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in der menschlichen Handlung nichts mir ein Anstoss sein würde. Denn gegen Denken ist das Handlen nichts, denn der Gedanke selbst ist Gott, hingegen Handlen ist nur sich nach Gott richten, wenn ich also Gott durch mein Denken suche, empfinde, erlebe, wie sollt ich da verlegen sein ums Handlen, ums Regieren? – Ei nein! Das ging ganz von selbst, ich würde mich auch keinen Augenblick besinnen, denn wer den Geist der Wahrheit einatmet, wie sollte der ihn nicht auch aushauchen? – Nebenabsichten muss der Menschengeist gar nicht haben, er muss eine heilige Richtung haben. – Der Mensch ist sich immer eine Hauptnebenabsicht, drum muss er sich ganz verleugnen, sonst erreicht er sich selber nicht, das lautet zwar ganz verkehrt und ist doch wahr. Das wahrhafte Ideal des Menschen ist die lautere Selbstverleugnung, aus ihr auch allein kann alle Weisheit hervorgehen in allen Handlungen, die das Schicksal erheischt; zu derselben Selbstverleugnung sind wir berechtigt, alle Menschen aufzufordern, denn sei das Resultat eines solchen Tun, was es wollesie handlen in Gott, und das ist Religion, und da mach's Kreuz oder sei Ketzer oder Heid oder Jud. – – – Himmlischer Sinn fürs Unsichtbare, Unendliche, aus dem allein die wahre Religion hervorgeht, weil dies allein zur Gotteit führt. – Das alles fällt mir so ein, wenn ich meine gespräche mit dem Franzosen in Gedanken weiterführe. – Ich brauch nur auf eine natur zu treffen, die mir liebreizend scheint, so bin ich gleich voller Gedanken, die mich belehren, als seien sie geweckt von jenem; so jagt der Franzose in seinem adeligen Wesen jetzt eine Begeistrung nach der andern in mir auf, und ich glaube: keine Frage, die ich nicht beantworten könnte, sobald ich mir innerlich denke, er höre mir zu, keine Handlung, die ich nicht kühn genug wäre zu vollbringen, wenn er mir zusähe, und was das auch sein möge, was mich so anreiztgewiss ist es was Grosses, was ganz Göttliches, dass der Mensch, wo er das Göttliche ahnt, das Schöne und Grosse gewahr wird, gleich harmonisch mit einstimmt und alle Feuer in ihm aufflammen. Ach, ich denke mich schon in eine Schlacht auf einem Schimmel neben ihm herreitend zwischen allem Donner der Geschütze, Rauch und Pulverdampf, in der Verwirrung grosser entscheidender Momente, wie seinem sicheren blick vertrauend ich alles glücklich vollende, ich denke noch mehr, alles was glühender Ehrgeiz nur zu unternehmen wagt, das fährt durch meine Seele, ich erleb's – ich bin glücklich, freudig, jauchze im Gelingen, und alles Volk umringt mich mitjauchzend und harrt meiner, dass ich ihm Labung zutröpfle heiliger Freiheit. All dies erleb ich mit dem Franzosen, der sich vor meinen Augen zum Heros entwickelt. – Ich möchte doch wissen, wenn man alle Erlebnisse sich zusammenrechnet, ob da nicht diese eingebildeten auch gelten, sie glühen und damaszieren doch die Seele durch diesen feinen Stahl der Begeistrung, der mit ihr zusammengeschweisst, gebeizt und geätzt wird und mir edler deucht wie jede andre Politur und besser zu benützen, zäher, fester, der Kraft des Willens nachgebend und ihr folgend. Kühne feste Handlung, Tatkraft muss doch auch einen Samen haben in die Seele geborgen, ist dies nicht Same? Mich deucht, etwas gedacht zu haben ist Samen im Boden der Seele, der ans Licht dringt und sich erschliesst, heute oder morgen.

Da ging die Tür auf, Clemens kam herein, grosse Freud! – Sie stärktes blitzt innerlich. – Ist mein Verstand mir verloren und such ihn an der leeren weissen Wand und find ihn nicht, aber in dem schönen grossen auge von Clemens find ich ihn. Du sagst, Du kannst ihm nicht in die Augen sehen, weil er einen verzehrenden blick habe, ich nicht, ich schöpf Freud drin, und ich weiss nicht was, von lebendiger Nahrung Unübersetzbares. – Vor allem möchte ich Herr werden über mein Denken; dass ich nämlich die Zeit ausfülle mit lebendigem (lebengebendem) Denken. Es gibt ein Denken, was verlebt, und eins, was erlebt. – Wie mich sammeln, dass ich meinen Geist immer auf das Erleben richte? – Dies eine nur! und das Auffahren gegen Himmel ist mir gewiss.

Das Schlafen kann mit dem Denken im Rapport gesetzt werden, das Schlafen, was aus dem Denken entspringt, erzeugt wieder Denkkraft, – so kann sich der denkbeflissne Geist erschaffen. – Überall mit Geist durchdringen, so ist das Schlechte gesprengt, denn es hat keinen Platz mehr, denn es ist zu schwach und zu eng, um Geist zu fassen.

Ich wundre mich über meine Gedanken! – Dinge, über die ich nie etwas erfahren, die ich nie gelernt, oder vielleicht grade das Gegenteil davon, stehen hell und deutlich in meinem Geist. – Kann ich denn wissen, ob ich nicht vielleicht von einem Geist besessen bin? – Und ist Besessensein nicht vielleicht ein Aufgeben der Individualität, und sind die Widerspenstigen, die sich dem Geist widersetzen, nicht vielleicht individuell stärker, als die vom Geist Durchdrungnen? – Ach, liegt wohl die Stärke im Hingeben? – Ist nicht manches im Geist und in der Seele wirkung anderer Welten? – Die Liebe, die leidenschaft, ist die nicht Anziehungskraft von der Sonne? –

Wir sassen auf der Hoftreppe, ich und der Clemens, in der Dämmerung und schwatzten allerlei. –