All_Enlightenment_143.txt

Aberglaubens sind der wahren Aufklärung gleich gefährlich. Beide führen am Ende zur Freigeisterei. Die erste empört die Vernunft und erbittert das Herz. Der menschliche Geist, welcher für seine angeborenen Rechte kämpft, geht leicht in der Hitze des Streits zum Gegenteil hinüber. Zu allen zeiten haben die wenigsten Kraft und Zeit genug, das echte Gold zu unterscheiden. Sie schütten es also mit den Kohlen zugleich aus. Ein Beweis hiervon ist wiederum Rom, unter seinen Kaisern sowohl als unter seinen Päpsten.

Die Wahrheit macht ihre glücklichsten Eroberungen nur im Frieden. Im offenbaren Krieg mit dem Aberglauben kann sie leichter verlieren, als gewinnen. Denn gebraucht sie ihre Waffen mit Schonung, so glaubt ihr Gegner, sie habe nur schwache Waffen, welchen sie nicht trauen dürfe. Stürmt sie hingegen, so macht sie ihre Feinde erhitzter und ihre wahren Freunde kälter. Auch verliert sie alsdann die so nötige Meinung der Toleranz. Ohne diese werden ihre Absichten verdächtig und ihre Waffen stumpf. Überdem kann es nicht anders sein, als dass für beide Parteien manche seichte Verteidiger auftreten. Die Folge davon ist, dass man das Alte verwirft und das Neue nicht annimmt. Endlich nimmt man bald zu hohe Farben, oder wirft hinweg, was noch stehen könnte, oder reisst das ganze Gebäude nieder, ohne ein anderes, besseres an seiner Stelle wieder aufzuführen, oder bereitet die Welt zur Aufnahme des Lichts nicht genug vor. Das blöde Auge, in welches es plötzlich hineinfällt, sieht nun gar nichts mehr. Die Wahrheit sollte auf der Erde ebenso aufgehen, wie die Sonne am Himmel, welche allmählich und langsam am Horizont heraufkommt und die von Zeit zu Zeit ihr entgegenstehenden Wolken ohne Geräusch und Sturm durch ihre sanfte Macht zerteilt, bis sie am Mittag die ganze Welt erleuchtet. Aber dies ist nicht der gang des menschlichen Geistes, nicht der gang der Welt.

Wenn der Mensch in die bürgerliche Gesellschaft eintritt, so geht er zuerst in den Stand der Menschheit über. Nur so wird er, was er werden kann. Ausser ihr ist und bleibt er Barbar. Wollten wir auch die beständige Ebbe und Flut der Staaten, ihr unaufhörliches Streben gegeneinander, und endlich alle die Unvollkommenheiten abrechnen, welche so manchen unter ihnen sichtbar genug drücken, so würden doch die meisten Hindernisse der Aufklärung noch nicht hinwegfallen. Jede politische Einrichtung gibt dem menschlichen Geist eine gewisse Form, in welche er selbst unvermerkt sich einschmiedet. Immer noch dünkt er sich frei, weil er seine Fesseln nicht fühlt. Aber ohne es zu wissen, geht er seinen schon vorgezeichneten gang, nervenlos und sklavisch unter dem Despotismus und überspannt und unbändig in der Republik. Auch vereinigt er sich bald in einen gewissen Nationalsinn. Ein Volk, welches ihn nicht besitzt, ist ein grosser Körper, welcher nie selbständig handeln kann, weil er keine Seele hat. Eine Nation hingegen, unter welcher er herrscht, hat nur einen Gesichtspunkt, bei welchem sie alle anderen Gegenstände aus den Augen verliert. Der Phönizier kennt nichts als Gewinn, der Spartaner nichts als Sieg. Der Gallier lehrt alle Nationen gefällige Sitten und Künste und lernt von ihnen erst spät die Kunst, glücklich zu werden. Der Bataver führt das Gold aller Nationen bei sich ein, aber nicht ihre Künste. Der Brite behält seine Grossmut, seine Reichtümer und seine - gesetz. Und der Spanier glaubt andächtig an seine Ahnen und seine Autodafés.

Freiheit ist unstreitig die unentbehrlichste Nahrung des Geistes, wenn er gedeihen und wachsen soll. Aber wo war der Staat, welcher sie je vollkommen genoss? Die freien Atener verketzern ihren Anaxagoras und verdammen ihren Sokrates. Ihre Redner durften es eher wagen, den Staat zu erschüttern, als eine Meinung. Und in Rom vermochte der Pontifex auf dem Kapitol oft mehr als der Konsul im Senat. Diese gerühmte Freiheit bestand doch nur grösstenteils darin, dass jeder Bürger einen näheren Anteil an dem Staat nehmen durfte und, weniger eingeschränkt von so manchen anderen Verhältnissen, einen freieren Wirkungskreis und offenere Aussichten hatte, alles zu werden und zu erlangen, wonach er strebte. Es war die Freiheit des staates, aber nicht des Denkens. Die Wahrheit und ihre Untersuchung verwies man in die finstern schulen der Philosophen, welches der ganz unrechte Ort war, wenn man darauf ausging, Macht, Ehre und Reichtümer zu erlangen. Sicherer war in dieser Rücksicht der Rednerplatz, wo bald die schimmernde Kabale, bald die glänzende Beredsamkeit siegte. Kein Wunder, dass die vorzüglichsten Köpfe auf demselben erschienen und kämpften. Andere, welchen es nicht sowohl um Macht und Ansehen, als um Beifall und Bewunderung zu tun war, versuchten sich in den schönen und gefälligen Künsten. Sie kannten ihren Geist kaum und taten doch durch ihn Wunder. So vergötterte Aten und Rom seine Redner, Dichter und Künstler und überliess es der Nachwelt, seine Philosophen zu hören und zu schätzen. Einige derselben erniedrigten sich an den Tafeln der Grossen zu dem unrühmlichen Amt, welches unsere Poeten vor hundert Jahren unter uns sich gefallen liessen. Da man alles werden und alles erlangen konnte, so richtete der Geist seine ganze Kraft auf Reichtum, Macht und herrschaft. Weisheit ward entweder für entbehrlich, oder doch für ein blosses Mittel angesehen. Wer seinen Geist fühlte, der glaubte sich zum Demagogen geschaffen. So wurde er, je nachdem die Umstände wollten, ein Cäsar oder ein Catilina. Das grosse Rad des staates ward durch unaufhörliche Eifersucht, List und Gewalt, Aufruhr und Krieg abwechselnd herumgetrieben und aufgehalten. Es ging der gerühmten