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mehr als manche andere ausgesetzt, weil sie bald im aktiven, bald im passiven Sinn gebraucht zu werden scheinen. Wenn ich z. B. sage: die Erzählung des Schriftstellers und: die Erzählung des Märchens, so spreche ich mit dem Wort Erzählung im ersten Fall von einem Schriftsteller, der erzählt hat, und im andern Fall von einem Märchen, das erzählt wird. In der Redensart: der Herr begegnete seinem Diener mit Verachtung, und: der Diener erduldete manche Verachtung, bezieht sich das Wort Verachtung das erste Mal auf den verachtenden Herrn und das andere Mal auf den verachteten Diener, und so in mehreren. Wenn ich lese: die Beschuldigung des Königs, soll das heissen: der König hat beschuldigt? oder: der König wird beschuldigt?- Die Befreiung meines Bruders: Ist hier mein Bruder für befreiend oder für befreit anzunehmen? Der Sprachgebrauch lässt immer beide Bedeutungen zu. Welche nun mit dem Sinn des Schreibers übereinkomme, das muss mir der Zusammenhang mit den übrigen Wörtern sagen, oder ich bleibe ungewiss.- Wenn nun von Aufklärung der Luft die Rede ist, so fragt sich, ob das Wort Aufklärung hier im aktiven oder im passiven Sinn zu nehmen ist? Ob man meint, dass die Luft aufkläre, oder, dass sie aufgeklärt werde? Soll es aktiv sein, so muss es die Tätigkeit einer Kraft anzeigen; soll es passiv sein, die Eigenschaft oder Affektion eines Gegenstandes, auf welchen jene Tätigkeit gerichtet ist. Nun aber ist die Luft, insofern ihr die Aufklärung zugeschrieben wird, nicht tätige Kraft, sondern sie ist der affizierte Gegenstand: nicht handelndes Subjekt, sondern vielmehr Objekt einer ausser ihr existierenden Tätigkeit. Die Kraft, durch deren wirkung die Luft aufgeklärt wird, heisse wie sie wolle, so muss ihre Tätigkeit doch eine Veränderung in dem Gegenstand, auf den sie gerichtet ist, hervorbringen. Dieser Gegenstand nun ist die Luft, und die Veränderung derselben, welche in ihr durch die Tätigkeit irgendeiner Kraft bewirkt wird, ist es, welche wir Aufklärung nennen. Bis hierher vom Wort, nun vom Gegenstand seiner Bedeutung.

Wenn wir sagen: Die Luft oder der Himmel klärt sich auf oder wird aufgeklärt, so verstehen wir da unter dem Himmel denjenigen teil der Atmosphäre, den wir mit unseren Augen von einem gewissen Standpunkt aus übersehen können, den scheinbaren Horizont, den Gesichtskreis, d. i. diejenige Sphäre, deren Zentrum unser Standpunkt ist und die unser Auge um diesen Standpunkt herum beschreibt. Diesen Gesichtskreis nun nennen wir in dem Grade trübe, als die Luft, welche ihn, folglich auch den Zwischenraum von unserem Auge bis zu jedem innerhalb des Gesichtskreises liegenden Punkt oder Gegenstand, ausfüllt, - als, sage ich, diese Luft mit Dünsten vermengt ist, welche, weil sie von gröberer natur sind, als die Luft, die Durchsichtigkeit derselben hindern. Wir nennen ihn hingegen klar, heiter, hell in dem Grad, als die Luft in demselben von dergleichen Dünsten frei, mitin durchsichtig ist. Wenn nun die Luft, die bisher trübe gewesen ist, anfängt klar zu werden, so sagen wir: sie klärt sich auf, oder sie wird aufgeklärt. Die Aufklärung der Luft oder des Gesichtskreises ist also nichts anderes, als diejenige Veränderung ihrer Beschaffenheit, vermöge derer sie nach und nach klarer und durchsichtiger wird, oder der Übergang des Gesichtskreises aus der Trübheit in die klarheit.

Nun aber verursacht jene verschiedene Beschaffenheit des Gesichtskreises in der Art, wie die innerhalb desselben liegenden Gegenstände unserem Auge erscheinen, einen merklichen Unterschied. Ist der Gesichtskreis trübe, so erscheinen uns die Gegenstände dunkel und verworren, dergestalt, dass wir ihren Umriss, ihre Farbe, Grösse und Verhältnisse nicht deutlich unterscheiden können. Ist aber der Gesichtskreis klar und mit Lichtmateric als einer notwendigen Bedingung unseres Sehens angefüllt, so erscheinen uns die Gegenstände deutlich. Wir können nach Massgabe ihrer Entfernung von unserm Auge erkennen, wie sie aussehen, von welcher Grösse und Gestalt sie sind und wie sie sich gegeneinander verhalten. Es ist also leicht zu erachten, dass die Deutlichkeit dieser Erscheinungen allemal in dem Grad, in welchem der Übergang des Gesichtskreises aus dem trüben Zustand in den klaren erfolgt, zunehmen - im umgekehrten Fall zunehmen - muss, dass also auch die sinnliche Erkenntnis der Gegenstände innerhalb des Gesichtskreises, insofern sie nämlich durch den Sinn des Gesichts erlangt wird, in dem Grad vollkommener werden muss, in welchem dieser Gesichtskreis sich aufklärt.

Dies ist also die nach dem Sprachgebrauch bestimmte eigentliche Bedeutung der Wörter: klar, aufklären, Aufklärung usw. Nun sollen aber eben diese Wörter auch eine metaphorische Bedeutung haben.

Bekanntlich liegt bei jeder grammatischen Übertragung oder Metapher eine Vergleichung zugrunde. Jede Vergleichung aber erfordert zwei Gegenstände und einen Punkt der Ähnlichkeit. Ein Gegenstand ist uns zwar gegeben, nämlich der Gegenstand der ersten und eigenen Bedeutung des Worts Aufklärung; aber wo finden wir den zweiten? Es würde ein sehr beschwerliches Geschäft sein, unter allen denkbaren Gegenständen diejenigen aufzusuchen, die man sich als dem gegebenen in irgendeinem Punkt ähnlich vorstellen könnte, sodann unter allen gefundenen Ähnlichkeiten die grösste und auffallendste zu bestimmen. Es würde ferner zur Erreichung meiner Absicht nicht genug sein, einen Gegenstand gefunden zu haben, den ich für ähnlich halte, sondern die Ähnlichkeit desselben mit dem gegebenen Gegenstand muss allgemein anerkannt sein. Um hier herauszukommen, brauchen wir erstlich einen Fingerzeig, der uns in diejenige Region der Begriffe weist, in welcher wir die gesuchte Ähnlichkeit finden, und zweitens ein Merkmal, woran wir