1829_Goethe_027_171.txt

kann das Gesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit sein, ein Wille, den die Menge niemals ausspricht, den aber der Verständige vernimmt und den der Vernünftige zu befriedigen weiss und der Gute gern befriedigt. Welches Recht wir zum Regiment haben, darnach fragen wir nichtwir regieren. Ob das Volk ein Recht habe, uns abzusetzen, darum bekümmern wir uns nichtwir hüten uns nur, dass es nicht in Versuchung komme, es zu tun. Wenn man den Tod abschaffen könnte, dagegen hätten wir nichts, die Todesstrafen abzuschaffen, wird schwerhalten. Geschieht es, so rufen wir sie gelegentlich wieder zurück. Wenn sich die Sozietät des Rechtes begibt, die Todesstrafe zu verfügen, so tritt die Selbstülfe unmittelbar wieder hervor, die Blutrache klopft an die tür. Alle gesetz sind von Alten und Männern gemacht. Junge und Weiber wollen die Ausnahme, Alte die Regel. Der Verständige regiert nicht, aber der Verstand; nicht der Vernünftige, sondern die Vernunft. Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich. Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun. Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft. Beide gehören, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden, in steter Rücksicht auf das, was uns vom Vergangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden. Wissenschaften entfernen sich im ganzen immer vom Leben und kehren nur durch einen Umweg wieder dahin zurück. Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die äussern und inneren Erfahrungen ins allgemeine, in einen Zusammenhang. Das Interesse an ihnen wird im grund nur in einer besonderen Welt, in der wissenschaftlichen, erregt, denn dass man auch die übrige Welt dazu beruft und ihr davon Notiz gibt, wie es in der neuern Zeit geschieht, ist ein Missbrauch und bringt mehr Schaden als Nutzen. Nur durch eine erhöhte Praxis sollten die Wissenschaften auf die äussere Welt wirken: denn eigentlich sind sie alle esoterisch und können nur durch Verbessern irgendeines Tuns exoterisch werden. Alle übrige Teilnahme führt zu nichts. Die Wissenschaften, auch in ihrem inneren Kreise betrachtet, werden mit augenblicklichem, jedesmaligem Interesse behandelt. Ein starker Anstoss, besonders von etwas Neuem und Unerhörtem oder wenigstens mächtig Gefördertem, erregt eine allgemeine Teilnahme, die jahrelang dauern kann und die besonders in den letzten zeiten sehr fruchtbar geworden ist. Ein bedeutendes Faktum, ein geniales Aperçu beschäftigt eine sehr grosse Anzahl Menschen, erst nur um es zu kennen, dann um es zu erkennen, dann es zu bearbeiten und weiterzuführen. Die Menge fragt bei einer jeden neuen bedeutenden Erscheinung, was sie nutze, und sie hat nicht unrecht; denn sie kann bloss durch den Nutzen den Wert einer Sache gewahr werden. Die wahren Weisen fragen, wie sich die Sache verhalte in sich selbst und zu andern Dingen, unbekümmert um den Nutzen, d.h. um die Anwendung auf das Bekannte und zum Leben Notwendige, welche ganz andere Geister, scharfsinnige, lebenslustige, technisch geübte und gewandte, schon finden werden. Die Afterweisen suchen von jeder neuen Entdeckung nur so geschwind als möglich für sich einigen Vorteil zu ziehen, indem sie einen eitlen Ruhm, bald in Fortpflanzung, bald in Vermehrung, bald in Verbesserung, geschwinder Besitznahme, vielleicht gar durch Präokkupation, zu erwerben suchen und durch solche Unreifheiten die wahre Wissenschaft unsicher machen und verwirren, ja ihre schönste Folge, die praktische Blüte derselben, offenbar verkümmern. Das schädlichste Vorurteil ist, dass irgendeine Art Naturuntersuchung mit dem Bann belegt werden könne. Jeder Forscher muss sich durchaus ansehen als einer, der zu einer Jury berufen ist. Er hat nur darauf zu achten, inwiefern der Vortrag vollständig sei und durch klare Belege auseinandergesetzt. Er fasst hiernach seine Überzeugung zusammen und gibt seine stimme, es sei nun, dass seine Meinung mit der des Referenten übereintreffe oder nicht. Dabei bleibt er ebenso beruhigt, wenn ihm die Majorität beistimmt, als wenn er sich in der Minorität befindet; denn er hat das Seinige getan, er hat seine Überzeugung ausgesprochen, er ist nicht Herr über die Geister noch über die Gemüter. In der wissenschaftlichen Welt haben aber diese Gesinnungen niemals gelten wollen; durchaus ist es auf Herrschen und Beherrschen angesehen; und weil sehr wenige Menschen eigentlich selbstständig sind, so zieht die Menge den Einzelnen nach sich. Die geschichte der Philosophie, der Wissenschaften, der Religion, alles zeigt, dass die Meinungen massenweis sich verbreiten, immer aber diejenige den Vorrang gewinnt, welche fasslicher, d.h. dem menschlichen geist in seinem gemeinen Zustande gemäss und bequem ist. Ja derjenige, der sich in höherem Sinne ausgebildet, kann immer voraussetzen, dass er die Majorität gegen sich habe. Wäre die natur in ihren leblosen Anfängen nicht so gründlich stereometrisch, wie wollte sie zuletzt zum unberechenbaren und unermesslichen Leben gelangen? Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der grösste und genaueste physikalische Apparat, den es geben kann; und das ist eben das grösste Unheil der neuern Physik, dass man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloss in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die natur erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will. Ebenso ist es mit dem Berechnen. – Es ist vieles wahr, was sich nicht berechnen lässt, sowie sehr vieles, was sich nicht