All_Enlightenment_73.txt

Begriffs, seiner Leere und Fülle in idealischen Sätzen, teils wegen des unendlichen der Rede - vor den Schlussfiguren und dgl. viel mehr.

Laute  und  Buchstaben  sind also reine Formen  a prioriin denen nichts, was zur Empfindung oder zum Begriff eines Gegenstandes gehört, angetroffen wird und die wahren ästetischen Elemente aller menschlichen Erkenntnis und Vernunft. Die älteste Sprache war Musik und nebst dem fühlbaren Rhytmus des Pulsschlages und des Odems in der Nase, das leibhafte Urbild allen  Zeitmasses  und seiner Zahlverhältnisse. Die älteste Schrift war Malerei und Zeichnung, beschäftigte sich also ebenso früh mit der  Ökonomie des Raumsseiner Einschränkung und Bestimmung durch Figuren. Daher haben sich die Begriffe von  Zeit  und  Raum  durch den überschwenglich beharrlichen Einfluss der beiden edelsten Sinne, Gesicht und Gehör, in die ganze Sphäre des Verstandes, so allgemein und notwendig gemacht, als Licht und Luft für auge, Ohr und stimme sind, dass Raum und Zeit, wo nicht  ideae innataedoch wenigstens  matrices aller anschaulichen Erkenntnis zu sein scheinen.

Entspringen aber  Sinnlichkeit  und  Verstand  als zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis aus  Einer  gemeinschaftlichen Wurzel, so dass durch jene Gegenstände  gegeben  und durch diesen  gedacht  werden; zu welchem Behuf nun eine so gewalttätige, unbefugte, eigensinnige Scheidung desjenigen, was die natur zusammengefügt hat! Werden nicht alle beide Stämme durch eine Dichotomie und Zwiespalt ihrer gemeinschaftlichen Wurzel ausgehen und verdorren? Sollte sich nicht zum Ebenbild unserer Erkenntnis ein einzige Stamm besser schicken, mit zwei Wurzeln, einer  oberen  in der Luft und einer  unteren  in der Erde? Die erste ist unserer Sinnlichkeit preisgegeben, die letzte hingegen unsichtbar und muss durch den  Verstand  gedacht werden, welches mit der Priorität des  Gedachten  und der Posteriorität des  Gegebenen  oder Genommenen, wie auch mit der beliebten Inversion der reinen Vernunft in ihren Teorien mehr übereinstimmt.

Es gibt vielleicht noch einen  chymischen Baum der Diana  nicht nur zur Erkenntnis der Sinnlichkeit und des Verstandes, sondern auch zur Erläuterung und Erweiterung beiderseitiger Gebiete und ihrer Grenzen, welche durch eine  per antiphrasin getaufte reine Vernunft und ihre dem herrschenden Indifferentismus fröhnende Metaphysik (jene alte Mutter des Chaos und der Nacht in allen Wissenschaften der Sitten, Religion und Gesetzgebung!) so dunkel, verwirrt und öde gemacht worden sind, dass erst aus der  Morgenröte  der verheissenen nahen Umschaffung und Aufklärung der Tau einer reinen Natursprache wiedergeboren werden muss.

Ohne jedoch auf den Besuch eines neuen, aus der Höhe aufgehenden, LUZIFERs zu warten, noch mich am Feigenbaum der  grossen Göttin Dianazu vergreifen, gibt uns die schlechte Busenschlange der gemeinen Volkssprache das schönste Gleichnis für die hypostatische Vereinigung der sinnlichen und verständlichen Naturen, den gemeinschaftlichen Idiomenwechsel ihrer Kräfte, die syntetischen Geheimnisse beider korrespondierenden und sich widersprechenden Gestalten  a priori  und  a posteriorisamt der Transsubstantiation subjektivischer Bedingungen und Subsumtionen in objektive Prädikate und Attribute durch die  copulam  eines Macht- oder Flickwortes zur Verkürzung der langen Weile und Ausfüllung des leeren Raums in periodischen Galimatias per Tese und Antitese.

O um die  Handlung  eines DEMOSTENES und seine dreieinige Energie der Beredsamkeit oder die noch kommen sollende Mimik, ohne die panegyrisch klingende Schelle einer Engelszunge! so würde ich dem Leser die Augen öffnen, dass er vielleicht sähe - Heere von Anschauungen in die Veste des reinen Verstandes hinauf - und Heere von Begriffen in den tiefen Abgrund der fühlbarsten Sinnlichkeit herabsteigen, auf einer Leiter, die kein Schlafender sich träumen lässt - und den Reihentanz dieser Mahanaim oder zweier Vernunfteere - die geheime und ärgerliche Chronik ihrer Buhlschaft und Notzucht - und die ganze Teogonie aller Riesen- und Heldenformen der Sulamit und Muse, in der Mytologie des Lichts und der Finsternis - bis auf das Formenspiel einer alten  Baubo  mit ihr selbst  - inaudita specie solaminis, wie der heilige AMBROSIUS sagt - und einer neuen  unbefleckten Jungfraudie aber keine  Mutter Gottes  sein mag, wofür sie der heilige ANSELMUS hielt. -

Wörter haben also ein  ästetisches  und  logisches  Vermögen. Als sichtliche und lautbare Gegenstände gehören sie mit ihren Elementen zur  Sinnlichkeit  und  Anschauungaber nach dem Geist ihrer  Einsetzung  und  Bedeutungzum  Verstand  und  BegriffenFolglich sind Wörter sowohl reine und empirische  Anschauungenals auch reine und empirische  Begriffe: empirischweil Empfindung des Gesichts oder Gehörs durch sie bewirkt -  reininsofern ihre Bedeutung durch nichts, was zu jenen Empfindungen gehört, bestimmt wird. Wörter, als unbestimmte Gegenstände empirischer Anschauungen, heissen nach dem Grundtext der reinen Vernunft,  ästetische ErscheinungenFolglich sind nach der ewigen Leier des antitetischen Parallelismus, Wörter als unbestimmte Gegenstände empirischer Begriffe, kritische  Erscheinungen, Gespenster, Nicht- oder Unwörterund werden durch ihre Einsetzung und Bedeutung des Gebrauchs zu bestimmten Gegenständen für den Verstand. Diese Bedeutung und ihre Bestimmung entspringt, weltkundigermassen, aus der Verknüpfung eines zwar a priori willkürlichen und gleichgültigen, a posteriori aber notwendigen und unentbehrlichen Wortzeichens mit der Anschauung des Gegenstandes selbst und durch dieses widerholte Band wird dem Verstand eben der Begriff vermittels des Wortzeichens als vermittels der Anschauung selbst mitgeteilt, eingeprägt und einverleibt.

Ist es nun möglich, frägt der Idealismus von der einen Seite, aus der blossen Anschauung eines Worts den Begriff desselben zu finden? Ist es möglich, aus der Materie des Wortes  Vernunftseinen 7 Buchstaben oder 2 Silben - ist es möglich, aus der Form, welche die Ordnung dieser Buchstaben und Silben bestimmt, irgend etwas vom Begriff des Worts Vernunft herauszubringen? Hier antwortet die Kritik mit ihren beiden Wagschaalen gleich. Zwar gibt es in einigen Sprachen mehr oder weniger Wörter, aus denen Logogryphen, welsche Charaden und witzige Rebus durch eine Analyse und Silbe