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Leidenschaften zu beherrschen, glücklich zu sein, und ohne Furcht.

Hieraus fliesset eine Wahrheit von sehr grossem Inhaltdiese Wahrheit: dass die Lehre der Glückseligkeit, der Tugend und des Rechts, auf der Teorie der Freiheit, oder, will man lieber, auf der Teorie des menschlichen Vermögens, schlechterdings beruhe. Und so würde auch im Gegenteil, eine Teorie der Sclaverei, des menschlichen Unvermögens oder der Gewalt der Leidenschaften, die Lehre des menschlichen Elendes, aller Laster, aller Pflichtvergessenheiten, Missetaten und Verbrechen an die Hand geben. Wahre Freiheit also wäre mit der Tugend einerlei. Tugend aber kann nur in dem Menschen selber wohnen, und ihre Kraft durch keine andre Kraft vertreten werden. Die Kraft der Tugend und der Freiheit nach dem Aeusserlichen zu vertreten ist die Absicht förmlicher gesetz, und da förmliche gesetz auf das Gegenteil von beiden immer sich beziehen und gründen: so entält ihre geschichte eine autentische geschichte des menschlichen Unvermögens, welche nicht genug erwogen werden kann. Von der Einzigen Spartanischen Verfassung behauptet Xenophon: sie hätte zu ihrem Augenmerk die Tugend selbst gehabt. So viel ist gewiss, dass sie ganz dahin gerichtet war, der bürgerlichen gesetz, durch die Unterdrückung dererjenigen Neigungen, welche jene nötig machen, und durch die Wegräumung ihrer Gegenstände, gar nicht zu bedürfen. Sie wollten Sitten und

Gesinnungen erzwingen, nicht bloss cörperliche Handlungen oder Unterlassungen derselben. Aber dieses heisst noch nicht die Tugend selbst zum gegenstand haben, und Sparta war sehr weit davon entfernt. Keine Staatsverfassung soll und kann auch Tugend selbst unmittelbar zum gegenstand haben, weil die Tugend nie aus irgend einer äusserlichen Form entspringen kann.

Dies geschieht von Menschen unaufhörlich: dass sie die Würkungen mit ihren Ursachen, äusserliche Beschaffenheiten mit den innerlichen verwechseln, Symptomen für die Sache selbst und ihre Quelle nehmen. Gute politische gesetz sind Würkungen der Tugend und der Weisheit; nicht ihre erste Ursache. Sie sind die Würkungen derselben auch nur in so ferne, als Torheit und Laster vorhanden sind, welche sich der Tugend und Weisheit widersetzen. Nehmen diese Ueberhand, so verlieren die guten gesetz ihre Kraft, und es entstehen andre, welche mehrenteils mit besserem Erfolg der Tugend und der Weisheit widerstehen, als jene der Torheit und dem Laster widerstehen konnten. Der Wahnwitz, sagt ein Seher dieser Zeit, wenn er epidemisch wird, bekömmt den Nahmen der Vernunft. Eben so das Laster: wenn es allgemein wird, tritt es an der Tugend Stelle. Und dann geben beide auch gesetz. Ueberall regiert der Stärkere; nur nicht überall mit Recht.

Könnte Tugend und Glückseligkeit durch irgend eine Form hervorgebracht, oder nur mit Sicherheit darin bewahret werden: so hätte dies die Form der wahren Göttlichen Religion gewiss zu allererst vermocht. So wenig aber hat sie dies vermocht, und ihrem Missbrauch widerstanden, dass wir eben jene zeiten, in welchen diese Form die herrschende, beinah die einzige der Menschheit war und alle übrigen verschlang, an Gräueln, und an Dauer dieser Gräuel, alle andre zeiten der geschichte übertreffen sehen. Wir sehen auch wie es geschah. Um das grösste Gut das sich gedenken lässt, den Menschen zu verschaffen, ihnen nur die Bahn dahin zu brechen, durfte man kein Mittel unversucht lassen. Abzuwartenschien dem frommen Eifer Albernheit und Sünde. Lieber wollte man dem Unverstände nachgeben, und die Wahrheit selbst zur Torheit machen; lieber allen Lastern heucheln und sogar ihr Bundsgenosse werden: jeden Reitz, jede Verführung, jeden Betrug und jeden Zwang zu hülfe rufen. — Es begann mit der redlichsten Absicht, die erst spät, und niemals ganz, zum blossen Vorwande sich erniedrigte. Und so wurde der Buchstabe der Wahrheit, Buchstabe des ärgsten Unsinns; die heiligste Lehre zu einem Mittel alle Tugend und selbst das Gewissen auszurotten; die Richtschnur der Glückseligkeit, zu einem Fallstricke des Verderbens ... Welch ein Beispiel voll der tiefsten Lehren für den suchenden Verstand.

Wenn aber diese grässliche Epoche meist vorüber ist: wem haben wir es zu verdanken? etwa irgend einer neuen Form; irgend einer gewalttätigen Anstalt? Keines Weges. Zu verdanken haben wir es jener inneren unsichtbaren Kraft allein, welche überall wo Gutes in der Welt geschah und Böses ihm die Stelle räumen musste, wenn nicht an der Spitze, wenigstens im Hinterhalte war: dem niemals ruhenden Bestreben der Vernunft. So unvollkommen die Vernunft sich auch im Menschen zeigt, so ist sie doch das Beste was er hat, das einzige was ihm wahrhaftig hilft und frommet. Was er ausser ihrem Lichte sehen soll, wird er nie erblicken; was er unternehmen soll, von ihrem Rat entfernt, das wird ihm nie gelingen. Kann wohl jemand weise werden anderswo als im Verstände; im Verstände den er selber hat? Kann er glücklich werden ausser seinem eignen Herzen?

Hier entsteht die Frage: Wie der menschlichen Gesellschaft dann zu raten sei, da sie, weder ohne eine solche äusserliche Form, welche Mittel der Gewalt entält, bestehen; noch auch

durch dieselbe-ihre Wohlfahrt sichern kann? Auf diese Frage ist die Antwort schon gegeben.

Derjenige Zwang, ohne welchen die Gesellschaft nicht bestehen kann, hat nicht, was den Menschen gut; sondern was ihn böse macht, zum gegenstand: keinen positiven, sondern einen negativen Zweck. Dieser kann durch äusserliche Form erhalten und gesichert werden; und alles Positive, Tugend und Glückseligkeit entspringen dann von selbst aus ihrer eigenen

Quelle. |

Damit also wäre uns geraten: wenn wir nie erzwingen wollten, was sich nicht erzwingen lässt: