nur den Guten zum Umgang und wird in der Gesellschaft des Weisen klüger und besser. Der Gute sucht auch unter den Büchern den Umgang des Guten; allein er muss auch einen Führer haben, der ihn kennen lehrt, was gut und nicht gut ist. Weit gefährlicher ist die Verführung des gesellschaftlichen Umgangs. Tiefer dringt ihr Gift ins Innere der Seele und verdirbt Einbildungskraft und Herz. Der gute Mensch flieht die Gesellschaft des Bösen; und der Mann von Geschmack flieht die Lektüre des Schlechten. Es ist ein irriger Grundsatz, wenn man sagt, der Staat kann alle guten und bösen Bücher ungescheut verkaufen lassen; es sei Despotismus, die Druckereien einzuschränken, und ihnen Einhalt zu tun, sei soviel als Unterdrückung; man lasse nur den Werken des Geistes freien Lauf, kaufe davon wer will; die Freiheit erhebt die Seele, Zwang und Furcht erniedrigen sie zum Kriechen.
So ist die gewöhnliche Sprache; allein dieser Einwurf ist ein schädlicher Trugschluss, erzeugt durch Ausgelassenheit, die keine gesetz und keinen Zwang kennen will. Jeder Staatsmann, der gleichgültig alle guten und bösen Bücher in dem Staat ansehen würde, würde der Verderber des Staates sein.
Die Polizei, die für die Sicherheit des Bürgers wacht, verbietet unter schweren Strafen den Verkauf physischer Gifte, und kann diese wohl den Verkauf moralischer Gifte gleichgültig ansehen? Freilich ist die Freiheit das erste Recht des Menschen, aber wahre Freiheit, das Recht nämlich, ohne Zwang zu handeln, was die Verhältnisse des staates, die Verhältnisse der Gesellschaft fordern. Diese Freiheit im Staat erstreckt sich darauf, unbeschränkt nach den Gesetzen zu handeln, nicht wider die gesetz, denn auch die natürliche Freiheit des Menschen hat ihre Verhältnisse, sonst ist sie nicht Freiheit, sondern Raserei und Ausschweifung. Die Freiheit des Menschen kann nicht darin bestehen, sittliche Unordnungen zu vermehren und zugleich den Geist und das Herz der Menschen zu verderben. Es ist nicht allzeit Unwissenheit, die die Menschheit unglücklich macht, auch die Irrtümer sind es, die Kinder der Unwissenheit; aber diese Irrtümer sind zugleich auch die Kinder der falschen Wissenschaft.
Alles, was in der natur ist, hat seine unveränderlichen gesetz, und diese gesetz erstrecken sich nicht allein auf den physischen, sondern auch auf den sittlichen Menschen. Der Körper hat seine Verhältnisse wie der Geist; jener verhält sich nach physischen, dieser nach moralischen Gesetzen; alles nach Harmonie, nach allgemeiner Bestimmung. Die Weisheit der Alten und die Religion lehren uns, dass der Mensch nicht bloss für diese Körperwelt geschaffen ist, dass seine Seele fortdauert und daher sich schon hier an zukünftige Dinge ankettet. Unsere Bestimmung, unsere Verhältnisse des Geistes, die zur moralischen Ordnung notwendig sind, sind daher alle jene sanften, friedfertigen, wohltätigen Neigungen, die nach ewigen Gesetzen der Moralität unser Wesen bestimmen. Alles was uns von diesen sanften Trieben entfernt, worin unser und das Glück anderer beruht, das ist widernatürlich; es zerstört die Ordnung des Ganzen, und ihre Folge ist Verwirrung, sittliches und körperliches Verderben.
Der Mensch konnte diese Verhältnisse aus dem Licht seiner eigenen Vernunft nicht deutlich genug einsehen; es war daher seinem Wesen eine Offenbarung notwendig, die seinen Verstand darüber aufklärte.
In der Einsicht dieser sittlichen Verhältnisse, in der Ausübung derselben zum Glück der Menschheit liegt der Inbegriff menschlicher Weisheit.
Gelehrt sein oder Kenntnisse haben heisst noch nicht, weise sein; diese Kenntnisse nach den Gesetzen der Sittlichkeit ordnen, sie in Ausübung bringen, zur Harmonie des Ganzen beitragen, den ganzen Menschenberuf unserer Bestimmung erfüllen, den uns die Religion so sehr ans Herz legt, das ist Weisheit, und hierin müssen sich alle Wissenschaften konzentrieren. Was diesen Zweck nicht erfüllt, kann nicht gut sein, kann nie gut werden, denn es führt zur Unordnung, zum Verderben.
Im Sittlichen ist die Geistesausbildung nichts anderes, als der Ackerbau des Herzens; die Seele muss sittliche Früchte hervorbringen; wer daher Samen ausstreut, muss Fruchtsamen säen und nicht Unkraut. Das Licht und die Weisen, sagte Konfuzius zu seinen Schülern, gleichen hocherrichteten Mau-ein, die euch wider die Laster schützen; eure Nachbarn müssen den Wachen gleichen, die Übel von euch abwenden; eure Eltern und eure Freunde einer Stütze, worauf ihr euch sicher lehnen könnt; die Vorsehung wird über euch wachen, aber ihr müsst euer Herz der Tugend mit Aufrichtigkeit weihen; wenn ihr die Tugend vernachlässigt, wenn ihr eure Pflichten versäumt, so entsagt ihr euern Rechten, und ihr werdet euch allen Übeln preisgeben.
Ohne Tugend, ohne Weisheit findet ihr keinen Grund, worauf ihr bauen könnt; es kann kein Staat bestehen ohne Weisheit, ohne Sitten, ohne gesetz. Aufgeklärte, tugendhafte Menschen müssen das willfährige Herz ihrer Lehrlinge bilden und die Reichtümer der Sittlichkeit in ihre Seele schütten. Reiche verfallen gleich einem hohen Baum, der seine Gipfel prächtig zum Himmel richtet, nicht darum, wenn man Zweige oder Blätter ihm raubt, sondern weil die Wurzel faul ist, auf der er ruht. Das Herz des Menschen ist diese Wurzel; der Stamm ist der Unterricht, und die Blätter sind die Kenntnisse. Wenn das Herz verdorben wird, so verdirbt alles.
Das Beispiel ist der Magnet der Sitten; es ist nicht genug, dass das Gute in Büchern steht; der Staat muss dem Guten die achtung widerfahren lassen, die ihm gebührt, und es in Ausübung bringen. Das üble Beispiel verdirbt mehr in einem Jahr, als sonst Jahrhunderte verderben könnten. Bevor die Kinder verderben, müssen die Väter verdorben sein