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darauf 1780 herausgekommenen königl. Abhandlung bemerket man, dass der Monarch, ohnerachtet er allen Fakultäten und Wissenschaften, die Art ihres Vortrags und dessen Ordnung vorschreibt, und ohnerachtet ihm gar nicht unbekannt sein konnte, dass durch den Vortrag der Gottesgelehrten an ihre Gemeinden, und durch den Einfluss auf die Gemüter der Menschen, viele hundert Personen in kurzer Zeit eher können aufgekläret und viele Irrtümer ausgerottet werden, besser als durch alle Schriften, so übergeht er solches gänzlich und entschuldigt sich damit:

dass er in Absicht der Teologie ein ehrerbietiges Stillschweigen beobachten wolle, weil man sagte, dass sie eine göttliche Wissenschaft sei, in deren Heiligtum sieh die Laien nicht wagen dürfen.

Es entstehet also der

6. Vorschlag: ob nicht eine nähere Untersuchung der beiden entgegengesetzten Preisschriften, und derer die mit dem Accessit beehret worden, zu veranstalten wäre, um beiderseitige Gründe gegen einander zu halten und zu überlegen, ob unsere Bemühungen, ausser dem Publiko, auch dem staat und der Regierung nützlich oder schädlich sind?

Wir können über den letzten Vorschlag sicher nach unsern Einsichten entscheiden, weil wir unter dem Siegel der Verschwiegenheit, unserm vorzüglichsten gesetz, die Pflichten gutmeinender Patrioten erfüllen. Wir haben keinen August zum Protektor und keine Mäzene und Mäzenaten unter uns, bei denen wir durch gegenseitige Äusserungen anzustossen befürchten dürfen, wir harren auch nicht auf die Belohnungen eines Hauses Este, oder Medizi oder Franz des ersten und Ludwigs des vierzehnten, die der Monarch anführet, auch nicht der Durst nach Ruhm oder Lob kann unser Urteil leiten, da wir unerkannt bleiben, und ist die innere Überzeugung, das Beste unserer Mitbürger und unserer Nachkommen ohne alle äusserliche Absicht nach unsern Kräften zu befördern, die vorzüglichste und einzige Belohnung.

Alle diese Vorschläge zu Ausarbeitungen und Vorlesungen übergebe ich meinen hochzuehrenden Herren zur nähern Prüfung, um diejenigen hinzuzufügen, die ihnen ebenso wichtig und noch wichtiger scheinen, damit wir Materialien zu unsern Vorlesungen sammlen, die wir alle für gemeinnützig halten und die wir aussuchen können, wenn wir über deren Wahl verlegen sind, jedoch mit der völligen Freiheit, dass, jeder unter uns eine von diesen oder eine andere Materie zur Vorlesung erwählen darf.

Karl Friedrich Freiherr von Moser

Publizität

Der Strom der Publizität, im guten und schlimmen Sinn, lässt sich nicht mehr aufhalten; man hat es zu weit kommen lassen; man hätte ihn längst besser eindämmen und ihm eine andere Richtung geben sollen, man verachtete aber die Glut, weil sie mit Asche bedeckt war, man vernachlässigte den inneren Brand, weil man noch keine Flamme sah oder sie leicht zu löschen glaubte; alle Lamentationen, alle Wahlkapitulationen und Komitial-Schlüsse mit ihren Zumutungen, Zusagen und Drohungen kommen viel, viel zu spät und können bei der ganzen Verfassung des unharmonischen Reichs-Systems, bei der Trägheit, Eigennutz und Ohnmacht so vieler und an Können und Wollen so sehr verschiedener grosser und kleiner Stände, bei der ganzen Beschaffenheit, Politik und Independenz des Buchhandels, bei der Freiheit und Frechheit so vieler Schriftsteller und bei der unersättlichen Leselust aller Stände gerade so viel helfen, als der bekannte Vorschlag des Generals von Ryan: dass man die Wiesen pflastern solle, damit ihnen die Maulwürfe keinen Schaden tun können.

Die zeiten sind vorbei und es ist zu spät, das Liebt verbauen zu wollen; je länger je mehr kommt es nur noch darauf an: ob dieses Licht nur leuchten und erleuchten oder zünden und verbrennen solle?

Ob der Bürger und Bauer wissen dürfte, was er, von Gottes und Rechts wegen, wissen solle: davon kann keine Frage mehr sein; sie wissen sich auf alle Fälle Rat zu schaffen und schaffen sich solchen wirklich; sondern davon ist die Frage: ob den Hirten und Vätern der Völker gleichgültig sein könne und dürfe, dass diese das zu wissen Erlaubte und Berechtigte recht wissen, oder dass sie sich einen Wahnglauben zusammenknüpfen, der sie aus Wahrheit in Irrtum, aus einem in seinen Anfängen unschädlich scheinenden Irrtum in einen durch seine Folgen gefährlichen, vom Weg auf Abwege und Abgründe, und endlich Hirten und Herde in gemeinschaftliches Verderben führt.

Seltsam genug ist daher: man verbietet durch Reichs- und Kreis-Schlüsse zum Aufruhr reizende Schriften und gibt doch nichts Besseres dagegen. Durch blosse Befehle lässt sich fürwahr keine Feuersbrunst dämpfen, und ebenso wenig rettet man sich aus Versäumnis durch spätere Klugheit. Am liebsten sahen es die Herren freilich, wenn es gar nie brennte oder jedes Feuer gleich in sich selbst wieder erstickte. Weil aber diese Zumutung wider die Erfahrung und die Elemente der Dinge ist, so sollten wenigstens die, welche sich in ihrem Haus nicht sicher wissen und bereits Feuer fangende Materien um und neben sich haben, so viel Liebe zu sich selbst besitzen, um es nicht aufs blosse Ungefähr ankommen zu lassen: ob der Funken auch wirklich zur Flamme ausschlagen werde? Kleine Hausmittel wirken in solchen Fällen gemeinhin sicherer, schneller, gewisser, als die geräuschvollste Gegengewalt.

Eben diese gering und unansehnlich scheinenden Hausmittel sind es, welche von den Regenten vernachlässigt, gering geschätzt, ja verachtet werden. Schmeichler, Jaherrn, Tagelöhner, Augendiener heben und belohnen sie; weise Männer, die im Verborgenen den Schaden des Vaterlandes betrauern, die Ursachen des Verfalls erforschen, beherzigen und endlich aus Herzensdrang ihre Warnungs-stimme erheben, werden weder aufgesucht, noch um Rat gefragt und ermuntert, sondern vielmehr verachtet, verhöhnt und als Visionäre und Träumer verlacht. Sie, von denen man wohl sagen kann, dass ihrer die Welt nicht wert sei, drängen sich freilich