von Hyde-Park wie ein Feenschloss im Märchen – aus Glas erhob. Die französische Republik lag in den letzten Zügen, ganz bereit, wie fünfzig Jahre zuvor, von einem zweiten Diktator sich in eine Knechtschaft bringen zu lassen, gegen welche die beiden letzten, durch Emeuten gestürzten Regierungen Frankreichs im hellsten Lichte der Freiheit aufleuchteten; ein Schicksal, das übrigens, wie die Weltgeschichte lehrt, nicht die französischen Republiksversuche allein, sondern alle diejenigen haben, die sich auf den Ruinen einer anderen durch Gewalt und Willkür zerstörten Regierungsform erheben. Der demokratische Geist, auf dem die moderne Republik beruhen soll, hat in sich etwas Zersetzendes und Zersplitterndes, weil jedes Individuum zum Miterrscher in der äusseren Welt berufen wird. Er muss also mit hoher Tugend gepaart sein, um der Masse von Individuen die Charakterstärke und die sittliche Reinheit zu geben, welche jeden einzelnen über die Klippe des Wahnes und des Wunsches hinwegheben, Alleinherrscher zu sein oder zu werden. In unseren alten monarchischen – jetzt leider! vielfach bureaukratischen Staaten, in denen sich der demokratische Geist aber nur als Gegensatz zu denselben, ja eigentlich nur als Gegensatz zu ihren Schattenseiten entwickelt, mangelt ihm jede hohe, einfache Tugend, welche notwendig wäre, um seinen Deklamationen gegen Missbräuche, Übergriffe und Untaten der Monarchien einige Würde zu verleihen und um seine beliebten Worte von Volksbeglückkung und Volksbildung in Taten zu verwandeln. In Europa hat er sich als unfähig zu dieser Aufgabe erwiesen, hat überall, wo er revolutionierend die Oberhand gewann, in England, in Frankreich, in Deutschland, die Völker in Verwirrung, Entsittlichung und Elend gestürzt; und hat sie zuletzt, stumpf und morsch, der Diktatur eines Cromwell, zweier Bonaparte's überliefert. Dass es in Deutschland nicht zu etwas Ähnlichem kam, hat man wahrlich dem demokratischen Geist n i c h t zu danken. Da nun dessen glänzendstes Produkt, die französische Republik, im Absterben begriffen war, so verschwand die Hydra Revolution mit ihren tausend Köpfen – aber nur aus der Öffentlichkeit, und nur auf dem Kontinent. In England und in Amerika züngelten und zischten die Schlangenzungen dieser tausend Köpfe nach wie vor in giftiger Frechheit; da man aber keine Barrikaden und keine beblousten Freiheitshelden unmittelbar vor Augen hatte, und einen in Revolutionsschwindel und Ateismus verkommenen teil der Schweiz als zu gering für Ausbreitung giftiger geistiger Miasmen betrachtet, so frohlockte man in Europa, und mit einer Art von gieriger Wut warf man sich darauf, "die Segnungen des Friedens" auszubeuten und herauszustreichen. Diese Segnungen bestanden vorzugsweise in einem ungeheueren Aufschwung der Industrie, welcher durch die Ausstellung im Kristallpalast zu London eine Art von europäischer Bürgerkrone aufgesetzt wurde. So etwas hatte die Welt noch nicht erlebt: aus allen Himmelsgegenden über Land und Meer zu reisen, um allerhand Fabrikat in geschmackvoller Aufstellung anzusehen. Eine Art von Völkerwanderung begab sich auf den Zug nach London. Was jeder heimbrachte, war die Erinnerung an einen fabelhaft bunten Wust, aus dem, wie ein Wrack aus dem Weltmeer, irgend ein Lieblingsgegenstand auftauchte.
Wer sich eifrig an dieser Völkerwanderung beteiligte, war Graf Windeck. Im grund war ihm alles Fabrik-, Industrie- und Spekulationswesen äusserst gleichgiltig, ja zuwider. Er hatte eine entschiedene Abneigung gegen alle Emporkömmlinge durch Reichtum, weil er in ihrer Stellung und ihren Verhältnissen keine Garantie des konservativen Elementes fand. Wer so plötzlich reich wurde, nur durch geschickte Benutzung günstiger Zeitumstände, könne durch deren Ungunst auch einmal ebenso plötzlich arm werden, und befände sich in einem beständigen Schaukelzustand, nie in einem zuverlässigen und stabilen, und zu einem solchen könne er kein Vertrauen haben – pflegte er zu sagen. Zu jeder anderen Zeit hätte er sich ungemein gewundert, dass man sich mit einer Industrie-Ausstellung so enorme Mühe gebe und so viel Geld und Teilnahme an sie verschwende; allein gegenwärtig erschien sie auch ihm als eine Blüte der Segnungen des Friedens, ja als deren Besiegelung; denn wie musste sich eine Industrie, die es dahin gebracht hatte, im märchenhaften Kristallpalast überköniglich zu tronen – gegen die Emeute zur Wehr setzen, deren brutale Erdstösse ihre Feenbehausung samt ihrer Tätigkeit in Grund und Boden krachen würden.
"Das Ungeheuer Industrie," hatte er im Frühling zu den Seinen gesagt, "hält das Ungeheuer rote Republick im Zaum. Ein Monstrum besiegt das andere! Wir wollen uns das siegende betrachten und nach England gehen." –
Die Verhältnisse in der Familie waren unverändert geblieben; auch die Gesinnungen. Regina war schöner denn je, denn es legte sich über ihre liebliche und edle Erscheinung ein Schmelz der Wehmut, wie sie aus einer tiefen ungestillten sehnsucht, die nie in Klage ausbricht und nie von schmerzlicher Unruhe sich bewegen lässt – unwillkürlich entspringt; ein Nachtviolenduft der Seele, der dem Glanz der Schönheit einen unvergleichlichen Zauber gab. Neben ihr war Corona zu einem reizenden jungen Mädchen aufgeblüht, mit ein paar Augen so tief und so dunkel, wie das nächtliche Meer, das über ungeahnten Geheimnissen geheimnisvoll aufleuchtet. Corona war nicht mehr das spielende, allem Ernst abholde Kind, das einst ein Ordensgewand sogar als Maskenkleid mit Furcht und Abneigung betrachtete. Sie verstand jedes ernste Streben und jeden höheren Aufschwung, aber sie war nicht, wie Regina, durch und durch von einer weltentfremdeten sehnsucht ergriffen, sondern sie wünschte ein Stückchen Welt in ihrem Herzen himmelwärts zu heben, oder ein Stückchen Himmel in die Welt zu verpflanzen; sie wusste selbst nicht recht wie! sie war eben sechszehn Jahre alt! und war als die Jüngste – auch der verzogene Liebling der