gut als der andere. Diesen Abend ging ein jedes bald zur Ruhe, weil so wohl mein Herr, als die andern Gaste folgenden Morgen fort wolten, es offnete sich auch diese Nacht die Seiten-Thur in meines Herrn Zimmer nicht, hergegen schlieff er ungemein ruhig, biss man horete, dass der Hauss-Wirth und dessen Gemahlin schon ihre Stimmen im Hause horen liessen. Diese beyden muste ich, so bald er angekleidet war, auf ein Wort hinauf in sein Zimmer bitten, da er denn vor alle erzeigte Hoflichkeit und Muhwaltung verbindlichen Danck abstattete, und dem Herrn die guldene Uhr, der Frauen aber das Diamantene Brust-Creutz, auch jeglichen einen kostbaren Ring zum freundlichen Angedencken verehrete, anbey versicherte, so bald die ihnen bewusten Affairen vollig zu Stande, sich anderweit erkanntlich zu erzeigen. Beyde schienen recht besturtzt zu seyn uber dergleichen kostbare Geschencke, und wusten fast nicht, ob sie dieselben annehmen solten oder nicht, allein, mein Herr bath: ihn mit fernern Weitlaufftigkeiten zu verschonen, nahm beyde an die Hand, und fuhrete sie herunter zur andern Gesellschafft, ging sodann abermahls heraus, und beschenckte die Hauss- und Stall-Bedienten reichlich, welches so viel wurckte, dass der Hauss-Herr, mir und meines Herrn Laqueyen, jeden einen Ducaten aufzwunge, die Dame aber mir allein heimlich noch 2. Ducaten in die Tasche steckte. Ich wunschte desswegen, dass wir offters an diesen Ort kommen, und den Herrn von E.* denn so hiess der Hauss-Wirth, beschmausen mochten, wenn mir aber das KugelnWechseln, welches mein Herr noch vor sich hatte, in die Gedancken kam, schoss mir das Hertz-Blutgen auf einmahl, doch endlich gedachte ich: Weil mein Herr doch so lustig und frolich ist, muss er gewiss die Kunst schon konnen, einen Kerl vom Pferde zu schiessen; oder, wer weiss, ob gar was daraus wird?

Wir kamen erstlich des Abends in unserm Logis der Herrschafftlichen Residentz an, allwo mein Herr sogleich die andern Bedienten fragte, ob der Secretarius und der Cammer-Diener noch nicht zuruck gekommen waren? und zur Nachricht erhielt, dass beyde sich noch nicht wieder sehen lassen. Einige Tage stellete sich mein Herr unpasslich, und kam nicht aus dem Zimmer, wurde jedoch von verschiedenen Cavaliers und andern vornehmen Personen besucht, sobald aber der Secretarius und hernach der Cammer-Diener zuruck gekommen, war er wieder gesund, frequentirte fast alle Zusammenkunffte vornehmer Standes-Personen, war aber eine gute Zeit so unglucklich, dasjenige nicht anzutreffen, was er suchte, nehmlich, (wie er mir nach langer Zeit selbst erzahlet) die Frau von A.* als seine ehemalige kostbare Geliebte, wegen welcher, wie ich schon gemeldet, er den strengen Befehl bekommen hatte. Endlich kam einer von seinen Spions, denn er hielt deren verschiedene, und belohnete sie reichlich, dieser kam, sage ich, und meldete ihm, wo offt erwehnte Dame auf einer Masquerade anzutreffen seyn wurde, beschrieb ihm auch dreyerley kostbare Kleidungen, woran er sie vor allen andern erkennen konte. Mein Herr war nicht faul, sich auch dahin zu begeben, und prostituiret die Frau von A.* auf eine gantz besondere und verzweiffelte Art, die ich nachzusagen, mich itzo selbst noch schamen muste. Es mag ihm solches zwar von den allerwenigsten unter der Compagnie wohl ausgelegt worden seyn, doch movirt sich niemand dieserwegen, als ein eintziger Cavalier, dieser nimmt sich der Dame offentlich an, gerath mit meinem Herrn in Wort-Streit, welcher verschiedene zweydeutige Reden, die hernach einer hohern Person unordentlich vorgebracht worden, fliegen last, biss es endlich so weit kommt, dass beyde einander auf ein paar Degen-Spitzen heraus fordern. Die Dame last sich vor Chagrin halb ohnmachtig in einer Sanffte nach Hause tragen, mein Herr kam auch zu Hause, lase einen von seinen besten Stoss-Degens aus, legte ihn nebst den steiffen Hand-Schuen zurechte, und befahl dem Cammer-Diener, gleich mit anbrechenden Tage ein Pferd vor ihn, den Herrn, eins vor den Cammer-Diener, und eins vor den Reut-Knecht satteln zu lassen, aus welchen Anstalten wir Bedienten sogleich abnehmen konten, dass er Morgen ein Duell vorhatte. Allein, alle diese Anstalten waren vergebens, hergegen unser Schrecken nicht geringer, da gleich nach angebrochenem Tage ein Ober-Officier mit 4. Mann in meines Herrn Zimmer getreten kam, ihm Arrest ankundigte, ein Unter-Officier mit 8. Mann aber, die Wache aussen vor dem Zimmer hielt, und nachdem alle Bedienten heraus gewiesen waren, niemanden als den Cammer-Diener und mich aus und ein passiren liessen. Anfanglich vermeyneten wir Bedienten, es geschahe dieses alles nur, um das vorhabende Duell zu hintertreiben, erfuhren aber bald, dass mein Herr nicht allein von der prostituirten Dame, sondern auch noch von einer hohern Person actionirt werde. Anfanglich mochte es nicht allzuwohl um ihn gestanden haben, weil er sich aber mit dem Munde und der Feder wohl zu helffen wuste, uber dieses sehr viel gute Freunde und Vorsprecher hatte, kam es endlich nach einem 6. wochentlichen Arrest dahin, dass er etliche 1000. Thlr. Straffe geben und angeloben muste, binnen drey Tagen die Residentz Stadt zu verlassen, und sich wenigstens drey Jahr lang ausserhalb Deutschlandes in frembden Landern aufzuhalten, wie ihm denn auch nicht mehr als drey Wochen Zeit erlaubt war, in diesem Lande zu bleiben, um seine Sachen in Ordnung zu bringen und sich Reise-fertig zu machen. Dieses letztere war eben so nothig nicht, denn seit dem er geschworen, die Frau von A.* zu prostituiren, hatte er bereits alle Anstalten zu einer Reise nach Franckreich machen lassen; unterdessen war es eine gewaltige Summa Geldes, welche er dieser eintzigen ihm ungetreuen Weibs-Person halber einbussen muste. Allein, wie ich etliche Jahre hernach erfahren, hat diese von aussen sehr schone, jedoch gifftige Creatur noch viel Manns-Personen ins Verderben gesturtzt.

Binnen bemeldten drey Wochen liess mein Herr seine unnothigen Sachen, auch Pferde, Kutschen und dergleichen verkauffen, danckte die uberflussigen Bedienten ab, behielt also niemand bey sich, als seinen Cammer-Diener, einen Jager, mich und 2. ReutKnechte, 3. Reut-Pferde vor sich und 5. vor die Bedienten. Aus einem kleinen Stadtgen, welches schon ausserhalb Landes lag, schickte er den Jager mit einem Briefe an den Officier ab, welcher ihn auf Pistolen gefordert hatte, denn von diesem war ihm binnen der Zeit, als er im Arrest gesessen, ein anderweites Cartell zugeschickt worden, mein Herr aber nicht im Stande gewesen, sich zu stellen, doch nunmehro benahmte er demselben Ort und Stunde, wo und wenn sie einander sehen konten. Auf eben denselben Platz und zu eben derselben Stunde bestellete er auch in einem andern Briefe, welchen ein Reut-Knecht uberbringen muste, denjenigen Cavalier, welcher sich auf der Masquerade der Frau von A.* so ernstlich angenommen, und es erschienen beyde, nach seinen Verlangen, zu gehoriger Zeit. Mein Herr hatte einen bekandten Cavalier zum Secundanten mitgenommen, und war so glucklich, den Officier, nachdem derselbe sich verschossen, eine Kugel durch die Brust zu jagen, dass er augenblicklich todt vom Pferde sturtzte; hierauf stieg er vom Pferde, legte seinen Rock, Camisol und die Sporn ab, zohe den Degen, und nahm es mit dem Ritter der Frau von A.* auf, versetzte ihm auch im andern Gange einen solchen Stoss oben in die rechte Brust hinein, dass demselben auf einmahl Arm und Klinge niedersanck, er ist aber nachhero doch wieder vollig curiret worden, und nach dieser Arbeit, setzte sich mein Herr wieder zu Pferde, und ritt mit seinen Bedienten auf einem frembden Grund und Boden immer fort, als er seinem Secundanten einen kostbaren Gedenck-Ring geschenckt und hoflichen Abschied von ihm genommen hatte. Nachdem wir eine Stunde Wegs mit einander geritten, schickte mein Herr den Cammer-Diener mit den andern Leuten voraus, nach der Stadt zu, wohin er seine meiste Equippage mit der Post bringen und absetzen lassen, befahl denselben in Geheim, nicht ehe von dannen aufzubrechen, biss er wieder zu ihnen kame, er aber ritte mit mir lincker Hand fort, biss wir endlich auf den Weg kamen, welcher uns Abends sehr spat in des Herrn von E.* Ritter-Gut fuhrete. Ich glaube, es war meinem Herrn eben nicht so zuwider, als er sich wohl gegen die Bedienten stellete, da er erfahren muste, wie der Herr von E.* schon seit vier Tagen verreiset ware, auch wohl noch so lange aussen bleiben durffte, die Frau von E.* hatte eben schlaffen gehen wollen, schien aber uber unsere Ankunfft eben nicht missvergnugt zu seyn, sondern wolte gleich warme Speisen machen lassen, allein, mein Herr deprecirte alles, und bath nur um ein Glass Wein, 2. Bissen Brod, hernach um ein Bette, weil er vor Mudigkeit fast die Augen nicht mehr offen halten konte. Er nahm auch weiter nichts zu sich, sondern eilete zu Bette, und erzahlete der Frau von E.* diesen Abend gar nichts von alle dem, was sich seit der Zeit, vielweniger diesen vergangenen Tag, mit ihm zugetragen hatte. Etwa eine halbe Stunde, nachdem ich mich nieder gelegt, offnete sich die Thur, ich sahe mich aber nicht einmahl mehr nach dem Gespenste um, welches herein kam, weil ich es aus verschiedenen Umstanden schon kennen lernen, wurde auch nicht gewahr, um welche Zeit es wieder fort ging. Fruh Morgens beym Thee erzahlete mein Herr erstlich der Frau von E.* wie er seine beyden Gegner gestern fruh abgefertiget hatte, sie wunderte sich hochlich daruber, gratulirte ihm, dass er so glucklich und ohnbeschadigt davon kommen ware, und letztlich sagte sie: ich kan nicht laugnen, dass ich allezeit ein Mitleiden mit denenjenigen gehabt, welche im Duell umkommen, oder nur blessirt sind, aber dieser Officier gehet mir gar nicht nahe, nur darum, weil er so sehr viel unbesonnene Reden, die wenigen Tage uber, allhier gefuhret hat, derowegen ist es eben so gut, dass ihm das Maul gestopfft ist. Aber, mein Herr! fragte sie weiter, sind sie allhier auch sicher? O ja! antwortete er, denn ich bin allhier in des dritten Herren Lande, jedoch wenn meine Anwesenheit konte verschwiegen bleiben, ware es mir um so viel desto lieber. Gut! versetzte sie, dass es mir nur gesagt wird, nun lassen sie mich alleine sorgen, denn alles mein Gesinde hat die Tugend der Verschwiegenheit, und ist mir sonderlich gehorsam.

Jedoch, damit meine Erzahlung nicht allzu weitlaufftig werden moge, will ich nur kurtz melden: dass mein Herr 6. Nacht und 5. gantzer Tage Zeit hatte, der Frau von E.* alles zu erzahlen, was ihm begegnet war, denn am 5ten Tage gegen Abend kam der Herr von E.* erstlich von seiner Reise wieder zuruck, und erfreuete sich hertzlich, meinen Herrn gesund und in Freyheit in seinem Hause zu sehen, denn dessen Process-Sachen waren ihm gar gefahrlich vorgebracht worden. Wir blieben also noch 3. Tage bey ihm, binnen welcher Zeit mein Herr den Herrn von E.* zum Ober-Aufseher einiger seiner da herum liegenden Guter bestellete, und ihm dessfals schrifftliche Vollmacht ertheilete, auch vor seine Muhe ein und andere Revenuen anwiese, mit dem Bedinge: dass er dahin besorgt seyn solte, damit ihm seine Gelder richtig gezahlt, und par Wechsel nach Franckreich, oder wo er dieselben sonst hin verlangte, ubermacht werden mochten. Hierauf theilete mein Herr abermahls reichliche Geschencke aus, die besten aber mochte die Frau von E.* wohl in Geheim von ihm empfangen haben, ohne das allerbeste Angedencken, welches sie seit der neulichsten Anwesenheit meines Herrn unter ihrem Hertzen trug, und ihm solches offenhertzig bekannt und darbey gesagt hatte, dass ihr solches am allerliebsten ware, da sie in ihrem 6. jahrigen Ehestande noch niemahls so glucklich gewesen, hohes Leibes zu seyn. Eben dieses machte, dass sie beym Abschiede, alle Kraffte anspannen muste, ihren Jammer und Thranen zu verbergen, der Herr von E.* aber gab uns, da wir des Nachts bey Mond-Scheine fort reiseten, das Geleite mit 2. seiner Bedienten, weiter, als 3. Meil Weges; kehrete hernach um, wir beyde aber reiseten so eiligst, als moglich war, fort, biss wir unsere Leute an dem bestellten Orte antraffen. Allhier ruhete mein Herr nur einen Tag aus, nahm so dann eine Extra-Post, den Cammer-Diener und mich mit sich, und setzte die Reise auf Paris fort, der Jager aber nebst den Reut-Knechten und Pferden solten sachte nachkommen. Ohngeacht nun viel schone Stadte unterwegs zu besehen waren, so hielt sich doch mein Herr nirgends lange auf, weiln ihm recht innigst verlangte, das weltberuhmte Paris zu sehen.

Endlich wurde seine Sehnsucht gestillet, denn wir kamen gleich in der schonsten Zeit, nehmlich im May-Monat, in diese kleine Welt, und zwar so wahlete mein Herr keins der schlechtesten Quartiere darinnen, sondern ein solches, wo kurtz vorhero nur ein Deutscher Printz logirt hatte, wesswegen viele auf die Gedancken geriethen, er ware ein wurcklicher Printz, und wolte sich des Ceremoniells und der Kosten wegen nur unter verdeckten Nahmen daselbst auffuhren. Demnach ist leichtlich zu erachten, dass er bald in Gesellschafft gerathen, und in derselben, nach Fanzosischer Manier, von jedermann complaisant tractiret worden, sonderlich aber von dem Frauenzimmer, denn er sahe im Gesichte vor eine Manns-Person sehr schon, war von Leibe wohl gewachsen, und sonst in der Auffuhrung ein vollkommener Staats-Mann. Von seinen Divertissements aber kan ich eben so viel nicht melden, weil ich selten darbey gewesen, denn er, mein Herr, welcher alle Mittags ausging oder ausfuhr, war so gutig, mich bey einem Sprach-Meister zu verdingen, welcher mich recht perfect Franzosisch reden und schreiben lehren solte, ich hatte auch in der That hierzu mehr Lust, als alle Abende dem Lermen, Schwermen, Tantzen, Spielen und dergleichen zuzusehen, gab auch meinem Sprach-Meister noch etwas Geld aus meinem Beutel, dass er die Lateinische Sprache und die Rechen-Kunst mit mir repetiren muste. Solchergestalt verstrich mir viel Gelegenheit, in bose Gesellschafft zu gerathen, hergegen konte ich hoffen, dass mir mein fleissiges Lernen dermahleins guten Nutzen schaffen konte; denn ich war dazumahl noch nicht einmahl 18. Jahr alt. Als wir nun etwa 3. Monat in Paris gewesen, kam mein Herr eines Abends, wider unser Vermuthen, zeitiger als sonst gewohnlich nach Hause, da mir aber seit einigen Tagen nicht gar zu wohl gewesen, hiess er mich zu Bette gehen, und der Cammer-Diener muste alleine bey ihm bleiben, weil er noch nicht Lust hatte, schlaffen zu gehen. Nach verschiedenen Gesprachen, die er mit dem CammerDiener gefuhret, und die ich, weil nur eine Bret-Wand zwischen unserer und seiner Schlaf-Cammer war, deutlich horen konte, fing mein Herr nach einem langen Stillschweigen folgender massen zu dem Cammer-Diener zu reden an: Heute hat mein Leben an einer Haare gehangen, und ihr hattet mich fast nicht wieder zu sehen bekommen. Ey! da sey der Himmel darvor, (sagte der Cammer-Diener) gnadiger Herr, wie ware denn das zugegangen. Ich bin, verfolgte der Herr seine Rede, Zeit meines Lebens nicht hefftiger erschrocken, als heute, werde mich aber auch Zeit meines Lebens uber keine Begebenheit mehr verwundern, als uber die heutige. Ihr habt doch gesehen, dass mir die Marquise von R. heute fruh ein Billet zugeschickt, derowegen begab ich mich zur MittagsMahlzeit zu ihr, denn ihr Mann war, wie sie mir schrieb, auf etliche Tage verreiset. Ich kan nicht laugnen, dass ich diese Liebens-wurdige Dame, mit der ich gleich anfanglich in Bekandtschafft gerathen, sehr liebe, weil ich die starcksten Proben habe, dass sie mich vollkommen und ohne eintziges Interesse liebt, ja ich glaube, wenn ich es verlangte, ihr gantzes Vermogen mit mir theilete, allein, ich bin damit vergnugt, dass ich ihr gantzes Hertze habe, und so offt es sich nur schicken will, das allerangenehmste Liebes-Vergnugen bey ihr geniessen kan, denn ihre Caressen sind extraordinair delicat. Heute Nachmittags nun, da wir beysammen sassen und spieleten, sagte ihr lustiges Cammer-Madgen: O! wer wolte doch bey so uberaus angenehmen Wetter im Zimmer sitzen, und die lumpichte Karte in Handen rum werffen? Ware es nicht besser, wenn man ein wenig in den Garten hinaus spatziren fuhre? Es ist auch wohl wahr, sagte die Marquise, gefallt es euch, mein Herr! so soll augenblicklich mein Wagen angespannet werden? Ich war damit zufrieden, wir fuhren hinaus in den Garten, und nahmen zur Bedienung niemanden mehr mit, als gemeldtes lustige Cammer-Madgen und einen Laqueyen. Unter der Zeit, da ich die Marquise im Garten herum fuhrete, hatte das Madgen oben in einem Zimmer des Garten-Hauses allerhand Erfrischungen zurechte gesetzt, derowegen begaben wir uns hinauf, selbige zu versuchen. Das Magdgen nahm sich eine Bouteille Limonade und Schachtel voll Confect aus der Kiste, machte einen Reverentz, und sagte: Meine Engels-Kinder! sie lassen sich es wohl schmecken, und sorgen vor nichts, ich will mit diesen meinem Gewehr vor der Thur am Fenster Schild-Wacht stehen, und wenn ich jemanden auf das Lust-Hauss zukommen sehe, Wer da? ruffen. Die Marquise lachte so wohl als ich uber das narrische Ding, welches wurcklich zum Zimmer hinaus ging, den Schlussel davon abzog und herein warff. Wir fingen hierauf an, das Confect der Liebe zu benaschen, der Appetit aber hierzu ward endlich so starck, dass wir die beschwerlichsten Kleidungs-Stucke ab uns alle beyde auf das zur Seiten stehende Faul-Bette legten, und unserer Wollust den Zugel vollkommen schiessen liessen. Indem stiess der Marquis von R. eine kleine Cabinet-Thur auf, kam, in jeder Hand ein aufgezogenes Pistol habend, heraus gesprungen, hielt das eine mir, das andere seiner Frau gegen die Brust, und sagte: Regt euch nicht, sondern betet, denn ihr musset beyde sterben. Ich kan wohl sagen, dass mir alle Gedancken vergingen, weiss auch nicht recht mehr, was die Marquise zu ihrem Manne sagte, und ihn damit bewegte, dass er zu lachen anfing, und mit seinen Pistolen zur Thur des Zimmers hinaus ging. Sie sprung demnach hurtig auf, brachte durch einen derben Kuss meine 5. Sinnen wieder in Ordnung, und sagte: Mein Hertz! seyd gutes Muths, mein Mann ist so tyrannisch nicht, sondern wird uns diesen Fehler vergeben. Also kleideten wir uns beyderseits hurtig an, und sahen, da wir zum Zimmer hinaus kamen, von oben herunter den Marquis unten im Garten ohne Pistolen gantz aufgeraumt herum spatziren. Die Marquise nahm mich bey der Hand, und fuhrte mich ihm entgegen; ich danckte dem Himmel, dass ich meinen Degen an der Seite hatte, und mich auf einem freyen Platze befand. Als wir fast noch 6. Schritt von einander waren, zohe der Marquis schon seinen Hut ab, und bewillkommete mich aufs allerfreundlichste, danckte, dass ich ihm die Ehre erweisen und seinen schlechten Garten besehen wollen, und bath, nicht ungutig zu vermercken, wenn ich nicht nach Wurden tractirt wurde, weil man sich nicht darauf gesaft gemacht. Ich wurde von neuen dergestalt verwirret, dass ich in Wahrheit selbst nicht mehr weiss, was ich ihm geantwortet habe. Es wendete sich aber der Marquis zu seiner Frau, kussete sie auf den Mund, und sagte mit einer lachlenden Mine: Wie nun, Madame! soll man euch nunmehro auch mit unter die einfaltigen Weiber zahlen? Und glaubt ihr nun, dass die Manner auch listig seyn? Monsieur! ihr habt in beyden Stucken recht, (gab sie zur Antwort) allein, wenn ihr so gutig seyn, und nicht mehr an das, was einmahl geschehen ist, gedencken werdet, wird sich meine Hochachtung gegen euch vervielfaltigen. Der Marquis klopffte sie hierauf sanffte auf den Bakken, und kussete ihre Hand, zu mir aber sprach er: Mein Herr! meine Frau sprach nur vor wenig Tagen zu mir, da ich ihr eine ohnlangst passirte Geschicht erzahlet hatte: das waren die allereinfaltigsten und dummsten Weiber, die sich im Liebes-Wercke mit einem Galan, von ihren Mannern betrappeln liessen, auch ware der Manner List, gegen der Weiber List, gar nichts zu schatzen. Ich wuste nicht, ob, oder was ich hierauf antworten solte, der Marquis aber, welcher wohl merckte, dass ich mich von meiner Besturtzung noch nicht recolligiren konte, fuhr im Reden fort: Mein Herr! ich glaube wohl, dass ihr nicht wisset, ob ihr hier bey mir verrathen oder verkaufft seyd, allein, trauet meiner redlichen Parole, furchtet euch vor keiner Gefahr oder Hinterlist, sondern seyd gutes Muths, und folget mir in jene Grotte. Er nahm also seine Frau bey der lincken Hand, und mir reichte sie die rechte, mithin spatzirten wir in eine vortreffliche Grotte, allwo die kostlichsten Erfrischung bereits zurechte gesetzt waren. Er trunck mir ein Glass Wein zu, auf redliche Freundschafft, und da ich solches Bescheid gethan, prsentirte er erstlich der Dame, hernach mir verschiedene Confituren, fing hierauf also zu reden an: Mein Herr! ich bin niemahls derjenige, so seine eigene Conduite ruhmet, allein, ich zweifle nicht, ihr werdet mir zugestehen mussen, dass dieselbe heute gegen euch und diese Dame gantz sonderbar gewesen. Ich glaube nicht, dass in Europa unter tausend Mannern einer anzutreffen, und wenn er auch eine Castrat ware, der sich bey einer solchen empfindlichen Begebenheit, so gelassen auffuhren wurde, als ich gethan. Ihr durfft auch nicht vermeynen, dass ich etwa par Interesse, oder anderer Ursachen wegen, ein guter Mann seyn wolte oder muste. Nein! mein Herr! sondern lasst euch eine Geschicht erzahlen: Diese Dame und ich haben einander aus gewissen Ursachen nach dem absoluten Willen des Konigs heyrathen mussen, und zwar zu der Zeit, da Sie noch nicht 15. ich aber noch nicht 19. Jahr vor voll alt waren. Es fiel uns dieses auf beyden Seiten sehr schmertzlich, weil wir, eins so wohl als das andere, unsere Hertzen schon anderwerts verschenckt hatten, mithin einander nicht nur gar nicht lieben konten, sondern auch einen wurcklichen Abscheu vor einander bekamen. Unsere Freunde wusten dieses, und der Konig erfuhr es auch, allein, ein jeder meynte, das alles wurde sich schon geben, wenn wir nur erstlich zusammen kamen; allein, weit gefehlt, denn ob ich gleich wuste, dass ich eine schone Frau bekommen, auch sonsten an ihren gantzen Wesen nichts auszusetzen hatte, so war mir doch so wenig als ihr moglich, beysammen in einem Bette zu liegen, und noch vielweniger einander ehelich zu beruhren. Wie ich sie ausserdem aber im Hause wohl leiden konte, so wurde zu einem wahrhafften Mitleiden bewegt, da ich sie bestandig weinend antraff, derowegen konte mich endlich langer nicht enthalten, sie eines Abends also anzureden: Madame! es jammert mich hertzlich, euch alle Tage und Stunden, so offt ich euch nur zu Hause antreffe, betrubt und weinend zu finden, ich weiss, dass es euch unmoglich fallt, euer Hertze von euren Amanten abzuwenden, und mich zu lieben, aber ich muste unvernunfftig handeln, wenn ich euch darum verdachte, weil mir ja ebenfalls nicht anders zu Muthe ist. Mein eintziger Trost ist, dass ihr selbsten wisset, was massen ich am wenigsten Schuld an unsern Malheur bin, ja ich schwore: dass ich mehr als die Helffte meines gantzen Vermogens daran spendirte, wenn wir beyde unser Schicksal geandert, und uns vergnugt sehen konten. Damit ihr aber nicht Ursach habt, uber mich zu klagen, so schencke ich euch eure vollkommene Freyheit, so zu leben, als ob ihr an keinen Mann gebunden waret, denn ich werde eher diejenigen Orte, wo ihr euer Divertissement findet, vermeiden, als euch vorsatzlich darinnen stohren. Lasset euren Amanten, oder wen ihr sonst gern leiden moget, so offt, als euch beliebt, zu euch kommen, ich werde thun, als ob ich von nichts wuste, denn ich bin schon so viel von eurer Conduite versichert, dass ihr bey der Galanterie eure Reputation nicht vergessen werdet. Im Gegentheil aber hoffe, dass ihr auch so raisonnable seyn, und euch um meine Gange, Thun und Lassen, vornehmlich aber um meine Galanterie-Affairen unbekummert lassen werdet. Meine Frau sass, nach Endigung meiner Rede, eine gute Weile in tieffen Gedancken, da ich sie aber erinnerte, mir doch einige Antwort zu geben, offnete sich endlich ihr Mund, und sagte: Monsieur, ihr verdienet eurer guten Gestalt und vortrefflichen Conduite wegen von Koniglichen Printzessinnen geliebt zu werden, allein, vergebet, und habt ein wahrhafftes Mitleyden mit mir Ungluckseligen, da ich gestehen muss, dass mir noch biss auf diesen Augenblick ohnmoglich fallt, euch zu lieben. Wegen eures Anerbietens bin ich euch gar sehr und mit noch mehrerer Hochachtung, als vorhero, verbunden, werde mich aber dessen nicht bedienen, denn, wenn es auch voritzo euer wurcklicher Ernst seyn mochte, so habe ich doch vernommen, dass die Manner heute so, und Morgen gantz anders gesinnet seyn sollen; demnach wird es mir als einer Gebundenen hinfuhro besser anstehen, wenn ich euch bey vorhabenden Divertissements jederzeit erstlich um Erlaubniss bitte, Seiten meiner aber konnet ihr vollkommen versichert leben, dass ich mich niemahls um euer Wesen bekummern werde, ausgenommen, was meine Schuldigkeit im Hause erfodert, damit ich euch wenigstens die auserliche Complaisance abverdienen kan. Ich war mit dieser Antwort vergnugt, und betheurete nochmahls, dass sie sich, ohne Furcht vor mir zu haben, aller Freyheit bedienen mochte, indem ich ohnmoglich leiden konte, dass eine Person von ihrem Stande und Jahren meinetwegen unglucklich und unvergnugt leben solte. Hierauf verliess ich sie, und bemerckte wenige Zeit hernach, dass sie offter, als sonsten, in Gesellschafften fuhr, sonderlich wo ihr Amant der Vicomte von T. anzutreffen war. Mir erweckte dieses mehr Zufriedenheit als Verdruss, und so offt ich ihn, den Vicomte, in meinem Hause angetroffen, ist er allezeit von mir hoflich und freundlich tractirt worden, wie ich ihn denn auch zu allen Assambleen, die nachhero in meinem Hause gehalten sind, invitiren lassen, und vor vielen andern distinguirt habe. Allein, er war vor etwa einem Jahre so unglucklich, von einem Deutschen Cavalier im Duell erstochen zu werden. Ich erfuhr bald, dass meine Frau seines Todes wegen fast nicht zu trosten stunde, liess derowegen erstlich etliche Tage vorbey streichen, und legte hernach meine aufrichtige Condolentz bey ihr ab, welche sie mit weinenden Augen annahm, und mir dagegen alles erwunschte Vergnugen wunschte. Am allerbesten hat mir von ihr gefallen, dass sie diesen ihrem Amanten allein getreu und bestandig geliebt, und ausser ihm keine eintzige Manns-Person besonders stimirt, wie ich denn desshalber genaue Kundschafft eingezogen, es auch zum Theil selbst aus allen Umstanden vermerckt. Nachst diesen hat mir auch gefallen, dass Sie diejenige Dame, von welcher Sie weiss, dass ich dieselbe uber alles in der Welt liebe, vor allen andern Dames distinguiret, und, dem Ansehen nach, mehr als ihre eigene Schwester liebt. Wenn ich von dieser abstehen konte, so hatte sich vielleicht meine Frau gewinnen lassen, nach dem Tode des Vicomte, mich allein getreu zu lieben, allein, solches ist mir noch biss auf diese Stunde ohnmoglich. In der tieffen Trauer, welche meine Frau in Geheim, des Vicomte wegen, uber ein halbes Jahr lang gefuhret, habe ich sie nie gestohret, und sahe gern, dass sie hernach wieder anfing, ein und andere Gesellschafft zu suchen. Endlich vor etlichen Wochen habt ihr, mein Herr! den Schlussel zu ihrem Hertzen gefunden, und euch in den Platz des Vicomte gesetzt, denn ich habe so gleich von Anfange eurer Liebe an, sichere Nachricht davon gehabt, und weiss wohl, dass die heutige geheime Zusammenkunfft nicht die erste ist, in welcher ich euch in Wahrheit nicht gestohret haben wurde, wenn mir nicht, schon gemeldter Ursachen wegen, die Lust angekommen ware, meiner Frauen zu zeigen, dass auch die klugsten Weiber von ihren Mannern betrappelt werden konnen. Vergebet mir, dass ich euch einen so hefftigen Schrecken eingejagt, denn es ist mein Ernst nicht gewesen, euch Leydes zuzufugen, vielweniger eine Summe Geldes von euch zu pressen, wie nur neulichst ein Geitz-Halss allhier, bey eben dergleichen Begebenheit gethan. Ihr behaltet dieserwegen den freyen Aus- und Eingang in mein Hauss nach wie vor, und habt nicht Ursach, euch vor mir zu furchten, denn es ware bey so gestalten Sachen, da vielleicht ich und meine Frau bezaubert seyn, die groste Unbilligkeit, wenn ich uber sie tyrannisiren, und ihr nicht eben das Vergnugen, so ich anderwerts geniesse, vergonnen wolte. Allein, dieses eintzige, mein Herr, bitte ich mir von euch aus, dass ihr von allen dem, was vorgegangen ist, und etwa noch vorgehen mochte, ingleichen von meiner gantzen Erzahlung, reinen Mund haltet, widrigenfalls ist unsere Freundschafft auf einmahl aus, auch hoffe, ihr werdet von selbsten so raisonnable seyn, und euch in Compagnie gegen diese Dame nicht allzu frey auffuhren, denn, weil ich in meinem 5. jahrigen Ehestande, des Vicomte wegen, von keinem eintzigen Menschen railliret worden, so wurde mich solches, wenn es in Zukunfft eurentwegen geschehen solte, zu andern Entschliessungen bringen, anbey werden alle Cavalier, so mich kennen, mir das Zeugniss geben, dass ich mich vor Degen und Pistolen niemahls gefurchtet habe. Nun saget mir, Madame! (fuhr der Marquis fort, indem er sich zu seiner Frau wendete) ob ihr in meiner gantzen Erzahlung etwas angemerckt, so wider die Wahrheit lieffe? Nein, mein Herr! (antwortete sie,) ich muste nicht so redlich und aufrichtig seyn, als ihr, wenn ich dieses sagen wolte, es ist demnach zu bejammern, dass, wie ihr selbsten glaubt, wir beyde bezaubert seyn, doch ist bey unsern Malheur annoch das groste Gluck, dass wir in gewissen Stucken noch einerley Sinn haben. Hierauf wandte er sich zu mir, und fragte: Habt ihr wohl, mein Herr! Zeit-Lebens dergleichen besondere Begebenheiten gehoret? Nein, versicherte ich, sondern ich halte dieselbe vor ein unerhortes Wunder, werde solches in meinem Hertzen vergraben halten, und biss auf den letzten Bluts-Tropffen zeigen, dass ich nichts hoher als Dero Generositee und Freundschafft stimire, und solche mit schuldigster Danckbarkeit zu erkennen alle Gelegenheit suchen. Nach diesen schwatzten wir alle Drey, als die vertrautesten Freunde, von allerhand indifferenten Dingen, und fuhren mit Untergang der Sonnen zuruck in des Marquis Wohnung, allwo ich die Abend-Mahlzeit eingenommen, mit den beyden Bewundernswurdigen Ehe-Leuten noch ein paar Stunden l'Ombre gespielet, und mich hierauf nach Hause begeben habe.

Was bedunckt euch, (fragte mein Herr nunmehro den Cammer-Diener) bey dieser Avanture? Sie scheinet mir (liess sich dieser vernehmen) sehr wunderlich, und die Folgerung hochst gefahrlich, wenn ich demnach meinen unterthanigen Rath geben durffte, so hielte davor, Ew. Gnaden zohen mit Manier ihren Kopff aus der Schlinge, denn diese gantze Sache kan gar leichtlich ein Ende nehmen mit Schrecken. Am besten ware es, wenn Ew. Gn. unter einem scheinbarn Vorwande, Paris auf eine Zeitlang verliessen, und mittlerweile einige andere beruhmte Stadte Franckreichs besahen. Ja, das ware mir gelegen, rieff mein Herr, nein! was ich etliche mahl gekostet, und wohlschmeckend befunden, davon lasse ich nicht ab, biss ich mich satt gegessen habe; macht ihr nur Anstalten zu einem kostbaren Balle, dem ich auf den Montag zu geben gesonnen bin, und worbey der Marquis nebst seiner und meiner Frau die Haupt-Personen seyn sollen. Mit unserer Abreise von hier, hat es noch in etwas Zeit, und wenn ich auch keine beruhmte Stadt in Franckreich mehr sehen solte, so ist nichts daran gelegen, denn wer Paris alleine nur gesehen, der hat in Franckreich alles gesehen. Morgen fruh aber gehet hin, und bringet dem Marquis und seiner Gemahlin von meinetwegen den Morgen-Gruss, und wenn ihr so glucklich seyd, sie selbsten zu sehen, so saget mir hernach wieder, ob man um einer solchen Schonheit willen nicht Leib und Leben wagen solte. Sehr wohl, (gab hierauf der Cammer-Diener) allein, gnadiger Herr! hatten sie heute auch solche gute Gedancken, da der Mann mit den Pistolen aus dem Cabinet gesprungen kam? Ihr seyd ein Narr, (versetzte der Herr,) legt euch nur schlaffen, ich werde es auch so machen. Hiermit hatte dieser getreue Diener und Rathgeber seine Abfertigung. Zwey Tage hernach kauffte mein Herr einen ungemein schonen Neapolitanischen Hengst, welchen viele Cavaliers, denen er zu kostbar gewesen, von sich gelassen, und ritt auf demselben, um ihn recht zu probiren, mit dem Marquis und etlichen andern Cavaliers spatzieren; weil nun dieser Hengst von allen, und sonderlich von dem Marquis, sehr gelobet worden, wurde dem Letztern gleich folgendes Tages ein Prsent damit gemacht, er nahm das Pferd mit Freuden an, schickte aber meinem Herrn dagegen einen neuen Wagen zuruck, der mehr als noch einmahl so viel werth war. Ingleichen ubersandte mein Herr eines Tages der Marquise, durch mich, sein, mit kostbaren Steinen besetztes, und in einer guldenen Capsel liegendes Bildniss, vor welches ich 4. Louis d'or Bothen-Lohn bekam, mein Herr aber empfing dargegen das Ihrige, welches 3. mahl theurer, als das Seinige, taxiret wurde, auch hat er lange hernach bekannt, dass ihm diese Dame aus grosser Liebe, vor mehr als 15000. Thlr. Jubelen und andere Kostbarkeiten geschenckt, von ihm aber wenig kostbare Sachen, sondern nur ein und anderes von geringen Werth zum Angedencken annehmen wollen. Am bestimten Tage

gab mein Herr einen fast Furstlichen Ball an die vornehmsten Cavaliers und Dames, deren sich eine gewaltige Menge einstelleten, wesswegen sehr viele bey den Gedancken verblieben, dass er eines hohern Standes seyn musse, als er sich ausgabe, da sahe man nun die Marquise in ihrer vollkommenen Schonheit, mein Herr begegnete ihr aber nicht als seiner Liebhaberin, sondern als einer grossen Printzessin, und der Marquis war bestandig lustig und guter Dinge, man konte jedoch nicht mercken, welches seine Amasia ware, indem er mit sehr vielen Damen gantz vertraulich umging, um die eigene Frau aber sich wenig bekummerte. Mit anbrechenden Tage, wurden wir unsere Gaste erstlich loss, und dergleichen herrliches Leben wurde bald hier, bald dar fortgesetzt, ausser der Zeit aber konte man meinen Herrn nirgends eher als bey der Marquise antreffen, indem er zuweilen 3. biss 4. Tage und Nachte in ihrer Behausung blieb, biss sie endlich mit einem jungen Sohne darnieder kam. Man horete, dass der Marquis ungemein erfreut uber die Ankunfft dieses Stammhalters ware, und er stellete dieserwegen ein Festin an, welches 3. Tage wahrete, worbey mein Herr, als ein erbetener Tauff-Zeuge, auch erschien. Nach vollendeten 6. Wochen, hatte die Marquise vorgegeben, als ob sie in ein Bad reisen wolte, allein, sie kam folgenden Morgens nach ihrer Abreise, fruh vor Tage, in unsern Logis, nebst ihrer Vertrauten, in Manns-Kleidern an, und mein Herr, welcher die gantze Nacht auf sie gehofft, emfing sie mit ausserordentlichen Freuden. Demnach wahrete ihre besondere Bade-Cur in einem a parten Zimmer unseres Logis, 4. gantzer Wochen, binnen welcher Zeit sich mein Herr stellete, als ob er den Arm angeschellert hatte, und denselben mit vielen Binden umwickeln liess, so offt er merckte, dass er eine Visite bekommen wurde, wie ihn denn verschiedene Cavaliers, und sonderlich der Marquis, etliche mahl besuchten. Ausserdem passirte er der Marquise bestandig die Zeit, biss sie sich wieder gesegnetes Leibes befunden hatte, setzte sich so dann eines Morgens mit beyden in einen zugemachten Wagen, und brachte sie an beliebigen Ort und Stelle. Zwey Tage hernach erfuhr man, dass die Marquise aus dem Bade wiederum glucklich in ihrer Wohnung angekommen ware, wesswegen mein Herr so gleich und fernerhin fast taglich seine Visite bey ihr ablegte. Endlich wurde die Marquise von einer schweren Kranckheit uberfallen, da er denn wegen der vielen Dames, so stundlich um sie gewesen, sich Wohlstandes halber gemussiget gesehen, seine Visiten einzustellen, allein, weil ihm die Zeit biss zu ihrer Genesung etwas zu lange zu werden begunte, merckte man bald, dass er nach andern Courroisieen herum schlich, und endlich, was das schlimste war, so ver

liebte er sich in eine geschminckte Operistin, ohngeacht er wohl nachdencken konnen, dass dieses falsche und betrugliche Waare ware. Diese hatte er bald gewohnet, dass sie auf erhaltene Ordre, sich so gleich einstellete, und viele Nachte bey ihm passirete, dargegen aber starcke Sportuln von ihm ziehen mochte. Solches Leben wahrete, biss man horete, dass die Marquise besser ware, und wiederum in ihrem Zimmer herum gehen konte, da aber mein Herr zu derselben hinschickte, und vernehmen liess, ob, und um welche Stunde es ihr gelegen, dass er zu ihr kommen, und die Gratulation wegen ihrer Genesung abstatten durffte, schickte sie einen Brief zurucke, worinnen sie ihm vorwarff: "Wie er sich wurde zu erinnern wissen, dass sie ihn mit der Condition zu ihren Amanten angenommen, wenigstens so lange, als er in Paris sich aufhalten wurde, kein ander Frauenzimmer, als sie allein, zu caressiren, weil sie im Lieben ungemein eigensinnig und eckel ware, er hatte ihr solches gleich anfanglich bey Wechselung der Ringe heilig zugeschworen, jedoch vor weniger Zeit hatte sie erfahren mussen, dass er nicht allein wahrend ihrer 6. Wochen, sondern auch nach der Zeit, da sie 4. Wochen lang bey ihm in seinen Logis gewesen, und ihre allergetreuste Liebe sattsam zu erkennen gegeben, verschiedene Dames von geringern Stande worunter einige die von der Courtoisie recht Profession machten, eiffrig caressiret, uber alles dieses aber, einer luderlichen SchandMetze, nehmlich einer Operistin, den ersten Ring, welchen sie ihn vor den Seinigen zum Gedenck-Zeichen der Treue, selbsten an den Finger gesteckt, ohne Bedencken hingegeben, auch Dieselbe viele Nacht in seinem Bette bey sich behalten etc. etc. Eben diese seine Untreue nun habe ihr die bissherige schwere Kranckheit zugezogen, an statt aber ihrentwegen bekummert zu seyn, ware er immer ungetreuer und lasterhaffter worden, wesswegen sie ihn von nun an nimmermehr wieder mit Augen zu sehen wunschte, u.s.f."

Dergleichen trostliche Worte schlugen meines Herrn Muth gantzlich darnieder, indem er sich in allen Stucken getroffen befand; er schickte zwar durch mich eine Entschuldigungs- und Submissions-Schrifft an die Marquise, allein, sie wolte selbige nicht annehmen, sondern sprach: Ich solte meinem Herrn nur mundlich sagen, dass sie weiter mit ihm nichts zu thun hatte, auch, so lange er in Paris ware, alle Gelegenheit vermeiden wurde, von ihm gesehen zu werden.

Uber dieses Compliment schien er vollends gantz Trost-loss und aller Hoffnung beraubt zu seyn, doch fing diese wiederum ein wenig an zu kaumen, als ihm noch selbiges Abends, von einer unbekandten Person, ein Billet mit folgenden Zeilen eingehandiget wurde:

Monseigneur!

Ich zweiffele nicht, dass euch der Eigensinn meiner gebietenden Frauen einigen Kummer werde verursacht haben, allein, weil ich nicht glaube, dass ihr so viel gesundiget habt, als man euch Schuld giebt; so will ich euch ein Geheimniss eroffnen, vermittelst dessen ihr, wo euch anders etwas daran gelegen, bald wieder in vorigen Credit gesetzt werden konnet. Weil ich aber nicht weit von ihr gehen darff, so erwarte euch auf ein kurtzes Gesprach diese Nacht punctuell um 11. Uhr an der Hinter-Thur unseres Pallasts, als

Eure

gehorsamste Dienerin

Lucretia.

Mein Herr machte sich fertig zu diesen nachtlichen Spatzier-Gange, nahm auch den Jager und einen ReutKnecht, die Pistolen und Pallasche bey sich hatten, mit sich, und befahl, ihm immer auf etliche 20. Schritte nachzufolgen, wenn er aber stehen bliebe, auch auf ihrer Stelle stehen zu bleiben. Er kommt glucklich an die Hinter-Thur des Marquisischen Pallasts, dieselbe offnet sich punctuell um 11. Uhr, es kommt ein Frauenzimmer heraus auf die oberste Stuffe getreten, und winckt ihm, so viel er in der Demmerung erkennen kan, naher zu kommen; so bald er aber bey ihr ist, stosst sie ihn mit einem Dolche dergestalt hefftig auf die Brust, dass er zuruck prallen muss, zu gleicher Zeit springt sie zuruck, und schlagt ihm die Thur vor der Nase zu.

Mein Herr hebt den Dolch, welcher ihm vor die Fusse gefallen, auf, kam nach Hause, und erzahlte, was ihm begegnet war, wolte auch anfanglich nicht viel Wesens aus der Wunde machen, allein, weil der Stich recht durch den Brust-Knochen ging, und der Dolch, allem Vermuthen nach, vergifftet gewesen, gerieth dieselbe dergestalt ubel, dass er bey nahe seinen Geist aufgegeben, denn der gantze Halss und Brust war dergestalt verschwollen, dass er kaum noch ein wenig Athem holen konte. Jedoch nach 5. Wochen fing es sich endlich zu bessern an, so, dass er wieder im Zimmer herum gehen konte, indem er sich aber nicht einbildete, dass der Marquis von der Historie, so zwischen ihm und der Marquise passirt, die geringste Wissenschafft haben wurde, nahm es ihm Wunder, dass er keine Visite von demselben bekommen, er erfuhr aber zufalliger Weise, dass der Marquis in Konigl. Affairen verreiset sey. Des Tags darauf, als er sich wiederum in die freye Lufft begeben, brachte ein fremder Laquey einen Brief, welchen ich, weil mein Herr denselben auf seinen Schreibe-Tische liegen lassen, also gesetzt befand:

Ungetreuer!

Nicht die Lucretia, sondern ich selbst habe euch bestellet, um mich zu rachen, einen Dolch zu euer lasterhafftes und meineydiges Hertze zu stossen, bin aber, wie ich mercke, zu schwach gewesen, diesem Werckzeuge meiner gerechten Rache, gnugsamen Nachdruck zu geben. Jedoch ich getroste mich dessen, dass bald eine starckere Faust uber euch kommen soll, denn es wird nicht eher wieder vergnugt leben, biss da weiss, dass ihr in die andere Welt geschickt seyd,

Die

deren getreuer Liebe ihr niemahls

wurdig gewesen.

Nun ist es Zeit, (sprach mein Herr, nachdem er diese Zeilen gelesen, zu dem Cammer-Diener:) dass ich Paris verlasse, machet derowegen Anstalt, dass wir je ehe je lieber nach dem Turinischen Hofe aufbrechen. Der Cammer-Diener, welcher nunmehro mit Missvergnugen sahe, dass seine Propheceyung mehr als zu zeitig eingetroffen, liess an seinem Fleisse nichts ermangeln, derowegen brachen wir, nachdem mein Herr von seinen besten Freunden, unter einem gantz andern Vorwande, kurtzen Abschied genommen, eiligst auf, und nahmen unsern Weg mit kurtzen TageReisen auf Troyes zu, allwo wir die Bagage noch antraffen, dieselbe aber voraus gehen liessen, weil mein Herr gesonnen war, einige Tage hieselbst auszuruhen; allein, seine Ruhe wahrete nicht lange, denn gleich andern Tages gegen Abend kam ein Cavalier, welcher ihm vom Marquis von R. ein Billet, folgendes Inhalts, uberbrachte: Ihr habt eure Parole, wegen Verschweigung eines gewissen Geheimnisses, nicht als ein rechtschaffener Cavalier, sondern als ein gehalten, derowegen bin ich euch, so bald ich solches erfahren, auf dem Fusse nachgefolget, um euch den offerirten letzten Bluts-Tropffen zur Satisfaction mit meinem Degen abzufordern. Uberbringer dieses mein Beystand hat von mir Vollmacht, wegen Zeit und Orts, Abrede mit euch zu nehmen, denn die Zeit, euch im Reiche der Todten zu wissen, wahret viel zu lang

Dem

Marquis von R.

Mein Herr besprach sich also mit dem Cavalier, und es wurde wegen desto besserer Sicherheit, so wohl vor diesen als jenen Theil, beschlossen, dass uns der Marquis biss nach Geneve folgen, und das Duell in selbiger Gegend vorgenommen werden solte, weil sich daselbst die Frantzosischen, Savoyischen und Schweitzerischen Grantzen scheiden. Mitlerweile gab mein Herr den Cavalier folgende Antworts-Zeilen zuruck: Ihr seyd von Haltung meiner Parole falsch berichtet, oder musset nunmehro erstlich eine andere Ursache hervor gesucht haben, mit mir anzubinden. Wegen des erstern will meine Unschuld nicht mit Worten, sondern, damit ich nicht vor einen Zaghafften gehalten werden moge, gegen euch lieber mit dem Degen defendiren. Wegen Zeit und Orts, ist, eurem Belieben nach, mit Zuruckbringern dieses, bereits Abrede genommen, und es kan nicht schaden, dass ihr euch auf dieser Reise biss an Franckreichs Ende, noch eine kleine Motion machet, bevor ihr von mir ins Reich der ohne eure Gemahlin erstlich wieder ausgesohnt zu wissen, hat vor itzt noch keine Lust

N.N.

Hiermit ging der Cavalier, wir aber setzten unsere Reise gleich Tags hernach fort, und hielten keinen Rast-Tag, biss wir nach Geneve kamen. Zwey Tage waren wir schon da gewesen, als der Cavalier wieder kam, und nur eine Viertel-Stunde mit meinem Herrn in Geheim redete. Abermahls zwey Tage hernach ging das Duell auf Schweitzerischen Grunde und Boden vor sich. Der Marquis wurde erstlich zweymahl leichte von meinem Herrn blessirt, da er aber, ohngeacht alles Zuredens, nicht zufrieden seyn, sondern meinem Herrn absolut todt haben wolte, jagte ihm dieser endlich seine Klinge dergestalt tieff in die Brust, dass er, ohne ein Wort zu sprechen, zu Boden sanck. Wir hielten uns also nicht lange bey seinem erblasseten Corper auf, sondern eileten von dannen, und erreichten gar bald ein Savoyisches kleines Stadtgen, und etliche Tage darauf die Haupt-Stadt Turin; allwo mein Herr und wir alle von der beschwerlichen Reise ausruheten. Mir schwebte der entleibte Marquis stets vor Augen, und wunderte mich sehr, dass mein Herr sich dergleichen Blut-Schulden gantz und gar nicht zu Gemuthe zohe, sondern in Turin erstlich als gantz von neuen sondern etlichen vornehmen Dames in ein geheimes Liebes-Verstandniss einliess, welches mir, als dem Brief- und Complimenten-Trager, zwar manchen schonen Ducaten einbrachte, jedoch, weil ich nunmehro schon ziemlich zu Verstande gekommen, und bemerckt, dass meines Herrn Lebens-Art recht Epicurisch, indem er sich weder um Beten, Singen, noch Religion etwas bekummerte, auch so lange ich bey ihm gewesen, nicht zum Heiligen Abendmahle gewesen war, wunschte ich, dass er sich andern, und nicht etwa einmahl so in seinen Sunden dahin fahren, oder, dass ich bald von ihm hinweg kommen und solches Ungluck nicht mit ansehen mochte. Weil ich aber etliche Tage Zeit darzu haben muste, wenn ich alle seine Liebes- und andere zum Theil sehr verwegene Streiche, die er in Italien gespielet, ordentlich erzahlen wolte, so will nur, um kurtz darvon zu kommen, noch so viel melden, dass, nachdem wir binnen 3. Jahren die vornehmsten Stadte Italiens besehen, ihn das Angedencken einer wunderschonen Kauffmanns-Frau, zum andernmahle fast von der Grantze zuruck nach Mayland zohe. Allein, da er das vorige mahl mit derselben in der allergrosten Vertraulichkeit gelebt, muste er nunmehro erfahren, dass sie ihm sehr kaltsinnig begegnete, und endlich erfuhr er auch, dass ein gantz junger Frantzosischer Duc, seinen Posten bey ihr eingenommen hatte; derowegen sparete er weder Muhe noch Kosten, denselben wieder auszustechen, und das wollustige Weib mag sich endlich wohl resolviren, ihre Gunst-Bezeugungen unter diese beyden Amanten gleich einzutheilen, um entweder ihre Geilheit recht zu ersattigen, oder vielleicht von Beyden starcken Profit zu ziehen. Demnach bringet sie es auf listige Art dahin, dass beyde keine offentliche Visiten ferner bey ihr ablegen durffen, heimlich aber lasst sie, Wechsels-weise, bald den Franzosen, bald meinen Herrn zu sich kommen, welcher keine Gelegenheit verabsaumete, dieser geilen Frauen aufzuwarten, ohngeacht ihm gesteckt wurde, dass dem Kaufmanne seinetwegen ein Floh ins Ohr gesetzt worden. Mittlerweile starb meines Herrn Cammer-Diener an einem hitzigen Fieber, woran wohl nichts anders als der Wein, welchen er gar zu gern trunck, Ursach seyn mochte. Mein Herr bedauerte denselben, wegen seiner treu-geleisteten Dienste, sehr, bekam zwar einen andern Deutschen feinen Menschen an dessen Stelle, hatte aber dennoch mehr Vertrauen zu mir als zu ihm, und gab mir das meiste von seinen kostbarsten Sachen unter meinen Verschluss; wie gern ich aber gesehen hatte, dass mein Herr, um nur von seiner gefahrlichen Lebens-Art abzukommen, das verfuhrerische Mayland einmahl verlassen hatte, so gedachte er doch niemahls daran, zumahlen da nicht allein aus Deutschland frische Wechsel einlieffen, sondern er auch von seinem Mit-Buhler, dem Frantzosischen Duc, welcher ihm eines Abends, in einer Assamblee beym Spiele starck forcirte, 1500. spec. Ducaten baar Geld, und uber dieses einen Wechsel-Brief auf 1000. Ducaten, gewonne. Nach der Zeit stellete sich der Frantzmann sehr hochmuthig gegen meinen Herrn, welcher selbiges zwar nicht sonderlich stimirte, endlich aber erfuhr, dass der Duc gegen jemanden, der ihn wegen seines grossen Geld-Verlusts beklagt, diese Worte ausgestossen: Die drittehalb tausend Ducaten gonne ich dem Deutschen gerne, weil ihm das Glucke in aufrichtigen Spiele gunstiger gewesen als mir, allein, wenn er mir, wie unter der Hand verlauten will, an einem gewissen Orte ins Gehage gehet, und ich ihn attrappire, so kostet es einem unter uns beyden das Leben. Ein anderer Cavalier hatte den jungen Duc gewarnet und gesagt, dass mein Herr ein wohl exercirter Fechter sey, auch, wie man vernommen, vor einiger Zeit einen geschickten Frantzosischen Marquis, ohnweit Geneve, erstochen; der Duc aber hatte darauf geantworttet: "Wohlan! so wird es mir eine desto grossere Ehre seyn, wenn ich ihm was anhabe, und zugleich meinen erstochenen LandsMann rachen kan." Mein Herr lachelte, als man ihm dieses vorbrachte, und sagte: "Ich weiss noch nicht, wo der Gelb-Schnabel sein Gehage hat, sonsten wolte aus Erbarmung und Eckel selbiges vermeyden, indem ich, ohne allen Schertz, viel Commiseration mit seiner Schwachheit habe, wunsche im ubrigen, dass er andere Gedancken bekommen, und meine Gesellschafft meiden moge." Von der Zeit fing mein Herr selbst an, zwar die Gesellschafft des Duc, nicht aber der Kauffmanns Frau zu meiden, sondern schlich so lange nach derselben, biss er von jenem auf dem fahlen Pferde attrapiret und rencontriret wurde. Der Duc bekommt etliche Hiebe uber den Kopff und rechten Arm, welche ihm aber weder Kranckheit noch Lahmung verursachten, wesswegen er meinem Herrn ein Cartell zuschickte, und wegen dieser Blessuren, die er, seinem Vorgeben nach, unredlicher Weise empfangen, sehr gestrenge Satisfaction forderte. Mein Herr liess ihm zuruck melden, dass, ohngeacht er gesonnen gewesen, binnen wenig Tagen nach Deutschland aufzubrechen, er doch nunmehro biss zu des Duc Wiedergenesung in Mayland verbleiben wolte, anbey wunschte, dass selbige bald erfolgen mochte.

Etliche Tage hernach, da mein Herr verschiedene Cavaliers, auf seinem Zimmer tractirte, liess sich in einem Gast-Hause gegen uber eine vortreffliche Vocal- und Instrumental-Music horen, wesswegen immer eine Parthey von unsern Gasten nach der andern in die Fenster traten, und darauf merckten. Mein Herr stund hinter 2. Cavaliers, welche sich zum Fenster hinaus buckten, und ehe man sichs versahe, horete man einen Platz und Erschutterung des FensterRahmens, mein Herr aber fiel zu gleicher Zeit ruckwarts zu Boden, und es lief ihm aus einer an der Stirn habenden Wunde das Blut uber das Gesichte herab. Unterdessen, als man beschafftiget war, denselben aus der Ohnmacht zu reissen, kam ein erfahrner Chirurgus, welcher ihm eine Ader offnete, und nachhero bey Untersuchung der Wunde eine Bley-Kugel in dem Stirn-Beine steckend fand. Ob nun schon dieselbe mit grosser Muhe heraus gebracht und sonsten alles zu seiner Lebens-Erhaltung angewendet wurde; so merckte doch ein jeder bald, dass ihm diese Blessur den Todt verursachen wurde, denn er lag ohne Verstand mit halb eroffneten Augen bestandig als in einem tieffen Schlaffe, holete aber doch starck Athem darinnen. Aller Anwesenden Urtheile nach, war die Mord Kugel aus einer Wind-Buchse, und zwar etwa durch ein Dach-Fenster des gegen uber liegenden Gast-Hauses herab geschossen worden, und wurde ohnfehlbar meinem Herrn biss ins Gehirne eingedrungen seyn, wenn sie nicht vorhero ein Stuck vom Fenster-Rahmen hinweg genommen, mithin sich ermattet gehabt. Es wurde bey dem Gast-Wirthe eine scharffe Nachfrage angestellet, jedoch nichts heraus gebracht, denn dieser gestund zwar, dass seit etlichen Tagen einige fremde Personen in seinem obersten StockWerck logirt, da sie ihn aber das Logis voraus bezahlt, hatte er sich um ihren Ausgang nicht bekummert, jedoch kein Schiess Gewehr, viel weniger eine Wind-Buchse bey ihnen gesehen. Das war es alles, was man des Thaters wegen erfahren konte, demnach muste mein Herr behalten, was er hatte, ausgenommen das Leben. Doch ehe er dieses einbussete, kam in der 4ten Nacht nach der empfangenen Blessur sein Verstand auf einmahl plotzlich wieder, und blieb gantzer 8. Stunden bey ihm, wesswegen die Aertzte, und sonderlich wir, seine Bedienten, sehr freudig wurden, allein, er sagte gantz hertzhafft: Kehret euch an nichts, denn es ist nichts gewissers, als dass ich sterbe.

Hierauf befahl er mir, einen Protestantischen Geistlichen, welchen zwey junge Deutsche Barons unter dem Titul eines Gouverneurs bey sich hatten, zu ruffen. Dieser unterredete sich uber zwey gantzer Stunden lang mit ihm, reichte ihm auch nachhero in meinem Beyseyn das Heilige Abendmahl. Hierauf liess er 2. nicht weit von ihm wohnende Deutsche Cavaliers ruffen, bath dieselben, seine Disposition, die er schon ehedem, auf einen solchen plotzlichen Fall gemacht, mit seinem, ihren und des Geistlichen Petschafften zu versiegeln, und den Tag, da dieses, seinem Willen gemass, geschehen, nebst ihren Nahmens darauf zu notiren. Auch musten dieselben verschiedene Kasten mit seinen und ihren Petschafften versiegeln, und dieserwegen eine Schrifft in meine Hande liefern. Hernach beschenckte er seine Bedienten reichlich, ehe er aber an mich kam, vergingen ihm die Gedancken, und er lag abermahls gantzer 28. Stunden, ehe er sich wieder besinnen konte. Dieses letztere geschahe Morgens fruh, eben da die vorigen Freunde wieder bey ihm waren, und seine erste Rede war: Wo ist mein Willhelm? Ich trat mit weinenden Augen zu ihm; er aber sprach: Gib dich zufrieden, einmahl muss ich doch sterben, mein Chatoull und der rothe Coffre, mit allen dem, was drinnen ist, soll deine seyn, hiervon aber solst du meine Begrabniss-Kosten bezahlen, und das im rothen Coffre blau laquirte Kastlein an die bewuste Person liefern, ich traue deiner Redlichkeit schon so viel zu, dass du dieses ohne fernere Weitlaufftigkeiten bewerckstelligen wirst; was sonsten noch von meinen unversiegelten Sachen umher stehet und liegt, soll nach meinem Tode ebenfals alles deine seyn.

Nachdem er hieruber die anwesenden Herrn zu Zeugen angeruffen, bath er, man mochte ihn mit dem Geistlichen etwas alleine lassen; dieser blieb also bey ihm, biss er abermahls in einen Schlummer verfallen war, aus welchen er sich denn auch nicht ermunterte, sondern ein paar Stunden nach Mittags seinen Geist aufgab.

Ich sparete keine Kosten, meinen erblasseten Herrn Standes-massig zur Erden bestatten zu lassen, indem ich baares Geld genung darzu fand, mit dem Uberbliebenen aber wohl zufrieden seyn konte. Indem ich nun Anstalten zu unserer Reise nach Deutschland machte, kam mir eines Tages ein Billet, folgendes Inhalts, zu Handen:

Monsieur Wilhelm!

Damit ihr den Verdacht wegen Entleibung eures Herrn nicht etwa auf eine unrechte Person werffen moget, so wisset und glaubet, als eine sichere Wahrheit, dass niemand anders, als die Frantzosische Marquise von R. Schuld daran sey; denn diese hat, nachdem sie vernommen, dass ihr Gemahl von ihm erstochen worden, so gleich 3. Banditen erkaufft, und mit dem Befehle, ihn in gantz Italien aufzusuchen, und das Lebens-Licht auszublasen, fortgeschickt. Es ist in Rom, Neapolis und Venedig erliche mahl fehl nach ihm geschossen, auch an viel andern Orten auf ihn gelauret worden, er ist uns aber jederzeit zu gescheut gewesen, biss es uns allhier in Mayland endlich doch gegluckt, die andere Helffte unseres versprochenen Recompenses zu vedienen, ohne ihn biss nach Deutschland zu verfolgen. Nun reiset ihr so glucklich, als wir drey es uns wunschen.

Adieu!

Ich lasse es dahin gestellet seyn, ob es wahr, dass die Marquise so einen gar grausamen Hass auf meinen erblasseten Herrn gelegt, zumahlen er derselben mit Entleibung ihres Mannes vielleicht keinen Tort gethan, vielmehr wolte wohl sagen, wie ich mehr glaubte, dass mir der Frantzosische Duc diesen Brief zupracticiren lassen, nachdem er vielleicht die Banditen selbst zu dieser Mordthat erkaufft, und was mich in diesem Glauben starckt, ist dieses, dass ich nachhero erfahren, wie eben offt gemeldeter Duc, nach seiner Heimkunfft die Marquise von R. geheyrathet hat.

Dem allen aber sey nun wie ihm wolle, genung! wenn mein Herr sich von der Weiber-Liebe nicht allzu sehr bethoren lassen, so ware er einer der glukkseeligsten Cavaliers gewesen, und lebte vielleicht diese Stunde noch, denn er hatte eine vollkommen gesunde und ungemein starcke Natur, so aber war bloss das Frauenzimmer Schuld und Ursach an allen seinen Wiederwartigkeiten, Unglucks-Fallen und endlichen fruhzeitigen Tode.

Nunmehro war vor mich nichts weiter zu thun, als den Weg ins Vaterland zu suchen, derowegen nahm ich, nachdem mir die Deutschen Cavaliers tuchtige Passe ausgewurckt, Wagen und Maul-Thiere zur Miethe, um meines Herrn Sachen darauf fort zu schaffen, der Jager und die zwey Reut-Knechte blieben bey mir, der neulichst angenommene Cammer-Diener aber, wolte sich in Italien einen andern Herrn suchen. Nach einer sehr beschwerlichen und verdrusslichen Reise, gelangeten wir endlich auf dem Ritter-Sitze des Herrn von E.* an, den ich zwar nicht sogleich selbst zu Hause antraff, von der Frau von E.* aber gantz wohl aufgenommen wurde, als welche eine wahrhaffte Betrubniss und Wehmuth uber den jammerlichen Todt meines Herrn empfinden mochte, wie sie denn auch gegen mich kein besonderes Geheimniss daraus machte, sondern sehr vertraut nach allen Umstanden fragte. Weil ich nun schon bescheidet war, dass in dem blau laquirten Kastgen der Schatz verwahret lag, der der Frau von E.* vor sie selbst und ihren kleinen Sohn zugedacht war, (welcher Knabe meines Herrn gantze Person, wie er geleibet und gelebt, en Mignature prsentirete) so saumete ich mich nicht, ihr dieses gantz und gar mit Gold und Jubelen angefullete Kastgen zu uberreichen, wo vor sie mir denn zum Gratial, ehe noch ihr Herr nach Hause kam, 100. spec. Ducaten aufdrunge. Es war aber noch eine andere grosse Kiste mit vielen Italianischen Kostbarkeiten vor den Herrn und die Frau von E.* unter den mitgebrachten Sachen von meines Herrn Verlassenschafft, welche ich, da der Herr zu Hause gekommen, demselben einhandigte. Beyde mochten vor sich so viel darinnen finden, dass sie Ursach hatten, daruber vergnugt zu seyn, und meines seeligen Herrn Generositee zu bewundern, mir aber schenckte der Herr von E.* vor meine Muhe und getreue Einlieferung 200. Thlr. an lauter Luneburgischen Gulden. Die ubrige Verlassenschafft wurde nach meines seeligen Herrn gemachter Disposition, unter seines, schon vor langst verstorbenen Bruders Kinder getheilet, welche wohl in Wahrheit lachende Erben zu nennen waren, indem sie zwar mit den Kleidern traureten, allem Ansehen nach aber im Hertzen jauchzeten. Ich bekam, weil ich bey ihnen keine Dienste nehmen wolte, von allen insgesammt nicht mehr als 100. spec. Thlr. ein Kleid und ein Pferd mit Sattel und Zeuge zum Recompense, war auch gesonnen, gewisser Ursachen wegen eine Reise nach Wien zu thun, allein, mein Landes-Herr liess mich eines Tages zu sich ruffen, und zwang mich, mit vielen liebreichen Worten und andern Gnaden-Bezeugungen, dahin, dass ich in drey Abenden nach einander, einen ausfuhrlichen Bericht von meines seeligen Herrn Reisen und Begebenheiten abstatten muste; wie denn dieser besonders gnadige Herr versprach, solches alles bey sich zu behalten. Es beschenckte mich derselbe hierauf mit drey guldenen Medaillen, so zusammen 65. Ducaten wugen, und liess mir durch seinen Ober-Hofmeister eine Cammer-Diener-Stelle bey ihm antragen. Ich resolvirte mich kurtz, dieselbe anzunehmen, indem mir, ausser den starcken Accidentien, eine gute Besoldung versprochen wurde, jedoch bath ich mir vorhero aus, auf etliche Wochen in meinen Affairen zu verreisen, welches mir der LandesHerr gnadigst erlaubte. Die erste Reise, so ich that, ging nicht weiter als zu meinem altesten Bruder, der in dem Hause, wo ich gebohren worden, Wirthschafft trieb, und seinen Forster-Dienst besorgte. Er hatte geheyrathet, aber, leyder! (das GOTT zu erbarmen) ein Fraulein Magdgen vom Hofe, welche von ihrem Fraulein eine starcke Mitgifft von Thee- und Coffee-Kannen, Schalchen, Loffelchen, und dergleichen Tanteleyen und Loffeleyen bekommen hatte. Von dem sauber gestickten Knoppel-Kussen, Bildern, a la mode Bette, propren Stuhlen (deren aber, mit einem verungluckten, nur 6. waren) und dergleichen will ich nichts gedencken, weil ich solche Sachen nach ihrem innern Werth, mir nicht zu taxiren getraue. Mir aber schien es hell und klar in die Augen, dass mein Bruder einen abgenutzten Affen, fminini generis, oder ein solches Frauenzimmer zur Frau bekommen hatte, die sich zwar sehr wohl an den Tisch und ins Bette, aber desto schlechter zu seiner Oeconomie schickte, und wie es sonsten um seine Schwagerschafft gehalten, darum habe mich mit allem Fleisse nicht erkundigen wollen. Genung, ich spurete an ihm, dass er die NachWehen einer ungluckseeligen Heyrath, mehr als zu sehr im Kopffe fuhlete. Seinen Kummer auf einige Zeit zu vertreiben, schenckte ich ihm verschiedene feine Sachen von ziemlichen Werth, seiner Frauen aber, um ihre Galanterie vollkommen zu machen, eine Italianische Uhr und Tabatiere. Von meinem Vater, konte mir dieser mein altester Bruder so viel Nachricht geben, dass derselbe gleich nach dem gehabten Unglucke in ein Romisch-Catholisches Landgen gefluchtet, sich daselbst in ein Hospital gekaufft, allwo er gut Essen und Trincken, auch gute Verpflegung gehabt, dahero von seinen Kindern nichts verlanget, sondern denselben noch etliche 30. Thlr. zuruck geschickt; es ware aber derselbe vor ohngefahr zwey Jahren gestorben. Mein jungster Bruder hatte durch Vorschub guter Leute studiret, aber nur biss an den Hals, indem er sich auf Universitaten, in der besten Zeit, auf die faule Seite gelegt, und die Stipendia, so er verstudiren sollen, durch die Gurgel gejagt, jedoch sasse derselbe voritzo gantz wohl, indem er in der nachsten Stadt eine gebrechliche Wittbe geheyrathet, die ihm einen Secretarien-Titul gekaufft, nur dass sie mit solcher Manier sich auch in vornehmer Tracht sehen lassen durffte. Endlich erfuhr ich, dass meine alteste Schwester als Vieh-Magd, und die jungste als Madgen auf einem Edel-Hofe dieneten. Diese beyden letztern jammerten mich am meisten, wesswegen ich ihnen einen Bothen schickte, und sie zu mir ruffen liess. Es war in Wahrheit Schade, dass diese beyden armen Thiere bisshero so verachtlich leben mussen, denn sie sahen nicht hasslich aus, derowegen befahl ich ihnen, sich so bald, als moglich, Dienst-loss zu machen, gab einer jeden 50. Thlr. davor sie sich saubere Burgerliche Kleider anschaffen, und in der nachsten Stadt bey guten Leuten in die Kost verdingen solten, biss sich anstandige Manner vor sie fanden, da ich denn einer jeden 300. Thlr. zur Ausstattung zu geben, auch mitlerweile das Kost-Geld und andere Bedurffnisse zu zahlen versprach. Man kan leicht erachten, dass beyde hieruber ungemein froh gewesen, und es wahrete nicht lange, so heyrathete die Aelteste einen Bader, und die Jungste einen Gewurtz-Cramer, empfingen auch von mir die versprochenen Ehe-Gelder. Weil ich aber doch auch meinen jungsten Bruder gern sehen und sprechen wolte, reisete ich zu ihm, traff ihn aber nicht als einen Gelehrten, sondern als einen schmutzigen Brau-Knecht an, jedoch er warff sich bald in weisse Wasche und in einen seidenen Schlaff-Rock, und empfing mich nunmehro erstlich recht bruderlich, dergleichen die Frau Schwagerin auch that, jedoch ihre Freundlichkeit nachhero erstlich recht blicken liess, da ich einige Italianische Sachen von nicht geringen Werthe zum Geschencke uberreichte. Dieserwegen eroffnete sich nun ihr holdseeliger Mund dergestalt, dass, wenn man hinein sahe, man sich die Rudera eines abgebrandten Dorffs gantz eigentlich vorstellen konte, weil sie sich die Cronen von den Zahnen fast alle abgebissen, jedoch, wie ich nachhero gewahr wurde, noch ziemlich keiffen konte. Ich hielt mich, weil ich meine Schwestern, mir Antwort dahin zu bringen, bestellet hatte, etliche Tage bey meinem Bruder auf, und wurde von ihm und seiner Frauen gantz wohl tractiret; allein, da ich kaum 3. oder 4. Tage da gewesen, horete ich, wenn ich nur den Rucken gewendet, dass sie sich, um der geringsten Ursache willen, aufs hefftigste mit einander zanckten, hergegen konte das alte Murmel-Thier, so bald jemand darzu kam, so freundlich thun, als ein Ohr Wurm, und ihrem Manne sehr viel Respect erweisen, da doch derselbe ein wurcklicher Sclave von ihr war. In meinen Ohren klung nichts argerlicher, als wenn sie fruh Morgens, wenn ich noch im Bette lag, oder auch sonsten des Tages uber, zum offtern, bald diese, bald jene Commando-Worter von sich horen liess: e.g. Herr Secretarius! gehet doch hin, und gebt den Schweinen; Herr Secretarius! hanget den Kase-Korb wieder auf; Herr Secretarius! hackt doch etliche Scheiter-Holtz; Herr Secretarius! sehet zu, ob etwa die Kuh gekalbet hat; Herr Secretarius! befuhlt die Huner, ich stecke im Teige; Herr Secretarius! gebt dem Madgen vor einen halben Weiss-Pfennig steiffen Kase, und ja nicht mehr, als 3. Klitsche; etc. etc. Ja, ich sage es noch einmahl, wenn ich diese Ordres horte, hatte ich vomiren mogen, und gedachte meines Bruders wegen: Du armer Hanss! hast du auch gefreyet? Eines Tages, da ich mit meinem Bruder, welcher im Walde Holtz besehen wolte, Spatzieren ging, fragte ich denselben unter andern, ob er auch sonst vergnugt in seinem Ehestande lebte? Ach! (erseuffzete er) wenn ich gewust hatte, was ich nachhero erfahren, so wolte zehnmahl lieber eine Musquete auf die Schulter genommen, und meinen Puckel dem Corporal alle Woche ein paar mahl hingehalten haben, denn ich bin durch mein Heyrathen zum allerunglukkseeligsten Menschen gemacht. Mit schonen Kleidern behangt mich meine Frau, so, wie etwa ein grosser Herr seinem Leib-Hengste ein kostbar Zeug auflegen lasst, um Staat darmit zu machen, aber ich darff nirgends damit hingehen, wo sie nicht darbey ist, ausgenommen in die Kirche, und auch dahin nicht einmahl, wenn ihr der Kopff nicht recht stehet, denn sie spricht gleich: ich ginge nicht in die Kirche, GOttes Wort zu horen, sondern mich nur nach schonern Weibern und Jungfern umzusehen. Macht mir ein ander Frauenzimmer etwa ein hoflich Compliment, und ich ziehe meinen Hut dargegen wieder ab, fangt sie alsofort zu brummen an: Ja ja! Die kennest du auch schon besser, und hattest sie lieber als mich, sehet nur, wie das Canaillen-Pack vor meinen sichtlichen Augen mit einander charmiren kan; I, denckt doch! dass ich nicht ein Narre ware, und mich hinlegte und sturbe, und dich singen liesse:

Die Alte verliess mir diss steinerne Hauss,

Die Junge guckt mit mir zum Fenster hinaus.

Ja, bestuhlgangele dich nicht, Parissgen, in 50. Jahren wirst du mich noch nicht loss, auf 1. Jahr magst du mich wohl genommen, aber nicht gesehen haben, wie viel Nullen dabey stehen. Hundert Jahr gedencke ich alt zu werden, dir zum Schure, du Nack ! Denn ich habe dich aus einem verdorbenen Studenten zum rechtschaffenen Manne gemacht, und dir zwar eins von meinen besten Hausern zuschreiben lassen, aber das ist auch das beste, dass ich mir noch ein Clauselchen dabey ausbedungen und vorbehalten, es also in Zukunfft doch noch halten kan wie ich will. etc. etc. Solche und dergleichen Reden (fuhr mein Bruder fort) muss ich fast taglich von ihr anhoren und einfressen, wesswegen mir alle Bissen, so ich einschlucke, zu Gifft und Galle werden, und mich nur wundert, wie es zugehen muss, dass ich doch immer dicker und fetter werde, und zwar zu meinem grosten Verdrusse. Was ich vor Quaal von ihren Kindern und einigen nachsten Freunden ausstehen muss, davon will ich, jetzo nichts gedencken, auch noch andere vorgefallene Sachen und Geschichte biss auf andere Zeit verschweigen, und dir, allerliebster Bruder! nur so viel im Vertrauen sagen, dass ich diese Sclaverey und den Spott der Leute, (dessentwegen ich mich fast in keiner honetten Compagnie darff sehen lassen,) so lange mit Gedult ertragen will, biss ich nur erstlich den Leichen-Stein gefunden, worunter meiner Frauen ihr Mammon begraben liegt. Diesen will ich so dann bald auferwecken, lebendig machen, und mit mir in alle Welt fuhren.

Ich redete meinen Bruder zu, von dergleichen Gedancken abzustehen, des ruhigen Lebens und guten Auskommens wegen, sein fluchtiges Gebluthe zu besanfftigen, und mit Gedult auf die Aenderung des Himmels zu warten; allein, er schwieg stille, und ich bedaurete ihn in meinem Hertzen, dass ein altes boses Weib, denselben in der besten Blute seiner Jahre erhascht, und an statt ihrer Meynung noch glucklich, dennoch zum unglucklichen und unvergnugten Menschen gemacht hatte.

Nachdem aber meine Schwestern da gewesen, und mir berichtet, wie sie bereits andere in ihren bissherigen Dienst gestellet, und nunmehro im Begriff waren, ihre eigene Wirthschafft bey einer gewissen alten Wittbe zu fuhren, ich ihnen beyden hierzu auch noch 50. Thlr. baar Geld gegeben hatte, nahm ich bald von meinem Bruder Abschied, uberliess ihm seinen Verhangnisse, mit dem hertzlichen Wunsche, dass er kunfftig vergnugter leben mochte, reisete auf die Residentz unsers Landes-Herrn zu, und trat meinen Dienst bey Demselben an. Das Hof-Leben begunte mir gar bald besser zu gefallen, als immer von einem Orte zum andern zu reisen, zumahlen da ich einen sehr gnadigen Herrn, wenig Dienste, richtige Besoldung, einen vortrefflichen Tisch und starcke Accidentien hatte, derowegen beschloss ich, Zeit-Lebens allda zu bleiben, getreu zu dienen, jedoch, auf dem Fall der Veranderung, eine gute Heyrath zu treffen, und mein Capital, welches, ohne die Meublen, annoch in 3000. Thlr. bestunde, nebst den zu hoffen habenden Heyraths-Geldern, an ein eigen Hauss, Feld und dergleichen zu legen, auch sonsten etwa einen vortheilhafften Verkehr anzufangen. So bald meine kaum aufgekaumten guten Freunde dieses merckten, schlugen sie mir verschiedene Parthieen von Jungfern und Wittfrauen von 2. 3. 4. 5. biss 10000. Thlr. reich, vor, allein, wenn ich es bey dieser oder jener recht untersuchte, so war uberall ein Nisi darbey. Endlich fiel mir ohngefahr ein Frauenzimmer in die Augen, welche, weil ich horete, dass sie noch ungebunden ware, mein Hertz auf einmahl gantz besonders an sich zohe, denn sie war, wiewohl etwas starck und fett von Leibe und Gesichte, aber sehr proportionirlich gestaltet, und uberhaupt mit einer schonen und zarten Haut uberzogen. Bey fernerer Erkundigung, dieser Person wegen, erfuhr ich: dass sie zwar keine Eltern mehr, aber doch 4000. Thlr. baares Geld auf Zinsen aussen stehen hatte, bey ihrer seeligen Mutter Schwester als eine Tochter im Hause gehalten, und dermahleins auch noch etwas von derselben erben wurde. Ferner sagte man mir, dass, ohngeacht sie kaum 20. Jahr alt, doch schon mehr als noch einmahl so viel Freyer bey ihr gewesen, worunter einige in grossen Aemtern sassen, allein, sie wolte durchaus nicht ehe heyrathen, biss sich einer fande, den sie rechtschaffen lieben konte, er mochte reich oder arm, auch nur mittelmassigen Standes seyn, wenn er nur etwas zu erwerben vermogend, damit sie ihr vergnugliches Auskommen, eine liebreiche Ehe und keine Schande von ihm haben mochte. Ubrigens ware sie sehr stilles Gemuths, eine Feindin der Wollust und des uberflussigen Staats, versaumete hingegen fast keine eintzige Kirche.

Das ware ein Weibgen vor mich; (gedachte ich in meinem Hertzen, als man mir dieses sagte, und an einigen Orten confirmirte) derowegen suchte alle Gelegenheit, diese Schone zu sprechen zu kriegen, allein, es hielt schwer, und noch schwerer auszuforschen, ob ihr meine Person zum Ehe-Manne anstandig, am allerschwersten aber ging es zu, sie biss dahin zu bringen, dass sie sich ordentlich und offentlich mit mir verlobte; unsere Hochzeit aber muste ein und anderer wichtiger Umstande wegen noch etwa auf ein Viertel Jahr hinaus verschoben werden. Jedoch, gleich nachdem das Verlobniss gewesen, gonnete mir die alte Frau Muhme etwas mehr als sonsten Freyheit, meine Liebste zu besuchen, ausgenommen, wenn ich etwas spat vom Schlosse kam, wolte sie mich durchaus nicht zu ihr einlassen. Endlich liess sich meine Liebste, welche ihre eigene Stube und Cammer hatte, dahin erbitten, dass sie mir einen Nach-Schlussel zur Hinter-Thur des Hauses machen liess, da ich denn im Stalle erstlich zwey Treppen hoch in die Hohe steigen, uber einen langen Boden hin- und so dann erstlich wieder eine Treppe herunter schleichen muste, ehe ich in ihre Stube kommen konte. Solchergestalt passirete ich manche nachtliche Stunde mit meiner Liebste in Geheim, muss aber gestehen, dass sie sich gegen mich ungemein keusch und tugendhafft stellete, indem sie mir, ausser den Kussen, nicht die allergeringste Liebes-Freyheit erlaubte, auch sich hoch verschwur, bey dieser Art zu verbleiben, biss wir wurcklich mit einander copulirt waren. Derowegen verschonete ich dieselbe mit fernern Versuchungen, und gratulirte mich im Hertzen, dass ich eine solche keusche und zuchtige Liebste hatte. Eines Tages befahl mir mein Herr, mich zu einer Reise anzuschicken, von welcher ich vielleicht in 2. biss 3. Wochen nicht wieder zuruck kommen mochte, derowegen nahm ich mit allem Fleisse auf 4. Wochen von meiner Liebste Abschied, um, meiner Meynung nach, ihre Freude zu vergrossern, wenn ich unvermuthet zeitiger zuruck kame, allein, meine Verrichtungen lieffen dergestalt glucklich, dass ich schon in der zwolfften Nacht, jedoch ziemlich spate, zuruck kam, denn es war nicht anders, als wenn mich ein starcker Wind fort triebe, welches ich der hefftigen Liebe zu meiner Braut Schuld gab, auch keine Minute versaumete, ihr selbst die erste Nachricht von meiner glucklichen Zuruckkunfft zu bringen. Nachdem ich aber die Hinter-Thur geoffnet, und, nach der Treppe zu schleichen wolte, sahe ich, dass 2. Weibs-Personen, mit einer Laterne auf den Stall zugegangen kamen, wesswegen ich eilete, und mich in der Geschwindigkeit hinter die halb mit Bretern verschlagene Boden-Treppe verkroch, auch sehr bewunderte, was diese noch so spate allhier zu suchen hatten, da ich sonsten um selbige Zeit, niemahls einen Menschen mehr munter gefunden, als meine Liebste gantz alleine. Indem kam die Magd mit der Laterne, ingleichen eine Frau, die etwas unter dem Mantel hatte, in den Stall getreten, welche letztere, da sie beyde an die Hinter-Thur kamen, gantz leise zu sprechen anfing: "Gertrute! wartet, und leuchtet her, ich muss erstlich noch einmahl darnach sehen." Hiermit setzte die Frau einen unter dem Mantel habenden Hebe-Korb auf den Boden, nahm ein daruber gedecktes Tuch ab, mithin konte ich zwischen den Bretern hindurch sehen, dass ein kleines, allem Ansehen nach, neugebohrnes Kind in dem Korbe lag, von welchem die Frau sprach: "Ach! das kleine Wurmchen schlafft sanffte, es wurde mich ewig jammern, wenn es umkommen solte, denn es siehet gar zu schon aus, eben als wenn es Jungfer Charlottchen aus den Augen geschnitten ware." "Ja, (sagte die Magd lachend) es hat sich nunmehro noch was zu jungfern; nun heist es sch in die Jungferschafft." "Ha! Possen! (replicirte die Frau) weiss es doch kein Mensche, als wir unter uns, und zum grosten Glucke ist auch eben ihr Brautigam, Monsieur Horn, verreiset. Ach! macht nur, (regte die Magd an) dass ihr fort kommet, ehe es zu spate wird, und wartet ja meiner hier bey der Laterne, biss ich auch wieder zuruck komme." Hierauf gingen beyde hinaus auf die Strasse, machten die Thur hinter sich zu, und liessen die Laterne im Stalle brennend stehen. Wie mir bey dieser Geschichte zu Muthe gewesen, mag ein jeder selbst bedencken, denn es waren kaum 4. Monat, da ich meine liebste Charlotte zum ersten mahle von ferne gesehen hatte. Erstlich wolte ich bald hinter den Weibs-Bildern herlauffen, da ich aber bedachte, dass sie das Kind nur weg- jedoch nicht ums Leben bringen wolten, resolvirte mich, unter der Treppe stecken zu bleiben, um anzuhoren, was diese beyden nach ihrer Zuruckkunfft weiter sprechen wurden. Lange durffte ich nicht warten, denn erstlich kam die Frau, und noch keine halbe Stunde hernach die Magd zuruck, welche, so bald sie den Stall zugeschlossen, zur Frauen sagte: "GOtt Lob u. Danck, es ist schon gefunden und aufgehoben, eine Blitz-Krote, ein Junge, der einen Herrn mit der Fackel heim leuchtete, ward den Korb am ersten gewahr, deckte ihn auf, und machte Lerm, worauf so gleich noch 5. biss 6. Leute darzu kamen, welche es wieder warm zudeckten, biss es von den Gerichts-Personen aufgehoben und fortgetragen wurde. Nun haben wir unser Trinck-Geld redlich verdient, und ein gut Gewissen dabey behalten, unser Charlottchen aber muss hinfuhro doch vor Jungfer passiren, biss sie Monsieur Horn zur Frau macht." "Bey mir (sagte die Frau,) soll es wohl verschwiegen bleiben, denn ich will meinen Eyd nicht brechen, den ich der Frau N. und Charlottchen geschworen habe. Und ich auch nicht, sagte die Magd;" Worauf beyde mit der Laterne nach dem Vorder-Hause zu gingen, ich aber schlich mich auch sachte fort, in das Quartier, welches ich mir in der Stadt gemiethet hatte. Folgenden Morgens war die gantze Stadt voll, dass auf dem Marckte, am Wege nach dem Spring-Brunnen zu, in vergangener Nacht ein FindelKind ware aufgenommen worden, ich verwunderte mich so wohl mit daruber, als andere Leute; es kam viel unschuldiges Frauenzimmer daruber in Verdacht, allein, ich glaube, es wusten wenig Manns-Personen in der Stadt das, was ich wuste, wie ich denn auch nachhero auf eine wunderbare Art erfahren, wer eigentlich Vater zu diesem Findlinge gewesen. Unterdessen war mein erster Gang auf das Schloss, um meinem Herrn von meinen Verrichtungen Rapport abzustatten, er war damit vergnugt, weiln ich aber in vergangener Nacht vor Chagrin kein Auge zugethan, zudem auf der Reise mich ziemlich strapaziret hatte, sagte der Herr gleich zu mir: Euch ist nicht wohl, man siehet es an eurer blassen Farbe; dieses machte ich mir so fort zu Nutze, gab vor, ich hatte unterwegs einen kleinen Sturtz mit dem Pferde gethan, solches zwar anfanglich nichts geachtet, aber nunmehro muste ein starckes Stechen in der Brust empfinden. Bey so gestalten Sachen befahl mir mein Herr, nach Hause zu eilen, und nicht ehe wieder auszugehen, biss ich vollkommen restituiret ware. Demnach begab ich mich in mein Logis, legte mich zu Bette, und stellete mich wurcklich krancker, als ich war, um zur Lust abzuwarten, was meine bissherige Liebste angeben wurde, zu welcher ich meinen Jungen abschickte, derselben meine kranckliche Zuruckkunfft melden und darbey vernehmen liess, ob sie sich noch bey guten Wohlseyn befande. Die alte Frau Muhme nimmt meinen Jungen gleich auf die Seite, und spricht unter einer angstlichen Stellung: Ach, das GOTT erbarm, mein Sohn! wir haben es leider! schon gehoret, dass euer Herr unglucklich gewesen, und mit dem Pferde gesturtzt ist; weil aber meine arme Charlotte auch seit etlichen Tagen fast todt-kranck gewesen, so halte vor das beste, dass wir ihr gar nichts darvon sagen, sondern viel lieber thun, als ob euer Herr noch gar nicht wieder gekommen ware, damit sie nicht etwa aus Schrekken wieder in die vorige Kranckheit verfallt; unterdessen wunsche ich eurem Herrn baldige Besserung, dass er sie selbst besuchen kan, und ich glaube, dass sie alsdenn alle beyde auf einmahl wieder gesund werden, wenn sie nur erstlich einander wieder gesehen haben.

So listig konte das verzweiffelte Weibes-Volck seine Streiche spielen, mich zu ubertolpeln, allein, es war ein Gluck, dass mich der Himmel noch zu rechter Zeit hinter solche Bossheiten kommen lassen. Indessen schwieg ich mit allem Fleisse noch eine Zeit lang stille, um der Jungfer Wochnerin in den ersten Tagen kein Schrecken einzujagen, und sie etwa um ihre Gesundheit, oder gar um ihr keusches Leben zu bringen; die Complimenten-Trager aber gingen taglich ab und zu, und endlich empfing ich von der Madame Charlotte ein also lautendes Schreiben:

Mein allerliebster Schatz!

Heute ist mir erstlich gesagt worden, dass Ihr bereits vor 14. Tagen von der Reise zuruck gekommen und unglucklich gewesen seyd. Hatte man mir solches mahligen Zustande auf der Stelle des Todes gewesen, weil, wie ihr schon uberzeugt seyd, ich euch mehr liebe, als mein eigenes Leben, und glaube, dass, wenn man es recht untersucht, sich finden wird, dass ich mit euch wegen der Sympathie, so sich zwischen unsern Hertzen und Seelen findet, zu einer Zeit und Stunde kranck worden bin. Jedoch, da man mir itzo schmeichelt, dass Ihr halb wieder genesen, und euch schon an dem Fenster sehen lasset, stellen sich auch meine Kraffte allmahlig ein, ja! wenn ich nicht von meiner Frau Muhme abgehalten wurde, so wagte ich es, euch zu besuchen, es mochte mir auch gehen, wie es wolte. Jedoch, da solches nicht geschehen darff, wunsche ich desto sehnlicher eure vollkommene Genesung, damit ich, euch ehester Tages zu umarmen, das Vergnugen haben moge. Die ich mit aller bestandigen Treue biss ins Grab beharre

Eure

Charlotte ...

Verfluchte Schlange! ists denn doch dein wurcklicher Ernst, mich zu bethoren? Nein, das soll nicht geschehen, sondern ich will dir bald andere Gedancken beybringen. So gedachte ich bey mir selbst, liess aber der vor der Thur wartenden Magd sagen, dass sie, nebst meinem Compliment an ihre Jungfer, derselben lich zu antworten willens ware. Dieses geschahe, denn ich nahm mein Schreib-Zeug, und setzte folgende Zeilen an dieselbe zur Antwort auf:

Madame!

Und wenn ich auch ihres Geschlechts ware, so wurde mich doch nicht uberzeugt wissen, dass ich, vor ohngefahr 3. Viertel-Jahren, so viel Liebes-Confect eingenommen, mit ihnen per Sympathiam zu gleicher Zeit und Stunde kranck davon zu werden, und dem Publico einen bejammerns-wurdigen Fundling hinsetzen zu lassen. Jedoch ich gratulire Ihnen zur glucklichen Niederkunfft, bedaure, dass sie mich etliche Wochen daher (wo es anders wahr ist) geliebt haben, und bitte, Sie wollen sich dessfalls keine fernere Muhe geben, weil ich, ohngeacht ich Ihrer Fruchtbarkeit schon im Voraus versichert bin, dennoch einen starcken Eckel bey mir verspure, mit einem Frauenzimmer solches Schlages ins Ehe-Bette zu steigen. Meine Kranckheit ist so gefahrlich nicht gewesen, sondern ich hatte Dieselbe gleich in der ersten Stunde nach meiner Zuruckkunfft, ohngeacht es schon ziemlich spate war, ohnfehlbar besucht, befurchtete aber, die Wehen zuruck zu treiben, und, weil ich mit dem Amte der Hebe-Mutter nicht umzugehen weiss, etwa meinen Hut einzubussen. Demnach ist nichts ubrig, als dass den Verlobniss-Ring, nebst andern Sachen, so Sie mir auf die Treue gegeben, zuruck sende, auch was ich Ihnen dargegen gegeben, wieder abfordere, und beharre

Madame

votre obeissant Serviteur

P.W. Horn.

Es mochte aber doch noch zu fruhzeitig gewesen seyn, dem zarten Bilde dergleichen Schrecken zu machen, denn sie hat meinen Brief kaum gelesen, als sie in Ohnmacht sinckt, so, dass die Frau Muhme und Magd viel Muhe haben, sie wieder zu sich selbst zu bringen. Diese letztere gerath in den Verdacht, als ob sie sich durch Geschencke verleiten lassen, mir das Geheimniss zu offenbahren, weil sie aber ihre Unschuld mit grausamen Eydschwuren bekrafftiget, errathen sie endlich fast die Wahrheit, wie ich nehmlich im Hause gewesen seyn, und das gantze Spiel selbst mir angehoret haben muste. Eben dieses gestund ich der alten Frau Muhme, welche noch selbigen Abends selbst auf meine Stube kam, ohne alles Bedencken gantz offenhertzig; gab derselben auch den Schlussel zu ihrer Hinter-Thur, weil mir dieser nun nichts mehr nutze war. Ohngeacht mir aber dieselbe meine der Charlotten geschenckte Sachen, von kleinesten biss lauten, dass ich wegen des vorgehabten Betrugs und bosen Streichs, den sie mir spielen wollen, meinen Hohn schon auf andere Art rachen wolte; wesswegen die Alte Himmel-hoch bath, die ungluckseelige Charlotte nicht weiter zu krancken, und vor aller Welt auf eine dreyfache Art zu prostituiren. Allein, ich stellete mich, als ob es mein wurcklicher Ernst ware, biss sie es endlich auf vielfaltig wiederholtes Bitten so weit brachte, dass ich mir mit 500. Thalern das Maul stopffen liess, und sie nicht zu beschimpffen, theuer angelobte. Hiermit hatte meine gantze Liebes-Begebenheit mit Charlotten ein Ende, ich habe sie auch niemahls wieder mit Augen gesehen, wohl aber vernommen, dass sie bald hernach weit hinweg gezogen, wegen unseres Verlobniss aber muste es heissen, ich hatte ihr anfanglich versprochen, meinen Dienst bey Hose zu quittiren, und ein ander Amt anzunehmen, weil mich aber dieses nachhero gereuet, und ich nicht Wort gehalten, so hatte sie auch nicht Wort halten wollen, demnach waren wir in Streit gerathen, und hatten einander den gantzen Handel aufgesagt. Alle Menschen glaubten dieses, und kein eintziges ware auf die Gedancken gerathen, dass die von aussen so keusch, zuchtig, fromm und Gottesfurchtig scheinende Charlotte ein Jungfer-Kindgen bekommen, und dasselbe wegsetzen lassen.

Kaum waren mir die verdrusslichen Grillen wegen dieser ungluckseligen Liebes-Begebenheit aus dem Kopffe gekommen, als ich mich von frischen in eine 16. jahrige schone Jungfrau verliebte, die zwar von vornehmen Eltern erzeugt war, jedoch kaum 4. biss 500. Thlr. im Vermogen hatte, wiewohl mich dieses letztere gar nicht abschreckte, mit derselben eine vergnugte Ehe zu fuhren, indem sie sehr wohl erzogen war, und ich mich erinnerte, dass es eben nicht rathsam sey, im Heyrathen allezeit auf vieles Geld zu sehen. Allem Ansehen nach liebte sie mich recht von Hertzen, hatte aber doch einen Schalck im Nacken, denn, ohngeacht ihrer Jugend, war sie schon bemuhet, sich im verbothenen Liebes-Spiel zu exerciren. Eines Tages, da ihre Eltern verreiset waren, kam ich Mittags zu einer Stunde, da man sich meiner wohl am allerwenigsten vermuthete, in ihr Hauss, fand aber die Jungfer nicht zu Hause, sondern die Kochin sagte, sie wurde ohnfehlbar zu einer benachbarten Jungfer Nahen gegangen seyn, weil sie diesen Mittag bey Tische davon geredet; ging auch gleich fort, dieselbe zu ruffen, mitlerweile ich ein wenig hinter in Garten spatzieren solte. Demnach war sonst niemand bey mir, als meiner Liebsten jungster Bruder, ein Knabe von etwa 6. Jahren, welcher mich, weil ihn fast taglich mit Zukker-Werck, Gelde und andern Sachen beschenckte, sehr liebte. Dieser Knabe fing von freyen Stucken an: "Ich weiss es wohl besser, wo meine Schwester ist, aber ich darff es nicht sagen, gehen sie nur in den Garten, sie wird bald auch hinein kommen." Ich gab dem Knaben ein Stuck Geld, und bath, er solte mir nur sagen, wo sie ware, ich wolte ihn nicht verrathen. Hierauf eroffnete er mir in kindischen und einfaltigen Vertrauen, dass sie sich mit seines Herrn Vaters Schreiber, oben in dessen Cammer geschlichen und verschlossen hatte. Das war mir genung; demnach schickte ich den Knaben fort zum Zucker-Becker, ich aber schlich, noch ehe die Kochin wieder kam, gantz leise, ohne dass ich eine Maus verstohren mogen, hinauf vor des Schreibers Cammer, weil ich im gantzen Hause schon ziemlich Bescheid wuste. Zu meinem Glucke war ein grosses Taffel-Blat in der Ecke aufgelahnet, hinter welches ich mich steckte, und weil die Cammer nur mit Bretern verschlagen war, alles sehr genau horen konte, was darinnen vorging. An dem vielfaltigen Seufzen, Stohnen, Aechtzen und Rasseln des Bettes, konte man leicht abnehmen, dass ein paar Personen mit einander kampfften, endlich wurde es etwas stiller, indem beyde verschnaubten, doch bald darauf horete ich, unter offt wiederholten Klatschen der Kusse, folgendes gantz leise Gesprach: Er, der Schreiber: Ach! mein allerliebstes Liessgen, ich dencke immer, es wird nun die langste Zeit mit unserer Liebe gewahret haben, wenn dich aber nun der Cammer-Diener Horn von mir gerissen hat, werden dir seine Caressen weit besser schmecken, und du wirst gar nicht mehr daran gedencken, dass ich nun bald drittehalb Jahr so manches Vergnugen mit dir gehabt habe. Sie, meine Liebste: Liebster Schatz! wenn du mir an meinen Brautigam, Horn, gedenckest, mochte ich allezeit bitterlich weinen. Wolte der Himmel! dass ich nicht unter der Gewalt meiner Eltern stunde, so solte nimmermehr ein anderer an meine Seite kommen, als Du, ich werde auch nimmermehr jemanden recht lieben konnen, als dich allein, denn die erste Liebe ist doch die hefftigste und bestandigste, derowegen wird mir es mein zukunfftiger Mann nimmermehr so zu Dancke machen konnen, als wie du es mir nun, nicht allein seit dritthalb Jahren, sondern noch langer her gemacht hast. Weist du nicht Er: Ich weiss es wohl, aber damahls spieleten wir nur wie die Kinder, und nunmehro, da wir kaum recht klug geworden sind, werden wir auf ewig von einander gerissen. Sie: Das will ich nicht hoffen, mein Engel, bedencke doch: mein kunfftiger Mann wird manchen Tag und manche liebe Nacht nicht zu Hause seyn, indem er bey seiner itzigen Bedienung auch gar offters auf etliche Wochen verreisen muss, ich verspreche dir mit Hand und Hertzen, dich bey solcher schonen Gelegenheit, allezeit heimlich zu mir und dir manchen schonen Thaler zukommen zu lassen. Das 20. Ducaten-Stucke aber, welches mir Horn geschenckt, und ich dir heute wieder geschenckt habe, must du ja behutsam verwechseln, damit es nicht offenbar wird. Lass dir gegen meine Hochzeit ein neues Kleid und andere schone Sachen darvor machen, damit ich an meinem traurigen Ehren-Tage nur meine Freude an dir sehen kan. Er: Das soll alles geschehen, aber auch das wurde meine groste Freude auf der Welt seyn, wenn du mir erlaubtest, deinem Horne in Geheim Horner aufzusetzen, denn weil ich dem Kerle deinetwegen so gramm bin, als dem so konte ich mich nicht besser, als auf solche Art, an ihm rachen. Sie: Was ich dir versprochen habe, will ich redlich halten, unterdessen haben wir in diesen Hause nur noch 5. Wochen Zeit, mit einander zu spielen, aber spiele mir ja nicht grob, damit Er: Ach! das weist du ja schon, mein Hertzens-Engel, dass ich redlich bin, komm, ich will dir noch eine Probe davon geben: Sie: Ach! du kanst ja wohl nicht mehr trincken: Er: Das will ich dir zeigen, mein Schatz! und zwar auf Mons. Horns Ungesundheit.

Hiermit muste der Liebes-Becher von frischen herhalten, und es ist leicht zu erachten, dass ich nicht allein dieser, sondern auch der angehorten empfindlichen Reden wegen zwar vielen Gifft eingeschlungen, aber doch, weil noch immer stille dabey gestanden, eine ungemeine Contenence gehabt haben musse. Allein selbige, so wohl als das Vergnugen der Verliebten, wurde von der Kochin gestohret, indem dieselbe ihrer Jungfer mit vollem Halse ruffte, wesswegen selbige eiligst auf- und unter diesen Worten aus der Cammer sprung: Dass dir der Hencker in den Rachen fuhre, was gilts, der verfluchte Horn wird gekommen seyn, mein Engel, bleib ja oben, damit niemand merckt, dass du zu Hause bist, ich will meine Dinge schon machen. Der Schreiber versprach, Gehorsam zu leisten, umarmete und kussete sie noch recht veste vor der Cammer-Thur, so, dass beyde gantz blind und ausser sich selbst zu seyn schienen. Indem sprang ich hervor, und sagte: Mademoiselle! sie konnen nur hier bleiben, denn Horn wird sie nicht ferner in ihren Liebes-Vergnugen stohren; aber, mein Freund! (redete ich den Schreiber an) ehe ihr mir die zugedachten Horner aufsetzet, muss ich euch erstlich etliche selbst wachsend machen. Unter diesen Worten schlug ich ihn etliche mahl mit dem Spanischen-Rohre uber den Kopff, der Kerl aber, welcher doch vor 2. Pfennige Courage im Leibe haben mochte, holete seinen annoch gantz neuen Degen, und ging damit auf mich loss hieb mir auch einen Aufschlag vom Rocke herunter; allein, auf meinem ersten Hieb, blieb ihm die rechte Hand nur an einer eintzigen Flechse hangen, wesswegen er sich dieselbe wenig Tage hernach muste ablosen lassen. Meine Jungfer Braut hatte sich unsichtbar gemacht, also ging ich auch nach Hause, schrieb die gantze Speciem facti auf, und schickte selbige, am dritten Tage dem zuruck gekommenen Herrn Schwieger-Vater, vel quasi, zu; Bedanckte mich auch dabey gantz freundlich vor seine Jungfer scil. Tochter. Der Mann war redlich, bejammerte sein Ungluck und meinen Chagrin, ersetzte mir alles, was ich der Tochter geschenckt, und bath instandig, nicht um ihrent-sondern um seiner Renommee wegen, diese Sache nicht weiter kundbar zu machen. Wie ich nun ein wurckliches Mitleyden, wegen seiner ungerathenen Tochter, mit ihm hatte, so versprach ihm, reinen Mund zu halten, und erfuhr von ihm selbst, dass er dieselbe bald hernach an einen solchen Ort gebracht, wo sie so gut, als in einem Spinn-Hause, verwahrt war; der Schreiber aber hatte sich, noch eh er vollig curirt, auf und darvon gemacht.

Nunmehro, hatte man dencken sollen, muste mir der Appetit zum Heyrathen ziemlich vergangen seyn, und es war mir auch wurcklich fast so zu Muthe; aber ich fiel aufs neue in das Netz der Liebe, und zwar bey einer 34. jahrigen wohl gebildeten Wittbe, deren erster Mann ein vornehmer Burger gewesen war: Sie hatte kein Kind, mehr als 12000. Thlr. werth im Vermogen, und sich vor 4. Jahren mit einem Gelehrten wiederum versprochen, den ich Bambo nennen will. Es hatte aber dieser Bambo verschiedene liederliche Streiche angefangen, und unter andern eine Magd zur Frau gemacht, welches ihm zwar niemand nachsagen durffte, allein, besagte Wittbe hatte dieserwegen einen Eckel vor seine Person geschopfft, und wegen annulirung ihres Verlobniss schon einige Zeit mit ihm im Processe gelegen, wesswegen sie sich einsmahls auf einem Ehren-Gelacke, da ich sie vor andern burgerlichen Frauenzimmer besonders bedienete, an mich addressirte, und versprach, dass, wenn ich es dahin bringen konte, dass der Landes-Herr in ihrer ProcessSache, ihr zum Vortheil, einen Macht-Spruch thate, und sie von dem liederlichen Bambo absolvirte, sie 200. Thlr. ad pias causas und mir 200. Thlr. Discretion geben wolte. Ich stellete ihr vor, wie mir nicht bange ware, den Macht-Spruch zu ihrem Vergnugen auszuwurcken, allein, die mir zugedachten 200. Thlr. konte sie ersparen, wenn sie mich nehmlich an des Bambo Stelle zu ihrem Schatze erwahlen wolte. Sie warff solchen meinen manierlichen Liebes-Antrag eben nicht weit von sich, und gab zur Resolution: ich solte nur erstlich die Haupt-Sache ausmachen, wenn es sodann mein Ernst bliebe, sie zu heyrathen, und sie mir nicht etwa schon zu alt oder sonsten zu schlecht ware, wurde sich alles bald schicken konnen. Demnach ging ich an meinen Herrn, und brachte dieser Wittbe Affaire sehr plausible vor, da nun Derselbe merckte, dass mir selbst daran gelegen ware, und mein Wohlstand dadurch auf vesten Fuss gesetzt werden konte, erhielt die Wittbe, was sie verlangte, both mir zwar die 200. Thlr. an, weil ich mich aber dieselben zu nehmen weigerte, sondern ihre eigene Person im rechten Ernst verlangte, erlaubte sie mir, als ihren neuen Freyer, den taglichen Zutritt, und wir wurden in weniger Zeit dergestalt bekandt mit einander, dass es nur an mir fehlete, noch vor der Copulation wurckliche Ehe-Leute zu seyn. Weil wir aber wegen der bevorstehenden Fasten-Zeit selbige biss nach Ostern verschieben musten, so redete ich inzwischen von einem ordentlichen Verlobnisse, denn mir war bange, dass etwa ein reicherer als ich, kommen, und mich ausstechen mochte; allein, sie gab zur Antwort: Mein Schatz! wir sind ja beyde nun schon verlobt, und wo das nicht genung ist, so konnen wir uns alle Tage und Nachte so vest, als wir wollen, verknupffen und verloben; was wollen wir den Leuten ein Maul-Gesperre machen? Lass uns doch lieber Hochzeit und Verlobniss zusammen machen. Ich muste also damit zufrieden seyn, und, ohngeachtet, dass ich wohl merckte, dass sie bey ihren itzigen Jahren dennoch sehr geil und wollustig ware, indem sie mir den Haupt-Genuss der Liebe fast immerdar entgegen trug, und gantz betrubt wurde, wenn ich nicht anbeissen wolte, so schrieb ich es doch dem zu, dass sie vielleicht an meiner Person etwas Liebens-wurdigers gefunden, als an dem Bambo und andern Freyern. Unterdessen war ich bemuhet, ihre Brunst mit freundlichen moralischen Worten zu stillen, womit ihr aber so wenig, als mir, mit der Unzucht gedienet war, denn weil ich bis dahin meine Keuschheit rein erhalten, und kein Frauenzimmer auf der Welt in Unehren beruhret hatte, so war ich auch nunmehro desto eigensinniger, und wolte vor Priesterlicher Copulation nicht auf der Hochzeit schmausen. Unter der Zeit merckt Bambo, wie die Kreite bey Hofe, wegen der Witt-Frau, meiner und seiner, geschrieben hat, stosst derowegen die schimpfflichsten Reden in einer honetten Compagnie gegen mich aus, und da ich ihn desswegen besprechen liess, forderte er mich des dritten Tages, mit einem blancken Degen auf die Grantze, um ihme, (wie er gesprochen) vor die, an ihm begangene Filouterie Satisfaction zu geben. Ich war gleich parat darzu, weiln es aber, bekandter massen, bey Hofe entsetzlich viel Posten-Trager giebt, war dieses bevorstehende Duell so gleich Bruh-siedend-heiss meinem Herrn zu Ohren gebracht worden, welcher mir bey seiner Ungnade verboth, dem Bambo vor der Klinge zu stehen, hergegen befahl er mir, gleich Augenblicklich eine Reise in Geld-Affairen nach F. anzutreten, und nicht eher wieder zu kommen, biss ich alles, was in meiner schrifftlichen Instruction stunde, ausgerichtet hatte, und mitbringen konte. Bey so gestalten Sachen wurde mich nun ein jeder vernunfftiger Mensch leichtlich excusirt gehalten haben, wenn ich dem Bambo nicht gekommen ware; doch ich war toll, und vermeynte, meine gantze Ehre und Renommee wurde caducirt werden, wenn ich demselben mein Versprechen nicht hielte, und weil ich ohnedem auf den Fecht-Bodens in Franckreich und Italien, auch sonsten aus der wurcklichen und ernsthafften Erfahrung so viel gelernt zu haben glaubte, diesen prahlhafften Eisenfresser behorige Abfertigung zu geben, ritte ich, ohne von meiner Liebsten Abschied zu nehmen, (weil mir selbiges expresse verbothen war) mit einem zugegebenen ReutKnechte, nach Westen zu, wendete mich aber bald gegen Norden, nach der Grantze und Orte, wo mich Bambo hin bestellet hatte, traf denselben zu gesetzter Zeit an, und fertigte ihn mit einer gewaltigen Blessur in seinen rechten Arm hurtig ab, setzte hierauf meine Reise recht vergnugt und eiligst nach F. fort. Mein Herr hatte mir so viel Arbeit aufgegeben, dass ich erstlich in der 8ten Woche wieder zuruck kommen konte. An statt nun meinen Rapport bey dem Herrn selbst abzustatten, wurde ich an den Ober-Hofmeister verwiesen, welches mir gleich bedencklich fiel, jedoch ich gehorsamete, legte meine Rechnung ab, uberlieferte alles mitgebrachte Gut, und erhielt das Lob von Demselben, dass ich meine Sachen wohl ausgerichtet hatte. Dem allen ohngeacht, (sagte der Ober-Hofmeister letztlich) haben mein Herr dennoch eine Ungnade auf ihn geworffen, indem er, Dero expressen Befehle zuwider, sich dennoch mit dem liederlichen Bambo in ein Duell eingelassen, lassen ihme derowegen itzo durch mich auf 4. Wochen den Hof verbiethen, binnen welcher Zeit sich mein Herr seinetwegen weiter resolviren werden. Ich machte, ohne eintziges Wort zu sagen, ein tieffes Compliment, und ging in mein Logis, wolte auch selbigen Abend noch meine Liebste besuchen, allein, sie war nicht zu Hause, oder liess sich verlaugnen. Hergegen kam ein guter Freund zu mir, und erzahlete solche Sachen, woruber ich Maul und Nase aufsperrete. Mein Freund! (sprach er:) eure so genannte Liebste ist ein wunderlich Weib, ihr waret kaum 8. oder 10. Tage weg, so liess sie den Bambo holen, ihm eine eigene Stube in ihrem Hause zurechte machen, und denselben vor ihr Geld, an der Blessur, die ihr ihm beygebracht, vollig curiren. Ich (fuhr dieser mein Freund fort) kam eines Tages zu ihr, und fragte, was denn wohl ihr Liebster, Mons. Horn, darzu sagen wurde, dass sie den Bambo so wohl aufgenommen hatte? Ey! gab sie mir zur Antwort, was gehet mich Horn an, er hat nicht einmahl Abschied von mir genommen, ehe er von hier weggereiset ist, ausserdem habe ich an ihm gemerckt, dass er zwar mein Geld und Gut, aber meine Person nicht stimirt, denn er hat sich allezeit bey mir aufgefuhrt, nicht als ein Liebhaber, sondern als ein verschnippelter StrohMann. Verlobniss habe ich niemahls mit ihm gehalten, darum kan er mir auch nichts anhaben, es ware denn, dass ich ihm die ehemahls versprochenen 200. Thlr. geben muste, die kan er vielleicht kriegen, wenn er hoflich ist, und weiter nichts. Bambo liebt mich doch als eine rechtschaffene Manns-Person, nicht allein um meines Gutes, sondern um der Person willen, ist er gleich ein bissgen liederlich, so caressirt er mich doch recht eiffrig; er muss viel verthun, ehe er meine jahrlichen Interessen verthut, und kan sich auch wohl noch andern, wenn ich ihm gute Worte gebe. Uber alles dieses hatte ich mir doch ein schwer Gewissen machen mussen, wenn ich ihn verlassen hatte, da ich mich einmahl ehrlich, redlich und christlich mit ihm verlobt gehabt; es haben bose Leute zwischen uns gesteckt, nunmehro aber, da ich erfahren, dass er sein Blut aus Liebe vergossen, und sich mit dem CammerDiener Horn meinetwegen auf Leib und Leben geschlagen hat, habe ich ihn noch tausend mahl lieber, als sonsten. etc. etc.

So viel waren ohngefahr der Worte, welche mir mein guter Freund aus dem Munde meiner vermeyntlichen Liebste erzahlete. Ich gab ihm zur Antwort: Gantz wohl, das geile Weib mag sich mit ihrem liederlichen Bambo divertiren, wie sie will, aber die 200. Thlr. will ich par tout haben. Die will ich euch (versetzte mein Freund,) morgen schaffen, wenn ihr versprechen wollet, an dieser Frau weiter nichts zu fordern. Ich ging den Handel ein, und bekam gleich Tages darauf bemeldte 200. Thlr. worgegen ich schrifftlich quittirte, und mich obligirte, an dieser Frauen Person und Gutern fernerhin nichts zu fordern. Um aber meine Verachtung gegen dieselbe zu bezeigen, schenckte ich die 200. Thlr. ins Hospital, zu desto besserer Verpflegung der alten Weiber, welches ihr, wie ich vernommen, am meisten verdrossen hatte.

Unterdessen ward es Stadt-kundig, dass ich bey Hofe in Ungnade gefallen ware, woruber sich wohl niemand mehr als Bambo freuete, in allen Compagnien aufs schandlichste von mir redete, mich aus seiner Frauen Munde nur einen verschnippelten StrohMann nennete, sich damit breit machte, dass er mich bey der Frauen ausgestochen, und dennoch den Platz behalten, zwar gestehen muste, dass ich ihme einmahl eine Blessur angebracht, doch wunschte: dass er mich nur noch ein eintzig mahl vor der Klinge haben mochte, um seinen Hohn nachdrucklich zu rachen. Diese und dergleichen Reden fuhrete er so lange, biss ich endlich einmahl ohngefahr darzu kam, und ihm ein paar tuchtige Maulschellen gab, wesswegen er mich, weil er den Degen daselbst nicht ziehen durffte, und mit der Faust wenig Ehre einzulegen glaubte, zum andern mahle auf den vorigen Tummel-Platz forderte, es solte gleich, wie vorhero, auf den 3ten Tag geschehen, allein, ich liess ihm sagen: Ein solcher Barenheuter, wie er, muste wohl biss den 9ten Tag auf Satisfaction warten. Mittlerweile waren meine 4. Straf-Wochen biss auf wenig Tage verflossen; wesswegen mich der Ober-Hofmeister zu sich ruffen liess, und mir unter den Fuss gab, bey dem Herrn, in einem unterthanigsten Memorial, um gantzliche Vergebung meines begangenen Fehlers anzuhalten. Ohngeacht ich nun dieses baldigst zu thun versprach, so wolte doch vorhero den Bambo erstlich noch einmahl abfertigen; da mir aber das Hertze im voraus sagte: dass dieses Duell nicht so mager als das vorige abgehen wurde, schaffte ich, ausser den meisten und besten Sachen, so ich nicht bey mir fuhren konte, das ubrige an sichern Ort, verliess mein Logis guten Theils ledig, that, als ob ich mit meinem Jungen Spatziren reuten wolte, kam aber am 9ten Tage fruh Morgens mit dem Bambo auf dem erwahnten Grantz-Platze zusammen, fand ihn nebst seinem Secundanten in guter Verfassung, weil aber ich keinen Secundanten bey mir hatte, muste jener angeloben, auf 20. Schritte von uns zu bleiben, oder gewartig zu seyn, dass ihn mein so genandter Junge, der schon ein Pursche von 21. Jahren war, mit den parat haltenden Pistolen auf den Kopff schosse. Jedoch der Secundant war ein ehrlicher Kerl, und hielt sein Wort, hergegen ging mir Bambo, der eine gar zu starcke Dosin von Courage-Wasser oder Fusel zu sich genommen haben mochte, gantz desperat zu Leibe, ich parirte nur, und liess ihn recht mude werden, er verlangte Ruhe, ich gonnete sie ihm, mit der Warnung, nicht so desperat zu thun, widrigenfals ich nicht darvor konte, wenn er bey seinen offtern Blossgeben an statt des Arms einen Stoss in die Brust bekame. Allein, er sagte mit einer honischen Mine: Es hat mich Zeit-Lebens noch kein Hunds mit der Klinge auf die Brust gestossen. Das war genung gesagt, bey solchen Umstanden meine Galle uberlauffend zu machen, wesswegen ich ihm keine fernere Ruhe gonnete, sondern gleich im ersten Gange einen Stoss unter der Wartze der Brust beybrachte, mit den Worten: Jetzt thut es ein ehrlicher Kerl zum ersten mahle. Das ist wahr, (sagte er) ich habe genung, und muss daran sterben. Er reichte mir hierauf die Hand, und bath ihm, zu vergeben, dass er mich ohnnothiger Weise forcirt hatte, dem Secundanten trug er den Abschieds-Gruss an seine Liebste auf, mit der Expression, dass sie Schuld an seinem Tode ware, befahl seine Seele GOTT, und verschied; ich aber setzte mich zu Pferde, und ritt mit meinem Purschen immer weiter nach abgelegenen Landern zu, war auch nicht eher ruhig, biss ich uber die Hollandische Grantze kam. Jedoch, was will ich von Ruhe sagen, bey mir wolte sich gantz und gar keine Ruhe einfinden, denn es war immer, als wenn der Schatten oder Geist, des von mir erstochenen Bambo, um mich schwebte, und mich so wohl Tages als Nachts in meiner Ruhe stohrete, ohngeacht er selbst mehr Ursach an seinem Tode war, als ich. Hatte ich, sprach ich bey mir selbst, mich nach keinem Weibe umgesehen, so konte der vergnugtesten Menschen einer auf der Welt seyn, denn ich hatte selbst feine Mittel, einen austraglichen Dienst und gnadigen Herrn, so aber bin bloss des Frauenzimmers wegen, um die beyden letztern Stuck gebracht, derowegen will auch nunmehro, dieses gefahrliche Geschlecht zu vermeiden, nicht mehr im Lande bleiben, sondern zu Schiffe gehen, vielleicht ist mir das Gluck so gunstig, dass ich einmahl ein Admiral werde. Dieses waren meine damahligen Gedancken, um aber wieder gutes Muths zu werden, nahm mir vor, die beruhmtesten Stadte in diesem Lande zu besehen, liess mich ein Stuck Geld nicht gereuen, sondern reisete mit meinem Diener von einer Stadt zur andern, fand vieles so mir wohl gefiel, und endlich, weil ich meine Touren mit Fleiss also eingerichtet, nahm ich den Weg nach Amsterdam, um von dannen eine Reise nach Ost-Indien zu thun. Weil ich nun sehr curieux war, und jedes Orts alles merkwurdige aufschrieb, so gingen fast 4. Wochen hin, ehe ich in dieser volckreichen und grossen Stadt herum kam.

Eines Tages, da ich vor der Borse stund, und mich an diesem kostbarn Gebaude nicht satt sehen konte, zupffte mich jemand beym Ermel, und da ich mich umsahe, war es mein jungster Bruder, uber dessen Daseyn ich mich fast zu Tode verwunderte, nachhero aber von ihm erfuhr, dass er endlich seiner Frauen altes Thaler-Loch gefunden, die meisten heraus genommen, und weil er es nicht langer bey ihr ausstehen konnen, hierher gereiset ware, um nach Ost-Indien zu gehen. So bald er horete, dass eben dieses mein Vorsatz ware, war er ungemein erfreuet, wir schossen demnach unsere Gelder zusammen, legten dieselben an taugliche Waaren, engagirten uns bey der Ost-Indischen Compagnie, und gingen als Kauff-Leute mit zu Schiffe, und nach Ost-Indien, erworben bey der ersten Reise ein ziemlich Stuck Geld, allein, weil wir Bruder, uns im Handel nicht wohl vertragen konten, theileten wir unsern Erwerb christlich, und schieden in Friede von einander, da denn einer nach Ost- und der andere nach West-Indien ging. Mein Bruder, welchen ich nachhero zwey mahl wieder gesprochen, war so glucklich geworden, in wenig Jahren ein eigenes Schiff und anderweitiges Vermogen zu erwerben, allein mit mir wolte es nicht fort, denn wenn mir gleich das Gluck nach vieler sauren Muhe und Arbeit etwa ein ziemliches Capital zugewendet, so verlohr doch bald hier, bald dort etwas darvon, und endlich war ich auf der Retour aus West-Indien so unglucklich, alles mein Gut durch Schiff-Bruch zu verliehren, danckte aber doch dem Himmel, vor meine wunderbare Lebens-Erhaltung, und war froh, dass ich nach 3. tagigen herumschwimmen in der See, von einem Spanischen Schiffe aufgenommen, und mit nach Spanien gebracht wurde. So viel Geld hatte noch in meinen Kleidern bey mir, dass ich zuruck nach Holland zahren konte, allwo ich mehr nicht als 1000. Thlr. an einem sichern Orte zu suchen wuste, nahm derowegen selbige auf, und ging aufs neue nach West-Indien, allwo ich das Gluck hatte, mit Mons. Wolffgangen in Bekandtschafft zu gerathen, indem wir vielen Verkehr mit einander hatten, und ich nichts bedaurete, als dass es sich schon damahls nicht schicken wolte, mit ihm in Compagnie zu reisen, indem mir sein gantzes Wesen uber alle massen gefiel. Jedoch, was sich damahls nicht schicken wolte, muste sich nach der Zeit, da ich noch einmahl so unglucklich gewesen, fast um alles das Meinige zu kommen, dennoch schicken, weil ich nunmehro als ein armer Schops, mich zu gratuliren hatte, dass ich von ihm, als ein Frey-Beuter, mit aufgenommen wurde. Er selbst, Herr Wolffgang, hat etliche mahl allhier umstandlich erzahlet, wie es ihm auf der ersten Reise, so ich mit ihm that, ergangen, wie er von dem bosshafften Jean le Grand und seinem Anhange, zu derselben Zeit, da ich eben sehr kranck auf dem Schiffe darnieder lag, tractiret worden, und wie man ihn zu verderben, an diese Felsen-Insul ausgesetzt, mithin sein kostbares Gut benebst dem Schiffe abgestohlen; wesswegen ich nicht vor nothig halte, solches zu wiederholen. Genug, der Himmel hat es ihm und den Felsenburgern zum Vergnugen mit Fleiss also geschickt; die Verrather aber bekamen ihre gerechte Straffe, indem sie, als das Schiff, ohnweit der Insul Madagascar, zerscheiterte, mit ihrem Radelsfuhrer dem Jean le Grand jammerlich ersauffen musten, wiewohl auch viel Unschuldige ihr Leben darbey einbusseten, und ich, nebst drey andern, nur allein Gelegenheit fanden, uns zu retten, auch einige Zeit hernach wiederum nach Holland, jedoch ziemlich von Gutern entblosset, zu kommen. Solchergestalt trieb mich die Noth darzu, den Quartiermeisters-Dienst auf einen Kauffarthey-Schiffe nach Batavia anzunehmen; allein, eben noch zu rechter Zeit kam mein werthester Herr Wolffgang in gutem Wohlstande und starck bemittelt wieder zum Vorscheine, wesswegen ich sogleich einen andern Quartier-Meister an meine Stelle schaffte, und mich bey dem Herrn Capitain Wolffgang engagirte, weil er mir gantz besondere Vortheile versprach, auch zu dem Ende, wie ich merckte, meine Treu und Fleiss auf verschiedene Proben setzte, die, nachdem ich sie redlich uberstanden, mich bey ihm in vollkommenen Credit setzten, und solchergestalt bekam nicht geringe Hoffnung, unter dessen Commando mein Gluck aufs neue zu machen. Ja das Vertrauen zu ihm, war bey mir grosser als zu meinem leiblichen Bruder, denn ohngeacht mein Bruder abermahls mit starcken Profite aus Ost-Indien zuruck kam, mir, nach Vernehmung meiner Unglucks-Falle, ein gut Stuck Geld und verschiedene Vortheile anboth, wenn ich mit ihm zu reisen mich resolviren wolte, so konte es doch nicht in meinen Kopff bringen, unter seinem, als meines jungsten Bruders Commando zu stehen, ich nahm auch, ausser einigen Raritaten, keine andern Geschencke von ihm an, weil mir Herrn Wolffgangs Generositee bereits so viel an baaren Gelde und andern Dingen zugewendet, dass mich zu einer neuen Reise vollkommen hatte equippiren konnen. Ja eben dieser mein besonderer Wohlthater hat mich bekandter massen in den Stand gesetzt, worinnen ich mich voritzo befinde. Ich hatte ihnen, meine Herrn, zwar eine viel weitlaufftigere Beschreibung von meinen Reisen zur See machen konnen, allein, weil ich sehe, dass der Tag bereits zu den Fenstern herein bricht, muss ich wohl vor dieses mahl den Schluss machen, damit wir wenigstens nur noch ein paar Stunden ruhen konnen.

Hiermit war des Capitain Horns Lebens-Geschichts-Erzahlung zum Ende, und ich nahm denselben mit in mein Logis, allwo wir, ohne seine und meine Liebste in der Ruhe zu stohren, uns in einer besondern Cammer schlaffen legten. In folgenden Tagen wurden noch mehrere Conferentzen gehalten, und endlich beschlossen: dass der Capitain Horn dieses 1733ste Jahr noch bey uns aushalten, im Januario des 1734sten aber, von uns ab- und nochmahls nach Europa seegeln solte. Er liess sich solches endlich gefallen, und wir deliberirten inzwischen uber die schrifftliche Instruction, so ihm mit auf die Reise gegeben werden solte. Die Haupt-Stucke, welche er mitzubringen und zu besorgen hatte, waren: 1.) Eine vollkommene Buch- und Kupffer-Druckerey, nebst allem Zubehor von Sachen und Personen, als nehmlich Buchdrucker, Setzer, Schrifft-Giesser, FormSchneider, Kupfferstecher, Kupffer-Drucker und dergleichen. 2.) Verschiedene Medicamenta und Chymische Prparata. 3.) Wollen- und FlachsenTuch, auch Wolle und Flachs, so annoch unverarbeitet. 4.) Noch mehr Pferde-Rind- und Schaaf-Vieh, und zwar so viel, als nur davon fortzubringen. 5.) Solte er sich an gelehrte Leute addressiren, um zu vernehmen, ob die in den Heyden-Tempel gefundenen Schrifften ausgelegt werden konten, wo nicht, die Taffeln benebst etwa ein paar Pfund Goldes bey ihnen zu lassen, und noch 10. Pfund zur Discretion vor diejenigen zum Gratial zu versprechen, welche sich bemuhen wolten, das Geheimniss in diesen Schrifften auszufinden, als worzu sie biss 10 Jahr Zeit haben solten, indem wir nicht gesonnen waren, unter 10. Jahren wieder eine Fahrt nach Europa anzustellen. 6.) Wenn er, der Capitain Horn, auf den Gedancken verharrete, nach seiner glucklichen Zuruckkunfft auf dieser Insul bey uns zu bleiben, muste er hauptsachlich dahin bedacht seyn, einen getreuen und redlichen Menschen in Pflicht zu nehmen, der das Schiff, nach der Wiederankunfft und Ausladung allhier, nachdem es von uns mit sattsamen Proviant versorgt, so gleich mit den darauf befindlichen Personen, welche wir nicht bey uns zu haben verlangten, wieder abfuhren solte. etc. etc.

Die ubrigen Puncte, weil sie nicht eben allzu wich

tig, halte vor unnothig zu melden, und den Lesern damit verdrusslich zu fallen, genung, weil wir sattsame Bedenck-Zeit hatten, so vergassen wir auch, unseres Erachtens, gar nichts, was zu Verbesserung unseres Staats annoch nothig war, verliessen uns im ubrigen auf des Capitain Horns selbst eigenen guten Verstand, indem dieser gescheute Kopff binnen der Zeit, als er bey uns gewesen, sich bereits manche Marque in seine Schreib-Taffel gemacht, woran es uns nehmlich in diesen und jenen Stucken noch fehlete.

Unterdessen lieff uns die Zeit, ich weiss nicht wie,

geschwind unter den Handen weg, wesswegen gleich nach Martini Anstalt gemacht wurde, des Capitain Horns Schiff mit Rosinen, Reiss und andern Felsenburgischen Fruchten, auch uberflussigen Lebens-Mitteln zu beladen, seine Leute, ingleichen die Portugiesen bekamen einer wie der andere, von Haupten biss zum Fussen gedoppelte neue Montur, nebst 6. Anzugen weisser Wasche und andern Bedurffnissen, ausser ihrem ordentlichen Lohne aber, ein jeglicher 3. Pfund gediegenes Goldes, und die Officiers 4. Pfund, welches mancher wohl nicht erworben, wenn er gleich als Matrose binnen der Zeit in Ost-Indien oder auf der See herum geschwermet hatte. Anbey wurde ihnen gesagt, dass, wenn sie sich auf der Fahrt nach Europa wohl hielten, der Capitain Horn ihnen sodann die eingeladenen Rosinen und Reiss Preiss geben wurde. Alle diese Leute waren wohl zufrieden, und hielten nach hertzlicher Dancksagung ein Freuden-Fest. Die Fasser und Kisten, worinnen die kostbarsten Sachen, zu Bestreitung aller Kosten vor den Capitain Horn, eingepackt waren, stunden auch schon parat, solten aber nicht ehe als biss auf die letzte eingeschifft werden. In Summa, es war vor den Christ-Feyertagen zu des Capitains Abreise alles in vollkommen fertigen Stande, so, dass wir die nach einander folgenden Fest-Tage andachtig und vergnugt hinbringen konten, wie denn auch den Klein-Felsenburgern ein Priester hinuber geschickt wurde, um ihnen bey dieser heiligen Zeit das Wort GOttes zu predigen, und den darunter befindlichen Evangelischen das Heilige Abendmahl zu reichen. Sonderlich liessen sich in der Neu-Jahrs-Nacht die Stucken, Paucken und Trompeten tapffer horen, und Montags und Dienstags drauf, als den 4ten und 5ten Januarii, wurden auf dem grunen Taffel-Platze vor alle Insulaner, zum Abschieds-Schmause des Capitains Horn, ein herrliches Tractament gegeben, bey welchen er, von allen insgesammt Abschied nahm, und von den auf der Insul befindlichen Europaern mit vielen Briefen und Paqueten beschweret wurde, um selbige an ihre in Europa befindlichen Freunde mitzunehmen, welches er gern und willig zu thun versprach, und 2. Kisten damit anzufullen hatte. Weiln er nun den 7. Jan. in Person zu Schiffe zu gehen und abzuseegeln gesonnen war, auch darzu alles veranstaltet hatte, so nahm er Tags vorhero von seiner Liebste, dem Alt-Vater, Aeltesten und andern speciellesten Freunden, bey mir aber zuletzt Abschied, weil verabredet war, ihm diese meine fortgesetzte GeschichtsBeschreibung der Felsenburger, gantz auf die letzte Stunde mitzugeben. Welche ich denn hiermit beschliesse, und wohl glaube, dass sich einige finden und sagen werden, ich hatte mich bey einer Sache zu lange, bey der andern zu kurtz aufgehalten, und manches zu melden, gar vergessen; was aber das letzte anbelanget, so werden diejenigen, so ich nicht beruhret, wohl von schlechter Wichtigkeit und nicht besonders merckwurdig seyn, und wegen der erstern habe es vor dissmahl nach meinem eigenen Belieben gehalten, hatte zwar eins und das andere verbessern konnen, indem keine Sache so gut, dass sie nicht verbessert werden konte; allein, ich kan versichern, dass auch andere wichtigere Geschaffte mir nicht erlauben wollen, dieser Neben-Sache wegen allzu viele Zeit zu verlieren, zumahlen, da ich weder Lob, noch Danck, noch Gewinst darvor verlange. Habe ich nicht genung geschrieben, so habe ich doch etwas geschrieben, und wie muste man thun, wenn ich gar nichts von unsern Zustande geschrieben hatte? Nicht wahr, es wurde desswegen doch an Historien-Buchern kein Mangel seyn? Ob hinfuro noch mehr von den Felsenburgischen Geschichten zum Vorscheine kommen mochte, daran zweiffele fast sehr, wenigstens wurde es wohl unter 10. Jahren nicht geschehen, und wenn wir alle noch so lange lebten und gesund blieben; denn es durffte vor der Zeit wohl kein Schiff von Felsenburg wiederum nach Europa abgehen. Unterdessen empfehle ich einen jeden, der diese meine Fortsetzung und vorherigen Schrifften zu lesen bekommt, so wohl als alle andere Menschen, der Gottlichen Obhut, und verbleibe, ohngeacht ich sehr weit von Deutschland wohne, dennoch

der redliche Deutsche

Eberhard Julius.

