einem Völkchen oder Volk gelten; unmöglich kann das einem ganzen Staat schädlich oder unnütz sein, was jedem einzelnen Mitglied des staates vorteilhaft ist. Und ist es nicht dem einzelnen Landmann wohler, kommt er nicht von allen Seiten besser fort, wenn er seine Pflichten und seine Bestimmung kennt; wenn er mit Überlegung sein Geschäft angreift und betreibt, den Land- und Gartenbau besser versteht, seine Bäume und sein Vieh besser zu behandeln, und in Verlegenheit sich zu helfen weiss? Hat er nicht mehr Freude in seinem Haus, unter seinen Kindern, bei seinem Gesinde, wenn er sanft und menschlich geworden ist, und nicht bloss gefürchtet, sondern geschätzt und geliebt wird? Sind nicht mehr Freudenquellen für ihn geöffnet, wenn er etwas von den Naturerscheinungen um sich her, von Kunsttrieben der Tiere, von dem Kunstwerk in den Pflanzen weiss, die er täglich unter Händen hat? Und welche Freudenquelle, wenn er sein Land bessert, wenn der Boden ihm mehr trägt, und er auch nur etliche Fuder Heu, nur ein Dutzend Scheffel Korn, nur ein paar Scheffel Obst ansehen kann mit dem süssen Gefühl: das ist deines Fleisses Frucht? Ist so ein Landmann auf blosses Essen und Trinken, auf blossen Tiergenuss eingeschränkt, wie es der rohe Mensch gemeinhin ist? Und wenn nun daran gearbeitet wird, dass alle oder die meisten Landleute so werden, so geniessen, so wirken, soviel mehr Freudenquellen haben - ist es möglich, dass dies ohne Nutzen sei? Mich dünkt, jedes weitere Wort wäre überflüssig.
Auch bestätigt es die geschichte laut!
Unstreitig ist die meiste Aufklärung da, wo Christentum herrscht; und unstreitig sind verhältnismässig die Menschen am glücklichsten, die Trone am festesten, die Staaten am blühendsten in christlichen Ländern. Unstreitig ist im ganzen genommen mehr Aufklärung in protestantischen, als in katolischen Ländern; und unstreitig ist mehr Industrie und mehr Volksglück in protestantischen Ländern. Aufklärung war immer das Termometer von Sittlichkeit und Volksglück. Handel und Manufakturen blühten; die Sitten wurden milder; alles ging gut in dem Zeitraum, da Jesus von Nazaret auftrat, da seine Lehre und römische Kultur den Kopf aufklärte.
Aber alles sank wieder, als Einwanderung fremder Völker, Lehensverfassung und Verfall des christentum Aufklärung verminderte. In den Abendländern war der Handel fast allein in Judenhänden. Selbstilfe und Selbstrache war uneingeschränkt. Das Recht des Stärkeren galt. Von Sittenrohigkeit gab es fürchterliche Beispiele. Sigismund, König von Bur-gund, liess seinen Bruder Chlodomir mit seiner ganzen Familie in einen Brunnen stürzen; Clotar seinen aufrührerischen Sohn mit all den Seinigen verbrennen; ein anderer fränkischer König Clotar liess die Königin Brunehild drei Tage lang auf das schrecklichste martern, sie lebendig an den Schweif eines wilden Pferdes binden und so in Stücke reissen.9 Man sieht, der Mensch ward Unmensch, ward das grausamste aller Tiere, sobald ihm das Licht fehlte, das ihn erleuchten soll. Er ist nur Mensch in dem Mass, wie er aufgeklärt ist. Und ebenso ging's um die Zeit der Reformation. Noch kurz vorher, im zwölften Jahrhundert, liess einer von Adel - damals der aufgeklärteste Stand, den es gab - bei einer gewissen Feierlichkeit dreissigtausend Sols auf einen gepflügten Acker säen, und ein anderer dreissig seiner besten Pferde feierlich verbrennen, um Pracht und Reichtum zu zeigen.10 Man konnte im voraus Vergebung für jede Sünde, auch für Blutschande und Vatermord erkaufen, die man noch begehen wollte. Und nach der Reformation, wie wurde alles so anders! Die protestantischen Fürsten waren die kleinsten, aber die mächtigsten, weil sie die aufgeklärtesten waren; die katolischen grösser, und doch weniger mächtig, weil ihnen Aufklärung fehlte." Nie ist wohl Aufklärung in neueren zeiten schneller gewachsen, als in dem Zeitraum von 1525 bis 1560; und nie war mehr Tätigkeit sichtbar; nie wuchs Mut und Volksglück schneller, als in eben der Zeit.
XII.
Will also der Regent auf Vermehrung des Glücks seiner Untertanen sehen; will er machen, dass sie besser fortkommen, dass der Handel blüht, die Sitten sich mildern, dass mehr Freudenquellen geöffnet werden dem Volk, dem wahrlich bei seinen Lasten auch Freude zu gönnen ist: so muss er ohne Zweifel Aufklärung befördern, und wenn auch das Volk anfangs nicht einsieht, welche Wohltat ihm dadurch wird. Aber wenn er auch diesen Vatersinn, diese Menschlichkeit nicht hätte; wenn er eigensüchtig, eigennützig sein Volk bloss als Viehstapel betrachtete, den man erhalten und so hoch als möglich nutzen muss, so müsste er um seines Vorteils willen aufklären; und es wäre immer das einträglichste Finanzgeschäft, das er vornehmen konnte. natur der Sache, geschichte und Erfahrung um uns her zeigt das sonnenklar. Setzt zwei Landbesitzer, von denen jeder vierzig Scheffel Saat oder zwanzig Morgen Land von gleicher Güte hat; der eine ist aufgeklärt, denkt über die natur des Bodens und dessen mögliche Verbesserung; verbessert ihn nach und nach, soweit er kann; nutzt jedes Stück, wozu es zu nutzen ist; baut Futterkräuter; vermehrt seinen Viehstand und seinen Dünger, und verbessert auch dadurch wieder sein Land. Er pflanzt Baume an, zieht sich Hopfen, braut sich gutes wohlfeiles Bier, um nicht schlechtes teuer zu bezahlen. Er hält Kinder und Gesinde zu Ordnung, Fleiss und sittlichem Betragen an, und ist ihnen selbst Beispiel. Der andere baut maschinenmässig sein Land, wie er es von andern sah; lässt wüst liegen, was wüst lag; braucht zu Viehweide, was Viehweide war. Er kann