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»die deistischen Grundsätze so allgemein und die Aufklärung so gross, dass in Potsdam allein in den letzten zehn Jahren dreihundert Menschen" sich selbst ermordeten.« - Dass Zimmermann in diesen Stellen den Begriff der Sittenlosigkeit mit dem Wort Aufklärung verbindet, bedarf keiner Erläuterung. Dass aber der Deismus, der die Berliner Damen zur Unzucht und zum Ehebruch und die Potsdamischen Menschen zum Selbstmord verleitet haben soll, höchstens nur in historischer Kenntnis deistischer Redensarten, nicht aber in vernünftiger Kenntnis deistischer Grundsätze bestanden haben kann, ist ebenfalls klar. Denn ein gesunder Mensch von vernünftigen Kenntnissen und grundsätzen, sie mögen nun deistisch oder naturalistisch oder christisch heissen, ermordet sich nicht: ist er aber krank, nun so kann weder der Deismus noch die Aufklärung dabei in Rechnung kommen. Auch ist ein vernünftiger Deist nicht sittenlos. - Doch es war vielleicht nicht nötig, für das Wort Aufklärung hier weiter einen Sinn zu suchen, als den in den angeführten Stellen durchaus herrschenden Sinn des Spottes und der Beschimpfung. Die nämliche Absicht hatte auch der Verfasser des abgeschmackten Spottliedes auf die Aufklärung, welches im Quedlinburgischen Kalender für das Jahr 1786 stand. - Auch dieser versteht unter Aufklärung nichts anderes, als Irreligion, Sittcnlosigkeit, höchsten Grad der Bosheit mit Inbegriff aller nur ersinnlichen Werke des Teufels.

IV. Vernünftige Erkenntnis der Gegenstände überhaupt

Die Aufklärung muss die Freiheit schützen", d. i. die allgemeiner werdende vernünftige Erkenntnis der Dinge und ihrer Verhältnisse gegeneinander muss die Menschen in den Stand setzen, sich in der Freiheit zu behaupten. - »Weisheit und Gerechtigkeit sind Folgen der Aufklärung.« »Die Fürsten haben ihre Grösse der Aufklärung zu verdanken.« »Die Aufklärung macht sie zu Herrschern.« »Die Aufklärung macht die Menschen tugendhaft.«»Die beste Aufklärung des Verstandes ist diejenige, welche uns lehrt, mit unserer Lage zufrieden und in unseren Verhältnissen nützlich, brauchbar und zweckmässig tätig zu sein.« »Aufklärung ist für den Menschen echte Quelle dauerhafter Glückseligkeit.« »Die liebliche Morgenröte der Aufklärung hat angefangen, ein schönes, wohltätiges Licht durch alle stand zu verbreiten.«- »Die Aufklärung muss in richtigen Begriffen bestehen«- In allen diesen Redensarten kann das Wort Aufklärung nichts anderes bedeuten, als die gemeiner gewordene, weiter verbreitete vernünftige Erkenntnis derjenigen Gegenstände, die jeder Mensch schon als Mensch und Bürger zu kennen Beruf hat. Ich entalte mich, diese Bedeutung durch Anführung mehrerer Stellen zu bestätigen, weil sie eine der gewöhnlichsten ist. Das aber will ich noch erinnern, dass Teller diesen Besitz der Erkenntnis auch Aufgeklärteit nennt. »Um dessentwillen«, sagt er, »sind auch von jeher diejenigen, welche Aufgeklärteit bei andern, in Wissenschaften wie in der Religion, befördert haben, wahre Wohltäter des menschlichen Geschlechts gewesen.« - Abgerechnet, dass das Wort für manche Organe etwas Unbequemes hat, scheint es mir zu seiner Bestimmung weit geschickter zu sein, als das Wort Aufklärung: Denn nach der Analogie der deutschen Sprache sind die von Adjektiven abgeleiteten Substantive in heit und keit ganz eigentlich bestimmt, einen bleibenden Zustand auszudrücken, da hingegen den Verbalsubstantiven in ung mehr die Bezeichnung der Handlungen oder der Tätigkeit eigen ist.

V. Vernünftige Erkenntnis bestimmter Gegenstände

So verstehen diejenigen, die von der Aufklärung gewisser Stände reden, darunter ohne Zweifel die vernünftige Erkenntnis derjenigen Gegenstände, die für diese Stände vorzügliches Interesse haben. Z. B. Becker, wenn er von der Aufklärung des Landmanns redet, meint damit die vernünftige Erkenntnis derjenigen Gegenstände, welche im Gesichts- und Wirkungskreise dieses Standes liegen, mit Ausschliessung aller übrigen. Er erklärt sich darüber sehr deutlich: »Viele verstehen unter Aufklärung eine unbestimmte Vermehrung der Kenntnisse aller Art, verbunden mit derjenigen Ausbildung der Seelenkräfte und der Freiheit von Vorurteilen, welche durch gelehrte Untersuchungen und durch schulmässige Erlernung der Wissenschaften und Künste erworben wird. Sie verlangen von dem aufgeklärten Kopf eine ausgebreitete Bekanntschaft mit der physischen, politischen, moralischen und gelehrten Welt. Wenn aber die wahre Aufklärung nicht etwas ganz anderes wäre, usw. - An einem anderen Ort bestimmt er die Gegenstände genauer: »Das Wesen der Aufklärung«, sagt er, »besteht in der richtigen Kenntnis seines Wirkungskreises in seiner wahren Verbindung mit dem Ganzen, dessen teil er ist.« - Auch sagt Fischer: »Dass nicht alle richtigen Begriffe (folglich nicht alle Gegenstände der vernünftigen Erkenntnis) zur Aufklärung können gerechnet werden: sondern dass Aufklärung nur solche Gegenstände betreffe, die sich auf unsere Bedürfnisse oder auf unsere Glückseligkeit beziehen.« - Ein anderer Schriftsteller »Die Aufklärung der niederen Volksklassen in Religionssachen ist und bleibt eine gefahrvolle Sache. Man heitere ihren Verstand doch nur erst in anderen nützlichen Dingen auf! Wozu soll die so bedenkliche Aufklärung (vernünftige Erkenntnis) in der Religion dem staat, ja selbst dem ganzen Menschengeschlecht bei schon vorhandenen zweckmässigen positiven Religionen nützen?« - Und in dem ganzen Aufsatz: Über politische Aufklärung, scheint dieses Wort durchgängig nichts weiter als den Besitz politischer Kenntnisse zu bedeuten. Man versuche es und setze überall, wo der Verfasser Aufklärung geschrieben hat, das Wort Kenntnisse an die Stelle; und der Sinn wird nichts verlieren.

VI. Uneingeschränkte Kenntnis aller Gegenstände

Oder: ein Ideal intellektueller menschlicher Vollkommenheit. Wenigstens scheint es, dass manche Schriftsteller die Sphäre ihres Begriffs von Aufklärung bis zu diesem Umfang ausdehnen. Wenn der Verfasser der Abhandlung: Über wahre und falsche Aufklärung, die Frage aufwirft: »Kann und soll die Aufklärung in dem gegenwärtigen Zustand der menschlichen Gesellschaft allgemein sein