* *

Ein mehrers, als was bisshero gemeldet worden, habe ich, Gisander, in Mons. Eberhard Julii Manuscripto nicht gefunden, will aber dennoch kund machen, was ich dieser Geschichte wegen nachhero weiter in Erfahrung gebracht. Demnach bekam ich im Februario 1735. ein Schreiben von Herrn H.W. aus Hamburg, in welchem er mich invitirte, gegen Ostern bey ihm zu seyn, weil der Capitain Horn um selbige Zeit ohnfehlbar bey ihm eintreffen, und mich gern selbst sehen und sprechen wolte. Weil ich nun versichert war, dass ich diese Reise nicht umsonst thun wurde, setzte ich mich zu rechter Zeit auf die geschwinde Post, und kam 14. Tage vor Ostern in des Herrn H.W. Behausung an, welcher mich sehr wohl aufnahm, der Capitain Horn aber stellete sich erstlich 8. Tage nach Ostern ein, war sehr erfreut, mich zu sehen, und gab mir das unverdiente Lob, dass ich die zwey ersten Theile der Felsenburgischen Geschichte, welche er schon in A.* und D.* zu lesen bekommen, gantz wohl besorgt und ausgefertiget hatte, wesswegen er nunmehro, empfangener Ordre gemass, mir nebst einem Honorario auch den dritten und letzten Theil einhandigen, darbey nicht zweiffeln wolte, dass ich denselben eben so wohl, als die beyden erstern, besorgen wurde, doch bath er sich aus, dass ich ihm dieses des Eberhard Julii Manuscript erstlich vorlesen Abende hintereinander immer 3. biss 4. Stunden darzu, discurirten dazwischen, da ich denn von dem Capitain Horn vieler Dinge wegen besser verstandiget wurde, endlich aber, als wir hiermit fertig, thal der Capitain dem Herrn H.W. und mir folgende Erzahlung:

Am 7. Jan. des abgewichenen 1734sten Jahres ging ich von Felsenburg ab und zu Schiffe, fand auf selbigen alles in bester Ordnung, so, dass ich den 8. dito mit anbrechenden Tage bey gutem Winde und Wetter von dannen seegeln konte, nachdem ich mit 12. Canonen-Schussen nochmahligen Abschied genommen, das Gluck auf die Reise! aus ihren Canonen aber annoch horen konte, da ich schon etliche Meilen von dannen war. Noch niemahls habe ich eine geruhigere Fahrt gehabt, als dieses mahl, weil es aber zuweilen gar zu langsam ging, bin ich erstlich zu Ende des May-Monats im Texel eingelauffen. Nachdem ich nun die Portugiesen, so ich mitgefuhret, bereits an dem Ufer ihres Vaterlandes ausgesetzt, versprach ich meinen Leuten alles dasjenige zu halten, was ihnen annoch in Felsenburg versprochen worden, sie musten mir aber ihren gethanen Eyd wiederholen, dass sie von allen unsern Begebenheiten in Holland nicht viel Plauderens und grosses Wesen machen wolten. Hierauf brachte ich, vermittelst einer guten Summa Geldes, alles in solche gute Ordnung und Richtigkeit, dass ich mein Volck und Bagage frey und sicher ausschiffen durffte, nahm auch mein Logis abermahls in Amsterdam bey Herrn G.v.B. welcher mich mit sehr grossen Freuden-Bezeugungen empfing. Nachdem nun das Schiffs-Volck wohl befriediget war, liess ich alles von mir, mit der Erklarung, dass, wer von ihnen Lust hatte, noch eine Reise mit mir zu thun, nach Ostern 1735. in Amsterdam bey Herrn G.v.B. oder wenn ich gegenwartig, sich bey mir selbst melden konte; mithin behielt nur die 9. Freygelassenen zur Bedienung bey mir. Mein erstes war, dass ich mich nach meinem Bruder erkundigte und erfuhr, dass derselbe bereits auf der Retour aus West-Indien begriffen ware, wesswegen ich ihm zu Gefallen noch so lange in Amsterdam zu bleiben beschloss, biss er sich einstellete, jedoch meine Zeit nicht mussig daselbst zubrachte, sondern immer nach gerade Anstalten machte, dasjenige anzuschaffen und wohl auszurichten, was mir committiret war. Endlich zu Ausgange des Augusti kam mein Bruder, und wuste vor Freuden nicht, was er sagen solte, dass er mich allhier frisch und gesund antraff, denn bey meiner letztern Anwesenheit in Europa war er nicht gegenwartig, sondern ebenfalls in West-Indien gewesen. Er fuhrete mich aufs erste in sein Logis, und entdeckte mir offenhertzig, wie glucklich er bisshero auf verschiedenen Reisen gewesen, so, dass er nunmehro ein Capital von etliche 20000. Thlr. beysammen, vor wenig Jahren aber seiner Frauen, das ihr entwendete Geld cum Interesse, einen jeden seiner Geschwister aber 1000. Thlr. durch Wechsel ubermacht hatte. Nunmehro ware er gesonnen, in Holland auf einem guten Orte sich zur Ruhe zu setzen, und von seinen Interessen zu leben, denn zu seinem alten Weibe, welches ihn so schandlich tractiret hatte, konte er sich unmoglich wieder begeben; im ubrigen meynete er, ich solte ihm nur offenhertzig sagen, womit er mir helffen und dienen konte, indem er bereit sey, auch die Helffte seines Vermogens mit mir zu theilen. Diese seine Redlichkeit und bruderliche Liebe gefiel mir ungemein von ihm, wesswegen ich ihm liebreich umarmete, und zur Antwort gab: Mein liebster Bruder! ich bin von Hertzen erfreuet, dass euch der Himmel gesegnet und mit zeitlichen Gutern vergnuget hat, aus allen Umstanden, und sonderlich dem bruderlichen Anerbiethen, vermercke, dass ihr dem Geitze nicht ergeben seyd, vor meine Person aber dancke ich vor euren guten Willen, denn der Himmel hat mich seit der Zeit auch gesegnet, und ich will euch, ohne meinen geringsten Schaden, noch 2. mahl 20000. Thlr. zu den Eurigen geben, damit ihr euch, wenn ihr ja nicht wieder in unser Vaterland zu kehren gesonnen, ein feines Land-Gut erkauffen, und euer Leben darauf ruhig zubringen konnet; allein, dargegen wolte mir dieses ausbitten, dass ihr nur noch eine eintzige Reise zur See mit mir thun, und mich auch erstlich zur Ruhe bringen mochtet. Mein Bruder horete bey Vernehmung solcher Reden hoch auf, versprach aber endlich, mir alles zu Gefallen zu thun, was ich nur von ihm verlangen und ihm moglich zu verrichten seyn wurde. Es ist wohl gut, mein Bruder, sprach ich, allein, ohngeacht ihr mein leiblicher Bruder seyd, so ist mir doch, eines geleisteten theuren Eydes wegen, nicht erlaubt, euch einige sonderbare Begebenheiten zu eroffnen, es ware denn Sache, dass ihr mir ebenfalls, gewisser Puncte wegen, auf einige Zeit den Eyd der Treue und Verschwiegenheit zu prstiren, euch entschliessen kontet. Wie er sich nun dessen gegen mich, als seinen leiblichen und altern Bruder, gar nicht weigerte, so fuhrete ich ihn hierauf in mein Logis, allwo er nicht allein das Geheimniss, so viel als ihm nehmlich davon zu wissen nothig war, von mir erfuhr, sondern auch meine Schatze zu sehen bekam, woruber er nicht wenig erstaunete. Ich gab ihm demnach im voraus so viel, als ich ihm versprochen hatte, schickte, 15000. Thlr. par Wechsel nach Franckfurth am Mayn, welche meine 3. ubrigen Geschwister daselbst heben und sich darein theilen solten, uberliess diesem meinem jungsten Bruder nebst dem Herrn G.v.B. in Amsterdam einen grossen Theil von Besorgung meiner Affairen, und reisete, nachdem ich auch alle mit bekommene Briefe und Paquete wohl bestellet hatte, nach D. zu dem Handels-Manne, welcher des Herrn Franz Martin Julii seiner seeligen Ehe-Frauen Bruders-Sohn war, brachte demselben von seinen Felsenburgischen Befreundten nicht allein verschiedene kostbare Geschencke, sondern auch Briefe und Siegel mit, dass ihm das Julische Hauss, Gewolbe in Summa alles mit einander, was er ihrentwegen zu verwalten hatte, auf erb- und eigenthumlich geschenckt seyn solte. Man kan leicht erachten, dass ich, bey so gestalten Sachen, diesem jungen Manne kein unangenehmer Gast gewesen seyn musse, und gewiss, er hat sich meiner Affairen wegen viel Muhe mit Reisen und dergleichen gegeben, auch mir die Bekandtschafft vieler Grund-Gelehrten Leute zuwege gebracht, dem ohngeacht konte ich weder hier, noch da, noch dort jemand finden, der sich die auf den Taffeln befindliche Heyden-Schrifft zu lesen und zu erklaren unterstund, derowegen sahe ich mich genothiget, selbige gegen einen Revers, in den Handen eines sehr reichen und Grund-gelehrten grossen Mannes zu uberlassen, welcher mir, vor die zwey Pfund Goldes, so ich ihm zur Discretion gab, versprach, dieselben an die vornehmsten Societaten der Kunste und Wissenschafften in Europa zu ubersenden, und von Zeit zu Zeit seinen Rapport an den Kauffmann in D. ingleichen an Herrn G.v.B. in Amsterdam, und auch an Herrn H.W. in Hamburg abzustatten, wesswegen ich denn die 10. Pfund Goldes Gratial gegen einen Revers bey dem Kauffmanne in D. liess, welcher zugleich Vollmacht bekam, den glucklichen Ausleger derselben Schrifft damit zu belohnen, die Taffeln einzulosen, und biss sie von den Felsenburgern abgefordert wurden, bey sich zu behalten. Wegen der Buch- und Kupffer-Druckerey, aller dazu erforderlichen Leute und Materialien, hat, wie die letztern Briefe von Herrn G.v.B. und meinem Bruder aus Amsterdam lauten, auch schon alles seine vollkommene Richtigkeit, wesswegen ich glaube, dass an den andern geringern Sachen auch nichts versaumt seyn und ermangeln wird. Und also werde ich mich hier in Hamburg nicht lange aufhalten, sondern meine Reise nach Amsterdam beschleunigen, um, was ja etwa noch fehlen mochte, vollends selbst zu besorgen, und circa Johannis-Tag, meine Heim-Reise nach Felsenburg anzustellen; denn ich werde auf meinem und auf meines Bruders Schiffe, eine starcke Ladung haben, wenn mich aber mein Bruder auf der Insul Klein-Felsenburg, mit allen meinen Waaren ausgesetzt, soll er, bereits genommener Abrede nach, auch die Personen, so auf meinem Schiffe gedienet, auf das Seinige nehmen, selbiges mit lauter Felsenburgischen Victualien beladen, und in GOttes Nahmen wieder zuruck nach Europa fahren.

So viel hat mir der Capitain Horn von seinen Umstanden eroffnet, er tractirte nachhero noch verschiedene Sachen mit dem Herrn H.W. um welche ich mich eben nicht zu bekummern hatte, indem ich ein gutes Honorarium vor meine Reise-Kosten und alles von ihm bekommen. Gern ware ich mit demselben nach Amsterdam gereiset, und hatte die Schiffe und alle Anstalten selbst in Augenschein genommen, indem er mir allen Aufwand und Versaumniss gedoppelt zu bezahlen versprach, allein, ein wichtiger Umstand, den ich eben nicht melden will, verhinderte mich an dieser Reise, die ich zu anderer Zeit, auch vor mein eigen Geld, mit Lust gethan haben wurde. Demnach reisete der Capitain mit dem Herrn H.W. ohne mich, fort, der letztere aber hat mich nachhero schrifftlich berichtet, dass der Capitain, bey seiner Ankunfft in Amsterdam, alles zu seinen grosten Vergnugen in vollkommenen Stande angetroffen, und am 4ten Julii des itzt lauffenden 1735sten Jahres nebst seinem Bruder mit 2. Schiffen aus dem Texel gelauffen sey. Demnach machte ich mich, wenn mir meine ordinairen Geschaffte einige mussige Stunden vergonneten, auch an die Arbeit, und brachte eben noch zu rechter Zeit

Die Felsenburgische Geschichts-Beschreibung zu

ENDE.

Fussnoten

1 Hier hat Mons. Eberhard, vielleicht aus besondern Ursachen, die ich, Gisander, vollkommen zu errathen, mir eben nicht getraue, etwas kurtz und verblumt von der Sache geschrieben, denn als ich, nachdem mich der Capitain Horn, da er glucklich in Europa angelandet, zu sich kommen lassen, eines Abends in Vorlesung des Manuscripts auf diese Passage kam, sagte er, der Capitain Horn, selbst im Vertrauen zu mir: "Hier ist Eberhard mit dem Flederwische druber her gefahren, und hat nicht so anfrichtig als sonst geschrieben, denn ich versichere euch, mein Herr! dass in der einen Cammer ein, unschatzbarer Schatz von Gold-Klumpen, Gold-Scheiben, Gold-Stangen, Diamanten und andern kostbaren Steinen, gefunden und so wohl als die Gotzen-Bilder nach Gross-Felsenburg geschafft worden. Wenn ich (fuhr der Capitain Horn gegen mich fort) mich nicht bereits vollkommen in die angenehme Lebens-Art der Felsenburger verliebt, auch mir ein uberaus schones Bild daselbst zur kunfftigen Ehe-Gattin auserwahlt, mich mit ihr versprochen, und die groste Lust gehabt, meine ubrige Lebens-Zeit auf dieser Insul zuzubringen; wurde ich ohnfehlbar meinen Theil von diesen unter der Erde gefundenen Schatzen gefordert haben. So aber dachte ich: was ist dir Gold, Geld und Gut nutze, da du nicht in Europa, sondern allhier verbleiben wilst? zudem, so haben sie mir mehr Gold und Geld mitgegeben, als ich verlangt und nothig habe. Aber das ist wahr, dass die Felsenburger Konigreiche kauffen und baar bezahlen konten, wenn sie feil waren." Ich gab ihm hierauf zu verstehen: wie mich wunderte, dass bey diesen gefundenen Schatzen gar keines Silber-Zeugs, auch keines gemuntzten Geldes erwehnt wurde; worauf er versicherte, dass weder Silber-Werck noch Muntze, sondern nur bloss Gold und Edle-Steine gefunden worden. Weil nun ich, Gisander, mich nicht verbindlich gemacht, unser beyder besonderes Gesprache zu verschweigen, als habe mir kein Bedencken genommen, dem geneigten Leser, um die Geschicht desto deutlicher zu machen, das nothigste zu offenbaren.

Wunderliche FATA einiger See-Fahrer,

Vierdter Theil,

oder:

fortgesetzte

Geschichts-Beschreibung der Felsenburger;

Worinnen nicht allein derselben jetziger Zustand seit Alberti Julii I.-Ableben biss auf heutige Zeit mit aufrichtiger Feder gemeldet, sondern auch

eine ganz besondere und

Verwunderungs-wurdige Lebens-Geschichte

einer Persisch-Candaharischen Printzessin

Mirazamanda,

Die fast ein Haupt-Stuck der Felsenburgischen Geschichte ausmacht, zugleich mit beygefuget

worden:

Zuerst entworffen von Mons. Eberhard Julio,

Curieusen Lesern aber zum vermuthlichen

Gemuths-Vergnugen ausgefertigt, auch par

Commission dem Druck ubergeben

von

GISANDERN.

Vorrede.

Festina lente!

Man muss in keinem Stuck sich leichtlich ubereilen; Eil schadet offters mehr, als klugliches Verweilen.

Geneigter Leser!

Das hier angefuhrte lateinische Dicterium mogen sich, meines Erachtens, die bey den Gebruder Hn. See-Capitains Horn, so wohl Sen. als Jun. zur Parole, Loosungs-Worte, Feldgeschrey, wie man die Sache etwa zu nennen pflegt, oder wohl gar zu ihrem HauptSymbolo und Gedenck-Spruche, ehe sie noch am 4. Jul. des 1735ten Jahres von Amsterdam aus durch den Texel abgelauffen, erwehlet haben.

Ich meines Orts verdencke die beyden Herrn Bruder dieserwegen gar im geringsten nicht, denn sie konten damahls mit Freuden ausruffen:

Acti labores jucundi!

Nach glucklich wohl vollbrachten Sachen,

Kan man sich gute Stunden machen.

Sie haben es auch redlich gethan, so wie man in nachfolgenden Blattern von ihnen lesen kan. Wie lange sich aber der Capitain Horn. Jun. auf seiner Zuruck-Reise von Felsenburg, und absonderlich bey dem Gouverneur zu St. Jago verweilet, kan ich eben so genau nicht sagen, weilen derselbe niemahls so treu und offenhertzig gegen mich gewesen, als ehedem sein Bruder, der Capitain Horn Sen.

Jedoch, wie ich aus gewissen Umstanden vermuthen konnen, so mag der Aufenthalt bey seiner Braut ohngefahr ein halbes Jahr lang, auch wohl etwas druber gewesen seyn; indem er sich bey derselben lieber verweilen, als ubereilen wollen.

Dieses Vergnugen missgonne ich ihm gantz und gar nicht, mir aber hat er damit und solchergestalt von Zeit zu Zeit offtern nicht geringen Verdruss verursacht, indem ich schon seit 3. biss 4. Jahren daher mit mehr als 100. Briefen, um die Fortsetzung der Felsenburgischen Geschichte heraus zu schaffen, bombardiret worden; der mundlichen Attaqen zu geschweigen. Ja, ich habe mich so gar immer befurchten mussen,dass allzu ungedultigen Neubegierigen mir die Fenster einwerffen, oder gar das Haus sturmen mochten, wenn ich langer damit zuruck hielte; zumahlen, da zum offtern ein falsches Geruchte ausgesprengt worden, als ob der Capitain Horn bereits angekommen ware, mithin es nur an meiner Caprice, Bequemlichkeit oder resp. Faulheit lage, diejenigen, denen etwas daran gelegen, zu vergnugen.

Wie nun aber ich in diesem Stucke meine Unschuld gantz besonders erweisslich zu machen, im Stande bin, so versichere dabey, dass mir des Capitain Horns uberlanges Aussenbleiben zum offtern selbst die Galle dergestalt in den Magen getrieben, so dass ich dem Apothecker vor Absorbentia, Prcipitantia und andere Hudeleyen, womit ich mich sonsten sehr gern verschont sehen mag, manchen schonen Batzen zuwenden mussen.

Nun er aber da ist, habe ich ihm Seiten meiner, seine Fehler vergeben, wie er denn mir die meinigen auch vergeben, anbey vor meine Muhe und Reise-Kosten so viel zuruck gelassen, dass ich gantz wohl damit zufrieden seyn kan.

Demnach hoffe, es werden meine resp. Geehrtesten Leser auch vor diesesmahl mit mir zufrieden seyn, und diesen vierdten und letzten Theil der Felsenburgischen Geschichte so gutig und geneigt, als die 3. vorhergegangenen auf und annehmen. Wenn mein Stilus von einem oder dem andern nicht so rein, lauter und fliessend erachtet werden solte, wie es heutiges Tages die Mode mit sich bringt, ersuche dienstfreundlich, mir vor diesesmahl in die Gelegenheit zu sehen, weilen viele beschwerliche Reisen, Unpasslichkeiten und sonsten andere Sorten vom Verdrusse, die eilende Feder zuweilen irrig gemacht. Unterdessen hoffe doch in der Haupt-Sache ein volliges Genugen geleistet zu haben, worbey verspreche, das, was etwa versehen seyn mochte, so GOtt Leben und Gesundheit verleihet, in den andern Herausgaben zu verbessern. Unterdessen, da seit 2. biss 3. Jahr daher so wohl an den Herausgeber, als Verleger verschiedene Briefe, auch so gar von weit entferneten Orten eingelauffen, welche nicht selten ein starckes Porto verursachet; als werden die Herrn Patroni und Gonner der Felsenburger respective dienstfreundlich ersuchet, in Zukunfft Dero Briefe franco einzusenden. Wormit mich zu geneigtem Wohlwollen empfehle und beharre,

Geneigter Leser,

Dein

Raptim

an der Wilde den 2. Dec. 1742.

Dienstergebenster

Gisander.

Wunderliche FATA einiger Seefahrer. Vierdter

Theil.

Geliebteste und allerwertheste Bluts- und

Muths-Freunde in Europa!

Nachdem Ihnen ich, Eberhard Julius, durch den Capitain Horn versichern lassen, wo es anders moglich ware, und die Gelegenheit etwa nicht gantzlich benommen wurde, alles, was seit meiner 3. vorhergehenden Relationen, (welche seit einigen Jahren daher, wie ich vernommen habe, in Europa im Druck erschienen, und einiges Aufsehen verursacht) auf diesen beyden Insuln Gross- und Klein-Felsenburg sich merckwurdiges und besonders zugetragen, aufs fordersamste und aufrichtigste zu melden; Als habe hiermit mein Wort halten wollen, in guter Hoffnung, dass Uberbringer dieses, nachdem er seine Sachen wohl ausgerichtet, glucklich bey Ihnen anlangen werde.

Kaum hatte ich meinen Vorsatz unsern Regenten, Alberto II. den grauen Hauptern und Aeltesten, wie auch den Herrn Geistlichen und andern guten Freunden gemeldet, als ich ersucht wurde, den Anfang gegenwartigen meines vierdten Berichts, mit folgender Addresse zu machen: Regent, der beyden von Gott gantz besonders gesegneten Insuln, Gross- und Klein-Felsenburg, die Aeltesten, grauen Haupter, die Ehrwurdige Geistlichkeit, welche mit mir uber unser Volck regieren, entbiethen unsern geliebtesten und allerwerthesten Freunden in Europa unsern dienst-freund-bruderlichen Gruss, nebst Anwunschung alles Seelen- und Leibes-Vergnugens und Wohlergehens. Dergleichen Grusse und Wunsche erfolgen auch von allen andern loblichen und ansehnlichen Personen beyderley Geschlechts, bis auf die Sauglinge, welche noch nicht wissen und verstehen, was vor theure und werthe Freunde sie in Europa haben, die weit vornehmer sind, als wir, denn wir schatzen uns ganz geringe und einander alle gleich, beobachten doch aber, nicht allein aus der heil. Schrifft, sondern bloss aus dem Lichte der Natur die Gebote: Ehre, dem die Ehre gebuhret; Gehorsam, dem Gehorsam gebuhret, und dieses um guter Ordnung wegen. Wir werden uns insgesammt ungemein erfreuen, wenn wir von unsern Abgeschickten, deren gluckliche Zuruckkunfft wir taglich mit grosten Verlangen erwarten, erfahren werden, dass es unsern geliebtesten und allerwerthesten Freunden in Europa noch wohl gehe, bedauren anbey diejenigen, die etwa Noth und Mangel leyden mochten, wunschen wohl aus getreuem Hertzen, Gelegenheit zu haben, Ihnen von unserm Uberflusse nach Nothdurfft etwas abgeben zu konnen. Denn GOtt giebt uns jahrlich und taglich, ja stundlich mehr, als wir werth sind und zur Leibes Nahrung und Nothdurfft gebrauchen; wesswegen solten wir also dermassen unchristlich seyn, und unsern Uberfluss den Bedurfftigen nicht gonnen, zumahlen denen, die unsere Freunde sind, und unsern Geschlechts-Nahmen fuhren. Wolte GOtt! es schickte sich, ein ordentliches Commercium mit ihnen zu stifften; Die Weite des Weges solte solches Seiten unserer nicht verhindern, vielleicht wurde manchen Nothleydenden und Bedurfftigen besser gerathen seyn. Da aber dieses bey jetzigen schlimmen Zeiten und gefahrlichen WeltHandeln, wie uns berichtet worden, eher zu wunschen, als zu hoffen stehet, so konnen wir weiter nichts thun, als dass wir vor sie beten, und sie der der guten, milden und barmhertzigen Hand GOttes des Allmachtigen empfehlen. Wir verhoffen, sie werden dergleichen auch vor uns thun, ohngeachtet wir vorjetzo noch ziemlicher maassen in Ruhe sitzen, und von keiner befondern Bekummernis wissen, ausgenommen, was die Sorgen anbetrifft, die wir wegen unserer Verreiseten haben.

Wie gesagt, wir wissen (GOtt sey davor gelobt) weder von Noth, Kranckheiten, Hunger, Kummer und andern Land-Plagen zum Theil wenig, zum Theil gar nichts zu sagen, und die wohlverdienten Straffen unserer Sunden empfinden wir von dem barmhertzigen, liebreichen Vater im Himmel weit gelinder, als wir fast vermuthen konten, indem wir wissen, wie sein Zorn und seine strenge Gerechtigkeit offters, auch uber die von den Menschen unerkannten Sunden sich zu zeigen pflegt.

Nun, der Herr segne und behute Sie und uns, wir empfehlen uns Ihnen vom grosten bis zum kleinesten, vom altesten bis zum jungsten zu Dero geneigten Wohlwollen und guter Freundschaft, ohngeachtet, da wir eine so entsetzliche Weite uber Meer von einander wohnen. Doch den GOtt, den Sie anbeten, den beten wir allhier auch an, und verehren denselben eben so wohl, als wie Sie, wo nicht mit Ubereinstimmung aller christlichen Ceremonien, jedoch in unsern christlichen Hertzen. Also kann die Sympathie dennoch ihr Wesen und Wurckung bestandig zwischen Ihnen und uns ausuben.

Wir schicken Ihnen etwas weniges von den Gutern und Fruchten unsers Landes, welches sie nicht verschmahen, sondern sich christ-bruderlich darein theilen, vornemlich aber die Aermsten unter Ihnen nach proportion, gedoppelt oder dreifach besorgen wollen.

Unserer geliebtesten und allerwerthesten Bluts- und Muths-Freunde in Europa verbleiben wir Felsenburger allerseits, so lange noch einer von uns lebt und Othem hat, getreue Freunde und Diener. Gegeben auf meinem ordentlichen Wohnhause Albertsburg genannt, im Jahr Christi 1740. den 3. Tag des Monats Februarii.

(L.S.) Albertus Julius II.

Unter diesem Nahmen unterschrieben sich weit mehr als 100. Personen beyderley Geschlechts, nicht allein Europaische Einkommlinge, sondern auch eingebohrne Felsenburger.

Wir warteten demnach mit Schmertzen auf die Zuruckkunfft des Capitains Horn, als welcher uns versprochen hatte, mit zweyen Schiffen zuruck zu kommen, und sein Neben-Schiff, nachdem es ausgeladen, dargegen eine andere Ladung eingenommen; so bald es uns gefallig, zuruck nach Europa zu schicken, er aber wolte erlaubter und abgeredter maassen bey uns verbleiben.

Allein es sturtzten sich noch unzahlige Eymer Wasser aus unserer Felsenburgischen grossen See hinunter in das wilde Meer, ehe wir das Vergnugen hatten, unsern lieben Capitain Horn mit seinen beyden Schiffen wieder zu sehen. So trugen sich auch binnen der Zeit viele seltsame Begebenheiten und Wunder-Dinge zu, welche ich weiter unten, nach Moglichkeit in bester Ordnung erzahlen werde.

Voritzo aber will vorerst nur so viel melden, dass, als ich eines Abends, ohngefahr um 10. Uhr auf meinem Ober-Stubgen an einem Fenster gegen Norden zu, stund, allwo ich den besondern Stand des Gestirns zu damahliger Jahrs-Zeit beobachten wolte, gewahr wurde, dass gerade in der Nord-Gegend eine schwartze dicke Wolcke aus der See, bis an den Himmel, erstlich in Gestalt einer Pyramide herauf stieg, binnen weniger Zeit aber sich dergestalt ausbreitete, dass alle Sterne bis an den Polar-Stern, mithin die gantze Helffte des Horizonts, bedeckt und gantz und gar verdunckelt wurde. Dieses wahrte bis dreyviertel auf 12. Uhr, so, dass wie ich schon gesagt, die jenseitige Himmels-Gegend so schwartz als eine Kohle anzusehen war, die andere Helffte nach Suden zu, zeigte sich hergegen, klar und helle; mithin hatten wir gegen Norden zu, den allerfurchterlichsten, gegen Suden aber, den allercharmantesten Anblick, indem wir mit grostem Vergnugen die hellglantzenden Sterne am blauen Himmel uber unseren Hauptern erblickten. Wunderbar liess es, dass der Polar-Stern gleichsam als ein Grantz-Stein, oder Scheide-Wand, zwischen Licht und Finsterniss anzusehen war. Es gieng also am Himmels-Gewolbe, zwischen Licht und Finsterniss, ein etwas dunckel grauer Strich, von Osten bis Westen hindurch, welches mit einiger Erstaunung anzusehen war.

Wir gedachten immer, die Schwartze wurde sich weiter ausbreiten, und in die Helligkeit gegen Suden zu hineindringen, mithin den gantzen Horizont schwartz machen; allein es geschah nicht; sondern die Schwartze zog sich, da es gegen 1. Uhr kam, allmahlig nach Norden zurucke, und wurde es in der Tieffe dergestalt schwartz, als ich nicht beschreiben kan. Gleich da meine Uhr ein Viertel auf 2. schlug, erblickte ich mit grossesten Entsetzen: dass sich mitten in der dicksten Finsterniss ein ordentliches Feuer-Rad, in Grosse (unserm Augenmasse nach) eines der allergrosten Muhl-Rader prsentirte, welches dergestalt schnell herum lief, als ob es durch die Kunst eines Feuerwerckers also gemacht, und mit besondern Fleisse dahin gestellet ware.

Meine Frau, die gantz alleine bey mir war, und ich sahen dieses Wunder-Ding mit groster Verwunderung an, indem ich aber in die andere Stube gegangen war, um nach der Uhr zu sehen, laufft sie gleichfalls davon, und wecket Mons. von Blac, nebst andern getreuen Nachbarn, welche schon im tiefsten Schlafe gelegen. Demnach kamen ihrer sehr viele herzu, da sie aber von allem dem, was vorgegangen war, nicht das geringste observirt hatten, so verwunderten sie sich um so viel desto mehr uber das, was ich Ihnen in moglichster Kurtze erzahlte, noch weit mehr aber uber dasjenige, was sie mit ihren sichtlichen Augen vor sich sahen, nemlich das Feuer-Rad, als welches noch bestandig mit der grosten Hefftigkeit um und um lief.

Meine Freunde gaben mir einen starcken Verweis, darum, dass ich sie nicht eher geweckt hatte; das gantze Wunderspiel zeitiger mit ansehen zu konnen; allein ich entschuldigte mich damit, dass ich nicht vermeynt, wie die Schwartze so lange anhalten wurde, vielweniger hatte mir traumen lassen, dass ein so kunstliches und bewundernswurdiges Feuer-Rad zum Vorschein kommen solte.

Wir sahen demnach dem schnellen Lauffe dieses Feuer-Rades noch etliche Minuten zu, und wurden mittlerweile gewahr, dass es zum offtern Raqueten oder sogenannte Schwarmer von sich warf, fernerhin aber sprungen fast binnen einer halben Minute jederzeit ordentlich runde Feuer-Kugeln herab, welche dem Ansehen nach, zum Theil als 12. 16. bis 24. pfundige Canonen-Kugeln zu achten waren, in die See fielen, und sich wohl eine halbe Minute lang darinnen herum tummelten, endlich aber verschwunden; ob aber bey ihnen Crepirung dieselben einen Knall von sich gegeben, kan ich so eigentlich nicht sagen, indem unsere Ohren sich auf eine so gewaltige Weite nicht eingerichtet befanden.

Nach Verlauff einer halben Stunde, kamen aus dem Feuer-Rade entsetzlich viele Feuer-Flammen in der Gestalt naturlicher Schlangen heraus gesprungen, ihre Farbe war theils grun, gelb, roth, schwartz, blau und theils gesprenckelt. Diese sturtzten sich mit aller Gewalt in die See hinein, und schienen zum Theil auf einmahl zu versincken, allein wir bemerckten, dass sehr viele von ihnen wieder empor kamen, und als eine blass rothliche Fackel, so wie in Europa die Irrwische, auf der See herum tantzten, nachhero aber, da sie mehr als 1000. Funcken von sich geworffen, in die Tieffe versuncken.

Mittlerweile warf dennoch binnen dieser Zeit das Feuer-Rad allerley Sorten von Feuer-Kugeln von sich, die sich nicht anders auffuhreten, als die vorgemeldten. Ehe man sich es versahe, kam auf einmahl ein gantz Geschwader der bemeldten Feuer-Schlangen, welche ich uber mehr als 1000. schatzte, aus dem Feuer-Rade heraus geflogen, sie waren, wie schon gesagt, von allerhand Farben, sturtzten sich in die See hinein, und es hatte das Ansehen, als ob sie mit einander Krieg fuhreten, und sich bissen. Jedoch diese Rencontre wahrete nicht langer, als ohngefehr 6. Minuten, wornach sie auf einmahl plotzlich verschwanden, und zwar in einem Tempo, als wenn viele Lichter auf einmahl verloscht werden.

Leichtlich ists zu erachten, dass man seinem Augenmasse bey einer so gewaltigen Weite nicht alzuwohl trauen kan, doch schatzte ich das Revier auf der OberFlache der See, allwo sie die artigsten Tantze und Colloraturen machten, wenigstens im Umfange von 10. deutscher Meilen. Wir wurden hieruber alle in eine erstaunende Verwunderung versetzt, und wird mir erlaubt seyn zu sagen, dass in der gantzen Welt schwerlich ein Printz oder andere Puissance wird anzutreffen seyn, welcher vor die, vielleicht ubermassig angewandten Kosten, dergleichen Wasser- und FeuerWerck zu sehen bekommen; als uns die Natur vor dissmahl umsonst vorstellete, jedoch zu unserm allergrossten Schrecken.

Mittlerweile aber, wie gemeldet, die feurigen Schlangen auf der Ober-Flache ihre Colloraturen machten, und die Feuer-Kugeln wechselsweise nach einander in die See hinein purtzelten, bemerckten wir, dass das Feuer-Rad weit feuerrother wurde, jedoch nach und nach immer enger und enger zusammen ruckte, so dass es bald hernach viel kleiner wurde, seine vorige Gestalt verlohr, sich als eine der allergrosten Bomben, und zwar mit aufgesetzten Zunder prsentirte. Wir waren sehr aufmercksam uber diese Veranderung, nachdem aber etwa 4. bis. 5. Minuten verlauffen, crepirte diese unsern Gemuths- und LeibesAugen vorgelegte Bombe in einem Augenblicke, spye noch viele Feuer-Klumpen und Sterne von allerhand Farben von sich, und versunck hernach in die See, mithin hatte das gantze Feuerwerck seine Endschafft erreicht, so dass weiter nichts als eine Egyptische Finsterniss in der gantzen Gegend zu betrachten war. Indem aber gemeldte Feuer-Kugel oder Bombe crepirte, horeten unser aller Ohren nicht allein einen entsetzlichen Knall, sondern wir vermerckten auch ein erschrockliches Erdbeben, so, dass wir alle, wie wir stunden, und lagen, fast uber einer Querhand hoch in die Hohe gehoben und erschuttert wurden. Als ich in meine Schreib-Stube kam, fand ich das Schreibzeug, Bier-Krug und andere Dinge, so auf dem Tische stunden, umgekehrt, theils auch auf dem Boden zerbrochen liegen. Die Tabulettgen hiengen zwar noch an den Wanden, allein die meisten Glaser, Thee-Tassen und dergleichen Porcellain Zeug waren herunter gefallen und zerbrochen, bey welchen Kleinigkeiten ich mich aber nicht lange aufhielte, sondern nach der Wohnstube zu eilete, allwo ich meine liebe Frau, die in Ohnmacht gesuncken war, auf dem Bette liegend antraf; da ich aber sahe, dass viele vertraute Freunde und Freundinnen um sie herum waren, lief ich mit Mons. von Blac, nebst etlichen unserer Bedienten hinunter auf den Platz, allwo 2. Canonen stunden, die 16. pfundige Kugeln schossen, diese losete ich in der Geschwindigkeit eine nach der andern, ehe eine Minute verstrich, nicht etwa aus Frevel, sondern aus keiner andern Ursache, als die Einwohner herbey zu locken und ihnen vorzustellen, in was vor Gefahr und Noth wir uns befanden, und zwar einer so wohl als der andere. Vor allen Dingen muste mein Famulus aufs eiligste nach der Alberts-Burg lauffen, um dem Regenten zu rapportiren, was vorgegangen ware, und was wir observiret hatten. Es war dieser mein Famulus ein geschickter Pursche von 18. Jahren, und richtete seine Sachen wohl aus, kam bald zuruck, und referirte uns, dass auf der Alberts-Burg weder Albertus selbst, noch jemand anders, weder von der Schwartze am Himmel, noch von dem curieusen Feuerwercke das geringste gesehen, sondern sie hatten alle wohl und sanffte geschlaffen, bis sie von dem Erdbeben, welches sie eben so hefftig als wir empfunden, aufgeweckt worden.

Etwa eine Stunde nach dem Knall der zwey Canonen versammleten sich nach und nach, etliche 100. Menschen beyderley Geschlechts, aus allen PflantzStadten, auf dem Platze bey der Kirche und am Fusse der Alberts-Burg, welche alle einstimmig aussagten: dass sie zwar das Erdbeben in eben der Gewalt verspuhret hatten, als wir, allein von der Schwartze am Himmel und dem Feuerwerck wolte niemand nichts wissen, bis endlich diejenigen abgeloseten Wachter kamen, welche in verwichener Nacht auf den hochsten Klippen in ihren Schilderhausern, bey den Canonen Schildwacht gehalten. Diese wusten wegen der Schwartze und des Feuerwercks alles so accurat auszusagen, als wir es mit unsern Augen gesehen hatten.

Indem wir nun hiervon mancherley Gesprache unter einander hielten, empfanden wir binnen ohngefahr 3. Minuten, 3. gewaltige Stosse vom Erdbeben und zwar dergestalt hefftig, dass sich auch die Glocken auf dem Kirch-Thurme von selbsten ruhreten, und ihren Laut von sich gaben. Die allermeisten unter uns aber, sonderlich die Weiber und Kinder waren aus Schrecken zu Boden gefallen, und blieben also auch auf der Erden liegen. Ich selbst konte mich nicht halten, sondern muste gleich bey dem ersten Stose zu Boden sincken.

Noch etwa eine Stunde hernach empfanden wir abermahls binnen 3. Minuten 3. heftige Stosse, so dass wir befurchteten, es wurden alle Gebaude auf der gantzen Insul umgefallen seyn, allein GOtt hatte dieses Ungluck gnadig verhutet, wie ich in meiner fernern Erzahlung melden werde.

In solchem Zustande, nemlich auf der Erden liegend, brachten wir noch eine gute Zeitlang zu, binnen welcher Zeit sich nicht allein der Regent, sondern, wie ich sicher glaube, fast alle ubrigen Einwohner der Insul, vom groster bis zum kleinesten, bey uns als dem grossesten Hauffen, versammleten, als zu welchem sich auch die drey Herren Geistlichen verfugten.

Endlich wurde der Himmel nach und nach helle und klar, und dergestallt mit himmelblauer Farbe bemahlt, dass sich unsere erschrockenen Hertzen einiger maassen zu erhohlen schienen; mit der aufsteigenden Sonne aber begunte auch unsere Grossmuth nach und nach aufzusteigen, zumahlen, da wir nichts weiter von einiger Erd-Erschutterung verspureten. Die SeigerGlocke liess 9. hellklingende Schlage von sich horen, woruber wir uns ungemein erfreueten, da wir vorhero in Furchten gestanden, es wurde die Uhr gantzlich ruinirt seyn. Demnach stund unser Regent, Albertus II. welcher in Wahrheit ein wurdiger Nachfolger seines sel. Vaters, Alberti I. ist, so wohl in dem, was die Gottesfurcht, als auch die politische Klugheit und andere Tugenden anbetrifft, von der Erden auf. Es that aber derselbe an uns alle, die wir um ihn wie die Schaafe herum lagen, ex tempore folgende Rede:

Meine Kinder, Bruder und Freunde!

Es haben zwar von euch nur einige gesehen und gehoret, was vor besondere grosse Wunder-Zeichen in vergangener Nacht geschehen; Alle aber haben wir empfunden, was uns der Allmachtige GOtt im Himmel, durch das erstaunliche Erdbeben, vor ein grausames Schrecken eingejagt, dergleichen Erdbeben wohl, so lange die Welt gestanden, auf dieser Insul nicht geschehen seyn mag.

Mein in GOtt ruhender Vater hat mir, da ich sein altester Sohn bin, sehr viele mal erzahlet, dass er Zeit seines Aufenthalts auf dieser Insul zu verschiedenen mahlen Erderschutterungen verspuret, welche aber doch leidlich gewesen, und ich selbst, habe seit den Jahren meiner Jugend bis hierher verschiedene Erdbeben mit vielen Schrecken, Furcht und Erstaunen bemerckt; jedoch ein solches, wie es sich in verwichener Nacht empfinden lassen, noch niemahls. Es kan seyn, dass der Allmachtige GOtt diese Insul zerreissen, und in die Tieffe des Meeres versencken, mithin uns alle verderben will, und zwar um unserer Sunden willen. Wolten wir gleich sagen, wir thun wenig oder keine Sunde, 1) Wir furchten und lieben GOtt. 2) Wir fluchen und lastern nicht so, wie man wohl horet, dass es bey andern Nationen eine gemeine Mode ist. 3) Wir heiligen den Feyertag, besuchen auch auser dem fleissig die Kirche, und gehen ordentlich zum heil. Abendmahle. 4) Wir lieben, furchten und gehorsamen unsern Vorgesetzten, Lehrern und Eltern. 5) Man hat noch nie erhort, dass auf unserer Insul eins das andere bosshaffter Weise beschadigt, verwundet oder wohl gar todt geschlagen hatte. 6) Auch ist noch nie erhort, dass unter uns, die wir alle eines Gebluts und Geschlechts sind, Unkeuschheit ware verspuret worden. 7) Wer kan auftreten und sagen, dass diesem oder jenem etwas, auch so gar das geringste, heimlicher Weise gestohlen und entwendet worden? 8) Von Lugen, Verrathen und Affterreden gegen einander wissen wir nichts, weil wir keine Ursache darzu haben, und uns bis auf den Tod ins Hertze hinein schamen musten, wenn, da die Lugen an Tag kamen, wir wie Butter an der Sonne bestunden. 9) Keiner unter uns begehret seines Nachsten Hauss, Gut noch Erbe, oder sucht selbiges unter diesem oder jenem Scheine an sich zu ziehen und zu bringen, weilen ein jeder unter uns so beqvemlich lebt, als er nur immer zu leben wunschen kan, und wenn ja etwa dieses oder jenes zu Verbesserung seiner Beqvemlichkeit ermangeln solte, so sind mehr als 100. Hande und Fusse da, die ihm, ohne Belohnung zu fordern, zu Diensten stehen. 10) So hat man auch bis auf diese Stunde kein eintziges Exempel, dass das zehende Gebot GOttes, so wie es in Lutheri Catechismo ausgelegt ist, von jemanden ubertreten worden; denn wir haben ja nicht die geringste Ursache darzu, weilen sich ein jeder nach seinem Appetite wohl berathen, zu dem, wenn wir auch die heil. Schrifft bey Seite legten, so konten wir doch so gut, als die blinden Heyden, die von GOtt nichts wissen, wohl erkennen, dass dieses unter einer menschlichen Gesellschafft ein schandliches Laster sey. Da zumahlen unsre Herrn Geistlichen uns, den, den Heyden unbekannten GOtt, nach ihrer menschlichen Moglichkeit und durch die Krafft des heil. Geistes erleuchtete Gelehrsamkeit und Beredtsamkeit von einer Zeit zur andern bekannter machen, auch den Rath GOttes wegen unserer Seligkeit wochentlich nicht einmahl, sondern etliche mahl vortragen.

Meine Kinder, Bruder und Freunde! was ich itzo gesagt habe, das habe ich allen auf dieser Insul lebenden menschlichen Creaturen gesagt. Ich habe nicht bloss aus meinem, sondern aus eurer aller Munde geredet, fuhre euch aber dieses zu Gemuthe, dass, wenn wir in Betracht des obgemeldeten sagen wolten: Wir hatten keine Sunde, so verfuhreten wir uns selbst, und die Wahrheit ware nicht in uns. Denn alles dieses obgemeldte ist wohl gut und aller Ehren werth, aber, aber! alles dieses ist doch auch noch lange nicht hinlanglich, die Seligkeit zu erwerben, sondern es gehoret noch ein weit mehreres darzu, welches unsere Seelsorger besser und deutlicher, als ich Ungelehrter, mit meiner schwachen Zunge vortragen konnen. Unterdessen, da ich vor wenig Nachten, wie ich festiglich glaube, und dessen in meinem Hertzen versichert bin, einen gottlichen Traum gehabt, den ich bey nachster Gelegenheit offenbahren, und unsere Herrn Geistlichen und andere Gelehrte und kluge Leute daruber will urtheilen lassen, so hoffe, es soll vor dissmahl weiter keine Noth mit uns haben; Derowegen habt guten Muth, und lasset uns beysammen bleiben, bis die Glocke 12. geschlagen hat. Wer mit Speise und Tranck nicht versorgt ist, kan in mein Hauss gehen, allwo vor uns alle gnugsamer Vorrath vorhanden ist, und sich sattigen, auch den Seinigen zur Nothdurfft, so viel er tragen kan, mit herunter bringen. Wir werden nicht sterben, sondern leben, und des HERRN Werck verkundigen, und nach uberstandener Furcht und Schrecken unsern GOtt zu loben und zu preisen die groste Ursache haben. Ich weiss es aus gewissen Umstanden gantz gewiss, denn ich bin nicht allein als euer aller Vater, sondern auch als euer Prophet zu betrachten. Gebt Achtung! es wird binnen jetzo und etwa einer Viertels-Stunde sich eine gantz gelinde Erd-Erschutterung spuren lassen, aber dieserhalb erschrecket und furchtet euch nicht, sondern heiliget GOtt den HErrn in euren Hertzen. Ist dieses vorbey, so werden wir Ruhe haben. Sagt mir, was wollen wir anders anfangen? Hatten wir auch Flugel wie Tauben und Flugel der Morgenrothe, dass wir flohen und zusahen, wo wir etwa blieben? Ja hatten wir auch 100. Seegel-fertige Schiffe, worauf wir uns mit unsern besten Sachen einzuschiffen, und einen andern Ort unsers Aufenthalts suchen wolten? Was will das helffen? Der Hand des Allmachtigen konnen wir nicht entrinnen, wenn sie uns, wie ich doch nicht hoffe, verderben will. Also ist es besser, wir bleiben hier beysammen, und warten mit christlicher Geduld und Gelassenheit ab das, was der Himmel fernerweit uber uns verhangt hat. Unterdessen seyd so gut, und stimmet mit mir das Lied an: Wo soll ich fliehen hin etc.

Nachdem der Regent und wir alle dieses Lied mit groster Hertzens-Andacht kaum ausgesungen, verspureten wir eine kleine Erd-Erschutterung, die doch allen denen, die auf der Erden lagen, nicht anders vorkam, als ob sie gewieget wurden. Es wahrete dieselbe kaum 5. bis 6. Minuten, worauf alles stille war.

Nach diesem stund Albertus wieder auf, und redete mit heroischen Geiste und Munde folgendes: Nun getrost und unverzagt, meine Lieben! Der Geist des HErrn sagt es mir, dass nunmehro alles vorbey sey, solte GOtt aber dennoch ein Straf-Gericht uber uns beschlossen haben; wohlan so lasset uns lieber in die Hande des HErrn fallen, als in die Hande der Menschen. (Worauf er mit diesen Worten zielete, will ich weiter unten melden.) Hierauf stimmete er seines Vaters auserlesenes Hertzens-Lied an: Es woll uns GOtt genadig seyn etc.

Nachdem wir dieses insgesammt ausgesungen, fieng die Sonne am blau-gewolckten Himmel dergestalt zu brennen an, dass wir auf dem freyen Platze nicht langer vor Hitze zu bleiben wusten, wesswegen wir uns nach schattigten Oertern umsahen, und sammtlich nach der Alberts-Raumer Allee spatzireten. Hierbey bewunderte ich, dass unter so vielen 100. Personen kein eintziges weder Hunger noch Durst klagte, vielweniger sich bemuhen wolte nach der AlbertsBurg zu gehen, und Speise und Tranck zu holen.

Wie wir uns nun in besagter Alberts-Raumer Allee auf beyden Seiten rangirt und gelagert hatten, trat Herr Mag. Schmelzer Sen. den ich wohl mit Recht unsern Bischoff nennen kan, auf einen etwas erhabenen kleinen Hugel, breitete seine Hande aus gen Himmel, und intonirte mit seiner penetranten Bass-Stimme diese Worte:

HErr, hilff uns, sonst versincken und verderben

wir!

Hierauf antwortete das Chor der musicalischen Vocalisten, welchem es schon unterwegs vorgesagt war, also:

Da die Elenden rieffen, horete der HErr, und half

ihnen aus allen ihren Nothen.

Auf dieses intonirte Herr Mag. Schmeltzer wieder diese Worte:

GOTT spricht: Ich bin der HERR dein GOtt,

wandele fur mich und sey fromm: Ruffe mich

an in der Zeit der Noth, so will ich dich erret

ten, und du solt mich preisen.

Die Antwort des Chori Musici war diese:

Verlass mich nicht, HErr, mein GOtt! sey nicht

ferne von mir. Eile mir beyzustehen, HErr,

meine Hulffe!

Hernach zog Hr. Mag. Schmeltzer seine HandBibel hervor, welche er, wie ich bemerckt, bestandig in seiner rechten Rock-Tasche bey sich fuhrete, schlug dieselbe auf, und lass uns den 85. Psalm vor. Er hat mich nach der Zeit theuer versichert, dass er sich ein gantz ander Dictum aus dem Buche der Weissheit erwahlet gehabt, dasselbe zu erklaren, und uns daraus zu trosten, allein, da er im ersten Aufschlage den 85. Psalm erblickt, habe er diesen zum Grunde seiner Rede genommen, weil ihm derselbe sehr omineus vorgekommen ware.

Viele, so diese meine Geschichts-Beschreibung lesen, mochten vielleicht zu commode seyn, etwa die Bibel erstlich herbey bringen zu lassen, derowegen will sie dieser Muhe uberheben, und den gantzen Psalm der Kinder Korah, welcher unter den Davidischen der 85ste ist, so gleich mit hersetzen, es lautet derselbe also: HErr, der du bist vormahls gnadig gewesen deinem Lande, und hast die Gefangenen Jacob erloset. Der du die Missethat vormahls vergeben hast alle deinem Volcke, und alle ihre Sunde bedeckt, Sela! ben, und dich gewendet von dem Grimme deines Zorns.

Troste uns, GOtt, unser Heyland, und lass ab von deiner Ungnade uber uns.

Wilt du denn ewiglich zurnen uber uns, und deinen Zorn gehen lassen immer fur und fur?

Wilt du uns denn nicht wieder erqvicken, dass sich dein Volck uber dir freuen moge?

HErr, erzeige uns deine Gnade, und hilff uns!

Ach! dass ich horen solte, dass GOtt der HErr redete, dass er Friede zusagte seinem Volcke, und seinen Heiligen, auf dass sie nicht auf eine Thorheit gerathen.

Doch ist ja seine Hulffe nahe denen, die ihn furchten, dass in unserm Lande Ehre wohne.

Dass Gute und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich kussen.

Dass Treue auf der Erden wachse, und Gerechtigkeit vom Himmel schaue.

Dass uns auch der HErr Gutes thue, damit unser Land sein Gewachs gebe.

Dass Gerechtigkeit dennoch fur ihm bleibe, und im Schwange gehe.

Nach Ablesung dieses Psalms, machte Hr. Mag. Schmeltzer eine weitlaufftige Erzahlung, der uns und unsern Vorfahren, vornehmlich auf dieser schonen fruchtbaren Insul, gantz besonders erwiesenen Gnade Erinnerung niemahls solten aus dem Hertzen kommen lassen, auch bestandig unser Vertrauen auf den allmachtigen, barmhertzigen Vater im Himmel setzen, als worzu uns die bisherigen Begebenheiten gantz besonders erweckten. Ferner, (sagte er:) dass GOtt, wie er vestiglich glaubte, laut des verlesenen Psalms seinen Glaubigen mit seiner Hulffe nahe sey, und uns also vor dissmahl noch nicht werde verderben lassen. Unterrichtete zuletzt, dass des Landes Wohlstand, der in Gottesfurcht und in Fruchtbarkeit der Erden bestunde, auch in fleissigen Vollbringen dessen, was einem jeden nach seinem Stande und Beruffe zukame, als worein sich ein jeder nachst GOtt, gutwilliger Weise selbst gesetzt, sonderlich wenn Liebe, Friede und Gerechtigkeit bey einander wohneten, gab darbey zu vernehmen, dass 1000. und mehr grosse und kleine Erd-Theile auf dieser Welt waren, worinnen die Einwohner die besondern Gnaden-Gaben GOttes nicht sattsam erkennen wolten. Letzlich uberfuhrete er uns, so zu sagen, dass wir Felsenburger vor 1000. andern die gluckseligste und vergnugteste Gesellschafft waren, mithin uns auch vor allen andern Menschen distinguiren musten, um dem Allmachtigen immer gefalliger zu werden, damit er uns nicht zerstreue oder gantzlich verderbe, dieses aber konte nicht anders geschehen, als durch ein wahres Christenthum.

Nach vollendeten Sermon, stimmete er die Lieder an:

O Ewigkeit, du Donner-Wort etc.

Ich armer Mensch, ich armer Sunder etc.

Nimm von uns, HErr, du treuer GOtt etc.

CHriste, du Lamm GOttes etc.

Als Herr Mag. Schmeltzer noch ein kurtzes Gebet aus dem Hertzen gethan, sunge er folgende Worte ab:

Sey nun wieder zufrieden, meine Seele, denn der

HErr thut dir Guts.

Des musicalischen Chori Antwort erschallete also:

Lobe den HErrn, meine Seele! Ich will den HErrn

loben, so lange ich lebe, und meinem GOtt lob

singen, so lange ich hie bin, Amen!

Zu diesen heiligen Gedancken veranlassete unsern lieben Hn. M. Schmeltzern, wie ich glaubte, der kleine Spruh- und so genannte Sonnen-Regen, denn ohngeachtet die Sonne noch in volliger Glut stunde, und uns ihre Strahlen fast gedoppelt zuschickte, so bedunckte es uns doch, als ob uns ein angenehmer Thau erqvickte, derowegen giengen sehr viele von unserer Gesellschaft ausserhalb, und liessen sich muthwilliger Weise Pfutze-nass beregnen. Die kuhlen Lufftgen erquickten uns, der hefftig brennenden Sonne, wie es dem Regenten, welcher noch nuchtern war, eine kleine Schwachheit an; Er bekannte solches selbst, sagte aber, dass ihm nicht sein eigener Hunger noch Durst plagete, sondern ihm nur des Volcks jammerte, vornemlich der unmundigen Kinder, welche ihm sehr nahe giengen.

Derowegen gaben sich sogleich 50. der starcksten Manner und auch gleich 50. der starcksten Weiber an, welche Erlaubnis bathen, auf die Alberts-Burg zu gehen, und Proviant zu holen. Es wurde ihnen mit grostem Vergnugen erlaubt, und sie kamen fast ehe man es sich vermuthen konnen, starck beladen wieder, indem sie Brod, Butter, Kase, geraucherte grosse Fische, Schincken, Wurste, Wein, Bier, Milch und dergleichen, in Korben, Sacken, und auf Hand-Tragen herbey brachten. Ausser diesen hatten sich viele Einwohner aus den nachst gelegenen Pflantz-Stadten mit groster Geschwindigkeit auf den Marsch begeben, und aus ihren Hausern die besten Victualien geholet, welche sie herbey brachten; also war eine erstaunliche Menge an Speise und allerley Getrancke vorhanden, so dass wir alle, die wir beysammen theils auf der Erde lagen, theils sassen, viele Tage davon hatten leben konnen.

Die Aeltesten und Geschicktesten unter uns, machten sich ein Vergnugen daraus, die Lebens-Mittel hie und da unter das Volck auszutheilen. Nach gehaltener Mahlzeit schien die liebe Sonne dergestalt erqvickend und erwarmend, dass viele Appetit bekamen, unter den schattigen Baumen eine liebliche und angenehme Mittags-Ruhe zu halten.

Da sich aber der Tag zu neigen begunte, und die Sonne vor dissmahl sich im Meer zu verbergen eilete, liess der Regent allen und jeden Familien melden; wie er gerne sahe, wenn sich ein jedes unter sein Dach verfugte, weilen doch weiter hoffentlich nichts erschreckendes zu befurchten ware; Allein, es wolte keine lebendige Seele vom Platze weichen, sondern sie bathen sich fast einstimmig aus, dass ihnen noch eine Beth-Stunde gehalten, und der Abend-Seegen von dem Priestern mochte gegeben werden, worauf sie vor dissmahl ihre Nacht-Ruhe unter freyen Himmel halten wolten.

Der Regent und wir alle hatten unsere Freude uber diese Resolution des Volcks, der erstere aber befahl, dass etliche starcke Manner 300 Pech- und 150 Wachs-Fackeln von der Burg holen solten, welchem Befehle denn so gleich gehorsamet wurde, und die Manner kamen fast eher mit den Fackeln von der Burg zurucke, als die Dammerung anbrach, also wurden auf beyden Seiten der Allee in gewisser Weite von einander Pech-Fackeln gepflantzt, um den Regenten, graue Haupter und ubrige Personen von Distinction, die wir alle in einem ovalen Creyse sassen, brannten Wachs-Fackeln. So bald dieselben angezundet waren, trat Hr. M. Schmeltzer Jun. auf, und sunge folgende Worte ab: Psalm 40.

HErr, mein GOtt! wie gross sind deine Wunder, und

deine Gedancken, die du an uns beweisest, dir ist

nichts gleich. Ich will sie verkundigen, und

davon sagen, wiewohl sie nicht zu zahlen sind.

Hierauf antworteten die musicalischen Vocalisten: Ps.40, v. 14.

Lass dirs gefallen, HErr, dass du mich errettest, eile,

HErr, mir zu helffen.

Nach diesem wurde der Choral gesungen:

War GOtt nicht mit uns diese Zeit etc.

Und Hr. M. Schmeltzer verlass aus seiner Hand-Bibel, aus dem 6. Cap. des Propheten Jesaia folgende Verse:

Und ich horete die Stimme des HErrn, dass er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bothe seyn? Ich aber sprach: Hie bin ich, sende mich. Und er sprach: Gehe hin, und sprich zu diesem Volcke: Horets, und verstehets nicht, sehets, und merckets nicht. Verstocke das Hertz dieses Volcks, und lass ihre Ohren dicke seyn, und blende ihre Augen, dass sie nicht sehen mit ihren Augen, noch horen mit ihren kehren. Ich aber sprach: HErr, wie lange? Er sprach: bis dass die Stadte wuste werden, ihre Einwohner und Hauser ohne Leute, und das Feld gantz wuste liege. Denn der HErr wird die Leute ferne wegthun, dass das Land sehr verlassen wird. Doch soll noch das zehende Theil darinnen ubrig bleiben, denn es wird weggefuhret und verheeret werden, wie eine Eiche und Linde, welche den Stamm haben, obwohl die Blatter abgestossen werden. Ein heiliger Saame wird solcher Stamm seyn.

Ich muss bey dieser Gelegenheit melden, dass Hr. M. Schmeltzer Jun. im Lehren und Predigen weit eifferiger und hitziger ist, als sein Hr. Bruder, und Hr. Herrmann, welche letztern beyde alles mit Sanfftmuth, Leutseligkeit und Gelassenheit vortragen. Jener aber pocht und dringet gemeiniglich mit Gewalt und durchaus auf wahre Busse und Glauben an Christum. Er straffet auch die allergeringsten Fehler und Verbrechen, die unter uns vorgehen, aufs allerscharffste, inmittelst kan man nicht mude werden ihm zu zuhoren, weilen er mit seiner etwas lispelnden Zunge 100. Worte vor eines vorzubringen weiss.

Vor dieses mahl stellete er uns mit Centner schweren Worten vor: Ein unbussfertiges, und den Christen hochst schadliches Leben, als worauf endlich dem Texte nach die gantzliche Verstockung und VerDieses that er anfanglich mit grostem Eiffer, hernach aber gab er mit mehrerer Sanfftmuth und Leutseligkeit zu vernehmen: wie GOtt der HErr dennoch immer unter denen bosen und unartigen Welt-Kindern seine Heiligen und Auserwahlten hatte, fuhrete dabey nicht nur verschiedene Exempel aus der Heil. Schrifft, sondern auch aus der Ecclesiastischen und Politischen Historie, nachheriger Zeiten an, beschloss endlich seinen Sermon mit diesen Worten: dass, wo wir nicht erleben wolten, dass es uns eben so, wie den unartigen Kindern Israel und Juda ergehen solte, wir in bestandiger Bussfertigkeit leben musten, als welches allein das beste Mittel sey, dem erzurnten, gerechten GOtte in die Arme zu fallen, und die Straf-Ruthe aus seiner Hand zu winden etc.

Hierauf that er ein andachtig Gebeth aus dem Hertzen, und stimmete den Choral an:

GOtt, man lobt dich in der Stille etc.

und nachdem noch einige Abend-Lieder gesungen waren, legte sich ein jeder, so wie er in seiner Kleidung war, im Grase zur Ruhe. Der Regent aber, die grauen Haupter, die Herrn Geistlichen, und andere mehr, welche das Regiments-Ruder mit fuhren halffen, blieben noch munter und berathschlagten: ob es nicht loblich, christlich und billig ware, wenn wir, da doch nunmehro aller Sturm und Schrecken vorbey, gleich morgendes Tages ein solennes Danck-Fest in unserem GOttes-Hause anstelleten; Allein, ein und anderer Ursachen wegen wurde beliebt, dieses solenne Danck-Fest bis auf nachst-kunfftigen Sonntag zu verschieben.

Fruh Morgens, so bald die hellglantzende Sonne unsern Horizont bestrahlete, liessen sich etwas von ferne 2. Trompeter mit ihren Trompeten horen, welche alle 7. Verse des Chorals: Aus meines Hertzens-Grunde etc. ausbliesen, und damit Gross und Klein aus dem Schlaffe erweckten. Wie nun alles munter und wach war, trat Hr. Herrmann auf, und intonirte folgendes:

Israel, hoffe auf den HErrn, denn bey dem HErrn

ist die Gnade und viel Erlosung bey ihm.

Hierauf antwortete das musicalische Chor:

Und er wird Israel erlosen aus allen seinen Sun

den.

Nachdem das Morgen-Gebeth von Hn. Herrmann vorgesprochen worden, wurde das Lied gesungen:

Aus meines Hertzens-Grunde etc.

Sodann hielt er einen ungemein erbaulichen Sermon uber den 125. Psalm, welcher also lautet:

Die auf den HErrn hoffen, werden nicht fallen, sondern ewig bleiben, wie der Berg Zion.

Um Jerusalem her sind Berge, und der HErr ist um sein Volck her, von nun an bis in Ewigkeit.

Er applicirte diesen Psalm auf eine ungemein trostliche, liebreiche und lebhaffte Art, auf unsere Gegend und Umstande, wuste dabey zu sagen: wie GOtt seine Glaubigen in ihrer Hoffnung nicht fallen liesse, oder zugabe, dass sie darinnen betrogen wurden, sondern ohngeachtet aller gefahrlichen Umstande und Irrwege sie dennoch endlich erlangten, was sie geglaubt, und im Vertrauen auf ihn gehoffet hatten.

Nach vollendetem GOttesdienste wurde dem sammtl. Volcke beym Fruhstuck angedeutet, dass sie alle vom Grosten bis zum Kleinesten, auf den nachstkunfftigen Sonntag, so bald der dritte CanonenSchuss von der Burg geschehen, sich in unserm GOttes-Hause einfinden mochten, weilen ein solennes Danck-Fest solte gehalten werden; Vorjetzo aber konte ein jedes, ohne Furcht und Zaghafftigkeit, sondern in guter Zuversicht, Hoffnung und Vertrauen auf GOtt, seine Wohnung suchen, und die gewohnliche Arbeit nach Vermogen verrichten, weilen allem Ansehen nach, keine fernere Gefahr mehr zu besorgen ware etc.

Also sahe man nach Verlauf einer Stunde, wie sich oder Corps zertheilete, die nach ihren Pflantz-Stadten und Wohnungen zu spatzireten. Den Regenten convoyirten wir ubrigen auf seine Burg, und liessen ihn daselbst in Gesellschafft der grauen Haupter und der Hrn. Geistlichen. Unserer einige aber, die am curieusesten waren zu besichtigen, was doch wohl durch das Erdbeben auf der gantzen Insul vor Schaden verursacht worden, beredeten uns unter einander, dass eine Parthie Rechts, die andere aber Lincks um die Burg patrouilliren, die Pflantz-Stadte visitiren, und alles aufs genaueste anmercken solte, am dritten Tage wolten wir insgesammt einander auf der Alberts-Burg wieder antreffen.

Dieses wurde vollbracht, und am dritten Tage rapportirten wir dem Regenten, grauen Hauptern, Priestern und andern versammleten guten Freunden dieses:

1) Dass nicht einmahl ein Huner-Stall, geschweige denn ein Hauss oder Scheure auf der gantzen Insul sonderlich beschadigt, vielweniger gesturtzt worden. Doch ware uberall an denen Fenstern ein grosser Schade geschehen, indem die meisten Scheiben zersplittert waren, auch mancher fast gar kein gantz Fenster mehr im Hause hatte.

2) Hergegen ware es ein rechtes Wunderwerck zu nennen: dass in der Glass-Hutte und in dem von allerhand Sorten Glasern, Glass-Taffeln und Scheiben befindlich, nicht ein eintziger Splitter oder Scherbel zu finden, sondern alles noch gantz und unversehrt. Der Factor und andere Glass-Leute hatten gemeldet, dass wir allzusammen auf der gantzen Insul das Erdbeben nicht hefftiger konten empfunden haben, als sie es empfunden; ware also diese Erhaltung des Glases vor ein rechtes Wunder zu achten.

3) Aber unsere guten ehrlichen Topffer wolten sich fast nicht trosten lassen, da sie von ihrem ansehnlichen Vorrathe von allerley Sorten Topffer-Geschirre, kaum den 4ten Theil, wohl aber Scherbel genug aufzuweisen hatten; uber dieses so waren die Eingange zu den Thon-Gruben verfallen und eingesturtzt, jedoch versicherten sie, uns vom annoch vorrathigen Thone, Topffe, Schusseln und dergleichen wohl noch auf ein halb Jahr lang zu verschaffen, da man denn mittlerweile, wenn sie nur Gehulffen bekamen, die Thon-Gruben wieder aufraumen konte.

4) Diejenigen, so am nachsten an der grossen See wohnen, hatten referirt, dass schon Tages vorhero, ehe sie das Erdbeben verspuret, sie in der Mittags-Stunde gewahr worden, dass eine grosse Menge der schonsten und vortrefflichsten Fische von allerhand Gattung, deren etliche uber 6. 8. und noch mehr Pfund gewogen, abgestanden, und die Bauche auf dem Wasser in die Hohe gekehret. Etliche der besten, an welchen sie noch einiges Leben verspuret, hatten sie geschlachtet und gegessen, die ubrigen aber, (so viel sie mit ihren Hamen fangen konnen) weilen ihnen die Sache bedencklich vorgekommen, und sich fast ein Eckel bey ihnen erregen wollen, in den Fluss geworffen, weilen sie befurchtet, es mochten etwa auf den Eckel Kranckheiten erfolgen.

5) Zu bewundern ware, dass auf dem GOttes-Acker nicht ein eintziger Leichen-Stein umgefallen, auch an den Pyramiden nicht das geringste beschadigt, doch an der Nord-Seite ware ein Stuck Mauer, ohngefehr 4. oder 5. Ruthen lang, eingeschossen.

6) In unserer Kirche fanden sich 19. Orgel-Pfeiffen, theils auf dem Orgel-Chor liegend, theils aber waren bis herunter aufs Pflaster gefallen, sonsten aber ware in der Kirche nichts beschadiget, ausgenommen, dass die Fenster eine starcke Ausbesserung brauchten.

7) Eben also sahe es auf der Albertus-Burg aus, weilen wenig gantze Fenster darinnen anzutreffen, sonsten aber bemerckte man darinnen keinen besondern Schaden, als in einem unterirrdischen Gewolbe, und oben im Bogen desselben einen starcken Riss, so dass man wohl mit dem Arme hinauf in die Hohe fahren konte, es gieng derselbe oben im Bogen von Norden gegen Suden zu.

8) Ein und andere kleine Schaden, die hie und da in den Pflantz-Stadten bemerckt worden, belohneten sich kaum der Muhe, dass man davon redete.

9) Eins ware noch merckwurdig, dass eins von unsern allergrosten Saltz-Gewolbern oder Gruben eingeschossen ware, welches uns aber keinen Schaden, sondern vielmehr Vortheil brachte, immassen dadurch die Muhe auf eine Zeitlang erleichtert wurde, das Saltz auszuhauen.

Dieses waren also die Haupt-Stucke unseres Rapports, worauf sich ein jeder bey dem Regenten und grauen Hauptern beuhrlaubte, und seine ordentliche Wohnung suchte, allwo wir insgesammt in ungestohrter Ruhe blieben, und ein jeder das seinige verrichtete.

Nachstfolgenden Sonntag, etwa eine Stunde nach Aufgang der Sonnen, losete ich binnen drey viertel Stunden 3. Canonen, eine nach der andern. Hierauf begaben sich unsere Hn. Musici auf dem Thurm, und sungen unter Trompetenund Paucken-Schall den Choral ab: Nun lob, mein Seel, den Herren etc.

Es war von der Alberts-Burg herunter ungemein charmant anzusehen, wie die Felsenburgischen Einwohner, alt und jung, von allen Seiten daher gezogen kamen wie die Bienen. Da man nun bemerkte, dass die allermeisten schon zur Stelle waren, wurde mit allen Glocken gelautet. (Hierbey muss melden, dass wir gleich nach der Abreise des Capitains Horn, eine vordas Gluck ohne unsere Kunst und Geschicklichkeit und uber unser Vermuthen den tieffsten Ton C. inspirirt, und zwar dergestalt wohlklingend, dass ein jeder seine Freude daran haben muste, sie wurde nicht alle Sonntage, sondern nur alle hohe Fest-Tage gelautet, jedoch wurden ein und alle Tage, und zwar fruh Morgens um 6, Mittags um 12, und wieder Abends um 6. Uhr, jedes mahl drey Schlage, zur Ermunterung zum Gebeth, von derselben gehoret.)

So bald unser Regent in seinem Trage-Sessel herunter gebracht worden, und seine gewohnliche Stelle in Besitz genommen hatte, wurde erstlich gesungen: Komm, heiliger Geist etc.

Hernach trat Hr. M. Schmeltzer vor den Altar, und verrichtete die Kirchen-Ceremonien, wie sonsten gebrauchlich. An statt der Epistel verlass er das 41. Cap. des Propheten Jesaia, und an statt des ordentlichen Sonntags-Evangelii den 107. Psalm, als welcher auch vor dissmahl der Text zur Predigt war. Vor der Predigt musicirten unsere Herrn Musici folgende

CANTATA.

Aria.

Bebet nicht mehr, Felss und Erde,

Denn der Himmel ist uns hold,

Schaut der Sonnen schonstes Gold!

GOtt erbarmt sich seiner Heerde:

Denn sie will nun Busse thun,

Demnach lasst uns sanffte ruhn.

Bebet nicht mehr, Felss und Erde,

Denn der Himmel ist uns hold.

Recitativ.

GOtt Lob! dass wir nach uberstandnen Schrecken Diss unser GOttes-Hauss mit Freuden wieder sehn. GOtt hat bisshero scharf gedroht; Warum? wir haben sein Geboth So vielmahl ubertreten. Ach! last uns Busse thun, Und nicht im Sunden-Schlaffe ruhn; Ein jeder lasse sich erwecken, Aus Hertzens-Grund' Mit Zung' und Mund Zu singen und zu beten.

Dictum. Ps. 94, v. 18.

Ich sprach: mein Fuss hat gestrauchelt, aber deine Gnade, HErr, erhielt mich. Ich hatte viel Bekummernis in meinem Hertzen, aber deine Trostungen ergotzten meine Seele.

Choral.

Darum auf GOtt will hoffen ich,

Auf mein Verdienst nicht bauen.

Auf ihn mein Hertz soll lassen sich

Und seiner Gute trauen,

Die mir zusagt sein werthes Wort,

Das ist mein Trost und treuer Hort,

Dess will ich allzeit harren.

Recitativ.

GOtt! wenn wir gleich von allen Sunden rein,

Auch reiner als der Mond

Von Flecken solten seyn,

So musten wir doch frey gestehn,

Dass du uns bis auf diesen Tag verschont:

Denn Jung' und Alt

Die fehlen alle mannigfalt.

Doch aus Barmhertzigkeit

Hast du uns nicht gleich nach Verdienst gelohnt,

Vielmehr zu unserm Wohlergehn

Uns durch die Finger offt gesehn.

Bleib ferner unser GOtt,

Du starcker Zebaoth,

So hat es mit uns keine Noth.

Aria.

Was konnen wir vor Opffer bringen Dir, der du uns erschaffen hast, Und offt erloss't aus mancher Last? Wir dancken, loben, beten, singen, Gold, Weyrauch, Myrrhen sind zwar da, Und zwar in grosser Menge, Doch, deine Kinder wissen ja, Dass dieses eitele Geprange Dir nicht gefallt, die Hertzen eintzig und allein O Vater! dir die angenehmsten Opffer seyn.

Recitativ.

Nimm unsre Hertzen hin,

Und lass sie bey dir schweben,

Hernach dort in der Seeligkeit

In sussester Zufriedenheit

Aufs neue wieder leben:

Wir sagen dir Lob, Preiss und Danck,

Und singen diesen Lobgesang.

Dictum. Psalm. 96, v. 11.

Himmel freue dich, und Erde sey frolich, das Meer brause, und was drinnen ist. Das Feld sey frolich, und alles was darauf ist, und lasset ruhmen alle Baume im Walde. Fur dem HErrn, denn er kommt zu richten das Erdreich. Er wird den Erdboden richten mit Gerechtigkeit, und die Volcker mit seiner Wahrheit.

Choral.

Unter deinen Schirmen

Bin ich fur den Sturmen

Aller Feinde frey.

Lass den Satan wittern,

Lass den Feind erbittern,

Mir steht JEsus bey.

Ob es jetzt gleich kracht und blitzt?

Ob gleich Sund und Holle schrocken?

JEsus will mich decken.

Trotz, dem alten Drachen,

Trotz, des Todes-Rachen,

Trotz, der Furcht darzu!

Tobe Welt und springe,

Ich steh hier und singe

In gar sichrer Ruh:

GOttes Macht halt mich in Acht,

Erd und Abgrund muss verstummen,

Ob sie noch so brummen.

Diese ungemein wohl componirte Cantata ergotzte die gantze Gemeine, mich aber delectirte am allermeisten das erste Wort: Bebet, welches der Componist so artig ausgedruckt hatte, dass es unvergleichlich und nicht anders als ein kleines Erdbeben zu betrachten war, denn die bereits reparirte Orgel, die Violons, Fleutes-traverses, Fagotts, und dergleichen Instrumente, machten so ein artiges Beben, dass man sich daruber vergnugen muste, wie denn auch in der ersten Aria zu einigen Zeilen und Worten die Violinen Pizzicato gespielet wurden. Kurtz! es nahm sich diese Cantata ungemein wohl aus.

Zwischen der Predigt, welche Hr. M. Schmeltzer Sen. ablegte, wurde der Choral abgesungen: Ach GOtt! sehr schrecklich ist dein Grimm etc. Nach abgelegter Predigt intonirte Herr Mag. Schmeltzer vor dem Altare das Te Deum laudamus &c. welches unter Trompeten- und Paucken-Schall abgesungen wurde, auch wurden bey den gewohnlichen Absatzen, jedes mahl 6. auf der Burg stehende Canonen geloset, die sich auf einmahl horen liessen.

Als der GOttes-Dienst vor dieses mahl in der Kirche vollbracht war, wurde nochmahls mit allen Glokken, 3. Pulse hinter einander her gelautet, worauf sich Trompeten und Paucken vom Thurme herunter lustig horen liessen, und darauf wurden die Melodeyen der Lieder: Nun lob mein Seel den Herren etc. und Es woll uns GOtt genadig seyn etc. mit Zincken und Posaunen abgeblasen.

Alles kribbelte und wibbelte um die Kirche herum von grossen und kleinen menschlichen Creaturen, so dass man seine Lust blos an den Kindern sahe, welche zwar ihre Freude und Lustbarkeit, aber keine Bossheit bezeigten. Mittlerweile, da wir diese Lust hatten, wurde eine Canone abgefeuert, und darauf mit Trompeten und Paucken zur Tafel geruffen. Es wuste ein jeder unter uns schon seinen Platz, entweder auf der Burg bey dem Regenten, oder auf Hr. Wolffgangs grunen Grase-Tafel-Platze, allwo ein jeder Stamm seine besondere Tafel hatte, welche Tafeln nunmehro aber, da sich die Stamme ziemlich vermehret, fast zu klein werden wolten, derowegen musten einige sich bey andern einflicken. Es verfugte sich alles Volck in der schonsten Ordnung dahin, weilen nun schon 3. Tage vorher alle Anstalten zur Speisung und Trankkung des Volcks gemacht waren, so setzten sich nach gesprochenem Tisch-Gebet Jung und Alt nieder, hernach wurden so gleich die Speisen aufgetragen, als nemlich: 1) eine delicate Suppe von Fleisch-Bruhe SchildKroten Eyern, und dem kostbarsten Gewurtze gemacht. 2) Allerley gekochtes, wildes Flugelwerck mit Reiss und Gewurtz, denn NB. das zahme Europische Flugelwerck spareten wir dennoch noch immer, ohngeachtet wir damahls schon eine gewaltige Menge von Puter-Huhnern, Hauss-Huhnern, Gansen, Endten, Tauben, etc. hatten. Geschmacke nach, weit delicater sind, als die Pastinacken- Haber- Petersilien- und Zucker-Wurtzeln in Europa.

4) Allerley Sorten von Fischen, worbey vor diejenigen, welche sie nicht gern bloss aus dem Saltze zu essen beliebten, eine delicate Palm-Sects-Bruhe zugleich mit hingesetzt wurde.

5) Wurde auf jede Tafel, nachdem dieselbe starck war, ein am Spiesse gebratenes Rehe, ingleichen eine gantz gebratene wilde Ziege, auch dieser Braten wohl zwey, aufgesetzt, nebst allerhand Sorten von Sallaten und eingemachten sauer und susser Fruchte.

6) Hatten unsere Koche noch ein gehacktes ungemein wohlschmeckendes Fleisch-Gerichte zubereitet, und dieses fand fast noch mehr Liebhaber, als alle vorhergehende Speisen.

7) An statt des Confects kamen gantze Korbe voll von allerhand Arten der edelsten Baum- und GartenFruchte, wie auch etliche grosse Kuchen, und eine ziemliche Menge kleines Butter- und Schmaltz-Gebackenes. Bey allen diesen Tractamenten war kein Mangel am Weine, und zwar vom allerbesten, wie er auf der Insul wuchs, noch weit weniger war Mangel am Biere. Ich hatte meine besondere Freude uber das Volck, ten Tische geschlichen, um diese starcken Heerden nur speisen zu sehen.

Die Herren Geistlichen hatten unter einander verabredet, selbigen Nachmittag keine Kirche zu halten, sondern das Volck einmahl recht mit Appetit speisen zu lassen. Dieses wurde bey allen Tischen dem Volcke verkundiget, jedoch dabey auch: dass Morgen fruh etwa eine Stunde nach Aufgang der Sonnen eine BetStunde in der Kirche solte gehalten werden, da sich denn die andachtigen und GOttes Wort liebenden Hertzen, nach ihrem Belieben einfinden konten, so bald das Zeichen durch einen Canonen-Schuss gegeben worden.

Da man merckte, dass sich die Sonne zum Untergange neigen wolte, nahmen nicht allein diejenigen, welche auf der Burg bey dem Regenten gespeiset, sondern auch das gantze Volck Abschied, und sagten Danck vor erwiesene Wohlthat, welches man an aller ihren frolichen Geberden, Bucken und Hande-Klatschen abmercken konte. Indem sich nun die Stamme in ihre Hauffen vertheilet, liessen sich Trompeten, Paucken und andere musicalische Instrumente Wechselsweise horen, woruber sich die Abreisenden ungemein freuen mochten, welches wir daraus schlossen, da sie immer einmahl uber das andere die Arme in die Hohe reckten, und mit den Handen klatschten, welches, wie wir so von weiten nach sehen konten, auch die kleinesten Kinder thaten. Ich, der ich meine Lust an der Artollerie habe, wunschte ihnen mit noch 12. Canonen- Schussen eine gluckliche Reise und geruhige Nacht.

Des andern Morgens fruh nach gethanen CanonenSchusse, sahe man das Volck von allen Strassen her schon wieder zusammen kommen, und glaube ich, dass wenige aussen geblieben waren, denn die Kirche war fast voll. Herr Mag. Schmeltzer Jun. liess etliche Morgen-Lieder singen, betete hernach vor der gantzen Gemeine den Morgen-Seegen, und verlass hierauf aus dem 1. Cap. des Propheten Hosea, den 10. und 11. Vers, welche also lauten:

Es wird aber die Zahl der Kinder Israel seyn, wie Sand am Meer, den man weder messen noch zahlen kan. Und soll geschehen an den Orte, da man zu ihnen gesagt hat: Ihr seyd nicht mein Volck, wird man zu ihnen sagen: O ihr Kinder des lebendigen GOttes. Denn es werden die Kinder Juda und die Kinder Israel zu Hauffen kommen, und werden sich mit einander an ein Haupt halten, und aus dem Lande herauf ziehen, denn der Tag Israel wird ein grosser Tag seyn. Als er nun uber diese Worte eine ungemein erbauliche und trostreiche Rede gehalten, wurden noch einige Berufs-Lieder gesungen, worauf er den Seegen sprach, und zum Schlusse das Lied singen liess:

Wunderlich ist GOttes Schicken etc.

Nach geendigtem Gottes-Dienste zogen unsere lieben Leutchen alle Heerden-weiss wieder fort, ein jedes nach seiner Pflantz-Stadt, suchte seine Wohnung, und machte sich an die Arbeit, erstlich dasjenige auszubessern, was ihm etwa durch das Erdbeben beschadiget war, wieder herzustellen, und hernach an die Feldoder andere Beruffs-Arbeit. Wir andere verfugten uns gleichfalls in unsere Hauser, und nahmen die SchulArbeit, auch was ein jeder sonsten sich und der gantzen Gemeine zum Nutzen vornehmen konte, aufs neue vor die Hand. Es war um wenig Wochen zu thun, so fand man alles, und so gar die eingefallene Mauer am GOttes-Acker, wieder vollenkommen reparirt.

Endlich kam der Tag heran, der uns Insulaner alle miteinander von Hertzen frolich machte, es war nemlich der- da wir fruh Morgens um 4. Uhr 3. Canonen losen horeten, und zwar unsers Bedunckens auf der See gegen Norden zu, nach accuraten Verlauf einer halben Stunde horeten wir wieder 3. und endlich nochmahls nach Verlauf einer halben Stunde, abermahls 6. Canonen-Schusse, dieses war die Losung, so wir mit dem Capitain Horn verabredet hatten, und dieses wusten alle Schildwachten, derowegen feuerten die Schildwachter, so auf der Davids-Raumer Hohe stunden, 2. Canonen ab, worauf Capitain Horn, gleich nach einander, und zwar kaum binnen einer halben Minute 12 Canonen losen, und so bald als wieder geladen war, die gantze Ladung geben liess. Dieses war das Haupt-Signal, derowegen wurde ihm aus allen unsern Stucken, die so wohl auf den Hohen, als auf der Alberts-Burg stunden, kurtz nach einander, zu 3. mahlen geantwortet. Ich war viel zu ungeduldig abzuwarten, um zu horen, ob denn der Capitain Horn wurcklich da ware; derowegen encouragirte nicht nur Mons. von Blac, sondern noch verschiedene andere, mit mir auf die Davids-Raumer Felsen-Spitze zu gehen. Sie thaten solches mit Plaisier, und wir nahmen unsere allergrosten und grossen Perspective mit, durch welche wir mit grosten Vergnugen 2. Schiffe in See, etwa einen Canonen-Schuss weit, von einander liegen, und unsere Flaggen so schone darauf weddeln sahen, dass man dieselben, ohngeachtet der Weite, dennoch wohl hatte abmahlen konnen, denn beyde Schiffe lagen wenigstens noch 3. Meilen hinter den Sand-Bancken.

Da wir nun bemerkten, dass alles richtig ware, thaten wir von der Insul alle Minuten von einander 2. Canonen-Schusse von der Davids-Raumer Hohe, welche der Capitain Horn allezeit accurat beantwortete. Mir aber wurde jedennoch die Zeit viel zu lang, dieses abzulauren, derowegen liess im Canale das Wasser schutzen und bemuhete mich um gute Freunde, und Freywillige, die mit mir hinunter stiegen, und die 3. Boote besetzen solten. Denn NB. wir hatten ausser dem alten Boote, nur vor weniger Zeit 2. vortrefflich starcke neue Boote verfertiget, in welchen es sich mit Lust fahren liess, womit wir denn unsern Freunden entgegen rudern wolten. Ey! was bekam ich nicht vor Zulauff? weit arger, als ein auf Werbung liegender Officier, allein wir theileten uns dergestalt ein, dass in jedes Boot nur 20. Personen zu sitzen kamen. Es muste in der grosten Geschwindigkeit eine starcke Portion der auserlesensten Victualien, dass beste Obstwerck nebst dem trefflichsten Weine und andern annehmlichen Getrancke, zusammen getragen, und durch die Felsen-Hole herunter, und an Boord der Boote gebracht werden. Niemahls hat man wohl Leute hurtiger, hefftiger und geschicklicher konnen arbeiten sehen, als vor diessmahl unsere Leute, denn sie tantzten und sprungen bey ihrer tragenden Last, ob sie gleich manchen ziemlich schwer zu tragen zu seyn schiene. Man kan nicht glauben, in was vor Geschwindigkeit alles eingeschifft war, derowegen fuhren wir, indem die Schildwachter von der Hohe 2. Canonen uber unsern Hauptern loseten, mit moglichster Behutsamkeit nach den Sand-Bancken und auf die 2. fremden Schiffe zu. Capitain Horn beantwortete diese 2. Canonen-Schusse mir 4. wir aber konten wegen contrairen Windes und wegen der gefahrlichen SandBancke die 2. Schiffe nicht eher erreichen, als bis gegen Abend, indem von unserm Booten immer eins ums andere auf den Sand-Bancken sitzen zu bleiben Lust bezeigte.

Es ist mir unmoglich, die Freudens-Bezeugungen auszudrucken, welche bey der ersten Bewillkommung, zwischen uns und den Capitain Horn benebst seinem Bruder, welcher noch vor Nachts glucklich auf Capitains Horns Schiffe eintraf, vorgiengen. Wir hatten vermeynet, ihnen ein Laabsal mit zu bringen, und zwar nur zum Anbisse, allein wir fanden alles delicater und besser bey ihnen, sonderlich an Canari Sect und Confituren. So bald die Nacht vollig eingetreten, und es uns fast Schlaffens-Zeit zu seyn bedunckte, liessen beyde Capitains die vollige Lage ihrer Canonen von beyden Schiffen geben, worauf ihnen von der Insul zu 2. mahlen mit allen Canonen geantwortet wurde, und dieses hatte die Bedeutung des Wunsches zu einer geruhigen Nacht. Ohngeacht aber zu vermuthen gewesen ware, dass nicht allein wir, sondern vielmehr die Ankommenden sehr ermudet seyn wurden, so wolten doch Capitain Horn und dessen Bruder sich durchaus zu keiner Nacht-Ruhe bereden lassen, sondern wir blieben die gantze Nacht munter, und hielten bey einem guten Glase Canari-Sect die angenehmsten Gesprache bis gegen Morgen, da wir den Caffe herbey kommen sahen. So bald die Sonne aufgieng, bothen beyde Capitains mit einer Salve, aus allen ihren Canonen, den Felsen-Burgern einen guten Morgen, und diese bedanckten sich ebenfalls mit einer general-Salve, aus allen ihrem Geschutz. Hierauf, nachdem wir gefruhstuckt, nahmen wir den Capitain Horn allein mit uns auf unsere Boote, und brachten ihn auf die Insul, wir wolten seinem Bruder zugleich auch mit haben, allein er protestirte darwieder, und gab zu vernehmen, wie es sich gantz und gar nicht schickte, oder Manier sey, dass beyde Capitains zugleich von beyden Schiffen giengen, und das Commando fremden Leuten uberliessen. Wir musten ihm dieses eingestehen, versprachen aber, die allereiligsten Anstalten zu machen, denselben bald nachholen zu konnen.

Indem wir abfuhren, wurden 6. Canonen geloset, welche die Felsenburger beantworteten, und unter wahrender Fahrt, wurden alle 3. Minuten 3. abgefeuert, welche die Felsen-Burger auch beantworteten, um zu zeigen, dass ihnen es am Pulver auch nicht fehlete, und wir haben in der That auch einen ziemlich starcken Vorrath von Pulver in unsern Magazinen, deren eins auf der Alberts-Burg, das andere in Christophsund das dritte in Simons-Raum befindlich.

So bald wir durch den Felsen-Gang auf der Insul angelanget, fanden wir daselbst einen mit 4. Pferden bespanneten schonen neuen Jagd-Wagen, worein sich der Capitain Horn, Mons. von Blac, Mons. Litzberg und ich setzten, indem wir nun eingestiegen waren, und fortfahren wolten, that eine ausgestellete SchildWacht einen Flinten-Schuss, worauf so gleich fast in einem Nu! alle Canonen auf der gantzen Insul abgefeuert wurden, welches die auswendigen auf den Schiffen beantworteten. Da wir auf der Burg ausstiegen, wurden abermahls alle Canonen geloset, und von den auswartigen darauf Antwort mit ihren gantzen Lagen ertheilet.

Wir kamen eben noch zur rechten Stunde zur Mittags-Mahlzeit, wesswegen der Capitain Horn nur vorerst eine kurtze Visite beym Regenten ablegte, demselben die Hand zu kussen, hernach sich zur Taffel fuhren liess; als an welcher sich die grauen Haupter, die Herrn Geistlichen und andere Honoratiores eingefunden hatten. Bey der Taffel wurde wenig geredet, zumahlen da eine douce Taffel-Music gemacht wurde, welcher wir alle mit Vergnugen zuhoreten; nachdem die Taffel aber abgehoben, das Danck-Gebet gesprochen, und ein jeder an seinen behorigen Platz, der Regent solchen aber oben an der Taffel genommen, setzte sich der Capitain Horn vor der Taffel dem Regenten gegen uber, und fieng diese Rede zu halten an:

Meine Herren!

Auch allerseits wertheste Freunde und geneigte

Gonner!

Wenn ich sage, dass das Gluck mit uns Menschen wie mit Ballen spielet, so wird mich hoffentlich niemand Lugen straffen konnen. Ich vor meine Person, habe dieses leyder! von meiner Jugend an mehr als allzu empfindlich erfahren, und es werden sich auf dieser Insul unter unsern werthen Freunden nicht wenige finden, welche dieserwegen mit mir einstimmig sind. Ich will aber diesen Satz, um die Zeit nicht zu verderben, vorjetzo eben nicht weitlaufftig ausfuhren, sondern nur in aller moglichsten Kurtze, bis auf eine andere Zeit rapportiren, wie das Gluck mit mir gespielet hat, seit dem ich die letztere Reise von hier nach Europa angetreten habe. Uber die Fatalitten auf der Hinreise will ich mich eben nicht beklagen, denn dieselben vor einen unerschrockenen und unverzagten Mann, vor dem ich mich ohne eiteln Ruhm mit Recht ausgeben kan, viel zu geringschatzig, zumahlen da keine besondere Todes-Gefahren vor Augen geschwebt, sondern mit Wind und Wetter ziemlicher Maassen favorisirt hat. Ich muss demnach sagen, dass ich zu gesetzter Zeit glucklich in Amsterdam angelanget, auch die mir, von hier aus aufgetragene Commissiones vermittelst gottlicher Hulffe und unermudeten Fleiss, meines selbst eigenen so wohl, als meiner getreuen Beyhulffe, glucklich ausgerichtet, wie ich mich denn dessfalls bald zu legitimiren verhoffe.

Ich will aber doch erweisslich machen, dass nichts wandelbarer sey, als das Gluck: denn da ich am-- von Amsterdam wieder abgelauffen war, und zwey der besten Peloten mit mir genommen, auf die ich mich vollkommen verliess, blieb ich im Texel plotzlich und unverhofft mit meinem Schiffe auf einer gefahrlichen Sand-Banck sitzen, und meinem Bruder ware es bey einer Haare eben also gegangen, allein ihm wurde noch in der Geschwindigkeit geholffen, dass er Flott ward, ich aber muste 3. gantzer Tage und Nachte pausiren, ehe mir geholffen, und ich wieder Flott gemacht werden konte.

Dieses schien mir schon im voraus ein boses Omen zu seyn, allein, da Wind und Wetter noch gut, seegelten wir mit ziemlich getrosten Hertzen nach den Portugiesischen Kusten zu, konten aber dieselben nicht erreichen, ehe uns ein hefftiger Sturm sehr gewaltig zusetzte, derowegen musten wir GOtt im Himmel dancken, dass wir mit Kummer, Noth und groster Gefahr in den Hafen zu Lissabon einlauffen konten, denn es ist bekannter Maassen der Lissabonische Hafen ein sehr gefahrlicher Hafen, wir traffen in selbigem 2. Hollandische Ost-Indien-Fahrer an, die wohl montirt waren, so wohl mit Geschutze als Volcke. Erstlich sahen wir, nachdem wir gute Freundschafft mit den Hollandern gemacht hatten, uns genothiget, den Sturm abzuwarten, woruber wir 14. Tage mussig zubringen musten, am 15. Tage aber lieffen wir aus, die Ost-Indien-Fahrer giengen voraus, und zwar dergestalt schnell, dass wir ihnen fast nicht folgen konten. Am 4. Tage nach unserer Abfahrt bekamen wir sie erstlich wieder in die Augen, und zwar in der Gegend der grunen Insulen, ersahen aber auch zugleich 3. Corsaren, die auf uns zu eileten, wesswegen wir Noth-Schusse thaten, um die Hollander zuruck zu ruffen, diese aber hatten taube Ohren, und zaueten sich uber Halss und Kopff, dass sie uns nur aus dem Gesichte kommen mochten, wesswegen ich nicht ohne Ursach glaube, ja fast in meinem Hertzen uberzeugt bin, dass damahls eine kleine Verratherey darhinter stack.

Wir bemerckten, dass die Corsaren ungemein starcke Schiffe hatten, auch mit Volck und Geschutz wohl besorgt waren, derowegen begunte uns bange zu werden, allein wir beschlossen doch, bis auf den letzten Mann Stand zu halten, und uns unserer Haut zu wehren.

Die Corsaren schickten uns 2. von ihren Officiers in einem Boote entgegen, welche durch einen bey sich habenden Trompeter das Signal geben liessen, dass sie mit uns Sprache halten wolten, derowegen liessen wir einen Officier an Boord kommen, welcher uns zu vernehmen gab, wir solten Seegel streichen, und uns ihnen gutwillig ergeben, wiedrigenfalls sie uns mit der hefftigsten Force attaquiren wurden. Wir zeigten ihnen unsere Hollandischen Passe, und fuhreten ihnen zu Gemuthe, dass ja die Hollander mit allen Barbarischen Republiquen in Friede und Freundschafft lebten, dahero es ja wider alles Volcker-Recht ware, wenn sie uns attaquirten. Allein der Kerl, welcher in Wahrheit einem Barbar weit ahnlicher sahe, als eine Kuh einem Ochsen, gab zur Antwort: Sie fragten viel nach den Hollandern, denn sie waren von vielen Jahren her Frey-Beuter, hatten ihre Passe nicht allein von einer, sondern von 3. Republiquen, und nahmen alles weg, was sie bezwingen konten, derowegen solten wir uns nur nicht lange weigern, sonsten wurden wir in der Geschwindigkeit attaquirt, und Feuer auf uns gegeben werden. Aber ich und alle mein Volck, das eine unsagliche Courage hatte, bezeigten kein Gehor darzu, sondern sagten, wir wolten uns wehren 2. gegen drey, wesswegen die 2. Abgeschickten wieder zuruck nach ihren Schiffen fuhren, die ihnen mit groster Force entgegen seegelten. Wenn uns der Wind nur in etwas gunstiger gewesen ware, so hatten wir noch die Hoffnung gehabt, ihnen zu entkommen, allein vor dissmahl meynete es der Wind nicht gar zu gut mit uns, derowegen sahen wir uns gezwungen zu laviren, erblickten aber vorige 2. Abgesandte mit ihrem Trompeter nochmahls, die so schnell, als sie nur immer konten, auf uns los ruderten, der eine rief uns, da er noch eine ziemliche Weite von uns war, mit grasslicher Stimme entgegen: Wollet ihr drey Tonnen Goldes zahlen, so konnet ihr in Friede fahren, wohin ihr wollet, wo nicht, so geben wir Feuer. Ich hielt mit meinen Officiers auf dem Oberdeck Schiffs-Rath, und that ihnen den Vorschlag, dass ich den Barbarn 1. Tonnen Goldes biethen wolte, um nur die Bestien loss zu werden, da aber dieses etliche meiner Leute horeten, fiengen sie gleich an zu murmeln, und der Lerm auf meinem Schiffe wurde immer grosser, wesswegen ich fragte: was das zu bedeuten hatte? Hierauf traten etliche verwegene Matrosen und Schiffs-Soldaten mir gantz dreuste unter die Augen, und sagte einer von ihnen ohngefahr diese Worte: Ey! mit Permission, Herr Capitain, was ist das vor Manier? meynet ihr, dass ihr feige Memmen unter eurem Commando habt, lasset der Bestien etliche 100. seyn, wir wollen, ob unserer gleich nicht halb, oder des 4. Theils so viel waren, uns dennoch, ehe wir einen Deut geben, wehren bis auf den letzten Mann.

Kinder! ( gab ich zur Antwort,) was bekummere ich mich um eine Tonne Goldes, die will ich gern aus meiner eigenen Kiste geben, ohne dass einer von euch mir Zubusse thun, oder ihm etwas an seiner Gage decourtirt werden soll, denn was ware es, wenn ich mich mit ihnen in ein Gefechte einliesse? Ihr sehet ja, dass sie uns uberlegen sind, und solte ich nur einen eintzigen Mann von euch verlieren, wenn es auch der schwachste und geringste unter euch ware, so solte mich doch dieser weit mehr dauern, als eine Tonne Goldes, denn ich weiss, dass mir GOtt gute und lauter auserlesene Leute unter mein Commando bescheret hat, darum folget mir, und last mich dissmahl walten.

Mit diesen Vortrage erwarb ich mir die Liebe meines Volcks, welches sich zwar zufrieden zu geben schien, allein es waren doch noch etliche 20. darunter, welche noch immer murmelten, woran ich mich aber nicht kehrete, sondern den Barbaren sagen liess, dass ich ihnen einer Tonne Goldes Werth an Gold und Silber geben wolte, wenn sie uns weiter unvexiret liessen, denn man merckte doch wohl, dass sie nur ohne Ordre, vor sich eine Frey-Beuter-Zehrung forderten, und zwar wider alle Raison, weilen die Hollander mit allen Republiquen sonsten in Friede lebten.

Der Bosewicht seegelte mit seinem Cameraden und Trompeter wieder fort, nachdem er den Verlass genommen, er wolte seinem Commandeur unsere Resolution zu vernehmen geben, so gleich wieder zuruck kommen, und uns Antwort bringen, mittlerweile solten wir aber nur 3. Tonnen Goldes Werth an Gold und Silber zusammen packen, denn er zweifelte gar sehr, dass sich ihr Commandeur mit einer eintzigen lumpichten Tonne Goldes vor 2. so schone Schiffe wurde abspeisen lassen etc.

Ich suchte aus meinen Kisten so viel Gold und Silberwerck zusammen, als eine Tonne Goldes ohngefahr des Werths damit zu bezahlen, und noch wohl uberflussig hinlanglich war, kehrete mich im ubrigen nicht daran, ob meine Officiers und Gemeinen gleich daruber brummeten, als wie die Baren.

Es wahrete nicht lange, so kam der Barbar wieder zurucke, und meldete: sein Commandeur hatte gesagt, es solten und musten 3. Tonnen Goldes seyn, und wenn wir uns dessen weigerten, auch nur ein Loth Gold daran fehlen liessen, solten wir uns nur gefast machen, entweder in den Grund geschossen, oder aufs grausamste tractirt zu werden.

Ich liess ihn an Boord und auf das Oberdeck kommen, so dann einen Sack, der mit ungepragten und auch mit gepragten Gold und Silber angefullet war, aus meiner Cajute langen, denselben auf eine Wage legen, und zeigte denselben dem Barbarn, welcher die Sachen, so ausgeschuttet und wieder in den Sack hinein gethan wurden, alle besahe, und dabey uber einen Zahn lachte: weilen aber die Canaille das Gewichte so gut verstund, als wir selber, sagte er, jedoch nicht mit allzu barbarischer Stimme: Wohl gut, meine Herrn! dieses mochte alles ohngefehr wohl eine Tonne Goldes werth seyn, allein wo sind die andern zwey, denn unser Commandeur gehet nicht von 3. Tonnen Goldes ab, und wo ihr mir die nicht gebet, so verlange ich die eine auch nicht, sondern will leer wieder zuruck fahren, aber dieses sage ich euch zum voraus, und warne euch noch als ein guter Freund, gebt mir noch die zwey Tonnen Goldes, wo nicht? so werdet ihr kurtz nachhero, so bald ich nur auf meinem Schiffe angelanget bin, einen schweren Stand kriegen.

Ich war wahrhafftig gesonnen, diesen verdammten Hunden von meinetwegen noch 2. Tonnen Goldes zu geben, ehe ich mich in die Gefahr gabe, und einen oder etliche von meinen schonen und trefflichen Leuten verlohre, allein, da meine Leute diese meine Resolution merckten, und sich anstelleten, als ob sie sammtlich rebelliren wolten, mir meine Zaghafftigkeit in den piquantesten Terminis vorwarffen, und sagten: wenn ich mich gegen diese Canaillen, ohne das allerauserste zu wagen, submittiren wurde, sie lieber unsere beyden Schiffe in die Lufft sprengen wolten; denn wenn sie nicht als Helden sterben solten, so wolten sie doch als desperate Leute sterben, und das konte ich ihnen nicht wehren. Kurtz: ich muste mich damahls in die Zeit schicken, und nachgeben.

Meine Herren! auch liebsten Gonner und Freunde! (so setzte Capitain Horn seine Rede weiter gegen den Regenten und uns fort,) Sie glauben mir sicherlich, dass mir damahls bey dieser gefahrlichen Sache nicht wohl zu Muthe war. GOtt ist mein lebendiger Zeuge, dass ich Courage genug im Hertzen hatte, mit den Barbaren eins zu wagen, und mein Bruder war fast noch toller als ich, denn er wolte die beyden Herren Abgesandten und d e n Trompeter mit sammt dem Boote durchaus in den Grund schiessen, und ich hatte zu steuren und zu wehren gnug, dass es nicht geschahe. Herr Wolffgang wird mir Zeugnis geben, dass ich unter seinem Commando mich niemahls zaghafft aufgefuhret, wie ich denn, welches er nicht anders sagen wird, manchen Verweiss von ihm bekommen, wenn ich zu viel hazardirte, oder zum offtern meine eigene Person den grosten Gefahrlichkeiten ohne dringende Noth exponirte. Mein Bruder hat zwar das See-Handwerck noch lange nicht so lange getrieben, als ich, allein, ich kan Ihnen von ihm versichern, dass er nicht allein eine vollkommene Courage im Hertzen fuhret, sondern sich auch im SeeWesen schon vortrefflich habilitirt hat, weilen er die Mathesin ex fundamento verstehet; so, dass ich mich nicht schamen will zu sagen, dass ich zu vielen mahlen mit grossem Plaisir Lehren von ihm angenommen, ohngeachtet er weit junger, und nicht des zehnten Theils so viel in der Welt erfahren, als ich.

Wie gesagt, es kranckte mich ungemein, dass mir meine Zaghafftigkeit vorgeworffen wurde, da ich doch die allerredlichste Intention von der Welt hatte, und lieber eine Million, als mein schones Volck verlohren hatte, uber alles dieses aber muste ja viel weiter dencken, nemlich an meine liebe Insul Felsenburg, von wannen ich ja die allerwichstigsten Commissiones hatte, und zu deren Dienste ich mich auf der Reise befand, mithin leichtlich etwas von meiner besten Equipage verlieren konnen, eben dieserwegen hieng ich mein Hertze nicht an Gold und Silber, indem ich wuste, dass, ob ich 3. Feder-Spulen oder 3. Tonnen Goldes bey solchen Umstanden eingebusset hatte, die Aeltesten und Einwohner alhier mir solches nicht verarget, sondern dieser Umstande wegen uns allen den Schaden gedoppelt ersetzt hatten, weilen ja Gold, Silber, Perlen und dergleichen nicht so rar bey uns sind. Da ich mich aber nur mit wenigen Worten verlauten liess, dass man doch den Barbaren die 3. Tonnen Goldes immer hingeben mochte, damit wir nur vom Flekke kamen, wolte mein Volck toll und rasend werden, auch mein Bruder, der nicht wuste, dass ich mehr auf meinem Hertzen und Gewissen hatte, als er selbst, sahe mich scheel und sauer uber die Achsel an.

Wir sahen uns aber balde gemussiget, unsern Zwietracht bey Seite zu setzen, denn so bald die abgeschickten Barbaren bey den Ihrigen angekommen, bemerckten wir, dass sie mit ihren Schiffen gantz andere Wendungen machten, und gerades Weges auf uns zu seegelten. Wir konten ihnen, so zu sagen, gleich an den Augen absehen, was sie haben wolten, derowegen setzten wir uns mit beyden Schiffen in die beste Positur, denn die Canonen waren schon alle scharff geladen, und die Mannschafft, so zum Feuer-geben und Fechten beordert, stund mit freudigem Muthe da, erwartete auch den Feind recht mit Lachen.

So bald die Barbaren ihren Vortheil ersahen, machten sie aus allen ihren drey Schiffen ein entsetzliches Feuer auf uns, welches aber doch unsern starcken Schiffen wenigen Schaden that, ohngeachtet sie keine kleine Canonen-Kugeln fuhreten. Unsere Leute hingegen waren noch geschwinder als der Wind, die Locher zu verstopffen und auszubessern. Wir gaben ihnen aus beyden Schiffen auch 2. Salven, die wohl anschlugen, der Haupt-Spas aber war dieser, dass mein Bruder, der so wohl als ich drey mittelmassige Feuer-Morser auf seinem Schiffe hatte, die erste Bombe, als ein guter Feuerwercker, durch seine mathematische Kunst-Erfahrenheit, ungemein glucklich in das eine Barbarische Schiff spielte, welche, indem sie accurat aufs Oberdeck fiel, eine artige Menuet aufspielete, wornach die Barbaren ungemein desperat zu tantzen anfiengen, es hat diese Bombe, da sie crepirt, 9. Personen ldirt, 3. auf der Stelle ins Reich der Todten geschickt, und 6. gefahrlich blessirt, deren (wie wir nachhero erfahren,) noch 4. an ihren Wunden sterben mussen. Mit der andern Bombe aber gieng es meinem Bruder nicht so glucklich, denn sie fiel zu tieff gegen die auserste Wand des Schiffs, hatte aber doch nicht allein die Wand starck beschadigt, sondern auch einen Barbar tod geschlagen, und 2. blessirt.

Mir wolte es mit meinen Bomben-spielen nicht recht wohl angehen, denn ohngeachtet mir mein Bruder alle Vortheile gewiesen, so spielete ich doch die 2. ersten zu hoch uber die Barbarischen Schiffe hin, welche in der See crepirten, und den Feinden wenigen Schaden verursachten; mit der dritten aber war ich glucklicher, indem dieselbe in ein offenstehendes Pulver-Fass gefallen war, und vielen Lerm und Schaden verursacht, auch 6. getodtet, und 4. blessirt hatte. Meines Bruders dritte Bombe aber war die beste, denn sie fiel auf das noch unbeschadigte Oberdeck des dritten feindlichen Schiffes, und machte einen solchen Lermen darinn, dass die Barbaren nicht wusten, wo sie hin solten, denn es waren, wie wir nachhero erfahren, 5. getodtet, und 8. von ihnen blessirt worden.

Uber diese Begebenheiten wolten die Barbaren rasend werden, ruckten demnach unter bestandigen canoniren mit volliger Force naher auf uns zu, wir aber blieben ihnen auch nichts schuldig, sondern machten aus unsern Canonen ein continuirliches Feuer, (denn die Morser wolten ihre Dienste nicht mehr thun, weilen der Feind schon zu nahe war, dem wir mit FehlSchussen nicht gern ein Gelachter verursachen wolten) bis sie so nahe kamen, dass wir einander mit Flinten-Kugeln erreichen konten. Der Feind schoss mit gezogenen Rohren hefftig auf uns loss, wir aber schickten ihm die Kugeln aus unsern MastricherMusquetier-Flinten dergestalt hauffig zu, dass er sich daruber verwunderte, allein es war eben nicht zu verwundern, denn ich hatte lauter lustige Leute, die sich unter einander selbst exercirten, und mit ihren Flinten, wegen der geschwinden Ladung, eher 3. Schuss thun konten, als die Barbaren nur einen.

Ich gieng vom Oberdeck herunter in meine Cajute, und liess mir durch meine Bedienten 2. Buch angefeuchtetes weisses Papier auf die Brust binden, und eben so viel auf den Bauch, gieng hierauf wieder hinauf aufs Oberdeck, und commandirte: dass 1500. gefullete Granaden aufs Oberdeck, jedoch an einen sichern Ort gebracht werden solten, indem wir deren vielleicht bedurfftig seyn mochten, denn ich muss ihnen sagen: dass ich nebst den 6. mittelmassigen Feuer-Morsern 12000 Stuck Hand-Granaden hatte giessen lassen, welche ich unten im Schiffe mit dem Ballast vermengte, und nicht mehr als etliche 100. fullen liess. Meine Lieutenants, die nicht allein das Artollerie-Wesen unten im Schiffe wohl besorgt, hatten nebst andern wohlgemachten Anstalten auch diejenigen, welche sich zum Feuer-geben und Fechten freywillig dargestellet, bereits behorig rangirt. Sie stunden also auf dem Oberdeck in schonster Ordnung, und da ich sie sahe, erfreuete ich mich, trat vor die Fronte, und sagte nur so viel:

Meine Bruder!

Ich habe vernommen, dass, wo nicht alle, doch viele unter euch sich die Einbildung machen, als ob ich ein Kerl ware, der wenig oder gar keine Courage im Leibe hatte. Allein meine Bruder! ihr irret euch sehr; was ich bishero gethan habe, ist gantz und gar keiner Zaghafftigkeit zuzuschreiben, sondern ich muss bedencken, was ich vor meinen Obern und GOtt im Himmel hauptsachlich verantworten kan, welches alles ich euch deutlicher erklaren will, wenn wir mit gottlicher Hulffe gesieget haben. Haltet euch so behertzt, als wie ich mich zeigen werde, so soll es hoffentlich keine Noth haben, denn ich will euch commandiren wider allen Gebrauch im blossen Hembde. GOtt gebe uns Gluck und Sieg! haltet euch tapffer! (Ich hatte mir ein Hirsch-ledernes Collet angezogen, einen 3: queer Finger breiten Pallasch an der Seite, mit dem ich besser umgehen konte, als mit einem Turckischen Sabel, und 2. Paar der schonsten Pistolen im Gurte stecken.) Darum sprach ich ferner: Gebt alle Achtung auf mich, ich will der vorderste seyn, und wenn ich nicht avancire, so gebe ich dem nachsten, der hinter mir ist, die Erlaubnis, mich mit dem Fusse fort zu stossen. Hier werffe ich mein Hirsch-ledern Collet zu euren Fussen, ihr sehet, dass ich einen leichten Brust-Harnisch und einen gantzen Pantzer bey mir habe, ihr sehet dass ich mir 4. Buch Losch-Pappier habe zum Spas auf den Leib und Brust binden lassen, aber auch alles dieses werffe ich zu euren Fussen, und entblosse meinen Leib bis unter die Arme, damit ihr sehet, dass ich unverzagt bin, euch im blossen Hembde zu commandiren, und mich blos auf GOttes Hulffe und Schutz zu verlassen. Ich bitte nochmahls: GOTT gebe uns Gluck und Sieg! haltet euch wohl, und so, wie ich mich zu verhalten verhoffe, bis dass ich falle, in solchem Fall denn mein Nachster das Commando ubernehmen wird. Lieben Bruder! haltet euch wohl, denn ihr wisset, dass ich euch von diesem See-Gefechte abzuhalten gesucht habe. Ich hoffe demnach, GOtt wird uns Gluck und Sieg geben, wenn wir nur tapffer sind im Schiessen und Fechten. Allons! in GOttes Nahmen.

So bald ich ausgeredet, fieng alles mein Volck, da es mich im blossen Hembde uber den Bein-Kleidern mit dem Pallasch in der rechten, und mit einer aufgezogenen Pistol in der lincken Hand, vor der Fronte vor sich stehen sahe, mit vollem Halse zu ruffen an: Vivat, Vivat, Capitain Horn! und dieses zu dreyen mahlen. Hierauf wurde von beyden Schiffen eine gewaltige gedoppelte Salve auf die Barbarn gegeben. Diese wurden dadurch dergestalt erbittert, dass sie in unvermutheter Geschwindigkeit uns aufs nachste kamen, auch ihr bestes Schiff sich an das meinige hieng, und diese Feinde mich nicht allein mit Schiesssondern auch mit dem Seiten-Gewehr zu delogiren suchten.

Man solte nicht meynen wie klug, hertzhafft und hurtig die Barbaren sind, denn sie wusten in aller Geschwindigkeit, vermittelst starcker Haacken, verschiedene Leitern an unsern Boord zu werffen, und daran hinauf zu klettern wie die Katzen. Ich stund in der vordersten Reihe in der Mitten, und hatte 12. der hertzhafftesten Leute zu meiner rechten, und eben so viel zu meiner lincken Hand, welches, so zu sagen, meine Leib-Guarde war, 1. guten Schritt aber hinter mir war die andere Reihe der resolutesten Mannschafft, und hinter dieser noch die 3te Reihe tapfferer Leute, noch hinter diesen drey Reihen aber die Reserve, und auf beyden Seiten die Granadiers, welche die Feinde mit ihren bestandigen Granaden-Werffen gewaltig angstigeten.

Das Verhangniss fugte es eben so wunderbar, dass derjenige Barbar, welchem ich kurtz vorhero das Gold und Silberwerck zuwagen lassen, gerade vor mir seine Leiter angeworffen, und mir mit blancken Sabel in der Faust entgegen gestiegen kam. Ich liess ihn passiren bis auf die oberste Stuffe, indem er aber bemuhet war uber Boord zu schreiten, war ich erstlich zweiffelhafft, ob ich ihm mit dem Pistol das Lebens-Licht ausblasen, oder ihn mit meinem Pallasch den Kopff spalten wolte. Jedoch, da ich befurchtete, das Pistol mochte etwa versagen, so verliess ich mich auf meinen Pallasch (denn wie meine Herrn wissen, so bin ich Lincks und Rechts so wohl mit schiessenden, als Seiten-Gewehr, auch ist ihnen meine naturliche Starcke der Glieder durch viele gemachte Proben bekannt.)

So bald er uber Boord gestiegen, hohlte er mit seinem Sabel aus, mir einen todlichen Streich zu geben, allein, ich danckte damahls GOtt, dass mir meine Fechtmeisters in Italien und andern Landern das pariren gelernet hatten, derowegen schlug ich in grossester Geschwindigkeit nicht allein seinen Sabel aus, dass er zu seinen Fussen fiel, sondern versetzte ihm, aus allen meinen Leibes-Krafften, einen solchen gewaltigen Hieb uber den Kopff, dass ihm beyde Theile auf den Schultern lagen.

Man solte wohl meynen, ich machte Wind, um mich nur gross zu machen, allein, auf meinem Schiffe sind noch mehr als 50. Personen gegenwartig, die es mit ihren Augen gesehen haben.

Acht bis zwolff anderen, die eben diese Leiter herauf geklettert kamen, und sich auf meinem Schiffe divertiren wolten, gieng es, wo nicht auf gleiche Art, jedoch so, dass sie entweder durch meinen Pallasch oder Pistolen ins Reich der Todten geschickt wurden. Meine Leute folgten meinem Exempel, und fochten, nachdem sie sich dann und wann verschossen hatten, mit ihren Sabeln, wie die Lowen, so dass mancher Barbar herunter in die See purtzeln muste, ehe er uber Boord gestiegen war, mancher aber, der sich glucklich geschatzt, den Boord mit seinen Handen betastet und uberstiegen zu haben, den Augenblick seine ewige Schlaf-Statte fand.

Mittlerweile gieng das canoniren von beyden Seiten aufs allerhefftigste fort, so lange bis die Dammerung eintrat, und man kaum die Finger vor den Augen mehr zahlen konte. Da aber das Klettern der Feinde noch nicht aufhoren wolte, so horete auch unsere Gegenwehr mit Schiessen aus Canonen und Flinten um so viel desto weniger auf, und es muste in der Dammerung noch mancher Barbar See-Wasser sauffen lernen, oder nolens volens versincken.

Endlich, da der Himmel sehr schwartz wurde, liess sich ein feindlicher Trompeter horen, welcher mit 2. Deputirten auf einem Boote sass, worinnen viel PechFackeln brannten. Da nun die Feinde zu canoniren aufhoreten, hielten wir auch inne, brannten aber auf beyden Schiffen viel 100. Fackeln und Lichter an. Der Deputirten Antrag war dieser: dass, weil ihr Commandeur seine Courage mit der unsrigen auf eine Wage gelegt, und befunden, dass wir auf beyden Seiten tapffere Leute waren, so mochten wir Stillstand machen, bis der Tag anbrache; wolten wir ihm aber doch noch die einzige Tonne Goldes geben, so konten wir, so bald es uns beliebte, ohne fernere Sorge unter Seegel gehen, und er ware bereit uns einen Pass zu geben, dass wir auf unserer Reise von allen seinen Cameraden, die der Frey-Beutherey ergeben, von hieraus bis nach dem Cap unangefochten bleiben solten.

Meine Leute, so bald sie dieses vernommen hatten, wolten abermahls weder vom Stillstande noch Geld geben horen, und wurden nochmahls aufstutzig, ich aber liess den Abgeschickten in Gegenwart aller meiner Leute durch einen Dollmetscher so viel sagen: Horet! ihr habet euch aufgefuhret gegen uns als SeeRauber und Bettler, wider alle Billigkeit und Vertraglichkeit, die zwischen der Republic Holland und den Barbarischen Republiquen, ist. Wir begehren keinen Stillstand, sondern weil das Spiel doch einmahl angefangen ist, so wollen wir uns wehren bis auf den letzten Mann. Welleicht last GOtt noch einen oder wohl mehr ubrig und lebendig von uns nach Holland kommen, so soll die Untreue der rauberischen Nationen schon urgirt und gerochen werden, es treffe auch, wen es treffe. Ich habe nur einen Todten und 2. Blessirte auf meinem Schiffe, welches mir sehr schmertzlich fallt, rechnet aber nach, wie viel ihr habt, und zwar binnen so wenig Stunden, rechnet auch nach, wie viel Pulver ihr vergeblich verschossen habt, und glaubt sicherlich, dass wir vielleicht noch einen guten Theil mehr Pulver und Kugeln im Vorrath haben, als ihr, und euch zur Noth vor baar Geld noch etwas zu Kauffen geben konten. An eures Commandeurs Pass wollen wir alle, bis auf den geringsten Mann, den Podex wischen, und uns gegen Diebe und Rauber mit gottlicher Hulffe doch wohl durchfechten. Wir wollen abseegeln, wenn es uns beliebt, und so ihr ferner einen Schuss auf uns thut, sollen 10. dargegen folgen. Das ist euer Bescheid.

Meine Leute waren uber diesen Bescheid dermassen erfreuet, dass sie um mich herum sprungen, wie die Tantz-Meisters, da aber einige unter denselben gewahr wurden, dass mein Hembde voller Blut war (indem ich etwa einen Fingers-langen Hieb, kurtz unter dem Gelencke des obersten lincken Achselbeins, empfangen hatte, den ich doch eben nicht stimirte) lieffen sie gleich dahin, rufften den Schiffs-Barbier, welcher mich verbinden solte, brachten auch einen Sessel, worauf sie mich mit aller Gewalt zum Niedersetzen zwungen. Ja! einige waren so lose, dass sie die Trompeter und den Paucker herzu holeten, um mir wahrender Zeit des Verbindens die Schmertzen zu vertreiben. Ja, sie wolten mit aller Gewalt haben, es solten die Canonen dabey geloset werden, allein, ich verboth es bey Straffe. Mittlerweile kam mein Bruder, der auch eine Kugel in die lincke Huffte, und einen Hieb uber das Cranium bekommen hatte, jedoch bereits verbunden war, ohn geruffen, um zu sehen, was ich und meine Leute machten, und mir zu rapportiren, wie es ihm und den Seinigen ergangen. Er rapportirte also: dass er 38. todte Barbaren auf seinem Schiffe liegen hatte und 14. starck blessirte, denn die Barbaren ohngeachtet vermittelst der Sturm-Leitern heftig auf ihn gesturmet, zahlete er doch nicht mehr, als 3. Todte und 5. Blessirte auf seiner Seite.

Demnach war ich auf meinem Schiffe dennoch in etwas glucklicher, indem ich nicht mehr, als 1. Todten und 2. Blessirte und 42. Barbaren theils gantz todt, theils todtlich blessirt, liegen hatte; denn meine Leute hatten sich unvergleichlich wohl gehalten, da ein jeder eine Flinte, 1. Paar Pistolen und einen Sabel an der Seite fuhrete. Wie viel aber der Feinde von ihren Sturm-Leitern herunter geschossen worden, so bald sie ihre Kopffe nur blicken lassen, und ihr Gluck in der See zwischen den Schiffen gemacht, kan ich eben so wenig richtig melden, als mein Bruder, welcher ebenfalls observirt, dass deren eine ziemliche Anzahl ruckwarts herunter gepurtzelt waren.

Mein Bruder hielt sich nach genommener Abrede, wie wir uns gegen den Tag auffuhren wolten, nicht gar zu lange bey mir auf, sondern kehrete zuruck auf sein Schiff. Weilen er aber diesen Abend gantz besonders aufgeraumt war, so liess er etliche 100. Raqueten steigen, doch nicht gegen die Feinde, sondern nach beyden Seiten ihrer Schiffe zu, auch warf er WasserKegel und dergleichen in die See, und liess Trompeten und Paucken herrlich erschallen, worinnen ihm von den meinigen tapffer geantwortet wurde. Diss war ein Lust-Spiel den Feinden zum Schure, als welche sich so stille hielten, wie die Mause, wesswegen wir gedachten, alle Fahde hatte nun ein Ende, allein, da wir mit anbrechendem Tage unsers Weges fortseegeln wolten, und zwar en faveur eines dicken Nebels, wurden dieses unsere Feinde dennoch gewahr, und fiengen von neuen hefftig an, auf uns zu canoniren, da wir ihnen denn auch nichts schuldig blieben, bald hernach bekamen sie, ohngeacht des dicken Nebels, dennoch aufs neue Lust, ihre Sturm-Leitern an unsere Schiffe zu werffen, thaten auch solches mit besondern Grimm, allein, es waren ihrer, ehe die Sonne aufgieng, auf meinen Schiffe schon 18. und auf meines Bruders Schiffe 13. theils niedergehauen, theils niedergeschossen worden.

Endlich beredeten mein Bruder und ich, uns mit gesammter Macht und zusammen gesetzten Krafften auf das mittelste feindliche Schiff zu zielen, und zu versuchen, ob wir solches in Grund schiessen konten. Unsere Muhe schien nach Verfluss einer Stunde nicht gantz vergeblich zu seyn, sondern wir hatten gute Hoffnung, unsern Zweck zu erreichen.

Binnen der Zeit kam von hinten zu eine fremde Chalouppe an mein Schiff, welches mit einiger Mannschafft besetzt war, von welchen einer der ansehnlichsten mit mir zu sprechen verlangte. Ich liess ihn zu mir auf mein Schiff bitten, und er hatte sich nicht lange nothigen lassen, da denn sein erstes war, dass er fragte: was wir vor Lands-Leute waren, was wir vor hatten, auch was unsere Feinde vor Leute waren? ich antwortete ihm in seiner Sprache, dass wir 3. See-Rauber vor uns hatten, welche uns zu plundern und in Grund zu schiessen droheten, wir hatten schon gestern bis in die spate Nacht mit ihnen zu thun gehabt, und uns tapffer gewehret, auch eine ziemliche Anzahl der Barbaren getodtet, allein, sie waren uns, allem Ansehen nach, dennoch bis hieher uberlegen, und hatten nur vor wenig Stunden aufs neue angefangen uns zu besturmen, vorietzo waren wir im Begriff, das mittelste feindliche Schiff in Grund zu schiessen, hatten auch gute Hoffnung darzu, indem wir alle unsere Canonen aus beyden Schiffen darauf gerichtet, und bemerckten, dass das feindliche Schiff schon ziemlich leck geschossen sey. Im ubrigen so waren wir mehrentheils Hollander, die nach Ost-Indien gehen wolten. Ey, ey! sagte der Portugiese, die Hollander sind unsere lieben Bruder, haltet euch nur noch tapffer, ehe 1. oder 2. Stunden vergehen, will ich euch 2. tuchtige Portugiesische Schiffe, worauf tapffere Soldaten sind, zur Hulffe anhero bringen. Lebet und haltet euch wohl, ich muss eilen, dass ich bald wieder zu euch komme.

Es war uns nicht anders ums Hertze, als wenn uns GOtt einen Engel vom Himmel zum Troste zugeschickt hatte, derowegen verdoppelte sich unsere Courage, dergestalt, dass es noch manchem Barbar den Halss kostete, so sahen wir auch mit Vergnugen, dass das mittelste feindliche Schiff, so zu sagen, in letzten Zugen lag, denn unsere Canonen hatten es recht jammerlich durchbohrt, auch bemerckten wir, dass der Feind auf dem Obertheil dieses ihres Schiffes nach gerade immer weniger und weniger wurden, woraus wir schlossen, dass alles zur Pumpe beruffen sey.

Endlich aber wider alles Vermuthen wolte dieses feindliche Schiff sich umwenden, und die Flucht nehmen, es gieng aber dergestallt matt und merode, dass man nicht zweiffeln durffte, wie es todliche Blessuren haben musse. Aber, indem wir uns umsahen, kamen 2. der schonsten und festesten Portugiesischen Schiffe, welche sich zwischen mich und meinen Bruder einlegten, und in unerhorter Geschwindigkeit ihre Canonen auf die Barbaren loseten, ehe sie noch ein Wort mit uns gesprochen hatten. Auf unsern beyden Schiffen liessen sich Trompeten und Paucken tapffer horen, denen die Portugiesen Wechselsweise antworteten. Den Feinden aber vergieng der Muth auf einmahl plotzlich, indem sich keiner mehr auf eine Sturm-Leiter wagen wolte, auch wenig Schusse mehr von ihren Schiffen gehoret wurden. Das mittelste Schiff aber wolte doch mit guter Manier fort hincken, allein, die Portugiesen und wir gedachten: nicht also! sondern jagten ihm nach, ereileten und erstiegen dasselbe ohne besonderes Blutvergiessen. Hernach kam die Reihe an die 2. andern feindlichen Schiffe, die wir binnen etwa einer Zeit von 3. Stunden nach einem etwas hartern Kampffe glucklich erstiegen, und alle darauf befindliche Mannschafft in Fesseln legen liessen.

Wir schossen demnach unter Trompeten- und Paucken-Schall, auf allen Schiffen, so gar auch aus den feindlichen Canonen, mit grosten Freuden Victoria, und zwar zu dreyen mahlen. Hernach brachten wir den Patienten, nemlich das mittelste Schiff, zwischen die 2. ubrigen Barbarischen, schickten einige von unserer Mannschafft auf ein jegliches Barbarisches Schiff, und liessen im Gegentheil eben so viel Barbaren auf unsere und der Portugiesen Schiffe uberkommen. Meine Leute strapazirten die Rauber auf eine sehr hefftige Att, welches ich ihnen nicht verdencken konte, indem sie doch, (Schertz bey Seit gesetzt) nachdem wir es aufs genaueste ausgerechnet, 128. Cameraden, theils auf meinem, theils auf meines Bruders Schiffe so schandlicher Weise einbussen und vermissen musten. Denn NB. es frass die Eroberung der Schiffe in etwas mehr Volck, als die Gegenwehr gegen die Sturmenden. Jedoch ich redete meinen Leuten zu, und bath dieselben, sie mochten sich auffuhren, als Christen, und nicht barbarisch verfahren, damit auch die Barbaren sahen und spureten, was vor ein gewaltiger Unterscheid zwischen der Auffuhrung eines Christen und eines Heyden sey. Hiemit thate man nicht allein unserm Heylande einen Dienst, sondern es konne auch moglich seyn, dass diese unsere Christliche Auffuhrung manchem Armen, in der Barbarey unschuldig gefangen sitzenden Christen-Sclaven, wohl zu statten kommen mochte, wenn die Barbaren, als Feinde des Creutzes Christi, erkannt hatten, dass wir gantz andere Leute von Conduite waren, als sie selbst. Unterdessen solten sie dieselben zwar zu strenger und sauerer Arbeit anhalten, jedoch, so viel ein Mensch, in Ansehung seiner Leibes-Constitution, ertragen konte. Vollauf zu essen zu trincken solten sie den Feinden geben, und keinem, wenn er etwas versehen, blutrunstig, vielweniger braun und blau, oder wohl gar Arme und Beine entzwey schlagen. Damit wir unsern Christen-Nahmen nicht verlohren, und uns in die Rotte der Barbaren einschreiben liessen etc. Nachdem ich dieses in Deutscher Sprache geredet, so redete ich es auch in Portugiesischer: denn nicht allein mein Bruder, benebst vielen seiner Leute, sondern auch die Portugiesischen Capitains mit den meisten ihrer Leute horeten meinen Vortrag an, und es schiene ihnen allen derselbe sehr wohl zu gefallen, allein, da wir eben nicht vor rathsam ansahen, uns in dieser fatalen Gegend langer aufzuhalten, zogen wir in schonster Ordnung fort, um die grunen Insuln zu erreichen und unsere gemachte Beute zu theilen. Andern Tages, etwa eine Stunde vor Untergang der Sonnen, erreichten wir eine derselben, und wurffen in einen schonen Hafen Ancker. Die Insul hiess St. Jago mit Nahmen, und die Stadt, so dem Hafen am nachsten lag, eben also. So bald der Tag anbrach, ritten 2. Officiers der Unsern und eben so viel der Portugiesen in die Stadt, und erkundigten sich, wo der Gouverneur der Insul anzutreffen ware. Sie traffen ihn an, es war ein complaisanter Mann, und nachdem so wohl die Unserigen, als auch die Portugiesen ihm eine weitlaufftige Erzehlung gethan, wie es uns auf beyden Seiten ergangen, anbey gebethen, es mochte derselbe uns erlauben, dass wir unsere beschadigten Schiffe allhier ausbessern, und unter seinem Schutze, von den Einwohnern ungestohrt, unsere gemachte Beute theilen mochten, so sagte er mit groster Freundlichkeit: Alle meine lieben Bruder! gebraucht alle eure beste Beqvemlichkeit, euch soll niemand beunruhigen, und ich will euch nur vor erst 50. Mann zur Salva-Guarde mitgeben, saget aber, dass ich eure Capitains, so wohl Portugiesen als Hollander, gar sehr bitten liesse, mir, wo moglich, noch heutigen Tages die Ehre ihres Zuspruchs zu geben. Unsere Officiers konten nicht vom Wunder genug sagen, wie complaisant sie der Gouverneur, der ein ansehnlicher, liebreicher Mann ware, tractirt hatte, sie nicht allein bey der Mittags-Mahlzeit wohl bewirthet, sondern auch in einer propern Chaise mit Convoy von 1. Capitain 1. Lieutenant, Fahndrich und 50. Gemeinen, bis hieher an das Ufer fahren lassen. Wir liessen die Ober-Officiers des Gouverneurs auf unser Schiff bitten, und schickten ihnen dieserwegen ein Boot, mit welchem sie so fort zu uns kamen. Wir setzten ihnen das Beste vor, das wir in der Geschwindigkeit, gestalten Umstanden nach, finden konten; denen Unter-Officiers aber schickten wir jedwedem 1 Gulden und den Gemeinen einen halben Gulden, nebst so viel Wein und Brandtewein, dass man glaubte, sie hatten wohl 3. Tage daran satt haben konnen, uber dieses wurden ihnen auch starcke Portions von gerauchertem und eingesaltztem Fleisch, geraucherten und eingesaltzten Fischen, auch allerhand Fruchten zugeschickt. Mein Lieutenant hatte die Commission, der Insulaner-Militz dieses Prsent zu uberbringen; (denn meines Bruders Lieutenant war diesen Morgen erschossen worden). Als nun mein Lieutenant zurucke kam, konte er nicht gnugsam erzahlen, wie erfreut die Insulaner-Militz uber dieses Prsent gewesen, ja es hatte ihm einer um den andern, so wohl Unter-Officiers als Gemeine, die Hande gekusset, und immer dabey geschryen: Vivant! die Hollander! O! was sind die Hollander vor brave und wackere Leute! unsere Bruder, Vivant, Vivant, Vivant! die Hollander!

Wir hatten unser besonderes Vergnugen hieruber, da wir aber mit des Gouverneurs Officiers noch etwa 2. Stunden tuchtig gebechert hatten, und zwar den delicatesten Canari-Sect, auch beym Gesundheit-trincken immer 6. Canonen abfeuern lassen, NB. bey der Gesundheit des Konigs von Portugall, des Konigs von Spanien und der General-Staaten von Holland, aber allezeit 12; des Gouverneurs dieser Insul nur 8. Canonen abgefeuert wurden, so bemerckten wir, dass die Insulanischen Officiers ziemlich begeistert waren, wir zogen derowegen unsere guten mittelmassigen Kleider an, setzten uns mit ihnen in eine Chalouppe, und fuhren also die 4. Schiff-Capitains, denn jeder 6. Mann zur Bedienung mit sich nahm, mit den Insul. Officiers nebst 6. Trompetern und 2. Pauckern, dem Lande zu, nachdem wir uns mit den InsulanerOfficiers zum offtern gehertzt und gekusset hatten.

So bald wir ans Land gestiegen waren, wurde von allen unsern 7. Schiffen eine Salve, und zwar von jedweden aus 12. Canonen gegeben, wovon die gantze Insul zu erschuttern schien. Der Insulanischen Militz verursachte dieses eine besondere Freude. Ihre Officiers verfugten sich so gleich zu ihren Leuten, welche parade machen, und aus ihrem Hand-Gewehr 3. mahl Salve geben musten. Worauf unsere Schiffe jedesmahl noch eine Salve von 12. Canonen horen liessen. Hierauf setzten wir 4. Capitains uns in einen parat stehenden kostbaren Wagen, und liessen uns nach der Burg des Gouverneurs fahren, allwo 2. Compagnien Granadiers mit aufgesteckten Bajonetten stunden, salutirten und ihr Gewehr prsentirten, anbey Trommeln und Pfeiffen sich lustig horen liessen; auch liess der Commendant, uns zur Bewillkommung und zu Ehren, dreymahl 24. Canonen von den Wallen losen, denn er wohnete auf einer prachtigen Citadelle. Vor dem ausersten Thore hielten wir stille, und traffen daselbst 2. Fouriers und 16. Bedienten an, die seine Livree trugen. Wir machten uns fertig abzusteigen, allein einer von denen Fouriers kam zu uns, und sagte: wir mochten noch sitzen bleiben, und bis auf den innern Platz fahren, denn der Gouverneur hatte befohlen, dass man uns bis vor das Portal der grossen Treppen fahren, und daselbst solte absteigen lassen. Dieses geschahe, und der Gouverneur, der 6. Cavaliers nebst noch vielen Bedienten hinter sich hatte, war so complaisant, bis unten an die letzte Stuffe der Treppe uns entgegen zu kommen und zu bewillkommen.

Es war ohngefahr um 6. Uhr des Abends, als wir bey ihm eintraffen, und er fuhrete uns alle 4. Capitains in ein recht propres und in Warheit, recht Furstliches Zimmer, liess vorerst in aller Geschwindigkeit einen Tisch, der mit Caffee besetzt, und noch einen andern Tisch, auf welchem viele Bouteillen mit Wein angefullet, nebst vielen Schalen voller Eis, auch vielen Schalen von allerley Confituren beladen, gegen uns ubersetzen, und nothigte uns, von allen dem zu nehmen, was nach unserm Appetite uns von seinen Bedienten vorgesetzt wurde; anbey nur dreuste zu fordern, von welcher Sorte Wein, einem oder dem andern zu trincken beliebte. Uns war vorerst mit nichts bessers, als einem Schalchen Caffee gedient, und da wir nun deren etliche getruncken hatten, redete ich zu ihm in Portugiesischer Sprache diese Worte:

Hochgebiethender Herr!

Dieselben werden von unsern Abgeschickten vielleicht vorlauffig vernommen haben, was uns seit ein paar Tagen passiret ist, derowegen will Ew. Hochgeb. mit einer weitlaufftigern Erzahlung unserer Fatalitaten nicht beschwerlich fallen, bis, da Sie es ja verlangen solten, auf eine andere Zeit. Unterdessen bitten wir gantz gehorsamst uns Dero Schutz aus, damit wir von den Einwohnern dieser Insul in Friede und Ruhe leben, unsere Schiffe ausbessern, und unser erbeutetes Gut unter einander redlich theilen konnen. Wir werden uns, so lange wir hier sind, als honette Leute auffuhren, und vor unserer Abseegelung, wo uns anders Schutz und Hulffe nicht versagt wird, unsere Erkantlichkeit reellement zeigen so wohl gegen Hohe, als Geringere nach proportion; weilen uns von unsern getreuen Freunden, den mit uns angelandeten Portugiesen, gesagt worden, dass der Gouverneur dieser Insul einer der heroischen und redlichsten Menschen in der Welt ware. Derowegen begeben wir uns unter Ew. Hochgebiethl. Schutz, und sorgen weiter vor nichts, als Ihnen unsere Ergebenheit und Dienstgeflissenheit zu zeigen.

Auf dieses antwortete der Gouverneur in der Geschwindigkeit also:

Meine werthesten Bruder und Freunde!

