dünkte, bei seinem Triumph. Reich an Lastern, deren Erfindung selbst einem Satan Mühe machen würde, teilte sich alles in Aberglauben und Unglauben.
Dies konnte nicht anders sein. Religion ist das einzige, wirksamste Mittel der allgemeinen Aufklärung. Sie erleuchtet nicht nur den Weisen des volkes, sondern auch zugleich die grössere Menge, und ihr Unterricht zielt so ganz dahin ab, die Menschheit zu veredeln. Dies konnte man von Roms Religion nicht erwarten. Sie ward erfunden, die Menschheit zu schänden. Die Entstehung der christlichen Religion in der Welt ist also auch zugleich der Anfang ihrer Aufklärung. Soll ich hier die wohltätigen Verwandlungen berechnen, welche die Welt seit dieser Zeit erfuhr? Wie Vernunft und Gewissen ehrwürdiger, Freiheit, Sicherheit und Eigentum heiliger, die Pflichten der verschiedenen Stände gegeneinander unverletzlicher, Duldungsgeist, Menschenliebe und jede Art von Glückseligkeit allgemeiner wurde? Seit dieser Zeit wurde die Erde aus einer Wüste zum Paradies und würde gewiss zum Himmel selbst werden, wenn die Wahrheit immer reiner erkannt und gewissenhafter ausgeübt würde.
Göttlicher Stifter des christentum, das war dein grösstes Wunder, dass du die Welt durch deine Lehre so ganz umschufst, und dass deine grösste Weissagung, dass deine Lehre bleiben wird, solange Menschen geboren werden. Sie hat Einfältige, welche sie annahmen, nach und nach zu Weisen gemacht, und Weise, welche sie verwarfen, wurden Toren. All unsere Schriftgelehrten haben noch nie einen grösseren Gedanken gedacht als jenen: Gott ist ein Geist- und all unsere
Philosophen haben noch kein entschiedeneres Grundgesetz erfunden als jenes: Alles was ihr wollt, dass die Menschen euch tun - So vortrefflich sie auch immer von den höheren Angelegenheiten unseres Geistes, seiner Bestimmung, seinen Bedürfnissen und Erwartungen sprechen und lehren können, so schämen sie sich doch nicht, zu gestehen: Er war das wahrhafte Licht, welches die Welt erleuchtet, wir, wir sammeln nur seine Strahlen.
Licht aus Gott! ach, dass nicht des Aberglaubens und Irrtums fürchterliche Nacht dich so verfinstert und zum schändlichen Monopol herrschsüchtiger Betrüger gemacht hätte! Aber du wurdest verfinstert, wurdest das Monopol blutdürstiger Mönche. Selbst die Künste und Wissenschaften, welche du erzogst und pflegtest, konnten ihre Dienste dir nicht leisten. Nationen glaubten dich zu haben und wurden unglücklich. Sie rühmten sich zu glänzen und wussten nicht, dass sie bloss schimmerten. So stand der vierzehnte Ludwig, umstrahlt von seinen Helden, Weisen und allen ihren Künsten. Mit der einen Hand baute er ihnen Altäre und mit der anderen Scheiterhaufen. Abwechselnd schwang er die Fackel der Künste und die Fackel unmenschlicher Kriege und Verfolgungen. Und sein Volk gewöhnte sich daran, seine Könige bald zu vergöttern, bald zu ermorden.
Soll daher die christliche Religion siegen, so setzt sie Freiheit zu denken und zu untersuchen und den nötigen Beistand anderer Wissenschaften voraus. In dieser Rücksicht war nie leicht eine Nation aufgeklärter als die Deutsche, kein Land mehr als du, o Borussia, und kein Zeitalter mehr als das unsrige. Schon seit vielen Jahren erwachte der freie Geist der Untersuchung. Philosophie, Kritik, Philologie und geschichte begleiteten ihn auf dem Weg, welchen er nahm. Ihn hinderte das Alter ebenso wenig, einen Irrtum zu verwerfen, als die Neuheit, eine Wahrheit aufzunehmen. Das Gebäude der Religion verlor auf diese Art manche seiner falschen und unnötigen Stützen und Verzierungen. Aber es gewann durch diesen Verlust. So wie es enger und kleiner wurde, so wurde es hingegen auch bequemer und unerschütterlicher. Überdem hielt man die Vernunft für ein Erbgut, welches man keinem, wer es auch sei, vorentalten dürfe. Ihr Gebrauch ward also leichter und allgemeiner. Bald erkannte man ihn an der geschickteren und glücklicheren Behandlung der Künste und Gewerbe, an der grösseren Sicherheit der Menschenrechte und des Eigentums, an den milderen Sitten, an allgemeinerem Duldungsgeist und vernünftigerer Vaterlandsliebe. Unerschrocken nahten sich Völker dem Tron, und Fürsten wandelten sicher unter ihren Völkern. Das ist dein Werk, Friedrich! und deines Friedrich Wilhelm! Der so lange stockende Strom des Lichts bedurfte eines gewaltsameren Stosses. Auf diese Art bekam er vielleicht auf einmal zuviel Fall. Er ging bisweilen über das Ufer hinaus und machte ungesunde Seen. Weise wies ihn daher Friedrich Wilhelm in sein Ufer zurück. Natürlicherweise wird er nun leichter und weiter fliessen. Überdem schien die grosse Gärung schon vorüber zu sein, und doch war Wahrheit und Irrtum noch nicht rein genug voneinander geschieden. Sie bedurfte also eines neuen Ferments, welches für den menschlichen Geist und für die Wahrheit jederzeit eine Wohltat ist. So im Norden. Aber auch gegen Süden sammelt Karl August alle Strahlen leuchtender Genies in einen Brennpunkt und nährt sie mit seinem eigenen Licht.
Fürchtet indessen nicht, Freunde der Nacht, dass die Wahrheit so schnell und allgemein über die Erde sich verbreiten werde, dass euer blödes Auge dadurch geblendet würde. Diese zeiten sind noch nicht da und werden auch nie kommen. Glaubt vielmehr an die Bibel und an die natur: Es wird nicht aufhören Tag und Nacht. - Nur langsam wird sie ihren Weg fortsetzen, gleich der Sonne, welche, wenn sie einmal aufging, weder stillstehen noch zurückgehen kann, ob sie gleich bisweilen verfinstert wird. Ihr gang ist der gang einer Gotteit, oft zwar getadelt, aber nie aufgehalten. Ihren Mittag werden wir freilich nicht erleben. Aber was schadet's? Wir wissen doch, dass er kommen muss. Denn wir sahen seine Morgenröte.
Johann Julius Stuve
Über Aufruhr und aufrührerische Schriften
Es bleibt mir noch die