sei Mensch!
i Als eine probe mehrerer Abhandlungen politisch rechtlichen und psychologischen Inhalts, die in kurzem erscheinen werden.
Karl Hofrat von Eckhartshausen
Was trägt am meisten zu den Revolutionen
jetziger zeiten bei?
Und welches wäre das sicherste Mittel,
ihnen künftig vorzubeugen?
Mit der Druckerei, mit jener wunderbaren Erfindung seine Ideen tausendmal abzudrucken, entstand der Hochmut der Meinungen, der Despotismus der Rechtaberei, der alles seinem Stolz unterjochen will. Der Endzweck der meisten Schriftsteller scheint nur der zu sein, eitel Lob einernten zu wollen, ohne es zu verdienen; der gebieterische Ton, der so viele vermummte Schwäche entdeckt, die unglückliche Kunst, die simple natur zu verwirren und Paradoxen an die Stelle der Wahrheit zu setzen, und die rasenden Ausschweifungen des grössten Teils der Literaturen sind die traurigen Denkmäler des menschlichen Irrtums, der sich tausendfältig verbreitet.
Noch brandmarkt die Schande den Namen des Herostrats, der den Tempel zu Ephes anzündete. Die Menschheit, sagt ein grosser Schriftsteller, würde vielleicht denjenigen segnen, der Mut genug hätte, den dritten teil der Bücher unseres Jahrhunderts zu verbrennen. Die wenigen guten, die übrig blieben, würden dem Gold gleichen, das die Kapelle ausgehalten hat. Man spottet jenen stolzen Toren, die ihren Luxus bis zur Ausschweifung in der Vielheit ihrer Bücher suchen; aber man spottet ihrer ohne Grund. Die stolze Unwissenheit errichtet immer den Wissenschaften Trophäen, ohne es zu wissen, und diese reichen Biblioteken gleichen jenen prächtigen Mausoleen, die die grössten Männer verschliessen, jenen Mausoleen, vor denen man schüchtern zurücktritt, um die heilige Ruhe derjenigen nicht zu stören, die darin begraben liegen. Die meisten Biblioteken sind die Gräber der Werke der Gelehrten; auch schadet der menschliche Unsinn wenig, wenn ihn zehnjähriger Staub deckt, wenn er zur Pracht in Bänden dasteht und von niemandem als von der Motte besucht wird.
Aber das sittliche Gift verdirbt die Menschheit, das durch Bücher und Broschüren sich in den Geist der Menschen schleicht, die allgemein unter das Volk verbreitet werden.
Aus den Schriften unseres Jahrhunderts, wenige ausgenommen, ist es klar bewiesen, dass die gewöhnliche Modelektüre den Geist und die Sitten verderben muss.
Nicht genug, dass sie den originellen Geist jedes Jünglings erstickt, der natürliche Anlage und Fähigkeit zu denken hat, sondern sie bildet auch elende Kopisten. Die grossen Männer jedes Jahrhunderts bildeten sich selbst; sie hatten keine Biblioteken; sie schöpften die Wahrheit aus der natur, aus dem inneren der Kunst, und erlangten daher eine Stärke, die allein die wahre Fackel des Geistes ist.
Es ist zu bewundern, wenn man die Menge verschiedener Bücher, verschiedener Denkarten sieht, und alles das wird gelesen, von einem gelesen, ohne verdaut zu werden; denn der grösste Stolz unseres Jahrhunderts besteht ja darin, alles gelesen zu haben. Wir gleichen wirklich verzärtelten Körpern, die die gesunde Speise der natur nicht mehr vertragen können. Die Wissenschaften, die uns die Biblioteken auftischen, sind jenen Tafeln der Grossen gleich, wo tausend Gerichte in verschiedenen Formen erscheinen; und alles das muss nun in einen Magen! Wer ist stark genug es zu verdauen, ohne von diesem Mischmasch nicht zu erkranken? Unser Geist ist verdorben wie unser Körper; Mässigung und gesunde Nahrung erhalten ihn bei seinen Kräften; so soll auch mässige und gesunde Lektüre die Kraft des Geistes erhalten: allein man liest nicht, um besser zu werden; so wenig als der Vielfrass isst, um seinen Hunger zu stillen; man liest, um seine Lust zu befriedigen, um die langweilige Zeit zu verträumen, und die Garköche der Literatur bemühen sich daher, ihre Ideen in alle möglichen Brühen zu richten, damit sie den stumpfen Geschmack der Leser wieder aufkitzeln. Man verkauft Bücher wie die Tändeleien der Mode; wie sich die Farben der Bänder ändern, ändern sich die Schreibarten, und die Philosophie verkauft in unserem Jahrhundert ihre Hüte und Hauben wie die Modehändlerin; immer wechselt eine Narrheit in dem menschlichen Leben mit der andern; die Gelehrten sind so eitel wie die Weiber, nur beschäftigen sich diese mit Hauben und Bändern und jene mit Büchern und Broschüren; der Wert von beiden ist manchmal gleich. Das Weib sagt, ich muss mich nach der neuesten Mode kleiden; der Mann, ich muss nach der neuesten Mode denken; nicht selbst von den Büchern urteilen, sondern Journale lesen, damit ich meinem eigenen Urteil abschwöre, um dem Urteil anderer zu glauben.
So schreibt man für- und dawider, wie es die Zeit verlangt, wie der Buchhändler glaubt, dass es der Narrheit der Menschen am besten angemessen ist, denn seine Absicht ist Gewinn und Absatz. Er liefert daher, wenn es Mode ist, eine Sittenlehre á la Cacadou und philosophische Werke á la mère l'oie, wie es der Geschmack der zeiten verlangt.
Wie schändlich sind die verschiedenen Widersprüche! hier herrscht abscheuliche Satire, spöttischer Witz, da Vernunft herrschen soll, dort die traurige, schleppende Dialektik, wo Wärme und Gefühl sich in jeder Zeile drängen sollten.
In manchem fürchterlichen Auftritt im Menschenleben, wo der Schriftsteller nur das Herz soll sprechen lassen, wo nur der Mensch das scheinen soll, was er ist, herrscht eine Sprache, die die Empfindungen der natur verleugnet und einen schrecklichen Egoismus der Literatur verkündigt. So wird selbst die Wohlredenheit entweiht; sie ist manchmal zaghaft, da sie keck und dreist den geraden Weg gehen sollte; sie wird manchmal Schmeichlerin, manchmal Verführerin. Sie gleicht einem Sklaven, der vor seinem Tyrannen zittert, der sich