Es erfordert nicht allein die Christen-Pflicht, sondern auch meine besondere Pflicht und Schuldigkeit, den Hulffs-bedurfftigen, nach aller menschlichen Moglichkeit, Hulffe und Schutz angedeyhen zu lassen, warum solte ich es denn an euch nicht thun, die ich, wegen der genauen Allianz, in diesem Stucke alle vor meine Bruder und Freunde erkennen will und muss. Ich habe eine besondere Freude gehabt uber das, was mir euer Abgesandte erzahlt, nunmehro aber ist meine Freude vollkommen, da ich hore, dass ihr die Barbaren vollkommen besiegt, und ihre Schiffe benebst den Gefangenen in meinem Hafen liegen habt: Traget keine Sorge, es soll euch keiner entwischen, denn ich will so gleich Ordre stellen, dass sich eines von meinen Kriegs-Schiffen vor den Eingang des Hafens legen soll. (und nachdem er diese Worte gesprochen, rief er sogleich einen von seinen Officiers, und gab ihm die Ordre, dass er eines von den besten Kriegs-Schiffen, sich vor den Mund des Hafens zu legen, commandiren solte.) Im ubrigen aber, meine Bruder, Herrn und Freunde! wolte ich wohl morgen fruhe die Compagnie, so ich zu Besetzung des Ufers euch zugesendet, mit 2. Compagnien ablosen lassen, allein ich sehe gar nicht, worzu es nothig ist, weilen ihr alhier so sicher seyd, als wenn ihr zu Hause waret, denn meine Soldatesque und Land-Leute habe ich dergestalt im Zaume, dass sie mir auf einen Winck gehorsamen mussen. Ich bin ihnen nach Beschaffenheit der Sachen gelinde und scharff. Kleine Sotisen lasse ich mit kleinen Straffen bussen, bey groben aber erzeige ich mich, der Justitz gemass, desto scharffer, und sonderlich stehet den Ehebrechern, Mordern und Dieben so gleich Galgen und Rad zu Dienste. Allein ich kan sagen, dass ich binnen 12. Jahren (als so lange ich allhier Gouverneur gewesen) nicht mehr als 3. Executionen habe mussen verrichten lassen. Meine Vorfahren sind Geitz-Halse und Leute-Schinder gewesen, um sich so wohl an den Einheimischen als, bey guter Gelegenheit, an den Fremden zu bereichern. Aber so ein Mann bin ich nicht, sondern bedencke GOtt und mein Gewissen, weilen ich weiss, dass ich am jungsten Tage viel zu verantworten habe. Ich weiss nicht, ob es ihnen bekannt ist, dass die Gouverneurs auf dieser Insul alle drey Jahr abgewechselt werden; allein man hat mich binnen 12. Jahren nicht abgewechselt, und wenn auch die Abwechselung morgen geschahe, so habe ich GOTT zum Freunde, und kan mit gutem Gewissen meine Rechnungen ablegen, auch von meiner Conduite und allen andern Actionen seit 12. Jahren her, Rede und Antwort geben. Die Liebe meiner Unterthanen habe ich mir dadurch erworben, dass ich sie niemahls gedrangt und durch Execution erpressen lassen, was sie mir zu zahlen schuldig gewesen, vielmehr manchen durch die Finger gesehen, und nach proportion seiner Armuth, offtermahlen mehr, als die Helffte geschenckt, wessentwegen ich mich getrauete, wenn ich mich im Walde oder Felde verirret hatte, es sey bey Tage oder Nacht, in eines jeden mir begegnenden Unterthanen Schoosse, ob es auch der geringste ware, sanfft und sicher zu schlaffen. Ausser diesen allen gefallet dieses meinen Unterthanen unvergleichlich wohl, dass ich eine scharffe Zucht unter meiner Soldatesque halte, deren ich 3000. regulirte Mannschafft, ohne die Land-Militz, unter meinem Commando habe. Meine Soldaten haben mich alle lieb und werth, weilen ich ihnen ihr Brod und Geld richtiger austheilen lasse, als meine Vorfahren seithero gethan. Ich bin ein Mann, der, weil er bedenckt, dass ihm GOtt eine honorable Charge, auch Geld und Gut nach seinem Stande zum Uberfluss gegeben, das Suum cuique wohl observirt. Mein einziges Vergnugen ist dieses, wenn ich mercke, dass ich und meine Familie sich gesund befinden, hernach mein Amt behorig verrichten, und den Armen Gutes thun kan, als deren Freund ich im hochsten grade bin, denn ich bemercke, dass die Armen mir viel Seegen ins Hauss bethen, ohngeacht ich schon so viel habe, mich und die Meinigen zu versorgen bis an mein Ende, und vielleicht auch noch etwas ubrig zu lassen verhoffe etc.

Nachdem er eine Zeit lang mit Reden inne gehalten, sagte ich zu meinem Bruder, der mir an der Seite stund, in deutscher Sprache, nur diese wenigen Worte: Bruder! solchen Glauben habe ich in Israel nicht funden! So gleich fieng der Gouverneur mit Lacheln zu sagen an: Meine Herren! ich kan auch etwas deutsch verstehen, und so ziemlich reden, weilen ich mich nicht langer als 2 Jahr in Deutschland aufgehalten, und darinnen die admirablesten Leut von der Welt angetroffen habe. Sie geben sich zwar vor Hollander aus, allein daran zweiffele ich, sondern glaube vielmehr, dass sie in Deutschland gezogen und gebohren sind, weilen ich dieses nicht allein an ihren dialecto, sondern auch aus ihrer beyder gantzen Auffuhrung wohl beobachte. Wir beyden Bruder stutzeten ziemlich, da man unsere Sprache verstund, der Gouverneur aber hub an zu lacheln, und sagte: Ey! weg mit dem Wasser, wo es beliebig, wollen wir ein gut Glass Wein trincken, und zwar vom allerbesten Canari. Kaum hatte er seinen Bedienten einen Winck gegeben, als diese einen angefulleten Pocal mit Weine, der ziemlich gross war, aufsetzten. Der Gouverneur fieng an: Meine Herren! auf gute Gesundheit und Gluck unser aller, die wir einander allhier lebendig sehen, derer Potentaten Gesundheit gienge zwar vor, allein, wir wissen nicht, ob dieser oder jener noch lebet: Vivamus! Indem er nun den Pocal ansetzte, wurden sogleich auf den Wallen 12. Canonen geloset und dieses wurde continuiret, bis der GesundheitsPocal herum gegangen war.

Wenige Zeit hernach, wurde durch 6. Trompeter und 1. Paucker zur Tafel geblasen und geschlagen, wesswegen der Gouverneur denn sehr nothigte uns nicht langer zu versaumen, sondern unserer Fuhrerin zu folgen. Dieses war seine Gemahlin, eine Dame von ohngefahr 40. Jahren, sahe aber noch sehr schon aus, wir giengen demnach auf sie zu, und hatten die Ehre, sowohl ihr, als ihren beyden schonen Tochtern, die Hande zu kussen, allein, sie waren alle, der LandesArt nach, so gefallig, einem jeden von uns den Mund darzubiethen, und einen derben Kuss darauf zu empfangen. Hierauf gieng des Gouverneurs Gemahlin voran, ein General fuhrete die alteste, und ein Obrister die jungste von ihren schonen Tochtern; sodann folgten Paarweise, die Portugiesischen Capitains, und hinter denselben ich und mein Bruder im Paare, nach uns zahlete ich noch accurat 20. Paar Cavaliers und Officiers. Nachdem ein Page das gewohnliche Gebeth vor Tische in lateinischer Sprache gesprochen, wurden die Speisen vorgelegt. Ich will mich aber bey Beschreibung der Gerichte, deren mancherley Abwechselungen und delicater Zurichtung, eben nicht aufhalten, sondern nur so viel sagen, dass diese Tafel, einer aufs delicateste besetzten Furstlichen Tafel nichts nachgab. Wir Fremden wurden von dem Gouverneur, seiner Gemahlin und ihren schonen Tochtern bestandig aufs complaisanteste und liebreichste zum speisen genothiget, und plotzlich liess sich in einem Neben-Zimmer, dessen 2. Thuren so gleich eroffnet wurden, die aller angenehmste Tafel-Musique, auf Italianische Art, horen. Die Abwechselungen der Concerten, Ouverturen und dergleichen musicalischen Handel, fielen gantz unvergleichlich in die Ohren, und dieses wahrete uber eine gantze Stunde, so dann wurden lauter goldene Becher und ein grosser mit Diamanten und Rubinen besetzter goldener Pocal herbey gebracht, welcher wenigstens 3. bis vierdtehalb Pfund schwer war, und da fast uber ein Maas hinein gieng, diesen nahm der Gouverneur, stund an der Tafel auf, und sagte: Auf gute Gesundheit und Gluck unserer angekommenen lieben Gaste, so wohl Hollander als Portugiesen. Es stund alles auf, was bey der Tafel sass, indem liessen sich Trompeten und Paucken lustig horen, und es wurden dabey 12. Canonen abgefeuert. Er tranck den Pocal nicht gantz aus, sondern so viel, als ihm beliebte, machte ein Compliment gegen uns, und sagte: Meine Herren! nehmen Sie nicht ungutig, dass ich mein besonderes Ceremoniel observire, denn ich trincke nicht mehr, als mir schmeckt, und ich meiner Meynung nach vertragen kan, forcire auch niemanden zum Truncke, sondern lasse nach Appetite einem jeden seinen Willen.

Hierauf setzten wir uns nieder, indess kam ein Page, welcher den Pocal wegnahm, den ubrigen Wein in einen grossen silbernen Schwenck-Kessel schuttete, den Pocal wieder ausspulte, und denselben des Gouverneurs Gemahlin prsentirte, die so gut mit machte, als der beste Cavalier. Die Dame trunck es ihrer altesten Tochter, und diese ihrer Schwester zu, und war hierbey zu bemercken: dass, so offt eine Person an der Taffel den Pocal ausgetruncken, ein Page kam, der den noch ubrig darinnen befindlichen Wein in den silbernen Schwenck-Kessel goss, den Pocal mit Wasser ausspulete, wieder voll Wein schenckte, und ihn demjenigen, welchem es zugetruncken war, auf einer goldenen Schaale prsentirte, auch darbey credentzte. So gienges von oben an bis unten aus.

Meinem Bruder war seiner Haupt-Wunde wegen bey Tische nicht allzu wohl, welches ich wohl merckte, indem er sich zum oftern im Gesichte veranderte, allein, weil er ein Lowen-Hertz im Leibe hat, so verbiss er seine Schmertzen, und liess sich nichts merken, wesswegen ich auch stille schwieg. Unterdessen war des Gouverneurs alteste Tochter, so neben mir sass, dieses gewahr worden, neigte sich also zu mir, und sagte: Mein Herr! wie kommt mir euer Herr Bruder vor? er verwandelt sich ofters im Gesichte. Es ware kein Wunder, Gnadiges Fraulein, (gab ich zur Antwort) wenn er sich zuweilen im Gesichte verwandelte, denn er hat gestern Abend einen gewaltigen Hieb uber den Hirnschadel, und eine Kugel in die lincke Huffte bekommen; Allein, er wird daran nicht sterben. So bald ich ausgeredet, liess das Fraulein einige Thranen fallen; worauf sie von ihrer Frau Mutter befragt wurde, was sie weinete, und was sie mit mir gesprochen hatte? Sie erzahlete alles bona fide, da denn die Dame meinen Bruder instandig bath, aufzustehen, und sich in ein anderes Zimmer fuhren zu lassen, wo er seiner Gesundheit pflegen, und der Ruhe geniessen konte; Allein der Kerl liess sich weder durch das Frauenzimmer, noch durch den Gouverneur und andere Wohlwollende darzu erbitten, sondern blieb sitzen, wie ein Ast.

Ich aber rufte einen Pagen auf die Seite, und verabredete mit ihm, dass er mir den grossen Pocal voll einschencken, und darbey befehlen mochte, dass unter wahrenden Trincken, auf Gesundheit des Herrn Gouverneurs dieser Insul etc. allezeit 12. Canonen solten geloset werden. Das Herrchen war fix, kam bald wieder zuruck, und gab zu vernehmen, dass alles wohl bestellet ware, brachte mir auch zugleich den Pocal, auf einem goldenen Credentz-Teller, mit welchem ich in die Hohe trat, und mit lauter Stimme sagte: Vivant Ihro Excell. der Herr Gouverneur dieser Insul, nebst Dero hohen Familie! Kaum hatte ich den Pocal angesetzt zum Trincken, als sich 12. Canonen nebst Trompeten und Paucken auf einmahl horen liessen, und dieses gieng, (nachdem ich gezeigt, dass ich den Pocal gantz ausgeleeret, und diesesmahl dem Schwenck-Kessel nichts gegonnet hatte) rund um. Ich bemerckte, dass der Gouverneur, seine Gemahlin und Kinder uber mein Verfahren schmuntzelten, denn ich konte ihnen allen ins Gesichte sehen, ohngeachtet der Gouverneur mit seinen 2. Sohnen gantz zu unterst an der Tafel sass; Es war also ein artiges Kleeblat, oben die Mutter mit den Tochtern und unten der Vater mit zwey Sohnen. Nachdem der Pocal herum war, stimmete der Gouverneur aus den kleinen Bechern erstlich noch Privat-Gesundheiten an, und zwar vor alle Personen, die sich an der Tafel befanden, bey einer jeden wurden aber nur 3. Canonen geloset. Wir sassen also so lange bis uber Mitternacht an der Tafel, und mein Bruder hatte sich wohl gehalten bis auf den letzten Mann.

Nach aufgehobener Tafel sahe sich ein jeder nach seiner Ruhe-Stelle um, mich und meinen Bruder aber, welcher etwas blass aussahe, begleiteten der Gouverneur, dessen Gemahlin, Tochter und Sohne bis hinauf in das obere Stockwerck, allwo uns zwey Zimmer angewiesen wurden, welche Communication mit einander hatten. Es trieb sie, wie die Dame sagte, nichts darzu an, als die Curiositee, um meines Bruders Haupt-Wunde verbinden zu sehen. Wiewohl uns nun die Dame einen Artzt vorgeschlagen, dessen Kunst sie ungemein ruhmete; so wolten wir doch unsere Schiffs-Barbier (welches in Wahrheit geschickte Manner waren, und noch gute Leute unter sich zu ihren Diensten hatten) nicht eyfersuchtig machen, weilen wir bedachten, dass wir vielleicht ihre Hulffe in Zukunfft weiter mochten nothig haben. Da nun meines Bruders Schiffs-Barbier die Deckel und Pflaster von der Haupt-Wunde abgenommen, war dieses eben nicht allzu appetitlich anzusehen, zumahlen, da um die Fingers-lange Wunde herum alles Haupt-Haar mit dem Scheer-Messer abgenommen war. Der Gouverneur und dessen Gemahlin wolten sich bey so gestalten Sachen, und zumahlen, da er noch eine Kugel im dicken Beine stecken hatte, bald des Todes uber meines Bruders Muth und Hertzhaftigkeit verwundern. Die Sohne sahen die Wunde auch mit Erstaunen an, da aber die Tochter gleichfalls herzu traten, und dieselbe betrachteten, sanck die alteste gantz unvermuthet in Ohnmacht dahin, wesswegen man sie nur vorerst auf das, nicht weit davon stehende Bette legte, und sie mit Schlag-Wasser und fluchtigen Spiritu nach Verlauf einer viertel Stunde wieder zu sich selber brachte. Wir beyden Bruder bezeigten unsere hertzliche Compassion und Exquisen wegen dieses Zufalls, allein die Frau Mama sagte mit lachendem Munde: Das Narrichen hatte konnen davon bleiben, denn sie weiss, dass sie nicht einmahl eine Gans oder Huhn kan abschlachten sehen. Nachdem aber mein Bruder verbunden, ersuchte mich der Gouverneur, ich mochte ihm den Gefallen erweisen, und meine ArmWunde ebenfalls in ihrer Gegenwart verbinden lassen; ich deprecirte zwar solches, weilen es sich in Gegenwart hohen Frauenzimmers nicht schickte, allein, da er nicht nachliess, mich zu bitten, und ich sonsten wuste, dass ich so weiss und reine an meinem Leibe, als ein Fisch, so entblossete ich meinen Arm und Brust, und liess mich verbinden. Sie verwunderten sich, dass ich, bey der Fingers-langen Wunde, doch den Arm noch so gut brauchen konte, allein ich sagte ihnen, wie ich gar keine Schmertzen oder besondere Incommoditee dabey verspurete, sondern dieselbe en bagatell estimirte, indem ich deren weit gefahrlichere aufzuzeigen hatte.

Wahrhaftig, (sagte des Gouverneurs Gemahlin,) meine Herren! eure Haut muss von Bleche, das Fleisch von Eisen, und die Knochen von Stahl seyn, wenn ihr dergleichen Blessuren so en bagatell tractiret. Der Gouverneur fiel ihr ins Wort, und sagte zu mir: Nein, meine Herren! das ist keine Sache oder Rath, sondern ich werde euch beyde nicht ehe aus meinem Hause lassen, bis ihr vollkommen curirt seyd. Wir danckten vor dessen gutiges Anerbiethen, und bathen uns aus, nur erstlich den morgenden Tag, wenn es erlaubt ware, allhier auf seiner Burg abzuwarten. Hierauf wurde die alteste Fraulein aufgenommen, und erinnert, dass sie sich in ihr Zimmer begeben solte. Sie stund demnach auf, und nahm Abschied von uns. Mein Bruder bezeugte ihr nochmahls seine hertzliche Compassion, wegen des ihr begegneten unvermutheten Zufalls, und machte sich so dreuste, ihr 3. mahl die Hand und 3. mahl den Mund derb zu kussen, worauf der Gouverneur mit allen den Seinigen uns eine geruhige Nacht wunschete, und sich hinunter zu ihren Gasten begaben, mit denen sie, wie man horete, noch 2. gute Stunden discourirten und becherten. Bald nach ihrem Hinweggehen, kamen 2. alte Matronen und 2. Pagen zu unserer Bedienung, welche noch ein Compliment von ihrer Herrschafft brachten, und sagten, dass sie befehligt waren, diese Nacht bey uns zuzubringen und zu bewachen; Derowegen durfften wir nur kuhnlich fordern, was unser Hertz begehrete, indem uns von ihrer Herrschafft wegen, alles zu Diensten stunde.

Ich liess meinen Bruder in diesem Zimmer, und suchte mein Bette in dem Neben-Zimmer, da denn ein jeder von uns den Schiffs-Barbier, 2. Schiffs-Soldaten und, wie schon gemeldet, die 2. alten Matronen und die 2. Pagen zu Wachtern bey sich hatte. Ehe wir aber noch eingeschlaffen waren, kamen die 2. Portugiesischen Capitains nochmahls zu uns, um uns ihr Beyleyd zu bezeugen, und eine angenehme NachtRuhe anzuwunschen, welches sie denn mit der grosten Freundschaft und Zartlichkeit thaten, ja wir erkanten sie vor recht redliche Leute. Fruh Morgens, so bald es helle ward, beredeten wir beyden Bruder uns, und schickten zwey von unsern Bedienten an meinen Lieutenant, dass er so gut seyn mochte, unsere Kleider- und Wasch-Kisten erofnen, und vor einen jeden von uns, ein rothes mit Silber- und ein blaues mit Golde bordirtes Kleid nebst etlichen Anzugen weisser Wasche, ingleichen etliche Paar seidener Strumpffe von verschiedenen Farben, auch 2. rothe, 2. blaue und 2. weisse Feder-Hute in Mantel-Sacke mochte einpacken, und auf 2. Maul-Thieren anhero bringen lassen; weilen wir, da wir einige Incommoditat an unsern Wunden verspurt, uns noch wohl etwa 3. bis 4. Tage bey dem genereusen Gouverneur aufhalten mochten. Im ubrigen lautete die Ordre, die ich eigenhandig schrieb, noch so: dass er auf beyden Schiffen, nebst seinen Subalternen alles wohl beobachten mochte, weil wir unser Vertrauen gantzlich auf seine vortrefliche Conduite und Geschicklichkeit gesetzt hatten etc.

Unsere Bedienten giengen noch vor Aufgange der Sonnen fort, und kamen viel eher zuruck, als wir uns dessen vermutheten, brachten auch alles auf den Maul-Thieren mit, was wir verlangt hatten, benebst dem schrifftlichen Rapport des Lieutenants, worinnen er meldete: dass auf beyden Schiffen alles noch sehr wohl stunde; und das Volck, welches er aufs beste verpflegte, indem er wohl wuste, dass wir beyden Capitains, zumahlen bey dergleichen Umstanden, keine Menageurs waren, bezeigte sich lustig und guter Dinge. Die meisten Patienten waren ausser Gefahr, jedoch in verwichener Nacht auf meinem Schiffe 1. auf meines Bruders Schiffe aber 2. Mann gestorben, welche er auf Breter binden, und unter 3. mahliger Losung des Hand-Gewehrs, der See ubergeben lassen.

Wir waren mit unsers Lieutenants Conduite zuftieden, indem er auch in der That ein gescheuter und geschickter Officier, anbey eine vollenkommene Courage hatte.

Mittlerweile hatte unsere Frau Wohlthaterin, welcher die Leutseeligkeit aus den Augen leuchtete uns eine starcke Portion Chocolade herauf geschickt, liess anbey fragen, ob uns auch mit Thee, oder Caffee, oder sonsten etwas zum Fruhstuck gedienet ware? allein wir deprecirten alles andere, und liessen zuruck melden, dass wir mit diesem delicaten Fruhstuck uns behelffen wolten bis zur Mittags-Mahlzeit. Indem wir beyde Chocolade trancken, kamen nebst denen Portugiesischen Capitains 2. Cavaliers des Gouverneurs, welche im Nahmen des Gouverneurs und seiner gantzen Familie uns den Morgen-Gruss brachten, und sich um die Beschaffenheit unserer beyder Gesundheit erkundigten. Wir liessen unter wahrenden GegenCompliment dieselben etliche Tassen Chocolade mit uns trincken, discourirten hernach von einem und andern, worbey ich gestehen muss, dass wir die beyden Cavaliers vor gelehrte, rafinirte Cavaliers erkanten. Sie hielten sich aber nicht langer bey und auf, bis die Chocolade ausgetruncken war, und eileten, ihrem Principal unser Gegen-Compliment zu uberbringen. Bald hernach kam eine alte Matrone, welche im Nahmen der Gouverneurin fragte: ob uns etwa beliebig, alleine auf unsern Zimmern zu speisen, oder ob wir zur ordentlichen Tafel kommen wolten? welches letztere sie mit Vergnugen und weit lieber sahe, zumahlen sich noch einige Gaste mehr eingefunden. Wir liessen zuruck melden, dass, da wir uns wegen so unvergleichlicher guter Wartung und Verpflegung, fast halb curirt befanden, wir lieber en Compagnie, als alleine speisen wolten, wenn wir nur nicht zu befurchten hatten, dass wir als Patienten, der gantzen Gesellschafft einen Eckel verursachen mochten. Die Alte gieng mit diesem Bescheide fort, und brachte von ihrer Frauen zuruck, dass wir nicht eigensinnig seyn, sondern zur Tafel kommen solten, so bald als geblasen wurde, worzu wir noch etwa eine halbe Stunde Zeit hatten. Demnach liessen wir uns durch unsere Bedienten aufs propreste in Blau mit einem Hute, worauf eine rothe Feder, ankleiden, und discourirten hernach unter dem Spazieren-gehen in dem Zimmer von ein und andern wichtigen Affairen, so lange bis uns Trompeten und Paucken zur Tafel citirten, da wir denn, ein jeder 2. von unsern propre montirten Laquais hinter sich habend, in das Tafel-Zimmer mit goldenen Degen und Stock eintraten, erstlich ein Compliment en generell, hernach aber en speciellement machten. Wir bemerckten, dass sich die Gesellschafft auf die 10. Personen, so wohl mannliches als weibliches Geschlechts verstarckt hatte, demnach wurde des angekommenen Frauenzimmers wegen, deren ihrer 6. waren, eine kleine Veranderung des Ranges gegen gestern gemacht. Ehe wir uns noch zu Tische setzten, winckte uns beyden Brudern die Frau Gouvernantin; wir stelleten uns vor sie, da sie denn sagte: Ey! sind das Patienten? Ich glaube, wenn jetzo ein Barbar ihnen entgegen kame, mit seinem besten Sabel, sie zogen dennoch die Fuchteln, und bohreten ihm das Hertz im Leibe durch. Ich antwortete: Madame! dass wir noch so ziemlich vigoreus vor Ihnen erschienen, haben wir nichts anders zu dancken, als Dero Gnade, die Befehl gegeben, uns aufs beste zu pflegen und zu warten. Wir machten anbey ein tieffes Compliment vor die Dame, kusseten ihr die Hand und Mund, und setzten uns so, wie die andern, zur Tafel. Hierbey gieng es weit delicater und kostbarer zu als gestern, ja ich luge nicht, wenn ich sage, dass die Tractamenten mehr als Furstlich waren, hierbey wurde der Pocal und die kleinen guldenen Becher auch nicht mussig gelassen, und darbey das Pulver in den Canonen gantz und gar nicht menagirt, welches mich am allermeisten dauerte, sonsten aber delectirte mich nichts mehr, als die unvergleichliche Italianische Tafel-Musique. Es gieng aber gantz fein und lustig auch bey der Tafel zu, und zwar, wie man in Europa zu sagen pflegt, von Boben-Thal.

Mittlerweile erhub sich ein Streit uber der Tafel, um zu wissen wie viel Uhr es wohl accurat sey? der Gouverneur selbst hatte eine kostbare Uhr, und seine Cavaliers und Officiers fuhreten auch Uhren bey sich, nach Proportion ihrer Gute, sie zeigten ihre Uhren alle auf, gewiss zu erfahren, wie hoch es wohl etwa an der Zeit seyn mochte; endlich kam die Reihe an uns, und die Portugiesischen Capitains, welche ihre Uhren auch aufzeigten und bekanten, dass es etliche Minuten auf 3. Nachmittags ware, aber der Gouverneur wolle damit nicht zufrieden seyn, sondern statuirte, dass es vollkommen 3. Uhr ware. Mein Bruder trat auf, und sagte: Meine Herren! ich bin ein geringer Mathematicus, und ein rechter Uhren-Narre, fuhre also mehrentheils 2. 3. bis 4. Uhren bey mir; grif demnach in die Ficke, und langte seine Haupt-Uhr, in deren Gehause unten eine Magnet-Nadel gesetzt war, heraus, und sagte: Dieses ist meine Haupt-Uhr, schlecht von Ansehen, aber tuchtig vom Verstande, denn es muste die Sonne nicht richtig gehen, wenn diese meine Uhr nicht richtig gienge, nach welcher sich alle meine andern Uhren, deren ich noch viele kostbare und schlechte habe, zu richten pflegen. Demnach gieng diese Haupt-Uhr um die gantze Tafel herum, wurde auch von jeden besichtiget und bewundert; Da diese Uhr aber an ihren Mann zurucke kam, brachte derselbe eine dem Ansehen nach weit kostbarere guldene Repetir-Uhr hervor, die bis 300. Thlr. werth, indem sie starck mit Diamanten und andern Edelgesteinen besetzt war. Diese gieng auch um die Tafel herum, und wurde von einem jeden bewundert, bis sie auch wieder an ihren Mann kam. Unterdessen mochte das alteste Fraulein des Gouverneurs, ein Auge auf diese Uhr geworffen haben, wesswegen sie meinen Bruder bath, seine Stelle zu verandern, und sich an ihre Seite zu setzen, um ihr die Vortheile bey einer Repetir-Uhr zu zeigen, denn sie hatte zwar viel hundert Uhren gesehen, aber noch keine rechte Repetir-Uhr. Mein Bruder gehorsamte ihren Bitten, setzte sich neben sie, machte die Uhr aus einander, und zeigte ihr alle Hand-Griffe und Vortheile, immittelst liess er noch 2. Uhren um die Tafel herum gehen, welche wegen ihrer Schonheit und Accuratesse von allen bewundert wurden. Das Fraulein machte sich eine ungemeine Freude daraus, dass sie in kurtzer Zeit so fix repetiren gelernet, prsentirte aber meinem Bruder auf einem goldenen Teller die Uhr wieder zuruck; Allein dieser war damahls so genereux, dass er sich weigerte, die Uhr wieder zuruck zu nehmen, sondern sagte, weilen er vermerckt, dass das gnadige Fraulein einiges Vergnugen an dieser Kleinigkeit gefunden, so offerire er die Uhr Deroselben zum Prsent und geneigten Andencken seiner wenigen Person. Denn er hatte noch ein Paar dergleichen, und noch einige geringere in seiner Kiste. Sie richtete sich in etwas in die Hohe, und sagte, mit einer charmanten Mine, nicht mehr als diese Worte: Mein Herr, ich dancke vor dieses kostbare Prsent; Ich will mich revangiren.

Eben also gieng es diesen Abend noch meinem Bruder, mit einer goldenen, mit Diamanten und andern edlen Steinen besetzten Tabattiere, welche er eben diesem Fraulein darreichte, um eine Prise daraus zu nehmen, da aber diese auf dem im Deckel befindlichen Bilde sahe, dass ein Matrose vor einer schonen Dame auf den Knien lag, und ihr sein Hertz mit wundersamen Geberden prsentirte, wolte sie sich fast schackig daruber lachen, wesswegen mein Bruder ihr auch diese Dose schenckte. Nachdem aber der UhrStreit ein Ende gewonnen, und mein Bruder alle seine Uhren (ausgenommen die kostbare) wieder in der Ficke hatte, wurde abermahls Tafel-Musique gemacht, und dabey noch wohl eine gute Stunde tuchtig gebechert. Worauf die Tafel abgehoben, weggesetzt, und Anstalt zum Tantzen gemacht wurde. Der Gouverneur selbst machte mit seiner Gemahlin den Anfang, nothigte hernach uns ubrigen, dass wir folgen solten, welches denn auch von vielen geschahe, allein ich befurchtete mich, zumalen wegen des vielen getrunckenen Weins, meine Arm-Wunde zu erhitzen; liess derowegen das Tantzen bleiben. Mein Bruder aber war so toll, und forderte das alteste Fraulein des Gouverneurs zum Tantze auf, diese aber sagte (wie ich denn gantz nahe dabey stund, und alle Worte horen konte) so viel zu ihm: mein Herr! vergebet mir, dass ich euch vor diesesmahl den Tantz abschlage, indem ich euren Zustand weiss, und mich Zeit Lebens nicht zufrieden geben konte, wenn ihr eure Wunden erhitztet, und in Gefahr lieffet. Ich werde auch mit keinem andern tantzen, sondern mich mit KopffSchmertzen entschuldigen. Lieber wolte ich euch noch heute Schuh und Stiefeln putzen, als mit euch tantzen, denn ich habe viel zu viel Vorsorge und Nachsinnen wegen eurer Gesundheit. Ich will mich zu eurem Herrn Bruder setzen, mit ihm ein gut Gesprache halten, und darbey dem Tantze zusehen, weil derselbe, wie ich mercke, auch keinen Appetit zum Tantzen hat. Also kam mein Bruder zu uns, setzte sich neben das Fraulein, so dass wir sie recht in der Mitten hatten, und fuhreten ein lustiges Gesprach. Es kamen ihrer viele, die das Fraulein zum Tantze auffordern wolten, allein sie schutzte Kopf-Schmertzen vor, nahm auch, da es gegen 10. Uhr kam, von uns Abschied, und begab sich zur Ruhe. Da das Schwarmen jedoch kein Ende nehmen wolte, wurden wir es auch uberdrussig, und schlichen auf unsere Zimmer, befahlen aber einem Pagen, dem Herrn Gouverneur und dessen Gemahlin unsern Respect zu vermelden, mit gehorsamster Bitte uns nicht ungnadig zu vermercken, dass wir stillschweigend fortgeschlichen waren, indem uns die Schmertzen unserer Wunden zum Verbinden angetrieben hatten. Der ubrigen Compagnie aber, solte er gleichfalls unser dienstlich Compliment machen.

Nachdem wit auf unsern Zimmern angelanget, kam dieser Page bald hinter uns her, und brachte das Nacht-Compliment von seiner Herrschafft, ihm folgten 2. Laquais, welche die Abschencke, die in einer grossen guldenen Kanne voll Wein und einer grossen Schaale voll allerley Confituren bestund, auf unsere Tafel setzten. Nach diesen kamen abermahls 2. Pagen und 2. alte Matronen zu unserer Bedienung, allein wir hielten uns dissmahl nicht lange auf, sondern legten uns, nachdem wir verbunden waren, bald zu Bette, wurden aber dennoch noch nicht zur Ruhe gelassen, indem uns ein paar Stunden darauf die Musicanten eine admirable Abend-Musique vor den Thuren unserer Zimmer brachten, welche fast eine halbe Stunde wahrete. Wir delectirten uns daran, und schlieffen daruber ein. Fruh Morgens, so bald es Tag war, schrieb ich eine Ordre an meinen Lieutenant: vor uns deyden Bruder, aus den Kleider-Kisten jedem ein grunes mit goldenen Espagnen bordirtes Kleid, noch einige Anziehe-Wasche, 500. Raqueten, 500. gefullete Granaden, und 2- bis 3000. kleine Schwarmer, 200. Wasser-Kegel und 500. Lust-Kugeln zu schicken, auch unser beyder Leib-Buchsen, Flinten und Pistolen, item 2. Feuer-Morser und 24. gefullete Bomben, anbey 12. Granadiers, und zwar die geschicktesten. Im ubrigen bathen wir accuraten Rapport aus, hatten vorjetzo weiter nichts zu commandiren, indem wir wohl wusten, dass er das Commando schon vor sich selbst aufs beste verstunde, wesswegen wir alles seiner beruhmten Conduite uberliessen etc.

Hiermit schickten wir abermahls 2. von unsern Bedienten nach unsern Schiffen fort, bekamen Thee, Caffee und Chocolade von unserer Wohlthaterin geschickt, worbey sich die 2. Portugiesischen Capitains, als welche uns recht bruderlich liebten, nebst 2. Cavaliers des Gouverneurs waren, die uns das MorgenCompliment brachten, wovon der eine zurucke gieng, und unser Gegen-Compliment ablegte, jedoch bald zuruck kam, und mit uns tranck, denn ein jeder konte nach Belieben trincken, was er wolte. Wir hielten unter einander lauter politische Gesprache, bis ein Page ansagte: dass binnen etwa einer halben Stunde wurde zur Tafel citirt werden. Demnach retirirten sich die Capitains und Officiers, wir aber liessen uns ankleiden, und zwar in Roth mit Silber bordirt, worzu wir jeder einen Huth mit weisser Feder aufsetzten, und, so bald zur Tafel geschlagen worden, uns gehoriges Orts meldeten, nachdem uns zwey Officiers zu allem Uberflusse abgeruffen hatten. Es gieng bey derselben eben so in floribus zu, als gestern und ehegestern, nur vermisseten wir darbey die alteste Tochter des Gouverneurs, von welcher mir die Mama sagte, dass sie einige Kopff-Schmertzen verspurete, welcher Zufall aber doch wohl bald wurde uberhin gehen. Ich spurete gantz genau, dass sich mein Bruder dieserwegen einigermassen alterirte, und schloss aus gewissen Merckmahlen, dass unter diesen 2. Leuten eine Sympathie haselirte. Er konte weder essen noch trincken, sondern sass immer in Gedancken, bis man ihn mit Gewalt anredete. Er excusirte seine Melancholie damit, dass ihm seine Wunde in der Huffte einige Schmertzen verursachte, wesswegen er dieselbe gleich morgendes Tages, entweder mit dem KugelZieher heraus ziehen, oder mit dem Messer wolte heraus schneiden lassen. Hierbey merckte ich, dass wir bey den liebreichsten und redlichsten Leuten von der Welt waren: denn es schien, als ob ein jedes an seinen Schmertzen Theil nehmen wolte, und fuhreten sich alle, ohngeachtet die schonste Musique gemacht wurde, auch Trompeten und Paucken, nebst den Canonen wechselsweise schwermeten, dergestalt niedergeschlagen auf, als ob ihnen selbst ein Ungluck begegnet ware. Jedoch mein Bruder, da er dieses merckte, zwang sich mit aller Macht zu einer etwas munteren Auffuhrung. Inmittelst, noch ehe die Tafel aufgehoben wurde, kamen unsere Bediente, und brachten von meinem Lieutenant folgendes Rapport-Schreiben zuruck.

Meisseigneurs!

Deroselben Ordre ist mir heute fruh um 8. Uhr wohl worden, wesswegen ich keine Minute versaumt, derselben gehorige Parition zu leisten, ubersende demnach zu schuldigster Folgleistung:

2. Mortieurs

24. gefullete Bomben

500. gefullete Granaden

500. Raqueten grosse, mittelmassige und kleine

3000. kleine und grosse Schwarmer

200. Wasser-Kegel

200. Lust-Kugeln

2. Buchsen

2. Flinten

4. Paar Pistolen, anbey

12. Mann der auserlesensten Grenadiers, die ich vor die besten halte. Mir traumet, dass Messeigneurs ein kleines Feuer-Werck spielen wollen, worzu ich gratulire, und so offt ich einen Mortieur abfeuren hore, 12. Canonen auf unsern Schiffen werde losen lassen, weil wir mit dem Barbarischen Pulver, wie ich fast nicht gemeint, noch einen wichtigen Vorrath von Pulver haben.

Anbey folgen die verlangten 2. Kleider mit goldenen Espagnen bordirt, wie auch 2. mit Espagnen bordirte Hute, 2. Paar Perlen-farbene Strumpfe und noch etliche Anziehe-Wasche.

Auf unsern Schiffen stehet, GOtt Lob! alles wohl: denn unsere Patienten bessern sich, und ist seit meinem letztern Rapport keiner gestorben, wohl aber noch 2. blessirte Barbaren, die ich ohne Gesang und Klang habe in die See werffen lassen. Hergegen habe ich den Corper meines lieben Cameraden, des erschossenen Lieutenants noch zu unterst im Schiffe auf dem Ballast liegen, in Hoffnung, dass sie demselben ein ehrlich Begrabnis auf dem Lande procuriren werden. Ubrigens, in Erwartung fernerer Ordre, be

Messeigneurs

le votre

F.H. Dimbourg.

P.S. Meine Herren sollen bey Dero Zuruckkunfft keinen Abgang an Raqueten, Schwarmern, WasserKegeln, Lauff-Kugeln und dergleichen spuren, denn ich will binnen der Zeit den Abgang ersetzen, weil ohnedem ich und unsere Leute mussige Stunden haben.

Ich gab diese Rapports-Schrifft meinem Bruder zu lesen, gieng hernach hinnunter an die Tafel, und bath den Gouverneur: ob es mit dessen gutiger Erlaubnis geschehen konte, dass wir unseren seel. Cameraden mit militairischen Ehren-Bezeigungen auf dem Lande begruben, zumahlen, da er ein guter Christ und eifferiger Catholic gewesen, mithin der geweyheten Erde wohl wurdig ware?

Ey! was hor ich, mein Herr! (sagte der Gouverneur) ist der Verblichene ein Catholic gewesen, so will ich ihn in die Haupt-Kirche begraben lassen. Ich bringe Ew. Hochgebl. keine Lugen vor, (antwortete ich) denn dass er ein eiffriger Catholic gewesen, kan ich mit seinem Lebens-Lauffe, den er selbst eigenhandig, wenig Tage vor seinem Tode schrifftlich aufgesetzt, ingleichen auch aus vielen andern seinen Scripturen, Catholischen Buchern, Pater noster und Scapulier, welches alles er bestandig bey sich gefuhrt, erweisslich machen. Hierauf sagte der Gouverneur, ich traue eurer Redlichkeit noch weit mehr, als dieses zu. Ich bitte aber, lasset euren Todten nur noch 3. Tage auf dem Ballast liegen, denn es kan ihm bey jetziger Witterung keine Faulung angehen. Sorget weder vor Sarg, Todten-Kleid, noch etwas anders, was zu einer propren Beerdigung eines Officiers gehort, der auf dem Helden-Bette sein Leben ruhmlich eingebusset hat, sondern gonnet mir die Ehre, dass ich alles besorge und veranstalte; Von heute an gerechnet, soll der Leichen-Conduct auf den 4. Tag vor sich gehen, und Tages vorhero, auf meine Parole, alles in Ordnung seyn. Hiermit stund der Gouverneur von der Tafel auf, und gab einem seiner Officiers einen Winck, dass er ihm folgen solte. Er gieng mit ihm an ein Fenster, und plauderte fast auf eine halbe Stunde mit ihm.

Unterdessen gieng ich mit meinem Bruder auch etwas abseits, und beredeten uns, wie wir es mit dem Feuer-Wercke halten wolten; Er sagte: wenn ein und anderes passirt, so will ich meine Dinge gleich nach der Abend-Tafel, die doch auf unser Bitten nicht lange wahren muss, schon machen. Als der Gouverneur wieder an die Tafel kam, sagte er: Meine Herren! tragen sie kein Leid noch Sorge mehr vor ihren Todten, sondern uberlassen alle Sorge mir gantz allein; hergegen bitte, sie wollen sich etwas lustiger erzeigen, als bishero. Ich aber sagte ihm heimlich ins Ohr: ob er mir und meinem Bruder gutigst erlauben wolte, diesen Abend, so bald es finster worden, ein kleines Feuer-Spiel, auf der, unsern Fenstern gleich gegen uber liegenden kleinen See, zu prsentiren, mein Bruder, der aussen geblieben war, machte schon alle Prparatoria darzu, nur liess er instandig bitten, dass die Abend-Tafel etwas kurtzer, als sonst gewohnlich, mochte abgebrochen werden, damit wir von der dunckeln und finstern Zeit profitiren mochten. Der Gouverneur lachelte, und sagte: Meine Bruder! gebrauchet alle Beqvemlichkeit bey mir, ich werde mir ein besonderes Vergnugen machen uber das FeuerSpiel, und wo es euch gefallig, etliche 100. Pech-Fakkeln an das Ufer setzen lassen. Ich will auch so gleich Ordre ertheilen, dass die 8. kleinen Lust-Schiffe benebst den Bootchen und Kahnen in Ordnung gestellet werden.

Nach aufgehobener Tafel wurde getantzt, da denn unverhoft mein Bruder und die krancke Fraul. fast zu gleicher Zeit zum Vorscheine kamen, allein diese letztere liess sich von niemanden zum Tantzen bewegen, also tantzten sie alle beyde und ich auch nicht, mein Bruder retirirte sich bald wieder, indem er mit seiner Feuerwerckerey noch nicht vollkommen fertig war, auch die Raqueten-Stocke noch nicht alle beysammen hatte; Allein er schien mir weit munterer, als vorhero, nachdem er seinen Aug-Apffel wieder zu sehen bekommen hatte. Eine Stunde vor der Dammerung wurde auf der Tafel angerichtet, allein es gieng dissmahl kurtz ab, wiewohlen alles im Uberflusse vorhanden war.

Da nun mein Bruder sein Feuer-Spiel und alles, was wegen der Fahrzeuge zu besorgen war, in Ordnung gebracht, nahm er mich und die Portugiesischen Capitains mit hinunter an den Teich oder kleine See, denn es war ein gewaltig grosser Teich, setzten uns in ein artiges, vestes und commodes Schiff, nahmen die 2 Mortiers und Bomben mit hinein und loseten unter Trompeten- und Paucken-Schall anfanglich 2 Mortiers, welche 2 Bomben in die See warffen, die sich ziemlich darinen herum tummelten und endlich crepirten, zu gleicher Zeit horete man auf der Citadelle 12 Canonen-Schusse, auf welche unsere, in dem Hafen liegende Schiffe in gleicher Anzahl antworteten. Hierauf musten die Granadiers ihre Granaden aufs Land werffen. Nach diesen liess mein Bruder 24. der schweresten Raqueten steigen, welche sich dergestalt wohl hielten, dass nicht nur alle Zuschauer, sondern auch der Gouverneur selbst, ihr Vergnugen daran sahen, denn die meisten schaueten oben aus den Fenstern der Burg heraus. Da dieses vorbey, warf mein Bruder abermahls 2. Bomben aufs ebene Land, welche sich wunderlich begunten, und wie man fruh Morgens sahe, ehe sie crepirt, gewaltig tieffe Locher in die Erde gewuhlet, ja rechte Kessels gemacht hatten. Es wurde ihm auf seine 2. Morser von den Wallen der Citadelle und von unsern Schiffen, von jeder Seite mit 12. Canonen geantwortet. Darauf warf er 50. Wasser-Kegel in das Wasser, liess dabey 50. der grosten Schwarmer in die Luft spielen. Da die Wasser-Kegel versuncken, warf er 50. Lust-Kugeln von allen Seiten des Schiffs, und spielete darauf noch 2. Bomben ins Wasser, worauf ihm von der Citadelle und von unsern Schiffen von jeder Seite mit 12. Canonen geantwortet wurde.

Also fuhr er fort, Raqueten steigen, Granaden werffen, Schwarmer in die Luft fliegen zu lassen, Wasser-Kegel und Lust-Kugeln auszuwerffen, und von Zeit zu Zeit 2. Mortiers zu losen, da er denn die Bomben bald aufs Land, bald aufs Wasser fliegen liess. Dieses wahrete so lange, bis er des Dinges uberdrussig wurde, und da er nicht viel Vorrath mehr hatte, alles kunter bund durch einander hergehen liess, zuletzt aber mit 4. Bomben, die er kurtz nach einander spielte, der gantzen Sache ein Ende machte, und anhoren muste, dass ihm so wohl die Citadelle mit 24. und unsere im Hafen liegende Schiffe auch mit 24. Canonen-Schussen eine gute Nacht wunschten. Als wir alle insgesamt zuruck ins Tafel-Zimmer auf der

Burg kamen, fanden wir einen schonen Caffee, Bisquit und hernach ein Glass Canari-Sect, wir wolten uns aber nicht dabey aufhalten, jedoch, da uns der Gouverneur allzu starck nothigte, und sagte: Meine Herren! ihr habt mir diesen Abend ein Divertissement gemacht, dessen gleichen ich, so lange ich auf dieser Insul wohne, nicht gehabt, auch haben sich meine gantze Familie und meine werthesten Gaste unaussprechlich daruber ergotzt; darum erlaubet mir, meine Herren! dass ich auf diesem grossen Teiche, oder so zu sagen, kleinen See, euch sammtlich wieder zu divertiren, eine Fischerey anstelle, und euch insgesamt bitte, derselben beyzuwohnen, und zwar Morgen gleich nach der Mittags-Tafel. Unterdessen wollen wir unter einem guten Gesprach noch eins in bona pace ex poculo hilaritatis trincken, und uns hernach zur Ruhe begeben. Wir liessen uns alle bereden, ich bemerckte aber, dass mein Bruder und sein Fraulein sich an das abgelegenste Fenster begaben, und daselbst die vertraulichsten Gesprache mit einander fuhreten.

Wir giengen also lange nach Mitternacht zur Ruhe. Fruh Morgens bekamen wir unser Deputat al' ordinaire an Thee, Caffee und Chocolade, auch die gewohnlichen Visiten, und erschienen hernach im grunen Habit bey der Tafel. Es gieng alles darbey ordentlich und pompeus zu, jedoch wahrete die Tafel dissmahl nicht so lange, als sonsten, weil wir die Fischerey vor uns hatten. Der Gouverneur war diesen Tag ungemein aufgeraumet, und sagte: Nun, meine Herren! thut mir das Plaisir, mit an die Fischerey zu gehen, ich wette darauf, dass wir vor Nachts, vor mehr als 8000. Mann, der besten grossen und Speise Fische fangen wollen, und davon soll die in unserm Hafen liegende Soldatesque ihren Antheil haben, auf unser aller Gesundheit die Fische zu verzehren, und wenn meine Rede nicht eintrifft, so will ich ihnen 4. von meinen besten Ochsen darzu schlachten lassen.

Demnach begaben wir uns hinunter an das Ufer, und setzten uns in die Lust-Schiffe und Kahne, ich bemerckte aber unter allen andern dieses Curiositee, dass mein Bruder mit seinem Leit-Sterne, nemlich des Gouverneurs altesten Fraulein in einem kleinen LustSchiffe nebst einer alten Matrone, gantz alleine zu sitzen kam. Die Fischerey gieng unter Trompetenund Paucken-Schall mit mehr als 300. Fischern, ohne die Handlangers, trefflich von statten, so, dass wir, ehe es dammerig ward, aufhoren musten, von wegen der grossen Menge. Es war, wie gesagt, eine erstaunliche Menge Fische, wesswegen der Gouverneur erstlich die allerbesten zu seiner Tafel auslesen liess, die ubrigen aber noch vor Nachts in grossen Fisch-Fassern unsern Leuten an den Strand zuschickte. Wir musten gestehen, dass dieses eine Fisch-Portion vor mehr als 16000. Mann ware, dem ohngeachtet liess der Gouverneur 4. der fettesten Ochsen hinter den Fisch-Wagens hertreiben, und machte unsern Leuten ein Prsent damit. Wir fanden auf dem Tafel-Zimmer noch einen herrlichen Caffee, und nachdem dieser mit Appetit genossen, nahmen wir vor dissmahl allesammt Abschied von einander, und begaben uns zur Ruhe. Fruh Morgens stund mein Bruder wider seine Gewohnheit sehr fruh auf, und sagte zu mir: dass, weil es ein gar allzu angenehmer Tag ware, er sich ein wenig in dem Lust Garten mit Spatzierengehen divertiren wolte, um der angenehmen Morgen-Lufft zu geniessen. Ich hatte nichts darwieder einzuwenden, da mir aber die Sache verdachtig vorkam, schlich ich nach Verlauf einer guten Stunde ihm nach, und fand mein Bruderchen mit seiner Amasia in einer dick belaubten Hutte sitzen. Ich sahe, dass sie einander hertzten und kusseten, auch sich dergestalt mit den Armen zusammen geschlossen hatten, als ob sie ewig also sitzen bleiben wolten. Erstlich gieng ich wieder zuruck auf etliche Schritte, trat aber bald zu ihnen hinein, und both ihnen einen guten Morgen. Hierauf sagte ich: Kinderchen, ich habe von ferne gesehen, dass ihr einen hertzhaften Morgen-Seegen mit einander gebetet, es ist mir lieb, dass ihr einander lieb habt, allein fuhret euch behutsam auf, und macht das Spiel nicht zu bund, damit es die Eltern und andere Aufsehers nicht gewahr werden, ich aber will euch nicht verrathen.

Das Fraulein wurde so roth, als ein Stuck Blut, kam aber auf mich zu, und kussete mir erstlich die Hand, hernach den Mund, worauf ich mich gedoppelt revangirte; Mein Bruder aber sagte in deutscher Sprache zu mir: Mein Bruder! ihr hattet mit groster Renommee noch eine Stunde schlaffen, und mich in meinem Vergnugen ungestohrt lassen konnen.

Gebt euch zufrieden, mein Bruder! (gab ich ihm zur Antwort,) ich will gantz und gar nicht ein Stohrer eures Vergnugens seyn, sondern ich sage nur so viel, bedenckt, wo wir uns aufhalten, und gehet behutsam; auf dem Zimmer wollen wir von dieser Begebenheit ein mehrers mit einander sprechen.

Hierauf traten wir aus der Hutte heraus, nahmen das Fraulein in die Mitte, und giengen noch eine Zeit lang im Garten herum spaziren, bis wir bemerckten, dass im Hause alles munter war, da denn das Fraulein, nachdem sie uns beyde gekusset, im Garten zuruck blieb, wir aber begaben uns auf unsere Zimmer, und traffen daselbst schon die Portugiesischen Capitains und 2. Cavaliers des Gouverneurs an, welche bereits den Anfang gemacht hatten, sich jeder nach seinem Belieben mit Thee, Caffee und Chocolade tractiren zu lassen, da wir denn mit machten, und ihnen erzahleten, dass wir wohl 2. Stunden lang der angenehmen Morgen-Lufft genossen. Wir divertirten uns mit allerhand Gesprachen, bis Trompeten und Paucken zur Tafel citirten, da wir beyden Bruder denn, nachdem wir unter wahrender Zeit uns ankleiden lassen, also bald, da ein Page kam, und uns zur Tafel invitirte, insgesammt hinunter spatzierten. Es gieng bey der Tafel so zu, als es vorhero gewohnlich gewesen, nur dass die Tafel eher, als sonst gebrauchlich war, aufgehoben wurde, denn der Gouverneur hatte uns zum Plaisir einen Thier-Streit anstellen lassen. Wir sahen demselben mit grosten Vergnugen zu. Erstlich wurden in die gemachten Schrancken ein wilder Ochse und ein Lowe gelassen, welche beyde einen heftigen Kampf uber eine Stunde lang mit einander hatten, der in Wahrheit sehr curieus anzusehen war; endlich uberwand der Lowe, und zerriss den Ochsen. Hierauf wurde ein anderer frischer Ochse in die Schrancken gelassen, welcher sich sehr grossmuthig und tapffer auffuhrete; nachdem er erst hingegangen, und seinen zerfleischten Mitbruder etliche mahl beschnuppert hatte, trat er den Kampf mit dem Lowen an, der sich zwar tapffer wehrete, allein, weilen ihm wegen des vorigen Kampfs die Krafte schon ziemlicher maassen verschwunden, sahe der Ochse seinen Vortheil ab, und stiess dem Lowen seine beyden Horner mit der allergrosten Gewalt dergestalt in den Bauch, dass ihm das Eingeweyde heraus drung, und auf die Erde fiel. Als der Ochse dieses sahe, wendete er sich um, gieng auf dem gantzen Platze herum, und brullete gantz erschrocklich, woraus man schliessen konte, dass er Victoria! ruffte; Allein seine Grossmuth wurde bald gedemuthiget, indem 3. der allergrosten Hunde zu ihm in die Schrancken gelassen wurden, welche ihm dergestalt zusetzten, dass er endlich matt ward, und darnieder fiel, doch hatte er vorhero erst einen Hund getodtet, den andern todlich blessirt, der dritte Hund aber blieb gesund und frisch, ohngeachtet er dem Ochsen heftig zugesetzt hatte.

Nach diesem wurden 2. Leoparden und 4. wilde Esel in die Schrancken gelassen, da man sich denn uber die wunderlichen Fechter-Sprunge der letztern fast hatte mogen schackig lachen. Sie gaben den Leoparden manche tuchtige Schlage, (denn sie waren beschlagen) an die Kopfe, Bruste und Bauche, allein sie wurden binnen einer Stunde dennoch von den Leoparden in kurtz und kleine Stucken zerrissen. Hierauf wurden 4. Baren in die Schrancken gelassen, welche ebenfals wunderliche Tantze machten, und sich uber eine Stunde lang tapffer wehreten, allein es half ihre Gegenwehr nichts, sondern sie wurden von den Leoparden zerrissen, die aber, indem sie von den Baren viele Bisse bekommen, gantz ohnmachtig zu Boden suncken. Demnach wurde ein Tyger und 2. wilde Pferde, die wohl beschlagen waren, in die Schrancken getrieben, allein es verlief keine Stunde, da der Tyger alle beyde Pferde zu Tode gebissen hatte, ohngeachtet sie sich heldenmuthig gewehret, und dem Tyger unzahlige Schlage mit ihren Hufeisen beygebracht, wovon derselbe so wohl, als die Leoparden, ohnmachtig zu Boden sanck und liegen blieb.

Hierauf wurden 24. Hunde, von verschiedener Grosse, nebst einer gewaltigen Anzahl von Affen, Fuchsen, wilden Katzen, und noch andern kleinern Thieren, in die Schrancken gebracht; demnach entstund eine solche Kater-Jagd, dass wir uns alle vor Lachen hatten ausschutten mogen. Endlich nahm das Spiel ein Ende, nachdem nicht mehr als 3. Hunde, ein alter Affe und 2. wilde Katzen noch auf dem Platze lebendig zu sehen waren. Wir begaben uns demnach zur Tafel, schwarmeten noch bis gegen Mitternacht unter Trompeten- und Paucken-Schall beym Canari-Sect, und begaben uns hernach sammtlich zur Ruhe.

Folgenden Tages lebten wir noch herrlich und in Freuden, aber des nachst folgenden nahmen so wohl wir Bruder, als die Portugiesischen Capitains, in aller Fruhe von dem Gouverneur und seiner Familie, auch allen noch anwesenden Gasten Abschied, und begaben uns auf die Reise nach unsern Schiffen, weil wir beyden Bruder vorschutzten, dass wir eine und andere wichtige Verrichtungen und sonderlich wegen des Leichen-Conducts hatten. Es hatte aber der liebreiche Gouverneur das Project zum Leichen-Conduct also gemacht:

1.) Die Gymnasiasten mit vorgetragenem Creutz

und Fahnen.

2.) Die Studenten.

3.) Die ordinirte Clerisey.

4.) 1. Regiment Insulanischer Cavallerie.

5.) 1. Regiment Insulanischer Infanterie.

6.) Portugiesen, so viel als beliebig.

7.) Hollander, so viel als beliebig.

8.) Eine Insulanische Granadier-Compagnie.

9.) Der Leichen-Wagen, bey dem 6. Marschalle

hergehen.

10.) Eine Insulanische Granadier-Compagnie.

11.) Portugiesen, so viel als beliebig.

12.) Hollander, so viel als beliebig.

13.) 1. Regiment Insulanischer Infanterie.

14.) 1. Regiment Insulanischer Cavallerie.

15.) Der Gouverneur dieser Insul in einem Trauer

Wagen mit 6. Pferden bespant.

16.) Zwolf mit 4. Pferden bespannete Trauer-Wa

gens, worinnen Insulanische Officiers und Cava

liers sitzen.

17.) 1. Insulanisch Regiment Infanterie.

18.) 1. Insulanisch Regiment Cavallerie.

Mein Bruder und ich betrachteten wohl, dass dieses ein prachtiges Leich-Begangniss werden wurde, und wir uns par generositee nicht verdrussen lassen durfften, etwas daran zu spendiren, zumahlen da mancher General nicht so pompeus, als unser Lieutenant beerdiget wurde. Allein mein Bruder und ich machten uns dieserwegen wenig Sorgen, sondern bedachten, dass es besser sey, uns auf dieser Insul genereus aufzufuhren, als den Barbaren 1. oder 3. Tonnen Goldes hin zu geben, oder wohl gar in Furchten zu schweben, von ihnen rein ausgeplundert und massacrirt zu werden. Demnach beredeten wir uns 3. mit spec. Thlr. und eben so viel mit Gulden angefullete Kisten zu eroffnen, um den Insulanischen Officiers und Gemeinen vor erst einen kleinen Recompens zu geben.

Wir gelangten gegen Abend unter Escorte einer Insulanischen Esquadron Dragoner auf unsern Schiffen an, und bald darauf schickte der Gouverneur den Sarg, das Todten-Kleid und andern Zubehor nebst 2000. Pech-Fackeln, denn er hatte sich anders resolvirt, und wolte, damit es desto prachtiger liesse, dass die Leiche erst Abends, wann es finster geworden, in der Stadt vor der Haupt-Kirche anlangen solte. Der Sarg war von Cedern-Holtze, mit ungemein artigen, schonen Stucken von Bildhauer-Arbeit von aussen gezieret, inwendig aber mit rothen Sammet ausgeschlagen, und das Haupt-Kussen war Himmelblau, das Todten-Kleid aber von weissen Atlas, starck mit goldenen Tressen besetzt. Wir hielten die gantze Nacht hindurch Schiffs-Rath, und besorgten alles, was noch in Ordnung zu bringen war. Fruh Morgens wurde die Leiche im Sarge, der 12. verguldete Rinkken hatte, am Ufer auf einem Parade-Bette ausgesetzt, und um den Sarg herum sehr viele Mayen in die Erde gepflantzet, auch 12. Schiffs-Jungen commandirt, welche die Fliegen von der Leiche hinweg weddeln musten. Des Tages uber machten wir unsern Leuten ein Wohlleben, und gaben ihnen das beste Essen und Trincken, da es aber ohngefahr um 2. Uhr Mittags war, kam der Gouverneur mit etlichen seiner Officiers in vielen Wagens zu uns gefahren. Weilen wir nun einen Prophetischen Geist gehabt, und gleich in der Fruhe 12. grosse Zelter aufschlagen, auch gnugsame Stuhle und Tische hinein setzen lassen; so stiegen alle ab, und begaben sich, nachdem sie die Leiche und das Parade-Bette, worunter rothe Lackens ausgebreitet waren, und welche am Ufer stund, wohl betrachtet hatten, in die Zelter. Der gutige Gouverneur, welcher die Redlichkeit selbsten war, sagte zu mir: Meine lieben Bruder! wenn ihr mir einen eintzigen Gefallen thun wollet, so setzet mir und meinem Comitat heute nichts vor, als ein gut Glass Wein und Bisquit, denn es ist heute nicht de tempore, dass wir schmausen, aber wenn ihr erstlich auf meinem Schlosse vollig ausgeheilet seyd, so will ich mir einen Tag ausbitten, euch zu beschmausen, weilen ich weiss, dass ihr keine Hungerleyder seyd, und da wollen wir uns recht lustig machen.

Wir versprachen dem Gouverneur, seiner Ordre, und zwar bey dermahligen Umstanden, Gehorsam zu leisten, liessen aber doch bey dem aller delicatesten Canari-Sect, nicht allein Bisquit sondern auch allerhand Confituren, ingleichen wild und zahm kalt Gebratenes, der besten geraucherten und gebratenen Fische, auch eingemachte und uneingemachte allerley Fruchte im Uberfluss bringen, woran sich unsere Gaste vor dissmahl so wohl delectirten, als ob sie alle an des Gouverneurs Tafel gesessen hatten. Im ubrigen, da ein jeder nach seinem Appetite von diesem oder jenem nahm, was ihm beliebte, gieng alles stille zu, bis gegen Untergang der Sonnen; da denn der Gouverneur, indem er einen Canonen-Schuss von seiner Citadelle horete, mich und meinen Bruder zu sich ruffte, und sagte: Kinder! ich habe die Losung gehoret, meine Leute werden abgeredter maassen bald kommen, derowegen macht Anstalten zum LeichenConduct.

Indem kam die schwartze Guarde, nemlich die Geistlichkeit mit ihrem Creutz und Fahnen angezogen, und lagerte sich seitwarts, rechter Hand. Wir schickten ihnen ein Fass Canari-Sect und allerley Erfrischungen zu, mein Bruder aber gab seinem Fahndriche 1. Sack der mit gantzen Pistoletten, 1. Sack mit halben Pistoletten, 1. Sack mit spec. Thalern, und etliche Sacke die mit Gulden angefullet waren, zur Vertheilung unter die Geistlichen, demnach bekamen die vornehmsten Geistlichen, nach ihrem Character, theils 3. theils 2. theils 1. gantze Pistolette.

Die Gymnasiasten, jeder 1. spec. Thaler.

Die Studenten, jeder 1. halbe Pistolette.

Hierauf kam das Cavallerie-Regiment, welches sich lincker Seits postirte, und zwar ohne Musique, welchem ebenfalls etliche Fasser Wein zugeschickt wurden, und mein Bruder liess einem jedem Reuter 1. spec. Thaler, einem Unter-Officier aber 2. spec. Thaler einhandigen. Die Ober-Officiers aber bekamen vorjetzo nichts; folgendes Tages hingegen der Obriste 10. gantze Pistoletten, der Obriste-Lieutenant 8. der Major 6. ein jeder Rittmeister 4. ein jeder Lieutenant und Cornet nur 3. gantze Pistoletten, die jedem in einem Billet versiegelt zugeschickt wurden.

Bald hernach kam das Infanterie-Regiment, bey welchem die Austheilung des Geldes eben also geschahe, als bey dem Cavallerie-Regimente.

Endlich ruckten 2. Insulanische Granadier-Compagnien an, welche eben das Prsent bekamen, als die Cavallerie und Infanterie.

Mein Bruder gab sich selbst die Muhe, die Leute von unsern Schiffen zu langen, und in Ordnung zu bringen, da er denn 120. Mann von seinem, und eben so viel von meinem Schiffe brachte, und dieselben nach der gemachten Disposition rangirte und eintheilete.

So bald die Sonne Abschied genommen, erinnerte der gutige Gouverneur, dass es nunmehro Zeit ware, den Leichen-Conduct anzufangen, demnach wurde nach seiner gemachten Disposition die Leiche erstlich auf den Leichen-Wagen gesetzt, bey welchem auf beyden Seiten 12. Insulanische Ober-Officiers und eben so viel Unter-Officiers hergiengen. So bald die Clerisey und die Miliz in Ordnung gebracht, wurde eine auf dem Lande stehende Canone geloset, welches das Signal war; hierauf wurden von unsern und den Portugiesischen Schiffen 24. Canonen abgebrannt, worauf von der Citadelle mit 24. Canonen geantwortet wurde, und alle Mannschafft, so Infanterie als Cavallerie, gaben eine general-Salve. Sodann gieng der March fort. Die Clerisey sung recht charmante Lieder, und es gieng alles gantz doucement, weilen die Trompeter der Cavallerie die Serdinen eingesteckt und die Paucker so wohl als die infanterischen Tambours, ihre Trommeln gedampfft hatten. Wir kamen also ohngefahr um 9. Uhr Abends vor dem StadtThore an, da denn auf der Citadelle 24. Canonen geloset, von unsern Schiffen aber mit eben so vielen geantwortet wurde.

Als wir vor der Haupt-Kirche anlangten, wurden abermahls 24. Canonen geloset, da denn unsere Schiffe, mit eben so vielen repondirten. Es wurde in dieser Kirche uber eine halbe Stunde lang ungemein schon figurirt und musicirt, welches mir wohl ins Gehor fiel; hernach trat ein Probst auf, welcher dem Verstorbenen eine gelehrte und admirable LeichenPredigt hielt. Nach diesem war wieder Musique und die Seel-Messe gelesen, hernach eine Parentation in lateinischer Sprache gehalten; worauf denn nochmahls Musique gemacht, und die Leiche in die Grufft gebracht wurde, da denn auf gegebenes Signal, abermahls 24. Canonen von der Citadelle, und eben so viel von unsern im Hafen liegenden Schiffen zu horen; worauf alle Cavalleristen und Infanteristen zu 3. mahlen Salve gaben.

Endlich machten die Herrn Geistlichen den Schluss, mit ihren Todten-Gesangen, wesswegen wir auf des Gouverneurs Bitten, uns in dessen Behausung begaben, und unsere Mannschafft wieder zuruck marchiren liessen, nachdem noch 24. Canonen-Schusse von der Citadelle, und eben so viel von unsern Schiffen gehoret, auch so wohl von der Cavallerie als Infanterie drey Salven gegeben worden.

In des Gouverneurs Behausung traffen wir eine wohl besetzte Taffel an, welcher wir uns ohngeachtet es schon uber Mitternacht war, bedieneten, jedoch nicht langer dabey sitzen blieben, als bis gegen Tages-Anbruch, da denn wir beyden Bruder und die Portugiesischen Capitains von dem Gouverneur, seiner Familie und allen noch anwesenden Gasten Abschied nahmen, und uns Reisefertig nach unsern Schiffen machten.

Der allzu gutige Gouverneur wolte uns durchaus nicht von sich lassen, sondern nothigte uns beyden Bruder, nur noch so lange bey ihm zu bleiben, bis wir vollkommen curirt waren; da wir ihm aber vorstelleten, dass nicht allein einige kleine Desordres auf unsern Schiffen passirten, hiernachst wir auch wegen der gefangenen Barbaren und erbeuteten Guter Disposition machen musten; liess er uns endlich passiren, und in einer Chaise, die mit 6. Pferden bespannet war, fortbringen, worbey wir 2. Compagnien Reuter, und die ordinaire Infanterie-Wache, welche am Strande abzulosen pflegte, zur Escorte hatten.

Wir gelangeten also, nachdem wir alle bey dem Gouverneur noch ziemlich gebechert hatten, gegen Abend auf unsern Schiffen an, und fanden alles in behoriger Ordnung, denn mein Lieutenant war in Wahrheit ein rechter Mann.

Des andern Tages liessen wir die Portugiesischen Capitains ruffen, um mit uns auf die Barbarischen Schiffe zu gehen, und die Beute zu theilen. Sie kamen; und da fanden wir auf allen dreyen Schiffen, 2. und eine halbe Million an gepragten gold- und silbernen allerley Muntz-Sorten. Hiernachst 3. und einen halben Centner Gold-Barren. Ferner an gutem gediehenen, wie auch andern bereits verarbeiteten Silber 8. Centner und etliche Pfund. Noch ferner:

86. Ballen Scharlach auch sonsten allerley couleurtes Tuch, und zwar von den allerfeinsten Sorten.

102. Ballen schlechteres Tuch von allerhand Couleuren.

216. Ballen allerley Sorten Turckischer Zeuge, als Gold- und Silber-Mor, Damast, Attlas, Daffent, Cattun und dergleichen.

Von andern Kleinigkeiten, als mancherley SchiffsGerathe, Kleidungs-Stucken, Leinewand, so wohl feine als schlechtere, die sonderlich zum Seegel-Tuch brauchbar, will keine weitlaufftige Specification machen, indem wir diesen Plunder alle, (wie hernachmahls geschahe, in 2. Hauffen theileten, und darum loseten) noch ferner erbeuteten wir:

96. theils metallene, theils eiserne Canonen.

640. Centner gut Pulver.

Stuck- und Flinten-Kugeln eine grosse Menge, die wir zu zahlen uns nicht einmahl die Muhe nahmen, sondern dieselben auf Hauffen wurffen. 500. Kisten von allerley Sorten Zucker. 400. Centner Caffee-Bohnen. 600. Centner Thee de bois und andere Arten von Thee.

An Victualien, als nemlich an Zwieback, Brod, geraucherten und eingesaltzenen Fleische, geraucherten und eingesaltzenen Fischen, Reiss, auch allerley andern Getrayde, Butter, Kase und dergleichen, fanden wir eine solche Menge, dergleichen wir uns auf diesen 3. Rauber-Schiffen nimmermehr vermuthet hatten. Ingleichen gerieth uns eine starcke Anzahl Wein-Fasser, die mit den aller delicatesten, mittelmassigen auch schlechteren Sorten von Weinen angefullet waren; weiter, eine Entsetzens-wurdige Menge vollgefullter Brandteweins-Fasser in die Hande, weilen die Barbaren den Brandtewein unmenschlich starck trincken.

Endlich traffen wir noch an: 316. Stuck gute brauchbare Buchsen und Flinten, 600. Paar Pistolen und noch eine starckere Anzahl neuer und noch ungebrauchter Sabel.

Ich will mich (fuhr der Capitain Horn in seiner Rede fort) mit Meldung aller geringschatzigen Sachen, wie ich schon gesagt, Ihnen nicht verdrusslich machen, und nur so viel sagen, dass wir alles, was etwa noch Geldes werth war in 2. gleiche Hauffen theileten, und mit denen Portugiesen darum loseten. stunden selbst, dass sie ohne die Blessirten, eine starcke Anzahl ihrer Cameraden eingebusset hatten, nicht so wohl die auf ihren Schiffen, sondern hauptsachlich die von den Sturm-Leitern oder Stegen herunter geschossen, auch auf unsern Schiffen massacrirt worden.

Hiernachst fanden wir auf allen 3. feindlichen Schiffen 37. gefangene Christen-Sclaven, u. zwar ihrer 4. weiblichen, und die ubrigen mannlichen Geschlechts. Die meisten Manner waren an die RuderBancke geschlossen; die ubrigen aber musten unten im Schiffe die allerbeschwerlichste Arbeit verrichten. Hergegen wusten die 4. Frauenzimmer, welches eine Christliche Schiffs-Capitains Frau mit ihrer 16. jahrigen Tochter und zweyen Magdgens waren, eben nicht sonderlich sich uber die Barbaren und deren Auffuhrung zu beschweren, denn sie hatten ihnen, wenn man sie nach Gibraltar liefern wurde, 40000. Thlr. vor ihre Freyheit zu zahlen versprochen, und diese, nemlich die Barbaren, hatten ihnen auch solches so bald als es moglich ware, angelobet; allein dieser Streit mit uns, hatte sie von solchem Wege abgekehret. Sonsten war die ietzt erwehnte Dame eines Englischen SchiffCapitains Frau, der von den Barbaren in einem SeeGefechte erschossen worden, sie aber hatte sich, nachdem ihr alles Geld und Gut abgenommen worden, solcher Gestalt nebst ihrem Sohne, Tochter, und Aufwarterinnen bey den Raubern in die Sclaverey begeben mussen.

Ich nahm die Dame auf die Seite, redete heimlich mit ihr, und eroffnete derselben aufrichtig, dass wir, wie sie vielleicht glaubte, nicht nach Ost-Indien, sondern nach einer gesegneten Insul zuseegelten, allwo sie viele von ihren Landes-Leuten antreffen wurde, und sich, wo es beliebig, so wohl als ihre Tochter und Magde, Standesmassig daselbst verheyrathen konten. Im ubrigen brauchten sie weder Geld, noch Gut, noch Kleider, weil sie auf besagter Insul alles im grosten Uberflusse antraffen. Die Dame nahm diesen Vorschlag mit Vergnugen an, und bath mich instandig, wenn es zur Theilung kame, sie mit den Ihrigen doch ja nicht unter die Portugiesen gerathen zu lassen, sondern mit uns zu fuhren, weil sie uns vor redliche Leute ansahen, und gern bis an das Ende der Welt folgen wolten. Solten wir aber so glucklich seyn, sie nach Ost-Indien, oder nach Gibraltar, oder gar nach Engelland zu bringen so wolte sie mit freudigen Hertzen vor sich und die 3. Ihrigen zu Erlangung ihrer volligen Freyheit 40000. Thlr. an uns zahlen. Ich sagte nur so viel, sie solten sich nur um kein Geld bekummern, sondern, wenn es ihnen auf der Insul nicht zu bleiben gefiele, wo wir hinseegelten, so konten sie wohl bald wieder zuruck nach Engelland gebracht werden, indem wir uns vor diessmahl nicht lange auf besagter unserer Insul aufhalten wurden. Hiermit waren sie zufrieden, wir aber fiengen mit den Portugiesen zu theilen an, liessen zum Geschencke vor den Gouverneur folgende Stucke ans Land und zum Theil unter die Zelter bringen:

1.) 2. der schonsten eisernen und 2. der schonsten

metallenen Canonen.

2.) 100. Centner Pulver.

3.) Canonen- und Flinten-Kugeln in der starcksten

Menge.

4.) 100. Stuck Buchsen und Flinten.

5.) 200. Paar Pistolen.

6.) 200. Stuck Turckische Sabel.

7.) 20. Ballen Scharlach und andere der feinsten

und kostbarsten Tucher.

8.) 20. Ballen etwas geringere Tucher, verschiede

ner Farben.

9.) 20. Ballen von allerley Sorten Turckischer

Zeuge, als Gold- und Silber-Mor, Atlas, Damast,

Daffent, Cattun und dergleichen.

10.) 100. Kisten Zucker, von allerley Sorten.

11.) 100. Centner Caffee-Bohnen.

12.) 100. Centner allerley Sorten von Thee.

13.) 12. Fasser Canari-Sect und eben so viel Fas

ser, die mit andern guten Weinen angefullet

waren.

Dieses waren die Haupt-Stucke, welche wir dem Gouverneur und seiner Familie zu verehren beschlossen hatten. Hierbey waren noch 6. der schonsten Turckischen Pferde und 50. Turcken-Sclaven.

Wir hielten davor, dass dieses doch ein ziemlich ansehnliches Geschencke und Zeugniss unserer Redlichkeit vor die uns erwiesene Ehre und gute Bewirthung seyn mochte; Von unserm erbeuteten Gelde, Gold und Silber aber viel Prahlens zu machen, hielten wir nicht vor rathsam, sondern theileten solches unter einander in der Stille.

Bis an den Abend des dritten Tages wurde also mit der Theilung und Losung uber die Guter zugebracht, und ein jedes an seinen gehorigen Ort in die Schiffe gebracht. Nachdem wir um die 2. gesunden Schiffe auch geloset, wovon das eine von den Portugiesen, das andere aber von meinem und meines Bruders Volcke besetzt wurde, liessen wir das blessirte Schiff dem Gouverneur zum Geschencke da liegen, denn es war uns doch eben nichts nutze, er aber konte es sich mit leichten Kosten ausbessern lassen.

Mein Bruder und ich bekamen 218. gefangene Barbaren auf unsere Schiffe, allein wir waren nicht gesonnen, diese Unflater zu behalten, sondern nicht weiter als bis aufs Cap. mit zu fuhren, hernach selbige an den nachsten den liebsten, es seyen Hollander oder

Denen bisshero gefangen gewesenen Christen-Sclaven wurde so wohl von uns, als den Portugiesen ihre vollige Freyheit angekundiget, derowegen meldeten sich zu erst die 4. Frauenzimmer bey uns, hernach noch erstlich ein feiner Mensch, welcher unter den Danen als Schiffs-Lieutenant gedienet hatte. Mein Bruder fragte mich um Rath, ob ich es vor genehm hielte, diesen Menschen, welcher von guten Ansehen ware, und sehr wohl raisonirte, an die Stelle seines erschossenen Schiff-Lieutenants zu setzen, da ich nun nichts darwieder einzuwenden hatte, trug er dem Danen, welches aber ein gebohrner Sachse war, die Lieutenants Charge an, welcher dieselbe mit dem allergrosten Vergnugen annahm, und sich so gleich in Eyd und Pflicht nehmen liess. Als auch dieses geschehen, wurde die von den Barbaren eroberte Beute nach Proportion unter unser Volck getheilet, dergestalt, dass ein jeder wohl damit zufrieden war, und wir niemanden murren horeten.

Folgenden Tages wurde Anstallt gemacht, den Gouverneur und dessen Familie nebst seinem Comitat am Strande unter unsern grosten Gezelten zu bewirthen, auch dieserwegen eine grosse Kuche von Bretern, deren wir schon eine grosse Menge zu Ausbesserung unserer Schiffe liegen hatten, in groster Geschwindigkeit aufgeschlagen.

Demnach muste mein Lieutenant nach der Citadelle zu reuten, und den Gouverneur nebst seiner gantzen Familie zu uns zu Gaste laden, anbey vernehmen, welchen Tag er uns die Ehre seines Zuspruchs gonnen wolte, damit wir uns einiger maassen darnach richten konten.

Als der Lieutenant zuruck kam, brachte er zur Antwort, dass der Gouverneur benebst den Seinigen gleich Ubermorgen uns eine freundliche Visite geben wolten; derowegen rufften wir von unsern und den Portugiesischen Schiffen alle zusammen, die sich aufs Schlachten, Braten, Kochen, Backen Zurichtung des Confects und dergleichen verstunden, zusammen, brachten auch wild und zahm Fleisch, wie nicht weniger die delicatesten Sorten von Fischen, so wohl aus der See, als aus den auf der Insul befindlichen Teichen und Bachen in groster Menge herbey, indem der Gouverneur meinen Leuten Erlaubniss geben lassen, auf der gantzen Insul herum, sich so viel Wild zu schiessen, und so viel Fische zu fangen, als sie nur immer verzehren konten, indem an allen beyden gnugsamer Uberfluss vorhanden ware.

Am bestimmten Tage hielt der Gouverneur sein Wort, kam mit seiner Gemahlin, Tochtern und Sohnen in leichten offenen Wagens. Hinter welchen auch noch 6. zugemachte Wagens, in welchen sich Frauenzimmer befand, die Officiers und Cavaliers aber kamen zu Pferde. Dieses geschahe ohngefahr um 11. Uhr.

Ich hatte unter 6. Zeltern, deren Wande in die Hohe gezogen waren, grosse Taffeln aufrichten lassen, an deren jeder bis 30. Personen sitzen konten, allein, es wurden kaum 4. Taffeln recht vollig besetzt.

So bald wir den Gouverneur nebst seinem Gefolge ankommen sahen, wurden auf unsern Schiffen zu erst 50. Canonen geloset, unsere und die Portugiesische Mannschafft aber, die am Ufer postirt stunde, gab aus dem Hand-Gewehr eine herrliche und accurate Salve. Da der Gouverneur nebst den Seinigen ausstiegen, wurden zum andern mahle 50. Canonen abgefeuert, auch die zweyte Salve aus Musqueten gegeben, und als wir uns nach vielen gewechselten Complimenten zu Tische setzten, die dritte Salve aus Canonen und Musqueten gegeben, worauf denn jedesmahl von der Citadelle geantwortet wurde.

Es ist die Wahrheit, dass wir sehr propre tractirten, denn die Abwechselung der Speisen war gantz unvergleich, so, dass so wohl der Gouverneur, als seine Gemahlin sich hochlich daruber verwunderten, und zu vernehmen gaben, wie sie nimmermehr vermeinet, dass See-Leute alles so accurat und delicat einrichten konten. Wir entschuldigten uns mit unserer Schwachheit, solche hohe Personen, zumahlen im freyen Felde, nicht nach guten Willen und Vermogen tractiren zu konnen, bathen also dissmahl den guten Willen vor die That anzunehmen. Immittelst gieng der Gesundheitsund Freuden-Pocal lustig herum, wobey die Canonen tapffer geloset wurden, und die Paucken und Trompeten liessen sich aufs tapfferste horen. Der Gouverneur, seine Gemahlin und deren Kinder bezeigten sich ungemein vergnugt, und die Gouverneurin so wohl, als ihr Gemahl, contestirten hoch und theuer, dass sie seit vielen Jahren her keine Mahlzeit mit grosserem Vergnugen eingenommen hatten, worinnen ihre Tochter und Sohne mit einstimmeten.

Wir sassen bis 4. oder 5. Uhr bey Taffel, da denn der Gouverneur sich ausbath, dass wir ihm, weil er des Sitzens uberdrussig, unsere Schiffe zu besichtigen Erlaubniss geben mochten. Demnach fuhreten wir die gantze Svite hinunter in die Schiffe, worbey wir den Gouverneur den Antrag thaten: ob ihm mit dem Barbarischen blessirten Schiffe gedient sey, weil es ein sehr schones, starckes Schiff ware, nur aber einiger Ausbesserung von nothen hatte, indem es von uns ziemlich durchlochert worden, welches alles aber bald ausgebessert werden konte; wir aber, indem wir keine ledige Schiffe mehr brauchten, sondern uns dieselben nur zur Last gereichten, wolten keine Muhe und Arbeit daran wenden, vielweniger die edle Zeit verspielen, und uns an unserer weitern Reise versaumen, sondern es Sr. Excell. umsonst zurucke lassen. Der Gouverneur visitirte selbst das gantze blessirte Schiff, und sagte: Meine Bruder! das ist noch ein vortrefflich schones und starckes Schiff, wollet ihr mir dasselbe hier lassen, so thut ihr mir einen Gefallen, denn es ist noch lange nicht todlich blessiirt, aber umsonst verlange ich es nicht, sondern will mich um den Preiss schon mit euch vergleichen, und sogleich Anstallten machen lassen, dasselbe auszubessern, denn ich verhoffe es noch tuchtig und wichtig zu nutzen. Wir sagten, Se. Excell. mochten nur gleich Dero Leuten Ordre geben, das Schiff auszubessern, im ubrigen wolten wir schon daruber mit einander eins werden.

Ohngefahr 3. Stunden hatten wir alle mit Besichtigung der Schiffe zu gebracht, da denn nicht allein der Gouverneur, sondern auch alle Insulanische Officiers unsere gemachte gute Ordnung, die starcke Besatzung, benebst der Artollerie und Vorrath von HandGewehr aufs hefftigste bewunderten, indem sie, wie sie sagten, nimmermehr vermeynet, dass die Schiffe solche erstaunliche Lasten tragen konten, denn die unzahligen Kisten, Kasten und Ballen fielen ihnen in die Augen. Also sagte der Gouverneur noch: Meine Bruder! ich sehe, dass ihr reiche Leute seyd, und es besser habt als ich, der Himmel behute euch nur vor Sturm und andern Unglucke, damit ihr den Hafen eures Vergnugens glucklich erreicht.

Es mochte ohngefahr Abends um 7. Uhr seyn, als wir wieder aus den Schiffen herauf stiegen, und da horeten wir die Canonen so wohl auf unsern Schiffen tapffer sausen, worauf die Musqueterie und Feld-Musique sich ebenfalls horen liess.

So bald wir also ans Land gestiegen, wurden die 4. Canonen abgefeuret, welche wir dem Gouverneur zum Geschencke bestimmt hatten, und um dieselben herum stunden die 50. Barbarischen Sclaven, die er ebenfalls haben solte. Ich hatte die Ehre, ihm beyderley zum Geschenck zu prsentiren, woruber er stutzte, die Canonen erstlich, und hernach die Barbaren besichtigte, und sagte: Meine Bruder! ich verlange kein Geschenck von euch, aber die Canonen will ich behalten vor einen billigen Preiss an baaren Gelde, indem ich noch einige brauche, und die Sclaven, wenn ihr sie nicht selbsten braucht, will ich auch behalten, aber ich nehme dieselben nicht anders an, als vor baar Geld, und zahle euch durch die Banck Mann vor Mann, vor jeden 20. Thaler, konnet ihr noch mehrere missen, so will ich euch dieselben ebenfalls abhandeln, und mit baarem Gelde bezahlen,denn ich kan nicht laugnen, dass ich mit Barbarischen Sclaven handele, und dieselben nach den West-Indischen Insuln hin verkauffe. Wir beredeten uns erstlich mit den Portugiesischen Capitains, welche sich eben so geneigt finden liessen, auch ihre Sclaven dem Gouverneur, Mann vor Mann a 20. spec. Thaler zu uberlassen, weilen sie ebenfalls Bedencken trugen, die Canaillen weiter mit sich zu nehmen. Demnach wurde der Handel so gleich geschlossen, alle Barbarische Sclaven herbey gebracht, welche der Gouverneur in Augenschein nahm, und dieselben unter einer starcken Escorte auf die Citadelle fuhren liess, uns allen aber die Versicherung gab, dass er uns das Geld vor die Sclaven gleich morgenden Tages wolte auszahlen lassen. Dieses alles aber war noch nicht genug, sondern weil es noch schon und helle Wetter war, fuhreten wir den Gouverneur unter die Zelter, worinnen die ihm bestimmten Waaren stunden, die wir ihm zum Geschencke zugedacht. Ich hatte abermahls die Ehre, im Nahmen unser aller ihm dieses zu prsentiren, und zu bitten, dass er mit diesem geringen Geschencke zur Erkantlichkeit vor die uns erzeigte Ehre, Liebe und Wohlthaten ad interim dasselbe vor sich und seine hohe Familie, geneigt auf und annehmen mochte: Der Gouverneur schien gantz erstaunt zu seyn uber die Vielheit der schonen Sachen, sonderlich aber war das Frauenzimmer gantz ausser sich selbst, als sie die kostbaren Tucher, gold- und silberne, auch andere Sorten Turckischer und Europischer, so wohl sammetner, seydener, baumwollener, wollener und leinener Zeuge in die Augen bekamen.

Wie gesagt, der Gouverneur und alle die Seinigen schienen gantz besturtzt; derowegen sagte ich nochmahls zu ihm: Ew. Excell. werden die Gnade vor uns allerseits haben, und diese Kleinigkeiten zum Prsent von uns anzunehmen geruhen.

Ey was! meine Bruder, (sagte der Gouverneur hierauf) ihr musset mich ohnfehlbar vor einen Mann ansehen, dessen beste Tugend der Geitz und Wucher sey. Aber, nein! nicht also! dieses ware als ein Prsent vor einen Konig oder andern grossen Fursten zu rechnen, darum will ich euch nur so viel sagen, dass mir vieles von euren schonen Waaren und andern Sachen anstehet, darff ich also bitten, so erlaubt mir das Auslesen unter allem dem, was mir gefallig, damit ich die Sachen Morgen mit Wagens kan abholen lassen. So bald wir des Preises wegen einig worden, soll auch die baare Zahlung parat da liegen. Ich sprach, Ew. Excell. erlauben mir zu sagen, dass wir alle keine Kauffleute sind, die etwas zu verhandeln hatten, sondern es ist dieses alles als ein kleines Prsent vor genossene Ehre, Liebe und Gute zu betrachten, solten wir aber so unglucklich seyn von Ihnen und Dero hohen Familie damit verschmahet zu werden, so haben wir 4. Capitains uns einmuthig verschworen, alle diese Sachen in die See werffen zu lassen, weilen wir ausser diesem dennoch gnugsamen Vorrath behalten.

Als der Gouverneur unsern harten Ernst sahe, sagte er: Gebt euch zu frieden, meine Bruder! und argert euch nicht, ich will Morgen fruh alles abholen lassen, aber unter keiner andern Condition als dieser, dass ihr mir mit Hand und Munde versprecht, nur wenigstens noch 4. Monate bey mir auf meinem Schlosse zu bleiben, da ich euch denn nach meinem besten Vermogen will warten und pflegen lassen, auch eure Leute sollen keine Noth leiden, denn meine Walder stehen ihnen offen, da konnen sie so viel Wildpret schiessen, als sie verzehren konnen. Ich glaube nicht, dass sie das Wildpret vertilgen werden, weil dessen in groster Menge vorhanden ist. Auch stehen ihnen alle Teiche, Flusse und Bache offen, worinnen sie fischen konnen, und ich glaube auch nicht, dass sie die Fische auf dieser Insul vertilgen werden, zumahlen, da im Haafen und in der See alles von Fischen wimmelt. Anbey konnen sie sich eine Lust machen, und am Ufer und an den Sand-Bancken Schildkroten fangen, aus deren Eyern und ihrem Fleische ich mir eine besondere Delicatesse mache, so wohl als aus den SeeKrebsen, ingleichen See-Kalbern, die allhier um dieser Insul herum in erstaunlicher Grosse und Menge anzutreffen sind. Uber dieses alles soll euren Leuten alle 3. Tage eine proportionirliche Menge von RindSchopss- und Schweine-Vieh zu getrieben werden, welches sie selbst schlachten mogen, an Brod, Butter, Kase, Saltz, Gewurtze und dergleichen sollen sie auch keinen Mangel leiden. Wein und Brandtewein, nebst Toback, wird sich auch zur Nothdurfft vor sie finden.

Dem Gouverneur gab ich, nachdem ich mich mit den andern Capitains besprochen, dieses zur Antwort, dass Sr. Excell. nur erstlich Ordre stellen mochten, die allerley Sachen von hier ab, und auf Dero Citadelle bringen zu lassen, da wir denn Morgen, oder Ubermorgen fernere Abrede unter einander nehmen wolten. Mittlerweile gab ich das Zeichen, dass erstlich des Gouverneurs auf dem Platze stehende 4. Canonen abgefeuert, und die Trompeter und Paucker uns zu den Taffeln ruffen solten.

Von unsern Schiffen wurden also 50. Canonen geloset, worauf die von der Citadelle antworteten. Der Gouverneur, da er die Taffel-Zelter ansahe, und erblickte, dass alles schon zum Speisen parat war, sagte: "Meine Bruder! eure Complaisance erstreckt sich gar zu weit, es beginet dunckel zu werden, derowegen will ich mich mit den Meinigen nach Hause verfugen, in Erwartung der Ehre, euch Morgen um Mittags-Zeit bey mir zu sehen"; Jedoch auf unablassiges Bitten liess er sich dennoch aufhalten, und setzte sich so wohl, als alle anderen zur Taffel, bey welcher wir abermahls lucker lebten, und unsern eigenen guldenen und silbernen Pocals und Bechern wenig Ruhe liessen, indem wir bemerckten, dass der Gouverneur nichts lieber tranck, als Canari-Sect, dessen wir ihm und allen den Seinigen genugsam vorsetzen konten, weil wir so viele Fasser von den Barbaren erbeutet hatten. Alle seine Officiers und Cavaliers schlugen nicht schlimm bey, sondern waren, so zu sagen, rechte Helden im Sauffen.

Wie nun unter bestandigen Donnern der Canonen und Musqueten, auch unaufhorlicher Feld-Musique, endlich die recht dunckele Nacht herein brach, so hatte mein Bruder schon Anstallten gemacht, dass an der Rhede und auf dem schonen grunen Platze, mehr als 4000. Pech-Fackeln und Schiff-Laternen angezundet wurden, welche er dergestalt artig rangirt, dass sie eine Ansehens-wurdige Illumination machten. Der Gouverneur und alle Anwesende bezeigten ihr Vergnugen daruber, und bald hernach kam mein Bruder selbst, bat unsere samtlichen Gaste, mit ihm an den

Strand zu spazieren, um auf der See ein kleines Feuerwerck anzunden zu sehen. Demnach, und da wir ohnedem schon vollig abgespeiset, folgten ihm der Gouverneur und wir andern alle, bis auf den letzten Mann.

Es ist wahr, mein Bruder, mein Lieutenant und viele von unsern Leuten, die sehr gute Feuerwercker waren, hatten sich Tag und Nacht viel Muhe gemacht, ein Feuerwerck in der Geschwindigkeit zum Stande zu bringen, welches Sehenswurdig war.

Also wurden erstlich von den Schiffen 50. Canonen geloset, und 6. Bomben aus den Feuer-Morsern weit in die See hinaus gespielet. Hernach liess mein Bruder 6. kleine Bootchens in die See lauffen, auf deren jeden einem des Gouverneurs, dessen Gemahlin, Tochter und Sohne Nahmen, den InitialBuchstaben nach, Wechselsweise in roth und blauen Feuer, uber einem Feuer-Rade brannten, welches bestandig herum lief. Anbey bemerckte ich die Schalkkhafftigkeit meines Bruders, da er seiner Amasia Nahmen im grunen Feuer brennen liess, auch das Feuer-Rad zu unterst mit grunem Feuer vorstellete, welches immer einen Schwarmer nach dem andern von sich warff. Es war dieses in Wahrheit fast ein rechtes Kunststuck zu nennen, sonderlich wegen des grunen Feuers, welches den Gouverneur und alle dermassen ergotzte, dass sie bekannten, Zeitlebens dergleichen nicht gesehen zu haben. Indem nun diese brennenden Nahmen sehr lustig anzusehen, in der See durch einander herlieffen, liess mein Bruder ein grosser Boot in die See gehen, worauf unter einer grossen Crone, die im Goldgelben Feuer brannte, die Buchstaben VIVANT im Leibfarbenen F e u e r sich prsentirten; Unten aber im Boote brannte ein sehr grosses Feuer-Rad im grunen. Hierbey wurden mehr als 300. Raqueten gen Himmel gespielet, ohne die vielen Schwarmer, so aus den Handen geworffen wurden, und dabey Wechselsweise 100. Canonen auf den Schiffen geloset, auch gab die Musqueterie zu dreyen mahlen Salve, worauf die von der Citadelle antworteten, wir konten aber vor der Feld-Musique das Schiessen nur in etwas horen. Dieser Lust folgte eine andere, indem mein Bruder unterschiedliche Sorten von Feuerwerckers-Possen, (als wovon ich eben vor meine Person kein grosser Liebhaber bin) noch in die See spielen liess, als Feuerspeyende Drachen, FischMachinen, Feuer-Schlangen, Wasser-Kegel, Lust-Kugeln und dergleichen, welches alles von den Zuschauern besonders bewundert wurde, ohngeachtet ich mir, wie schon gesagt, vor meine Person nichts daraus machte, denn mein Bruder und ich stimmen ohne dem in unser Temperamenten zwar in etwas, jedoch nicht vollkommen uberein.

Dieses Feuerwerck wahrete also bis gegen den Tag, als es ohngefehr 2. bis 3. Uhr war. Da es nun zum Ende, wurden abermahls 50. Canonen von unsern Schiffen geloset, 6. Bomben in die See gespielet, und von der Musqueterie 3. mahl Feuer gegeben. Hiermit hatte die Comdie ein Ende, und wir begaben uns zuruck unter die Zelter, da denn bestellter Massen gluender Wein, Chocolade, Caffee und Thee in grostem Uberflusse anzutreffen war, und es durffte ein jedes sich nur an dieselbige Taffel begeben, oder fordern, was nach seinem Appetite war. Nachst dem waren auch Taffeln anzutreffen, worauf kalter Wein, allerley kalt Gebratenes, Bisquit, Confituren, Obst und dergleichen stunden, welches alles sich unsere lieben Gaste, einer vor dem andern, wohl zu Nutze machten.

Indem die Sonne aufgieng (bey welcher Gelegenheit wir allezeit die Art hatten, von jedem Schiffe 3. Canonen losen zu lassen, worbey sich die Feld-Musique weidlich horen liess) trat der Gouverneur auf, und sagte mit lauter Stimme: "Alle meine Lieben! ich bin ein Mann von 64. Jahren, und habe bekannter Massen, wo nicht die gantze, jedoch bey nahe die halbe Welt durchreiset, sonderlich hat es mir in denen Europischen Konigreichen und Landern uber alle Massen wohl gefallen, und ich kan nicht laugnen, dass ich daselbst zum offtern vor weniges Geld zuweilen viel Vergnugen gefunden, sonderlich in Deutschland; Allein, wenn ich sagen solte, dass ich Zeit meines Lebens einen vergnugtern Tag und eine vergnugtere Nacht gehabt, als die ich nunmehro seit fast 24. Stunden zuruck gelegt habe, so muste ich es lugen, und ich mercke an euch allen, dass ihr vergnugt seyd, sonderlich, da uns die Herren Deutschen und Portugiesen fast Furstlich tractiret, und mit einem so kostbaren Feuerwercke beehret haben. Ich vor meine Person will vorjetzo nichts mehr, als grossen Danck sagen, und in Erwartung, dass sie langstens Morgen Nachmittags in meinem Hause erscheinen werden, mich gegen ihre Hoflichkeit aufs moglichste zu revangiren suchen."

Hierauf, da der Gouverneur noch sagte, dass er Mudigkeit halber nicht langer bey uns bleiben konte, nahmen wir mit vielen Hertzen und Kussen den liebreichsten Abschied von einander, unsere Gaste setzten sich auf ihre Wagens und Pferde, und reiseten, nachdem eine Salve aus 50. Canonen von unsern Schiffen gegeben, nach der Citadelle zu. Ohngeachtet nun der Gouverneur seine gewohnliche Escorte bey sich hatte, so thaten wir und die Portugiesen ihn dennoch die Ehre an, und liessen ihn mit 200. Grenadiers bis vor seyn Schloss convoyren. Da wir denn bald hernach 50. Canonen von der Citadelle losen horeten, worauf wir Antwort gaben; Unsere Grenadiers aber kamen erstlich in 3. Stunden zuruck, indem sie der Gouverneur mit Wein, Brandtewein und Bisquit dergestalt begeistern lassen, dass viele unter ihnen taumelten.

Wir alle suchten auf einige Stunden die Ruhe, und hatten unsern Leuten Ordre hinterlassen, dass, wenn des Gouverneurs Wagens kamen, sie ihnen alle ihm zugedachte Sachen solten aufpacken helffen, und nachdem wir ohngefahr 4. Stunden geschlaffen hatten, befanden wir, dass schon ziemliche Lasten auf die Citadelle gebracht worden.

Des folgenden Morgens machten wir noch eine und andere Anstallten auf unsern Schiffen, wobey die Portugiesen zu vernehmen gaben, dass sie nicht gesonnen waren, sich langer auf dieser Insul aufzuhalten, ohngeachtet es ihnen bey dem wackern Gouverneur sehr wohl gefiele, sondern sie sahen sich genothiget zu eilen, weilen ihr starcker Vortheil und Nutzen darauf beruhete, da ohnedem ihre Schiffe, die eben nicht so grossen Schaden gelitten, bereits fast vollkommen ausgebessert waren. Demnach wolten sie in GOttes Nahmen bey ersten gunstigen Winde abseegeln, und uns GOtt befehlen, weil sie uns aus zweyerley Ursachen nicht zumuthen konten, weiter mit ihnen in Compagnie zu fahren, sondern wir solten uns ja Zeit zu Ausbesserung unserer Schiffe nehmen, weil wir eine noch viel gefahrlichere und weitere Reise vor uns hatten, als sie. Hergegen erboten sie sich auf eine recht liebreiche Art, die gefangen gewesenen Christen-Sclaven, welche mit ihnen nach Europa zu seegeln Lust hatten, nicht allein franck und frey bis nach Portugall mit zu nehmen, sondern auch unterweges sie mit der besten Schiffs-Kost zu accommodiren, uber dieses einem jeden Christen, der mit ihnen nach Europa reisen wolte, 100. Ducaten und ein gut Stuck Tuch nebst anderm Zubehor zur Kleidung zu geben versprachen. Nicht etwa in der Absicht, dass sie ihnen dienstbar seyn, oder die Schiffs-Arbeit solten mit verrichten helffen; Nein! keinesweges, es sey denn zur Zeit der Noth, wenn ein jeder Hand mit anzulegen verbunden ware.

Mein Bruder und ich lobten der Portugiesen Generositee, und versprachen, unsern gefangen gewesenen Mit-Christen gedoppelt so viel zum Geschencke auf die Reise mit zu geben.

Demnach liessen wir die in Freyheit gesetzten Christen alle vor uns kommen, deren denn 4. Frauenzimmer und noch 36. Manns-Personen waren. Ich kundigte ihnen die Generositee der Herren Portugiesen, und mein und meines Bruders Erbieten an; woruber sie sich alle ungemein erfreut bezeigten. Hierauf trat die Dame zu mir, und sagte in Gegenwart aller: Mein Herr! ich habe von Dero Leuten vernommen, dass sie nach dem Vorgeburge der guten Hoffnung zu seegeln; Ich bitte gehorsamst, mich arme betrubte Wittbe um wenigstens bis dahin mit zu nehmen, weilen ich verhoffe, dass ich daselbst Engellandische, oder doch wenigstens Hollandische Schiffe antreffen werde, deren mich eines aus Commiseration auf eine in den Ost-Indischen Gewassern gelegene Insul vielleicht mitnehmen mochte, denn ich kan nicht laugnen, dass ich wenig in Mitteln habe; dancke aber doch dem Himmel, dass er so gnadig gewesen, mir zu vergonnen, dass ich mitten in dem Treffen mit den Barbaren unsere Passe, Wechsel-Briefe, Obligationes und dergleichen listiger Weise erretten konnen; sonsten aber habe von allem unsern Gelde, Guth und Kleidern nichts behalten, als einige Jubelen, Ringe und GoldStucke, die doch ingesamt keine 5. oder 6000. Thlr. werth sind, komme ich aber glucklich auf die Insul, allwo mein seliger Mann eine starcke Forderung hat, so wird mir und den Meinigen schon geholffen seyn, ich will den ubrigen Rest meines Lebens auf dieser Insul beschliessen, und mich, so lange meine Augen offen stehen, niemahls wieder auf die See wagen, viellieber mein in Engelland noch habendes Vermogen im Stiche lassen, wenn meine Verwandten so unbarmhertzig seyn solten, mir selbiges nicht mit guter Gelegenheit nachzuschicken.

Madame! (gab ich zur Antwort) ich verhoffe sie mit den Ihrigen, so GOTT will, glucklich auf das Cap. zu bringen, da sie denn ihre Messures weiter nach Belieben nehmen konnen. Sie haben sich bey mir einer franck und freyen Fahrt zu getrosten, nur bitte mit der Schiffs-Kost und Commoditee, so gut ich dieselbe nur immer besorgen kan, gutigst vorlieb zu nehmen. Auch soll ihnen das kleine Geschenck an Gelde und Meubles angedeyhen, welches so wohl die Herren Portugiesen, als wir, den in Freyheit gesetzten Christen von uns noch vor unserer Abfahrt zu gewarten haben. Mittlerweile ist ihnen erlaubt, sich von den besten Tuchern, Zeugen von allerley Sorten, auch Leinewand und andern Sachen, so sie bedurffen, nach eigenem Belieben zur Kleidung auszulesen und zu behalten.

Die Dame winckte den Ihrigen, welche bey sie traten, und uns ihre Danckbarkeit mit den hoflichsten Complimenten und weinenden Augen abstatteten.

Ihr Sohn war ein wohlgewachsener artiger Mensch von etwa 21. Jahren, der etwas in literis, sonderlich aber in der Mathesi gethan hatte, derowegen liess ich mich nicht lange bitten, ihn mit zu nehmen.

Hierauf stelleten sich die ubrigen Freygelassenen Christen-Sclaven en front, die meisten unter ihnen sehneten sich nach Europa. Wir examinirten in aller Kurtze einen jeden, was vor ein Lands-Mann, von was vor Profession, und was sonsten sein Stand und Wesen ware? Da sich denn befand, dass sich

1) Ein Gurtler-Meister,

2) Ein Buchdrucker-Gesell,

3) Ein Pulver-Muller,

4) Ein Salpeter-Sieder,

5) Ein Buchsen-Macher unter ihnen an

gaben, als welche von selbsten austraten, und uns instandig baten, sie auf den Cours nach Ost-Indien mitzunehmen, und wenigstens aufs Cap. zu bringen, weilen sie noch keine Lust hatten, so bald nach ihren Vater-Landern zuruck zu kehren, sondern sich noch etwas versuchen wolten.

Mir kam dieses recht a propos, derowegen sagte ich ihnen, dass sie ihre Equipage in Ordnung bringen, und sich parat halten solten, nachsten Tags mit uns ab zu seegeln, immittelst mochten sie sich von dem Mittel-Tuche, Leder zu Hosen, Leinewand und allen dem, was zu Ausstafirung ihrer Kleidung von nothen, nach Belieben und nach Nothdurfft auslesen, das versprochene Geld und Geschenck aber vor unserer Abreise ebenfalls richtig gezahlt bekommen.

Wer war erfreuter, als diese Europische MannsPersonen? Jedoch das Vergnugen des Frauenzimmers erzeigte sich dennoch weit grosser, welche sehr bittlich ersuchten, je eher je lieber Sorge zu tragen, dass wir zu Schiffe giengen.

Wir sprachen allen und jeden, die mit uns fahren wolten, freundlich und trostlich zu, liessen sie auch mit den besten Speisen und Wein alltaglich tractiren. Demnach behielten die Hn. Portugiesen nur noch 27. gefangen gewesene Christen-Sclaven, welche sie auf ihr redliches Wort, jedoch nicht weiter, als bis in den ersten Portugiesischen Hafen zu schaffen nochmahls theuer versicherten.

Folgenden Morgens thaten wir die Reise nach der Citadelle zum Gouverneur, und nahmen meinen Lieutenant, wie auch meines Bruders Fahndrich mit uns, weilen diese beyden redlichen Officiers bis hieher noch das wenigste von unsern gehabten Lustbarkeiten genossen hatten. Das Commando uber unsere beyden Schiffe uberliessen wir immittelst meines Bruders neu angenommenen Lieutenante und meinem Fahndriche, und in Hoffnung, dass, da sie beyde, uns getreue Unter-Officiers und Leute unter sich hatten, reiseten wir ohne besondere Sorge mit Plaisir fort, bestelleten aber, dass uns so wohl bey Tags als NachtZeit wenigstens alle 4. Stunden, von allem, was so wohl auf den Schiffen, als sonsten veranderliches passirte, der allergenauste Rapport durch 1. UnterOfficier und 2. Mann abgestattet werden solte.

Wir gelangeten noch 2. Stunden vor Taffels-Zeit bey dem Gouverneur an, mit dem und dessen Familie wir vorhero ein freundliches Gesprache hielten, in welchem der Gouverneur vorbrachte, was Massen er doch hoffen wolte, uns gestern abgeredter Massen noch etliche Monate bey ihm zu sehen; Allein die Portugiesischen Capitains deprecirten solches, und brachten allzu trifftige Ursachen hervor, wesswegen sie sich vor dissmahl nicht langer aufhalten konten, weilen ihr groster Schimpff und Schaden darunter versirte, wenn sie uber die Gebuhr aussen blieben, und nicht nach ihrem Lande trachteten. Also liess sich der Gouverneur endlich bewegen, und erlaubte ihnen auf ihr instandiges Bitten, mit nachsten favorablen Winde abzuseegeln. Mit euch aber, meine Bruder! (sprach er zu mir und meinem Bruder,) darf es so eilig nicht zugehen, denn allem Ansehen nach, braucht ihr noch einige Wochen Zeit, eure sehr zerlasterten Schiffe auszuflicken, wo ihr anders keine gefahrliche Fahrt haben wollet.

Wir beyden gaben zur Antwort, dass unsere Leute ihre Hande keinesweges in die Ficke stecken, noch auf der faulen Banck liegen solten, sondern wir hofften mit den Herren Portugiesen, wo nicht zugleich seegelfertig zu seyn, doch ihnen aufs eiligste nach zu folgen, und zwar auf unserer Strasse, weil wir zweyerley Wege vor uns hatten. Es wird sich schon geben, (sagte der Gouverneur im Schertze) Wind und Wetter wird mir dissmahl schon gehorchen, denn ich gebe mich halb und halb vor einen Wettermacher aus, mittlerweile wollen wir noch eine Zeitlang lustig mit einander leben, auch weder Speisen, Getrancke, Musique, noch Pulver verschonen.

Bey diesen Worten meldete sich mein Bruder, und sagte: Ew. Excell. werden einiger Massen an mir abgemercket haben, dass ich ein Ertz-Pulver-Verderber bin, doch will gehorsamst gebeten haben, von nun an des edlen Pulvers einiger Massen zu verschonen, indem ich, wenn wir ja noch etliche Tage oder Wochen beysammen bleiben solten, mit Dero gnadigen Erlaubniss noch ein oder ein Paar bessere Feuerwerkker, als die letzteren gewesen, zu prsentiren gesonnen bin.

Wohl gut, mein Bruder! (sagte der Gouverneur) es soll von heute an das Pulver menagirt werden, weilen mir selbsten deucht, dass der Freuden-Becher unter Musique, Trompeten und Paucken-Schall eben so gut schmeckt, als unter dem Donner der Canonen.

Wir giengen demnach zur Taffel, die sehr kostlich zubereitet war, da denn beym Gesundheit-Trincken kein eintziger Canonen-Schuss gehoret wurde, als Abends, wenn die Sonne untergieng, da denn 3. Canonen von der Citadelle abgebrannt, und von unsern Schiffen mit eben so vielen geantwortet wurde.

Bis gegen Mitternacht wurde noch mancher schoner Pocal und Becher unter Trompeten und PauckenSchall, auch anderer instrumental Musique ausgeleeret, weil der Gouverneur und die Seinigen sich alle ungemein lustig bezeigeten, auch wir unserer Seits keine Schlaf-Mutzen reprsentirten. Endlich ward Schicht gemacht, und wir beyden Bruder bezogen wieder unser vormahliges Zimmer.

Hernachmahls gieng alles gantz ordentlich, jedoch mit taglicher Veranderung der Lustbarkeiten zu, denn einen Tag giengen wir auf die Jagd, den andern auf die Fischerey, den dritten schossen wir einen grossen holtzernen Vogel von der aufgerichteten Vogel-Stange herunter, den vierdten Tag schossen wir mit Buchsen, Flinten, auch theils mit Pistolen nach den aufgesetzten Scheiben, den funfften sahen wir aus den Fenstern dem Kampff der wilden Thiere unter einander zu, den sechsten fuhren wir Abends in den kleinen Lust-Schiffen auf der See herum, dabey mein Bruder doch sein Wort nicht hielte, und das Pulver sparete, indem er immer nach einander eine ziemliche Menge Raqueten steigen, auch eine Anzahl kleinere Schwarmer aus den Handen werffen, oder aus Pistolen und Flinten in die Lufft schiessen liess, den siebenden Tag fuhren oder ritten wir aufs Land, und besahen bald diesen bald jenen Mayerhof, allwo wir allezeit herrlich tractiret wurden, den achten Tag war Ball und Masquerade, den neundten Tag wurde uns eine Comdie von den Studenten und Gymnasiasten vorgestellet, die wir Fremden allezeit reichlich beschenckten. Kurtz: Es fallet mir fast unmoglich, alle Veranderungen der Lustbarkeiten zu beschreiben, und es wurde kein eintziger Tag ausgesetzt, da nicht eine neue Lust gemacht wurde, ausgenommen, die Sonnund Fest-Tage, an welchen alles sehr devot und andachtig zugieng, und ohngeacht wir Protestanten zu seyn gar nicht laugneten, so gefiel doch dem Gouverneur und seiner Familie, dass wir und unsere Officiers ihre Kirche fleissig besuchten, aber jedennoch, wie devot wir uns auch anstelleten, niemahls eine Ceremonie mitmachten, die unserer protestantischen Religion zuwider war, und wir verspureten nicht, dass ihnen diese oder jene Nachlassigkeit verdross, sondern sie liessen uns in Glaubens-Sachen immer zu frieden, und disputirten davon wenig oder gar nichts.

Unsere subalternen Officiers loseten einander alle Tage ordentlich ab, so, dass sie einen Tag bey uns und bey der Lust mit waren, am andern Tage aber das Cammando auf den Schiffen fuhreten, welche mehrentheils alle 3. oder 4. Tage von mir oder meinem Bruder Wechselsweise visitirt wurden, um die Liebe unseres Volcks gegen uns zu erhalten.

Allein, meine Herren (sagte hier der Capitain Horn weiter zu uns Felsenburgern) ich bemercke, dass ich in der ersten Hitze eine allzu lange Oration, oder Berichts-Erstattung meiner Anhero-Reise Ihnen abgeleget. Mir ist die Zeit darbey nicht lang worden, und bin auch des Redens wegen nicht so mude, als sie vielleicht des Zuhorens sind; doch, da ich sehe, dass die Demmerung herein tritt, will mit Dero gutigen Erlaubniss vorjetzo in meiner Erzahlung Abbruch thun, und das ubrige bis Morgen versparen. Der Regente und alle Anwesenden, sonderl. ich, hatten ihm noch gern eine oder etliche Stunden zugehoret, und lieber die Abend-Mahlzeit entbehren wollen; allein es ware wider alle Billigkeit gewesen, ihm noch ein mehreres Reden zu zumuthen. Derowegen sagte der Regente: Mein Sohn Horn! Ihr habt euch, ohngeachtet ihr gesessen, dennoch mit Reden eine schwerere Arbeit verrichtet, als mancher Holtzhauer, derowegen lasset uns ein wenig speisen, und nach gehaltener Abend-BetStunde zur Ruhe begeben, mit der Verabredung, dass wir Morgen G.G. in den Fruh-Stunden beym Thee einander so, wie wir hier versammlet sind, wieder sehen, und die Fortsetzung eurer Reise-Geschicht anhoren wollen. Vorjetzo nehmet auf heute mit einem mundlichen Dancke von mir vorlieb, bis auf weitern Bescheid.

Demnach wurde die Taffel angerichtet, bey welcher alles gantz stille zugieng, ausgenommen, dass die Herrn Musicanten eine douce Taffel-Musique machten, und damit wohl noch eine gute Stunde nach abgehabener Taffel fortfuhren, bis endlich, nachdem wir noch etwa eine halbe Stunde auf dem grunen Platze bey schoner Witterung und hellem Monden-Schein uns eine Bewegung gemacht, damit sich das Essen setzen mochte, worbey die Musicanten auf dem Berge mit einer angenehmen Abend-Musique sich bestandig horen liessen, das Signal zur Bet-Stunde durch einen Carthaunen-Schuss gegeben wurde. Wir versamleten uns also insgesamt auf dem grossen Saal vor des Re

gentens Zimmer, und warteten daselbst die AbendAndacht ab, worauf ein jeder, nach gewechselten Complimenten zur guten Nacht, seine Ruhe-Statte suchte.

Des folgenden Tages, da Kirch-Tag war, fanden wir uns alle, wie wir gestern versammlet gewesen waren, in des Regentens Zimmer ein, und truncken mit ihm nicht nur den Thee, sondern auch ein jeder nach seinem Belieben, ein oder mehr Glaser FrantzBrandtewein, bis die Carthaune abgefeuret, und die Glocken zum Kirchengehen die Einladung thaten. Das Volck versammlete sich hauffig in der Kirche, wesswegen wir uns auch nicht versaumeten, unsere Stellen zu begleiten. Herr Mag. Schmeltzer Jun. that eine schone Wochen-Predigt, und zu Ende derselben fugte er der Christl. Gemeinde folgendes zu wissen:

"Demnach der allmachtige und barmhertzige

GOtt unsern lieben Freund und Bruder, Hrn. Capi

tain Philipp Wilhelm Horn, nebst seinem Geleite,

nach einer uberstandenen gefahrlichen und be

schwerlichen Reise glucklich und vergnugt, zu un

serer aller, allergrosten Freude, auf diese unsere

liebe Insul zuruck gefuhret; Als erfordert unsere

Pflicht und Schuldigkeit, dem Allmachtigen vor die

gantz besondere Wohlthat, die er uns abermahls

hiermit erzeigt, auch einen gantz besondern Danck

abzustatten. Wie nun unsere Obern und die Geistli

chen beschlossen haben dieserwegen ein solennes

Danck-Fest auf nechst-kunfftigen Sonntag anzu

stellen; als wird Ew. Christlichen Liebe und Ge

meinden solches zum Voraus von der Cantzel hier

mit offentlich verkundiget, damit sie sich darnach

achten, und zu rechter Zeit, wiewohl vor dissmahl

Stuck-Schussen und Lautung der Glocken, in dem

GOttes-Hause einfinden wollen. Mit Proviant sich

zu belastigen, hat niemand nothig, indem unser

guter Regente und Vater so wohl, als die andern

Obern schon Anstallten gemacht haben, auf diesen

Tag alle Einwohner der Insul nothdurfftig zu spei

sen und zu trancken. Wir sind, meine Lieben! un

serm GOtte einen gantz ausserordentlichen Danck

schuldig vor seine unschatzbare Gnade, die er die

ser Insul abermahls wiederfahren und geniessen

lasset, zumahlen, da er uns vor weniger Zeit in

Furcht und Schrecken gesetzet hat. Da wir nun

sehen, meine Lieben, dass GOtt nicht immer oder

ewiglich zurnet, sondern sein Wort halt, ja, da wir

erfahren haben, dass sein Zorn nur eine kleine

Weile uber uns gewahret hat, so lasset uns mit de

muthigen und danckbaren Hertzen ingesamt vor

ihn treten. GOtt bereite unser aller Hertzen zur ihm

gefalligen Andacht, durch die Krafft des heiligen

Geistes, in unsers HErrn und Heylandes JEsu Chri

sti Nahmen, Amen!"

Als der Gottesdienst in der Kirche zum Ende war, und wir auf dem grunen Platze etwas stille stunden, worbey der Capitain Horn der vorderste war, hatte man sein blaues Wunder sehen sollen, wie unsere Leute, alt und jung, ja Kinder, die kaum 2. bis 3. Jahr kusseten ihm Stirne, Backen und Mund, und wenn die jungern und kleinern Kinder sahen, dass sie nicht an ihn hinauf reichen konten, so kusseten sie ihm die Hande, auch so gar die Kleider, welches Ceremoniel ihnen kein Mensch auf der Welt gezeiget und vorgemacht hatte, sondern sie thatens aus unschuldiger einfaltiger Liebe.

Dieses wahrete, bis wir zur Taffel geruffen wurden, nach deren Abtragung Capitain Horn seine Reise-Erzahlung folgender Massen fortsetzte:

Meine Herrn, auch allerwertheste Bruder,

Gonner und Freunde!

Ich habe gestern, wo mir recht ist, in dem Periodo abgebrochen, was Massen wir von dem Gouverneur der grunen Insuln, der seine Residenz und eine wichtige Festung auf einer Insul, S. Jago genannt, hatte, so herrlich tractiret worden; Die andern grunen Insuln hatte er fast rings umher um diese seine Residenz-Insul liegen. Es waren importante Insuln in selbiger Gegend, auf welchen die gutige Natur alles hervorbrachte und darreichte, was der Mensch nur immer verlangen konte. Ehe ich aber weiter gehe, so muss melden, dass die Herren Portugiesen des kostbaren Tractaments uberdrussig wurden, und mit aller Gewalt zu ihrer Abseegelung Anstalt machten.

Der Gouverneur bat sie zwar sehr, noch eine Zeitlang bey ihm zu verharren, allein, sie vermassen sich hoch und theuer, dass es ihnen ohnmoglich, ja hochst gefahrlich ware, langer zu bleiben, demnach erlaubte endlich der Gouverneur, dass sie mit nachstem favorablen Winde in GOttes Nahmen abfahren mochten.

Dieses geschahe also, nachdem sie 2. Monate und etliche Tage geschmauset hatten.

Als es sich nun zu einem gunstigen Winde vor sie anliess, machten sie sich an den Gouverneur, und sprachen: Dass nunmehro ihres Bleibens nicht langer, als etwa 3. Tage noch sey, baten zugleich den Gouverneur, seine Familie und Officiers, auch uns beyden Bruder zum Valet-Schmause, auf das groste von ihren Schiffen. Der Gouverneur, welcher kein KostVerachter war, bestimmte also von heute an den 3ten Tag, da er denn mit allen den Seinigen auf ihren Schiffen erscheinen wolte.

Wie nun der 3te Tag eintrat, traten auch wir samt

lich gebetenen Gaste in dem grosten Portugiesischen Schiffe ein; Jedoch muss zu melden nicht vergessen, dass, so bald sie uns ankommen sahen, alle Canonen so wohl von den unserigen, als den Portugiesischen Schiffen geloset wurden, denn sie hatten uns freundlich darum ansprechen lassen, unsere Canonen zu ihrem Dienste nochmahls zum Valet mit zu gebrauchen; wolten auch das Pulver darzu hergeben, allein wir waren viel zu grossmuthig bey dieser Kleinigkeit, indem wir Uberfluss an Pulver hatten.

Ich muss den Portugiesen nachsagen, dass sie uns sehr propre tractirten, denn sie setzten uns die aller delicatesten Speisen vor. Fleisch-Speisen, Fischwerck und Geflugel von vielerley Art war alles im Uberfluss da, ingleichen an Gebackenes, Confituren und dergleichen spurete man keinen Mangel, absonderlich war die offtere Veranderung der Speisen zu bewundern, als welches Kunststuck wir bey ihnen nicht gesucht hatten. Hierbey war der beste Canarien-Sect unter vielen andern kostlichen Weinen das vornehmste Getrancke, in welchem die Gesundheiten unter Trompeten und Paucken-Schall hauffig getruncken wurden.

Der Schmauss wahrete bis zum Untergang der Sonnen, ja fast bis zu einbrechender Nacht, da denn der Gouverneur, alles fernern hefftigen Nothigens ohngeachtet, Aufbruch machte, und seine Dancksagung bey den Portugiesischen Capitains abstattete, anbey dieselben instandig ersuchte, sich folgenden Morgens, so fruh als es nur immer moglich seyn konte, auf seiner Burg ein zufinden, weilen er gesonnen ware, auch noch ein kleines Valet-Schmaussgen zu geben.

Es wolten zwar die Portugiesen hierein erstlich gantz und gar nicht willigen, sondern sperreten sich hefftig dargegen, allein da der Gouverneur sagte, wie er sie Zeit seines Lebens nicht vor rechtschaffene brave Leute erkennete, daferne sie ihm diese letzte Bitte nicht gewahreten, indem es ja nicht nur vom Ceremoniel erfordert wurde, erstlich nochmahls auf seiner Burg einzusprechen, und Abschied zu nehmen, nachhero aber auf ihren Schiffen den Valet-Becher zu trincken, denn er versicherte ihnen hoch und theuer, dass er, weilen sie doch so gar allzusehr eileten, nicht langer, als den morgenden Tag aufhalten, des folgenden Tages aber ihrer Abfahrt mit betrubten Augen nachsehen wolte, so lange bis sie ihm aus den Augen verschwanden. Uber alles dieses hatte er noch vieles in Geheim mit ihnen zu reden, welches der Portugiesischen Nation und auch dem Gouverneur selbst zu gantz besonderm Nutzen und Vortheil gereichen konte. Wie nun die Portugiesen dieses vernahmen, versprachen sie ihm auf redliche Parole, dass sie folgenden Morgens mit den allerfruhsten auf der Burg sich einfinden wolten. Demnach reisete der Gouverneur nebst allen den Seinigen nach seiner Burg zu, und wir beyden Bruder wurden von dem Gouverneur und den Seinigen fast forcirt, auch mit dahin zu gehen.

Es war also schon um die Zeit des Aufgangs der Sonnen, als wir die Burg erreichten, immittelst wurde von beyden Seiten noch immer bestandig scharf canonirt, jedoch wir legten uns alle auf einige Stunden zur Ruhe. Die Portugiesen hielten ihr Wort redlich, und stelleten sich bey fruher Tags-Zeit bey uns ein, da denn nicht lange hernach auf der Burg alles munter und wach wurde, demnach mochten wir auf der Burg wohl ein gut Stuck langer geschlaffen haben, als die Herren Portugiesen.

Dieses Tages liess der Gouverneur in Wahrheit abermahls ein recht furstlich Tractament zurichten: Denn die Taffeln waren dergestalt mit den allerbesten Sorten von leckerhafften Speisen besetzt, dass man immer vermeynen sollen, es wurden dieselben brechen. Von Wein und andern Getrancke verschiedener Sorten war ein solcher Uberfluss zu sehen, so dass es das Ansehen gewann, als ob sich die Gefasse immer von sich selbsten wieder voll fulleten.

Bey allen dem sassen wir in die 4. bis 5. Stunden an der Taffel, jedoch mehr beweglichen Machinen, als Menschen ahnlich, indem von den allzuhauffigen Speise-Gerichten die wenigsten etwas rechts geniessen konten, zumahlen, da uns allen noch die Portugiesische gestrige Mahlzeit noch in dem Leibe stack. Demnach wurde mehr getruncken, als gespeiset, denn es verfolgte immer ein Pocal den andern, und zwar unter Trompeten und Paucken-Schall, auch Losung der Canonen, so wohl von der Burg, als von unsern Schiffen. Wie nun dieses gegen des Gouverneurs Wort lief, dass wir nemlich das Pulver schonen wolten; so sagte derselbe; Ey was! Schade vor das Pulver, meine Bruder! ich habe nicht allein in den Magazins dessen im Uberflusse, sondern kan auch einen Tag und alle Tage mehr Pulver mahlen lassen. Einmahl vor allemahl, heute wollen und mussen wir einmahl noch frolich und lustig beysammen seyn, weil wir nicht wissen, ob wir einandern so bald, oder wohl gar nicht wieder sehen mochten, denn ich bin ein alter Mann, der dem Tode starck entgegen gehet.

Wir alle wunschten dem ehrlichen Manne ein noch langes und vergnugtes Leben, weilen er Alters halber noch viele Jahre leben konte. Er schien uber unsere Wunsche vergnugt zu seyn, nach aufgehabener Tafel aber gab er den Portugiesischen Capitains, wie auch mir und meinem Bruder einen Winck, ihm in ein Ober-Zimmer zu folgen. Mitten in diesem tappezirten Zimmer stund eine lange Taffel, die mit einer rothen Sammet-Decke beleget war, welche Decke der Gouverneur durch 2. Pagen abnehmen liess, worauf sich unsern Augen folgendes prsentirte: 1.) 2. saubere Degen, deren Gefasse so wohl, als die

Schnallen am Gehencke, hauffig mit Brillanten und

andern Edel-Gesteinen besetzt waren. 2.) 2. vortrefflich schone Spanische-Rohre, deren

Gesteinen besetzt waren. 3.) 24. Stuck grosse guldene Taffel-Schusseln. 4.) 24. Stuck etwas kleinere oder Mittel-Schusseln,

die ebenfalls von Golde getrieben waren. 5.) 4. Dutzent goldene Teller. 6.) 4. Dutzent goldene ordinaire Loffel. 7.) 2. ziemlich grosse guldene Pocale, die da sehr

starck mit Brillanten und andern edlen Steinen be

setzt waren. 8.) 2. Dutzent goldene Becher von verschiedener Gro

sse, welche sehr bequemlich beym Speisen zu ge

brauchen. 9.) 48. Stuck ziemlich grosse aus feinem Silber ge

triebene Schusseln. 10.) 48. Stuck aus feinem Silber getriebene Mittel

Schusseln. 11.) 4. Dutzent silberne Teller. 12.) 4. Dutzent silberne Loffel. 13.) 4. Dutzent silberne Becher von verschiedener

Grosse. 14. 15.) 2. Uhrwercke und Compasse mit guldenen

Gehausen, und starck mit Steinen besetzt, worinnen

zu oberst die Magnet-Nadel befindlich.

Auf einer dabey stehenden Neben-Taffel befanden sich noch verschiedene guldene und silberne Gefasse, und zwar alles gedoppelt, als nemlich Lavors, Comallerseits bewunderten. Nachdem wir uns aber satt daran gesehen hatten, er griff der Gouverneur die beyden Portugiesischen Capitains bey den Handen, und sagte zu ihnen: Sehet hier, meine werthen und lieben Bruder! das soll das geringe Geschencke seyn, welches ihr von mir auf die Reise empfanget, verschmahet dasselbe nicht, sondern theilet euch bruderlich darein, und gedenckt meiner und der Meinigen im Besten, so offt ihr auch das gerinste Stucklein darvon braucht.

Die Capitains erschracken daruber, und wolten sich durchaus nicht entschliessen, auch das geringste davon anzunehmen, sondern brachten unzahliche Entschuldigungen vor, die sie verhinderten, an einem solchen uber koniglichem Geschencke einigen Theil zu nehmen; Allein der Gouverneur sagte, indem er sie hertzlich kussete: Meine Bruder! macht kein Wunder, und verschmahet mich nicht, sonsten werde ich auch so trotzig werden, als ihr euch ausgabet, da wir zu erst zusammen gekommen sind, und da ihr mich dergestalt reichlich beschenckt habt, ist das Meinige eine kleine Kleinigkeit dargegen zu rechnen.

Indem fassete er die beyden Portugiesen bey den Handen, und sagte: Seyd so gutig, mir zu folgen, meine Bruder! um zu sehen, was mein Frauenzimmer vor euch zu rechte gelegt hat, und zwar in diesem besondern Zimmer; Da er aber mich und meinen Bruder auch anfassete, um zu sehen, was passirte, so traffen wir in dem Neben-Zimmer einen erstaunlichen Kram von allerley Arten weisser Wasche an. Nachst diesen zwey kostbare, damastene, mit Golde bordirte SchlafRocke und andere Nacht-Kleider. In Summa, wir hatten allerseits Ursache, uber die Menge der kostbarn Wasche so wohl, als uber die andern Sachen zu erstaunen.

Demnach stelleten sich die beyden Portugiesen gedoppelt beschamt, beklagten sich auch daruber so wohl bey dem Gouverneur, als bey dessen Frauenzimmer in recht wehmuthigen Geberden und Stellungen, welcher erstere, nemlich der Gouverneur, denn zu beyden sagte: So wahr ich lebe, meine Lieben! so lange als ihr hier bey mir gewesen seyd, habe ich keine unvergnugte Stunde, geschweige denn einen unvergnugten Tag gehabt, als nunmehro diese Stunde, da wir Abschied von einander nehmen mussen. Wolte GOtt! wir hatten Zeit-Lebens beysammen bleiben konnen, da aber dieses eine unmogliche Sache, so kranckt mir und den Meinigen in der Seele nichts mehr, als dass ihr so eigensinnig oder hochmuthig seyn wollet, die geringen Gegen-Geschencke gegen die eurigen, welche weit reichlicher gewesen, als die unserigen, von uns anzunehmen. Die nun die Portugiesen erweisslich machten, dass Dero Geschencke allzu kostbar, und zwar von beyden Seiten, gegen das wenige, was sie von uns empfangen hatten, ohne die allzu vielen Gefalligkeiten und Gnaden-Bezeugungen zu rechnen, die wir von Tage zu Tage von Ihnen genossen; so fieng der Gouverneur endlich also zu reden an: Meine lieben Bruder! Gold und Silber habe ich im Uberflusse, so wohl als die Meinigen, die wenig Wasch- und Kleidungs-Stucke herbey gebracht haben. Wir bitten demnach alle aus einem Munde, uns nicht zu verschmahen, sondern dieses wenige zum geneigten Andencken, nicht aber als ein Geschenck anzunehmen, wiedrigenfalls will in eurer aller Gegenwart einen theuren Schwur thun, dass alle die Sachen noch vor eurer Abfahrt in die See geworffen werden sollen, und zwar, wo dieselbe am tieffsten ist.

Der Streit wahrete noch eine ziemliche Zeitlang, endlich aber, nachdem der Gouverneur, seine Gemahlin, Tochter und Sohne die Portugiesen nochmahls alle zartlich umarmet und gekusset, gaben sich diese uberwunden, und gewiss, das Abschied-nehmen kam allen so bitter an, dass die meisten, eins wie das andere, die heissen Thranen fallen liessen.

Folgendes Tages in aller Fruhe liess der Gouverneur alle verschenckten Sachen auf der Portugiesen Schiffe schaffen, und zwar durch seine eigenen getreusten Leute, denen wir alle, nach eingenommenem Fruhstuck, in Chaisen auf dem Fusse nachfolgten, und auf den Schiffen ankamen, allwo die Portugiesen sich ungemein erfreueten, dass sie einen gunstigen Wind fanden, mithin sich in moglichster Eile vollends einschifften, und nach nochmahligem genommenen zartlichen Abschiede und Valet-Truncke am Strande ihre Ancker lichteten, die Seegel aufzogen, und unter einem entsetzlichen Donnern der Canonen so wohl von ihren, als unsern Schiffen, ingleichen von der Citadelle, als und darvon fuhren. Der Gouverneur blieb mit den Seinigen so lange am Strande stehen, und winckte bestandig mit dem Huthe, bis sie uns aus den Augen verschwanden, worauf wir insgesamt zuruck

auf die Burg fuhren, indem er uns durchaus nicht aus den Augen wolte kommen lassen.

Als wir auf der Burg angelanget, sagte er zu uns beyden Brudern: Nun, meine werthesten Bruder! ihr werdet von der Gute seyn, und die euch angewiesenen Zimmer beziehen, als dergleichen keine bessern in meinem Hause anzutreffen sind, auch alles kuhnlich fordern, was zu eurer Bequemlichkeit gereicht, denn wahrhafftig, ich liebe euch als Bruder, meine Gemahlin macht in der Liebe zu ihren Kindern und gegen euch nicht den allergeringsten Unterscheid, und meine Kinder erzeigen sich nicht anders, als ob ihr ihre allernachsten Anverwandten waret. Woher aber eine solche Liebe entstanden, solches ist eine gantz andere Frage, welche ich jedoch nicht anders beantworten kan, als wie ich vollkommen der Meynung bin, dass dieselbe gantz heimlich in der Natur steckt, und von uns Menschen nicht gnugsam erforschet werden kan. Mit einem Worte, ich halte dergleichen Liebe vor eine vollkommene Sympathie oder Ubereinstimmung der Hertzen und Gemuther, es mogen aber die Herren Philosophi nach ihrem besten Vermogen untersuchen, wie es damit zugehet? wo es steckt? wenn sichs anfanget? wenn es aufhoret? und dergleichen, kurtz: ich sage nur dieses, dass ich in dieser Sache keinen Grund finden kan. Ihr habt gesehen, meine Bruder! dass ich und die Meinigen den beyden Portugiesischen Capitains nach unserm besten Vermogen alle mogliche Gefalligkeit und Hoflichkeit geniessen lassen, weiln ich ihnen nachruhmen muss, dass sie artige Leute, und darzu unserer Romisch-Catholischen-Religion zugethan waren, da hingegen ihr, wie ich von euch vernommen habe, Protestanten seynd.

Unterdessen wolte wunschen, dass die lieben Portugiesen noch bey uns geblieben waren, bis auf eine andere Zeit, doch, da sie einmahl fort sind, so wunsche ihnen GOttes Geleite, und bin nur von Grunde meiner Seelen erfreuet, dass ich euch, meine Lieben noch eine Zeitlang bey uns sehen soll. Nun aber sagt mir, meine Herren! wie es zugehet, dass die Liebe von unsern Seiten nicht auf unsere Glaubens-Genossen, sondern auf die Protestanten gefallen? Es solten sich zwar wohl bey unserer Religion einige finden, welche dessfalls bey diesem oder jenem einen Gewissens-Scrupel erregen, oder erzwingen mochten; Allein bey mir und den Meinigen werden sie ihren Zweck nicht erreichen, denn unser Wahlspruch ist dieser: Wir lieben die Tugend, und lassen jedennoch die Religion in ihren gebuhrlichen hohen Wurden. Nachdem wir noch eine gute Zeitlang von dieser Materie pro und contra disputirt hatten, bezogen mein Bruder und ich unsere angewiesenen Zimmer, und lebten darauf dergestallt ruhig und vergnugt mit dem wohlthatigen Gouverneur und den Seinigen, dass ich, ausgenommen, was Felsenburg anbelanget, nicht leicht an einem Orte mehr Vergnugen auf dieser Welt gehabt.

So bald der Gouverneur und die Seinigen das Wort von uns beyden heraus gelockt, ja, so zu sagen, erzwungen hatten, wie wir wenigstens noch 2. Monate bey ihnen bleiben wolten; war das gantze Haus voller Freuden, damit wir aber eine Haupt-Veranderung unserer Gemuther empfinden mochten, stellete der Gouverneur eine general-Visitation der unter seinem Commando stehenden Insuln an, und lude uns darzu ein. Es wurden auch so gleich Anstalten zur Abfahrt gemacht, indem er gesonnen, seine gantze Familie mit sich zu fuhren, bis auf den altesten Sohn und jungste Tochter, als welche beyde gute Wirthschafft fuhren solten. Wir beyden Bruder konten ohne besondere Sorgen die Reise mit antreten, weiln wir versichert waren, dass wir getreue Subalternen und UnterOfficiers so wohl, als auch Volontairs und Gemeine hatten; Lauter Leute, die nicht zu verbessern waren.

Wie demnach die aufs kostbarste und zierlichste ausgerustete ungemein bequemliche Fregatte, welche von einem Kriegs-Schiffe begleitet wurde, im Hafen der Insul St. Jago anlangete, setzten wir uns in dieselbe, und fuhren mit des Gouverneurs Suite unter einer starcken Bedeckung und unter Losung der Canonen von dannen, worbey zu mercken, dass uns der Gouverneur erlaubte, 12. Mann Granadiers von unsern Leuten, wie auch ausser diesen, dass er allen unsern Volontairs die Freyheit gab, in der Suite uns zur besondern Bedeckung mit zu reisen. Wir fuhren also zuerst auf die Insuln St. Luci und Nicolai, als in welchen beyden der Gouverneur unvergleichliche Fortifications und Schlosser zu seiner Bequemlichkeit anlegen lassen, weil sie die grosten waren unter denen noch ubrigen etwas kleinern Insuln, welche doch aber alle sehr fruchtbar, und der Gouverneur auch in der aller kleinesten Insul ein Abtrits-Haus oder Pallais vor sich hatte.

Wir bewunderten, indem er auf einer jeden Insul Gerichte hielt, (da denn die Unterthanen vor seinem Richter-Stuhle erscheinen musten) dessen gantz besondere Conduite und Liebe zur Gerechtigkeit, wovon ich unzahlige merckwurdige Exempel vorbringen wolte, wenn es vor jetzo Zeit darvon ware. Uns zu Gefallen liess er hie und da bald auf dieser, bald auf jener Insul ein Corps seiner Trouppen entweder von regulirten, oder von Land-Militz zusammen ziehen, welche er selbst aufs scharffste musterte und exerciren liess, worbey ich gestehen muss, dass derselbe Mann rechte brave Soldaten unter sich hatte.

