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er ihrem letzten Schritte Vaterlandsliebe zum grund legte, und sie noch obendrein zur Gattin eines achtbaren Mannes machte. Wäre Göte's Empfindsamkeit allen Zuschauern und Lesern seiner Eugenia eigen, so müssten sie in eben die melancholische Stimmung geraten, in welcher er sein Kunstwerk schuf. Es ist also nur das Missverhältniss, worin Göte, als Culturgeschöpf, zu der Welt, auf welche er einwirken möchte, steht, was alle die schiefen Urteile zu verantworten hat, die über seine Eugenia, wie über seine übrigen Dramen, gefällt worden sind. Ob dies verhältnis immer dasselbe bleiben werde, mag ich nicht entscheiden; kommt aber die Welt auf ihrem Entwickelungsgange so weit, dass sie Göten fassen lernt, so muss das Schicksal seiner Eugenia eben so tiefe Rührungen hervorbringen, als alles, worüber das Publikum gegenwärtig in Tränen zerfliesset; nur mit dem Unterschiede, dass man sich in Göte's Dramen zugleich im Gemüte verwirrt und im geist erleuchtet, zugleich niedergedrückt und gehoben fühlen wird.

So wie die Sachen gegenwärtig stehen, ist dies unmöglich. Dennum bei der natürlichen Tochter stehen zu bleibenes ist nicht Eugenia's Individualität allein, was den grössten teil der Zuschauer oder Leser unberührt lässt; die übrigen Personen des Drama's sind ihnen nicht minder unbegreiflich. Um in diesem Herzog den schwankenden Vasallen neben dem gefühlvollen Vater, in diesem Sekretär das egoistische Werkzeug eines fremden Willens, in dieser Hofmeisterin die verzweifelnde Jungfrau, in diesem Gouverneur das geschöpf militairischer Disciplin, in dieser Äbtissin die durch die weltliche Macht beschränkte Frau, in diesem Mönch den religiösen Schwärmer, in diesem Gerichtsrat den über sein Geschäft hoch erhabenen, das Recht idealisirenden Menschen zu fassen, muss man etwas mehr von der Welt begriffen haben, als die grosse Mehrheit, der alles, was gesellschaftliches verhältnis genannt werden mag, ein unauflösliches Rätsel ist. Ohne Zweifel hing es nur von dem Dichter ab, sein Kunstwerk dennoch der grossen Mehrheit angenehm zu machen; aber alsdann hätte er eben die Wege einschlagen müssen, welche Schakespear einschlug, so oft es ihm darauf ankam, ungemeinen Charakteren Eingang zu verschaffen; nämlich viel Teatergeräusch in nächtlichen Erscheinungen, Zweikämpfen u.s.w. Da Göte dies nicht getan hat, so müssen wir annehmen, dass er dergleichen Behelfe verachtet; und wie kann man anders als sie verachten, wenn man nicht zu dem grossen Haufen gehört, oder für ihn lebt? Die Unsterblichkeit sichert man sich nur dadurch, dass man die eigene Individualität vor allen Verunstaltungen bewahrt; und wenn Alfieri über irgend einen Punkt Recht hatte, so war es in der Behauptung, dass nur diejenige Schriftstellerei einen Wert haben könne, deren Inzentiv ein grosser, ewig dauernder Ruhm ist. Ich stelle mir vor, dass es mir an Göte's Stelle Vergnügen machen würde, in meinen dramatischen Werken die Verzweiflung der Schauspieler und Kritiker zu erblicken.

So viel über Göte's Eugenia, deren Lektüre mir unaussprechliches Vergnügen gemacht hat; ein Kunstwerk, das sich in jedem Betracht den ersten Meisterwerken aller Nationen zur Seite stellen kann, ohne durch die Vergleichung zu leiden, und das ganz unstreitig das allervollkommenste ist, das der deutsche Geist jemals geschaffen hat.

Ich komme nach dieser Abschweifung auf mich selbst zurück.

Durch die Lektüre auserlesener Geisteswerke erhalte ich meinem eigenen geist die jugendliche Kraft, wodurch ich mich von anderen Personen meines Alters unterscheide. Allen meinen Erfahrungen nach, gibt es kein besseres Mittel, dem Alter auszuweichen. Eine Sammlung wirklich geistreicher Schriften hat den Vorzug selbst vor der besten Gesellschaft. Einmal behält man seiner Bibliotek gegenüber die vollste Freiheit, welche notwendig verloren geht, wenn man sich, im persönlichen Umgange, fremden Individualitäten anschmiegen muss. Zweitens hat man den Vorteil, die Geister in ihren Sonntagsschmuck zu sehen, d.h. nicht verunstaltet durch Launen, Antipatien und alle die Wirkungen momentaner Eindrükke, welche die Mitteilung hemmen; denn wer sich einmal an sein Pult gesetzt hat, um mit der Welt zu sprechen, befindet sich gewiss in der ihm vorteilhaftesten Verfassung. Drittens hat man es in seiner Gewalt, aufzurufen welchen Geist man will, nur ihm zu leben, und ihm nur so lange zu leben, als man es für gut befindet. In der Tat, ich wundere mich, wie so viele Personen, welche auf Bildung Anspruch machen, diese Vorzüge verkennend, den Geselligkeitstrieb nur dann zu befriedigen glauben, wenn sie sich durch den Umgang auf die Folter spannen lassen.

Da von meinen Schicksalen nicht weiter die Rede sein kann, so bleibt mir nur noch übrig, von meiner Lebensweise und meinen Erwartungen zu sprechen.

Ich habe die Gewohnheiten und Neigungen meiner Jugend immer beibehalten; ich konnte es, weil sie in jeder Hinsicht leicht und bequem waren, und tat es, weil ich mich dabei wohl befand. Meiner Mässigkeit verdanke ich, dass ich nie krank gewesen bin. Aber ich kann mit gleicher Wahrheit sagen, dass ich mich nie unglücklich gefühlt habe; und dies bedeutet etwas mehr. Vielleicht sind die Gemütskräfte nie so stark in mir gewesen, dass sie mich zu inneren Widersprüchen führen konnten; vielleicht aber auch hat die frühe Gewöhnung, ihren Anfällen zu begegnen, die wirkung hervorgebracht, dass ich mir zu allen zeiten klar und gleich bleiben konnte. Dem sei wie ihm wolledenn hierüber ganz ins Reine zu kommen, ist vielleicht unmöglichindem ich Anderen eben so sehr gelebt habe, als mir selbst, habe ich immer einer beneidenswerten Ruhe und Heiterkeit genossen. Jungfrau bin ich