? Alle materielle Industrie ist die Bedingung der immateriellen, und in dieser Ansicht mögen wir jene wohl verzeihen.
In der Tat, ich freue mich, die Zeit erlebt zu haben, in welcher Göte's natürliche Tochter erscheinen konnte. Höher als jedes andere Produkt desselben Meisters setz' ich dieses. Mag die Mitwelt darüber urteilen wie sie wolle, die Nachwelt wird darin nur ein Dokument unseres gegenwärtigen Culturgrades erblicken; und auf diese Weise erwarte ich nichts Geringeres, als dass die natürliche Tochter die zeiten, in welchen wir leben, verherrlichen werde. Was ist es denn zuletzt, was die Lektüre eines Reineke Fuchs so anziehend macht? Meinem Urteile nach nichts anderes, als die Entdeckung, dass in diesem Gedichte eine grosse Welt dargestellt ist, die so und so gegen oder für einander wirkte. Das Feudalwesen in seiner Glorie; dies ist der Inhalt des Reineke Fuchs, und es wäre unendlich zu bedauern, wenn der Verfasser nicht allegorisirt hätte. Das Feudalwesen in seinem Verfall und nahen Zusammensturz; dies ist der Inhalt der natürlichen Tochter, und es wäre eben so unendlich zu bedauern, wenn der Verfasser keinen König, keinen Herzog, keinen Grafen, keinen Weltgeistlichen, keinen Mönch, keinen Gouverneur u.s.w. aufgeführt hätte. Beide Kunstwerke bezeichnen also bestimmte Entwickelungsepochen, und haben in dieser Hinsicht, wie verschieden sie auch ihrem Inhalte nach sein mögen, gleichen Wert. Ist von der Kraft die Rede, durch welche beide ins Dasein gerufen wurden, so möchte ich behaupten, dass sie in beiden Verfassern gleich gross war; so dass ich mich gar nicht darüber wundere, wie Göte der Übersetzer des Reineke Fuchs werden konnte; ein Werk, das mich bezaubert, und dessen sorgfältiges Studium mich zu meiner Ansicht der natürlichen Tochter geführt hat.
Man rühmt es als einen grossen Vorzug der letzteren, dass die edlen Formen der Griechen in ihr conzentrirt sind. Was mich betrifft, so bin ich der Meinung, dass die natürliche Tochter als Kunstwerk erbärmlich wenig sein würde, wenn nur die Formen in Betrachtung gezogen werden sollen. Auch ohne jemals den Aeschylus und Sophokles gelesen zu haben, musste Göte, vermöge seines Verstandes, solche Formen erzeugen. Der Geist, welcher in der natürlichen Tochter lebt und webt, ist aber über den der Griechen so unendlich erhaben, dass ich zweifle, Aeschylus und Sophokles würden die natürliche Tochter verstehen, wenn sie ihnen in die hände gegeben werden könnte.
Da ich einmal ein wenig in das Götische Kunstwerk verliebt bin; so müssen Sie mir, mein angenehmer Freund, verzeihen, wenn ich zu diesen Bemerkungen noch einige andere hinzufüge, von welchen ich glaube, dass sie zur Sache gehören.
Mir war bei der Lektüre der natürlichen Tochter eben so zu Mute, als bei der Betrachtung der Verklärung Raphaels. Anfangs wusste ich nicht, wodurch ich in diese Stimmung geraten war; als ich aber tiefer nachdachte, entdeckte ich zwischen beiden Kunstwerken eine auffallende Ähnlichkeit, welche darin bestand, dass in beiden eine doppelte Handlung vorgeht, welche die höchste Einheit mit sich führt. Wollen Sie sich gefälligst desjenigen erinnern, was ich weiter oben über das Raphaelsche Kunstwerk als Urteil meiner verewigten Freundin bemerkt habe; so müssen Sie gestehen, dass das Wunder der Verklärung zu der fehlgeschlagenen Heilung des besessenen Knaben in eben dem Verhältnisse steht, worin sich die Revolution zu Eugenia's Schicksal befindet. Vereinigung des Epischen mit dem Dramatischen war wie Raphaels so auch Göte's Zweck, und beide haben ihn auf das allervollkommenste erreicht, indem sie die doppelte Handlung so stellten, dass die eine die andere beleuchtet und aufklärt. Ist nicht alles, was der Götischen Eugenia begegnet, von einer solchen Beschaffenheit, dass es in dumpfes Erstaunen setzt, wofern man nicht an das zurückdenkt, was der ganzen Gesellschaft, zu welcher sie gehört, bevorsteht? Nur auf diese Weise liess sich eine grosse Revolution auf die Bühne bringen; aber indem sie im Hintergrunde gehalten werden musste, so konnte es schwerlich fehlen, dass alle diejenigen (Zuschauer oder Leser), denen es an Einbildungskraft gebrach, von der Handlung sehr wenig ergriffen werden, und dass Göte in dieser Hinsicht Raphaels Schicksal teilte, an dessen Verklärung die gewöhnliche Critik zur Tadlerin werden musste.
Grosse, hocherhebende Gefühle wollte der Dichter erzeugen, und solche hat er in allen denen erzeugt, die ihn zu fassen Kraft genug haben. Doch auf die Menge konnte er nicht einwirken. Dieser musste es sogar problematisch werden, ob sein Kunstwerk für eine wahre Tragödie zu achten sei, da sie sich in derselben durch nichts gemartert und gefoltert fühlte. Mit tiefer, alles umfassender Menschenkenntniss hatte der Dichter gezeigt, wie aus Eugenia's nicht gesetzmässiger Geburt sich, mit ihren seltenen Talenten und ungemeinen Eigenschaften, ihre Ansprüche auf anerkannte Hoheit und ihre Schicksale entwickelten; allein sich mit einem solchen Wesen, wie diese Eugenia ist, zu identifiziren, ist der grossen Menge unmöglich; und da sie die Heldin des Drama's nicht vor ihren Augen vernichtet sieht, so entgeht ihr diejenige Vernichtung, welche Eugenia dadurch erfährt, dass die Flammen der Revolution über alle ihre Wünsche, Hoffnungen und Ideale zusammenschlagen. Nur dem gebildeten Zuschauer oder Leser ist es einerlei, ob er eine Iphigenia in Aulis zum Opferaltare führen, oder eine Eugenia ein Missbündniss eingehen sieht; und wie sehr der Dichter auf diese höhere Bildung gerechnet habe, liegt darin am Tage, dass er den Schmerz über Eugenia unglückseliges Geschick nicht besser besänftigen zu können glaubte, als wenn