Von allerhand sonderbaren und wunderbaren Geschichten, welche wir auf dieser oder jener Insul erfahren, will ich vor dissmahl, beliebter Kurtze wegen, so wenig erwehnen, als von der Natur, Art und Weise dieser grunen Insulaner, viel weniger von dem Ceremoniel und anderer Lebens-Art, auch Freudens-Bezeugungen, bey Anwesenheit ihres Gouverneurs, und was sie ihm vor Geschencke zu bringen pflegen. Hergegen kan ich nicht anders sagen, als dass wir auf diesen Insuln wegen der vielfaltigen Veranderungen ungemeines Vergnugen fanden, endlich aber, da wir schon fast einen gantzen Monat von St. Jago, als der Residenz des Gouverneurs, hinweg gewesen, gaben wir demselben zu vernehmen, was Massen, da nun fast ein Monat von unserer angelobten Zeit des Dableibens verflossen, Sr. Excell. die Gnade haben mochten, es dahin zu verfugen, dass wir beyden Bruder nur auf einem Jagd-Schiffgen nach St. Jago gebracht werden mochten, weiln wir uns nicht getraueten, langer von unsern Schiffen abwesend zu bleiben, sondern nunmehro in bestandigen Aengsten und Sorgen schweben musten, weilen bekannter Massen unsere Subalternen das See-Hand-Werck noch nicht gar zu vollkommen verstunden, uns aber an einer tuchtigen Reparatur unserer Schiffe das allermeiste gelegen ware etc. Es ist gut, meine Bruder! (sagte hierauf der Gouverneur) dass ihr mich erinnert, wir wollen insgesamt von hinnen seegeln, damit wir bey Zeiten zu Hause kommen, denn ich kan wohl sagen, dass mir kein Bissen besser schmeckt, als in meiner Burg.

Demnach besuchte der Gouverneur nur noch 5. oder 6. kleine Insuln, welches binnen wenig Tagen geschehen war, worauf wir insgesamt den Ruckweg nach St. Jago nahmen, und weiln wir die Zuruckkunfft durch ein Post-Schiff melden lassen, so hatten des Gouverneurs Leute kaum unsere Flaggen auf den Schiffen wehen sehen, als so gleich ein grausames Donnern der Constabler auf der Citadelle, und auch zu gleicher Zeit von unsern Schiffen gehoret wurde, wesswegen wir uns nicht lange mit Rudern verweilten, sondern machten, dass wir den letzten Abend des abgelauffenen Monats bey guter Zeit glucklich und gesund auf St. Jago anlangeten.

Von den vielen Complimenten, welche auf beyden Seiten, zwischen den Einheimischen und Verreiset-gewesenen, gewechselt wurden, will ich gar nichts gedencken, sondern nur so viel sagen: dass die werthesten Zuruckgebliebenen, so zu sagen, gantz ausser sich selbst waren, da sie uns alle, besonders aber ihren theuresten und werthesten Herrn Vater, glucklich und gesund wieder zuruck kommen sahen, und ihn mit Vergnugen umarmen konten.

Unserer beyden Bruder erste Sorge war: die Schiffe in Augenschein zu nehmen, und zu erfahren, ob unsere Leute auch ihren besten Fleiss angewendet, dass wir uns zum baldigen Abseegeln Hoffnung machen konten. Wesswegen wir uns denn bey dem Gouverneur und seiner Familie auf einige Tage beurlaubten; nach Verlauff derselben aber, da wir auf unsern Schiffen alles nach unserm Wunsche und Willen verfertiget und zugerichtet antraffen, so, dass wir uns in vollkommenem Seegelfertigen Stande befanden, mithin nur blos auf gunstigen Wind warteten, unsere Abfahrt zu beschleunigen; als kehreten wir erstlich nochmahls zuruck auf die Burg, und liessen es uns die noch ubrigen Tage der angelobten Zeit unsers Dableibens im taglichen Wohlleben dergestalt gefallen, wie es der Gouverneur und die Seinigen gern sehen und haben wolten.

Ich habe, wo mir recht ist, schon gestern einen kleinen Anfang gemacht, von der Liebes-Begebenheit zwischen meinem Bruder und des Gouverneurs altesten Tochter etwas zu erwehnen; Derowegen will voritzo darinnen fortfahren, weilen es ohnedem eine Begebenheit, welche guten Theils mit zu unserer HauptHistorie gehoret.

Es hatte demnach, binnen der Zeit, die wir mit Visitation der umliegenden Insuln zubrachten, mein Bruder vollends Gelegenheit gefunden, sich in dem Hertzen dieses Frauenzimmers vollkommen feste zu setzen, ohne weiter hinaus zu dencken, wie dieses Gewerbe etwa ablauffen konte oder wurde. Wie denn, meines Erachtens, die Verliebten zwar 9. mahl klug zu nennen, aber doch im Gegentheil offt 10. ja mehr mahl toll, oder wenigstens einfaltig in ihren Actionen befunden werden.

Mein Bruder war seit dem, dass wir auf den kleinen Insuln herum geschwarmet oder geschmauset hatten, gantz drauste mit seiner Amasia worden, da doch solches bey damahligen Umstanden, um so viel mehr hatte unterdruckt werden sollen, wenn man anders die Klugheit beobachten wollen.

Wie nun dieses Frauenzimmer ihn vor allen andern Manns-Personen distinguirte, so fiel ihre LiebesKranckheit allen Leuten auf einmahl in die Augen, ja, mein Bruder und diese seine Erwahlte trieben es so toll mit Hertzen, Kussen und andern Liebkosungen, dass es auch so gar den Eltern gefahrlich vorzukommen schiene, ihnen beyden fernerhin zu trauen. Meinen Credit hatten sie alle beyde gleich bey Anfang ihres Commercii, so bald ich nemlich dessen innen geworden, vollkommen verlohren. Ich stellete meinem Bruder zuweilen, wenn wir uns in der Einsamkeit, ohne andere Gesellschafft befanden, Himmel und Holle vor, um ihn von der mir und ihm hochst fatalen Liebe abzugewohnen, allein, ich predigte tauben Ohren, denn er antwortete mir zum offtern kaum darauf, und wenn er ja allenfalls zum Stande zu bringen war, mit hochtrabenden und thorichten, zum offtern auch lacherlichen Redens-Arten und Minen, welche mich zu vielen mahlen nicht wenig verdrossen; allein ich hielt ihm, als einem verliebten Hasen, oder wohl gar etwas mehr, sehr viel zu gute, bewunderte aber anbey nichts, als dieses, dass der Gouverneur so wohl, als seine Gemahlin, das Hertzen, Lecken und Kussen dieser zweyen Verliebten, es mochte auch bey was vor Gelegenheit seyn, als es nur immer wolte, noch immer so mit gelassenen Augen ansahen, und nicht eine eintzige scheele Mine darzu machten. Hergegen machten mein Bruder und ich einander immer desto scheelere Minen, welches den andern Anwesenden zwar bedencklich vorkam, jedoch es muste unter dem Vorwande durchgehen, dass wir eine und andere Streitund Zwistigkeiten gehabt, und dieselben noch nicht vollig beygelegt hatten.

Allein es war die gantze Sache in Wahrheit kein Schertz oder Spas zwischen uns Brudern, denn eines Abends, als sich mein Bruder, meinen Gedancken nach, etwas allzu frey gegen seine Amasiam beym Tantze aufgefuhret hatte, bemerckte ich, dass ein paar Insulanis. Officiers von nicht geringem Stande und Wurden, sich uber ihn hohnisch aufhielten, wesswegen ich meinen Bruder bey Seite zohe, ihm seine verliebte Thorheit vorruckte, und freundlich ermahnete, sich kluger und gescheuter aufzufuhren, damit ich und alle die Unsrigen nicht etwa mit der Zeit Ursache hatten, ihm unsere Verungluckung eintzig und allein zu zuschreiben.

Meines Bruders Antwort war diese: Bruder! ihr redet vor dieses mahl, wie ein Kind, da ihr doch euch dessen schamen soltet, weilen ihr viel alter seyd, als ich, allein thut mir den Gefallen, und kommet fruh Morgens um die Zeit des Aufgangs der Sonnen zu mir hinunter in eine, euch selber beliebige Sommer-Laube des grosten Lust-Gartens, vielleicht bringt ihr in der freyen Lufft vernunfftigere Dinge vor, als voritzo.

Wir sahen einander diesen Abend ferner und weiter nicht an, als uber die Achseln, und folgenden Morgens begab ich mich abgeredter Massen hinunter in die eine Sommer-Laube, in volliger Kleidung mit Stock und Degen, traf auch meinen Bruder und zwar ebenfalls in Stock und Degen darinnen an. Zuerst hielt ich ihm eine gantz sanfftmuthige Gesetz-Predigt, nachhero aber wurde unser Wortwechsel etwas hitziger und hefftiger, und zwar dergestalt, dass meinem Bruder die Galle auf einmahl uberlief, weil ich ihm, seiner Meynung nach, etwas gar zu empfindliche Stichel-Reden gegeben haben solte; und eben dieserwegen sprang er zur Lauber-Hutte hinaus, entblossete seinen Degen, und brachte mir, der ich ihm ebenfalls mit entblosseten Degen entgegen gieng, einen Affections-Stich durch den rechten Arm uber dem Ellbogen bey, welcher jedoch nicht viel zu bedeuten hatte; Er aber, mein Bruder, so bald er mein Blut lauffen sahe, fassete seinen Degen bey der Spitze, und prsentirte mir diesen seinen Degen mit den Worten: Hier, mein allerliebster Bruder! entlediget euch mit diesem meinen eigenem Seiten-Gewehr eines unartigen Menschen, der nicht wurdig ist, euer Bruder genennet zu werden. Allein ich nahm den Degen von ihm, und warf denselben in die Erde, meinen Bruder aber umarmete ich mit Thranen unter diesen Worten: Nein, mein Bruder! GOtt lasse ferne von uns seyn, dass einer von uns ein Cain werde. Wir hielten also unter Vergiessung heisser Thranen einander eine lange Zeit umarmet, bis wir endlich befurchteten, dass jemand darzu komen mochte; Er, mein Bruder aber verband mir, so

bald wir auf unser Zimmer kamen, meine Wunde selbst, und wir schatzten es noch vor ein Glucke, dass niemand darzu gekommen war, und uns gesehen hatte. Wir hielten auf dem Zimmer, weil wir von niemanden verstohret wurden, noch ein langes und breites Gesprach von dieser blutigen Begebenheit, und endlich liess sich mein Bruder vor mich auf die Knie nieder, und bat mich, ihm seinen selbst also genannten Fehler und Unbesonnenheit zu vergeben, und zwar unter Vergiessung hauffiger Thranen, ja er sagte: wie dass er sich Zeit Lebens nicht zu frieden geben konte, wenn ich ihm nicht einen theuren Eyd schwure, nimmermehr wieder daran zu gedencken, welchen Eyd ich ihm denn auch so gleich auf der Stelle leistete, krafftig trostete, und damit vollig wieder vergnugte, worauf er eine gantz andere Lebens-Art zu fuhren versprach, und vor allen Dingen meinen getreuen bruderlichen Vermahnungen in allem Folge zu leisten, sich verbindlich machte.

Ich war erfreut uber meines Bruders Bekehrung und Busse, jedoch flossete ich ihm die Lehren ein: dass er sich ja nicht eben sauertopfisch oder sonsten murrisch anstellen mochte, sondern immerhin lustig und guter Dinge seyn konte, absonderlich des Frauenzimmers wegen, damit dieselben seine so jahlinge Veranderung nicht merckten, und diesen oder jenen Verdacht auf uns legten.

Er versprach mir in allen Stucken zu folgen, und zwar mit einem theuren Eyde, hielt auch sein Wort redlich, und brach sonderlich von dem allzu offtern Hertzen und Kussen ziemlich ab, weilen er vermerckte, dass ich dergleichen nicht gern leiden mochte.

Jedoch einige Tage nach dieser Begebenheit bat mich der Gouverneur, mit ihm in einen Garten zu spazieren. Indem nun nicht vermeynete, er wurde von etwas anders zu sprechen anfangen, als von unserer baldigen Abreise, weiln so wohl ich, als mein Bruder, uns verlauten lassen, dass wir dieselbe nicht lange mehr aufzuschieben gesonnen waren; so muste ich mit Erstaunen horen, dass der Gouverneur, nachdem er mich in eine Grotte gefuhret, auch neben sich nieder zu setzen gebeten, gegen mich gantz unverhofft also zu reden anfieng: Horet mir zu, mein Herr, Freund und Bruder! Ich, als ein Mann, der nichts als Aufrichtigkeit, Treue und Redlichkeit liebt, will euch ein Geheimniss eroffnen, wovon niemand ausser meiner Frauen, bis auf diese Stunde das geringste weiss. So wohl ich, als meine Frau haben bemerckt, dass euer Herr Bruder und meine alteste Tochter von der Zeit an, da ihr bey uns angekommen, Wechselsweise ihre Augen auf einander geworffen; ja! ich muss mich schamen, zu sagen, dass meine alteste Tochter recht hefftig am so genannten Liebes-Fieber laborirt, und dabey nicht geringe Passiones ausstehet. Ich habe zwar gedacht, diesem Ubel abzuhelffen, und sie an einen Standesmassigen Liebsten zu verheyrathen, allein sie ist seit der Zeit, dass sie mannbar, auch dergestalt eigensinnig worden, dass sie (ohne eitlen Ruhm zu melden) mehr als 16. bis 18. Freyern den Korb gegeben, ohngeachtet wir beyderseits Eltern ungemein gern gesehen, wenn sie sich diesen oder jenen erwehlen wollen; Aber! sie bleibt bey einerley Sprache, und sagt: was Massen sie gesonnen, lieber in ein Kloster zu gehen, und eine Nonne zu werden, als einen Mann zu nehmen, der nicht allein vom Gesichte und gantzen Wesen dergestalt beschaffen ware, dass sie ihn vollkommen zu lieben sich anheischig machen konte; Kame einer dergleichen vor ihrem 24sten Jahre, so mochte es gut seyn; wo nicht? so wolte sie vielleicht noch vor ihrem 24sten sich im Kloster einkleiden lassen, denn das Probe-Jahr hat sie schon ausgestanden, und ist nunmehro erst 22. Jahr alt.

Ich sehe, (fuhr der Gouverneur in seinen Reden zu mir fort,) dass ihr eure Farbe verwandelt, mein Herr! aber alles, was ich itzo gesagt habe, ist die pur lautere Wahrheit, denn meine alteste Tochter hat ein vor allemahl den Schwur gethan, dass, wenn es ihr misslingen solte, den jungsten Capitain Horn zum Manne zu kriegen, sie Zeit Lebens mit keiner Manns-Person mehr Umgang pflegen, vielweniger sich fernerweit um alle Manns-Personen in der Welt bekummern wolte, denn dieses ware eintzig und allein diejenige MannsPerson, welcher nicht nur in seinem Gesichte, sondern auch in seiner gantzen Auffuhrung und Conduite alles an sich hatte, was sie bewegen konte, ihn vollkommen, aufrichtig und getreu zu lieben. Solte es ihr aber bey diesem ihr vielleicht vom Himmel zugesendeten Liebsten dennoch misslingen, so ware sie gantzlich entschlossen, ihr ubriges Leben im Kloster zuzubringen, und keine 4. Wochen Bedenck-Zeit weiter desswegen zu nehmen. Nun, mein Herr und Bruder! was Raths, was sind eure Gedancken bey diesen verwirrten Umstanden? Was wird euer Hr. Bruder darzu sagen, wenn ihr ihm dieses erzahlt, als warum ich instandig bitte, und solches als ein besonderes Zeichen der Freundschafft gegen mich und die Meinigen erkennen will, damit ich nur erfahre, was eure und seine Gedancken bey dieser Sache sind. Signor! (gab ich ihm zur Antwort) meine eigene Gedancken will ich Ihnen so fort in Vertraulichkeit eroffnen, und so viel sagen, dass meinem Bruder zwar ein Gluck vorstunde, dessen er wegen seiner Person nimmermehr wurdig ware; wo ich mich anders auf Dero Vortrag sicher zu verlassen weiss, stehen bey der gantzen Sache nicht mehr als zwo Haupt-Puncte im Wege: dass nemlich mein Bruder so wohl, als ich, vors erste kein gebohrner von Adel ist; vors andere, wird ihnen die Protestantische Religion, der wir ergeben sind, und diese letztere zu changiren durffte bey meinem Bruder sehr schwer hergehen, weilen er keines wanckelmuthigen, sondern ungemein bestandigen Gemuths ist; vors dritte, so wird derselbe einzuwenden haben, dass er, als ein armer See-Capitain, mit seinem wenigen Vermogen viel zu unwurdig ist, eine solche hohe und mit allen Leibes- und Glucks-Guthern reichlich versehene Braut zu heben etc.

Ehe ich noch vollkommen ausgeredet hatte, klatschte der Gouverneur in die Hande, sprang auf, und fuhrete mich in dem Garten herum spazieren; Unter diesem wahrenden Spazieren-gehen redete er weiter also: Ich schwore es euch, mein Bruder! bey Gott und allen Heiligen, als ein eifriger Christ, heilig zu, dass ich eure Gedancken, Ausfluchte, Einwendungen und Entschuldigungen fast in meinen Hertzen zum Voraus errathen, unterdessen will ich euch so viel sagen, dass ich einen blossen See-Capitain in meinen Augen und Hertzen weit hoher schatze, als die vornehmsten Grandes und andere Edel-Leute, die so wohl in Portugal, als Spanien, als auch anderer Orten anzutreffen seyn mogen.

Was den zweyten Punct anbelanget, nemlich von wegen der Religion, so ware es freylich besser gethan, wenn euer Herr Bruder changirte, und die RomischCatholische Religion annahme, denn es durffte schwer fallen, ihn wegen der Inquisition aller Orten Sicherheit zu verschaffen, jedoch halte ich vor rathsam, vorhero an Ihro Pabstl. Heiligkeit sich zu wenden, und ihm von Deroselben einen Frey-Brief wegen der Religion auszuwurcken, denn ihr sollet noch dieses wissen, dass ich das Gouverno auf dieser Insul mit ihm, als meinem Eydame, theilen, und ihm eine besondere Residenz, die er sich auf dieser oder jener, ihm selbstbeliebigen Insul erwahlen mag, von mir aber eingeraumt und bestatigt erhalten und bekommen soll, und dieses alles mit Vergunstigung der Hohern, welche mir selbige schon langstens gegeben; aber meine Sohne werden wohl schwerlich lange bey mir bleiben, sondern ihr Brod anderer hoheren Orten zu finden wissen.

Was nun den dritten Punct anbetrifft, so hat sich euer Herr Bruder gantz und gar um keinen BrautSchatz oder andere zeitlichen Guther zu bekummern, denn mein gesammletes Gold und Silber durffte nachst gottlicher Hulffe hinlanglich seyn, mich und die Meinigen auf lange Jahre mit Guthern zu besorgen, und wenn meine Familie auch noch 10. mahl starcker ware, so wurde sie doch nicht im Stande seyn, alles zu verthun, weilen ich nicht laugnen kan, dass ich eine ziemliche Menge Kostbarkeiten an unterirrdischen Orten stehen habe, die nicht leicht zu finden sind, jedoch ich gewohne dieserwegen keines von meinen Kindern dahin, dass es auf Reichthum trotzen, hergegen fein ordentlich und Standesmassig leben soll. Besinnet euch wohl, meine Herrn und Bruder! ob es klug gethan ware, dergleichen Parthie auszuschlagen, welche einem oder dem andern so bald wohl nicht wieder vorstossen mochte.

Nachdem nun der Gouverneur zu reden aufgehoret hatte, sprach ich: Ich muss Ew. Excell. bekennen, dass ich Dero Reden recht mit Besturtzung angehoret, indem ich mich selbst nicht in das grosse Gluck zu finden weiss, welches meinem Bruder bevorstehet, und woran ich als sein getreuer Bruder allerdings den grosten Theil mit zu nehmen Ursache habe, wo anders Ew. Excell. nicht etwa mit Dero Dienern zu schertzen belieben. Weiln aber dieser mein Bruder eine von den Haupt-Personen bey dieser Geschichte ist, so werde ich mir gehorsamst ausbitten, ihm vorhero einige Eroffnung von diesem seinen Glucke zu thun, da er sich denn nicht saumen wird, eine firme Erklarung von sich zu geben.

Kaum hatte ich diese Worte geendet, als noch verschiedene Personen aus dem Hause auf uns zugegangen kamen, weswegen der Gouverneur, indem er mich embrassirte, nur noch so viel Zeit nehmen konte, diese wenigen Worte zu sagen: Es ist gut, mein Bruder! ich erwarte Dero beyderseitigen Versicherungen, entweder heute Abends noch in meinen Zimmer, oder, so es gefallig, morgen fruh auf dieser Stelle zu vernehmen.

Demnach schieden wir auf dieses mahl von einander. Meinen Bruder traf ich auf seinem Zimmer bey einem grossen Historien-Buche sitzend an, fragte ihn derowegen: Was sitzet ihr so traurig da, mein Bruder? es scheinet, ihr wollt Calender machen lernen, oder auspunctiren, ob wir auch guten Wind und Wetter auf unserer Reise haben werden. Nichts weniger als dieses, (gab er zur Antwort,) denn ich uberlasse mich und mein Schicksal dem Himmel, derowegen mag Wind und Wetter immerhin so beschaffen seyn, wie es will, gut oder bose, es gilt mir alles gleich viel.

Ich versetzte weiter; Es ist mir schon bekannt, mein Bruder! dass ihr von Jugend auf keinen niedertrachtigen, sondern heroischen Sinn gehabt habt; allein nunmehro mochte ich eurem Nativitat-Steller fast den grosten Beyfall geben, da er sagte: Dass es nur an euch lage (und zwar an eurem Eigensinne,) eine der vornehmsten und glucklichsten Manns-Personen auf der Welt, und zwar durch Heyrathen zu werden.

Hieruber fieng mein Bruder uberlaut an zu lachen, und sagte: Ich hoffe nicht, mein Bruder! dass heute der 1. April oder ein dergleichen Fest-Tag ist, jedoch ihr wisset, dass ich gern mit mir schertzen lasse, derowegen so saget mir doch in aller bruderlichen Aufrichtigkeit, wo ich anders dieselbe durch meine gottlose und unbillige Auffuhrung und Gewissen-loses Verfahren gegen euch nicht gantzlich verschertzt habe, ohne Zeit-Verlust, was vor ein Geist euch heute zu mir fuhret, und euch begeistert hat, dergleichen Redens-Arten gegen mich zu fuhren?

Ehe wir aber weiter reden, (sprach er ferner) will mir erstlich eine Bouteillle Canari-Sect langen lassen, damit ich euch desto besser vernehmen kan, denn ich kan nicht laugnen, dass mich ungemein durstet. So bald die Bouteillle angekommen war und wir ein paar Becher daraus getruncken, eroffnete ich ihm das Geheimniss, welches mir der Gouverneur anvertraut hatte, auf Treu und Glauben, liess auch vorerst lieber davon etwas aussen, als dass ich etwas hinzugesetzt hatte. Ihm kamen dennoch alle diese Dinge nicht anders, als gewisse Dorffer vor, so, dass ich ihm nichts verublen konte, wenn er etwa bey diesem und jenem einigen Zweiffel hegte.

Endlich aber machte er mir, so zu sagen, eine und andere Difficultaten, bey diesem oder jenem Puncte, sonderlich in puncto Religionis, indem er, wie er dasmahl sagte, um eines Weibes, ja, um aller Welt Guther willen sich nicht uberwinden konte, seine Religion, darinnen er von Jugend auf gelebt, zu verlaugnen. Ich bat ihn, in diesem Stucke piano zu gehen, und erstlich abzuwarten, was der Gouverneur dessfalls mit ihm handeln wurde, mitlerweile aber auch ja das Kind mit dem Bade nicht auszuschutten, sich wohl in Acht zu nehmen wissen wurde, damit uns allen die gantze Historie keinen Verdruss oder Unfug zu Wege brachte.

Da nun uns beyden Bruder der Gouverneur auf Morgen fruh in den Garten hinunter zu sich einladen liess, und zwar ohne andere Gesellschafft, weiln nur er und seine Gemahlin benebst der altesten Tochter gantz allein beysammen seyn wurden; als verabsaumeten wir nicht, bey diesen hohen Personen zu erscheinen, welche wir bey einer Tasse Caffee antraffen, und aufs liebreichste genothiget wurden, bey ihnen Platz zu nehmen. Es gab einen kleinen Spas, denn der Gouverneur, welcher Achtung darauf gegeben, dass mein Bruder der Fraulein keinen Kuss gegeben, sagte mit hellen Lachen: Wie nun, Kinder! wollet ihr nun erstlich anfangen gegen einander blode oder schamhafftig zu thun?

Nichtsweniger, als dieses, mein allerwerthester Herr Vater! gab das Fraulein hierauf zur Antwort; sondern der Fehler liegt an mir, weil ich hatte eher aufstehen sollen, als der angekommene Gast. Wie nun dieses, welches sie mit einer besondern artigen Mine und Stellung vorbrachte, bey uns allen ohne Lachen nicht abgieng, so liess endlich der Gouverneur mich und meinen Bruder auf die Seite ruffen, und wiederholte seinen gestrigen Vortrag nochmahls. Meines Bruders Erklarung war also diese: wie er nicht laugnen konte, dass gegenwartige seine Geliebte, sein Hertz und Seele dergestalt eingenommen und gefesselt hatte, dass er ohne sie sich nicht ferner lange mehr zu leben getrauete; ja er wolle eher in das tieffste Meer springen, als die Hertzens-Quaal erdulten, ohne sie zu leben. Was den Punct der Religion anbetraffe; dieser konne leicht abgehandelt und verglichen werden, indem er gesonnen, sich so viel als moglich, zum Ziele zu legen, allein seiner ihm angebohrnen Religion so gleich abzusagen, ware voritzo sein Werck gantz und gar nicht. Was im ubrigen die gnadigen Erklarungen des Herrn Gouverneurs anbelangete, so ware zwar dieses und jenes dabey auszusetzen oder zu erinnern; indem er kein Kerl ware, der nach hohen Ehren und Wurden strebte, sondern mit seinem Stande zufrieden ware, und sich mit derjenigen Ehre begnugen liesse, welche er sich zum offtern mit Vergiessung seines Bluts erworben; auch ware ihm mit grossen Reichthumern und Schatzen gar im geringsten nicht gedienet, sondern blos nur eintzig und allein mit der geliebten Person, indem er Reichthumer und Kostbarkeiten satt und zur Gnuge, hoffentlich auf Lebens-Zeit hatte, da seines Bruders Freygebigkeit ihn in den Stand gesetzt, dass er zu Hause ein geruhiges, honettes und stilles Leben fuhren konne, mithin eben nicht ferner nothig habe, sich in der Welt herum zu strapaziren.

Dieses waren nun lauter Worte, die mir dem Klange und Laute nach wohl einiger Massen den Kitzel in Ohren erregen solten, allein ich trauete dem LandFrieden so gar sehr eben nicht, weiln mir das immerwahrende Gegitzschere und die bestandigen Ohrenblasereyen verdachtig vorkamen, und endlich wurde ich nach einer etlich tagigen unpassionirten Auffuhrung durch ein Schlusselloch gewahr, dass mein lieber Bruder in einem wohl darzu zubereiteten Zimmer bey angezundeten Wachs-Kertzen, vor einen kleinen Altar niederkniete, seiner bishero gehabten Religion in optima forma, und zwar in Gegenwart verschiedener Personen beyderley Geschlechts abschwur, hergegen die Romisch-Catholische Religion annahm, und sich daruber einsegnen liess.

Nichts hat mich Zeit meines Lebens arger verdrossen, als dass er diese seine Sachen so heimlich tractirt, da ich doch in keinem Stucke seinen Willen zu zwingen mir schon langstens vorgesetzt hatte, wie nun aber dieses geschehen, so konte ich leichtlich daraus schliessen, dass er alle andern Puncte musse eingegangen seyn, die ihm von dem Gouverneur und seiner Gemahlin vorgelegt worden. Jedoch, da er mir von seiner Religions-Veranderung nicht das geringste meldete, liess ich mich auch gar nichts mercken, dass ich etwas davon wuste, inzwischen aber war mir auf einmahl alle Lust vergangen, langer auf dieser Insul und bey diesen gefahrlichen Leuten zu bleiben, derowegen schrieb ich an meinen Lieutenant folgendes Billet:

Mon Cavalier!

Da ich bey meiner letztern Anwesenheit alles wohl befunden, als bitte, Sorge zu tragen, dass solches im behorigen Stande erhalten werde, denn weilen ich des hiesigen Lebens mude, satt und uberdrussig bin, so durffte unsere Abseegelung vielleicht viel eher erfolgen, als man vermeynt gehabt. Gewisser Ursachen wegen, komme er Morgen fruh, wenn die erste Canone geloset wird, mir mit 100. Granadieren auf dem Wege nach der Burg zu entgegen, lasse sich aber gegen niemanden nichts mercken, sondern thue nur, als ob er vor sein eigen Plaisir mit denselben spazieren gehen, und dieselben exerciren wolte. Mundlich ein mehrers, ich beharre

Mon Cavalier

le votre

P.W. Horn.

Dieses Billet uberschickte ich ihm also gegen Abend durch meinen getreuen Bedienten, welcher noch vor Nachts wieder zuruck kam, und mir von dem Lieutenante zur Antwort brachte: wie ich vor nichts Sorge tragen solte, indem er meiner Ordre aufs allergenauste nachkommen wolte. Wir brachten hierauf fast die gantze Nacht mit Tantzen, Springen und andern Lustbarkeiten zu, so bald aber der Tag anzubrechen begunte, machte ich mich in aller Stille auf die Beine, und trat den Weg nach unsern Schiffen an, so dass, wie nachhero erfahren, weder mein Bruder, noch sonsten jemand im Hause meinen heimlichen Aufbruch gewahr worden.

Meinem Bruder konte derselbe um so viel desto weniger Verdacht erwecken, weilen ich mir schon voriges Tages verlauten lassen, die Schiffe selbst zu visitiren; als demnach der Lieutenant mir, abgeredter Massen, mit seinen 100. Granadiers auf halben Wege begegnete, so kehrete ich in groster Eile mit ihnen um, nach den Schiffen zu, liess mich aber weiter gegen niemanden das geringste mercken, dass ich mich heimlich von der Burg hinweg geschlichen hatte. Drey Tage liess mein Bruder verstreichen, ehe er sich um mich bekummerte, am 4ten Tage aber kam er selbst, und fuhrete sich ungemein freundlich und hoflich gegen mich auf, besahe auch das Stuck Arbeit, welches ich mittlerweile zu verrichten besorgt hatte, welches ihm sehr wohl gefiel, nachhero aber wolte er mich bereden, wieder mit ihm auf die Burg zu kehren, allein ich schutzte eine kleine Unpasslichkeit vor, die mich abhielte, dem Hrn. Gouverneur und den Seinigen beschwerlich zu fallen, sondern ich wolte erstlich noch ein paar Tage auf den Schiffen bleiben, eine und andere Artzeneyen gebrauchen, mich pflegen, und eine strengere Dit fuhren, als bishero, indem ich wohl merckte, dass mir vermittelst der allzu offtern Debauchen allerhand verdrussliche Zufalle zugezogen, wenn ich demnach mich wieder vollig auscurirt, so wurde keinen Tag verweilen, dem Herrn Gouverneur und den Seinigen meine gehorsamste Aufwartung zu machen.

Mein Bruder mochte nun hierbey dencken, was er wolte, so liess ich mir doch alles gleich viel gelten, und war vergnugt, dass nach Verlauf nach weniger Tage wir uns im vollkommenen Stande befunden abzuseegeln. Binnen dieser Zeit besuchte mich mein Bruder sehr fleissig, konte aber mit allen seinen glatten Worten nicht von mir erlangen, nochmahls wieder mit ihm auf die Burg zu kehren, sondern ich danckte dem Himmel, dass ich mich auf unsern Schiffen in Freyheit und ohne besondere Furcht befand.

Endlich, da ich nicht zu bewegen war, nochmahls auf die Burg zu kommen, liess der Gouverneur melden, dass, wenn ich ja allenfalls nicht kommen wolte, er mich gleich morgenden Tages mit seiner gantzen Familie besuchen, jedoch keine Ungelegenheit, sonderlich wegen der Speisen, verursachen wolte.

Ich liess zuruck melden, wie mir Dero gutiger Zuspruch von Hertzen angenehm seyn solte, nur bate vor mir, als einem Patienten, keinen Abscheu zu tragen, sondern gutigst mit mir vorlieb zu nehmen, was sich in der Eile finden wurde, indem ich keine todliche Kranckheit hatte, sondern vielleicht bald restituirt zu seyn verhoffte. Also kam das gantze Heer gleich andern Tages benebst meinem Bruder, und machten ein ziemlich Loch in meine Victualien, so wohl, was die Speisen, als das Getrancke anbetraf, denn ich konte ohngeacht der geschwinden Eile dennoch so viel zu Wege bringen, und zwar von den auserlesensten Delicatessen, dass sie wohl zu frieden seyn konten.

Der Gouverneur so wohl, als alle die Seinigen liessen es sich, dem Ansehen nach, gut schmecken, und machten sich insgesamt rechtschaffen lustig, bis der helle Tag anbrach, da aber beym Abschied-nehmen ich dennoch nicht zu gewinnen war, ihnen das Geleite auf ihre Burg zu geben, so sagte der Gouverneur zu mir: Ich solte fast auf den Gedancken gerathen, mein Bruder! dass unter dieser eurer so hefftigen Weigerung etwas anders verborgen, als eine verstellte Kranckheit, jedoch, da wir so lange gute Freunde unter einander gewesen sind, so lasset uns nur zum wenigsten das Ende gut machen, denn so ist alles gut. Dieses einzige bitte ich mir noch von euch aus, dass ihr nicht etwa heimlich ohne nochmahligen Abschied von uns zu nehmen abseegelt, denn dieses wurde mich grausam krancken; da ich aber nun sehe, dass ihr vollkommen seegelfertig seyd, so will ich euch wider euren Willen nicht langer bey mir zu bleiben nothigen, bitte derowegen nur noch 3. Tage mit euren Schiffen im Hafen liegen zu bleiben, ich werde diese 3. Tage bey euch zubringen, und die Stunde abwarten, wenn ihr von dannen seegelt. Mit einem Worte, thut mir den Gefallen, meine Bruder! und bleibt noch 3. Tage, denn ihr habt an mir den allerredlichsten Mann in der gantzen Welt. Wie nun mein Bruder und ich ihm dieses versprochen hatten, sagte er noch, ich werde zwar erstlich noch einmahl in meine Burg fahren, nachhero aber die meiste Zeit bey euch auf den Schiffen zubringen, und hiermit setzte er sich auf den Wagen, und fuhr nach seiner Burg zu.

Etwa 2. Stunden uber Mittag kamen aus der Burg 8. Wagen auf uns zu gefahren, und ehe es Nacht wurde, noch 8. Wagen, bey denen sich zugleich der Gouverneur befand, und zu vernehmen gab, dass er gern einmahl auf dem Schiffe zu schlaffen Lust hatte. Demnach wurde so gleich ein kostbar Bette vor ihn zu rechte gemacht. Morgens fruh wurden wir gewahr, dass noch mehr beladene Wagens angerucket waren, und zwar in allen 24. was darinnen befindlich war, konten wir aber nicht eher errathen, bis der Gouverneur ausgeschlaffen hatte, und beym Caffee-trincken sagte: Meine Bruder! ich weiss, dass eure Lebens-Mittel binnen der Zeit, da ihr auf dieser Insul gewesen, ziemlicher Massen werden abgenommen haben, derowegen habe von meinem Uberflusse vielleicht etwa euren Mangel ergantzen und ersetzen wollen. Nehmet es freundlich an, meine Bruder! den des Volcks ist viel, so ihr mit euch fuhret, die Reise aber, wie ich vernehme, noch ziemlich weit, derowegen wird euch dieses, was ich euch aus gutem Gemuthe und Hertzen gebe, ohnfehlbar wohl zu statten kommen, weilen auf der zehenden Insul in dieser Gegend keine tuchtige Lebens-Mittel anzutreffen sind, und wenn man dieselben auch gedoppelt und dreyfach bezahlen wolte. Uns kam dieser Vortrag trefflich zu statten, indem wir allerdings noch einen guten Theil Proviant brauchten, so aber fanden wir eine soche Menge von allerley gerauchertem und eingepockeltem Fleische, geraucherten auch eingesaltzenen Fischen, eingemachten und auch frischen Obstwerck, eingemachte Kohl- und Wurtzel-Speisen, vielerley Sorten Getreyde in Kornern, ohne einer entsetzlichen Menge Zwieback, ausgenommen der vielen Wein-Fasser, die wir uns fast nicht einmahl alle mit fort zu bringen getraueten, da wir ohnedem selbst noch eine grosse Menge von allerhand Weinen, Brandtewein und andern starcken Getrancken vorrathig hatten. Ich liess alle diese Sachen durch unsere Schiffs-Schreiber aufschreiben, und vor erst nur oben hin durch die Banck taxiren, da denn eine ziemliche Summa von etlichen 1000. Thalern heraus kam, welche ich heraus zu geben mit Freuden schlussig wurde; Allein, da der Gouverneur vernahm, dass wir zwar den Proviant vor baare Bezahlung, keinesweges aber als eine Reuter-Zehrung mitzunehmen gesonnen, als schien er im rechten Ernste bose zu werden, dass wir seine Willfahrigkeit, die ihm doch keinen Schaden brachte, verschmahen wolten, und sagte gantz verdrusslich, wie er alles auf der Welt von guten Freunden vertragen konte, ausgenommen den Hochmuth. Derowegen musten wir uns fast gezwungner Weise gefallen lassen, allen diesen grossen Vorrath durch seine Leute in unsere Schiffe zu bringen. Des folgenden Tages kam die Gouvernantin mit ihren Tochtern und Sohnen, uns zu guter Letzt nochmahls zu besuchen, weil sie vorgab, sie konne sonsten ohnmoglich meinen eigensinnigen Kopff mit gelassenem Gemuthe von sich fahren sehen. Nachdem wir aber die Mittags-Mahlzeit eingenommen, und in unsern Cajuten ein und anderes suchen wolten, wurden wir gewahr, dass die Gouvernantin binnen der Zeit, da wir bey Tische gesessen, den Heiligen Christ agiret, und einem jeden eine Beschehrung zum freundlichen Andencken mit auf die Reise zu nehmen, hingelegt. Diese Beschehrung bestund in eben denjenigen Stukken, welche man den Portugiesen mit auf die Reise gegeben, nur mit dem Unterschiede, dass wir beyde ausser den kostbaren Degen und Stocken, was das Gold- und Silber-Geschirre anbelangete, jeder auf seine Parthie noch einmahl so viel bekam, als die Portugiesen bekommen hatten, und dieses war auch an der Wasche und Kleidungs-Stucken zu bemercken. Wie nun dieses allzu- und uberaus kostbare Geschenck uns beyden Bruder vollends in auserstes Erstaunen brachte, zumahlen, da wir nicht wusten, wie wir uns in der Geschwindigkeit revangiren wolten, als wurde meinem Bruder selbsten bange, wegen dieser so gantz und gar nicht erwarteten Hoflichkeit, jedoch um meine und seine Ehre zu retten, besanne ich mich endlich, dass ich noch eine mittelmassige Kiste stehen hatte, in welcher ungemeine Kostbarkeiten und Galanterien, sonderlich vor Frauenzimmer, aufgehaben worden, diese eroffnete ich, und langete einen Schatz heraus, der mehr als 2. Tonnen Goldes am Werthe betrug. Ich zeigte meinen Bruder denselben, weilen er dergleichen Tanteleyen bey mir sehr selten zu sehen bekommen, jedoch es schiene, als ob ihm diese Sachen gar sehr wohl gefielen, wesswegen er zu mir sprach: Bruder! wenn ihr auch dieses noch dran spendiren wollet, worwider ich denn nichts einzuwenden habe, so dachte ich, wir hatten unsere Zeche allhier wohl theuer genug bezahlt, und wenn wir auch Fursten-Kinder waren. Er hatte in diesem Stuck meines Sinnes viel, und redete allerdings wohl die klare Wahrheit, allein, ihn vollkommen treuhertzig zu machen, war meine Gegenrede diese: Wir mussen nicht alles nach dem Werthe taxiren, was wir allhier empfangen und genossen haben, sondern das meiste vor die viele gemachte Ungelegenheit und dargegen genossene viele Lust und Hoflichkeit rechnen, denn ich zweiffele sehr, dass ich mich Zeit meines Lebens wieder so lustig machen werde, als allhier auf dieser Insul geschehen. Inzwischen werdet ihr mir den Gefallen erweisen, und dem Gouverneur, seiner Gemahlin und Kinder diese Galanterie-Waare als Kleinigkeiten in eurem und meinem Nahmen zur schuldigen Danckbarkeit uberreichen, und dieses wird sich nicht besser schicken, als nach der Abend-Taffel, die wir droben am Strande zu uns nehmen wollen.

Gewiss, ich hatte meinem Bruder keine angenehmere Commission, als diese, auftragen konnen, und er richtete dieselbe, so bald wir abgespeiset mit groster Geschicklichkeit aus, erweckte aber damit so wohl bey dem Gouverneur, als den Seinigen ein nicht geringes Erstaunen. Jedoch noch langen Nothigen liessen sie sich endlich gefallen, alles anzunehmen, mit dem Vorbehalt, sich dessfalls zur ander Zeit hinlanglich zu revangiren.

Nach eingenommener Abend-Mahlzeit sagte der Gouverneur: Wohlan, meine Bruder! da es mir so wohl bey euch gefallet, und dergestalt wohlgefallen hat, so lange ihr bey mir gewesen, als werde diese Nacht nicht von euch weichen, sondern noch diese letzte Nacht bey euch bleiben, und eins mit euch trincken, bis ihr Morgen, geliebts GOtt, mit aufgehender Sonne eure Seegel aufziehet, inzwischen freue ich mich von Hertzen daruber, dass ihr guten erwunschten Wind habt.

Demnach war alles Volck, so wohl unsere See- als des Gouverneurs Leute, die gantze Nacht hindurch hochst vergnugt, ja der Gouverneur wurde dergestalt lustig, dass er mit seiner Gemahlin und Tochtern, bey dem Scheine etl. 1000. Lichtern und Fackeln, im grunen Grase ein Tantzgen anhub, worinnen auch wir ihm folgten, mithin die gantze Nacht also zubrachten, bis der Tag anzubrechen begunte. So bald die Sonne ihre Strahlen uber die See herauf, unserm Ufer entgegen schickte, wurde eine Salve von 50. Canonen gegeben, hierauf aber war eine grosse Stille, welche jedoch von der Besatzung auf der Citadelle unterbrochen wurde, als welche auch 50. Canonen losete. Da dieses vorbey truncken wir zu guter Letzt noch einen Caffee mit einander, und hielten ein gut Gesprach darbey, da ich denn bemerckte, dass der Gouverneur und die Seinigen viel aufrichtiger und redlicher waren, als ich bishero vermeynet hatte, denn seit etlichen Tagen hatte ich mir ihrentwegen einen und andern vergeblichen Kummer gemacht, welcher doch nun guten Theils vorbey war, derowegen gieng es nun erstlich an ein umarmen und kussen, beym Abschiede, worbey sich denn auch auf beyden Seiten nicht wenig Thranen zeigten, als aber das andere Signal zu Schiffe zu gehen gegeben wurde, begleiteten wir erstlich den Gouverneur und die Seinigen zu ihren Wagens, wir aber begaben uns ohne fernern Aufenthalt auf unsere Schiffe, liessen, nachdem die Ancker schon gelichtet waren, so fort die Seegel aufspannen, nochmahls 50. Canonen abfeuren, und fuhren in GOttes Nahmen von dannen.

Wir bemerckten durch Fern-Glaser, dass der Gouverneur benebst den Seinigen wieder aus den Wagens heraus gestiegen waren, und sich an das Ufer gestellet hatten, allwo alle insgesamt, so wohl mannlichen als weiblichen Geschlechts, noch allerley freundliche Complimenten machten, da aber der Wind scharff in unsere Segel blies, nahmen wir durch Sprach-Rohre nochmahls mundlichen Abschied von ihnen, und verschwanden hierauf in groster Geschwindigkeit, unter bestandigen Canoniren, (denn der Gouverneur hatte uns reichlich mit Schiess-Pulver versorgt,) aus ihren Augen, weilen aber der Wind hinter uns hergieng, so horeten wir das Canoniren von der Citadelle bis in die spate Nacht.

Mein Bruder hielt sich in seinem Schiffe gantz stille, und gab vor, dass ihm die letztere kleine Debauchen mehr Unfug, ja fast eine wurckliche Unpasslichkeit zugezogen, allein ich konte bald mercken, dass er am Liebes-Fieber kranck lage, indem ihm die Abschieds-Gedancken vielleicht nicht aus dem Kopffe heraus wolten; ob ich ihn nun schon zum offtern besuchte, so wolte ihn doch keinesweges krancken, sondern nahm mich unserer Sachen um so viel desto mehr, und als moglich war, gantz alleine an. Jedoch nach Verlauf weniger Tage hatten wir eben nicht Ursach an die Liebe, sondern vielmehr an das Leben zu gedencke, weilen ein hefftiger Sturm uber uns kam, der jedoch nicht langer, als 3. Tage u. 2. Nachte wahrete. Ich kan nicht anders sagen, als dass sich unsere Leute recht heldenmassig gegen Sturm, Wind und Wetter setzten, und zwar vom Grosten bis zum Kleinesten, weilen wir sie bestandig zur Tapfferkeit anreitzeten, auser dem aber Speise und Tranck einem jeden gaben, wovon und wie viel er beliebte. Demnach spureten wir zwar dass der hefftige Sturm sich legte, horeten aber auf etliche Meilen von uns ein starckes Canoniren in der See, welches von Morgen bis fast gegen Abend wahrete, und endlich, da wir schon mit anbrechendem Abend an Ort und Stelle dieses Streits kamen, erfuhren wir, dass ein Engelisches Kauffarthey-Schiff von zweyen See-Raubern genommen zu werden in groster Gefahr stunde. Mein Bruder so wohl, als ich entschlossen uns bey so gestallten Sachen dem Engellander, als unserm halben LandesManne und Religions-Verwandten bestmoglichst zu Hulffe zu kommen, in Betrachtung, dass es uns vor nicht allzulanger Zeit auch wohl gedeuchtet, da uns die Portugiesen gegen die Barbaren zu Hulffe gekommen waren. Demnach nahmen wir den Engellander, welcher schon sehr beschadigt war, in die Mitte, und setzten dergestalt verzweiffelt gegen die See-Rauber an, dass das Spiel bald ein ander Ansehen gewann, denn unsere Leute feureten unvergleichlich und geschwinde, auser unsern wohl montirten Canonen aber thaten die Feuer-Morser das allerbeste bey der Sache, und machten die See-Rauber dergestalt besturtzt, dass sie weder aus noch ein wusten, ja man merckte bald, dass sie es nicht gern zum Handgemenge wolten kommen lassen, im Gegentheil die Kopffe mit guter Manier aus der Schlinge zu ziehen suchten; Allein, das war unser Werck nicht, sondern es hiess damahls: Friss Vogel, oder stirb! und da auch einer von ihnen Mine wachen wolte, den Wind zu fassen, und das weiteste Ende zu suchen, wurde ihm bald vorgebeuget, mithin beyde genothiget, sich in darauf folgender Nacht auf Gnade und Ungnade zu ergeben, denn es war ihnen, allem Ansehen nach, ferner unmoglich, unser Feuer auszustehen. Wir thaten ihnen den Vorschlag, entweder mit uns nach dem Cap, oder nach der Insul St. Helena zu seegeln, allein es gefiel ihnen beydes nicht, weilen sie so wohl an einem, als dem andern Orte sich einer scharffen Zuchtigung befurchten mochten. Hergegen baten sie uns nur instandig, ihnen den Gefallen zu erweisen, und mit ihnen auf eine kleine unbewohnte Insul zu seegeln, die wenige Meilen von hier entfernet lage, daselbst wolten sie sich auf eine raisonable Art und Weise mit uns abfinden, und um weiter nichts hoher bitten, als dass sie ihre Schiffe, Canonen und klein Gewehr behalten durfften, ingleichen eine zulangliche Menge von Amunition. Was aber ihre Waa

ren, Schatze und Baarschafften anbelangete, so wolten sie uns dieselben auf Treu und Glauben ausliefern, indem sie dergleichen Zeug in der Kurtze wieder erlangen konten, wenn sie nur wohl beschifft und wohl bewehrt bleiben.

Mein Bruder wolte durchaus erstlich nicht daran, dass man den Christen-Feinden Canonen, Gewehr, Pulver und dergleichen zur Beschadigung unserer Mit-Christen lassen, sondern dieses alles lieber in den Abgrund versencken solte; Allein, da die See-Rauber gar allzu sehr klaglich thaten, uber dieses uns auf ihre Art einen theuren Eyd schwuren, an Gold, Silber und Waaren wenigstens des Werths vor 3. Millionen Thaler auf unsere Schiffe zu liefern, um uns darein zu theilen, der Engels-Mann auch vor das allerrathsamste hielte, nur immer zu nehmen, was wir von ihnen kriegen konten, und dieses Schelmen-Pack lauffen zu lassen, indem sie ja doch nicht mehr im Stande waren, uns zu beschadigen; so gab ich endlich meinen Willen auch darein, dass sie die Canonen, Gewehr, die Helffte der Ammunition, und dergleichen zum KriegsWesen gehorige Zeug behalten solten, hergegen musten sie uns gleich auf offenbarer See ausliefern, was sie uns, dem Werthe nach, versprochen hatten, welches denn von ihnen ohne ferneres Murren geschahe, und musten wir gestehen, dass sie in diesem Stucke redlich handelten, ja uber das bestimmte Quantum noch eine und andere treffliche Sachen uns, so zu sagen, noch zum Geschencke anboten; allein, um ihnen zu zeigen, dass wir nicht so hungrig, wie sie, und nur je eher je lieber von ihnen hinweg zu kommen wunschten, liessen wir ein vieles zurucke in ihren Handen, das wir noch wohl hatten mitnehmen und gebrauchen konnen.

Ich glaube, die armen Rauber mochten wohl recht froh seyn, dass sie noch so mit dem blauen Auge darvon gekommen, hielten sich auch nicht lange mehr vor unsern Augen auf, sondern gaben ihren Schiffen die vollen Seegel, ohnfehlbar nach einer ihnen wohlbekannten Rauber-Insul zu, wir hergegen, da wir eine kleine unbewohnte Insul antraffen, auf welcher sich ein schones frisches Wasser befand, beschlossen daselbst, um nach dem ausgestandenen Sturm und Schrecken, nach Gutbefinden, vor Ancker liegen zu bleiben, und in etwas auszuruhen, bey welcher Gelegenheit wir denn unsere gemachte Beute mit dem Engels-Manne redlich theileten, und zwar vermittelst des Looses, er aber war so freygebig, und gab uns beyden Brudern noch zur schuldigen Danckbarkeit vor geleisteten Beystand von seinem Theile einem jeden 3. Pfund gediehen Gold, welches wir fast gezwungener Weise ihm zum geneigten Andencken dieser Begebenheit, annehmen musten.

Schon bey Passirung der Linie war ich mit meinem Bruder in etwas uneinig worden, ob wir uns nach den Brasilischen Kusten zu schlagen wolten, oder nicht: da ich mir einbildete, einen naherern, sicherern und bequemern Weg nach der Insul Felsenburg gefunden zu haben. Weilen nun mein Bruder nicht leicht gewohnt war, mir zu wiedersprechen, zumahlen, da ich ihm im Vertrauen entdeckte, dass ich, wo es nur immer moglich ware, aus gewissen Ursachen, das Cap. nicht gern mit unsern Schiffen beruhren mochte, als liess er sich auch dieses gefallen, allein der Himmel mochte es vielleicht nicht also haben wollen, sondern der Engels-Mann muste uns, fast wider unsern Willen, zum Wegweiser auf die Insul St. Helena dienen; jedoch hatten wir eine unvergleichlich schone, stille Fahrt, und erreichten bemeldte Insul recht, ehe wir uns derselben vermutheten. Der Engels-Mann ruhmte unsere Tapfferkeit, die wir bey seinem Entsatz bezeigt, gegen seine Lands-Leute gantz ungemein, wesswegen uns dieselben alle ersinnliche Ehre anthaten; endlich aber, nachdem wir uns nur 4. Wochen auf der Insul St. Helena aufgehalten, unsere Schiffe aufs neue ergantzt, und mit allen Bedurffnissen versorgt, seegelten wir ab, indem ich von nun an und von dar aus mich nunmehro wohl gantz allein nach Felsenburg zu finden getrauete, meines Bruders Haupt-Vergnugen war inmittelst dieses: dass uns der Himmel mit der Rauber ihrem Guthe so reichlich gesegnet, da wir schon wieder ein vieles erworben von demjenigen, was wir auf der Insul St. Jago im Stiche gelassen hatten.

Wie ich nun eines Tages meinen Bruder wider seine bisherige Gewohnheit gantz unbetrubt und bey recht guter Laune antraf, so fragte ich ihn erstlich um seine Religions-Veranderung, welches er mir endlich gestunde; was die Heyrath aber und vor sich selbst anbetraffe, hatte er geschworen, dass, wenn er lebte und gesund bliebe, er langstens binnen den 2. bestimmten Jahren wieder kommen wolte; solte aber ich, als sein Bruder, nach vollig verrichteten Geschafften ihn zeitiger missen konnen, so wurde er keinen Augenblick vorbey streichen lassen, sich auf St. Jago einzustellen, indem er sich nun nicht mehr langer zu leben getrauete, bis die Heyrath vollzogen ware. Ich gratulirte ihm im Voraus darzu, und versprach alles anzuwenden, was mir nur immer moglich ware, damit er nicht aufgehalten werden solte.

Nach der Zeit, und zwar bis auf diese Stunde hieher, hat er sich gantz ausserordentlich dienstfertig gegen mich auf gefuhret, auch mich immer einer Muhe und Arbeit nach der andern uberheben wollen, allein ich bedanckte mich dessfalls zum offtern vor seine Hoflichkeit und gute Meynung, die er vor mich hegte, anbey solle er nicht glauben, dass ich ein Freund der Bequemlichkeit und Feind der Arbeit ware, hergegen beobachten, dass meine Leute, wenn sie sahen, dass ich selbst mit Hand anlegte, zehenmahl fleissiger waren, als wohl gewohnlich, welches denn auch die klare Wahrheit war.

Mittlerweile seegelten wir auf dieser angenehmen Strasse, bey gutem Winde und Wetter, mit grostem Vergnugen fort, und kan ich nicht sagen, dass uns eins oder das andere Verdrussliche begegnete, ausgenommen die graulich vielen Meer-Wunder und MeerThiere, welche uns dann und wann beunruhigen wolten, allein, da meine Leute nur ihren Spas und Spott darmit trieben, und viele derselben ertodteten, gab ich ihnen zu vernehmen, dass es mir eben nicht allzuwohl gefiele, wenn sie sich mit diesen unvernunfftigen Creaturen in einen Kampff einliessen, und ob ich schon nicht aberglaubig ware, so konte ihnen dennoch versichern, dass mir und meinem Geleite zum offtern, nach Kranckung dieser Dinger, das groste Unheil wiederfahren, als dessen Propheten oder Wahrsager sie gemeiniglich zum Voraus waren. Demnach konten sie zwar mit den See-Hunden, See-Lowen, See-Pferden, See-Kalbern und dergleichen mehr so umgehen, wie sie selber wolten, weil diese zum Theil zur Speise dieneten, vor allen Dingen aber solten sie sich huten, ein Meer-Wunder zu touchiren, welches nur ein eintziges Merckmahl, entweder gantz menschlicher, oder wenigstens Affens-Gestalt, an sich hatte, als worauf, wie ich selbsten erfahren, zum offtern uble Folgerungen entstanden waren. Wie nun unsere Leute vernahmen, dass ich keinen besondern Wohlgefallen an dergleichen Wasser-Jagd hatte, so stelleten sie dieselbe nach und nach ein, lieferten aber doch erstlich, nicht selten manchen schonen See-Lowen, See-Pferde, SeeHunde, See-Kalber und dergleichen.

Bald nach dieser Lust entstund eine andere, da wir bemerckten, dass die Nachte fast noch einmahl so schwartz und dunckel wurden, als gewohnlich, zumahlen, da wir doch, obschon nur noch in etwas, Mondenschein hatten; Ich liess mich dieses gantz und gar nicht befremden, weilen sich dergleichen wohl zum offtern vor oder nach einem gehabten Sturme zu zutragen pfleget. Meine Leute aber stelleten sich einstmahl ohngefahr um die Mitternacht-Stunde dergestalt wunderlich an, als ob sie den Koller hatten, oder denselben kriegen wolten; Als ich nun nach der Ursach ihres hefftigen Gelachters fragte: fuhreten sie mich auf das Oberdeck des Schiffs, und zeigten mir, mit ihrer grosten Verwunderung gantze Regimenter und Esquadrons auf der offenbaren See herum hupffend, springend und tantzend. Die wenigsten wolten mir Glauben beymessen, dass keine Sache naturlicher seyn konne, als diese, indem vielleicht die See in selbiger Gegend gegen das andere See-Wasser ausserordentlich saltzig ware, oder sonsten vielleicht was zahes und schleimiges in sich hatte.

Demnach war einer, und zwar ein alter wohlversuchter See-Mann dermassen behertzt und frevel, dass er auf einen grossen Irrwisch, den er vor einen commandirenden Officier der Irrwische ansehen und ausgeben wolte, sein Gewehr losete, denselben auch, dem Scheine nach, dermassen wohl traf, dass er sich schleunig untertauchte, und wie wir alle glaubten, versincken muste.

Indem ich ihn nun vor dem Schusse gewarnet hatte, solche Possen bleiben zu lassen, so gab es ein ziemlich starckes Gelachter, als gleich nach geschehenem Schusse oben vom Mastbaume herunter eine ziemlich starcke Stenge ihm vor die Fusse fiel, so dass er noch Ursach hatte, dem Himmel zu dancken, welcher abgewendet, dass sie ihm nicht auf den Kopf gefallen, und etwa gar ein Loch hinein geschlagen. Demnach gab es abermahls etwas zu lachen, denn seine Cameraden hiessen ihn nicht anders als den Irrwisch-Schiesser. Als aber mein Bruder, der zu mir und auf mein Schiff gekommen, sich selbsten uber die Irrwische zu argern schien, sprach ich: stille, mein Bruder! wir wollen bald keinen Irrwisch mehr sehen: Derowegen liess ich, nicht etwa aus Frevel, sondern zu Reinigung der Lufft, mit Canonen Feuer unter die Irrwische geben, welche denn binnen einer halben Minute Schaarenweise verschwunden, oder sich in die See versenckten.

Fernerweit kan ich eben nicht sagen, dass uns fatal zu seyn scheinende Begebenheiten zugestossen waren, sondern wir hatten, wie schon gemeldet, eine stille und geruhige Fahrt. Zwar wolten einige von unsern Leuten die Mauler hangen, weilen sie gemercket hatten, dass wir das Cap. vorbey geseegelt waren, und sie nicht dahin gebracht hatten; Allein ich stopffte ihnen allen die Mauler mit wenig Worten, die also lauteten: "Ihr habt mir nunmehro schon eine ziemliche Zeit daher die Ehre gegeben, unter meinem Cammando mit mir zu fahren; wer was auszusetzen hat an mir und meiner Auffuhrung, der thue es noch bey Zeiten, und lasse sich in soweit dienen, dass ich die Wege zur See vielleicht wohl besser weiss, als einer unter uns allen. Ich bin auf der Fahrt, mich glucklich und vergnugt zu machen, welches alle, die bey mir sind, zugleich mit geniessen sollen, denn ehe einer von uns ja verderben solte, so will ich der erste seyn. Es kommt auf wenige Tage an, so werdet ihr vielleicht erfahren, dass euch der Capitain Horn nicht ubel, sondern wohl gefuhret hat, und ihm vor seine Muhe und Arbeit Danck wissen." Hierauf schryen alle meine Leute mit vollem Halse! Vivat! Vivat! Capitain Horn, unser Vater.

Der Himmel gab, dass mir wenig Tage hernach alle Zeichen in die Augen fielen, welchergestalt wir nicht weit mehr von dem geehrtesten und liebsten Felsenburg waren, darum liess ich allen Kummer und Sorge verschwinden, bin auch, wie ihnen bekant, in so weit glucklich und vergnugt vor der Insul angekommen. Wie es nun meine Hochgebietende Herren, Freunde und Gonner fernerweit zu verordnen belieben wollen, solches will ich mir, sonderlich wegen Ausladung der Schiffe, alle Stunden gefallen lassen, voritzo aber bis auf Dero Befehl und Verordnung meine Reise-Geschichte in so weit, wiewohl nicht gantzlich zum Schlusse bringen, indem ich auf eine andere Zeit ein weitmehrers zu melden mich schuldig erkenne.

Solchemnach machte der Capitain Horn abermahls einen Abschnitt, seiner, obschon noch nicht vollig geendigten Reise-Geschichte, und wurde dieserwegen nicht allein von dem Regenten, Aeltesten, Herrn Geistlichen, sondern auch von uns allen nochmahls aufs freundlichste complimentirt und bewillkommet. Nachhero aber, da vor dissmahl eben der gantze obrigkeitliche und geistliche Stand versammlet waren, wurde vor allererst berathschlaget, wie es mit Ausladung der Waaren und Sachen, ingleichen mit der Ausschiffung der fremden Volcker wohl von ohngefahr zu halten sey?

Wie nun der Capitain Horn von allen, so zusagen, fast einstimmig ersucht wurde, seine Meinung dessfalls am ersten von sich zu geben, weilen man von seiner besondern Treu und Liebe zu uns vollkommen uberzeugt ware, dass er keinen andern, als guten Rathschlag ertheilen wurde; als offnete derselbe seinen Mund, und sagte: Meine Hochgebietende allerseits hoch- und werthgeschatzte Gonner und Freunde! Ihnen nicht vorzuschreiben, so halte ich es nicht vor rathsam, sondern vielmehr vor ein wichtiges StaatsVersehen, wenn man die fremden Volcker, die bishero unter meinem und meines Bruders Commando gestanden, ohngeachtet dieselben grosten Theils so ziemlicher Massen civilisirt, und in Ordnung gebracht sind, auf die Insul Gross-Felsenburg wolte kommen lassen. Nein! ich hielte, jedoch ohnmassgeblich darvor, dass man dieselben bey dieser vortrefflichen Witterung auf der Insul Klein-Felsenburg unter Zeltern und Laub-Hutten campiren liesse, so wie wir solches wohl ehemahls andern fremden Volckern erlaubet haben. Auch muste ihren Officiern auferlegt werden, diese Leute fleissig in Acht zu nehmen, und dieserwegen keinen Tag oder Nacht lang von ihnen zu bleiben, ausgenommen, wenn sie specielle Erlaubniss hatten, sich dann und wann einige Tage in Gross-Felsenburg aufzuhalten. Ob sie meinem Bruder vergonnen wolten, bey uns zu bleiben, damit wir ihn stetig in Augen hatten, und auf sein Thun und Lassen Achtung geben konten, solches stellete in dero Belieben, sonsten ware ich wohl gesonnen, ihn Woche um Woche oder alle 3. oder 4. Tage auf Klein-Felsenburg ordentlich abzulosen, und allen Verdacht zu vermeiden, bey den Leuten so wohl als er zu bleiben. Inzwischen zweiffelte nicht, dass man beschliessen werde, dass Volck mit hinlanglichen und nothdurfftigen Lebens-Mitteln zu versorgen, so wie wir denn wohl ehermahlen Blutfremden gethan, die uns gar nichts angegangen. Was die Ausschiffung des Volcks und der mitgebrachten Sachen anbelanget, ist mein Vorschlag, dass dieselbe je eher je lieber vor sich gehe, indem ich befurchten muss, dass sonsten an einen und andern kostbaren Sachen, ein fernerer Schade geschehen mochte etc.

Wie nun dieser gethane Vorschlag nicht nur dem Regenten, sondern auch allen andern Mit-Regenten vollkommen wohlgefiel, so wurde beschlossen, keine Zeit noch Stunde mehr zu verabsaumen, sondern erstlich das Volck auf die kleine Insul, und den meisten Theil der mitgebrachten Sachen erst an den Fuss unsers Felsens zu schaffen, allwo, weiln ohnedem die See um selbige Zeit sehr weit zuruck gewichen, Platz genug vor dieselben vorhanden zu seyn geschatzt wurde.

Nachstfolgenden Tages, da Kirch-Tag war, wurden im Herausgehen aus der Kirche 300. Mann von unsern Leuten, nemlich die besten und starcksten Felsenburger ausgelesen, welche zu Ausschiffung der Sachen Hand mit anlegen solten; hierauf setzte sich der Capitain Horn nebst mir und vielen ansehnlichen Felsenburgern in Boote, und fuhren hinuber zu den Schiffen, da denn Capitain Horn seinem Bruder so gleich den Antrag that, dass, weilen auf der grossen Insul nicht so viel Raum und Platz anzutreffen, dem Volcke genugsame Bequemlichkeit zur Verpflegung zu verschaffen, als woll er sich gefallen lassen, dasselbe auf die kleinere Insul zu fuhren, fernerweit aber vor nichts Sorge tragen, indem allhier mehr der Uberfluss, als Mangel regiere.

Der jungere Capitain Horn liess sich alles gefallen, was ihm sein Bruder zumuthete, und derowegen richteten beyde Schiffe ihre Seegel nach der kleinen Insul, erreichten auch dieselbe noch, ehe es Nacht wurde. Folgenden Morgens stiegen sie also mit dem Allerfruhsten in eben demjenigen Haafen aus, allwo vor einiger Zeit einige Portugiesen als Gaste ausgestiegen waren, ja diese Leute erwahleten sich auch eben den lustigen Platz zu ihrem Lager-Platze, den sich damahls die Portugiesen darzu erwahlt hatten, indem wir noch die Rudera ihrer gehabten Hutten und Feuerstadten daselbst antraffen. Ich kan nicht gnugsam sagen, wie fleissig sie sich insgesamt anstelleten, ihre Hutten in Ordnung zu bringen, und es war immer einer mehr, als der andere beschafftiget, seinen Nachbar wegen seiner Hutte so wohl an Zierlichkeit, als Bequemlichkeit zu ubertreffen. Da das Volck nun vollends sahe, was ihm vor eine erstaunliche Menge Speise-Vorrath, Wein, Brandtewein etc. zugefuhret wurde, wusten die wenigsten zu sagen, was sie mit allen diesen guten Sachen, auch grosten Theils herrlichsten Delicatessen anfangen solten, indem es zu viel vor sie, und nur einigen ihrer besten Freunde in ihrem Vaterlande, oder hie oder da, etwas weniges von diesem ihren Uberflusse wunschten. Demnach hatten diese guten Leute dererjenigen Gedancken, so auf der Insul Gross-Felsenburg leben, gar sehr viel; Jedoch die guten Leute bey ihrer gemachten Einrichtung und zu guter Ordnung abzielenden Arbeit nicht zu stohren, oder ihnen wenigstens verhinderlich darinnen zu seyn, als blieben wir vor dieses erste mahl nur 3. oder 4. Tage bey ihnen, und fuhren darauf nach GrossFelsenburg los, als wohin wir die beyden Capitains Horn vorerst alle beyde mit uns nahmen, ingleichen des altesten Capitains Schiffs-Fahndrich und des jungern Capitains Lieutenant, den ubrigen beyden zuruckbleibenden subalternen Officiers wurde mitlerweile das Commando uber die Volcker, so sich bereits vollig einquartirt hatten, aufgetragen.

Es sperreten so wohl mein Bruder, als die bey ihm befindlichen Officiers die Augen gantz entsetzlich auf, als ihnen, nachdem sie durch den hohlen FelsenWeg herauf stiegen, und zwar bey der angenehmsten Zeit und Witterung, ohngefahr 1. oder 2. Stunden nach Aufgang der Sonnen, der gantze Prospect von unserer grossen Insul plotzlich und auf einmahl in die Augen fiel. Mein Bruder, der auf einen kleinen Hugel von ohngefahr zu stehen kam, war fast in vielen Minuten nicht von der Stelle zu bringen, doch endlich, da er sich besonnen hatte, wo er sich befande, sagte, indem er die Hande uber dem Kopffe zusammen schlug, nur so viel: Du, mein GOtt! du hast mich doch seit meiner Kindheit an unzahlig viele schone Landschafften in mehr als einem Welt-Theile sehen lassen, aber dergleichen Gegend habe ich noch nie gesehen, die ohne allem Zweiffel ihres gleichen in der gantzen Welt nicht hat. Die bey ihm stehenden Officiers gaben ihm in diesem Stucke den allergrosten Beyfall, worbey sie mehr als einmahl darzu schwuren; Indem aber bereits einige, theils mit zahmgemachten Hirschen, theils mit den schonsten Pferden bespanneten Staats- Carossen gegen uns angeruckt waren, als bestiegen wir dieselben. In der 1ten Chaise sass der Capitain Horn Sen. an meiner Seite; in der 2ten dessen Bruder bey dem Capitain Wolffgang, in der 3ten der SchiffsLieutenant bey Mons. Litzbergen, in der 4ten der Schiffs-Fahndrich bey M. v. Blac; diesen Chaisen folgeten noch verschiedene andere dergleichen, worinnen sich auch einige der so genannten Vornehmsten dieser Insul befanden, ingleichen waren etliche zu Pferde, wenigstens hundert Mann, die den Schluss machten. In dieser Ordnung fuhren wir nach der Alberts-Burg zu, denn es ist vorjetzo gegen sonsten gantz anders, so, dass man gleich auf dem Berge vor der grossen Burg-Thur absteigen kan.

Nachdem uns 6. graue Haupter zur Bewillkommung entgegen geschickt waren, stiegen wir die Treppe hinauf, und traffen daselbst auf einem grossen Saale, (denn es ist zu wissen, dass Zeit wahrender, des Capitain Horns, Abwesenheit nicht allein dieser Saal, sondern fast das gantze Gebaude, Alberts-Burg genannt, abermahls ungemein vergrossert und verbessert worden) den Regenten oben an einer oval-runden Taffel auf einem etwas erhabnern Stule sitzend an, als diejenigen hatten, die um ihn herum sassen, und dieses waren bekannter Massen die grauen Haupter und Vorsteher der Gemeinden in den Pflantz-Stadten. Zur rechten und lincken Seiten dieser oval-Taffel, oben neben dem Stule des Regenten, befanden sich noch 2. etwas kleinere runde oval-Taffeln, an welcher jeden 4. Herrn Geistliche sassen, und zwar in ordinairen Sachsischen Priester-Habit, denn unsere Herrn Geistlichen hatten sich nur vor etwa 2. Jahren einen neuen Amts-Gehulffen erwehlet, und denselben nach heiligem Gebrauche ordinirt, damit er das Werck des HErrn nebst ihnen nach der Ordnung unsers Heils unermudet forttreiben konte, weilen allem Ansehen nach denen dreyen alten und ersten die geistliche Arbeit in die Lange allzu sauer werden wolte. Jedoch hiervon weiter unten ein mehreres. Sonsten aber liess sich die Verwunderung aus meines Bruders so wohl, als der mit ihm gekomenen Officiers Augen nicht undeutlich

lesen, die sie uber die grossen grauen Barte und Eissgrauen Haupt-Haare hegten.

Es sassen demnach, wie schon gemeldet, diese venerablen Manner in der Rundung um den Regenten herum, und zwar alle in schwartzer Kleidung, auf Stuhlen, die mit rothen weichen Wild-Leder uberzogen waren, endlich aber, da die Fremden sich vor ihnen geneiget, trat der Regente auf seinem Stuhle in etwas in die Hohe, und redete dieselben selbst zu erst also an:

Meine Herren, auch werthesten Freunde und

Gonner!

Dieselben treffen hier an diesem Orte Leute an, welche von den so genannten Complimenten, oder wie die Sachen sonsten Nahmen haben mogen, so wenig wissen, als von dem auserlichen Pracht in Kleidung und von andern Welt Geprange, so vielleiche an andern Orten in der Welt vorgehen mag; sondern sie finden, wie ich sage, an uns Leute, die in ihrer gottesfurchtigen Einfalt leben, mit unserm geringen Stande und wenigem Vermogen vollkommen zufrieden sind. Wir machen uns allerseits eine gantz besondere Freude, Sie wertheste Herren und Freunde! nach einer (wie wir von unserm lieben Capitain Horn dem Aeltern bereits in etwas vernommen haben) beschwerlichen und verdrusslichen Reise glucklich bey uns zusehen, wunschen uns anbey nichts mehr, als dieses, dass Sie uns im Stande finden mogen, Ihnen nach Wurden ein und anderes Vergnugen zu machen; Jedoch, weilen wir ohnfehlbar das Gluck haben werden, Dieselben noch eine gute Zeitlang bey uns zu sehen, um vollkommen auszurasten, als werden sich vielleicht binnen dieser Zeit, mit Hulffe des Himmels, Mittel finden, Ihnen unsere Wohlgewogenheit und Erkanntlichkeit zu zeigen, zumahlen, da wir vernommen, dass Sie auf der ganzen Fahrt und vor einige uns mitgebrachte Sachen viele Sorge getragen. Wir bitten nochmahls allerseits, Sie belieben es sich bey uns wohlgefallen zu lassen, und mit moglichst guter Bewirthung vorlieb zu nehmen.

Da nun der Regente ausgeredet, und sich wieder hingesetzt hatte, redete mein Bruder also:

Hochgebietende, Hochgeehrteste Herren!

Es hat uns mein Bruder, sonderlich auf der RuckReise, 1000. fach viel Gutes von Ihnen und dieser gantzen hochgeschatzten Republique erzahlet, sonderlich aber, dass die Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Friede, Liebe, Treue, Redlichkeit, Aufrichtigkeit und andere unvergleichliche Tugenden mehr an keinem Orte in der Welt in grosserer Vollkommenheit anzutreffen, als auf dieser gluckseligen Insul, derowegen schatzen so wohl ich, als meine gegenwartigen Herren und Collegen es uns vor ein besonderes Gluck und Vergnugen, Dero Grund und Boden betreten zu haben, und mit Ew. Hochgebietenden unsern Hochgeehrtesten Herren bekannt zu werden. Was wir sonsten auf der gantzen Fahrt gethan, als absonderlich gut Commando unter unserm Volcke zu halten, hiernachst die uns anvertrauten Sachen bestmoglichst bewahren zu helffen, ist unsere Schuldigkeit gewesen, und protestiren wir hierbei vor alle Erkenntlichkeit, weilen wir von meinem Bruder bereits ein sattsames Honorarium bekommen, und werden wir, wenn uns ja erlaubt seyn solte, eine kurtze Zeit hier zu bleiben, uns bestmoglichst huten, einige Ungelegenheit zu machen, damit wir Dero allerseits gute Meynung von uns nicht verschertzen.

Nachdem diese Reden gehalten worden, giengen mein Bruder und die beyden Officiers erstlich zum Regenten, welchen sie umarmeten und kusseten, und denn ferner zu allen, die da gegenwartig waren, mit denen sie es gleichfalls also hielten, worauf an verschiedenen grossen Taffeln gespeist, und dabey ein freundliches Gesprach mit abwechselnder sanffter Taffel-Musique gehoret wurde. Folgende Tage uber liessen sich die Fremden von den Unsrigen auf der Insul in allen Pflantz-Stadten herum spatzieren fuhren, da sie denn viele Merckwurdigkeiten und Seltenheiten ungemein bewundert, endlich aber, da Capitain Horn Sen. das Commando und die Visitation auf der kleinen Insul zum ersten mahle auf eine Woche ubernehmen wolte, reiseten nebst dem Regenten die meisten von den grauen Hauptern und Vorstehern auch mit, ingleichen blieben die Herrn Geistlichen nicht zurucke, ja es folgten ihnen auch eine ziemliche Anzahl Gross-Felsenburger, so dass unsere Insul in langer Zeit nicht so leer von Leuten gewesen, als damahls. Wie nun der Capitain Horn Jun. voraus gegangen, um uns zu empfangen, als wurden, so bald wir aus den Booten stiegen, 50. Canonen geloset, nachhero aber von der in Ordnung gestelleten Mannschafft eine 3. mahlige Salve gegeben.

Wir bewunderten, dass unsere Gaste binnen so wenig Tagen alles nach ihrer schonsten und besten Bequemlichkeit eingerichtet, indem sie nicht nur so viele zierliche Hutten erbauet, sondern auch auf verschiedenen grunen Platzen, 12. bis 16. Taffeln von Bauholtz und Bretern aufgerichtet, so, dass wir sie mit groster Lust nach ihrem Appetite daran speisen sahen. Nachdem sie sich wohl gesattiget, und auch den Wein und Brandtewein darbey, nach eines jeden Belieben, nicht vergessen, vertheileten sie sich in Hauffen, und fiengen allerhand Lust-Spiele an, deren einige so possirlich heraus kamen, dass sich der Regente und die grauen Haupter, ja so gar unsere Herrn Geistlichen zuweilen fast nicht satt lachen konten, denn die wenigsten von ihnen hatten Zeit ihres Lebens nicht gesehen, was vor aufgeraumte und lustige Leute sonderlich die Boots-Knechte sind.

Nachdem wir uns aber 3. gantzer Tage bey ihnen aufgehalten, und dabey bemerckt, wie artig und kunstlich ihre Jagden und Fischereyen angestellet waren, kehreten wir insgesamt wieder zuruck nach Gross Felsenburg, und nahmen in den Booten, welche abermahls frische Lebens-Mittel vor unsere Gaste mitgebracht hatten, eine starcke Ladung von den Waaren und Sachen, so uns Capitain Horn aus Europa mitgebracht hatte, mit uns, um selbige an Ort und Stelle zu bringen, hierbey befanden sich auch die von den Barbaren erloseten Christen-Sclaven, deren schon gedacht worden. Weilen nun unserm Frauenzimmer die Wittbe des Englischen Schiff-Capitains vor allen andern in die Augen fiel, als reitzten sie mich an, sie zu bitten, uns ihren Lebens-Lauff zu erzahlen, demnach wagte ich es, und fand die Dame dergestalt gefallig, willig und bereit darzu, als ich mir kaum eingebildet hatte: denn sie machte den Anfang ihrer Lebens-Geschichte in Gegenwart unserer meisten und vornehmsten Frauens-Bilder alsobald mit diesen Worten:

Mich Ungluckselige hat der Himmel zu Londen in Engeland lassen zur Welt gebohren werden, in welchem Jahre aber kan vorjetzo selbst nicht mehr sagen: denn die Ursache dessen wird sich am Ende finden, weilen mir unter andern richtigen Urkunden auch mein Geburts-Schein verlohren gegangen. Unterdessen bin ich aus einer guten adelichen Familie, Harrison benahmt, entsprungen. Mein Vater war, so viel ich von meinen Kinder-Jahren annoch dencken kan, Schloss-Haupt-Mann eines der Koniglichen Schlosser, nicht allzuweit von Londen gelegen, und ich habe nachhero vernommen, dass er diese Charge gantzer 10. bis 12. Jahr gefuhret, endlich aber dieselbe wegen einer ihm begegneten fatalen Begebenheit niedergelegt, und sich mit meiner Mutter und seinen Kindern nach Londen begeben, um daselbst noch ruhiger und vergnugter zu leben, als er seinen Gedancken nach bishero gelebt hatte, weiln es ihm an Mitteln gantz und gar nicht fehlete, uns zu ernahren, indem er nicht nur vor sich ein ziemlich starckes Vermogen gehabt, sondern auch dasselbe durch die Heyrath mit meiner Mutter um ein wichtiges vermehret. Uber dieses alles ist mein Vater im Actien-Handel dergestalt glucklich gewesen, dass er sich die schonsten und austraglichsten Ritter-Guther hatte kauffen konnen, wenn er nur gewollt hatte; Allein er mag, wie mir meine seel. Mutter zum offtern erzahlet hat, wohl mehr als einerley, jedoch eben nicht gar allzu lobliche Ursachen gehabt haben, ein solches nicht zu thun, vielmehr hat er sich auf das verzweiffelte Spielen und Wetten gelegt, und ist dadurch dem Banquerout mehr als einmahl sehr nahe gewesen, jedoch das Gluck im Spielen und Wetten, hauptsachlich aber der Actien-Handel hat ihm nach und nach doch immer dergestalt wohlgewollt, und ihm das, was er vorhero verlohren gehabt, gedoppelt und dreyfach wieder zugefuhret, so dass es noch hohe Zeit gewesen ware, eine andere und bessere Lebens-Art anzufangen; Allein an dessen Statt fangt er an den Trunck zu lieben, und zwar den Brandtewein, auf eine gatz excessive Art, welches alles doch mochte hingegangen seyn, wenn er nur dann und wann sich bereden lassen, den Rausch auszuschlaffen; jedoch dieses war sein Werck nicht, sondern, wenn er den Kopff voll gehabt, war er in die Spiel-Hauser gegangen, hatte um geringer Ursachen wegen mit diesem oder jenem Handel angefangen, da denn fast keine Woche verstrichen, dass er nicht blessirt nach Hause gekommen ware, entweder mit dem Degen, oder mit der Kugel. Wiewohl er nun auch manchen blessirt, mithin seinen Hohn einsmahls gnugsam gerochen zu haben vermeinet, so redete ihm doch meine Mutter aufs allerbeweglichste zu, vom scharffen Spielen und Wetten, hauptsachlich aber von dem leidigen Truncke abzustehen, allein sie hatte eine lange Zeit tauben Ohren geprediget; Doch endlich andert mein Vater seine Lebens-Art plotzlich, und stehet so wohl vom Truncke, als vom Spielen ab, sucht auch keine andere, als honette, douce Compagnien, wesswegen meine Mutter so froh wird, als ob sie ihn zum zweyten mahle geheyrathet hatte. Allein, diese ihre grosse Freude wahrete nicht langer, als bis ihr von einer vertrauten Freundin in grostem Geheim vertraut wurde, dass ihr Mann, nemlich mein Vater, sich an ein luderliches Frantzosisches Comdianten WeibsStucke gehenckt, welche ihn dergestalt eingenommen, dass er ohne dieselbe fast nicht zu leben wuste; ja, er wendete nicht geringe Geld-Summen an dieses Luder, und hatte demselben in einer gewissen Vorstadt ein kostbares Logis gemiethet, um sie vor sich allein zu behalten, ware aber in diesem Stucke nicht nur zum offtern schandlich betrogen worden, sondern hatte auch bereits mit vielen Cavaliers, dieser Canaille wegen, Handel gehabt, und nur vor wenig Tagen einen gewissen Frantzosisches Cavalier in der rechten Seite der Brust fast durch und durch gestochen, so dass es misslich um des Blessirten sein Leben gestanden, worbey noch das groste Gluck, dass der Blessirte kein Engelander, sondern ein gebohrner Franzose ware. Wie gesagt, meiner seeligen Mutter Kummer und Sorgen und der Verdruss uber die erhaltene Nachricht von meines Vaters neuer Lebens-Art, die ihr, als einer ziemlich ehrgeitzigen Dame, fast mehr als alles vorhergehende zu schmertzen schien, verursachten, dass sie gantz plotzlich in eine schwere Kranckheit fiel, so dass wir alle an ihrem Leben zu zweiffeln anfiengen, zumahlen, da sie sich nicht nur taglich, sondern offt stundlich im rechten Ernste nach dem Tode sehnete. Als mein Vater sie in ihrer Kranckheit einstmahls zu besuchen kam, und ihr diese und jene Medicamenta recommendirte, gab ihm die Mutter zur Antwort: Macht euch nur keine Muhe mit euren Medicamenten, denn sie werden mir nichts helffen, sondern die ungebuhrliche Liebe zu eurer schandlichen Comdianten-Hure wird mich mit nachsten ins Grab sturtzen, sodann habt ihr Freyheit, euch um ihr zu vereheligen, weilen ich ohnedem mercke, dass ich euren Augen nicht mehr gefalle. Wie wehmuthig nun auch meine Mutter diese ihre Worte vorgebracht hatte, so liess sich mein Vater doch dadurch nicht erweichen, sondern sagte mit einem hohnischen Gelachter: Man merckte wohl, dass sie grosse Hitze hatte, und sehr starck phantasirte, derowegen solte man ihr nur noch etliche mahl nach einander eine Ader offnen, so wurde sich das Phantasiren vielleicht bald verlieren. Gehet mir, (gab meine Mutter hierauf zur Antwort) vor meinen Augen weg! denn dieses ist eine Cur, die ihr ohnfehlbar von eurer Franzosischen Canaille werdet gelernet haben etc. Mit solchen und dergleichen Reden, die mir und allen, so zugegen waren, selbst zu Hertzen giengen, krankkten sich meine lieben Eltern von einer Zeit zur andern, jedoch es geschahe bald, dass wir unsern Vater nicht so offt wieder zusehen bekamen, wesswegen wir anfanglich nicht wusten, ob er lebendig oder todt ware. Jedoch, nachdem er sich in gantzer 16. Wochen nicht blicken lassen, erhielten wir eine, wiewohl unsichere und ungegrundete Nachricht, dass er mit nach West-Indien geseegelt ware, woruber meine Mutter gantz froh wurde, nur darum, dass er auf solche Art von der Canaille losgekommen ware, denn an Geld und Guthern fehlete es uns zur selbigen Zeit gantz und gar im geringsten nicht, anbey hatte sie die Hoffnung, dass, wenn er glucklich und gesund wieder zuruck kame, er wenigstens etliche 1000. Thaler an Gold und Silber mit sich bringen wurde; Allein diese Hoffnung fiel in den Brunnen, da wir nach der Zeit um so viel desto gewisser versichert wurden, wie sich mein Vater noch bestandig in Londen aufhielte, und zwar an einem gantz abgelegenen Orte, von daraus aber, einmahl wie immer seine Frantzosin so wohl bey Tage, als bey Nacht besuchte. Demnach aber meine Mutter in sichere Erfahrung gebracht, wo eigentlich sein Logis ware, warff sie sich eines Abends in Manns-Kleider, und liess sich durch einen getreuen Menschen dahin bringen. Sie ist so glucklich, meinen Vater zu Hause anzutreffen, wesswegen sie in sein Zimmer gehet, sich zu seinen Fussen wirfft, und um alles dessen, was heilig ist, bittet, mit ihr in unser Logis zuruck zu kehren, auch fernerhin als ein getreuer Ehemann ihr und seinen Kindern beyzuwohnen, auch alles vorgegangene in Vergessenheit zu stellen etc. An statt aber, dass sich meines Vaters Hertz hatte sollen erweichen lassen, karbatscht er sie Gottes-jammerlich in dem Zimmer herum, und last sie durch seinen Bedienten die Treppe hinunter werffen, den Leuten aber weiss machen, als ob er eine falsche Visite von einem Spitzbuben bekommen, der ihn vielleicht um eine oder andere Kostbarkeiten beschnellen wollen.

Solchergestalt kam meine Mutter in erbarmlichem Zustande zuruck nach Hause, und wuste sich weder zu rathen noch zu helffen, indem sie sich das wichtigste Bedencken nahm, diese gantze Begebenheit vor die Obrigkeit kommen zu lassen.

Noch ehe aber hatten wir uns des Himmels-Einfall versehen, als bey so gestalten Sachen unsern Vater in dieser Welt wieder mit Augen zu erblicken; Allein er kam, da wir eben damahls seiner am wenigsten gedachten, einstmahls in der Mitternachts-Stunde auf einer Post-Chaise gefahren, gab ein Zeichen mit pfeiffen von sich, und rief, dass man ihm aufmachen solte. Wie wir nun seine Stimme wohl kanten, wurde ihm so gleich aufgemacht, da wir denn horeten, dass mehr als eine Person die Stiegen herauf gestolpert kamen, weswegen denn meine Mutter so gleich in jede Hand einen Leuchter mit einem grossen Wachs-Lichtenahm, gegen die Thur des Zimmers zugieng, um selbige zu eroffnen, und zu sehen, was auf dem Vor-Saale passirte. Ich, die ich gleichfalls ein Licht in jede Hand genommen, folgte ihr auf dem Fusse nach, und erblickte meinen Vater in Lebens-Grosse, auch in seiner gewohnlichen Kleidung, bemerckte aber anbey gantz klar und deutlich, dass er einen blossen Degen mitten in der Brust stecken hatte, dessen Gefasse vorne auf der Hertz-Grube fast Spannenlang heraus ragete, ingleichen bemerckte ich, dass das Blut sehr starck aus der Brust und am Leibe hinunter floss. Zu verwundern ist es demnach, dass ich vor Schrecken nicht so gleich augenblicklich zu Boden gesuncken bin, weiln mir noch auser dem die hinter ihm stehenden 2. langen, weissen Geister, oder Gespenster, die einen grossen schwartzen Reise-Couffre zwischen sich trugen, einen erstaunlichen Anblick verursachten. So wahr der Himmel uber mir lebt und schwebt, ich kan nicht wissen, woher ich in selbiger Stunde alle Hertzhafftigkeit muss herbekommen haben, und glaube dieserwegen vollkommen, dass mich ein Engel GOttes recht ubernaturlicher Weise muss gestarckt haben, denn meine Mutter hatte kaum meinen Vater oder dessen Gespenst in die Augen gefasset gehabt, als sie, wie sie sich nachhero wohl zu besinnen wuste, augenblicklich wie ein Mehl-Sack umgesuncken war. Ja, was noch mehr? ich fassete mir so gar ein Hertze, meinen Vater anzureden, und mich in ein kurtz Gesprach mit ihm einzulassen; allein, indem ich die Worte auf der Zunge hatte, kam er mir mit Reden zuvor, und sagte gegen uns beyde: Nun habt ihr nach eurem Wunsche, mich noch einmahl gesehen in dieser Welt, denn ich bin bereits an einem andern Orte, als in der zeitlichen Welt. Nehmet ohne Bedencken, was vor euch allhier auf dem Saale stehen bleibt; gedencket meiner im Besten, und lebet wohl!

Unter diesen letzten Worten loscheten alle unsere Lichter aus, auch sogar die, so ordentlicher Weise auf dem Saale zu brennen pflegten, jedoch bemerckten wir zu gleicher Zeit, dass das gantze Gesichte oder Gauckelspiel des Satans eben so geschwind und hurtig verschwand, als man ein Licht oder zwey auszublasen, und dasselbe zu verloschen pflegt; blieb also nichts davon ubrig, als ein blosser Schatten eines schwartzen Reise-Couffers, welchen wir nicht langer anzusehen wurdigten, sondern uns in unsere Zimmer zuruck begaben, allwo wir alles, was Athem hatte, im allertiefsten Schlafe fanden. Meine Mutter war fast auf allen Vieren hinein gekrochen, ich aber nur froh, dass ich sie erstlich mit Kummer und Noth auf ein Faul-Bette bringen konte.

Den ubrigen Theil der Nacht brachte ich noch in groster Verwirrung zu, da ich aber meine Mutter gegen Morgen in ziemlichen gesundem Zustande antraf, gab sich mein Hertz doch einiger Massen zufrieden, ja, ich bemerckte in demselben, dass es gedoppelte Courage bekam. So bald ich recht zu unterscheiden mir zugetrauete, was schwartz oder weiss ware, nahm ich zu allem Uberflusse noch 2. Wachs-Lichter in meine Hande, gieng nochmahls zum Zimmer gantz allein hinaus auf den Saal, allwo ich denn ohnfern vor unseres Zimmers Thur den vorhero schon erblickten schwartzen Reise-Couffre erblickte. Weiln nun der helle Tag bereits angebrochen, auch die Sonne schon aufgegangen war, so nahm ich mir (ich weiss selbst nicht, aus was Krafft) die eigene Hertzhafftigkeit, den schwartzen Couffre in unser Zimmer zu tragen, an welchen meine liebe Mutter nicht die geringste Hand anlegen wolte, sondern auch gebot, dass man dieses Teuffels-Ding solte stehen lassen, bis zum wenigsten der Seegen daruber ware gesprochen worden.

Ich schickte zu einem mir wohl bekannten religieusen Geistlichen, und erzehlete ihm die gantze Geschichte und Gesichte, so uns in voriger Nacht begegnet und erschienen war. Dieser nahm sich kein Gewissen, nachdem er sein Christlich Bedencken daruber gegeben, auch den Seegen uber den Couffre zu sprechen. Worauf wir denn sogleich nach einem Schlosser schickten, und den Couffre eroffnen liessen, worinnen sich 6000 Thaler theils an baarem Gelde theils Gold, theils Silber-Muntzen befanden, nebst noch mehr als einmahl so viel an Wechsel-Briefen und Actien Zetteln, wobey ein Memorial lag, welches meine Mutter, so bald ich dasselbe mit grossem Bedacht gelesen, wieder zu sich nahm, und in 1000 Stucken zerriss.

Das groste Wunder war bey dieser Sache, dass, ohngeachtet der Couffre binnen 24. Stunden fast zu Staub und Asche worden, jedennoch die Brieffschafften darinnen unversehrt geblieben waren, mithin hatten wir noch ein schones Capital einzuheben, welches zum Theil vielleicht auch noch viele Weitlauftigkeiten, unserm Beduncken nach, verursachen mochte.

Jedoch die eigentliche und Haupt-Sache war diese: zu erfahren, ob unser Vater noch am Leben, oder bereits todt ware; derowegen schickte erstlich meine Mutter verschiedene Kundschaffer aus, und als sie binnen wenig Tagen durch getreue Leute mit schweren Kosten endlich so viel vernommen, als was, so zu sagen, in ihren Kram dienete, warff sie sich abermahls in Manns-Kleider liess 2 von unsern Bedienten nach unserer ordinairen Livree gantz neu kleiden, und begab sich mit ihnen mehrentheils bey Nachts-Zeit auf den Weg, bat darbey uns zuruck im Logis bleibenden, jederzeit ein andachtiges Gebet vor ihre Person gen Himmel zu schicken.

Mir war angst und bange, meine Mutter von uns gehen zu sehen, jedoch, da ich mich endlich begriff, und bedachte, dass sie nicht allein einen durchdringenden Verstand, sondern auch dabey ein Manns- ja ein recht Lowen-Hertz im Leibe hatte, setzte ich mein Vertrauen auf die gottliche Hulffe, und liess sie unter vielen 1000. Gluckwunschungen so wohl, als Vergiessung haufiger Thranen hingehen, wohin es ihr selbst beliebte, zumahlen, da sie alle Abende wieder zu kommen, und uns zu besuchen versprach.

Es verstrichen demnach nicht mehr, als 8. oder 10. Tage, als sie das erste mahl zuruck kam, und uns die traurige Nachricht brachte, dass mein lieber Vater von einem Frantz- Manne, den er bey seiner Maitresse angetroffen, so zu sagen, meuchelmorderischer Weise ermordet, wessentwegen auch der Morder so gleich in gefangliche Hafft gebracht worden; Hergegen lebte die Maitresse lustig und guter Dinge, und sahe sich nur blos allein nach unserm Vater um, ob derselbe den Geld-Sack bald schickte, oder selbsten mit sich brachte. Es hatte meine Mutter diese Nachricht nicht allein in des Vaters, sondern auch so gar in der Maitresse Logis mit vielen Umstanden vernommen, sich aber an beyden Orten gantz und gar nicht darvor ausgegeben, als ob ihr sonderlich viel daran gelegen ware. Der Maitresse Schonheit konte sie nicht gnugsam beschreiben, zweiffelte aber sehr, ob selbige nicht etwa eine falsche Schmincke ware, dem ohngeachtet schwur sie in der ersten Hitze, ihren Hohn auch so gar mit Darstellung ihres Lebens zu rachen, und nicht eher zu ruchen, biss die Canaille entleibt ware.

Ich bat den Himmel mit bittern Thranen, meiner Mutter diese Gedancken zu benehmen, allein mein Gebet wurde in diesem Stucke dissmahl nicht erhoret, denn wenig Tage hernach kam ihr der Rummel auf einmahl wieder an, derowegen zohe sie abermahls eins von meines Vaters kantlichen Kleidern an, die ihr sehr wohl passeten, wie sie denn in allen Stucken eine sehr grosse Gleichheit mit seiner Person hatte; ausser dem steckte sie einen Degen mit einer geschliffenen Klinge an die Seite, und noch uber dieses in jede Tasche 2. Taschen-Pufferte, oder Terterols. Wie sie sich nun dergestalt blos in meinem alleintzigen Beyseyn wohl besorgt, rief sie zwey von unsern getreuen Laqueyen, befahl ihnen, ihr zu folgen, und sie nicht aus den Augen zu lassen, hergegen, wo es die auserste Noth erforderte, getreulichen Beystand zu leisten, indem es ihr Schade nicht seyn, sondern ein jeder von ihnen vor diesen Weg 100 Ducaten zur Recreation haben solte. Auf dieses umarmete sie mich, die ich an einem Fenster stunde, und Thranen vergoss, mit diesen Worten: Gebt euch zufrieden, meine liebste Tochter! und lasset mich nur immer in meiner gerechten Sache unter eurem Gebete fortgehen, denn die Gefahr, darein ich mich itzo begebe, um eures Vaters Tod, so viel als mir nur immer moglich ist, zu rachen, wird vielleicht so gross nicht seyn, als ihr euch dieselbe vorstellet, und ich hoffe, wo ich anders glucklich bin, noch vor Mitternachts-Zeit schon wieder bey euch zu seyn.

Wie nun diese letztern Worte meine Thranen einiger Massen hemmeten, so liess ich sie unter dem Schutze des Allmachtigen, in Begleitung der beyden Laqueyen fortgehen, blieb aber am Fenster stehen, und mit Vergiessung vieler Thranen abzusehen, was erstlich auf der Strasse vorgehen mochte, hernachmahls aber ihre Zuruckkunfft abzuwarten, worbey ich denn dergestalt fleissig betete, als ich wohl sonsten zum offtern in vielen Jahren nicht gethan, indem es mir fast ein unertraglicher Schmertz seyn und heissen wolte: Vater und Mutter binnen so kurtzer Zeit auf einmahl zu verlieren.

Jedoch dieser wurde ziemlicher Massen gelindert, da ich meine liebe Mutter ohngefehr zwischen 10 und 11 Uhren des Nachts nebst ihren beyden Laqueyen zuruck kommen sahe. Sie machte die Thur des Zimmers ohne langes Verweilen auf, und fragte nichts mehr, als dieses: Meine Tochter! wenn ihr Caffee habet, so gebet mir und diesen Leuten etliche Schalchen zu trincken, lasset uns auch ein gut Glas Rosoli holen, denn das Gluck hat meine Faust gesegnet und gefuhret, dass ich ein so gutes, ja fast noch bessers Meister-Stuck gemacht, als die Iudith bey dem Holoferne.

Indem ich nun darnach fragte, welcher Gestalt ihre Verrichtungen abgelauffen waren, erstattete der eine Laquey mir folgenden Bericht: Nachdem wir unten im Hause, wo die Conquette logirte, angelangt, und ein paar oder mehr Boutellen-Weins vor unsern Herrn gefordert, saumete die Wirthin nicht lange, uns dieselben zu bringen, worauf so wohl der so genannte unser Herr, als wir Diener den Wein versuchten, auch uns etwas zur Kost reichen liessen; Indem wir uns aber hierauf etwas bey Seite begaben, liess sich unser so genannter Herr mit der Frau Wirthin in ein vertrauliches Gesprache ein, und mochte wohl nach und nach so viel aus ihrem treuhertzigen Hertzen erforschet haben, dass die Frantzosische Comdiantin, wornach er gefragt, bereits in ihrem Bette versorgt sey, und zwar mit demjenigen Frantzosischen Cavalier, der ihrentwegen nur vor wenig Tagen einen andern Cavalier erstochen hatte. Ob nun gleich der Entleibte ein Engelander von Geburt, so sahe man doch wohl, dass Geld und Gold alles niederdruckte, indem der Frantzose bereits Pardon erhalten. Ohngeachtet, dass sich unser gebietende Frau, zumahlen, da sie Manns-Kleider am Leibe anhatte, ziemlich zu verstellen wuste, so merckten wir beyden Bedienten doch bald, was passirte, zumahlen, da unsere Frau die Wirthin vermittelst eines Geschencks a 3. Guineen gantz vollkommen treuhertzig machte, und dieselbe instandig bat, ihn nur hinauf in das Zimmer zu fuhren, wo beyde Frantzosen schliefen, indem er ein recht vertrauter Freund von allen beyden sey, indem er so gut Frantzosisch als Englisch parliren konte. Die Wirthin liess sich also ohne ferneres Bedencken, und in Betrachtung der schonen Gold-Stucke, deren sie vielleicht noch mehr zu fischen verhoffte, dahin bewegen, dass sie uns alle 3. in das Zimmer hinauf fuhrete, allwo beyde verliebte Frantzosische Seelen im Bette angetroffen wurden, und einander umarmten, auch sich keines Bosen befahreten, bis ihr mein Herr oder Frau, wie ich sagen mag, seinen geschliffenen Degen zwischen beyden Brusten gantz sanffte hindurch bohrete, da sie denn der Wirthin rieff und dieselbe fragte: was im Hause und hier oben vorgienge. Nichts, Madame, antwortete die Wirthin) schlafet nur gantz ruhig, denn ich bin selber da.

Mir kam so wohl uber die Frage, als uber die Antwort dieser beyden Personen, ein hertzliches stilles Lachen an, doch, da ich merckte, dass sich der Franzose ruhrete und umwenden wolte, stiess ich meinen Cameraden in die Seite, um auf allen Fall unsere Pistolen parat zu halten, weilen man bereits das Blut unter dem Bette hervor lauffen sahe. Mein Herr wolte zwar der Wirthin mit 6. Guinees ein Stillschweigen auferlegen, allein diese wolte sich nicht weiter treuhertzig machen lassen, sondern durchaus nach der Wache schicken. Demnach begaben wir uns erstlich an die Fenster, um frische Lufft zu schopffen, wurden aber gewahr, dass sich eine gewaltige Menge vom Pobel in selbiger Gegend versammlete, fragten demnach die Wirthin, was der Lerm auf der Strasse zu bedeuten hatte? worauf sie zur Antwort gab? Meine Herrn! dieser Lerm gehet nicht uns, sondern die Zoll-Bedienten an, welches nichts ungewohnliches ist, wird sich aber mit Anbruch des Tages wohl legen. Indem wir nun die Frau Wirthin in allen Stucken gantz hoflich und freundlich sahen, begaben wir uns wieder hinunter in das Haus, und forderten 3 Bouteillen Wein, nebst etwas Zubehor, welches alles die immer liebreicher scheinende Frau Wirthin sogleich brachte, und sich mit unsern so genannten Herrn in ein vertrauliches Gesprach einliess, welches wir beyden Diener nicht verstehen konten.

Ich will euch, fiel hier meine Mutter dem Laquay in die Rede, dasselbe allerseits dergestalt noch vorsagen, als es gehalten worden: denn erstlich fragte die Wirthin, wie es moglich gewesen, dass ich ein so wunderschones Frauenzimmer hatte in ihrer besten Ruh entleiben konnen? worauf ich derselben zur Antwort gab: Madame! es laufft allerdings wider mein Naturell, einen guten Hund, geschweige denn ein Frauenzimmer zu todten, weilen ich, wie sie sehen konnen, selbsten dieses Geschlechts bin, allein diese Frantzosen-Hure hat mir erstlich meinen Mann verfuhret, und zum Ehebruche verleitet, hiernachst mich und meine Kinder um gewaltige Geld-Summen gebracht, aber alles dieses mochte noch hingegangen seyn, wenn sie mir nur diesen Tort nicht angethan, und meinen Ehemann, der von den Vornehmsten des Englischen Adels herstammet, durch ihren Beyschlaffer, so viel ich vernommen, auch so gar meuchelmorderischer Weise um sein noch ziemlich junges Leben bringen lassen. Es hat mir (sprach ich ferner zu der Wirthin) hier in ihrem Hause an weiter nichts gefehlt, als an der Zeit und Gelegenheit, allein ich hoffe, dass mir der Himmel doch noch diesen morderischen Frantzosen in die Hande fuhren wird, da ich denn nicht fackeln werde, ihm durch meine eigene Faust das LebensLicht auszublasen, und meinen Mann zu besuchen, in das Reich der Todten zu schicken, solte ich auch gleich meinen Kopff auf dem Chavotte mussen fliegen lassen, so mache ich mir dennoch eben so wenig daraus, als ob ich zehen Kopffe hatte. Hierauf sagte die Wirthin gantz heimlich und vertraulich: Madame! ich habe genug gehort, kan aber nicht gar viel darzu sagen, unterdessen, weiln ich ihnen zu Gefallen, noch nicht nach der Wache geschickt, und die Sache melden lassen, so folget meinem getreuen Rathe, und mischet euch noch bey guter Zeit mitten unter den Pobel, wessentwegen euch denn auch meine Haus-Thure nicht soll abgeschlossen werden.

Nachdem ich der Frau Wirthin vor dieses gute Erbieten einen Kuss auf gute Landsmannische Manier versetzt, war mir noch einmahl so wohl ums Hertze, als vorhero, befahl auch derselben, meinen beyden Leuten auf mein Conto noch so viel zu trincken zu geben, als sie nur immer beliebten, weiln ich alles bezahlen wolte; als zu dem Ende ich ihr der Wirthin noch 3. Guinees in die Hand druckte, und meine Leute nach meiner Pfeiffe stimmete, Wie nun der helle lichte Tag bereits angebrochen war, als kam der Monsieur Franzmann die Treppe herunter spatzieret, und gieng in einen kleinen hinter dem Hause gelegenen Lust-Garten, um sich daselbst zu divertiren, ich folgte ihm auf dem Fusse nach, und wunderte mich uber weiter nichts mehr, als dass er keinen Verdacht weder auf meine Person, Kleidung, noch sonstes etwas legte. Wir waren aber kaum etliche 20. Schritte zwischen den Blumen-Beeten herum spatziert, als ich mir gefallen liess, einige der schonsten Blumen, die nach meinen Appetite waren, abzupflucken, woruber sich der Franzose mit allerhand anzuglichen Reden verlauten liess, dass dieses keine Manier, sondern eine Anzeigung eines schlechten Verstandes und geringer Hoflichkeit sey, so kam es unter uns bald zu hasslichen Schimpff-Worten, und obgleich die darbey stehende Wirthin, fernern Streit zu verhuten, sich erklarete, wie sie sich aus dergleichen Kleinigkeiten nichts machte, sondern dieselben allen ihren Gasten, welche Belieben darzu trugen, Preiss gabe, so wolte der Franzose sich jedennoch nicht zufrieden geben, sondern schimpffete immer noch hefftiger auf mich los, da ich ihm denn mit Worten gleichfalls nichts schuldig blieb. Er aber zog seinen Degen, gieng mir damit in einem breiten Wege sehr hitzig zu Leibe, ich hergegen war gelassen, und gieng anfanglich sehr behutsam mit Ausparirung seiner Stosse, da er mir aber endlich immer gefahrlicher zu Leibe gieng, versetzte ich ihm oben einen Stoss durch die rechte Brust, dem noch einer folgte, welcher vermuthlich durch sein Hertze gieng, indem er mit den Worten, die auf deutsch, ich habe genug, heissen, wie ein Baum umfiel, und fast gar kein Zeichen des Lebens wehr von sich gab. Nunmehro begunte mir erstlich recht sehr bange zu werden, wie es mir ergehen wurde, allein die Wirthin, die entweder aus Mittleyden, weil sie wuste, dass ich ein Frauenzimmer war, oder vielleicht aus ihren eigennutzigen Ursachen durch diesen Zufall gantz besturtzt worden, kam mit sachten Schritten auf mich zugegangen, und sagte: Meine Freundin! Ihr habt euch ritterlich genug gehalten, derowegen seyd auf eure Flucht bedacht, denn mir ist mit eurem Schaden und Ungluck nicht gedienet. Hiermit offnete mir die gute Frau die Hinter-Thur des Gartgens, wodurch sie mich hinaus liess, da ich ihr denn noch 3. Guinees in die Hand druckte, und bat, dahin besorgt zu seyn, dass auch meine 2. Bedienten mir bald nachfolgen konten. Dieses zu bewerckstelligen, lief sie selbsten vor ins Haus, und brachte zu meiner grosten Freude meine Bedienten gefuhret, welche denn so wohl als ich von ihr hinaus gelassen wurden, da wir uns denn alle 3. gar bald erstlich unter den Pobel vertheileten, jedoch auch gar bald einander wieder antraffen, und keinen Augenblick Zeit versaumeten, euch, meine liebe Tochter, heimzusuchen, weilen wir alle wohl wissen, dass ihr Zeit unserer Abwesenheit euch tausend Kummer und Sorgen werdet gemacht haben.

GOtt sey ewig gelobt! (sprach ich zu meiner Mutter) dass er ihre Person bey diesem gefahrlichen Handel so vaterlich behutet hat, dieser ist mein lebendiger Zeuge, dass meine Augen Zeit ihrer Abwesenheit gar nicht sind trocken worden; und dieser wolle fernerweit unser Beystand seyn, denn wir haben meines Erachtens noch viel schwere Berge zu ubersteigen vor uns.

Indem nun meine Mutter und ich, so wohl bey Tage als bey Nachts-Zeit, mit sorgsamen Gedancken beschafftiget waren, weiln mir keinen Schluss fassen konten, an wen wir uns wegen unserer Forderungen addressiren wolten, fuhrete endlich der Himmel unverhofft eine Person in unser Logis, welche wir beyde recht als einen Engel bewillkommeten.

Es war diese Person Mons. Barley, ein junger Lord, der schon in meinem 13ten Jahre, da mein Vater noch Schloss-Hauptmann gewesen, bey meinen beyden Eltern angehalten, mich als diese ihre Tochter an keinen andern Menschen zu verheyrathen, als an ihn. Wie nun meine Eltern ihm zur Antwort ertheilet, dass es noch viel zu fruhzeitig mit ihrer Tochter sey, dieselbe zu verheyrathen, er aber wohl schwerlich, von wegen seiner eigenen Jahre, Standes und grossen Vermogens, nicht leicht vor rathsam befinden wurde, auf dieselbe zu warten, weilen er mittler Zeit, als diese vollkommen aufgewachsen ware; 10. ja mehr weit profitablere Parthien im Heyrathen antreffen konte. Demnach solle er sich eine Sache, die ihm vielleicht bald hernach, als er seinen Zweck erreicht, gereuen konte, viel lieber aus den Gedancken schlagen, so konne er vergnugt und wir alle ohne Sorgen leben.

Allein dieser mein Liebhaber, welchen ich, zu mahlen bey unsern offtmahligen verwirrten Haus-Sachen, jederzeit treu und redlich erfunden, hatte sich damahls und auch in folgender Zeit an alle dergleichen ihm verdrusslichen Abfertigungen wenig gekehret, sondern war mir eine Zeit, wie die andere getreu und bestandig geblieben, und zwar, ohne dass ich einen besondern Wohlgefallen daruber empfunden: Denn ich furchtete mich schon von meiner Jugend an gantz entsetzlich vor dem Heyrathen, weilen mir der so genannte Englische Wahrsager, und zwar der Uralte, nicht viel Guts in der Helffte meiner Jahre zu geniessen vorher gesagt hatte. Um aber meine Geschichte nicht weitlaufftig zu machen, so will nur so viel sagen: dass dieser Mons. Barley noch bey Leb-Zeiten meines Vaters, ehe derselbe in die letztern Verdrusslichkeiten gerathen, zum offtern in Londen zu uns gekommen, und die ehemahlige Bekanntschafft erneuert, nachhero aber nur sehr sparsame Visiten bey uns abgelegt, weilen er wohl gemerckt, dass es nicht allzu gut um unsere Wirthschafft stunde; da ihm aber unsere Fatalitaten zu Ohren kamen, kam er, so zu sagen, als ein von GOtt gesandter heiliger Engel, und brachte uns zu allererst die besondere Nachricht: dass die Entleibung der Franzosin so wohl als auch des Franzosen nicht allein in der gantzen Stadt, sondern auch bereits bey Hofe ruchtbar worden, indem die Wirthin und Domestiquen des Logis, worinnen die Franzosische Comdiantin logirt, alles umstandlich erzahlen, und endlich bekrafftigen mussen, jedoch hatten Ihro Majestat der Konig selbst sich dergestalt allergnadigst verlauten lassen: Man musse bey der angegebenen Deliquentin, zumahlen, da sie eine gebohrne vornehme Engelanderin ware, die Sache recht wohl untersuchen, indem Allerhochst-Dieselben vor diessmahl gewisser Ursachen und Umstande wegen lieber Gnade als recht ergehen zu lassen, gesonnen waren etc.

Dieses war nun schon ein ziemlich starcker Trost vor mich und meine Mutter, den uns dieser Freund zum ersten mahle brachte, allein der ehrliche Mensch dienete uns in weit mehrern Stucken, denn da ihm meine Mutter das Geheimniss wegen unserer starcken Schuld-Forderungen entdeckte, war seine erste Anfrage diese: Ob er, wenn er auch nur die Helffte davon ausgeklagt, auch mich zur Gemahlin haben solte? welches denn meine Mutter und auch ich ihm mit Hand und Mund versprachen. Demnach war Barley vollkommen wohl mit uns zufrieden, und liess sich unsere Geschaffte dergestalt angelegen seyn, dass er weder Tag noch Nacht Ruhe hatte, bis er, versprochener Massen, die Helffte unserer Forderungen ausgeklagt, und noch ein weit mehreres, welches alles er denn zu meiner Mutter sichern Handen lieferte. Hierauf drunge er auf das Beylager mit meiner Person, ohngeachtet ich ihn nun an meine Mutter verwiese, indem dieselbe, obgleich etwas alter, jedoch weit schoner und reicher, als ich ware, so wolte doch mein Barley auch hiervon nichts horen, sondern sagte nur soviel: Kurtz, ich liebe eure Person eintzig und allein auf der Welt, und setzte gegen euch Printzessinnen zurucke, wenn sie mich auch haben wolten, aus was Ursachen aber ich euch liebe, solches ist mir ohnmoglich zu sagen.

Sich zu einer Heyrath zu entschliessen, mag wohl eine solche Sache seyn, die dem Menschen vorhero lange im Kopffe herum gehen muss; allein bey unsern damahligen Umstanden erforderte es allerdings wohl die Noth, mich nicht langer zu weigern, zumahlen, da mir meine Mutter und mein Liebster fast keine Stunde mehr, zur weitern Bedenck-Zeit vergonnen wolten.

Demnach wurden wir endlich, fast ehe es mir gefallig war des Handels vollkommen einig, und celebrirten unser Beylager, ohne gewohnliches unnothiges Geprange, hatten auch niemanden auser meiner Mutter dabey, als 12. Herrn und Frauen aus Londen, die wir noch vor unsere besten Freunde schatzten.

Nachdem nun auch dieses geschehen, und vorbey war, wir beyde neugebackenen Eheleute auch kaum 4. Wochen vergnugt beysammen gelebt hatten, kam eines Abends mein Barley sehr starck verwundet nach Hause, indem er zu sagen wuste: wie er einiger Massen recht unter die Morder gefallen, und dergestalt von ihnen zugerichtet worden, dass er vielleicht seinen Geist dieserwegen aufgeben muste.

Es waren eben zwey Englische Kauff-Leute bey uns, welche einige Geld-Summen vor uns zahleten, und dem Herrn von Barley das Verstandniss ziemlicher Massen eroffneten, indem sie ihm sagten: dass dieses sein Ungluck von niemanden anders herruhrte, als von einem gewissen Mackler, den man noch zur Zeit nicht in die Gulde der Kauffmanschafft einnehmen wollen, und mit dessen Tochter der Herr von Barley sich zu vermahlen vor einiger Zeit, auch ihm ein Schiff nach Ost-Indien auf dessen Verlag zu fuhren, anheischig gemacht, nachhero aber das Wort nicht gehalten, ohngeachtet der Mackler gesonnen gewesen, vor ihn und seine Gemahlin, als dessen Tochter 20000 Gulden in Banco, so zu sagen, als zum Heyraths-Guthe einschreiben zu lassen. Mein Barley befand sich einiger Massen in seinen Gewissen betroffen, sagte aber dieses: Mein Ungluck mag herruhren, wo es immer wolle, jedennoch werde ich nicht verzagen, weilen, nachst GOtt, meine Redlichkeit und mein noch (wiewohl eben nicht so gar sehr starckes) Vermogen mir durchhelffen muss. Kurtz: ich verlasse mich auf den Himmel, meine Jugend und meine Tapferkeit. Wenn sie (sagte der eine und alteste Kauffmann,) das Principium haben, so kan es ihnen nicht fehlen; unterdessen, weilen wir beyde einen guten Schiffs-Capitain nothig haben und zwar eine Person von Condition, indem wir in Compagnie ein vollkommen wohl ausgerustetes Schiff liegen haben, welches nach Ost-Indien gefuhret werden soll, als haben wir das besondere Vertrauen zu Ew. Herrl. dieselben zu unsern Schiffs-Capitain anzunehmen, in Hoffnung, dass sie unsern Nutzen und Vortheil aufs best-moglichste besorgen werden, und hiervor lassen wir ihnen gleich morgendes Tages, oder, wenn es gefallig, ausser dem Ordinario alsofort 6000. Fl. in Banco schreiben.

Mein Barley wolte sich anfanglich nicht entschliessen, mit diesen Leuten etwas zu thun zu haben, indem er nicht allein seine noch allzu neue Heyrath, sondern auch seine schlechte Erfahrung im SeeWesen vorschutzte, jedoch alles dieses und noch mehrere Entschuldigungen wolten bey diesen Capitalisten nichts gelten, sondern sie trilleten ihn so lange, bis er einen Contract mit ihnen schloss, der zumahlen vor mich, nachst dem vor meine Mutter, ja alle die Meinigen, ungemein raisonable und profitable abgefasset war.

Aber ich verfluche fast noch die Stunde, da dieses geschehen ist, denn dieser Contract hat mich um meinen lieben Mann gebracht. Er hatte, nachdem er sich einmahl engagirt, wenig Zeit zu versaumen, zu Schiffe zu gehen, wessentwegen auch meine Mutter und ich unsere Maass-Regeln darnach nehmen und einrichten musten, jedoch schon gemeldte zwey redliche Kaufleute, als meines Mannes Principalen, halffen uns, was die Geld-Affairen anbelangete, binnen wenig Tagen aus allen unsern Nothen, indem wir das allermeiste Geld eincassirten, das ubrige aber im Banco schreiben liessen.

Endlich ruckte der strenge Tag heran, da ich mit meinem Manne unter Seegel zu gehen, uns beyde nicht langer entbrechen konten, derowegen machten wir noch eine kurtze Disposition, nach gehaltener fernerer Verabredung auf alle Falle mit unserer lieben Mutter, und traten nachhero unsere Reise in Gottes Nahmen an, waren auch so glucklich in der Gegend des grunen Vorgeburges anzulangen, ohne vom Sturm und Wetter befallen zu werden, bis uns endlich 3. Barbarische Schiffe auf einmahl uberfielen, und mit allerausersten Gewalt zum Treffen zwungen. Zwar hatte ich fast glauben sollen, wir hatten ihnen noch bey guter Zeit entkommen konnen, zumahlen, da sie meinen Gedancken nach, eine ziemlich billige Forderung an uns thaten, allein mein Mann war, wenn ich es deutlich sagen soll, damahls wohl ein wenig zu hitzig, und hielt mit behertztem Muthe Stand, ohngeachtet er sich weit ubermannet sahe, und eben dieses hat ihm sein, mir sehr kostbares Leben, gekostet, indem ihm eine Canonen-Kugel den Kopff abgerissen. Ich gerieth demnach in die Barbarische Sclaverey, zusamt allen den Meinigen, habe es aber den beyden Herrn Capitains Horn zu dancken, dass sie uns nebst vielen andern Christen-Slcaven erloset, wiewohl ich den Barbaren eben nicht nachsagen kan, dass sie mir und den Meinigen viel Uberlast gethan hatten, allein dieses hatte seine besondere Ursachen, indem ich ihnen nicht allein eine ziemlich starcke Summa Ranzion-Gelder so gleich versichert und verschrieben, sondern ein weit mehrers zu thun versprach, wenn sie uns wohl tractirten, und je eher je lieber nach Engeland, oder wenigstens nach Gibraltar lieferten; Allem wir haben, GOtt sey gedanckt, ihnen keinen Flitter geben durffen, weilen es uns von unsern tapffern und freygebigen, theuren Erlosern durchaus verboten wurde, ihnen auch nur das geringste zu zeigen, geschweige denn zu geben. Anbey muss die edle Tugend der Grossmuth und Freygebigkeit zu ruhmen nicht vergessen, welche nicht allein die beyden nie genug gepriesenen Capitains Horn, sondern auch 2. Portugiesische Capitains in unserm damahligen betrubten und verwirrten Zustande allen erloseten Christen-Sclaven, vornemlich aber auch mir und den Meinigen erwiesen. Der Himmel vergelte es ihnen, und seegne sie alle auf Lebens-Zeit. Dieses muss ich aber noch melden, dass die Portugiesen so gutig waren, und versprachen, mich mit allem meinem Zubehor und Haabseeligkeiten frey und franck in den ersten Englischen Capital-Hafen zu liefern; Allein wie gern ich das Land und die Stadt meiner Geburt vor meinem Ende wohl noch einmahl sehen mogen, so hatte ich doch in meinem Hertzen einen besondern Wiederwillen gegen die Portugiesen, nicht so wohl vor ihre Personen (denn es waren in Wahrheit 2 artige Cavaliers von Person und Ansehen) aber ich fand etwas an ihnen, das mir nicht gefiel, und welches ich itzo nicht sagen kan oder will. Derowegen addressirte ich mich an unsern Haupt-Commandeur, den altesten Capitain Horn, und bat ihn gewisser Ursachen wegen, weil ihm die Treue und Redlichkeit gegen seinen bedrangten Nachsten, recht aus den Augen leuchtete, aufs allerwehmuthigste, mich nicht in die Hande der Portugiesen kommen zu lassen, sondern mir die Gefalligkeit zu erweisen, und mich so wohl als meinen Zubehor aufs Vorgeburge der guten Hoffnung mit sich zu nehmen, von dannen ich mich denn schon weiter nach einer gewissen Ost-Indischen Insul zu kommen getrauete, allwo mein seeliger Mann im Nahmen seiner Principalen ungemein starcke Geld-Posten einzuheben, auch dessfalls ein Blanquet zur Vollmacht bekommen, welches er mir unter seinen Schrifften hinterlassen hatte. Es versprach mir itzt gemeldter Capitain Horn zwar, mich um weiter nichts zu bekummern, sondern versicherte mich mit nachsten, so bald es nur moglich ware, auf das Cap zu bringen, allein in diesem Stucke muss ich ihn, wiewohl mit frolichem und vergnugtem Hertzen einer Unwahrheit beschuldigen, indem er mich an Statt des Mohrischen Vorgeburges an diesen angenehmen Ort gebracht, allwo ich den Himmel, oder so zu sagen, nur eine der besten Haupt-Cammern des Himmels auf dem Erdboden angetroffen, und mich nunmehro Zeit meines Lebens von dieser gluckseeligen Insul nicht wunschen will, wenn einer von den vornehmsten Einwohnern derselben, mir nur das Gluck gonnen will, mich als eine Magd, oder Kinder-Frau bey sich zu behalten, denn ich bin, ohne eitlen Ruhm zu melden, geschickt, nicht nur die saubersten Sachen mit der Neh-Nadel zu verfertigen, sondern weiss auch mit Spitzen-machen, Weben, Spinnen und Stricken gantz wohl umzugehen, bin auch sonsten allerhand andere Haus- und KuchenArbeit von Jugend auf gewohnt. Mein allerbester Trost ist dieser, dass ich meine liebe Mutter versorgt weiss, weilen ich derselben nebst meinen kleinern Geschwister ein solches Capital zuruck gelassen, welches sie, als eine gute Wirthin wohl schwerlich ZeitLebens mit ihren Kindern verzehren wird, und wenn sie sich auch in kunfftiger Zeit zur andern Heyrath bequemete, indem sie noch eine wohl ansehnliche vigoreuse Frau, und fast noch in ihren beste Jahren ist. Kurtz zu sagen: Ich werde mich weiter weder um mein Vaterland so wenig, als um die gantze Welt bekummern, wenn ich nur, wie schon gemeldet, die gutige Erlaubniss erhalten, auf dieser gluckseeligen Insul und unter dem Zusammenhange der ungeheuchelten auserlesensten Frauen mein muhseeliges Leben zu enden.

Wie nun hiermit auch die Madame Barley den ersten Theil ihrer Lebens-Geschichte endete, jedoch dabey meldete, dass sie viele zur Haupt-Geschicht nicht eben allerdings gehorige Weitlaufftigkeiten bis auf eine andere Zeit versparen wolte, so steckte unser Insulanisches Frauenzimmer erstlich die Kopffe ziemlich zusammen, endlich aber wurde der Madame de Blac, als einer Lands-Mannin der Madame de Barley, ingleichen des Herrn Mag. Schmeltzers Sen. Frau Liebste aufgetragen, dieser Dame wegen bey dem Regenten und Mit-Regenten Vorstellungen zu thun, damit alles fein ordentlich zugehen mochte. Diese beyde nahmen die Commission mit Vergnugen auf sich, kamen auch, weilen sie eben die grauen Haupter, Vorsteher und Herrn Geistlichen bey dem Regenten versammlet angetroffen, noch vor Verlauf zweyer Stunden wieder, und brachten vor die Madame von Barley diesen erwunschten Bescheid zuruck: "Dass der Madame von Barley vollkommene Erlaubniss ertheilet ware, im Nahmen der hochheiligen Dreyfaltigkeit auf dieser Insul bey uns zu bleiben, so lange es ihr gefallig ware. Auser dem solte sie von dieser Stunde an, vor keine Einkomlingin, etwa angesehen und

gehalten werden, im Gegentheil aber alles Recht geniessen, dessen sich die Gross-Felsenburger zu erfreuen hatten, so wohl als ob sie auf dieser Insul gebohren und erzogen ware; wie sie denn ein jeder von uns, er sey mannliches oder weibliches Geschlechts, dergestalt achten und halten solte, als ob sie eines jeden leibliche Schwester ware etc."

Dieser Bescheid verursachte in dem Hertzen unserer Frauenzimmer eine ungemeine Freude, als welche die neu eingenommene Schwester Wechselweise dermassen umarmten, hertzten und kusseten, dass es fast zu verwundern, wie diese solche ubermassige Liebkosungen ausstehen konte.

Da nun Mons. Litzberg und andere mehr das Frauenzimmer so auserordentlich lustig sahen, wurden dieselben auf einen grossen Saal gefuhret, und ihnen daselbst eine unvergleichliche Vocal- und Instrumental Musique gemacht, denn ich kan ohne eitle Prahlerey theuer versichern, dass sich unsere Felsenburgischen Musici, so wohl Vocal- als Instrumentalisten seit wenig Jahren in der Musique dergestalt gebessert, dass viele unter ihnen manchen so genannten Virtuosen in Europa beschamen solten, woraus denn abzunehmen, dass der Natur, wie man spuret, fast alles moglich ist, zumahlen, wenn Lust und Liebe zu einer Sache bey einem tuchtigen Subjecto vorhanden sind. Demnach weilen zumahlen von unserm Frauenzimmer immer Wechselsweise die schonsten und auserlesensten moralischen Cantaten, auch andere Arten von Composition abgesungen wurden, gieng die Nacht daruber hin, und der Tag begunte schon anzubrechen, ehe wir uns dessen versahen; doch fand sich niemand unter uns allen, der die gehabte Lust und das Vergnugen bereuete, welches wir in abgewichener Nacht genossen hatten.

Des folgenden Morgens, da sich die Aeltesten und Vorsteher, so wohl als auch die Hrn. Geistlichen beym Regenten auf der Alberts-Burg zum Thee eingefunden, schickte der Regente auch an uns ubrigen, vom so genannten engern Ausschusse, und liess uns auf den Thee zu sich bitten, indem er mit einem und andern etwas nothwendiges zu sprechen hatte; demnach saumeten wir nicht, uns bey ihm einzustellen. Es folgten also dem Capitain Wolffgange und mir noch viele andere, als Mons. de Blac, Litzberg und andre Einkommlinge, auch kam der Capitain Horn Sen. als wenn er geruffen ware, und berichtete, wie er gestern abermahls eine Visitation der von ihm mitgebrachten Leute angestellet, und dieselben in voller Lust und Vergnugen angetroffen, woraus zu schliessen, dass ihnen die Lebens-Art auf der kleinen Insul eben nicht ubel gefallen muste.

Der Regente und alle Beysitzer lobten seinen Fleiss in Besorgung unseres Besten, und gaben anbey zu vernehmen, wie sie allerseits nicht wusten, womit sie ihm eine rechte angenehme Gegen-Gefalligkeit erweisen konten. Alles, was, (versetzte hierauf der Capitain Horn Sen.) ich bis auf diese Stunde zum Nutzen und Wohlstande dieser Insul Felsenburg nach meinem wenigen Vermogen etwa beygetragen habe, solches hat diejenige Schuldigkeit erfordert, worzu ich mich gleich von Anfange unserer Bekanntschafft anheischig und verbindlich gemacht, auch so gar des allerkleinesten Kindes Bestes, nach meiner menschlichen Moglichkeit zu befordern; derowegen haben meine allerseits hochst- und hochgeehrteste Herren, Obern, Freunde und Bruder, sich nicht die geringste Muhe zu geben Ursach, mir einige Gegen-Gefalligkeiten zu erweisen, es sey denn, dass dieselben allerseits meinem lieben Freunde und Bruder, Eberhard Julio, einstimmig auferlegen wolten, mir eine umstandliche Nachricht zu geben von allen dem, was seit meiner Abwesenheit auf dieser Insul und was darzu behorig ist, vorgegangen.

Wie nun so wohl der Regente, als die andern alle mich, Eberhard Julium, instandig baten, des Capitains Verlangen zu erfullen, als fieng ich die Fortsetzung dessen, was ich ihm bereits gemeldet, folgender Gestalt an:

Ich zweiffele fast, mein werthester Freund und Bruder, dass ihr nach eurer letztern Abreise von uns kaum etwa die Linie erreicht habt, als wir wegen des bestandigen Sturm-Wetters eurentwegen sehr besorgt waren, und um so viel desto fleissiger vor euch und eure Reise-Geferten beteten, weiln ein bestandiger Nord-Wind dergestalt tobte, als man sich seit langer Zeit nicht zu entsinnen wuste, es wahrete derselbe mit seinem Wuten fast bis in die dritte Woche, und wir bekamen dadurch von Tage zu Tage ein erstaunliches Stuck Arbeit, weilen die Wellen alle Nachte dergestalt viel von zerscheiterten Schiffen auf unsere SandBancke und an den Fuss unsers Felsens gefuhret, dass wir immer mehr und mehr aufzuraumen bekamen, ja, mit wenig Worten zu sagen: unserer bevorstehenden Arbeit kein Ende sahen; Jedennoch liessen wir uns endlich dieselbe anzutreten nicht verdrussen, sondern es machte sich Alt und Jung von beyderley Geschlechte mit grostem Eifer daran, da wir denn die auserlesensten, besten und kostbarsten Sachen immer nach und nach in die Hohe auf die Insul brachten; das Mittel-Guth und Waaren verschiedener Sorten aber, so wir nicht eben allzu hochstnothig brauchten, brachten wir unten in die Kluffte des Felsens, und weilen die Menge des Holtzes von zerscheiterten Schiffen dergestalt gross war, dass wir selbiges bald unmoglich alles auf die Insul bringen konten, so liessen wir vieles liegen, wo es lag, hergegen wurde so wohl bey Tags als Nachts-Zeit unten am Fusse des Felsens auch eine gantz erstaunliche Menge verbrannt, weilen es wegen des hefftig tobenden Nord-Windes eine so grimmige Kalte war, dass wir des Feuers nicht wohl entbehren konten. Es ist nicht zu laugnen, dass wir um diese Zeit entsetzliche Schatze an Gold, Silber, Perlen, Edelgesteinen von mancherley Sorten auffischeten, und auf die Insul schafften; was nun die Pack-Fasser, Ballen und verwahrten Kisten anbelangete, so bedeckten wir damit das Land vor Davids- und Alberts-Raum bis zur Burg des Regenten, dergestalt, dass fast kein Apffel dazwischen auf die Erde fallen konte. Demnach hatten unsere Obern zu steuren und zu wehren gnug, um das Volck von der Arbeit abwendig zu machen, weilen wir ja alles dessen im grosten Uberflusse hatten, was sie mit so blutsaurem Schweisse herauf brachten. Unter der Zeit war Mons. Plagern und seinen Mit-Gehulffen die Lust angekommen, Glocken zu giessen, und zwar aus dieser Ursache, weilen sich in einem Theile unserer Ertz-Geburge ein so vortreffliches Metall befande, welches sich unvergleichlich schon zum Glocken-giessen schickte, wie sie denn auch 6. schone Glocken gegossen, deren zum Theil einige noch unaufgehenckt zu sehen sind. Da diese Giesserey ihnen so wohl von statten gegangen, versuchten sie auch Canonen von verschiedener Grosse zu giessen, in welchen sie so glucklich, ja fast noch glucklicher waren, als im Glocken-giessen, indem sie 12. unvergleichliche Canonen von verschiedener Grosse zu Wege brachten, ingleichen 8. Feuer-Morser, um Bomben daraus werffen zu konnen, auch gossen sie eine gewaltige Quantitat Kugeln von verschiedener Grosse. Das Bomben-giessen, welches doch eine schlechte Kunst zu seyn scheinet, wolte ihnen anfanglich gar nicht gelingen, jedoch da ein eintziger unter den Kunstlern plotzlich hinter den Vortheil kam, gossen sie binnen 14. Tagen mehr als 2000. Bomben, ebenfalls von verschiedenem Gewichte oder Grosse. Wir brachten also die neu gegossenen Canonen zum Theil ins Zeughaus, zum Theil aber oben auf die Hohen, bey die Schilder-Hauser, und nahmen die alten genug gebrauchten davor mit zuruck herunter, wie denn die Feuer-Morser auch nach 3. Gegenden zu eingetheilet wurden, ausgenommen 2. welche auf der Alberts-Burg liegen blieben. Bey jeglicher Station wurde eine hinlangliche Menge Bomben und Kugeln hingelegt, nicht anders, als ob wir uns eines feindlichen Angriffs und Belagerung zu besorgen hatten. Unterdessen sperreten alle Felsenburgische Einwohner, fast die Mauler und Nasen auf, als sie uns die Probe mit den Bomben nach der kleinen Insul hin, ingleichen gegen Norden nach den Sand-Bancken zu, machen sahen, wie wir denn auch verschiedene zur Lust in die offenbare See spieleten, und darinnen versincken liessen. Es hatten weder der Regente, noch unsere Aeltesten, ingleichen die Herrn Geistlichen sonsten keine besondere Wissenschafft von der Bomben-Spielerey, als was sie etwa aus Buchern gelesen, jedoch will ich es Zeit meines Lebens nicht vergessen, dass Herr Mag. Schmeltzer Sen. eines Abends, da er Mons. Plagern von ohngefahr antraf, also zu ihm redete: Mein Bruder! eure Kunst ist Lobens- und Ruhmens werth, allein GOtt verhute, dass wir nicht erleben, selbige anders, als zur Lust und gegen keine Feinde zu gebrauchen. Ich sage noch einmahl, GOtt verhute dieses, denn in meinem Lande, wenn die jungen Knaben mit Drommeln und Gewehr das so genannte Soldaten-Spiel zu spielen anfangen, machen sich die Alten so gleich sorgsame Gedancken wegen eines bevorstehenden Krieges. Wie wir nun Herrn Mag. Schmeltzern, weilen wir in unsern Jugend-Jahren ebenfalls dergleichen erfahren, und zwar, dass zum offtern ein blutiger Krieg darauf erfolgt, wohl Recht gaben, so hatten wir unsers Ort eben doch noch keine Ursach, uns sorgsame Gedancken wegen eines Kriegs zu machen, zumahlen, da wir uns taglich ja stundlich im Stande befanden, unsern Feinden Wiederstand zu thun. Wohl gut, mein Bruder! (gab Hr. M. Schmeltzer darauf zur Antwort) Felsenburg ist mit recht eine Capital-Vestung zu nennen, aber nur ewig Schade, dass sie nicht mit Ketten am Himmel hanget, auch habe ich an der Garnison gantz und gar nichts auszusetzen, weilen dieselbe aus lauter tapffern Leuten bestehet, so wohl mannliches als weibliches Geschlechts, allein, wenn Verratherey und List mit ins Spiel kommt, so hat man nicht ein, sondern viele Exempel, dass auch die allervestesten Berg-Schlosser sind uberrumpelt und erobert worden.

Ich kan nicht anders sagen und glauben, als dass Herr Mag. Schmeltzer damahls gegen mich und viele andere noch bey mir stehende dessfalls einen rechten Propheten-Geist gehabt, denn was darauf erfolgte, will ich bald vollends erzahlen, vorjetzo aber nur so viel sagen, dass wir wenig Tage hernach dieses Gesprach, wie man zu sagen pflegt, bald wieder verschwatzten, und fast gar nicht weiter daran gedachten, sondern unser Gebet und Arbeit, wie sonst gewohnlich, verrichteten, im ubrigen den lieben GOtt walten liessen.

Nachdem aber das bisherige grausame Sturm-Wetter sich gantzlich gelegt, und wir eine gantz stille Lufft, zwischen Westen und Norden daher streichend, empfanden, so besanfftigten sich auch unsere Gemuther wieder, zumahlen, da wir uns nach so entsetzlichen Sturmen eines angenehmen Fruhlings und darauf folgenden ebenmassig lieblichen Sommers getrosteten. Wir hatten diese Hoffnung gantz und gar nicht umsonst, indem es die alles erquickende Sonne, dem gemeinen Sprichworte nach, dergestalt gut mit uns meynete, dass wir dem Allerhochsten, vor dieses grosse Wunder-Geschopffe, auch dessen Krafft und Wurckung zu loben und zu preisen, in unsern Seelen ermuntert wurden, und recht darnach lieffen, sonderlich die Kinder, welche sich eine besondere Freude daraus machten, wann sie die Sonne konten auf- und niedergehen sehen. Bey solcher Gelegenheit bemerckten wir nach etlichen Tagen, dass allezeit fruh, wenn sich die Sonne aus dem Ost-Meer erhub, um uns mit ihren holden Strahlen zu ergotzen ein gewaltiger Schwarm grosser Vogel, die noch etwas, ja ein sehr vieles grosser, als die wilden Endten waren, von der Gegend zwischen West-Nord daher gezogen kamen, und ihren Flug nach dem Sud-Pol uber unsere Insul hinnahmen.

