durch die reinste, freieste Selbsttätigkeit, gemäss den ursprünglichen Begriffen von Recht und Unrecht, selbst hervorbringen sollen. Was diesen Begriffen gemäss ist, ist für alle Geister und für den Vater der Geister wahr; und Wahrheiten von der Art sind meistens sehr leicht und sehr sicher zu erkennen; unser Gewissen ruft sie uns zu. So ist es z. B. ewige menschliche und göttliche Wahrheit, dass es unveräusserliche Menschenrechte gibt, dass die Denkfreiheit darunter gehört - dass derjenige, dem wir unsere Macht in die hände gaben, um unsere Rechte zu beschützen, höchst ungerecht handelt, wenn er sich eben dieser Macht bedient, sie, und besonders die Denkfreiheit, zu unterdrücken. Von solchen moralischen Wahrheiten findet gar keine Ausnahme statt; sie können nie problematisch sein, sondern lassen sich immer auf den notwendig gültigen Begriff des Rechten zurückführen. Von Wahrheiten der letzteren Art - die euch ohnedies wenig am Herzen liegen und oft innig zuwider sind - redet ihr also nicht; denn über sie findet kein Streit statt - ihr redet von der ersten menschlichen Wahrheit. Ihr befehlet, wir sollen nichts behaupten, was nicht aus richtigen Wahrnehmungen, gemäss den notwendigen Gesetzen des Denkens, abgeleitet ist. - Ihr seid grossmütig, weise, gütige Väter der Menschheit; ihr befehlt uns, immer richtig zu beobachten und immer richtig zu schliessen; ihr verbietet uns selbst zu irren, damit wir keine Irrtümer verbreiten. Edle Vormünder, das möchten wir eben nicht gern; es ist uns selbst ebenso zuwider als euch. Der Fehler ist nur, dass wir es nicht wissen, wenn wir irren. -Könntet ihr uns nicht, damit doch euer väterlicher Rat uns zustatten kommet, ein sicheres, stets anwendbares, untrügliches Kriterium der Wahrheit geben?
Auch darauf habt ihr schon im voraus gedacht. Wir sollen z. B. nur nicht alte, längst widerlegte Irrtümer verbreiten, sagt ihr. - Widerlegte Irrtümer? Wem sind sie widerlegt? Wenn diese Widerlegungen uns einleuchteten, uns Genüge täten - meint ihr, dass wir jene Irrtümer noch behaupten würden; glaubt ihr, dass wir lieber irren, als richtig denken, lieber rasen, als klug sein wollen, dass wir einen Irrtum nur für einen Irrtum anerkennen dürfen, um ihn sogleich aufzunehmen; denkt ihr, dass wir bloss aus geniehaftem Mutwillen, und um unsere guten Vormünder zu necken und zu ärgern, Dinge in die Welt hineinschreiben, von denen wir selbst gar wohl wissen, dass sie irrig sind?
Jene Irrtümer sind also längst widerlegt, sagt ihr uns auf euer Wort. So müssen sie doch wenigstens euch widerlegt sein, da' ihr doch wohl ehrlich mit uns umgehen werdet. Wolltet ihr uns nicht sagen, erlauchte Erdensöhne, in wie vielen, unter ernsten Betrachtungen durchwachten, Nächten ihr dasjenige entdeckt habt, was so viele Männer, die, von euren übrigen Herrschersorgen frei, ihre ganze Zeit solchen Untersuchungen widmen, bis jetzt noch nicht haben entdecken können? Oder ob ihrs ohne alles Nachdenken und ohne allen Unterricht, bloss durch die Hilfe eures göttlichen Genies gefunden habt? Doch, wir verstehen euch, und schon längst hätten wir, statt dieser für euch und eure Satelliten sehr trocknen Untersuchungen, euren wahren Gedanken darstellen sollen. - Ihr redet gar nicht von dem, was wir andern Wahrheit oder Irrtum nennen - was kümmert euch das? Wer hätte der Hoffnung des Landes durch solche trübsinnigen Spekulationen die Jahre verderben wollen, in denen sie sich auf die künftigen Herrschersorgen erquickte? Ihr habt euch mit euren Untertanen in die menschlichen Gemütskräfte geteilt. Ihnen habt ihr das Denken überlassen, - zwar nicht für euch, noch für sich selbst, denn in euren Regierungen ist das gar nicht nötig, - sie mögen es zu ihrem Vergnügen tun, wenn sie wollen, aber ohne weitere Folgen. Wollen werdet ihr für sie. Dieser in euch wohnende gemeinsame Wille bestimmt denn auch die Wahrheit. Wahr ist demnach das, wovon ihr wollt, dass es wahr sei; falsch ist das, wovon ihr wollt, dass es falsch sei. - Warum ihr's wollt, das ist nicht unsere Frage, auch nicht die eurige. Euer Wille, als solcher, ist das einzige Kriterium der Wahrheit. Wie unser Gold und Silber nur unter eurem Stempel einen Wert hat, so auch unsere Begriffe.
Darf es ein ungeweihtes Auge wagen, einen blick in die Mysterien der Staatsverwaltung zu tun, zu der tiefe Weisheit erforderlich sein muss, da bekanntermassen stets die weisesten und besten unter den Menschen an ihr Ruder erhoben werden; so erlaubt mir hierbei einige schüchterne Bemerkungen. Schmeichle ich mir nicht zu viel, so sehe ich einige von den Vorteilen, die ihr dabei beabsichtigt. Den Körper der Menschen zu unterjochen ist euch ein leichtes; ihr könnt seine Füsse in den Stock, seine hände in Fesseln legen, ihr könnt auch allenfalls durch Furcht des Hungers oder des Todes ihn verhindern zu reden, was er nicht reden soll. Aber ihr könnt doch nicht immer mit dem Stocke, oder mit Fesseln, oder mit Henkersknechten gegenwärtig sein - auch eure Spürer können nicht allentalben sein; und eine solche mühsame Regierung würde euch doch gar keine Zeit zu menschlichen Vergnügungen übriglassen. Ihr müsst also auf ein Mittel denken, ihn sicherer und zuverlässiger zu unterjochen, damit er auch ausser dem Stocke und der Fessel nicht anders atme, als ihr ihm winktet. Lähmt das erste Prinzip der Selbsttätigkeit in ihm, seinen Gedanken; untersteht er sich nicht mehr anders, als ihr es