solchen Personen zuschreiben, die sich zu Meistern ihrer Umgebung gemacht haben.
Meine Erzieher waren, nach den Bildern, die mir von ihnen übrig geblieben sind, sehr achtungswerte Personen. Der Geistliche war nämlich ein Mann von mannigfaltigen Talenten, und in jeder Hinsicht so gesetzt und verständig, dass man hätte in die Versuchung geraten können, ihn für einen Deutschen zu halten; ja, ich muss bemerken, dass er mir von allen französischen Geistlichen, die mir jemals vorgekommen sind, immer als der einzige erschienen ist, der ein lebendiges Gefühl von der Würde seines Berufs hatte. Seine Schwester war seiner würdig. Höchst reinlich in ihrem ganzen Wesen, geschickt in allem, was zu den Verrichtungen einer guten Hausmutter gehört, sanft und nachgiebig, weil sie in ihrem verstand immer die nötigen Hülfsmittel fand, war sie das baare Gegenteil von dem, was Französinnen zu sein pflegen. Dieselbe Deutschheit, welche ihren Bruder zu einem Mann machte, gab ihr die ächte Weiblichkeit, die man bei so wenigen Französinnen antrifft, weil sie immer erst dann einen Wert errungen zu haben glauben, wenn sie aus ihrem Geschlecht getreten sind. Gleichwohl sprachen diese beiden Personen unter sich immer französisch. Hätte die Sprache ihr Wesen bestimmen können, so würden sie Franzosen gewesen sein; aber dies vermag keine Sprache in der Welt. Nur der Umgang, oder die Totalität gleichartiger Eindrücke, bestimmt die Individualität.
In dem Hauswesen herrschte die grösste Ordnung. Der Bruder bewegte sich in seinem Kreise, die Schwester in dem ihrigen. Beide Kreise berührten sich; aber sie griffen nie in einander, weil dies der Freiheit der Bewegung geschadet haben würde. Es war in der Tat eine Freude, zu sehen, wie diese Geschwister sich gegenseitig achteten. Grossmütig durch sein ganzes Wesen, fand der Bruder nie den Widerspruch der Schwester, wenn seine Liberalität ihrer Sparsamkeit in den Weg trat. Nicht minder entging der ökonomische Geist der Schwester der Kritik des Bruders. Beide schienen, ohne förmliche Verabredung, darin überein gekommen zu sein, dass sie sich als vernünftige Wesen in ihrem Tun und Treiben respektiren wollten, da es in der natur der Sache lag, dass sie sich gegenseitig ergänzen mussten, wenn sie den Charakter der Menschlichkeit in der Staatsbürgerei retten wollten, von welcher sich Niemand ganz losreissen kann. Des Bruders einzige Liebhaberei war eine Baumschule; allein auch in dieser Liebhaberei folgte er nur seinem Hange zur Grossmut und zum Wohltun. Da er von seinen Einkünften nichts verschenken konnte, ohne sich zu schaden; so wollte er wenigstens die Produkte seines Fleisses verschenken. Die ganze Nachbarschaft versorgte er mit jungen Baumstämmen von der edelsten Gattung, ohne jemals eine Entschädigung in baarem Gelde dafür anzunehmen.
Je mehr der ganze gang des Hauswesens den Bedürfnissen meines Alters entsprach, desto leichter gewöhnte ich mich daran; und da meine Pflegeeltern unter sich selbst so einig waren, dass alles, was leidenschaft genannt werden mag, aus ihrem Bezirk verbannt war, so konnte es nicht fehlen, dass ich in diese ihre Stimmung hineingezogen wurde. In so fern Liebe ein bestimmtes Gefühl ist, das zur Aufopferung treibt, war dies Gefühl nicht in mir; aber ich teilte die Harmonie des Hauses, und teilte sie um so mehr, weil ich von allen Hausgenossen gleichmässig behandelt wurde, und die Entstehung dessen, was man Eigensinn zu nennen pflegt, in mir ganz unmöglich war. Was mir immer vorgehalten werden mochte, ich nahm es als Beschäftigung des Tätigkeitstriebes, und fand daher meine Rechnung eben so sehr im Lehrzimmer, als in der Küche und im Garten. Nur in Hinsicht der Autorität unterschied ich meine Umgebung. Die meines Pflegevaters gab den Ausschlag über jede andere. Ihn betrachtete ich im eigentlichen Sinne des Worts als das Haupt, und wo sein Ausspruch einmal erfolgt war, da galt mir kein anderer. Hätte man mir damals gesagt: Es ist ein Unterschied zwischen Wahrheit und Meinung, so würde ich, vorausgesetzt, dass zwei so abstrakte Dinge nicht ganz für mich verloren gewesen wären, auf der Stelle geantwortet haben: Das weiss ich recht gut; denn die Wahrheit ist bei meinem Vater und die Meinung bei den Andern. Das Geschlecht, zu welchem ich gehörte, gab mir diese Deferenz. Wär ich ein Knabe gewesen, so würde die Autorität meiner Pflegemutter entschieden haben.
Ich habe oft gedacht, dass die Erziehung jedes menschlichen Wesens, das nur einigermassen geraten soll, höchst einfach sein müsse. Es kommt zuletzt doch nur darauf an, dass man eine achtunggebietende Individualität gewinne. Wie will man aber zu einer solchen gelangen, wenn es durchaus nicht gestattet ist, bleibende Falten zu schlagen, die, sie mögen nun in Gefühlen oder in Ideen zum Vorschein treten, allein den Charakter ausmachen? In Städten, vorzüglich aber in Hauptstädten, besteht die Erziehung eigentlich darin, dass der eine Eindruck sogleich durch den andern vernichtet werde, so dass der Zögling am Ende in einem leeren Nichts dasteht; dies ist eine notwendige Folge der allzuweit getriebenen Zusammengesetzteit der Richtungen, welche der Zögling (ob mit oder ohne Absicht, gilt hier gleich viel) in den Städten erhält. Auf dem land kann so etwas durchaus nicht statt finden; da der Richtungen an und für sich wenigere sind, so ist die ganze Erziehung einfacher, und die natürliche Folge davon ist, dass das Innere des Zöglings eine bestimmte Form annimmt, die sich zuletzt von selbst gegen alle Unform verteidigt, und im Kampfe mit derselben zu einer höheren entwicklung führt.
Ganz unstreitig verdanke ich nicht nur den