Anfanglich, oder in den ersten 20. bis 30. Tagen bemerckten wir, dass dieselben nur in eintzelnen Schaaren geflogen kamen, deren Zahl ohngefahr von etliche 100. starck seyn mochte, weilen dieselben zu zahlen, eine fast unmogliche Sache zu seyn schien, jedoch sahen wir, dass eine jede Schaar derselben, ihre Abtheilung und Eintheilung ungemein wohl observirte, wie denn auch eine jede solche Schaar ihre besondern Fuhrer hatte, welche gemeiniglich als ein Kleeblat voraus gezogen kamen, und etwas grosser und wichtiger zu seyn schienen, als die hinter ihnen folgenden gemeinen Vogel, jedoch sahe man klarlich, dass einige, welche ihre besondern subdivisiones fuhrten, ebenfalls etwas grosser von Gestalt waren, welche Gestalt man aber wegen der gewaltigen Hohe mit dem Gesichte auch nicht einmahl mit den Fern-Glasern genau in Obacht nehmen konte. Wie nun nach Verlauf beynahe eines gantzen Monats die Schaaren, deren wir einige uber 1000. Stuck starck schatzten, sich alle Morgen und Abende bey Auf- und Niedergange der Sonnen immer naher und naher an einander schlossen, so verdunckelten sie die Lufft und den Himmel dergestalt, dass wir, wenn die Haupt-Armee gezogen kam, auch noch bey hellem lichten Tage weder schreiben noch lesen konten, sondern in einer wurcklichen Demmerung zu sitzen uns musten gefallen lassen. Da die von mir so genannte Haupt-Armee uber unsern Horizont fort passirt war, kamen in etlichen Tagen hernach nur einzelne Schaaren gezogen, welche meines Erachtens eine so genannte kleine Arrier-Guarde vorstellen solten. Wie nun mir der unordentliche Appetit gleich vom Anfange dieses VogelZuges angekommen war, dererselben einen oder etliche zu schiessen, so argerte mich aber dabey nur dieses, dass sie sich mir zu dem Schusse in der Lufft nicht in etwas niedersencken, geschweige denn sich gar auf den Erdboden niederlassen wolten, vielmehr ihre Sicherheit in der ihnen, nach ihrem Geruch und Geschmack temperirten Lufft fort und fort suchten. Auser dem fanden sich einige Aberglaubige, die da gern wolten lauten horen, aber noch nicht alle wusten, wo unsere Glocken hiengen, zumahlen die letztern neuen und sehr wohlgerathenen Glocken noch nicht einmahl alle aufgezogen, und an gehorigen Ort und Stelle gebracht waren. Wie nun aber gemeiniglich ein Aberglaube den andern zu Hulffe rufft, die Geister der Menschen zu verwirren, so wurde mir auch von den Obern und Hn. Geistlichen sehr verubelt, wenn ich den so genannten Frevel begehen, und nur einen eintzigen von diesen fremden Vogeln zu schiessen, mich unterfangen wurde, indem dieses eine Sache ware, die uns allen zum allergrosten Schaden und Verderben gereichen konte.

Was dieser Sache wegen, ob nemlich bey solchen furchterlichen Zeiten, so wohl dieser Art Vogel, als Verkundiger gottlicher Straff-Gerichte vorsetzlicher und freveler Weise todt zu schiessen, billig, christlich und rathsam sey? unter uns nachhero vor offtere ordentliche so genannte Disputationes gehalten worden, will ich vorjetzo nicht eben weitlaufftig melden, sondern nur einen jeden fragen: ob, wenn uns GOtt Heuschrecken, Frosche, Kroten und anderes Ungeziefer, von vielerley Arten, zum Schrecken und Zuchtigung zuschickt, wir uns ein besonderes Gewissen machen solten, eine solche Heuschrecke, Maus, Ratte Krote, Schlange, oder was es sonsten vor eine Art von PlageGeistern seyn mochte, zu ertreten, zu erspiessen, zu verbrennen, oder auf allerhand anderer Manier, um ihr uns schadlich scheinendes Leben zu bringen.

Ich kan nicht leugnen, dass mir die Herrn Theologi in den meisten Stucken ziemlicher Massen uberlegen waren, welches gantz und gar nicht zu verwundern ist, indem ich mich beydes vor einen schlechten Philosophum, und noch schlechtern Physicum auszugeben die vollenkommenste Ursache habe.

Dieses aber sey vor dissmahl bey Seite gesetzt, denn ich will nichts anders reden, als die Wahrheit, wie es mir nemlich damahls nicht anders erging, als wie unserer Ur-Gross-Mutter der Eva im Paradiese, welche nicht eher Friede und Ruhe zu haben vermeynete, bis sie den verbotenen Apffel im Munde, oder wohl gantz und gar im Leibe hatte; Ohngeachtet ich nun kein Frauenzimmer, sondern bekannter Massen eine Manns-Person bin, so erstreckte sich die Lusternheit doch dergestalt einiger Massen uber meine gesunde Vernunfft, dass ich weder Tag noch Nacht ruhen noch rasten konte, bis ich mir, meiner Einbildung nach, das eintzige Vergnugen geschafft einen solchen Vogel in meinen Handen zu haben und zu rupffen. Demnach liess ich 3. leichte Stuckgen-Geschutz, die ich mit Cartetschen laden konte, unten an den Fuss unsers Berges bringen, eben so viel pflantzte ich auf die Alberts- und noch so viel auf die Davids-Raumer-Hohe, bestellete mir auch getreue Leute und Anhanger, die vermittelst gantz leichter Boote, die Vogel, wenn ich deren ja allenfalls einige treffen solte, aus der See sogleich herauf langen mochten.

Dieses alles aber stellete ich in groster Geheimniss an, damit die Aeltern von unserm Vorhaben nichts erfahren solten, indem es ihnen zu wissen ohne dem dieses mahl eben nicht nothig zu seyn schiene. Auch muss ich nicht zu melden vergessen, dass der Capitain Wolffgang, Mons. Blac und Mons. Litzberg eben dergleichen leichte Stucke, woraus man vortreffliche Cartetschen schiessen konte, auf einige Sand-Bancke pflantzen lassen, sich so wohl als ich, und zwar abgeredeter Massen, selbst mit einiger Mannschafft dahin begeben hatten; demnach wolten wir auf beyden Seiten unser Gluck erwarten, ob es nemlich denen, die oben auf dem Felsen stunden, oder denen, so unten auf den Sand-Bancken sich befanden, am allergeneigtesten sich erzeigen wolte.

Wir, die wir die oberste Nummer auf dem Felsen genommen hatten, gaben zwar so wohl Achtung auf die Ankunfft der Vogel, musten aber geschehen lassen, dass die unten auf den Sand-Bancken glucklicher waren, als wir, indem nach Losszundung dreyer Geschutze eine ungezahlte Anzahl von Vogeln gefallen, von denen sie uns aber nicht mehr als 11. Stuck, und zwar gleich mit Aufgang der Sonnen herauf schickten, um uns, so zu sagen, zu braviren, dass wir nicht auch Feuer gegeben, und etwas getroffen hatten.

Mir war nur lieb, dass ich einen, oder etliche von dieser Art Vogeln zu sehen bekam, indem mich, wie schon gemeldet, weit mehr darnach gelustert, als einer auf schwerem Fusse gehenden Frau; Jedoch, wir, auf dem Felsen Laurende, waren dennoch auch so glucklich, in 4. Schussen so viele herunter zu schiessen, dass davon 6. Stuck aufgefischt, und zu uns gebracht werden konten.

Nun war mein sehnliches Verlangen zwar in diesem Stucke gestillet, allein ich konte mich dennoch nicht eher zufrieden geben, bis ich diese Vogel, mit Beyhulffe Mons. Cramers und anderer, erstlich von aussen sehr bedachtsam gerupfft, nachhero von innen recht nach der Kunst anatomiret hatte. Da wir denn befanden, dass sie alle, einer so wohl als der andere, (NB. Hier muss ich melden, dass meine Consorten und ich auf dem Felsen so glucklich gewesen, einen so genannten Officier oder Anfuhrer des Heers zu treffen) eine feuerfarbene Crone oder Feder-Fusch auf den Hauptern trugen, denn hierinnen war so wohl bey den grossen als kleinen kein Unterscheid. Nachst dem hatten dieselben einen aus dem Kopfe heraus ragenden Schnabel, so wie fast eine Gans bey uns zu haben pflegt, nur um ein gut Theil langer, in welchem Schnabel inwendig eine Art von Zahnen befindlich, welche mit den Zahnen oder Kienbacken der Hechte eine grosse Gleichheit haben. Auf beyden Seiten der Kienbacken unter den Augen sahe man zwey recht zierliche und auch recht sehr scharffe kleine Schwerdterchen hervor gehen, welche sie so schnell bewegen konten, als man ein Scheer-Messer in seiner Schaale und Angel zu bewegen pflegt. Der Hals zeigte sich bund, als: grun, gelb, rothlich und blaulich durch einander vermischt. Die Brust Aschfarbe und der Bauch mit lauter schonen weissen Federn bewachsen. In den Flugeln fanden sich die schonsten Spulen, die man sehr wohl zu Schreibe-Federn gebrauchen konte, und der Schwantz machte so wohl, als die Flugel eine ungemeine Parade, wenn dieselben ausgebreitet wurden, indem die Federn so wohl im Schwantze als in den Flugeln in recht artiger Verwechselung stunden, nemlich roth, grun, gelb, blau etc. so dass wir unser Vergnugen daran hatten, dieselben, ohne ihnen die Haare abzustreiffen, zum Gedachtniss dieser Sache, mit groster Behutsamkeit aufzutrocknen und zu verwahren.

Wie glucklich nun aber unsere Vogelschiesserey auch abgelauffen war, so musten wir uns doch alle gefallen lassen, von unsern Obern und Aeltesten einen kleinen Wischer oder Verweiss einzunehmen, denn ob sie die besondern Vogel gleich mit groster Verwunderung betrachteten, und deren Zierlichkeit nicht gnugsam ruhmen konten, so blieben sie doch bey dem Aberglauben, dass es weit besser ware gethan gewesen, wenn wir alle dieselben ungestohrt hatten ihres Weges ziehen, und sie ihr vorgesetztes Ziel erreichen lassen, zumahlen, da es eine Art von Vogeln, die uns sehr wenig, oder wohl gar keinen Schaden, weder an den Feld-Fruchten, noch Wohnungen verursachen konnen. Wir Vogel-Schutzen aber liessen alles dieses zu einem Ohre hinein, und zum andern wieder heraus gehen, wurden auch, ich weiss selbst nicht warum, immer hitziger auf das Kriegs-Handwerck.

Demnach legte Monsieur Plager noch eine gantz neue Fabrique an, allerhand Hand-Gewehr zu verfertigen, als worzu er in einem Tage mehr als 20. Gesellen und Lehr-Pursche zu ubernehmen bekam indem diese alle gantz besondere Lust zu dergleichen Profession bezeigten, und sich recht darzu drungen. Auch wurde das Morser, Bomben, Granaden und Kugelgiessen, von mancherley Grosse, vom gemeldten Monsieur Plagern und seinen Gehulffen, auch zum offtern so gar bey Nachts-Zeit fortgesetzt um einen recht wichtigen Vorrath herbey zu schaffen, und wenn man ihn fragte: worzu ein so starcker Uberfluss dienen solte? gab er gemeiniglich zur Antwort: Ists noch kein Danck, dass ich unsere Zeughauser anfulle? was wir nicht brauchen, konnen vielleicht wohl unsere Kinder und Nachkommen nothig haben, denn man kan nicht wissen, wie sich die Zeiten andern, ists nicht eher, so geschichts vielleicht nach unserm Tode.

Solcher Gestalt wurden binnen weniger Zeit unsere Zeughauser dergestalt angefullet, dass fast kein Platz und Raum mehr vorhanden war, wo das grobe Geschutz stehen solten, ja, es war kein leerer Haacken oder Nagel anzutreffen, an dem nicht eine Buchse, Flinte, Pistole etc. Pallasche und andere dergleichen Gerathschafft hieng, wie es denn bis diese Stunde noch also beschaffen und anzutreffen ist.

Endlich aber wurde die martialische Arbeit bey Seite gesetzt, hergegen bemuhete sich ein jeder Hauswirth, alles das, was ihm in seinem Hause, Garten und Feldern zu Schaden gekommen, wieder in behorige Ordnung zu bringen, damit wir den Fruhling und Sommer desto vergnugter leben konten, da man zu sagen pflegt: nach vorher gethaner Arbeit ist gut ruhen.

Allein der Hochste hatte vor diesesmahl, nach seinem gnadigen Wohlgefallen, und zwar noch deutlicher zu sagen, wohl ehe unserer Sunden wegen, in seinem Zorne beschlossen, unsere stoltze Ruh abermahls zu stohren, und uns zu zeigen, dass er als der Allmachtige uber uns lebte, und nach seinem Gefallen mit uns umgehen konne, wie er nur immer selber wolle.

Dieses konten wir zu allererst aus dem Berichte eines Davids-Raumer-Schild-Wachters bemercken, als welcher zu vernehmen gab, dass man nun schon seit 2 bis 3. Tagen her in der Gegend der Sand-Bankke ein Schiff herum irren sehen, weilen es aber keine Noth-Schusse gethan, so hatte auch er Bedencken getragen, auf der Insul Lerm zu machen, zumahlen, da gedachtes Schiff nur ein und andere Waaren aufgefischt. Capitain Wolffgang, ich und noch verschiedene andere mehr bestiegen derowegen die allerhochste Davids-Raumer Klippe, und wurden so gleich gewahr, dass es eine leichte Fregatte ware, von welcher wir zwar die gelben Flaggen, keines wegs aber die darein gemahlten Wappen weder mit unsern FernGlasern, viel weniger mit den blossen Augen eigentlich zu erkennen vermogend waren. Indem wir nun diese Fregatte immer zwischen den Sand-Bancken herum treiben sahen, und nicht wusten, was solches zu bedeuten hatte, kamen wir derselben mit unserer Hoflichkeit zuvor, und loseten 2 Canonen, zum Zeichen, dass Menschen auf diesem Felsen vorhanden waren, welche, wenn sich vielleicht Nothleidende darinnen befanden, ihnen zu Hulffe kommen konten. Es wurde uns demnach so gleich mit 3 Canonen-Schussen geantwortet, und ein Boot von derselben ausgesetzt, worinnen sich 3. Manner befanden, die allerhand Zeichen von sich gaben, dass sie gern Sprache mit uns halten mochten.

Demnach setzten sich Herr Wolffgang, ich und noch ein Mann auch in eine Chalouppe, und fuhren ihnen auf den halben Weg entgegen, da sie denn gantz sanffte ruderten, und uns zu vernehmen gaben, wie sie Portugiesen, und im verwichenen Sturme verungluckt, auch in solchen elenden Zustand gerathen waren, dass sich nur noch ohngefehr bis 30. gesunde Leute unter ihnen befanden, baten demnach, wenn wir, wie es das Ansehen hatte, Christen-Leute waren, ihnen die Barmhertzigkeit zu erzeigen, und sie aufzunehmen, auch mit Speisen und Getrancke zu erquicken, wovor sie uns denn gern alles ihr noch ubriges weniges Vermogen zustellen wolten. Hierauf ertheileten wir ihnen zur Antwort: dass wir nicht allein gute Christen, sondern auch bereit und willig waren, sie nach unserm besten Vermogen, ohne einiges Entgeld gern mit allen Bedurffnissen zu erquicken, nur aber dieses einzige baten wir uns aus, nicht zu begehren sie in unsere Hutten zu fuhren, weiln wir nicht wissen konten, ob sie etwa eine bose ansteckende Seuche oder Kranckheit von der weiten Reise mit anhero brachten; jedoch solten sie uns auf eine ohnweit von hier gelegene kleine lustige Insul folgen, sich auf derselben vortrefflich fruchtbarn Lande, nach ihrer Bequemlichkeit, Hutten bauen, im ubrigen aber vor weiter nichts im geringsten Sorge tragen, weilen ihnen noch vor Nachts; vor erst ein hinlanglicher Vorrath von den besten LebensMitteln vor noch einmahl so viel Personen, als sie angaben, bis auf weitern Bescheid, solte zugeschickt werden. Es schien dieses ein unvergleichlich angenehmer Ton in den Ohren dieser Leute zu seyn, indem sie sich in allergroster Geschwindigkeit, uns zu folgen fertig machten, da wir sie denn gar bald nach der Insul Klein-Felsenburg hinuber brachten, ihnen die Stellen anwiesen, wo ehedem ihre Landes-Leute sich wohl gepflegt, und eine ziemliche Zeit darauf zugebracht hatten, worbey wir vernahmen, dass einige unter ihnen hiervon schon einige Wissenschaft haben wolten, oder sich zum wenigsten dessen beruhmten; allein wir liessen dieses, um alle unnothige Weitlaufftigkeiten zu vermeiden, vor diesesmal an seinen gehorigen Ort gestellet seyn, wiederholten nach gethaner Anweisung nochmahls unser Versprechen, ihnen bestmoglichst hulffliche Hand zu leisten, als worvon sie noch heute die Wurckung vor Mitternachts empfinden solten, schieden darauf von ihnen, und seegelten nach Gross-Felsenburg zu, nachdem wir solchergestalt wurcklich ein neues Lazereth in Klein-Felsenburg angelegt, welches aus 1 Capitain, 1 Subaltern, 53 Unter-Officiers und Gemeinen bestunde, ohne etliche Personen, Weiber u. Kinder, auch allerley liederlichen Gesindels. Demnach sahen wir nun wohl, dass uns die Hrn Gaste ihre Liste ziemlicher Massen falsch gemacht hatten, indem wir solcher Gestalt viel mehr zur Futterung antraffen, als sie angegeben, allein wir liessen es auch darauf nicht ankommen, zumahlen wir wusten, dass unsere Obern nicht so gar genau mit Lebens-Mitteln, auch so gar gegen die Heyden waren.

Dem Regenten und allen Wohlgesinneten gefiel es bey unserer Zuruckkunfft gantz ungemein, dass wir barmhertzige Samariters agirt, und diese Bedrangten in so weit an- und aufgenommen hatten; demnach wurde der Befehl gegeben, diesen Bedrangten beyzuspringen, und sie aufs aller bestmoglichste zu versorgen.

Der Felsenburgischen Art nach, seinem Nachsten nach menschlichen, geschweige denn Christlichen Vermogen, wohl zuthun, wurde gantz und gar im geringsten nichts gesparet, diese neu-angekommenen Gaste zu bewirthen und zu verpflegen; ja, in Wahrheit, es wurde ihnen so gleich ohne den geringsten Zeit-Verlust, eine so starcke Menge, und zwar von unsern allerbesten Speisen und Getrancke auf 3. Booten zugefuhret, worbey sich denn auch verschiedene Sorten von Delicatessen oder Lecker-Bissgen eingemachte Sachen, Obst und dergleichen vor die Krancken zum Labsale befanden.

Sie nahmen anfanglich alles mit bewundernswurdiger Danckbarkeit an, pflegten und warteten sich bey der angenehmsten Witterung aufs allerbeste, wobey denn auch unsere Felsenburgischen Herrn ChirurgoMedici ein ziemliches Stucke Arbeit fanden, weilen sich viele gefahrliche Patienten unter ihnen hervor thaten, vornemlich aber der Capitain der Fregatte, welcher an einer so genannten Galanterie-Kranckheit aufs hefftigste laborirte. Jedoch nicht allein dieser, sondern auch alle die andern, (so dass nicht ein eintziger von ihnen crepirte) wurden binnen kurtzer Zeit, und ehe sie es selbst vermeynet hatten, vollkommen glucklich curirt und gesund hergestellet, so, dass sie nach Verlauf eines Monats herum hupften, wie die Lammer. Nun hatte zwar der Artzt den bekannten Vers aus dem Juvenali hersagen konnen:

Ingratus labor, quem prmia nulla sequuntur;

allein er schwieg stille darzu, dieweilen er weder

Geld noch Gold vonnothen hatte oder brauchen

konte; wir andern Felsenburger aber konten und

musten nach weniger Zeit diese Worte ausruffen:

als welche zu untersuchen, ich auch so gar einem

vernunfftigen Heyden anheim gebe.

Allein, bey der Haupt-Sache zu bleiben, so passirte abermahls wenig Tage hierauf ein besonderer Streich, denn da, wio gesagt, die Herren Portugiesen sich alles sehr wohl gefallen lassen, indem wir dieselben, ja recht uber die Gebuhr tractirten, rapportirte der Schild-Wachter, der auf Davids-Raum stunde, dass ihm in dem engen Wege nach der See hinunter in verwichenen Mitternachts-Stunden etwas begegnet hatte, welches, wie er vorhero vielmahl gehoret, einen Laut von einer Menschen Stimme von sich horen lassen, nachhero einigemahl etliche unvernehmliche Worte geredet, worauf er dieses Ding, welches er vor ein Unthier gehalten, indem es ihm als auf allen Vieren entgegen gekrochen vorgekommen ware, auch nicht anders gekruntzet hatte, als eine Sau, zu verschiedenen mahlen in allen ihm bekannten Sprachen, mit den Worten: Wer da? wer bist du? gib dich zu erkennen, oder ich schiesse dich auf den Kopf, angeruffen hatte, weilen er aber weiter keine Menschen-Stimme, noch Antwort, sondern nur ein bestandiges SchweinsGruntzen vernommen, so ware ihm, zumahlen bey solcher furchterlichen Zeit endlich bange worden, hatte Feuer auf das Unthier gegeben, als welches er bey dem Glantze der Sterne nur in etwas vor sich wener) in diesem Stuck seiner ihm gegebenen Ordre nachgekommen zu seyn, und verlange weitere Untersuchung dieser Sache.

Wir untersuchten, so bald der helle lichte Sonnenschein angebrochen, die Sache etwas genauer, und fanden den Erschossenen, etliche 20. bis 30. Schritt im ausgehauenen engen Wege liegen; Bey noch fernerer Nachsuchung entdeckten wir 2 verungluckte Manns-Personen in leinenen Kitteln, blos mit SeitenGewehr und Pistolen versehen, zwischen den Klippen und Felsen-Rissen steckend, und vermeyneten anfanglich nicht anders, als dass sie Hals und Beine gesturtzt und zerbrochen hatten, allein, da wir ihnen heraus und in die Hohe halffen, erholten sie sich bald wieder, der Blessirte aber, welcher solcher Gestalt fast blindlings durch den Unterleib getroffen war, muste auf der Stelle seinen Geist aufgeben, jedoch wir gaben uns die Muhe, ihn so sauberlich als moglich, hinunter auf die Insul zu schaffen, als wohin wir auch die beyden lebendigen Gefangenen mitnahmen, und dieselben anfanglich in aller Gute ausforscheten, was sie denn wohl immer mehr bewogen hatte, sich an solche gefahrliche Oerter und unersteiglichen Klippen zu begeben? da sie denn, und sonderlich der Blessirte so gleich in den ersten Verhoren bekannten: dass sie alle 3. wurckliche Spions waren, welche diese Insul einer gewissen Potenz verrathen, und in die Hande spielen solten. Wir redeten ihnen sehr freundlich und gutig zu, um damit den Verdacht zu benehmen, als ob wir ihnen etwa Leid zufugen, und das Spions-Trinck-Geld geben wolten, machten uns auch bis dahin keine kummerlichen Sorgen, sondern verpflegten sie aufs beste, liessen uns auch gantz und gar nichts von allen dem mercken, was in diesen Tagen vorgegangen ware;

Allein die Gestalten verwandelten sich unverhofft gar anders, indem wir nach etlichen Tagen 3. wohl ausgerustete Kriegs-Schiffe gegen unserer Insul GrossFelsenburg liegen und laviren sahen. Sie dreheten und wendeten sich darauf bald hier, bald dort hin, als ob sie vielleicht etwa gesonnen waren, die Strasse nach Ost-Indien zu suchen. Da wir dieselben nun ebenfalls vor Portugiesische Schiffe ansahen, und eben nicht vor rathsam hielten, ihnen mit unserer Hoflichkeit entgegen zu kommen, zumahlen da wir bemerckten, dass alles stille zuging, und wir von ihnen mit nichts begrusset wurden, so hielten wir uns auch so stille, wie die Mause.

Endlich am dritten Tage, nachdem sie lange genug vergeblich herumgewebelt, thaten sie 3. Canonen-Schusse, um vielleicht Menschen zu sich zu locken, allein wir hielten uns noch einige Tage gantz stille, bis ihre zweyte Canonade so viel bey uns wurckte, dass wir ihnen behorig antworteten, auch ihnen eine Chalouppe entgegen schickten, worinnen sich Herr Wolffgang, Mons. de Blac und noch eine gewisse Person nebst mir befanden.

Der Capitain des vordersten Portugiesischen Schiffs liess uns salutiren, und da er die Parole von sich gegeben, ein freyes und aufrichtiges Gesprach mit uns zu halten, auf seinem Schiffe bewillkommen, und zwar unter vielen Ehren-Bezeugungen, worauf er uns in seine besondere Cajute einzusteigen bat, als welche fast Koniglich ausgezieret, wie denn auch er der Capitain selbst ein sehr ansehnlicher und ziemlich hochtrabend- scheinender Mann war.

Nachdem uns die Erlaubniss gegeben worden, sein Schiff zu besichtigen, fanden wir alles darinnen sehr herrlich, kostbar und dergestalt magnifique zugerichtet, dass keiner von uns ein dergleichen Reise-Schiff jemahls gesehen zuhaben sich ruhmen konte.

So bald wir von der Taffel gekommen, welche sehr unvergleichlich wohl bestellet war, bat er uns zu bleiben, und eine und andere Vorstellungen von groster Wichtigkeit anzuhoren. Indem wir nun alle sehr neugierig waren, solche Wichtigkeiten zu vernehmen, als begaben wir uns, nach vielen gewechselten Complimenten, abermahls in seine Cajute, allwo der Herr Capitain sich auf einen etwas erhabenen CommodeStul setzte, jedoch so hoflich war, uns Felsenburgern auch Stule setzen zu lassen, welche wir denn ohne allzu vieles Nothigen in Besitz nahmen, worauf derselbe in Portugiesischer Sprache, (ohne zu fragen, ob wir dieselbe auch alle verstunden) folgende Anrede an uns that:

Meine lieben Herren und Freunde!

Ich bin einer von den vornehmsten Schiff-Capitains Sr. Konigl. Portugiesischen Majestat, und zwar, wie man zu sagen pflegt, einer vom ersten Range. Vorjetzo bin ich im Begriff, mich mit einer starcken und sehr reich beladenen Flotte nach Europa zuruck zu begeben, allwo sich dermahlen Ihro Konigl. Majestat nebst Dero Hofstadt befinden und aufhalten. Auf dieser meiner Reise oder Fahrt nun, habe ich, ohngeachtet ich viel altere Commandeurs, als ich bin, uber mir habe, die gantz besondere Commission bekommen, die Insuln und Republiquen Gross- und KleinFelsenburg, so wie man dieselben zu nennen pflegt, erstlich mit der allergrosten Gelindigkeit und Gute; im Verweigerungs-Fall aber, mir der grosten Strengigkeit und Scharffe unter Ihro Majestat, meines allergnadigsten Konigs und Herrn Ober-Herrschafft und Bothmassigkeit zu bringen, und Dero Ihnen von dem Himmel verliehenen Gerechtsame, die Ihnen vor allen andern Puissancen, es seyen dieselben auch, wer sie nur immer wollen, gantz alleine von Rechtswegen zustehet, eignet und gebuhret, vollkommene Genugthuung zu leisten, inzwischen aber, so viel als immer moglich seyn will, alles vergeblich zu vergiessende Menschen-Blut zu verhuten. Wenn nun ich, meine Herren und Freunde! vor meine Person heilig und theuer versichern kan, dass sie keinen bessern SchutzHerrn, als meinen allergnadigsten Konig, erhalten werden, und wenn sie auch alle Potenzen, ja so gar die Barbarischen Nationen darum ansprachen: als will hoffen, es werden sich dieselben in Gute weisen lassen, und mich erstlich dero Oerter des Aufenthalts besser besehen, hernach, wenn es zum fernern Accord kommt, mit einer proportionirlichen Guarnison dieselben einnehmen lassen, unter der theuren Versicherung, dass ihnen allen kein Leides wiederfahren, sondern sie unter dem Schutz Sr. Portugiesischen Majestat jederzeit in Ruhe und Friede leben sollen.

Alles dieses horeten wir Felsenburger mit aufmercksamen Ohren an, stutzten aber jedennoch ziemlicher Massen uber diesen Antrag und Vorschlag, allein ich schlich unter dem Schatten der Dunckelheit auf die Seite, um am ersten derjenige zu seyn, welcher diese gantz besondere Neuigkeit nach Gross-Felsenburg uberbrachte, liess mich also in einem gantz kleinen Nachen, und zwar mit groster Lebens-Gefahr, zur Mitternachts Zeit dahin bringen, welches gewisser Massen fast ein Frevel von mir zu nennen war, denn ich hatte dieses eben nicht Ursach gehabt, weilen meine Consorten nachstfolgenden Vormittags unter Losung der Stucken wieder zu uns zuruck gebracht wurden, denn Herr Wolffgang hatte vor diesesmahl ein recht Meisterstuck seiner Kunst erwiesen, und nach seiner beruhmten Erfahrenheit den Portugiesischen Capitain, welcher meine Abwesenheit auch nicht einmahl gewahr worden war, im Canari-Sect vollends dergestalt begeistert, dass er sich alles das, was er ihm vorgesagt, aufs beste gefallen lassen. Die letztere Verabredung und Versicherung des Herrn Wolffgangs war diese gewesen, dass wir uns 3. Tage Bedenck-Zeit ausbaten, nachhero schrifftliche oder mundliche Antwort von uns geben wolten. Wir waren froh, dass wir die Unserigen wieder bey uns sahen, immassen uns mit den 2. Gefangenen wenig oder gar nichts gedienet war; Derowegen wurde Rath gehalten, was dem Capitain wohl ohngefehr zu antworten ware, wie es nun eben nicht diensam schien, demselben durch einen Abgeordneten eine mundliche Antwort ertheilen zu lassen, als wurde folgendes Schreiben an Sr. Majestat den Konig von Portugall abgefasset:

Allerdurchlauchtigster, Grossmachtigster

Monarch!

Deiner, von dem allerhochsten GOtt geheiligten, mit unaussprechlicher Macht und Gewalt ausgerusteten, auch mit uberschwenglichen Reichthumern gesegneten, ja, so zu sagen, uberschutteten, Olorwurdigsten Majest. entbieten wir armen, einfaltigen einwohner der so genannten Insul Felsenburg, welche von der heutiges Tages im Schwange gehenden StaatsKlugheit wenig oder gar nichts wissen oder verstehen, vom Aeltesten bis zum Jungsten, vom Grosten bis zum Kleinesten, auch so gar die Sauglinge in unserer Vormundschafft, unsern allerunterthanigsten Gruss; tragen anbey Deiner Majestat wehmuthigst und demuthigst vor, dass wir als arme, einfaltige Leute leben, und mit fremden Nationen sehr geringen, ja fast gantz und gar keinen Handel, Wandel, und Verkehr treiben, ausgenommen, was uns zuweilen bishero zu unserer allerhochsten und allerausersten Bedurffniss zum Theil fast unumganglich nothig zu seyn geschienen. Wir sind Leute, die von unserm wenigen Feld-GartenBau und moglichster Hand-Arbeit leben, und uns davon ernahren mussen, weilen es der Himmel nach dem Tode unserer Vorfahren, vielleicht aus besondern Ursachen, dahin abgepasset und abgemessen, dass das Land nur seine wenigen Einwohner nach Nothdurfft versorgen solle, derowegen haben wir wenig ubrig, und solte auch ja etwas ubrig seyn, so sind wir als gute Protestantische Christen jederzeit bereit, den letzten Bissen mit unsern nothleydenden Nachsten zu theilen, und so gar aus dem Munde zu nehmen. Im ubrigen haben wir keine Zufuhre von Getrayde und andern Fruchten, welche wir auch eben so gar sehr nothdurfftig nicht brauchen, und uns zur Zeit der Noth mit Krautern, Wurtzeln und Fischen aus der See behelffen, zumahlen, wenn das Fleischwerck welches gantz rar ist, unserm Appetite gemass, nicht zulanglich seyn will.

Unsere Vorfahren haben diese von der gutigen Natur mit Felsen und Klippen ohne dem bevestigte Insul, mit tausendfacher Muhe und Arbeit noch etwas mehr bevestiget, weilen sie wegen der Barbarischen See-Rauber in bestandigen Sorgen geschwebet, die uns, als Christen-Leute, mit unsern Kindern vielleicht vertilgen und ausrotten mochten; Allein wir konnen eben nicht sagen, dass wir nach dem Ableben unserer Vor-Eltern besondere Attaquen von den Barbaren, vielweniger von den Christen, als unsern GlaubensGenossen, gehabt, indem sie vielleicht Bedencken getragen, uns armes Hauflein in seiner stillen Ruhe zu stohren, da sie bey uns wenig oder nichts, das sich der Muhe belohnete, zu finden vermuthet, als nebst dem wenigen Hausrath und Kleidern, unser Leib und Leben.

Hiermit ist Dir ohn allen Zweiffel, o Unuberwindlichster M o n a r c h ! gantz und gar nichts gedienet, weilen wir von Fremden, auch so gar von Barbaren erfahren, dass Du ein machtiger Beherrscher vieler gantzer Konigreiche, Furstenthumer und anderer Landschafften in allen 4. Theilen der Welt bist.

Vorjetzo aber finden wir uns gemussiget, Dir aufs beweglichste vorzustellen, dass einer von Deinen allervortrefflichsten See-Capitains, und zwar, wie er sich ausgiebt, einer vom ersten Range, Nahmens Don Juan de Silves, sich ins Angesicht unserer Insul mit 3. der allerbesten KriegsSchiffe und einer Fregatte gelegt, anbey verlangt, dass sich die Republique Felsenburg, (worvor wir arme Sunder, da wir viel zu ohnmachtig sind, dergleichen hohen Titul zu fuhren) benebst den beyden Insuln Gross- und Klein-Felsenburg, ohne alles fernere Verweigern, unter die absolute Gewalt und Schutz Deiner Majestat begeben solten, da wir doch bis auf diese Stunde keinen andern Schutz Herrn vonnothen gehabt, als den allmachtigen GOtt im Himmel, mit weltlichen Schutz-Herrn aber uns einzulassen, nicht die allergeringste Ursache von Wichtigkeit absehen, weiln wir unter GOttes Schutz Ruhe, Friede und Sicherheit genug geniessen konnen, wenn uns der Allmachtige dieses alles, so wie bishero zum allerofftern geschehen, nicht durch erschrockliche Erdbeben, Sturm-Winde, erstaunliche Gewitter und anderes Ungemach verbittert, welches wir alles mit der grosten Gedult und Gelassenheit erlitten, ertragen, und erdultet, in Betrachtung dessen, dass uns ein weltlicher Schutz-Herr, welcher dennoch gegen GOtt ein blosser Mensch ist, um so viel desto weniger von diesen Gefahrlichkeiten befreyen oder schutzen konne.

Warum woltest Du also, Grossmachtigster Konig und Herr! die armen, elenden und einfaltigen Felsenburger, durch Ungerechtigkeit, Verratherey und List dererjenigen, die sich vielleicht mehr bey uns zu finden einbilden, als wir in unserm wenigen Vermogen haben, ihrem Geitze oder Eigennutze damit ein Genugen zu leisten suchen, und sich eine besondere Ehre und Freude daraus machen, unschuldiges MenschenBlut zu vergiessen.

Warum woltest Du also, Du Gerechtigkeit liebender Konig und Herr! zu geben, dass man uns verderben solte? da wir Dir so wenig als unsere Vorfahren Zeit-Lebens das allergeringste zu Leide gethan, vielmehr allen denen, die sich seit vielen Jahren daher vor Portugiesen ausgegeben, wenn sie nemlich etwa hier oder da auf der See verungluckt, alle moglichsten Gefalligkeiten und Dienstleistungen erwiesen.

Wir erkennen Dich ja, o Konig, wie wir schon gemeldet, vor den allermachtigsten Beherrscher so vieler Konigreiche, Furstenthumer und Staaten in allen 4. Theilen der Welt, und schatzen uns nicht wurdig zu seyn, den Staub von Deinen Schuhen abzuwischen, derowegen gonne uns den bishero genossenen Frieden und einfaltige Ruhe noch fernerweit. Geruhe demnach dem tapfern Capitain Don Juan de Silves, als welcher uns dermahlen bereits mit Feuer und Schwerdt gedrohet hat, wenn wir ihn nicht in unsere Hutten aufnehmen wolten? allergnadigsten und ernstlichen Befehl zu ertheilen, uns hinfuhro unbehelliget zu lassen, damit wir die wenigen Gaben unsers GOttes nicht in Kummer und Sorge zu geniessen Ursach haben. Und eben dergleichen Ordre wollest Du, Grossmachtigster, an alle andere dergleichen Deine allerhochst- bestallten See-Officianten ergehen lassen, damit wir den Nahmen der edlen Portugiesischen Nation hinfuhro nicht als einen feindseeligen Nahmen erkennen mussen, sondern fernerweit geneigt erhalten werden, sie als unsere guten Freunde und Grantz-Nachbarn zur See zu erkennen, auch ihnen im Nothfall ferner Gutes zu thun.

Wie nun, wie uns gesagt worden, bey Dir, Du Grossmachtigster Konig, ungemein viele Leutseeligkeit anzutreffen ist, so getrosten wir armen, elenden und einfaltigen Leute uns desto leichterer Erhorung unsers Bittens, wunschen Dir ein gluckseeliges und langwahrendes Regiment und Leben, zum Troste vieler Bedrangten, die sich hie und da auf Deinen Schutz und Hulffe, auch in den allerentferntesten Landern verlassen. Der GOtt Zebaoth segne Dich und Dein allerhochstes Konigliches Haus, mit allerley geistlichen und leiblichen Seegen, damit man sagen moge, Du seyest der Gesegnete des HErrn unsers GOttes. Wir aber verharren allerseits vom Aeltesten bis zum Jungsten, vom Grosten bis zum Kleinesten Allerdurchlauchtigster, Grossmachtigster Konig, Allergnadigster Furst und Herr! Deiner Majestat

Dienstgehorsamste

Die Einwohner auf der

Insul Felsenburg.

Dieser Brief, wie einfaltig er auch von mir entworffen und gesetzt war, denn NB. es solte derselbe ohnedem nicht allzu hochtrabend oder spitzig heraus kommen, wurde von allen Insulanern approbirt, und von Alberto Julio II. auch XII. Aeltesten unterschrieben und besiegelt, und zwey Abschrifften davon genommen, davon wir die eine in unser Archiv beylegen, die andere aber dem Portugiesischen Capitain zu seiner Nachricht in die Tasche geben wolten. Die accordirten 3. Tage waren also unter dieser verstrichen, weilen nun dem Portugiesischen Capitain vielleicht die Zeit zu lang zu werden begunte, als liess er am 4ten Tage gleich fruh mit Aufgang der Sonnen 3. Canonen abfeuren, wir beantworteten dieselben auf behorige Art und Weise, wurden aber bald nachhero von der Davids-Raumer-Hohe gewahr, dass von den 3. Kriegs-Schiffen eine Chalouppe gegen unsere Insul hergeseegelt kam, in welcher 2. Trompeter sassen, die immerzu in ihre Trompeten stiessen, und sich lustig horen liessen, auser denenselben aber erblickte man in eben dieser Chalouppe noch etliche 20. Manns-Personen, welche alle weisse Fahnlein in ihren Handen fuhreten, und damit wedelten, welches wir als ein Zeichen des Friedens erkannten, und derowegen in allergroster Geschwindigkeit Anstalt machten, der so genannten feindlichen Chalouppe auf eben die Art, nemlich mit 2. Trompetern und einiger Mannschafft, die gleichfalls weisse Fahnlein in den Handen fuhreten zu begegnen, da mittlerweile von den Portugiesischen Schiffen immer ein Lufft-Schuss nach dem andern gen Himmel gethan, und von unsern FelsenHohen beantwortet wurde. Unserer Seits waren abermahls eingestiegen Herr Wolffgang, Mons. de Blac und ich, weilen wir 3. der Portugiesischen Sprache am machtigsten waren.

Der Capitain liess uns zu Ehren bey unserer Ankunfft an seinem Schiffe eine starcke Salve geben, nothigte uns nach gethanem Aussteigen so gleich in seine Cajute, und gab die Cavalier-Parole von sich, dass wir bey ihm so sicher und geruhiges Hertzens seyn konten, als ob wir unter unsern eignen Dachern wohneten: wie wir nun versicherten, dass wir alle nicht das geringste Misstrauen in seine Redlichkeit setzten, so liess er uns an der Taffel, wo er mit seinen andern vornehmsten Officiers gewohnlich zu speisen pflegte, den obersten Platz einnehmen, welches wir denn halb gezwungener Weise thun musten. Die Tractamenten waren vor einen See-Oficier mehr als zu kostbar, nur beklagte er sich uber Mangel an frischem Fleische, und sonderlich Wildpret, als wovon er ein gantz auserordentlicher Liebhaber ware. Diesem Mangel, (gab hierauf der Capitain Wolffgang zur Antwort,) wird leichtlich abzuhelffen seyn, wenn sie uns auf die Insul Klein-Felsenburg zu folgen belieben, allwo sich ihre bisherigen Krancken befunden, die aber vielleicht wegen unserer bestmoglichsten Wartung und Verpflegung nunmehro keine Kranckheiten mehr an sich spuren werden, weilen sie Ziegen-Fleisch, Wildpret und die allerbesten Fische, so wohl aus der See, als aus den sussen Flussen im grosten Uberflusse vorrathig haben, des Flugelwercks, der Schildkroten und anderer See-Creaturen, als womit sich mancher ehrlichen See-Mann zu gewissen Zeiten schon was zu Gute thun, ja sich zum offtern ein rechtes Labsaal daraus machen kan, nicht zu gedencken. Sie haben wohl recht, mein Herr! sprach hierauf der Portugiesische Capitain, denn sie wissens aus der Erfahrung, unterdessen, ob uns nun gleich die Leute von der Fregatte so gar viel eben nicht angehen, so mochte sie doch wohl sehen und sprechen.

Es beruhet nur auf ihrem Befehle, versetzte Herr Wolffgang, so konnen wir gleich morgenden Tages dahin abseegeln, weilen es eine gantz kurtze Reise ist. Nein, mein Herr! (replicirte der Portugiese,) sie erlauben mir, dass ich mich einer gewissen Ursache wegen, und da ich eine gantz besondere Medicin nur noch auf 4. bis 5. Tage zu gebrauchen habe, wenigstens auf so lange Zeit in meinem Apartement inne halte, und vollends auscurire. Bey diesen Worten gab ich zu vernehmen, dass wir ja Zeit genug darzu hatten, die Insul Klein-Felsenburg vor allererst in Augenschein zu nehmen, und uns dieserwegen eben nicht ubereilen durfften, zumahlen da man nicht wuste, wie die Krancken daselbst ihre Wirthschafft trieben, und ob sie nicht vielleicht Hutten gebauet hatten, die auch den Gesundesten einen Eckel und Abscheu verursachen konten, derowegen ware mein bester Rath, mich mit einem Boote vorhero nach Hause zu schicken, um daselbst ein paar grosse geraumliche Zelter, nebst Erfrischungen und andern zur Bequemlichkeit dienenden Sachen dahin zu schaffen. Ich, als der Jungste unter meinen mitgekommenen Herrn Collegen, wolte diese Muhwaltung gern auf mich nehmen, in Hoffnung, dass auf Gross-Felsenburgischer nachhero alles besser, ordentlicher und kostbarer hergehen wurde, als auf dieser kleinen, miserablen, und ohne dem durch die Krancken eckelhafft gemachten Insul.

So war der Fuchs, der uns zu uberlistigen vermeynete, selbsten gefangen, denn er erklarete sich, ohne ferneres Bedencken, dass mein Rath der beste ware, und es kame eben auf die 4. oder 6. Tage nicht an, da er denn im Stande zu seyn verhoffte, sich aller Orten, wo man ihn hin verlangte, hinzubegeben. Nachhero wurde starck gebechert, wobey wir Felsenburger uns zu wundern Ursach hatten, dass wir den delicatesten Canari Sect so wohl als die andern starcksten Weine, deren Sorten ein jeder nach seinen Appetite kuhnlich fordern durffte, noch weit besser vertragen konten, als die Herrn Portugiesen selbst, deren Element dieselben fast jedoch zu seyn schienen. Hierbey entstund denn ein liebreiches Gesprach, indem die Herrn Portugiesen, und sonderlich Don Juan de Silves, uns blos allein darum verschiedene Liebkosungen erwiesen, weilen wir die Portugiesische Sprache so rein, ja fast noch reiner redeten, als sie selbst, da doch ich vor meine Person weder das A.B.C. noch das Buchstabieren in Portugall gelernet. Herrn Wolffgangen wurde von allen Anwesenden mit groster Ausmercksamkeit zugehoret, da er eines und anderes Stucke seiner Lebens-Geschichte erzahlete; ja, ich glaube, die Herrn Portugiesen hatten uns wohl noch in 6. Tagen und 6. Nachten nicht von sich gelassen, wenn nicht Herr Wolffgang endlich, da es ihm Zeit zu seyn dunckte, mit groster Bescheidenheit von seinem Gesprache abgebrochen hatte, und zwar unter dem Politischen Vorwande einer empfindlichen Brust-Beschwerung, worbey er aber versprach, das Ubrige in Zukunfft zu melden, weilen wir doch wohl noch etliche Tage durfften beysammen bleiben.

Mittlerweile, da wir aus der Portugiesen Gesprachen und heimlichen Ohren-Pflispern mehr als zu viel geschlossen, wie ihre Kreite schriebe, und was sie mit uns in Willens hatten, waren wir alle auch ohnbemuhet, uns diese Figuren in aller Stille hinter die Ohren zu zeichnen, machten demnach, da wir mehr, als 3. mahl 24. Stunden bey ihnen zugebracht, freundschafftlichen Aufbruch, um uns wieder nach Hause zu begeben, welches Don Juan willig erlaubte, und versprach, uns mit allen Ehren- Bezeugungen abseegeln zu lassen, jedennoch war er in der Betrunckenheit so neubegierig zu fragen: Wessen sich unsere Aeltesten und Obern auf seinen Vortrag entschlossen hatten? und ob sie geneigt waren, sich Sr. Konigl. Portugiesischen Majestat zu unterwerffen, oder nicht? widrigenfalls er gantz andere Mittel anzuwenden, sich noch bey guten Zeiten genothiget sahe. Wir gaben ihm hierauf einstimmig zur Antwort, wie wir keinesweges Zweiffel trugen, dass die Sache nach seinem Vergnugen lauffen wurde, unterdessen, da wir 3. Abgeordnete nichts weiter vernommen, als dass sie sich schrifftlich an Ihro Konigl. Majestat gewendet, und wir uber dieses keine fernere Vollmacht bey uns hatten, als wolten wir die Vornehmsten von unsern Aeltesten dahin bereden, ihre Erklarung auf der Insul Klein-Felsenburg vor erst selbsten mundlich von sich zu geben, bis die Sache verglichen wurde, und zum Schlusse kame.

Wer war froher, als wir alle 3. da wir unter Trompeten und Paucken-Schall, auch Losung der Canonen, unbeschadigt und in guter Musse nach Hause rudern durfften, doch hatte bald vergessen zu sagen, dass Don Juan de Silves noch die Verabredung mit uns nahm, dass, so bald er 3. Bomben in die Lufft wurde springen, oder, wie man spricht, darinnen crepiren lassen, wir uns nicht saumen solten, uns auf die Reise nach der Insul Klein-Felsenburg zu begeben, weilen dieses das Signal seyn solte, dass er eben um dieselbe Zeit dahin abfuhre, da er sich den Weg dahin schon ohne Wegweiser zu finden getrauete; wir solten ihm aber ja! (wie er hinterher uns sagen liess,) keine Nase drehen, sonsten wurde es uns zur sauren Suppe gereichen.

Wenn ich damahls nicht mehr Courage im Leibe gehabt hatte, als eben jetzo, so ware mir fast ein bissgen bange bey der Sache worden, allein, da ich eine und andere Umstande in Erwegung zog, ward mir das Hertze im Leibe so gross, als eine 2. pfundige JesminOels-Bouteille oder Buchse, derowegen nahm meine Liebsten und Allergetreuesten zu mir, als welche sich, nachdem sie der Sachen Beschaffenheit erfahren, meinem Commando gantz freywillig unterwarffen, auch sich gantz und gar nicht wolten abweisen lassen, ohngeachtet Knaben von 15. 16. bis 18. und wenig mehr Jahren darunter befindlich waren, die aber sonderlich mit dem Hand-Schiess-Gewehr unvergleichlich wohl umzugehen wusten: Jedoch, da ich ohne dem zum Voraus wohl wuste, dass es mit unsern Feinden nicht wurde zum Handgemenge kommen, machte ich mir nur einen heimlichen Spas und Lust daraus.

Ausser diesen hatte sich ein starckes Regiment Frauenzimmer zusammen geschlagen, so wohl Weiber als Jungfrauen, welches die Madame de Blac als Obristin commandirte, und ihre wohl ausgesuchten Subalternen um und neben sich hatte. Es war dieses in meinen Ohren erstlich eine lacherliche Historie, ohngeachtet meine eigene Frau, da sie vielleicht ZeitLebens keinen todten Hund gesehen, einen Hauptmanns-Platz erworben, um eine gantze Compagnie von 200. und mehr Frauenzimmern anzufuhren. Wie gesagt, es kam nicht allein mir, sondern auch vielen andern recht lacherlich vor, solches von diesen Amazoninnen zu horen; die aber, so bald sie dieses gemerckt, dass wir uns uber sie aufhielten, um so viel desto hitziger und begieriger wurden, ihren Willen vor dissmahl zu haben, wesswegen man denn binnen wenig Tagen das gantze Regiment Frauenzimmer in artiger und sehr netter Forme vor sich stehen sahe.

Ihr Ober-Kleid war von leichten Zeuge, und zwar himmelblau, gefarbter gedoppelter Leinewand, oder, wie man es nennen will, Barchent, mit gelben Schnuren; das Camisol aber rosenfarbe, mit weissen Schnuren verbrahmt, und der Schurtz eben so, wie in Deutschland ein gewohnlicher Lauffer-Schurtz, nebst den Bein-Kleidern, vom weissen Barchent, und mit gelben Schnuren bordirt. Auch hatten sie sich rothe lederne Stiefeln machen lassen, woruber ich mich gantz besonders wunderte, dass sie dieselben binnen so kurtzer Frist fertig kriegen konnen, indem sie dieselben, wie ich nachhero erfahren, selbst verfertigen helffen, und weder Tag noch Nacht gefeyert, bis die gantze Montur vollkommen fertig gewesen. Zur Bedeckung des Haupts hatte eine jede eine hohe Mutze auf, welche mit denen in Deutschland und anderer Orten ublichen Granadier-Mutzen, oder, besser zu sagen, Abts-Mutzen eine starcke Gleichheit hatten, ohngeachtet sie dergleichen Tracht, Zeit ihres Lebens, niemahls gesehen.

Allein, mein werthester Hr. Bruder kan ja leichtlich nachsinnen, dass unsere Hn. Europischen LandesLeute diese gantze Comdie angestifftet, und ich schame mich nur vorjetzo diejenigen mit Nahmen zu nennen, welche vielleicht die Haupt-Ursacher davon mogen gewesen seyn. Mit dem allen aber war es eine unvergleichliche Lust, dieses wohlansehnliche Regiment zu Fuss, (und NB. nicht zu Pferde) in Parade stehen zu sehen, denn erstlich guckten gemeiniglich unter der schwartzen Haube, oder so genannten Granadier-Mutze ein paar charmante Augen hervor, welche, dem Ansehen nach, rechte feurige Pfeile in sich fuhreten, um ihren Feind damit zu verletzen. Das eintzige, was ich an ihnen auszusetzen hatte, war dieses, dass sie keine schwartzen grossen Schnurr-Barter fuhreten; Allein diesen Fehler ersetzte entweder ein Alabasterweisses, oder braunliches Angesichte wie ich denn angemerckt, dass auf dieser Insul die Blondinen und Brunetten einander an der Zahl um ein sehr weniges uberlegen seyn mogen.

Jedoch unsere neugebackenen Amazoninnen noch weiter zu beschreiben, so hatte ich wohl aus Neugierigkeit bey einer jedweden die Anfrage thun mogen: ob sie nach Art der alten Amazonen sich auch wohl wolten entschliessen, eine jede ihre lincke Brust abschneiden zu lassen? weilen aber befurchtete, dass sie mir eine spitzige Antwort geben und etwa sagen mochten, dass sie keine Amazoninnen nach der alten Art waren, indem sie keinen Schild zu fuhren brauchten, der ihnen zum Schutze ihrer Brust etwa nothig seyn, und mir noch fernere verdrussliche Reden geben mochten, so liess ich die Sache gut seyn. Unterdessen fuhreten sie todtliche Waffen, denn es hatte eine jede in ihrer rechten Hand einen leichten Wurff-Spiess, wie nicht weniger einen leichten Pallasch an der lincken Huffte hangen, in dessen ledernem Bauch-Gurte eine kleine Pistole stack; Uber die lincke Schulter bis auf die rechte Huffte herunter sahe man einen 3. Fingerbreiten Riemen herab lauffen, an welchem, wie man das Ding in Deutschland zu nennen pflegt, eine gatliche Patron-Tasche hieng, worinnen 12. Pistol-Patronen und 6. gatliche gefullete Granaden stacken, auch hatte eine jede ihre brennende Lunte an der Brust, so wie es gebrauchlich ist, in einem Futterale hangend. Kurtz zu sagen: Fast alles unser Frauenzimmer hatten sich vollenkommen als Granadiers armirt. Wer ihnen die Waffen, als nemlich die kleinem Pallasche, kleinen Pistolen, Wurff-Spiesse oder Piquen verfertigen lassen, will ich eben nicht sagen, nur wunderte mich dieses, dass nicht allein die vollige Montur, sondern auch das Leder-Werck und anderes Zubehor in solcher Geschwindigkeit verfertiget werden konnen; aber da mochte wohl das Sprichwort eintreffen: Viel Hande machen Ende. Denn, wie gesagt, ich habe nach dem vernommen, dass alles daran gearbeitet, was nur Hande und Finger gehabt, auch so gar die kleinen Magdleins, die kaum eine Neh-Nadel zu regieren wissen.

Viele von unsern Europischen Mit-Brudern hatten sich die Muhe gegeben, dieses unser Frauenzimmer-Granadier-Regiment, welches uber 600. Kopffe starck war, auch so gar des Nachts bey den Scheine angezundeter Fackeln, ordentlicher Weise auf Europische Art zu exerciren, und zwar in Fuhrung des Pallasches und Wurff-Spiesses, Ladung und Gebrauchung der Pistolen, Werffung der Granaden und dergleichen, auch so gar ferner in Wendungen und andern ublichen Exercitiis dergestalt zu perfectioniren, dass wohl nirgendwo ein Frauenzimmer anzutreffen seyn mochte, welches eine Hand-Granade mit grosserer Geschicklichkeit und Geschwindigkeit werffen konte, als ein Felsenburgisches, ja die kleinen Magdlein wissen schon ziemlicher Massen damit umzugehen.

Endlich kam es zur Musterung dieses HeldenRegiments, welches sich auf dem grossen Platze unter der Alberts-Burg und der Kirche in Parade gestellet hatte. Es war dieses Regiment in 3. Bataillons eingetheilet, deren jedes Bataillon seine besondere Fahne fuhrete, als nemlich das Erste eine blaue; das Andere eine rosenfarbene und das Dritte eine weisse Fahne. In eine jede dieser Fahnen hatte unser beruhmter Herr Kunst- Mahler zur Devise die Insul Gross-Felsenburg mit ihren fast bis an den Himmel reichenden FelsenSpitzen gemahlet, mit der Uberschrifft:

Sie ist vest gegrundet.

Und der Unterschrifft:

GOTT ist bey ihr drinnen.

Mir zum wenigsten gefiel diese Invention ungemein wohl, und fast noch besser, als das gantze Gemahlde, welches zwar sehr wohl gerathen war, jedoch seiner Kunst gemass, weit schoner und zierlicher wurde heraus kommen seyn, wenn die Zeit darzu nicht allzu kurtz gewesen ware.

Unterdessen begegnete mir ein possierlicher Streich: Denn da ich mit Herr Wolffgangen, Mons. de Blac, Mons. Litzbergen und andern speciellen Freunden mehr, vor der Fronte dieses erstaunens-wurdigen Regiments auf und nieder spatziren gieng, fragte mich Herr Wolffgang mit lachendem Munde dieses: Nun, mein Herr! was duncket euch bey diesen furchterlichen Leuten? und wie kommen sie euch vor? Sie kommen mir (gab ich zur Antwort) nicht anders vor, als diejenigen bund gekleideten Personen, welche in Deutschland, Holland und anderer Orten mehr, den Hn. Zuschauern eine Lust machen, und denen man, wie ihnen nicht unbekannt, Arlequins, Jean Potage, Scharmuzgen, und noch mehrere Affections-Nahmen beyzulegen pflegt.

Kaum hatten einige nur von dem so genannten grimmigen Thieren diese Worte von mir aussprechen horen, als es immer eine der andern ins Ohr sagte, worauf denn in groster Geschwindigkeit unter allen dreyen Bataillons erstlich ein sanfftes Gemurmele, bald hernach aber, so zu sagen, fast eine kleine Rebellion entstund, worauf sich meine Geferten und Freunde der Sache etwas genauer erkundigten, und erfuhren, dass das Frauenzimmer durch meine Reden, die ich so hin in den Wind fliegen lassen, sich insgesamt aufs allerhochste beleidiget befande, und dieserwegen durchaus eine hinlangliche Satisfaction verlangte.

Indem wir nun alle hertzlich daruber lachen musten, so trat die Madame de Blac vor die Fronte, und proponirte eben dieses in weitlaufftigen Terminis, mit dem Zusatze, dass das samtliche Frauenzimmer sich nicht eher zufrieden geben konte, bis es Satisfaction, und zwar nach dieserhalb gehaltenem Krigs-Rechte erhalten hatte, widrigenfalls waren sie gewilliget, alle vor einen Mann zu stehen, und sich mit gesamter Hand selbsten Satisfaction zu verschaffen.

Der Regente, einige Aeltesten und andere guten Freunde waren inzwischen herbey gekommen, und hatten den Vortrag der so betitulten Frau Obristen mit angehoret, da ihr denn der Regente, welcher so wohl als die andern, nachdem sie die gantze Ursache des Streits vernommen, so, wie wir, dergestalt lachen musten, dass wir alle, so zu sagen, die Bauche halten musten; ja der Regente, als ein besonders ernsthaffter Mann, hat nachhero selbsten bekennet, dass er sich nicht zu entsinnen wisse, Zeit seines gantzen Lebens so viel gelacht zu haben, als uber diese lustige Begebenheit. Es nahm aber nachhero der Regente das Wort selbst auf sich, und gab der Frau Obristin dieses zur Antwort: Meine allerseits liebwerthesten EngelsKinder! es ist allerdings an dem, dass sich mein Vetter, Eberhard Julius, recht sehr mit Worten gegen euch vergangen hat, und ob er es auch gleich so bose nicht gemeynt zu haben vorwenden mochte, so ist es doch billig und recht, dass er dieserwegen, dem Kriegs-Rechte gemass, abgestrafft werden musse, es sey denn, dass ihr euch dieserhalb in der Gute mit ihm vertruget: denn das ist keine Sache oder Mode, dass man diejenigen, welche ihr Blut und Leben vor das Beste des Vaterlandes aufzuopffern sich ohngeruffen und gantz freywillig darstellen, hohnischer Weise durchziehen oder schrauben wolte. Dass ihr, lieben Engels-Kinder! aber gesonnen, alle vor einen Mann zu stehen, um euch mit gesamter Hand Satisfaction zu verschaffen, ist eine zweydeutige Redens-Art, und mochte viele Weitlaufftigkeiten und Verdrusslichkeiten nach sich ziehen; demnach ist mein getreuer Rath dieser, dass ihr die Sache auf den Spruch des KriegsRechts ankommen lasset, als zu welchem ihr die Personen nach eurem eigenen Belieben erwahlen moget.

Das Frauenzimmer war ungemein erfreuet uber diesen Ausspruch des Regenten, nicht anders, als ob bereits eine Bataille geliefert, und der Sieg darinnen erhalten ware. Demnach stohrete ich meine speciellen guten Freunde an, dem Frauenzimmer unter den Fuss zu geben, dass sie 6. Personen aus ihrem Mittel erwahlen solten, welche einstimmig darauf dringen mochten, dass ich, Eberhard Julius, erstlich dem honorablen Frauenzimmer vor der Fronte eine billige Abbitte und Ehren-Erklarung thun, an Statt hoherer Leibes- und Lebens-Straffe aber, nur blos durch alle 3. Bataillons 12. mahl durch ihre Strumpf-Bander lauffen solte, ohngeachtet nach militairischer Art, von Rechtswegen Spitz Ruthen darzu erfordert wurden.

Wie es angegeben war, so lief es auch ab, denn nachdem nicht allein 6. Deputirte von dem Frauenzimmer, sondern auch 6. Personen von unsern Aeltesten mein Urtheil nach des loblichen Frauenzimmers Verlangen abgefasset, so schickte mich in die Zeit, und machte mich fertig, meine Straffe zu leiden. Ein solcher possierlicher Streich ist wohl nie passirt, so lange Felsenburg gestanden, es sey denn, dass die Affen zu den Zeiten unserer Felsenburgischen ersten Eltern noch thorichtere Streiche gemacht hatten, welche jedoch mit denenjenigen nicht in Vergleichung zu ziehen sind, welche die vernunfftigen Menschen zuweilen wohl zu spielen pflegen. Unterdessen war dieses eins kleine Lust vor uns, worbey, meines Wissens, gantz und gar nichts sundliches mit unterlief, es muste denn dieses uns zur Sunde gerechnet werden, dass wir bey dieser kleinen Comdie gar allzuviel lachten, und zwar die Alten so wohl, als die Kinder, und dass ich ferner, nachdem ich meine Straffe ausgestanden, noch einmahl repassirte, und jedem Frauenzimmerlichen Granadier von oben an bis unten ans Ende einen keuschen Kuss gab, und zwar diesen noch zum Uberfluss der schuldigen Danckbarkeit vor gnadige Straffe, welcher Kuss mir denn von den allermeisten wieder zuruck gegeben wurde, so, dass wir fast einen halben Tag mit diesem Lust- (oder wie unsere Feinde vielleicht wohl sagen mochten) Narren-Spiele zubrachten.

Allein es ist bekannt, dass der Himmel seinen Kindern, wenn sie sonsten aufrichtig und fromm wandeln, eine zulassige oder mittelmassige Lust gantz und gar nicht missgonnet, wovon wir sehr viele Exempel in heil. Schrifft finden und nachschlagen konnen.

In Abrede will ich nicht seyn, dass wir dieses Possen-Spiel bey damahligen Umstanden und gefahrlich scheinenden Zeiten wohl hatten konnen bleiben lassen, zumahlen, da immer einer dem andern hatte in die Ohren sagen mogen: Hannibal ante Portas!

Jedoch einmahl war es geschehen, derowegen giengen wir in den folgenden Tagen desto fleissiger in die Kirche, beteten auch zu Hause weit andachtiger, als vor derselben Zeit, und verrichteten darbey unsere Arbeit, ein jeder nach seiner Nothdurfft, Bequemlichkeit und Wohlgefallen: Den ich kan bis dato nicht sagen, dass ich auf unserer Insul einen recht faulen Menschen zu suchen und zu finden wuste, als wovor dem Allmachtigen gedanckt sey, der den Menschen zur Arbeit erschaffen, so wie den Vogel zum fliegen.

Mittlerweile schlich immer ein Tag und eine Nacht nach der andern dahin, ohne dass sich die Hrn. Portugiesen weder mit Bomben, noch Canonen-Schussen meldeten und horen liessen, wesswegen wir auf die Gedancken geriethen, es wurden dieselben vielleicht in aller Stille abgeseegelt seyn, und ihren Lauf anders wohin genommen haben, jedoch die Davids- und Alberts-Raumer Schildwachten versicherten, dass sie sich nicht allein noch alle 3. bey den Sand-Bancken aufhielten, sondern es ware auch seit ehegestern noch ein Schiff zu ihnen gestossen, welches jedoch nicht gar so gross zu seyn schiene, als die 3. Kriegs-Schiffe, jedoch etwas wichtiger, als ihre Fregatte, welche in Klein-Felsenburg lage.

Diesen Rapport bekamen wir eben an einem Sonnabende Abends, wesswegen unsere Aeltesten vor rathsam halten wolten, gleich morgendes Tages in einer Chalouppe etliche Deputirte an den Don Juan de Silves mit einigen Erfrischungen abzusenden, ihn complimentiren zu lassen, sich dessen Gesundheits-Zustandes wegen zu erkundigen, um hauptsachlich zu erfahren, ob er noch lebte, oder tod sey, und was er etwa fernerweit unserer Sachen wegen angeben und vortragen mochte. Wie nun dieserhalb die gantze Nacht hindurch hin und her gerathschlaget wurde, so fielen doch die allermeisten Stimmen wider und entgegen den Rath der Aeltesten aus, so dass vor diesesmahl die erste Haupt-Werwirrung auf dieser Insul vorgieng, und wir Europer, oder so genannten Einkommlinge, selbst genug zu thun fanden, das Felsenburgische wallende Geblute zu besanfftigen, indem so wohl Manner, Weiber, als Kinder dem Himmel angelobten, lieber sich tod schlagen zu lassen, und in ihrem eignen Blute zu ersticken, als sich den Portugiesen zu unterwerffen, hergegen wolten sie sich alle wehren bis auf den letzten Bluts-Tropfen, und ihren Feind beschadigen, so lange sie nur noch die geringsten Kraffte hatten, und ein warmer Athem in ihrer Brust sich spuren liesse. Hierbey muss ich bekennen, dass sich unser Frauenzimmer weit desperater auffuhrete, als die Manner selbst; ja, die kleinesten Kinder, wenn sie nur den Nahmen Portugiese nennen horeten, spyen gegen die Erde, als welches, meines Wissens, ihnen niemand weiss- oder vorgemacht hatte, sondern es schiene, als ob dieser Widerwillen ihnen schon im Geblute und in der Natur stacke.

Da nun aber, wie ich bereits gemeldet, vor diesesmahl der Rath un die Verordnung unserer Aeltesten nicht allein verworffen wurde, sondern sich auch ein jeder, er mochte ein Einheimischer, oder Einkommling seyn, aufs hefftigste und auserste entschuldigte und wehrete, noch einmahl die Ambassade zu dem Don Juan anzutreten, als muste solcher Gestalt der Streit von selbsten aufhoren; Derowegen beschlossen wir, uns stille und ruhig zu halten, den Klein-Felsenburgern aber nicht das geringste mehr von LebensMitteln zu schicken, weiln wir so wohl sie, als alle andere Portugiesen von nun an vor unsere offenbaren und abgesagten Feinde zu erkennen die groste Ursache hatten, zumahlen, da wir nachrechnen konten, dass sie wenigstens noch so viel Vorrath von den Victualien haben musten, welche wir ihnen seithero zu verschiedenen mahlen zugeschickt hatten, 3. bis 4. Wochen, ja viel langer davon zu zehren, hierbey daureten uns zwar eben nicht die Klein-Felsenburgischen Fische so gar sehr, um so viel desto mehr aber das vortreffliche Wildpret, weilen bekannter Massen die allerbesten Auer-Ochsen, Hirsche, Rehe, wilde Schweine und dergleichen von ungemeiner Grosse in dasigen Waldern herum spazieren; Allein, wie wir nachhero verspuret, ist der Verlust sehr geringe gewesen, und hat vielleicht der Himmel nicht zugeben wollen, dass die Portugiesen unser Wildpret vertilgen sollen.

Jedoch in der Geschichts-Erzahlung ordentlich fort zu fahren, so giengen wir, nachdem die fatale Nacht verschwunden war, am Vormittage des darauf folgenden Sonntags in die Kirche, um den Gottesdienst abzuwarten, worbey zu gedencken, dass wir damahls, wie doch sonsten gewohnlich, keine Carthaune abfeuerten, um das Volck zur Kirche zu ruffen, sondern es richtete sich dasselbe nach der Zeit und nach dem Lauten der Glocken, kam auch in so hauffiger Menge herzu gelauffen, so dass, wie man in Deutschland zu sagen pflegt, die Kirche gekribbelte und gewibbelte voll war. Ja ich glaube, dass damahls keine eintzige Seele aus der Kirche geblieben ist, ausgenommen einige wenige Krancken, die nicht zu Fusse fortkommen konnen, und sich auf andere Art fortbringen zulassen, Bedencken getragen.

Im gemeinen Sprichworte pflegt man zu sagen: Wo GOtt eine Kirche bauet, so bauet der Satan seine Capelle darneben. Dieses konten wir daraus bemercken, denn unter der Zeit, da nach vollbrachter KirchenMusique der Christliche Glaube, gewohnlicher Art nach, abgesungen wurde, liess unser Feind, Don Juan, von seinen Schiffen die 3. abgeredten Bomben springen. Worbey unter einem jeden Verse dieses Liedes, wie wir alle insgesamt mit besondern Nachsinnen in Acht genommen haben, auch der Knall einer Bombe zuhoren und zu vernehmen war. Und dieses ist gewiss und wahrhafftig kein ohngefahrer Zufall zu nennen, sondern gute Christen hatten ihre besondern Gedancken darbey, da es so accurat zutraf, dass das Lied: Wir glauben all an einen GOtt etc. eben 3. Verse haben muste, und wir auch nicht mehr, als 3. SchreckSchusse horen durfften, nicht anders, als wenn dieserwegen ein besonderes Zeichen gegeben ware.

Die gantze Christliche Gemeine schien zwar anfanglich einiger Massen in ihrer Andacht beunruhigt u. gestohrt zu werden, allein, der unvergleichliche Herr M. Schmeltzer erfand solgeich ein Mittel, die beunruhigten und allenfalls angstlichen Gemuther zu besanfftigen, und wieder in Ordnung zu bringen, indem er sogleich, nachdem wir den dritten Bomben-Knall vernommen, den Choral von der Cantzel herunter intonirte: JEsus, meine Freud etc. Wie nun die gantze Christliche Gemeine dieses Lied in der grosten Andacht absunge, so beschafftigten sich auch unsere Herren Musicanten mit Zincken und Posaunen, der Andacht einen desto grossern Eindruck, oder, so zu sagen, Nachdruck zu geben; Nachhero aber setzte er vor diesesmahl das ordentliche SonntagsEvangelium bey Seite, und erwahlete sich an Statt dessen den 35. Psalm, welcher also lautete:

HErr! hadere mit meinen Haderern, streite wider meine Bestreiter. Ergreiffe den Schild und Waffen, und mache dich auf, mir zu helffen. Zucke den Spiess, und schutze mich wider meine Verfolger. Sprich zu meiner Seelen: Ich bin deine Hulffe. Es mussen sich schamen und gehohnet werden, die nach meiner Seelen stehen, es mussen zurucke kehren, und zu Schanden werden, die mir ubel wollen. Sie mussen werden, wie Spreu vor dem Winde, und der Engel des HErrn stosse sie weg. Ihr Weg musse finster und schlupfferig werden, und der Engel des HErrn verfolge sie. Denn sie haben mir ohne Ursach gestellet ihre Netze, zu verderben, und haben ohne Ursach meiner Seelen Gruben zugerichtet. Er musse unversehens uberfallen werden, und sein Netze, das er gestellet hat, musse ihn fahen, und musse darinnen uberfallen werden; Aber meine Seele musse sich freuen des HErrn, und frolich seyn auf seine Hulffe etc.

Ich bin nicht im Stande diesen Psalm bis ans Ende her zu recitiren, weilen mir das Gedachtniss in dem Stucke, was ich in der Jugend gelernet, nummehro seine Dienste ziemlicher Massen versagen will, derowegen ist derselbe nachzuschlagen, da sich denn finden wird, dass sich alle Zeilen, ja fast alle Worte desselben auf unsere damahligen Umstande dergestalt schicken, als ob der Konigliche Prophet David unsere Umstande und Beschaffenheit zu seiner Lebens-Zeit lange voraus gesehen hatte. Nach der Predigt wurde das Te Deum laudamus unter Paucken und Trompeten-Schall, auch abwechselnden Zincken und Posaunen-Klange abgesungen, mithin vor dissmahl der vormittagliche Gottesdienst geendiget.

Durch alle diese Veranstaltungen, zumahlen, da die Herren Musicanten die Melodeyen dieser 3. Lieder, als:

War GOtt nicht mit uns diese Zeit etc.

Ein veste Burg ist unser GOtt etc.

Es woll uns GOtt genadig seyn etc.

vom Thurme unter Lautung der Glocken abbliesen; machten sie einen noch fernern Eindruck in die Gemuther, wodurch denn das samtliche Volck, so wohl Manner, Weiber als Kinder, ungemein ergotzt wurden, sich Hauffenweise auf dem Platze vor der Kirche und unter der Alberts Burg versammleten und stehen blieben, da denn der Regente alle Anwesenden vom Grosten bis zum Kleinesten speisen und trancken liess. In der Nachmittags-Predigt hatte Herr Mag. Schmeltzer Jun. nur diese wenigen Worte zum Texte seiner Predigt erwahlet: Furchte dich nicht, du kleine Heerde etc. und sprach uns allen einen grossmuthigen Trost zu, wesswegen wir alle ohne besondere Bangigkeit aus einander giengen. Folgenden Montags fruh gleich bey Aufgang der Sonne, liess Don Juan abermahls, nachdem es die gantze Nacht gantz stille gewesen, 3. Bomben gegen unsere Insul in die See spielen, allein wir regten und bewegten uns nicht, bis wir endlich abermahls eine Chalouppe mit 2. Trompeten und einiger Mannschafft, die alle weisse Fahnlein in den Handen fuhreten, gewahr wurden, die so schnell, als nur immer moglich war, auf unsere Insul zugefahren kamen; Allein wir thaten derselben nicht einmahl die Ehre an, ordentlicher Weise zu begegnen, sondern es begaben sich nur Herr Wolfgang, Mons. de Blac und ich mit einer Bedeckung von 50. Mann der auserlesensten tapffersten Leute durch den Wasser-Gang hinunter an das Ufer der See, welche 50. Mann aber sich in den Wasser-Gange verborgen halten musten. Wir pflantzten ebenfalls 3. weisse Fahnen in die Erde, da denn die Chalouppe anlandete, aus welcher 3. vornehme Officiers herauf gestiegen kamen, und erstlich in hochtrabenden Worten anfragten: Warum wir nicht Parole gehalten hatten, uns bey dem Don Juan de Silves auf der Insul Klein-Felsenburg einzufinden?

Hierauf antworteten wir mit gantz gelassenen Worten: dass wir einfaltigen Leute nicht gewust hatten, wie wir daran waren, indem uns eine Zeit von 4. bis 6. Tagen bestimmt gewesen, welche aber verlauffen, und noch etwas druber, ehe wir sein Signal mit dem Bomben gehoret, weiln nun dieses eben unter der Zeit unseres Gottesdienstes geschehen, und wir auch anderer Ursachen wegen, nicht wohl abkommen konnen, so hatte ein solches vor dissmahl bis auf eine andere Zeit unterbleiben mussen. Zum andern wurde von ihnen gefragt: ob wir uns denn nun wurcklich resolvirt hatten, die allerhochste Protection Ihro Konigl. Majestat von Portugall anzunehmen? worauf ihn zur kaltsinnigen Antwort gegeben wurde: hiervon konten wir eben itzo nicht viel reden, weiln wir keine besondere Vollmacht darzu hatten, unterdessen ware allhier ein allerunterthanigstes Schreiben an Ihro Konigl. Portugiesischen Majestat vorhanden, und zugleich die Copia oder Abschrifft desselben vor den Don Juan de Silves, als andere, welche solches zu lesen beliebten. Zum dritten waren die 3. Herren so treuhertzig zu begehren, dass wir sie hinauf auf unsere Insul fuhren solten, um ihnen unsere Lebens-Art und andere Anstalten zu zeigen; welches, wenn es nicht geschahe, der Don Juan vor den allergrosten Affront aufnehmen wurde.

Aber dieses war vollends eine Sache, die uns anzunehmen eben nicht gar zu vortheilhafft zu seyn schiene; derowegen sagten wir ihnen allen 3. zur Antwort, wasmassen es allerhand Ursachen wegen, unser Werck gantz und gar nicht sey, fremde Personen, geschweige denn solche, die uns mit lauter Feindseligkeiten bedroheten, in unsere Hutten zu fuhren, und derowegen konten sie sich nur in aller Gute zuruck begeben. Hierbey aber wurde ihnen ein Prsent von 2. lebendigen Auer-Ochsen, 2. lebendigen uberaus grossen Hirschen, und andern lebendigen Thieren gemacht, nebst einem oder etlichen Fassern des besten Canarien-Sects, auch anderer delicaten Weine, Confituren, Obst und dergleichen. Allein es schien, als ob die Herren Portugiesen unsere Gaben verschmahen wolten, indem sie mit aller Gewalt darauf drungen, dass sie eher nichts anzunehmen gewillet, bis sie den Zustand und Verfassung unserer Insul aufs genaueste betrachtet und untersucht hatten. So bald ihne nun dieses rotunde abgeschlagen wurde, wolte der Ansehnlichste unter den 3. Vornehmsten, aus einem hohern Tone zu reden anfangen, indem er sagte: Was nicht in Gute zu erlangen stunde, muste man mit Gewalt zu erhalten suchen, denn sie ja als vernunfftige Menschen doch wohl endlich mit der Zeit die Schlussel, Thore, Thuren und Pforten zu diesem Neste finden wurden, welches seinen Gedancken nach, doch wohl nicht etwa vor ein verwunschtes und verzaubertes Schloss oder Burg zu halten sey. Wir musten diese Thorheit fast wider unsern Willen belachen, jedoch der hitzige Herr gab nur einen Winck mit dem rechten Arme, worauf augenblicklich, ohngefahr 30. bis 40. mit Ober und Unter-Gewehr wohl versehene Manner aus der Chalouppe ins Wasser heraus sprungen, wie die Wasser-Hunde, und sich zu uns an das Land begaben. Wir hielten dieses vor einen unbesonnenen, unnothigen und desperaten Streich, da sie sich aber, nachdem sie festen Fuss gefasset, so zu sagen, in vollkommene Schlacht-Ordnung stelleten, gab Herr Wolffgang auch ein Zeichen von sich, da denn unsere 50. Mann der allertapffersten und freywilligen Junggesellen aus der Felsen-Klufft, die man bis jetzo ihm zu Ehren noch den Wolffgangischen Wasser-Fall zu nennen pflegt, in allerschonster Ordnung, ebenfalls mit Ober- und Unter-Gewehr wohl versehen, heraus ruckten, und sich darstelleten, den Feinden die Spitze zu bieten. Ich will eben das uralte Sprichwort nicht missbrauchen, und sagen, dass die Herren Feinde einen rechten terrorem Panicum bekamen, da sie unsere Verfassungen und Anstalten sahen. Dem allen ohngeacht aber war der hitzige Herr subaltern-Officier dennoch so desperat, Feuer auf uns und unsere Leute geben zu lassen; da denn Herr Wolffgang bey der ersten Salve eine Kugel in den lincken Arm, ich eine dergleichen in die rechte Huffte und Mons. de Blac ebenfalls eine Kugel in die lincke Schulter bekamen. Von unsern Leuten schiene es anfanglich, als ob ihrer zwey auf dem Platze waren tod geschossen worden, indem sie zu Boden fielen, da der eine in die Brust, und der andere in den Unterleib sehr gefahrliche Kugeln bekommen hatten, allein der Himmel und die Kunst unsers nie genug zu ruhmenden Chirurgi, Mons. Kramers, hat geholffen, dass sie alle beyde noch am Leben geblieben, und frisch und gesund seyn. Herr Wolffgang hat es mir und andern mehr theuer zugeschworen, dass, ohngeachtet er vielen hitzigen Treffen und Scharmutzeln so wohl zu Lande, als zur See beygewohnet, er dennoch niemahls Leute von mehrerer Hertzhafftigkeit gesehen: Denn das Schiessen wolte ja fast kein Ende nehmen, und wir wunderten uns nur daruber, wo sie auf diesesmahl alle Patronen herbekommen hatten. Auser dem hatten wir auf unserer Seite nur noch 5. Blessirte, die aber nur gantz leichte Wunden hatten, und ihr Gewehr dem allen ohngeacht bestandig fortbrauchten. Ja es wurde immer ein kleines Heck-Feuer, wie man es sonsten zu nennen pflegt, nach dem andern gemacht, da wir denn klarlich bemerckten, dass auf feindlicher Seite 10 Mause-tode und 9 Blessirte auf der Stelle vorhanden waren, welche sie in groster Eile auf ihre Rucken nahmen, zuruck ins Wasser sprungen, und dieselben in ihre Chalouppe trugen. Es war ein artiger Spas, da eben zur selben Zeit, da dieses geschahe, eine gantze Bataillon von unsern Frauenzimmerlichen Granadier-Regimente durch den Wolffgangischen WasserFall herunter marchirt kam, um uns in der Gefahrschwebenden armen Mannern aus getreuem Hertzen aufs bestmoglichste zu Hulffe zu kommen. Ich will und kan nicht sagen, was dieser Anblick vollends den Feinden vor ein besonderes Schrecken einjagte, zumahlen, da sie die ungewohnliche Montur derselben in Betrachtung zohen.

Unsere Granadiers aber fuhreten sich eben nicht auf, als wie die Zieper-Katzen, sondern sie musten in groster Geschwindigkeit ihre Granaden dergestalt accurat zu werffen, dass nicht alle viele durch das Wasser badende Feinde, sondern auch noch weit mehrere in der feindlichen Chalouppe theils getodtet, theils hefftig blessirt wurden. Unaussprechlich war die Geschwindigkeit unserer Feinde, welche sie gebrauchten, um nur von unserm Ufer hinweg zu kommen, da wir denn, weiln uns mit Vergiessung vieles MenschenBluts eben nicht gedient, uns in so weit an der Ehre begnugen, und den uberwundenen Feind fernerweit ohngestort fortrudern liessen.

Was Don Juan de Silves in der ersten Hitze bey der Zuruckkunfft seiner Leute, welche ziemlicher Massen mit blutigen Kopffen anzusehen waren, gesagt haben mag, mochte ich wohl wissen, jedoch mit wem hat er sich wohl sonderlich zancken mogen, da seine beyden commandirenden hitzigen Herrn subalternen Officiers todlich verwundet waren, und wie man vernommen, nachhero bald ins Reich der Toden gereiset sind.

Wir unterdessen schlichen uns gantz sanfft und stille durch den Wasser-Fall wieder auf unsere Insul hinauf, eben als wenn wir kein Wasser betrubet hatten, sobald wir aber oben auf der Hohe angelanget waren, vergonneten wir der Wasser-Fluth wieder ihren strengen Fall und Sturtz, und bekummerten uns vor dissmahl weiter um keine Feinde.

Gewohnlicher Massen werden sonsten in andern Landern die Sieger, welche ihren Feind bezwungen, oder doch zuruck geschlagen, im Triumphe eingefuhret; allein dergleichen hochspringende Gemuther hatten wir armen Felsenburger auf keinerley Art und Weise, sondern, so bald wir zuruck kamen, war das allererste, dass man uns in die Kirche fuhrete, da wir uns insgesamt, ohngeachtet unsrer annoch blutenden Wunden, mit Freuden und Vergnugen da hinein begaben, allwo die gantze Christliche Gemeine in erstaunlicher Menge versamlet war.

Herr Mag. Schmeltzer Sen. liess erstlich den Choral singen: Du Friede-Furst, HErr JEsu Christ etc. hernach hielt er einen nicht eben allzu langen Sermon, in welchem er unsere Geschichte mit der Maccabaer Begebenheiten unvergleichlich wohl zusammen reimete, nachhero aber aus Psalm am 37. vers. 37. den Schluss damit machte: Bleibe fromm und halte dich recht, denn solchen wird es zu letzt wohl gehen; Die Ubertreter aber werden vertilget mit einander, und die Gottlosen werden zuletzt ausgerottet. Aber der HErr hilfft den Gerechten, der ist ihre Starcke in der Noth. Und der HErr wird ihnen beystehen, und wird sie von den Gottlosen erretten, und ihnen helffen, denn sie trauen auf ihn.

Nach diesem Sermon, worinnen er sonderlich das auf beyden Seiten unschuldig vergossene Blut mit fast weinenden Augen bedauerte, wie denn wir Streiter selbst keinen Wohlgefallen daran hatten, sondern nach vollbrachter Sache einem jeden von unsern Feinden auch den kleinsten vergossenen Bluts-Tropffen gern wieder mit einem Loth Golde zuruck in den Leib gekaufft hatten, wenn es anders moglich gewesen ware: denn unsere Nation ist, bekannter Massen, eben so barbarisch nicht, sondern vielmehr christlich gesinnet, da sie es aber nicht anders haben wollen, als mochten sie auch mit demjenigen vorlieb nehmen, was ihnen von GOttes- und Rechtswegen wiederfahren war. Hierbey aber kan ich nicht sagen, dass nur einem eintzigen Felsenburger das Hertze, wie man sonsten zu reden pflegt, in die Kniekehlen gesuncken war. Nein! im Gegentheil waren so wohl Manns-Personen, als das Frauenzimmer recht begierig, bald noch ein Scharmutzelgen zu wagen; Jedoch, da Hr. Mag. Schmeltzer zum Schlusse dieser ausserordentlichen Betstunde oder Kirchen-Andacht noch das bekannte christliche Kirchen Lied.

GOtt, der Friede hat gegeben,

Lass den Frieden ob uns schweben etc.

absingen lassen, begaben sich alle und jede nach Hause in ihre Wohnstadte, da denn wir und die andern Verwundeten desselben am allermeisten vonnothen hatten. Die darauf folgende Nacht war alles sehr stille; jedoch, weiln einem schlaffenden Feinde eben so sonderlich viel nicht zu trauen ist, besetzten wir unsere Posten, so wohl auf den Geburgen, als in der Ebene drey und vierfach, ich aber, weiln ich wegen der Schmertzen an meiner empfangenen Wunde ohne dem wenig Ruhe noch Rast zu finden verhoffte, begab mich auf die hochsten Felsen Spitzen bey die DavidsRaumer-Schildwachter, da ich denn gleich mit Anbruch des Tages gewahr wurde, dass nicht allein die 3. grossen Kriegs-Schiffe, sondern auch noch ein Schiff, benebst der elenden Fregatte, die bishero bey KleinFelsenburg gelegen, weit naher an unsere Insul GrossFelsenburg heran geruckt waren, und dem Scheine nach nur absehen wolten, wo etwa der Wind herkame; Allein es zeigte sich bald anders: denn der Don Juan, welcher vielleicht mehr Feuer im Kopffe, als im Hertzen hatte, machte den Anfang, uns auf eine gantz erstaunenswurdige Art zu bombardiren und zu canoniren; Jedoch! wir hatten ja die groste Ursach, diese seine Thorheit hertzinniglich zu belachen und zu verspotten, indem nicht mehr, als eine eintzige Bombe, deren er doch wohl 3. bis 400. gegen uns spielen liesse, auf unsere Insul herunter gekollert kam, welche jedoch nicht den allergeringsten Schaden verursachte, ausgenommen, dass dieselbe ein kleines Fleckgen Grase-Land umwuhlete, woruber wir und unsere Kinder eine gantz besondere Freude hatten. Wie unsers Orts sassen gantz stille, so wohl als wie unser Felsen, der alle Bomben und Canonen-Kugeln mit lachendem Muthe von sich abwiese. Jedoch endlich, nachdem das Bombardiren und Canoniren gantzer 2. mahl 24. Stunden unaufhorlich gewahret, riss bey Ms. Plagern und mir der Gedult-Faden entzwey, wesswegen wir nicht allein aus unsern neugegossenen Morsern etliche 50. Bomben ihnen entgegen spieleten, jedoch listiger Weise mit allem Fleisse bald seitwarts, bald uber ihre Schiffe hin: Damit sie aber ja allenfalls nicht vermeynen solten, als ob es uns am Pulver fehlete, so hatten wir eine gantz besondere Art von Bomben, die mit Schwarmern, Lust-Kugeln und dergleichen Feuerwerckers-Possen angefullet waren, welche wir ihnen sehr geschicklich zum Zeitvertreibe in ihre Schiffe zu werffen wusten, um ihnen auch damit zu zeigen, dass es unser Ernst eben nicht sey, sie todlich zu verletzen, sondern nur ein kleines Lust-Spiel mit ihnen zu haben. Auser dem wurde fast alle Abend, so zu sagen, zu unserer eigenen Lust und Vertreibung der unruhigen Gedancken, oder Grillen, (wie man dieselben sonsten zu nennen pflegt) immer ein kleines lustiges Feuer-Werck nach dem andern den Herren Feinden entgegen prsentirt, worbey wir uns auch nicht scheueten, zu gewissen Zeiten und Stunden nach Beschaffenheit der Sachen unsere Carthaunen, Canonen und Morser abzufeuern, weiln wir uns nebst gottlicher Hulffe bis zu der Zeit noch in der Verfassung befanden, allen unsern Feinden die Spitze zu bieten, es mochten dieselben auch gleich Christen, oder Barbaren seyn.

Endlich kam Don Juan in so weit zum Verstande, dass er das erschrockliche Bombardiren und Canoniren einstellete, indem er vielleicht selbst absehen mochte, dass damit gegen uns nichts im geringsten auszurichten ware, da wir ihm fast nur zum Spase, unzahlige Bomben und Canonen-Kugeln entgegen spieleten, die Lust-Feure, so wir ihnen und uns nach unserer Bequemlichkeit machten, will ich darbey ausnehmen, weilen es zur Haupt-Sache eben nicht zu dienen scheinet, sondern nur so viel sagen: dass, nachdem noch einige Tage verstrichen waren, der Don Juan de Silves in einem kleinen Boote einen abermahligen Trompeter an uns schickte, und von uns verlangte, dass 3. Personen der Unsern als Deputirte auf die grosse Sand-Banck zu ihm kommen mochten, indem er in eigener Person mit ihnen Sprache zu halten gewillet sey, und dieserwegen ihnen auf Treu und Glauben alle vollkommene Sicherheit wegen ihrer Ehre und Lebens versprache, wie er denn auch nicht mehr, als 3. Personen zu seiner Bedeckung mit sich bringen wurde, und zwar, allen bosen Verdacht zu vermeiden, ohne alles todliche Gewehr: Hiernachst ware er gesonnen, nach Kriegs-Gebrauch, Geisseln mit uns zu vertauschen, indem er 3. von seinen vornehmsten Officiers in unsere Verwahrung liefern wolte, wenn wir ihm dargegen 3. Mann von unsern Aeltesten oder Befehlshabern auf sein Schiff hinuber zu schicken uns entschliessen konten, als welche er keinesweges wie Gefangene, sondern als gute Freunde und Bruder halten, und nach seinem allerbesten Vermogen aufs herrlichste und kostbarste wolte verpflegen lassen.

Nachdem ich, der ich unten am Fusse unsers Felsens mit einigen guten Freunden spatziren herum gegangen war, und das mundliche Compliment des Trompeters angenommen hatte, (welches unser Feind ihm in den Mund gelegt) muste ich in meinem Gedancken die Geschicklichkeit und sonsten uberaus artige Person dieses Trompeters bewundern, wesswegen seinem Principal eben nicht zu verargen war, dass er ihm unter seiner eigenen Hand und Siegel ein Blanquet, ohngefehr in folgenden Worten mitgegeben:

Diesem meinem Leib-Trompeter und Vorzeigern dieses Schreibens ist in allen Stucken und in allen seinen Worten ein vollkommener Glaube beyzumessen, eben als ob ich dieselben selbst aus meinem eigenen Munde gesprochen hatte, und zwar Cavalier-Parole etc.

Don Juan de Silves.

Der Mons. Trompeter aber bekam gestallten Sachen nach vor diesesmahl nichts weiter zur Antwort, als dass sein Principal Morgen, so gleich mit dem Aufgange der Sonne, Antwort haben solte.

Nunmehro war bey uns abermahls guter Rath theuer, derowegen brachten wir die gantze darauf folgende Nacht zu, diesen zu finden. Endlich wurde beschlossen, uns auf alle Falle in behorige Ordnung zu setzen, worauf denn Mons. Wolfgang, Mons de Blac und ich abermahls fort musten, um das Wort zu fuhren; Hierbey aber wurden uns 3. Personen von den Aeltesten mit hinzu gegeben, weilen wir uns wiedrigenfalls weigerten, vom Flecke zu gehen, indem man ja nicht verlangen konte, dass wir 3. Einkommlinge uns allein allen Gefahrlichkeiten unterwerffen, und so zu sagen, unsere Seele in der blossen Hand tragen solten, zumahlen, da unsere Leibes-Wunden, die wir in dem letztern Treffen empfangen, noch kaum zur Helffte geheilet waren etc.

Diese Vorstellungen, welche von uns dreyen mit redlichem und aufrichtigem Hertzen und Munde geschahen, erreichten ihren Zweck in allen Felsenburgischen Gemuthern, so viel auch deren nur immer um und neben uns waren, welches die Liebes-Thranen, die so wohl von den Aeltesten, als Jungern vergossen wurden, klarlich bezeugeten. Demnach gieng mit anbrechenden Tage die Reise fort, da wir denn den Don Juan bereits mit sein je schwachen Begleitung auf der grosten Sand-Banck angelandet erblickten, und gewahr wurden, dass sie bey einem angemachten Feuer auf ausgebreiteten Teppichen ein Schalchen Caffee truncken, indem die Sonne eben im Aufgange begriffen war. Ehe ich weiter rede, will ich vorerst noch dieses melden, dass uns dreyen Deputirten, als nemlich Herr Wolffgangen, Mons. de Blac und mir, nicht nur von dem Regenten, sondern auch von den Aeltesten und Vorstehern unserer Gemeinden, eine schrifftliche vielfach unterschriebene und besiegelte ausfuhrlich und deutliche Vollmacht mitgegeben, und in derselben gemeldet wurde, dass alles NB was wir 3. schliessen, verabreden und handeln wurden, eben so gut verabredet, erkannt und geschlossen zu seyn gehalten und geachtet werden solte, als ob alle Felsenburgischen Einwohner, vom Aeltesten bis zum Jungsten, und vom Grosten bis zum Kleinesten, selbst zugegen waren, und vor ihre Wohlfahrt redeten, welche sie vor diesesmahl blos allein, nechst dem Vertrauen auf gottlichen Schutz und Hulffe, unserer Treue, Redlichkeit, Klugheit und Erfahrenheit gantzlich anheim gestellet hatten.

Hierbey muss ich den geheimen besondern HauptPunct zu melden nicht vergessen: wie nemlich uns auch dieser delicate Punct einzugehen erlaubt war, den Don Juan mit so viel Begleitern, als uns etwa nicht gar allzu nachtheilig scheinen mochte, auf die Insul herauf zu fuhren; alldieweilen wir uns eben kein besonderes Bedencken dabey nehmen durfften, weilen uns die Portugiesen jedennoch nicht mit Gewalt verderben konten, und wenn sie auch mit der allerstarcksten Flotte gegen uns uberlagen, denn wir hatten ja die klaren Exempel davon nunmehro schon zur Gnuge erfahren. Ich meines Theils hatte das allerwenigste hierwider einzuwenden, zumahlen, da ich an allen meinen Fingern abzahlen konte, dass eine ungewohnlich starckere Macht darzu erfordert wurde, die Insul Gross-Felsenburg mit Gewalt der Waffen einzunehmen. Um aber in der Geschichts-Erzahlung ohne fernern Umschweiff fortzufahren, so muss versichern, dass, so bald wir bey der Sand-Banck angelandet, uns der Don Juan also gleich, nachdem er von den Teppichen aufgesprungen war, ohne Begleitung nur eines eintzigen Dieners entgegen gegangen, erstlich Herrn Wolffgangen, hernach die andern mitgekommenen Felsenburger aufs allerfreundlichste umarmete, und bat, ihn bey jetzigen Umstanden nicht zu verschmahen, sondern ein Schalchen Caffee, vor das Nuchterne mit ihm zu trincken, und zwar auf dem Sande. Wir liessen uns eben nicht lange nothigen, indem wir befurchteten, dass er es sonsten ubel nehmen, oder aber gar einen unbilligen Verdacht auf uns legen mochte; demnach truncken wir ein jeder etliche Schalchen bey einer Pfeiffe Toback, nachhero aber nach Belieben auch einige Glasergen des allerbesten Frantz-Brandteweins, da denn Don Juan de Silves mit lachelndem Munde zu sagen anfieng: Meine Herren! ich habe eure Conduite von vielen See-Fahrern ruhmen horen, allein, das hatte ich mir fast nicht traumen lassen, dass ihr mein letzteres an euch abgeschicktes Commando dergestalt feindseelig abgefertiget, wie mir denn dieserwegen die Grillen noch im Kopffe herum gehen, zumahlen, da euch seithero, kein ordentlicher Streit oder Krieg angekundiget worden, sondern wir sind ja nur zu euch gekommen, als gute Freunde und Bruder, in Hoffnung dessen, dass ihr die Ober-Herrschafft und den Schutz meines Konigs annehmen wurdet; so aber fangt ihr den Krieg unbedachtsamer Weise von euch selbsten an.

Keineswegs, mon Patron! (gab hierauf Herr Wolffgang zur Antwort) haben wir Streit und Krieg von uns selber angefangen, denn wir sind ein friedliebendes Volcklein; da aber wider alles Vermuthen und Verhoffen unter unsere Leute, die uns gefolgt waren, um nur zu sehen, wo wir hin wolten, und wie es uns etwa gehen mochte, so gleich Feuer gegeben wurde, als wie unter die Hunde, so haben dieselben auch einiger Massen ihre Hertzhafftigkeit gezeigt, welche dieserwegen zu bedauren, weilen sie den Ihrigen in etwas zum Schaden mag gereicht seyn. Ich kan ihnen (redete Herr Wolffgang weiter) heilig versichern, dass unsere Felsenburger, ohngeachtet sie von Jugend auf, so zu sagen, gantz einfaltig auferzogen worden, dennoch Hertzen in ihren Corpern haben, wie die Lowen und Tyger, inmassen sie sich blos auf GOtt, ihre gerechte Sache, gutes Gewissen und sonsten angebohrne naturliche Freyheit verlassen, anbey sich eher auf der Stelle tod schlagen liessen, als nur einen Fuss zurucke zohen, um den Schein von sich zu geben, als ob sie ihren Feinden nachgeben oder weichen wolten. Ich will hiervon weiter nicht viel Redens machen, damit es nicht etwa als eine bey gewissen Volckern gebrauchliche Rodomontade oder Prahlerey heraus kommen mochte.

Der Himmel ist mein Zeuge, (versetzte auf dieses Don Juan de Silves,) dass ich meinen Leuten nicht mit dem geringsten Worte Befehl gegeben, Feindseligkeiten zu gebrauchen, geschweige denn mit dem Feuergeben den Anfang zu machen, da aber die Anfuhrer derselben bereits an ihren Wunden gestorben sind, als kan ich sie weiter nicht dieserhalb zur Rede setzen.

Hierwider haben wir (war meine Gegen-Rede) gantz und gar nichts einzuwenden, allein, was solte denn aber das darauf erfolgende hefftige Bombardiren und Canoniren wohl etwa zu bedeuten haben? vielleicht uns Felsenburgern etwa ein besonderes Schrecken einzujagen, oder uns sonsten in Verzweiffelung zu bringen? wenn dieses ihre Gedancken gewesen sind, so haben sie sich gantz entsetzlich geirret, denn wir sind bis auf diese Stunde noch nicht anders gesinnet, als eine gewisse Art einer noch jetzo florirenden Nation, welche sich vor nichts hefftiger, als vor dem Einfall des Himmels zu furchten pflegt, auser dem aber die ubrigen Feinde und Verfolger, zum Theil, en bagatell tractiret. Uns dauret nichts, meine Herren! (so redete ich weiter) als die hefftige Muhe und Arbeit, die sie angewendet haben, uns zum bombardiren und zu canoniren, ausgenommen noch, das viele Pulver, welches sie vergeblicher Weise verschossen und verplatzt haben. Wir haben zwar auch gegen sie viel Pulver verschossen und verplatzt, sonderlich bey den Feuerwerckergen, die unsere lustigen Knaben und Junggesellen zuweilen gespielet, allein, dieses ist unser allergeringster Schade, da wir des Schiess-Pulvers fast so viel haben, als des Sandes am Meere, und je mehrern Abgang, um so viel desto grossern Zuwachs desselben verspuren.

Don Juan nebst den Seinigen horchte hoch auf, da sie mich also reden horeten, unterdessen aber, da wir mit einander auf der Sand-Banck herumspazieren giengen, hatte er Befehl gegeben, etwas zu einer guten Mahlzeit dienliches von seinem Schiffe heruber zu bringen. Ob nun schon dieses alles mehrentheils in kalter Kuche bestund, so kam es doch unsern hungrigen Magens eben annoch zu rechter Zeit, zumahlen, da etliche Fasslein des besten Canari-Sects zugleich mitkamen, und wir uns an demselben hertzlich labeten; worbey sich Don Juan dergestalt freundlich, lustig und aufgeraumt auffuhrete, als wenn er Zeit seines Lebens nichts feindseeliges gegen uns verhangen, vielweniger eine, und zwar die allererste Bombe auf die Insul Gross-Felsenburg werffen lassen.

Nachhero, da wir uns wieder nach orientalischer Art auf die Teppiche niedergelassen, gieng der Freuden-Becher unter einem friedlich-jedoch auch ernsthafften Gesprache dergestalt hurtig herum, dass die Nacht daruber eingebrochen war, ehe wir uns deren vermutheten; Jedoch Don Juan, der sehr lustig und aufgeraumt zu seyn schien, wolte uns wegen der Gefahr eines gekommenen Sturm-Windes nicht von sich lassen, sondern bat, was er bitten konte, nur erstlich den Tag abzuwarten, und vor allen andern Dingen blos seine Person nebst zweyen Bedienten, oder wenigstens einem, auf unsere Insul mitzunehmen, da er denn seiner Religion nach, bey GOtt und allen seinen Heiligen, Ertz- und andern Engeln etc. unter freuem Himmel mit aufgereckter rechter Hand, einen freywilligen so genannten leiblichen Eydschwur that, nicht zu uns zu kommen, als ein Feind oder Spion, sondern als ein aufrichtiger, ehrlicher, guter Freund, der uns und die Unserigen gern mochte besser kennen lernen, anbey versprache, dass er von jetziger Stunde an, so wohl bey Sr. Majestat, dem Konige in Portugall, als sonsten, so viel als nemlich in seinem Vermogen stunde, unser Bestes und zu unserer Wohlfahrt gereichendes suchen wolle, und dieses blos allein zur Vertilgung und Vergessung des Schreckens, welches er uns auf Anstifften ungetreuer Leute, die ihn schandlicher Weise hintergangen und betrogen hatten, zuzufugen gemeynet gewesen. Wie nun solcher Gestalt der Don Juan sich mit Worten und theuren Versicherungen uber alle Massen aufrichtig gezeuger, als wurden nach einer kurtzen fernern Verabredung die Geisseln unter beyden streitigen Parthien gewechselt, da denn 3. von unsern Alt-Vatern mit ihren grauen Bartern hinuber auf sein Schiff, an Statt derselben aber 3. seiner vornehmsten Officiers von dannen zu uns zuruck gebracht wurden, worauf wir so gleich die Reise mit den Don Juan, zweyen seiner Bedienten und den jetzt gemeldten 3. Officiers, als so genannten Geisseln, antraten.

So bald wir am Fusse des Felsens angelandet und ausgestiegen waren, sagte Don Juan: Nun so gonnet mir doch einmahl die Lust, meine Freunde! zu erfahren, ob ich von mir selbst den Eintritt oder den Aufgang auf eure Insul finden kan. Wir musten aber hertzlich lachen, da er die allergefahrlichsten Fusssteige, auf welchen gantz und gar nicht fortzukommen, wohl aber man mit leichter Muhe Hals und Beine brechen konte, zwar sehr behutsam suchte, jedoch jederzeit gewahr werden muste, dass seine Muhe vergeblich zu seyn schien. Unterdessen war er mehr als 10. bis 12. mahl vor dem so genannten Wolffgangischen Wasserfalle hin und her vorbey spatzirt, da aber die Fluth eben im allerwildesten Falle und Sturtze da heraus gerauschet kam, als schien es ihm freylich wohl unmoglich zu seyn, sich darauf zu besinnen, dass eben dieses die Haupt-Pforte ware, derowegen gaben wir unsern auf den Hohen stehenden Schildwachtern das gewohnliche Zeichen, die Schleusen zu mithin den Gang trocken zu machen, welches in groster Geschwindigkeit geschahe, da wir denn alle trockenes Fusses hinauf spatzirten, den Don Juan aber, welchen wir nebst den Seinigen zwischen uns hatten, in die allergroste Besturtzung und Verwirrung gerathen sahen, woraus sie sich nicht ehe recht wieder erholeten, bis wir sie oben an das Tages-Licht und auf das Land brachten. Wir traffen gleich oben 3. leichte Chaisen an, deren jede mit 6. der allergrosten, jedoch ungemein zahm gemachten Hirschen bespannet war, worein sich die mitgebrachten Fremden setzten, und auser diesen waren unsere Freunde noch mit einigen andern Chaisen herbey geruckt, die aber nur mit wohlgewachsenen Pferden bespannet, worein sie uns nahmen, und also nach einer kurtzen Verweilung mit uns auf die Alberts-Burg zufuhren, allwo auf dem grossen Saale Don Juan, wie auch seine bey sich habenden Officiers, so gleich vor den Regenten und die Aeltesten zum Gehor gebracht wurden, und viele Zeichen einer gantz besondern Bewunderung von sich blicken liessen. Sie wurden nachhero aufs allerkostbarste von uns mit Speisen und Getrancke bewirthet, auch wurden ihnen die vornehmsten und zierlichsten Zimmer zu ihrer Bequemlichkeit eingeraumet, anbey die Erlaubniss gegeben, alles auf unserer Insul in Augenschein zu nehmen, als womit sie denn einige Tage zubrachten, und wie sie selbsten sagten, sich fast nicht satt sehen konten, weilen sie sich dergleichen Anstalten und Verfassungen nimmermehr hatten traumen lassen, so wie sie dieselben nemlich auf der von aussen so rauhe scheinenden Felsen-Insul angetroffen hatten.

Es war gewiss so wohl auf unserer, als der Portugiesen Seite ein merckwurdiges Exempel zu nehmen, wie veranderlich die Hertzen und Gemuther der sterblichen Menschen sich in einen und anderen Begebenheiten, sonderlich aber Glucks- und Unglucks-Fallen aufzufuhren oder zu verhalten pflegen: Denn diejenigen, welche wir kurtze Zeit vorhero vor unsere abgesagten Tod-Feinde gehalten, ihnen auch dergestalt, wie man zu sagen pflegt, Spinnenfeind gewesen, so dass wir sie nur immer alle Augenblicke anspeyen mogen; eben diese wurden nunmehro von uns aufs allerliebreichste und freundlichste tractiret, nicht anders, als ob sie schon lange Zeit unsere guten Freunde gewesen, sondern auch immerfort bey uns zu bleiben, sich mochten gefallen lassen. Anderer Seits gab der Don Juan sich in so weit blos: Meine Herren und Freunde! ich schwore zu GOtt, dass ich allhier in diesem kleinem Stuckgen des Erd-Kreyses angetroffen habe, was vielleicht in der gantzen Welt im so kurtzen Begriff aller Annehmlichkeiten nicht zu finden und anzutreffen ist. Ich vor meine Person muste mir das groste Gewissen daraus machen, wenn ich zugeben solte, dass man euch ferner beunruhigte. Nein! ich halte vielmehr davor, dass man alles dieses, was wir gehoret und gesehen haben, vorhero Sr. Portugiesischen Majestat aufs allergenaueste vortragen musse, als welche keinen weltlichen Fursten uber sich haben, der die Gerechtigkeit mehr lieben solte, wie jetzt gemeldete Sr. Konigl. Majestat. Wie gesagt, von mir und den Meinigen sollet ihr und die Eurigen nicht im allergeringsten mehr beunruhiget werden, bis auf Ihro Majestat fernerweitige allergnadigste Verordnung. Anbey wolte euch wohl den treuhertzigen Rath geben, eine Deputation von euren Leuten an Sr. Konig Majestat abzuschicken, um euren Zustand selbsten vorzustellen; Inzwischen, da ich sehe, hore und weiss, dass ihr einen starcken Uberfluss an Lebens-Mitteln und Schiess-Pulver habt, so will euch angesprochen haben, uns eine zulangliche Menge desselben vor billigmassige baare Bezahlung zu uberlassen. Dieses wurde dem Don Juan so gleich versprochen, und zwar, so viel wir uns nur dessen zu entrathen getraueten, gantz ohne Geld, weilen, wie sie wahrgenommen, wir auf unserer Insul keinen Handel noch Wandel trieben, mithin auch kein Geld vonnothen hatten. Im ubrigen wurden auch die im Lazarethe auf der Insul Klein-Felsenburg aufs frische und neue mit fast uberflussigen Lebens-Mitteln besorgt, ja die Herren Portugiesen wusten ihre Schiffe dergestalt voll zu pfropffen, dass, so zu sagen, fast kein Ey mehr Raum darinnen haben konte. So wurden auch die 2. Gefangenen, welche gleich anfanglich fast den Hals, als Spions gebrochen, jedoch wieder curirt waren, wieder zuruck gegeben, der dritte aber, welcher von dem Davids-Raumer Schildwachter war erschossen worden, blieb an der Mauer unsers GOttes-Ackers ungestohrt begraben liegen.

So bald demnach die Herren Portugiesen empfangen, was sie verlangt hatten, wurden auch die beyderseitigen bisherigen Geisseln wieder gegen einander ausgewechselt, da wir denn unsere lieben Alt-Vater mit so viel desto grossern Freuden auf unserer Insul zuruck bewillkommeten, als wir sahen, dass alle Portugiesen sich immer alle nach Gerade auf ihre Schiffe begaben, da sie uns denn melden liessen, wie sie nur auf den ersten favorablen Wind warteten, um ohne langeres Verweilen unter Seegel zu gehen, derowegen sich unsere Deputirten auch aufs eiligste fertig machen mochten, wenn sie annoch gesonnen waren, mit nach Europa an den Koniglichen Hof in ihrer Gesellschafft mit zu reisen; Allein dem Trompeter, welcher dieses Einladungs-Compliment brachte, wurde zur Antwort gegeben: dass wir dem Don Juan de Silves und seinem Geleite eine gluckliche Reise wunscheten, weiln sich aber unsere Deputirten noch nicht in der Verfassung befanden, vor dissmahl mit ihnen zu reisen; wir auch einer und anderer Ursachen wegen uns noch ein besonderes Bedencken nahmen, dieserhalb zu ubereilen, als mochten sie nur unter dem Geleite des Himmels voraus seegeln, weil ihnen die Unserigen zu rechter Zeit auf zweyen leichten Schiffen nachfolgen solten, auch sie vielleicht einholen konten, ehe sie den Europischen Grund und Boden erreichten.

Es mochte wohl denen guten Hrn. Portugiesen einiger Massen verdriessen, dass wir sie, so zu sagen, bis auf die letzte Stunde, unserer Deputirten wegen, bey der Nase herum gefuhret: Allein, was war daraus zu machen? zumahlen, da es eine unverbotene Sache ist, so wohl List mit List, als Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Unterdessen flanquirten sie noch einige Tage um die Gegend der Sand-Bancke herum, da wir aber weiter nichts mehr mit ihnen zu schaffen hatten, auch ferner keine Antwort von uns geben wolten, und wenn sie auch alle Tage 15. Trompeter an uns schickten, so beobachten wir ihr Hin- und Herweddeln noch einige Tage in ruhiger Gelassenheit, ohne auf unserer Insul einen Laut von uns zu geben. Jedoch es trug sich bald hernach eines Morgens bey Aufgang der Sonnen auch etwas zu, wovon uns in der abgewichenen Nacht nichts getraumet hatte, denn es stelleten sich zwey Kriegs-Schiffe dem dritten, als des Don Juans HauptSchiffe in behoriger Weite entgegen, und fiengen dergestalt auf dasselbe zu canoniren an, dass man bald gewahr wurde, wie dieses kein Schertz, sondern des Don Juans Schiff sich in der grosten Noth befande, zu sincken, und dieses hefftige Canoniren wahrete bis die Nacht einzubrechen begunte, als wir aber bey aufgehender Sonne, nemlich des nachst darauf folgenden Tages uns abermahls nach den Portugiesischen Schiffen umsahen, so waren dieselben insgesamt in der ausserordentlich stockfinstern Nacht verschwunden, so dass man auch nicht einmahl einen Span-Holtzes mehr auf der See herum treiben sahe. Wir wusten, wie gesagt, uns anfanglich keine Vorstellung in unsern Gedancken zu machen, was dieses zu bedeuten hatte, ob es ein bloses Gauckel-Spiel, oder Spiegelfechten ware? oder, ob etwan die Portugiesen von einer Barbarischen, oder andern Nation im Ernste angegriffen, und zum Welchen gezwungen worden? Allein, kurtz: hier halff kein Kopffzerbrechens, und ihnen etwa ein leichtes Jagd-Schiff nachzusenden, um zu erfahren, wo sie hin gekommen waren, schiene eben kein Rath zu seyn, ohngeachtet sich, sonderlich von unseren tapfferen mannbaren Junggesellen verschiedene Wage-Halse angaben, die nur Wunderswegen wissen mochten, wo sie geblieben waren, und ob sie sich etwa noch in den nahesten Gewassern aufhielten; so wolten wir es ihnen dennoch nicht zugeben, indem wir alle eine recht hertzliche Freude daruber hatten, dass unsere Feinde entwischet waren, wie die Katzen von den Tauben-Schlagen. Einmahl vor allemahl, da sie fort und hinweg waren, wunschten wir ihnen zwar Gluck auf die Reise, ihre Personen aber sobald nicht wider zu sehen; Jedoch, was den Don Juan anbelanget, so hatte seine wohlgeartete Auffuhrung ihm, ohngeachtet er uns anfanglich zu verderben schien, dennoch bey den Felsenburgern ein ziemlich gutes Lob zurucke gelassen; Ja, ich kan sagen, dass der ziemlich starcke Vorrath an Lebens-Mitteln und andern Bedurffnissen, welche wir den Portugiesen zukommen lassen, und zwar ohne die geringste Bezahlung, dennoch ihnen, als fast zu sagen ihren Feinden nicht einmahl missgegonnet wurde, sondern etliche unserer Leute pflegten zu sagen: Lasset diese Hunger-Darme alle Jahr zweymahl kommen, und gebet ihnen so viel, dass sie die Rachen fullen konnen, nur aber sollen sie kein vergebliches Lerm machen, kein unschuldiges Blut vergiessen keine frommen und redlichen Leute tod machen, und uns nebst unsern Kindern in die Sclaverey zu bringen drohen. Wo nicht? so wollen wir bald die Oerter suchen, wo der Gifft begraben liegt, und ihnen an Statt der Lebens-Mittel Gifft geben etc. Diese und dergleichen Redens-Arten flossen aus vielen missvergnugten Hertzen, sonderlich der Weiber und schon ziemlich verstandigen Kinder, welche wir aber mit lachendem Muthe auf bessere Gedancken zu bringen suchten, indem wir ihnen vorstelleten, dass unsere Feinde so bald wohl nicht wiederkommen mochten, weilen sie es vieleicht sich selbst vor eine Grobheit auslegen durfften, wenn sie einem gutwilligen Wirthe gar zu offt Ungelegenheit machten.

Nunmehro aber, da aller Krieg und Kriegs-Geschrey vorbey war, machte sich ein jeder nach vollbrachtem Gottesdienste wieder an seine ordentliche Arbeit, hauptsachlich aber die annoch in Stroh und Hulsen befindlichen Feld-Fruchte, als Reiss und andere Sorten von Getrayde, zu gute zu bringen, um nicht allein den Abgang in unsern eigenen Wirthschafften, sondern vornemlich auch den Mangel in denen ziemlich ausgeleerten Magazinen wieder zu ersetzen, und anbey zu bringen, was verlohren gegangen war; da denn Alt und Jung, Gross und Klein alle Kraffte daran streckten, so dass wir binnen weniger Zeit fast gantz und gar im geringsten nicht spureten, was Massen wir so viele hungerige Gaste gehabt, die ein weit mehrers mit sich fort geschleppt, als sie bey uns verzehret hatten. Demnach gab sich das Volck vollends auf einmahl zufrieden.

Eines Abends aber, da ich mit andern bey mir befindlichen guten Freunden die Hohen und Wacht-Posten von Alberts- und Davids-Raum, auch noch weiter hin nach West- und West-Suden zu, visitirte, wurden wir auf der Insul Klein-Felsenburg ein sehr grosses, ziemlich starck und helle brennendes Feuer gewahr, dessen Flammen und Rauch einmahl uber das andere bey damahligen stillem Wetter bis zu den Wolcken gen Himmel in die Hohe stiegen, und sich durch einander herschlugen, so, dass es zum offtern gantz furchterlich anzusehen war. Wie ich nun dieses abermahls vor etwas besonders neues erkannte, so sagten einige Schild-Wachter, dass dieses gantz und gar nichts neues ware, indem sie dieses Feuer, seit dem Abzuge der Portugiesen, bey dunckeln Nachten schon zu mehrern mahlen gesehen, weilen sie aber davor gehalten, als ob sich etwa Schwefel- oder Salpeter-Locher aufgethan, und von selbst entzundet hatten, so ware es von ihnen nicht gewurdiget worden, selbiges anzuzeigen, um damit nicht etwa unsern Einwohnern ein vergebliches Schrecken zu verursachen, als welche ohne dem bishero Schrecken und Verdruss genug gehabt. Ein eintziger aber unter den SchildWachtern sagte dennoch, wie ihm die Sache einiger Massen verdachtig vorkame, indem er von Natur unter andern 100. ja 1000. Menschen ein solches scharffes Gesicht hatte, dass er sonderlich bey der allerdunckelsten Nacht, ohne Fern-Glas, oder Perspectiv, so helle sehen konte, wie man zu sagen pflegte, als ein Luchs; und derowegen ware ihm nicht einmahl, sondern etliche mahl vor seine Augen gekommen, wie einige Personen um das Feuer herum wandelten, als ob sie mit einander redeten, es mochten nun Geister oder Gespenster seyn, darum wolle er sich eben nicht so sehr bekummern. Indem wir nun so bey ihm stunden, und seinen Reden zuhoreten, versicherte er, bey seinem guten Gewissen, dass er wenigstens 4. bis 5. Personen um das Feuer herum spazieren sahe, da sich denn bald einige funden, die ihm Beyfall gaben, die gantze Sache aber vor ein blosses Schatten-Spiel hielten, welches durch das Feuer und den Rauch verursacht wurde.

Dem mochte nun aber seyn, wie ihm wolte, so brachte mir dieses Gesichte eine schlaflose Nacht zu Wege, und ich beschloss bey mir, ehe in kein Bette zu kommen, oder geruhig zu schlaffen, bis ich in KleinFelsenburg auf der Stelle gewesen, wo wir ohngefehr das grosse Feuer brennen sehen, welches denn auch bis gegen Anbruch des Tages fort brannte und rauchte. So bald viele von meinen besten Freunden, und uber dieses etliche 30. hertzhaffte Junggesellen, oder, so zu sagen, Wage-Halse meinen Vorsatz und Entschluss vernommen, versammleten sie sich gleich um mich herum wie die Bienen, und verlangten mit hinuber zu fahren, da denn gleich mit Aufgang der Sonnen, 2. der besten und schonsten Boote in allergroster Geschwindigkeit zu rechte gemacht und ausgerustet wurden; wobey wir alle unser Oder- und Unter-Gewehr nebst Pulver und Bley, auch Lebens-Mitteln, so viel wir nur in so hefftiger Eile finden konten, mit uns nahmen, und also fortruderten, auch noch Vormittags auf Klein-Felsenburg anlandeten.

Nachdem wir in der ordentlichen Bay angelanget und ans Land gestiegen, erfanden wir nach Verlauf etwa einer halben Stunde sogleich den Platz, allwo das beschriebene Feuer noch bestandig fort brannte, jedoch zu unserm ersten Schrecken erblickten wir schon von ferne, dass 4. Personen darbey sassen, welche jedoch, so bald sie uns mit Gewehr auf sich zukommen sahen, augenblicklich aufsprungen, und uns auf Handen und Fussen, uber die 50. Schritte daher, entgegen gekrochen kamen. Da wir dieselben nun so gleich vor Portugiesen erkannten, und zwar vor einige dererjenigen, welche schon eine Zeit daher in unserm so genannten Lazarethe gelegen hatten, so nahmen wir unsere Flinten verdeckt unter den lincken Arm, mit der rechten Hand aber winckten wir ihnen, naher zu kommen. Worauf sie auf ihre Fusse traten, und flehentlich baten, ihres Lebens zu verschonen, weilen sie vor die vielfaltige genossene Gnade, Gute und Barmhertzigkeit, welche wir ihnen erzeigt hatten, weder uns noch den Unserigen, so wie ihre unerkanntlichen Lands-Leute, auch nicht den allergeringsten Schaden jemahls zugefugt, ja weder Flinten noch Pistolen gegen uns losgebrannt hatten. Das kan seyn, meine Freunde! aber auch nicht seyn (gab ich ihnen hierauf zur Antwort) dem sey aber, wie ihm wolle, so will ich doch nur fragen, wer euch den Befehl oder die Erlaubniss gegeben hat, auf dieser Insul zu bleiben, da ihr doch curiret, und gesunde Leute seyd, die ihren Lands-Leuten wohl hatten folgen konnen. Auf diese meine Rede gab mir ein gantz seiner sehr vernunfftig scheinender Mensch, welcher eine Sergeanten-Stelle bekleidet, so viel zur Antwort: Mein grossgunstiger Herr und Gonner! ich bemercke, dass dieselben in einer irrigen Meynung stehen, indem sie etwa glauben, wir waren entweder aus eigenem Antriebe zuruck gebliebene faule Leute, um vielleicht noch fernerweit gute Bissen und Bequemlichkeit zu geniessen; oder sie haben wohl auch die Gedancken von uns, dass wir Spions, Land- und Leute- Verrather oder Spitzbuben waren, so, wie einige andere von unserer Nation sich aufgefuhret, und demnach ungestrafft darvon gekommen sind. Woferne dieselben diesen letztern Glauben oder Meynung von uns hegen solten, so sind wir alle 4. Mann erbotig, gleich nieder zu knien, und eine Kugel entweder durch den Kopff, oder durch das Hertz von ihnen zu erwarten, denn unser 5ter Camerad ist von uns gegangen, um etwa eine oder ein paar wilde Ziegen zu schiessen, von mehrern Menschen oder wissen wir auf dieser kleinen Insul weiter nichts.

Ich redete ihm nochmahls in sein Gewissen, uns ja nicht etwa zu betrugen, oder Lugen vorzuschwatzen, wiedrigenfalls aber, da wir gewahr wurden, dass ein Hinterhalt auf uns lauren mochte, er der erste seyn muste, den wir ins Reich der Todten schickten. Indem kam ihr 5ter Camerad, und brachte 2. wilde Ziegen, die er geschossen hatte, hinter sich hergeschleppt, liess aber dieselben gleich auf derselben Stelle, wo er stund, liegen, und legte seine Flinte darneben, kam darauf, und kniete ebenfalls auch neben seine 4. Cameraden nieder; allein, wir konten dieses gar nicht lange ansehen, sondern reichten ihnen die Hande, und hiessen sie von der Erden aufstehen, hergegen zwischen uns auf etliche zugehauene Bau-Stucke niedersetzen, anbey aber uns zu berichten, was es nicht allein mit ihren 5 Personen, sondern auch mit dem Verwunderungswurdigen Abzuge ihrer Lands-Leute vor eine Beschaffenheit hatte?

Hierauf fieng erstgemeldter Sergeant, nachdem wir uns alle in ordentlicher Gestalt um ihn herum gesetzt, seine Reden recht mit Bedacht zu vernehmen, also an: Wenn Don Juan de Silves gewust hatte, dass diejenigen Officiers von unsern Leuten, welche er mit sich auf die Insul Gross-Felsenburg nahm, um dieselbe zu besichtigen, seine heimlichen abgesagten, so zu sagen, fast geschwornen Tod-Feinde waren, wurde er ihnen wohl nicht leicht vergonnet haben, auf diese jetzt bemeldte Insul zu kommen; Ja, ich sage nochmahls, wenn Don Juan dieses gewust hatte, so wohl als die allermeisten von seinen Untergebenen, so lebte er vielleicht noch jetzo. Was? (rief ich nicht allein dem Sergeanten, sondern auch seinen Leuten recht im Schrecken entgegen) ist Don Juan todt? Nicht anders, mein Herr! (antwortete der Sergeant) und sein Corper liegt kaum 2. bis 300. Schritte von dieser Statte, worauf wir jetzo sitzen, begraben, wie aber dieses zugegangen, will ihnen vorjetzo bis auf eine andere Zeit nur in aller Kurtze zu wissen thun. So bald als unser Trompeter von den Felsenburgern die Antwort zuruck gebracht: welcher Gestalt sie sich anders resolvirt, ihre Deputirten nicht mit uns fortschicken, sondern dieselben bis auf eine andere Zeit und Gelegenheit annoch zuruck behalten, nachhero schon mit eigenen Schiffen nach Europa senden wolten, und wie die Worte etwa ferner lauten mochten etc. da sie uns, wie es denn genommen oder ausgelegt wurde, gantz spitziger und hohnischer Weise eine gluckliche Abfahrt und Reise wunschten, auch vielleicht bald nachzukommen versprachen, und was dergleichen RedensArten mehr waren, die ich nicht alle von Wort zu Wort behalten konnen, sondern nur die Haupt-Sache, so den grosten Lerm verursachte.

Diesen Lermen machten hauptsachlich die aus der Insul mit gewesenen Officiers, indem sie die Commandeurs der andern 2. Kriegs-Schiffe unter dem Vorwande gegen den Don Juan aufwiegelten, dass alles dieses eine schandliche Verratherey sey, die er mit den Felsenburgern abgedroschen, als zu deren Ober-Haupte, oder wenigstens Vice-Konige, er sich ohnfehlbar vor seine Person selbsten aufzuwerffen gesonnen, indem er sich zum offtern verlauten lassen, dass ihm diese Insul allein lieber seyn solte, als manches kleines Konigreich, ingleichen burdeten sie ihm auf, dass er sich mit dem wenigen Proviant und Schiess-Pulver abspeisen lassen, und nicht darauf gedrungen hatte, dass ihm die Felsenburger mehrere Kostbarkeiten an Gold, Silber, Perlen und dergleichen zinsen mussen, indem es schon langst durch verschiedene Spions verrathen worden, dass sie einen sehr starcken Vorrath von dergleichen Sachen im Vermogen hatten; doch wurde er vielleicht die unschatzbaren Diamanten und andern edlen Gesteine, die sie ihm hie und da heimlich zugesteckt, wohl schwerlich zeigen. In Summa: es erhellete klarlich aus allen Umstanden, dass Don Juan aus gewissen Absichten, die ihm vor seine eigene Person selbst etwa zum besondern Vortheil gereichen konnen, die Felsenburger begnadiget, und der Koniglichen Ordre nicht behorig nachgelebt hatte, wiedrigenfalls man diese Insul wohl erobern konnen, und wenn dieselbe noch 10. mahl starcker bevestiget und besetzt gewesen ware.

So bald nun diese falschen Beschuldigungen dem Don Juan zu Ohren kamen, liess er die Commandeurs der andern beyden Kriegs-Schiffe, ingleichen alle ubrigen vornehmen See-Officiers zu sich auf sein, als das Haupt-Schiff beruffen, um mit ihnen See- oder Schiffs-Rath zu halten, und sich sonderlich wegen der ihm aufgeburdeten schweren Verbrechen zu entschuldigen.

Seine Feinde und Verfolger kamen hieruber zusammen, und der hefftige Streit mit Worten wahrete viele Stunden, ja fast die gantze Nacht hindurch, da denn Don Juan de Silves, welchem seine Feinde nichts erweisslich machen, vielweniger ihn mit Worten uberwinden konten, ihre Degens auf ihn zogen, und diesen wackern Commandeur mit etliche 20. Wunden ermordeten, wie wir denn solche gantz eigentlich gezahlet haben. So bald aber dieselben ihn tod sahen, und bemerckten, dass dieserwegen eine Rebellion auf seinem als dem Haupt-Schiffe entstehen, die sich vielleicht wohl weiter noch auf die andern Schiffe ausbreiten mochte, gaben sie so gleich Befehl als die andern beyden Schiffe, auf das Haupt-Schiff los zu canoniren, und solches, wo moglich, in den Grund zu bohren. Wie wir, als des Don Juans uberbliebene Getreuen, dieses kaum pfeiffen horen, warffen sich unser 12. Mann in das groste Boot, nahmen auch den verblichenen Corper des Don Juan mit hinein, indem wir gesonnen waren, denselben auf einer der hochsten Sand-Bancke zu begraben; Allein der Himmel fugte es gantz anders, indem unser Boot auf einer verborgenen Klippe umsturtzte, so dass von unsern Cameraden ihrer 7. ersoffen, mithin bey dem todten Corper nicht mehr, als wir 5. Mann ubrig blieben, worauf uns ein sanfter Wind, an statt, wie wir erstlich vermeyneten, nach den Sand-Bancken zufuhr, und durch die Gnade und Barmhertzigkeit des Himmels, zwar wider alles unser Vermuthen, an das Ufer dieser Insul trieb. Als welche Insul wir denn mit den allergrosten Freuden so gleich erkanten, einen bequemen Ort zum Anlanden fanden, und unsere Leiche, als des im Leben liebgewesenen Commandeurs, Don Juan de Silves, mit ungemeiner Muhe und Arbeit zu Lande brachten, dieselbe nach Soldaten-Art ehrlich begruben, und einen grossen Stein-Hauffen auf das Grab machten, wie denn, meine Herren! selbiges sogleich nach ihrem Belieben in Augenschein nehmen konnen, auch, so es gefallig, den Corper konnen ausgraben, und durch einen Chirurgum besichtigen lassen, denn es kan dieser Corper, weilen er so nahe an der See, und zwar im schonsten kuhlen Sande stehet, binnen so kurtzer Zeit nicht vermodert oder angefaulet seyn. Sonsten aber kan man den Don Juan de Silves an den 3. starcken Narben, die ihm, wie ihnen bekannt, von 3. wichtigen Verwundungen ubrig geblieben, gar leicht erkennen, ausgenommen des grossen braunen Muttermahls, welches er an seinem lincken Backen hat. Dieses sage ich darum, wenn sie ja zweiffeln solten, dass dieses der rechte angegebene Corper ware. Sonsten aber mochten sich meine Herren vielleicht auch wohl daruber verwundern, wo nemlich wir 5. Personen 5. Flinten, so viel Pallasche, Bajonetts und dergleichen anderes Gewehr hergenommen hatten, da doch unsere 7. Cameraden ersoffen, und ihr Gewehr wohl nicht wurden zuruck gelassen haben; allein, wenn sie sich bemuhen wollen, mit nach unserm Boote zu gehen, welches uns durch des Himmels Fugung anhero gebracht, so werden sie gleich finden, dass wir Recht haben: denn dieses ist eines von der besten Portugiesischen Art, da man in den hohlen Seiten-Wanden des Boots verschiedene Stucke, Ober und Unter-Gewehr, Pulver, Bley und dergleichen verbergen kan, wie wir denn von diesem allen einen noch hochst nothdurfftigen Vorrath haben; so werden sie denn daraus ferner beobachten, dass alles dieses gantz naturlich zugehet.

Nunmehro (so redete der Sergeant ferner) bitten wir uns bey unsern Hochgebietenden Herren dero machtigen Schutz aus, und zwar in Erwegung dessen, dass uns der Himmel so wunderbarer Weise wieder anhero auf diese ihnen zustandige Insul gefuhret hat. Auf ihre grosse Insul verlangen wir nicht einmahl unsere Fusse zu setzen, um des Verdachts entubriget zu seyn, als ob wir etwa Spions oder Landes-Verrather waren, als welches der Himmel wolte lassen ferne von uns seyn. Kurtz: wir sind froh, dass wir von unsern Landes-Leuten mit guter Manier abgekommen sind, weilen uns deren Lebens-Art selbsten nicht langer anstandig ist, darum wollen wir uns eine geruhigere Lebens-Art erwahlen, und um unsere Nahrungs-Mittel zu verdienen, lieber so lange arbeiten, bis uns der Tod der Arbeit entlediget. Unterdessen sind wir, wie sie sehen, alle noch gesunde, frische und starcke Leute, deren der Aelteste etwa von 53. der Jungste aber von etliche 30. Jahren seyn. Wir sind alle geschickt zu Zubereitung des Holtzes, sonderlich dessen, was zum Schiff- und Hauser-Bau erfordert wird, ausser diesem konnen wir ja in den Saltz- und Ertz-Geburgen arbeiten, wenn uns ja unsere Herren dasjenige Brod gonnen wollen, welches wir nicht etwa, so wie vorhero als Faullantzer, sondern mit ihrer allermoglichsten Hand-Arbeit zu verdienen gedencken.

Meine Freunde! (gab ich ihnen hierauf zur Antwort) nehmet mir nicht ubel, dass ich euch dessen, was diese letztere Sache anbelanget, keinen grundlichen Entschluss ertheilen kan, indem ein solches unsern Aeltesten und Befehlshabern erstlich muss vorgetragen werden. So viel aber will ich euch versprechen, dass, wenn ihr GOtt furchtet, getreu und redlich, keinesweges aber etwa verratherisch oder tuckisch an uns handelt, so konnet ihr arbeiten nach eurem eigenen Belieben, so viel als ihr vermeynet, was etwa zu desto besserer Erhaltung eurer Gesundheit mochte dienlich seyn. Unterdessen moget ihr auch arbeiten, oder gantz und gar nichts thun, als eurer Ruhe pflegen, so soll euch doch von Zeit zu Zeit, und zwar im Uberflusse, so viel an Kost und Wein zugefuhret werden, dass ihr nicht zu klagen Ursache haben sollet. Auser dem habt ihr ja die schonsten grossen und auch kleinern Vogel, die wilden Ziegen und noch vielmehr gutes Wildpret, worbey wir uns aber ausbitten, so wohl das Roth- als Schwartz-Wildpret ein wenig behutsam zu tractiren, weiln wir unsre Freude daran haben. Hergegen werdet ihr auser denen grosten Schildkroten und andern Meer-Thieren, welche man nebst den allervortrefflichsten Fischen zur Speise gebraucht, den starcksten Vorrath ohne besondere Muhe antreffen, und euch dieselben, der Veranderung der Speisen wegen, zu Nutze machen konnen. Hiernachst wollen wir euch allerhand Handwercks-Zeug, als grosse und kleinere Sagen, grosse und kleine Holtz-Aexte und HandBeile, ingleichen Hacken, Picken, Schauffeln, Spaden und dergleichen, so viel, als nothig zu seyn scheinet, zuschicken, als wormit ihr euch eurer Bequemlichkeit nach, diese oder jene Bewegung zu Erhaltung der Gesundheit, nicht aber zur Schwachung des Leibes machen konnet, denn dieses verlangen wir nicht, weiln wir keine Tagelohner nothig haben, sondern unsere selbst eigene Tagelohner nach eines jeden Vermogen sind.

Nachdem nun diese guten Leute, welche bis dato noch alle lebendig, lustig und guter Dinge anzutreffen sind, diesen Vortrag von mir angehoret, schienen sie von Hertzen daruber erfreuet zu seyn, und wolten uns allen die Hande kussen, allein wir schenckten ihnen diese unnothige Hoflichkeit, liessen uns aber doch aus Neubegierde zu des Don Juans Grabmahle fuhren, wobey sie denn fragten: ob wir dasselbe wolten eroffnen lassen, um seinen Corper in Augenschein zu nehmen? da sie sich denn mit etlichen mit Eisen beschlagenen Rudern so gleich daruber hermachen, und dasselbe aufgraben wolten; Allein wir sagten ihnen, dass dieses nur unterbleiben konte, indem wir ihrer Redlichkeit traueten, und den Corper nicht in seiner Ruhe stohren wolten. Hierauf lasen wir Felsenburger allen unsern noch bey uns habenden Proviant zusammen, worunter etliche Flaschen Wein befindlich, die sich einige durstige Seelen auf die Reise fullen lassen; wie aber unser eigener Hunger und Durst schon ziemlich gestillet war, und wir binnen wenig Stunden wieder in unsern Wohnungen zu seyn uns vorstelleten, so liessen wir alles dieses unsern neuangekommenen Gasten zuruck, die sich denn, wie sie hernach sagten, eine sehr kostbare Abend-Mahlzeit davon zubereitet, welche sie aber nicht alle verzehren konnen, sondern noch sehr viel bis auf den andern Tag ubrig behalten hatten.

Demnach nahmen wir auf dissmahl Abschied von ihnen, nebst der Versicherung, dass wir als Ubermorgen gantz gewiss wieder zu ihnen kommen wolten, da sie uns denn in aller Fruhe mit ihrem Boote bis an den Absatz unsers Felsens entgegen fahren konten. Und dieses war der Verlass, wir aber kamen noch bey guter Zeit nach Hause, so, dass noch Zeit genug ubrig war, vor Schlafen-gehen dem Regenten und einigen bey ihm versammleten Mit-Regenten einen ausfuhrlichen Rapport von unserer Reise und vorgefallenen Verrichtungen abzustatten.

