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bis auf die kleinsten und unbedeutendsten Ceremonien sich selbst vollkommen ähnlich geblieben, so, dass jede Reforme nicht nur überflüssig, sondern schlechterdings unmöglich wäre; behaupten: die Heiligen wirkten viel grössere Mirakel als Gott, und müssten daher an ihren Festtagen mit einer viel grösseren Anzahl von Wachslichtern verehret werden; das hölzerne, elend gezinselte Frauenbild von Pötsch habe häufige Tränen geweint, und wenn es nicht geweinet hätte, so wäre Kaiser Leopold ein falscher Münzer gewesen; die Rechte der Menschheit wären nur in jenen Fäl len unverletzbar, wenn sie nicht den Anordnungen Gottes zuwiderliefen; die Philosophie und die Vernunft könne nicht anders als Ketzereien und Abenteuer ans Licht bringen u. s. w.*)" Diesen und noch mehr diesem ähnlichen Unsinn durfte er in den Tag hinein schreiben, ohne dass er es darum mit seinen Lesern verdorben hätte. Hierzu war nun eine Sottise vonnöten, welche nicht nur vernunftwidrig, sondern auch abscheulich genug war, um sogar die grobe Art von sittlichen Gefühle, die auch dem niedrigsten Pöbel einer gesitteten Nation beiwohnet und ihn von Hottentotten unterscheidet, zu empören. So bald fast das bewusste Glied zur öffentlichen Anbetung vorschlug, und der Kirche aufbürdete, „sie habe dieses Gliedes wegen das fest der Beschneidung angeordnet.,, — so wurde der Pöbel Wiens von der Hof: und Stadt: Damn bis zur Höckerin herunter erschüttert; die älteren verbargen die Fastisch katolischen Unterrichte vor den Augen ihrer Kinder, und der Name Fast wirkte allgemein Ekel, Unwillen und Gelächter. Umsonst erhob ihn sein Erzbischoff zur Belohnung für seine arbeiten, und zur Bestätigung seiner Lehre zum Rektor der hohen MetropolitanKirche und ersten Pfarrer in Wien; die Gassenhauer, in denen sich der Pöbel über Fasten lustig machte, wurden darum nur noch lauter ausgerufen, und begieriger ausgekauft.

Die natur hat es zum Besten der Menschheit also veranstaltet, dass sich das Reich der Dummheit selbst zerstören, und der Verfinsterer der menschlichen Vernunft endlich wider seinen Willen Beförderer der Aufklärung sein muss.

*) Pöbel soll hier nicht wenigen als den gemeinen Mann bedeuten.

*) Da Schriften dieser Art zur Ehre Wiens nie über die Grenze kommen, so haben wir obige Sätze aus der Wiener Realzeitung, in weIcher alle Fastischen Produckte under der Rubrik Erzmakulatur vorkommen, getreulich aufgehoben.

Andreas Riem Über Aufklärung Erstes Fragment

Einleitung

So manches habe ich über diesen wichtigen Gegenstand gelesen und mehr noch gehört; aber ich gestehe es frei, weder Schriften noch Räsonnement haben meinen gänzlichen Beifall. Inwiefern ihn die meinige verdiene, darüber sollen Kunstrichter und Publikum urteilen.

Der grösste teil derer, welche über Aufklärung schrieben, haben die Begriffe, welche dieses Wort entält, entweder gar nicht oder unrichtig bestimmt. Welche Folgerungen waren da zu erwarten, da man diese nicht festsetzte? und wie mannigfaltig und verschieden mussten die Urteile ausfallen, da jeder seine Begriffe unterschieben konnte.

Und doch ist nichts so deutlich und einfach, als die idee, welche das blosse Wort: Aufklärung darbietet. »Sie ist nichts anderes als die Bemühung des menschlichen Geistes, alle Gegenstände der Ideenwelt, alle menschlichen Meinungen und ihre Resultate, und alles, was auf Menschheit Einfluss hat, nach Prinzipien einer reinen Vernunftlehre, zu Beförderung des Nützlichen, ins Licht zu setzenBedarf es hier selbst für den mittelmässigsten Verstand noch der Frage, ob diese Bemühung gut oder schädlich sei? wohl bei manchem, der tief in Vorurteilen liegt, der aus Gewohnheit, schief zu sehen, diese Vorurteile innigst liebt und Fülle des unermesslichsten Eigensinns besitzt, die sie ihn aufzugeben hindert.

Viele verbinden der Wahrheit die Augen, damit sie ihre Torheiten nicht sehe. Mehrere, deren Geist keiner edlen Grösse fähig ist, wünschen sie von ihren Mitmenschen verbannt, um keine Richter ihrer Torheiten und keine Beurteiler ihres Unsinns zu haben. Die meisten finden ein wirkliches Interesse darin, Vorurteile zu hegen, weil kein Feld der Spekulation zu wichtigeren Finanzoperationen ergiebiger ist, als jenes der Dummheit einer Menschenklasse, die List und Betrug auszusaugen willens ist. Ich schmeichle keinem Menschen, gewiss also am wenigsten der Dummheit. Stupider Beifall ist mir unerträglich. Ebenso wenig opfere ich zeitlicher Belohnungen halber die Wahrheit der Lüge auf. Ich kann irren; aber ich werde mich hüten, dieses zu tun; und wenn mich dies allgemeine Los der Menschheit treffen sollte, so habe ich durch Aufklärung gelernt, dass sich zurechtweisen lassen Ehre bringe. Ich glaube mit Salomo, dass die Wahrheit auf allen Strassen verkündigt zu werden fordern könne; und schädlicher als Jesuitismus ist es, sie zu ersticken. Stolze Frivolität mag immer wie der ägyptische Priester sie in Hieroglyphen einkleiden; mir gefällt sie in ihrer nackten Schönheit besser als unter den barocken Verzierungen der Mode des Vorurteils. Ob ich recht habe, entscheide der Leser, der über das, was ich darüber sagen werde, nachdenken kann.

Aufklärung ist ein Bedürfnis des menschlichen Verstandes

Wenn du dich mitten unter einem Haufen eines barbarischen Negervolks, auf den Küsten von Afrika, befändest und sähest, wie wild sie die Rechte der Menschheit entehren; sähest eine Xinga um die Schlachtopfer einer blutdürstigen Religion tanzen, ihnen mit der Streitaxt den Schädel zerschmettern, dass das Gehirn umherspritzt, und mit heissem Durst das Blut dieser Unglücklichen saufen - mitleidiger Europäer! würdest du nicht wünschen, dass Xinga aufgeklärter überhaupt sein möchte?

Wenn ein englischer Barbar einen Negersklaven in einem eisernen Käfig im dicksten Wald aufhängt, damit tagelang die Raubvögel ihn lebendig Stück für Stück auffressen und seine Qualen zu Höllenmartern machen - wäre es für die Menschheit nicht besser