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seines Verleumders nie. Jagt dann, ihr Staatsbediente, j die Industrie des Handels, der Buchdrucker zugleich aus dem Land - weist die Summen, die Pressefreiheit in die Länder bringt, euren Nachbarn zu; warum sollte der Weisere sich die Torheit der Narren nicht zunutze machen und ein Geschenk I annehmen, das ihm Ehre macht? Und dann unterdrücke der Minister frei und unbesorgt den Staat in seinen Departements - werde jeder Staatsbediente ein kleiner Despot -; dann mögen die gesetz verdreht und die Rechte gekränkt werden, ungeahndet -; dann sauge der wuchernde Staatsmann das Mark des Landes aus; und der reiche, mächtige Bösewicht beraube den Schwächern, plündere den Ohnmächtigen und trete Gefühl der Tugend und Menschlichkeit mit Füssen. Wo keine Pressefreiheit ist, bleiben doch wenigstens - die symbolischen Bücher.



Christoph Friedrich Sangerhausen

Über Verfinsterung und Aufklärung

Ebbe und Flut, Tag und Nacht, Steigen und Fallen, das ist der beständige Kreislauf der natur. Von diesem Gesetz ist nicht einmal der menschliche Geist eine Ausnahme. Abwechselnd geht er vom Licht zum Dunkel, vom Dunkel zum Licht über, verschwindet unter einer Nation, um bald darauf unter einer anderen wieder zu erscheinen, und entschläft in einem Zeitalter, um in einem künftigen wieder zu erwachen. Wer dies nicht für den natürlichen gang des menschlichen Geistes halten wollte, der müsste erst beweisen, dass er je einen anderen hatte. Noch immer scheint er unter den Griechen sein goldenes Zeitalter gelebt zu haben. Er dachte in ihren Weisen, empfand in ihren Dichtern, sprach aus ihren Rednern, atmete in ihren Künstlern und siegte in ihren Helden. Die Zeit hat grösstenteils ihre Denkmäler zertrümmert, ihre Schriften vertilgt und ihre Meinungen verketzert. Nach einem Zwischenraum von Jahrtausenden stehen wir auf eben diesem Punkt wieder, auf welchem schon vor uns die Römer und unlängst die Gallier standen. Unvermerkt nähern wir uns ihren Regeln und Meinungen wieder. Es gab also eine Zeit, sie zu erfinden, eine andere, sie zu bestreiten, und noch eine andere, sie allmählich wieder anzunehmen.

Unstreitig ist dies Absicht der natur. Vielleicht wollte sie uns den Massstab menschlicher Vollkommenheit sorgfältig verbergen, vielleicht unseren Stolz demütigen und unsern Eifer beleben, vielleicht den Abstand der Nationen voneinander nicht zu auffallend werden lassen, vielleicht Wahrheit und Glück nach und nach über die ganze Welt verbreiten. Vielleicht sollte auch der menschliche Geist, wenn er von verschiedenen zeiten und Orten mehr als einmal ausginge, das unermessliche Reich der Wahrheit mehr übersehen, als wenn er auf geraden und schnelleren Wegen es doch nur auf einer Seite durchreiste, gleich den Israeliten, welche das gelobte Land erst von allen Seiten umzogen, ehe sie in dasselbe hineinkamen.

Die beständige Abwechslung von Aufklärung und Verfinsterung in der Welt ist also unleugbar und entschieden. Aber nicht ebenso die Frage: welche von beiden am schnellsten wirke und am leichtesten siege. Wer indessen mit der natur der Verfinsterung und des menschlichen Geistes, mit der politischen Einrichtung der Welt und den so vielfältigen zufälligen Ereignissen in derselben und endlich mit der geschichte bekannt ist, der wird kein Bedenken finden, sich für die letztere zu erklären.

Aufklärung ist das natürliche Wachstum des Geistes, Verfinsterung sein widernatürlicher Zustand. Gleich einer Krankheit zerstört er in kurzer Zeit alle die Kräfte, welche die Gesundheit in vielen Jahren unmerklich sammelte und bildete. So wie es überdem leichter ist, arm, als reich zu werden, so kostet es auch weniger Mühe, Kenntnisse zu entbehren oder zu verlieren, als sie zu erwerben und zu vermehren. Wer den Fluss hinaufsteuern will, der braucht tätige hände und Ruder. Den Fluss hinab fällt er von selbst. Die Hand sinkt und der Kahn gleitet zurück, desto schneller, je weiter.

Es lässt sich leichter empfinden als beschreiben, wieviel Nachdenken, Prüfung, Zeitaufwand und erlernte Kenntnisse vorausgehen müssen, ehe das Licht durch die Dämmerung des Verstandes einigermassen hindurchdringen kann. Diese Schwierigkeiten kennt die Verfinsterung nicht. Sie hört, anstatt zu denken und glaubt, anstatt zu prüfen. Ehe ein anderer sich von der Unsterblichkeit seines Geistes durch Gründe überzeugt hat, ist sie ohne alle Gründe schon geneigt, an Gespenster zu glauben. Und das um so mehr, da dieser Glaube gemeinhin mit der Religion verwebt ist, und auf Autorität und Altertum sich stützt. Da sie auf diese Art nie ohne Führer geht, so fällt es ihr nie ein, nach dem wahren Weg zu fragen und noch weniger zu zweifeln, ob es auch der rechte sei. Gesetzt, es bestritte jemand die Einwirkung höherer Geister auf uns, mit allen Gründen welche die Vernunft finden und die Beredsamkeit vortragen kann, was würde es helfen? Es steht in der Bibel, wäre die Antwort, der Satan geht umher wie ein brüllender Löwe. »Wenn diese Worte keinen Widerspruch haben sollen, so müssen sie einen anderen Sinn haben. Aber sind denn die Worte nicht deutlich genug: der Satan geht umherSo deutlich, dass niemand sie begreifen kann. Aber doch glauben - so wie das fromme Altertum sie immer geglaubt hat. So ist die Sache entschieden und der Teufel brüllt fort.

Selten pflegt man einen Weisen zu hören und noch seltener zu nützen. Ehe ein gutes Buch entstand und gelesen ward, waren schon hundert andere schlechte verschlungen, und ehe ein guter Grundsatz in die Seele hineinkam, hatten sich schon tausend Irrtümer und Torheiten eingeschlichen. Der menschliche Geist ist schon bei seiner ersten Morgendämmerung von einer Menge dicker Wolken umzogen. Diese müssen zerteilt werden, wenn ein heller