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421.516 Paalzow: Godwie-Castle Paalzow-SR Bd. 1*, 1

Vorwort des Verlegers

Zur ersten Auflage

Die Handschrift des hier im Druck erscheinenden Buches ist aus der Ferne auf eine nicht gewöhnliche Weise in die hände des Verlegers gekommen, und zwar ohne Namen des Verfassers, der ihm völlig unbekannt geblieben ist. So unwahrscheinlich das vielleicht auch Manchem erscheinen mag, so ist es doch die volle Wahrheit.

Was den Inhalt des Werkes anbetrifft, so werden Leser, die nicht flüchtig, sondern mit Geist und Beobachtungsgabe zu lesen gewohnt sind, die Bedeutsamkeit desselben bald erkennen, und dem Urteil solcher schärfer und tiefer Blickenden muss es denn auch anheim gestellt bleiben, ob sie das hier Mitgeteilte als wirkliche Erlebnisse und eigentliche Denkwürdigkeiten, oder als Dichtung auffassen und betrachten wollen.

Zur zweiten Auflage

Die günstige Aufnahme, welche dieses Werk bei gebildeten Lesern gefunden, so wie die gleich bleibende Teilnahme des Publikums, machten diese zweite Auflage binnen Jahresfrist nötig.

Obschon im Wesentlichen nichts verändert, so ist doch eine sorgfältig verbesserte Durchsicht der Sprache, wie der Sachen bei der jetzigen Auflage nicht unterlassen worden.

Die Frau Verfasserin, die zwar dem Verleger gegenüber ihre Anonymität abgelegt, dem Publikum aber nur ihr Werk, nicht ihren Namen darbieten will, wird in der fortgesetzten Teilnahme an demselben gewiss die befriedigendste Genugtuung und einige frohe Lebensstunden mehr finden.

Zur dritten und vierten Auflage

Die neueste Auflage dieses deutschen Dichterwerks, welches im Andenken gebildeter Leser sich forterhält und dessen wiederholte Lektüre den Geistreichsten unter ihnen zum Bedürfniss geworden ist, meint der Verleger nicht besser und würdiger einleiten zu können, als durch den Abdruck jener ersten Recension, welche gleich damals erschien, als das Werk noch kaum bekannt war, und als deren Verfasser Herr Braniss, Professor der Philosophie an der Universität Breslau, sich unterzeichnet hat. Diesem bleibt das Verdienst, der Erste gewesen zu sein, der durch sein tief begründetes Urteil die hohe Bedeutung von Godwie-Castle anerkannte und klar entwickelte, den Autor, dessen Name noch nicht einmal vermutet werden konnte, freudigst begrüsste und ihm jenen immergrünen Kranz, der nur Wenigen in diesem feld der Dichtung zu teil geworden, zuerst darreichte.

Jene Beurteilung, welche vor fünf Jahren, am 7. November 1836, erschien, und hier als einleitendes Vorwort wieder abgedruckt ist, wird denkenden Lesern gewiss eine wertvolle Beigabe sein. "Walter Scott's geistreiche Weise, im Romane Dichtung und geschichtliche Wirklichkeit geschickt mit einander zu verweben, hat mit Recht die Teilnahme der Lesewelt in hohem Grade erregt, und wenn diese Teilnahme jetzt sehr gesunken ist, so mag dies wohl hauptsächlich von den vielen Nachahmern Scottischer Manier herrühren, welche ohne das Talent des geistvollen Britten, doch alle seine Fehler aufgenommen haben. Solcher Fehler gibt es denn freilich auch viele. Jener breiten Detailmalerei nicht zu erwähnen, welche, weit entfernt eine grössere Anschaulichkeit zu bewirken, den Leser vielmehr nur seine Unfähigkeit empfinden lässt, alle die kleinlichen Elemente zu einem Gesammtbilde zu vereinen, sei hier nur des grossen Missverhältnisses gedacht, in welchem bei Scott die Dichtung zu dem gegebenen geschichtlichen Stoffe steht. Nur zu sehr in der Tat lässt der Dichter es uns merken, dass er selbst sich weit mehr für das Historische, als für seine eigene Schöpfung interessirt, und jemehr es ihm vermöge der Lebendigkeit seiner Darstellung gelingt, auch dem Leser ein Interesse für das Geschichtliche einzuflössen, desto dürftiger muss diesem der innerhalb mächtig hervortretender Weltverhältnisse sich abspinnende kleine Liebesroman erscheinen. Ja selbst der von Scott mit grossem Erfolg gebrauchte Kunstgriff, durch das geheimnissvolle Dunkel, darein er eine lockere Erfindung so lange als möglich zu hüllen weiss, die Neugier des Lesers in Spannung zu erhalten, dient nur dazu, bei endlich erfolgter entwicklung um so mehr das Gefühl der Enttäuschung hervorzurufen, indem der lange genährten Erwartung statt einer wichtigen, weitgreifenden Katastrophe, zuletzt doch nichts dargeboten wird, als die Vereinigung eines halbwüchsigen Liebespärchens, an dem sich die grossartigsten weltgeschichtlichen Bewegungen verkrümeln. – Unstreitig ist der unmittelbare und wesentliche Stoff des Romans überhaupt das Leben der Familie, wie denn dies in der Romanen-Literatur stets durch die Tat anerkannt worden ist. Wir erinnern nur an die älteren englischen Romane; und selbst unsere verrufenen deutschen Familiengemälde sind nicht darum so geringhaltig, weil sie das Familienleben darstellen, sondern weil sie es in seiner grösstmöglichsten Dürftigkeit auffassen, weil sie die Poesie darin suchen, es aus allem Zusammenhang mit allgemeinen Interessen herauszureissen, und seine ganze Energie auf die ungestörte Erhaltung einer isolirten Existenz hinzurichten; daher denn auch Armut bei ihnen ein so wichtiges tragisches Motiv ist, und dauerndes Familienglück hauptsächlich durch plötzlich hereinscheinenden Reichtum bewirkt wird. Ein würdiger Gegenstand für die Poesie ist aber die Familie erst, wenn sie der gemeinen Not des Lebens durch günstige äussere Verhältnisse entrückt, zu keiner Verzichtleistung auf höheren und feineren Lebensgenuss gezwungen ist. Mannigfaltigere Interessen treten dann in ihr hervor, sie selbst öffnet sich dem, was die Welt bewegt, und ohne sich an das öffentliche Leben aufzugeben, nimmt sie doch dessen wirkung in sich auf, und entwickelt erst so ein in Gesinnung, charakter und Tatkraft innerlich reiches, wahrhaft sittliches Dasein. Wird nun die Familie in dieser Würde und Bedeutsamkeit Gegenstand dichterischer Produktion, so kann sie nur entweder in bestimmten allgemeinen Beziehungen zu den Mächten des geschichtlichen Lebens festgehalten werden, – wie z.B. der edle Familienkreis, in welchen Wilhelm Meister uns einführt, an Kunst, weltbürgerlicher Erziehung und grossartiger Industrie die Bezüge hat, die ihn der Geringheit und Dürftigkeit eines bloss selbstischen