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Worten: Fortschritt, Freiheit kalt und gleichgiltig blieben. Aber, wenn nur auf irdischem Gebiet und mit irdischen Kräften und Mitteln jener sich schrankenlos fortbewegen, diese sich unbegrenzt entfalten soll; wenn der Begriff der Freiheit zur willkürlichen Ungebundenheit herabsinkt und der des Fortschrittes ausartet in ein tolles Rennen für materielle Zwecke ohne übernatürliches Ziel; wenn diese beiden Triebe des Menschen, die dazu bestimmt sind, ihn zu adeln, indem er sie der Leitung der ewigen Wahrheit und dem Dienste eines höheren Willens unterwirft, statt dessen von blinder leidenschaft irregeführt, in das Netz der Lüge ihn verwickeln: dann gibt es wenig Waffen, welche dem Geist der Finsternis willkommener wäre, um mit ihnen seinen uralten Krieg gegen das Licht fortzusetzen, als die falsche Freiheit und der falsche Fortschritt, d.h. Willkür und Zügellosigkeit auf religiösem, sittlichem und politischem Gebiet. Dadurch wird die Welt in Barbarei gestürzt, in Nichtachtung fremden Rechtes und eigener Pflicht, in einen Individualismus, der das Gegenteil von aller zivilisation ist, weil er jeden einzelnen in einen Ismaël verwandelt, "dessen Hand gegen alle und aller Hand gegen ihn" sich erhebt.

zivilisation ist die Bildung der Menschheit nach christlichen Prinzipien. Das Christentum allein ist bildend, weil sein Lebenskern das Opfer ist, weil allein es opferwillig macht und die achtung fremden Rechtes, die Erfüllung eigener Pflicht und die heilige notwendigkeit lehrt, den Individualismus zu beschränken, um die Einheit herbeizuführen, die einst wilde Horden samt ihren Häuptlingen, und Sklavenvölker samt ihren Neronen in christliche Staaten umgestaltete. Das Christentum allein erfasst die Freiheit als eine freiwillige Unterwerfung von gottentstammter Autorität, und den Fortschritt als eine freiwillige Bewegung in die Richtung auf christlich-sittliche Vollkommenheit. Dieser übernatürliche Gehorsam, verbunden mit dieser übernatürlichen Strebsamkeit, entwickelt eine solche Kraft des Geistes und einen solchen Adel der Seele, dass eine Menschheit, die von diesen beiden Begriffen durchdrungen und belebt wäre, in die höchsten Bahnen der zivilisation, der harmonischen Entfaltung und Anwendung aller guten, sittlichen und geistigen Kräfte einlenken, und ihre politischen, bürgerlichen und sozialen Institutionen zu einem ihnen entsprechenden Ausdruck machen würde. Da nun ein solches Ideal wohl angestrebt, aber, vermöge der Unvollkommenheit, die allem, was Mensch ist, durch die Sünde anklebtin allen Einzelheiten nicht verwirklicht werden kann: so sucht der gefallene unruhige Menschengeist den Grund dieser Unvollkommenheit nicht in der eigenen Schwäche und der eigenen Neigung zum Bösen, nicht in seinem Hochmute und in seiner Sinnlichkeit, welche die edelsten Institutionen entkräftigen und unwirksam machen, sondern in den bestehenden Institutionen selbst; und da diese in ihren Grundzügen aus dem Christentum hervorgegangen sind und der gefallene Menschengeist wesentlich antichristlich ist: so ist es ihm bei Abschaffung verhasster Institutionen im letzten Grund um Abschaffung des verhassten christentum zu tun, was ohne Revolution, d.h. ohne völligen Umsturz aller bestehenden Verhältnisse unmöglich ist. Die Worte, die das Christentum so erhaben deutet und durch sie auf die Bahn des Heiles hinweist und hinzieht, behält er bei, der gefallene Menschengeist, ja er macht sie recht zu seinen Losungsworten, weil die Herzen gewöhnt sind, für sie zu entbrennen; nur aber verfälscht er ihren Begriff dergestalt, dass sie förmlich in ihren Gegensatz umschlagen, dass Fortschritt genannt wird, was eine unmässige Steigerung der niederen Fähigkeiten und Tätigkeiten auf Kosten des höheren ist; und Freiheit, was der Rausch eines Sklaven, der gekettet an subjektive Ansichten und selbstsüchtige Leidenschaften ist, und zivilisation, was Versumpfung der Seelen in die Materie ist.

Dies alles, sophistisch dargestellt, mit halben Wahrheiten vermischt, mit verwegener Berufung auf grosse Namen geharnischt, deren Träger sich freilich gegen diesen Missbrauch ihres gewichtigen Zeugnisses empören würden, wenn sie noch unter den Sterblichen wandelten; dies alles wird durch Trugschlüsse einleuchtend gemacht, durch Schlagworte scheinbar zu unantastbarer Wahrheit erhoben, und der Menschengeist, der gleich verdunkelt ist, so wie er aus dem Licht des Glaubens heraustritt, geht auf die Täuschung ein, die ihm blendend und schmeichelnd entgegenkommt. Es lebt kein Mensch auf Erden, der nicht irgendwo Last und Druck, irgendwie Entbehrung und Mangel spürte und in dem sich nicht ein Etwas regte, um sich davon zu befreien. Aber dies Etwas wird wachgerufenentweder durch die Lokkung der alten Schlange, die ihm ihr altes Lied vorzischt: Wie Götter werdet ihr sein, wenn ihr euch aufbäumt gegen Gott; oder durch den Mund der ewigen Wahrheit, die unablässig zu ihm spricht: Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach. Je nachdem der Mensch so viel Selbsterkenntnis hat oder nicht hat, um den Grund dieser Regungen in sich wahrzunehmen, und so viel Selbstverleugnung, um seine Last als einen Splitter vom Kreuz zu betrachten oder nichtwird er den Weg der Empörung einschlagen, das Kreuz verwerfen und durch den Umsturz des Gesetzes zur Barbarei und übertünchten Sklaverei gelangenoder den Weg der göttlichen Gebote wandeln und die Freiheit finden und geben, von welcher der Apostel Paulus sagt: "Wo der Geist des Herrn, da ist Freiheit." Der Geist des Herrn aber ist Liebe zum Kreuz in solchem Masse, dass dadurch das Kreuz zum Symbol der höchsten Liebe geworden ist.

Freilich richtet sich die Revolution öffentlich nicht zuerst gegen das Kreuz, welches eins und dasselbe mit Christentum ist; denn das würde vielen Wohlmeinenden, deren Zustimmung, wenigstens der passiven, die Revolution in ihrem Beginn sehr nötig hat, die Augen öffnen; sondern sie erhebt ihr Feldgeschrei gegen Absolutismus und Obskurantismus für Menschenrechte, oder Aufklärung, oder Volksvertretung, oder