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Wer hat festgesetzt dass der Verstand etwas Göttlicheres sei als das Gefühl? – der Mann. Warum hat das Weib diesen lächerlichen Ausspruch angenommen? – weil in der Welt materielle Stärke dermassen auf der materiellen Schwäche lastet, dass im zwölften Jahrhundert des christentum christliche Teologen noch darüber disputiren konnten: ob das Weib eine Seele habe. zwölf Jahrhunderte der humanisirendsten aller Religionenund noch eine solche Frage! – Die Seele, insofern man darunter den unsterblichen teil des Menschen begreift, ist im Lauf von sechs andern Jahrhunderten dem weib, ich mögte fast sagenoctroyirt worden. Versteht man aber den erkennenden, bildenden, selbsttätigen Geist, die Intelligenz darunterja, dann stehen wir auf dem Punkt der alten Scholastiker. Das Weib als eine Unmündige behandelt, kann sich nicht als eine Mündige benehmen. Es unterwirft sich und vegetirt so hin in dumpfen Gefühlen, welche häufig zu unbändigen Leidenschaften aufflammen, und welche durch eine verschrobene, hohle, prunkende Erziehung wohl geschwächt, jedoch nicht gelichtet werden können. Ach ja! das Weib unsrer Tage ist eine kläglich unvollkommne Erscheinung; – aber durch den Mann unsrer Tage wird es warlich nicht in Schatten gestellt, nur durch die einseitige Richtung in welche es gezwängt wird. Und ebenso geht es dem Mann! in der handwerkernden Beamten- in der pedantischen Gelehrtenwelt mögen wohl Studien genug zu haus sein, aber was hat mit denen die Intelligenz zu tun? Oder wohnt sie etwa in den Köpfen der Soldaten die in Parade aufmarschiren? der Virtuosen, die von den vierundzwanzig Stunden des Tages zwanzig ihren Fingerübungen widmen? der Journalisten, die ihre Zeitungsartikel aus Klatschereien, Lügen und Träumen zusammenschmieden? der Philosophen und Menschenbeglücker von denen die Welt strotzt, während dieselbe Welt nie ärmer an Weisheit und Glück war als eben jetzt? der Künstler die zu Tausenden in den Akademien und Ateliers herum vagabondiren? – Du wirst nicht behaupten dass in diesen verkümmerten, leeren, dürren Geschöpfen der Geist zur Entfaltung gekommen sei. Sie sehen auf das Gefühl herab, während sich die Weiber vor dem verstand scheu zurückziehen. So bleibt jeder teil in seiner Einseitigkeit, und ohne Verschmelzung beider Elemente ist für keinen teil an Vollkommenheit zu denken, und ebenso wenig an die wahre heilige Gemeinschaft, die der Schöpfer zwischen den beiden Geschlechtern gewollt hat, indem er die eine Hälfte zum Vertreter der Intelligenz, die andere zum Vertreter des Herzens bestimmt hat. Das sind zwei Stralen die von demselben Licht ausgehenund dies Licht heisst göttliche Liebe. Schmelzen sie zur Einheit zusammen, so stellen sie das Abbild jenes Urbildes dar. Ihr verhöhnt Gott und lästert die natur wenn Ihr sprecht das Weib sei ein inferiöres geschöpf. Lass Dir Eine nennen in der vollen Glorie wie Gott und die natur sie gewollt haben, und dann sprich: ist der Mann superiör? – nicht bloss der, welcher neben ihr steht; nein! der allergrösste, den die Welt aufzuweisen hat? – Gewiss nicht! Heloise darf neben einem jeden stehen. Diese Schönheit, diese Liebe, dieser Geist, diese Entsagung, diese Treue, diese Weisheit, dies Martertum, diese lichtvolle klarheit, diese flammende Glut, diese standhafte Ausdauer über allen Schmerz, alles Elend, alle Zeit hinweg, dieser Stralen- und Dornenkranz von Seligkeit und Jammer, den Abälards finstre Liebe auf ihre Stirn drücktbildet das Alles nicht ein geistig bewegtes Leben von solcher entwicklung und solcher Intensität dass einem d a s H e r z – der Mutterschooss dieses Lebensals ein Weltmeer von Macht und Tiefe erscheint. Nein, Otbert! ich bin sehr unvollkommen und meine arme Arabella ist es auch und Millionen unsers Geschlechts sind es mit uns; aber wir sind es weil wir auf einer embryonischen Stufe unsrer entwicklung stehennicht weil uns die Fähigkeiten zu einer höheren mangeln. Deine Bemerkung dass ein Geist der Unzufriedenheit und des Missbehagens sich in uns regeist vollkommen richtig: die Chrysalide erwacht, fühlt sich in Haft und Dunkel, und strebt nach Befreiung und Licht. Aber Deine Behauptung, dass dies Bestreben uns um das Glück bringe geliebt zu werdenhat mich herzlich lachen gemacht, weil sie so sehr nach deutschem Spiessbürgertum schmeckt. Es muss wirklich namenlos schwer für einen Deutschen sein den Philister auszuziehen, da es sogar Dir, einem Dichter! einem Cosmopoliten! nicht gelingt. Um bei Heloisen stehen zu bleiben, so vernichtet sie Deine Behauptung; und ich frage Dich: würde es Dir nicht eine grössere Genugtuung sein ein Weib wie Heloise geliebt zu haben, obwol sie lateinisch und griechisch verstand, als ein Dämchen unsrer Tage, welches statt dessen die hergebrachten Teetisch-Phrasen versteht. Bist Du denn auch, mein armer Otbert, mit des Philisters fixer idee v o n d e r v e r s a l z e n e n S u p p e behaftet? Ach, gieb sie auf! schon deshalb, weil heutzutag auch des Philisters Frau viel zu gebildet, elegant und bequem ist um sich mit Suppenkochen zu beschäftigen. Glaube mirwenn Ihr doch so sehr an dieser gebenedeiten Suppe hängtHeloise würde sie Euch eher kochen, als Philisters-Frau; denn eine Königin fühlt sich durch Mägdedienst nicht erniedrigt, weil sie ihres Königtums gewiss ist; aber die Magd sträubt sich, weil sie für etwas Besseres gelten mögte als was sie ist."

Diesen Brief beantwortete Astrau nicht. Bis er bei ihm anlangte mogte er Arabella, welche die eigentliche Veranlassung unsrer Correspondenz gewesen war, bereits ganz vergessen haben