des Glaubens vergebungsfähig mache; dass ein Sünder durch Christum in der Todesstunde so selig werde, als hätte er nie eine Sünde begangen noch gehabt; dass alle guten Werke ohne den Glauben an ihre elenden Menschensatzungen nichts helfen usw. - dies alles wäre besser, als die in der Religion Christi begründeten Uberzeugungssätze, dass Tugend und gute Werke unausbleiblich auch den, der nicht alles ohne Unterschied glauben kann, selig machen müssen; dass alle Laster durch nichts als durch Tugenden und Sinnesänderung ihre verderblichen Einflüsse auf Zeit und Ewigkeit verlieren können, ohne dass das Blut Jesu Christi dazu etwas weiter beitrage; dass ohne das Zeugnis eines guten Gewissens in der Todesstunde kein Trost und kein Glück zu erwarten stehe, weil die Lasterhaften ihr Herz zu keinen Tugenden gebildet haben, die man im stand der künftigen Seligkeit fortsetzen wird usw. Wenn wir lehrten: Nicht der Glaube an die Dreieinigkeit, sondern Befolgung der reinen Tugendlehre Christi kann euch vorteilhaft sein, u. dgl., sollten diese und ihnen ähnliche Lehrsätze, das Tageslicht der vernünftigen christlichen Religion gegen die Finsternis und Mitternacht der Glaubenslehre, die ihr ausbreitet, nicht dem Volk vorteilhafter sein, als die Lügen und Täuschungen, womit ihr das gemeine Volk als Ochsen zur Schlachtbank eines fortdauernden Verderbens führt? Sagt, was können ihm diese Lehren der Aufklärung schaden? und was ihm die eurige von der notwendigkeit des Glaubens an Täuschungen vor den guten Werken nützen? Und worin, sagt es, vor Gott und eurem Gewissen frage ich euch! worin bestehen die Täuschungen der Religion, die ihm nützlich sein sollen? die der Vernunft widerstreiten und besser wie ihre Wahrheiten sind? Könnt ihr dies beantworten, so redet! Könnt ihr aber nicht, nun, dann ist nichts besser, denn Schweigen! Endlich, so beweist, dass diese Lehren und jene nach Prinzipien eines reinen Verstandes, oder die Religion der Aufklärung, nicht die Lehre dessen sei, den ihr mit Unwahrheit für den Stifter der eurigen ausgebt und der der Wiederhersteller der göttlichen Religion durch das Licht der natur ist!
War die Reformation nicht Aufklärung? Wie, wenn man dazumal das Pfaffengeschrei geehrt hätte, welches diese Aufklärung für ketzerisch und verderblich ausschrie; was würde aus unserer Religion geworden sein? Sprecht ihr diese Aufklärung recht und danket Gott dafür, warum tadelt ihr die Fortschritte derselben und seufzt darüber? Weil sie zu weit geht etwa? Kann aber die Wahrheit zu deutlich werden, und wird sie nützlicher durch Verdunklung? Oder ist es, im Falle sie in Hieroglyphen verhüllt wird, nicht für das Volk ebenso gut als existierte sie nicht? Hat denn das Volk eine wahre oder falsche Religion, wenn ihre Wahrheiten ihm vorentalten und ihm dafür Täuschungen oder Unwahrheit gegeben werden? Hat es dann die christliche, oder eine falsche, mit Vorurteilen und Täuschungen angefüllte Religion? Und kann ich nicht fragen, wie einst Christus: Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? Gehören nicht die Ausbreiter des Irrtums, die Bewahrer der Religionstäuschungen und die Verteidiger des Heimlichhaltens der Wahrheit zu jenen, von denen Christus sagt: Sie sind reissende Wölfe im geistliche?! Gewände: Setzt nicht die Behauptung, dass man das Volk nicht aufklären müsse, geradezu die Wahrheit voraus, dass ihr sie falsche Religion lehrt?
Abscheulich ist der Grundsatz, dass Lügen nützlicher in so wichtigen Sache, als jene der Religion sind, vor der Wahrheit wären. Seid ihr, die ihr die Wahrheiten kennt und Vorurteile, diese Feinde der Wahrheit, ausbreitet, nicht geflissentliche Verfälscher derselben? Wo hat Christus je gelehrt: Verschweiget die Wahrheiten, die ich lehre, und unterstützt die Lehre des Irrtums? Wo je gesagt, dass das Volk in Aberglauben und Täuschungen erhalten werden solle? Lehrte er nicht gerade das gemeine Volk die Wahrheiten seines Vaters im Himmel, welche dieselben sind, als die Wahrheiten der Vernunft? Seid ihr seine Nachfolger, die ihr das Gegenteil dessen tut, der euch gesandt hat, den Geist der Wahrheit zu erwecken, der zu allen, nicht zu einigen Wahrheiten leitet? Gängelten die Apostel dieses Volk auch mit Irrtümern und Täuschungen? Oder gingen sie ehrlich und aufrichtig zu Werke? So suchten zu Christi zeiten der elende Pharisäer und hochmütige Schriftgelehrte die Erhaltung der Volkstäuschung und schrien gegen den weisen Aufklärer und die Aufklärung ihr: Kreuzige, kreuzige! Macht ihr es etwa anders gegen die Wiederhersteller seiner Lehre; ruft ihr nicht, wie der unsinnige Jude: seine Lehre ist nicht von Gott, sondern von dem Teufel, in gleichem Ton: ihre Lehre ist nicht christlich, denn sie ist Lehre der Vernunft und nicht des Glaubens? Also wäre die christliche Religion eine Lehre, die gegen die Vernunft ist und nicht mit ihr sich verträgt? Eine Lehre des Vorurteils und des Unverstandes? -
Über Aufklärung Zweites Fragment
Anstatt der Einleitung
Da ich das erste Fragment über diesen wichtigen Gegenstand endigte, legte ich ruhig die Feder nieder, ohne Absicht, sie je wieder zu ergreifen. Indes zogen neue Wolken auf - Phänomene, schreckbarer als die Flamme Helena dem Steuermann, leuchteten auf. Dem bevorstehenden Sturm zu begegnen, ergreife ich sie aufs neue - glücklich würde ich sein, wenn ich dem hin und her getriebenen Schiff der Aufklärung ein Segel nur retten könnte, um es - sei, wo es sei - in einen sicheren Hafen zu leiten. Wenn er hinabgesunken ist, der drohende Komet, der um die Sonne schwärmt, die - siegen seine Einflüsse - bald auf leere Schädel glänzen wird, dann lege