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der ganze Scherz sich nicht zwischen uns beiden eignet, Du kannst es von mir am wenigsten ertragen, dass ich falsch in die saiten greife, – es war ein Erdenscherz und kein luftiger leichter, und es war noch dazu ein Notanker, ich war verwirrt geworden durch das Reisen hin und her vom Rhein zum Neckar und dann zum alten Haushalt; da ist mir so manches verronnen, was mir lieb und leid ist, der Winter hat mich auch doppelt hier betroffen.

Clemens hat mir geschrieben. Wie ein böser Traum sind mir manche bitteren und trüben Erinnerungen von ihm vorübergegangen, sein Brief hat mich betrübt, weil er mir die verworrnen Schmerzen seines Gemüts deutlich und doch wieder dunkel darstellt, auch wenn ich ihn nie gesehen hätte, würde mich dieser kalte Lebensüberdruss tief und schmerzlich bewegen. – Er stellt sich so an den Rand der Jugend, als habe sie ihn ausgestossen, wie mich das schmerzt, wollt er es doch anders sein lassen, lieber die vergangne Zeit zurückrufen und fortleben ewig frisch, jung und träumerisch, wie er es gewiss könnte; es wird und muss wieder so mit ihm werden, und Du musst ihm jetzt recht anhänglich schreiben, Dein freieres Bewegen, wo Du sonst so von ihm abzuhängen schienst, wird ihm wohl auch ungewohnt und empfindlich sein; Du kannst es nicht ändern, aber ersetze es ihm, Du schriebst ja immer nur kurze Briefe an ihn, aber schreibe doch öfter. – Sein Beifall an meinen Gedichten erfreut mich, und mehr wird es keiner. Er schreibt, Savigny habe die Nachricht aus Paris, dass eine Übersetzung dort vom Tian gemacht sei, ihm mitgeteilt, frag ihn doch und schreibe mir etwas Näheres darüber.

Dem Molitor hab ich Deine Ansichten über die Erziehungen lesen lassen, es freute ihn und verspricht Dich nicht mehr zu stören, das ist mir lieb, denn wenn auch Deine Argumente, womit Du das Philistertum bestürmst, keinen Bodensatz haben und unleugbar aus der Luft gegriffen sind, so ist mir doch lieber zu lesen, wie Du unmittelbar mit den Elementen verkehrst, als wenn Du Deinen Sinn im Widerspruch auf irgendein gegebenes Bestehendes anwendest. Deine Wahrheiten streifen wohl den inneren Sinn der Menschen; sie möchten Dir recht geben, aber was ist's damit? – Bis einmal das Morgenlicht der Poesie in jeder Brust den Geist weckt, da wird wohl manches verstanden und doch muss es wieder versinken; drum ist es mir lieber, Du selbst erschaffst Dich, bist Dir Lehrer und Schüler zugleich, weil es da was fruchtet und Deine Lehren einen so gründlichen tiefen Eingang in Dich haben. – Hast Du Dich doch gegen die Philosophie gesperrt, und Deine natur spricht sie doch so ganz persönlich aus, als Geist und Seele und Leib. Ich will damit Dich nicht auf Dich selbst zurückführen, es ist eine Bemerkung, die ich im Spiegel mache, und Du kannst ja gleich davonfliegen und den Spiegel leer lassen, auch gibt meine Bemerkung Dir recht; denn wenn Deine organische natur ganz Philosophie ist, so wird sie sich nicht in der Anschauung erst erwerben sollen. – Sie wird einen Jugendleib haben, der mit einem anderen Frühling zusammentrifft, und ein anderes Verständnis haben mit dem Geistigen der Welt. – Um so mehr deucht es mir Missgriff, wenn Du mit dem Wirklichen Dich begegnest und ihm Deinen Geist anmessen magst. Ich suche in der Poesie wie in einem Spiegel mich zu sammeln, mich selber zu schauen und durch mich durchzugehen in eine höhere Welt, und dazu sind meine Poesien die Versuche. Mir scheinen die grossen Erscheinungen der Menschheit alle denselben Zweck zu haben, mit diesen möchte ich mich berühren, in Gemeinschaft mit ihnen treten und in ihrer Mitte unter ihrem Einfluss dieselbe Bahn wandeln, stets vorwärts schreiten mit dem Gefühl der Selbsterhebung, mit dem Zweck der Vereinfachung und des tieferen Erkennens und Eingehens auf die Übung dieser Kunst, so dass wie äusserlich vielleicht die hohen Kunstwerke der Griechen als vollkommne göttliche Eingebung galten und auf die Menge als solche zurückstrahlten und von den Meistern auch in diesem Sinn mit dieser Konzentration aller geistigen Kräfte gebildet wurden, so sammelt sich meine Tätigkeit in meiner Seele; sie fühlt ihren Ursprung, ihr Ideal, sie will sich selbst nicht verlassen, sie will sich da hinüberbilden. Du aber bist das Kind, geboren im Land, wo Milch und Honig fleusst, die sorge ist da überflüssig, die Trauben hängen Dir in den Mund, alles ist Gedeihen und Klima Deiner Wiege, alles trägt Dich und nährt und schützt Dich, solang Du das Klima nicht wechselst, und ob das, was Du dadurch erbeutest, der Welt geniessbar sei, darauf kommt es hier fürs erste gar nicht an, wenn Du nur durch eigne Sünde nicht im Werden gestört wirst, denn das ist die einzige Sünde. – Schweig über Dich und gelte ihnen, für was sie wollen, versprich mir das heilig, denn sonst würden sie Dich aus Deinem ursprünglichen Land verpflanzen, sie würden Dich aus Deiner Kindheit herausheben und etwas aus Dir machen wollen. – Und wie klagevoll wär's, wenn Du selbst Deinem inneren Leben, Deiner eignen Religion, die so sanft, so glücklich Dir dient, Dich aus eigner Schuld entfremdetest, o nein, ich will's nicht hoffen, bleib immerdar mit Deinen Geistern im Bund, die Dir Speise bringen, und verwerfe sie nicht um fremde Kost. Ich hab mir schon oft Vorwürfe machen lassen um Dich, wie hätte ich mich wehren können?