grellen Widerspruch mit ihren Bedürfnissen und Bestrebungen sind."
"Wäre die Menschheit wirklich im Widerspruch mit dem Evangelium, was ich aber durchaus nicht annehme," sagte Regina, "so wäre sie im Rückschritt und nicht im Fortschritt begriffen, und müsste geschwind umkehren."
"Die Menschheit ist nicht im Widerspruch mit dem Evangelium," sagte Uriel; "aber das Böse in jedem einzelnen Menschen sträubt sich, das Evangelium als eine göttliche Wahrheit anzuerkennen, um nicht von derselben gerichtet zu werden. Das Böse wähnt, es sei genug, die göttliche Wahrheit zu läugnen, damit sie auch in der Tat untergehe, und wenn die schlimmen Leidenschaften ein recht arges Getöse machen, so wähnt man triumphierend, die Wahrheit sei stumm und dumm geworden".
"Wäre das Evangelium, wie man sonst sagte, das Wort Gottes," entgegnete Florentin, "so müsste es sich notwendiger Weise ein Organ gebildet haben, das seiner Erhabenheit entspräche."
"Nun, das ist die lehrende Kirche, der unter dem Beistande des heiligen Geistes die Unfehlbarkeit zugesichert ist," erwiderte Regina.
"Unfehlbar? der sündhafte Priester?" rief Florentin mit schneidender Bitterkeit.
"Sie sollten wissen," entgegnete Regina kalt und hoch, "dass die Unfehlbarkeit der L e h r e verheissen ist und dem Priester nur insofern, als er sie verkündet. Wissen Sie das aber nicht, so sollten Sie über die Kirche schweigen."
"Mein Gott," sagte der Graf halb gähnend zur Baronin Isabelle, "welch' eine Jugend umgibt uns! lauter Doktoren der Teologie und Professoren der Moral! Du aber, mein lieber Florentin, kannst aus dieser Diskussion auch eine Sorte von ewiger Wahrheit entnehmen, nämlich die: dass die Damen immer Recht behalten. übrigens, meine Kinder, bitte ich recht sehr, solche gespräche nicht in Onkel Levins Gegenwart auf's Tapet zu bringen. Zum Glück betet er jetzt sein Brevier in der Kapelle! er würde sich vielleicht etwas alterieren; er ist nicht à la hauteur der modernen Ansichten, die ja übrigens, wie ich hoffe, die Rechtschaffenheit des Charakters und die Geradheit der Gesinnung nicht im mindesten beeinträchtigen! Nicht wahr, Florentin?"
"Nicht im mindesten," versicherte Florentin, "und deshalb müssen sich Alle in dem heissen Wunsch begegnen, den Georg Forster aussprach, indem er sagte: 'Wann wird es doch dahin kommen, dass Menschen einsehen lernen, die Quelle der edelsten, erhabensten Handlungen, deren wir fähig sein können, habe nichts mit den Begriffen zu tun, die wir uns vom lieben Herrgott und vom Leben nach dem tod machen!' Denn wer daran festält, gerät mit der ganzen Zeitrichtung in Widerspruch; sie will die Tugend üben um ihrer selbst willen, nicht aus sklavischer Furcht oder aus kaufmännischer Spekulation, die sich im Jenseits ihren Wechsel zahlen lässt."
"Wer war Georg Forster?" fragte Regina.
"Ein Weltumsegler, Naturforscher und Revolutionär," sagte Uriel mit leichtem Spott; "also ein dreifach grosser Mann."
"Ein begeisterter Liebhaber der Freiheit," sagte Florentin.
"Wie konnte er das sein, wenn er von Gott nichts wissen wollte!" rief Regina. "Christus hat gesagt: 'Die Wahrheit wird euch frei machen;' und: 'Ich bin die Wahrheit, der Weg und das Leben.'"
"Die Urwahrheit wird uns allerdings frei machen," antwortete Florentin; "nur nicht die geoffenbarte Wahrheit, wie man sie zu nennen pflegt; sondern die Erkenntnis, dass die Freiheit das Erbgut jedes Menschen ist und in der Verwerfung fremder, aufgedrungener Autorität besteht. Mit dieser Freiheit kommt jeder Mensch auf die Welt, und sie wird ihm später geraubt, indem man ihm eine verkehrte Erziehung gibt."
"Es ist ganz unnütz, dass Du mit Florentin streitest," sagte Uriel zu Regina. "Du gehst aus von der göttlichen Offenbarung, welche die Würde und das Glück des Menschen in seine sittliche Freiheit, in seine freiwillige Anerkennung göttlicher Autorität setzt; und Florentin geht aus von einem natürlichen Gesetz in der ungezügelten Menschheit, welche ihren Launen, ihren Bedürfnissen, ihren Leidenschaften und Ansichten nachlebt und gehorcht, und einen Zustand der Barbarei, d.h. gänzlicher Ungebundenheit, zum Ideal menschlicher Würde und menschlichen Glückes macht."
"Der langen Rede kurzer Sinn ist dieser," rief Orest: "Regina spricht mittelalterlichdeutsch und Florentin jungdeutsch; und dabei hat er den ungeheuern Vorteil, dass man ihn viel besser versteht. Deshalb sind die Sympatien der modernen Zeit für ihn."
"Denn man weiss sehr gut," setzte Florentin hinzu, "dass ein Rückschritt in Barbarei nicht von denen zu fürchten sei, welche den Fortschritt der Menschheit im Auge haben und deshalb den hemmenden Wust vermorschter Autoritäten bei Seite räumen."
"Aber mit Mass, Florentin, mit Vorsicht und Mass," rief der Graf. "Von vermorschten Autoritäten zu sprechen, beweist etwas zu wenig Um- und Rücksicht. Wir sprachen von den Übergriffen der Kirche – und basta! sonst werden wir demagogisch und räumen hinweg mit Dolch und Guillotine – was dann freilich etwas barbarisch ist – wie auch Du finden wirst, hoffe ich."
"Sie sind allerdings höchst beklagenswerte Notwendigkeiten, welche der Widerstand gegen Freiheit und Wahrheit aber selbst hervorgerufen hat. Man muss hoffen, dass die nächste revolutionäre Bewegung in so begeistertem und grossartigem Massstab und so allgemein in ganz Europa stattfinden