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Herz wird nie genesen.

Sie ist viel bei uns, wir tun, was wir könnenaber was vermag die treuste Freundschaft gegen einen Schmerz, wie Valeriens? Ich bin überzeugt, Junia, dass dies der grösste ist, den je ein menschliches Herz fühlen kann, ich war nahe daran ihn zu empfinden, und ich glaube, oder eigentlich ich hoffe, ich würde ihn nicht überleben. Lass mich abbrechen, es ist nicht gut, in einer Zeit, wo fremdes Leiden unsre Tätigkeit, unsre Geisteskräfte auffordert, diese durch geträumte Schmerzen und mögliche Schreckbilder zu lähmen. lebe' wohl.

Fussnoten

1 Nicht weit von der Stelle, wo der Sage nach der Körper des h. Florianus begraben worden, steht jetzt das Stift der regulirten Chorherren zu St. Florian auf einem Hügel. An seinem fuss entspringt jene Quelle, wirklich die einzige mit frischem guten wasser, in dieser sonst so fruchtbaren, aber wasserarmen Gegend. Das Stift zeichnet sich durch äussere Schönheit der Bauart, durch eine treffliche Verfassung, noch mehr aber durch sein würdiges Oberhaupt, den gegenwärtigen Herrn Probst, einen eben so kenntnissreichen als edlen Mann, und durch viele gelehrte schätzbare Mitglieder vor den meisten Stiftern in Oesterreich und Deutschland sehr vorteilhaft aus.

94. Agatokles an Phocion.

Laureacum, im August 304.

Seit wir uns zu Aten auf meiner Hieherreise sahen, ist mein Leben eine ununterbrochene Kette von eben so wichtigen als unangenehmen Geschäften gewesen. Die wenigen Briefe, die ich dir senden konnte, werden dir schon ziemlich eine Vorstellung von meinen Verhältnissen gegeben haben; so brauche ich dir nur zu sagen, dass sie noch immer fortwähren, und dass ich nicht absehe, wann und wie sie aufhören werden. Ich habe in diesen Gegenden für Constantin und meine Glaubensgenossen viel zu sorgen, zu wirken und zu bereiten. Es kommt die Zeit, sie ist vielleicht näher, als wir denken, wo grosse Entschlüsse reifen, Alles umfassende Veränderungen eintreten, und die neue Form der Dinge ganz neue Maassregeln erfordern wird. Diocletian liegt noch krank in Salona, wo Constantin seiner mit achtung und kindlicher sorge pflegt. Galerius verstärkt seine Macht täglich auf geheimen und offenen Wegen. Es ist Constantin in seiner Lage nicht möglich, das Gleiche zu tun, ohne Verdacht zu erregen, da er nur des Cäsars Sohn, nicht wirklich Cäsar ist. Was geschehen kann, und unabänderlich geschehen muss, wenn nicht alle Plane scheiteils durch seinen Vater geschehen. Es ist schon Vieles getan, aber noch weit mehr zu tun übrig, und ich hoffe mit Zuversicht viel Gutes und Grosses für die Menschheit von dem, was jetzt bereitet wird.

Du zwar, mein geliebter Freund! wirst nicht ganz in unsere Plane einstimmen. Deine Ansichten sind verschieden. Ich werde es nicht unternehmen, sie zu bekämpfen, noch weniger sie unrichtig zu nennen, aber ich fühle mein Herz erleichtert, wenn ich dir die Beweggründe, die mich handeln machen, genau auseinanderlegen, und so mein Inneres dir, dem Lehrer und Leiter meiner Jugend, unverhüllt zeigen kann.

Du hast mir in deinem letzten Briefe zugegeben, dass Religion für die Menschen überhaupt notwendig, und dass sie, weil der Mensch auch im rohesten Zustand Spuren von übersinnlichen Begriffen zeigt, gewissermassen in seiner natur gegründet sei. Aber du liessest ihn, den unsichtbaren Urheber des Ganzen, den Schleuderer des Blitzes, den Spender der Ernten nur mit dem verstand aufsuchen und finden, und bist überzeugt, dass jene Vermutungen, auf welche die freiwirkende Vernunft des Menschen durch blosse Betrachtung der natur führt, folglich die blosse idee eines höchsten Wesens und einer Fortdauer nach dem tod, hinreichend zur Sittlichkeit und Glückseligkeit des Menschen auf jeder Stufe der kultur sei.

Ich will nichts davon sagen, dass bis jetzt weder die ältere noch neuere geschichte uns ein Beispiel eines, wenn auch noch so kleinen, Volkes aufstellt, das sich mit dieser blossen Vernunft-Religion begnügt hätte! Ich bitte dich bloss umherzusehen, und unter den Menschen, welche sich gesittet, gebildet, gelehrt nennen, mit scharfer Prüfung diejenigen auszusondern, deren Seelen erhaben und reich genug wären, um zum Guten und Schönen keines andern Antriebes, als der heiligen stimme in ihrer reinen Brust zu bedürfen. Wie klein wird diese Anzahl sein! Und kann es wohl mehr als ein schöner Traum genannt werden, wenn wir hoffen wollten, die ganze Menschheit einst auf einer hohen Stufe der kultur zu sehen? Würden nicht selbst in dieser mehr als platonischen Republik die Menschen noch immer dem Irrtum der Sinne, den Grübeleien, den Täuschungen der Vernunft unterworfen, dem Einfluss und der Gewalt der Elemente, der Naturwirkungen hülflos bloss gestellt sein? Was können spitzfindige Systeme gegen die Macht des Unglücks? Was vermag die so oft irrende Vernunft, die über die wichtigsten Punkte nichts als Vermutungen hat, gegen die furchtbare Gewalt des nagenden Zweifels, wenn er einmal angefangen hat, die Grundfesten unserer Ruhe zu untergraben? O Phocion! Denke deinem Schicksale nachmeine Hand würde zittern, wenn ich jene alten, vielleicht jetzt nicht ganz geheilten Wunden berühren solltedenke deinem Schicksale nach, und wenn du wünschest, dass das Menschengeschlecht nur durch Vernunft zu fester Ruhe und Sittlichkeit gelange, so erinnere dich jener Stunden, in welchen die Hand des Geschicks schwer auf deinem Herzen lag, dies Herz durch keine Vernunftgründe sich vor stechenden Zweifeln schützen konnte, und alle Systeme der Philosophen, die dein vielgebildeter Geist sich gegenwärtig hielt, nicht hinreichen, dir Beruhigung zu verschaffen, weil eben