und den Menschen zierende Wahrheiten nicht verbreiten darf, ohne die ihm nun einmal beiwohnenden Grundsätze der Religion und Sittlichkeit niederzureissen, so wird der tugendliebende Aufklärer mit Vorsicht und Behutsamkeit verfahren, und lieber das Vorurteil dulden, als die mit ihm so verschlungene Wahrheit zugleich mit vertreiben. Freilich ist dieser Maxime von jeher Schutzwehr der Heuchelei geworden, und wir haben ihr so manche Jahrhunderte von Barbarei und Aberglauben zu verdanken. So oft man das Verbrechen greifen wollte, rettete es sich ins Heiligtum. Allein dem ungeachtet wird der Menschenfreund in den aufgeklärtesten zeiten selbst noch immer auf diese Betrachtung Rücksicht nehmen müssen. Schwer, aber nicht unmöglich ist es, die Grenzlinie zu finden, die auch hier Gebrauch von Missbrauch scheidet. –
Je edler ein Ding in seiner Vollkommenheit, sagt ein hebräischer Schriftsteller, desto grässlicher in seiner Verwesung. Ein verfaultes Holz ist so scheusslich nicht, als eine verweste Blume, diese nicht so ekelhaft, als ein verfaultes Tier, und dieses so grässlich nicht als der Mensch in seiner Verwesung. So auch mit kultur und Aufklärung. Je edler in ihrer Blüte, desto abscheulicher in ihrer Verwesung und Verderbteit.
Missbrauch der Aufklärung schwächt das moralische Gefühl, führt zu Hartsinn, Egoismus, Irreligion und Anarchie. Missbrauch der kultur erzeugt Ueppigkeit, Gleissnerei, Weichlichkeit, Aberglauben und Sklaverei.
Wo Aufklärung und kultur mit gleichen Schritten fortgehen, da sind sie sich einander die besten Verwahrungsmittel wider die Corruption. Ihre Art zu verderben ist sich einander schnurstracks entgegengesetzt.
Die Bildung einer Nation, welche nach obiger Worterklärung aus kultur und Aufklärung zusammengesetzt ist, wird also weit weniger der Corruption unterworfen sein.
Eine gebildete Nation kennt in sich keine andere Gefahr, als das Uebermass ihrer Nationalglückseligkeit, welches, wie die vollkommenste Gesundheit des menschlichen Körpers, schon an und für sich eine Krankheit genannt werden kann. Eine Nation, die durch Bildung auf den höchsten Gipfel der Nationalglückseligkeit gekommen, ist eben dadurch in Gefahr, zu stürzen, weil sie nicht höher steigen kann. – Jedoch dieses führt zu weit ab von der vorliegenden Frage!
1. Was ist zu tun zur Aufklärung der Mitbürger?
Wie ich in der letzten Versammlung etwas von alten brandenburgischen Brakteaten, ausser der Ordnung vorzulesen die Ehre hatte, so habe ich die Ursache meiner Auswahl angezeigt; ich versprach die Rauenschen Kupfertafeln liebst einiger Nachricht von den dahin gehörigen Schriften heute nachzuliefern, werde aller daran gehindert, weil ich noch einige von diesen Tafeln durch Herrn Direktor Merian erwarte, die verlegt worden oder sich vergriffen haben. Deshalb bitte mir für heute die Erlaubnis aus, gegenwärtigen Aufsatz vorzulesen, oder wenn die Zeit zu kurz ist, solchen in die Kapsel legen zu dürfen, damit folgende Vorschläge durch das Mitwirken meiner hochzuehrenden Herren zu besserer Reife gedeihen mögen. Unsere Ansicht ist, uns und unsere hiesige Mitbürger aufzuklären: die Aufklärung einer so grossen Stadt wie Berlin, hat Schwierigkeiten; sind sie aber gehoben, so verbreitet sich das Licht nicht allein in der Provinz, sondern im ganzen land, und wie glücklich würden wir nicht sein, wenn auch nur einige Funken, hier angefacht, mit der Zeit ein Licht über ganz Deutschland, unser allgemeines Vaterland, verbreiteten.
Um unsern Zweck zu erreichen, wäre der
1. Vorschlag, genau zu bestimmen, was ist Aufklärung?
und dass wir
2. die Mängel und Gebrechen in der Richtung des Verstandes, in der denkart, in den Vorurteilen, und in den Sitten unserer Nation, oder auch nur des hiesigen Publikums bestimmen und aufsuchen, wodurch sie bisher befördert worden.
3. dass wir diejenigen Vorurteile und Irrtümer, welche am schädlichsten sind, zuerst angreifen und ausrotten, und diejenigen Wahrheiten, deren allgemeine Erkenntnis am notwendigsten ist, mehr entwickeln und ausbreiten.
Es wäre auch
4. der Untersuchung wert, warum die Aufklärung bei unserm Publico noch nicht sehr weit gediehen, ohnerachtet seit mehr als vierzig Jahren hier die Freiheit zu denken, zu sprechen, allenfalls auch drucken zu lassen, dem Anschein nach mehr geherrscht als in andern Ländern, auch selbst der Unterricht der Jugend sich nach und nach verbessert hat.
Es ist bekannt, dass unser grosser Monarch sich in neuern zeiten die Mühe gegeben, in der Abhandlung über die deutsche Literatur, die Mängel, die man ihr vorwerfen kann, die Ursachen derselben, und die Mittel, sie zu verbessern, anzuzeigen. Er hat gelegentlich den Mangel der Aufklärung dem fehlerhaften Unterricht in den schulen und auf Universitäten Schuld gegeben, darüber wird bereits sehr viel geschrieben.
Wenn er aber unsere Sprache der Unvollkommenheit beschuldiget, die richtigsten, stärksten und glänzendesten Ideen darin verständlich auszudrücken, so wäre es vielleicht
5. ein Gegenstand unserer Beschäftigung, auch auf Verbesserung unserer Sprache zu sehen, und zu untersuchen, in wieweit sie diese Vorwürfe wirklich verdienet.
Es ist wohl nicht zu läugnen, dass unserem Monarchen mehr die Aufklärung der Nation, als der deutschen Literatur am Herzen gelegen. Es scheint aber, dass er diesen Schritt, noch zur Zeit sehr bedenklich hält.
Ehe die Abhandlung über die deutsche Literatur herauskam, so wurde bei der Akademie 1778 die Preisfrage aufgeworfen:
Ist es dem gemeinen Haufen der Menschen nützlich, getäuscht zu werden, indem man ihn entweder zu neuen Irrtümern verleitet oder bei den gewohnten Irrtümern erhält?
Man siehet ans der Austeilung des Preises, da derselbe geteilet und die Hälfte der bejahenden Preisschrift, und die andere Hälfte der verneinenden zuerkannt wurde, dass eine so erleuchtete königliche Akademie diesen Ausweg erwählete, um nicht durch ein entscheidendes Urteil anzustossen. In der bald