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dennoch mit uns in die Schranken treten und sich gar über uns erheben wollen!" – Dieser Hohn ist schwer zu ertragen, gnädige Gräfin. Der Reichtum ist ein Bollwerk gegen ihn. Sie werden das nicht glauben, weil Sie nicht solche gemeine Brut gekannt haben; aber ich weiss es: sie hat Respect vor Demjenigen, den sie beneidet."

Wilderich schwieg ganz erschöpft und ich ganz erstaunt. Dies war unser erstes längeres Gespräch und ohne meine Absicht hatte es eine Wendung genommen die ihn so schmerzlich ergriff. Dies war eine neue Phase des Leides welches durch unsre Welt geht! Nach einer Pause rief Wilderich:

"O wie tausendmal hab' ich gewünscht lieber ein Taglöhner zu Wildeshausen zu sein, der unter körperlichen Anstrengungen sein Schwarzbrot gewinnt, als der Graf von Wildeshausen, dem es obliegt als Herr, als Haupt einer Familie für seine Untergebenen und seine Verwandten zu sorgen und dem dazu die Mittel fehlen!"

"Mein armer Wilderich, was sind das für unzeitgemässe Gedanken: für etwas Anderes sorgen zu wollen als für sich selbst!" entgegnete ich, die traurige Wahrheit hinter einem scherzhaften Ton verbergend um ihn von seiner Verstimmung abzulenken. Aber heftig und traurig fuhr er fort:

"Die Isolirung durch den Egoismus .... diese antiaristokratische Richtung unsrer Zeit, welche das Individuum ohne positive Religion, ohne Liebe zur Heimat, ohne anhänglichkeit an die Familie, ohne Respect vor Tradition, ohne Gefühl für die Untergebenen, in den grauen Wust einer communistischen Menschenverbrüderung hinausstösstdurch philosophische Speculation dermassen die Tatkräftigkeit abschwächt, dass wir der Praxis einer schlichten Lebensweisheit ich weiss nicht was für eine fade spitzfindige Teorie von Fortschritt, von Freiheit vorziehen, welche uns aber nicht fördert, nicht befreitdiese fürchterliche Vereinsamung des Menschen, ohne Gott, ohne Herz, ohne Kraft, ohne Basis, ohne Zielohne irgend einen der grossen Gedanken für welche es der Mühe lohnt zu leben oder zu sterben – o die eben ist es welche mir an der Seele nagt und nicht für mich, sondern für uns Alle mich martert."

"Die Krankheit hat Sie ermattet, sagte ich. In Ihrem Alter muss man Zuversicht haben, Wilderich, denn ein halbes Jahrhundert der Wirksamkeit liegt vor Ihnen und wie wollen Sie derselben gewachsen sein, wenn Sie nicht daran gehen mit Zuversicht auf regenerirende Elemente! Die rückkehrende Gesundheit wird Ihnen das schöne Vorrecht der Jugend: die ewige hoffnungwiederbringen. Ich begehre nicht dass Sie eine herrschende Mode mitmachen, und unsre Weltzustände rosenrot gefärbt betrachten sollen! aber Sie sollen nur nicht schwarz sehen wo höchstens ein sanftes Grau ist. Grau, lieber Wilderich, ist immer das Chaosund über dem Chaos schwebt immer der Geist Gottes."

"Glauben Sie das wirklich?"

"Die geschichte lehrt es."

"Eine Lehre welche unser Herz oder unsre Erfahrung nicht bestätigenist für uns tot. Deshalb frage ich ob Sie aus Ihrer Seele oder nur nach Büchern sprechen."

"Und wenn ich sagte: nicht aus meiner Seele!"

"So würden Ihre Worte eben nur tote Worte seinwie fast alle sind die heutzutag gelehrt werden."

"Da mögen Sie Recht haben! sagte ich immer mehr und mehr erstaunt. Aber was sind Sie für ein trauriger ernstafter Mensch!"

"Ich bin's! denn in mir ist ein Chaos und ich weiss nicht ob der Geist Gottes darüber schwebt."

"Kind! Kind! rief ich, Sie tun mir weh!"

"Sie sehen wohl, gnädige Gräfin, dass man auch um einen Sohn Sorgen haben könne," sagte er.

Auf dies erste Gespräch folgten viele derselben Art. Er hatte eine von inneren Kämpfen ganz zerarbeitete Seele. Ich kam zu der überzeugung dass seine Krankheit eine grosse Woltat für ihn gewesen sei indem sie den Geist in Schlaf gelullt. Der Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen, zwischen Altem und Neuem, zwischen Vergangenheit und Zukunft, welcher in unsrer Gegenwart keine befriedigende Lösung gefunden, hatte sich auch in ihm noch nicht zur Versöhnung durchgebildet. Er war ja noch nichts als ein deutscher Student! Er kannte noch nichts als seine Familie und die Schule; und was jene gepflanzt, hatte diese entweder zerstört oder in Frage gestellt. Jeder hohe Grad von zivilisation bringt eine solche Complication der Verhältnisse mit sich, dass die Einheit des Characters, die Uebereinstimmung zwischen Gesinnung, Wort und Tat, fast eine Anomalie genannt werden dürfte. Nun gibt es aber Menschen welche das Bedürfniss empfinden zur Aufrichtigkeit und Einheit sich zu entfalten, Menschen welche in der Lüge eine unwürdige Feigheitin der Zersplitterung eine Schwäche sehenMenschen welche nicht handeln, nicht sprechen und nichts tun können, sobald ihre überzeugung sie nicht dazu auffodert, und welche sich nun darauf angewiesen finden die Widersprüche zu lösen oder zu leiden, welche bei ihrem Eintritt ins Leben aus jedem verhältnis ihnen entgegen springen. Im Staat, in der Kirche, in der Wissenschaft, in der Gesellschaftall überall Parteien, welche ihre Rechte, ihre Wahrheiten, ihre Ansichten und ihren Standpunkt in ein System gebracht haben, das seiner natur nach immer einseitig ist, folglich mit Consequenz durchgeführt eine gewisse starre Abgeschlossenheit erheischt, welche Demjenigen schwer fällt, der Recht und Wahrheit überhaupt, und nicht vom Standpunkt einer Partei sucht. Ein solcher Mensch war Wilderich: stolz, grade, aufrichtig, vom allerempfindlichsten Ehrgefühl, unfähig in diesem Punkt Concessionen zu machen, und daher jeden Augenblick in seinem vielleicht übertriebenen Begriff von