All_Enlightenment_84.txt

, der nach meinen grundsätzen eingerichtet wäre, die Menschen nicht mehr den Leidenschaften, sondern allein der Weisheit nachgehen würden? Und ich antworte ganz geduldig: Nein, ich glaube dieses nicht; wohl aber folgendes: Dass der Unterschied unendlich sei, die Menschen nicht von ihren Torheiten ausdrücklich zu heilen, und, sie ausdrücklich dazu anzuführen; unendlich der Unterschied, die Menschen nicht von allem Elende zu befreien, und, sie mit Gewalt hinein zu stürzen.

Ich habe gleich im Anfang dieser Schrift erinnert: Da die blinden Triebe den Menschen mehr als die Vernunft beherrschten, so könnte die hülfe gewisser Leidenschaften, um mit ihnen andre Leidenschaften zu bekämpfen, nicht entbehret werden; keine aber wäre zu erregen an und für sich selbst, um ihren Gegenstand als den letzten Gegenstand der Wünsche, als das Ziel der persönlichen und öffentlichen Glückseligkeit zu setzen. Ich habe gezeigt, dass wo letzteres geschieht, notwendig der Despotismus von allen Seiten einbrechen muss; überall zu allen zeiten eingebrochen ist; und dass Despotismus niemals Gutes stiften kann. Ich habe, was die notwendigkeit des Despotismus in diesem System anbelangt, mich am Ende auf den Tomas Hobbes berufen, welcher demjenigen, der noch zweifeln möchte, keinen Zweifel übrig lassen wird. zuvor aber wurde dargetan, dass der Despotismus auch in diesem System, wo er weder zu vermeiden ist noch zu entbehren, jeden seiner Unterworfenen minder oder mehr, und weit die allermehrsten auf die schrecklichste Weise um ihre Absichten betrügen müsse; weil es ganz unmöglich ist, bei dem Verhältnisse der Tugend und der Wahrheit gegen Laster und Irrtum unter den Menschen, dass derjenige, der Andre mit Gewalt zu ihrem eigenen Vorteil zwingen darf, sie nicht weit öfter zu ihrem Nachteil zwingen sollte; selbst auch dann, und oft dann am allermehrsten, wenn er Gutes will; denn die Torheit der Menschen ist viel grösser noch als ihre Bosheit.

Demnach hätten in dem Staat, der nach den grundsätzen dieser Schrift errichtet wäre, selbst die Leidenschaften jedes einzelnen Gliedes ein weit freieres Spiel als in andern Staaten; denn hier würde nichts verhindert mit Gewalt, als nur, was das Eigentum verletzte, und alle Kräfte wären einzig und allein gesetzloser Gewalt und willkührlichem Regiment entgegen gerichtet. Vernunft und Weisheit aber hätten hier das allerfreieste Spiel; nicht wegen Abwesenheit der Hindernisse bloss, sondern, weil sie, wie bereits gezeigt worden, sich auf alle Weise zu entwickeln durch die wichtigsten Gegenstände unaufhörlich aufgefordert würden. Vollkommenheit ist nirgendwo zu hoffen, denn aus lauter mangelhaftem Stoff kann etwas mangelloses nie hervorgehn, und so würde selbst auch eine solche menschliche Gesellschaft, wie diejenige die wir errichtet sehen möchten; eine Gesellschaft, welche einzig und allein vereinigt wäre: Um die Sicherheit von allen Rechten durch die Erfüllung aller Pflichten zu erhalten, ohne

welche diese Rechte nicht bestehen und nicht gelten können: Auch eine solche Gesellschaft, die vollkommenste die unter Menschen sich gedenken lässt, und die einzige die mit Vernunft bestehen kann; selbst eine solche würde mit sehr grossen Uebeln unaufhörlich doch zu kämpfen haben. Um auch diese Uebel aufzuheben und die Glückseligkeit der Menschen zu vollenden, müsste sich ein allgemeines Mittel finden, ihre natur von Grund aus zu verbessern; welches unter Dingen dieser Erde nur ein Tor zu suchen unternehmen kann. Aber dann erst wären wir unendlich elend, wenn wir, so beschaffen wie wir sind, hier zur Ruhe, zur Zufriedenheit gelangen könnten; und das ist der grösste Widersacher unseres Geschlechts, der uns dies zu hoffen, dies zu wünschen verführen oder antreiben will.

Um nun den Schluss dieser Schrift noch mit ihrem Anfange etwas näher zu verbinden, will ich ein vor kurzem erschienenes Gespräch zwischen wälder und Dietelm zu hülfe nehmen,

welches mit so vielem Witz und Verstände geschrieben ist, eine solche Menge treffender Züge und glücklicher Wendungen entält, dass es selbst einem Wielande nicht unrühmlich sein würde, der Verfasser davon zu heissen.

wälder ist, wie Dietelm sagt, ein loser Vogel, und das ist Dietelm keinesweges, wiewohl er viel Verstand sehen lässt, zumahl im Anfange, welches dann beim Ausschlage, seiner Sache nur ein desto schlimmeres Ansehen gibt.

wälder hätte, däucht mich, zu seinen Gründen dieses noch hinzufügen können: dass Dinge für die kein Gerichtshof, kein wahrer Richter, keine hinlänglichen Mittel des Rechts vorhanden sind, den natürlichen Mitteln schlechterdings anheim fallen, wo sich dann ein jeder, nach bestem Gewissen, zu helfen suchen muss, so gut er kann. Auch der unrechtmässigste Besitz, selbst der Despotismus kann ein gesetzmässiges Ansehen gewinnen; denn wo Vernunft und wahres äusserliches Recht noch nicht vorhanden, und mit hinlänglichen Mitteln versehen sind: was kann Gewalt, was kann Betrug und Dummheit da nicht für Recht gelten lassen? Was aber von Gewalt, Betrug und Dummheit nur errichtet wurde, das darf Vernunft und Recht zertrümmern, sobald sie die Kräfte dazu haben; und zeigen müssen sie sich dann von selbst, da es unmöglich ist, dass ihre hülfe gefordert werde. Wahre hülfe schaffen Sie allein; denn das Gute vermag allein das Böse zu vertilgen: was das Böse von dem Bösen überwindet, davon wächst es selbst nur an. Uebel, dem nichts mehr das Gegengewicht hält, wird auf diese Weise oft unendlich ärger. ... Doch zu viel schon über diesen Gegenstand, da im grund die Sache des Gesprächs zwischen wälder und Diet heim nicht die meinige ist, und auch nicht die Sache Lessings. Diesem war es bloss darum zu tun, dass das alte Deutsche Sprüchwort