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um dem aufrührerischen geist, um dem törichten Verlangen nach Freiheit zu begegnen, die jetzt die Zeit beherrschen. Der Einzelne muss dem Leben seinen Tribut bezahlen, das Blut und der Sinn des wahren Adels erben sich fort! Und wenn auch ich einst die dunkle Strasse gegangen sein werde, auf der wir heute unsere teure tote zu geleiten hatten, wird der Name derer von Arten fortleben von Geschlecht zu Geschlecht.

Lassen Sie uns darauf hoffen, versetzte der Pfarrer; denn Sie haben Ihr Andenken mit unserer Kirche, mit der Verbreitung des allein selig machenden Glaubens in unserer Provinz verbunden, und wie die Zeit auch in ihrem Wechsel kreist, der Geist unserer Kirche ist unwandelbar und wenigstens ihr Bestehen ist dauernd!

Von der Kirche herüber ertönte bei der hereinbrechenden Dämmerung der Gruss, welcher, aus der fernen Vorzeit die Geschlechter der Menschen überlebend, allabendlich durch die katolische Christenheit erklingt. Die Glocken läuteten das Ave Maria.

Der Freiherr und der Pfarrer bekreuzten sich beide. Es war still in dem Gemache. Die Nacht sank nieder, ohne dass sie es gewahrten. Sie hofften in ihrem Herzen auf ein ewiges Bestehen dessen, was ihnen wert und heilig war, und vergassen, dass es nichts Dauerndes gibt, dass Alles sich wandelt und vergeht.

Zweite Abteilung

Der Emporkömmling

Erstes Buch

Erstes Capitel

Eine Reihe von Jahren war entschwunden, seit man die Leiche der Baronin von Arten in dem Erbbegräbnisse der neuen katolischen Kirche in Rotenfeld zur Ruhe bestattet hatte, und schwere, blutige zeiten waren seitdem über die Erde hingegangen. Aus dem schöpferischen Chaos der französischen Revolution hatte sich die finstere, gewaltige Gestalt Napoleon's des ersten emporgehoben, dessen unersättlicher Ehrgeiz die Kriegsfackel über Europa schwang, während Zerstörung, Blut und Tränen den Weg bezeichneten, den sein Fuss von Sieg zu Sieg, von Eroberung zu Eroberung fortschreitend betrat.

Vom fernsten Westen Europa's bis hin an Deutschlands und Preussens östliche Grenzen waren die Wogen des Krieges, das Bestehende umgestaltend oder verschlingend, über die Länder gerollt. Staaten waren untergegangen, Könige und Fürsten enttront, neue Reiche gebildet und neue Herrscher und Könige ernannt worden. Im schloss wie in der Hütte hatte man die überall nachzitternde Kraft der ungeheuren Bewegung empfunden, und wie die Verhältnisse der Länder und ihrer Beherrscher sich geändert, so hatten sich mit diesen Wandlungen auch im Gesammtleben der Menschen wie in den einzelnen Ständen und in ihren Beziehungen zu einander grosse Veränderungen zugetragen.

Von jener Freiheit, welche die Franzosen zu erringen gewünscht, als sie den Tron der Bourbonen gestürzt, die Republik erklärt, den König und die Königin hingerichtet und das Blut derjenigen vergossen hatten, welche sie als Feinde der Freiheit betrachteten, war ihnen unter der tyrannischen herrschaft ihres ersten Kaisers nichts mehr übrig geblieben; aber die in der Revolution zur Geltung gekommene erkenntnis der menschlichen und bürgerlichen Gleichheit hatte in den Geistern eine zu tiefe Wurzel geschlagen, um so schnell wie die politische Freiheit vernichtet werden zu können. Der Zauber, welcher die alten adeligen Geschlechter umgeben, war in jener Zeit für das scharfe Auge des Bürgerstandes in Frankreich erloschen, und weder die von Napoleon ernannten Fürsten und Herzoge, noch jener teil des alten französischen Adels, der sich an den Tron des neuen Kaisers herandrängte, weil er im Dienen, gleichviel, wem er diente, seinen Vorteil und seine Ehre fand, waren dazu angetan, die frühere Geltung des Adels wieder zu erzeugen. Von einer abtrennenden Gliederung der Staatsangehörigen in drei Stände konnte ebenfalls nicht wohl die Rede sein, nachdem der sogenannte dritte Stand das Ruder des Staates jahrelang in seinen Händen gehabt hatte und seit der Sohn eines corsicanischen Advokaten der Welt gesetz vorschrieb. Die Verehrung des angestammten historischen Adels war in eine Verehrung der Macht übergegangen, und wenn damit der sittliche Gehalt der Menschen und der Zeit auch nicht eigentlich gehoben wurde, so waren der Verehrung doch weitere Grenzen gesteckt, seit dem Verehrenden sich die Aussicht eröffnete, auf den mannigfachsten Wegen sich selbst zu einem Machtaber und damit zu einem gegenstand der Verehrung zu erheben. Das militärische Genie, der Gelehrte, der Künstler, der Gewerbtreibende fanden dabei gleichmässig ihre Rechnung, und was für Napoleon in den Herzen des Volkes, das er unterjochte, dessen Steuerkräfte er übermässig in Anspruch nahm und dessen Söhne er unaufhörlich zur Schlachtbank führte, am allermeisten sprach, das war die Erinnerung, wie er selber aus den Reihen des Bürgerstandes hervorgegangen, Kinder des Volkes zu Königen und Fürsten erhoben hatte, und wie er in seiner person die Verkörperung dessen darstellte, was der Ehrgeiz des Genies zu erreichen wünschen musste und jetzt zu erreichen hoffen konnte.

Eben so gross als der Wechsel der Zustände, der sich in Frankreich innerlich und äusserlich ereignet, war die Wandlung gewesen, welche sich in Deutschland durch die Nachwirkung jener ungeheuren französischen Revolution im Bewusstsein und in der Empfindungsweise der Menschen vollzogen hatte. Seit mehr als andertalb hundert Jahren blind der Bewunderung des französischen Geistes, knechtisch der Nachahmung französischer Sitte und Mode untertan, war schon vor dem Beginne der französischen Revolution mit dem Auftreten Lessing's, Goete's und Schiller's der Mahnruf an die Deutschen ergangen, sich ihrer eigenen Macht und Bedeutung, sich ihrer eigenen Abstammung und Grösse zu erinnern; und was die Kraft, was die befreiende Erhabenheit dieser Heroen begonnen, das vollendete die napoleonische Tyrannei, deren eiserne Schwere sich stärker und stärker auf Deutschland herabsenkte. In Blut und Tränen, unter dem Drucke der Fremdherrschaft, in der willkürlich über ihm verhängten Zersplitterung, in der Knechtschaft und in den Banden