Hier traf nun anfanglich wohl recht das gewohnli

che Spruchwort ein: Laudatur ab his, culpatur ab illis; wie nemlich eine Sache zuweilen von diesem gelobt, von einem andern uber getadelt oder verachtet wird; sonderlich muste sich zuerst der gute Eberhard Julius ziemlicher Massen durchhecheln lassen, dass er abermahls 5. neue Stipendiaten, oder wie man sie sonst anderer Orten zu nennen pflegt, Sanct MarxBruder gewonnen hatte. Jedoch, nachdem ich meinen Mund auch aufgethan, und mich in dieser meiner gerechten Sache bestmoglichst verantwortet hatte, auch meine mitgewesene liebe Hn. Bruder u. guten Freunde aufs krafftigste vor mich redeten, so wurde nach etwas genauerer Untersuchung der Sachen-Beschaffenheit mir zuvorderst und allen andern Mitgewesenen das Lob und der Ruhm beygelegt, dass wir unsere Dinge unvergleichlich wohl gemacht hatten, zur Straffe aber dessen, dass wir alles so wohl besorgt, solten wir auch fernerweit darauf bedacht seyn, dass uns diese Leute nicht etwa mit der Zeit fatal werden, und wohl gar der Insul Gross-Felsenburg einen Stoss geben mochten etc. Hierbey wurde uns auch die Sorge vor ihre Verpflegung und alles dessen, was sonsten dabey vonnothen seyn mochte, aufgetragen, damit man sehen konne, wie sich diese Leute (welche meine besten Freunde im Schertze nur die Eberhardische Colonie zu nennen pflegten) von Zeit zu Zeit anliessen. Sonsten hatte ich zur Vertheidigung dieser sehr redlich und aufrichtig scheinenden Leute, die, wie wir hernach erfuhren, nicht alle gebohrne Portugiesen waren, noch ein vieles beybringen konnen, unter welchen mir sonderlich der Sergeant sehr wohl gefiel, als welcher sich vor einen gebohrnen Edelmann ausgab, und sich Don Francisco del Rio nennete, auch nebst dem Spanischen sehr gut Latein redete; allein, es erforderte eben die Noth noch nicht, dass ich sie zu fruhzeitig lobte, weiln ich dass feste Vertrauen zu ihnen hatte, dass sie sich durch ihre gute Auffuhrung bald selbsten Lob und Ruhm erwerben wurden. Demnach sorgte nur davor, ihnen mein Wort zu halten, und bestimmten Tages wieder bey ihnen zu seyn. Meine mitgereiseten lieben Bruder, Vettern und Freunde nahmen in der That grossen Theil an diesen meinen ohnbesonnenen Sorgen, mithin wurden in geschwinder Eile 3. Boote ausgerustet, und nicht allein mit Lebens-Mitteln sondern auch mit den allernothigsten Stucken, welche zur guten Wirthschafft gehoren, beladen. Als einige Stuck Feder-Betten, etliche Matrazzen von verschiedener Grosse, Kessel, eiserne Topffe, Tiegel, Pfannen, Schusseln, Teller, Loffel, und anderes Kuchen-Gerathe, alles nach seiner Art, theils von Messing, theils von Eisen und so fort, worbey eine erstaunliche Menge TopfferZeug von verschiedener Art zum Gebrauche in die Kuche befindlich.

Was die Haupt-Stucke unserer Verehrung aber anbelanget, so mochten es wohl diese heissen, dass ein jeder ein so genanntes Feyer- oder Sontags-Kleid, darbey auch ein von etwas grobern Tuche, oder gemeines Werckel-Tags-Kleid bekam, welche beyde vollstandig nach Felsenburgischer Mode gemacht waren, auser diesem bekam jedweder noch 2. paar Wild-Lederne Beinkleider, auch Schue, Stiefeln u. Strumpffe 3. und 4. fach. Unser Frauenzimmer, deren mancher sonsten ein Zwirns-Faden an das Hertze gewachsen war, wolte seine Freygebigkeit (ich weiss selber nicht warum?) auch auf einmahl zum Vorscheine kommen, und dero Lichter leichten lassen, denn sie beschenckten meine so genannte Colonie, jeden mit 12. Unterund eben so vielen etwas feinern Ober-Hemden, Halstuchern, Servietten, Handtuchern, Schnupftuchern und andern dergleichen Kleinigkeiten, worbey aber auch die schonsten Bett-Uberzuge und Bett-Tucher waren, des ubrigen Hausraths gantz und gar nicht zu gedencken. Ja, ich wundere mich bis diese Stunde noch fast halb tod, dass unser Frauenzimmer ihrem zarten Hertzelein damahls dergleichen so gar gewaltige Stosse geben konnen; Allein die Wahrheit zu bekennen, so haben sie, dem gemeinen Sprichworte nach, nichts weiter gethan, als Speck-Seiten nach Bratwursten zu werffen. Jedoch umgekehrt: denn ich bin ja lange noch nicht fertig mit erzehlen; hatte mir aber selbsten nicht eingebildet, dass alle diese unsere geringen Geschencke, durch die Gelegenheit, hauptsachlich aber durch die Vorsorge der Himmels-Gute, bey eben dieser Leute Anwesenheit so reichlich solte ersetzt werden.

Jedoch, kurtz zu sagen: so sahen wir unserer Stipendiaten Boot, welches man wohl eine der besten Chalouppen nennen mochte, zu bestimmter Zeit angerudert kommen, wesswegen wir uns denn auch so gleich mit unserer verabredeten Equipage fertig machten, solches nicht lange aufzuhalten, da mir denn dieses am allerlacherlichsten vorkam, dass der liebe Topfer und Bruder Schreiner, in unsaglicher Eile fast das halbe Schiff mit seinem auserlesensten TopferGeschirre anfullen liess, so, dass wir ihn noch bitten musten, den mehresten Theil wieder zuruck zu nehmen, und vor uns aufzubehalten, zumahlen, da noch andere Handwercks-Leute, als Bottcher, Tischer, so wohl auch die Kunstler, ihre Gaben herbey brachten, und zwar dergestalt reichlich, als ob eine Colonie von etliche 100. Mann vorhanden ware.

So bald wir aber unsere Sachen alle in beste Ordnung gebracht, fuhren wir mit unsern in der Chalouppe befindlichen Gasten, ohne fernere Weitlaufftigkeiten zu machen, nach der Insul Klein-Felsenburg zu, allwo wir unsere Herren Liebhaber alle 5. bey ihrer sich selbst gemachten Taffel antraffen, worbey ich bemerckte, dass sie erstlich eine gute SeeKrebs-Eyer-Suppe, die sehr wohl gewurtzt war, hatten; hernach zum andern Gerichte, ein recht unvergleichlich schones, mit einer gewissen Wurtzel gekochtes Auer-Ochsen-Fleisch; zum dritten Gerichte hatten sie gekochte kleine ungemein wohl schmeckende Vogel, die noch einmahl so gross waren, als in Deutschland die Tauben, aber weit angenehmer schmeckten; zum vierdten Gerichte erschienen zwey gantz gebratene Schmal-Thierlein, anbey 2. desto grossere gebratene wilde Schweine, worbey allerley Sallat in Menge, indem man weder in Klein- noch Gross-Felsenburg, in Betrachtung der Cocos- und andrer Baume, deren letztern Arten den delicatesten Oel, so wie die erstern Fruchte, Sauer und Susse, von sich geben, auch demjenigen, der es recht verstehet und zu gebrauchen weiss, verschiedene Veranderungen seinem Geschmacke nach beybringen konnen.

Wir sahen also wohl, dass es diesen guten Leuten, um sich recht zu laben, blos an Wein und Confect fehlete. Da sie aber aus treuhertziger Liebe und Freundschafft uns zu Gasten geladen, wir auch dieselben nicht verschmahet, sondern von allen ihren Gerichten mitgenossen hatten; so liessen wir vorerst nur nach dem ersten Appetite so viel aus unsern Booten herbey bringen, dass wir alle insgesamt satt und zur Gnuge daran hatten.

Unser Medico-Chirurgus, Herr Cramer, war aus dem besondern Antriebe mit uns gefahren, um zu erforschen, ob uns etwa die Portugiesen einen falschen an Statt des Don Juan Corper in die Erde gescharret, und ein Grabmahl daruber gemacht, mithin uns listiger Weise hintergangen hatten; derowegen wolte er das Grab baldigst eroffnet haben, diesen Corper, den er im Leben sehr wohl gekennet, auch denselben unter seiner Cur gehabt, aufs allerbedachtigste zu besichtigen, und wenn er auch schon halb verfault seyn solte. Wir baten ihn aber, unsere Lust nicht zu stohren, zumahlen, da wir ohne dem gern abwarten wolten, wie sich die 5. Leute beginnen wurden, wenn sie unsere Geschencke empfiengen, die eben zur selben Zeit von den Booten bereits des mehrersten Theils herbey gebracht waren.

Ich will nichts von der Freude sagen, welche diese Leute bezeugten, da sie sahen, was ihnen zugebracht und gewidmet war, denn dieses ist mir eine unmogliche Sache; jedoch, da sie alles besehen hatten, sagten wir ihnen, dass sie nur auf heute alles bey Seite bringen, und sich einen lustigen Muth machen mochten bis Morgen, da sie denn alles nach ihren eigenem Belieben in behorige Ordnung stellen konten, indem wir noch einen, oder wohl noch 2. Tage bey ihnen zu bleiben gesonnen waren, um ihre neuen Anstalten in Augenschein zu nehmen. Die Leute folgten unserm Rathe, und ohngeachtet, dass sie den allerbesten Wein und auch anderes starcke Getrancke vor sich zu geniessen im grosten Uberflusse sahen, so musten wir uns doch uber ihre besondere Massigkeit, so wohl im Essen als Trincken, gantz ungemein verwunderen; Demnach begaben sie sich bald bey einbrechender Nacht ein jeder an seinen Ort zur Ruhe.

Hierbey muss ich melden, dass sich auf dieser Insul sehr artige Thierlein, und zwar in weit grosserer Menge befanden, als auf der grossen Insul, welchen unser Frauenzimmer den Nahmen Minions beygeleget hatte. Diese Thierlein waren etwas grosser, als einer der allerstarcksten Hasen, hatten ein Schlos-Schleyerweisses Fell, gefrassig wie die Marter, und waren sehr schnell auf ihren 4 Fussen, hatten auch die besondere Art an sich, dass sie kein Pulver auch nur von ferne riechen konten und wenn nur ein eintziger Schuss in ihrer Gegend, allwo vielleicht ein besonderes Kraut, welches ihrem Appetite convenable war, wachsen mochte, geschahe; so stoben sie alle, wie ein Blitz darvon, und kamen wohl in etlichen Tagen nicht wieder auf denselben Platz. Im ubrigen waren ihre Balge so sein als Zobel-Balge, oder die in Europa so genannten Wiesel-Fellchen.

Was thut man nicht, um dem Frauenzimmer eine Lust zu machen? derowegen, da die Portugiesen meldeten, dass diese obwohl kleine Thiere, die sie nicht einmahl zu fangen, viel weniger zu todten gesonnen waren, ihnen dennoch vielen Schaden und Verdruss verursachten, weilen sie weit arger waren, als die Fuchse, Hunde, Katzen und dergleichen naschhaffte Thiere, indem sie ihnen nicht ein- sondern etlichemahl, ohne sich vor dem Feuer zu scheuen, die Bratens von den Spiessen gefressen, so bald es nur demmerig ware worden. Solchergestalt baten wir die Portugiesen, uns nur in allergroster Geschwindigkeit eine kleine Laub-Hutte etwa auf 2. oder 3. Personen auszubauen, weilen wir eine besondere Art von Schlingen bey uns hatten, worinnen sich wenigstens einige derselbigen fangen musten. Dieses mit den Schlingen war zwar wohl richtig, allein wir hatten, da wir vernommen, dass die Dinger kein Pulver riechen konten, wir auch ohnedem wohl wusten, dass es eben nicht rathsam sey, bey Nachts-Zeit, zumahlen, einer so geringen Ursache wegen, eine Buchse oder Flinte abzubrennen, so liessen wir etliche Wind-Buchsen aus unsern Booten langen, deren wir sonsten gewohnlicher Massen etliche bey uns zu fuhren pflegten, nur blos zur Lust, etwa dann und wann einen Vogel damit zu schiessen.

Des darauf folgenden Tages liessen unsere Gaste erstlich ihr recht vollkommenes Vergnugen uber, alle die guten Sachen spuren, die wir ihnen mitgebracht hatten, ja einige waren schon beschafftiget, sich gleich mit Sagen, Aexten, Beilen, Picken und Hacken etc. an die Arbeit zu machen, worvon wir sie aber abhielten, indem ihnen so wohl als uns dieser Tag noch ein Tag des Mussiggangs und Wohllebens seyn solte. Unterdessen war die schon gedachte grune LaubHutte, welche Mons. Litzberg und ich vor uns aufzubauen bestellet, noch eher fertig, als wir uns deren versahen, welches uns denn anreitzete, sogleich alle unsere Gerathschafft in Ordnung zu bringen; demnach schliechen Mons. Litzberg, Mons. Cramer und ich, also 3. Personen, in diese Laub-Hutte, es hatte keiner aber, den wenigen Proviant ausgenommen, weiter nichts bey sich, als etliche Schlingen und seine WindBuchse. Die Dinger nahmen es als unvernunfftige Thiere nicht so bald gewahr, dass wir auf sie laureten, derowegen wurden ihrer 3. erstlich in Schlingen gefangen, 2. aber mit den Wind-Buchsen tod geschossen, so, dass sie auf dem Platze liegen blieben; Allein die andern Herren Minions, als ihre Cameraden, oder Bluts-Freunde, ergriffen von der Stunde an das Hasen-Panier, was Massen wir denn binnen weniger Zeit, (weilen diese Thiere ohnfehlbar Blut gerochen, des Handels inne worden und wohl so bald nicht wieder zu kommen gedachten,) auch uns vor diesesmahl mit unsern 7. Sachen in unsere Hutten zuruck begaben, unter der Verabredung, dass wir uns diese und dergleichen Lust noch ein- oder etlichemahl machen wolten.

Es wurde so wohl von unsern Gasten, als andern noch anwesenden Felsenburgischen Freunden bewundert, dass wir so glucklich gewesen waren, dergleichen Helden-Thaten gethan zu haben; Wir aber, nachdem ein jeder noch ein gut Glas Wein getruncken, sahen uns nach der Ruhe-Statte unserer ermudeten Glieder um, und da wir dieselben gefunden, streckten wir dieselben, welche ziemlich erkaltet waren, darauf aus, ohne uns weiter um die Minions zu bekummern, als diejenigen, welche wir gefallet, und bereits in sichere Verwahrung gegeben hatten.

Es machte dieses ein grosses Aufsehen unter den 5. Portugiesen, indem sie heilig versicherten, dass sie diesen Thieren auf allerhand listige Art nachgetrachtet, ihnen Fallen und Schlingen gestellet, auch offters mit Pfeilen nach ihnen geschossen, allein sie waren jederzeit unglucklich und ihre Muhe vergebens gewesen, derowegen begaben wir schon gemeldte 3. Personen uns in der darauf folgenden Nacht zum andernmahle in die Laub-Hutte, in Hoffnung, dass wir noch mehr Minions, erlegen, und mit deren Balgen unserm Frauenzimmer ein Prsent machen wolten.

Allein bey dieser Gelegenheit widerfuhr uns eine Erstaunens-wurdige Begebenheit, denn da Mons. Litzberg, Mons. Cramer und ich, auf kleinen Klotzern neben einander sassen, und unsere Augen uber die See, nach der Insul Gross-Felsenburg hingewandt hatten, kam, ehe wir uns deren vermutheten, eine erstlich dick scheinende Wolcke aus dem Meere, in Gestalt einer runden Kugel, auf das Ufer herauf gekollert, welche sich denn immer naher und naher nach unserer Hutte zu zukollern schien; allein wenige Minuten hernach verwandelte sich diese Wolcke in die Gestalt eines Mannes, der ein blutrothes Kleid anzuhaben schien, wie wir denn dieses bey dem hellglantzenden Mondenschein, der, so zu sagen, fast die Nacht zum Tage machte, aufs allergenaueste beobachten konten; indem aber unsere Lauber-Hutte dem Grabmahle des Don Juan de Silves dergestalt nahe entgegen gelegen, dass man wohl mit einer Pistolen-Kugel in den SteinHauffen hatte schiessen konnen, so wurden wir mit fast noch grossern Erstaunen gewahr, dass aus jetzt gemeldten Stein-Hauffen ein dicker schwartzer Nebel aufstieg, welcher sich doch binnen wenig Minuten immer dichter zusammen zog, und endlich ebenfalls in die Gestalt einer Manns-Person verwandelte, die ein gleichformiges blutrothes Kleid, mit der schon gemeldten aus der See gekommenen Person am Leibe zu tragen schien, denn wir konten bey dem unvergleichlichen Mondenschein alles aufs allergenauste unterscheiden; Allein wir wurden fast gantz auser uns selbst gesetzt, da beyde blutroth gekleidete Personen einander begegneten, und zu dreyen mahlen um den Steinhauffen, oder des Don Juans Grab-Statte herum giengen. Mir zum wenigsten stunden alle Haare zu Berge, und ich fieng vor Schrecken schon einiger Massen zu zittern und zu bebern an, dergleichen meinen Herrn Consorten, wie sie mir nach der Zeit bekennet, ebenfalls wiederfahren ist. Allein was geschahe? nachdem diese beyden Gespenster, oder Geister, 3. mahl um den Stein-Hauffen herum gegangen, machten sie ihre Wendung so, als ob sie auf unsere Hutte zu spazieren wolten, da denn unsere Angst und Furcht, wie leichtlich zu erachten, sich nicht um ein geringes vermehrete, jedoch wir blieben gantz stille sitzen, auser dem, dass wir unsere Schnupfftucher heraus zogen, und vor Mund und Nase hielten. Inmittelst fiel uns dieses als etwas recht erschrockliches in die Ohren, dass bey ihrer ersten Begegnung, der Geist des Don Juans mit einer grasslichen und dumffigten Stimme dem Angekommenen also entgegen rief: Wer da? Wer bist du?

Hierauf anwortete der Angekommene ebenfalls mit einer grasslichen und heisern Stimme.

Ich bin der Geist des Lemelie, eines in seinem Leben sehr beruhmten See-Capitains, von welchem die Felsenburger viel werden zu sagen wissen, indem er sein Andencken bey ihnen verewiget hat, so dass seines Nahmens Gedachtniss nimmermehr ersterben wird. Weilen ich nun im Reiche der Todten dein Schicksaal und einen guten Theil deiner Begebenheiten so wohl, als den Ort deines Begrabnisses erfahren, so habe, weil wir beyde fast einerley Verhangniss auf Erden gehabt, der meiner Nation angebohrnen Hoflichkeit nach, mir eine Schuldigkeit daraus gemacht, aus meiner Grufft heruber zu dir zu kommen, und mich einer und anderer Sachen wegen mit dir zu unterreden.

Wem solte wohl die Haut nicht schaudern, wenn er dergleichen Worte horte, die wir alle insgesamt gantz deutlich horen und vernehmen konten, zumahlen, da dieselben von einem verfluchten und verdamten Gei

ste ausgesprochen wurden? Jedoch, da wir vermeynten, sie wurden uns naher kommen, sahen wir, dass sie sich anders bedachten, und vor unserer Laub-Hutte gantz sachte vorbey spazierten, da wir denn vernahmen, dass der erste, nemlich des Don Juans Geist, im wahrenden Gehen also redete:

Ich habe schon in meinem Leben viel von deinen seltsamen Begebenheiten erfahren, und bedaure nur, dass wir beyde nicht zu einer Zeit gelebet haben, und einander kennen sollen. Im ubrigen habe ich nicht geringe Ursache, dir eine und andere wichtige Geheimnisse zu eroffnen, und deiner Verschwiegenheit anzuvertrauen; nicht aber auf dieser elenden Insul allein, sondern ich will uber 3. Tage in der MitternachtsStunde bey deiner Grab-Statte erscheinen, und mich mit dir gantz allein, ohne Beyseyn weder Menschen noch Geister, besprechen.

Hierauf schien es, als wenn diese verfluchten Geister einander die Hande reichten, und weiter zusammen fort spazierten, bis in das Feuer-Loch, welches unsere Portugiesen sich zum Kochen und Braten gemacht, in welchem sie sich denn etlichemahl bald lincks, bald rechts herum dreheten, hernach aber nach dem Geburge zugiengen, und in der Gegend des grossen Berges aus unsern Augen verschwanden; wir horeten zwar alle drey, jedoch nur in etwas, dass sie weiter mit einander redeten, konten aber wegen der Ferne nichts eigentliches verstehen, doch bemerckten wir, dass sie zum offtern mit den Fussen auf den Erdboden stiessen, auch bald gegen das Geburge, bald in das Feuer-Loch, bald in andere Gegenden mit Fingern zeigten.

Wie nun aber nicht allein die furchterlichen Mitternachts-Stunden verschwunden waren, sondern sich auch schon einige Vorlauffer des Tags-Lichts blicken liessen, so bekamen wir gedoppelten Muth, und suchten unsere Ruhe-Statte, nachdem wir in dieser schrekkhafften Nacht noch 5. so genannte Minions in den aufgestellten Schlingen gefangen hatten, die wir mit zu den vorigen legten, im ubrigen aber keinem Menschen etwas davon sagten, was uns in abgewichener Nacht erschienen ware.

Auch dieses angebrochenen Tages musten sich die Portugiesischen Gaste annoch in unserer Gegenwart lustig machen, da wir ihnen denn von den besten Speisen und Getrancken alles im Uberflusse se zukommen liessen. Was ihnen die groste Freude machte, waren die Kleidungs-Bett- und weisser Wasche-Stukke, den ubrigen Hausrath aber hatten sie in aller Geschwindigkeit dergestalt ordentlich rangirt, dass wir vor dissmahl an ihrer Einrichtung eben nichts auszusetzen hatten, jedoch ihnen in einem und andern Stukken, besserer Ordnung wegen, guten Rath und Anweisung gaben.

Mittlerweile aber, zumahlen, da wir des fernerweitigen Minions-Schiessens uberdrussig waren, gaben wir unsern Gasten noch allerhand gute Lehren, und stelleten Ordres, wie sich dieselben hinkunfftig auch auser unserer Gegenwart verhalten und auffuhren solten, mit dem Versprechen, dass wir bey Beobachtung ihrer guten Auffuhrung ihnen alle nur ersinnliche Gefalligkeiten erweisen wolten, da sie denn ihre Treue und Redlichkeit mit ohnabgeforderten feyerlichen Eydschwuren von selbsten abstatteten, worauf wir abermahls von ihnen hinweg und nach Hause zu ruderten, die Unserigen auch, nachdem wir ihnen die Conduite der Portugiesen, der Wahrheit gemass, aufs beste vorgemacht hatten, ziemlich beruhigt zu seyn antraffen. Von der Begebenheit aber, der aus 3. offt gemeldten Personen erschienenen Gespenster, sagten wir vor dissmahl niemanden auch das geringste Wort, ausgenommen den Hrn. Geistlichen, welche sich ungemein daruber verwunderten, da sie aber horeten, dass ich die Zeit und Stunden abpassen wolte, wenn des Don Juans Geist dem Lemelie, seinem Versprechen gemass, eine Gegen-Visite geben wurde, so wolten mir anfanglich die Hrn. Geistlichen ein solches aufs allervertraulichste widerrathen, und nicht zugeben, sich fernerweit in ein solches Satans-Spiel zu mischen, sondern riethen um selbige Zeit viel lieber ein andachtiges Gebet vor mich selbst und alle Insulaner gen Himel zu schicken; Allein hier traf bey mir das Sprichwort wohl recht ein: Nitimur in vetitum semper cupimusque negata. Das heist so viel, dass wir Menschen gemeiniglich am allerliebsten dasjenige thun, was uns verboten oder untersagt ist. Mithin wurde ich in meiner Neubegierde nur immer hitziger gemacht, und da Mons. Litzberg und Mons. Cramer auch Schwans-Federn, oder, besser zu sagen, Hasen-Hertzen bekommen hatten, und mir auf meine freundliche Anfrage: ob sie sich mit mir zu der bewusten Zeit auf den Gottes-Acker an des Lemelie Schand-Seule wagen wolten? eine kaltsinnige abschlagige Antwort gaben, liess ich mich weiter gegen niemanden das geringstemercken, erwehlete mit aber in aller Stille in meinem Hertzen 2 wohlbekannte Felsenburgische Manner, die mir wohl ohngefehr an Jahren gleich waren, und von denen ich versichert war, dass sie eine vollkommene Hertzhafftigkeit besassen, auch sich weder vor Gespenstern, noch dem Satan selbsten, vielweniger vor Menschen scheueten, weilen ich von ihrer Hertzhafftigkeit nicht eine, sondern etliche Proben erfahren. Diesen beyden Brudern vertrauete ich das gantze Geheimniss in aller Stille, eroffnete ihnen mein Vorhaben, und brauchte nicht viel Worte zu verlieren, als sie sich sogleich dergestalt erklareten: sie wolten niemanden nichts von der Sache sagen, hergegen sich GOtt befehlen, fleissig beten, und mitgehen, wo ich sie hinfuhrete; da sie mich denn in der Mitten behalten, jedoch pro forma nur, ihr Ober- und UnterGewehr mit sich tragen wolten; Ich versprach dergleichen zu thun, ohngeachtet ich wohl wusste, dass bey solchen Begebenheiten weder Ober- noch Unter-Gewehr viel nutzen kan; Nachhero aber wurde verabredet, zu welcher Zeit und Stunde und auf welcher gewissen Stelle wir alle dreye einander antreffen wolten. Demnach hatte ich weiter nichts auf meinem Hertzen, als mich mit guter Manier von meiner Frauen abzuschleichen, weilen ich bereits merckte, dass eine und andere Weiber-Klatschereyen entstanden waren; allein dieses gieng gantz gut an, indem mich der Regente zur Abend-Mahlzeit zu sich bitten liess, welches ich denn nicht absagen wolte, sondern mit meinem Vertrauten (an andern Orten werden solche Personen Bedienten genennet) der bekannter Massen ein recht sehr artiger Felsenburgischer Jungling war, immer nach der Alberts-Burg zugieng. Jedoch, da ich meine Gelegenheit ersahe, und vermuthete, dass, da ich etwa allzu lange und uber die, mit meinen Wagehalsen abgeredete Stunde, versaumen mochte, welche mit dem Glokken-Schlage der toten Stunde, (so bald die grosste Glocken-Uhr dieselbe angezeiget hatte, bestimmt war,) so machte ich mit besagten meinem Vertrauten lincks um, marchirte mit ihm gerades Weges nach dem Gottes-Acker zu, da ich denn, weil ich auf der bestimmten Stelle meine vertrauten Freunde abgeredter Massen antraf, noch fernere Abrede nahm, dass ich mich an des verfluchten Lemelie Schand-Seule postiren wolte; sie aber mochten sich darum vergleichen, welcher unter ihnen bey den beyden Pyramiden Alberti Julii I. und der Concordi als unseren Ur-Eltern, ihnen zu Ehren, Schildwacht halten wolte, indem wir solchergestalt alle 3. nur auf wenige Schritte von einander entfernet waren, und bey jetzigem vortreflichen Mondenscheine, einer dem andern fast das weisse im Auge erkennen konte, wessentwegen wir denn auch gantz und gar keine Ursache uns zu furchten hatten, zumahlen, da wir uns insgesamt in den Schutz unsers allmachtigen GOttes befohlen, als welcher den Satan dergestalt binden konte, dass er uns, die wir als getauffte Christen ohne dem die Herrschafft uber den Satan und sein gantzes hollisches Heer hatten, auch nicht die kleineste Haar unsers Haupts zu krummen vermogend sey.

Nun weiss ich mich zwar, als ein guter Christ, sehr wohl zu bescheiden, dass GOtt seinen Schutz und Schirm nur denjenigen versprochen, die auf ihren Berufs-Wegen bleiben und nicht etwa extra vagiren; wie mir den dieses von unsern Herrn Geistlichen nachdrucklich genug vorgestellet wurde; Allein diese Sache hatte gantz eine andere Beschaffenheit, wovon ich eben jetzo nicht viel Worte machen will, weilen sonsten befurchten muste, dass einer oder anderer Blodsinniger unter uns vielleicht auf die Gedancken gerathen mochte, ich ware etwa eben um dieselbe Zeit ein FanaticusManiacus oder gar Delirante gewesen; es dienet inzwischen demjenigen, der etwa so dencken mochte, zur freundlichen Nachricht, dass er von seinen Gedancken betrogen wird; Was ich aber ausgestanden habe um dieselbe Zeit, so wohl bey taglicher als nachtlicher Weile, und was ich vor Anfechtungen und Streit mit solchen Gegnern gehabt, die unsichtbar und zum Theil nicht zu nennen sind, davon will ich auch nichts sagen, als nur dieses, dass meine redliche Meynung war, mein Leib und Leben dem Vaterlande, dem grossen GOtt aber meine Seele aufzuopffern.

Keinen fernern Umschweiff aber in meiner Erzehlung zumachen, so melde, dass wir 3. geschworne Bruder einander zu bestimmter Zeit am ebenfalls bestimmten Orte antraffen, wesswegen ich meinem lieben Vertrauten das consilium abcundi gab, allein, er war in der Philosophie doch so weit gekommen, zu erwegen, dass es jetzo keine Zeit sey, mich, den er aus getreuen Hertzen vor vielen andern liebte, im Stiche zulassen, ohngeachtet er sahe, dass ich 2. meiner allergetreusten Freunde bey mir hatte.

Aber weiter: wir machten unsere Sache gantz ordentlich, ich bekletterte ohne besonderes Grauen den Stein-Hauffen, der um des Lemelie Schand-Seule herum liegt, und lahnete mich auch so gar nach dem ich mich niedergesetzt, mit dem Rucken gantz genau an gemeldete Schand-Saule, (welches ich nun wohl hatte konnen bleiben lassen); Aber der Centner meiner damaligen Hertzhafftigkeit oder Courage, wie man das Ding heutiges Tages zu nennen pflegt, (und welches Wort die Herrn Europer mit heruber gebracht) wug zu derselben Zeit vielmehr Pfunde, als nach Rechnungen hier und dar ausgemacht ist, die doch, wie ich gehoret, auch hie un da ziemlicher Massen falliren, oder wenigstens eine starcke Confusion im Handel und Wandel verursachen.

Weilen aber alle diese Ausschweiffungen zur Erzehlung der Haupt-Geschichte wenig dienen, so melde weiter, dass, nachdem ein jeder von uns seinen erwehlten Posten wohl besetzt, endlich die Seiger-Glocken die 12te Stunde anzeigten; da denn, so bald die allergroste Repetir-Glocke kaum ausgebrummet hatte der Geist des Don Juans in eben der Gestalt erschien, als ich denselben schon vorhero gesehen hatte; fuhrete aber so wohl in seinem Rachen und Handen solche Dinger, die Feuer-Funcken von sich spruheten, worvor sich meine Person jedoch gantz und gar im geringsten nicht furchtete, weilen mir die Feuerwerkkerey eben nicht so gar sehr unbekannt (obschon nicht die hollische). Unter den Steinen, worauf ich sass, fieng es zu beben an, ja es kollerten ihrer viele ohnangeruhrt von dem Hugel hinunter. Hierauf stieg der Geist des Lemelie allmahlig aus seiner Grufft empor, und bewillkommete, wie ich bemerckte, seinen angekommenen Gast, mit gantz besonderer Zartlichkeit; von ihren Worten aber, die sie bey der ersten Zusammenkunfft mit einander wechselten, schweben mir noch diese hauptsachlich im Gedachtnisse:

Don Juans Geist: Ich halte mein Wort, dich zu besuchen, es solte mir aber Leid seyn, wenn ich dich in deiner Ruhe stohrete:

Hierauf antwortete der

Geist des Lemelie: Ich bin uber deinen Zuspruch mit einem solchen Vergnugen uberschuttet, als nur immermehr ein Geist empfinden kan, und wovon die Sterblichen gantz und gar nichts wissen, oder empfinden konnen; Allein! (sprach der verdammte Geist) wir wollen noch ein mehreres mit einander reden, darum folge mir nach.

Demnach fasseten sich beyde Geister-Personen an die Hande, und giengen in den grossen Garten, allwo sie unter bestandigem Gesprach nicht anders thaten, als ob es in der schonsten Fruhlings-Zeit gewesen ware.

Meine Geferten folgten mir getreulich auf dem Fusse nach, und haben mit angehoret, was diese verfluchten Geister vor erstaunliche Worte mit einander gewechselt; Sie haben auch ihre Aussage nach der Zeit redlich gethan, und dieselbe recht mit einem corperlichen Eyde bekrafftiget, wovon ich itzo, da ich doch noch vielmahl gehoret und verstanden, als sie, eben keine weitlaufftige Wiederholung thun will, weil es schon in unser Archiv ad Acta gebracht ist.

Ich fahre nun aber in der Geschichts-Erzehlung weiter fort, und berichte, (weilen ich wegen Anwesenheit vieler unverstandigen und unmundigen auch supersticiosen Leutchen kein besonders Lerm stifften will, bis der Ausgang so gar bis auf die spaten Nachkommen zeiget,) dass Eberhard Julius sich so wohl gegen GOtt, als Menschen vollkommen redlich aufgefuhret, und jederzeit bey der Verantwortung wohl zu bestehen getrauet.

Als die beyden vermaledeyeten Geister nun vor der Alberts-Burg stunden, sagte der Geist des Lemelie: Dieses ist der verfluchte Hugel, welcher, wie man horet, nunmehro eine Burg genennet wird, unter welchem ich in einem Gewolbe bin umgebracht, und in das Reich der Todten geschickt worden.

Nachdem er nun noch viele erschreckliche Worte, ja die grasslichsten GOttes Lasterungen ausgestossen, welche auch nur nachzusagen, ein Christe billig Scheu tragen muss, worbey uns allen die Haut schauderte und die Haare zu Berge stunden: giengen die Verfluchten weiter herunter, und blieben der Kirche, oder unserm Haupt-gemeinschafftlichen-GOttesHause gegen uber stehen, worbey ich vor meine Person aber nur so viel sagen, dass ich zwar ein Gemurmele mit Worten unter ihnen vernommen, nicht aber berichten kan, worinnen diese Worte eigentlich bestanden, als welche mir durch einen fatalen NordWind vor meinen Ohren hinweg gewehet wurden, geschweige denn das gantze Gesprach.

Mittlerweile, da eben ein Sonn- und zugleich ein Fest-Tag eingefallen war, wurde bey Anbruch des Tages die erste Losung mit einem Carthaunen Schusse von der Alberts-Burg gegeben, um den Insulanern gewohnlicher Massen, ein solches anzudeuten, da denn in selbiger Minute die verdammten Geister vor unsern Augen gleich auf der Stelle vor der Kirche verschwanden. Worauf wir Wagehalse erstlich einander noch einmahl ansahen, hernach aber noch vor der Kirche zu Herr M. Schmeltzern, sodann auch zu dem Regenten uns verfugten, und ihnen alles erzehleten, was wir gehoret und gesehen hatten; anbey baten: dieserwegen der Gemeine nicht sogleich die Ohren zu fullen, worinnen sie uns, sonderlich der Schwachen und Blodsinnigen wegen, auch den grosten Beyfall gaben, so, dass die allerwenigsten von unsern Insulanern gewahrt wurden, was sich vor eine sonderbare Begebenheit mit uns zugetragen.

Wenige Tage hernach verfugte ich mich mit Mons. Litzbergen, Mons. Cramern, meinen zweyen in der Gefahr gehabten Beystanden, hiernechst in Gesellschafft noch mehrerer hertzhaffter Leute, abermahls in 2. Booten hinuber auf die Insul Klein-Felsenburg, um zu vernehmen, was etwa allda inzwischen vorgegangen ware. Unsere Gaste waren recht ungemein erfreuet, uns wieder zu sehen, und da wir ihnen noch eine und andere Nothwendigkeiten und Bedurffnissen mitbrachten, beklagten sie sich mit recht traurigen Geberden daruber, dass wir sie mit allzu vielen Wohlthaten fast uberhaufften. Da wir aber weiter nach ihrem Zustande und Lebens-Art fragten, konten sie nicht von Wunder genug sagen, was ihnen vor seltsame Streiche passirten, denn ohngeachtet sie bey Tage gantz vergnugt und ruhig lebten, inmassen allezeit ihrer 4 arbeiteten, der 5te aber Wechselsweise die Kuche, den Fischfang und dergleichen besorgen muste, so wurden sie des Nachts um so viel desto hefftiger gehudelt, nicht allein von den verzweiffelten Affen und so genannten Minions, als welche ihnen alles Topffer-Geschirre und andere zerbrechliche Sachen in tausend Stucken schmissen, oder offters weit von der Stelle hinweg schleppten, so, dass sie immer zu, bald dieses bald jenes Hausraths-Stuck mit groster Muhe zu suchen, mithin die Zeit zu versaumen, und sich darbey zu argern gemussiget waren. Nun hatten sie sich zwar seit kurtzem so wohl vor den Affen, als auch den Minions ziemlicher Massen Friede geschafft, indem sie sehr offters Feuer auf sie gegeben, und sehr viele erlegt, auch viele in aufgestelleten Fallen, Schlingen, gemachten Lochern, woraus sie, wenn sie einmahl drinnen, nicht leicht wieder heraus kommen konten, lebendig gefangen; Allein dieses ware das allergeringste, indem sie, einer wie der andere, nicht allein bey Nachts, sondern auch zum oftern bey hellem-lichten Tage von unsichtbaren Geistern oder Gespenstern gequalet und geknippen wurden, als worvon sie noch itzo die braunen und blauen Flecke an Armen und Beinen, ja am gantzen Leibe aufzuweisen hatten, welches alles sie bishero mit ziemlicher Gelassenheit erdultet hatten, in die Lange aber ein solches Teufels-Spiel nicht vertragen, sondern dem Teufel zum Trotze schon andere Mittel vorkehren wolten, worzu ihnen nur noch eine und andere Sachen von gantz geringem Werthe fehleten, welche sie aber nicht bey sich hatten, vielweniger auf dieser Insul finden konten.

Wie wir nun fragten, was denn dieses eigentlich vor Sachen waren, und ob man nicht vielleicht Rath schaffen konte, dieselben herbey zu schaffen? so winckte Don Rio dem gegen ihm ubersitzenden 53. jahrigen Manne, der Vincentius genennet wurde, nur mit den Augen, da denn derselbe mit ihm zugleich aufstunde, und beyde sich etliche Schritte weit von uns entferneten, jedoch Don Rio kam zuruck, und bat Mons. Litzbergen, Mons. Cramern und mich, nur auf etliche Schritte mit ihnen Lustwandeln zu gehen, um ein und andere Worte von ihm und seinen Geferten anzuhoren.

Wir stunden also alle 3. auf, und wandelten mit den vorbemeldeten zweyen des geraden Weges auf dem angenehmen grunen Rasen nach dem Geburge zu, da denn unterwegs Mons. Vincentius von ohngefehr also zu uns zu reden anfieng: Meine Herren! Sie halten mich 53. bis 54. jahrigen Mann zwar vor einen Portugiesen, allein die Wahrheit zu bekennen, welches ich auch erweisslich machen kan, so bin ich ein gebohrner Spanier. Von meiner Geburt und Auferziehung, auch wess Standes meine Eltern gewesen, will voritzo, da es zu weitlaufftig fallen mochte, wenig oder gar nichts, sondern nur so viel melden: dass ich schon in meinem 12ten Jahre mit einem gewissen Cavalier, der ein Sohn des allervornehmsten Grand d'Espagne war, auf eine ihnen vielleicht allen wohlbekannte Spanische Universitat zog, um demselben als ein so genannter Page aufzuwarten. Es war in so weit dieses eine gantz gute Sache vor mich, da ich mich bey der Gelegenheit wohl auch in literis solcher Massen perfectioniren konnen, dass ich etwa einmahl mit der Zeit, unter der damaligen verwirrten Regierung mein Conto hatte zu suchen gewust; Allein mein Herr war ein wuster und wilder Kopff, schob alle guten Bucher und Wissenschafften bey Seite, und erwehlete sich dagegen nichts anders zu seinem Vergnugen, als nebst dem Frauenzimmer, die Magiam, oder die so genante Schwartze-Kunst, verwendete auch darauf, auser der edlen Zeit zu gebrauchen, als die er wohl hatte nutzlicher anwenden konnen, entsetzlich starcke Geld-Summen, indem er jederzeit die allerberuhmtesten Zauberer und Schwartz-Kunstler aus allen Reichen der Welt zu sich kommen liess, und dieselben zum offtern recht Koniglich bewirthete, auch uber alle Gebuhr kostbar beschenckte. Er erreichte zwar hierdurch seinen vorgesetzten Zweck, indem er es in der Magia, oder so genanten Schwartz-Kunstlerey, ungemein hoch brachte, weiln er aber nicht allein einen, sondern vielleicht wohl 3. oder mehr hochtrabende Spanische Geister in seinem Corper haben mochte, so setzte er nicht allein, wie gesagt, alles andere, sondern auch GOtt, alle seine Heiligen, ja sein gantzes Christenthum wider besser Wissen und Gewissen zurucke, und machte sich eben zu der Zeit, da er es aufs allerhochste gebracht zu haben vermeynete, dergestalt jammerlich und erbarmlich unglucklich, dass, so offt ich nur noch daran gedencke, mir alle Haare auf dem Kopfe zu Berge stehen. Es war aber hieran nichts Schuld, als sein eigenes hochtrabendes, unbedachtsames, zuweilen recht einer halben Raserey gleichendes unchristliches Verfahren, wesswegen denn gantz und gar nicht zu verwundern, dass der barmhertzige und langmuthige GOtt endlich des Erbarmens und seiner Langmuth mude wurde, seine Gnaden-Hand von ihm abzohe, und ihn den Klauen des Satans uberliess.

Ich vor meine Person, weilen ich bey damahligen Zeiten einen eben nicht allzu ungelehrigen Kopff hatte, positirte bey der Gelegenheit ein vieles, den ich erlernete das Geister-Bannen, Geister-Beschweren und viele andere Kunst-Stucke zwar aus dem Grunde, versuchte auch solches nicht einsondern sehr viele mahl, allein es kam eine Zeit, da ich an GOtt, seine Heiligen und meine eigene Seele zu gedencken anfing, ohngeachtet mir alles, was ich nur vorgenommen, nach Wunsche ergangen und abgelauffen war; Da ich aber niemahls ein recht ruhiges Hertze oder Gewissen in mir verspurete, als begab ich mich zu einem wohlbekannten vornehmen Geistl. welchem ich mein Anliegen entdeckte, auch von ihm Trost und Rath zur Gnuge bekam, indem er mir vorsagte, dass ich die Kunst zwar wohl beybehalten konte, weilen es eine gantz edle Kunst u. Wissenschafft ware; nur aber wurde ein gutes Christenthum und hiernechst eine gute gesunde Vernunfft darzu erfordert. Diese Lehren waren in Wahrheit nicht zu verwerffen; weiln ich aber, ohngeachtet ich noch ein junger wollustiger Kerl war, ich weiss selbsten nicht warum, einen heimlichen Abscheu vor dieser Kunst bekam, da ich doch in einem und andern Stucken mich wohl einiger Massen hatte konnen glucklich machen, als suchte mein Vergnugen unter dem Soldaten-Leben, bekam auch bald Dienste beym Leib-Regiment des Konigs, als Sergeant. Etliche Monate liess ich mir diese Dienste gefallen, hernach aber, da ich bemerckte, dass das Glukke mit mir nur, wie mit einem leichten Feder-Balle, auf dem Lande zu spielen gesonnen, drehete ich meinen Kopff auf die andere Seite, und nahm Dienste unter den See-Leuten, habe auch verschiedene Fahrten nach Ost- und West-Indien mitgethan, auch dieses und jenes, sonderlich mit Beyhulffe meiner Kunst und Wissenschafft, erfahren; Allein die Zeit will es vorjetzo nicht leiden, ihnen, meine Herren, etwas ausfuhrlichers davon wissend zu machen. Derowegen will solches mit dero gutigen Erlaubniss bis auf eine andere Zeit versparen, hergegen unsern Herrn Wohlthatern ein Geheimniss und solche Sachen eroffnen, woran weit mehr gelegen ist.

Sie sind, (sprach Vincentius zu Mons. Litzbergen, Mons. Cramern und mir) meine Herren! wie ich meinem einfaltigen Verstande nach vermuthe, ohnfehlbar weder die altesten, noch jungsten Befehlshaber unter ihrer gantzen Familie; allein, ohne sie in das Angesicht zu ruhmen, so halte davor, dass ohne euch der andern Ruhm zu verdunckeln, eure Personen vor vielen andern die klugsten und geschicktesten seyn, welche zu kennen ich die Ehre nicht habe. Demnach, weil mich ein von Gott gesandter guter weisser Geist antreibt, und mir keine Ruhe last, bis ich ihnen, wie er spricht, dasjenige Geheimniss offenbarer, woran so vielen 100. ja 1000. und noch mehr Menschen gelegen, so will ich es auch auf mein gutes christliches Gewissen thun; lassen sie sich nur vorhero erstlich von dem dritten Manne erzehlen, was uns seit ihrer letztern Abfahrt betrachtens wurdiges begegnet ist, welches mit allen schon erzehlten Kleinigkeiten in so weit keine Gemeinschafft haben mag. Demnach rufften so wohl Don Rio, als Vicentius ihre Cameraden herbey, und sagten zu ihnen, dass sie auf ihr gut Gewissen aussagen solten, was ihnen seit unserer Abfahrt vor hauptsachliche Streiche begegnet waren; da dann so viel heraus kam, dass, als sie gleich andern Tages nach unserer Abfahrt Feuer in ihrem FeuerLoche, oder, besser zu sagen, Feuer-Heerde angemacht, ihre Topffe mit dem Fleische und Gemuse angesetzt, auch die Braten ordentlicher Weise an die Spiesse gesteckt, kaum aber nur etwa 10. Schritte von dannen gegangen, sich, da sie sich umgesehen, der Erdboden unter dem Feuer-Loche, ja noch viel weiter herum dergestalt erhoben und erschuttert, dass sie nicht anders vermeynet, es wurde alles in das Feuer und in die Asche geworffen seyn, wesswegen sie sich schon nach dem Behaltnisse der trockenen Speisen umgesehen, weilen der Zweiffel bey ihnen entstanden, dass sie diesen Mittag etwa Warmes mochten zu geniessen bekommen; allein, da sie sich nach etwa 2. Minuten nochmahls umgesehen, waren sie gewahr worden, dass weder ein Feuer-Brand, noch ein Topff verruckt oder verwahrloset, vielweniger die Braten beschadigt worden, demnach hatten sie ihren HeissHunger zu stillen, keine fernern Weitlaufftigkeiten gemacht, sondern aufgetragen, und ohne Sorge, mit Appetite gespeiset, unter wahrenden Speisen aber, ohngeachtet sie doch ihr Tisch-Gebet verrichtet, ware der Satan dennoch geschafftig gewesen, indem Angesichts ihrer, auf etliche Schritte herum, mehr als 20. bis 30. grosse Maulwurffs-Hauffen aufgeworffen worden, die aber die gewohnlichen Maulwurffs-Hauffen um ein gewaltiges ubertroffen, da sie ohngefehr wohl noch 4 mahl grosser waren, als die sonst gewohnlichen Maulwurffs-Hauffen, welche man noch bis diese Stunde in Augenschein nehmen konte. Bey der Abend-Mahlzeit ware ihnen, wie sie sagten, ein gleiches wiederfahren, mit dem Zusatze, dass sie vor den so genannten Minions fast keinen Bissen-Brod in den Mund stecken konnen, sondern immer einen Dolch, oder wenigstens Messer in der Hand haben musten, um sich dieser vermaledeyeten Thure erwehren zu konnen, als welche sie einer und anderer Umstande wegen, vor verdammte Seelen und Plage-Geister der Menschen hielten.

Wir hatten fast uber die Einfalt unserer Gaste lachen mogen, allein Vincentius gab uns einen Winck, ihm nebst dem Don Rio zu folgen: da er denn, als wir uns etwa auf die 50. bis 100. Schritte von der ubrigen Gesellschafft abgewendet zu uns 3 Felsenburgern, die wir gantz allein auf einem bequemen Platze bey ihm stehen blieben, seinen Spruch also anfieng (ohne dass wir gewahr wurden, dass er uns in einen Circkel runden Creyss gefuhret): Ihr Herren! Ihr wisset nicht, worauf wir jetzo stehen und vermeynet vielleicht, dass wir auf einem blosem Grase-Lande stunden; allein, weit gefehlt, denn diese Insul hat nicht allein einen guldenen Grund und Boden, sondern auch uber dieses so viele Schatze und Kostbarkeiten in sich dergleichen die besten Europischen Konigreiche aufzuweisen gantz unvermogend sind. Ich sage weiter nichts, als dieses, dass in dem gegen uns uber liegenden Geburge, sonderlich aber in dem Grunde des grossen Berges nur allein so viele Reichthumer stecken, welche weder Portugall, noch Spanien an sich zu kauffen im Stande sind; Allein, meine Herren! (redete er ferner) ob ihr gleich noch zur Zeit nicht hintergangen, oder betrogen seyd, so konte es doch vielleicht in aller Kurtze geschehen, wenn nicht der allmachtige GOtt ein besonderes Auge auf euch hat, denn ich bin in meinem Christenthume so weit erfahren, dass derselbe Allmachtige heute bey Tage keine auserordentlichen Wunder mehr thut, sondern es auf der Menschen eigene Conduite ankommen lasset, ob sie seinem vorgeschriebenen Gesetze folgen wollen, oder nicht. Nun aber will euch Herren Felsenburgern nur so viel im Vertrauen sagen, dass ihr viel Feinde habt, und zwar eures guten und geruhigen Lebens halber, wer aber dieselben sind, solche will voritzo eben nicht alle mit Nahmen nennen, jedoch die Herrn H.-- nicht verschweigen, die schon seit einigen Jahren her, ziemlicher Massen nach euch geangelt haben, jedoch eure gantz besondere Vorsichtigkeit hat alle ihre Anschlage, ohngeachtet, dass sie alle eure Umstande, euren Reichthum und, so zu sagen, den Bissen, den ihr in den Mund steckt, und den Tropffen, den ihr aus euren Bechern trinckt, auf das allergenaueste wissen, bis hieher zu nichte gemacht. Wie es zugehet, dass ihr bey diesem und jenem so verrathen seyd, will ich eben jetzo nicht sagen, denn das ist res altioris indaginis; Dieses aber kan ich im allergrostem Vertrauen sagen, dass zwey verdammte-Geister gegen euch gedungen worden, so wohl euch, als uns armen 5. ehrlichen Kerls zu verderben, allein, ihr gantzes Vernehmen soll ihnen fehlschlagen. Ich weiss gewiss, dass ihr diese verdamten Geister nicht allein hier auf dieser kleinen

Insul, sondern auch auf Gross-Felsenburg in blutrother Kleidung gesehen habt, ich habe sie auch gesehen, und will sie euch wieder vorstellen, so bald die Mitternachts-Stunden heran nahen, da sie denn vermoge meiner Kunst, auf Handen und Fussen zu mir gekrochen kommen, und auf alle meine Fragen richtige Antwort geben sollen, wo dieses nicht geschicht, so will ich sie in eurer Gegenwart mit einer Knoten-Peitsche tractiren, wie die Hunde. Diese Curiositat abzuwarten, habt ihr weiter nichts zu thun, als dass ihr in meinem gemachten Circkel, ohne viele Worte mit einander zu reden, gantz stille sitzen bleibt, und euch auch so wenig, als nur immer moglich, bewegt, bis ich euch die Erlaubniss, mit Neigung meines Haupts, gebe. Ich setze alle meinen vollkommenen Theil der Seligkeit, die mir nicht entgehen kan, daran; ja ich will mich lieber von dem Teufel lebendig in den Lufften wegfuhren und zerreissen lassen, als dass nur einem, von euch allen, eine Haare gekrummet werden solte.

Wie denn dergleichen Leute solche harte und hefftige

Constelationes ohne Bedencken sehr vielfaltig zu ge

brauchen pflegen.

Bey diesen Centner- schweren Worten sahen Mons. Litzberg, Mons. Cramer und ich einander ziemlicher Massen in die Augen, redeten auch erstlich ein wenig heimlich unter uns; Diese beyden aber wolten anfanglich gantz und gar nicht einstimmen, im Circkel zu bleiben, weilen es ihnen, wiewohl schon ehermahlen geschehen, an der Hertzhafftigkeit fehlete, mir aber gab ein guter Geist ein, dass ich auf der Stelle bleiben, mein andachtiges Gebet zu GOtt verrichten, und mich weiter vor nichts furchten solte. Derowegen fassete gieng hin zu dem so genannten Teufels-Banner, und sagte zu ihm: Don Vincentio! wir haben noch nicht vollkommen satt gespeiset, ware es nicht Sache, dass wir um die Mitternachts-Stunden, nachdem wir das Unserige genossen, wieder anhero kamen, und sahen, was sodann passirte? Nein, meine Herren! (gab er zur Antwort wenn sie sich nicht selber im Lichten stehen wollen, so bleiben sie auf ihren Stellen sitzen: Wein und Confect ist genug da, ihren Appetit zu vergnugen, wo sie aber weggehen, sind nicht allein alle meine Anstalten vergeblich gemacht, sondern so wohl sie, als alle Felsenburger, konnen darunter den allergrosten Schaden leiden, welcher vorjetzo gar leichtlich zu verhuten ist wenn sie nur da bleiben, und meiner Treu und Redlichkeit trauen.

Endlich begunte doch bey meinen Herren Geferten der Puls aufs frische zu schlagen, da sie, zumahlen bey allen Umstanden, die sie nachhero in etwas weiter uberlegt, gantz vernunfftig schliessen konten, mir, ohngeachtet ich der Jungste unter ihnen war, vor diesesmahl zu folgen, und bey mir zu bleiben; zumahlen, da sie zum offtern von dem Vincentio die Worte aussprachen horeten, dass er uns allen kein theurer und kostbarer Pfand entgegen stellen konte und wolte, als seinen Leib und Seele, im Fall nur einem eintzigen von uns die geringste Haare am Leibe gekrummet oder beleidiget wurde.

Also blieben wir alle drey nebst dem Don Rio im Circkel sitzen, truncken ein Glas Wein, und speiseten etwas von kalten Gebratens, wie auch Confect, welches alles uns der gute Vincentius procurirt hatte, erwarteten aber zum Theil mit unruhigen Hertzen die Mitternachts-Stunde.

So bald dieselbe heranzunahen begunte, legte sich auch eine solche Finsterniss und Dunckelheit auf den Erdboden nieder, die ich mit grostem Rechte fast grosser, als die ehemahlige Egyptische Finsterniss gewesen, nennen mochte, indem wir weder Himmel, Mond, noch Sterne uber uns sahen, vor uns aber nicht im Stande waren, unsere 5. Finger an den Handen zu zehlen; Jedoch es wahrete nur eine kurtze Zeit, und nicht langer, als etwa 1. Viertel-Stunde, worauf, da wir uns umsahen, in der gantzen Gegend alles helle war: Denn Vincentius hatte durch seine Cemeraden hie und dar, und zwar auf mehr als 100. Schritte von uns, um uns herum viele Fackeln und Wind-Lichter setzen lassen, und zwar, wie wir nachhero gewahr wurden, auch in einem Circkel- runden Creyse, anbey gemeldete seine Cameraden dahin beredet, dass sie uns allen zu Gefallen einmahl hie und da Schildwacht halten, auch alle Vorbeygehende mit groster Freundlich- und Hoflichkeit dahin bereden mochten, vor diesesmahl einen andern Weg zu nehmen, um uns nicht zu stohren, weilen gantz ausserordentlich geheime Sachen unter uns tractiret wurden.

Bald hernach sahe man zwar keine dicke Finsterniss mehr, jedennoch aber einen ziemlich dicken Nebel um uns herum, so, dass wir den Schein der Fackeln von ferne, mit genauer Noth, kaum erkennen konten; in unserm Creyse aber, worinnen wir drey Felsenburger, als Mons. Litzberg, Cramer und ich, nebst dem Don Rio und der Haupt-Person, Don Vincentio, sassen, wurde auf einmahl alles so klar, als wie gewohnlicher Massen am lichten-hellen Tage. Ich bewunderte, dass, da meine sehr kostbare goldene Repetir-Uhr, als welche ich bekannter Massen bestandig bey mir zu fuhren pflege, kaum ihre hellklingende Schlage von sich horen lassen, sogleich ein ziemlich starcker WurbelWind entstunde, welcher manchem einen kleinen Schauer verursachte, jedoch Vincentius, der im Centro des Circkels auf einen Klotze sass, rief uns allen mit lauter Stimme zu: dass wir uns an nichts kehren, sondern nur unsere Augen nach Norden zu wenden solten. Wie wir ihm nun in diesem Stucke folgten, so erblickten wir mit groster Verwunderung, theils aber auch ziemlichen Erschrecken, dass die beyden Gespenster: nemlich Don Juan de Silves und Lemelie, daher spaziert kamen, u. zwar mit gantz langsamen Spanischen Schritten, nicht anders, als ob sie, wie es heut zu Tage genennet wird, ihre Cour etwa bey Hofe machen, und einem grossen Potentaten aufwarten wolten; So bald sie aber sich dem ausersten unsers Circkels naheten, stund Vincentius von seinem Klotze auf, und schlug mit seiner, in der rechten Hand habenden Zauber-Ruthe den Tact auf eine recht possierliche Art, dergestalt, dass sie 3. mahl um unsern Creyss herum tantzen musten, worauf er ihnen zwar erlaubte, etwas langsamer zu gehen, allein, wie wir bemerckten, so hielt er diese blutroth gekleideten geschwornen Bruder dergestalt mit der Zauber-Ruthe unter seiner Zucht, so, dass sich keiner unterstehen durffte, auch nur eines Fingersbreit uber den ab- und ausgestochenen Rand unsers Circkels zu schreiten.

Endlich citirete er sie alle beyde zu ihm hinein in den Circkel zu kommen, den engern Circkel aber, welcher um seinen Sessel geschlossen war, ja nicht zu beruhren widrigenfalls er sie alle zwey auf eine solche empfindliche Art zuchtigen wolte, dergleichen wohl viele 1000. Geister nicht ausgestanden, und welche Art der Zuchtigung, woferne sie anders noch vernunfftige Geister waren, ihnen nicht unbekannt seyn konte. Demnach kamen beyde auf Handen und Fussen gekrochen, bis an den engern Circkel, worinnen er, Vincentius, auf einem runden Klotze sass, sie nahmen sich aber ungemein in Acht, den engern Circkel auch so gar nicht einmahl mit den Handen zu uberschreiten. Als er nun ihren Gehorsam sahe, that er mehr als 20. Fragen an sie, und bedrohete sie abermahls mit der allerscharffsten Geister-Zuchtigung, wenn sie ihm nicht aufrichtige Antwort darauf gaben.

Wir Felsenburger haben alle diese Fragen, und die

darauf erfolgten Antworten, bald hernach, da dieselben

noch im frischen Gedachtnisse waren, und wir uber

dieses nicht allein den Don Rio, sondern auch den

Vincentium baten, uns einzuhelffen, wenn wir etwa

dieses oder jenes vergessen hatten, in unsere bey uns

fuhrenden Schreib-Taffeln eingezeichnet, aus welchen

es hernach weiter protcollirt, und zu den ubrigen

dieser Sache angehenden Acten gebracht, mithin in

unser Archiv gelegt worden.

Nachdem aber dieses Verhor vorbey, entstunde abermahls ein, jedoch gantz gelinder Wurbel-Wind, welcher einen recht angenehmen und lieblichen Geruch mit sich brachte, so dass, an Statt daruber zu erschrecken, wir uns vielmehr erquickten; Indem wir aber unsere Augen von neuen aufschlugen, sahen wir noch eine andere Geister-Person im Circkel herum wandeln, welche ein hell glantzendes goldfarbenes Kleid an sich hatte. Vincentius redete demnach den Geist des Lemelie also an: Kennest du diesen, oder nicht? Ja, ich kenne ihn, (gab der Geist des Lemelie zur Antwort,) es ist Carl Franz von Leuwens Geist, welchen ich meuchelmorderischer Weise ins Reich der Todten geschickt habe. Hiervor must du, (sagte Vincentius,) auch noch in dieser Stunde und auf diesem Platze eine kleine wohlverdiente Zuchtigung leiden. Demnach nahm Vincentius seine Zauber-Ruthe, und peitschete damit dergestalt auf den Geist des Lemelie zu, dass derselbe zu Boden fiel, und sich wie ein Aaal auf dem Grase herum weltzete, ja er winselte nicht allein wie ein Hund, sondern mit einer weit grasslichern Stimme, so, dass uns allen fast die Haut zu schaudern begunte; Der Geist des Don Juans aber gieng mittlerweile im Circkel spaziren herum, so lange, bis Vincentius, ohngefehr nach Verfluss einer halben Viertel-Stunde, seine Zauber-Ruthe in die Hohe gen Himmel reckte, da denn nicht allein des Lemelie und Don Juans, sondern auch des van Leuwens Geister unvermuthet vor unsern Augen verschwanden, hergegen prsentirten sich, an statt derselben, zwey weiss-gekleidete Personen oder Machinen; da denn Vincentius fragte: Nun, meine Herren Felsenburger, kennet ihr diese beyden Personen? Wie ist uns moglich, (gab ich ihm zur Antwort) dieselben zu kennen, indem sie dergestalt verkappt und verschleyert sind. Es sind (sprach er hierauf) eure Ur-Eltern, Albertus I. und Concordia, mit denen ihr euch, nach Belieben, in ein Gesprach einlassen konnet.

Da uns allen dreyen aber sehr missfallig war, dass er diese seligen Personen in ihrer Ruhe gestohret, als wunschten wir nunmehro wieder von dieser Stelle hinweg, und in unsern Hutten bey der andern Gesellschaft zu seyn, liessen aber unsere Gedancken dem Zauberer gantz und gar nicht mercken, sondern stelleten uns vielmehr an, als ob wir durch seine Kunst ungemein vergnugt worden, weilen wir aber dergleichen Sachen nicht so wohl, als er gewohnt, und uber dieses solchen furchterlichen Schau-Spielen Zeit Lebens noch niemahls beygewohnt, so ware nicht zu laugnen, dass wir aus Furcht und Schrecken einiger Massen schwach und ermudet worden, wessentwegen denn der beste Rath ware, dass wir uns zur Ruhe begaben, und unsere annoch ubrige Verabredung bis auf Morgen verspareten.

Vincentius, der, wie ihm zum Ruhme nachzusagen ist, viel Verstand bey aller seiner Geschicklichkeit besass, nahm diese Sache vor bekannt an, und, nachdem er uns gefragt: ob wir noch etwa einen oder andern Geist von solchen Personen, die uns angiengen, oder mit welchen wir etwas zu schaffen gehabt, zum Beschlusse vor uns sehen wolten, so ware er noch bereit, uns zu dienen; wir aber baten ihn, alles dieses, bis auf eine andere Nacht, zu versparen, demnach gab er seinen Portugiesischen Cameraden ein vielleicht abgeredetes Zeichen, worauf denn diese sogleich mit brennenden Fackeln und Wind-Lichtern uns entgegen kamen, wir alle aber von dem guten Vincentio bis an unsere Schlaf-Statte begleitet wurden.

Vor meine Person kan ich wohl sagen, dass ich nicht leicht in meinem Leben unruhiger mein Lager gesucht, um auf demselben einige Ruhe zu finden, weilen mein Kopf von allen dem, was ich gehoret und gesehen hatte, dergestalt mit Grillen, Sorgen, und Bekummernissen angeschwangert war, so, dass ich nicht die geringste Ruhe finden konte, ich mochte mich auch lincks, oder rechts auf meinem Lager umwenden und kehren. An diese Nacht will ich Zeit meines gantzen Lebens gedencken, so lange, als nur meine Augen offen stehen, ich will aber von demjenigen, was ich in derselben eintzig und allein gehoret und gesehen habe, voritzo weiter nichts melden, jedoch habe aus Antrieb meines zarten Gewissens auch alles dieses der Geistlichkeit und dem Regenten getreulich offenbaret, ohngeachtet solches nicht einmahl nothig gehabt. Weilen nun gantz und gar keinen Zweiffel trage, dass auch dieses bona fide wird ad Acta gebracht seyn, so mochte es mir vielleicht vor eine Gross-Prahlerey ausgelegt werden, wenn ich hier von fernerweit viele Worte machen wolte.

Kurtz: des Tages, nach der merckwurdigen Nacht, erschutterte sich die Insul Klein-Felsenburg einiger Massen, wesswegen ich den Vincentium besuchte, und ihn fragte: ob dieses etwa Boses, oder Gutes zu bedeuten hatte? Er gab mir zur Antwort, dass diese kleine Erd-Erschutterung eine ungemeine gute Bedeutung vor uns Felsenburger mit sich brachte, die HauptSache aber ware diese: dass wir die vermaledeyten Corper des Don Juan und des Lemelie von beyden Insuln wegschaffen, und dieselben dergestalt in Asche verwandeln musten, dass auch nicht der kleineste Knochen mehr von ihnen zu finden sey; worauf sich denn die Aspecten zu unserer Ruhe und Frieden bald besser zeigen wurden.

Es stellete mir Vincentius diese Sache dergestalt nach drucklich vor, dass ich mich bewegen liess, nur vorerst einen sehr kurtzen Bericht an den Regenten u. an die Geistlichen von unsern bisherigen Begebenheiten zu machen; hierbey aber war die Haupt-Sache diese, dass sie den verfluchten Corper des Lemelie solten aus graben lassen, alle seine Knochen, auch nicht den allerkleinesten zu versehen, in einen kleinen Nachen auf Schwefel, Pech, Pulver, Hanff, Werg und dergleichen Feuerfangende Waaren legen, und denselben mit einer starcken Quantitat des besten Feuerhaltenden Holtzes bedecken, hernach den Nachen, oder das kleine Bootgen nur nach den Sand-Bancken zu stossen-mochten.

Mir aber bat ich aus, eine ziemliche Quantitat von Pulver, Schwefel, Pech und dergleichen zu ubersenden, indem ich mit dem Corper des Don Juan ein gleiches zu thun gesonnen, und ihn in lichterlohen Flammen der offenbaren See anvertrauen wolte. Damit aber beydes zu gleicher Zeit geschehen konte, bat mir noch dieses aus, dass sie mir von der Insul Gross-Felsenburg nur etwa eine Viertel-Stunde vor der bestimmten Zeit und Stunde ein Signal durch einen Carthaunen-Schuss geben mochten, damit ich mich darnach richten konte. Mit diesem Berichte und Verlangen schickte ich 12. Mann, worunter meine Allergetreusten befindlich, in einem Boote sogleich nach der Insul Gross-Felsenburg hinuber, die denn des andern Tages, gegen Abend, ohne dass ich mich einer solchen Geschwindigkeit versehen, glucklich zurucke kamen, und alles, ja noch mehr mit sich zurucke brachten, als ich und meine bey mir befindlichen werthen Freunde, verlangt hatten. Demnach wurde in groster Geschwindigkeit erstlich der Corper des Don Juan ausgegraben, besichtiget und nachhero mit demselben Sarge, welchem ihm seine Lands-Leute von alten Schiffs-Bretern zusammen gehefftet, in einen grossen Kahn ooer Nachen gebracht, da denn in, bey und neben dem Sarge lauter Feuerfangende Materien, als Pulver, Schwefel, Pech, Hanff, Stroh, Werg, und dergleichen Zeug gelegt ward. Wir brachten also dieses abscheuliche Cadaver mit groster Muhe hinunter in die Mundung des Flusses, da denn Vincentius auftrat, und sagte: Meine Freunde! ich bin zum Zeitvertreibe mit zur Leiche gegangen, und habe gesehen, dass ihr Muhe und Arbeit genug mit dem Corper eures Feindes gehabt, nunmehro aber lasset mich gantz alleine schalten und walten.

Wenige Minuten hernach horeten wir den Carthaunen-Knall von der Insul Gross-Felsenburg erschallen, als welcher das Signal war, dass unsere Obern und Freunde eben um selbige Zeit den Corper des vermaledeyeten Lemelie von sich fortschaffen, und der offenbaren See anvertrauen wolten.

Demnach entstunde so gleich ein unvermutheter hefftiger Wurbel-Wind, welcher den Nachen oder Kahn, als Vincentius hie und da Feuer hinein gelegt, gantz schnell fort und in die offenbare See nach den Sand-Bancken zufuhrete. Es war dieses, wenigstens in meinen Augen, ein gantz possierliches Schau-Spiel, indem immer eine Raquete, Schwarmer und dergleichen Zeug in die Lufft flogen, doch kan nicht laugnen, dass dennoch wegen des todten Corpers einiger Abscheu mit unterlieff; allein es wahrete kaum eine halbe Stunde, als wir den Nachen, nachdem er sich vielemahl in der See herum getummelt, in lichten lohen Flammen brennen, und endlich versincken sahen.

Wir wolten also nach abgewarteter Tragdie zuruck gehen, um uns in unsern Hutten der Ruhe zu bedienen; doch Vincentius hat, dass wir wenigstens noch eine halbe Stunde verharren, und wohl in Obacht nehmen solten, was etwa weiter mochte vorgehen. Blos ihm zu Gefallen blieben wir also noch da, und sahen, dass ein grassliches Monstrum, wie mir etwa die allergrosten Arten von Wallfischen von andern beschrieben worden, gerades Weges auf unsere Bucht zugeschwommen kam! welches aus seinem Rachen und Nasenlochern nicht allein die furchterlichsten WasserStrome, sondern auch feurige Funcken und Flammen aussprutzte.

Furchtet euch nicht, meine Freunde! (sprach hier Vincentius) denn dieses Ungeheuer will mit mir allein zu thun haben. Und in dem er diese Worte aussprach, warff er sich, so, wie er da gegangen und gestanden war, mit volliger Kleidung in den Fluss, und schwumme dem Meer-Wunder entgegen.

Mir wurde bey dieser Verwegenheit zwar angst und bange, jedoch, da ihm niemand weder zunoch abgerathen hatte, diese gefehrliche Schwimmerey anzutreten, als uberliess ihn seinem Schicksale, da wir denn bey der finstern Nacht, indem sich der Mond unter eine schwartze Wolcke verborgen, so viel gewahr wurden, dass unser Vincentius, nach einem hefftigen Streite mit dem Meer-Wunder, von demselben unter Donner, Blitz, Hagel, ja dem grausamsten Sturm-Wetter aufgeschnappt und verschlungen wurde, mithin den Sieg uber dasselbe nicht erhalten konnen, sondern den Kurtzern ziehen mussen.

Ich glaube nicht, dass einer unter uns allen gewesen, dem bey dieser Begebenheit nicht so wohl, als mir selbsten, die Haare zu Berge gestanden und alle Glieder des Leibes gezittert hatten; und eben dieserwegen beschlossen wir des anbrechenden Tages zu erwarten, ehe wir uns nach unsern Obdache und Lager-Statten verfugen wolten. Dieses geschahe, nachdem die Sonne aufgegangen war, und alles Ungewitter vertrieben hatte; Als wir nun unterweges das klagliche Schicksal des Vincentii uberlegt und bedauert, so traffen wir denselben in seiner Hutte gesund und frisch an, und zwar in der Verfassung, dass er seine Kleider und Schuhe ausbesserte. Anfanglich entsetzten wir uns uber seine Person, indem wir zum Theil wurcklich auf die Gedancken gerathen, als ob er vom bosen Feinde ware weggefuhret worden; jedoch Vincentius, so bald er dergleichen Gedancken von uns vernommen, fieng uberlaut zu lachen an, und sagte: Nein, meine Freunde! ihr musset meiner Kunst und Geschicklichkeit ein mehreres zutrauen lernen: denn dieses, was ich mit dem Meer-Wunder vorgehabt, ist ein bloses Schatten-Spiel gewesen, von nun an aber, sollet ihr erstlich rechte Wunder-Dinge sehen, horen und erfahren, die nicht allein euch, sondern auch wohl euren spaten Nachkommen zum Nutzen gereichen konnen.

Mittlerzeit, da er diese und noch weit mehrere Worte, seiner gewohnlichen Beredsamkeit nach, vorgebracht hatte, unsere Magens aber, weiln es bald Mittags-Zeit war, nach denen im Feuer-Loche befindlichen Fleisch-Topffen, Gemusen und andern guten Gerichten vom Gebratens und Fischen entgegen delleten, so wurde unsere Hoffnung auf einmahl, allem Ansehen nach, zu nichte gemacht, indem sich aus dem Feuer-Loche ein ziemlich hoher Hugel aufthurmete, der, wie wir uns nicht anders einbilden konten, in kurtzer Zeit alles Gesottene und Gebratene in die Asche verschutten wurde; Jedoch, je mehr sich einige unter uns daruber missvergnugt bezeigten, desto mehr fieng Vincentius daruber zu lachen an, und ehe wir uns umsahen, war nicht allein der Hugel verschwunden, und das Feuer-Loch in seiner gewohnlichen Ordnung, sondern wir sahen auch, dass auf dem grunen Rasen etliche Tucher aufgedeckt, Teller und alles zurechte gelegt waren, was sonsten zum Tisch-Zeuge gehoret. Demnach speiseten wir unter wunderlichen Gedancken, doch mit noch so ziemlichen Appetite, zumahlen, da wir sahen, dass um und neben uns herum viele gantz frische Hauffen aus der Erde aufgeworffen wurden, die doch sehr weit grosser waren, als die gewohnlichen Maulwurffer-Hauffen.

Wie nun Vincentius dieserwegen unsere Erstaunung und Verwandelung gewahr wurde: sagte er: meine Freunde! kehret euch an alles dieses nicht, sondern ein jeder speise nur seinem Appetite nach so viel, als er vertragen, und sich Kraffte in den Corper schaffen kan: Denn so bald die Sonne untergangen ist, mussen wir alle insgesamt zu graben, zu schauffeln und zu hacken anfangen.

Wie nun also die Sonne untergegangen, und die erste Dunckelheit der Nacht eingetreten war, zeigte sich nicht allein in dem Feuer-Loche, sondern auch uber den aufgeworffenen Hugeln lichterlohe Flammen, und zwar, wenn ich es ja recht beschreiben soll, dergestalt, als wenn man Spiritum Vini darauf und daruber gegossen, und selbigen angezundet hatte: denn die Flammen waren alle gelb-grun-blau- und rothlich unter einander vermischt Vincentius nahm also, nachdem er uns allen einen hertzhafften Muth eingesprochen, und sein Handwercks Zeug, als Hakke, Schauffel, Spaten und dergleichen aufgefasset, erstlich den geraden Weg nach dem Feuer-Loche zu, als welches um allerfurchterlichsten zu brennen schien. Wir, so viel unserer waren, folgten ihm Paarweise nach, trugen und schleppten auch das Handwercks-Zeug, so gut wir konten; So bald aber dieser unser Fuhrer, Vincentius, an das Feuer-Loch gekommen war, und dasselbe untersucht hatte; sprach er: Meine Freunde; hier ist vorjetzo noch nichts zu thun, so lange bis die Mitternachts-Stunde da ist; unterdessen aber folget mir und meinem Rathe, und nehme ein jeder, so wie ich, einen kleinen Hugel vor sich, und wenn unsere Arbeit nicht bezahlet wird, will ich mir binnen 3. Tagen selbsten, einen Scheiter-Hauffen machen, mich darauf setzen, und mit Pulver, Schwefel und Pech verbrennen. Allein dieserwegen hat sich niemand Sorge zu machen, denn der Himmel ist mit im Spiele, als welcher durch mich geringen Menschen euer Gluck, Reichthum und Wohlstand zu befordern gewillet ist.

Ich will eben nicht sagen, wie mir vor meine Person bey dieser Begebenheit um die Lunge und Leber zu Muthe war, jedoch zu zeigen, dass ich kein HasenHertz hatte, mithin auch andere nicht gern feige machen wolte, als nahm ich, da ich erblickte, dass Vincentius den Anfang machte, auch meine Schauffel, Spaten, und grub bey dem Scheine der vielen angesteckten Fackeln, da ohnedem es noch sehr Mondund Stern-helle war, eine Urnam, oder so genannten heydnischen Todten-Topf, aus der gantz lockern Erde heraus. Indem ich mir aber in meinen Gedancken darauf gantz viel einzubilden getrauete, so wurde um und neben mir gewahr, dass meine andern Mit-Geferten eben dergleichen Dinger aus den kleinen Hugeln (oder wie ich dieselben vorhero genennet, MaulwurfferHauffen) zum Vorscheine brachten. Vor meine Person habe nicht mehr als 9. derselben Stuck ausgegraben; jedoch da Vincentius das abgeredete Zeichen von sich horen liess, dass wir uns alle insgesamt wieder bey ihm versammlen solten, machte ich auch meiner Arbeit vor dissmahl ein Ende, und gieng mit an die HauptArbeit, welche in Ausgrabung des Feuer-Loches bestund.

Hier hatte man sein Wunder sehen sollen, welcher Gestalt sich die artigen Thiergens, die wir nur immer sofort Minions nenneten, auf das allerkrafftigste bemuheten, uns in unserer Arbeit zu verhindern, wie denn auch allerhand andere Gespenster, als Feuerspeyende Drachen, feurige Schlangen und dergleichen Ungeziefer ebenfalls auf uns zu gegangen, geflogen und gekrochen kamen, welche aber alle, so bald Vincentius nur seinen Zauber-Stab aufhub, augenblicklich zurucke wichen, oder auf der Stelle ohnmachtig liegen blieben.

Endlich, da meine Taschen-Schlag-Uhr die vollkommene Mitternachts-Stunde mit 12 Schlagen angezeigt, geschahe ein gewaltiger Donnerschlag, woruber wir insgesamt erstaunete, allein, da wir die Sache recht betrachteten, so war uns hierdurch alle unsere Muhe und Arbeit erleichtert, denn es hatte sich in dem Feuer Loche eine Machine uber 2 Ellen hoch von selbsten aus der Erde empor gehoben, welche Vincentius so wohl, als die ausgegrabenen Urnen mit seiner Wunschel-Ruthe beruhrete, uns aber bat, nur stille und ruhig zu seyn, des Tages zu erwarten, inzwischen aber etwas von starckenden Getrancke zu uns zu nehmen, denn es hatte auf diesesmahl nunmehro alles seine vollkommene Richtigkeit.

Sehr selten bin ich wohl in meinem gantzen Leben nach dem Anbruche des Tages begieriger gewesen, als eben diesesmahl; da aber derselbe endlich erfolgte, so, dass einer dem andern das Weisse in den Augen erkennen konte, giengen wir vor allererst in der gantzen Gegend herum spaziren, und zehleten, dass wir 53 Urnen oder Todten-Topfe ausgegraben hatten; Es waren dieselben von verschiedener Grosse, theils steinerne, theils kupferne, theils silberne; guldene aber nur 2 nicht allzu grosse. Auf deren Deckeln befanden sich eben dergleichen Zeichnungen, wie ich schon ehemahlen gemeldet und abgerissen, nur aber bey diesem oder jenem mit einer oder anderen Veranderung der Charactern. Wer Lust und Belieben hat dieselben noch vor sich abzuzeichnen, kan es alle Tage thun, indem wir sie mit hieher gebracht haben, ich aber sage vorjetzo nur so viel, dass, nachdem wir alle diese Urnen vor unsere Hutten getragen, und in Ordnung gestellet hatten, Vincentius uns einen Winck gab, mit ihm zu gehen, und die Machine genauer zu betrachten, die sich in dem Feuer-Loche erhoben hatte. Demnach befand sich, dass es ein silberner, mit vielen Zierrathen und Charactern versehener, ordentlicher Todten-Sarg, dessen Lange 4 Ellen, die Breite oben zum Haupten 2 und 1 halbe Ellen, unten zum Fussen aber nach Proportion etwas schmaler zugelauffen war.

Nachdem wir nun auf Anregung des Vincentii den Sarg-Deckel, und zwar mit ziemlicher Muhe, auf- und abgehoben, erblickten unsere Augen 2 Corper darinnen, neben einander liegend, welche dergestalt gelegt zu seyn schienen, als ob sie einander umarmeten. Ihre Gesichter zeigten sich nicht grasslich, wie etwa sonsten Leichen-Gesichter auszusehen pflegen, indem, wie ich aus vielen Umstanden spurete, beyde Corper einbalsamirt seyn mochten, von den Kleidungsstucken aber war wenig zu sehen, weilen dieselben ziemlicher Massen vermodert, jedoch ich hatte das Gluck, aus einem gewissen Zeichen zu bemercken, dass sie alle beyde in Purpur-Kleidern mochten seyn beerdiget worden; wie denn auch beyde gantz zierliche guldene kleine Cronen auf ihren Hauptern trugen, die mit den kostbarsten Diamanten und andern Edelsteinen besetzt waren.

Wir allerseits nahmen uns ein nicht unbilliges Bedencken, diese Corper fernerweit zu beunruhigen, zumahlen, da wir befurchteten, dass dieselben etwa entzwey brechen, oder gar zerfallen mochten, giengen also insgesamt um den Sarg herum, wie, dem gemeinen Sprichworte nach, die Katzen um den heissen Brey, befanden aber dennoch bey einiger weiterer Untersuchung, dass dieselben auf lauter gepragten Goldund Silber-Muntzen vielerley Geprages lagen und mit den auserlesensten orientalischen Perlen uberschuttet waren.

Wir 3. der ansehnlichsten Felsenburger, wie man uns damahls nennete, gaben demnach dem gantzen Volcke so wohl die Urnen, als den silbernen Sarg zum Preise, baten uns aber nur dieses darbey aus, dass sie ja die Corper und Gebeine verschonen, nicht beschimpffen, sondern in Ehren halten, sonsten alles Geld, Gold, Silber und Perlen heraus nehmen, und unter sich theilen mochten; Allein, nachdem alles, wie es war, gantzer 3. Tage und Nachte also stehen geblieben, verspureten wir, dass weder ein Fremder, geschweige denn ein Felsenburger sich an dem allergeringsten vergriffen, auch nicht einmahl eine Perle heimlicher Weise zu sich genommen hatte. Die Ursache dessen ist leicht zu errathen, weilen unsere Felsenburger Gold, Silber, Perlen, Edelgesteine und dergleichen Sachen vor gar nichts besonders halten, da ihnen dieselben wenig oder gar nichts nutzen, und bewust, dass wir bereits im Uberflusse damit versorgt sind. Als wir aber den Vincentium und seine Geferten darum ansprachen, dass sie vor ihre allerseitige Bemuhungen und uns erzeigte Gefalligkeiten sich der Billigkeit gemass bezahlt machen, und das Beste von den gefundenen Schatzen auslesen mochten; so giengen die Portugiesen uber 100. Schritt von uns hinweg, und unterredeten sich fast uber eine halbe Stunde lang mit einander, da sie aber wieder zuruck kamen, bat Vincentius, dass wir Felsenburger uns um ihn herum setzen, und seine Reden anhoren mochten.

Da es nun eben zu keiner furchterlichen Zeit und Stunde war, indem die Sonne mitten am Himmel stund die, weilen keine eintzige trube Wolcke zu sehen, uns recht ungemein erquickte, so nahmen wir uns um so viel desto weniger Bedencken, seinem Bitten zu gehorsamen, da er denn folgende Worte vorbrachte: Meine lieben Herren und Freunde! ich bin in meinem Hertzen durch viele Merckmahle dahin uberredet, dass die meisten unter euch mich vielleicht vor einen Ertz-Zauberer oder Hexen-Meister ansehen und halten; Allein, ich bin keiner von beyden, sondern bey allem dem, was heilig ist, betheure ich, auf meiner Seelen-Seligkeit, dass mich die allerhochste Macht angetrieben, euch einen und andere Dienste zu leisten, und mir anbey dero allerkrafftigsten Schutz und Beystand versprochen; als wovon ich vor dissmahl nicht viel reden und prahlen will.

Kurtz: ich habe bis auf diese Stunde getreulich so viel bey euch ausgerichtet, als mir bis hieher befohlen ist wovon ihr denn verhoffentlich sattsame Zeugnisse haben werdet; zumahlen, da mir auch die unterirrdischen und verfluchten Geister nicht widerstehen, vielweniger mich in meinem Vorhaben verhindern konnen. Nunmehro aber, da ihr von einer Belohnung meiner euch geleisteten getreuen Dienste zu reden anfanget, mochte mich dasselbe fast verdriessen, weiln ich nicht eigennutzig bin, auch vor meine gehabte Muhe nicht die allerkleineste Perle verlange. Meine Cameraden, mit denen ich mich vor kurzer Zeit besprochen, sind eben dieses Sinnes. Die Ursache aber ist diese: weiln ihr uns eine Zeit dahero auf das allerkostbarste und herrlichste tractirt habt, und, wie ihr sagt, uns den Aufenthalt auf dieser Insul, nebst nothdurfftiger Verpflegung zu reichen und zu vergonnen noch fernerhin gesonnen. Demnach nehmet so wohl den Sarg, als die Urnen mit hinuber auf die grosse Insul, um euren Freunden ein Vergnugen damit zu stifften, vergesset unserer darbey auch nicht mit Zufuhrung einer und anderer leckerhafften Speisen und Getrancke, als worvon wir gantz besondere Liebhaber sind; Folget meinem Rathe, und fahret gleich Morgen fruh mit Aufgange der Sonnen zu euren Freunden hin, und bringet ihnen alles das, was wir gefunden haben, doch dieses ist ein bloses Kinder-Spiel gegen diejenigen Schatze zu rechnen, welche ich binnen wenig Tagen noch zu finden, oder wenigstens euch anzuweisen verhoffe. Nur aber bitte ich mir dieses aus, dass wenigstens 10. bis 12. Mann der hertzhafftesten Manner oder Junggesellen bey mir bleiben, um mit ihnen das Geburge, sonderlich aber den grossen Berg durchzustreichen und zu besichtigen, da ihr denn, wenn ihr etwa binnen 8. oder 14. Tagen wieder anhero zu kommen euch bemuhen woltet, ohnfehlbar weit mehrere Neuigkeiten, als bishero vorgefallen, erfahren werdet, und zwar zu eurem eigenen allergrosten Nutzen.

Die Felsenburger hatten den Vincentium kaum ausreden lassen, als sogleich nicht nur 10. oder 12. sondern noch viel mehrere, so wohl Manner als Junggesellen, heraus traten, und sich als Freywillige angaben, bey dem Vincentio zu bleiben, mitlerweile wir die gefundenen Sachen hinuber auf die grosse Insul zu den Unserigen schaffen, und so bald, als moglich, wieder zuruck kommen solten. Nachdem nun Vincentius mich und meine beyden Herren Beystande ersucht, mit ihm annoch vorhero in etwas spatziren zu gehen, inmassen er uns noch viele wichtige Dinge zu offenbaren hatte, als folgten wir ihm nach, und erfuhren solche Geheimnisse aus seinem Hertzen und Munde, von welchen wir uns vorhero keine Vorstellung machen konnen; weiln aber voritzo, gewisser Ursachen wegen, ein billiges Bedencken trage, dieselben zu wiederholen, so verweise einen jeden treugesinneten Felsenburger an unser ordentlich Archiv, (als worinnen die dessfalls unsere damahlige gethane Aussage protocolliret worden, um seine Curiositee zu vergnugen, weiln ein solches keinem Treu-meynenden zum Lesen abgeschlagen wird.

Gleich des darauf folgenden Tages machten wir uns reisefertig, um mit unsern Booten fort zu rudern; welches denn auch geschahe, nachdem wir nicht allein den silbernen Sarg, sondern auch alle 53 Urnen eingeschifft, von den Portugiesen, unter Versprechung baldiger Zuruckkunfft, Abschied genommen, und bey ihnen 12 Mann der hertzhafftesten Felsenburger da gelassen hatten. Es ist leicht zu erachten, dass die Unserigen uber unsere gluckliche Zuruckkunfft eine besondere Freude, wie auch uber die mitgebrachten Antiquitaten eine ausnehmende Verwunderung gehabt; Nachdem aber dieser letztern wegen verschiedene Zusammenkunfte von den Aeltesten und der Geistlich

keit gehalten worden, wurde endlich beschlossen, von allen diesen Sachen fernerweit nichts anzuruhren, sondern dieselben, (weiln wir nicht wusten, ob es Christen oder Heyden, wenigstens Menschen gewesen, die an den allerhochsten GOtt geglaubet hatten) zwar nicht auf unsern ordentlichen Gottes-Acker, viel weniger in unsere Kirche zu bringen; sondern es solte hinter unserm Kirch-Thurme, als welches Platzgen sich wohl darzu schickte, ein besonderes Gewolbe angemauert, und alle diese Sachen, so wohl der Sarg als die Urnen hinein gesetzt, auch wohl verwahret werden, damit nicht etwa Unmundige und Unverstandige sich daran vergreiffen mochten. Dieser Schluss und Verordnung gefiel mir zwar gewisser Massen wohl, allein, die angebohrne Curiositee protestirte darwider, indem ich gern weiter und besser untersuchen wolte, was etwa hie und ha, so wohl in dem Sarge, als in den Urnen versteckt seyn mochte, denn ob mir zwar an Golde, Silber Diamanten, Perlen und andern Edelgesteinen so wenig, als an meinem Huthe gelegen, den ich noch jetzo auf dem Kopfe trage; so reitzeten mich doch eine und andere erblickten MuntzSorten an, meiner Neigung vor dissmahl Folge zu leisten, und das aberglaubige Sprichwort: Man solle die Todten nicht berauben etc. gewisser Massen hinten an zu setzen.

So bald ich demnach meine Gedancken den mir allervertrautesten Freunden, die ich eben itzo mit Namen zu nennen Bedencken trage, fanden sich ihrer 6. die nicht allein mit mir einerley Meinung hegten, sondern sich auch, nachdem das gemauerte Gewolbe fertig, und der Sarg so wohl als die Urnen in bester Forme hinein gebracht waren, wenig Tage hernach, und zwar nicht etwa um die Mitternachts-StundenZeit, sondern gantz fruh Morgens mit aufgehender Sonne, zugleich mit mir in das Gewolbe begaben, da wir gewiss, bey noch darzu angezundeten Wachs-Kertzen, unserer Neugierigkeit ein sehr starckes Vergnugen leisteten, denn wir fanden unter den gold- und silbernen grossen Medaillen einige Stuck, deren Zeichnungen diese waren: wie der Welt-Heyland Christus am Creutze hieng wieder andere, da die Mutter GOttes Maria das Christ Kind auf dem Arme trug; anderer so genannter Schaustucke oder Medaillen, auf welchen die Bildnisse der heiligen Aposteln und Evangelisten mit leserlichen Umschrifften befindlich, zu geschweigen, wie ich denn auch von dem zur ubrigen Politischen Historie einschlagenden Muntzen itzo gar nichts reden will, weilen ein solches mir ohnedem zu weitlaufftig und verdriesslich fallt, ein jeder Curiosus aber dieselben in unserm Archiv und Bibliotheque alltaglich zu sehen bekommen kan.

So bald demnach alles dieses in moglichster Stille nach meinem Wunsche zum Stande gebracht, wir auch erfahren, auf was vor Art die Unserigen den verdamten Corper des Lemelie von sich geschafft, hatte

ich weder Ruh noch Rast, bis ich wieder eine abermahlige Reise nach der Insul Klein-Felsenburg antreten konte. Und diese geschahe ohne fernere weitlaufftige Uberlegung wenige Tage hernach in Begleitung vieler der allervertrautesten und sonst hertzhafften Freunde. Vor die Klein-Felsenburger nahmen wir also auf 3 Booten abermahls einen starcken Vorrath von Lebens-Mitteln, und zwar der allerbesten und lekkerhafftesten, welche so wohl den Unserigen als unsern Gasten, die uns einer so wohl als der andere mit ausgereckten Armen zur Bewillkommung entgegen gelauffen kamen, ein nicht geringes Vergnugen erweckten. Wir fanden alle noch gesund, frisch und lustig, so, dass man ihnen keinen Hunger, Kummer, oder Noth ansahe, denn sie hatten sich binnen der Zeit mit Essen und Trincken wohl gepflegt, waren zum offtern Lustwandeln gegangen, und hatten auser den vorigen, die wir schon mitgenommen, noch 19 herrlich schone Urnen ausgegraben, ingleichen die Minions vertilgt, von welchen sie mehr als 100 Balge aufzeigten, sonsten aber war ihnen gantz und gar nichts schrekkhafftes oder wiederwartiges begegnet. Nachdem wir nun 2. Tage ausgeruhet, und uns die niedlichsten Speisen und Getrancke wohl bekommen lassen, trat Vincentius auf, und sagte: So zu leben ist keine Kunst, meine Herren und Freunde! allein, ich halte nicht vor rathsam, dass wir so langer auf der Barenhaut liegen, darum wollen wir, wenn es euch gefallig ist, uns eine Bewegung machen, denn es hat mir in verwichener Nacht ein guter weisser Geist angedeutet, dass unser Gang nicht vergeblich seyn soll, vielmehr wurden wir etwas gantz besonders neues antreffen.

Wie wir nun insgesamt der Faulheit eben so sehr nicht ergeben, als wurde verabredet und beschlossen, eine Reise nach dem grossen Geburge, (NB. welches auf dem Grund-Risse dieser Insul Klein-Felsenburg pag. 452 im andern Theile mit N. bezeichnet) vorzunehmen, da denn Vincentius mit seiner WunschelRuthe eine und andere Probe zu machen versprach. Ob nun gleich einem jeden frey gestellet war, entweder mitzugehen, oder in den Hutten bey unsern Sachen zu bleiben, so war doch kein eintziger, der zuruck zu bleiben Lust bezeigte, sondern sie giengen alle mit, und zwar fruh Morgens mit Anbruche des Tages, da sich denn ein jeder mit Proviant und Gewehr aufs beste versorgte, und auser diesem allen fuhreten wir auch noch viele Picken, Hacken, Aexte, Schauffeln und Spaten mit uns.

Als wir nun das Geburge bey Untergang der Sonnen erreicht, machten wir am Fusse desselben etliche Feuer an, lagerten uns um dieselben herum, und brachten dieselbe Nacht unter allerhand guten Gesprachen ungemein vergnugt und ruhig zu, bis der Tag wieder angebrochen war, da wir denn dem Vincentio, nach verrichtetem Morgen-Gebet, weiter in und auf das Geburge folgten.

Zeit meines Lebens habe ich keine grossern Wunderdinge (ich verstehe nemlich solche, welche der Sage nach, blos in der Natur stecken sollen) verrichten sehen, als Vincentius mit seinen Wunschel-Ruthen verrichtete: Denn er hatte auser seinem gewohnlichen Zauber-Stabe nicht nur eine, sondern mancherley Arten von Wunschel-Ruthen bey sich, und zwar, wie er sagte, nach den mancherley Arten der Metallen und Mineralien zugerichtet. Wie gesagt, es war bewundernswurdig, wie wir denn alle, die dabey gewesen, und es mit angesehen haben, ein solches bezeugen werden: Denn die Ruthen sprungen zum offtern gantz schnell in die Hohe, zur andern Zeit aber blieben sie auf dem Boden dergestalt feste kleben, so, dass Vincentius dieselben mit der allergrosten Gewalt wieder an sich ziehen muste. Wo nun ein vortheilhaffter Platz war, liess er alsobald durch unsere Leute ein Spannen-tieffes Loch einhauen, und zum Wahrzeichen einen behauenen Stein hinein setzen, deren jeden er selbst vermittelst bey sich habender Stein-Meissel mit Ziffern und allerhand Charactern bezeichnete. Es war mit groster Lust anzusehen, wie sauer es sich unsere bey uns habenden Leute mit der Arbeit werden liessen, dergestalt, dass sie sich kaum Zeit zum Essen und Trincken nehmen wolten, anbey auch, wie man zu sagen pflegt, wie die Braten schwitzten, denn die unvergleichlich grossen Ertz-Stuffen, welche zum Theil Gold, Silber, Kupfer und andere Metaillen in sich hielten, fielen uns allen dergestalt entzuckend in die Augen, dass wir uns nicht satt daran sehen konten, zumahlen, wenn nach ihrer Abwaschung die Strahlen der Sonne darauf fielen. Solchergestalt arbeiteten wir alle insgesamt die Wochen, oder so genannten Werckel-Tage immer mit glucklichem und vergnugtem Fortgange unsers angefangenen Wercks fort, so lange, bis der Sonntag heran nahete, da denn beschlossen wurde, alle Arbeit stehen und liegen zu lassen, GOtt zu Ehren aber den Sabbath oder Sonntag, ein jeder nach seiner Religion, heiligen und feyren wolte.

Vincentius liess sich vernehmen, wie er nicht vermeynet, dass wir so gar sehr gewissenhaffte Christen waren, unterdessen aber ware es loblich, billig und recht, vor allen Dingen dem allerhochsten GOtte, als dem Geber aller Guther, Lob, Danck und Preiss zu bringen, und um fernern Beystand anzuflehen.

Demnach giengen etliche der Unserigen auf die Fischerey aus, um etwas tuchtiges zu fangen, weilen vielleicht unsere Lebens-Mittel vor so viele Personen nicht hinlanglich seyn mochten; brachten auch noch vor Einbruch des Sonnabends-Abends, eine gewaltige Menge der auserlesensten delicatesten Fische von allerhand Gattung, die wir auf Kohlen braten liessen, weiln kein Geschirr, auch nicht gnugsames Saltz vorhanden war, dieselben zu kochen. Jedoch Vincentius schaffte bald Rath, indem er sagte: wem es am Saltze fehlet, der nehme nur diese meine Wunschel-Ruthe, und folge derselben so lange nach, bis sie ihm von sich selbsten aus der Hand springet, da sich denn zeigen wird, dass auf derselben Stelle, wo sie niederfallt und liegen bleibt, das allervortrefflichste und gesundeste Saltz sich finden wird, von welchem oberhalb nur einer Hand hoch, die daruber liegende Erde, Staub oder Steine durffen abgeraumet werden.

Ohngeachtet nun der Saltz-Mangel eben so gar sehr gross nicht war, indem der annoch bey uns habende Vorrath wohl noch zur Noth auf 3. bis 4. Tage hinreichend gewesen: so war doch ich so gar sehr neugierig, dieses Experiment mit der Wunschel-Ruthe zu machen; bat also den Vincentium, mir diese WunschelRuthe anzuvertrauen, und anbey die Vortheile zu zeigen, wie man mit derselben umgehen muste? da er denn sagte: Mein Herr! ihr habt weiter nichts zu thun, als die Ruthe vor euch in der Hand zutragen, und dabey zum offtern die Worte auszusprechen: Sal sursum folget ihr nur so lange nach, als sie sich in eurer Hand regt, mithin, so zu sagen, den Weg zeiget, wohin ihr wandeln sollet, wenn die Ruthe aber springt und liegen bleibt, so scharret das oberste auf, alsdann werdet ihr Saltz in Menge finden.

Demnach, zumahlen da die vorgesprochenen zwey Worte mir eben nicht verfanglich vorkamen, begab ich mich nebst 3. Felsenburgischen Geferten, welche Sacke bey sich fuhreten, auf den Weg, und empfand erstlich in Wahrheit, dass sich die Ruthe in meinen Handen sehr offters regte und bewegte, bis sie endlich, da wir ohngefehr 4. bis 500. Schritte nach der kleinen See zu, fortgewandert, auf einmahl gantz plotzlich aus meiner Hand sprung, und auf einem kiesigen Erdreich liegen blieb. Meine Geferten und ich machten uns also an die Arbeit (um zu erfahren, ob wir belogen oder betrogen waren) und kratzten in moglichster Geschwindigkeit, auch so gar mit den blosen Handen, die oberste Erde, Kiess und Steine weg, da wir denn, weiln nach dem Untergange des Sonnen-Corpers es noch ziemlich helle war, so viel sehen konten, dass sich die feineste weisse Materie erhub, welche wir dem Geschmacke nach, sogleich vor das allerbeste Saltz erkannten, unsere 3. Sacke damit anfulleten, die Statte und Gegend wohl bezeichneten, und uns hernach wieder zu der ubrigen Gesellschafft begaben. Vincentius machte die erste Probe mit diesem unsern gefundenen Saltze, indem er vor sich allein verschiedene grosse, mittelmassige und kleine Fische gebraten, und dieselben starck damit wurtzete, ja fast uber die Gebuhr, um uns nur den Argwohn zu benehmen, als ob dieses Saltz etwa ein gifftiges Saltz ware; allein es ist es nicht, sondern wir haben nach der Zeit befunden, dass diese und noch mehrere herum liegende Saltz-Gruben das allerbeste und kostbareste Saltz in sich fuhren.

Nachdem wir aber damahls uns alle wohl gesattiget, und um die angemachten Feuer herum gelagert, der Ruhe zu erwarten, horeten wir ohngefahr in der Mitternachts-Stunde eine Stimme zu dreyen verschiedenen mahlen dergestalt starck ruffen, als ob dieselbe durch ein Sprach-Rohr redete, und zwar, so kam der Schall aus dem gegen uns uber liegenden hohen Berge, die Worte aber waren diese: Vincent, Allah! Dio. Wie nun ich bemerckte, dass Vincentius munter war, so fragte ich ihn, als ich die Stimme zum dritten mahle ruffen, und noch etliche mehrere Worte aussprechen horete: was dieses zu bedeuten hatte? Hierauf trat er auf, und rief etliche mahl mit lauter Stimme Allah! Allah! Dio. Wendete sich hernach wieder zu mir, und sagte: Mein Herr! diese Stimme kommt aus dem Heyden-Tempel unter dem grossen hohen Berge, welchen ihr, wie ich vernommen, schon vor einiger Zeit zerstohret habt, allein dieses soll uns nicht irren, Morgen, so GOtt will, gleich mit anbrechendem Tage uns auf die Fusse zu machen, und unsern christlichen Gottesdienst in diesem ehemahliger Heyden-Tempel zu verrichten, wir werden auch, wie ich euch gantz gewiss versichern kan, keine Gespenster oder Geister darinnen antreffen, sondern nur drey menschliche lebendige Personen.

Ich meines Orts brachte vor Grillen wegen dieser neuenn Begebenheit den wenigen ubrigen Theil der Nacht ohne allen Schlaf zu; so bald aber der Himmel zu grauen anfieng, machte ich nicht allein den Vincentium, sondern auch alle meine Freunde munter, da wir denn nach gesprochenem Morgen-Gebet uns abermahls auf die Reise, nach dem grossen Berge O zu, begaben. Die meisten unter uns wusten in selbiger Gegend von vorigen Zeiten her noch guten Bescheid, und eben dieserwegen fiel uns der Weg eben so gar sehr verdriesslich nicht. Kurtz: nach dem wir den grossen Wald glucklich passiret, gelangeten wir in den Mittags-Stunden alle gesund und frisch am O Berge an, fanden auch bald die Wege, in den so genannten HeydenTempel zu gelangen. Vincentius gieng voran, und sprach uns immer guten Muth zu, weiln im Tempel alles stockfinster war; jedoch es wurde auf einmahl heller-lichter Tag darinnen, so, dass wir sehen konten, wir sich 3. lebendige Menschen in einen Winckel verkrochen hauen, die aber auf die Anrede des Vincentii sogleich hervor traten, und eben so seltsame Complimenten gegen uns machten, als ihre Kleidungen beschaffen waren. Ehe wir was weiteres vornehmen, meine Freunde! (sagte Vincentius allhier) wollen wir erstlich ein jeder nach seiner Religion unsere Andacht verrichten; welches denn auch geschahe. Als dieses vorbey war, trat die alteste Person von diesen dreyen hervor, und redete ihn, ich mochte fast sagen in einer kauderwellischen Sprache, wovon ich aber doch sehr viel verstehen konte, erstlich ohngefehr mit folgenden Worten an: Ihr Herren! meinem Beduncken nach, muss ich euch vor Christen erkennen, welches ich daraus schliesse, weil ihr das Zeichen des heiligen Creutzes so offt vor eure Bruste und Stirnen macht.

Da ich nun weiss, dass die Christen barmhertzige Leute sind, so erbarmet euch doch einer armen von aller Welt verlassenen Persianischen vornehmen Printzessin, deren Wart-Frau ich bin, und dieses bey uns stehende Magdgen ist ihre Bediente. Es ist die Printzessin zwar nicht arm an zeitlichen Guthern, nemlich an Gold, Silber, Perlen und Juwelen, als welche Schatze an sichern Orten verwahrt liegen; allein sie ist dennoch arm, weilen sie darum verfolgt wird, dass sie keine Feuer-Anbeterin werden, sondern eine rechte Christin bleiben will; da sie sich blos allein in das Christenthum und in den wahren allein seligmachenden Glauben verliebt hat, auch durch keinen Marter-Zwang sich davon abtreiben zu lassen gesonnen ist. Vincentius gab hierauf zur Antwort: wie er diese Sache erstlich mit seinen Geferten uberlegen musste, inzwischen mochten sie nur erstlich alle drey aus dieser Hohle heraus, und an das Tages-Licht kommen, damit wir einander recht in die Augen sehen, und fernerweitige Worte wechseln konten. Sie leisteten also Gehorsam, und folgten uns heraus in die freye Lufft, da wir uns denn alle nicht genugsam uber die besondere Schonheit der Persianischen Printzessin verwundern konten, die, ob sie gleich eine Brunette ist, wenig Blondinen gegen sich hat, welche sie an der actigen Gesichts-Bildung ubertreffen solten. Zum guten Glucke hatten einige von meinen Freunden noch ein paar Bouteillen Canari-Sect nebst etwas Confect und andern eingemachten Sachen bey sich, derowegen langete ein jeder hervor, was er hatte, um nur diesen furchtsamen und verdusterten Seelen oder Corpern einen frischen Muth zuwege zu bringen. Sie nahmen alles an, was man ihnen reichte, fuhreten sich aber sehr schamhafftig und massig im Essen und Trincken auf, endlich aber wurde ich gewahr, dass die Furcht nach und nach bey allen, dreyen verschwande, und ihre Geister wieder lebendig zu werden schienen, welches uns allen denn gantz sehr angenehm war.

Indem wir aber allgemach von unserer Ruckreise zu reden anfiengen, zumahlen, da der Proviant mehr ab- als zunahm, so zog Vincentius nebst andern guten Freunden auch mich auf die Seite, und stellete vor, dass, weilen wir einmahl doch da waren, er aber versichern konte, dass noch weit wichtigere Sachen zu unserm Nutzen abgehandelt werden konten, wenn wir uns nur wenigstens noch eine gantze Woche in dieser Gegend aufhielten; so horeten wir vorhero erstlich dessen deutlichere Erklarungen an, und da wir vieles darinnen fanden, welches unserm Hertzen wohl gefiel, so wurde gleich in der Geschwindigkeit beschlossen, noch einen Sonntag in dieser Gegend abzuwarten, um zu erfahren, ob des Vincentii Versprechungen und Kunste fernerweit so gut eintreffen und wohl ablauffen wurden, als wir eine Zeit daher von ihm bereits durch viele Proben vergewissert waren.

Demnach wurden ohne ferneres Bedencken 20. der hertzhafftesten und hurtigsten Felsenburgischen Manner und Junggesellen nach unsern Hutten geschickt, um Proviant und was uns sonsten etwa mangelte, so bald als immer moglich, herbey zu schaffen. Wie nun dieselben diese Strapaze mit Lust angetreten hatten, so sahen wir sie am Abende des dritten Tages nach ihrem Weggehen glucklich und wohl beladen zuruckkommen: Denn sie hatten sich Trage-Bahren gemacht, auf welchen sie alles, was unser Hertz begehren konte, im Uberflusse herbey brachten, ja, sie wolten nicht einmahl eingestehen, dass ihnen diese Reise sauer angekommen ware, indem sie lauter Zeitkurtzende Gesprache unter sich gefuhret, bey der Tragungs-Last aber immer einer den andern nicht mit Verdruss, sondern mit groster Lust abgeloset hatte.

Vor allen Dingen aber muss ich die besondere Begebenheit zu melden nicht vergessen, welche des Abends vor der Zuruckkunfft unserer Ausgeschickten vorgieng: Denn, da ich mit der Printzessin und ihrer Wart-Frau, die sich Anna nennete, bey der kuhlen angenehmen Abend-Lufft auf etwa 100. Schritt weit vom Berge und der ubrigen Gesellschafft Lustwandeln gieng, traffen wir unterwegs einen grossen ausgehauenen viereckigten Stein an, vor welchem die Printzessin erstlich wohl eine Minute lang stehen blieb, hernach aber sich auf denselben niedersetzte, und so wohl mir, als der Anna mit Worten und Zeichen zu vernehmen gab, dass wir beyde uns neben sie setzen solten; wie nun dieses geschehen, und wir die Printzessin also in der Mitte hatten, rieff diese ihrer Bedientin, welche auch nicht weit von uns entfernet war, da wir denn sahen, dass das Magdgen dem Ruffe augenblicklich gehorsamete, und sich hinter der Printzessin Rucken auf die Knie niederliess, und zwar gantz stillschweigend, ohne sich mit den Handen, oder sonsten mit dem Leibe zu bewegen.

Mirzamanda, (dieses ist der Nahme der Persianischen Printzessin) fieng an, in einer verdorbenen und vermischten Sprache folgendes mit mir zu reden: (doch weilen die allermeisten Worte Hollandisch auch zum Theil Lateinisch waren, so konte ich vorerst doch nur so viel verstehen, dass sie mich dieses fragte) Mein Herr! es hat mir meine Anna sehr viel von den Christen, ihrem Christenthume, und sonderlich von einem gecreutzigten Heylande vorgeschwatzt, welcher alle Sunder, wenn sie sich nur im wahren Glauben an sein Verdienst zu ihm wendeten, nicht nur zeitlich, sondern hauptsachlich ewig selig und glucklich machen wolte und konte. Darum bitte ich gehorsamst, mir zu eroffnen, ob ich in diesem Stucke vollkommen recht berichtet, oder nur etwa bey der Nase herum gefuhret bin?

Allerwertheste Printzessin (gab ich ihr zur Antwort) Sie sind von der Frau Anna nicht im allergeringsten belogen noch betrogen worden, sondern es hat dieselbe einen vortrefflichen guten Grund zu Dero wahren Christenthum gelegt; der gecreutzigte Heyland, als wahrhaffter GOtt und Mensch, wird, wenn Sie ihn fleissig anruffen, verleihen, dass Sie nicht allein hier auf dieser Welt glucklich, hauptsachlich aber nach Ihrem Tode, im Himmel ewig selig werden. Jedoch, weil bey unsern jetzigen Umstanden von dieser wichtigen Sache, zumahlen wegen Kurtze der Zeit, nicht viel grundliches gesprochen und uberlegt werden kan; so verlassen Sie sich in diesem Ihren christlichen Glauben nur auf unsere christliche Vorsorge und Beyhulffe, als womit Sie nicht betrogen, sondern durch den gecreutzigten Heyland gesegnet werden sollen.

Ich merckte, dass diese meine Worte der Mirzamanda sehr wohl gefielen, indem sie solches mit freudigen Geberden zu erkennen gab, auch mir so gar die Hand kussen wolte; allein diese Hoflichkeit schien mir, vor eine Printzessin etwas gar zu sehr niedertrachtig, da sie sich doch sonsten gegen jederman sehr demuthig und gelassen auffuhrete, als worzu sie ohnfehlbar durch die Betrachtung ihres damahligen Zustandes angetrieben wurde. Hergegen kussete ich ihr die Hande zu vielenmahlen, und gab in zusammen gestoppelten halb Hollandischen, halb Lateinischen Worten derselben so viel zu vernehmen, dass sie getrost und gutes Muths seyn mochte, weilen wir vor ihr Wohlseyn alle moglichste Sorge, und zwar vom heutigen Tage an, aufrichtig tragen wollen, damit sie sich binnen kurtzer Zeit daruber zu erfreuen Ursach haben konte.

Kaum hatte ich diese letztere Rede vollendet, so kam ein schoner grosser Lowe mit sachten Schritten auf uns zu gegangen, wesswegen ich meine bey mir habende Flinte zur Hand nahm, als mit welcher ich unter wahrenden Lustwandeln etliche Vogel von den Baumen herunter geschossen, und woruber die Printzessin ein besonderes Vergnugen bezeugt hatte; machte mich also fertig, daferne der Lowe naher kame, Feuer auf denselben zu geben; So bald aber Mirzamanda diese meine Anstalten merckte, und sahe, fiel sie mir zum Fussen, und sagte: Ach nein, mein Herr! unterlasset, dieses schone Thier zu todten, denn es ist, ob es gleich ein wehrhaffter Lowe ist, von seiner allerzartesten Jugend an, so zu sagen, mein SchoossHundlein gewesen, er beleidiget auch niemanden anders, als diejenigen, so meine Person beleidigen oder verletzen wollen, denn ich habe diesen Lowen gantz allein auferzogen, und dieserwegen hat er sich auch nicht gescheuet, mir uber die See bis an diesen Ort nachzufolgen.

Ich liess diese Geschichts-Erzehlung anfanglich auf ihrer Wahrheit oder Unwahrheit beruhen, doch ohngeachtet die Printzessin selbige auf eine gantz angenehme Art vorbrachte, so hatte ich noch immer einen heimlichen Grauen und Abscheu, so lange ich den Lowen um uns herum wandeln sahe, endlich aber, da sie ihn ruffte, kam er gantz kleinmuthig zu ihren Fussen gekrochen, kussete ihr alsobald die Hande, welches er denn auf ihrem Befehl, auch mir und der Frau Anna thun muste, hernach weltzete er sich etlichemahl auf der Erde herum, und legte sich darauf zu ihren Fussen, blieb auch so lange stille liegen, bis wir alle drey aufstunden, und uns weiter hin nach den Feuern begaben, allwo sich unsere ubrige Gesellschafft zum Genuss der Abend-Mahlzeit versammlet hatte. Es war manchem und mir selbst einiger Massen lacherlich anzusehen, dass die Printzessin den Lowen an ihren zusammen geknupften Strumpfe-Bandern mit sich gefuhret brachte, anbey aber zu bewundern, dass sich kein eintziger Mensch vor dieser grimmigen und grausamen Art der Thiere so gar besonders scheuete und entsetzte, da doch sonsten eine blose Lowen-Haut so wohl Menschen als Thieren, jedoch einem vor dem andern, einiger Massen Furcht und Schrecken einzujagen pflegt. Bey dieser meiner Verwunderung that ich die heimliche Frage an den Vincentium: was wohl von diesem Lowen zu halten sey, und ob es ein wurcklicher naturlicher Lowe, oder nur eine blose Machine ware, mit welcher die Geister ihr Spiel trieben? Hierauf gab uns Vincentius diese Antwort: Ich will nimmermehr auf dieser Welt glucklich werden, wenn dieses nicht ein wurcklicher und naturlicher Lowe ist, mit dem zwar in Persien die bosen Geister allerhand Gauckel-Spiele getrieben haben; Jedoch dieses alles ist vorbey, und gehet uns allhier nichts an. Genug, wenn ich euch dieses nochmahls hoch und theuer versichere, dass es ein bloser naturlicher Lowe, allein, durch die kluge und behutsame Auferziehung seiner Printzessin dahin gebracht ist, dass er fast mehr Verstand, als mancher Mensch im Gehirne hat.

Nachdem nun Vincentius mir alles, was er von dem Lowen gesagt, noch mit vielen Eyd-Schwuren betheuert, verschwand nicht allein bey mir aller Argwohn und Misstrauen, sondern auch die Furcht vor dieser wilden Bestie, ja! ich gewann den Lowen dergestalt lieb, dass ich fast nirgends hingehen konte, wenn ich den Lowen nicht bey mir sahe, als woraus sich die Mirzamanda ein besonderes Vergnugen machte. Jedoch auf das vorige zu kommen, so war doch zu bewundern, dass dieser Lowe, als er uns zum erstenmahle mit der Printzessin bey der Abend-Mahlzeit besuchte, sich hinter seine Gebieterin stellete, und derselben also aufwartete, wie bey uns die abgerichteten Hunde aufzuwarten pflegen; nach diesem legte er sich vor ihr nieder, seinen Kopff in ihren Schooss, und liess sich von ihr speisen, hierauf gieng er weiter von einem zum andern, und wer ihm einen rechten wohlschmekkenden Bissen zu verschlingen gab, dem leckte er nicht allein die Hande, sondern auch zum offtern das Gesichte, welches denn zu verschiedenen mahlen bey uns, zu einer hefftigen Verwunderung und vielen Lachen Anlass gab. Kurtz: der Lowe fuhrete sich dergestalt artig auf, dass ihn ein jeder von uns liebte, und in besondern Ehren hielt.

Nachdem wir abgeredeter Massen noch die Woche daselbst zugebracht, in den Werckel-Tagen manchen sauren Schweiss-Tropfen vergossen, da uns Vincentius nicht allein in dem Heyden-Tempel, sondern auch in den neben liegenden Grotten dergestalt viel Arbeit angewiesen, dass wir von Morgen an bis zur AbendsZeit alle Hande voll zu thun fanden, worbey aber niemand saul oder verdrusslich wurde, weilen wir mit offenen Augen betrachten konten, wie unsere Muhe von Zeit zu Zeit 100. (ja ich luge nicht, wenn ich sage, 1000, sach) belohnet war; so beschlossen wir noch den einen Sonntag abzuwarten, und des darauf folgenden Tages nach unsern Hutten zu kehren. Es wurde also bemeldter Sonntag ohne Arbeit, sondern in gutem Vergnugen zugebracht, weiln wir uns hauptsachlich die von unsern Leuten aus dem Hutten abgeholten Speisen und Weine wohl schmecken liessen, ausser diesen aber war noch ein gantz besonderes Gerichte von einer Art ungemein grosser, wie auch mittelmassiger und kleiner Fische, welche unsere Leute lebendig herbey gebracht hatten, und die alle, in Wahrheit gegen andere Arten von Fischen einen gantz besondern Geschmack hatten; es waren aber diese Fische in der Klein-Felsenburgischen grossen See und den daraus fliessenden kleinen Strohmen und Bachen gefangen worden. Auser diesem allen wurde ich mit besondern Vergnugen gewahr, dass alle unsere Leute, so wohl Romisch-Catholische, als Protestanten, sich in jeglicher Gesellschaffts-Sorte auf die Seite begaben, und den Gottesdienst, ein jeder nach seiner Weise, verrichteten.

Desto schreckhaffter aber kam mir und allen Anwesenden die Tragdie vor, die bald hernach der Satan spielete, und welche ich etwas umstandlich vortragen will. Als demnach die Printzessin, ihre Wart-Frau Anna, ich und noch einige meiner vertrautesten Felsenburgischen Freunde gegen Untergang der Sonnen bey der gantz ungemein angenehmen Witterung einen Spaziergang nach einem kleinen Gebusche zu nahmen, so traffen wir unter Weges den Stein an, dessen ich schon gedacht, derowegen verlangte Mirzamanda, Mudigkeit halber, ein wenig auf demselben auszuruhen, setzte sich also zwischen mir und der Anna auf demselben nieder, unsere ubrigen Geferten lagerten sich auf dem schonen grunen Grase-Boden um uns herum, der Lowe kam, legte seinen Kopf seiner Gebieterin in den Schooss, Hadscha aber, als der Printzessin Aufwarte-Magdgen, fiel abermahls hinter ihrer Gebieterin auf die Knie nieder, hub ihre Augen bestandig gen Himmel und nach dem grossen Berge zu, als welcher letztere sonderlich den Augen aller Anwesenden einen bewunderns-wurdigen Anblick verursachte, weilen die matten Strahlen der untergehenden Sonne und die aufsteigende, allerhandfarbige Abendrothe denselben, allem Ansehen nach, fast als einen Spiegel zu gebrauchen schienen. Indem sich aber die Sonne kaum gantzlich verkrochen hatte, liess es auf dem Berge nicht anders zu seyn, als ob ein helles lichterlohes Feuer auf dessen allerobersten Gipfel brennete, ja, man sahe so gar Funcken heraus und gen Himmel fliegen, eben als ob dieser Berg es andern Feuerspeyenden Bergen, als dem Aetna, Vesuvius und deren gleichen mehr, auf einmahl nachthun wolte; Jedoch die allermeisten unter uns waren der Meynung, dass es kein wurckliches naturliches Feuer, sondern ein bloses Blendwerck ware, welches von den Sonnen-Strahlen und der Abendrothe gemacht wurde. Hadscha aber gab uns binnen wenig Minuten gantz etwas anders zu erfahren, denn sie sprunge plotzlich von der Erden auf, und that etliche dergestalt hellkungende Schreye, welche in denen Geburgen ein grassliches Echo verursachten, so, dass wir alle in ein nicht geringes Entsetzen gebracht wurden. Hierauf lieff sie, die Hadscha, noch schneller als ein Hirsch uber 500. Schritte weit von uns nach dem Berge zu; Anna bat sich aus, es mochten 2. oder 3. dreuste Manns-Personen mit ihr gehen, um dieses thorichte Mensch wieder zuruck zu holen, und hierinnen wurde ihr sogleich gewillfahret: denn es fanden sich ohne unsern Befehl und Willen nicht nur 2. oder 3. sondern 8. bis 10. dreuste Felsenburger, welche mit der Anna der Hadscha nacheileten. Diese Nacheilenden mochten aber wohl kaum den halben Weg nach dem grossen Berge zu zuruck gelegt haben, als Vincentius gantz tiefsinnig gegen uns, die wir noch bey der Printzessin versammlet waren, anspatziert kam. Ich rieff ihn zu mir, ein Glas Canari-Sect Bescheid zu thun, und da er kam, so erzehlete ich ihm, was uns begegnet ware, vornemlich aber die Geschichte mit der Hadscha, als welcher wir vor kurtzer Frist Boten nachgeschickt hatten. Eurer aller Muhe (sprach hierauf Vincentius) wird vor diesesmahl wohl vergebens seyn, weilen der Satan, dem diese Hadscha, als eine Anbeterin des Feuers und Ertz-Verachterin des Christlichen Glaubens von Jugend auf, bis auf diesen heutigen Tag, gedienet, vor kurtzer Zeit den Hals gebrochen, welches ich, so weit es auch euch zu seyn vorkommt, dennoch ohne Perspectiv mit meiner leiblichen Augen gesehen habe.

Man kan leicht glauben, dass uns diese Worte des Vincentii ein nicht geringes Schrecken verursachten: jedoch, da wir doch abwarten wolten, was die Nachgeeileten uns vor einen Bericht erstatten wurden, so machten wir Feuer an, uns zu warmen, weilen es allmahlig gar zu kuhle zu werden begunte; durfften aber besagten Nachgeeileten nicht langer, als noch etwa 2. Stunden entgegen sehen, da denn dieselben benebst der Frau Anna gesund und frisch zuruck kamen. Ihr Bericht war dieser: dass sie die Hadscha noch gantz unten am Fusse des grossen Berges angetroffen, da sie denn Frau Anna, mit gantz freundlichen Worten bereden wollen, wieder mit ihnen zuruck und zu ihrer Printzessin zu kehren; allein Hadscha hatte sich fast gantz rasend angestellet, ware immer fort geeilet, worbey sie diese Worte ausgestossen: Hebet euch weg von mir! lasset mich gehen! ich will, soll und muss heute meine Andacht verrichten, denn dieses ist eben der Tag meines Heyls. Wie man nun, (so lautete der Bericht ferner) gesehen und gespuret, dass weder der Frau Anna, vielweniger der andern Zureden, etwas bey dieser verzweiffelten Person fruchten wollen, so hatte man ihr endlich ihren garstigen Willen gelassen, da sie denn eine sehr steile Klippe hinauf, und zwar einem ziemlich grossen Feuer entgegen geklettert, jedoch, ehe sie noch die Spitze derselben vollkommen uberstiegen, ware, nachdem man einen lauten Schrey von ihr gehoret, ihr Corper von etlichen schwartzen Personen, die man nicht unbillig vor bose Geister halten konte, herunter in die Tieffe gesturtzt worden, allwo er noch lage, und nach Gutbefinden aufzuheben und nach Gefallen beerdigt werden konte.

Wie nun Mirzamanda diese Begebenheit so wohl aus ihrer Frau Annen, als unserer Felsenburger Munde in allen Stucken ubereintreffend vernommen, sagte sie: Meine Freunde! lasset den verfluchten Teufels-Braten liegen, wo er liegt, und wurdiget ihn keines Begrabnisses, sondern gonnet ihn denjenigen, so ihn den Hals zerbrochen, oder den wilden Thieren und Vogeln zur Speise, denn Hadscha ist von ihrer Jugend an eine Ertz-Feindin und Spotterin der Christin und ihres Glaubens gewesen.

Vincentius war noch zugegen, und stimmete der Printzessin Meynung in allem bey; wie es nemlich nicht nothig ware, dass wir uns fernerweit um den ungluckseligen Corper der Hadscha bemuhen, oder uns dieserwegen solten von unsern anderweitigen Geschafften abhalten lassen; fragte anbey, ob wir auch aus dieser geringen Begebenheit nicht erkenneten, dass er ein aufrichtiger Freund, Beforderer und Wahrsager unsers Glucks und Wohlergehens ware?

Demnach wurde von der Stunde an alle Anstalt gemacht, uns in Ordnung zu bringen, um mit anbrechenden Tage die Ruckreise nach unsern Hutten anzutreten, welches denn auch geschahe, nachdem sich vorhero in der Nacht weiter niemand mehr um den Corper der Hadscha bekummert, mithin bekamen wir des dritten Tage, weilen wir uns aus gewissen Ursachen im Gehen eben nicht ubereilen wolten, glucklich bey und in unsern Hutten an, da denn noch alles richtig und wohlbestelt befunden wurde.

Mittlerweile passirre mir ein artiger Streich, denn, da ich kaum in die allerdickste Waldung dieser Gegend eingetreten war; begegnete mir einer der allergrosten Hirsche, so, wie ich derselben einen nur immer Zeit meines Lebens gesehen, ohngeachtet ich nun sonsten ein grosser Vertheidiger des Wildprets, zumahlen dessen bin, was zur Zucht dienet, so fiel mir doch dieser schone Hirsch wegen seiner besondern Grosse dergestalt in die Augen, (weil ich wuste, dass er in den Klein-Felsenburgischen Waldungen noch vielmehr Bruder seines gleichen hatte) dass ich der Mirzamanden Hand fahren liess, als welche sich bis dahin von mir an der Hand fuhren lassen, hergegen meine auf der Schulter hangende, gezogene Buchse ergriff, und aus derselben diesem starcken Thiere eine Kugel in den Leib schickte, weilen aber diese Kugel nicht das rechte Fleckgen getroffen, sondern nur einen Streif-Schuss gemacht, als kam der Hirsch in der grosten Geschwindigkeit auf mich zugesprungen, und wolte mir im Ernste zu Leibe gehen; Doch, da der Lowe dieses sahe, oder merckte, riss er das Band entzwey, woran ihm Mirzamanda neben sich herleitete, und sprunge dem Hirsche ebenfalls in groster Geschwindigkeit entgegen, machte auch kurtze Arbeit mit dem Hirsche, indem er demselben die Gurgel abgebissen, so, dass der gute Hirsch augenblicklich zu Boden sincken muste; er, der Lowe, aber vergriff sich weiter nicht an diesem seinem vermeynten Feinde, leckte auch, wie ich wohl bemerckte, nicht einen Tropffen Blut oder Schweiss von demselben auf, sondern kam gantz langsam wieder zuruck, legte sich erstlich zu seiner Gebieterin Fussen, leckte ihr nachhero die Hande, liess sich auch in aller Gelassenheit wieder anbinden und fuhren; wir aber liessen uns nebst unsern Geferten die Muhe nicht verdriessen, dieses vortreffliche Kuchen-Stuck, mit in unsere Hutten zu tragen, da wir denn dasselbe alle wohl nutzen konten, indem wir beschlossen hatten, noch 3. Tage, als Rast-Tage, allda zu halten, des 4ten Tages aber in aller Fruhe nach Gross-Felsenburg abzuseegeln.

Binnen diesen 3. Tagen, da wir unsern Maulern auch eben keine Stief-Vater und Stief-Mutter waren, versuchten wir, uns manche Lust mit dem Lowen zu machen, indem wir denselben in einen wohl verzauten Garten einsperreten, darbey allerhand Arten von Thieren, als wilde Ziegen, wilde Schweine, junge RehBocke, auch einiges Flugelwerck, Ganse, Endten, Turckische Hahne und Huhner etc. zu demselben hinein jagten; allein er trieb zwar seine Kurtzweile mit allen diesen Thieren, todtete aber keine, bis wir 2. Reh-Bocke, 4 Schweine und 6 wilde Ziegen auf die Kopffe schossen; da er denn, weilen er vielleicht merckte, dass man ihn nur vexirte, die angeschossenen Stucke zwar beroch, hernach aber dieselben weiter ohnbeschadigt auf ihren Platzen liegen liess. Als er nun keinen Ausgang finden konte, eroffnete er sich, mit Ausreissung 3. oder 4. Staqueten, selbst eine Thur, so, dass er eben zur Abend-Mahlzeit bey seiner Gebieterin eintraff, sich vor derselben niederlegte, zur Lust etlichemahl auf dem Erdboden herum weltzete, und hernach allerhand andere Possen machte.

Nun muss ich mit Wahrheit bekennen und sagen, dass ich mein Lebtage nicht geglaubt hatte, was Menschen-Hande, wenn sie gleich lustig und guter Dinge sind, ausrichten konnen: denn am 3ten Abende unserer verflossenen 3 Rast-Tage war schon unsere vollige Ladung vorhanden, und diese bestunde in den auserlesensten grossesten Ertz-Stuffen, die Vincentius in dem so genannten grossen Geburge N. blos zur Probe aushauen lassen, von dem ubrigen, was wir noch in dem Heyden-Tempel gefunden, will ich vorjetzo nicht viel Reden oder Worte machen, glaube aber, dass es demjenigen, was wir bereits vor Olims- Zeiten aus eben diesem Heyden-Tempel erworben, wenig nachgeben wird; ja, ich solte fast meynen, dass wir in gewissen Stucken weit mehrere Kostbarkeiten und Schatze, und zwar mit eben so grosser, ja wohl noch weit grosserer Lebens-Gefahr erobert hatten, als unsere Vorganger.

Jedoch ich will alles dieses vorjetzo bey Seite gestellet seyn lassen, und nur so viel melden, dass, nachdem wir mit den Portugiesen, sonderlich aber mit dem Vincentio, zur Nachts-Zeit ein gantz geheimes Gesprach gehalten, Morgens fruhe, mit voller Ladung von ihnen abruderten, unter dem Versprechen, sie alle wohl zu bedencken, und binnen 6. oder 8. Tagen unsere bey ihnen zurucklassenden Landes-Leute, deren 20. an der Zahl waren, wieder abzulosen. Es waren diese 20 Mann, die wir also dazumahl auf der Insul Klein-Felsen burg zuruck liessen, mit wenig Worten zu sagen: Leute, von vollkommener Hertzhafftigkeit; und uns geleitete der Himmel nebst der Persianischen Printzessin, ihrer Frau Anna und dem Lowen, glucklich bis auf die Insul Gross-Felsenburg.

Was da abermahls vor ein Aufsehen entstunde, davon will gar nicht viel reden; Die mitgebrachten Sachen aber machten bey den Manns-Personen noch lange nicht so viel Wunder, als bey unserm Frauenzimmer die 2. auf eine so seltsame Art gekleidete Weibs-Personen, der Lowe aber brachte zu Anfangs in allen Augen so wohl Verwunderung, als Schrecken zu Wege, welches letztere aber binnen wenig Tagen gantzlich verschwunde, indem die Insulaner des Lowens gar bald gewohnt wurden, als welchen die Printzessin zuweilen frey herum spatziren liess, zu andern Zeiten aber, auch hie oder da anbunde, da denn auch so gar die Kinder, so kaum lauffen konten, sich um den Lowen herum versammleten, welcher auf das allerpossierlichste mit ihnen spielete, und ihnen die Gesichter, Hande und Fusse leckte.

Unser Frauenzimmer war vor allererst dahin besorgt gewesen, die angekommenen beyden Gaste in reinliche Kleidung und Wasche zu werffen, hatten denenselben also verschiedenes von dergleichen Sachen vorgelegt; da aber Anna zu vernehmen gegeben, wie sie dergleichen schone Sachen nicht eher anlegen wurden, als bis sie sich alle beyde in den Abend-Stunden in dem nachst vorbey fliessenden Flusse wurden gebadet und gewaschen haben, so machten unser Frauenzimmer gleich andere Anstalten, indem sie eine Bad-Stube heitzen liessen, da denn die Printzessin nebst der Anna hinein gefuhret wurden, um ihre Bequemlichkeit in der Warme mit warmen Wasser und andern Zubehor darinnen zu finden und zu gebrauchen. Demnach kam die Printzessin gleich des andern Morgens in einem Felsenburgischen Festtaglichen Frauenzimmer-Habite aufgezogen, und ihre darunter hervor leuchtende gantz besondere Schonheit wurde von jedermanniglich bewundert, ohngeachtet sie aber etwas hohes nicht allein in ihren Kohl-Pechschwartzen Augen, sondern auch in allen ihren Minen und Geberden an sich hatte, und man aus allen ihren Gesichts Zugen und gantzem Wesen sogleich urtheilen konte, dass sie von hoher Herkunfft seyn musse, so muste man sich dennoch auch uber ihre Gelassenheit, Sanfftmuth und stilles Wesen, welches sich bey verschiedenen Begebenheiten zeigte, ungemein verwundern; jedoch bey lustigen Begebenheiten wuste sie ihre Rolle auch zu spielen, und sich nicht etwa murrisch, sauertopffisch oder einfaltig aufzufuhren, so, wie viele schwartzen, braunen und weissen Frauenzimmer, sonderlich in Deutschland sich zu vielenmahlen belachens-wurdig und hasslich vergalloppiren, wenn ihnen nicht alles sogleich nach ihren Kopfen gehet, eben, als wenn an einer Person allein so gar allzu viel gelegen ware etc.

Allein, wie gesagt, in allen diesen Stucken zeigte Mirzamanda eine gantz andere Auffuhrung, die ich wohl mit Recht Furstlich nennen kan, und hiermit erwarb sie sich in der Geschwindigkeit die Liebe aller Insulaner, vom Grosten bis zum Kleinesten, beyderley Geschlechts, zumahlen, da man sahe, dass der Regente, als ein dem hunderten Jahre entgegen reisender Mann, diese Printzessin in besondern Ehren hielt, da dieselbe an seiner Taffel ihm allezeit zur rechten Hand sitzen muste, zu seiner lincken aber sass mehrentheils die Frau Mag. Schmeltzerin Sen. jedoch in diesem Stucke, um eine die andere etwa nicht verdriesslich zu machen, wechselten die lieben Weibergen gar offters mit einander um.

Von nun an aber war die Haupt-Sache diese, dass so wohl die Mirzamanda, als ihre Anna zum wahrhafften Christenthume unterrichtet und angefuhret wurden, wesswegen sich denn die Herren Geistlichen Tag vor Tag hierzu mit grostem Ernste und Eifer bereit und willig finden liessen, so, dass so wohl die Mirzamanda, als ihre Anna binnen 3. bis 4. WochenZeit Verlauf dahin gebracht wurden, dass man ihnen das Hochwurdige heilige Abendmahl ohne Bedencken und mit gutem Gewissen reichen konte, welches sie denn auch des nechsten Sonntags empfiengen.

Wie nun unser Frauenzimmer zu dieser beyder fremden Sunder Bekehrung ein nicht geringes beygetragen, indem sie bestandig geistliche und christliche Gesprache mit ihnen fuhreten, so lerneten bey solcher Gelegenheit eine so wohl, als die andere, binnen einer fast unglaublichen kurtzen Frist, nicht allein unsere Felsenburgische Sprache vollkommen verstehen, sondern auch ziemlicher Massen reden; jedoch, was das letztere anbelangete, so muste man der alten Anna vor dissmahl in diesem Stucke den Preiss zuerkennen, dass sie viel deutlicher, geschwinder und hurtiger ausreden konte, als die Printzessin, der, weilen sie zugleich in etwas schnarrete und lispelte, welches doch sonsten gantz angenehm zu horen war, unsere Sprache anfanglich etwas schwer fallen wolte, nunmehro aber redet sie dieselbe so deutlich und gut, als eine gebohrne und gezogene Felsenburgerin nur immer thun kan.

Hierbey aber muss ich zu melden nicht vergessen, dass ich nach dem Verlauff auf der den Klein-Felsenburgern bestimmten 8. Tage, mich abermahls mit verschiedenen vertrauten Freunden, worunter sonderlich Herr Mag. Schmeltzer Jun. befindlich, auch 60. Mann der resolutesten Felsenburger, so wohl Manner als Junggesellen, in 3. Booten auf die Insul Klein-Felsenburg verfugte, und unsern daselbst zuruck gelassenen Freunden nicht nur Lebens-Mittel im Uberflusse, sondern auch die allerbesten Erfrischungen zufuhrete, welche guten Freunde uns denn mit einem ausserordentlichen Vergnugen bewillkommeten: erstlich ihre Arbeit vorzeigten, die sie binnen der Zeit verrichtet hatten, welche in etliche 1000. Centnern der allerkostbarsten ausgehauenen Ertz-Stuffen bestunden, die alle von nicht geringer, sondern fast solcher erstaunlicher Grosse, so, dass wir zu zweiffeln begunten, ob es auch wurde moglich seyn, dieselben in die Boote zu bringen; allein es gieng durch saure Bemuhung endlich, da es zum Treffen kam, doch an. Ohngeachter aber der Freude, welche die Unserigen so wohl, als die Portugiesen uber untere gluckliche Zuruckkunfft bezeugten, wolten sie sich doch von ihrer Arbeit nicht abhalten lassen, sondern waren dergestalt erpicht darauf, als ob der Himmel und die Seligkeit damit zu verdienen ware. Wie nun dieses Herr Mag. Schmeltzer Jun. merckte, so war er zwar so neubegierig, das grosse Geburge, wie auch den grossen Berg, und den darinnen befindlichen uralten Heyden-Tempel mit zu untersuchen und eigentlich zu betrachten; allein eben dieses verleitete ihn dahin, dass er uns allen, so viel nur unserer waren, alle Morgen, bey Aufgange der Sonnen Mittags und Abends aber nach der genossenen Mahlzeit eine andachtige Betstunde hielte, so, dass wir jedes Tages 3. Betstunden abzuwarten hatten, woran sich die 5. Portugiesen dergestalt ergotzten, dass sie wunschten, unserer Religion zu seyn, indem sie durch des Herrn Mag. Schmeltzers hertzbrechende Worte und hauptsachlich durch die Krafft des Heiligen Geistes inniglich geruhret wurden.

