und nicht im wiederangeschlagenen Tone unserer früher kordialen Bekanntschaft beginne, wird Ihnen erklärlich sein, wenn Sie bemerken, dass ich eben Persönliches aller Art der Form unterordne, wenn es sein muss, gewaltsam und schonungslos unterordne, dass ich eben in der Ansicht zu meinem jetzigen Punkte gekommen bin, die Form sei alles, sei die eigentliche Bildung, der losgelassene, seiner ganzen Innerlichkeit freigegebene Mensch sei ein ewiger Feind des Zusammenlebens. Als Jakobiner, als Vergötterer aller Revolution kam ich nach Paris und erkannte langsam, aber sicher, dass die Gesellschaft darin zugrunde gehen müsse, wenn jeder Regung des unbändigen Menschen Folge gegeben werde. Der erfindende Mensch, das Genie, ist wild und grausam, es entspricht dem reissenden Tiere, bei welchem sich ebenfalls die grösste Potenz der Tierwelt, vorfindet, welches nur zum Nachteile seiner Umgebung lebt und überall auf den Tod verfolgt werden muss. Dagegen ist die Schranke erfunden, welche man Form nennt, und je eiserner diese ist, desto besser wirkt sie. Am äussersten Endpunkte der Revolution wird nichts gewonnen als ein anderer Herr, ein anderer Diener; wenn's hoch kommt, ein gelinderes Verhältnis zwischen diesen. Ein Verhältnis also wieder, eine Form wieder, die just durch ihre Entstehung bedroht ist. Hat man früher die Heiligkeit der Form zerreissen dürfen, warum nicht später auch? So wird die Auflösung geboren, und just der Wildheit ist das Tor geöffnet, weil sie im Erfinden am mächtigsten ist. Und halten Sie das gelindere Verhältnis für einen Gewinn? Es führt zu nichts als zur Überhebung des Niedrigeren: weil er seltener und weniger zu gehorchen, Leichteres zu leisten habe, ist ihm jede Lösung und Nichtbeachtung um so näher gelegt. Erwarten Sie von der Masse die seine Sonderung des Erlaubten, weil Sie sein Verhältnis seiner gemacht? Dann müsste die Roheit von der Erde weichen, und doch ist sie ein Urelement derselben. Dieses Hinaufexperimentieren bringt entweder immerwährenden Wechsel, da jeder Mensch einen Schritt weiter verlangt, als er gestellt ist, oder es bringt die Blasierteit. Warum? Die ganze Welt ist in grossen Unterschieden begründet, sie sind erforderlich, damit wir einen Drang, ein Interesse haben; wenn diese aufhören, dann beginnt die Öde. Dies war mein Los in Paris, und es ist das, was ich mein Lebtag nicht mehr verwinden werde; denn mein Verstand hat sich zwar einen anderen Kreis, eine andere Existenz geschaffen, die in Schluss und notwendigkeit fest begrenzt ist, aber mein Herz stammt aus der Geburt einer anderen Welt, weil meine Jugend revolutionär war, mein Herz ist verarmt, und wird nur durch künstliche Mittel aufrecht erhalten. Die Revolution hat mein Leben verschlungen; mein Automatenschatten, der isst und trinkt, küsst und spricht, lauft allein noch weiter – missverstehen Sie mich nicht: mein Herz hängt nicht etwa noch an der Revolution, o nein, ach ich beneide jeden Schwärmer, für ein schwunghaftes Leben ist sie unbezahlbar, die Schwärmerei, sie richte sich, auf was sie wolle. In den unnatürlichen Gegensätzen aber, wohinein ich geriet, ist alles drängende Leben in mir getötet worden; wenn ich phantasierte, so täte ich's in einem künstlichen Wahnsinn, dem ich mich selbst bewusstvoll in die arme stürzte, und der sich meiner dann bemächtigte, stärker werdend als ich selbst. An Dämonen möchte ich mich schliessen, um von einer stärkeren Macht geschwungen zu sein, aber mein kaltes Herz isoliert mich auch von diesen. So verödet gewann ich Julia, das schöne Mädchen, weil sie Gesetz und Mass in mir fand, was sich beides damals in seiner Geburt um so stärker herausdrängte, weil sie einen Schutz suchte vor der Wildheit Hippolyts. Sie ward meine Frau und hat nie jemand anders geliebt, als ihn, den tobenden Hippolytos; das reizende geschöpf war in die Form hinein verzogen, sie hatte das umgekehrte Unglück: ihre natürlichen starken Kräfte waren von haus aus zusammengeschnürt und erstickt worden, sie hatte keinen Mut mehr zur dreisten. Kraft und Freude, an denen ein teil zur wirklich elastischen Existenz nötig ist, sie konnte sich nur noch freuen, wo die Freude jedem anständigen weib erlaubt ist, und verlor so jede eigene persönliche Lust. Sie und Hippolyt hätten sich vielleicht ergänzt und ein gelungenes Paar gebildet; mit mir, dem gegen seine Anlagen formell Gewordenen musste sie versteinern, mich musste sie versteinern, da dasjenige, was sie in meine arme führte, der Mord meines eigentlichen Lebens, der Mord ihres Lebens war. Ob ich sie geliebt? Später erst habe ich eingesehen, dass ich von da an, wo der grosse Lebenswechsel in mir eintrat, wo ich mein Herz auf Kosten der Bildung erwürgte, gar nicht mehr lieben konnte. Wir stellten uns so, weil es für solches Verhältnis in der Form ist, zärtlich zu sein, und weil die Sinne da noch zu Hilfe kommen; glücklicherweise wussten wir nichts von dieser Verstellung, das war unser einziges Glück, das uns je geblüht hat. Wir haben Kinder gezeugt und ein Haus gemacht und gelten für ein musterhaftes Paar – gegen die Welt haben wir in alle Wege recht, und dies ist das Opfer und der einzige Trost, an dem ich wie an einer Drahtschnur weitergehe; gegen uns selbst haben wir unrecht, und die Welt mit ihrer schwer zu fügenden Ordnung trägt die Schuld. Sie sehen, ich bin so sehr ein Opfer, wie Sie, ich habe mir ein grösseres, ebenso trauriges Gefängnis bereitet, aber mit mir gedeiht