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lieben könnte und dürfte. Ich müsste mich sehr irren, oder ein Schriftsteller interessirt immer nur in so fern, als seine Gedanken Abgründe entalten, in welche man nur schwindelnd blickt. Mit der natürlichen Vorliebe, welche der Mensch für das Grosse und Starke hat, hab' ich in der Folge versucht, mir auch Shakspears Geist anzueignen; allein dies hat mir nie gelingen wollen, und hab' ich mich anders gehörig beobachtet, so ist es der Mangel an Züchtigkeit in den Werken des Engländers, was mich beständig von ihm zurückgeschreckt hat. Shakspear hat nur für Männer geschrieben, und Weiber, welche seine Trauerspiele und Lustspiele mit Vergnügen lesen, verderben nichts mehr an sich selbst, wenn sie Pferde zureiten, Armeen kommandiren, und jedes andere Geschäft verrichten, das die natur dem mann zugeteilt hat. Sie haben ihren Lohn dahin, indem sie der Weiblichkeit entsagt haben.

So lange ich auf dem land gelebt hatte, waren mir gewisse Empfindungen ganz unbekannt geblieben. Dahin gehörten die des Mitleids und Erbarmens, für welche es auf dem dorf, das ich in der Gesellschaft meiner Pflegeeltern bewohnte, keine Gegenstände gab, weil der Überfluss an Naturgütern wohl zur gefälligkeit, aber nicht zur Grossmut führen kann. In die Hauptstadt versetzt, fand ich nur allzubald gelegenheit, aus mir selbst heraus zu treten, um mich mit der zahllosen Menge derjenigen zu identifiziren, welche, ausgeschlossen von den Vorteilen der gesellschaftlichen Arbeit, ihre Zuflucht zu der menschlichen Milde nehmen müssen. Je weniger ich auf den Anblick des Kummers und der Ohnmacht vorbereitet war, desto heftiger wirkte er auf mich ein. Ich gab, was ich nur einigermassen entbehren konnte, und tat mir nicht eher genug, als bis ich die Entdeckung gemacht hatte, dass man für Hülfsbedürftige nichts tut, so lange man ihnen nicht gerade das gibt, was ihnen notwendig ist. Von jetzt an gewann mein Mitgefühl den Charakter der Tätigkeit; und ob es gleich dadurch an innerer Stärke verlor, so war doch jeder Akt der Milde mit desto mehr Vergnügen für mich verbunden, je bestimmter ich mir sagen konnte, wodurch ich ihn zu stand gebracht hatte. Jenes müssige Wohltun, wodurch man sich zuletzt entweder von einem unangenehmen Gefühl loskauft, oder sich die eigene Unbedürftigkeit klar macht, ist mir seitdem immer fremd geblieben; und was die Verteidiger der Selbsteit auch immer zur Rechtfertigung ihres Systemes sagen mögen, so hab' ich immer an mir selbst zu bemerken geglaubt, dass ausser der Selbsteit noch etwas anderes im Menschen ist, das, mag man es doch nennen wie man wolle, allein zu Aufopferungen und Anstrengungen für die Gesellschaft führen kann. Es war, wenn ich nicht irre, eine Französin, welche über ihre tür schrieb: Sparsamkeit ist die beste Quelle der Grossmut; aber diese Frau empfand bei weitem richtiger, als Helvetius dachte, der in seinen Werken etwas Bewundernswürdiges geleistet haben würde, wenn er das Problem seiner eigenen herrlichen natur gelöset hätte.

Der Zeitpunkt war gekommen, wo ich in die Gemeinschaft der Christen durch einen förmlichen Akt aufgenommen werden musste. Mein Pflegevater selbst wollte diesen Akt verrichten, und bereitete mich daher auf das sorgfältigste dazu vor. So viel ich mich seines Unterrichts noch jetzt erinnern kann, unterschied er Christentum von christlicher Religion. Das erstere setzte er in eine gewissenhafte Anwendung des Moralprincips auf alle die gesellschaftlichen Verhältnisse, in welchen sich das Individuum befindet; in der letzteren erblickte er eine Sammlung von Anschauungen des Inneren der menschlichen natur, welche die Dumpfheit des Mittelalters in Mysterien verwandelt hatte. Nach ihm war z.B. die Lehre von der Dreieinigkeit mit einer Art von notwendigkeit aus dem inneren des Menschen hervorgegangen. "Von jeher," sagte er, "war das Bestreben des menschlichen Geistes darauf gerichtet, das Unbegreifliche zu begreifen. Hierbei konnte es nicht fehlen, dass der Mensch sich zuletzt selbst an die Stelle der ersten Ursache aller Erscheinungen setzte. Da eine Kraft in ihm vorhanden war, aus welcher alle seine Schöpfungen hervorgingen, so stellte er diese Kraft (den Geist) symbolisch als den Vater dar. Eine andere Kraft in ihm (das Gemüt) entielt die ewigen Aufforderungen zu neuen Schöpfungen; und wie hätte diese Kraft schicklicher personifizirt werden können, als unter dem Bilde des Sohnes, der den Vater liebt und von ihm geliebt wird? Die dritte Kraft ging aus dem Verhältnisse der beiden ersteren hervor, und war in sich selbst das Bewusstsein der grösseren oder geringeren Harmonie der beiden ersteren Kräfte (Gewissen); daher die symbolische Bezeichnung derselben durch den heiligen Geist, der von Vater und Sohn ausgeht. Die Lehre von der Dreieinigkeit lag also wesentlich im Menschen, und ist im grund genommen die umfassendste Reflection, die der Mensch jemals über sich selbst gemacht hat. Ein Gegenstand des blinden Glaubens und des spottenden Zweifels, so lange das Innere noch nicht erwacht ist, wird sie ein Gegenstand der unmittelbaren Anschauung und der innigsten Überzeugung, so bald man anfängt, sein eigenes Wesen zu zergliedern. Wie viele Spötter unserer Zeit würden plötzlich verstummen, wenn es möglich wäre, ihnen den wahren Sinn des neuen Testaments und der ersten Kirchenväter einzuimpfen! Man findet es gegenwärtig ehrenvoll ein Ateist zu sein; aber nur weil man nicht weiss, was ein Ateist ist. Sei man es immerhin in Beziehung auf den Gott der Priester, und so bald von einer furchtbaren Weltursache die Rede ist; aber ist die Weltursache von beiden nicht wesentlich verschieden? In Beziehung auf diese ist es an und für sich unmöglich ein Ateist