Da diese 5. Mann nun eine brennende Begierde gegen Herrn Mag. Schmeltzern spuren liessen, um, sie in unsern Glaubens-Articuln des Christenthums vollkommen zu unterrichten, als nahm er sich nicht allein in denen darauf folgenden Tagen die grosse Muhe, etliche Stunden in dieser Arbeit mit ihnen im Sitzen zu zubringen, sondern er gieng auch sehr offters mit ihnen spaziren; brachte ihnen also binnen kurtzer Frist die Glaubens-Articul unserer Felsenburgischen Protestantischen Religion dergestalt bey dass ihnen, nach ihrem hefftigen Verlangen, auf beschehene Beichte und Absolution, das Hochwurdige Abendmahl gereicht wurde, als worbey sich keiner andachtiger zeigte, als der gute Vincentius, dessen Augen man fast niemahls ohne Thranen sahe; wie ich aber noch bis diese Stunde vernommen, so erkennet Herr Mag. Schmeltzer den Vincentium vor einen bekehrten Sunder und aufrichtigen guten Christen, indem er denselben, sonderlich seiner Kunste wegen, anfanglich zwar recht sehr scharff zugesetzt, endlich aber befunden, dass die meisten derselben erlaubte und in der vernunfftigen Philosophie gantz wohl gegrundete Sachen waren, die dem Christenthume, wenn sonsten keine Bosheit darbey ware, keinen Schaden thun konten.

Binnen der Zeit nun, die wir uns selbst bestimt hat

ten, auf Klein-Felsenburg zu verharren, schickten uns unsere Freunde von Gross-Felsenburg zu dreyen mahlen uberflussige LebensMittel zu, und die Mannschafft losete einander ohne Befehl, sondern recht gutwilliger Weise ab. Also konten wir recht vergnugt leben, zumahlen, da wir unsern Seelen-Sorger, als offtgemeldten Herrn Mag. Schmeltzern, so zu sagen, als einen Feld-Prediger bey uns hatten. Mittlerweile aber begab sich ein wunderlicher Streich, denn da dreyen dreusten Felsenburgern, welche mit dabey gewesen, die Hadscha zuruck zu holen, die unordentliche Lust angekommen, um zu sehen, ob deren Corper annoch auf selbiger Stelle lage, oder ob der Satan denselben etwa anders wohin gefuhret hatte, so sahen sie (ihrem Berichte nach) den Corper noch auf derselben Stelle liegen, wo sie denselben zum letztenmahle liegen sehen, wurden aber gewahr, dass 5. oder 6. Kohlschwartze Vogel, fast in der Grosse einer Gans, auf demselben sassen, und ihm die Kleider vom Gerippe abrissen; diese schwartzen Vogel bissen sich selbsten unter einander, indem sie die KleidungsStucke abrissen, und einander aus den Maulern zerreten, wenn nun aber einer oder der andere ein gut Kleidungs-Stuck, oder Lappen erhascht, schwung er sich damit in die Lufft, da denn die andern gleich aufflogen, und ihn so lange verfolgten, bis er den Lappen wieder zur Erden muste fallen lassen. Wir, (sagten unsere Reverenten ferner) bekamen zwar einen ziemlichen Abscheu vor diesem schandlichen Schauspiele, jedoch, da einer von uns im wahrenden Gehen auf einen solchen Lappen, und zwar gantz von ohngefehr, trat, den ein Vogel aus der Lufft hatte fallen lassen, so fuhlete er unter seinen Schuhsolen etwas hartes, wesswegen er weiter nachsuchte, und ein gantzes Bundlein der vortrefflichsten Diamanten und anderer Edelgesteine darinnen fand, welche man, weiln es noch heller-lichter Tag war, mehr als zu genau erkennen konte, zumahlen uns dergleichen Sachen nicht so gar unbekannt sind; Wie wir aber sahen, dass immer ein Vogel nach dem andern seinen Lappen wegen Verfolgung seiner Mit-Bruder herunter auf die Erde muste fallen lassen, so gaben wir etwas besser Achtung auf die Vogel, sonderlich aber auf die Lappen, so herunter fielen, da wir denn einen jeglichen mit Diamanten und Edelgesteinen beschweret befanden. Dieses reitzte uns an, zuruck zu dem Corper zu gehen, ohngeachtet derselbe schon einen ziemlich ubeln Geruch unsern Nasen-Lochern eingeflosset hatte; Allein wir kehreten uns daran eben so gar viel nicht, sondern waren nur beschafftiget, das Uberbleibsel von den Kleidungs-Stucken uns zu zueignen, den Corper aber in GOttes Gewalt liegen zu lassen, und dieses geschahe, ehe die Sonne sich noch gantz vollig von unserem Horizonte zuruck gezogen. Wie wir nun das hatten, was wir haben wolten, nemlich der Hadscha noch ubrigen Kleidungs-Stucke, die wir ziemlich schwer zu tragen befanden, begaben wir uns auf den Weg nach unsern Hutten, um die Gesellschafft zu suchen. Es machte uns zwar, (ohnfehlbar ein boser Geist) unterweges allerhand Firlefanzereyen vor; allein wir verspotteten ihn mit Beten und Singen.

Nachdem nun diese unsere Felsenburgischen hertzhafften Mit-Bruder ihre redliche Aussage gethan, und wir sie wohl gespeiset und getranckt hatten, warffen wir ihre mitgebrachten Lappen, wohl zusammen gebunden und verwahrt, in das allernachst bey uns vorbey rauschende Bachlein, und liessen dieselben bis andern Tages nach der Mittags-Stunde, nachdem wir alle mit grostem Appetite gespeiset hatten, darinnen herum schwimmen; nachhero aber nahmen wir diese Lappen heraus, und fanden einen kleinen Schatz von Diamanten und andern der kostbarsten Edelgesteinen darinnen, als wormit sich nicht allein die Mahlzeit, sondern auch ihr hertzhaffter Gang vielfaltig bezahlt befand.

Da aber der Monat zu Ende gelauffen, und unsere Gross-Felsenburger zum 4ten mahle uns alles in Menge zuschickten, was wir nur verlangen mochten, so waren doch noch viele Sachen abzuhandeln, welche Herr Mag. Schmeltzer reifflich uberlegte, sich aber vor seine Person selbst anheischig machte, den Neu-bekehrten zu Gefallen annoch eine Zeitlang auf dieser Insul zu verharren. Demnach fasseten wir einen baldigen Entschluss, und fuhren, als wir uns abermahls mit den auserlesensten Ertz-Stuffen fast uber die Gebuhr beladen, nach unsrer Heymath zu, gelangeten auch glucklich daselbst an.

Mich und noch andere mehr wolte es fast verdriessen, dass man unsere mitgebrachten Sachen vor gantz gering-schatzig und unbedurfftig hielte, weiln wir Ertz, Silber und Gold genug auf unserer grossen Insul hatten; Mein, da Mons. Plager darzu kam, und die Worte fliegen liess: Verachtet nicht, meine Freunde! den besondern Segen des HErrn, welcher zuweilen reich machet ohne besondere Muhe; Sehet nicht allein auf diese, sondern in die zukunfftigen Zeiten; ich aber (sagte er weiter) will, wenn es mir erlaubt ist, mir nechsten hinuber kommen, und mit Beyhulffe des beruhmren Vincentii ein Hutten-Werck anlegen, damit wir unsere Schatze zu Gute bringen konnen, denn was wil nicht brauchen, bedurffen vielleicht unsere Kinder und Nachkommen; wurden unsere Hertzen ziemlicher Massen wieder beruhiget.

Wie ich nun meine erste Aufwartung bey meiner lieben Ehefrau machte, so erzehlete mir dieselbe, dass sie in den unansehnlichen Kleidungs-Stucken der Mirzamanda und der Anna, als welche KleidungsStucke sie dem samtlichen Felsenburgischen Frauenzimmer, so zu sagen, Preiss gegeben, eine gewaltige Menge der auserlesensten und kostbarsten Diamanten und anderer sehr raren Edelgesteinen gefunden, so, dass man sich billig verwundern muste, wie diese beyden Leute, indem sie eine solche Last getragen, jedennoch dabey herum gehen und stehen konnen. Hierauf liess ich mich zur Mirzamanda fuhren, und erzehlete derselben in Gegenwart vieler Anwesenden, sonderlich aber des meisten Felsenburgischen Frauenzimmers, was uns nur vor kurtzem annoch wegen des Corpers ihrer Hadscha begegnet und sich zugetragen hatte; brachte ihr auch Diamanten und anderen Edelgesteine mit, welche wir aus der Hadscha KleidungsStucken erbeutet. Allein Mirzamanda sagte darauf: Mein Herr! es ist dennoch gut, dass nur das meiste und beste bey dieser Bestie gefunden worden, ich bitte aber instandig, man wolle sich um ihren vermaledeyeten Corper nicht weiter bemuhen, sondern denselben den bosen Geistern und den Raben zur Speise uberlassen, weiln derselbe keines bessern Schicksals wurdig ist. Die Diamanten und andern Steine aber, welche, ob sie gleich von Rechtswegen mit zukamen, verlange nicht wieder, sondern man lege sie zu den andern, welche in meiner und der Anna Kleidung gefunden worden, und thue sie hin, wo man will, denn mir ist doch vor jetzo dergleichen Zeug nichts nutze, solten sich aber meine Umstande verandern und verbessern, so will ich auch schon diejenigen Oerter wieder zu finden wissen, wo von mir und der Anna ein 100. mahl mehreres verscharret worden. Wir legten also alle diese kostbaren Kleynodien, Diamanten und andere Edelgesteine in ein besonderes Kastlein, darbey auch eine auf Pergament geschriebene Schrifft hinein, bezeichneten und versiegelten das Kastlein, worauf es mit dem darauf geschriebenen Nahmen MIRZAMANDA in die Schatz-Cammer des Regenten zur Verwahrung hingesetzt wurde.

Da nun aber fast alle Insulaner so neugierig waren,

die Lebens-Geschichte dieser Printzessin zu wissen, so nahm mir kein besonderes Bedencken, sie darum anzureden, und zu bitten, uns dieselbe zu erzehlen. Sie war mit grostem Vergnugen so gleich willig und bereit darzu, zumahlen, da sie eben aus der Kirche gekommen, worbey ich gedencken muss, dass sie sich ungemein andachtig bey dem Gottesdienste auffuhrete, und sonderlich unter der Predigt, die sie schon der Aussprache nach, fast vollkommen verstehen konte, zu vielenmahlen Thranen vergoss, und ihre Hande runge, vornemlich aber, wenn nach der Predigt der Segen vor dem Altare gesprochen wurde, da sie denn gemeiniglich heisse Thranen fallen liess. Auf mein Bitten aber, wegen Erzehlung ihres Lebens-Lauffs, gab sie mir folgende Worte zu vernehmen: Mein Herr! ihr horet und wisset, dass ich eine unformliche und sehr schwere Ausrede habe, welcher Fehler an meiner Zunge liegt, weiln ich vielleicht schon in meiner Jugend daran verwahrloset worden, oder die Natur etwa einen mercklichen Fehler an mir stifften wollen; Derowegen habet die Gute, und redet der Anna zu, dass sie euch meine Begebenheit erzehle, denn diese hat nicht allein eine weit beredtere Zunge, als ich, sondern wird auch alles vom Anfange an, bis auf diesen Tag, was meine Geschichte anbelanget, besser vorzubringen wissen, als ich selbst zu thun vermogend ware, da ich mich meiner Kinder-Jahren nicht so gar sonderlich mehr zuruck erinnern kan; Jedoch will ich ihr, wenn sie ja dann und wann etwas vergessen oder ubergehen solte, schon einzuhelffen, und sie auf dem rechten Wege der Geschichte fort zu bringen wissen.

Als demnach die Frau Anna dieserwegen angesprochen worden, liess sie sich gleich bereit und willig darzu finden, sagte aber zum voraus: wenn ich die

Lebens-Geschichte der Persianischen Printzessin

Mirzamanda aus Candahar

recht grundlich erzehlen soll, so werden mir meine allerwerthesten Zuhorer nicht ubel beuten, dass ich mich genothiget sehe, um dieselbe desto deutlicher vorzutragen, mit erzehlung meiner eigenen Lebens-Geschichte den Anfang zu machen. Es halten demnach zwar weine allerwerthesten Freunde, wie ich vernehme, mich vor eine gebohrne Hollanderin, weil nur die Hollandische Sprache unter allen andern Sprachen am besten vom Munde gehet, denn meine angebohrne Mutter-Sprache habe fast gantz und gar verlernet, ich will ihnen aber aufrichtig sagen: dass ich eine gebohrne Deutsche und aus dem Furstenthum Halberstadt geburtig bin, in welchem meine Eltern zu damahligen Zeiten, als ich gebohren worden, (welches denn vor etwa 46. bis 48. Jahren geschehen seyn mag, denn ich weiss das Jahr und den Tag meiner Geburt so eigentlich nicht) ein adeliches Ritter-Gut gepachtet gehabt, und sich, wie ich nachhero von andern vernommen, anfanglich einige Jahre hin bey dieser Pachterey sehr wohl befunden; Zu meiner Eltern Ungluck aber streifften zur selbigen Zeit eine gewisse Art Leute nicht nur in diesem, sondern auch vielen angrentzenden Landern herum, welche Ziegeuners, auch Tatars genennet wurden, sich aber nachst dem Bettel-Stabe, mit Wahrsagen, Zeichen-deuten und allerley lusen Handeln, hauptsachlich aber mit Rauben und Stehlen nahreten; da denn meine Eltern zu verschiedenen mahlen von diesem Raub-Gesindel recht empfindlich bestohlen wurden. Wie nun von der hohen Obrigkeit ein sehr strenger Befehl ergieng, dieses Volck, als Vogelfreygemachte Leute zu erkennen, und deren so viel, als man nur habhafft werden konte, entweder gleich auf dem Platze zu todten, oder dieselben in die Gefangnisse zu verschaffen; als liess sich mein Vater aus Verbitterung gegen dieses Volck oder Leute, nebst andern mehr, Tag und Nacht auserst angelegen seyn, die Zigeuner oder Tatarn auf das allerhefftigste zu verfolgen, derowegen, als er ihnen fast alle Tage nachgesetzt, ihrer 3. auf die Kopffe geschossen, und 6. oder 8. in die Gefangnisse geliefert, musten wir mit Schmertzen erfahren, dass wenige Nachte hernach unser Haus in vollen Flammen stund, und aus dem Grunde abbrandte. Dieses hatte noch hingehen mogen, allein die Tatern mochten unter sich beschlossen haben, meinen Vater noch weit empfindlicher zu krancken, derowegen, als sie wahr genommen, dass mein Vater seine 2. Kinder, nemlich mich und meinen 16. jahrigen Bruder, in ein ohnweit von unserm Hofe gelegenes Bauer-Haus brachte, damit wir uns daselbst von dem gehabten Schrecken erholen, und vor fernerer Gefahr beschutzt und gesichert seyn mochten, fielen sogleich 10. bis 12. der grimmigsten Tatarn in dieses kleine Bauer-Hauslein ein, kriegten so wohl mich, als meinen Bruder bey den Kollern, banden unsere Hande und Fusse mit Stricken, und schleppten uns, nachdem wir lange genug um Hulffe geschryen, weiter aber keine andere Hulffe herbey kommen sahen, als 2. alte Weiber und 3. Kinder, hinten durch den Garten auf das freye Feld hinaus, allwo sie uns beyden die Mauler mir Tuchern zustopften, damit wir nicht ferner Hulffe schreyen mochten. Hierauf, da sich, wie wir beobachteten, eine gantze Compagnie halb zu Pferde und halb zu Fusse auf dem Platze versammlet hatte, banden sie uns auf Pferde, und reiseten in schneller Eile mit uns von dannen, blieben aber, wie ich bemerckte, niemahls in der geraden Strasse, sondern nahmen allerhand Umwege, bis wir endlich, nachdem unterwegs noch viele Tatars zu uns gestossen, auch wir des darauf erfolgten Tages unsere Sicherheit in den allerdunckelsten Gebuschen gesunden, in der auf selbigen Tag folgenden sehr finstern Nacht das so genannte Gotteslager vor der Stadt Wolffenbuttel erreichten, allwo sich, wie ich bemerckte, unsere Gesellschafft in 3. Gasthofe vertheilete, und die Abrede unter einander nahm, dass wir morgen mit anbrechendem Tage auf Braunschweig zu reisen wolten.

Wir armen beyden Geschwister konten zwar wohl freylich das uns zugestossene Ungluck niemanden anders, als unserm leiblichen Vater Schuld geben, weiln er in Verfolgung der Tatarn gar allzu hitzig gewesen; jedoch hier war weiter nichts zu thun, als dass wir uns mit Gedult in unser Verhangniss schickten, und vor unsere Eltern beteten. Inmittelst wurden wir von unsern Tatarn im Gasthofezum aufs allerherrlichste und kostbarste bewirthet und verpflegt, hatten unsere besondere Stube und Cammer, worinnen 2. wohlgemachte Betten stunden, und einen Tatar-Jungen, wie auch ein Tatar-Magdgen zu unserer Bedienung, es wurde uns aber bey Verlust unseres Lebens anbefohlen, mit den Wirths-Leuten kein eintziges Wort zu reden, viel weniger ihnen, oder jemand anders unsern Zustand zu klagen; woferne wir aber stille und klug leben wolten, so solten wir unser Gluck nicht ubersehen konnen. Weiln wir nun, aus Furcht unser Leben einzubussen, dem strengen Befehle gehorsameten, so kam gleich des dritten Morgens ein Schneider mit seiner Frau, welcher meinem Bruder und mir das Maass zu neuen Kleidern nahm, ingleichen kam ein Schuster, welcher mir und meinem Bruder das Auslesen unter seiner Waare gab, deren er einen starcken Vorrath in 2. Korben herbey bringen liess, da denn ich mir 3. Paar Pantoffeln und Schuhe, mein Bruder aber sich eben so viel auslesen muste. Binnen zweyen Tagen stellete sich der Schneider wieder ein, und brachte vor meinen Bruder ein rothes Scharlachenes sauberes Kleid, dessen Camisol und Bein-Kleider starck mit goldenen Tressen bordirt waren; Nachst diesem noch ein anderes grunes Kleid, dessen Camisol und BeinKleider mit Silber bordirt, ausser diesen beyden aber noch ein Strapazier-Kleid.

Ich vor meine Person bekam gleichfalls 2 gantz neue Kleider, roth und grun, und uber diese noch ein Altags Kleid zum Strapazieren, alles nach der neuesten Mode gemacht, da hingegen mein Bruder noch 2. gantz neue Schlaf Rocke bekam, nemlich einen damastenen und einen etwas schlechtern zur Strapaze. Auser diesem empfieng mein Bruder einen Degen mit einem silbernen Griffe und zubehorigem Gehange, ein sauber beschlagenes Spanisches Rohr, 2. bordirte Huthe, Peruquen und sonsten alles, was vonnothen ist, einen Cavalier aus die Parade zu stellen. So wurde uns auch weisse Wasche, und zwar die allerfeineste mit darunter, 6. sach gereicht. Wir armen Kinder wusten uns, wie man leicht erachten kan, in unser Schicksal nicht zu finden, vielweniger dasjenige zu begreiffen, was der Himmel mit uns vorhatte, anbey kranckten wir uns uber weiter nichts so sehr, als dass wir mit allen donen Leuten so zu uns kamen, und mit uns handelten, kein eintzig Wort sprechen durfften, denn unsere bestellte Aufseher gaben noch viel arger auf unsere Augen und Mauler Achtung, als wie die Schiess-Hunde zu thun pflegen. Die Tatars liessen uns eines Abends sagen, dass wir beyde Geschwister uns folgenden Morgen auf das allersauberste ankleiden solten, weiln sie doch gern sehen mochten, was sie vor Creaturen bey sich fuhreten, wie nun zu dem Ende etliche Aufwarter und Bediente fruh Morgens, und zwar fast vor Anbruch des Tages zu uns kamen, und uns weckten, auch von den Fussen an bis auf die Haupter bedieneten, so sahen wir uns recht gezwungener Massen, ehe etwas weiters darauf erfolgen mochte, dem gnadigen Befehle Gehorsam zu leisten, liessen uns also, alle beyde heraus schniegeln und putzen, wie man sagt, die Ochsen. Nachdem es nun gemeldet worden, dass wir in Gala-Habit befindlich waren, kamen 4. der altesten Tatarischen Manns-Personen, und eben so viel alte Weiber die ich in meinen Gedancken vor Hexen und Zauberinnen erkannte, als worinnen ich mich vielleicht auch nicht betrogen habe, und nahmen uns beyde in Augenschein, bezeigten auch ihr Vergnugen auf eine seltsame Art, nur aber dieses war so wohl meinem Bruder, als mir zuwider, ja es gereichte uns fast zum Eckel, dass sie uns so gar sehr offters umhalseten und kusseren. "Sehet ihr nun, ihr lieben Kinder! (sagte die eine alte Hexe) dass wir euch glucklich gemacht haben? aber dieses ist noch nichts gegen das, was euch noch beschehret und zugedacht ist. Folget nur uns, so kan es euch nicht fehlen, vor allen Dingen aber haltet die Mauler zu, und plaudert nichts von demjenigen aus, was ihr etwa gesehen und gehoret habt."

Wir hatten hierauf beyderseits die besondere Gnade, dass uns die altesten und vornehmsten Tatarn vor diesesmahl an ihre Taffel zogen, welche recht Furstlich angerichtet war; in folgenden Tagen aber wurde uns nur in unserer Stube der Tisch gedeckt, und es speiseten allezeit 3. Tatarische Mannes- auch eben so viele alte Weibs-Personen mir uns, jedoch die Speisen und Getrancke waren Mittags und Abends allezeit herrlich und kostbar, ja, wir durfften nur kuhnlich fordern, was wir etwa sonsten besonderes verlangeten, so war alles in moglichster Geschwindigkeit herbey geschafft. Meinem Bruder, welcher ohngeachtet er noch ein einfaltiger Knabe war, kamen die spitzfindigen Gedancken in den Kopf, dass er von einer alten Tatars-Frau begehrte, ihm zum Zeitvertreibe einige geistliche Protestantische Bucher zu verschaffen, um sich darinnen in seinem Christenthume zu uben, worbey er ihr versprach, dass sie das erste und beste Gold-Stuck, welches er bald zu empfangen verhoffte, von ihm zur Danckbarkeit haben solte. Nein, mein Sohn! (versetzte hierauf die alte Hexe, indem sie einen grossen Beutel mit Gold-Stucken heraus zohe, und vor meinen Bruder auf den Tisch legte) ich brauche eure Gold-Stucken nicht, leset euch aber nebst eurer Schwester hier so viel von dem Meinigen aus, als ihr etwa zu eurer Lust zu gebrauchen gedenckt, denn ich weiss gewiss, dass die Zeit nicht weit entfernt ist, da ihr mir diese Gold-Stucke gedoppelt und dreyfach wieder bezahlen werdet, ihr moget auch nehmen, so viel ihr nur wollet. Protestantische Bucher aber will ich euch gleich holen lassen, und sonderlich die Deutsche Bibel, nebst zwey Geber- und Gesang Buchern. Mein Bruder und ich stutzten uber dieser alten Hexe Reden, es wolte aber keines von uns beyden sich an ihrem Geld-Beutel vergreiffen, wesswegen sie ungedultig zu werden schien, den GeldBeutel ausschuttete, und uns 12. halbe Pistoletten zuzehlete, auch sogleich einen Pasch-Wurffel nebst einer Spiel-Karte herbey brachte, und sagte: Nun, meine Kinder, spielet um diese Rechen-Pfennige, ich will doch meine Lust haben, zu sehen, wer unter euch beyden dieselben zusammen bringen und gewinnen wird, und wer sie gewinnet, dem follen sie alle von mir geschenckt seyn.

Wir armen Gefangenen spieleten zwar beyderseits mit schweren Hertzen einige Spiele, so wohl nach unserer annoch kindischen Art mit Karten und Wurffeln, da denn die alte Hexe sehr genau auf eines jeden Gluck und Ungluck Achtung gab, endlich aber, da fast uber 2. bis 3. Stunden mit dem Spielen zugebracht waren, kamen die Bucher angezogen, als nemlich nicht allein die Bibel, sondern auch andere vortreffliche Protestantische Bucher, alle in saubere Bande eingebunden, und verguldet auf dem Schnitt, wesswegen wir uns die Spiel-Gedancken aus dem Hertzen und Kopffen verjagten, und uns uber die Bucher hermachten. Ohngeachtet nun mein lieber Bruder alles zusammen gebracht, mithin der Alten ihre 12. halben Pistoletten wieder zuzehlete, so wolte diese doch dieselben gar nicht annehmen, sondern sagte: Hebet diese Dinger auf, meine Kinder! bis euch die Lust zum Spielen wieder ankommt.

Solchergestalt verlieffen 6. bis 8. Wochen, da wir alle Tage wohl lebten, von den alten Tatarn oder Zigeunern aber sehr selten einige zu sehen bekamen, als dass wir etwa dann und wann von zweyen oder dreyen besucht wurden, die uns denn allezeit die grosten Liebkosungen erwiesen, wormit uns aber wenig gedienet war, denn wir hatten weit lieber gesehen, dass man uns unsere Freyheit gegeben, da uns denn nicht verdriesslich fallen sollen, den Ruckweg zu unsern Eltern mit dem Bettel-Stabe zu suchen.

Endlich wurden wir, nachdem die Stunde unserer Erlosung herangenahet, in den Mitternachts-Stunden von den Tatarn in unserm Schlaffe gestohret und aufgeweckt, mit dem Andeuten, dass wir uns in aller Eile ankleiden und fertig machen solten, mit ihnen nach Braunschweig zu reisen, damit wir diese grosse schone Stadt auch zu sehen bekamen. Niemand war hurtiger und vergnugter, als mein Bruder und ich, indem wir dieses horeten, da uns an Veranderung der Lufft gar viel gelegen, und wir die Hoffnung hatten, dass sich bey der Gelegenheit auch unsere Umstande vielleicht andern konten. Wir fanden uns demnach bald auf dem Platze ein, und bemerckten, dass 6. bis 8. zugemachte Kutschen daselbst befindlich, in deren eine wir alle beyde steigen musten, auser diesen aber sahen wir etliche 20. Mann zu Pferde, worunter viele waren, die die kostbarsten Kleider und schonstes PferdeZeug fuhreten. Es giengen also, nachdem wir ein gestiegen waren, die Kutschen in der allerschnellesten Eile uber Stock und Steine, bis wir fruh Morgens bey Aufgang der Sonnen einen an der Strasse liegenden grossen Gast-Hof erreichten, in welchem wir beyde sahen, dass wir uns nicht mehr unter Tatarn, sondern vielmehr unter den vornehmsten Cavaliers und Dames befanden, welche sich alle auf das allerpropreste angekleidet, auch von dem Wirthe und allen den Seinigen aufs demuthigste empfangen, und auf das allerkostbarste tractiret wurden. Meines Behalts hielten wir uns eben nicht gar zu lange in diesem Gast-Hofe auf, ich kan aber auch nicht sagen, wie und wenn wir von dannen abgefahren sind, vielweniger, was mir und meinem Bruder zugestossen war, denn wir konten am Mud- und Mattigkeit kaum stehen, vielweniger ein Auge offen halten. Unterdessen, da wir uns nach einiger Zeit einiger Massen ermuntert hatten, erfuhren wir von den Wirths-Leuten, dass wir uns in Braunschweig befanden, und dass alle unsere Geferten, so wohl mannliches als weibliches Geschlechts, in die Gefangnisse gebracht waren, auch meistentheils in Ketten und Banden sassen. Nachdem wir nun dieses Schicksal mit Schrecken vernommen, und nach unserer Einfalt einiger Massen uberlegt, kamen die Gerichts-Diener, und holeten auch mich und meinen Bruder, nebst allen bey uns habenden Sachen ab, als welche uns doch noch von den Tatern waren zuruck gelassen worden. Man legte uns alle beyde augenblicklich in Ketten und Banden, und wir wurden auf schwere und scharffe Articul befragt, wie wir aber in allen Stucken die reine lautere Wahrheit aussagten, so wurde erstlich in unser Vaterland geschrieben, um zu erfahren, ob wir auch in allen Stukken richtig waren; wie nun dieserhalb vor uns gute und gewunschte Briefe zuruck kamen, so wurden wir zwey armen Sunder zwar frey gesprochen, allein es schmertzte uns doch nicht wenig, dass wir gantzer 14. Tage unschuldiger Weise in Ketten und Banden sitzen mussen. Jedoch in Betrachtung dieser und aller unserer Umstande, war die Obrigkeit so barmhertzig, uns nicht allein alle Bagage zu lassen, die uns von den Tatarn geschenckt worden, sondern es bekamen noch uber dieses mein Bruder und ich ein jedes 100. spec. Ducaten ausgezahlt, mit der Verwarnung, dass wir uns je ehe je lieber aus dem Staube machen, und unsere Personen in weitere Sicherheit bringen mochten, womit wir uns endlich noch so ziemlich befriediget befanden.

Allein, es wird ihnen vielleicht nicht entgegen seyn, wenn ich melde, dass, wie wir hernach erfahren, sich unsere Taters durch die Thore gantz listiger Weise eingeschlichen, indem sie die Nahmen unbekannter Cavaliers, ja gar Graflicher Personen angenommen; Es war aber dieses sehr fruhzeitig offenbar, sie aber vor Spitzbuben, Rauber. Diebe, Morder und dergleichen erkannt worden, wie denn wenig Tage hernach ihrer etliche nach andern Stadten ausgeliefert worden, allwo sie ihren verdienten Lohn mit Schwerd-Streich, Hangen, Radern und dergleichen nach kurtzen Processen empfangen. Noch muss ich melden, dass, nachdem sie befragt worden, was sie denn hatten mit uns beyden Geschwistern anfangen wollen? ihre Aussage diese gewesen: dass sie uns alle beyde nach Amsterdam fuhren wollen, um uns an 2. Turckische SeeRauber, die sich unter verdeckten Nahmen daselbst aufhielten, und ihre guten Freunde waren, zu verkauffen, um vor unsere Personen ein gut Stuck-Geld zu erhalten, sonderlich vor meine Person / weilen ich zu derselben Zeit noch nicht mannbar, sondern ohngefehr nur 14. Jahr alt war. Hierbey hatten sich, nachdem sie dieses alles auf der Folter bekannt, sehr viele Briefe gefunden, die sie mit den Turckischen See-Raubern in Amsterdam gewechselt. Nun hielt sich damahls ein Evangelisch-Lutherischer Kauffmann in Braunschweig auf, welcher sein Haupt-Contoir in Amsterdam hatte, dieser wurde geruffen, und ihm die Briefe gezeigt, als in welchen grausame Bosheiten und andere der Handelschafft sehr nachtheilige Sachen zu lesen waren. Der Kauffmann machte sich eine grosse Freude daraus, dass er hinter dieses Geheimniss gekommnen war, demnach aber sogleich fertig, auf das allereiligste nach Amsterdam zu reisen. Wie nun aber dieser redliche Mann meine und meines Bruders Umstande erfahren, liess er uns zu sich kommen, und sagte: Meine Kinder! ich habe von euren betrubten Umstanden viel erfahren; allein verzaget nicht, sondern vertrauet auf GOtt und auf mich, denn ich will euch alle beyde an Kindes-Statt auf und annehmen, mit mir nach Amsterdam fuhren, ohne dass es euch das geringste kosten soll, daselbst aber, so lange ihr fromm, getreu und redlich seyd, euer Gluck nechst gottlicher Hulffe dergestalt machen, als ihr dasselbe bey euren leiblichen Eltern und Freunden wohl Zeit eures Lebens nimmermehr finden werdet.

Meinem Bruder und mir kam dieser ansehnliche, schone und liebreiche Mann nicht anders vor, als ein uns vom Himmel zugeschickter heiliger Engel GOttes, wesswegen wir uns kein langes Bedencken nahmen, mit ihm zu reisen, sondern ihm die Hande unter Vergiessung vieler Freuden-Thranen kusseten, auch wenig Tage hernach mit ihm die Reise nach Amsterdam antraten, die wir in gewohnlicher Zeit zuruck legten, und gesund und frisch daselbst anlangten. Unser Versorger hielt uns bey allen Gelegenheiten nicht anders, als ob wir seine leiblichen Kinder waren, aber es war ein bejammerns-wurdiger, ja, fast unersetzlicher Schade vor uns, dass dieser redliche Mann kaum 6. oder 8. Wochen nach unserer Ankunfft, nachdem er, wie ich sicher glaube, von seinem bosen Weibe und dann auch den hauffigen Schuldnern einen allzugrossen Theil von Gifft und Galle einschlingen mussen, sich auf das Krancken-Bette legte, und binnen 3. Tagen gesund und tod war.

Dergestalt hatte sich die Sonne unseres Glucks auf einmahl wieder unter die truben Wolcken versteckt, denn unsers Wohlthaters Eheweib, welches der GeitzTeufel gantz und gar besessen hatte, wolte uns nicht einmahl das Unserige heraus geben, geschweige denn das, was uns ihr verstorbener Mann in seinem Testament vermacht hatte, als welches sich auf 800. Hollandische Gulden belieff; Jedoch der Priester an der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amsterdam war so gutig, vor uns zu sorgen, so, dass wir nicht allein das Unserige, sondern auch die ererbten 800. Fl. ausgezahlt bekamen. Nun hiess es: wo weiter hin? Allein, da wir zu sorgen kaum angefangen hatten, hatte der Himmel schon vollkommen fur uns gesorgt, indem der Priester mich in sein Haus nahm, um seiner Frauen aufzuwarten, die ebenfalls eine gebohrne Deutsche war, und sich ungemein liebreich gegen mich erzeigte; meinen Bruder aber brachte eben dieser wackere Priester bey einen Rechts-Gelehrten oder Procurator, indem mein Bruder die Feder, so wohl in Lateinischer als Deutscher Sprache, schon gantz geschicklich fuhren konte, vor der Hollandischen Sprache aber war ihm so wenig bange, als mir, weilen diese einem Deutschen zu lernen gar nicht schwer fallt.

Demnach waren wir alle beyde abermahls versorgt, denn mein Bruder sagte mir, so offt wir zusammen kamen, dass er die beste Zeit hatte, und bey jetzigen Jahren sich kein besseres Gluck wunschen mochte. Mit mir hatte es eben dergleichen Beschaffenheit, denn ich wurde von meiner Frau Pastorin nicht etwa als Magd, sondern als eine leibliche Schwester, ja fast so gut, als ihr eigen Kind gehalten. Das allerschonste und vortrefflichste bey der gantzen Sache war dieses, dass mich der Priester taglich fast vom Morgen bis in die Nacht im Christenthum herum tummelte, und dergestalt fest darinnen setzte, dass ich einem jeden von unsern Protestantischen Glaubens-Articuln vollkommene Rede und Antwort zu geben mich noch jetzo im Stande befinde. O Himmel! hatte ich doch nur diese guten Tage und Zeiten in stiller Gemuths-Ruhe ertragen konnen! aber so liess ich mich den Satan verblenden, der es dahin brachte, dass ich mich mit einem Schiffs-Officier, welches ein ungemein schoner Mensch war, auch etliche 1000. Fl. werth aufzuweisen hatte, ehrlich verlobte, und darbey versprach, die Reise nach Ost-Indien mit ihm anzutreten, welches alles er denn durch seine gantz ausserordentliche Schmeicheleyen, indem er ein gebohrner Franzose war, so weit brachte, jedoch, GOtt sey noch jetzo davor Danck gesagt, niemahls den Zweck in Erlangung seiner wollustigen Absichten bey mir erreichen konte, sondern ich speisete ihn jederzeit damit ab, dass ich mich vorjetzo nicht weiter mit ihm einlassen wurde, bis ich sahe, wo meines Bleibens ware. Er fuhrete sich demnach, als er meinen harten Ernst vermerckte, jederzeit sehr vernunfftig auf, da aber die Zeit kam, dass er unter Seegel gehen solte, that er mir solches zu wissen. Wie ich nun zwar noch Zeit genug ubrig gehabt hatte, mich anders zu besinnen, und mein ihm gethanes Versprechen zuruck zu ruffen, so weiss dennoch bis diese Stunde nicht eigentlich, wie mir zur selben Zeit zu Muthe war, ja ich glaube sicherlich, es muste mich dieser Mensch bezaubert haben, dass ich nicht von ihm ablassen konte, packte derowegen bey nachtlicher Weile alle meine Habseligkeiten ein, und begab mich damit zu meinem Liebsten, ohne vorhero Abschied weder von meiner Herrschafft, noch von meinem Bruder zu nehmen.

Es war mein Liebster ungemein erfreut, dass ich mein Wort gehalten hatte, und zu ihm gekommen, denn seinem Sagen nach, war ihm die Zeit schon allzu lang worden; wir giengen auch bald darauf unter Seegel, und nahmen die ordentliche Strasse nach Ost-Indien zu, allein Sturm, Wetter und Wind kehreten sich nicht an unsere vorgesetzte Ordnung, sondern unterbrachen dieselbe bald, indem sie uns von der ordentlichen Ost-Indischen Strasse bald ab, bald nach ihren wutenden Wellen hin und her, und endlich gantz auser der ordentlichen Strasse, an die Persianischen Kusten trieben, jedoch, ehe wir dieselben erreichten, zerscheiterten alle unsere 3. Schiffe, die damahls mit einander in Compagnie reiseten. Ich hatte nicht allein den jammerlichen Anblick, meinen vor wenig Tagen angetrauten Mann von einem Schiffs-Stucke herunter zu sturtzen, und ertrincken zu sehen, sondern muste mir auch gefallen lassen, dass ich von unsern besten Sachen kaum den 4ten Theil zu Lande bringen und retten konte; Allein es halff mir auch dieses nichts, denn die Herren Persianer, welche schon von ferne gesehen hatten, was in dasiger Gegend vorgangen war, fuhreten sich nicht allein so unhoflich auf, alles das, so wir doch schon zu Lande gebracht, als ob es ihr Eigenthum ware, hinweg zu nehmen, sondern auch mich, nebst noch 3. andern jungen Europern in die Sclaverey zu fuhren.

O! wie winselte, seuffzete und weinen ich unterweges, auf der ziemlich langen Strasse bis nach Candahar, und beklagte also nunmehr erst viel zu spat, dass ich nicht bey meinen lieben Priesters-Leuten in Amsterdam geblieben ware, wenn ich aber nun vollends an meinen lieben Bruder gedachte, als welcher ein besser Theil, als ich, erwehlt hatte, so wolten sich meine Thranen-Quellen fast durch nichts verstopfen lassen. Die 16. Persianer, die des Fursten von Candahar Unterthanen waren, und uns 4. Arrestanten zwischen sich inne fuhreten, bezeugten sich inzwischen gantz hoflich und freundlich gegen uns, machten nicht allein kurtze Tage-Reisen von 2. bis 3. Deutscher Meilen, sondern verpflegten uns auch unterwegs, wo nur etwas zu bekommen war, mit den allerbesten Speisen und Getrancke, gaben uns auch mehr des besten Persianischen Weins zu trincken, als Wasser, welches wir nur verstohlner Weise trincken musten. Nachdem wie aber (die Rast-Tage mit eingeschlossen) fast einen gantzen Monat auf der Reise zugebracht, gelangeten wir endlich auf einem Lust-Schlosse des Fursten von Candahar an, welcher eben damahls auf demselben nebst seiner Gemahlin residirte. Er bezeigte ein besonderes Vergnugen uber die jungen wohlgewachsenen Europer, mich aber stellete er seiner Gemahlin vor, die, als sie durch einen Dollmetscher von mir vernommen, wer ich sey, und wie meine Umstande beschaffen waren? mir so gleich die gnadige Erklarung that: ich solte mich beruhigen, und vor gar nichts sorgen, sondern in ihren Diensten bleiben, da sie denn auf das allermoglichste und beste vor mein Wohlergehen sorgen wolte.

Es war diese Dame eine unvergleichlich schone und liebreiche Furstin, ja, fast eben so schon, als ihre dermahlen sich auf dieser Insul befindende Tochter Mirzamanda. Wie ich nun dieser Furstin Leutseligund Gutigkeit wegen sogleich des ersten Tages uberfuhret wurde, indem sie gantz und gar kein demuthiges Bezeigen von mir erdulten wolte, so gewann ich dieselbe recht von Hertzen lieb, sie aber machte mich in wenig Tagen wurcklich zu ihrer Haus-Hosmeisterin, nachdem der Furst, ihr Gemahl, denen 3. mitgebrachten wohlgewachsenen Europern unter seiner Leib-Guarde Officiers-Platze gegeben, und dieselben vorhero recht reichlich beschenkt, auch mir ein Geschencke an Gold- und Silber-Werck zuschickte, das wenigstens 500. Hollandische Gulden werth zu schatzen war. Bey dem allen aber blieb der Neid und die Verfolgung des ubrigen Furstlichen Frauenzimmers nicht lange aussen, indem sie sahen, dass ich in vielen Stucken ein Vor-Recht vor ihnen hatte, auch mehr befehlen durffte, als diese oder jene. Jedoch ich betete fleissig, verrichtete alles mir anvertraute mit der grosten Treue und Redlichkeit, bemuhete mich im ubrigen, auf alle mogliche, aufrichtige und wohl erlaubte Art, mir die Gunst und Gnade meiner Herrschafft, durch Leistung getreuer Dienste, zu zuwenden. Hierinnen fehlete ich denn auch nicht, sondern der Dollmetscher, welcher ein gebohrner Hollander, Protestantischer Religion war, versicherte mich dessen zum offtern, welches ich auch ohne dem, daraus abmerkken konte, da mich so wohl der Furst, als die Furstin von Zeit zu Zeit mit den kostbarsten Geschencken fast uberhaufften.

Niemand stund mir mehr im Wege, als 2. verfluchte Persianische Weiber, welche Anbeterinnen des Feuers waren, und der Furstin die Schwartzkunstlerey lernen solten, worzu sie ein gantz besonderes Belieben trug, es auch binnen weniger Zeit sehr weit darinnen brachte, so, dass sie manchen lustigen Possen anstifften konte. Unter andern kam dem Fursten einsmahls an, bey dem allerschonsten Sommer-Wetter spazieren zu fahren, da aber die Furstin nicht mitfahren wolte, sondern sich damit entschuldigte: dass es binnen wenig Stunden gewaltig zu regnen anfangen wurde; wolte sich der Furst von dieser Spazier-Fahrt dennoch nicht abhalten lassen, sondern nahm ein gewisses Fraulein, auf welches er vor vielen andern gantz besonders viel hielte, zu sich auf den offenen Wagen, wesswegen die Furstin, vielleicht aus Eifersucht, sprach: "Fahret nur hin, aber nicht gar zu weit, denn ich will euch bald dergestalt baden, dass ihr bald zuruck kommen, und euch trocknen sollet."

Der Furst war also kaum eine halbe Stunde Weges fortgefahren, als die Furstin allen ihren Bedienten, so viel deren nur zugegen waren befahl, dass ein jedes ein mit Wasser angefulletes Geschirr herbey bringen solte, und zwar je grosser, je besser. Wir gehorsameten demnach alle ihrem Befehle, und brachten eine gewaltige Anzahl grosser und kleiner mit Wasser angefulleter Geschirre, setzten dieselben auf den Platz, so wie sie nach einander folgten, hin, da denn die Furstin sprach "wir solten es alle so machen, so wie sie es machte." Hierauf trat sie vor das allergroste WasserFass, sprengete mit beyden Handen das Wasser heraus, und gen Himmel zu; Wir thaten alle dergleichen, und nachdem die Gefasse 3. mahl wieder voll gefullet worden, und alles Wasser heraus gesprenget war, sagte sie: "Nun horet auf, meine Kinder! denn sonsten mochten wir die beyden Verliebten wohl gar ersauffen, ein jeder gehe nun nur hin, und thue sich in Kuche und Keller nach seinem Appetite etwas zu gute, denn auf Heute ist euch von mir alles vergonnet und erlaubt."

Es befand sich keiner unter allen Hof-Bedienten, so wohl mannlichen als weiblichen Geschlechts, der sich diesen letztern Befehl der Furstin deutlicher erklaren zu lassen gesonnen gewesen, sondern es gieng ein jeder hin, und that sich emmahl was rechts zu gute, der liebe Furst aber nebst seiner Fraulein kamen erstlich nach Verlauffe zweyer Stunden zuruck, und sahen beyde aus, wie die gebadeten Katzen, woruber die Furstin ein hefftiges Hohn-Gelachter aufschlug, allein, da der Furst vielleicht bemercken mochte, dass er sich in etwas gegen seine Gemahlin vergangen hatte, machte er vor dieses mahl aus der gantzen Sache einen hoflichen Spas oder Schertz, und liess sich auf das kalte Bad in eine warme Bad-Stube bringen, auch darinnen gut pflegen, kam aber dennoch so wohl als seine Fraulein in dreyen Tagen nicht ordentlicher Weise zur Taffel, vielweniger in der Furstin, als seiner Gemahlin, Zimmer.

Als dieser Streich kaum vergessen war, begab sich bald eine andere Geschichte: Denn da der Furst eine grosse Jagd angestellet, liess derselbe bey seiner Gemahlin anfragen ob es ihr beliebte, mit ihm in einem offenen Wagen zu fahren, um diese Jagd-Lust mit anzusehen? Hierauf liess die Furstin zur Antwort melden, wie sie bereit und willig darzu sey, indessen sahe sie lieber, wenn ihr Herr Gemahl die Fraulein N. zu sich auf seinen Jagd-Wagen nahme, da sie denn mit ihrem Frauenzimmer seinem Jagd-Wagen nachfolgen wolte, und zwar in einem zugemachten Wagen. Es wurde demnach die Fraulein N. genothiget, mit dem Fursten auf seinem Jagd-Wagen zu fahren, es liess aber diese zuruck melden, wie sie es vor eine besondere Gnade erkennen wurde, wenn sie die Erlaubniss erhielte, dass sie vor diesesmahl der Jagd zu Pferde reutend beywohnen durffte. Demnach wurde ihr der Wille gelassen, sie erschien also zu Pferde, der Furst aber mir dem Jagd-Wagen, auf welchem er einen Cavalier an seine Seite genommen, die Furstin hingegen in einem zugemachten Wagen, in welchem ich und noch 2. Frauenzimmer, als ihre Vertrauten bey ihr fassen. Wie nun die Fraulein M. im vollen Gallop auf uns zugeritten kam, so wurde sie von der Furstin angeruffen und gefragt: Warum sie sich nicht besserer Bequemlichkeit gebraucht, und sich zu dem Fursten in den Jagd-Wagen gesetzt, dem Cavalier hergegen das Pferd zum Reuten uberlassen hatte? Hierauf gab das Fraulein gantz hohnisch zur Antwort: Ich furchte mich vor diesem Jagd-Wagen, weilen besorge, dass ich etwa noch einmahl mochte gebadet werden; will also lieber reuten, denn so schiesset das Wasser desto geschwinder vom Corper ab. "Warte! warte! (sagte die Furstin zu uns, die wir bey ihr in dem Wagen sassen) ich will dich reuten lernen, gebt nur Achtung, meine Lieben! was vor eine artige Reuterey vorgehen soll." Hierauf nahm die Jagd ihren Anfang, und es wurde viel Wildpret erlegt, jedoch die Fraulein N. welche sich gantz besonders angelegen seyn liess, ihre Kunste sehen zu lassen, und derowegen ihr Pferd auf das hefftigste strapazirte, sturtzte unvermuthet mit demselben, so, dass sie auf der Erden liegen blieb, ehe ihr nun die herzu eilenden Jager noch zu Hulffe kommen konten, kam ein entsetzlich grosser Bar aus dem Gebusche hervor gesprungen, kroch mit seinem dikken Kopffe dem Fraulein zwischen die Beine, und huckte sie dergestalt auf seinen Rucken, dass sie ordentlicher Weise auf ihm reuten muste, und also trug sie dieser grosse Bar erstlich uber 300. Schritte weit fort, gieng auch nicht etwa langsam oder bedachtsam, so, wie andere Baren zu gehen pflegen, sondern er eilete nicht anders, als wenn jemand mit einer KnotenPeitsche hinter ihm drein ware. Die Furstin hatte vor Lachen fast zerbersten mogen, als sie dieses Schau Spiel sahe, und rief immer zum Wagen heraus: Reut zu! Reut zu! Im Gegentheil waren nicht allein der Furst, sondern auch alle Jager dergestalt in ein Schrecken gerathen, dass sie nicht wusten, was sie thun solten, denn Feuer auf den Bar zu geben, oder mit Pfeilen nach ihm zu schiessen, schien ihnen gar kein Rath zu seyn, weilen sie noch leichter das liebe Fraulein, als den Bar verwunden, oder gar todten konnen. Derowegen machten sie ein grassliches Geschrey, und bliesen in ihre Jagd-Horner, allein, je offters sie dieses wiederholten, je besser sich der Bar auf das Lauffen begab, eben als wenn er die Sporn bekame. Endlich aber, nachdem der Bar seine Reuterin accurat 1000. halbe Manns-Schritte getragen hatte, warff er sie ab, liess sie liegen, und begab sich wieder in den dicken Wald hinein.

Nun lieff, was Beine hatte, um zu erfahren, ob das gute Fraulein N. noch lebte, oder sich zu Tode geritten hatte, allein wir traffen sie zwar noch lebendig, jedoch in einer starcken Ohnmacht liegend an, wesswegen sie in unsern Wagen getragen, mit starcken Gewassern und Balsamen fast halb gebadet, und endlich sehr schwach und kranck nach Hause gebracht wurde.

Eben dieser Fraulein begegnete einige Zeit hernach noch ein reckt possierlicher Streich, und zwar dergestalt: Der Furst, welcher einige Officiers und vornehme von Adel beyderley Geschlechts zu sich eingeladen, beredete dieselben gegen Untergang der Sonnen, da die allerangenehmste Witterung war, mit ihm und seiner Gemahlin Lustwandeln zu gehen, wie sie nun einen besonders grunen Platz antraffen, so befahl der Furst, dass einige der kostbarsten Erfrischungen herbey gebracht werden solten, ingleichen etliche Sofa, wie nicht weniger einige Teppiche, um sich darauf nieder zu lassen.

Als nun dem Befehle gehorsamet worden, setzte der Furst selbst der Fraulein N. einen Sofa zu seiner lincken Hand, weilen seine Gemahlin ihm bereits zur rechten sass; allein das Fraulein drehete sich erstlich eine lange Weile um den ihr gesetzten Sofa herum, und schlich sich endlich mit guter Art gar davon hinweg. Da sie wieder zuruck kam, nothigte sie der Furst nochmahls, sich neben ihn zu setzen, da die ubrigen Gaste fast Circkel-rund um ihn und seine Gemahlin herum sassen und lagen, jedoch das eigensinnige Fraulein verschmahete den Sofa abermahls, wesswegen der Furst einen kostbaren Turckischen Teppich zu seinen Fussen ausbreitete, ein Polster darauf legte, und sie bat, dass sie bey ihm mochte sitzen bleiben; aber, wie gesagt, der Eigensinn dieser Fraulein wolte auch dieses nicht zulassen, sondern sie nahm ihr Schnupf-Tuch heraus, breitete dasselbe uber einen frisch aufgeworffenen Maulwurffs-Hauffen, und sagte dabey: dieses soll mein Platz seyn, worauf ich sitzen will. Die Furstin fieng hieruber gantz hertzlich zu lachen an, und sagte: "Liebe Fraulein! auf ihrem Platze mochte ich wohl nicht sitzen, denn ich traue den Maulwurffen nicht gar allzu viel zu." Hierauf gab das Fraulein zur Antwort: "Wenn Maulwurffe drinnen sind, und etwas mit mir zu thun haben wollen, so mogen sie heraus kommen, und sich zeigen." Nach diesen ausgesprochenen Worten schlich sich die Furstin auf wenige Minuten bey Seite, und da ich ihr nachfolgte, bemerckte ich, dass sie sich ein etwa Fingers-langes Pflockgen von einem grunen Busche abschnitt, und eben dieses Pflockgen practicirte, (die Furstin,) mit guter Art und in moglichster Geschwindigkeit in den unter der Fraulein Schnupf-Tuche bedeckten Maulwurffs-Hauffen, da denn, ehe 3. Minuten vergiengen, immer ein Maulwurff nach dem andern unter dem Schnupf-Tuche hervor gekrochen kam, und der Fraulein unter den Kleidungen hinauf lauffen wolte, woruber denn das gute Fraulein hefftig zu schreyen und zu kreischen anfieng. Es wurden aber endlich der Maulwurffe so viel, die in dem Creyse, den wir geschlossen hatten, herum lieffen, dass man sie fast nicht mehr zahlen konte, darbey war lustig anzusehen, dass, wenn mit einer Spitz-Ruthe oder Stabe nach ihnen geschlagen wurde, sich diese Art von Maulwurffen augenblicklich in die Lufft erhoben, und wie die Fleder-Mause davon flogen. Es war dieses nun zwar ein Haupt-Spas, allein das gute Fraulein hatte sich dennoch uber die Maulwurffe dergestalt erschreckt und verwandelt, dass sie viele Tage das Bette huten muste; man bekam sie auch gar nicht zu sehen, bis auf den Tag, da unsers Fursten Geburts-Tag in groster Pracht gefeyert wurde, da sie denn in einem besondern Haupt-Schmucke erschien, welcher von Stroh geflochten war, auf die Art, wie in Deutchland und Holland die Schaub- oder Regen-Huthe gemacht sind, es hatte aber dieser Haupt-Schmuck die Gestalt eines sehr grossen runden Huthes, auf welchem eine ebenfalls von Stroh geflochtene Crone bevestiget war, im ubrigen war diese Kopff-Machine mit Reyher- und andern Federn, auch Bandern von allerhand Farben, dergestalt ausgezieret, dass man sich billig uber diesen Aufsatz verwundern, ich auch selbst bekennen muste, dass er recht niedlich war, und dem Fraulein ungemein wohl anstunde. Die Furstin aber, so bald sie das Fraulein in einem solchen Aufputze sahe, hatte sogleich vor Gifft und Galle bersten mogen, ja sie biss nicht selten recht die Zahne aus Bosheit zusammen, weilen sie sich wegen der Stroh Crone und den bunten Federn und Bandern eine gantz wiederwartige und verdriessliche Vorstellung in ihren Gedancken machte, zumahlen, da sie eine ungemein eifersuchtige Dame war.

Mittlerweile erschien das Fraulein N. mit diesem ihrem Haupt-Putze bey der Taffel, und der Furst liess sich durch Stellungen und Worte so viel vernehmen, dass ihm noch niemahls, weil er gelebt, ein Aufputz eines Frauenzimmers besser gefallen und vergnugt hatte, als dieser, wesswegen er denn sogleich nach aufgehobener Taffel der Fraulein ein kostbares mit Jubelen besetztes Hals-Band, ingleichen ein paar dergleichen Arm-Bander und einen Diamantenen Ring von grossem Werthe verehrete.

Nun ist leicht zu erachten, dass dergleichen Beginnen bey der Furstin eben kein besonderes gutes Geblute musse verursacht haben; Allein sie wuste ihre Gemuths-Bewegungen, um die Lust des Fursten und aller seiner Bedienten nicht zu stohren, vor diesesmahl dergestalt kluglich zu verbergen, dass man dey ihr eben keine sonderliche Veranderung merckte.

Es begab sich aber an eben diesem Tage noch etwas gantz besonderes, denn da wir alle, so viel unserer nur bey Hofe waren, durch eine lange Allee spazierten, an deren Ende eine von Marmor-Steinen erbauete Capelle befindlich, in welcher die Andacht verrichtet, und vor das fernere Gluck und Leben des Fursten geopfert werden solte; so fuhrete der Furst zu erst seine Gemahlin an der Hand, der Ober-Hofmeister aber die Fraulein von N. und das andere Frauenzimmer wurde dem Stande nach von Cavaliers oder Personen ihres gleichen der Capelle zugefuhret, so, dass alles Paar-weise gieng. Wie wir aber das Ende der Allee erreicht, auf einem grossen grunen Platze, etwa eine Viertel-Stunde stehen blieben, und erwarteten, bis uns von, den Dervis der Eintritt angekundiget werden solte, sahen wir in der Lufft uber uns einen grossen Geyer daher geflogen kommen, welcher sich erstlich etliche Minuten in der Lufft herum schwenkkte, nachhero aber, wie ein Blitz, hernieder fuhr, und der Fraulein von N. den Feder-Huth zusamt der StrohCrone vom Haupte riss, auch selbige in groster Geschwindigkeit in die Lufft fuhrete, seinen Flug aber nach dem Indianischen Meere zu nahm, mithin gar bald aus unsern Augen verschwand.

Ohngeachtet nun das Fraulein sich uber diesen Possen sehr besturtzt und verdrusslich erzeigte, indem sie mit blosem Haupte in die Capelle gehen und opffern muste, so hatte doch dieser Possen noch hingehen mogen, und leicht verschmertzt werden konnen, wenn nicht ein anderer noch weit hasslicherer Possen darauf erfolget ware; denn da sie aus der Capelle auf dem Ruckwege begriffen war, senckte sich ein furchterlicher Drache fast bis zu ihrem Haupte hernieder, und besalbete sie mit Kuh-Miste dergestalt, dass sie nicht aus den Augen sehen konte, wie denn auch ihr Fuhrer nicht verschonet blieb, sondern einen ziemlichen Theil Kuh-Mist auf seinem Haupte und Kleidern aufzuweisen hatte.

Diese Begebenheit hatte sich die gute Fraulein dergestalt zu Gemuthe gezogen, dass sie in eine todliche Kranckheit verfiel, so, dass an ihrem Aufkommen gezweiffelt wurde, jedoch nach Verkauff einiger Wochen liess sie sich zwar wieder offentlich sehen, begab sich aber bald auf die Reise nach ihren Eltern, da man denn nach der Zeit die Furstin noch einmahl so vergnugt als vorhero sahe, ohngeachtet der Furst, unter dem Vorwande den bevorstehenden den Feldzug gegen den Myriwegs besorgen zu helffen, ebenfalls eine Reise, wie er sagte, nach Ispahan antrat, und zu baldiger Zuruckkunfft schlechte Hofnung machte.

So bald als nun der Furst fort war, zog die Furstin, als eine sehr kluge und vernunfftige Frau, ihre Hofhaltung fast bis uber die Helffte in die Enge, danckte auch viele Bedienten ab, denen sie eben nicht sonderlich gewogen war, was aber sonsten ihren KleiderStaat, die Taffel und das ubrige anbelangete, so kam dennoch alles Furstlich heraus, denn sie lebte propre und delicat, liess auch ihren Bedienten nichts ermangeln, sondern gab denenselben zum offtern fast uberflussig, was sie vonnothen hatten. Sonsten aber hatte sie wenigen Zuspruch von hohen Personen, als welches ihr denn eben nicht ungelegen war, unterdessen kam doch bisweilen ein Fest-Tag, da sie sich mit ihren Cavaliers und Dames vergnugte, sonsten aber war ihr Haupt-Vergnugen der Garten-Bau und dann und wann die Tagd, auser diesen aber lebte sie in ihrem Schlosse sehr stille und ruhig, und war mehr und offterer in ihren Zimmern, als auser demselben anzutreffen.

Bey solcher Gelegenheit hatte ich zum offtern das Gluck, gantze halbe Tage bey ihr zu zubringen, und zwar gantz allein in ihrem Zimmer, da wir denn die Zeit mit allerley nutzlichen Gesprachen zubrachten. Wie ich aber mich versichert sahe, dass sie eine gantz besondere Gunst und Gnade vor vielen andern, auch so gar vor ihren Landes-Leuten, auf mich geworffen, und gerne sahe, wenn ich dreuste und offenhertzig mir ihr redete, mir auch niemahls etwas ubel nahm, wie sie mir denn dieses alles in Hollandischer Sprache, welche sie zu der Zeit nur noch verstummelt redete, zum offtern sehr liebreich zu vernehmen gab, so nahm mir vor, es zu wagen, ihr einen besondern Vortrag zu thun.

Demnach stammete ich einstmahls, als ich gantz alleine bey ihr im Zimmer war, einen Arm unter den Kopf, und liess etliche Thranen aus meinen Augen fallen, denn sie hatte mir vorhero gantz offenhertzig viel von ihren Glucks- und Unglucks-Fallen erzehlet. Wie nun die Furstin mich fragte: warum ich Thranen vergosse? und wer mir etwas zu Leide gethan hatte? gab ich sogleich zur Antwort: mir hat niemand das geringste zu Leide gethan, diese Thranen aber, die ich jetzo fallen lasse, fliessen aus einem Jammer-vollen Hertzen und mitleidenden Augen, beklage anbey nichts mehr, als dieses, dass Ew. Durchl. nicht das Gluck haben, eine Christin zu seyn, da sich denn Dieselben in vielen Stucken weit besser fassen und trosten wurden.

Was? (fuhr hierauf die Furstin als halb erzurnt auf) wer hat euch gesagt, dass ich keine Christin ware? fraget den Jacob, den Keller-Meister, der wird mir Zeugniss geben, dass ich eine getauffte Christin bin, und das heilige Abendmahl von einem Hollandischen Protestantischen Schiffs-Prediger schon dreymahl empfangen habe, nach der Zeit aber haben sich meine Umstande dergestalt verandert, dass ich dieser grossen Gluckseligkeit bis hieher nicht wieder theilhafftig werden konnen.

Ich fiel demnach vor der Furstin nieder auf die Knie, kussete vor Freuden den Saum ihres Kleides, und weinete dabey recht bitterlich, worauf sie mich in die Hohe hub, und mir mehr als 10. Kusse gab, aber dabey befahl, dass ich gleich von Stunde an zu dem Keller-Meister Jacob (den sie meinen Landesmann hiess, weil er ihr Dollmetscher in Hollandischer und andern Sprachen war) hingehen, und ihres Christenthums wegen mich weiter bey ihm erkundigen, diese folgende Nacht aber bey ihr in ihrem Zimmer bleiben solte.

Dieser Jacob erzehlete mir nun, nachdem ich ihm den Befehl von unserer Furstin uberbracht, rechte Wunder-Dinge von dieser Furstin, welche ich nachzusagen mich zwar wohl im Stande befinde, allein es mochte vielleicht die Geschichte dadurch allzu weitMunde nur kurtzlich so viel melden, dass diese Furstin, als eine Printzessin eines benachbarten grossen Fursten, zwar als eine Heydin gebohren, und als eine Anbeterin des Feuers erzogen worden, allein der Himmel hatte sie durch besondere Wege, da sie ohngefehr 12. bis 13. Jahr alt gewesen, auf ein Hollandisches Schiff gefuhret, welches sie, aller Persianer Art nach, so wohl von aussen als von innen mit groster Verwunderung beschauet, und sich auf das allerauserste daruber vergnugt, jedoch uber alles weiter nichts mehr, als uber den andachtigen Gottesdienst der Christen, wesswegen sie denn gleich gebeten, dass man die Gute haben, und sie mit nach Holland nehmen mochte, und war gantz heimlich, weiln sie Gold und Juwelen zu Bezahlung ihrer Reise-Kosten zur billigen Genuge herbey bringen wolte; Allein, da man ihr die Gefahr vorgestellet, welche aus dieser Sache, wenn man ihr gleich sonsten gern willfahren wolte, entstehen konte, indem es vielleicht aller auf dem Schiffe befindlicher Menschen Leben auser dem Verlust der Guther kosten konte, so hatte sie sich nur ausgebeten, dass man sie zu einer Christin machen mochte. Wie nun der Prediger ihr gemeldet, dass dieses eine Sache, die so leicht nicht angienge, indem sie erstlich getaufft, hernach in den Christlichen Glaubens-Articuln unterrichtet werden muste, so ware sie zwar davon gegangen, jedoch, nachdem sie sich bey ihren getreuen Wald-Leuten etliche Tage verborgen aufgehalten, wieder zuruck auf das Schiff gekommen, allwo sie die heilige Tauffe und nach hinlanglichem Unterricht wegen der Christlichen Glaubens-Articul, auch zum erstenmahle das heilige Abendmahl, selbiges auch nach der Zeit noch 2. mahl empfangen, indem sich das Schiff noch etliche Monate in selbigem Hafen aufgehalten, jedoch, weiln vielleicht eine Verratherey bey der gantzen Sache vorgegangen, indem die Printzessin nach der Zeit nicht wieder zum Vorscheine gekommen ware, welches aber seine andern gantz besondern Ursachen gehabt hatte, so waren die Hollander zwar in groster Gefahr gewesen, unglucklich gemacht zu werden, allein die Sache hatte sich endlich noch verschlichen, nachdem auf allen auslandischen Schiffen die scharffste Visitation der Printzessin wegen geschehen, welche Printzessin denn von ihrem damaligen Liebsten, als dem jetzigen Fursten von Candahar, gewisser Ursachen wegen, ware auf die Seite gebracht, und auf ein bestes Schloss in Verwahrung gesetzt worden.

Jacob erzehlete mir binnen wenig Stunden noch viele seltsame Begebenheiten dieser Furstin wegen, die ich aber vorjetzo verschweigen, und nur dieses melden will, dass die Furstin, nachdem sie ihren Gemahl schon geheyrathet, ihm, dem Jacob, zum offtern im Vertrauen gesagt, wie sie sich auf dieser Welt nichts mehr wunschte: als nur noch ein eintzigmahl getaufft zu werden, und auch das heilige Abendmahl nur noch ein eintzigmahl zu geniessen, worauf sie gern und willig sterben, und ihre Seele dem gecreutzigten Christo anbefehlen wolte, weilen ihr Zeit ihres Lebens nicht besser zu Muthe und ums Hertze gewesen, als da sie getaufft worden und das heilige Abendmahl empfangen hatte. In diesem Stucke nun hatte er, nemlich der Jacob, seinem wenigen Verstande nach, zwar ihr vielen Unterricht gegeben, was nicht allein vor ein Unterscheid zwischen den beyden Sacramenten, nemlich der heiligen Tauffe und des heiligen Abendmahls ware, indem die Christen nur ein eintzigmahl getaufft zu werden brauchten, nachhero aber als bussfertige Sunder das heilige Abendmahl, so offt als sie ihr Gewissen druckte, verlangen und geniessen konten; inmittelst aber kame es bloserdings auf den wahren seligmachenden Glauben an Christum und dessen Verdienst an, wenn man die Seligkeit erlangen wolte. Wie nun Jacob bezeugte, dass er ihr, als ein einfaltiger Protestantischer Christ nicht mehr, als so viel beybringen konnen, so hatte sich die Furstin doch jederzeit dergestalt eifrig und er picht darauf erwiesen, dass er sich daruber verwundern mussen. Derowegen bat er mich, auf den kleinen Grund, den er in der Furstin Hertzen und Gewissen geleget, ferner fort zu bauen, vor allen Dingen aber dahin bedacht zu seyn, dass sie die Persianischen 2. Zauber-Weiber, als Anbeterinnen des Feuers, mit guter Art von sich schaffte, da wir denn allebeyde nebst noch einer dritten Person binnen kurtzer Zeit eine rechte gute Christin aus ihr machen wolten.

Demnach hatte mir Jacob bey meiner ersten Besuchung zur Zeit mehr als genug gesagt. Als ich demnach zu behoriger Stunde mich bey meiner Furstin einstellete, und dieselbe auskleiden helffen, befahl sie mir, da die andern weggiengen, noch etwas zu verweilen, indem sie noch ein und andere Haus-Geschaffte mit mir zu uberlegen hatte; allein, es war weit gefehlt, denn so bald die andern fort waren, fiengen wir ein christliches Gesprach an, da sie mich denn zu allererst fragte: ob ich mit dem Jacob ihrentwegen gesprochen, und da ich solches mit Ja beantwortete, fuhrete sie mich in ihr geheimes Zimmer, und brachte nicht allein eine Hollandische Bibel, sondern auch noch mehrere Protestantische Bucher, alle sehr sauber eingebunden, herbey, und sagte: Diese Bucher verwahre ich besser, als alle meine Kleynodien und Schatze, weiln ich in Gegenwart anderer Personen darinnen zu lesen mich nicht getrauen darff, derowegen muss zum offtern die Mitternachts-Stunden mit zu Hulffe nehmen, nur ungestohrt und gantz alleine zu seyn; Nunmehro aber (sagte sie weiter) habe ich keine Furcht mehr, denn wenn ich ja daruber betroffen werden solte, so will ich sagen, dass es eure Bucher waren, die ich nur bisweilen zum Zeitvertreibe durchblatterte. Inmittelst werde mich, da ihr nun bey mir seyd, eiferiger, als jemahls, bemuhen, mich im wahren Christenthume zu uben, um eine vollkommene Christin zu werden, denn ich will durchaus nicht als eine Heydin sterben, nach meinem Tode aber, wenn es meine Feinde erfahren haben, mogen sie mit meinem Corper machen, was sie wollen.

Dieser Vorsatz und die ubrige Auffuhrung der Furstin strengeten mich dahin an, dass ich mein Leib und Leben gern und willig vor sie gelassen hatte; unterdessen fiossete ich ihr aber immer bey guter Laune diejenigen Lehren ein, welche mir mein lieber Amsterdamer Priester in das Hertz und in den Kopf gesetzt hatte, welche denn immerzu bey ihr Statt funden; nur aber hatte ich zu bedauern, dass mir die Persianischen Zauber-Weiber immerzu in den Weg traten, und gemeiniglich dasjenige verderbten, was ich, als eine einfaltige Christin, in der Furstin Hertzen gesaet und gepstantzet hatte.

Wenige Nachte darauf, nachdem die Persianischen Zauberinnen der Furstin fast nicht von der Seigte gekommen, liess mich dieselbe ziemlich spate zu sich ruffen, da sie mir denn treuhertzig offenbarete, dass ein gewisser benachtbarter Pr. bey Gelegenheit des Abwesens ihres Mannes dasjenige zu erhaschen suchte, warum er sich schon seit einiger Zeit viele vergebliche Muhe gegeben. Derowegen solte ich doch bey ihr bleiben, und nur mit ansehen, wie sie diesen verliebten Ehebrecher abfertigen wolte, mochte aber nur sagen, in was vor Gestalt er vor uns erscheinen solte, ob: als ein Ochse, Lowe, Bar, Hirsch, oder anderes wildes Thier, oder als ein Vogel von dieser oder jener Art? da sie denn sich mit ihrer Kunst sogleich nach mir richten, und ihren Liebhaber, den sie aber nimmermehr lieben wolte, sogleich in der MitternachtsStunde zur Stelle schaffen wolte. Ohngeachtet ich nun die Furstin hierbey gantz instandigst bat, diese Possen, zumahlen in Abwesenheit ihres Herrn Gemahls, bleiben zu lassen, so liess sie doch nicht ab, mich zu qualen, bis ich, (da sie sich hoch und theuer verschworen, dass mir nicht das geringste Leid wiederfahren solte) endlich sagte: Ey! so lassen Sie ihn in der Gestalt eines Papagoyen kommen, damit sie doch nur etwas mit ihm sprechen konnen. Worauf sie mir zur Antwort gab: Versteckt euch hinter die Tapeten, und wartet nur eine eintzige halbe Stunde, so soll er da seyn. Ihrem Befehle gehorsamete ich, und versteckte mich hinter die Tapeten, ward auch gewahr, dass, nachdem sie ein grosses Fenster eroffnet, und selbst noch etliche Wachs-Lichter angezundet hatte, ein Papagoy zum Fenster herein gehupft kam, und sich fein sauberlich auf der Furstin Nacht-Tisch setzte, auch ohngenothiget allerley Arten von Confituren in seinen krummen Schnabel nahm, und dieselben verschlunge, ja er entblodete sich nicht, nachdem ihm die Furstin eine ziemlich grosse silberne Schaale voll Wein eingeschenckt, erstl. hertzhafft zu trincken, hernach sich darinnen zu baden. Ich vor meine Person konte mich des lauten Lachens fast nicht mehr enthalten, da aber der Papagoy und die Furstin mit einander zu schwatzen anfiengen, spitzte ich die Ohren, und horete gantz lustige Begebenhetten, hielt mich aber so still, als nur immer moglich war, bis der Papagoy in die Schaale hackte, mitlerweile auch noch viele Stucke Confect zu sich genommen hatte, da ihm denn die Furstin die Schaale noch einmahl voll schenckte, woraus er sich erst dicke und satt soff, hernachmahls zum andernmahle badete, sodann auf der Furstin weiss gemachtes Bette zuflog, und dasselbe ziemlicher Massen verunreinigte; allein die Furstin nahm sogleich ihren weissen Stab klopffte damit 3. mahl auf den Tisch, da denn der Papagoy sogleich, wie eine Taube zum Fenster hinaus flog, weiln er zumahlen vielleicht mein Husten hinter den Tapeten mochte vernommen haben.

Wie gefiel euch diese Begebenheit? (fragte mich die Furstin) Ich konte nun nicht anders sagen, als dass ich uber den Papagoy und dessen Auffuhrung hatte hertzlich lachen mussen. Ihr habt wohl recht, (redete ihn wohl einiger Massen zuchtigen sollen, allein es mag ihm vor diesesmahl geschenckt seyn, doch Morgen Nachmittags sollet ihr eure Lust sehen, wie ich die geilen Bocke und brunstigen Hirsche zuchtigen kan und will: Denn es haben so wohl der Jazzan, als der Arab-Ogli, als welche ihr alle beyde wohl kennet, mich dahero fast taglich mit unkeuschen Briefen gequalet, und verlangt, dass ich ihnen einen geheimen Zutritt und gehorsamste Aufwartung bey mir zu machen vergonnen mochte. Um nun diese geilen EhrenDiebe los zu werden, so habe sie auf Morgen beyde zu einer gewissen Stunde in das im grossen Garten befindliche Lust-Haus bestellet, als in welchem ich mich zu einer bestimmter Stunde wolte antreffen lassen, es weiss aber keiner von des andern Suchen und Verlangen, ohngeachtet sie beyde auf einerley Schand-Wegen gehen. Wenn sie nun kommen, so sollet ihr, meine liebe Anna, eure Lust sehen, wie ich diese Bosewichter bezahlen will.

Demnach begab sich die Furstin des andern Tages gleich nach der Mittags-Mahlzeit in das Lust-Haus des grossen Baum-Gartens, und lockte zugleich 12. bis 16. grosse, mittelmassige und kleine Hunde hinter sich her, die sie alle zusammen in das unterste grosse Zimmer des Lust-Hauses einsperrete, die Furstin aber gieng mit mir hoher hinauf, allwo wir denn einige herAnkunfft der Herren Liebhaber abwarten wolten, ihnen auch unter vielen Schertz-Worten bestandig entgegen sahen. Wie nun der Furstin die Zeit etwas zu lang zu werden begunte, so gieng sie selbsten hin, und machte die grosse Hinter-Thur des Baum-Gartens auf, worbey ich bemerckte, dass sie viele kleine Pflockgen schnitzte, und dieselben nicht allein bey der Thur-Swelle, sonden auch hie und da in die Erde einschlug.

Endlich kam sie zu mir in das obere Zimmer herauf zuruck, befahl, dass Caffee vor sie zubereitet werden solte; wie nun dieses aber schon geschehen war, so tranck sie etliche Tassen, und gab unterdessen bestandig Achtung auf die Thur, worauf wir denn gar bald einen ungemein grossen Hirsch, der ein vortreffliches Geweyhe auf seinem Kopfe trug, eintreten sahen. Sehet, liebe Anna! sagte die Furstin, das ist der ArabOgli; aber lasset ihn nur naher kommen, bis der Bock Jazzan auch eingetreten ist. Dieses geschahe nun nach Verlauff ewta einer Stunde, da den Jazzan, so bald er nur die Thur-Schwelle uberschritte, sich sogleich in einen Stein-Bock verwandelte. Beyde Thiere machten sich einander entgegen, u. es schien mir nicht anders, als ob sie ordentlicher Weise mit einander Sprache hielten. Jedoch die Furstin vergonnete ihnen nicht lange Zeit, sondern gieng hinunter in das unterste Zimmer, wo die Hunde eingesperret waren, tipfte jeden Hund mit ihrem weissen Stabe auf den Kopf, und liess nachhero die Hunde auf einmahl alle heraus, da denn im Garten eine solche Kater-Jagt entstunde, dass ich, die ich oben an einem kleinen Gatter-Fenster sass, mich fast hatte mogen zum Narren lachen. Diese Jagd wahrete fast uber 2. Stunden, bis so wohl der Hirsch und der Stein-Bock, als die Hunde gantz abgemattet und ermudet auf dem Platze liegen blieben. Endlich aber, nachdem so wohl der Hirsch, als der Stein-Bock ihren Ruckweg genommen, kamen auch die Hunde, nachdem ihnen die Furstin ein Zeichen mit einem Jagd-Hornlein gegeben, gantz unbeschadigt zuruck, so wohl wie ihr gesagtes Wild denn ebenfalls unverletzt geblieben, und sich auf ihre Strassen begeben hatte.

Diese Jagd mag ich wohl den Haupt-Spas nennen, welchen ich jemahls in meiner gantzen Lebens-Zeit gehabt, ja, ich hatte mich wurcklich uber das Springen des Hirsches und des Stein-Bocks dergestalt zu Schande gelacht, dass ich es nachhero fast in 8. Tagen nicht verwinden konte.

Dergleichen lustige Streiche spielete die Furstin in nachfolgenden Tagen und Zeiten noch viel mehrere, die ich aber vorjetzo eben nicht auf das Tapet bringen will, weilen meine Geschichts Erzehlung sonsten gar zu weitlaufftig werden mochte; da ich sie aber eines Abends in groster Andacht bey der Bibel und andern christlichen Buchern sitzend antraff, und die Furstin mich fragte: "Nun, meine liebe Anna! wie hat euch meine bisherige Auffuhrung gefallen?" so gab ich ihr zur Antwort: Ungemein wohl, gnadigste Furstin, allein wie stimmer Christus und Belial zusammen? Sie wollen eine getauffte Christin seyn, und heissen, und treiben doch so viele Wercke, woran der Satan den grosten Theil hat, das Christenthum aber Gefahr laufft. Ich schlug ihr hier auch das Capitel in der Bibel auf, worinnen gemeldter Spruch, benebst der gantzen Geschichte zu lesen ist, und hielt ihr dabey eine kleine Buss- und Gesetz-Predigt, wie ich dieselbe von meinem lieben Amsterdamer Priester sehr offters gehoret hatte, da sie denn auf einmahl angelobte, diese Zauber-Possen hinfuhro bey Seite zu legen und die Schwartz-Kunstlerinnen unter einem guten Vorwande, mit reichlichen Geschencken begabt, von sich zu schaffen. Dieses gelobte sie mir mit Thranen an, hielt auch ihr Wort, denn die Persianischen ZauberWeiber und Anbeterinnen des Feuers wurden mit guter Manier fortgeschickt, worauf sich denn die Furstin zu meinem allergrosten Vergnugen angelegen seyn liess, das Christenthum auf das allerfleissigste auszuuben, nach der Zeit aber den Jacob nebst seiner Frau, die ebenfalls eine Protestantin war, und mich zu ihren Vertrauten erwehlete.

Demnach machten wir binnen wenig Wochen, unserer Einfalt nach, aus der Furstin eine rechte gute Christin denn sie lebte dergestalt ordentlich und stille, dass an ihrem gantzen Lebens-Wandel nichts auszusetzen war. Ihr Vergnugen aber suchte sie zu gewissen Zeiten auf der Jagd und bey dem Garten-Bau, als worinnen ich ihr zur Verbesserung desselben verschiedene Anweisungen gab, die ihr nicht allein sehr wohl gefielen, sondern sie spurete auch gar bald die Lust und den Nutzen davon.

Unvermuthet kam der Furst, ihr Gemahl, von Ispahan zuruck, bezeigte sich ungemein vergnugt, seine Gemahlin in so gutem Wohlstande und besserer Verfassung anzutreffen, brachte auch derselben recht ungemein kostbare Geschencke mit; ja auch die allergeringsten Bedienten wurden von ihm sehr reichlich beschenckt. Er hielt sich damahls 2. gantzer Jahre in seiner Residentz bey seiner Gemahlin auf, und binnen dieser Zeit wurde gegenwartige Printzessin Mirzamanda von meiner werthen Furstin zur Welt gebracht. Als nun jetzt gemeldter Furstin die Geburts-Schmertzen ankamen, und zwar in einem mitten im Walde gelegnen grossen Jagd-Hause, verlangte sie mit aller Gewalt, dass ich bey ihr bleiben solte; ob ich nun zwar vorschutzte: wie ich eine Frau ware, die wohl einen Mann, aber doch niemahls ein Kind gehabt hatte, mich also zu dergleichen Begebenheiten gantz und gar nicht schickte, so muste doch der Furstin Wille erfullet werden, und ich fast gezwungener Weise, um nicht etwa die Ungnade des Fursten zu verdienen, bey der Furstin bleiben, welche gantz heimlicher Weise nach dem Jacob und seiner Frau schickte, und dieselben zu sich beruffen liess. Nachdem nun Jacob nebst seiner Frauen in denen Mitternachts-Stunden sich bey ihr eingestellet, liess sie diese beyden sogleich zu sich in ihr Zimmer kommen als in welchem ich mich gantz allein zu ihrer Aufwartung befand, nahm das kaum vor 48. Stunden glucklich zur Welt gebohrne Kind aus der Wiege heraus, gab es mir auf die Arme, und sprach: Ich beschwore euch alle 3. Personen bey dem allmachtigen GOtte und der gantzen Hochheiligen Dreyfaltigkeit, dass ihr drey Personen mir dieses mein neugebohrnes Kind, auf Christi Blut und Gerechtigkeit, nach Christlicher Art und Weise tauffen sollet, und dessen Tauff-Zeugen werden wollet, indem ich durchaus nicht haben will, dass diese meine Tochter als eine Anbeterin des Feuers, der Sonne, Mond, Sterne, oder anderer Getzen soll auferzogen werden.

Hierauf nahm ich die kleine Mirzamanda mit uns in ein kleines Neben-Zimmer, allwo sie Jacob nach heiligem Gebrauche tauffte, und ihr den Nahmen Christiana beylegte, den Heyden zu Gefallen nenneten wir sie aber jedennoch immer noch Mirzamanda, und zwar aus Furcht.

Mitlerweile war keins von den Heyden das geringste von dieser Begebenheit gewahr worden, und die Furstin beschenkte den Jacob und seine Frau ungemein reichlich, nachdem ich ihr meinen Bericht wegen der glucklich abgelauffenen Tauffe abgestattet hatte. Ich hatte das Gluck, Kinder-Frau bey dieser jungen artigen Printzessin zu werden, und hatte 3. KinderMagde unter meinem Befehle, die das Kind nach meiner Verordnung auf das allerbeste und behutsamste warten und pflegen musten.

Der Furst hatte eine ungemeine Freude bey dem Anblicke dieser seiner schonen Tochter, allein er konte dieselbe nicht lange geniessen, indem er abermahls nach Ispahan zu reisen sich gezwungen sahe, da er denn langer aussen blieb, als wir gedachten, endlich aber plotzlich zurucke kam, und die unangenehme Zeitung mitbrachte: Was Massen es alle Umstande nicht anders erforderten, als dass er selbste mit zu Felde, und dem Feinde entgegen gehen muste. Demnach wurde sein Feld- und Kriegs-Gerathschafft gleich in geschwinder Eille zu rechte gemacht; die Furstin aber wolte damahls sich nicht aus dem Sine reden lassen, ihrem Gemahle zu folgen, ohngeachtet sie ihr saugendes Kind hatte, welches kaum ein und ein halb Jahr alt war, ihr Gemahl auch ihr selbsten aufs beweglichste zusprach, nur dissmal noch mit ihrem Kinde zu Hause zu bleiben, weiln sie sich gantz und gar keiner Gefahr zu besorge hatte; Allein, weiln sie so gesinnet war, dass ihr der Wille, der einmahl in das Hertz und Kopf gestiegen war, durchaus erfullet werden muste, so hatte sie ehe keine Ruhe, bis man ihre Feld-Reise-Gerathschafft auch zu rechte machte, da sie denn ihrem Gemahle, so zu sagen, auf dem Fusse nachfolgte, ich aber benebst der kleinen Printzessin musten auch mitreisen. Die Reise zwar war eben nicht allzu beschwerlich, indem wir abwechselten, und uns bald in Wagens, bald auf Camele oder Elephanten setzten, nach Gefallen aber in Sanfften konten tragen lassen; allein es gefiel mir dennoch nicht, hergegen stellete sich die junge Printzessin dergestalt lustig und munter dabey an, als ob sie zum Reisen gebohren ware. Es gieng aber in diesem FeldZuge sehr scharff her, und vor uns am allerscharffesten: denn da unsere Volcker eines Morgens von den Feinden geschlagen und zerstreuet worden, kamen von den Unseringen viele um den Wagen herum, worinnen die Furstin und die kleine Printzessin fassen, die ich auf meinem Schoosse und in meinen Armen hatte, welche uns insgesamt warneten, ja nicht weiter zu fahren, woferne wir nicht ein Raub der Feinde seyn wolten, die gleich hinter ihnen waren; gaben anbey den Rath, dass wir lieber aussteigen, und uns in dem dicken Gebusche verbergen solten. Die erschrockene und beangstigte Furstin, nachdem sie auf ihr Fragen: ob ihr Gemahl noch lebte, berichtet worden, dass er noch gesund sey, und sich dem Feinde immer noch tapfer wiedersetzte, fassete den jahlingen Schluss, aus dem Wagen zu steigen, und sich in das dicke Gebusche zu begeben. Indem sie nun ausstieg, befahl sie mir, ihr mit dem Kinde auf dem Fusse nachzufolgen, auch eine Flasche Wein, nebst der eingepackten kalten Kuche und etwas Confect hinter ihr herzutragen, indem sie recht sehr durstig und hungrig ware. Ich machte mich sogleich fertig, ihr zu folgen, und traff die gute Furstin auf einem grossen Steine unter einem grunen Strauche sitzend an, gab ihr ihre liebe Tochter in die Arme, welche sie sogleich an ihre Brust legte, ich aber liess mich unter dem Steine zu ihren Fussen vieder, und legte mein Haupt in ihren Schooss. Kaum war dieses geschehen, da ein schneller Pfeil aus dem gegen uber stehenden Gebusche heraus geflogen kam, und accurat uber meinem Haupte in der Furstin schone Brust fuhr, so, dass ich fast vom Haupte bis zu den Fussen mit ihrem Fursten-Blute gefarbt, ja recht eingetranckt wurde, denn sie war ein sehr vollblutiges Frauenzimmer.

Das allerjammerlichste Spectacul, dergleichen ich Zeit meines Lebens niemahls mit Augen gesehen, und worbey mir selbsten das Hertz im Leibe recht blutete, fiel mir dergestalt empfindlich, dass ich von einer wurcklichen Ohnmacht befallen wurde, zumahlen, da ich, indem ich meine Augen noch in etwas empor hub, beobachtete, dass die kleine ebenfalls mit Blut befarbte Mirzamanda mit beyden Handen, und zwar aus ausersten Krafften, beschafftiget war, den Pfeil aus ihrer Mutter Brust heraus zu reissen, wesswegen ich denn vollends in eine so starcke Ohnmacht gerieth, dass ich von meinen Sinnen nicht wuste, und weder sehen noch horen konte.

Jedoch nach Verlauff etwa einer halben Stunde, begunten sich meine Geister in etwas wieder zu ermuntern, da ich denn gewahr wurde, dass nicht allein der Furstin, sondern auch meine, ja so gar der kleinen Printzessin Kleider ausgesucht, jedoch aber, wieder hingeworffen wurden. Ihrer 4. von den Feinden aber hatten die besondere Gefalligkeit, den schonen Corper der Furstin auf etliche mit ihren Sabeln abgehauene grune Reiser auf ein grunes Platzgen zu legen, und denselben mit noch mehr grunen Laub-Reisern zu bedecken, und zwar sehr starck. Dieses gefiel mir in so weit gantz wohl, da aber einer von den Feinden kam, und mir das Kind aus den Armen riss, auch mit demselben davon eilete, folgte ich ihm auf dem Fusse nach; Es begegneten mir zwar einige feindliche Soldaten, welche sich uber meinen seltsamen blutigen Habit verwunderten, jedoch mich ohngehindert gehen liessen, so, dass ich beobachten konte, in welche Hutte das Kind getragen wurde. So bald ich demnach dieses gewahr worden, machte ich mich gantz dreuste in die Hutte hinnein, indem ich mich darauf verliess, dass ich noch ungemeine kostbare Kleinodien, Diamanten, und andere Edelgesteine, oben in dem Neste meiner Haare, unter der Haube, verborgen hatte, als worauf sich vermuthlich unsere Plunderer nicht mochten besonnen haben. Wie ich nun die Sache weiter untersuchte, so befand es sich, dass meine Printzessin in die Hutte einer feindlichen Officiers-Frau gerathen, deren Mann von mittelmassigem Range war, so bald mich aber das kleine Ding nur zu sehen bekam, horete es nicht auf zu ruffen: Ah, mi Anna! Ah, mi Anna! Die Leute verwunderten sich ungemein uber den Verstand dieses Kindes, wolten also unter der Hand von mir erforschen, wem dieses Kind zugehorete; jedoch, da ich in vielen Tagen nicht vom Hintertheile einer Henne gespeiset hatte, muste mich ein thorichter Geist regiert haben, wenn ich gesagt hatte: dass diss die eintzige Printzessin des Fursten von Candahar ware. Nein! das that Frau Anna nicht, sondern, weilen ich befurchtete, dass man vielleicht ein etwa allzu starckes Lose-Geld vor diese kleine Printzessin fordern mochte, so sagte ich, sie ware die Tochter eines Obristen von der Reuterey, welcher, wie ich schon vernommen, im letzteren Treffen geblieben, ihre Mutter aber nachhero durch einen unvermutheten Pfeil-Schuss getodet worden.

Zu meinem Gluck liess sich ein Jude im Lager erblicken, da ich denn bey Nachts-Zeit mein Nest aufmachte, und 3. Diamanten von ziemlichem Werth heraus langte, diese 3. Diamanten nehete ich sogleich in meinen lincken Ermel, trennete hernach in Gegenwart aller Anwesenden und des Juden dieselben wieder heraus, und sagte: Dieses ist es alles, was ich und mein Kind von der Plunderung ubrig behalten haben; der Jude aber verliebte sich sogleich in die Diamanten, und bezahlete mir dieselben noch so ziemlich, dergestalt, dass ich nicht allein von selbigem Gelde unsere Zehrungs-Kosten bey der Officiers-Frau, sondern auch diejenigen voraus bezahlen konte, die mich von da an bis Candahar zu begleiten, sich von selbsten angaben, welchen ich noch dreymahl so viel zu geben versprach, als ich ihnen schon gegeben hatte, woferne sie uns nur glucklich hin, nach Candahar, brachten.

Der Himmel halff, dass wir diese beschwerliche Reise nach vielen zuruck gelegten Tagen und Nachten glucklich uberstunden, indem kein Fuhrwerck zu bekommen war, und ich mit dem Kinde zu Fusse nicht wohl fortkommen konte. Den Fursten traffen wir zu Hause an, und er stellete sich uber den Verlust seiner Liebste, nachdem ich ihm alle Begebenheiten recht umstandlich erzehlet, fast untrostlich an, doch bemerckte ich, dass die Fraulein von N. in wenig Tagen wieder bey Hofe zum Vorscheine kam, weilen aber dieses mich nichts angieng, als war meine HauptSache die Printzessin, welche der Herr Vater als seinen Aug-Apfel liebte, auf das allerbeste zu warten und zu pflegen; wie nun der Furst nicht allein meine Treue und Fleiss, sondern auch die besondere, ja gantz ungemeine Liebe, welche seine eintzige Tochter gegen mich hegte, in Betrachtung zog, so gab er dieser seiner Tochter einen eigenen Pallast ein, bestellete mich zur Hofmeisterin und Pflegerin uber dieselbe, wie auch noch mehrere Bediente, und richtete im ubrigen die Hofstadt dieser kleinen Tochter dergestalt ein, dass ich dieselbe mit einem Worte, Furstlich nennen will.

Bey meiner kleinen untergebenen Printzessin versaumete ich also nichts, ihr das Christenthum sogleich in der zarten Jugend einzuflossen, wesswegen ich denn, so viel als nur immer moglich war, die Heydnische Bedienung von ihr abhielt und zurucke trieb, hergegen den Jacob nebst seiner Frauen, und noch einer am Hofe befindlichen Protestantischen Christin an mich zog, mit deren Beyhulffe ich ihr nicht allein die Hollandische Sprache so ziemlicher Massen reden lernete, hauptsachlich aber im Christenthume unermudet unterrichtete, denn Jacob war ein Mann, der, so zu sagen, fast einen Priester und Prediger vorstellen konte. Demnach erlernete die Printzessin immer nach und nach die auserlesensten christlichen Gebete und Psalmen auswendig sprechen, mit Singung ein- oder anderer geistreicher Lieder durffte es sehr selten wagen, weilen die Heyden sogleich die Ohren daruber spitzeten, unterdessen lehrete ihr Jacob das Lesen, Schreiben und Rechnen, wobey sie denn ihren ungemeinen Verstand zu unserm Vergnugen dergestalt blicken liess, dass wir in eine erstaunliche Verwunderung daruber geriethen. Unter allen Tugenden aber, welche diese Printzessin gleich in ihrer zarten Jugend von sich blicken und spuren liess, war die Verschwiegenheit wohl eine von den vornehmsten Haupt-Tugenden: denn sie hatte dergestalt reinen Mund zu halten gelernet, dass sie alles dasjenige, was ihr auszusagen verboten wurde, bey sich behielt, eben als wenn es in einen Stein eingegossen ware.

Der Furst wohnete nicht allein allen Feldzugen bey damahligen schweren Kriegen in eigener Person bey, und kam offtermahls sehr starck verwundet zuruck, so bald er aber nur halwege ausgeheilet war, nahm er immer eine weite Reise nach der andern vor, so, dass wir uns seiner Gegenwart wenig zu erfreuen hatten.

Mittlerweile lieffen die Jahre eines nach dem andern dahin, und Mirzamanda wurde endlich mannbar, da denn der Furst, als er einstmahls plotzlich wieder von Ispahan zuruck kam, sich uber ihre schone Person und gantze Auffuhrung ungemein erfreuete. Er beschenckte nicht allein mich, sondern auch alle Bedienten dergestalt reichlich, dass wir fast daruber erstauneten, ruhmte und lobete anbey unsern Fleiss und Bemuhung wegen guter Auferziehung seiner eintzigen liebsten Tochter uber alle Massen, und versicherte uns seiner fernern bestandigen Gnade.

Meine Person bildete sich vor allen andern so wohl auf das beygelegte Lob, als wegen der empfangenen kostbaren Geschencke nicht wenig ein, und sahe mit Vergnugen, dass der Furst mit seiner eintzigen liebsten Tochter auf das allerzartlichste, und zwar bey allen Gelegenheiten umgieng.

Allein, das Spiel bekam binnen wenig Wochen ein gantz anderes Ansehen, denn, nachdem der Furst seine Printzessin nicht allein sehr offters mit sich auf die Jagd, sondern auch zu andern Lustbarkeiten genommen, wolte er sie bey gewissen Fest-Tagen auch dahin zwingen, seinem Abgotter-Dienste mit beyzuwohnen, und sonderlich das Feuer und die Sonne, Mond und Sterne anzubeten; wie sich nun die Printzessin dessen in vielen Stucken geweigert hatte, seinen Willen zu gehorsamen, so wurde der Furst zornig, so wohl uber die Printzessin, als mich, und liess uns alle beyde in unsern Zimmern mit davor gestellten Wachten gefanglich verwahren, nachdem er zu der Printzessin diese Worte gesprochen: "Wo ich mich nicht irre, so wirst du gantz gewiss eine Christin seyn, und ich will darhinter kommen, wer dich darzu gemacht hat, denn das Christenthum hat deine Mutter um ihr annoch sehr junges Leben gebracht."

Anfanglich wurde mir angst und bange, jedoch, da ich mich mit der Printzessin in einem Zimmer befand, welches nur durch eine leichte Tapeten-Wand in etwas unterschieden war, wir auch die kostbarsten Speisen und Getrancke, ingleichen sonsten alles, was wir verlangten, im Uberflusse bekamen, fassete ich mir auf einmahl einen Muth, in Hoffnung, wenn auch die gantze Sache heraus kame, und blos auf mich allein geschoben wurde, mir der Hals dennoch dieserwegen eben nicht konte gebrochen werden, es ware denn, dass Gewalt vor Recht gienge. Jedoch meine Sorgen und Bangigkeiten waren dessfalls vergebens, denn der Furst gewohnete sich bald an, dass er alle Abende zur Printzessin kam, und das Schach-Spiel mit ihr spielete, als in welchem Spiele sie ungemein fertig und glucklich war. Bey dieser Gelegenheit aber hatte der Satan sein Spiel, und verleitete den Fursten dahin, dass er seiner leiblichen Tochter Unzucht zumuthete, derselben auch unter den grosten Schmeicheleyen und grossen Versprechungen seine hefftige Liebe antrug, und um die Erfullung seines Willens auf das allersehnlichste anhielt. Wie ich nun uber diese Begebenheit recht erstaunete, so fand mich doch bald auf das allerkrafftigste getrostet, da ich vernahm (denn ich konte durch ein verborgenes Schau-Loch alles sehen und horen, was in der Printzessin Zimmer vorgieng) dass sie die Versuchungen ihres Vaters, vornemlich aber des Teufels, mit einem heldenmuthigen Geiste von sich abschlug. Was Massen sie den christlichen Glauben angenommen, bekennete sie freymuthig und darbey dieses, dass sie niemand sonsten mehr und hefftiger darzu verleitet hatte, als ihre unglucklicher Weise verstorbene leibliche Mutter, und der auch noch in ihrem Tode zu Gefallen wolte sie eine Christin bleiben, bis an ihr Ende, man mochte auch mit ihr machen, was man nur immer wolte, indem sie gewiss glaubte, dass ihre Mutter, die eines zwar schmertzlichen Todes gestorben, dennoch aber gantz gewiss in der seligen Ewigkeit sich befinden musse; weilen dieselbe, so lange bis ihr der letzte Athem ausgegangen, immer die beyden Worte: JEsus! CHristus! ausgeruffen, und eben dieses ware ja der Mann, der alle Menschen, die an ihn glaubten, selig machen konte.

In diesem Stuck begieng die Printzessin keine Lugen, denn so bald der Pfeil der verstorbenen Furstin in die Brust fuhr, rief sie gleich zu dreyen mahlen JEsus! JEsus! Christus! und wiederhohlete diese Worte so lange, bis ihr der letzte Athem entgieng, dannenhero ich diese Furstin eben nicht gantzlich verdammen kan, zumahlen, da ihre ubrige Lebens-Art in allen Stucken sehr wohl eingerichtet war, ausgenommen, was die Possen-Spielereyen aus der SchwartzenKunst anbetrifft, wesswegen, wenn ich ihr dann und wann wohl offters das Gewissen ruhrete, sie mir aber zur Antwort gab: Ihr sehet ja, liebe Anna! das dieses nur ein Narren-Werck und Gauckel-Spielerey ist, womit ich zwar einen und den andern zuweilen am Leibe, jedoch niemahls gefahrlich, geschweige denn an der Seele beleidige, mithin, da das allermeiste von meinen Kunsten und Wissenschafften naturlich zugehet, ich aber mit den bosen Geistern gantz und gar keine Gemeinschafft habe, so kan dieses eben nicht allzu sehr wider das Christenthum streiten. Jedoch (sagte sie denn offters im rechten Ernste) ich kan ja alle diese Narrens-Possen ohne besondern HertzensZwang bleiben lassen.

Damit ich aber in meiner Geschichts-Erzehlung den Krebs-Gang vermeide, und nicht wieder auf das schon vorhin gemeldete gerathe, so will nur dieses weiter berichten; dass der Furst uber die tapfermuthigen und hertzhafften Worte, die seine Tochter in grostem Eifer vorbrachte, dergestalt in Zorn gebracht wurde, dass er plotzlich von seinem Sofa aufstund, und sich von dannen, nach seinem Zimmer begab, ohne, wie er sonsten zu thun pflegte, der Printzessin einen Kuss auf eine geruhige Nacht zugeben. Mir fieng schon, ehe ich mich noch zu Bette legte, etwas Ubels zu traumen an, doch, da ich mich hingelegt hatte, kam die Printzessin, scharrete sich bey mir ein, und klagte mit weinenden Augen die nie erhorten Versuchungen ihres leiblichen Vaters, welchen sie zwar entgegen gesetzt, dass dieses, was er von ihr verlangte, eine so wohl bey Christen, Heyden, Juden, ja auch bey den allerungezogensten Volckern, eine verdamte und verfluchte Sache

sey, allein, er bliebe immerzu auf diesem Vorurtheile bestehen: "dass, wer den Baum gepflantzet hatte, der habe auch das Recht, die ersten Fruchte davon zugeniessen etc." Wie ich nun aber vollkommen uberzeugt wurde, dass die Printzessin einen recht graulichen Abscheu vor diesem Laster, nemlich der Unzucht, hauptsachlich aber der Blutschande hatte, so starckte ich dieselbe in ihrem Glauben, und zeigte ihr nach meiner Einfalt, dass dieses eine allen gottlichen, weltlichen und naturlichen Gesetzen und Rechten platterdings zuwider lauffende Sache sey. Wesswegen sie mir auch mit heissen Thranen angelobt, sich auf solche Art nimmermehr bethoren zu lassen, sondern in diesem Stuck ihrem Vater jederzeit den allerausersten Wiederstand zu thun, und wenn es auch ihr Leben kosten solte.

Folgenden Morgens wurde Mirzamanda befehliget, sich in schneller Eile anzukleiden, und zu rechte zu machen, weilen sie mit dem Fursten, ihrem Herrn Vater, ausfahren solte. Sie gehorsamete, nahm Abschied von mir, und ihre Fahrt gieng nach einem uralten Heyden-Tempel zu, bey welchem ein solenner Gotterdienst und Opferung angestellet war, die Printzessin aber liess sich in keinem Stucke, weder durch gute, noch durch Droh-Worte des Fursten, dahin bewegen, auch nur die geringste Ceremonie mit zu machen, sondern sie fuhrete sich, so wie ich, gantz stille und gelassen darbey auf, wolte auch nicht einmahl etwas von der Heydnischen Opfer-Mahlzeit geniessen, indem sie sich aus gewissen Ursachen ein Gewissen daruber machte.

Noch selbigen Abends, da der Furst kaum nach Hause gekommen war, kam er alsobald in der Printzessin Zimmer herauf gegangen, und stellete seine Tochter recht sehr scharff zur Rede, und zwar um dessentwegen, dass sie nicht alles mitgemacht, und sich so bezeigt, wie er selber gethan hatte; Die Printzessin gab hierauf gantz freymuthig zur Antwort: Mein Vater und Furst! du wollest mir alles das, was ich des vergangenen Tages verfehlet, zu Gnaden halten, und mir dieserhalb Vergebung angedeyhen lassen. Denn mir, als einer getaufften Christin, ist nicht erlaubt, auch den geringsten Gotzen-Dienst zu begehen, vielweniger den Gotzen zu opfern, oder von der dieserwegen von den Heyden angestelleten Mahlzeit etwas zu geniessen, wie mich denn die heilige Schrifft dieses lehret, zumahlen, da ich in meiner heiligen Tauffe durch den Mund und Zungen meiner 3. Tauff-Zeugen, dem Teufel so wohl, als allen seinem Werck und Wesen gantzlich abgesagt, anbey mich verbindlich gemacht, weiter an nichts zu glauben als an die hochheilige Dreyfaltigkeit, nemlich, Vater, Sohn und heiligen Geist; ferner aber meine Lebens-Art so einzurichten, wie sie mir in der heiligen Bibel, als dem wahren Worte GOttes, vorgeschrieben ist.

So bist du denn schon getaufft? (fragte der erzurnte Furst weiter:) Ja, mein Furst und Vater! (versetzte ihm die Printzessin) ich bin getaufft im Nahmen der Hochheiligen Dreyfaltigkeit, anbey auf CHristi Blut und Gerechtigkeit. Wer hat dich getaufft? (fragte der Furst noch ferner) Das hat Jacob gethan, und zwar auf ausdrucklichem Befehl meiner seligen Mutter (erwiederte die Printzessin) und eben dieser Jacob, nebst seiner Frauen, und meiner Anna, als meiner Pflege-Mutter, die mir bis hieher viel Gutes erwiesen, sind die Zeugen meiner christlichen heiligen Tauffe. Uber diese verwegenen und dreusten Reden wurde der Furst dergestalt verdriesslich, dass er abermahls gantz zornig von seinem Sofa aufsprung, weiter kein Wort sagte, sondern stillschweigend davon gieng. Da uns aber des andern Tages die Mittags-Mahlzeit, welche in einer Schussel voll mit Wasser gekochtem Reiss und etwas Brod und Wasser bestunde, durch die Bedienten herbey gebracht wurde, erfuhren wir von ihnen, dass der Furst gestern Abend noch gantz spat den Jacob und seine Frau in Ketten und Banden schliessen, auch in ein wohl verwahrtes Gefangniss legen lassen. Bey so gestalten Sachen hatten ich und meine Mirzamanda keine besonders geruhige Nacht, zumahlen die Abend-Mahlzeit eben nicht besser, als die Mittags-Mahlzeit gewesen war; jedoch es fanden sich unter den Bedienten noch etliche Getreue, welche uns nicht allein alles, was wir bedurfften, und zwar auf mancherley listige Art zuschafften, sondern auch von allem dem, was bey Hofe vorgieng, Nachricht brachten.

Des Fursten Zorn, da er seine eintzige Tochter, so zu sagen, mit blosem Wasser und Brod gespeiset, verschwand aber binnen 3. Tagen, da er denn gantz freundlich kam, und sie zu einem neuen Schach-Spiele mit ihm zu spielen nothigte; von den alten Geschichten und Begebenheiten gedachte er gar nichts, endlich aber fragte er, wo denn die Anna ware? wie nun die Printzessin antwortete: dass dieselbe in einem Neben-Zimmer vielleicht schon schlieffe, so fieng er abermahls an, seine Gemuths-Regungen bey der favorablen Nacht-Zeit zu Tage zu legen, und die Printzessin dahin zu verleiten, seinen geilen Begierden Gehor zu geben, um sogleich seinen Willen zu erfullen; Allein, die hertzhaffte Printzessin stund auch diesen Kampf mit himmlischer Hulffe ritterlich aus, bis er sie nach noch vielen gebrauchten Schmeicheleyen endlich mit grostem Ungestum beangstigte, und das, was er in Gute nicht erhalten konte, nunmehro mit sturmender Faust zu erobern trachtete. Der Printzessin Hulffe-ruffen war vergebens, indem ich mich scheuete, ihr, wegen der vor unserer Thur stehenden Wache, zu Hulffe zu kommen; derowegen horete ich nur noch dieses, dass die Printzessin sagte: Ware es doch kein Wunder, wenn sich der Corper meiner seligen Mutter noch in der Erden umwendete, und ein Donner-Wetter erregte, welches einen so gottlosen Vater und mich unschuldige Tochter sogleich im Augenblicke verderbete! die ich durchaus keine Hure, vielweniger eine Blutschanderin werden, sondern lieber als eine Christin leben und sterben will.

Kaum hatta Mirzamanda diese Worte (bey deren Anhorung mir die Haare fast zu Berge stunden) ausgeredet, da sogleich ein entsetzlicher Donnerschlag geschahe, und 2. Donner-Keile in unserm Zimmer aus einem Winckel und Ecke in die andere lieffen, auch dergestalt im Zimmer herum schwarmeten, dass wir insgesamt gedachten, dieses ware die letzte Stunde unseres Lebens. Als aber nach Verlauff etwa einer haben Stunde, Blitz Donner, Hagel, Regen und ein grausamer Sturm-Wind sich nicht mehr horen, sehen, noch spuren liessen, wurden wir zwar einiger Massen wieder lebendig, befanden aber, dass der Furst auf dem Faul-Bettgen ohnmachtig ausgestreckt lag, dessen Leib-Hund aber, welcher unter dem Tische lag, war dergestalt von den herum schweiffenden DonnerKeilen verletzt worden, dass er nicht auf den Beinen stehen konte, sondern so zugerichtet, dass er hinweg getragen werden muste, wie denn dieser sein LeibHund auch wenige Stunden nach dieser Begebenheit verreckte. Der Furst hingegen wurde, nachdem wir ihn mit starcken Gewassern und Balsamen wieder zu sich selber gebracht, auf eigenes Verlangen in sein Schlaf-Gemach gefuhret.

Mir war gleich nicht wohl bey der Sache, indem ich gedachte, dass der ohne dem zornige und erschrockene Furst uns das Bad wurde austragen lassen; da wir aber gedachten, dass er vielleicht so bald nicht wiederkommen wurde, kam er sogleich des zweyten Vormittags darauf, und brachte den Jacob nebst seiner Frauen mit, da er denn zu seiner Tochter sagte: "Siehe! diese habe ich noch deinetwegen begnadigt, du solt mir aber durchaus keine Christin bleiben, weilen ich etwas gantz anderes zu meinem und deinem Nutzen mit dir vorhabe, und wenn du mir nicht folgen wilst, so kostet es dir dein Leben."

Als er dieses gesagt, muste sogleich ein Scheerer herein in das Zimmer treten, welcher der Printzessin alle ihre schonen schwartzen Haare von dem Haupte abschneiden und abscheeren muste. Sie hielt gedultig stille, wie ein Lamm, da aber dieses geschehen, trat eine verfluchte alte Persianische Schwartzkunstlerin, die ich sehr wohl kannte, in das Zimmer herein, welche in jeder Hand ein Bugel-Eisen hatte, welche alle beyde fast halb gluend zu seyn schienen.

Demnach sagte der Furst zu seiner Tochter: Siehe! weil du wider mein Wissen und Willen mir Wasser getaufft bist, so will ich dich nunmehro zu meinem Vergnugen mit Feuer tauffen lassen. Hierauf gab er der alten verfluchten Bestie einen Winck, und sagte offentlich, dass sie ihr Amt redlich verrichten, sich an nichts kehren, und seine Tochter gar im geringsten nicht verschonen solte. Demnach fieng das verfluchte Weib der Printzessin Kopf dergestalt mit dem halb gluenden Eisen zu bugeln an, dass ich fast daruber in Ohnmacht gesuncken ware, zumahlen, da die Printzessin unter wahrenden Bugeln 3. laute Schreye that. Jedoch, weil sie einen recht heldenmuthigen Geist hatte, so erhohlete sie sich bald wieder, wir aber sahen in der Kurtze auf dem Kopfe verschiedene ziemlich grosse Brand-Blasen auflauffen, wesswegen wir ihr denn ihre Haube aufsetzen wolten; allein, sie wolte es durchaus nicht leiden, sondern stund im blosen Kopfe auf, gieng auf ihren Herrn Vater zu, und kussete ihm die Hand. Dieser sprach zu ihr: Siehe, meine Tochter! nun bist du mit Feuer getaufft, und diese Feuer-Tauffe, ob sie dir gleich etwas schmertzlich gewesen, soll dir doch wohl besser gerathen und nutzen, als die schlechte Wasser-Tauffe. Hierauf versetzte die hertzhaffte Printzessin: Ich habe die Hoffnung zu meinem Erloser, JEsu CHristo, dass mir diese marterhaffte Feuer-Tauffe an meiner Seelen-Seligkeit nicht schaden, sondern er mich, vermoge seines Wortes, durch die Wasser-Tauffe und den wahren Glauben an ihn, den ich in meinem Hertzen hege, nach meinem Tode zu sich in sein Paradiess nehmen werde.

Man sahe es dem Fursten an seinen Augen an, dass er uber diese Antwort seiner Tochter vor Zorn, Gifft und Galle fast hatte platzen und bersten mogen, jedoch er gieng gantz stillschweigend fort, und wie wir aus den Fenstern sehen konten, in dem Blumen-Garten in tieffen Gedancken spatziren herum.

Wenige Stunden nach dieser Begebenheit, da meine Augen noch lange nicht trocken waren, wurden uns beyden so viel der besten Speisen und Wein zugebracht, dass sich mehr als 10. Personen damit sattigen konnen. Wir verschmaheten dieselben nicht, sondern gaben alles unsern Aufwartern und der Wache-Preiss, da aber ein Artzt ankam, und sich meldete, die Printzessin an ihrem Brand-Schaden zu verbinden, wiese sie denselben mit den Worten ab: diese Tauffe, wenn sie nicht gantz und gar vom Teufel ware, muste wohl von sich selbst den zuruckgelassenen Schaden heilen; sie wuste aber wohl, dass ich noch eine ziemliche grosse Buchse voll Brand-Salbe stehen hatte, welche ich ubrig behalten, da ich mir kurtz vorhero mit heissem Wasser den gantzen Schenckel verbrandt.

In nachfolgenden Tagen wurden uns ebenfalls die besten Speisen und Getrancke zugeschickt, worbey wir erfuhren, dass der Furst abermahls eine weite Reise, (ohne Zweifel aus Gewissens-Angst) angetreten, jedoch hinterlassen hatte, uns Zeit seiner Abwesenheit auf das allerscharffste zu bewachen, bis er nach seiner Zuruckkunfft andere Mittel ausfinden wurde.

Die Printzessin war froh, da sie erfuhr, dass ihr tyrannischer Vater weggereiset ware, noch weit vergnugter aber wurde sie, als eines Abends der getreue Jacob nebst seiner Frauen in unser Zimmer eingetreten kamen, als welche die Schild-Wachter mit Gelde so wohl, als mit Wein-Flaschen bestochen hatten. Wir hielten insgesamt ein vertrauliches Gesprach mit einander, da er sich denn gegen uns erklarete, dass, weilen in dem Haupt-Hafen dieses Reichs einige Hollandische Schiffe vor Ancker lagen, er seine Baarschafften zusammen nehmen, und nebst seiner Frau nach Europa uberschiffen wolte, indem er schon einige Anstalten darzu gemacht, waren nun wir zum mitreisen geneigt, so wolte ersehen, dass er uns mit forthelffen konte: denn er merckte wohl, dass es so wohl vor die Printzessin, als vor mich hochst gefahrlich ware, langer allhier zu bleiben, vorjetzo aber konne er uns als ein Wein-Handler wohl forthelffen. Man sagt sonsten im gemeinen Sprichworte: Wer gerne tantzt, dem ist leichte gepfiffen, und dieses traff bey mir ein, denn ich kan nicht laugnen, dass ich mich hertzlich nach Europa sehnete, und vielleicht wieder in mein Vaterland zu kommen verhoffte, indem ich einen ziemlichen Schatz an Kleinodien, Diamanten und andern kostbaren Edelgesteinen gesammlet, welchen ich meistentheils der Freygebigkeit meiner seligen Fursten zu dancken hatte. Wie nun die Printzessin diesen meinen Entschluss gewahr wurde, fiel sie mir zu Fussen, und bat mich mit heissen Thranen, sie mit nach Europa unter die Christen zu nehmen, denn sie wolte sich und mich mit Kostbarkeiten dergestalt beladen, dass wir alle beyde schwer und sauer genug daran zu tragen haben solten. Ohngeachtet ich nun dieses Vornehmen der Printzessin als ein allerhochst gefahrliches Werck vorstellete, indem es erstlich sehr schwer halten wurde, durch die Wachen zu kommen, vor das andere, wenn man uns auf der Flucht ertappte, unser Leben in der allergrosten Gefahr stunde, so liess sie sich doch von ihrem Vorhaben nicht abwendig machen. Als wir demnach 3. Tage und Nachte auf unsern Knien gelegen, und GOtt mit heissen Thranen gebeten, dass er unsere Flucht befordern, und uns glucklich Europa bringen mochte, so wagte es die Printzessin, und gab zweyen Heydnischen Magden eine wichtige GeldSumme, dass sie mit uns ihre Kleider vertauschten, indem die Printzessin vorgab, dass sie, um nur an die frische Lufft zu kommen, eine Wallfahrt auf 3. Tage nach dem uralten Heyden-Tempel thun, und hernach wieder zuruck kommen wolte. Es war dieses allerdings ein recht verzweiffelter Anschlag und Vorhaben zu nennen, allein da Jacob auch die Wache nicht nur mit Gelde, sondern auch mit vielen Wein-Flaschen abermahls bestochen, ja alle unsere Wachter mit dem besten Weine dergestalt begeistert hatte, dass sie fast von ihren Sinnen nicht wusten, kamen wir in den Mitternachts-Stunden glucklich durch die Wache und zum Schlosse hinaus. Jedennoch hatte der Satan sein Spiel, dass wir des rechten Weges, den uns Jacob abgezeichnet hatte, auf welchem wir ihn und seine Frau antreffen solten, verfehleten, uns in einem dicken Gebusche verirreten, und endlich folgenden Morgens durch die Jager des Arab-Ogli gefunden, erkannt, und als Gefangene auf das Schloss ihres Herrn gebracht wurden.

Demnach geriethen so wohl ich, als die Printzessin in die allerauserste Verzweiffelung, weilen wir wohl wusten, dass dieser Arab-Ogli vor einiger Zeit ein ungluckseliger Buhler der Furstin gewesen. Wie ich nun aber am allerbesten ausreden konte, auf was Art ihn dieselbe abgefertiget hatte, so wurde mir desto banger um das Hertze, ja ich vermeynete nicht anders, als dass wir unsern baldigen Tod, wenigstens aber ein sehr schweres Gefangniss wurden zu hoffen haben; Allein, das Schicksal fugte es gantz anders, denn ob ich zwar in dem Letzteren nicht gefehlt, indem uns Arab-Ogli auf eins seiner vestesten Schlosser brachte, so liess er doch die Printzessin, nachdem er ihrer Person wegen vollkommene Kundschafft eingezogen, auf das allerbeste verpflegen, worbey denn ich auch eben keine Noth litte.

Wenige Tage hernach schickte Arab Ogli zwey gantz vernunfftige Weiber an die Printzessin, welche ihr gantz hoflich und geschickt vorzutragen wusten, wie sich dieselbe ja nicht einbilden solte, dass sie eine solche Gefangene ware, vermittelst deren er, der Arab Ogli, da er mit dem Fursten von Candahar in einigem Streite und Wiederwillen lebte, etwa seinen Hohn oder Schimpff zu rachen gesonnen ware. Nein! keineswegs; derowegen solte sie nur gutes Muths seyn, und alles fordern und befehlen, womit ihr gedienet werden konte, denn Arab-Ogli wurde gegen Abend selbsten kommen, sie zu besuchen, bey solcher Gelegenheit aber sich deutlicher gegen sie, die Printzessin, erklaren.

Ob nun schon diese letztere so wohl, als ich, wunschten, uns lieber in dem wilden Walde, oder in einer Wusteney zu befinden, als mit dem Feinde des Fursten von Candahar fernerweit etwas zuthun zu haben, so sahen wir uns doch halb gezwungener Weise gemussiget, in die Zeit zu schicken, und ihm den Zutritt zu vergonnen, als welchen wir ihm, wenn wir es bey dem Lichte betrachteten, ohnedem nicht verwehren konten, indem wir uns ja in seiner Gewalt befanden.

Demnach kam Arab Ogli Abends nach der Taffel, da wir in unserm Zimmer bereits die Wachs-Kertzen angezundet hatten, und weilen er die Printzessin bey ihrem Nacht-Tische sitzend, und in einem geistlichen Buche lesend antraff, so warff er sich gleich augenblicklich zu ihren Fussen hin, und redete dieselbe meines Behalts ohngefehr mit folgenden Worten an: "Printzessin Mirzamanda! ihr stehet in der falschen Einbildung, als ob ihr meine Gefangene waret; allein hierinnen irret ihr euch viel zu sehr, denn weilen ihr die Konigin und Beherrscherin meines Hertzens, so bin ich im Gegentheil eurer Gefangener, ja euer allerunterthanigster Sclave, und zwar von der Stunde an, da ich das Gluck gehabt, eure Anbetens-wurdige Person, als das vollkommene, ja noch weit schonere Ebenbild eurer gestorbenen Mutter zu erblicken. Glaubet ja nicht, dass ich Schuld bin an eurer so genannten Gefangenschafft, oder es meinen Jagern anbefohlen habe, euch aufzuheben, und zu mir zu fuhren. Nein! ich betheure nochmahls bey dem Zeugniss aller Gotter und allen dem, was heilig uber und um uns heist, dass ich ein solches nicht gethan: da aber das Gluck eure Person unverhoffter Weise in meine Verwahrung gefuhret, so sehe ich solches als eine gute Vorbedeutung an, durch diese eure Person mit eurem Durchl. Vater, dem Fursten von Candahar, bald vollkommen vereinigt zu werden, und zwar durch eine gluckselige Vermahlung zwischen euch und mir."

Mirzamanda schickte sich damahls, meinen Gedancken nach, ziemlicher Massen in die Zeit, indem dieselbe den Arab-Ogli von der Erden aufzohe, und ihm eine und andere kleine Schmeicheleyen erwiese, auf die Haupt-Sache aber gab sie zu diesem erstenmahle eine fast gantz sprode heraus kommende Antwort; jedoch, der in sie allzu hefftig verliebte Ogli vermeinete vielleicht, dass sie es nach und nach schon etwas naher geben wurde. Demnach besuchte er sie nicht nur auf das allerfleissigste, sondern versuchte auch durch die allerkostbarsten Geschencke, vortrefflichste Bewirthung und allerhand Schmeicheleyen sie dahin zu bewegen, ihn zu lieben; ja, er liess aus unserm Zimmer 2. Felder ausschlagen, und 2. Treppen anlegen, vermittelst deren wir, und zwar durch die eine oben hinauf in eine grosse Gallerie steigen, und uns aus den vielen Fenstern weit und breit umsehen, mithin frische Lufft schoffen konten. Aufer dieser oben hinaus lauffenden Treppe, wurde noch eins andere in die Tieffe angelegt, wobey er uns die Freyheit gab, so offt als es uns nur immer gefallig ware, hinunter in den grossen Baum- und Lust-Garten zu steigen, in welchem Garten denn auch verschiedene wilde Thiere, als Lowen, Leoparden, Tygerthiere und dergleichen andere wilde Bestien mehr in ordentlichen vor sie erbaueten Gehausen aufbehalten wurden, ohne diese unbeschreibliche Menge der grossen und kleinen Vogel von allerhand Arten. Zuweilen, wenn Arab-Ogli selbsten in das Lust-Haus kam, worinnen sich die Printzessin befand, liess sich in etwas von ferne bald eine sanffte, bald aber eine starcke Musique horen. An den herrlichsten Erfrischungen war kein Mangel, vielmehr der groste Uberfluss, und mit wenig Worten zu sagen, so suchte sich Arab-Ogli der Printzessin auf alle nur ersinnliche Art dergestallt gefallig zu machen, dass sie ihm ihr Hertz schencken, und zu ihrem zukunfftigen Ehe-Gemahl erwehlen solte; Allein die Printzessin wurde bey allen seinen Liebkosungen und Schmeicheleyen von einer Zeit zur andern immer unempfindlicher, ja, sie konte den Arab-Ogli fast nicht mehr vor ihren Augen sehen. Endlich besonne sich dieser noch auf ein Mittel, um sie zur Liebe zu reitzen, indem er die besten Comdianten bestellete, welche auf der Gallerie die verliebtesten Schau-Spiele spielen musten, da denn nicht allein die Printzessin, sondern auch ich, ohne von jemanden gesehen zu werden, alles was vorgestellet wurde, beobachten konte. Da aber auch dieses nichts bey der Printzessin verfangen wolte, im Gegentheil sie diese Narrens-Possen nach wenig Tagen gar nicht mehr anzusehen wurdigte, wurde Arab-Ogli endlich verdriesslich, ja, so zu sagen, gantzlich in den Harnisch gejagt, wesswegen er der Mirzamanda nachhero, so offt er sie besuchte, nicht halb so freundlich begegnete, als vorhero. Bald darauf legte er derselben einige Briefschafften vor, welche ihr Vater, als der Furst von Candahar, (seinem Sagen nach) eigenhandig solte geschrieben haben, und in welchen Briefen Mirzamanden von ihrem Vater anbefohlen wurde, das Beylager mit dem Arab-Ogli, als seinem neuen werthen Freunde, und liebsten Schwieger-Sohne, auf das allereiligste zu vollziehen, indem er bald selbsten kommen und sie besuchen wolte; Allein Mirzamanda merckte den Betrug und die List, weilen sie ihres Vaters Hand und Siegel besser kannte; wesswegen sie sich gegen den Arab-Ogli nochmahls weigerte, dem vaterlichen Befehle zu gehorsamen, sondern es so lange anstehen zu lassen versprach, bis ihr Vater selbsten kame, und ihr das Wort in den Mund gabe.

Hiermit war dem Fasse der Boden eingestossen, denn Arab-Ogli gieng nur nach der Thure des Zimmers, und murmelte viele Worte mit der davor stehenden Wache, welche wir aber nicht alle vernehmen konten, bis endlich etwa eine Stunde hernach der Furst von Candahar, als der Printzessin Vater, in unser Zimmer herein gebracht wurde; jedoch in einer sehr jammerlichen Gestalt, und uber dieses alles noch, dass er eiserne Ketten und Banden an Armen und Beinen trug. Hier solte nun die Ehe-Stifftung geschlossen werden; allein, nachdem die Prinssessin eine kleine Ohnmacht uberstanden, sagte sie so wohl zu ihrem Vater, als dem Arab-Ogli, dass sie viel lieber des allerbittersten Todes sterben, als des Arab-Ogli Gemahlin werden wolte.

Der Furst, ihr Vater, versetzte hierauf: "Siehe, meine Tochter! wir sind unter die Hande unserer Feinde gerathen, ob uns die Gotter wieder daraus erretten wollen, solches mussen wir abwarten; ich aber, als Vater, zwinge dich zu keiner unanstandigen Heyrath, sondern uberlasse dir dessfalls deinen eigenen Willen, weilen ich versichert bin, dass es dir am Verstande nicht fehlet."

Arab-Ogli mochte sich zwar uber diese Worte nicht wenig argern, allein er gieng nochmahls zum Zimmer hinaus, und redete mit der darvor stehenden Wache, kam auch bald wieder zuruck, und etwa eine 4tel Stunde hernach wurde der Furst von der Wache mit seinen tragenden Ketten abgefordert und zuruck gefuhret. In den Mitternachts-Stunden kam Ogli abermahls in der Printzessin Zimmer, und suchte dieselbe mit den allerglattesten Worten zu seiner Liebe zu bewegen; da aber dieses geschehen, zumahlen, da sie ihren Vater in Ketten und Banden gehen und hinweg fuhren sehen, so war sie fast in eine kleine Raserey gerathen, dergestalt, dass sie dem Arab Ogli die schandlichsten Reden anzuhoren gab. Dieser, ohngeachtet man meynen sollen, er wurde sich zur Ruhe begeben, und Mirzamanden auf dissmahl zu Frieden lassen, unterstunde sich dennoch derselben auf das allerhefftigste zuzusetzen, ja! seine Geilheit trieb ihn so weit, sie mit Gewalt darzu zu zwingen, auch alle Kraffte daran streckte, seinen verfluchten Zweck zu erreichen, allein Mirzamanda wehrete sich auch dergestalt, dass ich mich nur verwundern muste, wo sie die Starcke und Kraffte herbekam, sich diesem starcken Manne zu widersetzen. Endlich ruffte sie mich um Hulffe an, allein ich war kaum durch die halb eroffnete Thur in ihr Zimmer hinein getreten, als mich Arab-Ogli mit groster Gewalt zu Boden warff, so, dass ich die Beine in die Hohe kehren muste, und mich weiter fast nicht besinnen konte; doch horete ich noch so viel, dass er zur Printzessin sagte: "Siehe! weil du meinen Willen nicht erfullen wilt, so will ich deinen Vater vor deinen Augen erwurgen lassen."

Mit Endigung dieser Worte ergriff er die Printzessin in der Mitte des Leibes, stiess die Thur auf, so auf den grossen Saal gieng, und trug dieselbe dadurch hinaus. Ich war einiger Massen wieder zu mich selbst gekommen, derowegen folgte ich ihnen auf dem Fusse nach, bis auf den grossen Saal, da ich denn so viel vernahm, dass Arab-Ogli denen daselbst befindlichen Wachtern befahl, dass sie seinen Befehl, ohne einen Augenblick zu versaumen, ausrichten solten.

Demnach wurde sogleich der gute Furst herbey gebracht, ihm in der Geschwindigkeit eine Schnur um den Hals geworffen, und er damit erdrosselt, so, dass er sich auf dem Boden, ohne einen Laut von sich zu geben, zu Tode zappeln muste. Hergegen machte Mirzamanda ein desto grosser Geschrey, hielt sich aber auf diesem ungluckseligen Platze nicht lange auf, sondern eilete in ihr Zimmer zuruck. Was halff aber dieses? denn Arab-Ogli folgte ihr auf dem Fusse nach, warff sie abermahls mit der grosten Gewalt nieder, drohete ihr auch mit einem entbloseten Dolche, sie damit zu erstechen, woferne sie sich nur im allergeringsten ferner wiedersetzen wurde. Jedoch die behertzte Mirzamanda runge dem Ehren-Schander den Dolch glucklich aus den Handen heraus, und versetzte ihm in groster Geschwindigkeit 8. bis 10. Stiche in die Brust und in den Unterleib, so, dass er gar bald darnieder sanck, und seinen Geist aufgab.

Ich hatte sogleich in Ohnmacht sincken mogen, da ich durch mein Gucke-Loch diese jammerliche MordGeschichte mit ansahe, allein der Printzessin erstaunliches Zeter- und Mord-Geschrey trieb nicht allein diese zuruck, sondern lockte auch etliche Mann von der Wache herbey, welche sogleich die Thur eintraten, um zu sehen, was vorgienge. Wie nun diese Mannschafft sahe, welchergestalt sich ihr Herr auf dem Boden in seinem Blute herum weltzete, lieffen sogleich einige derselben zuruck, um diese Begebenheit der Schwester des Arab-Ogli zu berichten: denn es hatte dieser geile Herr weder Frau, noch Kinder, sondern sich schon eine lange Zeit daher mit Huren beholffen. Gemeldte Schwester des Arab-Ogli blieb erstlich eine lange Weile stehen, als ob sie versteinert ware, nachdem sie dieses Spectacul erblickt hatte; endlich aber that sie ihren Mund auf, und sagte: "Printzessin Mirzamanda! welcher bose Geist hat euch verleitet, diesen meinen Bruder, als einen regierenden Fursten, auf so grausame Art zu ermorden? Mirzamanda gab hierauf zur Antwort: Ich habe einen vermaledeyeten Nachsteller und Rauber meiner Ehre, welche aber der Himmel mir bis hieher dennoch erhalten hat, mit seinem eigenen Dolche ermordet, und zwar ohne andere Beyhulffe, mit meiner eigenen Faust; ob er ein regierender Furst, oder euer Bruder sey, darum bekummere ich mich wenig, weilen ich, als eine gebohrne Printzessin wegen dieser meiner begangenen That hauptsachlich niemanden anders, als dem Dreyeinigen GOtte, und zwar als eine getauffte Christin, Rede und Antwort zu geben, mich schuldig zu seyn, versichert halte."

Die Schwester des Arab-Ogli erholete sich einiger Massen wieder von dem gehabten Schrecken, fuhrete sich, nachdem sie etwas Wein und Confect zu sich genommen hatte, ungemein liebreich und artig gegen Mirzamanden auf, ersuchte auch dieselbe, ihr noch in ein ander Neben-Zimmer zu folgen. Diese that es, und ich horete, dass beyde in Geheim bis zu Aufgang der Sonnen ein recht vertrauliches Gesprach unter einander fuhreten; So bald aber solchergestalt der Tag angebrochen war, kamen viele Manner mit Gewehr in unser Zimmer herein getreten, die Mirzamanden und mich in eiserne Ketten und Banden schliessen liessen, hernachmahls in ein wohlverwahrtes Gewolbe brachten, welches gleich unter unserm Zimmer und unter der Treppe war, durch welche wir in den Garten hinab steigen konten. So bald wir in diesem seltsamen Behaltnisse angelanget, sprach ich zu meiner Printzessin: Nunmehro wird uns wohl unser letzteres Brod schon gebacken seyn; Diese aber gab gantz freymuthig zur Antwort: Glaubet es nicht, meine liebe Anna! wir werden nicht sterben, sondern leben bleiben mussen, um des HErrn Werck zu verkundigen.

Mittlerweile liess uns die Schwester des Arab-Ogli mit den allerbesten Speisen und Getrancken versehen, welche allemahl credentzt wurden, damit wir uns nicht etwa einen Eckel oder gar die Einbildung machen mochten, als ob etwa Gifft darinnen befindlich ware, ja, die Printzessin offenbarete mir das gantze Gesprach, welches sie mit der Schwester ihres Feindes gehalten, und weilen diese nunmehro die regierende Furstin ware, so wolten wir unverzagt und gutes Muths seyn, zumahlen, da sie gewiss versichert worden, dass es nicht ihr Vater, sondern ein anderer Missethater, von der Gestalt des Fursten von Candahar gewesen sey, welchen Arab-Ogli blos ihr, der Printzessin, zum Schrecken erdrosseln lassen. Ich liess mir vor meine Person alles vorschwatzen, so viel sie nur immer wolte, unterdessen aber wurde wenige Tage hernach Mirzamanda vor ein peinliches Hals-Gerichte auf den grossen Saal gefordert, auf das allerscharffste ausgefragt und verhort; worauf ihr, als einer Morderin des regierenden Fursten, das Urtheil dermassen ausgesprochen wurde: dass sie auf einem 12. Ellen hohen Scheiter-Hauffen lebendig verbrand werden solte.

Nach angehortem Urtheil hielt Mirzamanda in Persianischer Sprache eine Rede, die bald eine Stunde lang wahrete: denn es waren mehr als 5. bis 600. Menschen auf dem Saale versammlet, jedoch gieng erstlich alles gantz stille zu; nachhero aber that diese ihre bewegliche Rede unter so vielen Personen verschiedene recht Bewunderns-wurdige Wurckungen: denn manche fiengen zu heulen und zu schreyen an; manche schlugen die Hande uber den Kopffen zusammen, klatschten auch wohl darbey; noch manche stampfften mit den Fussen auf die Erde, und spyen nach der Decke und den Wanden des Saales zu. Demnach wuste Mirzamanda so wenig, als ich, zu begreiffen, was wir uns unsers fernern Schicksals wegen zu getrosten hatten. Jedoch die nunmehro regierende Furstin liess uns beyde durch eine sichere Wache in unser voriges Z i m m e r begleiten, folgte auch bald nach, und unterredete sich abermahls mit Mirzamanden, bis der Tag fast anbrechen wolte. Aus ihren Reden vernahm ich so viel, dass der Furstin der Tod ihres gottlosen Bruders eben nicht allzu nahe gieng, denn sie trostete Mirzamanden auf das allerliebreichste, und sagte zuletzt: Es wird zwar vor euren Augen gleich morgendes Tages ein Scheiter-Hauffen gemacht werden, allein darauf sollet ihr, meine Schwester! so wenig kommen, als eure Frau, die ihr bey euch habt, sondern ich muss nur einigen meiner missvergnugten Unterthanen einen blauen Dunst vor die Augen machen; an eurer Stelle aber will ich zwey Mordbrennerinnen auf den Scheiter-Hauffen bringen, und verbrennen lassen; Ihr hingegen sollet durch mich zu gehoriger Zeit in Sicherheit gebracht werden, weil ich die Christen weit mehr liebe, als die Heyden.

Leichtlich ist es zu erachten, dass, da nach dem Abgange der Furstin wir unsere Ruhe suchten, selbige jedoch keinesweges geniessen konten, vielmehr die wenigen Schlaf-Zeits-Stunden mit tausend sorgsamen Grillen hinbrachten, indem wir uns auf der Furstin, als einer Heydnischen Printzessin, Wort eben so sehr nicht verlassen konten, mithin zwischen Furcht des Todes und des Lebens schwebeten und zwar auf eine solche jammerliche und schmertzhaffte Art, nemlich auf einem Scheiter-Hauffen verbrannt zu werden. Allein wir wendeten uns mit einem andachtigen Gebete zu dem Allmachtigen, damit er dieser Heydnischen Furstin Hertz regieren, und unser Leben erhalten wolle. Dieses Gebet wurde erhoret; Denn ohngeachtet wir mit dem allergrosten Schrecken den abscheulich hohen Scheiter-Hauffen aufrichten sahen, so wurden wir doch bald getrostet, weilen die Furstin in unser Zimmer kam, und Mirzamanden verschiedene Kleynodien von hohem Werthe einhandigte, anbey sagte: "Nehmet dieses wenige, meine wertheste Schwester! auf den Nothfall mit auf die Reise, denn ich habe euch zwey Pilgrims-Kleider machen lassen, auch schon zwey Magde bestellet, welche mit zweyen Korben, die mit Lebens Mitteln angefullet sind, euch die richtige Strasse zur Clause des frommen und heiligen Einsiedlers Urbani zeigen sollen; welcher heilige Mann, wenn ihr nur einen Gruss an ihn von mir bringet, alles mogliche anwenden wird, euch in Sicherheit zu schaffen. Derowegen haltet euch bereit und reisefertig: denn ich will euch selbst in der MitternachtsStunde abholen, und durch die kleine Hinter-Thur des grossen Gartens fuhren, allwo die beyden Magde eurer warten sollen; Haltet euch also nicht auf, sondern setzt eure Reise in moglichster Geschwindigkeit fort, denn gleich mit Anbruch des Tages wird der Scheiter-Hauffen angezundet werden, der dem Mordbrennerinnen, keines Weges aber vor euch zur Bestraffung, auf meinen Befehl, aufgefuhret worden."

