welche die Anstifterin alles Unheils auf Erden ist.
Bewiesen werden solche Behauptungen gar nicht: sie werden nur so lange und so laut wiederholt, dass sie in jedes Ohr dröhnen. Laster und Missbräuche gab es freilich zu allen zeiten; Missetaten wurden in allen Epochen begangen; aber zwischen den Frevlern in Tagen des Gaubens und des Unglaubens besteht sogar noch ein ungeheuerer Unterschied zum Vorteil der Ersteren: sie haben nicht selten die Kraft, ihre Missetaten durch Reue und Busse zu sühnen. Auf ihrer Seite stehen die grossen Bekehrungen, während sich auf der Seite des Unglaubens das Zeichen der äussersten sittlichen Verkommenheit, der Selbstmord, grässlich häuft. Da es nun nichts Christlicheres gibt für den gefallenen Menschen, als die Busse, und nichts Unchristlicheres, als die Judastat des Selbstmordes: so wird jene aufs äusserste verhöhnt vom Antichristentum, damit sich nur niemand einfallen lasse, auf dieser Notbrücke sich zu retten, wenn ihm die steigende Flut des bösen Gewissens an's Herz geht. Dem Selbstmord hingegen, als dem Höhepunkt des Abfalles von Gott, hat die Apoteose nicht gefehlt. Bis zur letzten Masche wird das Netz ausgewebt, worin die alte Schlange alle diejenigen zu fangen sucht, denen es lockender klingt "wie Götter" – als "Kinder Gottes und Mitbürger der Heiligen" zu sein.
Bei diesem Werk hat sie alle bösen Neigungen und verderblichen Leidenschaften der ganzen Menschheit zu Bundesgenossen. Darum darf sich Keiner von der Mitschuld freisprechen, wenn ein solcher Krater zum Ausbruche kommt. Es gibt Stufen in der Mitschuld; es gibt Sandkörner und Felsblöcke im Reiche des Bösen; aber jeder klopfe an seine Brust und spreche sein "mea culpa"; denn in ihrem innersten Wesen sind Revolutionen nie etwas anderes, als sittliche Erkrankungen der Menschheit in Folge der Sünde – und dazu hat jeder in seiner Weise beigetragen, sei es ein Atom, sei es auch nur negativ, oder durch Gleichgiltigkeit gegen Wahrheit und Recht, oder durch unbedachtsamen Beifall für das blendendgeschmückte Böse, oder durch passives Gewährenlassen desselben, das man Toleranz nennt und das doch nur ein Mangel an Entschiedenheit für das Gute ist.
Im heimlichen Bewusstsein dieser allgemeinen Mitschuld erbebte die Welt, vom Tron bis zur Hütte, und alle Fundamente, die man schon so lange aus ihren Fugen zu sprengen suchte, schienen wirklich auseinander zu fallen und einen Schutt- und Trümmerhaufen nach sich zu ziehen, als die Revolution im Jahre 1848 Europa in Brand steckte. Der Augenblick der Emanzipation aller von allem schien gekommen zu sein, denn diejenigen, welche nicht in den Schwindel einstimmten, wurden als Minorität betrachtet und für die, welche ihm entgegentraten, wurde das Wort "Reaktionär" erfunden, wodurch sie als Verbrecher gegen das erhabene Werk der Revolution gestempelt und den Folgen einer blindrasenden Aufregung in den unteren Volksschichten preisgegeben wurden. Die Revolte ging bis in die Kinderstuben herab: Schulknaben empörten sich gegen missliebige Lehrer. Die Fürsten aber liessen sich einschüchtern durch Studenten, Literaten, Advokaten, Journalisten und deren Anhang, flohen oder unterwarfen sich – und die Revolution regierte.
Niemand sog ihren Rausch mit volleren Zügen ein, als Florentin! Endlich war die Ära angebrochen, nach welcher sein vom Stachel des Ehrgeizes in ein beständiges Wundfieber versetztes Herz so brennend verlangte! Endlich sollte eine grossartige Demokratie die Ketten Europa's brechen und die befreite Menschheit aus den widernatürlichen Zuständen erlösen, unter denen sie schmachtete! Endlich sollte das Individuum zu seiner wahren Geltung kommen und die ungeheuere Geistes- und Charaktergrösse offenbaren, welche die revolutionäre Gesinnung in ihren Anhängern entwickelt! Er schwelgte in diesen Voraussetzungen. Zu welcher Höhe er selbst sich erschwingen werde – ob zu einem Cajus Gracchus, ob zu einem Brutus, oder Cromwell, oder Washington, oder Danton – das war ihm freilich nicht klar; das hing ab von Umständen und Verhältnissen. Es galt nur, sie zu ergreifen und zu benutzen: dann war ihm die Grösse gewiss. Vor der Hand galt es, mit den grossen Schlagworten Emeute zu machen und zum Schutz derselben Barrikaden zu bauen. Florentin hätte sich verhundertfachen mögen, um überall dies hochherzige Werk des Barrikadenbaues zu fördern. woran "die vertierte Soldateska," welche so niedrig dachte, ihren Fahneneid zu halten, scheitern sollte.
Als ein eifriges Mitglied geheimer Bünde wusste er, dass die Revolution in ganz Europa organisiert sei. Er wollte daher seine Kräfte der Befreiung Deutschlands widmen – so sehr ihn auch das Verlangen zog, nach Paris, dem grossen Babylon der Revolution, zu eilen – oder nach Rom, um diese wichtigste Citadelle der Völkerknechtschaft und der Geistesverfinsterung stürmen zu helfen. Im deutschen vaterland gab es ja aber eine ganze Kette solcher Citadellen zu sprengen! Florentin verliess Würzburg und seine Studien. Dort war nicht mehr die Stätte und das Feld seiner Tätigkeit. Nicht der leiseste Gedanke an Windeck erschwerte seinen Entschluss. Wie hätte das sein können? Hatte nicht Brutus den Cäsar umgebracht? Gab es Grösseres als die Taten der alten Römer? War die aristokratische Usurpation minder fluchwürdig, als imperatorische Kronengelüste? Nicht Dank war er dem Windecker Grafen schuldig für seine Erziehung, Bildung und Erhaltung; denn das alles war ihm ja nur infolge einer Laune der bigotten Gräfin Kunigunde zu teil geworden, die nichts Höheres kannte, als den Ultramontanismus zu verbreiten. Wie leicht hätte er demselben verfallen können gleich dem armseligen Hyacint! Nein! sein Dank gebührte den grossen Männern, deren wissenschaftliche Forschungen auf dem Gebiete der natur- und Geschichtskunde herausgestellt hatten, dass die natur die ewig aus sich selbst gebärende Allmutter und Schöpferin –