All_Enlightenment_4.txt

Partei man will, so ist der Gegenstand wichtig: denn es ist dem Patrioten und Menschenfreund ebensoviel daran gelegen, ein Unglück zu verhüten, als einen Vorteil zu befördern. Gut war' es daher, wenn diejenigen, die einen beträchtlichen Wirkungskreis haben, sich hierüber vereinigten, damit sie durch ihren Einfluss gemeinschaftlich, je nachdem der Streit entschieden würde, dieselbe entweder befördern oder verhindern könnten. Aber es ist unmöglich, die Meinungen der Menschen über den Nutzen oder Schaden der Aufklärung zu vereinigen, solange sich diese Menschen von der natur und dem Wesen der Aufklärung selbst so gar verschiedene Begriffe machen. Wie gross diese Verschiedenheit sei, zeigen die Schriften über die Aufklärung und die darin gegebenen Beschreibungen. - Man höre! »Wahre Aufklärung ist richtige Einsicht der Verhältnisse der Dinge gegen unsere Bestimmung.« - »Aufklärung ist nichts anderes als: richtige Begriffe von unseren wesentlichen Bedürfnissen.« - »Aufklärung ist die Maxime, jederzeit selbst zu denken, Konsequenz im Urteil, durchgängige Befolgung derselben Grundsätze und Regeln.« - »Aufklärung ist ein von allen Vorurteilen unabhängiges, auf Erfahrung und Grundsätze gebautes vernünftiges Denken über die wichtigsten Gegenstände des menschlichen Wissens.« - »Die Aufklärung besteht in Verminderung der Irrtümer und Vermehrung der deutlichsten und richtigsten Kenntnisse" aus den angemessensten Wahrheitsgründen.« - »Das Werk der Aufklärung ist, viele Begriffe zu geben und diese zu berichtigen.« - »Aufklärung nenne ich die wohltätigen Bemühungen, dem volk gerade so viel nützliche Kenntnisse durch Unterricht und andere dienliche Mittel mitzuteilen, als es braucht, um so verständig, brauchbar und nützlich zu werden, als es in seinem stand sein sollte oder werden könnte.« - »Aufklärung ist feste und entschlossene Gewöhnung des Menschen, der Vernunft stets und überall zu folgen.« - »Die Aufklärung ist Belehrung über alles, was den Menschen angeht, ihn geschickt macht, vernünftig zu denken und zu handeln, sich und andern wahrhaft nützlich zu sein.« - »Aufklärung ist nichts anderes, als die Bemühung des menschlichen Geistes, alle Gegenstände der Ideenwelt, alle menschlichen Meinungen und ihre Resultate und alles was auf Menschen Einfluss hat, nach Prinzipien einer reinen Vernunftlehre zur Beförderung des Nützlichen ins Licht zu setzen.« - »Aufklärung ist eine Darstellung dunkler Sachen in ihrem wahren Licht und Gestalt.« - »Aufklärung ist die Freiheit zu denken«, usw. - Hier haben wir zwölf verschiedene Beschreibungen der Aufklärung aus so viel gedruckten Schriften gezogen, deren fast jegliche ein anderes Genus annimmt. Und ich hätte mit leichter Mühe noch einmal so viel ebenso verschiedene Beschreibungen anführen wollen1 aber ich denke, diese sind zureichend, um zu zeigen, wie wenig übereinstimmend die Meinungen der Menschen über die natur der Aufklärung sind.

Nun aber ist jedes Wort verloren, das noch ferner über diesen Gegenstand geredet oder geschrieben wird, bevor sich nicht die Redenden und Schreibenden, die Hörenden und Lesenden über die natur und das Wesen des Gegenstandes selbst und also über die Bedeutung des Worts vergleichen: bevor nicht die Frage, wo möglich zur Zufriedenheit aller, beantwortet wird: Was ist Aufklärung? Was muss man mit diesem Wort für einen Begriff verbinden? –

Diese Frage hat für den Erklärer einen doppelten Sinn.- Entweder, es findet in Absicht auf das zu erklärende Wort bereits ein Sprachgebrauch statt, und dann heisst sie: Was hat man bisher nach dem Sprachgebrauch mit diesem Wort für einen Begriff verbunden? - Oder es findet noch kein Sprachgebrauch statt, und alsdann ist der Sinn jener Frage: Welcher Begriff lässt sich mit dem gegebenen Wort am bequemsten und glücklichsten verbinden? - Im ersten Fall hat der Erklärer weiter nichts zu tun, als den Sinn des Worts mit deutlichen Worten anzuzeigen und den konventionellen Gebrauch desselben zu beweisen, d. i. darzutun, dass dieses Wort in Verbindung mit diesem Begriff entweder von der Majorität oder doch von der besseren Minorität wirklich angenommen sei.- Im zweiten Fall ist es das Geschäft des Erklärers, eine dem bisher bedeutungslosen Worte zu gebende Bedeutung aus anderen Prinzipien zu bestimmen und sie zur Aufnahme in den Sprachgebrauch vorzuschlagen.

Wir sind hier mit dem Wort Aufklärung im zweiten Fall. Es findet in Absicht auf dasselbe noch kein Sprachgebrauch statt. Tausend und abertausend deutsche Männer und Frauen haben es gebraucht, aber ohne alle Konvention. Fast jeder hat ihm eine andere Bedeutung gegeben, die untereinander bald mehr, bald weniger verwandt sind.

Aber wie ist es in aller Welt möglich, dass eine ganze Schar Schriftsteller einen Gegenstand viele Jahre lang hat behandeln und von hundert Seiten betrachten können, ohne einmal über die natur desselben oder über den Sinn seines Namens einverstanden zu sein? Ist es möglich, dass ein Wort von so vielen Lehrern der Nation hat können gebraucht werden, ohne doch eine allgemeine gültige Bedeutung zu bekommen? - Der Frage nach der Möglichkeit wird durch den Augenschein der Wirklichkeit begegnet. Dass aber das Wort Aufklärung wirklich noch keine bestimmte, durch den Sprachgebrauch autorisierte Bedeutung habe, beweist nicht nur die Verschiedenheit der oben angeführten, zum teil weit voneinander abgehenden Erklärungen, sondern ich werde es auch in der Folge dieser Abhandlungen noch deutlicher und gewisser darstellen. Wie das nun zugehe? - Ich stelle mir die Sache so vor: Jedes Wort, also auch dieses, muss von irgendeinem Menschen einmal zuerst gebraucht worden sein, und dieser erste mag in Beziehung auf dasselbe Wort der Erfinder heissen. Er erhält auf irgendeinem Weg einen neuen Begriff und bestimmt ihm ein Wort, welches er für geschickt hält,