Nachdem die Furstin unser Zimmer verlassen, fielen Mirzamanda und ich auf unsere Knie nieder, und wiederholeten das Gebet zu dem allmachtigen GOtt, welches denn auch erhoret wurde: Denn die Furstin kam in der Mitternachts-Stunde, nahm von Mirzamanden unter sehr vielen Kussen den allerzartlichsten Abschied, und fuhrete uns beyde in eigener Person in Begleitung zweyer Magde durch den grossen Garten zur Hinter-Thur hinaus, allwo wir andere 2. Magde, die Korbe aufgehuckt hatten, antraffen, und mit denselben, nach nochmahls genommenem zartlichen Abschiede von der Furstin, unsere Reise antraten, und zwar dem Scheine einiger Fackeln, so hie und da am Wege aufgestellet waren, entgegen eileten, so lange bis der Tag anzubrechen begunte, da wir denn bald ein grosses Feuer-Zeichen am Himmel gewahr wurden, und daraus nicht anders urtheilen konten, als dass selbiges von dem angezundeten Scheiter-Hauffen herruhrete, weiln sich solches eben uber selbiger Gegend zeigte. Wir wunschten also denen Mordbrenerinnen eine gluckliche Himmelfahrt, und setzten unsern Weg durch einen grossen dicken Wald auf das allereiligste fort, welchen wir nach gethanen zweyen starcken Tage-Reisen endlich nur von ferne noch hinter unserm Rucken liegen sahen. Die beyden Magde, welche die Korbe mit den Lebens-Mitteln trugen, stelleten sich ermudeter an, als Mirzamanda und ich, wesswegen, da diese Printzessin vermerckte, wie die faulen Magde eben keine besondere Lust bezeigten, weiter mit uns zu gehen, einer jeden Magd einen diamantenen Ring nebst 2. Handen voll allerley guldener und silberner Muntz-Sorten gab, und sie damit umzukehren beurlaubte; jedoch musten sie uns den meisten Theil der Lebens Mittel zuruck lassen, als welche wir selbsten, so gut wir nur immer konten, in unsere langen Pilgrims-Kleider einpackten.

Ob nun schon der furchterliche dicke Wald glucklich von uns zuruck gelegt war, und wir unsern fernern Weg nach dem grossen Geburge zu nahmen, als welches Geburge, so zu sagen die Grantz-Scheidung des Gross-Mogulischen-Gebiets ist; so geriethen wir binnen 4. Tagen, jedoch gantz ohnvermerckt, in eine weit grossere Gefahr, nemlich in eine gantze SandSee, welche wir kaum ubersehen konten, und zum offtern bis uber die Knie darinnen baden musten. Mein Rath war, umzukehren, und uns viellieber wieder in den dicken Wald zu begeben, allwo wir doch einige frische Wasser Bachlein, ingleichen gute Krauter und Wurtzeln zu unserer Nahrung antreffen konten, indem unsere Lebens-Mittel auf die Neige gehen wolten; Allein Mirzamanda war nicht zuruck zu bringen, sondern badete immer im Sande fort, bis wir endlich die Haut von unsern Schenckeln dergestalt abziehen konten, als ob dieselbe mit siedenden Wasser verbrandt ware. Ja, wir konten bey Tags-Zeit auf dem Sande, wegen grosser Hitze, weder stehend noch liegend, die geringste Rast noch Ruhe geniessen, bis wir endlich, nachdem wir wohl gezehlet, dass es seit unserer Abreise schon 12. mahl Nacht worden, und die Sonne darauf wieder hervor gekommen war, in diesem SandMeere auf eine kleine so genannte Insul geriethen, die uns nicht allein ein halb verwelcktes grunes Gras, sondern auch eine hell- und klare Wasser-Quelle vor Augen stellete, als mit welchem letztern uns am allermeisten gedienet war, weilen der Durst fast noch unertraglicher, als der Hunger werden wolte; ja sich muss es nur bekennen, dass wir zu dreyen verschiedenen mahlen, ehe wir gantzlich verschmachten wolten, eine jede ihr eigenes Wasser aus einer bey uns habenden guldenen Schaale getruncken. Wir hielten auf dieser kleinen Insul, nach meiner Rechnung, uber zwey mahl 24. Stunden Rast, labten uns aus der Quelle, und zogen hernach die dicksten Gras-Stauden aus der Erde, bissen die Wurtzeln mit grostem Appetite davon ab, und fulleten damit unsere beyden hungrigen Magen, legten uns hierauf bey eintreten der Nacht zur Ruhe, und schlieffen bis zu Aufgang der Sonnen dergestalt vergnugt und unbesorgt, als ob wir uns in einem furstlichen Zimmer und in den allerschonsten Betten befanden, auch von einer getreuen Wache wohl verwahret wurden.

Da wir nur solcher Gestalt wohl ausgeruhet, und uns recht erquickt und gelabet hatten, brachten wir noch einen halben Tag zu, um die besten Wurtzeln und grunen Stauden, die uns wegen ihrer Unschadlichkeit wohl bekannt waren, auszuziehen, und dieselben in Vorsorge wegen des etwa kunfftig herannahenden Hungers zu verwahren. Auch fulleten wir jede von den zwey ledigen Flaschen, worinnen vor der Zeit Wein gewesen war, vorjetzo mit Wasser, aus der schonen klaren Quelle, begaben uns also mit diesem Proviant von neuen auf die Reise nach dem Geburge zu.

Vier gantzer Tage musten wir noch im Sande baden, ehe unsere Fusse ein vestes Land finden konten, und mittlerweile kam uns unser Proviant an Krautern, Wurtzeln und Wasser recht herrlich wohl zu statten, indem wir sonsten wegen der fast unertraglichen Hitze ohnfehlbar hatten verschmachten mussen. So bald wir aber am Abende des 4ten Tages ein vestes Land gefunden, erblickte wir auch auf einer Berges-Hohe ein hellbrennendes Feuer: wesswegen wir, der uns gemachten Beschreibung nach, dieses Werck nicht etwa vor ein Heydnisches Feuer, sondern als die Einsiedlerey des frommen Einsiedlers Urbani einbildeten, und in Gedancken vorstelleten; welche letztern uns denn, wie wir hernach erfahren, auch nicht betrogen hatten; Allein es war uns der grossen Mattigkeit wegen gantz unmoglich, die Hohe des Berges, auf welchem das Feuer noch immerfort brandte, zu erklettern, wesswegen wir denn an der Mitte desselben liegen blieben, in einen tieffen Schlaf verfielen, und nicht ehe, als durch den Anblick der aufgehenden Sonne ermuntert wurden. Demnach kletterten wir beyde matte und ermudete Personen mit Handen und Fussen den Berg vollends hinauf, sahen das angemachte Feuer annoch brennen, fanden aber in der Clause oder Hutte weder Hund, noch Menschen, bis wir um die Clause herum giengen, und einen Mann mit einem grossen weissen Barte (der ihm fast bis an die Gurtel-Statte reichte) antraffen, welcher beschafftigt war, mit einer Schauffel und Hacke ein tieffes Grab in die Erde zu machen.

Wir beteten zu GOtt, creutzigten und segneten uns alle beyde, giengen hierauf gantz dreuste auf den alten Greiss zu, und fragten ihn: warum er es sich so sauer werden liesse, ein solches tieffes Loch in die Erde zu graben, indem wir wohl sahen, dass er sehr bey solcher Arbeit schwitzte, dieser Berg aber vielleicht wohl zu hoch sey, um etwa einen Brunnen zum WasserSchopffen darauf, einzugraben.

Hierauf offnete der alte Greiss seinen Mund, und sagte zu mir: Liebe Schwester in Christo, dem Welt Heylande, erzeige mir den Gefallen, und wische mir den Schweiss von meinem Angesichte ab, sodann will ich ferner mit euch reden, weiln ich wohl weiss, dass deine Gefertin die Printzessin Mirzamanda von Candahar, und du ihre Pflege-Mutter bist.

Ich erstaunete ziemlicher Massen uber die Worte dieses Mannes, jedoch, da er den Nahmen Christi nur einmahl genennet, hielt ich ihn dennoch vor keinen Heyden oder Anbeter des Feuers und anderer Gotzen; machte mir derowegen kein Gewissen, ihm den Schweiss aus seinem Angesichte mit einem reinen weissen Tuchlein abzuwischen; Mirzamanda aber gieng inzwischen etwas auf die Seite, kam jedoch bald wieder zuruck, da sich denn der Greiss auf eine grune Grase-Banck niederliess, und also zu uns redete: "Ihr glaubt, meine lieben Kinder! dass ich etwa einen Brunnen graben will, um jederzeit frisches Wasser zu haben, allein dieses fehlet mir nicht, weiln etwa nur 20 bis 30 Schritte hinter dieser meiner Clause das allervortrefflichste Wasser aus einem kieselharten Felsen mir entgegen gesprungen kommt, Ich will euch aber dieses sagen, dass das Loch, welches ich seit gestern und heute ausgegraben, mein Grab bedeuten soll. Meinen Geferten habe ich bereits vor einem halben Jahre begraben, weiln derselbe eines naturlichen und sanfften Todes gestorben war; Mir aber hat der Himmel wissen lassen, dass ich durch die Hande einer verfolgten Christlichen Printzessin entweder beerdigt werden, oder dieselbe aus diesem Reiche in die Christenheit schaffen solte. Nun habe ich euch allen beyden schon seit etlichen Tagen daher mit sonderbarem Verlangen entgegen gesehen: denn ich weiss alle eure Umstande und Geschichte, welche mir in meinem grossen Spiegel gezeigt worden, so offt ich denselben vor mich gesetzt. Mittlerweile aber, da ich eure beschwerliche Reise gesehen, hat mir der Himmel offenbaret, dass ich zwar mein Grab machen, jedoch binnen Jahres-Frist noch nicht sterben, sondern nach Verlauff einiger Zeit mit euch eine Wallfahrt nach der Insul Ceylon, zu dem Grabe Adams, als unsers allerersten Vaters, thun soll, allda werden wir sodann ein Hollandisches Schiff antreffen, dessen Patron auf Befehl einer hohern Macht uns einnehmen, und in die Christenheit fuhren wird, (denn ihr konnet mir sicher glauben, dass ich ein so genannter naturlicher Sohn eines grossen Europischen Printzen bin, nachdem aber dieser mein Vater gestorben, bin ich vor nunmehro 112. Jahren durch seine hinterlassenen Erben aus meinem Vaterlande vertrieben worden, und habe mich wunderlicher Weise in der Welt herum getummelt, so wohl zu Lande, als zu Wasser. Endlich nach vielen ausgestandenen Drangsalen und Gefahrlichkeiten liess mich als einen Romisch Catholischen Christen gelusten, den Franciscaner-Munchs-Orden anzunehmen, da es denn nachhero mein Schicksal dergestalt gefugt, dass ich, nebst noch 2. anderen meiner Mit-Bruder in dieses Konigreich Persien gerathen, allwo wir unsern ausersten Fleiss anwendeten, die Heyden zu dem wahren GOtte der Christen zubekehren, hergegen von der Abgotterey und sonderlich von der Anbetung des Feuers abwendig zu machen; allein, da die Heyden dieses unser Vorhaben vernahmen thaten sie uns allen dreyen nicht allein die groste Schmach und Schande, sondern auch zum offtern sehr viele Marter an, und endlich wurde unser dritter Mann von den Heyden gar zu Tode geschlagen; wesswegen wir armen erschrockenen zwey ubrig gebliebenen Bruder uns eiligst auf die Flucht begaben, um, sonderlich bey damahligen schweren Kriegs-Zeiten, ihren Handen zu entrinnen, da uns denn der Himmel auf dieses Geburge fuhrete, welches, ob es gleich von aussen sehr furchterlich, wuste und wilde zu seyn scheinet, jedennoch von innen gantz angenehm und lustig ist. Derowegen baueten wir beyde geschworne Bruder sogleich eine Clause auf diese Statte, unter welcher aber 4 in Stein gearbeitete Keller befindlich sind, und lebten in den ersten Jahren sehr schlecht und elend, nemlich von blosen Krautern, Wurtzeln und wilden unschmackhafften Fruchten, worbey uns die vortreffliche Wasser-Quelle sehr wohl zu statten kam; nach der Zeit aber haben sich aus einigen, in dem jenseitigen GrossMogulschen Gebiete gelegenen kleinen Stadten und Dorffern immerzu Leute bey uns eingefunden, weiln wir alle beyde die Gaben hatten, zu weissagen, Krancke gesund zu machen, auch dann und wann einige besondere Wunder zu thun. Also sind wir nachhero von diesen Leuten nicht allein mit guten Speisen und Getrancken versorgt, sondern auch mit allerhand Arten von Geschencken fast uberhaufft worden, bis endlich, wie ich schon gemeldet, mein Mit-Bruder ohngefehr vor einem halben Jahre gestorben, und von mir begraben ist. Nunmehro habe ich einen stumm und taub gebohrnen Mann zu meiner Bedienung, welcher mich wochentlich 2. oder 3. mahl besucht, und zusiehet, ob ich auch noch lebe. Dieser bringet mir alles zu, was ich zur hochsten Nothdurfft brauche, und ohngeachtet er taub und stumm ist, so verstehet er doch an den Zeichen, so ich ihm gebe, alles auf das allergenaueste, was ich von ihm haben will, als wovon ihr die Proben sehen sollet, denn er wird heute, oder langstens Morgen gewiss kommen, und mir frischen Proviant bringen."

Nachdem der alte Greiss diese seine Rede vollendet, nothigte er uns beyde nur ihm in seine Clause zu kommen, und als wir ihm gefolgt, Mirzamanda aber etwas bekumert und traurig aussahe, sprach er zu

derselben: "Ich weiss es, Printzessin, dass ihr vor jetzo um eures Vaters wegen bekummert und traurig seyd; allein sorget vor ihn nicht, denn ich will euch gleich zeigen, dass er noch wohl, gesund und lustig lebt."

Hierauf stieg er hinunter in einen Keller, und brachte ein grosses, rundes, klar und hell geschliffenes-Glas herauf, welches uber 2. Spannen hoch, in der Mitte aber uber 3. Finger dicke war. Dieses Glas setzte er vor Mirzamanden auf den Tisch nieder, hieng ein weisses Tuch an die gegen uber stehende Wand, schrieb der Printzessin Nahmen und etliche Characters mit Kreite vor derselben auf den Tisch, da wir denn mit groster Verwunderung sahen, wie sich auf dem weissen Tuche der Furst von Candahar mit der offt genannten Fraulein von N. auf einem JagdWagen sitzend, dergestalt ordentlich zeigten, als ob beyde mit einem Mahler-Pinsel abgeschildert waren. Dergleichen Proben machte er auf Verlangen der Mirzamanda noch einige, that auch weiter nichts mehr bey der gantzen Sache, als dass er dann und wann die Characters und Zeichen mit der Kreite veranderte. Endlich, da wir diese Lust uber 2. Stunden gehabt, sprach er: "Nun, meine Kinder! will ich euch meinen taub und stumm gebohrnen Aufwarter vorstellen, gebt wohl Achtung darauf, ob derselbe nicht, ehe es Morgen Mittag wird, in eben der Gestalt, als ihr ihn jetzo sehen werdet, vor euren Augen erscheinen soll, denn ich will noch 3. Characters mehr darzu machen, damit er mir nicht uber die Mittags-Stunde aussen bleiben darff. Habt Acht! ob mein Frantz nicht kommen, und mich besorgen wird, denn ich habe ihn, ohngeachtet er taub und stumm ist, dennoch dem heiligen Francisco zu Ehren getaufft, ihm auch durch Zeichen sehr viele christliche Lehren und Einbildungen vom Christenthume beygebracht, und also ist dieser mein getreuer Frantz kein Heyde, sondern ein guter Christ."

Wie nun Mirzamanda und ich durch die grosse Crystalle sahen, dass sich an der weissen Wand ein Mann zeigte, welcher einen ziemlich grossen Korb auf dem Rucken trug, uber welchen auch ein langer Queer-Sack gelegt war, und er auser dem noch in der einen Hand einen ledernen Schlauch, in der andern aber ein Fisch-Netz hatte, worinnen sich lebendige Fische und Krebse befanden, so wurden wir uber diesen Mann, der ein graues Kleid und einen schonen Persianischen Huth auf seinem Hauptem blicken liess, fast zum hertzlichen Lachen bewogen.

Da nun Urbanus dieses gewahr wurde, fieng er, als ein gantz freundlicher Mann, den sein silberfarbener Bart gantz und gar nicht verstellete, indem die hochrothen Wangen sehr fein darunter hervor schimmerten, selbsten mit zu lachen an, und sagte: Sehet, meine lieben Schwestern! dieses ist die Gestalt meines Frantzens, in welcher er sich Morgen bey guter Zeit darstellen wird. Ihr aber werdet diesen Abend bey einer Flasche Wein mit kalter Kuche mit mir vorlieb nehmen mussen, weilen ich heute keine warmen Speisen habe kochen konnen.

Ohne ferneres Reden stieg er abermahls auf einer andern Treppe in die Tieffe hinunter, und brachte nach und nach das schonste Brat-Werck von allerley Fleisch und Fischen, anbey Citronen, Capern, Limonien und andere eingemachte Sachen an statt des Zugemuses und Salats herauf, hiernachst 4. solche vortreffliche Cocos-Nusse, dergleichen ich von Grosse Zeit meines Lebens nie gesehen habe, und woran wir beyde uns ungemein labten. Urbanus bezeigte sein Vergnugen auf vielerley Art, da er sahe, dass wir uns seine Tractamenten so wohl schmecken liessen, langete derowegen 3. Flaschen von dem allerangenehmsten Palmen-Sect herbey, und nothigte uns jederzeit auf das allerhefftigste, ihm Bescheid im Trincken zu thun. Wir fuhreten uns aber hierbey sehr behutsam auf, weiln uns dieser Wein etwas starcker, als andere geringere Weine zu seyn, vorkommen wolte. Wie wir uns aber mit Speisen und Getrancken genugsam gesattiget hatten, raumete Urbanus selbsten alles vom Tische ab, brachte hergegen das Bild des gecreutzigten Heylandes nebst noch mehr als 12. bis 16. andern Bildern, die alle wie kleine Statuen von lautern Golde gegossen waren, setzte diese Statuen alle nach ihrer Ordnung auf den Tisch, fiel nieder auf die Knie, und verrichtete sein christliches Tisch- und Abend-Gebet in Persianischer Sprache. Da wir nun horeten und verstunden, dass er lauter heilige, andachtige und christliche Worte vorbrachte, liessen wir uns gleichfalls neben ihn auf die Knie nieder, und beteten zu GOtt, eine jede nach ihres Hertzens-Andacht und Anliegen. Nach Verlauff etwa einer guten Stunde richtete sich Urbanus und auch wir beyden wieder in die Hohe, er aber sagte: "Nun, meine Schwestern! will ich euch ein Stuck meines Lebens-Wandels erzehlen."

Er that dieses, und weiln weder die Prinzessin, noch ich, so gar besondere Lust zum Schlaffe hatten: als horeten wir ihm mit Vergnugen zu, indem er, so zu sagen, rechte Wunder-Geschichte vorbrachte, bis der Tag fast anzubrechen schien, denn weiln er uns etliche Persianische Decken und Polster aufgebreitet hatte, so schlieffen wir bey ihm weit ruhiger als auf der Sand-Insul.

Kaum war die Sonne aufgegangen, da Urbanus, wie wir mit unsern noch halb schlaffrigen Augen gewahr wurden, alle seine guldenen Bilder um den gecreutzigten Heyland herum setzte, sich mit dem heiligen Creutze vielmahl segnete, und hernach sein Morgen-Gebet kniend verrichtete, dergleichen auch wir beyde nach unserer Art und Andacht zugleich mit thaten. Als dieses geschehen, gieng Urbanus zur Clause hinaus, blieb uber eine gute Stunde lang aussen, und brachte endlich einen ziemlich grossen Kessel voll gekochten Caffee nebst einem Huthe Zucker unter seinem Arme herein getragen. Wie genossen ein vieles von diesem edlen Getrancke, und zwar mit grostem Appetite, aus guldenen Schalen, worauf er uns ein anderes starckes Getrancke darreichte, um das Caffee-Wasser, seinem Sagen nach, damit nieder zu schlagen, welches er selbsten erstlich etliche mahl credentzete. Nachdem wir nun auch von diesem etwas zu uns genommen, ging Urbanus an sein Schau-Fenster, rief Mirzamanden und mich, und sagte zu uns: "Gucket mir zur Liebe doch alle beyde hinaus, ob ihr etwa die Person besser mit euren jungen, als ich mit meinen alten Augen erkennen mochtet, welche auf meine Clause daher zugegangen kommt!" Als wir nun beyderseits hinaus guckten, sahen wir gleich, dass es der Frantz in Leibs- und Lebens-Grosse, auch in allen Stucken so beschaffen war, wie er sich gestern im Kleinen an der weissen Wand dargestellet hatte. Derowegen rieffen die Prinzessin und ich fast zu gleicher Zeit: Lieber Vater, diese Person ist ohnfehlbar euer Frantz. "Ja! er ist es," (gab Urbanus zur Antwort) "aber lasset ihn naher kommen." Wenige Minuten hernach kam also der Frantz, welchen Urbanus erstlich in die untersten Keller fuhrete, allwo er seine Sachen abpacken, und ihm von allen Dingen durch Zeichen seinen Bericht abstatten muste. Wir sahen dieses alles wohl mit an, konten aber aus ihrer beyder Zeichen-Sprache nicht das geringste verstehen, wurden jedoch gewahr, dass Frantz in seinem Korbe das beste und schonste Fleisch von allerley Art, nebst Fischen, Krebsen und noch viel mehreren Lebens-Mitteln mitbrachte, auch jegliches an gehorigen Ort und Stelle zu schaffen wuste.

Demnach hatten wir folgendes Abends eine recht Furstliche Mahlzeit zu verzehren. Nach deren Einnehmung verrichtete Urbanus abermahl seinen Gottesdienst, und erzehlete hernach der Prinzessin und mir noch ein Stuck von seinem Lebens-Lauffe, welches alles ich dergestalt in mein Gedachtnis gefasset, dass ich es ihm, so zu sagen, von Punct zu Puncte nach erzehlen wolte, wenn es anders die Zeit litte.

Andern Tages meldete uns Urbanus, dass er seinen Frantz nochmahls fortgeschickt, und dieser wurde erstlich in 6 Tagen zuruck kommen; mittlerweile aber, da er eine abermahlige himmlische Offenbahrung gehabt, wolten wir uns zu unserer Reise nach der Insul Ceylon geschickt machen, indem wir, laut der himmlischen Offenbahrung, wenige Zeit zu versaumen hatten, wenn wir unser Gluck daselbst machen, und auf einem christlichen Schiffe nach Europa oder in die Christenheit wolten gebracht werden. Wir bezeigten uns willig und bereit darzu, musten ihm aber alle Tage fleissig kochen, sieden und braten helffen, welche Arbeit wir denn mit Lust verrichteten, indem hiermit etwas Guts in unsere ausgehungerte Magen kam, auch die vortrefflichsten Weine, dergleichen Frantz einen gantzen Korb voll Flaschen mit gebracht hatte, unsere Glieder erqvickten.

Solchergestalt liessen wir es uns bey diesem Einsiedler, der gewisser maassen besser, als mancher grosser Furst lebte, ungemein wohl gefallen, indem wir gut Essen und Trincken hatten, auch uns keiner besondern Gefahr besorgen durfften, anbey einer stillen Gemuths-Ruhe genossen, und zwar zu Besanfftigung der Angst und Quaal, die wir beyderseits seit einiger Zeit ausgestanden hatten.

Frantz kam am Abende des 6ten Tages fast noch starcker, als vormahls, recht wie ein Esel beladen, wieder zurucke, und brachte auser den vielen LebensMitteln 2 gantz neue Pilgrims-Kleider mit, nemlich eins vor sich und eins vor Urbanum. Hierauf fuhrete uns Urbanus bey Nachts-Zeit in seine unterirrdischen Gewolber, da wir denn einen erstaunlichen Vorrath von allerhand schonen Sachen, nebst vielen guldenen und silbernen Geschirren, auch eine ziemliche Menge Diamanten und Kleynodien antraffen, welche letztern er mir und der Prinzessin darreichte, um dieselben, so wie er selbsten that, in unsere Pilgrims-Kleider einzunahen.

Wie nun dieses geschehen, und unsere Kleider, in welchen ohne dem viel dergleichen Zeug schon stack, ziemlich beschweret worden, musten wir beyde ihm die guldenen und silbernen Geschirre so wohl, als das Uberbleibsel von Kostbarkeiten und andern theuren Sachen, ingleichen das gemuntzte Gold- und SilberGeld bis an sein gemachtes Grab tragen helffen; welches alles von ihm in das Grab geworffen, und dasselbe mit unserer Behulffe, zugescharret, und der Erden gleich gemacht wurde.

Als dieses vollbracht, gieng er dreymahl um den Platz des zugescharreten Grabes im Creyse herum, murmelte viele Worte und Spruche her, die wir nicht verstehen konten, mit dem spitzigen Stabe aber, den er in der Hand hatte, zeichnete er 9. Characters oder Buchstaben, die uns unbekannt waren, in die Erde, sprung hernach viele mahl auf dem zugescharreten Grabe herum, und bath uns, dass wir dergleichen thun solten, worinnen wir ihm denn auch Folge leisteten, also recht tapffer auf dem Grabe herum sprungen. Hierauf befahl er uns, noch etwas zu verrichten, welches ich aus Schamhaftigkeit eben nicht melden will; Allein wir erfulleten auch in diesem Stucke seinen Willen, worauf er uns denn zuruck in seine Clause fuhrete, und nachdem wir unser Nacht-Gebet ordentlicher Weise zu GOtt verrichtet, sich dieser Worte vernehmen liess: "Nun habe ich mit eurer Beyhulffe einen solchen Talisman gemacht, den mir gewiss kein Heydnischer Wahrsager, Zeichen-Deuter, Schatz-Graber, oder, er sey auch, wer er nur immer sey, auflosen wird, und wenn er gleich die 3. obersten hollischen Geister zu seiner Beyhulffe anruffte: denn der Kasten, worinn die Kleynodien, wie auch die guldenen und silbernen Munzen befindlich, ist mit dem wahrhafften Siegel des allerweisesten Koniges Salomonis versiegelt, als vor welchen alle bosen Geister erzittern, und sich schleunig zuruck begeben mussen. Es soll aber, (sprach er ferner) dieser Schatz, welcher, wie ihr gesehen habt, eines ziemlich starcken Werthes ist, vor euch Prinzessin Mirzamanda verwahrt und aufgehoben seyn, weiln ich den Heyden diese Kostbarkeiten (worunter sich kein Staublein ungerechtes, sondern alles auf redliche Art und Weise erworbenen Guts befindet) durchaus nicht gonnen will: Wenn ihr denselben nicht braucht, so bin ich damit sehr wohl zufrieden, denn ich lese an eurer Stirne geschrieben, dass ihr langstens binnen 2 oder 3 Jahren auf dieser Welt euren vollkommenen Glucks- und Ruhe-Stand finden werdet. Nehmet hin aus meiner Hand diesen Schlussel, welchen ihr auf das aller behutsamste zu verwahren habt, so bald dieser Schlussel von euch oder von einem durch euch Abgeordneten, nur auf das Grab gelegt wird, soll sich solches von selbsten aufthun, und alle Kostbarkeiten in die Hohe heben.

Nach Endigung dieser Worte uberreichte er Mirzamanden ein ungemein kostbares goldenes mit Diamanten, Rubinen und andern raren Edelgesteinen versetztes, sehr sauber ausgearbeitetes Crucifix, welches gantz bequemlich auf der Brust zu tragen war, wickelte dasselbe in ein Stucke Pergament, auf welches er vorhero noch verschiedene Characters und Buchstaben mahlete, hullete solches alles in weisses Wachs ein, und sagte nur noch dieses: Hier habt ihr, was ihr haben sollet, und was euch auf diessmahl von der Gute des Himmels beschehret ist."

Demnach kussete Mirzamanda unserm Wohlthater die Hand, welches sie denn ihrem hohen Stande ohnbeschadet, zumahlen in Betrachtung der grossen ererbten Schatze, gantz wohl thun konte. Immittelst war der getreue Frantz von allem dem, was vorgegangen war, gantz und gar nichts inne worden, und da wir nachhero Urbanum fragten: wo denn sein Frantz hingekommen ware, weilen wir denselben nicht sahen? so gab er uns zur Antwort: bekummert euch nur um nichts! denn Frantz wird zu rechter Zeit nebst 2. mit Lebens-Mitteln beladenen Maul-Thieren bey uns erscheinen, inzwischen machet euch nur dergestalt fertig zur Reise, dass wir nicht muthwilliger Weise die edle Zeit versaumen, um an gehorigen Ort und Stelle zu kommen.

Wir leisteten ihm Gehorsam, und da Frantz am dritten Tage mit zweyen wohl beladenen Maul-Thieren erschien, wurden die Sachen in groster Geschwindigkeit umgepackt, und wir reiseten also, gleich bey Aufgange der Sonne, aus der Clause heraus, nemlich Urbanus, Mirzamanda, ich und Frantz, welcher die 2. starck bepackten Maul-Thiere leitete.

Unsere Strasse nahmen wir durch das Gross-Mogulsche Gebiethe, nach dem ausersten Hafen zu, in welchem wir vielleicht ein Schiff anzutreffen verhofften, das nach Ceylon uberseegelte, oder wenn alle Stricke rissen, ein solches Schiff vor Geld miethen konten: denn wir hatten ja alle 3. so viel Kleynodien und Edelsteine bey uns, dass wir noch wohl ein eigenes Schiff hatten davon bezahlen konnen.

Unterdessen kamen wir, nach einer 2. monathlichen Reise zu Fuss, welche jedoch, da wir nach unserm Vergnugen reiseten, und die Tage-Reisen indem dieselben nach Belieben eingerichtet wurden, uns gar nicht beschwerlich fielen, endlich glucklich in der Stadt und dem Hafen Cambaja an. Wie wir nun unterwegs von niemanden den geringsten gefahrlichen Anstoss gehabt, indem alle die, so uns begegneten, und gefragt: wo wir hin wolten? zur Antwort bekamen; dass wir heilige Pilger waren, und das Grab Adams auf der Insul Ceylon besuchen wolten; uns in Friede und Freundschafft fortwandern liessen, auch nicht einmahl unsere Maul-Thiere antasteten, so waren wir desto freudiger. Hierbey bemerckten wir, dass alle Einwohner dieses Landes vor den alten graubartigen Urbanum eine gantz besondere Hochachtung bezeigten; ob er sich nun dieselbe durch seine Kunste und Wissenschafften zu Wege gebracht, oder ob es ordentlicher und naturlicher Weise zugegangen, davon kan ich eben so genau nicht Rede und Antwort geben. Unterdessen brachte uns der graue ansehnliche Bart vor diesesmahl glucklich durch, indem er bis in Cambaja hinein bestandig vor uns hergieng.

In jetztgedachtem Cambaja traffen wir gleich in der ersten Herberge einen Mann an, der fast eben eben einen so langen Bart trug, als unser Urbanus. So bald nun dieser Mann unsern Urbanum kaum erblickt, kam er also gleich auf ihn zugegangen, umarmete und kussete ihn. Darauf giengen beyde hinaus in den Garten spatzieren herum, und unterredeten sich wohl 2. gute Stunden gantz alleine mit einander. Endlich kam unser Urbanus wieder zu uns, liess eine gute Mahlzeit vor uns zubereiten, nach deren Genuss er die Prinzessin und mich auch in den Garten fuhrete, und dieses sagte: "Meine Schwestern! es ist dieser Mann, von dem ihr gesehen, dass er mich gehertzet und gekusset hat, zwar ein Jude; aber glaubt mir dieses: ob er gleich ein Jude, mit dem ich schon seit etlichen 30. bis 40. Jahren gehandelt und zu schaffen gehabt, er dennoch, ohngeachtet er nicht unseres christlichen Glaubens, ein uns von GOtt zugeschickter heiliger Engel ist, der uns glucklich auf die Insul Ceylon und noch weiter befordern wird."

Dem Urbano glaubten wir alles, was er uns vorsagte, und traueten seiner fernern Vorsorge, worinnen wir uns auch nicht im geringsten betrogen fanden: Denn eben dieser Jude, welchem Urbanus vielleicht etliche kostbare Kleinodien mochte zugesteckt haben; verschaffte uns allen, von dem Calif oder obersten Befehlshaber Frey-Passe, so dass wir, nachdem wir uns noch etliche Wochen in Cambaja aufgehalten, ohngehindert auf einem Mogulschen Schiffe, in Begleitung des Juden, nach der Insul Ceylon abseegeln konten.

Wir hatten eine rechte vergnugte Fahrt, und traffen daselbst viele christliche Schiffe an, weilen aber Urbanus auf dieser Insul viele seiner Glaubens-Bruder antraff, so liess er es sich mit deren Beyhulffe auf das allerauserste angelegen seyn, die daselbstigen Heyden zum christlichen Glauben zu bereden; Sie waren auch anfanglich sehr glucklich, indem sich uber 80. Heydnische Familien zum christlichen Glauben wendeten; Allein, die Sache kam bald heraus, derowegen wurden die Christen aufs grimmigste verfolgt, und deren mehr als 100. getodtet, worbey denn unser lieber Urbanus sein so hoch gebrachtes liebes Leben auch mit einbussen muste. Mirzamanda so wohl, als ich haben seinen jammerlichen Tod mit bittern Thranen beweinet, jedoch eine hohere Gewalt regierete des alten Juden Hertze dergestalt, dass er uns auch dasiges Orts nicht allein den krafftigsten Schutz verschaffte, sondern auch Mirzamanden, mich, den Frantz und den Lowen, als welcher Letztere zu unser allergrosten Verwunderung und Erstaunen, nachdem er, wie wir nicht anders vermuthen konten, sein Behaltnis in Candahar durchbrochen, die Spur bis zu des Urbani Clause glucklich gefunden, (wobey wir nichts bedauerten, als dass er sich nicht eher bey uns eingestellet, da wir von des Arab-Ogli Jagern gefangen, und ferner auf dessen Schloss gebracht worden, da denn gewiss ein starckes Blutvergiessen und Zerreissung unserer Feinde wurde entstanden seyn) auf ein Hollandisches Schiff verdunge. Der Jude bekam dabey eine nicht geringe Anzahl von Kleynodien und andern Edelgesteinen in seinen Juden-Beutel. Ehe wir noch zu Schiffe giengen, kam das Weibes-Stuck Hadscha, welche vor Mirzamanden einen Fussfall that, und dieselbe mit Thranen bath, sie mit sich zu fuhren. Ob nun schon Mirzamanda wuste, dass Hadscha eine Heydin, Anbetherin des Feuers und anderer Gotzen war so liess sie sich durch ihre demuthige Stellung doch dahin bewegen, dass sie dieses Mensch, welches ihr von Jugend auf, sonsten in andern Stucken, viele getreue Dienste gethan, mit sich zu nehmen beschloss, und dieserwegen dem Schiffs-Patrone einen schonen Diamantenen Ring gab, in Hoffnung, dieses liederliche WeibesStucke mit der Zeit und Gelegenheit zum christlichen Glauben zu bringen; Allein, wir fanden bald bey ihr, dass sie die allerwenigste Lust zum Christenthume hatte, um so viel desto mehr dauerte uns aber, dass der gute Frantz, welcher doch viele Merckmahle, ein Christ zu seyn, von sich gab elendiglich an der SeeKranckheit sterben muste, wesswegen er, nachdem wir seinen Pilger-Habit ihm ausgezogen und zu uns genommen, (als welcher mit Kleynodien und Edelgesteinen ziemlicher Maassen beschweret war) sein Begrabnis in der See finden muste. Uns aber trieb nachhero ein sturmender Wurbel-Wind immer aus einer Ecke in die andere, und schlug uns um viele kleine Insuln lincks und rechts herum, wir konten aber niemahls zu Lande kommen blieben hergegen zum offtern auf Sand-Bancken sitzen, und stiessen nicht selten an verborgene Klippen, bis wir endlich, nachdem wir viele Wochen herum geschwarmet, an einer unbekannten Insul, die, wie ich nunmehro weiss, Klein-Felsenburg genennet wird, mit Schiff und Geschirre zu scheitern giengen, da denn, weil es schon finster war fast der meiste Theil unserer Mannschafft ersoffe; Mirzamanda aber, ich und die Hadscha waren doch so glucklich, das Ufer zu erlangen, ohngeachtet uns die Kleider dieses mahl sehr beschwerlich fielen: denn wir halten der Hadscha des Frantzens Pilger-Kleid angezogen, welches eben so schwer war, als die unserigen. Jedoch nachdem wir nur erstlich einen grunen Platz gefunden, auch die Vorsorge des Himmels uns eine ziemliche Menge von Lebens-Mitteln aus dem zerscheiterten Schiffe zufuhrete, so beschlossen wir gleich, der See nicht weiter zu trauen, und wenn auch das Schiff schon ausgebessert wurde, sondern viel lieber an diesem schonen Orte von Krautern, Wurtzeln und allerley Baum-Fruchten uns so lange zu ernahren, bis der Himmel sich unserer erbarmte, und Gelegenheit zu einem bessern Zustande an die Hand gabe.

Der Himmel hat uns nicht fallen lassen, denn wir fanden unvermutheter Weise die Felsen-Schlufft, durch welche wir alle 3. benebst dem Lowen auf Handen und Fussen hinauf krochen, weiter habe ich vorjetzo nichts zu sagen, denn die Herrn Felsenburger wissen ausser dem schon besser, wie? wann? wo? und welcher Gestalt sie uns angetroffen haben.

Dieses eintzige aber will ich nur noch melden, dass der ehrliche Jude Rabbi Moses, wie er sich nennete, mit seinem silberfarbenen ansehnlichen Barte, auch so wohl wie andere ohnbartige zugleich mit ersauffen muste. Es gieng so wohl Mirzamanden, als mir sein Ungluck sehr nahe, weilen er uns auf der Reise viele Gefalligkeiten erwiesen, sonderlich aber auf der Insul Ceylon, denn er fuhrete uns, weil wir des Urbani Reden nach, eine grosse Begierde bezeugten, des Adams Grab zu sehen, (welche Gluckseligkeit aber der gute Urbanus nicht erleben konnen) an dem Fusse eines Berges welcher in der Landschafft Matura liegt. Hieselbst fanden wir ein in einem Felsen gehauenes Begrabnis, und in selbigem einen Leichen-Stein, auf welchem diese Characters, oder unbekannten Buchstaben, zu sehen, wie mir denn der Jude dieselben mit grostem Fleiss vermittelst einer Reiss-Feder, sehr geschicklich abgezeichnet hat, und wovor ich ihm zur Gegengefalligkeit ein kleines Geschencke gab. Dessen Zeichnung ist also diese: Wir giengen also mit dem Abrisse dieser 25. Characters und unbekannten Buchstaben so wohl zu allen Christlichen, als Heydnischen Gelehrten, und bothen ihnen Geschencke an, um unsere Begierden mit Auslegung derselben zu stillen, allein, unter allen, die sich damahls von beyderley Art annoch auf dieser Insul aufhielten, befand sich keiner, der uns in diesem Stucke vergnugen wollen; sondern sie bekannten alle einmuthig, dass die Bedeutung derselben bis auf diesen Tag nicht hatte konnen erforschet werden. Unterdessen sagen die Einwohner dieser Insul vor gewiss: dass der erste erschaffene Mensch Adam in diesem Begrabnisse begraben lage. Der Stein ist 14. Fuss lang, 5. Fuss breit u. anderthalb Elle dicke, sehr glatt und dergestalt glantzend, als ob er polirt ware. Zur Seiten dieses Begrabnisses siehet man 5. steinerne Pfeiler. An dem Haupt-Ende des Leichen-Steins stehet ein anderer aufgerichteter Stein, jedoch nicht so schon und sein, sondern etwas grober und sandiger, als der, den ich schon beschrieben, sein Ansehen ist recht unvergleichlich zu nennen, indem er von allerley Arten der Farben, durchwachsen und recht bewunderns wurdig geflammet, so wie manche Sorten von Marmor-Steinen sich zu finden pflegen. Dieses Steins Grosse, Dicke und Breite trifft mit des erst gemeldten in allen Stucken uberein. Es ist aber derselbe Stein ohne Gemahlde, Zierrathen, Characters, oder Buchstaben, und stehet von dem ersten 6. Fuss ab. Demnach ist der gantze Inbegriff von dieser Grab-Stadte 36. Fuss.

Hinter diesem Steine stehet eine in Stein gehauene Lampe mit einer brennenden Materie, ohne, dass weiter etwas darf hinein gethan werden, doch scheinet der Docht jederzeit, als ob er voller Oel ware. Etwa 4. oder 5. deutscher Meilen von dar liegt noch ein sehr hoher spitziger Berg, der dem Ansehen nach einem spitzigen Thurme gleichet, auf dessen Gipffel ist eine kleine Ebene, und auf selbigem Platze siehet man eine Fussstapffe, deren Lange anderthalb Fuss. Die Einwohner sagen hierbey, es solle Adam seinen Fuss auf dieser Stelle eingedruckt haben; jedoch eben diese Einwohner sind in diesem Stucke nicht einerley Glaubens, weilen einige wollen, es sey einer von ihren Heydnischen Priestern, Bourdau genannt, von ihren Vorfahren zum Konige uber sie erwahlet worden; und gemeldter Bourdau ware gewohnt gewesen, sein Gebet auf diesem Brrge zu verrichten, worauf er eines Tages lebendig gen Himmel gefahren, oder von den Gottern hinauf gezogen worden. Bey solcher Aufziehung nun habe er diese Fussstapffen zu seinem Angedenken zuruck gelassen. Der Christen Glaube bey dieser Geschichte ist aber gantz anders beschaffen, als welche davor halten, und aus alten Uhrkunden versichern wollen: es habe der Teuffel diesen Bourdau, als einen Ertz-verfluchten Gotzen-Knecht, leibhafftiger Weise gehohlet, und von der allerhochsten FelsenKlippe herunter gesturtzt, da denn seine Cameraden, nemlich die andern Gotzen-Knechte und Priester, gar leicht eine solche Fussstapffen einarbeiten, nachhero aber dem einfaltigen Volcke vorschwatzen konnen, als ob Bourdau lebendig gen Himmel gefahren ware, und dieses Wahrzeichen zuruck gelassen hatte, denn die Ceylonier sind, meines Erachtens, ein sehr tummes Volck, sonderlich aber in Glaubens-Sachen.

Unterdessen aber sind sie doch von ihren GotzenPriestern noch ferner in so weit verfuhret oder verblendet worden, dass sie gewiss glauben: dieser gen Himmel gefahrne Bourdau wolle und konne auch ihre Seelen in den Himmel nach sich ziehen, und dieselben zur ewigen Seligkeit bringen. Ja! sie beten ihn mit der grosten Andacht an, und halten diesen Teufels-Braten recht vor ihren Halb-Gott; wie denn ihm zu Ehren alljahrlich, nach der Christen Zeit-Rechnung, den 9. Tag des Monaths Aprilis ein grosses Fest, mit dem sie zugleich ihr neues Jahr anfangen, angestellet wird, welches Fest Mirzamanda und ich etliche Tage lang in groster Stille und Behutsamkeit mit abgewartet haben.

Es finden sich bey diesem Feste unter andern Arten von Heyden auch viele Mohren zusammen, welche alle den gen Himmel gefahrnen Konig Bourdau anbeten, und ihm ihre Opffer bringen. Sonsten aber wird dieser Berg die Adams-Pagua genennet, und ist unter demselben eine grosse furchterliche Hohle, worinnen sich ihrem Vorgeben nach, noch viele Heiligthumer befinden sollen; es wird aber kein Fremder leichtlich in diese Hohle gelassen, wenn er nicht einen sehr guten Freund unter den Gotzen-Priestern zu seinem Fuhrer hat, welche Pfaffen sich aber durch wenige Gold-Stucke gar bald erkauffen lassen, alle belachenswurdige Geheimnisse zu zeigen, welche in der Hohle befindlich sind.

Sonsten muss ich noch dieses vorbringen, wie ich zwar die Persianer vor sehr grobe Heyden und Abgotter erkenne; allein es werden dieselben von den Einwohnern der Insul Ceylon noch um ein vieles ubertroffen, indem, wie ich davor halte, dieselben von ihren Gotzen-Priestern gewaltig verblendet, vielleicht auch wohl gar bezaubert sind. Denn sie glauben endlich wohl, dass ein GOtt seyn musse, der Himmel und Erden erschaffen hatte, auch den Menschen auf der Welt viel Gutes angedeyhen liesse; diesen aber anzubeten, wollen sie sich nicht die geringste Muhe geben. Im Gegentheil beten sie den Teufel taglich an, und sagen, dass, wenn sie diesen, von dem alles Bose kame, nicht allezeit demuthig entgegen giengen, wurde er sie insgesammt bald vertilgen und umbringen. Und dieses ist der Glaube dieser verblendeten, bethorten und vielleicht bezauberten Menschen, wesswegen Mirzamanda und ich dem allmachtigen GOtt auf den Knien danckten, als uns die Zeit unserer Abfahrt von dem Juden angekundiget wurde.

Hiermit aber will ich, (redete die Anna noch weiter) vor dieses mahl den Bericht von dem bisherigen Lebens-Lauffe meiner Prinzessin und meines selbst eigenen beschliessen, indem ich doch die Haupt-Sachen vorgebracht, die andern Neben-Dinge aber, worinnen sich noch viele Merckwurdigkeiten, befinden, benebst der Erzehlung des Persianischen schweren Krieges, werde bis auf eine andere Zeit versparen, weilen doch mir so wohl, als meiner Prinzessin das Gluck angebothen worden, dass wir bis zu fernerer Verfugung des Himmels auf dieser gluckseeligen Insul Gross-Felsenburg bleiben, und in sicherer Ruhe leben solten. Wir dancken demnach, da wir bey so vielen frommen, gutthatigen, lieben Leuten, so zu sagen, den Himmel auf Erden gefunden, der gnadigen Vorsorge des Allerhochsten, und wunschen weiter nichts mehr, als dass wir nur noch eine eintzige Reise auf das MogulischPersische Sand-Geburge thun mochten, um des Urbani Grab zu eroffnen, die darinnen befindlichen Schatze heraus zu nehmen, und dieselben anhero zu bringen. Unterdessen muss ich doch glauben, dass Urbanus, ohngeachtet er mit vielen verborgenen Kunsten und Wissenschafften umgegangen, auch dieselben jederzeit bis an sein ungluckseliges Ende glucklich durchgefuhret, ein besonders guter Christ und heiliger Mann gewesen seyn musse, weilen sein Seegen und seine Propheceyung solcher gestalt wider unser Hoffen und Vermuthen, ja nach unserer Hertzen Wunschen, so glucklich gewurckt und eingetroffen hat.

Mir Eberhard Julio wurde von den Geistlichen und Aeltesten anbefohlen, der Prinzessin Mirzamanda, die wir nunmehro aber auf unserer gantzen Insul blos Prinzessin Christiana nennen, dieses zu melden: wie sie sich weder um den Mogul, noch um den zukunfftigen Schach in Persien gantz und gar nichts mehr zu bekummern hatten, und die Gedancken wegen ihrer verborgenen Schatze nur aus dem Sinne schlagen solten, weilen wir dergleichen Plunder im grosten Uberflusse besassen; unterdessen konte doch mit der Zeit wohl Rath darzu werden, dieselben mit guter Manier abzuhohlen. Mittlerweilen aber solten sie alle beyde in sicherer Gemuths-Ruhe so lange bey uns bleiben, auch vor nichts sorgen, bis uns der Himmel insgesammt verderbte, welches doch nicht zu hoffen stunde, wenn wir als fromme Christen ihm vertraueten, und fleissig beteten. Wie ich nun diese aus der Frau Anna Hollandischem Munde gethane Geschichts-Erzehlung, so zu sagen, vom Munde aus, in deutsche Ubersetzung gebracht, beruhigten sich alle beyde dergestalt, dass wir alle insgesammt sonderlich unsere Freude uber ihren andachtigen Gottesdienst und frommen, stillen, christlichen Lebens-Wandel haben musten. Ja, ich glaube, (jedoch dieses anheute noch im Vertrauen gesprochen) dass unser Regente, Albertus Julius II. dem der Tod vor etlichen Wochen seine liebwertheste Ehegemahlin geraubt hat, vielleicht aus dieser schonen Prinzessin, dem Beyspiel des Konigs David zu Folge, eine Abisag von Sunem machen werde, wovon im 1. Capitel des 1. Buchs von den Konigen gleich zu Anfange desselben im 1. 2. 3. und 4. Versicul ein mehreres zu lesen ist. Unterdessen, wenn es ja dahin kommen solte, so weiss ich gewiss, dass auf der gantzen Insul sich keine lebendige Seele finden wird, die hierwider etwas einzuwenden hatte, weilen der Prinzessin Christiana holdseelige und liebreiche Auffuhrung, derselben die Gunst und Gewogenheit auch so gar der kleinesten Kinder zu Wege gebracht. Mit dem Regenten aber kan sie bereits dergestalt vertraulich und schmeichelhafft umgehen, dass er sich seinen alten grauen Bart von niemanden lieber auskammen und zu rechte machen last, als von der Christiana, die ihm dieses am allerbesten zu Dancke machen kan, und es auch recht mit Lust thut.

Von unsern Haupt-Geschichten aber noch ferner etwas zu melden, so ist zu wissen, dass wir um selbige Zeit in jeder Pflantzstadt eine kleine neue Kirche, wie auch ein Schul-Hauss vor die Jugend zu erbauen den Anfang machten. Demnach wurden auch die hierzu behorigen Priester ordinirt, und die Schul-Diener wohl bestellet, und zwar alle von unsern eingebohrnen Felsenburgern, welches in Wahrheit Leute sind, die manchen Europischen so genannten Geistlichen oder Theologis, was Glauben, Lehre und Leben anbelanget, keiner Haare breit nachgeben, sondern vielmehr vielen die Spitze biethen sollen, ohngeachtet sie niemahls auf eine so genannte Universitat gekommen, sondern nur von unsern 3. Geistlichen, hernach auch von uns andern in diesen und jenen Kunsten und Wissenschafften, sonderlich aber in allerley Sprachen unterrichtet worden; Allein, hierbey habe ich hauptsachlich bemerckt, was ein unermudeter Fleiss in Lesung guter Bucher, und uber dieses alles die Gabe des heiligen Geistes wurcken und ausrichten kan. Unterdessen ist unsere Haupt-Kirche auf dem Platze unter der Alberts-Burg, wie ihr mein lieber Capitain Horn sehet, annoch in ihren vorigen Ehren und Wurden, ja noch in weit besserm Stande, als ihr dieselbe vor eurer Abreise gesehen, und es wird der G o t t e s d i e n s t so wohl Sonn- als Fest-Tags, nach wie vor, darinnen gehalten, auch jederzeit das Signal mit einem Carthaunen-Schusse und Lautung der Glocken gegeben, da sich denn ein jedes nach seinem Belieben einstellen kan. Denen Krancken, Muden und Matten aber wird gar nicht verarget, wenn sie zu Hause bleiben, und den Gottesdienst in ihrer Pflantzstadts-Kirche abwarten.

Hierbey muss ich gedencken, dass ich nunmehro unsere Pflantzstadte, mit grostem Rechte, Stadte nennen kan: denn ihr, mein lieber Bruder Horn! habet dieselben nur noch als kleine Dorffer verlassen; aber gebt euch einmahl die Muhe, dieselben nunmehro recht genau zu betrachten, so werdet ihr mir Beyfall geben, dass es lauter schone Stadte sind, indem sich die Einwohner derselben, binnen eurer Abwesenheit, die Auferbauung der saubersten und bequemlichsten Hauser auf das allerfleissigste so wohl bey Tage, als bey Nachts-Zeit dergestalt angelegen seyn lassen, dass wir zum offtern die groste Muhe gehabt, sie davon zu verhindern, um den Feld-Wein- und Garten-Bau solcher gestalt nicht in Vergessenheit gestellet zu sehen.

Jedoch unsere lieben Bruder, Schwestern und Freunde liessen sich, als recht vernunfftige Leute, dergestalt weisen, dass auch hieran nichts versaumet wurde; wesswegen denn auch her allmachtige GOtt so barmhertzig und gnadig war, dass er uns ein solches fruchtbares Jahr beschehrete, dergleichen unsere Vorfahren, seit dem GOtt selbst den Grund-Stein zu dieser Insul geleget, und ihnen ihren Aufenthalt darauf vergonnet, so lange als sie auf selbiger gelebt, noch niemahls gehabt. Wie wir denn solches aus den JahrBuchern, Zeit-Rechnungen und andern alten Uhrkunden, die sich so wohl von dem alten Don Cyrillo, als vom Alberto Julio I. herschreiben, wohl beobachten konnen.

Kurtz: ich will mit wenig Worten nur so viel sagen, dass der allmachtige GOTT in diesem Jahre so wohl bey dem Feld- als Wein- und Garten-Baue, ein Hundert in etliche Tausend verwandelte, dergestalt, dass wir recht daruber erstauneten, weilen wir nicht wusten, wo wir mit unserm Seegen uberall hin solten, und dieserwegen noch verschiedene Vorraths-Hauser aufbauen, auch noch viele Keller eingraben musten, um den kostbaren Wein, dergleichen wir auf dieser Insul noch niemahls gehabt, nicht verderben zu lassen; bey welcher Gelegenheit denn die Fassbinder, deren so genannte Innung sich bereits starck vermehret, ein ziemlich Stuckgen Arbeit bekamen.

Mittlerweile, da alles, was sich auf der Insul nur regen konte, vom Grosten bis zum Kleinesten, mit der allerfleissigsten Arbeit beschafftiget war, beredeten Mons. Plager, Litzberg, Cramer und ich, nebst andern guten Freunden uns unter einander, die Fahrten nach der Insul Klein-Felsenburg aufs neue fortzusetzen, um zu sehen, was unsere daselbst zuruck gelassenen Bruder benebst den Portugiesen vor gut Garn sponnen.

Demnach traten wir diese Fahrten wochentlich 2. bis 3. mahl an, brachten den dasigen allezeit die besten Lebens-Mittel mit, und traffen dieselben jedes mahl lustig und aufgeraumt, auch in der schonsten Ordnung an, indem sie von Zeit zu Zeit dermasen uberflussig zugefuhrt bekommen hatten, dass sie weder uber Mangel, Noth, noch Hunger klagen konten. Vincentius schien vor Freuden gantz auser sich selbst zu seyn, als er uns zum ersten mahle wieder erblickte, ja, er wuste seine Hochachtung gegen uns nicht gnugsam an den Tag zu legen, dergleichen seine Cameraden auch thaten. Wie wir sie nun mit starckem Getrancke, so wohl von allerley Weinen, als andern Sorten, recht ungemein gelabet hatten, sie uns hergegen viele niedliche Speisen vorgesetzt, die wir mit dem grosten Appetite zu uns genommen, so fuhreten sie uns alle insgesammt heraus auf den Platz, und zeigten uns ihre Stucken-Arbeit, welche in etliche 150. Silber- und Goldhaltigen Ertz-Stuffen bestund, da denn manche der grosten Stuffen uber die 20. bis 30. Centner am Gewichte zu schatzen war, worbey uns denn jammerte, dass wir dieselben nachmahls zerschlagen, und in kleinere Stucken bringen solten, weilen aber des Zeuges in der Menge da war, so machten wir uns auch daraus nicht eben allzu viel.

Wir wurden aber weiter gefuhret, und uns gezeiget, dass die Portugiesen mit Beyhulffe unserer Felsenburger 2. grosse und 3. etwas kleinere wohl ausgearbeitete Fahrzeuge verfertiget, an welchen nichts fehlete, als hie und da ein und anderes eiserne Beschlage, ohngeachtet alles mit blossem Holtz- und Pflocker-Werck dergestalt bevestiget war, dass man fast keine eiserne Beschlage dabey vonnothen hatte, mithin diese Fahrzeuge vor rechte Kunst- und Meister-Stucke bey den Seefahrern erkennen muste. Hierbey aber bekam ich gegen die Portugiesen einen ublen Verdacht, konte auch denenselben nicht verbergen, sondern sagte ihnen frey in die Angesichter, dass dieses vielleicht die Fahrzeuge seyn wurden, mit welchen sie bey guter Gelegenheit von hier abseegeln und uns verrathen wolten. Aber es jammerte und gereuete mich bald, dass ich mein Hertz so geschwinde gegen sie offenbaret hatte: denn sie fielen, nachdem sie sich nur etliche Minuten lang mit einander unterredet hatten, sogleich auf ihre Knie vor uns nieder, da denn Vincentius das Wort fuhrete, und also redete: "Meine Herren! ohngeachtet alles vorhergegangenen verspuren wir doch, dass ihr uns vor Schelme, Diebe und Verrather erkennet, da wir doch die allerredlichsten Leute von der Welt sind, so lieber als eure Knechte, ja, so zu sagen, Sclaven sterben wollen, ehe wir gegen unsere Wohlthater eine neue Verratherey anzustifften gesinnet waren. Weil ihr uns demnach nicht trauet, so schiesset uns alle 5. lieber auf die Kopfe, oder in die Hertzen, damit ihr von euren Sorgen, wir 5. aber von allem Missvergnugen, welches uns etwa noch kunfftig zustossen konte, entlediget, seyn."

Indem nun alle 5. ihre blossen Kopffe darzeigten, auch so gar die Kleider von den Ober-Leibern abrissen, kam mir ein solches Grauen an, dass ich fast in Ohnmacht gesuncken ware; allein, weil ich an der gantzen Sache die meiste Schuld zu haben sehr wohl erkannte, und meine Ubereilung in Worten mir zu Gemuthe zog, so hub ich erstlich den Vincentium, hernach seine andern Cameraden von der Erden auf, umarmete und kussete einen jeden, mit der Bedeutung, dass sie mir meine Reden, die ich theils aus Schertz, theils aus Ubereilung ausgesprochen, nicht gleich so ubel hatten aufnehmen sollen. Worauf denn der Friede und das Vertrauen zwischen uns bey den Theilen binnen einer Stunde hergestellte wurde, zumahlen, da die Portugiesen, ohngefordert, ihre Hande gen Himmel huben, und der heiligen Dreyfaltigkeit, nebst allen Heiligen und Engeln GOttes, einen leiblichen Eyd zuschwuren: dass sie es treu, redlich und aufrichtig mit uns Felsenburgern meyneten, auch weder Verratherey, Betrug, noch Dieberey im Sinne hatten. Demnach wurde von uns allen hoch geschmauset, und binnen 3. Tagen alle muhsame Arbeit bey Seite gesetzt, hergegen lebten wir in groster Vertraulichkeit, lustig und guter Dinge. Als aber dieses Freuden-Fest vorbey war, gieng ein jeder wieder an seine beliebige Arbeit, nemlich in die Stein- und Ertz-Bruche, oder noch mehr Bau-Holtz zuzurichten, dessen wir doch schon eine gewaltige Menge antraffen, uns also fast halb zu Tode verwunderten, wie diese Hand voll Manner, in so weniger Zeit dergleichen sauere und schwere Arbeit verrichten konnen. Allein, es war dieses Schuld daran, dass sie nicht gezwungener Weise, sondern blos nach eigenem Gefallen arbeiten durfften, auch dabey sich rechtschaffen etwas zu Gute thun, und ihres Leides mit den besten Speisen und Getrancken pflegen und warten konten.

Nachhero schickten wir bestandig, fast immer uber den 3ten, oder 4ten Tag zwey, auch wohl 3. Boote mit voller Ladung, die in Gold- und Silber-haltigen ErtzStuffen, auch vielen Stucken des allersaubersten BauHoltzes, zur Raritat der Arbeit wegen, bestunde, nach der grossen Insul, worgegen uns unsere Leute jederzeit bey ihrer Zuruckkunfft die besten Lebens-Mittel, und alles dasjenige, was wir sonsten nothdurfftig brauchten, mitbrachten.

Mittlerweile, da Mons. Plager dem Vincentio sein Vorhaben erofnet, wie er nemlich gesonnen ware, auf dieser kleinen Insul ein tuchtiges Schmeltz- und Hutten-Werck anzulegen, um die Mineralien und Metallen zu Gute zu bringen: so machte sich Vincentius eine ungemeine Freude daruber, und sagte, dass, wenn er nur von Zeit zu Zeit 20. starcke Manner zu seinen Gehulfen bekame, er dieses Werck binnen Zeit von 2. Monaten in vollkommenen Stand bringen wolte; wenn sich nicht nur unter seinen Cameraden ihrer 2. befanden, die um das Schmeltz- und Hutten-Wesen guten Bescheid wusten, sondern er auch horete und spurete, dass einige unter den Felsenburgern hiervon schon sehr starck unterrichtet waren. Unterdessen brachte er in Vorschlag, dass sich zu dieser gantzen Sache kein beqvemerer und besserer Ort fande, als der unter den O.-Berge befindliche so genannte Heyden-Tempel und dessen rund herum liegende Gegend. Demnach besuchten wir diesen Tempel nachmahls mit ihm, und horeten mit groster Verwunderung dessen deutlichere Erklarung und Anweisung an. Mons. Plager ergotzte sich vor uns allen andern auf das allermeiste daruber, und sprach mit lauter Stime: Ja, Don Vincent hat in

allen Stucken vollkommen Recht, wir mussen ihm gehorsamen und Folge leisten, wenn wir anders unser vorhabendes Werck zu glucklichem Stande bringen wollen.

Wenn ihr den Glauben habt, mein Herr! (versetzte hierauf Vincentius) so sollet ihr nach und nach grossere Wunder-Dinge sehen. Hierauf machte er eine und andere Proben mit seinen bey sich habenden Wunschel-Ruthen, ingleichen mit dem Kunst-Stabe, uberliess auch einem und andern die Freyheit verschiedene Proben damit zu machen, woruber wir denn alle vor Verwunderung fast aus uns selbst gesetzt wurden; da wir nemlich sahen, dass diese Dinger so sonderbare Wurckungen thaten.

Wie dieses Vincentius merckte, sagte er: Meine Herrn! ihr verwundert euch zwar uber diese kleinen Begebenheiten, allein sie finden ihre Stelle bloss in der magia naturali, denn ihr sehet und horet, dass ich weder Characters mache, noch den Nahmen des Dreyeinigen GOttes unnutzlich fuhre, am allerwenigsten aber eine Geister Beschwerung darbey vonnothen habe; derowegen halte ich davor, dass einem jeden guten Christen, der mit seinem GOtt wohl stehet, es eine gantz wohl erlaubte Sache sey, dergleichen Proben zu machen, denn die Erde ist des HErrn und was darinnen ist etc.

Nachdem wir dergleichen nachdenckliche und christliche Reden von dem Vincentio vernommen, wurde von uns also gleich beschlossen, seinem Rath und Angeben in allen Stucken zu folgen, und keinen Tag zu verabsaumen, den Hutten-Bau anzufangen, wesswegen denn nicht allein Mons. Plager die Geschicktesten und Klugsten von seinen Gehulfen auf diese kleine Insul heruber zu kommen verschrieb; sondern wir andern besonnen uns ebenfalls auf die tuchtigsten Manner, welche sich zu diesem Bauwerkke wohl etwa am besten schicken mochten, um gleichfalls mit heruber zu kommen. Da sich nun diese, und zwar in noch starckerer Anzahl, als wir verlangt, eingefunden hatten, wurde der Bau in GOttes Nahmen angefangen, und noch, ehe 2. Monathe vollig verlauffen, alles zu unserer grosten Freude und Vergnugen in vollkommenesten Stande gesehen. Zu diesem neuen Wercke nun, welches in der That recht ergotzend war, fanden sich binnen kurtzer Zeit ungemein viele Liebhaber und Mitarbeiter ein, ja, wenn wir allen hatten den Willen lassen wollen, so ware ihnen darbey der Feld-Wein- und Garten-Bau, wie auch ihr gantzes Haus-Wesen zum Eckel worden; Allein man muste solcher Gestalt auf andere Mittel bedacht seyn, die meisten hiervon abzulencken, da wir von Gold, Silber, Kupfer und andern Metallen und Mineralien keine Speise nehmen konten. Jedoch blieben immer von Zeit zu Zeit, abwechselend, 20. bis 30. HuttenLeute bey dem Vincentio, und brachten in weniger Zeit eine ansehnliche Ausbeute zum Vorscheine, welches unsere Aeltesten kaum glauben wolten; da aber dieses Ding so gut gieng, wurden nachhero auf der Insul Gross-Felsenburg auch 2. dergleichen SchmeltzHutten gebauet, u. zwar die eine in Roberts- und die andere in Jacobs-Raum, welche eine Zeit daher ebenfalls unsaglich kostbare Ausbeute gebracht.

Allein unsere Schmeltzhutten-Lust ist den allermeisten unter uns schon vergangen. Es ist zwar eine ungemein schone Augenweyde, wenn man so viele Gold-Silber-Kupfer-Zinn-Bley-Scheiben etc. nebst andern Mineralien vor sich liegen siehet, denn wir haben benebst Mons. Plagern und Mons. Litzbergen noch verschiedene sehr geschickte Marck-Scheider unter uns, allein, worzu dienet uns dieses alles weiter, als, wie schon gesagt, nur zur blossen Augenweyde, und dass wir die Wunder GOttes dabey betrachten; dieses aber konnen wir bey so vielen 1000. Blumen, Weinstocken, Garten- und Feld-Fruchten ebenfalls weit geruhiger thun, und ohne besonderen Schweiss und Muhe die Wunder GOttes daran bemercken. Denn da wir insgesammt bis diese Stunde noch nicht gesonnen sind, mit fremden Nationen einen ordentlichen Handel, Wandel und Verkehr aufzurichten, so hilfft uns ja alles Metall, Perlen und anderes kostbares Zeug gantz und gar nichts.

Das aber ist unsere Freude und Vergnugen:

1.) Dass unser GOttes-Kirchen- und Schul-Dienst, so wohl als das Haus- Wesen auf das allervernunftigste und christlichste bestellet und eingerichtet ist.

2.) Dass der allmachtige GOtt unsern Feld-Weinund Garten-Bau jederzeit sehr reichlich, ja offters fast uberflussig segnet.

3.) Dass uns GOtt von der Hand unserer Feinde errettet, und seine Flugel uber uns gebreitet, wesswegen denn von den Obern beliebt worden, dass wir hinfuhro nebst unsern Nachkommen jedesmahl um die Zeit des Jahrs, so lange als die Belagerung gewahret, mit massigem Fasten und desto fleissigern Beten zubringen wollen. nach seiner Gnade alle lebendig erhalten, so dass auch kein Hund oder anderes Stuck Vieh dabey verunglukke ist, wesswegen denn auch alle Jahre auf diesen Tag noch ein besonderer grosser Buss-Bet- und Fast-Tag angestellet worden.

5.) Dass GOtt das Wild in den Waldern, ingleichen die wilden Ziegen, hauptsachlich aber die aus Europa angekommenen Thiere von allerhand Arten, so wohl vierfussige als geflugelte, dergestalt wohl gedeyhen lasset, dass wir uns daruber verwundern mussen, wie sich denn binnen etlichen Jahren daher alles gar gewaltig vermehret hat: Denn ihr werdet wohl schwerlich einen Haus-Wirth finden, der nicht seine Stalle uber und uber voll Rind-Schaaf- und Schweine-Viehe hatte. Von Flugel-Werck, als Turckischen- und Europischen Haus-Huhnern, Schwanen, Gansen, Endten, Tauben und dergleichen zahmen Flugelwerck will ich nicht einmahl etwas sagen: denn dasselbe hat sich dergestalt erstaunlich vermehrt, dass die meisten ihr Gluck und Ruhe nicht erkennen konnen, sondern sich, ohngeachtet sie volles Futter haben, aus blossem Frevel zu Feldfluchtern machen. Aus den Gansen werden wilde Ganse, und die Endten muss man sehr wohl huten, wenn sie nicht durch die Wasser-Falle in See gehen sollen. Eben also verhalt es sich mit dem Rindund Schweine-Vieh: denn man darf denselben nur eine scheele Mine machen, so laufft es gleich darvon, und sucht seine vermeyntliche Besserung in der Wildniss, wesswegen unser Thier-Garten bey Simons-Raum dergestalt voll angelauffen ist, dass wir fast alle Woche ertodtete Thiere darinnen finden, die von ihrem starckern Gegentheil ermordet worden, welche denn von den Einwohnern, sobald diese solches gewahr werden, in den Ausfluss der kleinen See geschmissen werden. Die Pferde, Esel und Cameele, deren letztern Gattung wir nach eurer Zeit 3. Stuck bekommen, nemlich, 1. Mannlein und 2. Weiblein, haben haben sich zu unsrer Lust und Nutzen auch schon unvergleichlich vermehret, demnach fehlet uns weiter nichts, als ein Paar Elephanten, wovon wir gern Zucht haben mochten, der Lowe, den die Prinzessin Christiana mit sich gebracht, wird seines gleichen vermuthlich schon in dem Roberts-Raumer ungeheuer dicken Walde gefunden haben; wie wir denn gantz genau angemerckt, dass sich in diesem Walde nicht allein Lowen, sondern auch Leoparden, Tieger-Thiere, Baren und andere reissende Thiere aufhalten; welche wir aber lieber vertilgen, als zugeben wollen, dass sie sich vermehren mochten, es sey denn, dass sich einige zu unserer Lust so gewohnen liessen, wie die Prinzessin Christiana ihren Lowen gewohnet hat, welches denn, wie ich glaube, durch Vorsicht, Geschicklichkeit und Kunst eine gantz naturliche Sache seyn kan, und ohne alle Zauberey zugehen wird. Das Affen-Geschlecht haben wir bey nahe gantz und gar vertilget, bis auf einige, die uns als Knechte und Magde dienen, und sich ziemlich getreu und redlich auffuhren; jedoch spuren wir, dass sich dennoch einige dieses Affen-Geschlechts in den wilden Waldern, und sonderlich bey den Cocos-Baumen aufhalten, welche aber Vogelfrey gemacht sind, so dass sie von einem jeden, der sie antrifft, auf die Kopffe geschossen werden, indem sie uns allzu vielen Schaden an den Feld- und BaumFruchten thun.

Nun solte ich zwar, mein werthester Herr Bruder und Capitain Horn! eine ausfuhrliche Beschreibung von unsern Kunstlern und Handwercks-Leuten machen; da ich aber nicht zweifele, ihr werdet dieselben nicht verschmahen, sondern einem jeden die besondere Ehre geben, ihn in seiner Behausung und Werkkstatte selbst zu besuchen, als mochte dieses wohl uberflussig seyn. Derowegen will nur so viel sagen: dass ihr bey einem jeden alles weit verbesserter finden werdet, als ihr denselben verlassen habt. Unsere Buchdruckerey gehet recht galant, mit 6. Pressen und darzu gehorigen Leuten, indem nicht allein die Herrn Geistlichen, sondern auch einige andere unter uns, vornemlich der Jugend zum Besten, von Zeit zu Zeit viele gute Bucher und kleine Tractatlein darinnen drucken lassen, woruber sich denn, zumahlen, da alles Jungen erfreuen. Man hat dieserwegen vor rathsam befunden, noch eine neue Pappier Muhle anzurichten, welche so wohl, als die erste in sehr gutem Stande ist, nur dieses ist der eintzige Possen hierbey, dass es dann und wann an Lumpen fehlen will. Nachst derselben sind hie, und da noch 6. bis 8. neue Mahl- oder Getrayde-Muhlen erbauet worden, um einen und andern Einwohnern die mussigen und sauern Wege zu ersparen. Bey andern Handwercks-Leuten, die ihr alle wohl kennet, werdet ihr einen solchen Vorrath von ihren gemachten Waaren antreffen, woruber ihr vermuthlich erstaunen musset; wie diese Leute bey ihrer sauern Haus- und Feld-Arbeit in denen abgebrochenen Stunden ein so vieles zu Wege bringen konnen; eben als wenn sie sich gemussiget sahen, mit ihren Waaren, so wie die Handwercks-Leute in Deutschland und anderer Orten, zu Marckte zu ziehen. Jedoch dieser Vorrath ist sehr gut, indem wir gesonnen sind, von jeder Art unsern Europischen Freunden und Brudern etwas zuzuschicken, welche sich aus diesen Kleinigkeiten doch wohl eine Raritat machen, und einiges Vergnugen daruber empfinden werden.

Der Capitain Horn sagte also: Ich habe vor dieses mahl genung gehoret, mein werthester Bruder und Freund! allein ich werde mir ausbitten, gleich morgendes Tages, und zwar gewisser Ursachen wegen, in Begleitung meines Bruders, die Pflantzstadte zu durchstreichen, und sonderlich die Kunstler und Handwerker zu besuchen.

Wie ihm nun dieses so gleich von dem Regenten frey gestellet wurde, liessen wir der Beqvemlichkeit wegen, alsobald etliche mit Hirschen bespannete leichte Wagen herbey rucken, und fiengen in AlbertsRaum an, Herrn Cramern zu besuchen, den wir in gutem Vergnugen antraffen, und ihn derowegen vollends recht lustig machten. Er bewirthete uns, obgleich unsere Compagnie ziemlich starck war, recht herrlich, bewegte uns auch dahin, uber Nacht bey ihm zu bleiben, und Morgens fruh seine angelegte Pferde- und Esels-Stuterey benebst seinen andern Anstalten wegen der Vieh-Zucht, in Augenschein zu nehmen. Wir fanden dessfalls alles solcher gestalt klug und kunstlich eingerichtet, dass sich die beyden Capitains Horn nicht gnugsam daruber verwundern konten, denn er hatte in einem ziemlich weitlaufftigen Bezirck, an Pferden, Eseln, Maul-Thieren, Rind-Rieh und dergleichen alles in eine solche Ordnung gebracht, dass von jeder Art, Jung und Alt ein jedes sein besonderes Behaltnis hatte.

Von dar reiseten wir nach Davids-Raum, und traffen unsern lieben Bruder Topffer eben in der Arbeit an, dass er mit seinen Gehulffen auf einmahl 4 TopferOefen geheitzt und angezundet hatte. Wir wolten ihn nicht verschmahen, weiln er uns nach der Felsenburgischen Art aufs beste bewirthete, liessen uns also auch bewegen, eine Nacht bey ihm zu bleiben, da denn fruh Morgens unsere fernere Reise, auf Stephans-Jacobsund Johannis-Raum zugieng, auf welcher Reise denn den jungen Capitain Horn nichts mehr ergotzte, als die unterwegs angetroffene Glas-Hutte, in welcher wir uns 2. Tage aufhielten; hernach unsern Weg um die grosse See herum weiter auf Christophs-RobertsChristians- und Simons-Raum fortsetzten, mithin also nach Verlauf 14. Tagen, da wir das gantze Land durchstrichen, wieder gluklich auf der Alberts-Burg anlangten, und vielerley gute und bose Begebenheiten, aber auch viele besondere Curiositten in Erfahrung gebracht hatten.

Nachdem nun diese Reise geschehen war, regte sich Capitain Horn Sen. in geheim am ersten, mit der Bitte: dass wir seinen Bruder, so bald als es nur immer moglich, wieder fortschaffen solten, worauf er denn ohne fernern Anstand mit seiner auf hiesiger Insul verlobten Braut Hochzeit machen wolle. Da wir nun merckten, dass dieses sein harter Ernst ware, so wurden sogleich Anstalten darzu gemacht, und dem jungern Capitain Horn so wohl, als seinen Leuten angekundiget, dass sie sich zur Ruck-Reise fertig machen mochten. Es gieng dieses dem jungern Capitain Horn sehr nahe, indem ihm, nachdem er unsere Lebens-Art und gantzes Wesen betrachtet, vielleicht gereuen mochte, dass er seinem Protestantischen Glauben abgeschworen, und hergegen die Romisch-Catholische Religion erwehlet hatte, wie er denn gegen seinen altern Bruder sich nicht undeutlich erklaret, dass er wieder umsatteln und zurucke kehren wolte. Da aber dieses der altere Capitain Horn mit unsern Herren Geistlichen wohl uberlegte, fiel endlich der Schluss da hinaus, dass man mit diesem wanckenden Rohre in solchem Stucke nichts weiter zu thun haben wolte; sondern man solle ihm nur so viel beybringen, dass er bey seinem neuerwehlten wahren christlichen Glauben bleiben, fromm und gottesfurchtig leben, niemanden muthwilliger Weise beleidigen mochte, und sich dergestalt der ewigen Seeligkeit versichern konte; Wir aber wolten ihm eine honorable mit vielen Reichthumern begleitete Abfertigung geben, jedoch hinfuhro nichts weiter mit ihm zu thun haben.

Wie dieses der Capitain Horn Jun. horete, so war es nicht anders, als ob er von einem Schlag-Flusse geruhret wurde, da aber der Capitain Wolfgang denselben in ein besonderes Zimmer fuhrete, ihm zum Geschenck 3. Centner Gold, 6. Centner Silber, 12. Centner Kupffer-Platten, ingleichen ein ziemliches Maas voll Perlen, nebst einigen kostbaren Kleynodien, vor seine unsertwegen gehabte Muhe, anwiese und darreichte, setzte sich dieser gute Mensch in eine weit bessere Verfassung, und machte etwas freundlichere Geberden, zumahlen, da ihm sein alterer Bruder seinen gantzen Antheil von allem dem, was auf dem Schiffe befindlich, es mochte Nahmen haben, wie es wolte, erb- und eigenthumlich schenckte; als vor welche Freygebigkeit der Capitain Horn Jun. dennoch so hoflich war, seinem altern Bruder die Hand zu kussen. Dieser aber dargegen umarmete und kussete ihn etliche mahl auf den Mund, liess auch dabey viele heisse Thranen aus seinen Augen fallen, welches alle Umstehenden wohl bemerckten. Anbey redete er diese Worte: "Mein Bruder! reiset glucklich, und bleibt gesegnet hier zeitlich und dort ewiglich."

Horn Jun. antwortete hierauf: "Mein Bruder! ich habe mich in vielen Stucken, die euch wohl bekannt sind, sonderlich in einem eintzigen Stucke, welches, wie ihr wohl wisset, eure Person allein anbetroffen, auf das schandlichste gegen euch vergangen und versundiget; darum vergebt mir, wo ihr anders wollet, dass ich, es sey hier oder da, frolich sterben soll, meine gegen euch begangene Sunden in Gegenwart dieser redlichen Zeugen, auf dieser Stelle." Horn Sen. versetzte hierauf: "Mein Bruder! das weiss ich wohl, dass ihr euch in vielen Stucken an GOtt versundiget habt, was aber das Meinige anbelanget, so sind euch alle eure gegen mich begangenen Fehler und Ubereilungen so wohl aus christlicher, als bruderlicher Liebe, schon langstens vergeben und vergessen; ich will meines Theils auch wunschen, nimmermehr wieder daran zu gedencken. Ihr seyd ein Mann, der, so zu sagen, 3. Hertzen im Leibe hat, das weiss ich gewiss, indem ich euch auf der scharfften Probe gehabt, und dieselben mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Bewahret nur aber eure Seele in Zukunfft besser, als bishero, und seyd nicht wie ein wanckendes Rohr, (sonderlich in Glaubens-Sachen) welches der Wind hin und her wehet. Unterdessen weil eure Abreise ohne dem so gar allzu eilig nicht vonnothen, so habt ihr die Erlaubnis von dem Regenten und allen andern Befehlshabern, euch noch so lange allhier zu verweilen, bis ich mit meiner verlobten Braut-Hochzeit gehalten habe, als woraus ich mir ein gantz besonderes Vergnugen schopffen, euch, wenn dieses vorbey, dem Schutze des Allerhochsten befehlen, nachhero aber eine gluckliche Reise wunschen werde."

Alle Anwesende wurden insgesammt zugleich mit recht wehmuthig gemacht, als wir das Hertzbrechende Beginnen dieser zweyen Bruder noch fernerweit mit anhoreten, und sahen, welches denn nicht allein in blossen Worten bestund, sondern sie umarmeten, hertzeten und kusseten sich dergestalt freund-bruderlich, als ob sie Zeit ihres Lebens einander nicht gesprochen oder gesehen hatten, auch wohl vielleicht niemahls wieder zusammen kommen mochten.

Hierauf wurden die allerersinnlichsten Anstalten zu des Capitain Horns Sen. Hochzeit-Feste gemacht, welches gut Befehl der Obern vor dissmahl als ein besonderes Fest 6. Tage lang von den Insulanern in allen Pflantzstadten mit zu feyren angeordnet war. Dabey aber blieb es noch nicht, sondern es wurden alle unsere Carthaunen Canonen und Feuer-Morser auf den Berg um die Alberts-Burg herum gesetzt, bis auf 2. Carthaunen, 6. Canonen und drey Feuer-Morser, die wir nach der Insul Klein-Felsenburg hinuber fuhreten, um, dass unsere dasigen Freunde und Bruder bey dem Gesundheit-Trincken damit antworten konten. Hierbey bekamen sie auch 300 Stuck gefullete Bomben, ingleichen unzehlige Stucken von Raqueten, Schwarmern, Feuer-Kugeln u. andern Zeuge; Unsere Feld-Wachten auf den Hohen aber wurden zu derselben Zeit an theils Orten verdoppelt, auch mehreres Geschutz und Gewehr hinauf zu ihnen gebracht, worbey an Pulver, Bley und andern Dingen gar kein Mangel zu spuren war, indem wir uns gewisser Ursachen wegen, eben damahls einer neuen Verratherey zu besorgen, einige Merckmahle hatten.

Wie nun aber der zum Hochzeit-Feste des Capitain Horns Sen. bestimmte Tag anbrach, wurden sogleich alle Carthaunen und Canonen, so viel deren nur auf der Alberts-Burg, so wohl als auf den Geburgen befindlich waren, abgefeuert, worauf uns denn allemahl nicht allein von der Insul Klein-Felsenburg, sondern auch von des Capitain Horns Schiffen, welche noch bestandig zwischen den Sand-Bancken vor Anker lagen, richtige Rede un Antwort gegeben wurde. Ich gebrauchte mich vorhero der List, den jungen Capitain Horn, als den ich sehr lieb gewonnen, und zwar um gantz besonderer Ursachen wegen, wieder heruber auf unsere grosse Insul zu fuhren, jedoch alles ohne Wissen und Willen seines Bruders, in gantz anderer Felsenburgischer Kleidung, um nur die Copulation seines Bruders nebst andern Solennitaten mit anzusehen.

Mithin wurde der liebe Capitain Horn Sen. zum ersten mahle mit seiner verlobten Braut Johanna Margaretha, Andrea Robert Julii Tochter in RobertsRaum, die mit meiner Ehe-Frau Geschwister-Kind ist, von Hrn. Mag. Schmeltzern, als unserm so genannten Bischoffe, nach verrichteten Gottesdienste ordentlicher Weise copuliret, oder, wie man es auf deutsch heisset, zusammen gegeben. Ich will von den Texten und Compositionen der Kirchen-Musique, die vor und nach der Copulation gemacht wurde, um alle Weitlauftigkeit zu vermeiden, vorietzo gar nichts melden, weilen bekannt, dass sich sonderlich in Deutschland weit bessere Poeten und Componisten befinden, die uns arme einfaltige Felsenburger, wenn ich die Partituren zugleich mit ubersendete, vielleicht nur auslachen mochten. Zum Trau-Sermon hatte sich Herr Mag. Schmeltzer Sen. den 80. Psalm Davids, als den Grund seiner Rede erwehlet, absonderlich wuste er den 10ten Versicul: Du hast vor ihm die Bahne gebrochen, und hast ihn lassen einwurtzeln, dass er das Land erfullet hat etc. ungemein artig auf die beyden Capitains Wolfgang und Horn, zu appliciren. Wesswegen denn der alte Capitain Wolffgang viele FreudenThranen fallen liess, nachhero aber, als wir ihn darum befragten: warum er geweinet hatte? gab er zur Antwort: Ihr wisset alle insgesammt, Alt und Jung, dass ich ein Mann bin, der kein Weibervielweniger HasenHertz im Leibe, sich auch, ohne eitlen Ruhm zu melden, bey den Felsenburgern ziemlicher maassen wohl verdient gemacht hat. Die Thranen, welche ich unter den beweglichen Vorstellungen des Herrn Mag. Schmeltzers fallen lassen, sind keine Crocodills-Thranen, sondern hertzliche Freuden-Thranen, weil ich an dem Glucke und der Ehre, die dem Capitain Horn heute begegnet und noch ferner begegnen wird, den allergrosten Theil zu nehmen einige Ursache habe. Mein Wunsch ist also dieser: GOtt segne die Felsenburger! den Capitain Horn nebst seiner Ehegenossin und mich benebst den Meinigen! so sind wir alle gesegnet, und ich bin der vergnugteste Mensch auf dieser Welt, so lange als mir GOtt noch mein Leben fristet.

Nachdem nun solchergestalt der GOttesdienst geendiget, und das Te Deum laudamus, unter Trompeten- und Paucken-Schall, auch bey gewissen Absatzen, gewohnlicher maassen, die Stucken geloset worden; so giengen wir alle insgesamt recht ungemein vergnugt aus dem GOttes-Hause, nach der AlbertsBurg zu, musten uns aber dabey verwundern, dass die Kinder die Wege uberall mit grunem Grase und den schonsten Blumen bestreuet, auch einem jeden vorbeygehenden einen schonen Blumen-Straus darreichten; ja ich glaube, dass dazumahl kein Kind, das nur lauffen konnen, zuruck geblieben ist. Auf der AlbertsBurg war nicht allein die Braut-Tafel, sondern auch in andern Zimmern verschiedene Tafeln gesetzt, uber dieses auf der ordentlichen Speise-Stelle vollauf angerichtet; allein das Volck verlief sich wider Vermuthen unter dem Abblasen der Chorale: Nun dancket alle GOtt etc. Ein veste Burg ist unser GOtt etc. und Es woll uns GOtt genadig seyn etc. worbey denn die Carthaunen und Canonen zu vielen mahlen abgefeuret wurden, und worauf so wohl die Klein-Felsenburger, als das auf des Capitain Horns Schiffen befindliche Commando zu antworten nichts schuldig blieben, die denn auch insgesammt vollauf besorget waren.

Unterdessen war es ein artiger Streich, dass der Prinzessin Christiana Lowe, sich seit einiger Zeit gantzlich verlohren hatte, und auf der gantzen Insul, wie fleissig wir auch nachsuchen liessen, nicht anzutreffen war; Doch endlich sahen wir aus den Fenstern von der Alberts-Burg, wie er mit einer artigen jungen Lowin, die er sich ohnfehlbar aus dem Roberts-Raumer Forste gehohlet, uber die Christians-RaumerBrucke mit langsamen Schritten heruber spatzieret kam. Nun waren wir zwar wohl gewohnt worden, dass dieser Lowe dann und wann etliche Tage aussen geblieben, und nicht in seine Behausung gekommen war: denn wir hatten ihm zwischen den Palmen-Baumen gegen Alberts Raum zu, ein eigenes 12. Ellen hohes, auch nach Proportion der Weite geraumliches holtzernes Hauss bauen lassen, und zwar von dem allerstarcksten und vestesten Holtze und Bolen, wie denn auch auf 50. Schritt herum alles mit starcken Pallisaden umpflantzt war. In dieses Gehause und dessen Umzirck fuhrete also der Lowe seine Gemahlin, mit der er vielleicht schon vor einiger Zeit mochte Beylager gehalten haben. Wir liessen ihnen Heu und Stroh hinein werffen, und wurden gewahr, dass sich alle beyde recht beqveme Lagerstadten davon zu rechte machten; auch liessen wir in den Vorhof viele alte und junge wilde Ziegen, Schweine, junge Rehe und dergleichen 4-fussige Thiere zu ihnen hinein lauffen, so wohl auch Turckische Hahne, Huhner, Pfauen und anderes Flugel-Werck. Allein die Lowen konten sich mit denenselben allen ungemein wohl vertragen, und beleidigten auch das allerkleineste Stuck nicht mit einer scheelen Mine, sondern sie waren zufrieden mit ihrer Speise, die ihnen alle Morgen zugeworffen wurde: diese bestund in etlichen Kleyen-Brodten, hiernachst in vielen Stucken von verdorbenen, eingesaltzenen, oder geraucherten Fleischwerck und Fischen. Anbey trugen ihnen die Einwohner alltaglich gantze Lasten von den besten Garten-Krautern, Fruchten und Wurtzeln zu, woran sich beyde Lowen, dem Ansehen nach, fast noch mehr labten, als an den trockenen Speisen. Vor das Getrancke hatten wir nicht Ursach zu sorgen, indem in dem Lowen-Revier 3. frische Brunn-Quellen anzutreffen waren, woraus sie ihren Durst nach eigenem Belieben loschen konnten. Etliche Tage hernach aber trug sich eine besonders artige Begebenheit zu: denn weiln ein recht grosser Indianischer Puter-Hahn mit seinem allzu offtern Kaudern sich gar allzu sehr mausig machte, der Lowin dieses Geschrey aber vielleicht zuwider seyn mochte; so riss sie den Hahn uhrplotzlich in viele Stucken liess aber dieselben auf dem freyen Platze liegen, und leckte nicht einmahl einen Tropffen Blut davon auf, geschweige denn, dass sie einen Bissen seines Fleisches verschlungen hatte. Dem alten Lowen hingegen mochte diese Mordthat missfallen, wesswegen er seine Gemahlin mit dem Pfoten dergestalt abstraffte, dass alle Zuschauer, daruber zum hertzlichen Lachen bewogen wurden. Man muste sich aber uber das demuthige Bezeugen der Lowin so wohl, als uber das behutsame Verfahren des alten Lowen, welches er im Zuschlagen brauchte, gantz ungemein verwundern.

Hierauf bemerckten wir, dass die Lowin bestandig seitwarts gieng, und ihrem Gemahl immerzu scheele Minen machte; nicht, wie sonst gewohnlich, an seiner Seite speisete, auch nicht einmahl aus einer Quelle mit ihm tranck, sondern sich immer eine besondere Quelle suchte.

Dieses unter den beyden Lowen entstandene Missvergnugen wahrete viele Tage; Jedoch die Prinzessin Christiana war so behertzt, dass sie die beyden Lowen in ihrer Wohnung und Revier besuchte. Wie nun bey derselben kein Wiederrathen verfangen wolte, (um sich diesen grimmigen und reissenden Thieren nicht entgegen zu stellen) so stunden vielen unter uns die Haare zu Berge, da wir dieselbe in den Vorhoff des Lowen-Hauses eintreten sahen; Allein der alte Lowe kam ihr sogleich entgegen gelauffen, warff sich zu ihren Fussen, kussete ihr die Hande, weltzerte sich aus Freuden zu vielen mahlen auf dem Platze herum, ja! er war so verwegen, sich auf die Hinter-Pfoten zu setzen, mit den Vorder-Pfoten aber die Prinzessin auf das allerfreundlichste zu umarmen, und ihr das Angesicht zu belecken.

Kaum hatte die Lowin dergleichen Complimente gesehen, als sie dieselben auf eben die Art und Weise recht possierlich und liebreich nachmachte, woruber allen Zuschauern ein Grauen und Schrecken ankam; allein, nachdem sich die Prinzessin in dem Gehause und Vorhofe uber 2. Stunden lang mit beyden Lowen ergotzt, der schonen jungen Lowin aber etliche Stukke Confect zur Speise dargereicht (als welches dieselbe mit besonderm Appetite zu sich nahm) so kam unsere Prinzessin Christiana vergnugt und unbeschadiget zuruck auf die Burg.

Nachdem auf diese besondere Begebenheit etwa 6. oder 8. Wochen verflossen, horeten wir in einer stockfinstern Nacht ein entsetzliches Brullen beyder Lowen, welches fast bis zum Aufgange der Sonne immer abwechselend fort wuhtete. Die Behertztesten unter uns giengen mit Ober- und Unter-Gewehr hin, um zu erfahren, ob etwa eine Verratherey unter Handen, oder was den Lowen allen beyden sonsten zugestossen ware; allein wir horeten weiter nichts, als in dem Lowen-Hause zu etlichen mahlen ein Winseln und Wehklagen mit untermischten Brullen, wesswegen wir denn auf die Gedancken geriethen, dass diese beyden Ehe-Gatten, die vielleicht nicht recht mit einander zufrieden seyn mochten, sich wohl etwa gar umbringen wolten, mithin uns denn nicht weiter um sie bekummerten, sondern ihnen ihre Sache zu eigener Ausmachung uberliessen.

Es befand sich aber diese gantze Sache weit anders, als wir uns dieselbe eingebildet hatten: denn da die Prinzessin Christiana gleich, nachdem sie gefruhstuckt hatte, sich in das Lowen-Hauss begab, traf sie darinnen 3. neugebohrne junge Lowen, nemlich 1. Mannlein und 2. Fraulein darinnen an, die mit sich umgehen liessen, so, wie man sonsten mit jungen Hunden und Katzen umzugehen pflegt. Wie wir nun auch uber diese Vermehrung der Thiere zum Theil eine gantz besondere Freude empfanden, als wurden den alten so wohl, wie den jungen Lowen die besten Lecker-Speisen zugebracht, worbey wir dieses bemerckten, dass ihnen der Wein besser zu Halse gieng, als das klare Quell-Wasser. Es sind die kleinen Lowgen rechte Liebens-wurdige Thiere, wir aber sind dennoch gesonnen, so bald als sie der Mutter-Milch entbehren konnen, dieselben auf die Insul Klein-Felsenburg hinuber zu schaffen, allwo sie sich denn zugleich auf eine Zeitlang ferner vermehren konnen, zumahlen, da es uns eine kleine Muhe kostet, solche Thiere nach unserm Gefallen zu vertilgen.

Nunmehro aber, mein werthester Freund und Bruder, Herr Capitain Horn! werde ich hoffentlich, als euer aufrichtiger Eberhard Julius, nach eurem Begehren, euch das, was seit eurem Wegseyn hauptsachliches vorgegangen, getreulich zu erzehlen, ein ziemliches Genuge geleistet haben: denn die Kleinigkeiten werden euch nach und nach schon von unserm Frauenzimmer berichtet werden, deren einige, ein weit besseres Gedachtnis, als ich haben.

Wie nun Capitain Horn vor diessmahl mit mir vollkommen zufrieden war, und sich vielfaltig gegen mich bedanckt hatte, so thaten wir erstlich noch einige Reisen nach Klein-Felsenburg hinuber, nahmen jedesmahl viele Metallen und Mineralien mit zuruck, hatten auch das Schiffs-Volck in vollkommene Ordnung und Verfassung zur Ruck-Reise nach Europa gebracht; da denn ein jeder vom Grosten bis zum Kleinesten, dergestalt reichlich mit Gold, Silber und Kleider-Werck beschenckt wurde, dass alle insgesammt ihr vollkommenes Vergnugen daruber bezeugten, absonderlich aber die 5. Portugiesen, welche alles gedoppelt und 3. fach bekamen, indem sie sich unter einander beredet, die Ruck-Reise nach ihrem Vaterlande mit dem Capitain Horn Jun. auch mit anzutreten, woran wir ihnen denn eben nicht verhinderlich seyn wolten, sondern vielmehr gantz gerne sahen, dass wir sie mit guter Art loss wurden, jedoch schwuren sie uns bey dem Abschiednehmen, ohne unser Verlangen, ein jeder einen leiblichen Eyd, unserer allezeit im besten zu gedencken, und weder hie, noch da etwas auszuplaudern, welches etwa zu unserm Schaden und Nachtheil gereichen konte.

Demnach wurde des Capitain Horns Jun. Schiff mit Reiss Rosinen und andern Lebens-Mitteln, (die Kostbarkeiten und Felsenburgischen Raritaten ausgenomen) dergestalt voll geladen, so, dass es kein Wun

der gewesen, wenn dasselbe so gleich auf der Stelle versuncken ware; ja, ich glaube sicher und gewiss, dass um selbige Zeit schwerlich ein reicherer SchiffsCapitain weit und breit auf der offenbaren See anzutreffen gewesen, als unser Capitain Horn Jun. indem der allermeiste Theil der Ladung sein Eigenthum ist, so dass er damit schalten und walten kan, wie er nur immer will, jedoch haben wir alle das Vertrauen zu seiner Redlichkeit, dass er nicht allein diesen meinen 4ten Theil des Berichts von den Felsenburgischen Geschichten, sondern auch alle ihm anvertraute Briefe und Geschencke, an gehorige Orte bestellen wird.

Es gieng demnach derselbe um die bestimmte Zeit, da sich ein geneigter Wind vor seine Seegel erhub, ohne fernern Aufenthalt mit allem seinen Volcke in vollen Vergnugen zu Schiffe; jedoch war der letzte Abschied des Capitain Horns Jun. den er nicht allein bey seinem Bruder, sondern auch dem Regenten, Aeltesten und Vorstehern der Gemeinden, kurtz, von allen Insulanern nahm, dergestalt zartlich und beweglich anzusehen, dass sich weder Alte noch Junge der Thranen enthalten konten, deren denn auf beyden Theilen viele 1000. vergossen wurden.

Er fuhr mit Aufgang der Sonne ab, derowegen ist unser Wunsch und Gebet zu GOtt, dass ihm derselbe die Glucks-Sonne in seinem gantzen Leben nicht wolle untergehen lassen. Auf unsern Hohen liessen sich Paucken, Trompeten und allerhand andere musicalische Instrumente horen, worbey denn aus denen Canonen imer eine scharffe Ladung nach der andern

gegeben, auch etliche Bomben in die See gespielet wurden; worauf er wie wir wohl vernehmen konten, bis zur Mitternachts-Stunde bestandig antwortete, endlich aber war von dem Schiffe bey anbrechendem Tage nichts weiter zu sehen, wesswegen wir alle, ihm und seinen bey sich habenden Leuten, nochmahls unter Abfeurung der Canonen Gluck auf die Reise wunscheten, und ein jeder von uns sich nach seiner Wohnung verfugte.

So viel ist es, meine werthesten Freunde und Leser, als ich, Gisander, aus des Herrn Eberhard Julii Manuscript zusammen stoppeln konnen, welches nicht allein sehr zergliedert, sondern uber diess dessen Schreib-Art ziemlich verweset ist; ob das See-Wasser, oder Lufft daran Schuld, kan ich nicht sagen; unterdessen haben wir doch noch das Meiste und Beste von dem Verfolge der Felsenburgischen GeschichtsBeschreibung uberkommen. Ich vor meine Person habe das Gluck und die Ehre gehabt, den Herrn Capitain Horn Jun. nicht allein in Hamburg, bey Herrn H.W.W. sondern nachhero auch in Amsterdam bey dem Herrn G.v.B. als unsern allervertrautesten Correspondenten anzutreffen, und von ihm noch viele Betrachtens-wurdige Begebenheiten erfahren, welche ihm aber nach zu erzehlen, meine Schrifft vielleicht allzu weitlaufftig machen wurde.

Wiewohlen ich nun denselben mit guten Winde von Amsterdam aus abseegeln gesehen, so kan ich doch nicht vor gewiss sagen, ob er seinen Cours zu seiner Braut auf die Insul St. Jago, oder in sein Vaterland, oder wohl gar wieder zuruck auf die Insul GrossFelsenburg genommen, weilen ich aus seinen Reden niemahls recht klug werden konnen, da er in vielen Stucken sehr heimlich war. Unterdessen da er mir doch viele wichtige Sachen, und sonderlich verschiedene Scripturen hinterlassen, mit der Vollmacht, dass ich Ordre-massig, mich damit verhalten, die Schrifften aber immerhin, so viel deren auch waren, oder noch eingehen solten, erbrechen und eroffnen mochte; so will ich meinen geehrtesten Lesern und Gonnern aus einem von gelehrter Hand erhaltenen, an die Herrn Felsenburger addressirten Briefe, als eine Zugabe dieses 4ten Theils der See-Fahrer, so viel seiten meiner verantwortlich ist, und man auf beyden Seiten nicht verstosset, mittheilen, in Hoffnung, dass die allermeisten Leser sonderlich an Erklarung, der unbekannten Characteren, welche im 3ten Theile pag. 297. anzutreffen sind, ein besonderes Vergnugen finden werden. Den ubrigen Rest des Briefes zu publiciren, tragt man des besondern Inhalts wegen Bedencken, bis auf des Regenten und derer Aeltesten fernerweitige Ordre. Demnach lautet die Aufschrifft des Briefes an die Felsenburger also: Dem Ehrwurdigen Alt-Vater, Hrn. Alberto Julio II. Regenten auf der Insul zu Gross-Felsenburg; ingleichen den Theuersten und Vorstehern der Pflantzstadte; Nicht weniger auch denen ubrigen Senatoribus und Rathen des Felsenburgischen Regierungs-Collegii; Wie auch der sammtlichen auserwehlten Heerde JEsu CHristi mit ihren wurdigen und sorgfaltigen Seelen-Hirten:

Meinen allerseits Hochgeehrtesten und Geehrtesten

Herrn Gonnern, unbekannten guten Freunden

und in CHristo hertzlich geliebten Brudern

Gross-Felsenburg.

NB. Die Erklarung der Characteren aber, zeiget sich von Wort zu Wort folgender maassen: Vorjetzo habe ich euch, aus eiferigen Triebe, denen gottseligen Felsenburgern mit meinen wenigen Wissenschafften zu dienen, eine besondere, den.

Es wird euch annoch erinnerlich seyn, dass bey der merckwurdigen Entdeckung derer Heydnischen Antiquitaten auf Klein Felsenburg, auch zugleich unterschiedliche Urnen gefunden worden, deren Deckel mit Characteribus bezeichnet gewesen, und den Inhalt dererselben in Europa zu erfahren gesucht. Die ubrigen Characteres sind mir nicht zu Gesichte kommen, unterstehe mich auch nicht, solche zu erklaren, weilen mit stechonagraphischen Figuren mich zu bemuhen, niemals meine Sache gewesen. Weilen aber dieses chymische Figuren sind, und solche mit der alten Heydnischen Gotter-Historie uberein kommen, deren Scribenten mehrentheils hermerische Philosophi gewesen; Ich aber mich auch ruhmen kan, in Chymicis und Alchymicis viele Geheimnisse der Natur durch GOttes Gnade und meinen unermudeten Fleiss entdekket zu haben, die etwa denen lieben Felsenburgern zu besserer Etabilirung ihrer Wirthschafft dereinst mittheilen konte: Als habe auch dieser Characteren wegen einen Versuch gethan.

Zuforderst erwegte mit allem Fleiss, was der liebe Herr Mag. Schmeltzer fur Gedancken daruber gehabt, und befand, dass er allerdings die Sache wohl errathen: Denn die Characteres stellen weiter nicht anders vor, als ihre samtlichen Gotter. Sonne und Mond waren bereits von Herrn Mag. Schmeltzern entdecket, was aber die andern Figuren fur Gotter vorstellen solten, konte ich noch zur Zeit nicht wissen.

Endlich zehlete ich die Characteres, so waren derselben dreyzehen. Dadurch hatte ich nun den volligen Schlussel erlanget. Es fiel mir sogleich ein, dass dieses die im Tempel gefundenen Gotter seyn musten. Und es traf richtig ein.

Um nun eigentlich aus denen Figuren dieser Gotter ihre besonderen Eigenschafften ausfindig zu machen; so setzte ich erst zum Grunde meiner Untersuchung vor aus, dass der Heydnische Gotzendienst nichts anders gewesen, als ein purer Naturalismus, und haben sie durch ihren Gott lediglich die Natur verstanden.

Die erste Figur stund mitten im Tempel auf einem runden Altar, und war eine runde goldene SonnenKugel, statt derer Strahlen aber lauter kostliche Diamanten und andere blitzende Edelgesteine sich allenthalben zeigten, und beydenen angebrannten Fackeln lauter feurige Strahlen hervor schossen, absonderlich, wenn vermittelst des kunstlichen Uhrwercks diese Kugel ihren Sonnenartigen Lauff und Betragung circa Centrum mit ungemeiner Geschwindigkeit verrichtete. Dieses Bild stellete nun vor, die aus der Sonnen als dem mannlichen Principio des allgemeinen chaotischen Saamens ausfliesende erste mannliche Saamens-Krafft der alles hervor bringenden und fruchtbar machenden Natur. Diese alles hervor bringende Natur ist nun, recht deutlich zu sagen, der allgemeine Archus und Weltgeist, oder Saamens-Krafft, daraus alle Dinge entstanden, und aus dreyen Principiis bestehet, nemlich Sol, Luna und Mercurius, oder nach theosophischer Art zu reden, Feuer, Licht und Geist, oder wie der theosophische Junger Johannes 1. Joh. 5, v. 8. diese drey Principia auf Erden nennet, Geist, das ist Feuer, Wasser, das ist Licht, und Blut, das ist Geist. Johannes nennet aber dieses letzte Principium Blut, weilen, wenn dieses gedoppelte mercurialische mannliche und weibliche Principium im grossen philosophischen Wercke mit einander vereiniget, und solchen wiedergebahrenden Samen in einen lebendigen goldischen Leib einfuhret, sie mit einander vereiniget, coaguliret und figiret, so wird daraus eine blutroth-olichte Tinctur oder der Lapis philosophorum.

Das andere Bild war das Bild des Mondens, und stund oben ex opposito des Eingangs dieses ist bekannt, denn es wird die Diana genennet. Sie ist eine Jagerin, die den brunstigen Hirschen begierig nachsetzet, das ist, sie als das weibliche SaamensPrincipium hungert gewaltig nach dem mannlichen feurigen Saamens-Principio aus der Sonne, unter dem Bilde eines brunstigen und brennenden Hirsches vorgestellet. Gleichwie nun der mannliche Saame, welcher aus der Sonnen durch ihre schnelle Bewegung in lauter feurigen, brennenden, hitzigen, nitrosischen Saamens-Krafften ausstrahlet, und solche uber die gantze Welt ausstreuet, auch lauter Leben und Activitaten ist; die Welt aber vielmehr verbrennen muste, als dass sie solte erhalten werden konnen; So muste ein Gegentheiliges, ohne alle Activitat seyendes kaltes, feuchtes, salinisches, weibliches SaamensPrincipium, aus den aus dem Monde ausfliessenden weiblichen Saamen darzu kommen, das die Hitze des mannlichen Saamens temperirte. Denn der mannliche Saame, der wegen Ermangelung eines frischen erquikkenden Wassers immer in einem hitzigen, feurigen Triebe ist, suchet seine grosse brennende Hitze in dem weiblichen wasserichten Saamen des Mondes zu temperiren. Dannenhero attrahiret er begierig seine Feuchtigkeit. Hergegen sucht der kalte und wasserichte weibliche Saamen, aus Mangel des Feuers, die hitzigen mannlichen Saamens-Kraffte aus der Sonne an sich zu ziehen. Daraus, nemlich aus dieser Vermischung derer zwey feindseligen Principien, entstehet eine leibliche fermentirende Warme, durch welche die doppelte Saamens-Krafft, aus Wasser und Geist bestehend, in eine Activitat gebracht wird. Dadurch hernach diejenige Creatur, darinnen dieser Geist sich erhitzet, und zur fermentirenden Activitat aufgebracht wird, in eine Fermentation, zuletzt aber in eine vollige Putrefaction sich aufloset, seine erste Form verliehret, und die drey Principia des Saamens in die Freyheit setzt, eine neue Creatur aus sich hervor zu bringen. Also bestehet denn der Saame aller Dinge in einem mannlichen und weiblichen, oder sulphurischen und salinischen Saamen, und heisset mit einem Wort Nitrum und Sal oder Geist und Wasser. Aus diesen beyden Principiis wird alles gebohren im Reiche der Natur und Gnaden. Denn auch da wird der neue Mensch wiedergebohren aus Wasser und Geist Joh. 3. nemlich aus der geistlichen Feuers-Krafft des Vaters, und aus der geistlich-wasserigen Lichts-Krafft des Sohnes. Daher auch der Sohn der Weibs-Saame genennet wird, und nicht anders als von einem Triebe ohne Zuthuung des Mannes konte gebohren werden. Wir sehen auch hieraus, wie die Schonheit und Lieblichkeit aller Creatur lediglich in einer gleichen Vermischung zweyer wiederwartigen Dinge, als Licht und Finsternis, Feuer und Wasser, bitter, scharff, herbe und susse, temperirend und lieblich bestehet.

Der dritte Gotze mag wohl die fur alle ihre Creaturen sorgende und wachende Natur seyn, welches der Nacht-Eulen-Kopff mit einem Auge bedeutet. Denn ein Auge siehet viel scharffer als zweye. Bald hatte ich das beste an dieser hieroglyphischen Figur vergessen. Denn dieses Auge stund im Centro eines dreyeckigten Eulen-Kopffs, welcher dreyeckigte Kopff die drey Principia philosophica der Natur anzeigt. Ist also der Verstand dieser: Die wachsame Natur schikket unendliche Ausflusse einer unermudeten Sorgfalt und Hulffe denen nothleidenden Creaturen zu. Weilen aber dieses auch gleichsam zwischen denen dreyen Principiis eingeschlossen ist, so giebt dieses zu verstehen, dass alle drey Principia gleichsam die Quellen sind, daraus solche Ausflusse hergeleitet, und in dem eintzigen Auge der wachsamen Natur gleichsam concentriret werden. Dass es aber ein Eulen-Kopff ist, deutet abermahl die Wachsamkeit an, indem dieser Vogel eben desswegen der Minerva geheiliget ist, weil er des Nachts so munter ist, welches sich zum Nachtstudieren uberaus wohl schicket. Es hat gleichsam der Archus ein allsehendes Auge in seinem Hause. Er ist wie ein geschickter Hausswirth, der hinten und forn ist, und alsobald siehet, was fehlet, damit dasselbe wieder ersetzet werde; Also auch der Archus, der ist alsobald bey allen nothleidenden Gliedern mit seiner Hulffe da. Hat das Haupt Schmertzen, so stopffet er die Quelle, indem er die ubrigen Speisen auf das geschwindeste aus dem Magen auszufuhren sucht, die da eine Jahrung im Magen intendiret, mithin schon zu dunsten angefangen. Da denn diese Dunste nach dem Kopffe steigen, und eben die Schmertzen causiren. Welche aber sobald aufhoren, so bald die im Magen fermentirende materia peccans abgefuhret ist. Man sehe nur zum Exempel das sorgfaltige Verhalten des Archi, wenn allerley Unreinigkeiten in seine Werckstatt kommen, sonderlich wenn der Magen mit Galle uberladen wird. Weil nun diese Galle alle sein gutes Ferment im Magen verderbt; um die Starcke des Archi aber dadurch seine meisten krafftigsten Wurckungen im menschlichen Leibe eine feurige Hitze befordert (wie denn die Hitze ohne dem dem menschlichen Leibe convenable) also weiss er sich auch damit am allerbesten wider seinen eindringenden Feind zu defendiren. Denn die Unreinigkeiten, so im Magen entstehen, sind ein dickes, irrdisches, schleimiges Wesen, welches capable ist, alle fermentirende Hitze im Magen zu tilgen. Daher wir auch sehen, wenn solche dicke irrdische Unreinigkeiten im Magen uberhand nehmen, dem Menschen uber den gantzen Leib ein Schauer herfahret. Daraus denn der Mensch zu urtheilen pflegt, dass er ein kaltes Fieber bekomme. Dass aber diese kalte Schauern sich bey dem Menschen ausern, kommt daher, weil der Archus, so bald er seine Werckstatt verunruhiget sieht, alsobald verdrossen wird, sein Amt nicht mehr verrichtet, und dem nothleidenden Gliede die nothige Hulffe nicht mehr zuschicket, so nimmt freylich die febrilische Kalte uberhand. Das Schaudern aber entstehet von dem schwachen Widerstande des Archi. So bald aber der Archus sich ein wenig erhohlet, gehet er seinem Feinde entgegen, und suchet dadurch ihn auszutreiben, wenn er die gantze menschliche Machine in Hitze und Brand stecket. Darum folgt gemeiniglich auf die Kalte eine Hitze. Halt nun die Hitze langer an, als die Kalte, so ists ein Anzeichen, dass der Archus noch starck genug sey, seinen Feind zu uberstehen. Woferne aber die Hitze abnimmt, so ists ein Zeichen, dass der Archus aus seiner Herberge bald Abschied nehmen werde. Die Kranckheit ist zwar so gewaltig nicht mehr, daher unverstandige Medici meynen, der Patiente bekomme Ruhe; Aber eben daraus erkennet ein kluger Medicus, dass die Kranckheit zum Ende gelanget. Je empfindlicher die Hitze oder der Brand der Krancken ist, je starcker kan man sie zu seyn urtheilen. Und destomehr ist auch Hoffnung zur Genesung. Weil man daraus siehet, dass der Archus seine Sorge und Wachsamkeit fur den menschlichen Corper noch nicht abgeleget. Denn diese feurige Wuth ruhret vom Archo des Lebens her, wenn er in Harnisch gebracht worden entweder von einer ungesehren den ersten Schaden verursachenden Materie, oder von einem vermeynten Anzeigen, dass der Sitz des Lebens, oder sonst ein naher mit demselben sympathisirenden Theile, entweder durch einen bossartigen Dampff und Dunst, oder durch einige traurige Gemuths-Bewegungen Noth leide, welche durch ihre tyrannischen Eindruckungen den Sitz des Lebens als seinen eigenthumlichen uhrsprunglichen Wohnplatz beunruhiget, maassen, die Seele und das Leben uhrsprunglich an einerley Orte ihren Sitz haben. Der lebendige Archus ist gleichsam der Vulcanus im Menschen, der die Warme des Lebens seine gantze Lebens-Zeit uber erwecket und erhalt, und der bey guten gesunden Tagen in guter Ordnung und vernunfftig handelt; hergegen, wenn er in Unordnung gebracht worden, gleichsam rasend wird.

Der vierdte Gotze ist ein ergrimmter Mensch, der etwas mit einer Keule zerschlagen will. Und dieses stellet nunmehro den rasenden Archum '

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vor, oder die den Missbrauch der Creaturen rachende Natur. Diese Eigenschafft des Archi erweckt allerdings das unordentliche Leben eines Menschen, der mit Fressen und Sauffen und allerley Wollusten in sich hinein sturmet, auch durch allerley Affecten, Sorge, Furcht, Bekummernis, dem Archo eine widrige Empfindung eindrucket. Und weil er durch diese Empfindung meldet, dass sein Sitz und Wohnplatz nicht im Stande ist, diese belastigende Idee zu ertragen; So wird er gewaltig erbittert, setzt wegen dieses entweder wahrhafftigen, oder durch die Ideen causirten vermeyntlichen und eingebildeten Ubels alles in Feuer und Brand, und verursacht einen erbarmlichen Zustand, der von sich selbst wesentlich ist. Denn das Sprichwort ist wahr: nemo lditur, nisi a se ipso.

Das funffte Bild ist ein Mensch mit einem HundeKopffe, und zeigt an die das einschleichende Verderben der Creatur stets bewachende Natur. Wie ein Hund das Hauss bewahret und billet, wenn ein Dieb einbrechen will; Also ist der Archus stets wachsam, dass bey Imbibirung der Nahrung nichts unreines oder uberflussiges in die Creatur eingefuhret werde. Denn dieses wird sie alsobald in der Fermentation von dem guten und reinen Chylo abscheiden, und durch allerley Ausgange der Excretion, als per sudorem urinam, sedes, ausfuhren. Ja, wenn der Mensch selbst durch uberflussige Geniessung der Speisen und Getrancke die Werckstatt des Archi verunreiniget; So wird der Archus in seinen Grimm aufgebracht, verlast seine ordentliche Wurckung, und das Bellen dieses wutenden Hundes kan man ja auserlich wohl mercken aus der entstehenden grossen Hitze, item aus allerhand gefahrlichen Symptomatibus, als Ohnmachten, HertzKlopffen, auserlich gifftigen Geschwuren u.s.w.

Das sechste Bild ist die Figur eines aufgerichteten sitzenden Ochsens. Gleichwie nun der Ochse arbeitsam ist; also wird dadurch die fur ihre Creaturen stets sorgende und arbeitende Natur angezeiget. Welches aus dem vorhergehenden gnugsam zu ersehen, dass wir also nicht nothig haben, uns hierbey langer aufzuhalten.

Das siebende Bild ist der Neptunus, wessen Character auf dem Steine durch die dreyzinckigte Gabel angedeutet wird. Da nun der Neptunus ein Gott des Wassers ist; so stellet dieses Bild vor die fur den Uberfluss, Reinigkeit und Gesundheit des Wassers sorgende Natur. Keine eintzige Creatur kan das Wasser entbehren, denn hierinnen ist verborgen ein balsamisches Lebens-Saltz, ein mannlicher und weiblicher Saame, daraus alle Dinge ihre Speise des Lebens nehmen. Und wo dieses Saltz nicht darinnen ist, so wird auch die beste Speise tumm, todt, und unfruchtbar. Wie CHristus selbst sagt, Matth. 5, v. 13. Wo das Saltz tumm wird, nemlich, das balsamische LebensSaltz, Nitrum und Sal, womit soll man saltzen? Es ist hinfort zu nichts nutze, denn dass man es hinaus schutte, und lasse es die Leute zertreten. Insgemein ist in einer grossen Quantitat Wassers, die wir trincken, gar ein klein weniges Lebens-Saltz befindlich. Welches man sehen kan, wenn man das putreficirte Wasser abrauchen, und im Keller zu Crystallen anschiessen last, so wird man finden, dass das mannliche Saltz das Nitrum sich in Crystallen in die Hohe begeben; auf dem Boden aber lieget ein braunes Saltz, welches, wenn es wohl ausgegluet, solviret, filtriret und coaguliret, seine schone Weisse wie ein gemeines Saltz zeiget. Und das ist der weibliche Theil unserer gesaltzenen Lebens Speise. Weil nun also der meiste Theil Wasser ist, so die Natur nicht annimmt, sondern wieder von sich last; So sehen wir ja durch dieses Scheiden des Wassers von dem balsamischen Geiste, wie immer die sorgfaltige Natur bekummert ist, dass ein gnugsamer Vorrath Wassers da sey fur alle Creaturen. Also der balsamische himmlische Lebens-Geist aus der Sonne ist sehr feurig, und hat das wenigste Wasser, doch seine bestandige Agitation, macht doch endlich diesen feurigen Samens-Geist etwas dicker und schwerer, dass er sich herab sencket in die Region der Lufft, und dieses, was sich aus dem Himmel mit der Lufft vereiniget, ist ein Excrement, und heist ein subtiles Wasser. Diese Lufft nun scheidet sich wieder von ihrem uberflussigen Wasser, und schicket es dem dicken Wasser zu, da es denn im Regen, Schnee, Schlossen u.s.f. bald in die See fallet, als den grossen Schatz-Kasten des Wassers, bald von denen Animalien in denen Speisen genossen wird, die Animalien scheiden wieder ihr uberflussiges Wasser ab, und schicken es der Erden zu, davon sich denn alle Krauter, Baume und Gewachse ernahren. Das ubrige Wasser gehet ad centrum terr und ernahret und bringet zur Vollkommenheit alle Mineralien und Metallen. Wie wenig nun der balsamische Lebens-Geist aus diesem Wasser in die Metalle zu ihrer Erhaltung eingeht, konnen wir leicht sehen aus der grossen Menge des Wassers, die die Natur in denen Bergen von denen Metallen abscheidet. Man sehe nur an, was fur eine unzehlige Menge Wasser und Quellen aus denen Bergen hervor kommt, dass, wenn man alle Berge in der Welt zusammen rechnen wolte, man zu zehlen aufhoren muste. Daraus genugsam zu sehen ist, wie sorgfaltig die Natur fur einen hinlanglichen Wasser-Vorrath jederzeit gewesen und auch noch sey.

Das achte Bild stellet vor die den mannlichen Saamen zur Vollkomenheit bringende Natur. Um der Ur

sache willen hat dieses Bild allerley besondere hieroglyphische Figuren. Das mannliche Glied unten am Bilde deutet auf die feurige und brunstige Begierde des allgemeinen Archi oder Welt-Geistes, Creaturen zu produciren; der Lowen-Kopff mit denen Krallen stellet vor dieses doppelten chaotischen SaamensGeistes alles zerfressende, corrumpirende und per Fermentationem & Putrefactionem zerstohrende Natur. Denn es muss allezeit bey einer neuen Geburt eine Zerstohrung und Putrefaction vorher gehen. Man muss erst das alte Hauss einreissen, allen Schutt und faul Holtz weg schaffen, und alsdenn sind die noch guten wesentlichen Theile des Hauses, welche der Schutt gefangen hielte, dass sie nicht konten zu einem neuen Bau gebraucht werden, von diesen Banden loss. Diese wesentlichen Theile nun sind das gute Holtz und Steine, welche man nun ohne Muhe nehmen, und zum neuen Hause anwenden kan. Der Unter-Leib dieses Bild es hat gerade uber der mannlichen Schaam eine Frosch-Gestalt. Der Frosch bestehet aus einem wasserigen weiblichen Element, und bedeutet also den weiblichen Saamen, der unter der mannlichen Ruthe eben mangelt, die denn dadurch sich verhindert siehet, etwas vollkommenes fur sich selbst zu produciren. Von diesem weiblichen Saamens-Principio wird hernach unten noch weiter gehandelt werden. Dieser mannliche Saame hat seinen Ursprung, wie wir oben gemeldet, aus der Sonne, die solche feurige Saamens-Krafft durch eine stete Bewegung circa Centrum ausstrahlet, und in die gantze Welt ausstreuet. Und werden diese Saamens-Kraffte der Himmel genennet. Dieses ist nun ein grosses Meer, mit unzehlig viel solchen feurigen lebendig-machenden, alles erhitzenden Particulis angefullet. Weil sie nun das allersubtilste Feuer sind, so sind sie auch das allerkraftigste, beweglichste Leben, fangen durch solche Bewegung an, sich unter einander zu erhitzen, kommen daruber in Fermentation, und ihre subtilen Lebens-Geister werden dadurch dicke gemacht, und fallen wegen ihrer Schwere herab in die Lufft-Region, als den andern Theil des mannlichen Saamens. Hier hat nun dieser Luft-Saame, nachdem er durch den taglichen Zufluss aus dem Himmel immer feuriger wild, alsdenn Hitze genug, in dieser Region sich von neuen in die Agitation bringen zu lassen. Daraus endlich eine Fermention und Verdickung entstehet, dass er in einem Nebel, Dunst und Dampff, zuletzt in einem Thau herab sincket, und in procinctu stehet, sich in die Frosch-Gestalt des weiblichen Saamens-Principii, nemlich des Wassers, vermittelst eines Regen, Schnees, u.s.w. herab zu sturtzen: Davon beym weiblichen Saamens-Principio ein mehreres wird zu melden seyn.

Das neundte Bild ist die bekannte Ceres, welches vorstellet die alle hervorgebrachten Creaturen mit einer lieblichen Gestalt, Schonheit, Geruch und Geschmack auszierende Natur. Diese Auszierung giebt nun allein der mannliche Saame, als in dessen Feuer die rechte wahrhafftige sulphurische Tinctur ist, die allen Creaturen einen lieblichen Geruch, Geschmack und Farbe giebt, nachdem der weibliche Saamen in einem Subjecto starcken als im andern. Dannenhero riechen, schmecken und bluhen die aromatischen Sonnen-Krauter viel krafftiger, als die fluchtig-hitzigen und temperirten gewesen, und diese noch krafftiger, als die wasserigen, ja diese haben nicht einmahl einen Geruch. Wir konnen demnach daraus erkennen, warum der Lapis philosophorum alle andern Dinge an Geschmack, Geruch, schoner Farbe und machtiger Krafft ubertrifft, nemlich weil das weibliche Principium durch die starcke Fixation gantz in sein Innerstes hinein gekehret, mithin diese Tinctur durch und durch nichts anders ist als der lauterste und subtilste astralische, der durch vielfaltiges imbibiren und kochen in die allerhochste Plusquamperfection gebracht, und nun ein fixes, feuerbestandiges, durchsichtiges, crystallinisches Rubin-Glas, roth wie Blut, susse wie Zucker, und wohlriechender als Ambra, mithin zu einer hochst vollkommensten Medicin auf Metallen bereitet worden. NB. Hier mag Herr Plager diese und mehr Passagen wohl attendiren. Sie klingen gantz gewiss philosophischer, als die Discourse seines Elia Artissa und ubrigen Gran-GoldmachersProfessorum ihre subtilen Weissheits-Lehren. Er bitte aber GOtt, dass mir eine Gelegenheit, Zeit und Musse von ihm geschenckt werde; so habe nicht in Abrede, als ein Gast mich eine Zeitlang in dem angenehmen Felsenburg aufzuhalten. Da er denn andere Dinge sehen soll, die er gewiss sein Lebe-Tage zu sehen die Gnade nicht gehabt. Ich muss hertzlich lachen uber die seltsame Auslegung des Spruchs Hiobs, und sie haben sich damit bey dem wahren Elia Artissa verrathen, dass Herr Plager und sein Prceptor nicht viel gewust. Gantz gewiss hatte der Mann damahls Willens, Herrn Plagern etwas zu offenbahren; Weil er aber zur Unzeit mit seinem Anagrammate heraus ruckte, so hielte er hinterm Berge, und wurde daruber gantz roth. Ohne Zweifel deutete diese Rothe bey dem Manne eine Besturtzung an, dass es leicht hatte geschehen konnen, sich durch unzeitige Offenbahrung an GOtt zu versundigen. Will er ja etwas tuchtiges in diesem Anagrammate thun, so muss er vielmehr auf den und anagrammatisiren, der aber nicht das gemeine und ist, sondern ein regenerirtes philosophisches und , welches aber nicht ehe kan zur Regeneration gebracht werden, als bis das gemeine und , so er zu erst in die Hande nehmen muss, auf eine philosophische Weise, in seine erste materiam remotam gebracht ist, da es denn zwar mineralisch, aber doch ad regnum minerale noch nicht specificiret ist. Kurtz: es ist eine sche Gur, darzu muss und gemacht werden. Kennet er die, so ist er auf dem rechten Wege. Hier habe ich viel offenbaret, er dancke GOtt dafur, bete fleissig und studiere. Doch wieder ad rem. Das zehende Bild stellet einen Affen vor, in seiner gewohnlichen sitzenden Natur. Wie nun dieses Thier uberaus dienstfertig ist, auch alles nachthut, was man ihm vormacht; also zeiget dieses Bild an die dienstfertige und der nothleidenden Creatur zu Hulffe kommende Natur. Wenn der Mensch eine Wunde hat, so sammlet der Archus alsobald allerley balsamische Lebens-Kraffte aus sich selbst zusammen, und bringt sie an den verwundeten Ort, ja er schickt auch einen starckern Brand und Hitze dahin, um diesen Ort wider alle gefahrlichen Zufalle zu defendiren, und die Heilung dadurch desto mehr zu befordern. Wenn ferner der Mensch durch uble Dit viel Unreinigkeiten in die reine Werckstatt des Archi eingefuhrt, oder wenn auch nur durch die hefftigen Affecten des Menschen eine Idee eines scheinenden Wiederwartigen und Bosen dem Archo imprimiret wird, so wird er, wie oben gemeldet, wutend und voller Grimm, und ruiniret seine gantze Werkstatt, setzt sie in Feuer und Brand, und richtet daselbst einen recht erbarmlichen Zustand an. Wenn man aber diesem erzurnten Affen nur einen schonen Apffel vorwirfft, das ist, wenn man ihm eine wohl ausgekochte fix und feuerbestandige Quint-essenz vorhalt und zu kosten giebt, so schmekket er just diejenige Speise, die mit ihm einerley Natur ist, und womit er auch seine krancke Creaturen speiset und starcket. Dadurch wird er nun nicht nur begutiget, sondern auch noch dazu gantz lustig und munter gemacht, dass er wieder seine Arbeit in seiner Werckstatt anfangt, und alle Unreinigkeit per locos excretionis ausfuhret. So dienstfertig ist die gutige Natur, ob wir sie gleich erzurnet. Und gleichwie wir den Apffel diesem erzurnten Affen vorgeworffen, und ihn dadurch wieder besanftiget; also thut er solches uns gleich nach, und wirfft eben diesen Apffel, nemlich die balsamische Tinctur, dem krancken Gliede wieder vor, dass es dadurch gestarckt und gesund werde.

NB. Hier, bey der angezeigten Weise, wie ein Hermeticus die Kranckheiten zu curiren pflegt, da er nemlich nicht selbst der Medicus seyn will, denn das ist die Natur, und nach derselben GOtt, sondern der Medicus ist nur ein Diener der Natur, und wenn die Natur oder der Archus in seiner Werckstatt in Unordnung kommen, und sich nicht helffen kan, so reicht der Minister natur alsobald derselben diejenige Artzeney, womit sie sonst gleichfalls ihre krancken Patienten zu curiren pfleget. Dadurch wird der Archus auf einmal gestarcket, dass er hernach schon selbst im Stande ist, seinen Patienten zu Hulffe zu kommen. Aber ich muss hertzlich lachen uber die Medicos mechanicos, die, ob gleich GOtt spricht: Ich bin der Herr dein Artzt, dennoch par tout selbst der Artzt seyn wollen. Und weil sie der Natur ihre Art zu curiren nicht wissen, sondern meynen, der Archus treibe das Bose hinaus per Mechanismum, wie man mit dem Besem eine Stube auskehrt. Da mag man denn billig fragen, wie wird sie sich aber dieser bosen Schein-Ideen entledigen, die sie sich per Impression gemacht? Was braucht man da fur einen Besem dazu? Eine Magen-Burste ist gewiss hierzu zu grob, und allzu mechanisch. Ach! in der Natur treiben keine mechanische Gewichte von grosser Schwere die Kranckheit aus; sondern in der Natur bewegt nur eine kleine subtile Lichtes-Krafft das wiederwartige Bose viel starcker, als das schwerste Pondus in der Mathematique. Ich habe vorhin gesagt, die Sonne strahle lauter solche Lichts-Kraffte aus. Und weil sie sich denn circa centrum ab occidente versus orientem bewegt, so bewegen sich denn auch alle ihre LichtsKrafte mit dahin. Weil nun alle schweren Corper, als unsere Erde und andere Planeten in diesen solarischen Lichts-Krafften gleichsam schwimmen, eben wie eine Kugel in der See; so folget nothwendig, dass, weil alle Lichts-Krafte sich per circulum ab occidente versus orientem drehen, alsdenn auch unsere Erde und dergleichen mehr par Compagnie eben den Weg mit fort mussen. Thut dieses der grosse Welt-Archus die Sonne, warum soll es denn nicht auch unser Archus thun konnen in unserer kleinen Machine? So curiren wir denn weit glucklicher und gewisser durch eine Medicin, die mit unzahlig tausend Radiis sulphureo-solaribus angefullet ist. Davon auch nur den Stein in Spiritum Vini geweicht, dass ihm so gar auch am Gewichte nichts abgehet, bloss durch seine einstrahlende geistliche Krafft den Spiritum Vini medicinisch machet. Nun wieder zur Sache.

Das eilfte Bild ist das weibliche SaamensPrincipium, und zeiget an die den mannlichen mit dem weiblichen Saamen vereinigende und solche mit einer lebendigen Saamens-Kraft des mannlichen Principii prgnirende Natur. Das zeigt unten die Signatur des weiblichen Gliedes gegen die Signatur des mannlichen Gliedes, die uns genungsam anzeigt, wie begierig der kalte weibliche Saame nach dem feurigen mannlichen Saamen seinen Mund aufthut, um solchen in sich als in einer Matricem einzuschliessen. Welches gleichfals so zu mercken da die Diana sich gleichsam in eine solche Positur leget, als wolte sie auf den brunstigen Hirsch des feurigen manlichen Saamens mit hochster Begierde zufliegen. Welches gleichfals anzeigt, wie begierig die weibliche allgemeine Saamens-Quelle des Mondes nach der feurigen allgemeinen Saamens Quelle der Sonne sich bezeigt, also dass der Mond alle diese solarische, feurige Influentien attrahiret, in ihre Natur verwandelt, und nach und nach selbst gantz feurig wird, und geschickt ist, eine neue Creatur hervor zu bringen, nemlich den allgemeinen chaotischen Saamen im Wasser, Nitrum und Sal, gleichwie nun der mannliche Saame eine corrumpirende Krafft hat, indem er alles verbrennt und austrocknet; also hat auch der weibliche Saame eine corrumpirende Krafft, indem er durch ihre uberflussige Aquositat alles faulend machet. Diese corrumpirende Krafft wird an dem Bilde im Tempel angezeigt dadurch, dass dieser Gotze ein Kind verschlingt. Was ich nun esse, das verwandele ich in meine Natur. Wenn nun eine Sache mit allzu vielen wasserigen Principiis imprgniret wird, so faults und wird zu lauter Wasser. Man probire es mit einem eingesaltzenen Fleische, stelle das Fleisch also, dass das Saltz-Wasser davon ablauffen, und die Lufft dazu kommen kan. Man werffe Saltz darauf, so viel man will, weil es ein wasseriges Saltz ist, so muss es doch verfaulen. Weil nun dieser weibliche mit dem mannlichen imprgnirte Saame gleichwohl immer nach mehrern dergleichen hungert; so werden dadurch die LebensGeister im Saamen zu einer Activitat und Leben aufgewecket, fangen an zu wachsen und aufzuschwellen, dass sich endlich zuletzt der Saame zu einer dicken, olichten, incluosen Saamens-Gur zeitiget. Und das ist materia prima remota, woraus alle Creaturen durch bestandige lmbibition einer neuen Saamens-Gur endlich zur Vollkommenheit komen. Welches auch ein

Haupt-Punctgen in der hermetischen Philosophie ist. Gewiss diese Heyden in Klein-Felsenburg mussen grosse erfahrne Philosophi gewesen seyn. Diese durch vielfaltige Imbibition causirte wachsende Krafft wird an dem Bilde vorgestellet unter dem Nabel mit 6. Zitzen, dadurch die Natur ihre Kinder gleichsam als an vielen Brusten reichlich sauget, und damit ihren Wachsthum befordert. Dieser weibliche Saame wird aber nun also mit dem mannlichen vereiniget: Es ist nemlich bekannt, dass diese beyden Saamen gegen einander sehr hungrig sind. Dannenhero ziehet immer eines das andere begierig an sich. Wenn demnach Thau, Nebel, Dampf und Dunst in der untern warmen und schon dickern Region der Luft noch mehr fermentiret wird, so verdickt er sich endlich, und fallet in Regen, Schlossen, Schnee u.s.w. herab, theils in die grosse Welt-See, als die grosse Vorraths-Kammer alles Wassers, theils auf die Erde, dadurch alles wachst und fruchtbar wird, auch unzehlige Vegetabilien kommen, die Animalia hergegen auch ihre Nahrung davon nehmen. Das ubrige gehet centrum terr. Daraus es wieder als ein corrosivischer Central-Dunst in die Hohe steiget, sich immer ie mehr und mehr verdicket, und in Mineralia & Metalla zeitiget. Das ubrige Wasser aber, das die Natur in den Bergen abscheidet, bricht an denenselben in Seen und Flussen in grosser Menge aus, davon etliche gantz susse sind, andere durch saltzigte Geburge streichen, und zu Saltz-Quellen werden, noch andere durch victriolische, alaunische, martialische, venerische Gange gehen, daraus unterschiedliche Sauer-Brunnen, warme Bader u.s.f. zu Tage ausgehen.

Das zwolfte Bild ist der Mercurius. Dieses ist nebst der Sonne und Mond das dritte SaamensPrincipium, kommt aber in der philosophischen Arbeit nicht zum Vorschein. Denn der Philosophus hat bestandig nur zwey Principia in Handen, nemlich Sonne und Mond, mannlichen und weiblichen Saamen, Sulphur und Saltz, Feuer und Licht, Acidum und Alcali; In beyden aber ist das dritte verborgen, als sein Geist und Leben, das nicht wohl ohne ganzliche Destruction des Saamens von einander geschieden werden kan. In dem mannlichen Saamen ist es ein hitziger, feuriger, brennender und treibender Geist; in dem weiblichen Saamen ist es ein wassericht-saltzigter, gelinder und temperirter Geist. Wenn nun diese beyden Geister in denen beyden Principiis mit einander vereiniget werden, so heists Mercurius duplicatus, so fuhren sie ihren vereinigten Saamen desto kraftiger in die unvollkommene Metallen ein, verwandeln sie in ihre Natur, nemlich in einen sulphurischen Saltz-Leib, und jemehr dieser sulphurische SaltzStein mit neuem Mercurio duplicato wieder aufgelost, coagulirt und figiret, auch zur hochsten Glasigkeit und durchsichtig-crystallinischen Rubin-Rothe figiret wird, also dass es zu einer plusquam-perfecten Figitat und Maturitat gebracht wird; Je hoher es nachgehends andere unvollkommene Metallen in das schonste Gold tingiret. Dieser Geist ist doppelt, darum hat auch der Mercurius gedoppelte Flugel, und am Stabe eine gedoppelte Schlange. Wie auch hier der Stab Mercurii durch gedoppelte Queer-Striche solches anzeiget.

Das dreyzehende ist eine gekrummte Schlange, die mit dem Schwantze auf einer Kugel stehet. Wie nun eine Schlange durch die kleineste Ritzen durchschlupfen kan; also stellet dieses Bild vor die die kleinesten, verborgensten Winckel der Creaturen durchsuchende und von aller Unreinigkeit befreyende Natur. Gleichwie nun der Archus durchaus nichts in seiner Werckstatt dultet; also empfindet er nun alsobald den geringsten Schnitt oder andere kleine Lsiones an denen Gliedern, schickt sogleich eine genungsame balsamische Hitze zu Heilung dieses Gliedes dahin. Welches aus der grossen Feurigkeit und Hitze, wie auch aus der rothen Gestalt des verwundeten Theils gnugsam zu sehen, dass da hier mehr und uberflussiges Blut schon abgefuhret worden, als sonst ware nothig gewesen. Dieses ware nun, meine Hochgeehrteste Herrn, was ich euch aus wohlmeinenden Hertzen eroffnen wollen.

Nun erlaubet mir auch zu sagen etc. Indem ich Gisander nun verhoffe, es werden die Herrn Felsenburger mit der mir ausgetragenen Ausarbeitung ihrer Geschichts-Beschreibung, die ich in meinen Nebenstunden mit vielem Vergnugen bestmoglichst verrichtet, zufrieden seyn; so dancke ihnen allen vor das reichliche Honorarium, welches sie mir ihrer besondern Generosite nach angedeyen lassen. Meine deutschen Lands-Leute werden mir vermuthlich dasselbige gonnen, weilen gewiss weiss, dass viele derselben sehr begierig sind, die Felsenburgischen Geschichte zu lesen; da aber vieler Umstande und Ursachen wegen wohl dieserhalb so bald nichts weiter zu Marckte gebracht werden durffte, so mache nun mit grostem Plaisir des vierdten und letzten Theils

ENDE.