wenn dereinst Onkel Levin von uns scheidet, das heilige Opfer aus seiner Hand in die Deine übergeht."
Orest und Florentin sprachen anders zu Hyazint; allein die Farben, womit sie ihm die Welt ausmalten, taten seinem reinen Auge weh, und die Gründe, durch die sie ihn in der Welt zurückzuhalten suchten, waren eben die, weshalb er sie meiden wollte, und was sie ihm von Glück und Freude und Genüssen erzählten, bestärkte ihn nur in seiner Überzeugung, dass darin für ihn nicht der leiseste Hauch von Befriedigung zu finden sei.
"O lasst mich gehen," sagte er schmerzlich, "quält mich nicht. Ich weiss, dass ich den Weg zum ewigen Leben einschlage; aber ob Ihr nicht auf den Pfaden des Todes wandelt: ach, das weiss ich nicht."
Er war wie der Heiland in der Wüste, dem die Engel dienten, nachdem der Versucher geflohen war. Regina sagte zu ihm:
"Hyazint, Du wirst nun ein Nachfolger unseres gekreuzigten Gottes werden, und ich werde es in anderer Weise auch werden. Wir sind glücklich, wir wissen, Wen wir lieben. Aber stehe mir bei mit Deinem Gebet; denn Du bringst Dich nach Aussen in Sicherheit, während ich gleichsam in eine Arena zum Kampf mit wilden Tieren hinabgestossen werde. Mir graut vor einer Welt, an welcher Orest und Florentin hängen."
"Der heilige Johannes Chrysostomus sagt," antwortete Hyazint, "eine Jungfrau, die sich Gott verlobt habe, müsse durch die Welt wie durch eine Wüste gehen, und während ihr Fuss auf Erden weile, mit ihrem Herzen im Himmel sein. Sieh', damals gab es viele gottgeweihte Jungfrauen, welche durch diese und jene Verhältnisse veranlasst wurden, in ihren Familien zu bleiben. Auch später hast Du ähnliche Beispiele, und zwei der glänzendsten an den beiden Dominikanerinnen dritten Ordens, die heil. Katarina von Siena und die heil. Rosa von Lima, welche nie im Kloster lebten und doch die Welt mit dem Glanz ihrer Heiligkeit bestrahlten. Halte Dich zu ihnen. Dazu haben wir ja die lieben Heiligen."
Er zog von dannen, wie ein Seliger, der den Ballast
der Erde schon abgeworfen und seinen Schwung zum Himmel genommen hat. Mit einer Art von Neid sah Florentin auf ihn; nicht dass er sich gesehnt hätte, wie Hyazint zu sehen, zu denken, zu glauben, zu sein; aber er missgönnte ihm diese klare Stille, diesen Frühlingsmorgen in der Seele, den der Glaube mit seinem Gefolge von Frieden und Liebe in ihr hervorruft. Nachdem Florentin, wie so manche junge Leute, an der Klippe schlechter Bücher und schlechter Gesellschaft einen traurigen Schiffbruch der Sittlichkeit gelitten hatte, liess er sich leicht blenden durch philosophische Systeme und wissenschaftliche Studien, welche eine höhere Erkenntnis ewiger Grundwahrheiten zu geben versprachen, indem sie die göttliche Offenbarung als eine abgenutzte Antiquität beseitigten, die für den im Fortschritt begriffenen Menschengeist ohne Geltung sei: und warf sich mit dem Heisshunger und dem einseitigen Eifer einer zügellosen Jugend auf alle antireligiösen Schriften, an denen die Zeit so überreich war, dass sie auf jedem Gebiet des Denkens, in jedem Fach des Wissens wucherten. Sie entsprachen den bösen Instinkten, die sich in ihm, wie in jeder Menschenbrust regten, indem sie, die Abhängigkeit des Geschöpfes vom Schöpfer nicht anerkennend, dem Hochmut und der Ichsucht schmeichelten, der Genussgier keine Schranken setzten, das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen masslos steigerten, und dem Menschengeist die volle Omnipotenz zusprachen, welche sie dem Schöpfer und Regierer des Alls absprachen, so dass jedes Individuum sich selbst, als seinen Gott, anbeten durfte. Weil dies Zugeständnis aber für manche, in denen auch edle Instinkte sich regten, abstossend gewesen wäre, so wurde die Vergötterung des Ich's verschleiert durch die Vergötterung der Ideen. Die Freiheit, der Fortschritt, die Gleichberechtigung aller Menschen, wozu natürlich auch die Emanzipation der Frauen gehörte, waren die Stichworte, bei denen man in Begeisterung verfiel, waren die Ideen, welche das Individuum, oder die Kotterie, oder die Partei, nicht im Zusammenhang mit der ewigen Wahrheit, sondern subjektiv erfasst und gedeutet, vergötterte. Diese Ideen sollten in der Seele und in dem Leben und Streben des Menschen denjenigen Platz einnehmen, den bei dem Gläubigen Gott einnimmt; man sollte sich selbst und andere nach ihnen bilden und für sie hinopfern. So spann man sich in die Selbsttäuschung ein, ausserordentlich unegoistisch zu sein, während man in der Tat das liebe Ich im Maskenkleid der subjektiven idee anbetete, wohlweislich die Vorsicht gebrauchend, die subjektive Auffassung immer als die einzig richtige und allgemein anerkannte darzustellen. Dass in Folge einer solchen Verfälschung der inneren entwicklung des Geistes, seines Strebens und seines Zieles, Unwahrheit, Verwirrung und Unruhe in ihm herrschen, kann nicht befremden. Gott hat den Menschengeist geschaffen für die Offenbarung und hat die Offenbarung gegeben für den Menschengeist. Es besteht zwischen beiden eine übernatürliche, geheimnisvolle und doch ganz wahrhafte Verbindung, wie sie in der natur zwischen dem Sonnenstrahl und der Blume besteht, die, vom Licht entfernt, farblos bleibt. Ausserhalb seines Sonnenstrahls, der aus der Offenbarung auf ihn fällt und den Glauben in ihm weckt, bleibt der Menschengeist verkrüppelt. Er fühlt es, aber er will es nicht eingestehen; er sucht vielmehr nach anderen Sonnen, nach anderem Licht, und irrt dabei immer weiter und weiter von dem Quell alles Lichtes ab und versinkt immer tiefer und tiefer in jammervolle Finsternis und in unstillbaren Unfrieden. Ein