1844_Arnim_004_43.txt

komme ich dazu? – Ach verzeih mir's, ich habe ein Buch von Dir gelesen. – Bei der Grossmama lag esund ich hörte, dass sie darüber sprachsie wollte aber gar nicht, dass ich es wissen sollte, sie legte es auch sorgfältig unter andre Bücher. Wie ich aber allein in ihrem Arbeitszimmer war, denn ich schlafe da, damit eins von uns in der Nähe von der Grossmama nachts ist. – Es liess mich nicht schlafen, ich dachte immer, es sei wohl besser, nicht nach dem Buch zu suchen, aber ich hab's doch gelesen. Du hattest mir nie davon gesagt, und ist's denn wahr, dass es von Dir ist? – und so vieles, was mich ganz verwirrt! – Grosse und kleine, törichte und vernünftige begebenheiten scheinen mir darin verflochten, und dann scheint es mir so sonderbar geschwärmt, und Höhen und Tiefen, die meinem Geist wie ein Rätsel daliegen. Marias Satire heisst dies Buchist das vielleicht, wie die Schuld und die Unschuld eine verkehrte Rolle spielen in der Welt, oder ist es scharfes und schonungsloses Beobachten und Behandeln der Verhältnisse und Menschen? – Was frag ich doch, es geht mich ja gar nichts an, und wir zwei sind ja bis jetzt immer inder Liebe und dem Geistsehr begreiflichen Lagen miteinander gewesen, wo Du recht wie Maitau, von dem man wächst und gedeiht, auf mich gewirkt hast. – Nun aber ist mir's, als wärst Du verzaubert und legtest die Haut der klugen Schlange dann ab, wenn Du bei mir bist. – Und da kommen mir Gedanken über Dein Glück, die mich verwirren. Ach, ich hoffe, dass Du es nicht der Mühe wert halten wirst, auf meine mir selbst unverständige Gedanken und Gefühle zu achten. Ich will lieber von mir sagen: ich hab jetzt viel zu tun, noch ausser den Büchern von Dir lese ich auch noch viel vor, französisch-politische Sachen. Ich bin aber jetzt sehr zerstreut und kann gar solchen Anteil nicht mehr dran nehmen; obschon es mich immer dahin bringt, dass ich an die Zukunft denken muss wie an einen grossen freien Plan, auf dem die Welt ganz unabhängig von Meinungen und Willensstreit sollte neu geboren werden und sollte sich abwaschen von den Zeitumständen und von Leidenschaften und Begierden und alten Satzungen und sollte die besten, nützlichsten Kräfte und die erhabensten Empfindungen entwickeln. Denn bis jetzt scheint mir, als sei das noch nicht so gekommen! – Und soll ich denn fortfahren, Dir alles zu sagen? Wenn es auch nur kindisch herauskommt und ganz unerfahren? – Ach, was nützt Erfahrung? sie verführt nur dazu, dass die Leute mit Eigensinn an dem einmal Festgestellten hängen und durchaus sich nicht zugestehen, dass die Vernunft das Bessere oder das Wahre erfinde. Zu was nützt es denn, einen forschenden Geist zu haben, wenn es nicht wäre um die Mittel zu einer neuen Schöpfung zu finden, worin dieser Geist als in einer Ordnung, die von ihm ausgeht, die zugleich ihn trägt und ernährt, das Göttliche schafft. – So gross und einfach wie ich mir das alles denke! Wie könnte ich je glauben, dass ich selbstgedachte Ideen über Welt und Menschenwesen würde können geltend machen? – Und doch muss ich mich dem hingeben, als sei es der Fusspfad, der durch unbewanderte Gegenden mich leitet, vielleicht über gefahrvolle Klippen, die aber in mir Kräfte bilden, mit welchen ich vielleicht manches erwerben könnte, wovor andre zurückschrecken und erbleichen, ich aber nicht. – Wenn ich manchmal still stehe und mich nach andren Menschen umsehe, so fühle ich, wie ich mit ihnen nicht zusammenstimme, wenn ihre Herzen von aussen her erschüttert und berührt werden, dann zeigen sich Tugenden; das ist ja aber der Zufall, der hier wirkt, was ist das aber, eine Tugend des Zufalls? –

Ich möchte Dir alles vertrauen, was mir im Herzen liegt, aber es liegt so viel drin, was ich selbst nicht erkenne. Ich möchte beinah sagen, alle Tugend sei mir zuwider! – Ja! – Ich glaube dies, dass der Mensch ganz das Echte sein soll und nicht das Unechte. Tugend ist ja aber, was von dem Unechten sich gestaltet als eine Seeleneigenschaft, die wir in ihrer Übung Tugend nennen. Wenn aber die Echteit der grosse Ozean wär, der zwar alle Strömungen in sich aufnimmt, nie aber überwallet, sondern alles umfasset? – Können wir dann sagen, der Ozean ist tugendreich? – (flüssereich) oder nur: der Ozean ist er selber! – Sein und Werden ist zweierlei, das sag ich mir auch, und Werden ist für das wirkliche Leben Kraft fühlen und diese anwenden, und nicht bloss sich zum Helden träumen. Und dies ist, was mich oft vor mir erschreckt, dass ich im land der Phantasie mir eine grosse Rolle auserwählt habe, die ich zwar ohne Gefahr spiele, die aber nicht die Wirklichkeit berührt. – Wie mache ich's, dass ich aus dieser Verbannung des Wirklichen erlöst werde? Dann wär ich nicht mehr traurig, wenn es mir deutlich würde, was ich will, kann und soll! Dann würde ich mich mit den Plänen meiner eignen Gedanken beschäftigen; die Welt wäre mein, ich brauchte nichts von andern und meine Liebe würde gar nicht ein sehnendes Verlangen, sondern eine wirkende Macht sein. Clemens, ich