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Gelübden. Durch den erhabenen Akt, dem römischen Papst den Gehorsam aufzusagen, fiel selbstverständlich das Joch knechtischer Selbstverleugnung von Millionen, die nun wieder frei aufatmen und sich ihrer Menschenrechte erfreuen konnten; denn vom römischen Papst ging ja eben der ganze christliche Lebensorganismus aus, der während andertalb Jahrtausenden die Menschheit wie ein Spinngewebe umfing. Die Reformation blieb freilich nicht auf ihrer Höhe. Sie machte klägliche Versuche, den entfesselten Geist wieder einzufangen und in die Botmässigkeit ihrer Bibel, die politischen Verhältnisse in die Abhängigkeit von den Fürsten, die sozialen Verhältnisse in die Fesseln verkehrter, weil auf papistischen Ansichten beruhender altmodischer gesetz zu bringen; allein sie erwarb sich doch unsterblichen Ruhm und den Dank künftiger Jahrhunderte dadurch, dass sie zeigte, wie verhasst die Lehre vom Kreuz der Menschheit sei, und dass sie jenen Protest gegen heilige Rechte, von dem Du vorhin sprachst, aufhob, indem sie keine Priester, keine Ordensleute mehr duldete. Denn kein Mensch will seiner natur gehorchen, keiner arm sein, keiner den irdischen Freuden entsagen, und was der vernünftige Mensch nicht will, das soll er auch nicht."

"Wenn er nun aber dennoch will," entgegnete Hyazint gelassen.

"So darf er nicht!" rief Florentin.

"Das wollte ich eben hören!" sagte Hyazint ruhig. "Euerer Beglückungsteorie hat man zu gehorchen: dann ist man glücklich, und Euerer Despotie in Durchführung Euerer Ideen sich zu fügen: dann ist man frei. D i e Sprache kennt man, mein Florentin. Deine hochgepriesenen Reformatoren in Deutschland und England führten sie auf dem Gebiete des Glaubens und sagten: Glaubt an uns; das ist der wahre Glaube. Deren Nachfolger, die Revolutionsmänner in England zuerst und dann in Frankreich, sagten auf dem politischen Gebiet: Nehmet unsere Ideen an; das ist Freiheit. Und wehe denen, welche es wagten, der neuen Glaubenslehre und den neuen Freiheitsansichten nicht beizustimmen! ihr Ungehorsam wurde mit Verbannung, gewaltsamer Unterdrückung, Martertum und Tod von denjenigen gestraft, welche den Ungehorsam gegen die Anstalt Gottes, die heilige Kirche, hohe Tugend nannten. Das haben wir gelernt in den drei Jahrhunderten, auf welche Du pochst, und welche in unserem Jahrhunderte nach der Vervollständigung trachten, die eine Revolution in den sozialen Verhältnissen, den kirchlichen und politischen Revolutionen geben würde. Wehe denen, die Euerem Joch verfallen! Ihr macht aus Eueren Ideen ein Bett des Procrustes, in welches Ihr die Menschheit hineinzwängen wollt und sie zu diesem Zweck verrenkt und verstümmelt, und dann nennt Ihr diese kläglichen und unvollständigen Gebilde Ideale von Schönheit und Würde, weil sie in Eure Schablonen passen. Aber eben deshalb fehlt ihnen in Wirklichkeit beides, denn Ihr gönnt ihnen keine Selbständigkeit, um zu lieben, und keine Freiheit, um zu gehorchen, da doch die ganze Schönheit der Menschenseele in ihrer Liebe, und ihre ganze Würde im Gehorsam liegt."

"Was die Liebe betrifft," entgegnete Florentin, "so geben die Prinzipien des Sozialismus ihr einen ganz ungeheuren Spielraum."

"Keineswegs! sie verflachen und verflüchtigen die Liebe in die Weite und Breite und berauben sie ihres ewigen Quelles und ewigen GegenstandesGottes. Ohne Kalvarienberg gibt es keine wahre Liebe."

"Und was den Gehorsam betrifft, so ist der nach den Prinzipien des Sozialismus für das Individuum durchaus überflüssig, indem der Staat, d.h. die gesamte Vergesellschaftung, alle Verhältnisse so harmonisch ordnet, dass jeder einzelne in seiner Berechtigung geschützt ist, niemand beeinträchtigen kann und von niemand beeinträchtigt wird."

"Das muss eine Art von idealischem Zuchtaus werden, und die gesamte Vergesellschaftung muss darin an Ketten liegen, jeder auf seinem Fleck, denn sonst sehe ich nicht ein, wie diese sämtlichen Gleichberechtigten mit einander Friede halten werden," sagte Orest."

"Das ist ganz in der Ordnung," sagte Hyazint; "ja, es muss ein Zuchtaus werden, aber ein höchst reelles. Wer die Selbstverleugnung verachtet, den Gehorsam verwirft, in der Losgebundenheit von göttlichen Gesetzen einen Fortschritt sehen will, der muss durch äusseren Zwang in Zucht und Ordnung gehalten werden und der Tyrannei eines Despoten verfallen, wie der sozialistische Staat eben ist."

"Ihr vergesst, dass eine nach sozialistischen Prinzipien gebildete und in deren schulen unterrichtete Menschheit allmählich eine ganz andere, edlere sein wird, als die von heutzutage in ihrer Verdummung und ihrer Unwissenheit," entgegnete Florentin.

"Wissen und Wollen sind aber zwei sehr verschiedene Fähigkeiten," rief Hyazint. "Entwickelst Du in Deiner Menschheit zuerst und zuletzt das Wissen, so ist es sehr wahrscheinlich, dass Du sie eher zu Teufeln als zu Engeln bildest; denn das Wissen nährt den Hochmut und der ist die Schosssünde des Menschen. Unser Stammvater im Paradiese wusste sehr gut, was verboten und was geboten war; allein da die Schlange sagte, durch ein noch höheres Wissen würde er wie Gott sein: so liess er seinen Willen für's Gute durch diese Vorspiegelung lähmenund fiel. Und so und noch viel schlimmer wird es der Menschheit gehen, wenn man sie in den Wahn einlullt, mit dem Wissen des Guten sei dessen Ausübung gleichsam von selbst verbunden. Ein kleines Kind kann diese Behauptung Lügen strafen: es weiss recht gut, dass es nicht naschen darf, und dennoch nascht es, als ein kleiner Sklave der bösen Begierlichkeit, die dem Menschen seit der Erbsünde innewohnt und die nur durch den Willen zum Guten, d.h. durch Gehorsam aus Liebe zu Gott,