unendlich empfänglicher, als der Franzose; nur dass jener durch die Heftigkeit seines Gemütes sie unaufhörlich zerstört, während dieser sie zu einem Spielwerk macht, worüber der Mutwille schaltet. Die edelste französische Physiognomie, welche mir jemals vorgekommen ist, hat Racine, so wie er von den Künstlern gewöhnlich dargestellt wird. Auch bin ich vollkommen überzeugt, dass dieser Mann der wahren Freundschaft fähig war. Wäre ich seine Zeitgenossin gewesen, so würde ich mich mit ihm verbunden haben, hätte ihn gleich die ganze Welt treulos und falsch genannt; er konnte es nicht sein, sobald er einen Gegenstand antraf, an welchem sich die Harmonie seines Gemütes und Geistes, wovon seine Physiognomie immer nur das Symbol war, offenbaren konnte.
Um bei diesem gegenstand nicht allzulange zu verweilen, will ich nur noch eine artistische Bemerkung machen, die mir von einiger Bedeutung scheint. Sie besteht darin, dass der Streit, ob die Schönheit oder der Charakter der eigentliche Vorwurf der schönen Kunst sei? ein sehr unnützer Streit ist, weil es, nach allem bisher Gesagten, am Tage liegt, dass die Schönheit als etwas Sichtbares, nur immer das Resultat einer inneren Harmonie ist, die in sich selbst einen Charakter bildet, und zwar den höchsten, den es geben kann. Der Charakter ist also eben so sehr ein Vorwurf der schönen Kunst, als die Schönheit, oder vielmehr, beide sind in Beziehung auf die schöne Kunst eins und dasselbe, so dass der Künstler nie etwas anderes tut, als das Symbol der inneren Harmonie zwischen Gemüt und Geist darstellen. Das Ideal des Schönen wäre demnach nichts weiter, als der Abdruck dessen, was von der inneren Harmonie äusserlich sichtbar wird, und daber versteht sich ganz von selbst, dass jeder Charakter, dessen Wesen nicht mehr auf innerer Harmonie beruht, aufhört, ein Vorwurf der schönen Kunst zu sein; denn sonst würde Carrikatur und Hässlichkeit mit Harmonie und Schönheit einerlei werden müssen.
Genug von meiner Lebensphilosophie und meinem Kunsttakt. Es kam bloss darauf an, begreiflich zu machen, wie ich mich für Eugenien so lebhaft interessiren konnte, ohne sie jemals gesehen oder von ihr gehört zu haben. Die anziehende Kraft, die sie an mir ausübte, brachte uns sehr bald näher; und ich glaube mit Wahrheit behaupten zu können, dass wir Freundinnen waren, ehe wir uns dem Namen nach kannten. Erst am dritten Tage unserer Bekanntschaft entdeckte sichs, dass wir beide geborne Deutsche waren; denn bis dahin hatten wir nur Französisch gesprochen, und uns in dieser Sprache über jedes höhere Interesse, das Menschen an einander kettet, einverständigt. War es mir angenehm, in Eugenien ein Weib kennen zu lernen, dem ich mich aufschliessen konnte; so war die Freude Eugeniens über diese Entdeckung in Beziehung auf mich nicht geringer. Ob ich gleich um mehrere Jahre älter war, als meine neue Freundin; so verschwand doch der Unterschied des Alters vor unseren Augen. Was unserer Verbindung eine so plötzliche Innigkeit gab, dass wir von dem ersten Momente unserer Bekanntschaft an unzertrennlich waren, ist etwas, das sich nur dann wird sagen lassen, wenn die menschliche Sprache einen weit höheren Grad von innerer Vollkommenheit erreicht haben wird. Genug, dass das Interesse, welches wir an einander fanden, von dem gewöhnlichen wesentlich verschieden war. Wären wir Männer gewesen, so würden wir uns gegenseitig achten gelernt haben; in dieser achtung aber hätte unser verhältnis seinen höchsten Charakter gefunden. Da wir Weiber waren, so musste zu der achtung sich noch die Liebe gesellen und unsere Freundschaft um so vollkommner werden. Denn für den Mann, der, es sei durch welches Talent es wolle, immer seinen Stützpunkt in der ganzen Gesellschaft hat, ist die Freundschaft mehr Luxus als Bedürfniss, während sie für ein Weib, das in der ganzen Gesellschaft nie einen Stützpunkt haben soll, ein um so stärkeres Bedürfniss ist, wenn das Weib auch der männlichen Unterstützung ermangelt. Freundschaft unter Weibern ist nur darum so selten, weil sie in der Regel in der Geschlechtsliebe untergeht; ein Fall, in welchem sich keine von uns beiden befand. Wenn Personen sich einander mit Vertrauen nähern, so ist das Erste, dass sie sich gegenseitig ihre geschichte erzählen; und ob dies gleich in der Regel sehr absichtslos geschieht, so offenbart sich doch auch hierin das Eigentümliche der menschlichen natur, die, weil sie nicht auf einmal wird, was sie werden kann, über sich selbst nur dadurch Aufschluss zu geben vermag, dass sie aussagt, wie sie allmählich zu stand gebracht worden ist. Auch zwischen Eugenien und mir fand diese Art von Mitteilung statt, und Eugeniens Entwickelungsgeschichte war im Wesentlichen folgende:
Mit grosser Sorgfalt erzogen, hatte sie sich in einem Alter von siebzehn Jahren durch ihre Mutter bereden lassen, einem funfzigjährigen mann, der sich in ihre Unschuld verliebte, ihre Hand zu geben. "Auch mein Herz," fügte sie hinzu, "würde' ich hingegeben haben, wenn dies von meinem Willen abgehangen hätte. Nicht als hätte ich einen Anderen geliebt; denn in einem solchen Falle würde keine Macht der Welt im stand gewesen sein, mir eine meinen Neigungen entgegen strebende Richtung zu erteilen. Sondern weil der Unterschied der Jahre ins Mittel trat, und ich an meinem mann nicht lieben konnte, was er an mir liebte. Dies verschlug indessen für die Solidität unsers Verhältnisses sehr wenig. Da mein Mann in jedem Betracht achtungswürdig war, so fand er meine ganze Hochachtung; und in so weit die Liebe durch diese ersetzt werden kann,