der Vatikanische Blitz davon zurück. Man befürchtete also der Layenpöbel möchte besagte Bücher verstehen: eine Sache, die freilich von dem Teologischen nie zu besorgen war. Der römische Katalog der verlohrnen Bücher ist ein ehrenvolles Denkmal der Empfänglichkeit des Volckes für Wahrheit.
Ueberaupt sind alle Vorkehrungen, welch gegen die Möglichkeit der Volksaufklärung gemacht werden
können, am Ende unnütze, und dienen zuletzt zu nichts weiter als das Dasein dieser Möglichkeit zu erweisen. Aller Nebel, den die Mönchspfützen aller zeiten und Erdgegenden ausgedünstet haben, konnte nie so dicht werden, dass er gegen die Straten der Wahrheit, die ihn über kurz oder lang zerstreuen müssen, bestehen könnte. Er kann die Augen unserer Vernunft lange Zeit am wirklichen Sehen verhindern; aber er kann ihnen ihre Sehkraft selbst nie rauben. Gerade der tiefste Grab der Unwissenheit und des Irrtums ist bei einem gesitteten volk Vorbereitung und Vorbote der nahen Aufklärung desselben. Die Bonzen hätten selbst zu viel dabei zu verlieren, als dass ihnen die Lust
ankommen sollte, eine gesittete Nation in den Zustand einer Huronischen oder einer Irokesischen Wildheit her abzusehen; und doch müssten sie es so weit gebracht haben, bevor sie es verhindern könnten, dass eine Nation selbst im tiefsten grab der Unwissenheit und des Irrtums nicht endlich anfangen sollte das Bedürfniss der Aufklärung wenigstens zu empfinden. Mancher Tyrann dessen Name man nie ohne Abscheu nennen hört, hat im grund zur nachmaligen Freiheit seines Volckes mehr beigetragen, als der grosse und gute Mann den das Volk als seinen Retter verehrt. Das Joch musste vorher unerträglich gemacht werden, wenn man sich entschliessen sollte dasselbe abzuwerfen. So müssen oft die Geistesfinsternisse eines Volckes so dicht werden, dass der Pöbel mit seinen Köpfen daran stösst, wenn sich dieser beigehen lassen soll, nach Licht umzusehen. Je stärcker und unmittelbarer der Einfluss ist, den Wahrheiten, die uns Unwissenheit nicht kennen, Irrtum verkennen macht, auf unser Wohl haben, desto weniger kann unsre Unwissenheit und unser Irrtum auf die Länge aushalten. Je weiter wir uns von der Wahrheit entfernen, desto empfindlicher wird unser Elend. Es muss endlich so empfindlich werden, dass wirs nicht aushalten können, auf die Ursachen aufmerksam werden, nach Rettung seufzen, und jeden der uns zurechte weisen kann und will für unsren Retter ansehen. Aufklärung ist dann Bedürfniss das befriediget werden muss, und nie sind wir gelehriger, als wenn es auf ein Bedürfnis, ankommt das uns unüberwindlich geworden ist. Kaum kann es ein dümmeres Volck geben als die Kamtschadalen, und kaum hat es ein Volck in der Geschicklichkeit Kleider zu verfertigen weiter gebracht. Allein der Unterricht, den ihm diessfalls die Kälte seines Winters gibt, ist auch handgreiflich genug. Die Mönche mussten ganze Länder beträchtlich entvölkert, Stammhäuser ausgerottet, und beinahe so viele Besitzungen an sich gebracht haben, dass man besorgen musste, sie würden nächstens auch die zeitliche Oberherrlichkeit über die Layen davon tragen: bevor man es in gewissen katolischen Staaten wagen durfte, sie durch Zwanggesetze dahin zu bringen, dass sie ihre Neulinge erst volljährig werden liessen bevor sie der Menschheit entsagten; und ehe man es wagen durfte, den Layen zu verbieten, das Erbe ihrer Kinder an Leute zu verschenken, die es verschworen haben jemals Vater zu werden. Eben diese Mönche mussten vorher durch ihr ungestümmes Betteln, und ihren Wucher mit heiligen Quinquallerien, das Fleisch das sich der Bauer für seinen Festtagstisch aufbehielt für ihren leckerhaften Alletagstisch, uud den Wein, den er nicht zu trinken wagte, weil er ihn wider künftigen Brodmangel aufbewahren musste, — für ihre täglichen Trinkgelage, herauspressen; das Geschrei der Hungrigen, die auf diese Weise um das Allmosen kamen das ihnen durch Alter und Krankheiten zur einzigen Aushülfe übrig gelassen, und nun durch müssige Schlemmer vom mund weggenommen wurde, musste laut genug werden: wenn das arme guterzige Völklein mit der wohltätigen Verordnung Josephs, wodurch es mit einemmale von dieser unaufhörlichen Brandschätzung befreit wurde, zufrieden sein sollte. Die heilige Inquisition musste eine Anzahl von Menschenopfern dem Interesse des römischen Hofes und seines Mönchenheeres geschlachtet, sie musste den Staaten ihre brauchbarsten Bürger verbrannt und verbannt haben; die Menge der verwaiseten Kinder, Verwandten und Freunde, und die Angst des für seine Güter und sein Leben zitternden Volkes mussten beträchtlich genug geworden sein, bevor Spanien jener rührenden Freude fähig wurde, die bis zu uns herübertönte, als endlich auch daselbst die Menschlichkeit über jenes feuerspeiende, blutdürstige Ungeheuer auf kurze Zeit triumphierte. Kurz ! die Bonzen aller Nationen mussten genau so viel für die Verfinsterung des menschlichen Verstandes tun als sie wirklich getan haben, ehe die schlimmen Folgen davon auffallend genug werden konnten um die Menschen mit Gewalt zum Nachdenken zu zwingen. Die religiösen Phantome, mit denen sie den Pöbel in Contribution zu setzen und zu erhalten wussten, mussten abscheulich genug werden, bevor sie ihn in die arme der Wahrheit zurück schrecken konnten. Man erlaube uns nur noch ein Beispiel aus der heutigen Aufklärungsgeschichte Wiens. Die bündigsten Widerlegungen aller Weisen der ganzen Welt würden es kaum vermocht haben den Pöbel zu Wien über die wahre Beschaffenheit des katolischen Unterrichtes, den er von seinem Hauptpastor, dem berüchtigten Pater Fast erhielt, so schnell und so vollkommen aufzuklären, als es durch den Mann selbst mit einer einzigen Blattseite geschah. So lange sich dieser rüstige Verfechter des Aberglaubens begnügte, aus Sendung und mit Genehmhaltung seines Oberhirtens jene Irrtümer und Misbräuche zu verteidigen, die durch Herkommen und Gewohnheit für gewöhnlich Augen ihre empörende Abscheulichkeit verlohren haben; blieb er immer der Lieblingsautor seines Pöbels. Er durfte demselben weiss machen: „die wienerische Kirche sei