mit sich auf die Welt, als er nötig hat um weise zu werden, das heisst, um sich über die Gegenstände, die auf seine Glückseligkeit einen beträchtlichen Einfluss haben, eine verhältnissimässige Menge deutlicher Begriffe zu erwerben; wenn anders, nachdem er einmal den Schooss seiner Mutter verlassen hat, dass nötige vorgekehret wird.
Indessen ist es immer Tatsache, dass der grössere teil jeder Nation Pöbel ist, er mag es nun auf was immer für eine Art geworden sein. Sollten nicht jene Umstände, durch welche dieser grössere teil in eine so verächtliche klasse heruntergesetzet wird, seine von der natur erhaltenen Geisteskräfte bis auf den Grad zerstöret haben, in welchem alle Aufklärung nichts mehr wirken kann? Sollte die Erziehung und die Lage des grossen Haufens kein unübersteigliches Hindernis seiner Vernunftbildung sein? Jeder Irrtum entfernt von Wahrheit, schränkt die nähere Vernunftfähigkeit ein, und dient der Unwissenheit zur Vormauer. Sollte nun diese Vormauer durch die arbeiten aller Feinde der Vernunft alle Jahrhunderts herunter nicht endlich stark genug geworden sein, um aller Macht der Wahrheit Trotz zu bieten? Sollten z. B. die Mönche mit dem verstand ihrer katolischen Zeitgenossen noch nicht so weit fertig geworden sein, dass es wenigstens von Seiten dieses Verstandes unmöglich wäre, dass ihm Joseph und seine Weisen wieder aufhülfen? Einige aufmerksame Blicke auf die geschichte des menschlichen Ver, Landes werden uns diese Frage beantworten. Man vergesse nur nicht, dass hier von gesitteten Nationen die Rede ist.
Wenn man einerseits über die Menge und die Schädlichkeit der Irrtümer, mit denen das Menschengeschlecht, so weit wir zurückdenken können, heimgesuchet wurde, erstaunen muss: sind doch auch andererseits die Siege, welche die Wahrheit zu allen zeiten über ihre Gegner davon trug, nicht weniger bewunderungswürdig. Wie unendlich vieles musste nicht in den Begriffen der Menschen berichtiget werden, bevor so manches Laster, dem ganzen Nationen Altare bauten, in seiner eigentümlichen Gestalt erschien; bevor das eine Volk den Diebstahl, das andere die Gemeinschaft der Weiber, dieses den Selbstmord, jenes das Menschenopfer für das erkannten was sie wirklich find! Würden wohl die Eingeweihten mancher alten Mysterien sich je eingebildet haben, dass der Pöbel, der profane Pöbel ihrer Nachkommen in mancher Rücksicht über die Gotteit, Sittlichkeit u.s.w. richtiger denken würde, als seine Mystagogen? Würde Sokrates gedacht haben, dass eben das Volk, welches die angebliche Verachtung seiner Götter mit dem tod rächen zu müssen glaubte, über eben diese Götter so bald lachen würde? Würde Cicero sich vorgestellt haben, dass sein Ruhm bei der Nachwelt länger dauren würde, als die Dii immortales seiner Zeitgenossen? Und haben diese Männer, als grosse Menschenkenner, auch wirklich diese schnellen und wichtigen Veränderungen in den Begriffen ihrer Nationen vorhergesehen, so mussten sie allerdings dem volk die Fähigkeiten, von denen hier die Frage ist, zugetrauet haben.
Sokrates, der die Philosophie vom Himmel auf die Erde herunterbrachte, war freilich zu sehr Sokrates, als dass er es im Ernste darauf anlegen konnte, im abergläubischen, kindischen, wetterlaunigten Pöbel von Aten in eine Nation von Philosophen umzuschaffen. Indessen hatte er bei seiner Metode nichts geringeres zum Endzwecke, als entwicklung der Begriffe des gemeinen Mannes — Aufklärung des Pöbels. Er hielt also den Pöbel seiner Landesleute nicht für verdorben genug, um an seiner Besserung zu verzweifeln. Die geistlichen und weltlichen Herren Synkophanten waren hierin vollkommen der Meinung des Sokrates. Sie fürchteten, was dieser hoffte. Unstreitig war schon manche Wahrheit durch den Mann und seine Metode unter dem volk gang und gebe geworden. Man besorgte also nicht ohne Grund, die Summe dieser Wahrheiten müsste nach und nach grösser werden, als es besagte geistlichen und weltlichen Herrn von Amts wegen zugeben, konnten; und der Mann und seine Metode mussten aus der
Welt fort.
Die Menge deutlicher Begriffe, welche hinreichen sollte, ateniersische Sykophanten in ihrer wahren
Beschaffenheit dem Pöbel darzustellen, hätte immer sehr beträchtlich sein müssen. Sokrates und seine Gegner hatten also eine ziemlich hohe Meinung von der Vernunftfähigkeit des Pöbels. Alle Stifter der Nationen, alle Gesetzgeber und Weise, welche bisher mit und ohne Erfolg an der Glückseligkeit der Menschen gearbeitet, alle Despoten, Baalspfaffen und Bonzen, die den Erstern entgegen gearbeitet haben, hatten von der Vernunftfähigkeit ihres respektiven Pöbels nicht schlimmer geurteilt. Sonst würden es die Einen für überflüssig gehalten haben, ihre Ruhe, ihr Vermögen, ihre Gesundheit und ihr Leben für die Aufklärung ihres Vaterlandes zu wagen, und die Andern für ihre Gemächlichkeit, ihre Reichtümer, ihr Ansehen gegen diese Aufklärung zu kämpfen. Die erstaunlichen Revolutionen, die oft nur ein einziger Mann in den Köpfen einer ganzen Nation veranlasset, vorbereitet, aufgeführet hat, zeigen endlich genug, wie wenig sich sowohl Aufklärer als Verfinsterer in ihrer guten Meinung von dem Fähigkeitten des Pöbels geirret haben.
Was hier zum Vorteile dieser Fähigkeiten gesagt worden, wird durch eine Menge Bullen der heiligsten Vater in Rom, Statuen der heiligen Congregationen der Kardinäle, und Dekrete der heiligen Inquisition aufs unwidersprechlichste bestätiget. Durch die verewigten Anstalten dieser allerhöchsten, höchsten, und hohen Tribunale kam jenes berühmte Bücher-Verzeichniss zu stand, welches so manchen Werken der grössten Köpfe aller Nationen den Stempel ihrer Brauchbarkeit zur Aufklärung ausdrückte. Nur graduirte Geistliche, Lektoren und Prediger, Männer, welche durch ihre teologischen Panzer und ihre dichten Helme des Glaubens gegen alle Gefahren, die ihre heilige Unwissenheit bei so einer Lektüre laufen müsste, genugsam verwahret sind, erhalten erlaubnis, jene Werke sogar vorher zu lesen als sie dieselben widerlegen. Alle übrigen Christenleute schleudert