Begriffen ein. Aufklärung im engeren verstand ist also die Anwendung der Mittel welche in der natur liegen, die verworrenen Begriffe in deutliche aufzuhellen.
Hat einmal die Vorstellungskraft auch nur einen einzigen verworrenen Begriff in seine Merkmale aufgelöset, so waren die Anstalten zu diesem Erfolge, so war Aufklärung, und mit ihr wirkliche Vernunft da. Allein so wenig es einen Menschen gibt der wirklich nur einen einzigen deutlichen Begriff hätte, so wenig würde einem solchen der Name eines Vernüftigen gebühren. Man muss, eine gewisse Menge deutlicher Begriffe und bis auf einen gewissen Grad von Deutlichkeit beisammen haben, wenn man unter den Menschen für vernünftig gelten will. Die Anstalten welche dieser Grad von Vernunftbildung voraussetzet, bestimmen zwar den Betriff von Aufklärung näher; allein die Vernunftbildung muss besonders in die Augen fallen, wenn ihr der Sprachgebrauch den Namen Aufklärung eingestehen soll. Ein Aufkgeklärter heisst nur ein Mensch dessen Vernunft sich merklich über die gewöhnliche erhebt.
Alle Begriffe welche in der menschlichen Vorstellungsart Deutlichkeit zulassen find gegenstand der Vernunft, und folglich auch der Aufklärung. Allein sowohl die Schranken unsrer Kräfte, als auch die kurze Dauer unsers Lebens machen den Besitz aller der deutlichen Begriffe, die der Menschheit überhaupt erreichbar sind für jeden einzelnen Menschen unmöglich. Die Vernunftbildung jedes Einzelnen muss sich also auf eine gewisse Summe von Begriffen einschränken. Wie nun diese Begriffe unter einander an Wichtigkeit verschieden sind, so ist es auch die Aufklärung. Im grund ist auch der Schuster, der den Ban seines Schuhes deutlich anzugeben weiss, über sein Handwerk aufgeklärt. Allein der Sprachgebrauch leget diese Benennung wieder nur Menschen bei, die es in der Deutlichkeit jener Begriffe, die auf menschliche Glückseligkeit einen beträchtlichen Einfluss haben, weil genug gebracht haben. Die Bestimmung, welche der Begriff von Aufklärung hierdurch erhält, schränket ihn auf die entwicklung wichtiger Begriffe ein. '
Eine Nation, die nur wenige in diesem Sinne Aufgeklärte aufzuweisen hat, verdient den Namen einer aufgeklärten Nation nicht. So lange die Anstalten der Vernunftbildung so gering und unwirksam sind, dass sich ihr Einfluss nur auf einige erstrecken kann, so lange sind sie dem Sprachgebrauche viel zu unbeträchtlich, als dass er sie mit dem Namen der Aufklärung beehren sollte. Der Aufklärer muss sich wenigstens um einen grossen teil seiner Nation verdient gemacht haben, wenn er seine Ansprüche aus diesen ehrenvollen Namen behaupten soll.
Die Nation mit welcher sich die Vernunftbildung beschäftiget ist entweder noch wild oder schon gesittet. Im ersten Falle ist ihre Vernunftfähigkeit noch zu wenig bestimmt, sind ihre Anlagen noch zu, wenig ausgebildet, ist der Fortschritt ihres Geistes noch unmerklich, als dass sich ihre Vernunftbildung, wurde sie auch noch so eifrig betrieben, den Namen Aufklärung in dem bisher bestimmten Sinne verdienen könnte. Er kann also nur der höhern Vernunftbildug gesitteter Nationen zukommen. Peter der Grosse machte seine Untertanen zu Menschen; Joseph kläret die Seinigen auf. Nur bei einer gesitteten Nation kann der gang der Aufklärung schnell genug fortgetrieben werden, dass er von ihren Nachbarn bemerkt würde. Eben dies Forttreiben und dieser schnellere gang ist es, den die Beobachter mit dem Namen Aufklärung ausrufen. Auch in Portugall würket der menschliche Geist immer vorwärts. War aber wohl deswegen je die Rede von einer Aufklärung in Portugal?
Die Anstalten, durch welche die Vernunftbildung einer gesitteten Nation bewirkt werden kann, sind unzählig. Altes, was das Nachdenken zum Bedürfniss machet und erleichtert, ist eine Anstalt dieser Art, und gehöret unter die bisher angezeigten Bestimmungen unsers Begriffes. Der gemeine Gebrauch aber hebt aus allen diesen Anstalten nur diejenigen heraus, die von Menschen mit Absicht getroffen werden können, und die sich so mannichfaltig sie auch immer sein mögen, meist auf Gesetzgebung und Unterricht zurückführen lassen. Er beehret sie vorzugsweise mit dem Namen Aufklärung, so bald sie ihre wohltätige Wirkungen in einem vorzüglich auffallenden Grade äussern. Nie ist das Wort Aufklärung in dieser Bedeutung so oft gebraucht worden, als seitdem Joseph den Tron seiner Vater bestiegen hat. Dies ist auch wirklich die edelste Bedeutung die dem Worte zukommen kann, Aufklärung in diesem verstand ist eine moralische Handlung und zwar von der edelsten Art; vielleicht die einzige durch welche der Mensch seine stolzen Ansprüche auf Aehnlichkeit mit dem Urheber der natur noch am erträglichsten rechtfertigen kann.
Mancher Leser wird vielleicht an der beträchtlichen Deutlichkeit wichtiger Begriffe, die ich ganzen Nationen zumute, hängen bleiben. Ich höre ihn einwenden: deutliche Begriffe wären die Früchte langer und mühevoller Betrachtungen eines Weisen, der, in der Entfernung von den zerstreuenden Beschäftigungen und Ergötzlichkeiten der Welt, im Umgange mit Büchern und sich selbst, die Erforschung der Wahrheit zum Hauptgeschäfte seines Lebens macht. Deutliche Begriffe wären das ausschliessende Vorrecht des Philosophen, Der Pöbel *) der immer den grösseren teil jeder Nation ausmacht, müsste aufhören Pöbel zu sein, sobald er es bis zum Deutlichdenken gebracht hätte. Ich antworte hierauf: wie es eine natürliche und eine künstliche Logik gibt, so gibt es auch eine natürliche und eine künstliche Deutlichkeit der Begriffe. Diese mag immer das Vorrecht der Philosophen bleiben; jene kann man dem Pöbel nur in dem Falle, absprechen, wenn man nur Philosophen für Menschen gelten lassen will. Man bemerke den. Unterschied zwischen den deutlichen Begriffen des Pöbels
und jenen des Philosophen, wie ich ihn gefunden zu haben glaube. Die Fähigkeit des Pöbels zu deutlichen Begriffen ist mehr leidend als wirkend; die des Philosophen mehr wirkend als leidend; der Philosoph lehrt; der Pöbel lernt; der Philosoph zergliedert den Begriff; der Pöbel fasset den zergliederten auf; der eine überwindet alle Schwierigkeiten die ein deutlicher