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aufrecht zu erhalten? Die Entwürfe zur Reife zu bringen, und den Ordnungen ihre Dauer zu geben? Die guten Sitten und die praktischen Tugenden. Diese sind die Folgen tiefer Kenntnisse und der Liebe seiner Pflichten; und die Quelle dieser Kenntnisse, dieser Liebe, ist die Volksbildung, die in unseren zeiten meistenteils durch das Lesen verschiedener Bücher erhalten wird. Es erhellt hieraus, wie wichtig Schriftsteller für die Nationen werden; sie bilden die denkarten um, und mit Veränderung der denkarten ändern sich die Gewohnheiten; mit den Gewohnheiten die Verfassungen. In ihrer Macht stehen die sittlichen Kräfte der Menschen, die die physischen weit übertreffen; sie leiten den Willen und haben die Schlüssel zu den Herzen der Menschen.

Nicht die mächtigsten, sagt ein gewisser Schriftsteller, nicht die reichsten Fürsten, nicht die besonderen Beherrscher eines volkes sind es allezeit, denen die Staaten ihren Glanz, ihre Stärke und ihren Ruhm verdanken; es sind oft bloss Privatpersonen, welche in den Künsten und Wissenschaften und selbst in der Regierungskunst einen erstaunlichen Fortgang gemacht haben. Wer hat die Erde gemessen? Wer hat das System des himmels entdeckt? Wer hat die bewundernswürdigsten Manufakturen in gang gebracht? Wer hat die Tiefen der Chemie, der Zergliederungskunst, der Kräuterkunde erforscht? - Es waren bloss Privatpersonen, die im Stillen, im einsamen lebten. Binnen der Zeit, als sich Grösse und Hochmut mit eigener Eitelkeit nährten, arbeitete oft die Weisheit im Stillen, und jählings erwachte der Geist der Nationen, der Jahrhunderte schlummerte.

So waren die Gelehrten und Schriftsteller, die für die Menschheit arbeiteten, die verehrungswürdigsten Bürger des staates. Alle Menschen fühlen das Bedürfnis, bewegt und gerührt zu werden, denn dieses ist das lebhafteste Vergnügen, das die Seele geniessen kann. Sie sind es, denen der Staat die sorge anvertraut hat, dieses Prinzipium von Tugend zu entwickeln; indem sie erhabene, rührende, schreckliche Gemälde schildern, so machen sie die Menschen zur Zärtlichkeit fähiger, und indem sie ihre Empfindsamkeit vollkommener machen, so bringen sie ihnen eine Neigung zu allen grossen Eigenschaften bei, derer Quelle sie ist.

Jedes Jahrhundert kann Beweise anführen, wie wichtig ihr Einfluss auf die Bildung der Herzen ist. Seelen wirken auf Seelen; Geister auf Geister; wer mit Gefühl spricht, erregt wieder Gefühl; wer das Mitleiden schildert, bildet zum Mitleiden, und so können sich Irrtum und Wahrheit, Tugend und Laster durch Schriften verbreiten. Es ist daher einer der wichtigsten Gegenstände der Regierung, dass auch Schriften geordnet werden nach dem allgemeinen Endzweck der Glückseligkeit der Staaten.

Seit langen zeiten her haben die Grossen und Reichen, die oft so wenig Talente als Tugenden hatten, die Schriftsteller als unbedeutende Menschen angesehen; eifersüchtig, dass diese die Augen der Nation auf sich zogen, taten sie, als ob sie diese verachteten. Sie folgten weder den Warnungen, noch den Wahrheiten, und der Koloss spottete des Sandkörnchens, das sich von dem Gipfel des berges unbedeutend herabliess, nach und nach zu einer Masse wurde und das Sinnbild menschlicher Regierungen in Staub warf. So verhalt es sich eben noch in unserem gegenwärtigen Zeitalter. Die Druckerei überschwemmte die Welt mit Meinungen, und die Menge von Meinungen verdrängte die Wahrheit, die das Anteil der Wenigeren war, und so verloren sich die praktischen Tugenden, die religiösen Meinungen, worauf doch nur die Harmonie des Ganzen beruhte.

Es ist unmöglich, künftigen Gärungen vorzubeugen, die aus der Unordnung, die allgemein herrscht, notwendig entstehen müssen, wenn nicht auf eben diesem Wege, auf welchem das Übel verbreitet worden ist, Mittel zur Vorbeugung aufgesucht werden.

Herr Cranz in seiner Schrift unter dem Titel: Einige Worte zur Beherzigung den Fürsten und Herren Deutschlands gewidmet, hat zwar sehr deutlich den bösen Einfluss der missbrauchten Literatur und mit sehr vieler Wahrheit gezeigt, dass die Pressefreiheit keiner gewaltsamen Einschränkung fähig ist; auch ist seine Vorschrift, auf welche Art gutdenkende Schriftsteller zum Wohl der Menschheit arbeiten sollten, sehr gründlich und überdacht.

Das Herz jedes biedern und redlichen Mannes fühlt es nur zu sehr, dass die Literatur in unserem Jahrhundert ausgeartet ist; worin liegt aber diese Ausartung? Wie sind die Wissenschaften wieder in ihre Schranken zu leiten? Dieses sind ebenso wichtige oder noch wichtigere fragen, auf welcher Beantwortung vielleicht das Heil ganzer Nationen liegt.

Es ist unzweifelbar, und für den Weisen längst erwiesen, dass im Universum ein allgemeines Gesetz der Ordnung liege, welches der Ewige selbst zur Grundlinie der Schöpfung gelegt hat, um nach dem allgemeinen Plan seiner Güte und Weisheit die natur, die Welt und alle denkend Wesen zu leiten. Diese Ordnung beruht in ewigen Verhältnissen, weil alles im Universum ein Ganzes und eine Kette ist, worin ein Glied in das andere notwendig passen muss. Ordnung ist das grosse Ziel der Gotteit; alles wird nach unendlichen Verhältnissen regiert; alles ist bestimmt zur Ordnung; Einheit und Vollkommenheit sind die grossen Zwecke des Unendlichen; alle Verhältnisse gehen notwendig dahin, um zur Einheit, zur Vollkommenheit zu führen; darin besteht das Wirken der Gotteit, darin liegen die ewigen gesetz. Nur in der Ordnung liegt Harmonie, Übereinstimmung, Schönheit und Kraft, sowohl im Physischen als Sittlichen. Das grosse Ziel aller Dinge ist Harmonie, Vollkommenheit körperlicher Wesen, Vollkommenheit geistiger Wesen. Diese Ordnung des Universums ist unveränderlich; sie hat nichts Verwickeltes, nichts Unerreichbares; aus ihr fliessen die physischen und sittlichen gesetz, die dem Menschen von seinem Schöpfer mitgeteilt sind. Die Kraft und die Macht der gesetz haben ihre Ausdehnung, ihre Aktionen und ihre